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Juristische Rundschau mit Beiblatt: Mitteilungen aus der Berliner Justiz und Reditsanwaltsdiaft

H e r a u s g e g e b e n von

R E I N H A R D F R E I H E R R V O N G O D I N , Rechtsanwalt i n München - Professor D r . J U S T U S W I L H E L M H E D E M A N N i n Berlin


Dr. G E O R G K U H N f Bundesrichter in Karlsruhe - Dr. G E R H A R D N E H L E R T , Senatsrat beim Senator für Justiz in Berlin - Dr. K A R L - H E l N Z N U S E ,
Oberstaatsanwalt in Berlin - Professor Dr. E. R E l M E R v Präsident des Deutschen Patentamtes in München - H E R M A N N R E U S S, Rechtsanwalt und
Notar in Berlin - Dr. W A L T E R S C H M I D T , Rechtsanwalt in Düsseldorf - Professor D r . K A R L S C H N E I D E W I N , vorm. Generalstaatsanwalt am
Obersten Gerichtshof für die Britische Zone in Köln - D r . K U R T W E R G I N , Präsident der Rechtsanwaltskammer Berlin - Professor Dr. E R N S T W O L F F ,
vorm. Präsident des Obersten Gerichtshofes für die Britische Zone in Köln

S c h r i f t l e i t u n g : Magistratsrätin a.D. L. Pauli im Verlage Walter de Gruyter S Co., Berlin W35, Genthiner Strafte 13
Jahrgang 1954 September Heft 9

Das Straffreiheitsgesetz 1954


Von Erster Staatsanwalt Dr. Walter Becker, Bielefeld
Als im Herbst des vergangenen Jahres die Zeitungen die 1949 hatte daher weitgehende Wirkungen, wie selten eine
Nachricht verbreiteten, daß anläßlich der Neuwahl des Amnestie der Vergangenheit. Es führte in zahlreichen Fällen
Bundestages eine große Amnestie vorbereitet werde, zum Straferlaß und zur Niederschlagung des Verfahrens;
wurden manche Hoffnungen bei Menschen geweckt, die zu für die Strafen von 6 Monaten bis zu einem Jahr brachte es
kurzfristigen oder langfristigen Freiheitsstrafen, zu Geld- einen bedingten Straferlaß,
strafen und Geldbußen verurteilt waren. Verteidiger legten
in fast allen Strafsachen Rechtsmittel ein, und die Straf- Das neue Gesetz hat nicht etwa seine Ursache in dem
aufschubsgesuche bei den Staatsanwaltschaften erreichten neu gewählten Bundestage. Ausdrücklich ist in der Be-
ebenso wie die Gnadengesuche eine Hochflut, damit die gründung hervorgehoben, daß nicht ein solcher äußerer
Vollstreckung von Strafen verhindert oder zumindest bis Anlaß die Amnestie hervorgerufen hat. Auch mit der Wahl
zu der erwarteten Amnestie aufgeschoben würde. Als dann des Bundespräsidenten in Berlin kann das Gesetz nur zeit-
später der Referentenentwurf des Bundesministers der lich im Zusammenhang gebracht werden; denn, wie die
Justiz bekannt wurde und die Bundesregierung am i. 12. 53 Geschichte des Gesetzes zeigt, traf es sich nur von ungefähr,
diese in Aussicht genommene Amnestie verabschiedete, daß es gerade am 17. Juli verkündet werden konnte.
wurden die Hoffnungen schon bedeutend geringer, zumal Das Straffreiheitsgesetz 1954 will vielmehr eine chaoti-
da man allgemein einsah, daß das Amnestiegesetz vor sche Vergangenheit restlos bereinigen. Die Amnestie von
Weihnachten nicht mehr verwirklicht werden konnte. 1949 konnte diesen Schlußstrich noch nicht endgültig
Außerdem ersah man aus dem Entwurf, daß keineswegs ziehen; denn bei seinem Erlaß bestand noch weithin eine
eine „Generalamnestie" vorgeschlagen werden sollte, Gerichtsbarkeit der Besatzungsmächte, deren Urteile von
sondern eine Amnestierung bestimmter Fälle, die in ihren einer deutschen Amnestie nicht berührt wurden. In großem
Einzelheiten ziemlich genau festgelegt waren. Die Ent- Umfange unterstanden auch Straftaten nicht der deutschen
täuschung weiter Kreise wurde noch größer, als der Bundes- Gerichtsbarkeit, z. B. wurden die Devisenzuwiderhand-
rat diesen Gesetzentwurf ablehnte und sich auch sonst viele lungen erst vom Jahre 1949 ab von deutschen Gerichten
Stimmen gegen eine Amnestie aussprachen, so daß das abgeurteilt. Abgesehen von diesen äußeren Umständen darf
Gesetz vorläufig ad acta gelegt zu sein schien. Am 18. 6. 54 man aber auch die Feststellung treffen, daß mit dem
wurde dann das Gesetz vom Bundestag in dritter Lesung Währungsumbruch die Nachkriegsentwicklung noch nicht
angenommen. Der Bundesrat erhob Einspruch, der Ver- abgeschlossen war. Die Nöte der Flüchtlinge und Heimat-
mittlungsausschuß führte eine Einigung herbei, so daß der vertriebenen, die Schwierigkeiten der aus der Sowjetzone
Kompromißcharakter des Gesetzes in vielen Punkten ver- geflohenen Menschen ließen immer wieder erkennen, daß
ständlich wird. Endlich am 17. J u l i 1954, am Tage der wir von gefestigten, normalen Verhältnissen noch weit ent-
Neuwahl des Bundespräsidenten, konnte das Gesetz vom fernt waren. Zwar war in weiten Kreisen eine Beruhigung
Bundespräsidenten unterzeichnet und sofort verkündet und Festigung der wirtschaftlichen Verhältnisse, auch eine
werden. wiedergewonnene moralische Grundhaltung festzustellen,
Das „Gesetz ü b e r den E r l a ß von S t r a f e n und — viele Kreise der Bevölkerung waren aber noch unruhig
Geldbußen und die Niederschlagung von Straf- und unsicher, labil und haltlos in den Wirren der Zeit.
