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Die Beitr¨age von Carl Friedrich Gauß zur numerischen Mathematik

Robert Schaback, G ¨ottingen

Nachdruck der Originalversion von 1977, leider noch ohne Literaturverzeichnis und ohne

¨

Ubersetzung der lateinischen Zitate

Diejenigen, die wirklich rechnen, finden leicht selbst, was zu ihrem Frieden dient 1

1 Einf uhrung¨

Genaugenommen zwingt das obige Thema dazu, den Begriff Numerische Mathematik zu definieren. Zu Gauß’ Zeiten gab es glucklicherweise¨ noch keine scharfen Unterteilungen der Mathematik, und auch jetzt ist es wenig sinnvoll, Teilgebiete der Mathematik zu streng voneinander abzugrenzen. Um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, befaßt sich daher dieser Beitrag mit den von Gauß verwendeten mathematischen Methoden zur zah- lenm¨aßigen L ¨osung mathematisch formulierter Probleme. Solche finden sich uberall¨ in den Gauß’schen Werken, etwa in seinem astronomischen Hauptwerk, der Theoria motus corporum coelestium in sectionibus conicis solem ambien- tium (1809, [11]), in den Beitr¨agen zur Theorie der algebraischen Gleichungen (1850, [30]) und vielen anderen mehr. In diversen Arbeiten, die eigentlich beispielsweise der Astrono- mie oder der Geod¨asie zuzurechnen sind, bleibt bei Streichung der astronomischen oder geod¨atischen Dinge ein erheblicher Teil numerischer Mathematik im obigen Sinne ubrig.¨ Umgekehrt zeigt sich so die starke Anwendungsbezogenheit der Gaußschen Beitr ¨age zur numerischen Mathematik, wie im folgenden noch auszuf uhren¨ sein wird.

2 Rechenhilfsmittel

Im Rahmen dieser engen Verbindung von Anwendungswissenschaften und Mathematik f ¨allt bei Gauß besonders auf, daß seine Arbeiten in vielen F¨allen den kompletten Weg von der Anwendung uber¨ die theoretische Mathematik zu numerischen Methoden und sogar bis hin zu konkreten Rechenvorschriften enthalten. Beispiele dafur¨ finden sich in fast allen unten zitierten Arbeiten. Heutzutage w urde¨ man sagen, daß Gauß in seinen Publikationen bis auf die Programmierungsebene hinabsteigt: 2

so wird man doch

der Zusammenstellung der gebrauchfertigen Vorschrif-

ten ein paar Seiten gern einger¨aumt sehen.

Die Vorschriften von Gauß beziehen sich auf die Anwendung der damals vorhandenen Rechenhilfsmittel, d. h. auf den Gebrauch von Tafeln aller Art. Zur Vereinfachung des Rechnens mit Logarithmentafeln hat Gauß 1812 eine sp ¨ater viel ben utzte¨ Tafel publiziert [16], die zur Berechnung des log( a + b ) aus log a und log b diente. Eine solche Tafel war schon

1 Gauß an Schumacher, 10.10.1835, nach [6], S. 9 2 1850, [30], Werke III, S. 86

von Leonelli 1806 in Kurzform angegeben [43] und von Gauß 1808 rezensiert worden [9]. Die weite Verbreitung dieser Tafel geht aus Gauß’ Brief an Wolfgang Bolyai vom 6.3.1832 hervor: 3

Meine kleinen Logarithmentafeln gab ich zuerst in Zach’s Monatlicher Cor- respondenz 1812; sie sind aber seitdem in fast unz¨ahligen Buchern¨ wieder abgedruckt; am leichtesten kannst du sie dir wohl verschaffen in Pasquich:

Tabulae logarithmico-trigonometricae 1817, oder in Lalande: Logarithmisch- trigonometrische Tafeln, herausgegeben von Dr. K¨ohler (oder in ¨ahnlichen von Westphal oder Mollweide etc. etc.)

Obendrein hat Gauß mehrere Dutzend Spezialtafeln (Z. B. fur¨ astronomische oder geod ¨ati- sche Aufgaben) konstruiert, die in seinen Werken verstreut sind und hier nicht alle auf- gez¨ahlt werden k ¨onnen und sollen. Eine auch nicht komplette, aber ausfuhrlichere¨ Dar- stellung Gauß’scher Tafelwerke findet sich in der Abhandlung Gauß als Zahlenrechner von A. Galle 4 . Von 1802 bis 1851 hat Gauß ferner mindestens zehn weitere Tafelwerke rezensiert. 5 Schließlich findet sich sogar eine positive Rezension einer Rechenmaschine: 6

Herr Schiereck hat mir ein Modell einer Rechenmaschine gezeigt, welche er zur Ausf uhrung¨ der arithmetischen Operationen erfunden hat. Ich bezeuge mit Vergn ugen,¨ dass diese Maschine den beabsichtigten Zweck sehr leicht erreicht, und dass dieses nach den Verbesserungen, welche der Erfinder an ihr zu ma- chen beabsichtigt, noch mehr der Fall sein wird. Diese sinnreiche Erfindung ist umso sch¨atzbarer, weil diese Maschine mit geringen Kosten hergestellt werden kann.

Insgesamt kann man darauf schließen, daß Gauß uber¨ die Rechenhilfsmittel seiner Zeit sehr umfassend informiert war und obendrein selbst neue Rechenhilfsmittel konstruierte. In der heutigen Zeit wurde¨ das bedeuten, daß er den Computermarkt kennen und obendrein in einem kleinen Teil seiner Arbeitszeit auch Informatik treiben w urde.¨ Genauso wie man heute einen Computer als Benutzer im wesentlichen nach seiner ein- fachen Handhabung und flexiblen Einsetzbarkeit beurteilt, hat Gauß die Rechenhilfsmittel seiner Zeit im Prinzip nach denselben Kriterien beurteilt: 7

Wer nur von Zeit zu Zeit einmal veranlasst wird, einige Logarithmen in den Tafeln aufzusuchen, verlangt von Ihnen haupts¨achlich nur m¨oglich gr¨osste Correctheit. Allein fur¨ andere, denen die Tafeln ein t¨agliches Arbeitsger¨ath sind, bleiben auch die geringf ugigsten¨ Umst¨ande, die auf die Bequemlichkeit des Gebrauchs Einfluss haben k¨onnen, nicht mehr gleichg ultig.¨ Farbe, St¨arke und Sch¨onheit des Papiers; Format; Gr¨osse, Sch¨arfe und gef¨alliger Schnitt der Typen; Beschaffenheit der Druckerschw¨arze; Anordnung der Zahlen, um das was man sucht ohne Ermudung¨ des Auges schnell und sicher zu finden; Vorhandensein von allem, was man braucht, aber auch Abwesenheit von al- lem, was man nicht brauchen mag, und was sonst die leichte Uebersicht nur st¨oren w urde,¨ alle diese Umst¨ande erhalten eine gewisse Wichtigkeit bei einem Gesch¨afte, welches man t¨aglich hundert mal wiederholt.

