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ISEK - Ethnologie

Kernbereich Ökologie und Wirtschaft

Einführung

Emma McDonell, Dominik Müller 1. Sitzung


22.09.2021

22.09.21 Seite 1
ISEK - Ethnologie

Vorbemerkung

Diese Vorlesung wird als Podcast aufgezeichnet. Personen, die nicht wünschen bei
Wortmeldungen aufgezeichnet zu werden, müssen dies zu Beginn der Vorlesung melden!

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ISEK - Ethnologie

Heutige Sitzung

– Vorstellung

– Veranstaltungsmodalitäten auf Grund von Covid

– Ziel und Gegenstand der Wirtschaftsethnologie

– Syllabus

– Leistungsnachweise und Fragen

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ISEK - Ethnologie

Administratives

- Dozierende: Emma McDonell, Dominik Müller

- Unterrichts-Modalitäten:
1. Präsenzunterricht im Vorlesungssaal
2. Podcast, abrufbar über Olat jeweils ca. 2 Tage nach der entsprechenden Vorlesung für 7 Tage

- Sprechstunden: Nach Absprache

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ISEK - Ethnologie

Podcasts

– Es kann vorkommen, dass die angekündigten Podcasts aufgrund technischer Störungen nicht oder
nicht störungsfrei aufgezeichnet und daher nicht oder nur teilweise zur Verfügung gestellt
werden können. Auch kann die ständige Verfügbarkeit der Podcasts u.a. aus technischen Gründen
nicht garantiert werden. Studierende können sich daher nicht darauf verlassen, dass ihnen die
Kernbereichsvorlesung Ökologie und Wirtschaft in jedem Fall und unbeschränkt als Podcast zur
Verfügung steht. Der Verzicht von Studierenden auf die Teilnahme an der Vorlesung im Präsenzmodus
erfolgt demnach auf eigenes Risiko.

– Die Rechte an den Podcasts gehören den Dozierenden. Eine Weiterverbreitung in welcher Form auch
immer, ganz oder in Auszügen, ist ohne Einverständnis der Dozentin/des Dozenten grundsätzlich nicht
erlaubt und kann disziplinarisch und/oder zivil- und/oder strafrechtlich geahndet werden.

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ISEK - Ethnologie

Ziele und Gegenstand des Kernbereichs

Die Vorlesung vermittelt einen Überblick über zentrale Themen und Theorien der ökonomischen
Anthropologie. Unterschiedliche Formen der Produktion, Konsumption und Distribution von Gütern
werden dabei in vergleichender Weise und im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext betrachtet.

Zugleich werden übergreifende Fragen nach den Strategien von (Über-) Lebenssicherung, Aspekten der
globalen Einbettung und Ungleichheit sowie nach der Motivation menschlichen Handelns
angesprochen.

Anhand von klassischen und zeitgenössischen Texten werden empirische Fallbeispiele und theoretische
Erklärungsmodelle vorgestellt und diskutiert. Besonderes Augenmerk ist dabei auf das Verhältnis von
individueller Handlung, institutionellen Rahmenbedingungen und globalen Ungleichheiten gerichtet.

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ISEK - Ethnologie

Ziele und Gegenstand des Kernbereichs

– Einführung in einen der zentralen Themenbereiche der Ethnologie

– Grosse Bedeutung in der Theoriebildung

– Gegenstandsbereiche der Wirtschaftsethnologie


1. Leben und Überleben (in oft prekären Umständen)
2. Globale Kontexte und Ausbeutungsverhältnisse
3. Motive menschlichen Handelns

– Empirie-Bezug: Thema das Menschen konstant beschäftigt

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan: drei Ansätze

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

Subsistenz-Wirtschaft
• Kernfamilie als Einheit der Produktion und
Konsumption

• Produktion für eigenen Bedarf

• Diversifizierung der Produkte

• Arbeitsteilung innerhalb der (Kernfamilie)

• Kleine, gemischte Herden (Ziegen, Schafe,


wenig Pferde)

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

(Gross-) Familien- Business

• Produktion für eigenen Bedarf und Verkauf


(Fleisch, Kymys)

• Arbeitsteilung innerhalb der Verwandtschaft

• 2 Brüder mit Familien produzieren, ein Bruder und


zwei Schwestern verkaufen Produkte

• Mittelgrosse, gemischte Herden (Schafe, Rinder


Pferde)

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

Pastorale Unternehmer
• Global tätiges «Unternehmen», Besitzer hat keinen
Hintergrund in der Viehhaltung

• Auftrags-, Lohnhirten

• Grosse Mono-Herden (Rinder)

• Produkte ausschliesslich zum Verkauf, werden


global abgesetzt

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan: Zwischenfazit

- Spektrum vom Familienbetrieb bis zum Grossunternehmer

– Unterschiedliche…
- … Produktionsweisen und ökonomische Strategien
- … Verwendung der Produkte
- … Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung
- … Einbettung in ökonomische Systeme
- … Marktintegration
- … Einbettung in soziale und politische Kontexte

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ISEK - Ethnologie

Lernziele der Veranstaltung

– Ziel der Veranstaltung ist es ökonomische Strukturen auf lokaler und globaler Ebene in ihren
jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexten zu verstehen und zu analysieren

– Damit trägt die Vorlesung auch zur Debatte um Relativismus und Universalismus bei sowie zur
Sensibilisierung gegenüber gegenwärtigen Prozessen der Globalisierung und deren Auswirkungen
auf die Lebenswelten von Menschen in unterschiedlichen Teilen der Welt.

– Ein zentrales Ziel ist es zudem, ein Verständnis von für die Einflüsse von ökonomischen Strukturen
auf andere Bereiche des sozialen und kulturellen Lebens zu entwickeln

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ISEK - Ethnologie

Teil I: Grundbegriffe und fachgeschichtliche Einordnung

– 1. Woche: Einführung

– 2. Woche: Historischer Überblick: Gegenstand und theoretische Modelle

– 3. Woche: Grundbegriffe: Produktion, Konsumption und Tausch

– 4. Woche: Soziale Organisation von ökonomischen Handlungen: Akteure, Institutionen


und Kooperation
- Ensminger, Jean (1992): Chapter 1: A Proper Marriage: New Institutional
Economic Anthropology.

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ISEK - Ethnologie

Teil II: Formen der Produktion und sozialen Organisation

– 5. Woche: Pastorale Nomaden

– 6. Woche: Bäuerliche Gesellschaften

– 7. Woche: Sozialistische und post-sozialistische Gesellschaften

– 8. Woche: Tag der Lehre (keine Vorlesung!)

– 9. Woche: Industrielle Gesellschaften und Finanzkapitalismus

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ISEK - Ethnologie

Teil III: Aktuelle Debatten in der Wirtschaftsethnologie

– 10. Woche: Globalisierung, Ungleichheit und Entwicklung

– 11. Woche: Kulturökologie, Ressourcennutzung und Allmendeproblematik

– 12. Woche: Ökonomie und Religion: Normative Ordnungen und ökonomisches Handeln

– 13. Woche: Q&A Session

– 14. Woche: SCHLUSSPRÜFUNG

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ISEK - Ethnologie

Anforderungen

- Die vorgegebene Lektüre zu den einzelnen Sitzungen gehört zum Workload und ist Teil der Prüfung

- Am Ende der Veranstaltung wird in der letzten Sitzung (22.12.2021) eine schriftliche Online-Prüfung stattfinden

- Inhalt der Prüfung sind die Vorlesung selbst sowie die vorgegebene Lektüre einschliesslich der begleitenden
Ethnographie.

Wichtig:
- Seit HS19 werden in allen Modulen der Ethnologie, die aus einer Vorlesung bestehen, Wiederholungsprüfungen
durchgeführt. Studierende, die die Prüfungen beim ersten Versuch nicht bestehen werden automatisch zur
Wiederholungs-prüfung angemeldet und müssen sich selbst abmelden, falls sie nicht teilnehmen möchten. Das
Datum der Wiederholungsprüfung wird in den ersten Wochen des Semesters bekannt gegeben.

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ISEK - Ethnologie

Begleitende Monographie

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ISEK - Ethnologie

Fragen

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HISTORICAL OVERVIEW OF ECONOMIC
ANTHROPOLOGY

Economic Anthropology, University of Zurich

Session 2

Dr. Emma McDonell


• Origins of the field

• The formalist-substantivist debate

• Marxist anthropology
OUTLINE
• Capitalism at the margins

• Feminist anthropology

• Economic anthropology today


ECONOMIC
ANTHROPOLOGY

The anthropological study of


economy

🧐
W H AT I S T H E E C O N O M Y ?
W H AT I S E C O N O M I C B E H AV I O R ?
What are the different ways
humans “make a living” /
fulfill basic needs?
ORIGINS OF THE (get basic necessities like food, shelter,
clothing necessary for survival, in often
FIELD precarious contexts with scarce resources)

Initially, a largely descriptive field

Initially, focused on so-called non-Western


cultures
THE DIVERSITY OF ECONOMIC SYSTEMS

PRODUCTION CIRCULATION CONSUMPTION


• Hunting and gathering (foraging) • Reciprocity, redistribution, trade • Ideals, and proscriptions
regulating consumption
• Pastoralism • Different kinds of currencies
• Ritualized collective
• Horticulture consumption
• Consumption often mixed up
• Agriculture
with status displays
E A R LY I N S I G H T A N D
DEFINITIONAL PROBLEMS:
BRONISLAW MALINOWSKI

• People exchange things not only to fill basic needs or get


access to ‘stuff’

• People exchange things to form social bonds with each


other

• Exchange also enacts power dynamics

• Exchange is not only about getting basic things needed for


survival
B E FO R E T H E FO R M A L I ST- S U B STA N T I V I ST
D E BAT E

economic anthropology

economics
THE FIELD OF
ECONOMICS

• The economy for economists: the sum of market transactions


carried out by rational individuals deciding how to allocate their
resources among the various things on offer that would satisfy
their desires

• Seeing the economy in terms of buying and selling things is


relatively recent

• The idea of “the economy” as a single entity and as market


exchange, separate from other realms of society is recent
(podcast with Timothy Mitchell)

• Interest in moment of decision, with “preferences” as givens


R AT I O N A L I T Y / R AT

• Microeconomics based in assumption that humans are individual


rational actors (RAT) who seek information and make rational decisions
based on available information and resources

• Rational action: self interested logical, willfully controlled, planned,


deliberate planned action determined by reason

• Individual actors who try to make optimal use of scarce resources ->
“maximization of utility”

• Utility is a subjective value, depending on the preferences of the


respective actor but usually means immediate satisfaction of desires
B E FO R E T H E FO R M A L I ST- S U B STA N T I V I ST
D E BAT E

economic anthropology

economics
T H E FO R M A L I ST- S U B STA N T I V I ST D E BAT E

economic anthropology economics


• Can conceptual tools and theories
developed to study Western capitalist
market economies offer insight into
“primitive” economies?

• Should economic anthropology be using


T H E FO R M A L I ST- tools and theories from economics to

S U B STA N T I V I ST study non-Western economies?

Do these tools from economics describe


D E BAT E •
universal human nature or behavior in a
very specific context?

• Do they even describe behavior in this


specific context very well or do they offer a
model that justifies the system itself?
T H E FO R M A L I ST-
S U B STA N T I V I ST D E BAT E

• Instigated by the work of Karl Polanyi, an


influential economist who is interested in
anthropological insights

• Argues that field of economics develops to


serve, justify, naturalize market capitalism –
therefore it is not a ‘science’ of human
behavior

• Looks at how different empires have


organized their economies
DIFFERENT MEANINGS OF ‘THE ECONOMIC’
VIA POLANYI

• Formal
The study of rational decision making – economic behavior

• Substantive
The material acts of making a living – the substance of the economy and the daily practices
surrounding producing, exchanging, storing, consuming things

• Market capitalism is unique in these ways, says Polanyi:


In market capitalism, the economy (substantively) is embedded in markets while that’s not the case in
other societies. Basic needs fulfilled by other institutions (e.g. reciprocity ; redistribution)
Only in this specific capitalist context have making a living and rational self-interested decision
making/competitive markets fused
EMBEDDEDNESS
Kinship
• Economic activity is always embedded in socio- system

political structures and cultural values, says Polanyi.

• Dispute about whether there is a separable sphere of Sex/gender


system
economy in non-capitalist societies and, if so, what is
Economic
embedded in it. system
Religious
system
• Transformation of different forms of capital
(economic, social and cultural) according to
Bourdieu. So is the economy even separate in a Political
system
market capitalism context?
EMBEDDEDNESS

• Economic activity is always embedded in socio-


political structures and cultural values, says Polanyi.

• Dispute about whether there is a separable sphere of Kinship


system
economy in non-capitalist societies and, if so, what is
Sex/gender Economic
embedded in it. system system Religious
system

• Transformation of different forms of capital


Political
(economic, social and cultural) according to system

Bourdieu. So is the economy even separate in a


market capitalism context?
FORMALISM
• "... the science which studies human behaviour as a relationship between ends and
scarce means which have alternative uses." (Robbins 1932:15)

• Argues that anthropologists ought to draw from theories from neoclassical economics,
focusing on individual choice in different societies

• More “universalist” as opposed to relativist

• Strategic action of individuals who try to use scarce resources optimally (scarcity is
universal)

• Utility is subjective and culturally mediated

• You can maximize more than profits, so it’s key to figure out what people are
maximizing (reputation, etc.) // what the abstract market is
FORMALISM

• Idea of the (universal) rational homo oeconomicus

• Testing models/hypotheses in the field (deductive) – anthropology as a science

• Focus on individual actors, their goals and decisions instead of social constraints (cf. F
Barth).

• Is arguing against the idea that non-Western people are irrational

• Frank Cancian + Harold Schnieder + Frederik Barth


E T H N O LO G I CA L A P P L I CAT I O N S O F FO R M A L I S M

• Analysis of rationality in different societies

• Decision-making processes for (individual)


optimization

• Risk and uncertainty as omnipresent


factors

• Really the takeaway is the so-called non-


Western people are not irrational if you
actually study their living situations and
contexts

• Application in international development


• Originated as a critique of capitalism and neo-
classical theory

• Relativist –can’t apply these tools designed to


understand one specific context to understand the
all human economic behavior
S U B STA N T I V I S M
• Argues that outside Western capitalism, people are
following rules and customs and immediate self
interest does not govern behavior

• Karl Polanyi + Marshal Sahlins + Paul Bohannon key


proponents
S U B STA N T I V I S M

• Economy as an embedded in social, political and cultural aspects

• Different institutions determine economic behavior (religious, kinship, etc.) not


individual maximization

• Focus on life security and supply of (material) goods as an object

• Material actions with which one makes a living

• Output of societies/systems instead of individuals


ETHNOLOGICAL
APPLICATIONS OF
SUBSTANTIVISM

• Focus on institutions

• Typologies of societies and their


economic systems

• Change through clash with


capitalism/colonialism
Moral man
(M. Weber)
T H EO R I E S O F H U M A N N AT U R E
Shaped by convictions

Based on values, cultural


models and classifications

Economic man
(A. Smith)
Social man
"Selfish" / utility-maximizing (E. Durkheim, K. Marx)

Individual as the basis of Social pressure and power


analysis asymmetries due to social
structures

Internalized norms as
guiding for action
T H E E N D O F T H E D E BAT E : A R G U I N G PA ST
EACH OTHER?

