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POLITIK

I NFORMATIONSDIENST DER SPD


NR. 3 vom 3. AUGUST 1987

DER STREIT DER IDEOLOGIEN UND DIE


GEMEINSAME SICHERHEIT

GRUNDWERTEKOMMISSION AKADEMIE FÜR


DER SPD GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFTEN
BEIM ZK DER SED

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der Menschen, Organisationen, Par- währleistung eines menschenwürdigen
I. teien, Regierungen und Staaten, die Daseins für alle, II.
dafür aktiv eintreten, ihr Einfluß wird im- die Erhaltung der Biosphäre und die
Friedenssicherung durch mer spürbarer. Friedlicher Wettbewerb der Gesell-
Überwindung der ökologischen Krise,
gemeinsame Sicherheit I n Ost und West sehen immer mehr Men- schaftssysteme
die Bekämpfung des Hungers, den Ab-
schen ein: Friede und Sicherheit im Nu- bau der Verschuldung und der wirt-
1. Unsere weltgeschichtlich neue Situation klearzeitalter können nicht mit immer mehr schaftlichen Not in den Entwicklungs- 1. Die Beziehungen zwischen den beiden
besteht darin, daß die Menschheit nur noch und perfekteren militärischen Mitteln, son- ländern Systemen sind nicht nur durch gemein-
gemeinsam überleben oder gemeinsam un- dern dauerhaft allein durch politisches Han- als gemeinsame Menschheitsaufgaben ver- same, parallele oder sich annähernde, son-
tergehen kann. Eine solche Alternative ist hi- deln erreicht werden. Nicht die Qualität der steht und anerkennt, die im gemeinsamen dern vor allem auch durch entgegenge-
storisch ohne Beispiel. Sie verlangt ein po- Waffen, sondern die Qualität der Politik ent- I nteresse aller Menschen gemeinsam an- setzte Interessen charakterisiert. Das Ne-
litisches Denken, das historisch ebenfalls scheidet über Sicherheit und Stabilität in der gepackt werden müssen. beneinanderbestehen und die Auseinan-
ohne Beispiel ist, ein neues Herangehen an Welt. Dieser Einsicht zum Durchbruch zu Ziel eines solchen politischen Denkens und dersetzung qualitativ unterschiedlicher und
die internationalen Angelegenheiten, be- verhelfen, sie in praktische Politik umzuset- Handelns ist eine stabile und dauerhafte entgegengesetzter sozialökonomischer
sonders an die Sicherung des Friedens. Der zen, bedarf es des Engagements aller Men- Friedensordnung in Europa und in der Welt, und politischer Systeme ist ein wesentliches
Krieg darf im Nuklearzeitalter kein Mittel der schen. die den Krieg als Mittel der Politik aus- Kennzeichen der internationalen Beziehun-
Politik mehr sein. Zwischen atomar gerü- 2. Friede kann heute nicht mehr gegenein- schließt, den Einsatz militärischer Gewalt- gen.
steten Bündnissystemen wäre er das Ende ander errüstet, sondern nur noch miteinan- mittel - solange sie noch nicht beseitigt sind Aber nur wenn der Frieden gesichert ist und
j edweder Politik, die Zerstörung aller der vereinbart werden. Daher muß gemein- - verhindert, Konflikte zwischen den Staa- die Geschichte weitergeht, kann der Streit
Zwecke. Friedenssicherung ist zur Grund- same und gleiche Sicherheit für alle organi- ten auf der Grundlage vereinbarter Verfah- um das bessere Gesellschaftssystem aus-
voraussetzung aller verantwortbaren Politik siert werden. Dies verlangt, daß jede Seite ren friedlich regeln kann und das Selbstbe- getragen werden.
geworden. die legitimen Sicherheitsinteressen der je- stimmungsrecht eines jeden Volkes aner- 2. Daher ist die Auseinandersetzung zwi-
Dem widerspricht jede Politik, die auf For- weils anderen Seite mit bedenkt und re- kennt und respektiert. Auch Militärdoktri- schen den gesellschaftlichen Systemen ein-
cierung des Wettrüstens, auf Konfrontation, spektiert. Nur so können Dialog, Rüstungs- nen, die ausschließlich auf Verteidigung und zig und allein noch in der Form des friedli-
Streben nach militärischer Überlegenheit, kontrollverhandlungen und konkrete Frie- Nichtangriffsfähigkeit ausgerichtet sind, chen Wettbewerbs und also gewaltfrei zu
Unverwundbarkeit und globale Hegemonie dens- und Abrüstungsinitiativen vorankom- würden diesem Ziel dienen. führen. Jedes der beiden Systeme kann die
setzt. Sie müßte dazu führen, daß die inter- men. Dabei muß jede Seite der andern das Dem oben formulierten Ziel entspricht eine von ihm beanspruchten Vorzüge nur durch
nationalen Spannungen anwachsen und gleiche Maß an Sicherheit zubilligen, das sie Form der Auseinandersetzung zwischen das Beispiel zeigen, das die Menschen in-
sich die Gefahren für den Weltfrieden wei- für sich selbst in Anspruch nimmt. den beiden gesellschaftlichen Systemen, nerhalb und außerhalb seiner Grenzen über-
ter erhöhen. Das Gebot der Stunde ist eine Ein wirksames und dauerhaftes System in- die geprägt ist von friedlichem Wettbewerb, zeugt.
Wende in den internationalen Beziehungen, ternationaler Sicherheit muß nicht nur den gewaltfreiem Streit über alle politischen und Der Wettbewerb der sozialen und politi-
eine Politik der gemeinsamen Friedenssi- militärischen, sondern auch den politischen, i deologischen Gegensätze sowie Zusam- schen Systeme sollte darum geführt wer-
cherung, des Dialogs und der Abrüstung, den wirtschaftlichen und den humanitären menarbeit zum beiderseitigen Nutzen und den, welches der beiden Systeme den wirk-
des Kompromisses, des Ausgleichs der In- Bereich umfassen. Denn Abrüstung, Dialog Vorteil. Dabei müssen beide Systeme-ihren samsten Beitrag zur Lösung der übergrei-
teressen, der Kooperation und der Neube- und Vertrauensbildung, die Errichtung einer grundlegenden sozialökonomischen, politi- fenden Menschheitsfragen leistet und wel-
lebung des Entspannungsprozesses. Sie gerechten Weltwirtschaftsordnung und das schen und ideologischen Gegensätzen zum ches die günstigsten gesellschaftlichen Be-
muß gegen alle Kräfte durchgesetzt wer- gemeinsame Herangehen an globale Pro- Trotz - lernen, miteinander zu leben und gut dingungen für die Entfaltung von Humanität
den, die noch immer glauben, durch stän- bleme, internationale Zusammenarbeit zur miteinander auszukommen. bietet, welches den Menschen die bessere
diges Anhäufen neuer Massenvernich- Überwindung des Hungers fördern sich Dazu ist auf beiden Seiten nötig: Chance gibt, ihre Interessen und Rechte
tungswaffen Sicherheit errüsten zu können. wechselseitig. • Berechenbarkeit, Offenheit und Zurück- durchzusetzen, ihre Werte und Ideale zu
Eine solche Wende in der internationalen Die Konzepte derfriedlichen Koexistenz und haltung in der Wahl der Mittel; verwirklichen.
Entwicklung ist aber nicht nur notwendig, der gemeinsamen Sicherheit beruhen heute die Fähigkeit zum Dialog, zur Vertrau- 3. Vor allem geht es um den Beitrag des je-
sie ist auch möglich. gleichermaßen auf diesen Erkenntnissen. ensbildung, zum Konsens, zum Abbau weiligen Gesellschaftssystems zur Siche-
Frieden, Beendigung des Wettrüstens, 3. Ein politisches Denken und Handeln in von Mißtrauen und Bedrohungsängsten rung des Friedens, zur Überwindung der
Entspannung liegen im Interesse beider den internationalen Beziehungen, das der sowie zur Partnerschaft bei gemeinsa- Umweltgefahren, zur Entwicklung der Län-
Systeme, aller Staaten und aller Völker, neuartigen Bedrohung der Menschheit an- men Aufgaben. der der Dritten Welt.
der gesamten Menschheit. gemessen ist, muß vor allem dadurch ge- Gegenwärtig besteht die wichtigste Auf- Dazu gehört
Über soziale, politische, ideologische kennzeichnet sein, daß es gabe darin, die Dynamik der Aufrüstung zu - die soziale Beherrschung des wissen-
und weltanschauliche Unterschiede und - die Bannung der nuklearen Gefahr, stoppen und eine Dynamik der Abrüstung schaftlich-technischen Fortschritts;
Gegensätze hinweg wächst der Kreis - die Sicherung des Lebens und die Ge- i n Gang zu setzen. - die Entwicklung lebendiger Demokratie,
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die Verwirklichung und Weiterentwick- sprechend ihrer historischen Verpflichtung gen von demokratischem Sozialismus ver- Marxisten-Leninisten lassen sich davon lei-
l ung der Menschenrechte in ihrer wech- und politisch-geographischen Lage ihren wirklichen wollen. Für Marxisten-Leninisten ten, daß die sozialistische Gesellschaft in
selseitigen Bedingtheit von sozialen, po- Beitrag zu leisten. i st Demokratie als Form der Machtausü- ihrem Sinne in der Lage ist, wissenschaft-
litischen und persönlichen (individuellen) 5. Zu einer aktiven Politik der Friedenssi- bung in ihrem Wesen durch die Eigentums- li ch-technischen Fortschritt mit sozialem
Rechten; cherung durch Abrüstung und des friedli- verhältnisse an den entscheidenden Pro- Fortschritt untrennbar zu verbinden, so daß
eine - auch gegenüber den nachkom- chen Wettstreits zwischen den entgegen- duktionsmitteln und damit verbundenen po- der Mensch im Mittelpunkt bleibt und nicht
menden Generationen verantwortbare- gesetzten Systemen gibt es heute keine ver- litischen Macht geprägt. Daher ist für sie die an den Rand des Geschehens gedrängt
Gestaltung des Verhältnisses von Öko- nünftige Alternative mehr. Trotzdem trifft sie Überführung der wichtigsten Produktions- wird, daß das Schöpfertum aller Menschen,
nomie und Ökologie, von Mensch und auf ernste Hindernisse. mittel in Gemeineigentum und die politische ihre Kreativität und ihr Ideenreichtum die
Natur. Eine solche Politik des Wettstreits und der Macht der Arbeiterklasse im Bündnis mit an- Verwirklichung ihrer vielfältigen Interessen
4. Wettstreit und Zusammenarbeit der ge- Zusammenarbeit geht von den entgegen- deren Werktätigen das Fundament umfas- und Bedürfnisse fordert und fördert.