3 [34], S. 113

4 1917, [6], S. 16–17 5 [17]

6 1834, [28]

7 1828, [17], Werke III, S. 253

3 Fehlertheorie

Aber auch die m¨oglich gr¨osste Correctheit hat Gauß von den ihm vorgelegten Logarith- mentafeln verlangt. Das erkennt man aus seiner Rezension 8 des 1840 von Vega neu heraus- gegebenen Thesaurus Logarithmorum 9 . Der Autor dieses Werkes hatte jedem, der einen Fehler im Tafelwerk findet, einen Dukaten versprochen. Wenn Vega dieses Versprechen eingehalten h¨atte,

so h¨atte es ihm leicht gehen m¨ogen, wie dem K¨onig Shiram, dessen Korn- kammern nicht ausreichten, dem Erfinder des Schachspiels die ihm zugesagte Belohnung zu gew¨ahren.

ihm theuer zu stehen kommen

konnte, l¨asst sich schon, ohne alles Nachrechnen, aus einem Umstande erken- nen, der leicht zu best¨atigen, jedoch meines Wissens anderweit noch nirgends zur Sprache gebracht ist. Dieser Umstand besteht darin, dass in der Tafel fur¨ die Logarithmen der trigonometrischen Gr¨ossen die Zahlen der Sinuscolumne fast ohne Ausnahme der Summe der Zahlen der Cosinuscolumne und der Tan- gentencolumne genau gleich sind. Da alle diese Zahlen nur abgek urzte¨ Werthe der irrationalen genauen Gr¨ossen sind, so ist klar, daß bei streng richtiger Abk urzung¨ jene Gleichheit nicht Statt finden wird, in allen den F¨allen, wo die Abweichungen von den genauen Werthen in der zweiten und dritten Columne gleiche Zeichen haben, und ihre Summe mehr als eine halbe Einheit der letzten Decimale betr¨agt (1851, [17], Werke III, S. 259)

Dass die von Vega ausgebotene Belohnung

Es spricht fur¨ Gauß’ großes Gef uhl¨ f ur¨ Fehlereinflusse¨ daß er bemerkt, daß die Gleichung

(davon wird noch zu reden sein),

log sin x = log cos x + log tan x

in einem Tafelwerk unm¨oglich f ur¨ alle Werte korrekt sein kann, was auch dem heutigen Leser auf den ersten Blick paradox erscheinen mag. Er stellt dazu fest, daß die beiden im obigen Zitat genannten F¨alle bei der Rundung jeweils die Wahrscheinlichkeit 1 2 haben; da

beide F ¨alle gleichzeitig eintreten mussen,¨ um eine Abweichung in der Tafel hervorzurufen, wird also etwa ein Viertel der Tafelwerte die obige Gleichung nicht exakt erf ullen.¨ Daraus schließt Gauß auf sch¨atzungsweise 5670 Fehler im Vega’schen Tafelwerk. Durch zus ¨atzliche

¨

Uberlegungen steigert er schließlich die gesch¨atzte Fehlerzahl auf 47 746. Nicht nur im obigen Beispiel f ¨allt auf, daß Gauß’ Augenmerk sich stark auf die Fehler numerischer Rechnungen richtet. So ist beispielsweise seine Methode der kleinsten Quadra- te entstanden aus dem Wunsch, eine m¨oglichst gute Ausgleichung fehlerhafter Messungen zu erhalten. Auch seine Beitr ¨age zur Interpolation und zur numerischen Integration gehen, wie unten noch zu zeigen sein wird, von Fehlerbetrachtungen aus.

In seinem oben schon zitierten astronomischen Hauptwerk Theoria motus 10 gibt Gauß ferner eine eingehende Darstellung der Fehlerfortpflanzung: 11

Dahin geh¨ort im ersten Abschnitte eine Digression uber¨ den Grad der Genau- igkeit, den man im numerischen Calcul bei dem Gebrauche von Tafeln aller Art zu erreichen im Stande ist

8 (1851,[17])

9 [55]

10 1809, [11]

11 1809, [10], Werke VI, S. 57–58

Das von Gauß benutzte Fehlerfortpflanzungsgesetz ist eine einfache Anwendung des Mit- telwertsatzes; ist etwa F : n m eine stetig differenzierbare Abbildung, die an einem durch eine St ¨orung x verf ¨alschten x n ausgewertet werden soll, so hat man

F (x + ∆x) F (x) = grad F | ξ x

wo ξ eine Zwischenstelle auf der Strecke von x nach x + ∆x bezeichnet. Diese Beziehung zeigt, daß der Eingangsfehler ∆x sich mit der Ableitung von F multipliziert, um den Ausgangsfehler zu ergeben. Nach diesem Prinzip untersucht Gauß in der Theoria motus eine Anzahl astronomischer Formeln auf den 13

(1)

12

gradum praecisionis, quam tabulae vulgares

permittunt

um f ur¨ verschiedene F¨alle verschiedene Formeln empfehlen zu k ¨onnen. Gauß war also durchaus vertraut mit Dingen, die man heute als numerische Stabilit¨at oder Gutartigkeit von Algorithmen bezeichnet.

4 Lineare Gleichungssysteme

Ebenfalls in der Theoria motus 14 gibt Gauß eine erste schriftliche Darstellung seiner Methode der kleinsten Quadrate, in der die Aufgabe, eine Reihe von Meßwerten auszuglei- chen, durch Aufstellung des Gaußschen Normalgleichungssystems gel¨ost wird; mit Gauß’ Worten ist dies ein 15

Principium

peditissimum reducitur

elicientur.

, quod determinatio incognitarum numerica ad algorithmum ex-

unde harum valores per eliminationem vulgarem

In diesem Beitrag soll aber nur auf die numerischen Aspekte der Methode der kleinsten Quadrate eingegangen werden, und da ist in erster Linie das Gauß’sche Eliminationsver- fahren zu nennen. Dies findet sich andeutungsweise schon in der Theorie motus 16 und sp ¨ater (1810) genauer in der Disquisitio de elementis ellipticis Palladis ex oppositionibus annorum 1803, 1804, 1805, 1807, 1808, 1809 17 sowie schließlich im Supplementum der Theorie combina- tionis observationum erroribus minimis obnoxiae 18 Dieses Verfahren besteht darin, ein gegebenes Gleichungssystem

a 11 x 1 +

a 12 x 2 +

a 13 x 3 +

···

+

a 21 x 1 +

a 22 x 2 +

a 23 x 3 +

···

+

a 31 x 1 +

a 32 x 2 +

a 33 x 3 +

···

+

a 1 n x n

a 2 n x n

a 3 n x n

= b 1

= b 2

= b 3

(2)

a n1 x 1 + a n2 x 2 + a n3 x 3 + ··· + a nn x n = b n

mit einer nichtsingul¨aren Koeffizientenmatrix auf eine einfachere Gestalt zu bringen. Zu-

n ¨achst wird durch Vertauschen von Gleichungen oder Unbekannten erreicht, daß a 11 = 0

gilt bzw. a 11 maximalen Betrag hat unter den Elementen der ersten Spalte (Teilpivoti- sierung) oder den Elementen der gesamten Matrix (Totalpivotisierung). Danach wird von

12 1809, [11], Werke VII, S. 40–45 13 1809, [11], Werke VII, S. 40 14 1809, [11], Werke VII, S. 236 f. 15 1809, [11], WerkeVII, S. 246 16 1809, [11], Werke VII, S. 252 17 [14]

18 1828, [26]

der zweiten Gleichung das a 21 -fache der ersten Gleichung subtrahiert, danach von der dritten Gleichung das a 31 11 -fache der ersten Gleichung u. s. w Dadurch verschwinden die Koeffizienten von x 1 in der 2-ten bis n -ten Gleichung und man erh¨alt das transformierte Gleichungssystem

a

a

11

a 11 x 1 + a 12 x 2 + a 13 x 3 + ··· + a 1 n x n

= b 1

+

+

a

a

(2)

22

(2)

32

x 2 + a x 2 + a

(2)

23

(2)

33

x 3 + ··· + a x 3 + ··· + a

(2)

n

(2)

n

3

2

x n = b x n = b

(2)

2

(2)

3

.

.

.