v e r f a h r e n und B u ß g e l d v e r f a h r e n " (S traf frei he i ts- So soll die neue Amnestie den endgültigen Schlußstrich
gesetz 1954 vom 17.7.54 — BGB1. I 1954 Nr. 21 — ) bringen und einen wesentlichen Beitrag zur Befriedigung
bedeutete schon deshalb für viele eine Enttäuschung, weil und Versöhnung leisten. Sie soll auch das Anfangsstadium
als „Stichtag" der i. 12. 53 bestimmt ist. Nur für die vor eines nunmehr endlich geordneten Zusammenlebens in der
diesem Zeitpunkt begangenen Straftaten und Ordnungs- Bundesrepublik bilden.
widrigkeiten wird in gewissem Umfange Straffreiheit ge-
währt. Neben dem Erlaß von Strafen spricht die Amnestie Wenn ein Wort grundsätzlicher Kritik erlaubt ist, so ist
eine Niederschlagung von Verfahren aus. es nur die Tatsache, daß über die Amnestie monatelang
Das Gesetz will zur Bereinigung der durch Kriegs- und diskutiert und verhandelt wurde, so daß Hoffnungen ge-
Nachkriegsereignisse geschaffenen außergewöhnlichen Ver- weckt wurden, die vielfach nicht erfüllt werden konnten.
hältnisse Gnade gewähren. Wir stehen heute auf dem Stand- Die politischen Kräfte sollten dafür sorgen, daß eine
punkt, daß für den Erlaß einer Amnestie ein besonderer Amnestie schnell und plötzlich verkündet wird, damit keine
Anlaß bestehen muß. Als das letzte Straffreiheitsgesetz Beunruhigung im Rechtsleben eintritt.
vom 31.12.49 (BGB1. 1949 5.37) verkündet wurde, sah Der Kompromißcharakter des Gesetzes kommt darin
man den Anlaß darin, daß eine Zeit der Irren und Wirren, zum Ausdruck, daß der ursprünglich vorherrschende Ge-
eine Zeit des Zusammenbruchs und Umbruchs, eine wirt- danke einer Liquidierung der Vergangenheit nicht mehr
schaftlich und moralisch kranke Zeit der „weichen Wäh- überall klar durchgeführt ist. Man wird das bei den ein-
rung" als abgeschlossen erschien und stabileren Lebens- zelnen Bestimmungen sehen. Grundgedanke des Gesetzes
verhältnissen Platz machte. Das Straffreiheitsgesetz von ist aber immer der, daß in erster Linie solche Taten als

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gnadenwürdig erscheinen, die noch irgendwie mit dem niedrige Gesinnung erkennen, oder die Persönlichkeit des
Kriege, mit der Nachkriegszeit und dem damit verbundenen Täters in Verbindung mit seiner Willensbestätigung gibt
Notstand zusammenhängen. den Anlaß, eine gemeine, d. h. sittlich besonders ver-
werfliche Gesinnung zu bejahen.
Die Bestimmungen im einzelnen Ohne Rücksicht auf frühere Strafen und Maßregeln
Strafen und Geldbußen werden erlassen; Strafverfahren wird Straffreiheit gewährt, wenn die Tat nur als eine mit
und Bußgeldverfahren werden durch das Gesetz nieder- Geldstrafe zu ahndende Ü b e r t r e t u n g anzusehen ist
geschlagen. Im einzelnen sind die Voraussetzungen der (§ 2 Abs. 4). Die Notwendigkeit dieser Amnestierung
Straffreiheit in den §§2—8 aufgestellt. ergibt sich daraus, daß Geldbußen wegen Ordnungs-
widrigkeiten bis zu 5000,—DM erlassen werden (§22)
Voraussetzungen der Straffreiheit und anhängige Verfahren dieser Art eingestellt werden.