• Different starting point


Substantivists: comparison of societies
Formalists: Comparison of individuals

• Different lines of argumentation


From society (social structure) to the individual
From the individual to the dynamics of economic systems

• Debate reflects larger (and older) debates


Individual vs. society, inductive vs. deductive
ECONOMICS ECONOMIC ANTHROPOLOGY

• Focuses primarily on formal monetary • Focuses on economic systems across cultures


exchanges in a capitalism market economy -- not limited to capitalist market exchange
– buying and selling things and services
• Considers individuals and economic behavior
• Interested in generating universal laws of to be embedded in societies, with obligations,
human behavior moral codes, cultural beliefs affecting
exchange (therefore what is ‘rational’
• Focuses on decision making of assumed depends upon context)
maximizing rational actor / RAT
• Economic behavior seen as inextricably linked
• Focuses on the economy/economic behavior to power dynamics, cultural ideals, religious
as such beliefs
• Focus on the moment of the • Interested in contextual factors and behavior
transaction/decision in situ rather than experiments
• Interested in understanding a specific kind • Naturalistic and empirical
of economic behavior in a specific context
and yet makes claims to universal laws of • Includes the production, exchange,
human nature (so say many anthropologists) consumption, meaning, and uses of both
material objects and immaterial services
• Interested in the role of exchange in creating
society and social relationships (not just about
getting stuff!)
T H I R D WAY ? M A R X I STS
AND NEO-MARXISTS
• Critical of Formalism and Substantivism
-- Homo economicus as a product of a specific historical
configuration (of capitalism) as its legitimization // -- People cannot
make "free choices" in a "free market"
Substantivists tend to ignore power

• Applies Marxist theory to non-Western societies // centers relations


of power within a society

• Redefines "productive work" to include more general "production" of


the overall preconditions of the existence of society as such (so
expands definitions from Marx to apply outside capitalist contexts)

• Economic systems are always embedded in social formations (close


to substantivist position) but these social formations are laden with
power // conflicts between elites and others
MARXISTS AND
NEOMARXISTS

• Analytical focus on production and social


reproduction, and power relations within
communities

• Class interests (interest of social groups)


instead of individual interests/motives

• Focus on power, change, and conflicts

• Largely French anthros: Claude


Meillasoux + Maurice Godelier
A PEOPLE *WITH*
HISTORY
• The societies anthropology had been studying
are not and had not been ‘isolated’ though
they were depicted as such
• Even for “The World in 1400” Eric Wolf
explains that “everywhere in this world of
1400, populations existed in
interconnections” (Wolf 1982:71)
• Launches more attention to impacts of
capitalist markets
CA P I TA L I S M AT T H E
MARGINS
• Anthropology’s focus on ‘non-Western’
cultures morphs into an attention to
documenting and analyzing human life in the
margins of global capitalism

• Peripheries of global capitalism + relations of


exploitation
• Often, these studies show the melding of
capitalist political economy with local pre-
capitalism practices or belief systems
FEMINIST APPROACHES

• Economic anthropologists had mostly ignored gender in their analyses, arguably reproducing a Western
idea of who does ‘economic’ labor

• Economic models as ideology of capitalism and reflection of "Western” (gender) ideals


• Dichotomy between public (production/trade) and private (household, carework) linked to
prevailing gender norms

• 70s saw a feminist-inspired debate about the relationship between housework and capitalism
which clearly established an essential link between the formerly ignored private realm of the
domestic household and the public world of capitalist production

• Systematic and arbitrary exclusion of women from the economy


FEMINIST APPROACHES

• Formalists’ persistent use of the concept of the


individual agent is, although supposedly neutral,
almost always conceived as a man. Perhaps as a
result, much of women's activity has been regarded
as "noneconomic" and has gone unexamined, while
men's activity has taken center stage as the
presumed universal measure (Babb 1989)
• While economist anthropologists disagreed among
selves about the concept of an "economic man,"
they retained socioeconomic man whose activities
appeared far more important those of any woman in
the societies

• Florence Babb + Diane Wolf


ANTHROPOLOGY AND
R AT I O N A L I T Y

• Anthropology places these supposedly


individual actors in the world of people,
relationships, systems, beliefs and values

• Examines economic activity in cultural,


social, and political context (holistic).

• Generally, economic anthropologists are


interested in larger processes and
contextual factors and not just the
moment of decision
1. Living and surviving (often in precarious
conditions)
SUBJECT AREAS 2. Global contexts and relations of exploitation

3. Motives of human action/decision making


GLOBAL
CA P I TA L I S M S

• Is capitalism best understood as a single , unified


economic system , or as diverse economic
systems which overlap and support each other?

• Another way to ask this is: is capitalism just one


of many economic systems, or does economic
diversity exist within capitalism?

• This approach argues against a framework of a


monolithic and singular global capitalism that has
local “impacts”

• Instead, proponents argue that capitalism


emerges with and through local and culturally
specific practices
E C O N O M I C A N T H RO TO D AY

Cultures of finance and


Precarity and
particularizing the
capitalism(s)
finance capitalism at the
‘core’

Connecting core +
periphery and cultures of
Underground economies capitalism
+ waste + informal labor
CONCLUSION

• Theories are primarily "instruments" (analogous to methods)

• No evaluation along simple "right" or "wrong" but rather along a spectrum from "useful" to "less
useful" for specific topics/questions

• Theories generate and answer specific questions

Next class: Key Concepts (Dominik Müller)

• Malinowski, Bronislaw (1968 [1922]): Malinowski on the Kula. In: Leclair, Jr., Edward E. & Harold
K. Schneider (eds.): Economic Anthropology. Readings in Theory and Analysis (pp. 17-39). New
York: Holt, Rinehart and Winston.

• Geertz, Clifford (1978): The Bazaar Economy: Information and Search in Peasant Marketing. The
American Economic Review 68(2): 28- 32
ISEK - Ethnologie

Der ökonomische Zyklus

Produktion, Distribution, Konsumption

Dominik Müller 3. Sitzung


06.10.2021

06.10.21 Seite 1
ISEK - Ethnologie

Vorbemerkung

Diese Vorlesung wird als Podcast aufgezeichnet. Personen, die nicht wünschen bei
Wortmeldungen aufgezeichnet zu werden, müssen dies zu Beginn der Vorlesung melden!

2
Seite 2
ISEK - Ethnologie

Heutige Sitzung

1. Einleitendes

2. Produktion

3. Konsumption

4. Distribution

5. Malinowski: On the Kula

Seite 3
ISEK - Ethnologie

Inhalte und Lernziele

- Einführung in einige zentrale Konzepte der Wirtschaftsethnologie…

- …. als Basis für die kommenden Sitzungen

- Rückblick auf fachgeschichtliche Entwicklung ausgehend von diesen Grundbegriffen

- Annäherung an die anthropologische(n) Perspektive(n) auf Ökonomie


- (Über-) Lebenssicherung
- Motivationen menschlichen Handelns (human nature)
- Globale Verhältnisse

Seite 4
ISEK - Ethnologie

Der ökonomische Zyklus

Soziale Abhängigkeiten/
Organisation Verflechtungen

Konsumption Produktion

Umwelt Normative
Ökosystem Ordnungen
Distribution

Seite 6
ISEK - Ethnologie

Der ökonomische Zyklus

– Bereitstellung und Versorgung von Menschen mit (notwendigen) Gütern und Dienstleistungen

– Bestandteile
– Produktion
– Distribution
– Konsumption

– Die klassische und neo-klassische Ökonomie konzertiert sich vor allem auf Produktion (Angebot) und
Konsumption (Nachfrage)
– Dazwischen steht der Markt (abstrakt und physisch), der «effizient» und «ökonomisch gerecht»
verteilt

Seite 7
ISEK - Ethnologie

Der ökonomische Zyklus

- Ethnologie interessiert sich für alle drei Bereiche.

- In der Theoriebildung hatte jedoch vor allem der Bereich des Tauschs einen grossen Stellenwert.
Warum?

– Tausch von Gaben, Waren und Dienstleistungen ist die Grundlage jeder sozialer Interaktion und damit
die Grundlage jeder Gesellschaft darstellt (zumindest nach Marcel Mauss)

– Distribution als Basis der Theoriebildung zur Erklärung menschlichen Zusammenlebens und sozio-
politischen Strukturen

Seite 9
ISEK - Ethnologie

Produktion

- Prozess der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen

- Geschieht im Rahmen vorhandener Ressourcen und Technologien zu deren Nutzen

- Produktionsfaktoren/Produktionsmittel
- Definitionen unterscheiden sich je nach Autor*in, theoretischer Ausrichtung, Disziplin
- Zeit und Arbeit (Energie)
- Natürliche Ressourcen (Land und Rohstoffe)
- Kapital (Geld, Technologien, Werkzeuge)
- (Kulturelles) Wissen

Seite 10
ISEK - Ethnologie

Produktion
– Jäger-Sammler, Fischer: Aneignung von vorhandenen Ressourcen (Wildbeuter)

– Bodenbau: Domestikation von Pflanzen


– Gartenbau
– Intensiver Ackerbau
– Industrieller Ackerbau

– Viehhaltung: Domestikation von Tieren


– Pastoraler Nomadismus: beruhend auf der Haltung domestizierter Tiere (auf Naturweiden)

– Industriegesellschaft: Kapitalistische Nutzung von Land, Bodenschätzen und globale


Handelsausweitung
– (Post-)Moderne Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft
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ISEK - Ethnologie

Produktion: Relevanz und Theoriebildung

– Evolutionäres Modell einer linearen Entwicklung von Jäger-Sammlern hin zu Industriegesellschaften


– «empirische Realität» jedoch komplexer, Mischformen
– Produktion als «Organisations- oder Klassifikationsprinzip» weiterhin anutreffen

– Ökologische Modelle der Ressourcenaneignung und Adaption von Menschen/Gesellschaften

– Marxismus
– Form der Technologie und Produktionsverhältnisse definieren Unterschiede menschlicher
Gesellschaften
– Regeln des Zugangs zu Produktionsmitteln (Eigentumsordnung) bestimmen Verteilung von
Ressourcen und Wohlstand

Seite 16
ISEK - Ethnologie

Konsumption

- Bezeichnet den Verbrauch von (produzierten) Gütern und Dienstleistungen

- Zur Sicherung des Überlebens mit notwendigen Produkten oder auch der Versorgung mit (kulturell
definierten) «Luxusartikeln»

- Entspricht der Nachfrage in der neo-klassischen Theorie der Wirtschaftswissenschaften


- Motiviert durch individuelle Bedürfnisse entlang einer Präferenzordnung/Präferenzstruktur
- Anthropologische Perspektive?

- Verzögerte oder Nicht-Konsumption von Produkten als Ausgangspunkt von Akkumulation und sozialer
Schichtung

Seite 17
ISEK - Ethnologie

„Soziale Dimension“ des Konsums

- Aus einer anthropologischen Perspektive ist Konsumption zumeist nicht durch abstrakte Bedürfnisse und
Präferenzen determiniert (und nicht universell)

- Konsumption Teil eines umfassenden «kulturellen Universums» der jeweiligen Gesellschaft (Rössler
2005) und zugleich «Strategie der Eigendefinition» in einer sozialen Umgebung (Friedman 1994)

- Güter als Kommunikationsmedien eingebunden in einem kulturellen Bedeutungssystem

- Nachfrage und Konsumption ein Bereich der Kultur, innerhalb dessen «soziale Nachrichten» (Appadurai
1986) gesendet und empfangen werden

Seite 18
ISEK - Ethnologie

Symbolische Dimension des Konsums: „Exactitudes“

Seite 19
ISEK - Ethnologie

Symbolische Dimension des Konsums: „Exactitudes“

Seite 20
ISEK - Ethnologie

Konsumption: Relevanz und Theoriebildung

- «Traditionell» weniger beachtet und erst in jüngeren Studien in den Mittelpunkt gerückt
(«Konsumgesellschaft und Globalisierung»)

- Erklärung aufgrund kultureller Präferenzen bzw. als Ausdruck individueller Identität (D. Miller)

- Zur Markierung von sozialem Status und Klassenzugehörigkeit (Pierre Bourdieu)

- Moralisierung des Konsums: Jüngere Forschung über Konsum als moralische Handlung, Nachhaltigkeit
und fair trade (James Carrier)

Seite 21
ISEK - Ethnologie

Sonderfall: Subsistenz

- Bezeichnet den Eigenverbrauch von Gütern und Dienstleistungen (Produzenten und Konsumenten sind
identisch)

- Entspricht damit ökomischen Handlungen, die ohne Distribution/Tausch auskommen

- Idee einer autarken Gesellschaft oder Gemeinschaft, die es so in der Realität kaum gegeben hat

- Terminologische Verwendung für spezifische Sektoren oder Rückzugsoptionen innerhalb komplexer


ökonomischer Systeme (Datscha)

Seite 22
ISEK - Ethnologie

Distribution

- Bezeichnet den Austausch von Gütern und Dienstleistungen (zu unterschiedlichen Zwecken)

- Ausgangspunkt von Interaktion zwischen Individuen bzw. sozialen Gruppen

- Grundlage von Handel, Spezialisierung und Produktionssteigerung (sozumindest die ökonomische


Theorie)

- Entspricht dem Angebot in der neo-klassischen Theorie des Marktes

Seite 23
ISEK - Ethnologie

Formen und Prinzipien des Tauschs

- Tauschhandel (barter) bezeichnet den direkten Austausch von Gütern (oder Dienstleistungen)

- Geld- bzw. Warenhandel (commoditiy exchange) steht für den Austausch mittels universeller Medien

- (Zeremonieller) Gabentausch (gift exchange) dient primär zur Festigung und Kreierung sozialer
Beziehungen

- 3 Grundlegende Tauschprinzipien nach Polanyi/Substantivisten


- Reziprozität, Redistribution, Markttausch
- Jede für einen bestimmten Gesellschaftstypus kennzeichnend (z.B. tribale, feudale, kapitalistische
Gesellschaften)

Seite 24
ISEK - Ethnologie

Tauschprinzipien: Reziprozität

- Gemäss Polanyi typisch für tribale Gesellschaften

- Bezeichnet wenig kalkulierte und stark sozial verankerte Tauschbeziehungen

- Drei Formen der Reziprozität (nach Sahlins)


- Balancierte Reziprozität: Austausch findet zeitlich nahe und in etwa gleichwertig statt.
- Generalisierte Reziprozität: Erwiderung kann zeitlich gestreckt und nicht von derselben Person
stattfinden (v.a. zwischen nahen Verwandten)
- Negative Reziprozität: Versuch beim Tausch Profit auf Kosten der/des Anderen zu erlangen

Seite 25
ISEK - Ethnologie

Tauschprinzipien: Reziprozität

Seite 26
ISEK - Ethnologie

Tauschprinzipien: Redistribution

- Gemäss Polanyi typisch für feudale Gesellschaften

- Güter und Ressourcen werden von einer zentralen Instant gesammelt und rückverteilt

- Zumeist behält die zentrale Instanz einen Teil der Güter für sich (reproduziert Machtposition der zentralen
Instanz)

- Erfordert die Produktion von Überschüssen (zentrale Instanz lebt auf Kosten der Produzenten)

- Bietet Möglichkeit der Umverteilung. Beispiel?

Seite 27
ISEK - Ethnologie

Tauschprinzipien: Markttausch

- Gemäss Polanyi typisch für kapitalistische Gesellschaften

- Unterscheidung zwischen Markt als Ort von Handel und dem Prinzip des Markttauschs als dominantes
Model für Distribution (= ökonomistische Ideologie)

- Markiert die Abtrennung der wirtschaftlichen Sphäre von der Gesellschaft (Prozess des disembedding)

- Nach Polanyi finden sich Elemente von Marktmechanismen in den meisten Gesellschaften, aber im
Kapitalismus werden sie systembestimmend

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ISEK - Ethnologie

Distribution: Relevanz und Theoriebildung

- Theorien, die den Tausch als Ausgangspunkt der Interaktion zwischen Individuen bzw. sozialen Gruppen
verstehen
- Marcel Mauss: Tausch als «totale soziale Tatsache» (fait social total)

- Substantivistische Theorie der sozialen Einbettung anhand dreier grundlegender Tauschprinzipien

- Neue Institutionenökonomie als Gegenentwurf zur (neo-)klassischen Ökonomie


- Markt und Transaktionskostentheorie (Ensminger)
- Sitzung 4

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ISEK - Ethnologie

Bronislaw Malinowski (1884-1942)

- Britisch-polnischer Ethnologe, der vor allem an der LSE (London School of Economics and Politics)
gelehrt hat

- Begründer der ethnographischen Methode der teilnehmenden Beobachtung und führender Vertreter des
britischen Funktionalismus

- Hat als einer der ersten in der Ethnologie ökonomische Prozesse in ihrem sozialen Kontext beschrieben
jenseits materiell-technologischer Studien

- Feldforschung auf den Trobriand-Inseln vor der Küste von Papua- Neuguinea (Hauptwerk: „Argonauts of
the Western Pacific“)

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ISEK - Ethnologie

Argonauts of the Western Pacific (1922)

- Hauptwerk von Malinowski aufbauend auf seinen Feldforschungen auf den Trobriand-Inseln vor der
Küste von Papua-Neuguinea

- Berühmt vor allem die Schilderung des Kula-Rings, bei dem der Tausch nicht der Profitmaximierung
dient, sondern langfristiger Reziprozität und ritueller Rahmung von sozialen Beziehungen

- Minutiöse Beschreibung von Ökonomie und sozialer Struktur, weite (See-) Handelsreisen und
religiöse/magische Zeremonien

Seite 31
ISEK - Ethnologie

Formen der Produktion

- Harte und organisierte Arbeit (Gartenbau), die neben ökonomischen auch soziale, religiöse und
ästhetische Gründe hat

- Magische Handlungen und Zeremonien als wichtiger Teil des Anbaus zur Erntesicherung und
Regulierung

- Produktion von Überschüssen und Weitergabe an Chiefs und an die Familie der Schwester
- „... and all this is in order to fill the yam house of a man who could do it quite well for himself, if it were
not that he is under obligation to give all the harvest to his sister ́s husband.“ (1922:174)

- Arbeit und Produktion eingebettet in ein Netz sozialer Verpflichtungen und Erwartungen

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ISEK - Ethnologie

Distribution: Der Kula-Ring

- Kollektive und stark ritualisierte Handelsunternehmungen zu See von grosser Bedeutung und Reichweite

- (Verzögerter) Reziproker Austausch von („unnützen“) Halsketten und Armreifen in gegenseitiger


Richtung zwischen fixen Partnern und nach fixen Regeln

- Soulava (Halsketten aus roten Muscheln) zirkulieren im Uhrzeigersinn, mwali (Armreifen aus weissen
Muscheln) zirkulieren im Gegenuhrzeigersinn

- Kula wird begleitet vom gimwali, einem nutzenorientierten Warentausch

- Durch temporären Besitz entsteht ein totales und inter-tribales System, das dem Einzelnen nicht bewusst
ist (zumindest nach Malinowski)

Seite 33
ISEK - Ethnologie

Distribution: Der Kula-Ring

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ISEK - Ethnologie

Konsum und Akkumulation

- (Geplante) Überschüsse werden zur Schau gestellt bzw. verderben (Häuser für Sichtbarkeit gebaut)

- Sozialer Status und Konkurrenz spielen intern und inter-tribal grosse Rolle, in Form von Festen und der
Zurschaustellung von Reichtum

- Ritualisiertes Geben und Nehmen (und Verbergen) als Basis sozialer Beziehungen und Machtstrukturen

- Grosszügigkeit und Nicht-Kalkulation als zentrale normative Werte: Besitz ist zum Weitergeben da
- „Although, like every human being the Kula native loves to possess, ... the social code of rules by far
overrides his natural acquisitive tendency“ (1922:96)

- Konsum und Nahrungsaufnahme dagegen möglichst beiläufig und individuell

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ISEK - Ethnologie

Malinowskis theoretische Schlussfolgerungen

- Gegen die Anwendung/Gültigkeit des westlichen homo oeconomicus oder des „Natives“ als faul bzw.
ums Überleben kämpfend

- Gleichzeitig gegen die Übertragung eines „primitiven“ Kommunismus der Egalität (ohne „mine“ and
„thine“)

- Im Grunde eine Art Proto-Substantivismus von sozial und religiös eingebetteten ökonomischen
Handlungen mit unterschiedlichsten Zielen

- Zahlreiche Re-Interpretationen des Kula-Rings (u.a. durch die Spieltheorie)

Seite 36
ISEK - Ethnologie

Fazit und Ausblick

- Einführung zentraler Konzepte der Wirtschaftsethnologie als Basis für die kommenden Sitzungen

- Rückblick auf fachgeschichtliche Entwicklung ausgehend von diesen Grundbegriffen

- Annäherung an die anthropologische(n) Perspektive(n) auf Ökonomie


- (Über-) Lebenssicherung
- Motivationen menschlichen Handelns (human nature)
- Globale Verhältnisse

- Nächste Sitzung: Ensminger!

