Sie sind auf Seite 1von 1004

Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome

Helmut Rechenberg

Werner Heisenberg –
Die Sprache der Atome
Leben und Wirken –
Eine wissenschaftliche Biographie

Die „Fröhliche Wissenschaft“


(Jugend bis Nobelpreis)

123
Dr. Helmut Rechenberg
MPI für Physik
Werner-Heisenberg-Institut
Föhringer Ring 6
80805 München
Deutschland

ISBN 978-3-540-69221-8 gedruckt in zwei Bänden e-ISBN 978-3-540-69222-5


DOI 10.1007/978-3-540-69222-5
Springer Heidelberg Dordrecht London New York

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;


detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

c Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2010


Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der
Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funk-
sendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in
Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Ver-
vielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der
gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 9. Septem-
ber 1965 in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwider-
handlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechtsgesetzes.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk be-
rechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der
Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann
benutzt werden dürften.

Einbandabbildung: Heisenberg in Kopenhagen, Herbst 1926;


Foto von Friedrich Hund, Heisenberg-Archiv (WHN)
Einbandgestaltung: WMX Design GmbH, Heidelberg
Herstellung und Satz: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Gedruckt auf säurefreiem Papier

Springer ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media (www.springer.de)


Vorwort und Vorbemerkungen

„Ich sage mir, von allen Revolutionen, denen wir in unserem Jahrhundert ausgesetzt
waren, ist die größte, die einzig wirklich die naturwissenschaftliche.“

So schrieb der Diplomat und Historiker Carl Jacob Burckhardt am 19. Janu-
ar 1972 an Werner Heisenberg, als er sich für die Zusendung eines Exemplars von
dessen jüngster Sammlung allgemein verständlicher Aufsätze – Schritte über
Grenzen (Heisenberg 1971) – bedankte. Die erste Publikation dieser Art veröffent-
lichte der damals noch jugendliche Physikprofessor bereits 1935 unter dem Titel
„Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft“. In der Tat zeigte sich
das vergangene Jahrhundert reich an Wandlungen, ja geradezu an Revolutionen, in
vielen Bereichen des menschlichen Lebens und Wirkens. Die großen Veränderun-
gen in Politik und Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten einen Welt-
krieg zur Folge, dem sich kommunistische und faschistische Diktaturen und ein
zweiter Weltkrieg anschlossen.
Während diese Diktaturen kamen und wieder vergingen, erwiesen sich die wis-
senschaftlichen Revolutionen, vor allem die in den Naturwissenschaften, als äu-
ßerst beständig. Insbesondere wurde das Weltbild der „klassischen Physik“, das
sich in den Jahrhunderten seit dem Erscheinen von Nikolaus Kopernikus De revo-
lutionibus orbium coelestium im Jahr 1543 schließlich herausgebildet hatte und im
späten 19, Jahrhundert zur Vollendung gelangt war, sehr bald durch zwei neue
Theoriesysteme erschüttert. Gemeint sind die sogenannte „Quantentheorie“ von
1900 und die „Relativitätstheorie“ von 1905. Beide Theorien verursachten tief
greifende Wandlungen in den begrifflichen Grundlagen der Physik. Und ihre Er-
gebnisse wirkten sich nahezu umgehend auch auf die anderen Bereiche der Na-
turwissenschaften aus, welche die neue „moderne Physik“, nun als die eigentliche
Leitwissenschaft, wesentlich umgestaltete.
Im 20. Jahrhundert nahm besonders in den Naturwissenschaften, deren Ergeb-
nisse sich in vielfacher Weise zum Motor des industriellen Fortschrittes entwickel-
ten, die Anzahl der an den Lösungen der Aufgaben beteiligten Forscher und mehr
noch diejenige der Forscherinnen bedeutend zu. Trotzdem wurden die oben er-

v
vi Vorwort und Vorbemerkungen

wähnten entscheidenden Revolutionen von einzelnen überragenden Persönlichkei-


ten geschaffen, meist angeregt oder unterstützt durch die Gunst von mehr oder
weniger unverhofften experimentellen Entdeckungen: namentlich diejenige der
X-Strahlen von Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg, die der Radioaktivität von
Henri Becquerel – seine Pariser Kollegen Pierre und Marie Curie, Ernest Ruther-
ford in Manchester und Otto Hahn mit Lise Meitner in Berlin vertieften ihre Un-
tersuchungen in der Folgezeit ganz wesentlich – und die des Elektrons 1897 von
Joseph John Thomson im englischen Cambridge, Emil Wiechert in Königsberg
und Willy Wien in Aachen.
Die eigentlichen Pioniere des neuen Weltbildes der Physik waren dann aber vor
allem zwei Theoretiker in Mitteleuropa. Zunächst führte der Berliner Universitäts-
ordinarius Max Planck im Dezember 1900 zur Erklärung der von seinen Physiker-
kollegen an der benachbarten Physikalisch-Technischen Reichsanstalt beobachte-
ten „schwarzen Strahlung“ den Begriff des „Wirkungsquantums“ ein und
widerlegte dadurch das seit dem griechischen Altertum geltende Prinzip von „na-
tura non facit saltus“. Einige Jahre darauf, im Juli 1905, verkündete Albert Ein-
stein, damals Angestellter des Schweizer Patentamtes in Bern, seine erste, später
die so genannte „spezielle“ Relativitätstheorie und hob in ihr die bisher gültige
strenge Trennung von Raum- und Zeitvorstellungen auf. Die letzte dieser Revolu-
tionen leitete schließlich Werner Heisenberg ein. Der junge Privatdozent an den
Universitäten Göttingen und Kopenhagen verletzte zwischen 1925 und 1927
gleich zwei bisher geheiligte Prinzipien der Naturbeschreibung. Erstens vertau-
schen die mathematischen Größen, die die Eigenschaften von Objekten in der
Atomphysik beschreiben, keineswegs immer wie bisher die entsprechenden Grö-
ßen in der gesamten klassischen Physik. Deshalb lassen sich die Werte für so
genannte „komplementäre Größen“ nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmen.
Heisenberg schloss daraus zweitens, dass die durch Descartes im 17. Jahrhundert
noch einmal verschärft formulierte Trennung von untersuchtem Objekt und unter-
suchendem Beobachter sich im atomaren oder subatomaren (auch „mikrosko-
pisch“ genannten) Bereich nicht mehr durchführen ließ.
Nach dem Urteil seines genialen englischen Mitstreiters und Freundes Paul Dirac
war es also Heisenberg, der den „Gordischen Knoten“ zur Vollendung der von
Planck, Einstein und anderen entwickelten Quantentheorie durchschnitt und damit
ein neues „goldenes Zeitalter“ in der Physik eröffnete, in dem „jeder zweitklassige
Student erstklassige physikalische Arbeiten schaffen konnte“. Heisenberg vollende-
te in der Tat den gewaltigen „Umsturz in der Physik“, der sich im ersten Drittel des
20. Jahrhunderts vollzog. Die Ergebnisse seiner theoretischen Forschungen be-
stimmten in den folgenden Jahrzehnten ganz wesentlich den Gang der Naturwissen-
schaft mit und dies sogar weit über die engen Grenzen seines Fachgebietes hinaus.
Wer war dieser Vollender der Quantentheorie, der im Dezember 1901, kaum
ein Jahr nach Plancks Einführung, in Würzburg geboren wurde? Ein enger Ver-
trauter und Schüler, Carl Friedrich von Weizsäcker, charakterisierte den Lehrer in
seiner Gedenkrede vom April 1976 so:
Vorwort und Vorbemerkungen vii

„Er war in erster Linie ein spontaner Mensch, demnächst genialer Wissenschaftler, dann
ein Künstler nahe der produktiven Gabe, und erst in vierter Linie, aus Pflichtgefühl, ‚ho-
mo politicus‘.“ (Weizsäcker 1976)

Heisenberg lebte und wirkte in Deutschland unter vier verschiedenen politi-


schen Regimen: bis 1918 als Kind und Jugendlicher im Deutschen Kaiserreich,
von 1918 bis 1933 als Student und akademischer Lehrer in der ersten, demokra-
tisch regierten deutschen Republik, der so genannten Weimarer Republik. Die
folgenden zwölf Jahre blieb er unter der nationalsozialistischen Diktatur weiter als
Ordinarius in Leipzig tätig und übernahm während des Zweiten Weltkrieges 1942
in Berlin die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Anfang
Mai 1945 wurde er von den Alliierten gefangen gesetzt und zuletzt sechs Monate
in England interniert. Anschließend baute er das Max-Planck-Institut für Physik in
Göttingen auf, das er 1958 erweitert zum Max-Planck-Institut für Physik und Ast-
rophysik nach München verlegte.
In den fast 75 Jahren seines Lebens wuchs der angehende Student Heisenberg
zunächst in eine glänzende Periode seiner Wissenschaft hinein, als eine wachsende
Zahl junger Genies von den besten Lehrern – von Arnold Sommerfeld und Max
Born in Deutschland und Niels Bohr in Dänemark – ausgebildet wurde und sich zu
großen Taten in der auf physikalisches Neuland vordringenden Atomphysik inspi-
rieren ließ. Die rassistische Politik im Dritten Reich behinderte später seine Arbei-
ten und sein persönliches Fortkommen wesentlich, namentlich durch die Entlas-
sung engster Mitarbeiter und ideologische Angriffe gegen seine nun als „jüdisch“
gebrandmarkten Theorien. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Heisenberg
energisch und unermüdlich an führender Stelle für die Neugestaltung des wissen-
schaftlichen Lebens in den drei westlichen Besatzungszonen ein, die sich ab 1949
zur westdeutschen Bundesrepublik vereinigten. Daneben bemühte er sich, mit
seiner gesamten Autorität, unterstützt durch wieder angeknüpfte enge Beziehun-
gen zu Fachkollegen und anderen Freunden aus dem Ausland, eine Europa und die
Welt umspannende internationale Wissenschaft zu schaffen.
Der erste Verfasser einer umfangreicheren biografischen Studie, Armin Her-
mann, versah sie mit dem Titel „Die Jahrhundertwissenschaft: Werner Heisenberg
und die Physik seiner Zeit“ (Hermann 1977). In der Tat vertrat Heisenberg gerade
das Fachgebiet von der höchsten Aktualität in seiner Zeit, die Atomphysik. Er
selbst wiederum gab seiner Autobiografie den schlichten Untertitel „Gespräche im
Umkreis der Atomphysik“ (Heisenberg 1969). Gegen Ende seines Lebens hob er
hier namentlich die zentrale Rolle hervor, die der wissenschaftliche und persönli-
che Dialog mit Menschen – Lehren, Schülern, Mitarbeitern und Kollegen aus aller
Welt – bei ihm selbst und den Kollegen zu den damals in der Physik (und übrigens
auch in den Nachbarwissenschaften) erreichten wissenschaftlichen Erfolgen beige-
tragen hatte. Vielleicht fasst deshalb ein Geständnis, das er im letzten Gespräch
wenige Tage vor seinem Tod dem früheren Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker
mitteilte, seine ganze Lebenserfahrung am besten zusammen:
viii Vorwort und Vorbemerkungen

„Die Physik ist jetzt eigentlich nicht mehr so wichtig, das wundert mich. Die Menschen,
die da waren. Die sind wichtig.“ (Weizsäcker 1976, S. 46)

Wie soll der Biograf sich einem so reichhaltigen Leben und Wirken dieses her-
ausragenden Naturforschers nähern? Trotz der in der Wissenschaftsgeschichte der
letzten Jahrzehnte häufig allzu sehr betonten Einflüsse von Politik, Institutionen
und anderen in Mode geratenen Elemente erscheint doch diejenige Methode als
am besten geeignet, die sich von jeher bewährt hat. Das heißt, dass zunächst erst
einmal sauber und kritisch recherchierte Dokumente den eigentlichen Ausgangs-
punkt und die wesentlichen Stütze der Darstellung bilden müssen. Aus diesen
lassen sich dann sowohl die Erlebnisse als auch die Taten einer historischen Per-
sönlichkeit, natürlich durchaus unter Berücksichtigung der gegebenen Rahmenbe-
dingungen, möglichst sorgfältig rekonstruieren.
Bei einem Wissenschaftler bilden natürlich in erster Linie seine fachlichen und
die das gewählte Fachgebiet erweiternden Beiträge den eigentlichen Mittelpunkt.
Hierbei müssen dann die für das Zustandekommen seiner wichtigen Erkenntnisse
und Ergebnisse aufgrund speziell ausgewählter Dokumente – das sind namentlich
neben den eigenen auch die wissenschaftlichen Publikationen der Kollegen sowie
die ausgetauschten brieflichen und andere Mitteilungen! – konsultiert werden.
Besonders sollte man die ursprünglichen Vorstellungen und Gedanken sowie die
dazu gegebenen Anregungen aus der beruflichen oder persönlichen Umgebung im
Einzelnen sorgsam analysieren. So müssen etwa die elterliche und schulische
Erziehung beachtet werden, sodann die durch Jugend- und Studienfreunde aus-
geübten Einflüsse sowie die in späteren Begegnungen mit Berufskollegen im pri-
vaten Umkreis oder auf wissenschaftlichen Kongressen und Forschungsreisen
erlangten Erkenntnisse. Erst aus einer oft detektivischen Auswertung und Zusam-
mensetzung all dieser Umstände und Einflüsse kann dann nicht nur ein ausgewo-
genes und abgerundetes Bild der Ausgangspunkte und Inspirationen des Protago-
nisten entstehen, sondern auch über seine besonderen Fähigkeiten und sein
Vorgehen bei der Lösung der gestellten Probleme und die dabei erreichten Erfolge
oder Misserfolge geurteilt werden.
Es gibt über Heisenberg eine verhältnismäßig kleine Anzahl von biografi-
schen Büchern und Studien. Die bisher umfangreichste Darstellung, verdanken
wir dem amerikanischen Wissenschaftshistoriker David Cassidy (1996). Der
Autor behandelt allerdings die Wissenschaft und die Wissenschaftspolitik der
späteren Jahre äußerst knapp. Andere Versuche hingegen verfehlten entweder
das Thema völlig oder sie beschränkten sich auf einzelne Gebiete und Zeitab-
schnitte. Daher ist nun die Zeit gekommen für eine systematische, auf die vor-
handenen, noch zugänglichen Materialien aufbauende, auch durch sachliche und
persönlichen Kenntnisse und Erinnerungen unterstützte Biografie. Sie sollte
einem wissenschaftlich gebildeten und ebenso einem breiteren, an der Wissen-
schaft interessierten Publikum dienen und ziemlich genau den Vorstellungen
entsprechen, die bereits der große Architekt der frühen Renaissance Leon Bat-
tista Alberti an einen Freund schrieb:
Vorwort und Vorbemerkungen ix

„Ich war mir bewusst, dass Gelehrte viele Anforderungen an ein Geschichtswerk stellen.
Sie wünschen vollständige Beschreibung der Ursachen von Vorgängen, der Geschehnisse
selbst, der Orte, Zeiten und der ganzen Größe der Protagonisten.“ (Grafton 2002, S. 100)

Im Falle der Biografie des theoretischen Physikers Heisenberg darf daher kei-
nesfalls auf die Darlegung der mathematischen Ansätze und der entsprechenden
Ableitungen ganz verzichtet werden. Zu der hier geforderten vollständigen Be-
schreibung gehört es ferner, dass der Autor sowohl das gedruckte als auch das
ungedruckte Material mit Sachkenntnis durcharbeitet und dem Inhalt nach kritisch
abwägend darstellt. Und er muss dazu selbstverständlich auch die schriftlichen
und mündlichen Mitteilungen an und von Lehrern, von Mitstreitern, Kollegen und
anderen wichtigen Zeitzeugen – wie Eltern, Verwandten, Freunden und weiteren
Privatpersonen – einbeziehen.
Die erste Grundlage der wissenschaftlichen Biografie Heisenbergs bilden also
die publizierten und eventuell auch unpublizierten Abhandlungen, Bücher und
Artikel. Sie liegen heute größtenteils, d. h. so vollständig wie damals möglich, neu
abgedruckt in den neun Bänden der Gesammelten Werke vor, die Walter Blum,
Hans Peter Dürr und der Verfasser zwischen 1984 und 1993 herausgegeben haben.
Darüber hinaus konnte eine Reihe von später aufgefundenen Veröffentlichungen
oder Manuskripten an anderer Stelle zugänglich gemacht werden. Letztere stam-
men in der Regel aus dem Nachlass, den der Verfasser seit 1977 verwaltet und
seither aus vielen anderen Quellen vermehrt hat. So ließen sich durch den langjäh-
rigen Austausch mit Zeitgenossen Kopien oder gelegentlich auch Originale von
unpublizierten Manuskripten und Briefen aus dem Besitz oder dem Nachlass von
Heisenbergs Kollegen, Schülern, Freunden oder deren Erben erhalten. Die vorlie-
gende Biografie wurde außerdem ganz wesentlich unterstützt durch die großzügi-
ge und vertrauensvolle Einsicht in die privaten Dokumente, welche die Nach-
kommen Werner Heisenbergs, besonders die Töchter Maria Hirsch und Barbara
Blum und die Söhne Jochen und Martin Heisenberg gewährten. Ihnen sei daher an
erster Stelle besonders gedankt.
Der Verfasser darf es als ein außerordentliches Glück ansehen, dass er bereits
als Student mit Heisenberg selbst und seinem engeren Umkreis Kontakt bekam
und dadurch wesentliche Teile seiner wissenschaftlichen Leistungen aus den Vor-
lesungen und persönlichen Instruktionen als Doktorand Heisenbergs erfahren
durfte. Seine späteren historischen Arbeiten, zunächst die an der bisher umfang-
reichen Geschichte der Quantentheorie, wurden durch die Bekanntschaft und den
Austausch mit einer Reihe von Weggenossen Heisenbergs bereichert, die alle
heute nicht mehr leben. Dazu gehörten in besonderem Maße dessen langjähriger
Freund und Mitstreiter in der Atomphysik, Friedrich Hund, und der an der moder-
nen theoretischen Physik interessierte Mathematikerkollege Bartel Leendert van
der Waerden aus der Leipziger Zeit. Heisenbergs Göttinger Lehrer Max Born und
zahlreiche seiner eigenen Schüler, von Felix Bloch bis zu Eduard Teller und Carl
Friedrich von Weizsäcker, aber auch eine Reihe früherer Kollegen aus aller Welt –
von Paul Dirac bis zu Viktor Weisskopf und Eugen Wigner – trugen mündliche
oder schriftliche Erinnerungen und wichtige Dokumente zum Leben und Werk
x Vorwort und Vorbemerkungen

Werner Heisenbergs bei. Alle diese Erfahrungen und Mitteilungen haben die Ver-
wirklichung der vorliegenden Biografie erst ermöglicht.
Ein wichtiger Anstoß ging von einer Zusammenarbeit mit Jagdish Mehra aus,
die vom Autor 1970 an der Universität von Texas in Austin begonnen wurde und
seit 1975 in die Niederschrift und schließlich die Publikation der oben erwähnten
Geschichte der Quantentheorie mündete. Zu diesem Projekt wurde der Autor übri-
gens auf Wunsch seines Doktorvaters „abgeordnet“, der aber leider selbst nicht
mehr die Publikation der ersten vier Bände 1984 und schon gar nicht den Ab-
schluss der letzten Bände erleben konnte. Der zweite Teil des sechsten Bandes
erschien schließlich erst im Jahr 2001, wenige Monate vor Heisenbergs
100. Geburtstag. Die vorbereitende Erweiterung von Mehras umfangreicher
Sammlung von Quellen und Dokumenten, welche vom Autor an der Universität
von Texas in Austin und bei späteren, gemeinsamen Aufenthalten an den Univer-
sitäten in Genf und Brüssel sowie am Max-Planck-Institut für Physik in München
vorgenommen wurde, sowie der persönliche Austausch mit vielen Kollegen und
Zeitzeugen Heisenbergs in Deutschland, Europa, den USA und Japan haben die
Kenntnisse des Verfassers über die Entwicklung der Quanten- und Atomtheorie
und das Leben und Wirken ihrer Pioniere, die fast alle mit Heisenberg wissen-
schaftlichen und persönlichen Austausch pflegten, ganz wesentlich vertieft. Daher
richtet sich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich ein tiefer Dank an Professor
Mehra, der im September des vergangenen Jahres in Houston gestorben ist.
Eine weitere Anregung zu dieser Biografie vermittelten Untersuchungen und
Ergebnisse von David Cassidy, der bereits in den 1970er Jahren seine bereits er-
wähnte Heisenberg-Biografie plante und dafür zunächst im Nachlass von Werner
Heisenberg ausführliche Recherchen anstellte. Die bis zum Erscheinen seines
Buches 1990 in Amerika sowie seither mit ihm fortgesetzten mündlichen und
schriftlichen Diskussionen über das vorgefundene Material und dessen Erweite-
rung haben eine Reihe von Details in Heisenbergs Leben und Wirken geklärt,
andererseits aber auch neue Fragen aufgeworfen. Der andauernde, lebendige Aus-
tausch von Quellenmaterial über Heisenbergs Leben und Wirken und ihrer Ein-
schätzung ebnete den Weg auch zu dieser Biografie. Neben Professor Cassidy ist
der Verfasser auch Herrn Professor Laurie M. Brown von der Northwestern Uni-
versity in Evanston, Illinois, wesentlich verpflichtet. Mit ihm konnte er 1983 eine
ernsthafte und detaillierte Zusammenarbeit über die Geschichte der von Heisen-
berg zuerst vorgeschlagenen Kernkräfte und ihren Zusammenhang mit der frühen
Entwicklung in der Elementarteilchenphysik beginnen, die 1990 mit einem For-
schungsaufenthalt in Evanston und einigen Orten in Japan fortgesetzt wurde. Sie
führte einerseits zu der gemeinsamen Buchpublikation über das genannte Thema
(Brown und Rechenberg 1996). Andererseits ermöglichte gerade diese Zusam-
menarbeit dem Koautor Rechenberg eine Reihe von Begegnungen mit früheren
Kollegen und Schülern Heisenbergs in den USA und Japan. Viele Erinnerungen
an sein Leben und Wirken in diesen beiden Ländern wurden durch Gespräche
lebendig oder konnten durch dort eingesehene Dokumente belegt werden.
Eine für die Ausbildung seines Charakters ganz wichtige Zeit erlebte Heisen-
berg seit dem Sommer 1919 in der deutschen Jugendbewegung nach dem Ersten
Vorwort und Vorbemerkungen xi

Weltkrieg. Ihre Wirkung zeigte sich nicht nur darin, dass er die damaligen positi-
ven Erfahrungen, wie gegenseitiges Vertrauen in schwierigen Zeiten und Lagen
und besonders die freimütige Aussprache bei der Klärung von persönlichen und
anderen Problemen, auch als erwachsener Professor und akademischer Lehrer
ebenso wie als Wissenschaftsorganisator weiterpflegte. Heisenberg hielt außerdem
die persönliche Verbindung mit den damals bewährten Kameraden bis an sein
Lebensende durch Korrespondenz und gemeinsame Treffen aufrecht, und sie spie-
gelte sich auch wider in seinen Erinnerungen oder ging ganz wesentlich in die
prägenden Gespräche und Ereignisse ein, die er in der Autobiografie mitteilte.
Die zusätzliche Einsicht in originale Zeitdokumente aus der Jugendbewegung
und später ausgetauschte Korrespondenz gewährten dem gegenwärtigen Autor
wesentliche Auskünfte über die damaligen Unternehmungen, an denen sich auch
noch später der bereits weltweit bekannte Ordinarius Heisenberg bis über sein
dreißigstes Lebensjahr hinaus beteiligte. Zwei Personen ermöglichten dies beson-
ders: zum einen Heinrich Becker, der Sohn und Neffe von Fritz und Karl-Heinz
Becker, welche beide Mitglieder der Gruppe Heisenberg waren, zum anderen Rolf
Wägele, der die Nachfolgegruppe von Heisenberg im Bund der Neupfadfinder
leitete. Die von ihnen so freundlich und reichlich zur Verfügung gestellten Briefe
sowie Kopien der detaillierten Tagebücher von Eberhard Rüdel, eines weiteren
Mitgliedes der „Gruppe Heisenberg“, vermitteln in der Tat sehr lebendige Eindrü-
cke vom Verlauf der verschiedenen Wandertouren und -fahrten in der Heimat und
im benachbarten Ausland. Und sie lassen den Leser teilhaben an den Spielen und
Diskussionen der Jugendfreunde über alltägliche Sorgen ebenso wie über Litera-
tur, Kunst bis hin zur Politik.
Seit dem Beginn seines Münchner Studiums führte Heisenberg einen lebens-
langen, besonders intensiven Austausch mit einem kongenialen Partner: Wolfgang
Pauli. Dieser im April 1900 in Wien geborene Freund und Kollege war wie Hei-
senbergs ein frühreifes Genie der theoretischen Physik. Beide diskutierten fast alle
wissenschaftlichen und auch persönlichen Probleme. Mit Karl von Meyenn, dem
sorgfältigen und sachkundigen Herausgeber von Paulis für die Geschichte der
Quantenmechanik im Umfang wie im Inhalt zentralen Briefwechsels, verbindet
den Autor eine über 40-jährige ergiebige Kooperation. Herr von Meyenn hat Le-
ben und Werk Paulis, das so eng und fruchtbar mit dem von Heisenbergs verbun-
den ist, mit seltener Gründlichkeit erforscht, so dass der Austausch mit ihm für
jeden Heisenberg-Biografen ein absolutes Muss darstellt. Dabei kamen immer
wieder überraschend neue Aspekte der beiden in vieler Hinsicht so gegensätzlich
begabten Freunde zur Sprache, die Licht auf ihre sich so ergänzenden Charaktere
werfen, besonders natürlich auf ihre gemeinsame Begeisterung und Hingabe an
die Fortentwicklung der Wissenschaft. Herrn von Meyenn sei für unzählige Hin-
weise, Aussprachen und Informationen ausdrücklich gedankt.
Endlich sollte auch eine letzte, äußerst fruchtbare Zusammenarbeit hervorge-
hoben werden, die wesentlich half, insbesondere die ziemlich großen Lücken in
der von 1927 bis 1942 währenden Leipziger Periode der Heisenberg-Biografie zu
schließen. Der scheidende Professor Heisenberg ließ nämlich, als er 1942 nach
Berlin ging, fast alle seine Unterlagen und Akten im Leipziger Institut bei seinem
xii Vorwort und Vorbemerkungen

Freund und Nachfolger Friedrich Hund zurück und nahm nur einen kleinen Teil
ausgewählter Briefe und Dokumente mit sich. Das Institut wurde aber dann 1943
und 1944 durch Bomben zerstört, und deshalb gingen auch die dort lagernden
Akten Heisenbergs verloren. Mit der unentbehrlichen Hilfe, besonders den sorg-
fältigen Recherchen von Professor Gerald Wiemers, den der Verfasser 1984 als
Archivar der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig kennen lernte
– 1993 übernahm er als Direktor das Archiv der Universität Leipzig –, konnten in
den Beständen der von ihm verwalteten Archive Dokumente gefunden werden, die
wesentliche Bereiche des Heisenberg’schen Lebens und Wirkens in der sächsi-
schen Universitätsstadt belegen. Dabei widmete Herr Wiemers auch besondere
Aufmerksamkeit den Verbindungen von Heisenberg zu dessen Leipziger Kollegen
aus allen Fakultäten, etwa den Mitgliedern des Professorenkränzchens „Coronel-
la“. Weiterhin entdeckte und konsultierte er eine Reihe von Zeitzeugen, sammelte
Briefe und Erinnerungen von Studenten, Freunden und Kollegen Heisenbergs. Aus
diesem Schatz entstanden eine Reihe von gemeinsamen Publikationen über Hei-
senbergs Wirken in der Leipziger Zeit, etwa 2001 die Veröffentlichung von Wer-
ner Heisenberg: Gutachten und Prüfungsprotokolle für Promotionen und Habili-
tationen (1929–1942). Vor allen Dingen wurde die große Ausstellung zum 100.
Geburtstag Heisenbergs mit ihm zusammen konzipiert und ausgeführt sowie der
dazugehörige Katalog mit Originalbeiträgen zu Heisenbergs Leben und Wirken
erstellt (Rechenberg und Wiemers 2001). Schließlich enthält die umfangreiche
Festschrift der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu diesem Jubiläum
neben Originalbeiträgen von Zeitzeugen und Historikern, auch bedeutende, bisher
unpublizierte Dokumente und Erinnerungen. An der Herausgabe dieser Festschrift
(Kleint, Rechenberg und Wiemers 2005) beteiligte sich schließlich der im letzten
August verstorbene Professor Christian Kleint, ein Experte in der Geschichte der
Leipziger Physikinstitute. Er unterstützte uns ganz wesentlich mit eigenen For-
schungen über Heisenbergs Kollegen, wie Peter Debye und Robert Döpel, sowie
einem Briefwechsel, den er in den 1980er Jahren mit Heisenbergs Schülern und
wissenschaftlichen Gästen führte (Kleint und Wiemers 2005). Ihm und Herrn Wie-
mers möchte der Verfasser für die vielen Arbeitstreffen und Diskussionen, die seit
1987 in Leipzig und München geführt wurden, sowie die Vorstellung von Heisen-
bergs zahlreichen Leipziger Kollegen, Schülern und Bekannten und darüber hin-
aus für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft mit sachkundigen Einführungen in
die Kultur und Umgebung der ehrwürdigen sächsischen Landesuniversität ein
großes „Dankeschön“ sagen.
Welches Bild entrollt sich insgesamt vom Physiker und Menschen Werner Hei-
senberg? Man kann sein Leben und Wirken wohl in zwei große Perioden untertei-
len. Im wissenschaftlichen Zentrum der ersten, die der vorliegende Band umfasst,
steht die Vollendung der modernen Atomtheorie, die Anfang des 20. Jahrhunderts
durch die Theorien von Max Planck und Albert Einstein begründet wurde. Fast
zwei Dezennien später kümmerte sich Arnold Sommerfeld um einen Studienan-
fänger an der Universität München, der mit großen Ambitionen zu ihm kam. Zur
ersten Anleitung gab der Professor dem Neuling einen Spruch von Friedrich Schil-
ler mit auf den Weg: „Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung
Vorwort und Vorbemerkungen xiii

setzt. Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun!“ Schon im ersten Semes-
ter gab er Heisenberg ein Problem aus der neuesten Atomphysik als eine Übungs-
aufgabe. Der Sohn eines Kollegen aus der Altphilologie machte in den folgenden
Jahren so große Fortschritte auf diesem Gebiet, dass Sommerfeld seinen Lieb-
lingsschüler bald an die besten auswärtigen Lehrer, Max Born in Göttingen und
Niels Bohr in Kopenhagen, weiterreichen konnte. Sie weihten ihn weiter in die
Geheimnisse der Atomtheorie ein und machten ihn zugleich mit der wachsenden
internationalen Gemeinschaft bekannt, die sich mit deren damals großen Proble-
men beschäftigte.
Der ebenso wissensdurstige und ungeheuer fleißige wie persönlich aufge-
schlossene und fröhlich aufstrebende Student Heisenberg nützte die gebotenen
Chancen voll, promovierte bereits im Sommer 1923, an der Universität München
und habilitierte sich bereits ein Jahr darauf in Göttingen. Im Juni des folgenden
Jahres, gelang ihm dann der Durchbruch zur Quantenmechanik, der seither end-
gültigen Gestalt der Atomtheorie. Albert Einstein sprach damals von einem „gro-
ßen Quantenei“, obwohl er die physikalische Deutung der neuen Theorie, die zwei
Jahre später Heisenberg und Bohr als „Kopenhagener Deutung“ vorschlugen, nie
akzeptierte. Der junge Pionier wurde dann kurz vor seinem 25. Geburtstag, zum
Ordinarius für theoretische Physik an die Universität Leipzig berufen: Dort schuf
er mit dem Sommerfeldschüler Peter Debye und dem Bornschüler Friedrich Hund
ein weiteres internationales Zentrum der Atomphysik, in dem er selbst und einige
seiner kaum jüngeren Schüler die Quantenmechanik auf neue physikalische Berei-
che anwandten.
Diese glanzvolle Periode wissenschaftlichen Wirkens, deren Erfolge Heisen-
berg selbst als Erster rund um den Globus verbreiten durfte, erhielt kurz darauf die
höchste Anerkennung, die die Wissenschaft zu vergeben hatte, denn im Dezem-
ber 1933 wurde ihm der Physik-Nobelpreis für das Jahr 1932 verliehen. Diese
Auszeichnung markierte wohl auch den äußeren Höhepunkt in seinem Leben und
brachte den verdienten Lohn für die ununterbrochenen Anstrengungen, mit der
Quantenmechanik das physikalische Verhalten der Atome zu ergründen. Damit
trug Heisenberg entscheidend dazu bei, das Fachgebiet Physik zur der zentralen
Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts zu erheben, aus der nicht nur eine rational
begründete „Quantenchemie“ hervorging, sondern auch die Biologie wesentliche
Anregungen schöpfen würde. Mit der neuen Beschreibung des Mikrokosmos zog
Heisenberg schließlich revolutionäre Folgerungen für die menschliche Erkenntnis
der Natur, die es nun galt den Kollegen, Schülern und einem breiteren Publikum
nahe zu bringen.
Was das Persönliche betrifft, so zog der neunjährige Werner Heisenberg mit
seiner Familie nach einer weitgehend unbeschwerten Jugend vom Ort seiner Ge-
burt – d. h., im geschichtsträchtigen unterfränkischen Würzburg am lieblichen
Main – in die bayerische Residenzstadt München, wo er am elitären Maximilians-
Gymnasium die höhere Schulbildung mit Auszeichnung abschloss. Der Erste
Weltkrieg brachte ihm einige Entbehrungen. Noch als Schüler schloss er sich mit
Freunden der neuen Jugendbewegung an, deren Erfahrungen sein ganzes Leben
prägten. Er durchlebte damals andauernde politische Wirren, Inflation und eine
xiv Vorwort und Vorbemerkungen

schwere wirtschaftliche Krise. Trotz dieser keineswegs idealen Umstände in der


Heimat hat Heisenberg die Zeit bis 1933 stets als die glücklichen Jahre empfunden.
Im Rückblick auf das so erfolgreiche Schaffen als Student und anschließende
junger Hochschullehrer darf man sogar von einer „Fröhlichen Wissenschaft“ spre-
chen, welche seinen Talenten ungehindert freie Entfaltung gewährte. Ein Biograf
hat daher sein „Leben vor dem Gipfel“ als das eines „unglaublichen kreativen
Genies“ bezeichnet und behauptet:

„Das runde Dutzend der unschuldigen Jahre, die Heisenberg zwischen 1920 und 1932 ge-
lebt und erlebt hat, brauchen einen Dichter, um sie angemessen darzustellen. Mit dem
Aufkommen der Nazis verschwindet Heisenbergs Kreativität. Nach 1933 haben wir einen
anderen – manchmal gewöhnlich erscheinenden – Mann vor uns, der innerlich erloschen
wirkt. Wie würde die Nachwelt ihn verehren, wenn 1933 sein Leben auch äußerlich zum
Abschluss gekommen wäre.“ (Fischer 2001, S. 99)

Freilich können die Schüler und Fachkollegen Heisenbergs die hier ausgespro-
chene Einschätzung von dessen Wirken und Leistungen nach diesem „Gipfel“
kaum teilen. Sie verdankten vielmehr ihrem Lehrer und Meister weitere kühne
Vorstöße in die damals noch unerforschte, tiefer liegende innerste Struktur der
Materie. Und diese sollte der Wissenschaftshistoriker ebenso sorgsam analysieren,
wie die früheren Leistungen des jugendlichen Genies. Selbst später setzte Heisen-
berg durchaus noch Marksteine auf den Gebieten von Kern- und Elementarteil-
chenphysik, die umso höher zu bewerten sind, als der deutsche Theoretiker nach
1933 durch die Rassenpolitik der Nationalsozialisten im so genannten „Dritten
Reich“ seiner wichtigsten Mitarbeiter beraubt wurde und man überdies, wie be-
reits erwähnt, seine Theorien bald als unerwünscht „jüdisch“ – das sollte „un-
deutsch“ bedeuten – brandmarkte. Der Leipziger Professor und spätere Direktor
des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Physik in Berlin rettete damals nicht nur das
Ansehen der modernen Physik, sondern hielt als verantwortlicher Chef und Wort-
führer einer großen wissenschaftlichen Tradition die schützende Hand über anver-
traute Studenten und Kollegen in der Heimat, die er nicht verlassen wollte. Wäh-
rend des folgenden, weltumspannenden Krieges konnte er sogar einzelne
gefährdete Personen und Institutionen in den von deutschen Truppen besetzten
Ländern retten. Nach Kriegsende begann er bereits in der anschließenden engli-
schen Internierung und vor allem nach seiner Entlassung in die britische Besat-
zungszone, die Wissenschaft im gesamten westlichen Teil seiner Heimat neu auf-
zubauen. Dabei gelang es ihm vor allem, die Beziehungen zu alten und neuen
Kollegen und Freunden im Ausland wieder anzuknüpfen. Später half er wesent-
lich, den zügigen Ausbau der europäischen Kern- und Hochenergiephysik ener-
gisch voran zu treiben. Das waren wichtige und vielleicht schwierigere Aktivitä-
ten, als er sie in den unbeschwerten „goldenen Jahren der Atomphysik“ nach dem
Ersten Weltkrieg zu bewältigen hatte.
Die Darstellung des Lebenswerkes eines theoretischen Physikers kommt ohne
Eingehen auf die besonderen Methoden seines Faches nicht aus. Seit dem griechi-
schen Altertum rückte nun die Beschreibung der Naturphänomene mit den Sym-
bolen der Mathematik in den Mittelpunkt, die dann seit der europäischen Renais-
Vorwort und Vorbemerkungen xv

sance große Gelehrte, von Galilei über Kepler, Descartes, Newton bis Leibniz und
ihre Nachfolger im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert mit neuem Leben und
Entwicklungen erfüllt haben. Natürlich verlangt gerade auch das wissenschaftliche
Werk Werner Heisenbergs, des dritten großen Revolutionärs der modernen Atom-
physik, zu seiner Erläuterung eine angemessene Benützung von mathematischen
Ausdrücken und Beziehungen, deren Gestalt und Inhalt eher den Fachkundigen
geläufig sind. Jede eingehende Biografie kann daher nicht ganz auf ihre Darstel-
lung verzichten, umso mehr, als gerade für die Hauptleistung, die heute anerkann-
te Beschreibung der mikroskopischen Welt, dem Laien ungewohnte Regeln vorge-
stellt werden müssen, die aber erst die Bedeutung der einzelnen Schritte sichtbar
und verständlich machen. Heisenberg gehörte freilich keineswegs zu den For-
schern, die sich von vornherein auf die perfekte Durchführung einer einmal ge-
wählten mathematischen Methode konzentrierten. Er ging stets von physikalischen
Fragestellungen aus und suchte sich dann aus den vorhandenen mathematischen
Disziplinen ihre einfachste, nicht notwendig eleganteste Formulierung aus, um
schließlich die wichtigsten Folgerungen selbst abzuleiten. Dieses mehr intuitive
als systematische Vorgehen hilft zwar durchaus einem breiteren Leserkreis, seine
Forschungsfortschritte zu verstehen, zwingt aber andererseits zu großer Aufmerk-
samkeit. Ein bewährter Ratschlag des Autors ist, die Formeln bei der ersten
Durchsicht als Illustrationen zum erklärenden Text zu betrachten. Ihr Bild wird
sich dann etwa bei einer Wiederholung im Gedächtnis festsetzen und mehr oder
weniger einprägen. Die Mühe wird sich sicher lohnen, denn ganz das Hauptwerk-
zeug des theoretischen Physikers, die mathematische Beschreibung, auszulassen
führt zu einer oberflächlichen Beschreibung der wirklichen Leistungen und nicht
zu ihrem wirklichen Verständnis. Letzteres ist jedoch gerade die Aufgabe einer
wissenschaftlichen Biografie. Der geduldige Leser erhält dafür die Anleitung, die
vielfältigen Quellen und Mittel, die den Physiker Heisenberg motiviert haben,
selbst einzusehen und in den Ursprung und die Entwicklung seiner Gedanken
hinein zu blicken.
Schlussendlich sei noch auf eine weitere Illustration von Heisenbergs Leben
und Wirken hingewiesen, nämlich jene den einzelnen Kapiteln beigegebenen
Bildtafeln. Es wurde dabei versucht, dem Leser charakteristische Situationen aus
dem Leben und Schaffen Heisenbergs durch ausgewählte Photos und Urkunden
anschaulich näher zu bringen. Bei der Beschaffung unterstützten den Autor beson-
ders Frau Felicity Pors vom Niels-Bohr-Archiv in Kopenhagen, Frau Sandy Muhl
vom Universitätsarchiv Leipzig, Herr Heinrich Becker aus Rheinfelden und das
Ehepaar Dr. Barbara und Dr. Walter Blum aus Veraz sur Gex. Ihnen dankt der
Autor ebenso herzlich wie Herrn Antonios Dettlaff, dem die nicht einfache Auf-
gabe gelang, aus teilweise schwachen und unvollkommenen Vorlagen durch eine
verständnisvolle und sorgfältige Behandlung anschauliche Bildtafeln zu gestalten.
Der letzte Dank gilt dem Max-Planck-Institut für Physik für die hilfreich unter-
stützte Gastfreundschaft und Herrn Professor Wolf Beiglböck, der die Arbeit an
dieser Biografie mit Rat und Tat begleitete.

München, im Sommer 2009 Helmut Rechenberg


Inhaltsverzeichnis

Band 1

Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik (1895–1921)........................... 1

Teil I Jugend- und Lehrjahre


Einleitung........................................................................................... 15

1 Werner Heisenbergs Jugend.................................................................. 17


1.1 Vorfahren von Werner Heisenberg und seine Kinderjahre
(1901–1907) .................................................................................. 17
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur
(Herbst 1907 bis Sommer 1920).................................................... 24
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen
„jugendbewegten“ Zeit (1919–1921) ............................................ 40
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“
(Herbst 1921 bis Herbst 1922)....................................................... 52

2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium ...... 67


2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule (1906–1921) .... 71
2.2 Heisenbergs Studium, seine „halben Quanten“
und die Zusammenarbeit mit Sommerfeld über den anomalen
Zeeman-Effekt und andere spektroskopische Probleme
(Herbst 1920 bis Sommer 1922).................................................... 91
2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage
und das Turbulenzproblem (Juni 1921 bis Oktober 1922) ............ 116
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe
im Examen rigorosum (März bis Juli 1923) .................................. 125

xvii
xviii Inhaltsverzeichnis

3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik........... 143


3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert
und sein physikalischer Meisterschüler Max Born........................ 151
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen
um das Heliumproblem (Winter 1922/23)..................................... 171
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat
(Sommer bis Herbst 1923)............................................................. 185
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“
(Herbst 1923 bis Sommer 1924).................................................... 198

4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie.......................... 223


4.1 Einleitung: Niels Bohrs Persönlichkeit
und Entwicklung bis 1920 ............................................................. 223
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie
(1921–1923) .................................................................................. 227
4.3 Heisenbergs Osterbesuch und die Erfolge der neuen
Kopenhagener Strahlungstheorie
(Herbst 1923 bis Sommer 1924).................................................... 240
4.4 „Zum höheren Ruhm des Korrespondenzprinzips“:
Harmonie mit Bohr und Konkurrenz mit Kramers
(September bis Dezember 1924) ................................................... 259
4.5 Der besondere „Schwindel“ oder Heisenbergs erfolgreiche
Modelle komplexer Atome (Dezember 1924 bis März 1925) ....... 282

Teil II Die Geburt der Quantenmechanik


und ihrer physikalischen Deutung
Dramatisches Vorspiel ....................................................................... 301

5 Der „Sonnenaufgang in Helgoland“ und das „große Quantenei“ ...... 309


5.1 Einleitung ...................................................................................... 309
5.2 Vom Wasserstoffatom zum anharmonischen Oszillator
(Mai bis Anfang Juni 1925)........................................................... 314
5.3 Der Durchbruch zur Quantenmechanik in Helgoland
(8. bis 18. Juni 1925) ..................................................................... 323
5.4 Beobachtbare Größen in der Quantenmechanik
und „Quantentheoretische Umdeutung kinematischer und
mechanischer Beziehungen“ (Ende Juni bis 9. Juli 1925) ............. 334
5.5 Heisenbergs Englandfahrt und sein Abschied von
„Termzoologie und Zeemanbotanik“ (Juli bis August 1925) ........ 351
Inhaltsverzeichnis xix

6 Die ersten mathematischen Formulierungen


der Quantenmechanik: Matrizenmechanik, Quantenalgebra
und Operatorenmechanik ...................................................................... 361
6.1 Vorbemerkung............................................................................... 361
6.2 Born und Jordan begründen die Matrizenmechanik
(Juli bis September 1925) .............................................................. 363
6.3 Das magnum opus der Matrizenmechanik:
Die Drei-Männer-Arbeit (September bis November 1925) ........... 379
6.4 Paulis Matrizenlösung des Wasserstoffproblems,
Diracs Quantenalgebra, Lanczos’ feldmäßige Darstellung
und die Operatorenmechanik von Born und Wiener
(Oktober 1925 bis Januar 1926) .................................................... 405
6.5 Zweideutiger Zwang oder der Elektronenspin von Uhlenbeck
und Goudsmit in der Quantenmechanik
(Oktober 1925 bis März 1926) ...................................................... 429

7 Quantenmechanik, Wellenmechanik und Anschauung....................... 449


7.1 Der Ruf nach Kopenhagen und Heisenbergs Beziehungen
zu Einstein (Sommer 1925 bis April 1926) ................................... 449
7.2 Intermezzo: De Broglies Materiewellen und Schrödingers
Wellenmechanik (November 1922 bis März 1926)....................... 464
7.3 Heisenbergs quantenmechanische Resonanz und die Lösung
des Heliumproblems (April bis August 1926)............................... 485
7.4 Das „anschauliche“ oder das „statistische Atom“:
Die Auseinandersetzungen der Quantenmechaniker
mit Schrödinger (Frühjahr bis Oktober 1926) ............................... 503

8 „Unbestimmtheit“ oder „Komplementarität“: Der beschwerliche


Weg zur physikalischen Interpretation der Quantenmechanik.......... 527
8.1 Einleitung ...................................................................................... 527
8.2 Moleküle, Fluktuation und quantentheoretische
Transformationstheorie (Oktober 1926 bis Februar 1927) ............ 530
8.3 Heisenbergs Diskussionen mit Bohr und Pauli
und seine Entdeckung der Unbestimmtheitsbeziehungen
(Oktober 1926 bis März 1927) ...................................................... 554
8.4 Heisenbergs Streit mit Bohr und der Ruf nach Deutschland
(April bis August 1927)................................................................. 576
8.5 Die Volta-Konferenz in Como und Bohrs
Komplementaritätsprinzip (September bis Oktober 1927) ............ 591
xx Inhaltsverzeichnis

Band 2

Teil III Der Triumph der Quantenmechanik


Vorspiel: Die Entstehung des „Kopenhagener Geistes
der Quantentheorie“ (1927–1929)...................................................... 607

9 Leipzig, das neue Zentrum der Atomphysik ........................................ 633


9.1 Einleitung: Heisenbergs Weg nach Leipzig
(Mai bis November 1927).............................................................. 633
9.2 Die Physiktradition an der ehrwürdigen Universitas Lipsiensis .... 636
9.3 Professor Heisenberg lebt sich in Leipzig ein
(Oktober 1927 bis Februar 1929) .................................................. 650
9.4 Der neue Institutschef Peter Debye
und die „Leipziger Universitätswoche“......................................... 664
9.5 Der dritte Professor im Leipziger Physikalischen Institut:
Wentzel und sein Nachfolger Friedrich Hund ............................... 676

10 Die Begründung neuer quantenmechanischer Theorien in Leipzig ... 687


10.1 Einleitung ...................................................................................... 687
10.2 Anfänge der Heisenberg-Pauli’schen Quantelektrodynamik,
Jordans zweite Quantelung und Diracs relativistische
Elektronentheorie (Februar 1926 bis Mai 1928)............................ 689
10.3 Heisenbergs Lösung des Rätsels Ferromagnetismus
(Mai bis Juli 1928)......................................................................... 706
10.4 Die ersten Schüler Heisenbergs: Bloch, Peierls
und die Metallelektronen (Frühjahr 1928 bis Februar 1929)......... 720
10.5 Der Kunstgriff in der Heisenberg-Pauli’schen
Quantenelektrodynamik (Herbst 1928 bis März 1929) ................. 738

11 Weltreise und Weltruhm........................................................................ 755


11.1 Reisevorbereitungen mit Dirac und Heisenbergs Fahrt
in den „Wilden Westen“ (März bis Juli 1929)............................... 755
11.2 Chicagoer Vorlesungen über „Die Physikalischen Prinzipien
der Quantentheorie“....................................................................... 769
11.3 Ausbau der Heisenberg-Pauli’schen Quantenelektrodynamik
(Mai bis Juli 1929)......................................................................... 784
11.4 Reisen mit Dirac in den USA und Japan
und Heisenbergs Rückkehr von Japan über Indien nach Leipzig
(Frühjahr bis Oktober 1929) .......................................................... 797
Inhaltsverzeichnis xxi

12 Aus dem Stillstand zu neuen Erweiterungen


der Quantenmechanik ............................................................................ 817
12.1 Einleitung ...................................................................................... 817
12.2 Das Leipziger Physikalische Institut von Debye,
Heisenberg und Hund (1929–1931)............................................... 820
12.3 Neue Probleme der Quantenmechanik,
Quantenelektrodynamik, Betazerfall
sowie philosophische Diskussionen mit Bohr
und Moritz Schlick (1929–32)....................................................... 842
12.4 Quantenelektrodynamische Probleme
und theoretische Überlegungen zur Höhenstrahlung
(Ende 1931 bis April 1932) ................................................................ 869
12.5 Heisenbergs Begründung der Theorie der Atomkerne
und der Kernkräfte (1932) ............................................................. 892

Epilog 1933: Die Brüsseler Konferenz und der Nobelpreis.......................... 925


E.1 Die 7. Solvay-Konferenz:
Kernphysik und neue Elementarteilchen der Materie.................... 926
E.2 Die Krönung der Quantenmechanik: Nobelpreise
für Heisenberg, Schrödinger und Dirac im Dezember 1933.......... 939

Bibliographie und Quellen .............................................................................. 953


A.1 Ungedruckte Dokumente............................................................... 953
A.2 Foto-Nachweis............................................................................... 954
B. Gedruckte Dokumente:
Briefeditionen und Gesammelte Werke......................................... 955
C. Biografien, Festschriften,
Handbuchartikel und Forschungsberichte,
physikalische und physikhistorische Monographien ..................... 957
D. Wissenschaftliche und wissenschaftshistorische Artikel............... 963

Verzeichnis der Bildtafeln............................................................................... 983

Namensverzeichnis .......................................................................................... 985


Teil I
Jugend- und Lehrjahre
Einleitung

Gegen Ende seines Lebens erinnerte sich der über achtzigjährige Arnold Sommer-
feld an den Studenten Werner Heisenberg:

„Während seines zweiten Semesters, als ich eine Kursvorlesung über Hydrodynamik hielt,
erlaubte ich ihm, eine kleine Arbeit über die Wirbel in der Physikalischen Zeitschrift zu
veröffentlichen. Damals sagte ich zu meinem Kollegen Heisenberg: ‚Sie gehören zu einer
untadeligen Familie von Philologen, Sie selbst sind ein großer Experte der spätgriechi-
schen Periode, Ihr Schwiegervater ist ein berühmter Homerexperte; und nun geschieht Ih-
nen das Mißgeschick, daß Sie in Ihrer Familie plötzlich das Erscheinen eines mathema-
tisch-physikalischen Genies erleben müssen.‘ “ (Sommerfeld 1949, S. 316)

Sommerfeld selbst führte den Spross der „untadeligen Philologenfamilie“ in die


theoretische Physik ein und ließ ihn frühzeitig, nämlich schon im ersten Semester,
über eine Aufgabe aus der aktuellsten Atomphysik arbeiten. Und er empfahl ihn
dann weiter dem Kollegen Max Born nach Göttingen, von wo aus Heisenberg
schließlich nach Kopenhagen an Niels Bohr weitergereicht wurde. Allerdings
brachte der Meisterschüler Sommerfelds auch wichtige persönliche Anlagen mit,
die seinen raschen Aufstieg in der Wissenschaft erst ermöglichten. Er war aufge-
wachsen im Kreise bürgerlicher Familien, die die Wissenschaft selbst pflegten
oder zumindest hoch achteten und deren Mitglieder seit jeher mit Eifer und be-
ständigem Fleiß einen weiteren Aufstieg auf der sozialen Leiter anstrebten. Trotz
einiger kriegsbedingter Unterbrechungen hatte Werner Heisenberg eine erstklassi-
ge höhere Schulbildung durchlaufen und mit Auszeichnung abschließen können.
Die Entbehrungen im Hungerjahr 1917/18 und die Wirren der politischen Revolu-
tion nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hinterließen beim jungen Werner zwar
Spuren, aber sie festigten zugleich seinen Charakter. Es gelang ihm überdies, mit
gleichaltrigen Kameraden gemeinsam neue Wege im Leben zu erproben.

15
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik
(1895–1921)

Als Max Planck sich im Herbst 1874 an der Münchener Universität zum Physik-
studium einschreiben wollte, riet ihm der zuständige Professor Philipp von Jolly
eindringlich ab: die Physik sei nun schon längst eine abgeschlossene Disziplin
geworden, nur noch unwesentliche Lücken müssten geschlossen werden. In der Tat
hatte sich die Lehre von den Bewegungen der Materie unter dem Einsatz systema-
tischer mathematischer und experimenteller Methoden schrittweise zu einer vor-
bildlich strengen Naturwissenschaft entwickelt. Seit dem 18. Jahrhundert hatte sich
ihr auch die Chemie beigesellt, welche speziell die Veränderung von ihren Grund-
substanzen mit eigenen Methoden untersuchte. Im 19. Jahrhundert begannen dann
diese beiden benachbarten Disziplinen einander näher zu rücken, während zugleich
jede von ihnen selbst durch grundlegende Erkenntnisfortschritte jeweils in mehrere
Unterfächer aufspaltete. So traten in der Physik neben die Mechanik himmlischer
und irdischer Körper, welche Galilei, Kepler und Newton als erstes Fachgebiet in
eine allgemeine, abstrakte Sprache gefasst hatten, die umfangreichen neuen Gebie-
te Thermodynamik und Elektrodynamik. Die letztere war aus der Vereinigung der
früheren Lehren von Elektrizität und Magnetismus entstanden und sog sogar ein
anderes, früheres physikalisches Grundgebiet auf, die Optik. Die erstere fügte die
physikalischen und technischen Lehren von Wärme, Energie und der Änderung
physikalischer – und teilweise auch chemischer – Zustände zu einer einheitlichen
theoretischen Beschreibung zusammen.
Die neu konstituierten, großen Gebiete der Physik, also die Elektrodynamik in ih-
rer von James Clerk Maxwell und Heinrich Hertz gegebenen Form und die Thermo-
dynamik von Rudolf Clausius, Hermann von Helmholtz, William Thomson (Lord
Kelvin) und Josiah Willard Gibbs teilten mit der Mechanik – diese war bereits im
18. Jahrhundert voll ausgebildet worden und wurde im 19. Jahrhundert durch Willi-
am Rowan Hamilton und Carl Gustav Jacob Jacobi ergänzt – die unbedingte quantita-
tive Zuverlässigkeit in allen wissenschaftlichen und technischen Anwendungen. So
leistete etwa die Mechanik ebenso entscheidende Dienste in der Astronomie wie bei
der Konstruktion von Brücken, die Elektrodynamik in der Mikroskopie, bei der Ra-
diowellenübertragung und bei der Konstruktion von Strom erzeugenden und

H. Rechenberg, Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 1


© Springer 2010
2 Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik

verbrauchenden Maschinen, die Thermodynamik in der Beobachtung von physikali-


schen und chemischen Phasenumwandlungen und dem Bau nutzbarer Dampfma-
schinen für die wirtschaftlichen Produktionsprozesse und den Transport von Men-
schen und Gütern. Die genannten großen Theoriesysteme ließen sich mathematisch
jeweils durch wenige grundlegende Differentialgleichungen ausdrücken, deren Lö-
sungen absolut und ewig gültige Wahrheiten über die Natur verkünden sollten. Das
gleichzeitig geforderte, strenge Prinzip der Kausalität von Ursache und Wirkung,
welches die Beschreibung durch Differentialgleichungen sicherte, schien zudem mit
einer Haupteigenschaft von allem, nicht vom Menschen beeinflussbaren natürlichen
Geschehen verbunden, welche lautete: „Die Natur macht keine Sprünge.“1
Diesem großartigen, nahezu ehern erscheinenden Gebäude der Physik – man
würde es bald die „Klassische Physik“ nennen – schien auch keine Gefahr zu dro-
hen von der Vorstellung einer gekörnten, atomistischen Struktur der Materie, die
bereits aus dem griechischen Altertum stammte. Eine seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts vor allem durch Maxwell und Ludwig Boltzmann neu geschaffene Dis-
ziplin, die so genannte „Statistische Mechanik“, konnte nämlich die meisten Er-
gebnisse der Thermodynamik, welche mit einer kontinuierlichen Vorstellung der
Materie arbeitete, auch auf atomarer Basis bestätigen. Freilich deuteten sich hier
gelegentlich einige Erklärungsschwierigkeiten an, die man aber durch mathemati-
sche Verfeinerungen der theoretischen Beschreibung zu beheben hoffte. Gegen
Ende des Jahrhunderts erhoben sich dann aber doch zwei „dunkle Wolken über
der dynamischen Theorie der Wärme und des Lichtes“, die der ehrwürdige Lord
Kelvin, selbst einer der Begründer der klassischen Thermodynamik, in seinem
Londoner Vortrag vom 27. April 1900 hervorhob: Die erste Wolke bezog sich auf
die relative Bewegung zwischen dem elektromagnetischen „Äther“ – eine Art
absolutes Bezugssystem in der Physik – und den „ponderablen“ oder massiven
Körpern, die zweite aber auf das Versagen eines wichtigen Gesetzes der Statisti-
schen Mechanik, das die Gleichverteilung der Energie eines atomaren Systems
oder Moleküls auf dessen Freiheitsgrade forderte. 2 Weitere, teilweise noch ge-

1
Dieser Satz wird bereits dem griechischen Philosophen Aristoteles zugeschrieben. In der Neu-
zeit vertrat ihn zuerst ausdrücklich Gottfried Wilhelm Leibniz bereits in seinen Jugendschriften –
siehe sein Dreiergespräch über die „Grundphilosophie der Bewegung“ vom Oktober 1676. Da-
mals entwickelte der Philosoph und Mathematiker auch seine neue Differentialrechnung, in der
später die Gesetze der klassischen Physik formuliert wurden. In den Nouvaux Essais sur
l’intendement humain von 1704 formulierte er schließlich: „Nichts geschieht plötzlich, und einer
von meinen größten und bewährtesten Grundsätzen lautet, daß die Natur niemals Sprünge macht.
Ich habe dies, als ich in den ersten Heften der ,Nouvelles de la République des lettres‘ davon
sprach, das Gesetz der Stetigkeit genannt; die Bedeutung dieses Gesetzes für die Physik ist erheb-
lich; es besagt, daß man vom Kleinen zum Großen und umgekehrt immer durch ein Mittleres
fortschreitet, bei den Geraden wie bei den Teilen, daß eine Bewegung nie unmittelbar aus der
Ruhe erwächst und immer nur auf dem Wegen über eine kleinere Bewegung zu ihr zurückkehrt,
so wie man mit dem Durchlaufen einer Linie oder Länge nie fertig wird, bevor man nicht mit
einer kürzeren Teillinie fertig geworden ist.“ (Deutsche Übersetzung von ,Neue Studien über den
menschlichen Verstand‘. In G. W. Leibniz: Die Hauptwerke. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart,
3. Auflage 1049, S.116–129, bes. S. 127).
2
Thomson, Lord Kelvin: Nineteenth century clouds over the dynamical theory of heat and light.
Procedings of Meetings of the Royal Institution of Great Britain 16, 363–397 (1902).
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik 3

wichtigere Angriffe auf die Gültigkeit der so genannten „Klassischen Physik“


gingen schließlich aus drei experimentellen Befunden hervor, kurz vor der Wende
zum neuen, 20. Jahrhundert bekannt wurden. Es begann Ende 1895, als Wilhelm
Conrad Röntgen in Würzburg eine bisher unbekannte Art von Strahlen nachwies,
die Materie durchdringen konnte. Sein Erfolg regte Anfang 1896 in Paris Henri
Becquerel an, einige Mineralien auf natürliche Strahlung zu untersuchen, und bei
Pechblende fand er auch eine Strahlung mit ähnlichen Wirkungen wie die der
Röntgen’schen: er entdeckte namentlich die so genante „Radioaktivität“. Im fol-
genden Jahr 1897 isolierten dann verschiedene Forscher im englischen Cambridge
(Joseph John Thomson), in Königsberg (Emil Wiechert) und in Aachen (Willy
Wien) ein offensichtlich subatomares, mit einer negativen elektrischen Elementar-
ladung versehenes Teilchen, das „Elektron“. Die gleichzeitig von Pieter Zeeman
in Leyden gefundene Aufspaltung von atomaren Spektrallinien („Zeeman-Effekt“)
und ihre theoretische Deutung durch seinen Kollegen Hendrik Antoon Lorentz
erkannte dann zunächst im Elektron die wesentliche Quelle der Entstehung von
Licht aus Atomen. Diese eben entdeckten Phänomene verlangten bald nach einer
ganz neuen, die klassische Physik revolutionierenden Beschreibung, zu der kurz
darauf in Berlin und in Bern die ersten und entscheidenden Schritte getan wurden.
Die revolutionäre Entwicklung ging von einer besonderen optischen Erschei-
nung aus, die seit 1886 vor allem Boltzmann, Wien und Friedrich Paschen näher
untersucht worden war, der von der Temperatur abhängigen Strahlung eines so
genannten „schwarze Körpers“, d. h., eines idealen, im thermischen Gleichgewicht
befindlicher Körpers, der die auffallende elektromagnetische Strahlung aller Wel-
lenlängen vollständig absorbiert und selbst ebenso vollständig emittiert . Mit der
Hilfe von thermodynamischen Überlegungen hatte Wien schon 1896 ein Gesetz
abgeleitet, das die entsprechenden experimentellen Befunde, vor allem die von
Friedrich Paschen in Hannover, bestätigte. Dieses Gesetz erregte auch das Interes-
se von Max Planck, dem Professor für theoretische Physik an der Universität Ber-
lin. Ihm gelang 1899 eine, wie er hoffte, strenge Ableitung der so genannten
„schwarzen“ oder der „Hohlraumstrahlung“ im thermischen Gleichgewicht und
ihrer Temperaturabhängigkeit aus den Prinzipien der Elektro- und Thermodyna-
mik, wozu er die vier Konstanten a, b, c und f einführen musste. Davon war c die
bereits aus der Elektrodynamik bekannte Lichtgeschwindigkeit im Vakuum und
f die Gravitationskonstante des Newton’schen Gesetzes. Dagegen besaßen die
übrigen zwei Konstanten noch keine physikalische Deutung.
Genauere experimentelle Nachmessungen der Temperaturabhängigkeit der
„Schwarzen Strahlung“ in Berlin seit Anfang 1900 zeigten allerdings zunehmend
deutliche Abweichungen vom Wien-Paschen’schen Gesetz, die den gründlichen
Planck sehr beunruhigten und ihn zu weiteren theoretischen Untersuchungen ver-
anlasste. Am 14. Dezember 1900 trug er schließlich die Ableitung seiner einige
Wochen früher angegebenen Formel, welche die empirisch gewonnene Tempera-
turstrahlung eines absolut „schwarzen Körpers“ (oder „Hohlraumes“) aufs Genau-
este beschrieb, den Mitgliedern der lokalen Deutschen Physikalischen Gesellschaft
vor. In diese Ableitung gingen nun zwei neue, offensichtlich universelle Konstan-
ten ein, nämlich erstens die Konstante k, mit der er in die von Boltzmann 1877
4 Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik

vorgeschlagene Proportionalitätsbeziehung zwischen der thermodynamischen


Größe S, der „Entropie“, und der Wahrscheinlichkeit W eines physikalischen
Zustandes zur Gleichung
S = k log W (P.1)
umformte. k würde später Boltzmann’sche Konstante heißen, auch wenn Ludwig
Boltzmann Beziehung (P.1) nie explizit niederschrieben hatte. Dagegen bestimmte
die zweite Konstante h nun nach Planck die neuerdings diskreten Energiestufen
ε n des mit der Frequenz ν strahlenden Hohlraum-Resonators nach der Beziehung
ε n = nh ν , (P.2)

mit n einer ganzen Zahl. Somit hatten also auch die Konstanten h (sie entsprach
der früheren a ) und k (der frühere Quotient a / b ) endlich eine eindeutige physi-
kalische Bedeutung erlangt, und Planck musste als neues Prinzip in die Naturwis-
senschaft verkünden, dass die Natur eben doch Sprünge macht.
Allerdings bezeichnete der damals 43-jährige Gelehrte noch Jahrzehnte später,
im Brief an Robert Williams Wood, die Schritte in seiner Ableitung insgesamt als
einen „Akt der Verzweiflung“, um „koste es, was es wolle, ein positives Ergebnis
herbei zu führen“. Allerdings betrachtete er im Jahre 1900 zunächst nur die Glei-
chung (P.1) als den wirklich revolutionären Schritt. Denn sie bestätigte nach seiner
Ansicht zum ersten Mal vollständig die Existenz des diskreten atomaren Aufbaus
der Materie, weil sie die „Größe der Atome“ sogar unabhängig von Experimenten
mit materiellen physikalischen Systemen festlegte. Außerdem ermöglichte sie
sofort, die so genannte „Avogadro’sche Zahl“ N der Atome in einer für die betref-
fende Substanz jeweils charakteristischen Masse ebenso zu berechnen und ebenso
die elektrische Ladung e des Elektrons, und dies, wie sich in dem kommenden
Jahrzehnt erweisen sollte, in ausgezeichneter Übereinstimmung mit spezifischen
Messungen der Größen N und e . Die Konstante h , die Planck wegen ihrer physi-
kalischen Dimension als „Wirkungsquantum“ bezeichnete – man nannte sie später
nach ihm die „Planck’sche Konstante“ – hoffte er dagegen etwa aus den besonde-
ren Eigenschaften des Elektrons, das ja für die schwarze Strahlung des betrachteten
Hohlraums verantwortlich war, noch einmal berechnen zu können.
Weniger als fünf Jahre später, im März 1905 reichte Albert Einstein, ein Ange-
stellter am Schweizer Patentamt in Bern, eine Untersuchung über die „Erzeugung
und Verwandlung von Licht“ zur Veröffentlichung bei den von Planck mit he-
rausgegebenen Annalen der Physik ein. In ihr zeigte er, dass bei diesen Prozessen
die elektromagnetische Ausstrahlung und die Absorption von Licht eine körnige
Struktur besitzt, das heißt die Strahlung tritt nur in Paketen oder „Lichtquanten“
auf, deren Energie durch Plancks Gleichung (P.2) gegeben ist. Es gelang ihm mit
dieser Annahme sofort, eine bereits empirisch von Philipp Lenard gefundene Be-
ziehung für den wohlbekannten lichtelektrischen Effekt aufzustellen. Noch im
Sommer desselben Jahres begründete Einstein mit seiner folgenden Publikation
„Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ die so genannte „Relativitätstheorie“ –
den Namen gab Planck 1906, den die Arbeit sofort interessierte! –, für die er
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik 5

wenige Monate später die grundlegende Beziehung zwischen Masse m und Ener-
gie E materieller Teilchen
E = mc 2 (P.3)
aufstellte (mit c der Lichtgeschwindigkeit im Vakuum). Entscheidend für die
Ableitung dieser Theorie war, dass der 1879 in Ulm geborene und seit 1895 in der
Schweiz lebende und ausgebildete junge Forscher den Begriff der Gleichzeitigkeit
in der Physik neu definierte und dadurch die klassisch getrennten Begriffe von
Raum und Zeit zu einer untrennbaren vierdimensionalen Einheit verband. Damit
löste er, kaum fünf Jahre nach Planck, eine zweite Revolution in der gesamten
Naturwissenschaft aus.
Die Relativitätstheorie Einsteins beseitigte insbesondere die bereits erwähnte
„dunkle Wolke über der dynamischen Theorie des Lichts“ von Lord Kelvin. Übri-
gens ließ sich bei einem näheren Studium der relativistischen Mechanik – d.h. der
Mechanik hoher Geschwindigkeiten – und ihrer Anwendung auf das Elektron, die
Planck schon 1906 unternahm, seine Konstante h nicht herleiten, wie er ursprüng-
lich gehofft hatte. D.h. man musste sie von jetzt an, ebenso wie vorher die Kon-
stante k in der Statistischen Mechanik, als eine weitere physikalische Fundamen-
talgröße ansehen, die von jetzt an die von Planck 1900 begründete „Quanten-
theorie“ charakterisierte.
Einstein zeigte außerdem gegen Ende 1906, dass auch die von der Wärmebe-
wegung in Festkörpern erzeugten akustischen Schwingungen nach der quanten-
theoretischen Grundgleichung (P.2) von Planck eine diskrete, quantenartige Struk-
tur besitzen. Er erklärte dadurch auch eine, dem bisherigen Verständnis rätselhafte
Anomalie der spezifischen Wärme von Kohlenstoff bei tiefen Temperaturen.
Diese Theorie bewährte sich auch in den späteren Experimenten des Berliner Phy-
sikochemikers Walther Nernst bei anderen Substanzen. Sie löste insbesondere, wie
sich bald im Einzelnen herausstellen würde, Lord Kelvins „dunkle Wolke über der
dynamischen Theorie der Wärme“ auf. Der Münchner Theorieordinarius Arnold
Sommerfeld formulierte schließlich 1911 den Sachverhalt ganz anschaulich: Die
mechanischen Freiheitsgrade von atomaren Systemen müssen „nicht gezählt, son-
dern gewogen werden“ – d.h. wegen der Größe ihrer nach Gleichung (P.2) zuge-
ordneten quantentheoretischen Energiepakete lassen sich diejenigen Freiheits-
grade, die hohen Eigenfrequenzen entsprechen, erst bei höheren Temperaturen
anregen und so bei der Gleichverteilung der Energie erfassen.
Ende Oktober 1911 wurde in Brüssel eine länger geplante Konferenz über die
„Theorie der Strahlung und der Quanten“ einberufen, auf der die hervorragendsten
Pioniere der Atom- und Quantenphysik ihre neuesten theoretischen und experi-
mentellen Ergebnisse vor einer ausgewählten wissenschaftlichen Elite aus den
europäischen Ländern – von Marie Curie bis Ernest Rutherford und Emil Warburg
– vorstellten und diskutierten. Der berühmte, ebenfalls teilnehmende französische
Mathematiker Henri Poincaré, selbst ein Pionier der Relativitätstheorie, fasste in
der Generaldebatte die wichtigsten Folgerungen für die zukünftige Naturbeschrei-
bung zusammen:
6 Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik

„Die neuen, hier besprochenen Untersuchungen scheinen nicht allein die Grundprinzipien
der Mechanik in Frage zu stellen, sondern erschüttern sogar einen Punkt, der bisher mit
dem Begriff des Naturgesetzes überhaupt vollständig verwachsen galt. Es handelt sich dar-
um: Können wir jene Gesetze noch in Gestalt von Differentialgleichungen darstellen?“ 3

Gleichzeitig wies Poincaré auf ein grundlegendes Problem der neuen Beschrei-
bung durch die „Quanten“ hin, das die damalige Situation besonders charakteri-
sierte, nämlich:

„Es fiel mir bei den an dieser Stelle gehaltenen Vorträgen und Diskussionen auf, daß ein
und dieselbe Theorie teils auf der Grundlage der alten Mechanik, teils aber auf solchen
Hypothesen aufgebaut wird, die zu dieser im Gegensatz stehen. Man muß hierbei im Auge
behalten, dass wohl jeder Satz ohne allzu große Mühe bewiesen werden kann, wenn man
den Beweis auf zwei einander widersprechenden Prämissen begründet.“3

Auf derselben Brüsseler Konferenz stellte Fritz Hasenöhrl, übrigens der Schü-
ler und Nachfolger Ludwig Boltzmanns auf dem Wiener Lehrstuhl, auch das erste
quantentheoretische Modell des Atoms vor, das sein Doktorand Arthur Haas 1910
nach dem früheren Atommodell des Engländers Joseph John Thomson (1904)
entworfen hatte, in dem sich die Elektronen punktförmig in einer massiven, ent-
sprechend positiv geladenen Kugel anordnen: Haas berechnete insbesondere die
Größe des Wasserstoffatoms mit Hilfe einer zusätzliche quantentheoretischen
Bedingung. Bedeutendere Erfolge erzielte aber erst Niels Bohr aus Kopenhagen,
als er im März 1913 das von Ernest Rutherford 1911 in Manchester aus der Streu-
ung von radioaktiven Alphastrahlen an Metallfolien abgeleitete „Kernmodell“ des
Atoms zugrunde legte. Hier kreisen die leichten Elektronen (Masse m und La-
dung −e ) wie Planeten in Bahnen um einen im Zentrum konzentrierten schweren
Atomkern. Bohr legte nun nicht nur die Radien und die Energie der einzelnen
Elektronenbahnen durch eine Quantenbedingung für den Drehimpuls des Elekt-
rons fest, sondern erklärte auch den Ursprung der diskreten atomaren Spektralli-
nien aus Sprüngen der Elektronen zwischen den zwei verschiedenen Bahnen oder
Energiezuständen E2 und E1 nach der Beziehung für die Frequenz ν ,
E 2 − E1 = hν . (P.4)

Für das leichteste chemische Element, den Wasserstoff, erhielt er auf diese
Weise die Frequenzen der ausgesandten Spektrallinien zu
⎛ 1 1⎞
ν = R⎜⎜ − ⎟⎟ , (P.5)
⎝ n 2 n1 ⎠
mit den ganzen Quantenzahlen n1 und n2 und der Rydberg-Konstanten R = 8π2me2/ h3.
Bohrs Quantentheorie der Atomstruktur beschrieb nicht nur die bekannten „Balmer-
Serie“ des Wasserstoffs für die Grundbahn n2 = 2 , und n1 = 3, 4,5... , sondern auch
einige neue Ergebnisse aus der neuen experimentellen Untersuchungen der diskreten
Röntgenspektren der schweren Elemente (Moseley 1913, 1914).

3
Siehe H. Poicaré in Brüssel 1911, S. 365.
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik 7

Entscheidend für den praktischen Erfolg des Modells wurde dann die Erweite-
rung, die Arnold Sommerfeld in München Ende 1915 vorschlug: Er ersetzte die
Rutherford-Bohr’schen Kreisbahnen durch elliptische Keplerbahnen in der Ebene
bzw. im Raum, deren Parameter durch zwei bzw. drei ganze Quantenzahlen
bestimmt wurden. Mit diesem Atommodell versuchten nun er und einige seiner
Schüler einerseits qualitativ die Struktur von Atomen mit mehreren Elektronen
und ihrer emittierten oder absorbierten Spektrallinien zu beschreiben, andererseits
auch die Einwirkung von elektrischen und magnetischen Feldern auf diese zu
erfassen. Darüber hinaus berücksichtigte Sommerfeld das Auftreten großer Ge-
schwindigkeiten beim rotierenden Elektron und entdeckte die so genannte relati-
vistische „Feinstruktur“ der Spektrallinien, die der befreundete Tübinger Spektro-
skopiker Friedrich Paschen umgehend experimentell bestätigen konnte. Der
gesamte jahrzehntelang gesammelte Reichtum spektroskopischer Forschungen, ja
sogar die chemischen Eigenschaften der Atome, schien nunmehr aus der Bohr-
Sommerfeld’schen Theorie ableitbar.
Bohr stellte erstmals im September 1913 seine atomtheoretischen Untersu-
chungen auf der 83. Tagung der British Association for the Advancement of
Science in Birmingham einem größeren internationalen Publikum vor. Diese
Veranstaltung und die fast gleichzeitig abgehaltene 85. Versammlung Deutscher
Naturforscher und Ärzte, auf der übrigens Einstein über Ansätze zu einer relati-
vistischen Gravitationstheorie vortrug, standen am Ende einer vierzigjährigen, fast
ununterbrochenen Friedensperiode, und sie vereinigten eine Vielzahl der besten
Forscher aus vielen Nationen, die in intensivem Austausch und beflügelndem
Wettbewerb eine große Blüte der Naturwissenschaften herbeigeführt hatten. Ein
Jahr später wütete in Europa und vielen anderen Erdteilen der Erste Weltkrieg.
Vor allen Dingen die Jugend der beteiligten Völker zog an die verschiedenen
Fronten, in denen die Mittelmächte – das Kaiserliche Deutsche Reich und das
Austro-Ungarische Imperium – mit dem russische Zaren-Reich, Italien, Japan und
den Westmächte Frankreich, Großbritannien und schließlich (ab 1917) den Verei-
nigten Staaten von Amerika kämpften. Viele der bereits anerkannten jungen For-
scher – wie der Österreicher Fritz Hasenöhrl oder der Brite Henry Gwyn Jeffreys
Moseley – starben im Kugelhagel, und mit ihnen wurden hoffnungsvolle Talente
in den Tod gerissen, die die großen physikalischen Ideen des noch jungen
20. Jahrhunderts hätten befruchten und fortführen sollen. Die zu Hause gebliebe-
nen älteren Professoren, wie Ernest Rutherford oder Arnold Sommerfeld, arbeite-
ten damals allein oder durch wenige Helfer – meist Gäste aus dem neutralen Aus-
land oder gar internierte Wissenschaftler – unterstützt, an den grundlegenden
Problemen weiter. Nur Niels Bohr, der 1916 aus Rutherfords Institut in Manches-
ter ins neutrale Dänemark zurückkehrte, konnte langsam in Kopenhagen ein eige-
nes Institut aufbauen: Er gewann bald seinen ersten Studenten und späteren lang-
jährigen Mitarbeiter Hendrik Kramers aus dem ebenfalls neutral gebliebenen
Holland. Der große Weltkrieg endete mit dem militärischen und politischen Zu-
sammenbruch der Mittelmächte und ihrer vollständigen Kapitulation. Die große
Habsburger Vielvölker-Monarchie wurde in einzelne Nationalstaaten zerstückelt
und ihre Kernländer Österreich und Ungarn darüber hinaus verkleinert. Revolu-
8 Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik

tionäre Bewegungen stürzten alle Fürsten im Deutschen Reich, das militärisch


abgerüstet wurde und neben den überseeischen Kolonien ein Drittel seines Gebie-
tes und die wirtschaftlich wichtige Hochseeflotte verlor. Im wissenschaftlichen
Verkehr drangen die Siegermächte darauf, die Forscher und Gelehrten aus den
besiegten Staaten aus den internationalen Körperschaften verbannen. Eine schwe-
re Zeit schien auch für den wissenschaftlichen Austausch und den Fortschritt
gerade auch in der neuesten Physik anzubrechen.
Am 14. November 1918, drei Tage nach dem offiziellen Ende der Kampfhand-
lungen, eröffnete der Sekretär der Physikalisch-mathematischen Klasse Max
Planck die erste Gesamtsitzung der ehemals Königlich Preußischen Akademie der
Wissenschaften in Räumen, die jüngst durch revolutionäre Auseinandersetzungen
und Plünderungen in Berlin beschädigten worden waren. Der sechzigjährige Doy-
en der deutschen Physik plädierte gerade jetzt mit jugendlichem Feuer für die
Fortsetzung der Arbeit in der Akademie, der „vornehmsten wissenschaftlichen
Behörde“ auch in der neuen deutschen Republik, denn: „Wenn es wahr ist, dass
nach den Tagen des nationalen Unglücks wieder einmal bessere Zeiten ausbre-
chen, so werden sie ihren Anfang nehmen von dem aus, was dem deutschen Volk
als Bestes und Edelstes eigen ist: von den idealen Gütern der Gedankenwelt, den-
selben Gütern, die uns schon einmal, vor hundert Jahren, vor dem gänzlichen
Zusammenbruch bewahrt haben.“ 4 Fast sieben Monate später, am 3. Juli 1919
sprach Planck erneut in einer öffentlichen Sitzung der Preußischen Akademie.
Neben den Nöten der deutschen Forschung widmete er sich dem anderen Haupt-
thema des Tages, den Schwierigkeiten der Beziehungen zum Ausland, und führte
im Einzelnen aus:

„Die Wissenschaft ist nun einmal ihrem Wesen nach international. Es gibt weite Gebiete
derselben, große bedeutende Aufgaben, sowohl in der Philosophie und Geschichte als auch
in der Naturwissenschaft, die zu ihrer gedeihlichen Bearbeitung des internationalen Zu-
sammenschlusses bedürfen. Unsere Akademie wird vor allem ihre wissenschaftliche Ar-
beit mit voller Energie fortsetzen. Soweit ihre Unternehmungen internationalen Charakter
tragen, wird sie dieselben, wenn und insoweit das möglich ist, als deutsche Untersuchun-
gen weiterführen und ihre ganze Kraft, ihre ganze Energie daran wenden, sie zu einem gu-
ten Abschluss zu bringen. Denn sie ist sich dessen bewusst: Solange die deutsche Wissen-
schaft in der bisherigen Weise voranzuschreiten vermag, so lange ist es undenkbar, dass
Deutschland aus der Reihe der Kulturnationen gestrichen wird. Sollte es sich dann zugleich
ergeben, dass die Gelehrten der feindlichen Länder es in ihrem eigenen Interesse finden
würden, die abgebrochenen wissenschaftlichen Beziehungen mit den deutschen Kollegen
wieder anzuknüpfen, so wäre dadurch jedenfalls eine aussichtsreichere Grundlage für eine
Wiederannäherung der Geister geschaffen, als das durch eine noch so aufrichtig gemeinte
und geschickt abgefasste grundsätzliche Erklärung je geschehen könnte.“5

Die Skandinavier, die nicht am Krieg teilgenommen hatten, wirkten unverzüg-


lich tatkräftig dem Boykott deutscher und österreichischer Wissenschaftler entge-

4
M. Planck: Ansprache in der Gesamtsitzung vom 14. November 1918. Sitz.Ber.Preuß.Akad.
Wiss. 1918, S. 992–993.
5
M. Planck: Eröffnungsansprache in der Öffentlichen Sitzung zur Feier des Leibniz’schen Jah-
restages, 3.Juli 1919. Sitz.Ber.Preuß.Akad.Wiss. 1919, 547–551, bes. S. 550.
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik 9

gen. So verlieh die Schwedische Akademie die Physik-Nobelpreise von 1918 und
1919 an Max Planck für seine Energiequanten im Strahlungsgesetz und Johannes
Stark besonders für dessen Entdeckung der Aufspaltung von Spektrallinien im
elektrischen Feld, und drei Jahre später folgte die Preisvergabe an den in Ulm
geborenen und seit April 1914 in Berlin wirkenden Albert Einstein für seine „Ver-
dienste um die theoretische Physik und besonders der Anwendung auf den licht-
elektrischen Effekt“. Die wichtigste Rolle in der Vermittlung zwischen den Wis-
senschaftlern aus den ehemals verfeindeten Staaten aber nahm wohl der dänische
Physiker Niels Bohr ein. Er lud etwa Arnold Sommerfeld nach Kopenhagen ein,
am 21. September 1919 vor der Dänischen Physikalischen Gesellschaft zu spre-
chen, und betonte nach dem Vortrag: „Wir sind besonders glücklich, Sie hier bei
uns zu haben, denn Sie sind der erste Wissenschaftler aus dem Ausland, der in
diesen schwierigen Zeiten zu uns nach Skandinavien gekommen ist, um über seine
wissenschaftlichen Ergebnisse zu berichten.“6
Sommerfeld seinerseits freute sich natürlich sehr über den warmen Empfang
des Gastgebers, über dessen Pionierrolle in der Atomtheorie er bereits im Vorwort
seines Buches „Atombau und Spektrallinien“ fast hymnisch geschrieben hatte:

„Was wir heutzutage aus der Sprache der Spektren heraushören, ist eine wirkliche Sphä-
reusik des Atoms, ein Zusammenklingen ganzzahliger Verhältnisse, eine bei aller Man-
nigfaltigkeit zunehmende Ordnung und Harmonie. Für alle Zeiten wird die Theorie der
Spektrallinien den Namen Bohrs tragen.“

Und er wies damals zugleich auf die Verbindung der Theorie Bohrs mit Plancks
Quantentheorie hin, als dem „geheimen Organon, aus dem die Natur die Spektral-
musik spielt und nach dessen Rhythmus sie den Bau der Atome und Kerne regelt“.7
Bohr seinerseits kannte diese Verbindung sehr wohl, und er nahm deshalb mit gro-
ßer Freude eine Einladung Max Plancks an, und trug am 27. April 1920 vor der
Physikalischen Gesellschaft zu Berlin über „die Serienspektra der Elemente“ vor.
Dort traf und diskutierte er erstmalig mit Planck und Einstein, aber auch mit den
jüngeren dort versammelten deutschen Physikern. Als ersten auf einer langen Liste
lud er unmittelbar nach der Eröffnung seines Instituts für Theoretische Physik am
Blegdamsvej im Jahre 1921 James Franck zu einem längeren Aufenthalt nach Ko-
penhagen ein. Dieser lehrte dort mehrere Monate als Gastprofessor und baute auch
die Apparatur nach, mit der ihm und Gustav Hertz 1914 in Berlin die Anregung von
Spektrallinien durch Elektronenstöße gelungen war, also die erste direkte experi-
mentelle Bestätigung der von Bohr angenommenen stationären Quantenbahnen.
Ziemlich genau ein Jahr nach Kriegsende brachte die Londoner Times am
7. November 1919 einen umfangreichen Bericht unter der Überschrift „Revolution
in Science“, in dem sie eine „neue Theorie des Universums“ ankündigte. Mitge-
teilt wurden hier die Ergebnisse von zwei britischen Expeditionen an die Westküs-

6
N. Bohr: Collected Works, Band 3, North Holland Publishing Company, Amsterdam, New
York, Oxford 1976, fortan zitiert als BCW 3, S. 19.
7
A. Sommerfeld: Atombau und Spektrallinien, Fr. Vieweg, Braunschweig 1919, S. VIII, fortan
zitiert als Sommerfeld 1919.
10 Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik

te Afrikas und nach Brasilien, die bei der Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 eine
Ablenkung des Lichtes von Sternen im Gravitationsfeld der Sonne beobachtet
hatten. Die Ergebnisse erhärteten insbesondere eine Theorie Albert Einsteins, die
nun offensichtlich „Newtons Ideen revidierte“. Nach vielen Versuchen war der
„berühmte Physiker“, der 1914 in Berlin an der Preußischen Akademie eine her-
ausragende Stellung übernommen hatte, nämlich im November 1915 zu den Glei-
chungen der „Allgemeinen Relativitätstheorie“ gelangt, die eine weitere Grundla-
ge der klassischen Mechanik überholte, nämlich das Gravitationsgesetz des
Engländers Isaac Newton. Gleichzeitig war Einstein weiter voran geschritten in
der Umwälzung der Vorstellungen von Raum und Zeit und hatte eine Krümmung
des von schweren Massen erfüllten physikalischen Raumes gefordert, die als Ab-
lenkung von Lichtstrahlen in Erscheinung treten sollte. Genau ein Jahr nach dem
Ende des Krieges, im November 1919 wurde Einstein jedenfalls gebeten, einen
populären Artikel über die Relativitätstheorie für die Londoner Times zu schrei-
ben, der in der Ausgabe vom 28. des Monats erschien. Scherzhaft endete er seine
Erläuterungen mit einer weiteren Anwendung der Relativitätstheorie: „Heute wer-
de ich in Deutschland ein Mann der Wissenschaft genannt, in England ein
Schweizer Jude; sollte ich einmal als bête noir betrachtet werden, dann wäre ich
für die Deutschen ein Schweizer Jude und die Engländer ein deutscher Mann der
Wissenschaft.“ Im Sommer 1921 zuvor wurde Einstein schließlich von der gelehr-
ten Welt in England als erster wissenschaftlicher Bote aus Deutschland besonders
geehrt. Offizielle deutsche und englische Beobachter stellten fest, dass er mit sei-
nem Besuch und seiner Theorie wesentlich beigetragen hatte, die durch den Welt-
krieg verloren gegangenen internationalen Beziehungen zu erneuern.8 Auch der
weiteren Verbreitung der Quantentheorie würde dieser persönliche Erfolg Ein-
steins wesentlich nützen, obwohl hier wiederum Niels Bohr mit seinen alten Be-
ziehungen zu Rutherford und Cambridge entscheidend nachhalf.
Am 10. Dezember 1901 war Wilhelm Conrad Röntgen in Stockholm der erste
Physik-Nobelpreis verliehen worden „für die Entdeckung seiner bemerkenswerten
Strahlen“, die die Lawine weiterer experimenteller Entdeckungen auslöste und ein
neues Zeitalter in der Physik herauf führten. 1895 hatte auch Planck mit seinen
Studien begonnen, die fünf Jahre später zu dem Strahlungsgesetz führten, das
zugleich die Geburtsstunde der ersten modernen Theorie, der Quantentheorie
markierte. Mit dem Nobelpreis (1918) für ihn und Albert Einstein (1921) hatten
endlich die beiden grundlegenden theoretischen Systeme der neuen Physik die
höchste Anerkennung in der Wissenschaft gewonnen, und sie begannen jetzt end-
lich ihren Siegeszug in der ganzen Welt. Um dieselbe Zeit reichte in München ein
junger Student im dritten Semester seine erste wissenschaftliche Arbeit zur Veröf-
fentlichung ein. Es war Werner Heisenberg, der weniger als fünf Jahre später in
die Fußstapfen dieser großen Pioniere der theoretischen Physik treten würde. In-
dem er den entscheidenden Schritt zur Vollendung der Quantentheorie tun sollte.
Er öffnete damit das Tor zur heute gültigen Sprache der Atome.

8
R.Clark: Einstein – Leben und Werk. Bechtle, Esslingen 1974 S. 170–177, bes. S. 177, sowie
S. 199–200.
Prolog: Der Aufbruch zur modernen Physik 11
Kapitel 1
Werner Heisenbergs Jugend

Im Frühjahr 1900 zog der weltberühmte Wilhelm Conrad Röntgen von Würzburg
nach München, um an der Universität die Nachfolge des verstorbenen Physik-
ordinarius Eugen von Lommel anzutreten. Im Herbst des darauf folgenden Jahres
ließ sich der Studienlehrer Dr. phil. August Heisenberg des Luitpold-Gymnasiums
in München nach Würzburg an das Alte Gymnasium versetzen, weil an der dorti-
gen Universität sein Habilitationsverfahren lief und er in Zukunft eine Laufbahn
an der Hochschule anstrebte. Am 5. Dezember 1901 um 16.45 Uhr, wenige Wo-
chen nach dem erfolgreichen Habilitationsvortrag, kam, in der Heidingsfelder
Straße 10a des vornehmen Vorortes Sanderau südöstlich der Würzburger Altstadt,
sein zweiter Sohn Werner Karl auf die Welt.1 Der stolze Vater durfte dieses freu-
dige Ereignis und die bald darauf erlangte Ernennung zum Privatdozenten als
glückliches Vorzeichen für die Zukunft der jungen Familie betrachten, die er im
Mai 1899 mit der Heirat von Anna Magdalena Wecklein, der älteren Tochter des
Rektors Nikolaus Wecklein am Maximilians-Gymnasium, gegründet hatte.

1.1 Vorfahren von Werner Heisenberg und seine Kinderjahre


(1901–1907)

August Heisenberg stammte aus einer traditionsreichen westfälischen Handwer-


kerfamilie. Sein Urgroßvater, Hermann Heinrich Heissenberg (1759 geboren und
1790 gestorben) war in Detmold Branntweinbrenner gewesen, und sein Sohn Jo-
hann Hermann Ludwig (1791–1838) zog nach Osnabrück und wurde dort Bött-
chermeister. Dessen Sohn wiederum, Wilhelm August Heisenberg – das zweite
„s“ im Familiennamen fiel damals einem amtlichen Schreibfehler zum Opfer –,

1
Heute heißt die Straße Friedrich-Spee-Straße. Nach dem 26. Juni zog die Familie Heisenberg in
die nahe gelegene Huttenstraße 39. Siehe H. Otremba: Werner Heisenberg. Atomphysiker und
Philosoph. Fränkische Gesellschaftsdruckerei, Würzburg 1976, S. 9.

H. Rechenberg, Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 17


© Springer 2010
18 1 Werner Heisenbergs Jugend

der 1831 in Osnabrück auf die Welt kam, stand in seiner Heimatstadt 58 Jahre als
Lehrling und Schlossermeister „am Amboß und vor der Esse“ und erwarb sich
durch „seine tüchtigen Kenntnisse und seine Berufsgeschicklichkeit“ eine treue
Kundschaft, wie eine lokale Zeitung von April 1908 anlässlich seiner goldenen
Hochzeit berichtete. Dort heißt es weiter:

„Seine Anteilnahme an städtischen Angelegenheiten und seine große Gewissenhaftigkeit


in allen Dingen verschafften ihm die Achtung der Bürgerschaft und die Wertschätzung
der Stadtverwaltung. Lange Jahre ist er Armenpfleger gewesen, ein Amt, welches er noch
heute bekleidet. In seiner Werkstatt sind eine große Zahl von Lehrlingen und Schlossern
ausgebildet worden, und fast alle haben es zu einer sicheren und ihren Mann ernährenden
Lebensstellung gebracht.“ (J. Heisenberg 2001, S. 11)

Aus der Ehe gingen neben August noch drei Töchter, die die Kinderjahre über-
lebten, sowie ein jüngerer Sohn Karl hervor. Karl wanderte später in die USA aus,
gründete in New York eine Knopffabrik und gelangte zu einigem Wohlstand.
Der Familie von Werner Heisenbergs Mutter entstammten Landwirte, Handels-
leute, Prediger, Künstler und Akademiker. In der unmittelbaren väterlichen Linie
Wecklein standen Bauern aus Unterfranken. Der erste nachweisbare Vorfahre aus
der Familie von Heisenbergs Großmutter Magdalena Wecklein geb. Zeising, war
François Givichard (1565–1599), der als Kaufmann in Basel und Straßburg wirk-
te. Über 200 Jahre später heiratete die Tochter Henriette eines seiner Nach-
kommen, des 1726 geborenen königlich-preußischen Hofrates Johann Phillip
Guichard, den Hofprediger Ernst Ludwig Pauli (1756–1834). Beider Tochter
Charlotte ehelichte den Kanzleirat Johann Gottfried Petri (1788–1834) und deren
Tochter Johanne wiederum den Philosophen und Ästhetiker Adolph Zeising
(1819–1876). Dieser war der Sohn von August Zeising (1750–1817), eines Vio-
linvirtuosen und Kammermusikers am Hofe des Herzogs von Anhalt-Bernburg zu
Ballenstedt am Harz. Adolf Zeising, ein deutscher Patriot, nahm an der 1848er
Revolution teil, gelangte schließlich nach München und wurde in die Bayerische
Akademie der Wissenschaften gewählt. Seine 1848 geborene Tochter Magdalena
heiratete schließlich den Philologen und Schulpolitiker Nikolaus Wecklein.
Nikolaus Wecklein kam am 19. Februar 1843 in unterfränkischen Gänheim bei
Karlstadt zur Welt kam. Sein Vater, der Ökonom Joachim Wecklein, hatte ihn auf
den Rat eines Ortsgeistlichen ins Gymnasium nach Münnerstadt geschickt, An-
schließend studierte Nikolaus an der Universität Würzburg Philosophie und Philo-
logie. Nach der erfolgreichen Staatsprüfung für das höhere Lehramt in Bayern und
seiner anschließenden Würzburger Promotion 1865 zum Dr. phil. – mit „summa
cum laude“ und einer Dissertation über die altgriechischen Sophisten – lehrte Niko-
laus Wecklein zunächst ab Ostern 1866 an zwei sehr bekannten höheren Schulen in
München, dem Ludwigs- und dem Maximilians-Gymnasium. Vom Herbst 1868 bis
zum Frühjahr 1869 wurde er auf eigenen Antrag beurlaubt, zunächst, um sich an der
Universität Berlin u. a. bei dem bekannten Archäologen Ernst Curtius und den
ebenso berühmten Historikern Johann Gustav Droysen, Theodor Mommsen und
Leopold von Ranke fortzubilden. Anschließend besuchte er im März 1869 italieni-
sche Archive in Florenz, Rom und Neapel. Als Frucht dieser Auslandsreise entstand
1.1 Vorfahren von Werner Heisenberg und seine Kinderjahre 19

die Dissertation über griechische Inschriften, mit der sich Wecklein im Juli 1869 an
der Universität München habilitierte. Im Mai 1869 trat er als Studienlehrer den
Dienst im Maximilians-Gymnasium an, im Herbst 1873 wurde er zum Gymnasial-
professor an der Studienanstalt in Bamberg befördert mit dem zusätzlichen Auftrag,
am Lyzeum klassische Philologie zu lehren – er las dort über altgriechische Litera-
tur und Poetik. Die Publikationen, die aus den Münchner und Bamberger Vorlesun-
gen hervorgingen, brachten ihm 1872 die außerordentliche – 1887 folgte dann die
ordentliche – Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ein.
Bereits 1881 wurde Nikolaus Wecklein zum Rektor des Gymnasiums in Passau
befördert, Ostern 1887 wechselte er auf dieselbe Position an das Maximilians-
Gymnasium in München. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1913 bestimmte er
als Mitglied des Obersten Schulrates die Richtung der höheren Schulbildung in
Bayern mit, wobei er sich u. a. erfolgreich für die höhere Bildung der Mädchen
einsetzte. Mit 70 Jahren schied er aus dem Staatdienst, aber nun konnte sich leider
für den zum Geheimen Regierungsrat Ernannten nicht mehr der Traum erfüllen,
eine Stellung an der Universität zu bekleiden. Es blieb bei der Tätigkeit in der Aka-
demie der Wissenschaften, und von ihr zeugten Publikationen wie die Ausgabe der
Odyssee (1916) oder eine Abhandlung über die älteste Homer-Überlieferung
(1919). Im letzten Lebensjahr nahmen seine Kräfte langsam ab. Nikolaus Wecklein
starb am 20. November 1926 in München. Der Nachruf im Jahrbuch der Akademie
schloss mit den Worten: „Unverrückbares Gleichmaß des Wesens war auch dem
Menschen eigentümlich. Sachlichkeit und eine Schlichtheit, der alles Prunken fern-
blieb, charakterisiert den Menschen so gut wie den Schriftsteller.“2
Einer seiner Schüler, der spätere Kronprinz Rupprecht, schilderte im Jahre
1918 das Auftreten seines Rektors und Pädagogen genauer:

„Wecklein war weder ein ausgesprochener Verwaltungsbeamter, wozu er sich auch selbst
die Befähigung absprach, noch ein Rektor in dem Sinne, daß er mit voller Tatkraft die Schul-
zucht aufrechterhalten und der von ihm geleiteten Anstalt sozusagen auch den Stempel sei-
nes Geistes aufgedrückt hätte. Wecklein hatte überhaupt nicht die Gabe, einen schlimmen
Schüler hart anzufassen, es fiel ihm schwer, einen energischen Tadel kräftig auszusprechen.
Niemals habe ich von ihm ein Schimpfwort gehört, allen Schülern brachte er volles Vertrau-
en entgegen; daher konnte ihn nichts mehr erregen, als wenn dieses Vertrauen durch Lüge
und Trug, namentlich durch den Gebrauch der von ihm so sehr verpönten Klassikerüberset-
zungen und gedruckten Präparationen mißbraucht wurde. Aber es genügte ihm in solchen
Fällen zu erklären, daß der betreffende Schüler sein Vertrauen für immer verloren habe.“3

Freilich gab es auch Stimmen, die über ein autoritäres Verhalten des Rektors
klagten. Doch lassen sich gerade die hier genannten persönlichen Züge des Großva-
ters Wecklein fast wörtlich auf seinen Enkel Werner Heisenberg übertragen. Insbe-
sondere ist hier die Eigenschaft zu nennen, dass er den Mitmenschen „im all-

2
A. Rehm: Nekrolog Nikolaus Wecklein. Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaf-
ten 1926, 21–24, bes. S. 24.
3
Zitiert in Ministerialrat Dr. Melber: Geheimer Hofrat Dr. Nik. Wecklein Oberstudiendirektor
a.D.†. Bayerische Blätter für das Gymnasial-Schulwesen 1927, S. 88–102, fortan bezeichnet als
Melber 1927, bes. S. 94–95.
20 1 Werner Heisenbergs Jugend

gemeinen mit Offenheit, Wohlwollen und Vertrauen begegnete. Wurden aber seine
Hoffnungen enttäuscht, reagierte er mit unwiderruflicher Ablehnung, dann brach er
alle Beziehungen ab, unwiderruflich und unerbittlich.“ (E. Heisenberg 1980, S. 22).
Man muss hier nicht unbedingt von einer Vererbung der Verhaltensweise sprechen,
aber Nikolaus Weckleins Charakter hat sicher formend auf die Seinen eingewirkt,
denn er war ein Mann, der „besonderes Glück im Schoße der Familie fand“ und den
daher in späten Jahren „die Entwicklung seiner beiden hochbegabten Enkel mit
berechtigtem Stolz erfüllte“. Noch kurz vor seinem Tode erzählte er einem Kollegen
mit Freude über den Enkel Werner, „der als Privatdozent der Mathematik von aner-
kanntem Rufe nunmehr schon zum zweiten Male zur Vertretung eines Ordinarius
seines Faches an die Universität Kopenhagen berufen ist“ (Melber 1927, S. 100).
Weckleins Schwiegersohn August Heisenberg, der am 13. November 1869 zu
Osnabrück in einem evangelischen Bürgerhause geboren wurde, „verbrachte die
Kinderjahre mit zahlreichen Geschwistern in glücklichstem Familienleben“. Wie
er selbst mitteilte, besuchte er „die Bürgerschule und das Realgymnasium der Va-
terstadt und ließ sich Ostern 1888 auf der Universität Marburg inskribieren“
(A. Heisenberg 1913, S. 156–157). Höhere Schulbildung und akademisches Studi-
um fielen zwar aus der Familientradition, aber Augusts Aufstieg aus dem Hand-
werkerstand unterstützten die Eltern mit vollem Herzen und ihren ökonomischen
Mitteln. Er schwankte zunächst, ob er sein Hauptaugenmerk auf die philosophisch-
historischen Fächer oder die Theologie richten sollte, wurde aber vom Theologen
Adolf von Harnack zur Philosophie überredet. Wegen seiner Begeisterung für die
Musik Richard Wagners und die Malerei Arnold Böcklins wechselte er 1889 an die
Universität München. Dort stieß der ausgezeichnete Sänger Heisenberg bald auf
den jungen Privatdozenten Karl Krumbacher, der eine Vorlesung über „Rhodische
Liebeslieder“ angekündigt hatte und ihn für Griechenland, besonders seine Kultur
im Mittelalter, gewann. Nach einem Zwischenjahr (1890–1891) an der Universität
Leipzig kehrte August Heisenberg nach München zurück, erwarb 1892 die bayeri-
sche Staatsbürgerschaft und bestand im selben Jahr den ersten Teil der Staatsprü-
fung für das höhere Lehramt. Anschließend lernte er im pädagogischen Praktikum
am Maximilians-Gymnasium den Rektor Wecklein kennen. Seine erste Anstellung
bekam Dr. phil August Heisenberg – inzwischen hatte er mit der Dissertation „Zur
Textgeschichte des Georgios Akropolites“ bei Krumbacher promoviert – 1893 als
Assistent am Gymnasium zu Landau in der damals noch bayerischen Rheinpfalz
zugewiesen. Schon im folgenden Jahr wurde er nach München ans Maximilians-
Gymnasium versetzt und blieb dort, nur unterbrochen durch den Militärdienst, den
er 1895–1896 in Osnabrück ableistete, bis zum Frühjahr 1897. Kurz bevor er dann
im folgenden April als wohlbestallter Studienlehrer an das Gymnasium in Lindau
ging, verlobte er sich mit der älteren Tochter Weckleins. Der vom seinem Nachfol-
ger an der Münchner Universität verfasste Nachruf vermerkte über die von August
Heisenberg selbst als glücklich bezeichnete Zeit am Bodensee: „Seine lebendige,
stets frohgelaunte und mitteilsame Natur fand am Unterrichten außerordentlichen
Gefallen, eine große pädagogische Begabung ließ ihm den Verkehr mit seinen
‚Buben‘ zur hellen Freude werden“, und: „Die Erinnerungen von ehemaligen
Gymnasialschülern beweisen, daß er es trotz strenger Anforderungen dennoch
1.1 Vorfahren von Werner Heisenberg und seine Kinderjahre 21

verstanden hat, ihre Herzen zu erobern“ (Dölger 1932, S. 26). Der vorgesetzte
Lindauer Rektor hatte dazu in der Beurteilung des jungen Lehrers vermerkt: „Die
Schüler behandelt er förmlich, duldet aber keine faulen Knaben in seiner Klasse.“4
Bereits nach einem Jahr wurde dieser Schuldienst unterbrochen, denn August Hei-
senberg erhielt das Bayerische Archäologische Staatsstipendium und verbrachte
damit den Herbst 1898 und den anschließenden Winter in Italien und sodann den
Frühling 1899 in Griechenland, um seine wissenschaftliche Ausbildung fortzuset-
zen. Rückblickend berichtete er dazu selbst:

„Mit größter Begeisterung widmete ich mich dem Studium der antiken und mittelalterli-
chen Kunst, durchsuchte außerdem aber die Bibliotheken der griechischen Handschriften
in Italien nach unbekannten Schätzen; in Griechenland lernte ich meist die Werke der by-
zantinischen Kunst kennen.“

Jedenfalls verließ er „Griechenland mit dem Entschluß, der Erforschung der


griechischen und neugriechischen Kultur fortan“ seine „ganze Kraft zu widmen“
(A. Heisenberg 1913, S. 158). Im April 1899 lief das Stipendium aus: Jedoch kehr-
te nun nicht mehr an die frühere Stelle in Lindau zurück, sondern wurde nach
seiner Heirat mit Anna Wecklein an das Luitpold-Gymnasium in München ver-
setzt. Der erste Sohn Erwin kam am 16. März 1900 in München zur Welt, und im
Herbst 1901 übersiedelte die Familie nach Würzburg. An der dortigen Universität
nahm auch August Heisenbergs akademische Laufbahn ihren Anfang.
„Seine Familienverhältnisse sind die glücklichsten“ – so steht es regelmäßig in
den Berichten der Vorgesetzten in Würzburg. Trotzdem brachten die neun Jahre,
die er dort arbeitete, für August Heisenberg und die Seinen viele Einschränkungen
und große Anstrengungen. Natürlich ermöglichte das regelmäßige Schuleinkom-
men der Familie ein angemessenes Leben – der amerikanische Biograf David
Cassidy schätzte es auf das Dreifache des höchsten Lohnes eines gelernten Arbei-
ters – und die Heisenbergs gehörten daher zur gehobenen Mittelklasse des Bürger-
tums (Cassidy 1995, S. 29). Sie bewohnten ein Haus in guter Lage nahe der Uni-
versität und beschäftigten ein Dienstmädchen. Aber wie sah das Familienleben des
königlichen Gymnasiallehrers wirklich aus? August Heisenberg gab zunächst
14 Wochenstunden in Latein, Deutsch und Geographie in überfüllten Unterklassen
mit 35 bis 40 Schülern, dann übernahm er den anspruchsvolleren Unterricht in der
allerdings weniger besetzten 6. Klasse der höheren Lehranstalt. Neben seinen
Schulpflichten beteiligte er sich an den politischen Aktivitäten des örtlichen Gym-
nasiallehrer-Vereins. Zusätzlich hielt er an der Universität drei zweistündige Vor-
lesungen pro Woche über mittelalterliches Griechisch, sein wissenschaftliches
Spezialfach.5 Selbst diese umfangreichen Aufgaben erschöpften die rastlose Tätig-

4
Siehe Cassidy 1995, S. 27. Ein ehemaliger Schüler bestätigte ebenfalls, dass August Heisen-
berg „unerbittliche Pflichterfüllung, schärfste Selbstkontrolle und peinliche Genauigkeit“ ver-
langte.
5
Von der Universität bekam der Privatdozent übrigens außer Kolleggeldern kein Gehalt.
Siehe Universitätsbogen des „Privatdozenten für mittelalterliche und neugriechische Philologie“
(Akten der Universität Würzburg).
22 1 Werner Heisenbergs Jugend

keit von Vater Heisenberg keineswegs, denn er verfasste noch 56 wissenschaftliche


Publikationen, um die Aussicht auf eine Universitätsprofessur aufrecht zu halten.
Der bereits zitierte Nachruf beschrieb diese „harte Zeit des Doppelberufs“ mit
folgenden Worten: „Nicht so sehr der Unterricht, dem er nach wie vor sich mit
Freude hingab, als vielmehr die bureaukratische Einengung der individuellen
Lehrbetätigung, vor allem aber das peinigende Gefühl, doch vielleicht nicht beiden
Aufgaben, dem Lehrberuf und der wissenschaftlichen Tätigkeit, trotz aufreibender
Nachtarbeit, in gleicher Weise gerecht werden zu können, bereiteten ihm auch
manche schwere Stunde.“ In diesen Würzburger Fronjahren, die sich zugleich als
die „fruchtbarsten und segensreichsten für seine wissenschaftliche Tätigkeit“ er-
wiesen, gaben ihm vor allem „das Familienglück“ und „der frohgesellige Verkehr
aller Fakultäten in der schönen Mainstadt“, dazu „seine glückliche, fröhliche Natur
die Kraft auszuharren“ (Dölger 1932, S. 26–27). Diese Zeugnisse verschwiegen
allerdings ein wesentliches Detail der Geschichte, nämlich die aufopfernde Mithil-
fe seiner Frau, die ihm nicht nur die vollständige Führung des Haushaltes abnahm,
sondern auch in seiner beruflichen Arbeit wesentlich unterstützte.
Der am 22. September 1871 in München geborenen Anna (meist „Annie“ ge-
nannt) Wecklein stand nach dem Besuch einer höheren Töchterschule in Bayern
und Deutschland noch keine Universität zum Studium offen. Die wesentlichen
Züge ihres Charakters fasste die Schwiegertochter später zusammen:

„In Heisenbergs Mutter mischte sich Intelligenz mit einem liebevollen, etwas kindlich ge-
bliebenen Herzen. Sie war wie so viele Frauen ihrer Generation unter dem autokratischen
Vater und dem stürmischen Temperament ihres Mannes nie zur Selbständigkeit gelangt.“
(E. Heisenberg 1980, S. 20)

Aber gerade mit ihrer Intelligenz half Annie dem überlasteten Mann entscheidend,
seine Aufgaben für die Schule und seine Wissenschaft zu bewältigen, denn es kam
noch wesentlich hinzu:

„Sie korrigierte als junge Ehefrau z. B. die Hausaufgaben der Studenten [des Gymnasi-
ums] ihres Mannes. Sie lernte Russisch, um ihrem Mann bei der russischen Korrespon-
denz und der Übersetzung russischer Quellen zu helfen. Auch sie schrieb Gedichte.“
(J. Heisenberg 2001, S. 13)

Das heißt, es war eigentlich Frau Anna, die dafür sorgte, dass August Heisen-
bergs Vorgesetzte auch mit der gründlichen und sorgfältigen Erledigung aller
seiner Schulpflichten zufrieden waren, und die es dem Ehemann zudem ermög-
lichte, dass ihm „der Verkehr mit den Schülern, der Unterricht selbst, in den nie-
deren wie oberen Klassen des Gymnasiums stets eine ungetrübte Quelle reinster
Befriedigung gewesen sind“ (A. Heisenberg 1913, S. 13). Sie schaffte somit die
Voraussetzungen dafür, dass der Gymnasiallehrer und Privatdozent seinen wissen-
schaftlichen Forschungen, abgeschirmt vom Familienlärm nachgehen konnte.
Zugleich bereitete sie „ihren beiden ‚Buben‘ eine glückliche Kindheit“. Insbeson-
dere Werner fühlte sich stets „eingebettet in eine wohlgegründete Familie“. Und er
„erinnerte sich an seine Mutter als an diejenige, unter deren Schutz, an deren Hand
1.1 Vorfahren von Werner Heisenberg und seine Kinderjahre 23

er die ersten Schritte in eine ihn faszinierende bunte Welt tun konnte, und war ihr
für immer in Fürsorge und Dankbarkeit verbunden“ (E. Heisenberg, l.c., S. 20). In
der Tat wandte sie gerade dem jüngeren Sohn, dessen Gesundheit sich als weniger
robust herausstellte als die seines Bruders, ihre besondere Fürsorge zu. Werner
galt daher als Annies Liebling, während August – für einen Familienvater alter
Tradition vielleicht nicht ganz ungewöhnlich – den erstgeborenen Erwin bevor-
zugte. Annie Heisenberg übertrug auch viel von ihrem liebenswürdigen Charakter
auf den Sohn, der andererseits von Vater August den erstaunlichen Schaffenseifer
und einen durch keine Schwierigkeiten zu trübenden „unverwüstlichen Optimis-
mus“ übernahm (Dölger 1932, S. 29).
Die Mitglieder der jungen Familie Heisenberg in Würzburg und ihre Besuche bei
den Verwandten in München und Osnabrück wurden in reichlich überlieferten
besonderen Dokumenten, nämlich in einer großen Zahl von Originalfotos festgehal-
ten.6 Die ersten waren 1899 aufgenommen worden und zeigten den stolzen Bräuti-
gam mit zeitgemäßem Schnurrbart und seiner Braut, sodann ihre Vorstellung in
Osnabrück bei den Eltern August Heisenbergs, und schließlich das angemessen
würdevolle Herabsteigen der beiden Neuvermählten von den Stufen der evangeli-
schen „Erlöserkirche“ in Schwabing. Bereits im nächsten Jahr durfte sich der Vater
wiederum stolz über das Wochenbett – aus Holz mit gedrechseltem Aufbau – der
Mutter mit dem ersten Sohn beugen. Aus vielen Aufnahmen der folgenden Zeit
blickten die noch kleinen Buben und ihre Eltern und Verwandten. Oft erkennt man
deutlich an zentraler Stelle den Großvater Wecklein. In einer Serie von Kinderport-
raits sieht man Erwin und Werner entweder einzeln – etwa aufgerichtet im Wagen
oder steif auf dem Holzpferd – oder zusammen – z. B. in trauter Umarmung, auch
nebeneinander im Garten oder unter dem Christbaum mit neuer Blecheisenbahn für
den Älteren und Bauklötzen für den Jüngeren (wohl 1904 oder 1905). Es fällt auf,
dass sich Erwin auf den gemeinsamen Fotos oft recht selbstbewusst, meist handelnd
in den Vordergrund drängte, während Werner neben ihm zurückstand oder etwas
ängstlich oben auf der Wippe saß. Dieses eher scheue Verhalten wurde von einer
Zeitzeugin bei Kinderfesten bestätigt: „Werner gehörte zu den ‚Kleinen‘ und konn-
te sich schwer gegen die Älteren durchsetzen. Er stand immer etwas schüchtern im
Hintergrund.“ 7 Die Besuche bei den Großeltern in Osnabrück wurden natürlich
auch auf der Fotoplatte festgehalten: 1905 und 1906 führten Erwin und Werner, die
übrigens frühzeitig allein mit der Bahn reisen durften, dem Großvater Heisenberg
ihre neuen Regenumhänge oder Lederhosen vor. In einer anderen Aufnahme stan-
den sie am Ende einer „Orgelpfeifenreihe“, die mit den Tanten begann, an die sich
der Größe nach Vettern und Basen reihten. Zahlreiche Fotos bekundeten auch die
Gewohnheit der Eltern und mütterlichen Großeltern, gesellige Aufenthalte im Frei-
en, in den Wäldern, an den Seen der Münchner Umgebung oder auf den Bergen der
Voralpen im bayerischen Oberland zu verbringen oder in der hügeligen, lieblichen
Landschaft am Main zu wandern. Vater Heisenberg zog eigentlich den gepflegten

6
Im Heisenberg-Nachlass (WHN) befindet sich eine Serie von Fotoplatten aus der Zeit zwischen
1899 und 1917. Besonders die Periode bis 1920 wird dadurch reich dokumentiert.
7
Brief von Erika Cremer an Elisabeth Heisenberg, 8. Februar 1976.
24 1 Werner Heisenbergs Jugend

Spaziergang im Sonntagsstaat entlang der Weingärten und Wälder um Würzburg


vor, bei dem es manchmal auch temperamentvoll zuging. Daran erinnerte sich
Werner noch vier Jahrzehnte später im Brief vom 2. Dezember 1944 an die Mutter:

„Ich denke oft an meine schöne Kindheit in Würzburg, an die Ausflüge in den Gutenber-
ger Wald; zuerst die Fahrt mit der Trambahn, die bei gutem Wetter ein rotes Fähnchen
hatte, dann der Weg unter den hohen Buchen und schließlich das Wirtshaus in Reichen-
berg, in dem es Limonade und gelegentlich Streuselkuchen gab. Wenn wir an anderen
Sonntagen auf der Frankenwarte waren, nahm uns der Papa beim Abstieg gelegentlich bei
der Hand und lief mit uns so schnell, das uns Hören und Sehen verging, und das war be-
sonders schön.“ (EB, S. 343)

Der Großvater Wecklein beeindruckte die Enkel auf andere Weise. Er machte
sie mit dem von ihm so geliebten bayerischen Oberland vertraut, ließ sie mit Sei-
len und Schistöcken hantieren oder vorsichtig auf Felsen klettern. Für das spätere
Leben lehrte er besonders den jüngeren Enkel, die freie Natur zu lieben und nach
angestrengter Arbeit Erholung an der frischen Luft und in landschaftlicher Schön-
heit zu suchen. So ist etwa in seinem Nachruf zu lesen:

„Schon in Bamberg zog er mit gleichgesinnten Freunden in die grünen Forsten des Stei-
gerwaldes hinaus bis zu seinem höchsten Punkt, dem aussichtsreichen Zabelstein oder
hinunter bis Kloster Ebrach, von Passau aus ging es nach allen Richtungen in den Bayeri-
schen Wald, aber das rechte Wanderleben begann erst in München. So arbeitsfreudig auch
Wecklein war, die Sonn- und Feiertage gehörten ausschließlich der Erholung. Die großen
Ferien aber waren ausschließlich weiteren Reisen vorbehalten.“ (Melber 1927, S. 99)

Der Enkel Werner trat früh in seine Fußstapfen. Bereits als Schüler und Student
ging er mit Freunden und Gleichgesinnten auf Wanderfahrten. Auch er genoss den
Aufenthalt in der Natur und ihre besonderen Schönheiten als notwendigen Aus-
gleich zu den ungeheuren monatelangen Mühen, die er auf die Lösung seiner
schwierigen wissenschaftlichen Probleme verwandte.