i. Allgemeine Straffreiheit Die Übertretungen, bei denen nur Geldstrafen verhängt
Während der Gesetzentwurf der Bundesregierung nur werden, gehören zum großen Teil dem Verwaltungsrecht
für Straftaten, die auf die Kriegs- und Nachkriegsverhält- an, obgleich die Gesetzesgebung ihre Umwandlung in
nisse zurückzuführen waren, Straffreiheit gewähren wollte, Ordnungswidrigkeiten noch nicht überall durchgeführt hat.
hat das Gesetz eine allgemeine Straffreiheit gebracht für 2. Straftaten aus Not
alle Straftaten, die vor dem Stichtag begangen worden sind,
wenn Freiheitsstrafen von nicht mehr als 3 Monaten und Einen viel weitergehenden Straferlaß bringt § 3 für
Geldstrafe, bei der die Ersatzfreiheitsstrafe 3 Monate nicht Straftaten, die begangen sind, weil sich der Täter infolge der
übersteigt, allein oder nebeneinander, erkannt oder zu er- Kriegs- und Nachkriegsereignisse in einer u n v e r s c h u l d e -
warten ist. ten Notlage befunden hat.
Voraussetzung ist, daß der Täter vor Begehung der Tat Dem Notleidenden ist der Nothelfer gleichgestellt;
mit nicht mehr als mit Freiheitsstrafen von einem Monat damit fallen auch Straftaten unter die Amnestie, die be-
verurteilt oder seine Unterbringung in einem Arbeitshaus gangen sind, weil der Täter einer unverschuldeten Notlage
nicht angeordnet worden ist. Die Vorstrafen müssen sich a n d e r e r abhelfen wollte. Für diese Straftaten aus Not
auf Verbrechen und vorsätzliche Vergehen (die Ver- ist die Amnestie auf Strafen bis zu einem Jahr Gefängnis
urteilungen wegen fahrl. Tötung würden also nicht zählen) und Geldstrafen (mit einer Ersatzfreiheitsstrafe bis zu
einem Jahr) ausgedehnt worden.
beziehen; auf Übertretungen nur, wenn Unterbringung in Eine Erleichterung bringt auch die Vorstrafenklausel
einem Arbeitshaus (§ 42 d StGB) angeordnet ist. des § 3 Abs. 2; danach ist Straffreiheit hier nur dann aus-
Nach Ansicht des Gesetzgebers wird ein Verurteilter, geschlossen, wenn Vorstrafen wegen Verbrechen oder vor-
gegen den auf Arbeitshaus erkannt ist, als asozialer ange- sätzlicher Vergehen von insgesamt mehr als 3 Monaten
sehen, der die Wohltaten der Amnestie nicht genießen soll. vorliegen oder gegen den Täter die Unterbringung in einem
Unerheblich ist es, wenn jemand nach dem Stichtag der Arbeitshaus angeordnet worden war.
Amnestie bestraft wird. Es ist also möglich, daß ein Täter Auch bei diesen Notstraftaten sind die obengenannten
wegen einer vor dem 1.12. 53 begangenen Straftat am- bestimmten Delikte von der Straffreiheit ausgenommen;
nestiert wird, obgleich er im Dezember 1953 schwerwie- auch hier stehen Gewinnsucht und gemeine Gesinnung
gende, etwa zuchthauswürdige Straftaten begangen hat. der Amnestierung entgegen.
Die Vorstrafenklausel erfährt durch § 10 eine Milderung; Unverschuldete wirtschaftliche Notlage wird zu be-
danach bleiben die Strafen, die beim Inkrafttreten des jahen sein, bei Vertriebenen, SBZ-Flüchtlingen, Kriegs-
Amnestiegesetzes getilgt oder tilgungsreif waren, oder die hinterbliebenen, Spätheimkehrern, Kriegssachbeschädigten
der beschränkten Auskunft unterlagen (Straftilgungsgesetz und ähnlichen Gruppen der Bevölkerung. In erster Linie
vom 9. 4. 20 in der Fassung vom 17. 1i. 39 [RGB1.1 S. 2254] ist wohl an eine wirtschaftliche Notlage gedacht; aber auch
bei der Prüfung, ob die Straffreiheit ausgeschlossen ist, eine seelische und moralische Notlage ist vom Gesetz erfaßt.
außer Betracht. Das gilt auch für die Anordnung der Unter- Wenn beispielsweise ein Spätestheimkehrer infolge
bringung in einem Arbeitshaus, so daß die bereits 10 Jahre seines dystrophischen Zustandes in eine sexuelle Notlage
zurückliegende Unterbringung in einem Arbeitshaus die gerät und nachweisbar aus dieser Not heraus ein Sittlich-
Anwendung der Amnestie nicht hindert keitsverbrechen begangen hat, werden die Voraussetzungen
In § 9 bringt das Gesetz eine Reihe von A u s n a h m e n : des § 3 u. U. zu bejahen sein. Wohl immer werden unter
Straftatbestände, die sich namentlich gegen den Staat rich- diese Vorschrift die Straftatbestände nach § 2483, 2643
ten, sind von der Straffreiheit ausgeschlossen, insbesondere StGB (Notdiebstahl und Notbetrug) fallen.
