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Klemens Burg I Herbert Haf I Friedrich Wille I Andreas Meister

Höhere Mathematik für Ingenieure


Klemens Burg I Herbert Haf
Friedrich Wille I Andreas Meister

Höhere Mathematik
für Ingenieure
Band I: Analysis
9., überarbeitete Auflage

Bearbeitet von
Prof. Dr. rer. nato Herbert Haf, Universität Kassel
Prof. Dr. rer. nato Andreas Meister, Universität Kassel

STUDIUM

VIEWEG+
TEUBNER
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de>abrufbar.

Prof. Or. rer. nato Klemens Burg t, geb. 1934 in Bochum. 1954 - 1956 Tätigkeit in der Industrie. 1956 - 1961
Studium der Mathematik und Physik an der RWTH Aachen. 1961 Diplomprulung in Mathematik. 1964 Promotion,
1961 - 1973 Wiss. Ass. und Akad. Rat/überrat, 1970 Habilitation. 1973 - 1975 Wiss. Rat und Prof. an der
Universität Karlsruhe. 1975 - 2002 Prof. für Ingenieurmathematik an der Universität Kassel. Arbeilsgebiete:
Mathematische Physik, Ingenieurmathematik
Prof. Dr. rer. nato Herbert Haf. geb. 1938 in Pfronten/AlIgäu. 1956 - 1960 Studium der Feinwerktechnik-Qptik am
Oskar-von-Miller-Polytechnikum München. 1960 - 1966 Studium der Mathematik und Physik an der RWTH Aachen.
1966 Diplomprulung in Mathematik. 1966 - 1970 Wiss. Ass., 1968 Promotion. 1970 - 1974 Akad. Rat/überrat an
der Universität Stullgart. 1968 - 1974 Lehraufträge an der Universität Stullgart. 1974 - 2003 Prof. für Mathematik
(Analysis) an der Universität Kassel. Arbeitsgebiete: Funktionalanalysis, Verzweigungstheorie, Appro~imations­
theorie
Prof. Dr. rer. nato Friedrich Wille t, geb. 1935 in Bremen. 1955- 1961 Studium der Mathematik und Physik an den
Universitäten Marburg, Serlin und Göttingen. 1961 Diplom, anschließend Industriepra~is. 1963 - 1968 Wiss. Mitarb.
der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) Göttingen. 1965 Promotion, Leiter des Rechenzentrums Göttingen.
1968 - 1971 Wiss. Ass. der Oeutschen Forschungs- und Versuchsanstalt liir Luft- und Raumfahrt (OFVLR). 1970
6attelle-lnstitut Genf. 1971 Habilitation, 1972 Wiss. Rat und Prol. in Oüsseldorf. 1973 - 1995 Prof. für Angewandte
Mathematik an der Universität Kassel. Arbeitsgebiete: Aeroelastik, Nichtlineare Analysis, math. ModelIierung
Prof. Dr. rer. nat. Andreas Meister, geb. 1966 in Einbeck. 1987 - 1993 Studium der Mathematik mit Nebenlach
Informatik an der Georg-August-Universltät Göttingen. t993 Diplomprufung in Mathematik. 1993 - 1996 Pro-
motionsstipendium an der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Göltingen, 1996 Promotion an
der TH Darmstadt. t996 Wiss. Mitarb. am Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschafts mathematik
Kaiserslautern. 1996 - 1997 Wiss. Mitarb., 1997 - 2002 Wiss. Ass. an der Universität Hamburg. 2001 Habilitation
und Privatdozent am FS Mathematik der Universität Hamburg. 2002 - 2003 Hochschuldozent an der Universität zu
Lübeck. Seit 2003 Prof. für Angewandte Mathematik an der Universität Kassel. Arbeitsgebiete: Numerik partieller
Differentialgleichungen und Numerik linearer Gleichungssysteme.

1. Auflage 1985
9., überarbeitete Auflage ZOll

Alle Rechte vorbehalten


© Vieweg+Teubner Verlag I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

Lektorat: Ulrich Sandten I Kerstin Hoffmann

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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg


Druck und buchbinderische Verarbeitung: STRAUSS GMBH, Mörlenbach
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany

ISBN 978-3-8348-1218-6
Vorwort
Theorie olme Praxis ;sl leer.
Praxis olme Theorie isl blind.
Die vorliegende »Höhere Mathematik fUf Ingenieure« umfaßt den Inhalt einer Vorlesungsrei-
he, die sich über die ersten vier bis fünf Semester erstreckt. Das Werk wendet sich hauptsächlich
an Studenten der Illgenieurwissenschaften, darüber hinaus aber allgemein an alle Studierenden
technischer und physikalischer Richtungen, sowie an Studenten der Angewandten Mathematik
(Technomathematik, MathematikingenieuT. mathematische Physik).
Lernende und Lehrende finden mehr in diesen Bänden. als in einem Vorlesungszyklus be-
handelt werden kann. Die Bücher sind so gedacht, daß der Dozent ~ dem Aufbau der Kapitel
folgend - einen »roten Faden« auswählt. der dem Studierenden den Weg in die Mathematik
bahnt und ihm die Stofftjlle strukturien. Der Lehrende wird dabei seinen eigenen Vorstellungen
folgen, etwa in der Auswahl der Beispiele, dem Weglassen gewisser "Seitenwege« , oder dem
Betonen von Sachverhalten, die fur die Fachrichtung der Hörer seiner Lehrveranstaltung wichtig
sind.
Dem Studierenden sollen die Bände zur Nacharbeit und Veniefung des Vorlesungsstoffes die-
nen, wie auch zum Selbststudium und zur Fortbildung. Die vielen Anwendungsbeispiele sollen
ihm den Inhalt dabei lebendig machen, und zusätzliche AusfLihrungen sein Kemwissen abrunden.
Später lassen sich die Bücher immer wieder als Nachschlagewerk verwenden. Insbesondere sind
sie zur Examensvorbereitung nützlich, wie auch im Berufsleben als greifbares »Himergrundwis-
sen«.
Die Bände sind inhaltlich folgendennaßen geglieden: Band I enthält die Differential- und
Integralrechnung einer und mehrerer Veränderlicher, und damit den Stoff der Vorlesungen Ana-
lysis I und 11. Es wurde dabei Wcn auf eine sorgfriltige Grundlegung, verbunden mit praktischen
Anwendungen, gelegt. Band 11 hat die Lineare Algebra zum Thema, währcnd Band 111 die Ge-
wöhnlichen Differentialgleichungen cnthält. sowie Distributionen und Intcgraltmnsfomlationen.
Dabei wurde eine eher einfache, wenn auch genaue Darstellung gewählt, damit der Ingenieur
schnell zu Anwendungen vorstoßen kann. Im Band IV folgen dann die Vektoranalysis und Funk-
tionentheorie (komplexe Analysis) und in Band V Funktionalanalysis und panielle Differential-
gleichungen.
Manche Mathematikkurse fur Ingenieure beginnen mit Analysis (z.B. bei Maschinenbauern),
andere mit Linearer Algebra (etwa bei Elektrotechnikern). Aus diesem Grunde wurden die Bände
I und I[ unabhängig voneinander gestaltet, so daß man den Kurs mit jedem dieser Bände beginnen
kann.
An Vorkcnntnissen wird wenig vorausgesetzt. Schulkenntnisse in elementarer Algebra (Bruch~
rechnung, Klammemusdrücke) und Geometrie (cinfache ebene und räumliche Figuren, Koordi-
natensystem) gcnügen. Grundsätzlich beginnt der vorliegende Lehrgang ganz »von vorne«, d.h.
mit der Erläuterung der Zahlen. und baut darauf systematisch auf. Auf diese Weise wird auch
das meiste aus der Schulmathematik in geraffter Form wiederholt. Der Leser kann daher, je nach
Vorkenntnis, die Inhalte erstmalig lernen oder sein Wissen in das vorliegende Gerüst einordnen.
VI

Durch viele Beispiele aus Technik und Naturwissenschaft wird der Anwendungsbczug beson-
ders herausgearbeitet. Dabei liegt weitgehend das folgende Dreischriltschema zu Grunde:

EinfUhrungsbcispiel --+ Theorie _ weitere Anwendungen

Hat man ein Einflihrungsbeispicl zur Motivation crliiUlcn und dann eine Lösungstheorie dazu
cnlwickelt, so stellt sich meistens heraus (sonst wäre der Name »Theorie« fehl am Platze), daß
die theoretischen Hilfsmittel auch zur Lösung weiterer Probleme, ja, auch manchmal ganzer
Problemklassen, taugen. Diese brauchen mit dem Ausgangsproblem scheinbar überhaupt nicht
verwandt zu sein (z.B. die Flächeninhaltsberechnung zur Motivation der Integralrechnung gegen-
über der Berechnung der Leistung einer Dampfmaschine, der maximalen Höhe eines Weltraum-
satelliten, dem Trägheitsmoment eines Rades oder der Wahrscheinlichkeit für die Lebensdauer
eines Bauteiles. Alle genannten Probleme lassen sich mit Mitteln der Integralrechnung lösen).
Natürlich wird das obige Drcischrittschema nicht über das Knie gebrochen. Denn oft wird
auch mathematisches Instrumentarium fLir spUtere Anwendungen oder fUr den weiteren Ausbau
der Mathematik bereitgestellt. wobei ein zu frühes Anheften an Anwendungen nicht möglich ist
oder den Blick fUr die Gliederung der Systematik verschleiert. Denn obwohl die systematische
Einführung der Mathematik nicht immer der historischen Entwicklung entspricht und ihre Ab-
straktion sich von der Praxis zu entfernen scheint, so hat sie doch unbestreitbare Vorteile: Sie
verkürzt die Darstellung. da man Verwandtes unter einheitlichen Gesichtspunkten zusammenfas-
sen kann. und bietet eine gute Übersicht, in der man sich beim Nachschlagen besser zurecht
findet. Aus diesem Grunde wurde hier ein Mittelweg zwischen Abstraktion und Anwendung ein-
geschlagen: Systematisches Vorgehen, gekoppelt mit praktischen Beispielen zur Motivation und
Vertiefung. Dabei wird durch viele Figuren der abstrakte Inhalt anschaulich gemach!.
Noch ein Wort zur »/lw/hell/mischen Sprache«! Sie besteht zum größten Teil aus der Umgangs-
sprache, ergänzt durch mathematisch klar definierte Fachausdrücke und Begriffe. Man kann sa-
gen, die eigentliche mathematische Fachsprache ~)schwimmt« auf der Umgangssprache. Denn
ohne die Umgangssprache wäre jede Fachwissenschaft verloren und könnte sich nicht mineilen.
Es hat sich nämlich herausgestellt, daß ein konsequentes Benutzen der exakten fachlichen Aus-
drucksformen zu sprachlichen Ungetümen fUhren kann, so daß auf diese Weise die Sachverhalte
viel schwieriger zu begreifen sind,ja, mitunter gar unverständlich zu werden drohen. Hier helfen
»unscharfe« umgangssprachliche Formulierungen oft weiter und steigern die Verständlichkeit.
Für das Lehren gilt nämlich der scheinbar widersprüchliche Satz: »Es ist nicht wichtig, ob sich
der Lehrende stets richtig ausdrückt, sondern nur, daß im Kopf des Zuhörers das Richtige an-
kommt!«
Ein Beispiel soll dies stellvertretend erläutern, und zwar die Sprechweise bei Funktionen.
Fachlich korrekt (und pedantisch) heißt es:
"Wir untersuchen die Funktion J : [-I, IJ ...... IR definiert durch J(x) :::: ~ fUr alle
x E [-1.11, auf Differenzierbarkeil.«
Eine einfachere Sprechweise (wenn auch etwas unschärfer) wäre:
>~Wir untersuchen die Funktion J(x) = ~ auf Differenzierbarkeit.«
Wir können wohl davon ausgehen, daß der zweitgenannte Text vom Hörer genauso verstan·
den wird wie der erste, vielleicht sogar besser (insbesondere in einem Kapitel über reellwertige
Funktionen einer reellen Variablen). Aus diesem Grunde werden wir uns in diesen Bänden einer
einfachen Sprechweise bedienen, die der Umgangssprache nahe steht. Bei Funktionen nehmen
VII

wir uns die Freiheit heraus, Gleichungen als Ausdrücke fur Funktionen zu verwenden, oder den
Funktiol1swert [(x) einfach als Funktion zu bezeichnen. Hierbei wird vorausgesetzt, daß der
Leser (etwa nach Studium des Abschnittes 1.3 in Band I) mit dem abstrakten Funklionsbegriff
vertraut ist. Die geschilderte Sprechweise (»pars pro toto«) hilft, sprachliche Überladung zu ver-
meiden. Insbesondere bei der Behandlung von Gewöhnlichen Differentialgleichungen (Band 111)
würde man ohne vereinfachte Ausdrucksweise zu sprachlichen Komplikationen kommen, die
das Verständnis stark erschweren. Aus diesem Grunde bedienen wir uns, soweit wie möglich,
umgangssprachlicher Wendungen, ohne die Präzision aus den Augen zu verlieren.
Zum Schluß bedanken wir uns bei allen, die uns bei diesem Buchvorhaben unterstützt haben.
Frau Karin Lange, Herr Wolfgang Homburg und Herr Uwe Brunst haben bei Band I wertvolle
Korrekturarbeiten geleistet, wofür ihnen vielmals gedankt sei. Frau Marlies Gottschalk, Frau
Erika Münstedt und Frau Karin Wellig danken wir für ihre sorgfaltigen Schreibarbeiten wie
auch Herrn Klaus Strube für die Herstellung vieler Zeichnungen in Band [] und 111. Dem Verlag
B.G. Teubncr danken wir rur seinc gcduldigc und kooperative Zusammcnarbeit in allcn Phascn.

Kassel, Juli 1985 Die Verfasser

Vorwort zur siebten AuHage


Der Verfasser dieses Bandes, Herr Prof. Dr. Friedrich Wille, ist am 9. August 1992 verstorben.
Die vorliegende Neuauflage wurde von Herbert Haf und Andreas Meister bearbcitet.
Aufgrund ihrer Bedeutung rur die Anwendungen haben wir dicsen Band durch zwei Abschnit-
te erweitert:
Zum einen durch einen konstruktiven Zugang zum Satz von Weierstraß (s. Abschn. 5.3) und
zum anderen durch verschiedene praxisrelevante Algorithmen zur Berechnung von Interpolati-
onspolynomen bzw. Splines (s. Abschn. 5.4).
Wir sind der Übeneugung, daß diescr Band dadurch an Aktualität gewonnen hat.
Ferner weisen wir darauf hin, daß unser Gesamtwerk aufgrund der Teilung von Band IV in
»Vektoranalysis« und })Funktionentheorie« nunmehr aus sechs Bänden besteht.
Unser Dank gilt Herrn Dr.-lng. Jörg Barner rur die Erstellung der hervorragenden Ib-TEX-
Vorlage und rur seine sorgfältige Mitarbeit bei den Korrekturen. Nicht zuletzt danken wir dem
Verlag B.G. Teubner fur seine ständige Gespriichsbereitschaft und Rücksichtnahme auf Termin-
probleme und Gestaltungswünsche.

Kassel, Januar 2006 Herben Haf Alldreas Meisler

Vorwort zur neunten Auflage


Die vorliegende Ncuauflage dieses Bandcs unterscheidet sich inhaltlich nur geringfLigig von der
vorhcrgehcnden Auflage. Es wurden lediglich kleinere Erweiterungen und Fehlerkorrckturen vor-
genommen. Unser besonderer Dank gilt dabei einem sehr aufmerksamen Leser rur die gelieferten
Anmerkungen.
Wir freuen uns darüber. daß eine starke Nachfrage diese Nachauflage so rasch erforderlich
gemacht hai und hoffen auf eine weiterhin freundliche Aufnahme dieses Bandes durch den Leser.
Kassel, August 2010 Herben Haf Alldreas Meisler
Inhaltsverzeichnis

Grundlagen I
1.1 Reelle Zahlen 1
1.1.1 Die Zahlcngerade . 1
[.1.2 Rechnen mit reellen Zahlen 4
1.1.3 Ordnung der reellen Zahlen und ihre Vollständigkeit 8
I,I A Mcllgcnschreibweise.......
1.1.5 Vollständige Induktion
1.1.6 Potenzen, WurLe!n, Absolulbclrag
"
17
21
1.1.7 Summcnfonneln: geometrische, binomische, polynomische 24
1.2 Elementare Kombinatorik. 30
1.2.1 Fragestellungen der Kombinatorik 30
I.2.2 Permutationen 31
1.2.3 Permutationen mit Identifikationen 32
1.2.4 Variationen ohne Wiederholungen 34
1.2.5 Variationen mit Wiederholungen 37
1.2.6 Kombinationen ohne Wiederholungen 38
1.2.7 Kombinationen mit Wiederholungen. 39
1.2.8 Zusammenfassung 41
1.3 Funktionen 42
1.3.1 Beispiele. 42
1.3.2 Reelle Funktionen einer reellen Variablcn 44
1.3.3 Tabellcn. graphischc Darstcllungen. Monotonic 46
1.3A Umkchrfunktion. Vcrkettungen . 51
1.3.5 Allgcmeiner Abbildungsbegriff 54
1.4 Unendliche Folgcn recller Zahlen 56
1.4. I Definition und Beispiele 56
1.4.2 Nullfolgen 57
1.4.3 Konvergcnte Folgen 60
I.4A Ermittlung von Grenzwcrten 62
1A.5 Häufungspunktc, beschränkte Folgcn 66
1.4.6 Konvergenzkritericn 68
1A.7 Lösen von Glcichungen durch Iteration 71
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 74
1.5.1 Konvergcnz uncndlichcr Reihcn 74
1.5.2 Allgcmcine Konvcrgenzkritcricn . 79
1.5.3 Absolut konvcrgcntc Rcihcn . 82
I.5A Konvergenzkritcricn für absolut konvergcnte Reihen 85
1.6 Stctige Funktioncn 89
X [nhall~vcri:cichni~

1.6.1 Problemstellung: Lösen von Gleichungen 89


1.6.2 Stetigkeit . 91
1.6.3 Zwischenwertsatz . 93
1.6.4 Regeln fur stetige Funktionen 97
1.6.5 Maximum und Minimum stetiger Funktionen 99
1.6.6 Glcichmiißige Stetigkcit 102
1.6.7 Grenzwertc von Funktionen 105
1.6.8 Polc und Grcnzwerte im Unendlichcn 109
1.6.9 Einseitige Grenzwerte, Unstctigkeiten 112

2 Elementare Funktionen 115


2.1 Polynome 115
2.1.1 Allgemcines . 115
2.1.2 Geradcn. 116
2.1.3 Quadratischc Polynome. Parabeln 121
2.1.4 Quadratischc Glcichungen . 126
2.1.5 Berechnung von Polynomwcrtcn, Horner-Schema. 128
2.1.6 Division von Polynomcn, Anzahl der Nullstellen 132
2.2 Rationale und algebraische Funktionen. 135
2.2.1 Gebrochene mtionale Funktioncn 135
2.2.2 Algebraische Funktionen. 139
2.2.3 Kegelschnitte......... 143
2.3 Trigonometrische Funktionen. . . 147
2.3.1 Bogenlänge am Einheitskreis . 147
2.3.2 Sinus und Cosinus 154
2.3.3 Tangens und Cotangens 158
2.3.4 Arcus-Funktionen . . . 161
2.3.5 Anwendungcn: Entfernungsbcstimmung, Schwingungcn 164
2.4 Exponentialfunktionen, Logarithmus, Hyperbelfunktionen 169
2.4.1 Allgemeine Exponentialfunktionen 169
2.4.2 Wachstumsvorgänge. Die Zahl e 172
2.4.3 Die Exponentialfunktion exp(x) = e.r und der natürliche Logarithmus 175
2.4.4 Hyperbcl- und Arcafunktioncn 180
2.5 Komplexe Zahlcn . 183
2.5.1 Einflihrung 183
2.5.2 Der Körper der komplexen Zahlen 184
2.5.3 Exponentialfunktion, Sinus und Cosinus im Komplexen 191
2.5.4 Polarkoordinaten, gcomctrische Deutung der komplexen Multiplikation, Zei-
gerdiagmmm . 193
2.5.5 Fundamentalsatz dcr Algebra, Folgcn und Reihcn, stctige Funktioncn im Kom-
plexen . 196

3 Differentialrechnung einer reellen Variablen 199


3.1 Grundlagcn der Differentialrcchnung. 199
3.1.1 Geschwindigkeit 199
Inhaltsvcrlcichnis XI

3.1.2 Differenzierbarkeit, Tangenten. . . . . . . . . . . 202


3.1.3 Differentiationsregeln fUr Summen, Produkte und Quotienten reeller Funktionen211
3.1.4 Kellenregel, Regel für Ul11kehrfunktionen, implizites Differenzieren 214
3.1.5 Mittelwertsatz der Differentialrechnung . . . . . . . . . 220
3.1.6 Ableitungen der trigonometrischen Funktionen und der Arcusfunktionen 223
3.1.7 Ableitungen der Exponential- und Logarithmus-Funktionen 226
3.1.8 Ableitungen der Hyperbel- und Area-Funktionen . . 230
3.1.9 Zusammenstellung der wichtigsten Differentiationsregeln 230
3.2 Ausbau der Differentialrechnung. 232
3.2.1 Die Regeln von de I'Hospital . 232
3.2.2 Die Taylorsche Formel 237
3.2.3 Beispiele zur Taylorformel . . 240
3.2,4 Zusammenstellung der Taylorreihen elementarer Funktionen 246
3.2.5 Berechnung von:n . . . . . . 249
3.2.6 Das Newtonsche Verfahren. . 255
3.2.7 Bestimmung von ExtremstelIen 261
3.2.8 Kurvendiskussion. 266
3.3 Anwendungen............ 273
3.3.1 Bewegung von Massenpunkten. 273
3.3.2 Fehlerabschiitzung....... 277
3.3.3 Zur binomischen Reihe: physikalische Niiherungsformeln 278
3.3.4 Zur Exponentialfunktion: Wachsen und Abklingen 279
3.3.5 Zum Newtonsehen Verfahren. 282
3.3.6 Extremalprobleme 284

4 Integralrechnung einer reellen Variablen 289


4.1 Grundlagen der Integralrechnung. 290
4.1.1 Flächeninhalt und Integral . 290
4.1.2 lntegrierbarkeit stetiger und monotoner Funktionen 294
4.1.3 Graphisches Integrieren, Riemannsche Summen. numerische Integration mit
der Tangentenformel 296
4.1.4 Regeln flir Integrale 300
4.1.5 Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung 303
4.2 Berechnung von Integralen 306
4.2.1 Unbestimmte Integrale, Grundintegrale 306
4.2.2 Substitutionsmethode . 309
4.2.3 Produktintegration 318
4.2.4 Integration rationaler Funktionen 323
4.2.5 Integration weiterer Funktionenklassen 328
4.2.6 Numerische Integration. 331
4.3 Uneigentliche Integrale 336
4.3. I Definition und Beispiele 336
4.3.2 Rechenregeln und Konvergenzkriterien 339
4.3.3 Integralkriterium fUr Reihen 346
4.3.4 Die Integralfunktionen Ei, Li. si, ci, das Fehlerintegral und die Gammafunktion 349
XII [nhall~vcri:cichni~

4.4 Anwendung: Wech~c1stromrechnung . 353


4.4.1 Mittelwerte in der Wechselstromtechnik . 353
4.4.2 Komplexe Funktionen einer reellen Variablen 355
4.4.3 Komplexe Wechselstromrechnung 359
4.4.4 Onskurven bei WechselslromschallUngen 364

5 Folgen und Reihen VOll Funktionen 369


5.1 Gleichmäßige Konvergenz von Funktionellfolgen und -reihen. 369
5.1.1 Gleichmäßige und punktweise Konvergenz von Funktionellfolgen 369
5.1.2 Vertauschung von Grenzprozessen 373
5.1.3 Gleichmäßig konvergente Reihen 376
5,2 Potenzreihen 379
5.2.1 Konvergenzradius . 379
5.2.2 Addieren und Multiplizieren von Potenzreihen sowie Differenzieren und Inte-
grieren 383
5.2.3 Identitätssatz, Abclscher Grenzwertsatz 384
5.3 Der Weierstraß'sche Approximationssatz . 387
5.3.1 Bemerkung zur Polynomapproximation 387
5.3.2 Approximation von stetigen Funktionen durch Bernstein-Polynome 388
5.4 Interpolation. 393
5.4.1 Polynominterpolation . 393
5.4.2 Splineinterpolation .410
5.5 Fourierreihen .419
5.5.1 Periodische Funktionen. .419
5.5.2 Trigonometrische Reihen. Fourier-Koeffizienten .420
5.5.3 Beispiele fLir Fourierreihen . .422
5.5.4 Konvergenz von Fourierreihen .430
5.5.5 Komplexe Schreibweise von Fourierreihcn .435
5.5.6 Anwendung; Gedämpfte er.lwungene Schwingung .438

6 Differentialrechnung mehrerer reeller Variabler 443


6.1 Der li-dimensionale Raum jR" .443
6.1.1 Spaltenvektoren . .443
6.1.2 Arithmetik im JR" . .444
6.1.3 Folgen und Reihen von Vektoren. .450
6.1.4 Topologische Begriffe .452
6.1.5 Matrizen . .455
6.2 Abbildungen im JR" .459
6.2.1 Abbildungen aus JR" in JR'" .459
6.2.2 Funktionen zweier reeller Variabler .460
6.2.3 Stetigkeit im IR" .466
6.3 Differenzierbare Abbildungen von mehreren Variablen .468
6.3.1 Partielle Ableitungen .468
6.3.2 Ableitungsrnatrix. Differenzierbarkeit. Tangentialebene. .472
6.3.3 Regeln fLir differenzierbare Abbildungen. Richtungsableitung .478
Inhaltsvcrlcichnis XIII

6.3.4 Das vollständige Differential. . . 482


6.3.5 Höhere partielle Ableitungen. . . 486
6.3.6 Taylorformel und Mittelwertsatz 488
6.4 Gleichungssystcme, Extremalprobleme. Anwendungen 491
6.4.1 Newton-Verfahren im IR" 491
6.4.2 Satz über implizite Funktionen. Invcrtierungssatz 496
6.4.3 Extrcmalprobleme ohne Nebenbedingungen . 501
6.4.4 Extremalprobleme mit Nebenbedingungen 504

7 Integralrechnung mehrerer reeller Variabler 511


7.1 Integration bei zwei Variablen .. . . . . . . . . . . .. . . . . . 511
7.1.1 Anschauliche Einftihrung des Integrals zweier reeller Variabler. 5J I
7.1.2 Analylische Einführung des Integrals zweier reeller Variabler 521
7.1.3 Grundlegende Sütze 525
7.1.4 Ricmannschc Summen 531
7.1.5 Anwendungen 533
7.1.6 Krummlinige Koordinaten, Transformationen, Funktionaldeterminanten 540
7.1.7 Transformationsformel fur Bereichsinlegrale 545
7.2 Allgemeinfall: Integration bei mehreren Variablen 551
7.2.1 Riemannsches Integral im IR" 551
7.2.2 Grundlegende Sütze . . . . . . . . . . . . 554
7.2.3 Krummlinige Koordinaten. Funktionaldeterminallte, Transformationsformeln 556
7.2.4 Rauminhalte . . . . . . . . 562
7.2.5 Rotationskörper. 565
7.2.6 Anwendungen: Schwerpunkte. Trägheitsmomente 568
7.3 Parameterabhängige Integrale 576
7.3.1 Stetigkeit und Integrierbarkeit parameterabhängiger Integrale 576
7.3.2 Differentiation eines parametcrabhüngigcn Integrals 577
7.3.3 Differentiation bei variablen Integrationsgrenzen . 578

Anhang 581
A Lösungen zu den Übungen 583

Symbole 589

Literaturverzeichnis 591

Stichwortl'erzcichnis 595
XIV

Band 11: Lineare Algebra (F. WilIe t , H. Haf, K. Burgt , A. Meister)

Vektorrechnung in zwei und drei Dimensionen


1.1 Vektoren in der Ebene
1.2 Vektoren im dreidimensionalen Raum

2 Vektorräume beliebiger Dimensionen


2.1 Die Vektorräume lR" und C"
2.2 Lineare Gleichungssysteme. Gaußseher Algorithmus
2.3 Algebraische Strukturen: Gruppen und Körper
2.4 Vektorräume über beliebigen Körpern

3 Matrizen
3.1 Definition, Addition, s-Multiplikation
3.2 Matrizenmultiplikation
3.3 Reguliirc und inverse Matrizen
3.4 Determinanten
3.5 Spezielle Matrizen
3.6 Eigenwcl1c und EigenveklOrcn
3.7 Die Jordansehe Normalform
3.8 Lineare Gleichungssyslcme und Matrizen
3.9 Matrix-Funktionen
3.10 Drehungen, Spiegelungen, Koordinatentransformationen
3.11 Lineare Ausgleichsprobleme

4 Anwcndungen
4.1 Technische Strukturen
4.2 Roboter-Bewegung

Band III: Gewöhnliche Differentialgleichungen, Distributionen,


Integraltransformationen (H. Haf, A. Meister)

Gewöhnliche Differentialgleichungen

Einführung in dic gcwöhnlichen Differcntialgleichungcn


1.1 Was ist eine Differentialgleichung?
1.2 Differentialgleichungen l-ter Ordnung
xv

1.3 Differentialgleichungen höherer Ordnung und Systeme l-teT Ordnung


1.4 Ebene autonome Systeme

2 Lineare Differentialgleichungen
2.1 Lösungsverhalten
2.2 Homogene lineare Systeme l-teT Ordnung
2.3 Inhomogene lineare Systeme l-tcrOrdnung
2.4 Lineare Differentialgleichungen/Her Ordnung

3 Lineare Differentialgleichungen mit konstanten Koeffizienten


3.1 Lineare Differentialgleichungen höherer Ordnung
3.2 Lineare Systeme I-Ier Ordnung

4 Potenzreihenansätze und Anwendungen


4.1 Potenzreihcllunsätze
4.2 Verallgemeinerte POtcnzreihCllunsätze

5 Rand- und Eigenwertprobleme. Anwendungen


5.1 Rand- und Eigenwcrtproblcme
5.2 Anwendung auf eine partielle Differentialgleichung
5.3 Anwendung auf ein nichtlineares Problem (Stabknickung)

Distributionen

6 Verallgcmeincrung des klassischen Funktionsbcgriffs


6.1 Motivierung und Definition
6.2 Distributionen als Erweiterung der klassischen Funktionen

7 Rechncn mit Distributioncn. Anwendungen


7.1 Rechnen mit Distributionen
7.2 Anwendungen

Integraltransformationen

8 Fouriertransformation
8.1 Motivierung und Definition
8.2 Umkehrung der Fouriertransformation
8.3 Eigenschaften der Fouriertransformation
8.4 Anwendung auf partielle Differentialgleichungsprob1eme
8.5 Diskrele Fouriertransformation
XVI

9 Laplacctransformation
9.1 Motivierung und Definition
9.2 Umkehrung der Laplacetransformatioll
9.3 Eigenschaften der Laplacctransformation
9.4 Anwendungen auf gewöhnliche lineare Differentialgleichungen

10 3-Transformatioll
[0.1 MOlivierung und Definition
10.2 Eigenschaften der 3-Transformation
10.3 Anwendungen auf gewöhnliche lineare Differentialgleichungen

Band Vektoranalysis: (F. Wille!)

Kurven
1.1 Wege. Kurven. BogenJiingc
1.2 Theorie ebener Kurven
1.3 Beispiele ebener Kurven I: Kegelschnitte
[.4 Beispiele ebener Kurven 1I: Rollkurven, Blütter, Spiralen
[.5 Theorie riiumlichcr Kurven
1.6 VeklOrfeldcr, POIcntiale. Kurvenintegrale

2 Flächen und Flächcllintcgralc


2.1 Flächenstücke und Flächen
2.2 Flächenintegrale

3 Intcgralsätze
3.1 Der Gaußsche Integralsatz
3.2 Der Stokessehe Integralsalz
3.3 Weitere Differential~ und Illtegralformeln im [R3
3.4 Wirbclfreiheit, Quellfreiheit, Potentiale

4 Alternierende Differentialformen
4.1 Alternierende Differentialformen im [R3
4.2 Alternierende Differentialformen im [RII

5 Kartesische Tcnsorcn
5.1 Tensoralgebra
5.2 Tensoranalysis
XVII

Band Funktionentheorie: (H. HaD

I Grundlagen
1.1 Komplexe Zahlen
1.2 Funktionen einer komplexen Variablen

2 Holomorphe Funktionen
2.1 Differenzierbarkeit im Komplexen. Holomorphie
2.2 Komplexe Integration
2.3 ErLeugung holomorpher Funktionen durch Grenzprozesse
2.4 Asymptolische Abschiilzungen

3 Isolierte Sillgularitätcll, Laurcnt-Entwicklung


3.1 Laurentreihen
3.2 Residuensatz und Anwendungen

4 Konformc Abbildungcn
4.1 EinfLihrung in die Theorie konformer Abbildungen
4.2 Anwendungen auf die Potentialtheorie

5 Anwcndung dcr Funktioncntheorie auf die Bcssclsche Differtntialgleichung


5.1 Die Besselsche Differentialgleichung
5.2 Die Besselschen und Neumannschen Funktionen
5.3 Anwendungen

Band Partielle Differentialgleichungen und


funktionalanalytische Grundlagen: (H. Haf, A. Meister)

Funktionalanalysis
I Grundlcgende Räume
I. I Metrische Räume
1.2 Normierte Räume. Banachräume
1.3 Skalarprodukträume. Hilbcrträume
2 Lineart Operatortn in normierten Räumen
2.1 Beschränkte lineare Operatoren
2.2 Fredholmsche Theorie in Sklllarproduktriiumcn
2.3 Symmetrische vollstetige Operatoren

3 Ocr Hilbertraum L2(!l) und zugehörige Sobolevräumc


3. I Der Hilbenraum L2(!l)
3.2 Sobolevriiume
XVIII

Partielle Differentialgleichungen
4 Einrtihrung
4.1 Was ist eine partielle Differentialgleichung?
4.2 Lineare partielle Differentialgleichungen I-ter Ordnung
4.3 Lineare partielle Differentialgleichungen 2-ter Ordnung
4.4 Der Reynoldsche Transporisalz

5 Helmholtf.sehc Sehwingungsglcichung und Potcntialgleiehung


5.1 Grundlagen
5.2 Ganzraurnprobleme
5.3 Randwertprobleme
5.4 Ein Eigenwertproblem der Potenlialtheorie
5.5 Einflihrung in die Finite-Elemente-Methode (F. Wille t )

6 Die Wärmclcitungsglcichullg
6.1 Rand- und Anfangswertprobleme
6.2 Ein Anfangswertproblem

7 Die Wellengleichung
7.1 Die homogene Wellengleichung
7.2 Die inhomogene Wellengleichung

8 Die Maxwellschen Gleichungen


8.1 Die stationären Maxwellschen Gleichungen
8.2 Randwertprobleme

9 Die Euler-Gleichungen und h)'perbolische Bilanzgleichungen


9.1 Kompressible und inkompressible Strömungen
9.2 Bilanzgleichungen und Erhaltungsgleichungen
9.3 Charakteristiken im skalaren eindimensionalen Fall
9.4 Lineare Systeme mit konstanten Koeffizienten
9.5 Schwache Lösungen
9.6 Die Euler-Gleichungen

10 Hilbertraummethoden
10.1 Einführung
10.2 Das schwache Dirichletproblem Hir lineare elliptische Differentialgleichungen
10.3 Das schwache Neumannproblem Hir lineare elliptische Differentialgleichungen
10.4 Zur Regularitiitstheorie beim Dirichlelproblem
1 Grundlagen

Zahlen, Funktionen und Konvergenz sind die Grundbegriffe der Analysis. In diesem ersten Ab-
schnitt werden sie erklärt und ihre wichtigsten Eigenschaften erläutert, damit fur alles weitere
ein sicheres Fundament gelegt ist. Dabei beginnen Wif von ganz vorne, nämlich mit den Zahlen
1,2,3.....

I.I Reelle Zahlen

1.1.1 Die zahlcngcradc

Mathematik fangt mit dem Zählen an:

1.2.3.4,5, usw.

