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Т. В.

Луппова

Азбука анализа
художественного текста

ИНСТИТУТ ИНОСТРАННЫХ ЯЗЫКОВ УрГПУ

IFL
Министерство образования и науки Российской Федерации
Федеральное агентство по образованию

Государственное образовательное учреждение


высшего профессионального образования
«Уральский государственный педагогический университет»
Институт иностранных языков УрГПУ

Т. В. Луппова

Азбука анализа
художественного текста

Учебное пособие
по чтению и интерпретации текста

Екатеринбург 2007

2
УДК 430
ББК Ш143.24-923
Л85

Рецензенты
канд. филол. наук, доцент М. А. Шабаева
канд. филол. наук, ст. преп. М. В. Зацепина

Луппова Т. В.
Л85 Азбука анализа художественного текста
[Текст] : учебное пособие по чтению и интерпретации текста /
Т. В. Луппова ; ГОУ ВПО «Урал. гос. пед. ун-т» ; Ин-т
иностранных языков. — Екатеринбург, 2007. — 57 с.
ISBN 5 – 7186 – 0294 – 8

Учебное пособие представляет собой часть вузовского


программного курса по чтению и интерпретации текста. Оно
содержит основные теоретические положения по данной
дисциплине, а также комплекс практических заданий и
методические рекомендации по их выполнению.
Предназначено для студентов 2 – 3 курсов Института
иностранных языков Уральского государственного
педагогического университета.

© ГОУ ВПО «Уральский


государственный педагогический
университет», 2007
© Луппова Т. В., 2007

3
Zwischen den Zeilen
kann höchstens ein Sinn
verborgen sein.
Zwischen den Worten
ist Platz für mehr:
für den Gedanken.

Karl Kraus

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Vorwort
Das Lesen eines Textes soll auch immer wieder Spaß
machen. Es kann aber auch manchmal mühsam und
beschwerlich sein. Man versteht nicht, was gemeint ist,
kann mit bestimmten Wörtern nichts anfangen, stolpert über
komplizierte Sätze usw. Solche Schwierigkeiten beim
Umgang mit Texten können einem gelegentlich den
Lesespaß verleiden. Dieser Lehrbehelf hilft die Fähigkeiten
zum Umgang mit Texten verbessern.

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Ebenen der Textanalyse
Die Textanalyse (von gr. „analysis“ = „Auflösung,
Zergliederung“) verlangt eine genaue und gründliche
Auseinandersetzung mit einem Text auf mehreren Ebenen.
Das sind
1) die Inhaltsangabe: mit ihr legt man sich die erste
Rechenschaft über sein Textverständnis ab;
2) die Inhaltsanalyse: sie beschreibt den gedanklichen
Aufbau eines Textes, seine Gliederung und seine
inhaltlichen Schwerpunkte;
3) die sprachliche und stilistische Analyse: sie
richtet sich vor allem auf Besonderheiten der
Wortwahl, auf die Formen des Satzbaus und der
Satzverknüpfung und auf die stilistischen Mittel;
4) die Bestimmung von Absicht und Wirkung des
Textes: dabei werden die Ergebnisse der
inhaltlichen, der sprachlichen und der stilistischen
Analyse zusammengefasst. Man kommt so zu einer
Gesamtaussage über den Text und kann sich ein
eigenes Urteil über ihn bilden;
5) das Verändern und Nachgestalten des Textes:
das befördert und vertieft den analytischen Umgang
mit einem Text.

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Textanalyse: Schritt 1 „Die Inhaltsangabe“
Oft erleichtert eine kurze Inhaltsangabe die Verständigung.
Bevor man über einzelne Personen oder Ereignisse spricht,
fasst man mit wenigen Sätzen zusammen, worum es in dem
Text überhaupt geht. Man kann damit andere informieren
oder ihr Interesse auf einen Text lenken. Man kann eine
Inhaltsangabe aber auch als eigene Gedächtnisstütze
aufschreiben, wenn man den Inhalt später noch einmal
braucht.
Die Inhaltsangabe informiert also sachlich und knapp
darüber, was in einem Text steht. Je nach dem Umfang des
Buches und nach dem Zweck der Inhaltsangabe kann sie
kürzer oder länger sein. Doch der Aufbau einer
Inhaltsangabe ist immer gleich.

Der Aufbau einer Inhaltsangabe:


1) Einleitung: die Einleitung soll dem Leser ein
gewisses Vorverständnis des Textes vermitteln. Sie
enthält deshalb:
- Angaben zum Text: Autor, Titel, Textsorte;
- einen Überblick über den gesamten Text: hier sollte
eine Vorschau gegeben werden, die auf das

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Wesentliche zielt. Ort, Zeit, Personen sollten genannt
werden.
2) Hauptteil: hier kommt es darauf an, das Wichtigste
zusammenfassend in eigener Sprache
wiederzugeben. Das kann nur gelingen, wenn man
den Zusammenhang versteht, aus dem sich das
weitere Geschehen ergibt.
Die wichtigsten Abschnitte der Handlung ordnet man
zeitlich oder nach Grund und Folge. Dazu braucht
man die richtigen Konjunktionen: nicht immer nur
„und“, sondern auch „weil“, „obwohl“, „so dass“,
„nachdem“, „denn“ usw. Meist benutzt man als
Zeitstufe einer Inhaltsangabe das Präsens. Wörtliche
Rede kommt in der Regel nicht vor.
Da die Inhaltsangabe ihren Empfänger sachlich über
einen Text informieren soll, haben dort Meinungen
über den Text oder Texterklärungen keinen Platz.
● Tipp:
Gliedere zuerst den Text in einige Abschnitte ein;
schreibe dann die Stichwörter zu jedem Abschnitt
heraus!
3) Schluss: als Schluss einer Inhaltsangabe genügt oft
ein Satz, der über das Ende eines Textes informiert.

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Zusammenfassung:
1. Inhaltliche Einzelheiten eines Textes kann man mit den
sogenannten W − Fragen ermitteln: Wer...? Was...? Wo...?
Wann...? Wie...? Warum...? Wozu...? Womit...?
2. Der Handlungsverlauf wird knapp und
zweckmäßigerweise im Präsens wiedergegeben, die
Nebenhandlungen werden weggelassen.
3. Die Hauptpersonen werden genannt, die Randfiguren
werden mit Sammelbezeichnungen zusammengefasst.
4. Orte und Zeiten des Geschehens werden erwähnt, aber
keineswegs ausführlich geschildert.
5. Wichtige Gründe für das Handeln der Personen werden
angegeben.
6. Das Gesagte und Gedachte wird nur berücksichtigt, wenn
es für den Handlungsverlauf wichtig ist.
7. Die Inhaltsangabe soll sachlich-distanziert bleiben.
8. Wörtliche Reden des Textes werden dazu nur indirekt
wiedergegeben.

