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Mündliche Abiturprüfung Deutsch – Baden-Württemberg

Aufgabe 2: Lyrik (Gedichtvergleich)

Joseph von Eichendorff (1788 –1857): Im Abendrot


Wir sind durch Not und Freude
Gegangen Hand in Hand,
Vom Wandern ruhn wir beide
Nun überm stillen Land.
5 Rings sich die Täler neigen,
Es dunkelt schon die Luft,
Zwei Lerchen nur noch steigen
Nachträumend in den Duft.
Tritt her und laß sie schwirren,
10 Bald ist es Schlafenszeit,
Daß wir uns nicht verirren
In dieser Einsamkeit.
O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot
15 Wie sind wir wandermüde –
Ist das etwa der Tod?
Aus: Karl Otto Conrady (Hg.): Gedichte der deutschen Romantik,
München: Artemis & Winkler, 1994, S. 233

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Ludwig Tieck (1773 –1853): Wonne der Einsamkeit
O holde Einsamkeit,
O süßer Waldschatten,
Ihr grüne Wiesen, stille Matten,
Bei euch nur wohnt die Herzensfreudigkeit.
5 Ihr kleinen Vögelein
Sollt immer meine Gespielen sein,
Ziehende Schmetterlinge,
Sind meiner Freundschaft nicht zu geringe.
Unbefangen
10 Zieht ihr des Himmels blaue Luft,
Der Blumen Duft
In euch mit sehnendem Verlangen.
Ihr baut euch euer kleines Haus,
Haucht in den Zweigen Gesänge aus
15 Von Himmels-Ruhe rings umfangen.
Weit! weit!
Liegst du Welt hinab,
Ein fernes Grab.
O holde Einsamkeit!
20 O süße Herzensfreudigkeit!
Kommt ihr Beengten
Herzbedrängten,
Entfliehet, entreißt euch der Qual,
Es beut die gute Natur,
25 Der freundliche Himmel,
Den hohen gewölbten Saal.
Mit Wolken gedeckt, die grüne Flur:
Entflieht dem Getümmel!
O holde Einsamkeit!
30 O süße Freudigkeit!
Aus: Ludwig Tieck: Gedichte. 3. Teil.
Faksimile Nachdruck nach der Ausgabe von 1821–1823.
Heidelberg: Lambert Schneider 1967, S. 74 f.

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Aufgabenstellung
Interpretieren und vergleichen Sie die beiden Gedichte vor dem Hintergrund der
Epoche „Romantik“.

Tipps zur Themenerschließung


Die Arbeitsanweisung ist offen gestellt, um möglichen Interpretationsansätzen viel
Raum zu geben. Allerdings sind Themen und Motive der Epoche der Romantik laut
Aufgabenstellung für die jeweilige Interpretation unverzichtbar und müssen in die
Interpretation aufgenommen werden. Mit „interpretieren“ meint man eine Deutung
eines Gedichts hinsichtlich Inhalt und Form. Idealerweise werden diese beiden
Bereiche aufeinander bezogen. Gerade bei Lyrik ist die Form eine wesentliche
Voraussetzung der Deutung und sollte nicht losgelöst vom Inhalt betrachtet werden.
Eine Leitfrage bei der Interpretation könnte von daher lauten: Inwiefern unterstützt
die Form den Inhalt des Textes?
Zunächst sollte man sich jedoch klarmachen, dass in der begrenzten Zeit eine aus-
führliche Interpretation beider Gedichte nicht zu leisten ist. Als sinnvoll hat sich
erwiesen, bei einem Gedichtvergleich ein Gedicht ausführlicher zu behandeln und
das zweite vergleichend heranzuziehen. Es gilt, Gemeinsames darzulegen, aber auch
Unterschiede bezüglich Form und Inhalt zu erarbeiten.
In der Vorbereitungsphase sollte man die beiden Gedichte sorgfältig durcharbeiten
und Ideen und Beobachtungen gleich festhalten (als Anmerkungen zum Text, in
Form einer Tabelle, einer Mind Map, usw.). Je übersichtlicher die Notizen gestaltet
sind, desto leichter gelingt der Vortrag in der Prüfung.
Als Einstieg in die Interpretationen kann man sich die Situation des lyrischen Ichs
vergegenwärtigen. Eine Klärung des Ortes, der Zeit und der inneren Verfasstheit des
lyrischen Ichs helfen, sich dem Text zu nähern.

