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Ein kleines Farbenmärchen

J.W. Richter

Abb. 1: Warum die Kinder die Wolken blau malen

Ein kleines Farbenmärchen


“Vor langer Zeit ist das Paradies als ein farbloser, finsterer Park entstanden. Der Garten war
überfüllt mit Erwachsenen, die mangels heller und anregenden Farben längst ergraut und
gelangweilt herum schlenderten, weil sie die Blumen, Vögel und anderen Tiere nur in
Schwarz, Weiß und Grau wahrnehmen konnten. In dieser traurigen Umgebung waren nicht
wenigen auch schon aneinandergeraten und man munkelte hinter der Hand, dass es auch
schon Verletzte gegeben hätte...
Die Große paradiesische Mutter sagte zu sich selbst: „es ist wahrhaft nicht gut, dass die
Menschen in einer düsteren, farblosen Welt leben müssen. Lasset uns etwas Farben in den
Garten einbringen.“ Das jedoch wollte sie nicht selbst tun und beschloss die Auswahl und
Anbringen der Farben im Park den Kindern zu überlassen.
So erschuf sie Kinder, welche die Farben wahrnehmen konnten. Daraufhin erschuf sie einen
Regenbogen und eine Vielzahl großer und kleineren Pinseln. Dann beauftragte sie die
Kinderschar die Farben aus dem Regenbogen zu benennen, diese mit den Pinseln
aufzunehmen und damit alle paradiesischen Gegenstände einzufärben.
Und die Kinder begannen sofort die Früchte, Pflanzen, Bäume, Vögel und andere Tiere zu
bemalen. Bereits am ersten Tag hatten sie die riesige Menge der grünen Farbe nahezu
komplett verbraucht für die Gräser und für die vielen Blätter vielerlei Bäumen. Aber auch
schon ein beträchtlicher Teil des Gelbes hatten sie beim Färben des gereiften Getreides
benötigt.
Für die reifen Äpfel und Erdbeeren wählten sie ein herbes Rot, aber für die unreifen Früchte
das unauffällige Grün, damit keines der Kinder jemals versehentlich Bauchweh bekommen
würde vom Essen der unreifen Früchten. Sie färbten die Bananen gelb, die reifen Orangen
Orange und die süßen Pflaumen violettblau. Nach diesem anstrengenden Tag aßen jedes von
ihnen einen der roten Äpfel und sie fühlten sich zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit...
Am nächsten Tag waren die Blumen an der Reihe und die Kinder entschieden sich etwas
mehr Farben aus den Rändern des Regenbogens zu nehmen, weil das Grün und Gelb in der
Mitte bereits zur Neige ging. Sie färbten einige Rosen so rot wie die Äpfel, ließen aber auch
einige Blüten weiß oder malten sie gelb. Für die Kornblumen wählten sie Blau.
Zur Mittagszeit kratzten sie alle Farbreste zusammen, die ihnen nach dem Einfärben der
Blüten geblieben waren und vermischten die Farbmenge zur einer unbestimmten Farbe, die
sie nirgendwo im Regenbogen entdecken konnten und braun nannten. Mit diesem Braun
kolorierten sie nun alle Holzteile der Bäumen und Sträuchern.

