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Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich Verwandtschaft und Gender

Verwandtschaft und Gender -


von den Anfängen bis heute

Prof.Dr. Annuska Derks


2
3
4
Warum Verwandtschaft?
Verwandtschaft in der klassischen Ethnologie - ‘kinshipology’

• Verwandtschaft und soziale Organisation

• Ethnologische Studie von Verwandtschaft: Universalität vs.


Partikularität

• Verwandtschaft und theoretische Entwicklungen:


- Evolutionismus
- (Struktur-)Funktionalismus
- Strukturalismus
- …
5
Verwandtschaftsethnologie in der Kritik

• feministische Ansätze

• ethnographische Repräsentation

• symbolische Anthropologie

6
‚New Kinship Studies‘

• Biologie und Genealogie vs.


Verwandt-sein und Verwandt-machen

• Alternative Reproduktionstechnologien
und Familienformen

• Verwandtschaft und Gender

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Was ist Verwandtschaft?
Kinship (im engeren Sinn) Blutsverwandtschaft oder
Konsanguinalverwandtschaft
(im weiteren Sinn) „relationships between persons based on
descent and marriage“ (Linda Stone)

Verwandtschaft Beziehungen zwischen Personen aufgrund Abstammung


und Heirat

Relatedness Verwandt-sein: verwandt sind jene Menschen, die sich als


verwandt sehen, unabhängig davon, worauf dieses
Empfinden von Verwandtschaft gründet (Janet Carsten)

„mutuality of being“ (Marshal Sahlins)

Kinning Verwandt-machen: Prozesse, Aktivitäten und Handlungen, die


verwandtschaftliche Beziehungen erzeugen (Signe Howell)

8
Sex - Gender
Sex / Geschlecht Gender

• Biologische Unterschiede zwischen • soziale und kulturelle Konstruktion von


Frauen und Männern Geschlechtern
• Gesamtheit der Merkmale, wonach ein • symbolische Bedeutung der
Lebewesen in Bezug auf seine Funktion physischen und biologischen
bei der Fortpflanzung als männlich oder Unterschiede zwischen Männern und
weiblich zu bestimmen ist (Duden) Frauen
• kulturelle Erwartungen an Weiblichkeit
und Männlichkeit
• soziale Beziehung

http://www.nytimes.com

9
Ziele der Veranstaltung
• kritische Auseinandersetzung mit der Diversität und Variabilität
von Gender- und Verwandtschaftsbeziehungen und den
Verschränkungen von Verwandtschaft, Geschlecht und Sexualität

• Erwerb von grundlegendem Wissen zu den Konzepten und


Methoden der Verwandtschaftsforschung in der Ethnologie sowie
der Geschichte der Gender- und Verwandtschaftsethnologie von
den Anfängen bis heute

• Einblick in die aktuellen Fragestellungen und Forschungsgebiete


der Gender- und Verwandtschaftsethnologie und in die Relevanz
von Verwandtschaft und Gender für die Analyse von anderen
Themenbereichen

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Aufbau
Woche 1 21.09.2021 Verwandtschaft und Gender - von den Anfängen bis heute
Woche 2 28.09.2021 Die Erfindung von Verwandtschaft: Matrilinie und Genealogie
Woche 3 05.10.2021 Verwandtschaft, Gender und Sexualität

Woche 4 12.10.2021 Verwandtschaft, Deszendenz und die Konstitution politischer Ordnungen

Woche 5 19.10.2021 Heirat, Inzest, Allianz


Woche 6 26.10.2021 Fällt aus - Jubiläumsfeier: 50 Jahre Ethnologie in Zürich

Woche 7 02.11.2021 Rituelle Verwandtschaft, Substanz und Adoption

Woche 8 09.11.2021 Familie, Haushalt, Haus

Woche 9 16.11.2021 ‚Making Gender‘: Differenz und Performanz

Woche 10 21.11.2021 Sex, Gender, Körper

Woche 11 30.11.2021 ARTs, Reproduktion und Gender


Woche 12 07.12.2021 ‚With Respect to Sex‘ – Hijras in Indien
Woche 13 14.12.2021 Rückblick und Ausblick
Woche 14 21.12.2021 Prüfung

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Literatur
• Ausgewählte Texte zu den einzelnen
Sitzungen, zugänglich auf OLAT
Verwandtschaft und Gender

WEITERFÜHRENDE LITERATUR
• Carsten, Janet (2004) After Kinship.
Cambridge: Cambridge University Press.
• Reddy, Gayatri (2005) With Respect to
Sex: Negotiating Hijra Identity in South
India. Chicago und London: University of
Chicago Press.

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Durchführung der Vorlesung
• Präsenzmodus im Hörsaal BIN 1-B.01

• Aufzeichnung als Podcast auf OLAT (mit 2 Tage


Verzögerung)
Wichtig:
- die Aufzeichnung bleibt eine Woche lang zur Ansicht
verfügbar und wird dann gelöscht
- Kopieren und Weiterverbreitung der Aufzeichnungen
sind nicht erlaubt

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Fragen?

• Annuska Derks: annuska.derks@uzh.ch

• Tutorin Susana Tavares: susana.depinhotavares@uzh.ch

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Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaften

Die Erfindung von Verwandtschaft:


Matrilinie und Genealogie
Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Prof. Dr. Annuska Derks


Ancestry.com
https://www.youtube.com/watch?v=LWith5YzlXA&t=2s
Aufbau

• Verwandtschaftszeichen und -Terme


• Anfänge der Verwandtschaftsethnologie
• Die genealogische Methode
• Konsanguinität und Genealogie heute
• Fazit: die Erfindung von Verwandtschaft?
Verwandtschaftszeichen
Verwandtscha,szeichen/
/ / / / /:/männlich/ / / / / / /:/EGO/
/ / / / /:/weiblich / //
/ / / / /:/Geschlecht/unbekannt / //
/ / / / /:/verstorbene/Person / / //
= //oder/ / /:/verheiratet/
= //oder/ / /:/geschieden/
/ / / / /:/sexuelle/Beziehung/
/ / / / /:/Abstammungsbeziehung/
/ / / / /:/AdopCon/
/ / / / /:/Geschwisterbeziehung/
Abkürzungen
Englisch:* !Deutsch:!
•  father: "F"""oder"Fa" •  Vater:'''''''''''Va'
•  mother: "M""oder"Mo" •  Mu*er:'''''''''Mu'
•  brother: "B"""oder"Br" •  Bruder:'''''''''Br'
•  sister:" "Z"""oder"Si" •  Schwester:'''Sw'
•  daughter: "D"""oder"Da" •  Tochter:''''''''To'
•  son: " "S""""oder"So" •  Sohn:'''''''''''''So'
•  husband: "H"""oder"Hu" •  Ehemann:'''''Ma'
•  wife: " "W""oder"Wi" •  Ehefrau:''''''''Fr'
•  child: " "C"""oder"Ch "" •  Kind:''''''''''''''Ki'
"
'
Beziehungen werden durch Reihung der Abkürzungen wiedergegeben (von Ego ausgehend):
MB, MoBr / MuBr = Egos Onkel mütterlicherseits
ZH, SiHu / SwMa = Ehemann der Schwester von Ego
Filiation Beziehung eines Kindes mit oder durch seinem/n Vater und seine/r Mutter

Agnate Person, die über die männliche Linie verwandt ist

Uterine Verwandte Person, die über die weibliche Linie verwandt ist

Kognat Bilaterale (konsanguinale) Verwandte

Kindred eine Ego-zentrierte Verwandtschaftskategorie; eine soziale Gruppe oder Kategorie, die
aus Konsanguinal- und Affinalverwandten von Ego besteht

Deszendenz Abstammung; Beziehung, die eine Person durch einen Elternteil in Form einer Genealogie
mit einem Vorfahren verbindet

Lineage eine Gruppe von Menschen, deren Mitglieder ihre Abstammung von einem gemeinsamen
Ahnen herleiten

Klan wie eine Lineage, aber ohne dass die Angehörige ihre Abstammung von einem
gemeinsamen Ahnen genau herleiten können.
Anfänge der Verwandtschaftsethnologie

E.B. Tylor about the „law of marriage“ (1865: 277)

The matter belongs properly to that interesting, but difficult and almost unworked
subject, the Comparative Jurisprudence of the lower races [sic], and no one not versed
in Civil Law could do it justice.
Verwandtschaft und Recht

• Henry James Sumner Maine (1822-1888)


Ancient Law (1861)

• Johann Jacob Bachofen (1815-1887)


Das Mutterrecht (1861)

• John F. McLennan (1827-1881)


Primitive Marriage (1865)
Lewis H. Morgan
(1818-1881)

• Rechtsanwalt / Ethnologe
• Evolutionist
• Forschung / Verteidigung Seneca (Irokesen)
• Hauptwerke:
- Ancient Society (1877)
- Systems of Consanguinity and Affinity of the
Human Family (1871)
• Systematische, vergleichende
Verwandtschaftsforschung
„The family relationships are as ancient as the family. They exist in virtue of the law of derivation,
which is expressed by the perpetuation of the species through the marriage relation. A system of
consanguinity, which is founded upon a community of blood, is but the formal expression and
recognition of these relationships. Around every person there is a circle or group of kindred of
which such person is the centre, the Ego, from whom the degree of relationship is reckoned, and
to whom the relationship itself returns. Above him are his father and mother, below him his
children and their descendants; while upon either side are his brothers and sisters and their
descendants, and the brothers and sisters of his father and of his mother and their descendants,
as well a a much greater number of collateral relatives descended from common ancestors still
more remote. To him they are nearer in degree than other individuals at large. A formal
arrangement of the more immediate blood kindred into lines of descent, with the adoption of
some method to distinguish one relative from another, and to express the value of the
relationship, would be one of the earliest acts of human intelligence.“

–Lewis H. Morgan (1970 [1871], S.10)


Verwandtschaftsterminologie
= ein System von sprachlichen Kategorien zur Bezeichnung unterschiedlicher Verwandter

KLASSIFIKATORISCH DESKRIPTIV
= Bezeichnung mehrerer = Unterschied kollateraler und linearer
Verwandtschaftsbeziehungen mit einem Verwandtschaftsbeziehungen
Term

http://consanguinityandaffinity.wordpress.com/2013/06/09/classificatory-and-descriptive-systems-of-kinship/
Verwandtschaftsterminologien

Typologien sind nach Ethnien benannt, aber auch darüber hinaus verbreitet:
• Eskimo
• Hawaii
• Irokesen
• Omaha
• Crow
• Sudanesisch
• Dravidian
Verwandtschaftstypologien

https://en.wikipedia.org/wiki/Kinship#/media/File:Kinship_Systems.svg
inside = outside = cụ ngoại cụ ngoại
cụ nội cụ nội
paternal great paternal great
paternal side maternal side maternal great maternal great
grandmother grandfather
grandmother grandfather

ông nội bà nội bà ngoại ông ngoại


paternal grandfather paternal grandmother maternal grandmother maternal grandfather

bác gái bác rể thím chú


FeZ FeZ spouse FyB spouse FyB
bác bác chú dì
chú cô MeB MeB spouse MyZ spouse MyZ
FyZ spouse FyZ
bác trai bác dâu
FeB FeB spouse em cousin em mợ cậu
MyB spouse MyB

chị bố mẹ
father mother Aunt
anh female cousin
male Uncle
cousin

anh rể chị em trai em dâu


anh chị dâu EGO chồng younger brother em gái em rể
older brother-in- older sister
sister-in- husband younger sister y. brother-
brother law
law in-law
cháu

cháu con gái con rể cháu


con dâu con trai son-in-law
daughter-in-law son daughter niece / nephew
X

cháu grandchild cháu


Verwandtschaftsterminologie
= Beziehungsterminologie
RELATIONSHIP TERMINOLOGY =
ego-centered, consistent, and reciprocal systems of classification covering,
though by no means exclusively, ego’s socially-defined „family
relationships“ (Barnard und Good 1984: 38)

Dabei gibt es Unterschiede zwischen:


