Sie sind auf Seite 1von 285

DAS UNDARSTELLBARE DER POLITIK

DIESE AUSGABE IST SEITENGLEICH MIT DER 1998 IM VERLAG TURIA + KANT ERSCHIENEN PRINT-VERSION. (ZITIERBAR NACH TITEL AUF S.3)

© COPYRIGHT–HINWEIS SIEHE S. 3

JUDITH

BUTLER

/

SIMON

CRITCHLEY

/

ERNESTO

LACLAU

/

SLAVOJ

Ÿ I Ÿ EK

U.A.

Das Undarstellbare der Politik

Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus

HERAUSGEGEBEN

VON

OLIVER

MARCHART

© COPYRIGHT–HINWEIS

ALLE INHALTE DIESER DATEI UNTERLIEGEN DEM INTERNATIONALEN URHEBERRECHTSSCHUTZ.

DIE VERBREITUNG DER DATEI ZU PRIVATEN ZWECKEN (UNENTGELTLICH!) IST FREI.

DIE GEWERBLICHE ODER AUF EINE ANDERE WEISE ENTGELTLICHE VERBREITUNG BZW. NUTZUNG ZUR HERSTELLUNG UND VERBREITUNG EINER PAPIER-AUSGABE IST UNTERSAGT.

TURIA + KANT

Wien

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Butler, Judith: Das Undarstellbare der Politik : zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus / Judith Butler ; Simon Critchley ; Ernesto Laclau ;

Slavoj Ÿiÿek

- Wien : Turia und Kant, 1998

ISBN 3-85132-155-3

© bei den Autoren

© für diese Ausgabe: Verlag Turia + Kant ISBN 3-85132-155-3

Verlag Turia + Kant

A – 1010 Wien, Schottengasse 3A/5/DG 1 info@turia.at • www.turia.at

Inhalt

OLIVER

MARCHART

 

Einleitung: Undarstellbarkeit und »ontologische Differenz«

7

 

1. Das Paradox der Politik

TORBEN

BECH

DYRBERG

Diskursanalyse als postmoderne politische Theorie

23

URS STÄHELI

 

Politik der Entparadoxisierung. Zur Artikulation von Hegemonie- und Systemtheorie

52

RADO

RIHA

 

Plurale Subjekte als konkrete Endlichkeiten oder Wie Laclau mit Kant gelesen werden kann

67

OLIVER

MARCHART

Gibt es eine Politik des Politischen? Démocratie à venir betrachtet von Clausewitz aus dem Kopfstand

90

 

2. Das Reale der Politik

SLAVOJ

Ÿ I Ÿ E K

Jenseits der Diskursanalyse

123

JELICA

Í UMI -RIHA

Politik der Treue, Treue der Politik

132

THANOS

LIPOWATZ

Das reine Politische oder Eine (post)moderne Form der politischen Mystik

158

YANNIS

STAVRAKAKIS

3. Das Unentscheidbare der Politik

SIMON

CRITCHLEY

Dekonstruktion – Marxismus – Hegemonie. Zu Derrida und Laclau

193

JUDITH

BUTLER

Poststrukturalismus und Postmarxismus

209

ANNA-MARIE

SMITH

 

Das Unbehagen der Hegemonie. Die politischen Theorien von Judith Butler, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe

225

JUDITH

BUTLER,

ERNESTO

LACLAU

Verwendungen der Gleichheit. Eine Diskussion via e-mail

 

238

JUDITH

BUTLER

Weitere Reflexionen zu Hegemonie und Gender

254

ERNESTO

LACLAU

Konvergenz in offener Suche

 

258

 

4. Anhang

ERNESTO

LACLAU

Von den Namen Gottes

 

265

Bibliographie zu Ernesto Laclau

282

Textnachweise

285

Undarstellbarkeit und »ontologische Differenz«

EINLEITUNG VON OLIVER MARCHART

Mit dem Erscheinen von Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes Hegemonie und radikale Demokratie 1 im Jahre 1985 wurde erst- mals eine schlüssige Übertragung der Dekonstruktion, die bis dahin ihre Heimat vornehmlich in der Literaturwissenschaft ge- funden hatte, in das Feld der politischen Theorie geleistet 2 . Das gelang Laclau und Mouffe durch eine Koppelung des Konzepts der Hegemonie, dessen Entwicklung sie von der russischen Sozi- aldemokratie zu Gramsci verfolgen, mit dekonstruktiven Strate- gien und einem allgemein diskursanalytischen Theorieansatz. Mit einer solchen post-strukturalistischen Neutheorisierung von Hegemonie als der Logik des Politischen verschoben sie die mar- xistische Prävalenz der ökonomischen Basis post-marxistisch auf das Politische, das nun alle Bereiche der Gesellschaft und des Ökonomischen durchdringt. Alle Relationen sind damit einer möglichen diskursiven hegemonialen Artikulation geöffnet – Gesellschaft (im Sinne einer geschlossenen Totalität) dagegen »existiert nicht«, so die provokante Zentralthese des Buches. Der entscheidende Fortschritt gegenüber anderen Wiederaufnahmen Gramscis lag also darin, daß sie dessen Hegemonietheorie eine diskurstheoretische Wendung gaben. Üblicherweise wird unter Diskurs jede sprachliche Einheit oberhalb der Satzebene ver- standen. Die Soziolinguistik verwendet den Diskursbegriff vor allem im Sinne eines Korpus vorwiegend natürlich generierter Texte (mündlich oder schriftlich) 3 . Der Diskursbegriff Laclaus geht dagegen über diese rein linguistische Definition hinaus in Richtung einer Analyse der politischen Diskurs-, oder Signifika- tionslogik.

8

OLIVER

MARCHART

Was Laclau und Mouffe bereits in Hegemonie und radikale De- mokratie Diskurs nennen, ist immer auf Artikulation 4 als der Pro- duktionsweise diskursiver Formationen bezogen, wobei diskur- sive Formation von Laclau/Mouffe als ein Ensemble differentiel- ler Positionen ohne ein vereinheitlichendes Prinzip gefaßt wird. Die Identität oder Kohärenz der Formation wird also nicht durch ein transzendentales Signifikat gesichert, sondern allein durch den relationalen Charakter aller Momente: »In einer arti- kulierten diskursiven Totalität, in der jedes Element eine diffe- rentielle Position besetzt ( … ) ist jede Identität relational und alle Relationen haben einen notwendigen Charakter« 5 . Insofern können Laclau und Mouffe dieses Projekt als radikalen Relatio- nismus klassifizieren. Dieser natürlich Saussure verpflichtete Relationismus wird schließlich zu Beginn von Laclaus Artikel Was haben leere Signi- fikanten mit Politik zu tun? 6 aus dem Jahr 1994 zum Ausgangs- punkt nicht nur einer Erläuterung der politischen Logik des Sig- nifikanten gemacht, sondern darüberhinaus zur Basis einer all- gemeinen Signifikationstheorie. Der Saussuresche Relationis- mus wird von Laclau – der sich nach Hegemonie vor allem im Austausch mit der Laibacher Schule der Lacanschen Psychoana- lyse annäherte, während Chantal Mouffe in ihren neueren Arbei- ten Fragen des Liberalismus und der Demokratietheorie verfolgt 7 – mit einer Variante des Lacanschen Herrensignifikan- ten supplementiert, der als leerer Signifikant nun zur neuen Zentralkategorie der Hegemonietheorie wird 8 . Von Saussures Annahme ausgehend, daß Bedeutung in einem System differentieller Positionen produziert wird, sind wir so- fort mit folgendem Problem konfrontiert: Um überhaupt von einem System oder einem Feld differentieller Positionen spre- chen zu können (in die schlechte Unendlichkeit ausgedehnte Differenzen wären keine Differenzen mehr), müssen wir uns fra- gen, was jenseits dieses Systems ist und welcher Natur die Gren- zen des Systems sind. Wäre das Äußere des Differenzsystems bloß eine weitere Differenz, dann wäre es für uns nicht möglich, das System von seinem Außen zu unterscheiden. In diesem Fall wäre das Außen einfach Teil des Innen – was hieße, daß es gar kein Außen gäbe. Das führt zur Schlußfolgerung, daß das Außen eines Systems von einer radikal von diesem System unterschie- denen Natur sein muß. Nur wenn das Außen ein radikales Außen ist, können wir überhaupt von einem Außen sprechen. Die Gren- zen des Systems sind also nicht neutral, sondern antagonistisch,

UNDARSTELLBARKEIT

9

da sie einen notwendigen Ausschluß 9 voraussetzen, der selbst nicht eine weitere Differenz sein kann und den differentiellen Charakter der Systempositionen subvertiert. Subvertiert wird der rein differentielle Charakter der Systempositionen dadurch, daß sie zumindest in einer Hinsicht nicht differentiell – d.h. so- mit äquivalent – sind, nämlich in Bezug auf ihre gemeinsame Grenze, ihr konstitutives Äußeres. Jedes Signifikationssystem ist aufgrund genau dieser Schwankung zwischen Differenz- und Äquivalenzlogik unentscheidbar, und in den Signifikationspro- zeß wird eine konstitutive Prekarität eingeführt, von Laclau Dis- lokation genannt. Das führt uns direkt in das Problem der Darstellbarkeit. Denn wie kann sich das Signifikationssystem selbst bezeichnen, oder, was dasselbe ist, wie lassen sich die Grenzen der Bezeichenbar- keit (von Laclau mit dem Lacanschen Realen verglichen) be- zeichnen, wenn »wir einem konstitutiven Mangel gegenüberste- hen, einem unmöglichen Objekt, welches, wie bei Kant, sich durch die Unmöglichkeit seiner adäquaten Repräsentation dar- stellt« (Laclau). Antwort: durch die Subversion des Bezeich- nungsprozesses selbst, d.h. durch einen Signifikanten, der selbst kein Signifikat besitzt. Wie Laclau im vorliegenden Band etwa in der Diskussion mit Judith Butler darlegt, muß eine partikulare Differenz innerhalb des Systems die Rolle übernehmen, die Grenze, die wie das Reale zugleich notwendig und unmöglich ist, zu repräsentieren. In Laclaus Worten nimmt »ein ›ontischer‹ Inhalt die ›ontologische‹ Funktion« dieser unmöglichen und doch notwendigen Repräsentation an – für Laclau eine der Defi- nitionen einer hegemonialen Relation. Dieser leere Signifikant besitzt vor allem deshalb kein bestimm- tes Signifikat, weil er – soll er tendenziell die Gesamtheit der dif- ferentiellen Positionen eines Systems bezeichnen – selbst einem Entleerungsprozeß unterworfen ist: je mehr differentielle Posi- tionen er durch Äquivalenzierung einbegreift, desto weniger Konkretes bezeichnet er. Am – theoretischen – äußersten Ende des Prozesses besitzt der leere Signifikant kein anderes Signifi- kat mehr als die Signifikation selbst, die Instanz der Signifika- tion, resp. die Systematizität des Systems. Der leere Signifikant wird damit zum Signifikanten der (abwesenden) Ordnung und Hegemonie zum Namen des politischen Wettkampfs, diese »Ordnung an sich« mit einer bestimmten partikularen Forde- rung zu inkarnieren.

10

OLIVER

MARCHART

Hier wird es wichtig, auf die Doppelgesichtigkeit des leeren Sig- nifikanten hinzuweisen, der zwischen der Signifikation von Ord- nung und Chaos oszilliert: Einerseits ist er der Signifikant der Systematizität des Signifikationssystems (der Herrensignifikant der Ordnung an sich), andererseits der Signifikant des Zusam- menbruchs von Signifikation (in Zeiten etwa von Revolution der Signifikant der Bedrohung oder Auflösung der bestehenden Ord- nung). Man könnte argumentieren, daß die Rhetorik des Erha- benen, die zur Beschreibung des Ereignisses der Französischen Revolution in Anschlag gebracht wurde (die Revolution als Sturzflut, Erdbeben, Vulkanausbruch, etc.), genau im Zusam- menhang mit der Leere des leeren Signifikanten »Revolution« 10 zu verstehen ist, der den Einbruch des noch nicht-signifizierba- ren Neuen, d.i. gleichzeitig den Zusammenbruch – oder zumin- dest die äußerste Dislozierung – der alten Signifikationsmatrix bezeichnen soll; also den popularen Bruch zwischen Altem (an- cien régime) und Neuem. Nicht umsonst ist das Paradox des Er- habenen, laut Ÿiÿek »die Umkehrung der Unmöglichkeit der Darstellung in die Darstellung der Unmöglichkeit« 11 , genau das Paradox des leeren Signifikanten. Wie Ernesto Laclau in seinem Beitrag Von den Namen Gottes zeigt, wäre jedoch die völlige Entleerung eines Signifikanten im besten Fall in einem mystischen Diskurs vorstellbar, der das ab- solute Jenseits durch die Auslöschung jedes partikularen Signifi- kats zu repräsentieren vorgibt 12 , dagegen nicht im Feld der Poli- tik. Selbst Gott oder das Erhabene als das radikal Unrepräsen- tierbare sind nur um den Preis eines Rests an Partikularität oder »Inhalt« auch nur negativ benennbar. Denn wäre der Signifikant vollständig leer, vollständig frei von jeglichem partikularen »In- halt«, also vollständig universell, dann würde die von ihm herge- stellte Äquivalenz aller innersystemischen Differenzen in simple Identität kollabieren und die Grenzen, resp. das Jenseits des Systems wäre direkt repräsentierbar und damit kein Jenseits mehr, sondern Teil der Identität. Wenn also das Universelle – das konstitutive Außen – die partikularen Differenzen des Systems kontaminiert (indem sich diese zumindest in Hinsicht auf das Außen des Systems äquivalent und nicht differentiell verhalten), so kontaminiert ebenfalls das Partikulare eines bestimmten Sig- nifikanten die universelle Systemrepräsentation. Es ist immer ein bestimmter Signifikant, der auf das Jenseits der Signifikation resp. Signifikation an sich verweist und die Rolle des leeren Sig- nifikanten übernimmt. Die »Materialisierung« Gottes (Partikula-

UNDARSTELLBARKEIT

11

risierung) ist die Kehrseite der »Deifikation« seiner möglichen Inkarnationen (Universalisierung). Und somit hat die Logik des leeren Signifikanten tatsächlich et- was mit Politik zu tun. Denn welcher partikulare Signifikant für eine bestimmte Zeit die Rolle dieser quasi-universellen Reprä- sentation übernimmt, ist immer Gegenstand einer hegemonia- len Auseinandersetzung. Ein wesentlicher Aspekt des leeren Sig- nifikanten ist dessen Funktion der Selbstreferenz durch Aus- schließung. Indem er die Totalität des Systems bezeichnet, zeigt er an, was zum System gehört und was nicht – und umgekehrt. Der leere Signifikant erfüllt in Laclaus Hegemonietheorie in die- ser Hinsicht eine dem Code in Luhmanns Systemtheorie analoge Funktion, worauf Urs Stäheli in seinem Beitrag hinweist. So- ziale Funktionssysteme werden nach Luhmann durch einen binären Code »fundiert« (etwa das Rechtssystem durch den Code legal/illegal), der, wird er auf sich selbst angewandt, in eine Paradoxie führt, welche seine eigene Fundierungsleistung wie- der kassiert (ist die Unterscheidung zwischen legal/illegal selbst legal?). Man kann also das Paradox hegemonietheoretisch als jene spezi- fische Form systemischer Unentscheidbarkeit verstehen, die vor allem dann sichtbar wird, wenn die Doppelgesichtigkeit des lee- ren Signifikanten unter Bedingungen weitestgehender Antagoni- sierung eines Feldes auf sich selbst zurückgebogen wird. Diese paradoxe Autosignifikation eines Systems möchten wir an einem Beispiel illustrieren, das man das »algerische Paradox« der Demokratie nennen könnte. Die – stark generalisierte – An- ordnung sieht in diesem Experiment der Selbstanwendung des Codes demokratisch/fundamentalistisch wie folgt aus: Eine fun- damentalistische Opposition beruft sich auf ihren demokrati- schen Wahlsieg, um die Demokratie abzuschaffen, und eine »de- mokratische« Regierung setzt die Demokratie aus, um diese Ab- schaffung der Demokratie zu verhindern. In einer Situation wie der algerischen würde also der zentrale Code, d.h. die Aussch- ließungs- und somit Konstitutionsfunktion des Systems Demo- kratie, nämlich Demokratie/Fundamentalismus (in anderen Vari- anten Demokratie/Totalitarismus oder Demokratie/Terrorismus, d.h. immer Demokratie/Anti-Demokratie), auf sich selbst ange- wandt. Die daraus folgende Frage lautet: Ist es demokratisch oder ist es anti-demokratisch, die Demokratie abzuschaffen, um sie zu bewahren? 13 Wie Stäheli aus systemtheoretischer Sicht an- merkt, folgt aus einem Paradox (das nichts anderes ist als die

12

OLIVER

MARCHART

»visibilisierte« Unentscheidbarkeit des Systems), wenn es nicht auf andere Weise entparadoxiert wird, der Konflikt. D.h. die vom Paradox aufgegebenen Fragen können nur praktisch beantwortet werden, die Unentscheidbarkeit muß durch eine Entscheidung supplementiert werden. Wieder sind wir auf den politischen Charakter des leeren Signifikanten verwiesen. Dieser Aspekt der Selbstreferentialität des Systems über den lee- ren Signifikanten entspricht auf erstaunliche Weise Slavoj Ÿiÿeks Beschreibung des »puren« Antagonismus, in dem »die Negation zum Punkt der Selbstreferenz gebracht ist«. In der hier abgedruckten lacanianischen Laclau-Lektüre Ÿiÿeks ist der ex- terne Feind (etwa der Fundamentalist oder der Terrorist) eben nicht jene Instanz, die das System daran hindert, seine Identität zu erreichen, sondern vielmehr projeziert das System seine ur- sprünglichere Selbstblockade auf dieses kleine Stück Realität. Ähnlich wie im Luhmannschen Paradox würde dann das nega- tive Selbstverhältnis des Antagonismus – »sich zeigend« im lee- ren Signifikanten – die ursprüngliche Blockade des Systems markieren, die dessen Differenzen davor bewahrt, in Identität zu kollabieren. Ÿiÿeks Text ist insofern von Bedeutung für die Hegemonietheo- rie als er erstmals zwei Erscheinungsformen des Antagonismus ausdrücklich unterscheidet und dabei ins reale »Jenseits der Dis- kursanalyse« vorstößt. Der pure Antagonismus als Instanz des Jenseits der Signifikation (das politische Reale) ist nicht mit den Antagonismen innerhalb der Signifikationssysteme (der politi- schen Realität) zu verwechseln: »Wir müssen dann die Erfah- rung des Antagonismus in seiner radikalen Form als Grenze des Sozialen unterscheiden vom Antagonismus als der Relation von antagonistischen Subjektpositionen: wir müssen, in lacaniani- schen Worten, Antagonismus als das Reale von der sozialen Rea- lität des antagonistischen Kampfes unterscheiden«. Aus lacani- anischer Sicht 14 ist das Jenseits oder die Autoblockade der Signi- fikation dieser logisch vorgängig, weshalb Jelica Íumi-Riha in ihrem Beitrag ebenfalls das hegemoniale Verhältnis als sekundär gegenüber der inhärenten Dislokation des Universellen faßt:

»das hegemoniale Verhältnis ist schon ein Lösungsversuch der inneren Blockade des Universellen selbst«. Jelica Íumi-Riha geht sogar einen Schritt weiter. Für sie ist der leere Signifikant nicht aufgrund seiner Leere, also der Abwesen- heit jedes Signifikats, ein adäquater Repräsentant des Unreprä- sentierbaren, sondern vielmehr gehört er selbst der Ordnung des

UNDARSTELLBARKEIT

13

Realen an. Und zwar aufgrund seiner Materialität; er wird zum Buchstaben. Der notwendige Rest an Partikularität – um dessen Preis leere Signifikanten überhaupt nur zu haben sind – wird nicht mehr wie bei Laclau als notwendiges Überbleibsel von In- haltlichkeit (d.h. von einem nie tilgbaren Rest-Signifikat) ver- standen, sondern als materielle Partikularität, als, und hier greift Íumi-Riha auf Kant zurück, Pathologie des Signifikanten, als dessen »Fleisch«. Dieses ist geradezu Ermöglichungsbedingung einer Signifikation des Jenseits der Signifikation: »Das Paradox des ›leeren Signifikanten‹ liegt darin, daß er die Funktion der Vertretung durch jenes ausübt, was die Vertretung unmöglich macht, das heißt, durch seine signifikante Materialität, die sich nicht dekonstruieren und in ein bloßes differentielles Verhältnis umwandeln läßt«. Der leere Signifikant erfüllt seine Funktion nicht, weil er leer ist, sondern weil seine untilgbare Materialität zum tragen kommt.

An dieser Stelle sind zwei Aspekte der lacanianischen Position wert, festgehalten zu werden:

1. Es wird deutlich zwischen zwei Ebenen analytisch unterschie-

den: a) Die Ebene innersystemischer Differenzen und »realpoli- tischer« Antagonismen; und b) die Ebene der Blockade des Spiels der Differenzen durch das Reale, durch den Antagonis- mus als konstitutivem Jenseits der Signifikation. Laclau nennt diese zweite, konstitutive Ebene das Politische (als unterschie- den von der ersten Ebene der Politik). Die erste Ebene bezeich-

net Laclau auch oft als »ontische« (konkrete Artikulationen) und die zweite als »ontologische« Ebene (generelle Artikulationslo- gik).

2. Die lacanianische Position gibt b) den logischen Vorrang vor

a). Das heißt, das System ist bereits blockiert, bevor diese Un- möglichkeit der Selbstidentität ihre Darstellung über den politi- schen »innersystemischen« Kampf um die Inkarnation des lee- ren Signifikanten finden kann. Eine Lektüre der Laclauschen Argumente in Was haben leere Sig- nifikanten mit Politik zu tun? würde eine solche Lesart der Pri- mordialität der Blockade unterstützen. Denn Systematizität kommt einem differentiellen System wie gesagt nur dann zu, wenn sein Außen bzw. seine Grenze nicht einfach eine weitere Differenz bildet, sondern etwas radikal Anderes, eine Bedro- hung, einen Antagonismus, der erst das System zum System ver- einheitlicht. Durch diese Bedrohung führt das Außen aber Dislo-

14

OLIVER

MARCHART

kationen (Störungen) in das System ein, was dessen ontologi- schen Status schwächt und verhindert, daß es sich vollständig konstituiert. Damit ist klar, daß wenn die Grenze des Systems nicht in erster Instanz antagonistisch wäre, es überhaupt kein System gäbe 15 . Eine solche Lektüre läuft aber andererseits gegen den Konstruk- tivismus Laclaus, wie wir ihn etwa in dem Text Die Politik als Konstruktion des Undenkbaren finden. Hier hätte b) den Vorrang vor a), d.h. die undenkbare und undarstellbare Komponente eines Differenzsystems wäre selbst Ergebnis der politischen, in- nersystemischen hegemonialen Konstruktion. Laclau schließt damit an einen entscheidenden, in Gramsci aber of überlesenen Aspekt von Hegemonie an: Es ist nicht so sehr die Durchsetzung der eigenen Ideologie mit all ihren Details, die den Erfolg eines hegemonialen Blocks ausmacht, als die Undenkbarmachung von Alternativen. Francis Fukuyamas These vom Ende der Ge- schichte und dem endgültigen Sieg des liberal- demokratischen Kapitalismus könnte als Beispiel für eine hegemoniale Artikula- tion eben genau dieses liberal-demokratischen Kapitalismus die- nen. Auch bei Fukuyama geht es weniger um eine Beschreibung des eigenen hegemonialen Programms als um die Verunmögli- chung der Denkbarkeit von Alternativen. Doch was für die Eta- blierung konkreter Hegemonien gilt, sitzt – nach Laclau – auf einem allgemeinen Signifikationsgesetz auf. Ein Diskurs »kann nur die Bedingungen der Denkbarkeit bestimmter Objekte kon- stituieren durch die Konstruktion der Undenkbarkeit anderer Objekte. Wir können so von der diskursiven Intervention spre- chen, d.h. der Politik als dem Prozeß der Konstruktion des Un- denkbaren« 16 . Wie Anna-Marie Smith in ihrem Beitrag über das Verhältnis der »Hegemoniekonzeptionen« Judith Butlers und Ernesto Laclaus am Beispiel Thatcherismus und am Beispiel Zwangsheterose- xualität ausführt, hängt der Erfolg einer hegemonialen Artikula- tion nicht von ihrer Popularität ab, sondern davon, wie gut es ihr gelingt, die Idee zu normalisieren, es gäbe keine Alternativen zu ihr. Schließlich beginnt sie – durch Wiederholung – ihren eige- nen Charakter als Alternative zu verlieren und als allgemeine Re- gel zu operieren, »die eine ahistorische und apolitische Unter- scheidung zwischen dem Intelligiblen und dem Nicht-Intelli- giblen installiert«. Alle aus dem zwangsheterosexuellen Rahmen fallenden Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten – so die zur

UNDARSTELLBARKEIT

15

Hegemonietheorie parallel laufende Theorisierung Judith But- lers – sollen »undarstellbar und undenkbar sein«. Es muß an dieser Stelle festgehalten werden, daß dieser Prozeß nie vollständig gelingen kann, keine Hegemonie endgültig und ausnahmslos installiert werden kann. Zum einen wäre dann ge- nau jener Fall eingetreten, in dem die Differenzen eines Systems in Identität kollabieren würden, also der Fall vollständiger Fixie- rung von Bedeutung (was dem Abbruch des Signifikationspro- zesses und somit dem völligen Verlust von Bedeutung ent- spräche), zum anderen wird jede hegemoniale Sedimentierung von Bedeutung qua Wiederholung von einer Gegenbewegung konterkarriert, die Laclau auf Husserl zurückgreifend »Reakti- vierung« nennt: Durch Reaktivierung soll die kontingente und historische Natur der hegemonialen Konstruktion aufgezeigt werde, also die Tatsache, daß jede Hegemonie selbst nur eine Al- ternative unter vielen ist – aufgezeigt etwa durch Praxen subver- siver Aneignung und damit Problematisierung hegemonialer Identitäten, wie bei Butler. Hierin trifft sich Butler – laut Anna- Marie Smith – mit Laclau, der zustimmen würde, »daß jede Dis- lokation eines hegemonialen Raums Möglichkeiten eröffnet, die in eine residuale Sphäre des Undenkbaren relegiert waren«, wenn Laclau demgegenüber auch betonen würde, daß jede Re- aktivierung unausweichlich zu neuen Sedimentierungen führt 17 . Wie verhält sich nun Butlers Theorisierung des Undarstellbaren und Undenkbaren der Politik zu jener Laclaus? Wie Laclau in Die Politik als Konstruktion des Undenkbaren insistiert Butler zwar, daß das Unrepräsentierbare selbst Resultat einer Kon- struktion sei: Es sei zu fragen, »wie Machtverhältnisse be- stimmte Objektarten als denkbar und wißbar konstruieren und wie diese Konstruktion durch die simultane und begleitende Konstruktion des Undenkbaren und Unwißbaren stattfindet«. Sie wendet das Argument aber über ihre Foucault-Lektüre gegen den von ihr so wahrgenommenen Theorizismus und Logizismus Laclaus, der der generellen Signifikationslogik – der ontologi- schen Ebene – den Vorrang gibt. Auch die von Laclau beschrie- bene Logik der Hegemonie (resp. der Emanzipation) sei, als Lo- gik, genau so ein Regulationsinstrument dessen, was gedacht werden kann, und somit Instrument und Effekt von Machtstra- tegien, also letztlich der ontischen Ebene. Laclau würde »das lo- gisch Ableitbare an die Stelle des historisch Produzierbaren set- zen«.

16

OLIVER

MARCHART

In der Auseinandersetzung zwischen Laclau und Butler wird also der Unterschied zwischen einer von Focault und einer von Lacan inspirierten Position deutlich. Wir sagten, daß im Lacani- anismus die Kategorie der »Projektion« die Rolle erfüllt, die ur- sprüngliche Blockade jedes Signifikationssystems mit der onti- schen Ebene konkreter politischer Feindkonstruktionen zu ver- mitteln. Das Ontische ist in diesem Fall eine Projektion des gebarrten Ontologischen, es ist nur der konkrete Effekt der Blockade, oder »Barre« jeder symbolischen Ordnung. Umge- kehrt wäre für einen Konstruktivismus foucaultscher Provinienz die ontologische Ebene – und somit auch das jeweils Undenk- bare und konstitutive Außen eines Diskurses – immer nur eine Konstruktion der ontischen Ebene politisch-historischer Regula- tionen innerhalb dieses Diskurses 18 . Es wurde weiters gesagt, daß in Laclaus Arbeiten beide Tenden- zen miteinander konkurrieren. Unser Punkt ist allerding, daß ge- nau diese Tatsache, die, weit davon entfernt, eine Inkonsistenz der Theorie zu sein, den großen Vorteil der Laclauschen Hege- monietheorie ausmacht und auch die Frage nach dem mögli- chen Status der Laclauschen Hegemonietheorie, die von Laclau selbst erstaunlicherweise nie angesprochen wurde, einer Beant- wortung näherbringt – also die Frage, inwieweit Laclaus Hege- monielogik selbst Ergebnis historisch kontingenter Konstruktio- nen ist, oder inwieweit Laclaus Onto-Logik die ihr eigene onti- sche Objektebene konstruiert. Dieser angesprochene Vorteil der Hegemonietherie liegt genau darin, daß die Differenz und Span- nung zwischen Partkularismus und Universalismus oder zwi- schen dem Ontischen und dem Ontologischen von der Hegemo- nietheorie aufrechterhalten wird. Genau weil die Hegemonie- theorie davon Abstand nimmt, jeweils einen Term der beiden zum determinierenden zu machen, gelingt es ihr, den Fall- stricken entweder eines a) reinen Normativismus gängiger De- mokratietheorien oder eines b) positivistischen Empirizismus der Politwissenschaft oder der streng linguistischen Diskursana- lyse 19 zu entkommen. Hegemonietheorie ist weder rein normativ (sie schreibt nicht vor, wie konkrete politische Projekte auszuse- hen haben) noch rein deskriptiv oder konstruktiv (es entkommt immer etwas der reinen theoretischen Konstruktions- oder Des- kriptionsleistung). Rado Riha geht in seinem Beitrag sogar so- weit, die spezifische Aussageweise der Hegemonietheorie als »Konstruktion einer nichtnormativen Norm« zu bezeichnen, als Versuch, »einen nichtbegrifflichen Begriff, d.h. einen mit seinem

UNDARSTELLBARKEIT

17

Heterogenen, Realen artikulierten Begriff zu konstruieren«. Was hier hegemonie-theoretisch konstruiert wird, ist – in Rihas Wor- ten – ein »singuläres Universelles«. Zwar ist kontingent – d.h. im- mer einer historisch-politischen Konstruktion unterliegend –, welches bestimmte Partikulare dieses Universelle jeweils inkar- niert, gleichzeitig ist diese Kontingenz aber absolut notwendig für das Universelle. Wir haben es mit dem Paradox einer kontin- genten Notwendigkeit zu tun, das von Rado Riha mit dem Begriff des singulären Universellen gefaßt wird. Und um dieses Verhältnis denken zu können, ist es entschei- dend, die Differenz zwischen den beiden Ebenen des Ontischen und des Ontologischen, der Politik und des Politischen, der he- gemonialen Artikulation und der Artikulationslogik aufrecht zu halten. Erst diese Differenz ist es, die die Bedingung der (Un-) Möglichkeit der Objekte politischer Theorie einsetzt, weshalb Laclau in seinem Austausch mit Judith Butler sagen kann: »Das Scheitern der ontologischen Absorption des ganzen ontischen Inhalts öffnet den Weg für eine konstitutive ›ontologische Diffe- renz‹, die Macht, Politik, Hegemonie und Demokratie ermög- licht«.

Der Herausgeber

ANMERKUNGEN

1 Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Poli- tics, London, Verso, 1985, dt. als Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien, Passagen-Verlag, 1991

2 Vergl. zum Verhältnis Derrida/Laclau den Beitrag Simon Critchleys.

3 Vergl. beispielsweise Levinson: »Discourse Analysis (or DA) employs both the methodology and the kinds of theoretical principles and primitive concepts (e.g. rule, well-formed formula) typical of linguistics. It is essen- tially a series of attempts to extend the techniques so successful in lingui- stics, beyond the unit of the sentence.« Steven C. Levinson: Pragmatics, Cambridge 1983, S. 286

4 Das Konzept Artikulation, wie es von Laclau in Politik und Ideologie im Marxismus, Berlin 1981, formuliert wurde, sollte besonders von den Cul- tural Studies breit rezipiert werden (für eine Zusammenfassung sh. J. Slack: The Theory and Method of Articulation in Cultural Studies, in D. Morley und K.-H. Chen (Hg.) Stuart Hall. Critical Dialogues in Cultural Studies, London 1996. Wie in einem dort ebenfalls zu findenden Inter- view mit Stuart Hall festzustellen ist, ist dessen Artikulationskonzept heute mit jenem Laclaus so gut wie identisch). In Politik und Ideologie im Marxismus definiert Laclau Artikulation folgendermaßen: »Die spezifi- sche Form, die ein System von Beziehungen zwischen heterogenen Ele-

18

OLIVER

MARCHART

menten annimmt. Artikulation in diesem Sinne steht im Gegensatz zu Reduktion. Eine Reduktion findet immer dann statt, wenn eine Reihe von Elementen sich als notwendige Formen eines oder mehrerer anderer Elemente präsentieren: die Unterschiede werden folglich reduziert auf bloße Momente einer substantiellen Identität. Bei der Artikulation sind im Gegenteil die Unterschiede konstitutiv. Der typische Fall von Artiku- lation ist das Zeichen, in welchem die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat völlig arbiträr ist« (S. 207).

5 Hegemonie und radikale Demokratie, S. 156. Laclau und Mouffe machen weiters klar, daß unter Diskurs nicht nur Sprache und Schrift in Abgren- zung zur außerdiskursiven Welt zu verstehen ist, sondern eine Totalität sowohl linguistischer als auch nicht-linguistischer Komponenten. Um dem Vorwurf des Diskurs-Idealismus zu begegnen, greifen sie zurück auf das Wittgensteinsche Konzept des Sprachspiels und bringen ein von Wittgenstein inspiriertes Beispiel: Wenn im Fall eines Mauerbaus ein Maurer den anderen um Zureichen eines Steines bittet und dann diesen Stein der Mauer hinzufügt, dann ist sowohl die sprachliche als auch die nichtsprachliche Aktion Teil einer größeren Operation, nämlich der des Mauerbaus. Aber, so könnte man hinzufügen, auch ohne die sprachliche Bitte um den Stein hat die Handlung – als soziale Handlung – Bedeu- tung; eine Bedeutung, die in verschiedenen Situationen verschieden sein kann. Ein bestimmtes sphärisches Objekt ist nur in einem Relationssy- stem mit bestimmten anderen Objekten und Regeln ein Fußball, in einem anderen Relationssystem wieder etwas anders, was jedoch die »reale«, materielle Existenz des sphärischen Objekts unangetastet läßt. In diesem Sinne sind selbst natürliche Fakten diskursive Fakten. Denn auch die naturwissenschaftliche Idee der Natur ist historisch gewachsen, und ein natürliches Objekt (z.B. »Stein«) wird dieses nur innerhalb eines Klassifikationssystems (z.B. Mineralogie). Wiederum sagt das nichts über die Existenz dieser von uns Stein genannten Entität aus, sondern nur etwas über deren Bedeutung innerhalb eines Sprachspiels, während

die nackte Existenz des Steins eine Abstraktion ist und uns nie direkt zu- gänglich.

6 »Why do Empty Signifier Matter to Politics« in J. Weeks (Hg.) The Les- ser Evil and the Greater Good, London, Rivers Oram Press, 1994, dt. als »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?« in Mesotes. Zeit- schrift für philosophischen Ost-West-Dialog, 2/1994

7 Vergl. etwa Laclaus Übernahme der Lacanschen Subjekttheorie in E. Laclau/L. Zak: Minding the Gap: The Subject of Politics, in E. Laclau (Hg.): The Making of Political Identities, London/New York (Verso) 1994; und Chantal Mouffes Dimensions of Radical Democracy. Pluralism, Citi- zenship, Community, London/New York (Verso) 1992; Deconstruction and Pragmatism, London/New York (Routledge) 1996, beide als Heraus- geberin; sowie ihr The Return of the Political, London/New York (Verso)

1993.

UNDARSTELLBARKEIT

19

der eine Signifikantenkette steppt und dadurch die Bedeutung fixiert. Die flottierenden Signifikanten – in der Terminologie Laclau/Mouffes Elemente – werden durch eine solche Fixierung zu Momenten einer dis- kursiven Totalität. Dieser Vorgang des Steppens im Feld des Sozialen kann Artikulation genannt werden: »Die Praxis der Artikulation besteht deshalb in der Konstruktion von Knotenpunkten, die Bedeutung teilweise fixieren« (S.165). Hier findet sich die Keimzelle des späteren Lacanianis- mus Laclaus.

9 Vergl. E. Laclau: Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun, Meso- tes 2/1994: »Wenn die ausschließende Dimension gelöscht wäre oder auch nur geschwächt, dann würde es geschehen, daß der differentielle Charakter des ›Jenseits‹ einsetzt, und als Resultat würden die Grenzen des Systems verwischt werden. Nur wenn das Jenseits zum Signifikanten reiner Bedrohung, reiner Negativität, des schlichtweg Ausgeschlossenen wird, kann es Grenzen und ein System geben (das heißt eine objektive Ordnung)«.

10 Des Geschichtszeichens »Revolution«, wie Kant es nennt. Vgl. u.a. Rado Riha, Jelica Íumi-Riha: The Reinvention of Democracy in Eastern Eu- rope, in: Angelaki 1/3; und Oliver Marchart: The Political Sublime. On Re- volutions, Empty Signifiers, and Melodrama, erscheint in: John B. Foster und Wayne J. Fromann (Hg.): Thinking Culutre. Between Philosophy and Literature, Northwester University Press, forthcoming.