Danach verf ¨ahrt man analog mit der 2-ten bis n -ten Gleichung die ja nur noch n 1 Unbe- kannte enthalten, u. s. w Das schließlich resultierende Gleichungssystem hat Dreiecksform,

was zur einfachen Au߬osbarkeit nach x n , x n1 ,

Herrn Prof. GAUSS hat diese [Eliminations-]Arbeit sehr bedeutend abgek urzt;¨ denn obgleich er die Aufl¨osung auch auf so viele line¨are Gleichungen, als un- bekannte Gr¨ossen sind, zuruckf¨ uhrt,¨ so sind diese Gleichungen so beschaffen, dass nur die erste alle unbekannten Gr¨ossen enth¨alt, aber die zweite von p [x 1 ], die dritte von p und q [x 2 ], die vierte von p, q und r [x 3 ] frei ist u. s. w., daher die Bestimmung der unbekannten Gr¨ossen in der umgekehrten Ordnung nur noch wenig M uhe¨ macht.

In den beiden genannten Arbeiten [14] und [26] gibt Gauß ganz pr ¨azise Vorschriften zur numerischen Rechnung formelm¨aßig an. Obendrein erkennt er, daß fur¨ eine positiv definite symmetrische Koeffizientenmatrix 20

, x 1 f uhrt:¨ 19

facile demonstratur divisores

necessario positivos evadere debere

so daß sich die Pivotisierung er ubrigt.¨ Dieses Verfahren ist noch heute eine Standardmethode zur L ¨osung linearer Gleichungs- systeme. Ferner steht es nach wie vor im Mittelpunkt einer speziellen Forschungsrichtung der numerischen Mathematik; einerseits wird das Stabilit¨atsverhalten des Verfahrens un- tersucht 21 andererseits interessiert die Frage, ob der Algorithmus optimal ist bezuglich¨ der Anzahl der Rechenoperationen. Durch eine Modifikation des Gauß’schen Algorithmus konnte die letztere Frage negativ entschieden werden; von V. Strassen wurde 1969 be- wiesen 22 , daß statt der n 3 Operationen des Gauß’schen Algorithmus eine Modifikation

m¨oglich ist. Bis heute ist die Frage nach der in diesem Sinne

mit etwa n log 2 7 = n 2 .807

optimalen Aufl¨osung linearer Gleichungssysteme ungekl¨art. Neben dieser direkten Aufl ¨osungsmethode f ur¨ lineare Gleichungssysteme hat Gauß auch die Grundlage fur¨ die iterativen Methoden 23

3

methodum quam indirectam vocant

gelegt. Leider gibt es keine direkte mathematische Ver¨offentlichung seiner Gedanken zu diesem Thema; wir sind in dieser Frage auf einen unten zitierten Brief [35] an Gerling vom 26.12.1832 sowie die Festschrift von Richard Dedekind: Gauß in seiner Vorlesung uber¨ die

19 1810, [13], Werke VI, S. 64 20 1811, [14], Werke VI, S. 22 21 u. a. Wilkinson 1961, [58] 22 [54] 23 1809, [11], Werke VII, S. 161

Methode der kleinsten Quadrate (1901) angewiesen [3]. Das von Gauß verwendete iterative Verfahren, das von Seidel 24 wiederentdeckt wurde und heute als Einzelschrittverfahren bezeichnet wird, besteht darin, das Gleichungssystem (2) bei Vorliegen einer N¨aherung f ur¨ die Unbekannten x i schrittweise zur Verbesserung der N¨aherung heranzuziehen. Man berechnet schrittweise die neuen N¨aherungen durch die Gleichungen

a 11 x neu

1

a 21 x neu

1

a 31 x neu

1

+

+

+

a 12 x alt

2

a 22 x neu

2

a 32 x neu

2

+

+

+

a

a

a

13 x

23 x

33 x

alt

3

alt

3

alt

3

+

+

+

.

.

.

.

.

.

= b 1 = b 2 = b 3

indem man die erste Gleichung nach x 1 , die zweite nach x 2 unter Einsetzung des schon gefundenen Wertes f ur¨ x 1 u. s. w. aufl¨ost. Vor der Rechnung hat man naturlich¨ daf ur¨ zu sorgen, daß die Diagonalelemente s ¨amtlich nicht verschwinden. Gauß hat dieses Verfah- ren zur Auswertung der Normalgleichungssysteme, die bei seinen geod ¨atischen Messungen auftraten, sehr h¨aufig verwendet: 25

Fast jeden Abend mache ich eine neue Auflage des Tableaus, wo immer leicht nachzuhelfen ist. Bei der Einf¨ormigkeit des Messungsgesch¨afts gibt dies immer eine angenehme Unterhaltung; man sieht dann auch immer gleich, ob etwas zweifelhaftes eingeschlichen ist, was noch w unschenswerth¨ bleibt, etc. Ich emp- fehle Ihnen diesen Modus zur Nachahmung. Schwerlich werden Sie je wieder direct eliminieren, wenigstens nicht, wenn Sie mehr als 2 Unbekannte haben. Das indirecte Verfahren l¨asst sich halb im Schlafe ausf uhren,¨ oder man kann w¨ahrend desselben an andere Dinge denken. 26

Bei vielen Iterationsverfahren dieses Typs ist numerisch zu beobachten, daß sie syste- matisch zur ubersch¨ ¨atzung oder Untersch ¨atzung der wahren L ¨osung tendieren. Das hat,

wie aus der Festschrift Dedekinds hervorgeht 27 , Gauß selbstverst¨andlich auch erkannt und den heute als Relaxation bezeichneten Kunstgriff zur Konvergenzverbesserung angewen- det. Durch Einfuhrung¨ eines reellen positiven Relaxationsparameters w , den es geeignet zu

¨

bestimmen gilt, kann die systematische Uber- und Untersch ¨atzung kompensiert werden:

(FIGUR der Originalarbeit fehlt hier) Diese Methode ist auch heute noch von besonderer Wichtigkeit, da die heute behan- delten großen Gleichungssysteme ( n = 1000 und mehr) nur durch iterative Methoden zu

l¨osen sind und die iterativen Methoden nur durch Relaxation mit ertr¨aglichen Rechenzei-

ten durchzuf uhren¨

Bestimmung gunstiger¨

die

sind. Aus diesen Grunden¨

Relaxationsparameter.

gibt es auch eine enorme Literatur uber¨

5 Nichtlineare Gleichungen

Eine entsprechende Iterationsmethode hat Gauß auch zur L ¨osung nichtlinearer Gleichungs- systeme wiederholt verwendet. Ist etwa ein nichtlineares Gleichungssystem durch n Glei-

24 1874, [51]

25 1823, [35], S. 300, Werke IX, S. 280–281 26 Evtl. noch erw¨ahnen, daß Gauß im Gasthaus gerechnet hat. Quelle???

27 1901, [3], S. 301 f.

chungen der Form

Φ 1 (x 1 , x 2 ,

, x n ) =

0

Φ 2 (x 1 , x 2 ,

, x n ) =

0

.

(3)

.

.

Φ n (x 1 , x 2 ,

, x n ) = 0

 

, Φ n gegeben, so wird man zun¨achst jede

dieser Gleichungen nach einer Unbekannten aufzul¨osen versuchen, um dadurch zu einem Gleichungssystem

mit stetig differenzierbaren Funktionen Φ 1 , Φ 2 ,

x 1 =

ϕ 1 (x 1 , x 2 ,

, x n )

x 2 =

ϕ 2 (x 1 , x 2 ,

, x n )

.

.