Seite 37
ISEK - Ethnologie

Fragen

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Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Soziale Organisation
ökonomischer Prozesse
Akteure, Kooperation, Institutionen

Dominik Müller dominik.mueller2@uzh.ch


Sitzung 4 07.10.2020

07.10.20 Seite 1
Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Heutige Sitzung

1. Einleitendes

2. Akteure und soziale Kategorien

3. Arbeitsorganisation, Kooperation und Ungleichheit

4. Ensminger und Institutionen

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 2


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Einleitendes: Rückblick
– Verschiedene Herangehensweise an Themenkomplex «Wirtschaft»
– Wirtschaftswissenschaften
– Formalisten vs. Substantivisten
– (neo-)marxistische und feministische Ansätze
– Neue Institutionenökonomie (Thema der heutigen Sitzung)

– Verschiedene Annahmen zur Human Nature verbunden mit


verschiedenen (theoretischen) Ansätzen

– Ökonomischer Zyklus
– Produktion
– Konsumption
– Distribution
07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 3
Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Einleitendes: «Structure and Agency»

– Eine Grundfrage der Sozialwissenschaften

– Wie entsteht Gesellschaft bzw. soziales Zusammenleben

– Was ist die Rolle von Individuen in gesellschaftlichen Prozessen


– Welches Mass an Handlungsfreiht/ - Macht (agency) besitzen
Menschen?
– Wie stark sind wir von unserer Sozialisation und Umwelt bestimmt?

– Wie kann sozialer Wandel erklärt werden?

– Verschiedene akteurs- bzw. strukturzentrierte Theorien

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 4


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Einleitendes: Heutige Sitzung

– Menschen sind zum Erreichen von Zielen auf soziale Interaktion und
Kooperation angewiesen

– Zugleich: Wettbewerb, Konflikte und ungleiche Verteilung von


Ressourcen

– Soziale Organisation von ökonomischen Prozessen

– Bedeutung von Institutionen für die Koordination und Strategiefindung


von Akteuren

– Unterschiedliche Eigentums-, Zugangs- und Verfügungsrechte

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 5


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Zum Begriff Akteure

- Bezeichnung für sozial Handelnde

- Individuelle und kollektive Akteure


- Haushalte
- Territoriale Gemeinschaften (Dörfer, Städte, Regionen, Staaten)
- Soziale Gruppen (Verwandtschaft, Ethnien, Klassene etc.)
- Gewählte Zusammenschlüsse (Berufsorganisationen, Parteien, etc)

- Soziale und kulturelle Einbettung/Prägung von Akteuren

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 6


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeit

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 7


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeit (Definition von Durrenberger 2006)


Labor is what humans do, across time and across space. Labor is
fundamental, crucial for satisfying our most basic needs. Labor thus
provides a window for understanding all of human behavior, thought
and organization from the most macro-level of a global political economy to
the most micro-level of the individual worker in a household. It is what we
do and who we are. It shapes, and is shaped by, how we see ourselves as
individuals or components of larger groups. Labor is embedded in all
relationships from kinship and household relationships to non-kin social
networks, to market based employee/employer relationships, to political
relationships such as ruler and ruled that direct the recruitment and uses of
labor

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 8


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeit und Arbeitsteilung

- Arbeit einer der vier Produktionsfaktoren (Sitzung 3.)

- Verschiedene Definitionen von Arbeit beeinflusst durch die jeweilige


theoretische (ideologische) Orientierung des Autors

Was macht Arbeit?


- Arbeit produziert (Güter, Dienstleistungen), unterteilt (Arbeitsteilung,
Spezialisierung), kategorisiert (soziale Schichten, Klassen und Kasten)
und verbindet (Kooperation, Klientelbeziehungen)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 9


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeitsteilung und Spezialisierung

- Formen der Arbeitsteilung und Spezialisierung finden sich in allen


menschlichen Gesellschaften
- Ausdifferenzierung von Berufen
- Zerlegung des Produktionsprozesses

- In der neo-klassischen Theorie Bedingung für Wachstum und


Produktivität (spart Zeit und Energie)

- Zugleich Ausgangspunkt von Akkumulation, sozialer Stratifikation und


Ungleichheit (durch Produktion von Überschüssen)

- In der Regel anhand sozialer Kategorien (Gender, Alter/Generation,


Beruf/Qualifikation, Klasse, Ethnie etc.)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 10


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeitsteilung und Spezialisierung

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 11


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Arbeitsteilung und Spezialisierung

- Formen der Arbeitsteilung und Spezialisierung finden sich in allen


menschlichen Gesellschaften

- In der neo-klassischen Theorie Bedingung für Wachstum und


Produktivität

- Zugleich Ausgangspunkt von Akkumulation und sozialer Stratifikation


durch Produktion von Überschüssen

- In der Regel anhand sozialer Kategorien (Gender, Alter/Generation,


Beruf/Qualifikation, Klasse, Ethnie etc.)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 12


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Soziale Schichten und Hierarchien

- Frage der Universalität von Ungleichheit und sozialer Schichtung in


menschlichen Gesellschaften (Godelier; Ortner; Woodburn)

- Herausbildung von Klassen/Kasten als dauerhafte, häufig durch Geburt


definierte Festlegung von Status und/oder Zugang zu Ressourcen

- Klientelbeziehungen zum gegenseitigen Nutzen bei ausgeprägter


Hierarchie (patron-client relationships, PCR)

- Politische Systeme, (nationale) Staaten und die Schaffung von Eliten zur
Kontrolle ökonomischer Prozesse

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 13


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Kooperation, Konflikt und Wettbewerb

- Organisation von Arbeit als sozialer Prozess in Interaktion und


Kooperation mit anderen

- Knappheit von Ressourcen bedingt zugleich Wettbewerb und (mögliche)


Konflikte

- Konditionen für das (Nicht-) Gelingen von Kooperation als Gegenstand


der Spieltheorie (Sitzung 12)

- Interdisziplinäre Forschungen zu Kooperation und Fairness mittels


experimenteller “Spiele” (Sitzung 12)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 14


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Jean Ensminger

- US-Amerikanische Wirtschaftsanthropologin (Washington University St.


Louis, Caltech)

- Empirische Forschungen vor allem bei den pastoral-nomadischen Orma


in Kenia

- Thematische Schwerpunkte: Transaktionskostentheorie,


Verfügungsrechte und Anwendung experimenteller Spiele in der
Ethnologie

- Hauptwerk: Making a Market (1992)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 15


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Neue Institutionenökonomie (NIE)


- Konglomerat verwandter und komplementärer theoretischer Ansätze aus
der Ökonomie

- Begründet durch Ronald Coase (1937, 1960), Douglas North (1990) und
Oliver Williamson (1985)

- Entstanden als Kritik an der neoklassischen Ökonomie und deren


Vernachlässigung von Institutionen

- Übertragung in die Soziologie (Michael Hechter), Politologie (Jack Knight)


und Ethnologie (Jean Ensminger, James Acheson)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 17


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Warum Institutionen?
- Ausgangslage:
- (Neo-) Klassische Wirtschaftstheorien basieren auf dem Model des
nutzenmaximierenden, rationalen Akteurs (homo oeconomics)
- Fokus auf Entscheidungs- und Allokationsprozesse

- Aber: Ist es realistisch, dass jeder Akteur zu jeder Zeit ständig «freie»
Entscheidungen (basierend auf der Kalkulation von kosten und Nutzen)
trifft?

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 18


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Warum Institutionen?
- «Unrealistisch»:
- Weil Informationen unvollständig sind,
- Aufwand der Informationssuche und des Treffens von Entscheidung zu
gross ist,
- Entscheidungsfreiheit nicht immer gegeben und macht eine Rolle spielt

- Mögliche Lösungen für dieses Dilemma:


- Anerkennung einer übergeordneten Struktur (Neo-Marxisten,
Substantivisten)
- Einführung des Konzepts der Institutionen

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 19


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Definition von Institutionen (vs. Organisationen)

„Institutions are the rules of the the game in a society ... the humanly
devised constraints that shape interaction ... they structure incentives
in human exchange, whether political, social, or economic“ (North 1990:3)

Organizations include political bodies (political parties, the Senate, a city


council, a regulatory agency), economic bodies (firms, trade unions, family
farms, co-operatives), social bodies (churches, clubs, athletic associations),
and education bodies (schools, universities, vocational training centers).
They are groups of individuals bound by some common purpose to achieve
objectives. (North 1990:5)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 20


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Definition von Institutionen


- Institution ≠ Organisation

- „Rules of the game“: Regeln der Interaktion als Grundlage sozialer


Ordnung (North 1990)

- Unterschiedlichste Formen von alltäglichen Konventionen und Normen


bis zu komplexen abstrakten Systemen (Staat, Markt)

- Beinhalten zugleich Regelwerk und Sanktions- bzw.


Durchsetzungsmechanismen (Finke 2005:4)

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 21


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Definition von Institutionen

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 22


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Was bewirken Institutionen?


- Vereinfachen den Alltag: Wie verhalte ich mich in welchen Situationen?
- Erlauben in Situationen von Unsicherheit und strategischer
Interdependenz mehr oder weniger gute Prognosen zu erstellen

- Institutionen dienen der Senkung von Risikofaktoren

- Institutionen können die Transaktionskosten senken und Effizienz


erhöhen (aber nicht zwangsläufig)
- Transaktionskosten als zentrales Konzept bei der NIE
- Tausch ist nicht «kostenlos»: Informationsbeschaffung, Evaluation der
Qualität, der Preise, Verhandlungen, Durchsetzung von Verträgen etc.
- Transaktionskosten= Kosten die beim Austausch von
Gütern/Dienstleistungen (neben dem Kaufpreis) oder der Allokation von
Ressourcen entstehen

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 23


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Was bewirken Institutionen?


- Transaktionskosten als zentrales Konzept der NIE
- Tausch ist nicht «kostenlos»
- Informationsbeschaffung, Evaluation der Qualität, der Preise,
Verhandlungen, Durchsetzung von Verträgen etc.
- Transaktionskosten= Kosten die beim Austausch von
Gütern/Dienstleistungen (neben dem Kaufpreis) oder der Allokation von
Ressourcen entstehen
- Transaktionskosten beeinflussen Strategien von Akteuren

- Ursachen für Transaktionskosten:


- Asymmetrische Verteilung von Informationen
- Fehlen von funktionierenden Märkten
- Fehlen von Gewichts- oder Preisnormen oder Eigentumsrechten
- Opportunistisches Handeln von Akteuren

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 24


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Beispiel Kapalı Çarşı

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 25


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Entstehung und Wandel von Institutionen


- Im Verlauf von Interaktionen und (individuellen) Aushandlungen findet
Einpendeln auf spezifische Regeln statt

- Erlaubt die Herausbildung von Erwartungen (Wahrscheinlichkeiten) über


das zukünftige Verhalten anderer Akteure

- Ambivalenz: Institutionen erfüllen ihre Funktion nur bei gewisser Stabilität


und bieten zugleich immer Anreiz zum Wandel

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 26


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Bedeutung und Wirkweise von Sanktionen


- Legen die Konsequenzen einer Nichtbefolgung von Regeln fest und werden
Teil der Kosten-Nutzen-Kalkulation des Einzelnen

- Entscheidend ist sowohl die Höhe der zu erwartenden Sanktion wie die
Wahrscheinlichkeit ihrer Durchsetzung

- Bedeutsam vor allem für die Einschätzung ihrer Wirkweise auf andere
Akteure und die Wahrscheinlichkeit deren Regelkonformität

- Unterscheidung in formelle und informelle Sanktionen: Durchsetzung durch


eine dritte/neutrale Partei bzw. „self-enforcing“

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 27


Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft

Zusammenfassung
- NIE steht für eine Reihe von theoretischen Ansätzen, welche sich mit der
Frage auseinandersetzen, wie Institutionen aus dem aggregierten Handeln
von Akteuren entstehen….

- … und wie diese Institutionen wiederum das menschliche Verhalten


beeinflussen

- Beim NIE geht es um das Verhältnis zwischen individuellen


Entscheidungen/Handlungen und den institutionellen Rahmenbedingungen

07.10.20 Kernbereich Ökologie und Wirtschaft, Dominik Müller Seite 28


ISEK - Ethnologie

Pastoraler Nomadismus

Dominik Müller 5. Sitzung


Dominik.mueller2@uzh.ch 20.10.2021

20.10.21 Seite 1
ISEK - Ethnologie

Vorbemerkung

Diese Vorlesung wird als Podcast aufgezeichnet. Personen, die nicht wünschen bei
Wortmeldungen aufgezeichnet zu werden, müssen dies zu Beginn der Vorlesung melden!