sellschaftlichen Systeme schließen sich gesetzten gesellschaftlichen Strukturen und sender demokratischer Rechte. Sie verste- Der Streit über diese Grundfragen wird wei-
nicht nur nicht aus, sondern bilden eine - Prinzipien in beiden Systemen aus. hen Demokratie vor allem als die reale Mit- tergehen, auch die Hinweise darauf, wo auf
wenngleich oft widerspruchsvolle - Einheit. Der Systemwettstreit, wenn er einhergeht wirkung der Werktätigen an der Leitung und der einen oder anderen Seite Theorie und
Gleichberechtigte Zusammenarbeit zwi- mit der Verringerung der Rüstungen, kann Gestaltung der Wirtschaft und Gesellschaft Praxis nicht übereinstimmen. Der Streit über
schen Ost und West zum beiderseitigen den sozialen Fortschritt in beiden Systemen und die Kontrolle darüber. so gegensätzliche Grundpositionen läßt
Nutzen fördert die notwendige Wende in befördern und beschleunigen. Für Sozialdemokraten haben die Men- sich weder durch Kompromißformeln noch
den internationalen Beziehungen und dient schenrechte in sich selbst absoluten Wert durch Appell an den Friedenswillen been-
der Entspannung in Europa. Das belegen und sind gegenüber allen Formen wirt- den. Es wäre auch niemandem damit ge-
nicht zuletzt die Erfahrungen der Entspan- III. I. schaftlicher und staatlicher Macht auf im- dient, wenn die Gegensätze verwischt wür-
nungsperiode in den 70er Jahren. Anderer- mer neue Weise zu schützen und durchzu- den. Aber der Streit über Grundpositionen
seits erweitern Fortschritte in der Entspan- Notwendigkeit einer Kultur des setzen. Sie sind in Form von Grundrechten kann Teil eines produktiven Wettbewerbs
nung zugleich die Möglichkeiten einer Zu- politischen Streits und des Dialogs Maßstab und Ziel staatlichen Handelns. Auf der Systeme werden, wenn er so ausgetra-
sammenarbeit zwischen den Staaten auf diese Grundrechte und die Grundwerte des gen wird, daß Kommunisten und Sozialde-
politischem, ökonomischem, wissenschaft- Wir, deutsche Kommunisten und Sozialde- demokratischen Sozialismus gründen sie mokraten die Grundentscheidungen des je-
li ch-technischem, kulturellem und huma- mokraten, stimmen darin überein, daß i hre Politik sozialer Sicherheit und gleicher weils andern beachten, keine Feindbilder
nitärem Gebiet. Friede in unserer Zeit nicht mehr gegenein- Lebens- und Bildungschancen. aufbauen, die Motive der anderen Seite
Beide Gesellschaftssysteme brauchen ander errüstet, sondern nur noch miteinan- Marxisten-Leninisten nehmen für sich in An- nicht verdächtigen, deren Überzeugungen
diese Zusammenarbeit, weil die Verflech- der vereinbart und organisiert werden kann. spruch, durch das gesellschaftliche Eigen- nicht absichtlich verzerren und ihre Reprä-
tung der Weltwirtschaft fortschreitet, die Daraus ergeben sich neue Gemeinsamkei- tum und die damit verbundenen politischen sentanten nicht diffamieren.
Entwicklung der Produktivkräfte den natio- ten im Ringen um den Frieden. Machtverhältnisse die sozial-ökonomi- Beide Seiten werden sich an ihren Leistun-
nalen Rahmen sprengt und die globalen Sozialdemokraten und Kommunisten beru- schen Grundlagen für die freie Entfaltung gen und Erfolgen, ihren Fehlleistungen und
Probleme sich zuspitzen. fen sich beide auf das humanistische Erbe des Menschen geschaffen zu haben. So- Mißerfolgen messen lassen müssen. Kom-
Die Zusammenarbeit zwischen den Syste- Europas. Beide nehmen für sich in An- ziale Sicherheit, Vollbeschäftigung, soziale munisten sind fest davon überzeugt, daß ihr
men und Staaten wird somit zu einer Vor- spruch, dieses Erbe weiterzutragen, den In- Gerechtigkeit und reale Bildungsmöglich- Sozialismus seine inneren Vorzüge - Voll-
aussetzung für die Entwicklung der natio- teressen der arbeitenden Menschen ver- keiten für alle sind für sie unabdingbare beschäftigung, soziale Sicherheit und Ge-
nalen Wirtschaften und der Weltwirtschaft, pflichtet zu sein, Demokratie und Men- Grundlagen für Demokratie und die Entfal- borgenheit für alle, Teilnahme der Werktäti-
für die schrittweise Lösung der globalen schenrechte zu verwirklichen. tung aller Menschenrechte. Sie bestehen gen an der Vorbereitung, Entscheidung und
Menschheitsprobleme, für die Überwin- Aber sie leben seit sieben Jahrzehnten in darauf, daß die Verwirklichung der Men- Kontrolle der staatlichen, wirtschaftlichen
dung von Armut und Unterentwicklung in bitterem Streit darüber, in welcher Weise schenrechte mit der weiteren Entwicklung und gesellschaftlichen Angelegenheiten,
der Welt, für den Austausch auf den Gebie- dies zu geschehen hat. Dieser Streit wird ihres sozial-ökonomischen Systems ver- Verbindung des wissenschaftlich-techni-
ten der Kultur und der Information, kurz ge- dadurch verschärft, daß beide oft mit den- bunden ist. schen mit dem sozialen Fortschritt, Ausbil-
sagt: Für die Entwicklung der menschlichen selben Begriffen verschiedene Inhalte ver- Für Sozialdemokraten ist ein lebendiger, dung und sichere Zukunft für die Jugend -
Zivilisation. binden. Die Sozialdemokraten verstehen spannungsreicher und möglichst unbe- gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft
Wir wollen ein Europa der freundschaftli- sich als Teil der westlichen Demokratie. Für schnittener Pluralismus in Kultur, Wissen- i mmer umfassender entfalten wird.
chen Kooperation, des Vertrauens und der sie ist pluralistisch organisierte Demokratie schaft, Kunst und politischer Meinungsbil- Sozialdemokraten setzen - ohne die Ge-
guten Nachbarschaft. Die Vertiefung des mit ihren vielfältigen Formen von Gewalten- dung unverzichtbarer Ausdruck von Frei- fahren kapitalistischen Wirtschaftens zu ver-
gesamten KSZE-Prozesses bildet auch teilung und Machtkontrolle der verbindliche heit, aber auch Voraussetzung und gleich- kennen - darauf, daß freie, ungehinderte
heute eine wichtige Grundlage hierfür. Beide und notfalls unter Opfern verteidigte Rah- zeitig Ergebnis einer Demokratie im Dienste Diskussion, der Wettbewerb von Ideen und
deutsche Staaten sind aufgefordert, ent- men, innerhalb dessen sie ihre Vorstellun- der Entfaltung des Menschen. Lösungsansätzen am ehesten in der Lage
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ist, auf bedrängende neue Fragen ange- 2. Beide Systeme müssen sich gegenseitig wenn sie sich durch solche Befürchtungen dung von Hunger und Elend in der Dritten
messene Antworten zu finden, neue tech- für friedensfähig halten. mißverstanden sehen. Welt. Dies verlangt die umfassende Zu-
nische Möglichkeiten in den Dienst höherer Das im Osten vertretene Konzept der Fried- 4. Auch wenn für einen Prozeß gemeinsa- sammenarbeit zwischen Ost und West. Sol-
Lebensqualität zu stellen, Gegenkräfte ge- li chen Koexistenz zwischen Staaten mit un- mer Friedenssicherung Verträge, Abma- che Zusammenarbeit schließt Wettbewerb
gen den Mißbrauch wirtschaftlicher Macht terschiedlicher Gesellschaftsordnung und chungen und Institutionen nötig sind, rei- um die fruchtbarsten Beiträge jedes Sy-
zu mobilisieren, Mehrheiten für notwendige das im Westen, vor allem von Sozialdemo- chen sie allein nicht aus. SED und SPD spre- stems zu den großen Menschheitsaufgaben
Veränderungen vorzubereiten und die De- kraten entworfene Konzept einer Gemein- chen sich für die Entwicklung einer Kultur ein. Wettbewerb in der Kooperation käme
mokratisierung der Gesellschaft voranzu- samen Sicherheit setzen, soweit sie ernst des Streits und des kontroversen Dialogs allen Menschen zugute.
treiben. gemeint und konsequent sind, beide die aus. Diese Kultur des politischen Streits
Da die Sozialdemokraten den Verfassungs- prinzipielle Friedensfähigkeit der anderen muß
konsens der westlichen Demokratie mittra- Seite voraus. Beide Konzepte wären theo- auf einer realistischen Analyse der Mög- V.
