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Corona-Impfung: Ja oder nein?

08.03.2021 – Gibt es bald jährliche Corona-Impfungen? Sollten sich auch


Menschen gegen SARS-CoV-2 impfen lassen, die bereits infiziert waren?
Wie sinnvoll sind Corona-Impfungen überhaupt und welcher Impfstoff ist
empfehlenswert? Wir haben über viele Fragen rund um das Coronavirus
mit Prof. Dr. Carsten Watzl gesprochen, Generalsekretär der Deutschen
Gesellschaft für Immunologie und Leiter des Forschungsbereichs
Immunologie an der TU Dortmund.
Herr Prof. Watzl, mit welchem der drei bislang in der EU zugelassenen
Impfstoffe würden Sie sich als Immunologe gegen SARS-CoV-2 impfen
lassen?
Prof. Dr. Carsten Watzl: In der aktuellen Situation würde ich jeden
Impfstoff nehmen, der mir angeboten wird.
Manche Menschen glauben, mRNA-Impfstoffe seien besser als
Vektorimpfstoffe. Stimmt das?
Watzl: In Bezug auf Sicherheit nein, in Bezug auf Effektivität ja. 95 Prozent
Effektivität sind besser als 70 oder 80 Prozent. Aber eine Studie aus
Schottland hat kürzlich gezeigt: Der AstraZeneca-Impfstoff kann
Krankenhaus-Einweisungen nach der ersten Dosis sogar besser verhindern
als der BioNTech-Impfstoff. Von daher sage ich ganz klar: Alle drei
Impfstoffe sind sehr gute Impfstoffe.
Prof. Dr. Carsten Watzl. Foto: privat
Was ist der Unterschied zwischen der Effektivität und der Tatsache, dass
die schweren Verläufe vermindert werden?
Watzl: Die Effektivität bemisst sich an der Zahl der durch PCR
nachgewiesenen COVID-19-Erkrankungen, unabhängig von der Schwere
des Verlaufs. Dabei wird eine geimpfte mit einer Placebo-Gruppe
verglichen. Je weniger Erkrankungen in der klinischen Gruppe auftreten,
desto effektiver ist der Impfstoff. 80 Prozent Effektivität bedeutet aber
keineswegs, dass 80 Prozent der Geimpften einen Schutz haben und 20
Prozent nicht.
Sondern?
Watzl: Grundsätzlich entwickeln alle Geimpften eine mehr oder minder
starke Immunreaktion. Schwere Verläufe wurden bei allen drei Impfungen
mit einer sehr hohen Effektivität verhindert. Und genau deswegen lassen
wir uns ja impfen. Es geht nicht darum, eine grippeähnliche Erkrankung
mit ein paar Tagen Bettruhe zu verhindern, sondern eine Krankheit, die
mich ins Krankenhaus bringen oder an der ich sogar sterben könnte.
Wie und weshalb trägt jeder dieser Impfstoffe dazu bei, die Pandemie zu
bewältigen?
Watzl: Wir machen ja den Lockdown und die ganzen Maßnahmen nicht
deshalb, weil wir eine hohe Infektionsrate haben, sondern weil wir eine
hohe Todesrate haben und viele Krankenhauseinweisungen. Das ist
anders als bei einer Grippe, und wenn wir dieses Virus nicht kontrolliert
hätten, dann hätten wir den Zusammenbruch des Gesundheitssystems
erlebt. Die Impfung schützt vor schweren Verläufen und trägt so dazu bei,
einen solchen Kollaps zu verhindern – das gilt für alle bislang in der EU
zugelassenen Impfstoffe.
Wovor schützen diese Impfstoffe genau – und gibt es da Unterschiede
zwischen den einzelnen Impfstoffen? Manche glauben ja, ein mRNA-
Impfstoff würde die DNA verändern.