• Denotative (deskriptiv) vs klassifikatorische Termini
• Referenz- vs Anredetermini
• Wörtlicher vs metaphorischer Gebrauch
Die genealogische
Methode
Was ist Genealogie?

genea = Geburt, Abstammung


logos = Lehre, Kunde, Wissenschaft

=> Ahnenforschung, Familienkunde, Geschlechterkunde,


Lehre der Herkunft (Abstammung) und der
Verwandtschaftsverhältnisse von Personen oder Familien
in der Abfolge von Generationen
(Brockhaus)

http://www.kunstauktionen-duesseldorf.de/de/katalogdetails/29/168/2
Die genealogische Methode in der Ethnologie

William H.R. Rivers (1864-1922)


• Arzt / Psychologe / Ethnologe
• Torres Straits Expedition (1898-99)
• Erforschung biologischer Vererbung - Sammeln
von Genealogien der Torresstrassen-
Inselbewohner
• Filiation und Heirat als zentrale Beziehungen

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Torres_Straits_1898.jpg

Rivers (1968 (1910): 107):


„The genealogical method makes it possible to investigate abstract problems on a purely concrete basis.“
Anwendung der genealogischen Methode

• Stammbaum mit dem Namen


der Verwandten einer
gegebenen Person (EGO)
erstellen
• Terminologie erfassen, mit
welcher diese Personen
angesprochen werden (Anrede-
und Referenztermini)
Methodisches Vorgehen
• Erfassen der Anzahl der Generationen:
ausgehend von EGO werden männliche und weibliche Vorfahren und
Nachfahren in gerader Linie erfasst, bis man an die Grenzen der Erkenntnis
stösst;

• Erfassen der primären genealogischen Beziehungen:


alle von EGO erwähnten Personen werden über ihre sogenannten primären
genealogischen Beziehungen befragt – d.h. Eltern, Kinder, Geschwister,
Ehepartner.
Kritik

• Allianztheorie: affinale Beziehungen unterbewertet


• Egozentrischer Fokus
• New Kinship Studies: biologische und genealogische
Ausrichtung der Methode entspricht nicht unbedingt den
lokalen Konzepten von Beziehungen
heutige Anwendungen

• Ermittlung von Verwandtschaftsterminologien


• ethno-historische Studien
• demographische Untersuchungen
• gelebte Verwandtschaft

(Hardenberg 2008: 96-97)


Konsanguinität und Genealogie heute

Sarah Franklin (2013):


• “geneticization of consanguinity”
• “blooding of the gene”
Genealogical fantasies

Entdecken Sie Ihre Ahnengeschichte


Erweitern Sie Ihren Stammbaum, entdecken Sie Verwandte, und
durchforsten Sie historische Dokumente…

X
Die Erfindung von Verwandtschaft?
Verwandtschaftsethnologie und ….
• die Erfindung primitiver Gesellschaften
Maine and his contemporaries established primitive society as the object of social
anthropology. They posed strategic questions about the origin of the family, the state
and religion. They also prepared a specialized set of tools. Primitive society then
became the preserve of a new discipline, which soon developed a sophisticated, quasi
mathematical set of techniques for kinship studies. (Kuper 1988: 9)
• die Annahmen der genealogischen Methode
…genealogies are not historical records of biological relations, but contemporary
models for social relations. The „true“ biological links, if any, between the persons
depicted are not only irrelevant to social anthropology, but are mostly unknowable
even to geneticists. As anthropologist we are primarily concerned with the social links
between people. (Barnard and Good 1984: 9)
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Gender, Verwandtschaft und Sexualität

Prof.Dr. Annuska Derks

1
Warum ist es so wichtig, Gender und
Verwandtschaft gemeinsam zu betrachten?

2
Ablauf

• Vorstellungen von Verwandtschaft

• Kritische Ansätze in der Verwandtschaftsethnologie

• Verwandtschaft und Gender

• Schlussfolgerungen

3
Grundlegende Fragen…

‣ Was ist Verwandtschaft (nicht)?

‣ Ist Verwandtschaft universell?

4
5
„The family relationships are as ancient as the
family. They exist in virtue of the law of derivation,
which is expressed by the perpetuation of the
species through the marriage relation. A system of
consanguinity, which is founded upon a community
of blood, is but the formal expression and
recognition of these relationships.“
–Lewis H. Morgan (1970 [1871], S.10)

„…kinship may be defined as social relationships based


on connection through birth. This holds for relationships
by affinity as well as for those by consanguinity -for
although husband and wife may have no recognized
common ancestry, they are nonetheless related by
blood through their common offspring.“
–Kingsley Davis and W.Lloyd Warner (1937: 292)
6
Robin Fox in Kinship and Marriage (1967):

Verwandtschaft = “basic facts of life”

4 Prinzipien - Robin Fox (1967: 31):


1: The women have the children
2: The men impregnate the women
3: The men usually exercise control
4: Primary kin do not mate with each other

=> Verwandtschaft ist sowohl biologisch als auch sozial

Aber sind diese Prinzipien universell?

7
David Schneider
(1918 - 1995)
• Amerikanischer Ethnologe

• Symbolische / interpretative Ethnologie

• Univ. of Chicago / Univ. of California,


Santa Cruz

• Forschung bei den Yap in Mikronesien


(1947-1948)

• Direktor ‘Kinship Project‘ zu


Vorstellungen von Verwandtschaft in
der USA und GB

• Meist bekannt für Kritik an der


Verwandtschaftsethnologie

8
Schneiders Kritik
Verwandtschaftsethnologie beruht auf der Illusion, dass es universelle
verwandtschaftliche Kategorien (Ehe, Familie, Mutter, Vater, etc.) gebe.

Annahmen:
• Verwandtschaftsbeziehungen sind angeboren, biologisch determiniert, Teil der
menschlichen Natur und daher universell
• Stärke der Verbindungen ist abhängig von der Nähe
➡ diffuse, enduring solidarity

Ethnologen und Ethnologinnen haben eigene Euro-Amerikanische Folks-


Modelle von Verwandtschaft für die Analyse anderer Gesellschaften benutzt
= Vorrangstellung Verbindungen aufgrund sexueller Fortpflanzung.

Diese Modelle von Verwandtschaft sind aber nicht cross-kulturell gültig.

Verwandtschaft ist zuallererst ein symbolisches System mit


kulturspezifischen Bedeutungen (z.B. Blut oder Abstammung)
9
Schneider über die biologisierten
Vorstellungen von Verwandtschaft:
„So kinship is defined by social scientists and
anthropologists in particular, as having to do with
reproduction because reproduction is viewable as a
distinct and vitally important feature of social life. Its
distinctness, its vital nature, are given in the analyst's
experience of his own culture—they are demonstrable and
self-evident—and his not unreasonable assumption is that if
we are that way, and if all people are people. . . then all
people must hold reproduction in as high value as we do. It
is considered to be, after all, as vital a feature of social life
as it is of human life itself. But the question is, is this really
true of all people? I am not convinced that it is.“ (1984: 194).

10
American Kinship (1968)
Kategorien von Verwandten
Order of Nature Order of Law
= substance = code of conduct

by Blood
in Nature (alone) in Law (alone)
in Nature and in Law

relationship by blood, relationship of substance, of relationship imposed by man,


but not by law shared biogenetic material consisting of rules and
regulations, customs and
traditions

11
Beispiel Nayar
(Ende 18.Jh, Anfang der Britischen Kolonialherrschaft)
• eine Kriegerkaste in Kerala, Süd-West Indien, erforscht von
Kathleen Gough

• Männer dienten als Soldaten; junge Frauen als Haushaltshilfen


in Brahmin Haushalten

• Matrilineare Haushalte / Häuser (taravad) - Kinder wurden


Mitglied der Verwandtschaftsgruppe ihrer Mutter

• Vor der Pubertät werden Mädchen durch das ‘Binden des Tali’
mit Männer aus benachbarten Verwandtschaftsgruppen rituell
verheiratet

• Nach Heirat veränderte sich der Status des Mädchens - darf in


der Nacht Liebhaber empfangen und mit mehreren Männern
eine Besuchsbeziehung (sambandhan) eingehen

• Vaterschaft der Kinder wird bestätigt durch Bezahlung der http://en.wikipedia.org/wiki/File:Nair_Women.jpg

Hebamme; Väter haben jedoch keine Verantwortung für die


Erziehung und können kein Recht auf das Kind beanspruchen.
Die Brüder der Mutter unterstützen sie und ihre Kinder.
12
Unterschiedliche Erkennung von relatedness bei den Nayar

Maternität Paternität

legitime sexuelle Beziehung und


biologische Fortpflanzung
Geschenke für Hebamme

“in nature” “code of conduct”

13
14
‘After Schneider’:
Zum Verhältnis Natur und Kultur in Verwandtschaft

Westliche kulturelle Konzeptionen von Verwandtschaft als


biologisch-begründet sind nicht universell übertragbar

“Verwandtschaft” kann nur in Weiterentwicklung der Idee, dass


eigenen kulturellen (i.e. in lokalen, Verwandtschaft auf Teilen von
• einheimischen) Formulierungen Substanzen biologischer oder
verstanden werden anderer Natur (Blut, Milch,
= kulturalistischer Ansatz Ernährung, Haus) basiert
= Neuformulierung biologischer und
sozialer Aspekte von Verwandtschaft
Verlagerung Studie von
Verwandtschaft in andere
Themenbereiche, z.B. Gender und Verlagerung der Aufmerksamkeit von
Sexualität Verwandt-sein zu Verwandt-machen
15
Gender und Verwandtschaft

“We argue that gender and kinship have been


defined as fields of study by our folk conception
of the same thing, namely, the biological facts of
sexual reproduction.”

(Yanagisako, Collier 2004:276)

16
Analytische Dichotomien in der Erforschung
von Genderbeziehungen:

• Natur-Kultur
(symbolisch-strukturalistischer Ansatz)

• domestic-public / häuslich-öffentlich
(strukturfunktionalistischer Ansatz)

• Reproduktion-Produktion
(marxistischer Ansatz)

17
Natur-Kultur

Sherry Ortner
“Is female to male as nature is to culture?” (1974)
Ausgangsthese (nach Lévi-Strauss): alle Kulturen machen einen
Unterschied zwischen Natur und Kultur: Kultur versucht Natur zu
kontrollieren, zu überwinden, für eigene Zwecke zu benutzen. Kultur ist
Natur überlegen.

Erklärung für die „universelle Asymmetrie


der Geschlechter“ in der symbolischen
Assoziierung von Frauen mit ‚Natur‘ und
von Männer mit ‚Kultur‘.
Aber:
• Ist männliche Dominanz wirklich
universell?
• Wer sieht Frauen als „näher an Natur“?

18
Domestic-Public

Michelle Rosaldo
Women, Culture, Nature (1974)
• domestic / häuslich = alle Institutionen und Aktivitäten
rundum Mutter-Kind Gruppen / im häuslichen Bereich

• public / öffentlich = Aktivitäten, Institutionen und


Assoziationen im öffentlichen Bereich, der den häuslichen
Bereich umschliesst und ihm daher übergeordnet ist.

• Die domestic-public Opposition geht aus von ein Mutter-


Kind Einheit, da diese natürlich universell zu sein scheint.

• Basiseinheit der Gesellschaft ist also nicht die nukleare


Familie (wie Malinowski argumentiert hat), aber die Mutter-
Kind-Einheit

19
aber:

• häusliche Einheiten sind nicht überall und


immer um biologische Mütter und ihre Kinder
gebildet
https://www.pinterest.com/tiatracie/baby-carrying/

Women in all cultures mother, but cultures vary


considerably in the extent to which they associate
femininity with nature, fertility, maternal wisdom, or
motherly love. (Collier und Rosaldo 1981: 275)

• Vorstellung von männlicher Teilnahme an


Reproduktion und Kindererziehung ist zeitlich
https://www.etsy.com/listing/90080075/antique-

und kulturell unterschiedlich (z.B. Couvade) vintage-victorian-nanny-and-baby

20
Reproduktion-Produktion
F. Engels
Ursprung der Familie des Privateigentums und
des Staats (1884):
„Geschichte wird bestimmt von der “Produktion und
Reproduktion des unmittelbaren Lebens.” Dabei geht es um;
“einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von
Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den
dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung
von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung.”