Beachte!
Man unterscheidet: Nacherzählung – Inhaltsangabe –
Klappentext.

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Nacherzählung: vollständige Information über den Inhalt
des Buches.

Inhaltsangabe: eine knappe, sachliche Information,


nüchtern, zurückhaltend. Sie hat die Aufgabe, den Leser /
Hörer / Zuschauer ganz kurz darüber zu informieren, was er
beim Lesen, Hören oder Sehen zu erwarten hat. Die
Inhaltsangabe beschränkt sich deshalb auf die wichtigsten
Züge der Handlung. Für die Wiedergabe von Gesprächen,
Empfindungen, Stimmungen ist in einer Inhaltsangabe kein
Platz.

Klappentext: der Text auf der Innenklappe des


Schutzumschlags eines Buches. Er gibt einen kurzen
Überblick über den Inhalt, indem er das Thema des Buches
näher bezeichnet, ohne jedoch die Spannung zu nehmen
oder gar die Lösung eines Konfliktes zu nennen. Er soll zum
Lesen und damit zum Kauf anregen und so formuliert sein,
dass ein rasches, orientierendes Lesen möglich ist, das
aber oft an interessanten Stellen abbricht.

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● Aufgabe:
Lesen Sie den folgenden Klappentext (verfasst von dem
Union-Verlag, Stuttgart) zum Roman „Kapitän Bontekoes
Schiffsjungen“ von Johan Fabricius. Formen Sie nun den
Klappentext zu einer Inhaltsangabe um!

Zu Beginn des Jahres 1619 geht der schnelle Segler „Nieuw


Hoorn“ in See, läuft aus zu großer Fahrt nach Ostindien.
Vom Achterdeck hallen die Kommandos des Kapitäns
Bontekoe über die Reling, an der die Schiffsjungen stehen
und noch einmal zurückblicken, dorthin, wo der Streifen
Land immer schmäler wird, bis er schließlich ganz im
Wasser verschwindet. Bald bleiben auch die letzten Möwen,
die mit schrillem Schrei um die Takelage gestrichen sind,
hinter dem Horizont. Die große Fahrt hat begonnen! Aber
vom Kapitän bis zum Schiffsjungen ahnt keiner, welchen
gefahrvollen Abenteuern sie der Wind entgegen treibt,
nachdem sie die stürmische Biskaya passiert haben und
endlich der Weg nach Indien offen vor ihnen liegt. Nichts
bleibt ihnen erspart, was an Schicksalsschlägen einen
Seemann nur treffen kann: Sturm, Brand und Untergang, ja
selbst die Notwendigkeit, das nackte Leben zu retten.

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Die Zeit der Segelschiffe und ihrer wagemutigen Kapitäne
ist in diesem Buch lebendig. Es erzählt von der
Kameradschaft und der tapferen Bewährung, in der die
Schiffsjungen des Kapitäns Bontekoe zu Männern werden,
die alle Gefahren in einer fremden abenteuerlichen Welt im
alten Seemannsgeist bestehen.

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Textanalyse: Schritt 2 „Die Inhaltsanalyse“
Vor allem bei anspruchsvolleren Texten kann eine
Inhaltsangabe recht schwierig sein. Man muss den Text und
seine Probleme verstanden haben, bevor man die
Inhaltsangabe schreibt. Dabei geht es nicht nur um die
äußere Handlung, sondern es spielen mehrere Ebenen des
Textverständnisses eine Rolle.

Die Ebenen des Textverständnisses:


1) die Handlungsebene: Was geschieht? Wo
geschieht es und wie? Wer ist daran beteiligt? Auf
welche Weise?
2) die Begründungsebene: Warum laufen die
Vorgänge oder Ereignisse so ab? Warum handeln
und reagieren die Personen so und nicht anders?
usw.
3) die Bedeutungsebene: Warum erzählt der Autor die
Geschichte? Was will er den Lesern damit sagen?
Warum erzählt er die Geschichte so und nicht
anders? usw.

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Beachte!
Die Handlungs- und die Begründungsebene sind eng
miteinander (z. B. durch Konjunktionen) verbunden.
Die Bedeutungsebene kann man durchaus getrennt
darstellen.

● Tipp:
Einen komplexen Text sollte man in Abschnitte gliedern und
jeden Abschnitt mit einer Überschrift versehen.

Dem Textverständnis trägt das Erschließen der


Komposition eines Textes bei, die aus bestimmten
Elementen besteht. Das sind
1) die Exposition (экспозиция): tritt als Einleitung einer
Handlung auf, stellt die Ausgangsposition dar
(handelnde Personen, Ort, Zeit werden beschrieben),
kann ausführlich oder kurz sein, am Anfang, in der
Mitte oder am Ende des Textes positioniert sein;
2) der Knotenpunkt (завязка, конфликт): tritt als
Hauptmittel der Entwicklung einer Handlung auf;
3) die Weiterentwicklung der Handlung;
4) die Kulmination (кульминация): ist der Höhepunkt in
der Entwicklung einer Handlung;

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5) die Lösung (развязка): tritt als Ausgang einer
Handlung oder eines Konfliktes auf.

Beachte!
In der Kulmination unterscheidet man auch
a) die Fabel (фабула) = das Gerüst der Erzählung,
die Handlungslinie, realer Gang der Handlung, то,
что было на самом деле;
b) das Sujet (сюжет) = die Erzähllinie, die Entwicklung
der Erzählung, ход повествования о событиях,
способ изложения фабулы.
Die Fabel und das Sujet können zusammenfallen oder
auseinander laufen.

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Textanalyse: Schritt 3 „Die sprachliche und
stilistische Analyse“
Das Ziel der sprachlichen und stilistischen Analyse von
Texten der verschiedensten Art (von den informativen bis zu
den poetischen) ist es, folgende Fragen zu beantworten:
1) Welche sprachlichen und stilistischen Mittel
verwendet der Verfasser?
2) Was kann man daraus für die Absicht und die
Wirkung des Textes schließen?

Um diese Fragen zu beantworten, kann man verschieden


vorgehen.
1. Man achtet auf die sprachlichen und stilistischen
Merkmale des Textes, die besonders auffallen.
Diese Beschreibung berücksichtigt Wortwahl,
Satzarten, Satzbau und Satzverknüpfungen.
2. Man geht systematisch vor. Dazu braucht man eine
Liste von Kriterien, die man der Reihe nach
durchgeht.

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Kriterien für die sprachliche und stilistische Analyse
eines Textes:

A: Besonderheiten der äußeren Form (= die Architektonik


des Textes): Absatz, Abschnitt, Kapitel, Teil.