Wir nennen diese Zahlen die Ilariirlichell Zahlen. Sie entstehen, mit I beginnend, durch fortge-
setztes Erhöhen um I.
Der Ausdruck »natürliche Zahlen« ist sicherlich gut gewählt, denn Kinder beginnen so zu zäh-
len und in allen Kulturen beginnt mathematisches Denken mit diesen Zahlen. Die Al1zal1len von
Äpfeln, Personen. Schiffen, Sternen, usw. lassen sich damit angeben, aber aueh Telefonnummern,
Personalnummern, Rechnungsnummern (leider, leider) sowie Autonummern, Hausnummern und
Datumsangaben. wobei der »Anzahlaspekl« eher in den Hintergrund tritt. und wir von Ordllullgs-
zahlen spreehen. Aueh auf Skalen finden die natürlichen Zahlen Verwendung, z.B. auf Linealen,
Uhren und Thermometern.
Halt! Bei Thermometern komml offenbar etwas neues hinzu, und zwar werden negative Ztlh-
len -I, -2, -3, ... benutzt. sowie die Null: O. Diese Zahlen - zusammen mit den natürlichen
Zahlen - nennt man ganze Zahlen. Eine ganze Zahl ist also eine natürliche Zahl oder das Nega-
tive einer natürlichen Zahl oder gleich Null.
Meiermaß. Uhr und Thermometer zeigen schon. daß wir auch Zwischenwerte brauchen, daß
wir von halben Metern sprechen wollen, von einer i-Slunde oder von 38.r Fieber. wenn wir
uns eine Grippe genommen haben.
38.3 können wir auch als 38 + fo
oder 31~1 schreiben.
Es dreht sich hier um Zahlen der Form
a
b
wobei a. b beliebige ganze Zahlen sind, und wobei b # 0 ist. Diese Zahlen *
heißen Brüche
oder rationale Zahlen. Ist b = I, so ergeben sich dabei die ganzen Zahlen. Die ganzen Zahlen
sind also spezielle ralionale Zahlen.
Alle rationalen Z'lhlen lassen sich als »Dezimalzahlen«, auch »Dezimalbrüche(( genannt,

K. Burg et al., Höhere Mathematik für Ingenieure, DOI 10.1007/ 978-3-8348-9929-3_1,


© Vieweg+Teubner Verlag I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
2 I Grundlagen

schreiben, z.B.

3 6 3765
5 = 10 = 0.6. 100 = 37.65.

Wir gehen davon aus, daß der Leser mit Dezimalbrüchen schon bekannt ist (wie könnle er sonst
Superbenzin zu lAI € pro Liter kaufen). Es soll daher nur einiges in Erinnerung gerufen werden.

Beginnen wir mit Beispielen fur Dezimalbrüchc:

6,36; -378.604325 ;
0,0062 ; 3.61616161 (1.1)
1.414213562 .. (= J2).
Dezimalbrüche haben allgemcin die Form

m, al (11(13(14 ....

wobei m eine ganze Zahl ist und die (11. (11. (/3, (14, ... Ziffern aus dem Bereich 0, I, 2, 3, 4, 5,
6,7,8,9 sind. Die Punkte rechts von (14 deuten an, daß es mit (/5 weitergeht, dann (/6 usw., kurz,
daß nach jeder dieser Ziffern stels noch eine weitere folgt.

Sind von einer Ziffer (/" an alle folgendcn Ziffern Null: a,,+1 = O. (/,,+1 = O.... usw.,
so brechen wir die Ziffernreihenfolge bei (/" ab (z.B. 6.36 = 6.36000 ... ) und nennen diese
Dezimalbrüche abbrechemJe Dezimalbrüche. Hierbei gilt z.B.

3 6
6.36=6+
10 + 100

allgemein:

±m. (11(/1··· (/" = ± ( m + 10


(/1
+ 101
(/1
+ ... + ,(:)
'r

Ein weiterer Typ ist z.B. durch

(/ = 3.52761616161

gegeben. wobei die Ziffern 61 sich fortlaufend wiederholen. Wir nennen 61 die Periode des
Dezimalbruches und schreiben den Dezimalbruch auch

3.52761 .

Die Periode wird einfach überstrichen. Allgemein haben periodische Dezimalbrüche die Form

wobei die Ziffcrn b l b1 ... bk in dieser Rcihenfolge fortlaufend aneinandergefLigt werden. b 1 ••• bk
heißt die Periode der Zahl und k ihre Perioden länge. Es gilt
I, I Reelle Zahlen 3

Jede ratiollale 'Zahl kallll als abbrechender oder periodischer Dezimalbruch geschrieben wer-
den und umgekehrt.

Wir machen dies an Beispielen klar, und zwar erhalten wir

17° = I ,42857142857 ..

durch das bekannte DivisionsverfahreIl

10: 7 = 1,42857142857 ...


7
30
28
20
14
60

(Es muß sich hier eine Periode ergeben, da sich die Divisionsreste irgendwann einmal wiederho-
len müssen.)
Ist umgekehrt ein periodischer Dezimalbruch gegeben, z,B,

a = 3.527616161.

so bildet man

102(/ = 352,7616161.,

(die Hochzahl 2 in 102 ist gleich der Periodenlänge) und subtrahiert:

100(/ = 352.761 +0,000616161


(-) a = 3.527+0.000616161

99(/ = 349,234

also
349.234 349234
99(/ = 349.234, d,h. a~ ---
99 99000
Der Leser ist hiernach sicherlich imstande, beliebige periodische Dezimalbrüche in Brüche der
Form alb zu verwandeln.
Man kann sich auch Dezimalzahlen denken, die nicht abbrechen und auch keine Periode ha-
4 I Grundlagen

ben. Die Zahl

J2 = 1,414213562.

ist von diesem Typ. Zahlen dieser Art heißen irralionale lilMen (also »nichlrationale« Z'"Ihlen).
Alle besprochenen Zahlen, also alle rationalen und irrationalen, nennt man reelle lid/lell.

Zusammenfassung.
natürliche Zahle,,: 1.2,3.4.5.

gatluZahlell: . '" -3, -2. -I, O. 1.2.3" ..

ratiollale Zahle,,; alb (a. b ganze Zahlen, b i= 0), das sind alle abbrechenden und alle
periodischen Dezimalbrüche

irratiollale Zahlell: nichtperiodische. nichtabbrechende Dezimalbrüche

reelle Zahle,,; alle Dezimalbrüche

Man kann die reellen Zahlen als Punkte einer Geraden veranschaulichen. der sogenannten lill/-
leI/geraden (s. Fig. I. I).

I
-3
I
-2
I
-1 0 , •
2

Fig. I I: Zahlengerade

Übung 1.1:
Verwandle die folgenden periodischen Dezimalbrüche in Brüche dcr Form !ff. wobei Il und 1/1

natürliche Zahlen sind: (a) 5.74: (b) 3uffi: (c) o. 9.

1.1.2 Rechnen mit reellen Zahlen


Was wäre mit den Zahlen schon anzufangen. wenn man nicht mit ihnen rechnen könnte? Wir
wollen die Rechengesetze für reelle Zahlen zusammenstellen, getrennt in Grundgesetze und ab-
geleitete Regeln. Dabei gehen wir davon aus, daß der Leser das Rechnen mit den reellen Zahlen
schon bis zu einem gewissen Grade beherrscht. Wir werden daher die folgenden Grundgesetze
nicht näher begründen. Dies würde den Rahmen des Buches sprengen und ist einem konstrukti-
ven Aufbau des Zahlensystems vorbehalten, s. Oberschelp [44J.

Grundgesetze der Addition und Multiplikation.


Je zwei reelle Zahlen a und b darf man addieren: a + b. und lIIullip/izieren: a . b. l . a + b
heißt die Summe und {/·b das Produkl von {/ und b. Summe {/ +b und Produkt {/·b sind reelle
Z'"Ihlen, die eindeutig durch {/ und b bestimmt sind.
I, I Reelle Zahlen 5

Für alle reellen Zahlen a, b, c gilt

(AI) a+(b+c)=(a+b)+c
(A2) a+b=b+a
(A3) fur die reelle Zahl 0 gilt a + 0 = a
(A4) zu jeder reellen Zahl a gibt es genau eine reelle Zahl x
mit a +x = O. Wir schreiben dafür x = -a
(MI) (I·(b·c)=(a·b)·c
(M2) a .b = b .a
(M3) flir die reelle Zahl I gilt a . I = a
(M4) zu jeder reellen Zahl a #; 0 gibt es genau eine reelle Zahl y
mita· y = I. Wirschreibendafur)' = t odery =a- l
(01) a·(b+c)=a·b+a·c
(D2) 0" 1

Bemerkung: Die Gesetze (A 1) und (M I) heißen Assoziativgesetz der Addition bzw. Multiplika-
tion, (A2) und (M2) werden entsprechend Kommlltativge~'etze genannt, während (01) Di.vtrihu-
tivgesctz heißt. Die Regeln (A 1) bis (02) zusammen heißen auch die Kürperaüome der reellen
Zahlen.
Die Assoziativgesetze (A I) und (M I) bedeuten offenbar, daß es gleichgültig ist, wie man
dabei die Klammern setzl. Wir lassen sie daher auch weg und schreiben einfach a + b + c =
(a + b) + c, abc = (ab)e. Entsprechend werden auch bei längeren Summen und Produkten die
Klammern weggelassen.
Die Sublraktion zweier reeller Zahlen a, b wird durch

a-h=a+(-h)

erkllirt. Man nennt die so errechnete Zahl die Differenz von a und b.
Entsprechend Hihrt man die Dil'isiol1 von a und b (b #; 0) durch die Gleichung

a 1
- =tI·-
b b
ein. Man nennt diese Zahl den QlloticllIell von a und b.
Später werden wir noch weitere Grundgesetze flir die reellen Zahlen kennenlernen, und zwar
die Grundgesetze der Ordnung (betreffend »größer« und »kleiner«) sowie die sogenannte Vo/!-
sti.ilUiigkeit und die Archimedische Eigenschaft.
Doch zunächst soll klar gemacht werden. daß aus den notierten Grundgesetzen der Addition
und Multiplikation die üblichen Rege/n der Bmc!l,.edlllung folgen, wie z.B. »Bruche werden
multipliziert, indem man Zlihler mit Zähler und Nenner mit Nenner multipliziert'<, oder »zwei

I Der Mulliplikmionspunkl wird nuch weggelasscn: {l • b = ob


6 I Grundlagen

Brüche werden dividiert, indem man mit dem Kehrwert des einen Bruches multipliziert« usw.
Diese Regeln sind dem Leser sicher weitgehend bekannt, und er hat sie schon verwendet. Aus
diesem Grunde mag der eilige Leser die folgenden Herleitungen überschlagen.
Er kann sie später nachlesen, wenn er es einmal genauer wissen möchte, z.B. wenn er ge-
fragt wird, warum »Minus mal Minus Plus ergibt«. Dann kann er, nach kurLem Studium der
folgenden Seiten antworten: »Aus den Körperaxiomen der reellen Zahlen ergibt sich dies folgen-
dermaßen ... «, und er wird ein ehrfürchtig staunendes Publikum hinterlassen.
Doch nun zur schriuweisen Herleitung der Bruch,.ecllllu"g.~-Regein aus den Körperaxiomen!

°
Folgerung 1.1:
ist die einzige reelle Zahl, die a + 0 = a flir alle reellen Zahlen a erfüllt, und I ist
die einzige reelle Zahl mit a· I = a für alle reellen a.

Beweis:
0) Wäre 0' irgendeine reelle Zahl, verschieden von 0, die ebenfalls a + 0' = a für alle reellen
a erfüllt, so folgte speziell für a = 0: 0 + 0' = O. Andererseits ist aber auch 0' + 0 = 0', da 0
bei Addition ebenfalls nichts verändert. Somit folgt 0 = 0 + 0' = 0' + 0 = 0', d.h. 0' ist doch
°
gleich 0, im Widerspruch zu unserer Voraussetzung #- 0'. Daher kann es kein 0' der genannten
Art geben, d.h. 0 ist einzige reelle Zahl mit a + 0 = a ftir alle a.
(ii) Für I verläuft der Beweis entsprechend. Man hat nur 0 durch I und + durch· zu ersetzen.D

Folgerung 1.2:
(Lösen einfacher Gleichungen) Für alle reellen Zahlen a, b gilt:

a +x = b ist gleichbedeutend mit x = b- a

und falls a #- 0:
b
is/ gleiclzbedell/end mir x =-.
a

Bemerkung: Für ))ist gleichbedeutend mi/« verwenden wir auch das Zeichen {::>. Die Aussagen
erhalten damit die kürLere Form

a+x=b{::>x=b-a, a .x = b {::> x = -
b
a
(falls a '* 0).

Beweis:

a '*
a +x = b {::>

0: {/. x = b
(-a) +a +x = (~a) +b
{::> ~{/x = t,b {::> x = ~.
{::> O+x = b -a {::> x = b -a. Entsprechend flir
0

'*
Folgerung 1.3:
Für alle reellen Z1hlen a gilt a . 0 = 0, -( ~a) = a und falls a 0: (ll-l)-l = a.
1,1 RccllcZahlcn 7

Beweis:
(i) a . 0 = a ·0+ (a ·0 - a ·0) = a . (0 + 0) - a . 0 = a ,0 - a ·0 = O.
(ii) -(-a)=-(-a)+(-a)+a=O+a=a.
(iii) (a-I)-I = (a-I)-Ia-I a = I 'a = a. o
Folgerung 1.4:
(VorLeichenregeln bei Multiplikationen) Für alle reellen Zahlen a und b gilt:

a(-b) = -ab. (-a)b = -ab. (-a)(-b) =ab.

Beweis:
(I(-b) = a(-b) + (lb - (lb = (I(-b + b) - ab = a ·0 - ab = -ab.
Ferner (-a)b = b(-a) = -ba = -ab.
und schließlich (-a)(-b) = -(a(-b» = -(-ab) = ab. o
Merkregel:

»minus mal minus gleich plus« »minus mal plus gleich minus«

Folgerung 1.5:
(Additions- und Multiplikationsregeln der Bruchrechnung) Alle reellen Zahlen a. b. c,
d mit c f- 0 und d f- 0 erfüllen die Gleichungen

a b ab
"nd ~

c d cd

Beweis:
Zunächst wird die zweite Regel bewiesen: Es ist c-I(/-I = «(.'(/)-1. wie man aus (cd)·(c-I(/-I) =
(ec-I)(d(/-I) = I erkennt. Damit gi II

abi I I ab
- . - = ae- b(r = ab(cd)- = - .
c d cd
Mit d Id = I und eie = I folgt daraus die erste Regel:

+ bc
-a + -b=a- d b c
. - + - .-
ad
= - +-
bc
= (ad + bc)-I =
(ld
. o
cdcddccdcd cd cd

Folgerung 1.6:
(Divisionsregel der Bruchrechnung) Für alle reellen a. b, c, d mit b f- 0, cf- O. (/ f- 0
gilt

ac at! 2
- ~
b d bc'
8 I Grundlagen

Beweis:
Es ist

o
Potenzieren mit natürlichen Zahlen: Zur Abkünung schrcibl man

a"=a·a· .. ·(/.
~

11 Faktoren

also (/ I = a. a 2 = (/ . a, a 3 = a . a . a usw. a'l wird »a hoch /I« ausgesprochen. Man sagt auch
»a" ist die li-te PorellZ von a« (s. Abschn. 1.1.6).

Übung 1.2:
Löse die folgenden Gleichungen nach x auf:

3x - 2 c) 5(.l-2)+9 =3.
a) 8x-3=6x+5. b) - - =2.
4x + 1 (.l+l)(x 2) x(x+5)

Übung 1.3:
Wo steckt der Fehler in folgender »Herleilung« ?:

{/ =b =} 3a -2a = 3b- 2b => 3a -3b = 2l/-2b => 3«(/ -b) = 2(a -b) => 3 = 2.

1.1.3 Ordnung der reellen Zahlen und ihre Vollständigkeit

Ordnung muß sein! Auch bei den reellen Zahlen! Die Ordnung drückt sich dabei in der »Kleiner-
« und »Größer-Beziehung« zwischen den Zahlen aus. Sie liißI sich besonders klar an der Zahlen-
geraden verdeutlichen:

a b
I I •
Fig. 1.2: »Kleiner-« und »Größer-Beziehung«: (I < b

In Fig. 1.2 sind zwei Punkte a und b markiert, die reelle Zahlen bedeuten sollen. Liegt - wie
hier - a links von b, so schreiben wir:

a < b.

2 Schreibweise der Division mit Doppclpun~l: x :)' = x. )'-1


1,1 RccllcZahlcn 9

in Worten: »a kleiner als b«, oder auch umgekehrt b > a, in Worten; »b größer als a«.
Die Grundgesetze für diese Beziehung lauten folgendermaßen:

Grundgesetze der Ordnung;


(01) Für je zwei reelle Zahlen a und b gilt genau eine der drei folgenden Beziehungen:

a<b, a=b, b<a.

(02) Ausa < b undb < c folgt a < e,

(03) Aus a < b folgt (/ + e < b + e, (e beliebig reell),


(04) Ausa < b folgta·e < b· c, wenn 0 < eist.

Bezeichnungen: Stall a < b schreibt man auch b > a, wie oben schon gesagt. a heißt genau
dann pOSiliv, wenn a > 0 gilt, und genau dann negllliv, wenn {/ < O. Die Ungleichung a 2::. b,
wie auch b ::: a, bedeutet, »a ist größer oder gleich b« oder anders gesagt: »b ist kleiner oder
gleich {/« •
Wir nehmen an, daß die Grundgesetze der Ordnung mit dem bisherigen Zahlenverständnis
des Lesers im Einklang stehen, und begründen sie daher hier nicht weiter.
Aus den Grundgesetzen können weitere Regeln abgeleitet werden. Die wichtigsten stellen
wir in der nächsten Folgerung zusammen und deuten einige Beweise kur.t an. Beim ersten Lesen
genUgt es, sich die Regeln an Beispielen klar zu machen, um so mit ihnen umgehen zu lernen.

Folgerung 1.7:
Hir alle reellen Z1hlen a, b. c, d gelten die Regeln:
(a) (/ > 0 und b > 0 ~ a +b > 0 und a . b > 0
(b) (/ > 0 <=> -(/ < 0
(c) (/ t- 0 ~ a . a > 0, insbesondere I > 0, da I = I . I > 0
(d) (/ < bund c < d ~ (/ +e < b+ d
(e) 0 ::::: a < bund 0 ::::: c < d ~ 0 ::::: {je < b(1
<0 a > 0 und b < 0 ~ ab < 0
(g) a < 0 und b < 0 ~ ab > 0
I I
(h)O<a<b~O<-<-
b a
I I
(i)O>a>b=>O>b> a

Beweis:
(a) Ausa > Oundb > Ofolgla+b > a+O=a > onach (03)3, also wegen (02); a+b > O.
Entsprechend ergibt (04): 0< a ~ 0, b < ab (da 0< b), also 0< ab.
3 D<lbei enlsprichl a < b in (03) der Ungleichung 0 < b. und c enlsprichl ll. Folglich liefert (03): 0 +" < h + ll. wie
behnuplel.
10 I Grundlagen

(b) ° <a => 0+ (-a) < a + (-a) :) -a < 0,


(c) Für a > 0 folgt a 'a > 0 aus (a). Ist a < 0, so -a > 0, nach (b) also (/ 'a :::: (-aH -a) > O.
(d) (a < bunde< d) => (b-a > 0 und d-c > 0) => b-a+d-c > 0 => b+d > a+c. Die
übrigen Beweise verlaufen ähnlich und werden dem Leser rur Mußestunden überlassen. 0

Schließlich kommen wir zum Gesetz von der Vollständigkeit der reellen Zahlen. Es spiegelt
unsere Vorstellung wider, daß jede reelle Zahl einem Punkt der Zahlengeraden entspricht und
umgekehrt.
Zunächst denken wir uns dazu reelle Zahlen (/1, (/2, (/3, ... sowie bl, b2, b3, ... , dic folgender-
maßen geordnct sind:

Dabei entspreche jeder natürlichen Zahl 11 genau ein (/" und genau ein bl/' Es gilt also allgemein
rur jedes 11:

Man sagt. die Zahlen (/1, (/2, ... , bl. b2 •... bilden eine IlIIeI'\'(/llschac!lIelullg. Wir nehmen zu-
sätzlich an, daß die Zahlen a" und b" beliebig dicht »zusammenrücken«. D.h. jede noch so kleine
positive Zahl E wird von wenigstens einer Differenz b" - al/ unterschritten,

wenn wir 11 nur genügend groß wählen. Unter diesen Voraussetzungen lautet das

Grundgesetz der Vollständigkeit: Es gibt genau eine reelle Zahl x, die

a" :::: x:::: b"

fur alle natürlichen Zahlen 11 erfullt.

.
Fig. 1.3 gibt eine Vorstellung von der Lage der Zahlen.

,
I I I I •
" •• b. "

Fig, 1.3: [ntervallschachtc1ung

x wird durch die Zahlen (/" und b" von rechts und links »eingegrenzt« . Dies entspricht voll-
kommen der geometrischen Vorstellung, daß jedem Punkt der Z1hlengeraden genau eine Z1hl
entspricht und umgekehrt.
Als letztes Grundgesetz geben wir das Archimedische Axiom der reellen Zahlcn an. (Es läßt
sich eigcntümlicherweise nicht aus den vorausgehenden Grundgesetzen beweisen, obwohl es so
selbstverständlich erscheint.)
1,1 ReelleZahlen I1

Archimedisches 4 Axiom: Zu jeder reellen Zahl a, sei sie auch noch so groß, gibt es eine
natürliche zahl 11, die noch größer ist: 11 > {/.

Hier ist die »reziproke Formulierung« von noch größerer Bedeutung. Sie lautet

Folgerung 1.8:
Zu jeder noch so kleinen Zahl e > 0 gibt es eine natürliche Zahln mit

I
-<E- (1.2)
a
Mit anderen Worten: Die Zahlen ~ (11 natürlich) werden »beliebig klein« .

Beweis:
Zum Beweis brauchen wir die Ungleichung 1/" < e nur in der Form

I
- < 11
e
zu schreiben. (Aus ihr geht (1.2) durch Multiplikation mit ~ hervor.) Aufgrund der Eigenschaft
des Archimedes gibt es aber ein natürliches n mit 11 > 1/8. womil alles bewiesen ist. 0

Damit haben wir alle Grundgesetze der reellen zahlen aufgezählt und die wichtigsten Rechen-
regeln daraus hergeleitet.
Im nächsten Abschnitt fUhren wir die Mengenschreibweise mit ihren einfachsten Regeln ein.
Sie gestaltet es, viele Dinge sehr übersichtlich und kurz zu beschreiben und ist daher sehr bequem.
Ein Beispiel dazu vorweg: Der Satz»(/ ist eine reelle Zahl« läßt sich viel kürzer durch

aelll

ausdrUcken. Dies besagt: {/ ist Element der Menge IR. der reellen Zahlen.

1.1.4 Mengenschreibweise
Statt von den »natiirlichen Zahlen« sprechen wir auch von der »Menge der natiirlichen Zahlen« .
Ebenso sprechen wir von der »Menge der ganzen zahlen« , der »Menge der rationalen zahlen«
usw. Dabei haben wir den sogenannten »naiven Mengenbegriff« vor Augen:
Naiver McngcnbcgrifT: Eine Menge ist eine Zusammenfassung verschiedener Objekte unseres
Denkens oder unserer Anschauung zu einem Ganzen, Die Objekte werden die Elemente der
Menge genannt.
Beschreibt der Buchstabe M eine Menge (z.B. die Menge aller Menschen), und ist x ein
Element der Menge (ein Mensch), so schreiben wir dafUr

XE M

4 Archimedes \'on Symkus (um 287 v. Chr. - 2t2 v. Chr.). antiker gric.::hischer Mathelllatiker. Physiker und Ingenieur
12 I Grundlagen

(sprich: »x aus M« , oder »x ist Element von M« ). Ist x dagegen ein Objekt, welches nicht zur
Menge M gehört (z.B. ein Tier), so beschreibt man dies durch

x rf. M.

Zwei Mengen heißen genau dann gleich, wenn sie dieselben Elemente haben.
Beispiel 1.1:
Die folgenden Bezeichnungen sind üblich:

N :::: Menge der natürlichen Zahlen 1,2,3,


No :::: Menge der Zahlen 0, 1,2.3,
Z:::: Menge der ganzen Zahlen ... , -2, -I, O. 1,2,
a
Q :::: Menge der rationalen Zahlen b (mit a. b E Z, b t- 0)
IR :::: Menge der reellen Zahlen (alle Dezimalzahlen)
IR+ :::: Menge der positiven reellen Zahlen (x E IR mit x > 0)
IR- :::: Menge der negativen reellen Zahlen (x E IR mit x < 0)
IRci :::: Menge der nicht negativen reellen Zahlen (x E lR mit x ::: 0)
lRü :::: Menge der nicht positiven reellen Zahlen (x E IR mit x ::: 0)

Weitere oft benutzte Mengen reeller Zahlen sind die sogenannten Illlel'l'lllle. Diese sind Teil-
strecken der Zahlengeraden oder Halbgeraden oder IR. selbst. Genauer: Mil [a. b[ bezeichnen wir
die Menge aller reellen Zahlen x mit (/ ::: x ::: b. Wir drücken dies kürzer aus:

[a.b]:::: Ix E IR I a:::x :::b).

Dabei bedeutet die rechte Seite die »Menge aller x E IR. die die Eigenschaft a ::: x ::: b besitzen«.
[a, b] heiBt das (/bge~"C!llosselle IlIIervalll'oll a bi~' b. Auf der Z1hlengeraden slellt dieses
Intervall eine Strecke dar, s. Fig. 1.4.

a b

Fig. 1.4: lnlervalila. bl

Entsprechend werden weitere Intervalle definiert. Die folgenden Schreibweisen sind nach dem
Beispiel [a, b J unmittelbar verständlich. Dabei gelte wieder a < b:

(a. b) :::: Ix E lR I a < x < b} heißt offelle.f Imen1all von abis b

(die »Endpunkte« a, b gehören nicht dazu)

kl. b) :::: Ix E IR I a ::: x < b} und


I, I Reelle Zahlen 13

(a, bJ = Ix e lR la < x ~ b} heißen halboffene lilien/alle

(jeweils ein Endpunkt gehört dazu, der andere nicht).


Die bisher genannten Intervalle werden beschränkte Illfen/alfe genannt. Der Vollständigkeit

I
halber fUgen wir gleich die sogenannten unbeschrünkten Inten!(llIe an:

la.oo)={xelRlx;::a}
abgeschlossene Halbgeraden (s. Fig. 1.5)
(-00. cl = Ix e IR I x ~ cl
(a. 00) = Ix E IR Ix > al 1 offene Halbgeradell
(-00. c) = Ix E IR I x < c}

und (-00.00) = IR.

(--, cJ (a. -l

, •
Fig. J .5: Unbeschränkte Intervalle

Intervalle spielen im täglichen Leben schon in einfachen Fällen eine Rolle: Im Wetterbericht
hören wir z.B. von Temperaturen zwischen _2 0 bis +1°, was nichts anderes heißt. als daß die
Temperatunlngabcn im Intervall (-2, I) liegen, Längenangabcn wie auch Gewichte sind stets po-
sitiv. sie liegen also im Intervall (0. 00), Die Spliuillgtabclle der Steuer ist in Intervalle eingetei It,
die verschiedenen Steuersätzen entsprechen. usw.

y-Achse
d -----~

y-Achse , -----~
y ------,(~.y)
,
,
, • b x-Achse

o ~ x-Achse

Fig. 1.6: Koordinaten Fig. 1.7: Rechteck und Kreis

Weitere anschauliche Beispiele rur Mengen sind PUllktmengen der Ebene. Führen wir in
üblicher Weise ein Koordinatensystem mit x- und y-Achse ein, so entspricht jedem Punkt der
Ebene genau ein Z1hlenpaar (x, y), wobei x die x-Koordinate heißt und y die y-Koordinate
(s. Fig. 1.6)5.
Wir nennen Zahlenpaare daher auch Punkte (der Ebene) und bezeichnen die Menge aller
dieser Zahlenpaare als 1R2,

5 Aus dem Zusammenhang muß je.....eils hervorgehen. ob (.r. y) ein Punktepaar oder ein offenes lnteT\'all bezeichnel.
14 I Grundlagen

Ein Reell/eck, wic in Fig. 1.7 zu schen, bestcht aus allcn Punkten (x, y), fUr die

a ~ x ~ bund c ~ y ~ d

gilt. Ncnncn wir dic Menge dieser Punkte kurz R (Rechteck), so können wir schreiben

R={(x, y) elR 2 1a ~x ~b und c ~y ~dl.

Betrachten wir noch ein BeispieL und zwar eine Krei.w:heibe um Q = (0.0) mit Radius I,
s. Fig. 1.7. Ein Punkt (x, y) liegt genau dann in dieser Kreisscheibe, wenn sein Absland 6 von
Q kleiner oder gleich I ist. Der Abstand ist aber offenbar gleich

wie man mit dem Lehrsatz des PytJwgoras ermittelt (s. Fig. 1.6). Damit besteht die Kreisscheibe
K aus allen Punkten (x. y) E [R2 mit

x
2
+l ~ I,

Diese Punktmenge läßt sich also kur/.: so beschreiben:

Fig. 1.8: Teilmenge A von M

Um mit Mengen bequem umgehen zu können, vercinbaren wir einigc Bezcichnungcn:

(a) {XI, X2, ... , x" I bezeichnet die Menge der Elemente XI, X2, ..., XII'

(b) {x I x hat die Eigenschaft EI ist die Menge aller Elemente x mit der Eigenschaft E.
{x E M I x hat die Eigenschaft EI ist die Menge aller Elemente x aus M mit der Eigen-
schaft E (s. obige Beispiele).

(c) Eine Menge A heißt Teilmellge einer Menge M, wenn jedes Element von A in M liegt. Wir

6 [m Sinne der euklidischen Geometrie


I, I Reelle Zahlen 15

beschreiben dies kurz durch

A 0; Moder M:> A. (s. Fig. 1.8)

M heißt eine Obermenge von A. Hier ist auch der Fall denkbar. daß A = Mist (M ist also
Teilmenge von sich selbst!). Ist A aber eine Teilmenge von M, die nicht gleich M ist, so
nennen wir A eine echte Teilmenge von M und schreiben daflir

A~M oder M;?A.

(d) Gilt A c M, so besteht die Res/menge

M \A

aus allen Elementen x E M. die nicht in A liegen (s. Fig. 1.8). Es kann dabei sein, daß es
keine Elemente dieser Art gibt. nämlich wenn A = M isl. In diesem Fall sagen wir: Die
Restmenge M \ A ist leer. Das fUhrt auf folgende Vereinbarung:

(e) Mit 0 bezeichnen wir die sogenannte leere Mellge, Dies ist eine Menge ohne Elemente. D.h.,
flir jedes irgendwie geartete Element x gilt x ~ 0.

Wir können daher im Falle A = M fUr die Restmenge M \ Aschreiben:

(f) Als Vereinigung zweier Mengen A und B bezeichet man die Menge aller Elemente x, die
in A. in B oder in beiden Mengen liegen (s. Fig. 1.9). Sie wird symbolisicrt durch

AUB

(g) Dic Sc/mit/menge (auch DIII"chsclmill genannt)

AnB

zweier Mengen A, B ist die Menge aller Elemente x, die sowohl in A als auch in B liegen
(s. Fig. 1.9).

Man macht sich an Fig. 1,10 leicht klar. daß folgende einfache Regeln gelten:

A U (13 U C) ~ (A U 13) U C
An (8 n C) = (A n 8) n C

Es ist hier also gleichgültig, wie die Klammern gesetzt werden. Aus diesem Grunde werdcn
16 Grundlagen

AuB

AoB

Fig, 1.9: Vereinigung und Sehnillmenge Fig, 1.10: Die Mengen A, 8. C

sie auch einfach weggelassen. Ferner gilt offenbar

A U (B n C) = (A U B) n (A U C)

I
A n (B U C) = (A n B) U (A n C)

M \ (A U B) ~ (M \ A) n (M \ B)
wobeiACMundBCM.
M \ (A n B) ~ (M \ B) U (M \ B)

Die ersten heiden Regeln entsprechen einem »Ausmultiplizieren« von Klammem (bei Zah-
len zum Vergleich: a· (b + c) = (a· b) + (a . c», während die nächsten heiden Regeln-
auch Oe Morgallsche 7 Regeln genannt - zeigen, daß U und n ausgetauscht werden, wenn
man von der linken zur rechten Seite der Gleichung übergeht.

(h) Schließlich nennen wir

(a.b)

das Paar aus den Elementen fl. b. Dabei sind zwei Paare (a, b) und (e, d) genau dann
gleich, wenn a = c und b = d ist. Die Reihenfolge der Elemente a. b läßt sich im Falle
a ::ft b also nicht vertauschen: Es ist (a, b) ::ft (b. a). D.h. bei Paaren kommt es auf die
Reihenfolge der Elemente an (im Gegensatz zu Mengen {a. b} aus zwei Elementen. fur die
{a. b} = (b. al gilt).
Sind A, B Mengen, so kann man daraus die Menge aller Paare

(a, b) mit a E A und bEB

bilden. Sie wird mit

A x B

bezeichnet und Paal'mel1ge oder ClIl"/esisehes ProduktS der Menge A, B genannt. Ist dabei

7 Auguslus Dc Morgan (1806- 1871). englischer Mathematiker


8 Nach Rene Dcscartes (1596-1650). französischer Philosoph. Mathematiker und Physiker
1,1 RccllcZahlen 17

speziell A = B, so schreibt man kurz A2 = A x A. Auf diese Weise ordnet sich die schon
betrachtete Menge 1R2 = IR. x IR hier ein.
Allgemeiner kann man dieses Konzept auch auf sogenannte 1I-1ilpel

ausdehnen. Dabei sind (al, , a,l) und (bi .. '" b",) genau dann gleich, wenn 11 = 111 ist
und (/; =
b; fUr alle i =
1.2, , 11. Sind A J, . . . , All Mengen, so beschreibt

AI x A2 x ... X All

die Menge aller 11- Tupel (al, .... (In) mit al E AI. a2 E A2 • ..., a ll E All' Diese Menge
heißt das cartesisclle Produkt der Mengen A h ..., All' Sind alle diese Mengen gleich: Ai =
A fur alle i = I, ... , 11, so wird das cartesische Produkt der Al, ... , A" kurz A" genannt.

Übung 1,4*:
[n einem Voronzug sind 60 % der Fahrgiiste Manner. 70 % Raucher und 80 % Pendler zwischen
Arbeitsstätte und Wohnung, Gibt es Fahrgasle mit allen drei Eigenschaften? Wievic1 Pro7.cnt
sind es mindestens?

Verwandt ist die folgende Aufgabe:

Übung 1.5:
Eine Firma stellt elektrische Ger'.ite her, jedes dieser Gerate setzt sich aus 4 $chaltelemenlcn A,
B, C. D zusammen. Von den verwendeten SchaltelementeIl des Typs A arbeiten 95 % einwand-
frei. vom Typ B 97 %, vom Typ C 92 % und vom Typ D 89 %. (Es handelt sich um "integrierte«
Schaltungen. bei denen stets gewisse Ausfallquoten vorkommen.)
Vor dem Zusammenbau eines Gerätes ist nicht zu erkennen. welche seiner Schahelemente
fehlerhaft sind. Wicviel Pr07.ent einwandfrei arbeitender Gerate sind mindestens zu erwarten?

1.1.5 Vollständige Induktion


Sehen wir uns noch einmal die Menge N der natürlichen Zahlen an! Sie ist Teilmenge der Menge
IR aller reellen Zahlen und hat folgende Eigenschaften:

(NI) I ist eine natürliche Zahl.

(N2) Ist 11 eine natürliche Zahl, so auch 11 + I (n + I wird auch der »Nachfolger« von 11
genannt).

Zweifellos gilt dies entsprechend auch fLir die Menge Z der ganzen Zahlen oder sogar fLir die
Menge IR aller reellen Zahlen. N ist aber dadurch ausgezeichnet, daß sie die "kleinste« Teilmenge
VOn IR mit den genannten Eigenschaften ist, d.h.: Jede Teilmenge M von IR, die I enthält und mit
11 auch stets 11 + List Obermenge von N. Insbesondere kann M nicht echte Teilmenge von N
sein. Es gilt also
18 I Grundlagen

(N3) Jede Menge M von natürlichen Zahlen, die I enthält und mit 11 stets auch 11 + I enthält,
ist gleich der Menge aller natürlichen Zahlen.

Bemerkung: Man kann (N I), (N2), (N3) als Definition der natürlichen Zahlen auffassen. zusam-
men mit der Tatsache, daß jede natürliche Zahl auch reelle Zahl ist.
Die Eigenschaft (N3) gestattet es uns, das Beweis verfahren der voflstiindigen IlIdllkliol1 durch-
zufUhren. Wir wollen dies an einem simplen Beispiel zeigen, und zwar an der Behauptung: Es
gilt

2" >11 fLiralle 11 eN.9

Niemand zweifelt daran, denn für 11 = 1,2,3, usw. folgt

2 1 > I, 22 = 4 > 2, 2 3 = 8 > 3, usw.

Ist dies aber schon ein Beweis? Hier miissen wir doch aufpassen, daß es uns nicht so geht wie
dem Bauern, der seine Kuh fur 100 Taler verkaufte. Er zählte das Geld nach, das aus einzelnen
Ta1erstücken bestand: 1,2,3,4, ... , usw. Als er bei 67 angekommen war - ein für ihn wahrhaft
mühsames Geschäft - da wischte er sich den Schweiß von der Stirn und sagte: »Hat es bis
hierher gestimmt, so wird der Rest auch stimmen!« Sprach's und steckte das Geld in den Sack.
So geht es natürlich nicht! Zum Beweis unserer Behauptung 2" > 11 können wir aber folgen-
dermaßen vorgehen:

(I) Die Behauptung gilt fLir /l = I, denn es sich sicherlich 2 1 > I.