2
Seite 2
ISEK - Ethnologie

Heutige Sitzung

1. Einleitendes

2. Ursprünge und heutige Verbreitung

3. Viehhaltung und Viehnutzung (pastoralistische Komponente)

4. Mobilität und Weidemanagement (Mobilitätskomponente)

5. Ensminger

Seite 3
ISEK - Ethnologie

Inhalte und Lernziele

- Beginn eines neuen «Themenblocks»

- Pastoralnomadismus als Produktions- und Lebensweise

- Anwendung der erarbeiteten Konzepten aus den bisherigen Sitzungen

- Auseinandersetzung mit Ensminger’s Making a Market

Seite 4
ISEK - Ethnologie

Begrifflichkeiten

– Nomadismus als jede Form nicht-sesshafter Lebensweise (Jäger- Sammler, Brandrodungsbauern,


Moderne Industriearbeiter, digital nomads)

– Pastoralismus: Viehaltung, (lat. pastor: Hirte; pastio: Weide)

– Pastoraler Nomadismus bezeichnet eine Wirtschafts- und Lebensweise, die auf mobiler Viehhaltung
auf Naturweiden beruht, verbunden mit (saisonalem oder zyklischem) Wechsel des Aufenthalts

– Mobilität als Anpassung an die Bedürfnisse der Herden, ökologischen oder politischen Bedingungen und
als ökonomische Strategie

Seite 5
ISEK - Ethnologie

Mythos “Nomaden“

– Häufig in Opposition zu Sesshaften als Inbegriff von „Unordnung“ und „Heimatlosigkeit“

– Image von zerstörerischen Reiterkriegern und Plünderungen (überwiegend auf Fremdquellen beruhend)

– Zugleich Bild des „edlen Wilden“ frei von der Dekadenz sesshafter Zivilisation (vgl. Ibn-Khaldun)

– Vorwurf der ökologischen Zerstörung aufgrund der „Tragedy of the Commons“ bis heute sehr verbreitet

Seite 6
ISEK - Ethnologie

Ursprünge und heutige Verbreitungsgebiete


– Evolutionistisches Entstehungsbild: Zwischenstufe zwischen Jäger-Sammlern und sesshaften Ackerbauern

– Entgegen früheren Annahmen entstand (mobile) Viehhaltung nach dem Aufkommen von Ackerbau als
Spezialisierung

– Primär in Weltregionen, die für dauerhaften Ackerbau oder sesshafte Viehzucht ungeeignet sind (von ariden
und semi-ariden Zonen bis zu sub-polaren und polaren Zonen)

– Wichtigste Verbreitungsgebiete (heute ca. 50 Mio. Menschen):


– Mittlerer Osten/Nordafrika (Beduinen, Tuareg, Yörük, Bahtiyari)
– Zentralasien (Mongolen, Tibeter, Kasachen, Turkmenen)
– Ostafrika (Massai, Turkana, Somali, Orma) und Westafrika (Fulbe)
– Sibirien (Evenken, Nenzen)
Seite 7
ISEK - Ethnologie

Seite 8
ISEK - Ethnologie

Fachgeschichtliche und theoretische Einordnung

– Klassische Fragestellungen (gemäss Galaty 2015):


– Einordnung des Pastoralnomadismus in evolutionäre Entwicklung
– Welche Rolle spielt das Vieh/die Herde innerhalb (übergeordneter) kultureller Muster (cultural patterns)
– Zusammenhang zwischen sozio-politischer Organisation und pastoraler Produktionsweise

– Aktuelle Fragestellungen: Wie gehen Pastoralnomaden um mit…


– … Klimawandel und Umweltbelastungen (ökologischem Wandel)…
– … der Ausweitung nationaler und globaler Institutionen (Bsp: Eigentums- und Nutzungsrechte)…
– … der Expansion von Marktbeziehungen und der Marktintegration…
– … Mensch-Tier Beziehungen

– «From studying pastoralism to studying pastoralists» (Galaty 2015)


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ISEK - Ethnologie

Fachgeschichtliche und theoretische Einordnung

– Herkovits (1926) The Cattle Complex in East Africa

– Evans-Pritchard (1940) The Nuer - A description of the modes of livelihood and political institutions of a
Nilotic people

– Khazanov (1984) Nomads and the Outside World

– Finke (2006) Nomaden im Transformationsprozess

– Bollig (2006): Risk Managment in a Hazardous Environment: A Comparative Study of Two Pastoral
Societies

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ISEK - Ethnologie

Pastoralismus

20.10.21 Seite 11
ISEK - Ethnologie

Haltung von Viehherden

– Unterschiedliche Zusammensetzung der Herden in Bezug auf Spezies


– Schafe, Ziegen, Rinder, Kamele, Pferde, Esel
– «Spezialisierungen»: Yaks, Lama, Alpaka, Rentiere

– Gezielte Züchtung für menschliche Bedürfnisse


– Angepasst an ökologische Bedingungen
– Höhere Milch, Fleisch oder Wollproduktion (Bsp: dzo)
– Züchtung erlaubt Produktionssteigerung, birgt aber auch Risiken

– Unterschiedliche Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht


– Verschiedene Herden (männliche Tiere, weibliche Tiere, Jungtiere)
– Tiere unterschiedlichen Alters -> Risikominimierung
Seite 12
ISEK - Ethnologie

Viehnutzung und ökonomische Strategien

– Multiple Nutzung aller Vieharten und unterschiedliche Bedeutung einzelner Vieharten


– Film: «37 Arten ein Schaf zu nutzen»
– Tierische Produkte (Fleisch, Milch, Wolle/Haare, Felle, Blut)
– Transport- und Reittiere
– Hunde zum Schutz der Herden
– Soziale und weltanschauliche Aspekte der Vieherden

– Tiere sowohl «Produkt» als auch «Produktionsmittel»

- Spektrum von der Subsistenz mit beschränktem Handel bis zur vollständigen Produktion für den Markt

Seite 13
ISEK - Ethnologie

Viehnutzung und ökonomische Strategien

- Spektrum der Marktintegration


- Lokale Märkte
- Nationale Märkte
- Überregionale Märkte

- Risikominimierende vs.
– Möglichkeit des raschen Verlustes und des raschen Wiederaufbaus vor allem bei Kleinvieh gegeben
(Kleinvieh vs. Grossvieh)
– Grad an Diversifikation der Herden (Multi-Spezies vs. Mono-Spezies Haltung)
– Kommerzialisierung: steigende Gewinnmöglichkeiten, erhöhtes Risiko («cash crops»)
– Diversifikation der ökonomischen Strategien (Sekundärer Ackerbau, Lohnarbeit, Handwerk)

Seite 14
ISEK - Ethnologie

Soziale Organisation: Arbeit, Arbeitsteilung und Kooperation

- Haushalt als zentrale und relativ «autonome» Produktions- und Konsumptionseinheit


- Tendenziell Kernfamilie
- Herdenbesitz und Alltagsmanagement
- Herdengrösse und - Zusammensetzung oft an Anzahl der Haushaltsmitglieder geknüpft
- Erbteilung zumeist zu Lebzeiten der Eltern

- Verwandtschafts- und Siedlungsgruppen, sowie Nachbarschaft zur Organisation alltäglicher Arbeiten


- Hüten, Melken, Umziehen
- Grosse Fluktuation/Varianz im Jahreszyklus

- Diversifizierung innerhalb und zwischen Haushalten


- Sekundärer Ackerbau, Lohnarbeit und formalisierte Tauschbeziehungen
Seite 15
ISEK - Ethnologie

Sozio-politische Organisation

- Debatte um Egalität pastoraler Gesellschaften


- Nivellierung zwischen Arm und Reich durch Viehverlust
- Reziprozität und Redistribution auf Grund des hohen Risikos in nahezu allen pastoralen
Gesellschaften vorhanden

- Tatsächlich grosse Unterschiede von akephalen Formen bis zu imperialen Staatsbildungen (wie im Falle
der Mongolen)

- In den meisten Fällen patrilineare Deszendenzsysteme und Lineages als Basis ökonomischer und
politischer Organisation

- Aufgrund des hohen Grades von Spezialisierung starke Abhängigkeit von sesshaften Nachbarn

Seite 16
ISEK - Ethnologie

Mobilität

20.10.21 Seite 17
ISEK - Ethnologie

Mobilität und Formen von Pastoralnomadismus

- Unterscheidung nach Häufigkeit von Aufenthaltswechseln


- Vollnomadismus: ganzjährige Mobilität ohne feste Behausungen
- Semi-Nomadismus: sekundärer Ackerbau und saisonal Häuser
- Transhumanz: saisonale Wanderungen (einzelner Hirten) von festen Siedlungen aus

- Unterscheidung nach Art von nomadischen Zyklen


- Horizontale Zyklen: über grössere Entfernungen
- Vertikale Zyklen: in Gebirgsregionen
- Zirkuläre Zyklen: um Wasserquellen

- In der Realität oft keine klaren Grenzen und grosse interne Varianz

Seite 18
ISEK - Ethnologie

Faktoren beim Weidewechsel

– Vorhandensein von Weiden (Weidedruck) und Wasser

– Anzahl und Zusammensetzung von Herden und Haushalten (Arbeitskräfte)

– Zugang zu Märkten und Infrastruktur

– Distanz zum „Staat“ und benachbarten Gruppen


– Infrastruktur, staatliche Institutionen
– Vermeidung von Konflikten

– Persönliche Bedingungen
– Alter, Krankheit, soziale Ereignisse, Risikobereitschaft
Seite 19
ISEK - Ethnologie

Weidemanagement und Rechte (Eigentums- und Nutzungsrechte)

- Hardin: Tragedy of the commons (Die Tragik der Allmende)

- Aber: Komplexe Institutionen der Kontrolle, um Überweidung zu vermeiden

- Grosse Unterschiede in Bezug auf Eigentums- und Zugangsrechte zu Weideland

- Zugang zu Land, Wasser und Wanderrouten in der Regel kollektiv (verwandtschaftlich) organisiert

- Staatliche Eingriffe «gefährden» oft eingespielte Mechanismen


- Landreformen mit dem Ziel den Zugang und Besitz von Weideland zu formalisieren…
- …durch die Zuweisung von Rechten an pastorale Gruppen oder Individuen

Seite 20
ISEK - Ethnologie

Sesshaftmachung und Sesshaftwerdung (Sedentarisierung)

- Versuche der Zwangs-Sedentarisierung durch viele Staaten im 20. Jahrhundert (Iran, Sowjetunion,
gewisse Staaten in Afrika)

- In vielen Regionen fliessender Übergang zwischen Nomaden und Sesshaften

- Nomadische Lebensweise als Symbol der eigenen Identität auch nach Sedentarisierung

- Re-Nomadisierung als ökonomische Strategie

Seite 21
ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan: drei Ansätze

22
ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

Subsistenz-Wirtschaft
• Kernfamilie als Einheit der Produktion und
Konsumption

• Produktion für eigenen Bedarf

• Diversifizierung der Produkte

• Arbeitsteilung innerhalb der (Kernfamilie)

• Kleine, gemischte Herden (Ziegen, Schafe,


wenig Pferde)

23
ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

(Gross-) Familien- Business

• Produktion für eigenen Bedarf und Verkauf


(Fleisch, Kymys)

• Arbeitsteilung innerhalb der Verwandtschaft

• 2 Brüder mit Familien produzieren, ein Bruder und


zwei Schwestern verkaufen Produkte

• Mittelgrosse, gemischte Herden (Schafe, Rinder


Pferde)

24
ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan

Pastorale Unternehmer
• Global tätiges «Unternehmen», Besitzer hat keinen
Hintergrund in der Viehhaltung

• Auftrags-, Lohnhirten

• Grosse Mono-Herden (Rinder)

• Produkte ausschliesslich zum Verkauf, werden


global abgesetzt

25
ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadismus in Kasachstan: Zwischenfazit

- Spektrum vom Familienbetrieb bis zum Grossunternehmer

– Unterschiedliche…
- … Produktionsweisen und ökonomische Strategien
- … Verwendung der Produkte
- … Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung
- … Einbettung in ökonomische Systeme
- … Marktintegration
- … Einbettung in soziale und politische Kontexte

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ISEK - Ethnologie

Jean Ensminger

- US-Amerikanische Wirtschaftsanthropologin (Washington University St. Louis, Caltech)

- Empirische Forschungen vor allem bei den pastoral-nomadischen Orma in Kenia

- Theoretische Verortung: Neue Institutionenökonomie (NIE)

- Thematische Schwerpunkte: Transaktionskostentheorie, Verfügungsrechte und Anwendung


experimenteller Spiele in der Ethnologie

- Hauptwerk: Making a Market (1992)

Seite 28
ISEK - Ethnologie

Neue Institutionenökonomie und Institutionen

– „Institutions are the rules of the the game in a society ... the humanly devised constraints that shape
interaction ... they structure incentives in human exchange, whether political, social, or economic“
(North 1990:3)

– Organizations include political bodies (political parties, the Senate, a city council, a regulatory agency),
economic bodies (firms, trade unions, family farms, co-operatives), social bodies (churches, clubs,
athletic associations), and education bodies (schools, universities, vocational training centers). They are
groups of individuals bound by some common purpose to achieve objectives. (North 1990:5)

Seite 29
ISEK - Ethnologie

Definition von Institutionen

- Institution ≠ Organisation

- „Rules of the game“: Regeln der Interaktion als Grundlage sozialer Ordnung (North 1990)

- Unterschiedlichste Formen von alltäglichen Konventionen und Normen bis zu komplexen abstrakten
Systemen (Staat, Markt)

- Beinhalten zugleich Regelwerk und Sanktions- bzw. Durchsetzungsmechanismen (Finke 2005:4)

Seite 30
ISEK - Ethnologie

Definition von Institutionen

20.10.21 Titel der Präsentation, Autor Seite 31


ISEK - Ethnologie

Was bewirken Institutionen?

- Vereinfachen den Alltag: Wie verhalte ich mich in welchen Situationen?


- Erlauben in Situationen von Unsicherheit und strategischer Interdependenz mehr oder weniger gute
Prognosen zu erstellen

- Institutionen dienen der Senkung von Risikofaktoren

- Bsp: Institutionen können die Transaktionskosten senken und Effizienz erhöhen (aber nicht
zwangsläufig)

Seite 32
ISEK - Ethnologie

Was bewirken Institutionen?

- Transaktionskosten als zentrales Konzept der NIE


- Transaktionskosten= Kosten die beim Austausch von Gütern/Dienstleistungen (neben dem Kaufpreis) oder
der Allokation von Ressourcen entstehen
- Tausch ist nicht «kostenlos»
- Informationsbeschaffung, Evaluation der Qualität, der Preise, Verhandlungen, Durchsetzung von Verträgen
- Transaktionskosten beeinflussen Strategien von Akteuren

- Ursachen für Transaktionskosten:


- Asymmetrische Verteilung von Informationen
- Fehlen von funktionierenden Märkten
- Fehlen von Gewichts- oder Preisnormen oder Eigentumsrechten
- Opportunistisches Handeln von Akteuren

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ISEK - Ethnologie

Beispiel Kapalı Çarşı

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ISEK - Ethnologie

Einleitendes zu den Galole Orma

– Feldforschungen seit den 1970er Jahren zu ökonomischem, sozialem und kulturellem Wandel

– Teil der grösseren Gruppe der Oromo-Sprecher in Ostafrika (Kenya, Äthiopien)

– Pastoral-nomadische Ökonomie beruhend auf der Haltung von Rinderherden

– Geprägt durch zunehmende Staats- und Marktintegration und kriegerische Auseinandersetzung mit
anderen Nomaden

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ISEK - Ethnologie

Pastoralnomadische Produktions- und Lebensweise bis 1940er Jahre

– Bis in die 1940er Jahre weitgehend nomadische Subsistenzproduktion (produzierte Güter weitgehend
für den Eigengebrauch)

– Unterschiede in Bezug auf den Wohlstand zwischen den Haushalten, Lebensqualität zwischen armen
und reichen Haushalten unterschied sich aber nicht substanziell

– Aufgrund von wenigen (oder keinen) Absatzmärkten wurde Überproduktion (Milch) häufig mit ärmeren
Haushalten geteilt

– Arme Haushalte schlossen sich mit wohlhabenderen Haushalten zusammen, die oft Arbeitskräfte
brauchten

– Da Tiere nicht geschlachtet werden mussten, konnten auch ärmere Haushalte Herden aufbauen

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ISEK - Ethnologie

Entwicklung und Nutzen von Handel

- In vor-kolonialer Zeit geringes Interesse an Handel aufgrund hoher Transaktionskosten

- Die Annahme des Islam erlaubte regionalen Händlern den Ausbau von vertrauenswürdigen sozialen
Netzwerken (vgl. Hausa)

- Zugleich Senkung von Transaktionskosten durch den Ausbau von Infrastruktur, Transport, Banken,
Gerichtswesen u.a.

- Zunehmende Sedentarisierung, Kriege und Verarmung bedingt grössere Abhängigkeit von Markttätigkeit

Seite 37
ISEK - Ethnologie

Sedentarisierung und Marktintegration

– „Anziehungskraft“ von Marktzentren

– Diverse Auswirkungen auf ehemals pastoralnomadische Produktions- und Lebensweise

– Überweidung und erhöhter Weidedruck im Umfeld der Marktzentren

– Errichtung von weit entfernten „cattle camps“ und Anstellung von Lohnhirten
– Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Haushalten vergrössern sich
– Ökonomische und soziale Ausdifferenzierung
– „Economies of Scale“ (Skaleneffekt) nur für reichere Haushalte möglich

– Proletarisierung in den 1970er Jahren


Seite 38
ISEK - Ethnologie

Subsistenz- vs. Markproduktion (kommerzielle Produktion)

– Folgen der Sedentarisierung


– Aufgrund der Errichtung von cattle camps sind Vieherden nicht mehr für den alltäglichen
Lebensmittelbedarf zugänglich
– Aufgrund der schlechteren Weidebedingungen im Umfeld der Marktzentren sinkt Milchproduktion
beim verbliebenen Viehbestand

– Vollständige Umstellung auf kommerzielle Fleisch-Produktion


– Mit der Umstellung wurden neue Rinderarten favorisiert
– Schnelleres Wachstum, mehr Gewicht
– Anfälliger bei Dürren, weniger Milch

– Rückkehr zur mobilen Tierhaltung nur schwer möglich!

Seite 39
PEASANTS AND FARMING
Dr. Emma McDonell
OUTLINE

• Situating agriculture in
anthropology
• Situating peasants in
anthropology
• Theories of the peasantry /
debates around the peasantry
• Shifting agricultural regimes
SUBSISTENCE
S T R AT E G I E S
• Foraging
• Pastoralism
• Agriculture
A DV E N T O F
A G R I C U LT U R E

• 8-12,000 years ago; independent


origin centers
• Neolithic revolution
• Domesticated plants and animals
A DV E N T O F
A G R I C U LT U R E

1. Population growth
2. Wealth differentiation
3. Specialized jobs outside food
procurement
4. Sedentarism
WHY THE FOCUS ON
PEASANTS?