B: Besonderheiten der inneren Form


1) phonetische Ebene (Besonderheiten im
Klangcharakter der Sprache):
- Alliteration = die Wiederholung desselben
Konsonanten im Anlaut, z. B. Des Wassers weiche
Wellen ...; Land und Leute, durch dick und dünn,
kreuz und quer;
- Assonanz = die Wiederholung derselben Vokale im
Inlaut, z. B. man tändelt und schäkert mit dem lieben
zärtlichen Engelein;
- Verkürzung: z. B. ich hab', steh' ich, 'ne Puppe,
'raus;
- Verschmelzung: z. B. siehste (= siehst du), ham
(= haben), warn (= waren), fahrn (= fahren), drin
(= darin);
- Lautmalerei = die bewusste Verwendung gewisser
Laute zu stilistischen Effekten: z. B. Schallwörter

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(wau-wau, bums!, rips-raps, plitsch-platsch),
Ableitungen von den Schallinterjektionen (bummeln,
zischen, murmeln, krachen, knarren, summen,
ticken).
2) lexische Ebene (Besonderheiten im Wortwahl):
- stilistische Färbung des Wortschatzes im Text:
neutrale Lexik, gehobene Lexik, Umgangssprache.
Kommen Fachwörter und Fremdwörter vor? Lassen
sich charakteristische Abweichungen von der
Standardsprache feststellen, z. B. ein bestimmter
Dialekt oder eine besondere Gruppensprache?
- Epitheta und Sprachbilder: Vergleich, Metapher,
Metonymie, Periphrase, Hyperbel, Litotes
das Epitheton (griech. = Beiwort) kennzeichnet
näher einen Begriff, der durch ein Substantiv oder ein
Verb ausgedrückt ist. Mit ihrer Hilfe entsteht die
Vorstellung von Farbe, Form, Klang, Geruch und
anderen Sinnesempfindungen, auch die Vorstellung
von auffallenden Eigenschaften und Merkmalen,
z. B.: ein hinterhältiger Bube, der stolze König, das
mathematische Gesicht;
der Vergleich ist ein stilistisches Merkmal des
bildlichen Ausdrucks auf Grund direkter

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Wortbedeutung; der Vergleich verbindet zwei Wörter
aus verschiedenen Begriffsbezirken, sie werden
nebeneinander gestellt, z. B.: wie Milch und Blut
aussehen, arm wie eine Kirchenmaus sein,
bienenfleißig, bildschön;
die Metapher (griech. = Bild, Umschreibung) ist eine
Namensübertragung von einem Denotat auf das
andere auf Grund eines gemeinsamen Merkmals
(äußere oder innere Ähnlichkeit, oft Ähnlichkeit der
Funktion), z. B.: die Sonne lacht, Hand in Hand
arbeiten, sein Herz ausschütten, die Beine in die
Hand nehmen, die Bergnase, der Schlüsselbart, der
Milchbart usw.;
die Metonymie (griech. = Begriffsübertragung) ist
eine Bezeichnungsübertragung auf Grund tatsächlich
gegebener Zusammenhänge zwischen den
Denotaten (räumliche, stoffliche, zeitliche,
quantitative und kausale Verhältnisse), z. B.: das
ganze Dorf war auf den Beinen; er ist ein kluger Kopf;
ein Glas trinken;
die Periphrase bedeutet im weiteren Sinne des
Wortes „Anderssagen“; im engeren Sinne – ein
Merkmal (Eigenschaft, Tätigkeit oder Wirkung) des

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Gegenstandes wird zu seiner sekundären
Nominierung; damit wird ein wichtiges Merkmal
hervorgehoben, z. B.: die Siebenhügelstadt, die
Eiserne Lady;
die Hyperbel (griech. = Übertreibung) gilt als Abart
der Periphrase: man sagt etwas anders, indem man
übertreibt in vergrößerndem (eine Übertreibung) oder
verkleinerndem (eine Untertreibung) Sinne, z. B.:
eine Ewigkeit warten, todmüde sein;
die Litotes (griech. = Schlichtheit) ist auch eine
Abart der Periphrase: man sagt etwas anders, indem
man das Gegenteil verneint, z. B.: sie ist keine
Schönheit, er hat dafür nicht wenig erhalten.
3) grammatische Ebene:
- Morphologie: Artikelgebrauch, Pluralform der
Substantive, Grundformen der Verben;
- Syntax: Wortfolge, Wiederholung, Aufzählung,
Satzbau:
a) die Satzlänge: besonders kurze oder besonders
lange Sätze?
b) die Häufigkeit einer bestimmten Satzart: Aussage-,
Frage- oder Aufforderungssätze?

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c) die Häufigkeit und besondere Verwendung von
Satztypen: einfache Sätze, Satzreihen, Satzgefüge,
unvollständige Sätze (Ellipse)?
d) die Art der Satzverknüpfung und die dabei
verwendeten Konjunktionen: unverbundene Sätze,
nebengeordnete Sätze (= parataktischer Satzbau),
untergeordnete Sätze (= hypotaktischer Satzbau)?
e) wenn viele Satzgefüge vorkommen: um welche Arten
handelt es sich? Sind die Nebensätze vor allem
temporal, kausal, konzessiv usw.?

4) Darbietungsform des Stoffes:


a) Darstellungsperspektive (= Erzählperspektive):

Beachte!
Man unterscheidet: Autor – Erzähler – Erzählsituation.
Bei der Analyse epischer Texte ist streng zu trennen
zwischen dem Autor, dessen Name auf dem
Buchrücken eines Romans oder neben dem Titel einer
Kurzgeschichte steht, und dem Erzähler.
Der Erzähler ist die fiktive, im Text mehr oder minder
deutlich erscheinende Figur, die der Autor sich erfindet,
um uns seine Geschichte zu präsentieren. Diese Figur

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erscheint als Vermittler zwischen dem zu erzählenden
Geschehen und dem Leser. Sie kann sich im Text
ausführlich vorstellen und damit als Person Kontur
gewinnen. Sie kann aber auch nahezu ganz hinter dem
Erzählten verschwinden, so dass sich die Geschichte
vor dem Leser wie von selbst, einem Film vergleichbar,
abspielt. Dennoch wäre der Erzähler auch in einem
solchen Text noch auszumachen, nämlich als derjenige,
der die dargebotenen Geschehensausschnitte begrenzt
und anordnet, wie der Regisseur des Films die Szenen
schneidet und montiert. Ohne einen Erzähler als Rolle
des Autors, die dessen Person sehr nahekommen, ihr
aber auch weit entfernt sein kann, gibt es kein Erzählen:
Der Erzähler ist die Grundlage des epischen Textes.
Wie der Germanist Franz K. Stanzel dargestellt hat,
kann der Autor die Erzählsituation prinzipiell auf
dreierlei Weise konstruieren. Dabei ist zu beachten,
dass im konkreten Text – zumal in längeren
Erzählungen wie Novellen und Romanen – die
Erzählsituationen wechseln können.
Für das Verstehen epischer Texte ist es nun wichtig, die
vorherrschende Erzählsituation zu erfassen, ihre
eventuellen Unterbrechungen durch die anderen