1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende


Abitur (Herbst 1907 bis Sommer 1920)

Als Werner in Herbst 1907 in die erste Volkschulklasse eintrat, schienen ihm
ruhige Jahre der Ausbildung seiner geistigen Fähigkeiten in der idyllischen unter-
fränkischen Heimat bevorzustehen. Aber das Schicksal meinte es anders mit ihm.
Am 12. Dezember 1909 starb in München im 54. Lebensjahr Karl Krumbacher. Er
war ordentlicher Professor für „mittel- und neugriechische Philologie“ an der
Universität München und hatte dort den ersten deutschen Lehrstuhl in „Byzanti-
nistik“ gegründet, wie das Fach später benannt wurde. Sein Schüler August Hei-
senberg erhielt bereits im Januar 1910 den Ruf zur Nachfolge, und im Juni bezog
auch die ganze Familie eine große Wohnung im dritten Stock des Hauses Hohen-
zollernstraße 110 im Münchner Vorort Schwabing. Die bayerische Residenzstadt
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 25

war für Professor Heisenbergs Ambitionen ein besonders geeigneter Ort. Hier
erreichte er sofort den Gipfel seiner wissenschaftlichen Laufbahn. So vermerkte er
in seiner Selbstbiographie: „Nirgendwo in Deutschland ist die Gelegenheit zu
Studien in der griechischen Paläographie so wundervoll geboten wie in München,
wo unsere Hof- und Staatsbibliothek ihre kostbaren Schätze griechischer Hand-
schriften birgt.“ (A. Heisenberg 1913, S. 160). Die genannten Schätze verdankte
diese Institution nicht zuletzt dem 100-jährigen Philhellenentum der bayerischen
Könige, besonders von Ludwig I. Dessen jüngerer Sohn Otto hatte 1833 als erster
König den Thron des vom türkischen Joch befreiten Griechenlands bestiegen.
Natürlich war Annie Heisenberg glücklich, in ihre Geburtsstadt und in die Nähe
ihrer Eltern und Bekannten zurückzukehren. Für ihre beiden Kinder wurde die
damals im geistigen Leben und den Künsten blühende Großstadt zu einer neuen,
an- und aufregenden Heimat. Werner Heisenberg schwärmte später immer von der
Anziehungskraft Münchens. Als er etwa von seinem ersten Besuch in Kopenhagen
dorthin zurückkam, schrieb er Niels Bohr:

„Von meiner Heimatstadt bin ich wieder vollständig begeistert: der dunkelblaue Himmel
und die Menschen, von denen sich keiner um den anderen kümmert und mit denen allen
man doch ungefähr auf ‚Du‘ steht, das gefällt mir schon sehr. Gestern hörte ich die Beet-
hovensche IX. Symphonie, so schön, wie man’s eben auch nur hier hören kann (nicht we-
gen der Qualität der Musiker, sondern der Zuhörer).“8

München hatte sich um die Jahrhundertwende in der Tat zu einer kulturellen


und wirtschaftlich bedeutenden Metropole nicht nur in Deutschland entwickelt.
Seine Bevölkerung war, auch durch die Eingemeindung einiger Vorstädte, auf
eine halbe Million Menschen angewachsen. Eigentlich wuchs um diese Zeit be-
sonders der Stadtteil nördlich der Universität und der Kunstakademie wegen der
Zuzugs von Akademikern und Künstlern und der Ansiedelung mancher industriel-
ler Betriebe am stärksten: das frühere „Dorf Schwabing“ wurde damals zum le-
bendigsten Mittelpunkt des neuen Münchner Lebens und seiner Kultur. Es gab
Straßenbahnen, von denen eine Linie sogar am Heisenberg’schen Haus in der
Hohenzollernstraße vorbeifuhr. Das Haus lag am Rande des Wohngebietes gegen-
über unbebauten Flächen und Feldern. Obwohl München an Bevölkerung den
Vergleich mit den kaiserlichen Hauptstädten Berlin und Wien keineswegs auf-
nehmen konnte und außerdem immer noch eng mit seinem bäuerlichen Umland
verbunden blieb, brachte der Ortswechsel für die Söhne von August und Annie
Heisenberg große Veränderungen. Nach dem Urteil von Werners späterer Frau
bedeutete der Wegzug aus Würzburg und das „Eingesperrtsein“ in das Münchner
Mietshaus für den Heranwachsenden zunächst einmal einen argen Verlust, denn
nun „fehlte ihm der strömende Fluß mit seinem Leben und seiner geheimnisvollen
Weite, es fehlten ihm die sanften grünen Hügel und der nahe Wald“ und auch „der
Luitpoldpark war nur eine karger Ersatz dafür.“ (E. Heisenberg 1980, S. 22.).9

8
Der zitierte Brief Heisenbergs an Bohr befindet sich in den Niels Bohr Archives, Kopenhagen
(NBA).
9
Siehe auch Cassidy 1995, S. 32.
26 1 Werner Heisenbergs Jugend

Werner wuchs damals in die Rolle eines Spielkameraden für Erwin, aber auch,
was normal war, in die eines Konkurrenten. So kam es zu Streitigkeiten, die sie
gelegentlich ganz handfest austrugen.

„Trotz seiner vorwiegend friedlichen Natur konnte er durchaus in Zorn, ja in Wut geraten,
und die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern nahmen dadurch manchmal sehr
heftige Formen an.“

Aber es war dann auch „charakteristisch für beide, dass sie eines Tages be-
schlossen, nachdem sie mit Stühlen aufeinander losgegangen waren und sich
recht empfindlich gegenseitig verletzt hatten, diese Art der Auseinandersetzung
einzustellen.“ Denn im Alter von ungefähr 13 und 14 Jahren „fanden es beide
sinnlos und dumm, ihre Streitereien auf diese Weise zu lösen“ (l.c., S. 20–21).
August Heisenberg unterstützte zwar die Konkurrenz zwischen seinen Buben, die
übrigens ein Zimmer teilten, lenkte sie aber in friedlichere Bahnen, indem er
beide zu intellektuellen Wettkämpfen anstachelte. Werner erinnerte sich später
besonders:

„Vater spielte alle möglichen Spiele mit uns. Und weil er ein guter Lehrer war, fand er,
daß die Spiele gut bei der Erziehung der Kinder eingesetzt werden konnten. So versuchte
er auch, wenn mein Bruder mathematische Probleme bei seinen Schulaufgaben hatte, die-
se Probleme in einer Art Spiel zu lösen und herauszufinden, wer am schnellsten war. Ir-
gendwann merkte ich, daß ich bei dieser Art von Mathematik ziemlich schnell zu Ergeb-
nissen kam, und von da an hatte ich ein besonderes Interesse an der Mathematik.“10

Die Beschäftigung mit der Mathematik gab dann dem jüngeren Bruder Heisenberg
zum ersten Mal ein überlegenes Gefühl gegenüber dem älteren Bruder und trug auf
diese Weise dazu bei, ihre bisher gegenseitigen Spannungen zu überwinden.
Außer in spielerisch-lehrhafte Tätigkeiten wurde Werner auch frühzeitig in die
musikalischen Aktivitäten der Familie einbezogen. Der Vater war nicht nur ein
Liebhaber Wagner’scher Musik, sondern besaß auch selbst eine schöne, fast für
die Oper reife Stimme. Beim Singen ließ er sich gern von Erwin auf der Geige und
von Werner auf dem Cello begleiten. Später wechselte Werner zum Klavierspiel
über und bekam in München Unterricht von dem bekannten Pianisten Peter Dor-
finger (Cassidy 1995, S. 41). Es ist zwar nicht ganz sicher, in welchem Alter die-
ser Unterricht begann, aber nach dem Bericht seiner Frau hatte Werner seine Kla-
vierkünste bereits mit 13 oder 14 Jahren soweit vervollkommnet, dass er „den
Zugang zur großen Musikliteratur erhielt“. „Da er mit großer Sicherheit vom Blatt
spielte, wurde er bald ein begehrter Kammermusiker, und Duos, Klaviertrios und
Klavierquartette eröffneten ihm ihren schieren Reichtum“ und er „erwog in diesen
Jahren des Öfteren, ob er nicht Musiker werden sollte.“ (E. Heisenberg 1980,
S. 23). In der Familie schloss sich nur die Mutter Heisenberg von den musikali-
schen Darbietungen der Familie aus, denn ihre Talente lagen eher auf literari-
schem Gebiet.
10
Heisenberg, Interview mit Thomas Kuhn, 30. November 1962 (AHQP), zitiert bei Cassidy
1995, S. 32.
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 27

Aus der frühen Schulzeit Werner Heisenbergs ist wenig überliefert. Einzig ein
Ereignis ist bekannt, das sein Verhalten festhielt, wenn man ihn ungerecht behan-
delte: „Als ihm einmal in seinem ersten Schuljahr ein Lehrer empfindlich mit
dem Stock auf die Finger schlug, so daß sie stark anschwollen, und dies aus ir-
gendeinem nichtigen Grund, schaute er diesen Lehrer nie mehr an und verweiger-
te ihm jede aktive Mitarbeit, was – wie man heute noch lesen kann – in den Kon-
ferenzakten der Würzburger Schule mit großer Besorgnis vermerkt worden ist.“
Er neigte auch später dazu, auf falsche Beschuldigungen eher „ sich in sich selbst,
in seine eigene Welt, in der er glücklich war, zurückzuziehen“ (E. Heisenberg
1980, S. 21). In München verbrachte er sein letztes Volksschuljahr an der Elisa-
bethenschule, die nahe der elterlichen Wohnung gelegen war. Im September 1911
trat er – wie sein Bruder im Jahr zuvor – in die erste Klasse des Maximilians-
Gymnasiums ein, das damals vorübergehend im Mittelflügel des Damenstiftes an
der Ludwigstraße in der Nähe der Universität untergebracht war. Ein Jahr später
bezog die weithin bekannte Schule, die damals immer noch Werners Großvater
Wecklein leitete, ein „eigenes Heim in dem stattlichen Neubau an der Morawitz-
kystraße“ in Schwabing. Der Umzug ermöglichte unter anderem endlich „eine
geordnete Aufstellung der umfangreichen Bibliotheken, der physikalischen Appa-
rate und der übrigen Lehrmittel“ zuließ. Die höhere Schule, die seit 1849 bestand,
war bis 1870 neben den Räumen des Ludwigs-Gymnasiums untergebracht, dann
zur Miete im Mittelbau des Damenstifts-Gebäudes. Max Planck besuchte das
Gymnasium übrigens vom Mai 1867 bis zum Abitur im Juli 1874.11 Im Schuljahr
1912/13 feierte die Anstalt am 3. März 1913 den Besuch des Prinzregenten Lud-
wig von Bayern. Der Jahresbericht vermerkte dazu nach der Besichtigung durch
den Landesherrn:
„Beim Weggang wurde Seine Königliche Hoheit in der Turnhalle von dem
Schüler W. Heisenberg (IIA) mit den Worten begrüßt:

Wir weihten jüngst bei frohem Feste


Die Schule ein mit Sang und Spruch,
Doch heute erst wird hier das Beste:
Ein Merkblatt für ihr Tagebuch!
Verklärt ist heut uns dies Gebäude.
Voll seltnen Eifers kamen wir
Wir Buben grüßen stolz voll Freude
Den allgeliebten Herrscher hier.
Dein Kommen, das wir fröhlich feiern
Klingt hell in unserm Herzen nach!
Wir lieben Dich als echte Bayern:
In Treue fest für Wittelsbach.“
(„Chronik“, l.c., S. 46)

11
Zitiert nach dem Abschnitt „Chronik“. In Jahresbericht über das K. Maximilians-Gymnasium
in München für das Schuljahr 1912/13, S. 43–48, bes. S. 43. Die höhere Schule, die seit 1849
bestand, war bis 1870 neben den Räumen des Ludwigs-Gymnasiums untergebracht, dann zur
Miete im Mittelbau des Damenstifts-Gebäudes. Max Planck besuchte das Gymnasium übrigens
vom Mai 1867 bis zum Abitur im Juli 1874.
28 1 Werner Heisenbergs Jugend

Das Gedicht darf freilich nicht als das Opus 1 des jungen Werner gezählt werden,
denn seine Mutter hatte es verfasst. Aber er selbst behielt stolz das Geschenk des
hohen Gastes in seinem Besitz, „ein Paar goldener Manschettenknöpfe, die mit
einer Krone und einem schwungvollen L gezeichnet waren“ (E. Heisenberg 1980,
S. 19).
Der junge Werner Heisenberg strengte sich im Gymnasium von Anfang an be-
sonders an – vielleicht zuerst in Konkurrenz mit seinem älteren Bruder –, um gute
Leistungen zu erzielen.12 Bereits im Zeugnis der Klasse IA wurde er so beurteilt:

„Er hat einen Blick für das Wesentliche, belastet und zersplittert sich nie in Einzelheiten.
Die Denkoperationen vollziehen sich namentlich bei grammatikalischen und rechneri-
schen Fragen rasch und meist ohne Irrtum. Spontaner Fleiß, großes Interesse, das der Sa-
che auf den Grund geht und Ehrgeiz.“

Das folgende Zeugnis bestärkte noch diesen Eindruck: „Er hat seine treffli-
chen Leistungen mit spielerischer Leichtigkeit erzielt; sie haben ihm keine Kraft-
anstrengungen gekostet.“ Und es vermerkte auch: „Der Schüler ist auch ordent-
lich selbstbewußt und möchte immer glänzen.“ Besonders aber tat er in einem
Fach hervor, das eigentlich erst viel später – nämlich in der Klasse VII A, also
im Schuljahr 1917/18 – auf den Lehrplan kam. Bereits das Zeugnis der 3. Klasse
erwähnte nämlich „beachtenswerte physikalische Kenntnisse“ und fügte hinzu:
„Er zeigt in der Wiedergabe dieser Kenntnisse eine erstaunliche Sicherheit.“13 Es
steht zwar nicht fest, wann genau bei ihm das Interesse für die Physik erwachte,
aber man darf vermuten, dass es „von dem Wunsche wachgerufen wurde, mit
kleinen Maschinen umzugehen und sie selbst zu bauen.“ Das hatte er nach eige-
ner Erinnerung „ in den ersten 5 Jahren [seiner] Schulzeit mit großem Eifer be-
trieben.“14 Das Gymnasium unterstützte solches Interesse zuerst durch den ma-
thematischen Unterricht, namentlich die Geometrie, die hier ab der fünften
Klasse – also dem Schuljahr 1916/17 – gelehrt wurde. Damals verwandelte sich
bei Werner die Spielerei mit Maschinen in eine wissenschaftliche Neugier. Zwar
erschienen dem 15-Jährigen die Anfangsgründe der Geometrie zunächst ein
„reichlich trockener Stoff“ zu sein, denn „Dreiecke und Vierecke regen die Phan-
tasie weniger an als Blumen und Gedichte“, wie er sich Jahrzehnte später erin-
nerte. Weiter heißt es:

„Aber dann tauchte auf einmal aus den Worten unseres ausgezeichneten Mathematiklehrers
Wolff der Gedanke auf, daß man über diese Gebilde allgemeingültige Sätze aufstellen
könnte, daß man bestimmte Ergebnisse nicht nur an Figuren erkennen und ablesen, sondern
auch mathematisch beweisen könne. Diesen Gedanken, daß die Mathematik in irgendeiner
Weise zu den Gebilden unserer Erfahrung paßt, empfand ich als außerordentlich merkwür-
dig. Ich probierte, zunächst angeregt durch die Stunden von Herrn Wolff, die Verwendung

12
Im Gegensatz zu Erwin, der die B-Klassen durchlief, saß Werner stets in den A-Klassen für
besonders intelligente Schüler.
13
Zeugnisprotokolle Klassen II A und III A, wiedergegeben in Hermann 1976, S. 9.
14
W. Heisenberg: Rede zur 100-Jahrfeier des Maximiliansgymnasiums am 13.7.1949. Wieder-
gegeben in HGW CV, S. 395–408, bes. S. 398.
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 29

der Mathematik selbst aus, und ich empfand dieses Spiel zwischen Mathematik und unmit-
telbarer Anschauung als mindestens ebenso amüsant wie die meisten anderen Spiele. Später
genügte mir das Feld der Geometrie nicht mehr als Bereich für das mathematische Spiel, an
dem ich so viel Freude hatte. Ich erfuhr durch irgendwelche Bücher, daß man in der Physik
auch dem Verhalten meiner zusammengebastelten Apparate mit Mathematik nachgehen
könnte, und ich fing nun an, aus Göschen-Bändchen und ähnlichen etwas primitiven Lehr-
büchern die Mathematik zu lernen, die man zur Beschreibung der physikalischen Gesetze
braucht, also vor allem Differential- und Integralrechnung.“ (HGW CV, S. 399–400)

Im Gegensatz zur Geometrie stand nämlich letzteres Gebiet nicht auf dem
Lehrplan des Maximilians-Gymnasiums. Mathematik wurde aber das besondere
Lieblingsfach des Gymnasiasten Heisenberg, und mit ihr verbinden sich weitere
prägende Ereignisse, die ihm im Gedächtnis haften blieben. So bat er, als er etwa
15 Jahre alt war, den Vater darum, mathematische Literatur aus der Universitäts-
bibliothek zu besorgen. August Heisenberg erschien es am besten, das Studium
der Mathematik mit einem weiteren nützlichen Zweck zu verbinden, und daher
entlieh er die in lateinischer Sprache verfasste Doktorarbeit des berühmten
Mathematikers Leopold Kronecker für den Sohn. Obwohl Werner deren Inhalt
nicht voll begriff, veranlasste das Werk ihn, eingehender die Zahlentheorie zu
studieren. Ja er schrieb sogar eine kleine Abhandlung darüber, die er zur Veröf-
fentlichung bei einer Zeitschrift – allerdings ohne Erfolg – einreichte.15 Die andere
mathematische Episode aus der Schulzeit geht auf dieselbe Zeit zurück, als er eine
Freundin der Familie, die ihren Doktor der Chemie machen wollte, auf die dazu
erforderliche mathematische Prüfung vorbereitete (siehe E. Heisenberg 1980,
S. 23). Im Gegensatz zur Physik, die am Maximilians-Gymnasium erst in den
beiden Oberklassen gelehrt wurde, gehörte jedenfalls die Mathematik von Anfang
an zu den Hauptfächern. Ihre vier Wochenstunden in den ersten drei Jahren wur-
den zunächst nur von den acht Wochenstunden im Lateinischen übertroffen; vom
4. Jahr an kamen im sprachlichen Bereich noch sechs Wochenstunden Griechisch
hinzu (siehe Cassidy 1995, S. 47–5116).
Als Werner 13 Jahre alt war, bauten die Heisenbergbrüder „ein großes Kriegs-
schiff, ¾ m lang, mit kleinen selbstgebauten Kanonen, die wirklich schießen konn-
ten, für die damalige Zeit ein kleines Wunderwerk der Technik“ (E. Heisenberg
1980, S. 23). Damals begann auch ein neuer Abschnitt in ihrem Leben, ein wirkli-
cher Einschnitt, nach dem sich die äußeren Bedingungen für die innere Entwick-
lung der beiden Heranwachsenden entscheidend verändern sollten. Veranlasst
durch die Ermordung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner
Frau in Sarajewo erklärte die Österreich-Ungarische Doppelmonarchie zunächst
Serbien den Krieg, und das Deutsche Reich trat auf seine Seite, während Serbien

15
L. Kronecker: De unitatibus complexis. Dissertation. Berlin 1845. Siehe dazu Mehra-Rechen-
berg 2, S. 7. Siehe auch W. Heisenberg: Schulheft mit mathematischen Übungen und Formeln im
Heisenberg-Nachlass. Auf den ersten Seiten dieses Schulheftes befindet sich eine grafische
Darstellung der so genannten Pell’schen Gleichung, die mit der berühmten, letzten Fermat’schen
Vermutung zusammenhängt. (Vergleiche auch die Ausführungen in Cassidy 1995, S. 64–66.)
16
Im Anhang B, S. 673–678, gibt Cassidy 1995 eine Zusammenstellung der benützten Bücher
und Literatur in Heisenbergs Gymnasialklassen.
30 1 Werner Heisenbergs Jugend

von der „Entente“ aus Russland, Frankreich und Großbritannien unterstützt wurde.
Noch 50 Jahre später erinnerte sich Werner Heisenberg deutlich, wie die Ereignis-
se nach dem 31. Juli 1914, als der Krieg begann, auf ihn wirkten:

„Als mein Vater mit der Nachricht von der Kriegserklärung in unser Zimmer trat, schloß
ich aus den Mienen meiner Eltern, daß ein Unglück allerschlimmster Art eingetreten sei,
das nicht nur uns, sondern alle Menschen betreffe. Die allgemeine Mobilmachung hatte
dann die unmittelbare Folge, daß wir sofort mit den Eltern von München nach Osnabrück
reisen mußten, wo mein Vater als Hauptmann der Reserve eine Landsturmkompanie sei-
nes alten Regiments 78 übernehmen sollte. Die Vorgänge auf den Bahnhöfen, durch die
unser Zug geführt wurde, gaben mir den Eindruck, als sei die Welt von Grund auf in einer
mir noch völlig unbegreiflichen Weise verändert. Die langen Reihen der Güterwagen, in
die die Soldaten verladen wurden, glichen bei der Ausfahrt oft mehr einem Blumenkorso
als einem Militärtransport, sie hallten wider vom Gesang der jungen Soldaten. Überall
standen die abschiednehmenden Paare; Begeisterung und Verzweiflung waren kaum mehr
zu unterscheiden, und der ganze Bahnhof war erfüllt von Rufen, Winken, Weinen der
Mädchen und Frauen. Noch aus dem letzten abfahrenden Wagen tönte es ‚In der Heimat,
in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehen‘. In Osnabrück bestand eine der ersten Aufgaben
meines Vaters als Kompanieführer darin, daß er auf Anordnung des Regimentskomman-
deurs einen Soldaten mit geladenem Gewehr auf das Dach der alten Klosterkaserne setzte.
Der Soldat hatte den Auftrag, eventuell anrückende feindliche Flugzeuge abzuschießen.
Ich habe den Mann selbst gesehen.“17

Im ersten Eifer für die gerechte Sache des Vaterlandes meldete sich August
Heisenberg an die Front und wurde zunächst im Oktober 1914 mit seiner Kompa-
nie in das besetzte Belgien geschickt, um eine Eisenbahnstrecke bei Mons zu si-
chern. Am Heiligabend kam er an die vorderste Kampflinie, in die Schützengräben
des Argonner Waldes bei Servon in Frankreich. Er hielt mit „Mühe, Not und
Elend“ aber nur bis zum April 1915 aus, dann wurde seine „Sehnsucht nach fried-
licher Tätigkeit wieder sehr lebhaft“. Er ließ sich nach München zum Garnisons-
dienst versetzen und nahm im Mai seine akademischen Pflichten an der Universi-
tät wieder auf. Fortan betätigte sich der 47-jährige Hausvater und Professor nur
mehr mit der Feder am Krieg.18 Dieser endete keineswegs, wie man zunächst in
Berlin und Wien erwartet hatte, mit einem schnellen Sieg. Trotz der vorsorglichen
Besetzung des ursprünglich neutralen Nachbarlandes Belgien, mit der die deut-
schen Armeen den französischen Festungsgürtel, die so genannte „Maginotlinie“,
zu umgehen suchten, und trotz der erfolgreichen Abwehr der an Zahl überlegenen
russischen Truppen in Ostpreußen in den „Tannenberg-Schlachten“ kam es bald
17
W. Heisenberg, Erinnerungen an den 31. Juli 1914. Es war einmal. Epoca 2, 2. Juli 1964,
S. 31, wieder abgedruckt HGW CIV, S. 21.
18
Vgl. Cassidy 1995, S. 47–51, bes. S. 50–51. Den vom Autor hervorgehobenen Patriotismus
August Heisenbergs sollte man nicht überbewerten. Natürlich wollte der Professor etwa das
geliebte Griechenland eher auf der Seite seines Vaterlandes sehen als auf der der Kriegsgegner.
Und er hoffte auch, dass ein deutscher Sieg bei der Neuordnung der Verhältnisse auf dem Balkan
und in der verbündeten Türkei (an deren Jonischen Westufer viele Griechen siedelten) mehr helfen
würde als ein Sieg der Entente. Siehe dazu den Artikel von A. Heisenberg: Griechenland und die
Mittelmeerfrage. Der Panther. Monatsschrift für Politik und Volkstum 5, 349–356 (1917). Des-
wegen muss man freilich den Münchner Professor nicht unbedingt als „glühenden Patrioten“
bezeichnen.
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 31

zu einem verlustreichen Stellungskrieg an der Westfront, dem die Stadt Verdun


den Namen verlieh. Und der wiederum entwickelte in eine äußerst mörderische
Wirklichkeit, die auch die Familie Heisenberg nicht verschonte und vor allem
auch Werner schmerzlich berührte, denn:

„Sein geliebter Vetter aus Osnabrück, sein bester Freund und Spielkamerad, nur um we-
niges älter als er selbst, hatte sich mit eben dieser großen Begeisterung als Kriegsfreiwil-
liger an die Front gemeldet, und kurze Zeit später hielt die Familie seine Todesnachricht
in den Händen. Und dessen älterer Bruder – auch er gehörte zu den engsten Freunden sei-
ner Kindheit –, der eingezogen und mit Blumen geschmückt ausgezogen war, kehrte in
seinem ersten Urlaub nach Hause zurück als völlig veränderter Mensch. Sein fröhliches
Wesen war von gräßlichen Bildern verdüstert.“ (E. Heisenberg 1980, S. 24–25)

Der Krieg machte auch vor Lehrern und Schülern des Maximilians-Gymna-
siums nicht Halt, wie der Jahresbericht 1915/16 sehr detailliert beschrieb: „Von
den Schülern der Anstalt stehen zur Zeit 44 unter den Fahnen und zwar 31 von der
Oberklasse, 10 von der 8. Klasse, 1 von der 7. und 2 von der 6. Klasse.“ Schon
waren drei Gymnasiasten an der Front gefallen oder ihren Verwundungen erlegen.
Dazu standen zwei Lehrer im Felde, und drei waren zum Garnisonsdienst abkom-
mandiert. Nur „Studienrat und Hauptmann Wolff, der ab 16. November 1914 als
Adjutant beim Ersatzbataillon 15. Res.-Inf. Regts. in Neu-Ulm Dienst gemacht
hatte, trat nach Neujahr 1916 aus dem Heeresdienst wieder ins Lehramt zurück“.
Außerdem waren die Räume des Gymnasiums bald als Lazarett besetzt worden, so
dass der Unterricht „bei Beginn des zweiten Kriegsschuljahres wieder im K. Lud-
wigsgymnasium“ aufgenommen werden musste, und zwar fast in seinem ganzen
durch die Schulordnung vorgeschriebenen Umfang, „allerdings wie im Vorjahr
unter Kürzung der Vormittagsstunden auf 45 und der Nachmittagsstunden auf
40 Minuten“.19 Für denselben Jahresbericht verfasste außerdem der Gymnasialpro-
fessor Dr. Ernst Kemmer, der auch für den so genannten „Wehrkraftverein“ an der
Schule verantwortlich zeichnete, einen Artikel mit dem Titel „Schule und militäri-
sche Jugenderziehung“. Darin erläuterte er die Bedeutung dieser „Rekrutenvor-
schule“, ihren Zweck und Inhalt folgendermaßen:

„Der Jugenderziehung kommt es zu, solche Aufgaben der späteren Ausbildung vorweg-
zunehmen, die nicht ausgesprochen militärisch sind, sondern dem praktischen Leben all-
gemein dienen, zudem auch einer jahrelangen Pflege bedürfen. Das sind vornehmlich Ge-
ländekenntnis und Geländebenutzung, Erkundungs- und Meldewesen und praktische
Handfertigkeiten des Pionierdienstes. Exerzierdrill und Ausbildung mit der Waffe ist im
Interesse der Jugend und des Heeres der späteren Dienstzeit vorbehalten.“ (l.c., S. 37)20

19
Zitate aus dem ungezeichneten Artikel: Krieg und Schule. In Jahresbericht über das K.-Maxi-
milians-Gymnasium in München für das Schuljahr 1915/16, S. 32–33. Siehe auch Cassidy 1995,
S. 51: Der Autor hält hier fest, dass vor allem der Unterricht in den Wahlfächern wie Musik,
Kunst und Sprachen im Krieg gekürzt wurde und das Physiklaboratorium den Betrieb einstellte.
20
An jeder höheren Schule im Deutschen Reich waren während des Krieges Gruppen des 1910
gegründeten Wehrkraftvereins eingerichtet worden. Man wird allerdings die hier geschilderte
Aufgabenstellung, die von der entsprechenden Institution in Preußen übernommen wurde, kaum
mit einer eigentlichen paramilitärischen Ausbildung, wie sie etwa noch heute an vielen amerika-
32 1 Werner Heisenbergs Jugend

Schließlich hielt der Autor noch fest, dass im Berichtsjahr „an den Übungen
des vom Wehrkraftverein aufgestellten Jungsturmregimentes 30 Schüler“ des
Maximilians-Gymnasiums teilnahmen sowie weitere 18 anderen Jugendkompa-
nien und ähnlichen Formationen angehörten (l.c, S. 35). Obwohl die Übungen der
Gymnasiasten durchaus die kriegsbedingten Einschränkungen seines Schulunter-
richts vermehrten, ist Heisenberg am 31. März 1915 in den Wehrkraftverein ein-
getreten. Er hat am 9. Januar 1916 auch die „Prinzregent-Luitpold-Medaille“ er-
halten – keine besondere Auszeichnung, die meisten haben sie bekommen – und
wurde am 1. September 1918 Gruppenführer.21
Die kriegsbedingten Einschränkungen erfassten freilich bald in noch größerem
Maße die gesamte deutsche Bevölkerung. Namentlich verursachte große Schwie-
rigkeiten in der Versorgung mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln die Blockade
durch die westlichen Mächte der Entente, deren Übergewicht vor allem durch die
im April 1917 an ihre Seite tretenden Vereinigten Staaten von Amerika gesteigert
wurde. Bereits im Sommer 1916 waren im Deutschen Reich Lebensmittelkarten
ausgegeben worden – in Bayern ab August für die Produkte Milch, Fleisch und
Zucker –, wobei die Münchener Gymnasiasten bei ihrer Verteilung an die Bevöl-
kerung geholfen hatten. Der frühe Frosteinbruch im Herbst vernichtete zudem den
größten Teil der Kartoffelernte und verursachte den schlimmen „Kohlrübenwin-
ter“ 1916/17. Da auch die Kohlevorräte ausgingen, hungerten und froren die Ein-
wohner der Großstadt München und die Familie von Professor Heisenberg litt mit.
Seit August 1916 lag das militärische Oberkommando in den Händen Heerführers
Feldmarschall Paul von Hindenburg und seines Generalquartiermeisters Erich
Ludendorff. Neben der Wirtschaft koordinierte die Oberste Heeresleitung nun
auch die Nahrungsmittelproduktion verpflichtete zu Beginn des Jahres 1917 die
Männer zwischen 17 und 60 Jahren, die keinen Militärdienst leisteten, zum „Va-
terländischen Hilfsdienst“ in Landwirtschaft und Industrie.
Erwin Heisenberg trat im April 1917 mit 31 Schülern des Maximilians-Gym-
nasiums die Arbeit auf den Bauernhöfen der Münchner Umgebung an. Anderer-
seits leitete Dr. Kemmer in München den Einsatz von Schülern aus Heisenbergs
Klasse während der Schulferien in städtischen Gärtnereien. Im Jahr 1918 – Erwin
war unterdessen als Freiwilliger zum Militärdienst eingerückt – leistete dann Wer-
ner selbst Erntehilfsdienst, und das keineswegs nur aus rein vaterländischem
Pflichtbewusstsein. Seine öfter schwache gesundheitliche Konstitution – schon im
Alter von fünf Jahren wäre er fast an einer Lungenentzündung gestorben – hatte
sich durch die kriegsbedingte Unterernährung verschlechtert. Den Eltern gelang es
nicht mehr, zusätzliche Nahrungsmittel von Bauern zu besorgen. Der Sohn musste

nischen Universitäten üblich ist, vergleichen können. Freilich ist anzumerken, dass die Ausbilder
des Wehrkraftvereins unter der Oberaufsicht des Bezirkskommandanten des Heeres standen, und
die Teilnehmer mit Heeresstiefeln und Jacken ausgerüstet wurden (die Heisenberg übrigens aus
rein praktischen Gründen noch lange in Gebrauch hielt).
21
Private Mitteilung von H. Becker sowie Eintrag „Zug B 18“ vom 11.12.1919 (Bayerisches
Staatsarchiv, Kriegsarchiv München). Der Bruder Erwin hatte sich wohl bereits ein Jahr früher
zum Wehrkraftverein gemeldet. Auf Fotografien des Zuges aus den Jahren 1915 oder 1916 sind
beide gut zu erkennen.
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 33

bereits deswegen auf das Land geschickt werden, um gesund überleben zu können.
Von Anfang Mai bis zum 5. September 1918 arbeitete er mit einer Gruppe gleich-
altriger Jungen auf der Viehhaltungsschule am Großtalerhof bei Miesbach in
Oberbayern. Hier setzte ein reger Briefwechsel mit den Eltern ein, in dem er aus-
führlich und lebendig die Erlebnisse in diesem Dienst mitteilte. Er berichtete erst-
mals am 4. Mai nach Hause:

„Liebe Mama! Nun will ich einmal den Versuch machen, einen ausführlichen Brief an
Dich zu schreiben. Also fange ich der Reihenfolge gemäß am Donnerstag Abend an. Es
war den Feiertag über am Großtalerhof gearbeitet worden, und so war nicht mehr viel
‚los‘! Am Freitag halfen wir alle zusammen, auch bei den ‚Großtalern‘ die Heuernte he-
reinzubringen. Es wurden 6 Fuder eingefahren, samstags noch 2, und Samstag bis nach-
mittags 3h alle 8 Fuder abgeleert. Dann war Feierabend und wir konnten uns mit Ruhe
den Vorbereitungen fürs Theater widmen. Die Hauptprobe am Sonntag früh verlief zwar
miserabel, dafür die Aufführung umso besser. Die Menge der Zuschauer, die den ganzen
Raum anfüllte, hatte sofort begriffen, worum es sich handelte und kam kaum aus dem La-
chen heraus. Die Stimmung war jedenfalls glänzend und blieb es den ganzen Abend, an
dem auf das Theater noch eine großartige Kaffeegesellschaft (Kuchen von Frau Inspektor)
und Tanz u.s.w. folgten. Am Montag hatten wir wieder bloß Arbeit von 8 Uhr bis 4 Uhr
und am Dienstag folgte ein großer Ausflug auf den Wallberg (zu 16). Abmarsch per Rad
um 7 Uhr. Butter und Topfen und Marmelade, sowie jeder ½ Pfund Brot wurden uns ‚zu-
gewiesen‘, dazu erhielten wir teils in Rottach, teils oben auf dem Wallberghaus, in der
Früh Frühstück, nachmittags Kaffee und (oben) ein glänzendes Mittagessen (Schmarrn
mit Zucker und Marmelade). Die Aussicht war zwar nicht sehr weit, aber doch großartig.
Seitdem wird bei uns wie wild Grummet geheut.“ (EB, S. 16–17)

Das Leben auf dem Bauernhof bekam dem „Großstadtkind“ Werner sehr gut,
zumal er zur Aufmunterung einmal väterlichen Besuch erhielt und auch gelegent-
lich Heimurlaub nach München herausschlagen konnte. Die Arbeiten wechselten
ab; z. B. sägte er am 15. Mai den ganzen Tag Holz („ein Stumpfsinn, der über alle
Begriffe ginge, wären nicht noch wenigstens Kameraden dabei gewesen“). Das
Essen blieb „nach wie vor ausgezeichnet, heute Mittag Schmarrn mit Marmelade,
zuerst Gemüsesuppe, heute Abend Milchsuppe mit Bratkartoffeln“. Er schlief gut,
nachdem er aus München seine Decke bekommen hatte. Wenn ihm die Arbeit
langweilig vorkam, betrieb er wieder Mathematik oder spielte Schach in der freien
Zeit – das hatte er zu Hause vom Vater gelernt. Nur eine gewohnte Tätigkeit fehlte
ihm, wie er nach Hause schrieb:

„Zur Musik bin ich überhaupt noch nicht gelangt. Denn das Klavier, von dem ich sprach,
steht im Verbandshof, wir sind 5 Minuten weg auf dem Großtalerhof. Daher kommen wir
abends nie hinüber.“ (l.c., S. 17–18)

Im Juni berichtete er dann von einer neuen Arbeitszeit, nämlich ab 6 Uhr mor-
gens, mit Unterbrechungen durch zwei Brotzeiten um 9 Uhr und um 3 Uhr nach-
mittags, und dem Morgenkaffee in der Früh um ½ 6 Uhr. Wegen der vielen
Mehlspeisen, die er bekam, musste er nun seine Brotmarken abliefern. Die Mutter
bat er: „Falls Du Wäsche oder sonst etwas schicken solltest, schicke bitte Seife
34 1 Werner Heisenbergs Jugend

und als Schulbücher Vergil (Aeneis), Cicero (De senectute), Homer (Odyssee),
Lucian und für die französische Lektüre Rapports mit.“ Freilich war er „bis jetzt
noch zu keinem Studium gekommen.“ (11. Juni, l.c., S. 18). Knapp zwei Wochen
später beschwerte sich Werner wieder über das langweilige Holzhacken und Zu-
sammenschaufeln von Erdhaufen, lobte aber trotz der „merkwürdigen Zusam-
menstellung“ das Essen: mittags bekamen sie Pfannkuchen mit Sauerkraut,
abends Kartoffeln, Butter, Käse, danach Milch. Weiterhin bemerkte er: „Aber
jetzt gibt es Schwierigkeiten mit den Brotmarken und außerdem haben wir immer
noch keine Stiefel“, und schließlich: „Für Schulsachen und anderes, wie lesen
u.s.w. sind wir meistens zu müde.“ (22. Juni, l.c., S. 19). Anfang Juli regnete es
viel, so dass die Heuernte aufgeschoben werden musste. Werner bekam die „Spa-
nische Krankheit“, wohl eine Grippe, und er konnte im Bett ausruhen und etwa
den nächsten Zug in seiner Schachpartie mit Bruder Erwin ausdenken (11. Juli,
l.c., S. 20). Dann kamen Wochen mit „fürchterlicher Arbeit“, die aber auch die
Möglichkeit boten, auf dem Verbandshof Klavier zu spielen. „Mir folgten Ober-
amtsrichters und, als noch zwei von den Unseren hinüberkamen, wurde gesungen,
der Herr Inspektor tanzte, wir bekamen Bier und so war der Abend noch lustig“
schrieb Werner und bat zugleich um seine Noten „Sang und Klang aus dem
19. Jahrhundert“ und um „den Liszt“.(24. Juli, l.c., S. 21–22) Drei Tage später,
bei einem Besuch im 20 km entfernten Rosenheim, aß er im Gasthaus „König
Otto von Griechenland“ Kalbfleisch ohne Fleischmarken, aber für 2,30 Mark. Er
wusste zwar nicht, wie er anschließend nach Miesbach „heimkommen“ sollte,
aber hoffte dort auf jeden Fall Noten und einen Brief der Mutter vorzufinden. Am
nächsten Morgen wollte er, „falls nicht ein Gegenbefehl“ der Mutter kam (der ihn
am Wochenende nach München bestellte), die befreundete Familie Marwede im
nahen Kreuth besuchen (27. Juli, l.c., S. 22). Nur von den Erlebnissen im August
sind keine Briefe an die Eltern erhalten.
Anfang September 1918 kehrte Werner Heisenberg, recht wohlgenährt und ge-
sünder denn je zuvor vom Hilfsdienst auf dem Lande in die Stadt zurück, um unter
den gewohnten Einschränkungen ein neues Schuljahr am Gymnasium zu beginnen.
Freilich wurde der Krieg kurz darauf mit der vollständigen Kapitulation der Deut-
schen Wehrmacht im Waffenstillstand am 11. November 1918 beendet. Bereits
zwei Tage zuvor, am 9. November, verkündete in Berlin Reichskanzler Prinz Max
von Baden die Abdankung Kaiser Wilhelms II und übergab die Regierungsge-
schäfte an den gemäßigten Mehrheitssozialisten Friedrich Ebert. Im Januar 1919
schlugen die Reichswehr und Freiwilligenverbände in der Reichshauptstadt den
Aufstand der politisch ultralinken „Spartakisten“ nieder. Gleichzeitig trat die ge-
wählte Nationalversammlung in Weimar zusammen, um die neue republikanische
Verfassung des Deutschen Reiches auszuarbeiten. Noch wesentlich schlimmer als
in Berlin ging es zur selben Zeit in der Bayerischen Landeshauptstadt München zu.
Hier hatte zunächst am vergangenen 8. November, nach revolutionären Aktionen
von „Soldaten- und Arbeiterräten“, der Führer der bayerischen „Unabhängigen
Sozialisten“, Kurt Eisner, das Ende der Monarchie ausgerufen. König Ludwig III –
der frühere Prinzregent Ludwig, den der Schüler Heisenberg 1913 mit dem Gedicht
begrüßt hatte – floh umgehend über die österreichische Grenze. Aber die
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 35

schwersten politischen Wirren begannen erst zwei Monate später. Bei den Wahlen
vom 12. Januar 1919 erlitt nämlich Eisners Partei eine vernichtende Niederlage
und am 21. Februar wurde ihr Führer auf dem Wege, um seinen Rücktritt als Re-
gierungschef einzureichen, erschossen. Die neue sozialdemokratische Regierung
Bayerns musste sich darauf nach Bamberg zurückziehen, während die aufgebrach-
te Linke am 7. April in München eine „Räterepublik“ nach russischem Vorbild
einrichtete. Der „Rote Terror“ steigerte sich; angesehene Bürger und Mitglieder
adeliger Familien wurden arretiert – der entflohene Mörder Eisners war Anton Graf
von Arco auf Valley–, als die Reichswehr, zusammen mit dem verbündeten Frei-
korps des Ritters Franz von Epp, München einschloss. Am 30. April ermordeten
die „Roten“ zehn ihrer Geiseln im Keller des Luitpold-Gymnasiums, am 1. und
2. Mai eroberten die Truppen der „Weißen“ von Norden her nach blutigen Stra-
ßenkämpfen die Stadt, wobei sie eine Untergrundbewegung aus Bürgerwehren und
Schülereinheiten unterstützte. Dann begann umgekehrt der „Weiße Terror“, dem
mehr als 1000 Menschen zum Opfer fielen. Darunter waren auch, bis auf den Dich-
ter Ernst Toller, alle Anführer der Räterepublik. Diese Situation endete erst, nach-
dem am 8. Mai 1919 betrunkene Freikorpssoldaten 21 katholische Handwerksge-
sellen umgebracht hatten, die sie für linke revolutionäre Gegner hielten.22
Werner Heisenberg erinnerte sich noch 43 Jahre später an ein charakteristisches
Erlebnis aus der Belagerungszeit, das er am 22. Januar 1962 seinen Jugendfreun-
den nach deren späteren Bericht wie folgt erzählte:

„Er war nächtlicher Weile genau über die Stelle geschlichen, wo sich jetzt sein Institut er-
hebt, zusammen mit seinem Bruder und Kurt Pflügel. München war damals schon von
den ‚Weißen‘ umzingelt, innen hielten sich noch die ‚Roten‘, die Bevölkerung hungerte.
Mama Heisenberg hatte als Nahrungsmittelquelle einen Bauern in Garching, der auch aus
dem Wildbestand der Isarauen Nutzen zu ziehen wußte. Zu ihm schickte sie die Drei-
mannpatrouille, der es auch gelang, die Linien der Roten am Bahndamm beim Dorf Frei-
mann zu durchbrechen. Die ‚Weißen‘ wollten sie aber nicht zurücklassen, da sie von den
Roten nach militärisch wichtigen Angaben hätten ausgefragt werden können. Aber die
Jungen wären nicht Pfadfinder genug gewesen, wenn sie nicht doch zurückgekommen
wären! Gegen die Isar zu, im altbekannten Spielgelände, krochen sie durch beide Linien
und kamen dann vom Aumeister her auf die große Wiese, die sich damals vom Bahn-
damm bis zum Nordfriedhof ausdehnte. Die Kundschaft war nicht umsonst gewesen:
Mehl, Eier, Butter und einen Rehschlegel konnten sie den erfreuten Familien abliefern.“23

Wie die Heisenbergbrüder gehörte der befreundete Kurt Pflügel, der das Ma-
ximilians-Gymnasium zwei Klassen unter der Werners besuchte, zum Wehrkraft-
verein.24 Kurts Vater, ein ehemaliger Major, zog in den letzten Tagen der Räte-

22
Zur Revolution besonders in Bayern siehe z. B. Hubensteiner: Bayerische Geschichte, 4. Aufl.,
Richard Pflaum Verlag, München 1963, bes. S. 360–365.
23
Nicht signierter Bericht in: Die Neue Seite. 3. MPZ Stammesmitteilungen, Nr. 2, 2–3 (1962).
24
Kurt Pflügels Großvater hatte übrigens mit Werner Heisenbergs Großvater Wecklein in Würz-
burg studiert, und ihre Familien befreundeten sich in der Bamberger Zeit. In Würzburg, wo Vater
Pflügel als Offizier diente, zur gleichen Zeit als August Heisenberg dort an Schule und Universi-
tät lehrte, übertrug sich die Freundschaft auch auf die Familie August Heisenbergs. (Brief von
K. Pflügel an E. Heisenberg, 5.2.1976)
36 1 Werner Heisenbergs Jugend

republik, die mit den Osterferien der Schule zusammenfielen, den Wehrkraft-
Zug 18 seines Sohnes mit den beiden Heisenbergs unter seinem Kommando
zusammen, um den eindringenden „Weißen“ im Kampf um München zu helfen.
Werner Heisenberg nahm zwar nicht selbst an der Eroberung der Hauptstadt teil,
schloss sich aber später dem Pflügel’schen Kommando und damit den „Weißen“
an.25 Nach den Erinnerungen, die er später seiner Frau erzählte, beschränkte sich
allerdings sein „Soldatenspiel“ auf die „Eroberung von Fahrrädern oder Schreib-
maschinen aus ‚roten‘ Verwaltungsquartieren“. Er erlebte freilich auch zwei sehr
ernste Situationen, die er später seiner Frau erzählte. Er war nämlich dabei, als
ein Junge, kaum älter als er selbst, „sich beim Putzen seines Gewehrs aus Verse-
hen erschoß und unter Qualen starb“. Zum anderen musste er „eine Nacht lang
einen älteren Mann bewachen, den man als ‚Roten‘ gefangen genommen hatte
und der am nächsten Tag abgeurteilt werden sollte“. „Jedermann wußte, was das
bedeutete “, aber: „In dieser Nacht hat er sich das ganze Leben dieses Menschen
erzählen lassen und war am Ende von der Unschuld des Mannes überzeugt.“ Und
am Tag darauf drang der 18-jährige Bewacher bis zum Hauptmann vor und er-
reichte, dass der Gefangene freigelassen wurde (E. Heisenberg 1980, S. 32).
Solche Erfahrungen musste der Gymnasiast als Freiwilliger beim Kavallerie-
Schützenkommando 11 machen, das „sein Quartier in der Ludwigstraße im Ge-
bäude des Priesterseminars gegenüber der Universität aufgeschlagen hatte.“ Der
wirklich gefährliche Dienst dauerte glücklicherweise nur einige Wochen, dann
beruhigte sich die Lage zunehmend. Werner Heisenberg konnte nun wieder an das
normale Leben und die Aufgaben denken, die ihn im Maximilians-Gymnasium
erwarteten. Er berichtete darüber in seiner Autobiographie:

„Um mich allmählich wieder auf die Schule vorzubereiten, zog ich mich dann mit unserer
griechischen Schulausgabe der Platonischen Dialoge auf das Dach des Priesterseminars
zurück. Dort konnte ich, in der Dachrinne liegend, und von den ersten Sonnenstrahlen
durchwärmt, in aller Ruhe meinen Studien nachgehen. An einem solchen Morgen geriet
ich an den Dialog ‚Timaios‘ und zwar an jene Stelle, wo über die kleinsten Teile der Ma-
terie gesprochen wird. Vielleicht hat mich diese Stelle zunächst nur deswegen gefesselt,
weil sie schwer zu übersetzen war oder weil sie von mathematischen Dingen handelte, die
mich immer schon interessiert hatten.“

Andererseits kam die genannte Stelle dem Gymnasiasten doch recht „absurd“
vor, denn da wurde behauptet, dass die kleinsten Teile der Materie – Plato spricht
hier von den „ursprünglichen Körpern“! – aus rechtwinkeligen Dreiecken gebildet
seien, die, nachdem sie zu gleichseitigen Dreiecken oder Quadraten zusammenge-
treten waren, sich zu den regulären Körpern der Stereometrie Würfel, Tetraeder,

25
So berichtete Heisenberg in seiner Autobiographie, dass der befreundete Kurt Pflügel „als
Fünfzehnjähriger im Straßenkampf die Munitionskisten geschleppt hatte, als sein Vater hinter
dem Wittelsbacher Brunnen in Stellung liegend an den Kämpfen um München teilnahm“ (Hei-
senberg 1969, S. 19). An anderer Stelle aber bemerkte er allerdings: „Im Jahr 1919 diente ich
einige Monate als Freiwilliger beim Kavallerie-Schützen-Kommando 11, um mich im Kampf
gegen die Räterepublik in München zu beteiligen.“ (Siehe W. Heisenberg: Selbstbiographie
1933, gedruckt in HGW CIV, S. 12.)
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 37

Oktaeder und Ikosaeder zusammenfügten, die Grundeinheiten der 4 Elemente


Erde, Feuer, Luft und Wasser. Waren das nun Symbole für die Elemente oder die
wirklichen Formen deren kleinster Teilchen, fragte sich der Gymnasiast Heisen-
berg. Die „wilde Spekulation“ des sonst so kritisch und scharf denkenden griechi-
schen Philosophen beunruhigte und faszinierte ihn zugleich, denn offensichtlich
spielte Mathematik eine wesentliche Rolle für diese elementaren Teilchen, aber
warum gerade die aus der Stereometrie bekannten Körper? (Heisenberg 1969,
S. 20–21)26
Bald durfte er das Soldatenspielen aufgeben und kehrte ans Gymnasium zurück.
Sein Bruder Erwin hingegen, der im April 1919 vorzeitig das Notabitur abgelegt
hatte, trat nun in Franz von Epps bayerisches Schützenkorps.27 Obwohl sich noch
im April 1920 noch vierzehn seiner 33 Klassenkameraden zum Einsatz an die Ruhr
meldeten, war Werner entschlossen, sich von jetzt an voll auf das Abitur zu kon-
zentrieren. Seine Fächer hatten sich seit der 7. Gymnasiumsklasse durch das Fran-
zösische und nun vor allem die Physik erweitert. Der Unterricht in der von ihm seit
langem geschätzten Naturwissenschaft wurde damals nach einem ziemlich elemen-
taren Lehrbuch gestaltet, das ohne Infinitesimalrechnung auskam und die klassi-
schen Standardgebiete Mechanik, Elektrizität und Magnetismus, die Wärmelehre
und die kinetische Gastheorie, Optik und Energieerhaltung behandelte. Heisenberg
behauptete später, dieses Buch hätte auch eine Darstellung von Molekülen gezeigt,
nach der z. B. die Atome Kohlenstoff und Sauerstoff „mit Haken und Ösen“ zu
Kohlensäure „zusammengehängt waren“. 28 Wenn Atome „eine so komplizierte
Gestalt haben, daß sie sogar Haken und Ösen besitzen, dann können sie unmöglich
die kleinsten unteilbaren Bausteine der Materie sein“, wunderte er sich. Dann wa-
ren ihm, zumal bei seiner frühen Liebe zur Mathematik, Platos geometrische Figu-
ren auf einmal doch viel sympathischer, und „jedenfalls entstand schon damals in
mir die Überzeugung, daß man kaum moderne Physik treiben könne, ohne die
griechische Naturphilosophie zu kennen“ (HGW CV, S. 401–402). Man sollte
diese nach drei Jahrzehnten mitgeteilte Erkenntnis freilich noch nicht unbedingt als
einen Beweis dafür zitieren, dass Heisenberg sich in seiner Schulzeit schon inten-
siv mit der antiken Philosophie oder mit Philosophie überhaupt befasst hätte. Dafür
gibt es – anders als etwa bei seinem zukünftigen Fachkollegen Erwin Schrödinger
– jedenfalls in der nächsten Zeit keine weiteren Belege. Auch die früher im Ernte-
hilfsdienst angegebene Lektüre von Kants Kritik reicht kaum zur Bestätigung aus.
Es liegt eher näher zu vermuten, dass er im Sommer 1919 zunächst genug damit

26
Die Überlegungen im Platonischen Dialog steht im Abschnitt 20 bei Platon: Gesammelte
Werke 5: Politikos, Philebos, Timaios, Kritias. Rowohlt, Reinbek 1969, S. 179–180.
27
Erwin Heisenberg, der bereits 1917 wehrfähig geworden war und schon im Krieg gedient
hatte, meldete sich 1920 wieder freiwillig, um mitzuhelfen, im Auftrag der Reichsregierung an
der Ruhr einen Aufstand der politischen Linken niederzuschlagen.
28
D. Cassidy hat die entsprechende Auflage des in Heisenbergs Klasse benützten Physikbuches
durchgesehen und darin nur eine Abbildung des Wasserstoffmoleküls gefunden, in dem die als
Tennisbälle dargestellten Wasser- und Sauerstoffatome mit Zahnstochern zusammengesteckt
waren; er vermutete aber, dass der Schüler sich wohl noch andere Literatur besorgte (Siehe
Cassidy 1995, S. 68).
38 1 Werner Heisenbergs Jugend

beschäftigt war, die durch die Einschränkungen im Krieg und unmittelbar danach
ausgefallenen Schulstunden in allen Fächern, also auch im Griechischen, aufzuho-
len, um seine herausragende Stellung in der Klasse zu sichern.
Ein Kamerad schilderte den Mitschüler Werner so:

„Seine Teilnahme am Unterricht war stetig und unterschiedslos. Er interessierte sich für
Fragen, die vielen als zweitrangig erschienen oder sie gar nicht beschäftigte. Seine Kennt-
nisse in der Mathematik erschienen mir damals überragend, auch im Deutschunterricht
blieb er nicht an der Oberfläche; metaphysische Probleme, wenn auch erst in der 4. Klasse
(heute 8. Klasse) sprachen ihn an (Religionsunterricht). Aus einigen Privatgesprächen im
Schulhof oder auf dem Schulweg konnte ich mit anderen Kameraden die Erfahrung ma-
chen: Er ist anders und doch gar nicht überheblich, er war gar kein Streber.“

Und ein anderer Mitschüler ergänzte, dass Werner Heisenberg in den neun mit
ihm gemeinsam verbrachten Gymnasiumsjahren „nicht nur der unbestrittene Pri-
mus der Klassen war, sondern sich schon damals durch eine große Zurückhaltung
und Bescheidenheit ausgezeichnet hat.“29
Im Juni und Juli des folgenden Jahres 1920 unterzog sich Werner Heisenberg
dann den Abiturexamina am Maximilians-Gymnasium und wurde „nach den Er-
gebnissen der Prüfung als befähigt zum Übertritt an die Hochschule“ erklärt. In der
Tat schloss er in allen Fächern, Religionslehre, lateinische, griechische und franzö-
sische Sprache, Mathematik, Physik, Geschichte, Turnen, mit der Note „Sehr gut“
ab, und nur in der deutschen Sprache bekam er ein „Gut“. Der verantwortliche
Ministerialkommissär Dr. Johannes Melber – übrigens derselbe Vertreter des
Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, der sechs Jahre später den Nachruf
auf Großvater Wecklein verfassen würde – begründete diese Bewertung so:

„Unter den schriftlichen Prüfungsaufgaben war der Deutsche Aufsatz eine reichhaltige, flüs-
sig geschriebene, freilich in der Beweisführung nicht ganz gelungene Leistung. Die übrigen
Arbeiten waren durchweg sehr gut. In der mündlichen Prüfung, der er sich als Bewerber um
die Aufnahme ins Maximilianeum unterzog, bewies er durchweg einen recht erfreulichen
Stand seiner Kenntnisse. Auf dem Gebiet der Mathematik und der Physik gehen seine
Kenntnisse über den Rahmen der Schule nicht unbeträchtlich hinaus. Daher waren seine
Leistungen in diesen Gebieten in der schriftlichen wie mündlichen Prüfung hervorragend.“

In seinem Prüfungsgutachten erläuterte der Prüfungskommissär dann weitere


Einzelheiten über die Beurteilung des deutschen Aufsatzes von Werner Heisenberg:

„Er hat sich das Thema gewählt: ‚Was macht die Tragödie zur bedeutsamsten Form der
Dichtkunst?‘ Daß diese Arbeit nichts besonderes bedeutet, sieht man am besten, wenn
man damit die seines Mitschülers Scherer über das gleiche Thema vergleicht. Nicht nur
daß im I. Teil die Beweisführung mißglückt ist, zeigt die Durchführung überhaupt wenig
Gewandtheit, wenn auch die Darstellung klar und verständlich ist.“

Andererseits hob Dr. Melber bei Heisenberg neben den „vorzüglichen beiden
französischen Arbeiten“ besonders als „hervorragende Arbeiten aber die aus der
29
Siehe E. Lederer: Erinnerungen an Heisenberg. Physikalische Blätter 33, 89 (1977), sowie
Brief von E. Moser an E. Heisenberg, 6. 2. 1976.
1.2 Ein guter Start, unruhige Schuljahre und das glänzende Abitur 39

Mathematik und Physik“ heraus und schloss sich dem Gutachten des Fachlehrers
Christian Wolff zur Physik an:

„Die gestellte Aufgabe hat Heisenberg spielend gelöst. Darüber hinaus behandelt er nun
aus freien Stücken das Problem des freien Falls und vertikalen Wurfs mit Berücksichti-
gung des Luftwiderstands, wobei er sich der Infinitesimalrechnung bedient und beweist,
daß er das Ziel der Mittelschulmathematik schon weit überholt hat.“

Die mündliche Prüfung am 7. Juli galt einer möglichen Verbesserung der Note
in der deutschen Sprache, aber auch der Bestätigung der Beurteilung in den ma-
thematisch-physikalischen Fächern – sowie einer möglichen Aufnahme in die
bayerische Studienstiftung „Maximilianeum“. Das Gutachten teilte das Ergebnis
mit, dass Heisenberg einerseits mit der „Auffassung und Wiedergabe der vorge-
legten Klassikerstellen keine ausgezeichnete Leistung“ gelang, obwohl er gerade
bei der „Auffassung und Übersetzung nicht gelesener Stellen“ besser abschnitt als
bei den vorgelegten. Das bewies offensichtlich, dass der Abiturient sich eingehend
mit der einschlägigen Literatur beschäftigt hatte. Andererseits „lieferte die Prü-
fung aus Mathematik und Physik geradezu glänzende Proben von der hervorra-
genden Begabung des Schülers auf diesem Gebiete.“ Selbst der eigentlich für
Sprachen zuständige Dr. Melber erkannte wohl, dass der Fachlehrer dem Prüfling
„besonders schwierige Aufgaben vorgelegt hatte, bei deren Lösung er zeigen
konnte, dass er mit seinen selbständigen Arbeiten auf mathematisch-physikali-
schem Gebiete weit über die Anforderungen der Schule hinausgekommen ist“. Er
fasste sein Urteil so zusammen:

„Heisenberg ist durchweg sehr gut begabt, ganz hervorragend aber für die mathematisch
physikalischen Disziplinen. Da der Schüler sich dem Studium der Mathematik widmen
will und mit Sicherheit erwartet werden darf, daß er auf diesem Gebiet einmal Vorzügli-
ches leisten wird, kann ich für ihn die Aufnahme in das Maximilianeum angelegentlich
empfehlen. Immerhin muß er jedoch hinter seinem gleichmäßig begabten Mitschüler
Scherer zurücktreten.“30

Dieser ihm amtlich vorgezogene Anton Scherer hatte eben auch im deutschen
Aufsatz in den Augen der gestrengen Prüfer besser abgeschnitten. Schließlich
wurden beide in die bayerische Elitestiftung für besonders begabte Abiturienten
aufgenommen.31
30
Siehe für die vorausgehenden Zitate das Reifezeugnis Werner Heisenberg, Maximilians-
Gymnasium in München, unterzeichnet am 15. Juli 1920 von Ministerialrat Dr. Melber und
Rektor Dr. Landgraf sowie den Auszug aus dem Gutachten des Prüfungskommissärs. In: Akten
des Maximilians-Gymnasiums, S. 25 und S. 27.
31
Im Gegensatz zu seinem Klassenkameraden Anton Scherer – er wurde später Altphilologe und
Professor für vergleichende Sprachwissenschaft in Heidelberg – hat Heisenberg nicht das Privi-
leg wahrgenommen, im „Maximilianeum“ zu wohnen. Der wesentliche Grund war, dass nach
dem 1. Weltkrieg die Mittel der Stiftung beschränkt waren und Werner als Sohn eines wohlbe-
stallten Universitätsprofessors bei seinen Eltern wohnen und leben konnte. Das Verzeichnis der
Mitglieder des Maximilianeums 1852 bis 1965 führte Heisenberg daher unter der Nr. 280 mit
dem Vermerk: „Heisenberg Werner – Maxgymnasium München – Aufnahme bewilligt, hat aber
auf den Eintritt verzichtet“ (s. 23). In dem Kondolenzschreiben an Elisabeth Heisenberg vom
40 1 Werner Heisenbergs Jugend

Am 15. Juli 1920 erhielt Heisenberg sein Abiturzeugnis im Rahmen einer Ab-
schlussfeier, die vormittags um 8 ¼ Uhr begann und in der Turnhalle abgehalten
wurde. Auch bei dieser Verabschiedung von der Schule war sein Können, diesmal
im Musikalischen, wesentlich gefordert. So trat er im ersten und letzten Punkt der
„Vortragsordnung“ auf, zunächst am Klavier zusammen mit dem jüngsten Schüler
W. Zoepf aus der Klasse 2 A in der Interpretation zweier Sätze aus Joseph Haydns
13. Symphonie und abschließend als erneut am Klavier als Partner des Violinisten
A. Heß aus der Klasse 6 A in einer „Giga“ von Francesco Veracini.32 Der jüngste
Sohn des Philologen August Heisenberg hatte in jeder Beziehung die erste Stufe
seiner höheren Ausbildung mit Bravour genommen.

1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen


„jugendbewegten“ Zeit (1919–1921)

„Meine Wertvorstellung stammt schließlich zu einem nicht geringen Teil aus der
Begegnung mit kulturellen, insbesondere künstlerischen Werten aus der Zeit der
Jugendbewegung“, äußerte Werner Heisenberg in einem Brief über vierzig Jahre
später.33 Er bezog sich auf die Jahre unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und
erläuterte dazu an anderer Stelle:

„Die Jugend empfand keine Schuld am verlorenen Krieg. Sie nahm sich aus dem Zerfall
der alten Ordnung das Recht, sich einen eigenen neuen Wertmaßstab zu bilden und Altes
und Neues in diesem Maßstab zu messen. Für sie war diese Zeit nicht ein Ende, sondern
ein Beginn. Nachdem die früheren Formen gesprengt waren, brachen alte Inhalte geistigen
Lebens in Deutschland mit neuer Kraft gewissermaßen ungeordnet hervor. Die Jugend-
bewegung fand neue Wege der Musikpflege, des (oft von Laien ausgeübten) Schauspiels
und des Kunsthandwerks. Junge Lehrer bemühten sich unter erheblichen persönlichen Op-
fern um neue Formen der Erziehung, und selbst in der Wissenschaft konzentrierte sich un-
ser Interesse auf jene Gebiete, in denen es sich nicht einfach um die Fortentwicklung des
Bestehenden handeln konnte.“34

Der junge Heisenberg beteiligte sich auch persönlich an diesen „neuen Formen
der Erziehung“. Wie er später seiner Frau erzählte, stellte er sich bereits als Pri-

4. Februar 1976 schrieb Karl Riedl vom Vorstand des Maximilianeums: „Ihr Gatte war im Jahr
1920 zwar als hochbegabter Abiturient in unsere Stiftung aufgenommen worden, er hat aber
keinen Wohnplatz in der Stiftung beansprucht, sondern hat ihn einem anderen überlassen, der
dann nachrücken konnte.“
32
Maximilians-Gymnasium in München (Schlußfeier) 1920. Genauer folgten nach der „Anspra-
che des Rektors und der Verteilung der Reifezeugnisse“ drei Gedichte, bevor die beiden Pianis-
ten Heisenberg und Zoepf die Veranstaltung mit einer Transskription des letzten Satzes aus
Joseph Haydns 13. Symphonie beendeten.
33
Brief von Werner Heisenberg an Johannes Zielinski, 16.12.1963, Beilage.
34
W. Heisenberg: Alte Werte in neuer Form. Beitrag zu „Die tollen zwanziger Jahre“. Magnum,
Heft 35 (1961), S. 39 (wiederabgedruckt in HGW CIV, S. 19).
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 41

maner und später als Student der neuen, revolutionären Erwachsenenbildung an


der Münchner Volkshochschule zur Verfügung:

„Dort gab er astronomische Kurse für Arbeiter, und nachts zog er mit seinen interessierten
Hörern hinaus aus der Stadt und erklärte ihnen den Sternenhimmel mit seinen faszinieren-
den Geheimnissen. Ein andermal hat er zusammen mit einer Musikstudentin versucht, den
Arbeitern die Schönheiten der Mozartschen Opernwelt näherzubringen.“
(E. Heisenberg 1980, S. 36)

Insbesondere schloss er sich der Jugendbewegung an, die gerade nach Kriegsende
eine große Anziehung auf junge Menschen ausübte, obwohl ihre Wurzeln teilwei-
se einige Jahrzehnte zurückzuverfolgen sind.35
Als erste Keimzelle entstand schon 1897 am Steglitzer Gymnasium in Berlin
der „Wandervogel“. Im Jahr 1905 gründeten dann in Hamburg Primaner, also
ebenfalls Absolventen einer höheren Lehranstalt, den „Bund deutscher Wanderer“,
dessen Mitglieder nicht nur andernorts neue Gruppen bildeten, sondern auch im
Oktober 1913 das berühmte Fest auf dem „Hohen Meißner“ vorbereiteten und
durchführten. Außerdem standen diese Vereinigungen Pate bei einer dritten Grup-
pierung, der „Freideutschen Jugend“. „Die Entwicklung der freien Jugendbewe-
gung in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wird charakterisiert durch die Verbin-
dung dreier Strömungen zu immer stärkerer Einheit: Wandervogel, Pfadfindertum
und jungnationale Bewegung“, schrieb ein Zeitzeuge 10 Jahre später.36 Der Ver-
lust des Krieges und der Zusammenbruch der über 1000-jährigen monarchischen
Ordnung in Deutschland verlangte von der Jugend damals in der Tat einen Neuan-
fang, zu dem sich ihre Interessen und Lebensweisen umorientierten. Bereits im
Jahr 1919 fanden die ersten Zusammenkünfte der Freideutschen Jugend in Jena
und der Pfadfinder über dem oberpfälzischen Altmühltal statt. Auf diesen Treffen
wurden die neuen Ziele offen verkündet. Gleichzeitig zerfiel der Wandervogel in
viele kleinere, örtliche Gruppen und der frühere „Deutsche Pfadfinderbund“
(DPB) – er war 1911 nach dem Vorbild der englischen Boy Scouts gegründet
worden – ging durch eine unruhige Periode. Diese komplizierten Verwicklungen
wurden in einer Quellendokumentation der deutschen Jugendbewegung zusam-
menfassend dargestellt (Kindt 1974, S. 350–353).
Die entsprechenden Ereignisse nahmen ihren Ausgang am 15. Januar 1919, als
zunächst ein „Bayerischer Pfadfinderbund“ entstand. Dieser zog viele Jugendliche
35
Im Übrigen wurden damals auch ältere, erfahrenere Leute wieder jung, wie etwa der 1882
geborene Philosoph, Psychologe und Pädagoge Eduard Spranger, der 1911 einen Lehrstuhl an
der Universität Leipzig bekam und 1919 an die Universität Berlin berufen wurde. Als Berater des
preußischen Kultusministers setzte er auf die Gründung pädagogischer Akademien für die Aus-
bildung der Volksschullehrer. Ihm schrieb der Senior der deutschen Pädagogik, Ludwig Ker-
schensteiner, am 2. August 1921: „Daß Du mitten in der Jugendbewegung stehst, wußte ich
schon, und ich freue mich mit Dir. Du hast ganz recht: Da steht der harte Stahl, aus dem wir
unsere Zukunft schmieden können. Denn ich sehe wie Du keinen Ausweg für unser Vaterland als
die charaktervolle Jugend, die nicht im Materialismus unserer Zeit befangen ist“ (Zitiert in Kindt
1974, S. 1446.).
36
G. Ehrental: Die Jugendbewegung bis 1928. In K. Seidelmann, Hrsg.: Die Deutsche Jugend-
bewegung. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1966, S. 7
42 1 Werner Heisenbergs Jugend

an, vor allem lösten sich Gruppen aus dem ehemaligen Bayerischen Wehrkraftver-
ein und traten dem neuen Verband bei. Vom 31. Juli bis zum 3. August 1919 wur-
de schließlich ein „Erster deutscher Pfadfindertag auf Schloß Prunn (Altmühltal)
unter Teilnahme von DPB-Feldmeistern aus dem Reich, auch von Österreichern
abgehalten“. In unmittelbarer Folge entstanden noch im September des Jahres
neue Pfadfindergruppen in Berlin, Wien und Graz. Aber über das Programm kam
es bald zu Auseinandersetzungen zwischen den älteren Kreisen und den Erneue-
rern, besonders als im Oktober 1919 Freiherr von Seckendorff, ein konservativer
Pfadfinder, zum Reichsfeldmeister gewählt wurde. Der DPB schloss darauf im
Dezember 1920 Martin Voelkel und Ludwig Habbel, die Führer der Erneuerungs-
kreise, aus. Diese gründeten dann im Januar 1921 den „Bund Deutscher Neupfad-
finder“ (BDN) und hielten im August desselben Jahres das erste Bundesfest auf
der Kösseine im Fichtelgebirge ab. Zwei Jahre später näherten sich die Neupfad-
finder wieder dem DPB an und gingen Ostern 1924 ein Bündnis mit der Mutter-
organisation ein.
Wie ordnete sich Werner Heisenberg in diese Jugendbewegung der Nach-
kriegszeit ein? Immerhin war er noch kurz vor Kriegsende, am 1. September 1918,
zu einem Gruppenführer im „Zugs B18“ des Wehrkraftvereins unter dem Feld-
meister Professor Dr. Ernst Kemmer vom Maximilians-Gymnasium aufgestiegen.
Am Ende der Räterepublik hatte die nach München zurückgekehrte sozialdemo-
kratische Landesregierung die Umbenennung der militärischen Bezeichnung des
früheren Wehrkraftvereins in „Jung-Bayern e.V., Bayerischer Landesverband zur
Pflege der Jugendertüchtigung“, kurz Jung Bayern, verfügt. Heisenbergs Zug
behielt seine Bezeichnung und im Wesentlichen auch alle früheren Mitglieder.37
Eine wirklich eigene Gruppe bekam der Gymnasiast allerdings erst gegen Ende
der 8. Klasse, genauer am 26. Juni 1919. Wolfgang Rüdel, ein drei Jahre jüngeres
Mitglied des Zugs B18 als Heisenberg, damals Schüler der 5. Klasse des Gymna-
siums, fasste den Gründungsvorgang später in den Versen zusammen:

„Ratlos standen wir dort am Brunnen im Hof des Gymnasiums‚ ‚Aqua fons vitae‘. – Doch
sagt uns, was ist das Leben? Zeigt uns einer den Weg und führt uns, wir folgten ihm ger-
ne. Kennt ihr den Werner, der kann das. Dem könnt ihr vertrauen. Wie in germanischer
Zeit fiel auf den Besten die Wahl.“38

Etwas prosaischer schrieb dessen Bruder Eberhard am 26. Juni 1920, dem ers-
ten Jahrestag der tatsächlichen Gründung, in sein Tagebuch: „Wir können es uns
nicht erklären, wie die Gruppe zustande kam und wie vor allem Werner der Führer
wurde.“ Er erinnerte sich aber, dass seine Schulfreunde Willy Riffelmacher, Hein-
rich (Heini) Marwede und Fritz (Fritzl) Becker sich zuerst mit Walter Haertl zu-
sammenschlossen, „während Oskar Hotz und andere mit großsprecherischen Wor-
ten“ damals eine andere Gruppe bildeten, die von Fritz Wöhr geführt wurde.

37
Siehe Blatt „Zug B18, Verantwortlicher Feldmeister Professor Dr. Ernst Kemmer; Hilfsführer
Fritz Leier. Verzeichnis der Jungen“, datiert 11.12.1919 (Kriegsarchiv München, Jugendwehr,
Band 18) sowie „Gefolgschaft des Zugs 18“ (mit Erwin Heisenberg), datiert 17.3.1920, ebd.
38
Wolfgang Rüdel: Erinnerung (aus einem Brief an H. Rechenberg, 27.1.1962).
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 43

Eigentlich hielten Marwede, Becker und Riffelmacher damals Otto Hümmerich


für den nahe liegenden Führer ihrer Gruppe. Dieser war jedoch Ende Mai 1919
plötzlich gestorben. Dann geschah an einem Donnerstag Folgendes:

„Wir beide [d. h. Eberhard und Wolfgang Rüdel] kamen nach Schulschluß dazu, wo Heini
uns fragte, ob wir nicht Lust hätten, in die Gruppe Heisenberg zu gehen, was wir nur Hei-
ni zuliebe taten. Rudi Sturm [ein Schüler der 6. Klasse] war auch die ersten 4 Monate da-
bei, sehr schade, daß er dann austrat. Die Gruppe ist also von den verschiedensten Rich-
tungen zusammengekommen.“39

Die Aktivitäten des ehemaligen Wehrkraftvereins, nun der Jung-Bayern, hatten


sich im Laufe des Jahres 1919 bereits nach außen sichtbar geändert. Im Krieg und
anschließend bis Ostern 1919 waren nämlich alle Übungen der Mitglieder des
Zugs B18 aus dem Maximilians-Gymnasium und dem Realgymnasium aus-
schließlich gemeinsame Zugsübungen, „d. h. der ganze Zug rückte geschlossen
aus, machte draußen ein Kriegsspiel oder kochte ab oder machte eine Wanderung
und ging dann geschlossen heim.“ Die Revolution im November 1918 und die
feindliche Einstellung etwa der Arbeiter nach dem Krieg gegen jede Art von Mili-
tarismus hatte zur Folge, dass nun die Gruppen weniger gemeinsam in Erschei-
nung traten. Dieser äußerliche Wandel brachte sowohl Vor- als auch Nachteile.
Einerseits konnten sich Freunde in einer Gruppe zusammenfinden und in dieser
die Kameradschaft und den Gemeinsinn viel stärker pflegen als zuvor im Wehr-
kraftverein. Andererseits schwächte die neue herausgehobene Rolle der einzelnen
Gruppen die frühere Gemeinschaft des Zuges, denn besonders die jüngeren Mit-
glieder – die nun selbst einzelne Gruppen bildeten – verloren die erfahrenen Vor-
bilder, von denen sie etwa „ ‚Abkochen‘, ‚Orientieren‘, ‚Pfadfinden‘ und ‚Kriegs-
spiele‘ u.s.w., kurz die praktischen Sachen lernen konnten.“ Man musste also jetzt
zwischen den auseinander klaffenden Wünschen der verschiedenen Gymnasiasten
des ehemalige Zugs 18, dessen Feldmeister der erfahrene Dr. Kemmer geblieben
war, einen Ausgleich suchen. Es gab eine Reihe von Gruppenführern, die die alte
Wehrkraftordnung beibehalten wollten, und andere, die Übungen und Unterneh-
mungen ausschließlich mit ihrer Gruppe vorzogen. Nach erheblichen Diskussio-
nen wurde folgender Kompromiss gefunden, den wieder Eberhard Rüdel in sei-
nem damaligen Tagebuch festhielt:

39
Eberhard Rüdel: Tagebuch Nr. 3, Eintrag vom 26. Juni 1920 (zum ersten Jahrestag der Gründung
der „Gruppe Heisenberg“). Die Rüdel’schen Tagebücher dienen fortan als die umfangreichsten und
zuverlässigsten Dokumente der Tätigkeit dieser Gruppe. Weitere wesentliche Informationen ent-
hält die kurze größtenteils von Fritz Becker geschriebene Chronik der Gruppe Heisenberg. Hierin
wird die Gründung wie folgt beschrieben: „30. Juni! Gegen 10 h morgens sieht man auf der Straße
nach der Föhringer Brücke einzelne Trupps 18er – mehr oder weniger Formation ,S...haufen‘ – sich
gegen Osten wälzen. Der Zug versammelt sich, und unter den Kommandos, die die Luft durch-
schwirren kann, auch ein geübtes Ohr „Gruppe Heisenberg in Linie angetreten“ vernehmen. Gleich
darauf sieht man so etwas ähnliches in westlicher Richtung abmarschieren. Der Feldmeister!! Ein
stechender Blick, wohl auch etwas Stirnrunzeln. – ,Das ist die Gruppe?‘,Heisenberg‘ war die
prompte Antwort. Eine halbe Minute noch und sie verschwindet hinter dem Eisenbahndamm. Das
waren die ersten Minuten, in denen unsere Gruppe das Licht der Welt erblickte.“ Verfasser
verdankt Kopien der Tagebücher bzw. wesentlicher Auszüge aus ihnen Herrn Heinrich Becker.
44 1 Werner Heisenbergs Jugend

„Viel mehr betont wird der Pfadfindergedanke und das Wandern, und vorläufig und auch
späterhin sollen immer dazwischen einige Zugübungen gehalten werden zur Pflege der
Zugsgemeinschaft und damit man, auch an Kriegsspielen, den Unerfahrenen die prakti-
schen Sachen nach gutem Beispiele beibringen kann. Dabei sollen die Gruppen einzeln
ausrücken und draußen zusammenkommen und größtenteils gemeinsam heimmarschieren.
Die Gruppen, die sich dann bewähren, haben die Erlaubnis dazwischen, später öfters
Gruppenübungen zu halten.“40

In diese Zeit des Ringens um ein neues Gesicht fiel ein wichtiges äußeres Er-
eignis: der erste deutsche Pfadfindertag nach dem Krieg, der vom 31. Juli bis zum
3. August 1919 auf Schloss Prunn abgehalten wurde. Er sollte die weitere Ge-
schichte des Zugs 18 wesentlich beeinflussen. Aus einem offiziellen Tagungsbe-
richt über dieses Treffen geht hervor, dass sich „etwa 250 Führer und Pfadfinder
aus allen deutschen Gauen und Vertreter der Bundesleitungen“ damals im Alt-
mühltal trafen, wobei die gastgebende Regensburger Gruppe mit anderen bayeri-
schen Gruppen ein neues Pfadfinderprogramm verabredete. Sie plädierten dann
auf der allgemeinen Tagung der Führenden für „ein neues edles Menschentum,
die Pfadfinderei, eine von allem Zweckdienst freie jugendliche Lebensweise, die
der Bildung der Gemeinschaft, der Auslese aus dem größeren Kreis der Jüngeren
und der gegenseitigen Selbsterziehung zum Gesinnungspfadfinder diene“. Die
also ins Auge gefasste „Neudeutsche Pfadfinderschaft“, die sich dann auf einer
besonderen Versammlung mit verschiedenen Gruppen aus dem Deutschen Reich
und Deutsch-Österreich bildete, überraschte die übrigen, uneingeweihten und
zunächst verständnislosen Teilnehmer. Sie ließen aber schließlich der neuen Be-
wegung mit ihrer Führerzeitung „Der Weiße Ritter“ und ihrem Zeichen – der
Kompassnadel mit den grün-rot-goldenen Farben der Jugendbewegung – freie
Hand, wie der Wortführer der Erneuerer, Ludwig Habbel, in seinem Bericht über
die Pfadfindertagung in Schloss Prunn betonte (Kindt 1974, S. 392–393). Auch
sein Regensburger Pfadfinderkreis war gegen Ende des Krieges aus dem dortigen
Wehrkraftverein hervorgegangen. In Prunn gewann er nun Gesinnungsfreunde
über die bayerischen Lande hinaus, die auf Vorschlag der Wiener Gruppe die
alte „Meißner-Formel“ der Vorkriegs-Jugendbewegung ablöste durch das neue
Gelöbnis:

„Wir Pfadfinder wollen jung und fröhlich sein und mit Reinheit und innerer Wahrhaftig-
keit unser Leben führen. Wir wollen mit Rat und Tat bereit sein, wo immer es gilt, eine

40
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 3, Eintrag vom 24. Oktober 1919. In der Chronik der Gruppe Hei-
senberg wird der Übergang vom Wehrkraft-Verein zum Jung Bayern-Verband wie folgt ge-
schildert: „Als nach Pfingsten alle bisher im Ordonnanzdienst beschäftigten Jungen wieder zur
Schulbank zurückkehrten, da wurde unser Wehrkraft- und Zugsbetrieb auf einer völlig neuen
Grundlage wieder aufgenommen. Die Vereinsleitung hatte die Taufe auf ‚Jungbayernbund‘
vollzogen, eine Äußerlichkeit, die nur unser Wirken der Öffentlichkeit gegenüber verschleiern
sollte. In unserem Münchner Zugsbetrieb nur wurde auch ein ganz neues Programm aufgestellt.
Der Nachdruck sollte vor allem auf das Wandern und das Lagerleben gelegt werden. Die Grup-
pen sollten sich selbst bilden und auch ihre Führer selbst wählen. Es bildete sich dabei auch die
Gruppe Heisenberg.“
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 45

gute und rechte Sache zu fördern. Wir wollen unseren Führern, denen wir Vertrauen
schenken, Gefolgschaft leisten.“41

In München erfuhr Werner Heisenberg von dem geplanten Pfadfindertreffen in


der Oberpfalz eher zufällig. Er erinnerte sich 50 Jahre später in seiner Autobiogra-
phie, dass er eines Nachmittags in der Leopold-Straße angesprochen wurde:

„Weißt Du schon, daß sich in der nächsten Woche die Jugend auf Schloß Prunn versam-
melt. Wir wollen alle mitgehen, und Du sollst auch kommen. Alle sollen kommen. Wir
wollen uns jetzt selbst überlegen wie alles weitergehen soll.“ (Heisenberg 1969, S. 22–23)

Der Klang in der Stimme des ihm „unbekannten Jungen“ und seine Begeisterung
überzeugten ihn. Er und Kurt Pflügel fuhren mit der Bahn in das romantische Jura-
tal der Altmühl und erreichten nach Stunden, die letzte Strecke zu Fuß und beglei-
tet von einer wachsenden Zahl aus allen Richtungen zusammen strömender Ju-
gendlicher, das Ziel. Im Hof von Schloss Prunn stießen sie beim alten Ziehbrunnen
auf noch größere Scharen, „die meisten noch Schüler, aber es gab auch Ältere dar-
unter, die als Soldaten alle Schrecken des Krieges miterlebt hatten und in eine
veränderte Welt zurückgekehrt waren“. Sie hörten viele pathetische und leiden-
schaftliche Reden, die die Fragen stellten, „ob das Schicksal unseres Volkes oder
das der ganzen Menschheit für uns wichtiger wäre, ob der Opfertod der Gefallenen
durch die Niederlage sinnlos geworden sei“ und „ob die Jugend sich das Recht
nehmen dürfe, ihr Leben selbst und nach eigenen Wertmaßstäben zu gestalten“.
Heisenberg lauschte den oft widerspruchsvollen Ausführungen bis tief in die
Nacht hinein. Er vermisste in ihnen freilich die Orientierung zu einer „wirksa-
men Mitte“, nach der sich das Leben ausrichten könnte. Aber dann hatte er
schließlich ein Erlebnis, das auch ihn mächtig ergriff und das er später eindring-
lich so schilderte:

„Immer noch wurde gesprochen, aber dann erschien oben auf dem Balkon über dem
Schloßhof ein junger Mensch mit einer Geige, und als es still geworden war, erklangen
die ersten großen d-moll Akkorde der Chaconne von Bach über uns. Da war die Verbin-
dung zur Mitte auf einmal unbezweifelbar hergestellt. Die klaren Figuren der Chaconne
waren wie ein kühler Wind, der den Nebel zerriß und die scharfen Strukturen dahinter
sichtbar werden ließ. Man konnte also vom zentralen Bereich [des Lebens] sprechen, das
war zu allen Zeiten möglich gewesen, bei Plato und bei Bach, also mußte es auch jetzt
und in Zukunft möglich sein.“ (Heisenberg l.c., S. 23–24)

41
L. Habbel: Pfadfindertagung auf Schloß Prunn. In Kindt 1974, S. 392–393, sowie L. Habbel,
K. Sonntag und L. Voggenreiter: Ansprache in Prunn. Der Weiße Ritter, Heft 1 (Oktober 1919),
wiederabgedruckt in: Kindt 1974, S. 392–397, bes. S. 397. Die „Meißner-Formel“, die die Ju-
gendbewegung der Vorkriegszeit am Tag auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913 verkündet
hatte, lautete: „Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener
Verantwortung in innerer Wahrhaftigkeit gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen
Umständen geschlossen ein. Alle Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und
nikotinfrei.“ (Zitiert nach K. Seidelmann, Ref. 36, S. 60.)
46 1 Werner Heisenbergs Jugend

Der junge Geiger Rolf van Leyden, damals ein Student der Musikakademie in
München, spielte auch anschließend an den Lagerfeuern und in den Zelten auf der
Waldwiese oberhalb des Schlosses weiter. Er sollte in Heisenbergs Gruppe ein
häufiger Gast werden.42
Nach den Sommerferien kehrte Heisenberg im September 1919 zum letzten
9. Schuljahr ans Maximilians-Gymnasium zurück. Seine Gruppe setzte sich nun
aus Heinrich Marwede („Heini“) aus der 6. Klasse, Wilhelm Riffelmacher („Wil-
ly“) aus der 5. – der ihn auf der Leopoldstraße angesprochen hatte –, Fritz Becker
und Hans-Jürgen Rommel („Bauer“) aus der 6., Wolfgang („Wolfi“) und Eberhard
Rüdel aus der 5. bzw. 7. Klasse sowie Walter Haertl und Hans Weinmann wieder
aus der 6. Klasse zusammen. Sie veranstalteten ihre Übungen, entweder alleine
oder zusammen mit dem ganzen Zug 18. So stand etwa am 14. September 1919 ein
Sonntagsausflug der Gruppe mit der Isartalbahn auf dem Plan: Abfahrt 7.15 Uhr,
dann Ausschwärmen der Gruppe an die Isar mit Baden im Altwassertümpel, Spie-
len, Unsinntreiben, Kochen und Vogelbeobachtungen. Der Ausflug endete mit
einem Floßbau zum Transport von Rucksäcken und Kleidern übers Wasser vor
dem Rückmarsch und der Zugfahrt nach München. Andererseits beteiligte sich die
Gruppe am folgenden Wochenende an einer Übung des Zuges bei Schäftlarn mit
den von Fritz Schörcher und Fritz Wöhr geführten Gruppen. Weitere Treffen fan-
den meist abends im neuen „Zugsheim“ statt. Ein sehr schöner, großer und heller
Raum wurde den Jung-Bayern im Keller des Maximilians-Gymnasiums zur Verfü-
gung gestellt, und Heisenbergs Gruppe „eroberte das schönste Ecklein“, für das
ihre Mitglieder neben dem bereits vorhandenen Tisch selbst Bänke zimmerten. Zur
Einweihung dieses Heimes wurde das Theaterstück „Das Schwert des Damokles“
unter „reichem Beifall“ aufgeführt. Bald aber sollte sich die Zusammensetzung von
Heisenbergs Gruppe doch stark verändern, denn Eberhard Rüdel vermerkte im
Eintrag vom November 1919 des bereits erwähnten Tagebuches:

„Ende Oktober mußte wegen Überfüllung die Gruppe geteilt werden. Während alle [Mit-
glieder] von der 6. Klasse zum ersten Teil Heisenberg kamen, mußten wir [d. h. beide Rü-
dels] mit Friedl [Gottfried Simmerding aus der 5. Klasse] und Arno Müller (aus Klasse 6!)
zum 2. Teil [unter dem Gruppenführer [Theodor] Kollmann [aus Klasse 8]. Jetzt drohte
die Kluft einschneidend zu werden und Kollmann sich ganz und gar selbständig zu ma-
chen, und da kamen wir vier [d. h. die Rüdels mit Friedl Simmerding und Arno Müller]
nach Überwindung einiger Schwierigkeiten ganz zu Heisenberg und unseren Freunden
Heini [Marwede] und Willy [Riffelmacher].“

Die Zugsübungen wurden auch im Winter eifrig fortgesetzt, etwa am 7./8. De-
zember 1919 mit einem 33 km langen Fußmarsch von München über Pasing in den
Kreuzlinger Forst, dann über Gauting und den Forstenrieder Park zurück – trotz

42
Es ist nicht ganz klar, wie viele Kameraden aus Heisenbergs Wehrkampfgruppe ihn und Kurt
Pflügel begleiteten; einigermaßen sicher waren aus München dabei Werner Marwede (kein
Gruppenmitglied) und Willy Riffelmacher (vermutlich der „unbekannte Junge“, der Heisenberg
zur Prunner Fahrt veranlasste) sowie die Gebrüder Wolfgang und Eberhard Rüdel. Letzterer
vermerkte in seinem Tagebuch Nr. 3 am 29. Februar 1920 auch, dass sie mit dem Geiger Rolf
van Leyden „seit der Prunner Tagung gut bekannt sind“.
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 47

Irrganges „eine unserer schönsten Übungen“! – und einer späteren, ebenfalls in


den Kreuzlinger Forst: „Wir gewannen das Kriegsspiel wegen der Anschleich-
kunst Heisenbergs und anderer“. Allerdings bekamen die Gruppen nun Probleme
mit dem Pedell wegen der Benützung des Zugsheims in ihrem Gymnasium. Dar-
über hinaus kam es auch im Zug selbst zu Auseinandersetzungen über die weitere
Ausrichtung der „Jung-Bayern“. So machte im Dezember 1919 Feldmeister Dr.
Kemmer dem Oberführer Hans Schlenk den Vorwurf, er sei zu militärisch, und bei
der Zugsübung am 25. Januar 1920 stritt sich Rommel aus Heisenbergs Gruppe
scharf mit Schlenk wegen des „militärischen Marschierens“ in der Kolonne. Wie
der Tagebuchschreiber Eberhard Rüdel vermerkte, veranlasste dieser Vorfall „un-
sere Gegner im Zug“, d. h. den „Führer [Ernst] Möller [aus Heisenbergs Parallel-
klasse] und die Gruppenführer des Halbzugs, der Gruppe Heisenberg und über-
haupt den Pfadfindergruppen Vorwürfe zu machen.“ In „Diskussionsstunden“, die
jeden Mittwoch im Zugsheim stattfanden, wurde versucht, die Harmonie zwischen
den streitenden Parteien wieder herzustellen. Rüdel berichtete weiter:

„Die Diskussionsstunden gehen damit an, daß eine von den Pfadfindergruppen mit der
Klampfe ein Lied aus dem Zupfgeigenhansl (z. B. ‚Die Gedanken sind frei‘, ‚In Regens-
burg auf der Kirchturmspitz‘ u.s.w.) anstimmt. Die Kleinen singen dann eifrig mit, und
überhaupt lernt der Halbzug nicht nur viele Lieder von uns, sondern auch sonst vieles, viel
mehr wie umgekehrt.“

Dann hielt meist der hinzukommende Zugmeister Dr. Kemmer eine Rede. An-
schließend kam es zu Diskussionen, in denen oft Walter, der ältere der beiden
Brüder Tuchmann scharf angegriffen wurde, dem aber der Feldmeister, der übri-
gens selbst den Pfadfindern nahe stand, zu Hilfe eilte.43 Der Konflikt entstand nun
endlich zwischen den „strengen Wehrkraftlern“, die behaupteten, „sie allein hätten
den Geist des Gründers“ und ersten Feldmeisters Dr. Hubel gepachtet und den
„Pfadfindern“ aus ihrem Kreise „Partikularismus, das Wandern in Gruppen und
das Singen aus dem Zupfgeigenhansl“ vorwarfen. Heisenbergs Gruppe und die
Anhänger des „Pfadfindertums“ dagegen wehrten sich mit dem Argument: „Wir
wissen selbst, was uns schöner und wertvoller ist, die Kriegsspiele oder die Grup-
penübungen und das Zusammenleben mit guten Freunden, was es bei den anderen
nie gibt, ein persönliches Verhältnis zwischen Gruppenführern und Jungen.“
Allerdings gelang es Dr. Kemmer, der zugleich der Vorsitzende des Jung-Bayern
Verbandes war, aber auch im Neudeutschen Pfadfinderbund eine wichtige Rolle
spielte, noch einmal den Zug einigermaßen zusammen zu halten, so dass sich
sogar die externe Pfadfindergruppe von Fredy Neumeyer mit seinen „netten Leu-
ten z. B. Karl Sonntag und Robert Honsell“ dem Zug anschließen konnten.44

43
Das Verzeichnis des Zugs B18 von 1919, Ref. 37, vermerkte zu Walter Tuchmann „z. Z. in der
Reichswehr“.
44
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 3, spätere Einträge. Siehe auch den Brief von F. Neumeyer an R. Hon-
sell vom 6. Januar 1920, in dem der Schreiber detailliert seine Gedanken zur Pfadfindergesin-
nung und die Tätigkeit seiner Gruppe darlegt und den Zug 18 als den einzigen im Jung-Bayern-
Verband bezeichnet, der „den Pfadfindergedanken vertritt“ und mit den Pfadfindern Deutsch-
lands und Österreichs Verbindung hält.
48 1 Werner Heisenbergs Jugend

Die vom Pfadfindergedanken bereits angesteckte Heisenberg’sche Gruppe fühl-


te sich also trotz mancher Widersprüche und Streitigkeiten eigentlich im alten Zug
18 noch durchaus wohl. Mit der ausdrücklichen Billigung des Feldmeisters
Dr. Kemmer veranstaltete sie eigene Gruppenabende, an denen die Mitglieder
immer enger zusammenrückten und ein eigenes Programm entwickelten, das
Eberhard Rüdel am 20. März im Tagebuch Nr. 3 wie folgt beschrieb:

„Da wird zunächst eine nette Geschichte gelesen und dann musiziert. Besonders Werner
hat uns oft schon wunderschöne Sachen vorgetragen. Oft begleitete auch Heini auf dem
Klavier den Werner, der [dann] Cello spielte, Walter Haertl bläst sehr schön Flöte, und
auch sonst spielt der eine oder andere Klavier.“

Zur Gruppe gehörten inzwischen neben dem Gruppenführer Werner Heisen-


berg die Mitglieder Fritz Becker („Fritzl“), Walter Haertl, Heinrich Marwede,
Arno Müller, Willy Riffelmacher, Hans-Jürgen Rommel, Eberhard und Wolfgang
Rüdel und Gottfried Simmerding („Friedl“). Dazu kam gelegentlich als vorläufi-
ger Gast Manfred Hörhammer, der sich bald als „ein rechter Hasenfuß“ heraus-
stellte und nicht in der Gruppe halten konnte. 45 Auch „Bauer“ (d. h. Rommel),
„der raucht wie ein Schlot, was ein Pfadfinder nie tun sollte“, sonderte sich zu-
nehmend aus der Gemeinschaft ab, ebenso die Mitglieder Haertl und Riffelma-
cher, welche sich damals der „Deutschnationalen Jugend“ näherten und sich ihr
auch anschlossen.
Da der Pedell des Maximilians-Gymnasiums im April 1920 endgültig das
Zugsheim schloss, fanden die Gruppenabende nun in den Wohnungen der Mit-
glieder statt. Auch dort entwickelte sich ein reges, geselliges Leben der Freunde
mit gemeinsamen Lesungen aus der Literatur und Musizieren, aber auch individu-
ellem Nachhilfeunterricht für manche Mitglieder in einzelnen schulischen Fä-
chern. Armin Jüngling, der später hinzukam, erinnerte sich besonders an seine
Besuche bei Werner Heisenberg in der Hohenzollernstraße 110:

„Die Wohnung, in einem Bürgerhaus der Jahrhundertwende, war dunkel und zeitgemäß
eingerichtet. Er bewohnte ein Zimmer nach Norden zur Falmereierstraße hinaus. Beim
Nachhilfeuntericht, den der auch altphilologische begabte Mathematiker mir, dem in La-
tein und Griechisch schwachen Schüler gab, kam sein Lehrtalent recht zutage.“

Auch Manfred Hörhammer erzählte von den „Sternstunden in der elterlichen


Wohnung“, „wenn Heisenberg uns aus deutscher Dichtung vorlas, z. B. aus Ernst
von Wildenbruch und uns Jungen dabei echte Jugendprobleme hilfreich löste“.
Andererseits lobte Karl Sonntag das „meisterhafte Klavierspiel“ in der Hohen-
zollernstraße.46 Das Musizieren nahm für Heisenberg auch in der Zeit, in der er
seine Jugendgruppe leitete, eine zentrale Rolle ein. Zunächst wurden auf den

45
Hörhammer ging noch 1920 ins Kloster Metten und wurde schließlich der Pater Manfred
Hörhammer.
46
A. Jüngling: Jugenderinnerungen an Werner Heisenberg. Deutsches Ärzteblatt 1976, Heft 49,
S. 3193–3196, bes. S. 3193, sowie Pater M. Hörhammer, Manuskript, 3 Seiten (Heisenberg-
Nachlass), bes. S. 1, und K. Sonntag an E. Heisenberg, Kondolenzbrief, datiert Februar 1976.
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 49

Wanderungen und in den gemeinsamen Abenden der Gruppe lustige Lieder ge-
sungen. Die Erwachsenen bekamen etwa davon eine Kostprobe auf dem Eltern-
abend am 29. Februar 1920 im Spiel „Lagerleben“, das im Mathildensaal aufge-
führt wurde, zu sehen und zu hören. Eberhard Rüdel schilderte am folgenden Tag
im Tagebuch das Ereignis so:

„Als der Vorhang aufging, stand auf der Bühne ein Zelt. Daneben lagen um ein Feuer un-
gefähr 12 alte und junge Wehrkraftler in weißen Hemdsärmeln und feinen Krawatten. Die
aßen da von selbstgekochtem Essen und sangen allerlei schöne Lieder mit vielen Klamp-
fen, mit allen aufzubringenden Bändern. Es gab ein nettes Bild und war ein richtiges La-
gerleben. Ganz goldig war das Lied ‚Das Annamierl‘, das Werner und der kleine Georg
Kraus (Gruppe Neumeyer, mit goldiger Stimme) wechselweise sangen.“

Eingangs traten die Jungen auch mit einem anspruchsvolleren Orchesterstück


und einem feinen Trio vor ihr Publikum. Rolf van Leyden spielte die Geige „ wun-
derschön“, Werner saß am Klavier und Walter Tuchmann strich das Cello.47 Hei-
senberg vermerkte später insbesondere, dass er häufig den Geiger von Schloss
Prunn im Hause Tuchmann zum Musizieren traf, denn:

„Wir suchten gemeinsam, uns in die Klassische Trioliteratur einzuarbeiten, und hatten uns
damals gerade vorgenommen, für eine Feier das berühmte Schuberttrio B-Dur einzustu-
dieren. Da Walters Vater früh verstorben war, lebte seine Mutter allein mit ihren beiden
Söhnen in einer großen und sehr kultiviert eingerichteten Wohnung in der Elisabethstraße,
nur wenige Minuten von meinem elterlichen Haus in der Hohenzollernstraße entfernt, und
der schöne Bechsteinflügel erhöhte für mich noch den Reiz dort zu spielen.“
(Heisenberg 1969, S. 32–33)48

Kaum hatte er das Abitur glanzvoll bestanden, als sich Heisenberg mit Teilen
seiner Gruppe und anderen auf eine erste große Wanderung vom 16. bis zum
28. Juli 1920 nach Franken begab.49 Am 21. Juli schrieb er aus Laufenburg an die
Eltern:

47
Noch vor dem „Lagerleben“-Spiel folgten „ein ernster und schöner Vortrag des Herrn Feld-
meister und einige lustige und ernste Vorträge von Hans Schlenk, der auch schneidige Einlei-
tungsworte gesprochen hatte“ (siehe E. Rüdel, Tagebuch Nr.3.).
48
In seiner Autobiographie versetzte Heisenberg diese Begebenheit mit der Vorbereitung des
Schubert-Trios ins Jahr 1921 (l.c., S. 40), aber es könnte sich wohl auch um die Vorbereitung zu
dem oben genannten Elternabend im Februar 1920 gehandelt haben. Übrigens spielten er und van
Leyden auch im Trio zusammen mit einem anderen Freund aus der Schulzeit, Bruno Krauss
(siehe den Brief von Raimund Krauss an E. Heisenberg, 3. Februar 1976).
49
E. Rüdel vermerkte in seinem Tagebuch Nr. 3 dazu im Eintrag vom 14. Juli: „Rommel geht
bei der beabsichtigten Frankenfahrt nicht mit, leider Fritz Becker ebenfalls nicht.“ Unter den
Teilnehmern befanden sich neben Werner Heisenberg der „Herr Oberlehrer“ Hans Schlenk, der
„Quartiermeister“ Winfried Gurlitt, Werner und Heini Marwede, Herbert Noll, Peter Rommel,
Eberhard und Wolfgang Rüdel und Friedl Simmerding. Nach einer Zugfahrt wanderten sie an die
Altmühl, übernachteten im Heu bei Eichstätt, besichtigten in der Stadt die Willibaldsburg, dann
die Solnhofer Steinbrüche und marschierten schließlich am 17. abends nach Pappenheim, wo sie
in der Stadt kein Quartier fanden und daher auf das Schloss ausweichen mußten. (Tagebuch von
Friedl Simmerding, Eintrag: „Unsere Frankenfahrt vom 16.7.–27.7.1920.“ Herrn H. Becker
danke ich für eine Kopie des Auszuges.)
50 1 Werner Heisenbergs Jugend

„Nach einem ziemlich langen, aber wegen des kühlen Wetters nicht anstrengenden
Marsch sind wir hier zwischen Dinkelsbühl und Gunzenhausen im Quartier angelangt.
Nun hab ich Gelegenheit etwas zu erzählen. Landschaftlich das schönste Quartier war auf
der Burg in Pappenheim. Der Graf von Pappenheim hatte uns die ganze Burg überlassen,
kein Mensch war drinnen, obwohl die Räume gut bewohnbar waren. Bis 12 Uhr nachts
saßen wir dann mit den Klampfen auf einem Türmchen, von dem wir die ganze Gegend
sehen konnten, dazu ein glitzernder Sternenhimmel.“ (EB, S. 23)

In der Chronik der Gruppe Heisenberg notierte ihr Führer dazu besonders:

„Zwischen Sonnenuntergang und Aufgang (Samstag/Sonntag): Versammlung der eigent-


lich Zusammengehörigen auf dem Söller der Burg unter ganz klarem Sternhimmel; die
wichtigsten Stunden im Leben der Gruppe. Vor Sonnenaufgang kamen Werner Marwede,
Winfried Gurlitt und ich auf dem Turm zusammen. Gemeinsames Lesen im Zarathustra:
‚Vom Krieg und Kriegsvolke‘ und ‚Vom Freunde‘. Diese Nacht war die eigentliche Ent-
scheidung derer, die sie durchwachten, für den neuen Weg der Jugend.“

Weil der Gruppenführer infolge eines Hitzschlags den Sonntag (18. Juli) über
weitgehend mattgesetzt worden war, gelangte er mit seinen Leuten erst am Abend
mit der Bahn nach Ellingen, wo sie „ ideal empfangen wurden“. Weiter heißt es
im Brief an die Eltern vom 27. Juli: „Es war schon für uns gedeckt und die sangen
und spielten, wir [waren] auf bis ½ 1 Uhr.“ (EB, S. 23–24). Am nächsten Tag
marschierten sie bei kühlem Wetter in Richtung Gunzenhausen und bezogen
schließlich Quartier auf Gut Lauffenburg bei Stetten. Am Hesselberg vorbei ge-
langten sie Dienstagabend nach Dinkelsbühl, das sie anderntags besichtigten, dann
„zwei Kleine mit dem viel zu schweren Gepäck per Bahn vorausschickten“ nach
Schillingsfürst, wo der befreundete Walter Tuchmann „im Hilfsdienst“ arbeitete
und für die nächsten beiden Tage daher „Quartier also bereitstand“. Der folgende
Donnerstag war nämlich ein „regelrechter Rasttag, große Wäsche usw.“ und
„Werner spielte unaufhörlich Klavier“. Über Rothenburg (zu Fuß) und Nürnberg
(mit der Bahn) zogen sie schließlich am Sonntag, dem 24. Juli, im Altmühltal
abwärts nach Schloss Prunn, stiegen nach dem „Bad“ im Fluss hinauf und „beka-
men Quartier bei dem schon fast berühmten kleinen Bauern auf der Höhe hinter
dem Schloß“, der sie „mit feudalem Abendessen – Griesnockerlsuppe, Schweine-
braten, Salat“ bewirtete, dann folgte ein „langes Singen in der sternklaren Nacht“.
Bei Sonnenaufgang gingen sie anschließend am Montag weiter nach Weltenburg,
durchfuhren den Donaudurchbruch, besuchten die Befreiungshalle in Kelheim,
wanderten nach Regensburg, wo sie übernachteten. Am folgenden Dienstag fuhren
sie mit dem Zug zurück ins heimatliche München. „Den Rest der Ferien brachte
die Gruppe verwaist“ zu Hause, denn „Werner lag mit regelrechtem Typhus in
Osnabrück“, berichtete wiederum die bereits zitierte Chronik von Fritz Becker
über den damals sehr ernsthaft erkrankten Gruppenchef.
Ein Jahr später, in den Sommerferien 1921, konnte Heisenberg den Eltern von
der nächsten, noch weiter ausgedehnten Wanderfahrt seiner Kernmannschaft in
den Sommerferien berichten. Er war inzwischen Universitätsstudent geworden,
während die anderen aus seiner Gruppe noch das Gymnasium besuchten. Die
Anfahrt erfolgte am Samstag, dem 16. Juli von München; in Würzburg über-
1.3 Eine prägende Erfahrung: Beginn der frohen „jugendbewegten“ Zeit 51

nachtete die Gruppe, die zunächst aus Werner, Eberhard und Wolfgang Rüdel,
Friedel Simmerding und Fritz Becker bestand, privat in Würzburg. Der Fußmarsch
begann am Sonntag Nachmittag, zunächst ins Maintal bis Wernfeld (18.7.), am
folgenden Morgen nach Gemünden und dann die Sinn aufwärts, über Brückenau
nach Wildflecken (19–22.7), schließlich über Bischofsheim und die Grenze von
Sachsen-Weimar bis Meiningen („O diese Schnacken an der Werra“!). Am
24. Juli 1921 meldete sich Werner von dort und teilte mit, dass inzwischen auch
Heini Marwede zu ihnen gestoßen war und der nächste Tagesmarsch nach
Schmalkalden weiterginge. Die nächste Post der Eltern bestellte er nach Eisenach,
wo die Wanderer am Abend des 26. Juli nach einem Fußmarsch durch den Thü-
ringer Wald anlangten.50
Der weitere Weg – die Heisenberg’sche Gruppe wandte sich von Eisenach aus
nach Norden und erreichte Ende Juli Nordhausen am Harz – lässt sich dann im
Detail aus den Tagebuchaufzeichnungen Eberhard Rüdels rekonstruieren. Denn er
hielt nicht nur die Marschroute, sondern auch die besichtigten Sehenswürdigkeiten
und die besonderen Ereignisse und Begegnungen mit anderen jugendlichen Wan-
derern fest, etwa die Unterredungen mit einem Wandergefährten, dem „blauen
Stettiner“, der recht exotische anthroposophische Ansichten vertrat.51 Die jungen
Leute genossen ausführlich die Schönheiten der alten Stadt Nordhausen und des
umgebenden Südharz, ebenso Besuche beim Oberbürgermeister Contag, einem
Freund der Familie Becker, die früher in Nordhausen gewohnt hatte. Erst am
3. August zog Heisenbergs Gruppe in Richtung Goldene Aue zum Kyffhäuser
weiter, übernachteten teuer für 20 Mark, ehe sie in die größte Höhle Deutschlands
hinab stiegen. Leider mussten sie nun Heini Marwede verabschieden, der darauf-
hin in seine neue Heimat Berlin eilte. Am Abend in Kelbra war die Gruppe auf
vier Mann – die beiden Rüdels, Friedl Simmerding und Heisenberg – zusammen-
geschmolzen. Sie fanden kostengünstig bei einem Bauern Unterkunft und Ver-
pflegung, besichtigten am 5. August die romanische Rothenburg – „die schönste
Ruine, die wir auf der Fahrt gesehen haben“. Über Frankenhausen, Stotternheim
führte sie der Weg nach Erfurt, dessen geschichtsträchtige Orte und Bauten –
neben Dom und Severikirche auch das alte Augustiner-Kloster mit Martin Luthers
Zelle – sie am 6. August ausführlich besichtigten. Am folgenden Tag erreichten
sie nach einem heißen Fußmarsch das klassische Weimar. Dort standen am 7. und
8. August natürlich die Stätten Schillers, Goethes und Herders auf ihrem Besuchs-
plan – „alles in allem Essen und Schlafen in Weimar 35 Mark – Sparen!“ lautete
die Devise danach. Trotzdem leisteten sich die Wanderer noch die Bahnfahrt nach
Jena, wo sie praktisch umsonst im Arztzimmer einer Schule übernachteten. Der
Student Heisenberg gab sich als Privatlehrer aus, und der freundliche Pedell koch-
te am Morgen des 9. August für jeden 4 Tassen Wasserkakao für 50 Pfennig pro
Person, „gekostet hat’s sonst nichts“! Ein langer Fußmarsch nach Rudolstadt