gen, auch wenn sie niemals die Verantwor- retisch sinnlos und auf die Dauer auch nicht li chkeiten beider Seiten beruhen,
tung für andere, konkurrierende Kräfte über- praktikabel, wenn sie die Annahme der prin- die gesellschaftspolitischen Gegen- Grundregeln einer Kultur des
nehmen können, sprechen sie in vielen Fra- zipiellen Unfriedlichkeit der anderen Seite sätze klar zum Ausdruck bringen, politischen Streits
gen stellvertretend für die westliche Demo- aufgrund von deren Ideologien oder Inter- sie nicht auf die Beziehungen zwischen
kratie. Es wäre aber zu begrüßen, wenn an- essenstrukturen einschlössen. Beide Seiten Staaten übertragen, Eine Kultur des politischen Streits, die den
dere politische Kräfte sich in ähnlicher Weise müssen daher für eine erfolgreiche Frie- Gewalt oder Krieg als Mittel der Kon- Frieden sichert, ja dem Frieden zu dienen
am kontroversen Dialog der Systeme betei- denspolitik beim jeweils anderen ein au- fliktlösung ausschließen und starre Kon- hat, kann nur in ihren grundsätzlichen Nor-
li gten. thentisches Interesse an der Erhaltung des frontationen überwinden, men und Regeln beschrieben werden. In der
Friedens in der atomar gerüsteten Welt vor- und damit einem Frieden dienen, der politischen Praxis müssen solche Regeln
aussetzen - der Erfahrung friedensgefähr- auch international auf gewaltfreie Kon- durch angemessenes Handeln der Staaten
IV. dender Konflikte zum Trotz. fliktregelung setzt. verschiedener Gesellschaftsordnungen
3. Beide Systeme müssen zu verhindern Für eine solche Kultur sind für beide Seiten und der unterschiedlichen sozialen und po-
Ansätze für eine Kultur des versuchen, daß sie vom jeweils andern so akzeptable Normen des Umgangs mitein- litischen Kräfte mit Leben erfüllt werden. Das
politischen Streits wahrgenommen werden, als seien sie auf ander zu entwickeln, die handhabbar sind wird in dem Maße gelingen, wie sie sich als
Expansion, ja gewaltsame Expansion an- und beiden gleichermaßen erlauben, ihre lernfähig erweisen. Politischer Realismus
Wir sind uns also einig darin, daß Friede die gelegt. grundlegenden Werte zur Geltung zu brin- wird sich gegen Ungeduld wappnen müs-
Grundvoraussetzung für die Verwirklichung Es gab und gibt in beiden Systemen die Be- gen. Diese politische Kultur entsteht, wenn sen. Trotzdem lassen sich einige Regeln for-
unserer jeweiligen Werte und Prinzipien ist, fürchtung, daß das andere System ange- aus Absichtserklärungen Handlungsweisen mulieren.
daß Zusammenarbeit zur Wahrung des Frie- sichts seiner Interessenstruktur und der je- werden und allmählich eine neue Praxis des 1. Gesellschaftssysteme sind nichts Stati-
dens die Verleugnung dieser Werte weder weils herrschenden Ideologie auf die Aus- täglichen Umgangs miteinander wächst. sches. Sie verändern und entwickeln sich
verlangt noch ratsam erscheinen läßt. dehnung seines Einfluß- und Herrschafts- 5. Es muß zum Normalfall werden, daß wir von Land zu Land differenziert auf ihren ei-
Es gibt also Fragen, in denen wir einig sind, bereiches angelegt sei. Im Westen ist dies miteinander handeln, verhandeln und zu- genen Grundlagen. Sie stehen immer wie-
andere, über die wir weiter streiten müssen. die Befürchtung, daß die marxistisch-lenini- sammenarbeiten, während wir gleichzeitig der vor neuen Aufgaben, die sie ohne Ver-
Wir werden in der Spannung von Konsens stische These vom weltrevolutionären Pro- da offene und klare Kritik äußern können, änderung, Fortentwicklung und Reform
und Konflikt leben müssen. zeß auf Revolutionsexport hinauslaufe und wo nach unserem Verständnis die Frie- nicht bewältigen können. Der Systemwett-
Was bedeutet dies für die Formen und Inhalte zur Rechtfertigung sowjetischer Machtan- densbereitschaft, der Wille zur Verständi- bewerb kann solche Veränderungen noch
der Auseinandersetzung? sprüche diene. Im Marxismus-Leninismus gung, die Menschenrechte und die Demo- beschleunigen. Das zukünftige Bild der Ge-
1. Beide Seiten müssen sich auf einen langen gründet sich die entsprechende Befürch- kratie im anderen Bereich verletzt werden. sellschaftsordnungen wird sich so von dem
Zeitraum einrichten, während dessen sie ne- tung auf die Marxsche Analyse des Wesens Kooperation, Wettbewerb und Konflikt heutigen wesentlich unterscheiden. Beide
beneinander bestehen und miteinander aus- der kapitalistischen Warenproduktion, auf müssen gleich akzeptierte Formen des Um- Gesellschaftssysteme müssen einander
kommen müssen. Keine Seite darf der ande- Arbeiten Lenins über das Wesen des Mo- gangs miteinander werden. Entwicklungsfähigkeit und Reformfähigkeit
ren die Existenzberechtigung absprechen. Un- nopols sowie auf die Wahrnehmung und 6. Die Beziehungen zwischen den Syste- zugestehen.
sere Hoffnung kann sich nicht darauf richten, Deutung der dominierenden antikommuni- men können nicht nur bestimmt sein durch 2. Niemand darf für sich ein Recht der deut-
daß ein System das andere abschafft. Sie rich- stischen Strategie und Politik der Gegen- das Nebeneinander von Streit, Wettbewerb li chen Kritik und der polemischen Darstel-
tet sich darauf, daß beide Systeme reformfähig wart. und Kooperation. Nötig ist auch der Wett- l ung in Anspruch nehmen, ohne es dem Kri-
sind und der Wettbewerb der Systeme den Daher müssen in dem Prozeß, der zu ge- bewerb in der Kooperation. tisierten in gleichem Maße zuzubilligen. Die
Willen zur Reform auf beiden Seiten stärkt. Ko- meinsamer Sicherheit führt, auch solche Zu den grundlegenden Menschheitsinter- „souveräne Gleichheit", von der die KSZE-
existenz und gemeinsame Sicherheit gelten Ängste abgebaut werden. Beide Seiten essen gehören außer dem Frieden auch die Schlußakte spricht, bezieht sich auch auf
also ohne zeitliche Begrenzung. müssen sich darum auch dann bemühen, Erhaltung der Biosphäre und die Überwin- die geistige Auseinandersetzung im Rah-
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men des Entspannungskonzepts. Kritik und falls übernommen und weiterentwickelt DIE ZEIT, 28. August 1992 kratie ist ein selbständiger Wert ohne Wenn
Kooperation dürfen einander nicht aus- werden kann. und Aber und nicht nur Mittel zum Zweck."
schließen. 7. Der umfassenden Informiertheit der Bür- Bei so vielen brisanten Postulaten vermied
3. Kritik an den gesellschaftlichen Verhält- ger in Ost und West kommt im Prozeß der DER GENERAL GING es der Tagesspiegel, Roß und Reiter zu nen-
nissen im anderen System sollte auf nach- Friedenssicherung und des Systemwett- nen. Doch sein Hinweis, daß an der Aspen-
prüfbaren Tatsachen beruhen. Sie sollte streits eine wachsende Bedeutung zu. Dazu UNTER DIE DECKE Tagung die Professoren Otto Reinhold, der
auch getragen sein von dem Versuch, sich müssen die Staaten in beiden Systemen Rektor der ZK-Akademie, sowie Erich Hahn
zunächst in die Logik der anderen Seite hin- entsprechend der KSZE-Schlußakte auf Von Carl-Christian Kaiser und Rolf Reißig, beide Institutsdirektoren an
einzudenken, freilich nicht, um deren Ab- i hrem Territorium die Verbreitung von peri- der Hochschule, teilgenommen hätten, war
sichten stets gutzuheißen, sondern um die odisch und nicht periodisch erscheinenden Heute vor fünf Jahrenwurde das berühmte deutlich genug. So kam es nicht von unge-
Zusammenhänge ihres Handelns zu verste- Zeitungen und gedruckten Veröffentlichun- SPD/SED-Papier über den „Streit der Ideo- fähr, daß Hermann Axen, das für die Außen-
hen. Wer diesen Versuch unternimmt, wird gen aus den anderen Teilnehmerstaaten er- logien und die gemeinsame Sicherheit" ver- politik zuständige Mitglied des SED-Polit-
sich nicht in aggressiver Polemik erschöp- leichtern. öffentlicht. In der DDR gab es ein so gewal- büros, von Erich Honecker kommend, war-
fen. 8. Der Dialog zwischen allen gesellschaftli- tiges Echo, daß die SED-Spitze nervös nend in der Akademie anrief: „Der General
4. Ausschlaggebend für eine neue Kultur chen Organisationen, Institutionen, Kräften wurde. Nun steht auch die SPD wieder i st unter die Decke gegangen!"
des politischen Streits ist also eine realisti- und Personen auf beiden Seiten gewinnt dazu.
Der Generalsekretär verlor die Fassung, weil
sche und differenzierte Analyse und Dar- wachsende Bedeutung für die Friedenssi- der Bericht des Tagesspiegels Gedan-
stellung der anderen Seite statt Propagie- cherung und den Wettbewerb der Systeme. Am Ende kamen, frei nach Karl Marx, die kengänge wiedergab, die auf die ohnehin
rung pauschaler Feindbilder und der Das schließt auch Besuch und Gegenbe- ideologisch so verfestigten Begriffe und Ver- verunsicherte SED unerhört und verwirrend
Weckung von Bedrohungsängsten. Ver- such, die Teilnahme an Seminaren, wissen- hältnisse doch ins Tanzen. Und die Melodie, wirken mußten. Das galt um so mehr, als sie
mieden werden muß alles, was die andere schaftlichen, kulturellen und politischen Ver- die ihnen vorgespielt wurde, war hochpoli- sich, einer Akademie-Studie im Vorfeld des
Seite als prinzipiell unfriedlich oder zum Frie- anstaltungen über die Systemgrenzen hin- tisch. Die Ausgabe des Tagesspiegels vom für den Mai 1990 angesetzten nächsten
den unfähig erscheinen läßt. weg ein. 24. Mai 1989 gibt davon viel wieder. Damals SED-Parteitags entstammend, wie die Fort-
Diese Friedensbereitschaft wird um so berichtete das (weiland noch West-)Berliner setzung und konsequente Anwendung ei-
glaubwürdiger, je mehr sich beide Seiten
bemühen, lokale Konflikte zu vermeiden
VI. Blatt von einem Seminar des Aspen-Insti- nes anderen Dokuments ausnahmen: des
tuts, das am letzten Tag in der Akademie für berühmten SPD/SED-Papiers über den
oder zu beenden und weder direkt noch in- Gesellschaftswissenschaften beim Zentral- „Streit der Ideologien und die gemeinsame
direkt zu fördern. Neues Denken, neues Handeln komitee der SED zu Gast gewesen war. Was Sicherheit", das am 27. August 1987 veröf-
5. Die ideologische Auseinandersetzung ist die Zeitung mitteilte, war sensationell. fentlicht worden war - heute vor fünf Jah-
so zu führen, daß eine Einmischung in die Gemeinsame Sicherheit ist nicht zu errei- Nach Ansicht der Akademie, so stand im ren.
