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Abhandlung zur Richtigstellung der Sitzmeditation: eine Einführung in das Gongfu des Wusuowei Chan

von Leuchtende Birke (pamokkhala@gmail.com)

Version 1.0: 23.12.2021

Alle Rechte vorbehalten, ©2021 Sitzkissen

Schlüsselbegriffe: Chan; Zen; Meditation; zazen; Buddhismus

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Bildquelle Titelseite: Hakuin Self-Portrait in: The Bunkamura Museum of Art (2013): Hakuin: the Hidden
Messages of Zen Art, Tokyo
Hinführung zur Sitzmeditation
Gute Freunde, Chan-Übende,

hier ist die Leuchtende Birke mit einer Richtigstellung zur


Sitzmeditation. Diese Abhandlung ist eine Einführung in das Gongfu
des Wusuowei Chan. Was ist Wusuowei Chan 無所謂禅? Nichts anderes als
die Versenkung der Leuchtenden Birke vor der Tempelhalle. Was ist
Gongfu 工夫? Chan-Lehrer Wuzhuo Daozhong 無 著 道 忠 sagt hierzu:
„Ursprünglich bedeutet ‚gongfu‘ Handwerker, hier bedeutet es, stetig
seine Geisteskraft zu bemühen und jene Sache zu kontemplieren“ 工夫本
言 匠 者今 累 勞心 力思 惟 那 事 . Die Sitzmeditation 坐 禪 (zuochan) ist ein
Übungsgebiet hiervon.

Chan-Lehrer Neng 能 lehrt: „Ein-Praxis-Meditation bedeutet,


dass man zu allen Zeiten – gehend, stehend, sitzend und liegend –

immer mit einem ausgerichteten Geist praktiziert“ 一行三昧者於一切時中行


住坐臥常行直心是. Daher heißt es auch: „In Meditation gibt es kein
Austreten und Eintreten“ 定無出入. Hat man einen ausgerichteten Geist,
dann tritt man nicht in die Meditation hinein und wieder hinaus,
sondern bleibt in Meditation. Egal ob man geht, steht, sitzt oder
liegt. Aber was ist Zuochan? Bei Chan-Lehrer Neng 能 heißt es:

Was heißt ‚Sitzmeditation‘ in unserer Schule? In unserer


Schule ist ‚Sitzen‘, vollständig ungehindert zu sein und
äußerlich in Bezug auf alle Wahrnehmungsobjekte, keine
Gedanken entstehen zu lassen. ‚Chan‘ ist das Sehen der
ursprünglichen Natur, ohne beunruhigt zu sein.

此法門中何名坐禪此法門中一切無礙外於一切境界上念不起為坐見本性不亂為禪.

Sitzen ist also nicht einfach eine Körperhaltung, sondern eine


Geisteshaltung unabhängig davon, wie der Körper im Raum ist. Chan ist
Erwachtsein. Und wie man an der langen Ahnenlinie indischer und
chinesischer Patriarchen sieht, drückt sich Erwachen in
unterschiedlicher Weise aus. Manche Weisen treffen es ganz genau,
andere sind gute geschickte Mittel und wiederum andere konnten Chan
gar nicht ausdrücken, was dann der häretische Chan 邪禪 ist.

Hörst du also, dass das körperliche Sitzen Chan ist, dann gehst
du! Höre auf Chan-Lehrer Rang 譲:

Falls du lernst, wie man in Meditation sitzt:


Meditation ist nicht Sitzen oder Liegen.
Falls du lernst, wie man wie ein Buddha sitzt:
Buddha ist keine feste Form.
Falls du sitzt, wie ein Buddha:
Ist dies das Töten Buddhas.
Falls du an einer Meditationshaltung hängst:
Wirst du die Wahrheit nicht erlangen.

若學坐禪禪非坐臥若學坐佛佛非定相汝若坐佛即是殺佛若執坐相非達其理.