• Field moving away from the fetishized “primitive isolate”


(Redfield 1956) and learning to see broader structures of
power rather than apolitical “cultural differences.”
• Interesting in extreme difference becomes interest in
marginalized populations // voices from the margins of
global capitalism
• Although peasants have formed the greater part of the
world’s population for most of anthropology’s existence, they
only began to be treated as a distinctive object of scrutiny
from the 1950s, with an explosion of cross-disciplinary
interest in the 1960s and 1970s.
• 20 th c. revolutionary movements were not, as Marx might
have predicted, primarily led by industrial workers. Instead,
these radical movements were predominantly in rural,
peasant populations (China, Russia, Peru)
DEFINING PEASANTS

3 important characteristics (Shanin 1987):


1. peasants are agriculturalists (or possibly engaged in fishing);
2. for whom both production and consumption are oriented to the household;
3. and who are also under some economic and political obligations to outside power-
holders.
A definition of this sort brings pre- and post-revolutionary Chinese peasants, Indian
farmers, African smallholders, Southeast Asian rice farmers, as well as modern and pre-
modern agriculturalists in many areas of Europe and Central and South America into one
comparative frame.
Debate whether own category "utility of the category itself" due to large variance
and very dynamic systems
1. Do they have their own culture and
economy? Or are they always part of
larger systems?
2. Do they have their own mode of
production? Or are they a special kind
of farmworker in peripheral capitalism?
DEFINITIONAL 3. Are they a permanent part of the
CHALLENGES landscape? Or do they emerge only in a
transitional stage between feudalism
and capitalism?
4. Do they always polarize into the rich
landholders and the landless poor? Or
do they have ways of keeping wealth
accumulation under control?
“ PA RT C U LT U R E S ”

• Alfred Kroeber: Peasants as “part societies with part cultures”


• Encompassed by a larger whole – nation-states, global markets,
empires
• Implied evolutionary model critiqued

‘Tribal Factor
person’ Peasant worker
KARL MARX + LENIN

• According to Marx peasants are problematic because of


their “conservative” way of life – ‘a sack of potatoes’
• With whom can they form alliance? Bourgeoise or
proletariat
• Says that capitalism makes peasants disappear because
they are incompatible with industrialization.
• Peasants of remnants of a previous social order
• Lenin agrees, says that labor and market surplus in
agriculture and rural areas promotes industrialization
and food for the growing proletariat. And that peasants
will become proletariat.
Urban
Peasant • Lenin shows Russian peasants differentiating into rural
proletariat landowners and workers
AV C H AYA N O V

• Russian agricultural economist (1888-1937)


• Chayanov critiques Lenin and those who say peasants are irrational
vestiges: “true nature of peasants” not considered

How would an economist describe • The Theory of Peasant Economy first published in 1924, English
translation in 1966. Compares Russian peasant behavior to Midwest
the motivations of a capitalist corn farmers in US.
enterprise? (i.e., how does a business
• Says that peasants interact with the market economy, but they don't
decide how much to produce?)? Why make decisions in "standard" economic terms
might such motivations not apply to
• He argued that peasants constituted a distinctive mode of
peasants? production, characterized by the domestic unit of production and
consumption, in which production is oriented first and foremost
towards household reproduction rather than individual profit.
• Says peasants are satisfied with feeding their families and have few
wants – they make decisions based on the drudgery of work
AV C H AYA N O V

“Formalist solution to a formalist problem” (Wilk)


“At the end of the last century, Kirsanov, a
Perm' agricultural officer engaged in the
popularization of improved equipment
among the peasants, came up against
extreme difficulties in popularizing the
threshing machine, despite its great
advantage when calculated in bookkeeping
terms. He saw the chief cause of this
failure in that, in this instance, the labour
displaced by the machine was unable to be
used on other tasks in winter in Perm'
guberniya”
(Chayanov 1966:39).
AV C H AYA N O V

• Family (household) is the main unit of


peasant farm organization
• Ratio between able-bodied and non-able-
bodied family members to ensure "basic
livelihood".
• Adaptation of labor and production to
reproductive cycle
D UA L
O R I E N TAT I O N

• Wolf calls this dual orientation the


peasant dilemma – balancing the
demands of village/outside world is a
defining aspect of life strategies
• Risk management for hard times, bad
weather
• From essence to articulation of non-
capitalist/capitalist realms
E R I C WO L F A N D T H E ‘ P E A S A N T
DILEMMA’
• The peasant community is not isolated from the city/urban life. Peasants are connected to
larger systems
• In two worlds at once -- subsistence and the market
• 4 funds
1. “subsistence fund”
2. “replacement fund” that provided a caloric minimum and assured biological reproduction;
3. “ceremonial fund” to support weddings, community festivals and other social
responsibilities;
4. “fund of rent” that consisted of wealth in labor, produce or money transferred to
superordinate sectors, such as landlords, moneylenders, intermediaries, religious specialists,
and tax collectors.
• External exploitative conditions – they "close themselves off” and protect themselves with
community solidarity
JAMES SCOTT: MORAL ECONOMY

• The Moral Economy of the Peasant (1976)


• Argued that peasant economies were based on relations of reciprocity,
communal land management, cooperative labor, and sharing generally.
• The peasant system was based on moral order and on an economic logic
that operated at the level of the community, not the individual.
• Argued that capitalist farming was an attack on the pre-existing village
based subsistence
• Peasants’ relationships with landlords and feudal aristocrats had always
formed a moral system of mutual obligation in which the mighty repaid
loyalty with protection and assistance in hard times.
• The conservatism and risk-averse behavior shown by peasants was a long-
term survival tool that had been handed down from antiquity as part of
peasant culture.
• Peasants did not usually innovate, and they had submerged individual well-
being in the larger good of the village in order to survive as a community.
SAMUEL POPKIN:
MORAL ECONOMY AS MYTH

• He argued that the moral, corporate, cooperative


peasant community found in Vietnam and so many
other parts of the world was not, in fact, a precondition
of capitalism.
• Peasants are not anti-market
• It was instead a creation of feudalism and capitalism
that had been turned into a myth justifying state
intervention
• Argues that they are individually oriented utility
maximizers
F L E X I B L E S T R AT E G I E S

• Petty commodity
production -- Economic
activities intended to
generate income from
market sales with low Petty
capital investment or commodity
production
dependence on hired
labor

Subsistence
Wage labor
agriculture
KEY FINDINGS

• Flexibility in moving between subsistence and market, between worker roles and small-
scale producer
• Flexible in times of hardship
• Cannot be reduced to an essence – huge variation in contexts
• From internal organization of peasant societies to articulation between non-market and
market
• Land grabbing and loss of land access has reshaped many peasantries but this is by no
means a disappearing way of life
PEASANT ACTIVISM

• Peasant identity has become a powerful


motivator of collective action in some
regions
• It’s also a legal category in some counties
(Bolivia, Peru for example)
U R B A N - RU R A L
M I G R AT I O N S

• In recent decades, large numbers of


peasants have moved to cities and
shifted their livelihoods
dramatically
• Many, though, maintain social ties
to rural regions (James Ferguson on
Zambian copper mines)
• Latin America for instance
transformed from predominantly
rural to predominantly urban in
less than 50 years
• New income strategies, fewer
farmers
• Peasant->urban poor
GREEN
R E VOL UT I ON

• Productivist orientation
• Technology packets
• Claims to prioritize hunger
alleviation
• Millions of farmers now subject to
extreme market fluctuations as they
come more into global markets
I N D U S T R I A L A G R I C U LT U R E
I N D U S T R I A L A G R I C U LT U R E
• Only a small part of the population
is still involved in food production
INDUSTRIAL • High use of technology and fertilizers
A G R I C U LT U R E (consumption of energy exceeds production)

/FOOD • Fundamental orientation towards


national and global markets (risk-
REGIME taking and profit maximization)
• Reliance on outside hired labor
A LT E R N AT I V E S /
RESPONSES

• Rise of organic certification, fair trade, and growth of


origin labels
• Opportunities for peasants?
• Increasing interest of elite consumers in foods
perceived as exotic or authentic (Johnston and
Baumann 2015)
• Many alternatives are based in individualized
consumer citizenship approach
• “Double commodity fetish” (Crook and Crang)
A LT E R N AT I V E S /
RESPONSES

• High costs for certification prevent equal access to


certifications
• Don’t take into consideration local perception of
‘justice’
• Don’t always have significant impacts on production
conditions
CONCLUDING
REMARKS

o Even today, the largest part of humanity engaged in the production of


food
o Great variance in the forms of production, trade and socio-political
integration
o Diversification of income sources through wage labour and migration
o Precarious conditions due to ecological change, economic dependencies
and political exploitation
o Globalization as an opportunity and a threat for (small-scale) cultivation
and peasants
ISEK - Ethnologie

Sozialistische und post-sozialistische


Gesellschaften

Dominik Müller 8. Sitzung


Dominik.mueller2@uzh.ch 10.11.2021

10.11.21 Seite 1
ISEK - Ethnologie

Vorbemerkung

Diese Vorlesung wird als Podcast aufgezeichnet. Personen, die nicht wünschen bei
Wortmeldungen aufgezeichnet zu werden, müssen dies zu Beginn der Vorlesung melden!

2
Seite 2
ISEK - Ethnologie

Inhalte und Lernziele


1. Grundlagen Sozialismus und Postsozialismus
– Fokus auf Sowjetunion und Empirie (Realsozialismus)

2. Sowjetische Umgestaltung der Wirtschaft und der Gesellschaft


– Kollektivierung
– Planwirtschaft und redistributives System

3. Transformation
– Zwei Ansätze der Transformation
– Umsetzung und Konsequenzen

4. Fallbeispiele als Illustration für weitere Beschäftigung mit der Thematik

Seite 3
ISEK - Ethnologie

Sozialwissenschaftliche Relevanz

– Sozialismus als eines der «grössten Experimente» in der Geschichte der Menschheit mit dem Ziel des
vollständigen Umbau von Gesellschaft

– Gegenentwurf zum kapitalistischen Modell (durch das Scheitern des Realsozialismus partiell in Frage
gestellt)

– Transformation zur Marktwirtschaft schwierig und mit hohen sozialen Kosten verbunden

– Unterschiedliche Modelle und Umsetzungen empirisch bislang nur unvollständig erfasst

Seite 4
ISEK - Ethnologie

Quellenlage
– Politische und wissenschaftliche Betrachtungen von hoher Ideologisierung auf allen Seiten
– «Russland-Institute» an diversen «westlichen Universitäten»

– Über Jahrzehnte (westliche) sozialwissenschaftliche Feldforschungen kaum möglich

– Sozialistische Länder hatten eigene Tradition der Anthropologie (ethnografija)


– Historisch verankert und nicht dem «westlichen Bild» der Sozialwissenschaft entsprechend
– Fokus auf ethnische Minderheiten (Sowjetunion, China)
– Fokus auf vorindustrielle «Volkskultur» (Osteuropa)
– Ideologische und politische Ziele (Bsp. Administration)

– Transformationsforschung ebenfalls von ideologischen Vorgaben/Vorstellungen beeinflusst

Seite 5
ISEK - Ethnologie

Ideologischer Hintergrund (Crash Kurs)


– Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Mao

– Historischer Materialismus
– Geschichte verstanden als Klassenkampf (soziale Ungleichheit) mit einer festen Abfolge von
Produktionsweisen
– Soziale Organisation (Gesellschaftsordnung) entlang eines einzigen «sozialen Evolutionspfades»
– Vom Urkommunismus über Sklavenhaltergesellschaft und Feudalgesellschaft zum Kapitalismus

– Ziel einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft (Kommunismus: «jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem
nach seinen Bedürfnissen»)

– Zerschlagung «traditioneller Strukturen» und Religionen, Forderung nach der Verstaatlichung von
Produktionsmitteln und der Diktatur des Proletariats als Übergang

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ISEK - Ethnologie

Begriffsannäherung

– Kommunismus
– Ideal einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft mit gemeinschaftlich besessenen
Produktionsmitteln

– Sozialismus
– Übergangphase mit Herrschaft (Diktatur) des Proletariats zur Überwindung der Macht der
Bourgeoisie
– Produktionsmittel vom Staat beziehungsweise der KP kontrolliert

– Postsozialismus
– Rückführung von Eigentumsrechten in private Hände und Übergang zu marktwirtschaftlichen
Mechanismen

Seite 8
ISEK - Ethnologie

Probleme und Strategien der Implementierung

– Marx/Engels hatte selbst nur wenig konkrete Ideen zur Umsetzung


– Sozialistische Transformation in westlichen Industrienationen (England, USA, Deutschland) erwartet
– Probleme der Ausweitung auf «vor-moderne» Gesellschaften

– Kein klares Konzept der Umsetzung marxistischer Ideen und grosse Variationen („trial and error“)

– (Häufigste) Strategien der Implementierung


– Zentralisierung
– Kollektivierung mit dem Ziel einer neuen sozialistischen Eigentumsordnung
– Rasche Industrialisierung (Stalin)
– „Verbäuerlichung“ des Sozialismus (Mao)

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ISEK - Ethnologie

Historische Eckdaten (Auswahl)

1917 Oktoberrevolutionen und Konstituierung des Rates der Volkskommissare

Russischer Bürgerkrieg

1924 Tod Lenins und Beginn des Aufstieg von Stalin

1924 Ausrufung der Mongolischen Volksrepublik

1945 Beginn der Errichtung sozialistischer Systeme in Osteuropa

1949 Aufstieg Mao und die chinesische Variante des Sozialismus

1978 Erste Reformen in der VR China unter Deng Xiaoping

1985 Reformpolitik in der UdSSR (Perestroika und Glasnost) und Mongolei

1991 Zerfall der Sowjetunion und Unabhängigkeit der Republiken

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ISEK - Ethnologie

Ökonomische Umgestaltung (Sowjetunion)


– Geschichtlicher Abriss der Umgestaltung
– 1918 Kriegskommunismus (Zentralisierung, Enteignung)
– 1921 Einführung der NEP (partielle Liberalisierung)
– 1928-1932 Zwangskollektivierung unter Stalin

– Drastische Folgen: Massnahmen führten zu Millionen von Toten


– Verfolgung von «Kapitalisten» und Grossbauern -> „Kulaken“
– Hungersnöte

– Ziele der Kollektivierung


– Ideologisch: Verwirklichung einer sozialistischen Eigentumsordnung
– Ökonomisch: Freisetzung von Arbeitskräften für die Industrialisierung der UdSSR

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ISEK - Ethnologie

Ökonomische Umgestaltung: Eigentumsordnung

– Nationalisierung der Banken -> Staatsbank

– Hierarchische Unterscheidung in staatliches und genossenschaftliches Eigentum

– Entsprechende Unterteilung in Betriebe


– Sowchosen = Staatsbetriebe
– Kolchosen = Kollektivbetriebe
– In der Praxis oft wenig Unterschiede erkennbar

– Tendenz der Umwandlung von Kolchosen in Sowchosen

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ISEK - Ethnologie

Ökonomische Umgestaltung: Sowjetische Betriebe

– Intensivierung und Mechanisierung der Produktion

– Neue Formen der Arbeitsorganisation

– Ausweitung der Infrastruktur

– Kolchosen/Sowchosen entwickeln sich zu ruralen Zentren


– Sowjetische Betriebe als «total social institution» (Verdery 2002:13)

– Entöhnung unterschied sich je nach Betriebsform

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ISEK - Ethnologie

Die Erfindung der Planwirtschaft

– 1928 Einführung von 5-Jahres-Plänen: «Geplante Wirtschaft» statt Marktwirtschaft

– Ziele:
– Gerechtere Verteilung von Ressourcen und Gütern
– Versuch einer wissenschaftlichen Ermittlung von Bedürfnissen und Produktionszielen

– Umsetzung (in der Theorie)


– Redistributives System
– Zentrale staatliche Behörden wandeln Pläne in konkrete (Produktions-) Vorgaben um
– Hierarchische Weitergabe über Provinzen, Distrikte, und einzelne Betriebe
– Praktische Umsetzung kreierte neue Machtverhältnisse und Eliten

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ISEK - Ethnologie

Staat und Gesellschaft

– Zentrale Stellung der KPdSU auf nationaler und lokaler Ebene («paternalistischer Anspruch» des Staates)

– Anspruch auf (Um-) Gestaltung des gesamten ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebens

– Ziel der Zerschlagung traditioneller Eliten und „feudaler“, patriarchaler und religiöser Strukturen

Seite 16
ISEK - Ethnologie

Sozialer Wandel

– Soziale Sicherheit (Arbeitsplatzgarantie, Rente, Wohnung)

– Gleichstellung der Frau als besonderes Anliegen


– Ambivalenz: Doppelbelastung der Frau bei der Arbeit und im Haushalt

– Effektive Einbindung und Kontrolle des Einzelnen in den Arbeitsalltag und politische Struktur („total social
institutions“)

– Indigenisierung regionaler und lokaler Führung seit den 1920er Jahren

Seite 21
ISEK - Ethnologie

(Zeitweilige) Errungenschaften

– Höhere Lebensstandards und Ausweitung staatlicher Infrastruktur vor allem in den ländlichen Regionen
(Schulen, Medizin etc.)