Hochverrat, Staatsgefährdung, Landesverrat und Be- Dagegen werden diejenigen, die als „Parasiten der
teiligung an verbotenen Vereinigungen· Ausdrücklich ist Nachkriegszeit4' zu bezeichnen sind, z. B. Hehler von Bunt-
auch die Flucht bei V e r k e h r s u n f ä l l e n (Unfallsflucht, metallen oder Kuppler, die etwa aus der Anwesenheit von
§ 142 StGB) genannt. Ausgeschlossen sind auch Mord und Besatzungstruppen einen schnöden Gewinn ziehen bzw.
Totschlag, Verschleppung und politische Verdächtigung, gezogen haben, nach § 9 Abs. 2 von der Vergünstigung
Raub und räuberische Erpressung, Trunkenheit am Steuer, ausgeschlossen sein, weil Gewinnsucht oder gemeine Ge-
soweit die Voraussetzungen der vorsätzlichen Verkehrs- sinnung vorliegen.
g e f ä h r d u n g (§ 315 Abs. i Nr. 2) in Betracht kommt. 3. Steuer- und Monopolvergehen
Unterlassen von Verbrechensanzeigen und Volltrunkenheit Bei erkannten oder zu erwartenden Strafen unter 3
i. S. des § 330a StGB, wenn sich das In-den-Rausch- Monaten und bei Notstraftaten (Strafen unter einem Jahr
zustand-Versetzen auf eine dieser genannten Straftaten nach § 3) wird auch für Steuervergehen (§ 392 RAO)
bezieht. Das ursprünglich hier noch vorgesehene Verbrechen Monopolvergehen (§119—126 des Gesetzes über das
der Bigamie (§171 StGB) ist auf Vorschlag des Vermitt- Brantweinmonopol § 40—43 des Zündwarenmonopol-
lungsausschusses wieder ausgefallen, so daß unter Um- gesetzes) Straffreiheit gewährt. Voraussetzung ist aber,
ständen auch derjenige, der sich der Doppelehe schuldig daß die hinterzogene Steuer oder Monopolforderung bis
gemacht hat, unter den Voraussetzungen der §§ 3 und 7 die zum 31. 12.52 entstanden ist, und daß die Tat (z. B.
Straffreiheit erlangen kann. Falscherklärung) vor dem i. 12. 53 begangen, oder — bei
Für die Praxis von größter Wichtigkeit wird die Be- Steuererklärungen — die Erklärung vor dem i. 12.53
stimmung des § 9 Abs. 2 werden; danach sind von der unvollständig oder unrichtig abgegeben ist, auch wenn der
Straffreiheit die Straftaten ausgeschlossen, die auf Ge- Erfolg der Tat erst nach dem i. 12. 53 eintritt.
winnsucht beruhen, oder bei denen die Art der Aus- Ausgenommen sind die falschen Angaben nach dem
führung oder die Beweggründe eine gemeine Gesinnung Lastenausgleichsgesetz und Steuervergehen, die sich auf
des Täters erkennen lassen. Vermögenswerte in der Schweiz beziehen. (§ 4 Abs. 2
„Handeln aus Gewinnsucht" ist in § 273 StGB bereits Ziff. 2.) Auch für Vergehen gegen die Bestandsaufnahme
enthalten. Aus Gewinnsucht handelt nicht etwa schon der (Artikel IX des Anhangs des Gesetzes Nr. 49 der Militär-
Dieb oder Betrüger; Gewinnsucht fehlt regelmäßig beim regierung von 1948) wird unter den Voraussetzungen der
Handeln aus Not (§§ 2483, 2643); zur Gewinnsucht gehört §§ 2 und 3 Straffreiheit gewährt.
eine Betätigung des Erwerbssinnes in einem ungewöhn-
lichen, ungesunden und sittlich anstößigen Maße (BGHSt. 4. I n t e r z o n e n g e s c h ä f t e
i, 389). Die gemeine Gesinnung bedeutet ein norma- Der Liquidierung der Vergangenheit dient auch die
tives Tatbestendsmerkmal. Entweder läßt die Tat selbst Amnestierung der Wirtschaftsstraftaten, die gegen die Vor-
(z. B. Zuhälterei) oder das Motiv zur Tat eine verwerfliche, schriften über Interzonengeschäfte verstoßen. Die ein-

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zelnen Straftatbestände sind in § 21 Abs. i aufgeführt. Nachrichten, Informationen oder Artikel in strafbarer
Hier ist der Stichtag der i. i. 52; Voraussetzung ist, daß Weise mitgeteilt, entgegengenommen oder verbreitet hatten.