.

x n = ϕ n (x 1 , x 2 ,

, x n )

mit stetig differenzierbaren Funktionen ϕ 1 , ϕ 2 , ration gem¨aß den Formeln

x

x

x

neu

1

neu

2

.

.

.

neu

n

=

=

=

ϕ 1 (x alt

1

ϕ 2 (x neu

1

ϕ n (x neu

1

,

,

,

x

x

.

, ϕ n uberzugehen.¨ Dann erfolgt die Ite-

alt

2

alt

2

,

,

.

.

.

.

, x

.

.

.

.

, x

, x

alt

n

alt

n

)

)

alt n1 , x n

neu

),

(4)

. Gauß hat eine Vielzahl nichtlinearer Gleichungssysteme durch solche Methoden gel¨ost; man findet Beispiele unter anderem in der Theoria motus 28 , z. B. das Keplersche Pro- blem 29 , der Allgemeinen Theorie der Berechnung der Cometenbahnen 30 , den Untersu- chungen uber¨ Gegenst¨ande der h¨oheren Geod¨asie 31 und anderen Arbeiten. In keinem der zitierten Werke gibt Gauß einen Konvergenzbeweis; er gibt lediglich die Vorschriften in der Form (4) formelm¨aßig an und beschr ¨ankt sich in der Regel auf Aussagen wie: 32

die zur Verbesserung einer N¨aherung x alt

1

, x alt

2

,

.

.

, x

alt

n

dienen.

Die Formeln der zweidimensionalen Regula falsi k ¨onnen

lores

omni quae desideratur praecisione derivari

incognitarum va-

oder beim unten noch zu erl¨auternden Gauß-Newton-Verfahren zur nichtlinearen Ausglei- chung: 33

Sollten nach einem Iterationsschritt die auszugleichenden Fehler noch so groß sein, daß ihre Quadrate und Produkte nicht zu vernachl¨assigen sind, so

eiusdem operationis repetitio afferet.

remedium promptum

valoribus correctis

28 1809, [11] 29 Werke VII, S. 23

30 (Nachlaß, ca. 1815, [21])

31 1847, [29]

32 1809, [11], Werke VII, S. 162 33 1809, [11], Werke VII, S. 248

Dennoch ist zu vermuten, daß Gauß sehr genaue Vorstellungen dar uber¨ hatte, wann Iterati- onsverfahren konvergieren. Beispielsweise erkennt Gauß in der Theorie motus 34 die qua- dratische Konvergenz des Newton-Verfahrens zur Aufl ¨osung der Gleichung E = M + e sin E nach E und daß die Konvergenz umso besser ist, je kleiner e ist: 35

Verglichen mit dem Fehler des Anfangswertes bezieht sich der Fehler valoris

novi ad ordinem secundum tum, octavum etc. deprimi

,

et per Operationen iteratam ad ordinem quar-

Schreibt man das System (4) in der neuen Form

x neu = F ` x alt ´

(5)

mit einer stetig differenzierbaren Abbildung F : n n und nimmt man die Existenz einer L¨osung x˜ der Gleichung

x˜ = F x)

(6)

an, so erh ¨alt man fur¨ die Fehler die Beziehung

x neu x˜ = F ` x alt ´ F x) = grad F | ξ ` x alt

x˜ ´

(7)

¨

wobei ξ eine Zwischenstelle bezeichnet. Wegen der Ahnlichkeit dieser Beziehung und der Fehlerfortpflanzungsgleichung (1) ist zu vermuten, daß Gauß wußte, daß man F so zu w ¨ahlen hat, daß grad F in der N¨ahe der L ¨osung m¨oglichst klein ausf ¨allt, denn nach (7) erh ¨alt man dadurch eine m¨oglichst große Verringerung des Fehlers bei jedem Iterations- schritt. Auch diese Klasse numerischer Methoden hat bis heute große Bedeutung; aus der Methode (5) zur L ¨osung der Fixpunktgleichung (6) hat sich eine breite Theorie entwickelt, die moderne Methoden der Topologie und der Funktionalanalysis voraussetzt.

Fur¨ den Spezialfall n = 2 des nichtlinearen Systems (3) hat Gauß in der Theoria motus 36 die Regula falsi auf zwei Dimensionen verallgemeinert. Auch dieses Verfahren ist mit vielen neueren Varianten noch immer aktuell. 37 Ein weiteres Iterationsverfahren von Gauß berechnet die Wurzeln einer algebraischen Gleichung

(8)

im Rahmen der Beitr¨age zur Theorie der algebraischen Gleichungen 38 . Paradoxerweise ist dieses Verfahren so gut, daß es in Vergessenheit geraten mußte. Es arbeitet n ¨amlich bei manueller Rechnung sehr effektiv, wenn gewisse Hilfstafeln verschiedener Genauig- keit vorliegen, und durch diese ausgezeichnete Anpassung der Methode an die gegebenen Rechenhilfsmittel ist es zwangsl¨aufig, daß bei der technologischen Revolution der Rechen- hilfsmittel dieses Verfahren in Vergessenheit geraten mußte. An dieser Stelle sollte darauf hingewiesen werden, daß infolge der heutigen Rechenhilfs- mittel eine von Gauß und seinen Zeitgenossen h ¨aug verwendete Iterationstechnik kaum noch praktikabel ist, n¨amlich die allm¨ahliche Steigerung der Rechengenauigkeit durch suk- zessive Erh ¨ohung der Stellenzahl, wobei durch Bildung geeigneter Differenzen nur noch jeweils die letzten Stellen korrigiert werden.

x n+ m

+ ax n + b = 0

34 1809, [11]

35 1809, [11], Werke VII, S. 24

36 1809, [11], Nr. 120 f., Werke VII, S. 160 f., vgl. auch [49], S. 294–295

37 Vgl. die Ausfuhrungen¨ 38 1850, [30]

von Heinrich in [38].

Iterationsverfahren ist das heute als

Gauß-Newton-Verfahren bezeichnete. Es dient zur nichtlinearen Ausgleichung einer Rei-

he von Meßwerten y 1 ,

, x n , so daß

Φ

nach der Methode der kleinsten Quadrate

Ein letztes wichtiges auf Gauß zuruckgehendes¨

1 ,

, y m , m n , die im Idealfall als Werte gewisser Funktionen

, Φ m vom n in aufzufassen sind. Man sucht nun Parameter x 1

m

X ` y i Φ i (x 1 ,

i=1

, x n ) ´ 2

, Φ m wird, wie Gauß

in der Theorie motus umgangen:

X ` y i Φ i x) grad Φ i | x˜ (x x˜ ) ´ = Min.,

i=1

indem f ur¨ eine feste N¨aherung x˜ die obige Funktion uber¨ x minimiert wird. Dieses lineare Ausgleichsproblem ist nat urlich¨ mit der von Gauß entwickelten Methode der kleinsten Quadrate uber¨ die Normalgleichungen aufl¨osbar. Das Verfahren ist mit gewissen Modifikationen nach wie vor aktuell; die ersten Ande- rungen wurden von Levenberg 40 und Marquardt 41 angebracht und erm¨oglichen einen Kon- vergenzbeweis, den Gauß mit den oben schon erw ¨ahnten Worten außer acht ließ.

minimal wird. Das Problem der Nichtlinearit¨at der Funktionen Φ 1 ,

39 vorschl¨agt, durch Linearisierung mit Hilfe der Taylor-Formel

m

¨

6 Interpolation mit Polynomen und zugeh ¨orige Integrationsformeln

Ein Schwerpunkt der Gauß’schen Beitr ¨age zur numerischen Mathematik liegt in der Inter- polation und der Integration. Am 25.11.1796 steht in seinem Tagebuch die Eintragung 42

Formula interpolationis elegans

womit wahrscheinlich die Interpolationsformel von Lagrange gemeint ist. Im November 1805 findet sich dann die Eintragung 43

Theorien interpolationis ulterior excoluimus

Vermutlich hat Gauß zu diesem Zeitpunkt die grundlegenden Resultate seiner Arbeit Theo- rie interpolationis methodo nova tractata 44 gefunden. Diese Arbeit enth¨alt zusammen mit

der ebenfalls nachgelassenen Exposition d’une nouvelle methode da calculer las perturbati-

ons planetaires

45 die Grundlagen f ur¨ die Gauß bekannten klassischen Interpolations-

und Integrationsformeln. In der Theoria interpolationis methodo nova tractata werden die Interpolationsformeln von Lagrange 46 und Newton 47 in Form unendlicher Reihen neu ent-

wickelt, und zwar getrennt f ur¨ Polynome und f ur¨ den in der Astronomie wichtigeren Fall

Auch

der Interpolation 2π -periodischer Funktionen durch 1 , cos x, sin x, cos 2 x, sin 2 x,

39 1809, [11], Werke VII, S. 247

40

41

1944, [44].

