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Deutscher Dualismus
(1,581 words)

1. De nition
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Ungeachtet aller bipolaren Machtkonstellationen im ma.
1. De nition
und nzl. Reich bezeichnet D. D. primär die
Auseinandersetzung zwischen Habsburg und 2. Der deutsche Dualismus
Hohenzollern (vereinfacht gesagt: Österreich und im Heiligen Römischen
Reich
Preußen), deren Dauer und politische Intensität weit über
frühere Di ferenzen der Casa de Austria etwa mit Sachsen 3. Der deutsche Dualismus
im Deutschen Bund
oder Bayern hinausragten, nachdem sich die Habsburger
als dt. Kaiserdynastie der Nz. etabliert hatten. 4. Ausblick

Michael Derndarsky

2. Der deutsche Dualismus im Heiligen Römischen Reich

Der D. D. geht auf die Veränderungen im Machtgefüge des Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation seit der Mitte des 17. Jh.s zurück, in deren Verlauf die Hohenzollern zum
führenden Reichsstand im norddt. Raum aufstiegen, was durch die Annahme der Königswürde
für das außerreichische Preußen auch nach außen hin dokumentiert wurde (1701; Monarchie).

Begünstigt worden war das Anwachsen der reichsständischen Macht durch die völkerrechtlich
im Westfälischen Frieden (1648) festgelegte Schwächung des Kaisers und die »Libertät« der
einzelnen Reichsfürsten (zur Reichsgeschichte überhaupt vgl. [1]). Diese hatte sich
realpolitisch schon zuvor ausgeprägt, nun aber war sie gleichsam international garantiert und
wurde v. a. von Frankreich zur Schwächung und Neutralisierung des jahrhundertealten Gegners
aktiv betrieben und gefördert, denn der habsburgische Besitz (zu dessen europ. Komponente
vgl. [2]) umgri f Frankreich zwei Jahrhunderte lang sowohl vom Westen (Spanien) als auch
vom Osten (Reich). Mit dem Pyrenäenfrieden von 1659, spätestens jedoch mit dem Aussterben
der span. Linie des Hauses Habsburg (1700) und bes. nach dem Ende des Span. Erbfolgekriegs
(1713/14) sollte dieser »europ. D.« zwischen Frankreich und Österreich an Virulenz verlieren.

/
In den 1740er Jahren manifestierte sich die Ausprägung des D. D. als Konkurrenz zwischen
Preußen und Österreich in einer neuen Qualität, als nach dem Aussterben der österr.
Habsburger (1740 mit Karl VI.) zwar der Wittelsbacher Karl Albrecht zum neuen Kaiser (1742–
45) gewählt, zum gefährlichsten Gegner Wiens aber Friedrich II. von Preußen wurde.
Au auend auf der durch rigorose Spar-, Autarkie- und Wehrpolitik kampfstark gewordenen
preuß. Militärmonarchie (zu Ideologie und Historiographie vgl. [8]) seines Vaters, des
»Soldatenkönigs« Friedrich Wilhelm, konnte Friedrich II. im Österr. Erbfolgekrieg den Großteil
der ökonomisch hochentwickelten Provinz Schlesien, in das er ohne Kriegserklärung
eingefallen war, für sich gewinnen (Friede von Aachen, 1748) und vermochte diesen Besitz auch
im Siebenjährigen Krieg gegen die Rückeroberungsversuche der Habsburger zu behaupten
(Friede von Hubertusburg, 1763). Das bedeutete nicht nur eine permanente
Machtvergrößerung Preußens, sondern blieb eine Konstante in der Auseinandersetzung um
Ein uss und Vormacht im Reich für dieses und das folgende Jahrhundert. Entsprechend
konsequent arbeitete Preußen einer Machterweiterung der seit 1745 wieder die Kaiserkrone
tragenden Habsburg-Lothringer im Reich entgegen: 1785 trug es wesentlich zum Scheitern aller
Pläne Josephs II. bei, die österr. Niederlande ( Belgien) gegen Bayern zu tauschen.

Auch danach konnte es weiterhin ein temporäres Zusammengehen der zwei dt. Vormächte
geben, wie sich an den (für beide Seiten gewinnbringenden) Teilungen Polens (1772/95) und im
Anfangskampf gegen die Französische Revolution zeigte. Doch gerade in den anschließenden,
ganz Europa in einen Hegemonialkampf einbeziehenden napoleonischen Feldzügen
(Befreiungskriege) gingen Habsburg und Hohenzollern in den Koalitionskriegen die meiste
Zeit getrennte Wege. Erst die Konsequenz der jeweils isoliert erlittenen Niederlagen mit darauf
folgenden teilweise enormen Schwächungen und Gebietsverlusten für beide Staaten führte
schließlich zum gemeinsamen Agieren der beiden in der nalen praktisch gesamt-europ.
Allianz gegen den franz. Kaiser, die dessen Niederlage mit anschließender Entmachtung und
Exilierung (1814/15) besiegelte.