keine schwerere Strafe als Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr Nachdem gegen diese „lex Platow", verfassungsrechtliche
und Geldstrafe bis zu 20000 DM, allein oder nebenein- Bedenken erhoben worden waren, ist nunmehr in § 8 des
ander, rechtskräftig verhängt oder zu erwarten ist. Straffreiheitsgesetzes allgemein Straffreiheit gewährt worden
für solche Straftaten, die die Mitteilung, Beschaffung oder
5. Taten w ä h r e n d des s t a a t l i c h e n Z u s a m m e n - Verbreitung von Nachrichten über Angelegenheiten zum
bruchs Gegenstand haben, mit denen Angehörige des öffentlichen
Die von mancher Seite erwartete Generalamnestie für Dienstes befaßt sind, oder die damit derart im Zusammen-
Straftaten, die mit der national-sozialistischen Gewalt- hang stehen, daß sie solche Straftaten vorbereiten, fördern,
herrschaft zusammenhängen, ist mit Rücksicht auf das sichern oder decken sollten.
bestehende Sühnebedürfnis nicht ausgesprochen worden. Ohne Rücksicht auf die Höhe der verhängten oder zu
Gnadenerweise müssen der Prüfung des Einzelfalles inso- verhängenden Strafe wird Straffreiheit für die vor dem
•weit überlassen bleiben. i. i. 52 begangene unerlaubte Nachrichtentätigkeit gewährt.
Wohl aber ist für eine beschränkte, genau bestimmte
Art von Straftaten zwischen dem i. 10. 44 und 31.7. 45, Gemeinsame Vorschriften für die Straffreiheit
Straffreiheit oder Niederschlagung gewährt unter folgenden Erwähnt wurden bereits die Straftaten, die vom Straf-
Voraussetzungen: freiheitsgesetz aus rechtspolitischen Erwägungen aus-
a) Die Tat muß unter dem Einfluß der außergewöhn- genommen sind, weil ihre Verfolgung den Vorrang haben
lichen Verhältnisse des staatlichen Zusammenbruchs muß vor den Gesichtspunkten, die eine Amnestierung
begangen sein, rechtfertigen. Schwere und schwerste Straftaten, nament-
b) Der Täter muß sich in einem Befehlsnotstand oder lich solche, die sich auch gegen das Leben eines Menschen
vermeintlichen Notstand befunden haben, d. h. in der richten oder den Schutz des Staates oder seiner freiheitlichen
Annahme einer Amts-, Dienst- oder Rechtspflicht. und demokratischen Grundordnung zum Gegenstand
c) Dem Täter muß nach seiner Stellung oder Einsichts- haben, sind vom Gesetzgeber als nicht amnestiewürdig
fähigkeit nicht zuzumuten gewesen sein, die Straftat angesehen worden (§ 9)·
zu unterlassen; d. h. der Täter muß sich in einer Beim Zusammentreffen m e h r e r e r Straftaten (§ 11)
untergeordneten, bescheideneren Stellung befunden kommt es für die Anwendung des Straffreiheitsgesetzes in
haben, die ihm — auch auf Grund seiner Vorbildung — erster Linie auf die Gesamtstrafe an. In Fällen, in denen
die Pflichtenabwägung nicht klar ermöglichte. eine Gesamtstrafe nicht gebildet werden kann, weil die
d) Es darf keine schwerere Strafe als Freiheitsstrafe bis zu
gesetzlichen Voraussetzungen fehlen, etwa weil die spätere
3 Jahren und Geldstrafe verhängt oder zu erwarten Straftat erst nach der Verurteilung wegen einer früheren
sein. Straftat begangen worden ist, oder weil es sich um mehrere
Es ist anzunehmen, daß eine kleine Zahl von Fällen, die Geldstrafen handelt, ist die Summe der Strafen ent-
der Rechtsprechung an sich bisher erhebliche Schwierig- scheidend (§11 Abs. i).
keiten bereiten, unter diese Vorschrift fällt und daß damit Wenn in der Gesamtstrafe eine Einzelstrafe enthalten
jedenfalls die leichteren Fälle des Befehlsnotstandes oder ist wegen einer Straftat, die unter die Amnestie fällt, oder
des vermeintlichen Pflichtenwiderstreits ihre Erledigung mehrere solcher Einzelstrafen (z. B. wegen Nachrichten-
finden. tätigkeit, § 8, Interzonengeschäft, § 5), so ist die Gesamt-
s t r a f e a n g e m e s s e n herabzusetzen. Nach §458 StPO
6. Verschleierung des Personenstandes entscheidet das Gericht, das die Einzelstrafe wegen der
Bereits das Straffreiheitsgesetz vom 31.12.49 (BGB1. Straftat, für die Straffreiheit gewährt wird, verhängt hat
1950 S. 37) brachte in § 10 eine großzügige Amnestie für die (vgl. § Abs. 2).
Personen, die aus politischen Gründen untergetaucht waren, Ist eine Gesamtstrafe noch nicht gebildet und bei der
wenn sie sich bis 31. 3. 50 bei der Polizeibehörde ihres Gesamtstrafenbildung eine Einzelstrafe zu beachten, die
Wohnsitzes oder Aufenthaltsortes meldeten und ihre ohne weiteres unter die Amnestie fällt, so ist diese Einzel-
früheren unwahren Angaben richtigstellten. Während man strafe nicht zu berücksichtigen (vgl. § n Abs. 3). Das
überzeugt war, daß es in Deutschland damals noch zahl- Straffreiheitsgesetz von 1949 enthielt keine ausdrückliche
reiche untergetauchte, unter falschem Namen lebende Regelung dieses Falles; die Rechtsprechung hatte aber
Personen
1
gab, war die Zahl der Meldungen in den Jahren damals bereits Grundsätze entwickelt, die jetzt in das
949/5° verhältnismäßig gering. Offenbar befürchteten Gesetz übernommen sind.
