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Bernd Janowski

Anthropologie des Alten Testaments


Grundfragen – Kontexte – Themenfelder

Die Auslegung wäre unmöglich, wenn die Lebensäußerungen gänzlich I H. W. Wolffs »Anthropologie« als Ausgangspunkt
fremd wären. Sie wäre unnötig, wenn in ihnen nichts fremd wäre. Zwischen
diesen beiden äußersten Gegensätzen liegt sie also. Sie wird überall erfor- 1 Eine ›Theologische Anthropologie‹
dert, wo etwas fremd ist, das die Kunst des Verstehens zu eigen machen
soll.1 Im Unterschied zu den Entwürfen von F. Delitzsch, J. Koeberle, J.
Wilhelm Dilthey
Pedersen u. a.7 hat Wolff die Frage nach einer alttestamentlichen
Die Frage, was der Mensch ist, reicht weit in die vorhellenistische Anthropologie umfassend gestellt und unter den drei Aspekten
Antike zurück. Schon in den Hochkulturen Mesopotamiens und einer Anthropologischen Sprachlehre, einer Biographischen Anthro-
Ägyptens hat sich der Mensch Gedanken über sich selbst, seine Stel- pologie und einer Soziologischen Anthropologie entfaltet.
lung in der Welt und sein Verhältnis zu den Göttern gemacht, ohne Wolff setzt mit einer Anthropologischen Sprachlehre ein, in der er zunächst die
diese Gedanken systematisch zu erfassen und darzustellen. Ähnli- anthropologischen Grundbegriffe næpæš (»Leben[digkeit], Vitalität«), bāśār
ches gilt für die griechische Literatur, die mit Homer, Platon und (»Fleisch«), rûª ḥ (»Atem, Wind, Geist«), leb/lebāb (»Herz«) und danach die an-
thropologischen Sachverhalte »Das Leben des Leibes«, »Das Innere des Leibes«,
Aristoteles Protagonisten des anthropologischen Denkens besitzt,2 »Die Gestalt des Leibes« und »Das Wesen des Menschen« (Sehen und Hören, Ohr,
aber die Frage nach dem Menschen weder als selbständigen Teil Mund, Sprache) untersucht. Darauf folgt eine Biographische Anthropologie,
noch als Disziplin der Philosophie versteht. Erst mit dem Huma- wobei anhand verschiedener Zeitauffassungen und Schöpfungsvorstellungen
nismus der italienischen Renaissance (Pico della Mirandola) und die grundlegenden Rhythmen wie Erschaffung und Geburt, Leben und Tod,
der Aufklärung des 18. Jh.s (J. G. Herder, I. Kant u. a.) wird die An- Jungsein und Altern, Wachen und Arbeiten, Schlafen und Ruhen, Krankheit
thropologie zu einer philosophischen Disziplin,3 die für die im 19. und Heilung, Hoffnung und Erwartung beschrieben werden. Im dritten, So-
ziologische Anthropologie genannten Teil kommt Wolff auf die Welt des Men-
und 20. Jh. erfolgte Ausdifferenzierung in eine Vielzahl disziplinä- schen zu sprechen, worunter er die Rolle(n) des Einzelnen in der Gemeinschaft
rer Anthropologien (von der medizinischen über die psychologi- (und vor Gott: Der Mensch als »Bild Gottes«) versteht: Mann und Frau, Eltern
sche bis zur Sozialanthropologie) grundlegend geworden ist4 und und Kinder, Freunde und Feinde, Herren und Knechte, Weise und Toren.
die im »Begriff des Menschen als eines körpergebundenen Kultur- Den Schluss bildet eine Erörterung über die Bestimmung des Menschen im
wesens«5 ihre Fundierung hat. Verhältnis zu Gott, zum Mitmenschen und zur Schöpfungswelt. Hier hat die
Ein neues Interesse an anthropologischen Fragen gibt es nach Wolffsche »Anthropologie« auch ihr Ziel. Danach ist der Mensch »1. … bestimmt,
zu leben und nicht dem Tode zu verfallen«8, »2. Er ist bestimmt, zu lieben und
dem klassischen Entwurf H. W. Wolffs von 19736 seit etwa 20 Jahren allen Haß zu überwinden«9, »3. Seine Bestimmung in der außermenschlichen
auch in der Alttestamentlichen Wissenschaft, die in ihrem Gegen- Schöpfung ist ebenso eindeutig: herrschen«10 und »4. Der Mensch ist bestimmt,
stand, dem Alten Testament, eine Hauptquelle der abendländi- Gott zu loben«11, denn im Loben Gottes »findet die Bestimmung des Menschen
schen Anthropologie besitzt. Die folgende Skizze stellt zunächst zum Leben in der Welt, zum Lieben des Mitmenschen und zum Beherrschen
Wolffs »Anthropologie des Alten Testaments« dar (I) und formuliert der außermenschlichen Schöpfung ihre wahrhaft menschliche Erfüllung. Sonst
wird der Mensch als sein eigener Abgott zum Tyrannen, oder er verliert im Ver-
anschließend Perspektiven für einen Neuansatz (II). Am Schluss
stummen zur Sprachlosigkeit seine Freiheit«12.
folgen einige Überlegungen zum Zusammenhang von Textwelt
und Lebenswelt, der für eine alttestamentliche Anthropologie von Trotz kritischer Anfragen (s. unten I 2.) ist die Absicht der Wolff-
besonderer Bedeutung ist (III). schen »Anthropologie«, zu einer umfassenden »Bestimmung des
Menschen«13 anzuleiten, in vielem überzeugend. Das wird etwa an
der Überschrift des zweiten Paragraphen: »næpæš – der bedürftige
Mensch«14 deutlich. Darin zeigt sich das Bemühen, das unter dem
1) W. Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt, Stuttgart 51968, 225. Einfluss des griechischen Denkens heimisch gewordene dicho-
2) S. dazu J.-P. Vernant (Hrsg.), Der Mensch der griechischen Antike, Frank-
furt/New York 1993. Die folgenden Ausführungen nehmen Überlegungen von
tomische bzw. trichotomische Menschenbild (Leib – Seele bzw.
D. Bester/B. Janowski, Anthropologie des Alten Testaments, in: B. Janowski/K. Leib – Seele – Geist) zu überwinden und durch eine sachgerech-
Liess (Hrsg.), Der Mensch im alten Israel, HBS 59, Freiburg u. a. 2009, 3–40, und B. tere Deutung zu ersetzen. So entwickelt Wolff die Bedeutung des
Janowski, Hans Walter Wolff und die alttestamentliche Anthropologie, in: J. Chr.
Gertz/M. Oeming (Hrsg.), »Neu aufbrechen, den Menschen zu suchen und zu er-
kennen«, BThSt 139, Neukirchen-Vluyn 2013, 77–112, auf und führen sie weiter. 7) S. dazu Wolff, a. a. O., 23, ferner D. Bester, Körperbilder in den Psalmen,
3) S. dazu J. F. Lehmann, Art. Anthropologie, in: R. Borgards u. a. (Hrsg.), Lite- FAT II/24, Tübingen 2007, 6 ff.; F. Hartenstein, Kulturwissenschaften und Altes
ratur und Wissen, Stuttgart/Weimar 2013, 57–63. Testament, VF 54 (2009), 31–42, hier: 32 f., und R. Schmitt, Perspektiven einer An-
4) S. dazu O. Marquard, Art. Anthropologie, HWP 1 (1971), 362–374; G. Gebauer, thropologie des Alten Testaments, MARG 20 (2010), 177–215.
Anthropologie, in: A. Pieper (Hrsg.), Philosophische Disziplinen, Leipzig 1998, 11– 8) Wolff., a. a. O. (s. Anm. 6), 311.
34; Chr. Thies, Art. Mensch, in: P. Kolmer/A. G. Wildfeuer (Hrsg.), Neues Hand- 9) Ders., a. a. O., 313.
buch philosophischer Grundbegriffe, Bd. 2, Freiburg/München 2011, 1515–1526 10) Ders., a. a. O., 314.
u. a. 11) Ders., a. a. O., 316.
5) Lehmann, a. a. O. (s. Anm. 3), 57. 12) Ders., a. a. O., 319.
6) Im Folgenden wird die Neuausgabe zitiert: H. W. Wolff, Anthropologie des 13) So die Überschrift des Schlussabschnitts, ders., a. a. O., 310 ff.
Alten Testaments. Mit zwei Anhängen neu hrsg. von B. Janowski, Gütersloh 2010. 14) Vgl. ders., a. a. O., 33 ff.
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anthropologischen Grundbegriffs næpæš »Leben(digkeit), Vitali- 7 Du hast ihn zum Herrscher gesetzt über das Werk deiner Hände,
tät«15 aufgrund einer Analyse der sprachlichen Kontexte, die die alles hast du gelegt unter seine Füße:
Korrelation von Körperorganen und emotionalen/kognitiven Vor- 8 Kleinvieh und Rinder, sie alle,
und auch die (wilden) Tiere des Feldes,
gängen bzw. Eigenschaften beschreiben. Wenn etwa Körperorgane 9 die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres,
wie das »Herz« (leb/lebāb) und die »Nieren« (k el ājôt) mit emotionalen was durchzieht die Pfade der Meere.
oder kognitiven Vorgängen wie »Freude« oder »Jubel« verbunden
Bewunderungsruf
werden (vgl. Ps 16,7–9; Spr 23,16 u. ö.) und umgekehrt soziale oder
10 JHWH, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!
psychische Konflikte wie »Anfeindung« oder »Verbitterung«
bestimmte Körperorgane wie das »Herz« und die »Nieren« in Mit- Der Mensch ist Mensch, weil Gott an ihn denkt und wohlwollend
leidenschaft ziehen (vgl. Ps 73,21 u. ö.), dann ist der Mensch als Gan- nach ihm sieht (vgl. Ps 144,3) oder weil er – wie Hi 7,17 f. den Gedan-
zer, d. h. hinsichtlich seiner somatischen und psychischen/kogni- ken der fürsorglichen Aufmerksamkeit Gottes fortschreibt – sein
tiven Aspekte und Funktionen im Blick. »Herz« prüfend auf ihn richtet:
Auch wenn es aufgrund der Korrelation von Körperorgan und 17 Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest,
Körperfunktion »keine Abwertung des Leiblichen, keinen Dualis- und dass du auf ihn dein Herz richtest,
mus von Geist/Seele und Leib«16 und d. h. keine vom Körper abge- 18 ihn Morgen für Morgen musterst,
löste Persönlichkeit gibt,17 liegt dem Alten Testament dennoch kei- ihn immerfort auf die Probe stellst? (Hi 7,17 f.)22
ne einheitliche Lehre vom Menschen zugrunde. Das muss aber kein Die dem Verb zā kar »gedenken« in Ps 8,5 eignende intentionale Aus-
Nachteil sein. Denn das Fehlen eines einheitlichen Menschenbil- richtung ist auch für das parallele pā qad charakteristisch, das die
des wird nach Wolff aufgewogen durch den »Dialog-Charakter«18, Zuwendung JHWHs im Sinn eines wohlwollenden Interesses am
der ein zentrales Merkmal der anthropologischen Texte des Alten Geschick des Menschen zum Ausdruck bringt (»nachsehen, in
Testaments ist. Die Aufgabe einer biblischen Anthropologie, die Augenschein nehmen«)23, d. h.: JHWH überlässt den Menschen in
dementsprechend das »theologische(s) Begreifen der anthropologi- Situationen akuter Bedürftigkeit nicht sich selbst, sondern er ist
schen Phänomene«19 in den Vordergrund rückt, umreißt Wolff »ihm darin stets Anteil nehmend und wohlwollend zugetan, so
denn auch folgendermaßen: dass er aufmerksam nach ihm sieht und erkundet, wessen er
»Biblische Anthropologie als wissenschaftliche Aufgabe wird ihren Einsatz bedarf«24. Diese Aufmerksamkeit Gottes gilt allen Menschen und sie
dort suchen, wo innerhalb der Texte selbst erkennbar nach dem Menschen gilt, wie V. 4 mit seinem Hinweis auf die majestätische Höhe und
gefragt wird. Die ganze Weite der Kontexte ist heranzuziehen, um die spe-
zifischen Antworten zu erarbeiten. Es wird sich zeigen, dass die wesentli-
Weite des nächtlichen Himmels mit seinen Gestirnen (Mond und
chen Beiträge Dialog-Charakter tragen und dass der Konsens im Zeugnis Sterne) deutlich macht, dem Menschen in seiner Kleinheit und Hin-
über den Menschen bei allem Wandel sprachlicher Formen geistesge- fälligkeit. Damit steht sie im Dienst der Herausstellung der Größe
schichtlich erstaunlich ist. Vor allem im Gespräch mit Gott sieht der des Schöpfers von Himmel und Erde (V. 2a + 10!) und damit »der
Mensch sich in Frage gestellt, erforscht und damit viel weniger festgestellt Gnade, die darin besteht, daß dieser so große Gott sich dem so klei-
als vielmehr zu Neuem berufen. Der Mensch ist, so wie er ist, alles andere als nen/hinfälligen Menschen zuneigt«25.
das Maß der Dinge.«20
Nur von Gott her lässt sich nach Ps 8 also sagen, was der Mensch
Ausgehend von den Texten und ihren Kontexten nach der Selbst- ist. Und nur von ihm her wächst dem Menschen, wie der weisheitli-
auslegung des Menschen zu fragen – das ist nach Wolff die Aufgabe che Frage-Antwort-Zusammenhang von V. 4–9 verdeutlicht, auch die
der alttestamentlichen Anthropologie. Signifikant dafür ist ein Fähigkeit zu, seine Stellung in der Welt wahrzunehmen (V. 6–9). So
Text wie Ps 8, dessen Grundfrage »Was ist der Mensch« (V. 5) ins erfährt die Grundfrage aller Anthropologie – »Was ist der Mensch?« –
Zentrum alttestamentlicher Anthropologie führt: mit Ps 8 eine Antwort, die charakteristisch für das biblische Men-
Bewunderungsruf schenbild ist. Denn die Aussage, dass Gott an den Menschen »denkt«
(zākar) und er »(aufmerksam) nach ihm sieht« (pā qad), richtet sich
2a JHWH, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!
nicht darauf, dass er sich punktuell einer Sache erinnert und eine
Hymnische JHWH-Prädikation I andere vergisst, sondern darauf, dass er »in den Zusammenhängen
2b Der du deine Hoheit gelegt (gegeben) hast auf den Himmel. geschöpflichen Lebens eine Wirklichkeit stiftet, die durch solche dua-
3 Aus dem Mund von Kindern und Säuglingen hast du eine Macht le Abstraktionen selbst nicht zureichend erfaßt wird«26. Es geht in
gegründet um deiner Bedränger willen, um zum Aufhören
zu bringen Feind und Rächer.
Ps 8 also nicht um den Menschen an sich oder um den Menschen in
Hymnische JHWH-Prädikation II
4 Wenn ich sehe deinen Himmel, das Werk deiner Finger, 22) Möglicherweise zielt die Argumentation von Hi 7,17 f. nach F. Sedlmeier,
(den) Mond und (die) Sterne, die du befestigt hast – »Vom Mutterschoß her bin ich geworfen auf dich« (Ps 22,11). Wert und Würde des
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, Menschen nach Texten des Alten Testaments, in: Chr. Frevel (Hrsg.), Biblische
und der einzelne Mensch, dass du (aufmerksam) nach ihm siehst? Anthropologie. Neue Einsichten aus dem Alten Testament, QD 237, Freiburg u. a.
6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,21 2010, 300–316, hier: 305, »nicht darauf, die Gültigkeit der Theologie von Ps 8 zu
und mit Ehre und Pracht hast du ihn gekrönt. leugnen, sondern – im Gegenteil! – bezugnehmend auf sie, ein verändertes Ver-
halten von Seiten Gottes zu erwirken«.
23) S. dazu W. Schottroff, Art. pāqad, THAT 2 (51995), 466–486, hier: 476, und E.
15) S. dazu jetzt B. Janowski, Die lebendige næpæš , in: Ders./Chr. Schwöbel Brünenberg, Wenn Jahwes Widerstand sich regt, in: Textarbeit, FS P. Weimar,
(Hrsg.), Gott – Seele – Mensch, Neukirchen-Vluyn 2013, 12–43. AOAT 194, hrsg. von K. Kiesow und Th. Meurer, Münster 2003, 53–74, hier: 53 ff.
16) R. Albertz, Art. Mensch II, TRE 22 (1992), 464–474, hier: 466. 71 ff.
17) S. dazu auch A. Wagner, Wider die Reduktion des Lebendigen, in: Ders. 24) H. Schnieringer, Psalm 8, ÄAT 59, Wiesbaden 2004, 231. Zur Interpretation
(Hrsg.), Anthropologische Aufbrüche, FRLANT 232, Göttingen 2009, 183–199. von Ps 8 s. noch U. Neumann-Gorsolke, Herrschen in den Grenzen der Schöp-
18) Wolff, Anthropologie (s. Anm. 6), 24. fung, WMANT 101, Neukirchen-Vluyn 2004, 72 ff.
19) Ders., a. a. O., 24 f. 25) Schnieringer, a. a. O. (s. Anm. 24), 233.
20) Ders., a. a. O., 24 (Hervorhebung von mir). 26) A. Schüle, Gottes Handeln als Gedächtnis, in: H.-J. Eckstein/M. Welker
21) Oder: Du hast ihm wenig fehlen lassen zur Gottheit/im Vergleich mit (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Auferstehung, Neukirchen-Vluyn 2002, 237–275,