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Erzählsituationen zu bemerken und diese
Beobachtungen mit der Erkenntnis weiterer
Strukturmerkmale in Beziehung zu setzen.
Es sind drei typische Erzählsituationen zu
unterscheiden.
- Die auktoriale Erzählsituation (= Er – Erzähler):
(von lat. „auctor“ – Urheber, Berichterstatter).
Das auszeichnende Merkmal dieser Erzählsituation ist
die Anwesenheit eines persönlichen, sich in
Einmengung und Kommentaren zum Erzählten
kundgebenden Erzählers. Dieser Erzähler scheint auf
den ersten Blick mit dem Autor identisch zu sein. Bei
genauerer Betrachtung wird jedoch fast immer eine
eigentümliche Verfremdung der Persönlichkeit des
Autors in der Gestalt des Erzählers sichtbar. Er weiß
weniger, manchmal auch mehr, als vom Autor zu
erwarten wäre, er vertritt gelegentlich Meinungen, die
nicht unbedingt auch die des Autors sein müssen.
Dieser auktoriale Erzähler ist also eine eigenständige
Gestalt, die ebenso vom Autor geschaffen worden ist
wie die Charaktere des Romans.
Wesentlich für den auktorialen Erzähler ist, dass er als
Mittelsmann der Geschichte einen Platz sozusagen an

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der Schwelle zwischen der fiktiven Welt des Romans
und der Wirklichkeit des Autors und des Lesers
einnimmt.
Er nimmt an der Handlung nicht teil, er beobachtet nur
sie und erzählt souverän und allwissend, d. h. er
überblickt den gesamten zeitlichen Ablauf der
Geschichte und unterbricht ihn in Rückwendungen und
Vorausdeutungen. Dem Gang des Geschehens werden
Erzählereinmischungen, Anreden an den Leser,
reflektierende Abschweifungen beigefügt. Bericht über
innere Vorgänge und indirekte Rede sind zusätzliche
Darstellungsformen auktorialen Erzählens. Sie betonen
die Tatsache der Vermittlung, des Erzähltwerdens. Der
auktoriale Erzähler kann über alle Figuren seiner
fiktionalen Welt urteilen.

- Die Ich – Erzählsituation:


Sie unterscheidet sich von der auktorialen
Erzählsituation zunächst dadurch, dass hier der Erzähler
zur Welt der Romancharaktere gehört. Eine individuelle,
mit Namen vorgestellte Person unter anderen
Handlungspersonen oder der Autor selbst tritt auf die
Bühne und übernimmt die erzählerische Funktion. Er

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erzählt in seinem Namen und lässt seine Anwesenheit
empfinden durch verschiedene lyrische Abweichungen,
durch die Charakteristik der handelnden Personen.
Der Ich – Erzähler distanziert sich nicht prinzipiell von
der dargestellten Welt – er steht in ihr. Er gehört als
Figur unter anderen Figuren in den
Handlungszusammenhang, er erzählt über eigene
Erlebnisse oder Vorgänge, über die er aus anderer
Quelle informiert ist.
Nicht mehr souvärene Überschau und Allwissenheit wie
beim auktorialen Erzählen, sondern Beschränkung auf
den subjektiven Gesichtskreis und Blickwinkel. Diese
subjektive Beschränkung vermittelt dem Leser ein
besonders tiefes Gefühl der Verbundenheit mit dem
erzählenden Ich.
Der Ich – Erzähler beansprucht einen
Wirklichkeitsbericht, deshalb lehnt er sich vorzugsweise
an entsprechende literarische Gebrauchsformen, z. B.
die Autobiographie oder Biographie, das Tagebuch oder
den Brief an.

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- Die personale Erzählsituation:
Personales Erzählen bezeichnet die
Geschehensdarbietung aus der Perspektive einer der
anwesenden Personen. Sie berichtet von äußeren
Vorgängen, schildert eine Figur von außen, ohne
Einblick in ihr Bewusstsein, verwendet direkte Rede zur
Wiedergabe des Gesprochenen. Dem Leser öffnet sich
die Illusion, er befände sich auf dem Schauplatz des
Geschehens oder er betrachte die dargestellte Welt mit
den Augen einer Romanfigur.
Auch der Autor kann die Rolle einer der handelnden
Personen spielen, indem er sich mit ihr identifizieren
lässt, sich in ihre Wahrnehmungssituation versetzt. Aber
die Autorenperspektive geht dabei nicht völlig verloren.
Man spricht von einer Synthese der beiden
Perspektiven.

b) Darstellungsarten:
- das Beschreiben (описание): Merkmale von Dingen
werden dargestellt; der Leser bekommt eine genaue
Vorstellung der Beobachtungen zwecks Information;
- das Erzählen (повествование): nicht sachliche
Information, sondern das Geschehen als

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Nacherlebtes und Nachzuerlebendes, Einwirkung auf
den Leser, der in Spannung versetzt wird; im
Mittelpunkt steht ein erzählenswertes Ereignis; die
Geschichte folgt in ihrem Aufbau meist dem
folgenden Schema: kurze Einleitung – großer
Hauptteil mit Höhepunkt – kurzer Schluss; die
Sprache ist lebendig, anschaulich, spannend;
- das Berichten (сообщение): eine objektive, sachlich
zuverlässige, überprüfbare Wiedergabe des
Sachverhaltes; über den Ablauf eines Geschehens
wird informiert; vollständig und lückenlos; genaue
Angaben über Ort und Zeit werden gemacht; eine
nüchterne Sprache wird verwendet; auf die
Darstellung des persönlichen Erlebens wird
verzichtet; einfacher Satzbau; die Zeitstufe ist
gewöhnlich das Präteritum;
- das Erörtern (рассуждение): Probleme werden
aufgeworfen, Kausalzusammenhänge werden
erfasst, der Leser wird zum Mitdenken aufgefordert;
erörternde Elemente sind Begründung, Erwägung,
Einwand, Wertung, Einschätzung, Fragestellung,
Auseinandersetzung mit Auffassungen dritter
Personen, Überprüfung von Tatbeständen; das

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Erörtern hat einen dreiteiligen Aufbau: Einleitung –
Hauptteil – Schluss;
- das Inszenieren (инсценировка): Dialoge werden
wiedergegeben;
- die Reflexion (рефлексия): nicht ausgesprochene
Gedanken und Gefühle, der innere Zustand und
innere Rede werden dargestellt.

● Aufgabe:
Lesen Sie den Text „Pause“ von K. Kuliga und analysieren
Sie dessen sprachliche und stilistische Mittel, die dem Autor
ermöglichen, die alltägliche Schulsituation „Sturm in
den Hof – Pause – Sturm in das Schulgebäude“
anschaulich und wirkungsvoll darzustellen!