Michael Derndarsky

3. Der deutsche Dualismus im Deutschen Bund

3.1. Vom Vormärz zur Revolution von 1848

Schon auf dem der Wiederherstellung und Neuordnung von Europas Staatenwelt gewidmeten
Wiener Kongress (1814/15) wurden wieder Risse in dieser Allianz sichtbar, die sich in einer
russ.-preuß. und einer engl.-österr. Annäherung manifestierten. Die aufgrund der
vorhergegangenen Erfahrungen v. a. vom ein ussreichen österr. Staatskanzler Metternich
propagierte Gleichgewichtspolitik (vgl. Gleichgewicht der Kräfte) und nicht zuletzt die Furcht
vor sozialen Umbrüchen nach revolutionärem Muster (Revolution) führten zu einer Politik der
informellen Vorabsprachen zwischen der nunmehrigen Präsidialmacht Österreich und
Preußen im Deutschen Bund. Dieser war als Nachfolgeorganisation des Alten Reichs errichtet
worden, und der Konsens zwischen Wien und Berlin ermöglichte die (institutionell nicht
vorgegebene) Dominanz der beiden Vormächte über die restlichen Staaten des Bundes – nicht
/
zuletzt über die unter Napoleon vergrößerten Mittelstaaten wie Bayern oder Württemberg
(Rheinbund) und deren Selbständigkeitswillen. In Verbindung mit der im Vormärz
weitverbreiteten Furcht der Regierungen vor Volkserhebungen war so geraume Zeit eine
wirksame antirevolutionäre Konstellation gesichert. Die österr.-preuß. Verständigung wurde
aber durch die wirtschaftliche Bündnis- und Sonderpolitik Berlins (Zollverein, deutscher)
durchbrochen.

Als im europ. Revolutionsjahr 1848 (Märzrevolution 1848/49) die nationalliberale dt.


Einheitsbewegung über die etablierten Autoritäten zu triumphieren und ein neues Reich
begründen zu können schien, verstärkte sie wieder den D. D. War Österreich anfangs sehr
prominent in der Frankfurter Nationalversammlung (vgl. Paulskirchenversammlung [9])
vertreten ( Erzherzog Johann als Reichsverweser, von Schmerling als Innenminister bzw.
Ministerpräsident), so ließ die primär nationale Ausrichtung der angestrebten neuen
Staatlichkeit die historisch gewachsene, polyethnische Habsburgermonarchie als
grundsätzliches Problem erscheinen. Dies galt umso mehr, als sich im Spätherbst 1848 das
unter Fürst Felix von Schwarzenberg gegenrevolutionär erstarkte und auf stra fe Zentralisation
setzende Österreich gegen eine Teilung seiner »dt.« und »nichtdt.« Ländergruppen und deren
Verbindung in einer bloßen Personalunion verwahrte. Genau dies hatte die Paulskirche mit der
»Frage an Österreich« gefordert. Der preuß. König lehnte die Kaiserkrone zwar ab, aber das
Angebot selbst bedeutete nicht nur unterschwellig eine Stärkung von Preußens
Führungsanspruch zumindest im Norden des Dt. Bundes, wie er sich auch in der mit Hannover
und Sachsen eingegangenen »Erfurter Union« (1849) manifestierte. Die Eskalation eines
darau in bereits begonnenen Wa fengangs zwischen den Vormächten um die
Führungsposition und den Machtstatus in Deutschland verhinderte nicht zuletzt Russland, das
im Vertrag von Olmütz (1850) die Rückkehr zum alten Bund »aktiv« vermittelte; an eine
Wiederherstellung der vormärzlichen Situation mit einvernehmlich ausgeübter österr.-preuß.
Vorherrschaft war jedoch nicht mehr zu denken.

3. 2. 1848 bis 1866

Mit dem Sieg über die Revolution konnte ihr nationaler Impetus aber nicht gebrochen werden.
Die Stimmung in der Ö fentlichkeit war nunmehr als politischer Faktor zu berücksichtigen,
galt es doch für die Vormächte, »moralische Eroberungen« (so der preuß. Regent und spätere
König Wilhelm im November 1858) zu machen. Insofern wuchs dem D. D. nun mehr als eine
zwischenstaatliche, nämlich auch eine nationale Komponente zu und wandelte sich zur
»deutschen Frage« [5].

Auch die Haltung der Vormächte zueinander hatte sich geändert. Österreich beharrte im
Zeichen des neoabsolutistischen Systems mehr als zuvor auf der formalen Dominanz im Bund.
Dagegen war das nunmehr konstitutionell gewordene Preußen nicht am Status quo
interessiert; es strebte nach Erweiterung des eigenen Machtbereichs im nördlichen
Deutschland, betrieb über den Zollverein seine wirtschaftliche Vormachtstellung und blockte
alle österr. Beitrittsbemühungen konsequent ab.