inneren Angelegenheiten anderer Staaten chen, wenn ideologische Gegensätze in Tagesspiegel zu lesen, würden die neunzi- Ist der Aspen-Bericht das letzte Zeugnis von
unterbleibt. Kritik, auch in scharfer Form, Formen ausgetragen werden, die zwi- ger Jahre in der DDR wesentlich davon be- Reformüberlegungen in der DDR-Staats-
darf nicht als eine „Einmischung in die inne- schenstaatliche Beziehungen gefährden stimmt sein, daß „Sozialismus ohne Demo- partei vor ihrem Untergang und dem ihres
ren Angelegenheiten" der anderen Seite oder vergiften oder gar Machtkonflikte als kratie und ohne umfassende Verwirklichung Staates, so stellt das Streitpapier das am
zurückgewiesen werden. Jedenfalls gilt unversöhnlichen und unausweichlichen der Menschenrechte ... kein Sozialismus meisten herausragende und umstrittene Er-
auch hier das Prinzip der souveränen Kampf zwischen Gut und Böse erscheinen wäre". Ohne Demokratie könne sich gebnis des Dialogs dar, den die beiden Par-
Gleichheit, daß keine Seite praktisch in An- l assen. menschliche Individualität nicht entfalten. teien bis kurz vor dem Zusammenbruch des
spruch nehmen darf, was Sie der anderen Zur gemeinsamen Sicherheit gehört der Neue - also sozialistische - Eigentumsver- SED-Regimes geführt haben. In den acht-
nicht zubilligt. Verzicht auf Versuche, sich unmittelbar in die hältnisse garantierten diesen Prozeß aber ziger Jahren spitzte sich das Ost-West-Ver-
6. Die offene Diskussion über den Wettbe- praktische Politik in anderen Staaten einzu- noch nicht. hältnis wieder gefährlich zu. Auf die sowje-
werb der Systeme, ihre Erfolge und Mißer- mischen, aber auch der friedliche Wettbe- Als Kernfrage, so hieß es weiter, betrachte tische Raketen-Nachrüstung reagierte der
folge, Vorzüge und Nachteile, muß innerhalb werb der Systeme, ein Wettbewerb, der die SED-Akademie „die reale Beteiligung Westen mit einer Nach-Nachrüstung. Und
jedes Systems möglich sein. Wirklicher sich im Rahmen gemeinsam erarbeiteter der Bürger an der Vorbereitung, Durch- Ronald Reagan rüstete auch ideologisch
Wettbewerb setzt sogar voraus, daß diese Regeln hält und eine Kultur des politischen führung und Kontrolle der staatlichen Ent- auf, indem er vom Osten als Born alles Bö-
Diskussion gefördert wird und praktische Streits und schließlich des kontroversen scheidungsfindung". Auch frage sich, „ob sen und davon sprach, daß die Seite des
Ergebnisse hat. Nur so ist es möglich, daß Dialogs einschließt. Einstimmigkeit immer die entscheidende Kommunismus aus dem Buch der Weltge-
öffentlich eine vergleichende Bilanz von Pra- Dies entspricht der Politik einer Friedenssi- Form für die sozialistische Demokratie" sein schichte herausgerissen gehöre.
xis und Erfahrungen beider Systeme gezo- cherung, zu der sich SPD und SED bekannt solle. Kollektive Interessen und die wach- Damals antwortete die SED bewußt mit ei-
gen wird, so daß Mißlungenes verworfen, haben. senden individuellen Bedürfnisse müßten ner „Politik des Dialogs", die ihr, noch vor
Gelungenes festgehalten und gegebenen- ausgeglichen werden. Schließlich: „Demo- Gorbatschow, in Moskau keinen Beifall,
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sondern einen Schlagabtausch zwischen sondern sozusagen einer Vielfalt in der Ein- Es kam zu jener unvergeßlichen Szene, in Jahren mit mehreren Entwürfen aus der Fe-
der Prawda und dem Neuen Deutschland heit. Nicht ohne Verwunderung, so notierte der Sozialdemokraten und Kommunisten der Meyers, der das theoretische As der So-
eintrug. Aus der Opposition in Bonn heraus Eppler später, habe man „auf der anderen entdeckten, daß sie die gleichen Stellen an- zialdemokraten war, und der Feder Reißigs
ergriff auch die SPD die Initiative. Mit der Seite einen - bisher von außen nicht wahr- gekreuzt hatten - besonders den Satz, daß sowie Überarbeitungen durch Eppler und
SED erarbeitete sie Vorschläge für eine von nehmbaren - Prozeß der Differenzierung, angesichts der nuklearen Bedrohung „die Reinhold verwandelte sich die ursprünglich
Chemiewaffen freie Zone und einen von ato- der Wandlung, der Öffnung fest[gestellt], ein Auseinandersetzung zwischen Kapitalis- i ns Auge gefaßte Niederschrift in ein aus-
maren Gefechtsfeldwaffen freien Korridor im Ringen mit neuen Realitäten, das an dem mus und Sozialismus lediglich und aus- gewachsenes Konzept für den künftigen
Zentrum Europas. Erich Honeckers Sorgen Bild von der dogmatisch verhärteten Funk- schließlich in Formen des friedlichen Wett- Umgang zwischen Ost und West.
waren ehrlich. Auch im Blick auf die auf dem tionärspartei rasch Zweifel aufkommen bewerbs und der friedlichen Rivalität ver- Ein wirksames und dauerhaftes System in-
eigenen Territorium stationierten neuen Ra- ließ". laufen kann". ternationaler Sicherheit, hieß es in diesem
keten sprach er von „Teufelszeug"; auf den Umgekehrt machte es auf die Gesell- Zwar war dieser Satz nicht völlig neu; viel- Konzept, müsse außer dem militärischen
von den Sozialdemokraten entwickelten schaftswissenschaftler der SED großen Ein- mehr lag er schon lange in der Luft. Aber auch den politischen, wirtschaftlichen und
Begriff der „Sicherheitspartnerschaft" rea- druck, wie die Bank der Sozialdemokraten eben deshalb deckte er sich mit den bereits humanitären Bereich umfassen. Die Ban-
gierte er mit der Devise von einer „Koalition bei aller Heterogenität immer wieder zu ei- vorher formulierten Thesen, die Thomas nung der nuklearen Gefahr, die Erhaltung
der Vernunft". ner Einheit in der Vielfalt fand. Die atmo- Meyer von der Grundwerte-Kommission der Biosphäre wie die Überwindung der
Die Resonanz, die er innerhalb und außer- sphärische Annäherung zählte um so mehr, und Harald Neubert, Institutsdirektor an der ökologischen Krise und die Bekämpfung
halb der DDR fand, war groß; zum ersten als es schon bei den ersten drei Treffen um ZK-Akademie, vortrugen. Für die funda- der Not in den Entwicklungsländern seien
Male erlebte die SED internationale Aner- die ideologischen Gegensätze ging. Ob es mentalen Gegensätze zwischen Ost und systemübergreifend „gemeinsame Mensch-
kennung. Nicht zuletzt dieses politische und sich um die Probleme aus dem wissen- West, so Meyer, müsse „eine Kultur des po- heitsaufgaben". Sie trotz der grundlegenden
psychologische Hoch hat dazu beigetra- schaftlich-technischen Fortschritt für die Ar- litischen Streits" entwickelt werden, die dem sozialökonomischen, politischen und ideo-
gen, daß es, nach halb privaten Sondierun- beitswelt, um die gesellschaftliche Entfrem- kategorischen Imperativ der Friedenserhal- l ogischen Gegensätze zu lösen, sollte Ge-
gen, von 1984 an auch zu den Gesprächen dung und die unterschiedlichen Men- tung genüge. Und Neubert postulierte: „Ge- genstand einesfriedlichen Wettbewerbs der
über gesellschaftspolitische und ideologi- schenbilder, um Gesetzmäßigkeiten der hi- fordert wird, daß die Monopol-Bourgeoisie verschiedenen Systeme sein. Und auch der
sche Themen kam, aus denen das Streit- storischen oder sozialen Entwicklung oder ihre Interessen und Ziele in einer Weise und Streit über Grundpositionen könne Teil die-
papier von SPD und SED hervorgegangen um den gesellschaftlichen Bewußtseins- mit Mitteln verficht, die nicht mit den Gat- ses Wettbewerbs werden.
ist. Die SPD entsandte ihre Grundwerte- wandel in Ost und West handelte - die Dis- tungsinteressen der Menschheit kollidie- Das wichtigste aber waren die anschließen-
kommission mit Erhard Eppler an der pute kreisten immer wieder um die Kernfra- ren. den Regeln für eine politische Streitkultur.