=> beschreibt die Entwicklung der monogamen


Familie und die Transformation der Position der
Frauen: mit Privatbesitz kommt auch weibliche
Subordination, da Frauen keine Produktionsmittel
(Tiere, Land) besitzen.
21
Reproduktion-Produktion

Produktion und Reproduktion werden als 2 funktional


unterschiedliche, jedoch zusammenhängende Bereiche gesehen
(Yanagisako und Collier 1987:24-25):

produktive Sphäre reproduktive Sphäre

materielle Güter Menschen


Technologie Biologie
männlich oder weiblich oder
geschlechtsneutral geschlechtsgebunden
Lohnarbeit Nicht-Lohnarbeit
Fabrik Familie
Geld Liebe

22
aber:

• Sicht / Strategien der Frauen unterbeleuchtet

• Frauen als homogene Kategorie dargestellt

• Vermischung 3 Ebenen der Reproduktion:


- soziale Reproduktion, d.h. die allgemeine Reproduktion
einer bestimmten Gesellschaftsformation
- Reproduktion von Arbeit
- biologische Reproduktion

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Gender und Verwandtschaft
J. Collier und S. Yanagisako (1987)
Die Dichotomien Natur-Kultur, domestic-public, Produktion-Reproduktion
setzen als gegeben voraus, was eigentlich erforscht werden soll, nämlich:

... der Unterschied zwischen Männer und Frauen.…Statt als gegeben


anzunehmen, dass „männlich“ und „weiblich“ zwei natürliche Kategorien von
menschlichen Wesen sind, deren Beziehungen überall durch ihre Differenz
strukturiert sind, fragen wir, ob es sich in jeder Gesellschaft, die wir erforschen,
tatsächlich so verhält, und wenn dem so ist, welche besonderen sozialen und
kulturellen Prozesse Männer und Frauen verschieden von einander erscheinen
lassen. Obwohl wir nicht leugnen, dass zwischen Männer und Frauen biologische
Unterschiede bestehen - genauso wie zwischen Männern untereinander und
Frauen untereinander - besteht unsere analytische Strategie darin, zu fragen, ob
diese Differenzen die universelle Basis für die kulturellen Kategorien von
„männlich“ und „weiblich“ sind.

(Collier and Yanagisako 2001 [1987]: 31)

24
25
Es gibt keine „Fakten“…„biologische oder
materielle, die soziale Konsequenzen oder
kulturelle Bedeutungen in oder aus sich selbst
haben. Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft
und Gebären sind kulturelle Tatsachen, deren
Form, Konsequenzen und Bedeutungen in
jeder Gesellschaft sozial konstruiert werden, in
Form von Mutterschaft, Vaterschaft,
Rechtsprechung, Herrschaft und
Auseinandersetzung mit den Göttern.”
–Collier and Yanagisako 2001 [1987]: 55

26
Ganzheitliche Analyse sozialer Systeme:

• Analyse von Bedeutungen: was sind die sozialen


Kategorien, die Menschen in spezifischen Kontexten
verwenden und was sind deren unterliegenden Symbole
und Bedeutungen?

• Analyse von Ungleichheit: wie ist Ungleichheit organisiert?


Welche Ideen und Handlungen konstituieren Ungleichheit?
Wie tragen Menschen zu Strukturen von Ungleichheit bei?

• Historische Analyse: wie ändern soziale Systeme mit der


Zeit? Und was macht soziale Systeme über längere Zeit
relativ stabil?

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Was können wir von den kritischen Ansätze in der
Gender- und Verwandtschaftsethnologie lernen?

28
Gender, Verwandtschaft und Sexualität
einige Schlussfolgerungen
• Hinterfragen eigener Vorstellungen von
“natürlichen” Verwandtschaftsbeziehungen und
Geschlechterkategorien

• Dekonstruktion von Dichotomien: Natur-Kultur; das


Biologische-das Soziale

• Verschränkungen Verwandtschaft, Gender und


Sexualität

29
http://makinganthropologypublic.com/2012/04/08/at-the-top-of/
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Verwandtschaft, Deszendenz und die


Konstitution politischer Ordnungen

Prof.Dr. Annuska Derks


“…kinship and politics are mutually implicated”
(Howell 2019 : 659)

Wie hängen Verwandtschaft und Politik zusammen?


Heute

• Deszendenz

• Lineagetheorie

• das matrilineare Puzzle

• Verwandtschaft und Politik heute


Deszendenz in der
Verwandtschaftsethnologie
Was hält eine Gesellschaft zusammen?

britischen Strukturfunktionalisten:
Verwandtschaft als zentrales Element in Sozialstruktur
‣ Lineages als korporative Gruppen
‣ Fokus auf juristischen und politischen Aspekten von
Verwantschaftsbeziehungen
‣ Forschung v.a. in afrikanischen Gesellschaften

=> die Lineagetheorie:


die (‘tribale’) Gesellschaft als eine systemische Ordnung von
Deszendenzgruppen (Lineages)
Trennung Verwandtschaft und Politik

We must here distinguish between the set of relationships


linking the individual to other persons and to particular
social units through the transient, bilateral family, which we
shall call the kinship system, and the segmentary system
of permanent, unilateral descent groups, which we call the
lineage system. Only the latter establishes corporate units
with political functions. In both groups of societies kinship
and domestic ties have an important role in the lives of
individuals, but their relation to the political system is of a
secondary order.

(Evans-Pritchard and Meyer Fortes 1940: 6)


Dichotomie
Häuslichkeit - Öffentlichkeit

• HÄUSLICHEDOMÄNE: geregelt durch moralische


Normen oder Regeln der interpersonellen
Verwandtschaft (‘kinship’ = ego-zentriert)

• ÖFFENTLICHE DOMÄNE: geregelt durch juridische


Regeln (v.a. ‘descent’ = sozio-zentriert)
Deszendenz
Deszendenz =
• Abstammung, Nachkommenschaft (Duden)
• A relationship defined by connection to an ancestor (or
ancestress) through a culturally recognized sequence of
parent-child links (Keesing 1998)
• Ein Prozess, welcher die Mitgliedschaft in einer sozialen
Gruppe entweder durch den Vater oder durch die Mutter
reguliert
= soziale Zugehörigkeit (Rivers 1915)

Deszendenzgruppe als korporate Gruppe =


• eine Gruppe von Personen die gemeinsame Rechten,
Pflichten und Verantwortung teilen
Deszendenzformen
• PATRILINEAR: Übertragung von Zugehörigkeit und/oder Ressourcen findet unilinear durch
die Lineage des Vaters statt

• MATRILINEAR: Übertragung von Zugehörigkeit und/oder Ressourcen findet unilinear durch


die Lineage der Mutter statt

• KOGNATISCH: Abstammung erfolgt über beide Linien. Attribute / Ressourcen können


sowohl durch die Linie der Mutter als durch die Linie des Vaters weitergegeben werden
(bilateral)

• BILINEAR oder DOPPELT: Manche Attribute / Ressourcen werden durch die Vaterlineage
weitergegeben, andere durch die Mutterlineage. Die beide Lineages werden separat
gehalten.

• PARALLEL: Seltene Variante, wobei Übertragung von Zugehörigkeit sex-spezifisch ist. D.h.
Männer geben Ressourcen an ihre Söhne und Frauen Ressourcen an ihre Töchter weiter

• CROSSING oder ALTERNIEREND: Seltene, entgegengesetzte Variante, wobei Männer an


ihren Töchter und Frauen an ihren Söhnen weitergeben

(Eriksen 2001 / Barnard & Good 1984)


Bilaterales Verwandtschaftsnetzwerk
Verbreitung der Deszendenzformen

Deszendenzform Murdoch (1949) Aberle (1961) Keesing (1975)

Patrilineal 60% 44% 45%

Matrilineal 30% 15% 12%

Cognatic 36% 39%


} 10 %
Dual / Bilineal 5% 4%
Patrilineare Deszendenz

http://kinship.blox.pl/html/1310721,262146,169.html?13
Patrilineare Deszendenz
weibliches EGO

http://kinship.blox.pl/html/1310721,262146,169.html?13
Patrilineare Deszendenz
männliches EGO

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Segmentarisierung

= Unterteilung grösserer Einheiten in kleinere


Komponenten, oder Formierung kleinerer
Gruppen aus Parent-Lineage

(Evans-Pritchard 1940: 197)


Segmented Lineage
PATRILINEAR

http://kinship.blox.pl/html/1310721,262146,169.html?13
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Evans-Pritchard und die Nuer
• Forschung in den 1930er Jahren im Auftrag der
Britischen Kolonialregierung

• Ziel: Beschreiben der Lebensweise und der


politischen Institutionen der Nuer

• These: die politische Institutionen können nur in


einem grösseren Kontext, welcher die
ökologischen und sozialen Systeme beinhaltet,
verstanden werden
Die Nuer

• Süd-Sudan in Savannenlandschaft

• Rhythmus von Trockenzeit und Regenzeit erfordert


Anpassung und saisonale Wanderung

• Wirtschaft: Viehhaltung (v.a. Rinder), Ackerbau


(Hirse und Mais) und Fischfang
http://www.cookiesound.com/2011/09/time-management-in-different-cultures/

The Nuer
by Hillary Harris and Robert Gardner (1971)
Verwandtschaft und Gender bei den Nuer
• Wohnform

• Arbeitsteilung

• Eigentum

• Verwandtschaft und Deszendenz

A B
Heiratsformen
• Monogame oder polygyne Heirat

• „ghost marriage“ (Geister-Ehe)

• Frau-Frau Heirat

• Formen des Konkubinats


Warum ist laut Evans-Pritchard die
Segmentarisierung der unilateralen
Deszendenzgruppen so wichtig für das
Verstehen der politischen Organisation der
Nuer?
„The lack of governmental organs among the Nuer,
the absence of legal institutions, of developed
leadership, and, generally, of organized political
life is remarkable. Their state is an acephalous
kinship state and it is only by a study of the kinship
system that it can be well understood how order is
maintained and social relations over wide areas
are established and kept up.“

–Evans-Pritchard (1940: 181)


segmentäre Gesellschaft
• Nahe Verwandte stehen zusammen gegenüber
weiter entfernten Verwandter
• Die Verschachtelung der Segmente gewährleistet
eine weitgehende Selbstregulierung von Konflikt-
und Kooperationsbeziehungen in einer
Gesellschaft ohne dauerhafte, zentrale politische
Autorität A X
B Y

X1 Y1

z1
X2 Y2
z2
Soziale Organization der Nuer
• Territoriale Ordnung vs Deszendenz

• Grösste territoriale und politische Gemeinschaft = tribe; tribales Territorium


ist unterteilt in Segmente

• Jeder Tribe ist assoziiert mit einem dominanten Clan, der wiederum
segmentarisiert ist
Clan = „the largest group of agnates who trace their descent from a
common ancestor and between whom marriage is forbidden and sexual
relations considered incestuous.“ (Evans-Pritchard 1940: 192)

Tribe Clan
primary tribal sections maximal lineages

secondary tribal sections major lineages

tertiary tribal sections minor lineages

village communities minimal lineages


Konfliktlösung und das
segmentäre Lineage-System

http://kinship.blox.pl/html/1310721,262146,169.html?13
Kritik an Evans-Pritchard
Audrey I. Richards (1941) A Problem of Anthropological Approach. Bantu
Studies 15(1).
Sharon E. Hutchinson (1996) Nuer Dilemmas: Coping with Money, War,
and the State. University of California Press.
Susan McKinnon (2000) Domestic Exceptions: Evans-Pritchard and the
Creation of Nuer Patrilineality and Equality. Cultural Anthropology 15(1).