11 Vergl. Slavoj Ÿiÿek, For they know not what they do, London/New York 1991, S. 88

12 Laclau zeigt in seinem Text, daß selbst der Diskurs der Mystiker darin scheitert.

13 Oder aus einer eher normativen Perspektive gefragt: Wie kann man sich gleichzeitig auf die Instanz berufen, die man gerade abschaffen will, und wie kann man das, was man bewahren will, gleichzeitig abschaffen? Und die Probleme vermehren sich, wenn wir fragen, ob diese Unterscheidung zwischen der »Demokratie und ihren Feinden« selbst überhaupt noch demokratisch ist oder nicht schon demokratiefeindlich – man denke etwa an die Suspendierung demokratischer Grundrechte im deutschen Herbst: Wer demontierte die »freiheitlich demokratische Grundord- nung« letztlich: die RAF, die sie angriff, oder jene, die sie angeblich ver- teidigten?

14 Daß diese Sicht allerdings keineswegs einheitlich sein muß, zeigt die hier abgedruckte Kontroverse zwischen Thanos Lipowatz und Yannis Stavra- kakis.

15 Erst in einer zweiten Bewegung – so könnte man im Sinne einer Hybri- ditätstheorie argumentieren – wird die radikale Natur der Grenzen des Systems durch die eingeführten Dislokationen geschwächt, das heißt, die Schwächung des Systems führt zu einer gewissen Hybridität im Verhält- nis des Systems zu seiner Umwelt.

16 E. Laclau: Die Politik als Konstruktion des Undenkbaren, kulturRRevolu- tion 17/18, 1988, S. 57

20

OLIVER

MARCHART

tion von Gegenangeboten, die bis in gegenhegemoniale Projekte führen können: »Jede Subversion eines hegemonialen Raums hängt von den Ressourcen marginalisierter Räume ab, und die Verteidigung der Mög- lichkeiten, die durch Subversion eröffnet werden, hängt ihrerseits von der Konstruktion und Stärkung alternativer Räume ab«.

18 Auch die Systemtheorie würde insoweit das Ontische (die Konstruktion des Undenkbaren) gegenüber dem Ontologischen privilegieren, als der Code die Ausschließungsfunktion innerhalb des Systems erfüllt, indem er das im System Undenkbare einfach nach Außen relegiert, und – generel- ler – auch die Unterscheidung zwischen Fremdreferenz und Selbstrefe- renz selbst wiederum eine Unterscheidung der Selbstreferenz ist. Das Außen des Systems ist also in der Luhmannschen Systemtheorie nicht als radikal anti-systemische Bedrohung konzeptualisiert wie bei Laclau, sondern einfach als Rauschen oder als anderes System.

19 Das üblicherweise unter dem Titel Diskursanalyse firmierende Theorie- set kann die prekäre und selbst-widersprüchliche Verfaßtheit von bedeu- tungskonstituierenden System nicht in Rechnung stellen und gerät daher leicht in die Gefahr, einem pointillistischen Positivismus zu huldigen, der sich im schlimmsten Fall in rein statistisches Wörterzählen nieder- schlägt.

I

Das Paradox der Politik

Diskursanalyse als postmoderne politische Theorie

TORBEN BECH DYRBERG

DISKURSANALYSE UND DIE POLITISCHE INSTITUTION DER GESELLSCHAFT

»Unsere ganze Analyse richtet sich gegen eine objektivistische Kon- zeption und hat die Reduktion von ›Fakten‹ auf ›Sinn‹ und vom ›Gegebenen‹ auf dessen Möglichkeitsbedingungen zur Vorausset- zung.« 1

Die Diskursanalyse, wie sie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe entwickelt wurde, ist eine transhistorische Theorie von der politischen Konstitution von Gesellschaft, die im Lichte der modernen liberalen und marxistischen Verschiebung des Politi- schen gesehen werden muß. Die vorausliegende Annahme ist, daß es nicht möglich sei, mit dem Politischen in der Moderne zurechtzukommen, da diese prä- oder extra-politische Katego- rien wie Ordnung, Wahrheit, Rechte, Rationalität und individu- elle Autonomie betont, die als Gründungsmetaphern dienen. Um das Politische wieder »ins Spiel zu bringen«, werde ich mich auf das wichtigste von ihrem Werk adressierte Problem konzentrie- ren, nämlich ihren Versuch zu dekonstruieren, was sie die Ob- jektivität des Sozialen nennen 2 . Über die Dekonstruktion der Ob- jektivität des Sozialen wird es möglich sein, den Weg für ein Ver- ständnis des Politischen zu öffnen, das mehr ist als ein Rand- phänomen und Supplement des Sozialen. In diesem Sinne kann Diskursanalyse als eine postmoderne politische Theorie verstan- den werden. Laclau und Mouffe verfolgen die postmoderne Herausforderung, indem sie das Argument starkmachen, der Brennpunkt der poli- tischen Institution von Gesellschaft sei Hegemonie, die um Ent-

24 TORBEN

BECH

DYRBERG

scheidung, Diskurs, Dislokation und Antagonismus kreist. Die Dekonstruktion des Objektivismus hängt davon ab, wie die Strukturierung sozialer Verhältnisse konzeptualisiert wird, und an dieser Stelle wird das Diskurskonzept tragend 3 . Die diskursive Strukturierung des Sozialen dreht sich um die Frage, wie das Politische konzeptualisiert wird, und die Weise, auf die das ge- tan wird, ist wiederum zentral für die Frage der Demokratie. Diskursanalyse konzeptualisiert das Politische in Begriffen einer Ontologie von Möglichkeiten und Politik als die Aktualisierung dieser Möglichkeiten, welche sie zur selben Zeit strukturiert. Weder das Politische noch Politik haben einen bestimmten topo- graphischen Platz in der Gesellschaft (wie etwa den Staat), ge- nauso wie Politik nicht das Privileg spezifischer Akteure (z.B. Eliten) ist oder mit bestimmten Praxistypen (z.B. Beherrschung) identifiziert werden kann. Vielmehr wird das Politische als quasi-universales Phänomen oder als historisches Apriori vis-à- vis Gesellschaftordnungen gesehen, und Politik wird als der he- gemoniale Versuch gefaßt, Partikularität und Universalität zu ar- tikulieren, deren raison d’être es ist, im Namen des Ganzen zu sprechen. Es wäre ein reduktionistischer Irrtum, die politische Institu- ierung von Gesellschaft mit der partikularen Instituierung hege- monialer Verhältnisse oder Regierungsformen zu verwechseln, denn diese können niemals die ersteren kontrollieren, ge- schweige denn vollständig erklären. Es gibt immer einen Spalt zwischen dem Partikularen und dem Universellen, zwischen dem Gegebenen und seinen Möglichkeitsbedingungen. Das Poli- tische ist in diesem Spalt verortet, und Politik ist der hegemo- niale Versuch, ihn provisorisch auszufüllen. Von der politischen Instituierung von Gesellschaft zu sprechen, bedeutet für Laclau und Mouffe, daß wir unsere Aufmerksamkeit auf deren Ermögli- chungsbedingungen lenken. Eine Konzeptualisierung des Politi- schen in diesem Sinn wird uns zumindest fünf Charakteristika des spezifisch Politischen verschaffen. (1) Laclau und Mouffe streichen heraus, daß Politik der kreative Akt der Artikulation des Partikularen und des Universellen ist, des Gegebenen und seiner Möglichkeitsbedingungen, wobei kei- ner der Pole a priori Form oder Inhalt besitzt. (2) Sie fassen das Politische als einen virtuellen Ort, an dem hegemoniale Strate- gien versuchen, das Partikulare mit dem Universellen zusam- menzuschließen, um im Namen des letzteren – d.h. des Ganzen 4 – zu sprechen. (3) Sie lösen das Politische von seiner zeitlichen

DISKURSANALYSE

25

und räumlichen Verbindung mit partikularen hegemonialen Ver- hältnissen und Regierungsformen, um eine »reine« Theorie des Politischen voranzutreiben. Das heißt, eine Theorie, die nicht die Funktion des Politischen mit seiner historisch kontingenten Strukturierung verwechselt. (4) Sie argumentieren, der Versuch, den Spalt zwischen dem Universellen und dem Partikularen zu überbrücken, sei ein spezifisch politischer Akt, der gegenüber der Artikulation hegemonialer Kräfte kontingent ist, und darü- berhinaus kontingent gegenüber der Artikulation zwischen dem Möglichen und dem Aktualen. (5) Sie betonen, daß Gewalt oder das Treffen von Entscheidungen über die sie jeweils bedingende Struktur hinausreicht und folglich nicht auf diese reduzierbar ist, was den Grund dafür darstellt, warum der Moment des Poli- tischen der Moment der Kreativität ist, d.h. der Instituierung von Gesellschaft. Diese fünf Punkte heben die Bedeutung der Relationen zwischen Entscheidung, Struktur und Subjekt für die Konzeptualisierung des Politischen hervor, sowie die Einsicht, daß Politik eine von strategischen Kalkulationen durchdrungene hegemoniale Praxis ist, der es um eine Artikulation zwischen Partikularität und Uni- versalität – oder zwischen dem Aktualen und dem Möglichen – geht. Außerdem unterstreichen sie, daß das Politische als eine instituierende Aktivität verstanden werden muß, die partikulare hegemoniale Konstellationen überwölbt, welche das Politische auf bestimmte institutionelle Settings beschränken wollen. Wir können diese Einsicht anders formulieren, indem wir von zwei analytischen Ebenen sprechen: Eine Ebene »höherer Ord- nung«, die das Politische als solches betrifft; und eine Ebene »tieferer Ordnung«, die die besondere politische Strukturierung hegemonialer Verhältnisse betrifft. Die Unterscheidung von zwei Analyseebenen ist von direkter Tragweite für die Konzeptualisie- rung des Politischen in der Diskursanalyse 5 . Solange wir uns auf der tieferen Ebene situieren und die politische Identitätskonsti- tution analysieren sind wir mit »gebundenen« Varietäten des Po- litischen konfrontiert. Genau hier treffen wir auf all die bekann- ten Vorstellungen vom Politischen: Daß es im Staat oder im Klassenkampf lokalisiert sei, daß es mit Machtkämpfen um wohlerworbene Interessen oder mit der Freund/Feind-Unter- scheidung zwischen Nationalstaaten identifiziert wird, daß es Konflikte über die Frage betreffe, wer, wann, was und wie be- kommt, daß es wesentlich repressiv sei und um Ordnung be- müht, etc.

26 TORBEN

BECH

DYRBERG

Sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf das Argument lenken, daß der Gegenstand des Politischen genau in der Konstitution von Gesellschaft zu suchen ist, können wir nicht mehr innerhalb dieser gebundenen Varietäten bleiben, da sie selbst historisch spezifische Konstrukte sind, was bedeutet, daß sie bedingt durch und damit kontingent gegenüber ihrer eigenen Artikulation sind. Das Politische kann nicht auf bestimmte Regierungsformen ein- geschränkt werden, was in der liberal-demokratischen Tradition heißt, daß es nicht in die Unterscheidungen von Staat/Zivilgesell- schaft, öffentlich/privat, Macht/Autonomie und so weiter ge- preßt werden kann. Der Grund dafür liegt darin, daß wir uns dem Politischen als transzendentaler »Reduktion von ›Faktum‹ auf ›Sinn‹, und vom ›Gegebenen‹ auf dessen Möglichkeitsbedin- gungen« nähern. Das bedeutet, daß wir es als ontologische Kate- gorie fassen, die für diese Unterscheidungen konstitutiv ist. Das Politische ist als eine Ontologie von Möglichkeiten konzeptuali- siert, die auf eine Artikulation zwischen Universalität und Parti- kularität übergreift und eine zeitliche wie räumliche Dimension besitzt. An diesem Punkt müssen wir die höhergeordnete Analyseebene »erfinden«. Angenommen die gebundenen Varietäten sind durch ihre eigene Artikulation bedingt und diese Artikulation ihrerseits ist nicht durch eine außerdiskursive oder prä-politisch gegebene Realität gebunden, dann ergibt sich, daß die gebundenen Va- rietäten durch etwas bedingt sind, das seinerseits nicht gebun- den sein kann. Das letztere ist die Möglichkeitsbedingung des er- steren: dessen transzendentaler Horizont 6 . Dieser Horizont kann genausowenig gegeben sein, denn er wird nicht nur von den ge- bundenen Varietäten hegemonialer Artikulationen vorausgesetzt, er wird auch durch sie gesetzt. Wäre das nicht der Fall, würden wir wieder bei einer Art von Objektivität landen, von der sich die Diskursanalyse gerade loslösen will. Die Einführung einer Ebene höherer Ordnung hat einen doppel- ten Zweck: (1) Sie unterstreicht die Kontingenz hegemonialer Verhältnisse, indem sie verdeutlicht, daß letztlich jede politische Institution des Sozialen verschieden sein könnte, und daß konse- quenterweise das Konzept des Politischen nicht selbst in Begrif- fen des Gegebenen (oder des Kausalen oder der Determination) gefaßt werden kann. (2) Sie betont, daß das Politische eine »leere« Funktion ist, die das Gegebene und seine Möglichkeits- bedingungen artikuliert, was bedeutet, daß das Politische als eine »originäre Öffnung« verstanden werden kann, deren Funk-

DISKURSANALYSE

27

tion es ist, das Partikulare mit Referenz auf das Ganze zu aktua- lisieren. Das Politische als eine ontologische Kategorie indiziert, daß die Funktion des Politischen nicht auf die spezifische Strukturie- rung hegemonialer Verhältnisse eingegrenzt werden kann, und daß sie die tatsächliche Strukturierung dieser Verhältnisse be- dingt, ohne sie zu determinieren. Die in Laclaus und Mouffes Werk verwendeten Schlüsselunterscheidungen zwischen dem Partikularen und dem Universellen, dem Gegebenen und seinen Möglichkeitsbedingungen, konkreter Ordnung und abstrakter Ordnung, Diskurs und dem Diskursiven, deuten alle in Richtung einer Unterscheidung zwischen einer Analyseebene tieferer und einer höherer Ordnung, obwohl sie diese Terminologie nicht ein- setzen. Aber diese Unterscheidungen deuten auch auf die Not- wendigkeit eines »vermittelnden Glieds«, das der Artikulation zwischen dem Gesetzten und dem Vorausgesetzten oder zwi- schen der politischen Strukturierung und der politischen Struk- tur entspricht. An dieser Stelle treffen wir auf die Begriffe von Subjekt und Ent- scheidung. Die politische Struktur bedingt aktuale 7 hegemoniale Verhältnisse, ohne sie determinieren zu können, und das bedeu- tet, daß der Entscheidungsbegriff kapitale Bedeutung als vermit- telndes Glied zwischen Subjekt und Struktur erhält. Der Mo- ment der Entscheidung ist, in derridianischen Begriffen, der Moment der Gewalt (die von Überredung bis zu physischem Zwang reicht 8 ), welche nicht mit der Struktur versöhnt werden kann; oder korrekter, sie supplementiert die wesenhaft unent- scheidbare Struktur. Die Supplementierung vervollständig sie und kontaminiert sie gleichzeitig, da sie der Struktur ein »exter- nes« Element einführt. Gerade weil die Struktur unentscheidbar ist, kann sie das Aktuale nicht determinieren, und das beinhal- tet, daß (1) das durch die Entscheidung hervorgebrachte Aktuale notwendigerweise darin kontingent ist, daß der Gang der Aktua- lisierung unterschiedlich verlaufen könnte. (2) Die Entscheidung kann nicht vollständig rational motiviert sein, und daher kann sie in nichts anderem letztgegründet werden als in sich selbst, was keinesfalls sagt, daß sie nicht vernünftig sein kann. (3) Ent- scheidungen sind performative Akte, die ipso facto die Unter- drückung alternativer Optionen beinhalten, was darauf hinaus- läuft, daß die Aktualisierung oder die Strukturierung des Mögli- chen ein Machtakt ist, d.h. die Befähigung zu Agieren, die das Subjekt ist. Und zuletzt ist (4) der hegemoniale Akteur weder ein

28 TORBEN

BECH

DYRBERG

Träger der Struktur noch vollständig von ihr unterschieden, son- dern vielmehr in Relation zu ihr durch Identifikationsprozesse konstituiert 9 .

DAS PARTIKULARE UND DAS UNIVERSELLE, HEGEMONIE UND DAS POLITISCHE

»Politik [kann] als eine Praxis des Erzeugens, der Reproduktion und Transformation sozialer Verhältnisse nicht auf einer bestimm- ten Ebene des Gesellschaftlichen verortet werden, da das Problem des Politischen das Problem der Einrichtung des Sozialen ist, das heißt der Definition und Artikulation sozialer Beziehungen auf einem kreuz und quer von Antagonismen durchzogenen Feld.« 10

Um die Diskussion des Politischen und der Politik voranzubrin- gen, ist es notwendig, zwischen den Bedingungen hegemonialer Verhältnisse und aktualen hegemonialen Verhältnissen zu unter- scheiden 11 : (1) Die Bedingung eines hegemonialen Verhältnisses:

die konstitutive Spaltung und die wechselseitige Kontamination zwischen dem Partikularen und dem Universellen. (2) Das ak- tuale hegemoniale Verhältnis: das Partikulare wird zum Signifi- kanten der abwesenden gemeinschaftlichen Fülle von Gesell- schaft. Die Frage ist, worin – ausgehend von Laclaus Argumenten, He- gemonie sei die zentrale Kategorie für ein Denken des Politi- schen und das politische Moment sei das der Instituierung von Gesellschaft – die Besonderheit des Politischen besteht. Da (1) Bedingungen nur (2) determinieren können, und (2) nur ein par- tikulares und somit kontingentes Strukturieren von (1) ist, kön- nen wir sagen, die politische Praxis sei der Name für das aktuale Strukturieren hegemonialer Verhältnisse in einer unentscheid- baren Struktur, die das Politische setzt und voraussetzt. Das be- inhaltet, daß das Politische im Sinne des Werdens des Aktualen oder der Aktualisierung von Möglichkeit verstanden werden kann, die um das Treffen von Entscheidungen als jener Praxis kreist, welche ein kontingentes Glied zwischen dem Aktualen und dem Möglichen – d.h. zwischen Teil und Ganzem, Zukunft und Vergangenheit – schmiedet. Entscheidungen spielen eine wichtige Rolle in dieser Konzep- tualisierung des Politischen, weil sie das Glied zwischen (1) und (2) sind, das heißt, zwischen der Bedingung des Aktualen und

DISKURSANALYSE

29

dem Aktualen selbst, wobei dieses einer Aktualisierung von jener ist. Aber weil wir von einer Aktualisierung einer Funktion spre- chen, die weder Inhalt noch Ziel besitzt, kann diese Aktualisie- rung nicht einfach von dieser Funktion abgeleitet werden 12 . Das impliziert erstens, daß die Entscheidung ein Schöpfungsakt – ein Griff nach dem Möglichen – ist, der letztlich in keiner ande- ren Instanz als sich selbst gegründet werden kann; und zweitens, daß Entscheidungen die aktualen hegemonialen Verhältnisse schaffen, indem sie die Möglichkeitsbedingung des Aktualen for- men. Das bedeutet, sie systematisieren die Möglichkeiten von Aktualisierung 13 . Politik ist der Akt von Etablierung/Zerstörung, Bewahrung/Wan- del des Verhältnisses zwischen dem Aktualen und seinen Mög- lichkeitsbedingungen. Diese können gegenüber den zwei zur Entscheidung gehörigen Aspekten der Erzeugung nicht einfach etwas Gegebenes sein, gleichzeitig vorausgesetzt vom und ge- setzt durch das Aktuale. Wir können das Verhältnis zwischen dem Aktualen und dem Möglichen auf andere Art formulieren, wenn wir sagen, der politische Moment sei jener der Aktualisie- rung des Möglichen, und das impliziert, daß das Politische und damit das Treffen von Entscheidungen das Aktuale transzen- diert. Die politische Instituierung des Sozialen besteht dann in Prakti- ken von Etablierung/Zerstörung, Bewahrung/Wandel hegemo- nialer Verhältnisse. Das ist der einzige Weg, auf dem diese Ver- hältnisse ihren hegemonialen Status behalten und ausweiten können, was seinerseits einen kontinuierlichen Prozeß der Ent- scheidungsfindung erfordert. Der Grund dafür ist, daß der politi- sche Moment – als die Aktualisierung des Möglichen, die das Mögliche zur selben Zeit formt – der strategische Moment par excellence ist. Entscheidungen werden in einer von Foucault so genannten »komplexen strategischen Situation« von Macht- kämpfen zwischen hegemonialen Strategien getroffen 14 . Es ist wichtig anzumerken, daß das Politische zumindest drei eng mit- einander verbundene Aspekte artikuliert. Das Politische hat kei- nen spezifischen Ort, sondern ist ein Prozeß, der überall in der Gesellschaft stattfinden kann; seine konkrete Form kann auf un- endliche Weise variieren, weil sie nicht mit bestimmten Praxisty- pen identifiziert werden kann ; und es transzendiert die aktuale Strukturierung hegemonialer Verhältnisse zwischen öffentlich / privat und Staat/Zivilgesellschaft, was bedeutet, daß es diese Un- terscheidungen instituiert und modifiziert.

30 TORBEN

BECH

DYRBERG

Diese drei Dimensionen politischer Praxis stellen eine Verbin- dung zwischen (1) und (2) her. Sie artikulieren das Mögliche und das Aktuale, weshalb das letztere kontingent gegenüber dem er- steren ist. Die Natur dieser Kontingenz zeigt sich durch die transzendentale Reduktion »des ›Gegebenen‹ auf die Bedingun- gen seiner Möglichkeit«, nämlich dadurch, daß die aktuale poli- tische Strukturierung hegemonialer Verhältnisse notwendiger- weise spezifischen Kontexten eingeschrieben ist. Politik ist ein Spiel innerhalb gebundener Varietäten (dem Aktualen) und mit der Möglichkeit zu binden, was noch nicht gebunden ist – die freien Varietäten (das Mögliche). Das Aktuale ist kontingent ge- genüber seinen Potentialen, was eine andere Art ist zu sagen, daß es gegenüber seinem Werden kontingent ist, nämlich Frei- heit als der Möglichkeit des Möglichen. Die politische Instituierung des Sozialen kann dann nicht ein- fach in Begriffen der Strukturierung aktualer hegemonialer Ver- hältnisse konzeptualisiert werden, da diese kontingent gegen- über den ontologischen Potentialen ihrer Verankerung in der un- entscheidbaren politischen Struktur sind, die sie dementspre- chend nicht kontrollieren können. Das Politische überflutet im- mer seine Aktualisierungen, denn das Aktuale ist sowohl Manife- station oder Realisierung des Möglichen, als auch die Arretie- rung oder Blockade dieses Möglichen, wobei sich letzteres in der Möglichkeit anderer Vorgehensweisen zeigt oder einfach in der Fähigkeit zu Agieren (in einem Wort: in Macht). Der Grund dafür ist, daß Aktualisierung, als das Werden des Möglichen durch Entscheidungen, eine spezifische Artikulation dieser oder jener Möglichkeit ist – und damit eine Vernichtung anderer Möglichkeiten. Realisierung und Blockade sind zwei Seiten der- selben Medaille, indem erste nur eine bestimmte Form anneh- men kann, die ipso facto die Blockade freier Variationen mit sich bringt. Als das Glied zwischen dem Aktualen und dem Mögli- chen dreht sich das Politische um die Artikulation von Inklusion und Exklusion. Wenn das Politische seine aktual institutionalisierten und insti- tutionalisierenden Manifestationen immer übersteigt – wenn ein hegemoniales Verhältnis nur ein Weg ist, auf dem das Politische zu einem gegebenen Punkt in Zeit und Raum hegemonisiert wird, und wenn diese Hegemonisierung notwendigerweise eine partikulare Bindung von Möglichkeiten darstellt – dann kann jede konkrete Strukturierung des Politischen nichts anderes als ein kontingentes Resultat hegemonialer Verhältnisse sein. Aber

DISKURSANALYSE

31

das bedeutet ebenfalls, daß das Politische über die Aktualität dieser Verhältnisse hinausschießt, indem es zeigt, daß diese – aufgrund der Unentscheidbarkeit der sie bedingenden Struktur – auf kontingente Weise hervorgebracht wurden, und darüberhin- aus durch die politische Funktion der artikulierenden Partikula- rität zeitlich und räumlich bedingt waren. Wir sind jetzt in der Lage, die soweit diskutierten Schlüsselas- pekte des Politischen und der Politik zusammenzufassen. (1) Das Politische ist ein konstitutives Ordnungsprinzip jeder Gesellschaftsform und jedes hegemonialen Verhältnisses, dem keinerlei Inhalt, Ziel oder Bedürfnis eingebaut ist, sowenig wie es die Kapazität, irgendetwas zu verursachen oder zu determi- nieren hat. (2) Der Grund liegt darin, daß es einen unüberbrück- baren Spalt zwischen dem Möglichen und dem Aktualen gibt, wobei das Politische als ein Reservoir an unbegrenzten Varietä- ten gesehen werden kann. (3) Die Möglichkeit, von diesem Re- servoir Gebrauch zu machen, erfordert, daß dieser Spalt durch Entscheidungen vermittelt wird, was nur auf kontingente und provisorische Weise erfolgen kann. (4) Das Politische ist inner- halb wie oberhalb des Sozialen, da es dessen immanentes kon- stitutives Prinzip ist, was bedeutet, daß das Verhältnis zwischen dem Politischen und dem Sozialen nicht so einfach als antagoni- stisch verstanden werden kann. Das Verhältnis ist grundsätzlich ein Differenzverhältnis. (5) Hegemoniale Verhältnisse konstitu- ieren sich – und damit ihre partikulare Identität, ihre Lebensfor- men, Regeln, usw. – vis-à-vis von Grenzen (Inklusion/Exklusion), die in ein und demselben Prozeß die Realisierung und Blockade der Identität konstituieren. (6) Das Politische ist der spezifi- schen historischen Strukturierung hegemonialer Verhältnisse, in denen das Politische im Staat, in öffentlichen Räumen oder kon- fligierenden Willen geortet oder mit diesen identifiziert wird, analytisch vorgängig und logisch von ihr unabhängig.

DISLOKATION, ANTAGONISMUS UND IDENTITÄT

»Worum es sich beim puren Antagonismus dreht, ( … ) ist die Tatsache, daß die Negativität des anderen, der mich am Errei- chen meiner vollen Selbstidentität hindert, nur eine Externali- sierung meiner eigenen Auto-Negativität ist, meiner Selbst-Be- hinderung« 15 Einen Antagonismus charakterisiert, daß er ein Relationstyp ist,

32 TORBEN

BECH

DYRBERG

in dem die Präsenz des Andern mich daran hindert, »gänzlich Ich selbst zu sein. Das Verhältnis entsteht nicht aus vollen Iden- titäten, sondern aus der Unmöglichkeit ihrer Konstitution.« 16 (1) Das antagonistische Verhältnis steckt die Grenze einer Identität ab, die als Blockade von Identität erfahren wird. (2) Antagonis- mus zeigt das Scheitern der Konstituierung von Identität, von »vollständig Ich-Selbst-Sein«, d.h. er zeigt deren kontingente Natur. Und er ist (3) ein Versuch, mit dieser Situation umzuge- hen, indem benannt wird, was die Identität (den Anderen) blockiert, was als Inkarnation der Unmöglichkeit des »Sein-was- man-ist« konstruiert ist. Letzteres suggeriert eine Identität zwi- schen »Sein« und »ist«, (d.h. Existenz): ein voll konstituiertes Selbst. Um konstitutiv für Identität zu sein, ist es für den Antagonismus nicht ausreichend, eine Diskrepanz zwischen Sein und Identität anzuzeigen. Darüberhinaus ist erforderlich, daß Antagonismus, und somit die Unmöglichkeit der Erfüllung von Identität, eine konstitutive Rolle in genau diesem Identifikationsprozeß spielt, womit Antagonismus als die Grenze in und von Zeit und Raum gesehen werden kann, welche Identität in einer simultanen Ope- ration von Konstitution und Blockade von Identität situiert. Wir stehen damit dem offensichtlichen Paradoxon gegenüber, daß die Ermöglichungsbedingung von Identität gleichzeitig deren Unmöglichkeitsbedingung ist. Vor diesem Hintergrund sollten die vier erwähnten Aspekte des Antagonismus gesehen werden, nämlich Grenze, Blockade, Kon- tingenz und die Benennung des Anderen. Die zirkuläre Struktu- rierung von Identität kann nie zur Erfüllung gebracht werden oder sich selbst vollständig einkreisen, da sie durch die Unmög- lichkeit ihrer Erfüllung selbst hervorgebracht wird 17 . Identität kann nur sein, was sie ist, indem sie sich von ihr selbst unter- scheidet, und diese Differenz ist von ihrer Natur her nicht ver- stehbar, sondern kann nur in Dislokation und Antagonismus ge- zeigt werden. Die schlechte Unendlichkeit der Linearität wird ersetzt durch eine konstitutiv beschädigte Zirkularität, in welcher Identifika- tionsprozesse versuchen, den leeren Platz der Identität (eine Leere, die Identifikation auslöst) einzukreisen und damit auszu- füllen. Das Subjekt ist lokalisiert in und der Name von dieser Leere purer Differenz. Es kann nur existieren als Grenze zwi- schen dem Möglichen und dem Aktualen – als eine immer-schon blockierte Identität –, da Identität ein metaphorischer Effekt ih-

DISKURSANALYSE

33

rer Aktualisierung ist, deren modus operandi der Identifikations- prozeß ist. »Das Subjekt ist«, wie Laclau sagt, »die Distanz zwi- schen der Unentscheidbarkeit der Struktur und der Entschei- dung«. Das Subjekt ist die Distanz oder Mangel in der Struktur, ihre konstitutive Unvollständigkeit, die die Entscheidung zwingt, sie zu supplementieren, was seinerseits das Subjekt in ein strukturales Setting einführt, eine Einführung, die letztend- lich vereitelt wird. Wenn das Subjekt nur als Blockade seiner selbst existieren kann, indem es sich selbst als unbekannt setzt und voraussetzt, als ein Spalt zwischen »es« und »selbst«, hat es dennoch diese Unmöglichkeit seiner Identitätserfüllung zu ex- ternalisieren, indem es sich in etwas verkörpert 18 . Zu behaupten, daß Antagonismus identitätskonstitutiv ist, be- deutet, daß er notwendig an die Aktivitität der Systematisierung von Differenzen gekoppelt ist. Der Grund ist, daß Antagonismus aus dem Versuch entsteht, das Unbekannte zu eliminieren, wenn dieses Unbekannte als Dislokation sedimentierter Praktiken er- fahren wird, die sich in Meinungen, Normen, Regeln, Erwartun- gen, etc. ausdrücken. Antagonismus ist mit anderen Worten un- vermeidbar, wenn man Differenzen verstehen und sich – sowie größere Aggregate – zwischen Universalität und Partikularität si- tuieren oder diese mit jener verbinden (und damit beide kon- struieren) will. Aber das bedeutet nicht, daß Antagonismus Kon- flikte über wohlerworbene Interessen zur Folge hätte, oder daß Freund/Feind-Relationen unvermeidlich wären. Diese sind nur Beispiele tiefergeordneter Manifestationen des Antagonismus. Um mit Dislokationen oder einem unterbrechenden Moment umzugehen, sind wir ins Unbekannte geworfen und damit in mehr oder weniger unvorhersagbare Signifikationsspiele, die unsere Identität re-lozieren und re-situieren. Es ist wichtig anzumerken, daß Antagonismus als solcher nichts darüber sagt, daß er notwendig gegen eine Tätigkeit gerichtet sein muß, die mit dem unterbrechenden Moment verbunden und damit als Verkörperung des Moments der Negativität ver- standen wird. Es ist deshalb notwendig, zu unterscheiden zwi- schen Antagonismus als der Erfahrung der Blockade von Iden- tität, die eine Affinität mit Dislokation hat, und der Reaktion auf diese Erfahrung, das heißt, wie sie in Äquivalenzketten konstru- iert wird, wessen Stärke des Zusammenhalts der Konstruktion des Anderen entspringt. Die Negation von Identität hat keine Richtung und keinen Adressaten. Sie mag sich in der Benen- nung eines öffentlichen Feinds ausdrücken, der – aus welchen

34 TORBEN

BECH

DYRBERG

Gründen auch immer – als Inkarnation meiner Unmöglichkeit gesehen wird, »vollständig ich selbst zu sein«, sie kann als Her- ausforderung betrachtet werden, mit der umgegangen werden muß, oder sie mag in einer traumatischen Introversion enden, die mehr oder weniger die Aktionsfähigkeit paralysiert. In jedem Fall müssen wir, wenn wir einmal das Diktum der Einheit des Subjekts aufgegeben haben, die Möglichkeit einrechnen, daß es selbst im Fall von, sagen wir, nur zwei Individuen verschiedene Akteure oder Kräfte gibt, die den leeren Platz des Subjekts aus- zufüllen versuchen. Der Grund dafür ist, daß das Subjekt der Kampflatz dieser Kräfte ist, die auf mehr oder weniger kohärente, inkonsistente oder antagonistische Weise hegemoni- siert sind. Wir sagten bereits, daß Dislokation dem Antagonismus vorgän- gig ist, da sie als Ereignis nicht kodiert werden kann, während Antagonismus aus der Negation der Identität entsteht, in der versucht wird, das unterbrechende Moment zu kodieren. Den- noch setzt Ereignis qua Ereignis Systematizitätsmuster voraus, und die Prozesse der Systematisierung von Differenzen sind, wie erwähnt, eng an den Antagonismus gekoppelt. Ob Dislokation und Antagonismus simultan sind oder ein Term den anderen vorgängig ist, ist dann nicht wirklich entscheidend. Es zählt, daß sie einander sozusagen speisen. Um in diesem Problem weiter vorzudringen, müssen wir den Prozeß der Systematisierung von Differenzen betrachten – und wie dieser mit dem Politischen und Politik verbunden ist. Antagonismus spielt eine wichtige Rolle in der politischen Kon- stitution des Sozialen, da er das Vehikel hegemonialer Versuche ist, durch die Internalisierung des Möglichen als einer blockier- ten, noch-zu-werdenden Aktualität mit der Selbstblockade des Subjekts umzugehen. Das ist Werden oder Aktualisierung: die Dislokation zwischen dem Möglichen und dem Aktualen, sowie die Bindung des Möglichen bevor es es aktual wird, das heißt die Bindung freier Varietäten als einer noch-zu-kommenden Aktua- lität. Politik als Aktualisierungspraxis handelt nicht nur von Konflikten oder wohlerworbenen Interessen; sie ist zuallererst die Strukturierung von Möglichkeiten 19 . Die Internalisierung der Möglichkeiten des Subjekts, zu sein »was es ist«, formt dessen Identität. Im Bemühen, das Mögliche zu aktualisieren, ist das Subjekt im strategischen Manöver engagiert, Zeit und Raum zu binden, um sich selbst zu positionieren. Dieser Versuch, Aktuali- sierung(en) zu systematisieren, der gleichzeitig eine Bindung

DISKURSANALYSE

35

der Artikulation zwischen dem Aktualen und dem Wirklichen ist, charakterisiert die Politik von Differenzsystemen. Politik be- schäftigt sich daher mit der hegemonialen Systematisierung von Differenzen.