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Lösungsvorschlag

Vorbetrachtung
Eichendorffs Im Abendrot und Tiecks Wonne der Einsamkeit sind typische Gedichte
der Romantik. Zentrale Themen dieser Epoche werden aufgerufen, die zum Teil
gleichen Aspekte und Motive, jedoch in teilweise unterschiedlicher Ausrichtung.
Natur und Wanderschaft, zwei wichtige romantische Themen, die in den hier
besprochenen Gedichten gegenwärtig sind, haben symbolische Bedeutung. Ziel der
romantischen Dichter ist es nicht, Natur real darzustellen oder sie etwa bloß abzu-
bilden. Naturbilder sind in der Romantik Sinnbilder des menschlichen Lebens. Und
sie offenbaren dem lyrischen Ich Gottes Schöpfung und Wirken. Es sind also Bilder,
die es zu deuten gilt.
Das Thema Wanderschaft ist in der Romantik oft verbunden mit einem starken
Glücksgefühl. Warum? Auf der Wanderschaft kann sich das Ich – losgelöst von
Pflichten und Zwängen – frei entfalten und das Gefühl von Freiheit erleben. Das
Vertrauen in Gottes Güte gibt die Hoffnung, dass die Wanderschaft gelingt. Wan-
derschaft steht aber auch für den Versuch, sein Leben nach eigenen Maßstäben zu
verwirklichen und sich selbst zu finden.

Betrachtung der äußeren Form


Im Abendrot besteht aus vier Strophen mit je vier Zeilen. Das Reimschema ist in
jeder Strophe ein Kreuzreim. Bereits dieses (formale) Bild des Kreuzes lässt sich als
ein Verweis auf die religiöse Dimension deuten, von der noch später die Rede sein
wird. Das Metrum ist jambisch. Vor allem beim lauten Lesen wird deutlich, wie die-
ses Metrum den kompakten und abgerundeten Charakter des Gedichts unterstreicht.
Trotz der perfekten Komposition wirkt Im Abendrot überhaupt nicht konstruiert. Es
wird kein Wort verschwendet, das Gedicht ist sehr arm an Adjektiven. Es gibt prak-
tisch keine Wiederholungen.
Wonne der Einsamkeit besteht aus 6 Strophen. Abgesehen von den zwei vierzeiligen
Strophen zu Beginn lassen sich keine gleich gebauten Strophen erkennen. Lange
und kurze Strophen wechseln sich ab. Das Metrum variiert. Durch diese formalen
Merkmale macht das Gedicht eher einen provisorischen Eindruck, wirkt spontaner
und insgesamt weniger komponiert als Im Abendrot. Die Interjektion „O“ kommt
sechs Mal vor (und steht jeweils gedoppelt). Sie erscheint je zwei Mal in der ersten,
vierten und sechsten Strophe – ein Hinweis darauf, wie wichtig dem lyrischen Ich
das Gesagte zu sein scheint, und natürlich auch auf den pathetischen Charakter des
Gedichts.