Mache dir daher klar, „Bewusstsein hat keine Form, Buddha hat
keine Form“ 識無形佛無形.

Vor dem Sitzen kommt die Pflicht


Wie der alte Meister 老子 sagt, auch eine Reise von 1000 Meilen
beginnt mit dem ersten Schritt 千里之行始於足下. Und obwohl der
buddhistische Weg nur acht Schritte hat, wollen viele direkt beim
siebten Schritt beginnen. Dies ist nicht der Weg.

„Meditation und Wahrheitssuche beginnen mit den Tugendregeln“ 參


禪問道戒律為先. Diese Anweisung von Chan-Lehrer Changlu Zongze 長蘆宗賾
ist der Weg. Chan-Lehrer Wanshan Zhengning 皖山正凝 hat uns gewarnt,
dass eine Praxis ohne Tugendfundament ist, wie das Errichten eines
Luftschlosses 若无戒行如空中架楼阁. Ähnlich Chan-Lehrer Hui 會:

Jeder muss die Entsagungsregeln einhalten. Falls die


Entsagungsregeln nicht eingehalten werden, dann kann
letztendlich nicht ein heilsames Ding entstehen. Falls du das
höchste Erwachen anstrebst, musst du zuerst die
Entsagungsregeln einhalten, nur dann kannst du den Eintritt
ins Erwachen erlangen. Mittels bedingter Tugend und bedingter
Weisheit enthüllt sich die unbedingte Weisheit.

各須護持齋戒若不持齋戒一切善法終不能生若求無上菩提要先護持齋戒乃可得入要藉
有作戒有作慧顯無作慧.

Vor dem Nicht-tun kommt das Tun, vor dem Sitzen kommt die Pflicht.

Fünf Dinge ins Lot bringen


Gongfu ist eingebettet in die Übung, die die fünf Dinge ins Lot
bringt, 調五事. Was sind die fünf Dinge?

1. Essen 飲 – „Gute Medizin ist nicht so gut, wie gute Ernährung“ 藥

補不如食補,
2. Schlaf 睡眠 – bei Chan-Lehrer Xueyan Zuqin 雪巖祖欽 heißt es: „du

musst eine gute Nachtruhe haben, nur dann hast du Energie“ 須是


到中夜熟睡一覺方有精神,
3. Körper 身,
4. Atem 呼吸 und
5. Herzgeist 心.

Die ersten beiden Übungsgebiete werden hier nicht behandelt. In


dieser Abhandlung wird nur die Sitzmeditation als Sitzmeditation
erläutert und die berührt die Gebiete Körper, Atem und Geist. Diese
drei umfassen jedoch auch Übungen, die über die Sitzmeditation
hinausgehen – wie Qigong 氣功 – und hier ebenfalls nicht behandelt
werden.
Den Körper ausrichten 調身

In der Sitzmeditation gilt es nach Chan-Lehrer Ren 仁, „mit dem


Körper aufrecht zu sitzen und Augen und Mund zu schließen“ 端坐正身閉
目合口. Nimm eine Körperhaltung ein, die du für die Dauer deiner
Meditation halten kannst. Sei nicht verkrampft, sonst verkrampft auch
dein Geist. Nimm dir Zeit, um eine für dich bequeme Körperhaltung zu
finden. Allgemein gilt:

1. Halte den Kopf aufrecht und er sollte von sich


aus locker auf der Wirbelsäule balancieren.

2. Halte deine Wirbelsäule aufrecht. Nutze hierfür


nicht deine Rückenmuskulatur, sondern
hauptsächlich die Statik deines Körpers.

3. Lege die Hände locker ab, so wie es für dich


bequem ist. Mehr gibt es hierzu, nicht zu sagen.

4. Lehne dich - so weit möglich - nicht an. Egal,


ob du auf dem Fußboden sitzt oder auf einem
Stuhl.