Klaus Kuliga
Pause
Gong
Pause
Jetzt geht es los!
700 runter
50 rauf
Alle auf der gleichen Treppe

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Alles schmeißt sich in das tosende Gewoge der Massen,
die laut Hausordnung aus dem ersten oder zweiten
Geschoss auf den Hof müssen
Gedränge
Gewürge „Lass mich in Ruhe“
Geschiebe „Schubs nicht so“
Geächze Wieder einer umgerannt
Das Treppenhaus ist zu eng
Ruhe nach dem Sturm
Pause
Gong
Pause zu Ende
Alles stürmt ins Gebäude
Stromschnellen bei den Türen
Tumult im Eingang. Die Türen sind nur halb offen
Gegen die anstürmenden Massen auch nicht mehr zu
öffnen
Brüllend fegts die Treppen rauf
Weh dem der jetzt nach unten muss!
Rette sich wer kann!
Gedränge
Gewürge
Geschiebe

29
Geächze
Gong
Ruhe
bis zum nächsten Sturm.

● Aufgabe:
Lesen Sie den folgenden Abschnitt aus der Erzählung „Am
hellen Tag“ von Barbara Frischmuth und bestimmen Sie,
aus welcher Perspektive die Geschichte erzählt wird! Wo
liegt die Perspektive am Anfang? Ändert sich die
Perspektive im Verlaufe des Textes? Welche Folge hat die
gewählte Perspektive in dem Text für den Leser? Warum
wählt B. Frischmuth diese Perspektive?

Barbara Frischmuth
Am hellen Tag
... Es musste sein. Sich opfern. Sich und ihr Leben
hingeben. Sie saß da, bewegungslos, noch immer
gefangen. Nichts regte sich, nicht einmal ein Insekt
vermochte abzulenken. Die mittägliche Windstille. Gleich,
gleich musste das Kind kommen.

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... Jetzt, dachte sie, und dann ging auch dieser Augenblick
vorüber. Der Puma schob seinen Kopf weiter auf den Pfoten
vor, ohne die Augen zuzumachen...
Jetzt! Vorsichtig befeuchtete sie die Lippen, indem sie die
untere etwas vorschob und die obere einzog. Jetzt!
Sie erschrak so heftig, als es vom Garten her schellte, dass
sie nicht sicher war, ob sie nicht etwa geschrien hatte und
das eigene Schrillen für die Gartenglocke hielt.
Der Puma war fort, hatte seinen Schatten mit über die
Hecke genommen, und sie bildete sich ein, noch das
mehrmalige Aufprallen seiner Tatzen zu hören.
Wer konnte geläutet haben? Sie sah auf die Uhr. Für das
Kind war es ein wenig zu früh, und das Kind klingelte nicht.
Vielleicht die Leute, denen das Tier gehörte. Die waren gut.
Gingen von Haus zu Haus fragen, ob jemandem ein Puma
zugelaufen war. Sie trat hinaus. Ihre Gelenke knackten
leise, wie sie so bis zur Treppe ging, von wo aus sie freie
Sicht auf die Gartentür hatte. Niemand. Da war niemand.
Wer in aller Welt mochte geläutet haben? Oder hatte doch
sie den Puma mit ihrem Schrei verjagt? Nicht immer griffen
diese Tiere an.

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Sie musste es sofort der Polizei melden, verhindern, dass
Schlimmeres geschah. Ein Tier in Panik, wer konnte
wissen, was...
Sie rannte ans Telefon. Bitte, rief sie, hier bei Neurat,
Landhausstraße acht, soeben...
Sie erzählte, so kurz sie sich fassen konnte, was geschehen
war. Ein Puma? fragte der Beamte. Es klang, als kratze er
an seinem Bart.
Ein kräftiges, ausgewachsenes Exemplar. So unternehmen
Sie doch etwas!
Sind Sie die Haushälterin?
Sie richtete sich ein wenig auf. Ich bin Greta G. Ich helfe
manchmal aus, sozusagen aus Gefälligkeit. Was ging es
diesen Kerl an, dass sie mit Hanna Neurat verwandt war.
Diesmal ist es also ein Puma?
Was heißt diesmal? Sie spürte, wie Verzweiflung sie befiel.
Sie haben doch neulich schon einmal angerufen, wegen
einer Sandviper, wenn ich mich nicht recht erinnere,
stimmt's?
Sie war nahe am Schluchzen. Ja, sie hatte schon einmal
angerufen.

32
● Aufgabe:
Charakterisieren Sie die Darstellungsarten, die im oben
angeführten Abschnitt vorkommen!

33
Textanalyse: Schritt 4 „Die Bestimmung von
Absicht und Wirkung des Textes“
Die Absicht, die der Verfasser eines Textes verfolgt, kann
man oft von der Textsorte her erschließen. Es gibt folgende
Textsorten:
- Anekdote,
- Ballade,
- Bedienungsanleitung,
- Erzählung,
- Fabel,
- Kommentar,
- Kurzgeschichte,
- Märchen,
- Nachricht,
- Novelle,
- Parabel,
- Reportage,
- Roman,
- Sage,
- Werbeanzeige,
- Zeitungsbericht,
- Zeitungsmeldung usw.

34
Man kann auch folgende Arten von Texten unterscheiden:
- Texte, in denen der Inhalt (die Sprache) im
Vordergrund steht → informative Texte;
- Texte, in denen die Meinung des Verfassers im
Vordergrund steht → argumentative Texte;
- Texte, in denen die Wirkung auf den Leser im
Vordergrund steht → appellative Texte;
- Texte, in denen der Verfasser die Aufmerksamkeit
des Lesers zunächst auf eine vom Alltäglichen
abweichende Verwendungsweise der Sprache richtet
→ poetische Texte.
Im Ausdruckswert eines literarischen Textes sind alle
außerlinguistischen und linguostilistischen Absichten des
Autors eingeschlossen. Der Leser entscheidet für sich
selbst, ob sich der Eindruckswert, den er beim Lesen eines
Textes empfindet, mit dem Ausdruckswert deckt.
Der Ausdruckswert1 eines Textes ist die vom Autor
erstrebte Wirkung.
Der Eindruckswert2 ist die tatsächliche Wirkung auf den
Leser.