Gott. hier: 269, s. dazu auch G. Sauter, Das verborgene Leben, Gütersloh 2011, 40 ff.
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seiner Selbstbezüglichkeit, sondern um die Relation von Schöpfer und len möchte, fordert er doch einen stärker ethnologisch ausgerichte-
Geschöpf und um die Stellung des Menschen in der vom Schöpfer ten »Blick auf den Menschen, der […] auch Elemente einer sozial-
geschaffenen Welt – oder mit den Worten H. W. Wolffs: geschichtlich fundierten Mentalitätsgeschichte berücksichtigen
muß«37. Summa:
»Der Mensch des 8. Psalms, der seine Überlegenheit in der Welt entdeckt,
kann sie nicht im Selbstruhm zur Sprache bringen, sondern nur in der prei- »Eine Anthropologie des Alten Testaments kann sich nicht nur auf literari-
senden Anrede Gottes (V. 6 f.) […] Und der ganze Psalm wird von der Anti- sche Befunde stützen, sondern muß die materielle Kultur und das von ihr be-
phon gerahmt (V. 2.10) […] Die Bestimmung zum Loben Gottes und also zeugte Symbolsystem bzw. die innerhalb unterschiedlicher Fundgruppen
zum dankbaren Dialog mit dem Schöpfer wird in Psalm 8 deshalb nicht von bezeugten Symbolsysteme, welche sich durchaus voneinander und von den
einer Selbstfaszination des Menschen durch seine eigenen Fähigkeiten ver- in den Texten repräsentierten unterscheiden können, berücksichtigen.«38
drängt, weil er sich selbst auch mit seiner eigenen Hilfsbedürftigkeit im
Auge behält (V. 5).«27 Mit diesem Monitum rennt Schmitt, wie die in den Jahren 2009–
2012 erschienenen Sammelbände39 belegen, offene Türen ein. Um
2 Kritische Anfragen im Bild zu bleiben: Im großen »Haus der alttestamentlichen An-
thropologie« stehen die Fenster und Türen inzwischen weit offen;
Wolffs »Anthropologie des Alten Testaments« zählt zweifellos zu den nur sollten wir nicht den Fehler machen, aus Übereifer alles, was
Klassikern der Alttestamentlichen Wissenschaft. Dennoch gab es nach Theologie aussieht, nun aus dem Fenster zu werfen. Dann
bald Kritik, auf die der Autor im Nachwort zur 3. Auflage von 1977 brauchen wir den Versuch, eine Anthropologie des Alten Testa-
eingegangen ist.28 Weitere Kritiken, die in den letzten 20 Jahren er- ments (!) zu entwerfen, gar nicht erst zu machen.
schienen sind, seien im Folgenden kurz angeführt. So erkennen S.
Schroer/Th. Staubli29 die Verdienste der Wolffschen »Anthropologie«
im Blick auf die Behandlung der Körperbegriffe ausdrücklich an,30 II Perspektiven für einen Neuansatz
werfen ihr aber bestimmte »Verzerrungen« bzw. »Verengungen« vor,
die ihrer Auffassung nach auf »systematische Vorurteile« zurückzu- Vieles an der gegen Wolffs »Anthropologie« vorgebrachten Kritik ist
führen sind: Wolff gehe nämlich weiterhin von einer Prävalenz des berechtigt und von der Forschung inzwischen auch beherzigt wor-
Hörens gegenüber dem Sehen aus, bevorzuge die männliche gegen- den, einiges dagegen ist überzogen40 bzw. wenig hilfreich.41 Auf
über der weiblichen Existenz und halte im Blick auf das Thema jeden Fall hat sich die Situation der Disziplin »Altes Testament«
»Sexualität« an eingefleischten antikanaanäischen Klischees (Israel/ gegenüber der Epoche, für die auch der Name von H. W. Wolff
Zucht vs. Kanaan/Unzucht) fest. steht, deutlich verändert. So kann eine alttestamentliche Anthro-
Grundsätzlicher ist die Kritik von A. Wagner,31 der nicht bei den pologie heute nicht mehr ohne die Berücksichtigung der Kulturen
sog. anthropologischen Grundbegriffen næpæš (»Leben[digkeit], Vi- des alten Ägypten, des Alten Orients (Mesopotamien, Kleinasien,
talität«), bāśār (»Fleisch«), rûªḥ (»Atem, Wind, Geist«) und leb/lebāb Syrien, Palästina, Iran) und des antiken Mittelmeerraums ein-
(»Herz«) ansetzen möchte. S. E. läuft dies auf eine »Reduktion des schließlich Griechenlands geschrieben werden.42 Zu der veränder-
Lebendigen« hinaus, weil sich die Beschränkung auf vier Grundbe- ten Situation zählen darüber hinaus Anstöße der Historischen An-
griffe nicht rechtfertigen lässt. Begriffe wie j ād »Hand«, ’ajin »Auge« thropologie, der Historischen Psychologie, der Genderforschung
oder pæh »Mund«, die öfter belegt sind als jene vier »Grundbegriffe«, sowie der Kultur- und der Kognitionswissenschaft. Wie eine »An-
sind für die alttestamentliche Anthropologie ebenso bedeutend thropologie des Alten Testaments«, die diesen Perspektiven Rech-
wie jene. Das aber heißt: »Der Mensch wird […] im A. T. unter den nung trägt, heute zu konzipieren wäre, ist eine offene Frage. Man
verschiedensten Perspektiven betrachtet, ohne dass eine klare Hier- könnte sie als Idealbiographie eines Menschen im alten Israel
archisierung der verschiedenen Aspekte erkennbar wäre.«32 Mensch- entwerfen, sich an den anthropologischen Grundbegriffen bzw.
sein beinhaltet nach dem Alten Testament »eine Fülle dieser Aspek- Haupttexten des Alten Testaments orientieren oder eine mehr the-
te, die möglichst in ihrer Fülle zur Geltung kommen sollte«33. matische Einteilung zugrunde legen.
Einen Schritt über Schroer/Staubli und Wagner hinaus geht Gegenüber solchen Einteilungen, für die es prominente Beispie-
schließlich R. Schmitt,34 wenn er Wolffs Werk eine explizit »theo- le gibt,43 hätte eine Anthropologie des Alten Testaments m. E. fol-
logische Anthropologie des Alten Testaments« nennt, dieser aber gende Aspekte zu berücksichtigen:
den Vorwurf macht, der »Wort-Gottes-Theologie« verpflichtet zu – die konkreten Lebensumstände der Menschen im alten Israel,
sein.35 Da die Problematik dieser Theologie Schmitt zufolge »im wie sie in ihren natürlichen Lebensbedingungen und in ihren
defizitären Bild vom Menschen (liegt), dessen Sein ganz im Sinne kulturellen Lebensformen zum Ausdruck kommen (1),
der ›Wort-Gottes-Theologie‹ im Rahmen des zur Entscheidung
aufrufenden Kerygmas gewertet wird«36, gelte es, diese zu über-
winden und durch eine dezidiert kulturwissenschaftliche Perspek- 37) Ders., a. a. O., 187.
tive zu ersetzen. Obwohl Schmitt die grundsätzliche Bedeutung 38) Ders., a. a. O., 187 f., vgl. ders., a. a. O., 205 f.
einer spezifisch theologischen Anthropologie nicht in Frage stel- 39) S. dazu Janowski/Liess (Hrsg.), Mensch (s. Anm. 2); Wagner (Hrsg.), An-
thropologische Aufbrüche (s. Anm. 17); Chr. Frevel (Hrsg.), Biblische Anthropo-
logie, QD 237, Freiburg u. a. 2010; B. Janowski (Hrsg.), Der ganze Mensch, Berlin
27) Wolff, Anthropologie (s. Anm. 6), 316 f., vgl. ders., a. a. O., 232 f. 2012; A. Berlejung/J. Dietrich/J. F. Quack (Hrsg.), Menschenbilder und Körper-
28) S. dazu ders., a. a. O., 351 ff. konzepte im Alten Israel, in Ägypten und im Alten Orient, ORA 9, Tübingen 2012,
29) S. Schroer/Th. Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 22005, 12 f. und M. Hilgert/M. Wink (Hrsg.), Menschenbilder, Heidelberg 2012.
30) Eine Fortführung der Wolffschen Darstellung bietet J. Kegler, Beobach- 40) Das gilt für manche Urteile von Schmitt, a. a. O., 178 ff.180 f.181 ff.185 ff.
tungen zur Körpererfahrung in der hebräischen Bibel, in: F. Crüsemann u. a. 187 f.
(Hrsg.), Was ist der Mensch …?, FS H. W. Wolff, München 1992, 28–41. 41) Das gilt für einige Ausführungen von J. van Oorschot, Zur Grundlegung
31) S. dazu Wagner, Reduktion des Lebendigen (s. Anm. 17), 183 ff. alttestamentlicher Anthropologie, in: Ders./M. Iff (Hrsg.), Der Mensch als Thema
32) Ders., a. a. O., 198. theologischer Anthropologie, BThSt 111, Neukirchen-Vluyn 2010, 1–41, hier: 8 ff.,
33) Ders., a. a. O., 199. s. dazu die Kritik von B. Janowski, »Anthropologie des Alten Testaments« vor und
34) S. dazu Schmitt, Perspektiven (s. Anm. 7), 177 ff. nach H. W. Wolff, in: Wolff, Anthropologie (s. Anm. 6), 373–403, hier: 398 ff.
35) S. dazu ders., a. a. O., 180 f.185.187 u. ö. 42) S. dazu die Literaturhinweise bei Janowski, a. a. O., 408 f.
36) Ders., a. a. O., 185. 43) Vgl. die unterschiedlichen Gliederungen von Wolff, Anthropologie (s.
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– die literarischen Kontexte des Alten Testaments, in denen fordernissen räumlicher Selbstbegründungen und Sinngebungen
diese Lebensumstände ihren sprachlichen Ausdruck gefun- in der Zeit«48.
den haben (2),
– die anthropologischen Konstanten, die die unterschiedlichen 1.1 Natürliche Lebensbedingungen
Menschenbilder des Alten Testaments jenseits sozial- und
literarhistorischer Konkretionen umgreifen und prägen (3). Die besagte Einbindung des/r Menschen in seine/ihre natürliche
Lebenswelt lässt sich an vielen Beispielen verdeutlichen. So konnte
Zwischen den konkreten Lebensumständen (1) und den alttestament-
der Mensch des alten Israel »räumlichen und zeitlichen Einflüssen
lichen Texten (2) gibt es ständige Wechselbeziehungen, die den Auf-
[…] nicht distanziert gegenüberstehen, beides erlebte er haut-
bau der sozialen Welt (Gesellschaft) befördern und die Stellung des
nah«49. Sei es die Erfahrung des Tag/Nacht-Rhythmus mit seinem
Menschen in ihr verständlich machen. Dass es darüber hinaus im
»Wechsel von der tags größeren, nachts kleineren Menschen-
Alten Testament auch anthropologische Konstanten (3) gibt, ist m. E.
welt«50, sei es der jahreszeitliche Rhythmus mit seinem Wechsel
nicht von der Hand zu weisen. Wäre es anders, wäre die Vergan-
von der Sommer- zur Winterweide und von der Saat zur Ernte –
genheit für uns schlechterdings unerreichbar.44 Da sie andererseits
immer erfuhr man Raum und Zeit als etwas Elementares und vor
aber nicht einfach zugänglich ist, weil unsere Verbindung mit ihr
allem, wie der Epilog der nichtpriesterlichen Fluterzählung in poe-
durch den »garstigen Graben« der Geschichte zerrissen ist, steht die
tischer Diktion deutlich macht, als etwas Zusammengehöriges
Aufgabe, das Fremde und Vergangene zu verstehen, vor einer dop-
und Ordnung Stiftendes:51
pelten Schwierigkeit, die W. Dilthey (1833–1911) in seinem Werk
»Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaf- 21* Da roch JHWH den lieblichen Duft,
ten« von 1910 auf den Punkt gebracht hat.45 Zu beschreiben und zu und er sagte zu seinem Herzen (= zu sich):
»Ich will nicht noch einmal den Erdboden wegen des Menschen
verstehen, wie fern und wie nah uns die Menschen des alten Israel verderben.
sind – darin besteht u. a. die Aufgabe der alttestamentlichen An- Und ich will nicht noch einmal alles Lebendige schlagen,
thropologie. Wie sie angegangen werden kann, soll im Folgenden wie ich es getan habe.
skizziert werden. 22 Während aller Erdentage (gilt):
Aussaat und Ernte
und Kälte und Hitze
1 Die konkreten Lebensumstände und Sommer und Winter,
Tag und Nacht werden nicht aufhören. (Gen 8,21 f.*)
Für die »Frage nach Kernaussagen der biblischen Anthropologie
und ihrem kerygmatischen Gehalt, die inmitten konkreter Lebens- Die Rhythmen des sozialen Lebens und der erlebten, von Gott ge-
umstände hervorleuchten«46 ist zunächst auf die konkreten Um- schaffenen und erhaltenen Raumzeit waren, wie dieser Text zeigt,
stände zu achten, in denen die Menschen im alten Israel lebten. Zu eng miteinander verschränkt. Der Bauernkalender von Gezer (10. Jh.
diesen konkreten Lebensumständen gehören v. Chr., s. Abb.1),52 der im September/Oktober beginnt und den Jah-
– die natürlichen Lebensbedingungen wie der geographische Raum reskreislauf idealtypisch anordnet, belegt diese enge Verbindung der
Palästinas/Israels mit seiner Pflanzen- und Tierwelt (1.1), Jahreszeiten mit der Lebens- und Arbeitswelt Palästinas/Israels:
– die kulturellen Lebensformen wie die Sozialität des Menschen 1 Zwei Monate davon (sind) Obsternte, September/Oktober
und seine spezifische Körperauffassung, die sich in diesem zwei Monate davon Saat, November/Dezember
Lebensraum ausgeprägt haben (1.2), 2 zwei Monate Spätsaat, Januar/Februar
– das religiöse Symbolsystem, mit dessen Hilfe die Menschen des 3 ein Monat Flachsschnitt, März
4 ein Monat Gerstenernte, April
alten Israel ihrer Lebenswelt gegenübertreten und diese deu- 5 ein Monat Getreideernte und Abmessen, Mai
ten (1.3). 6 zwei Monate Beschneiden, Juni/Juli
Alle drei Aspekte müssen in ihrer gegenseitigen Verflechtung ver- 7 ein Monat Sommerobsternte. August
standen und dargestellt werden. Menschliches Leben vollzieht sich
ja immer in bestimmten, jeweils definierten Räumen, die der
natürlichen (Himmelsrichtungen, Tag/Nacht-Rhythmus, geogra-
phische Gegebenheiten), der sozialen (Vierraumhaus, Dorf, Stadt,
Tor, Palast, Tempel, Grab) und der symbolischen Ebene (Feste, Gren-
ze zwischen Leben und Tod, Jenseitsvorstellungen) angehören.47
Da jede dieser Ebenen der geschichtlichen Veränderung unterliegt,
ändert sich auch die Art der menschlichen Wahrnehmung (›Histo-
rische Anthropologie‹). Anders gesagt: Der durch die Vermittlung
des menschlichen Leibes konstituierte Lebensraum ist »keine Abb. 1: Der Bauernkalender von Gezer
schlechterdings feststehende Größe, sondern er unterliegt den Er-
48) R. Gehlen, Art. Raum, HrwG 4 (1998), 377–398, hier: 380. Zur Rolle des Kör-
Anm. 6), 29 ff., von C. Westermann, Der Mensch im Alten Testament, Mün- pers in der Anthropologie s. jetzt auch Chr. Wulf, Das Rätsel des Humanen, Mün-
ster/Hamburg 2000, 11 ff., und von Chr. Frevel/O. Wischmeyer, Menschsein, chen 2013, 23 ff.
NEB.Themen 11, Würzburg 2003, 9 ff. (Frevel). 49) H. Weippert, Altisraelitische Welterfahrung, in: Dies., Unter Olivenbäu-
44) Vgl. C. Lévi-Strauss/D. Eribon, Das Nahe und das Ferne, Frankfurt a. M. men, AOAT 327, Münster 2006, 179–198, hier: 184.
1989, 180, und ders., Anthropologie in der modernen Welt, Berlin 2012, 15 f. u. ö. 50) Dies., a. a. O., 183.
45) Vgl. das Motto oben Sp. 535. 51) S. dazu auch O. Keel/M. Küchler/Chr. Uehlinger, Orte und Landschaften
46) S. Schroer/R. Zimmermann, Art. Mensch/Menschsein, in: F. Crüsemann u. der Bibel, Bd. 1, Zürich u. a./Göttingen 1984, 38 ff.
a. (Hrsg.), Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, 368–376, 52) S. dazu J. Renz/W. Röllig, Handbuch der althebräischen Epigraphik, Bd. 1,
hier: 368. Darmstadt, 1995, 34 ff.; O. Borowski, Agriculture in Iron Age Israel, Winona Lake,
47) S. dazu B. Janowski, »Du hast meine Füße auf weiten Raum gestellt« (Ps IN 1987, 31 ff. u. a. Die Abb. stammt aus K. Jaroš, Hundert Inschriften aus Kanaan
31,9), in: Ders., Die Welt als Schöpfung, Neukirchen-Vluyn 2008, 3–38. und Israel, Fribourg 1982, 37.
6
543 Theologische Literaturzeitung 139 (2014) 5 544