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Die Situation des lyrischen Ichs
In Eichendorffs Gedicht ist das lyrische Ich nicht allein. Das Personalpronomen
„wir“ (V. 1, 11 und 15) verweist auf eine Wanderschaft zu zweit. Es sind nicht mehr
als zwei Personen anwesend, das „Tritt her“ in Vers 9 belegt das. Die Tatsache, dass
sie „Hand in Hand“ (V. 2) gegangen sind, legt die Vermutung nahe, es handelt sich
um in Paar. Zentrales Thema ist die Wanderschaft des lyrischen Ichs (V. 3). Es geht
jedoch nicht um Wandern im Sinne von körperlicher Bewegung, sondern um
Lebenswanderschaft – ein Motiv der romantischen Lyrik. Die beiden haben einen
langen Weg hinter sich, ruhen nun in exponierter Stellung „überm stillen Land“
(V. 4). Dieser Ort erlaubt einen Rückblick auf den zurückgelegten Weg. Sie schei-
nen am Ziel angelangt zu sein. Man ist an Eichendorffs Wem Gott will rechte Gunst
erweisen aus dem Roman Aus dem Leben eines Taugenichts erinnert. Dort ist alles
voller Aufbruchsstimmung. Hier ist keine Spur mehr von diesem Gefühl. Das Ende
der Wanderschaft scheint erreicht.
Bereits der Titel des Gedichts macht deutlich, um was für eine Tageszeit es sich
handelt: Es ist Abendzeit. In Strophe 2 wird das aufgegriffen: „es dunkelt“ (V. 6).
Die Erinnerung an frühere Tage verblasst: „Zwei Lerchen nur noch“ (V. 7) träumen
von etwas Vergangenem. Für das lyrische Ich geht es nicht um die Erinnerung an
frühere Tage. Dominierender ist die augenblickliche Situation.
Dieser scheinbaren Idylle in den Strophen eins und zwei steht Strophe 3 thematisch
entgegen: Das lyrische Ich äußert die Besorgnis, man könne sich verirren, das heißt
seinen Weg verlieren oder vom rechten Weg abkommen: Die Einsamkeit ist – trotz
der Zweisamkeit – gegenwärtig. Damit wird das Thema Einsamkeit losgelöst vom
individuellen Zustand des Alleinseins und erhoben zum Zustand des Menschseins
überhaupt. Die an und für sich Trost spendende Natur wird für einen kurzen Mo-
ment zur Bedrohung, die allerdings bereits in der nächsten Strophe überwunden ist.
In der letzten Strophe des Gedichts wird deutlich, dass sich das lyrische Ich wohl
am Ende seines Lebensweges befindet. Die Frage: „Ist das etwa der Tod?“, die
zugleich letzte Zeile ist, steht für mehr als eine Möglichkeit. Sie ist Vorausahnung,
Befürchtung und Hoffnung zugleich. Wieso Hoffnung? Das Wort „wandermüde“ in
der vorletzten Zeile verweist auf einen natürlichen Ablauf: Nach dem Wandern ist
man müde; nach dem Lebensweg steht der Tod. Doch die Frage nach dem Ende
wird in Eichendorffs Gedicht nicht beantwortet. Nur Gott weiß, wann der Weg
endgültig vorüber ist. Somit fügt sich das lyrische Ich am Ende dem Willen Gottes;
man könnte auch sagen, Gott schreibt das Gedicht weiter und gibt die letzte Antwort
in der Transzendenz.
In Tiecks Gedicht befindet sich das lyrische Ich ebenfalls in der Natur. Doch im
Gegensatz zu Eichendorffs Gedicht herrschen hier Begeisterung und Freude. Die
beiden Interjektionen „O“ in den Versen eins und zwei und die jeweils darauf fol-
genden Adjektive „holde“ und „süßer“ bewerten die Einsamkeit und die Wald-

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schatten durchweg positiv. Nur in der Abgeschiedenheit des einsamen Walds ist
„Herzensfreudigkeit“ (V. 4). Logischerweise muss demnach das Stadtleben negativ
bewertet werden. Und tatsächlich: In Strophe vier wird der Teil der Welt, der nicht
Natur ist, als „fernes Grab“ (V. 18) bezeichnet. Der Tod, mit dem das lyrische Ich
bei Eichendorff unmittelbar konfrontiert ist, ist bei Tieck noch in weiter Ferne.
Am Ende der vorletzten Strophe wird die Begeisterung des lyrischen Ichs zu einem
regelrechten Aufruf: Die „Beengten“ und „Herzbedrängten“ sollen dem „Getümmel“
(V. 28) entfliehen und ihr Heil ebenfalls in der Natur finden. Wie viele sich bereits
um ihn geschart haben, wird nicht deutlich. Allerdings können es nicht allzu viele
sein (das Wort Einsamkeit wird immerhin drei Mal erwähnt …).

Das lyrische Ich und die Natur


Die Naturerfahrung des lyrischen Ichs ist bei Eichendorff vor allem geprägt durch
Ruhe. Der Ausruf „O weiter, stiller Friede!“ (V. 13) ist nur hier denkbar. In dieser
Ruhe und Stille wagt das lyrische Ich einen Rückblick auf das Leben. Die Erkennt-
nis, dass das Leben Freuden und Nöte (V. 1) hatte, ist wie eine Bilanz des Erlebten.
Es gibt keine übermäßige Freude, auch keine Bitterkeit. Die Lebensbilanz ist aus-
geglichen. Das menschliche Leben folgt dem natürlichen Wechsel von Tag und
Nacht: wie selbstverständlich wird der Abend mit dem Tod in Verbindung gebracht.
Diese Gesetzmäßigkeit spendet Trost. Denn der Abend ist nicht nur das Ende des
Tages, sondern zugleich auch der Vorabend eines neuen Tages – das nicht zuletzt
deshalb, weil das Rot des Abends bereits auf das kommende Morgenrot verweist
und damit im religiösen Sinne auf eine sich andeutende Wiederauferstehung. Am
Ende des Tages, am Ende der Zeit der Aktivität, steht für alle Menschen die
„Schlafenszeit“ (V. 10), die gesetzmäßig mit dem Morgen endet.
Die beiden Lerchen in der zweiten Strophe, die noch einmal mit Lebensfreude in die
Luft steigen, sind kein Vorbild für die Wanderer mehr: Diese Zeit der Aktivität ist
vorbei. Vorherrschend ist ein Zustand des Abwartens, des Verharrens. Dichter ver-
schiedener Epochen haben die Lerche stets als Minnesänger der Lüfte und Früh-
lingsboten gepriesen. Doch auch die beiden Vögel träumen ihrer Zeit nur noch nach.
Der Frühling und Frühsommer (des Lebens) sind definitiv vorbei.
Shakespeare war für die romantischen Dichter neben den Autoren der Antike und
des Mittelalters ein wichtiges Vorbild. Und auch bei ihm taucht die Lerche auf. Wer
kennt nicht die Worte aus Szene 5 des dritten Akts von „Romeo und Julia“:
JULIA: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die die angstvolle Höhlung deines
Ohrs durchdrang. […]
ROMEO: Es war die Lerche, der Herold des Morgens; keine Nachtigall.
Shakespeare verwendet die Lerche als Zeichen für den beginnenden Morgen. Aller-
dings endet für Romeo damit auch die Zeit der leidenschaftlichen Liebe: Er muss mit
dem Gesang der Lerche Julias Bett verlassen. Die Lerche ist für Julia deshalb alles