– Sicherung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung

– Regelmässige und ausreichende Löhne und Renten

– Flächenweite Ausdehnung staatlicher Infrastruktur

– Weitgehende Rechte für ethnische Minderheiten (solange nicht in politische Opposition)

Seite 22
ISEK - Ethnologie

Probleme der (ökomischen) Effizienz


– Planwirtschaft führt zu Missinformationen, Hortung und chronischem Mangel an Produktionsmitteln

– „Soft budget constraints“: keine Insolvenzen möglich (Kornai 1989)

– Negative Anreize senken Produktivität


– Kaum Konsequenzen bei Nichterfüllung von Produktionszielen
– Geringe „Arbeitsmoral“ aufgrund garantierter Vollbeschäftigung
– Entwendung und missbräuchliche Nutzung staatlichen Eigentums

– Florierende informelle Ökonomie und Korruption (Schattenwirtschaft)

– Individuelle Anreize stehen in Opposition zu gesellschaftlichem Nutzen

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ISEK - Ethnologie

Probleme der (ökomischen) Effizienz: Beispiel Verdery


– Planerfüllung auf Menge, nicht auf Effizienz oder Qualität

– Horten von Produktionsmitteln und Arbeit als Sicherheitsmechanismus

– Effizienzsteigerung wäre kontraproduktiv, daher systematische Fehlinformation „nach oben“


– Aushandeln von Abgabequoten und Inputs zwischen Betriebsleitung und übergeordneten Behörden

– Herausbildung neuer Eliten und Machtstrukturen aufbauend auf der redistributiven Verteilung von
Ressourcen (Verdery 1991)
– Macht abhängig von Position im redistributiven System (allocative power of state officials)

– Relative Verhandlungsmacht von Arbeitern („cult of nonwork“)

Seite 24
ISEK - Ethnologie

Transformation

Seite 25
ISEK - Ethnologie

Beginn der Transformation

– 1985 Reformpolitik in der Sowjetunion und der Mongolei


– Gorbachev wollte System reformieren um es zu erhalten
– Perestroika (Umbau)
– Glasnost (Transparenz)

– 1989 Fall der Berliner Mauer und Regimewechsel in Ost- und Südosteuropa

– 1990/1991 Unabhängigkeit der 15 Unions-Republiken nach dem gescheiterten Putsch in Moskau

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ISEK - Ethnologie

Ansätze zur Transformation

– Begrifflichkeiten
– Transition: Gezielter Übergang von A nach B (z.B. vom Sozialismus zur Marktwirtschaft)
– Transformation: Systemischer Wandel ohne eindeutige vorherige Zielbestimmung

– Zwei Ansätze der Transformation


– Transformationen häufig beeinflusst durch «westliche Experten»
– „Schock- Therapie“: vollständige und gleichzeitige Zerschlagung der bestehenden Strukturen
– Gradueller Wandel: allmähliche und schrittweise Anpassung, um Stabilität zu sichern
– Große Diskrepanz zwischen „Theorie und Praxis“

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ISEK - Ethnologie

Aspekte der Transformation

– Privatisierung bzw. Rückgabe (Restitution) von staatlichem und kollektivem Eigentum

– Liberalisierung des Binnen- und Aussenhandels

– Mechanismen des Marktes (Angebot und Nachfrage) statt Planwirtschaft

– Ökonomische Entscheidungen und Risiken auf Produzenten/Haushalte verlagert

– Neustrukturierung von Banken- und Finanzwesen (Kredite!) mit der Möglichkeit der Insolvenz

– Opening up „the market for souls“ (Hann, Hart)

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ISEK - Ethnologie

Privatisierung

– Unterschiedliche Motivationen hinter der Privatisierung


– Ideologische, politische und ökonomische Ziele

– Unterschiedliche Privatisierungsmodelle
– Restitution (Bulgarien und Rumänien)
– Aufteilung (Ungarn)
– Voucher (Mongolei)

– Reale Umsetzung entsprach zumeist nicht den Privatisierungsmodellen


– Privatization is when someone who doesn‘t know who the real owner is and doesn‘t know what it‘s really worth
sells something to someone who doesn‘t have any money (Janusz Lewandowski, ehemaliger polnischer Minister
für property transformation)

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ISEK - Ethnologie

Folgen der (ausbleibenden) Transformation


– Inflation, Mangel

– Starker „Rückzug des Staates“

– Rückgang des Lebensstandards

– Rückgang der Industrie- und Agrarproduktion

– From Socialism to Feudalism (Verdery)


– Neue Unternehmer = alte Elite, Mafia
– Korruption und Klientelismus
– De-Monetarisierung

Seite 30
ISEK - Ethnologie

Alltagsstrategien im Umgang mit der Transformation

– Diversifizierung der ökonomischen Strategien


– Verschiedene ökonomische Tätigkeiten -> Breite Absicherung
– Diversifizierung der ökonomischen Tätigkeiten innerhalb der Familie/des Haushalts

– Subsistenzwirtschaft auf Gartenplots (Datscha)

– Petty Trade und foreign trading (Pelkmans, Schröder)

– Arbeitsmigration

– Barter/Tauschhandel als Folge

Seite 31
ISEK - Ethnologie

Folgen der (ausbleibenden) Transformation


– Diversifizierung der ökonomischen Strategien
– Verschiedene ökonomische Tätigkeiten -> Breite Absicherung
– Diversifizierung der ökonomischen Tätigkeiten innerhalb der Familie/des Haushalts

– Subsistenzwirtschaft auf Gartenplots (Datscha)

– Petty Trade und foreign trading (Pelkmans, Schröder)

– Arbeitsmigration

– Barter/Tauschhandel als Folge

Seite 33
ISEK - Ethnologie

Kritische Betrachtung der Transformation

- Ökonomen haben kein Modell für die Transformation

- Schocktherapie mit hohen sozialen Kosten


- Märkte entstehen “anarchisch” und können nicht geplant oder implementiert werden
- Graduelle Reformen versagen wegen wechselseitiger Abhängigkeit („Repairing the ship at sea“)

- Drang zur Privatisierung teils ideologisch begründet und missachtete soziale Kosten

- Unübersehbarer und unvorhergesehener Wandel sozialer, politischer und kultureller Aspekte

Seite 34
ISEK - Ethnologie

Fallbeispiel

Seite 35
ISEK - Ethnologie

Pastoralismus im vor-sozialistischen Kasachstan

- Traditionelle Ökonomie
- Pastoralismus mit gemischten Herden
- Sekundärer Ackerbau (in den Winterlagern) und Handel
- Nutzung von Milch, Fleisch, Wolle und Häuten
- Vorwiegend horizontale Migration, im Gebirge vertikale Migration

- Land und Eigentum


- Land im Besitz von durch Verwandtschaft definierter Gruppen
- Gegenseitige Zugangsrechte
- Winterlager von grosser Bedeutung

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ISEK - Ethnologie

Eingliederung ins russische Zarenreich

- Ab dem 18. Jahrhundert Expansion des Zarenreichs nach Osten


- Expansion zuerst vorwiegend militärischer Natur

- Ab dem 19. Jahrhundert massive Einwanderung von russischen Siedlern


- Aufhebung der Leibeigenschaft im Zarenreich

- Soziale und ökonomische Folgen der russischen Besiedlung


- Aneignung des fruchtbaren Landes (Winterlager) durch die Siedler
- Veränderung der Migrationsmuster und der Herden
- Beginnende Sesshaftwerdung und Verarmung der Nomaden

Seite 37
ISEK - Ethnologie

Etablierung der Kasachischen SSR

- Modernisierung der Gesellschaft (Evolutionsgedanke)


- Pastoralnomadismus als rückständige Lebensweise
- Erzwungene Sesshaftmachung der Pastoralnomaden

- Zwangskollektivierung der Herden und Bildung von Kolchosen


- Ideologisches Ziel
- Ökonomisches Ziel

- Grosser Widerstand der Bevölkerung und Zusammenbruch der Viehwirtschaft


- Schlachten der Tiere und Hungersnöte

Seite 38
ISEK - Ethnologie

Pastoralismus in der Kasachischen SSR

- Restrukturierung der Viehwirtschaft


- Partielle Wiederaufnahme der Mobilität in Form der Transhumanz

- Weiterentwicklung der kolchosen


- Vom kollektiven Eigentum zum Staatseigentum (sowchosen)
- Betriebe entwickelten sich zu ruralen Zentren, die weit über den ökonomischen Zweck hinausgingen
- Soziale Dienstleistungen: Unterkunft, Bildung und Weiterbildung, Medizin,
Unterhaltungsmöglichkeiten

Seite 39
ISEK - Ethnologie

Pastoralismus in der Kasachischen SSR: Arbeitsorganisation

- Fortschreitende Intensivierung und Mechanisierung der pastoralen Produktion

- Ökonomische Dienstleistungen:
- Transport und Infrastruktur für die Tiere (Ställe, Brunnen, Winterfutter, Veterinärmedizin)

- Kolchosen/Sowchose in Arbeitsbrigaden unterteilt


- Effizienzsteigerung: von gemischten Herden zu Monoherden

- Produktion nach Planvorgabe, Vertrieb durch staatliche Kanäle

- Zumeist gesicherte Löhne

Seite 40
ISEK - Ethnologie

Pastoralismus in der Kasachischen SSR: Zusammenfassung

- Hoch spezialisierte Fleisch- und Wollproduktion

- Landesweite soziale und ökonomische Infrastruktur

- Erhöhung der Lebensstandards und Sicherung der Grundbedürfnisse

- Mechanisierung und Intensivierung der Produktion durch den Staat

- Vollständige Abhängigkeit

- Ausbau der Industrie und des Ackerbaus


Seite 41
ISEK - Ethnologie

Postsozialistische Transformation des pastoralen Sektors

- Reform des agro-pastoralen Sektors in zwei Phasen:


- 1991-1995: Dezentralisierung und Liberalisierung: System der Redistribution aufgelöst, staatliche
Unterstützung minimiert
- Ab 1995: (partielle) Privatisierung: Reallokation der drei zentralen Elemente des pastoralen
Produktionssystems (Land, Vieh und Infrastruktur

- Privatisierung in zwei Schritten:


- Jedes Mitglied erhielt Anteilsscheine am Betrieb
- Versammlung der Anteilseigner entschied was passieren sollte

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ISEK - Ethnologie

Konsequenzen der Transformation

- Staat zerschlug institutionelle Strukturen, bevor sich neue gebildet hatten

- Preiszerfall: Hohe Produktionsvolumen und keine Vertriebskanäle

- Viele agro-pastorale Betriebe hoch verschuldet


- Ausbleiben der Löhne
- Fehlende staatliche Unterstützung: Veterinärmedizin, Transport, Benzin, Futtermittel
- Ausverkauf der Infrastruktur

- Leute begannen wieder mit barter-Tausch


- Schafe als beliebtes Zahlungsmittel

Seite 43
ISEK - Ethnologie

Konsequenzen der Transformation

10.11.21 Titel der Präsentation, Autor Seite 44


ISEK - Ethnologie

Strategien im Umgang mit (den Folgen) der Transformation

- Suche nach Alternativen


- Migration in urbane Zentren oder ins Ausland
- Diversifizierung der ökonomischen Strategien
- Lohnarbeit und lokaler Handel

- Verbleib im agro-pastoralen Sektor


- Differenzierung und Stratifizierung bei den Produzenten (von der Subsistenzwirtschaft bis zum
globalen Unternehmen)
- Verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Strategien

Seite 45
ISEK - Ethnologie

Konsequenzen der Transformation

10.11.21 Titel der Präsentation, Autor Seite 46


Work in
anthropology

Dr. Emma McDonell


UZH Fall 2021
Housekeeping Anthropology tutoring?
Defining work
Changing work and precarity
Millar

Outline
What is work?
Why is it difficult to define?
Defining work
Gender…

Leisure Work
time time Home Work Life Work

“Work life balance”


Defining work
Not a universal or natural
category
Abstraction emerges alongside
rise of capitalism, mercantilism,
protestant reformation in Europe
in 16th c. ->
1. A tedious and obligatory
activity
2. Undertaken for a purpose
outside itself ( to produce or
achieve something for oneself
or someone else)
3. A valorized activity
James Carrier (1992) // Maussian
Opposing social perspective
At the factory, workers produce and
relationships? exchange commodities and
experience their relationships to
themselves, others and objects as
alienated, impersonal, and temporary
At home they maintain unalienated,
personal and permanent relationships
through the exchange of gifts
Family/friends Co-workers Michael Burawoy distinguishes
relations of production (general) from
relations in production (specific)
Work in philosophy
John Locke, John Luther examples of
philosophers who praise work as
human dignity, condemn idleness

+ religion Marx too sees labor as the heart of


what it means to be human
The Protestant Work Ethic – Max
Weber -- diligence, frugality, discipline
Puritans, for instance, believed that
the greatest way to glorify God was to
excel in one's work
Celebration of work in the abstract, yet
this did not frequently mean proper
remuneration for manual work
The rise of work as
Increasing consensus around
what work was emerged
alongside capitalism – not a

such coincidence
Capitalism, in theory, depends on
a concept of wage labor
This is the socioeconomic
relationship between a worker
and an employer in which the
worker sells their labor power
under a formal or informal
employment contract
Ultimately, the worker is selling
their time
Work in Bourgeoisie
capitalism (for
Marx) Proletariat

Means of production

Surplus value
Rise of factory work and repetitive
Industrial assembly line work esp in “Global
North”

revolution Urbanization as a result of the


migration of rural populations to
the cities – dependence on wages
(unlike peasants, for instance)
International/global migration
to centers of industrial
development (since 18th
century)
Commodification (of goods and
labour) and disruption of
traditional networks of social
relations
Workers lose self-determined
Work in capitalism share in the production
process (alienation)
Necessity of selling labor to
secure one's own livelihood (to
survive…)
Establishment of a fixed and
predetermined regime of
working time (and free
time/life)
Disciplinary insertion into an
orderly process of workflow
from various stages/elements –
work as rationalized and
scientifically managed
Taylorism + Fordism
From 14th century church clock, public
Work and time in clocks in towns and trading cities
In 1510, German watchmaker, Peter

capitalism
Henlein, invented the first pocket watch
One of the most urgent necessities
which industrial capitalism brought with
it in order to further its advance
Industrial revolution demands
greater synchronization of the
workforce
Clock has regulated the new rhythm of
the industrial life
Pocket watch as prestige object
persists
EP Thompson
Time, Work-Discipline, and Industrial Capitalism (1967)
In capitalism: time is money
Watch has invaded every area of life
New sense of time and pressure with capitalism
Dawn to dusk (farmer settles down according to natural cycle) or
work and life differed less
Shoemaker works until the order is finished (natural time
and task-orientation)
When labor is sold, pressure is exerted by the employer: time
and productivity (time clock)
James Scott – ‘weapons of the weak’ as resistance
Division of society into
Marxist analysis two classes (proletariat
and bourgeoisie) along the
ownership of means of
production
Accumulation of wealth and
capital through the skimming of
surplus value
Wage laborers are thereby "free" in
two senses: to sell their labor
power and to be free from the
ownership of the means of
production.
Complicating the
narrative
Capitalism has also thrived in conditions of un-free
labor – slavery and servitude
Anthropologists have documented a conceptual
segregation of “work” from “life” among peasants and
pastoralists too
Capitalism developed in and through global relations,
not simply in industrial revolution Europe/factor
contexts
Commodification
of labor as violent
process
Taussig studies image of the devil contemporary plantation workers and miners
in South America (wage laborers)
Finds belief in ‘devil contract’ in both groups – pact made by male laborers in
order to increase productivity and thus raise their wages
The image of the devil mediates the conflict between precapitalist and capitalist
modes // fetishism of commodities
“There is a moral holocaust at work in the soul of a society undergoing the
transition from a precapitalist to a capitalist order. And in this transition both the
moral code and the way of seeing the world have to be recast.” (Taussig)
Mid 20th century characterized by
Labor unions / ‘formalization’ of work in Global
North

formalization Loyalty between employer/employee


Stable work with benefits / living
wage (Fordist)
Labor regulations and protections –
e.g. 40 hour work week; minimum
wages — labor unions powerful (in
Global North)
The “norm” of relatively stable,
gainful employment during the mid-
20th century was largely a historical
exception
Also remained largely geographically
confined to the Global North
Post-industrial
landscapes