Zu den natürlichen Lebensbedingungen im alten Israel zählt drei Gruppen fließend und ihre Konsistenz immer auch von kli-
auch der geographische Raum mit seinen Klimazonen und seiner matischen, ökonomischen oder politischen Umständen abhängig:
Bodenbeschaffenheit.53 Palästina/Israel war (und ist) ein kleines »Hinzu kommt, dass in einem so kleinen Bereich, wie Palästina ihn darstellt,
Land, dessen Längsausdehnung von Norden nach Süden ungefähr verschiedene Gruppen zwar durchaus nebeneinander, aber nicht gegen-
250 km beträgt und dessen Breite wegen des unregelmäßigen Ver- einander existieren können. Wo ein konfliktloses Zusammenleben nicht ge-
laufs der Mittelmeerküste von Norden nach Süden hin zunimmt lang, geriet die Balance der kontinuierlichen Entwicklung ins Wanken.«58
und dabei zwischen 50 km (Bucht von Akko/See Genezareth) und
Von solchen Konflikten und ihrer Bewältigung ist in den Erzäh-
150 km (südliches Juda/Totes Meer) schwankt. Charakteristisch ist
lungen, Rechtstexten, Gebeten oder Weisheitssprüchen des Alten
das Relief dieses Gebiets, das sich in vier markante Zonen einteilen
Testaments immer wieder und ausführlich die Rede.59 Für eine alt-
lässt (schmaler Küstenstreifen, westjordanisches Bergland, Jordan-
testamentliche Anthropologie sind sie von unmittelbarer Relevanz.
graben, transjordanische Hochebenen) und das ihm – bezogen auf
das judäische und das ostjordanische Bergland – das Prädikat der
»Kleinkammerigkeit« eingetragen hat.54 1.2 Kulturelle Lebensformen