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andere als positiv besetzt. Sie würde den Gesang der Nachtigall bevorzugen. Und
auch bei Eichendorff stehen die beiden letzten Lerchen, die wie die Wanderer als
Paar erscheinen, für das nahende Ende. Auch sie werden nach ihrem letzten Flug des
Tages zur Ruhe kommen.
Die Landschaft um das lyrische Ich herum ist in einem bewegungslosen Zustand: Es
ist still (V. 4), von Geschäftigkeit keine Spur. Das alles umfassende Dämmerlicht des
Abendrots taucht die Naturbilder in das Licht des Friedens (V. 13) und der Hoffnung.
Bei Tieck ist von diesem Gefühl wenig auszumachen. Das Loblied, das sein lyri-
sches Ich anstimmt, strotzt voller Lebensenergie; ebenso wie seine „Vögelein“
(V. 5 ff.). Zwar bauen sie ihre Häuser auch in der „Himmels-Ruh“ (V. 15), doch sie
sind noch voller „Verlangen“ (V. 12). Man baut kein Haus am Ende seines Lebens!
Dieses Prinzip der Bewegung und Lebensfreude in der Natur macht die Vögel zum
Symbol des Glücks und der Freude überhaupt. Diese fast naive Freude und
Sorglosigkeit rufen die Worte von Jesus aus der Bergpredigt in Erinnerung: „Sie
säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ (Matthäus
6, 26). Im Lichte dieses religiösen Bezugs wird aus der scheinbaren Naivität Gott-
vertrauen und bedingungslose religiöse Zuversicht. Der religiöse Hintergrund spielt
also auch bei Tieck eine Rolle. Allerdings ist hier das lyrische Ich keinesfalls mit
dem Tod konfrontiert; im Gegenteil.
Der „Blumen Duft“ in V. 11 erinnert an Eichendorffs „Duft“ (V. 8). Doch bei Tieck
steht der Duft als Zeichen der Lebenssehnsucht der Vögel. Bei Eichendorff ist keine
Spur von dieser Sehnsucht auszumachen; eher eine verhaltende Todessehnsucht.
Kurze Zusammenfassung
Vorherrschende Themen in Eichendorffs Im Abendrot sind Wanderschaft und
Natur. Beide Themen stehen sinnbildlich für Lebenswanderschaft in Gottes Natur.
Das lyrische Ich ist mit seinem Begleiter am Ende seines Lebensweges angelangt.
Der nahende Abend steht für den nahen Tod. Mit Gottvertrauen fügen sich die Wan-
derer in ihr Schicksal.
Tiecks Wonne der Einsamkeit hat einen starken appellativen Charakter. Dieser Text
liest sich als eine Art Ratgeber zu einem besseren Leben in der Natur. Ganz im
romantischen Sinne wird das Leben in der Stadt negativ bewertet. Der Tod ist noch
in weiter Ferne. Leben in der Natur ist hier eine bessere und musterhafte Alternativ-
lösung für alle Leute, die unter dem Zustand der Welt leiden. Das Thema Lebens-
wanderschaft spielt keine große Rolle und wird, wenn überhaupt, nur durch das
übergeordnete Thema „Natur“ angedeutet.

