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Enzyklopädie der Neuzeit Online

Bill of Rights
(747 words)

Die B. O. R. (»Rechtebulle«) ist eines der Staatsgrundgesetze der durch die Glorreiche
Revolution von 1688/89 (Glorious Revolution) gescha fenen politischen Ordnung Englands, die
das Königtum zu einem Amtskönigtum und das Parlament zum Gravitationszentrum der engl.
Politik machte [4]. Es handelt sich dabei – im Gegensatz zu dem Eindruck, den die
Wirkungsgeschichte des Gesetzes vermittelt – nicht um ein Programmgesetz wie die franz.
Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789, sondern dem Anspruch nach um die
Feststellung einer immer schon geltenden Verfassungslage, die durch Jakob II. in Frage gestellt
worden war. Die engl. Herrschaftselite (Grundbesitzer; gentry) hatte nach Ende des
Commonwealth die Restauration der Stuart-Monarchie 1660 nämlich keineswegs als Einladung
zu einem absolutistischen Experiment (Absolutismus), sondern als Rückkehr zu einer Form
der Monarchie verstanden, die sich einem impliziten Verfassungskonsens verp ichtet fühlte
(Konstitutionelle Monarchie). Jakob II. hatte jedoch ab 1685 mit seiner gegen das
herrschaftliche Establishment gerichteten Politik, welche die politischen Besitzstände in Frage
stellte, diesen Konsens aufgekündigt und damit einen Feststellungsbedarf gescha fen [6].

Aus dem Blickwinkel der Herrschaftselite stellte die B. O. R. die Grundlage für die Einladung an
Wilhelm von Oranien und seine Frau Maria (Tochter Jakobs II. Stuart) dar, den engl. Thron zu
übernehmen. Man hat der B. O. R. deshalb auch den Charakter einer Wahlkapitulation
zugeschrieben oder sie als einen Herrschaftsvertrag (Leges fundamentales) angesehen, der
1688/89 zwischen der engl. Herrschaftselite und Wilhelm sowie Maria selbst abgeschlossen
wurde [2]. Die Wirkungsgeschichte des Dokuments hat gerade diesen Aspekt immer weiter
ausgedeutet und die Entstehungszusammenhänge ebenso wie den tatsächlichen Text dabei so
weit in den Hintergrund gedrängt, dass die B. O. R. als eine Art vorgängige
Menschenrechtserklärung im Bewusstsein geblieben ist [5]. Wesentlichen Anteil an dieser
wirkungsgeschichtlichen Entwicklung haben die »B.O.R.« der amerikan. Einzelstaaten, die
gleichsam die Brücke zwischen dem ursprünglichen Dokument der Menschenrechtserklärung
und den ebenfalls als B. O. R. bekannten ersten zehn Amendments der nordamerikanischen
Verfassung darstellen.

/
Die B. O. R., An Act for declaring the rights and liberties of the subject and settling the succession of
the crown (»ein Beschluss/Gesetz zur Erklärung der Rechte und Freiheiten des Untertans und
zur Festlegung der Thronfolge«), erö fnet die Reihe von Verfassungsgesetzen, welche die
Thronfolgekorrektur von 1688/89 zu einer Verfassungsrevolution werden ließen (Thronfolge;
Sukzessionsordnung). Dies tritt nicht zuletzt in der deklaratorisch-narrativen Mischform
zutage, welche die verfassungsgeschichtliche Übergangssituation einzufangen versucht [6].

Der erste Teil des Gesetzeswerkes begann mit einer Aufstellung der Rechtsverletzungen Jakobs
II. aus der Sicht des Parlaments in zwölf Punkten, die an ein Amtsenthebungsverfahren
(Impeachment) erinnern. Darauf folgte eine knappe, weitgehend deskriptive Darstellung der
verfassungsrechtlichen Lage, die durch Jakobs Abdankung entstanden war. Das Parlament
propagierte damit eine Rechts ktion, die sich in den vorausgegangen Debatten beider Häuser
als Sprachregelung für das tatsächliche Geschehen herauskristallisiert hatte und die auch die
konservativen Kräfte akzeptieren konnten. Hieran schloss sich eine Liste mit 13 Positionen an,
welche die Jakob II. vorgeworfenen Rechtsverletzungen, nun positiv gewendet, in Verbots- und
Gebotsform als ancient rights and liberties deklarierten. Der zweite Artikel protokollierte die
Abweichung von der Thronfolge durch die Übertragung der Krone an Wilhelm und seine
Ehefrau aus dem Hause Stuart: eine gemeinschaftliche Einsetzung, die aber für den
überlebenden Ehepartner weiter gelten sollte. Die Abkehr vom dynastischen Prinzip
(Dynastie) trat darin vollends zutage. Artikel 3 enthielt Formeln für die Loyalitätseide der
Untertanen. Damit war die Explikation der Verfassungskrise und des Konsenses über deren
politische und rechtliche Bewältigung abgeschlossen. Es folgte nun eine Art Protokoll über die
Wiederherstellung der Legalität, die damit gleichsam gesetzlich festgestellt wurde.
Religionspolitische Konsequenzen zog schließlich Artikel 9, der Katholiken von der Thronfolge
ausschloss und den Eid auf die Testakte von 1679, die Katholiken den Einzug in das Parlament
verwehrte, neben den Krönungseid stellte.

Die B. O. R. wurde zu einem Schlüsseldokument im politischen Bewusstsein nicht nur der auf
das Parlament xierten Herrschaftselite, sondern der weiteren Nation, die sich im Kontext der
politischen Ö fentlichkeit des 18. Jh.s erö fnete. Sie katalogisierte einige der Geburtsrechte der
Engländer (birthrights of an Englishman), auf die sich die amerikan. Kolonisten als engl. Bürger
im Unabhängigkeitskampf beriefen und die unter dem Ein uss naturrechtlicher Denkmuster
im Laufe der Au lärungsepoche zu abstrakten Grundrechten umgedacht wurden [3]. Heute
steht der Terminus B. O. R. für allgemeine und spezielle Grundrechtskataloge.

Verwandte Artikel: Glorious Revolution | Monarchie | Parlament | Sukzessionsordnung

Günther Lottes

Bibliography

Quellen

[1] J. J , The Revolution of 1688 in England, 1972


/
[2] W. A. S , Reluctant Revolutionaries. Englishmen and the Revolution of 1688, 1988.

Sekundärliteratur

[3] R. B , The Revolutions of 1688, 1991

[4] E. C , The Glorious Revolution, 2000

[5] E. H , Die Debatte um die »Bill of Rights« im 18. Jh., in: G. B , Grund- und
Freiheitsrechte von der ständischen zur spätbürgerlichen Gesellschaft, 1987, 117–134

[6] D. L. J , A Parliamentary History of the Glorious Revolution, 1988.

Cite this page

Lottes, Günther, “Bill of Rights”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit
den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_SIM_247655>
First published online: 2019

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