50
W. Heisenberg an Eltern, Briefe vom 25.7.1921 (aus Meiningen) und 27.7.1921 (aus Eise-
nach). In: EB, S. 25–26. Der Weg bis Meiningen wurde der bereits öfter erwähnten Chronik der
Gruppe Heisenberg (siehe Fußnote 39) entnommen.
51
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 5, Einträge vom 30. Juli bis 15. August 1921.
52 1 Werner Heisenbergs Jugend

schloss sich an, wo sie erst um 10 Uhr nachts die Jugendherberge erreichten und
hier kalt und eng schliefen. Die nächsten beiden Tage führte sie ihr Weg durch
wilde Nadelwälder zum Rennsteig, dann durch Nadel-, Misch- und Buchenwälder
ins Tal. Am 11. August abends im idyllischen Ort Limbach bekamen sie – seit
einem Tag war die Wandergruppe durch Fritz Becker, der in Nordhausen zurück-
geblieben war, wieder auf fünf Personen angewachsen – „glänzendes Quartier in
einem kleinen, unbenutzten Kutscherzimmer neben dem Stall“. „Ofen, Tisch,
Bänke waren da, wir machten unendlich viele Haferplätzchen, die besonders
Friedl Simmerding schmeckten, schürten noch ein, denn nachts war’s jetzt kalt,
bekamen Stroh und viel Pferdedecken und schliefen nachts glänzend, natürlich
umsonst.“ Ihre Geldvorräte gingen nun langsam endgültig zur Neige und sie besa-
ßen zusammen nur noch 45 Mark, als sie zurück nach Bayern kamen, denn Fritz
Becker konnte nicht die 150 Mark abheben, die dort für seinen abwesenden Bru-
der Karl-Heinz postlagernd bereitstanden. Bei Regenwetter führte sie der Weg in
den nächsten Tagen über Kloster Banz, Vierzehnheiligen, Staffelstein nach Bam-
berg, wo Heisenberg auf der Bahnstation vergeblich eine Ermäßigung für seine
Leute durchzusetzen versuchte. Aber schon erschien die Rettung in Gestalt der
Augsburger Pfadfindergruppe von Robert Striegel, mit deren Hilfe Heisenbergs
Gruppe doch noch einen verbilligten Fahrpreis erhielt. Beim Umsteigen in Do-
nauwörth begegnete ihnen Karl Seidelmann. Er nahm sie zu seiner Tante mit, die
sie kostenlos verpflegte. Am 15. August 1921 trafen schließlich nachts um 11 Uhr
die abgemagerten und erschöpften Weltenbummler wieder zu Hause in München
ein und zogen die Bilanz:

„So schön haben wir’s alle wohl noch nie in den Ferien gehabt. Wir hatten im Tag durch-
schnittlich einen Marsch von 21–25 km gemacht, höchste Leistung (Rudolstadt) 43 km, im
Ganzen rund 600 km. Wir hatten ungefähr 90 mal gekocht.“52

1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“


(Herbst 1921 bis Herbst 1922)

Nicht erst durch ihre großen Wanderfahrten in den Sommern von 1920 und 1921,
sondern schon viel früher geriet die Gruppe Heisenberg, wie auch andere den
Pfadfindern zuneigende Münchner Gruppen, in die Kritik der konservativen Kol-
legen ihres Zugs 18. Zwar hatten sich Heisenbergs Leute von Anfang an stets
regelmäßig an den gemeinsamen Unternehmungen beteiligt. Sie waren z. B. am
18. April 1920 mit zur Einweihung des Denkmals für die Gefallenen des Ersten
Weltkrieges am Waldrand von Deigstetten südlich von Grünwald gezogen. Und

52
E. Rüdel: Tagebuch Nr.5, Eintrag Herbst 1921. Siehe auch den Nachtrag von Mutter Rüdel:
„Nachts um ½ 12 Uhr kamen unsere Buben an, ganz mager und braun mit langen, struppigen
Haaren. Ich bin ein wenig betrübt über ihren Anblick, hoffe aber, sie sehr bald wieder heraus-
zufüttern. Umso mehr befriedigt sind sie selbst.“ (Mitgeteilt von Heinrich Becker an den Autor,
28.4.2003)
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 53

sie gewannen sogar an diesem Tag das „Kriegsspiel“, das Verstecken eines La-
gers, in glänzender Manier. Doch schon am folgenden 16. Mai bemerkte der flei-
ßige Tagebuchführer Rüdel einen „verschärften Gegensatz zwischen den Pfadfin-
dergruppen Neumeyer-Sonntag, Heisenberg, Tuchmann, Marwede, Jobst, Pflügel
und dem 2. Halbzug“. Am 11. Juni 1920 notierte er dann: „Leider lockert sich das
Verhältnis zwischen Pfadfindern und Wehrkraftlern immer mehr“, und am 11. Juli
fügte er erneut hinzu, nachdem er die Zugsübung dieses Tages im Grünwalder
Forst geschildert hatte: „Aber nach diesem ‚Kriegsspiel‘ gab es leider wieder klei-
ne Zwistigkeiten zwischen den Pfadfindern und Wehrkraftlern, diese beiden Rich-
tungen vertragen sich nicht mehr ganz miteinander“, denn: „Der Halbzug setzt ja,
in beschränktem Maße, die militärischen Übungen, wie es im Krieg war, noch
fort, und das erregt immerhin Anstoß“.53
Im folgenden Jahr 1921 vertiefte sich der Graben zwischen den beiden Richtun-
gen weiter. Die große Sommerfahrt zum Südharz hatte den Horizont der „Heisen-
berger“ weit in die freiere deutsche Jugendbewegung hinein erweitert und sie
machten sich nun ernsthafte Gedanken über ihre Zukunft. Einige ihrer Grün-
dungsmitglieder hatten sich bereits in andere Richtung orientiert, andere würden
München bald verlassen. Die Gruppe brauchte entweder neue Mitglieder oder
mussten anderen Kreisen, etwa den bayerischen Neupfadfindern anschließen, deren
Ziele besser mit ihren Vorstellungen übereinstimmten. Jedenfalls hoben sich in der
großen Übung des Zugs 18 mit den Augsburger Mitgliedern des Jung-Bayern-
Verbandes vom 18. September 1921 am Pilsensee „die Pfadfinder schon von den
Wehrkraftlern alten Stils“ recht deutlich ab. So notierte Eberhard Rüdel später:

„Mitten während des Festes machten die Augsburger Pfadfinder einen Ring, Flaggen-
aufzug, Hans Sachs-Stück. Auch die Lieder zeigten den Unterschied, Kemmer sprach
sehr gut, sehr ernst, Brücken zwischen beiden Richtungen schlagend. Graf Moy hielt die
Rede, die wir schon x-mal gehört hatten, schneidig, hurrapatriotisch, monarchistisch:
‚Liebe Jungs!‘ “

Wie Rüdel weiter berichtete, zögerte Werner Heisenberg zunächst, dem Drän-
gen seiner engsten Freunde nachzugeben, die sich den Neupfadfindern anschlie-
ßen wollten, obwohl die „Konservativen“ der Gegenseite bereits die Initiative
ergriffen hatten. Ernst Möller, ein früherer Mitschüler aus seiner Parallelklasse,
„ein großer, etwas engherziger Führer des Zugs und Feind jeglicher Art von Ju-
gendbewegung und großer Militarist, hatte keinen Sinn für unser Treiben und warf
Anfang September Kurt Pflügel und die anderen Pfadfinder heraus, Anfang Okto-
ber auch die Gruppe Tuchmann“.54 Heisenberg wollte sich nun eigentlich mit der
Gruppe Tuchmann verbinden, aber der alte Freund Heini Marwede beschwor ihn,
dass dies „für die Gruppe nicht wirklich gut sei“, und erläuterte, inzwischen aus
dem fernen Berlin, im Brief an Fritz Becker vom 19. September 1921:

53
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 3, Einträge vom 18. April bis 11. Juli 1920.
54
E. Rüdel: Nachtrag zum Tagebuch Nr. 5, geschrieben 1927 nach ein paar Notizen, sowie
Eintrag im selben Tagebuch vom 19. März 1923.
54 1 Werner Heisenbergs Jugend

„Es kommt darauf an, eine gewisse Neubelebung in den Betrieb hinein zu bringen. Es
muß etwas Neues kommen, und das ist nur durch den Anschluß an die Pfadfinder mög-
lich. Wenn das nun nicht geschieht, dann steht die Gruppe in einer Leere drin, die ver-
hängnisvoll ist. Kommt der Anschluß zustande, so bedeutet das keine Absage an die Art
unseres bisherigen Betriebes.“55

Die Diskussionen in der Gruppe Heisenberg setzten sich verstärkt fort, nach-
dem sie am 7. Oktober 1921 im „Sympathiestreik“ mit den ausgeschlossenen
Freunden von selbst die Jung-Bayern verließ. Ihre Mitglieder, voran Eberhard
Rüdel und Friedl Simmerding drängten Heisenberg nun, sich dem „Stamm Mar-
wede“ der Neupfadfinder offiziell anzuschließen, obwohl dieser nicht gut mit Karl
Sonntag stand. Denn letzterer hatte die Führung des „3. Münchner Pfadfinder-
zuges“ übernommen, nachdem der frühere Stammführer Werner Marwede, Heinis
älterer Bruder, ebenfalls mit der Familie nach Berlin gezogen war.56 Fritz Becker
und die Rüdels kauften den Speer – das Zeichen einer Pfadfindergruppe – und
überreichten ihn Werner zum 20. Geburtstag am 5. Dezember 1921, wie Eberhard
Rüdel am selben Tag eifrig notierte. Damit war der Anschluss eingeleitet, der
einige Monate später Wirklichkeit wurde, wie aus den Tagebuchaufzeichnungen
Rüdels vom Frühjahr 1922 hervorgeht:

„Als am 21. Februar ‚Tinus‘ (Pastor Martin Voelkel, Berlin-Karlshorst, der Führer des
Bundes Deutscher Neupfadfinder) hierher [nach München] kam, im Mathildensaal einen
Vortrag hielt über ‚Volkstum und Vaterlandsgedanke‘ oder so ähnlich, der sehr viel Bei-
fall erhielt, da konnte die Gruppe zum erstenmal im Rahmen des Stammes Marwede auf-
treten. Wir waren zwar wegen des Mißverhältnisses von Werner und Karl Sonntag nur zur
Hälfte drin, d. h. uns erkannte Karl als vollgültig an, Werner nur probeweise. Werner hat
da ein Opfer gebracht und das rechne ich ihm hoch an. In der Folgezeit bewährte sich’s.
Beide standen bald auf bestem Fuße, und bis nach Ostern waren wir ganz und gar die drit-
te Gruppe des Stammes wie jede andere: 1. Gruppe Kurt Pflügel, 2. Gruppe Rudi Hotz mit
den Wölflingen, darunter besonders zu nennen: Frosch, Otto von Bechtolsheim, Wolfi
Simmerding, Armin Jüngling. 3. Gruppe Heisenberg. 4. Gruppe [Otto] Heimeran.“57

55
Marwede betont in diesem Brief, dass er entsprechend auch an Heisenberg geschrieben und
diesen gebeten habe, „mit euch alles zu besprechen“ und: „Ihr könnt ihm eure Meinung restlos
sagen, dann wird es schon etwas werden.“ Nach der Chronik der Gruppe Heisenberg gab es
Ende des Jahres 1921 noch mehrere Treffen mit der Gruppe Tuchmann.
56
K. Sonntag stieg später auch zum „Gaugrafen“ des Gaues Bayern im Bund der Neupfadfinder
auf.
57
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 5, „Nachtrag zum 5. Dezember 1921“, sowie der spätere Eintrag: „In
der Gruppe der Pfadfinderei bis Ostern 1922“. Der Stamm Marwede gehörte als 3. Münchner
Pfadfinderzug zunächst dem Bayerischen Pfadfinderbund an, der Anfang 1919 gegründet wurde
mit dem Vorsitzenden Franz Paul Wimmer, dem Schöpfer des 1. Münchner Pfadfinderzuges
(MPZ) von 1908. In diesem neuen Bund führte der 1. MPZ sein Leben „in der erprobten, etwas
aufgelockerten Weise fort, während der 2., 3. und 4. MPZ ganz zur Erneuerungsbewegung um-
schwenkten, die Stammeserziehung annahmen und in den Bund Deutscher Neupfadfinder eintra-
ten“. Sie gehörten mit Zügen und Gruppen in Augsburg und Regensburg zum Gau Bayern der
Neupfadfinder, kamen später mit diesem in den Bund der Wandervögel und Pfadfinder und
zuletzt in die Deutsche Freischar. Siehe auch Stammesmitteilung Oktober 1961 (Werner-
Heisenberg-Nachlass). Die dort ebenfalls angegebene Feststellung, dass Karl Sonntag, der Nach-
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 55

Der endgültigen Annäherung von Heisenbergs ehemaliger Jung Bayern-Gruppe


an den Münchner Pfadfinderstamm Marwedes (3.MPZ) ging eine schöne Winter-
freizeit vom 27. bis 31. Dezember 1921 auf der Grafenherbergalm am Tatzelwurm
hinter dem Wendelstein voraus. An ihr nahmen neben Werner Heisenberg auch
Fritz Becker, die beiden Rüdels und Friedl Simmerding. Die Freunde wuschen
sich im Freien an der teilweise zugefrorenen Quelle, fuhren auf alten und geliehe-
nen Schiern im nassen oder brüchigen Schnee – vor allem auf dem Sudelfeld
oberhalb von Bayerischzell – nicht sehr elegant oder geübt, denn bei der Abfahrt
zum Tal stürzten fast alle, Heisenberg eingeschlossen. Die Schiübungen der Grup-
pe wurden im selben Winter fortgesetzt. Dann nahmen sie – zusammen mit Heini
Marwede, der aus Berlin zu Besuch kam – erst einmal an der „feinen Stammes-
übung“ der Neupfadfinder teil, die am 19. März 1922 von Grünwald in den Dei-
senhofener Forst ging, wo die neuen, jungen Mitglieder der Gruppe, die „Wölflin-
ge“, fast einen Waldbrand gelegt hätten. Die Neupfadfinder führten andere Spiele
ein, als sie früher bei den „Wehrkraftlern“ gewohnt waren, vor allem das Speer-
werfen, das Armin Jüngling anschaulich beschrieb:

„Die Samstagnachmittage waren meist durch Geländespiele in den Isarauen bei Freimann
ausgefüllt. Auf einer Wiese wurden Speerwettkämpfe ausgetragen, die nicht immer unge-
fährlich waren. Dieses Fangen des Speers im Fluge war schwierig, aber reizvoll. Gerade
Werner Heisenberg machte es Spaß.“58

Werner kam auch mit zur großen Osterfahrt 1922 mit 13 Leuten des 3. MPZ an
den Bodensee. Kempten wurde am 18. April besichtigt, dann stapfte man zu Fuß
durch den Schnee nach Isny, wo in einem Armenhaus kostenlos gespeist wurde.
Über Nacht kamen sie in der Lindauer Kaserne unter, die einen schönen Blick auf
die Inselstadt bot, und ruderten anderntags mit billigen Kähnen auf dem See. Die
Wanderung ging weiter über Friedrichshafen, Ravensburg und Memmingen. Dort
verabschiedete sich Eberhard Rüdel, der im Frühjahr 1922 Abitur gemacht hatte
und nun in Erlangen das Studium aufnehmen wollte. Am 25. April gelangte der
Pfadfinderzug nach München zurück. Heinz Becker, Werner Heisenberg, Heini
Marwede und Kurt Pflügel nahmen auch am Himmelfahrtstag 1922 an der Harbur-
ger Tagung der Jugendbewegung teil, während Eberhard Rüdel auf die teure Reise
verzichten musste. Die große Sommerfahrt führte schließlich Heisenberg mit dem
Münchner Stamm nach Tirol.59 Heisenberg schrieb von dort mehrere Briefe an die

folger von Werner Marwede in der Führung des 3. Münchner Pfadfinderzugs, bereits 1921
„Gaugraf“ der bayerischen Neupfadfinder wurde, widerspricht allerdings der Mitteilung von
Heinrich Marwede im Brief vom 3.12.1921 an Fritz Becker: „Aber Karlchen [Sonntag] ist nicht
Gaugraf, sondern [Wolfgang] Hurt, der auf allmählichen Zusammenschluß hinarbeitet.“
58
Siehe A. Jüngling, Ref. 46, S. 3193.
59
Diese Sommerfahrt gehörte zu den Grenz- und Auslandsfahrten, die 45 bündische Führer auf
der Wartburg-Tagung vom 10. und 11. April 1922 beschlossen hatten und die dann zwischen
Ende Juli und Mitte August stattfanden, wobei einzelne Gruppen verschiedene Wanderungen und
Touren durchführten, sowohl vor als auch nach der zentralen Veranstaltung am 3. August vor
dem Andreas Hofer-Denkmal. Am 4. August gab es dann das „Grenzfeuer“ und die Aufführung
des „Florian Geyer“ von Gerhart Hauptmann. Die Münchner Stammesfahrt sollte eigentlich ins
56 1 Werner Heisenbergs Jugend

Eltern – aus Hall am 25. Juli, aus Innsbruck am 26./27. Juli und 1. August und aus
Zell am See am 9. August. Er erzählte vor allen Dingen von ihren Tageswanderun-
gen in den Bergen des Karwendels und der Zentralalpen, einschließlich einer Glet-
schertour zum Habicht. Als er von dort mit einem Teil seiner Leute nach anstren-
genden Märschen in Zell am See anlangte, teilte er den besorgten Eltern, die Kurt
Pflügel einen Brief an den Sohn mitgegeben hatten, nur mit:

„Geld nach Salzburg zu schicken hat keinen Zweck, denn ich fahre von Salzburg direkt
heim, und zwar will ich am Samstag Abend heimkommen. Bis dahin halt ich’s noch mit
dem Essen leicht aus. Ferner würde mir Geld gar nichts nützen, da es sich nur auf zehn
Leute verteilt, so daß es doch nicht reicht.“ (EB, S. 38)

In den Briefen nach München stand übrigens nichts über die Veranstaltungen in
Innsbruck und auch wenig über die Mühseligkeiten der sommerlichen Wanderun-
gen. Dafür vermerkte Eberhard Rüdel nach den Erzählungen der Freunde in sein
Tagebuch:

„Unser Stamm war unter großen Geld- und Lebensmittelnöten und für die Wölflinge gro-
ßen Strapazen von Innsbruck über Zell am See zum Königsee und nach Salzburg gewan-
dert. Auf ragendem Gipfel (Solstein) haben sie bei Innsbruck im Schnee ein großes Feuer
angezündet und in großartiger Naturbühne unterm Gipfel in gefährlichsten Felsenklüften
Gerhard Hauptmanns ‚Florian Geyer‘ aufgeführt.“60

Das Jahr 1922 ging rasch in den Herbst über. An die Stelle Heisenbergs, der im
Studium sehr gefordert wurde, warb nun der Obmann Friedl Simmerding neue
Wölflinge, die meist nicht lange bei der Gruppe blieben und kaum an den letzten
Tagesfahrten mit Werner teilnahmen. Und dann kam auch, nach über drei Jahren,
das endgültige Ende der Gruppe Heisenberg. Denn Professor Arnold Sommerfeld
schickte seinen Schüler im folgenden Wintersemester zum Kollegen Max Born
nach Göttingen, während von den älteren Mitgliedern nur noch Fritz Becker,
Friedl Simmerding und Arno Müller in München blieben. Am Mittwoch, dem
25. Oktober 1922 marschierten sechs der sieben so engen Freunde (einschließlich
der beiden Rüdels, nur Heini Marwede musste wieder aus der Ferne schreiben)
noch einmal gemeinsam durch den Englischen Garten auf gewohntem Weg in die
Isarauen, vom Aumeister die Isar abwärts zu einer Hütte aus Korbweidezweigen.
Sie setzten sich ans traute, flackernde Feuer wie seit Jahren, und Eberhard Rüdel
schrieb im Abschlußbericht:

„Wir sangen unsere lieben alten Lieder aus dem ‚Zupf‘ und alle, die wir selten sangen, nur
bei besonderen Anlässen, die holten wir hervor, so z. B. Uhlands ‚Graf Eberstein‘ mit sei-

seit dem Friedensvertrag von 1919 an Italien abgetretene Südtirol führen, der Zielort Bozen
musste aber aus politischen Gründen nach dem österreichischen Innsbruck verlegt werden. Die
Gruppe von Werner Heisenberg und andere fuhren wohl am 20.7. aus München ab und kehrten
um den 10. August nach Hause zurück (Private Mitteilung von H. Becker).
60
E. Rüdel: Bericht über die Sommerfrische. 1. August bis 1. September 1922. In: Tagebuch
Nr. 5. Die Rüdels trafen ihre Gruppenfreunde kurz am Bahnhof in Prien, als diese von Salzburg
nach München zurückfuhren und der Zug dort 2 Minuten hielt.
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 57

ner wundervollen Melodie. Dazwischen las Fritz einige wundervolle Abschnitte aus Höl-
derlins ‚Hyperion‘, die uns der grauen Wirklichkeit entrückten und bei der Flamme des
wechselvollen glühenden Feuers in höhere Sphären erhoben.“

Im Kreise liegend und andachtsvoll lauschten die Freunde einander, während


draußen der Regen eintönig plätscherte, sangen noch ein paar schöne Lieder, wor-
auf Heisenberg den Brief Marwedes vorlas, der die Worte Friedrich Nietzsches
über „Sternenfreundschaft“ enthielt. Der Philosoph hatte darin von Freunden ge-
sprochen, deren Bahn sich kreuzt, bevor sie wieder auseinander gehen und sich
fremd werden, wodurch die ehemalige Freundschaft nur umso heiliger würde.
Dann fügte Heisenberg selbst feierlich hinzu:

„Freunde, wir haben viele Jahre von schönsten Erinnerungen hinter uns und viel mitein-
ander erlebt. Es waren vielleicht die schönsten Jahre unseres Lebens. Aber sie sind ver-
gangen und kommen nicht wieder. Und wenn uns das Schicksal wieder einmal zusam-
menführt, dann ist es etwas Außerordentliches, ein Fest. Aber daß es so ist, darüber dürfen
wir nicht trauern; wir müssen von Herzen danken für all das, was wir erlebt haben, und es
in unserer Seele bewahren in freudiger Erinnerung an all das Schöne, was wir miteinander
und voneinander hatten.“

Der Tagebucheintrag Eberhard Rüdels schloss mit den Sätzen: „Anschließend


dankte er jedem einzelnen Freund für das, was er für die Gruppe bedeutete, und
reichte uns die Hand – wir erhoben uns, reichten uns im Kreise die Hände und
sangen, während das Feuerlein langsam erlöschte: ‚Kein schöner Land in dieser
Zeit, als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden, wohl unter Linden zur
Abendzeit‘ “. Die sechs Jugendfreunde packten ihre Sachen und gingen durch die
schwarze Nacht nach Hause. Wenige Tage später verabschiedete Eberhard Rüdel
am Münchner Hauptbahnhof Werner Heisenberg, der in die Fremde nach Göttin-
gen aufbrach. Was übrig blieb, war nun eine „3. Sippe“ unter dem neuen Führer
Friedl Simmerding mit Fritz Becker, Arno Müller und den Wölflingen. Heisen-
berg wurde dagegen mit den ebenfalls ausgeschiedenen Walter Weigmann, Hans
Schmeer, Robert Honsell und Otto Heimeran zur „5. Sippe“ gezählt.61
In seinem Rückblick, den er ein Jahr später über die Auflösung der „Gruppe
Heisenberg“ schrieb, erinnerte sich Rüdel nicht nur an das – von außen gesehen –
etwas plötzliche Ende.62 Er schilderte auch etwas ausführlicher den Charakter der
Gruppe und insbesondere die besonderen Eigenschaften ihres Gruppenführers
Werner Heisenberg. Ihn bezeichnete er als den „einzig reiferen“ der Gruppe, die
sich Ende des Jahres 1919 gefestigt hatte und, nachdem einige „Mitläufer“ heraus
61
E. Rüdel: Das Ende unserer Gruppe am 25. Oktober 1922. Geschrieben am Jahrestag
25.10.1923. In: Tagebuch Nr. 5.
62
Die Auflösung der „Gruppe Heisenberg“ im Oktober 1922 hatte auf das Leben des Stammes
und der 3. Sippe keinen unmittelbaren Einfluss. Heini Marwede, Eberhard Rüdel und Werner
Heisenberg waren durch Umzug und Studium ausgeschieden und Wolfgang Rüdel folgte nun aus
demselben Grund. Die Gruppe wurde von nun an von Friedl Simmerding geleitet. Schon Mitte
November 1922 beteiligte sie sich unter der neuen Führung z. B. an einer der üblichen Sonntags-
fahrten des Stammes ins Isargebiet südlich von München mit Kriegsspiel, Kochen am Tage und
„abends Theaterszenen, sächsische Geschichtsstunde, Singen, dann Marsch nach Gauting“ mit
den „feinen Wölflingen“ (siehe E. Rüdel, Tagebuch Nr. 5).
58 1 Werner Heisenbergs Jugend

geworfen worden waren, schließlich aus sieben Mitgliedern bestand: Werner, Fritz
Becker, Heini Marwede, Arno Müller, den beiden Rüdels und Friedl Simmerding.
Seit einem Gruppenabend im März 1920, an dem sie „Das edle Blut“ von Wilden-
bruch lasen, redeten sie sich mit „Du“ an. Und es war auch Heisenberg, der sie
„langsam von der Wehrkraft zur Jugendbewegung und Pfadfinderei geführt“ und
der „im Allgemeinen immer ein sehr sicheres Urteil besessen hat, ob einer zur
Gruppe gehörte oder nicht“. So bemerkte er beispielsweise zuerst, dass Walter
Haertl sich der Deutschen Nationalen Jugend zuwandte und Willy Riffelmacher
ins rechte Lager abwanderte.63 Daher gebührte hauptsächlich ihm „das Verdienst,
aus der größeren Zahl den echten Kern herausgeschält zu haben und diesen orga-
nisch, wie er gewachsen war, in seiner Beschränkung auf die Siebenzahl zu erhal-
ten“. Der Gruppenführer Werner legte außerdem, stärker als seine Freunde, be-
sonderen Wert auf die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Gruppe, so dass er
zunächst sogar den offiziellen Anschluss an den Münchner Neupfadfinderstamm
unter Karl Sonntag ablehnte. In seiner Gruppe beruhte alles auf dem Prinzip der
Freiwilligkeit. „Jeder arbeitete nach Kräften mit. Da gab’s kein Antreiben, beim
Kochen mußte Werner nicht sagen: ‚Du hast heute diese Arbeit, Du jene.‘ “ Und
die Mitglieder kamen freiwillig zu den Fahrten, den Übungen im Jung-Bayern-
Zug 18 oder in ihrer Gruppe des Stammes Marwede. Jede Woche etwa wurde in
letzterer eine Fahrt oder Übung angesetzt, mit der Trambahn – solange es billig
war! – in den Süden Münchens oder später zu Fuß nach Norden in die Isarauen.
Die Talente der einzelnen Freunde waren übrigen durchaus unterschieden. Die
einen, wie Fritz Becker und Heini Marwede, kochten gut, Werner Heisenberg
konnte gut Feuer machen, er und Wolfgang Rüdel trieben auch am meisten Sport.
Schließlich kannte sich Fritz Becker in der Literatur gut aus und sorgte bei den
Gruppenabenden immer für die geeignete Lektüre: Anfangs wurde viel von Ernst
von Wildenbruch, Hermann Löns und Walter Flex gelesen, dann auch die Dichter
der Romantik – Joseph von Eichendorff, Ludwig Tieck, Clemens von Brentano
und Ludwig Uhland, dazu Friedrich Hebbel und Rainer Maria Rilke. Und fast alle
Mitglieder der Gruppe musizierten.
Was schließlich Heisenbergs besonderen Führungsqualitäten betraf, so war ein
Stil nach übereinstimmender Meinung der Jugendfreunde nie diktatorisch. Er regte
seine Leute an und sorgte sich um sie; er kümmerte sich um ihre Schularbeiten,
wenn es nötig war, und er beriet sie, ohne über sie zu bestimmen. Andererseits
betrachteten es die Gruppenmitglieder, wie etwa Heini Marwede im Brief vom
10. Oktober 1921 an Fritz Becker schrieb, als „falsch, daß bei den Pfadfindern die
Führer die Bewegung hineinbringen wollen“. „Bewegung muß von unten herauf
entstehen“ und „Führer sein heißt Richtung geben“, wobei „es nicht auf Organisa-
tion zuerst, sondern auf Persönlichkeit“ ankäme. Marwede hielt dann vor allem
eines fest: „Nach außen ist Werner unser Führer, in Wirklichkeit ist er primus inter

63
W. Riffelmacher, der bereits am 26. Mai 1921 aus der Heisenberg’schen Gruppe austrat
(siehe die Chronik der Gruppe Heisenberg), wurde später als einziger aus Heisenbergs Gruppe
ein überzeugter Anhänger Hitlers und Nationalsozialist (nach einer Mitteilung von Friedl
Simmerding).
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 59

pares, und jeder ist sozusagen des anderen Führer.“ Schon am 3. Dezember
1919 hatte er Heisenberg, übrigens auch in einem Brief an Fritz Becker, so charak-
terisiert: „Werner ist kein Freund von offiziellen Sachen – er ist kein Stammesfüh-
rer“. Und Marwede hatte auch dazu einen feinen Meinungsunterschied zwischen
dem Führer und den Geführten festgestellt: „Werner faßt die Gruppe als eine Ge-
meinschaft des Gewissens, wir als eine Gemeinschaft des Kampfes auf.“64
Aus den reichhaltigen Zeitzeugnissen und Erinnerungen der Teilnehmer geht
also hervor, dass der Gruppe Heisenberg in der Tat eine Art Sonderrolle in der
Pfadfinderbewegung der frühen Nachkriegszeit zukam, sowohl zuerst bei den
Jung-Bayern als auch später im 3. MPZ. Heisenberg ordnete sich mit seinen Ge-
folgsleuten zwar den formalen Vorgaben der übergreifenden Verbände unter. Das
hieß etwa, dass sie zusammen oder einzeln durchaus erfolgreich an den Veranstal-
tungen des Zugs 18 ebenso teilnahmen, wie später an den Übungen und Wande-
rungen der Münchner Neupfadfinder. Frühzeitig verzichteten sie allerdings auf
jedes militärische Gehabe, das ein Teil der Führer des Wehrkraft-Nachfolgever-
eins immer noch pflegte.65 Auch hatte Werner, wie bereits angedeutet, ein sehr
feines Gespür für Abweichungen in das nationalistische Lager, und er veranlasste
mehr oder weniger, dass die dahin Strebenden aus seiner Gruppe ausschieden.
Freilich zählte er selbst unter den engeren Freunden sogar als einer, der für politi-
sche Parteien links von der Mitte eintrat. So notierte Eberhard Rüdel Mitte 1920,
dass es „Fritz Beckers Mutter, die sehr viel politisch in der nationalen Partei tätig
ist, nicht recht ist, daß Fritz mit Werner geht, weil seine Eltern demokratisch
sind“. Zwar spielte das in der Gruppe keine Rolle – denn „ bei uns wird natürlich
grundsätzlich keine Parteipolitik getrieben, aber Karl-Heinz hatte seiner Mutter
weisgemacht, Werner wäre Kommunist und alles mögliche.“66 Offen revoltierte
der vorsichtige Führer allerdings gegen den alten Jung Bayern-Stil erst im Okto-
ber 1921, denn damals warf der Zug 18 die Gruppe seines langjährigen Freundes
Walter Tuchmann hinaus.67

64
Der Stil des Gruppenführers wurde auch bei seiner Behandlung der Schwierigkeiten sichtbar,
die dem Gruppenmitglied Heini Marwede nach seinem Wegzug von München zustießen. Er
wurde krank, versäumte fast den ganzen Herbst im Berliner Gymnasium, trat dann aus und
wollte Kaufmann werden. Heisenberg missbilligte zwar, dass der enge Freund den ursprüngli-
chen Plan, Medizin zu studieren aufgab, wollte seine Meinung aber nicht durchsetzen, denn er
hasste Zwang, wenn er nicht durch Argumente überzeugen konnte. Siehe dazu die abweichende
Analyse des Verhaltens von Heisenberg in der Jugendbewegung bei Cassidy 1995, Kapitel 4.
Dort wird die Gruppe Heisenberg und das Verhalten des Gruppenführers mehr an die übliche
(angelsächsische) Vorstellung (typischer deutscher) hierarchisch organisierter Jugendbünde
angelehnt – was offensichtlich durch die hier zitierten Dokumente widerlegt wird.
65
Andererseits musste aber selbst Franz Kollmann, der die „militärischen Sitten“ vertrat, Hei-
senberg Anerkennung für seine „treue Sorge beim freiwilligen Geländespiel“ zollen. Die Gruppe
Heisenberg beteiligte sich also durchaus bei Aktionen des Jung Bayern Bundes, wenn sie ein
sinnvolles Zusammenwirken versprachen, verzichtete aber nachdrücklich auf militärischen Drill
und entsprechendes Auftreten. (Auch das Tragen einer alten grünen Jacke aus der Zeit des Wehr-
kraftvereins hatte für Heisenberg keine „ideologischen“, sondern einfach praktische Gründe!)
66
Siehe E. Rüdel: Tagebuch Nr. 3, Eintrag 11. Juli 1920.
67
Walter Tuchmann war nicht nur ein überzeugter Pfadfinder, er stammte, ebenso wie Fredy
Neumeyer (der Führer einer anderen Pfadfindergruppe) aus einer jüdischen Familie. Es fällt auf,
60 1 Werner Heisenbergs Jugend

Als Heisenberg dann mit seiner Gruppe zu den Neupfadfindern kam, blieb er
dort keineswegs wegen der bei diesen gelegentlich vorhandenen mystischen Ten-
denzen oder gar den besonderen Vorstellungen mancher ihrer Oberen – z. B. Lud-
wig Habbels – von einer starken, autoritären Leitung der Gruppen durch ihre Füh-
rer, sondern aus ganz anderen Gründen. Werner schätzte bei seinen „Pfadfindern“
vor allem die Wanderungen in die Natur, zu denen ihn ja schon in frühen Lebens-
jahren der Großvater Wecklein angeregt hatte. Und darüber hinaus genoss er die
Gemeinschaft der Freunde in der Gruppe, die Möglichkeit, mit ihnen Gespräche
und Diskussionen über verschiedene, geistig anspruchsvolle Themen zu führen
oder auch übermütige Jugendspiele zu treiben. Vor allem aber liebte er es, Lieder –
von volkstümlichen „Gstanzl“ bis zu den kunstvollen von Franz Schubert oder
Heinrich Löwe – zu singen und Werke der Kammermusik aufzuführen. So rühmte
er noch in einem „Lebenslauf“ von 1933 die erfahrungsreichen Jahre als Primaner
und freier Student und hob dabei besonders hervor: „In dieser Zeit trat ich mit Be-
geisterung in die Jugendbewegung ein, nahm als Pfadfinder an den Entwicklungen
des bündischen Lebens teil und verdanke den Wanderungen und Festen in diesem
Kreis die schönsten Tage meines Lebens.“ (HGW CIV, S. 12).
Die Jugendbewegung nach dem Krieg umfasste alle Schichten der deutschen Be-
völkerung. Kinder der Intellektuellen gehörten ebenso zu ihren weit verzweigten
Gruppierungen wie die von Arbeitern und Adeligen. Es gab national und interna-
tional ausgerichtete Kreise, katholische, evangelische und jüdische Jugendbewe-
gungsgruppen neben den politisch und weltanschaulich übergreifenden (zumal bei
den „Pfadfindern“). Und neben lokalen Vereinigungen bestanden solche, die im
ganzen Reichsgebiet und darüber hinaus wirkten.68 Gelegentlich wird schließlich
darauf hingewiesen, dass die Jugendbewegung eine vorwiegend männliche Gesell-
schaft war, in der Frauen eigentlich eine geringe Rolle spielten. Das zeige sich auch

daß Heisenberg schon damals, wie übrigens auch später in der Zeit des Nationalsozialismus den
Kontakt mit Tuchmann und mit den anderen jüdischen Freunden nie abgebrochen hat. Es ist
daher ziemlich sinnlos im Zusammenhang mit Heisenbergs Biographie nationale, rechte oder
antijüdische Tendenzen in der Jugendbewegung ausführlich zu erläutern (wie z. B. bei Cassidy
1995, Kap. 4). Allerdings sollte man auch die Aussage Heisenbergs im Brief an Kurt Pflügel
vom 21. Oktober 1923 – „Ich habe nie gedacht, daß ich mich für Politik interessieren kann, weil
sie mir als reines Geldgeschäft erschien“ – kaum als Beweis für eine grundsätzliche apolitische
Haltung bei ihm missverstehen (siehe mehr dazu in Kapitel III).
68
Siehe die Quellenschriften in Kindt 1974. Der dort geschilderten Vielfalt der verschiedenen
Jugendgruppen widmete der Biograph Cassidy kaum genügend Aufmerksamkeit. Die Gruppe
Heisenberg schätzte zwar durchaus gemeinsames Auftreten und Zusammenwirken mit anderen,
etwa bei Übungen, Wanderfahrten und nahm auch gelegentlich an großen Verbandstreffen teil.
Ihre Mitglieder, einschließlich des Gruppenführers wahrten dabei auch manche äußere Formen,
selbst bei der Kleidung (die oft dazu recht praktisch und vor allem preiswert war). Sie traten
dann durchaus, Speer oder Fahne schwingend, in Reih und Glied auf – wie Fotos bezeugen –,
wobei sich Heisenberg nicht ausnahm. Freilich drängte sich dieser nie in die höhere Leitung der
Organisation, d. h. er pflegte den Umgang mit dem „Apparat“ und den oberen Führern nur inso-
weit, als er dies für die Tätigkeit seiner Gruppe für notwendig hielt, und er verkehrte mit „Gau-
grafen“ stets als Personen, nicht als Vertretern einer irgendwie gearteten Macht oder Herrschaft.
Eine ähnlich distanzierte Haltung gegenüber Oberen, ob in Politik oder Gesellschaft, behielt er in
seinem ganzen späteren Leben bei.
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 61

in den Lebensläufen der Mitglieder der Gruppe Heisenberg, die entweder nie oder
spät heirateten.69 Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht richtig, dass die intensi-
ve Beschäftigung miteinander den Freunden wenig Zeit und Möglichkeiten für en-
gere Beziehungen zu jungen Damen zuließen. Das bestätigt etwa das Beispiel von
Eberhard Rüdel, wenn er im Tagebuch über seine „Tanzstunde“ berichtete. Er zählte
sie zu seinen „größten Leiden“, aber fügte dann auch versöhnlicher hinzu: „Wir
bekamen aber als Wandervögel innerhalb des Kursus einen kleinen Kreis, der den
Schmarrn nicht mitmachte“, und „zum Glück gab’s auch Wandervogelmädel.“70
Heisenberg selbst nahm in seiner Schulzeit an keiner Tanzstunde teil. Die
schwierigen Jahre am Ende des Ersten Weltkrieges und die Revolutionszeit da-
nach, die er aktiv miterlebte, schlossen solche gesellschaftlichen Betätigungen aus.
Dann widmete er sich ab Sommer 1919 intensiv vor allem seiner Gruppe. Die
Freunde, die er damals gewann, begleiteten ihn durch das ganze Leben. Die ge-
meinsamen Erlebnisse auf Wanderfahrten, der Austausch und die freimütige Dis-
kussion durchaus unterschiedlicher Ansichten und das uneingeschränkte Vertrauen
zueinander vereinte sie ebenso wie das „Hohelied“ der Pfadfinder:

„Wer je die flamme umschritt


Bleibe der flamme trabant!
Wie er auch wandert und kreist:
Wo noch ihr schein ihn erreicht
Irrt er zu weit nicht vom ziel.
Nur wenn sein blick sie verlor
Eigner schimmer ihn trügt:
Fehlt ihm der mitte gesetz
Treibt er zerstiebend ins all.“71

Für Werner Heisenberg bedeuteten diese weihevoll getragenen Verse Stefan


Georges mehr als die romantische Stimmung am flackernden Lagerfeuer. Sie
gaben ihm Halt in seinem späteren Leben. Im Persönlichen wie im Wissenschaft-
lichen suchte er stets nach dem Gesetz der „Mitte“, die alles zusammenhält. Die
deutsche Jugendbewegung nach dem 1. Weltkrieg hatte ihm zuerst die Augen für
dieses geheimnisvolle ferne Ziel geöffnet.

69
Siehe Cassidy 1995, S. 101. Auch hier sollte man sich hüten, die allgemeine Beurteilung oder
Vorurteile über die Neupfadfinder auf die Heisenberg’sche Gruppe zu übertragen. Zum Beispiel
berichtete Eberhard Rüdel über eine Einladung bei einem Klassenkameraden, auf der er ein
Wandervogelmädel traf, die in der Münchner Jugendbewegung berühmte „Lisbeth Ullmann“
und: „Wir duzten uns gleich“ (Tagebuch Nr. 5, Eintrag: Freud und Leid von Oktober 1921 bis
Ostern 1922). Man müsste eher berücksichtigen, dass in den höheren Schulen in Deutschland zu
dieser Zeit Jungen und Mädchen durchwegs getrennt erzogen wurden und sich engere Freund-
schaften zwischen ihnen nur in besonderen Fällen entwickelten, anders als später in Deutschland
und vor allen Dingen in den angelsächsischen Ländern.
70
E. Rüdel begründete im Tagebuch Nr. 5 die Aussage, dass die Tanzstunde zu seinen „größten
Leiden“ gehörte: Als Pfadfinder verabscheute er den „konventionellen Krampf, Glacée-
Handschuhe, bei den Damen, die mir nicht gefielen, äußerlicher Putz und Tuerei und natürlich
Zigaretten“.
71
Stefan George: Der Stern des Bundes 3, drittes Gedicht. In S. George: Sämtliche Werke in 18
Bänden, Band VIII. Klett-Cotta.
62 1 Werner Heisenbergs Jugend
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 63
64 1 Werner Heisenbergs Jugend
1.4 Die „Gruppe Heisenberg“ bei den „Neupfadfindern“ 65
Kapitel 2
Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs
Münchner Studium

Werner Heisenberg leitete seine Selbstbiographie ein, indem er ein Gespräch aus
der Jugendzeit schilderte:
„Es mag Frühjahr 1920 gewesen sein. So war ich an einem hellen Frühlingstag mit einer
Gruppe von vielleicht zehn oder zwanzig Kameraden unterwegs, die meisten von ihnen
jünger als ich selbst, und die Wanderung führte, wenn ich mich recht erinnere, durch
das Hügelland am Westufer des Starnberger Sees. Auf diesem Weg ist es merkwürdi-
gerweise zu jenem ersten Gespräch über die Welt der Atome gekommen, das mir in
meiner späteren wissenschaftlichen Entwicklung viel bedeutet hat.“
(Heisenberg 1969, S. 11)

In diesem Gespräch erörterte er damals mit dem jüngeren Schulfreund Kurt


Pflügel eine Frage, die ihn, den Oberprimaner, damals bewegte, nämlich: Wie sehen
Atome wirklich aus, haben sie etwa Haken und Ösen, um sich zu Molekülen zu-
sammenzuketten, wie es in einem Physik-Lehrbuch dargestellt war? Ein anderer
Wanderkamerad, Robert Honsell, mischte sich in die Diskussion ein und warnte die
beiden „Naturwissenschaftsgläubigen“, sich vorschnell darauf zu berufen, dass nur
Vorstellungen, die aus der Erfahrung und Experimenten gewonnen werden, die
Wirklichkeit wiedergäben. Gerade weil die aus der Erfahrung gewonnenen Sin-
neseindrücke an sich ungeordnete, oft sogar widersprüchliche Aussagen liefern
würden, sollte man eher die Ansicht des französischen Philosophen Malebranche
beachten, der den Ursprung unserer Vorstellungen in der menschlichen Seele such-
te, denn: „Die menschliche Seele nimmt teil an der göttlichen Vernunft. Sie ist mit
Gott verbunden, und daher ist ihr auch von Gott die Vorstellungskraft, sind ihr die
Bilder und Ideen gegeben, mit der sie die Fülle der sinnlichen Eindrücke ordnen und
begrifflich gliedern kann.“ Wenn nun die sichtbare Ordnung der Welt durch die
Naturgesetze mit dieser Schlussfolgerung übereinstimmte, dann sollte man die
Form der Atome, die Werner durch den Hinweis auf Platos regelmäßige Körper
ins Gespräch gebracht hatte, weniger „räumlich“ denn als „Struktur“ auffassen
(l. c., S. 12–18). Heisenberg zählte später gerade den in der Philosophie so be-
wanderten Jugendfreund Honsell zu den drei Personen, die seine intellektuelle
Entwicklung am stärksten beeinflusst haben. Den Namen des Denkers aus der

H. Rechenberg, Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 67


© Springer 2010
68 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

katholischen Gegenreformation in Frankreich erwähnte er allerdings sonst nie.1 Der


Historiker mag natürlich nach dokumentierten Beweisen für diese fast nach einem
halben Jahrhundert niedergeschriebene Erinnerung fragen. In der Tat belegt nun ein
Eintrag im Tagebuch des jüngeren Mitschülers Eberhard Rüdel unter dem Datum
2. Mai 1920 eine „große Tagesübung“ von mehreren Gruppen des Jung-Bayern-
Zugs 18, einschließlich der Heisenberg’schen, die über 40 km weit, zunächst zu Fuß
von Pasing zum Starnberger See führte. Dort setzten die Teilnehmer mit „einem
Kahn über in die Nähe von Schloß Berg“, wo sie ein Lager aufschlugen, kochten
und badeten. Anschließend zogen Heisenberg und seine Jungen über Percha und
Schorn weiter „zu einem Punkt am Waldrand von Baierbrunn“, wo sie „nach Verab-
redung die Gruppe Werner Marwede erwartete“ und „für die wunden Beine sorg-
te“.2 Zu dieser befreundeten Pfadfindergruppe zählten nun Kurt Pflügel und Robert
Honsell, die mit Heisenberg das in seinem Gedächtnis gebliebene erste Gespräch
über die Atome wohl auf dem Heimweg von Baierbrunn nach Grünwald führten.
Freilich darf man das Gespräch nicht so deuten, dass der Teilnehmer Heisen-
berg schon vor dem Abitur sofort auf ein Studium der Atomphysik zusteuerte,
denn sein damaliges Hauptinteresse lag eigentlich auf einem anderen Gebiet. Er
hatte nämlich schon viel früher sein besonderes Talent für die Mathematik ent-
deckt, als er in den einfachen Zahlenaufgaben, die der Vater ihm und seinem älte-
ren Bruder Erwin stellte, besser abschnitt. Während der späteren Münchner Gym-
nasiumsjahre beschaffte er sich mathematische Literatur, deren Inhalt weit über
den Lehrplan hinausging. Besonders interessierte ihn damals die Zahlentheorie.3
Auch Differential- und Integralrechnung hatte sich Werner selbst beigebracht und
würde sie bald in den Abituraufgaben verwenden. Andererseits hatte er sich, noch
bevor die Physik auf dem offiziellen Lehrplan der Schule stand, für diese und ihre
allerneuesten Ergebnisse interessiert. Heisenberg erzählte darüber in seinen letzten
Erinnerungen an Albert Einstein:

„Eines Tages geriet mir ein dünnes Bändchen einer Sammlung wissenschaftlicher Mono-
graphien in die Hand, in der Einstein seine spezielle Relativitätstheorie in populärer Form
dargestellt hatte. Den Namen Einstein hatte ich gelegentlich in der Zeitung gelesen, auch
hatte ich von der Relativitätstheorie gehört und dabei erfahren, daß sie außerordentlich
schwer zu verstehen sei. Das reizte mich natürlich besonders, und so versuchte ich, sehr
gründlich in diese Schrift einzudringen. Nach einiger Zeit glaubte ich, die Mathematik ver-
standen zu haben – es handelt sich ja im Grunde nur um einen besonders einfachen Fall der
Lorentz-Transformation, aber ich merkte bald, daß die Schwierigkeiten woanders lagen.“

1
Nicolas Malebranche wird in der Philosophiegeschichte gelegentlich der „Christliche Plato“
genannt. In seinen Hauptwerken, besonders dem umfangreichen De la Recherche de la Verité
aus dem Jahr 1674 lehrte er, dass die äußeren Sinne nie das Wesen der Dinge erkennen können
und auch die menschlichen Gesetze des reinen Denkens nur durch die Verbindung mit Gott
entstehen (siehe etwa E. Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch, 21. Aufl. Alfred Kröner,
Stuttgart 1982, S. 426–427; und R. Kühn: Nicolas Malebranche. In F. Volpi, Hrsg.: Großes
Werklexikon der Philosophie, Band 2. Alfred Kröner, Stuttgart 1999, S. 983–986).
2
E. Rüdel: Tagebuch Nr. 3, Eintragung vom 2. Mai 1920.
3
Zwei Bücher über dieses Gebiet, nämlich Paul Bachmann: Zahlentheorie. 1. Teil: Die Elemente
der Zahlentheorie (1892) und 2. Teil: Die analytische Zahlentheorie (1897), standen von da ab
stets in seiner Bibliothek. Siehe W. Heisenberg: Interview für Sources of the History of Quantum
Physics 1963 (fortan zitiert als SHQP-Interview).
2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium 69

Zwar erschien Heisenberg die Problemstellung etwa der Gleichzeitigkeit „außer-


ordentlich schwer“ zu verstehen, aber es blieb ihm immerhin ein „deutliches Ge-
fühl dabei übrig, wohin Einstein wollte, und die Einsicht, daß Einsteins Behaup-
tungen offenbar keinen inneren Widerspruch enthielten“ (HGW CIV, S. 202).
Dieser hatte nun aber im Vorwort seines populären Werkes, das der Gymnasiast
wohl erst in der dritten Auflage las, auf „ein ausführliches und treffliches, von
H. Weyl verfaßtes Lehrbuch der allgemeinen Relativitätstheorie unter dem Titel
,Raum, Zeit, Materie‘ “ hingewiesen, „ das Mathematikern und Physikern hiermit
warm empfohlen sei“.4 Heisenberg fühlte sich durch die Empfehlung natürlich sehr
angesprochen und besorgte sich auch dieses anspruchsvolle Werk des Mathema-
tikprofessors in Zürich (Weyl 1918), das für ihn in nächste Zukunft eine schick-
salshafte Rolle spielen sollte.
„Die Auseinandersetzung mit den hier entwickelten mathematischen Methoden
und dem dahinter liegenden abstrakten Gedankengelände der Relativitätstheorie
beschäftigte und beunruhigte mich – sie bekräftige meinen schon vorher gefaßten
Entschluß, an der Universität München Mathematik studieren zu wollen“, ver-
merkte er in seiner Autobiographie. Nachdem er mit großartigen Abiturnoten
ausgerüstet war, unternahm er gleich einen ersten bedeutsamen Schritt, dessen
dramatische Details er recht lebendig in seiner Selbstbiographie festhielt:

„Mein Vater hatte mir eine Unterredung mit dem Professor für Mathematik Lindemann
verschafft, der durch die endgültige mathematische Entscheidung des uralten Problems
von der Quadratur des Zirkels berühmt geworden war. Ich wollte Lindemann bitten, mich
zu seinem Seminar zuzulassen; denn ich bildete mir ein, durch die Mathematikstudien, die
ich während der Schulzeit nebenher getrieben hatte, für ein solches Seminar genügend
vorbereitet zu sein.“

Werner hatte vielleicht gerade wegen Ferdinand von Lindemanns bedeutender


Leistung in der Zahlentheorie aus dem Jahr 1882 – nämlich des ersten Beweises,
dass π eine transzendente, also nicht durch einen rationalen Bruch beschreibbare
Zahl ist, für die er in München auch persönlich geadelt wurde – den Vater gebe-
ten, ein Vorstellungsgespräch mit dem berühmten Kollegen zu vermitteln. Nach
der gnädig erteilten Zusage begab sich der Studienanfänger zunächst voller Hoff-
nung in das dunkle, altmodisch ausgestaltete Amtszimmer des würdigen Herrn
Professors im 1. Stock der Universität, wo ihn ein kleines Hündchen feindselig als
Eindringling betrachtete. „Dadurch etwas verwirrt, brachte ich mein Anliegen nur
stockend vor und bemerkte erst beim Sprechen, wie unbescheiden meine Bitte
eigentlich war“, erinnerte sich Heisenberg. In der Tat, „Lindemann, ein alter Herr
mit weißem Vollbart, der schon etwas müde aussah“, reagierte sofort etwas ge-
reizt, und „das Hündchen unter dem Schreibtisch begann entsetzlich zu bellen“
4
Siehe W. Heisenberg: Begegnungen und Gespräche mit Albert Einstein (Ulmer Vortrag,
27.6.1974), in: HGW CIV, S. 202–216, bes. 202–203. Das populäre Bändchen, das Heisenberg
sich über die Relativitätstheorie besorgte, war offensichtlich A. Einstein: Über die spezielle und
allgemeine Relativitätstheorie (Heft 38 der Sammlung Vieweg „Tagesfragen aus den Gebieten
der Naturwissenschaft und Technik“). Fr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1916, in der dritten
Auflage von 1918.
70 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

und ließ sich nicht beruhigen, sondern „steigerte sein Bellen zu einem wütenden
Kläffen“, das die Verständigung zunehmend erschwerte. Schließlich fragte Lin-
demann noch, welche Bücher der junge Kandidat in letzter Zeit studiert habe, um
damit sein ungewöhnliches Ansinnen auf eine so frühzeitige Seminarteilnahme,
die eigentlich nur fortgeschrittenen Studenten zustand, zu untermauern. Als Hei-
senberg jetzt das Werk des Mathematikers Weyl über die Allgemeine Relativitäts-
theorie nannte, erreichte er gerade das Gegenteil: Lindemann beendete jedenfalls
darauf, „unter dem anhaltenden Toben des schwarzen Wächters“, das Gespräch
mit den kategorischen Worten: „Dann sind Sie für die Mathematik sowieso schon
verdorben.“ (Heisenberg 1969, S. 29–30).
Dieser Misserfolg traf Werner Heisenberg nun ebenso tief wie unvorbereitet.
Er hätte nun freilich sein Gesuch auch bei einem anderen der angesehenen Mün-
chener Mathematikordinarien vorbringen können, aber nach einer Besprechung
mit dem Vater beschloss er, lieber das Fach zu wechseln und es nun mit der
theoretischen Physik zu versuchen. Glücklicher Weise gab es da einen ebenso
berühmten, wie auch als Lehrer glänzenden Vertreter an der Universität Mün-
chen, nämlich den erfahrenen und in Fachkreisen hochgeachteten Arnold Som-
merfeld. Im Gegensatz zu dem fast 70-jährigen Lindemann galt er auch als „ein
Freund der Jugend“. So konnte sich der Studienanfänger später mit großem Ver-
gnügen festhalten, wie anders es ihm nun bei seinem zweiten Vorstellungversuch
erging:

„Sommerfeld empfing mich in einem hellen Zimmer, durch dessen Fenster man im Hof
der Universität die Studenten auf den Bänken unter der großen Akazie sitzen sah. Der
kleine untersetzte Mann mit dem großen Schnurrbart machte zunächst einen strengen Ein-
druck. Aber schon aus den ersten Sätzen schien mir eine unmittelbare Güte zu sprechen,
ein Wohlwollen für den jungen Menschen, der hier Führung und Rat suchte.“

Auf Heisenbergs Geständnis, bereits Weyls Buch über die Relativitätstheorie


studiert zu haben, reagierte Sommerfeld ganz verschieden von Lindemann. Er
bezeichnete das Werk „als viel zu anspruchsvoll“, jedenfalls sei es unmöglich,
wenn der Anfänger gleich in die schwierigsten Probleme der modernen Physik
eindringen wolle, ohne vorher „mit bescheidener, sorgfältiger Arbeit im Bereich
der traditionellen Physik anzufangen“. Zunächst, sagte der Professor, müsse man
sich als angehender Physiker entscheiden zwischen den Gebieten der experimen-
tellen und der theoretischen Physik. Als darauf Heisenberg zugab, zwar „als
Schuljunge kleine Apparate, Motoren und Funkeninduktoren gebaut“ zu haben,
aber dann einräumte, dass ihm aber „die Welt der Apparate und der genauen Mes-
sungen“ eher fremd geblieben sei, schloss Sommerfeld mit der Empfehlung an den
offensichtlichen Aspiranten seines eigenen Faches:

„Aber Sie müssen, auch wenn Sie Theorie treiben wollen, mit großer Sorgfalt kleine und
Ihnen zunächst unwichtig scheinende Aufgaben bearbeiten. Wenn solche großen bis in die
Philosophie reichende Probleme zur Diskussion stehen wie die Einsteinsche Relativitäts-
theorie oder die Plancksche Quantentheorie, so gibt es auch für den, der über die An-
fangsgründe hinaus ist, viele kleine Probleme, die gelöst werden müssen und die erst in
ihrer Gesamtheit ein Bild des neuerschlossenen Gebiets vermitteln.“
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 71

Trotz Heisenbergs sichtbaren Interesses für die großen philosophischen Fragen


sollte er sich als Neuling erst einmal an Schillers Ausspruch halten: „Wenn die
Könige bauen, haben die Kärrner zu tun“ – das heißt, er müsse, wie alle Studien-
anfänger, zunächst als Kärrner dienen. Dann gab Sommerfeld dem hoffnungsvol-
len jungen Mann noch einige praktische Anregungen für den Beginn seines Studi-
ums und versprach zudem, ihm „schon bald ein kleines Problem, das mit den
Fragen der neuesten Atomtheorie zu tun hätte“, zur Erprobung seiner Fähigkeiten
vorzulegen. Damit war über Werner Heisenbergs Aufnahme in das Sommer-
feld’sche Seminar und die Schule des Münchner Professors für theoretische Phy-
sik für die nächsten Jahre entschieden. (Heisenberg 1969, S. 31–32)

2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule


(1906–1921)

Der fast 52-jährige Arnold Sommerfeld, der Werner Heisenberg so freundlich in


seinem Institut willkommen hieß, hatte bereits eine bewegte und äußerst erfolg-
reiche wissenschaftliche Laufbahn hinter sich. Er war am 5. Dezember 1868 in
Königsberg als der Sohn eines Arztes zur Welt gekommen und hatte seit 1886
Mathematik an der Universität seiner Heimatstadt studiert. Zu seinen Lehrern
zählte er vor allem den jungen Extraordinarius Adolf Hurwitz und den Dozenten
David Hilbert in der strengen Mathematik, ließ sich aber auch vom Physikdozen-
ten Emil Wiechert, den späteren Mitentdecker des Elektrons, näher in die mathe-
matischen Anwendungen in der Physik einführen. 5 Mit einer Dissertation über
„Die willkürlichen Funktionen in der Mathematik“ unter Professor Ferdinand
Lindemann erwarb Sommerfeld schließlich 1892 den Dr. phil., legte aber zur
Sicherheit noch im selben Jahr die Prüfung für das höhere Lehramt ab, ehe er der
einjährigen Wehrpflicht genügte. Im Herbst 1893 begab er sich in die Hochburg
der damaligen Mathematik, nach Göttingen, wo er aber zunächst als Assistent am
Mineralogischen Institut bei Theodor Liebisch angestellt wurde. Bald darauf
wechselte er zu Felix Klein, der damals der „Zeus“ unter den dortigen Mathema-
tikern war. Sommerfeld arbeitete zunächst dessen Vorlesungen für das „Mathema-
tische Lesezimmer“ aus, dann widmete er sich seiner Habilitationsschrift über die
„Mathematische Theorie der Diffraktion“ und wurde mit ihr 1896 zum Privat-
dozenten an der Universität Göttingen ernannt. Damals begann er auch, mit Klein
die schließlich in vier Teilen zwischen 1897 und 1910 erschienene Publikation
Über die Theorie des Kreisels auszuarbeiten, deren Inhalt bisher unübertroffen ist.
Sommerfelds Vorgesetzter Klein genoss nicht nur weltweit großes Ansehen unter
den engeren Fachkollegen, sondern gehörte auch zu den führenden Wissenschafts-
organisatoren in Deutschland, wobei er sich ebenso um die Lehre der Mathematik

5
Zu Sommerfelds Leben und Werdegang siehe A. Sommerfeld: Autobiographische Skizze. In
F. Sauter, Hrsg.: Arnold Sommerfeld – Gesammelte Schriften. Band 4. Fr. Vieweg, Braun-
schweig, zitiert fortan als SGS 4, S. 673–679.
72 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

wie um ihre Anwendung in Physik und Technik bemühte. Mit der Unterstützung
von Industriellen würde er insbesondere 1906 die „Göttinger Vereinigung zur
Förderung der angewandten Mathematik und Mechanik“ gründen und so den
Grundstein zu entscheidenden Forschungen in der niedersächsischen Universität
legen, die ihren Ruhm weit über die deutschen Grenzen hinaus verbreiteten.
Dem neuen Assistenten Sommerfeld – dieser sah Klein stets als seinen „eigent-
lichen Lehrer an, sowohl in mathematisch-physikalischen Dingen und der Auffas-
sung der Mechanik“, als auch der von ihm geübten „hochgesteigerten Vortrags-
kunst“ – verschaffte der einflussreiche Chef schon 1897 eine mathematische
Professur an der Bergakademie Clausthal und zwei Jahre darauf den Ruf auf den
Lehrstuhl für Mechanik an der Technischen Hochschule Aachen. Dort wurde der
Mathematiker Sommerfeld sehr schnell mit technischen Problemen aus der Indus-
trie vertraut, etwa der Rolle von Schmiermitteln in den Achsenlagern von Loko-
motiven oder der Knicksicherheit der Stege von Walzwerkprofilen. Gleichzeitig
beauftragte ihn Klein, wesentlichen Anteil an dem ehrgeizigen wissenschaftlichen
Großprojekt der Herausgabe einer ganz neuartigen Enzyklopädie der mathemati-
schen Wissenschaften zu nehmen. Dieses breit angelegte, vielbändige Werk sollte
einerseits eine Gesamtübersicht der Resultate sowie der historischen Entwicklung
aller Gebiete der reinen Mathematik vermitteln, andererseits „auch die Anwendun-
gen auf Mechanik und Physik, Astronomie und Geodäsie, die verschiedenen
Zweige der Technik und andere Gebiete mit berücksichtigen, und dadurch ein
Gesamtbild der Stellung geben, die die Mathematik innerhalb der heutigen Kultur
einnimmt.“6 Sommerfeld übernahm insbesondere die Planung und Redaktion des
fünften Bandes über Physik, die ihm in den nächsten zweieinhalb Lebensjahrzehn-
ten viele Mühen mit der Suche nach geeigneten Autoren, der Betreuung ihrer
Manuskripte sowie deren Koordination mit anderen Bearbeitungen bescherte.
Andererseits erschloss ihm diese Arbeit auch die Welt der neuesten Physik. Som-
merfeld lernte schnell die besten Forscher in jeder Disziplin der theoretischen
Physik persönlich kennen, vornehmlich aus Deutschland, England, Frankreich,
Italien, den Niederlanden und Österreich, von Ludwig Boltzmann bis zu Hendrik
Antoon Lorentz und Willy Wien.7 Es mag daher kaum verwundern, dass der Phy-
sikordinarius und Nobelpreisträger an der Münchner Universität Wilhelm Conrad
Röntgen, als er 1905 auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolgers von
Boltzmann auf dem Lehrstuhl der theoretischen Physik, gegen den Einspruch
seines mathematischen Kollegen Ferdinand v. Lindemann, gerade dessen ehema-
ligen Doktoranden haben wollte. Sommerfeld wurde in der Tat am 8. Septem-
ber 1906 nach München berufen, und er nahm nun endlich in den folgenden Jahr-
zehnten die seinen wissenschaftlichen wie pädagogischen Fähigkeiten am meisten
entsprechende Stellung ein.

6
Aus W. von Dyck: Einleitender Bericht über das Unternehmen der Herausgabe. In Encyklopädie
der mathematischen Wissenschaften. Band 1: Erster Theil. B.G. Teubner, Leipzig 1904, S. IX.
7
Ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Briefwechsels von Sommerfeld spiegelt die ge-
waltige Arbeit des Herausgebers von Band V der Encyklpädie wieder. Siehe dazu den Brief-
wechsel Sommerfelds ab 1898 mit Felix Klein und den Autoren in SB 1.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 73

Röntgen hoffte zunächst, in dem neuen Physikerkollegen tatsächlich den in


Gutachten von Boltzmann, Lorentz und Willy Wien angepriesenen „ausgezeichne-
ten Lehrer“ zu gewinnen. Darüber hinaus erwartete er, mit Sommerfeld „auch
wieder in anregender Weise über die modernen Probleme über physikalische Dinge
reden“ zu können, denn „die Zuhörer interessieren sich sehr für seinen Vortrag
über die Maxwell’sche und die Elektronentheorie“.8 Als Sommerfeld am 1. Okto-
ber 1906 das neue Amt in München antrat, bekam er neben seiner Professur noch
„die Stelle eines Konservators der mathematisch-physikalischen Sammlung“ ge-
nehmigt, dazu einen bezahlten Assistenten mit dem Jahresgehalt von 1200 M so-
wie einen Mechaniker (1500 M im Jahr plus 225 M Zulage) und dazu noch einen
jährlichen Etat von 1800 M für die Sammlung. Anfangs lagen die Räume für die
Theoretiker und für die assoziierte Sammlung „in dem Wilhelminischen Gelände
an der Neuhauserstraße“, wo auch die 1759 gegründete Bayerische Akademie der
Wissenschaften residierte. 9 Allerdings wurde Somerfeld auch ein neues Institut
versprochen, das nach dem in nächster Zeit beabsichtigten Ausbau des Universi-
tätsgebäudes an der Ludwigstraße im rückwärtigen Trakt zur Amalienstraße liegen
würde und insbesondere auch den Blick in den Innenhof auf das schon bestehende
Experimental-Institut Röntgens haben sollte. Nach drei weiteren Jahren konnte der
Theorieprofessor in der Tat mit einem Teil ihrer Sammlung das neue Institut bezie-
hen. In einer Biographie Sommerfelds wird es näher beschrieben:

„Der neue Lehrstuhl war gut eingerichtet. Im Erdgeschoß bot ein Hörsaal etwa 60 Perso-
nen Platz, daneben lagen die vier Zimmer Sommerfelds und seiner Mitarbeiter, sowie ein
Raum mit physikalischen Modellen. Im geräumigen Untergeschoß waren noch eine
Werkstatt und eine Dunkelkammer eingerichtet; die anschließenden vier Räume ließen
sich zum Experimentieren oder einfach als Abstellungsräume verwenden.“
(Benz 1975, S. 50)10

Sommerfeld wurde nach München von seinem ersten Assistenten aus Aachen,
dem holländischen Diplomingenieur Peter Debye begleitet, mit dem er zunächst
auch seine Vorlesungen vorbereitete. Dieser erinnerte sich später an den entspre-
chenden Auftrag seines Chefs: „Es gab nur Hauptvorlesungen: Theoretische Me-
chanik, Thermodynamik, Elektrodynamik und Optik, und er machte es wie seiner-
zeit in Aachen. Er redete und ich hatte da zu sitzen und Kommentare zu geben.“11

8
W.C. Röntgen, Brief an L. Zehnder, 27.12.1906, zitiert in M. Eckert et al.: Geheimrat Sommer-
feld – Theoretischer Physiker (Ausstellungskatalog 1984), zitiert fortan mit Eckert 1984, S. 35.
9
Kgl. Staatsminister des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten an A. Sommerfeld,
23.7.1906, zitiert in Eckert 1984, S. 34. Die angesprochene Sammlung bestand vor allen Dingen
aus den historischen Instrumenten der Akademie, die später in den Bestand des Deutschen Mu-
seums übergingen.
10
Alle diese Räume standen dem Institut für Theoretische Physik der Universität München und
auch Sommerfelds Nachfolger zur Verfügung, bis Anfang der 70er Jahre, als der Neubau für
mathematische, physikalische und kristallographische Institute in der Theresienstraße festigge-
stellt wurde.
11
P. Debye, Interview I 1962 mit SHQP, zitiert bei Benz 1964, S. 62. Später dehnte sich der
genannte, regelmäßig in Folge gelesene Kurs der theoretischen Physik aus auf sechs Semester,
denn die Mechanik wurde unterteilt in „Mechanik“ und „Mechanik der deformierbaren Medien“.
74 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Die genannten Vorlesungen erwiesen sich nun als ebenso erfolgreich, wie es
Röntgen gehofft hatte. Ein Student brachte den anderen mit in den Hörsaal, wie
der Fall von Paul Ewald zeigte: ihn schleppte der Grieche Demetrios Hondros
1908 „fast mit Brachialgewalt“ in das Sommerfeld’sche Kolleg.12 Max Laue, der
1907 von Max Planck aus Berlin als Privatdozent an das Sommerfeld’sche Institut
kam, um die Lehrveranstaltungen des Münchner Chefs durch Spezialvorlesungen
über Elektronentheorie, Optik und Relativitätstheorie zu ergänzen, erläuterte die
sorgfältige Methode, nach der der Professor seine Zuhörer unterrichtete: Sommer-
feld ging zunächst von den wichtigsten experimentellen Feststellungen in dem
betrachteten Gebiet aus und gelangte dann zu den theoretischen Ansätzen, an
deren Auswertung er schließlich seine ganze mathematische Kunstfertigkeit ent-
falten konnte. In einem Vergleich fasste Laue die Methode des Professors so bild-
haft zusammen: „Man sah die Alpen bei ihm mehr aus der Nähe, bekam infol-
gedessen vielleicht nicht die große Übersicht, aber man konnte bei ihm das
Bergsteigen lernen.“13 Der begeisterte und begeisternde Lehrer zog in der Tat bald
auch eine wachsende Zahl von Schülern heran, die er zunächst eher mit mathema-
tischen Themen aus der theoretischen Physik promovieren ließ: als ersten den
Assistenten Peter Debye (über Lichtbeugung an Kugeln, 1908), dann Demetrios
Hondros (über Theorie der Drahtwellen, 1909) und Ludwig Hopf (über Theorie
der Schiffswellen mit Experimenten in Sommerfelds Keller, 1910). Auch Wilhelm
Lenz, der 1911 den Dr. phil. erwarb, behandelte „ein schwieriges Problem der
rechnenden Elektrodynamik mit erfreulicher Gründlichkeit und Beherrschung aller
in Betracht kommender mathematischer Hülfsmittel“.14
Darüber hinaus erfüllte sich auch Röntgens weitere Hoffnung auf einen „regen
Gedankenaustausch“ mit seinem Kollegen aus der Theorie. Sommerfeld suchte
bald nach dem Amtsantritt dessen Institut für Experimentalphysik auf, um sich die
Laboratorien genauer anzuschauen und die Mitarbeiter dort kennen zu lernen.
Abram Joffé, der russische Assistent Röntgens, ersann noch eine besondere Idee,
das Zusammenwirken zwischen den beiden Instituten zu verstärken, wie er selbst
berichtete:

„Ich schlug vor, nach dem Frühstück in das Café zu kommen, wo wir täglich physikali-
sche Fragen diskutierten. Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit erschien Sommerfeld
täglich ungefähr eine Stunde im Café Hofgarten, wo sich eine Art Physikerklub gebildet

Die „Thermodynamik und Statistik“ wurde meist als letzter Teil des Zyklus gelesen, dazwischen
noch eine Vorlesung über „Partielle Differentialgleichungen der Physik“ eingeschoben. Sommer-
felds Vorlesungsserie wurde schließlich ab 1943 in sechs Bänden von der Akademischen Ver-
lags-Gesellschaft in Leipzig publiziert. Es sollte in diesem Zusammenhang vielleicht darauf
hingewiesen werden, dass sich der Leipziger Hirzel-Verlag bereits im Jahr 1909 an Sommerfeld
wegen eines neuen, kurzen Lehrbuches der theoretischen Physik wandte. Der viel beschäftigte
Professor aber lehnte aber damals ab. Siehe S. Hirzel an A. Sommerfeld, 15.2.1909 (SB 1,
S. 353–354).
12
P.P. Ewald, SHQP-Interview 1962.
13
M. von Laue: Sommerfelds Lebenswerk. Naturwissenschaften 38, 513–518 (1951), bes.
S. 518.
14
Dissertationsgutachten Sommerfelds, 16.2.1911, zitiert in SB 1, S. 277.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 75

hatte, an dem auch Chemiker und Kristallographen teilnahmen, und täglich über Fragen,
die bei der Arbeit entstanden, diskutiert wurde.“ (Joffé 1967, S. 39–40)

Im theoretischen Institut besprach man physikalische Fragen oft in einer Ein-


richtung, die der Student Paul Ewald indirekt anregte. Bald nachdem er in Som-
merfeld’schen Kreis trat, bat er nämlich Hondros, neue Probleme den Anfängern
zu erläutern. Darauf erklärte sich der Assistent Debye bereit, für die jungen Leute
„ein Kolloquium zu organisieren, in dem fortgeschrittene Studenten und Mitarbei-
ter über eigene Arbeiten referieren“, und dies „unter Ausschluß der Ordinarien“.
Sommerfeld stimmte dem Plan sofort zu und stellte nicht nur einen Raum zur Ver-
fügung, sondern stiftete dazu „seinen Zöglingen eine Kiste Zigarren ,zur Schärfung
des Denkvermögens‘ “. Später nahm er aber doch selbst an der Veranstaltung teil
und wechselte sich mit Debye und dessen Nachfolgern in der Leitung ab. Nach
dem Umzug des theoretischen Institutes in Räume an der Amalienstraße wurde das
theoretische Seminar oder „Koloquium“ dort in den zugehörigen kleinen Hörsaal
verlegt. Eine entscheidende Neuerung war, dass jetzt auch die Experimentalphysi-
ker aus Röntgens Institut (mit Ausnahme ihres Chefs!) zu dieser Veranstaltung
kamen, besonders Ernst v. Angerer, Richard Glocker, Peter Paul Koch und Ernst
Wagner. Außerdem erschienen noch die Mathematiker Arthur Rosenthal und Fritz
Noether, der Astronom Hugo von Seeliger, der Physikochemiker Kasimir Fajans
und manchmal sogar der Kristallograph und Mineraloge Paul Heinrich Ritter von
Groth oder der Chemiker Richard Willstätter. Sie wollten vor allem die damaligen
„aufregenden Probleme der Physik, vor allem die Eingriffe der Relativitätstheorie
in das klassische Gebäude der Physik“ kennenlernen und erörtern.15
Diese so fortschrittliche und anregende Einrichtung der Münchner Theoretiker
wurde, als Debye im Frühjahr 1911 München verließ – er folgte Albert Einstein
als außerordentlicher Professor an der Universität Zürich nach! –, von Max Laue
fortgesetzt. Von Laue (sein Vater erhielt erst 1912 den erblichen Adelstitel!) löste
dann Debye ein Jahr später auf der Züricher Position ab, denn dieser bekam da-
mals in Utrecht sein erstes Ordinariat. Zuvor zeichnete er in München für die
vielleicht folgenreichste experimentelle physikalische Entdeckung verantwortlich,
die je an einem theoretischen Institut gelang, die der Röntgenstrahlinterferenzen
an Kristallen. Der Weg dazu begann eigentlich mit einem Thema, das Sommerfeld
seinem Doktoranden Ewald stellte, nämlich die Doppelbrechung des Lichtes in
bestimmten Kristallen auszurechnen, und zwar als Folge der Streuung durch die in
einem Raumgitter angeordneten elektronischen Resonatoren. Als Ewald Anfang
1912 die Ergebnisse zusammenschrieb, diskutierte er einige Probleme mit Laue
auf dem Spaziergang im Englischen Garten. Noch nach Jahrzehnten erinnerte sich
der Doktorand Ewald an dieses Gespräch mit dem Assistenten:
„Er fragte: ,Worum handelt es sich bei diesen regelmäßig angeordneten Teilchen, sind das
Atome?‘ Ich mußte gestehen, daß darüber wenig bekannt war und daß es sich dabei wohl
um größere Gruppen von Atomen handeln könne. Dann fragte er: ,Was sind eigentlich die

15
P.P. Ewald: Erinnerungen an die Anfänge des Münchener Kolloquiums. Physikalische Blätter
24, 538–542 (1968).
76 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Abstände zwischen den Teilchen?‘ Ich mußte antworten, daß die von den Annahmen über
die Natur der Teilchen abhing; hätte man sich über die Art der Teilchen festgelegt, so
könnte man die Abstände aus der Dichte des Kristalls berechnen.“16

Ewald schloss im März 1912 seine Dissertation ab, freilich ohne dass er selbst
endgültig über die Natur der lichtstreuenden Teilchen in den Kristallen entscheiden
hatte. Um dieselbe Zeit reichte Sommerfeld eine eigene Abhandlung mit dem Titel
„Über die Beugung von Röntgenstrahlen“ zur Veröffentlichung bei den Annalen
der Physik ein, in der er unter der – übrigens von ihm seit 1900 vertretenen – An-
nahme, dass es sich bei Röntgenstrahlen um sehr kurzwellige elektromagnetische
Schwingungen handelte, ihre Wellenlänge (auf Grund früherer experimenteller
Untersuchungen) zu 10 −9 cm abschätzte. Laue folgerte nun aus der Größenordnung
der Gitterkonstanten von Kristallen, dass diese durchaus die Chance bieten würden,
eine Interferenz von Röntgenstrahlen bei ihrer Bestrahlung zu erzeugen. Seine Idee
wurde dann, wie Abram Joffé später berichtete, auch in der erwähnten Caférunde
am Hofgarten diskutiert, aber der Röntgenstrahlungsexperte Ernst Wagner beur-
teilte die Erfolgsaussichten sehr skeptisch. Laue gab jedoch nicht auf und holte sich
die Hilfe Walter Friedrichs, der gerade bei Röntgen promoviert und die Assisten-
tenstelle in Sommerfelds Kellerlabor angetreten hatte. Mit der Unterstützung von
Paul Knipping, eines weiteren Röntgenschülers, gelang dann die entscheidende
Entdeckung: Am 21. April 1912 wurden bei der Durchstrahlung von Kupfervitriol-
Kristallen erstmals schöne Interferenzbilder erhalten, die gleichzeitig sowohl die
Wellennatur der Röntgenstrahlen als auch den geordneten atomaren Aufbau der
Kristalle bewiesen (Friedrich, Knipping und Laue 1912).17 Dieser offensichtliche
Erfolg überzeugte auch Sommerfeld, der ursprünglich eigentlich nichts von den
entsprechenden Versuchen in seinem Institut gehalten hatte, und der Chef sorgte
auch selbst für die rasche Publikation und weltweite Verbreitung der „schönen
Interferenzaufnahmen“ durch Briefe und Vorträge.18
So viel Glanz die „Laue’sche Entdeckung“ – an der natürlich die Experimen-
tierkunst von Röntgens experimentellen Institut und langjährige theoretische Be-
mühungen des Chefs um die Natur der Röntgenstrahlen wesentlichen Anteil hatten
– auf Sommerfelds Institut auch warf, den stetig wachsenden Ruf verdankte es in
erster Linie dem ernsthaften und weitgespannten Interesse des Chefs an den neues-
ten Entwicklungen in der Physik, die sich mit den grundlegenden Theorien der
Relativität und der Quanten verbanden. Bereits aus Aachen hatte der damalige
Ordinarius für technische Mechanik 1904 und 1905 drei umfangreiche Abhandlun-
gen mit dem Titel „Zur Elektronentheorie“ an die Göttinger Akademie der Wissen-
schaften geschickt, die sich mit der damals heiß diskutierten Dynamik des 1897
16
P.P. Ewald: Manuskript aus dem Jahr 1948, zitiert in Eckert 1984, S. 67.
17
Für die Entwicklungsgeschichte siehe Eckert 1984, S. 66–78, und Joffé 1967, S. 40–41.
18
Bereits zwei Jahre später wurde Max von Laue mit dem Physik-Nobelpreis für das Jahr 1914
ausgezeichnet. Die Münchner Entdeckung führte sofort zu weiteren experimentellen Untersu-
chungen, etwa von William Henry Bragg und seinem Sohn William Lawrence in England, die
Röntgenstrahlen an den Atomgittern in Kristallen reflektieren ließen. Die Ergebnisse bildeten
den wesentlichen Inhalt der Diskussion auf der zweiten internationalen Brüsseler „Konferenz
über die Struktur der Materie“ im Herbst 1913. Siehe Mehra 1975, Kapitel 3.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 77

entdeckten subatomaren, negativ geladenen Teilchens beschäftigten. Während


Sommerfeld in München bald in einen unerfreulichen Streit mit seinem Doktorva-
ter Lindemann geriet, der sich selbst allerdings recht dilettantisch in die Elektro-
nen-Frage einmischte, lief die eigentliche Lösung des Sommerfeld’schen Problems
schließlich auf die neue „Relativitätstheorie“ hinaus, die im Sommer 1905 Albert
Einstein aus Bern und Henri Poincaré aus Paris vorschlugen. Sommerfeld wurde
allerdings erst im September 1908 auf der Kölner Naturforscherversammlung im
September durch den hinreißenden Vortrag des Göttinger Mathematikers Hermann
Minkowski über „Raum und Zeit“ (Minkowski 1909) vollends für die Relativitäts-
theorie gewonnen. Noch im folgenden Wintersemester las er über sie ein kleines
Spezialkolleg an der Münchner Universität – vielleicht die erste Behandlung des
Gegenstandes in einem akademischen Unterricht, die freilich das Vorlesungsver-
zeichnis unter dem eher harmlosen Titel „Seminar über elektrodynamische Fragen“
ankündigte. Er gehörte nach Max Planck also zu den ersten Verbreitern dieser
neuen, viele physikalischen Gebiete umfassenden Theorie, die nicht nur die bisher
geheiligte Newton’sche Mechanik revolutionierte.19
Etwas länger brauchte Sommerfeld, um zum zweiten revolutionären physikali-
schen Grundsystem des 20. Jahrhunderts, der Quantentheorie, zu finden. Er hielt,
wie andere Kollegen, Plancks Idee zunächst für einen Trick, die empirische Strah-
lungsformel abzuleiten, weil es dem Berliner Ordinrius nicht gelungen war, seine
Konstante h in diesem Gesetz in anschaulicher Weise zu deuten.20 Aber als er
aber auf der Salzburger Naturforscherversammlung im September 1909 – Som-
merfeld trug damals über eine Frage aus der Relativitätstheorie vor – Albert Ein-
steins tiefgründige Analyse des Planck’schen Strahlungsgesetzes (Einstein 1909)
und den Autor selbst kennenlernte – beide Forscher fanden einander auch persön-
lich auf Anhieb „ prachtvoll“ und „ bedeutend“ –, begann er sich endlich auch
ernsthaft für die Quantentheorie zu interessieren. Zunächst informierte sich der
Münchner Theoretiker bei bereits kundigen Kollegen, wie etwa dem jüngeren

19
Sommerfeld hatte im Vorjahr auf der 79. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte,
der traditionsreichsten und wichtigsten Veranstaltung deutschsprachiger Naturwissenschaftler,
Mathematiker und Mediziner, in der 3. Sitzung der „ Abteilung Physik“ vom 17. September 1907
erstmals selbst vorgetragen und gezeigt, dass Phasengeschwindigkeiten des Lichtes, die größer
als die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum sind – wie sie bei der Fortpflanzung von Licht in bre-
chenden Medien vorkommen können – dem Grundgedanken der Relativitätstheorie nicht wider-
sprechen (Sommerfeld 1907 ). Die Ideen des in seiner Heimatstadt Königsberg aufgewachsenen
und ausgebildeten Mathematikers Minkowski, der eine vierdimensionale Raum-Zeit-Vorstellung
(statt der bisherigen dreidimensionalen Raum- und einer davon abgetrennten eindimensionalen
Zeitvorstellung) einführte, überzeugten den Münchner Theorieprofessor schließlich 1908 voll-
ständig auf der Kölner Naturforscherversammlung. Sommerfeld gestand später: „Seit ich den
Vortrag von Hermann Minkowski in Köln über ,Raum und Zeit‘ gehört hatte, habe ich als Krö-
nung der Maxwell’schen Theorie und zugleich als einfachste Einführung in die Relativitätstheo-
rie die vierdimensionale Form der Elektrodynamik mit besonderer Liebe ausgebaut und habe da
für bei meinen Hörern stets begeisterte Resonanz gefunden.“ (Sommerfeld 1948, S.V). Er kom-
mentierte auch Minkowskis Beiträge in der ersten Sammlung von grundlegenden Arbeiten zur
Relativitätstheorie ausführlich in H.A. Lorentz, A. Einstein und H. Minkowski: Das Relativitäts-
prinzip. B.G. Teubner, Leipzig 1913.
20
Siehe auch A. Einstein an A. Sommerfeld, 14.1.1908. In SB 1, S. 321–322.
78 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Experimentalphysiker Johannes Stark – dieser verwendete damals die Planck’sche


Quantenhypothese kühn, manchmal freilich mit zu gewagten und mathematisch
ungesicherten Argumenten, z. B. in der Diskussion von Phänomenen aus der
Röntgenstrahlenphysik. Dann las Peter Debye nach der Habilitation in München
sein erstes Kolleg im Sommersemester 1910 über „Strahlungstheorie“ einschließ-
lich der Planck’schen, und sein Chef verbrachte anschließend einen Teil seiner
Sommerferien bei Einstein in Zürich, um dessen Ansichten über die Quantentheo-
rie näher kennenzulernen.21 Am 7. Januar 1911 verwendete Arnold Sommerfeld
zum ersten Mal öffentlich die Quantentheorie in einem Beitrag für die Bayerische
Akademie der Wissenschaften, welcher der Struktur der radioaktiven Gamma-
strahlen gewidmet war. Bereits neun Monate später überraschte der durch sein
zusammenfassendes Hauptreferat über „Das Planck’sche Wirkungsquantum und
seine Bedeutung für die Molekülphysik“ in Karlsruhe auf der 83. Naturforscher-
versammlung (Sommerfeld 1911a). Und schließlich trat er wenige Wochen später
bereits als ein überzeugender Advokat der von Planck begründeten Theorie vor
die internationale Gesellschaft ausgewählter Eliteforscher, die Hendrik Lorentz
im Namen des belgischen Industriellen Ernest Solvay nach Brüssel eingeladen
hatte, um den damaligen Zustand der „Theorie der Strahlung und der Quanten“
zu erörtern.22
Diese sogenannte „Solvay-Kongress“ von 1911 und nicht zuletzt der zu ihr von
Sommerfeld vorgelegte Bericht mit dem Titel „Die Bedeutung des Wirkungsquan-
tums für unperiodische Molekularprozess in der Physik“ (Sommerfeld 1911b,
S. 70–135) halfen wesentlich, die Ideen der Quantentheorie über die Grenzen der
deutschsprachigen Länder hinaus zu verbreiten. Seine Münchner Studenten mach-
te der Chef des Instituts für theoretische Physik allerdings erst im Wintersemester
1912/1913 mit „Ausgewählten Fragen der Quantentheorie“ bekannt. Aber zu die-
ser Zeit strömten bereits Schüler und junge Wissenschaftler von weither in die
bayerische Residenzstadt, weil sie gerade bei Sommerfeld die modernen Physik
lernen wollten, etwa Léon Brillouin aus Paris und Jun Ishiwara aus dem japani-
schen Sendai. Der nunmehr über 45-jährige Lehrer und Forscher stand nämlich in
dem Ruf, die aktuellsten theoretischen Ergebnisse mit dem größten Erfolg vermit-
teln zu können. David Hilbert, der überragende Mathematiker in Göttingen und
einer der Königsberger Lehrer Sommerfelds, interessierte sich ebenfalls sehr für
die Fragen der modernen theoretischen Physik: er holte sich daher zur Unterstüt-

21
A. Einstein an J. Laub, 27.8.1910. In M. J. Klein, A. J. Kox und R. Schulmann, Hrsg.: The
Collected Works of Albert Einstein. Volume 5: The Swiss Years. Correspondence 1902–1914.
Princeton University Press, Princeton 1993, zitiert fortan als ECW 5, S. 253.
22
Die von Lorentz und dem Berliner Physikochemiker Walther Nernst veranstaltete Tagung
vereinigte in der Tat die damalige Elite der physikalischen Forscher Europas. Neben den Pionie-
ren der Strahlungs- und Quantenphysik in Deutschland – W. Wien, Heinrich Rubens, M. Planck,
A. Einstein und W. Nernst, dazu Emil Warburg – kamen aus Frankreich der Mathematiker Henri
Poincaré, die Pionierin der Radioaktivität Marie Curie und der Experimentalphysiker Jean Perrin,
aus Dänemark Martin Knudsen, aus England James Jeans, der Experte der statistischen Mecha-
nik, und der große Radioaktivitätsforscher Ernest Rutherford sowie aus Österreich Boltzmanns
Nachfolger Fritz Hasenöhrl. Im Original wiedergegen wurde Sommerfelds Bericht in Brüssel
1911, S. 70–135.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 79

zung seiner Bemühungen daher stets einen „physikalischen Assistenten“ aus der
Münchner Schule, als ersten den dort promovierten Alfred Landé.
Obwohl Sommerfelds Publikationen aus der Quantentheorie in den Jahren nach
1911 weltweit Beachtung fanden – sie behandelten meist Fragen aus der Molekül-
und Strahlenphysik, die der Autor durch den Einsatz des Planck’schen Wirkungs-
quantums h zu lösen hoffte –, schlug seine ganz große Stunde erst einige Jahre
später, mitten im Ersten Weltkrieg. Bereits im Sommer 1913 hatte Niels Bohr aus
Kopenhagen die Naturkonstante h in die Beschreibung des Atommodells von
Ernest Rutherford eingeführt und damit einen durchschlagenden Erfolg erzielt: er
konnte so die diskreten Spektrallinien des Wasserstoffatoms und des ionisierten
Heliums berechnen (Bohr 1913). Und wenige Monate später hatte Henry Gwyn
Jeffreys Moseley aus Oxford die von ihm experimentell bestimmten „charakteris-
tischen Röntgenspektren“ der schwereren Atome nach Bohrs Vorstellungen ge-
deutet (Moseley 1913, 1914). Und Sommerfeld, dem Bohr seine erste Veröffentli-
chung schickte, hatte bereits am 4. September 1913 dem jungen dänischen
Kollegen recht freundlich geantwortet:

„Wenn ich auch vorläufig noch etwas skeptisch bin gegenüber den Atommodellen über-
haupt, so liegt in der Berechnung jener Constanten [er meinte damit die sogenannte Rydberg-
Ritzsche Konstante in den Atomspektren des Wasserstoffs] fraglos eine große Leistung.
Übrigens wird die Übereinstimmung mit dem neuen Planckschen Wert h = 6,4 × 10–27
noch besser.“ (SB 1, S. 477)

Die eigentlich zurückhaltende Beurteilung des neuen quantentheoretischen


Atommodells gab der Münchner Theorieprofessor auch in den folgenden Monaten
keineswegs auf, obwohl er selbst an einem seit langem ungelösten Problem der
Atomphysik arbeitete, nämlich der Erklärung der Aufspaltung der Spektrallinien
in magnetischen Feldern, vor allem beim sogenannten „anomalen Zeeman-
Effekt“. Dazu benützte er eine ältere klassisch theoretische Beschreibung des
Göttinger Kollegen Woldemar Voigt. Selbst der Vortrag von Niels Bohrs im
Münchner Kolloquium am 15. Juli 1914 konnte ihn nicht umstimmen, dessen neue
Atomtheorie zu akzeptieren. Doch dann beschäftigte er sich im folgenden Winter-
semester 1914/15 – er hielt damals eine Spezialvorlesung über „Zeeman-Effekt
und Spektrallinien“ – endlich näher mit dem Bohr’schen Atommodell. Zuvor war
er nämlich in einem Kolloquiumsvortrag zu dem Ergebnis gelangt war, dass „die
Anzahl der Zerlegungen beim Stark-Effekt des Wasserstoffs“ – d. h. die Aufspal-
tung der entsprechenden Spektrallinien im elektrischen Feld, welche Johannes
Stark Ende 1913 gefunden hatte – sich wohl „nicht durch klassische Theorien
beschreiben ließ.“ Nun aber gewann er einen „interessanten Ansatz für den Stark-
Effekt aus der Bohr’schen Theorie der Wasserstofflinien“.23 Im Laufe des Jahres
1915 entwickelte er seine Grundideen weiter und legte sie schließlich in zwei
Manuskripten nieder, die er Ende dieses Jahres an Albert Einstein schickte. Dieser

23
Diesen Vortrag über die von Johannes Stark Ende 1913 beobachtete Aufspaltung der Wasser-
stofflinien im elektrischen Feld (Stark 1913) hielt Sommerfeld am 16. Januar 1915 (siehe SB 1,
S. 436).
80 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

schrieb umgehend auf eine entsprechende Anfrage des Kollegen zurück, dass
seine eben abgeschlossene „Allgemeine Relativitätstheorie“ in spektroskopischen
Fragen die Ergebnisse der früheren „Speziellen Relativitätstheorie“ nicht verän-
dern würde. Er teilte außerdem mit, Max Planck würde in Berlin gerade „an einem
ähnlichen Problem (Quantelung des ,Phasenraums von Molekularsystemen‘)“ wie
der Münchener Kollege arbeiten.24 Darauf beeilte sich Sommerfeld, seine Ergeb-
nisse „Zur Theorie der Balmer’schen Serie“ und über „Die Feinstruktur der Was-
serstoff- und der wasserstoff-ähnlichen Linien“ in den Sitzungsberichten der Bay-
erischen Akademie sowie „in geläuterter Form“ in den Annalen der Physik
drucken zu lassen (Sommerfeld 1915a,b, 1916a).25
Sommerfeld schlug in diesen Publikationen insbesondere vor, das Bohr’sche
Atommodell wesentlich auszubauen, indem er erstens Bohrs kreisförmige Bahnen
durch elliptische Keplerbahnen ersetzte, d. h. statt einem Freiheitsgrad der Elekt-
ronenbewegung deren zwei berücksichtigte. Er benützte also nun insbesondere die
zwei Quantenzahlen, um die entsprechenden radialen und azimutalen Drehimpulse
der Elektronenbahnen zu charakterisieren. Mit dieser Erweiterung des Bohr’schen
Modells ergab sich natürlich eine viel größere Anzahl von stationären Zuständen
der Atome als im ursprünglichen Ansatz. Sie erlaubte Somerfeld namentlich, die
verwickelteren Linienspektren der „wasserstoffähnlichen“ Atome zu beschreiben.
Zweitens berechnete er auch den Einfluss der Speziellen Relativitätstheorie bei
schnellen Elektronenbewegungen und entdeckte hier eine zusätzliche Aufspaltung
der Termzustände, die er „Feinstruktur“ der Spektrallinien nannte. Diese Ergeb-
nisse des Münchner Kollegen bezeichnete Albert Einstein im Brief vom 8. Februar
1916 als „eine Offenbarung“ (ESB, S. 40). Auch Niels Bohr in Kopenhagen rea-
gierte enthusiastisch auf die folgende Publikation und gestand Sommerfeld: „Ich
glaube nicht, daß ich je etwas gelesen habe, welches mir so viel Freude gemacht
hat, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß nicht nur ich, sondern alle hier die
größte Interesse für Ihre bedeutungsvolle und schöne Resultaten gehabt haben.“26
Die ebenso intensive, wie lohnende Arbeit über das erweiterte Bohr’sche Atom-
modell und die daraus gefolgerte Erklärung der Spektren vieler Atome verliehen
dem Münchner Theorieordinarius großen Auftrieb in einer an sich sehr schwieri-
gen Zeit. Seit Kriegsausbruch hatte sich nämlich sein Institut geleert, die jungen
Assistenten Wilhelm Lenz und Paul Ewald waren nicht mehr verfügbar, während
neue Studenten nur spärlich nachrückten. Sommerfeld und sein Hauptgesprächs-
partner in den experimentellen spektroskopischen Fragen, Friedrich Paschen in
24
Sommerfeld an W. Wien, 3.5.1915, bzw. Einstein an Sommerfeld, 28.11.1915 (in SB 1,
S. 493, bzw. S. 503). Der Berliner Experimentalphysiker und Präsident der Physikalisch-
Technischen Reichsanstalt, Emil Warburg, hatte übrigens bereits im Dezember 1913 (siehe seine
„Bemerkungen zu der Aufspaltung der Spektrallinien im elektrischen Feld“. Verh. Deutsch.
Physik. Ges. (2) 15, 259–266, 1913) eine erste Deutung des Stark-Effektes nach der Bohr’schen
Theorie vorgetragen.
25
Siehe auch Einstein an Sommerfeld, 9.12.1915 (in SB 1, S. 503). Die hier zitierten Veröffent-
lichungen waren Sommerfeld 1915a und 1915b sowie Sommerfeld 1916a.
26
Einstein an Sommerfeld, 8.2.1916, und N. Bohr an Sommerfeld, 19.3.1916, in SB 1, S. 525
bzw. 540–541. Bohr teilte auch mit, dass sich die Kollegen Jenkin Evans und Ernest Rutherford
in England sehr für die neuen Ergebnisse aus Deutschland interessierten.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 81

Tübingen, arbeiteten praktisch für sich allein. Freilich gab es in München eine
Ausnahme: der in Warschau geborene Paul Sophus Epstein, der bereits im
März 1914 die Dissertation bei Sommerfeld abgeschlossen hatte, zählte nun zwar
wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft offiziell als feindlicher Ausländer,
konnte aber unter behördlichen Einschränkungen in München seine Habilitation
vorbereiten. Der Professor teilte am 28. Dezember 1915 dem Berliner Astronomen
Karl Schwarzschild schriftlich mit, dass seine Erweiterung der Bohr’schen Ideen
wohl sowohl den Zeeman- als auch den Stark-Effekt erklären müssten. Er überließ
Epstein die Berechnung der elektrischen Aufspaltungen, und dieser arbeitete nun
mit Hochdruck an dem Problem, denn es drohte bald ernsthafte Konkurrenz aus
Berlin. Epstein und Schwarzschild beendeten schließlich gleichzeitig ihre Rech-
nungen, die sie in etwas verschiedener Weise ausführten: der russische Habilitand
integrierte die Bewegungsgleichung in parabolischen Koordinaten, der deutsche
Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums im Potsdam wählte dafür den
aus der Astronomie geläufigen Hamilton-Jacobi’schen Formalismus. Beide reich-
ten ihre Resultate zum Stark-Effekt, die mit den experimentellen Befunden beim
Wasserstoff völlig übereinstimmten, im März 1916 zur Veröffentlichung ein
(Epstein 1916, Schwarzschild 1916). Dieser großartige neue Erfolg seiner Theorie
– es musste nun übrigens noch eine dritte Quantenzahl in das Atommodell einge-
führt werden, um die Lage der Elektronenbahnen im Raum festzulegen – begeister-
te Sommerfeld sehr, obwohl er mit den eigenen Rechnungen das angestrebte Ziel,
alle Zeeman-Effekte zu erklären, nicht vollständig ans Ziel kam. Sowohl seine, als
auch die unabhängigen Auswertungen von Peter Debye – nunmehr Professor in
Göttingen – lieferten nämlich nur die sogenannte „normale“ Triplettaufspaltung,
nicht aber die bei Mehrelektronen-Atomen beobachteten komplizierten („anoma-
len“) Zeeman-Multipletts (Sommerfeld 1916b, Debye 1916).27 Deutlicher als De-
bye bezeichnete Sommerfeld daher das Resultat seiner Bemühungen um den Zee-
man-Effekt als schlichtweg falsch.
Auch andere Berechnungen komplizierter Spektren – wie etwa die der Alkali-
atome – misslangen oder befriedigten, wie die Aussagen über die Intensitäten der
Spektrallinien, zunächst den anspruchsvollen Münchner Theoretiker nur teilweise.
Dann erhielt er in beiden letzten Kriegsjahren noch ganz unerwartet einen hochbe-
gabten Mitarbeiter in dem Polen Adalbert (Wojciech) Rubinowicz, der aus der
Bukowina stammte und 1914 in dem damals österreichischen Tschernowitz den
Dr. phil. erworben hatte. Als 1916 diese Universität kriegsbedingt geschlossen
wurde, kam er nach München und brachte frische Ideen über die Wechselwirkung
von Atomen und Strahlung mit. Er entwarf nämlich eine Beschreibung, in der
beim Austausch zwischen Atom und Strahlung („Äther“) Energie und Impuls
erhalten blieben, und leitete so die später nach ihm benannten „Auswahlregeln“
für die azimutale Quantenzahl ab, die gewisse der theoretisch möglichen, aber
empirisch nicht auftretende Linien verboten (Rubinowicz 1918). Gleichzeitig
wandte sich Sommerfeld einem neuen Problemkreis zu, nämlich der Entschlüsse-

27
Die detaillierte Entwicklung des Bohr’schen Atommodells und seine Erweiterung durch Som-
merfeld wurde dargestellt in Mehra-Rechenberg 1/1, Abschnitt II, 3 und II, 4, S. 181–230.
82 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

lung der Röntgenspektren. Auch hier erfuhr er ganz wesentliche Hilfe in Mün-
chen, nicht nur vom Röntgenschüler Ernst Wagner – der seit 1915 ein Extraordi-
nariat im experimentellen Institut erhalten hatte –, sondern auch von dem 1888 in
Berlin geborenen Walther Kossel, der 1911 bei Philipp Lenard in Heidelberg pro-
moviert hatte und seit 1913 Professor Jonathan Zenneck an der Technischen
Hochschule als Assistent diente. Mit ihm zusammen erzielte er eine Reihe beacht-
licher Erfolge, wenngleich zukünftig noch viele feinere Fragen zu beantworten
blieben (Kossel und Sommerfeld 1919).28
„Zur Zeit meines Aufenthaltes in München, d. h. 1916 bis 1918, bestand der
Sommerfeldkreis nur aus wenigen Teilnehmern“, erinnerte sich Rubinowicz spä-
ter.29 Zu diesen gehörte außer ihm selbst und Epstein eigentlich nur noch der Dok-
torand Franz Pauer, der 1918 promoviert wurde. Freilich standen als Gesprächs-
partner neben den älteren, vom Kriegsdienst befreiten Münchner Physikern auch
durch den Briefwechsel der ausgezeichnete schwedische Röntgenspektroskopiker
Manne Siegbahn und der Leydener Theoriekollege Paul Ehrenfest zur Verfügung –
dieser er hatte sich 1911 bei Sommerfeld um die Habilitation in München bemüht
und war bald darauf überraschend zum Nachfolger vom Professor Hendrik Lorentz
berufen worden. Dazu kamen die Pioniere der Quantentheorie Max Planck und
Albert Einstein in Berlin, die die wissenschaftlichen Arbeiten ihres Münchner
Kollegen hoch einschätzten und mit ihm regelmäßig korrespondierten.
Sommerfeld genoss gegen Kriegsende bei den deutschen Physikerkollegen in
höchstem Ansehen, und der damals amtierende Vorsitzende ihrer Gesellschaft,
Albert Einstein schrieb ihm am 1. Juni 1918:

„Gestern Abend sind Sie vom Vorstand und Beirat sowie vom Plenum der Deutschen
Physikalischen Gesellschaft [DPG] zum Vorsitzenden gewählt worden und zwar mit
sichtlicher Begeisterung. Es erwachsen Ihnen hieraus keine Verpflichtungen. Wenn Sie
einmal bei einer Sitzung der Gesellschaft sowieso in Berlin sind, führen Sie den Vorsitz,
sonst werden Sie durch eines der hier wohnenden Vorstandsmitglieder (in erster Linie
Rubens) ersetzt.“ (SB 1, S. 595–596)

Noch wenige Wochen zuvor, am 26. April 1918, hatte Sommerfeld in seinem
Vortrag über „Strahlungs- und Quantentheorie“ anlässlich der Berliner „Festsit-
zung zum 60. Geburtstag von Hrn. M. Planck“ der immer noch in Berlin ansässi-
gen DPG – sie war 1899 aus der 54 Jahre zuvor gegründeten „Berliner Physikali-
schen Gesellschaft“ hervorgegangen – die vom Jubilar angestoßene gewaltige
Entwicklung der neuen Theorie zusammenfassend dargestellt. Nun nahm er die
ehrenvolle Berufung an die Spitze der deutschen Physiker an und half in den fol-
genden beiden schwierigen Jahren ganz wesentlich, die Spannungen zwischen der
wachsenden Zahl von auswärtigen und den Berliner Mitgliedern zu überwinden.
Während seiner Amtsführung wurde schließlich eine neue Satzung der DPG aus-
gearbeitet, die am 1. Januar 1920 in Kraft trat und die auswärtigen Mitglieder

28
Siehe SB 1: Briefe besonders aus dem Jahr 1918 an Albert Einstein und vor allen Dingen an
Manne Siegbahn, den experimentellen schwedischen Spezialisten der Röntgenspektroskopie.
29
A. Rubinowicz, SHQP-Interview 1963, zitiert in SB 1, S. 458.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 83

aufrief, eigene „Gauvereine“ zu gründen. Bereits am 14. des Monats hob Sommer-
feld selbst als ersten den „Gauverein München“ aus der Taufe.30 Es waren vor
allem die Tagungen dieser Unterabteilungen der DPG, auf denen junge Nach-
wuchsphysiker ihre neuesten Ergebnisse bekannt und auf sich aufmerksam ma-
chen konnten.
Nach dem für das Reich verlorenen Krieg und den daraus folgenden wirtschaft-
lichen Schwierigkeiten bedurfte natürlich auch das Zeitschriftenwesen der Gesell-
schaft einer Neuordnung. Den bereits existierenden Verhandlungen der Deutschen
Physikalischen Gesellschaft, deren Umfang nun aus Kostengründen stark einge-
schränkt werden musste, traten – sozusagen als „Ergänzungshefte“ für umfangrei-
chere wissenschaftliche Artikel – die Bände der jetzt neu gegründeten Zeitschrift
für Physik zur Seite, die zunächst bei Friedrich Vieweg & Sohn in Braunschweig
verlegt wurden und von den Mitgliedern mit 25% Rabatt bezogen werden konn-
ten.31 Gerade in dieser Angelegenheit hatte der neue Vorsitzende aus München
sogleich schlichtend einzugreifen, weil die Kollegen außerhalb Berlins, nament-
lich der Würzburger Experimentalordinarius Willy Wien – er gab damals die alt-
ehrwürdigen Annalen der Physik ebenfalls im Namen der DPG heraus – in der
Wahl des vorgeschlagenen Namen der neuen Zeitschrift ein Diktat der hauptstäd-
tischen Physiker argwöhnten. Als Sommerfeld im Brief dem Freunde Einstein
diese „Sorgen“ mitteilte, schrieb dieser am 18. Dezember 1919 besänftigend zu-
rück, dass nur der Braunschweiger Verlag aus eigennützigem Interesse auf dem
beanstandeten Namen der neu herausgegebenen Zeitschrift bestanden hatte, und
die Berliner, selbst sich „überrascht und bekümmert“ den vorgebrachten ökonomi-
schen Gründen gebeugt hätten (ESB, S. 60–61). Die Zeitschrift für Physik, die bald
darauf ab Band 5 (1921) im Berliner Verlag von Julius Springer erschien – sie
wurde 1925 von diesem dann auch in die volle wirtschaftliche Verantwortung
übernommen –, entwickelte sich bald zu dem Publikationsorgan für die neuesten
physikalischen Ergebnisse, nicht nur in Deutschland, sondern auch weit über die
deutschen Grenzen hinaus. In ihren Heften versammelten sich in den nächsten fast
eineinhalb Jahrzehnten die grundlegenden Arbeiten von Autoren aus aller Welt,
30
Die DPG ging 1899 aus der „Physikalischen Gesellschaft zu Berlin“ hervor, die 1845 entstan-
den war. Sie behielt den Sitz auch nach 1899, als sie sich in die „Deutsche Physikalische Gesell-
schaft“ umbenannte, in der Reichshauptstadt bei, zumal sich damals dort über die Hälfte der
Mitglieder versammelten. Allerdings nahm in den beiden folgenden Jahrzehnten der Anteil der
auswärtigen Mitglieder ständig zu, sodass nach dem Krieg mit den „Gauvereinen“ ein Gegenge-
wicht zur starken Berliner „Maffia“ gebildet werden sollte. Bis zum Oktober 1921 konstituierten
sich die Gauvereine Wien, Hessen, Niedersachsen und Berlin und im Jahr 1924 kam noch der
„Gauverein Prag“ für die nun in der Tschechoslowakei wohnenden und wirkenden deutschspra-
chigen Mitglieder hinzu. Freilich gehörten von den 1300 Mitgliedern der DPG noch 360 zum
größten Gauverein Berlin, während 500 andere noch nicht in einem Gauverein organisiert waren.
Bei diesen Absolutzahlen muss man außerdem bedenken, dass sich inzwischen die meisten
technischen Physiker in einer eigenen großen Gesellschaft organisiert hatten. Siehe T. Mayer-
Kuckuck, Hrsg.: Festschrift 150 Jahre Deutsche Physikalische Gesellschaft. Sonderheft der
Physikalischen Blätter 51 (1995), hier besonders die Artikel von W. Schreier und M. Franke
bzw. A. Hermann, S. F9–F59 bzw. S. F61–F80.
31
Siehe den Aufsatz von E. Dreisigacker und H. Rechenberg: Karl Scheel, Ernst Brüche und die
Publikationsorgane. In Ref. 30, S. F135–142, bes. S. F136–138.
84 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

die namentlich über Probleme der Atom- und der Quantentheorie oder die Rela-
tivitätstheorien publizieren wollten.
In den folgenden Jahren strahlte auch Sommerfelds Ruf hell in die gesamte
wissenschaftliche Welt. Sein nachhaltiges Eintreten für die beiden großen revolu-
tionären Theorien und seine mit glänzendem Erfolg gekrönten Anwendungen
wurden schnell bekannt und geschätzt, trotz der Hindernisse, die der Krieg und
danach die teilweise erzwungene internationale Isolation der Wissenschaftler aus
den Verliererstaaten durch die der Siegerstaaten aufwarfen. Außerdem begann das
Komitee für den Physik-Nobelpreis – die höchste und auch politisch unparteiische
fachliche Instanz – gerade damals, endlich auch die Pioniere der Atom- und Quan-
tentheorie zu berücksichtigen: 1918 erhielt Max Planck die Auszeichnung „für die
Entdeckung des Wirkungsquantums“, 1919 Johannes Stark „für die Entdeckung
des Doppler-Effektes an Kanalstrahlen und der Aufspaltung von Spektrallinien im
elektrischen Feld“. 1921 ging die Ehrung schließlich an Albert Einstein „für die
Entdeckung der Gesetze des photoelektrischen Effektes und die Arbeiten in theo-
retischer Physik“ – freilich ohne explizit seine großen Beiträge zur Relativitäts-
theorie hervorzuheben. Offensichtlich durfte auch bald die entsprechende Würdi-
gung der Leistungen von Niels Bohr und Arnold Sommerfeld erwartet werden.32
Die Wertschätzung des Professors teilte eine wachsende Schar von Schülern.
Nach Kriegsende kamen zunächst einige seiner ehemaligen Doktoranden an das
Münchner Institut zurück, namentlich Wilhelm Lenz und Paul Ewald, und neue
traten hinzu, wie etwa Adolf Kratzer. Sommerfeld betrachtete seine Schüler, die er
auch ganz privat intensiv betreute, ganz wie seine eigenen Kinder.33 Er sorgte sich
persönlich nachdrücklich um ihre Zukunft durch „Schiebungs-Vorschläge in wis-
senschaftliche Positionen“, wozu er auch einflussreiche Kollegen wie Albert Ein-
stein einschaltete.34 So erhielt in den folgenden Jahren Wilhelm Lenz zunächst ein
Extraordinariat an der Universität Rostock (1920–1921) und anschließend die
ordentliche Professur für theoretische Physik an der neugegründeten Universität
Hamburg, und auch Paul Ewald bekam, zunächst nach einer außerordentlichen
Professur an der Technischen Hochschule Stuttgart (1921), bald das dortige Ordi-
nariat (1922). Erwin Fues und Adolf Kratzer, die beide 1920 promovierten, ver-
half der Doktorvater ebenfalls zu akademischen Stellungen: Fues trat zunächst in
Stuttgart eine Assistentenstelle an, habilitierte sich dort 1924, bis er 1929 ein Or-
dinariat an der Technischen Hochschule Hannover erhielt. Kratzer wurde 1922
sogleich zum Professor für theoretische Physik an der Universität Münster beru-
fen. Man durfte schon bald nach dem Krieg von einer bedeutenden Sommer-

32
Die Bayerische Akademie der Wissenschaften erwog schon im Herbst 1918 eine Nominierung
Sommerfelds für den Nobel-Preis und bat sogar ihn selbst, ein entsprechendes Schreiben aufzu-
setzen. Obwohl er zunächst einige Unterlagen liefern wollte, hielt Sommerfeld die Verleihung
des Preises an sich selbst für „ungerecht, wenn er nicht vorher an Bohr vergeben ist“ (A. Som-
merfeld an K. Ritter von Goebel, 8.10.1918. In SB 1, S. 608–609).
33
Paul Ewald beschrieb im Detail die Atmosphäre dieser menschlichen Begegnungen im Hause
Sommerfelds in einem Beitrag zum 100. Geburtstag seines Lehrers. Siehe Ewald 1969, S. 8–16,
bes. S. 11–12.
34
Siehe den Brief von Sommerfeld an Einstein vom 25.3.1919 (ESB, S. 56–58).
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 85

feldschule sprechen, in der die Lehre des Münchner Meisters über die deutschen
Universitäten hinaus verbreitet wurde.35
„Daß Sommerfeld so erfolgreich im Aufbau einer Schule für theoretische Phy-
sik war“, begründete sein Schüler Ewald vor allem mit zwei Eigenschaften des
Lehrmeisters. Zunächst wies er auf dessen Lehrmethoden hin, die er viel seinen
früheren Vorbildern verdankten, namentlich dem Privatdozenten David Hilbert –
der Sommerfeld bereits in Königberg „den Reiz, der für Studenten in der Diskus-
sion aktueller Probleme der Wissenschaft liegt, insbesondere wenn der Vortragen-
de selbst schaffend an ihnen beteiligt ist“, nahebrachte. Später übernahm der As-
sistent Sommerfeld in Göttingen insbesondere Felix Kleins „durchsichtige
Gliederung des Kollegs und die musterhafte übersichtliche Benutzung der Tafel“
und entwickelte diese Methoden systematisch weiter, sehr zugunsten seiner eige-
nen Vortragsveranstaltungen.
Zusätzlich waren seine „Kursvorlesungen von ,Übungen‘ begleitet, in denen
zur Entlastung der eigenen Vorlesung physikalisch bedeutungsvolle Dinge von
Studenten selbst errechnet werden sollten.“ Und weiter:

„Die Arbeiten wurden abgegeben, von Assistenten korrigiert und mit Bemerkungen verse-
hen. Dann wurden die Lösungen und manche interessante Stücke in der folgenden Übungs-
periode besprochen, wobei gelegentlich auch einfache Vorlesungsversuche ausgestellt
wurden, um mathematische und physikalische Behandlung einander nahe zu bringen.“

Auf diese Weise konnte der Professor seine Schüler näher kennenlernen und
diejenigen „ermutigen, die besonderen Fleiß oder Originalität zeigten“. Dabei
„war er stets bereit, Gegenargumente zu hören und hatte große Geduld mit den
Schwierigkeiten der Studenten, wenn er sie als echt anerkannte.“ Schließlich „er-
munterte er die besten Studenten, indem er ihnen kleine Hilfsarbeiten übertrug,
wie z. B. die Kontrolle längerer Rechungen oder Korrekturen lesen“, und:

„Wenn sie sich bewährten, durften sie am Seminar teilnehmen. In diesem bekamen sie
eine bestimmte Aufgabe zugeteilt, die zu dem Thema des Seminars passte und die von ih-
nen 2–4 Wochen angestrengten Eindringens in das Thema verlangte. Wenn sie dazu bereit
waren, trugen sie darüber vor und standen Rede und Antwort.“ (Ewald 1968, S. 10)

Natürlich galt eine gute Leistung im Seminar auch als die „selbstverständliche
Vorbedingung“, wenn man Sommerfeld um ein Promotionsthema bitten wollte.