mRNA-Impfstoffe: mRNA transportiert den Bauplan für das sog. Spike-


Protein des Coronavirus in die Zellen.
Foto: ©iStock.com/ffikretow
Watzl: Das Prinzip einer Impfung ist, dass ich dem Körper einen Teil des
Erregers zeige, damit das Immunsystem auf diesen fremden Erreger
reagieren kann und eine Immunreaktion erfolgt – der Körper bildet
Gedächtniszellen aus, die den Erreger erkennen und bekämpfen. Bei den
mRNA-Impfstoffen transportiert die mRNA den Bauplan für das so
genannte Spike-Protein des Coronavirus in die Zellen. Also nur einen
kleinen Teil des Virus, und zwar diesen roten Böppel auf den Tentakeln,
die man auf den Abbildungen sieht. Das Immunsystem erkennt das als
fremd und reagiert mit einer Immunantwort. Unsere Zellen benutzen
mRNA übrigens auch, um Proteine herzustellen; sie gelangt nicht in den
Zellkern, sondern liegt nur im Zytoplasma vor, in der äußeren Zellhülle –
und schon deshalb ist es ausgeschlossen, dass die mRNA genetische
Veränderungen verursacht.
Bei den Vektorimpfstoffen wird der Bauplan des Spike-Proteins über ein
Adenovirus in den Zellkern eingeschleust, also über ein harmloses
Erkältungsvirus. Auch da erfolgen keine genetischen Veränderungen, die
etwa Krebs auslösen könnten. Wir alle infizieren uns immer wieder mit
Adenoviren und bekommen eine Erkältung, aber keinen Krebs. Es gibt
auch schon Untersuchungen, die gezeigt haben: Es gibt keine erhöhte
Krebsrate von Menschen, die sich mit Adenoviren infiziert haben.
Wie gut wirken die Impfstoffe gegen die mutierten Corona-Varianten?
Watzl: Die britische Mutante B1.1.7., die sich aktuell in Deutschland stark
verbreitet, macht mir aus immunologischer Sicht keine Sorgen. Denn hier
haben die Daten gezeigt, dass die Impfstoffe genauso wirksam sind. Bei
den Mutanten, die zuerst in Südafrika und in Brasilien aufgetreten sind,
zeigen Laborversuche: Die Antikörper, die durch die Impfung erzeugt
werden, binden etwas weniger gut auf diese Mutanten. Der Immunschutz
ist also abgeschwächt. Eine aktuelle Studie zu dem Impfstoff von Johnson
& Johnson zeigt, dass die Effektivität bei der Südafrika-Mutante etwas
geringer ist. Die gute Nachricht ist aber: Auch in Südafrika wurden durch
diesen Impfstoff die schweren Verläufe genauso gut verhindert wie in den
USA. Man muss also klar sagen: Die Impfungen werden auch gegen die
Südafrika- und die Brasilien-Mutante nicht nutzlos sein. Sie büßen etwas
von ihrer Effektivität ein, verhindern aber schwere Krankheitsverläufe
immer noch sehr gut. Natürlich wissen wir nicht, wie sehr sich das Virus
noch verändert. Es kann durchaus sein, dass wir irgendwann diese
Impfstoffe nachbessern müssen. Aber wenn man eine Grundimmunität
durch die jetzt bestehenden Impfungen hat, dann ist man sicherlich auch
viel besser gegen die jetzigen Mutanten geschützt als ohne Impfschutz.
Geimpfte haben im Durchschnitt höhere Antikörperspiegel als natürlich
Infizierte.
Foto: ©iStock.com/Teka77
Wird es ähnlich wie bei der Grippe-Impfung jedes Jahr eine Corona-
Impfung geben?
Watzl: Nein. Denn das Coronavirus verändert sich nicht so schnell und
jedes Jahr. Das hat mit dem Aufbau der Viren zu tun. Es kann sein, dass wir
mal nachbessern müssen, aber sicherlich nicht in jährlichem Abstand. Und
auch die Immunität durch die Impfung wird beim Coronavirus sicherlich
mehrere Jahre anhalten. Wir sehen bei uns im Labor, dass Menschen, die
sich im März 2020 infiziert haben, immer noch hohe Antikörperspiegel
haben – und Geimpfte haben im Durchschnitt höhere Antikörperspiegel
als natürlich Infizierte. Ich gehe davon aus, dass der Impfschutz drei, fünf
oder gar zehn Jahre ausreicht.
Wie sinnvoll ist es für Menschen, die COVID-19 schon hatten, sich impfen
zu lassen?
Watzl: Nicht alle Infizierten entwickeln hohe Antikörperspiegel. Das hängt
auch mit der Schwere der Erkrankung zusammen. Bei einem leichten oder
asymptomatischen Verlauf ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass jemand
keine oder nur wenige Antikörper entwickelt. Da könnte es sein, dass
diese Person dann nicht so lange geschützt ist. Aktuell gilt die Empfehlung,
nach einer Infektion zumindest ein halbes Jahr zu warten. Danach kann
man sich dann impfen lassen, um einen besseren und länger anhaltenden
Schutz zu bekommen. Man bekommt dann aber nur noch eine Impfung,
so die aktuelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Denn
die Infektion wirkt wie eine erste Impfung – die Spritze, die ich später
bekomme, ist Impfung Nummer 2.
Wäre es sinnvoll, zunächst möglichst viele Menschen mit einer ersten
Dosis zu versorgen und dafür die zweite Impfung erst später zu
verabreichen – so, wie es die Briten gemacht haben?