5. Halte stabilen Bodenkontakt. Hierzu kannst du


Kissen als Unterstützung für dein Becken und
deine Knie verwenden. Beim Sitzen auf einem
Stuhl kann auch ein Kissen zum Abstellen der
Füße helfen.

Probiere aus, was für dich passend ist.

Wie mit Schmerzen umgehen? Beginne damit, dir bewusst zu machen,


dass du Schmerzen hast, weil du einen Körper hast. Kein Körper, keine
Schmerzen. Kein Geist, kein Leiden 無身無痛無心無苦. Versuche zu
unterscheiden zwischen Meditationsschmerzen, die während des Sitzens
auftreten und danach ohne Folgeerkrankungen abklingen, und Schmerzen,
die dem Körper schaden. Versuche durch die Meditationsschmerzen
durchzusitzen so gut du kannst. Sei vorsichtig und nachsichtig mit
dir und deinem Körper.

Den Atem regulieren 調呼吸


Zuochan ist kein Atemtraining. Es gilt, natürlich zu atmen,
ohne einzugreifen. Richtig atmen, ohne darüber nachzudenken, ist aber
gar nicht so selbstverständlich. Um während der Chan-Übungen natürlich
atmen zu können, mag es notwendig sein außerhalb von Chan, ein
Atemtraining durchzuführen. Außerhalb von Chan wird der Atem reguliert
durch ein aktives Tun, um dann während der Sitzmeditation den Atem
durch nicht Eingreifen zu regulieren. Allgemein gilt: ein natürlicher
Atem ist die Vollatmung.

Den Herzgeist ausrichten 調心


Körper und Atem sind ins Lot gebracht. Aber warum sitzen wir
überhaupt? Wie Chan-Lehrer Xuyun 虛雲 sagt: „Das Ziel der Chan-Übung
ist es, mit klarem Geist die Natur zu sehen und die Verschmutzungen
des eigenen Herzgeistes loszuwerden“ 參禪的目的在明心見性就是要去掉自心的污
染.

Chan-Lehrer Xin 信 ermahnt uns: „strenge dich beim Sitzen an


und sei fleißig, denn Sitzen ist grundlegend“ 努力勤坐坐為根本. Beginnst
du mit der Chan-Übung, gilt es, dabeizubleiben. Brichst du ab oder
übst weder oft noch regelmäßig, dann bleibt die Übung tatsächlich für
nichts gut. Daher vergleicht Chan-Lehrer Mengshan Yi 蒙山異 unser
Gongfu auch mit dem Kochen von Reis: das Feuer muss kontinuierlich
brennen 悟得工夫須是一氣做成不可斷續. Die Sitzmeditation dient der
Vertiefung der Gongfu-Übung.
Nach Chan-Lehrer Neng 能 sind Meditation und Weisheit, wie eine
Lampe und ihr Licht:

„Was ist Meditation und Weisheit ähnlich? Sie sind wie Lampe
und Licht. Gibt es eine Lampe, dann gibt es auch Licht. Keine
Lampe, kein Licht. Die Lampe ist der Körper des Lichts. Das
Licht ist die Funktion des Körpers. Es gibt zwei Namen, nicht
aber zwei Körper. Meditation ist der Körper der Weisheit und
Weisheit ist die Funktion der Meditation.“

定慧猶如何等如燈光有燈即有光無燈即無光燈是光之體光是燈之用名即有二體無兩般
即定是慧體即慧是定用.

Das Licht kann unsere Natur und die der Dinge nur ausleuchten,
wenn die Meditation stabil ist. Es geht nicht um irgendein Flackern,
sondern wie Xuyun sagt, um das Sehen der Natur mittels klaren Geistes.

