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Die Rückkehr jüdischen Lebens in Hamburg – eine

Möglichkeit zum Dialog?

von

Ramin Almanestani
Die Rückkehr jüdischen Lebens in Hamburg

– eine Möglichkeit zum Dialog?

Vorab ist zu sagen, dass dieses Essay in zwei Themengebiete gegliedert ist. Zuerst wird das Leben der
Juden in Hamburg beschrieben und anschließend wird auf den jüdisch-christlichen Dialog in Hamburg
eingegangen, um daraus ein Fazit bezüglich der Leitfrage zu äußern.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kamen erstmals Juden nach Hamburg, bei denen es sich um
Sepharden handelte. Der Begriff Sepharden leitet sich von dem hebräischen Wort „spharad“ ab,
welches „Spanien“ bedeutet. So wurden die Juden genannt, die im 15. und 16. Jahrhundert die
iberische Halbinsel verließen, da zu jener Zeit die Juden in Spanien verfolgt und vertrieben wurden.
Auf diesem Weg kamen sie in den Norden Europas. Zeitgleich mit ihnen kamen die Aschkenazy nach
Hamburg, die zu großen Teilen im mitteleuropäischen Raum lebten. Das hebräische Wort
„Aschkenas“ bezeichnet den deutschsprachigen Raum. Nach einigen Konflikten mit der christlichen
Mehrheit in und um Hamburg wurde 1684 die erste Synagoge in der Umgebung Hamburgs, in Altona,
gegründet. Viele Juden wanderten nach Altona, Ottensen oder Amsterdam aus, da dort die
Regierungen toleranter als die hamburgische Regierung waren. Erst nach der Märzrevolution
(1848/1849) wurde die jüdische Gemeinschaft der Christlichen, aufgrund eines Volksentscheides,
gleichgestellt. Zu diesem Zeitpunkt wütete die Cholera im Gängeviertel, in welchem die meisten
Juden lebten, weshalb die Mehrheit in die Nähe des Dammtors (Standort des heutigen
Grindelviertels) zog. Die erste Synagoge entstand dort 1895. 1905 wurde der Baustein für die
Bornplatzsynagoge gelegt, welche die erste frei stehende und aus der Ferne gut erkennbare
Synagoge war.

Mit der Machtergreifung Hitlers begann 1933 ein schleichender Prozess der Unterdrückung,
Verfolgung, Deportation und Ermordung von Juden, der mit dem Holocaust endete. Es wird an
dieser Stelle auf eine Darstellung dieser Zeit verzichtet, die Geschehnisse dieses schweren Erbes
sollten zum Allgemeinwissen gehören. Um jedoch das Ausmaß des Nationalsozialismus auf das
jüdische Leben in Hamburg deutlich zu machen, seien diese beiden Fakten zu nennen: Bis 1939
lebten in Hamburg ca. 15.000 Juden. Nach Judenverfolgung und Kriegsende lebten im Jahre 1945
noch ca. 600 Juden in Hamburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem DPs (Displaced People) und iranische Juden, welche
die jüdische Gemeinde in Hamburg wieder aufbauten. Iranische Juden aus Teheran und Maschhad
zogen in dieser Zeit vorzugsweise nach Hamburg, des Handels wegen und ermöglichten mit ihren
genauen Kenntnissen des Judentums und ihrem Wohlstand so den Wiederaufbau der jüdischen
Gemeinde. Zu diesem Zeitpunkt gab es fast keine Juden hamburgischen Ursprungs in Hamburg, da
die viele nach Palästina emigriert waren. In den 60er Jahren kehrten jedoch viele, der jüdischen
Flüchtlinge wieder zurück nach Hamburg, da ihnen das Leben in Deutschland angeblich angenehmer,
als in Palästina erschien und Deutschland zudem für viele immer noch ihre Heimat war. Bis 1991 war
die Hamburger Gemeinde nicht sehr groß, was sich in demselben Jahr aufgrund des „humanitären
Pakts über die Aufnahme jüdischer Emigranten“ durch Helmut Kohl änderte. Seither kamen viele
Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Heutzutage ergeben sie mit ca. 80-90%
den größten Anteil der in Hamburg lebenden Juden.

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Jüdisches Leben wurde dadurch in Hamburg wieder öffentlich bemerkbar. In diesem Sinne könnte
man sagen, dass das jüdische Leben langsam nach Hamburg zurückkehrte.

In den folgenden Gesprächen wird deutlich, wie viele Probleme die Möglichkeit zu einem christlich-
jüdischen Dialog in Hamburg dennoch erschweren. So trafen wir uns mit zwei Vertretern des
Judentums und einer Vertreterin der christlichen Kirche, um von den jeweiligen Parteien zu erfahren,
inwiefern ein christlich-jüdischer Dialog in Hamburg stattfindet.