From industrial economy to


‘service economy’
Tourism, event venues,
restaurants in abandoned
warehouses
Transformation especially
dramatic in mid-sized US cities
with industrial histories
Since 1975 or so
Neoliberalism + Deregulation, privatization, outsourcing,
subcontracting, flexible labor regimes,
invisible hand as ‘guide’ (Harvey 2005)

precarization Break down of labor union power


Jobs offer fewer or no benefits, short
term contracts
Fewer labor protects from governmental
regulations (“right to work” AKA no right
to strike)
The incursion of the precarious and the
informal into the Western world of
employment
Shifting power dynamics from blue
collar/white collar labor to
precarious/less precarious in same
sector (e.g. adjunct professors)
Gig economy and the rise of the “side
hustle”
Neoliberalism,
1. What is ‘passionate quitting’ and why has
this practice emerged?
2. How have workers relationships to work
passionate changed, according to Gershon?
3. How have workers ideas about work itself
quitting changed, according to Gershon?
4. In what contexts might this concept of the
‘neoliberal self’ apply and in which contexts
might it not?
5. How does Gershon’s analysis track or not
track with your own life experiences and/or
those of close family friends?
Informal
economies
The concept emerged from the study of urban labor markets in Africa.
Keith Hart (1973) argued that the masses of migrants settling in urban
areas of Ghana were not simply a “reserve army of urban unemployed
and underemployed” but rather positively employed, even if erratically
and with low returns.
Positive employment via informal economic activities, as opposed to
economic activities that were increasingly rationalized through official
institutions and thus “formal”
Based in idea of ‘self-employment’
Philippe Bourgois – crack dealers in Harlem found dignity in the streets
unlike their low wage jobs where they were frequently disrespected
1980s saw growth of informal (unregulated) economies in

Informal highly institutionalized economies


Castells & Portes (1989, p. 15) argue that the “informal
economy is universal,” cutting across countries and regions as

economy
well as diverse economic classes.
flexibility and exploitation, productivity and abuse, aggressive
entrepreneurs and defenseless workers, libertarianism and
greediness

Kathleen Millar’s work on catadores sees argues that those struggling to earn a living in urban informal economies are creating new spaces
for alternative economic practices, social relations, and class politics today.
Global inequality and
development
Dr. Emma McDonell
§ Inequality
Outline § International development
§ Inequality
Outline § International development
Is inequality
inevitable?
§ Anthropologists find lots of variation in inequality
across cultures
§ All societies have redistributive institutions and/or
rituals to avoid too much wealth/too many resources
from accruing in too few hands
Classifying societies according to inequality

Egalitarian society
Society based in sharing resources and leadership is temporary and situational

Ranked society
Society with differential access to prestige but not basic resources

Stratified society
Society in which elites (who are a numerical minority) control the strategic resources that sustain life
Typologies of political organization
§ Social inequality varies considerably
§ In response to the overwhelming diversity of power
formations, political anthropologists began debating
typologies (or systems of classification).
§ Elman Service (1962) identified four basic kinds of
political systems, which he imagined in an evolutionary
sequence:
§ Analytical concept for understanding economics as
a socio-political process
§ Note that until the 19th century, a general term for
the economic sciences or national economies
§ Later, primarily used in reference to Marxist and

Political related theories on the development of different


production relations

economy § “Production relations” the relationship between


those who own the means of production (the
capitalists or bourgeoisie) and those who do not
(the workers or the proletariat)
§ Questions about the social organization of the
economy and the (unequal) distribution of goods
and resources
§ Political economy generally based in Marxist lens
§ History of humanity as class struggle and social
contradictions as the engine of social change
Some basic § Based on the theory of (historical and dialectical)
tenets of materialism (material conditions determine
consciousness)
Marxism § Decisive are the respective production conditions in a
society, as the

§ social organization of economy and the access to means


of production
Historical
materialism

Sees historical changes in social structure as


the result of material and technological
conditions rather than ideals.
§ In Western societies as a primary counter-model to
capitalism (as a social model or ideology)

§ The expected revolutions failed to materialize, arguable


Marxism as in part because of the development of the welfare state

intellectual in Western Europe

§ Attempts to build up socialist production relations and


model political regimes

§ After the failure of most socialist projects, a vacuum


emerged around alternatives to capitalism
§ Testing the applicability of Marxist models to
non-capitalist societies, especially base /
superstructure

§ Questionable connection between economic

French neo- and political power or class formation in non-


industrial societies
Marxists / § Kinship, gender roles and religion take on a
Marxism enters function of production relations and access to

anthropology resources

§ (this goes back to question of category of


‘work’)

§ Main representatives:
§ Maurice Godelier (born 1934)
§ Claude Meillassoux (1925-2005)
Global inequality today

§ The world's richest 1 percent,


those with more than $1 million,
own 43.4 percent of the world's
wealth (Credit Suisse Global
Wealth Report)

§ The United States exhibits wider


disparities of wealth between rich
and poor than any other major
developed nation.
§ Historically, anthropologists looked at one
side of inequality

§ Colonial subjects -> world’s


Global poor/peasants

inequality in § Laura Nader introduces ”studying up” in

anthropology 1960s

§ A call to “study the colonizers rather than


the colonized, the culture of power rather
than the culture of the powerless, the
culture of affluence rather than the culture
of poverty” (Nader 1972, 289)
§ Inequality
Outline § International development
§ Why does the idea and practice of ‘development’

International emerge, according to Escobar?

§ What is ‘development’ for Escobar?


development
1945
§ Global political power structures reorganized
§ Consolidation of US political and military dominance
Modernization § 1945-55

theory / § Creation of World Bank, United Nations, International Monetary


Fund (IMF), Inter-American Development Commission etc.
development § Cold War tensions
apparatus § Struggles between communist and capitalism systems to
influence the modernization of the world, and extend political
and cultural spheres of influence

§ In this context development as theory and practice emerges with


modernization theory as the dominant theoretical paradigm
Societies pass through different phases /
Modernization theory implemented through "structural
adjustments"
Progress:
idea that all societies are
consistently advancing “up,” on a
route from poverty, barbarism, Modernization theory / development
despotism and ignorance to riches
civilization, democracy and
rationality
Industrial More contact with
Revolution: foreign peoples:
Time as linear Cultural diversity

Enlightenment:
From Medieval
mindset that God’s will
explains everything to Growing acceptance of
“rationality” theories of evolution

Development/Progress:
the supra-theory to explain it all

Theodor Shanin, 1997


World systems and dependency theory

§ Counter theory to modernization theory


§ World as a global system with mutual dependencies between
"core" and periphery
§ Dependencies are intentional and enable systematic
exploitation of disadvantaged regions
§ Underdevelopment therefore does not perpetuate unfortunate
collateral damage, but is part of this system

§ It’s not the the poor are poor and the rich are rich, it’s that the
rich exist because the poor exist and vice versa

§ Main representative:
§ Andre Gunder Frank (1929-2005)
§ Immanuel Wallerstein (born 1930)
§ Eric Wolf (1923-1999) (anthropologist influenced by Dependency
Theory)
Dependency theory and ISI
§ Import substitution industrialization (ISI) was a model
based on dependency theory

§ An attempt to make countries less dependent on the


Global North / protectionism / local industrial
development

§ Popular throughout Latin America until 1980s


§ Anthropology has a fraught relationship with development.
Why do you think?
§ Malinowski: anthros as policy advisors vs. vs. Evans
Pritchard: anthros should distance themselves from applied
work
§ Many anthropologists made careers in the development
Anthropologists sector starting in the 1960s

in development § From the outside, cultural ‘issues’ are often assigned as an


explanation of underdevelopment
§ Criticism of the failure of most development projects due
to wrong assumptions and implementation
§ Reduced to the role of mediator or translator between
development organizations and the local population
§ See Escobar 1990
§ Focus on the "human factor" and intra-societal variance
and their effects on projects

§ Description and analysis of local ecological knowledge,


(traditional) economic and socio-political structures
Anthropologists § Emphasis on the importance and impact of the emic
in development perspective of those affected

§ Frequently involved in evaluations before, during or


after the implementation of concrete projects
§ In political discourse, the term "aid for or cooperation
with the poorer countries of the world”

§ Different forms of structural support, "help for self-help"


Development as or provision of financial means

concept § Sometimes understood as compensation for colonial


guilt for the situation in the developing world

§ According to Escobar, what is ‘development’?


§ James Ferguson, Arturo Escobar early leaders in this field
§ Post-1945 - Old colonial systems of exploitation and control
no longer feasible (African countries fighting for
independence, Latin America already independent)
§ Ex-colonies critical sources of raw materials and labor…
§ Sees development as a project to exert force over the

Anthropology of “Third World” that replace colonial systems of domination

§ Development as discourse (drawing on Foucault) and


development practices

§ Development as a teleological and euro-centric concept


with questionable basic assumptions

§ In fact, discourse and practice of development rather


serves the preservation of (Western) power and inequality

§ “Anti-politics machine” Ferguson


§ Questioning the sovereignty of nation states through the
omnipotence of international organizations (IMF, WB,
etc.)

§ Increase in dependency/impoverishment of the


Development as countries of the global South through unilateral trade

concept agreements, debt and migration regimes

§ Accusation of a Eurocentric concept of modernity,


development and progress
§ James Ferguson, Arturo Escobar early leaders in this field
§ Post-1945 - Old colonial systems of exploitation and control
no longer feasible (African countries fighting for
independence, Latin America already independent)
§ Ex-colonies critical sources of raw materials and labor…
§ Sees development as a project to exert force over the

Anthropology of “Third World” that replace colonial systems of domination

§ Development as discourse (drawing on Foucault) and


development practices

§ Development as a teleological and euro-centric concept


with questionable basic assumptions

§ In fact, discourse and practice of development rather


serves the preservation of (Western) power and inequality

§ “Anti-politics machine” Ferguson


Disenchantment
with development
§ Critiques of modernization theory lead to shifting
paradigms

§ ‘sustainable development’…’participatory
development’…’building civil society’…’grass roots
development’…’multicultural development’
Different § Anthropologists of development now tend to look at this
paradigms diversity and take different positions about the degree
to which this is really ‘different’

§ Positions of Escobar and Ferguson’s approaches have


been criticized as monolithic and ideological (de
Sardan 2006)
§ Quinoa’s commercialization pitched as ‘sustainable’ and
‘multicultural’ and ‘climate smart’ development

§ “Miracle crops” and neglected and underutilized crop


Quinoa boom discourse starting in 1980s

§ What developing quinoa meant varied across actors //


conflicting visions of quinoa’s future
Ecology, resources,
economy
Dr. Emma McDonell
outline
Why study the environment in economic anthropology?
Nature vs. culture
Cultural ecology
Ecological anthropology
Political ecology
Commons
Economy + ecology
Difficult to separate economic and environmental
anthropology at times. Why?
Economic anthro concerned with ‘making a living’ /
livelihoods
Environmental anthro concerned with humans’
relationships with environments and resource use
Both ecology and economy from same Greek root –
oikos (home)
Human/environment
binary

A dualism is the conceptual division of something into


two distinct parts.
In Western thought, nature has tended to be
understood as dualistically opposed to culture/
humanity. Nature is those parts or places or things that
are “unaffected” by people.
dualisms

Dualism are often hierarchical and


overlapping. They work to naturalize
hierarchy.
Other dualisms in Western thought
• male / female
• reason / emotion
• mind / body
• civilized / primitive
• domesticated / wild
Beyond dualisms

Not all societies have clear nature/culture divides and


those that do may not draw the line in the same way
Many people in the Andes include mountains and other
’earthbeings’ in their understanding of the ‘social’
Relations of reciprocity
Also see Marilyn Strathern’s work “no nature, no culture”
But in summary – the nature culture dualism is not
universal
Environmental vs. cultural determinism
Environmental determinism argues that both general features and regional variations of human
cultures and societies are determined by the physical and biological forms that make up the earth’s
many natural landscapes
Cultural determinism sees no influence from environmental factors on cultural practices
A spectrum….
Cultural ecology paradigm
Julian Steward (1902-72)
• American ethnologist (U Michigan, Utah, Columbia, Urbana-
Campaign and Bureau of Indian Affairs)
• Founder of cultural ecology
• Research especially with Native Americans
• Worked especially through his students (among others M.
Sahlins, M. Harris, Eric Wolf, Sydney Mintz)
• Key publications: Theory of Culture Change: The Methodology of
Multilinear Evolution (1955)
He looked for the adaptive responses to similar
environments that gave rise to cross-cultural
similarities
Steward’s theory centered around a culture core,
which he defined as “the constellation of features
which are most closely related to subsistence
activities and economic arrangements”
(Steward1955:37).
Imagines culture as adaptation to an external
environment
Argues that adaptation can explain patterns in
Cultural ecology paradigm human-environment relationships in related
environmental contexts
Secondary factors of the socio-political
system, culture and religion are influenced
by this ‘core’
Social arrangements and the extent of
cooperation are also significantly influenced
by local environmental factors
Causes different forms of social integration
and complexity
Example: Extent of cooperation among
hunters depending on number, size and
characteristics of the game
Cultural ecology paradigm
Cultural ecology case study
“Nowhere else on earth are greater physical contrasts
compressed within such small spaces" (Milstead,
1928:97).
Agriculture practiced up to 15,000ft
Extreme diurnal temperature fluctuations
Major microclimate fluctuations
Cultural ecology case study
Cultural ecology
case study

Moray
3,500 meters (11,500 ft)
30m deep
As with many other Inca sites, it also has an
irrigation system
Their depth, design, and orientation with respect to
wind and sun creates a temperature difference of
as much as 15 C (27 F) between the top/bottom
Cultural ecology case study
“Vertical archipelago”
Rather than continuous use of contiguous zones,
this pattern involves wide separation between
some of the zones which are used
Lengthy migrations
3-4 yearly migrations from their permanent
village sites to a different ecological zone
Cultural ecology case study
Compressed type
All of the zones are accessible to inhabitants short travel
time.
Q'ero's lands go from 2000 to 5000 m, and they are
traversed by the people who exploit various crop zones
that may be up to 3 days apart.
At any given time, season, crop, and herd determine
their residence in dispersed locations. But residence
outside the upper valley hamlets is considered by the
Q'eros themselves (and is in fact) only temporary
Andes case 1
Extended type
Characterized by relatively long valleys that
include the usual set of Andean crop zones.
Marked by an environmental gradient less
steep than the compressed or the archipelago
type. The zones are contiguous and
continuously exploited.
Products move through exchange networks
Ecological anthropology paradigm
Inspired by systems theory and cybernetics
Negative feedback loops
• Feedback loops are important because they allow living organisms to maintain homeostasis
• Negative feedback loops that counteract changes of various properties from their target values, known as set points
Homeostasis
• the tendency to resist change in order to maintain a stable, relatively constant internal environment.
Functionalist interpretation
Ecological anthropology paradigm
Optimal foraging strategy
• A model that helps predict how an animal behaves when searching for food.
• Although obtaining food provides the animal with energy, searching for and
capturing the food require both energy and time. To maximize fitness, an animal
adopts a foraging strategy that provides the most benefit (energy) for the lowest
cost, maximizing the net energy gained.
Energy flows
Functionalism
• the theory that all aspects of a society serve a (ecological) function and are
necessary for the survival of that society.
Case 1 – pigs in new guinea
• Roy Rappaport studies the Tsembaga Maring in New Guinea – group who practice a form of animal husbandry with pigs
as their primary resource
• Pigs consume the same food as humans, so the Tsembaga must produce a surplus in order to maintain their pig
populations.
• Pigs are slaughtered for brideprice and at the end of war. So, the pigs must be kept at exactly the right numbers.
• This is accomplished through a cycle of war, pig slaughter for ritual purposes, and regrowth of the pig populations. Such
a cycle takes ten to eleven years to complete.
• The kaiko is a ritual of the Tsembaga during which they slaughter their pigs and partake in feasting. The kaiko can be
understood easily as “ritual pig slaughter.”
Case 1 – pigs in new guinea
Religion and the kaiko ritual are cybernetic factors that act as a
gauge to assist in maintaining equilibrium within the ecosystem.
The “biologization” of the ecological approach that this study
represents within cultural anthropology led to the label
ecological anthropology, replacing Steward’s cultural ecology
Critiques of cultural ecology and ecological anthropology
• Where is power, colonialism
• Functionalism considers a culture as an interrelated whole // forced to isolate the community for
the model to make sense, but many of the communities they study embedded in markets, power
structures, state institutions
• Where is change? Criticism of the (functionalist) focus on stability, equilibrium
• “Missing the revolution” in Peru (Orin Starn)
• Human/nature binary
Political ecology
• Eric Wolf coins term in 1972 to bring questions of ecology and political economy together
• Greater attention to global linkages, power asymmetries and individual incentives for action
• Environmental issues as political issues
• Themes: degradation and marginalization, environmental conflict, conservation and control,
resource access, environmental injustice, and environmental identities and social movements
Case study – political ecology
Piers Blaikie in traced land degradation in Africa to
colonial policies of land appropriation, rather than
over-exploitation by African farmers
“chains of relations”
Tragedy of the
commons
According to Garrett Hardin (1968),
collectively used resources are inevitably
overused (forests, pastures, fisheries,
irrigation)
For the individual, overuse is rational, even
when problems are recognized
Solution according to Hardin is privatization
and/or state coercive measures
Governing the
commons

Studies successfully managed common pool


resources across the world
Refutes Hardin’s argument about the
inevitability of tragedy, instead finding
creative “ground up” institutions local
Elinor Ostrom communities designed to manage the
commons
Clearly defined (clear definition of the contents of the common pool resource and effective exclusion of external un-entitled parties);
The appropriation and provision of common resources that are adapted to local conditions;
Collective-choice arrangements that allow most resource appropriators to participate in the decision-making process;
Effective monitoring by monitors who are part of or accountable to the appropriators;
A scale of graduated sanctions for resource appropriators who violate community rules;
Mechanisms of conflict resolution that are cheap and of easy access;
Self-determination of the community recognized by higher-level authorities; and
In the case of larger common-pool resources, organization in the form of multiple layers of nested enterprises, with small local CPRs at the base level.