35
Die früheren Schüler Rudolf Seeliger und Alfred Landé hatten München schon früher, nicht
ohne Empfehlungen Sommerfelds verlassen: Seeliger begann seine akademische Laufbahn mit
einer Privatdozentur an der Universität Berlin, ehe er 1918 als außerordentlicher Professor nach
Greifswald ging und dort 1921 zum Ordinarius befördert wurde. Der am 13. Dezember in Elber-
feld geborene Alfred Landé hatte in Marburg, München und Göttingen Physik studiert und
schließlich bei Sommerfeld promoviert. Nach dem Kriegsdienst wurde er zunächst 1919 Privat-
dozent an der Universität Frankfurt am Main und kam schließlich 1922 als Extraordinarius zu
Friedrich Paschen nach Tübingen. Paul Epstein schließlich wanderte nach einer Dozentur an der
Universität Zürich (1919–21) in die USA aus und wirkte seither als Professor am California
Institute of Technology in Pasadena.
86 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Diese strenge Art des Auswahlsystems verknüpfte der Münchner Theorieordi-


narius, wie Ewald hinzufügte, mit einer „warmherzigen und grundehrlichen Ein-
stellung zu den Studenten“. Das war eben ein hervorragender Zug seines ostpreu-
ßischen Charakters, der ihm als Mensch und Lehrer erlaubte, zu allen Zeiten
„viele nahe Freunde zu haben und solche in vielerlei Lebensumständen“. Und
noch andere liebenswürdige Eigenschaften hob der Schüler an seinem Lehrer
hervor, etwa den menschlichen Umgang mit seinen Mitarbeitern, die regelmäßig
in die geräumige Wohnung der Familie – Sommerfeld war seit 1897 verheiratet
und hatte vier Kinder – im oberen Geschoß des Hauses Leopoldstraße 87 eingela-
den, bewirtet und mit Hausmusik ergötzt wurden. Und schließlich berichtete er
noch von einer persönlichen Eigenschaft des Professors:

„Sommerfeld liebte die Natur. Fußwanderungen und Bergwanderungen, Schwimmen und


Radfahren boten ihm geistiges Ausruhen und ein Gegengewicht gegen die Arbeit am
Schreibtisch. Er war ein begeisterter Schifahrer von großer Sicherheit im Tourenfahren,
wenn auch nicht gerade in eleganter Form.“ (Ewald, l.c., S. 10–11)

Es war daher kaum ein Wunder, dass ein Studienanfänger aus der Jugend- und
Pfadfinderbewegung wie Werner Heisenberg gerade einen solchen Professor äu-
ßerst sympathisch finden musste und heilfroh war, dem verknöcherten Mathema-
tiker Lindemann entronnen zu sein. Seine Schilderung der Studienzeit setzte mit
der folgenden wesentlichen Erinnerung ein:

„Als ich den Hörsaal der Universität betrat, in der Sommerfeld seine Vorlesungen zu hal-
ten pflegte, entdeckte ich in der dritten Reihe einen Studenten mit dunklem Haar und
einem etwas unbestimmten hintergründigen Gesicht, der mir nach dem ersten Gespräch
mit Sommerfeld schon im Seminarraum aufgefallen war. Sommerfeld hatte mich mit ihm
bekannt gemacht und mir hinterher beim Abschied an der Tür seines Instituts noch gesagt,
daß er diesen Studenten für einen seiner begabtesten Schüler halte, von dem ich viel ler-
nen könne. Ich sollte mich ruhig an ihn wenden, wenn ich in der Physik etwas nicht ver-
stünde.“ (Heisenberg 1969, S. 41)

Der Student hieß Wolfgang Pauli, und mit seinen ersten Ratschlägen begann
ein lebenslanger, sehr enger persönlicher und wissenschaftlicher Austausch zwi-
schen den beiden Sommerfeld-Schülern, der die Entwicklung der Atom- und
Quantentheorie in den folgenden Jahrzehnten entschieden beeinflusste. Der lern-
begierige Heisenberg setzte sich sogleich neben ihn, und Pauli flüsterte ihm als
erste Amtshilfe eine Charakterisierung seines Lehrer zu: „Sieht er nicht aus wie
ein Husarenoberst?“. Nach der Vorlesung wagte der Neuling auch gleich, dem
Nachbarn zwei wichtige Fragen für sein Studium zu stellen, als erste, inwieweit
man als Physiker die Kunst des Experimentierens kennenlernen müsse. Pauli ant-
wortete sofort ganz kurz und bündig, das hinge davon ab, ob er in Zukunft theore-
tisch oder experimentell arbeiten wolle. Ein Theoretiker insbesondere sollte die
abstrakte mathematische Sprache beherrschen, aber auch Kenntnisse der experi-
mentellen Physik haben. Bezüglich der zweiten Frage Heisenbergs, ob die Relati-
vitätstheorie oder die Atomtheorie die wichtigsten Probleme in der gegenwärtigen
Physik stellten, erwiderte der erfahrene Kollege ebenso bestimmt:
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 87

„Die sogenannte spezielle Relativitätstheorie ist völlig abgeschlossen und man muß sie ein-
fach lernen und anwenden wie jede ältere Disziplin der Physik. Sie ist also für einen, der
Neues entdecken will, nicht mehr sonderlich interessant. Die allgemeine Relativitätstheorie
oder, was ungefähr dasselbe ist, die Einstein’sche Theorie der Gravitation ist noch nicht im
gleichen Maße abgeschlossen! Aber sie ist insofern auch recht unbefriedigend, als in ihr auf
hundert Seiten Theorie mit schwierigsten mathematischen Ableitungen nur ein Experiment
kommt. Daher weiß man noch nicht so sicher, ob sie überhaupt richtig ist. Aber diese Theo-
rie eröffnet neue Denkmöglichkeiten, und daher muß man sie ernst nehmen.“ (l. c., S. 43)

Wolfgang Pauli, der im Oktober 1918 nach München gekommen war, wusste,
wovon er sprach, denn er war bereits tief in die Allgemeine Relativitätstheorie ein-
gedrungen und wollte bei Sommerfeld mehr darüber lernen.36 Der Sohn eines aus
Prag stammenden Pioniers der Kolloidchemie gleichen Namens – er selbst nannte
sich daher in den ersten Publikationen stets „Wolfgang Pauli, jun.“ – wurde am
25. April 1900 in Wien geboren. Der bekannte Physiker Ernst Mach (übrigens ein
langjähriger Gegner der Atomvorstellung) war sein Taufpate. Pauli lernte als Gym-
nasiast die Allgemeine Relativitätstheorie kennen, sodass er schon im Septem-
ber 1918 seine wissenschaftliche Erstlingsarbeit über die Energiekomponenten des
Gravitationsfeldes zur Publikation einreichen konnte.37 „Von der Wiener Intelligenz
habe ich eine geradezu erstaunliche Probe in dem jungen Pauli um mich, Sohn des
Wiener medicinischen Chemikers. Ein erstes Semester!“ bemerkte Sommerfeld im
Brief vom 14. Januar 1919 an den Kollegen Josef von Geitler und fügte hinzu: „Sei-
ne Begabung geht selbst über die von Debye um ein Vielfaches hinaus.“ (SB 2, S. 47).
Der junge Pauli war also unmittelbar nach dem Krieg der aufsteigende Stern in
Sommerfelds Wirkungskreis. Er lieferte sofort weiter selbständige und originelle
Beiträge zu der Theorie Einsteins, die gerade durch die Ergebnisse der britischen
Sonnenfinsternisexpedition Ende des Jahres 1919 international in aller Munde
war, obgleich sie in Deutschland und besonders zunächst in Berlin im folgenden
Jahr auch gehässigen Anfeindungen ausgesetzt wurde.38 So kam es auf der Bad
Nauheimer 86. Naturforscherversammlung im September 1920 zu einer großen
Grundsatzdiskussion über die Relativitätstheorie, in der der angesehene Experi-
mentalphysiker und Nobelpreisträger von 1905 Philipp Lenard energisch die Mei-
nungen ihrer Gegner vertrat. Diese Diskussion schloss sich insbesondere an Her-
mann Weyls Hauptvortrag über „Elektrizität und Gravitation“ an, in der auch
Sommerfelds jüngster Student unerschrocken sachliche Einwände gegen die Be-
schreibung der Elektronen in der neuen Theorie des Referenten erhob. Sommer-
feld sah dem Erstauftritt Paulis im Kreise der versammelten Koryphäen gelassen
zu, hatte er ihm doch bereits vorher im Frühjahr 1920 den Artikel über „Relativi-

36
Arnold Sommerfeld hatte seit 1910 die weiteren Schritte Einsteins in der Relativitätstheorie
verfolgt und half diese zu verbreiten, etwa durch die Sammlung grundlegender Artikel und ihre
Kommentierung in dem Band H. A. Lorentz, A. Einstein und H. Minkowski: Das Relativitäts-
prinzip. B. G. Teubner, Leipzig 1913, 3. und 4. erw. Aufl. 1920 und 1922.
37
Zu Wolfgang Paulis Biographie und wissenschaftlichem Werdegang siehe Enz 2002 sowie die
verschiedenen Einleitungen und kommentierten Essays von K. von Meyenn zu den Bänden von
Wolfgang Paulis wissenschaftliche Briefwechsel, zitiert als PB I, II usw.
38
Siehe z. B. Grundmann 1998, Kap. 2.3 sowie die Briefe zwischen Sommerfeld und Einstein
aus dem Jahr 1920, wiedergegeben in ESB, S. 65–77 und in SB 2, S. 81 ff.
88 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

tätstheorie“ für seinen Band der Encyklopädie der mathematischen Wissenschaften


völlig übertragen, den er eigentlich mit ihm zusammen verfassen wollte. Und
Pauli löste dann die mathematisch wie physikalisch äußerst anspruchsvolle Auf-
gabe innerhalb eines Jahres, zusätzlich zur Arbeit an seiner Dissertation. Der Leh-
rer war mit dem Ergebnis äußerst zufrieden und betonte im Vorwort zur gesonder-
ten Ausgabe des im Herbst 1921 erschienenen Artikels (Pauli 1921a): „Obgleich
damals noch Student, war Herr Pauli nicht nur mit den neuesten Gedankengängen
der Relativitätstheorie durch eigene Untersuchungen heimisch, sondern auch mit
der Literatur des Gegenstandes voll vertraut.“ Noch höheres Lob zollte feierlich
Albert Einstein in seiner Buchbesprechung in den Worten:

„Wer dieses reife und groß angelegte Werk studiert, möchte nicht glauben, daß der Verfasser
ein Mann von 21 Jahren ist. Man weiß nicht, was man am meisten bewundern soll, das psy-
chologische Verständnis für die Ideenentwicklung, die Sicherheit der mathematischen De-
duktion, den tiefen physikalischen Blick, das Vermögen übersichtlicher systematischer Dar-
stellung, die Literaturkenntnis, die sachliche Vollständigkeit, die Sicherheit der Kritik.“39

Als Heisenberg zum ersten Mal Pauli begegnete, hatte sich dieser auch schon
einige Kompetenz in der Behandlung von atomphysikalischen Problemen erwor-
ben. So war im Juni 1920 von ihm eine erste Untersuchung, „Theoretische Be-
merkungen über den Diamagnetismus“, bei der Physikalischen Zeitschrift einge-
gangen, und in Bad Nauheim hatte er aus einer weiteren Untersuchung über
„Quantentheorie und Magneton“ vorgetragen, in der er zum ersten Mal das soge-
nannte „Bohr’sche Magneton“ μ B als grundlegende Einheit für das magnetische
Moment des Elektrons im Atom einführte, nämlich die Größe
eh
μB = L, (2.1)

worin e (Pauli schrieb damals dafür η) den Absolutwert der Elektronenladung,
h die Planck’sche Konstante und L die (Loschmidt’sche oder Avogadro’sche) Zahl
der Atome im Gramm-Atom bedeuteten (Pauli 1920; S. 615).40 In der Tat fand
Pauli, wie er Heisenberg bereits in ihrem ersten Gespräch gestand, eigentlich „die
Atomphysik im Grunde viel interessanter“ als die Relativitätstheorie, denn wie er
dem Neuling Heisenberg gleich umfassend informierte:

„In der Atomphysik gibt es eine Fülle noch unverstandener experimenteller Ergebnisse.
Die Aussagen der Natur an einer Stelle scheinen denen an einer anderen Stelle zu wider-
sprechen, und es ist bisher nicht möglich gewesen, ein auch nur halbwegs widerspruchs-
freies Bild der Zusammenhänge zu zeichnen. Es ist zwar dem Dänen Niels Bohr gelungen,
die merkwürdige Stabilität der Atome gegenüber äußeren Störungen mit der Planck’schen
Hypothese in Verbindung zu bringen – die man auch nicht versteht – und neuerdings soll

39
A. Einstein, W. Pauli, jun.: Relativitätstheorie. Naturwissenschaften 10, 184–185 (1922). Für
weitere Details über den Relativitätstheorie-Artikel (Pauli 1921) sei verwiesen auf K. von Mey-
enn: Das Jahr 1920. Relativitätsartikel und erste Arbeiten zur Atomphysik in PB I, S. 13–14.
40
Siehe Pauli 1920, S. 615, wiederabgedruckt in PCW 2, S. 36. Eine ausführliche Diskussion der
frühen wissenschaftlichen Arbeiten Paulis findet man in Mehra-Rechenberg 1/1, S. 376–396,
sowie in Enz 2002, Kapitel II und III.
2.1 Arnold Sommerfeld und seine Münchner Schule 89

Bohr sogar das Periodische System der Elemente und die chemischen Eigenschaften ein-
zelner Stoffe qualitativ verständlich machen können. Aber wie er das zuwege bringen will,
kann ich nicht recht einsehen, da er ja die genannten Widersprüche nicht beseitigen kann.“
(Heisenberg 1969, S. 43)

Diese Widersprüche zu beseitigen empfahl Pauli als die Aufgabe der atomtheore-
tischen Forschung in den nächsten Jahren, und er ermunterte auch den Studien-
anfänger, sich bald an den Bemühungen zu beteiligen, denen er auch selbst seine
Dissertation über das Wasserstoffmolekülion widmete.
Natürlich gehörte der frühreife Pauli bereits von Anfang seines Studiums an
zum engsten Kreis der Sommerfeld-Schüler, die sich in dessen Seminar versam-
melten. Als der Professor im Herbst 1920 dem Anfänger Heisenberg hier so groß-
zügig vorzeitig Einlass gewährte, fand dieser noch einige ältere Mitglieder vor:
etwa den 1888 in Berlin geborenen Paul Ewald, der sich 1917 in München habili-
tiert hatte und nun schon selbst Vorlesungen hielt, und den jüngeren, 1893 in Stutt-
gart geborenen Erwin Fues, der eben erst in München promoviert hatte und sich
1922 an der Münchner Universität habilitieren würde. Gerade abwesend war Adolf
Kratzer, 1893 aus Günzburg gebürtig, denn Sommerfeld hatte ihn nach der Promo-
tion im Sommer 1920 auf ein Jahr dem Göttinger Mathematiker David Hilbert als
physikalischen Assistenten ausgeliehen. Kratzer habilitierte sich dann 1921 wieder
in München und blieb dort ein Jahr als Privatdozent, ehe er, wie bereits berichtet
wurde, als Ordinarius für theoretische Physik an die Universität Münster ging.
Dem Sommerfeld’schen Seminar war noch Karl Ferdinand Herzfeld eng verbun-
den, der 1892 in Wien geboren wurde, ab 1910 dort an der Universität sowie in
Zürich und Göttingen studiert und schließlich 1914 in Wien den Doktorgrad erhal-
ten hatte. Nach vierjährigem Kriegsdienst in der Armee seines Heimatlandes kam
er 1919 in München an, um neben Physik auch Chemie zu lernen. Bereits 1920
erwarb er sich die Stellung eines Privatdozenten in theoretischer Physik und physi-
kalischer Chemie und konnte eine Assistentenstelle bei dem bekannten Physiko-
chemiker Kasimir Fajans antreten. Herzfeld hielt dann Spezialvorlesungen und
kündigte etwa im Wintersemester 1921/22 eine solche unter dem Titel „Quanten-
mechanik der Atommodelle“ an, in der die Bezeichnung „Quantenmechanik“ wohl
zum ersten Mal auftrat. Schließlich stieß im Frühjahr 1921 noch ein jüngeres Mit-
glied zum Sommerfeld’schen Seminar: Otto Laporte, 1902 in Mainz geboren, hatte
vorher ein Jahr in Frankfurt studiert und wurde mit einer Empfehlung Max Borns
in München unbedenklich aufgenommen. Der Professor beriet ihn bei der Auswahl
der Vorlesungen und gab ihm sofort ein Vortragsthema: Er sollte über den soge-
nannten „Einstein-de Haas-Effekt“ referieren – den 1916 von Albert Einstein und
Johannes Wander de Haas in Berlin gefundenen Nachweis der „Ampère’schen
Ströme“ in Metallstäben –, obwohl er bisher weder eine Elektrodynamikvorlesung
besucht noch je etwas vom Bohr’schen Atommodell gehört hatte.41 Laporte schloss
sich sofort eng an das Duo Heisenberg und Pauli an, und Heisenberg erinnerte sich

41
O. Laporte, Interview mit SHQP 1964. Zu Laportes Biographie siehe H.R. Crane und D.M.
Dennison: Otto Laporte, July 23, 1900 – March 28, 1971. National Academy of Sciences. Bio-
graphical Memoirs 50, 268–285 (1979).
90 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

später lebhaft an gemeinsame physikalische Diskussionen: „Otto mit seinem ge-


scheiten Pragmatismus war ein guter Vermittler zwischen Wolfgang und mir.“42
Die Teilnahme am „Seminar“ des Sommerfeld’schen Institutes, einer wöchent-
lichen Einrichtung, war im allgemeinen fortgeschrittenen Studenten vorbehalten –
Heisenberg und Laporte stellten, wie schon vorher Pauli, eine Ausnahme dar. Als
Mitglieder genossen sie freilich nun wesentliche Vorteile. Außer ihrem direkten
und ständigen Verkehr mit dem Professor bekamen sie Zutritt zu einer umfangrei-
chen physikalischen Literatur in der institutseigenen Bibliothek, vor allem zu den
neuesten Heften der wichtigsten Zeitschriften. Die erworbenen Kenntnisse konnten
sie dann natürlich nicht nur für ihre Seminarvorträge, sondern auch bald in eigenen
wissenschaftlichen Untersuchungen oder sogar Publikationen verwenden. In den
Seminarvorträgen mussten die Teilnehmer über ein bestimmtes, älteres oder auch
brandneues Thema vortragen, das dann gemeinsam diskutiert wurde. Sommerfelds
Assistent bekleidete in dem Seminar eine wichtige Stellung; er beriet die Mitglie-
der des Seminars in ihren physikalischen Problemen und in der Auswahl der physi-
kalischen Literatur, und er holte gelegentlich die Sonderdrucke und Doktorarbeiten
für sie aus dem Zimmer des Professors. Als Heisenberg in München studierte, war
zunächst Paul Ewald Sommerfelds Assistent, und als dieser dem Ruf nach Stuttgart
folgte, rückte Gregor Wentzel, der im Frühjahr 1921 promovierte, in seine Rolle.
Pauli, der erst am 25. Juli 1921 mit „summa cum laude“ seine Doktorprüfung ab-
legte, war bereits längst vorher als Hilfsassistent tätig.43
Neben den regelmäßigen Veranstaltungen des Seminars, gab es im Institut ge-
legentlich improvisierte Sonderseminare und Kolloquien, wobei in der Regel Gäs-
te von außerhalb vortrugen. Das wissenschaftliche Leben in Sommerfelds Umge-
bung gestaltete sich daher äußerst rege, reichhaltig und geistig anspruchsvoll. Der
der Professor unterrichtete sich nämlich über die ihn interessierenden in der Phy-
sik keineswegs allein aus der Fachliteratur und den ihm zugeschickten Sonderdru-
cken von Kollegen; er gab auch seinen Studenten publizierte Arbeiten oder gar an
ihn gerichtete Briefe der Korrespondenten zur Durchsicht, deren Ergebnisse sie
dann in den Veranstaltungen des Instituts analysieren sollten.44 Die frühe Weiter-
42
Heisenberg 1969, S. 47. Der Autor (l.c., S. 41–54) berichtete besonders über einen gemeinsa-
men Ausflug zu Dritt in die bayerischen Berge, von Benediktbeuren ins Loisachtal, auf dem sie
sich über grundsätzliche Fragen in den physikalischen Theorien unterhielten. Während sich
Laporte für eine eher praktisch funktionierende mathematische Beschreibung aussprach, die
Heisenberg als „Phänomenologie“ bezeichntete – später wurde sie vornehmlich in der angelsäch-
sischen Wissenschaft mit großem Erfolg ausgeübt – stellte Pauli den Bezug auf die Ursachen von
Gruppen von Erscheinungen in den Vordergrund. Heisenberg selbst argumentierte schließlich,
man müsse vor allem die Begriffe in einer Theorie genauer verstehen (siehe l.c., S. 47–54).
43
Vor der Promotion konnte ein Doktorand die Stelle des „Verwalters einer wissenschaftlichen
Assistentenstelle“ einnehmen, die an einem experimentellen Institut sogar honoriert wurde, denn
die Verwalter arbeiteten als Hilfskräfte im entsprechenden physikalischen Praktikum mit. Als
Sommerfelds Assistenten dienten vor Ewald zuerst Peter Debye, Max Laue, und ab 1911 mit
kriegsbedingten Unterbrechungen Wilhelm Lenz, bis er 1920 als Extraordinarius an die Universi-
tät Rostock geholt wurde.
44
Sommerfeld führte, wie bereits erwähnt, in dieser Zeit einen regen Briefwechsel u. a. mit
Einstein (siehe ESB, S. 36), aber auch mit experimentellen Kollegen wie Friedrich Paschen und
Ernst Back, die ihn über ihre Messergebnisse oft vor der Publikation unterrichteten.
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 91

gabe von wichtigen Informationen an die Schüler stellte einen bedeutsamen Teil
ihrer Ausbildung dar, und Sommerfeld holte alle einzeln regelmäßig in sein Zim-
mer zur Aussprache. So wurde auch Heisenberg nach seiner Erinnerung fast jeden
zweiten Morgen zum Chef zitiert. Dieser erkundigte sich dann nach den Fort-
schritten bei der Untersuchung der gestellten Probleme, nach der Meinung des
Studenten über die gelesenen Publikationen, oder er schlug neue Probleme zur
Bearbeitung vor. So sagte er gelegentlich: „Ich kann dieses Problem nicht lösen,
versuchen Sie es einmal selbst.“45 Gerade diese intensiven und ehrlich persönli-
chen Bemühungen um die wissenschaftliche Entwicklung seiner Schüler, und
nicht nur diese, zeichnete den großen Lehrer Sommerfeld aus.

2.2 Heisenbergs Studium, seine „halben Quanten“ und die


Zusammenarbeit mit Sommerfeld über den anomalen
Zeeman-Effekt und andere spektroskopische Probleme
(Herbst 1920 bis Sommer 1922)

Im Lebenslauf zu seiner Dissertation schrieb Werner Heisenberg etwas förmlich


über seinen Studiengang: „Von November 1920 bis Juli 1922 studierte er in Mün-
chen theoretische Physik unter Leitung von Herrn Professor Dr. Sommerfeld,
hörte ausserdem Vorlesungen bei den Herren Professoren Wien, v. Seeliger,
Pringsheim, Voss, Rosenthal und nahm an dem physikalischen Praktikum bei
Herrn Wien und den Seminarübungen der Herren Professoren Pringsheim und
Rosenthal teil.“46 Sommerfeld fing im Winter 1920/21 wieder mit einem neuen
Zyklus seiner Hauptkurse über theoretische Physik an, mit der „Mechanik“, und
der Studienanfänger konnte diese umso leichter verfolgen, als er sich bereits im
Gymnasium die Differential- und Integralrechnung beigebracht hatte. Noch über
22 Jahre später, am dritten März 1943 würde sich Heisenberg bei seinem früheren
Lehrer für die Zusendung des gerade veröffentlichten 1. Bandes der Vorlesungen
(Sommerfeld 1943) bedanken und aus Berlin schreiben:

„Ich habe Ihr Buch schon ein paar Tage mit dem größten Vergnügen studiert. Erstens er-
weckte dieses Studium in mir liebe Erinnerungen an mein erstes Semester in München,
als ich noch bei Herrn Weihnacht Übungsarbeiten abliefern mußte. Zweitens haben die
vielen Beispiele in Ihrem Buch, die die Mechanik eigentlich zum Mustergut in der Physik
machen, mir große Freude bereitet. Man merkt auch am Text des Buches, daß sie auch Ih-
nen Freude gemacht haben, und das ist ja wohl auch der Grund dafür, daß Ihre Mechanik
mich damals – ebenso wie manche andere Studenten – endgültig für das Studium der the-
oretischen Physik gewonnen hat.“ (SB 2, S. 552–553)

45
Siehe W. Heisenberg, SHQP-Interview 1963.
46
Siehe W. Heisenberg, Lebenslauf. In Dissertation Die Stabilität und Turbulenz von Flüssigkei-
ten. Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde an der Hohen Philosophischen Fa-
kultät, II: Section der Ludwig-Maximilian-Universität München, vorgelegt am 19.Juli 1923,
fortan zitiert als Heisenberg 1923. Siehe dort die letzte Seite.
92 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Im folgenden Sommersemester hörte der Student Heisenberg die Vorlesungen,


die Sommerfeld über „Hydrodynamik, Elastizität usw.“ angekündigt hatte, im Win-
tersemester 1921/22 die über „Maxwell’sche und Elektronentheorie“ und schließ-
lich im Sommersemester 1923 die über „Optik“.47„Sommerfelds große Vorlesun-
gen waren ziemlich überfüllt, wenngleich ein großer Teil der Hörer später aufgab“,
erinnerte sich der Mitstudent Otto Laporte und merkte weiter an:

„Es gab keine Prüfungen und jeder, der wollte, konnte kommen. Oft hatte er 80 oder 90
Studenten in der großen Vorlesung. Dazu verteilte er jeweils Übungsaufgaben, und es gab
besondere Übungsstunden, die üblicherweise ein Assistent leitete, und Sommerfeld kam
am Ende dazu.“48

Heisenberg allerdings beteiligte sich wirklich sehr eifrig an diesen Übungen, denn
das Lösen von Problemen kannte er bereits aus seiner Schulzeit und liebte es
besonders.
Neben den Hauptvorlesungen, jede vier Stunden pro Woche (Montag bis Don-
nerstag, 9–10 Uhr) mit zusätzlichen zwei Übungsstunden, kündigte Sommerfeld in
den meisten Semestern noch eine zweistündige Spezialvorlesung nachmittags an,
z. B. im Sommersemester 1921 über das Thema „Magneto- und Elektrooptik“, den
er im folgenden Jahr wiederholte. Im Wintersemester 1921/22 las er über „Rand-
wertaufgaben aus der Maxwellchen Theorie“. In diesen Kursen, die sich an fortge-
schrittene Studenten richteten, behandelte er nach Heisenbergs und Laportes Aus-
sagen meist „Atomspektren und ähnliches“, d. h. Probleme aus der neuesten
Quantentheorie des Atomaufbaues, wie sie in den ersten drei Auflagen seines
Buches Atombau und Spektrallinien vorkamen – im Sommersemester 1922 etwa
sicher auch solche aus seiner letzten Zusammenarbeit mit Heisenberg über die
Erklärung der anomalen Zeeman-Effekte. Über spezielle Themen aus der theoreti-
schen Physik lasen auch die Privatdozenten aus Sommerfelds Institut, namentlich
Paul Ewald und Adolf Kratzer, dazu Karl Herzfeld, welche die Studenten, beson-
ders auch der lerneifrige Heisenberg, im Allgemeinen ebenfalls besuchten. So
standen Kurse über „Kinetische Gastheorie“ (von Ewald im Sommersemester
1921), „Quantenmechanik der Atommodelle“ (von Herzfeld im Wintersemester
1921/22) und „Theorie der Wärmestrahlung“ (von Kratzer im Sommersemester
1922) in den Vorlesungsverzeichnissen. Heisenberg hörte außerdem im Sommer
1921 Herzfelds dreistündige Vorlesungen „Mathematische Einleitung in die phy-
sikalische Chemie“, die Themen aus der Gleichgewichtsthermodynamik, van
t’Hoffs Gesetz und chemische Reaktionen behandelten. Er stellte fest, dass der

47
Siehe die Vorlesungsverzeichnisse der Ludwig-Maximilians-Universität München bzw. An-
kündigungen in der Physikalischen Zeitschrift der Jahrgänge 1920–1923. Sommerfeld veröffent-
lichte den Inhalt seiner Kursvorlesungen ab 1943 als Vorlesungen über theoretische Physik bei
der Akademischen Verlagsgesellschaft, Leipzig bzw. (nach dem 2. Weltkrieg) auch bei Diete-
rich, Wiesbaden: Band 1: Mechanik, 1. Aufl., Leipzig 1943; Band 2: Mechanik der deformierba-
ren Medien, 1. Aufl., Leipzig 1945; Band 3: Elektrodynamik, 1. Aufl., Wiesbaden 1948, Leipzig
1949; Band 4: Optik, 1. Aufl., Wiesbaden 1950; Band 5: Thermodynamik und Statistik, 1. Aufl.,
Wiesbaden 1952; Band 6: Partielle Differentialgleichungen der Physik, 1. Aufl., Leipzig 1945.
48
O. Laporte, SHQP-Interview 1964.
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 93

Privatdozent zwar im Vergleich zu Sommerfeld schlecht vortrug, aber trotzdem


ein guter Lehrer war, von dem man viel lernen konnte.49
Viel weniger zog den künftigen theoretischen Physiker der andere zweisemest-
rige Hauptkurs an, den jeder Physikstudent unbedingt belegen musste. Was der
berühmte Experimentalphysiker Willy Wien, der gerade von Würzburg nach Mün-
chen gekommen war, – hier wie dort als Nachfolger Wilhelm Conrad Röntgens –
an Experimenten vorführte, war nach seinem Geschmack doch zu sehr „auf Schau
ausgerichtet und vermittelte nicht viel Information“, da es Heisenberg „nicht klar
wurde, wovon sie handelten“. Trotzdem wird er wohl zwei Semester lang, d. h. im
Winter 1920/21 und im Sommer 1921, die Vorlesungen des frühen Pioniers der
Strahlungsphysik – er war auf einem ostpreußischen Gut in der Nähe Königsbergs
geboren worden war, hatte 1886 bei Hermann von Helmholtz an der Universität
Berlin promoviert und dann an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zwi-
schen 1893 und 1895 die nach ihm benannten und 1911 mit dem Nobelpreis ausge-
zeichneten Strahlungsgesetze entdeckt – einigermaßen brav durchgesessen haben.
Gelegentlich besuchte Heisenberg auch zur Abwechslung die Übersichtskollegs
„Experimentalphysik I und II“ des anderen, älteren Physikordinarius Leo Graetz.50
Schließlich musste er, wie jeder angehende Physiker, an den praktischen „Physika-
lischen Übungen“ in Wiens Institut teilnehmen, die er im Sommersemester 1921,
wohl jeden Mittwochnachmittags von 2–6 Uhr absolvierte.51 Dort wurden die Stu-
denten mit den Meßmethoden vertraut gemacht und führten einige einfache Versu-
che aus verschiedenen Bereichen der Experimentalphysik aus, deren Ergebnisse sie
dann auswerten mussten. Heisenberg zeigte freilich kaum großes Interesse und
kein großes Geschick in experimentellen Details der Ausführung, gelegentlich
nahm er andere Kenntnisse zu Hilfe, um zum gewünschten Erfolg zu gelangen. Als
er z. B. einmal mit seinem Praktikumskollegen – jeweils zwei Studenten arbeiteten
zusammen – die Frequenz einer Stimmgabel bestimmen sollte, erriet er sie als
geübter Musiker einfach mit seinem absoluten Gehör.52

49
Am 25. Mai 1970 bedankte sich Karl Herzfeld bei seinem früheren Studenten Heisenberg für
die Zusendung von dessen Autobiographie (Heisenberg 1969) und schrieb dazu: „Es ist ein
Buch, das man immer wieder lesen muß, um es sich anzueignen, und das die Münchner Zeit
wieder aufleben macht.“ (WHN ).
50
Siehe W. Heisenberg, SHQP-Interview 1963. Wien las im Wintersemester 1920/21 „Experi-
mentalphysik I (Mechanik, Schallehre, Wärme, Magnetismus, Elekrostatik)“ und im Sommerse-
mester 1921 „Experimentalphysik II (Elektromagnetismus und Optik)“, jeweils 5-stündig. Graetz
kündigte zur selben Zeit in einem kleineren Hörsal ähnliche Kurse über „Experimentalphysik I
(Mechanik, Akustik)“ bzw. „Experimentalphysik II (Wärme, Elekrizität)“ an. Leo Graetz, 1856
in Breslau geboren, hatte sich nach dem Studium in Berlin und Straßburg (wo er 1881 den
Dr. phil. erwarb) schon 1883 an der Universität München habilitiert und war 1883 zum Extra-
ordinarius und schließlich 1908 zum Ordinarius aufgestiegen. Er bearbeitete viele experimentelle
Fragen, etwa aus den Arbeiten der Wärmeleitung, der Wärmestrahlung, der elektromagnetischen
und der Röntgenstrahlung und hatte sein Labor im Keller des für Eugen Lommel fertig gestellten
Physikalischen Institutes, das später dessen Nachfolger Röntgen (seit 1900) und Wien (seit 1920)
leiteten.
51
Am alternativen Termin, Dienstag zur selben Zeit, überschnitt sich das Anfängerpraktikum
mit dem Seminar Sommerfelds, das für 5 bis 7 Uhr abends angekündigt war.
52
Wir kommen auf diese Begebenheit später in diesem Abschnitt zurück.
94 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Nein, Heisenberg kümmerte sich von Anfang an herzlich wenig um seine expe-
rimentelle Ausbildung, und das sollte er später noch zu bereuen haben. Er wollte
aber lieber die Probleme der theoretischen Physik mit mathematischen Methoden
lösen, und das konnte er kaum bei Wien oder einem anderen Experimentalphysiker
lernen. Täglich verbrachte er mehrere Stunden – im Gegensatz zu Pauli stand er
früh am Morgen auf – in Sommerfelds Institut, schaute die jüngsten Hefte der phy-
sikalischen Zeitschriften durch und konsultierte Lehrbücher, um die publizierten
Artikel besser zu verstehen. Kurz gesagt, er bereitete sich von Anfang an auf eige-
ne theoretische Untersuchungen vor. Das Institut Sommerfelds bildete also das
Zentrum seines Studiums. Über dem Laboratorium im Untergeschoß standen den
Theoretikern drei Räume zur Verfügung: den einen benützte der Professor als Bü-
ro, einen der beiden anderen bestimmte er zum Seminarraum, in dem jeder seiner
5–10 fortgeschrittenen Studenten einen eigenen Tisch besaß. Pauli als Hilfsassis-
tent „thronte auf einem kleinen Podest hinter seinem Schreibtisch, von dem aus er
die Arbeiten der anderen überblicken konnte“.53 Außer ins theoretische Seminar an
jeden Dienstag von 5–7 Uhr nachmittags im kleinen Hörsaal des Institutes, ging
Heisenberg oft ins „Münchner Kolloquium“, das gemeinsam von den Dozenten der
Universität und der Technischen Hochschule jeden Mittwochabend veranstaltet
wurde. Er hörte dort vor allem Vorträge von Experten, etwa aus der Spektroskopie
und aus der Experimentalphysik, auch wenn er diesen manchmal nur schwer folgen
konnte. Insgesamt kann man aber wirklich nicht behaupten, dass er seine physikali-
schen Studien zu einseitig betrieb – auf jeden Fall ist keineswegs erwiesen, dass er
wegen seines wachsenden Interesses an der quantentheoretischen Atomphysik die
klassischen theoretischen Disziplinen der Physik vernachlässigte. Allerdings
schenkte er insgesamt der experimentellen Seite des Studiums ziemlich wenig
Aufmerksamkeit, und dieses Verhalten rächte sich in der Doktorprüfung.
Obwohl August Heisenberg dem Sohn den Weg zu Sommerfeld und der theore-
tischen Physik eröffnet hatte, sorgte er sich gleichzeitig um seine Zukunft. Denn das
gewählte Fachgebiet bot Werner, im Gegensatz zur Mathematik und der Expe-
rimentalphysik, damals nur geringe Aussicht auf eine akademische Karriere, eine
Stelle in der Industrie oder selbst an den Gymnasien. Er beachtete aber zunächst die
warnenden Ratschläge des Vaters durchaus, ja er belegte im ersten Semester nicht
einmal offiziell Sommerfelds Hauptvorlesung „Mechanik“, sondern nur die Übun-
gen, dafür aber die 4-stündige Mathematikvorlesung Arthur Rosenthals, der in die
analytische und Differentialgeometrie einführte. Der Studienanfänger schätzte den
gerade zum Extraordinarius beförderten 33-jährigen Franken zum einen als einen
„sehr netten Herren“, zum anderen aber als exzellenten Lehrer, der sein Fach den
Schülern attraktiv näherbrachte. Heisenberg wetteiferte mit einem drei Jahre älteren
Studenten, dem späteren Mathematikprofessor Robert Sauer, in der Lösung der
gestellten Aufgaben aus den Übungsaufgaben zu Rosenthals Vorlesung.54

53
Die bei Cassidy 1995, S. 38 geschilderte Situation fand der Autor im wesentlichen noch
40 Jahre später unter Sommerfelds Nachfolger Fritz Bopp vor.
54
Heisenberg berichtete über Rosenthals Vorlesungen ausführlich im ersten SHQP Interview.
Siehe auch Mehra-Rechenberg 2, S. 25–26.
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 95

Weniger hielt er allerdings von den Lehrmethoden des über 70-jährigen Schle-
siers Alfred Pringsheim, nebenbei eines ausgezeichneten Liebhabers und Kenners
der Musik und der bildenden Kunst. Dieser, seit 1922 Ordinarius in München, war
ein über sein Fachgebiet hinaus bekannter Mathematiker und konnte auch hinrei-
ßend klare populäre Vorträge halten. Laporte, der wie Heisenberg seine Vorlesun-
gen über Differentialrechnung und Funktionentheorie besuchte, berichtete über ihn
im AHQP-Interview von 1964:

„Er war ein reicher Mann und besaß eine der besten Sammlungen italienischer Majolika.
Er galt als Mann der Funktionentheorie vom strengsten Weierstraßschen Typ, aber er las
so spannend, daß ich vollständig gefangen genommen wurde. Sommerfeld lehnte ihn
ebenso vollständig ab und sagte zu mir: ,Folgen Sie nicht Weierstraß, sondern nur Rie-
mann‘. Pringsheim verbrachte gelegentlich eine halbe Stunde, um den Begriff der Rie-
mannschen Fläche lächerlich zu machen. Wir bekamen nie ein Integral zu Gesicht, wir ar-
beiteten nur mit Mittelwerten und ähnlichen Begriffen, unendliche Reihen, was
Sommerfeld vollständig ablehnte.“

Heisenberg hielt sich andererseits durchaus an seinen Meister, wenn er die allzu
strengen mathematischen Methoden in der Physik kritisch beurteilte. Er selbst
fand nie Geschmack an den Existenzbeweisen, wie sie Lindemann und Pringsheim
besonders pflegten. 55 Trotzdem zählte er Pringsheim unter seine akademische
Lehrer, nannte aber auch den noch älteren, 1845 in Altona geborenen Aurel Voss,
der gleichzeitig mit Pringsheim nach München berufen wurde und die Funk-
tionentheorie in einer anschaulicheren Weise vermittelte, die Heisenberg noch
wertvolle Dienste in seiner zukünftigen wissenschaftlichen Arbeit leisten sollte.
Während mathematische Methoden natürlich eine grundlegende Rolle in der
Ausbildung eines theoretischen Physikers spielten und Mathematik auch ein un-
umgängliches Prüfungsfach bei der Promotion war, hatte er im anderen Nebenfach
im Doktorexamen freie Wahl. Weil er sich schon als Gymnasiast sehr für die Ast-
ronomie interessierte, belegte er mehrere Semester lang Vorlesungen beim jungen
Privatdozenten Hans Kienle, der ihn nach einem halben Jahrhundert, am
30. Oktober 1970, schrieb: „Ich denke vor allem an die erste Begegnung mit Ihnen
in München, als Sie mit Pauli und Wentzel die einzigen Hörer meiner Vorlesungen
über Stellarastronomie waren, im Wintersemester 20/21, das sich jetzt zum 50.
Male jährt.“ Heisenberg ging aber auch ins Kolleg des langjährigen Chefs der
Münchner Astronomen, des 1849 im österreichischen Bielitz-Biala geborenen
Hugo von Seeliger, der ein Pioniers in der Sternstatistik war. Dieser las z. B. im
Wintersemester 1921/22 einen Kurs über „Himmelsmechanik“ und im folgenden
Sommersemester einen über „Einzelne Kapitel des Problems der 3 Körper“, wel-
che den Sommerfeldschüler wegen ähnlicher Probleme, die in der Atomphysik –
namentlich bei der Berechnung etwa der Energiezustände des Heliumatoms (Hei-
senberg) und des Wasserstoffmolekülions (Pauli) – auftraten, natürlich besonders
interessierten. Seeliger stand übrigens, ganz im Gegensatz zu seinem genialen
55
Übrigens würde Heisenberg viele Jahre nach Pringsheims Tod in ein verwandschaftliches
Verhältnis zu diesem treten, als seine Tochter Christine 1966 dessen Urenkel Frido Mann
heiratete.
96 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Schüler Karl Schwarzschild, den modernen Theorien, vor allen Dingen Einsteins
Allgemeiner Relativitätstheorie, ablehnend gegenüber. Er starb bereits 1924. Aber
Kienle würde Heisenberg im Laufe seines Lebens immer wieder begegnen und
dann dessen Wertschätzung der Astrophysik wesentlich vertiefen.
Mit der Aufnahme in das Seminar Arnold Sommerfelds an der Universität
München wechselte Heisenberg seine Studienpläne von der Mathematik zur theo-
retischen Physik, besonders wandte er sich dem brandaktuellen Gebiet der Atom-
physik zu, das auch der Titel „Atombau und Spektrallinien“ des Hauptwerkes
seines Lehrers (Sommerfeld 1919) umriss. Spektrallinien wurden erstmals im Jahr
1802 vom englischen Arzt und Naturforscher William Hyde Wollaston als dunkle
Linien im Spektrum des Sonnenlichtes erkannt. Zwölf Jahre später beobachtete
der Niederbayer Joseph Fraunhofer in seiner optisch-mechanischen Werkstatt in
Benediktbeuren diese Linien erneut und verwendete sie auch praktisch zur Be-
stimmung der Brechzahl verschiedener Gläser. Obwohl sich in den nächsten Jahr-
zehnten Physiker in Europa mit den „Fraunhofer’schen Linien“ beschäftigten und
ihren Ursprung in der selektiven Absorption des ursprünglich kontinuierlich über
die Wellenlängen verteilten Sonnenlichtes vermuteten (so der Engländer David
Brewster schon 1832), begründeten erst der Chemiker Robert Bunsen und der
Physiker Gustav Kirchhoff gemeinsam in Heidelberg den neuen Wissenschafts-
zweig der „chemischen Spektralanalyse“. Sie bauten auch die Standardapparatur,
um die „charakteristischen Spektren“ der verschiedenen chemischen Elemente,
deren Substanzen zur Anregung in die farblose Gasflamme des sogenannten
„Bunsenbrenners“ gebracht wurden, mit Hilfe eines Glasprismas, eines Schlitzes
und eines Beobachtungsteleskops entweder als helle Emissions- oder dunkle Ab-
sorptionslinien zu ermitteln (Kirchhoff und Bunsen 1860). Gegen Ende des 19.
Jahrhunderts widmeten sich viele Physiker, Chemiker und Astronomen spektro-
skopischen Untersuchungen, sowohl um die chemische Zusammensetzung von
Materialproben nachzuweisen als auch um neue chemische Grundstoffe (Elemen-
te) in irdischen und kosmischen Körpern nachzuweisen. In Deutschland arbeiteten
etwa Heinrich Kayser und Carl Runge von der Technischen Hochschule Hanno-
ver, in Schweden vor allem Johannes (Janne) Robert Rydberg von der Universität
Lund an vorderster Forschungsfront. Rydberg verallgemeinerte insbesondere ein
Gesetz, das Johann Jakob Balmer, ein Lehrer der höheren Töchterschule in Basel,
für die Spektrallinien des Wasserstoffs aufgestellt hatte. Dieser konnte nämlich die
Wellenlängen λ der ihm bekannten Wasserstofflinien in einem Gesetz mit zwei
ganzen Zahlen n und m ausdrücken (Balmer 1885). Rydberg schrieb nun seine
verallgemeinernde „Balmer-Formel“ für die Frequenz ν ( = c λ , mit c der Licht-
geschwindigkeit im Vakuum) als
⎡1 1 ⎤
ν = R⎢ 2 − 2 ⎥ , (2.2)
⎣n m ⎦
für die verschiedenen Gruppen oder „Serien“ der Wasserstofflinien nieder. Eine
bestimmte „Serie“ bezeichnete er dabei durch die Zahl n (= 1,2,3…), und die allge-
meine Konstante R, welche später die „Rydberg-Konstante“ genannt wurde, cha-
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 97

rakterisiert die einzelnen Linien durch das Zahlenpaar n und m, mit m = n,n + 1,
usw. (Rydberg 1894). Der Schwede dehnte nämlich die Formel (2.2) in jahrelanger
Arbeit auch auf die Spektren anderer Elemente aus, deren scharfe „Hauptserien“
und diffuse „Nebenserien“ unter Verwendung zusätzlicher Konstanten beschrieben
werden mussten. Der Schweizer Walther Ritz schließlich gab in seiner Göttinger
Doktorarbeit von 1903 und der späteren Habilitationsschrift die allgemeinsten For-
meln für Linien der Atomspektren an und fügte sein wichtiges „Kombinations-
prinzip“ (siehe Ritz 1908) hinzu, nach dem jede Frequenz einer Spektrallinie eines
gegebenen chemischen Elementes als Differenz der Frequenzen zweier Spektralli-
nien ausgedrückt werden konnte.56
Die erste Verbindung zwischen den beobachteten Spektren der Atome und ihrer
physikalischen Struktur hatte Hendrik Antoon Lorentz bereits 1897 hergestellt, als
er die von seinem Leydener Kollegen Pieter Zeeman entdeckte und bereits ver-
messene Aufspaltung einer Spektrallinie des Cadmiums im starken Magnetfeld
(Zeeman 1897) mit Hilfe eines im Atom oszillierenden Elektrons theoretisch er-
klärte. Er erhielt damals für das beobachtete „Zeeman-Triplett“, welches aus der
unverschobenen Linie mit der Frequenz ν 0 und zwei im spektroskopischen Bild
seitlich entgegengesetzt verschobenen Linien ν + und ν − bestand, die Gleichung
eH , (2.3)
ν ± =ν 0 ±
4πme c
wobei e den Absolutwert der elektrischen Ladung des kurz zuvor entdeckten
Elektrons, me dessen Masse und H die Stärke des angewandten magnetischen
Feldes angaben (Lorentz 1897 ). Niels Bohr stellte dann 16 Jahre später sein quan-
tentheoretisches Atommodell auf, und als ersten Erfolg leitete er die Balmer’sche
Formel (2.2) für das Wasserstoffatom ab. Er berechnete nun insbesondere den
Wert für die Konstante R zu
2π 2 me e 4 M H
R = 2π 2 me e 4 / h 3 bzw. genauer R = (2.4)
h3 M H + me
falls er im Wasserstoffatom noch die Mitbewegung des Wasserstoffkerns (Mas-
se MH) berücksichtigte, um den das Elektron in kreisförmigen Bahnen rotiert
(Bohr 1913). Arnold Sommerfeld betrachtete gerade dieses Ergebnis als eine be-
deutende Entdeckung, weil der junge Däne zum ersten Mal das Spektrum eines
Atoms aus ersten physikalischen Prinzipien hergeleitet hatte.
Auch die experimentelle Spektroskopie der Atome und Moleküle hatte in den
zweieinhalb Jahrzehnten vor 1913 einen bedeutenden Aufschwung erlebt. Neben
die Spektroskopie im Bereich optischer, also dem Auge sichtbarer Frequenzen, war
inzwischen die Beobachtung von infraroten und von ultravioletten Linien getreten,
seit 1912 auch die von diskreten Röntgenlinien. Neue instrumentelle Methoden,
welche etwa das konkave Diffraktionsgitter des Amerikaners Henry Augustus
Rowland oder das Interferometer seines Landsmannes Albert Abraham Michelson

56
Auch für die sogenannten „Bandenspektren“, die man den Molekülen zuordnete, wurden
Gesetze mit ganzen Zahlen gefunden. Das erste gab der Franzose Henri Alexandre Deslandres
bereits 1887 an.
98 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

einbezogen, halfen den Spezialisten, bisher unzugängliche Wellenlängenbereiche


zu erschließen und die Auflösung der beobachteten Spektrallinien zu verfeinern.
So fanden Thomas Preston in Dublin schon Ende 1897 und kurz darauf auch Alf-
red Marie Cornu in Paris mit nicht zu großen Magnetfeldern den „anomalen Zee-
man-Effekt“ bei den Atomen der Elemente Cadmium, Natrium und Magnesium
(Preston 1898, Cornu 1898). Carl Runge und Friedrich Paschen setzten in Hanno-
ver systematisch diese Untersuchungen fort. Runge, der 1906 in Göttingen auf eine
Professur für angewandte Mathematik berufen wurde, verkündete schließlich meh-
rere Regelmäßigkeiten, die die magnetische Aufspaltung der Spektrallinien bei den
beobachteten Fällen in komplexe Viellinienmuster beschrieben: Namentlich betru-
gen deren Zwischenabstände für ein gegebenes Atom Vielfache eines bestimmten
Bruches q r , multipliziert mit der normalen (nach dem Engländer Joseph Larmor
bezeichneten) Zeemanaufspaltung ν L = ( eH 4πme c ) (siehe Runge 1907). Darauf
nahm sich der wohl erfahrenste und sorgfältigste Spektroskopiker seiner Zeit, der
1865 im Schwerin geborene Friedrich Paschen, dieses Problems an. Er war 1901
von der Technischen Hochschule Hannover als Physikordinarius an die Universität
Tübingen gekommen und zeigte im Jahr 1912, zusammen mit seinem neuen Schü-
ler Ernst Back, dass sich die aus vielen Linien bestehenden anomalen Zeeman-
Multipletts bei höheren Magnetfeldern von mehreren 40 000 Gauss schrittweise in
normale „Tripletts“ verwandeln (Paschen und Back 1912). Am 10. März 1913
schrieb Paschen einen Brief an Sommerfeld nach München, in dem er betonte:

„Es freut mich sehr, dass Sie sich der Sache annehmen. So ist zu hoffen, daß neue frucht-
bare Gesichtspunkte aufgeworfen werden. Auch Einstein, mit dem ich in den letzten Ta-
gen öfter darüber sprach, interessiert sich für den Fall, meinte aber, dass er schwer an-
zugreifen sei.“ (SB 1, S. 465)

Der Brief des Experimentalphysikers aus Tübingen bezog sich auf eine Arbeit,
die der theoretische Kollege aus München Anfang Februar bei den Annalen der
Physik eingereicht hatte: darin machte er anisotrop gebundene Elektronen im
Atom für deren anomalen Zeeman-Effekt verantwortlich. Diese Anisotropie sollte
dann bei höheren Magnetfeldern zusammenbrechen, und somit ließen sich auch
die Beobachtungen von Paschen und Back erklären (Sommerfeld 1913).
Sommerfeld hatte Paschen – der durchaus den Kontakt zu Theoretikern suchte –
schon seit 1899 in verschiedenen experimentellen Fragen konsultiert und ein ver-
trautes Verhältnis zu ihm gewonnen. Nun, da er sich 1913 zum ersten Mal in sei-
nem Leben spektroskopischen Problemen zuwandte, begann eine über zehnjährige
Periode, in der ihr enger wissenschaftlicher Austausch die schönsten Früchte ein-
brachte – besonders nachdem Paschen die Sommerfeld’schen Feinstrukturformel
beim ionisierten Heliumatom Anfang 1916 experimentell bestätigen konnte. Vor
dem Münchner Theoretiker hatte allerdings schon der alte Göttinger Physikordina-
rius Woldemar Voigt versucht, den „Paschen-Back-Effekt“ – so bezeichnete
Sommerfeld die Tübinger Entdeckung – theoretisch zu beschreiben.57 Seit 1898

57
W. Voigt, 1850 in Leipzig geboren, hatte 1874 noch bei Franz von Neumann, dem eigentli-
chen Begründer des Faches Theoretische Physik in Deutschland, in Königsberg promoviert und
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 99

hatte er nämlich vermutet, dass die Elektronen im Atom durch anisotrope Kräfte
gebunden seien, und dann auch 1907 vorgeschlagen, mehrere Elektronenpaare
durch derartige Kräfte an den Atomrumpf zu koppeln. Mit diesem Ansatz war es
ihm schließlich gelungen, die Frequenzen und die Intensitäten der Linien im ano-
malen Zeeman-Effekt befriedigend wiederzugeben, falls er geeignete Annahmen
über die Zahl der Elektronenpaare und die Natur der Anisotropie einführte. Im
ersten Halbjahr 1913 beschrieb er dann in mehreren Abhandlungen auch quantita-
tiv den Übergang vom anomalen Zeeman-Effekt bei Atomlinien vom D-Typ – d. h.
Dubletten, wie sie als D1- und D2-Linie-im Natriumspektrum vorkommen – in das
„normale“ Triplett. Um dieselbe Zeit stieg, wie bereits erwähnt, auch Sommerfeld
in das Problem ein, allerdings mit einem einfacheren Modell. Er gab aber im
folgenden Jahr zu, dass die von ihm „vorgeschlagene Auffassung des Paschen-
Back’schen Effektes sich mit der Voigt’schen Theorie offenbar in keiner Weise
messen kann“. In seiner neuen, am 7. März 1914 von Voigt der Göttinger Gesell-
schaft der Wissenschaften vorgelegten Studie benützte Sommerfeld daher wieder
den Ansatz des älteren Konkurrenten und brachte schließlich „die Voigt’sche Glei-
chung für die D -Linien in eine überraschend einfache Form“. Insbesondere ver-
wandelte er die gekoppelten Differentialgleichungen zweiter Ordnung des Kolle-
gen in die Bewegungsgleichungen für die Elektronenschwingungen senkrecht und
parallel zum angelegten Magnetfeld. Diese löste er dann durch einen eleganten
Ansatz mit drei komplexen Lagekoordinaten, die als Faktoren die dritte Wurzel der
Einheit – also 1, e 2πi 3 , e 4πi 3 – enthielten. Sommerfeld merkte dazu an, dass „die
Einfachheit und die Symmetrie der Gleichungen höchst suggestiv in Hinsicht auf
das Problem der Konstruktion eines Atommodells“ sei, denn:

„Das Auftreten der dritten Einheitswurzel scheint auf einen Ring hinzuweisen, in dem drei
Elektronen äquidistant aufeinander folgen. Die Zahl 3 spielt in diesen Gleichungen, ent-
sprechend der Rungeschen Regel, die bestimmende Rolle; sie ist der einzige Parameter
unserer Gleichungen. Man wird vermuten, daß bei anderer Atom-Konstruktion und ent-
sprechend geändertem Typus des Zeeman-Phänomens diejenige andere ganze Zahl die
Rolle der 3 übernehmen wird, die durch die Rungesche Regel ausgezeichnet ist. Vielleicht
liefert das phänomenologische Studium des Zeeman-Effektes im Sinne von Herrn Voigt
das sicherste Material zum Aufbau der Atomstruktur.“ (Sommerfeld 1914, S. 225–226)

Sommerfeld wandte sich nun 1914 auch selbst den Bohr’schen Atommodellen
zu, von denen er noch im September des Vorjahres im Brief an den Urheber ge-
schrieben hatte, er sei „skeptisch mit den Atommodellen überhaupt“, allerdings
auch gleichzeitig angefragt hatte: „Werden Sie Ihr Atommodell auch auf den
Zeeman-Effekt anwenden?“ (SB 1, S. 477). Aber jetzt war er überzeugt, dass sich
das 1913 vorgeschlagene quantentheoretische Modell aus Kopenhagen nicht nur
im Falle der Spektrallinien des Wasserstoffs und der Röntgenspektren hervorra-

seit 1875 dessen Vorlesungen übernommen. 1883 wurde er zum Ordinarius für dieses Gebiet an
die Universität Göttingen geholt. Er arbeitete aber auch experimentell und verfügte über ein
„Rowland-Gitter“, mit dem er die Zeeman-Effekte bald nach ihrer Entdeckung weiter untersuch-
te. 1913 maß er mit seinem dänischen Gast Hans Marius Hansen anomale Aufspaltungen, die
dieser dann in seiner Kopenhagener Disseration verwendete.
100 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

gend bewähren müsste. Er wollte es nämlich erweitern, indem er die kreisförmi-


gen Elektronenbahnen durch elliptische ersetzte, und hoffte, auf diese Weise ins-
besondere, auch alle beobachteten Zeeman-Effekte wiederzugeben. So vermutete
er in seiner Anfang 1916 eingereichten Arbeit „Zur Theorie des Zeeman-Effektes
der Wasserstofflinie“ zunächst, dass die anomale Form, die bei nicht-einfachen
Spektrallinien der Elemente beobachtet wurde, eventuell herauskam, wenn er
höherer Näherungen in seinen Rechnungen berücksichtigte, welche die ellipti-
schen Elektronenbahnen korrigieren würden. Allerdings bemerkte er schon in
einem „Zusatz bei der Korrektur“ bedauernd: „Die ins Auge gefaßte Möglichkeit,
daß das Auftreten überzähliger Linien und der Widerspruch gegen den Paschen-
Back-Effekt von der ungenauen Integration der partiellen Differentialgleichung
herrühren möchte, ist daher fallen zu lassen“ (Sommerfeld 1916b, S. 507). Es blieb
also dabei, dass auch die neuen Sommerfeld’schen Atommodelle, in der die perio-
dischen Elektronenbewegungen im magnetischen Feld drei Freiheitsgrade besa-
ßen, nur die altbekannte Lorentz’sche Frequenz Δν L als Verschiebung im Magnet-
feld H zuließen. Die sogenannten „komplizierten Zeemantypen aus mehr als drei
Linien“, die immer dann auftraten, „wenn die feldlose Linie nicht einfach, sondern
das Glied eines Dubletts oder Tripletts“ war, oder wenn die Linie „Satelliten“,
d. h. „schwache Begleiter“, besaß, konnten nun empirisch beschrieben werden,
und zwar „bemerkenswerter Weise als ganze Vielfache einer Grundschwingungs-
differenz Δν r , die ein Bruchteil der Lorentz’schen Schwingungsdifferenz ist,
derart daß die Runge’sche Regel gilt, Δν r = Δν L r “, mit der ganzen „Run-
ge’schen Zahl r des Zeemantypus“. Aber die beobachtete komplizierte Aufspal-
tung ließ sich eben überhaupt nicht direkt aus einem quantentheoretischen Atom-
modell herleiten. Trotzdem hielt Sommerfeld auch noch drei Jahre später in seiner
Monographie Atombau und Spektrallinien das „Auftreten der Runge’schen Zahl“,
ebenso wie von allen anderen ganzzahligen Verhältnissen in der Spektroskopie
„ohne allen Zweifel“ für „das verborgene Wirken von Quantengesetzen“ (Som-
merfeld 1919, S. 425 und S. 427).
Als Heisenberg im Herbst 1920 ins Sommerfeld’sche Institut eintrat, war der
Professor erneut voll in eingehende spektroskopische Studien eingestiegen. Er
dachte damals über alle noch „schwebenden Fragen“ der Atomstruktur nach, be-
sonders über die in den Röntgenspektren und den anomalen Zeeman-Effekten
auftretenden Schwierigkeiten. Dieses Programm belebte natürlich auch seine Kor-
respondenz mit Friedrich Paschen nach Kriegsende bedeutend, denn mit keinem
anderen Kollegen konnte er besser die Grundprinzipien der Spektroskopie erör-
tern.58 „Jedenfalls bietet Ihre Arbeit eine Unmenge Anregung für das Experiment
und die praktische Linienforschung und ist schon aus diesem Grund eminent wich-
tig“, erwiderte Paschen am 30. März 1919, als Sommerfeld ihm das Manuskript

58
Anfang 1919 erschien es zudem möglich, dass Paschen in München Röntgens Nachfolger
werden könnte, wenn der vor ihm auf der Liste der Fakultät stehende Kandidat Willy Wien
ablehnen würde. Sommerfeld war von dieser Aussicht natürlich begeistert, zumal sonst Johannes
Stark, dem der Nobelpreis von 1919 zugesprochen wurde, in die engste Wahl kam. Dieser stand
der Bohr’schen Theorie sehr kritisch gegenüber, und Sommerfeld würde bald mit ihm energisch
darüber streiten (siehe Stark 1920 und Sommerfeld 1921).
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 101

eines Artikels zusandte, den er zusammen mit Walter Kossel verfasst hatte. Die
Münchner Autoren sprachen darin nämlich folgenden „Verschiebungssatz“ aus:
„Zwischen den Funkenspektren der Erdalkalis [d. h. ihrer ionisierten Atome] und
den atomaren Bogenspektren der [im Periodischen System der chemischen Ele-
mente] unmittelbar vorausgegangenen Alkalis bestehen einfache Beziehungen“
(Kossel und Sommerfeld 1919, S. 254). Sommerfeld benützte seinerseits Mittei-
lungen des Tübinger Experimentators, um nun endlich in der für ihn wichtigsten
ausstehenden Frage der Atomtheorie voranzukommen. Er verfasste darüber zu-
nächst eine längere Note für die Naturwissenschaften, deren Inhalt Paschen schon
vor der Veröffentlichung kennenlernen konnte und sofort anpries:

„Ihre schönen einfachen Gesetze über die anomalen Zeeman-Effekte und deren Zusam-
menhang mit den Termen hat mir [Christian] Füchtbauer gezeigt. Ich freue mich, diese
genauer kennen zu lernen. Denn sie bringen System in das bisher Regellose.“59

Sommerfeld versuchte in seiner neuen, im Januar 1920 publizierten Note, alle


bisherigen Kenntnisse über das anomale Zeeman-Phänomen – nämlich die Regeln
für die ganzen Runge’schen Zahlen q (die den Frequenzbruch Δν r multipliziert)
und r sowie die älteren Regeln von Preston – zusammenzufassen und sie mit dem
Ritz’schen Kombinationsprinzip für die Ausstrahlung von Linienspektren in Über-
einklang zu bringen (Sommerfeld 1920a). Er folgerte daraus das, was er ein „Zah-
lenmysterium“ nannte, nämlich eine Tabelle mit den Runge’schen Nennern r für
die mit s, p, d , b bezeichneten Einzelterme der Atome, aus denen durch Kombina-
tion (Differenzbildung) dann nach der Beziehung q r = q1 r1 − q2 r2 die Kompo-
nenten des anomalen Zeeman-Effektes, also Δν = ( q / r )Δν L ,erhalten werden
konnten. Außerdem schlug er für Einfachlinien des feldfreien Atoms den Wert
r = 1 in allen Fällen vor, für die Triplettlinien dagegen die Werte r = 1,2,3, (4) und
schließlich für Dublettlinien die Werte 1,3,5, (7) . (Siehe l.c., S. 63) Diese genaue
Kenntnis der Runge’schen Zahlen für Triplett- und Dublettsysteme entnahm er
den letzten experimentellen Mitteilungen Paschens und den Vorkriegsmessungen
von Ernst Back. Ausführlicher beschrieb er alle seine Ergebnisse in einem größe-
ren Aufsatz für die Annalen der Physik (Sommerfeld 1920c). Paschen kommentier-
te die Vorinformation durch den Kollegen bereits am 19. Januar 1920 wieder
hocherfreut: „Ihr musikalisches Zahlenprinzip ist sehr fein und für die Praxis
wichtig.“ Gleichzeitig teilte er mit: „Back kommt vielleicht nach Tübingen und
wird dann viel zu obigem beitragen können.“ Wirklich kehrte der frühere Schüler,
der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und anschließend ein Jahr in der
Industrie tätig war, am 1. März 1920 an seine alte Lehrstätte zurück, um dort seine
Habilitation zu betreiben. Er machte sich sofort an die Arbeit und begann Som-
merfelds Vorschläge mit einer neuen, „wundervollen Anordnung von Lichtquelle
und Magnetfeld“ – wie Paschen an Sommerfeld am 30.Mai mitteilte – an typi-
schen Bogenlinien zu testen.

59
Paschen an Sommerfeld, 30.3.1919 und 4.12.1919 sowie die folgende Korrespondenz zwi-
schen beiden (ASN).
102 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Die Zusammenarbeit zwischen dem Tübinger experimentellen Institut und dem


Münchner theoretischen Institut setzte also nach dem großen Krieg auf noch brei-
terer Grundlage als je zuvor wieder ein, und Heisenberg im Sommerfeld’schen
Seminar sollte als erster Student davon profitieren. Darüber berichtete er vier
Jahrzehnte später Folgendes:

„Sommerfeld hatte mir schon kurze Zeit nach dem Beginn meines Studiums die Übungs-
aufgabe gestellt, aus gewissen Beobachtungen, die er von einem befreundeten Experimen-
talphysiker erfahren hatte, Schlüsse auf die bei diesen Erscheinungen beteiligten Elektro-
nenbahnen und deren Quantenzahl zu ziehen. Das war nicht schwierig, aber das Ergebnis
äußerst befremdlich gewesen. Ich mußte statt ganzer Zahlen auch halbe Zahlen als Quan-
tenzahlen zulassen, und das widersprach völlig dem Geist der Quantentheorie und der
Sommerfeldschen Zahlenmystik.“ (Heisenberg 1969 S. 55)

Aus der erhaltenen Korrespondenz Sommerfelds mit Paschen, der natürlich der
erwähnte „befreundete Experimentalphysiker“ war, lässt sich nicht direkt entneh-
men, welche besondere Beobachtung der Seminarneuling analysieren sollte. Die-
ser aber erinnerte sich jedenfalls deutlich an den anomalen Zeeman-Effekt bei
einem Dublettspektrum.60 Und der in Zahlenspielen so erfahrene Heisenberg fand
auch rasch eine Lösung, die allerdings zum Entsetzen des Professors halbe Quan-
tenzahlen für die charakteristischen Drehimpulse im Bohr-Sommerfeld’schen
Atommodell verlangte, also eigentlich allen bisherigen theoretischen Grundlagen
widersprach. „Wolfgang Pauli meinte, ich würde wohl auch noch Viertel- und
Achtelzahlen einführen, und schließlich würde sich die ganze Quantentheorie
unter meinen Händen verkrümeln“, erinnerte sich Heisenberg an die Reaktion im
Münchner Seminar. Er verteidigte sein Ergebnis dennoch tapfer, denn „die Expe-
rimente sahen eben doch so aus, als ob die halben Quantenzahlen zu Recht be-
stünden.“ (l.c.).
Die Lösung des Jungstudenten mit den halben Quantenzahlen löste freilich zu-
nächst keinerlei Revolution im Sommerfeld’schen Institut aus: Der Professor
nahm lediglich zur Kenntnis, dass das neue Mitglied seines Seminars sich offenbar
nachdrücklich um das gestellte Problem bemühte und mit Zahlen umzugehen
wusste.61 Dessen erste Leistung wäre vielleicht völlig in Vergessenheit geraten,

60
Es könnte sich hierbei um eine Skizze handeln, die Paschen seinem Brief vom 16.6.1920
beigelegt hatte und Messergebnisse des Russen Sergius Popow (er arbeitete vor dem 1. Weltkrieg
in Tübingen) enthielt. Paschen erklärte diese nämlich in einem weiteren Brief vom 16.1.1921
ausdrücklich als zuverlässig. Demnach legte Heisenberg Sommerfeld vermutlich seine befremd-
liche Lösung bereits in Dezember 1920 vor, und dieser wandte sich dann noch einmal an den
Tübinger Kollegen, um ihn nach der Qualität der Messung zu befragen (siehe das Manuskript im
WHN).
61
Vielleicht fühlte sich Heisenberg aber doch in seiner Entscheidung, halbe Quantenzahlen
einzusetzen, bestätigt, weil es 1920 bereits einen anderen Hinweis auf den Zahlenfaktor ½ in der
Atomtheorie gab, der ebenfalls nicht erklärt werden konnte und damals in Sommerfeld Institut
besprochen wurde. Anfang 1916 hatten Einstein und der holländische Gast Wander Johannes de
Haas in Berlin das Ergebnis eines gemeinsam geplanten und an der Physikalisch-Technischen
Reichsanstalt ausgeführten Versuches vorgelegt. Sie maßen in einem magnetisierten Eisenzylin-
der das Drehmoment zur Magnetisierung und erhielten einen Wert 2 me/e, der in der klassischen
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 103

hätte nicht wenige Wochen später, im Februar 1921, der Privatdozent Alfred Lan-
dé aus Frankfurt – er konnte sich 1920 an der Universität Frankfurt bei Max Born
habilitieren – seinem früheren Lehrer mitgeteilt, dass er sich ebenfalls mit dem
anomalen Zeeman-Effekt beschäftigt habe und nun unterstützt durch neue Mess-
ergebnisse von Ernst Back, eine Publikation vorbereite.62 Er hatte vorher bereits
Niels Bohr von seinen Fortschritten bei der Ordnung der Zeeman-Daten unterrich-
tet, welche über die Ergebnisse in Sommerfelds Annalen-Arbeit hinausgingen, und
auch eine Interpretation im Rahmen eines quantentheoretischen Atommodells
angedeutet: Die von Sommerfeld gerade eingeführte „innere Quantenzahl“ im
Atom betrachtete er nämlich als einen gewissen „Gesamtdrehimpuls um eine inva-
riante Achse“. Das „Valenzelektron“, welches für die Ausstrahlung der Spektralli-
nien verantwortlich war, durfte dann verschiedene Einstellungen zum Atominne-
ren haben.63 So gelangte er zu einer vollständigen Darstellung der magnetischen
Aufspaltungen von Dublettlinien der Atome, die er auch stolz nach München
meldete. Sommerfeld reagierte zunächst enthusiastisch im Antwortbrief vom
25. Februar 1921: „Bravo, Sie können hexen.“ Und er reichte Landés Blatt mit den
so geordneten Zeemantypen an Paschen weiter. Bald aber wurde er aus einem
wichtigen Grund zurückhaltender, denn Ernst Back schrieb ihm aus Tübingen,
dass sein Chef ihm die Landés’schen Regeln für den anomalen Zeeman-Effekt
noch nicht mitgeteilt hatte, wohl um ihn zu rascherer experimenteller Arbeit an-

Theorie der Annahme entsprach, dass in den Ferromagnetika kreisende Elektronen (Masse me,
Ladung e) als „Ampère’sche Ströme“ für den Magnetismus verantwortlich sind. Zwischen 1917
und 1920 erhob sich eine Diskussion über die Zuverlässigkeit dieses Ergebnisses, die schließlich
durch weitere experimentelle Untersuchungen von Emil Beck an der Eidgenössischen Techni-
schen Hochschule Zürich und Gustav Arvidson an der Universität Uppsala in verbesserten
Anordnungen entschieden wurde: Der neuerdings gemessene Wert war me/e, besaß also die halbe
Größe des Einstein-de Haas’schen Effektes, und dies deutete klar auf eine „magnetische Anoma-
lie“ mit dem Faktor ½ hin. Sommerfeld verband nun diese Anomalie mit derjenigen in der atom-
physikalischen Spektroskopie, wie er in einem Brief vom 18. Dezember 1920 an Einstein berich-
tete: „Sie werden noch etwas Interessantes über den Einstein-de Haas-Effekt von Herzfeld
bekommen (Erklärung des Faktors ½!!!).“ Und elf Tage später erläuterte er im folgenden Brief
nach Berlin näher: „Der Gedanke von Herzfeld ist folgender, ganz oberflächlich: beim Ummag-
netisieren eines ferromagnetischen Atoms geht Strahlung in den Äther; diese nimmt aber nur die
Hälfte der Impulsänderung, die der Änderung des Umlaufssinnes des Elektrons entspricht, mit
sich; nur die andere Häfte kommt auf den Magneten.“ Sommerfeld deutete weiter an, dass Herz-
feld einen Versuch plante, um seine Vermutung zu erhärten (siehe seine Briefe vom 18. und
29.12. 1920, in ESB, S. 74 und S. 76). Es stellte sich aber später heraus, dass die Auflösung der
Anomalie eher in Richtung von Heisenbergs Idee mit halben Quanten lag.
62
Sommerfeld hatte seinen Schüler Landé, wie bereits erwähnt, 1913 an David Hilbert als physika-
lischen Assistenten empfohlen. Im Krieg wurde Landé eingezogen und arbeitete schließlich zu-
sammen mit Born in der Berliner Artillerie-Prüfungskommission, auch nebenbei über nichtmili-
tärische Probleme. So berechneten beide die Eigenschaften von Kristallen und führten dabei die
Idee des „Würfelatoms“ ein, das Landé nach 1918 erweiterte, um Eigenschaften der Atome im
Periodischen System der Elemente und der Struktur des Diamanten zu erklären. 1919 schlug
Landé auch ein Modell des Heliumatoms vor, das er für seine Frankfurter Habilitationschrift ver-
wendete. Bohr interessierte sich dafür und lud den Autor ein, im Sommer 1920 nach Kopenhagen
zu kommen. Anschließend wandte sich Landé dem Problem des anomalen Zeeman-Effektes zu.
63
Siehe A. Landé an N. Bohr, 4.1. und 21.2.1921 (Niels Bohr Archives, Kopenhagen).
104 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

zutreiben. Sommerfeld verlangte daher im anschließenden Brief vom 3. März von


seinem früheren Schüler Landé, er möge zunächst in seiner Publikation Backs
experimentelle Ergebnisse als Bestätigung seiner Ansätze nicht zitieren, um „das
vertrauensvolle Zusammenarbeiten mit der Praxis, insbesondere derjenigen des
Paschen’schen Institutes nicht zu stören“. Denn nach der Meinung des Münchener
Professors sollte sich Back mit den erhaltenen Daten erst einmal habilitieren, be-
vor sie anderweitig verwendet wurden. Als Landé ihm am 17. März zurück-
schrieb, Back habe ihm sogar persönlich erlaubt, seine Daten zu publizieren, und
dazu noch nähere Einzelheiten über seine Quantenzahlen mitteilte – insbesondere
dass er der sogenannten „äquatorialen Quantenzahl“ in seinem Modell die Werte
± 1 2, ± 3 2 ,… ± 2 k2−1 (mit dem ganzzahligem k ) zuordnete – ging bei Sommerfeld
endgültig die rote Warnlampe an. Er schrieb nun am 31. März 1921 dem Frankfur-
ter Theoretiker ganz deutlich seine Meinung:

„Der Anfang Ihres Briefes ist ein schlagender Beweis für meine Behauptung, daß Ihre
Z.E. Überlegungen bisher nicht reif zur Publikation waren. Ihre Darstellung deckt sich mit
dem, was ein Schüler von mir (1. Semester) gefunden hat, was aber nicht veröffentlich
worden ist. Die Platten l lassen sich [anders] analysieren, wenn auch weniger schön dar-
stellen. Daß Sie B[ohr] zuvorkommen wollen, ist kein Grund für Ihre Eile. B. hat jetzt an-
dere Dinge zu publizieren und ist ja Theoretiker. Ich sehe ihn nicht als Ausländer an.“64

Entgegen Sommerfelds Einspruch reichte Landé seine Arbeit mit allen experi-
mentellen Zitaten bereits Mitte April bei der Zeitschrift für Physik zur Veröffentli-
chung ein (Landé 1921a). Er arbeitete auch weiter über das Thema und trug dar-
über Ende Juni 1921 auf einer Tagung in Gießen vor.
Heisenberg war natürlich von dieser Sachlage ziemlich enttäuscht, weil seine
eigene, frühere Untersuchung nicht an die Öffentlichkeit gelangt war, aber Som-
merfeld tröstete ihn mit dem Hinweis, dass noch ein weiter Weg zur wirklichen
Lösung des elektrodynamischen Mechanismus des anomalen Zeeman-Effektes
läge. Der Professor bemühte sich jedenfalls auch selbst, die Tübinger „Platten“ mit
den Daten zu analysieren, ohne die beanstandeten halben Quantenzahlen von Hei-
senberg und Landé zu verwenden. Er verfasste darüber einen Abschnitt für die
neue, dritte Auflage seines Buches Atombau und Spektrallinien, die er gerade
vorbereitete. Heisenberg hielt zwar die alternativen Vorschläge Sommerfelds für
falsch, doch lenkten ihn bald die Vorlesungen des Sommersemesters und die
Übungsaufgaben aus der theoretischen „Mechanik der deformierbaren Medien“
und der Mathematik einstweilen von dem atomaren Problem ab. Nach Semester-
ende ging er mit seiner Gruppe zunächst auf die große Wanderung durch Thürin-
gen, und anschließend durfte er nochmals dorthin zurückfahren.

64
A.Sommerfeld an A. Landé, 31.3.1921, zitiert bei P. Forman: Alfred Landé and the anomalous
Zeeman effect. Historical Studies in the Physical Sciences 2, 153–261 (1970), besonders S. 261.
Landé hatte am 21.3.1921 an Sommerfeld geschrieben, er hätte es eilig mit seiner Publikation,
„weil Bohr offenbar über die Dinge nachdenkt, und warum soll das Ausland uns darin zuvor-
kommen?“ (siehe l.c. S. 260–261). Sommerfeld fügte in seinem Brief eine weitere scharfe War-
nung hinzu: „Von einem höheren Standpunkt aus dürfen Sie Back nicht zuvorkommen, und ich
werde es Ihnen direkt übel nehmen.“
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 105

Der eifrige Student Heisenberg durfte nämlich an seiner ersten wissenschaftli-


chen Konferenz teilnehmen, dem „Deutschen Physikertag“, der in Jena vom 18.
bis zum 24. September abgehalten wurde. „Meine Herreise ging planmäßig von-
statten“, schrieb er der Mutter am 21. September, und berichtete weiter:

„Abends um 11 Uhr kam ich nach Saalfeld, wo ich im Wartesaal verzweifelte Versuche
machte zu schlafen. Um 4 Uhr 35 ging’s weiter und um ½ 7 Uhr war ich hier glücklich
angelangt. Ich warf mich in meinen anständigen Anzug und um 9 Uhr in der Eröffnungs-
sitzung, in der unter anderem Laue aus Berlin vortrug. Außer Einstein waren alle Größen
versammelt. Planck, Lenard, Debye, Born, Wien, Sommerfeld, Bohr (d. h. [Harald] der
Bruder des bekannten [Niels] B.), Laue, Weyl usw. Nernst ist schon wieder abgereist, ich
hab ihn nicht gesehen.“ (EB, S. 27)

Die „Gemeinsame Eröffnungssitzung beider Abteilungen“, d. h. der Deutschen


Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Technische Phy-
sik (die sich 1920 von der DPG abgespalten hatte) fand am 19. September vormit-
tags im großen Saal des „Volkshauses“ statt. Dort lauschten die mehr als 700 Teil-
nehmer erst einmal sechs Grußworten von Vorständen, Vertretern des Thüringer
Ministeriums, der Universität und des Oberbürgermeisters lauschten. Dann folgten
bis 1 Uhr mittags die Vorträge von Max von Laue (über „Optik bewegter Kör-
per“), Robert Wichard Pohl (über „Lichtelektrische Leitfähigkeit“) und Gustav
Leithäuser (über „Mehrfachtelegraphieren und Mehrfachfernsprechen auf Leitun-
gen mit hochfrequenten Strömen“).65 Heisenberg aß nach dieser anstrengend lan-
gen Veranstaltung mit den Münchner Physikern zu Mittag und gab viel Geld aus,
ehe er sich um 3 Uhr nachmittags zu den Fachsitzungen begab, wie er auch im
Brief nach Hause vermerkte. Und nun kam für ihn das wichtigste Erlebnis:

„Da traf ich auch Landé, mit dem ich mich samt Pauli nach dem 9. Vortrag [von Hans
Reichenbach über ,Massenabhängige Schwerefelder in der Relativitätstheorie‘] verzog,
weil die beiden letzten nichts Wesentliches brachten. Das war nun ein Kampf zu Dritt, in
dem sich jeder gegen die beiden anderen verteidigen mußte; natürlich kam man zu keinem
Ergebnis.“ (EB, S. 28)

Es war natürlich klar, dass die drei jüngeren Theoretiker über den anomalen
Zeeman-Effekt sprachen. Pauli unterstützte dabei die Abneigung Sommerfelds
gegen die halben Quantenzahlen, während Heisenberg und Landé sich über De-
tails ihrer neuartigen Vorschläge auseinandersetzten. Im Brief an die Eltern vom
21. September fuhr Werner nun fort: „Abends jedoch erwischte ich den Professor,
und der hatte einen Brief von Paschen, in dem sich herausstellte, daß ich wieder
einmal glänzend recht hatte.“ Der Student sah sich also bestätigt und schrieb nur
zwei Tage später noch einmal nach Hause: „Gestern waren wieder von 9 bis 1 und
3 bis 7 Vorträge, nachmittags ging ich jedoch auch mit Landé spazieren (nach
5 Uhr) und verhandelte Zeeman-Effekt.“ (l.c.).66 Werner konnte dann zwar in Jena
65
Die erwähnten Vorträge werden in den Verh. Deutsch.Physik.Ges.(3) 3, 59–65 (1921) aufge-
führt.
66
Schon im ersten Brief vom 19.9.1921 aus Jena hatte Werner der Mutter geschrieben: „Sonst
ist alles glänzend, sehr interessant und eben hab ich in der Diskussion mit Landé und Pauli einen
106 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

nicht mehr alle gebotenen Vorträge anhören, denn der Gedankenaustausch mit
seinem ärgsten Konkurrenten hatte bei ihm Vorrang, um so mehr als jetzt die
Würfel offensichtlich zu Gunsten der halbzahligen Quanten gefallen schienen, wie
auch der nächste Brief bestätigte, den er am 23.9.1921 an den Vater richtete:

„Sommerfeld hatte seinerzeit für sein Buch einen Artikel geschrieben, den er mir zeigte,
und den ich, wie ich ihm sagte, für falsch hielt: Jetzt ist das auch erwiesen. Er ließ mich
gestern herausrufen und teilte mir das Ergebnis der Beobachtung mit. Alles so wie’s sein
soll.“ (EB, S. 29–30)

Der Münchner Professor hatte in der Tat im September schon vor der Tagung
mehrfach Post von Paschen erhalten, der selbst nicht nach Jena kommen konnte.
In einem Brief vom 13. September teilte ihm der Tübinger insbesondere seine
letzten Schlussfolgerungen aus den Experimenten mit und bemerkte dazu: „Ich
halte überhaupt alles für richtig, was Landé angegeben hat, und zwar auch die
Intensitäten. Der Fortschritt ist ein großer.“ Andererseits tröstete er auch den
Kollegen mit dem Lob: „Mir scheint, daß Ihre ,inneren Quanten‘ das wichtigste
und Glücklichste sind, was wir für die Zukunft als Arbeitshypothese besitzen.
Landé stützt sich darauf. Die Termkombinationen folgen daraus, und alles wird
richtig.“ Auf der letzten Karte aus Tübingen vom 15.9., die Sommerfeld noch
kurz vor seiner Abreise nach Jena erreichte, stand aber dann doch noch ein gro-
ßer Wermutstropfen für Sommerfelds Auffassung, nämlich: „Der Runge-Nenner
in der schiefsymmetrischen Gruppe, welche eine Kombination d i d j ist, ist 6 , in
Übereinstimmung mit Landé und nicht 3 × 3 = 9 . Dies hatte ich vergessen, in
meinem letzten Brief zu erwähnen.“ 67 Sommerfelds Alternativprogramm ohne
die halben Quanten war nun endgültig gescheitert, weil Paschens neuester Stu-
dent Raimund Götze die daraus folgende Aufspaltungsregel für die d-Übergänge
widerlegt hatte. Heisenberg konnte also am 23. September, anschließend an die
Diskussionen in Jena und seine Aussprache mit Professor Sommerfeld, beruhigt
eine längst geplante Reise nach Berlin zu seinem Jugendfreund Heini Marwede
antreten, nachdem er kurz zuvor dafür die Erlaubnis des Vaters erhalten hatte.
Kaum war Heisenberg Anfang Oktober 1921 nach München zurückgekehrt, da
stürzte er sich schon mit neuem Schwung in die Arbeit an der eigenen Publikation
über den Zeeman-Effekt. Er sollte nun eine viel umfassendere Aufgabe lösen als
vor einem Jahr, und diese hatten sowohl Sommerfeld als auch Landé bisher nicht
behandelt. Denn der Chef verlangte jetzt nichts weniger, als dass sie beide zu-
sammen eine ganz neue Theorie der anomalen Zeeman-Effekte aufstellten, die
zunächst eine vollständige Beschreibung aller verfügbaren Daten – der Frequen-
zen der einzelnen Komponenten und ihrer Intensitäten, ähnlich der früheren klas-
sischen von Woldemar Voigt – liefern sollte. Darüber hinaus aber musste ihre
Theorie auch fest auf der Grundlage der Bohr’schen Theorie der Atomstruktur

Sieg auf der ganzen Linie gewonnen. Schöner hätte ich mir’s gar nicht wünschen können. Der
Professor hatte nämlich den Brief von Paschen bekommen, als wir schon über eine Stunde disku-
tierten – und er brachte die volle Entscheidung zu meinen Gunsten.“ (EB, S. 26–27)
67
Siehe die Briefe im ASN.
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 107

stehen. Während Sommerfeld den formaleren Teil der Aufgabe übernahm, näm-
lich die Voigt’sche phänomenologische Theorie nach seiner und Landés Analysen
umzuschreiben, überließ er es dem geschickten und eifrigen Studenten Heisenberg
den anderen, eigentlich wesentlich schwierigeren Teil, nämlich die dazu passen-
den mechanischen Modelle zu ersinnen. Dieser wurde auch rasch fündig, wie der
lebhafte Briefwechsel zeigt, den er am 3. Oktober 1921 mit seinem Konkurrenten
Alfred Landé begann und der sich bis über die Jahreswende hinaus erstreckte.68 In
der ersten wissenschaftlichen Korrespondenz seiner Laufbahn informierte der
Student, der gerade in sein drittes Studiensemester eintrat, den 13 Jahre älteren
Privatdozenten über jeden Schritt, der schließlich zu seinem Resultat führte, dem
sogenannten „Atomrumpf-Modell“.
Heisenberg diskutierte zunächst die quantentheoretische Energie des obersten
Triplettniveaus, die Landé als proportional zur Quantenzahl k + 1 angab. Er defi-
nierte jetzt k neu als die Drehimpuls-Quantenzahl des „Atomrestes“ (Brief vom
3. Oktober), woraus er in den folgenden Briefen (5. und 9. November) die geeig-
neten Modelle für Atome mit Dublett- oder Triplettspektren konstruierte. Übri-
gens bezog sich der Münchner Student, trotz der Einwände von Landé, ausdrück-
lich sowohl auf die quantentheoretisch von seinem Professor uminterpretierten
Voigt’sche Formeln für die Energie der Zustände als auch auf das grundlegende
Bohr’sche Korrespondenzprinzip für die Intensitäten der Zeemankomponenten.
Am 19. November 1921 schaltete Heisenberg einen noch vertrauteren Kollegen
nämlich Wolfgang Pauli als zweiten Briefpartner ein, um auch mit ihm seine neu-
en Ideen zu den Modellen für den anomalen Zeeman-Effekt zu erörtern. Nach
seiner Promotion in München hatte dieser eine Assistentenstelle bei Max Born in
Göttingen angetreten. In einem ausführlichen Schreiben hielt der jüngere Freund
ihm nun einen Vortrag über seine spezielle „Atommystik der Zeeman-Effekte“,
die er unter das forsche Motto stellte: „Der Erfolg heiligt die Mittel!“ (PB I,
S. 44). Inhaltlich fasste der Münchner Student hier seine Ergebnisse zusammen,
die er in den vergangenen eineinhalb Monaten erzielt und mit Landé erörtert hatte.
Ein „Dublettatom“ – d. h. ein Atom, das wie das Natriumatom in Abwesenheit von
einem äußeren Magnetfeld Dublett-Spektrallinien aussandte – besaß demnach im
Grundzustand das Gesamtdrehmoment n = 1 (in Einheiten von h 2π ), welches
sich zwischen dem Atomrumpf ( 1 2 ) und dem Valenzelektron ( 1 2 ) aufteilen sollte.
Im angeregten Zustand behielt der Rumpf den Drehimpuls 1 2 , während das Va-
lenzelektron die diskreten Werte k = n − 1 2 annahm. Ohne angelegtes Magnetfeld

68
Insgesamt schickte Heisenberg 14 Briefe und Postkarten bis zum 15.12.1921 an Landé (siehe
ALS). Leider haben sich Landés Schreiben an Heisenberg nicht erhalten, sodass man seine
Kommentare und Anregungen aus den Heisenberg’schen Briefen rekonstruieren muss. Landé
reichte übrigens Anfang Oktober 1921 seine zweite Arbeit über den anomalen Zeeman-Effekt bei
der Zeitschrift für Physik ein, in der er versuchte, „die Dublettzerlegungen auf eine modifizierte
Larmor-Präzision“ zurückzuführen und dann „die Triplett- und Einfachtermzerlegungen aus
denen der Dubletts“ zu erhalten, und schließlich auch „die anomalen magnetomechanischen
Effekte“ erklären wollte (Landé 1921b).
108 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

hatte die Termenergie, die nach den Überlegungen von Sommerfeld und Paschen
das „innere Magnetfeld im Atom“ verursachte, den Wert
1 e
ΔE0 = Hi cos θ . (2.5)
2 4πme c

H i gab hier die Stärke des inneren Magnetfeldes an, das auf den Rumpf bzw.
dessen magnetisches Moment wirken sollte. Der Winkel θ zwischen den Rich-
tungen des magnetischen Feldes des Rumpfes und des inneren Feldes befolgte
nach Heisenberg Vorstellung die Quantenbedingung
cos θ = ±1 , (2.6)
welche auch die Dublettzustände des Atoms im feldfreien Zustand mit den Ge-
samtdrehimpulsen n bzw. n − 1 hervorbringen sollte. Falls man nun ein äußeres
Magnetfeld einschaltete, erhielt man die entsprechende anomale Zeemanaufspal-
tung der Dublettzustände. Dabei mussten die Drehimpulse von Rumpf und Va-
lenzelektronen ihre Richtung dergestalt ändern, dass die Gesamtenergie des Atoms
ein Minimum annahm. Heisenberg berechnete sie so zu

1 m
ΔE = Δν n h( m ± 1+ 2 v + v 2 ), (2.7)
2 n - 12

Δν
mit ν n der normalen Zeemanaufspaltung und v = , d. h. dem Verhältnis von
Δν n
ursprünglichem Linienabstand Δν zu Δν n . Dabei führte er eine neue „magneti-
sche Quantenbedingung“ mit halbzahligen Werten für die magnetische Quanten-
zahl ein, also m = 12 , 32 , 52 , nämlich

∫ pϕ dϕ = mh. (2.8)

Der Parameter v in Gleichung (2.7) entsprach übrigens auch dem Verhältnis


von Hi zum äußeren, angelegten Feld H. Triumphierend stellte Heisenberg nun
fest: „Das sind die Voigt’schen Formeln (extrapoliert)“. Und er fügte noch einen
„quantitativen Schlager“ hinzu, indem er die Dublettbreite bei Lithium aus dem
Sommerfeld’schen Atommodell und der klassischen Elektrodynamik, d. h. mit
Hilfe des Biot-Savart’schen Gesetzes, zu Δν = 0.32 cm ausrechnete. Dieses Er-
gebnis stellte natürlich einen ansehnlichen Erfolg dar, wenn man seinen theoreti-
schen mit dem experimentell erhaltenen Wert von 0,34 cm verglich.
Entsprechend kühn konstruierte er anschließend das dynamische Modell für die
Atome, die Triplett- und Singulettzustände besitzen. Sie konnte er nämlich nach
der bekannten Bohr-Sommerfeld’schen Vorstellung aus Dublett-Atomen mit
einem Valenzelektron aufbauen, indem er anschließend ein zweites Valenzelek-
tron hinzugefügte. Im Grundzustand besaß dann der Rumpf entweder den Dreh-
impuls 0 und die Valenzelektronen hatten entsprechend Drehimpulse von 1 2 und
− 1 2 (in Einheiten von h 2π ), so dass insgesamt ein 1s -Singulettzustand gebildet
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 109

wurde. Wenn der Rumpf andererseits den Drehimpuls 1 annahm, wobei die Va-
lenzelektronen jeweils den Drehimpuls + 1 2 ( h 2π ) besaßen, wurde ein 1s -
Triplett aufgebaut. In den angeregten Zuständen bekam das Außenelektron die
Drehimpulse n − 1 2 (mit n = 2,3,… ), und das Gesamtmoment des Atoms im Fall
des Singulettzustandes war dann durch n − 1 gegeben. Im Triplettzustand gingen
dagegen das innere Valenzelektron und der Rumpf zusammen zu einem erweiter-
ten Rumpf mit dem Gesamtdrehimpuls + 3 2 . Heisenberg schloss außerdem, dass
der niedrigste Triplettzustand stets ein Singulett formte, weil das Valenzelektron
mit k = 1 2 dann in den erweiterten Rumpf schlüpfen würde und nur die angeregten
Zustände sich als echte Tripletts erweisen könnten. Dabei sollte sich nun der Dreh-
impuls des Außenelektrons parallel, senkrecht oder antiparallel zum Rumpf ein-
stellen gemäß der spezifischen Quantenbedingung für das Triplettatom
cos θ = +1, 0, −1 . (2.9)

Das würde natürlich nur ohne ein angelegtes äußeres Magnetfeld gelten, teilte der
Briefschreiber Pauli weiter mit. Im Feld aber spalteten die niedrigsten Singulett-
zustände dann in normale Lorentz-Tripletts auf, während die Triplettzustände stets
die komplexe anomale Struktur zeigten.
Unter der Annahme, dass die Kopplung zwischen dem inneren, zweiten Va-
lenzelektron und dem eigentlichen Atomrumpf stets bestehen blieb, untersuchte
Heisenberg die anomale Aufspaltung X der Triplettzustände, indem er zunächst
eine Gleichung dritten Grades für X herleitete – ähnlich wie sie Sommerfeld
1914 aus der phänomenologischen Voigt’schen Theorie bekommen hatte. Ihre drei
Wurzeln X 1 , X 2 , X 3 gab er für kleine äußere Felder dann an mit den Beziehungen:

⎧ 3 m
⎪ X1 = v + ;
⎪ 2 n
⎪ 3
2v m (2.10)
⎨X 2 = − + ;
⎪ 2( n − 1
2 ) n ( n − 1)
⎪ 3 m
⎪X3 = v − .
⎩ 2 n −1
Das Ergebnis (2.10) bedeutete, dass jede dieser Wurzeln einen Triplettzustand
zusätzlich aufspalten sollte, wobei das Außenelektron den Drehimpulse n − 1 2 be-
sitzen und die „magnetische Quantenzahl“ die absoluten Werte m ≤ n,n–1,n–2,…
annehmen würde.
Aus diesem Triplett-Modell folgte nun allerdings, dass die „innere Quanten-
zahl“ – anders als Landé und Sommerfeld angenommen hatten – nicht mehr mit
der Gesamtquantenzahl des Triplettzustandes (n + 1) übereinstimmen konnte.
Schließlich würde X für kleine v – d. h. auch große magnetische Feldstärken –
die Werte +1, 0 und –1 annehmen, und die Triplettzustände zeigten dann die nor-
male Lorentz-Aufspaltung. Zusammen mit der Auswahlregel Δm = 0,±1 konnte
Heisenberg schließlich die vorliegenden experimentellen Daten vollständig be-
schreiben und seinen zweiten „quantitativen Schlager“ verkünden: In der Berech-
110 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

nung der Energie- oder Termdifferenzen ergab sich nämlich für das Abstands-
verhältnis der drei Triplettniveaus das Ergebnis
ΔE1 − ΔE2 n . (2.11)
=
ΔE 2 − ΔE 3 n − 1

Für das Verhältnis der p -Terme bekam er so den Wert 2 : 1 sowie für den der
d-Terme den Wert 3 : 2 , „wie auch ständig beobachtet“ würde. Also schloss er
wiederum triumphierend: „Mehr kann man hinsichtlich der Beobachtungen nicht
verlangen.“
Heisenberg verschwieg dem Freund allerdings keineswegs die „Schattenseiten
der Theorie“, die er am Ende des Briefes einzeln aufzählte:

„ 1) n bedeutet bei den Tripletts keineswegs den Gesamtimpuls, sondern dieser wird
beim mittleren Niveau nicht einmal ganzzahlig.
2) Die Auswahlregel von Rubinowicz ist also verletzt, das Auswahlprinzip läßt sich
aber korrespondenzprinzipmäßig begründen.
3) Das mittlere Triplettniveau hat überhaupt noch seine Mucken, die sich aber schon
einigermaßen wegschaffen lassen.
4) Bei den Dubletts und Tripletts muß der Bewegungsvorgang noch aufgeklärt werden.
Aber trotzdem: der Erfolg heiligt die Mittel.“ (PB I, S. 44)

Heisenberg erörterte übrigens in der damaligen Korrespondenz mit Landé und


Pauli die Möglichkeit, dass das in München früher geheiligte Prinzip von Adalbert
Rubinowicz, welches eigentlich aus der Erhaltung des Drehimpulses folgte, even-
tuell bei den anomalen Zeeman-Effekten verletzt sein könnte. So berichtete er
Landé am 28.11.1921:

„Auch Sommerfeld glaubt, daß das Rubinowiczsche Resultat nur durch eine weitgehende
Korrespondenz zwischen klassischer und quantentheoretischer Strahlung zu verstehen sei,
denn zu den Grundlagen gehören einerseits der Impulssatz, andererseits die Kugelwelle;
die letztere verletzt aber wiederum z. B. im photoelektrischen Effekt den Impulssatz.“

Und in der späteren Publikation formulierte der Autor sogar noch etwas genau-
er: „Wir können also, um nicht in Widerspruch mit der Erfahrung zu kommen, das
Rubinowicz’sche Prinzip nur für die Gesamtheit der Atome gelten lassen.“ (Hei-
senberg 1922a, S. 281). Noch einen anderen, vielleicht sogar grundsätzlicheren
Punkt erwähnte er, der das dynamische Verhalten seines vorgeschlagenen Modells
betraf. Er gestand nämlich Pauli am 25. November: „Die mechanische Stabilität ist
allerdings nicht recht gesichert, wie Sie richtig bemerken.“ Er wollte sie nun ein-
fach durch die Quantenbedingung ersetzen, also durch folgende Feststellung:

„In einem Magnetfelde stellt sich der Rumpf so ein, daß sein mittlerer Impuls um die
Feldachse +½ oder –½ ist. Wirkt nun ein äußeres und ein inneres Feld auf den Rumpf ein,
so stellt er sich in die Resultante beider Felder ein.“ (PB I, S. 45)

Freilich sollte dann auch diese Resultante eine Präzision ausführen, die aber eine
unendlich langsame Bewegung gegenüber den Perioden des Rumpfes darstellen
würde, also nur eine adiabatische Veränderung bedeutete.
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 111

Nachdem Heisenberg am 17. Dezember die Arbeit an die Zeitschrift für Physik
abgeschickt hatte, kommentierte er am selben Tag im nächsten Brief an Pauli „den
mechanischen und physikalischen Sinn“ seiner Theorie der anomalen Zeeman-
Effekte mit den Worten:

„Die stationären des Atoms sind stets durch räumliche Quantelung des äußeren Elektrons
gegeben: wenn kein äußeres Feld vorhanden ist, relativ zum Magnetfeld des Rumpfes; ist
eines vorhanden, außerdem noch relativ zu diesem. Das ,außerdem‘ ist der springende
Punkt; bei kleinen Feldern nämlich vertragen sich beide Quantelungen gut miteinander,
denn es gibt zwei Freiheitsgrade, die zu quanteln sind.“ (PB I, S. 48)

Anschließend diskutierte er im Brief die Stellung des Atoms zum Rumpf sowie
die des äußeren Elektrons in einem angelegten Magnetfeld. Mit wachsender Feld-
stärke würde der erstere Freiheitsgrad absterben, und an seine Stelle träte die Ein-
stellung des Rumpfes relativ zum äußeren Feld als zu quantelnder Freiheitsgrad,
wobei der Rumpf so lange adiabatisch gedreht würde, bis er bei vollständigem
Paschen-Back-Effekt – d. h. sehr starkem Magnetfeld – senkrecht zu diesem stün-
de. Was endlich den Einstein-de Haas-Effekt beträfe, dessen Anomalität (nämlich
den experimentell beobachteten Faktor 2!) ja Landé in seiner gerade erschienenen
zweiten Publikation (1921b) mit dem anomalen Zeeman-Effekt in Verbindung
gebracht hatte, wusste allerdings der sonst so findige Student ausnahmsweise
einmal keine Erklärung im Rahmen seiner Theorie. Denn in ihr hatte er gerade das
alte, klassische elektromagnetische Gesetz von Jean Baptiste Biot und Félix Savart
verwendet. Allerdings begründete er sein Vorgehen mit dem Argument, dass der
genannte und ähnliche anomale Effekte nur bei ferromagnetischen Materialien wie
Eisen auftreten würde, welches „zweifellos kein Dublettspektrum besitzt“. Das
heißt er schlug einfach die Ausrede vor: „Wenn die anomalen magneto-mechani-
schen Effekte nur bei ferromagnetischen Materialien beobachtet sind – wasche ich
meine Hände in Unschuld.“ (l. c., S. 50).
Das Manuskript mit dem Titel „ Zur Quantentheorie der Linienstruktur und der
anomalen Zeeman-Effekte“ (Heisenberg 1922a) ging am 17. Dezember 1921 bei
der Redaktion der Zeitschrift für Physik ein, die auch fünf Tage zuvor eines seines
Professors zum Thema „Quantentheoretische Umdeutung der Voigt’schen Theorie
des anomalen Zeeman-Effektes vom D-Linientypus“ (Sommerfeld 1922a) erhalten
hatte. Beide Untersuchungen erschienen hintereinander in Heft 5 vom Febru-
ar 1922 im Druck. Der Professor legte in seiner Arbeit im Wesentlichen die von
ihm schon seit Jahren erwogene quantentheoretische Formulierung der quantitativ
so erfolgreichen klassischen Beschreibung des vor zwei Jahren gestorbenen Göt-
tinger Kollegen Voigt vor. Im Gegensatz zu seinem Schüler vermied der erfahrene
Lehrer allerdings jeden Bezug auf die ungewohnten halben Quantenzahlen.
Schließlich schrieb er auch seine 1914 aus der Voigt’schen Theorie erhaltene
klassische Formel für die Aufspaltung der Schwingungen parallel zum Magnetfeld
in die neue quantentheoretische Form um, sodass er für die quantentheoretische
Energieaufspaltung ΔW der p1 p 2 -Zustände das Ergebnis:
hΔν n
ΔW = (m ± 1 + 23 mv + v 2 ) (2.12)
2
112 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

erhielt. In dieser Umdeutung führte er auch einen Faktor ein, den er magnetische
Quantenzahl m nannte, welche er bei den betrachteten Dublettsystemen ungerade
ganzzahlige positive und negative Werte gab.
Die Formel (2.12) stimmte nun völlig mit Heisenbergs Gleichung (2.7) überein,
wenn man beachtete, dass Heisenbergs m nur den halben Wert von Sommerfelds
magnetischer Quantenzahl annahm und überdies dessen n mit Sommerfelds
n − 1 2 identifizierte, welches im Fall der p -Zustände den Wert 3 2 bekam. Som-
merfeld fühlte sich also noch immer etwas unwohl bei den halben Quantenzahlen,
und deshalb schrieb er auch am 11. Januar 1922 an Albert Einstein:

„Ich habe inzwischen wunderbare zahlenmäßige Gesetze von Linienkombinationen im


Anschluß an Paschensche Messungen mir klargemacht und in der 3. Auflage meines Bu-
ches dargestellt. Ein Schüler von mir (Heisenberg, 3. Semester!) hat diese Gesetze und die
der anomalen Zeemaneffekte sogar modellmäßig gedeutet (Zeitschrift für Physik im
Druck). Alles klappt, bleibt aber im tiefsten Grunde unklar.“69

In der bereits erwähnten 3. Auflage von Atomaufbau und Spektrallinien, dessen


Vorwort Sommerfeld etwa zur selben Zeit unterzeichnete, stellte er dann im
Haupttext die neue quantentheoretische Behandlung des AZE völlig ohne halbe
Quanten dar, betonte aber am Ende auch:

„Bei der vorstehenden Bearbeitung, hat Herr stud. W. Heisenberg freundlichst mitgewirkt.
Ihm verdankt der Verfasser auch die Möglichkeit, in dem anschließenden Nachtrag das
Rätsel der anomalen Zeemaneffekte und der ihnen zugrunde liegenden Termmultiplizitä-
ten modellmäßig auflösen zu können.“ (Sommerfeld 1922b, S. 496)

Im Nachtrag erläuterte der Autor in der Tat alle Ergebnisse aus der ersten wissen-
schaftlichen Veröffentlichung des „Studenten im dritten Semester“, dem es trotz
mancher Einwände gelang, seinen Namen nachdrücklich in die atomphysikalische
Literatur einzuführen. Selbst der Konkurrent Landé gab in seiner im Novem-
ber 1922 veröffentlichten nächsten Untersuchung zum AZE ehrlich zu:

„Man gelangt bei näherer Beschäftigung mit dem Problem der magnetischen Linienauf-
spaltung trotz aller Bedenken stets wieder zu der Überzeugung, daß die Zeemantypen mit
ihrer tiefgreifenden Symmetrie der Termaufspaltungen bereits von formalen wie von mo-
dellmäßigen Gesichtspunkten aus kaum wesentlich anders als nach Heisenberg gedeutet
werden können.“ (Landé 1922, S. 353–354)

Am 30. April 1922 dankte Niels Bohr Sommerfeld „vielmals für die freundli-
che Zusendung der dritten Auflage“ seines Buches, „deren so baldiges Erscheinen
und so großer Umfang [es war unterdessen auf 750 Seiten angewachsen] ja die
beste Kunde gibt von dessen Empfang in der wissenschaftlichen Welt“, und er hob
die „außerordentlichen Beiträge, die Sie und Ihre Mitarbeiter in den letzten Jahren

69
Sommerfeld gestand auch Niels Bohr am 22.3.1922, daß Heisenbergs Darstellung zwar noch
nicht ideal sei, aber er hätte der Publikation des Studenten im dritten Semester – der unbedingt
veröffentlichen wollte – doch zugestimmt „trotzdem die Form der Ableitung noch nicht die
endgültige sein dürfte“ (ASN ).
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 113

zu den behandelten Fragen gemacht haben“, hervor. Neben seiner „Bewunderung“


wollte der dänische Pionier des Atombaus aber auch seiner „Dankbarkeit Aus-
druck geben für die freundliche Gesinnung“, mit der der Münchner Kollege die
Arbeiten von ihm selbst und seiner Kopenhagener Mitarbeiter anerkannte. Denn,
so schrieb er weiter: „In den letzteren Jahren habe ich mich wissenschaftlich oft
sehr einsam gefühlt unter dem Eindruck dass meine Bemühungen, nach bestem
Vermögen die Principien der Quantentheorie systematisch zu entwickelen, mit
sehr wenig Verständnis aufgenommen worden ist.“ (SB 2, S. 116–117).
Bohr bezog sich bei den genannten Bemühungen auf den „ernsthaften Ver-
such, einen derartigen inneren Zusammenhang zu gewinnen, dass man einen
sicheren Boden für den weiteren Atombau zu erschaffen erhoffen konnte“ (l.c.,
S. 117), den er selbst aufgebaut hatte, seitdem er 1916 von seiner Dozentur in
Manchester als Professor in Kopenhagen zurückgekehrt war. Mit dieser für ihn so
typischen Umschreibung meinte er insbesondere die Anwendung einer Analogie
zwischen der quantentheoretischen Beschreibung der Spektren von Atomen oder
Atomsystemen und der entsprechenden in der klassischen Strahlungstheorie, eine
Analogie, welche er als „Korrespondenzprinzip“ bezeichnete. In der großen
zweiteiligen Abhandlung mit dem (verdeutschten) Titel „Über die Quantentheorie
der Linienspektren“ (Bohr 1918) hatte er dieses zum ersten Mal ausführlich vor-
gestellt, und sein erster Schüler, Hendrik Kramers aus Holland, hatte es in der
Doktorarbeit von 1919 auf spezielle Fälle angewandt. Bohr konnte dann mit Hilfe
seines Prinzips erklären, dass gewisse theoretisch mögliche Linien im Spektrum
der Atome ausfallen können, wie Adalbert Rubinowicz nach seinem „Auswahl-
prinzip“ abgeleitet hatte. Er schätzte freilich die physikalischen Überlegungen des
Polen zur Strahlungstheorie nicht besonders und hatte sich noch im Sommer 1921
polemisch mit ihm auseinandergesetzt. Denn Rubinowicz betonte nach Bohrs
Meinung Einsteins Lichtquantenhypothese von 1905 viel zu stark, die offensicht-
lich dem Korrespondenzprinzip widersprach. Die nunmehr wohlwollende Be-
handlung seines grundlegenden Prinzips in der neuen Auflage von Sommerfelds
Buch erfreute den Kopenhagener Professor sehr. Denn Sommerfeld, der sich
immer nachhaltig für die Ideen von Rubinowicz eingesetzt hatte, erklärte nun
offen, dass gerade Bohr „in seinem Korrespondenzprinzip einen Zauberstab ge-
funden hatte, der die Ergebnisse der klassischen Theorie für die Quantentheorie
nutzbar zu machen gestattete“ (Sommerfeld 1922b, S. 338). Er fügte weiter im
Anhang seines Buches eine ausführliche Darstellung dieses Gegenstandes hinzu.
Bald darauf kam es im Jahr 1922 wieder zu einer Begegnung Bohrs mit Sommer-
feld, an der jetzt auch der Student Werner Heisenberg teilnahm: Das war im Ju-
ni 1922 in Göttingen, wo der dänische Professor in Detail seine neuesten Vorstel-
lungen vom Atombau im Detail erläuterte, die er alle wesentlich dem „Zauberstab
Korrespondenzprinzip“ verdankte.
Sobald Sommerfeld und sein Schüler aus Göttingen nach München zurückge-
kehrt waren, griffen sie zwei Fragen auf, die Bohr gerade aufgezeigt hatte. Dieser
stellte zum einen im 2. Vortrag am 13. Juni fest, dass die Schärfe einer Spektralli-
nie Δν von der Dauer ihres Emissionsprozesses abhing – wie etwa Willy Wien aus
der Zerfallszeit des Kanalstrahlenleuchtens des Wasserstoffs vorher experimentell
114 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

gefunden hatte. Wegen des Korrespondenzprinzips müsse diese Dauer in der Grö-
ßenordnung mit der klassischen Emissionszeit übereinstimmen, was auch wirklich
zutraf. Zum anderen äußerte sich Bohr in der letzten, der 7. Vorlesung am 22. Juni
kritisch zur relativistischen Theorie der Röntgenstrahlen von Sommerfeld, die
dieser vor einigen Jahren vorgeschlagen und deren Feinstruktur er damals analog
zu seiner Wasserstoff-Rechnung von 1915 behandelt hatte. Dabei waren Werte
herausgekommen, die mit der 4. Potenz der Kernladung Z anwachsen sollten
(Sommerfeld 1920b). Bohr merkte nun in Göttingen dazu an, dass die Feinstruktur
nach Sommerfeld beträchtliche Werte annehmen konnte und sich nicht nun mit
dem Korrespondenzprinzip vereinbaren ließe. 70 Seine beiden kritischen Bemer-
kungen alarmierten den Münchner Professor, und er berechnete nun zunächst in
einer Untersuchung mit Heisenberg explizit die Strahlungsdämpfung nach der
klassischen Elektrodynamik. Darin verglichen sie dann das Ergebnis mit der Un-
schärfe der Röntgenfeinstruktur, wobei sie sogar höhere Ordnungen als früher
berücksichtigten, und fanden, dass beide Korrekturen die gleiche Größenordnung
besaßen. So verkündeten die Münchner Autoren erleichtert das Ergebnis: „Der von
Bohr ins Auge gefaßten korrespondenzmäßigen Verwertung des Strahlungs-
widerstandes steht von seiten der Relativitätstheorie der Röntgendubletts nichts im
Wege“ (Sommerfeld und Heisenberg 1922a, S. 395). Sie versuchten anschließend,
eine Quantentheorie der Linienschärfe zu entwickeln und die erhaltene Formel mit
den experimentellen Daten Wiens zu vergleichen. Dabei stellten Sommerfeld und
Heisenberg auch in diesem Fall eine gute Übereinstimmung fest, schränkten frei-
lich ein: „Wir wollen nicht behaupten, daß unsere recht formalen Betrachtung der
physikalischen Bedeutung der Wien’schen Abklingungsversuche gerecht wird oder
daß sie uns über den Dämpfungsprozeß aufklärt.“ Das läge, fuhren die Autoren
fort, auch „nicht in der Absicht des Korrespondenzprinzips, welches ja auf jedes
modellmäßige Verständnis verzichtet“. Trotzdem betrachteten die Münchner The-
oretiker ihre neue Untersuchung als nützlich und argumentierten: „Durch ihre
Übereinstimmung mit der Erfahrung bestätigt sie umgekehrt die Grundlage unserer
Überlegungen, nämlich die von Bohr ins Auge gefaßte korrespondenzmäßige
Verwertung des Strahlungswiderstandes.“ (l.c., S. 398).
Während das Manuskript der gerade besprochenen Arbeit mit dem Titel „Eine
Bemerkung über relativistische Röntgendubletts und Linienschärfe“ am 3. August
1922 bei der Zeitschrift für Physik einging – Heisenberg hatte wohl seine Rech-
nungen dazu gerade noch vor der in Kapitel I berichteten „Südfahrt“ mit den
Münchner Neupfadfindern nach Innsbruck beim Chef abgeliefert –, reichten der
Professor und sein Student ihre nächste wesentlich umfangreichere Arbeit über
„Die Intensität der Mehrfachlinien und ihrer Zeemankomponenten“ erst Ende
dieses Sommermonats (also etwa zwei Wochen nach Heisenbergs Rückkehr aus

70
Siehe die Arbeit von Sommerfeld und Wentzel (1921), in der sie zwischen „regulären“, d. h.
durch relativistische Effekte zustandekommenden, und „ irregulären“ Dubletts unterschieden. Gre-
gor Wentzel promovierte übrigens auch 1921 mit einer Dissertation über die Röntgenspektren.
Andererseits entwickelte der holländische Gast Dirk Coster an Bohrs Institut eine etwas andere Deu-
tung der Röntgenspektren in voller Übereinstimmung mit dem Korrespondenzprinzip: mit ihr soll-
ten er und Georg von Hevesy Ende 1922 einen spektakulären Erfolg erzielen (siehe Abschnitt 2.3).
2.2 Heisenbergs Studium und seine „halben Quanten“ 115

den Bergen) zur Veröffentlichung ein. Mit ihr schlossen sie die gemeinsamen
Untersuchungen ab, die sie den Problemen des anomalen Zeeman-Effektes ge-
widmet hatten. Wieder knüpften die Autoren in gewisser Weise an eine Göttinger
Anmerkung von Niels Bohr an, die allerdings eine noch schärfere Kritik an Hei-
senbergs Rumpfmodell enthielt, als der Redner sie gegen Sommerfelds Theorie
der Röntgendubletts vorbrachte. Bohr hatte nämlich in seinem 5. Vortrag am
20. Juni 1922 zwar das Modell des Sommerfeld-Studenten als „sehr interessant“
bezeichnet aber sofort hinzu gefügt, dass „Heisenbergs Annahmen sehr schwer zu
rechtfertigen“ seien. In einer privaten Diskussion zwischen Bohr, Sommerfeld und
Heisenberg hatte sich der Kopenhagener Gast dann allerdings diplomatischer
geäußert, denn Werner hatte am 15. Juni den Eltern gemeldet: „Jedenfalls wurde
festgestellt, daß es bis jetzt nirgends einen Gegenbeweis gegen meine Ansicht
gibt, höchstens sprechen allgemeine Gesichtspunkte dagegen.“ (EB, S. 34).
In ihrer zweiten gemeinsamen Untersuchung verzichteten Sommerfeld und Hei-
senberg nun, um jede weitere Kritik aus Kopenhagen zu vermeiden, „auf genauere
Vorstellungen über den modellmäßigen Ursprung der Atombahnen“. Sie begnüg-
ten sich stattdessen mit einer „allgemeinen kinematischen Beschreibung“ der Ver-
hältnisse bei den Dublett- und Triplettsystemen, „da Intensitätsfragen wesentlich
qualitative Fragen sind“, und stellten dazu etwa klar: „Zum Beispiel ist es nicht von
Belang, ob wir das Impulsmoment des Serienspektrums direkt aus der azimutalen
Quantenzahl k oder gleich k ∗ = k − 1 2 setzen, wie es im Falle der Dublettsysteme
das von Heisenberg vorgeschlagene Modell verlangt.“ (Sommerfeld und Heisen-
berg 1922b, S. 132–133). Sie beschrieben also hier lediglich die Atomzustände
durch vier Quantenzahlen, nämlich die Hauptquantenzahl n, die azimutale Quan-
tenzahl k (wobei k = 1 den s -Term der Serie charakterisierte), die innere Quanten-
zahl j (die den Multiplett-Typ bestimmte) und die magnetische Quantenzahl m
für die Aufspaltung im Magnetfeld, ohne freilich deren Werte genauer festzulegen.
Ferner nahmen sie an, dass die Bahn des Valenzelektrons, welches die Strahlung
emittiert, zwei Präzisionsbewegungen ausführte, eine um die j -Achse, die die
Situation ohne Magnetfeld beschrieb, und eine um die Achse des angelegten Fel-
des. Auf diese Weise notierten sie vier charakteristische Kreisfrequenzen, die sich
der Größe nach im Allgemeinen mit ωn ωk ω j ωm anordnen ließen. Dann
setzten die Autoren, wie es der Kopenhagener Meister in seinem grundlegenden
Essay über das Korrespondenzprinzip (Bohr 1918) vorgemacht hatte, eine Fourier-
Entwicklung mit ganzen Vielfachen der genannten Frequenzen und den entspre-
chenden Fourier-Amplituden ein und erhielten so Beziehungen für die Quadrate
der Fourier-Koeffizienten, die ja die Intensität der Linienkomponenten unter den
gegebenen physikalischen Bedingungen wiedergeben sollten.
Mit diesen wesentlich „kinematischen“ Rechnungen bewiesen die Münchner
Autoren eine Reihe wichtiger Ergebnisse, die bereits aus der Beobachtung der
atomaren Mehrfachlinien und ihrer Zeemankomponenten bekannt waren. So ge-
langten sie etwa zu der wichtigen Feststellung: „Die Auswahlregel der inneren
Quantenzahl Δj = +1, 0, −1 , insbesondere ihre Abweichung von derjenigen der
azimutalen Quantenzahl (Δk = ±1) , ursprünglich rein empirisch aus den Linien-
strukturen der Nebenserien erschlossen, wird auf diese Weise eine kinematische
116 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Selbstverständlichkeit.“ (Sommerfeld und Heisenberg 1922b, S. 137). Entspre-


chend leiteten sie die Möglichkeit ab, dass bei starken Magnetfeldern auch Über-
gänge mit j > 1 zustande kommen konnten, nicht dagegen bei der Einwirkung von
elektrischen Feldern auf die Atome, und dass sich Landés Zusatzverbote der
Übergänge 0 → 0 für innere und magnetische Quantenzahlen erklären ließen.
Schließlich gaben sie noch die Ausdrücke für die relativen Intensitäten für die
feldfreien Linienstrukturen und ihre Zeemankomponenten an und schlossen insge-
samt recht zufrieden und in völliger Übereinstimmung mit Bohr:

„Im ganzen dürfen wir sagen, daß sich das Korrespondenzprinzip in seiner Anwendung
auf die hier studierten Intensitätsfragen, sowohl bei den spontanen, feldfreien Termauf-
spaltungen als auch bei den eigentlichen Zeemanaufspaltungen vorzüglich bewährt hat.
Der im allgemeinen qualitative Charakter dieser Fragen brachte es mit sich, daß wir keine
näheren Vorstellungen über den Atombau nötig hatten, wodurch die Sicherheit unserer
Schlüsse verstärkt wird.“ (l.c., S. 154)

Nachdem sich die Münchner Autoren jetzt vollständig ins Fahrwasser des Ko-
penhagener Atomtheoretikers und seines Korrespondenzprinzips begeben hatten,
also auch Heisenbergs Lieblingsidee der halben Quantenzahlen vermieden hatte,
konnte sich der Student nach dem 4. Semester nun beruhigt einem anderen The-
menkreis zuwenden, und zwar der Aufgabe, die ihm Sommerfeld für seine Inaugu-
raldissertation stellte.