1
Riesel E. Theorie und Praxis der linguostilistischen Textinterpretation. M. :
Hochschule, 1974. S. 32.
2
Ebenda.

35
Bei der Bestimmung von Absicht und Wirkung des Textes
sollen auch folgende Fragen beantwortet werden:
1) Was wird beschrieben / erzählt / dargestellt?
Wovon ist die Rede?
→ das ist das Thema des Textes (es kann in
Stichwörtern formuliert sein)
2) Welche Probleme werden angeschnitten /
angegeben / angepackt / aufgerollt / aufgeworfen /
behandelt / gelöst? (die Stichwörter werden
entschlüsselt)
Das Problem (= die zu lösende Aufgabe) kann
ernst / groß / schwierig / viel erörtert / ungelöst //
sozial / politisch / menschlich / psychologisch usw.
sein.
Ein Problem taucht auf / stellt sich ein.
Man kann an ein Problem herangehen, vor einem
Problem stehen, sich mit einem Problem
auseinander setzen, befassen
3) Was will der Autor sagen? Wie verhält er sich zur
dargestellten Wirklichkeit?
→ das ist die Idee des Textes

36
Das Thema, die Probleme und die Idee bilden die Ebene
des Begriffs in einem literarischen Text (концептуальный
уровень).
Nach der Bestimmung von Absicht und Wirkung eines
Textes kann man sich ein eigenes Urteil über den Text
bilden. Die folgenden Fragen helfen dabei:
1) An welches Publikum ist der Text adressiert?
2) Wie stehe ich zu den aufgeworfenen
Problemen?
3) Überzeugt mich das ausgewählte Vorgehen
des Verfassers?
4) Wie begründe ich meine Zustimmung oder
Ablehnung?

Zusammenfassend kann man die Analyse eines


literarischen Textes so darstellen:

Absicht Inhalt Form Wirkung

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● Aufgabe:
Das folgende Schema fasst alle wichtigen Stichwörter
zusammen, die für einen Text und für die Textanalyse von
Bedeutung sind. Es enthält noch keine Pfeile, die die
Beziehungen zwischen den einzelnen Stichwörtern
verdeutlichen. Wo würden Sie solche Pfeile eintragen?

Inhalt

Verfasser Text Leser

Sprache

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Textanalyse: Schritt 5 „Das Verändern und
Nachgestalten des Textes“
Schritte 1 – 4, die wir schon durchgearbeitet haben, bilden
einen analytischen Umgang mit literarischen Texten. Ein
kreativer Umgang mit literarischen Texten schließt den
analytischen Umgang nicht aus, sondern er basiert darauf.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Ausgangstext,
die Beschreibung seiner Elemente, die Erläuterung,
welchen Beitrag sie zur Realisierung der Autorintention
leisten, ist für Kreativität nicht entbehrlich, sondern
notwendig. Der eingreifende Umgang mit Texten befördert
und vertieft analytische Einsichten.
Es gibt verschiedene Eingriffsmöglichkeiten, um Texte zu
erweitern und umzuschreiben, z. B.:
1) einen Text verlängern:
Wie könnten sich die Figuren weiter entwickeln? Wie
wird sich die Handlung fortsetzen? Welche weiteren
Konflikte sind zu erwarten? Mit solchen und ähnlichen
Fragen beschäftigt man sich oft während und nach der
Lektüre. Hier sollen sie nun in schriftlicher Form
beantwortet werden. Es versteht sich, dass dafür vor

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allem Texte geeignet sind, deren Schluss relativ offen
ist.
2) einen Vorspann schreiben:
Indem man sich eine Szene oder Episode vorschaltet,
macht man sich die späteren, damit verbundenen
Handlungsweisen im Ausgangstext verständlich.
Ein Vorspann kann aber auch eine ganz andere
Funktion haben. Er kann einen Verfremdungseffekt
hervorrufen, wenn eigene Leseanleitung kritisch ist.
Damit unterstreicht man seine Distanz zum
Ausgangstext.
3) (Handlungs-) Lücken füllen:
Den Schlussfolgerungen, zu denen der Autor eines
Textes kommt, stimmt man voll und ganz zu. Zugleich
glaubt man aber, dass wesentliche stützende und die
Gegenposition(en) erschütternde Argumente
nachzutragen sind. Man baut sie also ein. Die
sogenannten „Lücken“ sind also Stellen, an denen der
Text ein Handlungselement, einen Vorfall, das Geschick
einer Person, eine bestimmte Zeitspanne u. ä.
ausklammert. Solche Lücken können durch eigene
kleine Erzählungen ausgefüllt werden.
4) Erzählperspektive verändern:

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Was geschieht eigentlich, wenn die Perspektive eines
auktorialen Erzählers zugunsten derjenigen eines Ich-
oder personalen Erzählers aufgegeben wird? Wie viel
vom Innenleben der Figuren bleibt noch zugänglich,
wenn der Allwissenheitsanspruch nicht mehr besteht?
5) sich selbst in einen Text hineinschreiben:
Was wäre, wenn ich in einem Text als neue Figur
auftauchte, als Parteigänger der einen oder anderen
Seite oder auch als Schlichter? Wie würde ich, soweit
ich mich kenne, in den entscheidenden Episoden bzw.
Szenen agieren?
Was müsste am Ausgangstext zu verändern sein, wenn
ich mich an die Stelle einer Figur setzte, wenn meine
Empfindungen und Motive und mein Argumentationsstil
mitentscheidend wären?
6) Variation des Stils eines Textes:
Stilmerkmale werden variiert, z. B. so, dass man den
Ausgangstext in den eigenen Jargon übersetzt. Man
kann aber auch das Ziel haben, ihn für bestimmte
Adressatengruppen verständlicher zu gestalten. Es wird
deshalb beispielsweise versucht, Fach- und
Fremdwörter bei Bedarf zu erläutern oder zu ersetzen
und die Syntax zu verändern.

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7) kritisch-distanziert umschreiben:
Man hat den Eindruck, dass im Ausgangstext
gesellschaftliche Verhältnisse stilisiert bzw. idealisiert
werden, und versucht deshalb z. B. die ursprüngliche
Handlung neu und realistisch zu motivieren bzw. den
Handlungszusammenhang „wahrscheinlicher“ zu
gestalten.
8) aktualisierend umschreiben:
Konfliktkonstellation, -genese und -lösung, wie sie in
einem Text aus einer vergangenen Epoche dargestellt
sind, scheinen uns sehr modern zu sein. Sie sind auch
in der Gegenwart noch von Bedeutung. Man versucht
also Handlung, Figurenkonstellation usw. zu
transponieren, den Text zeitgenössisch zu machen.
9) formerhaltend umschreiben:
Besonders schwierig, aber auch entsprechend reizvoll
ist es, das „formale“ Muster des Ausgangstextes
beizubehalten und dazu einen Text mit neuem Inhalt zu
schreiben.
10)Werbetexte schreiben:

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Wer von der Güte eines Ausgangstextes überzeugt ist,
kann versuchen, ihn seinen Kommilitonen /
Kommilitoninnen möglichst dezent oder auch
marktschreierisch zur Lektüre zu empfehlen. Es ist im
Übrigen interessant, den für Rezensionen und
Werbetexte jeweils charakteristischen argumentativen
und rhetorischen Aufwand zu vergleichen.