• ethnographische Repräsentation
• das segmentäre Model von Evans-Pritchard ist zu formell und
idealistisch
• Unterbeleuchtung Kognaten und Hierarchie
• Adam Kuper (1982: 84):
„It is extremely doubtful that there is a Nuer folk model which corresponds even
loosely to the model of the segmentary lineage system. […] The Nuer are not like The
Nuer.“
https://www.theguardian.com/global-development/gallery/2017/oct/13/running-with-the-rebels-in-south-sudan-in-pictures-nuer-white-army
Kritik an der Lineagetheorie

Annahme, dass in „tribalen“ Gesellschaften Lineages


korporative Gruppen bilden, wurde durch Forschung
in Papua Neuguinea widerlegt…
‣ Lineagetheorie erfasst nicht die wirklichen sozio-
politischen Prozessen
‣ Deszendenz ist eher eine kulturelle Kategorie bzw.
eine kulturelle Vorstellung
‣ wichtig sind auch Residenz und Lokalität neben
Deszendenz
Matrilineare Gesellschaften
…ein Spiegelbild patrilinearen Gesellschaften?
Matrilineare Deszendenz

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Matrilineare Deszendenz
männliches EGO

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Matrilineare Deszendenz
weibliches EGO

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Matrilineal Puzzle
= Problem der Position der Männer
Wie gehen matrilineare Gesellschaften mit der Kombination von
Autorität durch Männer und Deszendenz durch Frauen um?

verschiedene Residenzformen:
• Duo oder Natolokale Residenz
• Uxorilokale Residenz
• Virilokale Residenz
• Viri-avunculokale Residenz

„My own inclination is to doubt whether there are any useful


propositions about matrilineal systems which distinguish these, as a
class, from societies with other rules of descent and thereby justify the
typology.“ (Needham in Rethinking Kinship and Marriage 1971: 9)
Verwandtschaft und Politik heute

• Verwandtschaft und Staatsbürgerschaft

• Prokreation und Gesetzgebung

• Einbettung politische Akteure in


Verwandtschaftsnetzwerke
https://www.globalwitness.org/en/reports/hostile-takeover/
Fazit

“…while there is indeed a relationship between politics and


kinship, there is no necessary correlation between a
particular kinship order and a sociopolitical organization.”

“Politics (…) and kinship are more obviously closely part of


each other in many communities in countries in the South
than they are in the contemporary North. Nevertheless, the
procreative domain is regulated in all three societies,
whether by norms – however loosely defined and adhered
to – or by codified laws.”

- Signe Howell (2019)


Next week

Genetic Relations: Human Reproduction in


Times of CRISPR
Prof. Dr. Eben Kirksey, Deakin University
PD Dr. Tanja Krones, Universität Zürich

Völkerkundemuseum, Pelikanstrasse 40, 8001 Zürich


Raum: Hörsaal, PEA E23

UZH-i-Ringvorlesung: «Was ist der Mensch?» – Anthropologische Perspektiven

Kontakt: Dr. Stefan Binder


Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Heirat, Tausch und das Inzestverbot

Prof.Dr. Annuska Derks

1
• Was ist Heirat?

• Warum sind gewisse Beziehungen erlaubt oder


sogar bevorzugt und andere verboten?

• Wie relevant ist Lévi-Strauss’ Allianztheorie heute


noch?

2
Was ist Heirat?
„Marriage is a union between a man and a woman
such that children born to the woman are recognized
legitimate offspring of both parents.“

in Notes and Queries (1951: 110)

http://www.germany.info/Vertretung/usa/de/03__Konsulate/Los__Angeles/03/Heirat__Amtsbezirk.html

3
• Heterosexuelle Verbindung?

- Frauenheirat bei den Nuer

- Gleichgeschlechtliche Ehe in modernen


Gesellschaften

• Legitimität Nachkommenschaft?

- Unterschied zw. soziale Elternschaft und Heirat

4
Marriage is a relationship established between a woman and
one or more other persons, which provides that a child born to
the woman under circumstances not prohibited by the rules of
the relationship, is accorded full birth-status rights common to
normal members of his society or social stratum.
(Kathleen Gough 1959)

Heirat beinhaltet „a bundle of rights“, wie zB Legitimation von


Nachkommen, Zugang zur Sexualität der Ehepartner,
Organisation von Arbeit und Besitz und das Erstellen von
affinaler Beziehungen zwischen Personen und Gruppen…
(Leach 1961[1955]: 107-108)

=> keine einheitliche Definition von Heirat

5
Heiratsformen Polygamie

Monogamie Polygynie Polyandrie

Gleichgeschlechtliche Ehe Levirat Sororat

„Ghost marriage“ Gruppenehe 6


(c) Cover Asia Press / Shariq Alfaqaband

Fraternale Polyandrie
https://www.youtube.com/watch?v=d4yjrDSvze0&null=
7
Postmaritale Residenz
• patrilokal = bei/in der Nähe des Vaters des Ehemannes

• matrilokal = bei/in der Nähe der Mutter der Ehefrau

• virilokal = die Ehefrau wechselt ihren Wohnsitz und lässt sich dort nieder, wo ihr
Ehemann lebt

• uxorilokal = der Ehemann wechselt seinen Wohnsitz und lässt sich dort nieder, wo seine
Ehefrau lebt

• bilokal, auch ambilokal = entweder bei/in der Nähe der Eltern des Ehemanns oder bei/in
der Nähe der Eltern der Ehefrau

• duolokal, auch natolokal = Ehemann und Frau leben getrennt und bleiben an ihrem
eigenen Wohnsitz

• neolokal = getrennt von den Eltern, beide Ehegatten an einem neuen Ort

• avunkulokal = beim Mutterbruder (MutterBruder des Ehemanns = viri-avunkulokal)

8
Heiratsregeln

• ENDOGAMIE = Vorschrift, eine(n) Partner(in) aus der


eigenen Gruppe zu heiraten

• EXOGAMIE = Vorschrift, eine(n) Partner(in) aus einer


anderen als der eigenen Gruppe zu heiraten

9
Inzestverbot
• Das Inzestverbot ist eine der wenigen (fast) universellen Heiratsregeln.

• Fast alle menschlichen Gesellschaften sehen Inzest, d. h.


Geschlechtsverkehr und eheliche Beziehungen innerhalb der
Kernfamilie, als verwerflich an.

Ausnahmen: Königsfamilien, mit der Begründung der Reinhaltung der


Abstammungslinie, Abschottung vor Ausseneinflüssen

• Das Inzestverbot ist häufig um andere enge Verwandte erweitert – z.B.


Onkel und Nichte, Tante und Neffe oder auch Mitglieder des ganzen
Clans (Nuer).

➡ „All that is common to incest prohibitions is the feature of


prohibition itself“ (Needham 1971: 29).

10
Erklärungen für das Inzestverbot

• Eugenisch (biologisch): Vermeidung von Inzucht


und Maximalisierung genetischer Variabilität

• Psychologisch: gemeinsames Aufwachsen bedingt


sexuelle Interesselosigkeit (Westermarck) vs. Freud

• Soziologisch: soziales Phänomen, das sich in


bestimmten Zeiten in bestimmten Gesellschaften
entwickelt hat

11
Lévi-Strauss zu Inzest und Exogamie
Inzest ist weder rein kulturell, noch rein natürlich, sondern die Transformation von
Natur in Kultur, oder der Anfang von Kultur.

Natur Inzestverbot Kultur


Universalität Normen, Regeln
spontan relativ, partikular

Inzest ist der Link zwischen der biologischen und sozialen Existenz des Menschen
= daher positiv

„Das Inzestverbot ist weniger eine Regel, die es untersagt, die Mutter, Schwester
oder Tochter zu heiraten, als vielmehr eine Regel, die dazu zwingt, die Mutter,
Schwester oder Tochter anderen zu geben. Es ist die höchste Regel der Gabe…“
Lévi-Strauss, Die elementare Strukturen der Verwandtschaft (1993 [1949]: 643)

12
Dialog Margaret Mead mit einem Arapesh-Informanten:

„Was, möchtest du deine Schwester heiraten? Bist du denn nicht


richtig im Kopf? Möchtest du denn keinen Schwager? Siehst du
denn nicht ein, dass du wenigstens zwei Schwager bekommst,
wenn du die Schwester eines anderen Mannes heiratest und ein
anderer Mann deine eigene Schwester bekommt? Mit wem willst
du denn auf die Jagd oder in den Garten ziehen, und wen willst
du besuchen?“
(in Lévi-Strauss 1993[1949]: 647-648)

=> „Inzest ist eher sozial absurd als moralisch verurteilungswert“


(ibid. S.648)

13
Heirat und Allianz
Edward Tylor hat die zentrale Bedeutung der Heirat
als Erster postuliert:

„By binding together a whole community with ties of kinship


and affinity, and especially by the peacemaking of women
who hold to one clan as sisters and to another as wives, it
tends to keep down feuds and to heal them when they
arise“ (1889: 268)

=> Devise für die Menschheit: entweder nach aussen


heiraten oder getötet werden
14 ©WdJong, 2011
Lévi-Strauss und die Allianz-Theorie
• Heirat als Allianz

• Exogamie und Frauentausch

„Die Exogamie stellt das einzige Mittel dar, die Gruppe als Gruppe zu
erhalten, die endlose Spaltung und Segmentierung zu vermeiden, zu
welcher die Praxis der konsanguinen Heiraten führen würde.“ (S.640)

Exogamie bekräftigt „die soziale Existenz anderer Menschen … nicht


weil die konsanguine Heirat eine biologische Gefahr darstellt,
sondern weil aus der exogamen Heirat ein sozialer Gewinn
erwächst.“ (S.642)

=> Exogamie zwingt Gruppen dazu, ausserhalb der eigenen


Gruppe zu schauen und Allianzen mit anderen Gruppen einzugehen.

• Ein essentielles Merkmal dieser elementaren Strukturen ist der


systematische Tausch von Frauen -> Reziprozitätsbegriff von Mauss.
15
Tausch und das Verwandtschaftsatom

• Heirat als Prinzip der Gegenseitigkeit - ein


Austauschverhältnis zwischen einer Geber- und einer
Nehmergruppe (ausgetauscht werden dabei Frauen).

• Das Verwandtschaftsatom ist die kleinste


gesellschaftliche Einheit, in welcher das reziproke
Verhältnis zweier Verwandtschaftsgruppen
repräsentiert ist = Kernfamilie (Mu, Va, Kind) + MuBr

16
• Unterschied elementare und komplexe Systeme:

- ELEMENTARE SYSTEME sind auf das


Verwandtschaftsatom aufgebaut und haben positive
Heiratsregeln. Sie besagen nicht nur, wen man nicht
heiraten darf, sondern auch wen man heiraten soll.

- KOMPLEXE SYSTEME haben nur negative


Heiratsregeln - und sind dadurch nicht in der Lage,
langzeitige Allianzen zwischen
Verwandtschaftsgruppen zu kreieren.

17
Parallel- und Kreuzcousins

patrilateral matrilateral

Ego
18
Kreuzkusinen und Unilineare Deszendenz
patrilinear matrilinear

Kreuz Parallel Ego Parallel Kreuz


19
Tausch

• einfacher Tausch = eine reziproke


Tauschbeziehung zwischen zwei Gruppen /
Moieties

• erweiterter Tausch = asymmetrische


Tauschbeziehungen zwischen mindestens drei
Tauscheinheiten

20
restricted exchange
bilaterale Kreuzkusinenheirat (patrilinear)
moiety X moiety Y

FZD,
Ego MBD

21
restricted exchange
bilaterale Kreuzkusinenheirat (matrilinear)
moiety X moiety Y

MBD,
Ego FZD

22
generalized exchange
matrilaterale Kreuzkusinenheirat (patrilinear)
A B C

MBD ego

23
generalized exchange
matrilaterale Kreuzkusinenheirat (matrilinear)
A B C

MBD ego

24
generalized exchange
patrilaterale Kreuzkusinenheirat (patrilinear)
A B C

ego FZD

25
Kritik
• empirisch-orientierte EthnologInnen: ethnographische
Daten passen nicht in allgemeine Schemata

• unterschiedliche Bedeutungen von Heirat nicht


betrachtet

• feministische EthnologInnen: Frauen werden gesehen


als passive Wesen, die ausgetauscht werden

• der Fokus auf heteronormative Formen von Heirat


schliesst andere Formen von Relatedness aus

26
Evelyn Blackwood in ‘Wedding bell blues’ (2005: 15):

“Rather than assume the centrality of marital


relations, anthropologists need to demonstrate in
particular cases whether marriage constitutes the
focal relationship or not.”