(11) Ist die Behauptung 2" > 11 jedoch fLir ein 11 e N richtig, so gilt sie auch fLir 11 + I anstelle
von 11, denn es ist

2,,+1 =2·2" > 2,/1.

letzteres wegen 2" > 11. Wegen 2/1 = 11 + 11 ~ /l + I folgt daher


2,,+1 > 11 + I.

Damit ist aber alles bewiesen. Warum? Bezeichnen wir mit M die Menge aller natürlichen Zah-
len, für die 211 > 11 gültig ist, so stelIen wir fest: J e M (nach (I» und mit 11 e M ist auch
11 + I e M (nach (11». Also muß M die Menge aller natürlichen Zahlen sein (nach (N3». d.h.
2" > 11 ist fur alle natürlichen 11 gültig.
Entscheidend ist also, daß wir die Schrine I (Beweis fLir 11 = I) und 11 (Schluß von 11 auf
11 + 1) durchfuhren können. Das führt alIgemein zu folgendem Beweisschema, welches sich von
unserem Beispiel nur dadurch unterscheidet, daß die Aussage »2" > /I « durch A(n) ersetzt wird.

Vollständige Induktion:
Für jedes natürliche 11 sei eine Aussage A(Il) definiert. Man weise nun nach,

9 Esist/l" _/1."./1. l'. wobei rc<::hts /I-mal der Faktor 11 auftritt (11 ER." E N).
1,1 RccllcZahlcn 19

(I) daß A(I) richtig ist, und

(11) daß aus der Annahme, daß A(II) richtig ist, auch die Gültigkeit VOll A(II + I) folgt.
Ist dies gelan, so ist damit die Richtigkeit der Aussage A(n) fur alle natürlichen 11 bewiesen.

Die Schlüssigkeit des Beweisverfahrens wird genauso wie im obigen Beispiel begründet. Der
Beweisschritt I heißt/ndliktioIlS(IIl!allg, 11 heißt Jllduktiollsschfllß.

Beispiel 1.2:
Mit dem Beweisverfahrcn der vollständigen Induktion wollen wir die Formel

1l(1l+1)
1+2+3+ ... +11= 2 (1.3)

beweisen.
(I) JII(Jllktiollsan!allg: Für n = I ist die Formel zweifellos richtig, denn sie verkürzt sich dabei
auf I = I . (I + 1)/2.
(11) Jndllktio/lsschluß: Wir nehmen an, daß (1.3) ftir ein bestimmtes 11 gilt. Es soll gezeigt werden,
daß dies auch gilt, wenn 11 durch 11 + I ersetzt wird. Das sehen wir so ein: Es ist

11(11 + I)
1+2+3+ ... +11+(11+1)= 2 +(n+l)

unter Verwendung der Gültigkeit von (1.3) fur unser betrachtetes 11. Die rechte Seite kann
aber umgeformt werden in

11(11 + I) 2(n + I) eil + I)(n + 2)


2 + 2 2
Es gilt also

(11 + 1)(11 + 2)
1+2+3+ ... +11+(11+1)= 2 .

d.h. in (1.3) ist 11 durch 11 + I ersetzt. Damit ist alles bewiesen. o


Beispiel 1.3:
Eine bestimmte Bausparkasse teilt ihre Darlehen nach sogenannten ~>Bewertungszahlen« zu. Je
höher die Bewertungszahl, desto ehcr die Zuteilung! Die Berechnung der Bewertungszahl ma-
chen wir an folgcndem Beispiel klar: Ein Sparer schließt im Oktober 2002 einen Bausparvertrag
über I(XXlO€ ab. Er hat daftir monatlich eine Spanate von 33€ zu zahlen. halbjährlich also
198 €. Stichtage rur die Bewertungszahl sind der 31. Miirz und der 30. September. Die »Bewer-
tungszahl« ist die SIll/lilie (Jer Kontoställde (/11 die.fe/'l Stichtagen in den Jahren, in denen gespart
wird. Lasscn wir den Zinszuwachs hier der Einfachheit halber unberücksichtigt, so ergeben sich
ftir die ersten Jahre folgende Bewertungszahlen:
20 Grundlagen

Halbjahr KomoslJnd (Gcspancs) Bcwelluogszahl b"


31.3.03 I. 198 198
30.9.03 2. 2 198 198+2· 198
3IJ.04 3 3 198 198+2· 198 +3· 198
30.9.04 4. 4 198 198+2· 198 +3· 198+4· 198

Usw. Nach dem /l-tcn Halbjahr ist die Bewertungszahl bll also gleich

b" = 198+2·198+3·198+ ... +11 ·198= (I +2+ ... +/1)·198.

Hier kommt die bewiesene Formel (1.3) ins Spiel. Danach folgt

11(11 + I) (1.4)
bll = 2 ·198.

Wir wollen annehmen, daß das Darlehen zugeteilt wird, wenn die Bewertungszahl b" das 2,6-
fache der Bausparsumme gerade überschritten hat, wenn also

b" > 26000 ~ b"_1

gilt. Mit (lA) folgt daraus" = 16, wie der Leser leicht überprüf!. Nach 16 Halbjahren, also nach
8 Jahren, ist der Bausparvcrtrag zuteilungsreif.

Varianten zur vollständigen Induktion: (a) Gelegentlich wird anslclle von (11) der folgende
Induktionsschluß durchgeftihrt:

(n') Man zeigt, daß aus der Gültigkeit der Aussagen A(I), A(2), ..., A(n) die Gültigkeit von
A(II + I) folgt.

(Führt man die Hilfsaussage A·(n) ein. die bedeuten soll: »Es gilt A(k) ftir alle k = 1.2... " Il{<
. so ist fUr A·(n) wiederum (I) und (11) erfüllt, d.h. die Ersetzung von (11) durch (11') ist erlaubt.)
(b) Der Induktionsanfang (I) darf auch variiert werden. Ist etwa 110 eine ganze Zahl. und is( zu
jeder ganzen Zahl 1/ 2: 110 eine Aussage A(II) erklärt, so ist (I) zu ersetzen durch:

(I') Man zeige, daß A (no) richtig ist. Führt man anschließend den Induktionsschluß (11) durch,
so ist die Gültigkeit von A(n) fur alle gallzelln 2: 110 gezeigt.

(Um dies einzusehen, hat man A (11) in der Form A (110 - I + m) zu schreiben mit m = 1.2.3, ...
Da nach (I') die Aussage für m = I gilt, und (11) den Schluß von m auf m + I darstellt, is( auch
diese Variation erlaubt.)

Beispiel 1.4:
Es soll gezeigt werden, daß

2" > ,,2 flir alle natürlichen" 2: 5

gilt. Hier ist 110 = 5. Der Leser fuhre den Beweis selbst durch.
1,1 RccllcZahlcn 21

Zur Übung beweise der Leser mit dem Beweisverfahren der vollständigen Induktion folgende
Aussagen:

Übung 1.6:
Es gilt fUr alle 11 E N:
12+22+32+ +112="(1I+1~(21+1)

l)r
(a)

(b) 13 +2 3 +3 3 + +11 3 = C
1
(1I +
2

Übung 1.7:
(BenuwllischelOUlIgleicllllllgj Beweise. daß fUr jedes reelle x > -I mit x 1= 0 folgendes gilt:

(I +X)'I > I +11.r fUrallcganzcnll ~ 2,

1.1.6 Potenzen, Wurzeln, Absolutbetrag


Die Grundgesetze über Potenzen 0'1 und Wurzeln :ya werden hier in knapper Form zusammen-
gestellt.
Potenzen mit natürlichen Exponenten: Für beliebige reelle 0, b und natürliche Zahlen 11, 111
gilt

(abt:::: a"b", a,,+m:::: a"a"', (a")'" 0::: a""', 0::: a < b => 0::: a" < b". (1.5)

(Man kann dies leicht mit vollständiger Induktion beweisen.)


/I-tc WurLcln:

(a) Es sei a 2: 0 und 11 eine beliebige natürliche Zahl. Mit

bezeichnel man diejenige reelle Zahl x 2: 0, deren n-te Potenz a ergibt:

a =x".

Eine solche Zahl x existiert (wie wir später mühelos aus dem Zwischenwertsatz folgern
werden, s. Abschn. 1.6.3, Beispiel 1.52). Sie ist auch eindeutig bestimmt. (Denn wäre y 2: 0
eine weitere Zahl mit y" = a, wobei etwa x < y ist, so folgte aus ([.5) x" < y". was nicht
sein kann, da x 1l = 0 = yll ist. .:yu ist also eindeutig bestimmt.)

(b) Bei ungeradem 11 und negativem II definiert man

10 Jakob I. Bemoulli (1655 - 1705). sch"'eizerischer Mathematiker und Physiker


22 I Grundlagen

als diejenige negative Zahl x, die x" :::: (/ erftillt. Z.B. N:::: -2. Auch sie ist eindeutig
bestimmt. wie man entsprechend begründet.

(c) Ist schließlich (/ < 0 und 11 gerade, so ist ::;a


im Bereich der reellen Zahlen nicht defilliert,
da es kein reelles x gibt mit x" :::: (/ (denn fLir alle x E IR gilt x" 2: 0 bei geradem 11).

Wir halten also fest: Für gerade 11 ist ::;a


genau dann sinnvoll erklärt, wenn (/ 2: 0 ist, rur
ungerade 11 ist ::;a
dagegen fLir alle reellen (/ definiert.
::;aheißt die li-te Wurzel aus a. Für die zweite Wurzel aus (/ 2: 0 schreibt man bekanntlich
kurt.: .jä und nennt dies schlicht die Wurzel aus G. Wir wiederholen noch einmal ausdrücklich,
daß.jä stets größer oder gleich Null ist, also niemals negativ!
Berechnung von .jä: Eine gute Methode zur Berechnung der Wurzel aus a > 0 besteht darin,
nach folgender Vorschrift zu verfahren. Man wähle eine Zahl Xo mit xJ 2: a (z.B. Xo :::: (/ falls
a 2: I. Xo :::: 1 sonst) und berechne

X,,+I :::: ~ (X" + ::,) rur /l :::: 0.1,2.3 .....

Die so nacheinander gebildeten Zahlen .\'0, XI, X2, .\'3, ... kommen der Wurzel .jä schnell be-
liebig nahe (Begründung und Fehlerabschätzung folgen später beim Newtonschen Verfahren).
Tabelle 1.1 zeigt die Berechnung von .Ji mit diesem Verfahren (gerundete Werte). Ab X4 ändern
sich die Zahlen in den ersten 10 Stellen nicht mehr,

Tabelle 1.1: Zur Berechnung von ,fi

1I .ln

o 2.000000000
I 1,500000000
2 1.416666667
3 1.414215686
4 1.414213562
5 1.414213562
Also,fi":"1.414213562 11

Potenzen mit rationalen Exponenten: Hir beliebige natürliche Zahlen 11 und m vereinbart man:

,) (/11//" :::: ::,ram


I
rur alle reellen G,
rur alle reellen (/ 2: 0,
falls
falls
11

11
ungerade.
gerade.

I
b) (/0 :::: 1 , fLir alle reellen a '# O.
-m/" I ftir alle reellen (/ '# 0, falls 11 ungerade,
c)
a :::: all//" ftir alle reellen a > O. falls 11 gerade.

11 -=-- bedeutet: »gleich bis auf Rundungsfehler«


I, I Reelle Zahlen 23

Damit ist insbesondere für alle positiven Zahlen a und alle rationalen Zahlen r die Potenz

,,'
erkliirt.
Folgerung 1.9:
(Reehenregeln fur Potenzen) Es gilt

(ab/ = a'b', a'+s = ({fr<, (a')'< = ars = (a S ) '


O,:::a <b=>O,:::({ <b r

flir alle rationalen r, ,f und alle reellen a, b, flir die die obcnslehenden Ausdrücke
erklärt sind.

Die Beweise können leicht mit den vorangehenden Hilfsmitteln geflihrt werden.
Der Absolutbeirag Ix I einer reellen Zahl x ist defi nien durch

x, falls x 0~
lxi
I
:=
-x, falls x < O.

Z.B.: 1- 31 = 3, 171 = 7. Für alle reellen Zahlen x,)' und alle rationalen Zahlen r gelten die
Regeln:

Ix +)'1 ,::: lxi + 1)'1 (Dreiech'uI/gleiclulI/g),


Ix -)'1 ~ IIxl-I)'II,
Ix)'1 = Ixllyl,
I':; ' 1-- r11')" 1 falls y i= 0,

Ixrl = Ixl r (falls x erklärt ist).

Übung 1.8:
Beweise: Für alle reellen x > o. y > 0 und alle rationalen r, s gilt

(b) x'
-=.1'
XS
r-,. (c) (')S
x'
= x-r.,

Übung 1,9:
Vereinfache die folgenden Ausdrücke (d.h. schreibe sie in der Form C .f
r . y<.) Dabei ist.f > O.

y > 0 vorausgesetzt:
24 I Grundlagen

1.1.7 Summenformeln: geometrische, binomische, polynomische

Sind (/1, a2, (/3, .... (/" reelle Zahlen, so schreibt man die aus ihnen gebildete Summe al + (/2 +
(/3 + ... + (/" auch in der Form

"

und spricht dies so aus: »Summe der (/t für k von I bis /I« . k heißt der Index des Summengliedes
(/1;. Für 1/ = 1,2,3 bedeutet

I 2 3
al = Lat. (/1 +(/2 = L(/I;· (/1 +a2+ a3= La". (1.6)
1;=1 t=1 1;=1

ferner gilt

"
Lat +all+1 (1.7)
t=1
fur beliebige natürliche 1/.

Beispiel 1.5:
Die Summe der Quadratzahlen 12 + 2 2 + 32 + ... + 1/2 kann kürzer durch L" k 2 beschrieben
1;=1
werden. Nach Übung 1.6 gilt dann

tk2
1;=1
= 1/(11 + 1~(21l + I) . (1.8)

Ohne Mühe sieht man ein, daß rur das Rechnen mit Summen folgende einfache Regeln gelten:

" " " " "


Lad Lb, ~ L<ad b,), cLa" = Lcal;.
1;=1 t=1 t=1 1;=1 1;=1
Unter Verwendung von (1.6), (1.7) können sie induktiv bewiesen werden. Wir empfehlen dies
dem Leser zur Übung.

Gelegentlich läuft der Index nicht von I bis 11, sondern allgemeiner von einer ganzen Zahl s
bis zu einer anderen ganzen Zahl I (s :S 1):
,
a,< +a.,+1 +a,<+2 + ... +a/ = LaI;.
I;=s
I, I Reelle Zahlen 25

Diese Summen werden entsprechend behandelt,


Besonders interessant sind Summen, die durch einen »geschlossenen Ausdruck« beschrieben
werden können, wie z.B. die Summe

L>=
"
1+2+3+ ... +11=
11(11+1)
2
1:=1

oder die Summe der Quadrate (1.8). Die wohl wichtigste Summe dieser Art ist die geometrische
Summe:

"
L:q): = I +q +q2+ ... +q'l (1.9)
k=O

Hir beliebiges reelles q 12. Wie kann man einen »geschlossenen«, einfach zu berechnenden Aus-
druck Hir diese Summe finden? Dies gelingt durch einen kleinen Trick, Setzen wir niimlich zur
Abkürzung

.~ = 1 + q + q2 + ... + q" (1.10)

fur die Summe und multiplizieren mit q, so folgt

qs = q + q2 + q3 + ... + q"+1 (1.11)

Subtrahieren wir die bciden letzten Gleichungen rechts und links voneinander, so ergibt sich

.~ _ qs = I _ q'I+1

d.h. auf der rechten Seite heben sich alle Glieder bis auf zwei heraus.
Ausklammern von.~ auf der linken Seite ergibt

.~. (I-q) = I _qll+1 (fallsq i= I).

Im Falle q = I ist soffenbar 11 + I, wie aus (1.9) unmittelbar hervorgeht. Damit haben wir
folgendes Resultat:

Geometrische Summenrormel:

" falls q i= I

""
L..Jq=
1:=0 fallsq=l.
( 1.12)

12 D.IS erste Glied der Summe ist vereinbarungsgemäß gleieh I. aueh im Falle q = O.
26 I Grundlagen

Beispiel 1.6:
(Sparkonto) Ein Sparer zahlt jährlich am I. Januar 600€ auf ein Sparkonto ein, mit einem Jah-
reszins von p = 6 %. Welchen Kontostand hat er nach 7-jährigem Sparen erreicht? Setzt man zur
Abkürzung q := 1+ P = 1.06, so sind nach einem Jahroffenbar 600 'q € auf dem Konto, mich 2
Jahren (600·q +600)q = 6QOq(1 +q). nach 3 Jahren (600q( I +q) +600)q = 6OOq(l +q +q2)
usw. Nach n Jahren enthält das Sparkonto
I _q1l
600q(1 +q +q2 + ... +q"-l) = 600.q--
I-q

€, wobei wir die geometrische Summenformel gewinnbringend verwendet haben. Wir setzen
1/= 7 ein und erhalten einen Kontostand von 5338.48 €. Der Zinsgewinn in diesen 7 Jahren
beträgt also 1138,48€.

Binomische Formel: Durch einfaches Ausmultiplizieren berechnet man die folgenden Formeln:

(a + b)2 = a 2 + 2ab+b 2 .
(a + b)3 = a 3 + 3a 2b + 3ab 2 + b 3 .
(a + b)4 = a 4 + 4a 3b + 6a 2b 2 + 4ab 3 + b 4 .

Allgemein erhält man für beliebigen natürlichen Exponenten 11 und beliebige reelle a, b die

Binomische Formel:

mit

",) ._ ". (11 - 1)(11 - 2)· . (11 - k + 1) (1.14)


( 1·2·3· ... ·k

Die Ausdrücke G) (sprich »11 über k«) heißen die Binumiafkueffizielllell.


Beispiele:

10)= 10.9.8. 6)=6,5,4,3.


( 3 I ·2·3 (4 I ·2·3·4

Merkregel zur Berechnung von G): Das Produkt der »oberen« k Zahlell/l·(n-l) ... . ·(n-k+ I)
dividiere Inan durch das Produkt der »unteren« k Zahlen I ·2· ... · k.
Dcr Vollständigkeit halber definiert man

(~) := I, 11 = 0, 1.2.... ,
1,1 RccllcZahlcn 27

wobei man sich am ersten Glied I . a" in (1.13) orientiert. Damit erhält die billomische Formel
die knappe Form

Sie gilt rur alle 11 E No.


Das Produkt 1 ·2 . 3 . . k im Nenner des Binomialkoeffizienten (I 14) wird abgekürLt
beschrieben durch k!, sprich »k Fakultät«, also:

k! := I ·2 ·3· .... k (k E N).

Für k = 1 bedeutet dies I! = I, sowie (k + I)! = (k!)(k + I) fLir beliebige k E N. Wiederum der
Vollständigkeit halber ergänzt man die Definition durch

O!:= I.

Damit erhält man folgende Darstellung des Binomialkoeffiziemell:

(:) = k!(I1'~k)! furallek E {0,1,2 .... ,1I1. ( 1.16)

Man gewinnt dies fur k ::: 1 aus (1.14) durch Erweiterung des Bruches mit (n - k)!. Für k = 0
ergibt sich die Gleichung unmittelbar. Aus (1.16) leitet man leicht folgende Formeln her:

(1.17)

(1.18)

fLir alle 11 E Nu {O}.


Der Leser überzeuge sich durch Nachrechnen VOll der Richtigkeit der Gleichungen.
Bemerkung: Die erste GI. (1.17) spiegelt den symmetrischen Aufbau der binomischen Formel
wieder: Der erste Koeffizient ist gleich dem letzten, der zweite gleich dem vorletzten usw.
Die zweite GI. (1.18) dagegen zeigt. daß man die Binomialkoeffizienten geschickt in einem
»Dreieck« anordnen kann:

n=O
n=1
2 n=2
3 3 n=3
4 6 4 n=4
5 10 10 5 n=5
........
28 I Grundlagen

Von der zweiten Zeile an gilt dabei: Jede Zahl ist die Summe der rechts und links über ihr stehen-
den Zahlen. Diese Anordnung der Binomialkoeffizienten nennt man das Pascalsclle 13 Dreieck.

Beweis:
der binomischen Formel (1.15) durch vollständige Induktion:

(I) Für n == 0 ist (I. 15) sicherlich erfUl1t, denn es gi lt

(a +b)o == (~)aObO == 1.
14

(11) Ist die binomische Formel ftir ein 11 E No richtig, so folgt für den Exponenten Il + I:

In der zweiten Summe setzen wir k + I == k ' , also k == k' - I. Sie erhält damit die Form
11+1
" ( n )all-k'+lbk'
L k'-I
k'=l

Wir lassen nun den SIrich einfach weg, ersetzcn also k' durch k. Einsetzen in die letzte Zeile
der obigen Rechnung und Zusammenfassung ergibt dann

Mit (1.18) erkennt man hieraus, daß die binomische Formel rur 11 + 1 anstelle von 11 gültig
ist. Nach dem Prinzip der vollständigen Induktion gilt sic damit fUr allc 1I E No. 0

Beispiel 1.7:
Näherungsformeln fUr technische Berechnungen Jn der Technik tritt bei Binomen Ca + b)" häufig
der Spezial fall auf, daß Ibl "sehr viel kleiner« als lai -# 0 ist. Wir drücken dies durch Ibl « lai

13 Blaise Pascal (1623 - 1662). französieher Mathemaliker. Physiker. Literal und Philosoph
14 Hier ,"em'enden wir die slillsch.....eigende Vereinbarung. daß im Falle (I = 0 oder b = 0 einfach ff> = 1 gesetzt .....ird.
Normalem'eise iSI dies niehl erlaubt. Hier ist es aber ausdriicldieh geslaltet.
1,1 RccllcZahlcn 29

aus. Man klammert 0" aus und erhält

«(I + b)" = a" ( + -;;b)"


I

Wir setzen s = b/a, wobei Isl « I ist, und beschäftigen uns mit (I + s)". Im Falle" = 2 zum
Beispiel ist

(I + .<:)2 = 1+ 2.<: +.<:2::::: I + 2.<:.15

wobei der Summand.<:2 »vernachlässigt« wurdc, da er sehr klcin gegen I +2.<: ist. Man macht dies,
wenn e 2 im Rahmen der verlangten Genauigkeit (Meßgenauigkeit, Rundungsfehlerschranken)
liegt. [st etwa e = 1/100, so ist e 2 = 1/10000, d.h. bei Rechnen mit dreisteIliger Genauigkeit
liefert c2 schon keinen Beitrag mehl'. Entsprechend kann man näherungsweise setzen

(I +.<:)"::::: I +11'<:,

wcnn 1.<:1 « I. Dabei stehcn rechts nur die ersten beiden Glicder der binomischen Reihe. Sctzcn
wir hier.<: = 0/11, so erhalten wir

(I ')" ::::: I +8
+~ (101 «11).

Ziehen wir schließlich auf beiden Seiten die /I-te Wurzel, so folgt nach Seitenvertauschen die
Niiherungsformcl

Dabei haben wir uns über Fehlerabschätzungen hier großzügig hinweggesetzt. Sie folgen später
im Rahmen der Taylorschcn Formel.

Polynomische Formel: Statt (a + b)" kann man allgemeiner die Sumrnenpotenz «(/1 + (/2 + ... +
(/{')" betrachten. Für Ausdrücke dieser Art gilt eine Verallgemeinerung der binomischen Formel.
Sic hcißt:

Polynomische Formel:

(1.19)

Die Summe erstreckt sich dabei über alle möglichen p-Tupel (kl, k2, .... kl') mit

k 1 + k2 + ... + k l, = " , ( 1.20)

15 Das Zeichen"" bedeutet ~ungef:ihr gleich~. "" ist kein malhematisch exaktes Zeichen. Es wird dahcr nichl in Slren·
gen Beweiscn. Dclinitioncn oder Sätzen benutzt. .«lndern nur in Beispielen und Plausibilitäl.~iiberlegungen.
30 I Grundlagen

wobei die k; die Werte 0, J, 2, ... , 11 annehmen.


Die Zahlen
Il!
(1.21)

in obiger Summe heißen die Polynomialkoeffiziemen. Der Beweis der Formel verläuft nach dem
Muster des Beweises fUr die binomische Formel.

Übung 1.10:
Leite mit Hilfe der geometrischen Reihe die folgende Fonnel her:

(I E IR
IlEN.Il::2.

Übung 1.11*:
Beweise. daß fUr alle 11 E N gilt:

(;) - (';) + G) -G) + - .. + (-I)" (::) ~O.

Übung 1.12*:
Die Torsiolls.\·teifigkeit eines Rohres mit Durchmesser d und Wandstiirke s ist
rr , ,
IJ= 32«(/ -(d-2s».

Das Rohr sei diinnwandig: s « d. Gib eine Näherungsformel fUr IJ an (in Anlehnung an
Beispiel 1.7).

1.2 Elementare Kombinatorik


1.2.1 Fragestellungen der Kombinatorik
Die Kombinatorik beschäftigt sich mit Anzahlberechnungen bestimmter Gruppierungen von Ele-
menten, wie z.B. in folgenden Fragestellungen:
(a) Wieviele Fußballspiele finden in der Bundesliga während einer Saison statt?
(b) Der Vorstand eines Vereins von 20 Personen besteht aus Vorsitzendem, Schriftwart und
Kassenwart. Wieviele Möglichkeiten gibt es, den Vorstand zu besetzen? (Wer jemals erlebt
hat, wie schwer es ist, Vereillsvorstände zu finden, da sich alle drücken. der wird staunen,
wieviele Möglichkeiten es gibt!)

(c) Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, beim Lolto (6 aus 49) mit zwei Tippreihen sechs Rich-
tige zu erhalten?
1.2 Elementare Kombin<ltorik 31

(d) Ein Elektriker soll 12 Drahtenden mit 12 Kontakten eines Schaltbrettes verbinden. Leider
hat er den Plan rur die Verkabelung zu Hause vergessen: er würde 2 Stunden brauchen. um
den Plan zu holcn. Daher kommt er auf die Idee, alle Möglichkeitcn der Verkabelung der 12
Drähte mit den 12 Kontakten durchzuprobieren, um so schließlich die einzige richtige zu
finden (sie wird ihm durch eine aufblitzende Kontrollampc angezeigt). Zum Ausprobieren
eiller Verkabelung aller 12 Drähte benötigt er 10 Sekunden. Handelt er richtig? Oder fUhre
er besser nach Hause, um den Schaltplan zu holen?
Alle diese Fragen. wie auch verwandte Probleme, lassen sich auf sechs Grundaufgaben zu-
tiickflihren. Wir wollen sie im Folgenden erläutern.

1.2.2 Permutationen
Erste Grundaufgabe: [n wieviele verschiedene Reihenfolgen lassen sich 11 Elemente (11, (12 ...
(1" bringen?

Antwort: 11!.

Die Frage lautet in anderer Formulierung: Wieviele II-Tupcl lassen sich aus den Elementen GI,
a2, .... a" bilden, wobei verlangt wird, daß in jedem der/1- Tupcl alle Elemente al ....• a ll vor-

kommen. Jedes II-Tupel dieser An nennt man eine Permufarioll der Elemente Gt • ... , G". Die
Anzahl aller dieser Permutationen nennen wir PlI. Es wird also behauptet:

P" = I/! (1.22)

Beispiel 1.8:
Die möglichen Reihenfolgen. in die sich 3 Elemente 1.2,3 bringen lassen. lauten

123 231 312


132 213 321.

Es ist P3 = 3! = 6.

Beweis:
Von Pli = 11!: PI ist gleich I, da nur ein Element GI betrachtet wird. P2 ist gleich 2, denn al und
(12 lassen sich in genau zwei Reihenfolgen anordnen: «(lI.(2) und ({/2, (/l). Ferner ist P3 = 3!.
wie das Beispiel zeigt.
Wir wollen nun von 11 auf 11 + I schließen und nehmen an. daß P" = 11! flir ein bestimmtes Il
richtig ist. Gilt dann aueh P"+l = (11 + I)!? Um dies einzusehen. betrachten wir alle Permutatio-
nen von al, G2, ...• a,,+I, bei denen a,,+1 an erster Stelle steht:

Die übrigen Elemente (11, ..., (111 können auf den Plätzen 2 bis 1/ + 1 gcnau Il! Reihcnfolgcn
bilden. da P" = I/! vorausgesetzt wurde. Steht (1,,+1 an zweiter Position,
32 I Grundlagen

so können die (/1 ..... a/l auf den übrigen Plätzen wiederum n! Reihenfolgen bilden. So schließen
wir weiter. Da a,t+l an/1 + I verschiedenen Positionen stchen kann und fUr jedc dicser Positioncn
II! Permutationen der übrigcn Elementc vorkommen. gibt es (11 + I) 'Il! = (11 + I)! Permutationcn
von /I + 1 Elementen. was ZU beweisen war. 0

Beispiel 1.9:
Hiermit können wir nun unserem Elektriker aus Frage d) am Anfang des Abschnittcs aus der
Klenllllc helfen. Er ist dabei, allc möglichcn Reihcnfolgcn von 12 Elementcn (KontaktsteIlen)
durchzuprobieren. Davon gibt es aber

12! = 479001600.

Da er zum Verkabeln jeder dieser Reihenfolgen 10 Sekunden braucht. kommt er beim Durchpro-
bieren aller Möglichkeiten auf 4790ü I6000 Sekunden, das sind mehr als 151 Jahre. Wenn man
bedenkt. daß es rur ihn schwcr sein wird. während dieser Zeit nicht zu cssen und zu schlafcn.
dann wird klar, daß er doch besser nach Hause fUhre und seincn Schaltplan holtc.

Bemerkung: Pcrmutationcn spiclen in vielen Bereichcn dcr Mathcmatik eine Rolle, insbeson-
dere in der Algebra. wie z.B. in der Gruppentheorie, Körpertheorie und bei Determinanten. Auf
den letzten Aspekt wird in BurglHafIWilie (Lineare Algebra) [91 gcnaucr eingegangen.

1.2.3 Pcrmutationcn mit Idcntifikationen

Zweite Grundaufgabe: Aufwieviele verschiedene Weiscn lassen sich die Elemcnte

1I1.1I1. ···. 1I 1. {l2. 1I2.···. {l2. • lI r . lI r .···. lI r


~ ~ ~
k, k, k,

anordnen? 01 trete dabei kl-mal auf. 02 k2-mal, usw. Die Anzahl allcr E1cmellle ist

11 = kl + k2 + ... + kr .
Antwort:

n!
(1.23)

Es ist hicr also nach der Anzahl der II-Topel gefragt. in denen {ll genau kl-mal vorkommt, 1I2
genau k2-mal, 0] genau k]-mal. usw., bis {Ir. das gcnau kr-mal auftritt.

Beispiel 1.10:
An einem Fahnenmast sollen übereimlllder 10 Wimpel hochgezogen werden, und zwar 5 weiße.
3 rote und 2 blaue Wimpel. Dic 5 weißen Wimpel sehen untereimmdcr völlig gleich aus. dasselbe
gilt fUr die roten und flir die blauen Wimpel. Auf wievie1c verschiedenc Wcisen liißt sich der Fah-
nenmast mit den 10 Wimpeln schmücken? (Oder anders gefragt: Wievic1e vcrschiedene Signale
1.2 Elementare Kombin<ltorik 33

lassen sich mit den 10 Wimpeln geben?) Antwort: Die Anzahl ist

IO!
- - =2520
5!3!2!

Beweis:
von (1.23): Wir wollen zunächst davon ausgehen, daß dic anzuordnenden Elementc mit zusätzli-
chen obercn Indizes durchnumeriert sind:

Aus ihnen lassen sich genau n! Permutationen bilden. Ersetzen wir nun alle Elemente al, ..
(/~I durch ein und dasselbe Element (/1, d.h. »identifizieren« wir die Elemente (/1, ...,
(/~I, so
wcrden alle Permutationen gleichgesetzt. dic durch Umstellungen der al ... .,
a~1 auseinander
hervorgehen. Es gibt aber genau k l ! Reihenfolgen der Elemente al, ..., {/~I . Somit müssen wir
I/! durch kl! dividieren, um die Anzahl der Permutationen zu erhalten, in denen die Elemente (/1,
••. , (I~I }>identifiziert« sind, d.h. durch (11 ersetzt sind.
Entsprechend wird bei Identifizierung der Elemente (/~I+I , ••. ,(/~I+k2 durch k2! dividiert usw.
Damit ist dic gesuchte Anzahl von Permutationen, in denen {/I genau kl-mal vorkommt, (/2 genau
k2-mal usw. gleich

n!

o
Beispiel Lll:
Als weiteres Beispiel behandeln wir die Frage, wieviele verschiedene Kartenverteilungen beim
Skat möglich sind. Dabei werden 32 Karten verteilt. jeder der drei Spieler bekommt 10 Karten
lind zwei Karten wandern in den "Skat« .
Hier besteht das eigentliche Problem darin, den Zusammenhang mit der Grundaufgabe dcr
Permutationen mit Identifikationcn zu finden. Zu diesem Zwecke denke man sich die Skatkarten
zuniichst verteilt. Jeder Spieler markiere nun seine Karten. und ZW3f schreibe der erste Spieler
auf jede seiner Karten mit Bleistift ein a, der zweite Spieler auf jede seiner Karten ein b, der
dritte entsprechend c, und die beiden Karten im Skat werden mit d markiert. Anschließend lege
man alle Karten in "systematischer« Reihenfolge auf den Tisch, d.h. zunächst alle Kreuzkanen,
dann alle Pik, dann alle Her!: und dann alle Karo und jede »Farbe« in sich geordnet: As, K, 0, B,
10,9,8,7. Damit bilden die angebrachten Markierungen eine Permutation mit Wiederholungen,
wobei (/, b. c jeweils 10-mal vorkommen und d 2-ma1. Die Anzahl aller Permutationen mit
Idcntifikation ist aber
32'
=-::':''C.= == 2 . 75 . 10 1S .
IO! IO! 1O!2!
34 I Grundlagen

Dies ist die Anzahl aller Kartenverteilungen beim Skat.

Bemerkung: Dic Formel rur die Anzahl der Pcrmutationcn mit Idcntifikationcn ist grundlcgcnd
in der Kombinatorik. Sie stellt einen Allgemeinfall dar, aus dem sich viele Sonderfalle herleiten
lassen.

Beispiel 1.12:
Ein oft vorkommender Fall ist die Anordnung von Nullen und Einsen. z.B.

1001011001.

Frage: Auf wieviele verschiedene Weisen lassen sich k Einsen und m Nullen anordnen? Amwort:

~ -
Pm! -
(,,)
k .
wobei 11 = k + mist.

Übung 1.13:
Ein Fußballverein hat 13 aktive Spieler. Auf wieviele verschiedene Weisen kann man die Spieler
folgendermaßen cimcilcn: 3 Stürmcr, 3 Mittclfeldspiclcr, 4 Vcrtcidigcr. I Torwart, 2 Ersatzbank-
wänner?

Übung 1.14*:
Jcdc senkrechte Spalte eincr Lochkartc hat genau 12 Lochstcllen, In cinem bestimmten Codc
wcrden für jcdcs Zeichcn 3 Löcher pro Spaltc gcstan7.1. Wicviclc Zeichcn kann man in dicscm
Code verschlüsscln?

1.2.4 Variationen ohne Wiederholungen

Dritte Grundaufgabe: Es sei eine Menge aus 11 Elementen

gegeben. Aus ihr werden nacheinander k verschiedene Elemente herausgegriffen (k :s 11). Auf
wieviele Weisen ist dies möglich? Dabei komme es auf die Reihenfolge an, in der die Elememe
entnommen werden,
Antwort

Il!
11(11 - 1)(11 ~ 2) .. , (11 - k + I) = -;----;,-;
(11 k)!
1.2 Elementare Kombin<ltorik 35

2
5 7

8 8 10

Fig. 1.11: Urne mit Kugeln

Beispiel 1.13:
Aus einer Urne mit 10 durchnumerierten Kugeln werden nacheinander drei Kugeln entnommen
und in der entnommenen Reihenfolge nebeneinandergelegt, z.B.

000
Sie bilden ein Tripel. Wieviele solcher Tripel aus drei verschiedenen Kugeln lassen sich bilden?
Antwort:

10·9·8=720.