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Mögliche Zusatzfragen
1. Interpretieren Sie die vorletzte Strophe von Tiecks Gedicht noch etwas genauer.
Die Imperative in Vers 21 („Kommt“), 23 („Entfliehet, entreißt [… ]“) und 28
(„Entflieht“) sind deutliche Aufforderungen an den Leser, sein bisheriges Leben
– sofern er damit unzufrieden ist – aufzugeben. Vor allem diese Strophe des
Gedichts erinnert stark an eine Predigt. Natur wird zum Ort, an dem Religion
fassbar wird: der hohe, gewölbte „Saal“ (V. 26) wird quasi zur Kirche, zum Ort
der Gottesnähe. Doch den ersten Schritt muss der Leser selbst tun: Er muss glau-
ben, dass die „gute Natur“ (V. 24) tatsächlich all das hält, was der Dichter ver-
spricht. Insofern ist der Dichter dem Leser bereits einen Schritt voraus: Jener hat
die Bedeutung der Natur schon entschlüsselt. Interessant ist hierbei, dass die Natur
einschränkungslos mit dem Adjektiv „gut“ bezeichnet wird. Sie ist deswegen gut,
weil Gott in ihr wirkt (vergleiche hierzu auch V. 15: „Himmels-Ruhe“).

2. Nennen Sie weitere Themen romantischer Lyrik.


Neben den bereits besprochenen Themen Wanderschaft und Natur finden sich in
der Romantik noch andere häufig wiederkehrende Themen und Motive. Zu nen-
nen ist das Thema Sehnsucht nach der Ferne. Oft richten sich die Wünsche und
das Verlangen des lyrischen Ichs auf Dinge, die nicht einfach oder gar unmög-
lich zu erreichen sind. Wichtiger als das Ziel der Wünsche ist hierbei die Sehn-
sucht. Diese unerfüllbare Sehnsucht mündet oftmals in ein Gefühl der Trauer,
des Schmerzes und der Wehmut: ein weiteres wichtiges Thema romantischer
Dichtung.
Manchmal findet sich in romantischen Gedichten eine regelrechte Todessehn-
sucht (Eichendorff gibt einem seiner Gedichte sogar den Titel Todeslust). Diese
extreme Art der Sehnsucht hat ihren Ursprung in einem Gefühl romantischen
Weltschmerzes: Die Welt wird nicht als ideal angesehen. Der Tod verspricht
Erlösung und natürlich und vor allem die Heimkehr zu Gott.
Weitere Themen romantischer Lyrik sind Religion, Liebe und Politik. Und es
gibt eine Reihe poetologischer Gedichte, d. h. Gedichte, die sich mit dichtungs-
theoretischen Fragen auseinander setzen. Prominentestes Beispiel hierfür ist
sicherlich Eichendorffs bekannter Text Wünschelrute: „Schläft ein Lied in allen
Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, /
Triffst du nur das Zauberwort.“
Der romantische Dichter macht es sich zur Aufgabe, die Welt, die Natur zu
beseelen. Somit wird romantischer Lyrik die Möglichkeit zuteil, das innere
Wesen aller Dinge ans Tageslicht zu bringen. Notwendiges Werkzeug hierzu ist
die lyrische Sprache („Zauberwort“).

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3. Was sind Besonderheiten lyrischer Sprache?
Neben Epik und Dramatik ist Lyrik die dritte Hauptgattung von Literatur. Kenn-
zeichnend für Lyrik ist vor allem die verdichtete, mehrdimensionale Sprache.
Während Alltagssprache hauptsächlich der Verständigung dient und häufig auf
außersprachliche Bezugspunkte verweist, ist für Gedichte die künstlerische Form-
gebung bedeutend, die sich in sprachlichen Bildern, Stil und einer gewissen Mu-
sikalität ausdrückt: Form und Inhalt verschmelzen. Die Distanz zwischen dem
Ich und der Welt ist grundsätzlich nicht so deutlich gesteckt wie in der Alltags-
sprache und oft gänzlich aufgehoben. Häufig, jedoch nicht zwingend notwendig,
sind durchgängiges Metrum und Rhythmus. Vor allem in modernen Gedichten
wird hierauf häufig verzichtet.
Vollendete Gedichte bieten als besondere sprachliche Kunstform einen Ausblick
auf ein dem nüchternen Dasein enthobene Welt. Ihnen haftet keine Absicht an,
sie erfüllen keinen Zweck.
Davon abzugrenzen ist die Gebrauchslyrik. Sie umfasst alle zweckgebundenen
Gedichte, die beispielsweise Aufrufe oder explizite soziale oder politische The-
men zum Inhalt haben. Hier ist die lyrische Verschmelzung zwischen Inhalt und
Form nicht ausgeprägt.

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