1963, [46].

42 Werke X, 1, S. 508, [7]. 43 Werke X, 1, S. 564, [7]. 44 Nachlaß, [8], ca. 1805–1815 45 [22], ca. 1815–1816 46 1795, [40], Werke VII, S. 284, zit. nach [59], S. 63. 47 1687, [47], Buch III, Lemma V, Fall 2, zit. nach [59], S. 63

hier ist f ur¨ Gauß der Fehler der Interpolationsformeln ein zentraler Gesichtspunkt. Er lei- tet z. B. f ur¨ den bei der Interpolation der Werte einer Funktion f (x) durch ein Polynom

p (x) von Grad n in Punkten x 0 , x 1 ,

, x n entstehenden Fehler die ubliche¨

Formel

f (x) p (x) =

n

Y

i=0

(x x i ) ∆ n+1 (x 0 , x 1 ,

˙

, x n , x)f

ab, wobei ∆ n+1 den (n+1)-ten Differenzenquotienten bezeichnet. 48 Ist der Interpolations-

punkt x bekannt, so fragt Gauß nach der optimalen Plazierung der Stutzstellen¨ x 0 , x 1 ,

und erh¨alt bei ¨aquidistanter Verteilung der Stutzstellen¨ erwartungsgem¨aß, daß der Punkt x zentral bezuglich¨ der Stutzstellen¨ liegen sollte, Z. B. bei ungerader Stutzstellenzahl¨ 49

, x n

termini ii sunt eligendi, quorum medius quaesito iaceat quam proximus

Aus dieser Auswahlvorschrift heraus ergeben sich die nach Gauß benannten, aber in seinen Werken nicht explizit auftretenden Interpolationsformeln. 50 Durch Mittelung entsprechend gebildeter Formeln erh ¨alt man neue Formeln, die schon Newton 1676 bekannt waren, aber nach Stirling 51 und Bessel 52 benannt sind. Diese Formeln mussen¨ auch Gauß bekannt ge- wesen sein, denn die Formel von Bessel findet sich als, Interpolationsmethode fur¨ halbe Intervalle des Arguments 53 und in einem Brief an Bessel vom 7.10.1805 54 , w ¨ahrend die durch Integration der Stirling’schen und der Bessel’schen Formel entstehenden Integrati- onsformeln ohne n¨aheren Beweis in der Exposition d’une nouvelle methode de calculer las

perturbations planetaires

zienten angibt. Einen guten uberblick¨ uber¨ die Kenntnisse von Gauß auf dem Gebiet der Polynomin- terpolation und der numerischen Integration erh ¨alt man durch die Arbeiten uber¨ Interpo- lation und uber¨ mechanische Quadratur von J. F. Encke, die noch zu Lebzeiten von Gauß erschienen:

Der folgende Aufsatz ist aus den Vorlesungen entlehnt, die ich im Jahre 1812 bei dem Herrn Hofrath Gauß zu h¨oren das Gl uck¨ hatte. In dem ganzen Gan- ge der Entwickelung bin ich, soviel die Erinnerung gestattete, dem Vortrage meines hochgeehrten Lehrers gefolgt, da er die gr¨oßte Gr undlichkeit¨ mit der gr¨oßten Einfachheit und Eleganz verbindet. 56 Bei meinem Aufenthalt in G¨ottingen im Jahre 1812 ubertrug¨ mir Herr Hofrath Gauß die Berechnung der speciellen St¨orungen der Pallas, und leitete mir zu diesem Behufe seine Methoden und Formeln ab, deren er seit l¨angerer Zeit sich bedient hatte. Er hatte damals die Absicht selbst etwas uber¨ diesen Ge- genstand bekannt zu machen und behielt sich diese Erl¨auterung vor. Jetzt wo leider die Aussicht auf ein eigenes Werk von Gauß, wegen seiner vielfachen andern wichtigen Untersuchungen, so gut wie verschwunden scheint, hat er

55 auftreten, wo Gauß erzeugende Funktionen fur¨ die Koeffi-

48 [8], Nr. 8, Werke III, S. 277. 49 [8], Werke III, S. 277. 50 Vgl. Encke 1830, [4]. 51 1719,[52], S. 1055, 1062 sowie 1730, [53], Prop. XXIII, S. 152–153, vgl. Newton 1676, Werke IV, S. 32, zit. in Abweichung von [59], S. 79 52 Newton 1676, Werke IV, S. 30, 60 53 1822,[23] 54 [33], S. 19-21, allerdings nur wie bei Newton 1676 bis zu Termen 2. Ordnung 55 [22], Werke VII, S. 462, vgl. auch die Bemerkung von Schering, Werke III, S. 330 56 1830, [4], Werke I,5.1.

es mir gestattet, das was ich aus seinen Vortr¨agen f ur¨ die nachherige h¨aufige Anwendung auf Cometen und kleine Planeten benutzt habe hier zu publiciren; wobei ich nur noch hinzuzufugen¨ mir erlaube, daß der Weg zum Beweise der Formeln nicht genau der ist, welchen Gauß bei mir genommen, weil es mir nicht rathsam schien allzuviele verwandte Betrachtungen einzumischen. Diese Bemerkung soll, wie sich von selbst versteht, nur bevorworten, daß wenn viel- leicht in der Beweisf uhrung¨ Einiges nicht bestimmt genug erscheinen m¨ochte, der Fehler ganz allein mir zur Last f¨allt. 57

7 Diskrete Fourier-Analyse

Da sich f ur¨ Gauß wegen der Anwendungen in der Astronomie das Problem der Interpola- tion periodischer Funktionen stellte, bildet die oben schon angedeutete trigonometrische Interpolation einen Schwerpunkt der Gauß’schen Arbeit zur Interpolationstheorie. Dabei

erscheint unverst¨andlich, daß Gauß die Interpolation mit Funktionen cos mx, sin mx f ur¨

m = 0, 1,

, n auf dem Intervall [0, 2π ) nicht uber¨ die Formel

cos mx + i sin mx = (e ix ) m

(9)

auf die Interpolation mit Polynomen vom Grade n auf dem Einheitskreisrand reduziert.