Die beschriebene dritte Grundfrage läßt sich kürz.er so fornmlieren:


Es sei eine Menge aus n Elementen lll, ... , ll" gegeben. Wieviele k-Tupel aus jeweils k ver-
schiedenen Elementen lassen sich daraus bilden (k ::5 n)?
k- Tupcl dieser Alt heißen Variationen zur koten Klaue olme Wiederholungen. »Ohne Wieder-
holungen,< deshalb, weil je zwei Elemente eines solchen n-Tupels verschieden sind, sich also
kein Element darin »wiederholt«.
Bemerkung: In Anlehnung an unser Urnenbeispiel nennen wir» Variationen ohne Wiederholun-
gen« auch geordnete Stichproben olme Zurücklegen.
Es ist nach der Anzahl der Variationen zur k·ten Klasse ohne Wiederholungen gefragt. Wir
bezeichnen diese Anzahl mit V".4'. Es wird behauptet:

Beweis:
Für die erste Position eines k-Tupels der beschriebenen Alt haben wir n Möglichkeiten der Be-
setzung. denn alle lll •... , (/" kommen dafLir in Frage. Ist die erste Position aber einmal besetzt.
so kommen fLir die zweite Position nur noch (11 - I) Elemente in Betracht, weil ja ein Element
schon fLir Platz I verwendet wurde. Da also allfjeden der 11 Fälle für Position I genall (Il ~ I)
36 I Grundlagen

Möglichkeiten fLir Position 2 kommen. ergibt dies zusammen

Il·(n-I)

Möglichkeiten, die ersten beiden Positionen zu besetzen. Für jede solche Besetzung gibt es dann
aber nur noch (11 ~ 2) Elemenle, die die dritte Stelle annehmen können. Also hat man

11' (n - I). (n - 2)

Möglichkeiten, die ersten 3 Positionen zu besetzen. So schließt man weiter und erhält rur die
Besetzungen aller k Stellen schließlich

11 . (n - I) . (11 - 2) . (11 - 3) . '(Il-k+l)

Möglichkeiten, also ein Produkt aus k Faktoren, beginnend mit dem Faktor 11 und von Faktor zu
Faktor um I absteigend. 0

Beispiel 1.14:

Frage b) aus Abschn. 1.2.1 wird hier beantwortet. Vorsitzender, Schriftwart und Kassierer bil-
den ein Tripel. Die Anzahl möglicher Tripel dieser Art ist also bei einer Vereinsstärke von 20
Personen gleich

20·19·18=6840

Beispiel 1.15:

Frage a) aus Abschn. 1.2.1: Wieviele Bundesligaspiele pro Saison? Es gibt 18 Fußballvereine
in der Bundesliga. Die Anzahl der Spiele ist gleich der Anzahl aller geordneten Paare aus 18
Vereinen, das sind V18.2 = 18· 17 = 306.

Übung 1.15:

Aus einern Kartenspiel mit 32 verschiedenen Karten ziehen 4 Spieler je eine Karte. \Vieviele
vcrschiedene Kartenverteilungen dieser Art gibt es?

Übung 1,16*:

Ein Autofahrer besitzt flir sein AlIIO sechs Sommerreifen. die er gleichmäßig »abfahren« möch-
te. Aus diesem Grunde beschließt er. in jedem Sommer mit einer anderen Reifenvertcilung auf
den vier Rädern zu fahren. Da sich beispielsweise links vorne ein Reifen stärker abnutzt als
rechts hinten. werden alle Räder hier unterschieden. Frage: Wird er alt genug. um das Ende
seines Vorhabens zu erleben?
1.2 Elementare Kombinatorik 37

1.2.5 Variationen mit Wiederholungen

Vierte Grundaufgabe: WievieIe k-Tupcllassen sich aus 11 Elementen

01. a2 •.... 0"

bilden? Dabei ist zugelassen, daß in jedem k- Tupel jedes Gi mehrfach vorkommen darf, maximal
bis zu k-ma!. Antwort:

k
Il (1.24)

k- Tupel der genannten Art heißen Variatiollen zur k-lell Klasse mit Wiederholu/fgen. Ihre Anzahl
wird mit V/I).: bezeichnet. Die Behauptung lautet also

-
VII.k = 11
, (1.25)

Beispiel 1.16:
Wieviele Tripel lassen sich aus den 10 Ziffern 0, 1,2,3.4,5,6.7,8,9 bilden? Die Antwort ist
leicht. denn es handelt sich hier gerade um die 3-stclligen natürlichen Zahlen. z.B. 577, wobei
wir ftihrende Nullen mitschreiben wollen. also 001 statt I oder 036 statt 36. Setzen wir noch 000
statt 0, so entsprechen die

Tripel aus den 10 Ziffern genau den Zahlen von 0 bis 999.

Beweis:
Zu (1.25): Für die erste Position eines k-Tupcls GI> G2, ..•, all haben wir /f Möglichkeiten der
Besetzung, nämlich alle GI, ... , a'I' Für jede solche Besetzung haben wir in Position 2 wiederum
alle 11 Elemente al, ... , G/I zur Auswahl. Somit gibt es

Möglichkeiten, die ersten beiden Position zu besetzen. Für jede Besetzung der ersten beiden
Stellen gibt es aber 11 Möglichkeiten, die dritte Position zu fUl1en. Also hat man

11·/f·n=n 3

Möglichkeiten, die ersten drei Stellen des k-Tupels zu besetzen. So geht es weiter. Somit hat man
zur Besetzung des k-Tupels genau Il k Möglichkeiten. 0

Übung 1.17:
Das Hexadezimalsystem besteht aus den 16 Zeichen O. I. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. A. B. C. D. E.
F. Wieviele 5-stellige Kombinatiollen kann man daraus bilden? (dies entspricht der Anzahl aller
höchstens 5-stelligen Hexadezimalzahlen. wobei fUhrende Nullen weggelassen werden.)
38 I Grundlagen

1.2.6 Kombinationcn ohne Wicderholungen

Fünfte GTllndaufgabe: Wieviele k-elementige Teilmengen lassen sich aus einer Menge M =
{al. {/2 .... ,o,,} von
11 Elementen bilden (k ::::: II)? Antwon:

G) = k!(I1'~ k)! (1.26)

Man spricht hier von Kombinalionen zur k-Iell Klasse olme Wiederholungen. Es wird lllso be-
hauptet. daß ft.ir ihre Anzahl KII.k gilt:

K",k ~ C) (1.27)

Beweis:
Die Elemente von M schreiben wir uns in der durchnumerienen Reihenfolge hin

und markieren die Elemente ai, die zu einer bestimmten Teilmenge gehören, durch eine darunter
geschriebene I und alle anderen Elemente durch 0, z.B.

07. a.
I I

fur 1/ = 8 und k = 5. Unsere Teilmenge besteht hierbei aus {/2. 03, {/S' 07, {/s. Auf diese Weise
entspricht jeder Teilmenge von M genau ein n-Tupel aus k Einsen und 111 = 11 - k Nullen. Nach
dem letzten Beispiel in Abschn. 1.2.3 gibt es aber genau (~) solcher II-Tupel. also gibt es auch
ebenso viele k-elementige Teilmcllgen von M. 0

Beispiel 1.17:
Das Lotto (6 aus 49) ist ft.ir Kombinationen ohne Wiederholung wohl das bekannteste und ft.ir
viele Menschen das aufregcndste Bcispiel. Unscre Überlegungen zeigcn. daß

(49)
6
=
49 ·48·47·46 ·45·44
1·2·3·4·5·6
= 13983816

verschiedene }}Tippreihen« beim Lotto möglich sind, also fast 14 Millionen. Die Chance. 6 »Rich-
tige« zu haben, ist daher recht klein.

Folgerung 1.10:
Eine 1I-e1ementige Mellge hol gelfau 2" Tei/llleflgelf.
1.2 Elementare Kombin<ltorik 39

Beweis:
Es gibt G) k-e1ementige Teilmengen in der Menge, also insgesamt

(,,)o + (,,)I + (,,)2 + (,,)3 + ... + (,,)


n

Teilmengen der Menge. Die hingeschriebene Summe ist aber nach der binomischen Formel
gleich (I + I)" = 211 • o
Übung 1.18:
Aus Äpfeln. Orangen und Bananen soll ein Obstsalm gemacht werden. Dabei sollen genau 10
Früchte verwendet werden. aber von jeder Sorte höchstens 5. Wieviele verschiedene Ob~lsalate
sind auf diese Weise möglich? (Guten Appetit).

1.2.7 Kombinationen mit Wiederholungen

Sechste Grundaufgabe: Aus 11 Elementen al, {/2, ...• {I1I sollen Gruppierungen von k Elementen
gebildet werden, wobei jedes Elcment mehrfach in einer Gruppierung auftreten darf, bis zu k-mal.
Auf die Reihenfolge der Elemente kommt es dabei nicht an. Wieviele solcher Gruppierungen sind
möglich? Antwort:

( 1.28)

Gruppierungen der beschriebenen Art werden Kombillationen zur k-ten K/asu mit Wiel/erilO/ulI-
gen genannt und ihre Anzahl mit K /l.k bezeichnet. Es wird somit behauptet:

_ ('+"-')
K".k = k ( 1.29)

Beispiel 1.18:
Wieviele verschiedene Würfe sind mit 3 Würfeln möglich, wobei es auf die Reihenfolge der
=
Würfel nicht ankomme. Hier ist k 3 und 11 =
6. also gibt es

('+"-') (8)3 8·7·6


k
=
I ·2·3
=--=56

verschiedene Würfe.

Da es auf die Reihenfolge der Elemente einer der genannten Gruppierungen nicht ankommt,
können wir sie etwa nach aufsteigenden Indizes anordnen, z.B.
40 I Grundlagen

Solche k-Tupeillennen wir mOIlOfOlle k-Tupel. Damit läßt sich die sechste Grundaufgabe auch
so formulieren:
Wieviele monotone k-Tupel lassen sich aus n durchnumcrierten Elementen a[, a2, ... , an
bilden?

Beweis:
Von (1.29): Um einzusehen, daß die von uns gesuchte Anzahl gleich (k+~-l) ist, fassen wir ein
Beispiel ins Auge, ctwa mit Il = 5 und k = 7. Ein monotones 7-Tupcl uus a[, (12. (13. {/4. (15 ist
also z.B. durch

gegeben. Wir wolten dies etwas umdeuten, und zwar folgendermaßen: Wir denken uns fünf Kä-
sten, VOll I bis 5 durchnumericrt. Die drei Elemente a[ sollen bedeuten, daß im Kastcn I drei
Kugeln liegen, (13 bedeutc, daß im Kasten 3 eine Kugclliegt, usw. Damit entspricht unser 7-Tupel
folgendem Bild (Fig. 1.12):

Fig. J 12: KäSlcn mit Kugeln

Lasse ich aus diesem Bild alles weg mit Ausnahme der Kugeln und der Zwischenwände der
Kästen, so entsteht folgendes:

0001 I 0 I 0 I 00
Fig. 13: Umdeulung

Sieh da! Dies schaut doch sehr nach einer Reihenfolge von 7 Nullen und 4 Einsen aus! Davon
gibt es aber genau

nach Abschn. 1.2.3. allgemeiner; wegen k = 7, 11 = 5:

Dies ist die gesuchte Allzahl1l1onotoner k-Tupel. o


1.2 Elementare Kombin<ltorik 41

Fig. 1.14: Ume mit Kugeln

1.2.8 Zusammenfassung

Die letzten vier Grundaufgaben lassen sieh übersichtlich am Beispiel einer Urne mit Kugeln
darstellen. Und zwar stellen wir uns eine Urne oder einen Topf vor, in dem 1/ durchnumerierte
Kugeln liegen. In Fig. 1.14 ist 1/ = 10. Aus ihr sollen k Kugeln entnommen werden, z.B.: k = 4.
Wir sprechen von einer Stichprobe von k Kugeln, und zwar von einer geordneten Stichprobe,
wenn es uns auf die Reihenfolge der herausgenommenen Kugeln ankommt; von einer ul/geord-
neten Stichprobe. wenn es nicht auf die Reihenfolge ankommt. Also

geordnete Stichproben = Variationen


ungeordnete Stichproben = Kombinationen

Wir stellen uns nun zwei Gedankenversuche vor.

(I) Im ersten Versuch nehmen wir nacheinander aus der Urne k verschiedene Kugeln.

(2) Beim zweiten Versuch entnehmen wir der Urne eine Kugel, notieren ihre Nummer und
legen sie dann zurück. Dann entnehmen wir der Urne wieder eine Kugel, notieren ihre
Nummer und legen sie zurück. So fahren wir fort bis zur k-ten Kugel. Hierbei kann es
daher passieren, daß die gleiche Kugel mehnnals gezogen wird.

Beim zweiten Versuch sprechen wir von Stichproben mir Zurücklegen. Beim ersten Versuch
entsprechend von Stichproben olme Zuriicklegen. Bei Zurücklegen können also Wiederholungen
von Kugeln auftreten. Wird nicht zurückgelegt, so treten keine Wiederholungen auf.

ohne Zurücklegen elllspridl/ ohne Wiederholungen


mit Zurücklegen eil/spricht mit Wiederholungen

Somit entsteht folgende Tabelle, wobei von 11 Elementen bzw. Kugeln ausgegangen wird:
42 I Grundlagen

V~rimionen zur k-ten KI~sse ohne Wiederholungen Kombin~tionell·lur k-ten KI~s>c ohne Wiederholungen

geordncte Stichproben von k Kugeln ohne Zuriicklcgen. ungeordnctc Stichproben I"On k Kugeln ohnc Zuriicklcgen.

Anzahl: Vn J,. = - - -
. "
(,,-k)! Anzahl: K".k = G)
Variationen zur k-tcn KI~ssc mit Wiedcrholungcn Kombill~tiollcn zur .l:-tcn Klasse mit Wiedcrholungcn

gcordnete Stichproben von.l: Kugeln mit Zurücklegen. ungcordncte Stichproben I"On .l: Kugeln mit Zurücklegen.

Anzahl: V".k = ,/ -
An7.ahl: Kn.k = ("+*-')
.l:

In diese Vier-Felder-Tafel ordnen sich die Permulaliullell (I. Grundaufgabe) ein als spezielle
Variationen zur k-ten Klassen ohne Wiederholungen, nämlich für den Fall k = Il.
Die Permlllmionell mir Idemijikmionell dagegen gehen über dieses Schema hinaus. Ihre An-
zahl ist
n!
( 1.30)

(siehe Abschn. 1.2.3). Man kann aber alle übrigen Fälle, ausgenommen Variationen mit Wie-
derholungen. als Spezial falle von Permutationen mit Identifikationen ansehen. wenn man sie
geeignet itllerpretiert.

1.3 Funktionen

1.3.1 Beispiele

Viele Vorgänge in Naturwissenschaft und Technik werden durch »Funktionen« beschrieben.

Beispiel 1.19:
Die Gleichung
m
mit g =9,81-:;- (1.31)

beschreibt den freien Fall: Läßt man einen Körper fallen, z.B. einen Schlüssel von einem Turm
(s. Fig. 1.15), so ist cr nach I Sekunden s Meter gefallen. (Dies ist streng genommen nur im
Vakuum richtig. Der Wert g = 9.81 ~ gilt für Miueleuropa.)
Für jede Falldauer t können wir nach obiger Gleichung die Fallstrecke s berechnen. Es ist also
eine Vorsc:hrifl gegeben. die jedem I ::: 0 eine bestimmte Zahl ~. zuordnet. Eine Vorschrift dieser
Art nennt man eine Funktiol/.
1.3 Funktionen 43

Fig. I.lS: Zum Fallge~clz

Beispiel 1.20:
In einem Stromkreis mit einer Spannungsquelle von U = 220 Volt und einern Widerstand Rist
die Stromsttirke
U
J= /i' ( 1.32)

Man erkennt: Je kleiner der Widerstand R, desto größer die Stromstärke J. (U = 220 Volt
sei konstant dabei). Die Gleichung ordnet jedem Widerstand R eine Stromstärke J zu. Es liegt
wieder eine Funktion vor.

U.220V

Widerstand

Fig. 1.16: Slromkreis Fig. 1.17: Gleisbogen

Beispiel 1.21:
Es sei ein G/eisbogen gegeben, der Teil eines Kreisbogens i~t. (Gemeint ist dabei die Mittellinie
zwischen den beiden Schienen des Gleise~.) Wie groß ist der Durchmesser y des Kreises? Wir
denken uns dabei zwischen zwei Punkten PI, P2 des Gleises eine Verbindungsstrecke gezogen.
Der Mittelpunkt M der Strecke habe vom Gleis den Abstand.r (s. Fig. 1.17). Die Entfernung
zwischen M und Pt sei a. Die Längen x und a seien gemessen worden, z.8. a = 10m. x =
44 I Grundlagen

0,75m. Den noch unbekannten Radius des Kreises nennen wir 1', Wendet man den Satz des
Pythagoras auf das schraffierte Dreieck in Fig. 1.17 an. so erhält man
o
r~ = a
2
+ (I' - .tf0 . also

Hier fallt 1'2 heraus. Auflösen nach 21' = yergibt

y=-+x.
a' ( 1.33)
x
Dies ist die Berechnungsvorschrift ftirden Kreisdurchmesser y. Nimmt man {/ als fest an (was un-
ter Verwendung eines Bandmaßes konstanter Länge realistisch ist), so stellt die obige Gleichung
eine Funktion dar, die für jedes XE (0, aJ den Durchmesser y liefert,
(Da x normalerweise sehr klein gegcn a 2 /x ist, kann näherungsweise mit y ~ a 2 /x gerechnct
wcrden. So wird in der Praxis auch häufig verfahrcn.)

Man beschreibt eine Gleichung wie (1.33) auch abgekürzt durch

y ~ fex)

1.3.2 Reellc Funktionen eincr reellen Variablen


Den Beispielen des vorigen Abschnitts ist gemeinsam, daß jeweils eine Vorschrift gegeben ist.
die bestimmtcn reellen Zahlen andere Zahlen eindeutig zuordnet. Solche Vorschriften heißen
Funktionen. Wir präzisiercn dies in dcr folgcndcn

Definition 1.1:
Eine Vorschrift, die jedem x aus einer Menge A C IR genau ein y aus einer Menge
B C IR zuordnet, heißt eine Funktion 1'011 A in B. Funktionen von A in B werden
symbolisiert durch

J:A--+B, g:A--"B,

Ist der zahl x E A durch die Funktion f : A --+ B dic zahl y zugcordnet so beschrcibt
man dies durch

y = fex) sprich: »y gleich f von XK

y heißt FUl1ktioliswcn oder BifdplIllkt von x, x heißt Argumelll oder Ul'bildpUllkl von
y bezüglich f. Gelegentlich wird x auch unabhängige Väriable dcr Funktion genannt,
insbesondere dann, wenn x noch nicht zahlcnmäßig festgelegt ist, sondern als »Platz-
halter« fUr reelle Zahlcn aus A aufzufassen ist. y heißt in diesem Zusammcnhang
abhängige Variable von f.
Die Menge A wird der Definitiollshereich oder Urbildbereich von f genannt, wäh-
rend B der Bildbereich von f heißt. Als Werlebereich von f bezeichnet man die Men-
ge aller Funktionswerte fex). mit xE A. Er wird durch f(A) symbolisiert.
1.3 Funktionen 45

Natürlich gilt f{A) C 8, doch braucht fCA) nicht gleich dem Bildbereich 8 zu sein.
Z.8. kommen bei der Funktion f : IR ....... IR, definiert durch

Y=f(x)=x 2 ( 1.34)

als Funktionswerte alle)' ~ 0 vor. Negative Funktionswerte [(x) treten nicht auf. Der Wertebe-
reich [CIR) ist also das Intervall [0. 00). während als Bildbereich IR angegeben ist.
Zur Beschreibung von Funktionen [ : A ....... 8 wird neben

)' =... oder I(x) =

auch folgende Symbolik verwendet:

I :x 1-+ ... E 8 16. x E A

wobei 8 weggelassen werden darf, wenn 8 = lR ist.

Beispiel 1.22:
Die Funktion I: [0.00) ....... IR. definiert durch

fix) ~ -IX - J <

wird auch in der Form

I: x 1-+ .JX - I. XE [0,00)

beschrieben. Im übrigen gilt folgende

Faustregel: Wie man eine Funktion beschreibt, ist völlig gleichgültig, sofern nur daraus klar
hervorgeht, was der Definitionsbereich ist, was der Bildbereich ist. und wie die Zuordnungs-
vorschrift lautet!

Die in diesem Abschnitt beschriebenen Funktionen nennt man auch ausfuhrlicher »reelle Funk-
tionen einer reellen Variablen«. womit ausgedrückt wird, daß Funktionswerte und Variable reelle
Werte annehmen.

Übung 1.19:
Die folgenden Funktionsvorschriflen beschreiben rcellwcnige Funktionen einer reellen Varia-
blen _L Gib die größtmöglichen Definitionsbereiche und die zugehiirigen Wertebereiche dazu
an!

(a) /(x) = JX"='l. (b) g(.r) =


_,,'.., c+c-:
X
,--"
x~-4x+3
(c) 1J(.r) = -<-,
"
1+.(

16 Sprich: »x wird abgebildet auf j(x)«


46 I Grundlagen

1.3.3 Tabellen, graphische Darstellungen, Monotonie


Um uns einen Überblick über eine gegebene reelle Funktion 1 : A _ B zu machen, ist es
zweckmäßig. für einige Zahlen x aus A die zugehörigen Funktionswertc y = I(x) zu ermitteln
und sie in einer Tabelle zu ordnen. (Mit Taschenrechnern oder Computern ist das heute eine
Klcinigkeit.)
Für die Funktion 1 : IR _ IR. beschrieben durch

Y=/(x)=x 2

sind in der Tabelle 1.2 einige Werte zusammengestellt. (Da (_x)2 =: x 2 ist. genügt es. positive
x-Werte zu betrachten.)

Tabelle 1.2: f(x) := x2

x y = x2 x y = x-
, x y= .t 2

0 0 0.8 0.64 1.8 3.24


0.2 0.04 1.2 1.44 2.0 4.00
DA 0.16 1.4 1.96
0.6 0,36 1.6 2.56

Anschließend kann man die in der Tabelle ermittelten Zahlenpaare (x. y) als Punkte in einem
ebenen Koordinatensystem deuten und sie dort eintragen. Dann verbindet man diese Punkte in
der Reihenfolge aufsteigender x-Werte durch eine Linie, die zwischcn benachbarten Punkten ge-
radlinig odcr schwach gekrümmt ist. Auf diese Wiese erhält man ein Schaubild (auch Diagramm
genannt) der Funktion 1 (s. Fig. 1.18). Es spiegelt die Funktion umso genauer wider, je mehr
Punkte man dazu verwendet, und je genauer man sie skizziert (etwa auf Millimctcrpapier).

,
-1 0

Fig. 1.18: Schaubild von f(x) = x 2

Mit geeigneten Computerprogrammen kann mall Schaubilder von Funktionen bequem auf
dem Bildschirm oder Plotter erzeugen.
Die gezeichnete Linie stellt den Graphen der Funktion dar. Unter dem Graphen einer Funktion
1 : A _ B versteht man, präzise gesagt. die Menge aller Paare (x. y) mit y =: I(x). x E A. Der
1.3 Funktionen 47

Graph von j wird durch graph(f) symbolisiert, in Mengcnschreibweise also

graph(f) = {(x. y) I y = /(x) und x E Al.


Fig. 1.18 zcigt den Graphen der Funktion /(x) = x 2 , j : IR -+ IR, allerdings nur teilweise, da er
sich ja beliebig weit nach oben und seitwärts erstreckt. Der Graph dieser Funktion hat die Form
einer »Parabel« .

Beispiel 1.23:
Die durch

j(x)=3x-1

beschriebene Funktion j : IR -+ IR ist in Fig 1.19 skizziert. Ihr Graph ist offenbar eine Gerade
durch die Punkte (0. -I) und (~.O), die man erhält durch /(0) = ~ I und 0 = !(x) = 3x ~ I =>
x= j.

,
y

-1
-, -, '<- ,
, •

~
-

-,
Fig. 1.19: j(.rl = lr - 1 Fig. 1.20: Hyperbel j(.r) = t
Beispiel 1.24:
Die Gleichung

I
Y ~ J(x) ~ -
x

beschreibt eine Funktion, die nur fur x cl 0 erklärt ist, d.h. es ist / : IR \ {Ol -+ IR. Ihr Graph,
s. Fig. 1.20, ist eine »Hyperbel«
48 I Grundlagen

Beispiel 1.25:
Unsere Funklion

j(x)=~+x.
a' j:(O.a].-....+ IR. a=20.
x
Aus Beispiel 1.21 (Krürnrnungsdurchrnesser) ist in Fig. 1.21 skizziert. Sie ist natürlich nur fur
o< x ::: (/ zur Berechnung von Krürnrnungsdurchmessern sinnvoll. wie die geornetrische Her-
leitung in Beispiel 1.21 ergibt. In Fig. 1.2 I wurden die Maßeinleilungen auf den beiden Achsen
verschieden gewählt. Man sicht, daß dies zweckmäßig sein kann, wenn man die Übersichllichkeit
erhöhen will.

15<)

"",
p-H

100

5<) ,
,
------
,
,
, ,
0 5 10 15 20

Fig. 1.21: Zur Berechnung von Gleisdurchrnessern

Beispiel 1.26:
Da Funklionsgraphen als geometrische Figuren skizziert werden können, kann man auch umgc-
kehrt versuchen, geometrische Figuren durch Funktionen zu beschreiben, wie z.B. die Kreislinie.
Man muß sich allcrdings auf einen Halbkreis beschränken, s. Fig. 1.22, da beim Voll kreis die
Eindeutigkeit der Funktion vcrletzt würe.
Wir gehen aus von einem Halbkreis mit dem Koordinalenschniupunkt als Miltclpunkt und
mit dem Radius I (s. Fig. 1.22). Für jcdcn Punkl (x, y) auf dem Halbkreis gilt offenbar nach
»Pythagoras«

x2 + i = I.
1.3 Funktionen 49

wobei -I ~ x ~ I, 0 ~ y ~ I ist. Aulläsen nach y ergibt

Diese Gleichung beschreibt die Funktion f [-I. I] --?' IR. deren Graph der Halbkreis in
Fig. 1.22 ist.

Funktionen brauchen nicht unbedingt durch Formeln beschrieben zu werden, wie die folgen-
den Beispiele zeigen.

,
,

o
Fig. 1.22: Halbkreis Fig. 1.23: Heaviside-Funktion: Einsehaltvorgang

Beispiel 1.27:
Durch

JI. falls x ~ O.
10 .
y ~ I(x) ~
falls x < 0

ist eine Funktion f : IR --?' IR angegeben, deren Graph aus zwei waagerechten Halbgeraden
besteht, s. Fig. 1.23. Sie beschreibt einen Einschaltvorgang: Zur Zeit x < 0 ist die Spannung y
an einer Spannungsquelle O. Zur Zeit Null wird eingeschaltet, die Spannung springt auf I Volt
und verbleibt in dieser Höhe rur alle Zeiten x ~ O. Die beschriebene Funktion heißt Hcal'iside l7 -
FUllktioll.

Beispiel 1.28:
Entsprechend ist durch

I(x)~ (2. wenn 11 ~ X < 11 + I, 11 gerade,


O. wenn 11 ~ .r < 11 + I, " ungerade
(n ganzzahlig) eine Funktion gegeben, die sogenunnte })Rechtcckimpulse« dursteilt, s. Fig. 1.24.
Auch diese Funktion spielt in der Elektrotechnik eine Rolle.

17 Olivcr Heaviside (1850-1925). cnglischer Mathematiker und Physiker


50 I Grundlagen

,
-4 -3 -2 -1 0 2 3 ,
Fig. 1.24: Rechlcckimpulsc

Schließlich eine ziemlich verrückte Funktion:

Beispiel 1.29:
,,
[(x) ~
I
0,
falls x rational.
falls x irrational,
mit 0 .:": x .:": I, beschreibt eine Funktion [ : [0, 1J --?' IR, deren Graphen man nicht einmal
skizzieren kann. Oder könntest du es, lieber Leser? Trotzdem handelt es sich hier um eine Funk-
tion. denn es liegt eine klare Vor~hrift vor, die jedem xE [0.1 J genau einen Funktionswert [(x)
zuordnet. Und das ist das Wesentliche!

Die grafische Darstellung von Funktionen kann auch auf andere Weise geschehen als im recht-
winkligen Koordinatensystem. Dazu führen wir zunächst einen wichtigen Begriff ein.

Definition 1.2:
Eine Funktion [ A --?' 8 (A, B C IR) heißt monoton steigend, wenn rur alle Xl.
X2 E A mit x] < X2 gilt:

[heißt streng mOllotoll steigend, wenn sogar fex]) < f(X2) statt (1.35) gilt.
Entsprechend wird monotoll fallend und streng mOllotOIl fallend erklärt. Hierbei
ist fex]) ~ f(xü bzw. f(xd > f(X2) anstelle von (1.35) zu setzen. Alle diese
Funktionen heißen monotone Funktionen.

Die Funklionen der Beispiele 1.23 und 1.27 sind monoton steigend, die Gerade im Beispiel 1.23
sogar sireng. Dagegen iSI die Krümmungsdurchmesserfunktion im Beispicl 1.25 streng monoton
fallend.
Funktionsleitern: Ist f : I --?' IR eine streng monotone Funktion auf einem Intervall I, wie
z.B. in Fig. 1.25a, so kann man die x- und y-Achse zusammenfallen lassen. etwa zu einer senk-
rechten Geraden, s. Fig. 1.25b. Dabei markiert man links an der Geraden die y-Werte in normaler
Anordnung, d.h. wie bei der reellen Achse üblich. Rechts markiert man die jeweiligen Urbilder x
dcr y-Werte, wie es Fig. 1.25b deutlich macht. Eine solche Darslellung der Funktion nennt num
Funklionsleiter.
Gelegcntlich wird auch die Markierung der y-Wertc weggelassen, insbesondere dann, wenn
1.3 Funktionen 51

y y ,
30 30

2Q
I
--r+
• 2Q
4
2
- + - -1- .. 0 100
10 I I 10
I I
- - - - -2
-41 2 4 , 0
I
I
-10 -10 10
I
I -2Q -2Q 5

-4

0) b)

Fig. 1.25: Monotone Funktion mit Funktionslei- Fig. 1.26: Funktionsleiter lIon )' = logx
,ce

kein Zweifel über die Lage von y = 0 und y = I besteht. Man kann dann durch Anlegen eines
Lineals mit Meßskala die y-Werte jederzeit bekommen.
Ein Beispiel daftlr ist die Logarithmusfunktion 18, s. Fig. 1.26, deren Funktionsleiter auf Loga-
rithmuspapier vorkommt.

Übung 1.20:
Skizziere die Funktionsleiter der Funktion! : 1-2.2J _ IR. die durch !(x) = .r 3 dcfinicn ist.

1.3.4 Umkehrfunktion, Verkettungen


Durch die Gleichung

I
Y = -x - I
2
ist eine Funktion f : IR -,lo IR beschrieben. deren Graph eine Gerade ist, s. Fig. 1.27a. Löst man
die Gleichung nach x auf, so folgt

x =2y+2.

Wir können dies als eine Funktion deuten, die jedem y E IR ein x E IR zuordnet. Diese Funktion
heißt Umkeillfilllktioll von f. beschrieben durch 1~1 : IR -,lo IR. Die beiden Funktionsgleichun-
gen, durch fund 1-1 ausgedrückt, lauten also (s. Fig. 1.27a), b»

18 s. Abschn. 2.4.3
52 I Grundlagen

Es ist auch naheliegend, das eine als »Umkehrung« des anderen zu bezeichnen. In x := /-1 (y)
werden die Bezeichnungen x und y auch gelegentlich wieder vertauscht. so daß die Umkehrfunk-
tion durch y := /-1 (x) beschrieben wird. Man kann sie so in das gleiche Koordinatensystem wie
/ einzeichnen, s. Fig. 1.27c).
Nichtjcdc Funktion hat eine Umkehrfunktion. Um dies zu erläutern, vcreinbarcn wir folgende

Definition 1.3:
Es sei / : A ...... ß eine Funktion.
(a) / heißt injeklil'. wenn verschiedenc Argumente Xl. X2 E A verschiedcne Bild-
punkte /(XI). /(X2) haben, d.h. wenn gilt:

(b) / heißt eine Fllnktiun VUII A wif B, oder kurl.: surjektiv, wcnn der Wertebereich
/(A) von / gleich dem Bildbereich B ist, also

!(A) = B.

(c) / heißt bljektiv odcr umkehrbar eindeutig. wenn / injektiv und surjektiv ist.

y ,
,,
,
, .,
,,
y.1 ()()

01 L-L-_-'---_ _--'

Fig. 1.27: Die Umkehrfunktion von f erhält man durch Spiegelung an der gestrichelten 45 0 -Geraden

Beispiel 1.30:
Wir betrachten vier Funktionen (s. Fig. 1.28)
x
g(x) = I + lxi' g: IR ...... IR. hex) =x 2 , 11: IR ...... [0,00).

/(x)=x 3 . f:IR ...... IR. k(x)=I+x 2 . k:IR ...... IR.

g ist injektiv, aber nicht surjektiv, denn der Wertebereich von 8 ist (-I. I), d.h. verschieden vom
Bildbercich IR. 11 ist surjektiv, da es zu jedem y E [0.00) mindestens ein x gibt mit y = x 2,
nämlich x = .jY. Jedcs y > 0 hat zwei Urbildpunkte: x = .jY und x' = -.jY. Es gilt dahcr
x =1= x', aber hex) = hex'), d.h. h ist nicht injcktiv~ fist offcnbar bijektiv, während k keine der
genannten Eigenschaften hat (armes k).
1.3 Funktionen 53

injektiv surjektiv bijektiv keine der


Eigenschaften

Fig. 1.28: Zu Beispiel 1.30: Funktionen mit verschiedenen Eigenschaften

Damit können wir den Begriff der ))Umkehrfunktion« priizise fassen.

Definition 1.4:
Es sei I A --+ B bijektiv, d.h. jedes y E B hat genau ein Urbild x bezüglich I.
Diejenige Funktion, die jedem y E B gerade das Urbild x bezüglich I zuordnet, heißt
die Umkelufimktioll von I. symbolisien dureh I-I : B --+ A.

Man kann diesen Sachverhalt auch kurz so ausdrücken: Für alle x E A gilt:

Durch Einsetzen gewinnt man die Gleichungen

y==IU-1(y» fUralle yEB,


x==I-IU(x» fliralle xEA.

Man kann also sagen: I und I~I »heben sich auf«, wenn sie nacheinander angewandt werden.
Der Graph der Umkehrfunktion y == I-I (x) entsteht durch Spiegelung des Graphen von y ==
I(x) an der Winkelhalbierenden der positiven Koordinatenachsen (s. Fig. 1.27).
Wir ziehen die unmittelbar einsichtige

I"olgerung 1.11:
Jede streng monotone Funktion I A --+ B von A C IR auf B C IR besitzt eine
Umkehrfunktion.

Verkettungen: Will man einen Funktionswen der Funktion

y==h(x)==~. h:IR--+IR.
54 I Grundlagen

ausrechnen, so hat man zuerst z = x 2 + I zu berechnen und dann y ../i.. Faßt man diese
Gleichungen als Funktionsgleichungen

z = g(x) = x 2 + I .
y ~ I(z) ~.ji

auf, so wäre

y = hex) = f(g(x».

Man spricht von einer Verkellllng der Funktionen g und f auf der rechten Seite der Gleichung.

Definition 1.5:
Sind g : A --+ Bund f : B --+ C zwei Funktionen, so ist durch

y = f(g(x», XE A,

eine neue Funktion gegeben, die A in C abbildet. Sie wird mit fog bezeichnet und
Verkettullg (Komposition, Hintereil/allderallsjiihrung) von g und f genannt.

Die Funktion fog: A --+ C iSI also gegeben durch die Gleichung

(f 0 g)(x) ,~ I(g(x)).

fog spricht man »f nach g « aus.

Beispiel 1.31:
Ist g(x) = 3x 4 + 2 und fez) = l/z so ist

1 1
(j 0 g)(x) = f(g(x» = - = 4 .
g(x) 3x +2

Ganz einfach!

Übung 1.21:
Berechne die Umkehrfunktionen der folgenden Funktionen und skizziere sie.
(a) y = I(x) = I: IR --lo IR.
2r - 5.
l+x
(b) y = g(.l) = - - , g: IR \ PI _ IR \ (-I),
I-x
x
(c) y = l1(x) = - - . h: IR --lo (-1.1)
r + lxi

1.3.5 Allgemeiner Abbildungsbegriff


Wer hindert uns eigentlich, den Funklionsbegriff auf beliebige Mengen zu übertragen? Sicherlich
niemand. Denn von der Tatsache. daß Definitions- und Bildbereiche aus reellen Zahlen bestehen,
1.3 Funktioncn 55

wurde in Ocr. 1.1 kein Gebrauch gemacht. Wir definieren daher Funktionen, auch Abbildungen
genannt, auf beliebigen Mengen. (»Funktion« und »Abbildung« bedcuten vollkommen dasselbe.
Gewohnheitsmäßig spricht man aber in der Analysis bei reellen Bildbereichcn von Funktioncn
und sonst von Abbildungen.)
1m Folgenden scien A, B, C beliebige Mengen (z.B. endliche Mengen, Teilmengen des IR",
Punklmengen dcr Geometrie oder sonstige).