“To fix a perspective that persists in seeing normative


models of marriage and family where multiplicity
exists requires attention to complex issues of
intimacy, relatedness, and interconnectedness as
they are manifest in diverse practices and discourses
in specific historical and social contexts.”

27
Lévi-Strauss heute
• ARTs, Adoption und Inzest (Collard et Sonabend 2013)

• gleichgeschlechtliche Ehe und die universellen Grundlagen


von Verwandtschaft und Gesellschaft (Robcis 2013)

Lévi-Strauss:

The scale of human cultures is so large, so varied (and so easily manipulated)


that we find without much trouble arguments supporting whichever thesis.
Among the conceivable solutions to the problems of life in society, the role of
the ethnologist is to distinguish and describe those which, in determinate
conditions, have proved themselves viable. This familiarity acquired with the
most diverse uses teaches him -at best- a certain wisdom which cannot be
useless to his contemporaries; without forgetting nevertheless that the choices
of society belong not to the scholar as such, but -and he himself is one- to the
citizen. (zitiert in Robcis 2013: 147-148)
28
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Rituelle Verwandtschaft, Substanz und Adoption

Prof.Dr. Annuska Derks


„echte“ und „fiktive“ Verwandtschaft…

• Verwandtschaft als Deszendenz und Heirat:

„Kinship was above seen to be concerned with what


peoples did everywhere with the facts of
nature.“ (Marilyn Strathern 1992: 46)

• Nicht-biologische Beziehungen: fiktiv, pseudo,


künstlich oder rituell

=> aber fiktiv für wen?

2
Fragen für heute…

Was ist das Verhältnis zwischen dem Sozialen und


dem Biologischen in Verwandtschaft?

Wie hilfreich sind diese Dichotomien um


Verwandtschaft kross-kulturell verstehen zu können?

3
Ablauf
• Verwandt-sein und Verwandt-machen

• Rituelle Verwandtschaft - compadrazgo

• Pflegschaft und Adoption

• Substanz und Milchverwandtschaft

• Schlussfolgerungen

4
‚Verwandt-sein‘ und
‚Verwandt-machen‘
„relatedness“ =
…about the ways in which people create similarity or difference between
themselves and others. (Carsten 2003: 82)

…indigenous ways of acting out and conceptualizing relations between people,


as distinct from notions derived from anthropological theory. (Janet Carsten
1995: 225)

„kinning" =
…the process by which a foetus or a new-born child (or a previously
unconnected person) is brought into a significant and permanent relationship
with a group of people that is expressed in a kin idiom. (Signe Howell 2003:
465)
5
Rituelle Verwandtschaft
compadrazgo

• compadrazgo = Gevatterschaft
/ Patenschaft, rituelle
Verwandtschaft

• Wörtlich: ko-Elternschaft

• Unterschied Europäisches und


Latein-Amerikanisches System
des compradazgo

6
Adoption und Pflegschaft

• Adoption = Übertragung aller Funktionen der


Elternschaft auf die Adoptiv-Eltern - ausser
Zeugung und Geburt

• Pflegschaft = wenn die biologischen Eltern manche


Funktionen behalten

Esther Goody (1982)

7
Soziale Elternschaft in Benin
(Erdmute Alber 2003; 2014)

• Baatombu in Nord-Bénin

• Landwirtschaft (Hirse, Mais, Süsskartoffel,


Baumwolle)

• Migration in die Städte

• wenig ökonomische Differenzierung

• Patrilinear - patrilokal

8
Pflegschaft:
Normen und Praxis

• Fosterage heute weniger verbreitet

• Pflegeeltern und Verantwortung

• Gender und Alter des Pflegekindes

• biologische Elternschaft: Scham und Distanz

9
Making kin
Adoption bei den Zumbagua - Mary Weismantel (1995):

The physical acts of intercourse, pregnancy, and


birth can establish a strong bond between two adults
and a child. But other adults, by taking a child into
their family and nurturing its physical needs through
the same substances as those eaten by the rest of
the social group, can make of that child a son or a
daughter who is physically as well as jurally their
own.

10
Transnationale Adoption

• Transsubstantiation

• Prozess des kinning

• Gesetze und Abkommen

• Bedeutung von roots


https://www.mirror.co.uk/3am/celebrity-news/angelina-jolie-surrounded-six-children-9843390

11
Verwandtschaft und Substanz
Relatedness in Pulau Langkawi
(Janet Carsten 1995)

• Prozessuale Sicht auf Verwandtschaft

• Gemeinsames Essen und


gemeinsames Zusammenleben sind
zwei Prozesse, die zunehmend
Verwandtschaft herstellen

• Unterschied soziale und biologische


Verwandtschaft ist kulturell spezifisch http://wfogg-en.blogspot.ch/2008/12/activities-in-kuching.html

12
Milchverwandtschaft
Soraya Altorki (1980) Milk-Kinship in Arab Societies

Islamisches Recht - 3 Verwandtschaftsformen:

• Blutsverwandtschaft = nasal

• Affinale Verwandtschaft = musahara

• Milchverwandtschaft = rida’a = Beziehung


zwischen einem Kind und einer Frau (nicht seiner
biologischen Mutter), die es gestillt hat

13
• „Milk is from the man“ -
Flüssigkeiten von der Frau und
ihrem Mann erzeugen Milch

• ein Kind, das von einer Frau


gestillt wird, wird gesehen wie ein
Kind ihres Mannes

• Milchgeschwister sind Kinder, die


von der gleichen Frau gestillt
wurden - sie haben die gleiche
Milchmutter und den gleichen
Milchvater (auch wenn sie
unterschiedliche Eltern haben)
http://de.wikipedia.org/wiki/Halīma_bint_Abī_Dhuʾaib#mediaviewer/File:Siyer-i_Nebi_-
_Muhammad_bei_seiner_Amme_Halima_Sadia_bint_Dhuaib.jpg

14
Milch und Heiratsverbote,
das Rida’a Gesetz

• Heiratsverbot für Milchverwandte ähnlich wie für


Blutsverwandte

• Wenn nach der Heirat bekannt wird, dass Mann


und Frau Milchverwandte sind, wird das Paar zur
Scheidung verpflichtet

15
Types of non-marriageable relatives

by blood (nasab)
any lineal ascendant
Types of any
non-marriageable
lineal descendant relatives
any descendant of a parent
any daughter of a grandparent

by affinity (musahara)
the wife of any lineal ascendant
the wife of any lineal descendant
any lineal ascendant of his wife
any lineal descendant of his wife

by fosterage (rida’a)
the milk-mother
the milk-mother’s lineal ascendants
the milk-mother’s lineal descendants
a daughter of his milk-mother’s grandparents
the milk-mother’s milk-daughter
the milk-mother of a lineal ascendant
the milk-sister of a lineal ascendant
the milk-daughter of a female lineal ascendant
the milk-daughter of a female lineal descendant
the milk-daughter of a sibling
a milk-sibling’s daughter
the milk-mother’s husband’s lineal ascendants
the wives of milk-mother’s husband and his lineal ascendants
the milk-mother’s husband’s lineal descendants
a daughter of his milk-mother’s husband’s grand-parents
the milk-daughter of a lineal ascendant’s wife
the milk-daughter of a lineal descendant’s wife 16
= ego = verbotene Ehepartner

= Ego’s Milchmutter = Milchbeziehung

17
Milchverwandtschaft
• Anwendungen
- in erweiterten Haushalte
- medizinische & soziale Gründe
- strategisch

• Transformationen
- Bedeutung Milch-Geschwister
- Ernährung und Residenzformen
18
einige Schlussfolgerungen

• Verwandtsein- und Verwandtmachen: sowohl


biologische Abstammung als auch Substanzen und
Aktivitäten

• Substanz in Verwandtschaft

• Verwandtschaft als prozessual

• Donna Harraway: Make kin, not babies!

19
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Familie, Haushalt, Haus

Prof.Dr. Annuska Derks

1
Häuser, Menschen, Strukturen
These: Nicht nur Deszendenz, Allianz, Familie und Haushalt sind
wichtige Konzepte im Zusammenhang mit Verwandtschaft,
Identität und Zugehörigkeit. Um die Sozialstruktur sowie die
Bedeutung von Verwandtschaft in einer Gesellschaft zu
erfassen, spielt auch das Haus selbst eine wichtige Rolle.

…. I suggest that the very qualitative density of experiences in the houses we


inhabit leads many people around the world […] to assert that kinship is made in
houses through the intimate sharing of space, food, and nurturance that goes on
within domestic space.
(Carsten 2004: 35)

Houses are more than physical structures. Houses are homes, places of work, rest
and worship. Houses are intimately related to those who inhabit or work in them.
(Howell 2003: 16)

2
Themen für heute
• Das Haus als eine spezifische Form der
Sozialordnung

• Das Haus als Ort der Verwandtschaft

• Gender, Haus und die (verkehrte) Welt

• Haus, Haushalt und Familie

3
Hausgesellschaften
Lévi-Strauss
• House = „a moral person [or a corporate group] holding an estate
made up of material and immaterial wealth which perpetuates itself
through the transmission of its name down a real or imaginary line,
considered legitimate as long as this continuity can express itself in
the language of kinship or affinity, and, most often, both.“ (Lévi-
Strauss in The Way of Masks, 1983)

• Zentrale Kriterien:
- Es bildet eine ‚corporate group‘
- Es besitzt Reichtum (materiell und immateriell)
- Es zeichnet sich durch Dauerhaftigkeit aus

• Beispiele: Kwakiutl in Nordamerika, im mittelalterlichen Europa, im


feudalen Japan, Zentralamerika, Indonesien, Nordafrika…
(vgl. Beispiel Haus von Oranje-Nassau)
4
5
weitere Kriterien…
• Gesellschaften bestehend aus 'Häusern' bilden eine
Zwischenstufe zwischen den eher egalitären,
verwandtschaftlich organisierten Gesellschaften und
Klassengesellschaften oder staatlichen
Gesellschaften.

• Die 'Häuser' in 'Hausgesellschaften' sind hierarchisch


geordnet gemäss einer vererbten Rangfolge
(Ranggesellschaften).

• Häuser bilden wichtige Elemente in der lokalen Politik.

6
Haus und Relatedness
Janet Carsten

• Forschung auf der Insel Langkawi in Malaysia und


Reflexionen über das elterliche Haus in London,
Grossbritannien.

„Houses are much more than physical structures.


This is obvious when we think about what makes a
house a home. Like the people they contain, houses
are dynamic entities which are often thought to be
born, mature, grow old and die.

7
Häuser in Langkawi
• Häuser stehen im Zentrum der sozialen Organisation, sind aber
unbeständig, mobil
• geteilte Substanz wird durch gemeinsames Essen kreiert
• der Kern des Hauses ist die Küche
– der symbolische und praktische
Ort eines Transformationsprozesses
• die Einheit des Hauses ist stark mit
der Geschwistergruppe verknüpft
• affinale Verwandtschaft wird in
Geschwisterverwandtschaft
verwandelt

8 ©WdJong, 2011
Häuser der Erinnerung und Verwandtschaft
(Carsten in After Kinship)

• Elternhaus in London

• zwei Zentren:
- Arbeits- und Schlafzimmer der Eltern
- grosse Küche, wo v.a. gelebt wurde

• Erinnerungen an vergangene Häuser


machen Verwandtschaft und haben
auch eine politische Bedeutung.