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Fragen zur Kontrolle
1. Welche Ebenen unterscheidet man bei der
Textanalyse?
2. Welche Funktionen übt die Inhaltsangabe aus?
3. Charakterisieren Sie den Aufbau einer
Inhaltsangabe!
4. Welche Rolle spielen die sogenannten
W – Fragen ?
5. Welche Ebenen umfasst das Textverständnis?
6. Beschreiben Sie die Struktur der Komposition eines
literarischen Textes!
7. Welches Ziel verfolgt die sprachliche und
stilistische Analyse eines Textes?
8. Nennen Sie die Kriterien für die sprachliche und
stilistische Analyse eines Textes!
9. Welche Darstellungsperspektiven können in einem
literarischen Text vorhanden sein?
10. Klären Sie die Begriffe „der Autor“ und
„der Erzähler“ auf!
11. Nennen Sie die Darstellungsarten des Stoffes in
einem literarischen Text!

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12. Welche Textsorten kennen Sie?
13. Welche Werte (nach E. Riesel) besitzt ein
literarischer Text?
14. Was versteht man unter der Ebene des Begriffs in
einem literarischen Text?
15. Welche kreativen Formen der Textanalyse sind
Ihnen bekannt?

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Text zur Analyse
Gabriele Wohmann: Ein netter Kerl
Ich habe ja so wahnsinnig gelacht, rief Nanni in einer
Atempause. Genau wie du ihn beschrieben hast,
entsetzlich.
Furchtbar fett für sein Alter, sagte die Mutter. Er sollte
vielleicht Diät essen. Übrigens, Rita, weißt du, ob er ganz
gesund ist?
Rita setzte sich gerade und hielt sich mit den Händen am
Sitz fest. Sie sagte: Ach, ich glaub schon, dass er gesund
ist. Genau, wie du erzählt hast, weich wie ein Molch, wie
Schlamm, rief Nanni. Und auch die Hand, so weich.
Aber er hat dann doch auch wieder was Liebes, sagte
Milene, doch, Rita, ich finde, er hat was Liebes, wirklich.
Na ja, sagte die Mutter, beschämt fing auch sie wieder an
zu lachen; recht lieb, aber doch grässlich komisch. Du hast
nicht zu viel versprochen, Rita, wahrhaftig nicht. Jetzt lachte
sie laut heraus. Auch hinten im Nacken hat er schon
Wammen, wie ein alter Mann, rief Nanni. Er ist ja so fett, so
weich, so weich! Sie schnaubte aus der kurzen Nase, ihr
Gesicht sah verquollen aus vom Lachen.

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Rita hielt sich am Sitz fest. Sie drückte die Fingerkruppen
fest ans Holz.
Er hat so was Insichruhendes, sagte Milene. Ich finde ihn so
ganz nett, Rita, wirklich, komischerweise.
Nanni stieß einen winzigen Schrei aus und warf die Hände
auf den Tisch; die Messer und Gabeln auf den Tellern
klirrten.
Ich auch, wirklich, ich find ihn auch nett, rief sie. Könnt ihn
immer ansehn und mich ekeln.
Der Vater kam zurück, schloss die Esszimmertür, brachte
kühle nasse Luft mit herein. Er war ja so ängstlich, dass er
seine letzte Bahn noch kriegt, sagte er. So was von
ängstlich.
Er lebt mit seiner Mutter zusammen, sagte Rita.
Sie platzten alle heraus, jetzt auch Milene. Das Holz unter
Ritas Fingerkuppen wurde klebrig. Sie sagte: Seine Mutter
ist nicht ganz gesund, so viel ich weiß.
Das Lachen schwoll an, türmte sich vor ihr auf, wartete und
stürzte sich dann herab, es spülte über sie weg und verbarg
sie: lang genug für einen kleinen schwachen Frieden. Als
erste brachte die Mutter es fertig, sich wieder zu fassen.
Nun aber Schluss, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, sie
wischte mit einem Taschentuchklümpfchen über die Augen

47
und die Lippen. Wir können mal endlich von was anderem
reden.
Ach, sagte Nanni, sie seufzte und rieb sich den kleinen
Bauch, ach, ich bin erledigt, du liebe Zeit. Wann kommt die
große fette Qualle denn wieder, sag Rita, wann denn? Sie
warteten alle ab.
Er kommt von jetzt an oft, sagte Rita. Sie hielt den Kopf
aufrecht.
Ich habe mich verlobt mit ihm.
Am Tisch bewegte sich keiner. Rita lachte versuchsweise
und dann konnte sie es mit großer Anstrengung lauterer als
die anderen, und sie rief: Stellt euch doch bloß mal vor: mit
ihm verlobt! Ist das nicht zum Lachen?
Sie saßen gesittet und ernst und bewegten vorsichtig
Messer und Gabeln.
He, Nanni, bist du mir denn nicht dankbar, mit der Qualle
hab ich mich verlobt, stell dir das doch mal vor!
Er ist ein netter Kerl, sagte der Vater. Also höflich ist er, das
muss man ihm lassen.
Ich könnte mir denken, sagte die Mutter ernst, dass er
menschlich angenehm ist, ich meine als Hausgenosse oder
so als Familienmitglied.

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Er hat keinen üblen Eindruck auf mich gemacht, sagte der
Vater.
Rita sah sie alle behutsam dasitzen, sie sah gezähmte
Lippen. Die roten Flecken in den Gesichtern blieben noch
eine Weile. Sie senkten die Köpfe und aßen den Nachtisch.

● Aufgaben:
1. Schreiben Sie eine Inhaltsangabe! Beachten
Sie dabei deren Aufbau! Die folgenden Fragen helfen Ihnen
das erste Gesamtverständnis (= Globalverständnis) des
Textes gewinnen.
- Wie heißt der Text?
- Wer hat den Text verfasst?
- Zu welcher Textsorte gehört er?
- Nennen Sie die handelnden Personen und ihre
Verwandtschaftsbeziehungen!
- Wo und wann spielt die Handlung?
- Geben Sie das Wichtigste wieder! Gebrauchen Sie
dabei das Präsens, die Konjunktionen „denn“, „weil“,
„obwohl“, „aber“!
- Wie endet die Geschichte?
2. Analysieren Sie den Inhalt des Textes!