Definition 1.6:
Eine Vorschrift, die jedem x aus einer Menge A genau ein y aus einer Menge B zu-
ordnet. heißt eine Abbildung (oder Funktion) von A in B. Abbildungen von A in B
werden symbolisiert durch

Ist dcm Element x E A durch die Abbildung [ A _ B das Element y E B


zugeordnct, so schreibt man

J'~f(x).

y heißt Bihipunkt von x und x Urbildpunkt VOll y bezüglich [. A heißt Definitions-


bereich (oder Urbildbereiclt) und B Bihibereich VOll [ . 1st C Teilmenge von A, so
bezeichnet man mit [(C) die Menge aller [(x) mit x E C. Die Menge [(A) aller
Bildpunkte von [ heißt der Wertebereich von f. Es gilt [(A) C B. Die Menge aller
Paare (x, y) mit y = [(x) heißt Graph von [, symbolisch: graph(f).

."
A

" .~~'~':=~t==f==: • y,

y•• .y,
" e---f-------'''<----.<o • y,

Fig. 1.29: Einc Funktion bei Cl1dlichen Mengen

Zur Veranschaulichung einer Abbildung [ : A _ B, wobei A und B endliche Mengen sind,


kann man wie in Fig. 1.29 vorgehen: Man zeichnet zunächst Pfeile von den Urbildpunkten A zu
den jeweiligen Bildpunkten B. Abbildungen im IR" behandeln wir in den Abschnitten 6.
56 I Grundlagen

Übung 1.22:
Es seien f : A --jo Bund g : ß --jo C zwei Abbildungen. deren Koml'Osition gof: A --jo B
bijekliv ist. Zeige. daß f :A --jo B injekliv iSl und 8 : B ...... C surjektiv. Man mache sich klar.
daß dabei weder f noch g bijekliv zu sein brauchen. d.h. gib ein Beispiel an. bei dem weder f
noch g bijektiv sind. sebr wohl jedoch gof. (Es genügt. dazu Mengen A. B. C zu belrachlen.
die nicht mehr als drei Elemente haben.)

1.4 Unendliche Folgen reeller Zahlen

Bei unendlichen Folgen treten uns zum ersten Male die Begriffe KOIII'ergel/z und Grel/zwert ent-
gegen. Folgen erweisen sich später als unentbehrliche Hilfsmittel fur höhere Grenzwertbildun-
gen, wie beim Differentialquotient, beim Integral, bei Polenz- und Fourierreihen. Damit stchen
sie am Anfang der eigentlichen Analysis, die man als die »Lehre von den Grenzwertbildungen«
bezeichnen könnte.

104.1 Definition und Beispiele

Zunächst betrachten wir ein Beispiel: SelZl man in die Formel (I" = 1/1/ 2 nacheinander die
natürlichen Zahlen 1,2,3,4, ... anstelle von 11 ein, so erhält man die Zahlen

I I I I
( 1.36)
1'4'9'16'25'"
Man spricht hierbei von einer ul/endlichen Folge reeller ZillJfen. Allgemein:

Definition 1.7:
Eine Vorschrift, die jeder natürlichen Zahl 11 eine reelle Zahl (/" zuordnet, heißt eine
ul/endliche Folge reeller Zahlen, kurz Folge genannt. Sie wird beschrieben durch

(11·(12,(13, ••• ·(111' ••• ( 1.37)

Man verwendet fLir eine Folge auch die Kurzschreibweise (all), wenn aus dem Zu-
sammenhang klar ist, daß nichts anderes gemeint sein kann. Die Zahlen an der Folge
heißen Elemellte der Folge,,, nennt man den Index des Folgene1cmentes a/l'

Bemerkung: Eine Folge ist nichts anderes als eine Funktion a : N -,l- IR, deren Funktionswerte
{/(II) in der Form a" beschrieben werden.
Oft werden die Indizes 1,2,3, ... einer Folge auch durch andere ersetzt, wie z.B. 0, 1,2,3,
. oder 2, 4, 6, .... Die Folgen erscheinen dann in der Gestalt

°0.(/1.(12.···.(//1.··
IA Unendliche Folgen reellerZ<lhlen 57

,
, , ,
, , ,
, , ,
"
2 3 4
• 9

Fig. 1.30: Darstellung einer Folge als Streckenzug

odoe

(/2.(/4.(/6.···.(/2".····

Dabei ist aber klar, welches das erste Element, das zweite, das dritte, usw. ist, so daß mittelbar
wieder jedcr natürlichen Zahl ein Folgenelement zugeordnet ist.
Weitere Beispiele für Folgen sind

I I I I
( 1.38)
1'2'3'4'5"
"
I 234
2' 3' 4' 5" , 11 "I
+ .
( 1.39)

1.4.9.16.25..... 11 2 •. ( 1.40)
-1.1.-1.1.-1 . . . (-1)" ... ( 1.41)

In Kurzform lautcn sie

G)".N
2
(11 )"EN, «-I)")/teN·

Die crstc dieser Folgcn (1.38) nennt man übrigcns harmonische Folge. Sie hat ihren Namen aus
der Musik: Man denke sich einen Ton mit dcr Wellenlänge A. Die Töne mit dcn Wellenlängen A,
A/2. A/3, A/4, A/5, A/6 bildcn dann cinen Durakkord, klingen also zusammen »harmonisch« .
Ocr Anfang dcr harmonischen Folge beherrscht also die klassische Harmonik.

1.4.2 Nullfolgen

Zunächst wollen wir uns mit NullfolgeIl beschäftigen, d.h. Folgen, dic »gegen Null streben«. Von
solch ciner Folge (all )"eN erwarten wir sicherlich, daß man nach Wahl einer noch so kleincn Zahl
t > 0 ein Element 0'''0 der Folge finden kann, dessen Betrag noch kleiner als t ist, also
58 I Grundlagen

Vernünftigerweise werden wir noch mehr verlangen, nämlich daß dies auch ftir alle auf 0'''0 fol-
genden Elemente gilt, d.h.

10'" I < 6 ftir alte 11 ::: "0.

In Fig. 1.31 ist dies dargestellt.

a,

Fig. 1.31: Nullfolge (0',,)

Von 110 an liegen alle Punkte (11. 0',,) in dem schraffierten Streifen der Breite 26. Die beschrie-
bene Sachlage fassen wir in folgender Definition zusammen:

Definition 1.8:
Eine reelle Zahlenfolge (all)"eN wird Nullfolge genannt, wenn man zu jedem noch so
kleinen € > 0 einen Indcx 110 finden kann mit

la" I < 6 ftir alle 11 ::: "0.

Man sagt auch: (a"),,eN kOllvel'gien gegen Null oder sueht gegell Null und beschreibt
dies durch

lim 0'11 = 0, odcr: 0'" ~ 0 ftir /I ~ 00.


"_00

Beispiel 1.32:
Die harmonische Folge

1 1 1
I, -, - ..... - ....
2311
ist eine Nullfolge. dcnn zu jcdem € > 0 kann man sicherlich ein /10 finden mit I/no< €
(vgl. Abschn. 1.1.3. Folgcrung 1.8). Dann gilt aber fUr allc /l > /l0 erst recht

"
JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 59

d.h. die harmonische Folge strebt gegen Nul1.

Hilfssatz I.1:
(a) Ist (a,,) eine Nullfolge und gilt fiir eine weitere Folge (ß,,):

Iß"I:: la,,1 flir alle 11 E N,


so ist auch (ßIl) eine Nullfolge.
(b) Sind (a,,), (ß,,) zwei Nullfolgen, so erhalten wir daraus die weiteren Nullfolgen

(a,,+ß,,), (a,,-ß,,). (a,,·ß,,). (a~) und (ca,,)

mit beliebigen Konstanten k E N und C E IR.

Beweis:
(a) Nach Voraussetzung gibt es zu beliebigem E; > 0 einen Index "0 mit la" I < E; rur alle
11 ~ 110. Wegen Iß"I .:s la,,1 gilt dann auch Iß"I < E: rur alle 11 ~ 110, d.h, (ß,,) ist eine
Nullfolge,
(b) Zu beliebigem E: > 0 gibt es nach Voraussetzung ein "0 mit la,,1 < E:/2 fur 11 ~ 110 (denn
F:/2 ist ja ebenso wie E: eine beliebige vorgegebene positive Zahl). Entsprechend existiert
ein 111 mit IßIII < F:/2 fUrll ~ 111. O.B.d.A. sei 110 ~ 111. Damit folgt
, E
10'" ±ß"I.:s la"l+ Iß"I.:s 2" + 2" = E: fliralle 11 ~ 110,

d.h. (0'" + ß,,) und (a" ~ ß,,) sind Nullfolgen. Damit ist auch (a" + 0'11) Nullfolge. ebenso
(a" + a ll + a,,), usw., d.h. (lila,,) mit beliebiger Konstante 11I E N ist eine Nullfolge.
Folglich ist (ca,,) mit beliebigem CE IR eine Nullfolge, da man nur ein 1/1 E N mit m ~ lei
zu wählen hat, womit Ica,li .:s Ima'll erflillt ist, nach (a) also (ca,,) Nullfolge. Wir folgern
daraus. daß auch (0'" . ßn) Nullfolge ist. Denn es gibt ein c > 0 mit lall I < c flir alle ",
wie Fig. 1.31 sofort klarnwcht. Da (CßIl) Nullfolge ist, so ist wegen la"ßnl .:s IcßlI1 auch
(a,,· ßII) Nullfolge. Damit ist aber auch (a" . 0',,) Nullfolge, ebenso wie (0'". Cl'" . 0',,) usw.,
kurz auch ((/~) flir festes k E N. 0

Mit dem Hilfssatz gewinnen wir sofort weitere Nullfolgen aus U), z.B.
(,,',) . (
I
-+-
11
I )
1/2 '
(c .~) mit beliebigem c E IR,

Beispiel 1.33:
Die geomelrische Folge

I . q, q~.".
' ,q " .
60 I Grundlagen

ist eine Nullfolge, wenn Iql < I gilt. Zum Beweis setzen wir

I
1+"::::-.
Iql
Durch diese Gleichung ist 11 bestimmt. Es ist 11 > O. Unter Verwendung der Bemoullischcn
Ungleichung (I + 11)" ~ I + nh ($. Abschn. 1.1.5, Übung 1.7) folgt daraus

I I
" I <---<-.
Iql :::: (I +11)" - I 1111 1111+

D, (-'-) (nach Hilfssatz J .1) eine Nullfolge ist, so auch (q").


nh
o
Übung 1.23*:
Beweise, daß (<")
~
11! It!ON
rur jedes x E IR eine Nullfolge ist.

Übung 1,24:
Die Amplitude einer gedämpften Schwingung mit der Frequenz / = 50s- 1 hat zur Zeit 1= 0
den Anfangswen AO. Nach jeder Schwingungsperiode hat sich die Amplitude um jeweils 1 %
verringert. Nach welcher Zeit ist die Amplitude auf 0.05 AO abgesunken?

Übung 1.25"':
Ein Betrieb stellt Rohre in 11 Größen her. Das kleinste Rohr hat einen Durchmesser von 10 em.
das größte von I m. Die Zwischengrößen der Durchmesser enlsprechen der Folge 10 q cm. 10
q2 cm. 10 q3 cm.. . Wie groß ist q? Bertthne die Durchmesser aller Rohre! (Dividiert man
die 11 Werte jeweils durch IOcm und rundet auf 2 Stellen. so erhält man die Hau{Jlwerle der
Gnmdreilte RIO für Rohre.)

1.4.3 Konvergente Folgen


Die Konvergenz einer Folge (a,,) gegen eine beliebige Zahl (l können wir leicht mit Hilfe der
Nullfolgen erklären.

Definition 1.9:
Eine reelle Zahlenfolge (all)"eN kOllvergiert genau dann gegen eine reelle Zahl a,
wenn

eine Nullfolge ist.

{/ heißt Grellzwert oder Lillle~' der Folge (all)' Man beschreibt dies symbolisch durch

lim a" =a all - . . (l flir 11 _ 00


" .... 00
JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 61

(sprich: »a" gegen a rur n gegen 00«). Gelegentlich verwendet man auch die unvollständige
Schreibweise a" ...... a. Das ist nur erlaubt, wenn aus dem Zusammenhang hervorgeht, daß »mr
11 ...... 00« mit gemeint ist. Ferner sagt man statt »konvergiert gegell a« auch »Slrebt gegen a«,
»gehl gegen a« oder »haI deli Grenzwert a«. Jede Folge (a,,) hat übrigens höchstens einen Grenz-
wert, d.h. es gibt höchstens ein a. das (a" - a) zur Nullfolge macht. Dcr Leser mache sich dies
selber klar.

Beispiel 1.34:

Betrachtet man die Folge (-"-) , so sicht man, daß rur steigende n die Elemente sich der
11+ I lIEN
1 beliebig gut nähern. Um exakt zu prüfen, ob die Folge gegen »1 konvergiert«, bilden wir die
Differenz

I " 11"-"-'1
11+1-
1
= 11+1 1
=11+1'

( n_'_)
+ I neN
ist dabei sicherlich eine Nullfolge, d.h. (-'-'- )
11 + I liEN
konvergiert gegen I, in Kurz-
form notiert:

"_00 11
"
lim --~l
+
I
oder auch "
--~

11+1
rur 11 ...... 00.

Erinnern wir uns an die Definition der Nullfolge. so können wir die Konvergenz von Folgen auch
so ausdrücken:

Folgerung 1.12:
Eine reelle Zahlenfolge (an) konvergiert genau dann gegen a. wenn es zu jedem (noch
so kleinem) 8 > 0 einen Index 110 E N gibt, so daß fUr alle n ~ "0 gilt:

la,,-al<8.

,-, , 'H
I I I •
Fig. 1.32: s-Umgebung

Diese Formulierung ist besonders rur theoretische Überlegungen grundlegend. Eine andere, recht
anschauliche Fonnulierung erhält man mit dem Begriff der s-UmgebulIg: Ist 8 > 0, so versteht
man unter der (offenen) s-Umgebuilg Ut(a) von a E IR das Intervall

Ut(a) = «(I - f,a + 8).


Es liegt symmetrisch um (I und hat die Länge 2f, s. Fig. 1.32.
62 I Grundlagen

Folgerung 1.13:
Eine reelle zahlenfolge (all) konvergiert genau dann gegen a, wenn in jeder €.
Umgebung von II unendlich viele Elemente der Folge liegen, außcrhalb aber nur end-
lich viele.

Man erkennt, daß dies nur eine andere, sozusagen geometrische Fonnulierung von Folgerung 1.12
ist.
Folgen, die gegen bestimmte Grenzwerte konvergieren, heißen kOIll'ergellle Folgen. Nicht
konvergente Folgen werden divergelll genannt. 2.8. sind die Folgen (1040) und (1041) in Ab-
sehn. 104.1 divergent.

Übung 1,26:
Zeige: Aus

lim X'I = (/ folgt lim.;x;; = ,j(i.


"_00 11_00

Dabei sei XII :::: 0 für alle 11 E N: vorausgesetzt. (Anmerkung: Zu zeigen ist. daß (.jX; - J(j),,€N
eine Nullfolge ist. Man benutze dazu die Gleichung (.jx,; - ,jä)(.jx,; + ,jä) = x" - 1I.)

1.4.4 Ermittlung von Grenzwerten


Eine Faustregel zum Nachweis, daß eine Folge (a,,) gegen einen Grenzwert II strebt, besteht im
Folgenden:

Man formtla" -al solange um. evtl. unter Vergrößerung, bis man einen Ausdruck 0'" erreicht
hat, dem man unmittelbar ansieht, daß er gegen Null strebt.

Beispiel 1.35:
3,,+t+ 2"
llll =
3" + I
Einsetzen großer 11 liefert llll ::::: 3. Man vermutet an --+ 3 ftlr 11 -+ 00 und bildet

- 3"+1+2"~3"+1-3112"-31
la ,- ,31- 3"+1 1 - - - <2"
-
-3"+1-3'"

Die rechte Seile (2/3)" strebt gegen 0, also folgt alt --+ 3 fur 1/ -+ 00.

Beispiel 1.36:
Konvergiert
_ ,co,
ll,,-vC.

Dabei sei C > O. Für große 11 erhält man mit dem Taschenrechner flir :jC ungefähr I, gleichgültig,
wie C > 0 gewählt wird. Wir vermuten daher, daß (:jC) gegen I konvergiert. Zum Nachweis
JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 63

bilden wir

a,,=::IC-I.
um zu zeigen, daß (a,,) gegen Null suebt. Zunächst beuachten wir den Fall c ~ I, also Ci" ~ 0,
und erhalten aus obiger Gleichung durch Umformen c = (1 + Ci,,)", Die Bernoullische Unglei-
chung ergibt damit

c-I
c = (I +a,,)" 2: I +I1Ci" , also c-I ~ IIa" :::} - - 2: a" 2: 0,
"
Daraus folgt, daß (all) eine Nullfolge ist. D.h. :yc konvergiert gegen I fUr 11 -+ 00. Im Fall
o < c < I ist dies ebenfalls richtig. Und zwar kann man es auf 1/::/f7C = :yc zurückfUhren,
wobei 1T7C wegen Ilc > 1 gegen I strebt. Man errechnet nämlich

o< 1- ::IC = (_1_ - ,)


:yc ::IC < -'-
:yc - I = "fT.. -
V-:: I -+ 0 Hir 11 -+ 00

Es gilt damit für alle positiven c:

lim
1j---.00
::IC = 1. (1 .42)

Zur Ermittlung von Grenzwerten sind folgende Regeln grundlegend:

Satz 1.1:
(RechellregeJllfiirko/lvergellle Folgen) Aus hm (/" = (/ und 11m b" = b folgt
"---'00 11---'00

(1.43)

lim (a" - bn ) = a - b. (1.44)


"---'00

lim a"b" =ab, (1.45)


"_00

, a" (/
I Im - = - wenn b i= 0 und b" i= 0 rur alle /l. (1.46)
II---.oob" b

Beweis:
Ci" = a" - a und ß" = b" ~ b streben beide gegen Null. (1.43), (1.44) und (1.45) folgen damit
über den Hilfssatz 1.1 durch folgende einfache Rechnungen:

(all +b,,) - (a +b) = a ll +ßII -+ 0 furll -+ 00

(a" -b,,) - (a -b) =a" -ß" -+ 0 für 11 -+ 00

(a"b,,) ~ ab = (a + a,,)(b + ß,,) - ab = aß" + ball + a"ß" -+ 0 für /I -+ 00


64 I Grundlagen

Zum Nachweis von (1.46) beweisen wir einfach

I I
lim - =-. ( 1.47)
"-00 bll b

I 1
Mit (1.45) folgt dann nämlich Il~n~ (111 • b = (I. "b. Nun zu (1.47): Wir betrachten nur solche b".
ll
I
ftir die 2"lbl < Ib,,1 gilt, was ftir alle" ::: "0 mit genügend großem 110 erfullt ist. Damit erhalten
wir (1.47) aus

o
Beispiel 1.37:
Will man

411 3 - 6
all =
611 3 +2w'
auf Konvergenz untersuchen, so dividiert man Zähler und Nenner durch /13 und erhält durch
Anwendung des bewiesenen Satzes

4- ~ 4 2
(l1l=--2-~ 6~3 " rur 11 --+ 00,
6+;;

da 6/11 3 --+ 0 und 2/11 --+ O.

Auf gleiche Weise erhält man rur

=
Po + PI" + + Pkll k
qO+qlll +
(111
+qkllk

mit qk i= 0 den Grenzwert


all --+ Pk/qk für 11 --+ 00.

Um dies einzusehen, hat man im obigen Bruch Zähler und Nenner nur durch n k zu dividieren.
Zur Untersuchung von konvergenten Folgen sind folgende Vergleichssiitze nützlich:

Satz 1.2:
Gilt an --+ a, btl --+ b und an ::: b" fUr alle 11 ab einem bestimmten /10, so folgt a ::: b.
JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 65

Beweis:
Aus (/" .::: b" fur" ::: 110 folgt 0 .::: b" - (/" und damit

0.::: !im (b" - a,,):= lim b" - !im a" = b - a. d.h. a .::: b.
"_00 "-+00 "_00

o
Satz 1.3:
(EillsclJließulIgskriteriulII, auch Salldwich-KriteriulII genannt) Gilt "" -+ g, b" -+ g
und (/" .::: Cn .::: b" fur alle 11 ab einem bestimmten "0, so folgt c" -+ g.

Beweis:
In jeder e-Umgebung von g liegen unendlich viele Q" und b", aber nur endlich viele außerhalb.
Damit gilt das Gleiche fUr die c", die ja von den a'l und b" eingeschlossen werden. Das heißt
aber. daß c" -+ g gilt. 0

Beispiel 1.38:
Konvergiertb" =::11 +x" mit lxi< I?Aus 1 +x" > 1 -lxi"::: 1 -lxi =0 folgt
{).::: 1 +x" .::: 2
also ::J5 < ::I 1 + x" .::: .:;12. Linke und rechte Seite streben gegen I, also gilt auch ::I I + x" -+ 1
fLir 11 -+ 00.

TcilfoJgcn: Aus der harmonischen Folge

I I I
1.-,- .... - ....
2311

können wir z.B. die Tei/folge

I I I
2·4'6'···2n
bilden. Eine andere Tei/folge der harmonischen Folge ist

I I I
1.
4 . 9 '16 .... ,,2 ..
Definition 1.10:
Als Tei/folge von (a")"E:N bezeichnet man jede Folge

mit/11 < /12< II} < ... < 11); < ... (11); E N).
66 I Grundlagen

Folgerung 1.14:
Konvergiert (a,,) gegen a, so konvergiert auch jede Teilfolge von (a,,) gegen a.

Übung 1.27*:
Konvergieren die folgenden unendlichen Folgen und wie klulet gegebenenfalls ihr Grenzwen?

1+5/14 _711 3
(I" = 4500+7/1 3 1011 4 ' /I = 1.2.3 .. b,,=V'5+/l 2 .

1.4.5 Häufungspunkte, beschränkte Folgen


Dieser Abschnitt, lieber Leser, ist theoretischer Natur. Der hier bewiesene Satz von Bolzano-
Weierstraß wird zum Beispiel fur den Beweis des Cauchyschen Konvergenzkritcriums im näch-
sten Abschniu gebraucht. Dieses wiederum ist nützlich rur viele Konvergenznachweise, wie z.B.
bei Iterationsfolgen. wie wir sie schon bei der WurLelberechnung kennenge1crnt haben. Allge-
mein treten Iterationsfolgen häufig beim Lösen von Gleichungen auf (s. Newton-Verfahren).
Über diese Gedankenkette gehen die Überlegungen dieses Abschnitts wieder in die Praxis ein.
Dereilige Leser mag die Beweise zunächst überschlagen und nur Sätze und Begriffe zur Kenmnis
nehmen.

Definition 1,11:
Eine Folge (a"),,eN heißt beschränkt, wenn es ein beschränktes Intervall [A, BI gibt,
in dem alle an liegen, d.h.

A::::a,,::::B rurallellEN.

A heißt eine IIl1/ere Schranke der Folge. Das größtmögliche dieser A heißt die größte
ulllere Schranke oder das Injimlllll der Folge (a,,). B heißt eine obere Schranke von
(all)' Die kleinste obere Schranke wird auch das Silprell/ilm von (a,,) genannt. Infimum
und Supremum von a" werden folgendermaßen symbolisiert:

inf a", supa" .


",N "eN

Zum Beispiel: Die Folge -I. I, -I, ..., (-I)" ist beschränkt, die Folge~, j,~, "
., ,,+1'
ebenfalls. Supre1l1u1l1 der ersten Folge ist I, Inll1l1um -I. Bei der zweiten Folge ist

inf -" - =-.


"eH 1/ + I
I "
sup--= I.
2 nENn +I

Interessant ist besonders die Tatsache, daß das Supremum von (-'-'- ) gleich I ist, obwohl alle
11+1
Elemente der Folge kleiner als I sind.
1,4,9, ... , 11 2 ist ein Beispiel fur eine Ilflbe~"C!1rällkte Folge.
JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 67

Zunächst gilt

Satz 1.4:
Jede konvergente Folge ist beschränkt.

Beweis:
Es konvergiere (a,,) gegen a. Zu beliebigen E: > 0, z.B. E: = I, kann man daher ein 110 finden
mit la" - a"ol < E: flir alle 1/ ::: /10. Die a"o+l. a"0+2, a"0+3, ... bilden also eine beschränkte
Teilfolge. Nimmt man die endlich vielen al, ... ,a"ll hinzu, so wird die Beschränktheit nicht
angetastet, d.h. (a,,) ist eine beschränkte Folge. 0

Die Umkehrung des Satzes ist falsch, wie das Beispiel - I, I, -I, ... , (-I)" zeigt. Immerhin
gilt aber der folgende

Satz 1.5:
(Satz 1'0/1 BO/ZlIno- Weiersfraß/ 9) Jede beschränkte reelle Zahlenfolge besitzt eine kon-
vergente Teilfolge.

Beweis:
Es gibt ein Intervall [A I, BII, in dem alle a" liegen.. Halbiert man dieses Intervall, d.h. zerlegt
man es in zwei Teilintervalle [A 1, Ml, IM. BII mit M = (A + B)/2, so liegen in wenigstens
einem der beiden Teilintervalle unendlich viele a". Wir nennen dieses Teilintervall [A2, B2].
Halbiert man dies wieder. so liegen in wcnigstens cinem der Teilintervalle. IA3. B31 genannt,
wieder uncndlieh viele an. Fährt man in diescr Weise fort. so cntsteht einc Folgc ineinandcr
geschachtelter Intervallc [AI. Bll:> [A2, B2]:> [A3, B3J:> ..., deren Längcn gegen Null stre-
ben. Nach dem Intcrvallschachtelungsprinzip existiert genau cine Zahl a E IR. die in all diesen
Intervallen liegt. Wählt man nun nacheinander aus jedem TAk. Bk! ein a"t der Folge aus (mit
1/1 < 1/2< 1/3< ... < IIk <. ,,), so konvergiert (a"l)Ill:N gegen a, was zu zeigen war. 0

Definition 1.12:
Als Häujill1gspul/kl einer Folge (a,,) bezeichnet man jede Zahl a E IR. die Grenzwert
einer konvergenten Teilfolge von (alt) ist.

Anders ausgedrückt: (J E IR ist genau dann Häufungspunkt von (a,,), wenn cs zu jeder E:-Um-
gcbung Us(a) unendlich viele 1/ E N gibt mit a" E Us(a).
Damit kann man Satz 1.5 auch so ausdrücken:

Jede beschränkte reelle Zahlenfolge hat mindestens einen Häufungspunkt.

Unbeschränkte Folgen: Wir wollen noch kurz auf unbeschränkte Folgen eingehen, die natür-
lich nicht konvergcnt scin können. Bcsitzt (a,,) keine obere Schranke, so hcißt a" I/acl! oben
19 Bemartlus Placidus Joh<lnn Nepomuk Bolzano (1781-1848). tschechischer Philosoph. Theologe und Mathematiker
Karl Theodor Wilhelrn Weierstrnß (1815 - 1897). deutscher Mathematiker
68 I Grundlagen

IInbeschränkt, man beschreibt dies symbolisch durch

supa" = 00.
tH:N

Ist sie entsprechend nac1l lillten unbeschränkt, so schreibt man dafUr

infa" = -00.
lIEN

Gilt darüber hinaus, daß man zu jeder noch so großen Zahl M > 0 einen Index 1/0 finden kann
mit 0" > M fLir alle 11 2: 110, so drückt man dies durch

lim a" = 00
"_00
aus. Man sagt dafLir: (al/) strebl gegenllnelldlich, oder auch (all) diwrgien gege/llinendlich.
Entsprechend schreibt man

lim a" = -00.


"_00
wenn (-a'l) gegen unendlich strebt.
Zum Beispiel ist

lim 211 = 00.


"_00
Für -2, 22, _2 3, ..., (-2)", ... jedoch gilt

inf (-2)" = -00 und supe -2)" = 00.


IIEN ""oN

wiihrend diese Folge weder gegen 00 noch gegen -00 strebt.

1.4.6 Konvcrgcnzkritcricll

Wie kann man erkennen, ob eine vorgelegte Folge konvergiert, insbesondere dann, wenn man
Konvergenz vermutet, aber den Grenzwert nicht kennt? Das MOllotoniekri/eriul/I und das Cauclly-
sehe Kri/erium lassen sich zur Beantwonung heranziehen. Zunächst definieren wir monotone
Folgen.

Definition 1.13:
Eine Zahlenfolge (a,,) heißt genau dann IIIO/l%n steigend, wenn

d.h. a" ::: (/,,+1 für alle 11 E N, (1.48)

erfullt ist. Sie heißt/llon%nj(/Jlend, wenn

al 2: (/22: a3 2: .... d.h. a" 2: (/,,+1 flir alle 11 E N. (1.49)


JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 69

Man nennt die Folge streng monoton steigend, falls in (1.48) < statt :::: stehen darf.
Entsprechend ist (a,,) streng monoton fallend, wenn in (1.49) > statt:::: stehen darf.
In jedem der genannten Fülle liegt eine monotone Folge vor.

Satz 1.6:
(Monotonie-Kriterium) Jede beschrünkte monotone Folge konvergiert.

Beweis:
1st die Folge (a,,) beschriinkt und monoton steigend, so konvergiert sie offenbar gegen s =
supa,,; bei »l11onoton fallend« entsprechend gegen i = inf a". 0
lIEN liEN

Das Monotoniekriterium ist in konkreten Anwendungen das wohl am meisten verwendete


Hilfsmittel zur Konvergenzentscheidung. Dazu ein Beispiel:

Beispiel 1.39:
1 1 1 1
Es sei alt = 1+ - + - + - + ... -. Die Folge (a,,) ist sicherlich streng monoton steigend. Ist
I! 2! 3! n!
die Folge auch beschränkt? Ja, denn es gilt

1
~.,.--,"--':--<.,.--,c-'------=~
I/! 1·2·3· ./1 1·2· ·2 2,,-1'
~

n Faktoren

also mit Hilfe der geometrischen Summenformel

1- (,')" < 1+--


1
1 =3.
l-! 1-,
3 ist damit eine obere Schranke der Folge, während I eine untere Schranke ist. Die Folge ist
daher beschränkt und monoton, woraus nach Satz 1.6 ihre Konvergenz folgt. Der Grenzwert
dieser Folge wird e genannt. Man errechnet numerisch

e == 2.71828183. 20

Während das Monotoniekriterium in praktischen Fällen häufig zu Rate gezogen wird. ist das
folgende Cauchysche Konvergenzkriterium rur theoretische Konvergenzuntersuchungen wichtig.

20 -=-- bedcutCl »gleich im Rahmcn dcr Rundung«


70 I Grundlagen

Satz 1.7:

I
(CauchyscJzes 21 KOnl'ergellzkrirerium) Eine Folge (an)"EN konvergiert genau dann,
wenn folgendes zutrifft:

Zu jedem e > 0 gibt es einen Index 110,


so daß rur alle Indizes ll, 111 2:: 110 gilt: ( 1.50)
la"-a,,,1 <e.

Bemerkung: Das Kriterium besagt im Prinzip, daß eine Folge genau dann konvergiert, wenn die
Differenzbeträge der Elemente beliebig klein werden, falls die Indizes nur genügend groß sind.
(1.50) heißt Cauclzy-Bedil/gllllg oder E:-I/o-Bedingwzg.

Beweis:
(I) (a,,) konvergiere gegen a. Wir wollen zeigen, daß die Cauchy-Bedingung (1.50) erfl111t ist:
Zu jedem eo > 0 existiert ein 110 mit la" - {/ I < E:o rur alle 11 2:: 110. Für alle 11. 111 2:: 110 gilt dann

la" -a",l::: la" -al + la -a",1 < E:o+E:o = 2E:o.


Schreiben wir E: = 2eo, so ist damit die Cauchy-Bedingung ermllt.
(11) (a,,) erflille die Cauchy-Bcdingung. Es soll gezeigt werden. daß (all) konvergiert. Dazu
zeigen wir im ersten Schritt, daß die Folge (a,,) beschränkt ist. Nach dem Satz von 801zano-
Weicrstraß hat (a,,) dann einen Häufungspunkt a.lm letzten Schritt beweisen wir, daß (a,,) gegen
diesen Häufungspunkt konvergiert.
I. ScJ"itt: Zu einem fest gewählten eo > 0, etwa E:o = I, gibt es ein 110 mit la m - al/I< E:o rur
alle 111 > 11 2:: 110. Es folgt speziell mr 11 = 110:

D.h. die Teilfolge (am) mit m > 1/0 ist beschränkt. Nimmt man die fehlenden al, ... , a"o hinzu,
so bleibt die Beschränktheit erhalten. (all) ist also beschränkt.
2. Schritt: Es existiert damit ein Häufungspunkt a der Folge (al/), d.h. es gibt eine Teilfolge
(a"k)kEN VOll (a'I)' die gegen a konvergiert. Zu beliebigen E:' > 0 gibt es also ein ko mit

lall. - al < e' rur alle k 2:: ko.


Ferner existiert ein 1/0 mit

la" - a",1 < E:' für alle 111," 2:: IlO.

Dabei kann man 110 sicherlich so groß wählen, daß 110 > IIk(} ist. Somit folgt rur 11 > 110 und
2:: no:
IIk

lall -al::: la" -all~l+ la"k -al< E:' +E:' = lE:'.


21 Augustin Louis Cnuchy (1789- 1857). fmnzösischcr Malhcmmi~cr
JA Unendliche Folgen reellerZ<lhJen 71

Mit e = 2e' folgt also la n - (/1 < e fUr alle 11 > 110, d.h. (an) konvcrgicrt gegen a. 0

Das Cauchyschc Konvcrgcnzkritcrium ist das wichtigste Konvergenzkriterium im systemati-


schen Aufbau der Analysis.

1.4.7 Lösen von Gleichungen durch Iteration

Es sollen Gleichungen der Form

x = J(x) (1.51 )

gelöst werden, wobei die Funktion J ein Intervall I in sich abbildet. Jede Lösung x von (1.51)
heißt ein Fi:qmllkr VOll f. Die Gleichung selbst wird ci ne FixpullkrgleicJu/IIg gcnannt.
Geometrisch sind die Fixpunkte von J die Schnittpunkte des Graphen von J mit der Geraden,
die durch

y=x

beschrieben ist. Sie geht durch 0 und bildet mit der x-Achse einen Winkel von 45 0 • s. Fig. 1.33.

y '"' f (x)

Fig. J .33: Fixpunkt x von f


Wir versuchen, eine Lösung von (1.51) durch sogenannte Fixpul/klilemlioll zu berechnen.
D.h. wir wählen ein Xo aus dem Definitionsintervall I von J aus und bilden nacheinander die
Zahlen

XI = J(xo)
X2 = J(xd
X3 = J(X2) ,

kurz XI) + I = /(x/ 1) ftir 11 = 1,2..... ( 1.52)


72 I Grundlagen

Wann konvergicrt die so dcfinicrte Iteratiollsfolge (XII) gegen eine Lösung von x = fex)? Der
folgendc Satz gibt dafür ci ne hinreichende Bcdingung an,

Satz 1.8:
(Ballachsche?2 Fixpu/lkrsalz in IR) Es sei f : I --,l> I eine Funktion. die ein abge-
schlossenes Intervall I in sich abbildeL Ferner gelte für alle Xl. X2 E I die Unglei-
chung

(1.53)

mit einer von Xl, X2 unabhängigen Konstanten K < I. Damit folgt: / hat genau einen
Fixpunkt XE J. Die Iterationsfolge (x n ), definiert durch Xn+l == /(X'I), konvergiert
gegen diesen Fixpunkt, wobei von einem beliebigen Anfangspunkt Xo E I ausgegan-
gen werden darf.

Bevor wir den Satz beweiscn. soll er veranschaulicht werden. Gilt (1.53) mit eincr Konstanten
K < L so besagt dies, daß die Funktionswerte f(xd und f(X2) stcts dichtcr zusammenliegen
als die Punkte Xl, X2. Man nennt daher eine Funktion f, die (1.53) mit K < I erftillt, eine
Kontraktion. Ihr Graph steigt verhältnismäßig sanft an oder ab, wie es Fig. 1.33 zeigt. Genauer:
Jede Sekante von f bildet mit der x-Achse einen kleineren Winkel als 45°. (Eine Gerade heißt
Sekante von f. wenn sie den Graphen von f mindestens zweimal schneidet.)

y y.,

Fig. 1.34: Zur Itemtion: f steigt Fig. 1.35: Zur Iteration: f flillt

Damit läßt sich die Iteration X,,+l == f(x,,) zur Lösung von X = fex) so darstellen, wie es die
Figuren 1.34 und 1.35 zcigen. In Fig. 1.34 ist eine stcigende Funktion f dargestellt. In Fig. 1.35
eine fallende. Der Leser mache sich klar, daß im Verlaufe der Trcppcnlinie bzw. Schneckenlinie
in den Figuren die Iterationspunkte XO, Xl, X2 • ... geometrisch gewonnen werden.