2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage und das


Turbulenzproblem (Juni 1921 bis Oktober 1922)

Wolfgang Pauli wurde schon mit 14 Jahren von seinem Vater für ein „ mathemati-
sches Genie“ gehalten. Arnold Sommerfeld, zu dem er im Oktober 1918 nach Mün-
chen kam, schätzte ihn ja bald in der Begabung noch höher ein als seinen bisherigen
Lieblingsschüler Peter Debye.71 Der Wiener Student konnte ein ähnlich ausgezeich-
netes Abschlusszeugnis seines Gymnasiums vorweisen wie Heisenberg, wenngleich
er seinen schulischen Eifer etwas stärker auf die Fächer Mathematik und Physik
konzentriert hatte – in letzterem Fach hatte ihn auch der theoretische Physiker Hans
Bauer in Wien privat weiter unterrichtet. So hatte der Wiener Gymnasiast bereits vor
dem Antritt seines Universitätsstudiums in München die erste Publikation über ein
Problem aus der relativistischen Gravitationstheorie Einsteins in der Physikalischen
Zeitschrift publiziert, und er setzte diese wissenschaftliche Tätigkeit auch als Stu-
dent in den folgenden Jahren fort. Obwohl er in München immer noch brav Vorle-
sungsstunden besuchte, betrachtete man ihn eigentlich von außerhalb schon als
einen ausgebildeten und höchsten Ansprüchen genügenden Wissenschaftler, dessen
großes Können und reife Urteilskraft ihm dann kein Geringerer als Albert Einstein in
71
Siehe auch den Artikel von K. von Meyenn: Pauli’s belief in exact symmetries. In M. Doncel
et al., Hrsg.: Symmetries in Physics (1600–1980). World Scientific, Singapore 1984, S. 329–358,
besonders S. 334.
2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage und das Turbulenzproblem 117

seiner Kritik des Encyklopädie-Essays über die Relativitätstheorie attestierte. Mit


einem Wort, Pauli erschien, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Göttervaters
Zeus als vollständig erwachsenes physikalisches Genie entsprungen.
Der eineinhalb Jahre jüngere Studienkollege Heisenberg durchstürmte zwar
das Studium in derselben kurzen Zeit von sechs Semestern wie Pauli, aber er
musste sich die zum wissenschaftlichen Forschen notwendigen Kenntnisse doch
in viel mühsamerer Kärrnerarbeit erwerben. Zwar verfügte er wie Pauli über ein
gerüttelt Maß an Selbstsicherheit – auch auf Gebieten, die dem Freunde ver-
schlossen waren –, aber er wurde zunächst doch erst einmal mehr unter das Fuß-
volk der Studierenden eingeordnet und erhielt das große Vertrauen seines Lehrers
erst nach gründlicher Prüfung und geraumer Zeit. Sommerfeld erinnerte sich mit
80 Jahren selbst, wie sich dieses Vertrauen stufenweise entwickelte, nachdem der
Studienaspirant Heisenberg zum ersten Mal im Herbst 1920 bei ihm erschien und
um Aufnahme ins theoretische Seminar bat:

„Ich gab zur Antwort‚ es trifft sich gut, daß ich im kommenden Semester eine Vorlesung
über elementare Mechanik halte. ,Machen Sie nur die Übungen fleißig mit, dann werden
Sie schon sehen, was Sie verstanden haben und was nicht.‘ Aber bereits in seinem zweiten
Semester, als ich einen Kurs über Hydrodynamik hielt, stimmte ich zu, daß er eine kleine
Arbeit über Wirbel veröffentlichte.“ (Sommerfeld 1949, S. 316)

Für den Sommer 1921 kündigte das Vorlesungsverzeichnis der Ludwig-Maxi-


milians-Universität in der Tat unter dem Dozenten Sommerfeld das Kursthema
„Hydrodynamik, Elastizität etc.“ mit Übungen an, den zweiten Teil seines auf
fünf Semester veranschlagten Zyklus über die Hauptgebiete der theoretischen
Physik. Heisenberg entsann sich noch 40 Jahre später genau, dass der Professor
die Wirbelbewegungen und die Helmholtz’schen Sätze besprach, die sie be-
schrieben. Dabei wies er auch auf ein ungelöstes Problem hin. Man könne einer-
seits mathematisch streng beweisen, dass in einer reibungsfreien Flüssigkeit keine
Wirbel entstehen oder verschwinden – wie die Wirbelsätze von Helmholz aus
dem Jahre 1858 verlangten. Andererseits wisse man aber aus der Erfahrung –
etwa, wenn man mit einem Löffel in einer Tasse Tee herumrührt oder ein Ruder
durch das Wasser zog –, dass zwei Wirbel in der Flüssigkeit entstanden, sobald
man den Löffel oder das Ruder herausnahm. Schließlich zitierte Sommerfeld eine
jüngst erschienene Untersuchung des Leipziger Kollege George Jaffé mit dem
Ergebnis, dass „unter den gleichen Voraussetzungen in einer reibenden Flüssig-
keit ebensowenig wie in einer reibungslosen Wirbel entstehen können.“ 72 Für
Heisenberg stellte sich daher die Aufgabe, die Jaffé’sche Ansicht, dass die Wir-
belentstehung nichts mit der Reibung zu tun hätte, praktisch zu beweisen, indem
er die „absoluten Dimensionen der Kármán’schen Wirbelstraße theoretisch ablei-
tete, ohne die Reibung zur Hilfe zu nehmen.73 Er ging also von der grundlegen-

72
W. Heisenberg: SHQP-Interview 1963, und G. Jaffé: Bemerkungen über die Entstehung von
Wirbeln in Flüssigkeiten. Physikalische Zeitschrift 21, 541–543 (1920), bes. S. 541.
73
Wir wissen nicht genau, zu welchem Zeitpunkt in der Sommervorlesung 1921 der Professor
auf das genannte Problem zu sprechen kam. Wenn wir der Anordnung des Stoffes in der späteren
118 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

den Untersuchung zu diesem Thema aus, die Theodor von Kármán (1911) – der
ungarische Schülers des Göttinger Professors und Pioniers der Aerodynamik
Ludwig Prandtl – über die Instabilität der Flüssigkeitsbewegung und den Strö-
mungswiderstand hinter einem stumpfen Körper angestellt und dabei die nach
ihm benannte „Kármán’sche Wirbelstraße“ entdeckt hatte. 74 Die Wirbel traten
demnach erst in einigem Abstand in der Strömung hinter der Platte (der Ausdeh-
nung d quer zur Strömung) auf, zu beiden Seiten der zentralen Linie in Richtung
parallel zur Flüssigkeitsbewegung und abwechselnd oben bzw. unten, jeweils mit
entgegengesetztem Drehsinn. Zwei aufeinander folgenden Wirbeln mit gleichem
Drehsinn hatten die Distanz l , und der Abstand der beiden Wirbelreihen oben
und unten in der Wirbelstraße – also ihre Breite – betrug h . Um den Strömungs-
widerstand auszurechnen, brauchte Kármán außerdem die Verhältnisse von l zu
d sowie das Verhältnis von Wirbelgeschwindigkeit u zur Geschwindigkeit der
Platte U: die hatte er mit einem seiner Schüler experimentell bestimmt zu
l
= 5,5 und u / U = 0,20 . (2.13)
d
Heisenberg sollte nun im Sommer 1921 diese Werte auch aus den grundlegen-
den mechanischen Erhaltungssätzen ableiten. Er formulierte zu diesem Zweck
erst einmal quantitativ eine Annahme Jaffés, dass die Wirbel aus unstetigen Kräf-
ten hinter der durch eine reibungsfreie Flüssigkeit gezogenen Platte verursacht
wurden. Das Drehmoment des Wirbels ζ ergab sich dann aus der Geschwindig-
keitsdifferenz zwischen Platte und totem Wasser hinter der Platte. Er erhielt dar-
aus die Gleichung
ζ 1
(U − u ) = U 2 , (2.14)
l 2
falls er forderte, dass das Wirbelmoment eine erhaltene Größe darstellte. Eine zweite
Gleichung für ζ folgte, wenn er eine kontinuierliche Strömung der Flüssigkeit in der
Wirbelstraße voraussetzte und verlangte, dass die durch diese beförderte Flüssig-
keitsmenge gleich derjenigen sein müsse, die durch die bewegte Platte ständig nach
vorne verdrängt wurde. Diese Erhaltungsbedingung lieferte dann die Beziehung
ζ .h
Ud = . (2.15)
l
Der Student nahm nun die numerische Auswertung vor, indem er ζ aus dieser
Gleichung eliminierte und dann eine quadratische Gleichung für das Verhalten von
u/U ableitete, deren eine Lösung er aus physikalischen Gründen verwarf. Schließ-

Buchveröffentlichung (Mechanik der deformierbaren Medien. Akademische Verlagsgesellschaft,


Leipzig 1945) folgen, dann behandelte Sommerfeld die Kármán’sche Wirbelstraße am Ende der
Vorlesungen. Heisenberg sollte daher das Problem wohl im Juli 1921 gelöst haben.
74
Heisenberg zitierte in seiner Publikation (Heisenberg 1922b, S. 363), wie Sommerfeld in
seinem späteren Buch die erste Arbeit T. v. Kármáns von 1911 über die Wirbelstraße sowie
dessen folgende zusammenfassende mit H. Rubach: Über den Mechanismus des Flüssigkeits-
und Luftwiderstandes. Physikalische Zeitschrift 13, 49–59 (1912).
2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage und das Turbulenzproblem 119

lich kamen für die Größen, die den Strömungswiderstand der Kármán’schen Wir-
belstraße bestimmen, die Werte
u U = 0, 229 und l d = 5, 45 (2.16)

heraus. Heisenbergs errechnete Werte (2.16) stimmten nun ausgezeichnet mit den
früher empirisch erhaltenen – siehe (2.13) – überein.
Der erfolgreiche Student nahm sich im Juli 1921, kurz vor seiner Abreise mit der
Jugendgruppe nach Thüringen, nicht mehr die Zeit, die Veröffentlichung zusam-
menzuschreiben. Das unterblieb auch, als er im August nach München zurückkehrte.
Später, nach dem Jenaer Physikertag, tauchte Heisenberg so tief in die Probleme des
anomalen Zeeman-Effektes ein, dass er nicht mehr an die kleine hydrodynamische
Aufgabe dachte. Erst anlässlich des Besuches der Göttinger „Bohr-Festspiele“ im
Juni des folgenden Jahres holte er die bisher liegengebliebenen Ergebnisse zu
Sommerfelds hydrodynamischer Übungsaufgabe wieder hervor, um sie dort Profes-
sor Prandtl zu zeigen, an dessen Institut Theodor von Kármán seine „Wirbelstraße“
entdeckt hatte und wo seither weitere Versuche über sie ausgeführt worden waren.
Am 18. Juli 1922 ging schließlich Heisenbergs erste hydrodynamische Arbeit mit
dem Titel „Die absoluten Dimensionen der Kármán’schen Wirbelstraße“ aus Mün-
chen zur Veröffentlichung bei der Redaktion der Physikalischen Zeitschrift ein. Ihr
letzter Absatz behandelte noch zusätzlich zu den früher ausgeführten Punkten den
spezifischen Widerstandskoeffizienten in der Strömung mit der Wirbelstraße, für
den der Autor mit seinen theoretischen Zahlen (2.16) den Wert ψ w = 0,90 fand.
Erneut konnte er zufrieden anmerken: „Auch dieser Wert scheint mit neueren
Messungen in bester Übereinstimmung.“ (Heisenberg 1922b, S. 366).
Freilich goss der „Aerodynamik-Papst“ Prandtl auch einige Wermutstropfen in
die euphorische Stimmung des Münchner Studenten, denn er fügte am Ende an Hei-
senbergs Veröffentlichung eine Bemerkung hinzu, in der er Teile der Ableitung
kritisierte, die zur fundamentalen Gleichung (2.14) führten. So meinte er zunächst,
dass auf der rechten Seite U 2 2 mit der Zahl α zu multiplizieren sei, die für die
ebene Platte etwa den Wert 2 annehmen sollte; sodann würde in der turbulenten
Zone hinter der Platte „ein erheblicher Teil β der positiven und negativen Wirbel-
elemente durch Vermischung gegenseitig vernichtet und daher in dem abziehenden
Wirbelsystem nicht mehr vorhanden“ sein, so dass die rechte Seite eigentlich durch
(1 − β )α U 2 2 zu ersetzen sei. Auch an Heisenbergs Gleichung (2.15) mäkelte der
Göttinger Experte etwas herum; er wollte ihre linke Seite eher mit einem einstweilen
unbestimmten Faktor multiplizieren, der größer oder kleiner als 1 sein könnte. Ab-
schließend erklärte er: „Meines Erachtens ist die an sich recht instruktive Heisen-
berg’sche Rechnung nur geeignet, im Zusammenhalt mit den Versuchsergebnissen
über die hier erwähnten Berichtigungszahlen Aufschlüsse zu liefern.“ (l.c., S. 366).
Trotz dieser Kritik an seinem jungen „mathematischen Genie“ blieb der Münchner
Lehrmeister von dessen Leistung völlig überzeugt, ja er erwartete gerade noch grö-
ßere Leistungen seines Schülers auf dem klassischen Gebiet der Hydrodynamik.75

75
Über zwanzig Jahre später schrieb Sommerfeld in seinem 2. Vorlesungsband, (Fußnote 73),
einen ausführlichen Abschnitt über die Kármán’sche Wirbelstraße, in dem er über neuere Rech-
120 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Man mag, vor allen Dingen im Hinblick auf die spätere Entwicklung Heisen-
bergs, rätseln, warum Sommerfeld als Dissertationsthema nicht eines aus der
Atomphysik vorschlug. Deren Probleme hatten den Schüler von Anfang an beson-
ders angezogen, und er hatte ihnen seine ersten Publikationen gewidmet. Als Ar-
gument wurde etwa angeführt, dass sich die Theorie des Atombaus damals in
einem sehr vorläufigen Zustand befand, in dem nur Experten die einzelnen, den
bisher bewährten physikalischen Prinzipien widersprechenden Heisenberg’schen
Ansätze würdigen konnten. So gehörte der Münchner Experimentalordinarius
Willy Wien, der selbst früher durchaus mit theoretischen Überlegungen Erfolge
erzielte – wie etwa die Ableitungen seiner bekannten Strahlengesetze bewiesen –
zu den Kritikern der jüngeren Quantenphysiker. Er hielt nämlich trotz aller in den
letzten 25 Jahren neu entdeckten, schwer zu erklärenden Phänomene an den wich-
tigen altbewährten Prinzipien der theoretischen Beschreibung eisern fest. Denn
Wien hatte etwa, entgegen mancher inzwischen gebräuchlicher Annahmen, noch
in einem Artikel zum 100. Geburtstag des eigenen Lehrers noch einmal darauf
beharrt: „Weil Helmholtz der letzte deutsche und einer der größten Vertreter einer
abgeschlossenen Periode in der Geschichte der Physik gewesen ist, in der die
Kausalität und der logischen Aufbau eine feste Grundlage bildeten, werden die
lebenden und zukünftigen Physiker immer zu ihm zurückkehren müssen.“ (Wien
1921, S. 699). Ein Thema aus der augenblicklich so kontroversen Atomtheorie
eignete sich daher eigentlich kaum für einen Doktorkandidaten an der Münchner
Universität, denn Wien hatte in der Abschlussprüfung ein gewichtiges Wort mit-
zureden. Wohl aus diesem Grunde wollte Sommerfeld seinem augenblicklichen
Lieblingsschüler lieber kein Thema aus der Atomphysik behandeln lassen.
Freilich entsprachen solche Vermutungen nicht ganz den Tatsachen, denn Som-
merfeld gedachte ohnedies, Heisenberg mit einem Problem aus der klassischen
Hydrodynamik zu betrauen, bereits bevor dieser tiefer in die Atomtheorie einge-
stiegen war. Seit der Jenaer Physikertagung 1921 hatte er auch ein passendes
Thema für sein aufstrebendes Genie bereit. Dort hörte der Chef zwei Vorträge
über das schwierige Problem der Turbulenz, das ihn selbst schon früher selbst
beschäftigt hatte, einem mehr experimentellen des Leipzigers Ludwig Schiller und
einem anderen von Ludwig Prandtl. Schiller diskutierte insbesondere die Frage, ob
die von Osborne Reynolds eingeführte kritische Zahl, die den Übergang in einer
Flüssigkeit von der gleichmäßig dahinfließenden, „laminaren“ in die unregelmä-
ßige „turbulente Strömung“ charakterisiert, auch empirisch eindeutig festgelegt
werden könne. Der Redner kam zu dem Schluss, dass entgegen anders lautenden
Behauptungen die Rauhigkeit der Gefäßwände, durch die die Strömung gleitet,
keine Rolle spielte und die kritische „Reynolds’sche Zahl durch die maximale
Störung festgelegt“ würde. Prandtl zeigte andererseits theoretisch, dass die Rei-
bung der Flüssigkeit an den Wänden stets zu einer Labilität führte, eventuell mit
Ausnahme der so genannten „Couette’schen Strömung“. Sommerfeld erhob sich
damals sofort in der anschließenden Diskussion und bemerkte:

nungen aus der Dissertation seines letzten Doktoranden Friedrich Maue berichtete, die Heisen-
bergs Ergebnisse in allen Punkten voll bestätigten (l.c., S. 250).
2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage und das Turbulenzproblem 121

„Es ist sehr merkwürdig und auf den ersten Blick unwahrscheinlich, daß der Couettesche
Fall, wie Hopf und v. Mises gezeigt haben, bei unendlich kleinen Störungen stabil, alle üb-
rigen Strömungsfälle nach Herrn Prandtl aber instabil sein sollen. Die Beobachtung läßt
keinen solchen Unterschied erkennen, sondern es gilt in allen Fällen Instabilitäten oberhalb
gewisser Grenzen, die allerdings sehr wohl von den näheren Umständen abhängen.“76

Sommerfeld kannte dieses Problem in der Tat recht gut, denn er hatte, bevor er
sich ganz den neuen physikalischen Theorien zuwandte, selbst zum Internationalen
Mathematikerkongress in Rom einen beachtlichen „Beitrag zu hydrodynamischen
Erklärungen der turbulenten Flüssigkeitsbewegungen“ geliefert. Insbesondere hatte
er eine Differentialgleichung abgeleitet – die übrigens unabhängig von ihm schon
etwas vorher von dem Briten William McFadden Orr niedergeschrieben worden
war – und auch den Weg vorgeschlagen, wie man sie in speziellen Situationen an-
wenden konnte (Sommerfeld 1909). Sein Student Ludwig Hopf und der Mathemati-
ker Richard von Mises hatten einige Jahre später auch einen Beweis publiziert, dass
die „Couette’sche Strömung“ stets stabil blieb, während Prandtl nun 1921 in Jena
behauptete, dass auch dieser Fall, „wie sicher vermutet werden muß, gegen endliche
Störungen instabil ist“. Offensichtlich konnte Sommerfeld mit diesem widersprüch-
lichen Zustand des Turbulenzproblems keineswegs zufrieden sein. Er schlug des-
halb im Sommer 1922, bevor er aus München zu den amerikanischen Gastvorle-
sungen an der Universität von Wisconsin in Madison abreiste, seinem neuen
„Turbulenzexperten“, das Problem als Dissertationsthema vor. Heisenberg zeigte
sofort Interesse an der neuen Aufgabe, handelte es sich doch hier um ein ganz of-
fensichtliches Naturphänomen. Das heißt, es kam schließlich in allen beobachteten
Fällen zu einer turbulenten Bewegung, wenn die Reynolds’sche Zahl R – eine
dimensionslose Größe, die das Verhältnis ρUh μ des Produktes von der Dichte ρ
der Flüssigkeit, multipliziert mit der mittleren Geschwindigkeit der Strömung U
und dem Abstand der Begrenzungsflächen der Strömung h und dividiert durch die
Zähigkeit μ ausdrückt – einen kritischen Grenzwert überschritt. Das musste daher
auch aus einer theoretischen Rechnung herauskommen. In seinem jugendlichen
Ehrgeiz betrachtete der Doktorand die von Sommerfeld gestellte Aufgabe wieder
als eine sportlichte Herausforderung und durchaus als geeignetes Thema für seine
Promotionsarbeit. Er begann sofort, kaum dass Sommerfeld in die USA abgereist
war, die Literatur zusammenzusuchen, die er konsultieren wollte.
„Über die Turbulenz muß ich Ihnen etwas ausführlicher erzählen, weil sie jetzt
allmählich sehr vernünftig wird“, berichtete Heisenberg Sommerfeld bereits am
17. Oktober 1922 über den Atlantik und fuhr fort: „Zunächst hatten die Rechnun-
gen, die ich noch vor Innsbruck machte, gezeigt, dass zwar die Resultate sehr
vernünftig, die Methoden aber doch nicht hinreichend genau seien, um exakt zu
beweisen, daß die gesuchte Lösung der Differentialgleichung wirklich existiert.“77
76
L. Schiller: Experimentelle Feststellungen zum Turbulenzproblem. Physik. Z. 23,14–19
(1922), L. Prandtl: Bemerkungen über die Entstehung der Turbulenz. Ebenda, S. 19–23, und A.
Sommerfeld in der Diskussion. Ebenda, S. 22–23, bes. S. 23.
77
Sommerfeld hatte Heisenberg vorher einen Brief geschrieben, in dem er ihm mitteilte, daß
Bohrs Theorie des Heliumatoms nicht mit den empirischen Befunden übereinstimmte. Der Schü-
ler fand dies erfreulich, weil er inzwischen das Problem mit seinen halbzahligen Quanten ange-
122 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Offensichtlich hatte das Zusammentreffen mit Ludwig Prandtl anlässlich des


Besuchs der Bohr-Festspiele in Göttingen ihm soviel Auftrieb gegeben, dass er
sich noch in den Semesterferien intensiv mit der gestellten klassischen Aufgabe
befasste, zumal er von einer „Hydrodynamischen Konferenz“ erfuhr, die in der
Zeit vom 10. bis zum 13. September 1922 nach Innsbruck einberufen worden war.
Als Organisatoren dieser internationalen Veranstaltung hatten Ludwig Prandtl,
Theodor von Kármán, der bekannte italienische Mathematiker Tullio Levi-Cività
aus Rom und der schwedische Theoretiker Carl Wilhelm Oseen aus Uppsala „die
Fachleute verschiedener Länder“ eingeladen, über die neuesten Ergebnisse zu
berichten. Es bestand nämlich damals in Europa ein großer Nachholbedarf für
einen freien wissenschaftlichen Austausch auf diesem Fachgebiet, wie die Her-
ausgeber im Vorwort zum späteren Konferenzband vermerkten:
„Während der Jahre des großen Krieges hat das Interesse an flugtechnischen Problemen
die Aufmerksamkeit in allen Ländern in erhöhtem Maße auf die Fortschritte der theoreti-
schen Aero- und Hydrodynamik gelenkt, ohne daß die Vertreter dieser Disziplinen Gele-
genheit gehabt hätten, sich auszusprechen und ihre Ergebnisse zu vergleichen.“78

Obwohl neben deutschen, holländischen, polnischen und schwedischen Exper-


ten nur zahlreiche italienische Kollegen aus einem Land der früheren Kriegsgeg-
ner teilnahmen – es bestanden ja noch die Boykottmaßnahmen der westlichen
Alliierten gegen die Mittelmächte auch in der Wissenschaft –, war dies der erste
Schritt zu einer wahrhaft internationalen wissenschaftlichen Tagung.
Dem Studenten Werner Heisenberg ermöglichte die Innsbrucker Konferenz von
1922 überdies den ersten Auftritt im Kreise der angesehensten Spezialisten des
Fachgebietes Hydrodynamik, und das noch auf einem solchen Parkett. Trotz der
geringen Vorbereitungszeit, die ihm zur Verfügung stand – er war erst kurz vor
Mitte August von der Stammesfahrt der Pfadfinder in die Tiroler Berge nach
München zurückgekehrt – arbeitete er mit Hochdruck an seinem Programm und
schrieb sogar nach der Tagung die bisher erhaltenen Ergebnisse als Beitrag für den
geplanten Tagungsband zusammen. Seinem Lehrer unterrichtete er im Brief vom
17. Oktober: „Ich hab also in Innsbruck, wo es übrigens sehr interessant war,
einen kleinen Vortrag gehalten – es war sicher weitaus der kürzeste, der dort
gehalten wurde – und hab die prinzipielle Methode und die vorläufigen Resultate
meiner Rechnungen angegeben.“ In der Tat begann er sein Debut in der Welt der
wissenschaftlichen Konferenzen am 12. September 1922 recht selbstbewusst mit
den im Konferenzbericht veröffentlichten Worten:
„Die bisherigen Untersuchungen über die Stabilität oder Labilität der laminaren Strömung
haben, in Übereinstimmung mit den experimentellen Untersuchungen von [Walfried]
Eckmann [aus Lund], zum Ergebnis geführt, daß die laminare Strömung gegenüber klei-
nen Störungen – kleinen Schwingungen im Sinne der gewöhnlichen Mechanik – im all-

hen wollte (näheres siehe Abschn. 1.3). Gleichzeitig nahm er die Gelegenheit wahr, den Lehrer
über die Fortschritte in seinem Turbulenzthema zu unterrichten.
78
T. von Kármán und T. Levi-Cività: Vorträge aus dem Gebiet der Hydro- und Aerodynamik.
Innsbruck 1922. Julius Springer, Berlin 1924, fortan zitiert als Innsbruck 1922, Vorwort. Heisen-
bergs Arbeit (1922c) ist dort abgedruckt auf S. 139–142, wiederabgedruckt in HGW B, S. 23–26.
2.3 Erste Erfolge in einer hydrodynamischen Frage und das Turbulenzproblem 123

gemeinen stabil sei. Es bleiben also nur noch zwei Möglichkeiten, dem Turbulenzproblem
näherzukommen: Erstens kann man die Stabilität der laminaren Strömungen gegenüber
Störungen untersuchen, die nicht unter den Begriff der ,kleinen Störungen‘ fallen. Dies
Problem hat [Fritz] Noether in Angriff genommen. Zweitens aber kann man die Stabili-
tätsfrage ganz offen lassen und die Frage stellen: Gibt es auch eine andere Lösung der
hydrodynamischen Differentialgleichung als die laminare? Diese Frage wollen wir im
folgenden zu beantworten versuchen. Wir fragen also nach der turbulenten Bewegung
selbst, nach ihrem Aussehen und nach dem Wertebereich der Reynolds’schen Zahl R, für
den sie möglich ist.“ (Heisenberg 1922c, S. 139)

Heisenberg ging das Problem der Turbulenz direkt im Sinne der Überlegungen an,
die sein Lehrer Sommerfeld bereits 1908 auf dem 4. Mathematiker-Kongress in Rom
vorgelegt hatte, und wählte das bekannte Beispiel der vereinfachten „Couette-
Strömung“ eines zweidimensionalen Flusses einer Flüssigkeit zwischen zwei paral-
lelen Wänden, die sich gegeneinander mit der konstanten Geschwindigkeit u in x-
Richtung bewegen. Er behandelte nun die ihm bekannten hydrodynamischen („Sto-
kes“-schen) Grundgleichungen für Vektorpotential ϕ einer solchen zweidimensio-
nalen, kräftefreien und inkompressiblen Strömung unter dem Druck p, in der er die
(durch die mittlere Strömungsgeschwindigkeit u dividierten) dimensionslosen Ge-
schwindigkeitskoordinaten mit Hilfe der Gleichungen u = ∂ϕ ∂η und v = − ∂ϕ ∂ξ
einführte. Nach der Eliminierung von p bekam er eine Differentialgleichung vierter
Ordnung, die so genannte „Orr-Sommerfeld’sche Gleichung“, nämlich
∂ ∂ϕ ∂ ∂ϕ ∂ 1
Δϕ + Δϕ − Δϕ = ΔΔϕ , (2.17)
∂t ∂η ∂ξ ∂ξ ∂η R
für die die dimensionslosen Lagekoordinaten ξ und η (die aus den Ortskoordinaten
x und y durch Division durch den Plattenabstand h hervorgingen) mit der entspre-
chende Laplace’sche Operator Δ = ∂ + ∂ ² . Auch der Druck wurde im Folgen-
∂ξ ² ∂η ²
den durch die entsprechenden Mittelwerte und normiert, d. h. in dimensionslose
Größen verwandelt. Aus den Experimenten über die turbulente Strömung entnahm
der Doktorand Heisenberg, wie in der früheren Literatur angegeben, die Existenz
einer mittleren Geschwindigkeit in x-Richtung, der sich dann eine als periodische
angesetzte Strömung in y-Richtung überlagerte. Also schrieb er den Ansatz für das
Potential ϕ in der Form

ϕ = ϕ0 (η ) + ei (αξ − β t )ϕ1 (η ) + e − i (αξ − β t )ϕ1 (η ) + höhere Glieder der Fourier-Reihe (2.18)


und gelangte schließlich mit der Bezeichnung w = ∂ϕ0 ∂η von der Gleichung (2.17)
zu dem zuerst von Fritz Noether niedergeschriebenen Differentialgleichungspaar 4.
bzw. 3. Ordnung für das erste, nämlich
⎡ β ⎤
ϕ1′′′′ − α 2ϕ1′′ + α 4ϕ1 = iα R ⎢ ( w − )(ϕ1′′ − α 2ϕ1 ) − w′′ϕ1 ⎥ (2.19a)
⎣ α ⎦
und
w′′′ = iα R(ϕ1ϕ1′′′− ϕ1 ′′′ϕ1 + ϕ1ϕ1′′ − ϕ1′ϕ1 ′′ ) . (2.19b)
124 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

(Die oberen Striche an den ϕ1 - und ϕ1 -Funktionen bezeichneten die Ableitung


nach η und die oberen Querstriche das konjugiert Komplexe der Funktion ϕ1 und
ihrer Ableitungen. Die zweite Gleichung (2.19b) ließ sich nun zweimal direkt
integrieren zu einer Differentialgleichung erster Ordnung:

w′ = iα R(ϕ1ϕ1′ − ϕ1 ′ϕ1 ) + δ + δ1η (2.20)

mit den Konstanten δ und δ1 . Bei der „Couette-Strömung“ war nun die Funktion
w um den Punkt η = 0 schiefsymmetrisch, also fiel in Gleichung (2.20) der Term
δ1η weg. Dann konstruierte Heisenberg, der die Stetigkeit der Funktionen ϕ 1 und
ϕ1 und ihrer Ableitungen voraussetzte sowie an den Wänden die Grenzbedingung
w = ± 1 2 bei η = ± 1 2 berücksichtigte, schließlich die Strömungskurve w, die fol-
gende Eigenschaften aufwies: Sie wich erstens vom laminaren Profil ab und
schmiegte sich bei wachsender Reynolds’scher Zahl R immer mehr den Wänden
der Flüssigkeit an. Zweitens verlief die Strömung im mittleren Teil wie in einer
reibungslosen Flüssigkeit, während sich in unmittelbarer Wandnähe Wirbelge-
schwindigkeiten der Grundströmung überlagerten. Schließlich verkündete er sein
bedeutendstes Ergebnis:
„Nicht für alle Werte der Reynoldsschen Zahl ist die turbulente Strömung möglich. Un-
terhalb eines gewissen Wertes von R können sich über dem Grundprofil w keine un-
gedämpften Schwingungen mehr überlagern, alle vorkommenden Schwingungen würden
abklingen. Die angedeutete Näherung liefert für diesen kritischen Wert R ≈ 1560.“
(Heisenberg 1922c, S. 142)

Der solchermaßen erfolgreiche Student – er schrieb an Sommerfeld am 17. Ok-


tober 1922: „Es schien, als ob die meisten Herren sehr einverstanden seien“ – hatte
sich übrigens erst in letzter Minute entschieden, in Innsbruck vorzutragen, weil
eine wenn auch nur sehr grobe Auswertung seiner Rechnungen ein Minimum bei
ungefähr R ≈ 1560 andeutete, und „ alle diese Ergebnisse in Übereinstimmung mit
der Erfahrung zu stehen scheinen“. An die Eltern berichtete er unverzüglich und
begeistert nach der Vorstellung der Ergebnisse am 12. September in Innsbruck:

„Heut nachmittag habe ich nun meinen Vortrag gehalten und hab, glaub ich, sehr guten
Eindruck geschunden. Jedenfalls hatte ich großen Applaus nach Schluß der Vorstellung.
Widerspruch gab es keinen wesentlichen. Auch Prandtl war scheinbar einverstanden. Mit
letzterem vertrag ich mich jetzt überhaupt sehr gut. Besonders nett gegen mich ist Oseen,
den Papa kennt.“ (EB, S. 38–39)

Freilich wusste Heisenberg auch, wie er Sommerfeld im Brief vom 17. Oktober
freimütig eingestand, „daß zwar die Resultate sehr vernünftig“, aber seine Metho-
den noch „nicht hinreichend genau“ waren, „um exakt zu beweisen, daß die ge-
suchte Lösung der Differentialgleichung wirklich existiert“. Er beschrieb diesem
dann weiter die Fortschritte, die er „in den vergangenen Wochen“ erzielt hatte:

„Also mußte ich die Grundlage etwa breiter legen und stellte zunächst allgemein die Fra-
ge: Welche Geschwindigkeitsprofile lassen ungedämpfte überlagerte Schwingungen zu,
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 125

welche nicht? Da zeigte es sich, daß für hinreichend große Reynolds’sche Zahlen ein Pro-
fil nur dann ungedämpfte Schwingungen zuläßt, wenn der zweite Differentialquotient des
Profils wenigstens innerhalb eines bestimmten Gebietes von der Größenordnung ≥R ist. In
dieser etwas qualitativen Regel sind die meisten bisherigen Resultate über die Turbulenz
enthalten.“ (SB 2, S. 124)

Darauf zählte er seinem Professor, um die von ihm selbst gemachten Annah-
men zu bestätigen, erst einmal die bisherigen theoretischen Untersuchungen auf,
die seit Sommerfelds Romvortrag von Ludwig Hopf, Otto Blumenthal und vor
allem Fritz Noether publiziert worden waren, und behauptete dann zuversicht-
lich: „Es zeigt sich, daß man für jedes Profil die asymptotischen Näherungen der
Integrale erhalten kann, und dadurch kommt man zu Gleichungen, die Ihrer
transzendenten für den Couette’schen Fall sehr ähnlich sehen.“ Freilich fügte er
auch hinzu, seine bisherigen Rechnungen seine noch „viel zu kompliziert“, um
endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, obwohl schon eines ziemlich sicher
sei: „Die Geschwindigkeit ist innerhalb des ganzen Kanals im wesentlichen line-
ar, nur in unmittelbarer Nähe der Wände steigt die Geschwindigkeit rapid zu den
Wänden selbst an.“ Dabei käme eine Grenzschichtdicke von der Größenordnung
h/R heraus, und die Geschwindigkeit im Strömungskanal bliebe selbst bei asym-
ptotischer Reynolds’scher Zahl endlich, ja nähme sogar mit der Kanalbreite h ab
(l.c, S. 124–125).

2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe


im Examen rigorosum (März bis Juli 1923)

Weit über den Zustand, den er Sommerfeld im Oktober 1922 im Brief nach den
USA beschrieb, kam Heisenberg in den nächsten Monaten allerdings nicht hinaus,
denn er wurde nun an anderer Stelle und vor allem auch mit anderen wissen-
schaftlichen Probleme voll beschäftigt. Als Sommerfeld im Sommer 1922 spon-
tan die ehrenvolle Einladung angenommen hatte, von Anfang September bis zum
nächsten Frühjahr als „Carl-Schurz Professor“ Vorlesungen an die Universität
von Wisconsin zu halten, hatte er unverzüglich Vorsorge für seine Studenten
getroffen. Heisenberg insbesondere sollte im Wintersemester 1922/23 seine Stu-
dien an der Universität Göttingen fortsetzen, betreut von Max Born. Er traf dort
auch im November 1922 rechtzeitig zu Semesterbeginn ein und meldete sich
sofort nicht nur für die Seminare der Physiker an, sondern kümmerte sich auch
eingehend um seine Fortbildung in anderen Dingen. „Hauptsächlich betreibe ich
hier Mathematik“, schrieb er an den Vater am 5. November und erläuterte dazu:
„Frech hab ich mich bei Courant zum Seminar gemeldet und bekam ein, wie die
anderen Mathematiker meinten, sehr schwieriges Thema zum Vortrag, von dem
ich bis jetzt auch noch gar nichts verstehe.“ (EB, S. 44). Knapp zwei Wochen
darauf, am 16. November, teilte er nebenbei nach München mit: „Zu meiner Dok-
torarbeit bin ich jetzt hier in Göttingen wenig gekommen, bei Prandtl soll ich
126 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

darüber vortragen.“ (EB, S. 47).79 Selbst in den Weihnachtsferien widmete er sich


nicht wirklich dieser Aufgabe, denn im Brief an Sommerfeld vom 4. Januar 1923
schrieb er Neues im Wesentlichen nur über das atomtheoretische Problem des
Heliumatoms, erwähnte freilich dann auch etwas nebenbei, dass er sich „inzwi-
schen wieder mit Turbulenz beschäftigen“ wolle (SB 2, S. 135).
Ziemlich pünktlich mit Semesterschluss kehrte Heisenberg Anfang März 1923
nach München zurück, wo er sich nun zunächst ernsthaft an die Vollendung der
Dissertation machte. Jedenfalls erinnerte sich Otto Laporte noch 42 Jahre später an
die „ziemlich wilde und rasende Ausbrüche“ des Studienfreundes bei dieser Tä-
tigkeit und die Reaktion der Kollegen im theoretischen Seminar Sommerfelds:
„Wir alle sagten, hier ist ein talentierter Mann, aber wir wußten nicht, ob das ir-
gendwohin führen würde. Es wurde alles immer mystischer.“ 80 Die Sache war
vielleicht doch nicht so mystisch, denn Heisenberg hatte es einfach eilig: Insbe-
sondere wollte er im bevorstehenden Sommersemester, das im Mai 1923 anfing,
„nur noch Experimentalphysik betreiben“, um „das Doktorexamen ganz beruhigt
antreten“ zu können, wie er dem Vater schon am 16. November des vergangenen
Jahres angekündigt hatte (EB, S. 46–47).
In der Tat bemühte sich Heisenberg insbesondere in den Monaten März und
April 1923, also noch vor Semesterbeginn – Sommerfeld kam dazu erst Anfang
Mai aus den USA zurück – mit äußerstem Fleiß und Nachdruck, die Literatur
in seine Dissertation einzuarbeiten und die Details seiner Rechnungen und
Auswertungen soweit zu verfeinern, dass die wichtigsten Lücken sowohl in der
physikalischen wie der mathematischen Beweisführung geschlossen wurden.
Nur einmal, um die Osterfeiertage herum, unterbrach er diese rastlosen Bemü-
hungen und holte sich innerhalb einer knappen Woche etwas frische Luft. Eine
Wanderfahrt führte ihn mit den Jugendfreunden wieder ins vertraute Altmühltal.
Der Tagebuchschreiber Eberhard Rüdel berichtete von diesem gemeinsamen
Ausflug, dass er selbst mit dem Bruder am Karfreitag aus Würzburg mit der
Bahn anreiste, zunächst durch ein Seitental der Laber und dann über die Anhö-
hen durch die Wälder wanderte, bis sie endlich, nachmittags um 4 Uhr „von
oben her auf Schloß Prunn“ gelangten. Da es den Rüdel-Brüdern schien, dass
Heisenberg und die anderen Kameraden aus München noch nicht eingetroffen
waren, ritzten die sie Pfadfinderzeichen in den Boden und legten einen Zettel
unter einen Stein. Sie gingen dann ins Dorf Prunn, kauften zum Essen ein und
setzen sie sich an die Straße nach Riedenburg. „Da kamen Fritz und Werner,
die eben unseren Zettel gefunden und gedacht hatten, wir kämen überhaupt
nicht mehr“, vermerkte das Tagebuch und weiter, dass am Samstag auch noch
Karl Heinz Becker und ein anderer von den „Heisenbergern“ dazustießen. Wie-
der schliefen sie in der Scheune des bekannten Bauern und trieben ihre ge-
wohnten Freizeittätigkeiten, insbesondere:

79
Im Lebenslauf zur Doktorarbeit würde Heisenberg nur dazu anmerken: „Im Seminar von
Herrn Professor Prandtl erhielt ich Förderung und Anregung zu meiner Dissertation und die
damit zusammenhängenden Probleme.“
80
O. Laporte: SHQP-Interview 1964.
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 127

„Abends gingen wir zum Spielen, Singen, Vorlesen eben immer hinauf auf die Wiese
und machten Feuer bis 10 oder 11 Uhr. Es war meist klar, Vollmond, kalt, aber herrli-
che Nächte. Die Burg lag dann so fein überm Tal da im Mondschein. Eulen umflogen
sie, vom Tal herauf glänzten die Lichter und das Silberband der Altmühl. Früh standen
wir schon sehr bald auf und gingen in den Schloßhof, wo August 1919 unser Bund ge-
gründet wurde. An dem berühmten Ziehbrunnen wuschen wir uns, natürlich halbnackt,
obwohl es früh immer eisig kalt war und Eisschollen im Waschwasser schwammen.“

Auch die folgenden Tage blieben kalt. Es wehte oft ein scharfer Nordostwind,
als die Mitglieder Heisenberg-Gruppe wie früher über Höhen und Wälder nach
Weltenburg wanderten und mit dem Boot über den Donaudurchbruch nach Kehl-
heim fuhren, am Fuße der Befreiungshalle „abkochten“ und schließlich auf wenig
begangenen Feldwegen nach Prunn zurückmarschierten. Am Ostersonntag durch-
stöberten sie „ohne Erlaubnis“ die Burg, „trieben Viecherei“ und genossen vom
Eckzimmer die „herrliche Aussicht aufs Altmühltal“. Später wurden sie vom
Pförtner vertrieben und erhielten nun auch Hofverbot zum Waschen. Sie suchten
sich dann ein „stilles, sonnenbeschienenes Plätzchen, windstill, südlich unterm
Burgberg, kochten ab“ und „K.H.B[ecker] las sehr theatralisch Kleistnovellen
vor“. Während die Rüdels am Montag nach Würzburg zurückkehrten, zog Hei-
senberg mit dem Rest seiner Gruppe und weiteren Pfadfindern vom Münchner
Stamm über Beilngries nach Pappenheim, das sie schon von der Fahrt im Som-
mer 1920 kannten.81
Nach dieser schönen, romantischen Erinnerungsfahrt in die Vergangenheit und
einer Woche völligen Ausspannens hastete Heisenberg zurück nach München,
um weiter an seiner Dissertation zu arbeiten. Wohl hatte er in Göttingen etwas an
der allgemeinen Darstellung der Näherungsmethoden gefeilt, die er anwenden
musste, um die grundsätzliche Frage nach labilen Strömungen oberhalb einer
kritischen Reynolds’schen Zahl zu beantworten. Dazu konnte er auch die neu
erworbenen Kenntnisse über die Semikonvergenz der Störungsreihen aus der
Himmelsmechanik heranziehen, die er in Borns Göttinger Seminar im Zusam-
menhang mit den dort besprochenen Problemen der Atomstruktur erworben hat-
te. Aber er sah nun vor allem ein – vielleicht, weil er im Prandtl’schen Seminar
daran erinnert wurde! –, dass das physikalische Problem der Turbulenz noch eine
Seite aufwies, die er bisher noch nicht betrachtet hatte. In der Fachliteratur waren
nämlich gerade „in jüngster Zeit eine andere Gruppe von Arbeiten“ erschienen –
namentlich von Theodor von Kármán und seiner Aachener Schule –, welche „die
turbulente Bewegung selbst auf halbempirischem Wege mit Benutzung der Ähn-
lichkeitsgesetze“ untersuchten und „theoretisch auf dem Boden der Prandtl’schen
Grenzschichttheorie“ standen. Hier waren für den ehrgeizigen Doktoranden noch
allerlei Aufgaben zu lösen, etwa die sehr wichtige Frage, das seit einem Jahr-
zehnt bekannte und für die praktischen Anwendungen wichtige halbempirische
Gesetz für die Geschwindigkeitsverteilung der Strömung in der Nähe einer mög-
lichst glatten Wand abzuleiten. Heisenberg strebte also insgesamt an, in seiner
Dissertation neben dem bisher bereits erledigten Grundproblem der Stabilität von

81
Eberhard Rüdel: Tagebuch, 6.Heft (1.11.1922 bis 17.5.1923).
128 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Flüssigkeitsströmungen noch weitere neue Ergebnisse einzubringen. Er wollte


nämlich in seiner Dissertation aus den Grundgleichungen der Hydrodynamik
auch „unter gewissen idealisierenden Voraussetzungen die Differentialgleichun-
gen für die turbulenten Bewegungen ableiten“, um aus diesen dann „Aufschluß
zu erhalten über einige Eigenschaften der turbulenten Geschwindigkeitsvertei-
lung.“ So entstand im März und April 1923 in wahrhaft herkulischer Anstren-
gung die gesamte Niederschrift seiner Dissertation mit dem Titel „Über die Sta-
bilität und Turbulenz von Flüssigkeitsströmen“ (Heisenberg 1923), die er noch
vor Ende des kommenden Sommersemesters der Fakultät der Münchner Univer-
sität vorzulegen gedachte.82
In Teil I der Arbeit, den der Doktorkandidat mit „Die Stabilitätsgleichung“
überschrieb, brachte er im Wesentlichen seine so ermutigenden Ergebnisse über
die Couette’sche Strömung, die er schon im Sommer des Vorjahres erhalten und
die er seither auf alle bekannten Fälle der Strömung zwischen zwei parallelen
Platten ausgedehnt hatte. Daneben trachtete er auch gleichzeitig, die Gültigkeit
seiner mathematischen Näherungen zu verbessern. Heisenberg begann also in § 1
mit der „Festlegung des mathematischen Problems“, nämlich der Herleitung von
Gleichung (2.17) und der Vorstellung des Lösungsansatzes (2.18), der zu den
Noether’schen Gleichungen (2.19a und 2.19b) führte, wenn er alle Glieder weg-
ließ, die ϕ quadratisch oder in höheren Potenzen enthielten. „Daß wir Gleichung
(2.17) für ϕ = 0 als erfüllt ansehen, bedeutet physikalisch, daß wir nur solche
Grundströmungen w betrachten wollen, die entweder vermöge äußerer Kräfte
wirklich stationär sind, oder deren zeitliche Veränderung langsam gegen die
kleinen Schwingungen erfolgt“, fuhr Heisenberg (1923, S. 7) fort. Er legte stets
großen Wert darauf, die einzelnen theoretischen und mathematischen Schritte
seiner Ausführungen physikalisch zu begründen, besonders auch bei den einge-
führten Näherungsverfahren, mit denen er die wichtigen, früher empirisch erhal-
tenen Ergebnisse aus seinen Rechnungen theoretisch ableitete.
Für alle Lösungen der betrachteten Strömungen zwischen den parallelen Wän-
den – zwischen den Werten der y-Koordinate y = −1 und y = +1 – musste der
Doktorkandidat nun verlangen, dass für das Vektorpotential ϕ die Randbedingun-
gen an den Wänden erfüllt waren, also dort galt immer ϕ = ϕ ′ = 0 . Dann ließ sich
aus den Gleichungen (2.19a,b) für jeden Wert des Parameters α und der Rey-
nolds’schen Zahl R der zugehörige Wert des Quotienten c = β α – die Größen α
und β waren durch Gleichung (2.18) definiert – berechnen. Je nach den nun erhal-
tenen Werten traten für c > 0 stabile, für c = 0 ungedämpfte und für c < 0 labile
Schwingungen in der Strömung auf. Für den Grenzfall unendlicher Rey-
nolds’scher Zahl verschwand in Gleichung (2.17) die linke Seite, d. h. Heisenberg
erhielt dann im Limes der reibungsfreien Flüssigkeit eine reelle Gleichung mit nur
zweiten, durch Doppelstriche bezeichneten Ableitungen nach der Variablen η für

82
W. Heisenberg, Zitate aus der Münchner Inauguraldissertation (Heisenberg 1923), S. 2 und
S. 3.Von den 59 Textseiten der vorgelegten Arbeit verwendete der Autor vier auf die Einleitung,
32 Seiten auf den mit „Die Stabilitätsgleichung“ überschriebenen Teil I und 23 Seiten auf den
Teil II mit dem Titel „Die turbulente Bewegung“.
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 129

den Geschwindigkeitsparameter c , die so genannte „Rayleigh’sche Gleichung“,


nämlich die Gleichung

( w − β / α )(ϕ ′′ − α 2ϕ1 ) − w′′ϕ = 0 , (2.21)

welche im Allgemeinen reelle Lösungen aufweisen sollte. Falls es dann eine


solche Lösung gab, die die beiden Grenzbedingungen an den Wänden −ϕ und
ϕ ′ mussten dort verschwinden! – erfüllte, sprach man von einer „schwingungs-
fähigen“, sonst von einer „nichtschwingungsfähigen Grundströmung“. In Falle
einer komplexen Lösung für c nach der Rayleigh’schen Gleichung sollte
schließlich selbst die reibungsfreie Strömung von vornherein labilen Charakter
haben. Die Untersuchungen, die Prandtl 1921 in Jena vorgetragen hatte, nährten
nun die Vermutung, dass ein Geschwindigkeitsprofil nur dann unter dem Einfluss
der Reibung labile oder ungedämpfte Schwingungen zuließ, wenn es zu den von
Rayleigh als schwingungsfähig bezeichneten Grundströmungen gehörte. Aller-
dings hatte der Schwede Carl Wilhelm Oseen in diesem Zusammenhang schon
1915 vor zu raschen, falschen Schlussfolgerungen gewarnt, die sich aus dem
Grenzübergang R nach unendlich ergeben können. Deshalb war Vorsicht gebo-
ten. Trotzdem meinte Heisenberg in seiner Dissertation zuversichtlich: „Wir
werden im folgenden zeigen, daß alle schwingungsfähigen Systeme oberhalb
eines bestimmten Wertes der Reynolds’schen Zahl labilen Charakter, alle nicht-
schwingungsfähigen dagegen [immer] stabilen Charakter besitzen.“ (Heisenberg
1923, S. 9).
In § 2 wandte sich der Kandidat den „Lösungsmethoden und dem allgemeinen
Verhalten der Integrale“ der Gleichung (2.19a) für die gesamte ϕ -Funktion
(2.18). In seinem Vorgehen mischten sich nun in sehr charakteristischer Weise
rechentechnische und physikalische Argumente. Als mathematische Methode zog
er insbesondere zwei Näherungsverfahren heran. Da die Reynolds’sche Zahl R
als sehr groß betrachtet werden durfte, bot sich zunächst die Entwicklung nach
negativen Potenzen von R – oder noch besser von αR – an. Als zweite Annah-
me betrachtete Heisenberg α als so kleine Größe, dass sich viele Ausdrücke nach
Potenzen von α 2 entwickeln ließen. Freilich wusste er, dass das erste Nähe-
rungsverfahren, die Entwicklung nach negativen Potenzen von ( αR ) nur semi-
konvergent sein würde – ähnlich wie es die Untersuchungen Henri Poincarés für
das astronomische Planetenproblem bewiesen, die er Göttingen kennengelernt
hatte. Die numerische beste Lösung sollte man in diesem Fall bekommen, wenn
man gleich nach dem kleinsten Glied mit der niedrigsten Potenz von αR ( )−1

abbrach. Jedoch galt es bei diesem Verfahren auch noch zusätzlich zu beachten,
dass die Lösungen des Problems in der Umgebung eines bestimmten Punktes
ungültig werden. In diesem Fall musste man die Lösungen rechts und links von
diesem Punkt aneinander anschließen. Viel leichter konnte der Autor dagegen die
Konvergenz der Reihe in Potenzen von α 2 beweisen; ja für einige Profile würde
es sogar in aller mathematischen Strenge gelingen.
130 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

Mit dem allgemeinen Lösungsansatz ϕ = e ∫ , wobei er für g die Reihen-


gdy

entwicklung
1 (2.22)
g = α Rg 0 + g1 + g 2 + ...
αR
ansetzte, bestimmte Heisenberg sofort zwei Integrale der Rayleigh’schen Glei-
chung, nämlich
η
± ∫ iα R ( w − c ) 2 dy

ϕ1,2 = ( w - c) e , (2.23)
5
4 η0

indem er nur die Glieder mit g 0 und g1 behielt. Die anderen beiden Lösungen,
ϕ 3 und ϕ 4 , identifizierte er mit denen der Rayleigh’schen Gleichung (2.21), die er
nur noch durch Zusatzglieder der Ordnung (αR ) usw. korrigieren musste, wenn
−1

sie auch vollständige Lösungen der Gleichung (2.17) sein sollten. Nun benützte
der Autor physikalische Argumente, die er teilweise nur durch die Experimente
begründen konnte. Da sich die Integrale ϕ 1 und ϕ 2 , Gleichung (2.23) wegen des
großen Faktors αR im Exponenten rasch veränderten und von ihren Werten an
den Wänden stark ins Innere der Strömung abnahmen, sollte sich die gesamte
Lösung für die Strömung dort nur aus den Lösungen ϕ 3 und ϕ 4 zusammenset-
zen, die im Wesentlichen dem reibungsfreien Fall entsprechen. Dann lieferte das
gesamte Strömungsbild die von Ludwig Prandtl geforderte Grenzschicht. Um die
mathematische Form der Lösung von Gleichung (2.19a) zu bekommen, d. h. den
Verlauf ihrer Integrale für die Strömung von einer Wand zur anderen, musste der
Autor in § 3 seiner Dissertation die Übergangssituation studieren, die sich an der
speziellen Stelle im Kanal einstellt, wo w = c wird. Hier sollte wenigstens der
Realteil von ( w − c) aus Werten kleiner als Null in solche größer als Null über-
gehen. Mit Hilfe von einigen etwas abenteuerlichen mathematischen Abschätzun-
gen, die er auch mit physikalische Überlegungen begründete, erreichte Heisen-
berg das Ergebnis: Die genäherten zwei Integrale (2.23) galten wirklich in
einigem Abstand von Punkt w = c , und zwar bis auf Korrekturen der Größenord-
( )
−1
nung αR , während die Genauigkeit der Lösungen ϕ 3 und ϕ 4 beliebig ge-
steigert werden konnte. Und er fügte weiter hinzu: „Außerdem haben wir das
gegebene Profil [der Strömung bei diesem Vorgehen] durch ein um Größen der
Ordnung (αR ) −1 abweichendes ersetzt. Wir schließen daher, daß die bisher abge-
leiteten Resultate bis auf Größen der Ordnung αR genau gelten.“ (Heisen- ( ) −1

berg 1923, S. 17).


Nachdem er die mathematische Genauigkeit seiner Näherungen dergestalt abge-
schätzt hatte, widmete sich Heisenberg in § 4 des Teils I der „Erfüllung der Grenz-
bedingungen und Stabilität der den Lösungen entsprechenden Schwingungen“. Er
untersuchte also nach dem Verfahren, das Sommerfeld schon 1908 angegeben
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 131

hatte, die Verträglichkeit der physikalischen Grenzbedingungen an den Wänden


mit den Lösungen ϕ1 bis ϕ 4 der Gleichung (2.19a). Die Grenzbedingungen, die
sich aus der Determinante einer Matrix mit (2 mal 2) Elementen – bestehend aus
den Werten für die Geschwindigkeiten und ihre Ableitungen – ergaben, ließen nun
zwei Möglichkeiten zu. Entweder kam es zu stabilen, möglicherweise etwas ge-
dämpften Schwingungen, wie sie Ludwig Hopf im Falle der Couette’schen Strö-
mung gefunden hatte. Oder die Lösung der Grenzbedingungen fiel zusammen mit
den Lösungen der reibungsfreien Rayleigh’schen Gleichung. Der Doktorand fand
dann in § 5 nach einer Reihe von Abschätzungen die allgemeine Regel: „Alle
,schwingungsfähigen‘ Profile sind labil für hinreichend große Werte von R , alle
,nicht-schwingungsfähigen‘ Profile sind stabil.“ (Heisenberg, L.c., S. 26). Freilich
fügte er dazu noch vorsichtig an, dass wegen den einschränkenden Voraussetzun-
gen, die er seinen Rechnungen auferlegte, die ausgesprochene Regel vielleicht
nicht in aller Strenge auch für alle Profile gälte. Jedenfalls müssten auch neue Lö-
sungen von Gleichung (2.19a) gesucht werden.
In den nächsten beiden Abschnitten stieß Heisenberg zum gesuchten Höhepunkt
des gewichtigen Teils I seiner Dissertation vor, nämlich die Existenz einer „Rey-
nolds’schen Zahl der Stabilitätsgrenze“ zu zeigen (in § 6) und diese numerisch
auszurechnen (in § 7). Dazu ging er von einer Forderung aus, die die Grenzbedin-
gungen an die Strömung stellen, d. h. er musste die Lösung von der Gleichung

dy ⎧ dy ⎫
∫ ( w − c) ⎨1 + α ∫ dy ( w − c) ∫ + ...⎬ = 0
2 2
(2.24)
2
⎩ ( w − c ) 2

suchen. Aus ihr folgte insbesondere: wenn man bei gegebenem c den Parameter
α 2 vergrößert, dann verkleinerte sich der Wert des Integrals. Also durfte er end-
lich schließen:

„Von einem bestimmten kritischen Werte von α2 ab wird also der Fall eintreten, daß Glei-
chung (2.19a) keine Lösung mehr besitzt. In anderen Worten: Alle Schwingungen, deren
Wellenlänge kleiner ist als eine bestimmte Wellenlänge, sind für alle Werte von αR ge-
dämpft.“ (l.c., S. 28)

Den unteren Wert von αR leitete er nun aus der Diskussion der Grenzbedingung
ab, denn er fand die Beziehung

w' (+1) 3 ,
2

(αR) 3 ~
1
(2.25)
w(+1) − c0

wobei c0 den reellen Teil der „Strömungsgeschwindigkeit“ c – siehe den Ansatz


(2.18) – bezeichnete. Daraus folgerte der Autor sofort: „Da w(+1) − c0 im allge-
meinen klein sein wird, so kann man aus (2.25) vermutlicher Weise auf große
kritische Reynolds’sche Zahlen schließen“ (l. c., S. 29).
Eine Auswertung dieser Beziehung führte er allerdings nur im Fall des „Para-
belprofils“ vor, das sich bei der sogenannten „Poiseuille’schen Strömung“ unter
konstantem Druckgefälle zwischen zwei parallelen Wänden ausbildet. Statt eine
132 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

numerischen Rechnung zu geben, beschränkte er sich allerdings nur auf eine zwei-
dimensionale graphische Darstellung der physikalisch so wichtigen Folgerung aus
den Grenzbedingungen mit den beiden Koordinaten R und α ² . Er erhielt eine
Kurve, die das Labilitätsgebiet der Strömung umschloss und ein Minimum bei
einem R -Wert von 31,5 und einem maximalen Wert von α = 1,33 aufwies. Der
Autor verkündete nun sehr erfreut: „Es existiert also sowohl ein Minimalwert von
R , unterhalb dessen alle Schwingungen stabil sind, als auch ein Maximalwert
von α , oberhalb dessen Labilität unmöglich wird.“ (l.c., S. 32). Für den drei-
dimensionalen Fall der Poiseuille-Strömung in einem Rohr schätzte er schließlich
eine kritische Reynolds’sche Zahl von der Größenordnung 1320 ab.
Am Ende von Teil I seiner Dissertation hielt Heisenberg also zuversichtlich
fest, dass seine Untersuchungen „wesentliche qualitative Ergebnisse für die Be-
rechnung der turbulenten Bewegung“ enthüllten, nämlich:

„Wenn wir nämlich die turbulente Strömung auffassen als eine bestimmte Grundströmung
mit überlagerten ungedämpften Schwingungen, so können wir aus unseren Rechnungen
schließen, daß der Minimalwert R, der für diesen Bewegungstyp möglich ist, ebenfalls bei
Werten der Größenordnung 1000 liegt; daß die Wellenlänge der ungedämpften Schwin-
gungen bei 2πh/2, nämlich α bei Werten der Ordnung 1 liegt; daß ferner diese Schwin-
gungen, wie aus der Kleinheit von w (+1) – c zu schließen ist, den Charakter einer Wand-
störung haben.“ (L.c., S. 36)

Fast triumphierende fügte er den Satz hinzu: „Diese qualitativen Ergebnisse


sind von der Form der Grundströmung ganz unabhängig.“ Das heißt, der Autor
durfte für sich in Anspruch nehmen, die wesentliche Frage, welche etwa der erfah-
rene Fritz Noether 1921 in einem großen Übersichtsartikel formuliert hatte, be-
antwortet zu haben.
Natürlich war sich Heisenberg auch im Klaren, „daß sich durch Stabilitätsun-
tersuchungen allein das Turbulenzproblem eben durchaus nicht lösen läßt“, denn
dieses stellte sich in der Physik ja dar als „ein Problem der energetischen, nicht der
dynamischen Stabilität“. Genauer formulierte er in der Einleitung zum Teil II
seiner Dissertation, den er mit „Die turbulente Bewegung“ betitelte:

„Es gibt zwei verschiedene Bewegungsformen der reibenden Flüssigkeit, von denen jede
einen bestimmten Wertebereich der Reynolds’schen Zahl besitzt, innerhalb dessen sie
möglich ist. Laminarströmung ist möglich von R = 0 bis R = α, wird aber unter Umständen
oberhalb eines bestimmten Wertes von R dynamisch labil. Die turbulente Bewegung da-
gegen existiert erst oberhalb eines bestimmten Wertes von R, ist aber dann immer energe-
tisch stabiler als die Laminarbewegung. In demjenigen Bereich, in dem die beiden Bewe-
gungsformen möglich sind, kann man daher stets die Flüssigkeit aus dem laminaren
Zustand durch hinreichend große Störungen in den turbulenten Zustand ,herunterfallen‘
lassen.“ (Heisenberg 1923, S. 37–38)

Obwohl also die kritische Reynolds’sche Zahl R, die die Stabilität begrenzt und
die er in Teil I ausgerechnet hatte, eigentlich nichts mit dem experimentell fest-
stellbaren Wert für R zu tun hätte, bei dem die Turbulenz tatsächlich eintreten
würde, wäre „sie durchaus eine charakteristische Konstante der turbulenten Bewe-
gung“, stellte der Kandidat fest. Um über den Zusammenhang zwischen den bei-
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 133

den Größen mehr aussagen zu können, musste er sich nun allerdings der Aufgabe
zuwenden, „die turbulente Bewegung ihrer Undefinierbarkeit zu entkleiden und
sie soweit zu idealisieren, bis sie der mathematischen Analyse durch die Sto-
kes’sche Gleichungen zugänglich wird“ (l.c., S. 37). Er hoffte, durch dieses Vor-
gehen dann auch die Ergebnisse ableiten zu können, die Theodor von Kármán und
andere über die turbulente Bewegung auf halbempirischem Weg bekommen hat-
ten, insbesondere „das für uns wichtigste Resultat, das aus dem empirischen Bla-
sius’schen Widerstandsgesetz folgende sogenannte y 1 7 -Gesetz der turbulenten
Geschwindigkeitsverteilung“ (l.c., S. 2).
Den Ausgangspunkt des von Heisenberg zitierten Geschwindigkeits-Gesetzes
hatte der 1883 in Berlin geborene Prandtl-Schüler Heinrich Blasius – er war zu-
nächst Experte an der Berliner Versuchsanstalt für Wasser und Schiffbau und dann
Lehrer an der Hamburger Ingenieurschule – gelegt. Er stellte im Jahr 1913, nach der
Sichtung von Material über die turbulente Strömung in glatten Rohren mit kreisför-
migem Querschnitt, die weithin gültige Formel für den Druckabfall Δp auf, welcher
als proportional ist zur 7 4 -ten Potenz der mittleren Geschwindigkeit v der Strö-
mung herauskam (Blasius 1913). Theodor von Kármán leitete im vierten Abschnitt
seines zusammenfassenden Berichtes über laminare und turbulente Reibung aus
diesem Ergebnis mit einigen zusätzlichen Annahmen ab, dass sich die Geschwin-
digkeit u der turbulenten Strömung als Funktion der Entfernung y von den Rohr-
wänden wie y1 7 verhielt (Kármán 1921). Er betrachtete gerade diese Gleichung für
u, welche auch die Abhängigkeit von der Dichte und der Zähigkeit der Flüssigkeit
enthielt, als die hydrodynamische Grundlage der Prandtl’schen Grenzschichttheo-
rie. Heisenberg, der von Kármán auf der Innsbrucker Tagung persönlich kennenge-
lernt hatte, packte der Ehrgeiz, dessen wichtiges Ergebnis auch ohne empirische
Annahmen direkt aus seinen hydrodynamischen Gleichungen herauszuholen.
Wie gewohnt, ging er das Problem – in § 1 des Teils II – möglichst direkt an
und begann mit der „Orr- Sommerfeld’schen Gleichung“ (2.17), die bereits von v.
Kármán herangezogen hatte. Außerdem bediente er sich bei der mathematischen
Analyse des allgemeinen Lösungsansatzes, den Fritz Noether zuerst 1914 angege-
ben hatte. Das heißt, er fasste zunächst Strömungen zwischen zwei parallelen,
ruhenden Wänden ins Auge, die um die x -Achse symmetrisch sein mussten und
außerdem in der x -Richtung eine überlagerte Periode von 2π α und in der Zeit
eine solche von 2π β haben sollten. Das bedeutete, alle Störungen würden sich
mit der Geschwindigkeit β α entlang der x -Achse fortpflanzen, und er setzte
dann die Fourier-Entwicklung der Stromfunktion
ψ = ϕ0 ( y) + ϕ1 ( y ) ei ( β t −α x ) + ϕ1 ( y ) e−i ( β t −α x ) + ϕ2 ( y) e2i ( β t -α x ) + ϕ2 ( y ) e−2i ( β t −α x ) + ... , (2.26)
mit den ungeraden Funktionen ϕ 0 ,ϕ1 ,… in Gleichung (2.17) ein. Dann bekam er,
falls er nach der zweiten Näherung abbrach, drei gleichzeitig zu erfüllende Glei-
chungen. Die erste mit dem Glied w′′′ (wobei der Strich die Ableitung nach y
bezeichnet) ließ sich zweimal integrieren zu
i
ϕ1ϕ1′ − ϕ1′ϕ1 + 2(ϕ 2ϕ2′ − ϕ 2′ϕ 2 ) = ( w′ − c1 y ) , (2.27)
αR
134 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

wobei c1 eine Konstante war. Die beiden anderen Gleichungen wiesen eine kom-
pliziertere Form auf. Um sie vereinfacht behandeln zu können, ging Heisenberg
auf die erste Näherung zurück und setzte also ϕ2 = ϕ2 = 0 . Dann bekam er insge-
samt nur zwei Gleichungen für die Stromfunktion, nämlich
i
ϕ 1ϕ1′ − ϕ1′ϕ1 = ( w′ − c1 y ) (2.28a)
αR
und
i
(ϕ1′′ − α 2ϕ1 )( w − β α ) − w′′ϕ1 = (ϕ1′′′′ − 2α 2ϕ1′′ + α 4ϕ1 ) . (2.28b)
αR
Im Falle der Couette’schen Strömung mit relativ zueinander bewegten Wän-
den musste der Ansatz (2.26) allerdings noch durch Glieder der Form
ϕ1 (− y )e i ( − βx−αt ) erweitert werden, sodass die Gleichungen (2.28a und b) nun durch
respektive
i
ϕ1 ( y ) ϕ1′ ( y ) − ϕ1′ ( y ) ϕ1 ( y ) + ϕ1 (− y ) ϕ1′ (− y ) − ϕ1′ (− y ) ϕ1 (− y ) = ( w′′ − c1 ) , (2.28′a)
αR
und
i
(ϕ1′′ − α 2ϕ1 )( w − β α ) − w′′ϕ1 = (ϕ1′′′′ − 2α 2ϕ1′′ + α 4ϕ1 ) . (2.28′b)
αR
ersetzt wurden.
Die physikalische Bedeutung lag nun auf der Hand: Die letzten Gleichungen in
beiden Systemen, nämlich (2.28b) und (2.28′b), erwiesen sich als im Wesentlichen
identisch mit der Stabilitätsgleichung aus Teil I, d. h. bis auf Schreibfehler – an
denen man die Eile bemerkte, mit der Heisenberg die Arbeit vollenden wollte – mit
der Stabilitätsgleichung aus dem Teil I. In den ersten beiden Gleichungen aber
erkannte Heisenberg sofort die Impulserhaltungssätze für die Strömung, wobei
„die linke Seite im Wesentlichen den durch die turbulente Wirbelung im Mittel
übertragenen Impuls“ angab und „das Glied rechts die laminare Impulsübertra-
gung“ darstellte. Schließlich bezeichnete die mit γ multiplizierte Konstante c1 den
Gesamtimpuls der Strömung. Weiterhin schloss er wegen der Grenzbedingungen –
d. h. ϕ 1 = ϕ 1 ' = 0 usw. – an der Wand, dass dort „der laminare Impulstransport den
turbulenten überwiegt“, aber „im ganzen Kanal außerhalb der unmittelbaren
Wandnähe der turbulente den laminaren völlig überwiegen wird“ (l.c., S. 41).
Beim Studium der turbulenten Entwicklung aus seinen Gleichungen in der Nä-
he der Wände – das natürlich darauf gerichtet war, das grundlegende y1 7 -Gesetz
von Theodor von Kármán zu liefern – wandte sich Heisenberg zuerst, ebenso wie
seine Vorgänger, einer halbempirischen Methode zu. Er schrieb einen plausiblen
Potenzansatz für die Geschwindigkeit w hin und benützte dann das Blasius’sche
Gesetz. Freilich bemerkte er sofort, dass für die tatsächlich auftretende Grund-
strömung – am Rande ein Anschmiegen an die Wände, in der Mitte kleine Krüm-
mungen – seine Untersuchungen aus dem Teil I nicht ausreichten, da er dort im-
mer die Ableitungen w′ und w′′ als endlich vorausgesetzt hatte, was hier nun
nicht mehr galt. Daher schlug der Doktorand einen anderen Lösungsweg ein: Er
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 135

ersetzte zunächst die Turbulenzgleichung (2.19a) im Limes einer unendlichen


Reynolds’schen Zahl durch die Rayleigh’sche Gleichung (2.21) und passte deren
beide Lösungen, ϕ I und ϕ II , an die Wandbedingungen an – sowohl für die sym-
metrischen Strömungsprofile als auch für die unsymmetrische Couette’sche Strö-
mung. Nach einigen Näherungsschritten und manchen fast abenteuerlichen Ab-
schätzungen gelangte er schließlich zu dem gewünschten Erfolg und schrieb recht
zufrieden:

„Wir erhalten also das wichtige Resultat, daß beim Couetteschen Fall das Grundprofil
der turbulenten Bewegung in der ganzen Kanalbreite wesentlich linear verläuft – jedoch
stark abweichend vom laminaren Profil: es wird viel flacher sein als das lineare –, daß es
aber am Rand sich wie y1/7 an die Wände anschmiegt.“ (l.c., S. 53)

Auch in dem komplizierteren Poiseuille’schen Fall konnte er nach weiteren


Rechnungen bestätigen, „daß die Strömungsgeschwindigkeit in einem Kanal zwi-
schen zwei ruhenden Wänden – was wir wohl direkt auf die Strömung im Rohr
übertragen können – in der ganzen Kanalbreite in erster Näherung konstant ist,
erst in der Nähe der Wände schmiegt es sich mit dem y1/7-Profil an die Wände an“
(l.c., S. 55). In diesen Rechnungen hatte er, ebenfalls in der betrachteten Näherung
wie zuvor, Größen von der Ordnung ϕ 2 2 ,α 2ϕ 2 und α 4 weggelassen.
Im Schlussabschnitt des Teils II fasste Heisenberg noch einmal seine Erfolge
zusammen. Er gab aber auch explizit an, welche Lücken seine Untersuchungen
noch aufwiesen. Einerseits hatte er den Übergang vom y1/7-Profil an der Wand zu
dem im Mittelteil der Strömung nicht berechnet, andererseits war es ihm nicht
gelungen, einen Minimalwert der Reynolds’schen Zahl aufzeigen, bei dem turbu-
lente Bewegung noch möglich ist. Er meinte freilich, „daß Ausfüllung der zweiten
Lücke gar keine Schwierigkeiten bieten“ würde, weil dazu eigentlich schon „die
bereits in Teil I geschilderten Methoden ausreichen“ sollten, um diese kritische
Reynolds’sche Zahl zu berechnen. Auf jeden Fall sollte man, indem man entweder
einzelne Näherungen aneinander anstückelte oder halbempirisch vorginge, zur
selben Größenordnung für diese physikalisch kritische Größe gelangen, bei der die
turbulente Strömung einsetzte. Er schloss daher eher vorsichtig: „Der genaue Wert
wird noch zu sehr von der Art abhängen, wie das Profil gewonnen wurde, als daß
wir Vergleiche mit der Erfahrung ziehen könnten.“ (l.c., S. 56–57).
Obwohl er also seine Erfolge an einigen Stellen doch mehr den physikalisch-
intuitiven Überlegungen als strenger mathematischer Beweisführung verdankte,
hoffte der Kandidat doch „über die früheren Untersuchungen hinausgehend, durch
Anwendung gewisser Näherungsverfahren qualitative und quantitative Resultate
über die Turbulenz begründet und die Verbindung zwischen den Noether’schen
Ansätzen und den auf Ähnlichkeitsbetrachtungen fußenden neueren Untersuchun-
gen hergestellt zu haben“ und somit die „Stabilitätsuntersuchungen in Teil I durch
Zusammenfassung und Begründung aller Einzeluntersuchungen zu einem gewis-
sen Abschluß gebracht zu haben“ (l.c., S. 59). Arnold Sommerfeld teilte diese
Ansicht voll und ganz. Er war begeistert von diesen Leistungen seines Schülers
und Doktoranden Heisenberg zur Erklärung des Turbulenzproblems, das ja „we-
136 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

gen seiner Schwierigkeiten berühmt“ wäre. Er erklärte in der Beurteilung der


Dissertation: „Der junge hochbegabte Verfasser zeigt an der Behandlung des ge-
genwärtigen Problems seine außerordentlichen Fähigkeiten von Neuem: volle
Beherrschung des mathematischen Apparates und kühne physikalische Anschau-
ung. Ich hätte keinem anderen meiner Schüler ein Thema von dieser Schwierigkeit
als Dissertation vorschlagen können.“ Ganz selbstverständlich schlug er die Note
„Ausgezeichnet“ vor.83
Neben der ziemlich hastigen Ausarbeitung der Dissertation – gelegentlich ver-
tat sich Heisenberg um einen Faktor 2 in einer Gleichung oder unterließ den Quer-
strich über einer Funktion, welche er im der sorgfältigeren Ausarbeitung für die
spätere, erst im Februar 1924 bei den Annalen der Physik eingereichten Publika-
tion (Heisenberg 1924b) berichtigte – musste sich der Kandidat nach seiner Rück-
kehr aus Göttingen noch besonders um die Vorbereitung auf seine Doktorprüfung
kümmern, denn sie würde ebenso wie die Bewertung der Dissertation über seine
weiteren Aussichten in der angestrebten akademischen Laufbahn entscheiden. Als
theoretischer Physiker hatte er sich selbstverständlich in der Mathematik exami-
nieren zu lassen. Hier war der von ihm recht geschätzte Professor Arthur Rosen-
thal aus dem Lehrkörper ausgeschieden, ebenso wie der über 70-jährige Alfred
Pringsheim, der gerade erst durch Oskar Perron ersetzt wurde. Aber der Kandidat
zeigte sich wenig besorgt, hatte er doch seine mathematische Ausbildung in Göt-
tingen bei dem hochberühmten David Hilbert und dessen ausgezeichnetem Schü-
ler Richard Courant intensiv vertiefen können. Auch in der Astronomie, die er als
zweites Nebenfach wählte, fühlte er sich wohl vorbereitet, denn auch hier hatte er
in Göttingen – etwa durch das Studium der fortgeschrittenen Himmelsmechanik
Henri Poincarés – wesentlich dazugelernt. Es blieb allerdings immer noch eine
große Hürde zu überwinden, nämlich die Prüfung in der Experimentalphysik, die
er bisher in seinem Studium eher stiefmütterlich behandelt hatte. Weder hatten ihn
die Wien’schen Vorlesungen beeindruckt noch dessen Anfängerpraktikum seine
Neigung für die besonderen Probleme des Gebietes vertieft.
Jedenfalls wusste Heisenberg schon lange vor der Doktorprüfung bei dem in
der klassischen Physik erzogenen Willy Wien, dass er sich noch mit dessen Fach-
gebiet ausführlicher befassen musste, um so mehr als dieser schon länger die
quantentheoretischen Arbeiten aus Sommerfelds Institut reichlich kritisch beur-
teilte. Der Kandidat hielt es auf jeden Fall für geraten, vor dem Examen noch ein
„Praktikum für Fortgeschrittene“ abzuleisten.84 Ihm wurde in diesem Praktikum
eine Aufgabe aus der Atomspektroskopie zugeteilt, die durchaus seinen Interessen
entsprach: Er sollte nämlich die Feinstruktur der Aufspaltungen von Spektralli-
nien des Quecksilbers im magnetischen Feld erzeugen und photographisch regist-
rieren. Das war natürlich eine anspruchsvolle experimentelle Aufgabe für einen
Studenten aus der Theorie, denn sie verlangte erheblichen apparativen Einsatz,
83
Siehe das Protokoll zur Dissertation von W. Heisenberg. Archiv der Ludwig-Maximilians-
Universität München.
84
Es ist nicht genau bekannt, freilich durchaus möglich, dass sich Heisenberg rechtzeitig bei
Professor Wien erkundigte und dieser seine Beteiligung am Praktikum verlangte. Aber eigentlich
gehörte das Fortgeschrittenenenpraktikum durchaus zum Pflichtprogramm jedes Physikstudenten.
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 137

etwa den eines „Fabry-Pérot’schen Interferometers“ zur Auflösung der feinen


Frequenzunterschiede und eine entsprechende Aufnahmekamera zum Registrieren
der Spektren. Freilich hätte der Student Heisenberg auch Wiens Assistenten um
Hilfe bitten können und sollen, aber er meinte, das Problem mit den primitiven
Mitteln lösen zu müssen, die er aus seiner Schulzeit kannte. Insgesamt hatte er
also wenig Ahnung von der Arbeitsweise der Experimentalphysiker und interes-
sierte sich auch damals nicht dafür. So verbrachte er die Zeit in Wiens Institut,
indem er mit anderen Praktikanten und den Assistenten über theoretische Fragen
der Atomphysik diskutierte. Überdies unterließ er es, sich über die Funktion der
benötigten Apparaturen zu informieren. Bei seinem Versuch kam jedenfalls gar
nichts heraus, denn er wusste nicht einmal, wie er ihn hätte anstellen sollen. Diese
Unkenntnis sollte er in der Prüfung bei Geheimrat Wien bald bitter bereuen. Denn
das Protokoll über das „Examen rigorosum des Herrn Werner Heisenberg, ab-
gehalten am Montag, den 23. Juli 1923, nachmittags um 5 Uhr im Sitzungszim-
mer“ vermerkte zunächst die Anwesenheit der Herren Sommerfeld, Wien, Perron
und von Seeliger neben dem Dekan der Fakultät. Es gab ferner die Noten an, die
der Kandidat in der Besprechung erhielt, die der Prüfung folgte, nämlich „im
Hauptfach Physik Note III, im Nebenfach Mathematik Note I, im Nebenfach
Astronomie Note II“ und schließlich: „Als Gesamtresultat wurde festgestellt Note
III cum laude“.85 Was war geschehen, und wie kam es zu dem für den Kandidaten
so enttäuschenden Ergebnis?
Heisenberg gelang es zunächst, die Aufgaben, die ihm der Mathematiker Oskar
Perron stellte, mit der Note „Sehr gut“ zu beantworten, während der alte Astronom
Seeliger ihm wohl weniger liegende Fragen stellte, die dem Kandidaten nur ein
„Gut“ einbrachten. Aber Wien trug ihm offensichtlich seine ungenügenden Leis-
tungen im Praktikum arg nach und wollte den so erfolggewohnten Kandidaten aus
der Theorie genauer auf seine experimentellen Kenntnisse durchleuchten. Heisen-
berg erinnerte sich nach 40 Jahren in einem SHQP-Interview ziemlich genau an
den Verlauf:

„In der Prüfung fragte Wien über das Auflösungsvermögen des Fabry-Pérot-Interfero-
meters, und das hatte ich nie studiert. Während der Prüfung habe ich natürlich versucht, es
herauszubringen, aber in der kurzen Zeit gelang es nicht. So hat er sicher gemerkt, daß ich
kein Interesse gehabt hatte. Da wurde er ärgerlich und er fragte nach dem Auflösungs-
vermögen des Mikroskops. Als ich das nicht wußte, fragte er nach dem Auflösungsver-
mögen des Fernrohrs und das wußte ich auch nicht.“

Zuletzt entschloss sich der prüfende Nobelpreisträger endlich, noch auf ein an-
deres experimentelles Gebiet zu wechseln. Da Heisenberg auch Vorlesungen in
der physikalischen Chemie bei Karl Herzfeld belegt hatte, „fragte er nach der
Wirkungsweise des Bleiakkumulators“. Aber „das wußte ich auch nicht“, gab der
Examinierte wiederum zu.86 An dieser Stelle ist Wien offensichtlich der Kragen

85
Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München, zitiert bei Hermann 1976, S. 24.
86
Heisenberg, l.c. Waltraut Wien, die Tochter des damaligen Prüfers, fragte den Autor einmal,
ob Wien Heisenberg ungerecht behandelt hatte. Für einen in der Experimentalphysik gut vorbe-
reiteten Studenten waren die Fragen wohl nicht zu schwer gestellt, aber vielleicht hätte ein weni-
138 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

geplatzt, denn er nahm eigentlich an, dass der Doktorand sich wenigstens dieses,
zugegeben recht komplizierte Problem als ein Paradebeispiel aus der chemischen
Reaktionslehre einigermaßen gemerkt hätte.
Wegen all dieser völlig unbefriedigenden Antworten enttäuscht, wollte nun
Willy Wien den Prüfling eigentlich durchfallen lassen und damit auch seine Pro-
motion verhindern. Aber da stieß er natürlich auf ebenso energischen Einspruch
Sommerfelds, der im Hauptfach Physik mitprüfte und seinen Studenten als
besonders „genial begabt“ verteidigte. Er stand auch fest zu seinem vor fast
einem Jahr an Paul Epstein gegebenen Urteil: „Von Heisenberg, der wohl der
begabteste all meiner Schüler ist, einschließlich Debye und Pauli, erwarte ich
Ungeheures.“87 Da es nur eine gemeinsame Note gab, einigten sich beide Physik-
ordinarien nach heftigen Auseinandersetzungen in der abschließenden Bespre-
chung auf die niedrige Beurteilung, Note III, und diese – nämlich „cum laude“ –
bekam Heisenberg auch als Gesamtnote des Examens zugeteilt. Für einen aufge-
henden Stern der theoretischen Physik, der bisher so erfolgreich, nahezu spielend,
die Probleme der quantentheoretischen Atomphysik und ebenso die der klassi-
schen Hydrodynamik bewältigt hatte, bedeutete dieses Ergebnis eine große Ent-
täuschung. Er hatte wirklich an diesem Nachmittag des 23. Juli 1923 einen emp-
findlichen Rückschlag auf dem Weg zu einer akademischen Laufbahn erlitten.
Sommerfeld argumentierte dann in der anschließenden Prüfungsbesprechung
vor allem mit der hervorragenden Dissertation seines Schülers, an der freilich der
Kollege Wien, selbst durchaus mit der Hydrodynamik vertraut, durchaus einiges
auszusetzen hatte, namentlich „dass gegen die vorliegenden Betrachtungen von
mathematischer Seite Bedenken erhoben werden dürften“88. In diesem Punkt hatte
Heisenberg eigentlich damals noch großes Glück, denn Wien konnte natürlich
nicht wissen, was der anerkannte mathematische Experte in der Frage der hydro-
dynamischen Stabilität, Fritz Noether, in einem drei Jahre später publizierten Auf-
satz zum Turbulenzproblem über die wichtigsten Resultate von Sommerfelds
jungen Genius schreiben würde. Der Mathematiker analysierte damals die stren-
gen mathematischen Verfahren „ zur asymptotischen Lösung des Turbulenzprob-
lems“ und bemerkte in der „Schlußfolgerung“ besonders:

„Im Widerspruch dazu scheinen mir dagegen Ergebnisse zu stehen, die Herr W. Heisen-
berg (1924a) veröffentlicht hat. Denn dort wird auf rein asymptotischer Grundlage, die in
der Entwicklung nicht weitergeht als unsere Näherungen, z. B. das Parabelprofil als
‚schwingungsfähig‘ hingestellt. Ein solches Resultat kann nach unserem Satz auf dieser
Grundlage nicht abgeleitet werden.“89

ger gegen Sommerfelds Atomtheoretiker eingestellter Professor früher auf andere Fragen aus
seinem Bereich umgeschwenken können.
87
A. Sommerfeld an P. Epstein, 29.6.1922. Dieses postive Urteil gab er nach der Bohr’schen
Kritik in den Göttinger Vorträgen ab, besonders weil er den Erfolg seines Schützlings als „ge-
waltig“ ansah.
88
W. Wien im Protokoll zur Dissertation Heisenberg, Ref. 83.
89
F. Noether 1926, S. 242. Der Breslauer Mathematikordinarius kritisierte dann eine Reihen von
Punkten in der endgültigen Publikation der Heisenberg’schen Dissertation in den Annalen der
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 139

Noethers Verdikt von 1926, das sich übrigens in ähnlicher Weise auch gegen
viele weitere Turbulenzuntersuchungen aus der Göttinger Schule richtete, rief den
sofortigen Einspruch Ludwig Prandtls hervor, der besonders darauf beharrte, dass
es sicher einen Übergang in der Couette’schen Strömung aus dem laminaren in den
turbulenten Zustand gäbe. Beide Experten einigten sich schließlich darauf, die
Ergebnisse der Göttinger Physiker bezögen sich, anders als Noethers mathemati-
schen Überlegungen, auf nicht ideal glatte und starre Wände in den Experimenten
(Noether und Prandtl 1926 ). Heisenbergs Haupterfolg, dem nun Noethers Behand-
lung immer noch zu widersprechen schien, wurde dagegen nach Noethers Kritik
kaum mehr in der Literatur zitiert. So gratulierte ihm der Freund Wolfgang Pauli
etwas spöttisch im November 1933 zur Verleihung des Nobelpreises: „Der Ver-
gleich mit den früheren Begründungen für die Erteilung des Nobelpreises (nament-
lich die an Einstein) und die Durchsicht der Statuten der Nobelstiftung lassen es
mich als sicher annehmen, daß Du den Preis für Deine bis heute unwiderlegte Dis-
sertation bekommen hast.“ (PB I, S. 225). Die Zweifel des Mathematikers sollten
freilich nicht den Sieg davontragen. Zwanzig Jahre nach der Publikation von Hei-
senbergs Doktorarbeit bestätigten neue detaillierte Rechnungen eines chinesischen
Schülers von Theodor von Kármán in Kalifornien im Wesentlichen die Ergebnisse
des Sommerfeld-Schülers. Chia-Chiao Lin stellte insbesondere fest:

„Heisenberg war der erste, der erfolgreich die Stabilität eines veränderlichen kontinuier-
lichen Wirbelverteilung erforschte. Als besonderes Beispiel zeigte er, daß die ebene Poi-
seuillesche Strömung für hinreichend große Reynoldssche Zahlen instabil war.“
(Lin 1945, S. 120–121)

Ungeachtet dieser späteren Entwicklungen zum Thema seiner Doktorarbeit hat-


te der arg niedergedrückte Heisenberg am Abend des 23. Juli 1923 jedenfalls kei-
nen Grund, sich über seine schließlich doch bestandene Prüfung und die Promo-
tion zu freuen. Max Born, der Göttinger Professor, der ihm für den Herbst des
Jahres fest eine Assistentenstelle zugesagt hatte, erinnerte sich daran, dass der
frischgebackene Doktor, „lange vor der vereinbarten Zeit“, nämlich bereits am
Morgen des folgenden Tages, vor ihm stand und fragte, ob er ihn im Göttinger
Institut noch haben wollte:

„Und dann erklärte er mir, da er die Prüfung fast nicht bestanden und nur die niedrigste
Note ‚rite‘ erhalten hätte. Schuld an dieser Katastrophe war, daß er sich zu jener Zeit nicht
so sehr für die experimentelle Arbeit interessierte und bei seinen praktischen Kursen eine
solche Nachlässigkeit an den Tag legte, daß der Professor, der große Willy Wien, es be-
merkt hatte. Wien stellte ihm deshalb beim Kolloquium eine detaillierte Frage über expe-
rimentelle Technik, und als er keine befriedigende Antwort bekam, erklärte er, daß der
Kandidat nicht bestanden hatte. Da Einstimmigkeit der drei Prüfer notwendig war, befand
sich Sommerfeld in einer höchst unangenehmen Lage, denn Heisenberg war seit vielen
Jahren sein bester Schüler und seine Dissertation eine brillante Arbeit. Nach einem langen
und lebhaften Disput setzte Sommerfeld durch, daß der Kandidat bestanden hatte, jedoch
nur mit der Note ,rite‘. Sommerfeld hatte eine kleine Gesellschaft in sein Haus eingela-

Physik, darunter auch dass der Autor „gewisse Ansätze von den Rayleigh’schen reibungslosen
Untersuchungen übernimmt, die schon bei Rayleigh als nicht erwiesen betrachtet werden können“.
140 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium

den, um die Promotion seines Lieblingsschülers zu feiern. Doch Heisenberg war so de-
primiert, daß er sich sehr früh entschuldigte, nach Hause ging, seinen Koffer packte und
den Nachtzug nach Göttingen nahm. Da stand er nun und legte sein Geschick in meine
Hände. Ich sagte: ,Sehen wir mal, über was für schreckliche Fragen Sie gestolpert sind
und ob ich sie beantworten kann.‘ Sie waren wirklich ziemlich schwierig. Ich sah also
keinen Grund ihn fortzuschicken, zumal ich keinen Moment an Heisenbergs hervorragen-
den Fähigkeiten zweifelte.“ (Born 1975, S. 291–292)

Mit kleinen Erinnerungsschwächen schrieb Max Born diesen Bericht über das
unbefriedigende Ende von Heisenbergs Münchner Studium nach Jahrzehnten
nieder. Der Göttinger Professor aber hatte den frisch gebackenen Doktor bereits
seit dem Winter 1922/23 kennen und schätzen gelernt. Er zweifelte nach wie vor
nicht an dem großen Begabung und wissenschaftlichen Zukunft seines neuen
Assistenten. Dieser vergaß im gastlichen norddeutschen Göttingen schnell die
Münchner Schmach und entwickelte sich prächtig weiter.
2.4 Abschluss der Doktorarbeit und die Beinahe-Katastrophe im Examen rigorosum 141
142 2 Sommerfelds Optimismus und Heisenbergs Münchner Studium
Kapitel 3
Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik
und Borns Physik

Der klassische Bildungsweg beginnt, nicht erst seit Goethes zweiteiligem Roman
Wilhelm Meister, mit den „Lehrjahren“, in denen dem jungen Berufsanfänger die
Grunderfahrungen vermittelt werden, und setzt sich dann fort mit den „Wander-
jahren“, in denen sich sein Talent in fremder Umgebung bewähren muss und dabei
wesentliche neue Impulse zur persönlichen Vollendung erfährt. Für Werner Hei-
senberg begannen die Wanderjahre schon frühzeitig. Denn bedingt durch äußere
Umstände wurde er bereits, bevor er seine Lehre in der Münchner Werkstatt Ar-
nold Sommerfelds beenden konnte, zu Beginn des 5. Semesters nach Göttingen
geschickt.1 Der Münchner Lehrmeister erhielt nämlich am 3. Juli 1922 ein Tele-
gramm aus Amerika, in dem ihm Edwin A. Birge, der Präsident der Universität
von Wisconsin, schrieb: „Diese Mitteilung bestätigt die Einladung von Professor
Hohlfeld, nach Wisconsin zu kommen mit einem Gehalt von 4000 Dollar. Näheres
folgt brieflich.“ Sommerfeld nahm am 17. Juli das Angebot auf die dort neu einge-
richtete „Carl Schurz-Professur“ an, denn diese Einladung bedeutete viel, nämlich
dass nun Kollegen aus dem Lande eines großen früheren Kriegsgegners des Rei-
ches den Boykott der deutschen Wissenschaftler beenden wollten. Zunächst dank-
te er „aufrichtig“ und betonte dann in seiner telegraphischen Antwort:

„Es wird für mich von größtem Interesse sein, die wissenschaftlichen Fäden neu zu knüp-
fen, diedurch den Krieg zerrissen sind. Mein höchster Wunsch aber würde es sein, daß
sich zwischen meinem und Ihrem Lande wieder vertrauensvolle Beziehungen anbahnen
mögen, als notwendige Vorbedingung für die Gesundung Deutschlands und für die Cultur
der Menschheit.“ (Eckert 1984, S. 117 und S. 120)

1
Wir unterscheiden hier den Begriff der Lehr- und Wanderjahre von der alten Tradition der
Studenten, die bereits im Mittelalter wanderten und ihre Universitäten häufig wechselten, bevor
sie schließlich ihren eigentlichen Lehrer fanden, der sie zum Doktortitel führte. Heisenberg hatte
im Unterschied zu vielen bekannten Physikern aus der Vergangenheit – siehe etwa, wie später
berichtet, seine Göttinger Lehrer Max Born und James Franck – nicht schon in den ersten Semes-
tern die Universität gewechselt, sondern nach dem Ersten Weltkrieg, sicher wesentlich aus öko-
nomischen Gründen, die ersten vier Semester nur am Wohnort seiner Familie studiert, wo er
dann auch im Sommer 1923 den ersten akademischen Grad, den Doktortitel, erwarb.