ANTAGONISMUS UND DIE POLITIK DER SYSTEMATISIERUNG VON DIFFERENZEN

»Antagonismus ist die Grenze des Sozialen, der Zeuge einer ulti- mativen Unmöglichkeit von Gesellschaft, der Moment, in dem das Gefühl der Prekarität seinen Höhepunkt erreicht. Antagonismus operiert in einem Differenzsystem, indem er Differenzen zusam- menbrechen läßt. Und Differenzen läßt man zusammenbrechen, indem man Äquivalenzketten erzeugt.« 20

Von einem System von Differenzen zu sprechen, heißt, daß ver- schiedene Differenzen (z.B. Aktionen, Praktiken, Lebensformen, Regeln, Entitäten, Entwicklungen) als Teil des Systems konstru- iert wurden. Von einem System zu sagen, es sei konstruiert, im- pliziert dreierlei:

(1) Das System kann nicht die gemeinsame Klasse einer extra- diskursiven Einheit seiner Elemente sein, d.h. das System kann nicht in Referenz auf eine Realität »wie sie ist« gegeben sein, wenn wir darunter eine objektiv gegebene Ordnung verstehen. Es ist vielmehr eine Realitätsreduktion, die es mit einem »Lek- türeprinzip« ausstattet, welches in Strategien von Macht-Wissen verwickelt ist. Zu sagen, daß die Verständlichmachung von Rea- lität deren Reduktion mit sich bringt, beinhaltet, daß Realität per definitionem über jeden Versuch ihrer Systematisierung hin- ausschießt. Dieser Überschuß zeigt sich selbst als alternatives Lektüreprinzip, das in hegemonialen Kämpfen engagiert ist. Die Kontingenz eines Systems ist daher durch das bedingt, was das System zuallererst bedingt, nämlich dessen Realitätsreduktion, dessen Bedeutungsüberschuß und der Kampf zwischen beiden, die unvermeidlicherweise diese Reduktion begleiten. Durch die Systematisierung des Aktualisierungsprozesses bindet das Sy- stem – räumlich wie zeitlich – das Mögliche, aber es ist nicht fähig, sich selbst einzukreisen, d.h. das zu binden, was es zual- lererst bedingt. (2) Die Systematizität des Systems kann nicht von der Struktur der Realität selbst abgelesen werden, nicht nur weil das bloß eine weitere Metapher eines bestimmten Lektüreprinzips wäre

36 TORBEN

BECH

DYRBERG

(was, wie hinzugefügt werden könnte, vorgeblich von nirgendwo spricht, daher dessen Anspruch auf Neutralität und Objekti- vität), sondern weil diese »Selbstheit« immer schon gespalten ist. Es folgt, daß die Identität und somit die Konstruktion und Destruktion von Systemen von einer anderen Logik geleitet wird, und hier finden wir die Logik von Differenz und Äquiva- lenz. In der Konstruktion eines Systems werden dessen verschie- denen Differenzen als äquivalent gegenüber dem System kon- struiert, und das bedeutet, daß das System eine doppelte Auf- gabe erfüllt: Während es sie als Differenzen organisiert, bindet es diese Differenzen auf eine Weise zusammen, die mehr oder weniger deren Differentialität subvertiert. Die Systematisierung von Differenzen bietet ein Lektüreprinzip, weil Signifikation nur durch die Bindung der freien Variation von Differenzen entste- hen kann. Die Struktur eines Differenzsystems ist daher eine durchgehend diskursive Strukturierung von Differenzen. (3) Die konstruierte Natur von Systemen – daß sie von der Diffe- renz- und Äquivalenzlogik geleitete Lektüreprinzipien sind, die versuchen, den Aktualisierungsprozeß zu regulieren – bringt mit sich, daß ein System ein hegemoniales Konstrukt in zweierlei Hinsicht ist. (i) Das System ist eine mit Kalkulationen durch- tränkte strategische Systematisierung von Differenzen, die durch den Spalt zwischen dem Partikularen und dem Universa- len bedingt ist, und deren raison d’être es ist, das erstere in letzte- res einzuspeisen. Das ist, wie erwähnt, eine Artikulation, die durch reziproke Kontamination gekennzeichnet ist, so wie Parti- kularismen wie Autonomie und Gleichheit zu Signifikanten der abwesenden Fülle der Gesellschaft werden. (ii) Das System ist darüberhinaus hegemonial, da es die Systematisierung des Ak- tualisierungsprozesses anstrebt, und das impliziert eine retroak- tive Bindung von Zeit, was untrennbar von einer partikularen Strukturierung von Raum ist. Nur weil Identität nur in Identifi- kationsprozessen existieren kann, verlangt die Identität des Sy- stems eine fortgesetzte temporale und räumliche Strukturie- rung. Diese drei Aspekte der konstruierten Natur von Systemen kön- nen nur in andauernden Prozessen der Systematisierung von Differenzen existieren, wobei das Konzept »System« eine Abkür- zung für die Systematizität von Differenzen ist. Während für die Konstitution differentieller Identität und für Signifikation im allgemeinen System erforderlich ist, ist es gleichzeitig eine parti- elle Subversion von Identität aufgrund der partiellen Verkettung

DISKURSANALYSE

37

von Differenzen. System ist tatsächlich ein unmögliches Objekt – genauso wie Identität –, da es sich nicht vollständig konstitutie- ren und repräsentieren kann. Es ist die Metapher einer abwesen- den Fülle oder der Referenzpunkt eines unmöglichen Totalisie- rungsprozesses 21 , die nur als ein überdeterminierter Effekt der Artikulation zwischen den Elementen existieren kann, die es konstituieren, d.h. im Schnittpunkt von Differenz und Äquiva- lenz. Die Systematisierung von Differenzen ist ein andauernder politi- scher Prozeß, der durch viele Unterscheidungen charakterisiert werden kann: Er kann schnell oder langsam sein, turbulent oder beständig, fragil oder stabil, schnell wechselnd oder hochgradig sedimentiert. Er kann ebenso konfliktuell oder konsensuell sein, hierarchisch oder egalitär, beherrschend oder befreiend. Der po- litische Aspekt des Systematisierungsprozesses kann nicht an eine Seite dieser Unterscheidungen geknüpft werden, sodaß er etwa turbulent, konfliktuell, hierarchisch und dominierend wäre – gegenüber beständig, konsensuell, egalitär und befreiend. Die ontologische Unterscheidung zwischen dem Politischen und dem Sozialen läuft nicht entlang dieser Linien, da sie zur tiefer- geordneten Strukturierung sozialer Verhältnisse gehören 22 . Wie Foucault heraushebt, gibt es Politik nicht trotz, sondern gerade aufgrund der Existenz sedimentierter und normalisierter institu- tioneller Praktiken. Antagonismus existiert vis-à-vis Systemen: Er kann sowohl in, als auch zwischen Systemen erscheinen. Ob ein Antagonismus zu Disintegration eines Systems führt oder nicht, hängt von der Beharrlichkeit des Systems ab. Die Systempersistenz führt zu den oben erwähnten Unterscheidungen, was beinhaltet, daß es Wandel nicht feindlich gegenübersteht. Es mag sogar der Fall sein, daß der einzige Weg, in dem ein System fortbestehen kann, Wandel ist. Die antagonistischen Parteien setzen das System mit seinen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln voraus, was am evidentesten ist, wenn sie ihre konfligierenden Forderungen an die Autoritäten des Systems richten. System ist daher der Kontext des Antagonismus, der seinerseits das System setzt und voraussetzt, da Antagonismus Ursache und Effekt des Systema- tisierungsprozesses ist. Daher wäre es inkorrekt zu behaupten, daß Antagonismus notwendig das System desintegriert, da er ge- nauso eine zentrale Rolle in dessen Konstitution und Fortbe- stand spielt. Eine politische Strategie ist mit der Systematisierung von Arti-

38 TORBEN

BECH

DYRBERG

kulationen gegenüber einem System befaßt. Das heißt, sie bindet Zeit und Raum so, daß sie als Vehikel einer systematischen Ak- tualisierung funktionieren können, um eine hegemoniale Posi- tion zu errichten oder zu halten. Nur aufgrund der Referenz auf diese Systematizität von Artikulationen zwischen dem Aktualen und dem Möglichen zeigen hegemoniale Verhältnisse Wirkung. Die politische Dimension einer Strategie konzentriert sich daher auf die Frage, wie Systeme sich zueinander – sowie im Verhält- nis zu ihren Elementen – artikulieren und positionieren. Diese zwei Aspekte sind offensichtlich eng miteinander verbunden. Je stärker ein System desintegriert, desto einfacher wird es sein, seine Subsysteme in andere Systeme zu artikulieren, da es zu- nehmend schwieriger für diese Subsysteme wird, sich als zum gleichen System gehörig zu identifizieren. Um es in die Termino- logie der Diskursanalyse zu fassen: Je stärker ein hegemonialer Block desintegriert, desto stärker werden seine Teile von »Mo- menten« im System zu »Elementen« transformiert, die flottie- rende Signifikanten sind, welche von keiner hegemonialen Kraft artikuliert werden. Die Bewegung von Moment zu Element kennzeichnet eine »Organische Krise« für einen hegemonialen Block und deutet in der Folge auf die Möglichkeit neuer politi- scher Artikulationen. Im Fall von Integration findet das Gegen- teil statt. Das System wird zum Knotenpunkt – zu einem meta- phorischen Fixpunkt – für den Systematisierungsprozeß »sei- ner« Differenzen, die sich umgekehrt als Momente im partikula- ren System identifizieren, wobei das hegemoniale Verhältnis ge- stärkt wird. Wenn die politischen Strategien mit der Systematizität der Sy- steme befaßt sind, heißt das gleichzeitig: Was die Strategie poli- tisch macht, ist deren Versuch, mit dem Ganzen umzugehen 23 . Weil Politik in Begriffe von Hegemonie gefaßt wird, kann sie als eine Aktivität gesehen werden, die die Metapher von Ganzheit setzt und voraussetzt. Diese Orientierung zum Ganzen ist ein hi- storisches a priori von Politik, unabhängig von den spezifischen Weisen, auf die sie manifestiert werden kann. Politik ist die Akti- vität des Umgangs mit der Einführung des Partikularen ins Ganze: der Positionierung des Teils gegenüber dem Ganzen, zeit- lich und räumlich. Der Unterschied zwischen totalitären und de- mokratischen Regierungsformen liegt dann nicht im Bezug auf Totalität, sondern vielmehr in der Frage, wie die totalisierenden Effekte strukturiert sind und also wie Teil und Ganzes miteinan- der artikuliert werden. In einem hypothetischen »geschlossenen

DISKURSANALYSE

39

System« kann die Totalität als vollständig der strukturierenden Kraft des hegemonialen Blocks eingeschrieben gesehen werden, was in »offenen Systemen«, wo die Totalität eher ein Horizont ist, der nie erreicht werden kann, nicht der Fall ist 24 . Wenn politische Strategien die Systemmetapher hegemonisieren wollen, sind sie Vehikel von Systematisierungsprozessen, die überall stattfinden. Politik ist die hegemoniale Systematisierung von Differenzen in Zeit und Raum in und zwischen Systemen. Systematisierung besteht aus der Artikulation des Aktualen und des Möglichen, was der Grund dafür ist, warum Aktualisierung im Sinne von strategischen Kalkulationen verstanden werden muß. Politik will Mögliches realisieren und Möglichkeit zualler- erst konstituieren; und sie versucht ebenfalls, mit möglichen Dislokationen umzugehen, um die eigenen Optionen zu erhalten und zu verbessern, was die Form annehmen kann, Ereignisse zu verhindern oder anzuzetteln. Realisierung setzt das Mögliche und setzt es voraus. Eine Strategie, die sich auf das gegeben Scheinende beschränkt, wäre kaum fähig, die Aufgabe der Sy- stempersistenz zu erfüllen, da diese davon abhängig ist, sich an Änderungen in der Systemumgebung anzupassen.

SYSTEM, HEGEMONIE, ARTIKULATION

»[A]ntagonismus und Ausschließung sind für jede Identität kon- stitutiv. Ohne Grenzen, durch die eine (nicht-dialektische) Negati- vität konstruiert wird, hätten wir eine unendliche Zerstreuung von Differenzen, deren Absenz von systematischen Grenzen jede diffe- rentielle Identität verunmöglichen würde. Aber es ist genau diese Funktion, differentielle Identitäten durch antagonistische Grenzen zu konstituieren, die zur selben Zeit diese Differenzen destabilisiert und subvertiert.« 25

Dieses Zitat ist aus zwei Gründen wichtig: Es unterscheidet zwi- schen Differenz und differentiell, und es kategorisiert Negati- vität als systematische Grenze im Begriff einer Funktion. Anta- gonismus kann Differenz nicht entgegengesetzt sein, da er eine bestimmte Kodierung letzterer ist. Was jedoch einander ent- gegengesetzt sein kann, sind antagonistische und differentielle Identitäten. Differenz ist eine übergreifende Kategorie – eine höhergeordnete konzeptuelle Ebene –, welche die relationale Identitätskonstruktion durch Artikulation anzeigt. Wenn wir zur

40 TORBEN

BECH

DYRBERG

untergeordneten Ebene gehen, sind wir mit den polaren Extre- men von antagonistisch und differentiell konstruierten Identitä- ten konfrontiert, wo antagonistische Identitäten die differentiel- len durch die Einsetzung systematischer Grenzen konstitu- ieren 26 . Diese Grenzen werden als Funktion beschrieben, aber es ist kein funktionalistischer Typus von Funktion, sondern eher ein »lee- rer«, da er mit keinem Telos gegenüber dem gesellschaftlichen Ganzen ausgestattet ist. Er konstituiert differentielle Identitäten, destabilisiert und subvertiert aber auch die Differenzen, die die Identitäten bedingen. Die Funktion ist daher selbst der Ort von Unentscheidbarkeit. Sie ist eine politische Funktion, da sie der Angelpunkt ist, um den die Systematizität von Differenzen kreist, die das Vehikel der Unentscheidbarkeit ist. Daher besitzt diese Funktion weder Ursprung noch Telos. Wir werden nun sehen, wie sich Antagonismus zur Konstitution von Systemen differentieller Identitäten verhält, die durch die Logik von Differenz und Äquivalenz strukturiert werden. Anta- gonismus und System konstituieren und subvertieren sich gegenseitig: Es ist das System, das Antagonismus bedingt und si- tuiert, aber Antagonismus ist ebenfalls konstitutiv für das Sy- stem, indem er es formt, verändert und unterminiert. Nehmen wir zwei Agentent an (A und B) 27 , sowie die Entwicklung ihrer Relation hin zu einem Antagonismus. Dabei wird die frühere dif- ferentielle Relation zwischen ihnen durch eine ersetzt, in der A verschiedene Elemente als Momente in einer Äquivalenzkette konstruiert, welche die Negation von A symbolisiert, und in der B die Präsenz des »Anderen« symbolisiert, der A davon abhält, seine Identität auszufüllen. Die Situation ist: B (b 1 , b 2 , … ., b n ) non-A. B’s Identität wird durch A in einer Äquivalenzkette zwischen verschiedenen Elementen konstruiert: (b 1 , b 2 , … ., b n ), was der Grund dafür ist, warum B ein Symbol der Negation von A ist: non-A. Umgekehrt mag B eine Äquivalenzkette kon- struieren, in der A B’s Unmöglichkeit, seine Identität zu errei- chen, symbolisiert. Hinsichtlich seiner Effekte kann der Antago- nismus symmetrisch und asymmetrisch sein. Im zweiten Fall haben wir eine Relation von Beherrschung und Unterordnung, in der das ungeordnete Subjekt nicht fähig ist, sich als hegemo- niale Kraft zu organisieren. Das heißt, es ist nicht fähig, einen politischen Feind zu benennen oder festzunageln. Das System nimmt durch diese Prozesse Form an, da die Syste- matisierung von Differenzen diese entsprechend der Form der

DISKURSANALYSE

41

Äquivalenzkette teilweise subvertiert: (b 1 , b 2 , … ., b n ). Als me- tonymische Verkettung von Elementen kann die Äquivalenzlogik nicht von alleine den Antagonismus erklären, d.h. die Konstitu- tion eines Systems. Der Systemeffekt, der als die politische Insti- tution des Systems verstanden werden kann, besteht in der Ab- steckung der Grenzen und damit der Identität des Systems. Diese Grenzen können nicht selbst durch das System signifiziert werden, da sie in diesem Fall innerhalb des Systems liegen müß- ten. Sie wären ein differentielles Moment im System, weshalb sie nicht die Grenzen des Systems sein könnten. Die Systemati- zität der Differenzen kann also nicht eine weitere Differenz sein, sondern sie ist im Gegenteil das, was diese Differenzen als Diffe- renzen erklärt und gleichzeitig deren partielle Subversion 28 . Der einzige Weg, durch den ein System sich selbst signifizieren kann – und damit mit sich identisch sein –, ist durch die Block- ade des differentiellen Moments und dadurch die Signifikation des Systems. Es ist diese Blockade, die Laclau ausschließende oder wahre Grenzen nennt, die antagonistisch sind, im Unter- schied zu differentiellen oder neutralen Grenzen. »[W]as die Be- dingungen der Möglichkeit eines Bezeichnungssystems bildet – sein Grenzen –, bildet auch die Bedingung seiner Unmöglichkeit – eine Blockade der fortgesetzten Ausweitung des Bezeichnungs- prozesses.« Es folgt, daß »wenn Systemhaftigkeit des Systems eine direkte Folge der ausschließenden Grenze ist, dann ist es al- lein diese Ausschließung, welche das System als solches grün- det« 29 Die politische Institution eines System ist eine unaufhörli- che Aktivität, die mit systemischem Fortbestand verbunden ist und erfordert, daß die äquivalentielle Logik eine raum-zeitliche Einschließung erzeugt, die es möglich macht, Aktualisierung zu systematisieren. Das Fortbestehen dieser Systematizität von Ak- tualisierung schafft einen zirkularen Prozeß, in dem das System sich erkennt »wie es ist«. Nur durch die Setzung seiner eigenen Voraussetzungen kann auf diese Weise so etwas wie Selbstrefe- rentialität entstehen, was die conditio sine qua non für das Sy- stem ist. Daher wird Identität retroaktiv im Identifikationspro- zeß konstruiert. Äquivalenzketten werden zwischen Differenzen etabliert, und diese Differenzen könnten nicht einmal als Differenzen wahrge- nommen werden, wenn sie nicht bereits systematisiert wären. Die Situation ist nicht so, daß wir zuerst eine amorphe Masse von Differenzen hätten und dann die Negation einiger dieser Dif- ferenzen. Im Gegenteil, Negativität (Grenzen) ist gerade die Vor-

42 TORBEN

BECH

DYRBERG

aussetzung, um Differenzen zu konzeptualisieren. Wenn Negati- vität Differenzen nachgeordnet oder ihnen gegenüber parasitär wäre, könnte sie keine konstitutive Funktion erfüllen und würde daraufhin in einem kontingenten Verhältnis zu Differenzen ste- hen. Das Ergebnis wäre, daß es möglich würde, sich pure Diffe- rentialität ohne Beeinflussung durch Negativität vorzustellen 30 . Die Pointe ist jedoch, daß Differenz und Äquivalenz einander be- dingen und miteinander artikuliert sind; Differenz setzt Syste- meffekte (und setzt sie voraus), damit sie überhaupt Differenzen sind; und das Vehikel der Systemeffekte ist Negativität, wobei reine Differentialität unmöglich ist. Wiederum ist die Bedingung der Möglichkeit von Differenzen auch Bedingung von deren Un- möglichkeit, der Unmöglichkeit, sich vollständig als Differenzen zu etablieren. Fülle wird zur Metapher einer konstitutiven Un- möglichkeit, die Identität konstituiert und subvertiert. Die Er- fahrung dieser Unmöglichkeit ist der Augenblick des Antagonis- mus. Das System ist Medium wie Resultat der Konstruktionen von Äquivalenzketten. Es ist ein Medium, weil diese Konstruktionen nicht in einem Vakuum stattfinden, sondern immer situiert sind, und daher gibt es immer eine Form von Artikulation mit Tradi- tionen, Werten, Regeln, Verpflichtungen, sozialen Positionen und ähnlichem. Das System ist also ein Resultat, weil es Form annimmt, Wandel unterliegt und durch diese Prozesse subver- tiert wird. Zu sagen, ein System sei Medium wie Resultat, signa- lisiert die enge Artikulation zwischen Zeit und Raum. Wenn A und B als Symbole der Unmöglichkeit des jeweils anderen kon- struiert werden, seine Identität zu erreichen, wird sowohl eine zeitliche, als auch eine räumliche Dimension hervorgerufen. Das ist Folge des hegemonialen Versuchs, das Mögliche als eine noch hervorzubringende Aktualität zu binden – und als eine Aktua- lität, die immer schon »da« war. Einige der hervorragendsten und mächtigsten politischen Meta- phern werden in diese Artikulation von Möglichkeiten investiert:

Die verlorene Tradition oder das verlorene Land zurückzuer- obern, das sind typische konservative, rassistische und nationali- stische Metaphern, deren aggressive Rhetorik darauf zielt, eine Artikulation zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schmie- den, die einen diskursiven Raum öffnet und einen Stammbaum, in den Ereignisse eingereiht werden können. Es stärkt ein Lek- türeprinzip von Geschichte, und jener Agent, der dieses Lektüre- prinzip »meistert«, ist eine hegemoniale Kraft. Das erfordert

DISKURSANALYSE

43

strategische Manövrierbarkeit, die die politische Fähigkeit bein- haltet, die eigenen Methoden den wechselnden Umständen an- zupassen 31 . Als solch ein Lektüreprinzip kann das System als ein Raum-Zeit- «Container« gesehen werden, als eine hegemoniale Systematisie- rung von Aktualisierung, deren Erfolg von ihrer Fähigkeit ab- hängt, die räumlichen und zeitlichen Metaphern zu artikulieren. Raum ist ein Binden von Zeit, und umgekehrt kann Zeit nur in- sofern existieren, als sie räumlich geordnet ist. Wenn Zeit nicht diskursiv geordnet ist, erscheint sie als Dislokation von Raum 32 . Dislokation kann daher als ein Zeigen der ultimativen Unmög- lichkeit der Bindung von Differenzen in hegemonialen Konstel- lationen gesehen werden. Die Artikulation zwischen Zeit und Raum erfordert eine Neubestimmung der Frage der Ordnung. Während die modernistische Annahme lautet, Politik spiele eine supplementäre Rolle im Erhalten oder Wiedererschaffen einer gegebenen sozialen Ordnung, würde ein postmoderner Zugang stattdessen betonen, daß Politik die Rolle hat, eine temporäre Ordnung in einer generellen Unordnung zu erschaffen. Oder in den Worten von Laclau und Mouffe: Ordnung existiert nur als partielle Begrenzung von Unordnung 33 . Antgonismus setzt das System – und setzt es voraus. Aber die Konstitution des Systems – die den Antagonismus bedingt und situiert – deutet gleichzeitig auf die Möglichkeit, es aufzulösen. Der Grund dafür ist, daß in der Strukturierung des Systems Grenzen gegenüber der Umwelt (anderer Systeme) errichtet werden. Ein Antagonismus kann dementsprechend nicht umhin, seine eigenen Grenzen zu errichten – und damit auch seine Arti- ulation mit anderen Systemen, und das kann zu seiner Verschie- bung und Marginalisierung führen. Was hegemoniale Macht- kämpfe bedingt – die Erweiterung des Horizonts für politische Strategien, die Strukturierung eines diskursiven Raums –, signa- lisiert auch deren mehr oder weniger fragile Natur. Wenn ein An- tagonismus mit anderen Systemen artikuliert wird, dann wird er per definitionem mit anderen Raum-Zeit-Containern artikuliert, was Dislokationen hervorrufen kann; d.h. die »Freisetzung« von Temporalität, Möglichkeit und Freiheit von ihrer partikularen Organisation in anderen Systemen. Das dislokatorische Ereignis kann das Ergebnis antagonistischer Machtkämpfe sein, aber das Gegenteil ist auch möglich, wenn Dislokation neue Artikulatio- nen ermöglicht und damit neue Möglichkeiten, einen hegemo- nialen Block zu schmieden 34 .

44 TORBEN

BECH

DYRBERG

Wenn sich ein hegemonialer Agent bemüht, im Namen des Ganzen zu sprechen, tendiert die partikulare Identität dieses Agenten dazu zu verschwimmen, weil sie selbst eine Artikulation verschiedener Elemente ist, die darüberhinaus verschiedene an- dere Elemente artikulieren muß, um hegemonial zu sein 35 . Die Grenzen und damit die Identität des hegemonialen Blocks wer- den mehr oder weniger unklar und werden als ein Horizont von Werten, Lebensformen und Verhaltensweisen umrissen, die im Befolgen praktischer Alltagsregeln materialisiert sind, wie übli- cherweise in hochinstitutionalisierten Praktiken. Die Ver- schwommenheit einer Hegemonie bedingt diese und macht sie gleichzeitig kontingent gegenüber weiteren Kontexten und Dis- lokationen. Hegemonie ist kontingent gegenüber diesem Riß, der Grund dafür ist, warum sie nie absolut sein kann. In genau dem Prozeß, diesen Status zu erreichen, unterminiert sie sich ganz unvermeidlich, denn als ein System, das ein bestimmtes Lektüreprinzip von Realität vorschlägt, ist sie auf einer Reduk- tion der Realität gegründet, die sie »liest«. Realität überfließt sie in letzter Instanz, und dieser Überfluß oder Surplus an Bedeu- tung kann durch kein System kontrolliert werden und konse- quenterweise durch keine politische Institution, da die Meta- phern zum Verlieren ihrer Fähigkeit tendieren, den diskursiven Raum zu strukturieren. Diese Metaphern können hegemoniale Blöcke nicht mit der not- wendigen Kohäsion ausstatten, wenn die Äquivalenzkette ausge- weitet wird und/oder wenn die politische Situation sich ändert. Dinstinkte Grenzen zur Umwelt hegemonialer Blöcke nachzu- zeichnen, ist nur in außergewöhnlichen Situationen möglich. Die totalitären Regime des zwanzigsten Jahrhunderts bestätigen das. Sie hielten sich, indem sie ein Bild interner und externer Feinde kultivierten, das Hand in Hand mit der Disziplinierung und Terrorisierung der Gesellschaft ging, womit ein permanen- ter Ausnahmezustand aufrechterhalten wurde. Sie versuchten, mit anderen Worten, eine außergewöhnliche Situation perma- nent zu halten.

DISKURSANALYSE

45

ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN ZUM POLITISCHEN UND ZUR POLITIK

Das Politische ist eine Schlachtszene oder ein leerer Platz der Einschreibung, der sich in andauernden hegemonialen Kämpfen ausdehnt und zusammenzieht. Da es konstitutiv für soziale Ver- hältnisse ist, kann es keinen bestimmten topographischen Ort in der Gesellschaft haben oder das Vorrecht von, sagen wir, Eliten oder dominanten Klassen sein. Es ist vielmehr eine originäre Öffnung, eine Ontologie von Potentialen. Das Politische kann im Sinne dieser Potentiale auf mögliche Aktualisierungen gegen- über Differenzsystemen hin konzeptualisiert werden. Daraus folgt, daß es ein reduktionistischer Irrtum wäre (welcher politi- sche Modernität charakterisiert), es mit Ursprung und Telos, Form und Inhalt auszustatten. Es wäre zum Beispiel ungerecht- fertigt anzunehmen, dem Politischen sei eine Suche nach Ord- nung inhärent oder es spiele eine Nebenrolle als ein »notwendi- ges Übel«. Kein solches Prinzip oder Charakteristikum kann vom Politischen abgeleitet werden, das eine leere Funktion ist, die politische Praktiken notwendigerweise setzen und vorausset- zen. Politik ist die Praxis der Aktualisierung und strukturiert damit die politische Funktion, die darin besteht, hegemoniale Kämpfe mit Richtungen auszustatten; und Hegemonisieren bedeutet die Aktualisierung des Möglichen durch artikulatorische Prozesse, wobei systematische Grenzen abgesteckt werden. Diese Prozesse sind offen und können nicht a priori festgestellt werden (wie etwa in Ordnungs- oder Fortschrittsdiskursen). Ordnung, Ent- wicklung und dergleichen sind nichts als Lektüreprinzipien, die als organisierender Nexus für große Erzählungen operieren. Einen leeren Platz der Identität auszufüllen, muß im Verhältnis zur Tatsache verstanden werden, daß es immer einen Moment der Blockade in der Aktualisierung des Möglichen gibt. Der Grund dafür ist natürlich darin zu suchen, daß der Aktualisie- rungsprozeß um Negativität als systematische Grenze kreist, die den selbstreferentiellen Prozeß auslöst, in dem Differenzsyteme ihre Identität erreichen. Politik versucht, das Politische zu domestizieren, aber es kann nicht domestizieren, was es in erster Linie bedingt. Politik ist, wie Haar Nietzsches Wille zur Macht beschreibt, »nichts als eine Richtung, die immer neu bestimmt werden muß« 36 . Über das

46 TORBEN

BECH

DYRBERG

Primat des Politischen zu reden, impliziert, daß das Soziale als die amorphe Masse sozialer Verhältnisse nicht gegründet wer- den kann. Es ist die Unmöglichkeit von Gründung, welche die modernistische Vision vom Ende der Politik zerschlägt, deren paradoxe raison d’être in der politischen Bewegung liegt, Politik zu beenden, indem man das Politische eliminiert. Mit was wir hier konfrontiert sind, kann nicht als eine totalitäre Phantasie beiseitegewischt werden, wie sie oft von universalen Emanzipa- tionsdiskursen heraufbeschworen wird, wie es selbstgefällige Protagonisten liberaler Demokratie gerne hätten. Vielmehr ist die Vision vom Ende der Politik – und allgemeiner die Unfähig- keit, das Politische als eine ontologische Kondition zu fassen – genau der Struktur politischer Moderne eingeschrieben: ihrem Versuch, das Politische in Begriffe von Ordnung (normativ und/oder prozedural), Rechte, Wahrheit, etc. zu binden, indem man es mit Ursprung und Telos, Form und Inhalt ausstattet 37 . Hier sind wir Zeugen der letzten Anordnung zur Beendigung von Anordnungen, eine Anordnung, die retroaktiv vor die erste Anordnung zurückdatiert ist, um ihr damit eine Richtung (Di- rektive) zu geben (die Erbschaft der Gesellschaftsvertragstradi- tion). Das Politische durch Politik kontrollieren zu wollen – es auf ein Supplement des Sozialen zu reduzieren, ist die moderni- stische Strategie, um mit dem umzugehen, was Lefort das »Ver- schwinden der Zeichen von Sicherheit« 38 genannt hat. Es ist der Versuch, das Soziale zu meistern, indem man es in etwas objek- tiv Gegebenes wendet, von dem das Politische abgeleitet werden kann, und hier sind die totalitären Wurzeln der Moderne zu fin- den. Es ist das Verdienst der Diskursanalyse, dieses fundamentale po- litische Problem und die demokratische Herausforderung anzu- nehmen, einer Verbreiterung und Vertiefung politischer Prakti- ken – als etwas, das überall stattfinden kann und nicht unbe- dingt in Kontroll-, Herrschafts- und Hierarchisierungs-Strate- gien gefangen ist – einen Weg zu bereiten. Demokratietheorie verlangt eine Ontologie des Politischen: Das Politische ist eine leere Funktion, die durch Politik gesetzt und vorausgesetzt wird, und Politik ist nichts als eine Richtung, die immer neu bestimmt werden muß. In diesem Sinne kann Diskursanalyse als eine post- moderne politische Theorie verstanden werden, die uns mit einer tiefreichenden demokratischen Herausforderung konfron- tiert.

DISKURSANALYSE

47

ANMERKUNGEN

1 Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time, London:

Verso, 1990: 212–213

2 Objektivismus ist eine Form des Essentialismus, unter dem die Unter- nehmung verstanden wird, die ultimative Realität von etwas zu erfassen. So verstanden ist Essentialismus auch eine Form des Idealismus, weil das Reale durch das Rationale vollständig erfaßt wird. Materie oder Fak- tizität ist ausgelöscht oder – besser – durch Form absorbiert, die entspre- chen völlig präsent oder transparent ist.

3 Der Fokuswechsel vom Gegebenen zu seiner Möglichkeitsbedingung be- tont die Absenz logisch notwendiger Verhältnisse im Sozialen und somit die Kontingenz des Sozialen. Zu sagen, das Soziale sei diskursiv struktu- riert im Sinne eines Differenzsystems, heißt zuallererst, daß es keinen prä- oder extra-diskursiven Grund haben kann. Horizont ersetzt Grund, und das heißt, daß »das Prinzip der Einheit einer diskursiven Formation nicht in der Referenz auf dasselbe Objekt gefunden werden kann«. Statt- dessen haben wir eine »›Einheit in der Verstreuung‹ – die Konstanz in den externen Verhältnissen unter Elementen, die keinen unterliegenden oder essentiellen Strukturierungs-Prinzipien gehorchen«. Wenn »›Dis- kurs‹ sich auf keine partikulare Reihe von Objekten bezieht, sondern auf einen Gesichtspunkt, von dem aus es möglich wäre, die Totalität des so- zialen Leben neu zu beschreiben«, dann stellt sich die Frage, »was die Grenzen zwischen diskursiven Formationen« konstituiert. Ernesto Laclau: »Discourse«, in Robert Goodin and Philip Pettot (Hg.), The Blackwell Companion to Contemporary political Philosophy, The Austra- lian National University: 435–436. Das Konzept des Diskurses wird dis- kutiert in Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie, Wien: Passagen, 1991

4 Der Begriff des Ganzen bezieht sich auf einen Kontext, d.h. auf ein parti- kulares System von Differenzen, was später diskutiert werden wird.

5 Es sollte erwähnt werden, daß Diskursanalyse das Politische nicht im Verhältnis zu den Analysebenen höherer oder tieferer Ordnung konzep- tualisiert. Es ist dennoch meine Meinung, daß diese Unterscheidung hel- fen kann zu klarifizieren, wie das Politische in der Diskursanalyse kon- zeptualisiert ist.

6 Vergleiche Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time: 63–64, 185, 213, 228; »Politics and the Limits of Modernity«, in Andrew Ross (Hg.), Universal Abandon? The Politics of Postmodernism, Edinburgh: Edinburgh University Press, 1988: 81; »Power and Represen- tation«, in ark Poster (Hg.), Politics, Theory, and Contemporary Culture, New York: Columbia University Press, 1993: 294; »Deconstruction, Prag- matism, Hegemony«, in Chantal Mouffe (Hg.), Deconstruction and Prag- matism, London: Routledge, 1996: 7; »Jenseits von Emanzipation« in Nummer. Kunst Literatur Theorie, Nr.2, Herbst 1994; »Universalismus, Partikularismus und die Frage der Identität« in Mesotes. Zeitschrift für philosophischen Ost-West-Dialog, 3/1994; »The Time is Out of Joint«, CONTENTS, Sommer, 1995: 93–94.

48 TORBEN

BECH

DYRBERG

7 Um eine Verwechslung mit der Vorstellung einer außerdiskursiven Wirk- lichkeit zu vermeiden, bleibt die Übersetzung von Englisch »actual« als Adjektiv und Substantiv in Deutsch »aktual« bzw. »das Aktuale« und ver- zichtet auf eine Eindeutschung in »wirklich« bzw. »das Wirkliche« (O.M.)

8 Vergleiche Ernesto Laclau, »Community and Its Paradoxes: Richard Rorty’s ›Liberal Utopia‹, in Miamy Theory Collective (Hg.), Community at Loose Ends, Minneapolis and Oxford: University of Minnesota Press, 1991: 90–91; Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time: 171-172, 194. See also Jeremy Valentine, »Artifice and Analogy in Hobbe’s Leviathan. An Example of Modern Political Creativity«, Working Papers 3, Centre for Theoretical Studies, University of Essex, 1995: 22–23

9 Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time. 30. Vergl. ebenso Ernesto Laclau »Power and Representation«: 280–285; »Decon- struction, Pragmatism, Hegemony«: 17; »The Time is out of Joint«:

92–94. Es ist wichtig anzumerken, daß Unentscheidbarkeit nicht Indeter- mination bedeutet. Der Punkt ist nicht, daß die Struktur nichts determi- nieren kann oder daß jede Entscheidung so gut wie jede andere ist, son- dern daß die Struktur differenten und in sich hochdeterminierten Mög- lichkeiten »in strikt determinierten Situationen« einen Weg bahnt. Jac- ques Derrida, Limited Inc, Evanston, Il.: Northwestern University Press, 1988: 148 (vergleiche auch 116). Unentscheidbarkeit betont (1) die Un- möglichkeit einer strukturalen Schließung oder die Präsenz einer struk- turalen Totalität, (2) daß das Subjekt der Struktur weder innerlich noch

äußerlich ist, sondern vis-à-vis der Struktur konstituiert ist; (3) daß Ent- scheidung eine kontingente Aktualisierung des Möglichen ist (was kon- text voraussetzt); (4) daß ethico-politische Entscheidungen diese Nicht- Algorithmizität der Entscheidung voraussetzen, d.h., die Distanz zwi- schen der Struktur als Regel und Ressource und ihrer Aktualisierung; and (5) daß das Subjekt die Distanz zwischen Struktur und Entschei- dung ist.

10 Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokra- tie, 212

11 Ernesto Laclau, »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun«; »De- construction, Pragmatism, Hegemony«: 25–26; »The Time is Out of Joint«: 89–90; »Power and Representation«: 283–288; »The Signifiers of Democracy«, in Joseph H. Carens (Hg.)¸ Democracy and Possesive Indivi- dualism, New York: State University of New York Press, 1993: 227.

12 Vergleiche Henrik Paul Bang, »The Political System and Its Postmodern Images«, Working Paper, Department of Economics, Politics and Admini- stration, University of Aalborg, 1996: 18, 27, 46–47, 55.56

13 Ernesto Laclau, »Deconstruction, Pragmatism, Hegemony«: 12-13; »The Time is Out of Joint«: 92–94

14 Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, FfM: Suhrkamp, 1977, verglei- che ebenfalls Michel Foucault, Überwachen und Strafen, FfM: Suhrkamp,

1977

15 Slavoj Ÿiÿek, »Jenseits der Diskursanalyse« im vorliegenden Band.

16 Ernesto Lacau und Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie:

DISKURSANALYSE

49

17 Vergleiche Slavoj Ÿiÿek, The Sublime Object of Ideology, London: Verso, 1989: 160, 161-178, 183, 224–231; Slavoj Ÿiÿek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!, Berlin: Merve, 1991; Michel Foucault, Der Wille zum Wissen.

18 Es gibt eine bestimmte Affinität zwischen dem Subjekt und dem Politi- schen einerseits und der Positionierung von Subjekt und Politik anderer- seits, indem ersteres Potentialität selbst ist und zweiteres deren kontin- gente Aktualisierung.

19 Die Debatte zu behavioristischen Machtkonzeptionen (»die drei Gesich- ter der Macht«) illustriert das: Entscheidungen, Nicht-Entscheidungen und Nein-Entscheidungen sind Formen, in denen politische Agenten mit dem Management potentieller, latenter und aktualer Konflike umgehen, etwa über die Kontrolle der Agenda und die Antizipation von Reaktio- nen. Vergleiche Steven Lukes, Power: A Radical View, Houndsmills: Mac- millan, 1974

20 Ernesto Laclau, »Metaphor and Social Antagonisms«, in Cary Nelson and Lawrence Grossberg (Hg.), Marxism and the Interpretation of Cul- ture, Houndsmills: Macmillan, 1988: 256

21 Ernesto Laclau, »Subject of Politics, Politics of the Subject«, Differences:

A Journal of Feminist Cultural Studies, 7.1, 1995: 152-153; »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?«; »The Signifiers of Democracy«:

231–232, »The Time is Out of Joint«: 94

22 Vergleiche Henrik Paul Bang und Torben Bech Dyrberg, »The Political and the Social: An Ontological Turn of Political and Democratic Theory«, Working Paper, Department of Social Sciences, Roskilde Uni- versity, 1993: 13.

23 Diese Orientierung zum Ganzen ist natürlich am sichtbarsten in kom- munitaristischen und totalitären Strategien einer all-einschließenden normativen Integration, wo das Partikulare vom Quasi-Universalisti- schen der Gemeinschaft völlig absorbiert wird. Aber sie ist auch in (anar- chischen) Strategien präsent, die einen Partikularismus vertreten, in dem die Referenz auf das Ganze negativ kodiert ist. Das ändert aller- dings nichts am Faktum, daß selbst solch ein Partikularismus »nicht nur die Präsenz all der anderen Identitäten voraussetzt, sondern auch den to- talen Grund, der die Differenzen als Differenzen konstituiert«. Ernesto Laclau, »Universalism, Particularism and the Question of Identity«: 88. Vergleiche auch New Reflections on the Revolution of Our Time: 76–81. In beiden Fällen haben wir eine Vision des Endes der Politik als einer Pra- xis, die das Universelle und das Partikulare auf unentscheidbare Weise artikuliert, und in der das Universelle entsteht, wenn das Partikulare seine Identität durch räumliche und zeitliche Selbstpositionierung er- reicht.