22 Stefan Banach (1892-1945). polnischer Mmhemmi~er


JA Unendliehe Folgen reellerZ<lhJen 73

Beweis:
Des Salzes 1.8: Es sei Xo beliebig aus I gewählt und (x,,) definien durch die Iteration X,,+l =
f(x,,), 11 = 0, 1.2, .... Es gilt dann

Hir alle 1I = 1.2,3, .... Also folgt sukzessive

Ix,,+1 - x,,1 :::: Klx" - x,,_11 :::: K 2Ix"_1 - x,,_21 :::: ... :::: K"lxl - xol, d.h.
Ix,,+1 ~ x,,1 :::: K"lxl - xol, Hir alle 11 = 0, 1.2.

Mit 11 < 111 folgt daher

Ix" ~ xml = I(x" ~ + (X,,+I ~ X,,+2) + (X,,+2 ~ -'",,+3) +, .. + (Xm_1 ~ .1."",)1


X,,+I)
.:::: Ix" - x,,+11 + Ix"+1 - x,,+21 + IX,,+2 - x,,+31 +.,. + Ix"'_1 - x",1
< Klllxl _ xol + KIl+llxl - xol + K,J+2 Ixl - xol + ... + K"'-llxI - xol
< KIl(l + K + K 2 + ... + K m- Il - I )lxl -xol
1- K m -" I
= K" I K lXI -xol.:::: K" I ~ Klxl -xol,

also
K"
Ix,/-xllll.:::: I_Klxl-xol. ("'>li). (1.54)

da K" _ °
Die rechle Seite kann beliebig klein gemacht werden, wenn nur 11 genügend groß gewählt wird,
für 11 _ 00. Zu beliebig kleinem 8 > 0 suchen wir uns nun ein 110 E N, so daß die
rechte Seite von (1.54) für 11 = 110 kleiner als 8 wird. Dann ist sie auch für alle Jl ::: 110 kleiner
als 8, woraus

Ix" - xtIIl < E;

folgt fur alle 1/, 111 E N mit m > 11 ::: 1/0. Nach dem Cauchyschen Konvergenzkrilerium konver-
gien damit die Folge (x,,) gegen einen Grenzwen x.
x iSI ein Fixpunkt von I, denn es gilt x = Iw wegen
Ix - f(X)1 = Ix - x" +x" - f(x)1
:::: Ix - x,,1 + Ix" ~ f(X)1
= Ix ~ x,,1 + II(x,,-I) - Iv)1
.:::: Ix-x,,1 + Klx,,_1 -xl_ 0 fLirn _ 00,

x
Überdies iSI der einzige Fixpunkt von [, denn wäre xein weiterer Fixpunkt von [. so würde
folgendes gelten:
74 I Grundlagen

also Ix -:fl < Ix - :fl, was nicht sein kann. o


Zusatz zu Satz 1.8: Es gelten die FehlerabschiirzlIl1gen

K"
Ix" - xl ::::: 1 _ K lXI - xol (a priori) ( 1.55)
_ ]
u"d Ix,,-xl::::: l_Klxlt+l-x,,1 (aposteriori) ( 1.56)

fur alle n = 0.1.2.3.

Beweis:
(1.55) folgt sofort aus (1.54). wenn man darin m gegen 00 streben läßt. Aus (1.55) folgt aber rur
11=0

Da xo beliebig in I gewählt werden darf, bedeutet dies rur beliebiges x E I anstelle von xo

]
Ix - xl = - - I f ( x ) - xol·
]-K
Setzt man hier x = XII' so folgt (1.56). o
Bemerkung:: Die meisten lleralionsverfahren zur Lösung von Gleichungen lassen sich auf den
Banachschen Fixpunktsatz zurückfuhren. Insbesondere gelingt dies beim Newtonschen Verfah-
ren, dem wohl wichtigsten Verfahren zur Lösung von Gleichungen.

Übung 1.28:
Löse die Gleichung

x3 I
x= -+-
4 ,

im Intervall 10. I] = I durch Iteration. Man mache sich klar. daß flir !(x) = x 3/4 + 1/5 die
Voraussetzungcn von Satz 1.8 auf I erfüllt sind. Die Lösung x soll auf 4 Dc.drnalstcllen nach
dem Komma berechnet werden (also mit dem Fehler von höchstens 5.10-5 ). Benutze dafür die
Fehlerabschiitzung (1.56).

1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen


1.5.1 Konvergenz unendlicher Reihen
Definition 1.14:
Wir denken uns eine reelle Zahlenfolge

(/0.(/1.(/2.(/3.
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 75

gegeben, Addiert man die Elemente nacheinander auf.

So = {jO, SI = {/O + {jl . S2 = {j0 + {jl + (/2 usw.,

so entsteht eine neue Folge

50.51 . S2 .... , S,! .....

Diese Zahlenfolge (s,,) heißt die uI/endliche Reihe mit den Gliedem (10. (11, (12,
Man beschreibt die unendliche Reihe symbolisch durch

[aO+(lI+(l2+ ... J oder kürzer [t(lk]


k=O

Statt »unendliche Reihe« sagen wir auch kurz Reihe. Die Summen

"
S,,=L(lk. ( 1.57)
k=O

heißen P(lrtiahuI/"I/en der Reihe.

Das Wesen der unendlichen Reihe 1(10 +(11 + (12 + ... J besteht also im sukzessiven Addieren
der(lk.Gerade dadurch entsteht die neue Folge (s,,),
auf die es ankommt. Diese Folge wird auf
Konvergenz und Divergenz untersuchl. Wir vereinbaren daher in naheliegender Weise:

[f>k]
Definition 1.15:

Eine Reihe heißt genau dann kOl/vergellt. wenn die Folge (5,,) ihrer Partial-
'..0
summen konvergiert. ISI s der Grenzwert dieser Folge, also.f = lim S". so schreibt
" ...... 00
man daflir auch

s heißt Grenzwert oder SI/mille der Reihe.

Eine Reihe. die nichl konvergent ist, heißt divergem.


Wir erwähnen noch, daß Reihen nicht unbedingt mit dem Index Null beginnen müssen, In der
Form [(I", + (1",+1 + (lm+2+ ... J. mit III beginnend, werden sie entsprechend behandelt. Wir ma-
chen uns noch einmal klar, daß Reihen nichts grundsätzlich Neues sind, sondern lediglich spezi-
elle Folgen (s,,). Auf diese Folgen werden einfach alle Überlegungen des vorigen Abschnitts 1.4
angewendet, womit vieles, was über Reihen gesagt werden kann, schon erledigt ist. Die fol-
genden Ausflihrungen sollen hauptsächlich darüber hinausgehende Gesichtspunkte beleuchten,
Z.B. wie man von Eigenschaften der Glieder (lk
auf die Konvergenz der Reihen schließen kann.
76 I Grundlagen

Doch zunächst das Paradebeispiel aller unendlichen Reihen, die geometrische Reihe:

Beispiel 1.40:
Die geometrische Reihe hat die Geslalt

[I + q + q 2 + q 3 + ....I ''''
ku'-c" [,~~oq']
L..J . 23

mit einer beliebigen reellen Zahl q. Für die Partialsummen Sn erhält man im Falle q oft I (nach
Ahschn. 1.1.7, (1.12»:

I _q"+1
SII = I +q +q2+ q 3+ ... +q" = ~.-2__ ( 1.58)
I-q

Nehmen wir Iql < I an, so strebl die rechte Seite gegen s = 1/(1 - q). Also folgt

00 1
Ll=l+q+q2+ q 3+ ... = I-q' falls Iql < I. ( 1.59)
k=O

Die geometrische Reihe beherrscht beispielsweise die Zinseszinsrechnung, wie überhaupt wei-
te Teile der Finanzmathematik. In der Analysis ist sie ein unentbehrliches Hilfsmittel bei der
Konvergenzuntersuchung auch anderer Reihen.

T 1

v -'L
Fig. 1.36: Zur geometrischen Reihe

Das »Geometrische« an der geometrischen Reihe wollen wir am Beispiel der Fig. 1.36 ver-
deutlichen. Die Summe der Fläeheninhaltc der sehrafficrtcn Dreiecke ist

23 Hierbei \'ercinban mnn qO = I. nueh im Fnlle q = O. Im übrigen ist nber r:fJ. nach wie \'or. niehtllcfinien.
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 77

Nimmt man das untere Dreieck weg, so entsteht die gleiche Figur wie vorher in kleinerem Maß-
stab. Dies ist typisch fUr das Vorkommen der geometrischen Reihe in der Geometrie.

Beispicll.41:
Die IwrmuniKhe Reihe lautet

1 1 1
1+-+-+-+.
234
kürLer
[
00
L"k
""
1] .
k=]

Diese Reihe ist überraschenderweise divergent, obwohl ihre Glieder gegen Null streben. Man
sieht das so ein: Im Falle 1/ = 2'" (111 E N) gilt für die li-te Partialsumme:

SIl= I+~+(i+~)+(~+.. ·+~)+(~+.. ·+ I~)+'


+ (2 m : I
+ + ... + 2~")

~ I +~+ (~+~) + (~+ ... + ~)+ (/6 + ... + ~)+.


~

4 Glieder 8 Glieder

+ (2~" + ... + ~) = I+ ~ + ~ + ~ + ... + ~


2"'-1 Glieder m Glieder
1
= 1+ m . - -+ 00 fUr 111 -+ 00.
2
Beachtet man, daß die Folge (s,,) streng monoton steigt, so folgt damit 11 lim00 Sll = 00. Wir be·
schreiben dies symbolisch durch

( 1.60)

Bezeichnung: Streben die Partialsummen einer Reihe [ao + (11 + (/2 + ... j gegen Unendlich, so
schreiben wir symbolisch

Entsprechend verHihrt man im Falle -00.


78 I Grundlagen

Beispiel 1.42:
Die Reihe

konvergiert, denn schon im Beispiel 1.39, Absehn. 1.4.6, haben wir gezeigt. daß dic Folge der
Partialsummen

'~II = Lk'!
" I

k=O

monoton steigt und beschränkt ist, also konvergiert. Der Grenzwert wird mit c bezeichnet:

N,
e= Lk ! =2,71828183. (1.61)
k=O

Die Rechenregeln für konvergente Folgen lassen sich sofort auf Reihcn übertragen. Man hat
sie nur auf die Partialsumrnen SIl anzuwenden. Es folgt daher ohne weiteres:

Satz 1.9:
Konvergente Reihen dürfen gliedweise addiert, subtrahiert und mit einem konstanten
Faktor multipliziert werden.

konvergcnt, so sind auch [fak ±bkj. [fJ..akj, (A EIR)


k=O k=O

N N N

L(ak±bk)= Lak±Lbk, ( 1.62)


k=O k=O k=O
N N

L(Aad = A L(/k. ( 1.63)


k=O k=O

Die Beispiele 1.40 und 1.42 legen folgenden Satz nahe:

[E j
Satz 1.10:

Bei einer konvergenten Reihe (/k konvergieren die Glicder gegen Null:

ak --;. 0 rur k --;. 00


1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 79

Beweis:
Nach Voraussetzung konvergiert die Folge der Partialsummen (a,,) der Reihe. Für jedes Glied a"
gilt offenbar (/11 = S" ~ S,,_l. Aus dem Cauchy-Kriterium folgt, daß diese Differenz gegen Null
strebt. 0

Bemerkung: Die Umkehrung des Satzes gilt nicht, wie das Beispiel der harmonischen Reihe
zeigl. Der Satz stellt daher ein notwendiges und kein hinreichendes Kriterium fur die Konvergenz
einer Reihe dar. Demzufolge dient er auch üblicherweise zum Nachweis der Divergenz einer
Reihe.

Beispiel 1.43:

Wir betrachten die Reihe [tak] mit ak = rh. Für die Glieder der Reihe gilt {/k --+ I rur
k",O
k -+ 00, so dass die Reihe laut Satz 1.10 divergent ist.

Übung 1.29*:
. daß die
BeweIse. .ReIhe
. [I + '3J + '5J + "7J + ... ] gegen 00 divergien.

Übung 1.30:
Ein Kapital von K € mit K = 150000 soll fUr eine Rellle verwendet werden. die jeweils um
Jahresanfang auszuzahlen ist. Der Jahreszins des Geldinstitutes. bei dem das Kapital eingezahlt
wird. ist p = 6% = 0.06. Das Kapital wird am 1.Januar eines Jahres don eingezahlt. Die
Jahresrente beträgt R = 12000 €. Sie wird jeweils um I. Januar ausgezahlt. beginnend mit dem
Einzahlungsjahr. Wieviele Jahre kann die Rente gezahlt werden?
Hinweis: Zu Beginn des ,Hen Jahres ist das Guthaben auf den Betrag

gesunken. (Warum?) Für welches t1 ist K" > 0 > K,,+t?

1.5.2 Allgemeine Konvergenzkriterien

Monotonie- und Cauchy-Kritcrium werden ohnc Schwierigkciten auf Reihen übertragen.

Satz 1,11:
(MonoTOniekrilerillmjiir Reihen) Eine Reihe mit nichtnegalivcll Gliedcrn ab konver-
giert genau dann, wenn die Folge ihrer Panialsummen beschränkt ist.

Zum Beweis ist hierbei lediglich zu bemerken, daß wegen (/k ~ 0 die Folge der Partialsummen
= ao + {/t + ... + {/" monoton steigt. Das Monotonickritcrium flir Folgen ergibt dann den
.1""
vorstehenden Satz.
80 I Grundlagen

Das Monotoniekriterium wird häufig auf Reihen angewandt, deren Konvergenz zwar vermu-
tet wird, deren Grenzwert jedoch nicht erraten werden kann. Wir erläutern dies an folgendem
Beispiel:

Beispiel 1.44:
Konvergiert die Reihe

mita> I? 24

Dies ist der Fall! Wir sehen es mit dem Monotolliekriterium folgendennaßen ein:
Alle Gliedersind positiv. Zu zeigen bleibl also, daß die Folge der Partialsummen .1"" beschränkt
ist. Dies wird exemplarisch ftir IJ = 15 durchgeftihn. Es gilt:

1
S15= 1+(2" +3~')+(41" +'''+7Ia)+(8~' + + I~a)
<I+ (2~' + 21(/) + (~+ ... + ~) + (~+ + ~)
4 Glieder 8 Glieder
1 1 I I I I
= 1+2·-+4·-+8·-=
2" 4" 8"
1+
2,,-1- +
411 --
1+ -
8,,-1
_'_ 1 1 ~ I 2 3 ( . I I)
= I +21'-1+(211 1)2+(211 1)3- +q+q +q mltq=211_1<
I
< l+q+q2+ qJ+(/+q5+ =
I -q.

Diese Abschätzung läßt sich offenbar fUr alle s" mit Jl = 2'" - 1(111 E N) durchfUhren:
I
s,,~--.
I-q

Da die Folge der Partialsummen monoton steigt, gilt die obige Ungleichung fUr alle Jl = 0, 1,2,
... , d.h. (s,,) ist beschränkt, woraus die Konvergenz der Reihe [~
L....
~] folgt. Ein Grenzwert
11"
,,=1
ist dabei schwerlich zu erraten. (Im Falle a = 2 strebt die Reihe z.B. gegen 11"2/6, was später im
Zusammenhang mit Fourierreihen gezeigt wird.)

Wir kommen nun zum Cauchy~KrilCrium, welches fUr die Theorie der Reihen am wichtigsten
ist. wie bei Folgen.

24 IIsei hier r.uional vorausgesetzt. da wir andere Hochzahlen noch nicht kennen. Doch gill allcs un\,cr'jnde" auch fllr
beliebige reelle Exponenten. wie wir naeh Einfllhrung der Exponentialfunktion sehen werden.
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 81

[t
Satz 1.12:
(Couchy-KrileriwlI für Reihen) Eine Reihe Ok] konvergiert genau dann. wenn
k=O
folgendes gill: Zu jedem E > 0 gibt es einen [ndex 110. so daß rur alle 11I > fl ::: 110
SielS

L'" Gk <E (1.64)


k=,,+1

gilt.

Beweis:
Man hat lediglich zu beachten, daß

L'" Gk =S", -SI1


k=It+1

ist, wobei SII' Sm Partialsummen sind. Das Cauchy-Kriteriulll fur Folgen liefert dann sofort obigen
Satz. 0

Wie wir gesehen haben, divergiert die harmonische Rcihe [I + ! + ! + .. .J. Wie steht es
aber mit der Reihe

I - ~2 + ~3 - ~4 + ....
], (1.65)
[

Sie konvergiert in der Tat. Es handelt sich dabei um eine sogenannte alternierende Reihe.
Bezeichnung: Eine Reihe heißt alternierend. wenn ihre Glieder abwechselnd> 0 und< 0 sind.
Für diese Reihcn gilt

Satz 1.13:
(Leibnir 5.Kriterium) Eine alternierende Reihe

konvergiert, wenn die Folge der Gk > 0 monoton fallend gegen Null strebt.

25 Goufricd Wilhehn Lcibniz (1646- 1716).lleutscher Philosoph. Mathematiker. Diplomat. Physiker. Historiker. Bi·
bliothckar und Doktor lles ....·eltlichen und dcs Kirchenrechts
82 I Grundlagen

Beweis:
Wir bilden die Partial summen zu geraden und zu ungeraden Indizes und klammem geschickt:

s2n :::: 00 - (al - (/2) - (03 - (/4) - ... - (a211-1 - 02,,).


S211-I:::: (00 -al) + (02 -(3)+ ... +(0211-2 -0211-j).
Alle Klammerausdrücke sind::: 0, da (at) monoton fallt. Also ist (.1"2,,) monoton fallend und
(S211_j) monoton steigend. Wegen

51 ~ S2J1_1 ~ S2Jt-1 +02n:::: S211 ~50, (11::: I),

ist (sz,t) durch .fl nach unten beschränkt und (.1'2,,-1) durch So nach oben. Nach dem Monotonie-
kriterium konvergieren daher beide Folgen und zwar gegen den gleichen Grenzwert. Letzteres
folgt aus

52" - 5211_1 :::: 02" ...... 0 für 11 ...... 00. o

Die alternierende Reihe [I 1


~ ~ + ~ ~ + ...] konvergiert damit. (Ihr Grenzwert ist übri-
gens In 2, was wir im Zusammenhang mit Taylorrcihen später zeigen werden.)

Übung 1.31 *:

Beweise die Konvergenz der Reihe


[
L
00

k=O
2']
k! .

1.5.3 Absolut konvergente Reihen


Definition 1.16:

Eine Reihe [~{/k] heißt absulut kO/ll'ergem, wenn die Reihe der Absolutbeträge

ihrer Glieder konvergiert, d.h. wenn [f:


k=O
10kl] konvergent ist.

Gilt dies, so ist natürlich auch die Ausgangsreihe [f:


k=O
Ok] konvergent, denn es gilt

1011 +1 + ... +0",1 ~ 10,,+11 + ... + 10",1


fur beliebige Indizes 111, 11. Nach dem Cauchy-Kriterium (Satz 1.12) gibt es aber zu jedem e > 0
ein "0, so daß die rechte Seite der Ungleichung kleiner als E ist, sofern 11, 111 > 110 gilt. Damit gilt
dies erst recht fur die linke Seite, womit das Cauchy-Kriterium fur die Ausgangsreihe erfullt ist.

Bemerkung: Absolut konvergente Reihen stellen den Normalfalf konvergenter Reihen dar. Kon-
vergente Reihen, die nicht absolut konvergieren, bilden eher die Ausnahme. Entscheidend fur
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 83

absolut konvergente Reihen ist, daß ihre Glieder beliebig umgeordnet werden dürfen, und daß
man Produkte solcher Reihen bilden kann. Wir formulieren dies in den nächsten beiden Sätzen.

[f>t]
Satz 1.14:

Absolut konvergente Reihen dürfen beliebig »umgeordnet« werden. D.h. ist


bd)
eine absolut konvergente Reihe mit dem Grenzwert so korlVergien jede durch Um-

[t a"I']
.1',

ordnung daraus entstehende Reihe ebenfalls gegen .1'.26


t=O

Beweis:
Es seien

"
und t,,:::: La nt
t=]

die Partial summen der genannten Reihen. Für sie gilt nach der Dreiecksungleichung

1.1' -/111::,,: 15 -5,,1 + 15,1 -/111.


Wegen 15 - .1',,1 -+ 0 (mr n -+ 00) bleibt nur 1.1'" - t,,1 -+ 0 (ftir" -+ 00) zu beweisen, denn dann
gilt 15 ~ /" 1-+ 0, was gerade die Behauptung des Salzes ist.
Zunächst bemerken wir, daß

L lat!
00

All :::::
t="

L latl L latl und L latl:


00 ] 00 ,,-,
gegen Null strebt, denn da konvergiert, gilt mit $:::: $" ::::
[
t=O t=o t=O
All :::: S ~ s" -+ 0 fur" -+ 00.

Wir bilden nun

1.1'" - tlll :::: lamllt) +." I


::": la"'(1I)1 + lamllt)+11 +.
:::: AII/(n)'

Dabei ist (1",(,,) das erste Glied (mit kleinstem Index), das sich in .1'" - t ll nicht heraushebt. das
also nur in s" vorkommt und nicht in t". Es gilt 111(11) -+ 00 fur 11 -+ 00, da mit steigendem 11
schließlich jedes Element at in 'n vorkommt. Damit gilt auch A m(ll) -+ 0 fLir 11 -+ 00, folglich
ISI! - t,,1 -+ 0 ftir" -+ 00, was zu zeigen war. 0
26 [n der Folge (fIt) kommt jeder Index O. 1,2. 3.... usw. genau einmal vor.
84 I Grundlagen

Konvergente Reihen, die nicht absolut konvergieren, heißen bedingl kOllvergent. Die Reihe

( 1.66)

ist ein Beispiel dafLir.

Man könnte sich fragen, ob willkürliches Umordnen hier auch erlaubt ist. Das ist nicht der Fllil.
Es gilt sogar folgendes: Jede bellillgl kOllvergente Reihe kann man so I/Illordllen. daß sie gegen
eine beliebig vorgegebene Zahl konl'ergierr. Die Reihe (1.66) kann man z.B. so umordnen, daß
sie gegen 100 konvergiert. Man hat nur so viele positive Glieder zu addieren, bis man gerade 100
überschritten hat. Dann subtrahiert man so viele negative Glieder (in diesem Fall nur eins), bis
100 gerade unterschritten ist. Dann addiert man wieder positive Glieder, bis 100 überschritten ist,
usw. So »pendelt man sich auf lOOein«. Diese Andeutung möge genügen. Für Beweise verweisen
wir auf [26J, S. 199, Satz 32.4 und [56]. S. 141, Beispiel 4.11. [n Bezug auf Anwendungen sind
diese Überlegungen von geringer Bedeutung.

Absolut konvergente Reihen gestatten uns, PlVdllkle VOll Reihen zu bilden,

Satz 1.15:

Sind [E k] a und [~b;] absolut konvergente Reihen, so folgt

(1.67)

wobei die Indizes (k. i) in der rechten Summe alle Paare

(0.0) (0.1 ) (0.2)


( 1.0) (1.1 ) (1.2)
(2.0) (2, I) (2.2) ( 1.68)

in irgendeiner Reihenfolge durchlaufen. Wählt man die Reihenfolge speziell auf die
folgcndernmßen skizzierte Weise:

(0.0) (0.1) (0.2) (0.3)


(1.0)/ (1.1)/ (1.2)/
(2,0) / (2.1) /
(3,0) / /
... /
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 85

so folgt

j
mit Cj = I>lj-kbk. ( 1.69)
k",O

Beweis:
Die Indizes (1.68) mögen in irgendeiner Weise durchlaufen werden. Auf diese Weise werden die
lakbi I zu Gliedern einer Reihe. Sli sei die li-te Partialsumme dieser Reihe. Es sei m der höchste
vorkommende Index i oder k der Glieder lakbi I, welche die Summe Sn bilden. Damit gilt offenbar

(S,,) ist also beschränkt. Nach dem Monoloniekriterium konvergiert (5,,). womit der Satz bewie-
~ni~. 0

Übung 1.32:
Es sei (/k = ,l und bk = qk. wobei [pi< I und Iql < I vorausgesetzt ist. Es soll Ci nach
(1.69) berechnet werden. Zeige

,/+1 _ qi+1
ci =
I' q

1.5.4 KOllvergenzkriterien für absolut konvergente Reihen

Da. wie schon gesagt. absolut konvergente Reihen wesentlich häufiger in konkreten Anwendun-
gen vorkommen als bedingt konvergente. sind die folgenden Konvergenzkriterien wichtig:

[t {/k]
Satz 1.16:

(Majonmtenkriferium) Ist absolut konvergent und


k=O

für alle k von einem ko an 27 , so ist auch [t k=O


bk] absolut konvergent.

[%; lakl] heißt eine Majorallle von [%; bk]


27 D.h. fUr alle k ~ kO'
86 I Grundlagen

Beweis:
Aus

folgt mit dem Monotoniekriterium die Behauptung. o


Beispiel 1.45:

Da [to qk ] fUr Iql < I absolut konvergiert, gilt dies nach obigem Kriterium auch ftir die Reihe

[~q';kl
Bemerkung: Das Majorantenkriterium impliziert auch eine Möglichkeit zum Divergenznach-
weis einer Reihe. die häufig unter der Bezeichnung MillOralltellkriferillm gefUhrt wird und wie
folgt formuliert werden kann:

Ist [~ak] eine divergente Reihe und gelte

fur alle k von einem ko an, so ist auch [t bk]


k=O
divergent.

[~Iad] heißt eine Mil/orallte von [~bk]

Der Grund fur diese Schlussfolgerung ist leicht einsichtig. Wäre [t bk] konvergent. so würde

[t lIk]
k=O

uns das Majorantenkriterium direkt die absolute Konvergenz der Reihe liefert, die im
k=O
Widerspruch zur vorausgesetzten Divergenz steht.

Beispiel 1.46:
Sei a .:0:; I, so gilt für alle k E N die Ungleichung
1.5 Unendliche Reihen reeller Zahlen 87

Die harmonische Reihe stellt folglich eine Minoranle von [f bk]


k=1
dar und die Reihe ist diver-

gent mit

I>, ~ Li: ~oo.


00 00,

k=1 k=l

[f
Satz 1.17:
(Quotielllenkriterium) Die Reihe ak] ist absolut konvergent, wenn es eine Zahl
b=O
fJ < I gibt mit

(1.70)

fUr alle Indizes k von einem Index ko an 28 , Gilt jedoch von einem Index ko an

a, I
l--:::1.
ak+' (1.71)

so ist die Reihe [f


,~
ak] divergent.

Beweis:
(I) Aus (1.70) folgt

I:I~:~ 1.1 ::::~ I... _1~_:__k1_11 ~ ~


(k - ko) Faktoren

Die linke Seile ist offenbar gleich laki/lakol, also folgt lakl/lakol ~ bk- ko , d.h.

lakl ~ C· bk mit C = b-koillkol.

D, [f Cb k] konvergiert (gegen C . f b k =
c
I _ b' s. geometrische Reihe), so ist auch

[E
k=O k=O

lIk ] absolut konvergent.

(11) Aus (1.71) folgt

28 D.h. fUr alle k ~ kO'


88 I Grundlagen

Die ak streben nicht gegen Null, folglich divergiert die Reihe. o


Beispiel 1.47:
Die Reihe

[q+2q2+3q 3+ 4q4+ ... +kl+ ... J mitlql< I

konvergiert absolut. Denn Hir den Quotienten benachbarter Glieder gilt

(k+l)qk+11 k+l Iql Iql


'-----,--i,-
l kq
~--Iql=k/l+-sk/l+­
k k ko
(I. 72)

fur alle k :::: ko. Man kann dabei ko so groß wählen, daß die rechte Seite in (1.72) kleiner als I ist.
Nach dem Quotientenkriterium konvergiert damit die Reihe absolut.

Satz 1.18:

(WllrzeikrileriulII) Die Reihe [t


k=O
ak] konvergiert absolut, wenn es eine Zahl b < I

gibt mit

(1.73)

flir alle k ab einem Index ko. Gilt

.:flak! > I (1.74)

flir unendlich viele Indizes k. so divergiert die Reihe.

Beweis:

(I) Die Ungleichung (1.73) liefert lak! S b k • Die geometrische Reihe [t b k ] ist also eine

[t
k=O

Majorante von ak]' also liegt absolute Konvergenz vor.


k=O
(11) (1.74) ergibt lak! :: I flir unendlich viele k, also Divergenz. 0

Bemerkung: Das Wurzel kriterium wird uns noch bei Potenzreihen (Abschn. 5.2.1) beschäftigen.
Quotienten- und Wurzel kriterium sind sogenanntc »hinreichendc« Kritcrien. D.h. sie lassen sich
nicht umkehren: Aus absolllter Konvergenz folgt nicht allgemein die Gültigkeit der Quotienten-
bedingung (1.70) oder der Wurzelbedingung (1.73).
Aus beiden Kriterien ziehen wir nachstehende Folgerung, die in der Praxis als Kriterium ftir
absolute Konvergenz oder Divergenz meistens ausreicht.
1.6 Stetige Funktionen 89

Folgerung 1.15:

Für die Reihe [ft=o


atJ existiere

. I"HII
hm - - = c
t-oo at
(at i= 0 flir alle k)

lim ~Iad =c.


t_oo

Dann folgt: Die Reihe konvcrgicfI absolut, falls c < I ist, sie divergicfI, wenn c > I
ist.

Beweis:
Im Falle c < I sind fur beliebig gewähltes b mit c < b < I die Konvergenzaussagen des Quo-
tientenkriteriums bzw. des Wurl.elkriteriums erflillt. Im Falle c > I gelten die entsprechenden
Divcrgenzvoraussctzungen. 0

Beispiel 1.48:

Ist [~k2(/J (Iql < I) konvergent? Mit (/t = k 2(/ gilt

at+1
- {/t ~ (k+1 '
-k - ) 1'11 ~ 1'11 flir k --;. 00.
I 1
Wegen ICI I < I erhält man aus Folgerung 1.15 die absolute Konvergenz der Reihe.

Übung 1.33*:
Fiir welche reellen Zahlen x konvergiert die Reihe

1.6 Stetige Funktionen


1.6.1 Problemstellung: Lösen \'on Gleichungen
Anwcndungsprobleme fUhren oft auf Gleichungen oder Gleichungssysteme. Wir beschäftigen
uns hier mit dem einfachsten Fall. nämlich einer reellen Gleichullg mil einer reellen Unbek(ll/l1-
ren. Sie läßt sich in der Form
90 I Grundlagen

beschreiben, wobei I eine reellwertige Funktion auf dem Intervall ist. Gesucht sind alle Zahlen
x aus dem Intervall, die die Gleichung erfüllen. Sie heißen Nlillslellell von I.

Beispiel 1.49:
x 4 +x 3 + 1,662x 2 -x-0.250=0 (1.75)

Diese Gleichung komml bei der Standfestigkeitsberechnung eines Keflenkarussells vor (s. Ab-
sehn. 33.5). Man interessiert sich dabei rur Lösungen x im Intervall [0, 11. Die linke Seite von
(1.75) stellt I {x} dar.

Will man eine solche Gleichung lösen, so wird man zun~ichst ganz unbefangen probieren und
einige x-Werte einselzen. Nehmen wir an, man hat dabei für einen Punkt x = a einen negativen
Funktionswert ICa} < 0 erhalten und rur x = b einen positiven Wert ICb} > O. Dann ist zu
vermuten, daß zwischen a und b eine Zahl x mit Im = =
0 liegt, kun:, eine Lösung von I(x) O.
In unserem Beispiel 1,49 gilt I (a) < 0 rur a = 0 und I {b} > 0 rur b = I, wie man durch
Einsetzen sieht.
Ist die Vermutung richtig, daß sich zwischen a und b eine Lösung befindet?
Die Anschauung zeigt folgendes: Bildet der Graph von f eine »ununterbrochene« Linie zwi-
schen den Punkten (a. f(a» und (b, I(b», so wird diese Linie die x-Achse wenigstens in einem
Punkt (x. O) schneiden (s. Fig. 1.37a). Er liefert feX) = 0, also eine Lösung unserer Gleichung.
»Springt« die Funktion dagegen, wie in Fig. 1.37b skizziert, so braucht keine Lösung VO'.lU-
liegen.
Die Eigenschaft einer Funktion f, daß ihr Graph als »ununterbrochene« Linie erscheint, wird
SIeligkeil genannt. Diese anschauliche Formulierung ist noch etwas ungenau und rur präzise
mathematische Arbeit nicht geeignet. Wir werden daher im nächsten Abschnitt die Stetigkeit
einer Funktion exakt beschreiben.

y y

~
• , •
I ,
b I I b
I I
~

.) b)

Fig. 1.37: Zur Stetigkeit

Vorerst kommen wir noch einmal auf die Gleichung f(x) = 0 zurück. wie ist sie zu »lösen«?
Ist f(a) < 0 und f(b) > 0. so kann man in der Mitte zwischen a und b. bei c = ~,den
Funktionswert fee) berechnen. ISI fee) > 0, so wird man eine Lösung im Teilintervall [a, cl
vermuten, ist f(c) < O. vermutet man eine Lösung in [e. bl. Das so bestimmte Teilintervall
1.6 Stetige Funktionen 91

halbiert man wieder, usw. Dieses sogenannte Inrerl'af/lwlbierungSl'el!ahren fUhrt bei stetigen
Funktionen zu beliebig genauer Berechnung einer Lösung von f(x) = 0 (s. Absehn. 1.6.3).
=
Im Beispiel [.49 erhalten wir mit c 0.5 zunächst f(c) =
-0,147. Man vermutet daher eine
Lösung im Intervall [c, b[, halbiert dies wieder usw.
Der Leser möge den Vorgang selber mit dem Taschenrechner durchfUhren. Im Rahmen der
Rundungsgenauigkeit gewinnt er als Lösung von (1.75) dann :x == 0,566. Aus Abschnin 3.3.5
geht hervor. daß:X die einzige Lösung in [0. I] ist.

1.6.2 Stetigkeit
Wir greifen noch einmal die Vorstellung auf, daß eine »stetige« Funktion auf einem Intervall
durch einen »zusammenhängenden« Graphen dargestellt werden soll, also insbesondere nieht
»springen« soll. Wir werden daher erwarten, daß l(xlJ) --+ I(xo) gilt, wenn XIJ --+ xo konver-
giert. Genau dies wird als Stetigkeit bezeichnet:

Definition 1.17:
Eine rcellwertige Funktion 1 heißt in einem Punkt xo ihres Definitionsbereiehes 0
stetig, wenn fUr alle Folgen (x,,) aus 0 mit x" -+ xo slets

(1.76)

gilt. Ansonsten bezeichnen wir 1 als unstetig in Xo E D.

Man kann diesen Sachverhalt auch in folgender übersichtlicher Form schreiben:

[im fex,,) = f( lim x,,). (1. 77)


" ..... 00 "_00

Merkregel: Stetigkeit von 1 in xo = [im x" bedeutet, daß 1 und lim vertauscht werden
n_oo " ..... 00
dürfen.

Definition 1.18:
Eine Funktion f : 0 --+ IR heißt stetig auf einer Teilmenge A ihres Dejilliriollsbe·
reiches 0, wenn sie in jedem Punkt von A stetig ist. Ist f stetig in jedem Punkt des
Definitionsbereiches, so heißt f eine stetige FunktiOll.

Beispiel 1.50:
Jede Funktion der Form

I(x) = (/0 +alx + a2x2 + ... + (/"'X'" . (1.78)

definiert auf IR, ist stetig. Eine Funktion dieser Art heißt Polynom.
Die Stetigkeit von 1 sicht man so ein: Mit [im x" = x0 29 folgt auch lim x,~ = lim x,~ = xij, xJ,
... llSW., denn nach Satz 1.1 konvergiert das Produkt konvergenter Folgen gegen das Produkt der

29 Wir schreiben I'creinfaeh! tim stall lim. wenn kcine Irrtümer entstehen können.
"_00
92 I Grundlagen

zugehörigen Grenzwerte. Entsprechendes gilt für Summen konvergenter Folgen. Also gilt

00 00 00 (00 )
L.J akX~ = '""
/(XO) = '"" L.J ak "lim00 x,~ = '"" lim (ak.\·~) =
L.J 11--->00 0
lim00 '"" {/p:,~ =
L.J /1
lim00 /(x,,).
k=O k=O k=O k=O

Dies bedeutet aber gerade, daß / in Xo stetig ist. Da Xo beliebig aus IR gewählt war, ist / eine
stetige Funktion.

Die meisten in Physik und Technik vorkommenden Funktionen sind stetig.


wollen wir weitere allgemeine Eigenschaften stetiger Funktionen behandeln. die
Zun~ichst
man kennen sollte, wenn man klug mitreden möchte.
Der folgende Satz gibt die sogenannte e-8-CllaraklerisienUlg der Stetigkeit an.

Satz 1.19:
Eine reellweltige Funktion / ist genau dann stetig in einem Punkt Xo ihres Deflnitions-
bereiches D, wenn folgendes gilt:

Zu jedem e > 0 gibt es ein 8 > 0, so daß


für alle x E D mit Ix - xol < 8 stets
( 1.79)
I/(x) - /(xo)1 <'
gilt.