Vielleicht sind die Grunde¨

die explizite Rechnung im K ¨orper ( D ) vermeidet. 58 Eventuell war f ur¨ Gauß auch die dadurch erzwungene umst¨andliche Formulierung der Arbeit ein Grund, von einer Publi- kation abzusehen. Darum wird im folgenden von der durch (9) bedingten Vereinfachung Gebrauch gemacht. In der Arbeit Theoria interpolationis methodo nova tractata 59 behandelt Gauß die trigonometrische Interpolation in der Form der diskreten Fourier-Analyse, die sich in mo- dernisierter Formulierung mit der folgenden Interpolationsaufgabe deckt:

dieselben, aus denen Gauß in seinen Disquisitiones arithmeticae

Man bestimme zu N gegebenen komplexen Zahlen y 0 , y 1 ,

, y N 1 ein Polynom

P (z ) =

N 1

X

j =0

c j z j

(10)

vom Grade N 1 mit komplexen Koeffizienten c j , das an den N -ten Einheitswurzeln

2πi

1, ω N = e N , ω

2

N ,

, ω

N 1

N

die Werte y 0 , y 1 ,

, y N 1 interpoliert:

p ω N j = y j ,

(0 j N 1).

Durch Einf uhrung¨

einer weiteren unimodularen komplexen Zahl ωˆ werden beliebige ¨aqui-

distante Verteilungen von N Punkten auf dem Einheitskreisrand zugelassen und es kann das allgemeinere Interpolationsproblem

P ωˆ · ω N j = y j ,

(0 j N 1)

57 1837, [5], Werke I, S. 21. 58 [57]. 59 [8], ca. 1805–1815.

(11)

behandelt werden. Wie Gauß durch Einsetzung trigonometrischer Identit¨aten in die La-

grangesche Interpolationsformel 60 beweist, ist die L ¨osung (10) von (11) darstellbar durch

eine Linearkombination der Daten y 0 , fizienten, die hier die Form

, y N 1 mit Sinus- und Cosinus-Termen als Koef-

1

c j = N ωˆ j

N

1

X

k =0

y k ω

jk

n

,

(0 j N 1),

(12)

erh ¨alt, was in heutiger Terminologie durch die aus

folgende Beziehung

0 = ω

Nk

N

1 = ω

k

N

1 N 1

X

j =0

ω

jk

N

,

(k 0)

N

1

X

j

=0

ω

jk

N

= ( 0, N,

k = 0

mod N

sonst

ganz einfach zu verifizieren ist. 61 Nach der Ableitung von Formeln der Gestalt (12) als L ¨osung der Interpolationsaufgabe (11) versucht Gauß nun, den Aufwand zur numerischen Auswertung von (12) fur¨ den Fall N = n · m zu senken, indem er die Fourier-Analysen (12) der L ¨ange N zuruckf¨ uhrt¨ auf Fourier-Analysen (12) der L¨angen n und m. 62 Dies ist der Grundgedanke der schnellen Fouriertransformation, die 1965 von Cooley und Tukey angegeben wurde. 63 Der Gauß’sche Ansatz sieht zun ¨achst anders aus, da nicht gewisse Zwischenergebnisse mit gewissen Ein- heitswurzeln multipliziert werden, sondern von vornherein f ur¨ N = n · m die m Teilprobleme der Interpolation von y j + km in

k

ω N j · ω n ,

(0 k n 1)

f ur¨ j = 0, 1,

, m 1 durch m Polynome

P ( j ) (z ) =

n1

X

k =0

c

j )

(

k

z k ,

0 j m 1

(13)

vom Grad n 1 betrachtet werden (es werden hier je n ¨aquidistante Datenpunkte nach- einander mit ω N j zyklisch verschoben und gem¨aß (12) interpoliert). Gauß erkennt an dieser Stelle, daß die Koeffizienten der zu berechnenden Interpolierenden (hier die c j , 0 j N 1) als Werte von m trigonometrischen Polynomen vom Grad n 1 dar-

stellbar sind, die wiederum die Koeffizien c

schenresultat berechenbar werden. Dies ist in heutiger Schreibweise leicht nachzuprufen,¨

denn aus (12) erh¨alt man (13) durch

als Zwi-

(

j )

k

haben, so daß die c j uber¨

die c

k

(

j )

c

j )

(

k

=

1

n ω

jk

N

n1

X

k =0

kl y j + lm ω n

,

(0 k n 1,

0 j m 1)

60 [8],Werke III,S.291 A292.

61 Vgl. auch den Beweisschritt von Gauß aus [8], Werke III, S. 297. 62 (8], Werke III, S. 3O3 f.

63 [1].

¨

(14)

und wenn man diese Werte einer weiteren Fourier-Analyse (12) der L ¨ange m unterwirft, folgt schließlich die Berechnung der gesuchten Koeffizienten von (11) als Polynomwerte aus

1

m1

X

m1 n1

X X

j =0 l=0

c

j )

(

k

ω

jr

m

= 1

N

· ω

m

= 1

N

j

=0

y j + lm · ω

ω

|

{z

ω

N

klm

ω

jk

N

ω

= 1

N

N

1

X

y

s ω

kl

n ω

jk

N

N

jr

· 1

}

jrn

N

m1 n1

X X

( k + rn)( j + lm)

N

( k + rn) s

N

y

j + lm

j =0 l=0

s

=0

= c k + rn ,

0 k n 1,

0 r m 1.

ω

,

rnlm

N

s = j + lm

(15)

Wenn man diese Gleichungskette ruckw¨

bei entsprechender Schreibweise der schnellen Fouriertransformation nach Cooley und Tu-

¨arts verfolgt, erkennt man dieselben Formeln, die

key auftreten. Schreibt man n ¨amlich (14) in der Form

c

j )

(

k

· ω jk = 1

n

N

n1

X

l=0

kl y j + lm ω n

,

0 k n 1,

so besteht (bis auf den Faktor n ) die rechte Seite aus dem Zwischenergebnis der Rechnung nach Cooley-Tukey, was nach Multiplikation mit ω jk von Cooley und Tukey gem¨aß (15) weiterverarbeitet wird. Es ist somit festzustellen, daß sich die Entwicklung der schnel- len Fouriertransformation schon bei Gauß findet; er hat in der oben zitierten Arbeit 64 ein numerisches Beispiel f ur¨ N = 12 = 3 · 4 angegeben und zusammenfassend folgendes bemerkt: 65

, periodam inte-

gram formantium, numerus compositus est [ N = n · m,], per partitionem illius

periodi in

tisfacientem eruere

cunctis valoribus datis sa-

: illam vero methodum calculi mechanici

taedium magis minuere, praxis tentantem docebit.

Pro eo itaque casu, ubi multitudo valorum propositorum

1

[n ] periodos

, [m] terminorum

didicimus

Letzterem ist aus heutiger Sicht nichts hinzuzufugen.¨ Es ist sehr bedauerlich, daß die schnelle Fouriertransformation erst so sp¨at wiederentdeckt wurde. Dies mag einerseits daran liegen, daß die Gauß’sche Arbeit erst mit dem Nachlaß publiziert wurde, keine

¨

Ubersetzung aus dem Lateinischen erfuhr und ohnehin wegen der Formulierung mit reel-

len trigonometrischen Gr ¨oßen nicht leicht zug¨anglich ist (vgl. den unten zitierten Brief von Olbers); andererseits zeigt die schnelle Fouriertransformation haupts ¨achlich fur¨ N = 2 p ihre besonderen Vorteile, was aber wegen der Bevorzugung von N = 12, 24 oder 36 infolge der damals vorherrschenden Rechnung im Gradmaß sich nicht auswirken konnte. Es ist schwierig, aus heutiger Sicht herauszufinden, warum Gauß seine Theorie in-

terpolationis

66 nicht publizierte. Einerseits konnte die aus den oben schon erl¨auterten

Grunden¨ recht schwerf ¨allige Formulierung und die (nur zu vermutende) Einsicht von Gauß, daß mit (9) eine viel elegantere Fassung m¨oglich w ¨are, dafur¨ verantwortlich sein. Ande- rerseits hat die Arbeit bei Olbers und Schumacher, die handschriftliche Kopien von Gauß erhielten, durchaus positive Resonanz gehabt und Gauß hat eine Zeitlang selbst an ei- ne Publikation gedacht. Beispielsweise schreibt Gauß an Olbers am 3. Januar 1806 67 auf