9
“… without the family a home is ‘only a house’”
- Shelley Mallett

10
„„Houses are involved in the encoding and
internalization of hierarchical principles that
shape relations between those of different
generation, age, or gender. And these
valorizations have a significance beyond the
intimate and everyday sphere of what happens
in houses. They may be implicated in the way
wider social distinctions in the polity or the state
appear natural, given, and largely inescapable.“
–Janet Carsten (2004: 37)

11
Das kabylische Haus
oder die umgekehrte Welt
Pierre Bourdieu (1979)
• Beschreibung eines kabylischen
Hauses und der Platzierung der
Gegenstände, die sich darin befinden

• Erarbeitung der grundlegenden,


binären Oppositionen:
- dunkel - hell
- nass - trocken
- niedrig - hoch
- Wasser - Feuer
- roh - gekocht
- Tiere - Menschen
- Natur - Kultur
- weiblich - männlich
- Ehre - Ehrgefühl

• Als Mikrokosmos ist das Haus nach


denselben Gegensatzpaaren
aufgebaut, die für das ganze
Universum gelten.
12
• Gleiche Oppositionen zwischen dem Haus und
dem Rest des Universums:
- Haus = Universum der Frau

- Externe Welt = männliche Welt des öffentlichen Lebens

• Gegensatzpaare ändern sich je nach Bezugsystem:


- männlich : weiblich

- männlich : [männlich - weiblich : weiblich - weiblich]

• Haus als verkehrte Welt

13
west

female male
wall of
darkness

east
external world = male
14
„ [Bourdieu] illuminates how apparently simple
acts of negotiating a house space involve the
internalization of hierarchy, and how it is the
very unspoken quality of the correspondences
between the social and spatial distinctions that
makes them appear natural and
unquestionable.“

–Janet Carsten (2004: 49)

15
Space - A Cluttered Life: Middle Class-Abundance
https://www.youtube.com/watch?
v=CJWOWksT1x4&list=PLn9gUqW6huXVtpoO2CgevGimk2dLIkKM8&index=3

16
17
Haus, Haushalt, Familie
..the major difficulty in talking about the ‚domestic‘ is that we automatically find ourselves
having to consider a range of amorphous concepts and entities like ‚the family‘, ‚the
household‘, ‚the domestic sphere‘ and ‚the sexual division of labour‘, which overlap and
interact in complex ways to produce a sense of the domestic sphere. The family and the
household are two terms which are particularly difficult to separate clearly.
(Henrietta Moore 1988: 54)
• Familie —> Familien

• Malinowski - Familie hat eine universelle Funktion und besteht aus:


- a bounded set of people who recognize one another and who are distinguishable from like
groups
- a definite, physical space, a hearth and home
- a particular set of emotions, family love
=> kritisiert als westliche Vorstellung

• Unterschied Verwandtschaft und Lokalität

• Haushalt = residentielle Gruppe, deren Mitglieder bei Aktivitäten bezüglich Produktion,


Konsum und Kindererziehung zusammenarbeiten
18
Schweizer Haushalte

19
Schweizer Haushalte

20
Families We Choose
Kath Weston (1991)
• Forschung in der Lesben- und Schwulengemeinschaft in San
Francisco (US) in den 1980.Jahren

• Geht es bei gleichgeschlechtlichen Familien um eine radikale


Abweichung von konventionellen Vorstellungen von Familie
und Verwandtschaft?

„The longer I pursued my research, the more I became


convinced that gay families could not be understood apart from
the families in which lesbians and gay men had grown up. After
looking at the entire universe of relations they considered kin, it
became evident that discourse on gay kinship defines gay
families vis-à-vis another type of family known as „straight“,
‚biological’, or ‚blood’.“ (S. 3)
Lesben und Schwule bilden
„chosen families“
• Diese umfassen über Jahre aufgebaute persönliche Netzwerke
von FreundInnen, die als Verwandte betrachtet werden.

• formelles Kriterium: diffuse, enduring solidarity

As a kind of relationship, love can be translated as enduring, diffuse


solidarity. Solidarity because the relationship is supportive, helpful, and
cooperative; it rests on trust and the other can be trusted. Diffuse
because it is not narrowly confined to a specific goal or a specific kind of
behavior. Two athletes may cooperate and support each other for the
duration of the game and for the purpose of winning the game, but be
indifferent to each other otherwise. Two members of the family cannot be
indifferent to one another, and since their cooperation does not have a
specific goal or a specific limited time in mind, it is enduring. (Schneider
1980: 52)
lokales Konzept der „chosen families“

• entstanden aus Angst vor Bruch von


Verwandtschaftsbeziehungen nach Bekanntmachen der
stigmatisierten Sexualität

• entstanden aus Ablehnung, Familienbeziehungen nur als


biogenetische Verbindung zu naturalisieren

• entstanden aus Ablehnung, „Band des Blutes“ als


permanent und Bande der Freundschaft als nicht permanent
zu betrachten

-> Freundschaft wird als meist vertrauenswürdige und meist


permanente Form von Verwandtschaftsbeziehungen konzipiert.
The Pink Choice @Maika Elan

24
Haushalt, Haus, Relatedness
• Häuser können soziale Gruppen darstellen, die durch das
Verwandtschaftsidiom eine Einheit bilden, und eine bestimmte
soziale Ordnung repräsentieren.

• Relatedness wird für viele Menschen in und durch Häuser


gemacht.

• Häuser sind Bedeutungsträger - das Haus, die Gegenstände im


Haus und das, was in Häusern kreiert und gelernt wird, sagen viel
aus über Ideen und Werte bez. des sozialen Lebens und sozialen
Aktivitäten, sowie über kosmologische und Gender-Vorstellungen.

• Häuser sind Orte, in denen sozialen Beziehungen in


unterschiedlichen Kontexten geschaffen, erneuert oder auch in
Frage gestellt werden.
25
„Houses offer us a way of grasping the
significance of kinship „from the inside“ that is,
through an exploration of the everyday
intimacies that occur there.“

–Janet Carsten (2004: 56)

26
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Making Gender:
Differenz und Performanz

Prof.Dr. Annuska Derks

1
Making Gender in der Ethnologie

feministische Ansätze ab den 1960 Jahren:

- die (Re)präsention von Frauen in der Ethnologie

- Hierarchie und Subordination: universelle Asymmetrie vs Egalität

- Differenz und Intersektionalität

- Gender und Postkoloniale Kritik

- Wandel und Widerstand

- Gender und Performanz

- Gender, Sex, Sexualität

2
Differenz und Intersektionalität
Gibt es eine Kategorie ‚Frau‘?

• Es gibt kein Einzelmodell von Gender-Beziehungen -


Weiblichkeitsbilder / Männlichkeitsbilder, kulturelle
Vorstellungen von Genderbeziehungen sowie die
Praktiken und Identitäten von Frauen (sowie von
Männern) sind auch innerhalb einer Gesellschaft sehr
unterschiedlich (Henrietta Moore 1994)

• Geschlechtskategorien sind heterogen und differieren je


nach Überschneidung (intersectionality) mit anderen
sozialen Kategorien.

3
Intersectionality…. “is a way of looking at the
world that takes as a principled stance that it is
not enough merely to take gender as the main
analytical tool of a particular phenomenon, but
that gender as an important social and
symbolical axis of difference is simultaneously
operative with others like race, class, sexuality,
and religion.”
–Gloria Wekker 2016: 21

4
Differenz und postkoloniale Kritik
• ‚Under Western Eyes‘ (Mohanty): ‚Dritte-Welt‘ Frauen werden als
eigenartige, monolithische Subjekte dargestellt - als Opfer von
männlicher Kontrolle und traditioneller Kultur ohne die historischen
Kontexte und sozialen Differenzen in Betracht zu ziehen.

5
Gender, Othering, Saving
Lila Abu-Lughod
• Dept. of Anthropology, Columbia
University

• “Writing against culture” (1991): Kritik auf


das ‘Othering’ und die Festschreibung
von Differenzen - überwinden durch
“ethnographies of the particular”:

„…the particulars suggest that others live as we perceive


ourselves living, not as robots programmed with ‚cultural‘
rules, but as people going through life agonizing over
decisions, making mistakes, trying to make themselves look
good, enduring tragedies and personal losses, enjoying
others, and finding moments of happiness.“ (1991: 158)
6
• “Do Muslim Women Really Need
Saving?" (2002): Kritik auf die
Obsession mit Muslim Frauen
und die Reifikation kultureller
Unterschiede.

• “A moral crusade”: https://


www.youtube.com/watch?
v=uYAM7gMEd1g

http://www.igfm.de/publikationen/anzeigen/diskriminierung-von-frauen/

7
Rafia Zakaria - Against White Feminism

“Trickle-down feminism was how women's


empowerment within Afghanistan basically failed.
Because it doesn’t trickle down, that’s the first
lesson. You can’t take feminism and shove it down
people’s throats by importing it with bombs. And
because feminism is not a technocratic program
of economic liberation. But in today’s neo-liberal
discourse, you see this idea everywhere, that if
you give a woman a micro-loan, or a chicken, or
you buy her a sewing machine, she’ll make that
into a business. It doesn’t quite work that way.”
8
Wandel und Widerstand
Wie wird Gender in einem Kontext sozialen Wandels
(re)konfiguriert?
Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand?

• Erfahrungen, Positionen, Identitäten und Vorstellungen von


Gender sind historisch konstruiert und wandelbar

• Fokus auf Widerstand, um überschneidende und z.T.


gegensätzliche Machtstrukturen aufzudecken

• gegenseitige Bestimmungen von Akteuren (Agency) und


Strukturen
9
“Spirits of Resistance”
Aihwa Ong (1987)

• Forschung in einem
ländlichen Dorf in Malaysien -
Transformation einer
Bauerngemeinschaft durch
Industrialisierung

• alte Konzepte von Gender


und Genderbeziehungen
bekommen eine neue
Bedeutung im Kontext von
Fabrikarbeit
http://www.theguardian.com/global-development/2014/sep/17/modern-day-slavery-malaysia-electronics-industry

10
• Besessenheit als eine Form von Widerstand gegen kapitalistische
Arbeitsdisziplin

„I propose that we conceive of worker‘s experiences as cultural


struggles – that is, workers struggle with new and varied forms of
domination, and seek new ways of grappling with social realities.
Such cultural resistance and production engender a new sense of
self and community, potentially challenging the constitution of civil
society.“ (Ong 1987: 304)

11
Gender und Performanz

Wie werden Gender Unterschiede gemacht?


• Geschlecht ist nicht etwas, was wir haben oder
sind, sondern was wir tun
• Prozesshaftigkeit von Gender - Doing Gender

• Performanz vs Performativität: Judith Butler


https://www.youtube.com/watch?v=Bo7o2LYATDc

12
“Doing Gender”
West und Zimmerman (1987)

• Gender als soziales und kulturelles Geschlecht wird dauernd in


Interaktionen hergestellt:
„Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional,
and micropolitical activities that cast particular pursuits as expressions of
masculine and feminine ‚natures‘ (126).

„… a person’s gender is not simply an aspect of what one is, but, more
fundamentally, it is something that one does, and does recurrently, in
interaction with others. (140)

• Sex, Sexkategorie, Gender

• Gender ist in vielen für selbstverständlich


gehaltenen Aktivitäten und Interaktionen
verbreitet
13
13
Ausblick

• Making Gender

• situatedness von Gender-Vorstellungen, Praxen


und Wissen

• ‚multiscalar’ Analyse von Gender-Beziehungen,


Transformationen und Friktionen

• empirische Forschung über die dynamischen und


fluiden Aspekte von sozialen Beziehungen

14
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

Gender, Transgender, Körper

Prof.Dr. Annuska Derks

1
2
Inhalt der heutigen Sitzung

• Geschlecht und Körper

• Geschlecht, Biologie und Kultur

• Queer Studies in der Ethnologie

• Vielfalt der Geschlechter

• Schlussbemerkungen

3
Geschlecht und Körper I
• Entwicklungen in der biologischen Forschung: Biologie als
dynamischer Bestandteil der menschlichen Existenz. Es gibt
unterschiedliche Merkmale für Geschlecht (sex):
- anatomische Merkmale (äusserliche Geschlechtsorgane)
- chromosomale Merkmale (XY - XX)
- gonadale Merkmale (Geschlechtsdrüsen)
- hormonale Merkmale (Östrogene vs Androgene)

=> das weibliche und männliche Geschlecht werden nicht mehr


als zwei entgegengesetzte, einander ausschliessende Kategorien
verstanden, sondern vielmehr als Spektrum (siehe Ainsworth 2015)
• Umstrittene Geschlechteridentifikation

4
https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/aug/23/caster-semenya-olympic-spirit-iaaf-athletes-women
Interview zu Mobbingvorwürfen «Sie sagt einfach, dass Transfrauen keine ‹echten
Frauen› seien»
Philosophin Kathleen Stock schreibt über Geschlechter, erhält Morddrohungen und wird aus dem
Amt gejagt.