/
Otto von Bismarck betrieb dann, zunächst als preuß. Bundesgesandter in Frankfurt (1851–59),
ab 1862 als Ministerpräsident zielstrebig Preußens Machterweiterung zu Lasten Österreichs [7].
Der Versuch, den Bund auf dem Frankfurter Fürstentag 1863 in liberalparlamentarischem Sinn
zu reformieren, scheiterte.

Bismarck vermochte sich mit seinem vom König gestützten harten Kurs gegen Volksvertretung
und ö fentliche Meinung zu behaupten und durchzusetzen. Dabei konnte er von der wenig
stetigen Politik des jungen österr. Herrschers Franz Joseph I. pro tieren. Trotz der Di ferenzen
im Krimkrieg (1853–56) und im österr.-ital. Krieg (1859), in dem Österreich ohne
Bundesunterstützung geblieben war, schloss Wien sich in der Schleswig-Holstein-Frage der
Haltung Berlins an. Danach gewannen beide Vormächte im militärischen Alleingang ohne den
Rest des Dt. Bundes und wegen eines weitgehend passiven Verhaltens der europ. Mächte die
beiden Elbherzogtümer (Friede von Wien 1864) [4]. Über die Frage nach dem weiteren
Schicksal dieser Eroberung spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen Wien und Berlin zu.
Bismarck konnte durch Ausnützung der internationalen Situation und aufgrund der
militärischen Überlegenheit Preußens den Machtkampf im Bund für sich entscheiden, obwohl
die vier Königreiche Bayern, Hannover, Sachsen und Württemberg auf Österreichs Seite
standen. Nach der entscheidenden Schlacht bei Königgrätz anerkannte Österreich seine
Niederlage und schied 1866 (Friede von Prag) explizit aus Deutschland aus. Der Dt. Bund
wurde aufgelöst, und das durch erhebliche Annexion stark vergrößerte Preußen errichtete
einen von ihm dominierten Norddt. Bund, der die Grundlage für das Kaiserreich von 1870/71
bildete.

Michael Derndarsky

4. Ausblick

Gerade diese gewaltsame Beendigung des Dt. Bundes und damit auch des D. D. zeigte sehr
deutlich, dass von einem schrittweisen Hinauswachsen Österreichs aus dem Reich bzw. aus
Deutschland nicht die Rede sein konnte. Auch die intensiven Revisionsbemühungen
Österreichs nach 1866 unter dem Ministerpräsidenten von Beust, des lange Zeit pro liertesten
Gegenspielers Bismarcks, belegen dies eindrücklich. Doch genau ein solches vermeintliches
Hinauswachsen Österreichs wurde immer wieder angeführt, um das Geschehen von 1866
sowohl in der preuß. als auch in der österr. Historiographie im Nachhinein zu legitimieren [6].
Zu diesem Zweck wurde auch die angebliche frühe Eigenstaatlichkeit Österreichs betont, die
sich aber von jener der übrigen Reichsstände seit dem Westfälischen Frieden nicht
unterschied. Die geschichtswiss. Diskussion über die Stellung Österreichs im Reich entwickelte
sich seit der Mitte des 19. Jh. entlang einer klein- bzw. großdt. inspirierten, »national« bzw.
»universalistisch« ausgerichteten Interpretationslinie, die auch in anderer Hinsicht – etwa
bezüglich der kaiserlichen Italienpolitik im MA oder bezüglich der Bewertung der Reformation
und des konfessionellen Zeitalters – zu beobachten war, wo die Begri fspaare »Katholisch–
Protestantisch« und »Kaiserlich–Ständisch« ähnliche Antagonismen markierten wie etwa

/
»Habsburg–Hohenzollern«. Erst mit der Überwindung der nationalstaatlich zentrierten
Geschichtsbetrachtung haben sich in den letzten Jahrzehnten neue Sichtweisen des Alten
Reiches und des Dt. Bundes entwickelt.

Verwandte Artikel: Deutscher Bund | Wiener Kongress

Michael Derndarsky

Bibliography

[1] K. O. A , Das Alte Reich. 1648–1806, 4 Bde., 1993–2000

[2] J. B , Die Geschichte des Habsburgerreiches. 1273 bis 1918, 21996

[3] H. B , Deutschlands Weg zur Großmacht. Studien zum Verhältnis von Wirtschaft und
Staat während der Reichsgründungszeit, 1848–1881, 21972

[4] A. D -M , Die dt. Frage und das europ. Staatensystem 1815–1871, 22001

[5] W. D. G , Die dt. Frage in Europa 1800–1990, 1993

[6] H. K , Das Reich und Österreich 1648–1740, 1999

[7] O. P , Bismarck, 2 Bde., 1997–1998

[8] G. R , Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des »Militarismus« in


Deutschland, 4 Bde., 1959–1968

[9] G. W , Das »Großdeutschland« der Paulskirche. Nationale Ziele in der bürgerlichen


Revolution 1848/49, 1977.

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Derndarsky, Michael, “Deutscher Dualismus”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_253503>
First published online: 2019

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