24 »Die Kategorie ›sozialer Totalität‹ kann mit Sicherheit nicht verabschie- det werden, denn soweit jede soziale Aktion auf einem überdeterminier- ten Terrain stattfindet, ›totalisiert‹ sie soziale Verhältnisse in einem be- stimmten Ausmaß; aber Totalität wird nun zum Namen eines Horizonts und nicht mehr eines Grundes.« Ernesto Laclau, »Power and Represen- tation«: 295; vergleiche ebenfalls Ernesto Laclau »Universalismus, Parti- kularismus und die Frage der Identität«, Hegemonie und radikale Demo-

50 TORBEN

BECH

DYRBERG

kratie, sowie Claude Lefort, The Political Forms of Modern Society, Cam- bridge: Polity Press, 1986: 220, 303–305

25 Ernesto Laclau, »Subject of Politics, Poiltics of the Subject«: 151-152

26 In einem Artikel aus dem Jahr 1979 lenkt Laclau die Aufmerksamkeit auf die Verwendung von »Differenz« als einer übergreifenden Kategorie, die alle Arten von Relationen – unter anderem antagonistische Relationen – beinhaltet, wenn er von »antagonistischen Relationen« spricht. Ernesto Laclau, »Populistischer Bruch und Diskurs«, »Anhang« in seiner Politik und Ideologie im Marxismus: Kapitalismus – Faschismus – Populismus, Berlin: Argument-Verlag, 1981: 177.

27 Es ist gleichgültig, ob A und B Individuen, Gruppen oder irgendwelche anderen Typen von Entitäten sind, so wie es gleichültig ist, ob sie in der öffentlichen oder in der privaten Sphäre lokalisiert sind, im Staat oder in der Zivilgesellschaft. Der Grund dafür ist natürlich, daß Politik nicht von diesen Unterscheidungen abhängt.

28 Vergleiche Ernesto Laclau, »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?« in Mesotes 2/1994

29 Ernesto Laclau, »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun« 158. Vergleiche ebenso »Jenseits von Emanzipation« und »Universalismus, Partikularismus und die Frage der Identität«. Den Signifikationsprozeß zu blockieren, ist notwendig, um die Desintegration eines Systems zu verhindern. Diese Blockierung nimmt Form an, indem sie eine Unter- scheidung zwischen Inklusion/Exklusion, akzeptabel/nicht-akzeptabel, vernünftig/unvernünftig, etc. evoziert.

30 Das ist Rückgrat von Theorien universaler Emanzipation, d.h. Emanzi- pation vom Politischen. Etwas in dieser Richtung wird durch die Unter- scheidung von »Macht zu« und »Macht über« angesprochen, insofern als sie die Fähigkeit zu agieren resp. Herrschaft konnotiert. Vergleiche z.B. Jeffrey C. Isaac, Power and Marxist Theory: A Realist View, Ithaca und London: Cornell University Press, 1987: 83–87

31 Vergleiche Niccolò Machiavelli, The Prince, Cambridge: Cambridge Uni- versity Press, 1988: 62, 85–87

32 Ernesto Laclau diskutiert drei Dimensionen von Dislokation, nämlich Temporalität, Möglichkeit und Freiheit. New Reflections on the Revolu- tion of Our Time: 41–45. Das Verhältnis von Zeit und Verräumlichung wir von Rudolph Gasché diskutiert, The Tain of the Mirror, Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1986: 198–202. Zu einer Kritik des kan- tischen Zeit/Raum-Dualismus sh. Henrik Paul Bang und Torben Bech Dyrberg, »Hegemony and Democracy«, Working Paper, Departmentof Economics, Politics and Public Administration, Aalborg University, 1993: 17. Sh. außerdem Anthony Giddens, Contemporary Critique of Hi- storical Materialism, London: Macmillan, 1981: 17, 29–34.

33 Eine ähnliche Sicht wird vom neuen Institutionalismus vertreten, etwa Johan P. Olsen und James G. March, Rediscovering Institutions: The Or- ganizational Basis of Politics, New York: The Free Press, 1989: z.B. 16, 159, 162. Sh. ebenfalls Johan P. Olsen, Demokrati pa svenska, Stockholm:

Carlsson Bokförlag, 1990: 118-119 und »Analyzing Institutional Dyna- mics«, Working Paper, University of Bergen and Norwegian research Centre in Organization and Management, 1992: 15.

DISKURSANALYSE

51

34 Das Verhältnis von Dislokation und Antagonismus wird diskutiert in Er- nesto Laclau, New Reflection on the Revolution of Our Time; 39–44, 46, 60. Sh. auch Torben Bech Dyrberg¸ The Circular Structure of power: Iden- tity, Politics, Community, forthcoming: Kapitel 4.

35 Ernesto Laclau, »Discourse«:435; New Reflections on the Revolution of our Time: 76–77, 80–81; »Power and Representation«: 287; »Subject of

Politics, Politics of the Subject«: 153-155; »Universalismus, Partikularis- mus und die Frage der Identität« und »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun?«.

36 Michel Haar, »Nietzsche and Metaphysical Language«, in David B. Alli- son (Hg.), The New Nietzsche, Cambridge, Massachusetts: The MIT Press, 1985: 12

37 Vergleiche Henrik Paul Bang, »The Political System and Its Postmodern Images«: 4, 6, 9, 24, 65, 69.

38 Claude Lefort, Essais sur le politique, Paris: Éditions du seuil, 1986:29. Sh. auch Chantal Mouffe, The Return of the Political: 11, 51, 64,105, 122, 147 und Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time:

192.

Politik der Entparadoxisierung

ZUR ARTIKULATION VON HEGEMONIE- UNDSYSTEMTHEORIE

URS STÄHELI

Die Vorstellung, daß das Politische nur dann adäquat zu verste- hen sei, wenn man dessen theoretisches Primat über das Soziale konsequent ernstnehme, wird häufig mit dem Verweis auf eine lange ›alteuropäische‹ Tradition der Überbewertung von Politik und dem Politischen abgetan und in die Archive der Ideenge- schichte verwiesen. Heutige Theorieentwicklungen, so mag man einwenden, haben längst Abschied genommen von der Idee einer politisch instituierten Gesellschaft, da diese Konzeption letztlich totalitäre Konsequenzen habe. Es gelte vielmehr, so zum Beispiel die autopoietische Systemtheorie, umzustellen von Vorstellungen einer politisch gesteuerten Gesellschaft zum be- scheideneren Konzept des »ironischen Staates«, der nur noch als Moderator Konflikte zwischen verschiedenen Systemen regu- liert (Willke 1994). Neben der systemtheoretischen Kritik an der theoretischen Überbewertung von Politik kann jedoch auch der Begriff des Po- litischen so rekonzeptualisiert werden, daß er Anschluß an aktu- elle Differenztheorien gewinnt. Das Primat des Politischen muß dann nicht notwendigerweise ein letztlich essentialistisches Denken fortschreiben, das gefangen bleibt in Oppositionen wie Staat und Gesellschaft, sondern kann sich den ›Anti-foundatio- nalism‹ poststrukturalistischer Theorieangebote zu Nutze ma- chen, indem ebenfalls auf letzte Begründungen gesellschafts- theoretischer Analysen verzichtet wird. Dies bedeutet aber auch, wie noch gezeigt werden wird, daß das Politische auf einer theo- retischen Ebene vor dem Staat oder dem politischen System an- gesiedelt werden muß.

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

53

Ernesto Laclau hat sich mit seiner Kritik an einem essentialisti- schen und zentrierten, in diesem Sinne ›alteuropäischen‹ Begriff der Gesellschaft als geschlossene (wie auch immer fragmen- tierte) Totalität, um eine Rehabilitierung des Politischen bemüht. Dies impliziert keineswegs, das Politische als Zentrum sozialer Beziehungen zu fassen, sondern dieses als dezentrale Praktik im Rahmen einer Konstitutionstheorie des Sozialen zu verstehen. Laclau rückt in seiner Theorie des Politischen denn auch – in dieser Hinsicht der autopoietischen Systemtheorie nicht unähnlich – Probleme der Unentscheidbarkeit, der Grund- losigkeit und der Anschlußfähigkeit von diskursiven Artikulatio- nen in den Vordergrund. Um Artikulationspunkte zwischen diskurs- und systemtheoreti- schen ›Anti-Foundationalism‹ aufzuzeigen, möchte ich in einem ersten Abschnitt den Laclauschen Begriff des Politischen disku- tieren, um im zweiten Teil mit einer formalisierten Lesart An- knüpfungspunkte an die autopoietische Systemtheorie Luh- manns aufzuzeigen. Dadurch soll der Weg bereitet werden für die Konzeption einer Politik der Entparadoxisierung, welche die Entfaltung von sozialen Paradoxien als antagonistischen Prozeß begreift.

I

Das Politische und das Soziale nehmen, anders als in der Sy- stemtheorie, bei Laclau die theoretische Position einer Leitdiffe- renz ein, welche den Horizont für die Analyse historischer dis- kursiver Formationen aufspannt. Auf diesem Feld übernimmt der Begriff der Artikulation eine zentrale Rolle, indem dieser zu erklären sucht, wie die Konstitution von Diskursen funktioniert:

»No objectivity that may constitute an ›origin‹: the moment of creation is radical – creatio ex nihilo – and no social practice, not even the most humble acts of our everyday life, are entirely repe- titive. ›Articulation‹, in that sense, is the primary ontological le- vel of the constitution of the real.« (Laclau 1990, 184) Wenn Artikulationen als primäre ontologische Ebene verstanden werden, heißt dies, daß die Realität des Sozialen einzig in artiku- latorischen Konstruktionspraktiken verankert ist und sich nicht auf eine vorgängige Materialität oder eine gesamtgesellschaftli- che Vernunft beziehen ließe. Wegen dieser Grundlosigkeit des Sozialen kann Laclau das Politische als »ontology of the social« (1990, 295) bestimmen, bezeichnet es doch gerade dessen insti- tuierendes Moment.

54

URS

STÄHELI

Ausgangspunkt des Laclauschen Verständnis des Sozialen bildet die These, dieses nicht als eine Totalität zu konzeptualisieren, sondern als diskursives System kontingenter Differenzen, dem durch die Unentscheidbarkeit seiner Grenze eine völlige Schließung verunmöglicht wird. Das Soziale bildet somit einen auf Identität nicht reduzierbaren Raum diskursiver Differenzen, dessen Äußeres selbst nicht signifizierbar ist. Trotz dieser Grundlosigkeit sind die Differenzen innerhalb verschiedener Diskurse artikuliert und dadurch auch zu einem gewissen Maße strukturiert. Würde der Laclausche Theorieentwurf sich mit der bloßen Feststellung einer Vielfalt unfixierter Differenzen begnü- gen, wäre zwar die »Unmöglichkeit von Gesellschaft« (so die provokante These Laclaus [1990]) belegt, die schwierige Frage aber, wie aus dem Spiel der Signifikanten sich dennoch prekäre soziale Ordnungen herausbilden können, beiseite geschoben 1 . In der Diskurstheorie wird – wiederum der Luhmannschen Systemtheorie nicht unähnlich – das Problem der Ordnung um- formuliert in die Frage nach der Erzeugung von Sinn. Hier kommt denn auch der Begriff des Politischen (und die daran an- knüpfende Hegemonietheorie) zum Zuge, der die Artikulation diskursiver Elemente, die so zu Momenten in konkreten diskursi- ven Sinngefügen werden, als politischen Prozeß begreift. Das Verhältnis von diskursiven Differenzen des Sozialen, Artikula- tion und Politischem umreißt Laclau so: »L’alternative consiste à accepter pleinement les différences comme étant constitutives du social, et à concevoir les luttes politiques comme des pra- tiques articulatoires de celles-ci.« (Laclau 1983c, 335) Artikulationen modifizieren gleichzeitig die Identität der betrof- fenen Elemente (Laclau 1991, 155). Einfache Kausalerklärungen werden so ausgeschlossen, da keines der artikulierten Elemente als Grund des anderen funktioniert, sondern im Rahmen einer zirkulären Kausalität der Effekt auf den Grund zurückwirkt. Weil der Vorgang der Artikulation wesentlich die Identität der artikulierten Elemente betrifft, grenzt dieser Begriff sich von einer bloßen Verbindung ansonsten selbstidentischer Elemente ab. Diskursive Artikulationspraktiken erst ermöglichen lokale und prekäre Stabilisierungen von Differenzen. Dabei kann keine Artikulation als unveränderliche Setzung funktionieren, ist doch jede Setzung von Anfang an eine Ver-Setzung. Bereits in den Möglichkeitsbedingungen jeder Artikulation ist ihr Scheitern miteingeschrieben.

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

55

Erst die Kontingenz (wenn auch nicht Beliebigkeit) von Artiku- lationen, d.h. deren Unableitbarkeit von einer höherstehenden Logik wie auch ihre Endlichkeit, ermöglicht deren Funktionie- ren als genuin politische Praktiken. Der Spielraum bewußt er- lebter Kontingenz ist in modernen Gesellschaften – so Laclaus versteckte modernisierungstheoretische These – größer gewor- den, womit sich auch antagonistische Auseinandersetzungen um die Realisierung spezifischer Artikulationen vermehren. Denn wenn theoretisch jede Artikulation möglich wäre und nur die Anschlußfähigkeit an einen bestimmten diskursiven Kontext über ihre Instituierung entscheidet, entstehen vermehrt Situa- tionen, in denen um eine bestimmte Artikulation gekämpft wird. Konnte in einer religiös verfaßten Gesellschaft noch auf eine letzte Autorität zurückgegriffen werden, übernehmen in der Mo- derne die Pragmatik der Situation sowie die Taktiken und Stra- tegien der politischen Auseinandersetzung den leeren Ort einer unmöglichen Autorität. Erst die Möglichkeit, bestimmte An- schlüsse wegen ihrer Kontingenz nicht nur als anders möglich, sondern als bestreitbare aufzufassen, letztlich also Antagonis- men um die Aktualisierung von Artikulationen, macht eine Arti- kulation zur politischen: »The moment of antagonism where the undecidable nature of the alternatives and their resolution through power relations becomes fully visible constitutes the field of the ›political‹.« (Laclau 1990, 35) Um die Bedeutung des Antagonismus für den Begriff des Politi- schen zu unterstreichen, verweist Laclau auf ein Gegenbeispiel unpolitischer Artikulationen. Die Reorganisation eines bürokra- tisch-administrativen Systems, welche eigentlich allen Merkma- len einer Artikulation entspricht (»Konstitution eines organisie- renden Systems von Differenzen – somit von Momenten –, das von aufgelösten und verstreuten Elementen ausgeht«-, ohne von einem Antagonismus abzuhängen [Laclau/Mouffe 1991, 193]), soll einen unpolitischen (da nicht-antagonistischen) Artikula- tionsprozeß bezeichnen. Mit diesem nebenbei eingeführten Bei- spiel nicht-antagonistischer Artikulationen in administrativen Reorganisationsprozessen, das zwischen politischen und unpoli- tischen Artikulationen unterscheidet, wird implizit auf ein pro- blematisches Terrain verwiesen. Gewiß, die Unentscheidbarkei- ten, welche zweifellos auch in administrativen Prozessen auftre- ten, geben nicht automatisch Anlaß zu politischen Re-Artikula- tionen. Dennoch ist ihr politischer Charakter nicht a priori aus- zuschließen.

56

URS

STÄHELI

Mit der in »New Reflections … « eingeführten Unterscheidung zwischen Dislokationen (der Disorganisation hegemonialer Strukturen, die mit Unentscheidbarkeiten einhergeht) und Anta- gonismus (des Kampfes um die Realisierung gleichzeitig mögli- cher Artikulationen auf einem dislozierten Feld) kann zwar prä- ziser zwischen der Situation der Unentscheidbarkeit und dem politischen Antagonismus unterschieden werden, wodurch eine theoretische Leerstelle aufgefüllt wird. Gerade diese Unterschei- dung wird implizit im oben erwähnten Beispiel vorgenommen, ohne dafür jedoch die begrifflichen Mittel bereitzustellen. Trotz der nominellen Unterscheidung wird aber eine derart enge Be- ziehung zwischen Dislokation und Antagonismus angenommen, daß das gewonnene Differenzierungsvermögen zumindest teil- weise wieder eingezogen wird. Wenn Dislokationen wegen der Unmöglichkeit einer vollständigen Ordnung entstehen, dann sind sie mit dem schon immer bestehenden antagonistischen Charakters des Sozialen gegeben: »The negation [of antago- nisms, US] is irreducible to any objectivity, which means that it becomes constitutive and therefore indicates the impossibility of establishing the social as an objective order.« (Laclau 1990, 16) Dies heißt letztlich, daß jede Dislokation sich der antagonisti- schen Konstituiertheit des Sozialen verdankt und keine Disloka- tion ohne Antagonismus denkbar wäre. Denn wäre das Soziale nicht antagonistisch verfaßt, würden sich keine Brüche in der hegemonialen Sinnfixierung auftun, die dann wiederum als Dis- lokationen beschrieben werden können. Die Möglichkeit unpolitischer Reartikulationen schließt sich aber aus, wenn von Anfang an die Unmöglichkeit völliger Fixie- rung auf den allgemeinen Antagonismus, welcher mit dem Dis- kursiven gegeben ist, d.h. die Unentscheidbarkeit der Grenze zwischen Diskursivem und Nicht-Diskursivem 2 , zurückgeführt wird. Konsequenterweise wäre dann auch der erwähnte admini- strative Reorganisationsprozeß erst ermöglicht durch seinen an- tagonistischen Charakter, d.h. durch die Unmöglichkeit der völli- gen Fixierung administrativer Momente. Illustrierend könnte hier das Beispiel erweitert werden: Wenn in einem Unternehmen die Abteilungsstruktur reorganisiert wird, ist dies nur deshalb möglich, weil keine wesenhafte Notwendigkeit eines spezifi- schen Organisationsmodells wie auch keine notwendige Fixie- rung der einzelnen Abteilungen besteht 3 – Kompetenzstreitigkei- ten unterschiedlicher Abteilungen mögen dies belegen. Zudem erhält eine Abteilung ihre Identität über ihre Position hinsicht-

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

57

lich anderer Abteilungen: die Marketingabteilung mag dann zum konstitutiven Außen des Personalbüros werden. Der politische Charakter einer Reorganisation zeichnet sich im- mer mehr ab: Im Reorganisationsprozeß wird in Artikulations- kämpfen die Grenzziehung von Abteilungen und Absicherungen von Identitäten gerade dank deren relationaler und nicht völlig fixierter Identität möglich. Abstrakter müßte gefragt werden, ob nicht jede komplexe Situation, welche die Auswahl aus einer Pluralität von Optionen erfordert, zur antagonistischen wird, wenn der simultane Artikulationsversuch von Optionen ge- schieht. Warum erscheinen die Inkonsistenzen dieses Beispiels als so be- deutend? Für die formale Bestimmung der Artikulation als Ver- bindung heterogener Elemente zu Momenten spielen sie keine Rolle. Wenn aber von politischen und unpolitischen Artikulatio- nen ausgegangen wird, wäre ein Unterscheidungskriterium vonnöten, um den spezifisch politischen Charakter von Artikula- tionen zu bestimmen. Mit dem Antagonismus wird zwar eines formuliert, wenn er als »hegemonic victory over conflicting wills« (Laclau 1995, 39) verstanden wird. Dieser ist aber insofern zirkulär begründet, als daß bereits von einer ›ursprünglichen‹ antagonistischen Verfaßtheit eines jeden Diskurses ausgegangen wurde. Es mag mit derartigen theoriebautechnischen Problemen zu- sammenhängen, daß Laclau in seinen neueren Schriften ver- stärkt die Beziehung zwischen Unentscheidbarkeit und Ent- scheidung zur Charakterisierung des Politischen hervorhebt und so eine formalisierte (nicht formalistische!) Lesart unterstützt. Aus dieser Perspektive bestimmt Laclau das Politische prägnant als »ensemble of decisions taken in an undecidable terrain« (1993, 295), das sich mit der Ausdehnung struktureller Unent- scheidbarkeiten vergrößert. Die Entscheidung setzt ein nicht völ- lig determiniertes diskursives System voraus, das seinen konsti- tutiven Mangel mit einer Entscheidung supplementieren muß. Die Entscheidung erhält dadurch einen paradoxen Status: Ei- nerseits kann sie nicht zum System gehören, da gerade dieses keine Regeln bereitstellen konnte, wie die selbstproduzierte Un- entscheidbarkeit aufgelöst werden soll, andererseits bedarf das System dieser Entscheidung, um die desintegrative Phase der Entscheidungslosigkeit ›überwinden‹ zu können. Die Entschei- dung ist denn auch in sich selbst gespalten, indem sie verspricht, dem System die mangelnde Systematizität zu geben, ohne selbst

58

URS

STÄHELI

zum System zu gehören. Sie vereint damit die Repräsentation der Universalität mit dem singulären Ereignis einer unableitba- ren Entscheidung. Während die Unentscheidbarkeit jedem Sy- stem eignet (vgl. Gödel oder Derrida), wird erst die Tatsache einer antagonistischen Entscheidung (im engeren Sinne) zum

Kriterium des Politischen. 4 Aber auch hier bleibt die Unterschei- dung zwischen entscheidungsbedürftiger Dislokation eines Sy- stems und dessen eigener antagonistischer Konstitution unge- klärt. Ich möchte mit einem Blick auf die Systemtheorie deshalb aufzuzeigen versuchen, daß einerseits die formale Lesart sich er- staunlich kompatibel mit einigen systemtheoretischen Konzep- ten zeigt, andererseits aber trennschärfer zwischen Dislokation und Antagonismus unterschieden werden kann. Fassen wir kurz zusammen:

- Das Politische wird theoretisch vor der Analyse des politi-

schen Systems angeordnet. Das Politische nimmt so die Position eines gesellschaftstheoretischen Grundbegriffs ein, welcher die Artikulation unfixierter diskursiver Elemente zu erklären ver- sucht und damit die Produktion von neuem Sinn beschreibt.

- Mit der Betonung von Unentscheidbarkeitssituationen als

notwendige Bedingung für politische Artikulationen wird eine Theoriestrategie eingeschlagen, welche einen nicht-normativen Begriff des Politischen zu formulieren erlaubt. Diese Konzeptua-

lisierung kann sich dann von der implizit normativen und herr- schaftssoziologischen Orientierung am Begriff der Unterord- nung loslösen und wird offen für einen formaleren Begriff des Politischen ganz im Sinne von Laclaus eigener Bestimmung des Politischen als »decisions taken in undecidable situations«.

- Durch die Kombination der Unterscheidungen von Unent-

scheidbarkeit/Entscheidung und antagonistisch/nicht-antagoni- stisch wird die Spezifik des Politischen weiter präzisiert. Den- noch gelingt es so nicht, ein präzises Kriterium zur Abgrenzung von politischen und nicht-politischen Artikulationen oder Ent- scheidungen zu treffen, da Unentscheidbarkeit (Dislokation) und Antagonismus zirkulär miteinander verknüpft sind.

II POLITIK DER ENTPARADOXISIERUNG

Wenn wir die Luhmannsche Systemtheorie mit Hilfe des darge- stellten Begriffs des Politischen beobachten, wird sichtbar, daß sich theoretische Entsprechungen nicht so sehr auf der Ebene

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

59

der expliziten politischen Theorien zeigen, sondern in der An- lage der Grundbegrifflichkeiten. Der Laclausche Politikbegriff läßt sich auf die Elemente einer Unentscheidbarkeit (Disloka- tion) und deren beginnende Überwindung durch das Treffen einer Entscheidung in einer antagonistischen Situation, also einer Auseinandersetzung über die Auflösung der Unentscheid- barkeit, charakterisieren. Ich möchte im folgenden deshalb ge- rade der Art und Weise des Umgangs mit dem Problem der Un- entscheidbarkeit und der dennoch erfolgenden Entscheidung nachgehen. Unentscheidbarkeiten werden in der Systemtheorie auf unter- schiedlichen Systemebenen angesiedelt: 5 Da sich alle sozialen Funktionssysteme auf einen zweiwertigen Code stützen, führt dessen selbstreferentielle Begegnung zum Fundierungsparadox des Systems (i) 6 . Unentscheidbarkeiten zeigen sich aber nicht nur als derartige Paradoxien, sondern ebenso auf der Ebene des systemischen Operierens als Gleichmöglichkeit unterschiedli- cher Operationen (ii). (i) Damit ein Funktionssystem seine eigene Identität bezeichnen kann – ohne diese allerdings repräsentieren zu können –, führt es einen zweiwertigen Code ein (z.B. legal/illegal, Regierung/Op- position, etc.), der nicht in sich selbst begründet werden kann. 7 Letztlich beruht dessen Instituierung auf einer äußeren Ent- scheidung, die vom Code weder abgeleitet noch legitimiert wer- den kann. Diese Grundlosigkeit des Codes zeigt sich v.a. dann, wenn der Code auf sich selbst trifft: Ist beispielsweise die Unter- scheidung von legal und illegal legal? Mit der selbstreferentiellen Selbstbegegnung offenbart sich das vom Code Ausgeschlossene als Unentscheidbarkeit, als Oszillieren zwischen zwei Werten, welche sich gegenseitig sogleich wieder annullieren. Diese ›fun- damentale‹ Unentscheidbarkeit kann, so fatal sie auch sein mag, nicht vermieden werden, will man an der autopoietischen Selbstkonstituierung von Systemen festhalten. Es bleibt nur ein Management dieser Paradoxie übrig, d.h. ihre Entfaltung mittels Programmen der Entparadoxisierung. Dies geschieht auf unter- schiedlichste Weise: Der irrationale Instituierungsakt eines Co- des wird etwa in der Form von Gründungsmythen, von Postra- tionalisierungen (vgl. auch Glanville) seiner ›Irrationalität‹ ent- kleidet und mit dem Sinnhorizont des jeweiligen Systems kom- patibel oder mit dem Verweis auf das schon Bestehende an- schlußfähig gemacht. Dies bedeutet aber nicht, daß auf eine zumindest partielle Auflö-

60

URS

STÄHELI

sung von Paradoxien verzichtet würde; vielmehr bedarf es einer unableitbaren Entscheidung, einer irrationalen Setzung, damit das Oszillieren zwischen den beiden Werten unterbrochen wird. In von Foersters Worten: »Only those questions that are in prin- ciple undecidable, we can decide« (zit. gem. Luhmann, 1994:

22). Den Moment, bevor die Entscheidung getroffen werden wird (bei Laclau der Moment der Unentscheidbarkeit und Dislo- kation), nennt Luhmann »offene Kontingenz« (1994: 23). Diese Offenheit wird letztlich konzentriert im Akt einer einzigen Ent- scheidung, welcher die vormalige »offene Kontingenz« als ihre eigene Kontingenz inhäriert. Darin, daß die »offene Kontingenz« sich derart transformiert bewahrt, zeigt sich auch, daß Entpara- doxisierung niemals eine Auflösung von Paradoxien ist und diese gar verschwinden lassen würde. Der Begriff der Paradoxie hebt die Unmöglichkeit einer völligen Auf-Lösung hervor, bleibt doch stets ein blinder Fleck übrig, der durch jeden Versuch, ihn zu beobachten, sich nur in die neue Beobachtung verschiebt. (ii) Da jedes System auf kein umfassenderes Fundament zurück- greifen kann, als auf eine erst retroaktiv zu beobachtende Unter- scheidung, ergeben sich im Laufe seiner Autopoiesis ständig Konflikte über den Verlauf ihrer Fortsetzung. Dem Laclauschen Systemverständnis ähnlich ist auch in der Systemtheorie kein System denkbar, das alle systemischen Differenzen im voraus determinierte, würde dies doch einen Kern voraussetzen, aus dem sich das System planmäßig entfalten würde. Diese Unmög- lichkeit eines vollständig konstituierten Systems – eines Systems also, das seinen Halt in einer letzten Identität finden würde – führt dazu, daß im Laufe seiner systemischen Reproduktion die Anschlußoperationen nicht feststehen. Mehr noch, zuweilen muß darüber, welche Operation realisiert werden soll, in einer antagonistischen Auseinandersetzung entschieden werden. Die Möglichkeit des Auftretens von Antagonismen besteht deshalb gerade darin, daß das System nicht in strukturalistischer Manier über einen Regelapparat verfügt, welcher jede Unentscheidbar- keit verhindern oder auflösen könnte. Die potentialen Orte des Politischen tauchen an jenen Orten auf, wo das System und seine Programme den Aufschub und die Ver- schiebung seiner Paradoxien nicht mehr erfolgreich organisie- ren kann. Die zuvor invisibilisierte Paradoxie wird plötzlich sichtbar und der alte Entparadoxisierungsversuch als solcher in seiner Kontingenz erkennbar. In der Laclauschen Terminologie könnte man dies als die politische Reaktivierung der Kontingenz

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

61

einer Entscheidung bezeichnen. Dieses Fehlschlagen etablierter Entparadoxisierungstechniken, welche vornehmlich auf der Pro- grammebene der Systeme angesiedelt sind, eröffnet sowohl die Möglichkeit wie auch die Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Entparadoxisierungsprogrammes. Luhmann (1987, 163) beschreibt die Entparadoxisierung als systemimmanenten Über- windungsprozeß des sichtbar gewordenen Paradoxes: »Die (po- sitive bzw. negative) Zirkularität der Selbstreferenz wird aufge- brochen und in einer letztlich nicht begründbaren Weise inter- pretiert.« Die Nähe zum Laclauschen Begriff des Politischen als einer creatio ex nihili (welche stets auf einem historisch konfigu- rierten Terrain stattfindet) wird hier sehr deutlich: in beiden Fälle muß eine Unentscheidbarkeit durch eine unbegründbare Entscheidung aufgelöst werden und beide Male wird dies als ra- dikaler Kreationsprozeß verstanden. Nicht ohne Grund geht es in der von Luhmann favorisierten Euryalistik um »kreative Ent- paradoxisierung« (1991, 63). Dennoch verweist Luhmanns Bestimmung der Entparadoxisie- rung auf eine Leerstelle: Die Entparadoxisierung geschieht ir- gendwie im System; mehr noch, sie findet immer schon statt, da sie sich nur für einen Beobachter zweiter Ordnung ergibt. Ich möchte hiermit weder die Beobachterabhängigkeit für die Kon- stitution einer Paradoxie noch deren systeminternes Manage- ment bestreiten, sondern auf das Funktionieren der Entparado- xisierung genauer eingehen. Gewiß, Luhmann beschreibt so- wohl theoretisch wie auch anhand materialreicher Studien die Veränderung von Entparadoxisierungstechniken des Rechtssy- stems und den Austausch von Unterscheidungen. Dennoch bleibt gerade der Moment, in dem die Entscheidung für die eine Unterscheidung (und nicht die andere) fällt, unthematisiert. Ge- nau an dieser theoretischen Stelle besteht jedoch der Einsatz- punkt des Politischen im Laclauschen Sinne: Während Luh- mann sowohl den artikulatorischen wie auch kontingenten Cha- rakter der Entparadoxisierung analysiert, scheint es für ihn kei- nen Grund zu geben, diese auch als antagonistische zu verste- hen. Aus einer Laclauschen Perspektive erhält die Entparadoxisie- rung ihren politischen Charakter durch die Simultaneität ver- schiedener Möglichkeiten und die Auseinandersetzungen und Kämpfe um die Realisierung einer dieser Möglichkeiten. Denn die Erweiterung des Horizontes dessen, was möglich ist, wird schnell zur Konfliktquelle über die Art der Weiterführung des

62

URS

STÄHELI

Signifikationsprozesses. 8 Dieses Problem wird denn auch von Luhmann im Rahmen seines Widerspruchs- und Konfliktbegrif- fes in »Soziale Systeme« diskutiert. Dennoch stellt er nirgends die ›potentialisierte‹ theoretische Verbindung zwischen Entpara- doxisierung und Widerspruch/Konflikt her, obwohl gerade Un- entscheidbarkeitssituationen, die durch systemische Paradoxien entstehen, zumindest ein Konfliktpotential in sich bergen. 9 Was Luhmann in ungewohnter Dramatik für den Widerspruch fest- stellt, trifft wohl auch auf die Paradoxie zu: Widersprüche im Sy- stem verweisen nicht bloß darauf, daß es auch anders möglich wäre, sondern vielmehr, daß der gesamte Prozeß der Autopoiesis abbrechen könnte (Luhmann 1984: 509). In diskurstheoretischer Terminologie können diese Momente als Reaktivierung der kon- tingenten Einschreibung einer systemischen Leitdifferenz be- zeichnet werden, da dieser ihre ›Normalität‹ genommen wird. Die für die Laclausche Theorie so wichtige Implikation von Kon- tingenz und Endlichkeit findet sich hier in veränderter Form als Verweis auf ein mögliches Ende der Autopoiesis gerade durch das Fehlen jeglicher Notwendigkeit ihre Entsprechung. Eine Paradoxie wird als Widerspruch zum Konflikt, wenn mit diesem die Kommunikation autopoietisch weitergeführt wird (ebd., 530). Mit der deutlichen Trennung von Konflikt und Wi- derspruch wird die Annahme vermieden, daß bestimmte Para- doxien oder Widersprüche automatisch zu Konflikten führen. Auch bei Laclau findet sich diese Abgrenzung, obwohl der Be- griff der Dislokation eher eine unbestimmte Unentscheidbarkeit bezeichnet, während bei Luhmann ›Widerspruch‹ bereits be- stimmte Kommunikation voraussetzt. Die von mir vorgeschla- gene Politik der Entparadoxisierung verbindet die Auflösung von Paradoxien mit den Auseinandersetzungen um spezifische Entscheidungen und Programme. Mit dem Konfliktbegriff kann mit theoretischen Mitteln der Systemtheorie ebenfalls der anta- gonistische Charakter des Politischen gedacht werden. Die hier bloß skizzierte Politik der Entparadoxisierung knüpft an die zu- vor hervorgehobenen Hauptdimensionen des diskurstheoreti- schen Konzeptes des Politischen an:

1. Die Politik der Entparadoxisierung beschränkt sich nicht auf das politische System, sondern bezeichnet einen konstitutiven Vorgang aller autopoietischer Systeme, da jedes System auf einer – letztlich paradoxieerzeugenden – Differenz aufgebaut ist. Damit wird in die Luhmannsche Systemtheorie ein Konzept ein-

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

63

geführt, das mit ihrer generellen Anlage kompatibel ist, bezieht es sich doch auf Begriffe wie den der Paradoxie, der Unent- scheidbarkeit und des Konfliktes, welche Luhmann auf der ge- nerellen Ebene seines theoretischen Systems entwickelt hat. 2. Der Zentralstellung des Entscheidungsbegriffes in den beiden Theorieangeboten wird mit der Politik der Entparadoxierung ex- plizit Rechnung getragen. Nur eine unableitbare Entscheidung kann zur letztlich stets prekären Entparadoxisierung führen. In beiden Ansätzen wird zudem der Entscheidungsbegriff konse- quent von einer Anbindung an ein rational entscheidendes Sub- jekt gelöst. Entscheidungen müssen somit als Ereignisse im Sig- nifikationsprozeß konzipiert werden. 10 Das Konzept der Politik der Entparadoxisierung arbeitet eben- falls mit der Unterscheidung von Unentscheidbarkeit (Disloka- tion) und konflikthafter Entscheidung (Antagonismus). Der Un- möglichkeit eines vollständig konstituierten Systems wurde mit der differentiellen Begründung von jedem System Rechnung ge- tragen: Die Auflösung von Unentscheidbarkeiten gehört somit zum Alltag autopoietischer Systeme – zu einem gewissen Grade sind sie daher stets disloziert. Die Temporalisierung autopoieti- scher Systeme, d.h. die Notwendigkeit des Anschlusses von stets neuen Ereignissen, um die Autopoiesis fortzusetzen, läßt gerade in der Ungewißheit, ob ein Anschluß zustande kommt, die End- lichkeit des Systems in seinen Lücken aufblitzen. Dadurch fühlt die Systemtheorie sich aber nicht genötigt, von einer antagoni- stischen Konstitution des Systems selbst auszugehen. Die Diffe- renz zwischen System und Umwelt, auf welcher jedes System basiert ist, hebt wie der diskurstheoretische Begriff des Antago- nismus die gegenseitige Konstituiertheit der beiden Seiten her- vor. Wie bei diesem wird auch hier das Verhältnis zwischen äußerer und innerer Seite der Differenz als Ermöglichungs- und Verunmöglichungsverhältnis verstanden. Kein System kann sich selbst völlig erreichen, es bleibt immer unvollständig in seinem Unvermögen, sich seiner selbst als Ganzheit habhaft zu werden. Dem Entgleiten seiner Einheit kann nur in einem imaginären Raum als unmögliches Konstrukt partieller und bloß operativer Einhalt gewährleistet werden. 11 Mit den systemtheoretischen Be- grifflichkeiten kann zudem deutlicher unterschieden werden zwischen den Paradoxien, die aus der differentiellen Verfassung des Systems entstehen und den Kämpfen um Entscheidungen innerhalb von Konfliktsystemen. Die Politik der Entparadoxisie- rung verbindet diese beiden Ebenen miteinander, indem sie die

64

URS

STÄHELI

in jedem System gegebene Notwendigkeit der Paradoxiebearbei- tung als politischen Prozeß zu verstehen sucht. Im Gegensatz zu Laclaus Unterscheidung von Dislokation und Antagonismus dif- ferenziert die Systemtheorie klar zwischen Unentscheidbarkeit und Konflikt, da Unentscheidbarkeiten auf eine letztlich nicht- antagonistische systemkonstitutive Differenz von System und Umwelt zurückgehen. Die hier vorgeschlagene Politik der Entparadoxisierung benennt in erster Linie einen Artikulationspunkt zwischen Diskurs- und Systemtheorie, welcher damit nicht gleichzeitig zusätzliche (z.B. subjekttheoretische) Prämissen der jeweiligen Theorie importie- ren/exportieren möchte. Dies impliziert auch nicht, daß das Konzept einer Politik der Entparadoxisierung sich in beiden Theoriekontexten gleich verhält, vielmehr ist anzunehmen, daß es in den unterschiedlichen Theoriesystemen auch verschieden artikuliert wird: In der Luhmannschen Systemtheorie kann es als Verweis auf eine politische Ebene jenseits des politischen Sy- stems in Momenten der Unentscheidbarkeit dienen, ohne dabei hinter das erreichte theoretische Niveau der Systemtheorie zurückzufallen. Die unfaßbare ›Restunruhe‹ eines jeden Sy- stems, sein ›blinder Fleck‹, wird hier als Anlaß genommen, ge- rade daran weitere theoretische Perspektiven anzuknüpfen. In der Laclauschen Diskurstheorie kann die Politik der Entparado- xisierung bei Erarbeitung einer genaueren Unterscheidung von Dislokation und Antagonismus helfen, sowie eine Neulektüre der These von der Unmöglichkeit der Gesellschaft anregen, die eine Paradoxie als einziges Fundament eines diskursiven Sy- stems er-findet. So können auch weitere Anschlußmöglichkeiten eröffnet werden: Mit der Politik der Entparadoxisierung wird der Anwendungsbereich der Laclauschen Diskurstheorie ausge- dehnt auf Bereiche jenseits von Fragen der identity politics politi- scher und sozialer Gruppen. Eine konsequente Weiterführung der Diskurstheorie muß nicht zuletzt Vorschläge zur Analyse funktional ausdifferenzierter Diskurse (wie z.B. der Rechtsdis- kurs, der ökonomische Diskurs etc.) machen, wofür eine Ausein- andersetzung mit der Luhmannschen Systemtheorie von großem Gewinn sein könnte. 12 Die vorliegende Skizze zu einer Politik der Entparadoxisierung hofft aufgezeigt zu haben, daß die Laclausche Diskurstheorie gerade dann, wenn sie als allge- meine Diskurstheorie funktioniert, reichhaltige Artikulations- punkte für eine derartige Weiterführung bietet.