viele betroffene Personen die Auslieferung an eine aus- Die Amnestie erstreckt sich auch auf die Nebenstrafen,
ländische Macht oder eine Strafverfolgung wegen Zu- gesetzlichen Nebenfolgen, Geldbußen und rückständigen
gehörigkeit zu einer für verbrecherisch erklärten Organi- Kosten, soweit sie noch nicht bezahlt sind. Den Geldbußen,
sation nach der VO § 69 der Britischen Militärregierung in die in die Staatskasse fließen, sind auch die Geldbußen
Verbindung mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 10. Nunmehr gleichgestellt, die der Verurteilte an eine gemeinnützige
wird in § 7 für Straftaten, die zur Verschleierung des Einrichtung zu zahlen hat (§ 24 Abs. i Nr. 5 StGB, § 15
Personenstandes aus politischen Gründen begangen worden Abs. i Ziff. 3 JGG). Einem Gebot der Gerechtigkeit ent-
sind, Straffreiheit gewährt, wenn keine schwereren Strafen spricht es, daß rückständige Kosten erlassen werden, auch
als Freiheitsstrafen bis 3 Jahre und Geldstrafe verhängt wenn die Strafe bereits vollstreckt war. Wer nur noch Kosten
oder zu erwarten sind. schuldet, soll nicht schlechter gestellt werden, als der, der
Ohne Rücksicht auf die Höhe der Strafe, also selbst bei noch einen Teil seiner Strafe zu verbüßen hat. Dienst-
schwersten Straftaten wird Straffreiheit gewährt, wenn der strafen oder Ehrengerichtsstrafen werden, was keiner weite-
Täter spätestens bis 31. 12. 54 sich der Behörde stellt ren Ausführung bedarf, vom Straffreiheitsgesetz nicht
und wahre Angaben nachholt (§ 7 Abs. 2). Das gilt also berührt. Ebenso werden von der Amnestie die Maßregeln
selbst für die Fälle, in denen der Täter unter falschem der Sicherung und Besserung sowie Einziehung, Ersatz-
Namen einen Eid geleistet, Urkundenfälschungen be- einziehung, Unbrauchbarmachung, Verfallserklärung und
gangen und eine Doppelehe geschlossen hat. Ausgenommen Einziehung des Mehrerlöses nicht betroffen (§13 Abs. i).
sind nur die unter i. genannten schweren Straftaten sowie Falls das Verfahren noch nicht durchgeführt ist, kann in-
Taten aus Gewinnsucht und gemeiner Gesinnung. soweit ein selbständiges Verfahren entsprechend den Vor-
Für die Täter, die sich zur Zeit nicht im Bundesgebiet schriften des Sicherungsverfahrens nach § 429 b Abs. i,
aufhalten oder an der Einhaltung der Frist (bis 31. 12. 54) 2 StPO eingeleitet werden (§13 Abs. 3, 4).
verhindert sind, endet die Frist erst 6 Monate nachdem
sie die Bundesrepublik betreten haben oder'das Hindernis Sonde r Vorschriften
weggefallen ist (§ 7 Abs. 3). für J u g e n d l i c h e u n d H e r a n w a c h s e n d e
Grundsätzlich umfaßt die Amnestie auch die Ver-
7. N a c h r i c h t e n t ä t i g k e i t fahren gegen Jugendliche und Heranwachsende, Heran-
2
Der Deutsche Bundestag hat in seiner 282. Sitzung am wachsenden-Straftaten werden bisweilen unter § 3 fallen,
9· 7· 53 bereits einen gesetzlichen Beschluß über die weil Heranwachsende oft unter den Einwirkungen des
Gewährung von Straffreiheit erlassen (BT-Drucksachen Kriegs- und Nachkriegsgeschehens aus'dem normalen Ent-
Nr. 3935, 4428, 4656), durch den Verlegern, Journalisten wicklungsgang geraten sind und Straftaten begangen haben,
und Angehörigen des öffentlichen Dienstes Straffreiheit die im letzten auf die unglücklichen Nachkriegsverhältnisse
gewährt werden sollte, wenn sie in der Zeit bis zum 31. 12.51 zurückgeführt werden müssen.