Klimazonen Im Rahmen der natürlichen Lebensbedingungen Palästinas/Israels


Was die Klimazonen angeht, so zerfällt das Jahr entsprechend der haben sich die kulturellen Lebensformen herausgebildet, die für das
subtropischen Lage Palästinas/Israels in etwa zwei gleich lange, Zusammenleben der Menschen des alten Israel charakteristisch
viereinhalb Monate dauernde Jahreszeiten (regenloser Sommer sind.60 Wenn man unter »Kultur« die Gesamtheit der Beziehungen
und winterliche Regenzeit), zwischen denen zwei jeweils sechswö- versteht, die die Menschen einer bestimmten Gesellschaft zur Welt/
chige Übergangszeiten liegen und dem Land im September/Okto- Natur und untereinander unterhalten,61 dann zählt die In terdepen-
ber den Frühregen und im April/Mai den Spätregen bringen.55 Im denz von Individuum und Gemeinschaft zum Kernbestand der kul-
Unterschied zu den großen Flusskulturen Mesopotamiens und turellen Lebensformen. Soziale Beziehungen beginnen mit der Ge-
Ägyptens mit ihren Bewässerungssystemen (Kanäle, Nilüber- burt, sie werden geformt durch das Zusammenleben in Haus und
schwemmung) war Palästina/Israel, das nur über wenige Seen, Öffentlichkeit und finden ihr Ende bzw. ihre Erfüllung im Alter.
perennierende Flüsse und Bäche verfügt, von der Häufigkeit und Der Lebensbogen des Einzelnen ist dabei »linear und zyklisch zu-
Verteilung der jährlichen Niederschläge und deren Nutzung gleich«62: linear durch die Abfolge der Lebensjahre und zyklisch
durch Brunnen und Zisternen abhängig. So deutlich diese Abhän- durch die wiederkehrenden Ereignisse in Natur (Jahreszeiten) und
gigkeit auch war, so sehr hat sie die Menschen im alten Israel ge- Gesellschaft (Feste und Riten), in die das Leben des Einzelnen ein-
lehrt, stärker die spendende Macht, von der sie abhängig sind, in gespannt ist. Das aber heißt: Der Einzelne ist keine Monade, son-
ihrer natürlichen Welt und Umwelt wahrzunehmen: dern ein animal sociale. Seine Sozialität ist der Ort, an dem sich das
Menschsein des Menschen, aber auch – wie die Individualpsalmen
»Das alte Israel war ein Bauernvolk, das in hohem Maße wetterabhängig
war, da ja die Felder ausschließlich vom Regen bewässert wurden. Flüsse, nicht müde werden zu betonen – seine Unmenschlichkeit erweist.63
die das ganze Jahr Wasser führten, bildeten entweder für die Landwirtschaft
unbrauchbare Sümpfe, oder ihr Bett lag zu tief (wie das des Jordans in sei- Animal sociale
nem Unterlauf), als dass ihr Wasser für die Bewässerung der Felder hätte Die Sozialität des Menschen, d. h. seine Einbindung in soziale Zu-
benützt werden können. Die existentielle Bedeutung der atmosphärischen sammenhänge und Rollen, ist ein Grundkennzeichen alttesta-
Bedingungen führte dazu, ihnen größte Aufmerksamkeit zu schenken und
in allem, was damit zusammenhing, Gott am Werk oder wenigstens Meta-
mentlicher Anthropologie. Das heißt aber nicht, dass der rollen-
phern für sein Wirken zu sehen.«56 konform agierende Mensch keine Freiheit zum Handeln und zur
Ausbildung seiner Individualität hätte. Wie der französische Grä-
Landschaftsrelief zist J.-P. Vernant im Blick auf das antike Griechenland formuliert
Das Landschaftsrelief, das Klima und dazu die Bodenbeschaffenheit hat, gibt aber die
bedingen die typische landschaftliche Dreigliederung Palästinas/ »Einbindung in die Gemeinschaft […] den Fortschritten der Individualisie-
Israels in Kulturland, Steppe und Wüste. Während das Kulturland rung ein ganz anderes Gesicht: Sie vollziehen sich im sozialen Rahmen, in
mit seinem mediterranen Klima und ausreichenden Niederschlä- dem das allmählich sich herausbildende Individuum nicht als Entsagendes
gen die Voraussetzungen für ein sesshaftes Leben in Dörfern und in Erscheinung tritt, sondern als Rechtssubjekt, politischer Akteur, Privat-
person in der Familie oder im Kreis der Freunde.«64
Städten bot, verhinderte die Wüste mit ihrem Mangel an Wasser
und ertragreichen Böden das Entstehen fester Siedlungen. Die Etwas Analoges lässt sich auch im Blick auf das alttestamentliche
Grenze zwischen diesen beiden Landschaftsformen bildeten die Menschenbild feststellen, dem zufolge das Verhalten des Einzelnen
Steppengürtel, die sich je nach Wasserspeicherung und Wasserver- in Bezug auf den sozialen Kontext gesehen wird, in dem es sich voll-
teilung einmal mehr dem Kulturland, einmal mehr der Wüste zieht. Danach ist der Mensch – konkret Männer und Frauen, Eltern
annäherten. Entsprechend diesen natürlichen Lebensbedingun-
gen bildete sich »die typische palästinische Bevölkerungstrias her-
aus, die aus Städtern, Dörflern und nomadisierenden Kleinviehhir- 57) Weippert, Palästina (s. Anm. 53), 24.
58) Dies., ebd.
ten besteht«57. Allerdings waren die Übergänge zwischen diesen 59) Vgl. etwa die Brunnenstreitigkeiten in den Erzelternerzählungen in den
Kapiteln Gen 12–36.
60) S. dazu die Literaturhinweise bei Janowski, »Anthropologie des Alten Tes-
53) S. dazu H. Weippert, Palästina in vorhellenistischer Zeit, HdA Vorderasien taments« (s. Anm. 41), 412 f.
II/1, München 1988, 3 ff., und D. Vieweger, Archäologie der biblischen Welt, 61) Vgl. Lévi-Strauss, Anthropologie (s. Anm. 44), 89.
Gütersloh 2012, 207 ff. 62) J. Kegler, Art. Mensch, in: O. Betz/B. Ego/W. Grimm (Hrsg.), Calwer Bibel-
54) S. dazu M. und H. Weippert, Die Vorgeschichte Israels im neuen Licht, ThR lexikon Bd. 2, Stuttgart 2003, 897 f., hier: 897 .
56 (1991), 341–390, hier: 366 ff. u. a. 63) Vgl. R. A. Klein, Die Inhumanität des Animal Sociale, NZSTh 51 (2009), 427–
55) S. dazu Keel/Küchler/Uehlinger, a. a. O. (s. Anm. 51), 38 ff. 444, hier: 430 ff.
56) Dies., a. a. O., 52 f., vgl. auch O. H. Steck, Welt und Umwelt, Stuttgart u. a. 64) J.-P. Vernant, Individuum, Tod, Liebe, in: Janowski (Hrsg.), Der ganze
1978, 53. Mensch (s. Anm. 39), 155–171, hier: 157.
7
545 Theologische Literaturzeitung 139 (2014) 5 546