POLITIK

DER

ENTPARADOXISIERUNG

65

ANMERKUNGEN

1 Vgl. dazu Stäheli (1995)

2 In seine neueren Arbeiten identifiziert Laclau das Nicht-Diskursive mit dem Lacanschen Realen.

3 Damit soll keineswegs bestritten werden, daß bestimmte Organisations- formen erfolgreicher sind als andere.

4 Es ist hier nicht möglich, die theoretischen Konsequenzen dieser Spal- tung zwischen Singularität und Universalität zu diskutieren. Es sei nur darauf verwiesen, daß auf diesem Spannungsverhältnis die Laclausche Hegemonietheorie basiert ist.

5 Vgl. Luhmann (1987; 1988; 1991) für die Entwicklung des Paradoxie/Entparadoxisierungskonzeptes und Luhmann (1984, 399ff.; 1994) für den Begriff der Entscheidung.

6 Vgl. Stäheli (1996) für eine ausführliche Diskussion des Verhältnisses von leerem Signifikanten und Code.

7 Ein ähnliches Argument ließe sich auf der konstitutiven Systemebene, welche mit der Differenz von Umwelt/System bezeichnet wird formulie- ren. Auch hier handelt es sich um einen unbegründbaren Einschnitt in einen ›unmarked space‹, der sich nur auf sich selbst berufen kann.

8 Vgl. hier Luhmanns (1984) Ausführungen zum Widerspruchs- und Kon- fliktbegriff.

9 Es scheint, als ob der Widerspruchsbegriff zahlreiche gemeinsame Züge mit dem der Paradoxie teilt (Kreation von beobachtungsabhängiger Un- entscheidbarkeit, Widerspruchsbildung durch Systemreferenz), wenn auch das Verhältnis der beiden Begriffe ungeklärt bleibt.

10 Dennoch trennen sich die beiden theoretischen Strategien, wenn die sub- jekttheoretischen Implikationen genauer betrachtet werden: Bei Laclau findet eine gleichursprüngliche Konstituierung des Subjektes im Ent- scheidungsakt statt, während Luhmann auf subjekttheoretische Annah- men, welche über die Beschreibung von Personen (i.S.v. Subjektpositio- nen) innerhalb seiner Sozialtheorie hinausgehen, vollständig verzichtet.

11 Genau hier müßte eine Diskussion Luhmanns von Spencer Brown über- nommen Begriffes des ›re-entries‹ stattfinden (vgl. Fuchs 1992 und die Luhmann Publikationen ab etwa 1990).

12 Dies bedeutet allerdings nicht, daß deshalb notwendigerweise, wie in der Luhmannschen Systemtheorie, die diskursive Organisation moderner Gesellschaften primär durch funktionale Differenzierung gekennzeich- net wird.

66

URS

STÄHELI

LITERATUR

Derrida, Jacques (1973) ›Différance‹, pp. 129-160 in J. Derrida, Speech and Phenomena. Evanston: Northwestern University Press.

Fuchs, Peter (1992) Die Erreichbarkeit der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhr- kamp. Laclau, Ernesto (1983) Socialisme et transformation logique, in Buci- Glucksmann, Ch. (Hg.), La Gauche, le pouvoir, le socialisme, Paris,

331–338.

Laclau, Ernesto (1990) New Reflections on the Revolution of our Time. Lon- don: Verso. Laclau, Ernesto (1993) ›Power and Representation‹, pp. 277–296 in M. Po- ster (ed.), Politics, Theory, and Contemporary Culture. New York: Colum- bia University Press. Laclau, Ernesto (1995) ›Deconstruction, Pragmatism, Hegemony‹ in Chantal Mouffe (Hg.) Deconstruction and Pragmatism, London und New York:

Routledge. Laclau, Ernesto / Mouffe, Chantal (1991; engl. 1985) Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien: Passagen. Luhmann, Niklas (1984) Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Luhmann, Niklas (1987) ›Tautologie und Paradoxie in der Selbstbeschrei- bung der modernen Gesellschaft‹ Zeitschrift für Soziologie 16 (3): 161-

174.

Luhmann, Niklas (1991) ›Sthenographie und Euryalistik‹, pp. 58–82 in H.U. Gumbrecht/K.L. Pfeiffer (eds.), Paradoxien, Dissonanzen, Zusammen- brüche, Frankfurt/M.: Suhrkamp. Luhmann, Niklas (1994) ›Die Paradoxie des Entscheidens‹, Nummer 1(1):

22–32.

Stäheli, Urs (1995) ›Gesellschaftstheorie und die Unmöglichkeit ihres Gegen- standes: Diskurstheoretische Perspektiven‹, Schweizerische Zeitschrift für Soziologie21(2): 361–390 Stäheli, Urs (1996) ›Der Code als leerer Signifikant?‹, Soziale Systeme, 2, 2:

31–55

Willke, Helmut (1992) Ironie des Staates. Grundlinien einer Staatstheorie po- lyzentrischer Gesellschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Plurale Subjekte als konkrete Endlichkeiten

ODER WIE LACLAU MIT KANT GELESEN WERDEN KANN

RADO RIHA

Wir werden uns im folgenden mit einer theoretischen Aufgabe befassen, die von E. Laclau in seinem Text »Universalismus, Par- tikularismus und die Frage der Identität« 1 gestellt wurde. Sie umfaßt ein Doppeltes. Erstens, den Versuch einer spezifischen Neuthematisierung des Subjekts: Es gilt, plurale Subjekte als »konkrete Endlichkeiten« zu denken, »deren Begrenzungen die Quelle ihrer Stärke darstellen« 2 . Und zweitens, den Versuch einer Neuthematisierung des Universellen: Es gilt herauszufin- den, ob sich mit dem Universellen neue Sprachspiele spielen ließen. Das heißt, Sprachspiele, die sich nicht in die Fallstricke eines essentialistischen Objektivismus oder eines relativistischen Partikularismus verfangen. Merken wir noch an, daß mit beiden Problemstellungen von Laclau eine deutliche Demarkationslinie gezogen wird. Neue Formen einer mannigfaltigen Subjektivität sind weder mit einem transzendentalen Subjekt noch mit einer im objektiven System eingebetteten Subjektposition gleichzuset- zen. Die Neuthematisierung des Universellen schließt wiederum jene zwei Einstellungen aus, die mit dem Standpunkt des mo- dernen Universellen unlösbar verbunden zu sein scheinen. Ei- nerseits die systematische Verkennung des jeweiligen partikula- ren Äußerungsortes der Universellen, andererseits die Absage vom Universellen im Namen eines irreduziblen Rechts des Parti- kularen. Beide Aufgaben verlangen von uns gewiß, Grenze, Begrenzung und Negativität als positive Bedingungen der Möglichkeit jeder Identitätsbildung aufzufassen 3 . Wir selbst werden hier das Gemeinsame, das beide untrennbar verbindet folgendermaßen

68

RADO

RIHA

formulieren, dabei, wie wir hoffen, dem Anspruch der Laclau- schen Unternehmung treu bleibend: Es geht darum, einen neuen Typ des Universellen, ein singuläres Universelles zu konzeptuali- sieren. Es handelt sich um ein Universelles, dessen Vorausset- zung und Produkt etwas bildet, das dem Universellen radikal fremd, heterogen ist: Ein Singuläres, das für das Universelle seine unüberschreitbare Grenze, also sein Reales darstellt. Die von Laclau gestellte theoretische Aufgabe impliziert in unse- rer Lesart so noch ein Drittes. Sie bringt nämlich als ihren nicht- umgehbaren Bezugspunkt den philosophischen Ansatz Kants hervor. Die Verbindung beider Fragen, der nach der Subjekti- vität als konkreter Endlichkeit und der nach einem Universellen, das seinem inhärenten Herrschafftsanspruch abgesagt hat, führt letztendlich dazu, jene theoretische Frage zu rekonstruieren, die von Kants Philosophie, genauer gesagt, von seiner Kritik der Ur- teilskraft, umkreist wird. In Laclaus Problemstellung wird somit auch schon eine Neulektüre der dritten Kritik praktiziert. Eine Neulektüre insofern, als sie den Anspruch enthält, radikal mit verschiedenen Spielarten einer universalistisch-modernisti- schen, mehr oder weniger dem habermasschen Denkansatz ver- bundenen Aneignung der dritten Kritik zu brechen 4 . Im Versuch, diesen unausgesprochenen Anspruch der Laclauschen Problem- stellung darzulegen, liegt das Hauptanliegen unseres Textes. Die- sem Anliegen gemäß wird es unumgänglich sein, der Kantschen Argumentation auch in der ihr eigenen Begriffsentwicklung zu folgen.

*** Unser Vorschlag, »Laclau mit Kant« zu lesen, geht also von der Voraussetzung aus, daß durch Kants Kritizismus der Horizont gegeben ist, innerhalb dessen das von Laclau angesprochene Problem eines »singulären Universellen« überhaupt erst gestellt werden kann. Wir können diesen Horizont vermittelst einer Überlegung umreißen, zu der uns Guy Lardreau in seinem Ver- such einlädt, Kants praktische Philosophie im Rahmen einer ne- gativen, den Knoten des Symbolischen, Imaginären und Realen zusammenbindenden Philosophie zu lesen. Kant lehrt uns, meint Lardreau, daß es nicht möglich sei, daß die Moral, wenn sie möglich ist, nicht das wäre, was Kant selbst darüber geschrieben habe. Es könne also streng genommen von keiner kantischen Moral gesprochen werden. Der »Kantismus« sei nämlich nichts anderes als die Äußerung der Bedingungen der Möglichkeit der Moral schlechthin. Deshalb können wir auch

PLURALE

SUBJEKTE

69

nicht zwischen der Moral von Kant und einer anderen Moral wählen, sondern sind gezwungen, uns entweder für die Moral, d.h. für Kants allgemeingültige Moral, oder aber für eine Ethik, d.h. für eine bestimmte, immer partikularen Zielsetzungen ver- schriebene Kunst des Lebenskönnens, zu entscheiden. 5 In Lardreaus Bemerkung ist unserer Meinung nach mehr ent- halten als ein bloßer Verweis auf die bekannt/erkannte Tatsache, daß in Kants praktischer Philosophie die Grundlegung einer all- gemeingültigen, d.h. für keinen Fall, wenn nicht für alle Fälle gel- tenden Moral zu finden ist. 6 Das Mehr liegt im Hinweis, daß es die allgemeine, d.h. von jeder partikularen Einstellung abstrahie- rende Grundlegung der Moral nur darum gibt, weil sie von einer partikularen Philosophie, von der Philosophie Kants, als solche geäußert wurde. Dieser Hinweis ist nun alles andere als trivial. Er stellt uns vielmehr in ihrer Elementarform die Struktur des sin- gulären Universellen vor, jenes Problems also, mit dem sich, wie wir gesagt haben, Kants dritte Kritik befaßt. Wenn wir uns hier des Begriffspaares Subjekt der Aussage – Subjekt der Äußerung bedienen, dann kann diese Elementarform auch so gelesen wer- den: Das universelle Subjekt der moralischen Aussage ist nur deshalb möglich, weil es als solches geäußert wurde, also von einem Subjekt der Äußerung konstituiert und getragen wird. Funktion und Sinn des Äußerungssubjekts als Ort, an dem das Universelle konstituiert wird, können wir hier in drei Schritten bestimmen. Zunächst einmal läßt sich vom Subjekt der Äuße- rung sagen, daß es nicht mit Kants Philosophie zusammenfällt, obwohl erst von ihr das Universelle ausgesagt und damit konsti- tuiert wird. Kants Philosophie als Äußerungsort des Universellen fällt nicht mit ihr selbst als einem spezifischen Philosophem aus dem Ende des 18. Jhdt. zusammen, so wie »Kant« als Subjekt der Äußerung der universellen moralischen Aussage nicht mit dem empirischen Philosophen Kant identisch sein kann. Würde Kant selbst dieses Äußerungssubjekt sein, dann wäre seine Grundlegung einer allgemeinen Moral ja nur eine verallgemei- nerte individuelle Erfahrung, würde das Äußerungssubjekt seine Philosophie sein, dann hätten wir es mit einer unter vielen mög- lichen moralischen Einstellungen zu tun. Mit anderen Worten, Kant kann als empirisches Individuum bzw. als Repräsentant einer besonderen Philosophie nur vom Allgemeinen her verstan- den werden. Dies ist eine notwendige Folge der Struktur des Kantschen Universellen, das, sobald es einmal gegeben ist, den

70

RADO

RIHA

unhintergehbaren Erscheinungsrahmen des Empirisch-Beson- deren, Zufälligen bildet. In einem zweiten Schritt wandelt sich die bloß negative Bestim- mung, daß nämlich das empirisch-partikulare Subjekt nicht auch das Äußerungssubjekt sein kann, in dessen erste positive Definition um: Das Äußerungssubjekt ist für das Universelle selbst notwendig, es ist sein konstitutiver Bestandteil, fällt aber mit keinem partikularen Subjekt, das die universelle Aussage tätigt, zusammen. Es ist der Ort, an dem das Universelle konsti- tuiert wird, aber dort, wo das Universelle sozusagen zu sich kommt, ist es gleichzeitig durch eine unüberbrückbare Distanz, durch das Äußerungssubjekt, von sich getrennt. Da das Äuße- rungssubjekt mit keinem besonderen Subjekt zusammenfällt, bleibt es für das Universelle unbegreifbar, damit aber nicht nur fremd, sondern inexistent. Das Subjekt der Äußerung ist nur als inexistentes da: Es ist ein Punkt der Inexistenz, der die Existenz des Universellen gewährleistet. Das Subjekt der Äußerung, so wie wir es hier verstehen, ist also nicht das Subjekt, das im Zwie- spalt zwischen dem, was gesagt werden sollte, und dem, was tatsächlich gesagt wurde, auftaucht. Es ist nicht der sich ständig verschiebende wortwörtliche Sinn des Aussagesubjekts, dessen nie zu fassendes Selbst. Das Äußerungssubjekt ist vielmehr der Punkt, an dem diese immer wieder entgleitende, unmögliche Identität des Aussagesubjekts als solche da ist, auch wenn ihr Da-Sein von diesem her unbegreifbar bleibt. Von hier aus läßt sich nun im dritten Schritt die positive Defini- tion des Äußerungssubjekts strenger bestimmen: Das Subjekt der Äußerung vergegenwärtigt durch sich selbst, durch seine Ine- xistenz, die Möglichkeit, daß es das Universelle – das, sobald es einmal da ist, absolut notwendig ist – hätte auch nicht geben können. Das Subjekt der Äußerung existiert nicht, aber gerade seine Inexistenz ist ein konstitutives Bestandteil des universellen Aussagesubjekts. Es ist deshalb notwendig, weil es die Inexi- stenz, d.h. das Moment der radikalen Kontingenz des absolut notwendigen Universellen vergegenwärtigt. Erlauben wir uns hier eine kürzere Digression: Wenn man schon nach dem Äußerungssubjekt der universellen Moral Kants su- chen wollte, dann sollte man unserer Meinung nach von jener Stelle in der Kritik der praktischen Vernunft ausgehen, an der Kant die Möglichkeit einer Begründung der Moral durch empi- rische Bestimmungsgründe ausschließt und dann bemerkt:

»[ … ] und es gibt also entweder gar kein oberes Begehrungsver-

PLURALE

SUBJEKTE

71

mögen, oder reine Vernunft muß für sich allein praktisch sein, d.i. ohne Voraussetzung irgend eines Gefühls [ … ] durch die bloße Form der praktischen Regel den Willen bestimmen kön- nen« 7 . Monique David-Ménard weist in ihrem Artikel »L’univer- sel chez Sade et chez Kant« 8 überzeugend nach, wie Kant seine eigene Hypothese von der möglichen Unmöglichkeit des oberen Begehrungsvermögens durch eine »Rhetorik des Unbedingten«, einem Verfahren, in dem er Beispiele der Unbeständigkeit, Zu- fälligkeit und Unberechenbarkeit des empirischen Handelns an- führt und dann diese Unbeständigkeit stillschweigend als Recht- fertigung der streng prinzipiellen moralischen Gesinnung fun- gieren läßt, wieder verdrängt. Was aber Kant durch die »Rhetorik des Unbedingten« systema- tisch ausklammert, ist unserer Meinung nach weniger die für einen Augenblick erwähnte Möglichkeit der Inexistenz des obe- ren Begehrungsvermögens, d.h. die Tatsache, daß Kant, wie Da- vid-Ménard hervorhebt, die Notwendigkeit seiner Existenz nie wirklich nachweist – Kant selbst versucht ja diesen ausbleiben- den Nachweis im Begriff des Faktums des Moralgesetzes zu den- ken. Kants Äußerung von der möglichen Unmöglichkeit des ver- nunftbestimmten Willens stellt nicht den Augenblick dar, in dem Kant für einen Augenblick eine Unzulänglichkeit, etwas Unbe- gründetes in seinem Beweisgang sehen läßt. Ganz im Gegenteil, es stellt vielmehr den Augenblick dar, in dem der wahre Begrün- dungsakt des unbedingten Moralgesetzes sichtbar wird. Begrün- dend ist aber die Äußerung von der Unmöglichkeit des oberen Begehrungsvermögen insofern, als von ihr die Operation ihrer eigenen Ausschließung in Gang gesetzt wird, diese Aussch- ließungsoperation aber, in ihrer positiven Bestimmung betrach- tet, nichts anderes ist als die Grundlegung der universellen Mo- ral. Durch den Äußerungsakt wird die Inexistenz des vernunftbe- stimmten Willens nicht nur als eine Möglichkeit gesetzt, sie ist vielmehr im Äußerungsakt selbst wirklich da, d.h. sie wird durch ihn als konstitutiver Bestandteil des reinen Willens gesetzt. Durch den Äußerungsakt wird das unbedingte Moralgesetz ei- nerseits zwar möglich, andererseits wird aber damit in das Un- bedingte eine radikale Kontingenz eingeführt. Es ist diese radi- kale Kontingenz des Unbedingten, die der Äußerungsakt ver- gegenwärtigt, die von Kant nicht gesehen werden kann und des- halb durch die »Rhetorik des Unbedingten« verdeckt wird. Kehren wir nun zur Lardreaus Bemerkung zurück, aus ihr fol- gende Schlußfolgerung ziehend: Kants praktische Philosophie

72

RADO

RIHA

führt im anscheinend trivialen Sachverhalt, daß die universelle Moral untrennbar mit ihrer partikularen, kantischen Ausdrucks- form verbunden ist, mit ihr aber nicht zusammenfallen kann, so- zusagen an sich selbst das Problem vor, daß es im Universum des von ihr eingeführten Universellen auch ein Partikulares gibt, das sozusagen für sich selbst existiert, ein Partikulares, das inner- halb des Universellen nie vorgestellt, nie mitgezählt, sondern im- mer nur dazugezählt werden kann. Dieses Partikulare ist das Universelle selbst, es ist, streng genommen, dessen faktische Exi- stenz, die aus keinem übergeordneten Universellen ableitbar und als solche absolut kontingent ist. Das Universelle Kants gibt es nur, wenn es gleichzeitig noch in der Form seines eigenen Falles da ist, genauer gesagt wenn es als irreduzibler, singulärer »Fall des Universellen« sich selbst supplementiert: So etwa, wie Kants Philosophie zur Grundlegung der allgemeinen Moral immer da- zugezählt werden muß, sich aber auf sie nicht zurückführen läßt. Und genau dieser Sachverhalt wird unserer Meinung nach auch von Laclau in seinem Vorgehen angesprochen, in dem er dem klassischen Einwand gegen das Universelle, daß nämlich dieses immer vom partikularen Ort seiner Entstehung geprägt wird, zwar zustimmt, sich aber damit nicht zufriedengibt. Er sieht nämlich darin kaum etwas mehr als eine erste Formulierung eines sowohl theoretischen als praktisch-politischen Problems, das noch seiner Lösung harrt. Es handelt sich um die Operation einer »systematischen Dezentrierung« 9 des westlichen Universa- lismus, in der das Universelle zwar bewahrt, seine notwendige Verbindung mit einem Partikularen aber unterbrochen werden soll. Davon ausgehend, daß das Universelle einerseits mit dem Partikularen unvereinbar sei, andererseits aber unabhängig von diesem doch nicht existieren kann, soll der Erkenntnis Geltung verschafft werden, daß die Verbindung des Universellen mit dem Partikularen historisch konstruiert und kontingent, als solche aber sowohl unannehmbar als auch veränderbar sei. 10 Diesen Zusammenhang einer unlösbaren und zugleich kontingenten Verbindung verstehen wir selbst hier folgendermaßen: a) das Universelle wird immer von einem Partikularen bestimmt, b) dessen Partikularität bleibt für das Universelle als solche immer kontingent, c) aber die Kontingenz des Partikularen ist für das Universelle selbst absolut notwendig, von ihm untrennbar. Die- sen Sachverhalt versuchen wir hier wiederum mit dem Begriff des singulären Universellen auszudrücken: Es handelt sich, wie

PLURALE

SUBJEKTE

73

gesagt, um ein Universelles, das in seiner Universalität und Not- wendigkeit nur so zustande kommen kann, daß es von einem ihm Äußeren, Heterogenen und Kontingenten supplementiert wird. Den Ansatz einer strengen theoretischen Konzeptualisierung des kontingenten, singulären Universellen ist aber unserer Meinung nach in der Problematik der reflektierenden Urteilskraft, mit der sich Kants dritte Kritik befaßt, zu finden. In ihr wird das Kon- zept eines Subjekts umrissen, das als Ort der Verbindung von zweierlei fungiert: Der Sinnlichkeit des Subjekts als seiner kon- stitutiven, inneren Begrenzung, und der universellen Vernunft, die von einer irreduziblen Kontingenz geprägt und deshalb in- konsistent ist. Der Bezug auf das Zusammenfallen einer in sich begrenzten Subjektivität und eines kontingenten Universellen, das von Kant in der dritten Kritik gedacht wird, hilft uns so zu verstehen, daß die Aufgabe, die wir hier von Laclau übernom- men haben, von uns verlangt, das Problem zu denken, wie das Subjekt als jenes Reale erscheinen kann, das vom Symbolischen als Überschuß seines eigenen Bestehens hervorgebracht wird.

*** Im Rahmen unserer Problemstellung kann die Grundfrage der dritten Kritik auch als Ausbildung der in der Kritik der reinen Vernunft vorgenommenen, aber nicht in Gänze ausgeführten transzendentalen Theorie der Sinnlichkeit verstanden werden. Wir können hier nicht im Einzelnen auf die komplexe Problema- tik dieser Ausbildung in den drei Kritiken eingehen. Es wird uns genügen, sie als Versuch zu bestimmen, die paradoxe Verbin- dung jener zwei Terme auf den Begriff zu bringen, deren Zusam- menfügung den Kern der »kantischen Erfindung« in der Trans- zendentalen Ästhetik der ersten Kritik ausmacht: Sinnlichkeit a priori 11 . Kants Theorem einer apriorischen Sinnlichkeit hat be- kannterweise dem modernen Thema der Endlichkeit des Sub- jekts den Weg gebahnt, die vor allem von Heidegger als konstitu- tives Merkmal der kantischen Subjektivität hervorgehoben wird. Die Ausbildung der transzendentalen Theorie der Sinnlichkeit in der dritten Kritik läßt sich in dieser Hinsicht als Explikation der konzeptuellen Vorbildlichkeit der angeführten kantischen Ver- bindung für jedes Denken der Endlichkeit des Subjekts, auch für ein heutiges, verstehen. Worin besteht nun diese Vorbildlichkeit? Wenn wir davon ausgehen, daß Apriorität und Vernünftigkeit re- ziprok sind, dann läßt sich das Vorbildliche des Kantschen An-

74

RADO

RIHA

satzes einfach genug bestimmen: Der Begriff einer Sinnlichkeit a priori weist deutlich darauf hin, daß bei Kant Sinnlichkeit und Vernunft von Anfang an nur von ihrem Verhältnis her definiert werden, daß es sie vor diesem Verhältnis in ihrer positiven Iden- tität sozusagen gar nicht gibt. In der Ausarbeitung einer voll- ständigen, sowohl »objektive« wie »subjektive« Prinzipien um- fassenden transzendentalen Theorie der Sinnlichkeit 12 werden also nur die Konsequenzen des notwendigen Verhältnisses von Sinnlichkeit und Vernunft entwickelt, d.h. beide Terme werden durch die Wirkungen definiert, die in jedem von ihnen der Vor- rang ihres Verhältnisses hinterläßt. Die Vorbildlichkeit der Kant- schen Problemstellung liegt letztendlich darin, daß sowohl Sinn- lichkeit als auch Vernunft als brüchige, mehr noch, unmögliche Identitäten thematisiert werden. Die Sinnlichkeit, in der dritten Kritik in der Form des Gefühls von Lust/Unlust konzeptualisiert, ist nicht nur als das gedacht, was sich dem objektivierenden Zu- griff des Verstandes entzieht, 13 sondern soll gerade als solche, d.h. als ein sich konstitutiv dem Begriff Entziehendes auf den (Ver- nunft)Begriff gebracht werden. Bei der Vernunft wird wiederum ihre Universalität mit etwas Kontingentem »vervollständigt«, das die universelle Vernunft auf immer mit dem Charakter des Nicht-Allen prägt. Auf der Seite der Sinnlichkeit liegt eine der wesentlichen Folgen der Artikulation von Sinnlichkeit und Vernunft in ihrem notwen- digen Verhältnis in der Bestimmung des Gefühls der Lust/Unlust als autonomem Gemütsvermögen, das sich auf Prinzipien a pri- ori gründet. Die Bestimmung erfolgt vermittels der für das Ge- fühl charakteristischen Wende von der objektiven Referenz der Vorstellung, von ihrer Beziehung auf das Objekt, zu ihrer bloß subjektiven Referenz, ihrer Beziehung bloß auf das Subjekt. 14 Diesseits jeder intentionellen Ausrichtung des Erkenntnis- oder Begehrungsvermögens wird durch die Wende zum bloß Subjek- tiven der Vorstellung die Subjektivität als Wirkung der Betäti- gung der Gemütsvermögen auf das Gemüt festgehalten, als »Empfänglichkeit einer Bestimmung des Subjekts«, wie Kant das Gefühl der Lust/Unlust auch definiert 15 . Für uns ist hier fol- gendes wesentlich: Die Verselbständigung des Gefühls zieht auch eine Neubestimmung der Rezeptivität des erkennenden Subjekts, damit aber auch eine Neubestimmung seiner konstitu- tiven Endlichkeit nach sich. Unserer Meinung nach erscheint nun erst in dieser Neubestimmung die Endlichkeit wirklich als innere Begrenzung, d.h. als konstitutiver Bestandteil des Sub-

PLURALE

SUBJEKTE

75

jekts. Die dritte Kritik weicht endgültig der Falle einer Endlich- keitskonzeption aus, bei der eine in sich selbst prinzipiell unbe- grenzte Subjektivität durch äußere empirische Schranken einge- grenzt wird. In ihr wird die Rezeptivität als der undarstellbare, auf immer verlorene »erste« Akt der Spontaneität entwickelt. Damit bringt die dritte Kritik ein Subjekt zur Erscheinung, das weder das jedes Inhaltes entleerte transzendentale Subjekt = X noch ein empirisches, als Objekt unter Objekten erscheinendes Subjekt ist, sondern als paradoxale Vergegenwärtigung einer transzendentalen, d.h. leeren »Inhaltlichkeit« fungiert. Indem die Urteilskraft die Vorstellung »gänzlich auf das Sub- jekt« bezieht, erscheint dieses also im Modus einer bloßen Emp- fänglichkeit für das eigene Bestimmtsein. Wie Kant sagt, es fühlt »sich selbst [ … ], wie es durch die Vorstellung affiziert wird«. 16 Wie ist nun dieses Beziehen der Vorstellung bloß aufs Subjekt zu verstehen? Mit anderen Worten, was fühlt das Subjekt, wenn es im Gefühl der Lust/Unlust »sich selbst« wahrnimmt, wie es durch das Spiel der Erkenntnisvermögen in der Vorstellung affi- ziert wird? Die Antwort auf diese Frage ist in Kants Begriff des Gemütszu- standes zu suchen 17 . Bei diesem Begriff, dessen Bedeutung bei Kant zwischen einer logischen Einheit des Bewußtseins und der »substantiellen« Einheit der Seele schwankt, 18 ist für uns folgen- des interessant: Das Gemüt ist einerseits das System dreier sog. apriorischer Gemütsvermögen, des Erkenntnisvermögens, des Begehrungsvermögens und des Gefühls der Lust/Unlust. 19 Ande- rerseits ist der Zustand des Gemüts, in den das Gemüt jeweils durch das Zusammenspiel seiner Erkenntniskräfte anläßlich einer gegebenen Vorstellung versetzt wird, 20 immer mit dem Ge- fühl der Lust/Unlust identisch, fällt mit ihm zusammen, wie Kant sagt. Der springende Punkt hier liegt jetzt darin, daß erst im Augenblick dieses Zusammenfallens des Gemüts mit dem Ge- fühl, im Augenblick, in dem das Subjekt »sich selbst« empfindet, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, überhaupt vom Gemüt als System dreier Gemütsvermögen, also auch von einem Subjekt in seinem »Selbst« gesprochen werden kann. In seinem Zustand ist das Gemüt eigentlich nicht so sehr bei sich. Der Gemütszustand ist vielmehr die Bewegung, in der das Gemüt zu sich selbst kommt, »sich« sozusagen als Gemüt erst setzt. Das Spezifische dieser Bewegung des Zu-sich-Selbst-Kom- mens des Gemüts liegt nun unserer Meinung nach darin, daß von Kant kein irgendwie schon präexistentes »Selbst« des

76

RADO

RIHA

Gemüts vorausgesetzt wird. Im Gefühl der Lust/Unlust, in dem die Wirkung der Vorstellung aufs Gemüt empfunden wird, kommt das Gemüt wortwörtlich zu sich. Das Gemüt bildet sich als Ganzes dreier Gemütsvermögen in einer Bewegung heraus, in der es sich mit einem seiner Teile gleichsetzt. Es handelt sich um eine Bewegung, in der das Gefühl der Lust/Unlust als das Ei- gene des Gemüts und gleichzeitig als ein dem Gemüt Anderes, als etwas das Selbst des Gemüts notwendig immer Supplemen- tierendes fungiert. Mit anderen Worten, das Gemüt kommt außerhalb seiner selbst, im Gefühl, zu sich, es setzt sein Selbst als ein Anderes, Äußeres. Durch die Sinnlichkeit des Gefühls wird in das Innerste des Gemüts, in das Selbst des kantischen Subjekts eine irreduzible Äußerlichkeit eingeschrieben. Diese dem Gemüt zugleich äußerliche und innerliche Sinnlich- keit des Gefühls ist nun nichts anderes als die Verbindung eines konstitutiv begrenzten Subjekts und einer inkonsistenten uni- versellen Vernunft, von der wir oben gesprochen haben. Um un- sere Behauptung entwickeln zu können, werden wir analytisch zwei miteinander untrennbar verbundene Merkmale des Ge- fühls unterscheiden. Erstens, das Gefühl im Gemüt, das Gefühl als Gemütsvermögen a priori, das einen konstitutiven Bestand- teil des Systems dreier autonomer Gemütsvermögen bildet. Zweitens, das Gefühl als inhaltliche Bestimmung des Subjekts, d.h. als Empfindung der Wirkung der sich betätigenden Er- kenntniskräfte auf das Gemüt. Sehen wir uns zunächst das erste Merkmal an. Das Gefühl in seiner transzendentalen Bedeutung, als Gemüts- vermögen a priori angesprochen, ist ein Gefühl, das, noch bevor es die im reflektierenden Urteilsakt hervorgebrachte Wirkung der Vorstellung eines Gegenstandes auf das Gemüt verzeichnet, eine solche Einwirkung erst möglich macht. Wir können den Un- terschied von Gefühl als verzeichnete Wirkung und Gefühl als ihre Ermöglichung auch so ausdrücken: Das Gefühl ist als auto- nomes Gemütsvermögen nicht die Einschreibung der Wirkung der Vorstellung in das Gemüt, sozusagen ihr Ein-Druck, es ist vielmehr jenes, was zunächst einmal den Platz für diese Ein- schreibung freistellt, ihn sozusagen erst »leermacht«. Dieser leere Platz ist aber das Gemüt selbst: Erst durch das Ge- fühl als autonomes Vermögen bildet sich ja das Gemüt als Sy- stem seiner drei Vermögen heraus. Das Gefühl der Lust/Unlust gehört dem Gemüt als sein eigener Platz an, d.h. als der Platz für die Einschreibung der Affizierung des Gemüts durch die Refle-

PLURALE

SUBJEKTE

77

xion einer gegebenen Vorstellung. Die Sinnlichkeit des Gefühls als Gemütsvermögen a priori ist der leere Platz, an dem über- haupt die Gemütsvermögen zusammentreffen können. Sie ist eine Empfänglichkeit, Rezeptivität des Subjekts, aber diese Empfänglichkeit liegt sozusagen diesseits bzw. vor jener sich im- mer in räumlich-zeitliche Koordinaten einschreibenden und ka- tegorial bestimmten Rezeptivität für Gegenstände, die zum Ge- samt der objektivierenden Konstitutionsleitungen der transzen- dentalen Subjektivität gehört. In der Sinnlichkeit des Gefühls bekommt so die Rezeptivität des Subjekts, wie oben erwähnt, eine neue Bedeutung. Die erste Kri- tik führte die Rezeptivität der Sinnlichkeit als Notwendigkeit des Affiziertwerdens des Subjekts ein, d.h. als Notwendigkeit einer an die Existenz »äußerer« Objekte gebundenen Anschauung. Die Notwendigkeit dieser »äußeren Existenz« ist aber transzenden- tallogisch gesehen problematisch 21 , da sie den Überrest eines verschwiegenen Realismus zu verbergen scheint. Der problema- tische Status der Gegebenheit des Objektes hängt unserer Mei- nung nach damit zusammen, daß die Rezeptivität des Subjekts in der ersten Kritik selbst als eine unmittelbare Gegebenheit des Vorstellungsvermögens fungiert. Sie ist als solche einfach ange- nommen, ist sozusagen einfach neben die Spontaneität des Sub- jekts gestellt: 22 So kann dann auch der Eindruck entstehen, daß die spontane, hervorbringende Kraft des Subjekts durch die Re- zeptivität irgendwo »von Außen« die zu bearbeitende Materie zugestellt bekommt. Die Empfänglichkeit für die Bestimmung des Subjektes, diese für das Gefühl der Lust/Unlust charakteristische Rezeptivität, ist nun nichts unmittelbar Angenommenes: Sie ist vielmehr ein Mo- ment, in dem das Gemüt sich selbst als Gemüt erst »hervor- bringt«. In ihr »setzt« das Gemüt sein Selbst als leeren Ort einer Empfänglichkeit für das Affiziertwerden durch Gegenstände, als Ort einer ursprünglichen Rezeptivität. Die Rezeptivität des Gemüts ist jetzt nicht mehr etwas bloß Angenommenes, sie wird vielmehr in die Spontaneität des Subjekts eingeschrieben. Der »erste«, auf immer verlorene und nichtdarstellbare Akt der Spontaneität des Subjekts besteht darin, eine irreduzible Rezep- tivität, Passivität als ihr Eigenstes zu setzen. Die Rezeptivität gehört so zum Subjekt, aber sie ist kein Vermögen des Subjekts. Eher müßte man sagen, daß sich in ihr das konstituierende Sub- jekt im Modus seines radikalen Un-Vermögens, seiner immer von Innen kommenden Begrenzung vorfindet.