Diese Abhandlung richtet sich an gesunde Menschen mit gesundem


Menschenverstand. Dies ist wichtig! Ich spreche dies hier an, weil es
jetzt konkret mit dem Ausrichten des Herzgeistes losgeht. Zuochan soll
in die Tiefe gehen und tiefe Meditation ist wie eine Operation am
offenen Geist. Da gibt es auch Gefahren. Der Chan-Lehrer Yishan Yining
一山一寧 sagt hierzu: „Auf dem Raum einer Sitzmatte, erhalten Menschen
ihren Anteil“ 一坐具地人人有分. Wie dies aussieht, kann nicht
vorhergesehen werden und ist für jeden anders. Im häretischen Chan
ist die Furcht vor diesen Gefahren manchmal so groß, dass sie sich
gleich jeglicher Tiefe verwehren. Ich vergleiche dies ungerne mit
einem Schwimmverein, der aus Angst vor dem Ertrinken ausschließlich
in der Badewanne trainiert. Wenn du sitzt, dann erlaube dir auch, in
die Tiefe zu gehen. Erlauben ist die richtige Anweisung, nicht
anstreben. Dein Gongfu übst du am besten so ein, als ob du mit den
Füßen nach den Steinen tastend, den Fluss überquerst 摸著石頭過河.

Jetzt sitzt du endlich auf dem Kissen. Im Herz-Sutra heißt es:

Körper ist Leere


Leere ist Körper
Gleiches gilt für
Gefühl, Wahrnehmung, Geistesfaktoren und Bewusstsein.

色即是空空即是色受想行識亦復如是.

Dies gilt es nicht nur zu rezitieren, sondern es ist unsere


Meditationsanweisung. Wenn du sitzt, erheben sich ohne deinen Einfluss
die zehntausend Dinge. Alle entstandenen Dinge lassen sich Einteilen
in Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesfaktoren und Bewusstsein. Sei
dir dieser Dinge klar bewusst und wisse: dies ist Körper, dies ist
Gefühl usw.: „Sei in der Lage die Erscheinungen, durch die Chan-
Meditation zu untersuchen und zu betrachten“ 但能禪坐相究看.

Chan-Lehrer Xin 信 weist uns an, mit dem Körper zu beginnen:


„Beginne deine Kultivierung durch das Untersuchen und Betrachten des
Körpers mit dem Körper als Grundlage“ 先修身審觀以身為本. Der Körper ist
anfänglich, einfacher wahrzunehmen und zu erkennen als der Geist
selbst. Nutze den Beginn deiner Übung, um dich mit deinem Körper in
der Sitzhaltung vertraut zu machen – sitze ich stabil, bin ich
verkrampft, treten nach 10 Minuten immer wieder an gleicher Stelle
dieselben Schmerzen auf usw. – dies ist das Ausrichten des Körpers 調
身 während des Sitzens. Der Körper kann im Verlauf des Sitzens, wenn
der Geist mal wieder affig ist, auch immer wieder als Anker genommen
werden: „Schief und schräg, es ist schwierig den Buddhageist zu
beruhigen“ 曲曲難安佛祖心.

Umgang mit den zehntausend Dingen


Die zehntausend Dinge, die ohne Ende in dein Bewusstsein treten,
sind entweder süß oder bitter – häufig aber auch nur langweilig neutral.
Lass dich von ihnen nicht verwirren und bleibe nicht an ihnen kleben.
Chan-Lehrer Yongming Shou 永明壽 lehrt: „Gegenüber allen Objekten des
Begehrens und der Leidenschaften in der Welt, habe einen Herzgeist
wie Holz und Stein“ 對世間一切愛欲境界心如木石相似. Was bedeutet dies? Holz
und Stein haben keinen Geschmack an den Dingen. Hat man keinen
Geschmack, folgt man den Dingen nicht nach und ist weder draußen noch
drinnen noch irgendwo in der Mitte. Es ist Ausdruck von Gleichmut
gegenüber allen zehntausend Dingen. Chan-Lehrer Dahui Zonggao 大慧宗杲
erweitert diesen Ratschlag:

Die Wahrnehmungsobjekte, die dir entgegenstehen, sind leicht


zu schlagen. Die Wahrnehmungsobjekte, die dir entgegenkommen,
sind schwierig zu schlagen. Was meinem Willen entgegensteht,
bedarf nur eines Wortes ‚Geduld‘ – beruhige ein wenig deinen
Geist, dann geht es vorüber. Was die Wahrnehmungsobjekte
betrifft, die dir entgegenkommen, da gibt es wahrlich keinen
Ort, an dem du ihnen entkommen kannst. Wie Magnet und Eisen.
Falls du während dieser Wahrnehmungsobjekte ohne Weisheit
bist, wirst du von ihnen, ohne dass du es dir bewusst bist
und weißt, in ein Netzt gezogen.

逆境界易打順境界難打逆我意者只消一箇忍字定省少時便過了順境界直是無儞回避處
如磁石與鐵當此境界若無智慧不覺不知被他引入羅網.

Lass die Dinge kommen und wieder gehen, ohne zuzugreifen. Wisse
aber, was es ist. „Verweilt der Geist nicht bei den Dingen, dann
fließt das Dao; verweilt er, dann wird es gebunden“ 心不住法道即通流住即
被縛 und „siehe wie dieses Bewusstsein fließt, genau wie fließendes
Wasser“ 見此心識流動猶如水流. Sei wie Wasser.

Umgang mit Gedanken


Eine weitere Krankheit, neben dem Kleben an Dingen, die einem
während der Sitzmeditation befällt, ist die Unruhe des Geistes durch
Gedanken. Chan-Lehrer Wan’an Yingzhong 萬安英種 sagt dies ganz deutlich:
„Das Aufsteigen von Gedanken ist eine Krankheit“ 念起病也. Lass dir,
wenn es um Zuochan geht, nichts anderes einreden. Die Chan-Lehrer
Zhuotong Shouji 晫同守佶 und Dahui Zonggao beschreiben uns ein Sitzen
ohne Gedanken: „Der Ort an dem Zweifel und Gedanken aufhören, ist der
Platz der Buddhas“ 疑念息處是佛場 und „Nachdem ich bereits eine Zeit
lang saß, gibt es überhaupt keine Gedanken, dies nenne ich Reich der
Buddhas“ 坐既久都無所思自謂佛境界. Bis dahin ist es allerdings ein weiter
Weg.

Fürchte es, wenn unzählige ablenkende Gedanken


herumschwirren. Kämpfe nicht mit ihnen, je mehr du kämpfst
desto unruhiger wirst du. Es gibt viele Leute, die in dieser
Situation nicht wissen, ob sie vorrücken oder sich
zurückziehen sollen – unfähig diese Schwierigkeiten zu
verhindern. Sie gewöhnen sich an sie und werden auf den Kopf
gestellt – verderben ihr ganzes Leben. Du musst dich dem Ort,
wo sie herumschwirren, nähern und sie ganz sanft ablegen -
kontempliere es. Wechsel die Körperhaltung, stehe auf und
gehe eine Runde. Gehe wieder auf die Meditationsplattform,
öffne beide Augen, tue beide Hände zusammen, strecke dein
Rückgrat und stütze dich auf deine frühere Anstrengung.
Gleich danach fühlst du dich erfrischt, gleich wie das
Eingießen einer Kelle kalten Wassers in einen Topf mit heißem
Wasser. Allein, wenn du auf diese Weise Gongfu übst, dann
gibt es nach Tagen oder vielen Monaten die Zeit, wenn du zu
Hause ankommst.

恐雜念紛飛起時千萬不可與他廝鬪轉鬪轉急多有人在這裏不識進退解免不下成風成顛
壞了一生須向紛飛起處輕輕放下打一箇轉身下地行一遭又上床開兩眼揑雙拳竪起脊梁
依前提起便覺清涼如一鍋湯攙下一杓冷水相似但如此做工夫日久月深自有到家時節.