Spitze, die SED Mitglieder ihres „Denk- gen und grundsätzlichen Differenzen. Als Erhard Eppler sekundierte, in der Welt „Keine Seite", hieß es dazu, „darf der ande-
tanks", der ZK-Akademie, mit den Profes- Im Februar 1986 folgte das vierte Treffen, der Massenvernichtungsmittel sei der eine ren die Existenzberechtigung absprechen",
soren Reinhold und Hahn sowie später das beide Seiten auch im nachhinein als das nur so sicher wie der andere auch und die und „beide Systeme müssen sich gegen-
Reißig als herausragendem Dreigestirn. aufregendste empfinden. Es war das erste, Existenzberechtigung des jeweils anderen seitig für friedensfähig halten". Ebenso
Nicht alle in der SPD-Grundwertekommis- an dem auch fünf westdeutsche Journali- könne und dürfe nicht länger in Abrede ge- müsse sich die Hoffnung darauf richten, daß
sion waren von dem Expeditionsunterneh- sten teilnehmen konnten; bei den späteren stellt werden, hörten die SED-Abgesandten sie auch reformfähig seien. Bei dem dann
men ohne weiteres angetan. „Beziehungen" Zusammenkünften gesellte sich auch eine wie gebannt zu. Umgekehrt wurde es in der möglichen Dialog „in der Spannung von
mit der SED wolle man nicht, knurrte Rich- Handvoll DDR-Kollegen hinzu. Zur Debatte Reihe der Sozialdemokraten ganz still, als Konsens und Konflikt" sei das Recht auf
ard Löwenthal gleich am Anfang. Später stand die Frage, welche Konsequenzen die Rolf Reißig, zum ersten Male dabei, davon deutliche Kritik im gleichen Maße auch dem
sagte er zu den Akademieabgesandten: gemeinsame Sicherheit, von der immer sprach, daß gerade der Wettbewerb der Sy- Kritisierten zuzubilligen; auch scharfe Kritik
„ Wir sind Ihre Partner, aber nicht auf Ihrer mehrgesprochen wurde, denn für den Streit steme in den Dienst der Friedenssicherung dürfe nicht als Einmischung in die inneren
Seite." Der Unterschied zeigt, wie allmählich zwischen den Gesellschaftsordnungen, gestellt werden müsse. Als Reißig sein Re- Angelegenheiten zurückgewiesen werden.
ein Grundstock an Vertrauen in die Aufrich- zwischen den konträren Systemen und ferat, das schon ganz auf der Linie der spä- Und vor allem: „Die offene Diskussion über
tigkeit und Fairneß der jeweils anderen Seite i hren Ideologien haben müßte. ter dem Aspen-Seminar vorgetragenen Ma- den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge
wuchs - so sehr die Spannungen in der Sa- Der Glücksfall, der den Namen Michail Gor- ximen lag, beendet hatte, sprach Eppler, und Mißerfolge, muß innerhalb [ Hervorhe-
che anhielten, so wenig einer dem anderen batschows trug, machte auch hier Ge- fast atemlos, von einem kühnen, nach vorn bung durch die Redaktion] jedes Systems
etwas schenkte und so oft es bei den har- schichte. In einem noch druckfeuchten weisenden Vortrag. möglich sein."
ten Kontroversen danach aussah, als werde Bündel brachten die Akademie-Professo- Spontan schlug er vor, über die Stand- Genau besehen und bedacht, reihte sich in
zumindest eine Delegation den Tisch um- ren jenes Neue Deutschland mit, in dem auf punkte beider Seiten versuchsweise etwas dem von Kommunisten mitunterschriebe-
stürzen. zehn engbedruckten Seiten die große Rede zu Papier zu bringen. Otto Reinhold, als Lei- nen Papier eine Sensation an die andere.
Freilich gewannen die Sozialdemokraten wiedergegeben war, die der neue sowjeti- ter der Ostberliner Delegation, stimmte zu. Die Offenheit der Geschichte statt ihres ge-
gleich zu Beginn den Eindruck, keiner ge- sche Generalsekretär gerade vor dem XXVII. Damit begann die Entstehungsgeschichte setzmäßigen Ablaufs war in den Thesen der
schlossenen Phalanx gegenüberzustehen, Parteikongreß der KPdSU gehalten hatte. des gemeinsamen Papiers. In anderthalb gemeinsamen Erklärung ebenso angelegt
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wie Grundformen des politischen Pluralis- li stische Expansionsstreben vorsichtig vom i n seiner Gastrede zum 17. Juni 1989 vor alliberalen Regierungszeit, lehnten jedes
mus anstelle eines Wahrheitsmonopols; die Militärischen ins Ökonomische verschoben dem Bundestag sagte, er sei, was die ge- Eingehen auf den Kommunismus rundher-
Maxime von der Koexistenz der Systeme ( Eppler), daß es von der Rüstungspolitik der genwärtige Führung der SED betreffe, ohne aus ab. „Verbrüderungstendenzen", eine
verwandelte sich, wie Eppler festhielt, von imperialistischen Staaten hieß, sie sei zwar Zuversicht. „Entleerung des Friedensbegriffs" und
einer taktischen, bis zum vorgezeichneten „systemadäquat", aber nicht „systemnot- I n der umfangreichen Stellungnahme, wel- „Wertneutralismus" wurden den Sozialde-
Untergang des Kapitalismus vorgesehenen wendig", und daß sich an nicht wenigen Auf- che die Sozialdemokraten jetzt zum fünften mokraten vorgeworfen.
Formel in die Definition einer dauerhaften sätzen in den Theorie-Zeitschriften der SED Jahrestag des Papiers herausgebracht ha- Nurwenig übertreibend, hat Hanne-Margret
Lebensform. oder DDR ablesen ließ, welche Verände- ben, wird das Verhalten der ehemaligen Birckenbach in einer vom Institut für Frie-
So erstaunlich waren alle diese Wandlun- rungen in den Köpfen stattgefunden oder Staatspartei mit dem widerspruchsvollen densforschung und Sicherheitspolitikan der
gen, daß immer wieder die Frage auf- begonnen hatten. Versuch erklärt, „das ideologische Feindbild Hamburger Universität betreuten scharfsin-
tauchte, was die SED bewogen habe, diese Schon nach den ersten Einschränkungen außenpolitisch zu entschärfen, es aber als nigen Studie, die sich mit Chancen und
Zäsur mit herbeizuführen. Ihre entscheiden- war der Haussegen bei den unverändert i nnenpolitische Legitimationsbasis zu erhal- Schwierigkeiten von Friedensstrategien be-
den Personen und Instanzen, zu denen Otto fortgeführten Treffen zwischen der SPD- ten". So ist es wohl gewesen. Ob die SED- schäftigte, zu den ganzen Einwänden fest-
Reinhold ständigen Kontakt hielt, beson- Grundwertekommission und den SED-Ge- Führung, als sie auch das gemeinsame Pa- gehalten: „Weder in der bundesdeutschen
ders zu Honecker selber, haben dem sellschaftswissenschaftlern nicht mehr pier promovierte, dessen innenpolitische Öffentlichkeit noch in der von der SED ge-
ganzen Unternehmen, auch als es so kon- ganz im Lot. Zwar wurde weiter heftig kon- Brisanz unterschätzte, ob sie vorsichtshal- l eiteten Debatte in der DDR wurden die Ver-
kret wurde, keine Steine in den Weg gelegt. trovers debattiert: über die Entwicklungs- ber alles auf die Augen Honeckers stellte einbarungen auf der Basis der Einsichten
Zur Endfassung bemerkte Kurt Hager als politik, über den Fortschrittsbegriff und zu- oder ob sie dann im Vorfeld der November- und Analysen von gemeinsamer Sicherheit,
„Chefideologe" des Politbüros zwar, daß er l etzt über die Menschenrechte. Aber der Wende schon innerlich schwach und ratlos wie sie dem Papier zugrunde gelegt worden
bei Details viele Einwendungen habe, das Elan nahm ab, die Gespräche wurden war - das steht dahin. Das Papier hat den sind, bewertet. Die Urteile blieben vielmehr
Papier im ganzen aber sehr gut finde. bockiger und, was die Akademie-Professo- Auflösungsprozeß beschleunigt; mit und an i m Klischee von gegeneinander gerichteten
I n der DDR fand die gemeinsame Erklärung ren anging, sozusagen auch beklommener. seiner doppelbödigen Strategie ist das Machtinteressen rivalisierender Systeme
sofort ein gewaltiges Echo, besonders bei Angesichts des weiter anschwellenden kommunistische System, so die neue SPD- befangen."
den Schriftstellern und Künstlern, und voll- Echos auf das im Neuen Deutschland voll- Stellungnahme, am Ende gescheitert. Das gilt bis jetzt. Noch in diesem Sommer
ends natürlich bei den Kirchen und den Bür- ständig abgedruckte Papier, von dem nicht Die neue Erklärung der SPD kommt nun frei- hat Tilman Fichter, früher ein Kopf des So-
gerrechtlern. Daß die SED von sich aus wenige DDR-Bürger ganze Passagen aus- li ch sehr spät. Kurz vor und erst recht nach zialistischen Studentenbundes, der SPD al-
gleichsam den Inhalt des Menschenrechts- wendig hersagen konnten, fiel die SED- der Wende in der DDR hat sie sich das Pa- len Ernstes indirekt vorgeworfen, daß sie
korbs der KSZE-Schlußakte von Helsinki Spitze in alte Muster zurück. War ihr das Pa- pier mit der SED so gut wie widerspruchs- weiland „das Leben der Freiheit" vorgezo-
bestätigte und sich ihm unmittelbar ver- pier einerseits willkommen, nicht zuletzt l os von ihren triumphierenden Bonner Geg- gen und über rein etatistischer Gleichge-
pflichtete - das war eine handfeste Sensa- auch als Fortschritts- und Reformbeweis nern um die Ohren schlagen lassen - allen wichtspolitik die Bürgerrechtler nicht nur in
tion. vor Gorbatschow, so begann sie anderer- voran damals Volker Rühe mit seinem üblen der DDR hintangestellt habe. Daß es da De-
Auch in der Staatspartei gab es bald ein seits wie früher zu fürchten, daß sich in ihrem Wort vom „Wandel durch Anbiederung". Ei- fizite gab, steht nun auch in der neuen SPD-
Echo - aber fragend und verunsichert. Was Herrschaftsgebiet „Sozialdemokratismus" lends stuften die Sozialdemokraten das Pa- Erklärung. Freilich haben Hans-Jochen Vo-
denn mit der Existenzberechtigung sowie ausbreiten könnte. Und ob im Apparat ab- pierzurück. Und gegen ihre ehemaligen Dis- gel, Erhard Eppler, Jürgen Schmude, Gert
der Friedens- und Reformfähigkeit des Ka- gesprochen oder nicht, es kam zu handfe- kussionspartner verhielten sie sich so, als Weisskirchen und viele andere zahlreiche
pitalismus gemeint sei, wurde vor allem ge- sten Repressionen - durch die Beschlag- wollten sie nicht mehr Unter den Linden ge- Kontakte auch zu den Kirchen und den Bür-
fragt, ungeachtet der Interpretationen, wel- nahme der Umweltbibliothek der Ostberli- grüßt werden - lauter beschämende Vor- gerrechtlern unterhalten. Von daher wird ih-
che die SED schon vorher verschickt hatte. ner Zionsgemeinde schon 1987, durch har- gänge. nen aber auch noch eine spezifische
Der erste gravierende Rückzieher kam bald. tes Vorgehen gegen Dissidenten bei der Erst jetzt heißt es, auf das gemeinsame Pa- Schwierigkeit in Erinnerung sein, nämlich
Öffentlich zog Hager nach einer-allerdings Rosa-Luxemburg-Demonstration 1988 pier bezogen: kein Anlaß zur Scham. Natür- jene verständliche, aber nicht hilfreiche
sehr differenzierten -Analyse der westlichen und durch Repressalien gegen Friedens- li ch hat der sozialdemokratische Opportu- Mentalität bei vielen Dissidenten, die selbst
Bourgeoisie den Schluß, es handele sich gruppen oder Ausreisewillige. nismus außer dem Zusammenbruch des ein so kluger Kopf wie Jens Reich noch die-
darum, „daß der Imperialismus friedens- I m März 1989 protestierte die Grundwerte- SED-Staats auch eine Reihe von internen ser Tage in die verächtliche Wendung von
fähig gemacht werden muß, nicht, daß er kommission energisch gegen alle Verstöße Gründen. Nach anfänglicher Verblüffung den „Samtpfoten um der lieben Entspan-
von Natur aus friedfertig ist". Auch andere gegen Geist und Buchstaben des gemein- waren die ersten Kommentare zum Papier, nung willen" gefaßt hat.