78

RADO

RIHA

Durch eine solche Konzeptualisierung der Rezeptivität des Sub- jekts greift aber die dritte Kritik entscheidend in die moderne Frage der Endlichkeit des Subjekts ein. In ihr ist sozusagen avant la lettre eine Zurückweisung jener universalistischen Deu- tung der Endlichkeit zu finden, die etwa für den habermasschen Denkansatz kennzeichnend ist. In diesem Rahmen wird die End- lichkeit des Subjekts im Grunde genommen als Notwendigkeit verstanden, daß das Subjekt in seiner prinzipiell durch nichts begrenzten Spontaneität, das Subjekt als Vermögen eines abso- luten Neubeginns, in seinem empirischen Dasein immer schon durch die empirische Gegebenheit der Gegenstände bestimmt wird. Endlichkeit ist also hier der Name dafür, daß eine in sich unbegrenzte, universelle Spontaneität des Subjekts von »äuße- ren Gegenständen«, mit Kant gesprochen, von arbiträren »Ge- legenheitsursachen« 23 begrenzt wird: Eine Einstellung, die dazu führt, daß das Vermögen des absoluten Neubeginns in einen un- begrenzten, offenen Sinnhorizont projiziert wird, aus dem her das empirisch begrenzte Subjekt seine Subjektivität versteht. Es ist nicht schwer zu sehen, daß Kants Konzeptualisierung der Sinnlichkeit des Gefühls eine solche Interpretation außer Kraft setzt. Wenn in der Rezeptivität, wie wir zu zeigen versucht ha- ben, das Subjekt erst zu sich, zu seinem »Selbst« kommt, dann kann die Endlichkeit des Subjekts nicht mehr in der »von Außen« kommenden Begrenzung seiner Spontaneität loziert werden. Vielmehr fällt mit der Rezeptivität als »erstem« unein- holbaren, spontanen Akt des Subjekts die Begrenzung in die Spontaneität selbst. Und durch den Akt der inneren Begrenzung wird die Subjektivität als Ort des empirisch Unbegrenzten und Unbedingten gesetzt. Als Ort des empirisch Unbegrenzten und Unbedingten hat die Subjektivität absolut nichts mit den objekti- vierenden Konstitutionsleitungen des transzendentalen Subjekts 24 zu tun – und gerade in diesem »nichts zu tun haben« besteht die Sinnlichkeit des Gefühls bzw. die Endlichkeit als Stärke des Subjekts, jene Endlichkeit, die von Laclau und von Kant gedacht wird. Mit anderen Worten, Endlichkeit des Sub- jekts ist der Namen für die radikale Unterbrechung der Konstitu- tionsleistungen des Subjekts, für den gähnenden Abgrund der Leerstelle der ursprünglichen Rezeptivität, die das Wesen der Subjektivität ausmacht. Das Subjekt ist endlich, weil seine Sub- jektivität der Ort einer radikalen Destitution jeder konstituierten Wirklichkeit und damit auch jeder substantiellen Selbigkeit des Subjekts ist. Es ist endlich, weil es seinem »Wesen« nach »stark«

PLURALE

SUBJEKTE

79

genug ist, die Wirklichkeit der Sinnkonstitution zu unterbre- chen, ihr eine Grenze zu setzen, an der sie zerschellt. Das endli- che Subjekt ist der Ort einer radikalen Unterbrechung, und die Sinnlichkeit des Gefühls ist die Erscheinungsform des endlichen Subjekts, das endliche Subjekt als erscheinende Unterbrechung. Mit der Bestimmung der Sinnlichkeit als Erscheinungsform des endlichen Subjekts sind wir zum zweiten von uns analytisch un- terschiedenen Merkmal der Sinnlichkeit des Gefühls gekommen, zum Gefühl als Empfindung bzw. »Kenntlichmachung« 25 der Wirkung des Verhältnisses der Erkenntnisvermögen untereinan- der anläßlich einer gegeben Vorstellung auf das Gemüt. Was durch das Gefühl kenntlich gemacht wird, ist also, etwas verein- facht gesagt, eine durch die jeweilige Vorstellung hervorgerufene inhaltliche Bestimmung des Subjekts. Vorstellungen sind aber immer in den »Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung in der Er- fahrung« 26 verankert, deshalb ist auch die im Gefühl verzeich- nete Bestimmung des Subjektes, von ihrem Inhalt her betrach- tet, immer »gelegentlich«, d.h. durch arbiträre empirische Um- stände veranlaßt. Das Gefühl der Lust/Unlust in seiner transzen- dentalen Bestimmung kann aber der Definition nach keine empi- risch-arbiträre inhaltliche Bestimmung des Subjekts verzeich- nen. Im Gefühl als Gemütsvermögen a priori kann nur etwas In- haltliches des Subjekts kenntlich gemacht werden, das nicht em- pirisch-zufällig, sondern eine notwendige Bedingung der Mög- lichkeit des Subjekts ist. Was könnte aber, wenn wir uns diesen Ausdruck hier erlauben, dieses durchs Gefühl verzeichnete »transzendentale Inhaltliche« des Subjekts sein? Die einzelnen Bestimmungen des Subjektes sind, den jeweils ge- gebenen Vorstellungen gemäß, veränderbar, einer fortwähren- den Umwandlung unterworfen. Wie veränderbar sie aber auch sein mögen, das Gemüt, das »Selbst« des Subjekts gibt es nur als ein immer schon durch eine spezifische Bestimmung geprägtes Gemüt, als einen so oder anders gefühlten Gemütszustand. Und es ist gerade dieses »immer schon Geprägtsein«, das vom Gefühl der Lust/Unlust in seiner transzendentalen Bestimmung vertre- ten wird. Im Gefühl wird das kenntlich gemacht, was von der ge- fühlten inhaltlichen Bestimmung des Subjekts übrigbleibt, wenn man das Zufällig-Empirische ihrer jeweiligen Erscheinungsform wegdenkt: Die Notwendigkeit der gefühlten Bestimmung selbst, die Notwendigkeit des Gemüts im Zustande des Gefühls. Das Gemüt im Zustand des Gefühls ist aber das Gemüt als leerer Platz für die Einschreibung der empfundenen Wirkung der Vor-

80

RADO

RIHA

stellung auf das Subjekt. Das »Inhaltliche«, das im Gefühl ver- zeichnet wird, ist nichts als die Leere des Einschreibungs-Plat- zes, durch dessen Offenhalten sich das Gemüt, wie wir gesehen haben, konstituiert. Das Gefühl der Lust/Unlust als Empfindung der gegeben Vorstellung ist die materialisierte Präsenz des leeren Platzes, jener ursprünglichen Rezeptivität des Subjekts, das den »urvedrängten« ersten Akt der Spontaneität darstellt. Als solches ist es eine leere Sinnlichkeit, d.h. ein Sinnliches, das nur materi- ell anwesend, nur da, in sich selbst aber un-sinnig, nichts als die Vergegenwärtigung eines »Sinns ohne Bedeutung« ist. Die in der Sinnlichkeit des Gefühls verzeichnete inhaltliche Be- stimmung des Subjekts ist in sich un-sinnig, aber in dieser Un- Sinnigkeit absolut notwendig. Notwendig deshalb, weil in die- sem Punkt der Auslöschung des Sinns, und darin liegt unserer Meinung nach auch das Unüberschreitbare der Kantschen Kon- zeptualisierung, gerade die Funktion der Vernunft in ihrem not- wendigem Verhältnis mit der Sinnlichkeit zur Geltung kommt. Mit anderen Worten, die Sinnlichkeit des Gefühls als Erschei- nungsform des endlichen Subjekts, des Subjekts als punktueller und radikaler Unterbrechung seiner eigenen objektivierenden und objektiven Weltbezüge, ist in Kants Konzeptualisierung nichts anderes als der Ort des wahren Universellen der Vernunft. Die Vernunft tritt aber in der dritten Kritik in der Form der Idee von der Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnisvermö- gen auf. Wir werden an der komplexen Problematik der Zweck- mäßigkeit bei Kant hier nur zwei Momente festhalten. Erstens, die Idee der Zweckmäßigkeit ist das Prinzip a priori, das die re- flektierende Urteilskraft sich selbst als Prinzip der Beurteilung des Besonderen als Besonderem 27 gibt. Und zweitens, der vom re- gulativen Ideal der Vernunft in der ersten Kritik gestellten For- derung nach einer systematischen Einheit der Erfahrungser- kenntnis – ein Anspruch, von dessen Verwirklichung die Mög- lichkeit des Universellen als solchem abhängt – kann erst vermit- tels des transzendentalen Prinzips der Zweckmäßigkeit, das die reflektierende Urteilskraft sich selbst gibt, also, um eine tref- fende Formulierung von J. Peter zu gebrauchen, vermittels der Struktur der Urteilskraft 28 entsprochen werden. Was ist nun für die Struktur der Urteilskraft kennzeichnend? Zu- sammengefaßt gesagt: In der Reflexion der Urteilskraft über die gegebene Vorstellung kommt es »unabsichtlich«, sozusagen »von selbst« 29 , also ohne daß ein Begriff des Verstandes eingrei- fen würde, zu einer solchen Zusammenstimmung zweier Er-

PLURALE

SUBJEKTE

81

kenntniskräfte, bei der Beurteilung des Schönen etwa des Ver- standes und der Einbildungskraft, daß ein Erkenntniseffekt, der Effekt einer »Erkenntnis überhaupt« 30 , hervorgebracht wird. Die Urteilskraft wird in ihrer Reflexion weder von einem objektiven Verstandesbegriff geleitet noch versucht sie einen Begriff des Gegenstandes zu erarbeiten, nichtsdestoweniger bringt aber das spontane Zusammenspiel der Erkenntniskräfte anläßlich der Vorstellung eines Gegenstandes ein Gefühl der Lust hervor, das einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit stellt und insofern er- kenntnismäßig, rational strukturiert ist. Das Gefühl ist zwar ra- tional strukturiert, besitzt aber nicht die Allgemeinheit und Not- wendigkeit einer objektiven Erkenntnisleistung. Nicht dem Gegenstand kommt also die rationelle Struktur zu, erkenntnis- mäßig strukturiert ist nur das subjektive Verhältnis der Erkennt- nisvermögen, und dieser Sachverhalt wird von Kant als formelle Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnisvermögen be- nannt. Der beurteilte Gegenstand erscheint auf diese Weise als rational erfaßbar, weil aber seine Rationalität nicht vom Ver- stand konstituiert wird, bewahrt er dennoch das für das Beson- dere charakteristische Merkmal des für den begreifenden Ver- stand Zufälligen. In der »Erkenntnis überhaupt«, die sich im Ge- fühl der Lust ausdrückt, kann das Besondere so gedacht werden, daß es sich in das notwendige System einer durchgängigen Er- fahrungseinheit einfügen läßt, zugleich aber in der irreduziblen Kontingenz seiner Besonderheit, als »an sich zufällig« 31 erhalten bleibt. Das bedeutet aber auch, und das ist für uns hier wesent- lich, daß die Vernunftidee der systematischen Einheit der Er- kenntnis, ihr Universalitätsanspruch also, durch das Moment einer irreduziblen Kontingenz begründet und möglich gemacht wird: Durch den kontingenten Erkenntniseffekt, der von der re- flektierenden Urteilskraft hervorgebracht wird. Die durch das Prinzip der Zweckmäßigkeit begründete Idee der systematischen Einheit wird in der dritten Kritik zu einem Uni- versellen, das sowohl Allgemeinheit und Notwendigkeit als auch Besonderheit und Kontingenz umfaßt: das Besondere bleibt für das Universelle zwar »an sich zufällig«, die von ihm repräsen- tierte Kontingenz ist aber für das Universelle absolut notwendig. Durch den Eintritt des Kontingenten ins Universelle wird dieses vervollständigt: Die universelle Vernunft ist jetzt als allumfas- send ausgewiesen, d.h. als ein Universelles, dem es an Nichts, weder an Notwendigkeit noch an Kontingenz, weder am Inneren noch am Äußeren, weder am Allgemeinen noch am Besonderen

82

RADO

RIHA

in seiner irreduziblen Besonderheit mangelt. Aber gerade weil ihm nichts fehlt, verwandelt sich das Universelle der Vernunft in ein von Innen begrenztes Universelle, d.h. in ein Universelles, das seinem Wesen nach nicht-alles, inkonsistent ist. Wir können die Eigentümlichkeit des Universellen in der dritten Kritik auch so ausdrücken. Während in der ersten Kritik die uni- verselle Vernunftidee in ihrem regulativen Gebrauch als leerer Ort eines auf immer abwesenden Unbedingten fungierte, tritt in der dritten Kritik die inkonsistente, weil universelle Vernunft mit dem Anspruch auf, gerade als dieses abwesende, unmögli- che Unbedingte immer auch schon anwesend zu sein. Und die- ser Anspruch wird von der Sinnlichkeit des Gefühls eingelöst. Das »Inhaltliche«, das im Gefühl der Lust/Unlust übrigbleibt, nachdem alles Empirisch-Kontingente der jeweiligen inhaltli- chen Bestimmung des Subjekts weggedacht wurde, ist das In- haltliche der Kontingenz selbst: In der Sinnlichkeit des Gefühls wird jene Kontingenz kenntlich gemacht, vergegenwärtigt, die für das Universelle selbst absolut notwendig ist. Das Gefühl ist die zu ihrem Dasein gekommene radikale Kontingenz des Uni- versellen. Von Kant wird die Sinnlichkeit des Gefühls, wie gesagt, als jenes Subjektive der Vorstellung konzeptualisiert, das nie durch Be- griffe des Verstandes bestimmt, objektiviert werden kann und sich also gegen jedes Verfügen durch die objektive Erkenntnis radikal sperrt. Aber Kant frönt hier bei weitem keiner Mystik eines an sich Unerkennbaren und Unbestimmbaren. Das Subjekt fühlt im Gefühl der Lust/Unlust als apriorischem Vermögen »sich selbst«: Dieses »Selbst«, das es hier empfindet, ist, wie wir jetzt sagen können, das Gefühl als radikale Unterbrechung der Sinnkonstitution, als »Sinn ohne Bedeutung«, in dem das endli- che Subjekt da ist 32 . Aber dieses Moment des Un-Sinnigen ist kei- neswegs unsinnig an sich. In der Konzeptualisierung Kants wird es nämlich gleichzeitig als Ort des vervollständigten Universellen der Vernunft, sozusagen als Statthalter der Möglichkeit des Uni- versellen gedacht. Das Gefühl vertritt das Universelle insofern, als es in seiner un-sinnigen, radikalen Kontingenz die Möglich- keit vertritt, daß es das Universelle in dessen absoluter Notwen- digkeit auch nicht geben könnte. Es nimmt sozusagen durch sich selbst, durch seine eigene Kontingenz dem Universellen die Möglichkeit ab, daß es auch nicht bestehen könnte und macht es dadurch möglich. Anders gesagt, die Sinnlichkeit des Gefühls als Erscheinungsform des endlichen Subjekts ist nur im Verhältnis

PLURALE

SUBJEKTE

83

zum Universellen ein Un-Sinniges, also nur insofern, als dieses Universelle in sich »unsinnig«, d.h. nicht-alles, inkonsistent ist.

*** Fassen wir, abschließend, zusammen, dabei Laclau wenigstens andeutungsweise noch enger mit Kant verbindend. Kants in der dritten Kritik in ihrer Vollständigkeit entwickelte transzenden- tale Theorie der Sinnlichkeit haben wir als Artikulation von Sinnlichkeit und Vernunft, Partikularem und Universellem in ihrem notwendigen Verhältnis behandelt. Dieses innere, notwen- dige Verhältnis ist es nämlich, was uns unserer Meinung nach ermöglicht, die am Anfang angeführte doppelte Aufgabe Laclaus in Angriff zu nehmen. Sie ermöglicht uns also einerseits, auf der Seite des Partikularen, die Problematik der Endlichkeit des Sub- jekts bzw. plurale Subjekte als konkrete Endlichkeiten, und ande- rerseits, auf der Seite des Universellen, »neue Sprachspiele mit dem Universellen« bzw. ein inkonsistentes Universelles, zu den- ken. Dieses notwendige Verhältnis haben wir selbst als singulä- res Universelles benannt: Es handelt sich um den Typ eines Uni- versellen, das nur von seinen Wirkungen her gedacht werden kann. Kants Konzeptualisierung führt uns zwei dieser Wirkun- gen in ihrer notwendigen Artikulation vor: Das Subjekt, das end- lich, d.h. eine punktuelle und radikale Unterbrechung jeder Sinnkonstitution ist, und ein inkonsistentes Universelles, das seine wahre, vollständige Form gerade am Ort dieser radikalen Unterbrechung, in deren irreduzibler Singularität vorfindet. Beide Male handelt es sich um Wirkungen, deren positive Be- deutung brüchig, verschwindend, mehr noch, deren Identität in sich selbst unmöglich ist. Die Aufgabe, konkrete Endlichkeiten mit einem dezentrierten Universellen zu artikulieren, verlangt also von uns, wie nicht schwer zu sehen ist, etwas Unmögliches, Reales, jede Artikula- tion Desartikulierendes zu artikulieren. Schwerer ist nun zu se- hen, wie diese unmögliche Aufgabe gerade als unmögliche mög- lich gemacht werden könnte. Genau dieses Problem wird aber von Laclau in den Mittelpunkt seiner Reflexion des Politischen gestellt. Wir können es unter anderem auch in der Form der Frage nach der Bestimmungsmöglichkeit von vielfältigen politischen Iden- titäten finden, mit der Laclau seine Thematisierung des Verhält- nisses zwischen dem Universellen und dem Partikularen auf das Terrain des Politischen überträgt. Es handelt sich um eine Frage,

84

RADO

RIHA

die heute durch die Vervielfältigung von ethnischen und natio- nalen Identitäten in Osteuropa und der ehemaligen Sowjet- union, durch neue Formen sozialer und politischer Bewegungen im Westen auf eine wirklich sinnlich-wahrnehmbare Weise von der historisch-politischen Situation selbst auf die Tagesordnung gestellt wird. 33 Was aber Laclaus Konzeptualisierung dieser Viel- falt zur inhaltlichen Formulierung der Aufgabe macht, Unmögli- ches als Unmögliches zu artikulieren, ist unserer Meinung nach die Tatsache, daß sie, ungeachtet ihrer »praktischen« Herkunft, bei Laclau dennoch als ein philosophisch »normiertes« Problem erscheint. Führt uns nämlich Laclau nicht klar vor, daß das aktu- elle situationelle Aufblühen von partikularen politischen Iden- titäten zwar in der Form des deskriptiven Begriffs der Ausbrei- tung festgehalten und behandelt werden kann, daß es aber so- wohl theoretisch als auch praktisch-politisch erst dann wirklich zählt, wenn die bestehende Vielfalt des Partikularen sozusagen im Partikularen selbst reflektiert wird? Das heißt, wenn die Viel- falt des Partikularen als letztendlich philosophische Frage und »Norm« einer zur Erscheinung gekommenen »innerlich gespalte- nen Identität« 34 gestellt wird? Wir haben hier jene Formulierun- gen im Sinn, in denen Laclau davon spricht, daß sich »ein wirk- lich der Veränderung verschriebener Partikularismus nur durch- setzen kann, indem er sowohl das zurückweist, was seine Iden- tität verneint, als auch diese Identität selbst«, daß eine politi- schen Identität nur in der »widersprüchlichen Bewegung exi- stiert, gleichzeitig eine differentielle Identität durchzusetzen und sie durch die Einordnung in ein nicht-differentielles Medium aufzuheben« 35 . Weit davon entfernt, eine politische Situation nur zu beschreiben, ihr zu folgen, wird hier vielmehr an die politi- sche Wirklichkeit ein genau formuliertes Maß ihres wirklichen Seins herangetragen. Laclaus auf dem Terrain des Politischen formulierte, inhaltliche Bestimmung der Aufgabe, das Unmögliche als Unmögliches zu artikulieren, kann aber unserer Meinung nach nur in der begriff- lichen Form der dritten Kritik, d.h. in der Form der reflektieren- den Urteilskraft entwickelt werden. Genauer gesagt in der »Ele- mentarform« der reflektierenden Urteilskraft, im urteilenden Akt »Das ist der Fall« 36 . In diesem Urteil werden ein Partikulares, der Fall, und ein Universelles, seine Regel, durch ihr Verhältnis bestimmt, aber die Bestimmung geschieht nicht durch die Sub- sumption des Partikularen unter sein Universelles. Dem reflek- tierenden Urteilen stehen nämlich kein schon gegebenes Univer-

PLURALE

SUBJEKTE

85

selles, kein Begriff und keine Regel zur Verfügung, es kann viel- mehr nur so urteilen, daß es in der Benennung eines Partikula- ren als Fall die ihm entsprechende Regel erst herstellt, erfindet. Die zustandegekommene Artikulation von Partikularem und Universellem bringt gleichzeitig als ihren auf immer verlorenen »Ursprung« den Knoten eines singulären Universellen hervor. Es läßt sozusagen als seine eigene Spur ein Universelles zurück, das erst durch den abgründigen, singulären Urteilsakt, der es her- stellt, zu seiner allumfassenden Universalität kommt, in sich selbst also der Ort eines Unmöglichen, Realen ist. Der reflektie- rende Urteilsakt kann insofern als eine Operation verstanden werden, in der das im Urteilsakt selbst lozierte Reale vergegen- wärtigt, d.h. als unmögliches Reales möglich gemacht, sozusa- gen in seinem Unmöglichen »amortisiert« wird. In der Form des reflektierenden Urteils interessiert deshalb, weit mehr als die je- weilige Bestimmung von Partikularem und Universellem selbst, vor allem die Frage, auf welche Weise und wo in ihm die Spur des Realen geortet werden könnte. Jetzt ist es wahrscheinlich schon klarer geworden, warum wir argumentieren können, daß Laclaus Affirmation einer innerlich gespaltenen politischen Identität schon ein reflektierendes Urteil ist und nur in der Form der reflektierenden Urteilskraft aufge- stellt werden kann. Laclaus Behauptung ist nämlich, wie wir oben festgestellt haben, keine deskriptive Feststellung, sondern ist schon begrifflich strukturiert. Kurz, sie ist schon eine »nor- mative«, eine philosophische Behauptung über das Politische. Innerhalb des metaphysikkritischen dekonstruktivistischen Den- kansatzes, in den sich auch Laclaus Argumentation bewegt, kann das aber nur eines bedeutet: sie stellt den Anspruch auf, daß es eine philosophische Aussage über das Politische geben soll, die imstande ist, dem klassischen normativen, als Relation der Herrschaft aufgebauten Verhältnis zwischen der Philosophie und dem Politischen auszuweichen 37 . Dieser Anspruch ist aber dem Kerneinsatz der reflektierenden Urteilskraft analog, einen neuen Typ des Universellen, d.h. ein dezentriertes, von einem ir- reduziblen Singulären supplementiertes Universelles aufzu- bauen. Und wegen dieser Analogie muß unserer Meinung nach aus der Aussage von innerlich gespaltenen politischen Identitä- ten folgende Schlußfolgerung gezogen werden: diese Aussage ist erst dann gerechtfertigt – d.h. die in der Aussage anvisierten po- litischen Identitäten gibt es wirklich auf dem Terrain des Politi- schen, ohne daß es sich dabei um ein philosophisch gebotenes

86

RADO

RIHA

Sein handeln würde, so also, daß ihr Gegebensein in einer abso- luten Unabhängigkeit des Politischen von normierendem philo- sophischen Denken verankert ist – wenn die Aussage ihrem eige- nen Anspruch gerecht wird, die Konstruktion einer nichtnorma- tiven Norm zu sein, d.h. die Konstruktion eines Universellen, das weder von seinem Partikularen bestimmt wird, noch das Parti- kulare immer schon in sich begreift, sondern von einer irredu- ziblen Partikularität, von einem Singulären supplementiert wird. Die philosophische Aussage von den vielfältigen Identitä- ten ist, noch bevor sie eine Aussage über das Politische ist, eine Aussage über die Philosophie. Sie ist als eine den Bann des phi- losophischen Begriffs überschreitende Aussage strukturiert: als Versuch, den philosophischen Begriff nicht so sehr zu dekonstru- ieren, als vielmehr einen nichtbegrifflichen Begriff, d.h. einen mit seinem Heterogenen, Realen artikulierten Begriff zu konstru- ieren. Und nur insofern dieser Versuch gelingt, gibt es auch, ohne daß noch eine begriffliche Demonstration ihres Gegeben- seins notwendig wäre, auf dem Terrain des Politischen Bewe- gungen, Gruppen, Kämpfe, die sich, wie wir mit Laclau sagen würden, als in sich vielfältige Identitäten durch die Zurückwei- sung ihrer differentiellen Identität ausbilden.

ANMERKUNGEN

1 Ernesto Laclau, »Universalismus, Partikularismus und die Frage der Identität«, (aus dem Englischen von O. Marchart), in: Mesotes, Jhrg. 4, Nr.3, Wien 1994, S. 287–299.

2 Cf. a.a.O., S. 288.

3 Cf. Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time, Verso, London, New York 1990, S 4.

4 Näheres über einige dem »Diskurs der Moderne« verbundene Lesarten der dritten Kritik, die übrigens auch eine positive Validierung der End- lichkeit des Subjektes und einen restringierten Gebrauch des Universel- len vorschlagen, ist zu finden in J. Lenoble/A. Berten, Dire le norme, E. Story Scientia, Bruxelles 1990.

5 Cf. G. Lardreau, Véracité, Verdier, Paris 1993, S. 148 ff.

6 Lardreaus Bemerkung kann auch auf das Argument von Gilles Deleuze zurückgeführt werden, daß nämlich mit Kant zum ersten Mal vom Gesetz als Gesetz, d.h. von einem ohne jede Bestimmung und ohne Objekt fun- gierenden, nur in seiner Form begründeten Gesetz gesprochen werden könne, während es vor Kant Gesetze nur im Plural, nur als so oder an- ders bestimmte Gesetze gab, cf. Gilles Deleuze, Présentation de Sacher- Masoch, Minuit 10/18, Paris 1967, S. 81ff.

PLURALE

SUBJEKTE

87

8 In: Passions et politique, Rue Descartes, No 12-13, Albin Michel, Paris 1995, S. 177-196.

9 E. Laclau, »Universalismus … «, a.a.O., S. 297.

10 Ibid., S. 297/8.

11 Cf. zu der revolutionären Bedeutung der Geste, mit der Kant durch sei- nen Begriff einer Sinnlichkeit a priori die traditionelle Koppelung von Spontaneität und Apriorität, Verstand und Apriorität unterbrochen hat, Francois-Xavier Chenet, L’assise de l’ontologie critique. L’esthetique trans- cendentale, Presses universitaires de Lille, 1994, S. 38.

12 Die Sinnlichkeit interessiert uns hier als die irreduzibel subjektive Dimen- sion der stets intentionellen Vorstellungen, wie sie bei Kant etwa in der Metaphysik der Sitten bestimmt wird: »Nun kann das Subjektive unserer Vorstellungen entweder von der Art sein, daß es auch auf ein Objekt zum Erkenntnis desselben […] bezogen werden kann. In diesem Fall ist die Sinnlichkeit, als Empfänglichkeit der gedachten Vorstellung, der Sinn. Oder das Subjektive der Vorstellungen kann gar kein Ernenntnisstück werden; weil es bloß die Beziehung derselben aufs Subjekt und nichts zur Erkenntnis des Objektes Brauchbares enthält, und alsdann heißt diese Empfänglichkeit der Vorstellung Gefühl; welches die Wirkung der Vor- stellung (diese mag sinnlich oder intellektuell sein) aufs Subjekt enthält und zur Sinnlichkeit gehört, obgleich die Vorstellung selbst zum Ver- stande oder der Vernunft gehören mag«, Einleitung, A/B 2.

13 Beim Gefühl der Lust oder Unlust wird die Vorstellung »lediglich auf das Subjekt bezogen, und dient zu gar keinem Erkennen, auch nicht zum demjenigen, wodurch sich das Subjekt selbst erkennt. [ … ] Wir [ … ] wollen das, was jederzeit bloß subjektiv bleiben muß und schlechter- dings keine Vorstellung eines Gegenstandes ausmachen kann, mit dem sonst üblichen Namen des Gefühls benennen«, KdU, Par. 3, A/B 9-10.

14 Diese Wende kommt deutlich in der transzendentalen Definiton des Ge- fühls in der Kritik der Urteilskraft zum Ausdruck. Sie lautet: »Lust ist ein Zustand des Gemüts, in welchen eine Vorstellung mit sich selbst zusam- menstimmt, als Grund, entweder diesen bloß selbst zu erhalten (denn der Zustand einander wechselseitig befördernden Gemütskräfte in einer Vorstellung erhält sich selbst), oder ihr Objekt hervorzubringen. Ist es das erstere, so ist das Urteil über die gegebene Vorstellung ein ästheti- sches Reflexionsurteil. Ist es aber das letztere, so ist es ein ästhetisch-pa- thologisches, oder ästhetisch-praktisches Urteil«, KdU, Einleitung, 1. Fassung, VIII, Anmerkung.

15 KdU, Einleitung, 1. Fassung, III.

16 KdU, Par. 1, A/B 3.

17 Vermittels dieses Begriffes löst Kant das Problem, das sich beim Ver- such, das moralische Gefühl der Achtung a priori zu begründen, gestellt hat. Der zweiten Kritik war es zwar gelungen, eine Verbindung a priori zwischen dem Gefühl der Lust und dem Erkennntis- und Begehrunsver- mögen herzustellen, insofern als in der objektiven Bestimmung des Be- gehrungsvermögens durch die Vernunft zugleich subjektiv ein morali- sches Gefühl vermerkt werden konnte. Aber es ließ sich nicht erklären, daß diese Verbindung kein kausales Verhältnis zwischen dem Vernunft- begriff als Ursache und Gefühl als Wirkung sei. So stellt Kant im Par. 12

88

RADO

RIHA

der dritten Kritik zunächst fest, daß in der zweiten Kritik das Gefühl der Achtung »von allgemeinen sittlichen Begriffen a priori abgeleitet« wurde, und korrigiert dann diese Aussage sofort: »Allein selbst da leite- ten wir eigentlich nicht dieses Gefühl von der Idee der Sittlichkeit als Ur- sache her, sondern bloß die Willensbestimmung wurde davon abgeleitet. Der Gemütszustand aber eines irgend wodurch bestimmten Willens ist an sich schon ein Gefühl der Lust und mit ihm identisch [ … ]« KdU, Par, 12, A/B 36.

18 Cf dazu Louis Guillermit, L’eludicidation critique du jugement de gout se- lon Kant, Editions du CNRS, Paris 1986, S. 148 f.

19 Für den Unterschied des Gemüts als »System« und als bloßes »Aggregat« cf. KdU, 1. Einleitung, III.

20 Etwa des Verstandes und der Einbildungskraft, wie etwa bei der reflek- tierenden Beurteilung des Schönen.

21 Wenigstens auf der Ebene der transzendentalen Ästhetik, auf der wir uns hier bewegen.

22 Wir wollen damit nicht andeuten, daß die irreduzible Zweiheit der Er- kenntnisquellen in einer »ursprünglichen« Einheit verbunden werden sollte. Ganz im Gegenteil, was in der ersten Kritik fehlt – und in der dit- ten »nachgeholt« wir – das ist gerade die Artikulation der Zweiheit als ir- reduziblen Zweiheit.

23 Cf. KrV, B 118/A 86.

24 Durch diese Konstitutionsleistungen wird ja die Welt der empirischen Erfahrung gerade konstituiert.

25 »Also kann jene subjektive Einheit des Verhältnisses /der Erkenntnisver- mögen – RR/ sich nur durch Empfindung kenntlich machen«, KdU, Par. 9, A/B 31.

26 KrV, A 86/B 118.

27 Das Anliegen der reflektierenden Urteilskraft ist es, die Möglichkeit einer Erkenntnis des Besonderen in seiner irreduziblen Besonderheit zu be- gründen, d.h. die prinzipiell unendliche empirische Mannigfaltigkeit der Naturformen in ein System der Erfahrung zu bringen. Im Unterschied zur bestimmenden Urteilskraft besitzt dabei, wie wir wissen, die reflek- tierende Urteilskraft kein Allgemeines, keine Norm, vermittels deren sie urteilen könnte. Sie stellt vielmehr in der Beurteilung eines Besonderen als »Falls einer Regel« mit dem besonderen Fall gleichzeitig auch die ihm entsprechende Regel auf.

28 Cf. Joachim Peter, Das transzendentale Prinzip der Urteilskraft. Eine Un- tersuchung zur Funktion und Struktur der reflektierenden Urteilskraft bei Kant, Kantstudien-Ergänzungsheft, Bd. 126, de Gruyter, Berlin 1992. In diesem Werk wird die These von der Begründung der Idee der systemati- schen Einheit durch das Prinzip der Zweckmäßigeit überzeugend und detailliert nachgewiesen.

29 Cf. KdU, Einleitung, 1. Fassung, IX, Einleitung, 2. Fassung, VII.

30 KdU, Par. 9, B/A 29.

31 KdU, Einleitung, 2. Fassung, V, BXXXIV/A XXXII.

PLURALE

SUBJEKTE

89

stenzmodus müßte unserer Meinung nach mit dem Existenzmodus ver- bunden werden, der von Kant im Ich der transzendentalen Apperzeption angesprochen wird, im Ich » … nicht wie ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur, daß ich bin«, KrV, B 157.

33 Cf. E. Laclau, »Universalismus … «, S. 288.

34 Ibid., S. 295.

35 Ibid., S. 293 u. 294.

36 Das, was wir hier »Elementarform« der Urteilskraft nennen, wird von Lyotard als wesentliches Merkmal »des Kritischen« bei Kant entwickelt; cf. Jean-Francois Lyotard, »l’enthousisame. La critiquw kantinenne de

l’histoire, Editions Galilée, Paris 1986; dt. Übersetzung v. Ch. Pries, Der Enthousiasmus. Kants Kritik der Geschichte, Passagen Verlag, Wien

1988.

37 Einem Verhältnis, in dem die Philosophie entweder das Politische in sei- ner Wahrheit bestimmt oder aber, in einer spiegelbildlichen Umkehrung dieser Relation, vom Politischen in ihrer Wahrheit bestimmt wird.

Gibt es eine Politik des Politischen?

DÉMOCRATIE À VENIR BETRACHTET VON CLAUSEWITZ AUS DEM KOPFSTAND

OLIVER MARCHART

Gibt es eine Politik des Politischen, bzw. sollte es sie geben? Eine seltsame Frage. Offenbar setzt sie eine Differenz zwischen den zwei Begriffen der Politik und des Politischen voraus – sowie eine gewisse Unsicherheit bezüglich ihrer Vereinbarkeit. Nach einem kurzen Überblick über entsprechende Theorisierungen dieses Unterschieds (Nancy, Ÿiÿek, Lefort, Foucault, immer wie- der mit Rückgriff auf Laclau) werde ich auf verschiedene Vor- schläge eingehen, das Politische in einer Politik zu aktualisieren (Badiou, Derrida und wiederum Laclau/Mouffe). Damit hoffe ich, in diesem zweiten Schritt zeigen zu können, wie eine reine Politik des Politischen keine Politik sein kann, sondern im be- sten Fall eine Ethik. Im französischen Theorieraum ist mit der einschlägigen Unter- scheidung zwischen Politik und dem Politischen vor allem das Projekt von Jean-Luc Nancy und Philippe Lacoue-Labarthe ver- bunden. Ausgehend von der »Les fins de l’homme«-Konferenz 1980 in Céresy entwickelte sich über die damaligen Teilnehmer das Projekt, die Dekonstruktion auf ihr politisches Potential hin abzuklopfen. Zu diesem Zweck gründeten Nancy und Lacoue- Labarthe ein Zentrum für philosophische Forschung zum Politi- schen an der Ecole Normale Supérieure, das bis 1984 existieren sollte 1 . In diesem Zeitraum wurde programmatisch eine Unter- scheidung zwischen der Politik und dem Wesen des Politischen herausgearbeitet, wobei letzteres koextensiv mit dem Philo- sophischen gefaßt war. Die Unterscheidung scheint sich aus den Problemen einer damals zur Verhandlung gestandenen konkre- ten Politik der Dekonstruktion (Engagement, Stellung beziehen,

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

91

Marx verteidigen, oder Rückzug) ergeben zu haben, deren un- klarer Status wiederum eine Dekonstruktion des Politischen not- wendig machen sollte. Nach der zentralen These sei »alles politisch« geworden, wo- durch sich andererseits das Politische immer mehr zurückziehe und dem »ökonomisch-sozio-technisch-kulturellen Komplex« Platz 2 mache – eine Anlehnung an Hannah Arendt und Martin Heidegger. Mit einem solchen Konzept des Politischen – das im schlimmsten Fall mit einer »Rückrufung« des Politischen enden könnte, was Nancy und Lacoue-Labarthe natürlich strikt zurückweisen 3 – hat die Laclausche gleichnamige Kategorie al- lerdings kaum etwas zu tun. Das Politische ist bei Laclau nicht ein verschüttetes Eigentliches der Politik. Ihm geht es um eine argumentativ entwickelte Unterscheidung zweier notwendiger Korrelate eines als Diskurs konzeptualisierten Sozialen. Das Po- litische ist in diesem quasi-transzendentalen Sinne eine denk- notwendige Voraussetzung, die Funktionslogik und Ermögli- chungsbedingung von Politik und Sozialem. Wir werden darauf zurückkommen. Slavoj Ÿiÿek bezieht sich auf diese von Laclau und auch Claude Lefort herausgearbeitete Differenz zwischen dem Politischen und der Politik, wenn er die Differenz in einer zwischen Dekon- struktion und Lacanianismus schwankenden Begrifflichkeit be- schreibt als »die Differenz zwischen ›Politik‹ als separatem so- zialen Komplex, einem positiv determinierten Subsystem von Sozialverhältnissen in Interaktion mit anderen Subsystemen (Ökonomie, Kulturformen … ) und dem ›Politischen‹ [le Poli- tique] als dem Moment der Offenheit, der Unentscheidbarkeit, wenn das eigentliche Strukturprinzip von Gesellschaft, die fun- damentale Form des Gesellschaftsvertrags, in Frage gestellt wird« (Ÿiÿek 1991, 193). Soziologien, der klassische Marxismus, aber auch Bürgerbewegungen sind nicht bereit, das Politische als Prinzip der Offenheit, der Unentscheidbarkeit und der Be- drohung des Sozialen der Politik hinzuzurechnen. Wenn etwa für die Soziologie Politik sich auf jenes Subsystem reduziert, das sich um die Selbstregulierung der Gesellschaft zu kümmern hat, schwindet die Bedeutung des Politischen ins Unkenntliche. Das Politische ist nicht mehr die negativ gründende Instanz der Ge- sellschaft – jene Instanz, welche die Gesellschaft gleichzeitig als Horizont ermöglicht und als Totalität verunmöglicht –, und Poli- tik ist daher nicht der Bereich, der mit der prekären Logik des Politischen fertigwerden muß. Das Räderwerk der Subsysteme

92

OLIVER

MARCHART

gleicht einer symbolischen Ordnung, die in sich kreist und deren Symbolisierung nichts entgeht, die also kein konstitutives Äuße- res der Signifikation kennt, resp. kein Reales im lacanschen Sinn. Ÿiÿek geht in der Bestimmung der Politik noch einen Schritt weiter, indem er das spezifische Subsystem Politik geradezu die Instanz des Politischen repräsentieren läßt. Politik sei eine Meta- pher des Politischen, die, so Ÿiÿek in offensichtlicher Überein- stimmung mit Derrida, an die gewalttätige Gründung der Gesell- schaft erinnert (»gewalttätig«, da eine kontingente Enscheidung auf einem unentscheidbaren Terrain nicht ihrerseits noch auf eine trans-kontingente Legitimation zurückgreifen kann): »›Poli- tik‹ als ›Subsystem‹, als eine separate Sphäre der Gesellschaft, repräsentiert innerhalb der Gesellschaft deren vergessene Grün- dung, deren Genese aus einem gewalttätigen, abgründigen Akt – sie repräsentiert innerhalb des sozialen Raums, was herausfallen muß, wenn dieser Raum sich konstituiert« (Ÿiÿek 1991, 194). Und Ÿiÿek faßt diese Bewegung in die Lacansche Formel des Subjekts: »Politik als Subsystem repräsentiert das Politische (Subjekt) für alle anderen Subsysteme« (Ÿiÿek 1991, 194). Nach dieser Annäherung an das Problem durch Ÿiÿek können wir eine erste Arbeitsbeschreibung der beiden Bereiche wagen: Während wir unter Politik die Instanz des »coming to terms« mit dem Po- litischen verstehen, bezeichnen wir als dieses Politische die In- stanz, bzw. den Ort des Antagonismus (Laclau) resp. des Realen (Ÿiÿek), der ein solches »Zurandekommen« notwendig macht und gleichzeitig untergräbt.