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- Finden Sie im Text die Sätze, die folgende Gedanken
bestätigen:
a) Nanni und der Mutter hat Ritas Freund nicht gefallen;
b) Milene fand Ritas Freund recht lieb;
c) Rita war sehr nervös während des Abendessens;
d) Der Vater lachte auch über Ritas Freund.
- Was fand die Familie so komisch an Ritas Freund?
Ordnen Sie die Aussagen den handelnden Personen
zu: Mutter – Vater – Milene – Nanni – Rita!
- Warum benahm sich Ritas Familie so?
- Warum erzählt G. Wohmann diese Geschichte? Was
will sie uns damit sagen?
- Erschließen Sie die Komposition des Textes!
3. Analysieren Sie die Sprache des Textes!
- Im Text wird die direkte Rede der Personen nicht
markiert. Jedoch kann man die Aussagen leicht den
handelnden Personen zuordnen. Wodurch erreicht
dies die Schriftstellerin? Beachten Sie die Form des
Textes!
- Welche Besonderheiten der Sprache kann man auf
der phonetischen Ebene finden?
- Untersuchen Sie die lexische Ebene der Sprache im
Text! Wozu gebraucht G. Wohmann so viel

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Umgangssprache? Finden Sie alle Epitheta im Text!
Welche Rolle spielen sie? Gibt es Vergleiche im
Text? Metaphern? Hyperbeln? Führen Sie Beispiele
an!
- Analysieren Sie die Wortfolge in folgenden Sätzen:
a) Ihr Gesicht sah verquollen aus vom Lachen.
b) Ich habe mich verlobt mit ihm.
c) Mit der Qualle hab ich mich verlobt.
- Welche Wörter werden im Text wiederholt? Wozu?
- Finden Sie die Sätze mit der Aufzählung! Welche
Satzglieder werden aufgezählt?
- Was können Sie über die Satzlänge sagen?
- Welche Satzart dominiert im Text?
- Welche Satztypen kommen im Text häufig vor?
Bestimmen Sie die Art der Nebensätze! Führen Sie
Beispiele der Ellipse an!
- Aus welcher Perspektive sind die Ereignisse
dargestellt? Begründen Sie das! Sammeln Sie eine
Reihe von sprachlichen Ausdrücken, mit denen Sie
die Haltung des Erzählers beschreiben könnten.
- Bestimmen Sie die Darstellungsart(en)! Finden Sie
im Text Beweise dafür!

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4. Welches Thema wird im Text behandelt? Welche
Probleme werden aufgeworfen? Wie könnte man die
Idee des Textes formulieren? Äußern Sie Ihre
Meinung zur Absicht und Wirkung des Textes!
Welche Gefühle, Assoziationen und Einstellungen
werden bei Ihnen wachgerufen, indem Sie den Text
lesen?
5. a) Versuchen Sie die Vorgeschichte der Einladung
zum Abendbrot auszudenken!
b) Wie könnte sich die Geschichte weiter entwickeln?
c) Geben Sie den Inhalt des Textes im Namen der
Mutter / des Vaters / Ritas / Milenes / Nannis wieder!
d) Inszenieren Sie diese Geschichte!
e) Schreiben Sie eine Werberezension zu diesem
Text!

52
Quellennachweis
1. Bremerich – Vos, A. Textanalyse : Arbeitsbuch
für den Deutschunterricht in der Sekundarstufe II
[Текст] / A. Bremerich – Vos. — Frankfurt am Main :
Moritz Diesterweg Verlag, 1989. — 252 S.
2. Ehlers, S. Lesen als Verstehen : Zum
Verstehen fremdsprachlicher literarischer Texte und
zu ihrer Didaktik [Текст] / S. Ehlers. — Berlin ;
München ; Wien ; Zürich ; New York : Langenscheidt,
1996. — 112 S.
3. Krahl, S. Kleines Wörterbuch der Stilkunde
[Текст] / S. Krahl, J. Kurz. — Leipzig : VEB
Bibliographisches Institut, 1970. — 142 S.
4. Krejci, M. Textarbeit 1 : Lehr- und Arbeitsbuch zur
Erschließung poetischer und nichtpoetischer Texte
[Текст] / M. Krejci, R. Schmitt. — Bamberg :
C. C. Buchner Verlag, 1989. — 88 S.
5. Lesen. Darstellen. Begreifen : Lese- und
Arbeitsbuch für den Literatur- und Sprachunterricht
[Текст] / Hrsg. F. Hebel. — Ausgabe A, 7. Schuljahr.

53
— Frankfurt am Main : Cornelsen Hirschgraben
Verlag, 1992. — 316 S.
6. Lesen. Darstellen. Begreifen : Lese- und Arbeitsbuch
für den Literatur- und Sprachunterricht [Текст] / Hrsg.
F. Hebel. — Ausgabe A, 8. Schuljahr. — Frankfurt
am Main : Cornelsen Hirschgraben Verlag, 1993. —
309 S.
7. Lesen. Darstellen. Begreifen : Lese- und Arbeitsbuch
für den Literatur- und Sprachunterricht [Текст] / Hrsg.
F. Hebel. — Ausgabe A, 9. Schuljahr. — Frankfurt
am Main : Cornelsen Hirschgraben Verlag, 1994. —
293 S.
8. Lese-Zeit : Deutschsprachige Literatur des 20.
Jahrhunderts : Ein Lese- und Arbeitsbuch [Текст] /
Hrsg. J. Skiba, L. Volkova, S. Zaripova. — Bielefeld :
Aisthesis Verlag, 2005. — 308 S.
9. Riesel, E. Theorie und Praxis der linguostilistischen
Textinterpretation [Текст] / E. Riesel. — M. : Verlag
„Hochschule“, 1974. — 185 S.
10. Schmitt, R. Auf einen Blick : Grundwissen Deutsch
[Текст] / R. Schmitt. — Bamberg : C. C. Buchner
Verlag, 1991. — 128 S.

54
11. Texte, Themen und Strukturen : Grundband Deutsch
für die Oberstufe [Текст] / Hrsg. H. Biermann,
B. Schurf. — Düsseldorf : Cornelsen Schwann-
Gigardet Verlag, 1990. — 400 S.
12. Брандес, М. П. Стилистика текста. Теоретический
курс. [Текст] / М. П. Брандес. — М. : Прогресс-
Традиция ; ИНФРА-М, 2004. — 416 с.
13. Домашнев, А. И. Интерпретация художественного
текста [Текст] / А. И. Домашнев, И. П. Шишкина,
Е. А. Гончарова. — М. : Просвещение, 1989. —
205 с.

55
Inhalt

Ebenen der Textanalyse .................................................... 6


Schritt 1: „Die Inhaltsangabe“ ............................................ 7
Schritt 2: „Die Inhaltsanalyse“ .......................................... 13
Schritt 3: „Die sprachliche uns stilistische Analyse“ ......... 16
Schritt 4: „Die Bestimmung von Absicht und Wirkung
des Textes“ ...................................................... 34
Schritt 5: „Das Verändern und Nachgestalten
des Textes“ ...................................................... 39
Fragen zur Kontrolle ......................................................... 44
Text zur Analyse ............................................................... 46
Quellennachweis .............................................................. 53

56
Учебное издание
Луппова Татьяна Владимировна
Азбука анализа художественного текста

Учебное пособие
по чтению и интерпретации текста

Подписано в печать 23.01.07. Формат 60 х 84 1/16.


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