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Dem Erziehungsgedanken des Jugendgerichtsgesetzes Verfahren ihre Erledigung finden, ohne daß eine Ein-
entspricht es aber, die erzieherischen Möglichkeiten nicht tragung im Strafregister erfolgt, während alle rechtskräftigen
ungenützt zu lassen. Daher sind nur Strafen, nicht aber Verurteilungen, die unter die Amnestie fallen, im Straf-
Erziehungsmaßregeln und Zuchtmittel (z. B. Jugend- register verzeichnet bleiben.
arrest) erlassen. Ein Strafverfahren gegen Jugendliche und
Heranwachsende kann auch mit dem Ziel durchgeführt Die allgemeine Tilgung von Vorstrafen im Straf-
werden, Erziehungsmaßregeln oder Zuchtmittel (auch register ist jedoch im Gesetz nicht ausgesprochen worden,
Jugendarrest) anzuordnen. Diese nicht der Sühne, sondern weil offenbar die technischen Schwierigkeiten zu groß sind.
einzig und allein der Erziehung dienenden staatlichen Wohl aber sollen Strafregistervermerke über Verurteilungen
Maßnahmen werden bekanntlich nicht im Strafregister wegen Wirtschaftsstraftaten großzügig getilgt werden
eingetragen und sollen den Lebensweg des Jugendlichen (§ 20 Abs. i). Wichtig ist auch die Tilgung von Straf-
zum Guten führen. registervermerken über Verurteilungen der Spruchgerichte
Wenn nach dem Straffreiheitsgesetz eine zur Bewährung auf Grund der VO Nr. 69 der britischen Militärregierung.
ausgesetzte Jugendstrafe erlassen ist oder wenn ein Ver- Alle Verurteilungen wegen Zugehörigkeit zu einer für
fahren, in dem ein Schuldspruch nach § 27 JGG vorliegt, verbrecherisch erklärten Organisation (Corps der Politischen
niedergeschlagen ist, so sollen nach § 15 Abs. 2 die für die Leiter bis zum Ortsgruppenleiter abwärts, SS., Geheime
Bewährungszeit angeordneten Bewährungsauflagen als Staatspolizei, Sicherheitsdienst) werden im Strafregister
selbständige E r z i e h u n g s m a ß r e g e l n oder Z u c h t - getilgt, wenn Freiheitsstrafen bis zu 5 Jahren, Vermögens-
mittel bestehen bleiben. Die Bewährungsaufsicht einziehung und Geldstrafen allein oder nebeneinander
und Bewährungshilfe zu Gunsten des Jugendlichen be- verhängt worden sind. Das Gesetz beschränkt sich auf diese
steht also weiter, auch wenn die hinter der Bewährungs- Tilgungsvorschriften, enthält aber keine Niederschlagung
aufsicht stehende Drohung mit einer noch zu vollstrecken- der noch anhängigen Spruchgerichtsverfahren, da solche
den Strafe durch die Amnestie in Wegfall gekommen ist. kaum noch laufen. Die Maßnahme für das Strafregister
V e r f a h r e n s Vorschriften erwies sich deshalb als erforderlich, weil die Rechtseinheit in
Grundsätzlich entscheidet die Staatsanwaltschaft über der Bundesrepublik sie gebietet. Es hat bekanntlich in der
die Einstellung des Ermittlungsverfahrens; in Zweifels- amerikanischen und französischen Zone keine Spruch-
fällen kann auf Antrag des Beschuldigten oder der Staats- gerichte gegeben, die auf kriminelle Strafen erkennen
anwaltschaft das Gericht angerufen werden, das für die konnten, so daß die Tilgung dieser Strafvermerke in der
Hauptverhandlung zuständig wäre (§ 16 Abs. i). Gegen britischen Zone nur der Gerechtigkeit entspricht.
den Beschluß, der auf Einstellung lautet, hat die Staats-
anwaltschaft die sofortige Beschwerde. Wird die Anwend- Ordnungswidrigkeiten
barkeit des Straffreiheitsgesetzes im Beschluß verneint, so
kann dieser Beschluß nicht angefochten werden, weil es Das Straffreiheitsgesetz umfaßt auch die Geldbußen
sich um eine Entscheidung des erkennenden Gerichts wegen Ordnungswidrigkeiten bis zu 5000 DM (§ 22) und
handelt, die der Urteilsfällung vorausgeht (§ 16 Abs. 3). die Ordnungswidrigkeiten im Interzonenverkehr, wenn eine
Antrag auf D u r c h f ü h r u n g des Verfahrens Geldstrafe bis zu 30000 DM verhängt oder zu erwarten
Wie nach § 6 des Straffreiheitsgesetzes von 1949 kann der ist (§23). Nach § 24 werden die Vorschriften des Straf-
Beschuldigte, der seine Unschuld geltend macht, auf der freiheitsgesetzes auf Ordnungswidrigkeiten und Bußgeld-
Fortsetzung des Verfahrens bestehen. Neu ist die „Fest- verfahren entsprechend angewendet.
stellung ehrenrühriger Tatsachen" (§ 18). In einem ge- Ein so umfassendes und teilweise kasuistisches Straf-
richtlichen Verfahren wegen Beleidigung, übler Nachrede freiheitsgesetz wird in der Praxis wegen der starren Grenz-
oder Verleumdung kann der Verletzte die Weiterführung ziehung immer Ungerechtigkeiten mit sich bringen. So
des Verfahrens mit dem Ziel der Feststellung beantragen, wird auch dieses Gesetz ergänzt werden durch Einzel-
daß eine von dem Beschuldigten aufgestellte unrichtige gnadenerweise, die dem „Fall" Gerechtigkeit angedeihen
Behauptung unwahr oder haltlos sei. Das Gesetz enthält lassen. Unser modernes Straf recht bietet alle Möglichkeiten,
eingehende Vorschriften über den Gang dieses Verfahrens um den Mannigfaltigkeiten des Lebens gerecht zu werden.