I: DAS POLITISCHE ALS INSTANZ DES ANTAGONISMUS

Auf die Frage, was von Karl Marx bleibe, antwortet Chantal Mouffe: »Eine nach wie vor wichtige Einsicht – die wir aber nach dem Verschwinden des Marximus auf eigene Gefahr igno- rieren – ist die Idee des Antagonismus. Der Fehler von Marx und später des Marxismus lag darin, Antagonismus nur im Sinne von Klassen-Antagonismus zu denken« (Mouffe 1993b, 408). Mit der Einführung des Konflikts in Form einer grundlegenden gesell- schaftlichen Teilung bricht Karl Marx mit der klassischen Vor- stellung einer Gesellschaft als Einheit. Mit dem Kapitalismus gibt sich der Klassenkampf, der nach Marx in jeder Gesellschaft

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

93

der Motor der Geschichte war, in seiner reinen Form zu erken- nen. Als Trennung zwischen den Mehrwert-Produzenten und de- ren Ausbeutern, die beide über ihre Stellung zu den Produkti- onsmitteln politisch definiert sind: als ihnen enteignet oder als deren Besitzer. Daraus entsteht im Kapitalismus erstmals ein vollständiges Bewußtsein des Klassenantagonismus und daraus wiederum die politische Organisierbarkeit des Proletariats. Das Ziel einer klassenlosen, transparenten Gesellschaft ohne Aus- beutung impliziert für Marx das Verschwinden des Antagonis- mus. Marcel Gauchet nennt dies das Postulat des sekundären und auflösbaren Charakters der gesellschaftlichen Teilung. Alle fol- genden Theorien, von Foucault über Lefort/Gauchet zu Laclau/Mouffe, dementieren nicht nur die Gültigkeit dieses Po- stulats, sie erkennen auch dessen totalitäre Implikationen. Nicht nur für Chantal Mouffe ist der versöhnbare und auflös- bare Charakter des Marxschen Antagonismus ein Ärgernis, denn gerade die imaginäre Schließung des Antagonismus ist der di- rekte Weg in den Totalitarismus. Mit der Psychoanalyse Freuds und der von ihr konstatierten unüberwindbaren Spaltung des Subjekts ist gegen diese Hoffnung auf die versöhnte Gesellschaft gerade die Idee der prinzipiellen Unauflösbarkeit dieser Spal- tung stark zu machen. Beide – Freud und Marx – hatten die barre entdeckt, die die Objekte ihrer Untersuchungen durchzog: das gespaltene Subjekt und die antagonistische Gesellschaft. Für Gauchet ist der Totalitarismus geradezu die traumatische »Wie- derkehr des verdrängten Politischen« (Gauchet 1990, 208). Mi- chel Foucault bezweifelt allerdings die Entdeckung der antago- nistischen Verfaßtheit der Gesellschaft durch Marx. So leitet Foucault – in einer am 21. Januar 1976 gehaltenen Vorlesung – den Umschwung zu einem antagonistischen Gesellschaftsbild von einem früheren Diskurs einiger recht unbekannter Politiker und Theoretiker ab (»häufig obskure Leute«, so Foucault), zu denen Sir Edward Coke (1552-1634) und John Lilburne (1614- 1657) in England zählen, in Frankreich etwa Charles Henri D’Estaing (1729-1794) aus dem Hause des ehemaligen Präsiden- ten oder Filippo Michele Buonarotti (1761-1837) aus dem Hause des ehemaligen Kaisers, weiters Augustin Thierry (1795-1837) und Adolphe Thiers (1797-1877) (vgl. Anhang von Foucault 1986, 55ff.). Was diese Personen zu einem »Diskurs« verbindet, ist ein Gedanke, der sich durch den gesamten Foucault der 70er- Jahre zieht und seine Macht-Konzeption sozusagen als harter Kern – als Skelett – stützt. In seiner kürzesten Version lautet er

94

OLIVER

MARCHART

folgendermaßen: Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit ande- ren Mitteln. Dieser Satz ist etwas mehr als ein lahmer Kalauer, insofern er je- nen von Clausewitz nicht nur umdreht (was sich auch schon Le- nin erlaubt hatte). Foucault spricht vielmehr den Verdacht aus, daß der Gedanke bereits vor Clausewitz existierte, welcher ihn seinerseits umdrehte. Und zwar existierte er im Diskurs 4 der er- wähnten Theoretiker. Deren Leistung sei es, nach Foucault, den Krieg in der Friedensordnung, die Schlachtordnung in der poli- tischen Ordnung entdeckt zu haben:

»Die rechtliche Organisation der Macht, die Struktur der Staa- ten, der Monarchien, der Gesellschaften hat ihr Prinzip nicht dort, wo der Lärm der Waffen verstummt. Der Krieg ist nicht zu Ende. zunächst hat er die Geburt der Staaten eingeleitet. Das Recht, der Frieden, die Rechte sind im Blut und Schlamm der Schlachten geboren worden. ( … ) Das Gesetz ist nicht Befrie- dung. Unter dem Gesetz geht der Krieg weiter, er wütet weiter innerhalb aller Machtmechanismen, auch der geregeltsten.« (Foucault 1986, 11f.) Was Foucault in seiner blumigen/blutigen Sprache an diesem Diskurs festhält, ist dessen Erkenntnis, daß es nur zwei gesell- schaftliche Parteien gibt: »Eine binäre Struktur durchzieht die Gesellschaft« (Foucault 1986, 12). Das ist neu gegenüber dem organizistischen Bild vom Gesellschaftskörper, das vorherige Gesellschaftstheorien pflegten; und es unterscheidet sich vom Hobbesschen Naturzustand, denn nicht jeder kämpft gegen je- den, sondern zwei Heere stehen sich gegenüber. Es existiert also schon eine Struktur, eine Ordnung: »Eine Schlachtlinie durch- quert die gesamte Gesellschaft durchgängig und andauernd, und diese Schlachtlinie stellt jeden von uns in ein Lager oder in ein anderes« (Foucault 1986, 12). Diese klare binäre Strukturierung, als Folge des Kriegszustands hinter der Fassade des Friedens, ist die Grundlage für die sich darauf erhebende diffusionistische Machttheorie Foucaults. In den beiden anderen Büchern, in de- nen er diese ausarbeitet, kehrt der auf den Kopf gestellte Clause- witz an versteckter Stelle wieder. So fragt Foucault in Der Wille zum Wissen: »Heißt das, daß man die Formel umkehrend sagen muß: die Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mit- teln?« (Foucault 1983, 114). Ein paar Seiten weiter gibt Foucault die Antwort darauf, wenn er sagt, daß »es einer der grundlegend- sten Züge der abendländischen Gesellschaften ist, daß die Kräf- teverhältnisse, die lange Zeit im Krieg, in allen Formen des Krie-

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

95

ges, ihren Hauptausdruck gefunden haben, sich nach und nach in der Ordnung der politischen Macht eingerichtet haben« (Fou- cault 1983, 124). Und in Überwachen und Strafen stoßen wir auf denselben inver- tierten Clausewitz, eine verborgene Konstante in Foucault: »Es mag sein, daß der Krieg als Strategie die Fortsetzung der Politik ist. Aber man darf nicht vergessen, daß die ›Politik‹ als die Fort- setzung wenn schon nicht eigentlich des Krieges so doch des mi- litärischen Modells konzipiert worden ist: als grundlegendes Mittel zu Verhütung der bürgerlichen Unordnung« (Foucault 1992, 217). Das dürfte nun nicht nur die Sympathie Foucaults mit der vorgestellten Tradition belegen, sondern auch den Sta- tus, der diesem Konzept in einer Rekonstruktion einer – be- kanntlich nicht formulierten – Politischen Theorie Foucaults zu- zuschreiben wäre. Mit einer Betonung des Antagonismus als in- stituierender Kategorie hinter aller Mikropolitik würde sich Foucault zumindest tendenziell in eine Reihe politischer Philo- sophien stellen, die das Antagonismusmodell für die Politik übernehmen, von dem hier zitierten »disqualifizierten Diskurs« zu Karl Marx, Carl Schmitt, Mao, Claude Lefort bis zu Ÿiÿek, Laclau und Mouffe. Marcel Gauchet geht zusammen mit Claude Lefort unter dem Ti- tel »Die totalitäre Erfahrung und das Denken des Politischen« (von Lefort redigiert) nun – wie Chantal Mouffe bezüglich der Unauflösbarkeit des Antagonismus – von Freud aus: »Freud gegen Marx« (Gauchet 1990, 211). Der unüberschreitbare Dua- lismus von Lebens- und Todestrieb stehe, so Gauchet, im Zen- trum der Organisation des Ich: »Während aber für Marx der ge- sellschaftliche Konflikt offenkundig auf eine Gesellschaft jen- seits des Konflikts verweist, so ist der psychische Konflikt als letztes seelisches Organisationsprinzip für Freud ebenso offen- kundig unauflösbar« (Gauchet 1990, 211). Diese Freudsche Kon- zeption der Unauflösbarkeit des Konflikts muß der Marxschen der Auflösbarkeit des Antagonismus in eine klassenlose Gesell- schaft entgegengesetzt werden. Der kommunistische Totalitaris- mus dementierte bekanntlich die Unauflösbarkeit des gesell- schaftlichen Antagonismus, indem er behauptete, mit der Ab- schaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln auch die Ursachen des Antagonismus zwischen Kapitalisten und Ar- beitern abgeschafft zu haben. Aber nicht nur die gesellschaftli- che Einheit qua Beseitigung der Existenzgrundlagen der Klassen wird vom Totalitarismus behauptet, sondern darüberhinaus die

96

OLIVER

MARCHART

Identität von Staat und Volk, von Staat und Gesellschaft. Und auch der faschistische Diskurs leugnet die Konfliktualität der Gesellschaft, indem er die angebliche Identität der Interessen von Kapital und Arbeit behauptet. Die demokratische Gesell- schaft dagegen pflegt – zumindest auf den ersten Blick – ein sa- voir vivre mit den ihr immanenten Konfrontationen und verzich- tet auf die Illusion eines einheitlichen Volkswillens. Was der Totalitarismus jedenfalls gezeigt hat – und der Zusam- menbruch des Ostblocks bestätigt hierin Lefort und Gauchet nachträglich –, war gerade das Scheitern einer bloß dekretierten Einheit der Gesellschaft. Deren Teilung bleibt nämlich in ande- rer Form bestehen: der Staat übernimmt jetzt mithilfe seiner Verwaltungsbürokratie die Funktion des Ausbeuters. Wenn es dem Totalitarismus somit nicht gelingt, die gesellschaftliche Tei- lung qua Kollektivierung der Produktionsmittel auszulöschen, dann drängt sich der Verdacht auf, daß die gesellschaftliche Dif- ferenz Arbeiter/Kapitalisten nicht die politische Differenz Staat/Gesellschaft erzeugt. An diesem Punkt stülpt Gauchet Marx vollkommen um und behauptet das Gegenteil, nämlich die logische Priorität des Politischen. Die politische Teilung bringt die gesellschaftliche hervor, die Abtrennung des Staates die Klas- senherrschaft. Doch ist die gesellschaftliche Teilung einmal als Ursprung der politischen ausgeschlossen, schließt sich sofort die nächste Frage an, die Frage nach dem Ursprung der politischen Teilung. Gauchet löst das Problem mit einem radikalen »Interpretations- sprung« 5 , indem er die Kausalordnung verläßt und behauptet, die politische Teilung sei weder ableitbar noch auflösbar, son- dern ursprünglich:

»Ursprünglich in dem Sinne, daß der antagonistische Gegensatz der Gesellschaft zu sich selbst auf keine vorgängig konstituierte Grundlage in der Gesellschaft bezogen werden kann. Umgekehrt ist es eben jener antagonistische Gegensatz der Gesellschaft zu sich selbst, der die Gesellschaft als solche begründet, ihr zu exi- stieren erlaubt, sie zusammenhält. Die Gesellschaft ist wesent- lich gegensätzlich verfaßt, sie setzt sich nur im Gegensatz zu sich selbst, d.h., indem sie sich zum Anderen ihrer selbst macht. Ursprünglich ist die Teilung also, weil die Existenz der Gesell- schaft ohne die politische Teilung nicht zu begreifen ist. Die Möglichkeit von Gesellschaft hängt von der Tatsache ihrer Tei- lung ab. Diese steht am Ursprung der Gesellschaft« (Gauchet 1990, 224f.).

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

97

Gauchet spezifiziert diese noch abstrakte Beschreibung der Gründung des kollektiven Raums nach zwei Seiten hin. Gesell- schaft erzeugt sich einerseits durch die Teilung zwischen sich selbst und ihrem Außen, nämlich der Instanz der Macht, die ge- genüber der Gesellschaft exterritorial und als symbolischer Ort damit leer ist 6 . Andererseits durch die innere Teilung der durch ihre Interessen getrennten Akteure, wofür Gauchet den Begriff des Klassenkampfes beibehält, jedoch von jedem marxistischen Inhalt reinigt. Die Macht ist entgegen der Auffassung der klassischen Gesell- schaftstheorie nicht das Zentrum der Gesellschaft, sondern ihr – wie Derrida sagen würde – konstitutives Außen. Zwei Eigen- schaften der Macht hält Gauchet der traditionellen Analyse ent- gegen. Die Macht als Äußeres der Gesellschaft stellt zu ihr einen Gegensatz dar, und sie ist die die Gesellschaft symbolisch insti- tuierende Instanz. Besonders in ihren Repräsentationen, in ihrem Schauspiel, demonstriert die Macht ihre Andersheit. Das ist nicht einfach Zugabe, sondern liegt im Innersten ihrer Funk- tion:

»Denn die Macht untersteht der Notwendigkeit, die bildliche Darstellung einer Andersheit und Zeichen eines Außen zu sein. Durch die Repräsentation einer Äußerlichkeit (exteriorité) richtet sie sich im Gegensatz zur Gesellschaft ein. Die Macht bezeichnet sich, indem sie sich als das Andere offenbart, einen Ort jenseits und außerhalb der Gesellschaft, von dem aus diese sich als voll- kommen erkannt, vollkommen unter einem Blick vereinigt, als durch Zwangsmaßnahmen vollkommen erfaßbar und in ihrer Funktionsweise vollkommen verständlich darstellt« (Gauchet 1990, 227f.). Durch diese symbolische Instituierung einer gesellschaftlichen Identität erlaubt die Macht es den Akteuren, die Gesellschaft als ein Ganzes und sich selbst als diesem Ganzen zugehörig zu erle- ben. Dieses Bewußtsein der Identität und kollektiven Zugehörig- keit muß durch die Macht immer erst hergestellt werden. Der so- ziale Raum wird bei Lefort und Gauchet – so wie im Anschluß an Lacan auch bei Althusser, Pêcheux und nicht zuletzt Laclau und Mouffe – als symbolische Ordnung konzeptualisiert. Diese Nähe zu Lacan zeigt sich auch an der Einführung des Gesetzes- begriffs, der für Gauchet, trotz der mit ihm verbunden Schwie- rigkeiten, notwendig ist, die »symbolische Natur des gesell- schaftlichen Raumes exakt zu bestimmen« (Gauchet, 229). Das Gesetz, verstanden als das universale Prinzip des »für alle zwin-

98

OLIVER

MARCHART

gend Verpflichtenden«, ist nicht die Macht selbst, deren Aufgabe es ist, das Gesetz anzuzeigen und auf das Außen zu verweisen. Das Gesetz (nicht zu verwechseln mit den Gesetzen) muß gerade als »Signifikant einer das gesellschaftliche Ganze umgreifenden Ordnung« (Gauchet 1990, 229) jenseits dieser Ordnung und ab- seits aller Repräsentation innerhalb der Ordnung bleiben: »Die menschliche Gesellschaft definiert sich als identischer Raum, in- dem sie sich auf einen abwesenden Punkt bezieht« (Gauchet 1990, 230). Dadurch teilt sie sich, um überhaupt erst zu entste- hen. Dieses grundlegende Außen war zwar schon immer Voraus- setzung jeder Instituierung von Gesellschaft, war aber über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte bis zur demokratischen Revolution besetzt: durch die Götter, die Vorfahren oder den transzendenten Körper des absoluten Herrschers. Die Gefahr des Totalitarismus liegt darin, den Anspruch zu erheben, diesen gottverlassenen Ort besetzen zu können. Der Klassenkonflikt bedeutet im Gegensatz zum ersten Augen- schein keine Gefahr für den Zusammenhalt der Gemeinschaft, sondern ist die zweite sie instituierende Instanz. Denn die aus diesem grundlegenden Interessensgegensatz folgende Debatte bildet als Differenz gerade das Band zwischen den Antagonisten:

»Durch den gesellschaftlichen Konflikt setzen sich die Einzelnen und Gruppen als Feinde innerhalb ein und derselben Welt. Der Kampf zwischen den Menschen erzeugt Zugehörigkeit und stellt die Dimension der Gemeinschaft wieder her« (Gauchet 1990, 233). Wenn die Wahrheit des »fait collectif« nur in der Debatte zu suchen ist, dann ist dessen Sinn nur im Dazwischen der Anta- gonisten zu suchen. Dieses Dazwischen impliziert, daß der Sinn der Gesellschaft unlokalisiert bleiben muß und sich niemand zum Herrn und Meister des Sinns aufspielen darf. Wiederum instituiert sich die Gesellschaft durch ihre innere Tei- lung in Form einer fundamentalen Abwesenheit – des Grabens zwischen den Streitenden. Es ist anzumerken, daß Gauchet hier nicht das Wort »Diskurs« verwendet, um das Erscheinen dieser innergesellschaftlichen Antagonismen zu bezeichnen, sondern »Debatte«, den Titel der Zeitschrift, die er knappe zehn Jahre später gründen sollte: »Le Débat«. Denn »Diskurs« konnotiert ja gerade nicht eine scharfe Frontlinie zwischen den Kom-battan- ten, die Gauchet für so wesentlich für die symbolische Institu- ierung von Gesellschaft erachtet. Das Irrlichternde des Diskurses wird ersetzt durch die binäre Kriegs-Logik der Debatte. Diese binäre Codierung des Diskurses – eines Dikurses, »der dem Kö-

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

99

nig den Kopf abschlägt« (Foucault) – führt Lefort und Gauchet wieder unausgesprochen an Michel Foucault heran. Festzuhal- ten bleibt, daß Gauchet von zwei Teilungsachsen ausgeht, von einer Teilung innerhalb und einer Teilung außerhalb der Gesell- schaft, oder, wie man bei Laclau sagen könnte, von Antagonis- men und Antagonismus. Für Lefort und Gauchet ist das Politi- sche an die Annahme dieser zwei Achsen gebunden: »Die Ent- scheidung, die Teilung des Gesellschaftskörpers und den Konflikt als unauflösbar anzusehen oder nicht, führt uns mitten in das Zentrum des Rätsels des Politischen« (Lefort/Gauchet 1990, 92). An dieser Stelle wollen wir wieder auf Laclau und Mouffe zurückkommen und sehen, wie sich die bisher von verschiede- ner Seite erarbeiteten Kategorien in eine diskursanalytisch in- formierte Hegemonietheorie einordnen lassen. In »Hegemonie und radikale Demokratie« lassen sich zumindest zwei Verwen- dungsweisen des Antagonismus-Begriffs unterscheiden: Antago- nismus als »Erfahrung« der Unschließbarkeit des Sozialen und Antagonismus als Organisationsprinzip hegemonialer diskursi- ver Artikulation. Betrachten wir die erste Verwendungsweise, die unmittelbar an die Überlegungen von Lefort und Gauchet ansch- ließt. Laclau und Mouffe konstatieren eine »Erfahrung«, die dem Scheitern der Stabilisierung einer Identität entspricht und nicht nur – wie im Derridaschen Sinne – dem Aufschub des transzendentalen Signifikats. Diese Erfahrung ist somit die Er- fahrung der negativen Kehrseite des Aufschubs, seiner »Nichtig- keit«. Die kontinuierliche Bewegung der Differenzen ist nur möglich aufgrund der Unmöglichkeit einer stabilen Differenz. Wir haben es hier mit zwei Perspektiven desselben Phänomens zu tun. Dadurch stellt sich auch die Unmöglichkeit von Gesell- schaft in diese andere Perspektive. Zur Perspektive der kontinu- ierlichen Aufschiebung jeder Fixierung tritt als Erfahrung die Nichtigkeit dieser Aufschiebung, die konstitutive Unmöglichkeit der Gesellschaft als Totalität. Laclau und Mouffe umspielen nun die Unmöglichkeit der Kon- stitution von Totalitäten, indem sie, wie das dem Vorgehen ihres ganzen Buches entspricht, bisherige Antagonismus-Theorien de- konstruieren. Dabei stellen sie fest, daß oft zu erklären versucht wurde, wie Antagonismen entstehen, selten aber, was ein anta- gonistisches Verhältnis eigentlich ist. Hierin kommt ihnen Lucio Collettis Rückgriff auf die Kantsche Unterscheidung zwischen Realrepugnanz und logischem Widerspruch zu Hilfe. Im Fall der Realrepugnanz, oder mit Colletti Realopposition, kommt beiden

100

OLIVER

MARCHART

gegensätzlichen Gliedern Positivität zu: A – B. Im Unterschied zum logischen Widerspruch existiert B unabhängig von seiner Relation zu A, wobei man sich beide als reale Objekte vorstellen darf. Nicht so im Fall des Widerspruchs, in dem einem Glied nur durch seine Relation zum anderen und nicht für sich allein Sinn zukommt. Daher existiert der Widerspruch im Gegensatz zur Realopposition nur auf der begrifflichen Ebene von Propositio- nen und nicht in der sogenannten Wirklichkeit. Laclau und Mouffe kritisieren an Colletti (wie schon an Fou- cault) die ausschließliche Disjunktion zwischen dem diskursiven Feld der Begriffe und dem außerdiskursiven der Realobjekte. Eine weitere Kritik ist aber folgenreicher und eröffnet eine Mög- lichkeit, den Antagonismus näher zu bestimmen. In beiden Fäl- len, der Realopposition wie dem logischen Widerspruch, werden nämlich die Glieder als volle Identitäten gedacht. In beiden Fäl- len resultiert die Relation daraus, daß A »in vollständiger Weise A ist« (Laclau/Mouffe 1991, 180). Erst dieser prallen Identität ge- genüber können sich B bzw. Non-A absetzen: »Im Fall des Anta- gonismus stehen wir jedoch vor einer anderen Situation: Die Präsenz des ›Anderen‹ hindert mich daran, gänzlich Ich selbst zu sein. Das Verhältnis entsteht nicht aus vollen Totalitäten, son- dern aus der Unmöglichkeit ihrer Konstitution« (Laclau/Mouffe 1991, 180). In einem Antagonismus kommt weder mir noch meinem Anta- gonisten vollständige Präsenz zu, weshalb unsere Relation im Unterschied zur objektiven Relation in den Fällen von Realoppo- sition und Widerspruch undefinierbar bleibt. Antagonismus be- zeichnet gerade die Grenzen solcher objektiven Verhältnisse, ja von Objektivität schlechthin, »die sich als partielle und prekäre Objektivierung enthüllt« (Laclau/Mouffe 1991, 181). Im Spiel der Differenzen bezeichnet der Antagonismus das Scheitern der Dif- ferenz; er subvertiert die Fixierungsbemühungen jeder Sprache und jeder Gesellschaft. Daher unterliegt er einer »Verdrängung«. Das hat zwei Konsequenzen. Erstens: »Jede Sprache und jede Gesellschaft sind durch Unterdrückung der sie durchdringenden Unmöglichkeit konstituiert« (Laclau/Mouffe 1991, 181). Und zweitens: Aufgrund dieser Verdrängung kann der Antagonismus nicht wiederum durch Sprache erfaßt werden, deren Tendenz zur Fixierung er gerade subvertiert, sondern er muß »erfahren« werden. Nicht umsonst rekurrieren Laclau/Mouffe an dieser Stelle auf Wittgensteins These, daß zumindest gezeigt werden kann, was man nicht sagen kann.

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

101

Im Versuch einer Lokalisation des Antagonismus wird nun deut- lich, daß diese Konzeption sehr nahe zu der Claude Leforts steht. Denn indem der Antagonismus die Negativität des Sozia- len »zeigt«, zieht er ihm eine Grenze, existiert also nicht als posi- tives internes Moment der Gesellschaft, sondern außerhalb der Gesellschaft, als ihr konstitutives Äußeres: »Genaugenommen existieren Antagonismen nicht innerhalb, sondern außerhalb der Gesellschaft; beziehungsweise sie konstituieren die Grenzen der Gesellschaft und deren Unmöglichkeit, sich vollständig zu kon- stituieren« (Laclau/Mouffe 1991, 181). Laclau und Mouffe setzen sich hier gegen jede neue Substanzialisierung des Antagonis- mus-Begriffs zur Wehr, und sie beschreiben den Antagonismus komplementär zum Begriff des grundlegenden Außen, der in der Fassung von Gauchet bereits vorgestellt wurde. Gleichzeitig ver- wehren sie sich gegen die Vorstellung eines Außen als Jenseits. Der Antagonismus grenzt nicht zwei Territorien voneinander ab. Um nicht eine neue, vom Antagonismus »eingehegte« Totalität zu bekommen, verlegen daher Laclau und Mouffe in einer ei- gentümlichen Umstülpung diese äußere Grenze wiederum ins Innere des Sozialen:

»Die Grenze des Sozialen muß innerhalb des Sozialen selbst ge- geben sein, als etwas, das es untergräbt, seinen Wunsch nach voller Präsenz zerstört. Gesellschaft kann niemals vollständig Gesellschaft sein, weil alles in ihr von ihren Grenzen durchdrun- gen ist, die verhindern, daß sie sich selbst als objektive Realität konstituiert.« (Laclau/Mouffe 1991, 181) Erzeugt sich Gesellschaft bei Gauchet einerseits durch Teilung zwischen sich selbst und ihrem Außen, andererseits durch in- nere Spaltung in der Debatte, so erzeugt sie sich damit doch nur um den Preis ihrer Unabgeschlossenheit. Der Titel für diesen Vorgang lautet bei Gauchet genauso wie bei Laclau und Mouffe:

Das Politische. »The political is not an internal moment of the social but, on the contrary, that which shows the impossibility of establishing the social as an objective order« (Laclau 1990, 160). Der die Gesellschaft blockierende, sie verunmöglichende Anta- gonismus ist gleichzeitig die Bedingung der prekären Möglich- keit von Gesellschaft. Damit ist der Raum des Politischen der Raum des Offenen, Unabgeschlossenen, Unentscheidbaren – und bereitet damit den Raum der Entscheidung und partiellen Schließung, den Raum der Politik. Wobei ersterer logische Vor- aussetzung des letzteren ist.

102

OLIVER

MARCHART

II – DIE ZWEI SACKGASSEN EINER POLITIK DES POLITSCHEN

Was sind nun die Gemeinsamkeiten der Ansätze von Lefort, Gauchet, Ÿiÿek und Laclau/Mouffe. 1. Sie unterhalten eine Metaphorik des Innen/Außen. Während bei Lefort/Gauchet das Außen der Macht aus der Teilung der Ge- sellschaft von sich selbst hergeleitet wird, wird bei Laclau und Mouffe der die Konstitution von totaler Identität blockierende Antagonismus am Rande bzw. im Außen der Gesellschaft veror- tet, gleichzeitig aber festgehalten, daß dieses nicht-signifizier- bare Außen (das Reale, das eine grundlegende Unentscheidbar- keit ins System einführt, um Lacan und Derrida miteinander zu kontaminieren) strenggenommen ein Innen ist, d.h. daß der Rand der Gesellschaft nur innerhalb der Gesellschaft in Form von Antagonismen erscheint. Trotzdem gilt für den Gang des Ar- guments, was Laclau über den Antagonismus sagt: »Er ist ein ›Außen‹, welches die Identität des ›Innen‹ blockiert (und ist zur selben Zeit dennoch eine Vorbedingung für dessen Konstitu- tion)« (Laclau 1990, 17). 2. Wenn also die letztlich metaphorische Natur der Innen/ Außen-Unterscheidung akzeptiert wird, so wird trotzdem auf der Differenz beider Kategorien bestanden (es wäre daher falsch, umstandslos das Außen zum Innen zu erklären und die Diffe- renz aufzulösen). Obwohl also das Außen immer nur im Innen auftaucht, weil es kein Jenseits der Gesellschaft gibt, wird doch auf einer »internen Exteriorität« bestanden. Eine solche Be- wegung, in der das Außen im Innen auftaucht, ohne daß deren Differenz dadurch gelöscht wird, könnte mit Deleuze als Inflek- tion oder Faltung beschrieben werden. Ein in postfundationa- listischen Theorien prävalenter Gedanke, der unter ähnlichen Titeln auftaucht bei Heidegger (Dazwischen/Zweifalt), eben Deleuze (an Leibniz und dem Barock entwickelt), Foucault (en- krateia), Derrida (Hymen, etc.), Lacan/Ÿiÿek (»the unfathomable fold«) oder Merleau-Ponty (Chiasmus). Auch für Lefort/Gauchet hängt der Begriff des Gemeinwesens von einer »Gliederungs- form zwischen Innen und Außen ab, die es nun unmöglich macht, beide Positionen gleichzeitig zu halten und vielmehr einen Chiasmus zwischen Innen und Außen einführt« (Gauchet 1990, 121).

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

103

3. Trotz allem scheint einiges darauf hinzudeuten, daß das Außen bzw. die Grenzen eines Bezeichnungssystens in der Argu- mentation Laclaus logische Priorität gegenüber den durch sie eingeführten Dislokationen und Störungen der systemischen Identität – ja gegenüber dem System als solchen – haben. In »Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun« schreibt Laclau: »Und angenommen, es gibt nur dort System, wo es radi- kale Ausschließung gibt – dann ist diese Spaltung oder Ambiva- lenz konstitutiv für jede systemische Identität. ( … ) Nun, wenn Systemhaftigkeit des Systems eine direkte Folge der aussch- ließenden Grenze ist, dann ist es allein diese Auschließung, wel- che das System als solches gründet« (Laclau 1994b, 158). Radi- kale Grenzen, Ausschließung, ein bedrohendes Außen bilden also die Voraussetzung (die Bedingung der (Un)möglichkeit) eines Signifikationssystems, weshalb man von einer logischen Priorität des Außen gegenüber dem Innen sprechen könnte. Je nach Interpretation nimmt Slavoj Ÿiÿek eine etwas differente Position in Bezug auf die Innen/Außen-Metaphorik ein. Obwohl Übereinstimmung darüber besteht, daß die barre zwischen dem Realen und dem Symbolischen nur innerhalb des Symbolischen zu finden ist, ist doch die Grenze des Systems bei Ÿiÿek eine Veräußerlichung von dessen innerer Blockade. Das Ergebnis bleibt dasselbe: Irgendetwas im Inneren repräsentiert das Äußere. Das Außen der Signifikation kann selbst nicht signifi- ziert werden (dann wäre es kein Außen), es kann nur gezeigt werden, bzw. »paradox« signifiziert durch einen leeren Signifi- kanten. Bei Ÿiÿek ist es das politische System selbst, welches das Politische gegenüber den anderen Subsystemen repräsentiert. Bei Gauchet muß sich die Macht repräsentieren und das Gesetz ist jener Signifikant, der die Identität der Gesellschaft garantiert, oder lacanianisch gesprochen, der die Signifikantenkette steppt. Bei Laclau ist der leere Signifikant ein, wie er sagt, »Symbol« der Systematizität des Signifikationssystems und der Gefahr des Zusammenbruchs der Signifikation gleichzeitig. Der zweigesich- tige leere Signifikant ist das Symbol für Ordnung/Chaos, für (Nicht-)Ordnung. Hegemonie wiederum ist der Kampf um die Inkarnation des leeren Signifikanten, der, gerade weil er nichts anderes symbolisiert als die abwesende Fülle und Systematizität des Systems, die Kette der anderen Signifikanten partiell fixiert. Es ist das von Lacan her bekannte Spiel zwischen S 1 (dem Her- rensignifikanten) und S 2 (der Signifikantenkette).