Die Coronaimpfung schützt vor schweren Verläufen - egal in welchem


Alter.
Foto: ©European Commission 2021
Watzl: In der jetzigen Phase, wo der Impfstoff noch knapp ist, ist es
sicherlich eine gute Strategie, zunächst möglichst vielen Leuten einen
grundsätzlichen Schutz zu geben. Der Impfstoff von AstraZeneca erreicht
sogar eine höhere Effektivität, wenn man etwas länger wartet, zwölf
Wochen nach den Empfehlungen der STIKO. Schon die erste Impfung kann
viele schwere Verläufe verhindern. Allerdings sieht man bei den mRNA-
Impfungen, dass der Schutz nach sechs bis acht Wochen schwächer wird.
Hier lautet die Empfehlung deshalb, nach spätestens 42 Tagen die zweite
Impfung zu setzen. Ich finde es schade, wenn bei knappen Mengen an
Impfdosen nur die Hälfte verimpft und die andere Hälfte zurückgehalten
wird. Das müssen wir ändern. Wenn wir dann irgendwann genügend
Impfstoff haben, dann kann man natürlich darüber nachdenken, das
Intervall wieder zu verkürzen, zumindest bei den mRNA-Impfstoffen.
Was sagen Sie Menschen, die überlegen, ob sie sich überhaupt gegen das
Coronavirus impfen lassen sollen?
Watzl: Denen empfehle ich eine persönliche Risikoabschätzung: Wie
wahrscheinlich ist ein schwerer Verlauf bei einer Infektion und wie
wahrscheinlich sind negative Auswirkungen durch die Impfung? Da wird
schnell deutlich: In der persönlichen Risikoabwägung gewinnt die Impfung
immer, auch für 20-Jährige. Die möglichen Nebenwirkungen durch die
Impfung sind alle vorübergehend, wie etwa grippeähnliche Symptome, die
kurz nach der Impfung auftreten. Darüber hinaus gibt es noch das Risiko
einer allergischen Reaktion, das betrifft ungefähr einen von 100.000
Geimpften. Bisher sind keine weiteren schweren Nebenwirkungen bei
mehreren Millionen Impfdosen aufgetreten, die in der EU verabreicht
worden sind. Mein Risiko, irgendeinen Schaden durch die Impfung zu
nehmen, ist viel geringer als mein Risiko durch die Coronavirus-Infektion.
Das gilt auch für junge Menschen, die nur zu einem geringen Prozentsatz
im Krankenhaus landen. Zumal wir wissen, dass auch die jungen Leute,
selbst wenn sie wieder genesen, teilweise noch unter Langzeitfolgen durch
die Infektion leiden. Mein Rat lautet deshalb: Lassen Sie sich auf jeden Fall
impfen, sobald das möglich ist. Und wenn Sie die Wahl haben, entweder
jetzt einen Schutz zu erhalten oder noch Monate auf einen mRNA-
Impfstoff zu warten, dann sage ich: Nehmen Sie einfach den zugelassenen
Impfstoff, den Sie kriegen können.

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