Lass dich, wie Mengshan Yi hier sagt, nicht von den Gedanken
verrückt machen und dich auf den Kopf stellen. Und die Gewohnheit,
dass im Zuochan ständig Gedanken herumschwirren, ist bereits verrückt
und doch fühlt es sich gleichzeitig normal an. Sei aber auch nicht
entmutigt. Von Chan-Lehrer Boshan Wuyi 博山無異 heißt es: „Fürchte es
nicht, wenn dein Gongfu nicht vorwärtsgeht. Geht es nicht vorwärts,
musst du es machen, dass es vorwärts geht. Genau dies ist Gongfu“ 工
夫不怕做不上做不上要做上便是工夫.

Du kannst die Gedanken aber nicht per Willensentscheid stoppen,


sondern du sollst sie ganz sanft ablegen. Wie machst du das? Erstens,
nicht dagegen ankämpfen. Zweitens, nicht in die Gedanken eingreifen,
sondern nur kurz klarbewusst wahrnehmen und deine Wahrnehmung dann
zurück auf die Sitzhaltung legen oder auf ein weiteres Ding, was
gerade aufsteigt. Der Chan-Lehrer Lanxi Daolong 蘭溪道隆 spricht hier
davon, weder die Gedanken zu stoppen 非止念 noch nicht zu stoppen 非不
止念. Nach und nach werden die Gedanken weniger und kommen dann zum
Stillstand. Dieses sanfte Ablegen ist im letzten Moment eher so wie
ein unbewusstes Abfallen.

Solltest du auch nach Monaten immer noch von deinen Gedanken


überrannt werden, frage dich spätestens jetzt: lebe ich im Einklang
mit meiner Chan-Übung? Die Sitzmeditation ist eingebettet in Gongfu,
welches wiederum eingebettet ist in die Übung, die die fünf Dinge ins
Lot bringt und der dreifachen buddhistischen Schulung und dieses
letzten Endes in das Pflegen des Lebens 養生. Wenn du dein Leben nicht
pflegst, erwarte nicht, dass die 20 Minuten täglich auf dem Kissen,
die restlichen fast 24 Stunden aufwiegen. Angenommen du bist auch hier
auf dem rechten Weg, dann ändere etwas.

Wie Mengshan Yi vorschlägt: öffne die Augen. Für gewöhnlich


sind die Augen geschlossen, da offene Augen tiefe Meditation behindert.
Wenn du aber wegen der Gedanken gar nicht erst in der Lage bist, in
die Tiefe zu gehen, dann gilt es zuerst diese Krankheit anzugehen.
Lege in dieser Phase wieder etwas mehr Wert darauf, deine Wahrnehmung
auf den Körper, insbesondere die Sitzhaltung, zu legen. Da hier das
Wahrnehmungsobjekt stabil bleibt, wird dadurch eine Beruhigung des
Geistes begünstigt. Der Gedankenfluss ist oft Ausdruck von
Aufgeregtheit 掉擧. Das Gegenteil, das Dunkelversinken 昏沉 hier in der
Form von Langeweile, ist ebenso zu vermeiden. Letzteres wird häufig
als Meditationsfortschritt bewertet, weil es so schön ruhig und wohlig
daherkommt. Diesem Zustand fehlt aber jegliche Klarheit und ist eher
ein dumpfes Betäubtsein. Falls du dich während der Meditation
langweilst, neigt dein Geist ebenfalls dazu, abzuschweifen und sich
in Gedanken zu verlieren. Am besten folgt man hier der Chan-Lehrerin
Chaoyan 超衍 und ihrem Genuss der Sitzmeditation: „Falls jemand kommt
und fragt, was diese Nonne macht: sie sitzt für lange Zeit auf ihrer
Meditationsmatte und erfreut sich“ 來問頭陀何所事蒲團坐久自歡娛. Freude
beim Zuochan ist gut, lediglich ein falscher Umgang damit – sie
anzustreben oder daran zu kleben – führt weg vom Weg. Ein kruderes
Mittel ist das Atemzählen. Daher:

Gebrauche deinen Geist nicht so, dass er verspannt. Verspannt


werden sich Formen und Geist regen und du wirst krank. Zu
locker geht auch nicht. Zu locker und du vergisst dein
Huatou. Die Klugheit liegt im geschickten Nutzen des Geistes:
Im Sitzen ist es sehr leicht, Energie zu bekommen.