Lesekommentare:

• Eine Frau, ist eine Frau, ist eine Frau... Punkt. Personen, deren Geschlecht nicht
eindeutig ist, sollen die bestmögliche Behandlung bekommen. Männer, die sich als
Frauen deklarieren, sollen nicht an Frauen- Wettkämpfen teilnehmen dürfen.
Männer, die sich als Frauen deklarieren, dürfen nicht in Frauengefängnisse, nicht
auf Frauentoilletten, nicht in Frauentherapien usw. Aber natürlich dürfen sie
Frauenkleider tragen, obwohl sie keine Frauen sind.

• Es gibt nun mal ein X und Y Chromoson - eine weitere Diskussion ist eigentlich nur
modernistisches Luxusgetue für mich. Und Schnecken oder sonstige Bipolare
Naturgebilde sind die Menschen nun mal nicht. Wird da nicht etwas zuviel
aufgebauscht? Ich mag ja menschlichen Freigeist, nur wird hier doch etwas
übertrieben? Wer ist heute an welchem Tag was? Mit 20 Frau - kein Militär, mit 30
wegen Lohn dann Mann, mit 64 wieder Frau wegen früherer Rente ???

5
Geschlecht und Körper II
• Shelly Errington (1990) - auch vermeintlich natürliche oder
biologische Tatsachen bezüglich Geschlecht sind
Gegenstand von Interpretationen und Neuinterpretationen.
Daher ein Unterschied zwischen:

GENDER = wie vorher

SEX = bestimmte Vorstellungen vom biologischen


Geschlecht (Gewichtung der Genitalien / biologischen
Unterschiede)

SEX = physische Natur des menschlichen Körpers;


biologische Unterschiede zw. Männern und Frauen

6
Geschlecht, Biologie und Kultur
Cross-kulturelle Variabilität: nicht in allen
Kulturen werden die biologischen
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
als entscheidend gesehen.
“The very emphasis on the biological factor
within different cultural traditions is
variable; some cultures claim that male-
female differences are almost entirely
https://fineartamerica.com/featured/adam-and-eve-rubens.html
biologically grounded, whereas others give
biological differences, or supposed
biological differences, very little emphasis.”
(Ortner and Whitehead 1981: 1)

7
Maskulinität in Papua Neuguinea
• Sambia - Östliches Hochland von Papua Neuguinea
• Jagen und Gartenbau
• Kriegsführung
• Initiierungsritual: Transformation von Knaben zu stolzen,
starken, männlichen Kriegern
- Entfernung von der Mutter
- Schmerzhafte Rituale
- Fellatio - Knaben bekommen Samen von Junggesellen
• Funktionen von Sameninsemination:
- Wachstum durch Insemination
- Maskulinisierung des Körpers
- Sexuelle Freude
- Transmission Seele-Substanz von einer Generation zur anderen
• Initiierung fängt mit 7-10 Jahren an und dauert bis der
Junggeselle heiratet und Vater wird

8
• ‘ritualized homosexuality’ oder ‘exchange of
substances’? - Deborah Elliston (1995)

• What Ever Happened with Ritualized Homosexuality?


- Bruce Knauft (2003)
- Vormarsch von heterosexuellen Normen und Begehren

• Begriffe: rituelle Homosexualität, Sameninsemination


oder MSM?
- Die Begriffe homosexuell, lesbisch, queer sind in bestimmten
historischen Kontexten entstanden und werden heute in
westlichen Kontexten und weltweit in urbanen Zentren
gebraucht (Wieringa und Blackwood 1999)

9
Queer Studies in der Ethnologie

Queer anthropology can be broadly defined as the effort to examine social


systems, practices, and symbolic resources that emerge in contexts of
sexual difference from the (presumed) norms of heterosexuality and
gender ascription (Howe 2015: 1)

Sexualität in der Ethnologie:

• Weston (1993): gay/lesbian Studien als ‚emerging field‘:


Ethnokartographie

• Boellstorf (2007): von einer ‚logic of enumeration‘ zu ‚critical empiricism‘


- Rolle von politischen und wirtschaftlichen Kräften in der Konstruktion von
Sexualität: nicht-westliche Schwule oder Transgender Identitäten und
Praktiken in prekolonialen Kontexten vs unter Einfluss von globalen und
nationalstaatlichen Kräften
10
What’s in a name?
Cis-
Queer
hetero-
Lesbian
LGBT
Tomboy homo-

Gay
Drag
Schwul
Travesti Trans*
intersex
non-binär
SOGIESC
11
Vielfalt der Geschlechter
• Drittes Geschlecht: Mitte 1970er Jahren
aufgekommen aufgrund ethnographischer
Beobachtungen, dass Gender-Kategorien in
manchen Gesellschaften nicht dem
Zweigeschlechter-Framework entsprechen

• Vermehrte legale Anerkennung eines non-binären


oder dritten Geschlechts

• Frage, ob der Begriff des ‚dritten Geschlecht‘ dazu


beiträgt Gender-Dichotomien zu durchbrechen?
12
‚Challenging Gender Norms‘
Sharyn Graham Davies (2007)
5 Genders bei den Bugis, Sulawesi

• Männer = männlicher Körper,


männliches Verhalten

• Frauen = weiblicher Körper,


weibliches Verhalten

• calalai = weiblicher Körper,


männliches Verhalten

• calabai = männlicher Körper,


weibliches Verhalten

• bissu = männlich und weiblich


(Priester)

13
Bugi Gender System

bissu

calalai
calabai

Frauen
Männer

weibl. männl.
Frauen calalai bissu calabai Männer

14
Faktoren in der Gestaltung von Gender Identitäten:

• Körper

• Spiritualität

• subjektive Wahrnehmungen

• Rollen, Berufe, Verhaltensweisen

• Sexualität

15
Schlussbemerkungen

• Zusammenhang zw. Biologie und Gender Studies

• Gender-Dichotomie vs. Gender-Varianz

• Gender, Sex und Sexualität

16
ISEK - Social and Cultural Anthropology

VL: Kernbereich „Verwandtschaft und Gender


Sitzung 30.11.21

„Menschliche Reproduktion in der Ethnologie“


Teil 1
Menschliche Reproduktion und Reproduktionstechnologien in der Ethnologie – ein Einstieg ins
Forschungsfeld, Anina Meier, M. A.

Teil 2
The Politics of Birth in Bali, Indonesia: Ibuism, Natural Birth, and Complete Motherhood,
Molly Fitzpatrick, MSc.

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Molly Fitzpatrick & Anina Meier Page 1
ISEK - Social and Cultural Anthropology

Teil 1:
Menschliche Reproduktion /
Reproduktionstechnologien in der
Ethnologie
Anina Meier
University of Zürich, ISEK - Social and Cultural Anthropology / URPP ”Human Reproduction reloaded”

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 2/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Aufbau Vorlesung

Teil 1: allgemeine Einführung in das Thema der menschlichen Reproduktion in der Ethnologie
– Anfänge einer ethnologischen Beschäftigung mit Reproduktion
– Wendepunkte
– Überleitung zum Forschungsfeld der Reproduktionstechnologien

Teil 2: Forschungsfeld der Reproduktionstechnologien aus ethnologischer Perspektive


– Assistierende Reproduktionstechnologien (ART)
– Selektive Reproduktionstechnologien (SRT)

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 2/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Forschungsfeld: «Anthropology of Reproduction»


Book Description
The Routledge Handbook of Anthropology and Reproduction is a Over 39
chapters, a diverse range of international scholars cover topics including:
– Reproductive governance, stratification, justice, and freedom.
– Fertility and infertility.
– Technologies and imaginations.
– Queering reproduction.
– Pregnancy, childbirth, and reproductive loss.
– Postpartum and infant care.
– Care, kinship, and alloparenting

Source: https://www.routledge.com/The-Routledge-Handbook-of-Anthropology-and-Reproduction/Han-Tomori/p/book/9780367278366

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 3/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Anfängliche ethnologische Beschäftigung mit Reproduktion I

– Reproduktion über weite Zeiträume der ethnologischen Fachgeschichte als unpolitisch und irrelevant für
die „grossen Ideen der ethnologischen Theoriebildung“ aufgefasst.

1. Europa/Nordamerika
– Trennungen Reproduktion/Produktion & Natur/Kultur

– Verständnis von Reproduktion als „privat“, „weiblich“, “biologisch“


– Dennoch waren/sind heftigste politische Kämpfe des 19./20. & 21. Jh. reproduktiv
– (Bevölkerungskontrolle, Prostitution, Homosexualität, Abtreibung)

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 4/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Anfängliche ethnologische Beschäftigung mit Reproduktion (Exkurs)

Exkurs:

– Politik in diesem Kontext breit gefasst, als Massnahmen, die sich auf Führung einer Gesellschaft
beziehen, um bestimmte Vorstellungen, Auffassungen gegen andere mögliche Interessen
durchzusetzen.

– Stichwort Foucault: “biopower“: als unpolitisch geltende wissenschaftliche Medizin wurde im Europa
der Spätaufklärung zu einem mächtigen Instrument der Staatsführung. (Foucault 1990)

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 4/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Anfängliche ethnologische Beschäftigung mit Reproduktion II

2. Aussereuropäischer Kontext – ethnologische Forschung:


– Verwandtschaft kann bis Mitte 20. Jh als Untersuchung der Art und Weise, wie “primitive Völker“ ihre
natürlichen Fortpflanzungsprozesse kulturell organisieren (Roberts 2015).

– Trennung von Natur/Kultur, die damals in Europa/Nordamerika stark verankert war prägte Sichtweise
der EthnologInnen
– Auffassung eines natürlichen Fortpflanzungsprozesses, der kulturell organisiert wurde, verstärkte
bestehende Trennung Natur/Kultur in der Ethnologie

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier Page 4/10


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Wendepunkte in der ethnologischen Beschäftigung mit Reproduktion

– Feministische Perspektiven ab 1970


– Rapp/ Ginsburg: “Conceiving the new world order” (1995)
– Reproduktion Startpunkt um soziales Leben zu studieren
– Reproduktion auch als Terrain für neue Zukünfte, Transformationen (-
-> Reproduktionstechnologien)

– Medizinethnolgie
– Biomedizinische Vorgänge stets lokal interpretiert (Gammeltoft 2015)
– Kultur, die sich in biomedizinische Vorgänge einschreibt (Rabinow 1992)

Source:
https://www.ucpress.edu/book/
9780520089143/conceiving-
– Gender Studies ab 1980/90
the-new-world-order

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Reproduktionstechnologien in der Ethnologie I – Verwandtschaft

Ausgangslage: aufkommende Reproduktionstechnologien (ART) ab 1980er Jahren

– Marilyn Strathern: „Reproducing the Future: Anthropology, Kinship, and the New Reproductive
Technologies“ (1992)

– Ethnologische Beschäftigung mit ART’s: Technologien führen zu einer Vielzahl unterschiedlicher


Familienformationen
– “dynamische Möglichkeiten des ”Verwandt-machens” (kinning) (Howell 2006)
– Verwandtschaft als Prozess, nicht etwas natürlich Gegebenes.

– Aufweichung Natur/Kultur Dichotomie

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Reproduktionstechnologien in der Ethnologie II

ART‘s im Kontext von Ökonomie und globalen/gesellschaftlichen Machtbeziehungen

– Aufkommen neuer Märkte („Samenbanken“, Reproduktionskliniken, etc.)