versuchten, in einem eherorthodoxen Sinne samen Papiers. Aber bei der nervös ge- auch in dieser Zeitung, meistens skeptisch Demgegenüber weist die SPD in ihrer Er-
abzuwiegeln. wordenen SED-Spitze fruchtete das nicht bis ablehnend. Dann gab es eine Auguren- klärung mit vollem Recht darauf hin, daß bis
Darüber ging verloren, daß etwa Otto Rein- mehr. So kam es dem Abbruch der Ge- Diskussion, die sich wie verstaubt ausnahm. zuletzt die politische Kooperation mit dem
hold oder Rolf Reißig bei ihren Interpretatio- spräche gleich, als Erhard Eppler, bitter ent- Konservative Sozialdemokraten wie zum SED-Regime das einzige Mittel gewesen
nen vieler hergebrachter Töne das imperia- täuscht und wohl auch persönlich verletzt, Beispiel Dieter Haack, Minister in der sozi- sei, um Fortschritte zu erreichen und nicht
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die Tendenz zu forcieren, den letzten Aus- Süddeutsche Zeitung, 4. Juli 1992 den Kommunisten an einen Tisch zu setzen;
weg in Selbstisolation und Gewalt zu su- wie dumm es war (mit Henry Kissinger zum
chen. Manche Abschnitte lesen sich jedoch Beispiel), zu glauben, daß „sich die kommu-
so, als sei es statt um Wandel doch um die
PANIK NACH DEM nistische Herausforderung nie ändern wird".
völlige Abschaffung des DDR-Regimes ge- Was die richtige Beantwortung all dieser Fra-
gangen, auch mit Hilfe des gemeinsamen
BRÜCKENSCHLAG gen angeht, so hat auch die SPD keinen An-
Papiers. Am deutlichsten wird diese nach- laß, sich in die Brust zu werfen. Sie sollte
eilende Anpassung in dem Satz, die Grund- Herbert Riehl-Heyse aber auch nicht in Sack und Asche gehen,
wertekommission der SPD habe „in den schon weil das der Wahrheitsfindung nicht
80er Jahren die SED ernster genommen, als Warum nur will sich niemand mehr erinnern zuträglich ist: Im Falle jenes Dialogpapiers
an den riskanten Dialog zwischen SPD und wäre es vor allem interessant, ob und in wel-
sie, von heute aus gesehen, zu nehmen
SED vor fünf Jahren? che Richtung (und wie geplant) es womög-
war". Was für ein Tritt gegen die einstigen
Diskussionspartner, die so ernsthaft bei der li ch den Zeitpunkt beeinflußt hat, an dem
ehemals gemeinsamen Sache waren! I. sich die kommunistische Herausforderung
Glücklicherweise ändert das nichts an dem fürs erste erledigt hat.
objektiven Wert des alten Papiers. Es ist ein Die Stille zu diesem Thema ist schon fast
Beispiel dafür, wie Grundkonflikte zwischen unüberhörbar, und wenn sie doch jemand II.
unterbricht, dann sind es die Linken, die ja
zwei mächtigen antagonistischen Syste-
men, wenn nicht gelöst, so doch gemildert i mmer Stoff brauchen, um sich ein wenig zu Übrigens ist das Interesse der Öffentlichkeit
werden können. Und die großen Mensch- bekämpfen. Neulich hat Tilman Fichter in der an jenem Dialog die ganzen Jahre über in
heitsaufgaben bleiben sowieso. Nein, zu Neuen Gesellschaft der SPD vorgeworfen, Wellenbewegungen durch die beiden
Scham, Opportunismus und Selbstrecht- sie habe damals „das Leben der Freiheit vor- Deutschlands geschwappt. Als im Frühjahr
fertigung gab und gibt es keinerlei Anlaß. Für gezogen"; Johano Strasser, der damit auch 1984 alles anfing zwischen der Grundsatz-
die Geistesgeschichte des Ost-West-Kon- gemeint war, hat einigermaßen konsterniert kommission der SPD und der Akademie für
mit der Frage gekontert, ob man vielleicht zur Gesellschaftswissenschaften beim Zentral-
flikts wird das gemeinsame Papier ein Mei-
gewaltsamen Befreiung des Ostens hätte komitee der SED, da fiel das den Redaktio-
lenstein sein.
aufrufen und den Atomkrieg riskieren sollen. nen der westdeutschen Zeitungen schon
Ansonsten kaum Anklagen, nur ein paarklei- deshalb kaum auf, weil gleichzeitig die Ab-
nere Rechtfertigungsartikel (Eppler) zum rüster beider Parteien - Egon Bahr und Her-
berühmtem Dialog- und Streitpapier von mann Axen zum Beispiel - heftig über jene
SPD und SED aus dem Jahre 1987 - und Vorschläge zu atom- oder chemiewaffen-
das verwundert schon ein wenig angesichts freien Zonen diskutieren mußten, die sie sel-
der Tatsache, daß es ansonsten jedem ehe- ber allerdings nicht einrichten konnten. Zum
maligen Kirchenrat und jeder besseren Eis- erstenmal ein größeres Echo gab es, als im
kunstläuferin der DDR vorgehalten wird, Winter 1987 ein paar Journalisten unverhofft
wenn sie sich einmal zu oft oder zu freund- zu einem solchen Treffen eingeladen wurden
lich mit einem Funktionär von SED oder, das in ein Schwarzwälder Hotel. Wir waren je-
wäre natürlich noch besser, der Staatssi- denfalls schon einigermaßen überrascht
cherheit getroffen haben. Vielleicht interes- über Klima und Inhalt der Gespräche: Es sei
siert sich ja auch deshalb keiner so recht für die ,,Ängstlichkeit der SED-Delegation, ihre
j ene Gespräche zwischen deutschen Sozi- defensive Argumentation, die am meisten
aldemokraten und deutschen Kommuni- auffällt", stand damals in der SZ Aber auch,
sten, weil die ziemlich offen stattfanden und daß ein junger Professor namens Rolf Reißig
also heute nichts enthüllt werden kann. für die SED-Seite aufgetreten sei und in ei-
Dabei geht es, bei allen Unterschieden, doch ner bemerkenswerten Rede vom Wettbe-
häufig um das gleiche, wenn von den völlig werb der Systeme gesprochen habe, bei
objektiven Schiedsrichtern die jüngste Ver- dem jede Seite „ihre Vorzüge" entwickeln
gangenheit bewertet wird: um die Frage, wie würde und daß in dem Wettbewerb „auch
erlaubt es war, sich in der zweigeteilten Welt die Frage der Menschenrechte eine Rolle
einzurichten; wie moralisch es war, sich zu spielen" könne.

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Die nächste Phase konnte man dann wie- zendes gedacht hat, als er eines Tages den IV V.