und Kinder, Alte und Junge, Freunde und Feinde, Bauern und Krie- kann, innerhalb dessen sich ihm aber ein definierter Gestaltungs-
ger, Beamte und Händler, Könige und Richter, Herren und Knech- raum eröffnet«70, in dem er mit anderen kommuniziert bzw. inter-
te, Priester und Propheten, Weise und Toren, Einheimische und agiert. Das Alte Testament reduziert den Menschen weder auf sei-
Fremde oder Sterbende und Tote – ein ›konstellatives‹, in die sozia- nen Körper noch auf seine soziale Rolle, sondern nimmt ihn in sei-
le Gemeinschaft eingebundenes Wesen. Der Begriff der »Konstella- nen leiblichen wie sozialen Bezügen wahr, wobei die Texte einmal
tion« bringt dabei komplexe, auf Gegenseitigkeit – Gott/Mensch, diesen und einmal jenen Aspekt in den Vordergrund rücken. Eine
Mensch/Mitmensch, Mensch/Tier und Mensch/(Um-)Welt – aus- offene Frage ist dabei, ob es ein »Steuerungszentrum« – etwa das
gerichtete Beziehungen des Menschseins zum Ausdruck.65 In die- »Herz« (leb, lebāb) – gibt, das für den Zusammenhang des Ganzen
sen Beziehungen konkretisiert sich das, was wir die personale Iden- zuständig ist.71
tität des Menschen nennen. Auch wo wie in Ps 42/43; 51,5–8 u. a. Ein Seitenblick auf das alte Ägypten kann – ohne eine Abhängigkeit der alt-
oder in bestimmten Ez-Texten der Innere Mensch, also der Selbstbe- testamentlichen von der ägyptischen Anthropologie anzunehmen – das
zug im Vordergrund steht, geschieht solche Selbstthematisierung Problem verdeutlichen. So lässt sich die Auffassung des menschlichen Kör-
nie auf Kosten der sozialen Außen-Beziehung. ›Selbstbewusstsein‹, pers als einer komplexen und differenzierten Ganzheit (Kompositum sei-
das zeigen diese Texte, gewinnt der Mensch nicht aus solipsisti- ner Glieder und Organe) nach E. Brunner-Traut am besten mit Hilfe des
Begriffs der »Aspektive« verstehen: »Der Körper wird […] auch nach Ausweis
scher Versenkung in sein Innenleben, sondern aus dem Umgang des Vokabulars nicht etwa als Organismus verstanden, selbst wenn das Herz
mit Gott, seinen Mitmenschen und der natürlichen Lebenswelt. vielfach als eine Art Zentrum gesehen worden ist, von dem außer Gedan-
Dieser Aspekt bedarf einer eingehenden Analyse. ken und Gefühlen auch die Gefäße ausgehen. Der Körper wird aus einer An-
zahl von Teilstücken zusammengesetzt, ›verknotet, zusammengeknüpft‹,
er ist etwa das, was wir eine ›Gliederpuppe‹ nennen.«72
Personale Identität Diesem Prinzip der Aspektive, das den menschlichen Körper nicht als eine
In seiner Auffassung der personalen Identität geht das Alte Testa- organische Einheit wahrnimmt, sondern in seine Einzelteile (»Glieder«) zer-
ment, wie die Korrelation von Körperbild und Sozialstruktur deut- legt, ist – wie J. Assmann in Weiterführung des Ansatzes von Brunner-Traut
lich macht, vom integrativen Konzept des ›ganzen Menschen‹66 gezeigt hat73 – das Prinzip der Konnektivität an die Seite zu stellen, das nach
dem die Einzelteile verbindenden Ganzen fragt und das sowohl auf der
aus. Was sich in der Leibsphäre als Krankheit vs. Gesundheit oder als Ebene des Körperbildes, wo es um »Zergliederung« und »Zusammenfü-
Trauer vs. Freude zeigt, das wird in der Sozialsphäre als Schande vs. gung«, als auch auf der Ebene der Sozialstruktur hervortritt, wo es um »Iso-
Ehre oder als Rechtsnot vs. Gerechtigkeit/Rechtfertigung erlebt.67 lation« und »Einbindung« geht. Die ›Schnittstelle‹ zwischen der Leibsphäre
Die Vorstellung und Wahrnehmung des menschlichen Körpers ist und der Sozialsphäre ist das Herz, das sowohl in leiblicher wie in sozialer
deshalb immer sozial vermittelt oder anders gesagt: Der Mensch ist Hinsicht die personale Identität des Menschen herbeiführt und garantiert,
ein körpergebundenes Kulturwesen.68 Diese Zusammenhänge las- schematisch:
sen sich anhand des konstellativen Personbegriffs beschreiben und
zwar in dem doppelten Sinn einer Auffassung des menschlichen
Körpers als einer komplexen und differenzierten Ganzheit (Kom-
positum seiner Glieder und Organe) und der Eingebundenheit
der Person in soziale Zusammenhänge und Rollen. Dieses vormo-
derne Konzept personaler Identität hat R. A. Di Vito anhand von
vier ›Identitätsmarkern‹ charakterisiert:
»Das Subjekt ist (1) zutiefst eingebettet in seine soziale Identität bzw. eng
damit verbunden. Es ist (2) vergleichsweise dezentriert und undefiniert im
Blick auf die Grenzen seiner Person. Es ist (3) relativ transparent, ins gesell-
schaftliche Leben eingebunden und darin verkörpert (mit anderen Worten:
es ermangelt all dessen, was mit ›inneren Tiefen‹ bezeichnet ist). Und
schließlich ist es (4) ›authentisch‹ gerade in seiner Heteronomie, in seinem Abb. 2: Das Herz in der ägyptischen Anthropologie
Gehorsam anderen gegenüber und in seiner Abhängigkeit von anderen.«69
So ist der Mensch im alten Israel bestimmt durch »ein Netzwerk Ob auch nach alttestamentlichem Verständnis das menschliche
vorgegebener Relationen, aus dem er sich nicht herausnehmen Herz dasjenige Organ ist, das die verbindende und alles zusam-
menfügende Kraft darstellt, muss die weitere Analyse zeigen.74
65) Zum Begriff »Konstellation« s. B. Janowski, Anerkennung und Gegensei-
tigkeit, in: Ders./Liess (Hrsg.), Mensch (s. Anm. 2), 183 ff.; ders., Konfliktgespräche
1.3 Religiöses Symbolsystem
mit Gott. Eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchen-Vluyn 42013, 43.50.110 u. ö.,
ferner A. Schüle, Der Prolog der hebräischen Bibel, AThANT 86, Zürich 2006, 95 f.; Neben den natürlichen Lebensbedingungen und den kulturellen
ders., Anthropologie des Alten Testaments, ThR 76 (2011), 399–414, hier: 404 ff.; Chr. Lebensformen bildet das religiöse Symbolsystem eine dritte Ebene,
Frevel, Art. Anthropologie, in: Ders./A. Berlejung (Hrsg.), Handbuch theologischer die von grundlegender Bedeutung für die alttestamentliche An-
Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006, 1–7, und K. Neu- thropologie ist.75 Und zwar deswegen, weil der Mensch im Unter-
mann, Art. Kultur und Mentalität, in: Frevel/Berlejung (Hrsg.), a. a. O., 38 ff.
66) S. dazu Janowski, Konfliktgespräche mit Gott, 43 f., ders., Was ist der
Mensch?, BiKi 67 (2012), 4–9, und ders., Der »ganze Mensch«, in: Ders. (Hrsg.), Der 70) Schüle, Prolog (s. Anm. 65), 94.
ganze Mensch (s. Anm. 39), 11–21. 71) S. dazu Schüle, Anthropologie (s. Anm. 65), 404.413 f., und C. A. Newsom,
67) S. dazu ders., Konfliktgespräche (s. Anm. 65), 50 ff. Zum Thema »Ehre«/ Models of the Moral Self, JBL 131 (2012), 5–25, hier: 10 ff.
»Schande« s. J. Dietrich, Über Ehre und Ehrgefühl im Alten Testament, in: Ja- 72) E. Brunner-Traut, Frühformen des Erkennens, Darmstadt 21992, 72, vgl.
nowski/Liess (Hrsg.), Mensch (s. Anm. 2), 419–452, und ders., Um der Ehre willen, 71 ff.
BiKi 67 (2012), 16–20. 73) S. dazu J. Assmann, Tod und Jenseits im alten Ägypten, München 2001,
68) Vgl. Schüle, Anthropologie (s. Anm. 65), 406, und oben Sp. 539 ff. 34 ff.
69) R. A. Di Vito, Alttestamentliche Anthropologie und die Konstruktion per- 74) S. dazu B. Janowski, Das Herz – ein Beziehungsorgan. Zum Personver-
sonaler Identität, in: Janowski/Liess (Hrsg.), Mensch (s. Anm. 2), 213–241, hier: 217, ständnis des Alten Testaments (erscheint 2015).
s. dazu auch ders., Anthropology II, Encyclopedia of the Bible and its Reception 75) S. dazu die Literaturhinweise bei Janowski, »Anthropologie des Alten Tes-
2 (2009), 117–126. taments« (s. Anm. 41), 413 f.
8
547 Theologische Literaturzeitung 139 (2014) 5 548