104

OLIVER

MARCHART

Zusammenfassend läßt sich also sagen: Wir sind zu einem Ver- ständnis des Politischen als der Logik der antagonistischen Insti- tuierung gesellschaftlicher Systematizität gekommen und zu einem Verständnis von Politik als der konkreten Umsetzung und dem »Zurandekommen« mit der Instanz des Antagonismus, d.i. der »Inflektion« des konstitutiven Äußeren in konkrete politi- sche Kämpfe. Welchen Sinn macht es nun, unter diesen Bedin- gungen von einer Politik des Politischen zu sprechen. Ist dann nicht jede Politik eine Politik des Politischen, insofern jede Poli- tik auf dem Hintergrund des Politischen, auf dem Hintergrund von Exteriorität, antagonistischer Blockade und notwendiger Entscheidung auf unentscheidbarem Terrain arbeitet. Natürlich, aber eine solche Erklärung versteht sich von selbst, wir verste- hen etwas viel Spezifischeres unter diesem Titel. Gemeint sind mit »Politik des Politischen« Versuche, die politische Signifikati- onslogik (das Politische) selbst noch einmal zur Politik, das heißt zu einem politischen Inhalt, einer politischen Forderung zu ma- chen. Zumindest zwei Wege (im diffusionistischen Pluralismus eines populär gelesenen Lyotard etwa könnte man einen dritten finden) wurden seit der invention démocratique vorgeschlagen. Entweder – Weg 1 – im Sinne einer démocratie à venir, einer Po- litik des unmöglichen Gutes oder einer »realen« Politik der Vor- zukunft – Vorschläge, wie sie von Derrida, Ÿiÿek, Mouffe oder Badiou ausgehen. Oder – Weg 2 – im Sinne einer jakobinischen Verteidigung des Politischen um jeden Preis – by all means neces- sary, wie das bei Malcom X heißt. Diese beiden Wege stellen Be- ziehungen zum Außen her, oder um in der Metaphorik der Le- fort-Tradition zu bleiben, zum leeren Ort der Macht. Tatsächlich erweist sich die letzte Kategorie als äußerst hilfreich, wenn es um eine Veranschaulichung von Politiken des Politischen geht. Denn nach kurzer Überlegung ergeben sich diese zwei angespro- chenen Möglichkeiten einer positiven politischen Bezugnahme auf den leeren Ort der Macht, d.h. einer Bezugnahme, die den leeren Charakter des Ortes respektieren und bewahren möchte. Beginnen wir mit dem Jakobinismus. Eine jakobinische Position wäre eine, die das Rousseausche Pa- radox der Aufklärung verwirklicht, welches in der Überzeugung bestand, daß man die Menschen zur Freiheit zwingen müsse 7 . Oder um in der entwickelten Terminologie zu bleiben: um den leeren Ort der Macht freizuhalten, müsse man ihn besetzen. Ge- nau das tat der Jakobinismus. Obwohl er den leeren Ort der Macht respektierte – d.h. die Offenheit und »Ungründbarkeit«

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

105

des demokratischen Dispositivs –, mußte er ihn gegen das ancien régime, also Versuche, den Ort mit dem Körper des Königs be- setztzuhalten, verteidigen. Wie ich an anderer Stelle systemati- scher ausgeführt habe 8 , tat das der Jakobinismus allerdings we- niger durch eine Besetzung des Ortes der Macht selbst, sondern vor allem indem er sich in ein privilegiertes, »expressives« Ver- hältnis zu ihm setzte und ihn dennoch freihielt. Denn im Unter- schied zu »Immanentismus« und Monarchismus akzeptierte der Jakobinismus die Leere des demokratischen Universalismus – des Politischen –, behauptete aber, genau diese Leere allein aus- zudrücken. Anders gesagt: Die Jakobiner waren die ersten »stra- tegischen Essentialisten«. Daß der Jakobinismus trotzdem am leeren Universalismus fest- hielt, bestätigt Saint-Just, etwa wenn er nach der Revolution über deren Ausbruch sagt: Le moment d’éclater n’est pas encore venu. Wie ist dieser Satz Saint-Justs anders zu verstehen als im Sinne einer révolution à venir. Nichts anderes meint Derrida, wenn er heute über die Demokratie sagt, sie sei noch nicht ge- kommen, aber immer im Kommen. Damit stünde bereits der Ja- kobinismus strukturell in der Tradition eines Messianismus ohne Messias à la Kosmismus, Benjamin und Derrida, i.e. eines Universalismus ohne Partikularismus (bzw. mit einem immer aufgeschobenen/verschobenen Partikularismus). Ein anderes, überdeutliches Beispiel für die jakobinische Posi- tion bietet Sergej Netschajew, der Saint-Just des Anarchismus, den Bakunin einen Gläubigen ohne Gott und Helden ohne Phra- sen nannte. Im berühmten »Revolutionären Katechismus« und in seinen »Worten an die Jugend« sind diese von Gott gereinig- ten Glaubensregeln in einer Deutlichkeit niedergelegt, die nichts zu wünschen übrigläßt. Über die Revolution als Neue Ordnung kann nichts gesagt werden, sie ist in jedem Sinne des Wortes ein leerer Signifikant. So wird auch der Gedanke Saint-Justs, daß eine Revolution total sein müsse, da sich der Revolutionär sonst sein eigenes Grab schaufelt, von Netschajew ins Extrem getrie- ben. Daß die Revolution ihre Kinder frißt, das ist für Netschajew nicht nur kein Problem, es ist eine Notwendigkeit: Die Revolu- tion soll und muß ihre Kinder fressen, da die Neue Ordnung keine wie auch immer geartete Verbindung zur alten aufweisen darf. Schließlich sind die Revolutionäre selbst vom Bestehenden kontaminiert. Daher weist die Revolution zwei völlig getrennte logische Zeiten auf:

106

OLIVER

MARCHART

»In Bezug auf die Zeit enthält der Begriff Revolution zwei gänz- lich verschiedene Tatsachen: Den Anfang, die Zeit der Zer- störung der vorhandenen sozialen Formen, und das Ende, den Aufbau, das heißt die Bildung vollkommen neuer Formen, aus diesem Amorphismus. ( … ) Wir sagen: Eine unvollständige Zer- störung ist unvereinbar mit dem Aufbau und daher muß sie abso- lut und ausschließlich sein. Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß mit der völligen Verände- rung aller sozialen Lebensbedingungen beginnen, das heißt, die jetzige Generation muß alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören in dem einzigen Gedanken: möglichst rasch und möglichst viel. Und da die jetzige Generation selbst unter dem Einfluß jener verabscheuungswürdigen Lebensbedingun- gen stand, welche sie jetzt zu zerstören hat, so darf der Aufbau nicht ihre Sache sein, sondern die Sache jener reinen Kräfte, die in den Tagen der Erneuerung entstehen« (Netschajew 1984, 19). Die neue Ordnung kann nur als »das dem bestehenden ekelhaf- ten Zeug Entgegengesetzte« gedacht werden. Darüber hinaus- führende Gedanken zum Neuen sind »verbrecherisch, da sie nur der Sache der Zerstörung hinderlich sind« (Netschajew 1984, 22). Der soviel beschworene Machiavellismus und Jesuitismus Netschajews, dem der Zweck jedes Mittel heiligt, ist deshalb in seinem Innersten ethisch: »Wir müssen uns also aufgrund des Gesetzes der Notwendigkeit und strengen Gerechtigkeit ganz der beständigen, unaufhaltsamen, unablässigen Zerstörung weihen, die so lange crescendo wachsen muß, bis nichts von den beste- henden sozialen Formen zu zerstören bleibt« (Netschajew 1984, 22f.). Und doch, was Netschajews Auge weiß erschien, das hielt er für schwarz, wenn es der Sache der allumfassenden Zer- störung nützen sollte. Netschajews Machiavellismus führte also umgekehrt eine strategische Komponente in seinen moralischen Rigorismus ein. Die Beziehung zum leeren Universalismus, zum X à venir, ist in der jakobinischen Tendenz einer Politik des Poli- tischen (im Unterschied zur noch zu betrachtenden zweiten Ten- denz) bis in ihr Innerstes praktisch – entgegen allem Anschein nicht auf Deklamation, sondern auf Umsetzung bedacht. »Ethisch« – im Lacanschen Sinn – kann sie genannt werden, ge- rade weil sie nicht moralisch ist, d.h. weil sie ohne moralische Skrupel 9 das Verbrechen akzeptiert. Gerade weil die revolutionäre Assoziation kein anderes Ziel hat als die »vollständige Befreiung und das Glück des Volkes ( … )«, so Netschajew die aktive Verelendungstheorie des Leninschen

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

107

Machiavellismus vorwegnehmend, »wird die Assoziation alle ihre Mittel und alle ihre Kräfte darauf verwenden, die Leiden und das Unglück zu vergrößern und zu vermehren, die schließlich die Ge- duld des Volkes erschöpfen und zu einem Massenaufstand ver- anlassen müssen« (Netschajew 1980, 123). In Bejahung des er- habenen Verbrechens bezieht sich Netschajew auf Schillers Räu- ber (Räuber sind für Netschajew übrigens die einzigen wirkli- chen Verbündeten der Revolution, ja sogar »die wahren und ein- zigen Revolutionäre« 10 ), allerdings tut er das unter Abzug des Schillerschen Idealismus, d.h. der Moral: »Doch muß mit jenem Idealismus aufgeräumt werden, der es verhinderte, daß man nach Gebühr handle; er muß durch grausame, kalte, rücksichts- lose Konsequenz ersetzt werden« (Netschajew 1984, 18) – d.h. durch Ethik. Diese grausame, kalte, rücksichtslose Konsequenz – letztlich nur ein anderer Name für Terror – ist es u.a., die sei- nen Anarchismus in die Tradition des Robespierrismus stellt 11 . Es wäre nun klarerweise zutreffend, wenn auch vereinfachend, in Netschajew das klassische Emanzipationsphantasma des ra- dikalen Bruchs zu entdecken, wie es etwa von Laclau dekonstru- iert wurde, wenn auch Laclau andererseits die zur politischen Mobilisierung notwendige regulative Idee des Sorelschen Gene- ralstreiks, der in der Realität auch nie »general« sein kann, ver- teidigt. Tatsächlich ist Netschajews Anarchismus im selben Sinne demokratisch wie der Robespierrismus, da er den Univer- salismus, an dem er sich orientiert – den Begriff der Revolution bzw. der Neuen Ordnung –, leerhält von allen partikularen Be- stimmungen (das allerdings um jeden Preis). Und das Spezifi- sche an der jakobinischen Politik des Politischen ist eben, daß sie den leeren Ort der Macht – i.e. das durch das Außen des An- tagonismus eingeführte Prinzip der Offenheit und Ungründbar- keit/Unentscheidbarkeit der gesellschaftlichen Identität – zwar nicht besetzt, sich aber doch als einzig legitime Verteidigerin posi- tioniert. Traditionellerweise rechtfertigt der Jakobinismus bis hin zu Lenin diesen Vorsprung gegenüber anderen Inkarnatio- nen mit einem behaupteten Wissen über die Gesetze der Ge- schichte. Ähnliches erkennt Slavoj Ÿiÿek am Jakobinismus, wenn er fragt: »Auf der Ebene der Aussage schützt der Jakobiner die Leere des Ortes der Macht, er hindert jeden daran, diesen Platz einzunehmen – aber reserviert er so nicht für sich selbst einen privilegierten Platz, wird er nicht zu einer Art Umkehrkö- nig, d.h. ist nicht gerade die Position des Aussagens, von der aus er handelt und spricht, die Position der absoluten Macht?«

108

OLIVER

MARCHART

(Ÿiÿek 1993, 135f.) Aber gibt es dann überhaupt eine Möglich- keit (außer den von Ÿiÿek favorisierten Monarchismus, den wir hier einmal als Hegelian joke beiseitelassen), den Ort der Macht freizuhalten, ohne sich selber auf der Ebene des Aussagens zu privilegieren – ohne sich in die pole position der Geschichte zu stellen? Genau diesen Weg versucht eine andere Politik des Politischen zu gehen, eine Politik des unmöglichen Gutes, des Paradoxons oder des Erwartens eines X à venir (und nicht die passage à l’acte zu diesem, wie bei Saint-Just, vgl. Riha 1991) oder schlicht eines Messianismus ohne Messias. So Chantal Mouffe in der Eng- führung der Lacanschen Idee eines unmöglichen Gutes und der Derridaschen einer démocratie à venir:

»[Eine] pluralistische Demokratie enthält ein Paradoxon, da ge- nau der Moment ihrer Verwirklichung ihre Desintegration sehen würde. Sie sollte als ein Gut verstanden werden, das nur exi- stiert, solange es nicht erreicht werden kann. Solch eine Demo- kratie wäre daher immer eine ›kommende‹ Demokratie, da Kon- flikt und Antagonismus gleichzeitig ihre Möglichkeitsbedingung und die Bedingung der Unmöglichkeit ihrer vollständigen Reali- sierung sind« (Mouffe 1993a, 8). Daß eine vollständige Realisie- rung einer vollen und geschlossenen Identität, auch jene einer erreichten Demokratie, nie gelingen kann, gehört zu den (Un-) Möglichkeitsbedingungen demokratischer Politik so wie jeder anderen Politik. Auch Totalitarismus, wie Lefort gezeigt hat, ist ein unabgeschlossener Prozeß, der nicht in die Herstellung einer endgültig geschlossenen Totalität führt. Wenn diese Unabge- schlossenheit aber zur Ebene einer allgemeinen Signifikations- logik gehört, dann stellt sich die Frage, wieso man sie nochmal zur konkreten Forderung einer konkreten (demokratischen) Po- litik machen sollte. Ich verzichte an dieser Stelle auf eine Diskussion der Derrida- schen démocratie à venir, die von Laclau (1995) bereits ausführ- lich geleistet wurde 12 , und konzentriere mich auf eine lacaniani- sche Version einer »Politik des Realen«, nämlich jene Alain Ba- dious. Die Politik bei Badiou gehört zur Ordnung des Ereignis- ses, des »il y a«, und nicht der Fakten oder der Repräsentation. Die demokratische Wahl wäre für Badiou so ein Faktum (Badiou 1985, 68) und keineswegs, wie für Ÿiÿek, ein Ereignis oder »Aus- bruch« des Realen. »Die Möglichkeit des Unmöglichen ist der Grund der Politik« (Badiou 1985, 78). Mit dieser Möglichkeit – oder aus quasi-transzendentaler Sicht besser Notwendigkeit –

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

109

des Unmöglichen erhebt Badiou die Politik in den Status des Realen (so spricht er von »le reél de la politique« (Badiou 1985, 17) und einer realen Politik, deren Zeitmodus die Vorzukunft sei), was sie der Kategorie des Politischen im Sinne Laclaus und Ÿiÿeks gleichstellt. Es gibt viele Hinweise darauf, daß Badious Verteidigung von la politique tatsächlich eine Verteidigung von le politique im Laclauschen Verständnis ist. Die Begriffsverwirrung ergibt sich aus der Herkunft der Polemik gegen das Politische, die eine Gegenposition zu Nancys und Lacoue-Labarthes Ver- ständnis des Politischen zu entwickeln suchte. Badiou favori- siert den Begriff der Politik, obwohl oder gerade weil er Nancy und Lacoue-Labarthe den Rückzug des Politischen konzediert. Dessen Krise hängt für ihn mit der generellen Krise angeblich konsistenter Identitäten zusammen. Und doch, wenn Badiou sagt: »Was die Krise des Politischen enthüllt, ist, daß alle Ensem- bles inkonsistent sind, daß es weder Frankreich noch Proletariat gibt« (Badiou 1985, 13), dann ist doch genau diese Inkonsistenz der Ensembles oder Identitäten nicht etwa der Grund für den Rückzug des Politischen, sondern es ist die Folge des Politi- schen, um nicht zu sagen, diese Inkonsistenz (die Blockade der Identität) ist das Politische selbst. Ohne uns hier auf eine genauere Diskussion Badious einzulas- sen, die lohnend wäre, gehen wir davon aus, daß Badiou durch seine Absetzung vom Begriff des Politischen im Sinne von Nancy und Lacoue-Labarthe und dessen Lacanianisierung sich unter dem Titel der »realen« Politik einer Vorstellung nähert, die Laclau/Mouffes und Ÿiÿeks Begriff des Politischen verwandt ist. Dennoch liegt der Unterschied darin, daß Badiou unter dem Be- griff realer Politik auch eine konkrete Politik des Realen fordert, was ihn zu einem Vertreter einer Politik des Politischen macht. Essenz des Politischen ist für Badiou die Treue gegenüber dem noch nicht einem Signifikationssystem eingeschriebenen Ereig- nis, die sich in einer Intervention äußert. Durch eine interpreta- tive Intervention auf Basis einer Hypothese, einer unterstellten Kapazität (zum Beispiel der politischen Kapazität des Proleta- riats wie bei Marx, also einer emanzipatorischen Kapazität schlechthin), wird retroaktiv am Ort oder anläßlich eines Ereig- nisses, mit unseren Worten am Ort des Antagonismus, das Sub- jekt dieser Kapazität (Proletariat, Volk, Partei … ) instituiert (Ba- diou 1985, 89). Was Badiou Interpretation nennt, ist aber aus Sicht der Hegemonietheorie – so ist Badiou entgegenzuhalten – nicht die Leistung des Denkens eines Eigennamens wie Marx,

110

OLIVER

MARCHART

Rousseau, Mallarmé, etc., sondern nichts anderes als Ergebnis einer hegemonialen Auseinandersetzung. Laclau macht das sehr deutlich: Der Eintritt in ein antagonistisches Verhältnis erzeugt retroaktiv die Identität der politischen Antagonisten (Partei, Be- wegung etc.), die sich im Laufe der Auseinandersetzung, der Verschiebung von Forderungen, dem Brechen oder Erweitern von Äquivalenzketten, u.s.w. ständig verändern wird. Die Her- stellung jeder vorübergehenden Identität ist demgemäß ein Er- eignis der Vorzukunft, nicht nur im Fall von wirklicher emanzi- patorischer Politik, wie Badiou denkt, sondern auch im Fall re- präsentativ-demokratischer, der Badiou nur das Präsens, tota- litärer, der Badiou nur die Vergangenheit, und klassisch-revolu- tionärer Politik, der Badiou nur die einfache Zukunft zugestehen will. Badious Bestimmung der Intervention als Interpretation trifft sich zwar mit jener der Hegemonietheorie, doch obwohl politi- sche Ereignisse fraglos immer nur das sind, als was sie interpre- tiert werden, ist es keine Aufgabe des Denkens, die Interpreta- tion festzuschreiben, sondern eine Aufgabe der Hegemonie. Ba- diou ist dahingehend zu ergänzen, daß das Wesen der Hypo- these, sei es nun die emanzipatorische Hypothese der Möglich- keit einer nicht-dominierten Gesellschaft oder jede andere Hy- pothese, als Interpretationsgrundlage politischer Ereignisse he- gemonial ausgehandelt werden muß. Vor diesem Schritt schreckt Badiou aber bewußt zurück, da er in ihm eine Politik des Todes vermutet. Für ihn war entgegen der Auffassung Mouf- fes und Gauchets der Klassenkampf keineswegs Marx’ wichtig- ste Entdeckung, sondern dieses marxistische Kriegsmodell 13 griff auf ein – darin stimmt er wiederum mit Foucault überein – we- sentlich älteres Modell zurück. Das Modell des auf den Kopf ge- stellten Clausewitz nämlich: »Das Modell des Krieges ist omni- präsent. In der Sprache wenigstens nimmt man die Inversion des Axioms von Clausewitz wahr. Man könnte sagen, die Politik sei die Fortsetzung des Kriegs mit den gleichen Worten« (Badiou 1985, 104f.). Wenn Badiou über das invertierte Clausewitz-Axiom schreibt:

»Marx hat eine ältere vorherrschende Konzeption wertgeschätzt ( … ), indem er die Politik dem Machtkonflikt unterordnete« (Badiou 1985, 105), und schließt, Marx hätte sich dieser Validi- sierung der Machtkonflikte enthalten sollen, dann beraubt sich Badiou der Möglichkeit der Theorisierung wirklicher Machtver- teilung – zugunsten einer ethischen Politik des Politischen. Zwar

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

111

macht Badiou bezüglich Politik zurecht denselben Punkt wie Saint-Just, nämlich daß sie unabschließbar sei: »Es ist wichtig festzustellen, daß die Politik, die revolutionäre Politik, wenn man dieses Adjektiv bewahren will, essentiell unabschließbar ist« (Badiou 1985, 106). Unsere weiter unten ausgeführten Be- denken demgegenüber lauten nicht, daß Politik etwa nicht unab- schließbar sei, sondern daß diese Behauptung nicht ausreicht, da sie auf der Ebene der politischen Signifikationslogik stehen-

bleibt. In Badious Zeitbegriffe umgesetzt: Jede Politik des Futur

II muß von einem Akteur im Präsens inkarniert werden. Genau

den Schritt ist Badiou nicht bereit zu vollziehen, vor allem da er Interpretation/Intervention als kognitiven und nicht als hegemo- nialen Akt versteht 14 .

Da Badiou den Schritt in die Hegemonietheorie scheut, muß er die Treue zum Ereignis zum eigentlichen Inhalt der »realen« Po- litik machen, die damit zur Ethik wird. »Continuer!« ist der Im- perativ dieser Ethik. Der ethische Appell wird notwendig, denn welche Schlüsse man gegenüber dem Ereignis zieht (Treue oder Verrat), ist nicht aus der politischen Signifikationslogik allein abzuleiten, wie Badiou einsieht. Darum ist die Kapazität einer nicht-dominierten Gesellschaft für Badiou korrekterweise eine Hypothese und Engagement axiomatisch, denn beides läßt sich nicht zwingend auf die Logik des Politischen rückführen, mit anderen Worten: das Projekt einer radikalen und pluralen, offe- nen Demokratie ergibt sich nicht aus der notwendigen Offenheit identitärer Ensembles. Badious Aufforderung zu einer realen Politik des Futur II, einer Politik des Politischen, ist somit ein Imperativ (»Continuer!«), der in das Feld der Ethik fällt, und nicht mehr in das der Politik. Die Ermöglichungsbedingungen der Politik können also nicht

selbst Ziel der Politik sein. Besser gesagt, sie können schon, aber

es stellt sich die Frage, ob eine explizite Politik des Quasi-Trans-

zendentalismus besonders erfolgversprechend ist, wenn sie in einer leeren Geste die Funktionsweise von Politik zu deren For- derung erhebt. Was aber viel schwerer wiegt, sie verfängt sich darüberhinaus in einem Selbstwiderspruch. Denn entweder gilt die Funktionsweise von Politik (=das Politische) quasi-transzen- dental für alle Politiken – d.h. auch für totalitäre. Dann ändert eine inhaltlich quasi-transzendentalistische Politik an der Funk- tionsweise, an ihren eigenen Voraussetzungen nichts. Oder sie gilt nicht für alle Politiken, dann ist aber die Theorie nicht län- ger quasi-transzendentalistisch und muß ihre ganze theoretische

112

OLIVER

MARCHART

Fundierung, aus der sie ihr politisches Programm abgeleitet hatte, in Frage stellen. Von einer leeren Geste wiederum muß man sprechen, da, ausgehend von einem Verständnis der Politik als Moment der Entscheidung auf einem unentscheidbaren Ter- rain, eine explizite Politik der Unentscheidbarkeit eine Entschei- dung für die Nichtentscheidung fordern müßte, für den Auf- schub der Entscheidung – und das genau ist eine leere Geste. Eine erhabene Geste, zweifellos, aber doch eine völlig leere und unpolitische. Eine Politik des Politischen, also eine Politik der Unmöglichkeit, des impossible task, mithin der Unentscheidbar- keit zu fordern, ist heroisch aber ergebnislos – und darüberhin- aus selbstwidersprüchlich. In ihren Auswirkungen ist sie nicht zu unterscheiden von etwa einer adornitischen Anti-Politik 15 , die aufgrund eines aus ihrem Ökonomismus gezogenen Fatalismus die Flucht des Politischen (des Nichtidentischen) in die Kunst konstatiert – und ihm dorthin folgt. Das entspricht im Ergebnis einer Heideggerschen Politik des Er- wartens – sei es auch eines Erwartens der kommenden Demo- kratie. »Einer Politik«, wie Simon Critchley schreibt, »die auf der Erkenntnis basiert, daß menschliche Aktion die Welt nicht transformieren kann und wir deshalb auf die Transformation warten müssen, die aus dem Sein selbst kommt« (Critchley 1992, 215). Michael Cholewa-Madsen faßt alle diese Bestimmun- gen radikaler und pluraler Politik, wie sie auch bei Laclau und Mouffe vorkommen, zusammen und fordert ein »enactment« des Politischen. Allerdings vergißt er in der Aufzählung der differen- tiellen Elemente des Politischen auf jede nähere Bestimmung der Politik, die dieses »Enactment« leisten soll. Denn unter enactment würde ich einen gewissen notwendigen Jakobinismus verstehen. Es folgt die hilfreiche Aufzählung Cholewa-Madsens:

»Radical democracy is something tensional (Laclau and Mouffe); it is something to be attempted; something which has a futural (Derrida) or différantial (Critchley) character – it is always de- mocracy to come, it is a vanishing point (Ÿiÿek), i.e. something to which we must constantly refer, but which can never be reached (Mouffe); its value is indeterminate (Laclau), incomplete (Laclau); and its subject is a proliferation of finitude, a subject whose limitations are the sources of its strengths (Laclau); and it does not have any particular objectives (Laclau), in short an ›im- possible‹ task which makes radical democratic relations possible.« (Cholewa-Madsen 1995, 40)

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

113

Nun, wie der letzte Ausdruck verrät: all diese Eigenschaften sind die Ermöglichungsbedingungen radikaler Demokratie, aber sind sie schon deren enactment? Obwohl kein Zweifel darüber be- steht, daß keine Politik wirklich demokratisch genannt werden kann, die diese Bedingungen verkleistern, verleugnen oder ab- schaffen will, so ist eine reine Politik des – wenn wir es nochmal durchgehen – Künftigen oder Kommenden, des Differentiellen, des Verschwindenden, des Unerreichbaren, des Unbestimmten, des Unvollständigen, des zugleich Endlichen, des Begrenzten, des Ziellosen, kurz des Unmöglichen kaum mehr als die Phanta- sie einer schönen Seele. Wir würden Laclau und die Hegemonie- theorie falsch verstehen, wenn wir nicht eine notwendige Konta- mination dieser Logik durch die Praxis miteinrechnen würden. Genau darin liegt die von Laclau herausgearbeitete Dialektik von Universalismus und Partikularismus: es ist kein – noch so leerer und aufgeschoben-verschobener – Universalismus zu ha- ben ohne irgendeinen schmutzigen Partikularismus, der erste- ren inkarniert. »Schmutzig« ist in diesem Zusammenhang nicht im Sinne des truism zu verstehen, daß Politik eben ein schmutzi- ges Geschäft sei, sondern im dekonstruktiven Sinn der notwen- digen gegenseitigen Verunreinigung beider Pole einer binären Opposition. Das gilt auch für die Opposition Partikularismus / Universalismus. Das universelle unmögliche Gut existiert nur, insofern es teilweise auch möglich ist bzw. gemacht wird. Ge- nauso trägt jedes partikulare/mögliche Gut die Referenz auf ein universelles/unmögliches an seinem Körper, ohne welches es sich als Gut gar nicht legitimieren könnte. Das unmögliche Gut kann, sobald es zur Politik kommt, nicht selbst das Gut sein, es muß durch mögliche Güter supplementiert werden, alles andere wäre nicht Politik, sondern Existenzphilosophie. Für Laclau ist das Universelle der immer zurückweichende Ho- rizont, der keiner partikularen Identität entspricht, ja sogar mit jeder Partikularität unvereinbar ist, und doch nicht unabhängig vom Partikularen existieren kann. Nur durch eine jeweilige, im- mer mangelhafte und vorübergehende konkrete Inkarnation kann Universalität überhaupt bestehen. Das führt Laclau zu dem Schluß, daß »wenn nur partikulare Akteure oder Konstellationen partikularer Akteure zu einem beliebigen Moment das Univer- selle aktualisieren können, dann hängt die Möglichkeit der Sichtbarmachung der einer post-dominierten Gesellschaft – d.h. einer Gesellschaft, die versucht, die eigentliche Form der Herr- schaft zu überschreiten – inhärenten Nicht-Schließung davon

114

OLIVER

MARCHART

ab, der Asymmetrie zwischen dem Universellen und dem Parti- kularen zu Dauer zu verhelfen« (Laclau 1994c, 298). Was radi- kale und plurale Demokratie anstreben kann, ist eine Politik der Asymmetrie zwischen dem eigenen Partikularismus und dem demokratischen Universalismus der Äquivalenz, oder in anderen Worten, ein nicht-expressives Verhältnis zum leeren Ort der Macht. Eine solch plurale aber hegemoniale Demokratie vermei- det, in die drei angrenzenden Extreme zu verfallen eines Plura- lismus nicht-differenzierender Toleranz 16 , eines Jakobinismus der (die eigenen Einsichten dementierenden) expressiven Ver- körperung des leeren Ortes der Macht – und einer leeren Politik des Politischen.

ANMERKUNGEN

1 Ein ausführlicher Abriß der dort geführten Diskussionen findet sich in Fraser 1989, S. 69–93.

2 In »Die undarstellbare Gemeinschaft« versteht Nancy unter dem Politi- schen »nicht die Organisation der Gesellschaft, sondern die Anordnung der Gemeinschaft als solche, deren Bestimmung ihre Mit-Teilung ist« (Nancy 1988, 87). Ebenfalls an dieser Stelle sieht Nancy die »Entwer- kung« der gemeinschaftlichen Kommunikation gefährdet durch eine Verdrängung des Politischen durch das Sozial-Technische: »Wenn das Politische sich nicht in der sozio-technischen Komponente von Kräften und Bedürfnissen auflöst (in der es sich doch eigentlich direkt vor unse- ren Augen aufzulösen scheint), dann muß es die Mit-Teilung der Ge- meinschaft einschreiben. Politisch wäre dann die Bahnung der Singula- rität, ihrer Kommunikation, ihrer Ekstase. ›Politisch‹ würde bedeuten, daß eine Gemeinschaft sich auf die Entwerkung ihrer Kommunikation hin ausrichtet oder zu dieser Entwerkung bestimmt ist: eine Gemein- schaft also, die ganz bewußt die Erfahrung ihrer Mit-Teilung macht.« (Nancy 1988, 87)

3 Lacoue-Labarthe hat später in »Die Fiktion des Politischen« (Lacoue-La- barthe 1990) diese Kategorie vor allem in ihrer faschistischen Verwen- dung dekonstruiert, indem er zu zeigen versuchte, wie das Politische im »Nationalästhetizismus« Heideggers immer einer antiken Vorstellung der Kunst/Technik/Herstellung untergeordnet wird.

4 Im Diskurs in zweifacher Hinsicht, denn dieser Diskurs überträgt seinen Inhalt auf sich selbst, auf seinen eigenen epistemologischen Status: Es ist nicht denkbar außerhalb der Schlachtordnung zu stehen, d.h. der Dis- kurs ist parteiisch und – für Foucault kein Zweifel – gegen die herr- schende Ordnung gerichtet. Denn der Souverän überdeckt durch seine Legitimationserzählung gerade seine gewalttätige Usurpation der Herr- schaft: »Es ist ein Diskurs, der im Grunde dem König den Kopf ab- schlägt, der sich in jedem Fall des Souveräns entledigt und ihn denun- ziert« (Foucault 1986, 24). Aus der Parteinahme der Theorie ergibt sich

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

115

eine neue Sicht der Wahrheit. Die essentialistische Sicht der Wahrheit wird angeklagt, sie selbst wird zu Waffe: »Es ist ein Diskurs, in dem die Wahrheit ausdrücklich als Waffe fungiert, für einen Sieg, der ausdrück- lich parteiisch ist«. Foucault ist sich darüber klar, daß dieser Diskurs völ- lig disqualifiziert ist: »Er muß eliminiert werden; denn er muß annuliert werden, damit endlich zwischen den Gegnern und über ihnen als Gesetz der gerechte und wahre Diskurs anfangen kann« (Foucault 1986, 21 f.). Es scheint, als hätte man es hier mit der anti-habermasianischen Theorie schlechthin zu tun. Das illustriert auch eine anderer Stelle:

»Die Zugehörigkeit der Wahrheit zum Frieden, die Zugehörigkeit der Wahrheit zur Neutralität, die Zugehörigkeit der Wahrheit zu den Ver- mittlungen, von der wir gesehen haben, wie sie für die griechische Philo- sophie – jedenfalls von einem bestimmten Zeitpunkt an – konstitutiv war, sie löst sich auf. In einem Diskurs wie dem da wird man einerseits die Wahrheit um so besser sagen, wenn man in einem Lager steht; es ist die Zugehörigkeit zu einem Lager, es ist die entmittete Stellung, die es ermöglicht, die Wahrheit zu entziffern, die Illusionen und die Irrtümer aufzukündigen, mit denen man glauben macht, mit denen einem die Feinde glauben machen, daß man in einer geordneten und befriedeten Welt ist. Je mehr ich micht aus der Mitte entferne, um so mehr sehe ich die Wahrheit. ( … ) Die wesenhafte Zugehörigkeit der Wahrheit zu den Kräfteverhältnissen, zur Asymmetrie, zur Dezentrierung, zum Kampf, zum Krieg ist in diesen Typen von Diskurs fest eingeschrieben« (Fou- cault 1986, 14f.).

5 Gauchet dazu und zum Primat des Politischen, d.i. der gesellschaftlichen Teilung: »Erforderlich ist ein radikaler Interpretationssprung. Man muß die Unmöglichkeit, den zentralen politischen Antagonismus abzuleiten, zu Protokoll nehmen und die Begrifflichkeit, von der wir mit Marx aus- gegangen waren, vollständig umkehren. Die Teilung ist weder ableitbar nach auflösbar. Zu Ende gedacht, besagt die Lehre des totalitären Phäno- mens, daß es keinen Sinn hat, eine Ableitung des Staates, des Politi- schen, der Spaltung der Gesellschaft zu versuchen. Letztendlich bringen sie nichts zum Ausdruck, was ihnen vorausginge; d.h., sie verweisen nicht auf etwas anderes, das ihnen ihre Begründung lieferte« (Gauchet 1990, 224).

6 Historisch wird die symbolische Entleerung des Ortes der Macht – des- sen emptying out – bei Lefort bekanntlich mit dem Argument abgeleitet, daß mit der französischen Revolution und der damit erfolgenden Guillo- tinierung von Ludwig XVI. die Macht »dekorporiert« wurde und nun nicht mehr im Körper des Königs symbolisiert wird. Der Ort der Macht bleibt fortan leer. Wird seine Okkupation versucht, also der Anspruch auf dauerhaften Besitz der Macht, führt das zum Totalitarismus. Tota- litär heißt hier, daß die Macht nicht auf ein Außen des Gesellschaftlichen verweist, sondern ein solches Außen der Gesellschaft verleugnet wird:

»Indem sich die Vorstellung einer homogenen und für sich selbst durch- sichtigen Gesellschaft, des einen Volkes ausbreitet, wird die gesellschaft- liche Teilung in allen Formen geleugnet, werden alle Zeichen des Unter- schiedes zwischen Glaubensansichten, Meinungen und Sitten bestritten« (in Rödel 1990, 287). Zur Unterscheidung der Demokratie vom Totalitarismus muß man wei-

116

OLIVER

MARCHART

ters Merkmale heranziehen, die zusammen das demokratische Dispositiv bilden: die unaufhebbare Teilung des Gesellschaftskörpers und die Tren- nung der Sphären der Macht, des Rechts und des Wissens: »Je mehr die gesellschaftliche Einheit proklamiert wird, desto totalitärer ist das Re- gime. Somit ist das entscheidende Kennzeichen des Totalitarismus die Behauptung der gesellschaftlichen Einheit. Behauptet wird dabei in er- ster Linie, daß die Existenzgrundlage der Klassen beseitigt ist. Und zwei- tens, wird die Identität von Volk und Staat behauptet, wobei es an ent- sprechenden handgreiflichen Formeln – vom ›Staat des ganzen Volkes‹ bis zum ›festen Block von Regierenden und Regierten‹ – nicht mangelt.« (in Rödel 1990, 213)

7 Dieses »Zwingen« wurde immer so verstanden, daß man den Menschen sagen muß, was Freiheit ist (z.B. Sozialisierung der Produktionsmittel), also eine letztlich totalitäre Auskleisterung des leeren Universalismus, während es vielmehr darum ginge, nicht zu sagen, was Freiheit ist, und stattdessen einen Zustand der notwendigen Wahl herzustellen, indem es nicht mehr möglich ist, sich in seiner Entscheidung auf transzendentale Signifikate wie Gott und Vaterland zu berufen. Zwang zur Freiheit hieße dann – durchaus aufklärerisch – Herstellung von Akzeptanz des un- gründbaren Charakters jeder Entscheidung durch die Dekonstruktion traditionaler Bindungen, woraus genau Verantwortung und nicht mora- lische Beliebigkeit folgt.

8 In »(New) Order« (Marchart 1995) versuche ich zu zeigen, wie »hegemo- nialer Pluralismus« sich sowohl diese jakobinisch pragmatische (im Ex- tremfall leninistische) Komponente offenhalten muß, will er praxiswirk- sam sein. Gleichzeitig muß er aber auch der Unabschließbarkeit der eige- nen Position verpflichtet bleiben (démocratie à venir), sowie sich gegen- über den Ansprüchen anderer Bewegungen (Pluralismus) offenhalten. Das von mir in genanntem Aufsatz vertretene Konzept von nicht-expres- siver und zum Pluralismus orientierter (Post-)Avantgarde entspricht letztlich jener avantgardistischen Position, die von bell hooks in An- spruch genommen wird: »We are avant-garde only to the extent that we eschew essentialist notions of identity, and fashion selves that emerge from the meeting of diverse epistemologies, habits of being, concrete class locations, and radical political commitments« (hooks 1991, 19).

9 Paragraph 4 des Katechismus sagt folgerichtig über den Revolutionär:

»Er verachtet und haßt die gegenwärtige gesellschaftliche Moral ganz in- stinktiv und bekundet dieses in allem, was er tut. Moralisch ist für ihn al- les, was den Sieg der Revolution unterstützt, unmoralisch, was sich ihm in den Weg stellt« (Netschajew 1980, 118).

10 So schlägt er vor, die revolutionäre Assoziation müsse sich »indem wir uns wieder dem Volke nähern, vor allem mit jenen Elementen aus dem Volke vereinigen, die seit der Gründung des Moskowiterstaates nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch ihre Taten niemals aufgehört ha- ben, sich gegen alles aufzulehnen, was direkt oder indirekt mit dem Staat verbunden ist, gegen den Adel, die Bürokratie, die Popen, den Han- del und gegen die gemeinen Fabrikanten, die Ausbeuter des Volkes. Wir müssen uns der abenteuerlichen Welt der Räuber anschließen, die die wahren und einzigen Revolutionäre Rußlands sind« (Netschajew 1980,

GIBT

ES

EINE

POLITIK

DES

POLITISCHEN?

117

11 Im Jakobinismus liegt der Engführung von Tugend und Terror oder Ethik und Zerstörung (bei Netschajew), wie Lefort gezeigt hat (vgl. auch Riha 1990), die Verlagerung des Legitimitätsortes der Macht auf die Rede und die Eröffnung ihrer performativen Dimension im Diskurs des Terrors zugrunde, was den Terror unlösbar an die Erfindung der Demo- kratie bindet. In diesem und nur in diesem Sinne trifft denn auch der Satz von Babeuf zu: »Der Robespierrismus ist die Demokratie«. Das Ar- gument ist folgendes: Da es sich im jakobinischen Terror um einen spre- chenden und keinen sich selbst genügenden Terror handelt, schließt sich die Frage an, mit welchem Argument er sich legitimiert. Und hier kommt die Tugend ins Spiel. Robespierre definiert den Terror als die Anwen- dung des allgemeinen Grundsatzes der Demokratie – der Gerechtigkeit:

»Der Terror ist nichts anderes als die unmittelbare, strenge und unbeug- same Gerechtigkeit; er ist also eine Emanation der Tugend; er ist nicht so sehr ein besonderer Grundsatz als vielmehr die Folge des allgemeinen Grundsatzes der Demokratie, angewandt auf die dringendsten Bedürf- nisse des Vaterlandes« (Robespierre 1971, 594). Schon die Wortwahl ver- rät, daß man es offenbar nicht mit einer blutrünstigen Hetzrede zu tun hat, sondern mit einer abstrakten argumentativen Operation. Zwei wei- tere Begriffe tauchen neben ›Gerechtigkeit‹ immer wieder in Robespier- res Rede auf, die alle der selben Operation unterliegen: Freiheit und Gleichheit. Aber diese Prinzipien sind nicht die Prinzipien der Tugend, noch sind sie – wie etwa Gerechtigkeit – die Tugend selbst. Im Gegenteil. Für Robespierre kann man »in gewissem Sinne sagen, daß das Volk, um die Gerechtigkeit und die Gleichheit zu lieben, keine große Tugend benötigt; es genügt, daß es sich selber liebt« (Robespierre 1971, 592). Das Volk braucht Gerechtigkeit und Gleichheit nicht zu lieben, denn das Volk ist die Gerechtigkeit und die Gleichheit. Um diese zu aktualisieren, muß es sich nur selber lieben, dafür ist keine Tugend nötig. Denn die uns im Jakobinismus begegnende Tugend ist eben nicht die Moral in ihrem Aggregatzustand Moralin. Tugend ist nicht der Sammelbegriff für die Partikularität der Sitten, wie sie z.B. im Diskurstyp des Moralisierens ge- predigt werden, sondern deren abstrakte gemeinsame Formel, die leere Form der Moral. So wie Kants kategorischer Imperativ keine einzelne Maxime ist, sondern die »bloße allgemeine Form« der Gesetzgebung in Absehung jedes kontingente