Bemerkung: Die beschriebene e-8-CharakterisienU/g (1.79) läßt sich auf einfache Weise vemn-
schaulichen. Betrachten wir dazu Fig. 1.38:

I (xo)

'II '
I

Fig. 1.38: Zur Stetigkeit

DOll wurde zu einem e > 0 ein 8 > 0 gewiihllund daraus ein Rechteck mit den Seilenliingen
28 und 2e um den Mittelpunkt (xo. /(xo» gebildet.
1.6 Stetige Funktionen 93

Das Rechteck ist so beschaffen, daß der Gmph von [ seil/ich hemusläuft und niehl oben oder
IIII/en.

Immer wenn man zu jedem s > 0 ein 8 > 0 dieser Art finden kann, liegt die Sletigkeit von [
in Xo vor. Denn die Tatsache, daß kein Punkt des Graphen von [ über oder unter dem Rechteck
liegt, bedeutet gerade I[(x) - [(xo)1 < s für alle x E 0 mit Ix - xol < 8.
Beweis:
(des Satzes 1.19): (I) Es sei [stetig in xo. Angenommen, die s-8-Clwraklerisierul/g (1.79) ist
nicht erflillt. Dann gibt es ein s > 0, zu dem man kein 8> 0 finden kann mit I[(x) - [(xo)1 < s,
falts Ix - xol < 8. D.h. flir jedes 8 > 0 gibt es ein X8 E Dlx8 - xol < 8, das 1[(X8) - [(xo)1 ::: s
erflillt. Insbesondere gibt es dann zu 8 == 1(11 (/1 E N) jeweils ein X'I mit

I
IX,I - xol < - und 1[(x,l) - [(xo)1 ::: s.
"
Die erste Ungleichung ergibt lim x" == xo, während die zweite zeigt, daß [(XII) nicht gegen
"_00
[(xo) strebt. Das widerspricht der Stetigkeit in xo. Also war unsere Annahme falsch, und (1,79)
gilt.
(11) Ist aber (L79) erfüllt, so folgt daraus die Stetigkeit von [in xo. Denn ist (x,,) aus 0 mit
XII -+ Xo flir 11 -+ 00, so wähle man zu beliebigem s > 0 ein 8 > 0 mit I[(x) - [(xo)1 < 8,
falts Ix - xol < 8. Wegen XI! -+ Xo gibt cs ein /10 mit lXII - xol < 8 flir allc 11 ::: 110, also auch
I[(x,,) - [(xo)1 < 8 rur 11 ::: /10. Das bedeutet aber gerade [(XII) -+ [(xo) rur" -+ 00, womit
der Satz bewiesen ist. 0

Bemerkung: Bei konkreten Stetigkeitsuntcrsuchungen gcht man meistens von der ursprüngli-
chen Definition der Stetigkeit aus (Der. 1.17), während bei theoretischen Überlegungcn (mehrfa-
che Grcnzwer1bildungen u.a.) die e-8-CJlllraklerisierllllg vor..w ziehcn ist.

Übung 1.34*:
Für welche x-Werte sind die folgenden Funktionen stetig und rLir wetche nicht?

(a) j(x) = .l-I. j:IR\lOj-l'IR,

(b) g(x) = {~-I fUrx,!-O.


fUr,l =0,
g:IR_IR.

. I
(c) hex) = 11m - 2 - - .
" ..... <Xl.l "+1

(d) k(x)
I
= 1
7x 2±6J< 98
.l.1t3x 10
flirx > 2.

0 rLir x ::: 2.

1.6.3 Zwischenwertsatz
Wie schon zu Beginn von Abschnitt 1.6 gesagt, erwarten wir von einer stetigen Funktion [ auf
einem Intervall /, daß sie zwischen einern a mit [(a) < 0 und einern b mit [Cb) > 0 eine
94 I Grundlagen

Nullstelle x hat (s. Fig. 1.39). Wir vermuten also, dilß ihr Graph die x-Achse zwischen a und b
mindestens einmal schneidet. Dies ist die Aussage des folgenden Satzes.

, ,
b

Fig. 1.39: Nullslel1ensalz. Zwischenwertsalz

Satz 1.20:
(NulJste/lellsmz) ISI J eine reellwenige stetige Funktion auf dem Intervall [a. b] und
haben J(a) und J(b) verschiedene VorLeichen (J(u) < 0, J(b) > 0, oder: J(u) > 0,
J(b) < 0), so besitzt f in (0, b) mindestens eine Nullstelle.

Beweis:
Der Beweis wird konstruktiv geftihn, und zwar mit dem Illten'allhalbienmgsverJahren, welches
eine Nullstelle beliebig genau zu berechnen gestattet. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit
nehmen wir J(a) < und J(b) > 0 an (anderenfalls wird J durch - J ersetzt). Man leilt nun
das Intervall [u, b] in der Mille, also bei m = (a + b)/2. Ist zufiiIlig J(m) = 0, so bricht
man das Verfahren ab, da eine NullsteIle gefunden ist. Im Falle J(m) > 0 wähll man das linke
Teilintervall [a.lII] zur Weiterarbeit aus, im Falle J(m) < 0 dagegen das rechte Teilintervall
[111. bIo Das ausgewählte Teilintervall nennen wir [al. bl]. Für seine Endpunk!e gi 11

J(ad < 0 < J(bj).

[al. bl J wird nun abermals halbien. uSW. D.h. man bildet nacheinander für n = 1.2.3.... die
Zahlen

(I) m" =
(/" +2 b" .
= Mitte von [all, bill,

-0 so Abbruch, da II/ n Nullstelle, ( 1.80)


(11) falls J(III,,) :0: so a'I+1 := a", b'I+1 := 111".
1< 0, so a,,+1 := III n _ bll + 1 := b".
1.6 Stetige Funktionen 95

Auf diese Weise entsteht (falls kein Abbruch) eine Intervallschachtelung [a. b] :l [(/1. b)J :l
[a2. b2J :l ... , bei der die IntervalHillgen b" - a ll ::::; (b - 0)/2" gegen Null streben. Es gilt
zweifellos a" __ x, und b ll __ X. Wegen f(a,,) < 0 < f(b,,) und der Stetigkeit von f folgt also

f(i)::::; lim f(a,,) SOS lim f(b,,)::::; f(i)


"---'00 11---'00
=> f(X)::::; O. o

Bemerkung: Das Intervallhalbierungsverfahren läßt sich gut auf Taschenrechnern oder program-
mierbaren Computern verwenden. Die Konvergenz der Folgen (a,,) oder (b,,) gegen die Nullstelle
x ist zwar recht langsam, doch weist das Verfahren gerade bei der Programmierung einige Vor-
teile auf: Es ist einfach (d.h. leicht programmierbar), es ist stabil (d.h. es funktioniert bei jeder
stetigen Funktion und ist unanftillig gegen Rundungsfehler), und man kann den Rechenaufwand
vorher abschätzen. denn es gilt

b-a
la" - xl S ~. ,,::::; 1.2.3. (1.81)

Ist z.B. f eine stetige Funktion auf 10. I] mit f(O) < 0, f(l) > O. und will man eine Nullstelle
x E (0.1) auf 6 Dezimalstellen genau bestimmen, so darf der Fehler la" - xl nicht größer als 5
.10- 7 sein, d.h. es muß 11 so geWählt werden, daß (b -a)/2" S 5.10- 7 ist. Das kleinsten dieser
Art ist 11 ::::; 21. Zusammen mit f(a) und f(b) sind damit 23 Funktionswerte zu berechnen. Wir
werden später erheblich schnellere Verfahren kennenlernen, die allerdings meist nicht so stabil
sind. Zwischen diesen beiden Eigenschaften, größere Schnelligkeit oder größere Stabilität der
Rechnung. hat man sich in der Praxis normalerweise zu entscheiden.

Beispiel 1.51:
Wir betrachten ein beliebiges Polynom ungeraden Grades n.

und behaupten, daß es milldestells eine reelle NlIlIstelle halo


Der Beweis ist mit dem Nullstellensatz denkbar einfach. Man hat sich nur klar zu machen, daß
ftir große lxi das »höchste Glied« a"x" »überwiegt«, d.h. daß alle anderen Glieder atxt absolut
erheblich kleiner sind als la"x"l. Für genügend großes lxi ist daher das Vorzeichen von p(x)
gleich dem Von:eichcn von a"x". Da 11 ungerade iSl, hat aber a,,(-x)" ein anderes Vorzeichen
als a"x". Zwischen -x und x muß sich daher eine Nullstelle von p befinden! Der Leser überprüfe
dies durch Rechnung am Beispiel

und berechne mit dem Intervallhalbierungsverfahren eine Nullstelle auf 3 Dezimalstellen genau.

Der NullstelIensatz läßt sich mühelos zum Zwischenwertsatz ausdehnen.


96 I Grundlagen

Satz 1.21:
(ZwiscJlemverr.wtz) Ist I : [u, bJ --7 IR eine stetigen Funktion und y eine beliebige
x
Zahl zwischen J(u) und J(b), so gibt es mindestens ein zwischen a und b mit

I(X)=Y·

Man sagt auch kürzer: Eine stetige FUllktion I : [a. bl--7 IR nimmljedell Wert y zwischen J(a)
lind I(b) all.

Beweis:
Zum Beweis hal man lediglich auf die Funktion Sex) := J(x) - y den Nullstellensatz anzuwen-
den: Da y zwischen J(u) und I(b) liegt, müssen g(a) und g(b) vcrschiedene Vorzeichen haben.
Nach dem Nullstellensatz existiert dahcrein x mit g(x) = 0, also I(x) = y. 0

Beispiel 1.52:
Mit dem Zwischenwertsatz beweisen wir, daß zu jeder positiven Zahl a und jedem Il E N genau
eine positive li-te Wurzel

existiert (Nachtrag zu Abschn. 1.1.6), Um dies einzusehcn, haben wir ZU zeigen, daß die Glei-
chung

X" =a

eine Lösung x ::: 0 besitzt. Es gilt für die stetige Funktion I(x) = x" (x 2: 0) aber J(O) <
a < I(xj), mit XI = a + I. Nach dem Zwischenwertsatz existiert damit ein Xo E (O.XI) mit
I(xo) = a, d.h. X = a. Da J auf [0, 00) streng monoton ist, ist Xo eindeutig bestimmt. Man
ö
schreibt dafUr
. .;c
·\0= va.

Übung 1.35:
Wieviele Lösungen hat die Gleichung

37228 4
x - -.\' + -.r - - = 0 in [0.11?
5 45 45
Berechne die Lösung(en) mit dem lntervallhalbienmgsverfahren auf drei Dezimalstellen genau.
Gib vor Beginn der Rechnung an. wieviele Halbierungsschriuc nötig sind!
1.6 Stetige Funktionen 97

1.6.4 Regeln für stetige Funktionen

Niemand zweifelt daran, daß Summe, Produkl und Qllo/ielll stetiger Funktionen wieder stetig
sind. Doch es will bewiesen werden!

Satz 1.22:
Sind / und g stetig in Xo, so sind auch

J
J+8. J-8. /. g und
g
(falls g(xo) :f:. 0)

stetig in xo.

Beweis:
Die Stetigkeit von / +g, / -g und /.g ergibt sich unmittelbar aus Satz 1.1 unter Zugrundelegung
der Stetigkeilsdefinition 1.17. Zum Nachweis dcr Stetigkeit von / /g in Xo benutzen wir den
nachfolgenden Hilfssatz, der besagt, daß g(x) :f:. 0 ist rur alle x des Definitionsbereiches von g,
die in einer gewissen Umgebung U von xo liegen. Für jede Folge (x n ) aus U mit X n --?' xo folgt
daher /(xn)/g(x,,) --?' /(xo)/g(xo) rur 11 --?' 00 (s. Satz 1.1). Also ist!lg in xo stetig. 0

Hilfssatz 1.2:
Ist / : 1 --?' IR stetig in xo E I. wobei /(xo) :f:. 0 ist, so gibt es eine Umgebung U von
xo mit

/(x):f:.0 flirallexEUn/.

Beweis:
Wir wählen c = I/(xo)l. Dazu existiert ein {j > 0, so daß rur alle x E I mit Ix - xol < 0 gilt:
IJ(xo) - J(x)1 < e ~ IJ(xo)1

=> 1/(xo)I-I/(x)1 < c = 1/(xo)1 => 0 < 1/(x)l.


Für U = (xo - 0, xo + 0) ist die Behauptung erfüllt. o
Beispiel 1.53:
Die Funktionen der Form

(1.82)

sind überall stetig. wo der Nenner nicht Null ist. da Zähler und Nenner stetige Funktionen darstel-
len (s. Satz 1.22, Fall !lg). Die Funktionen der Gestalt (1.82) nennt man rationale Funk/iollell.
98 I Grundlagen

Beispiele:

3-x+2x 3 8 - 6x - 5x 2
(x) = 2 6 ' .
1'1
-x + X· 2+x
Der Leser rechne Tabellen von Funktionswerten dieser Funktionen aus und skizziere die zugehö-
rigen Graphen. Bei 1') wird er eine kleine Überraschung erleben. Wie ist sie zu deuten?

Den folgenden Satz mache sich der Leser im Koordinatensystem anschaulich klar, bevor er
den Beweis liest.

Satz 1.23:
(Stetigkeit \'01/ Umkehr/tlllkliollen) Es sei f eine streng monotone Funktion auf einem
Intervall I. Damit folgt

(I) Die Umkehrfunktion f- I ist stetig auf f(l).

(2) Ist f überdies stetig auf I j so ist J = f(l) ein Intervall.

Beweis:
Ohne Beschränkung der Allgemeinheit nehmen wir f als streng monoton steigend an. (Andern-
falls ersetzt man f durch - f.) Ferner dürfen wir I als offenes Intervall annehmen, denn wäre
a ein Endpunkt von I, etwa ein linker. so könnte man f auf (-00. a] streng monoton steigend
erweitern, z.B. durch eine Gerade, die in a den Wert f(a) annimmt. Zu (1): Es sei nun )"0 ein
beliebiger Punkt aus f(l), mit)'o = f(xo). Es sei 8 eine beliebige positive Zahl mit der Eigen-
schaft, daß [xo -8. xo+eJ in I liegt (zum Sietigkeitsnachweis von f genügt es, sich auf so kleine
8> 0 zu beschränken). Man bildet nun das Intervall (f(xo) - e. f(xo) + e) und erkennt wegen
der Monotonie von f, daß alle Y = f(x) aus diesem Intervall ihre Urbilder x in (xo - e, Xo + e)
haben. Ist 5 der kleinere der Abstände If(xo - e) - f(xo)1 oder If(xo + e) - f(xo)l, so folgt
damit rur alle y = f(x):

I>, - .ral < 5::::} Ix -xol < 8.

Das bedeutet aber gerade die Stetigkeit von f- 1 in Yo. Da)'o E f(l) beliebig war, ist f- 1 somit
stetig.
Zu (2): Eine Zahlenmenge ist offenbar genau dann ein Intervall. wenn mit je zwei Punkten der
Menge auch jeder zwischen ihnen liegende Punkt zur Menge gehört. Sind nun YI = f(xl) und
)'2 = f(xü zwei beliebige Punkte J = f(l), so besagt der Zwischenwertsatz. daß jeder Punkt
zwischen),1 und),2 zu f(l) gehört. Also ist f(l) ein Intervall. 0

Beispiel 1.54:
(Wul'zelfimkriollen) Die durch

g(x) =::IX (11 E N)


1.6 Stetige Funktionen 99

auf [0. 00) definierte Funklion ist stetig, denn sie ist die Umkehrfunklioll der stetigen Potenifullk-
lioll

[(X)=x". x~o.

Satz 1.24:
(Komposilion stetiger FIIJ1kriollen) Es sei [ : A --7 8 stetig in Xo E A und g : 8 --7 C
stetig in)"o = [(xo). Dann ist auch die Komposition

gof

stetig in xo.

Beweis:
Ausx" --7 Xo (x" E A) folgt f(x ll ) --7 [(xu). also

(g 0 f)(x,,) = g(f(x,,» --7 g(f(xo» = (g 0 f)(xo).

d.h. g 0 [ ist stelig in xo. o


Beispiel 1.55:
Wir fragen uns. ob

hex) = &+l
stetig auf IR ist. Mit f(x) = x 2 + I, g(y) = .jY. kann man schreiben:

"(x) ~ g(f(x)) ~ (g 0 f)(x).

Da [ stetig auf IR ist und g stetig auf ro. 00). so ist h stetig auf IR.
1.6.5 Maximum und Minimum stetiger Funktionen

Häufig ist nach dem größten oder kleinsten Wert einer Funktion gefragt.
Es interessiert etwa der höchste Punkt einer Flugbahn oder der niedrigste Punkt eines durch-
hängenden Hochspannungsdrahtes. Der folgende grundlegende Satz gibt Auskunft über die Exi-
stenz solcher größten oder kleinsten Werte. also der Maxima und Minima einer Funktion. Doch
zunächst einige Bezeichnungen.
Intervalle der Form [a. b] werden kompakte Ill/ermlle genannt. Kompakle Inlervalle sind also
nichts anderes als beschriinkte abgeschlossene Intervalle. Nicht kompakt sind z.B. die Intervalle
(a. b). (a. bJ, La. 00), IR.
Wir nennen eine reelle Funktion [ : A --7 IR /lach oben beschriillkl. wenn es eine Zahl C gibt
mit

[(x) ~ C fur alle XE A.


100 I Grundlagen

C heißt eine obere Schrallke von /. Die kleinste obere Schranke von / heißt das Supremwlll'oll
/ und wird so beschrieben:

sup/(x).
"A

Entsprechend wird nach /Illrell beschränkt und untere Schranke definiert (~ statt .:'S:). Die größte
untere Schranke von / heißt InfimulII VOll / und wird durch

inf /(x)
"A

symbolisien. / : A -,\0 IR heißt beschränkt, wenn / nach oben lind nach unten beschränkt isl.
Gibt es ein Xo E A, so daß !(xo) gleich dem Supremum von! ist, d.h. daß

/(x).:'S: /(xo) ftirallex E A

gilt, so heißt /(xo) das Maxillllll11 von /' in Formeln ausgedrückt

max [(x) = !(xo).


XEA

Xo wird dabei eine Moximoüte!le von! genannt. Entsprechend werden Minimum von [.

min /(x),
.rEA

und Minima/stelle definien.

Beispiel 1.56:
Die Funktion

/(x) = x 2

mit Definitionsbereich [~I. 11 hat offenbar eine Minimalstellc bei 0 und zwei Maximalstellcn
bei ~ I und I. Es gilt also

min /(x)=/(O)=O. max /(x)=/(I)=[(-I)=I .


..-el-I.II xel-I.IJ

Beispiel 1.57:
Schränkt man die obige Funktion [(x) = x 2 ein auf den Definitionsbereich (-I. J), so bleibt
das Minimum erhalten, doch ein Maximum besitzt sie nicht mehr! Es ist zwar fex) < I fUr alle
x E (-I. I), aber niemals = I. /(x) kommt allerdings der I beliebig nahe, wenn x < I nahe
genug an I liegt. Somit gilt

sup fex) = I.
xe(-I.I)

wobei stan sup nicht max gesetzt werden darf!


1.6 Stetige Funktionen 101

Beispiel 1.58:
Die Funktion I(x) = I/x mit Definitionsbereich (0. 1J ist offenbar unbeschränkt, genauer unbe-
schränkt nach obe/l. Nach untcn ist sie natürlich beschränkt, denn es ist mill I(x) = 1.
~€(O.IJ

Ist cine Funktion I : A -+ IR nach obe/l bzw. /l{lch ullfen unbeschränkt. so beschreiben wir
dies durch

sup I(x) = 00 bzw. inf I(x) = -00. (1.83)


XEA x€A

In den letzten beiden Beispielen 1.57 und 1.58 existieren keine Maxima. Der Dcfinitionsbereich
ist hier beide Male nicht kompakt. Andererseits halten wir in Beispiel 1.56 einen kompakten
Definitionsbereich. und prompt existieren auch das Maximum wie auch das Minimum. Das läßt
folgenden Satz vermuten:

Satz 1.25:
(Salz vom Maximum) Jede stetige Funktion I auf einem kompakten Intervall [a, b] ist
beschränkt und besitzt sowohl Maximum wie Minimum. D.h. es gibt Elemente xo und
Xl in [a. bl mit

I(xo) .::: !(x) .::: !(xj) fur alle XE [a, bl. (1.84)

Beweis:
(I) Wir nehmen an: ! ist nach oben nicht beschränkt. Dann kann man zu jedem 11 E N ein x" E
[a, bl finden mit !(x,,) > n. So entsteht eine Folge (xn ) aus ta, bj. Da die Folge (x,,) beschränkt
ist, besitzt sie eine konvergente Teilfolge (xnkhEN (nach dem Satz von Bolzano-Weierstraß). Ihr
Grenzwert sei X. Da ! stetig ist, gilt damit

Andererseits ist wegen J(X"I;) > IIk:

Beides kann nicht sein. Also war unsere Annahme falsch, und I ist nach oben beschränkt. Die
Beschränktheit nach unten ergibt sich analog.
(11) Wir zeigen nun, daß! ein Maximum besitz!. Da I beschränkt ist. existiert jedenfalls das
Supremum

sup !(x) =: s.
xEI".hj

Zu jedem" E N gibt es damit einen Wert I (x) mit s ~ *


< J (x) .::: s. StaU x schreiben wir hier
102 I Grundlagen

X n. So entsteht eine Folge (x n ) in [a. b J mit

1
s - - < f(x n ) :::: s. also lim fex,,) ::::: S. ( 1.85)
" n...... CO

(XII) besitzt eine konvergente Teilfolge (XII.) (nach Bolzano-WeierstraB). Ihr Grenzwert sei x. Da
f stetig ist, gilt

Nach (1.85) ist dieser Grenzwert aber gleich s, also

f(i)=s,

d.h. x ist eine Maximalstelle und s das Maximum von f.


Die Existenz des Minimums von f wird analog gezeigt. o
Bemerkung: Der bewiesene Satz ist Grundlage für Exlremalprobleme, also Probleme. bei denen
nach Maximum oder Minimum gesucht wird. Er ist überdies wichtiges Hilfsmittel beim Beweis
des Mittelwertsatzes der Differentialrechnung. Sein Wert liegt mehr im Theoretischen.

Übung 1.36:
Gib für die folgenden Funktionen an. ob sie nach oben oder unten beschränkt sind. und berechne
gegebenenfalls ihre Suprcma. Intima. Maximal- und Minimalslellcn!

a) /(.1')=.1'2_ 10.1'+22: f : IR. --l> IR.:


b) g(.r)=2x-5: g ; 10.10) --l> IR:
c) hex) = .1'4 - 2.1"2 + 3: h : 10.21_ IR:
1
d) k(.r) = 3": k; (0.00) _ IR.
x

1.6.6 GleichmäUige Steiigkeit


Dieser Abschnitt kann beim ersten Lesen überschlagen werden. Er stellt ein Hilfsmittel bereit.
welches wir später in Beweisen benötigen. z.B. beim Beweis der Tatsache, daß stetige Funktionen
integrierbar sind.
Das Hilfsmittel, wovon hier die Rede ist, ist der Begriff der gleichmiißigen Stetigkeit.
Erinnern wir uns noch einmal daran, was es heißt, daß eine Funktion f auf einer Menge
A C IR stetig ist. Das bedeutet nach Satz 1.19:
Zu jedem Xo E A und zu jedem e > 0 existiert ein <5 > 0 mit der Eigenschaft

Ix - xol < <5 und XE A :::} If(x) - f(xo)1 < e. ( 1.86)

Hierbei htingt li von e lind .1'0 ab. so daß wir statt li auch li (.1'0. e) schreiben wollen. D.h. ftir
verschiedene Xo sind die li(xQ. e) möglicherweise verschieden. selbst wenn die e dabei gleich
1.6 Stetige Funktionen 103

y
/) (t)

f (X2)

,
f (Xl) -

,
" "

Fig. 1.40: Gleichmäßige Stetigkeit von Geraden

sind. Ein Beispiel hierftir ist die Funktion [(x) = I Ix auf (0. 1J. wie wir im nächsten Beispiel
genauer sehen werden. Hier müssen die 8(xo. t) von..l:O zu xo verschieden gewählt werden bei
fest gewähltem t > O.
Andererseits gibt es aber viele Funktionen, bei denen 8 > 0 so gewählt werden kann. daß es
nur 1'011 E > 0 abhängt und /licht 1'011 xo. Wir schreiben in diesen Fällen 8(e) statt 8.
Die einfachsten Funktionen, bei denen dies der Fall ist, sind die Geraden. Für die Gerade
[(x) = 2x (x E IR) überlegt man sich zum Beispiel: Zu beliebigem s > 0 wähle man 8(E) = S /2.
Dann gilt ftir alle Xt, X2 E IR:

Anhand des Graphen von [ wird dies sofort klar, s. Fig. 1.40.
Die beschriebene Eigenschaft, also die Ullabhällgigkeit ,Ie,. Zah/8(s) mn xo, heißt gleichmä-
ßige Stetigkeit der Funktion [. ZusammengefaßI:

Definition 1.19:
Eine reellwenige Funktion [ heißt gleichmäßig stetig auf A (A C DU) c IR), wenn
folgendes gilt:

Zu jedem s > 0 gibt es ein 0 > O. so daß


ftirallexl,x2 E A mit lXI -x21 < ostets
( 1.87)

gilt.

[ heißt eine gleichmäßig stetige Funktion, wenn [ nur dem gesamten Definitionsbereich D(f)
gleichmäßig stetig ist.
104 I Grundlagen

Es gilt nun der fundamentale

Satz 1.26:
Auf kompakten Intervallen sind stetige Funktionen gleichmäßig stetig.

8eweis:
Es sei / stetig auf la, bJ, Wir nehmen an. daß I nicht gleichmäßig stetig auf la, b] ist. und führen
dies zum Widerspruch. Für I soll also die Verneillllllg von (1.87) zutreffen, d.h. es gibt ein BO, so
daß es keil! 0 > 0 gibt in der in (1.87) beschriebenen Art Das bedeutet aber:

Es gibt ein BO > O. so daßfiir jedes 0> 0


zwei PunktexI>x2 E la,bl mit IX1 -x21 < 0
existieren. für die
( 1.88)

ist.

Wir wählen dabei 8 =~ fUr n =1.2.3.4, ... und nennen die zugehörigen Xl. X2-Werte kurz
XI.", Xv,. Die Folge (XI.,,) ist beschriinkl, besitzt also eine konvergente Teilfolge (XI./I.hEN' Ihr
Grenzwert sei X. Wegen IX1./I' - xv,.1 < ll"t konvergiert auch (XVI.) gegen X. Wegen der
Stetigkeit von / gilt

Das steht aber im Widerspruch zu I/(xI.Ilk) - /(x2.II.)1 ~ 1;0. Also ist / glcichmiißig stetig auf
la.b]. 0

8emerkung: Im Beweis wurde gar nicht benutzt, daß der Definitionsbereich von / ein IntenYl1J
ist Es wurde lediglich verwendet, daß er beschränkt ist und alle seine Hällfilllgspllllkte besitzt.
Eine Zahlenmenge mit dieser Eigenschaft wird kompakt genannt Jede Vereinigung endlich vieler
kompakter Intervalle ist z.B. kompakt, jede endliche Zahlenmenge auch, wie auch die Menge
10.1.!. i. !.... }. Der Satz 1.261iißt sich damit allgemeiner so formulieren: All/kUli/pakten
Zalllel111/ellgell sind stetige Fllnktiollen stets gleichmäßig stetig.
Beispiele für gleichmäßig stetige Funktionen gibt es nach Satz 1.26 wie Sand am Meer. 1m
Folgenden betrachten wir daher eine ungleichmäßig stetige Funktion.
Beispiel 1.59:
Die Funktion
I
I(x) = - (s. Fig. 1.41)
x
ist auf (0. 11 nicht gleichmäßig stetig. Denn flir BQ = I gilt: Für jedes {j > 0 gibt es zwei Punkte
XI.X2 E (0,1] mit lXI ~x21 < {j und I/(x]) ~ l(xz)1 ~ I. Es genügt dabei 0< 1 zu betrachten,
1.6 Stetige Funktionen lOS

,
, 4

,
,
l(x)=-

, •
-2 -1 2

Fig. 1.41: Ungleichmäßige Stetigkeit F·[g. 142


. : f(.,) = xl_I
x=T

denn fLir größere lJ gilt dann die erwähnte Aussage erst recht. Der Beweis der Aussage verläuft
so: Man wähle X2 = lJ und XI = lJ/2. Sie erfullen die Ungleichung lXI ~ x21 < lJ und

2
If(x,) - f(x2)1 ~
I , - -'I 1-lJ - -lJ'I lJ'
-
XI X2
~ ~- > ,.

Also ist f ungleichmäßig stetig auf (0. 11.

Übung 1.37*:
Welche der folgenden Funktionen sind gleichm:ißig stetig auf (0.1) und welche nicht?

a) !(x)=Jl-x 2 . b) g(X)=X+X- 2 +X 3 .

c) Ii(.t) = J2x. fLirO<x::1 2x


d) k(x) = lim "
1-2x+2. fLir1<x<1 II--'00(t) +1

1.6.7 Grenzwerte von Funktionen

Beispiel 1.60:
Zur EinHihrung betrachten wir die Funktion

x3 _ I
[(x) = - - (s. Fig. 1.42)
x-I

die fur alle x E IR mit Ausnahme von 1 definiert ist. Denn fur x = I ist der Nenner Null und
damit der Bruch sinnlos.
Skizziert man die Funktion im Koordinatensystem, so erlebt man eine Überraschung: Der
Ausnahmepunkl X = I scheint gar keine echte Ausnahme zu sein: Würde man Hir x = 1 den
Funktionswert y = 3 einHigen, so würde eine durchweg stetige Funktion entstehen. Wir können
dies übrigens auch algebraisch schnell einsehen: Ein Vergleich mit der geometrischen Summen-
106 I Grundlagen

formel zeigt nämlich, daß

x3 _ I
[(x) = - - = I +x +x 2
x -I

fur x ::j::. I gilt, Die rechte Seite der Gleichungskette stellt aber eine stetige Funktion [Cx) =
I + x + x 2 fUr alle x E IR dar. Sie ist die stetige Erweiterung von [ auf IR. Man sagt auch: 1 ist
(durch I) stetig in x = I erweitert worden.
Das bedeutet aber: Für jede gegen 1 konvergente Folge (XII)' mit x" ::j::. 1 rur alle /I, gilt

lim [(XII) = 3.
" ..... 00

Diesen Sachverhalt beschreibt man kurz durch

limj(x)=3.
,-I

Beispiele dieser Art fUhren uns zu folgenden Vereinbarungen:


Eine Zahl Xo heißt Hiiujllilgspullkt einer Menge D C IR. wenn in jeder .c:-Umgebung von Xo
unendlich viele Zahlen aus D liegen.

Definition 1.20:
Es sei j : D -.:,. IR eine Funktion und xo ein Häufungspunkt des Definitionsbereiches
D. Man sagt, j(x) konvergiert jiir x -.:,. Xo gegell deli Grellzwert c, wenn fur jede
Folge (XII) aus D mit

lim x" = xo, und xlI::j::. Xo fUr alle 11


11 ..... 00

stets folgt:

lim j(x lI ) = C.
11_00

Man beschreibt diesen Sachverhalt kurz durch

li01j(x)=c. ( 1.89)
x ..... xo

In Definition 1.20 können wir drei Fälle unterscheiden:

1. Fall: xorlD
2. Fall: xo E D und 1(xo) ::j::. c
3. Fall: Xo E D und 1(xo) = c

Der erste Fall entspricht unserem Beispiel 1.60. Für c E IR können wir in diesem Falle j er-
1.6 Stetige Funktionen 107

weitem zu einer Funktion 7, die in Xo den Wert 7(xo) = c hat und sonst mit f übereinstimmt,
also

[(x) I
~ ~~x).
flir x = Xo
flirx -f;.Xo,X E D.
( 1.90)

Nun bedeutet lim f(x) = c daß


x->.ro
7 in xo stetig ist.
Man nennt 7
die slelige Erweilerung von f in xo, oder man sagt auch: f isl in xo slelig
ergünzt wordell.
Auch im 2. Fall können wir die Funktion 7 nach (1.90) bilden. Sie unterscheidet sich von f
nur in Xo. Dabei bedeutet lim f(x) = c daß 7 in xo stetig ist, f aber nicht!
·"-·"0
Im 3. Fall /(xo) = c bedeutet lim fex) = c offenbar nichts anderes als die Stetigkeit von f
'<->"'0
in xo, also

f stetig in xo {:} lim fex) = /(xo)· (1.91)


x--->.\'o

Wir fassen zusammen:

Folgerung 1.16:
Es sei f: 0 --+ IR: eine Funktion und xo ein Häufungspunkt von D. Dann bedeutet

limf(x)=c. (1.92)
.\'->.ro

daß die Funktion

ftir x = xo,
(1.93)
flirx ::j:xo.x E D

stetig in xo ist. In den bciden ersten Fällen, die erliiutert wurden (xo f/. D bzw. xo E D,
7
/(xo) ::j: cl. ist stetige Erweiterung bzw. slelige Abünderung von f in xo. Im 3. Fall
istf = 7.
Auf der Grundlage der Definition 1.20 sind wir nun in der Lage, den bislang laut Definition
1.17 nur auf Punkte des Definitionsbereiches 0 beschränkten Begriffs der Unstetigkeit auch
auf alte Häufungspunkte von D zu erweitern. In diesem Sinne heißt eine Funktion / in einem
Hiiufungspunkt xo von 0 unstetig, wenn f in xo nicht stetig ergiinzbar ist.
Der oben diskutierte Zusammenhang mit der Stetigkeit, der ja besagt, daß lim f(x) = c
"'->"'0
nichts anderes heißt als die Stetigkeit von 7,
gestatlel es, alle Regeln über stetige Funktionen in
einem Punkt auf Hm fex) sinngemiiß zu übertragen.
"'->"'0
Aus Satz 1.19, Abschn. 1.6.2, erhält man daher
108 I Grundlagen

Folgerung 1.17:
Es sei Xo Häufungspullkt des Definitionsbereiches einer reellwenigen Funktion f.
Dann bedeutet

I
lim fex) = c
"-"0
folgendes

Zu jedem s > 0 gibt es ein 8 > 0, so daß fur


alle x E D mit x #- Xo und Ix - xol < 8 gilt: (1.94)

I/(x) - cl < s.

Salz 1.22, Abschn. 1.6.4, liefen

Folgerung 1.18:
Es sei Xo Häufungspunkt des Definitionsbereiches einer Funktion f wie auch einer
Funktion g. Existieren die Grenzwene

lim fex)
-' ..... -'0
=c und lim g(x)
-' ..... -'0
=".
so existieren auch die folgenden, links stehenden Grenzwene und erftillen die Glei-
chungen

lim (f(x) ± g(x» = lim fex) ± lim g(x) (1.95)


-'--'0 ·.-"0 ·.--'0

lim (f(x)· g(x» = lim f(x)· lim g(x). (1.96)


.........0 "-"0 -'-"0

Im Falle lim g(x) #- 0 gilt auch


·'--'0

. fex) ).0~o fex)


11m - - ~ . (1.97)
lim 8(X)
··-··0
-'--'0 g(x)

wobei nur solche x aus dem Definitionsbereich von 8 zu betrachten sind, die in einer
so kleinen s-Umgebung von Xo liegen, daß don stets g(x) #- 0 gilt.

Zu letzterem überlegt man sich, wie im Beweis von Satz 1.22, daßes in der Tal eine s-Umgebung
von Xo gibt, in der überall g(x) #- 0 ist.
1.6 Stetige Funktionen 109

Übung 1.38*:
Berechne

x 2 -5x+6 x 2 _ 25 x .r 2 -4x+3
a) !im . b) !im - - - , c) !im c _'7+_"'--;--'" d) !im .
"..... 2x 2 +3x 10 .<..... 5 x-5 x..... I ,Ji " ..... 3.r 2 5x+6

1.6.8 Pole und Grenzwerte im Unendlichen


In diesem Abschnitt wollen wir den Grenzwertbegriff bei Funktionen auf den Fall erweitern, daß
±oo anstelle von c oder Xo steht. Bei Resonanzvorgällgell oder Einschwingvorgängen spielt dies
z.B. eine Rolle. (Trotzdem mag dieser Abschnitt vom Leser zunächst übergangen werden. Bei
Bedarf kann hier nachgeschlagen werden.)

I (x) = x~

-, 0

Fig. 1.43: Pol

Beispiel 1.61:
Die Funktion
I
fex) =?
X'

ist definiert auflR \ 101 (d.h. fLir alle reellen x i= 0). Fig. 1.43 zeigt, daß sie in der Nähe von x = 0
beliebig große Werte annimmt. 0 ist sicherlich dabei ein Häufungspunkt des Definitionsbereiches
IR \ 101. Den in Fig. 1.43 skizzierten Sachverhalt beschreibt man durch

lim fex) = 00.


x.....o

Allgemein vereinbaren wir:


Definition 1.21:
Es sei xo Häufungspunkt des Definitionsbereiehes einer reellen Funktion f. Man sagt,
fex) strebt für x -+ Xo gegen 00, wenn fLir jede Folge (x,,) des Dcfinitionsbcreiches
110 I Grundlagen

mit X'I -+ Xo, XII -# xo folgendes gilt:

lim [(x,,) =
11 __ 00 00.