der in allen Zeitungen nachlesen, und wie. evangelischen Christen und Sozialdemokra-
Aus den Gesprächen - und nicht zuletzt an- ten Erhard Eppler aus der Bundesrepublik Wir sind inzwischen bei der spannenden Man darf schon sagen, daß die Entwicklung
geregt durch den Diskussionsbeitrag des traf und im Laufe eines langen Gesprächs Frage, wie man die historische Situation be- alle Beteiligten überrascht hat - und noch
Rolf Reißig - war nämlich inzwischen das die Idee entstand, es sollten doch auch ein- schreiben muß, in welcher sich die deut- mehr die Unbeteiligten. Hier im Westen hat-
berühmte Papier geworden, das am 28. Au- mal Gesellschaftswissenschaftler aus bei- schen Sozialdemokraten und Kommunisten ten ja wenige Beobachter so richtig gese-
gust 1987 unter der Überschrift „Der Streit den Parteien miteinander debattieren. Die um die diversen Tische in deutschen Land- hen, was auch in diesem Papier stand, außer
der Ideologien und die gemeinsame Sicher- I dee leuchtete auf beiden Seiten ein, und wer schaften versammelt haben und warum den in den Zeitungen so angefeindeten Flos-
heit" veröffentlicht wurde. Was den Westen debattieren sollte, war auch bald klar: Die beide Seiten dachten, ein gemeinsames Pa- keln, die an ein, zwei Stellen in der Tat ein
anging, so wurde es zwar nicht von vielen SPD hatte für solche Zwecke sowieso ihre pier wäre nicht schlecht. Was die SPD an- bißchen sehr nach Friede, Freude und einem
Menschen ganz gelesen - aber da so etwas „Grundsatzkommission", die SED ihre Aka- ging, so war sie natürlich damals in der Op- Eierkuchen aus Standardware der Handels-
noch nie eine Polemik über einen Text ver- demie für Gesellschaftswissenschaften, die position, freute sich also über die Gelegen- klasse C klangen. So fiel hier nicht weiter auf,
hindert hat, stellte sich im Streit der Politiker unter ihrem bewährten Rektor Otto Reinhold heit, selbst Deutschlandpolitik zu machen daß daneben und vor allem auch Sätze for-
bald heraus, daß es sich sowieso um ein Do- gewiß nicht anfällig war für westliche Infiltra- und damit in die Schlagzeilen zu kommen. muliert waren, die bis dahin deutsche Kom-
kument des „Wandels durch Anbiederung" tion und schon per definitionem über jeden Und außerdem war ein Papier bitter nötig, munisten in einem offiziellen Dokument noch
(Volker Rühe) handelte, daß es aber auch in Verdacht des Sektierertums erhaben war. sonst wäre, sagt Strasser, „das Ganze ins nicht unterschrieben hatten: Daß der ver-
der veröffentlichten Meinung ganz wenig An- Der Anfang ist weiter nicht mehr wichtig. Es Unverbindliche abgeglitten". haßte Imperialismus „friedensfähig" sei, war
klang fand. Genaugenommen war das west- stimmt wohl, „daß alles zu Beginn ziemlich Erich Honecker wiederum, sagen Reißig da plötzlich festgehalten, daß beide Sy-
deutsche Presseecho verheerend: „Ein verkrampft war", wie sich das Delegations- und Hahn, hatte gewiß „wirklich Angst vor steme „reformfähig" (also auch reformbe-
schmachvolles Papier", schrieb die Welt, mitglied/Ost, Professor Erich Hahn, erinnert; der Überrüstung" und wollte gegen Ende dürftig) seien, daß beide voneinander lernen
daß „die Sozialdemokraten aus der Vergan- auch wird übereinstimmend berichtet, daß seines politischen Lebens alsjemand „in die könnten, obwohl doch noch vor kurzem die
genheit nichts gelernt" hätten, hielt ihnen der die schärfsten Diskutanten auf westlicher Geschichte eingehen, der etwas für den einzige Partei der Arbeiterklasse die Wahr-
Zeit-Verleger Gerd Bucerius vor; auch die SZ Seite die jüngeren SPD-Leute Thomas Frieden getan hat" (Hahn). Es kam aber vor heit für sich gepachtet hatte. Das Sensatio-
fand im Leitartikel das Papier zumindest ei- Meyer und Johano Strasser waren (Hahn: allem hinzu, daß man auf DDR-Seite durch nellste aber war jene Passage in Abteilung
nen „riskanten Dialog". Was aber war das Ri- „ein Polterkopf"), während die aus dem das Papier so etwas wie „eine Legitimität V. Ziffer 6, in der über den Dialog zwischen
siko - und für wen war es eines? Die FAZ Osten meist froh waren, wenn man ihnen nach außen und innen" (Reißig) demon- den Systemen hinaus der innere Dialog ge-
brachte es auf den Punkt: Der Wettbewerb nichts antat. Daß Verbrüderung nicht statt- strieren wollte, nicht zuletzt wegen der Po- fordert wurde: „Die offene Diskussion über
der Systeme, schrieb sie, werde von dem fand, darauf legt Hahn noch heute Wert, die litik Gorbatschows, der man auch irgend- den Wettbewerb der Systeme", so unter-
entschieden, der die Regeln bestimmt und gab es nicht einmal, als man - das war am etwas Entspannendes entgegensetzen schrieben es die Kommunisten, „über ihre
das seien schon seit 1946 eben die Kom- Berliner Scharmützelsee - einen gemeinsa- wollte. In diesem Kalkül kam nun die einst- Erfolge und Mißerfolge, Vorzüge und Nach-
munisten - ein Gedanke, den die Welt zur men Kegelabend veranstaltete und einander mals so verhaßte SPD mit ihrer Ostpolitik teile muß innerhalb jedes Systems möglich
besseren Verständlichkeit ins Lateinische „schreckliche Männerwitze" erzählte, wie ausgesprochen recht - was die SED zu ei- sein. Wirklicher Wettbewerb setzt sogarvor-
übersetzte und damit schon beantwortete: Strasser sich schaudernd erinnert. Immer- ner Rechnung im Dreisatz bewog, die we- aus, daß diese Diskussion gefördert wird."
Cui bono? Dem Kommunismus natürlich hin kam man langsam ins Gespräch mitein- gen diverser Fehleinschätzungen aller Be- Was da stand, war nichts Geringeres als eine
nützte es. Zwei Jahre später war der Wett- ander, auch über den Austausch der alten teiligter zu einem ganz unerwarteten Er- Magna Charta der Meinungsfreiheit in der
bewerb allerdings völlig anders ausgegan- Parolen hinaus, bis eines Tages - das war gebnis führte. Und so ging der Dreisatz: 1. DDR - und abgedruckt war sie im Neuen
gen, als es die kommunistischen Regel-Be- nach der Schwarzwälder Rede des Rolf Die großen Politiker der SPD - von Willy Deutschland.
stimmer und ihre westdeutschen Interpreten Reißig - Erhard Eppler den Vorschlag Brandt über Helmut Schmidt bis Egon Bahr Zwei Fragen vor allem werden die Historiker
gedacht hatten. machte, „das doch mal aufzuschreiben". Es - hielten es fast bis zum Ende für lebens- noch aufzuklären haben, wenn sie einmal
setzten sich also zusammen der Ostberliner gefährlich, die DDR zu „destabilisieren" ihre Bücher schreiben über das Papier: Wie
III. Professor Rolf Reißig und der Gummersba- (was soweit ging, daß Leute wie Johano konnte der SED so etwas überhaupt unter-
cher Politologe Thomas Meyer, der „als jun- Strasser oder Günther Grass Willy Brandt laufen? Und was ist danach passiert? Wer
Es mag also vielleicht nützlich sein, heute, ger Mann von uns gekommen ist" (Reißig) richtig ins Gewissen reden mußten, er solle heute mit ein paar Beteiligten spricht, be-
i m gewaltigen Abstand von beinahe fünf und schon deshalb „ein Kritiker der DDR", nicht nur mit den Regierenden, sondern kommt naturgemäß nur vorläufige Antwor-
Jahren, mit einigen der damals Beteiligten aber ein „demokratischer Sozialist" gewe- auch mit den Dissidenten reden). 2. Die ten, aber ganz schlüssige: Eine davon ist,
noch einmal zu reden über den Lauf der Ge- sen sei. Nach acht Sitzungen und vier Ent- SED faßte deshalb Zutrauen zur SPD, bis daß man sich die DDR in ihren letzten Jah-
schichte, und wie boshaft sie manchmal sein würfen waren die Unterhändler fertig, dann hin zur Verfertigung eines gemeinsamen ren ziemlich chaotisch vorstellen muß, kei-
kann. Wir dürfen jedenfalls wohl davon aus- dauerte es nur noch ein paar Wochen, bis Papiers. 3. Das so entstandene Papier hat neswegs so durchorganisiert, wie wir das
gehen, daß sich der Leipziger Philosophie- man mit dem Ergebnis an die Öffentlichkeit da nn stark beigetragen zur Destabilisierung hier immer dachten. Als damals in Freuden-
Professor Seidel nichts wirklich Weltumstür- ging. de r DDR. stadt der Professor Reißig sein Referat hielt,
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dessen Außergewöhnlichkeit Erhard Eppler Wirklich eine Lawine ausgelöst hat das Pa- geworden vor Wut" meldete Hermann Axen lich gar nicht, sich pausenlos auf die Schul-
sofort auffiel - da „hatte ich das vorher nie- pier aber in der kommunistischen Partei, de- dem Otto Reinhold, als im Frühjahr 1989 Rolf ter zu klopfen, denn unübersehbar war ja,
mand gezeigt" (Reißig), und daß er es nicht ren Basis schließlich nicht blind war und die Reißig ein reformerisches Referat im Aspen- daß die etablierten Groß-Sozialdemokraten
getan hat, wurde ihm auch von niemand vor- nun alle Hoffnung setzte auf den offiziell aus- I nstitut gehalten hatte, von dem der Tages- bis kurz vor Schluß nicht aus ihrer Haut her-
gehalten. Und so ging es weiter die ganze gerufenen inneren Dialog. In der SED, erin- spiegel schrieb, das sei nun der Tenor der aus konnten, weshalb zum Beispiel Hans-
Zeit: Als Reißig mit Meyer über dem Papier nert sich Reißig, gab es noch einmal Dis- SED-Politik. Dabei hatte die SED schon gar Jochen Vogel noch Mitte September 1989
brütete, gingen die Entwürfe an die zustän- kussionen, wie es sie seit 1968 nicht mehr keine Politik mehr. davor warnte, die Gründung einer SPD in
dige Abteilung beim ZK, die dachte, das gegeben hatte. Jedes Mitglied der Verhand- der DDR „in diesem Augenblick" zu unter-
werde dann schon seine Ordnung haben. l ungsdelegation habe „acht bis zehn Einla- VII. stützen (man durfte um Gottes willen nichts
Erich Honecker bekam dafür hin und wieder dungen pro Tag bekommen": von den Un- machen, was möglicherweise hätte desta-
schriftliche Vermerke von Otto Reinhold, aus terorganisationen der Partei, von Lehrern, Längst war da die Luft zwischen SPD und bilisieren können). Andererseits war ohnehin
denen hervorging, „wie klasse unsere Argu- Künstlern, Universitäten, von der Armee. SED wieder eisenhaltig geworden, weil sich nichts mehr stabil; und da mochte es schon
mente ankommen" (Reißig). Als das Doku- Plötzlich war da so etwas wie die Hoffnung zeigte, daß die kommunistische Pateispitze sein, daß die letzten Jahre der Diskussion
ment dann fertig war, wurde es von auf eine DDR-eigene Perestroika, ein letzter - „panikartig", wie Manfred Uschner das zivilisierte Zusammenbrechen sehr er-
Honecker im Urlaub abgesegnet, was dazu Versuch, „die Lethargie noch einmal zu über- schreibt, ein ehemals hoher SED-Funktionär leichtert hatten. Daß „die chinesische Lö-
führte, daß im Politbüro darüber nicht mehr winden, so wie ich das schon gar nicht mehr - mit aller Macht den Geist wieder in die Fla- sung in der SED nicht mehr ernsthaft erwo-
diskutiert wurde, außer kurz vom Genossen erwartet hatte" (Reißig). Als das Imperium sche zurückstopfen wollte, den ihre Akade- gen werden konnte", meint Johano Stras-
Neumann, der den oberhirtlichen Segen endlich mitbekam, was da ablief, und miker herausgelassen hatten: Erst durfte das ser, habe eben auch mit den Debatten in der
nicht mitbekommen hatte. Die paar Vorbe- zurückzuschlagen versuchte, waren ihm Papier nicht, wie geplant im Dietz-Verlag als Partei zu tun gehabt. Und damit, daß die
halte - aus der Parteihochschule, auch der schon die Truppen davongelaufen. Buch erscheinen, dann wurde die Umwelt- Gespräche zuvor den SED-Reformern er-
Akademie - wurden hinter vorgehaltener Die Intelligenteren unter den Betonköpfen bibliothek der Zionskirche nach all dem Dis- laubt hätten, „für sich eine Zukunft zu se-
Hand artikuliert. hatten an sich sehr schnell gespürt, worauf kussionsmaterial durchfilzt, das zu fördern hen".
man sich da eingelassen hatte: Margot man sich doch verpflichtet hatte, dann Die Zukunft ist inzwischen Gegenwart und
VI. Honecker bremste heftig, der Chefideologe mußte Otto Reinhold die von der SPD arti- bekanntlich nicht so furchtbar fröhlich.