Abb. 2: Warum die Kinder die Wolken blau malen

Es war eine ganze Menge Arbeit die zahlreichen Blüten und die Menge Holzstämme zu
bemalen und zum Tagesende fühlten sich die Kinder sich müde und hungrig. Am Abend
genehmigten sie deshalb wieder eines der süßen, roten Äpfel und sie fühlten sich zufrieden
über die von ihnen eingefärbten Sachen...
Der dritte Tag wurde dem Färben der Tiere gewidmet. Zuerst verwendeten sie die Reste der
braunen Farbe zum kolorieren einiger Tieren sowie die Pferde. Manche Pferde ließen sich
jedoch nicht einfangen und rannten einfach davon, als sie die Kinder mit den Farbpinseln
kommen sahen. Deshalb sind manche Pferde auch braun und andere weiß. Das größte Tier
war jedoch der Elefant, aber dieser war für die Kinder zum Malen zu hoch. Deshalb beließen
sie seine Farbe unverändert grau, sowie er am Tage der Schöpfung erschaffen worden war.
Für die Vögel verwendeten sie alle Farben, die sie im Regenbogen finden konnten.
Insbesondere der Paradiesvogel mit seinem wunderschönen Schweif sollte mit den
prächtigsten Farben bemalt werden.
Zum Ende des dritten Tages waren alle Farben des Regenbogens verbraucht bis auf einem
kleinen Rest Rot und einer ungeheuren Menge Blau, das beim Einfarben der Pflanzen und
Tieren kaum zum Zuge gekommen war.
Die paradiesische Mutter kam im Morgengrauen des vierten Tages zu Besuch. In einem
weißen Gewand gehüllt machte sie den Kindern ein großes Kompliment für die viele Arbeit,
die sie verrichtet hatten. Dann aber schaute sie hinauf in den Himmel und erschrak. An
diesem Himmel fehlte auf einer gewaltigen Fläche jegliche Farbe.
„Schau doch mal hinauf, ihr Kinderchen. Da oben ist noch eine riesige Fläche, die
vollkommen farblos ist“, sagte sie.
Und die Kinder schauten hinauf und sahen den hellen, farblosen Himmel, die sie
vollkommen übersehen hatten, aber jetzt noch bemalt werden sollte. Die Kinderschar fühlte
sich ratlos. Dieser Himmel war soviel größer als der Elefant. Und gab es überhaupt noch
genug Regenbogenfarbe um den Himmel zu kolorieren?
Genau betrachtet war die einzige, übriggebliebene Farbe eine riesige Menge an Blau. Die
Kinder waren unsicher, aber eine einmal begonnene Arbeit muss ja auch beendet werden.
Wie sollte man diesen Himmelskuppel mit den Farbresten des Regenbogens bemalen?
Dann sprach mit winziger Stimme ein Mädchen namens Lisa: „Der Himmel selbst ist zu
weit weg zum färben, aber die Wolken sind uns näher. Lasst uns die Wolken mit den Resten
der blauen Farbe bemalen.“
Das hörte sich als eine vernünftige Idee an. Trotzdem gab es so viele, ungeheuer großen
Wolken am Himmel dass die Kinder drei Tage brauchten. Sie malten die Wolken blau und
ließen das Himmelskuppel so farblos wie es am Tage der Schöpfung erschaffen worden war.
Am Abend des sechsten Tag waren sie zufrieden mit der Ergebnis ihrer Arbeit. Der Himmel
blieb zwar unbemalt, aber in der großen Entfernung fiel das ja niemandem auf...
Die Große Mutter kam am Vormittag des siebten Tages ins Paradies zu Besuch. Sie sah, dass
es gut war und lobte die Kinder zur ausgezeichneten Arbeit. Nun sah sie auch, dass noch ein
kleiner Farbrest Rot und Blau vom Regenbogen übriggeblieben war. Mit diesen Resten nun
malte sie die Bubenkleider rot und die Mädchenkleider blau. Dann mischte sie den
übriggeblieben Rest zusammen und färbte ihr eigenes Gewand Purpur.
Das ist auch der Grund warum die alten Königskinder immer purpur Gewänder oder Kleider
in Rot oder Blau tragen.
Auf dieser Weise haben die Kinder vor langer Zeit die Welt bemalt. Kurz danach sind die
alten und finsteren Erwachsenen ausgestorben und wuchsen die Kinder selbst zu
Erwachsenen heran. Im Gegensatz zu den Älteren waren sie jedoch immer fröhlich inmitten
der wunderschön kolorierten Welt. Die paradiesische Mutter sah dass es gut war und fühlte
sich zufrieden. Und die Kinder nannten es das goldene Zeitalter...!“

Zum Ende dieser Geschichte klatschte mein Töchterchen Lisa vergnügt in den Händen und rief:
“ Was für eine tolle Nachgeschichte, Vati. Du hast aber noch nicht erklärt, warum die Große Mutter
die Farbe Purpur für ihre Kleider ausgewählt hatte!“
„Oh, ja“, sagte ich, „Das hatte ich noch sagen wollen. Die Große Mutter wählte Purpur, weil es zur
einen Hälfte aus Rot und zur anderen Hälfte aus Blau besteht, wie auch die Kinder zur Hälfte aus
Jungen und zur Hälfte aus Mädchen bestehen. Probiere das Morgen mal mit deinem Farbkasten aus.
Du wirst sehen dass es stimmt...“
Abb. 3: Warum die Kinder die Wolken blau malen