H. Rechenberg, Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 143


© Springer 2010
144 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Sommerfeld holte sich zunächst von seiner Universität die notwendige Beur-
laubung zu dieser Auslandsreise ein. Sodann kümmerte er sich umgehend um das
Wohl und die Fortbildung seiner Studenten. So vereinbarte er insbesondere mit
Max Born in Göttingen, dass dieser im Wintersemester 1922/23 vier seiner Dokto-
randen betreuen würde, nämlich neben Werner Heisenberg die Herren Johannes
Fischer, Manfred Ludloff und Walter Wessel.2 Die übrigen ließ er in München
unter der Obhut des tüchtigen Assistenten Gregor Wentzel zurück. Außerdem
übernahm Karl Herzfeld seine für das Wintersemester vorgesehene Hauptvorle-
sung über „Thermodynamik und kinetische Gastheorie“. Am 6. September 1922
brach der Münchener Professor mit dem Schiff über den Atlantik auf, um in den
Vereinigten Staaten nicht nur seine versprochenen Vorlesungen und Vorträge zu
halten, sondern auch mit Kollegen an verschiedenen, ihn interessierenden Institu-
ten und Universitäten wichtige wissenschaftliche und persönliche Kontakte zu
knüpfen. Diese sollten sich für ihn selbst und seine Schüler in Zukunft als außer-
ordentlich fruchtbar erweisen.3
Heisenberg verbrachte jedenfalls eine erste frühe Wanderzeit im Winter 1922/23
in der berühmten norddeutschen Universitätsstadt Göttingen, und er bewährte sich
dort dermaßen, dass Professor Born schon nach zwei Monaten, am 5. Januar 1923,
dem in der Ferne weilenden Sommerfeld mitteilen konnte:

„Heisenberg habe ich sehr lieb gewonnen; er ist bei uns allen sehr beliebt und geschätzt.
Seine Begabung ist unerhört, aber besonders erfreulich ist sein nettes, bescheidenes We-
sen, seine gute Laune, sein Eifer und seine Begeisterung.“

Leider schien schon der baldige Verlust zu drohen, denn Paulis Nachfolger als
Assistent bei Wilhelm Lenz in Hamburg, Walter Schottky, hatte einen Ruf nach
Rostock erhalten. „Die Hamburger wollen an seiner Stelle Heisenberg haben“,
meldete nun Born weiter und gestand:

„Ich wäre sehr traurig darüber, wenn er wegginge, und will alles daran setzen, ihn hier zu
halten. Denn wir sind mitten in schönen Arbeiten, von denen ich Ihnen gleich näheres sa-
gen werde. Heisenberg will im Sommer bei Ihnen promovieren. Als ich ihn fragte, was er
nachher vorhabe, antwortete er: ‚Das habe ich doch nicht zu entscheiden! Das bestimmt
Sommerfeld.‘ Sie sind also sein selbsterkorener Vormund, und ich muß mich an Sie hal-
ten, wenn ich Heisenberg nach Göttingen ziehen will. Ich möchte nämlich einen Privatdo-
zenten haben, da mir die Lehrtätigkeit zuviel wird.“ (SB 2, S. 135)

Unter den eigenen Doktoranden, fuhr der Göttinger Kollege fort, „von denen
einige auch recht tüchtig“ wären, gäbe es nämlich keinen der „weit genug fortge-
schritten“ war, vor allem nicht einen einzigen, der „vergleichbar mit Heisenberg“

2
Siehe den Brief von Born an Sommerfeld, 5.1.1923, in dem der Göttinger Professor über die
vier von Sommerfeld nach Göttingen geschickten Doktoranden berichtet (SB 2, S. 135–137) und
weiter unten.
3
So stellte das amerikanische National Bureau of Standards in Washington D.C. 1924 Heisen-
bergs Studienfreund Otto Laporte nach dessen Promotion als Spezialisten in der Spektroskopie
ein.
3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik 145

sei. Andererseits verfüge der Sommerfeld doch noch über seinen bereits promo-
vierten Schüler Gregor Wentzel, und nach einem Jahr würde wohl auch Pauli aus
Kopenhagen zu ihm nach München zurückkehren. Daher äußerte jetzt Born früh-
zeitig die Bitte: „Können Sie unter diesen Umständen auf Heisenberg verzichten
und ihm zureden, sich in Göttingen zu habilitieren?“ Er würde seinerseits „natür-
lich Sorge tragen“, dass der Doktorand Sommerfelds dann in Göttingen „materiell
gut gestellt wird“. Sechs Monate später, nach der fast verunglückten Promotion in
München, kam Sommerfelds Meisterschüler dann nur zu gern auf Borns Angebot
zurück, und nach einem weiteren Jahr, im Juli 1924, konnte er auch an der Göttin-
ger Universität seine Habilitation erreichen. Mit diesem endgültigen Gesellenbrief
in der Tasche ging er dann erneut auf Wanderfahrt, nämlich zu Niels Bohr nach
Kopenhagen.
Den beiden Göttinger Perioden, nämlich während seiner Studienzeit im Winter
1922/23 und dann den neun Monaten als Habilitand vom September 1923 bis
Juli 1924, verdankte Heisenberg ganz wesentliche Lehren und Erfahrungen, die
ihn persönlich und wissenschaftlich bereicherten und auf seiner Laufbahn beför-
derten. Er weilte zunächst zum ersten Mal in seinem Leben fern vom schützenden
Elternhaus in München und seiner heimatlichen bayerischen Umgebung. Er lernte
zudem den Ernst des Lebens in der schwierigen Zeit der großen Inflation kennen,
die damals das Deutsche Reich erfasst hatte. Und er musste in der Fremde neue
Kollegen und Freunde gewinnen. Um das Heimweh, das ihm wirklich sehr plagte,
zu mildern, hielt er engen brieflichen Kontakt mit seinen Eltern und den bewähr-
ten Jugendfreunden. Die Wanderungen mit den vertrauten Pfadfindern, vor allem
die große Sommerfahrt 1923, die ins nördliche Finnland ging, eröffneten ihm neue
Horizonte weit über die deutschen Grenzen hinaus. In der Distanz von München
konnte er schließlich auch die politischen Wirrnisse in Bayern, namentlich den
Hitlerputsch vom November 1923 in München, ausgewogen kritisch beurteilen.
Die Göttinger Zeit beeinflusste daher, trotz mancher Plackereien und Unannehm-
lichkeiten, seine weitere wissenschaftliche und menschliche Fortbildung ganz
entscheidend, ja eröffnete ihm durchaus neue Horizonte.
Eigentlich durfte Heisenberg die niedersächsische Stadt in der Nähe des land-
schaftlich reizvollen Harzgebirges und die geschichtlich bedeutenden Orte der
Umgebung kaum als Neuland bezeichnen, als er Anfang November 1922 pünkt-
lich mit Semesterbeginn in Göttingen eintraf. Kaum fünf Monate lagen zurück,
dass er seinen Professor Sommerfeld dorthin hatte begleiten dürfen, um die Vor-
träge von Niels Bohr über dessen neuesten Vorstellungen zum Atombau zu hö-
ren. Er hatte damals zudem den „Hydrodynamik-Papst“ Ludwig Prandtl ge-
troffen, dessen wohlwollende Beurteilung seiner ersten kleinen Arbeit zum
Turbulenzproblem Sommerfeld nahe legte, ihm ein schwieriges Thema aus die-
sem Gebiet für die Doktordissertation zu stellen. Auch Professor Born, seinen
neuen Chef, hatte er natürlich bei jener Gelegenheit persönlich kennen gelernt,
und dieser wollte sich jetzt besonders mit dem jungen, höchst begabten Gaststu-
denten einer eingehenden Untersuchung von Atomstrukturen widmen. Anderer-
seits brachte Heisenberg selbst durchaus ein recht reichliches wissenschaftliches
Gepäck für seine Betätigung in Göttingen mit, nämlich die hydrodynamische
146 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Doktorarbeit, und dazu eine Idee, wie man vielleicht das bisher völlig unzugäng-
liche Problem der Atomtheorie lösen konnte, die Energiezustände des Helium-
atoms zu berechnen.
Bevor er allerdings in Borns Obhut gelangte, erlebte der Student aus München
noch eine besondere Erfahrung, die er nie vergessen sollte. Er besuchte die größte
wissenschaftliche Veranstaltung in Deutschland, nämlich die 87. Versammlung
deutscher Naturforscher und Ärzte, die vom 17. bis zum 24. September 1922 in
Leipzig abgehalten wurde. Diese traditionsreiche Konferenz, die vor genau 100
Jahren zum ersten Mal, übrigens ebenfalls in Leipzig, stattfand, vereinte fast jedes
Jahr die führenden Naturwissenschaftler, Mathematiker sowie die akademischen
und praktizierenden Mediziner aus dem gesamten deutschen Sprachraum zu Vor-
trägen und Debatten. Wichtigste Streitfragen auf allen Gebieten waren auf den
früheren Veranstaltungen zwischen großen Koryphäen lebendig, ja oft erbittert
ausgetragen worden. Es sei hier etwa an die grundsätzliche Debatte von 1895
zwischen dem Atomisten Ludwig Boltzmann und den Anhängern der so genann-
ten Energetik um den Physikochemiker Wilhelm Ostwald erinnert. Die „Natur-
forscherversammlungen“, wie sie kurz genannt wurden, förderten und bestimmten
in der Tat den großartigen Aufstieg, den wesentliche Bereiche der mitteleuro-
päischen Physik, Chemie, Biologie und Medizin im vergangenen Jahrhundert
erlebt hatten. Erst 1920 hatte man sie nach der kriegsbedingten Unterbrechung
nach 1913 in Bad Nauheim wieder aufgenommen, wo, wie bereits berichtet wur-
de, Einsteins Relativitätstheorie im Mittelpunkt lebhaften einer Debatte stand. Nun
sollte zwei Jahre später – es war 1920 beschlossen worden, die große Tagung nur
mehr jedes zweite Jahr einzuberufen – Albert Einstein selbst den Hauptvortrag
über seine Allgemeine Relativitätstheorie vor Vertretern aus allen Abteilungen der
Naturwissenschaft und Medizin halten.
Heisenberg kam auf Sommerfelds Empfehlung nach Leipzig, um zum ersten
Mal an der berühmten Tagung teilzunehmen und vor allem, um persönlich den
großen Einstein zu treffen. Noch Jahrzehnte später erinnerte er sich an das, was er
dort erlebte und beschrieb er seine ersten Eindrücke:

„Mein Vater hatte mir eine Rückfahrkarte von München nach Leipzig geschenkt, und
ich freute mich darauf, den Entdecker der Relativitätstheorie nun selbst sprechen zu hö-
ren. Nach der Ankunft in Leipzig bezog ich eine der billigsten Herbergen im schlechtes-
ten Viertel der Stadt, da ich mir etwas Besseres nicht leisten konnte. Im Tagungsgebäu-
de traf ich einige junge Physiker, die ich in Göttingen während der ,Bohrfestspiele‘
kennengelernt hatte, und ich erkundigte mich nach dem Einsteinschen Vortrag, der
schon in einigen Stunden am Abend des gleichen Tages gehalten werden sollte. Mir fiel
dabei eine gewisse Gespanntheit der Atmosphäre auf, deren Grund ich mir nicht erklä-
ren konnte.“

Die Zeit bis zum Abend nützte er aus, um das bekannte Völkerschlachtdenkmal
anzusehen, wo er anschließend, noch müde und hungrig von der nächtlichen
Bahnfahrt einschlief. Wie er weiter berichtete, sollte Einsteins Vortrag in einem
großen Saal stattfinden, den man durch viele kleine Türen von den Seiten, wie
einen Theaterraum, betreten konnte. Er fuhr dann fort:
3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik 147

„Als ich hineingehen wollte, drückte mir an einer solchen Tür ein junger Mann – wie ich
später hörte, ein Assistent oder Schüler eines bekannten Physikprofessors an einer süd-
deutschen Universitätsstadt – einen bedruckten roten Zettel in die Hand, auf dem vor Ein-
stein und seiner Relativitätstheorie gewarnt wurde. Es handele sich dabei, so war etwa zu
lesen, um ganz ungesicherte Spekulationen, die durch eine dem deutschen Wesen fremde
Reklame jüdischer Zeitungen ungebührlich überschätzt worden seien.“
(Heisenberg 1969, S. 66–67)4

Natürlich kannte Heisenberg den wirklichen Wert der Relativitätstheorie, nicht


zuletzt aus dem großen und durchaus sachlich-kritischen Encyklopädie-Artikel
seines Freundes Wolfgang Pauli, zur Genüge, um die Entstellungen dieses Hand-
zettels „als böse politische Leidenschaft“ von „charakterlich schwachen und kran-
ken Menschen abzutun“. Trotzdem konnte er, wie sich weiter erinnerte, aus Ent-
täuschung über diesen Zwischenfall „Einsteins Vortrag nicht mehr recht zuhören“.
Er hätte sich damals auch nicht bemüht, „etwa durch Sommerfelds Vermittlung
Einstein kennenzulernen“, sondern wäre bedrückt in seine Herberge gegangen, nur
um ganz entsetzt festzustellen, „daß hier inzwischen all mein Hab und Gut, Ruck-
sack und Wäsche und ein zweiter Anzug gestohlen waren“, berichtete er und wei-
ter, er hätte er seine „zum Glück Rückfahrkarte noch in der Tasche“ und konnte
schnell zum Bahnhof gehen, und dann handelte er schnell:

„Ich stieg in den nächsten Zug nach München. Auf der Fahrt war ich völlig verzweifelt,
weil ich wußte, daß ich meinem Vater den großen finanziellen Verlust nicht aufbürden
konnte. Als ich dann auch in München meine Eltern zunächst nicht antraf, suchte ich mir
Arbeit als Holzfäller im Forstenrieder Park, einem Waldgebiet im Süden der Stadt. Dort
war im Fichtenwald der Borkenkäfer eingefallen, und viele Bäume mußten geschlagen
und ihre Rinde verbrannt werden. Erst als ich so viel Geld verdient hatte, daß ich den Ver-
lust einigermaßen ersetzen konnte, kehrte ich zur Physik zurück.“ (l.c., S. 67–68)

Die derart lebendig ausgemalte Erinnerung wich freilich in einigen Punkten


von den historischen Tatsachen ab. Erstens konnte ihn Sommerfeld schon deshalb

4
Heisenberg hat in seiner Biographie wohl den Inhalt des Zettels, den er sicher sofort wegwarf,
aus späterer Sicht und dem Gedächtnis rekonstruiert. Tatsächlich enthielt dieser eine entschiede-
ne Kritik an der Leitung der Naturforscher-Versammlung von 1922, „unter den wissenschaftli-
chen Darbietungen der Leipziger Jahrhundertfeier Vorträge über Relativitätstheorie auf die
Tagesordnung einer großen Sitzung aufzunehmen“ und als „einen Höhepunkt der modernen
wissenschaftlichen Forschung“ zu erklären. Dagegen „legten die unterzeichneten Physiker,
Mathematiker und Philosophen entschiedene Verwahrung ein“, denn „sie beklagten aufs tiefste
die Irreführung der öffentlichen Meinung, nach welcher die Relativitätstheorie als Lösung des
Welträtsels angepriesen wird“. Auch hätte man den Kollegen die Tatsache verschwiegen, dass
viele auch sehr angesehene Gelehrte der drei Forschungsgebiete „die Relativitätstheorie nicht nur
als eine unbewiesene Hypothese ansehen, sondern sie sogar als eine im Grunde verfehlte und
unhaltbare Fiktion ablehnten.“ Die Unterzeichnenden, zu denen allerdings einige wohlbekannte
Physiker zählten, namentlich der Heidelberger Ordinarius Philipp Lenard – ihn hatte wohl Hei-
senberg in Erinnerung als den „süddeutschen Professor“ −, dann Ernst Gehrcke, der Berliner
Physiker und Spezialist der Optik an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, sowie der
international sehr angesehene Zagreber Geophysiker Stefan Mohorowičić, betrachteten es näm-
lich „als unvereinbar mit der Würde der deutschen Wissenschaft, wenn eine im höchsten Maße
anfechtbare Theorie voreilig und marktschreierisch in die Laienwelt getragen würde“.
148 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

nicht bei Einstein einführen, weil dieser selbst am 18. September 1922, als die
Vorträge in Leipzig begannen, bereits am Lehrpult in Madison stand. Zweitens
sprach Einstein gar nicht in Leipzig, denn seit der Ermordung des Reichsaußenmi-
nisters Walther Rathenau am 24. Juni 1922 fehlte er bei allen öffentlichen Anläs-
sen in Deutschland. Obwohl er noch wenige Wochen vor der Mordtat eine Reise
zu einer Sonnenfinsternis im fernen Asien abgesagt hatte, weil Max Planck ihn
drängte, den großen allgemeinen Vortrag bei der Naturforscherversammlung im
Herbst unbedingt zu halten, teilte er diesem am 7. Juli mit, dass er nun doch end-
gültig absagen müsse. Er schrieb damals:

„Ich bin nämlich von Seiten durchaus ernst zu nehmender Menschen (von mehreren un-
abhängig) davor gewarnt worden, mich in nächster Zeit in Berlin aufzuhalten. Denn ich
soll zu der Gruppe derjenigen gehören, gegen die von völkischer Seite Attentate geplant
sind.“

Einstein schien jetzt in der Tat als prominenter Jude in Deutschland ebenso ge-
fährdet wie zuvor der verdiente Minister Walther Rathenau, mit dem er überdies
eng befreundet war. Planck verstand diese Entschuldigung nur zu gut und wandte
sich nun an Max von Laue, den Einstein als Ersatzredner vorgeschlagen hatte: „So
weit haben es die Lumpen wirklich gebracht, daß sie eine Veranstaltung der deut-
schen Wissenschaft von historischer Bedeutung zu durchkreuzen vermögen.“5
Heisenberg hatte offensichtlich gar nicht bemerkt, dass in Leipzig Einstein den
vorgesehenen Vortrag über die Relativitätstheorie gar nicht hielt – vielleicht konn-
te er auch den Redner im überfüllten Saal nicht genau erkennen. Über das für ihn
persönlich unmittelbar noch schlimmer betreffende Ereignis nach dem Vortrag
vom 18. Dezember schrieb er aber sofort, noch aus Leipzig, an die Mutter:

„Nun sitz ich ganz unglücklich hier am Hauptbahnhof und weiß nicht mehr, was ich über-
haupt tun soll. Denk Dir, was mir passiert ist. In der Herberge wurde mir heut nachmittag
der Rucksack gestohlen. Zum Glück war das Wäschepaket mit heraußen, aber die schöne
grüne Hose von meinem neuen Winteranzug ist weg, ebenso mein Rasierzeug, Wasch-
zeug alles, es ist zum Heulen. Wer schuld ist, weiß ich nicht, ich hatte meine Sachen da-
hin gelegt, wo der Herbergsvater sagte, daß sie sicher seien, mehr konnte ich doch nicht
tun. Aber nun hab ich nichts. Natürlich hab ich’s auf der Polizei angegeben, aber was hilft
das. Und da scheint mir keine andere Möglichkeit, als mich sofort in den Zug zu setzen
und nach München zu fahren. Das werde ich also in einer Stunde tun.“ (EB, S. 40)

Schon am folgenden Tag notierte er aus München in einem weiteren Brief – die
Eltern waren damals nämlich verreist –, den er diesmal an den Vater richtete: Er
hätte trotz der überstürzten Abfahrt doch den für ihn „wichtigsten Teil der Leipzi-
ger Versammlung, d. h. das Sprechen mit Leuten, die sich für mein spezielles
Gebiet interessieren und mit denen ich sonst nicht zusammenkomme“, in den
ersten beiden Tagen erledigt. Und er fügte jetzt hinzu: „Also hoffentlich bist auch
Du einverstanden, ich hab inzwischen alles in Bewegung gesetzt, um die Sachen
wiederzukriegen und ersetzt zu bekommen“. Am 25. September schrieb er sich

5
Siehe die umfangreichen Darlegungen in Grundmann 1998, S. 214–216.
3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik 149

wieder der Mutter, um ihr näheres über das „Wiederkriegen“ anzuvertrauen:


„Sonst ist wichtig zu bemerken, daß ich seit heute früh im Kreuzlinger Forst be-
schäftigt bin“, denn „ich hab mir gedacht, es ist das Richtigste, so das Geld für die
Hose zu beschaffen“. Er rechnete dann vor, dass dieser Plan bei einem Lohn von
540 Mark pro Tag mit 10 Stunden Arbeit – Zum „Kies schaufeln und Wurzelstö-
cke großer Bäume herausziehen –, zweimal 1 Stunde Anmarsch zum Forst und
wenig Essen“ wohl schließlich aufgehen würde.6
Die bösen Erfahrungen seines ersten Leipziger Besuches lehrten den Jünger der
Wissenschaft zweierlei: erstens, dass es auch in einer auf den ersten Blick „netten
Jugendherberge“ durchaus Diebe geben konnte, und zweitens, dass selbst die
schönsten neuen Ergebnisse in seiner Wissenschaft von manchen an sich hoch
geachteten Kollegen mit durchaus unsachlichen Argumenten bekämpft wurden.
Statt weiter mit diesen Ärgernissen zu hadern, vergrub sich Heisenberg im An-
schluss an die Forstarbeiten in seine Untersuchungen für die hydrodynamische
Doktorarbeit. Gleichzeitig ging er auch das Problem des Heliumatoms an, worüber
er Sommerfeld am 17. Oktober im fernen Amerika unterrichtete. Acht Tage später
nahm er dann den bereits geschilderten Abschied von seiner Jugendgruppe und
verließ das vertraute München, um im Norden Deutschlands das Studium der
theoretischen Physik fortzusetzen und ganz neue Erfahrungen zu sammeln. Nicht
nur sollte er zum ersten Mal in Göttingen ein gänzlich eigenes Leben führen, bei
fremden Leuten zur Untermiete wohnen und mit dem Geld auskommen, das ihm
der Vater aus München überwies. Deshalb unterrichtete er anfangs sehr ausführ-
lich die Eltern, oft mehrfach in einer Woche, wie er nun zurechtkam. Im ersten
Brief vom 5. November 1922 dankte an den Vater besonders für die Zusendung
von Lebensmitteln und schrieb weiter:

„Es ist nun hier alles in bester Ordnung. Meine Hauswirte sind sehr nette Leute, die rüh-
rend für mich sorgen. Heut morgen z. B. bekam ich zur Feier des Sonntags zu Kaffee
3 Stück Kuchen dazu. Was die wirtschaftliche Seite des hiesigen Aufenthaltes betrifft, so
nehmen bis jetzt bei mir die Nebenausgaben den größten Raum ein, während die Mahlzei-
ten verhältnismäßig billig sind. Ich esse meistens mit den anderen Münchnern am Privat-
mittagstisch, wo es nur 5 M mehr kostet als in der Studentenküche (45 M), dabei aber viel
besser ist. Abends esse ich nicht in der Studentenküche (35 M), oft nur Brot und Wurst
zuhause.“

Dagegen ginge für Brennmaterial – es gab damals „sehr wenig auf Marken“, nur
„sehr teuren Torf (450 M pro Zentner)“ – noch viel Geld weg, aber er betonte
auch: „Es ist nötig, das Haus zu heizen, da es im Lesezimmer der Universität nicht
sehr gemütlich ist – am Samstagnachmittag und Sonntag ist es überhaupt nicht
offen.“ (EB, S. 43).
Bereits im Herbst des Jahres 1922 trieb die nämlich herrschende Inflation die
Preise fortlaufend in die Höhe, und sie bereitete auch Werner Heisenberg bald
ernsthafte Schwierigkeiten. „Als Mama fortfuhr nach Osnabrück, waren es etwa
6
W. Heisenberg an Anna Heisenberg, 19. und 25.9.1922, sowie an August Heisenberg,
20.9.1922 (EB, S. 41–42). Einen kürzeren Bericht über die Leipziger Ereignisse lieferte er auch
Wolfgang Pauli in einem Brief vom 22.9.1922 (PB I, S. 66).
150 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

8000 M, was ich hier hatte“, meldete er am 16. November nach München, wovon
„allein etwa 2000 M für Heizung draufgehen“. Außerdem müsste er der Hauswir-
tin „ein Pfund Margarine für 750 M kaufen“ für öfter angesetzte Bratkartoffeln am
Abend, und ferner käme „Beleuchtung, Wäsche usw. in Betracht“. Rechnete man
dazu noch Kolleggelder und Miete, so hätte er insgesamt nun nur noch 2000 M zur
Verfügung. Für die umgehend nachgeschickten 3000 M bedankte sich der Sohn
beim Vater am 20. November – er hoffe damit nach Abzug der Studiengebühren
von 718 M bis zum Monatsende durchzuhalten. Allerdings verbesserte der Besuch
nach Osnabrück bei den Verwandten im November, bei dem er zum bevorstehen-
den Geburtstag „hauptsächlich Fressalien, außerdem einen sehr schönen Selbst-
binder von Tante Guste“ erhielt, seine wirtschaftliche Lage etwas. Am 1. Dezem-
ber erhöhte dann August Heisenberg das Monatsbudget des Sohnes auf 10 000 M
pro Monat. So rasch schritt die Inflation voran, dass Werner vorsorglich ankündig-
te, ab 15. des Monats wegen des hohen Portos von 25 M keinen Brief mehr zu
schreiben. Am 7. Dezember konnte er freilich Entwarnung geben und sogar an
Weihnachtsgeschenke für die Familie denken, denn er kündigte nun die freudige
Überraschung an. Er hätte jetzt in Göttingen eine Assistentenstelle bekommen und
„daher heut früh zunächst 20 000 M“ erhalten. Gleichzeitig vermerkte er auch zu
seiner augenblicklichen intensiven wissenschaftlichen Arbeit: „Wenn die Ferien
nur 10 Tage später anfingen, würde ich vor Physik draufgehen“ und schwor: „In
München werd ich kein Wort davon reden.“ (EB, S. 47–52).
Die letzte Nachricht musste nun für die Eltern recht überraschend klingen, denn
früher, am 5. November, hatte der Student Heisenberg noch ganz Anderes über
Göttingen erzählt:

„Wissenschaftlich ist hier die Lage sehr merkwürdig. Es gibt im Grunde nur Mathemati-
ker hier, auch die Physiker interessieren sich eigentlich viel mehr für Mathematik als für
Physik. Die Folge ist, daß man von der ganzen Physik hier einen etwas gelangweilten
Eindruck hat, niemand hat die Initiative zu etwas neuem, man sucht sich mathematisch in-
teressante Themata aus, die physikalisch aber meist wurscht sind. In diesem Semester sind
nun vier Sommerfeldschüler hier, und alles erwartet von uns, daß wir etwas mehr Leben
in die Bude brächten, ein sonderbarer Zustand.“ (EB, S. 43)

Offensichtlich meinte der Neuankömmling mit den Physikern vor allem die
Studenten und Assistenten in Borns Institut. Er bemängelte deren Diskussionen,
die er mit den so lebendigen unter den stets für die neuesten empirischen Befun-
den offenen Mitarbeitern Sommerfelds verglich. In Göttingen wurden am Anfang
des Semesters erst einmal die Studenten aus München nach ihren Wünschen ge-
fragt: „Heut beim Mittagessen wird dementsprechend große Besprechung über die
Themata im ‚Struktur‘-Seminar sein.“ Zugleich beschrieb er Professor Born, den
er bereits in seiner Wohnung aufgesucht hatte, als „sehr nett, aber leider ist er nur
sehr wenig für seine Studenten zu haben“. Und einen Monat darauf, am
7. Dezember 1922, urteilte er insgesamt über den neuen Studienort: „Menschlich
ist Göttingen immer noch ein trostloses Kaff.“ (EB, S. 52) Der aus der bayerischen
Hauptstadt in die norddeutsche Provinzstadt verpflanzte Werner vermisste einfach
seine Familie, seine Jugendfreunde und überdies die persönliche wissenschaftliche
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 151

Betreuung durch Arnold Sommerfeld. Die steife Atmosphäre am Ort, den nur die
berühmte Universität belebte, konnte sich eben nicht mit dem weltoffenen, fast
südländischen und durch Kunst und das nahe Gebirge ausgezeichneten München
vergleichen. Freilich sollte seine wissenschaftliche Fortbildung sehr bald von der
bereits erwähnten Göttinger Spezialität profitieren, dem hohen Stand der Mathe-
matik. Und Heisenberg sog mit seiner raschen Auffassungsgabe die neuen Eindrü-
cke und Erfahrungen begierig auf.

3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert


und sein physikalischer Meisterschüler Max Born

„Es gibt im Grunde nur Mathematiker hier“ – damit charakterisierte der Neuan-
kömmling Heisenberg unmittelbar nach der Ankunft in seinen neuen Studienort
Göttingen zunächst völlig zutreffend. Die niedersächsische Universitätsstadt, im
südlichen Zipfel von Niedersachsen gelegen, ging historisch auf eine zuerst im
10. Jahrhundert genannte Siedlung zurück, die vom Welfenkaiser Otto IV. – dem
Sohn des Bayernherzogs Heinrich des Löwen – im frühen 13. Jahrhundert das
Stadtrecht erhielt. Sie spielte dann eine wichtige Rolle im Bund der Hanse und
blühte bis zum Dreißigjährigen Krieg, in dem die protestantische Stadt schwere
Kriegsschäden erlitt und darauf ein Jahrhundert dahindämmerte. Im Jahr 1734 ließ
der kurbraunschweigische Landesherr – zugleich König Georg II. von Großbritan-
nien und Irland – durch seinen Minister in Hannover, Ernst Gerlach Adolf Freiherr
von Münchhausen, dann im ruhigen Göttingen eine Universität einrichten. 7 Ab
1737 strömten vor allem die Landeskinder zur Ausbildung an die neue „Georgia
Augusta“ Universität, welche damals ganz ungewöhnliche Fachgebiete anbot.
Denn hier entstanden nicht nur Lehrstühle für die traditionell wichtigen Fakultäten
der Theologie, Rechtwissenschaft und Medizin, sondern auch zusätzlich für die
praktisch wichtigen, neuartigen Disziplinen Ökonomie und Landwirtschaft. Dazu
kam schließlich ein Observatorium – das wohl wegen der Bedeutung der Stern-
kunde für die britische Seemacht. Der Universitätskurator von Münchhausen be-
mühte sich zudem, hervorragende Professoren zu gewinnen, was ihm vor allem
mit dem Schweizer Arzt, Dichter und Universalgelehrten Albrecht von Haller
gelang. Dieser Mann von weltweitem Ruf gab nicht nur die bald in ganz Europa
angesehenen „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“ heraus, sondern wirkte auch ab
1751 als erster Präsident der „Königlichen Societät zu Göttingen“. Die neue Ge-
sellschaft stellte, anders als die früher in London, Paris. Berlin und St. Petersburg
gegründeten Akademien, ein neuartige Institution dar, die ausgewählten Mitglie-
dern des Universitätslehrkörpers die Gelegenheit bot, „in der gegenseitigen An-

7
Der Vater des Universitätsgründers hatte als Georg I – er war nämlich ein Enkel von König
Jacob I − die Nachfolge der unverheirateten Königin Anne aus dem Haus Oranien in London
angetreten und damit das braunschweigisch-hannoversche Fürstenhaus der Welfen auf den briti-
schen Thron gebracht.
152 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

regung und Kontrolle der Sozietät wissenschaftlich zu arbeiten, Découverten zu


machen – eine Aufgabe, die damals nicht die des Professors, sondern die des
grundsätzlich nicht eine Professur bekleidenden Akademikers war,“ wie der späte-
re Präsident der Akademie anlässlich ihres zweihundertjährigen Geburtstages fest-
stellte (Smend 1951, S. VI).
So mühsam sich manche Anfänge in der Universität und „Societät“ auch gestal-
teten – in der letzteren dominierten bald die Philologen aus der Philosophischen
Fakultät –, der Georgia Augusta gelang es binnen eines Jahrhunderts, in zwei Fä-
chern die Weltspitze zu erreichen, nämlich in der Physik und vor allem in der Ma-
thematik. Die ersten Physiker von überlokaler Bedeutung waren Johann Tobias
Mayer (1723–1762), ein guter Astronom und Geograph – zugleich auch Professor
für Ökonomie – und seine Nachfolger Johann Christian Polycarp Erxleben (1744–
1777), sodann der als Naturforscher wie aufgeklärter Schriftsteller gleich berühmte
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), der sich um die experimentelle Erfor-
schung elektrischer Erscheinungen (der so genannten „Staubfiguren“) verdient
machte und Erxlebens Anfangsgründe der Naturlehre neu überarbeitete. Die ganz
große Tradition der Göttinger Mathematik begann aber mit einem Paukenschlag,
mit Carl Friedrich Gauß (1777–1855). Als Alexander von Humboldt zu Beginn des
19. Jahrhunderts den berühmten Pariser Gelehrten Pierre Simon de Laplace nach
dem größten Mathematiker Deutschlands fragte und dieser Johann Friedrich Pfaff
nannte, fragte er verwundert weiter: „Und was ist mit Gauß?“ Laplace antwortete:
„Oh, Gauß ist der größte Mathematiker der Welt.“8 Auch für den Fortgang der
Physik in Göttingen war namentlich das Interesse von Gauß am Magnetismus und
seine Zusammenarbeit mit dem Kollegen Weber von entscheidender Bedeutung.
Im Jahr 1831 kam nämlich der 1804 in Wittenberg geborene Wilhelm Eduard We-
ber, seit 1828 Extraordinarius an der Universität Halle, auf den Physiklehrstuhl
nach Göttingen. Mit ihm entwarf Gauß zum Beispiel 1830 den ersten elektromag-
netischen Telegraphen, der das Observatorium am Geismartor mit dem physikali-
schen Institut am Leinekanal verband. Auch vermaßen beide das erdmagnetische

8
Zitiert nach E. T. Bell: Men of Mathematics. V. Gollancz, London (Wiederabdruck bei Simon
& Schuster, New York 1965, S. 242). Der gebürtige Braunschweiger Gauß kam bereits als Stu-
dent nach Göttingen, wo auch 1798 seine Disquisitiones arithmeticae entstanden (publiziert
1801), in denen er die Begründung des Fundamentalsatzes der Algebra lieferte: eine Gleichung
n-ten Grades besitzt genau n Wurzeln. 1799 promovierte er bei Johann Friedrich Pfaff an der
Universität Helmstedt und erhielt ein Stipendium der Braunschweiger Herzogin, worauf er sich
astronomischen Studien zuwandte. 1801 berechnete er die Bahn des gerade entdeckten Planetoi-
den Ceres, 1809 veröffentlichte er sein astronomisches Hauptwerk Theoria motus corporum
coelestium, nachdem er 1807 zum Professor für Mathematik und Direktor des Observatoriums an
der Universität Göttingen berufen worden war. Obwohl er sich bei Publikationen äußerst zurück-
hielt – z. B. ließ er anderen Kollegen den Vortritt bei der Verkündung nicht Euklidischer Geo-
metrien −, erschienen von ihm weitere grundlegende Abhandlungen im Druck, namentlich zur
Algebra und Arithmetik, den analytischen Funktionen und zur Topologie, also den unterschied-
lichsten mathematischen Disziplinen. Daneben beschäftigte er sich sehr erfolgreich mit einer
Reihe physikalischer Fragen, namentlich aus der Kristallographie, der Kapillarität und der Optik
(er formulierte die Prinzipien der geometrischen Optik!) und der praktischen Landvermessung im
Königreich Hannover von 1818 (1814 war das Kurfürstentum in eine Königreich verwandelt
worden!).
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 153

Feld an verschiedenen Orten mit dem von Gauß erfundenen Magnetometer und
regten ein weltumspannendes Netzwerk geomagnetischer Daten an. Das Jahr 1837
zerbrach diese äußerst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem großen Mathe-
matiker und dem großen Physiker in Göttingen. Weber verlor die Professur, weil er
als Mitglied der „Göttinger Sieben“ gegen den Verfassungsbruch des neuen Königs
Ernst August – die Personalunion zwischen Hannover und Britannien konnte beim
Regierungsantritt von Königin Viktoria nicht weiterbestehen – protestierte. Erst
1849 kehrte er aus Leipzig, wo er 1843 einen Lehrstuhl erhalten hatte, zu Gauß
zurück. Beide entwarfen nun ein universelles System physikalischer Einheiten für
die Mechanik und den Elektromagnetismus, dem die drei aus der Mechanik stam-
menden Einheiten der Länge, des Masse und der Zeit, nämlich Zentimeter, Gramm
und Sekunde, zugrunde lagen. Dieses so genannte „CGS-System“, brachte die erste
Ordnung in die gesamte physikalische Metrologie brachte und diente fast hundert
Jahre als das System der physikalischen Einheiten. In der Definition der Einheiten
für die elektromagnetischen Größen trat eine Konstante c auf, die sich nach Mes-
sungen von Weber und dem in Göttingen geborenen Physiker Rudolph Kohlrausch
mit der Lichtgeschwindigkeit identifizieren ließ. Diese Feststellung vermittelte
dem Schotten James Clerk Maxwell wichtige Hinweise zu seiner Elektrodynamik
und ihrer Verbindung zu Lichtwellen. Rudolph Kohlrauschs Sohn Friedrich, ein
Schüler Webers, richtete dann am Göttinger Institut eine systematische Laboratori-
umsausbildung der Physikstudenten ein, die bald national und international zum
Vorbild genommen wurde.
Nach 1837 ersetzte Johann Benedikt Listing den entlassenen Weber in Göttin-
gen. Ihm folgte wiederum 1883 Woldemar Voigt 1883, während Eduard Riecke
im Jahr 1881 an die Stelle von Wilhelm Weber trat, der 1849 aus Leipzig wieder
zurückgekehrt war. Auf den Lehrstuhl von Gauß aber gelangten mit Gustav Le-
jeune Dirichlet (1805–1859) und anschließend dem Gauß-Schüler Bernhard Rie-
mann (1826–1866) zwei überragende Mathematiker, obwohl beide nur wenige
Jahre ihr Göttinger Lehramt ausüben konnten. Vor allem Riemanns geniale For-
mulierung der nichteuklidischen („Riemann’schen“) Geometrie und seine funk-
tionentheoretischen Untersuchungen (mithilfe der so genannten „Riemann’schen
Blätter“!), aber auch die innovative Behandlung hydrodynamischer und akusti-
scher Probleme haben die mathematische und die physikalische Forschung seither
entscheidend befruchtet. 1886 wurde ein zweiter mathematischer Lehrstuhl für
den am 25. April 1849 in Düsseldorf geborenen Felix Klein eingerichtet, der sich
nach der Bonner Promotion im Sommer 1870 bei Camille Jordan in Paris fortge-
bildet und dort mit seinem norwegischen Freund Sophus Lie die Anfangsgründe
der Gruppentheorie gelernt hatte. Beiden gelang unmittelbar darauf ein neuer
Zugang zur Geometrie mit Hilfe der Gruppen- und Invariantentheorie, den Klein
mit seinem „Erlanger Programm“ von 1872 eröffnete – dort erhielt er seine erste
Professur, ab 1875 lehrte er an der Technischen Hochschule in München und ab
1880 an der Universität Leipzig.
Kleins große mathematische Produktivität ließ allerdings schon vor der Göttin-
ger Zeit nach. Der neue Ordinarius wandte sich dort vornehmlich der mathemati-
schen Behandlung physikalischer Probleme zu – etwa der Kreiseltheorie (mit
154 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Sommerfeld) und später auch der allgemeinen Relativitätstheorie. Seine Meister-


schülerin Emmy Noether, die Tochter eines Erlanger Kollegen und Schwester von
Fritz Noether, fand 1918 den eigentlichen Zusammenhang zwischen den Symme-
trieeigenschaften physikalischer Systeme und den Erhaltungssätzen, die in ihnen
gelten. Das „Noether’sche Theorem“ würde später auch in der Quantentheorie
eine ungeheure Fruchtbarkeit entfalten. Den größten Einfluss auf die Entwicklung
der theoretischen Physik aber übte Klein durch zwei sehr erfolgreiche Aktionen
aus: die Herausgabe der Encyklopädie der mathematischen Wissenschaften und
die Einrichtung der Göttinger Lehrstühle für angewandte Physik, nämlich für
Hydrodynamik (Prandtl), Elektrizität (Hermann Simon) und Geophysik (Emil
Wiechert) sowie für angewandte Mathematik (Carl Runge). Der Erbe des Gauß-
Riemann’schen Lehrstuhles aber wurde der am 23. Januar 1862 in Königsberg
geborene David Hilbert, den Klein 1895 aus dessen Geburtstadt – wo er bei Ferdi-
nand Lindemann 1885 promoviert und 1893 auch dessen Ordinariat an der Uni-
versität Königsberg übernommen hatte, als dieser die Münchener Professur erhielt
– nach Göttingen holte.
Natürlich hatte sich Hilbert bereits durch bedeutende wissenschaftliche Leis-
tungen ausgezeichnet, namentlich durch den monumentalen Bericht über die
„Theorie der algebraischen Zahlkörper“, den er im Auftrag der Deutschen Ma-
thematiker-Vereinigung anfertigte und schließlich 1897 publizierte.9 Zwei Jahre
nach dem „Zahlbericht“ gab der neue Professor sein nächstes, noch Einfluss rei-
cheres Werk heraus, das er zur Einweihung des Göttinger Denkmals für Gauß
und Weber verfasste. In den Grundlagen der Geometrie (Hilbert 1899) verschärf-
te er das besondere systematische Vorgehen des altgriechischen Mathematikers
Euklid und erweiterte es auf die „nichteuklidischen Geometrien“. Das heißt, er
formulierte die „axiomatische Methode“ hier ebenso logisch vollständig wie klar,
indem er ganz allgemein die Begriffe der räumlichen Objekte und ihrer Bezie-
hungen einführte und zudem die drei Bedingungen von Konsistenz, Unabhängig-
keit und Vollständigkeit der geometrischen Axiome forderte. Dieses Verfahren
bildete von nun an den Leitfaden für sein späteres Werk, nach dem er andere
Gebiete der Mathematik und sogar solche der theoretischen Physik behandelte.10
Die Axiomatik spielt auch eine wesentliche Rolle im Hauptvortrag, zu dem ihn
die Organisatoren der des Internationalen Mathematiker-Kongresses einluden und
der im August 1900 anlässlich der Weltausstellung in Paris abgehalten wurde. Im
Briefwechsel mit Herman Minkowski, dem engen früheren Studienfreund und
Kollegen, entstand die Idee, durch die Vorstellung wichtiger bisher ungelöster

9
Eine ausgezeichnete Zusammenfassung von Hilberts mathematischen Leistungen findet man im
Nachruf seines Meisterschülers Hermann Weyl: Obituary David Hilbert 1862–1943. American
Mathematical Society. Yearbook 1944, S. 387–395 (wiederabgedruckt in H. Weyl: Gesammelte
Abhandlungen, Band IV. Springer-Verlag, Berlin, S. 121–129). Zu Hilberts Biographie siehe
auch Reid 1970.
10
Seit 1939 versuchte eine französische Mathematikerschule in Paris unter dem Decknamen
„Nicolas Bourbaki“ Hilberts Methoden in allen mathematischen Disziplinen durchzuführen, viel
strenger und systematischer, aber oft auch formaler und weniger lebendig als ihr deutsches
Vorbild.
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 155

„Mathematischer Probleme“ den „Schleier zu lüften, unter dem die Zukunft ver-
borgen liegt, um einen Blick zu werfen auf die Fortschritte unserer Wissenschaft
und die Geheimnisse ihrer Entwicklung während der künftigen Jahrzehnte“ – wie
er seinen Bericht einleitend vermerkte (Hilbert 1901, S. 44). In dem später publi-
zierten Manuskript umriss er klar 23 solche Probleme, von denen er in Paris frei-
lich nur zehn vorführen konnte, und deutete mögliche Schritte an, wie man ihre
Lösung vielleicht erreichen würde. Die Schwierigkeit der von Hilbert gestellten
Aufgaben zeigte sich gleich im ersten Problem, der Frage, ob zwischen einer
„abzählbaren Menge“ und dem „Kontinuum“ Georg Cantors weitere wohl defi-
nierte Mengen existierten. Mit dem zweiten Problem, der Widerspruchsfreiheit
der arithmetischen Axiome, schlug sich der Autor lebenslang selbst herum, unter
anderem in heftiger Auseinandersetzung mit der konkurrierenden „intui-
tionistischen Methode“ seines holländischen Widersachers Luitzen Jan Egbertus
Brouwer. Als schließlich Kurt Gödel mit einem 1931 aufgestellten logistischen
Theorem die Vollständigkeit der Axiome im ursprünglichen Hilbert’schen Sinn
erschütterte, musste Hilbert freilich seine strengen Bedingungen abschwächen.
Die anderen Probleme besaßen vielleicht nicht den Tiefgang der ersten beiden,
wurden aber in den folgenden Jahrzehnten von einer ganzen Generation von Ma-
thematikern aufgegriffen. Jede dieser Lösungen erhob den erfolgreichen Mathe-
matiker in eine Art „Ehrenklasse“, als ersten Hilberts Doktoranden Max Dehm,
der bereits 1901 die dritte Aufgabe erledigte.11
Hilbert selbst löste noch einige seiner Probleme, aber besonders gründete er,
der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zum bedeutendsten Mathematiker
seiner Zeit aufstieg, in Göttingen eine machtvolle Schule, die Studenten aus vieler
Herren Ländern anzog. Von den 50 Dissertationen, die von 1898 bis 1916 unter
seiner Leitung entstanden, haben über ein Drittel Ausländer – darunter bemer-
kenswerter Weise einige weibliche Kandidaten! – abgeliefert. Außer über
Deutschland – unter seinen Schülern befanden sich hier etwa Richard Courant,
Alfred Haar, Erich Hecke und Hermann Weyl – und Mitteleuropa erstreckte sich
der Einfluss des großen Forschers und Lehrers vor allem auf den mathematischen
Nachwuchs der Vereinigten Staaten von Amerika. Andererseits machte ihn ein
schwedischer Gast im Seminar des Wintersemesters 1900/1901 mit einer Untersu-
chung seines Landsmanns Erik Ivar Fredholm zur Theorie der linearen Integral-
gleichungen bekannt. Diese erschloss dem Professor ein neues Arbeitsgebiet für
das nächste Jahrzehnt. Hilbert tauchte mit der ihm eigenen, „ausschließlichen und
gespannten Intensität“, die ihn bei früheren Arbeiten ausgezeichnet hatte, in die
Theorie Fredholms, „als diene die ganze Mathematik nur zur Vorbereitung oder
Anwendung der Integralgleichungen“ (Weyl 1932, S. 56). In sechs umfangrei-
chen, von 1904 bis 1910 publizierten Abhandlungen entrollte er unter dem Titel
„Grundlagen einer Theorie der linearen Integralgleichungen“ das vollständigste
Bild eines Gebietes und seiner Anwendungen, die weit über alle bisherigen

11
L. Bieberbach: Über den Einfluß von Hilberts Pariser Vortrag über „Mathematische Proble-
me“ auf die Entwicklung der letzten dreißig Jahre. Naturwissenschaften 18, 1101–1111 (1930),
bes. S. 1109.
156 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Ansätze und Ergebnisse hinaus schritten (zusammengefasst in Hilbert 1912).


Neben Problemen der Randwert- und Potentialtheorie behandelte er – wie schon
Fredholm – die Frage der Eigenschwingungen, welche bei der Lösung partieller
Differentialgleichungen auftraten. Er entwickelte dann systematisch die allgemei-
ne Theorie der Hauptachsen- oder orthogonalen Transformationen unendlicher
bilinearer Formen mit besonderen Integralkernen, wobei er zugleich die Bezie-
hung zu der entsprechenden Aufgabe mit unendlichen Matrizen aufzeigte, die
übrigens den Ausgangspunkt der Fredholm’schen Untersuchung gebildet hatte.
Schließlich führte Hilbert das Problem, lineare Integralgleichungen oder entspre-
chende partielle Differentialgleichungen zu lösen, auf die ihm so geläufige Inva-
riantentheorie zurück. Auch eine Reihe von Schülern und Mitarbeitern, voran
Erhard Schmidt – der in seiner Doktorarbeit und anschließenden Publikation den
zentralen, wunderbar anschaulichen Begriff des „Hilbert-Raumes“ (Schmidt 1908)
schuf – sowie das Dreigestirn Ernst Hellinger, Otto Toeplitz und Richard Courant
aus Breslau leisteten wichtige Beiträge zu Hilberts Programm der Integralglei-
chungstheorie. Zur Entspannung, möchte man fast sagen, packte der Professor das
bekannte „Waring’sche Problem“ in der Zahlentheorie an. Die Lösung, die er am
8. Februar 1909 in der Göttinger Akademie vortrug, widmete er Hermann Min-
kowski zum Gedächtnis, der am 12. Januar nach einem Blinddarmdurchbruch im
Alter von 44 Jahren verstorben war.
Im Nachruf auf den am 12. Januar nach einer Blinddarmentzündung verstorbe-
nen Freund sagte Hilbert: „Er war mir ein Geschenk des Himmels, wie es nur
selten jemand zuteil wird, und ich muß dankbar sein, daß ich es so lang besaß.“12
Er hatte den am 22. Januar 1865 im russischen Alexoten geboren Freund, der in
Königsberg aufwuchs und studierte, im Jahr 1902 als zusätzlichen, dritten Kolle-
gen auf ein Mathematikordinariat nach Göttingen holen können, nachdem er selbst
einen Ruf nach Berlin abgelehnt hatte. Es begann dann eine goldene Zeit frucht-
barsten Austausches wissenschaftlicher Ideen zwischen dem Dioskurenpaar – „er
und David Hilbert waren der Kastor und Pollux der mathematischen Welt“ (Born

12
D. Hilbert: Hermann Minkowski. Wiederabdruck in Hilbert: Gesammelte Abhandlungen,
Band 3, J. Springer, Berlin 1935, S. 339–364. Minkowskis Familie war aus Russland vertrieben
worden. Als Frühbegabter absolvierte er bereits Ostern 1880, also mit 15 Jahren, das Gymnasium
und beendete sein Studium in Königsberg und Berlin (drei Semester bei den dortigen Koryphäen
Leopold Kronecker, Ernst Kummer und Karl Weierstrass, wobei er auch bei Hermann von
Helmholtz und Gustav Kirchhoff Physikvorlesungen hörte) 1885 mit der Königsberger Disserta-
tion. Deren Grundlage bildete die von der Pariser Akademie mit dem „Grand Prix des sciences
mathématiques“ ausgezeichnete Lösung der Preisfrage von 1881, in der der deutsche Student
gezeigt hatte, dass man jede ganze Zahl als Summe von fünf Quadraten ebenfalls ganzer Zahlen
ausdrücken konnte. Der Pariser Professor Camille Jordan hatte den Preisträger zusätzlich ermun-
tert: „Arbeiten Sie weiter, ich bitte Sie, um ein großer Geometer zu werden!“ Minkowski schuf
in der Tat in den nächsten beiden Jahrzehnten die Theorie, die er selbst „Geometrie der Zahlen“
nannte. Insbesondere führte er darin die so genannte „Minkowski’sche Geometrie“ ein, welche
durch die Eigenschaft charakterisiert wird, dass in jedem ihrer Dreiecke die Summe der Längen
zweier Seiten stets die Länge der dritten übersteigt. Seine akademische Laufbahn führte ihn dann
über die Habilitation (1887) und eine außerordentliche Professur in Bonn (1892) und in Königs-
berg (1894, 1896 Ordinarius) schließlich 1896 als Professor an die Eidgenössische Technische
Hochschule in Zürich, wo er auch den jungen Albert Einstein unterrichtete.
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 157

1975, S. 124) –, in dem beide sich in glänzender Weise ergänzten. Minkowski, der
sich früher in Bonn bei Heinrich Hertz „ganz der Magie Physik ergeben“ und „zu
Hause Thomson, Helmholtz und Konsorten“ studiert hatte, wandte sich nun –
völlig im Einklang mit den Absichten Felix Kleins – der physikalischen Theorie
zu. Das heißt er trug über ihre Probleme im Seminar vor, das er zusammen mit
Hilbert organisierte, behandelte in Vorlesungen nicht nur spezielle mathematische
Themen, sondern gab etwa auch einen Spezialkurs über die Theorie der Wärme-
strahlung (im Sommersemester 1907) oder verfasste einen Beitrag über die „Ka-
pillarität“ für Kleins Encyklopädie. „Am nachhaltigsten fesselten Minkowski die
modernen elektrodynamischen Theorien, die er mehrere Semester hindurch mit
mir gemeinsam betrieb, insbesondere in Vorträgen, zu denen das von ihm und mir
geleitete Seminar Anlaß bot“, erinnerte Hilbert im Nachruf, und er fügte hinzu:
„Die letzten Schöpfungen Minkowskis entsprangen diesem Studium, denn er hatte
für die nächsten Semester Vorlesungen und Seminare über Elektronentheorie
geplant“.(Hilbert 1935, S. 356 und 364) Angeregt durch die Ideen von Hendrik
Lorentz und Albert Einstein, fand der Göttinger Mathematiker jedenfalls einen
eigenen Weg zur Relativitätstheorie, den er in einem viel beachteten Vortrag am
28. September 1908 auf der Kölner Naturforscherversammlung einem großem
Publikum unter dem Titel „Raum und Zeit“ erläuterte. Hier vermittelte er den
gespannt und begeistert mitgehenden Hörern den physikalischen Inhalt dieser
Theorie, vor allem aber ihren eigentümlichen, tief geometrischen Geist, nach den
einleitenden prophetischen Worten: „Von Stund an sollten Raum für sich und Zeit
für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Art Union der beiden
soll Selbständigkeit bewahren.“ (Minkowski 1909, S. 104).
Der Tod des engsten Freundes traf Hilbert persönlich zutiefst. Er machte alle
gemeinsamen Pläne zunichte, die die Physik betrafen. Hatte doch Hilbert im 6.
Pariser Problem die mathematische Behandlung der Axiome der Physik gefordert,
und seit Minkowskis Ankunft in Göttingen waren beide auch mit verschiedenen
physikalischen Theorien eingehend beschäftigt und hatten über sie Semesterkurse
abgehalten. So las Minkowski im Sommer 1904 die „Mechanik der Kontinua“, im
Winter 1904/05 führten beide Übungen über fortgeschrittene mechanische Prob-
leme durch, und im Sommer 1905 hielten sie das gemeinsame „Seminar über
Elektronentheorie“ ab. Im Sommer 1906 und dem darauf folgenden Winter
1906/07 war Hilbert mit Vorlesungen über „Kontinuamechanik“ an der Reihe, im
nächsten Sommer wieder Minkowski mit der bereits genannten „Wärmestrah-
lung“. Der Winter 1907/08 brachte schließlich ein gemeinsames „Seminar über
partielle Differentialgleichungen der Physik“.
Als Minkowskis verwaister Lehrstuhl durch den Zahlentheoretiker Edmund
Landau besetzt wurde, führten die beiden Göttinger Mathematiker das Seminar
zwar zunächst gemeinsam weiter, aber der neue Ordinarius interessierte sich ei-
gentlich gar nicht für die Probleme der mathematischen Physik. Hilbert, der über-
zeugt war, dass Physik viel zu schwer für Physiker und daher auch eine Aufgabe
für Mathematiker sei, musste nun allein das mit Minkowski eingeschlagene Pro-
gramm vertreten. Er unterstützte es durch zwei Aktionen, zum einen die so ge-
nannten „Wolfskehlwochen“ an der Universität, in denen hervorragende Gäste
158 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

über wichtige neue physikalische Entwicklungen vortrugen, und zweitens durch


die Bestellung eines persönlichen „physikalischen Assistenten“. Bereits 1906 hatte
nämlich der Darmstädter Mathematiker Paul Wolfskehl der Göttinger Königlichen
Gesellschaft der Wissenschaften 100 000 Mark gestiftet, welche die erste Person
erhalten sollte, die in den nächsten 100 Jahren Fermats letztes Theorem beweisen
würde.13 Hilbert weigerte sich, selbst eine solche Lösung zu suchen, mit den Wor-
ten: „Warum soll ich die Gans töten, die goldene Eier legt.“ Er dachte stattdessen
daran, die 5000 Mark an jährlichen Zinsen viel geeigneter für die Vorstellung vor
allem der neuesten physikalischen Gebiete zu verwenden. Die erste Einladung
erging an den französischen Kollegen Henri Poincaré, der im März 1909 sechs
Vorträge über mathematische Themen hielt.14 Im Oktober 1910 sprach dann der
holländische Physiker Hendrik Lorentz, wie Pioncaré ein Vorbereiter von Einstein
und Minkowski, über Probleme der Strahlungstheorie und der Relativitätstheorie.
1911 ging ein Teil der Wolfskehlzinsen als Preis an den Mathematiker Ernst Zer-
melo für seine Ideen, die Mengenlehre axiomatisch aufzubauen. Im Jahr 1912
berichtete dann Arnold Sommerfeld über Fortschritte in seinem Fachgebiet, u. a.
über die eben am Münchner theoretischen Institut entdeckten Interferenzen bei der
Beugung von Röntgenstrahlen an Kristallen. Schließlich organisierte Hilbert im
April 1913 mit Wolfskehl-Geldern den so genannten „Kinetischen Gas-Kongreß“,
auf dem die Experten der Atomtheorie der Materie, darunter Peter Debye, Hendrik
Lorentz, Walther Nernst, Max Planck, Marian von Smoluchowski und wiederum
Arnold Sommerfeld vortrugen. Der 1. Weltkrieg durchbrach die Internationalität
der Vortragsserien, obwohl Hilbert sich gerade zuvor vom preußischen Erzie-
hungsministerium zusätzliche Finanzmittel besorgt hatte, um jährlich für je einen
Monat auswärtige Gastprofessoren einzuladen. Als erster solcher war Peter Debye
vorgesehen, aber er erhielt gleich einen ganzen Lehrstuhl, weil Woldemar Voigt
auf den seinen verzichtete und sich mit einer persönlichen Professur zugunsten des
vielseitigen Sommerfeld-Schülers begnügte.15
Um auch selbst – in Erfüllung seines oben zitierten Spruches – in den Fortgang
der Physik aktiv eingreifen zu können, bat Hilbert Sommerfeld, ihm jeweils einen
seiner frisch promovierten Studenten auf ein Jahr nach Göttingen als physikali-
schen Berater und Assistenten zu schicken. Als erster traf Paul Ewald 1912 ein,
später kam Alfred Landé, der allerdings Ende 1914 zum Kriegsdienst beim Roten
Kreuz einrücken musste. Damals stand aber bereits der neue Kollege Debye zur
Verfügung, der fortan mit Hilbert das Seminar über die „Struktur der Materie“

13
Der französische Mathematiker Pierre de Fermat sprach 1637 die Vermutung aus, zu der er
selbst auch beigetragen hatte, dass es kein ganzes Zahlenquadrupel x, y, z und n > 2 gäbe, das die
Gleichung xn + y2 = zn erfüllt.
14
Poicaré sprach u. a. über die Fredholm’sche Integralgleichungstheorie, zu der er selbst auch
beigetragen hatte, und deren Anwendung auf die Beschreibung der Gezeiten und der Hertz’schen
Wellen sowie über „La mécanique nouvelle“ – er hielt nur den letzten, der Relativitätstheorie (zu
deren Pionieren er selbst zählte) gewidmeten Vortrag in französischer Sprache.
15
In der Zeit des Ersten Weltkrieges hielten übrigens Albert Einstein (1915), Gustav Mie (1917)
und Max Planck (1917) und Marian von Smoluchowki (1916) Vorträge im Rahmen des
Wolfskehl-Programms.
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 159

organisierte. Andererseits hatten Hilberts eigene Bemühungen in der theoretischen


Physik längst eingesetzt, denn schon 1912 publizierte er einen Aufsatz über die
„Begründung der kinetischen Gastheorie“ und einen zweiten zur „Begründung der
elementaren Strahlungstheorie“, dem weitere Beiträge zum selben Thema folg-
ten.16 Als den Höhepunkt seiner Bemühungen präsentierte der Mathematiker am
20. November 1915 schließlich eine große Abhandlung mit dem anspruchsvollen
Titel „Die Grundlagen der Physik“, an der er seit Jahren gearbeitet hatte (Hilbert
1915). 17 Hier versuchte er, Einsteins bisherige Ansätze für eine relativistische
Gravitationstheorie zu vereinen mit seinem eigenen Plan, die elektrodynamischen
Untersuchungen Minkowskis auf eine allgemeinere Basis zu heben. Dabei berück-
sichtigte er die seit 1912 veröffentlichten Ideen des Greifswalder Professors Gus-
tav Mie, eine elektrodynamische Feldtheorie der Materie zu schaffen (Hilbert
1915). Während Hilbert die innovativen Vorstellungen der Physiker durchaus
bewunderte, hoffte er selbst, ihre Theorien durch sein bewährtes mathematisches
Verfahren wesentlich ausbauen zu können. Jedenfalls bemerkte er in seiner neuen
Arbeit: „Ich möchte im Folgenden – im Sinne der axiomatischen Methode – we-
sentlich aus zwei Axiomen ein neues System von Grundgleichungen der Physik
aufstellen, die von idealer Schönheit sind, und in denen, wie ich glaube, die Lö-
sung der Probleme von Einstein und Mie gleichzeitig enthalten ist.“ (l.c., S. 395).
Er legte zunächst Minkowskis vierdimensionale Welt zugrunde, in der nun die
Ereignisse in jedem Weltpunkt xμ (mit μ = 1, 2,3, 4 ) durch Einsteins zehn Gravi-
tationspotentiale g μν und die vier elektrodynamischen Potentiale Aμ bestimmt
werden. Als erstes Axiom führte er „Mies Axiom“ ein, nämlich die Forderung,
dass eine „Weltfunktion H existiert“, die von den genannten Potentialen und
ihren ersten und zweiten räumlichen Ableitungen abhängen. Von dieser Funk-
tion H , die sozusagen die Hamilton’sche Funktion des Universums darstellte,
sollte man dann die physikalischen Gesetze der Gravitation und der Elektrodyna-
mik – das waren damals alle denkbaren Grundgesetze der Natur – ableiten, indem
man das Integral ∫ H gd 4 x durch Variation zu einem Minimum machte. Zum
zweiten Grundstein wählte der Göttinger Mathematiker das „Axiom der allgemei-
nen Invarianz“ der Weltfunktion gegenüber beliebigen Transformationen der
raumzeitlichen Koordinaten xμ . Mit Hilfe dieser beiden Axiome formulierte er
dann drei wichtige mathematische Theoreme, die ihm schließlich gestatteten, alle

16
In der erstgenannten Arbeit machte Hilbert von seiner Integralgleichungstheorie reichlichen
Gebrauch. Hilberts skandinavischer Student David Enskog führte diese Ansätze, die physikalisch
auf die Stoßgleichungen von Maxwell und Boltzmann aufbauten, später weiter aus. In der ande-
ren Arbeit, der Hilbert 1913 und 1914 zwei weitere folgen ließ, versuchte er die Theorie der
„Schwarzen Strahlung“, die zu Plancks Quantentheorie geführt hatte, auf eine axiomatische
Basis zu stellen. Allerdings kritisierte der Breslauer Physikordinarius Ernst Pringsheim, einer der
experimentellen Pioniere des Planck’schen Strahlungsgesetzes, seine Darstellung erbittert mit
physikalischen Argumenten.
17
Einstein trug vorher in seinen Göttinger „Wolfskehl“-Vorlesungen am 28. Juni und
5. Juli 1915 seine neuen, seit dem Beginn des Jahres entwickelten Ideen zur endgültigen „Allge-
meinen Relativitätstheorie“ vor. Er schrieb anschließend am 9. Juli 1915 an Sommerfeld: „In
Göttingen hatte ich die große Freude, alles bis ins Einzelne verstanden zu sehen. Von Hilbert bin
ich ganz begeistert. Ein bedeutender Mann.“
160 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

14 Bewegungsgleichungen für die Potentiale abzuleiten. Die zehn Gleichungen für


die g μν erwiesen sich dann als identisch mit Einsteins gerade anvisierten Gravita-
tionsgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie, die restlichen vier elektro-
dynamischen Gleichungen Hilberts gaben ein Verallgemeinerung der Max-
well’schen Gleichungen an.18 Der ältere Kollege Felix Klein betrachtete daher die
Abhandlung seines Kollegen, die dieser durch eine zweite, im Dezember 1916
eingereichte, ergänzte, als die glänzendste Bestätigung seines „Erlanger Pro-
gramms“ von 1876. In einer Note von 1917, die Hilberts Ergebnisse übersichtli-
cher beschrieb, und zwei Untersuchungen zur Allgemeinen Relativitätstheorie von
1918 beteiligte sich Klein zum letzten Mal selbst an der theoretischen Physik. Den
Schlussstein zu einer Entwicklung, die mit Bernhard Riemanns prophetischem
Habilitationsvortrag von 1854 angefangen hatte, setzte dann allerdings Kleins
Meisterschülerin Emmy Noether, die im selben Jahr nach ihr benannte Theorem
veröffentlichte, das endgültig die Beziehungen zwischen den physikalischen und
den Symmetrieeigenschaften regelte (E. Noether 1918).
Aber nicht nur Hilbert, auch eine Reihe seiner Doktoranden bearbeiteten physi-
kalische Probleme. Am meisten tat sich darin ein Schüler hervor, der später ein
großer theoretischer Physiker auf vielen Gebieten werden sollte. Der physikalische
Assistent Ewald erinnerte sich Jahrzehnte später, dass Hilbert ihm 1912 die Auf-
gabe stellte herauszufinden, wie viele elastische Konstanten maximal in einem
Kristall vorkommen, und bemerkte dazu im SHQP-Interview: „Einige Jahre später
wurde das gesamte Problem, welches die Kristallphysik 50 Jahre lang aufhielt,
von Max Born gelöst.“ Er führte damit den bedeutendsten Schüler ein, den Hilbert
für die theoretische Physik ausbildete. Der damalige Göttinger Privatdozent Born
stammte aus einer in Preußen zu akademischen Ehren aufgestiegenen Familie:
Sein Großvater Marcus Born war der erste jüdische Arzt in Schlesien gewesen,
sein Vater Gustav brachte es bereits zum Professor der Anatomie an der Universi-
tät von Breslau, wo Max am 12. Dezember 1882 zur Welt kam. Er verlor seine
Mutter Margarethe, geborene Kaufmann, frühzeitig, bekam aber 1890 eine ebenso
verständnisvolle wie kunstsinnige Stiefmutter in Martha, geb. Lipstein. Nach dem
Besuch des Gymnasiums begann Max Born im Frühjahr 1901 an der Universität
seiner Heimatstadt ein breit angelegtes naturwissenschaftlich-mathematisches
Studium. Besonders zog ihn die Astronomie – und das Arbeiten im alten, ehrwür-
digen Observatorium – an. Aber auch die Vorlesungen des Mathematikprofessors
Jakob Rosanes über lineare Algebra interessierten ihn, weniger allerdings die
langweiligen Darstellungen der Physik durch den alten Ordinarius Oskar Emil
Meyer. Wie es damals der Brauch war, wechselte Born auch an andere Universitä-
ten. Das Sommersemester 1902 verbrachte er in Heidelberg, wo er dem späteren
Freund und Kollegen James Franck begegnete, und der folgende Sommer fand ihn
am Züricher Eidgenössischen Polytechnikum, wo er beim Mathematiker Adolf
Hurwitz Vorlesungen hörte. Als ihm Hurwitz und seine Mitstudenten aus Breslau,

18
Es ist bemerkenswert, dass Hilbert wenige Tage, bevor Einstein selbst am 25. November 1915
in der Berliner Akademie seine endgültigen Gravitations-Gleichungen verkündete, der Göttinger
Akademie dasselbe Ergebnis vorlegte.
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 161

Otto Toeplitz und Ernst Hellinger, damals die Universität Göttingen als „das
Mekka der Mathematik“ empfahlen, gab ihm Martha Born eine Empfehlung an
den ihr bekannten Hermann Minkowski mit.
„Mein wissenschaftliches Leben war von Anfang an faszinierend“, schilderte
Max Born die ersten Eindrücke von Göttingen und fuhr fort: „Ich konzentrierte
mich auf Mathematik und Physik, die von Hilbert und Voigt gelehrt wurden.“
Besonders Hilbert trug in seinen Vorlesungen stets neue Ideen vor, wie der Neu-
ankömmling sofort bemerkte. Er kam auch kam schnell mit dieser Göttinger Ko-
ryphäe in engeren Kontakt wegen der von Felix Klein eingeführte Sitte, jede Vor-
lesung über ein bestimmtes Thema von Studenten ausarbeiten und im
„Mathematischen Lesezimmer“ aufbewahren zu lassen. „In der ersten Vorlesung
bat Hilbert die Studenten mit ihren Notizen nach vorn zu kommen,“ erinnerte sich
Born und auch daran, dass etwa ein halbes Dutzend bot ihm seine Manuskripte an,
darunter auch er selbst, und: „Zu Beginn der 2. Stunde sagte er: ,Es gibt ein Manu-
skript, das alle anderen bei weitem übertrifft, und ich bitte Herrn Born die Ausar-
beitung meiner Vorlesung für mich und den Leseraum zu übernehmen.‘ “ So geriet
ein junger, glücklicher Student in den Kreis der Vertrauten „eines der mächtigsten
Gehirne“, das mit ihm „lange Diskussionen über Fehler und mögliche Verbesse-
rungen“ der Entwürfe führte, zumal der Mathematiker „gleich bei der ersten Be-
gegnung großen Gefallen“ an ihm fand.(Born 1975, S. 126–127)19 Jedenfalls ge-
noss er von Anfang seiner Göttinger Zeit im Sommer 1905 die persönliche
Freundschaft der großen Lehrer Hilbert und Minkowski, deren Vorlesungen und
Seminare er besonders liebte.20 Trotz der ausgezeichneten Beziehungen zu Hilbert
fühlte sich Born wenig zur strengen Mathematik hingezogen, und nach einem
vergeblichen Versuch bewarb er sich auch nicht weiter um ein Promotionsthema
bei ihm. Andererseits besuchte er das von Klein und Carl Runge geleitete Seminar
über Elastizitätstheorie im Winter 1904/105 und hielt dort einen Vortrag, der
Klein offenbar zu einem Brief veranlasste. „Er teilte mir mit, dass ihn die Art und
Weise, wie ich an ein Problem heranging, beeindrucke“, und deshalb habe er der
Philosophischen Fakultät vorgeschlagen, das als Thema für den akademischen
19
Die Gewohnheit, jede Vorlesung über ein bestimmtes Gebiet entweder selbst oder von einem
Studenten ausarbeiten zu lassen, übernahm Born später von seinem Lehrer Hilbert. Das war, wie
der Autor selbst noch 50 Jahre später bei Heisenberg erfuhr (der übrigens diese Tradition fort-
setzte), die beste Gelegenheit zu persönlichem Umgang und individueller Unterrichtung durch
den Professor.
20
Viel weniger konnte der Student Born mit Felix Kleins brillanten Vorlesungen anfangen, denn
„selbst wenn er sich mit physikalischen und technischen Anwendungen befasste, verloren diese
Dinge durch seine Behandlung ihre eigene Natur und wurden in Spielwiesen für mathematische
Zaubertricks verwandelt“ (Born 1975, S. 131). Schließlich sah Born die Kollegs der Physiker in
Göttingen eher als Fehlschläge an. So trug der junge Privatdozent Johannes Stark, „ein Genie in
der Bedienung von Geräten und damit verbundenen Spielereien, chaotisch“ vor, und die theoreti-
schen Vorlesungen des alten Woldemar Voigt erschienen ihm zwar klar, aber „wegen endloser
Berechnungen doch ziemlich langweilig und weitschweifig“. Allerdings musste Born später
zugeben, dass er „sehr viel“ in den damit verbundenen „praktischen Kursen in Optik“ gelernt
habe, weil dort fortgeschrittene Studenten „auch in die ziemlich komplizierten Phänomene der
Kristalloptik, der elektromagnetischen Optik und der Spektroskopie“ eingeführt wurden. (L.c.,
S. 133–135)
162 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Preis dieses Jahres zu wählen, und „er erwarte, daß ich mich um den Preis bewer-
ben würde“, berichtete Born später. Als er zunächst ablehnte, fiel er bei Klein in
Ungnade. Schließlich ließ sich der Student doch umstimmen und setzte sich hin: er
arbeitete das Thema aus und reichte die entsprechende „Untersuchung über die
Stabilität der elastischen Linie in Ebene und Raum unter verschiedenen Grenzbe-
dingungen“ ein (l.c., S. 151). Er gewann auch den Preis und konnte auch mit die-
ser Schrift im Sommer 1906 den Doktorgrad erwerben. Das angespannte Verhält-
nis zum Göttinger „Zeus“ trieb ihn jedoch bald aus der Stadt und der Mathematik.
Nach wenigen Monaten Militärdienst im Winter 1906/07 – er wurde dann wegen
seiner Asthmabeschwerden freigestellt – ging er im April 1907 ins Ausland an die
englische Universität Cambridge, wo er die elektrodynamischen Vorlesungen
Joseph Larmors und die experimentellen Demonstrationen Joseph John Thomsons
besuchte, die ihm so gefielen, dass er am Cavendish-Laboratorium sogar die expe-
rimentellen Übungen belegte. Im Sommer 1907 kehrte er, jetzt als überzeugter
Physiker, in die Heimatstadt Breslau zurück, zeigte allerdings wenig praktisches
Geschick im Institut des neuen Experimental-Ordinarius Otto Lummer. Dagegen
eröffneten ihm die Diskussionen mit dem gleichaltrigen Rudolf Ladenburg, den er
in Cambridge kennengelernt hatte, sowie den Assistenten Clemens Schäfer (einem
Schüler Plancks) und Erich Waetzmann, insbesondere aber mit dem gerade aus
Berlin angekommenen Theoretiker Fritz Reiche (ebenfalls ein Doktorand Plancks)
neue Perspektiven. Vor allem mit Ladenburg, Reiche und Stanislaus Loria aus
Krakau studierte Born auch zum ersten Mal die publizierten Arbeiten zur Relativi-
tätstheorie, und er versuchte sie mit den Ideen zu verbinden, die er bereits 1905 in
Minkowskis Seminar gehört hatte. Als sich aus diesem Studium viele Fragen er-
gaben, wandte er sich erneut an Minkowski. Statt seine Fragen zu beantworten,
schrieb dieser zurück, dass er sich gerade mit demselben Thema beschäftige und
gern einen jungen Mitarbeiter suchte, „der etwas von Physik und besonders Optik
verstehe“. Er fragte nun Born, ob er wieder nach Göttingen kommen und dort
seine akademische Laufbahn beginnen wolle. Zunächst schlug Minkowski vor,
dass sie sich bei der kommenden Kölner Naturforscherversammlung im Septem-
ber 1908 treffen sollten, wo er dann zu seinen Fragen Stellung nehmen werde. Der
Breslauer Jungphysiker fuhr natürlich erfreut in die Stadt am Rhein und zählte zu
den begeisterten Hörern des Vortrages über „Raum und Zeit“. Er sprach mit Min-
kowski und nahm dessen Angebot an (Born 1975, S. 185–186).
Am 2. Dezember 1908 traf Born nun zum zweiten Mal in Göttingen ein. Er sah
und diskutierte mit Minkowski fast täglich über die Elektronentheorie und voll-
endete in den Weihnachtsferien seine erste theoretische Untersuchung über dieses
Thema mit dem Titel „Über die träge Masse und das Relativitätsprinzip“. Umso
größer war der Schock, den ihm der plötzliche Tod des Professors am 12. Janu-
ar 1909 bereitete. Aber nun sorgten Hilbert, Runge und Voigt dafür, dass Born
sich schon im folgenden Sommer an ihrer Universität habilitieren konnte. Im Sep-
tember des Jahres hielt er auf der Salzburger Naturforscherversammlung einen
Vortrag über die Dynamik des Elektrons, und Einstein hörte zu. Als Minkowskis
letzter Assistent wurde Born auf Hilberts Vorschlag beauftragt, die noch unveröf-
fentlichten Manuskripte des Verstorbenen über die Elektronentheorie zu bear-
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 163

beiten und herauszugeben. Mit diesen Bemühungen und eigenen Veröffentlichun-


gen zum selben Thema stieg er in den nächsten Jahren zu einem der anerkannten
Experten der Relativitätstheorie auf. So beschäftigte er sich frühzeitig mit der
relativistischen Beschreibung starrer Körper, und der berühmte amerikanische
Physikprofessor Albert Michelson – der im Sommer 1911 als Gast in Göttingen
weilte – lud ihn ein, im folgenden Jahr an der Universität Chicago Vorlesungen
über sein Fachgebiet zu halten. Trotz des äußeren Erfolges kam Born wegen der
schwierigen Probleme, die sich dem Ausbau der Relativitätstheorie entgegen stell-
ten, nur sehr langsam voran. Der Göttinger Privatdozent war nämlich wohl ein
sorgfältiger, mathematisch ausgerichteter Theoretiker, verfügte aber nicht über die
geniale Intuition, die Albert Einstein zur Allgemeinen Relativitätstheorie trieb. Als
dieser sie 1915 vollendete, konnte er sie nur bewundern, verzichtete aber darauf,
aktiv weiter beizutragen, denn er hatte sich inzwischen anderen Fragen zuge-
wandt, die den atomaren Aufbaus der Materie betrafen.
Obwohl Max Born die Quantentheorie Plancks bereits in Breslau, vor allem
durch Fritz Reiche, kennen gelernt hatte und auch im Sommer 1911 in Göttingen
Vorlesungen über Strahlungstheorie hielt, musste ihn ein Außenseiter anstoßen,
selbst über ihre Probleme zu forschen. Vor seiner Heirat mit Hedwig Ehrenberg
(im August 1913) lebte er nämlich in einer Pension zusammen mit dem Ungarn
Theodor von Kármán, einem Assistenten des Aerodynamikers Ludwig Prandtl.
Eines Tages kam dieser zu ihm und brachte eine Veröffentlichung Einsteins mit,
in der die spezifische Wärme von Festkörpern bis zu tiefen Temperaturen herab
nach der Quantentheorie berechnet wurde. Aber die neuesten Experimente bestä-
tigten dessen Formel nur teilweise, das heißt diese „beschrieb die Situation nur bei
höheren Temperaturen, aber nicht bei den tiefsten“. Daher wunderten sich die
beiden Physiker, und von Kármán notierte später an:

„Schließlich einigten wir uns darauf, dass die Unstimmigkeit in Einsteins Vorgehen lag.
Sein Ansatz war im Grunde richtig, aber zu einfach“.21

Man musste jetzt insbesondere die Struktur der Kristalle berücksichtigen, die
sie sich als ein dreidimensionales regelmäßiges Gitter aus gekoppelten Atomen
dachten, obwohl sie zu Beginn ihrer Überlegungen noch nicht die experimentelle
Bestätigung kannten, die im März 1912 den Münchner Assistenten Laue, Friedrich
und Knipping gelang.22 Bei der Lösung des dynamischen Problems von in einem
solchen Gitter gekoppelten Atome konnte nun vor allem Born voll seine mathema-
tischen Kenntnisse ausspielen. Es handelte sich dabei um die Theorie unendlicher
algebraischer Gleichungen seiner Freunde Hellinger und Toeplitz, welche an Hil-
berts Integralgleichungstheorie anknüpfte. Bevor er mit von Kármán allerdings die

21
T. von Kármán und E. Edson: The Wind and Beyond. Little, Brown &Co., Boston and Toronto
1967, S. 67.
22
In Göttingen vertrat diese These der atomaren Kristallgitter neben Voigt vor allem dessen
Schüler Erwin Madelung, der sie bereits 1909 anwandte, um die beobachteten infraroten Spek-
tren zweiatomiger Substanzen auszurechnen: Molekulare Eugenschwingungen. Nachr. Ges.
Wiss. Göttingen 1909, S. 100–106.
164 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

spezifische Wärme der Festkörper aus einer systematischen Darstellung der Atom-
schwingungen in Kristallgittern ausrechnen konnte – in der zweiten ihrer drei
publizierten Arbeiten (Born und Kármán 1913, eingereicht im November 1912) –
hörten sie von einer unabhängigen Behandlung des Problems durch Debye. Dieser
gelangte zwar zu qualitativ ähnlichen Ergebnissen, berücksichtigte allerdings die
Kristallstruktur nur teilweise. Mit Recht waren die beiden Göttinger Physiker
davon überzeugt, dass ihre Beschreibung, trotz der Publikationspriorität des Som-
merfeld-Schülers – dieser hatte seine Untersuchung der spezifischen Wärme be-
reits im Sommer eingereicht (Debye 1912) – den physikalischen Sachverhalt an-
gemessener wiedergab. Nach dem erfolgreichen Einstieg in das neue theoretische
Gebiet der Kristalle entwickelte sich Born mit einer Reihe grundlegender Untersu-
chungen bald zu dem herausragenden Fachmann. So berechnete, er vollständig die
physikalischen Eigenschaften des Diamanten (dessen Röntgenstrahldiagramme
William Henry und Lawrence Bragg in England zuvor analysiert hatten), der sich
wegen seiner einfachen Struktur – jedes Kohlenstoffatom besaß nur vier nächste
Nachbarn – am leichtesten behandeln ließ. Er löste für die acht Massenpunkte im
Grundgitter die entsprechenden 24 Bewegungsgleichungen und erhielt so das
Frequenzspektrum, die spezifische Wärme und die beiden elastischen Konstanten
(Born 1914). Dieser große Meilenstein in der kinetischen Theorie der Festkörper
überzeugte den Autor, dass er mit seinen sauberen Ansätzen alle Eigenschaften
der Kristalle auch ohne zusätzliche Hypothesen ableiten konnte. Bereits im Ju-
li 1915 beendete er sein erstes Buch, die Dynamik der Kristallgitter (Born 1915).
Dieses widmete er seinem „verehrten Lehrer David Hilbert“, der ihm ja auch er-
mutigt hatte, die mathematisch strenge kinetische Theorie der Festkörper zu schaf-
fen. Im folgenden Jahrzehnt bemühte sich Born mit seinen Studenten weiter, die-
ses Programm fortzusetzen. Die Ergebnisse daraus brachte er schließlich fast zehn
Jahre später im Encykoplädie-Artikel über die Atomtheorie des festen Zustandes
(Born 1923) und im zweiten Teil seiner am Cambridger Massachusetts Institute of
Technology im Winter 1925/26 gehaltenen Vorlesungen (Born 1926a,b).
Anfang 1914 wurde an der Universität Berlin ein zweiter Lehrstuhl für theore-
tische Physik geplant, den Max Planck seinem Schüler von Laue zudachte. Weil
dieser gerade aus Zürich an die neu gegründete Universität Frankfurt berufen
worden war und schlecht sofort wieder wechseln konnte, begnügte sich die Berli-
ner Fakultät mit einem Extraordinariat, das sie Born anbot. Der kam im Frühjahr
1915 nach Berlin und konnte das Lehramt auch während des Krieges versehen, da
er nicht zum Frontdienst taugte, sondern ersatzweise im nahen Döberitz wissen-
schaftliche Dienste für eine gerade geschaffenen Abteilung der „Artillerie-Prü-
fungskommission“ leisten konnte – diese stand übrigens unter der Leitung des
befreundeten Breslauer Physikers Ladenburg. In Berlin öffnete sich für Born nun
die reiche akademische Welt um die weltbekannten Gelehrten Einstein, Fritz Ha-
ber, Walther Nernst, Planck und Heinrich Rubens, die seit der Jahrhundertwende
die moderne Naturwissenschaft wesentlich mit geschaffen hatten. Besonders kam
er Einstein näher, dessen Pionierarbeiten ja auch seine eigenen theoretischen Un-
tersuchungen in Relativitäts- und Quantentheorie so befruchtet hatten. Eine le-
benslange enge Verbindung entstand, die der Schöpfer der Allgemeinen Relati-
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 165

vitätstheorie am 27. Februar 1916 mit einem Brief einleitete, in dem er schrieb:
„Heute morgen erhielt ich die Korrektur Ihrer Arbeit für die Physikalische Zeit-
schrift, die ich nicht ohne Beschämung, aber mit dem glücklichen Gefühl las, von
einem der besten Kollegen restlos verstanden und anerkannt worden zu
sein“.(EBB, S. 20)23 In Berlin erweiterte Born vor allem sein letztes Hauptarbeits-
gebiet, die kinetischen Theorie der Materie, und dehnte es auf die Behandlung von
Flüssigkeiten und Gasen aus. So gelang es ihm etwa, die Erscheinung der Doppel-
brechung atomistisch zu erklären. Auch zog er zum ersten Mal die Bohr-Som-
merfeld’schen Atommodelle heran, um spezielle Kristalleigenschaften zu berech-
nen. 1918 stellte er nämlich dabei, übrigens zusammen mit Alfred Landé, der
ebenfalls Dienst in der Artillerie-Prüfungskommission tat, fest, dass die Elektro-
nenbahnen in Atomen und Molekülen nicht in der Ebene, sondern im Raum ver-
laufen müssen. Als Max von Laue schließlich im Frühjahr 1919 doch den Berliner
Lehrstuhl annahm, wechselte Born auf dessen vorheriges Ordinariat in Frankfurt
am Main. Er erhielt dort zum ersten Mal ein Institut und erfahrene Mitarbeiter in
dem brillanten Experimentator Otto Stern (seit 1914 Privatdozent) und dem eben-
so einfallsreichen wie fleißigen Sommerfeldschüler Alfred Landé, der sich 1920
bei ihm habilitierte. Außerdem beschäftigte er sich selbst sogar etwas experimen-
tell und publizierte Ergebnisse über die freie Weglänge von Silberatomen. Trotz
der hoffnungsvollen Anfänge im Frankfurter Institut, in dem er sich auch der Un-
terstützung des ausgezeichneten Experimentators Walther Gerlach erfreuen konnte
– dieser würde schließlich mit Stern einen für die Quantentheorie bedeutsamen
Versuch ausführen – blieb Laues Nachfolger nicht lange in Frankfurt, denn Göt-
tingen lockte ihn wieder mit einer größeren Aufgabe.
Dort hatte sich seit Borns Berufung nach Berlin einiges geändert. Eduard Rie-
cke, der zweite Physikprofessor neben Peter Debye, starb 1917, und im Dezem-
ber 1919 verschied auch der alte Woldemar Voigt. Als nun Debye im Frühjahr
1920 den Ruf an die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich annahm,
bot das Preußische Staatsministerium die Nachfolge Max Born an. Dieser zweifel-
te, dass er wie sein Vorgänger experimentelle Vorlesungen halten und ein großes
Institut übernehmen könnte. Während er in Berlin über das Angebot verhandelte,
bemerkte er zufällig, dass nicht hinter Voigts Namen und Stellung – dieser hatte
nach Debyes Kommen nur ein persönliches Ordinariat behalten – die Bemerkung
stand: „Bei Tod des Inhabers zu streichen“, sondern wohl versehentlich hinter dem
Namen von Robert Wichard Pohl, der seit 1917 die Professur des verstorbenen
Eduard Riecke vertrat. Also machte Born den Ministerialbeamten aufmerksam,
dass es eigentlich nun zwei Vakanzen zu besetzen gäbe. Und „wenn sie einen
zweiten Experimentalphysiker zum Leiter von Voigts früherer Abteilung ernen-
nen“ würden, wollte er „nicht zögern, den ihm angebotenen Posten in Göttingen

23
Es handelte sich um Borns Artikel: Einsteins Theorie der Gravitation und der allgemeinen
Relativität. Physik. Z. 17, 51–69 (1916), der am 13. Februar 1916 bei der Redaktion einging.
Born veröffentlichte danach keinen Artikel mehr zu einem Problem auf diesem Gebiet, berück-
sichtigte aber die neue Theorie Einsteins in Vorlesungen, die er nach dem Ersten Weltkrieg in
Frankfurt für ein allgemeines Publikum hielt und als Buch: Die Relativitätstheorie Einsteins und
ihre physikalischen Grundlagen. J. Springer 1920.
166 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

anzunehmen“. Obwohl die Angabe in der Liste offensichtlich ein Fehler war,
stimmte man dieser schlauen Begründung zu und bat den Kandidaten für Debyes
Lehrstuhl, selbst einen Nachfolger für Voigt zu suchen. „So kehrte ich viel glück-
licher, als ich bei meiner Abreise gewesen war, nach Frankfurt zurück und über-
legte, welchen Experimentator ich empfehlen sollte“, erzählte Born in seiner Au-
tobiographie und berichtete auch seinen Vorschlag:

„Es gab verschiedene Männer meines Alters, die ich hochschätzte, doch einer von ihnen
erschien mir ohne Zweifel der beste: mein alter Freund James Franck. Die Experimente,
die er zusammen mit Hertz gemacht hatte, um Bohrs Quantentheorie der Atome zu bewei-
sen, betrachtete ich als höchst wichtig und fundamental. Ich kannte Franck seit meiner
Studienzeit und hatte ihn als überaus ehrlichen, zuverlässigen und humorvollen Menschen
sehr gern. Ich wußte auch, daß er und Robert Pohl in Hamburg die gleiche Schule besucht
hatten und gute Freunde waren, was eine reibungslose Zusammenarbeit der beiden expe-
rimentellen Abteilungen garantierte.“ (Born 1975, S. 275–76)

Es gelang ihm auch, die Göttinger Fakultät zu überreden, den Freund an die obers-
te Stelle der Berufungsliste zu setzen, und die Doppelberufung war perfekt, die der
Physik an der dortigen Universität eine neue Blüte versprach.
James Franck, der am 26. August 1862 im preußischen Altona geboren wurde,
hatte zunächst Chemie in Heidelberg (1901–02) studiert, sich aber anschließend in
Berlin auf die Physik konzentriert und 1906 bei Emil Warburg promoviert. Nach
einem Aufenthalt in Frankfurt kehrte er als Assistent von Heinrich Rubens zurück
in die Reichshauptstadt, wo er mit Robert Pohl zusammenarbeitete und sich 1911
an der Universität habilitierte. Mit dem jungen Rubens-Schüler Gustav Hertz –
einem Neffen von Heinrich Hertz – begann er 1912 eine Reihe von Experimenten
mit Gasentladungen, in der beide Zusammenstöße von Elektronen mit Atomen
studierten. Schließlich hielten beide im April 1914 beim Quecksilber inelastische
Stöße fest, falls die Elektronenenergie den Wert von 4,9 Elektronenvolt annahm,
wobei zugleich eine charakteristische Linie des Quecksilberatoms auftrat (Franck
und Hertz 1914). Die Entdecker deuteten die Erscheinung zunächst als Ionisa-
tionsenergie der Atome; aber Niels Bohr wies bald darauf hin, dass die 4,9 Elek-
tronenvolt genau der Anregungsenergie der betreffenden Quecksilberlinie nach
seiner Quantentheorie der Atomstruktur von 1913 entsprach.24 Nach zweijährigem
Kriegsdienst kehrte der schwer erkrankte Franck 1916 als Extraordinarius an die
Universität Berlin zurück. Als Leiter der physikalischen Abteilung schloss er sich
1919 dem Kaiser Wilhelm-Institut für Physikalische und Elektrochemie Fritz
Habers an. Im April 1920 begegnete er erstmals Niels Bohr, der ihn einlud, an
seinem Kopenhagener Institut ebenfalls Apparaturen für die Elektronenstoß-
Spektroskopie einzurichten. Deshalb trat er seinen Dienst an der Universität Göt-
tingen später an als der Theoriekollege aus Frankfurt, der bereits im Sommerse-
mester 1921 die neuen Amtsgeschäfte übernahm. Die Borns hatte zunächst
Schwierigkeiten, sich wieder in dem „an künstlerischen und musikalischen Attrak-

24
Mit ihren Elektronenstoß-Experimenten, die einen wichtigen Beweis für die Bohr’sche Atom-
theorie lieferten (siehe Bohr 1916, S. 410–411), gewannen Franck und Hertz 1925 den Physik-
Nobelpreis von 1925.
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 167

tionen armen Ort“ einzugewöhnen. Immerhin fand der neue Professor wenigstens
bald eine angemessene Wohnung für die wachsende Familie. 25 Er und Franck
kamen jedoch schon bald mit den Verhältnissen in der kleinen Universitätsstadt
zurecht. Sie teilten sich die Arbeit mit dem Kollegen Pohl, der zwar schon 1916
als Extraordinarius an die Universität berufen worden war, aber erst nach dem
Kriege wirklich hinkam. Schließlich war Pohl 1920 zum Ordinarius und Leiter des
„Ersten Physikalischen Institutes“ ernannt worden und hielt auch die glänzende,
große Vorlesung über Experimentalphysik. Er erforschte mit seinen Schülern vor
allem die komplizierten Prozesse bei der Lichtabsorption von Kristallen, der Pho-
tolumineszenz und der Photochemie. Freilich gab es zwischen seinem Arbeitspro-
gramm und dem von Born und Franck, die sich die Leitung des „Zweiten Physika-
lischen Institutes“ teilten, nur wenig Verbindung. Scherzhaft bezeichnete man die
Mitarbeiter der drei neuen Professoren als „Pohlierte“, „Franckierte“ und „Bor-
nierte“, wobei die wissenschaftlichen und persönlichen Beziehungen zwischen
Borns und Francks Leuten besonders herzlich ausfielen, zumal sich ihre For-
schungsinteressen vielfach überlappten.
Franck konnte außerdem sehr bald enge Verbindungen zu Kopenhagen herstel-
len. Als Anfang 1921 die Gerüchte aufkamen, Bohr arbeite an einer Theorie der
chemischen Elemente, schrieb Born dem zukünftigen Kollegen, der gerade als
Gast in Dänemark weilte:

„Lieber guter Franck, sei ein netter Kerl und schreib uns einige Worte darüber, so gut Du
es verstehst, oder bitte Bohr und Kramers, etwas deutlicher zu werden. Wir platzen sonst
vor Neugier. Bei solchen Ereignissen möchte ich gern dabei sein. Bohr ist doch ein er-
staunlicher Mensch.“26

Borns Neugier bezüglich der neuen Bohr’schen Theorie teilten auch Hilbert und
andere Kollegen in Göttingen, die den Kopenhagener Physiker schon seit Novem-
ber 1920 zu einer Reihe von Vorträgen an ihre Universität eingeladen hatten. Bohr
nahm zwar im Prinzip an, verschob aber das Kommen wegen seiner großen dama-
ligen Arbeitslast und schwachen Gesundheit von 1921 auf das folgende Jahr.
Dann wollte er endlich ausführlich über die inzwischen erreichten Fortschritte
berichten, und bis dahin mussten sich nicht nur die deutschen Freunde und Kolle-
gen gedulden.
Seit seiner Ankunft in Göttingen arbeitete Max Born an Problemen der Kris-
tallphysik weiter. Darüber hatten auch Felix Klein und Arnold Sommerfeld einen
Encyklopädie-Artikel bei ihm bestellt. Mit seinem ungarischen Assistenten Emme-
rich Brody, den er aus Frankfurt mitgebracht hatte, untersuchte er besonders ther-
modynamische Eigenschaften der Festkörper, welche sie näherungsweise als En-
sembles von Oszillatoren beschrieben. In der dynamischen Beschreibung wollten
sie über die erste Näherung der Störungstheorie hinausgehen, und sie integrierten

25
M. Born an A. Einstein, 4.8.1921 (EBB, S. 86). Siehe auch Born 1975, S. 278.
26
M. Born an J. Franck, 21.2.1921. Zitiert nach J. Lemmerich: Max Born und James Franck.
Physiker in ihrer Zeit (Ausstellungskatalog). Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin
1982, S. 46.
168 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

die Bewegungsgleichungen nach der Poincaré’schen Methode der Integralinvari-


anten für das Mehrkörperproblem mit Hilfe kanonischer Transformationen – Bro-
dy kannte sich darin gut aus. Zur Quantisierung benützten beide dann die bewährte
Methode der Phasenintegrale (Born und Brody 1921). Als im Herbst 1921 Wolf-
gang Pauli aus München von Born in Göttingen angestellt wurde, half er dem
Professor, den systematischen quantentheoretischen Formalismus für beliebige
Atom- und Molekülsysteme auszuformulieren (Born und Pauli 1922). Ansätze zu
einer solchen Methode konnten sie Niels Bohrs großer Abhandlung über die
Quantentheorie der Spektrallinien von 1918 entnehmen. Dessen Assistent Hendrik
Kramers hatte mit ihr bereits 1920 den Stark-Effekt in erster Näherung erhalten,
aber für schwierigere Aufgaben, wie für die Berechnung von Eigenschaften der
Festkörper oder der Energiezustände des Heliumatoms, reichte die erste Näherung
doch noch nicht aus. Weiterhin mussten Born und Pauli auch nicht entartete und
entartete Systeme – d. h. solche, in denen alle Energiezustände verschieden waren,
und andere, in denen einige von ihnen zusammenfallen – getrennt diskutieren.
Genauer ausgedrückt, erfüllten für entartete periodische Systeme mit f Freiheits-
grade die Frequenzen ν i 0 in nullter Näherung – d. h. ohne zusätzliche Störungen –
die Beziehung

τ 1ν 10 + τ 2ν 2 0 + …τ f ν f 0 = 0 , (3.1)

mit den ganzen Zahlen τ 1 ,τ 2, …τ f . Physikalisch gesprochen, müssten also ihre


Frequenzen linear voneinander abhängen.
Für die nicht entarteten mehrfach-periodischen Atomsysteme konnten Born und
Pauli nun sofort eine Störungsrechnung im Rahmen der Hamilton-Jacobi’schen
Theorie hinschreiben. Die Hamilton-Funktion H ließ sich als eine Potenzreihe
H = H 0 + λH 1 + λ2 H 2 + … in dem kleinen Störungsparameter λ ansetzen, und
auch die Wirkungsfunktion entsprechend, wobei das Glied nullter Ordnung eine
Summe der Produkte der f Wirkungsvariablen J k mit den ungestörten Winkelva-
riablen wk darstellte und sich die Störungsglieder S1 , S 2 ,… aus den Transforma-
tionsgleichungen in erster, zweiter oder höherer Näherung ergaben. Die erste die-
ser Gleichungen lautete
f
∂H 0 ∂S1
∑ ∂J + H 1 ( J k , wk ) = W1 . (3.2)
k =1 k ∂wk

Es folgte dann, dass sowohl die Wirkungsvariablen J k 0 (in der Quantentheorie


war J k 0 = n k h , mit nk einer ganze Zahl) als auch die Energie W0 des ungestörten
Systems mit Gliedern der Größenordnung λ korrigiert werden mussten. So bestä-
tigten Born und Pauli insbesondere auch frühere Ergebnisse von Bohr und Kra-
mers, nämlich dass sich die Energie des gestörten Systems in erster Näherung aus
der Energie des ungestörten Systems plus dem zeitlich über die ungestörte Bewe-
gung (mit der Winkelvariablen wk 0 ) gemittelten Störungsterm in der Hamilton-
Funktion zusammensetzte. Es traten also nur kleine Änderungen auf und nicht
etwa die aus der Astronomie bekannten säkularen Störungen, weil der im Stö-
3.1 Die Mathematische Tradition Göttingens, David Hilbert und Max Born 169

rungsglied S1 der Wirkungsfunktion vorkommende Nenner, nämlich die linke


Seite von Gleichung (3.1), eben nicht verschwand.
In den Fällen der Entartung genügte nun freilich der bisherige Ansatz nicht,
weil dort die Wirkungsfunktion dort von nicht von allen f Wirkungsvariablen
abhängt. Man konnte nun die Freiheitsgrade so umordnen, dass die ersten Winkel-
variablen, wα0 mit α = 1,...g < f , den nicht entarteten entsprechen, die übrigen
wα 0 mit σ = g + 1,...f den entarteten. Nun hatte bereits Bohr angedeutet, dass zur
Lösung dieses mehrfach-periodischen quantentheoretischen Problems die Metho-
den aus der klassischen Astronomie übernommen werden sollten. In dieser wurden
in einem ersten Schritt die ursprünglichen Variablen durch eine kanonische Trans-
formation mit einer charakteristischen Funktion G , mit

G = ∑ Jσ 0 wk 0 + F0 ( Jσ 0 , wσ 0 ) (3.3)
k

in neue Variable J k 0 und wk 0 umgewandelt, wobei das Glied F0 nur von den
entarteten Variablen des Systems abhing. Diese erhielt man aus einer Hamil-
ton’schen Differentialgleichung, die zu einem Problem von f − g Freiheitsgraden
gehörte, wobei man die zugehörige Hamilton-Funktion H aus der des ursprüngli-
chen Systems H durch eine Mittelung über die nicht entarteten Winkelvariablen
0
wα hervor ging.
Born und Pauli betrachteten nun nur solche entarteten Systeme, in denen sich
die Funktion F0 als Summe von Einzelgliedern Fσ 0 schreiben ließ, wobei jedes
dieser Einzelglieder nur von einer Winkelvariablen wσ 0 abhing („separierbare
Systeme“) – nicht separierbare Systeme schlossen die Autoren mit Bohr von der
Beschreibung der Atomsysteme aus. Die zugelassenen Systeme teilten sie dann in
zwei Klassen ein, je nach dem Verhalten von Fσ 0 . Falls der Differentialquotient
( Fσ 0 ∂wσ 0 ) als Funktion von wσ 0 eine geschlossene Kurve beschrieb, in der die
Winkelvariable in einem kleinen Intervall aus dem Bereich zwischen 0 und 1
schwankte, sprachen sie von „Librationen“, falls er eine offene periodische Kurve
mit der Periode 1 durchlief, von „Rotationen“. Für Systeme mit Librationen erhiel-
ten sie die neuen Winkelvariablen J σ dann aus dem Phasenintegral ∫ Jσ 0 dwσ 0 ,
für Rotationssysteme dagegen aus dem Integral ∫ Jσ 0 dwσ 0 mit den ursprünglichen
Variablen. Nun verursachten kleine Störungen mit der Störungsenergie W1 bei
entarteten Systemen jeweils große Änderungen der Ortsvariablen, veränderten
aber die vorher verschwindenden (Null-)Frequenzen ν σ 0 nur wenig, gemäß der
Gleichung

dwσ 0 ∂W1
=νσ 0 = λ . (3.4)
dt ∂Jσ 0

Das hieß, der wesentliche Unterschied zwischen entarteten und nichtentarteten


Systemen bestand in folgendem: Bei „letzteren sind die Frequenzen endlich und
die Amplituden proportional zu den störenden Kräften“, bei den entarteten „ sind
die die Amplituden endlich und die Frequenzstörungen proportional zu den stö-
renden Kräften“ (Born und Pauli l.c, S. 149). Weil die neuen Winkelvariablen wσ0
170 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

der entarteten Systeme so wieder zeitabhängig wurden, konnte man die Wirkungs-
variablen Jσ0 natürlich auch wieder quanteln, was vor der Transformation für die
ursprünglichen J σ 0 nicht zutraf.
Born und Pauli skizzierten in ihrer umfangreichen, ebenso mathematisch wie
physikalisch sorgfältig durchdachten Untersuchung dann die Aufgabe, die Quante-
lung der Atomsysteme vorzunehmen, falls auch die höheren Störungen H 2 und
H 3 ebenfalls eine Rolle spielen. Sie zeigten, dass man dann ebenso weiter verfah-
ren konnte wie bei den nichtentarteten Fällen und schlossen:

„1. Der säkularen Störung, die oben eingehend besprochen wurde, überlagert sich noch
eine kurzperiodische vom selben Charakter wie die Störungen eines nichtentarteten
Anfangssystems.
2. Die schon im ungestörten System g gequantelten Größen J k 0 erleiden keine säkula-
re Störung, sondern nur eine kurzperiodische.“ (l.c., S. 151)

Da diese Ergebnisse nun durchaus denen in makroskopischen, etwa astronomi-


schen Systemen entsprachen, folgerten die Autoren aus der mathematischen Se-
mikonvergenz der Störungsrechnung in der Himmelsmechanik, dass eine solche
auch in den atomaren Fällen zutreffen müsste. Darüber hinaus vermuteten sie, dass
bei hohen τ k häufige Nullstellen der Gleichung (3.1) auftreten würden, weshalb es
dann – wie bereits Henri Poincaré in den makroskopisch klassischen Fällen ge-
zeigt hatte. Es wäre also auch hier gleichermaßen nicht mehr möglich, die Hamil-
ton-Jacobi’sche partielle Differentialgleichung durch eine Separation der Variab-
len zu integrieren. Im Falle der atomaren Systeme müsste es dann zu einer
Unschärfe der Spektrallinien kommen. Diese problematische Situation würde
vermutlich vor allem bei den Balmer-Linien in gekreuzten elektrischen und mag-
netischen Feldern und in geringerem Maße bei den Spektrallinien des Helium-
atoms eintreten. Allerdings hofften die Autoren, dass sich wenigstens letztere doch
mit der von ihnen entwickelten Störungsrechnung behandeln ließ. Da aber Pauli
Göttingen bereits im Frühjahr 1922 verließ, um bei Wilhelm Lenz in Hamburg
eine Assistentenstelle anzutreten, blieb das Heliumproblem in Göttingen einstwei-
len liegen. Freilich sollte es das Schicksal fügen, dass im Herbst des Jahres Hei-
senberg nach Göttingen kam, der sich seit einiger Zeit in Herbst 1922 in München
besonders für diese bisher ungelöste Aufgabe interessierte.
Born verfügte in den drei Anfangsjahren seiner Göttinger Professur über drei
wesentliche Helfer, die er selbst charakterisierte. Über den Privatassistenten Brody
schrieb er am 12.2.1921 an Einstein: „Das ist ein sehr kluger Mann. Er hat eine
neue, allgemeine Quantelungsmethode mit Poincaré’schen Integralinvarianten.
Vielleicht steckt dahinter etwas Richtiges.“ (EBB, S. 82). Als er im Herbst 1921
dann Dr. Wolfgang Pauli als offiziellen Assistenten einstellte, der vor allem die
Atom- und Molekülstrukturen behandeln wollte, erkannte er schnell dessen her-
vorragende Begabung und Nachteile, wie er sich später erinnerte:

„Pauli wurde mir von Sommerfeld in München empfohlen. Er war ein Wunderkind [in der
Relativitätstheorie]. Doch als Pauli zu mir kam, beherrschte er alle anderen Zweige der
theoretischen Physik ebenso gut. Ich erinnere mich, daß Pauli selbst in der schönsten
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 171

majestätischen Berglandschaft über physikalische Probleme diskutierte. Eine geistige Ent-


spannung war in der Gesellschaft dieses dynamischen Menschen nicht möglich. Wir ar-
beiteten zusammen an subtilen Problemen der Störungstheorie und ihrer Anwendung auf
die Quantentheorie, und ich lernte eine große Menge von ihm – gewiß mehr als er von
mir. Doch war er mir bei meiner Lehrtätigkeit keine große Hilfe. Ich litt zu dieser Zeit an
Asthmaanfällen und mußte manchmal einen oder zwei Tage im Bett bleiben. Dann sollte
Pauli meine von 11 bis 12 Uhr mittags dauernde Vorlesung halten. Doch er neigte dazu,
es zu vergessen, und wenn ich um halb elf unser Dienstmädchen zu ihm schickte, schlief
er meistens noch tief.“ (Born 1975, S. 290–291)

Pauli war eben ein Nachtmensch. Die Situation änderte sich aber erheblich für
Born mit dem dritten Mitarbeiter in Göttingen, den Pauli selbst empfohlen hatte,
und der Göttinger Theoriechef schilderte ihn später so:

„Dieser kam ebenfalls aus Sommerfelds Schule und war nicht weniger ein Wunderkind. Er
arbeitete zu jener Zeit an seiner Dissertation über ein Problem der Hydrodynamik. Som-
merfeld riet ihm, mein Angebot anzunehmen, damit er noch ein wenig andere wissen-
schaftliche Luft atmete. Als er ankam, sah er aus wie ein Bauernjunge, mit kurzem blonden
Haar, klaren hellen Augen und einer charmanten Miene. Er nahm seine Pflichten als Assis-
tent ernster als Pauli und war mir eine große Hilfe. Seine unglaublich rasche Auffassungs-
gabe befähigte ihn, eine ungeheure Menge Arbeit ohne große Anstrengung zu leisten; er
stellte seine Dissertation fertig, arbeitet teils allein, teils mit mir an atomaren Problemen
und half mir, meine Forschungsstudenten zu beaufsichtigen.“ (Born 1975, S. 292)

Obwohl Heisenberg zunächst nur als ein fortgeschrittener Student und nicht als
Assistent Borns von München nach Göttingen kam, wuchs er bald in die Rolle
eines wertvollen Mitarbeiters hinein und veranlasste vor allem den Professor,
endlich tiefer in die aktuellen Probleme der Atommechanik einzudringen.

3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen


um das Heliumproblem (Winter 1922/23)

Die wesentlich mathematische Atmosphäre, die in seinem neuen Lehr- und Stu-
dienort Göttingen vorherrschte, fühlte der eben angekommene Werner Heisenberg
sofort. Allerdings hatte er auch selbst geplant, sich dort im Wintersemester
1922/23 im Wesentlichen der Vertiefung seiner mathematischen Kenntnisse zu
widmen. Er belegte aber offiziell nur zwei Kollegstunden in der Woche bei dem
Doyen der Mathematik David Hilbert, sicher dessen Vorlesung über „Mathema-
tische Grundlagen der Quantentheorie“, die eigentlich eine physikalische Disziplin
betraf. 27 Die Zusammensetzung des Lehrkörpers in der Mathematik hatte sich
freilich seit Ende des Krieges ziemlich geändert. Konstantin Carathéodory, der ab
1911 den überarbeiteten und gesundheitlich angeschlagenen Felix Klein entlastet

27
W. Heisenberg an August Heisenberg, 16.11.1922 (EB, S. 46). Hilbert kündigte für das Win-
tersemester 1922/23 drei Vorlesungskurse an, neben den oben genannten beiden auch „Wissen
und mathematisches Denken“, 1-stündig, sowie „Grundlagen der Arithmetik“ (mit Paul Bernays,
2-stündig).
172 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

hatte, war 1918 nach Berlin berufen worden, und der Hilbert-Schüler und Privat-
dozent Erich Hecke ersetzte ihn nur ein Jahr lang, ehe er selbst eine Professur an
der neuen Universität Hamburg annahm. Für ihn holten die Göttinger Richard
Courant, der am 8. Januar 1888 im oberschlesischen Lublinitz geboren war und
zuerst in Breslau studiert hatte, ehe er den Kommilitonen Toeplitz und Hellinger
zu Hilbert folgte, wo er 1910 mit einer Dissertation über das Dirichlet’sche Prinzip
promovierte und sich nach dem einjährigen Militärdienst 1912 in Göttingen habili-
tierte. Im 1. Weltkrieg wurde er schwer verwundet, 1918 kehrte er zunächst an
seine Universität zurück, an der er, nach einjährigem Intermezzo als Professor der
Universität Münster, in Göttingen endgültig ein Ordinariat bekam. In vieler Hin-
sicht galt Courant als der ideale Nachfolger Kleins, denn er war vor allem in der
Organisation seines Faches ebenso befähigt wie dieser. So überredete er z. B. den
Berliner Verleger Ferdinand Springer, eine neue Reihe mathematischer Monogra-
phien herauszugeben, „Die Grundlehren der mathematischen Wissenschaften in
Einzeldarstellungen“, deren erster Band im Jahr 1921 erschien und die bis 1924
bereits auf 17 Bände anwuchs, darunter als zwölfter der erste Teil von Courant
und Hilberts Methoden der Mathematischen Physik (1924). Courant verfasste den
Text dieses für die theoretische Physik so wegweisenden Werkes, das auf Vorle-
sungen seines Lehrers fußte und Themen wie Reihenentwicklungen willkürlicher
Funktionen, die Variationsrechnung, Schwingungs- und Eigenwertprobleme und
natürlich die Theorie der linearen Integralgleichungen und die mit ihre äquivalen-
ten Eigenwertprobleme ausführlich darstellte.28 Weiterhin richtete er ein „mathe-
matisches Anfängerpraktikum“ für die Studenten ein, und vor allem betrieb er
nachdrücklich den ehrgeizigen Plan, in Göttingen um das existierende „Mathema-
tische Lesezimmer“ herum ein großes internationales mathematisches Zentrum
aufzubauen, dessen Neubau Ende der 20er Jahre eröffnet werden würde.29
Courant vertrat, wie sein Vorgänger und Vorbild Felix Klein, sowohl die reine
als auch die angewandte Mathematik. Er bekam sofort zwei Assistentenstellen
genehmigt, die er immer mit erstklassigen Nachwuchskräften besetzte: zuerst
gewann er Hellmuth Kneser und Carl Ludwig Siegel, später u. a. Emil Artin. Er
selbst lehrte zahlreiche hochbegabte Studenten und führte sie zur Promotion, dar-
unter Kurt Otto Friedrichs, Otto Neugebauer und Hans Lewy. An sein Göttinger
„Mathematisches Institut“ kamen auch 1924 als Gäste der Holländer Bartel Leen-
dert van der Waerden und der Russe Pawel Alexandroff, dann die Rockefellersti-
pendiaten Norbert Wiener vom Massachusetts Institute of Technology aus Cam-
28
In der Springer’schen Reihe erschienen auch Übersetzungen ausländischer Lehrbücher, z. B.
E.T. Whittaker: Analytische Dynamik und A. S. Eddington: Relativitätstheorie in mathematischer
Behandlung. Berlin 1925.
29
Courant gewann insbesondere die Hilfe des befreundeten Mathematikers Harald Bohr und
seines Bruders Niels, um Geld für das Gebäude zu bekommen, das Hilbert bei der Eröffnung mit
den Worten pries: „Es wird niemals ein anderes mathematisches Institut wie dies geben. Denn
um ein anderes solches Institut zu bekommen, bräuchte man einen anderen Courant – und es
kann nie einen anderen Courant geben.“ (Zitat nach Reid 1976, S. 126). Hilberts Worte gingen
freilich noch einmal in Erfüllung, nachdem Courant 1933 als Jude aus Deutschland vertrieben
wurde und nach vielen Jahren in seiner neuen Heimat USA an der New Yorker Universität dort
ein ebensolches Institut schaffen konnte, das heutige „Courant Institute“.
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 173

bridge in Massachusetts und Johannes von Neumann aus Budapest. In der Göttin-
ger Fakultät wirkten in den Zwanziger Jahren neben den Ordinarien Courant,
Hilbert und Landau – Klein hatte sich weitgehend zurückgezogen und las nur
gelegentlich über Themen wie die Geschichte der Mathematik des 19. Jahrhun-
derts – seit 1919 Emmy Noether als Privatdozentin. Der Plan, auch noch Hermann
Weyl aus Zürich zu gewinnen, misslang einstweilen – er würde erst 1930 als
Nachfolger Hilberts nach Göttingen zurückkommen. Allerdings wurde das Fach
hier schon 1925 ergänzt durch die Berufung von Gustav Herglotz, der den Lehr-
stuhl für angewandte Mathematik des emeritierten Carl Runge erhielt.
Der Physikstudent Heisenberg belegte zwar im Wintersemester 1922/23 nicht
die Courant’schen Vorlesungen über „Funktionstheorie“ und „Riemann’sche Geo-
metrie“, ging aber in dessen „Mathematisch-Physikalisches Seminar“, das im Vor-
lesungsverzeichnis als „Seminar über Differenzgleichungen, zusammen mit Carl
Siegel“ angekündigt war, und hielt dort auch einen Vortrag. Andererseits genoss
er Hilberts Vorlesungen über die „Grundlagen der Quantentheorie“, die zunächst
in den ersten Abschnitten „Einiges über Variationsrechnung“, die „Hamilton-
Jacobi’sche Theorie“ und die „Winkelvariablen“ brachten, dann zur Anwendung
dieser mathematischen Methoden in der klassischen „Mechanik“ und in der
„Quantentheorie“ übergingen, insbesondere für „Systeme mit mehreren Freiheits-
graden“, und schließlich die „Keplerbewegung“, das „Korrespondenzprinzip“
sowie die „Störungsquantelung“ behandelten.30 Im Nachruf auf den großen ma-
thematischen Lehrer fasste Heisenberg die tiefen Eindrücke zusammen, die er
damals von ihm erhielt:

„Es ist gewiß kein Zufall, sondern eher ein Zeichen für die innere Harmonie der Wissen-
schaften, daß einige zentrale Gebiete der Mathematik, die damals unter Hilberts Führung im
Mittelpunkt des Interesses standen, kurze Zeit später in der theoretischen Physik eine ent-
scheidende Rolle spielten. Ich denke hier an die Variationstheorie und die Invarianten, an die
Theorie der Integralgleichungen und an die Axiomatik der Geometrie. In allen Fällen hat
Hilbert den physikalischen Anwendungen selbst das größte Interesse entgegengebracht.“

Nachdem er darauf kurz Hilberts Beiträge zur kinetischen Gastheorie und zur
Gravitationstheorie im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie – „ deren Wert
nicht so sehr in der Ableitung der physikalischen Sätze lag, sondern in der damit
gewonnenen Einsicht in ihre Struktur, ihre Voraussetzungen und ihren Gültigkeits-
bereich“ – gewürdigt hatte, urteilte er abschließend über den verehrten Lehrer:

„Hilberts Stellung zur Physik und den Physikern ist wohl durch zwei Faktoren bestimmt:
Durch das Bewußtsein, daß die Physik immer wieder zu neuen und fruchtbaren Fragestel-
lungen führt, die aus der Phantasie des Mathematikers nicht allein entspringen, und durch
die Überzeugung, daß die gewonnenen Fragestellungen schließlich doch nur durch die
Methoden der reinen Mathematik bewältigt werden.“ (Heisenberg 1943, S. 278)

30
D. Hilbert: Mathematische Grundlagen der Quantentheorie. WS 1922/23 (Vorlesungsausar-
beitung von L. Nordheim und G. Heckmann), Universitätsarchiv Göttingen. Heisenberg erinnerte
sich später, dass er gelegentlich auch andere Vorlesungen Hilberts besuchte.
174 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Wie sich Heisenberg weiter erinnerte, gewann Hilbert die Studenten vor allem
durch unbestechliche Einfachheit, denn:

„Jede Pose, jede Phrase war ihm so völlig fremd, daß er gar nichts damit anfangen konnte,
wenn sie ihm von anderer Seite entgegentrat. Er war als Mathematiker gewohnt, die Pro-
bleme stets auf die einfachste Wurzel zu reduzieren, und diese Fähigkeit übertrug sich bei
ihm auf die menschliche Sphäre.“ (l.c.)