不要用心太緊緊則動色心生病不可太緩緩則忘卻話頭妙在善用其心於坐中最易得力.

Hier noch zwei Worte von Boshan und Dahui:

Falls du ein wahrer Chan-Übender bist, sind deine Augen wie


blind und deine Ohren wie taub. Just in dem Moment, wo
Gedanken in deinem Geist aufsteigen, ist es, als ob sie gegen
einen Silberberg oder eine Eisenwand prallen. Auf diese Weise
bist du erstmalig in Übereinstimmung mit Gongfu.

若真是個參禪漢眼如盲耳如聾心念纔起時如撞著銀山鐵壁相似如此則工夫始得相應
耳.

Wenn du sitzt, darfst du es nicht passieren lassen, im


Dunkeln zu versinken oder der Aufregung zu verfallen. Gegen
das Dunkelversinken und Aufgeregtheit haben die früheren
Heiligen gewarnt. Wenn dann, wenn du in Stille sitzt, du dir
bewusst wirst, wie diese zwei Krankheiten vor dir Erscheinen,
hebe nur das Huatou ‚Hund hat keine Buddhanatur‘ hoch.

坐時不得令昏沈亦不得掉舉昏沈掉舉先聖所訶靜坐時纔覺此兩種病現前但只舉狗子無
佛性話.

Nur dass wir unter Huatou schlicht Körper, Geist oder Leerheit
verstehen. Es bedeutet sich wieder ganz, der einen Sache zu widmen.

Ist der Geist frei vom Kleben an den Dingen und frei von
Gedanken, dann heißt er: Spiegel-Geist 鏡心. Wie ein Spiegel die Dinge
klar erkennt, ohne sie zu ergreifen oder wegzudrücken, so ist jetzt
auch der Geist. „Sammle unaufhörlich deine Achtsamkeit, nach langer
Zeit wird dein Herzgeist geeint und ungestört sein“ 專念不休久之則一心不
亂.

Leerheit sehen
Nachdem so der Geist gesammelt ist, gilt es jetzt, die Dinge
fallenzulassen 放 行 und sich die Kehrseite ‚Leere ist Form‘ als
Übungsanweisung zu nehmen. Nachdem du die Dinge betrachtet hast, weißt
du, dass sie drei allgemeine Merkmale haben: vergänglich, leidhaft
und leer.

Bodhidharma 菩提達摩 sagt hierzu: „Während du in Meditation sitzt:


die Leerheit sehen, ohne jedes Ding“ 坐禪見空無有物. Leerheit entsteht
nicht erst durch das Verlöschen von Form 非色滅空, sondern sie ist Form
selbst 色即是空. Ontologisch kann man beides zwar nicht voneinander
trennen, aber man kann sie getrennt wahrnehmen: es ist ein
Perspektivenwechsel. Die Leerheit sehen ist, weil ohne jedes Ding,
eine Einheitserfahrung. Hier gibt es nichts mehr zum Spiegeln, der
Geist hat nichts mehr zum Dranhängen 心無所寄. Bei Daoxin heißt es:
„Das Bewusstseinskontinuum wird plötzlich klar und still, man wird
nicht von äußeren Dingen beeinflusst, dann verlöscht es und ist ohne
Erscheinungen – gleichmütige Nondualität“ 心心相續忽然澄寂攀緣不起則泯然無
相平等不二. Dies wird Leerheits-Geist 空心 genannt. Der Geist sieht nur
sich selbst.