schied zum Tier »nicht mehr in einem bloß physikalischen, son- Zeiten: Urzeit (Thron/Königtum »von Urzeit her«), Heils-/
dern in einem symbolischen Universum«76 lebt und in seinen Unheilsgeschichte (Exodus, Exil), Jetztzeit (zyklisch/ linear) u. a.
Riten: Feste (im Herbst/im Frühjahr), Opfer (Mahl, Dank,
Lebensvollzügen immer wieder den Schritt vom sinnlichen Ein-
Reinigung/Sühne), Wallfahrt u. a.
druck zum symbolischen Ausdruck macht. E. Cassirer hat den Men- Ikone: Tiere: Keruben, Seraphen, Löwen, Rinder u. a.;
schen deshalb als animal symbolicum bezeichnet: Pflanzen: Palm(ett)en, Lotusblüten, Granatäpfel; (Gottes-)Bäume u. a.
Texte: Zions-, JHWH-König-, Königs-, Schöpfungs-, Wallfahrts-Psalmen;
»Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenüber- Klage- und Danklieder des Einzelnen u. a.
treten; er kann sich nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die phy-
sikalische Realität scheint in dem Maße zurückzutreten, wie die 
Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt.«77
Glaube an den ›Königsgott vom Zion‹ und Leben danach (Ethos) 81
Diese Symboltätigkeit des Menschen hat für das Verständnis der
Religion eine elementare Bedeutung. Ein Text wie Jes 6,1–5 kann diese Relationen veranschaulichen:82
1 Im Todesjahr des Königs Ussia
Religion als kulturelles Zeichensystem sah ich den Herrn,
Zur Präzisierung des Ausdrucks »Religiöses Symbolsystem« greife sitzend auf einem hohen und aufragenden Thron,
ich auf den Ansatz von C. Geertz zurück, der Religion als »kulturel- wobei seine Gewandsäume den Tempelraum ausfüllten.
2 Seraphen standen über ihm:
les System«, d. h. als ein System von Bedeutungen versteht, die in Je sechs Flügel hatte einer:
symbolischer Gestalt auftreten und den Menschen helfen, ihre Ein- mit zweien bedeckte er sein Gesicht
stellungen zum Leben mitzuteilen, zu erhalten und weiterzuent- und mit zweien bedeckte er seine Füße
wickeln. Symbole haben und mit zweien flog er (ständig).
3 Und einer rief dem anderen zu
»die Funktion, das Ethos eines Volkes – Stil, Charakter und Beschaffenheit und sprach:
seines Lebens, seine Ethik, ästhetische Ausrichtung und Stimmung – mit »Heilig, heilig, heilig ist JHWH Zebaoth,
seiner Weltauffassung – dem Bild, das es über die Dinge in ihrer reinen Vor- die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit!«
findlichkeit hat, seinen Ordnungsvorstellungen im weitesten Sinne – zu 4 Da bebten die Zapfen der Schwellen vor der Stimme des Rufers,
verknüpfen.«78 und das Tempelhaus füllte sich mit Rauch.
5 Da sagte ich:
Das religiöse Symbolsystem stellt eine Übereinstimmung zwi- »Weh mir,
schen einem bestimmten Lebensstil (»Ethos«) und einer bestimm- denn ich bin vernichtet/verloren!
ten Ordnungsvorstellung (»Weltauffassung«) her, indem es jede der Denn ein Mann unreiner Lippen bin ich
beiden Seiten mit der Autorität der jeweils anderen Seite stützt. und inmitten eines Volkes unreiner Lippen wohne ich;
Eine Religion, so definiert Geertz, ist denn den König JHWH Zebaoth haben meine Augen gesehen!«

»(1) ein Symbolsystem, das darauf zielt, (2) starke, umfassende und dauer- In V. 1–5 finden sich zwei Prädikationen Gottes: das Objektprädikat
hafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, (3) indem »sitzend auf einem hohen und erhabenen Thron« (V. 1ab) und das
es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und (4) diese Satzprädikat V. 3b, das die »Herrlichkeit« des Königsgottes JHWH
Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß (5) die Zebaoth auf der ganzen Erde proklamiert. Während mit dieser Pro-
Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen
scheinen.«79
klamation eine horizontale Dimension in den Blick kommt – die
»ganze Erde« ist von der »Herrlichkeit« JHWH Zebaoth erfüllt –,
Wenn man diese Parameter in das Symbolsystem der Jerusalemer bringt das Motiv des Throns eine vertikale Dimension zum Aus-
Tempeltheologie übersetzt und dabei auf die leitende JHWH-Kö- druck. Zusammen mit der Notiz über den den Tempelraum aus-
nig-Vorstellung80 rekurriert, wie sie vor allem in den JHWH-König-, füllenden unteren Teil der Gestalt JHWHs (V. 1b) verrät der Text
den Zions-, den Schöpfungs-, den Wallfahrts-Psalmen und – mit dabei die Tendenz, alle kultischen Vorstellungen vom Thronen
anthropologischer Zuspitzung – in den Klage- und Dankliedern JHWHs zu entgrenzen, so dass der »hohe und erhabene Thron«
des Einzelnen (Ps 3–14; 27; 36 u. a.) belegt ist, ergeben sich folgende (V. 1ab) die universale Majestät des auf ihm sitzenden Königsgottes
Relationen: symbolisiert.
Die Dominanz der vertikalen Achse ergibt sich zusätzlich aus
Vorstellung von JHWH als dem ›Königsgott vom Zion‹
als Zentralinhalt der Jerusalemer Tempeltheologie
der Schilderung der Wirkung, die der Ruf der Seraphen nach V. 4
auslöst. Dabei ist deutlich, dass das Erbeben der Schwellen eine
 Erschütterung des gesamten Tempelgebäudes und – weil dieses die
Sprachlicher / bildlicher Ausdruck dieser Vorstellung axis mundi repräsentiert – damit des Kosmos impliziert. Da dieses
durch Elemente des religiösen Symbolsystems: »Beben« der (unten befindlichen) Tempelschwellen eine Reaktion
Orte: Höhe/Tiefe (vertikales Weltbild), Zentrum/Peripherie (horizontales auf die Präsenz des (in der Höhe) thronenden Königsgottes sowie
Weltbild), Tempel als »Urhügel«/Berg/Palast/Thron/Haus u. a. auf das Trishagion der Seraphen ist, ergibt sich für das Weltbild der
Jerusalemer Tempeltheologie der (mittleren/späten) Königszeit
eine dominante vertikale Achse, die um eine horizontale, auf die
76) E. Cassirer, Versuch über den Menschen, Frankfurt a. M. 1990, 50. »ganze Erde« (V. 3b) bezogene Dimension ergänzt wird (s. Abb. 3).
77) Ders., ebd., s. dazu auch B. Janowski, Das biblische Weltbild, in: Ders./B. Der von Jesaja im Jerusalemer Tempel visionär geschauten Anwe-
Ego (Hrsg.), Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte, FAT senheit JHWHs auf einem »hohen und aufragenden Thron« (V. 1ab)
I/32, Tübingen 2001, 3–26, hier: 18.
78) C. Geertz, Religion als kulturelles System, in: Ders., Dichte Beschreibung,
entspricht damit die »Ausstrahlung« der wirkmächtigen Präsenz
Frankfurt a. M. 1983, 44–95, hier: 47 (Hervorhebung von mir), vgl. zum Folgenden
B. Janowski, Der Ort des Lebens, in: J. Kamlah (Hrsg.), Tempelbau und Tempel-
kult, ADPV 41, Wiesbaden 2012, 363–397, hier: 375 f. 81) Dieser Zusammenhang kommt besonders in den Individualpsalmen zum
79) Geertz, a. a. O., 48. Ausdruck, s. paradigmatisch Ps 7; 11; 27; 36 u. a.
80) S. dazu M. Leuenberger, Konzeptionen des Königtums Gottes im Psalter, 82) S. dazu ausführlich B. Janowski, Die heilige Wohnung des Höchsten, in:
AThANT 83, Zürich 2004. Ders., Der Gott des Lebens, Neukirchen-Vluyn 2003, 27–71, hier: 35 ff.
9
549 Theologische Literaturzeitung 139 (2014) 5 550