64 [8]. 65 [8], Werke III, S. 307. 66 [8]. 67 [36],S.281–282.

dessen Frage nach seiner Methode zur Berechnung der Pallasst¨orungen:

Einige zuf¨allige Umst¨ande waren vor einiger Zeit Ursache, daß ich verschiede-

die

letzte gr¨ossere H¨alfte 68 ist es, von der ich bei meiner Methode, die Perturbatio- nen zu berechnen, einen sehr nothwendigen und vortheilhaften Gebrauch ma- che, daher ich wohl Gelegenheit w unschte,¨ jene Abhandlung vorher irgendwo

zum Druck zu bef¨ordern. Ich dachte sie anfangs nach G¨ottingen zu schicken, doch w urde¨ sie wohl fur¨ die Comment. zu volumin¨os, vielleicht auch f ur¨ eine akademische Schrift zu elementarisch sein, obwohl vieles, was darin vorkommt, meines Wissens neu ist

ne Untersuchungen uber¨ die Interpolationstheorie auszuarbeiten anfing;

Er legt Olbers die Abhandlung zur Durchsicht vor und will der Societ¨at zumindest eine Abschrift schicken. Am 21./29. Januar 1806 69 teilt Olbers dann Gauß seine Meinung uber¨ die Abhandlung mit:

Bin ich jetzt noch f¨ahig uber¨

den G¨ott. Commentarien vollkommen w urdig¨

dergleichen zu urteilen, so ist sie des Druckes in

und wahrlich nicht zu elemen-

tarisch. Ich wenigstens fasse den zweiten Theil nur mit einiger Anstrengung, finde ihn aber auch weit bedeutender, als den ersten.

Darauf reagiert Gauß nicht. Zehn Jahre sp¨ater schreibt Schumacher an Gauß: 70

Ich habe in der Hoffnung, Sie wurden¨ dadurch Veranlassung finden, Ihre Theo- rie der Interpolation, die ich handschriftlich habe, bekannt zu machen, die Preisfrage unserer Akademie 71 fur¨ 1817 so abfassen zu lassen: Theoriam in- tempolationis evolvere quae praesent in functionibus periodicis adhuc manca videtur.‘ Wir bitten insgesammt gehorsamst uns zu beehren,

In seiner Antwort vom 5.7.1816 geht Gauß aber mit keinen Wort auf die Theorie inter-

polationis

Aufl¨osung der Aufgabe die Theile einer gegebnen Fl¨ache auf einer andern gegebnen Fl¨ache so abzubilden dass die Abbildung dem Abgebildeten in den kleinsten Theilen ¨ahnlich wird [27] als Preisschrift einzureichen. Nach Gauß sind effektive Methoden zur diskreten Fourier-Analyse erst durch eine Arbeit von C. Runge 72 publiziert worden: diese Methoden beruhen auf der einfachen Be- obachtung, daß Sinus und Cosinus auf [0 , 2π ] ausdruckbar¨ sind durch Verschiebung bzw.

, ein sondern schl¨agt eine Preisfrage vor, die ihm erm¨oglicht, die Allgemeine

Spiegelung des Sinus auf [0, π ] und sie erzielen somit etwa eine Viertelung des Rechen- aufwandes. Auch diese Verfahren lassen sich in ihren wesentlichen Bestandteilen bei Gauß nachweisen; in der Arbeit Allgemeine St¨orungen der Pallas durch Jupiter, Erste Rech- nung, August 1811 73 hat Gauß die n ¨otigen Formeln zusammengestellt und damit Fourier- Analysen bis N = 24 von Hand durchgef uhrt.¨

2

8 Die Gauß’sche Integrationsmethode

Zum Schluß ist noch auf die Arbeit Methodus nova integralium valores per approxima- tionem inveniendi 74 einzugehen, in der Gauß den wichtigsten Spezialfall der nach ihm

68 der an Olbers geschickten Fassung, vermutlich wie [8] mit der diskreten Fourier-Analyse 69 [36], S. 286) 70 8.6.1816, [37], Band I, S. 128. 71 der Wissenschaften zu Kopenhagen

72

73

74

1903, [50]

[15]

1816, [201

benannten und in allgemeineren F ¨allen immer noch hochaktuellen Integrationsmethode behandelt. Es soll hier nicht direkt der Gauß’schen Darstellungsweise gefolgt werden, da diese, wie bei Gauß h ¨aug, den Weg zur Gewinnung der Resultate im unklaren l¨aßt. Statt- dessen soll exemplarisch versucht werden, den Gedankengang von Gauß zu rekonstruieren. Die Besch ¨aftigung mit dieser Art der numerischen Integration kam fur¨ Gauß wohl eher zuf¨allig, denn er schreibt an Schumacher 75 am 13.9.1814 und an Olbers 76 am 25.9.1814, daß er durch Arbeiten uber¨ Refraction auf die Problemstellung gestoßen sei. In der Arbeit selbst untersucht Gauß, wie aus dem unten angef uhrten¨ Zitat hervor- geht, bezeichnenderweise den Fehler der damals gebr ¨auchlichsten Integrationsformeln von Newton 77 und Cotes 78 . Dabei wird (in modernisierter Schreibweise) das Integral uber¨ eine reelle Funktion f auf [1, +1] ausgedruckt¨ durch eine Formel der Gestalt

+1

Z

1

f (t ) dt =

n

X

g

i=0

(

i

n)

f (x

(

i

n)

) + R n (f ),

(16)

wobei [1, +1] durch St utzstellen¨

1 x

n)

(

0

< x

(

1

n)

< ··· < x

n)

(

n

1

unterteilt wird und die Gewichte g

Polynomen vom Grad n das Restglied R n in (16) verschwindet. Einfache Beispiele

so gew ¨ahlt werden, daß bei Einsetzung von

( n)

i

solcher Formeln (16) sind die Trapezregel

+1

Z f (t ) dt =

1

f (1) + f (1) + R 1 (t )

f ur¨ n = 1 oder die pulcherrima -Regel

+1

Z

1

f (t ) dt = 1 4 f (1) + 4 f

3

1

3 « + 4 f 3 « + 1

3

1

4 f (1) + R 3 (f )

f ur¨ n = 3. Fur¨ den Fall ¨aquidistanter Stutzstellenverteilungen¨ hat Cotes 1722 in seiner Harmonia mensurarum 79 bis n = 10 die entsprechenden Gewichte ohne die zugeh¨orige Rechnung angegeben, wozu Gauß bemerkt: 80

Bei dieser Methode liegt durchaus die Voraussetzung gleicher Abst¨ande zwi- schen den Ordinaten zum Grunde. Allerdings scheint beim ersten Anblick diese Voraussetzung am einfachsten und naturlichsten¨ zu sein und es war noch nicht in Frage gekommen, ob es nicht dem ungeachtet noch vorteilhafter sein k¨onne, Ordinaten in ungleichen Abst¨anden zu Grunde zu legen. Um diese Frage zu entscheiden, musste zuerst die Theorie der Quadraturcoefficienten in unbe- schr¨ankter Allgemeinheit entwickelt und der Grad der Genauigkeit bestimmt werden.