Ostrom’s 8 design principles


Property rights beyond
private property
Prevailing belief that where there were not state sanctioned private property rights
there was simply ‘common property’/’open access’/’sharing’
Actually as Ostrom and Tania Li show, many communities have incredibly complex
property rights systems that do not map onto ideas about privatized land
In contrast to "open access", municipal property rights define a user group (e.g.
lineages or local communities)
Various institutional arrangements for resource use:
Restriction of resource exploitation by restrictions of technology (e.g. smaller boats)
Limitations of time, space or size (e.g. catch quotas, number of cattle, seasonal
rights)
Sanctions against disregard and free-riding
Land’s end – tania li murray
Traces the enclosure of the commons in Sulawesi, Indonesia
Emergence of capitalist relations among indigenous highlanders
who privatized their common land to plant a boom crop (cacao) in
hopes of ending their poverty and isolation
Some prospered, while others lost their land and struggled to
sustain their families
ISEK - Ethnologie

Religion und Ökonomie


Normative Ordnungen ökonomischer Handlungen

Dominik Müller 12. Sitzung


Dominik.mueller2@uzh.ch 08.12.2021

08.12.21 Seite 1
ISEK - Ethnologie

Lernziele der heutigen Sitzung


– Rückblick auf die gesamte Vorlesung anhand eines «neuen» Themas
– Aufgreifen und Anwendung von bereits besprochenen Konzepten und Themen
– Verbindungen zwischen den einzelnen Vorlesungssitzungen

– Heutiges Thema: Verflechtungen zwischen Religion und Ökonomie

– Was motiviert den Menschen? Frage der Rationalität und Human Nature

– Informationen zur anstehenden Q&A Session

– Informationen zur Prüfung

2
ISEK - Ethnologie

Um was geht‘s in der Wirtschaftsethnologie?


– Gegenstandsbereiche der Wirtschaftsethnologie:
– Leben und Überleben (in oft prekären Umständen)
– Globale Kontexte und Auswirkungen globaler Prozesse auf lokale Lebenswelten
– Motive menschlichen Handelns (humane nature)

– «Einbettung» (embeddedness) und holistischer Ansatz der Sozialanthropologie


– Verständnis für die Einflüsse von ökonomischen Prozessen und Strukturen auf andere Bereiche des
sozialen und kulturellen Lebens (und umgekehrt)

– Was treibt den Menschen an?


– Drei «Modelle» des Menschen nach Wilk: economic, social oder moral man?
– Fokus der heutigen Sitzung: Wechselverhältnis zwischen Religion und Ökonomie

3
ISEK - Ethnologie

Setting the stage: Brainstorming

- Was für empirische Beispiele/ Phänomene kommen Euch in den Sinn, wenn ihr an die Verbindung
zwischen Religion und Ökonomie denkt?

- In welchen Sitzung haben wir bereits über das Verhältnis zwischen Religion (normativen Ordnungen)
und Ökonomie gesprochen?

4
ISEK - Ethnologie

Konzeptualisierungen des Verhältnisses zwischen Religion und Ökonomie

5
ISEK - Ethnologie

Konzeptualisierungen des Verhältnisses zwischen Religion und Ökonomie


1. Ökonomie UND Religion

2. Ökonomie IN der Religion

3. Religionsökonomie

4. Ökonomisierung der Religion

5. Ökonomie (Kapitalismus) ALS Religion

6
ISEK - Ethnologie

Ökonomie UND Religion


– Wechselseitige Beeinflussung der ökonomischen und der religiösen/weltanschaulichen Sphären

– Kausalrichtung: Was beeinflusst was?

– Frage der Einbettung: Ökonomie in der Religion, Religion in der Ökonomie

– Beide Aspekte empirisch oft schwierig festzustellen: «Huhn-Ei-Frage»

– Empirisches Fallbeispiel:
– Jacques LeGoff, französischer Historiker : Kausalrichtung Ökonomie -> Religion
– Max Weber, deutscher Soziologe: Kausalrichtung: Religion -> Ökonomie

7
ISEK - Ethnologie

Jacques LeGoff (1986) Wucherzins und Höllenqualen


– Beginn eines ökonomischen Wandels im Spätmittelalter

– Entwicklung des Frühkapitalismus (Werner Sombart (1902) Der moderne Kapitalismus)

– Frühkapitalismus
– Handwerkliche Technik, einfache Warenproduktion und (geographisch) expandierende
Handelsbeziehungen
– Geld- bzw. Warenhandel (Austausch mittels universeller Medien; commodity exchange)…
– … gewinnt gegenüber Tauschhandel (barter exchange) zunehmend an Bedeutung
– Geld und Besitz (Privateigentum) von Produktionsmitteln gewinnt gegenüber (landwirtschaftlichem)
Grundbesitz an Bedeutung (property rights)

– Neue Wirtschaftssysteme, neue Herausforderungen?

08.12.21 8
ISEK - Ethnologie

Jacques LeGoff (1986) Wucherzins und Höllenqualen

08.12.21 9
ISEK - Ethnologie

Jacques LeGoff (1986) Wucherzins und Höllenqualen


– Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und
weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen,
und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!

– Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.
Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in
das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch
einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel
durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr
und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?

– «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt»

Markusevangelium 10:20-25

08.12.21 10
ISEK - Ethnologie

Jacques LeGoff (1986) Wucherzins und Höllenqualen


– Kirchliches Zinsverbot erschwerte ökonomische Entwicklung im Spätmittelalter
– Markus Evangelium 10:25 «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich
Gottes gelangt»

– Wirtschaftliche Entwicklung benötigte jedoch Geldhandel und Kreditwesen

– LeGoff setzt sich mit den Kämpfen und Aushandlungen zwischen kirchlicher Lehre (Dogma) und
wirtschaftlichen Notwendigkeiten auseinander

– Umdeutung des kirchlichen Zinsverbots durch Veränderung/Umdeutung religiös-normativer Vorstellungen

– Die Idee vom reinigenden Fegefeuer (Bereich zwischen Himmel und Höllle) und eine individuelle Busspraxis
ermöglichten es schließlich auch Christen, ohne Glaubenskonflikte Zinsgeschäfte zu betreiben.

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ISEK - Ethnologie

Die Protestantische Ethik und der «Geist» des Kapitalismus (1905)


– Max Weber untersucht die religiösen Einflüsse auf wirtschaftliche Entwicklungen seit der Reformation im 16Jh.

– Religiöse Entwicklung (Veränderung normativer Ordnungen) als wichtige Voraussetzung und Antrieb für die
Entwicklung des modernen Kapitalismus und moderner Rationalisierungsprozesse

– Protestantismus (insbesondere Calvinismus) definiert die «Bestimmung» des Menschen neu


– Verschiebung des Fokus vom Jenseits auf das Diesseits: Religiöse Pflichten im Alltag
– Verschiebung zur individuellen Verantwortung für die Erlösung (Abschaffung der Beichte etc.)
– Innerweltliche Askese, kontrollierte Lebensführung
– Umdeutung des «weltlichen Erfolgs», wie Reichtum und Besitz durch Arbeit und Fleiss

– Gemäss Weber traten die religiösen Wurzeln der protestantischen Ethik mit der Zeit in den Hintergrund und
wurden zu einer bürgerlichen Berufsethik

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ISEK - Ethnologie

Ökonomie IN der Religion


– Religiös-normative Vorstellungen (Normen, Werte, Prinzipien) zu ökonomischen (Trans-)Aktionen
und ökonomischem Verhalten
– Tangiert Fragen der Rationalität/Human Nature
– Was treibt den Menschen an?

– Handlungen des ökonomischen Zyklus eingebettet in religiöse Institutionen


– Produktion, Tausch (Tauschhandel, Warenhandel, Gabentausch) und Konsumption
eingebettet in religiöse Institutionen
– Reziprozität und Redistribution durch Tempel, religiöse Zeremonien und Rituale

– Empirische Beispiele:
– Kula-Ring (Malinowski), Potlatch (Mauss, Snyder)
– Islamic Finance, Halal Business
– Prosperity Gospel (Coleman)

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ISEK - Ethnologie

Fallbeispiel: Islamic Finance und Halal Business


– Wucherei und Zinsen (‫اﻟرٰﺑوة‬, ribā) sind gemäss islamisch-normativer
Vorstellungen nicht erlaubt (ḥarām)

– Analogie zum Zinsverbot im Christentum

– Frage, wie religiöse Normen und Wertvorstellungen mit aktuellen


ökonomischen Kontexten vereint werden können
– Frage von muslimischen Akteuren aber auch…
– …von Forscher*innen

– Islamisches Finanzsystem und Islamic Banking

– Fischer 2011, Maurer 2006, 2005, Leins

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ISEK - Ethnologie

Malinowski: Argonauts of the Western Pacific (1922) Wdh.


– Distribution durch Kula: kollektive und stark ritualisierte Unternehmungen zu See

– (Verzögerter) Reziproker Austausch von Halsketten und Armreifen in gegenseitiger


Richtung zwischen fixen Partnern und nach fixen Regeln -> Stark ritualisiert

– Kula wird vom gimwali, einem nutzenorientierten Warentausch begleitet

– Produktion bei den Trobriandern nach Malinowski:

– Magische Handlungen und Zeremonien als wichtiger Bestandteil des Anbaus, zur
Erntesicherung und zur Regulierung

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Potlatch
– Potlatch: Schenk- (gift-giving)- und Fest (feasting)- Zeremonie

– Praktiziert durch die Kwakiutl, Tlingit, Haida und Chinook an der Nordwest-Küste Nordamerikas

– Relativ häufig untersuchtes Phänomen, u.a. von Boas, Benedict und Mauss, sowie von Vertreter*innen
des substantivistischen Ansatzes

– Verschiedene theoretische Herangehensweisen bei der Untersuchung


– Funktionalistische, ökologische, psychologische, strukturalistische Ansätze

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ISEK - Ethnologie

Potlatch

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ISEK - Ethnologie

Potlatch
– Potlatch als redistributives System, basierend auf weltanschaulichen Überzeugungen
– Mauss: Potlatch as a "total social phenomenon," which was simultaneously "religious," "mythological,
"economic," "jural," and so forth.

– Veranstaltet durch Leute, die über genügend Ressourcen verfügten, um eine solche Zeremonie abzuhalten
– Status und Prestige für Veranstalter, Sicherung von Position in sozialer Hierarchie
– Teilnahme am Fest und Annahme der Gaben symbolisierte die Anerkennung der übergeordneten
Position des Gebers
– Veranstaltet an wichtigen Stationen des Lebenszyklus (Geburt, Tod, Initiationen und Hochzeiten), oder
beim Tod eines Chiefs, oder um eine öffentliche Schande wiedergutzumachen.

– «Kompetitiver» Charakter, Rivalität unter einflussreichen Personen

– Umverteilung von Gütern, um mit der Instabilität und Variabilität natürlicher Ressourcen (Lachs,
Wildplanzen) umzugehen

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ISEK - Ethnologie

Religionsökonomie
– Versuch religiöse Phänomene, Institutionen und Organisationen mit konzeptuellen und methodischen Ansätzen der
Ökonomie zu betrachten und zu analysieren

– Ökonomische Analyse religiöser Verhaltensweisen

– «Religiöser Markt»
– Entwicklung von religiösen Märkten auf denen sich Angebot und Nachfrage nach religiösen «Gütern» treffen
– Religiöse Organisationen als Produzenten und Unternehmer, die auf dem Markt um Konsumenten konkurrieren
– Individuen als Konsumenten, die aus dem bestehenden Angebot an religiösen Gütern auswählen (consuming
religion, Verter 2003)
– Geprägt von Annahmen der Rational-Choice Theorie: freie Entscheidung, Nutzenmaximierung

– Garry Becker 1965, Peter Berger (1970/80er), Rodney Stark, Robert Finke (1980/90er) Laurence Iannaconne

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Ökonomisierung der Religion

– Kommodifizierung (commodification) und Kommerzialisierung von Religion und religiösen Gütern


– Religion wird zu einer «Ware», zu einem «Gut» und «vermarktet»

– Konsum religiöser Güter als Ausdruck individueller Identität und sozialer Zugehörigkeit

– Religiöse Ethik und Praxis als Mittel zur Selbstoptimierung und wirtschaftlichen Effiziensteigerung

– Religiöse Identität als Grundlage für Kooperation (Bsp Ensminger, Müller)

– Examples:
– Yael Navaro-Yashin: The Market for Identities: Secularism, Islamism, Commodities

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ISEK - Ethnologie

“Soziale Dimension” von Konsum (Wdh, Sitzung 3)

- Aus einer anthropologischen Perspektive ist Konsumption nicht durch abstrakte Bedürfnisse und
Präferenzen determiniert (und nicht universell)

- Konsumption Teil eines umfassenden «kulturellen Universums» der jeweiligen Gesellschaft (Rössler
2005) und zugleich «Strategie der Eigendefinition» in einer sozialen Umgebung (Friedman 1994)

- Güter als Kommunikationsmedien eingebunden in einem kulturellen Bedeutungssystem

- Nachfrage und Konsumption ein Bereich der Kultur, innerhalb dessen «soziale Nachrichten»
(Appadurai 1986) gesendet und empfangen werden

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ISEK - Ethnologie

Ökonomisierung von Religion

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ISEK - Ethnologie

Ökonomisierung der Religion

– Kommodifizierung und Kommerzialisierung von Religion und religiösen Gütern


– Religion wird zu einer «Ware», zu einem «Gut»

– Konsum religiöser Güter als Ausdruck individueller Identität und sozialer Zugehörigkeit

– Religiöse Ethik und Praxis als Mittel zur Selbstoptimierung und wirtschaftlichen Effiziensteigerung

– Religiöse Identität als Grundlage für Kooperation (Bsp Ensminger, Müller)

– Examples:
– Patricia Sloane-White (2017): Corporate Islam: Sharia and the modern workplace
– Daromir Rudnyckyj (2010): Spiritual Economies: Islam, Globalization and the Afterlife of
Development
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Ökonomisierung von Religion

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ISEK - Ethnologie

Fazit und Schluss

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ISEK - Ethnologie

Informationen zur Q&A Session

– Alle Vorlesungspodcasts werden bis zum 21.12.2021 erneut hochgeladen

– Q&A Session am 15.12.2021 -> Online only

– Fragen für Q&A Session bis am 13.12.2021 um 8:00 Uhr ins Olat-Forum posten

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ISEK - Ethnologie

Informationen zur Prüfung

– Prüfungstyp: Online-Prüfung

– Prüfungsadresse (URL): https://hs6.epis.uzh.ch


– Zugangsdaten: Olat-Benutzername + Passwort

– Testprüfung (Datum/Zeit): 15.12.2021: 07.00 – 19.00


– Hauptprüfung (Datum/Zeit): 22.12.2021: 14.00 – 15.45
– Wiederholungsprüfung (Datum/Zeit): 02.02.2021: 14:00 – 15.45

– Benötigte Infrastruktur: Computer + Internetzugang


Textverarbeitungsprogramm (Word)

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ISEK - Ethnologie

Informationen zur Prüfung


– Beantworten Sie nur sieben der acht (Essay-) Fragen.
– Für die volle Punktzahl müssen sieben der acht Fragen umfassend beantwortet werden. Sollten mehr Fragen
beantwortet werden, werden überzählige Antworten per Zufallsprinzip gestrichen und die verbleibenden Antworten
werden benotet. Es bringt also nichts, mehr Fragen zu beantworten als verlangt.

– Sie haben genügend Zeit für kurze und präzise Antworten.


– Sie sollten genügend Zeit zur präzisen Beantwortung der Fragen haben. Am besten planen Sie zunächst, in welcher
Reihenfolge Sie die Fragen beantworten wollen und überlegen sich anschliessend den Inhalt und den Aufbau der
einzelnen Antworten.

– Präzise auf die Fragen antworten.


– Lesen Sie die Fragen gründlich durch und achten Sie darauf, präzise Antworten zu formulieren. Bitte antworten Sie in
ganzen Sätzen (Fliesstext und keine Bullet Points).

– Sprache
– Bitte beantworten Sie die Fragen, die in Englisch gestellt werden, auch in Englisch! Die Fragen auf Deutsch, können
auf Deutsch oder Englisch beantwortet werden.

– Bitte geben Sie ihren Namen auf jeder Seite im dafür vorgesehenen Feld an.
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ISEK - Ethnologie

Informationen zur Prüfung

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