des Königsgottes in die »ganze Erde« (V. 3b), d. h. bis an die Periphe- Das religiöse Symbolsystem, das auf diese Weise zustande kam –
rie des vom Zentrum (Tempel/Stadt) und seinem dort präsenten und dessen Inventar zu erweitern und zu differenzieren wäre! –,
Königsgott aus organisierten Weltganzen, schematisch dargestellt: hat wie jede symbolische Wahrnehmung der Wirklichkeit eine phä-
nomenologische und eine semiotische Dimension.86 Beide Formen
der Wahrnehmung verbinden sich, kognitionswissenschaftlich ge-
sprochen, mit einer »theory of mind«87:
– Durch die phänomenologische Wahrnehmung – z. B. des »Ange-
sichts JHWHs« – werden emotionale Reaktionen wie Geborgenheit
und Dankbarkeit hervorgerufen, weil sich der Beter durch die
Zuwendung des göttlichen Angesichts als gerechtfertigt – und
durch seine Abwendung als den Feinden/dem Tod preisgegeben88 –
erlebt.
– Durch die semiotische Wahrnehmung – z. B. des »Gottesthrons« –
erlebt der Mensch die »Welt als ›sinnvoll‹ wie einen ›Text‹, der ihm
etwas sagt«89. Sie spricht vor allem sein kognitives Vermögen an,
indem sie den Dingen und Ereignissen über ihre unmittelbare Exi-
Abb. 3: Das Symbolsystem der Jerusalemer Tempeltheologie nach Jes 6 stenz hinaus einen Zeichenwert gibt: der Gottesthron im Zentrum
der Jerusalemer Welt (axis mundi-Motiv) ist das Zeichen und der
Die Vorstellung vom Königtum JHWHs (mit ihren Motiven »Thron Garant ihrer Stabilität.
JHWHs«, »Höhe« u. a.) ist als Basisaussage der (vorexilischen) Zions- So boten beide Formen der Wahrnehmung auf je ihre Weise den
tradition/Jerusalemer Tempeltheologie zu verstehen, die in den Menschen im alten Israel Orientierungen im Alltag und halfen
Grundtexten Jes 6,1–4; Ps 93; Ps 46,2–8; 48 u. a. nach ihrer vertikalen ihnen, die Spannung zwischen der vorgestellten Ordnung der Welt
(Höhe/Tiefe) und horizontalen (Zentrum/Peripherie) Dimension und den faktischen Gegebenheiten, in denen Ordnungs- und Un-
entfaltet wird. Dabei handelt es sich nicht um sich einander aus- ordnungselemente immer ineinander liegen, durch wiedererkenn-
schließende Konzepte, sondern um Varianten einer Grundvorstel- bare »Muster« aufzulösen und zu bewältigen.
lung, die jeweils einen Aspekt – den vertikalen oder den horizonta-
len – in den Vordergrund rücken, ohne den jeweils anderen einfach 2 Die literarischen Kontexte
auszublenden.
Eine »Anthropologie des Alten Testaments« ist, wie nicht zuletzt die
Animal symbolicum Ausführungen zum religiösen Symbolsystem deutlich machen, als
Wie die Ausführungen zum religiösen Symbolsystem zeigen, be- »Anthropologie des Alten Testaments«, also hinsichtlich der sprach-
steht eine Religion aus einer bestimmten Anzahl sprachlicher und lichen, d. h. der narrativen, präskriptiven, poetischen und didakti-
bildlicher Zeichen, die aufgrund ihrer Verknüpfung »ein bestimm- schen Gestalt seiner anthropologischen Aussagen zu entfalten. Das
tes Muster, ein Gewebe«83 bilden und wie die Regeln einer Sprache hatte auch H. W. Wolff im Blick, wenn er von den Texten und Kon-
auf innerer Kohärenz beruhen, also gleichsam eine »Grammatik« texten spricht, in denen »erkennbar nach dem Menschen gefragt«90
und »Syntax« besitzen: wird. Was die unterschiedlichen literarischen Formen und Kon-
texte – Erzählungen, Rechtstexte, Rituale, Hymnen, Gebete, Weis-
»Wie sich eine Sprache nicht nur aus ihren Wörtern rekonstruieren läßt, so heitssprüche u. a. – angeht, so ist es ein Charakteristikum des Alten
die religiöse Vorstellungswelt einer Kultur nicht aus isolierten Bildele-
Testaments, dass es kein einheitliches Menschenbild, sondern eine
menten. Wer eine Sprache verstehen will, muß deren Syntax kennen und
Sätze analysieren; wer Bilder verstehen will, muß das Hauptaugenmerk auf Vielzahl von Menschenbildern enthält, die verschiedenen Erfah-
komplexe Konstellationen richten, wo immer solche zu finden sind.«84 rungsbereichen (Familie, Stamm, Staat, Erziehung, Kult, Recht,
Wirtschaft, Politik u. a.) entstammen und eine diesen Erfahrungs-
Der zentrale Inhalt dieses Zeichensystems ist die Vorstellung des bereichen entsprechende Sicht des Menschen bzw. der Menschen
Königsgottes vom Zion, der Jerusalem und seinen Bewohnern Sta- im alten Israel vor Augen stellen.
bilität, Fruchtbarkeit und Gerechtigkeit gewährt. Diese Vorstellung Dennoch gibt es thematische Schwerpunkte in den einzelnen
wird durch eine überschaubare Anzahl von Symbolen wie den Got- Überlieferungsbereichen des Alten Testaments. Während die prie-
testhron (Aspekt »Stabilität«), den Gottesstrom (Aspekt »Fruchtbar- sterliche und die nichtpriesterliche Urgeschichte (Gen 1–11) den
keit«) und das Angesicht JHWHs (Aspekt »Gerechtigkeit«) gebildet85 Menschen in der Ambivalenz von Gottebenbildlichkeit (imago Dei )
und so im kollektiven Gedächtnis Israels befestigt. Der Akt der und Fehlbarkeit (»Sünde«) darstellt, thematisieren die propheti-
Symbolisierung ist deshalb so zentral, weil in ihm eine Verbindung schen Texte ihn als homo socialis in der Spannung zwischen Ge-
des Konkreten mit dem Abstrakten und umgekehrt des Abstrakten rechtigkeit und Sünde/Frevel. Und während der Mensch nach den
mit dem Konkreten geschieht und damit die Dimension der Individualpsalmen in Klage und Lob »vor Gott« (coram Deo) steht
Anschauung und des Erlebens gewahrt bleibt, schematisch: und um die Errettung vom Tod bittet bzw. dafür dankt, reflektie-
ren die weisheitlichen Texte vor allem den Zusammenhang bzw.
Konkreta Gottesthron Gottesstrom Angesicht JHWHs Nichtzusammenhang von Tun und Ergehen und damit die (feh-
I I I  Symbolisierung
Abstrakta Stabilität Fruchtbarkeit Gerechtigkeit 86) S. dazu G. Theißen, Erleben und Handeln der ersten Christen, Gütersloh
2007, 124 ff.
87) Vgl. ders. a. a. O., 126.
88) Als Beispiel s. etwa Ps 13,2 u. a.
83) O. Keel/Chr. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole, Fribourg 89) Ders., ebd.
62010, 14. 90) Wolff, Anthropologie (s. Anm. 6), 24, zum Kontext des Zitats s. oben Sp.
84) Dies., ebd. 537, zustimmend Chr. Frevel, Die Frage nach dem Menschen, in: Ders. (Hrsg.),
85) S. dazu Janowski, Ort des Lebens (s. Anm. 78), 363 ff. Biblische Anthropologie (s. Anm. 39), 54.
10
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lende) iustitia connectiva. Auch in einzelnen Büchern und Kompo- Personen«100 und viertens das Konzept der (sexuellen, kommunikativen, so-
sitionen gibt es spezifische anthropologische Aussagen und Per- zialen) Rolle, das für die Ausdifferenzierung in einer arbeitsteiligen Gesell-
spektiven wie in der Josephsgeschichte, in der Aufstiegs- und schaft sorgt und ihre Mitglieder davor bewahrt, zu Außenseitern zu werden.
Diese vier Aspekte sind nach Raible gleichsam Konstanten für das, was den
Thronfolgegeschichte Davids, in den Büchern Jeremia, Ezechiel, Begriff des Menschen ausmacht, die aber in jeder Kultur unterschiedlich
Jona, Hiob, Sprüche, Kohelet oder im Hohenlied – ja, »die Frage realisiert werden.
nach Gottes- und Menschenbild (kann) grundsätzlich an jeden
biblischen Text und literarischen Bereich gestellt werden.«91 Auch im Alten Testament gibt es anthropologische Konstanten, die
Dies alles zeigt, dass es das alttestamentliche Menschenbild seine unterschiedlichen Menschenbilder jenseits sozial- und lite-
nicht gibt, sondern nur »sich ergänzende und z. T. auch in Kontrast rarhistorischer Konkretionen umgreifen und prägen. So kann auch
stehende Aspekte«92. Statt von der Anthropologie des Alten Testa- eine alttestamentliche Anthropologie nicht auf allgemeine Begrif-
ments wäre also angemessener von dessen Anthropologien oder von fe wie »Körper«, »Geschlecht«, »Gemeinschaft«, »Leben« oder »Tod«
anthropologischen Entwürfen des Alten Testaments zu sprechen. verzichten, die »sich diesseits gravierender evolutionärer Verände-
Wie das Gottes- und das Weltbild hat sich auch das Menschenbild rungen auf Erfahrungsbereiche beziehen, die alle Menschen mit-
des alten Israel über die Zeiten hin verändert93 und entsprechend einander teilen«101 und die auch für die Menschen des alten Israel
die Textaussagen geprägt. Die Frage nach den anthropologischen gelten. Dazu zählen auch Universalien im Bereich von Kommuni-
Konstanten ist damit aber nicht obsolet.94 kation und Sprache wie »Erzählen«, »Beten« oder »Musizieren«.
Wie aber steht es mit den spezifisch biblischen Begriffen »Ge-
3 Die anthropologischen Konstanten schöpflichkeit« (vs. »Selbstkonstitution«), »Gerechtigkeit« (vs. »Sün-
de«) oder »Endlichkeit« (vs. »Unsterblichkeit«)? Sind auch diese zu
Welche Rolle für die alttestamentliche Anthropologie spielt die den anthropologischen Konstanten zu zählen? Hält man sich an
Frage der anthropologischen Konstanten95 und worin bestehen die anthropologischen Leitsätze von Gen 2,7, Mi 6,8 oder Ps 8,5 und
sie? Diese Frage lässt sich auch so stellen, dass man danach fragt, ihre gleichsam definitorische Gestalt, so wird man diese Frage beja-
»ob es anthropologische Universalien oder nur partikulare Typen hen müssen.102 Sie machen jedenfalls deutlich, wie grundsätzlich
gibt«96, ob also eine alttestamentliche Anthropologie rein deskrip- das Alte Testament über die conditio humana nachgedacht hat und
tiv verfahren soll oder ob sie auch normative Aspekte beinhalten wie zentral das Axiom der Geschöpflichkeit, das Prinzip der Gerech-
darf bzw. muss. tigkeit und die Erfahrung der Endlichkeit für seine Auffassung(en)
vom Menschen sind. Diese drei Aspekte gehören m. E. zu den Eck-
Das Problem der anthropologischen Konstanten wird auch in der Litera- punkten der alttestamentlichen Anthropologie.
turwissenschaft diskutiert. In seinem Aufsatz »Zur Begriffsgeschichte von So weit meine Skizze der Grundfragen, Kontexte und Themen-
›Mensch‹«97 hat der Romanist W. Raible eine »Skizze einer kognitiven Land- felder einer »Anthropologie des Alten Testaments«, die der weiteren
karte« angefertigt und in diese Landkarte vier Eckpunkte eingezeichnet.
Dazu zählt er erstens die »Achse Gott – Mensch – Tier, die sich aus der dop- Begründung und vor allem der ausführlichen Entfaltung bedarf.
pelten Opposition (sc. Gott/Mensch, Mensch/Tier) ergibt, in der der Mensch Nach dem gegenwärtigen Stand sieht die Grobgliederung dieser
steht«98, zweitens die Differenzierung des Menschen in Mann und Frau, die geplanten Darstellung103 wie folgt aus:
zur menschliche Fortpflanzung und damit »zu Kind, Familie, Verwandt-
schaft, Genealogie (führt)«99, drittens den menschlichen Leib als »ein sehr I Was ist der Mensch? – Einführung
wichtiges Orientierungszentrum, bei der Bezeichnung der eigenen Person §1 Grundfragen alttestamentlicher Anthropologie
und ihrer Orientierung im Raum ebenso wie bei der Bezeichnung anderer 1. Zur Forschungsgeschichte
2. Methodische Aspekte