– Auseinandersetzung mit Fragen von „spenden“ vs. „verkaufen“

– Spielen sich in globalen Raum ab


– Reproduktionstourismus

– In Bezug auf Gesellschaftsschichten stratifiziert


– Eine globale Elite profitiert von Reproduktionstechnologien vorherrschend

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Reproduktionstechnologien in der Ethnologie III

Ausgangslage ART‘s: Embyronen werden ausserhalb des Körpers kreiert


– Eingefroren, getestet, entsorgt, für Forschung gebraucht, verkauft,
gespendet à Feld neuer ethischer Fragen
à Überleitung zum Thema der „selektiven Technologien“
Ø

– selektive Reproduktionstechnologien (SRT)


– SRT hindern nicht nur bestimmte Kinder, geboren zu werden,
sondern wählen auch Kinder mit bestimmten Eigenschaften (z. B.
keine Trisomie 21, bestimmtes Geschlecht, bestimmte Hautfarbe)
aus.
– Selektive Entscheidungen im Kontext sozialer Zugehörigkeit,
gesellschaftlicher Erwartungen
Source: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-319-58220-
7?gclid=Cj0KCQiAtJeNBhCVARIsANJUJ2GZhA6lFEQkp26o0AIxT
OJqReZDQcOwoHl-YWLJBUb6B4x9j-NanzsaAmvsEALw_wcB

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Reproduktionstechnologien in der Ethnologie IV

- Präimplantationsdiagnostik
- Potenzialität von geneditierenden Verfahren in der menschlichen
Reproduktion (CRISPR)
- Stichwort „Desinger Babies“
- Neugestaltung des menschlichen Ursprungs (Stichwort: Natur/Kultur)

– Spannungsverhältnis: Reproduktionstechnologien fordern gesellschaftliche


Muster heraus, während sie gleichzeitig auch ermöglichen gesellschaftliche
Erwartungen zu erfüllen.

– „Making kin not babies“ (Haraway 2017)

Source:
https://press.princeton.edu/books/paperback/9780691121932/born-and-
made

30.11.2021 Menschliche Reproduktion in der Ethnologie, Anina Meier


ISEK - Social and Cultural Anthropology

Quellenangaben
– Han, S., & Tomori, C. (2021). The Routledge
– Foucault, M. (1990). The History of Sexuality. Handbook of Anthropology and Reproduction.
Vintage Books. – Inhorn, M. C., & Birenbaum-Carmeli, D. (2008).
– Franklin, S., & Roberts, C. (2006). Born and Assisted reproductive technologies and culture
made. Princeton University Press. change. Annual Review of Anthropology, 37,
177-196.
– Gammeltoft, T. M. (2014). Haunting Images.
University of California Press. – Roberts, E. (2015). Reproduction and cultural
anthropology.
– Gammeltoft, T. M., & Wahlberg, A. (2014).
Selective reproductive technologies. Annual – Strathern, M. (1992). Reproducing the future:
Review of Anthropology, 43, 201-216. essays on anthropology, kinship and the new
reproductive technologies. Manchester
– Ginsburg, F. D., Rapp, R., Reiter, R. R., & Rapp,
University Press.
R. R. (Eds.). (1995). Conceiving the new world
order: The global politics of reproduction. Univ of – Wahlberg, A., & Gammeltoft, T. M. (Eds.).
California Press (2018). Selective reproduction in the 21st
century. Berlin: Springer International
Publishing.
03.12.2019 Electrifying rural Myanmar by Anina Meier Page 13
ISEK – Ethnologie

The Politics of Birth in Bali, Indonesia


Ibuism, Natural Birth, and Complete Motherhood

Guest Lecture Kernbereich Gender und Verwandtshaft


Molly Fitzpatrick
molly.fitzpatrick@uzh.ch
Seite 1
ISEK – Ethnologie

Seite 2
ISEK – Ethnologie

Indah
“This is Madison, she is 5 days old, her weight is 4.1 kg, her
length is 53 cm, and, alhamdullilah (thank Allah) she was born
normally.”

“it is my dream that I would become a complete mother (jadi ibu


seutuhnya) by giving birth normally. And finally, alhamdullilah, I
was able to give birth normally.”

Seite 3
ISEK – Ethnologie

Suryakusuma, Julia. 2011. State


Ibuism: The Social Construction of
Womanhood in New Order
Indonesia. Depok, Indonesia:
Komunitas Bambu
ISEK – Ethnologie

Ibuism
• Gender ideology promoted by Suharto during the New Order
(1965 – 1989)
• Ibu = mother, but also ‘Mrs’
• ‘Maternal citizenship’
• Increased flexibility during reformasi (1989 – now) has
‘allowed women to interpret [motherhood] in their own ways,
often to expand their own options’ (Blackburn 2004, 141).

Seite 5
ISEK – Ethnologie
ISEK – Ethnologie

‘Safe Motherhood’ in Indonesia


• 1987: ‘Safe Motherhood’ conference in Nairobi, Kenya
• In response to this global interest, high maternal mortality
rates (MMRs) become key concern of Suharto’s
modernisation and development rhetoric
• 1989: bidan di desa (village midwife) program
• Standardisation and biomedicalisation of midwifery through
the Asuhan Persalinan Normal (APN)

Seite 7
ISEK – Ethnologie

The Normal Delivery Care


Protocol (Asuhan Persalinan
Normal, or APN)
ISEK – Ethnologie

Moral Dilemma
• The APN protocol normalises ‘normal birth’, i.e. vaginal birth
• Yet also ensures that women end up with C-sections more
frequently
• How to then become a ‘good’ mother?

Seite 9
ISEK – Ethnologie

The Natural Birth Discourse


ISEK – Ethnologie

Key Notions
• Birth is a natural physiological process
• Women’s bodies are designed to give birth
• Natural birth is empowering

‘the idea of natural birth stands for midwifery itself and for a
particular set of gender expectations: that women’s bodies are
naturally competent; that with proper support women can handle
the pain of labor and even find it empowering; and that women
can trust their gut feelings in a context in which choice is
paramount, interventions are negotiable, and trust characterizes
the midwife–client relationship’ (MacDonald 2006, 251).
ISEK – Ethnologie

Gender expectations

Images shared on instragram under the hashtag ‘#naturalbirth’


ISEK – Ethnologie

Dengan Hati Care


“Here, we treat the woman like family (seperti saudara), and from
the heart (dengan hati).”

“Working as a midwife here is about making a heart connection


(ikatan hati) between the midwife and the patient.”
ISEK – Ethnologie

Citra
“I was pregnant and I became depressed and everything was
falling apart, so at 5 months I went to Bali [to visit Ibu Clinic] and
there I met Debbie for the first time. I was checked, by her, and
then she hugged me. She hugged me and for the very first time
during my pregnancy I felt like I was honoured as a woman, as a
pregnant woman. (…) She is just… wow! She just accepts every
woman, like every woman who is pregnant she treats like a
goddess. [She treats you like] you are someone who is growing a
human!”
ISEK – Ethnologie

Diana
“Before, my grandmothers and also my mother gave birth in the
village, in the jungle, without any doctors. I want to give birth like
them, [because I want] to experience our nature as a real
woman”
ISEK – Ethnologie

Gemma
“He is such a happy and peaceful child, he sleeps so well and
never cries”
ISEK – Ethnologie

The Politics of Birth


“There is a correlation between gentle birth and peace, violent
birth and war” - Debbie

• Ginsburg and Rapp (1995) ‘Conceiving the New World Order’


• ‘The questions raised near birth are nothing less than what is
the future of society, and what kind of human being is built for
it?’ (Ford 2017, v).
ISEK – Ethnologie

Constructing Natural Birth


‘what constitutes natural birth is being reconceived and relived in
ways that are more individual, contextual, and contingent’
(MacDonald 2006, 251).

• The ‘naturalness’ of birth in this context is not a given but


rather has to be constructed and negotiated
• In the context of the clinic, natural and normal birth are often
conflated
ISEK – Ethnologie

Becoming a ‘Complete Mother’


• Going against the mainstream by choosing a natural birth
clinic can be seen as a way to live up to the obligations of the
gender ideology of ibuism and to become a ‘good’ and
‘complete’ mother
• The choice of birth place is a political act
• Ibu clinic is both a space of resistance and a place where
dominant gender ideologies are reproduced and enacted
ISEK – Ethnologie

References
Blackburn, Susan. 2004. Women and the State in Modern Indonesia. Cambridge:
Cambridge University Press.
Ginsburg, Faye and Rayna Rapp (eds). 1995. Conceiving the New World Order:
the Global Politics of Reproduction. Berkeley, CA: University of California
Press.
Ford, Andrea. 2017. Near Birth: Gendered Politics, Embodied Ecologies, and
Ethical Futures in Californian Childbearing. PhD diss., University of Chicago.
MacDonald, Margaret. 2006. Gendered Expectations: Natural Bodies and Natural
Births in the New Midwifery in Canada. Medical Anthropology Quarterly 20(2):
235-256.
Suryakusuma, Julia. 2011. State Ibuism: The Social Construction of Womanhood
in New Order Indonesia. Depok, Indonesia: Komunitas Bambu
Ins$tut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenscha;en

Kernbereich ‘Gender und Verwandtschaft’

With respect to sex - Hijras in Indien

Prof.Dr. Annuska Derks

1
Hijras in Indien
• seit Jahrhunderten gibt es die Hijras, vor allem in
Indien, Pakistan und Bangladesh

• Individuen geboren mit ambivalenten Genitalien,


oder mit männlichem Körper, selten mit weiblichem
Körper, die oft durch Kastration zu "vollwertigen"
Hijras gemacht gewerden

• auf Basis von genitalem Aussehen, persönlicher


und sozialer Identität, sexueller Präferenzen, etc.
lassen sich mehrere Typen unterscheiden
2 ©WdJong, 2011
Religion
• Hijras leben in einem hinduistischen
oder muslimischen Umfeld

• viele identifizieren sich mit der


hinduistischen Gottheit Shiva: durch
das Opfern der Männlichkeit (Kastration
und Penektomie) können sie anderen
Menschen Fruchtbarkeit geben

• Schutz der Hindugöttin Bahuchara Mata

• tanzen und singen bei Hochzeit und


Geburt und bitten Göttin um
Fruchtbarkeit

• jährliches Festival in Koothandavar


Temple, Tamil Nadu

https://www.theweek.in/theweek/cover/2018/06/30/half-a-life.html

3
soziales Leben
• Hijras leben meist lebenslang in einer hierarchischen,
verwandtschaftsähnlichen Gemeinschaft mit einem Nayak als
Leiterin des (symbolischen) Hauses; ältere, senior Hijra als Guru
(‚teacher‘ oder ‚spiritual guide’); und Celas als jüngere
Schülerinnen

• die Gemeinschaft bietet Schutz, Geborgenheit und u.U. auch


eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung

• beim Initiationsritual bekommen die Hijras einen weiblichen


Namen

• Verdienstmöglichkeiten: Betteln, rituelle Dienste und Prostitution

4
geschlechtliche Kategorisierung
• Zitat aus dem Film „Between the Lines“:

„Okay, wir kleiden uns wie Frauen, aber ich würde nicht
wollen, dass du mich als Frau bezeichnest. Und wenn Du
mich einen Mann nennst, beschimpfst Du mich ebenfalls."

• Gender-System laut Gayatri Reddy (With Respect to Sex, 2005):


- panti = penetrierende, maskuline Männer
- koti = empfangende, effeminierte Männer
- naran = Frauen

=> Hijras sehen sich als eine spezifische Art der koti und
verwenden sprachlich für sich die weibliche Form, während sie
für die anderen koti die männliche Form benutzen
5
Reddy (2005: 53)

6
Between the Lines
Indiens drittes Geschlecht: Zwischen Mystik, Spiritualität und Prostitution
Thomas Wartmann
7
Fragen

• Wie werden die Hijras im Film dargestellt?

• Wie unterscheidet sich die Darstellung von der


Beschreibungen von Gayatri Reddy?

• Würden Sie die Hijras als "drittes Geschlecht"


einordnen? Was spricht dafür, was dagegen?

8
‚With respect to sex‘
Gayatri Reddy (2005)

…argues „against an overly essentialized vision of


the third sex, hijras and kotis contract, experience,
and enact their individuality through a multiplicity of
social differences in addition to sexuality.“ (p.43)

„… the axis of sexual difference through which hijras


have traditionally been understood is intersected by
a variety of other axes of identity, including religion,
gender, kinship, and class.“ (p.17)
9

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