Es war also eigentlich kein Wunder, dass sich der aufnahmebereite Münchner
Gast im Kreise um Hilbert sehr wohl fühlte, zumal dieser sich auch für ihn und
seine physikalischen Arbeiten durchaus interessierte. So kamen diese Mathemati-
ker etwa zum Vortrag, den er in einem Montagskolloquium Anfang Dezember
über den anomalen Zeeman-Effekt hielt. Werner berichtete davon recht stolz dem
Bruder Erwin:

„Zu bemerken ist, daß extra Hilbert und andere Mathematiker erschienen, die sonst nie ins
physikalische Kolloquium kommen. Gehoben durch diese Ehrung ließ ich meinen Vor-
trag, der übrigens sehr anständig präpariert war, mit Schwung und gewürzt mit allerhand
Knalleffekten vom Stapel. Der Erfolg war durchschlagend. Schon während des Vortrages
hatte ich immer wieder Applaus seitens des Publikums. Als die Hauptpointe kam, ahnte
sie zuerst der fast 70 Jahre alte Professor Runge und hub plötzlich mächtig an zu tram-
peln, worauf das ganze Colloquium mit Getöse einstimmte. Jetzt ist ganz Göttingen von
der Theorie überzeugt.“ (EB, S. 61)

Bei seinem neuen Mentor Born gelang dem Studenten dagegen die Annäherung
nicht so leicht. Anders als Sommerfeld ging dieser nicht direkt väterlich auf die
jungen Leute zu, sondern bewahrte äußerlich einen etwas steifen Abstand. Das
heißt, er war „leider nur sehr wenig für seine Studenten zu haben“, wie Werner am
5. November 1922 an die Eltern bemerkte (EB, S. 44). Immerhin konnte er genau
einen Monat später Fortschritte im persönlichen Umgang vermelden:

„Überhaupt war mein Geburtstag schon insofern vor allen Dingen ausgezeichnet, daß ich
zum ersten Mal bei Born nachmittags zum Musizieren eingeladen war. Wir spielten ein
Mozart- und Beethoven-Klavierkonzert auf zwei Klavieren, d. h. so, daß das eine Klavier
den Orchesterteil übernahm. Besonders das Beethovenkonzert, das ich noch nicht kannte,
war unglaublich schön.“ (EB, S. 50–51)

Bei aller Zurückhaltung im direkten Umgang, die seine damals angegriffene


Gesundheit zusätzlich verstärkte, kümmerte sich der Göttinger Theoretiker sehr
wohl um die Studenten und vor allem die ihm anvertrauten Münchner. Sie beka-
men offensichtlich zunehmend wissenschaftlichen Kontakt mit Born, der sogar
helfend in ihre Doktorarbeiten eingreifen konnte.31 Bei Heisenberg war das nicht
31
Das geht im Detail aus Borns Brief vom 5. Januar 1923 an Sommerfeld hervor, in dem er
berichtete: „Auch über Ihre Leute muß ich Ihnen schreiben, da sie sämtlich behaupten, mit den
vorhandenen Themen nicht durchzukommen, und neue haben wollen. Da ist erst Herr Fischer;
dieser kann nichts für sein Pech, denn ein Holländer Niessen hat in der Physica einen Aufsatz
publiziert, woraus hervorgeht, dass er (anscheinend unabhängig von Pauli) H2+ berechnet hat,
und zwar einschließlich des Bandenspektrums. Damit ist wohl Fischers Arbeit erledigt. Nun will
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 175

notwendig, denn dieser hatte vorher seine hydrodynamische Dissertation bereits


gut vorangebracht. Born wollte mit ihm aber enger über die brennenden Probleme
der Atomstruktur zusammenarbeiten. Allerdings näherte er sich dieser Aufgabe
doch in anderer Form und mit ganz anderen Mitteln als es der aufstrebende Som-
merfeld-Schüler gewohnt war. Heisenberg hatte sich zwar anfangs beschwert, dass
man im Göttinger Institut von den Münchner Gästen erwartete, dass sie „mehr
Leben in die Bude brächten, da man hier nicht weiß, was man eigentlich in den
Seminaren anfangen soll“, aber zwei Wochen später gab er auch zu:

„Am interessantesten von den hiesigen Seminarien ist ein ,Lesekränzchen Poincaré‘ “, das
Born spät abends am Montag mit ganz wenigen Physikern veranstaltet. Der Name rührt
daher, daß fast nur das Werk des Astronomen Poincaré darin behandelt wird. Dabei kann,
glaub ich, wirklich viel herauskommen – außerdem ist es sehr gemütlich – nachher gibt’s
meist Äpfel und Kuchen zur Stärkung.“32

Im Winter 1922/23, nachdem Heisenberg in sein Institut eingetreten war, richte-


ten sich die Interessen des Direktors Born stärker als vorher auf detaillierte Fragen
der Atomtheorie. Über sie hatte ja Bohr im vergangenen Juni seine sieben Vorträge
gehalten, in denen er die Göttinger Physiker und Mathematiker und eine große
Anzahl eingeladener Gäste aus Deutschland und benachbarten Ländern in seine
neuesten Gedanken einführte. Weil der berühmte Redner keine expliziten Rech-
nungen zu seinen gerade vorgeschlagenen Atommodellen vorführen konnte und
wollte, sah Max Born nun die Möglichkeit, mit den Studenten und Mitarbeitern
seines Institutes wesentliche Beiträge dazu zu liefern. In einer kleinen Note, die er
wenige Tage nach Bohrs Abreise aus Göttingen an die Naturwissenschaften ge-
schickt hatte, schlug er selbst ein neues Modell für das Wasserstoffmolekül vor,
wobei er darauf hinwies, dass hier die Energie nach der Störungstheorie für entarte-
te quantentheoretische Systeme berechnet werden musste. Mit dem besten Gast-
studenten aus München wollte er nun die mit Brody und Pauli begonnene Stö-
rungsrechnung ausbauen und besonders auf die von Bohr betonten Problemfälle
anwenden. „Wir glauben jetzt beweisen zu können (und zwar mit einer Methode
von Bohlin, die ich in Poincaré, Band II, entdeckt habe), daß alle Atome einfach

er ein Thema von mir. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich ihm vorläufig keines geben kann; er soll
im Seminar mitarbeiten, vielleicht stößt er von selbst auf eine brauchbare Aufgabe“ (SB 2,
S. 136). Johannes Fischer promovierte schließlich wirklich mit einem Thema von Born: „Über
die Bewegungsgleichungen bei sphärischer Aberration“. Annalen der Physik 72, 353–399
(1923). Manfred Ludloff, dem Sommerfeld ein hydrodynamisches Thema gestellt hatte, wollte
Born dagegen ein Problem aus der Theorie der Bandenspektren bearbeiten lassen, das sich viel-
leicht zu einer Dissertation ausbauen ließ, und Walter Wessel baten schließlich den inzwischen
bezüglich Themen „recht ausgepumpten“ Göttinger Professor – er betreute auch noch neun
eigene Doktoranden – ebenfalls um einen Vorschlag. Kein Wunder, dass der fürsorgliche Born
sich beeilte, im Brief anzufügen: „Ich möchte nicht, dass Sie denken, ich zöge Ihre Leute von
den Themen ab, die sie aus München mitbrachten. Keinesfalls nehme ich einen als Doktoranden
ohne Ihre Einwilligung.“ (l.c., S. 137)
32
W. Heisenberg an Vater, 5. und 6.11.1922 (EB, S. 43 und S. 46). Das Lesekränzchen fand
übrigens an jedem Montagabend in Borns Haus statt, und Heisenberg trat in ihm zunächst als
„Dauerredner“ auf (siehe W. Heisenberg an Mutter, 1.12.1922, EB, S. 50).
176 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

periodisch sind und daß die Quantelung in allen Fällen ganz analog zu erfolgen hat
wie bei Heisenbergs Helium“, teilte er Sommerfeld am 5. Januar 1923 mit (SB 2,
S. 137). Heisenberg übernahm seinerseits sehr schnell die Hochachtung, die Born
den Methoden Henri Poincarés entgegenbrachte, hatte er doch schon Anfang De-
zember des vergangenen Jahres selbst ganz euphorisch nach Amerika geschrieben:

„Überhaupt sehe ich, seit ich hier ausführlich und intensiv Poincarés Himmelsmechanik
studiere, daß es eigentlich für die Mehrkörperprobleme der Quantentheorie gar keine prin-
zipielle Schwierigkeit gibt. Ich halte z. B. die völlige Beherrschung des Na-Atoms für kei-
neswegs hoffnungslos. Im Poincaré steht wirklich ganz unglaublich viel.“33

Durch Bohrs Besuch im Sommer 1922 hatte also Born Feuer gefangen, jetzt tie-
fer in die Details der Atomtheorie einzudringen und als erstes Probestück das alte
Problem des Wasserstoffmoleküls aufgegriffen und entschlossen erklärt: „Die
Zeit, wo es der Phantasie des Forschers freistand, Atom- und Molekülmodelle
nach Willkür zu ersinnen, ist wohl vorüber; man ist vielmehr jetzt in der Lage,
durch Anwendung der Quantenregeln mit einer gewissen, wenn auch keineswegs
vollständigen Sicherheit Modelle zu konstruieren.“ (Born 1922, S. 677). Der kühn
und scheinbar erfolgreich mit Modellen arbeitende Heisenberg kam dem Göttinger
Theoriechef deshalb sehr gelegen, um weiter in dieser Frage vorzudringen, denn er
hatte sich schon mit dem ebenfalls ungelösten Problem beschäftigt, die Struktur
des Heliumatoms zu bestimmen – dieses konnte man sich vielleicht als aus der des
Wasserstoffmoleküls hervorgegangen vorstellen, wenn man adiabatisch die beiden
Kerne verschmolz.
Nun war Heisenberg keineswegs der erste, der sich um das angemessene Modell
des Heliumatoms bemühte. Er wurde dazu vielmehr von Niels Bohrs viertem Göt-
tinger Vortrag am 19. Juni 1922 angeregt, in dem dieser den damaligen Stand der
Sache ausführlich dargelegt hatte. Experimentell war man nämlich damals zum
Ergebnis gelangt, dass das Heliumatom zwei Spektren aussandte, von denen eines
aus engen Dublettlinien, das andere aus Singulettlinien bestand, die verschiedenen
Zuständen des Ortho- bzw. Para-Heliums zugeordnet wurden. Um diesen Sachver-
halt theoretisch zu erklären, hatte Kramers folgende zwei Modelle vorgeschlagen:
Entweder bewegten sich die Elektronen auf ko-planaren Ellipsen – d. h. ihre Bah-
nen verliefen in einer gemeinsamen Ebene –, was dem Ortho-Helium entsprechen
sollte. Oder die beiden Bahnen wiesen einen Neigungswinkel gegeneinander auf,
wie es dem Para-Helium entsprechen sollte, das ja im Gegensatz zum Ortho-
Helium über einen Grundzustand verfügte – hier würden die beiden niedersten
Bahnen einen Winkel von 120° miteinander bildeten. Die vorläufige Berechnung
hatte allerdings ein viel zu niedriges Ionisationspotential dieses Zustandes im Ver-
gleich zum beobachteten ergeben. 34 Im Herbst 1922 meldete Sommerfeld nach

33
Heisenberg an Sommerfeld, 4.12.1922 (ASN ).
34
Tatsächlich hatte Born schon Monate zuvor Kramers’ Vorstellungen in einem seiner Artikel in
der Zeitschrift für Physik 9, Heft 1/2 vom März 1922) erwähnt. Heisenberg hatte damals im Brief
an Pauli vom 6.3.1923 kritisch bemerkt: „Mir gefällt das nicht besonders, aber man kann natür-
lich nicht daran zweifeln, dass Bohr recht hat.“(PB I, S. 57)
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 177

München, dass auch die neueste amerikanische Auswertung der Energie des Heli-
um-Grundzustandes ein gegenüber der Theorie um 3 Volt zu niedriges Ionisa-
tionspotential lieferte, worauf ihm Heisenberg am 17. Oktober antwortete:

„Daß das Bohr’sche Heliummodell nun doch wahrscheinlich falsch ist, ist für meine An-
sichten ja außerordentlich erfreulich, denn jetzt haben vielleicht manche Physiker mehr
Zutrauen zu den Zeemaneffekten. Trotzdem tut es mir im Interesse der Schönheit in der
Physik fast leid, denn was wird nun aus den übrigen, so überzeugenden Gedanken Bohrs
über den Bau der Elemente? Man muß hoffen, daß sie einigermaßen erhalten bleiben. Ich
habe jetzt auch stark die Hoffnung, daß das Modell ½,–½ (das übrigens auch von Bohr
aus Göttingen und nicht von mir stammt) richtig ist. Wenn Sie es ausrechnen wollen, so
freut mich das sehr, denn so wird man schnellstens erfahren, was eigentlich bei den Sys-
temen mit mehreren Elektronen los ist.“ (SB 2, S. 123)

Obwohl er zunächst vorgab, wegen der hydrodynamischen Doktorarbeit keine


Zeit auf das Heliumproblem verwenden zu können, verfolgte es ihn weiter. So
gestand Heisenberg schon im folgenden Brief vom 28. Oktober 1922 an Sommer-
feld, dass er das Heliummodell mit halbzahligen Quantenzahlen durchgerechnet
habe und zu einem Ionisationspotential von ( 24,6 ± 1 2 ) Volt gelangt sei, was doch
„bestens mit der neuesten Messung von [Theodore] Lyman übereinstimmte“ (l.c.,
S. 127). Pauli hatte ihm nämlich auf der Leipziger Naturforscherversammlung den
experimentellen Wert erzählt.
Anders als es Bohr im Sommer vorgeschlagen hatte, nahm nun Heisenberg statt
koplanaren gegeneinander geneigte Ellipsenbahnen an, wobei die Elektronen in
beiden Bahnen entgegengesetzt umliefen und eines sich im Perihel befand, wäh-
rend das andere im Aphael stand. Das betrachtete System war natürlich entartet,
solange man die Wechselwirkung zwischen den Elektronen nicht berücksichtigte.
Aber der eifrige Göttinger Student gab nun an, die Energie natürlich nach der
genauen Störungstheorie von Born und Pauli und mit dem durch das quantentheo-
retische Phasenintegral
1
∫ pϕ dϕ = 2 h (3.5)

festgelegte halbzahlige Quantenbedingung bestimmt zu haben. Er schloss daher


seinen Bericht an Sommerfeld von Anfang November mit der Angabe, er sei auch
„ohne große rechnerische Mühe“ bis zum Ergebnis gelangt, das Kramers in Göt-
tingen vorgelegt hatte, teilte aber gleichzeitig mit, dass das nächste Glied in der
Störungsrechnung „große numersiche Rechnungen verursachen“ würde. Zwei
Monate später, am 4. Januar 1923, schrieb er erneut nach Madison, er werde sich
nun erneut mit seinem Modell beschäftigen, wobei ihm auch „eine junge Dame in
numerischen Dingen assistieren wolle“, und er glaube, „die Energie sicher bis auf
2 Promille genau“ zu bekommen (SB 2, S. 132). Endlich bemerkte er in einem
weiteren Brief nach Amerika vom 15. Januar, dass er durch Pauli – der auf dem
Wege von Wien nach Kopenhagen durch Göttingen gekommen war – Kenntnis
von einer neuen Störungsmethode von Kramers erhalten habe. Wenn er diese auf
sein Heliummodell anwendete, brächte schon das erste Glied „auch bei meinem
He die richtige Energie auf 1% genau“ (l.c., S. 140).
178 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Bezüglich der Begründung der halbzahligen Quantisierung nach Gleichung


(3.5) hatte übrigens Sommerfeld im Dezember 1922 Heisenberg einen neuen
quantentheoretischen Ansatz für das Heliumatom im Grundzustand mitgeteilt, der
durch die Phasenintegralbeziehung

∫ pϕ dϕ + ∫ pϕ dϕ
1 1 2 2 =h (3.6)

ausgedrückt wurde. Natürlich war dieser sehr davon begeistert, denn Gleichung
(3.6) ließ sich mit seiner Gleichung (3.5) prächtig vereinbaren. Er unterrichtete
dann umgehend am 12. Dezember seinen ständigen Briefpartner Pauli, dass seine
viel kritisierten halbzahligen Drehimpulse beim Heliumatom automatisch auch
aus einer ganzzahligen Quantenbedingung folgen würden, und schlug dafür auch
eine physikalische Erklärung vor, nämlich:

„Zum Impuls der Elektronen ist die Differenz der Perihelwinkel konjugiert, wie immer,
wenn der Gesamtimpuls eingeführt ist. In dem Perihelwinkel ist die Bewegung aber erst
mit der Periode 4π periodisch, nicht mit 2π; nach 2π vertauschen sich aber beide Elektro-
nen, nach 4π noch einmal, und dann ist der ursprüngliche Zustand da.“ (PB I, S. 73)

Dieses intuitive Argument – es erinnert etwas entfernt an eines, das Heisenberg


wenige Jahre später im Rahmen der Quantenmechanik geben würde! – konnte
Pauli und Bohr in Kopenhagen kaum überzeugen, worüber sich Heisenberg auch
im bereits erwähnten Brief vom 4. Januar 1923 bei Sommerfeld arg beschwerte:

„Etwas unglücklich bin ich darüber, daß ich mit all diesen Arbeiten ständig im Wider-
spruch zu Bohr und Pauli bin. Nach Pauli glaubt Bohr immer noch fest an seine He-
Modelle und meint deshalb, daß die Mechanik falsch sei, um die richtige Ionisierungs-
spannung zu bekommen.“ (SB 2, S. 132)

Obwohl ihn der Doktorvater in seiner Ansicht stärkte, kam Heisenberg aber nicht
recht weiter, als er nun auch die angeregten Zustände in seinem Modell ausrech-
nen wollte. Freilich würde in dieser Frage bald Professor Born eingreifen, der nun
endlich zusammen mit seinem neuen Assistenten die Angelegenheit eingehender
untersuchen wollte.
Vierzig Jahre später erinnerte sich Heisenberg noch daran, wie er in diese Zu-
sammenarbeit geraten war. Am Seminar über die „Struktur der Materie“, das Born
und Hilbert abhielten, beteiligten sich auch Lothar Nordheim, damals der physika-
lische Assistent Hilberts, daneben der ungarische Mathematiker Belá von Kerék-
jartó und Borns beide Schüler Friedrich Hund und Pascual Jordan – der eine fünf
Jahre älter als Heisenberg, der andere ein Jahr jünger. Der Gast aus München fand
bald heraus, dass die Göttinger Theoretiker viel weniger mit experimentellen Da-
ten der Atomspektroskopie vertraut waren als die Studenten Sommerfelds. Selbst
Born hatte sich bisher nicht intensiv mit ihnen beschäftigt, denn er wollte ja erst
einmal die mathematischen Methoden der Hamilton-Jacobi’schen Mechanik ge-
nauer ansehen, die bisher nur von Astronomen im Detail gebraucht worden waren
und etwa Carl Ludwig Charlier in den beiden Bänden Die Mechanik des Himmels
(1902 und 1907) ausführlich dargestellt hatte. Aus diesem Werk konnten nun
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 179

seine Mitarbeiter so raffinierte Verfahren lernen wie die des schwedischen Astro-
nomen Karl Bohlin, der 1888 eine Näherungsmethode entwickelt hatte, um ganz
spezielle Fälle des kosmischen Vielkörperproblems zu behandeln. Sie standen
sowohl im zweiten Band von Charlier als auch in Band II des großen Werkes Les
Méthodes Nouvelles de la Mécanique Céleste von Henri Poincaré (1893), das ja
Heisenberg und andere in den privaten „Poincaré-Lesestunden“ bei Born ebenfalls
intensiv studierten. Bohlin hatte besonders stellare Systeme untersucht, die aus
drei Körpern bestanden und gelegentlich entartete Bewegungen ausführten: Das
heißt, in ihnen waren etwa die Perioden zweier Planeten um eine Sonne kommen-
surabel oder sogar identisch. Dann gelang es praktisch nicht, die Wirkungsfunk-
tion S nach Potenzen eines kleine Störungsparameters λ – welcher den Einfluss
eines Planeten auf den anderen beschrieb – zu entwickeln, sondern nur in Poten-
zen der Quadratwurzel λ . Freilich kam dieser Fall nur ganz selten in der klassi-
schen Theorie vor, nämlich eher zufällig in der Astronomie, aber vielleicht würde
er in der Atomphysik regelmäßig auftreten und die Bewegungen in Mehrelektro-
nenatomen oder Molekülen stabilisieren. Das hoffte jedenfalls Professor Born, und
erteilte daher dem eifrigen „Dauerredner“ Heisenberg im Seminar, den Auftrag,
sich die Bohlin’sche Methode genauer anzusehen und über sie in der „Lesestunde“
zu sprechen. Es gelang diesem dann in der Tat mit einigem Aufwand, sich durch
die astronomischen Darstellungen zu kämpfen und darüber im Seminar vorzutra-
gen. Darauf schlug der Chef vor, dass sie beide gemeinsam versuchen sollten, die
Methode auch quantentheoretisch für die atomaren Probleme zu formulieren. Der
Student stimmte zu, und schon Mitte Januar ging ihre erste Arbeit mit dem Titel
„Die Phasenbeziehungen bei den Bohr’schen Modellen von Atomen und Molekü-
len“ bei der Zeitschrift für Physik ein (Born und Heisenberg, 1923a).35
Übrigens hatte Bohr in seiner Vorlesung über das Heliumatom im Juni 1922
auch schon angedeutet, dass eventuell Phasenbeziehungen für die Dubletts des
Ortho-Heliums verantwortlich wären, und Born hatte diese Vermutung in seiner
Arbeit über das Wasserstoffmolekül wiederholt. Jetzt wollte der Göttinger Profes-
sor also dieser Möglichkeit zusammen mit Heisenberg systematisch auf den Grund
gehen, und zwar mit Hilfe einer entsprechend erweiterten quantentheoretischen
Störungstheorie. Sein neuer Assistent zeigte sich nur zu bereit, selbst alle mathe-
matischen Finessen auszuprobieren, hoffte er doch mit ihnen das Heliumproblem
endlich zu knacken und zugleich einen Beweis für seine halben Quantenzahlen zu
finden. Obwohl er wusste, dass der neue Chef viel geringeres Vergnügen an de-
taillierten Berechnungen von Atomsystemen hatte, als er dies von Sommerfeld her
gewöhnt war, war er andererseits überzeugt, dass Borns Streben nach einer präzi-
sen und allgemeinen mathematischen Formulierung im Augenblick den einzigen
Weg bot, die wirklichen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, die Bohrs
Theorie der Atome aufwarf. Deshalb willigte er ohne Widerstreben ein, auch Boh-
35
Heisenberg informierte Sommerfeld über den Beginn dieser Untersuchung bereits im Brief
vom 6. 12.1922: „Bei Born arbeite ich augenblicklich an einer Verbesserung und Verfeinerung
der Born-Pauli’schen Methode, durch die z. B. bewiesen wird, daß die Quantentheorie Phasenbe-
ziehungen zwischen den Elektronen eines Systems fordert; auch dies stammt wesentlich aus
Poincaré.“(ASN)
180 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

lins Methode in die Quantentheorie zu übertragen, und beide erreichten in weni-


gen Wochen ein wichtiges Ziel, nämlich: „Wir glauben jetzt auf Grund unserer
Rechnungen die Vermutung aussprechen zu können, daß bei jedem Atom im
Normalzustand das ganze System der Elektronenbahnen exakt in Phase ist.“ (Born
und Heisenberg 1923a, S. 44). Insbesondere demonstrierten sie dieses Ergebnis in
einigen einfachen Fällen, in denen Systeme nur einen „zufällig“ entarteten Frei-
heitsgrad besaßen, d. h. dass eine verschwindende Frequenz für eine bestimmte
Wahl der Drehimpuls-Variablen auftritt.36
Zum Beweis dieser Aussagen betrachteten Born und Heisenberg die Hamil-
ton’sche Funktion für ein System von f Freiheitsgraden, deren letzter entartet sein
sollte. Sie lösten dann die Gleichung für die charakteristische Funktion S der Wir-
kungs- und Winkelvariablen J k und wk 0 nach folgender abgeänderter Störungsme-
thode: Während die Hamilton’sche Funktion H und die Energie W in Potenzen
des Störungsparameters λ entwickelt werden konnte, setzten sie also für die cha-
rakteristische Funktion S die Gleichung an:

S = S0 ( J k , wk0 ) + λ S1 ( J k , wk0 ) + λ S2 ( J k , wk0 ) + ... (3.7)

Das heißt die Störungsreihe (3.7) enthielt Glieder in Potenzen der Quadratwur-
f
zel von λ . S 0 ließ sich nun als Summe ∑J w
k =1
k
0
k
ausdrücken. Die Autoren notier-

ten nun weiter, dass S1 keineswegs von den Koordinaten w10 ,… w f −10 der nicht
entarteten Freiheitsgrade abhing. Auch würde eine Abhängigkeit der Störungs-
glieder von w f 0 erst in der zweiten Näherung auftreten, wobei man dann in der
entsprechenden Gleichung über die nicht entarteten Winkelvariablen mitteln
müsste. Dann fiel dort das lineare Glied mit S 2 heraus, und es blieb nur eine Dif-
ferentialgleichung für S1 übrig, die sich zu

∂S1 ∂S1 W2 − H 2 ( w f 0 ) .
S1 = ∫ dw0f mit dem Intergranden =
(3.8)
∂w f
0
∂w0f 1 ∂2 H0
2! ∂J 2f

integrieren ließ. In Gleichung (3.8) bezeichnete die Funktion H 2 ( w f 0 ) den über


0 0
w1 ,… w f −1 gemittelten Störungsterm zweiter Ordnung in der ursprünglichen
Hamilton-Funktion! Nun forderte die Quantenbedingung, dass das Produkt
∂S
λ ∫ 10 dw f 0 – das geschlossene Integral erstreckte sich über eine volle Periode
∂w f
von w f 0 – ein ganzzahliges Vielfaches von h sein musste, falls w f 0 eine Libra-
tionskoordinate darstellte (denn dann lag wirklich ein geschlossener Weg vor!).

36
Im Falle einer „eigentlichen Entartung“ trat im System mindestens eine Nullfrequenz für
beliebige Wahl der Hamilton-Jacobi’schen Winkelvariablen auf.
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 181

Da wegen des Faktors λ die Wirkungsgröße J f sehr kleine Werte annahm,


hatte sie einfach zu verschwinden, und daher wurde w f 0 nun eine Konstante.
H 20 ( w f 0 ) erhielt dann den Wert W2 , unabhängig von der entarteten Winkelvari-
ablen w f 0 , woraus sich auch eine verschwindende quantentheoretische Frequenz
ergab. Die Autoren schlossen aus diesem Ergebnis, dass ganz in Atomen und
Molekülen regelmäßig strikte Phasenbeziehungen zwischen den Elektronenbewe-
gungen auftraten, denn die Quantenbedingung verbot ja J f -Werte zwischen h
und 0 . Andererseits ließen sich in makroskopischen Systemen solche Phasenbe-
ziehungen nicht beobachten, weil eben dort die Quantenbedingungen nicht zur
Geltung kommen.
Schließlich konnten Born und Heisenberg ihre neue Störungsrechnung für zufäl-
lig entartete Atomsysteme noch in die Form der von Born und Pauli früher angege-
benen Störungstheorie umschreiben. Sie gelangten so zu dem durchaus erfreulichen
Ergebnis, dass die atomaren Vielkörperprobleme, anders als die klassischen, durch
einen einfacheren allgemeinen Formalismus beschrieben werden konnten, oder
physikalisch ausgedrückt: Die Quantensysteme sollten also generell eine wesent-
lich größere Stabilität aufweisen als die entsprechenden klassischen. Eine solche
Situation, so meinten Born und Heisenberg am Ende ihrer Untersuchung, würde
vielleicht auch die dynamischen Schwierigkeiten lösen, welche die Interpretation
des so genannten „Stern-Gerlach-Effektes“ (Gerlach und Stern 1922) – nämlich,
dass die Einstellung der Quecksilberatome im inhomogenen Magnetfeld spontan
eintrat – aufwarf. Auf jeden Fall galten auch dort die Gesetze der klassischen Dyna-
mik nicht mehr, ja eventuell würden gar Energie- und Impulssatz im atomaren Be-
reich nur im statistischen Mittel erfüllt werden. Jedenfalls war Heisenberg recht
begeistert von den Aussichten, die sich aus ihrer mathematischen Methode zu erge-
ben schienen, und er schrieb am 15. Januar 1923, nachdem sie die Arbeit einge-
reicht hatten, an Sommerfeld: „Ich stimme dafür, daß im Sommersemester in Mün-
chen nur Störungstheorie getrieben wird.“(SB 2, S. 142) Im Moment hoffte er aber,
in Göttingen endlich das ganze Heliumproblem möglichst in seinem Sinne lösen zu
können und neben dem Grundzustand auch die angeregten Zustände zu bekommen.
Dieser Frage wandte er sich dann am Anfang des neuen Jahres zu, ebenfalls mit
dem gastgebenden Professor. Wieder hielten sich beide an Borns bewährtes Vor-
gehen, das Problem von der allgemeinsten mathematischen Formulierung her
anzugreifen. Dabei stellten sie zunächst fest, dass die Methoden der Störungstheo-
rie beim Heliumatom eine um so zuverlässigere Auswertung gestatteten, je weiter
entfernt in ihrem Modell das eine Elektron vom anderen im Atom rotierte. Denn
zunächst war es „für die Berechnung der Bahnstörungen des äußeren Elektrons in
erster Näherung erlaubt, über die Bewegung des inneren Elektrons zu mitteln“.
Sodann würde „ man konsequent die Störungsfunktion nach negativen Potenzen
der Entfernung des äußeren Elektrons vom Kern oder, was dasselbe ist, nach nega-
tiven Potenzen der azimutalen Quantenzahl k1 des äußeren Elektrons entwickeln“
(Born und Heisenberg 1923b, S. 229–230). Das bedeutete, dass sich die Autoren
einstweilen darauf beschränken, nur die Zustände des angeregten Heliumatoms zu
182 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

untersuchen – nicht aber den Grundzustand, dem die bisherigen Berechnungen


von Kramers und Heisenberg gegolten hatten. Die Aufgabe bestand nun darin,
„alle möglichen Bahntypen des angeregten Heliumatoms systematisch aufzusu-
chen, die quantentheoretisch zulässigen Lösungen auszusondern und die Energie-
werte zu berechnen, um festzustellen, ob nicht Bahnen vorhanden sind, die die
empirischen Terme richtig liefern“ (l.c., S. 201), nachdem frühere Versuche von
Alfred Landé und Paul Epstein entweder nur unvollständig waren oder jedenfalls
keine positiven Ergebnisse geliefert hatten.37
Born und Heisenberg verwendeten nun einen geeigneten Ansatz für die Hamil-
ton-Funktion H eines atomaren Dreikörperproblems – bestehend aus zwei Elek-
tronen (mit negativer elektrischer Ladung − e und der Masse me ) und einen Kern
mit positiver Ladung Ze –, indem sie besonders geeignete kanonische Orts- und
Impulsvariable einführten: nämlich den konstanten Gesamtdrehimpuls des Atoms
(die zugehörige Winkelvariable hatte daher den Wert Null), die Abstände des
Perihels der beiden Elektronen ψ 1 und ψ 2 sowie die zugehörigen Impulse pψ1
und pψ 2 und schließlich den Radius des äußeren Elektrons r1 und den Impuls p r1 .
Dann lautete ihr Ausdruck für H bis auf eine bekannte additive Konstante (näm-
lich die Energie eines Einelektronenatoms mit der Kernladung Ze ):
1 1 e 2 ( Z − 1) Δ1 Δ 2 . (3.9)
H= ( pr1 − 2 p 2ψ1 ) + + 2+ 3
2me r1 r1 r1 r1

Die ersten beiden Glieder beschrieben dann das ungestörte Problem, während
die letzten beiden die Störung der Terme angaben. In die hier eingeführten Größen
Δ1 und Δ 2 gingen alle Variable außer r2 (die radialen Lage des Innenelektrons)
ein. Die Energie des ungestörten Systems ergab sich natürlich zu
WH ( Z − 1) 2 , (3.10)
H 0 = Konst. +
n12

wobei das zweite Glied die Energie eines wasserstoffartigen Atoms mit der Kern-
ladung (Z – 1) bedeutete, WH die Energie des Grundzustandes im Wasserstoff-
atom und n1 die Hauptquantenzahl des äußeren Elektrons. Da das ungestörte He-
liumatom offensichtlich ein entartetes System darstellte, mussten die Autoren ihre

37
Eine ähnliche Absicht hatte vorher auch Pauli in seiner Münchener Dissertation von 1922
verfolgt. Er kam damals zum Ergebnis, dass nur eine räumliche Bewegung der Elektronen m
Dreikörperproblem Gleichgewichtsbahnen liefern würde, d. h. nur solche, bei denen die Elektro-
nenbahnen nicht in einer Ebene liegen, die durch die beiden Wasserstoffkerne geht. Allerdings
schloss Pauli auch, dass das so erhaltene System metastabil sein müsse und auch zerfallen müss-
te, wenn äußere Kräfte (etwa durch einen Elektronenstoß) einwirken. Schließlich stimmten seine
so berechneten Zustände nicht mit der bisher gemessenen Ionisierungsenergie überein, deren
Wert freilich der Experte Franck damals stark anzweifelte. (Siehe Pauli 1922, §§ 6–11) Die
Frage, ob Paulis Modell tatsächlich die Verhältnisse beim Wasserstoffmolekül-Ion beschrieb
oder nicht, war also 1922 noch keineswegs entschieden. Erst später konnte daher seine Disserta-
tion für ein Versagen des Bohr’schen Atommodells herangezogen werden, wie es in historischen
Artikeln und Büchern zumeist etwas ungenau behauptet wird. (Siehe dagegen die Diskussion in
Mehra-Rechenberg 1, S. 391–395)
3.2 Borns neuer Assistent Heisenberg und die Bemühungen um das Heliumproblem 183

Störungstheorie wenigstens bis zur zweiten Ordnung treiben. Dann erhielten sie
einen Ausdruck für die Energie, der sich in der Form von Gleichung (3.10) schrei-
ben ließ, außer dass der Nenner n12 jetzt durch (n1 + δ ) 2 zu ersetzen war.
Die hier auftretende so genannte Rydberg-Korrektur δ besaß, je nach dem ge-
wählten Modell, für das Heliumatom wesentlich komplizierte Formen. Im allge-
meinen Fall nahmen die Autoren an, dass sie von den Variablen des äußeren
Elektrons und der Perihel-Distanz ψ 2 und dem zugehörigen Impuls pψ 2 – d. h.
also von der azimutalen Quantenzahl k 2 – des inneren Elektrons im Heliumatom
abhingen. Um systematisch eine Vorstellung von den theoretischen Werten für δ
zu bekommen, teilten sie die verschiedenen Bewegungsarten des Systems, die die
Störungsrechnung in zweiter Ordnung lieferte, in verschiedene Klassen ein, indem
sie die Beziehungen zwischen den Variablen ψ 2 und pψ 2 (= k 2 h) des Innenelekt-
rons analysierten. Das heißt, sie untersuchten die Gestalt der reellen Lösungen für
die Funktion k2 = f (ψ 2 ) und interessierten sich im Besonderen für die mehrfach
oder bedingt periodischen Lösungen, die als ja einzige für die Beschreibung der
quantentheoretischen Heliumzustände in Frage kamen. Nach der allgemeinen
Erfahrung mit der Störungstheorie wussten die Autoren, dass die Kurven f (ψ 2 )
in der ( k2 −ψ 2 )-Ebene dann entweder einen geschlossenen Verlauf (Rotationen)
oder einen periodischen Verlauf (Librationen) aufwiesen. Deshalb konnten sie drei
Typen von Lösungen festhalten, wobei sie für den Gesamtdrehimpuls j (h / 2π ) –
mit der Quantenzahl j = 0,1, 2 usw. – alle erlaubten Werte zuließen, und außer-
dem einen reellen Faktor γ einführten, der von k 2 und ψ 2 abhing und die Ryd-
berg-Korrektur charakterisierte: Im ersten möglichen Bewegungstyp beschrieb
nun das Perihel des Innenelektrons, dessen Bahnen entweder in derselben oder
einer verschiedenen Ebene von der des Außenelektrons verlief, mit der Zeit eine
volle Rotationsbewegung. Im zweiten zulässigen Typ war es eine Libra-
tionsbewegung, d. h. das Innenelektron pendelte zwischen zwei festen Grenzen um
den Wert sin 2 ψ 2 = 1 , also π / 2 oder 3 2π , hin und her; im dritten Typ schließ-
lich lag erneut eine Librationsbewegung vor, diesmal um die Punkte ψ 2 = 0 oder
π als Zentren. Diesen letzteren Bewegungstyp konnten die Autoren sofort aus-
schließen, weil dann das Elektron dem Heliumkern beliebig nahe kommen konnte
(„Pendelbahn“), was die Bohr-Sommerfeld’sche Atomtheorie verbot.
Für die physikalischen Modelle mussten die Pendelbahnen des inneren Elekt-
rons überhaupt vermieden werden, daher forderten Born und Heisenberg für die
Drehimpulsquantenzahl k 2 als niedrigsten Wert k 2 = 1 . Dann erhielten sie die
Rydberg-Korrektur nach der Gleichung
9 1 − p2 Z −1
δ= 2 2
(− p + ) + 2 2 (3 p 2 − 1) . (3.11)
8k1 Z 2k1 8k1 Z

Da nun p die Differenz j − k1 bedeutete (mit j dem Gesamtdrehmoment des


Atoms) und die Werte 0 + 1, 0 und −1 annahm, ergaben sich nun drei mögliche
verschiedene Klassen von Modellen für das Heliumatom. In Fall p = +1 verliefen
die beiden Elektronenbahnen in derselben Ebene und die Elektronen bewegten
sich in derselben Richtung j . Im Fall p = 0 lagen zueinander senkrecht stehende,
184 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

allerdings labile Bahnen vor und im dritten Fall p = −1 gab es wieder kopla-
nare Bahnen, die allerdings in entgegen gesetzter Richtung durchlaufen wurden.
Aus der Gleichung (3.11) erhielten die Autoren dann Rydberg-Korrekturen für das
Helium ( Z = 2) und die verschiedenen Drehmomente des Außen-Elektrons
(k1 = 2,3,4) , die sie schließlich tabellarisch mit den empirisch beobachteten Wer-
ten für Ortho- und Para-Helium verglichen. Sie stellten dann ebenso eindeutig wie
nachdrücklich fest:

„Ein Vergleich der beiden [theoretischen und experimentellen] Tabellen lehrt, dass das
Resultat unserer Untersuchung völlig negativ ist.“ (Born und Heisenberg 1923b, S. 242)

Von der klassischen Vielkörpertheorie war nun wohl bekannt, dass in der Nähe
jeder mehrfach-periodischen Lösung auch unperiodische liegen können, die die
Autoren aber aus physikalischen Gründen von vornherein ausschlossen. Weiter
bemängelte der Wiener Kollege Adolf Smekal etwas später, dass man alle von
Born und Heisenberg vorgeschlagenen Lösungen eigentlich aus physikalischen
Gründen vergessen sollte und eben ganz andere Lösungen suchen muss. Gegen
solche Kritik darf eingewandt werden: die Göttinger Autoren bemühten sich
durchaus, die Stabilität ihrer Lösungen zu zeigen, was ihnen unter bestimmten
physikalischen Annahmen auch gelang. Freilich entsprachen ihre Stabilitätsbedin-
gungen nicht vollständig den aus der klassischen Mechanik gewohnten Stabilitäts-
bedingungen, die etwa Pauli in seiner Dissertation auf die Modelle für das Was-
serstoffmolekülion angewandt hatte. Daher erhob dieser aus Kopenhagen sofort
Einwände, die aber Heisenberg in seinem Brief vom 26. März 1923 energisch
zurückwies. Er schrieb insbesondere:

„Ihren Satz: ,Wenn die Stabilität nicht klassisch behandelt werden kann, so kann es auch
die Energie nicht‘ müssen Sie beweisen. – Aber wir wollen uns nicht unnötig streiten. Im
Grunde sind wir beide der Überzeugung, daß alle bisherige Heliummodelle ebenso falsch
sind, wie die ganze Atomphysik.“ (PB I, S. 86)

Aus historischen Gründen muss man die Heliumuntersuchung von Born und
Heisenberg wohl als den ersten entscheidenden Wendepunkt in der Atomtheorie
ansehen, denn in ihr wurde zum ersten Male ganz klar festgestellt, „daß eine kon-
sequente quantentheoretische Durchrechnung des Heliumproblems zu falschen
Werten für die Energieterme führt“. Und die Autoren folgerten dann auch weiter:

„Es gibt aus dieser Schwierigkeit offenbar nur zwei Auswege. Entweder sind die Quan-
tenbedingungen falsch, d. h. die Forderung, daß k1 und k2 und j ganzzahlig sein sollten,
besteht nicht zu Recht, oder die Bewegung der Elektronen genügt auch in den stationären
Zuständen nicht mehr den mechanischen Gleichungen. Beide Auffassungen führen zu
fundamentalen Schwierigkeiten für das Verständnis der bisher gesicherten quantentheo-
retischen Ergebnisse.“ (Born und Heisenberg 1923b, S. 243)

Trotz des negativen Ergebnisses ihrer Arbeit, das ihre vorher gehegten Hoff-
nungen einigermaßen enttäuschte, war Born mit seinem neuen Schüler äußerst
zufrieden. Beide kamen sich insbesondere menschlich langsam näher, und Born
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 185

fand in ihm den gesuchten Mitarbeiter in dem neuen Gebiet der Atomstruktur, in
das er von jetzt an tiefer eindringen wollte, um mit den Kopenhagener und
Münchner Spezialisten mithalten zu können. Er wollte ihn deshalb unbedingt auf
längere Zeit gewinnen und warb daher schon im Januar 1923 bei Sommerfeld
darum, Heisenberg dafür zu bekommen. Bei Heisenberg arbeitete Born schon
rechtzeitig etwas vor: So hatte er dem Doktoranden des Kollegen nach seinen
Dauerauftritten im Störungstheorie-Seminar Anfang Dezember 1922 eine zweite
Assistentenstelle versprochen und sie ihm kurz darauf wirklich gegeben. Der Gast
konnte sich also auf den Göttinger Professor verlassen und war erst recht nach der
fast völlig verunglückten Doktorprüfung im Sommer 1923, die ihm eine unmittel-
bare akademische Karriere an seiner Heimatuniversität versagte, durchaus erleich-
tert und erfreut, von Born in Göttingen wieder als Assistent und Habilitand aufge-
nommen zu werden. Er sollte es nicht bereuen, denn ein neuer und erfolgreicher
Lebensabschnitt lag nun vor ihm, der seinem Talent zugleich das Tor in die inter-
nationale wissenschaftliche Welt öffnete.

3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik


in der Heimat (Sommer bis Herbst 1923)

„Ich hatte mit Werner vereinbart, daß ich den Stamm an 29. Juli am Bahnhof
Kemnath (Oberpfalz) nachmittags 5 Uhr treffen wolle. Dort wollten sie aussteigen
und ich sollte mich anschließen“, notierte Eberhard Rüdel in seinem Tagebuchbe-
richt. Der Eintrag bezog sich auf das Bundesfest der Neupfadfinder im Jahr 1923,
das im oberfränkischen Weißenstadt abgehalten wurde. In der Tat traf eine große
Abteilung aus München unter dem Leiter Karl Sonntag mit Werner Heisenberg
und einigen Mitgliedern seiner früheren Gruppe zur angegebenen Zeit in Kemnath
ein. Zusammen mit dem dort wartenden Rüdel fuhren sie mit der Bahn nach Bay-
reuth weiter, wo sie übernachteten und manchen jugendlichen Schabernack an-
stellten. Am folgenden Tag gelangten sie wieder mit der Eisenbahn nach Bi-
schofsgrün und wanderten von dort aus weiter in die Wälder um den Ochsenkopf,
der herausragenden Erhebung im Fichtelgebirge. Hier veranstalteten die Münchner
mit vielen Pfadfinderfreunden aus Deutschland, Österreich und Ungarn bei Regen
ein „Kriegsspiel“, ehe sie weiter nach Weißenstadt marschierten und dort Quartie-
re bezogen. Das Bundesfest begann am 1. August 1923 mit der Aufnahme neuer
Gruppen und einer Aufführung von Heinrich von Kleists Schauspiel „Her-
mannsschlacht“. Wettkämpfe, Gottesdienst und Thing schlossen sich am
2. August an. Führende Mitglieder der Neupfadfinder diskutierten damals allge-
mein über ihr Verhältnis zur Jugendbewegung und anderen Bünden sowie ihre
Stellung zur herrschenden Zivilisation. „Unter uns saß in bunter Schar die ver-
sammelte Jugend und sang und hörte den ernsten Worten des Herzogs zu“, berich-
tete der Tagebuchschreiber Rüdel weiter. Er urteilte dann etwas abwertend über
das ihm langweilig vorkommende Auftreten ausländischer Pfadfindergruppen aus
Ungarn, Finnland und der Schweiz sowie eines Vertreters des Deutschen Pfad-
186 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

finderbundes (DPB): „Alles Leute, die unseren Bund Deutscher Neupfadfinder gar
nichts angehen, die ihm fernstehen“. Am 3. August fanden sich schließlich die
„Vereinigten Deutschen Jugendbünde“ – darunter auch der DPB und der Deutsch-
nationale Jugendbund – den Rüdel allerdings kaum zur Jugendbewegung rechnete
– zusammen zu einem „Grenzfeuer“. Das war zwar „eine erhabene Feier“, aber
„die Bünde kamen sich dabei innerlich nicht näher“ vermerkte der Tagebuchfüh-
rer, ehe er dann noch anfügte:

„Vom Stamm gingen die tüchtigsten und verwegensten Leute auf drei Wochen nach Finn-
land: Werner, Robert, Gax, Kurtei, Rudi Hotz, Arthur Mackel, Otto Heimeran, Hansel
Schmeer, Walter Weigmann und noch einer, Otto v. B. Sie hatten den 10 finnischen Pfad-
findern, die gekommen waren, die Reise und Verpflegung in Deutschland gezahlt, dafür
zahlten diese sie in Finnland. Auf einem Handelsdampfer wollten sie, womöglich um-
sonst, hinauffahren. Bisher hörte ich, daß sie Glück gehabt haben.“

Eberhard Rüdel war offensichtlich kein Freund von Auslandsfahrten, wie er


Heisenberg schon zuvor im Juni 1923 geschrieben hatte: „Lieber Deutschland
vorher anschauen, jetzt sei nicht die Zeit, ins Ausland zu gehen.“ Aber was ihm
der Freund Ende September auf der Durchfahrt von München nach Göttingen
erzählte, veränderte nun doch auch seine Ansicht ins Gegenteil, denn er vermerkte
im Tagebuch:

„Seit Werners Bericht von Finnland bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß man
auch gerade durch eine Auslandsfahrt sein Vaterland schätzen lernen kann, und in dieser
Beziehung ist vielleicht gerade die Finnlandfahrt interessant.“38

Heisenberg brauchte nach der beinahe misslungenen Doktorprüfung am


23. Juli 1923 jedenfalls unbedingt Abstand von der Wissenschaft und entspannen-
de Ferien, die er zunächst mit seinen Jugendfreunden auf der „Grenzlandfeier“ der
Jugendbünde im Fichtelgebirge genoss. Dann brachte die Bekanntschaft mit den
finnischen Pfadfindergästen dort brachte die Einladung in das nördliche Land. Er
griff auch sofort zu und übernahm überdies noch selbst die Leitung einer Gruppe
des Münchner Stammes.39 Die Ausfahrt für ihn und seine Freunde begann bereits
38
E. Rüdel: Tagebuch Nr.7, Eintrag „Bundesfest in Weißenstadt. Die Sommerfahrt 1923 vom
26. Juli bis zum 8. August“ sowie „Werners Besuch“ 29./30. September 1923.
39
Die Finnlandfahrt kam übrigens gar nicht so spontan zustande, wie es vielleicht den Anschein
haben mag, sondern wurde schon früher in den Neupfadfinderkreisen besprochen. So schrieb
Werner Marwede am 20. Juni 1923 aus Berlin an Kurt Pfügel in München: „Nach Finnland gehe
ich nicht.“ In einem Rundschreiben vom Juli 1923 bemerkte der Feldmeister des 3. Münchener
Pfadfinderzuges zum bevorstehenden Ereignis genauer: „Nach dem Bundesfest teilt sich der Zug
in zwei Wandergruppen. A. Zurück durch den Bayerischen Wald nach München. B. Ostsee-
Finnland. Die Verhandlungen mit den Finnen konnten nicht abgeschlossen werden. Die finnische
Austauschgruppe erscheint zum Bundesfest. Es ist wahrscheinlich, daß die Gruppe B mit ihr
nach Finnland zurückkehren kann.“ Wäre das nicht der Fall, fuhr der Feldmeister fort, dann
„wandert sie nach Gelegenheit an die Ostseeküste.“ Die endgültige Vereinbarung der Finnland-
fahrt der Gruppe B wurde dann offenbar erst auf dem Bundesfest festgemacht. Die finnische
Gruppe reiste anschließend erst einmal nach München, wie aus einem Brief der Eltern Pflügel an
den Sohn Kurt hervorging: „Gestern früh erschien der Pfadfinder und kündigte einen Finnen an.
Um ¾ 2 Uhr erschien dann der Finne, aß bei uns zu Mittag und verschwand dann auf Nimmer-
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 187

am 4. August: Mit der Bahn ging es nach Berlin, das an beiden folgenden Tagen
besichtigt wurde. Am 7. August fuhren sie weiter nach Stettin, wo sie sich am 8. in
Richtung Helsingfors – dem heutigen Helsinki – einschifften. Die finnische
Hauptstadt wurde am 10. um 2 Uhr nachmittags erreicht, und die Münchner Gäste
kamen zunächst in einer Schule unter. An den beiden folgenden Tagen sahen sie
die Stadt, das Denkmal des finnischen Nationaldichters Runeberg und einiges von
der Umgebung, ehe sie sich am 13. August auf die nächtliche Zugfahrt nach Wi-
borg begaben, das sie am 14. um 10 Uhr morgens erreichten. Die Rundreise durch
das südwestliche Finnland, die östlich gelegene Seenplatte und auf dem (heute in
Russland, nordwestlich von St. Petersburg gelegenen) Ladogasee wurde mit der
Bahn und zu Schiff ausgeführt.40 Am 29. August bestiegen die deutschen Pfadfin-
der das Schiff „Rügen“; die Fahrt führte sie bei schwerer See über Reval nach
Swinnemünde, das am nächsten Morgen erreicht wurde.

wiedersehen. Von Heisenbergs, die auch einen hatten, hörten wir, daß sie von Erwin mittags in
die Stadt geführt wurden und Abends mit Erwin ausgingen. Anscheinend haben sie alle bei
Sonntags übernachtet, wo sie schon die erste Nacht geschlafen haben. Heute Morgen sind sie auf
die Benediktenwand, kamen Abends zurück und fahren morgen nach Regensburg.“ Während
dieser Zeit waren Heisenberg und die meisten seiner Finnland-Gruppe bereits in Berlin, wo er
selbst am 6. August die notwendigen finnischen Visa besorgte. Kurt Pflügel erinnerte sich noch
Jahrzehnte später: „Heisenberg war stets unser ,Rammbock‘ gegen alle Dienststellen der Verwal-
tung und Bürokratie. Wenn er auch wohl in seiner Pfadfinderkluft nicht den Eindruck eines
repräsentativen Ministers machte, so wusste er doch von uns am besten, wie man mit Behörden,
Konsuln und Kapitänen umgeht.“ Neben Heisenberg („Werner“) setzte sich seine Pfadfinder-
gruppe zusammen aus den ihm lange vertrauten Jugendfreunden und Kollegen aus der Jugend-
bewegung, nämlich Kurt Pflügel („Kurtei“), Walter Weigmann („Walter“), Robert Honsell
(„Wolfhart“), Emil Knallhardt („Gax“), Rudolf Hotz („Rudi“), Otto Heimeran („O.H.“), Arthur
Mackel („A.M.“ oder A.M.) und Otto von Bechtolsheim („O.v.B.“). Der ebenfalls angemeldete
Hans Schmeer versäumte zunächst die Abfahrt, und es ist nicht sicher, ob er die Gruppe noch an
der Ostsee erreichte. Nähere Auskunft und Dokumente über die Finnlandfahrt verdankt der Autor
Herrn Heinrich Becker.
40
Das Tagebuch von Kurt Pflügel skizzierte auch den genauen Verlauf der Reise durch Finnland
in täglichen Einträgen, aus denen hier zitiert sei: „14.8. Wiborg bis 10h Uhr am Bahnhof. Früh-
stück (Herings…). Fahrt zur Insel, Essen!!! Rudi Motorboot. 15.8. Park. Aussichtturm in der
Stadt. Motorboot. Werner-Musik. 16.8. Verschlafen. Auf dem Schloß. Bei Herrn Seelgroen.
6 Uhr Abfahrt nach Imatra. Regen. Bei Onnis Bruder. 9 Uhr Imatra Regen. 17.8. Wasserfall
Imatra und Wellinoski. 5 Uhr Abfahrt mit Bahn. In Wuosinoska ins Schiff durchs Inselgewirr
200 km zu Wasser. Essen auf dem Schiff. Nachtfahrt zu Schiff nach Savonlinna. 18.8. In Savon-
linna. Bei den Pfadfindern. Bischoff Burg. Kaffee bei Pfadfindern. 19.8. [Sonntag] Früh auf der
Insel. Abfahrt nach Punkahari. Ankunft 5 Uhr, zum Felsen, Abendessen. Musik. 20.8. Nachmit-
tag nach Punkahari. Abend Dampfbad. Musik. 21.8. Entenjagd bis 2 Uhr. Abend Waschen,
Singen, Musik. Punkasalmi. Regatta. 22.8. Abfahrt nach Sortavala, großzügiger Empfang. Kare-
lische … 23.8. Überfahrt nach Valamo 1 Uhr bis 4 Uhr. Allgemeine Seekrankheit. Starker Sturm.
Zum Kloster. Kleidertrocknen. 22.8. Griechischer Gottesdienst. Spaziergang zu Kirchen und im
Kloster. Abendessen mit russischem Bier. 25.8. Zur Jerusalemer Kirche. Fahrt nach Sortavala.
Im Nebel verfahren. Fahrt nach Wiborg: Wetter gut. … 26.8. Regen. Mauno verabschiedet. 9
Uhr Helsingfors. Wohnung bei Dir. Gronberg. 2 Uhr Schwimmfest. 6 Uhr finnische Kirche,
Theater. 8 Uhr bei Gojambula. Neuer Teil von Helsingfors. … 27.8. … Läden angesehen (Deut-
sche Ware). 9 Uhr Sternwarte. 1 Uhr Bahnhof. Professor Melartin. Zoologischer Garten. Gleich
Weiterfahrt im Auto zu Zirkus. Deutsche Akrobaten. Rundfahrt durch das nächtliche Helsingfors
im Auto. 22.8. 12 Uhr bei Professor Melartin.“
188 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Fast einen Monat nach der Rückkehr erstattete nun der Anführer der deutschen
Pfadfindergruppe aus München an Ludwig Habbel einen ausführlichen Bericht, in
dem er einleitend über die Fahrt schrieb:
„Sie war für alle Teilnehmer ein großer Genuß, für unseren Stamm half sie uns
über viele Schwierigkeiten hinweg und sie ist restlos gelungen.“ Die „größte
Schwierigkeit“ zu Beginn hätte allerdings fast die gesamte Auslandsreise verhin-
dert, weil die Schiffspassage zur Überfahrt nach Finnland keineswegs gesichert
war. Heisenberg berichtete darüber auch ausführlich:

„Der Reeder, an den wir uns durch Vermittlung des Negendanck (Potsdam) wandten, ver-
sagte. Die deutsche Reederei Gribel, die auch den deutschen Passagierdampfer ,Rügen‘
unterhält, lehnte glatt ab, da sie mit Wandervögeln voriges Jahr schlechte Erfahrung ge-
macht hatten. Da andere Schiffe innerhalb der nächsten 14 Tage nicht verkehrten, blieb
uns nichts anderes übrig, als uns an das einzige Schiff zu wenden, was noch blieb: den
finnischen Passagierdampfer ,Ariadne‘, mit dem auch (am selben Tag) die finnischen
Pfadfinder fuhren. Die deutsche Vertretung der finnischen Reederei lehnte ebenfalls, wie
zu erwarten war, glatt ab. Auf den Kapitän dieses Schiffes ließ ich daraufhin ein zwei-
stündiges Trommelfeuer von Vorstellungen und Bitten los, bis er mir (er war an sich ein
netter Mann), fast hilflos versicherte, ,ich sei so energisch‘, aber er dürfe es nicht ganz
umsonst tun, ich bot 6 Dollar (der offizielle Preis ist 70 Dollar). Schließlich interessierte
sich das ganze Reisepublikum nur noch für unseren Handel, so daß sich am Schluß der
finnische Kaufmann Koschak erbot, 15 Dollar = 520 Finnmark für uns zu zahlen. Für
21 Dollar wurden wir dann mitgenommen.“41

Damit war freilich das Problem noch nicht ganz gelöst, denn Heisenberg muss-
te erst noch – es war unterdessen kurz vor der Abfahrt des Schiffes – seine Mitfah-
rer zusammensuchen. Er konnte sie aber nicht finden und kam schließlich ent-
täuscht an den Kai zurück, wo er eine Überraschung erlebte:

„Von der Ferne sah ich sie alle an Bord, rufend und winkend, die Ariadne löste sich lang-
sam vom Ufer. Ich lauf, was ich noch herausbringe, ein Satz über die Kette der Zollsperre
– und noch ein Sprung auf das Fallreep, an der der 1. Offizier steht, um mir herauszuhel-
fen. Alles klar! Zögernd setzt sich die Schiffsschraube in Bewegung.“ (l.c., S. 39)

Die Überfahrt, die so dramatisch begonnen hatte, verlief nun ohne weitere
Probleme. Die deutschen Pfadfinder befreundeten sich näher mit den finnischen
Kameraden, die auch nicht viel Geld besaßen, aber finnische Mitreisende stifteten
ihnen Kaffee und Kuchen. Heisenberg musizierte mit einem finnischen Pfadfinder,
Thure Ǻberg, im Musiksalon. „Er sang finnische und deutsche Lieder, ich spielte
Beethovensonaten“, schrieb er im Brief an Ludwig Habbel und stellte dann ganz
zufrieden fest: „Jedenfalls gehörten ,die Pfadfinder‘ zu den beliebtesten Passagie-
ren der Ariadne.“

41
W. Heisenberg an L. Habbel, 24.9.1923. In einer 1924 in der Zeitschrift der Neupfadfinder
veröffentlichten Artikelserie über die Finnlandfahrt des 3. Münchener Pfadfinderzuges gab
Heisenberg (unterzeichnet mit „Werner“) einen noch dramatischeren Bericht von dieser Episode
unter den Titel: Kampf um die Überfahrt. Die Spur in ein deutsches Jugendland. Der Weiße
Ritter Verlag Ludwig Voggenreiter 3, 37–39 (1925).
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 189

Auf der Rundfahrt durch Finnland begleiteten zwei finnische Kollegen, der
ältere Onni Sampen und dazu „Mauno Inkinen, ein kleiner Finnwölfling, der
deutsch sprach“, die Münchner Reisegruppe. Diese lernte durch längere Aufent-
halte „an den schönsten Punkten doch Land und Leute gut kennen“, und natürlich
auch „die Sehenswürdigkeiten, die grundsätzlich auf Inseln liegen“, die große
Wasserfälle bei Imatra, das mittelfinnische Seengebiet, wo sie in Savonlinna offi-
ziell durch die finnische Pfadfinderschaft – „die, wie überall in Finnland, aus mehr
Mädchen wie Buben besteht“ – empfangen wurden. Heisenberg berichtete weiter:

„Immer genossen wir die gleiche, rührende Gastfreundschaft. Die Mädeln kochten für uns
Tee, schmierten Butterbrote usw. Abends eine kleine Festlichkeit, Onni erzählt seine Er-
lebnisse in Deutschland, wir singen uns gegenseitig Lieder vor, am Schluß tanzen wir mit
den Mädeln zusammen finnische Volkstänze (die sehr einfach sind).“

Den Höhepunkt der ganzen Reise bildete für ihn und die Freunde aber der vier-
tägige Aufenthalt auf „einer ziemlich einsamen Insel“. Hier besaßen ein Mathema-
tikprofessor, der nach seiner Erinnerung zugleich Rektor der Technischen Hoch-
schule Helsinki war, und ein Arzt Sommerwohnungen. Heisenberg geriet nun ins
Schwärmen: „Bei der unglaublichen Gastfreundschaft der Finnen fast als Familien-
angehörige behandelt, konnten wir tun, was uns freute; Rudern, Jagen, Fischen,
Tennisspielen, Ausflüge machen; abends wurde im häuslichen Kreise musiziert,
gesungen – kurz wir lebten wie in einem Märchenlande, materiell, wie wohl keiner
von uns in Friedenszeiten gelebt hatte.“
Am Nordufer des Ladogasees gab es dann „den hochoffiziellen Empfang“ in
Sortavala, „an dem sich die halbe Stadt beteiligte“; die Gäste wurden „in einem
Triumphzug ins Quartier im evangelischen Vereinsheim, geschmückt mit deut-
schen und finnischen Fahnen und Massen von Blumen“ begleitet; das „ echtkareli-
sches“ Abendessen schloss sich an. Und am nächsten Tag, dem 23. August 1923,
folgte eine dreistündige Schiffsfahrt, die wegen des stürmischen Wetters auf
einem kleinen Kanonenboot des finnischen Militärs unternommen wurde. Das Ziel
war die Insel Valamo mit dem alten russischen Kloster, wo die Gäste einen rus-
sisch-orthodoxen Gottesdienst erlebten – „für unser Gefühl eine schreckliche Art,
Gottesdienste zu halten“ – und ein „schwergenießbares“ russisches Essen beka-
men. Auf dem Rückweg hielten sich die Münchner Pfadfinder noch drei Tage in
Helsingfors auf, „um alles zu sehen, was es da überhaupt zu sehen gab“. Sie be-
gegneten der „ interessantesten Persönlichkeit“ Finnlands, dem gefeierten 49-
jährigen Komponisten und „Protektor“ der finnischen Pfadfinder Erkki Melartin,
von dem Heisenberg berichtete: „Zu uns Deutschen war er direkt freundschaftlich,
wir standen bald mit ihm du auf du und beim Abschied merkte man, daß es ihm
schwerfiel, uns ziehen zu lassen.“ (Heisenberg, l.c.).
Die Deutschfreundlichkeit der Finnen, ihr Nationalstolz und die Landschaft aus
Seen und Inseln mit einer Vegetation ähnlich der in den bayerischen Bergen –
diese Eindrücke nahmen die Besucher hauptsächlich mit, die am Abschiedsabend
ihre Pfadfinderkollegen der finnischen Hauptstadt als „Bonzen“ in ihren „Stamm
der grünen Ritter“ aufnahmen. Bei der endgültigen Abfahrt schließlich „ stand der
ganze Strand voll Menschen, die Kapelle [des Schiffes ,Rügen‘ – die Kosten der
190 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Rückfahrt übernahmen nun finnische Gönner!] spielte auf unseren Wunsch


,Deutschland, Deutschland über alles‘, und wir sangen es in Grußhaltung“. Dazu
„zogen wie Erkki alle tausend Menschen am Strand den Hut und Erkki brachte
noch ein Heil auf Deutschland aus.“ Als sich das Schiff vom Pier löste, sangen die
Münchner noch einmal das finnische Lied, das sie gelernt hatten, „was am Ufer
ungeheuren Jubel hervorrief“, und mit „Muß i denn, muß i denn zum Städele hin-
aus“ und dem Schlager „Wer wird denn weinen“ ging’s in die See hinaus. „Lang
noch sahen wir in der Ferne Erkki und Onni die Tücher schwenken, bis auch die-
ses Kapitel unseres Lebens wieder zuende war“, bemerkte der Heisenberg weiter
im Brief an Habbel. Er erzählte dann noch von der stürmischen Rückfahrt, die fast
alle, ihn selbst aber ausgenommen, seekrank machte, bis sie die im Morgengrauen
liegende deutsche Küste erblickten. „Als aber dann im goldigen Dufte des Vormit-
tags die Berge der Heimat wahrhaftig dastanden“, so vermerkte ein anderer Be-
richt, der später in der Pfadfinderzeitschrift veröffentlicht wurde, „da konnten wir
uns nicht länger halten.“ Und weiter:

„Wir versammelten uns am hohen Heck zum Gruße der Heimat: ,Ihr milden Lüfte! Boten
Italiens! Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom! Ihr ragend Gebirg! O all ihr sonni-
gen Gipfel! So seid Ihr’s wieder? ‘ Die Wimpel flatterten am Schaft und jauchzen der
Heimat zu und waren kaum zu halten, bis wir zuende sangen! ,Laß Kraft uns erwerben,
Mit Herz und mit Hand, Zu leben und zu sterben, Fürs heil’ge Vaterland.‘ “42

Ohne Zweifel begeisterte die erste Auslandsfahrt alle Münchner Teilnehmer,


die ihre Erlebnisse im gastlichen, freundlichen Finnland schon in Briefen nach
Hause schrieben – „Überall findet man deutsche Sprache, Ware und Musik“ (so
schrieb Kurt Pflügel an die Eltern, 16.8.1923) – und später stets zu ihren wert-
vollsten Erinnerungen im ganzen Leben zählten. Aber auch den finnischen Gast-
gebern hinterließ die Münchner Gruppe „einen nachhaltigen Eindruck“. Besonders
Heisenberg, dem diese finnischen Wochen allen Ärger der Doktorprüfung weg-
schwemmten, fühlte sich nun wohl bestens auf den Neuanfang in Göttingen einge-
stimmt. Die wunderschönen Erfahrungen in Finnland wurden geradezu ein
Schlüsselerlebnis, das seine Ansichten über fremde Länder und ihre Menschen
erweiterte und den Blick in eine Zukunft öffnete. Und diese Auslandsreise stand
am Anfang vieler weiterer, die er, stets aufnahmebereit für das Neue, genießen
würde. Die dabei gesammelten Erfahrungen wirkten sich nicht nur auf seine Per-
sönlichkeit aus, sondern begünstigten auch seine Wissenschaft, in der er bald eine
vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kollegen aus allen Teilen der Welt begann.
In den nächsten Jahren würde er in der Tat persönlich zahlreiche Länder kennen-
lernen, und wenn er auch nicht überall die so überschwängliche finnische Gast-
freundschaft erfuhr, so behielt er doch stets ein offenes Auge für die Schönheiten
42
Abschied. In l.c., Ref. 41, S. 54–55. Der Aufsatz ist nicht unterzeichnet. Eine Reihe anderer
Erlebnisse, die ebenfalls zusammen mit den genannten Berichten in der Zeitschrift abgedruckt
sind, stammte von anderen Mitfahrern, namentlich A.M. (Ankunft), Kurtei (Vorbericht, Sauna),
O.H. (Ladoga, Valamo). Schließlich erschien noch der Bericht: „Wie wir drei Enten schossen
und nur eine erbeuteten“ – eine heitere Episode von Kurtei in: Die Spur in ein deutsches Jugend-
land 4, S. 134–135.
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 191

und Vorzüge fremder Landschaften und ein wohlwollendes Verständnis für Art
und Lebensweise ihrer Bewohner, ohne je seiner Heimat untreu zu werden.
Am Ende des Briefes, den ein finnische Gastgeber aus Helsingfors an Heisen-
berg richtete, schrieb dieser: „Mit größter Spannung verfolge ich die Ereignisse in
Deutschland und speziell in Bayern und hoffe aufrichtigst auf eine zufriedenstel-
lende Lösung der Konflikte.“43 In der Tat hatte sich die politische wie die wirt-
schaftliche Lage in der Weimarer Republik 1923 zugespitzt, ja sie war sogar
schwieriger und gefährlicher geworden als je seit Kriegsende und Revolution.
Seit zwei Jahren hatte sich besonders die Geldentwertung beschleunigt und den
gemeinen Mann zunehmend in Bedrängnis gebracht. Sie hing natürlich mit der
politischen Lage zusammen, namentlich mit den Kriegsschulden und den gewal-
tigen Reparationen, die die alliierten Kriegsgegner dem Deutschen Reich nach
dem Friedensschluss von Versailles auferlegten – einerseits als Entschädigung für
ihre Schäden und Aufwendungen im Krieg, andererseits zum Unterhalt von Be-
satzungsarmeen in früher deutschen Gebieten und Kolonien – von Tsingtau im
Fernen Osten bis zum benachbarten Elsaß-Lothringen –, die nach dem Frieden-
schluss abgetreten werden mussten, bzw. in einigen deutschen Landesteilen, die
zum Druck auf die neue Reichsregierung einstweilen weiter von den ehemaligen
Feinden kontrolliert wurden. „Das fremde Geld, das die Regierung dem Gegner
zahlte, musste sie kaufen mit eigenem, welches so in immer größeren Mengen auf
den Markt geworfen wurde und immer tiefer im Kurs sank“, fasste der Historiker
Golo Mann die damalige Situation zusammen. In der Tat hatte sich das Deutsche
Reich schon während des Krieges daran gewöhnt, „seine Ausgaben durch die
Notenpresse anstatt durch Steuern zu begleichen“, und diese Methode entwickelte
sich nach der Niederlage „zum toller und toller betriebenen Laster“. Namentlich
besaß die Mark zu Anfang des Jahres 1922 nur noch ein fünfzigstel ihres Vor-
kriegswertes, ein Jahr später kein zehntausendstel mehr. Hinzu kam, dass die
„Herrn an der Spitze glaubten, von den Geheimnissen des Geldes nicht viel zu
verstehen“ und „sich von Finanzleuten und Großindustriellen imponieren ließen“,
die zunächst nur Vorteile aus ihrer Entwertung zogen und sogar den Prozess

43
Elis J. Autin (oder Amtin) an W. Heisenberg, 1.10.1923 (WHN). Übrigens kam der bekannte
finnische Komponist Erkki Melartin (1875–1937) wenige Monate später nach Berlin und leitete
am 8. und 9. November ein Konzert der Berliner Philharmoniker, vermutlich mit eigenen Wer-
ken, über das er selbst unmittelbar darauf an Kurt Pflügel schrieb: „Es ging alles ganz glänzend
und gut und trotz der unruhigen Zeiten war der Saal voll und die Begeisterung unerwartet hoch.
Abr so haben auch die Philharmoniker glänzend gespielt. Als ich ins Konzert kam, so trat ins
Künstlerzimmer: Werner Heisenberg und Werner Marwede und ein dritter guter Junge. Du
kannst Dir denken, wie froh ich wurde, unseren Werner wieder zu sehen! Nach dem Konzert
hatte sich die Berliner Jugend draußen versammelt und sang das finnische Lied. … ich wurde
ganz überwältigt. Jetzt freu ich mich, dass ich meine Konzertreise nach Skandinavien etwas
verschieben kann, so dass ich mit den Berliner Kameraden morgen zusammen sein kann. Dann
fängt die Rundreise wieder an, und Mitte December komme ich nach Deutschland zurück.“ Auch
Heisenberg freute sich auf das Wiedersehen und berichtete der Mutter am 7. November 1923
zuvor aus Göttingen: „Morgen möchte ich, um für ein paar Tage an etwas anderes als Physik zu
denken, nach Berlin fahren, auch um das Konzert der Erkki Melartin anzuhören. Also bring ich
die Tage bis Montag früh in Berlin zu.“ (EB, S. 54)
192 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

selbst beschleunigten, „indem sie selber große Summen deutschen Geldes auf den
Markt warfen“, nicht zuletzt aus einer Art Patriotismus, denn „der völlige Ruin
der deutschen Währung sollte den Reparationszahlungen ein Ende machen“
(Mann 1958, S. 696–697).
Jedenfalls führte die Inflation dazu, dass im Deutschland der frühen Zwanziger
Jahre die Reichen reicher und die Armen ärmer wurden. Vor allem die Rentner,
die kleinen Sparer, die Arbeiter, die Angestellten und die Beamten verarmten –
das heißt auch die gesamte Mittelschicht, soweit sie keine realen Werte, wie
Grundstücke, Fabriken und ähnliches besaßen. Dagegen profitiertem die Unter-
nehmer von bereits ausbezahlten Löhnen und den staatlichen Anleihen, und die
größten Schwerindustrien – etwa das Stahlimperium von Hugo Stinnes – verdien-
ten Unsummen ebenso wie einzelne Spekulanten. Aber die arbeitende Bevölke-
rung verlor stetig, und die Reichsregierung büßte durch diese zweite „Revolution“,
die Inflation, das Vertrauen der Wählermassen ein. Hinzu kamen besondere
Schwierigkeiten mit den ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich und Belgien, die
ihre immensen Forderungen eintreiben wollten, indem sie das industrielle Herz
Deutschland, das Ruhrgebiet besetzten – dort quälten bald Streiks und Arbeitsver-
lust zusätzlich die Bevölkerung und radikalisierten sie zunehmend. Denn die
Nutznießer von Inflation und Ruhrbesetzung fanden sich auf den zwei extremen
Seiten des politischen Parteispektrums, bei den Kommunisten auf der äußersten
linken und bei einer bald nach dem Kriege vom Österreicher Adolf Hitler als Ar-
beiterpartei geführten politischen Bewegung, die wachsenden Zulauf aus dem
ebenso extremen rechten, nationalistischen Lager erhielt.
Auch der Student Werner Heisenberg konnte durchaus ein Lied von den Fol-
gen der Inflation singen. So schrieb er bereits am 17. September 1922 von der
Leipziger Naturforscherversammlung, dass „eine Portion Kaffe und Kuchen 115
Mark kostete“, und „das verträgt mein Geldbeutel auf die Dauer nicht“ (EB,
S. 41). Noch härter traf ihn die Verteuerung, als er im Wintersemester 1922/23
aus München nach Göttingen kam. Bereits am 1. Dezember 1922 bemerkte er im
Brief an die Mutter, er hätte im November nach ihrer Abreise aus Göttingen
schon 9503 Mark ausgegeben hatte, ohne seine Stiefel zu bezahlen. (l.c., S. 49)
Im Jahr 1923 begann die Geldentwertung dann geradezu zu galoppieren. Zum
Beispiel notierte Eberhard Rüdel am 31. Juli 1923 während des Bundesfestes der
Neupfadfinder ins Tagebuch, dass in Weißenburg „zwei Pfund Brot innerhalb ½
Stunde von 35 000 auf 50 000, später auf 60 000 und zuletzt 80 000 M stiegen“ –
selbst wenn man die lokale Verknappung des Nahrungsmittels durch die zahlrei-
che Nachfrage der einströmenden Jugend berücksichtigte, war das doch ein ge-
waltiger Anstieg. Einige Monate später wurde solche Teuerung noch weit über-
troffen, wie man wieder aus einem Elternbrief Heisenbergs entnehmen kann, in
dem er am 3. November 1923 schrieb: „Ich muß mich ärgern über meine Bank,
die scheinbar 43 Dollar [aus der Reserve, die er von seinem amerikanischen On-
kel Karl vorher erhalten hatte] verschlampt hat. Wenn ich’s auch am Montag
wieder krieg, so doch nur zum gestrigen Kurs, d. h. wahrscheinlich ist eine halbe
Billion [Mark] futsch.“(EB, S. 53) Um diese Zeit ergriffen aber die Politiker end-
lich Maßnahmen. Am 13.10.1923 wurde durch Gesetz eine Zwischenwährung,
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 193

die „Rentenmark“, geschaffen, um die deutsche Mark zu stabilisieren. Die Ren-


tenmark konnte dann in verzinslichen, auf Geld laufenden Rentenbriefen einge-
löst werden, die wiederum durch eine Grundschuld auf den gesamten landwirt-
schaftlichen Besitz im Deutschen Reich gedeckt war. Am 20. November
entsprach dann 1 Rentenmark einer Billion „Papiermark“ und 4,2 Rentenmark
einem US-Dollar. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten verfestigte sich der angege-
bene Kurs der neuen Währungseinheit, die Ende 1924 durch die „Reichsmark“
abgelöst wurde.
Ebenso zögerlich wie im Falle der Inflation ging die Reichsregierung im Jahr
1923 gegen die Polarisierung der politischen Parteien vor, namentlich gegen die
Umtriebe der Kommunisten und Nationalsozialisten. Als aber der Reichskanzler
Gustav Stresemann am 26. September anordnete, den Widerstand gegen die fran-
zösische Besatzung des Ruhrgebiets zu beenden, und es darauf zu heftigen Unru-
hen kam, verhängte der Reichspräsident Friedrich Ebert den nationalen Notstand.
In den mitteldeutschen Ländern, von Sachsen bis Thüringen, waren inzwischen
Regierungen unter kommunistischer Beteiligung entstanden, die nun von der
Reichswehr unter dem General Hans von Seeckt auseinander getrieben wurden.
Auch die Bayerische Regierung rief in München zunächst den Notstand aus. Frei-
lich wollte der von ihr ernannte Generalstaatskommissar Gustav von Kahr nicht
gegen die rechten Nationalsozialisten vorgehen. Ja, der Kommandant der bayeri-
schen Division der Reichswehr, Otto von Lossow, verbündete sich sogar mit dem
„Deutschen Kampfbund“, in dem sich die Anhänger des Kriegsveteranen Erich
Ludendorff, Hitlers Nationalsozialisten und illegale nationalsozialistische militäri-
sche Einheiten zusammengefunden hatten. Lossow wurde zwar von Berlin abge-
setzt, aber von Kahr bestätigte ihn erneut im Amt. Adolf Hitler, den wohl der
frühere erfolgreiche „Marsch auf Rom“ des italienischen Faschisten Benito Mus-
solini und seiner Anhänger angeregt hatte, benützte eine Gedenksitzung zum 5.
Jahrestag des Waffenstillstandes vom 8. November 1918 im Münchner „Bürger-
bräukeller“ zu einem revolutionären Vorstoß. Unter den Teilnehmern der Veran-
staltung befanden sich Mitglieder der bayerischen Regierung und Vertreter der
oberen Klassen. Als von Kahr diktatorische Pläne äußerte, die sich gegen die
Reichsregierung richteten, stürmte eine Schlägertruppe von Hitlers Anhängern ins
Lokal, feuerte Schüsse ab und rief die Revolution aus und brüllte: „Morgen sind
wir tot oder haben eine nationale Regierung!“ Von Kahr und der ebenfalls über-
rumpelte Münchner Polizeichef stimmten zwar unter der Drohung der vorgehalte-
nen Pistolen dem Plan der Nationalsozialisten zu, aber als am nächsten Tag Hitler
und seine Gefolgsleute ihren „Marsch zur Feldherrnhalle“ ausführten, stellte sich
ihnen nun doch auf Befehl der bayerischen Regierung eine Maschinengewehr-
Kompanie unter der Führung von Oberst Pflügel, Kurteis Vater, entgegen. Bei
dem anschließenden Kampf fielen 16 Putschisten, während ihr Anführer Hitler
entfloh.
Heisenberg korrespondierte aus Göttingen schon länger mit dem Jugendfreund
Kurt Pflügel, der ihm die prekäre politische Situation im heimatlichen Bayern
schilderte. So schrieb Kurtei dem Freund im Brief vom 24. Oktober 1923 nach
Göttingen:
194 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

„Bayern bekämpft den Sozialismus und Kommunismus als politische Parteisache und
verlangt von der Reichsregierung eine gleich feste Haltung wenigstens in der Außenpoli-
tik. Die Reichsregierung stützt sich auf alles zu gleicher Zeit und hat darum nirgends
Halt und ist auf Verhandeln und Lavieren angewiesen. Einmal mußten die Ideen ausge-
fochten werden, nicht die: einiges deutsches Reich oder Einzelstaaten, oder Preußen-
Bayern, sondern lahme marxistische Ideen gegen gerades Deutschtum. Wie wunderbar
wäre es, wenn alle Deutschen sich aufmachen würden, Schulter an Schulter den Feind
am Rhein zu vertreiben.“

Vielleicht ginge es aber „doch auf anderen Wegen, denn genug in Deutschland
wissen schon um das zukünftige Reich“, schloss er weiter und „der Geist der jet-
zigen Zeit, dem das Geld alles ist“ hätte es mit sich gebracht habe, dass „mehr
denn je der Süden im jetzigen Augenblick deutsch fühlt“ und „den Berliner Geist
nicht vertragen“ kann. Heisenberg verurteilte dagegen die Politik der Münchner
Regierung, die auf Separation vom Reich abzuzielen schien und ihm „die Scham-
röte ins Gesicht trieb“, und verteidigte die Haltung der Reichsregierung, einen
offenen Widerstand gegen die Franzosen zu vermeiden. „Es ist richtiger (wie
unsere Vorfahren vor hundert Jahren), durch Listen und Lavieren den Gegner in
Schach zu halten, bis eine Hoffnung auf Waffen besteht“, hielt er dagegen und
fügte hinzu: „Das ist genau, was die Reichsregierung zu tun scheint.“ 44 Der
Münchner Freund gab sich freilich noch keineswegs von Werner geschlagen. Drei
Tage nach den Münchner Vorgängen, die er aus nächster Nähe erlebte, kommen-
tierte er sie mit der Bemerkung: Kahr und von Lossow hätten nur als „Ordnungs-
hüter“ den ungeduldigen „Hitler bremsen“ wollen, und behauptete weiter: „Die
Schuld Hitlers und seiner Leute, darunter die besten der deutschen Jungmann-
schaft, war die, daß sie die Frucht vom Baume reißen wollten, bevor sie reif war.“
Er teilte Werner außerdem mit, dass es seinem Vater und General Ritter von Epp
am 9. November gelungen sei, Hauptmann Röhm mit seiner SA, die das Kriegs-
ministerium besetzt hatten, unblutig zum Abzug zu bewegen.
In seiner Antwort vom 24. November nahm sich Heisenberg die Gelegenheit
wahr, ausführlich auf den Münchner Putschversuch und die Folgen für sich und
die Jugendfreunde einzugehen. Er begann zunächst mit den Bemerkungen:

44
W. Heisenberg an K. Pflügel, 21. und 31.10.1923, mitgeteilt von Martin Heisenberg. Siehe
auch Cassidy 1995, S. 202–204. Den Inhalt des weiter unten stehenden Briefes vermittelte H.
Becker. Heisenberg bezog vermutlich seine Kenntnis aus der Presse. Auch wenn er sicher nicht
den triumphierenden Bericht im Völkischen Beobachter – dem „Kampfblatt der nationalsozialis-
tischen Bewegung Großdeutschlands“ – vom 9. November 1923 oder den etwas weniger parteii-
schen, aber sehr detaillierten Artikel über die „Einsetzung eines nationalen Direktoriums“ – mit
„Kahr als Statthalter Bayerns, Pöhner bayer. Ministerpräsident, Ludendorff Chef der National-
armee, Hitler politischer Leiter“ auf der Titelseite der Münchner Neusten Nachrichten auf der
Titelseite vom selben Tag gelesen hatte, beurteilte er die Ereignisse in München vom 8. Novem-
ber und deren Folgen wesentlich weitsichtiger als die bürgerliche Presse in seiner bayerischen
Heimatstadt. Insbesondere spielte sicher Dr. Gustav Ritter von Kahr als Generalstaatkommissar
mehr als nur eine jämmerliche Rolle, als er auf einer Feier so genannter „vaterländischer Ver-
bände“ zum 5. Gedenktag der Revolution von 1918 im Bürgerbräukeller ganz offen mit Adolf
Hitler und seinen Verschwörern paktierte.
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 195

„Über das große Unglück, das durch die damaligen Ereignisse entstanden ist, der Tod von
jungen Menschen, die das Beste gewollt haben, will ich nicht schreiben, auch nach der
Schuld zu fragen ist sinnlos. Aber über die Gedanken, die ich mir nachträglich über all
dies gemacht habe, kann ich Dir schreiben, obwohl es ja leider so ist, daß ich nur meistens
die negativen Seiten dieser Bewegung sehe, während Du mit Recht über die positiven Sei-
ten, das Nationale und die Hoffnung auf ein schöneres Deutschland, begeistert bist. Wes-
halb ich darin die Ereignisse immer anders anschaue? Vielleicht deshalb, weil mir durch
die wirtschaftliche Not und das Elend um mich herum täglich das Bewußtsein unserer
Ohnmacht und die Hoffnungslosigkeit unserer nächsten Zukunft eingehämmert wird.
Damit ist nicht gesagt, daß ich keine Hoffnung mehr hätte – nur nicht so große Hoffnung,
wie etwa Hitler und Ludendorff. An Ludendorff kann man natürlich keine Kritik
üben...Aber Hitler – ich setze natürlich voraus, daß das wahr ist, was ich hier in den Zei-
tungen lese – der schießt mit dem Revolver an die Decke des Bierlokals und sagt:
,Morgen sind wir tot oder wir haben eine nationale Regierung.‘ Aber die Bauern hier sa-
gen ,Hei lebet noch‘.“

Das sei doch „böhmischer Operettennationalismus“, fuhr Heisenberg nun fort.


Persönlich fände er es „kläglich, wenn es junge Menschen gibt, die auf solche
Sprüche hereinfallen“. Besonders widersprach er dem Freund, der den Gegensatz
in den „Taten“ zwischen Berlin und München betont hatte. Die notwendigen Ta-
ten, auf die es jetzt ankomme, seien jetzt gerade „das stille Aushalten der Quäle-
reien der Franzosen, bis der Moment gekommen ist, wo es Sinn hat, das Leben für
Deutschland herzugeben“. Als gegenwärtige Aufgabe stelle sich der Jugend kei-
neswegs, nun selbst an der Politik mit ihren „ Taschenspielerkunststücken“ à la
Kahr teilzuhaben, sondern:

„Wir bleiben noch eine Zeit lang in den Wäldern, da ist die Luft reiner. Das ist doch gera-
de das Wesen des Bundes, daß seine Entwicklung in die Höhe und nicht in die Breite ge-
hen soll. Nicht daß wir der Not des Volkes verständnislos gegenüberstünden – aber der
Masse können wir nicht helfen und die wenigen der Jugend, denen wir helfen können, die
kommen schon zu uns ’in die Wälder’: eine heimliche Gemeinschaft, die in jeder Stunde
bereit ist, das Leben zu verachten, dessen Höhen und Tiefen sie kennengelernt hat, wie
wenige vorher.“

Während Heisenberg Kurtei mit solchen Hoffnungen zu trösten versuchte, be-


urteilte er drei Tage später die Ereignisse in Bayern noch wesentlich schärfer,
indem er fast sarkastisch, auf einer Postkarte an Fritz Becker notierte:

„Bei Euch in München ist wenigstens noch was ,los‘ ab und zu. Im Bürgerbräu gründet
man beim ‚12-prozentigen‘ das neue Deutschland, so was läßt sich hören. Aber im Ernst:
Die Novemberrevolution von 1918 war zwar ein Schmarrn, aber wenigstens ein konse-
quent durchgeführter Schmarrn, doch die von 1923 – eine solch verheerende Pleite hätt
ich gar nicht für möglich gehalten. Man könnte wirklich bloß darüber lachen, wenn nicht
junge Menschen dafür ihr Leben lassen müssen. Hitler sagte: ,Morgen sind wir tot,
oder....‘ Das tat er aber nicht, sondern.... Im übrigen find ich, daß auch Kahr eine ver-
dammt finstere Rolle bei allem gespielt hat. Nein, das Heil kommt doch wieder von den
Preußen, so viel ist sicher.“

In der Tat hatte Heisenberg schon vor diesen aufrührenden Vorgängen die Sym-
pathie, die manche Mitglieder seiner Pfadfindergruppe für die nationalistischen
Bewegungen hegten, nie geteilt. Während der eine oder andere von ihnen sich nun
196 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

gegen die blutige Unterdrückung der Putschbeteiligten äußerte – obwohl man na-
türlich nicht alle ihre Aktionen, wie etwa die Hetze gegen Juden, billigte –, notierte
schließlich Eberhard Rüdel im Dezember 1923 in sein Tagebuch: „Unter dem
Einfluß vom Vater und Werner Heisenberg werde ich politisch abgeklärter“, und
Anfang Januar 1924 schrieb er weiter hinein:

„Werner kommt durch [Würzburg auf dem Weg nach Göttingen]. Spaziergang am Main,
der zugefroren ist. Politisch bin ich vor allem dadurch nüchterner geworden, daß die
Freunde auf der Alm [über die Jahreswende 1923 beim Schifahren nahe Ruhpolding unter
Heisenbergs Leitung] von allen mit Hitler zusammenhängenden Ereignissen erzählten.“

Heisenberg hat damals tatsächlich die Pfadfinderfreunde, welche sich nach


Weihnachten 1923 auf beim Schifahren nahe Rupolding trafen, überreden können,
seine Beurteilung der politischen Lage in Deutschland anzuerkennen. Er lehnte
jedenfalls das nationalistische Programm der Anhänger Hitlers und Ludendorffs
ab und er missbilligte dabei besonders, dass sie junge Menschen verführten und
ihrer Sache opferten, während sie sich selbst feige in Sicherheit brachten.
Die Weimarer Republik überstand Ende 1923 jedenfalls die gefährliche innen-
politische Lage – die Heisenberg damals noch als „Operettennationalismus“ be-
zeichnen konnte – und geriet in den kommenden Jahren in ruhigeres Fahrwasser,
nicht zuletzt wegen der geschickten Außenpolitik Gustav Stresemanns, der eine
Verständigung mit den Franzosen erreichte, deren Ruhrbesetzung die Krise und
den Putsch ja verursacht hatte. Auch die Wirtschaft in Deutschland und die Situa-
tion der Menschen im Allgemeinen erholte sich, denn es gab wenigstens wieder
über eine verlässliche Währung. Allerdings erfolgte der Übergang zu normaleren
Verhältnissen nicht schlagartig. So bedankte sich der neue Assistent an Borns
Institut noch am 20. November 1923 bei der Mutter für eine Paketsendung aus
München mit den Worten:

„Besonders den Inhalt konnte ich gut gebrauchen – es steigen leider jetzt selbst die Gold-
preise, so daß es schwer wird, von 50 M zu leben [im Vergleich zu vorher wurde ihm nun
das Gehalt in Rentenmark ausgezahlt!], also war Euer Lebensmittelpaket sehr günstig.
Aber da die anderen Assistenten mehr bekommen als ich, hoffe ich auf Aufbesserung. Das
wird Born schon einsehen.“

Drei Tage später berichtete er dann befriedigt, dass Born sein Gehalt „auf
100 M im Monat erhöhen will, diese Erhöhung ist also jetzt so gut wie sicher“,
und fügte hinzu: „Jedenfalls spielt das Geld keine Rolle.“ (EB, S. 54–56). Da
Friedrich Hund seit Ende 1922 Borns Universitätsassistentenstelle besetzte, wurde
Heisenberg nun von der „Notgemeinschaft für die Deutsche Wissenschaft“ be-
zahlt, an die Born damals mehrere Anträge gestellt hatte.45 Aber er konnte nun bei

45
Siehe Cassidy 1995, S. 200–201. Die Notgemeinschaft wurde am 30. Oktober 1920 auf Vor-
schlag des früheren Preußischen Kultusministers Friedrich Schmidt-Ott gegründet. Das zuständi-
ge Reichministerium, die Hochschulverwaltungen, Akademie und Forschungsinstitutionen hatten
seine Anregung aufgenommen, eine Einrichtung zu schaffen, die den Hauptzweck verfolgte, „die
der deutschen wissenschaftlichen Forschung durch die gegenwärtige wirtschaftliche Notlage
3.3 Heisenbergs Finnlandreise, Inflation und Politik in der Heimat 197

einigermaßen sparsamer Lebenshaltung ganz ordentlich auch fern vom Elternhaus


mit dem eigenem Verdienst auskommen und lebte sich zunehmend in Göttingen
ein. Dazu fand er schon Ende November 1923 Studenten, mit denen er musizieren
konnte, und er meldete erfreut nach München: „Am Montag brachte ich zum ers-
ten Mal das Trio zusammen, von dem ich Euch schon erzählte; wir spielten
Mozart und Beethoven, es war für mich ein unerhörter Genuß, die altbekannten
Stücke hier in einer guten Stube wieder zu hören und zu spielen.“ (EB, S. 56–57).
Nachdem alle äußeren Voraussetzungen zur Zufriedenheit geklärt waren, wid-
mete sich Heisenberg wieder voll physikalischen Problemen, wie er Ende Novem-
ber nach München meldete:

„Aus Eurem Brief entnehme ich, daß besonders Du, Papa, Dir um meine wissenschaftli-
che Arbeit Sorgen machst. Das hilft aber weder Dir noch mir etwas; denn solange ich hier
in Göttingen bin, muß ich tun, was Born wünscht, ebenso wie ich in München tun mußte,
was Sommerfeld wünschte. Daß ich selbst sehr vorsichtig geworden bin, ist z. B. daraus
zu ersehen, daß Born mich in den letzten Wochen immer wieder gedrängt hat, meine Ar-
beit zusammenzuschreiben, während ich noch warten wollte. Allmählich kann ich nun
nichts anderes, als tun, was Born sagt. Aber ich werde wahrscheinlich meine Arbeit vor-
her an Bohr schicken (der am 20.12. nach Europa kommt). Allgemein bin ich übrigens
gegen Lob und Tadel abgestumpft, besonders seitens Sommerfeld, ich suche immer selbst
möglichst scharfe Kritik zu üben. Bohrs Ansicht ist mir aber sehr maßgebend. Der Weis-
heit letzter Schluß ist; man muß eben Glück haben. Bei den Arbeiten in der Atomphysik
kann man nie sagen, ob sie nicht in ein paar Jahren wieder falsch sind. Also Glück haben;
ich hab ja schon manches Mal Glück gehabt.“ (EB, S. 56)

erwachsene Gefahr völligen Zusammenbruchs abzuwenden.“ Diese Aufgabe sollte sie insbe-
sondere erfüllen, indem sie „Forschungsstipendien an junge Forscher nach Abschluß ihrer aka-
demischen Bildung“ verlieh und zudem Einzelprojekte „durch Beschaffung wissenschaftlicher
Apparate und die Bereitstellung von Mitteln zur Deckung sachlicher Ausgaben für Forschungs-
zwecke“ unmittelbar unterstützte. (Siehe T. Nipperdey und L. Schmugge: Fünfzig Jahre For-
schungsförderung in Deutschland. Ein Abriß der Geschichte der Deutschen Forschungsgemein-
schaft 1920–1970. Berlin 1970, besonders S. 14–17 und 18–19.) Die Mitglieder ihrer
Ausschüsse, des so genannten „Elekrophysik-Ausschusses“ (der ursprünglich mit einem Betrag
von 12 500 Dollar der amerikanischen Firma General Electric ausgestattet war und auch von der
deutschen Industrie Zuschüsse erhielt) – nämlich Planck, von Laue, Franck, Fritz Haber, Max
Wien und Arnold Berliner −, förderten vornehmlich Projekte der Atomphysik. Schließlich gab es
im Deutschland der Zwanziger Jahre noch eine weitere Finanzierungsmöglichkeit der physikali-
schen Forschung, die Mittel aus dem Budget des Kaiser Wilhelm-Instituts für Physik, welche
zunächst dessen Direktor Einstein und ab 1922 der Vizedirektor von Laue verwalteten. Diese
Gelder sollten ebenfalls „wissenschaftlichen Instituten sowie einzelnen Fachgenossen zur Er-
möglichung bzw. Erleichterung wissenschaftlicher Forschungsarbeit zur Verfügung stehen“, und
zwar sowohl für „den Ankauf von Apparaturen, welche bestimmten Untersuchungen dienen“, als
auch für die „Verleihung von Stipendien an Wissenschaftler“, um bestimmte physikalische
Aufgaben auszuführen. In den ersten Jahren unterstützte Einsteins Institut meist die Arbeiten der
Experimentalphysiker – so verzeichnete eine detaillierte Übersicht vom 1. April 1919 bis zum
31. März 1920 Ausgaben von 10 000 M für Ernst Wagner, den Münchner Röntgenspektroskopi-
ker, je 5 000 M für Heinrich Rubens in Berlin und Robert Pohl in Göttingen; aber auch Jakob
Grommer, Einsteins mathematischer Assistent seit 1917, erhielt ein Stipendium von 1 200 M im
Jahr (siehe die „Übersicht der Ausgaben des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, datiert
11. September 1920“, in: Akten der Kaiser-Wilhelm-Institute in Berlin. Archiv zur Geschichte
der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin). Im Jahr 1925 standen übrigens u. a. die Göttinger Theore-
tiker Pascual Jordan und Lothar Nordheim auf der entsprechenden Gehaltsliste (l.c.).
198 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Diese Sätze umreißen vollständig die neue Situation, in der sich der Habilitand
damals in Göttingen befand. Es hatten nun wirklich die Wanderjahre begonnen
und löste sich von der Heimat und dem früheren Lehrherrn. Der erste neue Meister
Born, der den wandernden Gesellen aufnahm, bestimmte nun seine Tätigkeit. Aber
der Geselle Heisenberg hatte inzwischen auch gelernt, dass die Erfolge in seinem
Fach nicht erzwungen werden konnten, da das Gebiet eigentlich immer tiefer in
eine Krise schlitterte. Trotzdem war sein Optimismus ungebrochen, gerade jetzt in
wichtigen Fragen der Atomphysik voranzukommen. Auch in Göttingen hoffte er,
wie schon bisher bei seinen wissenschaftlichen Bemühungen, Glück zu haben.

3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer


„Quantenmechanik“ (Herbst 1923 bis Sommer 1924)

Im November 1924 verfasste Max Born das Vorwort zur Buchpublikation seiner
„Vorlesungen über Atommechanik“, deren Inhalt er mit folgenden Worten cha-
rakterisierte:

„Der Titel ,Atommechanik‘ dieser Vorlesungen, die ich im Wintersemester 1923/24 in


Göttingen gehalten habe, ist der Bezeichnung ‚Himmelsmechanik‘ nachgebildet. Wie die-
ser den Teil der theoretischen Astronomie abgrenzt, der die Berechnung der Bahnen der
Himmelskörper nach den mechanischen Gesetzen zum Gegenstand hat, so soll das Wort
Atommechanik zum Ausdruck bringen, daß hier die Tatsachen der Atomphysik unter dem
besonderen Gesichtspunkt der Anwendung mechanischer Prinzipien behandelt werden.
Das Bedenken, diese Theorie sei hierfür noch nicht reif, möchte ich mit dem Hinweis zer-
streuen, daß es sich eben um einen Versuch, ein logisches Experiment handelt, dessen
Sinn gerade der ist, die Grenzen abzustecken, bei denen die heute geltenden Prinzipien der
Atom- und Quantentheorie sich bewähren, und die Wege zu bahnen, die über diese Gren-
zen hinaus führen sollen. Um dieses Programm schon im Titel deutlich zu machen, habe
ich den vorliegenden Band als ,1. Band‘ bezeichnet; der zweite Band soll dann eine höhe-
re Annäherung an die ,endgültige‘ Atommechanik enthalten.“ (Born 1925, S.V)

In den einzelnen Vorlesungen entwickelte der Autor dann in systematisch de-


duktiver Weise die bisherigen Grundlagen einer dynamischen Beschreibung ato-
marer Systeme aus Atomkernen und Elektronen, die er seit etwa zwei Jahren,
zusammen mit Schülern und Assistenten, an seinem Institut ausgearbeitet hatte.
Viele von ihnen konnte er auch als wichtige Helfer des Buches erwähnen, und so
vermerkte er im Vorwort:

„Daß es mir möglich wurde, diese Vorlesungen als Buch herauszugeben, verdanke ich in ers-
ter Linie der hingebungsvollen Mitarbeit meines Assistenten Dr. Friedrich Hund. Von ihm
stammen große Teile des Textes, die ich nur wenig überarbeitet habe. Herr Dr. W. Heisen-
berg hat uns stets mit seinem Rat unterstützt und einzelne Paragraphen (so die letzten über
das Heliumatom) entworfen; Herr Dr. L. Nordheim hat bei der Darstellung der Störungsthe-
orie geholfen und Herr Dr. H. Kornfeld zahlreiche Rechnungen kontrolliert.“ (l.c., S.VII)

Als Heisenberg am 30. September 1923 nach Göttingen aus dem Sommerurlaub
zurückkehrte, fand er, dass sich Borns Institut inzwischen entscheidend gegenüber
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 199

dem vergangenen Winter gewandelt hatte. Neben den Studenten, die für ihre Dis-
sertation Themen aus der Kristallphysik behandelten – etwa Gustav Heckmann,
Carl Hermann und H. Kornfeld –, arbeiteten jetzt wichtige Mitglieder wirklich über
die brennenden Probleme der Atomtheorie, namentlich Friedrich Hund – der be-
reits Ende 1922 promoviert worden war – und Lothar Nordheim – der gerade im
vergangenen Sommersemester mit einer mathematischen Untersuchung der Mo-
delle des Wasserstoffmoleküls seinen Doktorgrad erworben hatte. 46 Beide hatten
auch mit Heisenberg im Winter 1922/23 an Borns Privatseminar über die Störungs-
rechnung teilgenommen, ebenso der junge Pascual Jordan – er war zwar bereits seit
Sommersemester 1922 an der Universität Göttingen eingeschrieben, interessierte
sich aber zunächst eigentlich mehr für die Mathematik.47 Als Gast hielt sich ferner
im Winter 1923/24 der hochbegabte italienische Stipendiat Enrico Fermi am Insti-
tut auf, Heisenberg fand ihn „ein wenig scheu“, obwohl er ihn später als „einen
ganz anderen Typ eines Physikers“ besser kennen lernte sehr schätzte. Fermi selbst
konnte damals seinerseits mit Borns mathematische Methoden, namentlich mit der
damals in Göttingen eifrig betriebenen quantentheoretischen Störungsrechnung,
wenig anfangen und trat daher auch im Seminar wenig in Erscheinung.48 Einfacher
gestaltete sich von Anfang an für den Habilitanden aus München der Austausch mit
Patrick Maynard Stuart Blackett, der Anfang 1924 aus Rutherfords Institut in Cam-
bridge zu James Franck kam. Heisenberg besuchte ihn häufig in seiner Wohnung,
und beide diskutierten physikalische Probleme, zumal sich der englische Experi-
mentalphysiker sehr für die quantentheoretischen Aspekte interessierte. Ihre da-
mals geschlossene Freundschaft überdauerte Jahrzehnte und würde beiden wissen-
schaftlich und persönlich noch sehr nützen.
Mit James Franck kam Heisenberg in seiner zweiten Göttinger Periode in enge-
re Berührung. Sein Vater hatte nämlich an den Göttinger Kollegen unmittelbar

46
Nordheim wurde am 7. November 1899 in München geboren und studierte Physik an den
Universitäten Hamburg, München und Göttingen. Nach seiner Promotion bei Born stellte ihn
Hilbert als seinen physikalischen Assistenten ein. 1927 verbrachte er dann ein Jahr als Rockefel-
ler-Stipendiat in Cambridge und Kopenhagen, ehe er als Privatdozent nach Göttingen zurück-
kehrte. 1932 ging er nach Rom, später Moskau und Paris (1933–1934). Im folgenden Jahr war er
bei der Teylers Stichting in Harlem, ehe er 1935 in die USA auswanderte, wo er von 1937 bis
1956 an der Purdue Universität wirkte. Er starb 1992.
47
So half Jordan Richard Courant bei der Herausgabe des ersten Bandes von Methoden der
mathematischen Physik (Courant und Hilbert 1924, S. VI).
48
Fermis spätere Frau Laura bestätigte diesen Eindruck. In ihrer Biographie schrieb sie über den
Aufenthalt Fermis in Göttingen: „Born war sehr gastfreundlich. Aber er erriet nicht, dass der
junge Mann aus Rom, trotz aller zur Schau gestellten Selbstsicherheit, damals gerade einen
Zustand im Leben durchlief, den die meisten jungen Leute nicht vermeiden können. Fermi war
völlig unsicher und suchte Bestätigung; er hoffte, dass Professor Born ihn sanft auf die Schulter
klopfte.“ (L. Fermi: Atoms in the Family. University of Chicago Press, Chicago, S. 31) Was der
Göttinger Professor damals nicht tat, erfuhr der Italiener während seines anschließenden Aufent-
haltes in Leyden von Paul Ehrenfest. Heisenberg, der erst in den letzten Septembertagen von
1923 nach Göttingen zurückkehrte, hatte damals wenig Gelegenheit, mit dem Gast ins Gespräch
zu kommen, weil dieser bereits im Oktober zu Ehrenfest nach Leyden ging. Als sich vier Jahre
später Heisenberg und Fermi auf der Volta-Konferenz in Como − wieder trafen, hatte der Italie-
ner seine Krise längst überwunden, und beide wurden gute Freunde ihr Leben lang.
200 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

nach dem schlechten Examen des Sohnes geschrieben und gebeten, Werner mehr
Übung im Experimentellen zu vermitteln.49 Franck erlaubte also dem promovierten
Theoretiker, im Winter 1923/24 an seinem Fortgeschrittenenpraktikum teilzuneh-
men, stellte aber bald fest, dass ihn diese Tätigkeit langweilte. Daher riet er Hei-
senberg, die unnötigen Versuche abzubrechen, und stattdessen suchte der Experi-
mentalprofessor selbst gerne den Heisenbergs Rat in theoretischen Fragen. Franck
unterschied sich deutlich von Born in seinem persönlichen Umgang. Der Göttinger
Theoriechef verhandelte nämlich eigentlich ziemlich förmlich mit seinen Unterge-
benen. Das hieß, selbst Heisenberg konnte ihn nicht jederzeit, wie früher Sommer-
feld in München, im Büro aufsuchen, sondern musste um Termine bitten, worauf
ihm der Professor dann ein bestimmtes Problem auftrug und sagte: „Bitte denken
Sie darüber nach, wir wollen am Montag darüber diskutieren.“ Dann brachte ihm
der Assistent zur angegebenen Zeit seine Rechnungen; sie besprachen die gefunde-
nen Ergebnisse, die Born billigte oder kritisierte.50 Wie übrigens auch Born war
James Franck ein grundgütiger Mensch, aber er gab sich spontaner, herzlicher und
impulsiver als sein eher vornehm zurückhaltender Freund. Wenn er etwas fragen
oder diskutieren wollte, hielt er Heisenberg einfach im Korridor der Universität
auf. Und Borns Habilitand erfreute sich bald engster Kontakte auch zu den Assis-
tenten und Studenten des Franck’schen Institutes, etwa zu dessen Oberassistentin
Hertha Sponer oder dem Doktoranden Wilhelm Hanle. Letzterer war gleichaltrig
mit Heisenberg, hatte schon 1919 in Heidelberg zu studieren begonnen. Aber nach
fünf Semestern kam er – Hanle hatte sich zuvor mit dem Physikordinarius Philipp
Lenard wegen der Relativitätstheorie auseinandergesetzt – nach Göttingen, um bei
Franck zu promovieren. Er erinnerte sich Jahrzehnte später an die damalige Situa-
tion in seiner zweiten Universitätsstadt und bemerkte:

„Der überragende Kopf unter den jungen Theoretikern war schon damals Werner Heisen-
berg. Wir profitierten in Seminaren und Gesprächen ungemein viel von ihm. Überdies war
er ein netter Kamerad. Wir fuhren viel zusammen Ski.“51

Auch Heisenberg vergaß die gemeinsamen Schiausflüge nicht und schilderte


nach Jahrzehnten ein besonderes Erlebnis, einen winterlichen Ausflug, an dem
Hanle teilnahm:
49
Offensichtlich befürchtete August Heisenberg, dass der Sohn schließlich sein Auskommen im
Schuldienst werde suchen müssen, und dort würden experimentelle Kenntnisse natürlich sehr
nützlich sein.
50
W. Heisenberg, Interviews mit SHQP und J. Mehra. (Siehe Mehra-Rechenberg 1, S. 777–
778.) Andererseits waren die Borns durchaus gastfreundlich und luden Studenten, Mitarbeiter
und Gäste regelmäßig in ihr Haus mit Garten ein. Diese spielten dann mit den Kindern, musizier-
ten zusammen mit Born und fühlten sich wohl wie in einer Familie.
51
Siehe Hanle 1989, S. 268. Heisenberg berichtete auch in Briefen an die Eltern von Schiausflü-
gen, die sie von Göttingen aus unternahmen, etwa am 21.1.1924 zu dritt auf den Hohen Hagen
und am folgenden 31. Januar zu fünft auf einer dreitägigen Harzfahrt. Mitte Februar machte er
sogar einen Schikurs am Andreasberg, von dem er den Eltern im Brief vom 18. 2. erzählte: „Zum
Glück fahren die meisten Leute noch schlechter als ich. Gegen Ende glich der Übungshang
einem Schlachtfeld, lauter fallende und liegende Leute, das Feld mit Trichtern und Löchern
übersät.“ (Siehe EB, S. 63–65 und S. 67.)
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 201

„Wir waren gemeinsam in den Harz gefahren, wahrscheinlich um den Brocken zu bestei-
gen, und auf dem Rückweg nach Andreasberg war einer der Gruppe, ich glaube, es war
Hanle, verloren gegangen. Wir suchten und konnten ihn nicht finden und fürchteten
schon, er könnte sich verletzt oder irgendwo im Wald verirrt haben. Plötzlich hörten wir
aus einem ziemlich entfernten Waldstück eine etwas klägliche Stimme hv rufen, und da
wußten wir, wo wir zu suchen hatten.“52

Auf jeden Fall war er mit Hanles Untersuchungen der Resonanzfluoreszenz


ziemlich gut vertraut. Die daraus entstandene Doktorarbeit spielte eine wichtige
Rolle in der ersten Untersuchung, die Heisenberg, der im Herbst 1924 in Kopen-
hagen bei Bohr einen Forschungsaufenthalt antreten würde, in Angriff nahm.
Seit Anfang 1923 hatte sich das Bild der Atomtheorie auch besonders in Göt-
tingen gewaltig geändert. Dem Zeitzeugen Friedrich Hund verdanken wir Berichte
und Dokumente, die diesen Wandel aus erster Hand belegen. Zunächst schilderte
er das auslösende Moment, nämlich die bereits im letzten Kapitel erwähnten die
„Bohr-Festspiele“ vom Juni 1922, in fast hymnischen Worten:

„Bohr hielt drei Wochen, Montag, Dienstag und Mittwoch zur Seminarzeit (meist erheb-
lich länger) Vorträge über die Quantentheorie der Atome und das Periodensystem der
Elemente. Bohr sprach nicht deutlich und wir Jüngeren durften uns nicht in die vorderen
Bänke zwischen die bedeutenderen Gäste setzen. So hörten wir mit nach vorne gebogenen
Ohren, den Abendbrothunger niederkämpfend, angestrengt zu. Wir hatten wohl etwas in
Sommerfelds Atombau und Spektrallinien gelesen, 1920 hatte auch Debye (in ziemlich
ungeheiztem Hörsaal) eine Vorlesung über Quantentheorie gehalten; aber was Bohr vor-
trug, klang doch wieder ganz anders, und wir fühlten, daß es etwas ganz Wesentliches
war. Welcher Glanz über dieser Veranstaltung lag, ist heute nicht mehr mitteilbar; für uns
war sie so glänzend wie die Göttinger Händel-Festspiele jener Jahre.“ (Hund 1961, S. 1)

Der damals schon 26 Jahre alte Student Hund – er hatte sein Studium im Ersten
Weltkrieg durch militärische Dienste, allerdings ohne Fronteinsatz, unterbrechen
müssen – war gerade von dem Mathematiker Courant dem Physikkollegen Born
empfohlen worden und arbeitete nun an seinem Promotionsthema, der Erklärung
eines von Carl Ramsauer 1920 in Heidelberg entdeckten und noch unverstandenen
Verhaltens von Elektronen, die an Edelgasatomen gestreut wurden.53 Bohrs Vor-
träge gewannen ihn endgültig für die physikalische Forschung, und die Anstellung
als Assistent bereits im Oktober 1922 bot ihm zunächst das nötige Auskommen. In
seinem, schon ab 1915 als „Mathematisches Tagebuch“ geführten Notizheften
(fortan als Tagebuch zitiert) verzeichnete er in Stichpunkten den Inhalt und den
Fortgang seiner theoretischen Untersuchungen auf, die ihn nach der Dissertation

52
Siehe W. Heisenberg: Die Anfänge der Quantenmechanik in Göttingen. In Heisenberg 1977,
S. 43–60, bes. S. 49. Wilhelm Hanle hat dieses gemeinsame Erlebnis dem Autor durchaus bestä-
tigt; allerdings sei sein „hv“ –Ruf keineswegs kläglich gemeint gewesen, sondern er sollte nur
aus der Ferne gut vernommen werden.
53
Der über fünf Jahre ältere Friedrich Hund hatte nach dem Abitur auf Anraten seines Physik-
lehrers in Göttingen zu studieren, wohin er nach Unterbrechung im 1. Weltkrieg zurückkehrte,
um 1921 das Staatsexamen für Lehrer abzulegen und dann in den Schuldienst in der Nähe seines
Studienortes zu gehen. Gleichzeitig hörte er weiter Vorlesungen in Göttingen und eröffnete sich
im Herbst 1922 mit der Promotion zum Dr. phil. den Zugang zu einer akademischen Karriere.
202 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

direkt zu den aktuellsten Fragen der Quanten- und Atomtheorie führten. Insbeson-
dere notierte er im Sommersemester 1923 unter der Überschrift „Heliumrech-
nung“ folgende Einträge:

„16.4. Born glaubt Mechanik so ändern zu müssen, daß kurzperiodische Schwankungen


(infolge Umlaufs der Elektronen auf Keplerbahnen) nicht auftreten. Es treten nur Mittel-
werte über solche Umläufe auf.
18.4. Stark-Effekt mit Born-Paulischer Methode liefert das richtige Ergebnis. In erster
Näherung wird nur die Wirkung des Feldes auf den Schwerpunkt der Bahn benützt...
Borns Idee wird so formuliert; Es wirken nur die ganzen Elektronenbahnen aufeinander,
als sei die Ladung des Elektrons nach Maßgabe der Verweilzeit auf die ganze Bahn aus-
gebreitet. (Die einzelnen Teile eines solchen Elektronenpendels sollen keine Kräfte auf-
einander ausüben.)...
19.4. Born und ich rechnen das Helium nach dem neuen Verfahren. Ergebnis ist völlig
falsch.“