Als Erstes trafen wir uns mit Judith Landshut, die in der Talmud-Tora Schule zuständig für die
Verwaltung ist. Sie begegnete uns sehr herzlich und zuvorkommend. Zu Beginn erzählte sie uns viel
über die Geschichte der Gemeinde, welche oben erläutert wurde. Anschließend erzählte sie uns, dass
es Feste, wie z.B. jedes Jahr im März das Fest: „Brüderlichkeit“ gibt, welches von Juden und Christen
gemeinsam gefeiert werde. Auch Diskussionen und Debatten gäbe es, wie z. B. die Veranstaltung
„Esther“, bei welcher Geistliche beider Gemeinden über Versöhnungsarbeit diskutieren. Trotzdem
finde kein Dialog statt, da die Juden, seitens der christlichen Kirche, beschuldigt werden, Jesus
getötet zu haben. Allgemein gäbe es keinen Dialog zwischen dem Judentum und den anderen
Religionen in Hamburg.

Des Weiteren traf ich Harry B., einen orthodoxen Juden aus England. Für Harry ist das jüdische Leben
in Hamburg alles andere, als florierend. Es gäbe wenige Juden in Hamburg, die an jüdischem Leben
interessiert seien. Im Gegensatz dazu, sei das Leben in London wie ein jüdisches Paradies. „Hier in
Hamburg gibt es wenig Juden, die ihren Glauben immer praktiziert haben und gut kennen. Viele
kennen sich mit ihrer Religion nicht aus und müssen erst lernen, wie schwer jüdisches Leben ist.“, so
Harry B. Ob es einen christlich-jüdischen Dialog gäbe, verneinte er ebenfalls. Zwischen Juden und
Christen gäbe es, seinem Standpunkt nach, in Hamburg wenig Interesse aneinander. Doch im
Gegensatz zu Frau Landshut, verneinte er nicht einen Dialog zwischen dem Judentum und den
anderen Religionen. Insbesondere Moslems würden ein großes Interesse am Judentum, einem Dialog
und einem aktiven Miteinander zeigen.

Anschließend sprachen wir mit Hanna Lehming, unserer Ansprechpartnerin für den christlich-
jüdischen Dialog, seitens des Christentums. Hanna Lehming ist als Gemeindepastorin tätig und
kirchliche Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog. Sie leitet auch einen Arbeitskreis von
Pastorinnen und Pastoren, die sich mit diesem Thema regelmäßig beschäftigen und diesbezüglich
verschiedenste Projekte unterstützen.

Gemäß den Aussagen von Frau Lehming gibt es kaum einen Dialog in Hamburg. Hauptgrund dafür
sei, dass es in Hamburg kaum Juden gäbe (ca. 5000, die in Gemeinden organisiert sind, 10.000, wenn
man diejenigen hinzu nimmt, die hier leben, aber zu keiner Gemeinde gehören). Die jüdischen
Einwanderer aus der Sowjetunion hätten aber in der Regel kein Wissen über Religionen, auch über
ihre Eigene nicht, da ihnen die Ausübung dieser im Heimatland verweigert wurde. Hinzu komme,
dass sie oftmals soziale Probleme und Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hätten, wodurch
das Interesse an einem Dialog mit Christen sehr gering sei. Trotzdem finde ein Dialog statt, da viele
christliche Gemeinden ein großes Interesse am Judentum hätten, denn das Christentum sei einst aus
dem Judentum entstanden und man wolle daher mehr über die „eigenen Wurzeln“ wissen.
Außerdem ahnten viele Christen, dass die Tausende von Jahren alte Judenfeindschaft der Kirche für
den Antisemitismus der Nazis mit verantwortlich sei, was ihnen keine Ruhe ließe. Des Weiteren
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wüssten viele Christen immer noch nicht viel vom Judentum, da sie Juden eher selten begegneten.
Daher gebe es durchaus Interesse an jüdischen Gesprächspartnern. Es komme selten - fast nur durch
Bestreben von Christen - zu Dialogen oder eher zu Begegnungen.

Letztendlich lässt sich sagen, dass das jüdische Leben langsam nach Hamburg zurückkehrt. Ob es das
Ausmaß einnimmt, das es einmal eingenommen hat, ist ungewiss, doch das steht hier nicht zur
Debatte. Heute leben wenig Juden in Hamburg und, wie schon erwähnt, kennen viele ihre eigene
Religion kaum. Dadurch wird die Möglichkeit zum Dialog erheblich erschwert, sodass auf Grundlage
der Ansichten zu diesem Thema, christlich-jüdischer Dialog momentan vor allem heißt: „Christen
lernen das Judentum kennen. Das Wort "Dialog" ist daher irreführend.“(Hanna Lehming) Allerdings
mussten wir feststellen, dass der Dialog heute wieder an Aktualität gewinnt. Sinngemäß wird er,
gerade nach dem Holocaust und der Gründung Israels, immer wichtiger für das Entwickeln eines
jüdisch-christlichen Miteinanders in Zukunft wahrscheinlich unverzichtbar für beide Religionen sein.