75 [37],

76 [36],

77 1687 [47], 1711 [48]

78 1722

79 [2] 80 1814, [19], Werke III, S. 203

S. 109

S. 561–562

[2]

Daher hat Gauß offensichtlich die allgemeine Formel (16) zum Ausgangspunkt seiner uber-¨

und das Restglied R n durch die St utz-¨

stellen x

betrachtet wurden und das Rechnen mit Potenzreihen zu den wichtigsten Werkzeugen geh ¨orte, kann angenommen werden daß Gauß fur¨ f in (16) eine Potenzreihe substituierte und dann die einzelnen Terme in der Form

legungen gemacht und versucht, die Gewichte g

( n)

i

( n)

i auszudr ucken.¨ Da zu Gauß’ Zeiten fast ausschließlich analytische Funktionen

+1

Z

1

t j dt =

n

X

i=0

g i x j + R (x j ),

i

j = 0, 1,

(17)

erhielt (unter Weglassung der Entwicklungskoeffizienten und des Index n , der im folgenden fest sei). Dies liefert die Zahlenfolge

2, 0, 2 3 , 0, 2

2 , 0,

5 , 0, 7

und Gauß war sicher bekannt, daß die Potenzreihe

die Funktion

2

2 + 0 · s + 3 s 2 + 0 · s 3 + 5

2

s 4 + ··· = 2

s

s + 3 s 3 + 5 s 5 +

1

1

1

s log 1 s

1 + s =: g (s)

«

f ur¨ 0 < |s| < 1 darstellt. Somit liegt es nahe (zumal Laplace die Methode der fonction g´en´eratrice in seiner Th´eorie analytique des probabilit´es 81 schon 1812 entwickelt hatte), die Gleichungen (17) mit entsprechenden s-Potenzen zu multiplizieren und aufzusummieren mit dem Resultat

X

j

=0

s

j

n

X

i=0

g i x j +

i

X

j

=0

s j R (x j ) = g (s).

Wegen 0 < |s| < 1 und 1 x i 1 gilt aber

X

j =0

s j x j =

i

1

1

=

1 sx i

s

,

1 s x i

was nach Einsetzung in (18) und Substitution t = 1 s zu

f uhrt.¨

log

+ 1 1 =

t

t

Mit dem Polynom

n

X

i=0

q

i

1

t x i

Ω( t ) =

+

X

R (x j )t j 1 ,

j

n

Y

=0

(t x j )

j =0

|t | > 1

erh ¨alt man schließlich die bei Gauß im dortigen Zusammenhang uberraschend¨ Gleichung

Ω( t ) · log t + 1

t 1 =

=:

n

X

i=0

q

i

n

Y

(t x j ) + Ω(t )

=

j

i

F 1 (t )

+

81 [41]

X

j

=0

R n (x j )t j 1

F 2 (t ).

(18)

(19)

auftretende

(20)

Diese Beziehung interpretiert Gauß folgendermaßen: Sind die St utzstellen¨ x i gegeben und existieren Gewichte g i , so daß R n (x j ) = 0 gilt fur¨ 0 j n , so ist die rechte Seite von (20) eine Zerlegung der Entwicklung der bekannten, nur von den Stutzsteilen¨ abh¨angigen Funktion auf der linken Seite in t -Potenzen mit positiven und negativen Exponenten, wobei F 1 (t ) alle Potenzen mit nicht-negativen Exponenten und F 2 (t ) nur solche mit negativen Exponenten enth¨alt. Es ist somit kein Problem, bei gegebenen Stutzstellen¨ das Polynom F 1 (t ) zu berechnen; dessen Werte an den Stellen x k sind aber

woraus die gew unschte¨

F 1 (x k ) =

n n

X

i=0

q

i

Y

j

j

=

=0

i

(x k x j )

= g k ·

n

Y

j

j

=0

k

=

(x k x j )

= g k · (x k ),

0 k n,

explizite Formel

g k = F 1 (x k )

(x k )

,

0 k n

(21)

f ur¨ die Gewichte der Newton-Cotes-Formeln bei ganz allgemeinen Stutzstellenvorgaben¨

folgt. Bei der etwas nachl¨assigen Schreibweise von (21) ist noch zu ber ucksichtigen,¨ daß F 1 und Ω verm¨oge (20) und (19) von allen Stutzstellen¨ x j abh¨angen. Die Zerlegung (20) liefert Gauß naturlich¨ auch s¨amtliche Fehlerterme R (x j ) als Ent- wicklungskoeffizienten der Funktion F 2 (t )/Ω( t ) nach t -Potenzen mit negativen Exponen-

=

, n gilt, so ist der erste Fehlerterm R n (x n+1 ) gerade der Koeffizient von t 1 in

ten. Sind die Gewichte g i bereits gem¨aß (21) so bestimmt, daß R n (x j ) = 0 f ur¨ j

0, 1,

der Entwicklung von F 2 . Dieser Fehlerterm ist somit besonders einfach zu berechnen, was Gauß auch ausnutzt. Die Beziehung (20) ist der Ausgangspunkt f ur¨ Gauß Ansatz, die Stutzstellen¨ x j so zu

, 2n + 1 verschwinden. W ¨are

plazieren, daß auch die Fehlerterme R n ` x j ´ f ur¨ j = n + 1 , dies n¨amlich m¨oglich, so mußte¨ gelten

log

+ 1 = F 1 (t ) + F 2 (t )

t

t 1

Ω(t ) = F 1 (t )

Ω( t )

Ω(t )

+

R ` x 2 n+2 ´ t 2 n3 + R ` x 2 n+3 ´ t 2 n4

(22)

(23)

t+1

d. h. die Funktion log t1 mußte¨ dargestellt werden als Quotient zweier Polynome vom Grad n bzw. n + 1 mit einem Rest, der eine Potenzreihe in t 1 mit Anfangsterm t 2 n 3 ist. Da Gauß in seinen Disquisitiones generales circa seriem infinitam F (α, β, γ, x) 82 die Kettenbruchentwicklung

log t t + 1 1 = 2 ·

1

t

1

1

·1

·3

t

2

3

·2

·5

t

3

5

·3

·7

t

.

.

.

82 1813, [18]

hergeleitet hat, liegt es f ur¨ ihn nahe, diese hier zu verwenden und (wie z. B. schon Wallis 1655 [56]) den Kettenbruch durch N¨aherungsbruche¨ mit Restglied darzustellen. Dies ist durch die allgemeinen Formeln

mit

 

a

0

=

a 0

 

+

 

a 1

 

a 1

t

 

t

 
 
 

t

a 2

t

.

.

.

a

k 1

 

t

.

.

.

t a k

 
 

t

j

 

Q

a

i

 

R k (t ) =

X

i=0

j = k

R k (t ) = Z k (t ) ) + R k (t )

N k (t

N j (t )N j +1 (t ) ,

Z k +1 (t ) = t · Z k (t ) a k +1 Z k 1 (t ),

N k +1 (t ) = t · N k (t ) a k +1 N k 1 (t ),

Z 1 = 0,

Z 0 = a 0 ,

N 1 = 1,

0 k <

0 k <

N 0 = t

m¨oglich und man erh¨alt in diesem Spezialfall

(24)

(25)

(26)

N k +1 (t ) = t · N k (t )

N 1 = 1,

N 0 = t,

(k + 1) 2 + 3) N k 1 (t ),

(2k + 1)(2 k

0 k <

(27)

was bis auf die Normierung mit der Rekursionsformel der Legendre-Polynome [42] uber-¨ einstimmt. Dadurch ist N k (t ) ein Polynom von Grad k + 1 und bei Abbruch an der Stelle k = n folgt

= Z n (t )

(28)

log t t + 1 1

n (t

N

) + R