Kurt Hager schrieb schon im Oktober 1987 kulierte Enttäuschung „über den Umgang Könnte das auch mit der Tatsache zusam-
Jetzt begann nämlich erst einmal das Papier i m Neuen Deutschland einen distanzierten der SED mit dem Papier" in einem ND-In- menhängen, daß sich nun niemand mehr
eine gewaltige Eigendynamik zu entwickeln Artikel zum Papier. Anfang 1988 - Reißig terview zurückweisen. Als im September erinnern will im vereinigten Deutschland an
- bei seinen östlichen Lesern wie bei den hatte gerade der Berliner Zeitung ein aufse- 1989 eine SPD-Delegation, die mit der SED- die Irrtümer, Hoffnungen und Anstrengun-
östlichen Fernsehzuschauern, die zu ihrer henerregendes Interview gegeben -wurden Führung, aber eben auch mit oppositionel genjenergrauen Vorzeit, die gerade ein paar
großen Verblüffung erleben durften, wie die Reinhold und Reißig einbestellt von Hager, len Gruppen zusammentreffen wollte, von Jahre vorbei ist? Die Damen und Herren
Sozialdemokraten Eppler und Meyer auf ei- „wobei er mich eineinhalb Stunden lang fer- einem Tag auf den anderen ausgeladen zum Beispiel, die damals als Mitglieder
ner SED-eigenen Mattscheibe Kommuni- tiggemacht hat" (Reißig). Nicht fertig genug, wurde wegen „Einmischung und Konfronta- zweier Kommissionen ein wenig Geschichte
sten in Verlegenheit bringen durften. Nicht wie sich zeigte, weil die Reformer weiter- tion", da hieß es in westdeutschen Kom- gemacht haben, haben offenbar inzwischen
so sehr bei den Dissidenten entstand übri- machten: in Diskussionen, Referaten, Inter- mentaren, die SPD-Politik sei gescheitert. nichts mehr miteinander zu reden. Den Otto
gens diese große Wirkung: Da gab es Kriti- views. Wie tief sich der Bazillus schon ein- Gescheitert war aber ein paar Wochen spä- Reinhold habe er kürzlich Unter den Linden
kerwie Ludwig Melhorn, die fanden, die SPD gefressen hatte in die eigene Partei, merkte ter die SED, die mit ihren eigenen Verspre- getroffen, sagt Erich Hahn, aber was der
habe sich zu sehr mit den Funktionären ein- ganz schnell die Stasi (die natürlich dabei chungen nicht zurechtgekommen war, weil jetzt mache, wisse er eigentlich nicht; sel-
gelassen und zu wenig mit der Opposition war, als am 11. April 1988 in der Samariter- sie eben in Wahrheit schon lange nicht mehr ber ist Erich Hahn natürlich Frührentner, in
(was für manche Altvorderen der Partei gemeinde mit Jürgen Schmude über das die Spielregeln bestimmen konnte. Es war welcher Eigenschaft er kürzlich einen Brief
stimmte, aber nicht für viele Jüngere und Papier geredet wurde) und die als Fazit des wirklich ein riskanter Dialog gewesen, auf an Erhard Eppler geschrieben hat. Rolf
nicht für einige Mitglieder der Grundsatz- Abends nach oben meldete, in der SPD- den sie sich da eingelassen hatte. Zu riskant Reißig immerhin ist, nach Auflösung der
kommission, die in Dissidentenkreisen aus- Spitze herrsche „Staunen darüber, daß sich für die SED. Akademie für Gesellschaftswissenschaften,
und eingingen). Demgegenüber stand die die Regierung der DDR und die SED-Spitze i nzwischen Leiter eines zunehmend erfolg-
große Mehrheit der Opposition, die das Pa- auf ein solches Papier eingelassen" haben. VIII. reichen Instituts für Sozialforschung, mit
dem er den Transformationsprozeß zwi-
pier, wie sich nicht nur Ulrike Poppe erinnert, Anschließend merkte es dann auch die
sehr positiv aufnahm, es auch sofort unter westdeutsche Presse, so daß verblüffen- Es war dann ja alles schnell zu Ende - und schen der alten und der neuen Zeit „wis-
die Leute brachte, „wenn wir auch zuneh- derweise im Dezember 1987 die Welt mel- natürlich wird man lange darüber diskutie- senschaftlich begleiten" will. In seinem In-
mend dachten, daß wir eigentlich diese Le- dete, die SED sei „unter Druck durch SPD- ren können, warum der Einsturz der DDR stitut arbeitet man gerade an einer Studie
gitimationsgrundlage doch gar nicht brau- Papier". Und endlich merkte es sogar Erich so glimpflich abging und was die SPD da- über Geschichte und Konsequenzen des
Honecker: Der Generalsekretär sei „verrückt mit zu tun hat. Soviel Grund hat die natür- SPD/SED-Papiers.
chen" (Poppe).
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BIOGRAPHISCHE HINWEISE

Prof. Dr. Lothar Bisky Prof. Dr. Rolf Reißig


Medienwissenschaftler. 1967-1980 Zentralin- Sozialwissenschaftler. 1964 bis 1978 tätig an
stitut für Jugendforschung Leipzig. 1980-1986 der Universität Leipzig. Danach bis 1989 Aka-
Akademie für Gesellschaftswissenschaften. demie für Gesellschaftswissenschaften, maß-
Ab 1986 Ordentlicher Professor und Rektor an geblicher Mitautor des SED/SPD-Papiers.
der Hochschule für Film- und Fernsehwesen Anfang 1990 Gründung des unabhängigen
Babelsberg (Arbeitsverhältnis ruht). Mitglied und gemeinnützigen „BISS e.V. Brandenburg-
und Fraktionsvorsitzender der PDS im Bran- Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche
denburgischen Landtag (seit 1990). Bundes- Studien". Autor mehrerer Bücher zum Um-
vorsitzender der PDS (seit Januar 1993). Ver- bruch in der DDR und zu den Transforrna-
fasser mehrerer Bücher zur Massenkommuni- tionsprozessen in Ostdeutschland.
kationsforschung.
Rolf Schneider
Dr. Erhard Eppler Schriftsteller. Aus dem Schriftstellerverband der
1961-1976 Mitglied des Bundestages. DDR 1979 ausgeschlossen. Danach als DDR-
1968-1974 Bundesminister für wirtschaftli- Bürger in der Bundesrepublik lebend. Heute
che Zusammenarbeit. 1973-1981 Landes- wohnhaft in Schöneiche bei Berlin. Er verfaßte
vorsitzender der SPD in Baden-Württem- einen „Spiegel"-Essay, in dem er das „Streit-
berg. Langjähriges Mitglied von Vorstand und Papier" als Magna Charta einer möglichen Pe-
Präsidium der SPD. 1981-1983 und 1989- restroika in der DDR bezeichnete.
1991 Präsident des Deutschen Evangeli-
Dr. Manfred Uschner
schen Kirchentags. Als Vorsitzender der
Politologe und Publizist. 1984-1989 als leiten-
Grundwertekommission maßgeblich am Zu-
der Mitarbeiter des ZK der SED Mitglied der
standekommen des Papiers „Der Streit der
I deologien und die gemeinsame Sicherheit" Gemeinsamen Abrüstungspolitischen Ar-
beitsgruppe SED/SPD. Geschäftsführer des
mit der Akademie für Gesellschaftswissen-
Kautsky-Bernstein-Kreises e.V
schaften beim ZK der SED beteiligt. Autor
mehrerer Bücher. Prof. Gert Weisskirchen
Mitglied des Bundestages seit 1976(SPD). Fach-
Steffen Reiche
hochschulprofessor. 1990/91 Gastdozent an
Theologe. Tischler. Gründungsmitglied der
der Berliner Humboldt-Universität. Mitglied der
SDP am 7. Oktober 1989 in Schwante. Vor-
Enquetekommission des Deutschen Bundesta-
standsmitglied. Seit Mai 1990 Landesvor-
ges zur „Aufarbeitung von Geschichte und Fol-
sitzender der SPD in Brandenburg. Mitglied
gen der SED-Diktatur in Deutschland". Unterhielt
des Landtages und des Fraktionsvorstan-
enge Arbeitskontakte zu kirchlichen Oppositi-
des der SPD. Seit Oktober 1994 Minister für
onsgruppen in der DDR. Trat im Herbst 1989 für
Wissenschaft, Forschung und Kultur in
die Ablösung der Devise "Wandel durch Annähe-
Brandenburg. Nahm in den Wendetagen
rung" durch „Wandel durch Auflehnung" ein.
aus dem SPD-Parteivorstand in Bonn einen
großen Stapel des „Streit-Papiers" mit in die Peter Merseburger
Noch-DDR. Fernsehjournalist. Publizist und Buchautor.
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