(§ 18). Besonders sollte das weiter auszubauende Institut der Be-
Strafregister währungsaufsicht und Bewährungshilfe die Absichten und
Bei allen Amnestiegesetzen empfindet man es als unge- Ziele des Straffreiheitsgesetzgebers unterstützen und er-
recht, daß die noch nicht rechtskräftig abgeschlossenen gänzen.

Vertikale Preisbindung
Von Dipl.-Ing. Dr. jur. Dr.-Ing. Heinrich Tetzner, Rechtsanwalt in Traunstein
I vertikale Preisbindung der zweiten und weiteren Hand —
Zulässigkeit und Rechtswirksamkeit der1 vertikalen und zwar 4
auch beim Markenartikel — für unzulässig er-
Preisbindung der zweiten und weiteren Hand ) war nach achtet ).
dem Erlaß der Dekartellisierungsgesetzgebung (Ges. Nr. 56, Das Verbot der vertikalen Preisbindung traf in
VO Nr. 78, VO Nr. 96) umstritten. Wahrend anfänglich erster Linie die Markenartikelhersteller. Hinter dem
überwiegend angenommen wurde, daß die vertikale Preis- Markenartikel steht, will er sich behaupten, eine individuelle
bindung der zweiten Hand durch das Ges. Nr. 56 nicht unternehmerische Leistung, die auf eine Dauergütegewähr
betroffen werde2), das Verbot gemeinschaftlicher Preis- hinausläuft. Dieser gleichbleibenden Qualität entspricht
absprachen vielmehr nur für horizontale Preisbindungen in der Werbung weitgehend das Streben nach entsprechen-
gelte3), wurden durch das Memorandum der amerikanischen der Konstanz der Ausstattung und es besteht nun in der
Dekartellisierungsbehörde vom 21.6.48 (sog. „Bronson- Vorstellung des Publikums eine gewisse psychologische
Memorandum") ausdrücklich „alle Vereinbarungen, die Verknüpfung von Festpreis und Güte der Ware: unbe-
Wiederverkaufspreise festsetzen", für verboten erachtet, ständige Verkaufspreise rufen beim Verbraucher leicht die
und zwar auch bei Markenartikeln; es wurde lediglich die Vorstellung wach, daß auch die Güte der Ware schwanke.
unverbindliche „Preisempfehlung4' noch zugelassen. Das Es ist daher verständlich, daß insbesondere aus den Kreisen
Bronson-Memorandum wurde in der deutschen Literatur der Markenartikelhersteller die Forderung immer wieder
ganz überwiegend als authentische Interpretation des Ge- erhoben wurde, die vertikale Preisbindung der zweiten und
setzes angesehen, es wurde demgemäß nunmehr auch die weiteren Hand für Markenartikel freizugeben. Im „Ent-
wurf eines Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen4'
') d. h. die Vereinbarung von Wiederverkaufspreisen zwischen (Bundestagsdrucksache v. 13.6.52) wurde daher für
einem einzelnen Hersteller und seinen ersten Abnehmern in der Weise, „Markenwaren"5) das grundsätzliche Verbot der Preis-
daß von diesem Abnehmer wiederum die weiterbelieferten Händler
bis zur Abgabe an den Endverbraucher zur Einhaltung der vom Her- bindung weitgehend aufgelockert.
steller festgesetzten Preise verpflichtet werden.
')
3
v. B r u n n , GRUR 1948, 275. «) W ü r d i n g e r , GRUR 1949, 276; G l e i s s , BB 1950, 714; 1951,
) So wie auch in den USA seit dem Miller-Tydings Act von 1937 182; A. A. LG Hannover 16. 3. 32 - 13 Q 8/52 - und AG Schwabach
die Zulässigkeit von vertikalen Preisbindungen bei Markenartikeln 24. 7. 52 - De 56/52 - .
(die bereits vorher in zahlreichen Bundesstaaten durch Fair-Trade- *) Der Entwurf definiert die ,,Markenwaren" als ,,Erzeugnisse,
Acts zugelassen worden war) auch im zwischenstaatlichen Verkehr 1. die selbst oder 2. deren für die Abgabe an den Verbraucher be-
gesetzlich anerkannt wurde (was übrigens das Bronson-Memorandum stimmte Umhüllung oder Ausstattung oder 3. deren Behältnisse, aus
übersaht). denen sie verkauft werden, mit einem ihre Herkunft kennzeichnenden

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