„Dies ist der rechte Moment, um Fortschritt zu machen und nach


und nach betrittst du die Etappen der Reise“ 正好進步漸入程節. Die erste
Etappe ist das Erkennen der Dinge, die zweite Etappe ist das Sehen
der Leerheit. Hier sind aber noch nicht einmal des Ochsens Hörner aus
dem Stall heraus. Chan-Lehrer Qingyuan Weixin 青原惟信 spricht davon,
wie er anfänglich Berge als Berge und Wasser als Wasser sah. Dann sah
er Berge nicht mehr als Berge und Wasser nicht mehr als Wasser.
Letztendlich sah er Berge nur als Berge und Wasser nur als Wasser 見
山是山見水是水見山不是山見水不是水見山只是山見水只是水.
Erkennst du die Dinge als Dinge, ist es wie das Sehen von Bergen
als Berge. Du siehst, wie der Berg beschaffen ist: groß, klein, steil
oder flach, mit Bäumen oder ohne. Siehst du die Berge nicht als Berge,
dann ist dies die Etappe, wo du die Leerheit siehst. Der Berg als Berg
ist hier nicht mehr vorhanden. Beides sind einseitige Betrachtungen.
Erst auf der dritten Etappe, wo Berge einfach nur Berge und Wasser
einfach nur Wasser ist, werden beide Teilbetrachtungen
zusammengebracht und man erhält ein klares Bild der zehntausend Dinge.
Den Berg nur als Berg sehen, bedeutet auch zu erkennen, dass hinter
dem Berg keine Himmelswelt auf einen wartet. Es ist nur ein Berg. Es
ist nur Dreck am Schuh. Kein mysteriöser Fingerzeig auf irgendetwas
dahinter. Allerdings bist du hier immer noch im Reich der Dinge und
damit im Reich des Leidens. Chan-Lehrer Yunqi Zhuhong 雲棲袾宏 warnt
uns deutlich: „Heutzutage gibt es eine Menge an Leuten, die den Weg
missverstehen als zu Hause ankommen sein. Verachtenswert!“ 今之以途路
爲到家者衆矣嗟夫.

Abfallen von Körper und Geist


Da Berge und Wasser, Körper und Geist Leiden sind, müssen sie
weg. Die frohe Botschaft ist, wenn Körper und Geist abfallen, dann
fallen die zehntausend Dinge gleich mit, weil „was du siehst, reicht
nicht über das Gebiet des Geistes hinaus“ 你所見不出心境. Dies kann man
aber nicht machen, sondern es muss geschehen. Dahui Zonggao spricht
hier vom Zerschlagen des Samsara-Geistes 生死心破. Sitze einfach weiter
wie bisher und:

Allmählich nimmt Tag für Tag deine Kraft, die die


Unwissenheit zerschmettern kann, zu. Hat diese Kraft
zugenommen, zerschlägt sich die Kugel des Zweifelns und der
Unwissenheit. Ist die Unwissenheit zerschlagen, dann siehst
du das wundervolle Erwachen. Das Wundervolle der Chan-Übung
liegt darin, vollkommen wach zu sein. Zu jener Zeit erhält
dein Gongfu Kraft. Im Sitzen wendest du noch mehr Samadhi-
Kraft auf. Sobald die Bewusstseinsstrasse abreißt, gibt es
das große Erwachen.
日增漸漸有破無明力量力量充廣疑團破,無明破無明破則見妙道夫參禪妙在惺惺如是
之時功夫得力於坐中更加定力心路一斷便有大悟.

Das Abreißen der Bewusstseinsstrasse 心路 ist der Nicht-Geist


無心. Chan-Lehrer Mazu Daoyi 馬祖道一 hat den Beginn der Kultivierung
des Geistes so wunderbar beschrieben als er sagte: „Der gewöhnliche
Geist ist der Weg“ 平常心是道. Dies führte dann über den Spiegel-Geist
鏡心 und Leerheits-Geist 空心 zum Nicht-Geist.


不 言
悟 大
不 悟
已 乃
也 已

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