In den folgenden Wochen beschäftigte sich auch Hund in Göttingen intensiv mit
dem anomalen Zeeman-Effekt, ohne einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen.
Dasselbe gelang nicht einmal, trotz des ernsthaftesten Einsatzes, dem Kollegen
Wolfgang Pauli, der sich damals bei Niels Bohr aufhielt.
In Kopenhagen war der nach dem großen Erfolg beim Element Hafnium zu
Ende des Jahres 1922 mit dem Nobelpreis gekrönte Professor allerdings noch
keineswegs glücklich mit der bisher erreichten theoretischen Beschreibung des
Atombaus. Er wusste nur zu genau, dass die einzelnen Details auch seiner letzten
Vorschläge noch ordentlich geprüft werden mussten. Eben deshalb hatte er gerade
im vergangenen Sommer Pauli eingeladen, um die Hilfe des brillanten Sommer-
feld-Zöglings in Anspruch zu nehmen.54 Pauli war dann schon Ende September in
die dänische Hauptstadt gekommen und erledigte im Lauf der nächsten Monate
die Übersetzungs- und Redaktionsarbeiten für mehrere deutsche Veröffentlichun-
gen Bohrs, zuletzt die des Nobelvortrages vom 10. Dezember 1922. Er verstand
sich zudem ausgezeichnet mit Hendrik Kramers, dem Hauptassistenten am däni-
schen Universitätsinstitut, und berechnete mit diesem etwa Bandenspektren nach
den bekannten Regeln. Der Gast überzeugte sich schnell, dass die physikalische
Sichtweise, mit der Bohr an die existierenden Probleme der Atomtheorie heran-
ging, auch im Vergleich zu den Methoden, die er in München und Göttingen bei
Sommerfeld bzw. Born gelernt hatte, eigentlich die beste Aussicht auf ent-

54
Im Dezember 1945, kurz nachdem ihm der Nobelpreis für Physik zuerkannt wurde, erinnerte
sich Pauli an die Einladung, die er im Juni 1922 in Göttingen erhielt: „Eines Tages kam Bohr, in
Begleitung seines Assistenten Oskar Klein, zu mir und fragte, ob ich ein Jahr nach Kopenhagen
kommen könne. Er brauchte einen Mitarbeiter, um seine Schriften herauszugeben, die er in
deutscher Sprache veröffentlichen wollte. Ich war darüber sehr erstaunt und antwortete, nachdem
ich eine Weile überlegt hatte, mit der Überzeugung, die nur ein Jüngling besitzt: ,Ich glaube
kaum, dass die wissenschaftlichen Anforderungen, die Sie an mich stellen, mir Schwierigkeiten
bereiten werden, aber eine fremde Sprache wie Dänisch zu lernen übersteigt meine Fähigkeiten.‘
Das Resultat war, dass Bohr und Klein in ein herzliches Gelächter ausbrachen und ich nach
Kopenhagen ging, wo meine beiden Ansichten sich als falsch herausstellten.“ (Pauli 1946,
S. 213–214)
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 203

scheidende Fortschritte bot. Heisenberg in Göttingen bemerkte das bald und be-
schwerte sich bereits am 4. Januar 1923 bei Sommerfeld, dass Pauli schon sehr
„verbohrt“ sei und auf Veranlassung seines neuen Mentors auch ein Manuskript
über den anomalen Zeeman-Effekt geschrieben und ihm zugesandt habe. Der
Autor hätte darin die vorhandenen Ansätze diskutiert, von denen er einige „will-
kürlich als richtig“ erklärt und andere verworfen. Insbesondere, schrieb Heisen-
berg weiter, hätte er Landés und seine eigenen Ansichten kritisiert, und deshalb
könnten nach seiner Meinung die Kopenhagener doch schließlich keinen Erfolg
haben, weil „sie sich auf eine so durchaus unkontrollierbare und unfruchtbare
Konsequenz allgemeiner Quantenprinzipien versteifen“. Und er schloss ganz
kategorisch. „So sehr ich von der Unrichtigkeit der P[auli]’schen Ansichten über-
zeugt bin, so unheimlich ist mir die eiserne Konsequenz, mit der Bohr alles, was
falsch herauskommt, für richtig, und was richtig herauskommt, für falsch hält.“
(SB 2, S. 133–134).
Am klarsten verkündete Bohr seine letzten Ansichten über die Komplexstruktur
und die anomalen Zeeman-Effekte in dem langen Artikel über „Linienspektren
und Atombau“, den er endlich im März 1923 bei der Zeitschrift für Physik ein-
reichte. Nach einer Darlegung des allgemein unbefriedigenden Zustandes schloss
er mit den Bemerkungen ab:

„Unter diesen Umständen müssen wir darauf vorbereitet sein, daß die Beschreibung der
Kopplung zwischen Serienelektron und Atomrest nicht in direkter Anlehnung an die
Quantisierungsregeln für Periodizitätssysteme sich durchführen läßt. Ein bedeutungsvoller
Fingerzeig dafür, in welcher Richtung die Durchbrechung dieser Regeln zu suchen ist, hat
nun eben wieder diese Landésche Analyse des anomalen Zeemaneffektes gegeben, in dem
diese, wie erwähnt, unter Zugrundelegung möglichst einfacher Annahmen zu Werten der
Drehimpulskomponente des Atoms in Feldrichtung führt, die durch µh/2π dargestellt wer-
den können, wo µ nicht immer eine ganze Zahl ist, sondern in gewissen Fällen, so bei
Alkalispektren, ,halbzahlig‘ ist.“ (Bohr 1923c, S. 276–277)

In einer Fußnote verurteilte er noch einmal den „kühnen Versuch von Heisen-
berg“ – dieser hatte ja angenommen, dass „die stationären Zustände des Atoms
nicht direkt mit Hilfe von Bedingungen mit ganzzahligen Quantenzahlen be-
schrieben werden können“, und „die Werte der Quantenzahlen sogar halbzahlig
anzusetzen sind“ –, als „eine kaum begründbare Abweichung“ von der üblichen
Quantentheorie der Periodizitätssysteme“ (l.c., Fußnote 1 auf S. 277).
Pauli wollte sich nun im Frühjahr 1923, völlig auf der Grundlage der Prinzipien
seines neuen Kopenhagener Meisters stehend, der nur ganze Quantenzahlen und
Korrespondenzüberlegungen gestattete, das mechanischen Verhalten von komple-
xen Atomen mit und ohne äußeren Magnetfeldern erneut vornehmen. Er setze zu
diesem Zweck sein gesamtes methodisches und mathematisches Können ein, um
die entsprechenden Linienmultipletts und anomalen Zeeman-Effekte im Detail
auszurechnen. Anschließend verglich er – wie vorher Heisenberg und Landé –
seine Ergebnisse mit den vorliegenden spektroskopischen Daten. Diese empiri-
schen Daten hatten in den vergangenen Jahren Experten wie der Spanier Miguel
Catalán und Paschens Tübinger Doktorandin Hilde Gieseler wesentlich verbessert
und erweitert. Dann hatte sie Sommerfeld in einer umfangreichen Untersuchung
204 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

theoretisch analysiert, die er im Sommer 1922 noch vor der USA-Reise bei den
Annalen der Physik einreichen konnte, aber erst im Januar 1923 im Druck erschien
(Sommerfeld 1923a). Er schlug darin ein spezielles „Vektormodell“ für die Zu-
sammensetzung der Drehimpulse in Mehrelektronenatomen vor. Während er das
Gesamtmoment und die Drehimpulse des unangeregten und des angeregten Atoms
stets mit ganzzahligen Quantennummern j, j0 und j1 versah, erlaubte er für Dublett-
Atome auch nach Heisenberg mit halbzahligen j0∗ und j1∗ quantisierte Größen. Der
Tübinger Theorie-Extraordinarius Landé kritisierte dann zwar einige technische
Details dieses Münchener Vektormodells, wandte es aber auf die neuen Ergebnis-
se seines Kollegen Ernst Back an und entwickelte daraus Anfang 1923 eine recht
befriedigende Beschreibung, in der natürlich halbe Quantenzahlen eine Rolle
spielten (Landé 1923a). Das heißt sein abgewandeltes Vektormodell arbeitete nun
mit den umdefinierten Drehimpulsgrößen K , R und j (jeweils in Einheiten von
h / 2π ), denen er die neuen Quantenzahlen

1 ⎧j für geradzahlige Multipletts ,


K =k− ,J =⎨ 1
2 ⎩ j − 2 für ungeradzahlige Multipletts
1 (3.12)
sowie R = r
2
zuordnete, wobei j , k und r die bisherige innere, azimutale bzw. Rumpfquanten-
zahlen bedeuteten. Diese erfüllten dann, als Vektoren genommen, die Beziehungen
1 1
R−K + ≤ J ≤ R+K − . (3.12a)
2 2
Daraus konnte er nun eine universell gültige Gleichung für den nach ihm be-
nannten „ g -Faktor“ ableiten, nämlich:
J 2 − 14 + R 2 − K 2 , (3.13)
g = 1+
2 ( J 2 − 14 )

der die Linienstruktur der Multipletts von komplexen Atomen bestimmte. Die
Aufspaltungsenergie im Magnetfeld ergab sich dann aus dem mit h multiplizierten
Produkt der Magnetfeldstärke mit dem „Landé-Faktor“ und der magnetischen
Quantenzahl m , wobei m zwischen den Werten
−( J − 12 ) ≤ m ≤ + ( J − 12 ) (3.13a)

stets um eine Einheit anwuchs. Obwohl in seinem Formalismus immer wieder


halbe Quanten auftraten, versuchte der Autor, sein so erhaltenes Modell nach der
bisherigen Prinzipien der Atommechanik zu erklären, fand aber bald heraus, dass
die zugrunde liegende Theorie Heisenbergs „bereits in ihrem Grundgedanken
nicht aufrecht erhalten werden kann, trotz ihrer schönen Erfolge bei der Erklärung
des Paschen-Back-Effektes der Dublettatome“ (l.c., S. 202). Er bemühte sich dann
noch um weiter um ein etwas abgewandelte Modell für Dublett- und Triplett-
Atome, musste am Ende freilich eingestehen: „Eine geordnete und widerspruchs-
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 205

freie Erklärung der gefundenen Gesetzmäßigkeiten ist nicht erreicht worden.“


(l.c., S. 205).
In Kopenhagen kümmerte sich nun Pauli in seiner Behandlung desselben Prob-
lems von Anfang an weniger um die streng phänomenologische Beschreibung der
neuesten Daten. Da er zunächst strikt mit ganzen Quantenzahlen arbeitete, konnte
er freilich weder den Paschen-Back-Effekt noch die Runge’schen Regeln für die
anomalen Zeeman-Effekte erklären, wie schon Heisenberg tadelnd im Brief vom
4. Januar 1923 an Sommerfeld hervorhob. In den folgenden Monaten wechselte er
mit dem unzufriedenen Freund eine Reihe von Briefen, in denen sich ihre Ansich-
ten langsam annäherten. In der Zeit, als Heisenberg sich in München seiner hydro-
dynamischen Doktorarbeit widmen musste, also vom März 1923 an, übernahm
Pauli im Auftrag von Niels Bohr die Führung in der physikalischen Diskussion
des Problems. Insbesondere erkannte er bald, dass es am fruchtbarsten erschien,
zunächst „zu versuchen, auch abgesehen von Modellbetrachtungen einfache for-
male Eigenschaften der Werte der Kombinationsterme beim anomalen Zeemanef-
fekt herzustellen“, wie er in der Einleitung zu seiner Ende April 1923 zur Veröf-
fentlichung eingereichten Arbeit erklärte (Pauli 1923a, S. 156). Er schloss dann
im Prinzip auch durchaus halbzahlige Werte für die magnetischen und inneren
Quantenzahlen nicht aus – die Atomzustände beschrieb er nun gar durch vier
Quantenzahlen (Haupt- und azimutale Quantenzahlen n und k , magnetische
Quantenzahl m und innere Quantenzahl j ) – und fand so eine gültige Regel für
die „Summe der Energiewerte in allen denjenigen stationären Zuständen, die zu
gegebenen Werten von m und k gehören“, und zwar „während eines ganzen
Überganges von schwachen zu starken Feldern“. Und diese Summe, so schloss er
weiter, „bleibt eine lineare Funktion der Feldstärke“ (l.c., S. 162). Die genannte
Regel erwies sich besonders als praktisch äußerst nützlich, denn sie erlaubte es
dem Autor nun sofort, Landés g -Werte explizit zu berechnen.
Von den neuen Kopenhagener Ergebnissen war jetzt wiederum Landé in Tü-
bingen sehr begeistert, denn er konnte sie benützen, um sein Vektormodell, das er
ursprünglich nur für den feldfreien Fall angegeben hatte, auf die Beschreibung der
anomalen Zeeman-Effekte anzuwenden. Als er Pauli davon berichtete, antwortete
dieser am 26. Juli 1923 großzügig:

„Sie können ja ohne schlechtes Gewissen eine Note publizieren mit einem Hinweis auf
meine früheren brieflichen Mitteilungen, insbesondere darauf, daß ich Sie auf die Mög-
lichkeit aufmerksam machte, mh / 2π und μ h / 2π als Impulskomponenten parallel dem
Feld eines äußeren und inneren Systems zu interpretieren.“ (PB I, S. 109)

Allerdings bat Pauli den Adressaten, ihm „das Manuskript noch vor der Absen-
dung an die Redaktion zu senden“, damit er sähe, ob er auch „für alles die Ver-
antwortung tragen“ könnte, wofür er darin zitiert würde. Der eifrige Landé war
freilich bereits vorgeprescht und hatte eine Notiz für die Naturwissenschaften
vorbereitet, die er mit der Überschrift „Das Versagen der Mechanik in der Quan-
tentheorie“ versehen und am 15. Juli abgeschickt hatte (Landé 1923c). Die in
dieser Veröffentlichung, die die widersprüchlichen Tatsachen im anomalen Zee-
man-Effekt noch einmal zusammenfasste, ausgedrückte Ansicht hatte Pauli natür-
206 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

lich auch selbst klar am Ende seiner eigenen, vorherigen Arbeit in den Sätzen
formuliert:

„Eine befriedigende modellmäßige Deutung der dargelegten Gesetzmäßigkeiten ist uns


nicht gelungen. Wie schon in der Einleitung erwähnt, dürfte eine solche Deutung auf
Grund der bisher bekannten Prinzipien der Quantentheorie kaum möglich sein. Einerseits
zeigt das Versagen des Lamorschen Theorems, daß die Beziehung zwischen dem magne-
tischen Moment eines Atoms [schon wegen des von 1 verschiedenen g-Faktors] nicht von
so einfacher Art ist wie die klassische Theorie fordert, indem das Biot-Savartsche Gesetz
verlassen oder der mechanische Begriff des Impulsmomentes modifiziert werden muß.
Andererseits bedeutet das Auftreten von halbzahligen m und j bereits eine grundsätzliche
Durchbrechung des Rahmens der Quantentheorie der mehrfach-periodischen Systeme.“
(Pauli 1923a, S. 164)

Der Mitarbeiter Bohrs durfte sich aber naturgemäß kaum mit dem Ergebnis
seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit zufrieden geben, denn er hatte das vom
Meister vorgegebene Ziel weitgehend verfehlt. Noch über 22 Jahre später erinner-
te er sich an seinen Zustand nach dem Misserfolg:

„Ein Kollege, der mich ziellos in der schönen Straßen Kopenhagens herumlaufen sah,
sagte freundlich zu mir: ,Sie sehen sehr unglücklich aus‘, worauf ich energisch antworte-
te: ‚Wie kann man glücklich sein, wenn man über den anomalen Zeeman-Effekt nach-
denkt.‘ “ (Pauli 1946, S. 214)

Paulis Enttäuschung darüber war umso größer, weil auch die anderen Pläne, die
er damals mit Bohr durchführen wollte, sich nicht verwirklichen ließen. Weder im
Heliumproblem noch in der Frage des Abschlusses der Elektronenschalen im
Periodischen System der Elemente waren irgend welche Fortschritte erreicht wor-
den. Er ging daher im Frühsommer 1923, nach fast neun Monaten Aufenthalt in
Kopenhagen nach Hamburg zurück und beschäftigte sich dort zunächst mit einen
ganz anderen quantentheoretischen Problem, nämlich dem thermischen Gleichge-
wichtes zwischen Strahlung und freien Elektronen, das ihm „viel Freude“ machte.
Sodann begab er sich in Ferien an die Ostsee.
Erst als er am 26. Juli, nun einigermaßen erholt, wieder nach Kopenhagen kam
– Bohr hielt sich inzwischen in Tisvilde auf –, setzte Pauli seine briefliche Diskus-
sion über den anomalen Zeeman-Effekt vor allem mit Landé fort. Er schloss dann
auch bald eine zweite Untersuchung zu diesem Thema ab, in der er vor allem ein
mehr technisches Detail löste (Pauli 1923b). Es gelang ihm nämlich, die Lan-
dé’schen g -Faktor-Regel (3.13) auf den Zeeman-Effekt von Multiplett-Strukturen
zu erweitern, und zwar diesmal nach den üblichen mechanischen Prinzipien der
bisherigen Atomtheorie. Die fertige Arbeit schickte er schließlich Anfang Oktober
aus Hamburg, wohin er endgültig zurückgekehrt war, nach Kopenhagen. Der Chef
Bohr hatte aber Kopenhagen bereits Mitte September über England nach Amerika
verlassen, um Gastvorlesungen in die Vereinigten Staaten zu halten. Seine Erwar-
tung, mit Pauli die großen Probleme der Struktur und der Spektren komplexer
Atome auf der Grundlage der von ihm seit 1918 verfolgten Prinzipien zu lösen,
hatte sich jedenfalls nicht erfüllt.
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 207

Seit Anfang 1923 hatte Heisenberg die Kopenhagener Bemühungen um das


Heliumatom und des anomalen Zeeman-Effektes zwar mit größtem Interesse ver-
folgt, aber stets mit noch größerer Skepsis. Bezüglich des Heliumatoms konnte er
sich mit Pauli zwar schon im März einigen – denn auch die diesbezüglichen
Anstrengungen in Göttingen waren ja inzwischen vollständig gescheitert oder, wie
er es ausdrückte: „Alle Heliummodelle sind so falsch wie die ganze Atomphysik.“
(PB I, S. 86). Dann wurde ihre Korrespondenz über diese Fragen einige Monate
unterbrochen worden, denn der Doktorand hatte München seine Dissertation ab-
schließen und sich mit den dann notwendigen Prüfungsvorbereitungen beschäfti-
gen müssen. Dagegen wurde Sommerfeld, der sich einige Zeit nach der Rückkehr
aus den USA bei Pauli nach dessen Fortschritten erkundigt hatte, Anfang Ju-
ni 1923 ausführlich über das Ergebnis unterrichtet, dass die klassische Mechanik,
die den Atommodellen zugrunde lag, beim AZE auf der ganzen Linie versagte,
nämlich vor allem „auch in den stationären Zuständen selbst bei Systemen mit
mehr als einem Elektron überhaupt keine ausreichende Grundlage für die quantita-
tive Berechnung der Spektren solcher Systeme liefert“ (PB I, S. 95). Am 19. Juli
schließlich schickte Pauli seinem alten Lehrer aus dem Usedomer Seebad Bansin
nicht nur Separata seiner „unglückseligen Arbeit über den anomalen Zeemanef-
fekt“, sondern schrieb ihm noch einen weiteren Brief, in dem er zunächst das Er-
gebnis zitierte, das nach seinen (klassisch-) mechanischen Berechnungen für den
AZE in schwachen Magnetfeldern herauskam, nämlich dass der g-Faktor

3 1 k 2 − i2 (3.14)
g= −
2 2 j2

lautete. Dagegen konnte man den empirischen Wert nach Landés Formeln in sei-
nen, etwas verschiedenen Impuls-Variablen k , i und j – an Stelle von J , R und
K von Gleichung (3.13)! – in der Form

3 1 (k − 12 ) 2 − i 2 (3.14')
g= −
2 2 j ( j − 1)

ausdrücken. Dazu merkte er nun an, dass der Bau der beiden Ausdrücke (3.14)
und (3.14′) doch eigentlich ganz ähnlich sei. Allerdings ließe nun sich dieser Un-
terschied nicht mehr durch eine Abänderung der Quantenzahlen k, i und j mit
additiven Konstanten beseitigen, und das das hieß insbesondere: Die bisherige
Modellbeschreibung konnte auch bei weitester Auslegung nicht mehr aufrecht
erhalten werden. Andererseits schloss Pauli überraschend mit einer formal einfa-
chen Feststellung: „Man kann auch sagen, daß sich die beiden Ausdrücke zuein-
ander wie Differentialquotient ∂ 1 zum Differentialquotient ( 1 − 1 ) verhal-
∂j j j j −1
ten“. Und ebendiese Feststellung schien ihm physikalisch „auf etwas Unmecha-
nisches zu deuten“ (PB I, S. 105–106).
Heisenberg nahm Paulis Juli-Brief an Sommerfeld in der Hektik seiner Prü-
fungsvorbereitungen wohl kaum zur Kenntnis. Aber fast drei Monate später, am
9. Oktober 1923 – er hatte inzwischen Prüfung, ausgedehnte Sommerferien in
208 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Franken, Finnland und der Münchner Umgebung hinter sich und war Ende Sep-
tember als Assistent bei Born in Göttingen angetreten – teilte er in einen ausführli-
chen Brief nach Hamburg eigene wichtige und grundsätzliche Überlegungen mit,
die er mit Born angestellt hatte und die er wie folgt beschrieb:

„Die neue Göttinger Theorie des anomalen Zeemaneffektes lautet ungefähr folgendermaßen:
1. Die Modellvorstellungen haben prinzipiell nur einen symbolischen Sinn, sie sind das
klassische Analogon zur ,diskreten‘ Quantentheorie.
2. Bis jetzt war es üblich, von Modellsymbolen zu den wirklich ausgestrahlten Fre-
quenzen überzugehen, dadurch, daß man die Energie H ( J1 ,..., J h ) aus dem Symbol
übernahm und zu den ν qu durch Differenzenbildung (anstatt Differentialquotient) zu
[ h]ν [qu ] = ΔH gelangte “

Das wäre, schränkte Heisenberg nun in Punkt 3. seines Briefes ein, „nur ein
spezieller Fall, der für den Wasserstoff richtig ist“, und: „Bei anderen Problemen
muß man andere Funktionen statt H aus dem Symbol übernehmen. Eine allgemei-
ne Theorie, welche Funktionen der J1..., J h steht noch aus“. Nur in einem Fall
kannte er schon die Antwort, nämlich:

„4. Für den anomalen Zeemaneffekt lautet die fragliche Funktion

F (k , r , j , m) = ∫ H (k , r , j , m)dj = ∫ Hdj . (3.15)

Aus F gelangt man zu Fqu durch ΔF = H qu von H zu ν durch ΔH = h ν .“ []


(PB I, S. 125)

Das nun „symbolische Modell“, welches er jetzt für den anomalen Zeeman-
Effekt betrachten wollte, stimmte im Wesentlichen mit dem überein, das Pauli in
der ersten Arbeit darüber angenommen hätte. Es bestünde aus einem Atomrumpf
mit doppeltem Magnetismus (also g -Faktor = 2!) und dem üblichen Serienelektron
mit den scheinbar halben Quantenzahlen k = 12 , 32 , 52 sowie dem Rumpfimpuls r = 1
bei Dubletts bzw. 32 bei Tripletts (wie bei Landé). Die Quantenzahl des Gesamt-
drehimpulses nähme nun die Werte j = k + r , k + r − 1,… k − r an, also kämen auch
stets Parallelstellungen vor, ebenso bei der magnetischen Quantenzahl m ≤ j, also
hier m = j, j − 1,… − j . Heisenberg behauptete nun weiter, dass mit diesem Modell
auch alle Ergebnisse, die Pauli und Landé inzwischen erhalten hatten, folgten, d. h.
sowohl die Landé’sche Formel für die Multiplettstruktur als auch das Pauli’sche
Summationsprinzip. Darüber hinaus wäre jetzt auch das „Aufbauprinzip völlig
erfüllt“ und der sogenannte spektroskopische „Wechselsatz“ gälte in aller Schärfe.
„Das erheblich negative ist aber, daß man die Quantentheorie überhaupt nicht mehr
versteht“, kommentierte er dann einschränkend. Aber das erschien ihm gerade „sehr
sympathisch“, denn, wie er meinte: „Das eigentliche Ziel muß jetzt sein, von den
Symbolmodellen eindeutig zu den diskreten Zuständen zu gelangen“. Allerdings
beendete er die Darlegung doch mit der fragenden Bemerkung ab: „Ob den erhalte-
nen Formeln ein faßbarer Sinn zukommt, ist mir zweifelhaft.“ (PB I, S. 125–127).
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 209

Das neue Göttinger Programm, welches Heisenberg in diesem Brief Pauli zum
ersten Mal andeutete – Born bezeichnete es kurz und zutreffend als „Diskretisierung
der Atomphysik“ – schloss also auch Paulis frühere Überlegung zu Landés g-Faktor
ein, welche er im Juli Sommerfeld mitgeteilt hatte, und stützte sich nur in einem
gewissen, von Heisenberg als „symbolisch“ bezeichneten Sinne auf die früheren
mechanischen Modelle. Freilich ging es dem Göttinger Team Born-Heisenberg
insgesamt mehr als um Vorschriften für einzelne Beispiele aus der Atomphysik. Sie
strebten nichts Weniger als eine systematische Methode an, alle Ergebnisse aus den
bisherigen klassischen Modellüberlegungen in die entsprechende quantentheoreti-
sche Sprache zu übersetzen. Namentlich wollten beide Kollaboranten die quanten-
theoretische Hamilton-Funktion H qu durch eine möglichst allgemeine Vorschrift
aus der bekannten klassischen Funktion H kl erhalten. Hier wurde also ein erster
tastender Schritt zu dem Verfahren getan, das Heisenberg eineinhalb Jahre später
die „quantentheoretische Umdeutung klassischer Beziehungen“ nennen würde.
Von Anfang ihrer Bemühungen an, also schon in der Zeit zwischen Herbst
1923 und Sommer 1924, gingen allerdings der Professor und sein neuer Habili-
tand dann ganz verschieden vor, wie es auch ihren Temperamenten und bisherige
Arbeitsgewohnheiten entsprach. Born strebte zunächst einen ganz allgemeinen
formalen Zugang zur Atomtheorie an und dachte erst einmal an eine gründliche
Analyse der mechanischen Modelle, wie er sie im Wintersemester 1923/24 in
seinen „Vorlesungen über Atommechanik“ vorführen würde und im Vorwort
seines daraus entstehenden Buches mit den Worten erläutern würde, was „Atom-
mechanik“ eigentlich bedeutete, und die Grenzen der damals „geltenden Prinzi-
pien der Atom und Quantentheorie“ abstecken, aber auch „Wege zu bahnen, die
über diese Grenzen hinausgehen.“ (Born 1925, S. V). Das heißt, er durchforstete
hier die bisher angewandten Hamilton’schen Mechanik nach geeigneten Größen,
auf welche er das neu verkündete „Diskretisierungs-Verfahren ansetzen wollte.
Dazu beauftragte er zunächst auch Heisenberg, mit ihm gemeinsam die früher in
Göttingen entwickelte „halbklassische“ Störungstheorie anzuwenden, um die
allgemeinen Energiezustände der Moleküle auszurechnen. Weil Gleichgewichts-
lagen der Moleküle existierten, musste man in dieser Theorie erst einmal die
Variablen des ursprünglichen Vielteilchen-Modells kanonisch transformieren,
damit die Störungsfunktion erster Ordnung wirklich verschwand. Die Störungs-
funktion zweiter Ordnung bestimmte dann zugleich die Kernschwingungen und
die Kreiselbewegungen der Moleküle; die dritter Ordnung lieferten wieder keinen
Beitrag zur Energie des Systems, während die der vierten die Elektronenbewe-
gungen in den Atomen beschrieben. Die Formulierung der Aufgabe hatte ihnen
damals keine physikalischen Schwierigkeiten geboten, allerdings waren die de-
taillierten Rechnungen technisch recht umfangreich und mühsam gewesen, so
dass Heisenberg sich am 7. Dezember 1923 bei Pauli mit den Worten beschwerte:
„Die Arbeit über Moleküle von Born und mir ist jetzt fertig, sie enthält Klammer-
symbole bis zu 8 Indices und wird wahrscheinlich von niemandem gelesen.“55

55
Heisenberg an Pauli, 17.12.1923 (PB I, S. 132). Heisenberg irrte sich übrigens in der Ein-
schätzung der Bedeutung seiner Bemühungen mit Born, denn diese Molekülarbeit (Born und
210 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Erst ein weiteres halbes Jahr nach ihrer Formulierung in Heisenbergs Brief an
Pauli wandte sich Born dann selbst einer näheren Untersuchung ihrer „Diskreti-
sierungsmethode“ zu. Er formulierte sie, ähnlich wie er in den früheren Beispie-
len vorgegangen war, im Gewand einer neuen allgemeinen quantentheoretischen
Störungstheorie, die er nun ausdrücklich als die „quantenmechanische“ bezeich-
nete, wie der Titel seiner neuen, im Juni 1924 eingereichten Untersuchung (Born
1924) explizit ankündigte.
Heisenberg begann aber darüber hinaus im Herbst 1923 unverzüglich damit,
das Diskretisierungsverfahren auf das spezielle Problem anzusetzen, wie er schon
im Brief an Pauli vom 9. Oktober erwähnte, und der Kollege Hund vermerkte
entsprechend auch im Tagebuch: „9. Oktober: Heisenberg rechnet Zeeman-Ef-
fekte mit W = Δ ∫ H ( J )dJ .“ Mit größtem Schwung arbeitete er in der Tat dieje-
nigen Ergebnisse aus, die er am 7. Dezember gleichzeitig den beiden am meisten
interessierten Kollegen Landé und Pauli mitteilte. Nach Tübingen schrieb Hei-
senberg insbesondere: „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das ursprüngliche Manu-
skript meiner Arbeit schicke; leider sieht die jetzige Fassung etwas anders aus,
aber Sie können auch aus der alten Fassung leicht sehen, was ich eigentlich ge-
macht habe.“ Zwei Wochen später, am 22. Dezember 1924, sandte er aus Mün-
chen schließlich auch einen 16-seitigen Brief an Bohr, in dem er den Inhalt sei-
ner neuen Überlegungen zum Zeeman-Effekt ausführlich darlegte. Insbesondere
betonte er:

„Der Grundgedanke meiner Rechnung war der: die g-Formel sowie das Versagen des
Aufbauprinzips hinsichtlich der statistischen Gewichte zeigen deutlich, daß man ohne
grundsätzliche Änderungen nicht durchkommt. Diese Änderung schien sich nach meiner
Ansicht hauptsächlich auf die Quantenzahl j erstrecken zu müssen, da diese die für die
nicht-bedingt periodischen Systeme charakteristische Quantenzahl darstellt und da auch
empirisch vieles für eine Sonderstellung von j spricht. Es zeigt sich nun, daß unter einer
bestimmten Annahme die j- Formel, das Aufbauprinzip, die Summationsgesetze usw. sich
einheitlich ableiten lassen.“56

Namentlich schloss Heisenberg dann, dass aus dem ursprünglichen mechani-


schen Modell keineswegs – wie in der klassischen Theorie – die Frequenz ν folg-
te, Auch durfte man nicht – wie in der früheren Theorie der bedingt-periodischen
Systeme, die (klassische) Hamilton-Funktion H übernehmen, sondern musste sie
aus der Integralinvarianten mittels einer Differenzengleichung, nämlich
H qu = ΔF = F ( j ) − F ( j − 1) , (3.16)

ableiten. Die Details des mechanischen Modells übernahm Heisenberg allerdings


aus den halbklassischen Standardansätzen, nämlich: das Serienelektron mit Dreh-
impuls k , den Rumpf mit Drehimpuls r und den Landé’schen Faktor g r . Daraus

Heisenberg 1924a) bildete 1927 die systematische Grundlage für die quantenmechanische Be-
handlung von Molekülen, die Born und J. Robert Oppenheimer vornehmen sollten.
56
Heisenberg an Bohr, 22.12.1923 (NBA, Kopenhagen). Heisenberg schrieb diesen Brief, nach-
dem er in Sommerfelds Seminar den Vortrag über seine neue Theorie des anomalen Zeeman-
Effektes gehalten hatte.
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 211

folgte schließlich für die quantentheoretische Energie des Atoms in einem schwa-
chen Magnetfeld mit der Larmor-Frequenz v , die viel kleiner als die Kreisfrequenz
ω der Bahnbewegung sein würde, der Ausdruck57
⎧ 1 2⎫
⎪ j ( j − 1) − 2 + k − r ⎪ .
2
⎧ j ( j − 1) − k 2 + r 2 ⎫ (3.17)
H qu = ν hm ⎨1 + ( g r − 1) ⎬ + ωh ⎨ ⎬
⎩ 2 j ( j − 1) ⎭ ⎪ 2kr ⎪
⎩ ⎭
Der Unterschied zur entsprechenden „klassischen“ Energiefunktion war nun leicht
zu erkennen, denn im Wesentlichen wurde der frühere Faktor j 2 hier durch
j ( j − 1) ersetzt. Auch für starke Magnetfelder erhielt Heisenberg einen gegenüber
der bisherigen Theorie von Pauli verschiedenen Ausdruck. Bei ihm traten an die
Stelle der alten Größen g r und mr insbesondere die neuen Ausdrücke ( g r − 1)
bzw. (mr − 12 ) . Abschließend gab der Briefschreiber noch einige Lücken in seinen
Überlegungen zu. Erstens konnte er den Landéfaktor des Rumpfes g r nicht
bestimmen, sondern musste dessen Wert aus den empirischen Daten übernehmen.
Zweitens ließ sich das Kosinusgesetz, das Heisenberg für die Wechselwirkung
zwischen Rumpf und Serienelektron verwendete, einstweilen nicht mechanisch
ableiten. Und schließlich erschien ihm „ das besonders unbefriedigend an alledem,
daß die Halbzahligkeit der Quanten und die Anomalität des Zeemaneffektes über-
haupt nicht erklärt wird“. Er bat daher Bohr eindringlich, ihm „zu raten, ob es sich
lohnt, auf diesem Gebiet weiter zu suchen.“
Von den bisher informierten Experten schien zunächst Landé mit Heisenbergs
Vorschlägen wenigstens grundsätzlich einverstanden. Dagegen hielt Pauli eigent-
lich „nicht viel von der Sache“, wie er am 14. Dezember auch Landé mitteilte und
dann eingehend Hendrik Kramers im Brief vom 19. Dezember erläuterte. Er be-
zeichnete darin nämlich die neue Göttinger Theorie und ihre Anwendung schlicht
als „formal“ und bemängelte besonders:

„Heisenbergs Auffassung liefert jedoch keine Aufklärung der halben Quantenzahlen und
des Versagens des Larmortheorems. Da ich eine solche Aufklärung gerade für das wich-
tigste halte und da die Sache formal ist und keine neue physikalische Idee enthält, ist es
nicht die Theorie, auf die ich hoffe.“

Freilich fuhr er dann im Brief nach Kopenhagen auch etwas versöhnlicher fort:

„Ich würde es aber sehr begrüßen, wenn Bohr Heisenbergs Arbeit lesen und begutachten
würde. Vielleicht regt es ihn dazu an dann selbst die richtige Theorie zu machen. Heute
fahre ich nach München. Heisenberg wird dort eben morgen Nachmittag um ½ 6 Uhr vor-
tragen, und ich komme gerade zur rechten Zeit, um dort richtig schimpfen zu können. Es
wird eine stürmische Sitzung werden.“ (PB I, S. 135)

57
Mit Gleichung (3.17) konnte Heisenberg insbesondere die Situation des Tripletts (mit gr =2)
gut beschreiben. Auch das Summationsprinzip ergab sich in der Gestalt, dass die Summe der
Terme jHqu sich als proportional zur Frequenz und den Winkelvariablen herausstellte.
212 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

Heisenberg empfand die hier von Pauli angekündigte Sitzung offenbar als nicht
so „stürmisch“ oder gar entmutigend. Jedenfalls schrieb er Bohr den oben erwähn-
ten Brief – auf Paulis Anraten in lateinischer Schrift, nicht der altdeutschen Sütter-
lin-Schrift, in der er bis dahin alle Korrespondenz und auch die wissenschaftlichen
Manuskripte abgefasst hatte. Vom 22. Dezember 1923 an wartete er dann sehr
sehnlich mehrere lange Wochen auf eine Antwort aus Kopenhagen. Erst Ende
Januar 1924 griff Bohr schließlich zur Feder, nahm sich aber nicht die Zeit, auf
„die formale wie die physikalische Seite“ der zugesandten Arbeit einzugehen.
Dagegen er lud ihren Verfasser ein, in nächster Zeit nach Kopenhagen zu kom-
men, um die gesamte Angelegenheit mit ihm dort zu diskutieren. Natürlich sagte
Heisenberg eifrigst und umgehend zu. Er berichtete dann Bohr, dass er inzwischen
„nicht viel Neues“ gefunden habe, allerdings hätte er nun vielleicht „eine Hoff-
nung, die halben Quantenzahlen aus dem Formalismus ∫ Hdj zu erhalten“ 58
Einstweilen wollte er sich jetzt erst einmal mit den anomalen Zeeman-Effekten bei
Atomen mit mehreren Serienelektronen, wie Blei und Neon, beschäftigen und
besonders die Bleimessungen erklären, nachdem Landé inzwischen über das Neon
eine Arbeit vorgelegt hatte.
Seit dem Ende des Jahres 1923 begann Heisenberg, wie schon frühere zwischen
1921 und 1922, eine äußerst intensive Korrespondenz mit dem Tübinger Kollegen,
denn er interessierte sich jetzt zusätzlich für die Beschreibung der Röntgenspekt-
ren, über die Landé unlängst recht ungewöhnliche Ideen geäußert hatte und auf die
er nun die Göttinger Methode ausprobieren wollte. „Wenn bei mir etwas heraus-
kommen sollte, so würde ich am liebsten mit Ihnen zusammen über die Röntgen-
spektren eine Arbeit schreiben“, teilte er am 13. Dezember nach Tübingen mit,
worauf er eine Einladung erhielt, dort baldigst vorbei zu kommen. Er traf daher
am 9. Januar 1924, auf dem Rückweg von München nach Göttingen, mit Landé
zusammen. Sie diskutierten ausführlich über die interessierenden Fragen und ver-
einbarten, gemeinsam die Multiplett-Strukturen und die anomalen Zeeman-Effekte
näher zu analysieren. Die Erklärung der Röntgen-Spektren behielt sich Landé
dagegen selbst vor, vermutlich kam aus der Born-Heisenberg’schen Methode
wenig Zählbares dazu heraus.
In Göttingen fand Heisenberg Anfang 1924 offenbar zuerst genügend andere
Arbeiten im Born’schen Institut zu erledigen vor. Jedenfalls meldete er sich bei
Landé erst am 23. Februar 1924 mit Ergebnissen zum gemeinsamen Programm:
„Was zunächst Ihre Paschen-Back Terme betrifft, so hab ich gefunden, daß sie
theoretisch ganz konsequent folgen, wenn man entsprechend den zwei äußeren
Elektronen, das Rezept ∫ Hdj auf beide Elektronen anwendet.“ In diesem Fall
konnte er auch sofort die g -Werte für die s -Terme des Neons ableiten. Die
g-Werte für die p - und d -Terme hingen andererseits wesentlich von der Koppe-
lung der Außenelektronen ab und nur im Grenzfall, in dem eine dieser Kopplun-
gen die andere stark überwog, ließen sich die g -Werte durch „einfache rationale
Brüche wie bisher“ ausdrücken. Nun ergab freilich eine recht grobe Abschätzung

58
Bohr an Heisenberg, 31.1.1924; Heisenberg an Bohr, 3.2.1924 (alle in den Niels Bohr Archives).
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 213

der Kopplungsverhältnisse beim Neon aus der Größe der entsprechenden


Multiplett-Aufspaltungen im wesentlich gleichstarke Kopplungen; also erwartete
Heisenberg in diesem Fall: „Die g -Werte sind keine rationalen Brüche sind und
insbesondere gilt die Preston’sche Regel nicht mehr.“ Dann würde man dann irra-
tionale g -Werte bekommen, und das betrachtete er nun als „ein so verrücktes
Ergebnis“, dass er sich „ nicht getraute weiterzurechnen“. Trotzdem teilte er Lan-
dé fünf Tage später die g -Werte mit, die sich in diesem Fall für die hohen Haupt-
quantenzahlen ergaben. Da aber damals noch keine experimentellen Daten zur
Nachprüfung vorlagen, verzichteten die Autoren in ihrer bevor stehenden Publika-
tion (Landé und Heisenberg 1924) darauf, die Zeeman-Effekte überhaupt zu er-
wähnen.59
In ihrer Untersuchung mit dem Titel „Termspektrum der Multipletts höherer
Stufe“ unterschieden Landé und Heisenberg zunächst zwischen „Multipletts erster
Stufe“ und solchen „höherer Stufe“, wobei die ersteren die üblichen anomalen
Zeeman-Effekte nach den bekannten Formeln zeigten. Freilich sollten nur diejeni-
gen Atome solche Multipletts ausstrahlen, in deren Rumpf alle Elektronen im s -
Zustand gefunden waren und dieser den g -Wert 2 besaß. Falls jedoch im Rumpf
ein Elektron in einem p - oder d -Zustand gebunden vorlag, sandten die betref-
fenden Atome „Multipletts zweiter Stufe“ aus, und wenn zwei Rumpfelektronen
höhere Bahnen einnahmen, „Multipletts dritter Stufe“ usw. Das Neon-Atom diente
nun den Autoren als Beispiel, um den Fall von Multipletts zweiter Stufe zu analy-
sieren. Um die Terme von höheren Stufen von Multipletts zu beschreiben, brauch-
ten sie vor allem die Quantenzahlen des Rumpfes, von denen es mehrere gab,
welche sie aus ihrer neuen „Verzweigungsregel“ ableiteten.60
Außer mit Landé arbeitete Heisenberg im Winter 1923/24 auch mit Professor
Born und Friedrich Hund zusammen, und das an einer für ihn selbst äußerst wich-
tigen Fragestellung, nämlich wo überall in der Atomtheorie formal halbe Quanten-
zahlen auftraten. Diesbezüglich notierte er am 19. Januar 1924 in einem Brief
nach Tübingen:

„Herr Hund rechnete einmal fürs ganze periodische System systematisch die Termwerte
aus, welche Bahnen im Schrödingerschen Sinne eindringen, welche nicht. Zugleich stellte
er sehr allgemeine Rechnungen unter Benützung des ganzen empirischen Materials für die
Ionengröße an. Nun muß man aus der Größe der Ionen noch theoretische berechnen kön-
nen, welche Bahnen [der äußersten Elektronen in dem Atomrumpf] eindringen können
oder nicht. Es zeigten sich bei der Benützung von ganzen Quantenzahlen die gröbsten
Widersprüche. Wenn man halbe Quantenzahlen nimmt, wird dagegen durchweg alles ver-
nünftig. Herr Hund hat wirklich sine ira et studio alle Tabellen für ganze und halbe k auf-

59
Nicht zuletzt wegen Heisenbergs Besuch in Kopenhagen vom Ende März bis Anfang Ap-
ril 1924 reichten Heisenberg und Landé ihre gemeinsame Analyse über die Multiplett-Struktur
erst Mitte Mai zur Veröffentlichung bei der Zeitschrift für Physik ein.
60
Diese Regel fanden sie mit Hilfe des Bohr’schen Aufbauprinzips für das Periodensystem der
Elemente auf folgende Weise: Falls man den Rumpf eines Atoms aus einem Ion mit Gesamtdreh-
impuls j durch Hinzufügen eines Elektrons erhält, das im s-Zustand gebunden wird, dann würde
schließlich sein Gesamtmoment einen der beiden Werte j + 1/ 2 oder j − 1/ 2 annehmen.
214 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

gestellt, und am Schluß sprechen sie überzeugend für halbe k. Also wird auch Bohr noch
daran glauben müssen.“

Nach seinem Tagebuch hatte sich Hund in der Tat seit dem 28. Dezember
1923 mit der „Zentralbewegung der Elektronen im Atom“ im gesamten Perioden-
system näher befasst und gerade am 17. Januar 1924 die explizite Schlussfolge-
rung eingetragen: „Nimmt man symmetrische Rümpfe an, so fällt die Entschei-
dung eindeutig zugunsten der halbzahligen k aus.“ Heisenberg nahm gerade
dieses Ergebnis des Kollegen natürlich freudig auf, denn ihr Göttinger Chef hatte
bisher stets die halben Quantenzahlen abgelehnt. Mit Hund wurde er jetzt immer
vertrauter und diskutierte viel mit ihm, denn er war inzwischen ebenso eifrig wie
ernsthaft in die Atomtheorie eingedrungen und veranlasste seinerseits Heisen-
berg, die spektroskopischen Probleme mit denen der Kristallphysik zu verbinden,
die er selbst als Borns langjähriger Helfer und Assistent recht genau kennen
gelernt hatte. Born, Heisenberg und Hund taten sich sogar Anfang 1924 zu dritt
enger zusammen, um jetzt die „Deformierbarkeit“ der Ionen und ihren Einfluss
auf deren optische und chemische Eigenschaften zu untersuchen. Dabei vergli-
chen sie insbesondere die Polarisierbarkeit der Alkali-Ionen, die sie aus den
spektroskopischen Rydberg-Korrekturen entnahmen, mit den entsprechenden
Werten der im chemischen Periodensystem zunächst, also links gelegenen Edel-
gasatome. Wegen der kleineren Kernladung sollte deren Polarisierbarkeit nämlich
größer sein. Born und Heisenberg bemerkten dann, dass dieser Schluss nur galt,
wenn man statt ganzer eben halbe Quantenzahlen benützte. Sie stellten nämlich
in einer Ende März 1924 eingereichten Arbeit fest: „ Aus den Deformations-
konstanten der Edelgase und der edelgasähnlichen Ionen folgt die Halbzahligkeit
der Quantenzahlen k.“ (Born und Heisenberg 1924b, S. 256). Heisenberg
und Hund präsentierten die neuen Argumente für die halben Quantenzahlen
dann in Beiträgen zur Tagung des lokalen Gauvereins Niedersachsen der DPG
in Braunschweig.
Wolfgang Pauli, der ebenfalls zu diesem Physikertreffen vom 19. und 20. Fe-
bruar 1924 erschienen war, kommentierte die vorgetragenen Ergebnisse umge-
hend etwas sarkastisch in einem Brief vom 21. Februar an Bohr, dem erklärten
Schirmherrn der ganzen Quantenzahlen: „In Göttingen haben sie nun ausgerech-
net, daß abgesehen von allen Fragen der Komplexstruktur, das Eindringen der
Bahnen in den Atomrest und die Termgrößen besser mit halbzahligen k-Werten
als mit ganzzahligen k-Werten stimmen.“ Und er schloss daran die folgende
allgemeine Bemerkung an:

„Die Atomphysiker zerfallen in Deutschland jetzt in zwei Klassen, Die einen rechnen ein
bestimmtes Problem zuerst mit halbzahligen Quantenzahlen durch und, wenn es dann
nicht mit der Erfahrung stimmt, rechnen sie es dann eben mit ganzen Quantenzahlen. Die
anderen rechnen zuerst mit ganzen Zahlen und wenn es nicht stimmt, rechnen sie es dann
eben noch mit halben. Beide Klassen haben aber die Eigenschaft gemeinsam, daß aus ih-
ren Theorien a priori keinerlei Argumente zu gewinnen sind, bei welchen Quantenzahlen
und bei welchen Atomen man mit halbzahligen Werten der Quantenzahlen und bei wel-
chen Werten man mit ganzzahligen zu rechnen hat. Dies können sie bloß a posteriori
durch Vergleich mit der Erfahrung unterscheiden.“
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 215

Als Fußnote fügte er freilich hinzu: „Heisenberg meine ich damit nicht. Er ist viel
vernünftiger.“ (PB I, S. 127–128).
Der „vernünftigere“ Mann in Göttingen konzentrierte sich nach diesen Ausflü-
gen in den Dschungel widersprüchlicher atomarer Daten wieder auf seine Haupt-
aufgabe, eine neue Theorie der anomalen Zeeman-Effekte auf der Grundlage der
Göttinger Differenzen-Methode zu gewinnen. Für dieses Unternehmen suchte er
jetzt dringend, Niels Bohrs Segen zu gewinnen, der ihn ja schon nach Kopenhagen
eingeladen hatte. Er war über diese Gelegenheit natürlich sehr begeistert und woll-
te kurz nach dem Ende des Wintersemesters dort eintreffen. Auf Bohrs Wunsch
verschob er die Reise aber noch etwas, so dass er sich erst vom 15. März bis zum
4. April 1924 bei ihm aufhielt. Allerdings erreichte er damals in Kopenhagen noch
keine endgültige Entscheidung über seine Ergebnisse, wie er am 26. März Pauli
von dort unterrichtete: „Was die Physik hier betrifft, so scheint bei dem jetzigen
Stand der Theorie kaum eine Entscheidung getroffen werden zu können, ob und
wie viel Sinn oder Unsinn in meinem Zeemangemüse steckt, d. h. wie groß der
Hafniumgehalt meiner theoretischen Gedankenverbindungen ist“ (PB I, S. 153).
Dafür führte der Besuch in Dänemark zu einer Phase des intensiven wissenschaft-
lichen und persönlichen Austausches zwischen Göttingen und Kopenhagen, in den
sich Heisenberg – nach vorherigen Erholungsferien mit dem Jugendfreunden – zu
Beginn des Göttinger Sommersemesters einschaltete. Schon am 15. Mai schickte
er eine überarbeitete Fassung seiner Zeemanarbeit an Bohr und kommentierte
dazu:

„Ich hab sie so schlecht und recht zusammengeschrieben wie ich konnte und bin mit vielem
noch nicht sehr zufrieden. Aber selbst wenn in Einzelheiten noch vieles anders ist, als es da-
steht, ich glaub jetzt eigentlich doch, daß der Grundgedanke richtig ist; ich hab mir auch Mü-
he gegeben, die Arbeit so zu schreiben, daß ich in den Einzelheiten nicht zu viel behaupte.“

Besonders fragte er dann an: „Ich weiß nicht, ob Sie mit dem Abschnitt über k in
meiner Arbeit einverstanden sein werden. Aber ich hab große Hoffnung, daß man
in kurzer Zeit weiterkommen wird.“ Schließlich gab er doch: „Aber vielleicht ist
es doch gut, es jetzt zu schreiben.“
Bohr antwortete wieder nicht sofort, sondern kam drei Wochen später auf Be-
such nach Göttingen, weil er auch mit Professor Born ausführlicher diskutieren
wollte. Dieser war nämlich unterdessen selbst aktiv in das „Differenzen“-Pro-
gramm eingestiegen und hatte aus ihm eine Störungsrechnung entwickelt. Diese
erlaubte ihm insbesondere, eine von Hendrik Kramers im März vorgeschlagene
Dispersionsformel, welche die Streuung von Licht an Atomen quantentheoretisch
beschreiben sollte, abzuleiten. Bohr besprach bei dieser Gelegenheit natürlich auch
ausführlich mit Heisenberg dessen Manuskript, der darauf triumphierend am
8. Juni dem Freund Pauli mitteilte, dass er „letzteres übrigens ohne physikalische
Deutung – da nicht vorhanden – mit dem päpstlichen Segen jetzt publizieren“ wer-
de, und zwar „trotz Ihnen!“ (PB I, S. 155). Am 13. Juni ging schließlich die Arbeit
mit dem langen Titel „Über eine Abänderung der formalen Regeln der Quanten-
theorie beim Problem der anomalen Zeemaneffekte“ der Berliner Redaktion der
Zeitschrift für Physik zu. Der Autor betonte natürlich in einer Fußnote der Einlei-
216 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

tung besonders: „Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle Herrn Prof. Bohr für
die vielfache Förderung, die ich aus seinen Ratschlägen erfahren habe, recht herzli-
chen Dank auszusprechen.“ (Heisenberg 1924c, S. 291). In der umfangreichen
Untersuchung legte Heisenberg dann in acht Abschnitten die Folgerungen dar, die
er seit Oktober 1923 aus dem gemeinsam mit Born entworfenen theoretischen
Programm gezogen hatte, um die magnetische Aufspaltung der Spektrallinien zu
erklären. Das Problem hatte ihn ja seit seinem ersten Studiensemester vom Winter
1920/21 in Sommerfelds Institut geplagt, und er wollte jetzt endlich nach über
dreijähriger Beschäftigung im Sommer 1924 einen wirklich befriedigenden Erfolg
vorweisen, den er auch für seine Habilitationsschrift verwenden konnte.
Heisenberg formulierte zunächst in § 1 seiner auch der Göttinger Fakultät als
Habiliationsschrift vorgelegten Arbeit zunächst das „neue Quantenprinzip“ und
führte dann in § 2 das klassische „Ersatzmodell“ von Pauli für die anomalen Zee-
man-Effekte ein. In § 3 verglich er die erzielte quantentheoretische Beschreibung
mit den empirisch gefundenen Beziehungen und in § 4 brachte er dann seine Ab-
leitung der so genannten „Permanenzprinzipien“, d. h. der Pauli’schen Summen-
regeln. Dann befasste sich der Autor in § 5 mit der immer noch „ungewissen phy-
sikalischen Deutung“. Er hoffte insbesondere, dass „die Regel von § 1, die in ihrer
jetzigen Form durchaus den Problemen des anomalen Zeeman-Effektes angepaßt
scheint, vielleicht die Richtung angeben kann, in welcher allgemein die Abände-
rung der bisherigen Mechanik und die Schaffung einer Quantenmechanik der
Systeme mit mehreren Elektronen zu suchen ist.“ Zwar musste man dazu jetzt
noch „provisorisch ein von der gewöhnlichen Mechanik abweichendes Ersatzmo-
dell benützen“, während doch „in einer endgültigen Theorie der Zeemaneffekte
die unmechanischen Eigenschaften unseres Ersatzmodells ebenso, wie etwa die
g-Formel als Ausfluß der Quantenmechanik erscheinen müßten“. Aber, so hoffte
Heisenberg auch:
„Man kann vermuten, daß die grundsätzlichen Schwierigkeiten, die der Deutung der hal-
ben Quantenzahlen, der relativistischen Dublettformel und des doppelten Magnetismus
entgegenstehen, aus der gleichen Wurzel stammen, wie die durch die g-Formel nach § 1
versuchte Abänderung der Quantenmechanik.“ (l.c.)

Und, so fuhr er fort, hierfür wären „deutliche Anzeichen vorhanden“. Dann zählte
er zum Beweis einige schwierige Punkte in den empirischen Daten auf, die mit
dem neuen Quantenprinzip gut verträglich waren, darunter das Bohr’sche Aufbau-
prinzip und das neuerdings von ihm und Landé vorgeschlagene Verzweigungs-
prinzip für die Multipletts höherer Stufe (l.c., S. 299–300).
In § 6 erweiterte der Autor dann das Göttinger Quantenprinzip auf die Be-
schreibung allgemeiner Mehrelektronensysteme und der Aufspaltung ihrer Mul-
tiplettlinien in starken Magnetfeldern. In § 7 analysierte er als besonderes Beispiel
das Neonspektrum und dessen Zeeman-Effekt und in § 8 ging er auf die zugehöri-
gen Auswahlregeln ein. Abschließend fasste Heisenberg seine neuerlichen Bemü-
hungen „dahingehend zusammen, daß es sich als möglich erwiesen hat, durch eine
einfache Abänderung der Quantenregeln die Gesetze der Multipletts und Zeeman-
effekte einfacher und einheitlicher als bisher zu beschreiben“, und zwar, wie er
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 217

besonders hervorhob, „durch die Annahme, daß ein Wert der Kopplungsenergie
mit zwei Quantenzahlen verknüpft ist“ (l.c., S. 304). Weiterhin vermutete er: „Die
Regel in § 1 steht in Zusammenhang mit der Tatsache, daß auch die quantenme-
chanischen Wechselwirkungen zwischen Atomen und Strahlungsfeldern, die ja zu
den Kopplungswirkungen völlig analog sind, notwendig mit der Möglichkeit eines
Übergangs von einem stationären Zustand zum anderen verknüpft sind“. Endlich
erwartete er auch, „daß Formalismen, die denen von § 1 bis § 6 ähnlich sind, eine
über die Zeemanphänomene hinausgehende Rolle in der Quantenmechanik der
Kopplungssysteme werden spielen können“ (l.c., S. 306–307).
Obwohl er bisher stets die erhaltenen Ergebnisse sowohl in der publizierten
Arbeit als auch besonders in seinen Briefen recht vorsichtig beurteilte – an Landé
räumte er etwa am 15. Juli ein, dass natürlich das wirkliche Modell für die anoma-
len Zeeman-Effekte komplizierter sein müsste als das bisher verwendete – lag
dennoch so viel Zuversicht in seiner neuen Göttinger Arbeit, die durchaus auch
den Optimismus aus früheren Münchner Zeiten ausstrahlte. Er sah sich darin al-
lerdings weniger durch das bisher schon Erreichte bestärkt als durch die Zustim-
mung seines Chefs und vor allem das Interesse, das der große Niels Bohr an dem
weiteren Ausbau der von ihm und Born vorgebrachten Ideen nahm. Der dänische
Atomphysik-Papst bezog sich dabei zwar zunächst weniger auf die Einzelheiten
von Heisenbergs Zeeman-Untersuchung als auf die Darlegungen der Theorie in
Max Borns Arbeit, welche bei der Zeitschrift an demselben Tag einging wie Hei-
senbergs und die allgemeineren Gesichtspunkte unter dem bereits erwähnten an-
spruchsvollen Titel „Über Quantenmechanik“ vortrug. Heisenberg hatte sie den
Eltern schon früher, im Brief vom 5. Juli 1924, mit den Worten angekündigt:
„Born hat eine schöne Erweiterung meiner Theorie gefunden.“ (EB, S. 74).
Die Zusammenfassung, die der gewöhnlich vorsichtige und mehr mathematisch
argumentierende Göttinger Professor seiner neuen theoretischen Untersuchung
voranstellte, trug nun freilich eine noch größere Zuversicht zur Schau als die sei-
nes Assistenten. So schrieb er in der Zusammenfassung:

„Die Arbeit enthält einen Versuch, den ersten Schritt zur Quantenmechanik der Kopplung
aufzustellen, welcher von den wichtigsten Eigenschaften der Atome (Stabilität, Resonanz
für die Sprungfrequenzen, Korrespondenzprinzip) Rechenschaft gibt und in natürlichster
Weise aus klassischen Gesetzen entsteht.“

Und er fuhr erfreut fort: „Diese Theorie enthält die Dispersionsformel von
Kramers und zeigt eine enge Verwandtschaft zu Heisenbergs Formulierung des
anomalen Zeemaneffekts.“ (Born 1924, S. 379). Mit diesen Bemerkungen nährte
der Autor jedenfalls noch viel ehrgeizigere Hoffnungen aus seinem „ersten Schritt
zur Quantenmechanik“, den er nun wie gewohnt systematisch in den folgenden
fünf Abschnitten der Publikation darlegte. In den ersten beiden Abschnitten skiz-
zierte er einen Abriss der klassischen Störungstheorien für mehrfach periodische
Systeme, die äußeren Kräften unterworfen sind, und wandte sie als Beispiel auf
die Vorgänge der Lichtstreuung an Atomen in klassischer Beschreibung an. In § 3
vollzog er schließlich den „Übergang zur Quantentheorie“ bei den Dispersions-
218 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik

phänomenen. Hier zeigte er insbesondere, „wie so gut wie zwangsläufig eine klas-
sisch berechnete Größe der Form
∂Φ 1 dΦ

τ
τ k =
∂J k h dμ
(3.18)
k

durch den geradlinigen Mittelwert des Differentialquotienten


1
∂Φ 1
∫∑ dμ = [Φ(n + τ ) − Φ(n)] (3.19)
0τ ∂J
k k h

zu ersetzen“ ist. (l.c., S. 388) Das heißt, er ordnete zunächst dem Quadrat der
2
klassischen Fourier-Amplituden Cτ die quantentheoretische Größe Γ( n ,n' ) zu,
k

die von zwei Quantenzahlen n und n' (in den oberen Formeln n + τ und n !)
abhingen. Das quantentheoretische Resultat ergab sich dann aus dem klassischen
nach „geradliniger Differentiation“ des Wechselwirkungsgliedes für die Energie in
der zweiten Ordnung der Störungsrechnung explizit zu:
1 Γ(n + τ , n) Γ(n, n − τ ) .
W2 qu = ∑
h τ k >0 ν (n + τ , n) ν (n, n − τ )
(3.20)

Somit konnte der Autor in § 4 seiner Abhandlung ohne weitere Annahmen die
Dispersionsformel von Hendrik Kramers bekommen. In § 5 schrieb er dann die
neuen Störungsformeln nieder, die aus diesem systematischen Verfahren für eine
quantentheoretische Beschreibung der Eigenschaften von Molekülen und Mehr-
elektronenatomen folgten. Namentlich deutete er kurz an, wie sich Heisenbergs
Regeln und Gesetze für die Multiplettlinien und ihre anomalen Zeeman-Effekte aus
dem hier vorgestellten Formalismus ableiten ließen. Damit besaß die „allgemeine
Quantenmechanik“, die Born nun anstrebte, eine gute „empirische Grundlage“ in
der Dispersionsformel von Kramers einerseits und Heisenbergs spektroskopischen
Formeln andererseits.
Es versteht sich nach diesen Erfolgen des gemeinsamen Programms von selbst,
dass Born für seinen Privatassistenten noch im Sommersemester 1924 bei der
Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät in Göttingen die Habilitation
beantragte. Ein glücklicher Werner Heisenberg hatte dies bereits am 5. Juni der
Mutter mitgeteilt:

„Heut war für mich ein ereignisreicher Tag: Niels Bohr kam um 12 Uhr und war wieder
sehr nett. Um 5 Uhr hatte ich alle, Bohr, Born. Rosseland [den Bohr mitbrachte], Hund
zum Kaffee in meiner Bude. Dann gingen wir spazieren und hatten überhaupt viel wissen-
schaftlich diskutiert; ich werde also meine Arbeit jetzt wirklich loslassen, und auch die
Habilitation wird so allmählich anlaufen.“ (EB, S. 74)61

61
Werner Heisenberg war übrigens am 7. Mai 1924 in eine neue Wohnung umgezogen, in ein Haus
am Ende der Stadt, nahe dem Wald. „Mein Zimmer ist sehr hübsch eingerichtet: Sofa, 2 Schränke,
Tisch, Waschtisch, Bett. Vom Fenster (1. Stock) hat man Aussicht auf den gesamten Hainberg, den
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 219

Es war damals auch höchste Eile geboten, wenn das Verfahren noch im Som-
mersemester abgeschlossen werden sollte. Einige Verzögerungen verursachte noch
der Dekan, der zu sehr auf Formalitäten bestand – „dieser Trottel, dieser Pedant,
dieser Saupreuß“ wetterte Werner am 26. Juni, schrieb aber schon zwei Tage spä-
ter wiederum an die Eltern, dass die Probevorlesung noch im Juli stattfinden konn-
te, weil es dem eben noch gescholtenen Universitätsmann doch gelang, schnell
eine Habilitationskommission wählen zu lassen (EB, S. 77–78). Heisenberg hielt
seinen Vortrag dann in der Tat im letzten Moment ganz kurz vor Semesterende,
am 28. Juli 1924. Gerade ein Jahr nach der Fastkatastrophe in München hatte er
nach kürzester Zeit schon das nächste akademische Ziel erreicht. Friedrich Hund
erzählte noch Jahrzehnte später über ein Gespräch, das Sommerfeld mit dem Göt-
tinger Kollegen führte und in den Sätzen gipfelte:

„Sommerfeld: ,Eine Herausforderung der Münchner Fakultät!‘ Born: ,Warten Sie nur, er
wird es schon rechtfertigen.‘ Sommerfeld: ,Weiß ich, weiß ich.‘ “ (Hund 1961, S. 3).

Rohns“, schrieb er noch am selben Tag nach München und erzählte weiter, dass die neue Hauswirtin
„einen vertrauenshaften Eindruck“ mache, „etwas behäbig, aber gutmütig und sehr geschäftstüch-
tig“. Deshalb müsse er nun 40 M Miete bezahlen, was aber „für Göttinger Verhältnisse nicht außer-
gewöhnlich teuer“ sei, denn er hatte nun zudem im „Haus Graefe, Am Kreuze 15“ (so lautete die
neue Adresse), auch ein Klavier zur Verfügung, das allerdings nicht in seinem Zimmer stand.
220 3 Die Göttinger Lehre. Hilberts Mathematik und Borns Physik
3.4 Borns Schule und die Vorahnung einer „Quantenmechanik“ 221
Kapitel 4
In der Spur von Niels Bohrs Physik
und Philosophie

„Kürzlich sah ich Heisenberg gelegentlich einer Physikerzusammenkunft in Braun-


schweig. Es geht mir immer sehr merkwürdig mit ihm. Wenn ich über seine Ideen nach-
denke, so kommen sie mir gräßlich vor und ich schimpfe innerlich sehr darüber. Denn er
ist sehr unphilosophisch, er achtet nicht auf klare Herausarbeitung der Grundannahmen
und ihren Zusammenhang mit den bisherigen Theorien. Wenn ich aber mit ihm spreche,
so gefällt er mir sehr gut, und ich sehe, er hat allerlei neue Argumente – wenigstens im
Herzen. Ich halte ihn dann – abgesehen davon, daß er persönlich auch ein sehr netter
Mensch ist – für sehr bedeutend, ja sogar genial und glaube, daß er die Wissenschaft noch
einmal sehr vorwärts bringen wird. Auch an seiner letzten Sache wird wohl viel Wahres
sein. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, daß Sie ihn nach Kopenhagen eingeladen haben.
Hoffentlich werden Sie dann zusammen die Atomtheorie ein gutes Stück vorwärts bringen
und einige Probleme lösen, mit denen ich mich vergeblich geplagt habe. Hoffentlich wird
dann auch Heisenberg eine philosophischere Einstellung seiner Gedanken mit nach Hause
bringen.“ (Wolfgang Pauli an Niels Bohr, 11. Februar 1924. PB I, S. 143–144)

4.1 Einleitung: Niels Bohrs Persönlichkeit


und Entwicklung bis 1920

Heisenbergs Studienkollege und Freund Pauli kannte natürlich sehr wohl die Art
und die Methoden seines Kopenhagener Lehrmeisters sowie dessen Umgebung
aus eigener Erfahrung, auch seinen Werdegang und das Institut in Kopenhagen.
Der am 7. Oktober 1885 in der dänischen Hauptstadt geborene Niels Bohr wuchs
in einem Akademikerhaus auf. Der Vater Hendrik David Bohr war ein bekannter
Professor der Physiologie an der Universität Kopenhagen, die Mutter Ellen Adler
stammte aus einer einflussreichen Bankiersfamilie. Gemeinsam hatten sie noch
einen zwei Jahre jüngeren Sohn Harald, der ein bedeutender Mathematiker wurde,
und die Tochter Jenny. Niels studierte von 1903 an seiner Heimatuniversität Phy-
sik, erhielt dort 1909 das Diplom und 1911 den Doktortitel.1 Anschließend begab
1
Details von Niels Bohrs Biographie lassen sich den Büchern Moore 1970 und Röseberg 1992
entnehmen. Besonders ausführlich behandelte Abraham Pais vor allen Dingen auch das wissen-
schaftliche Werk (Pais 1991).

H. Rechenberg, Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 223


© Springer 2010
224 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

er sich mit einem Stipendium der Carlsberg-Stiftung nach England zuerst zu


Joseph John Thomson in Cambridge, wechselte aber einige Monate später zum
großen Pionier der Radioaktivität, Ernest Rutherford, nach Manchester über.
Rutherford gewann damals gerade aus den Messungen der Streuung von Alpha-
teilchen an Metallfolien, die seine Mitarbeiter Hans Geiger und Ernest Marsden
durchgeführt hatten, eine neue Vorstellung der Atome. Jedes Atom sollte aus
einem schweren, elektrisch positiv geladenen Kern kleinster Ausdehnung und aus
Elektronenbestehen, die den Kern in kreisförmigen Bahnen umlaufen. Diese
Grundidee baute Bohr, der im Sommer 1912 als Assistent an die Universität Ko-
penhagen zurückgekehrt war und Margarete Nørlund geheiratet hatte, dann im
Frühjahr 1913 zu einem quantentheoretischen Atommodell aus, in dem die Elek-
tronenbahnen räumlich durch eine Quantenbedingung festgelegt wurden. Im
Herbst 1914 lud wiederum Rutherford den jungen dänischen Theoretiker ein,
seinen eben zum Kriegsdienst eingezogenen Lektor Charles Galton Darwin an der
Universität Manchester zu ersetzen. Dort baute Bohr sein Atommodell etwas aus,
bis ihn 1916 die Heimatstadt als Universitätsprofessor zurückholte. Bald stieß der
Holländer Hendrik Kramers als erster Schüler und Mitarbeiter zu ihm. Allerdings
entstand der von den dänischen Behörden versprochene Bau seines Institutes für
Theoretische Physik erst mit großer Verzögerung, wobei die Verbindungen Bohrs
zu privaten Geldgebern und der große Ruf, den er sich in England und Deutsch-
land – hier namentlich bei Einstein, Planck und Sommerfeld – erworben hatte,
wesentlich mithalfen. Im Frühjahr 1921 konnte das Gebäude endlich eingeweiht
werden. Dem Direktor waren unterdessen seit Kriegsende neue begabte Schüler
und Mitarbeiter zugeströmt, namentlich der Schwede Oskar Klein, der Norweger
Svein Rosseland und der ungarische Chemiker Georg von Hevesy, den er schon
1912 in Manchester kennen gelernt hatte. James Franck aus Berlin richtete, zu-
sammen mit dem Kopenhagener Universitätsprofessor und Spektroskopiker Hans
Marius Hansen, einige experimentelle Apparaturen ein. Das Institut am Bleg-
damsvej entwickelte sich in den Zwanziger Jahren international zu einer ersten
Adresse in der Atomphysik. Besonders die anfänglichen Verbindungen zu Eng-
land, Holland – dort zu Paul Ehrenfest in Leyden, bei dem Kramers auch 1919
den Doktorgrad erwarb – und Deutschland begründeten seinen Ruhm in der wis-
senschaftlichen Welt. Als erster Gasttheoretiker kam 1920 Sommerfeld-Schüler
Alfred Landé auf kürzere Zeit nach Kopenhagen und gab Impulse für den weite-
ren Ausbau der Bohr’schen Theorie.
Der inzwischen äußerst angesehene Professor Bohr zog die jungen, hochbe-
gabten Studenten und Gäste nicht nur als der Begründer der neuen quantentheore-
tischen Beschreibung der Atomstruktur an, sondern beeindruckte sie ebenso per-
sönlich durch Offenheit und Liebenswürde – wie ein Vater sorgte er für ihre
Bedürfnisse in dem von Nachkriegssorgen kaum berührten Dänemark – und fach-
lich durch die ihm eigene, philosophische Art, den Problemen der Atomphysik
auf den Grund zu gehen. Bohr hatte Ende 1917 einen großen Essay über die
„Quantentheorie der Spektren“ abgeschlossen, in dem die bisherigen Ergebnisse,
die Struktur und Spektren der Atome zu beschreiben, auf eine festere theoretische
Grundlage gestellt wurden (Bohr 1918). Er bediente sich darin dreier Prinzipien
4.1 Einleitung: Niels Bohrs Persönlichkeit und Entwicklung bis 1920 225

aus der bisherigen Quantentheorie, erstens der vor allem von Arnold Sommerfeld
geschaffenen und virtuos auf Atomprobleme angewandten Behandlung mehrfach
periodischer quantentheoretischer Systeme durch die Methode der „Phaseninte-
grale.“2 Zweitens zog er das „Adiabatische Theorem“ von Paul Ehrenfest heran,
das erlaubte, die bereits bekannte Quantisierungsvorschrift für ein bestimmtes
atomares System auf andere Systeme zu übertragen, die durch die so genannten
„adiabatischen Transformation“ aus ihm hervorgingen (Ehrenfest 1913). Drittens
stützte er sich auf einen Ansatz aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, durch den
Albert Einstein die atomare Aus- und Einstrahlung mit Hilfe von Emissions- und
Absorptionskoeffizienten erfasste (Einstein 1916 ). Als oberstes physikalisches
Leitprinzip diente Bohr allerdings eine Analogie, die er selbst bereits 1913 bei
seinem erfolgreichen Wasserstoffmodell angedeutet hatte: Bestimmte Größen
quantentheoretischer Systeme gehen im Limes hoher Quantenzahlen in die ent-
sprechenden klassischen Größen über. Er nannte diese Analogie ab 1920 das
„Korrespondenzprinzip“. Kramers (1919) wandte es unverzüglich in seiner Dok-
tordissertation an, um die Intensitäten der Linienkomponenten des Stark-Effektes
und der relativistischen Aufspaltung beim Wasserstoff zu berechnen.
Vor allem das Korrespondenzprinzip und seine Auswirkungen bestimmten seit
1920 die theoretischen Überlegungen Bohrs und seiner Mitarbeiter, wenn sie ato-
mare Systeme theoretisch untersuchten. Das hieß, dass der Professor selbst und
sein engster Verbündeter Kramers, der inzwischen zum Hauptassistenten aufge-
stiegen war, jedes neue Problem zunächst weniger mit besonders angepassten und
ausgeklügelten mathematischen Methoden – wie es etwa Sommerfeld und seine
Schüler taten – lösten, sondern mit Hilfe der so genannten Fourier-Analyse und
entsprechender klassischer Überlegungen anpackten. Sie versuchten dann, das
quantentheoretische Verhalten des untersuchten Phänomens mehr durch kor-
respondenzmäßige Analogie zu erraten als wirklich zu berechnen.
Man sollte in diesem Zusammenhang erwähnen, dass Bohr schon als junger
Student großes Interesse an philosophischen Gedankengängen und Diskussionen
zeigte. Der Kopenhagener Philosophieordinarius Harald Høffding gehörte nämlich
zu den engsten Freunden des Vaters, und die Söhne Niels und Harald durften als
Knaben den tiefsinnigen Unterhaltungen im Elternhaus lauschen. Später besuchten
sie beide gemeinsam an der Universität Høffdings Kurse über Logik und Philoso-
phiegeschichte. Der Physiker Niels zeigte dabei vor allem Vorliebe für die tiefen
Gedanken des jüdischen Philosophen Baruch Spinoza aus Holland, bewunderte
allerdings auch den virtuosen Stil seines Landsmannes Søren Kierkegaard.
Schließlich beteiligten sich die Bohr-Brüder noch an einer Diskussionsrunde
(„Ekliptika“), in der philosophische und wissenschaftliche Probleme erörtert wur-
den. Ein anderes Mitglied dieses Kreises schilderte den typischen Verlauf solcher
Sitzungen, namentlich nach dem einleitenden Vortrag:

2
Fast gleichzeitig mit Sommerfeld schlugen übrigens 1915 auch der Japaner Jun Ishiwara, der
Engländer William Wilson und Max Planck eine ähnliche Quantisierungsmethode vor (Siehe
Mehra-Rechenberg 1, S. 206–212).
226 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

„Als die Diskussion begann, geschah es häufig, daß einer von beiden einige wohlwollende
Worte über den Vortrag äußerte und dann mit leiser Stimme, in rasendem Tempo und mit
energischer Intensität fortfuhr, aber oft vom Bruder unterbrochen wurde. Ihre Art zu den-
ken erschien koordiniert; der eine verbesserte den Ausdruck des anderen oder seinen ei-
genen, oder er verteidigte in hitziger, aber gleichzeitig gutmütiger Weise seine Wortwahl.
Ideen änderten ihren Ton oder wurden geglättet; es war keine Verteidigung vor gefasster
Meinungen, sondern etwas Neues entstand. Diese Art, zu zweit zu denken, war so tief in
den Brüdern verwurzelt, dass kein anderer sich einschalten konnte. Der Diskussionsleiter
legte gewöhnlich den Bleistift still hin und ließ sie fortfahren; aber als schließlich alle nä-
her zu ihnen rückten, konnte einer ohne Erfolg sagen, ,Lauter, Niels.‘ “3

Es war genau diese Art des gedanklichen Austausches, die der spätere Professor
Bohr im Umgang mit seinen Schülern und Partnern später ausübte und auch, wenn
er die Worte und Sätze für die eigenen Veröffentlichungen formulierte. Von Be-
ginn seiner Laufbahn an versuchte er, möglichst seine Arbeiten und Briefe nicht
selbst niederzuschreiben, sondern zu diktieren, zuerst seiner Frau, dann den Assis-
tenten, wie Kramers und Pauli. Als Folge dieses Verfahrens, das wegen der er-
wähnten Art des Professors zu diktieren sehr mühsam und langwierig war – und
nicht nur wegen der offenkundigen Überlastung mit Leitungsaufgaben im Institut –
entstanden längst angekündigte oder versprochene Publikationen ungeheuer lang-
sam oder kamen erst gar nicht zustande. Als charakteristisches Beispiel sei hier der
Bericht erwähnt, den Bohr für die dritte Brüsseler Solvay-Konferenz von 1921 zu
liefern versprach. Der Briefwechsel mit Paul Ehrenfest, der die Endredaktion über-
nehmen wollte, erstreckte sich vom November 1920 bis zum Juli 1921, weit über
den Zeitpunkt der Veranstaltung hinaus, bei dem Bohrs Beitrag eigentlich den
Teilnehmern hätte vorliegen sollen. Allerdings nahm dieser schließlich an der
Konferenz im April 1921 überhaupt nicht teil, sondern ließ Ehrenfest in seinem
Namen die bis dahin vorliegenden Publikationen, Notizen und andere Unterlagen
unter dem Thema „Über die Anwendung der Quantentheorie auf atomare Proble-
me“ zusammenfassend vortragen, wie der Briefwechsel aus dieser Zeit belegt
(BCW 3, S. 611–625).
Für seine Mitarbeiter war Bohr also sicher kein leichter Partner, und nicht jeder
konnte sich, wie der junge Engländer Paul Dirac, dem Diktat mit den Worten ent-
ziehen: „Professor Bohr, als ich zur Schule ging, ermahnte mich mein Lehrer, nie
einen Satz anzufangen, bevor ich wüsste, wie er enden würde“ (Mehra 1972,
S. 54). Aber wer es mit ihm länger aushielt, der schloss sich wohl Heisenbergs
Meinung an, der urteilte: „Die Physik habe ich von Niels Bohr gelernt“, gerade
durch das „sokratische Verhalten“, das es dem Kopenhagener Lehrmeister beson-
ders ermöglichte, tiefer in die physikalischen Probleme einzudringen. Bohr pflegte
dazu gern seine Lieblingszeilen aus Friedrich Schillers „Sprüchen des Konfuzius“
zu zitieren, nämlich den fünften Spruch: „Nur Beharrung führt zum Ziel. Nur die
Fülle führt zur Klarheit, und im Abgrund wohnt die Wahrheit.“ Werner Heisenberg
trat Niels Bohr in drei Stufen näher: Er lernte ihn zuerst im Juni 1922 anlässlich der
Göttinger Vorträge kennen; sodann besuchte er ihn 1924 zur Osterzeit in Kopenha-

3
F. Kalckar: A glimpse at the young Niels Bohr and his world of thought. In BCW 6, S. xvii–
xxvi, bes. S. xxiv.
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie 227

gen und schließlich kam er im September desselben Jahres mit einem Rockefeller-
Stipendium an sein Institut. Diese letzte Periode von vollen sieben Monaten in
Dänemark beendete seine Lehr- und Wanderzeit in der Atomtheorie.

4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise


der Atomtheorie (1921–1923)

Bohr kündigte in seinem zweiteiligen Essay über „Die Quantentheorie der Li-
nienspektren“ von 1918 noch einen dritten Teil an, der sich mit den Spektren
mehrelektronischer Atome befassen sollte, sowie einen weiteren vierten über die
Struktur solcher Atome und der aus ihnen gebildeten Moleküle. Doch die Unter-
suchungen in den anschließenden Jahren, namentlich von Sommerfeld und Landé
ergaben so viele neue Gesichtspunkte, dass der viel beschäftigte Kopenhagener
Institutsdirektor nur den dritten Teil in sehr vorläufiger Gestalt veröffentlichte,
während er den vierten nie niederschrieb (siehe Nielsen 1976, S. 8–10). Bohr kam
überhaupt in seinem Programm Anfang der Zwanziger Jahre nur äußerst schlep-
pend voran. In einem ausführlichen Schreiben an den Breslauer Physiker Rudolf
Ladenburg schilderte er am 16. Juli 1920 einige der entgegen stehenden wissen-
schaftlichen Schwierigkeiten im Detail:

„Was Ihre Frage über meine Absichten über die Konstitution der Atome der Elemente an-
belangt, muss ich gestehen, dass ich nicht irgendwelche Auffassung schon als genügend
gesichert ansehe, um einen bestimmten Standpunkt einnehmen zu können. Die Betrach-
tungen in meinen ersten Abhandlungen sind, was diesen Punkt betrifft, jedenfalls nur als
eine versuchsweise Orientierung anzusehen. Die Schwierigkeiten des Problems liegen be-
sonders in der rationellen Verwertung der verschiedenen vorgeschlagenen Elektronenkon-
figurationen auf die Erklärung der chemischen Eigenschaften der betroffenen Elemente.
Dies hängt ja nämlich nicht allein zusammen mit dem geometrischen Charakter der Kon-
figurationen, sondern in erster Linie mit den Stabilitätsverhältnissen der Konfigurationen.
Außer den Schwierigkeiten, die, wie es von mancher Seite hervorgehoben ist, die Annah-
me von Elektronenringen mit sich bringt für die Erklärung der Krystalle, Bandenspektra,
Ionisationspotentiale usw. scheint es auch, dass eine Annahme von Ringen schon wegen
der ungenügenden Stabilität zu verlassen ist, so dass wir gezwungen sind mit viel verwi-
ckelteren Bewegungen der Elektronen im Atom zu rechnen. Bevor aber irgend ein be-
stimmter Fall von einer solchen Bewegung näher untersucht worden ist, besonders was
die Stabilitätsverhältnisse anbetrifft, scheint es aber schwierig, eine endgültige Stellung
zur Verwertung solcher Bewegungen in der Frage nach den chemischen Eigenschaften
einzunehmen.“ (BCW 4, S. 711)

Sieben Monate nach dieser Darlegung der Schwierigkeiten, die aber zugleich
auch die Stoßrichtung für seine weitere Bemühungen andeutete, fixierte Bohr in
einer Note an die britische Zeitschrift Nature, die das Datum 14. Februar 1921
trägt, einige Gesichtspunkte, auf die er inzwischen gekommen war (Bohr 1921).
Hatte er noch kurz zuvor angenommen, dass die äußersten Elektronen in den
Atomen der schweren Elemente auf Bahnen mit denselben oder gar kleineren
228 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

Quantenzahlen als diejenigen der stabiler gebundenen inneren Elektronen laufen,


so schloss er nun umgekehrt sogar auf Sechs-Quanten-Bahnen im Element
„Niton“ (heute „Radon“ genannt). Abschriften dieser Note schickte er an einige
Kollegen in Göttingen und München. Als ihm Sommerfeld zu dem neuen Erfolg –
nämlich im Atom die elektronischen „Periodenzahlen 2, 8, 18 mathematisch nach-
zukonstruieren“ – gratulierte, gestand Bohr in seiner verspäteten Antwort vom
16. September 1921 erleichtert:

„Es ist mit der Arbeit gut gegangen, und es scheint, dass man wirklich eine Menge Tatsa-
chen verstehen kann, nicht nur was die Serienspektren und die chemischen Eigenschaften
anbelangt; im besonderen aber scheint es, dass man eine detaillierte Erklärung aller Ei-
genschaften der feineren Struktur der Röntgenstrahlen bekommt, die Ihre allgemeine The-
orie derselben in schönster Weise bekräftigt.“ (BCW 4, S. 741)

In ähnlicher Weise unterrichtete er zur selben Zeit den befreundeten James


Franck. Bohr fügte außerdem hinzu, dass eine spätere ausführliche Arbeit die
Teile 3 und 4 der „Quantentheorie der Linienspektren“ ersetzen würde. Obwohl
er am folgenden 21. Oktober zum ersten Mal vor der Königlichen Dänischen
Akademie wieder ausführlicher zum Thema Atomstruktur sprach, ging er dort nur
etwas genauer auf die Verhältnisse bei den Elementen der zweiten Gruppe im
Periodischen System und die Röntgenspektren ein (Bohr 1922). Zudem begründe-
te er die neuen Vorschläge nur mit allgemeinen Gesichtspunkten wie dem Kor-
respondenzprinzip und einem weiteren Prinzip, das später unter dem Namen
„Permanenz der Quantenzahlen“ verwendet wurde. Freilich lieferte er keine der
von den Kollegen sehnlichst erwarteten detaillierten Rechnungen. Daher hofften
die Anhänger der Bohr’schen Atomtheorie, dass der Kopenhagener endlich Mitte
1922 in Göttingen, wo er eine Reihe von Vorträgen angekündigt hatte, Farbe
bekennen würde.4
In Göttingen hatten die Mathematiker von Anfang an Niels Bohrs Quanten-
theorie der Atome mit großem Interesse verfolgt, nachdem sie bereits im Som-
mer 1913 durch den Kollegen Harald Bohr auf die Arbeit seines Bruders auf-
merksam gemacht worden waren. Bereits im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch
des Ersten Weltkrieges, hatte er selbst die ersten Ergebnisse dort vorgestellt, war
aber bei den Physikern Born und Debye auch auf einige Kritik gestoßen.5 Nach-
dem vor allem die Arbeiten Sommerfelds und Debyes in den Jahren 1915 und
1916 die große Erweiterung gebracht hatten, hatte die „Direktion des mathema-
tisch-physikalischen Seminars“, bestehend aus Felix Klein, David Hilbert, Carl
Runge, Emil Wiechert, Ludwig Prandtl, Edmund Landau, Johannes Hartmann,
Richard Courant und Robert Pohl, am 10. November 1920 einen Brief nach Ko-

4
Über die Vorgeschichte der Göttinger Vorträge sei hingewiesen auf J. Rud Nielsen: Introduc-
tion. In BCW 4, S. 3–22, sowie insbesondere auf Mehra-Rechenberg 1, Kapitel III. Die dortige
Einordnung in die Tradition der „Wolfskehl-Vorträge“ trifft aber nach Informationen von
F. Hund nicht zu, denn die Gelder der alten Stiftung waren der Inflation zum Opfer gefallen.
5
Unter den Mathematikern hatte 1913 der frühere Spektroskopie-Experte Runge zunächst die
Bohr’schen Ideen völlig abgelehnt, während Hilbert zur gleichen Zeit (nach einem Brief von Harald
Bohr an den Bruder, der sich damals in Göttingen aufhielt) von ihnen begeistert gewesen war.
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie 229

penhagen geschrieben. „Unter Bezugnahme auf das Schreiben Hilberts an Sie


vom 6. November 1920“ teilten die Göttinger Professoren Bohr mit, hätten sie
beschlossen, ihn „für das kommende Sommersemester als Gastprofessor hierher
einzuladen und damit die von dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung geschaffene Einrichtung der Göttinger Gastprofessur in Kraft treten
zu lassen.“ Sie baten ihn also darum „das kommende Sommersemester anwesend
zu sein und nach freiem Belieben in unseren wissenschaftlichen Gesellschaften
Vorträge und Diskussionen über Ihre fundamentalen Ideen zur Atomphysik zu
halten“. Wegen seiner dienstlichen Pflichten – die Institutseröffnung stand bevor
– und seiner angeschlagenen Gesundheit musste der Angeschriebene die Einla-
dung zwar verschieben, im nächsten Sommersemester aber war es dann soweit.
Bohr hielt wirklich vom 12. bis 22. Juni seine „Sieben Vorlesungen über die
Theorie des Atombaues“. In Göttingen vor einem großen, erlesenen wissen-
schaftlichen Publikum aus ganz Deutschland: von Frankfurt kamen z. B. Alfred
Landé, Walther Gerlach und Alfred Landé, von Hamburg Wilhelm Lenz und sein
Assistent Wolfgang Pauli, von München Arnold Sommerfeld und sein Student
Werner Heisenberg.
Bohr stellte in seinen Göttinger Vorträgen – die den Teilnehmern als wahre
„Bohr-Festspiele“ in Erinnerung blieben (in Anlehnung an die berühmten, eben-
falls in Göttingen abgehaltenen „Händel-Festspiele“) – immer noch keine im ma-
thematisch-technischen Detail ausgeführte Theorie vor, die erlauben würde, die
empirischen physikalischen und chemischen Eigenschaften der Atome im so ge-
nannten „Periodischen System der Elemente“ zu berechnen. Stattdessen skizzierte
er ausführlich und in großen Zügen die von ihm selbst zugrunde gelegten physika-
lischen Ideen und ihre Folgerungen. Er ging dabei von der anschaulichen Vorstel-
lung aus, dass sich die Elektronenhüllen um die einzelnen, verschieden schweren
und positiv geladenen Atomkerne aufbauen, indem diese ein Elektron nach dem
anderen einfangen und auf ihren Quantenbahnen einfügen, bis der neutrale Grund-
zustand erreicht wird. Das nannte man damals das „Aufbauprinzip“. So erhielt er
zunächst die Elektronenhüllen der Atome der ersten Periode im Periodensystem,
die aus Wasserstoff und Helium bestand, dann die der zweiten Periode von Lithium
bis zum Edelgas Neon (Elemente Nr. 3–10), der dritten Periode von Natrium bis
Argon (Elemente Nr. 10–18) und der vierten Periode von Kalium bis Krypton (Nr.
19–36). In der fünften Periode, von Rubidium bis zum nächsten Edelgas Xenon
(Nr. 27–54), musste der Vortragende einige zusätzliche Elemente als Untergruppe
– die so genannten Palladiumgruppe – einschieben, in der sechsten von Caesium
bis Radon (Nr. 55–86) sogar zwei Untergruppen, darunter die der seltenen Erden.
Die sechste, noch unvollständige Periode der in der Natur vorkommenden chemi-
schen Elemente begann mit dem damals noch unbekannten Grundstoff Nr. 87
(1925 als Rhenium entdeckt) und führte bisher über die radioaktiven Elemente
Radium (Nr. 88) bis zum Uran (Nr. 92). Um seine Zuordnung von drei Quanten-
zahlen im Detail zu begründen, stützte Bohr sich beim Aufbau der Elektronenhül-
len der einzelnen Elemente auf grobe Abschätzungen der mechanischen Stabilität
und auf Korrespondenzüberlegungen, die er durch spektroskopische Detail-
230 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

kenntnissen ergänzte bzw. rechtfertigte.6 Der aufmerksame Friedrich Hund notierte


im Rückblick, was in den Vorstellungen des Gastes vor allem fehlte, nämlich:

„So eindrucksvoll der Bohrsche Entwurf auch war, so konnten doch die noch ungelösten
Fragen nicht übersehen werden. Es war nicht überzeugend gezeigt, wie die Forderung
symmetrisch orientierter Gruppen von Elektronen [es handelte sich um die Periodenzah-
len 2, 8, 18 und 32!] den vorläufigen oder endgültigen Abschluß solcher Gruppen
bestimmen konnte. Über die Dublett- und Triplettstruktur der Terme wurde hinwegge-
sehen; sie wurde nur sehr allgemein durch die Wechselwirkung mit den übrigen Elektro-
nen und die bedingte Abweichung vom Zentralfeld erklärt. Mit dieser Feinstruktur hingen
offensichtlich die anomalen Zeeman-Effekte zusammen. Ihre Analyse schien, wie auch
die Verteilung der Vielfachheit der Terme auf die Elemente, Modellvorstellungen nahe zu
legen, die nicht recht zu den übrigen Vorstellungen paßten.“ (Hund 1984, S. 112–113)

Mit den letzten Sätzen deutete Hund auch diejenigen Probleme an, die besonders
einen jugendlichen Hörer der Bohr’schen Vorträge, nämlich Werner Heisenberg,
interessierten. In seiner Autobiographie erinnerte sich dieser zunächst mit großem
Vergnügen an die erste Begegnung mit Niels Bohr im Juni des Jahres 1922:

„Das Bild der ersten Vorlesung ist mir unauslöslich im Gedächtnis. Der Hörsaal war über-
füllt. Der dänische Physiker, der schon seiner Statur nach als Skandinavier zu erkennen
war, stand mit leicht geneigtem Kopf freundlich und etwas verlegen lächelnd auf dem Po-
dium, auf das aus den weit geöffneten Fenstern das volle Licht des Göttinger Sommers
einströmte. Bohr sprach ziemlich leise, mit weichem dänischem Akzent, und wenn er die
einzelnen Annahmen seiner Theorie erklärte, so setzte er die Worte behutsam, sehr viel
vorsichtiger, als wir es sonst von Sommerfeld gewohnt waren, und fast hinter jedem der
sorgfältig formulierten Sätze wurden lange Gedankenreihen sichtbar, von denen nur der
Anfang ausgesprochen wurde und deren Ende sich im Halbdunkel einer für mich sehr er-
regenden philosophischen Haltung verlor. Der Inhalt der Vorträge schien neu und nicht
neu zugleich.“

Das heißt, obwohl der Münchner Student eigentlich die Bohr’sche Theorie
schon von Sommerfeld vermittelt bekommen hatte, „klang es in Bohrs Mund
anders als bei Sommerfeld“. Insbesondere war unmittelbar zu spüren, „daß Bohr
seine Resultate nicht durch Rechnungen und Beweise, sondern durch Einfühlen
und Erraten bekommen hatte, und daß es ihm jetzt schwer fiel, sie vor der hohen
Schule der Mathematik zu verteidigen“ (Heisenberg 1969, S. 58–59). Auch Hei-
senberg meldete sich gelegentlich kritisch zu Wort, wie er an anderer Stelle be-
richtete:

„Am Ende der zweiten oder dritten Vorlesung [es war die dritte!] sprach Bohr von einer
Rechnung, die sein holländischer Mitarbeiter Kramers über den so genannten ,quadra-
tischen Starkeffekt‘ beim Wasserstoff ausgeführt hatte, und er schloß mit der Bemerkung,
dass trotz aller damals existierenden Schwierigkeiten mit der Atomtheorie man annehmen
sollte, dass die Ergebnisse von Kramers richtig und vom Experiment bestätigt wären.“
(Heisenberg 1967, S. 94)

6
Die Göttinger Vorträge wurden von Rudolf Minkowski und Erich Hückel ausgearbeitet. Ihre
englische Übersetzung befindet sich BCW 4, S. 341–419. Siehe auch die Diskussion in Mehra-
Rechenberg 1, S. 345–358, und in Hund 1984, S. 104–113.
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie 231

Heisenberg kannte nun freilich die von Bohr zitierte Arbeit (Kramers 1920)
recht genau, hatte er sie doch selbst im Sommerfeld’schen Seminar vorgetragen.
Daher wagte er, in der abschließenden Diskussion dem hohen Gast zu widerspre-
chen, und sagte freimütig, er „glaube nicht, daß die Kramers’schen Rechnungen
richtig wären, denn den quadratischen Starkeffekt konnte man sich als Grenzfall
der Streuung von Licht sehr großer Wellenlängen vorstellen.“ Er argumentierte
insbesondere weiter, man wüsste schon im Voraus, dass eine klassische Berech-
nung der Streuung an einem Wasserstoffatom „zu einem falschen Ergebnis füh-
ren“ würde. Da nämlich „der charakteristische Resonanzeffekt bei der durch die
Bahnen bestimmten Frequenz eintreten mußte, konnte die Kramers’sche Rech-
nung nicht das richtige Ergebnis liefern.“ Darauf antwortete Bohr zunächst vor-
sichtig, dass man auch die Rückwirkung der Strahlung auf die Atome in Rechnung
zu stellen hätte. Aber er war offensichtlich über diesen unerwarteten Einwand
beunruhigt. Er kam also nach dieser Diskussion auf Heisenberg zu und schlug
einen gemeinsamen Spaziergang zum Hainberg außerhalb Göttingens vor, zu dem
der Student natürlich nur allzu bereit war (l.c., S. 94–95).
Noch nach Jahrzehnten erinnerte sich Heisenberg mit größter Begeisterung an
seine erste private Zusammenkunft mit dem Kopenhagener Meister:

„Die Diskussion, die wir hin und her über die waldigen Höhen des Hainbergs führten, war
die erste über die grundlegenden physikalischen und philosophischen Probleme der mo-
dernen Atomtheorie, an die ich mich erinnern kann, und sie hat sicher meine spätere
Laufbahn entscheidend beeinflußt. Denn zum ersten Male begriff ich, daß Bohr seine
Theorie mit sehr viel größerer Skepsis betrachtete als viele der anderen Physiker jener
Zeit – zum Beispiel Sommerfeld – und daß sein Verständnis der Struktur der Theorie
nicht auf einer mathematischen Analyse ihrer grundlegenden Annahmen, sondern auf der
intensiven Beschäftigung mit den tatsächlichen Erscheinungen beruhte, sodaß es ihm
möglich war, die Beziehungen eher intuitiv zu erfassen als formal abzuleiten.“

Heisenberg schloss ferner aus seinem ersten Gespräch mit Bohr, „daß die
Kenntnis über die Natur in erster Linie auf genau diese Weise erlangt werden
würde“, und „daß man nun als den nächsten Schritt seine Erkenntnisse in mathe-
matischer Form festhalten und sie der vollständigen rationalen Analyse unterwer-
fen“ müsse. Außerdem sah er jetzt, dass „Bohr in erster Linie ein Philosoph, nicht
ein Physiker war“, und er verstand zudem, „daß die Naturphilosophie in unseren
Tagen oder unserer Zeit nur dann Bedeutung hat, wenn jedes Detail [der Erkennt-
nis] den unausgesprochenen Test des Experimentes ausgesetzt werden kann“
(Heisenberg 1967, l.c., S. 95).
Die Auseinandersetzung über die Kramers’sche Berechnung des Stark-Effektes
war damals nicht die einzige Frage, in der der Professor und der Münchner Stu-
dent verschiedene Ansichten vertraten, denn Bohr kritisierte in seinem 5. Göttin-
ger Vortrag am 20. Juni auch Heisenbergs Modell für die anomalen Zeeman-
Effekte und besonders die Einführung der halben Quantenzahlen. Ähnlich wie
Heisenberg zuvor in der Diskussion um den quadratischen Stark-Effekt benützte
nun Bohr das Korrespondenzprinzip, um seine empirisch so erfolgreichen An-
nahmen zu widerlegen. Andererseits zeigte sich der berühmte Gast aus Kopenha-
232 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

gen, wenigstens in den privaten Diskussionen, die er mit Sommerfeld und seinem
Schüler nach den Vorträgen führte, doch auch so pädagogisch und verbindlich,
dass Heisenberg am 15. Juni 1922, einen Tag nach der ersten Auseinandersetzung,
hocherfreut den Eltern berichtete:

„Bohr ist der erste Gelehrte, der auch Mama gefallen würde, stets nur positive Kritik übend,
mit Vergnügen alles andere anerkennend. Er ist nicht nur Physiker, sondern weit mehr: Ge-
gen mich war er ganz besonders nett; er kommt immer her, wenn er mich irgendwo sieht
und hat mich auch nächste Woche zu sich wieder eingeladen. Er kommt nie, wenn allge-
meiner Betrieb in irgendeinem Café ist, und ist in allem so, wie ich es später auch werden
möchte. Diese Gleichgesinntheit hat er wohl bald gemerkt und stellte fest, daß wir uns gut
vertrügen. Also ist’s möglich, daß ich im Wintersemester in Kopenhagen bin.“ (EB, S. 3)

Freilich fügte er sofort hinzu, dass solche Zukunftspläne auch von Sommerfeld
genehmigt werden müssten. Es kam dann auch erst einmal anders, denn der
Münchner Professor, der im Herbst 1922 die Gastprofessur in den USA einnahm,
schickte seinen Studenten zur Fortbildung nach Göttingen, und Bohr hatte eben-
falls andere Prioritäten.
Im Herbst 1922 holte Bohr sich nämlich erst einmal den bereits promovierten
Hamburger Assistenten Wolfgang Pauli, den er ebenfalls in Göttingen kennen
gelernt hatte, nach Kopenhagen, wo beide vor allem das Problem des anomalen
Zeeman-Effektes aus Kopenhagener Sicht angehen wollten, ohne allerdings einen
echten Erfolg zu erzielen, wie bereits in Kapitel III berichtet wurde. Viel günstiger
für die jüngste Bohr’sche Atomtheorie ging aber eine andere Streitfrage aus, die
im Juni noch nicht entschieden war. Im Periodensystem gab es bisher unbesetzte
Stellen für die Elemente mit den Nummern 43, 61, 72, 75, 85 und 87. Während die
chemischen Eigenschaften der anderen unbekannten chemischen Grundstoffe
relativ genau festlagen, bot das Element 72, das am Ende der seltsamen Erden lag,
einige Schwierigkeiten. Schon 1911 hatte der französische Chemiker Georges
Urbain in einer Ytterbium-Probe eine neue Substanz gefunden, die er auf den
Namen „Celtium“ taufte und mit dem gesuchten Element identifizierte. Aber dem
Walliser Henry Moseley war es 1914 nicht gelungen, das entsprechende Röntgen-
spektrum zu bekommen, also blieb diese Entdeckung unbewiesen. Jahre später
meinte Maurice de Broglie, endlich das Element Nr. 72 durch eine Röntgenanaly-
se in seinem Pariser Labor nachgewiesen zu haben. Jedenfalls beobachtete sein
Assistent Alexandre Dauvillier im Mai 1922 zwei schwache Linien im K-Spek-
trum, die er dem Urbain’schen Celtium zuschrieb. Bohr wurde auf dieses Ergebnis
unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Göttingen durch eine Note in Nature auf-
merksam gemacht worden, aber das Ergebnis ging ihm völlig gegen den Strich.7
Denn er hatte gerade in seinem 6. Göttinger Vortrag geschlossen, dass Element 72
nach seiner Theorie ähnliche Eigenschaften wie das Zirkonium (Nr. 40) haben
müsste, und nicht in die Gruppe der seltenen Erden versetzt werden sollte. Er
7
Siehe A. Dauvillier: Sur les séries L du lutetium et de l’ytterbium et sur l’indification du cel-
tium avec l’élément de nombre atomique 72. Comptes rendus (Paris) 174, 1347–1349 (1922),
und E. Rutherford: Identification of a missing element. Nature 109, 781 (Zuschrift vom
17.6.1922).
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie 233

wandte sich daher an Dirk Coster, den holländischen Experten der Röntgen-
Spektralanalyse, der umgehend Zweifel an den Pariser Messungen äußerte. Diese
teilte auch der schwedische Experte Manne Siegbahn, und Coster wurde daraufhin
im September nach Kopenhagen eingeladen. Dort studierte er mit Bohr die Details
der Theorie der Röntgenspektren und die Möglichkeit, Dauvilliers Ergebnis ge-
nauer zu überprüfen. Als am 11. Dezember 1922 der dänische Pionier der Atom-
theorie auf dem Stockholmer Podium stand – er hatte gerade für die „Erforschung
der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung“ die höchste
wissenschaftliche Ehrung, den Nobelpreis erhalten – konnte er auch stolz in sei-
nem Vortrag ankündigen:

„Dr. Coster und Professor Hevesy, die beide zurzeit in Kopenhagen arbeiten, haben ganz
kürzlich die Frage aufgenommen, durch eine Prüfung von aus zirkonhaltigen Materialien
hergestellten Präparaten durch röntgenspektroskopische Untersuchungen, und ich kann
mitteilen, daß die genannten Forscher gerade in diesen Tagen das Vorhandensein von be-
deutenden Mengen eines Elementes mit der Atomnummer 72 in den untersuchten Materi-
alien konstatieren konnten, dessen chemische Eigenschaften eine nahe Verwandtschaft zu
denen des Zirkons und einen wesentlichen Unterschied zu denen der seltsamen Erden zei-
gen.“ (Bohr 1923b, S. 624)

Coster und dem ungarischen Chemiker Georg von Hevesy war es in der Tat an
Bohrs Institut geglückt, die gesuchte Substanz anzureichern und ihre chemischen
Eigenschaften zu bestimmen: ihre Lα - und Kβ -Spektren ordneten sie eindeutig
dem Element 72 zu. Am 2. Januar 1923 schickten sie schließlich eine Notiz an die
Zeitschrift Nature, in der sie vorschlugen, „das neue Element Hafnium“ zu taufen.
Natürlich wollten sie mit dieser Bezeichnung Bohrs Kopenhagener Theorie die
Krone aufsetzen, denn auf Dänisch lautete der Stadtnamen „København“ (Coster
und Hevesy 1923).8
Der Hafnium-Triumph muss, so pünktlich er auch zum Zeitpunkt der großen
äußeren Ehrung seines Urhebers eintraf, als das Ende der großen Erfolge der
ursprünglichen Atomvorstellungen gelten, die Bohr im Jahrzehnt nach 1913 aus-
baute und verfocht. Nun begann ein Abstieg dieser damals so hoffnungsvollen
Theorie, die anfangs der Zwanziger Jahre weltweit in den wissenschaftlichen
Zeitschriften einen so zentralen Platz eingenommen hatte. Es stellte sich nämlich
Schlag auf Schlag heraus, dass selbst ihre letzte Formulierung angesichts der
noch anstehenden Probleme total versagte. Mit ihr stürzte auch die gesamte, so
genannte „ältere Quantentheorie“ in eine tiefe Krise. Diese zeichnete sich schon
deutlich ab, als Born und Heisenberg in Göttingen früh im Jahr 1923 mathema-
tisch sorgfältig alle möglichen Modelle für das angeregte Zwei-Elektronenatom
Helium analysierten, daraus aber die empirisch nachweisbar falschen Spektral-
terme ableiteten. Die Katastrophe setzte sich fort in den vergeblichen Bemühun-
gen Paulis in den folgenden Monaten, geeignete Modelle der Mehr-Elektronen-
atome sowie ihrer anomalen Zeeman-Effekte zu konstruieren, die mit Bohrs

8
Die vorauf gehende umfangreiche theoretische Analyse (Bohr und Coster 1923), wurde bereits
am 2. November 1922 bei der Zeitschrift für Physik eingereicht.
234 4 In der Spur von Niels Bohrs Physik und Philosophie

Prinzipien verträglich waren und die Formeln von Landé und Heisenberg (mit
den halben Quantenzahlen!) wiedergaben. Schon am 23. Mai 1923 stellte Pauli
im Brief an Landé fest, dass inzwischen sogar Bohr selbst „in seinem neuesten
Artikel gegenüber der Komplexstruktur der Spektren und ihrer magnetischen
Aufspaltung den Standpunkt vertritt, daß man es bei der Frage der Quantisierung
von j und m mit neuartigen Erscheinungen zu tun hat, bei denen die bisherige
Grundlage der Quantentheorie versagt“ (PB I, S. 90). Er unterrichtete bald auch
Sommerfeld und Heisenberg über diese unbehebbaren Probleme. Am
6. Juni 1923 ging er noch darüber hinaus und griff im Brief an seinen Münchner
Lehrer auch die bisher so erfolgreich erscheinende Erklärung des Periodischen
Systems der Elemente seines gegenwärtigen Kopenhagener Chefs an und be-
hauptete: Es sei eben „die Schwäche der Theorie, daß sie keine Erklärung für die
Werte 2, 8, 18, 32... der Periodenlänge gibt, da man keine sicheren Schlüsse
ziehen kann, an welcher Stelle der Abschluß der Perioden erfolgt“, und schließ-
lich auch, „daß sie wegen des Versagens der klassischen Mechanik auch in den
stationären Zuständen selbst bei Systemen mit mehr als einem Elektron über-
haupt keine ausreichende Grundlage für die quantitative Berechnung der Spek-
tren solcher Systeme liefert“ (PB I, S. 95).
Bohr selbst leugnete alle diese wesentlichen Schwächen keineswegs, wusste
aber – wie Pauli weiter vermeldete – ebenfalls keinen Ausweg. Daher war der
Kopenhagener Chef sicher froh, dass ihn die Vorbereitungen zu einer seit Mona-
ten geplanten Reise ins ferne Amerika etwas von den Sorgen um die Atomtheorie
ablenkten. Die Fahrt begann am 15. September zu Schiff und führte ihn über Eng-
land zunächst nach Kanada und schließlich in die Vereinigten Staaten. In Toronto,
am Amherst College, an der Harvard Universität in Cambridge (Massachusetts),
der Columbia Universität in New York, sowie in Schenectady, Baltimore, Wa-
shington (D.C.) und an der Universität Princeton wollte man Vorträge des hochbe-
rühmten Nobelpreisträgers aus dem kleinen europäischen Land hören, ebenso auf
einer Tagung der American Physical Society in Chicago. Die Verhandlungen die-
ser Tagung im Physical Review 23, S. 104, hielten dann fest, dass „Professor
Bohr, der am Freitag, dem 30. November 1923, zum Ehrenmitglied ernannt wurde
und anschließend über die ,Quantentheorie der Atome mit mehreren Elektronen‘
sprach“, wobei ihm ungefähr 300 Personen zuhörten. Ebenso viel beachtet worden
waren zuvor seine öffentlichen sechs „Silliman Lectures“, zu denen ihn die Yale-
Universität eingeladen hatte. Die große Tageszeitung New York Times hatte über
jeden dieser Vorträge einen ausführlichen Artikel gebracht.9 Bohr kehrte erst kurz
vor Weihnachten nach Kopenhagen zurück und schrieb am 9. Januar 1924 an
seinen britischen Lehrer und Freund Rutherford: „Trotz der anstrengenden Zeit
war mein Amerikabesuch eine erfrischende Erfahrung, die mir nicht nur viele
Ideen zu wissenschaftlichen Problemen, sondern auch zu vielen anderen Aspekten

9
Die Serie der „Silliman Lectures“ gab es schon seit Jahrzehnten. So hatte Joseph John Thomson
1903 in seinen Vorträgen über „Electricity and matter“ erstmals sein Atommodell mit Elektro-
nen, die in einer positiv geladenen Kugel schwimmen, vorgestellt. Über die Amerikareise von
Niels Bohr, siehe besonders Pais 1991, S. 253–266.
4.2 Bohr und der Weg vom Triumph in die Krise der Atomtheorie 235

des Lebens bot.“ (BCW 5, S. 486). Bald darauf erntete er die Erfolge der ersten
Reise über den Atlantik: Das Franklin Institute und die University of Chicago
lockten mit Angeboten auf großzügig honorierten Professorenstellen, die Bohr
allerdings ablehnte, hatte er doch zuvor Rutherford gestanden: „Obwohl man nicht
den Gedanken an die großen zukünftigen Möglichkeiten unterdrücken kann, glau-
be ich nicht, dass ich mein ganzes Leben dort verbringen und die Traditionen
vermissen sollte, die trotz aller Gefährdung der friedlichen Entwicklung, dem
Leben in den alten Ländern seine Farbe verleihen.“ (l.c., S. 487).
Nein, Bohr beabsichtigte keineswegs, in die Vereinigten Staaten auszuwandern,
und er tat es auch später nicht. Andererseits nutzte er doch den Erfolg seiner ersten
Reise in das gelobte Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auf der er die Ge-
heimnisse der Atomphysik einem breiten amerikanischen Publikum näher ge-
bracht hatte. Insbesondere führte er für die neue Physik in Europa eine willkom-
mene Beute im Rückgepäck mit nach Hause, nämlich fest zugesagte Gelder der
Rockefeller Foundation. Hier muss daran erinnert werden, dass der Kopenhagener
Professor bereits früher mit privatem Kapital aus der Heimat unterstützt worden
war, und zwar von der „Carlsberg-Stiftung“. Sie hatte zuerst sein Studium in Eng-
land finanziert, half dann wesentlich bei der Finanzierung des Baus seines Institu-
tes und ermöglichte spätere Forschungen dort. Ab 1922 kam sie auch für Mitarbei-
ter und die Ausrüstung des Institutslaboratoriums auf. Dazu beteiligte sich in den
Zwanziger Jahren auch eine andere dänische Organisation, die „Rask Oersted-
Stiftung“, an Bohrs Ausgaben, indem sie den Aufenthalt von Gästen und Mitarbei-
tern aus Europa bezahlte, z. B. den von Dirk Coster, Georg von Hevesy, Wolfgang
Pauli und Adalbert Rubinowicz sowie teilweise den des Japaners Yoshio Nishina.
Aber diese europäischen Stiftungsbeträge konnten nicht mit den Beträgen konkur-
rieren, die Bohr bald aus Amerika zuflossen.
1903 hatte der amerikanische Ölmillionär John Davison Rockefeller das „Gene-
ral Education Board“ eingerichtet, das eigentlich die Erziehung in den USA för-
dern sollte, „ohne Rücksicht auf Geschlecht, Rasse und Religion“. 1913 war die
Rockefeller Foundation gegründet worden, die zunächst in den folgenden Jahren
76 Millionen Dollar für die öffentliche Gesundheit, medizinische Aufklärung und
nach 1916 für die Erleichterung von Kriegsfolgen im eigenen Land ausgab, ehe sie
ihre Aktivitäten über dessen Grenze hinaus ausdehnte. Im Januar 1923 schuf John
S. Rockefeller, Jr., eine dritte mit dem Namen Rockefeller verbundene Stiftung,
das „International Education Board“. Sie verschrieb sich „der Förderung und dem
Fortschritt der Erziehung in der ganzen Welt“ und war von Wickliffe Rose, dem
Präsidenten des General Education Board, angeregt worden, der auch ihr Präsident
wurde. Es gab kein Vorbild für diese besondere Einricht