II Von der Wiege bis zur Bahre – Phasen des Lebens


91) H. Irsigler, Zur Interdependenz von Gottes- und Menschenbildern im §2 Biographische Aspekte
Kontext alttestamentlicher Anthropologie, in: Frevel (Hrsg.), a. a. O., 350–389, hier: §3 Generationen- und Genderaspekte
351, Anm. 5.
III Mit Leib und ,Seele‘ – Elemente des Personbegriffs
92) Frevel, Art. Anthropologie (s. Anm. 65), 1, vgl. Schüle, Anthropologie (s.
§4 Die Leibsphäre des Menschen
Anm. 65), 401.407 u. ö.
§5 Die Sozialsphäre des Menschen
93) Wie diese Veränderung/en zu beschreiben ist/sind, ist eine noch kaum ge-
stellte, geschweige denn beantwortete Frage. Welches sind die Hauptstadien der IV Vom tätigen Leben – Formen des Zusammenlebens
Entwicklung von der vorexilischen über die exilische bis in die (spät-)nachexili- §6 Das Handeln des Menschen
sche Zeit? Lässt sich etwa zeigen, dass wesentliche Anstöße von der vorexilischen §7 Die Sprache des Menschen
Prophetie und der älteren Weisheit des 8. Jh.s v. Chr. ausgingen, entscheidende
Vertiefungen durch den Monojahwismus/Monotheismus des 7./6. Jh.s v. Chr. er- V Räume und Zeiten – Aspekte der Welterfahrung
folgten und bleibende Ausformungen in der nachexilischen Prophetie, den (spä- §8 Die Ordnung des Raums
ten) Psalmen und der späten Weisheit greifbar sind? §9 Der Rhythmus der Zeit
94) Das Vorwort der Herausgeber des Bandes Berlejung/Dietrich/Quack
(Hrsg.), Menschenbilder (s. Anm. 39), V–VIII, ist in dieser Hinsicht leider unklar VI De homine – Bilder vom Menschen
bzw. widersprüchlich. »Systematisierungen und Verallgemeinerungen« sollten §10 Imago Dei – zur Anthropologie der Urgeschichte
selbstverständlich nicht »vorschnell« sein (vgl. V), sie sollten aber auch nicht feh- §11 Gubernator et salvator – zur königlichen Anthropologie
len – und tun es in diesem Band auch nicht! §12 Homo socialis – zur prophetischen Anthropologie
95) Schüle, Anthropologie (s. Anm. 65), 413, spricht stattdessen von »themati- §13 Coram Deo – zur Anthropologie der Psalmen
schen Zentrierungen, die sich buchübergreifend feststellen lassen«. Das ist, wie §14 Iustitia connectiva – zur weisheitlichen Anthropologie
auch sein Hinweis auf die »Anthropologischen Stichworte« bei Janowski, Kon-
fliktgespräche (s. Anm. 65), 85 ff. (Sehen und Hören).125 ff. (Rache).166 ff. (Herz
und Nieren) usw., zeigt, m. E. aber etwas anderes.
96) E. Bohlken/Chr. Thies, Einleitung, in: Dies. (Hrsg.), Handbuch Anthropo- 100) Vgl. ders., a. a. O., 173.
logie, Stuttgart/Weimar 2009, 1–10, hier: 6. 101) Bohlken/Thies, ebd.
97) W. Raible, Zur Begriffsgeschichte von ›Mensch‹, in: J. Stagl/W. Reinhard 102) S. dazu Janowski, Anerkennung und Gegenseitigkeit (s. Anm. 66), 181 ff.
(Hrsg.), Grenzen des Menschseins, Wien u. a. 2005, 155–173. 103) In der folgenden Übersicht sind die ausführlichen Unterabschnitte sowie
98) Ders., a. a. O., 171. die Exkurse weggelassen. Außerdem enthält die Darstellung fünf »Anthropolo-
99) Ders., a. a. O., 172. gisches Porträt« genannte Abschnitte zu Noah, Salomo, Amos, David und Hiob.
11
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VII Der Mensch als Geschöpf – Schluss einer genuin theologischen Anthropologie zur Geltung bringt.111 Sie
§15 Grundzüge alttestamentlicher Anthropologie tut dies ausgehend von den biblischen Texten und deren literatur-,
1. Geschichtliche Entwicklung sozial-, traditions- und religionsgeschichtlichem Eigenprofil. Und
2. Thematische Schwerpunkte
sie tut es nicht unter Absehung von der konkreten Lebenswelt, wie
sie von der Archäologie und Ikonographie Palästinas/Israels112 er-
III Textwelt und Lebenswelt schlossen wird.
Die Darstellung der alttestamentlichen Anthropologie beruht
Ziehen wir ein Fazit. Eine »Anthropologie des Alten Testaments«, demnach nicht nur auf der Einsicht, dass »anthropologische Pro-
die die genannten Aspekte – die konkreten Lebensumstände, die bleme […] nicht unter Abblendung von Theologie, sondern nur in
literarischen Kontexte und die anthropologischen Konstanten – aller Offenheit für das Gotteszeugnis der Bibel geklärt werden (kön-
umsichtig erfasst und im Sinn eines integrativen Ansatzes aufein- nen)«113, sondern auch auf der Beachtung und Explikation der
ander bezieht, ist erst noch zu schreiben. »Integrativer Ansatz« Korrelation von Textwelt und Lebenswelt, die gleichzeitig auch ihr
heißt zum einen, dass anthropologische Letztbegründungen meta- neuralgischer Punkt ist. Denn es ist in der Tat die Frage, wie »sich
physisch-spekulativer Provenienz ebenso zu vermeiden sind wie innerhalb der Texte geschichtlich-erfahrungsgestützte Aussagen
die Einseitigkeiten einer zu eng gefassten Historischen Anthropo- über den Menschen zu theologischer Imagination (verhalten)«114,
logie. Und zum andern, dass man an der Vieldimensionalität des/r wie also die konkrete Lebenswelt und die literarische Textwelt, die
alttestamentlichen Menschenbildes/r festhält, die Raum für partiku- der Lebenswelt immer bestimmte Bedeutungen zuschreibt, auf-
lare Besonderheiten (konkrete Lebensumstände, literarische Kon- einander bezogen sind. »Um das geschichtliche Leben wiederzufin-
texte) wie für universale Merkmale (anthropologische Konstanten) den«, so hat es einmal der große französische Historiker J. Michelet
lässt. (1798–1874) formuliert,
Wie dabei das Verhältnis der Alttestamentlichen Anthropologie
zur Philosophischen und zur Historischen Anthropologie104 ge- »müsste man ihm geduldig auf allen seinen Wegen, in allen seinen Formen,
in allen seinen Elementen folgen. Aber man müsste mit noch größerer
nauer zu bestimmen ist, bleibt ein noch zu klärendes Problem. Vor- Leidenschaft auch das Zusammenspiel von alledem rekonstruieren, die
läufig lassen sich aber folgende Gemeinsamkeiten und Unterschie- Wechselwirkung all der verschiedenen Kräfte im Strom einer mächtigen Be-
de festhalten: wegung, aus der das Leben selbst entstünde.«115
– Der Zusammenhang mit der Philosophischen Anthropologie
besteht in der bleibenden Relevanz der Frage nach den anthropolo- Die geplante »Anthropologie des Alten Testaments« wird zeigen, ob
gischen Konstanten.105 Der Unterschied zu ihr besteht darin, dass es gelingt, diesem Zusammenspiel und dieser Wechselwirkung
diese Frage von der Alttestamentlichen Anthropologie so beant- annähernd gerecht zu werden.
wortet wird, dass sie als theologische Anthropologie »mit Gottes
orientierender Gegenwart in dieser Welt«106 rechnet und den Men-
schen prinzipiell als »Mensch Gottes«107 und d. h. als Geschöpf Abstract
sieht.
– Der Zusammenhang mit der Historischen Anthropologie be- The first part of the essay presents an outline of H. W. Wolff’s
steht darin, dass auch die Alttestamentliche Anthropologie die »Anthropology of the Old Testament« (1973/82010) in addressing
Frage nach dem Wesen des Menschen nicht essentialistisch beant- critical inquiries. In the second part, perspectives of a new approach
wortet.108 Der Unterschied zu ihr besteht darin, dass sie mit der are presented in view of the three step: specific living conditions,
Historischen Anthropologie das Axiom des menschlichen Zusam- literary contexts, anthropological constants. An »Anthropology of
menlebens und seiner Ambivalenzen teilt, aber davon ausgeht, the Old Testament« should cover these aspects judiciously and cor-
dass erst sub specie Dei ein lebensförderlicher Umgang mit diesen relate them in the sense of an integrative approach. »Integrative
Ambivalenzen möglich ist.109 approach« means on the one hand that anthropological ultimate
Wenn die Leistung der Historischen Anthropologie demnach in justifications of a metaphysical-speculative origin are to be avoided
der Schärfung des Bewusstseins von der geschichtlichen Natur des as well as the biases of a too narrow anthropology. It means on the
Menschen besteht,110 kann die Alttestamentliche Anthropologie other hand to adhere to the multidimensionality of the image/s of
daran anknüpfen. Zugleich geht sie darüber hinaus, indem sie das humanity of the Old Testament leaving thereby room for particu-
Axiom der Geschöpflichkeit, das Prinzip der Gerechtigkeit und die larities (specific living conditions, literary contexts) as well as for
Erfahrung der Endlichkeit reflektiert und damit die Konstanten universal characteristics (anthropological constants).

104) Zur Philosophischen und Historischen Anthropologie s. vorläufig Ja-


nowski, »Anthropologie des Alten Testaments« (s. Anm. 41), 375 ff.378 ff.404 f.405 f.
105) S. dazu oben Sp. 551 ff. Diese Frage spielt auch in der Historischen An-
thropologie wieder eine wichtige Rolle, s. dazu Bohlken/Thies, Einleitung (s.
Anm. 96), 4.
106) Klein, Inhumanität des Animal Sociale (s. Anm. 63), 444. 111) S. dazu § 15 Grundzüge alttestamentlicher Anthropologie in der obigen Glie-
107) Zu dieser Formulierung s. W. Härle, Der Mensch Gottes, in: E. Herms derungsübersicht, vgl. auch Frevel, Frage nach dem Menschen (s. Anm. 90), 53.
(Hrsg.), Menschenbild und Menschenwürde, VWGTh 17, Gütersloh 2001, 529–543. 112) S. dazu jetzt S. Schroer/O. Keel, Die Ikonographie Palästinas/Israels und
108) Nach Bohlken/Thies, Einleitung (s. Anm. 96), 4, darf der Begriff »Wesen« der Alte Orient, Bde. 1–3, Fribourg 2005/2008/2011. Zur »Biblischen Archäologie«
»nicht mehr essenzialistisch aufgefasst werden, sondern ist lediglich im Sinne einer s. die Hinweise oben Anm. 53.
inhaltsoffenen Strukturformel zu denken; er muss als dynamisch konzipiert wer- 113) Wolff, Anthropologie (s. Anm. 6), 24 (Hervorhebung von mir), vgl. 353. Zu
den, denn seine inhaltliche Füllung bleibt notwendig geschichtlich unabgeschlos- dem anders orientierten Ansatz von R. Schmitt s. oben Sp. 539.
sen und damit Gegenstand fortwährender Auseinandersetzung zwischen den 114) Schüle, Anthropologie (s. Anm. 65), 409.
Angehörigen verschiedener Kulturen, Epochen und Disziplinen«. 115) Zitiert nach G. Duby, Eine andere Geschichte, Stuttgart 1992, 57. Zu J. Mi-
109) Vgl. Klein, Inhumanität (s. Anm. 63), 444. chelet (1798–1874) s. L. Raphael (Hrsg.), Klassiker der Geschichtswissenschaft 1,
110) S. dazu zuletzt Wulf, Rätsel des Humanen (s. Anm. 48). München 2006, 64–87.

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