Diesen Sachverhalt symbolisiert man durch

lim [(x) = 00. (1.98)


"-"0
Entsprechend definiert man

lim [(x) = ~OO und lim 1[(x)1 = 00. (1.99)


"-·\'0 "-·<0

In 1111 diesen Fällen nennt man xo einen Pol von [.

Folgerung 1.19:
(a) Xo sei Häufungspunkt des Dcfinitionsbereiches D von [. Dann bedeutet

I
lim [(x) = 00 (1.100)
.. ---->xo

folgendes:

Zu jedem M > 0 gibt cs ein 8 > 0, so daß rur


alle x E D mitx =f:. xo und Ix -xol < 0 gilt: (1.101)

[(x) > M.

(b) Für lim [(x) = -00 gilt cntsprechendes. Man hat nur [(x) < -M stall
'<---->'<0
[(x) > M zu setzen.

Der Beweis wird analog wie der Beweis von Satz I 19, Abschn. 1.6.2, geflihrt. Er bleibt dem
Leser überlassen.

Definition 1,22:
(a) Der Definitionsbereich D von [ : D -+ IR sei nach oben unbeschriinkt. Man
sagt. [(x) srrebrjiir x -+ 00 gegen eine Zahl c, wenn flir jede Folge (x,,) aus D
mit XI! -+ 00 gilt

lim [(x,,) = C:.


'1---->00

In Formeln beschreibt man dies durch

lim [(x) =c. (1.102)


'_00
1.6 Stetige Funktionen 111

Ist D nach unten unbeschränkt, so definiert man entsprechend

lim I(x)=c. (1.103)


x ..... -co

(b) Anstelle von c kann auch 00 oder -00 stehen. Alles andere wird entsprechend
formuliert.

Es wird schon etwas langweilig, aber auch hier gilt eine zu Folgerung 1.19 analoge Aussage:

Folgerung 1.20:

I
Unter den VoT:tussetzungen von Definition 1.22 bedeutet
(a) !im I(x) = c:
.T ..... CO

Zu jedem E > 0 gibt es ein R > 0, so daß ftir


alle x E D mit x > R gilt: (1.104)

cl

I
I/(x) - < E.

(b) !im I(x) = 00:


>_00

Zu jedem M > 0 gibt es ein R > 0, so daß ftir


alle x E D mit x > R gilt: (1.105)

I(x) > M.

Für -00 anstelle von 00, sowohl unter dem Urneszeichen wie rechts vorn Gleichheitszeichen,
hat man nur x < -R bzw. I(x) < -M an den entsprechenden Stellen einzusetzen.

Beispiel 1.62:
Für

3X3+2x~ I
I(x) = 2x3 +6 ftir x > 0,

gilt

. 3
11m I(x) = -. (1.106)
x-co 2
denn mit beliebiger Folge x" --,10 oo(xII > 0) erhiilt man

3x~+2x" - I 3+0-0
I(x,,) = 2 3 +6 2+0
XII
112 I Grundlagen

Beispiel 1.63:
Die Funktion f(x) = 3x 2 + 9 erflillt zweifellos lim f(x) = 00.
'_00

1.6.9 Einseitige Grenzwerte, Unstetigkeilen

Definition 1.23:
(a) Es sei f D -+ IR. eine Funktion und Xo ein Häufungspunkt des rechts von Xo
liegenden Teils von D, also von Dio = Ix > Xo I x E Dj. Dann bedeutet

f(xo+):= lim f(x) = c. (1.107)


"'-·[0
'<>·'0

daß flir jede Folge (XII) aus D mit X" > xo und x" -+ xo gilt:
Ihn f(x/I) = C. (1.108)
,,-<:>::>
c heißt dabei der redl/sseilige Grenzwert von f in xo.
(b) Völlig analog wird der Iinkneilige Grenzwert VOll f in Xo erklärt:

f{xo-):= [im f{x) =c.


"'_'<0
'«'<0

StaU c kann auch 00 oder -00 stehen. Die entsprechenden Formulierungen mit E: und.5 (bzw. M
und.5 im Falle ±oo) werden völlig analog zu denen in Folgerung 1.17 und Folgerung 1.19 gebil-
det.

Beispiel 1.64:
Die Siigezalmkurl'c, wie in Fig. 1.44 skizziert, spielt in der Fernsehtechnik eine wichtige Rolle.
Sie wird beschrieben durch

, ., <x < n +'2,n ganz


fix) ~ I·'~"·
o.
lurll
für x =
~"1

11 + ~,,, ganz.
S Je "±'±'±'
" 1st unstetig In 2' 2' 2"" usw.
Doch gilt z.B. in xo = !:
1
lim f(x) = - (linksseitig)
... _ 1/2 2
.«1/2
1.6 Stetige Funktionen 113

Fig. 1.44: Sägezahnkurve

""d
I
lim fex) = ~- (rechtsseitig)
-<-0-1/2 2
.<> 1{2

Entsprechendes trifft in den anderen Punkten Xo = !+ 11 (11 ganz) zu. Man sagt. daß f in diesen
Punkten Sprünge hat.

UnstctigkcitsstcUcn: Die Sprünge in der Sägezahnkurve sind Unstetigkeitsstellen, wie sie häufig
vorkommen. Wir vereinbaren allgemein:
Eine reelle Funktion f : 0 _ IR hat einen Sprung in xo, wenn rechtsseitiger Grenzwert
f(xo+) und linksseitiger Grenzwert f(xo-) existieren, aber verschieden sind. Dabei heißt

f(xo+) - f(xo-)

die Sprullghölze VOll f in xo.

Eine Funktion f : I -+ IR (I Intervall), die in jedem beschränkten Teilintervall von I höchstens


endlich viele Sprünge hat, sonst aber stetig ist. heißt stückweise stetig. Die Sügezal/l1kll/w wie
auch die Heaviside-Ful/ktioll (Beispiel 1.27, Abschn. 1.3.3) sind stückweise stetig.
Neben den Sprüngen haben wir Pole als Unstetigkeitsstellen kennengelemt. Hinzu kommen
Polwechsel von -00 auf +00, die bei

lim fex) = -00 und lim fex) = 00


'<-0'<0 x-o.<o
x<xo -'>-'0

°
vorliegen. (Po/wechsel von 00 auf ~OO analog.)
Ein Sprung von -00 auf 00 liegt ftir fex) = I Ix (x =1= 0) im Punkt xo = vor.
Eine weitere Art von Unstetigkeitsstellen sind sogenannte Oszillatio/lSJlellell, s. Fig. 1.45.
Eine solche Stelle wird z.B. durch
I
f(x)=sin~, x =1=0,
x
beschrieben. (Die Funktion sin wird später im Abschn. 2.3.2 behandelt.)
Wir haben an Unstetigkeitsstellen bisher behandelt:
114 I Grundlagen

Fig. 1.45: OszillatiollSslelle

Sprünge, Pofe und Po/wechsel, Oszillatiollsslellen.

Natürlich gibt es noch vielc andere Unstctigkeitsstcllen (unbeschränkte Oszillationen, sich häu-
fende Unstetigkeitsstellen und vieles mehr), doch kommen in der Praxis hauptsächlich die drei
genannten Typen vor.
2 Elementare Funktionen

2.1 Polynome
2.1.1 Allgemeines
Unter einem Polynom /I-/ell Grade~' versteht man eine Funktion der Form

[(x) = Go +alx + {/2X2 + ... + (luX", mit (//1 'f; O.

(Statt Polynom sagt man auch gallzratiolla{e Funktion.) Die Zahlen lIO. (/I, .... alt heißen die
Koeffizienten des Polynoms. Der Definitionsbereich von f ist die gesamte reelle Achse.
Die Funktion f : IR --+ H. mit f(x) = 0 (fiiT alle xE R) heißt das Nullpo/ynom. Ihr wird kein
Grad zugeschrieben.
Für 11 = 0, I oder 2 erhält man z,B. die Polynome:

11=0: f(x)=ao. konstante Funktionell i= O.


11 = 1: f(x) =ao+alx. Geraden, steigend oder fallend,
11 =2; !(x) =ao+alx +02X 2 . quadratische Polynome,

Zur Beschreibung technischer Sachverhalte werden Polynome vielfach verwendet.

/

,j+--- t --+I
y F

Fig. 2.1: Bicgc1inie eines Balkens

Beispiel 2.1:
Biegelinie eines einseitig eingespanntcn Trägers (s. Fig. 2.1) wird bcschrieben durch

F , 3
Y ~ --(3Jx~ -x).
6E· I
Dabei ist E . I die Biegestcifigkeit, F eine Last am freien Ende des Trägers und I seine Länge.

K. Burg et al., Höhere Mathematik für Ingenieure, DOI 10.1007/ 978-3-8348-9929-3_2,


© Vieweg+Teubner Verlag I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
116 2 Elementare Funktionen

Oft ist auch nach den Nulls/ellen von Polynomen gefragt, da sie Lösungen technischer Proble-
me darstellen können, z.B. bei der Ermittlung von Gleichgewichtslagen, Resonanzen, Schwin-
gungsfrequenzcn und Instabilitäten. Schließlich sind die Polynome von großer Bedeutung als
Niihenmgsfimktiollen rur komplizierte Funktionen (s. auch Abschn. 5.3.1).

2.1.2 Geraden
Wir beginnen mit den einfachsten Polynomen, und zwar mit Funktionen der Form

[(x) =alx+ao. (2.1)

Sie heißen GeradelI, da ihre Graphen geometrische Gerade in der Koordinatenebene sind (siehe
Fig.2.2).
Geometrische BedeuIIIlIg der Koeffizienten GO. GI: Wir skizzieren den Graphen von [ in einem
x- y-Koordinatensystem. s. Fig. 2.2. Dann gilt: ao markiert auf der y-Achse den ScllIlilllJUllk/ mit
dem Graphen von [. (Dies folgt sofort aus [(0) = GO.)

,
2

Fig. 2.2: Gerade im Koordinatensystem

Die geometrische Bedeutung von al geht aus Fig. 2.2 hervor: Zeichnet man ein rechtwinkliges
Dreieck mit den Ecken (0, ao), (I, ao), (I. [(I» ein, so hat die senkrechtc Seite die Länge lall.
(Dies folgt aus [(I) = al +ao, also [(I) -ao = (11.) Dabei gilt offenbar

al > 0 => die Gerade steigt,


al = 0 => die Gemde ist horizontal,
(11 < 0 => die Gerade raHt.

GI ist ein Maß dafLir, wie stark die Gerade nach rechts ansteigt oder abf:ilIt. Aus diesem Grunde
wird al die Sleigung oder Richlllng der Geraden genannt.
Bemerkung: Ist ader Anstiegswinkel der Geraden, so ergibt Fig. 2.2 direkt den Zusammenhang
(11 = tan a (die Tangcnsfunktion tan wird in Abschn. 2.3.3 ausfLihrlich beschrieben).
Beispiel 2.2:
Bewegt sich cin Massenpunkt mit gleichbleibelldcr Geschwindigkeit v auf einer geradlinigen
Bahn, so wird seine Bewegung beschrieben durch

y=vt+yo·
2.1 Polynome 117

Zu jedem Zeitpunkt t kann damit der Ort y des Massenpunktes auf der Bahn berechnet werden.
Die Gleichung beschreibt eine Gerade im t-y-Koordinatensystem mit Steigung v.

Für zwei beliebige Punkte (XI. [(xd), (X2, [(X2» der betrachteten Geraden [(x) = alX +ao
gilt stets

j(x21- j(.q)
= al . (2.2)

Der Leser rechnet dies leicht nach.


Bemerkung: GI. (2.2) läßt sich auch geometrisch begründen: Die beiden schraffierten Dreiecke
in Fig. 2.3 sind ähnlich, haben also gleiche Seitenverhältnisse.
Folglich gilt

[(Xü - [(xd (/1


X2 XI

Die linke Seile von (2.2) heißt Dijferellzcnqllo/ielll von f bezüglich XI, X2. Geraden zeichnen
sich dadurch aus, daß die Differenzenquotienten bezüglich je zweier verschiedener Zahlen XI, X2
sIels deli gleichen Wen haben!


" "
Fig. 2.3: Zum Differcnzenquotiellt bei Geraden

Punkt-Richtungsform: Gesucht ist eine Gerade f, die durch einen bestimmten Punkt (XI.}'I)
verläuft, und deren Richtung GI bekannt ist. Wie lautet die Gleichung der Geraden? Für jeden
Geradenpunkt (x, fex»~ mit X cF XI muß nach (2.2) gelten:

[(X) - }'I
(2.3)
X -XI

Aullösung nach f(x) ergibt die gesuchte Gleichung

[(X) =(/1' (x -xj) +}'1. (2.4)

Einsetzen von x = XI liefen in der Tat [(Xl) = }'I. (2.4) nennt man die Punk/-Richtungs/orm
einer Geraden.
118 2 Elementare Funktionen

Beispiel 2.3:
Ein Zug fahrt mit konstanter Geschwindigkeit v = 80km/h. Er passiert den Streckenkilometer
153 um 11 Uhr. Seine Bewegung wird durch eine Funktion

Y = f(1) = vf+yO

beschrieben, wobei Y den Streckenkilometer angibt, den der Zug um I Uhr passiert. Die Funktion
ist eine Gerade im Y-I-Koordinatellsystem. Wir kennen ihre Steigung u und einen ihrer Punkte,
nämlich (11. 153). Nach der Punkt-Richtungsform folgt daher

Zwei-Punkte-Form: Gegeben seien zwei Punkte (.xl. Yd, (X2. )'2) in der Ebene mit XI f:. X2.
Gesucht ist eine Gerade f durch diese Punkte.
Da alle Differenzenquotienten von f den gleichen Wert haben, gilt für jedes X f:. XI

fex) - J'I J'2 - YI


~--- (2.5)
X -XI

Aunösung nach fex) liefert

Y2 - Yl
fex) = - - ( x - XI) + J'l. (2.6)
X2 -XI

Es gilt hierbei, wie verlangt, f(xt} = Yl und f(X2) = Y2. (2.6) heißt die Zwei-Punkre·Form
einer Geraden.

Beispiel 2.4:
Die Länge I eines Stabes hängt von seiner Temperatur 0 ab:

1=/00 +0'0). (2.7)

Dabei ist 10 die Länge des Stabes bei 0° C und 0 der Wärmeausdehnungskoeffizienl des Stabes.
Die Gleichung beschreibt eine Gerade im o-I-Koordinatensystem.
Wir nehmen an, daß uns (0 und 0 unbekmmt sind. Messungen jedoch haben ergeben, daß der
Stab bei 36" C eine Länge von 4.3008 m hat und bei bei 94° C eine Länge von 4.3042 m. Wir
kennen also zwei Punkte der Geraden. Nach der Zwei-Punkte-Form hat (2.7) daher die explizite
Gestalt

I= =
4.3~~ ~~3OO8 (o ~ 36) + 4.3008 == 5.86 . 10- 58 + 4.2987 .
Es folgt /0 == 4.2987 m und aus 100 == 5.86· 10- 5 ml" C der Ausdehnungskoeffizient 0 -
I .363 . lQ-.51" c.

Abschnittsform: Es ist eine Gerade f gesucht, welche die x-Achse bei A f:. 0 und die y-Achse
bei B schneidet, s. Fig. 2.4.
2.1 Polynome 119

(A und B heißen die Achsenabschllitre der Geraden.) f geht also durch die heiden Punkte
(A. 0) und (0. B). Die Zwei-Pullkte-Form liefert daher

B
[(x) ~ -;Ix + B. (2.8)

Ist B ,p 0 und schreiben wir y statt fex), so läßt sich (2.8) in die elegante Gestalt

x Y
-+-= I (2.9)
A B
umformen. (2.9) heißt die Abschllittsform der Geraden.

?
,
-5

Fig. 2.4: Zur Abschllillsform Fig. 2.5: Dachhöhe an Abseile

Beispiel 2.5:
Ein Haus habe eine Breite von JO m und eine Dachfirsthöhe von 4 m über dem Dachboden,
s. Fig. 2.5. Bei einem Dachbodenausbau interessiert die Frage: Wie hoch ist das Dach in der
Entfernung 3.5 m von der Hausmittellinie?
Die rechte Seite der Dachlinie kann mit der Abschnitlsform beschrieben werden:
x Y
-+-=1.
5 4
Für x = 3.5 errechnen wir daraus die Dachhöhe über dem Dachboden: y = 1.2 m.
Schnittpunkt zweier Geraden: Es seien zwei Geraden f(x) = lllX + (/0, g(x) = b]x + bo
gegeben, die verschiedene Richtungen besitzen: ll] ,p bl. Für den Schnittpunkt (xo. )"0) dieser
Geraden muß gelten:

)"o=atxo+ao und )"o=blxo+bo. (2.10)

Daraus lassen sich xo und )"0 berechnen: Man setzt die rechten Seiten gleich.

(/]XO + (/0 = blxo + bo.


120 2 Elementare Funktionen

löst nach Xo auf und sctzt den gefundcnen Ausdruck in (2.10), linke Gleichung, ein, Dies crgibt:

bo ~ (/0
xo= - - - . (2.11)
(11 - bl

Im Falle al = bl. ao i= bo sind dic Geraden parallel, und es existiert kein Schnittpunkt.

-
y
I

R,
u
R•

Fig. 2.6: Schninpullkt zweier Gemdell Fig. 2.7: Stromkreis mit innerem und äußerem
Widcrstand

Beispiel 2,6:
Dcr Stromkreis der Fig. 2.7 besieht aus einem Generator mit innerem Widerstand R;, und einem
Arbeitsgerät mit äußerem Widerstand Ra. Es fließt dcr Strom I. Dic Klemmspannung am Ge-
nerator ist V = VI{ - R; I, während sich die gleiche Spannung mit Hilfe des Widerslandes Ra
durch V = Ral errechnet. Beide Gleichungen können als Geraden in der V-I-Koordinatenebene
aufgefaßt werden. Ihr Schniupunkl gibt uns die Werte I und V an. die im Stromkreis vorhanden
sind. Nach (2.11) erhalten wir

I = -o-U'-'"'-o.-
R,,+ R;

Übung 2.1:
Durch die Punkte (LO) und (3.2) verläuft die Gerade GI. während eine zweite Gerade G2
durch (1.4) verläuft und die Steigung {li = -1/2 besitzt. Berechne den Schnittpunkt der beiden
Geraden.

Übung 2.2*:
Eine Flüssigkeit mit dem Volumen V = 2000cm 3 und der Dichte p = 1.01 gcm- 3 ist durch
Mischen zweier Flüssigkeiten F I und F2 mit den Dichten Pt = 0.94 gcm- 3, P2 = 1.13 gcm- 3
entstanden. Wie groß sind die Volumina VI und V2 der beiden Flüssigkeiten Fl. F2?

Übung 2.3:
Durch eine elektrische Leitung mit dem Widerswnd R fließI ein Strom I. Vergrößert man den
Widerstand R um 3 Q. so sinkt der Strom 1 um 1A. Verringcrt man den Widcrstand R um 5 Q.
2.1 Polynome 121

so steigt der Strom I um 2 A. Die Spannung ist dabei konstant. Wie groß sind R und I?

2.1.3 Quadratische Polynome, Parabeln

In diesem Abschnitt studieren wir die Polynome zweiten Grades:

(2.12)

Sie werden auch quadratische Polynome genannt.

Beispiel 2.7:
Die Bewegung eines aufwärts geworfenen Körpers wird durch das quadratische Polynom

1 ,
s = [(t) = VO t - 2gt~

beschrieben. ~. ist dabei die nach I Sekunden erreichte Höhe des Körpers - genauer. seines
Schwerpunktes. VO bezeichnet die Abwurfgeschwindigkeit und g = 9,81 m/s'l die Erdbeschleu-
nigung. (s. auch Beispiel 2.9. In Abschn. 3.3.1, Beispiel 3.36, wird die Bewegungsgleichung aus
dem I. Newtonsehen Axiom der Mechanik hergeleitet.)

Beispiel 2.8:
Ein strömendes Medium (Luft. Wasser). das mit einer mittleren Geschwindigkeit u auf einen
Körper trifft, übt die Kraft

auf ihn aus. Fw heißt auch Slrül/IlIllgslI'ider~'lm/(1 des Körpers. Dabei ist C w der Widerstandsbei-
wert, A die Querschnittsfläche des Körpers und p die Dichte des strömenden Mediums.

Einheitsparabel: Das einfachste aller quadratischen Polynome lautet

y=[(x)=x'l.

Die geometrische Figur. die sein Graph darstellt. wird Parabel genannt, s, Fig, 2.8. Sie besitzl ei-
ne Symmetrieachse, hier die y-Achse, Ihr Schniupunkl mit der Parabel heißt Scheitel der Parabel.
In unserer Figur ist es der Koordinmennullpunkt.
Man bezeichnet die Funktion [(x) = x 2 als Einheitsparabel.
Normalparabeln: Die quadratischen Polynome der Form

y=[(x)=cx 2 . c:f:.O,

heißen NormalparabellI. Ihre Graphen sind alle untereinander ähnlich.! Sie sind also, geome-
trisch gesehen, alle Parabeln.

Zwei geomelrische Figuren heißen ähnlich• ..... enn die eine ein maßstabsgelreues Bild der anderen isl. eVII. nach
vorangegangener Spiegelung. Drehung oder Verschiebung.
122 2 Elementare Funktionen

,
4

\ /
\ /
3

\ 1/
2
y. X2

2
I~
1 0
/ 1 2
,

Fig. 2.8: Einheilspambel Fig. 2.9: Nomlalparabeln

Zum Nachweis der Ähnlichkeit genügt es zu zeigen, daß der Graph jeder Nonnalparabel zum
Graphen der Einheitsparabel ähnlich isl. Es sei also f(x) = cx 2 eine beliebige Nonnalparabel.
Ihr Graph besteht aus allen Punkten (x. y) mit

y=
,
cx~.

Multipliziert man rechts und links mit c, so erhält die Gleichung die Gestalt

cy = (cx)2.

Diese Gleichung geht aus der Gleichung y = x 2 der Einheitsparabel dadurch hervor, daß y
durch cy und x durch cx ersetzt werden. y und x werden dabei um den gleichen Faktor Icl
gestreckt oder gestaucht. Also ist der Graph der Normalparabel die lei-fache Vergrößerung oder
Verkleinerung des Graphen der Einheitsparabel (bei c < 0 nach vorangegangener Spiegelung),
woraus die behauptete Ähnlichkeit folgt.
Allgemeinfall: Wir zeigen nun, daß der Graph jedes quadratischen Polynoms
,
y = f(x) = a2-\'~ +alx + (jO
gleich dem Graphen einer Normalparabel ist (in einem parallel verschobenen Koordinatensy-
stem). Die Graphen qlladralischer Polynome sind a{so Parabeln!
Zum Nachweis formen wir die Funktionsgleichung

des quadratischen Polynoms um:


2.1 Polynome 123

Zuerst wird G2 ausgeklammert und dann die »quadratische ElgiillZllllg« der ersten beidcn
Gliedcr eingefUgt:

Wir bringen die rechtc Klammer der letzten Zeile auf die linke Seite

(
y- aO -
(/,

4a2
, ) (
=(/2 x+
al
(12
2
)' (2.13)

und setzen zur Abkürzung

y=y-
( ao--' ,,' )
4a,
(2.14)

Damit erhält man

also eine Normalparabel in x-y-Koordinaten.


Fig. 2.10 zeigt die Lage des x-y-Koordinatensystems. Es entsteht durch Parallel verschiebung
aus dem x-y-Koordinatensystem. Der Koordinaten-Nullpunkt wird dabei in den Punkt (xo. )'0)
mit Xo = -al/(2a2) und)'o = ao - (/~/(4a2) verschoben. Damit ist die Behauptung bewiesen.
Wir fassen zusammen:

Satz2.1:
Der Graph eines quadratischen Polynoms

ist gleich dem Graphen einer Normalparabel der Form y = (/2X2 (s. Fig. 2.10). Der
Scheitel der Parabel liegt im Punkt (xo. yo) mit

-'"0= - - .'" ,,' .


yo=(/O--' (2.15)

"'"
d/2

Im Falle G2 > 0 ist der Scheitel tiefster Punkt, im Falle (/2 < 0 höchster Punkt der
Parabel.
124 2 Elementare Funktionen

, ,

--,
,
,
" - - - s=vot'_2 t2
,2
,
I,

Fig. 2.10: Der Graph eines quadratischen Poly- Fig. 2.1 I: Senkrechter Wurf: Weg-Zeit-
nOlllS ist eine Parabel. Diagramm

Beispiel 2.9:
Wir knüpfen an Beispiel 2.7 an:

1 ,
S =: lI(lt - - gt~ (2.16)
2
beschreibt die Bewegung eines senkrecht nach oben geworfenen Körpers - genauer, seines
Schwerpunktes (Reibung vernachlässigt). Gefragl iSI nach der WlIIjllöhe und der WlIrfzeil, also
der Zeil, die er zum Steigen und Fallen benötigt. Dazu skizzieren wir den Graphen des quadrati-
schen Polynoms

Nach Salz 2.1 gleicht er dem Graphen einer Normalparabel der Form

mit Scheitel bei

to ""
=: - .
g
(s. Fig. 2.11).

.1"0 ist die Wurfhöhe und 2to die Wurfzeit. Ist z.B. vo =: 20 m/s, so folgt mit der Erdbeschleuni-
gung g =: 9.81 m/s 2 die Wurthöhe ~·o =: 20.39 m und die Wurfzeit 2to =: 4,077 s.

Bemerkung: Mit einer einzigen Parabelschablone aus Plexiglas, wie sie handelsüblich ist, läßt
sich der Graph jedes quadratischen Polynoms f(x) =: a2x2 + alx + ao zeichnen. Siellt die
Schablone eine Einheitsparabel mit Längeneinheit I cm dar, so hat man ein Koordinatensystem
mit Einhcitsliinge l/la21 cm zu zeichnen, den Punkt (xo. )"0) (s. 2.15) einzutragen und in ihm
den Scheilel der Parabelschablone einzusetzen. [m Falle a2 > 0 weisen dabei die »Parabeliiste«
nach oben) im Falle (12 < 0 nach unten. Compmerprogramme ersetzen heute allerdings die
Parabelschablone.
2.1 Polynome 125

Beispiele
Quadratische Polynome, also Parabeln, treten in der Technik häufig auf.
Beispiel 2.10:
Für den Untergurt einer FlußbTÜcke vorn Typ der Fig. 2.12a ist die Parabelform vorgeschrieben.
Auch BTÜckenformen aus zwei Parabclbögen kommen vor, s. Fig. 2.12b.

60m

Fig. 2.12: BTÜcke mit (a) einem. (b) zwei Parabelbögen

Beispiel 2.11:
Schwach durchhängende Seile (Drähte) haben in guter Näherung Parabelfonn. Hir die Berech-
nung von Zugkräften auf die Masten reicht dieser Ansatz aus (s. Fig. 2.13).

Fig. 2.13: Durchhängendes Seil

Beispiel 2.12:
Parabolspiegel und Parabolantennen entstehen geometrisch aus Parabeln. die um ihre Symme-
trieachse gedreht werden. Von der Fahrradlarnpe bis zur Radioantenne fur die Aufnahme von
Weltraumstrahlung finden Parabeln Anwendung.

Beispiel 2.13:
Die Wurfbahn eines Körpers - gCllaucr. seines SchwellJunktes. ist eine Parabel, sofern Rei-
bungskräfte dabei vernachlässigt werden dürfen.

Beispiel 2.14:
Die Skelettlinie eines Tragflügels oder einer Turbinenschaufel besteht aus den Mittelpunkten
aller einbeschriebenen Kreise, s. Fig. 2.14a. Beim Profil NACA 6321 besteht die Skclettlinie
126 2 Elemenlare Funktionen

aus zwei ParabelslÜcken mit senkrechten Symmetrieachsen, deren Scheitel bei x = O.3r und
=
z O.06r (1 =
Flügeltiefe) in einem Punkt zusammenfallen, s. Fig. 2.14b. Die Skelettlinie
schneidet die x-Achse an den Enden. also bei x = 0 und x = I.

+i~::::JV=~=·06='=="..,.,"';:
0,31 I

Fig. 2.14: (a) flügelprolil; (b) Skeleltlinie

Übung 2.4:
Aus den Angaben des Beispiels 2.14 leile man die Gleichungen der beiden zugehörigen Parabeln
her.

2.1.4 Quadratische Gleichungen


on ist nach den NullstelIen eines quadratischen Polynoms

[(x) =(/2x2+a(X +ao (ao.a(.(/2 E IR. (12 -# 0)


gefragt. also nach denjenigen x-Wenen, die

a2 x2 + a (x+ao=O (2.17)

erfUllcn. Um sie zu finden. wird die Gleichung zunächst vereinfacht. indem man durch (/2 divi-
dien. Wir erhalten

x 2 + {H +q = 0 (2.18)

mit p = (/1 /a2 und q = ao/a2. (2.17) und (2.18) haben die gleichen Nullstellen. Es gilt

Satz 2.2:
Die Nullstellen der quadratischen Gleidulllg (2.18) lauten im Falle (p/2)2 - q ::: 0:

(2.19)

Im Falle (p/2)2 - q < 0 hat (2.18) keine reellen NullstelleIl.

Wir merken an, daß im Falle (p/2)2_ q > 0 genall ZlVe; Nullstellen XI und X2 existieren. während
im Falle (p/2)2 - q = 0 nur eine Nullstelle existiert, nämlich XI = X2 = - p/2.
2.1 Polynome 127

Beweis:
Der Ausdruck x 2 + px + q läßt sich umformen:

x
2
+ IJX + q = x~, + px + (")'
2" - (")'
2" + q = (")' 2" - q )
x + 2" - ((")'

Ist (!)2 ~ q < 0, so ist die rechte Seite der obigen Gleichungskelte positiv, kann also nicht Null
sein. D.h. (2.18) ist in diesem Falle unlösbar.

1m Falle (2"")' - q ~ 0 bedeutet (x + 2"")' - ((I')'


2" - q ) = 0 dasselbe wie

. ")'-(")'
(x+- _ - -q.
2 2
d.h.

oder "
x+2"=- /(")'
'2 -q.
Links setzen wir Xl = x, rechts X2 = X und haben so (2.19) gewonnen. o
Wir bemerken ferner, daß

Xl +X2 = ~p und X1X2 =q (2.20)

gilt. wie man leicht nachrechnet. Diese Gleichungen. Vieta.l"che? WUTze/SalZ genannt. eignen
sich gut zur Kuntro//e der Rechnung.

Beispiel 2.15:
An eine Stromquelle mit der Spannung U = 220 V werden zwei Widerstände RI und R2 einmal
in Reihenschaltung und einmal in Parallelschaltung angeschlossen (s. Fig. 2.15). Im ersten Falle
ist die Stromstärke 11 = 0,9 A, im zweiten Falle 12 = 6 A. Wie groß sind Rl und R2?

Fig. 2.15: Reihen- und Pamllelschahung

Für die Reihenschaltung gilt bekanntlich U = /1 RI + /1 R2 und fUr die Parallelschaltung


U I RI+ U I R2 = h Man löse die erste Gleichung nach R2 auf und setze dies in die zweite
2 Fram.ois Viete (1m.: Franeiscus Viela. 1540- 16(3). französischer Advokat und Mmhemmiker
128 2 Elementare Funktionen

Gleichung ein. Nach Umformung folgt daraus

1 U U2
Ri--RI+-=Ü.
11 1)/2

Löst man diese quadratische Gleichung nach R I auf, so crhält man nach (2.19) die beidcn
möglichen WCrtC R I = 44,922 Q odcr R2 = 199,522 Q. Zum ersten Wert crrechnet mlln
R2 = 199,522 Q, d.h. es kommt rur R2 gerade die zweite Lösung von R I hcmus. Damit sind
R I = 44,922 Q und Rz = 199.522 Q die gesuchten Widcrständc. Aus Symmctriegründcn kön-
nen RI und Rz dabei auch vertauscht werden.

Übung 2,5:
Eir'l Rechteck ll'Jit der Seilenlär'lge (I = 7c1l1 und b = 4cm soll in ein nächeninhaltsgleiches
Rechteck mit dem Umfang 24cm verwandelt werden. Wie lang sind die Seiten des lIeuen Recht-
ecks?

Übung 2,6:
Ein Kessel wird durch zwei gleichzeitig arbeitende Pumpen in 6 Stunden gemllt. Läßt man
aber den Kessel bis zum halben Volumen von der einen Pumpe allein mllen und dann mit der
anderen Pumpe allein die fehlende Hälfte hineinpumpen. dann benötigt man 14 Stunden. Wie
lange braucht die stiirkere der beiden Pumpen. um den Kessel alleine zu mllen?

Übung 2,7:
Wird in einem Stromkreis mit IlüV Spannung der Widerstand um IOQ erhöht, so sinkt die
Stromstärke um I A. Wie groß sind Stromstärke und Widerstand?

2,1.5 Bertchnung von Polynomwerten, Horne,-J·Schema

Wir wenden uns nun beliebigen Polynomen zu und fragen uns zunächst, wie Polynomwerte mit
möglichst geringem Aufwand berechnet werden können, Dazu benutzt man das kleine Horner-
Schema,
Kleines HorneT-Schema: Die Berechnung von Polynomwerten fexo) wird stel1vertretend an
einem Polynom vierten Gmdes erläutert:

Die einfache Idee besteht darin, das Polynom so umzuformen:

(2.21)

Wollen wir nun f(xo) fLir ein bestimmtes xo ermitteln. so haben wir x = xo in (2.21) einzusetzen
und die Klammern »von innen nach außen aufzulösen«. Man berechnet also nacheinander die

3 William Gcorgc HorncT (1786- 1837). cnglischcr Mathcmatikcr


2.1 Polynome 129

Zahlen

b2 = {I4XO + {I3, bl = b2XO + {I2, bo = b1xO + {I1 . (2.22)


rO = boxo + (IO

Damit ist I(xo) = ro ermittelt.


Der eleganten Systematik wegen setzt man zu Anfang noch b3 = {I4. also h = b3xO+a3. Die
Rechnung (2.22) läßt sich in einem übersichtlichen Schema anordnen. Es heißt kfeille.5 Homer-
Schema (bezüglich xo).

XO = .
'" "2
'" "0

= I(xo) (2.23)

Man schreibt dabei zunächst die Zahlen a4, (/3, (/2. (/1. (/0 hin und fuhrt dann die Rechnung in der
Reihenfolge durch. die die Pfeile andeuten.

Beispiel 2.16:
Zur Berechnung von I (x) = 3x 4 - 2x 3 + 5x 2 - 7x - 12 an der Stelle xo = 2 sieht das kleine
Horner-Schema so aus:

3 -2 5 -7 -12
xo = 2 6 8 26 38

3 ~ [(2)

Die Zahlen bo, bl, ... haben "über Zwischenrechnungswerte hinaus« eine wichtige Bedeutung:
Sie crflillen die Gleichung

(2.24)

Multipliziert man nämlich die heiden Klammern aus und ordnet nach den Potenzen von x, so
erhält man

Koeffizientellvergleich mit I(x) = (l4X4 + ... (10 liefert

Aunösen nach b3, b2, b l , bo, ro ergibt aber gerade die GI. (2.22) des kleinen Harner-Schemas.
Wir haben daher gezeigt:
130 2 Elementare Funktionen

Satz 2.3:
ISI !(x) = (I"X" + a,,_p·"-l + ... + ao ein beliebiges Polynom vom Grad fl ~ I, so
liefert das kleine Horner-Schema (bezüglich xo) den Funklionswert ro = !(xo), sowie
die Koeffizienten eines Polynoms

(2.25)

welches folgendes erfullt

fex) = (x - XO)!,,_I(X) + ro, ftif allex E IR. (2.26)

Großes HorncT-Schcma: Der letzte Satz legt den Gedanken nahe, das kleine Horner-Schema
abermals anzuwenden, und zwar auf die neu entstandene Funktion !,,_I. Sie wird damit umge-
formt in

!,,_I (x) = (x - XO)!,,_2(X) + rl .

Wendet man das kleine Horner-Schema nochmal an. und zwar auf !,,-2, so folgt

So kann man fortfahren, bis cin Polynom vom Grade 0 erreicht ist. Alle diese Rechnungen lassen
sich in einem einzigen Schema übersichtlich anordnen. Es wird großes Homer-Schema genannt.
Im Falle 11 = 4 sicht es so aus:

Xo =
'" "3
XOb3
(12

XOb2
'"
xobl
"0
xobo
63 bz 6, 60 I '0 I
XOC2 .roc] xoco

I " I
"
C2 co
Großes
.rod l xodo HornCl'Schcma
<I, do I '2 I
xOr4

'4 I '3 I
Die oberen drei Zeilen sind das schon betrachtete kleine Horner-Schema. Die dritte bis flinfte Zei-
le sIelIen wieder ein kleines Horner-Schema dar, die funfte bis siebte abermals usw. Ausgehend
2.1 Polynome 131

vom Polynom

4
[(x) = Lap_k.
k=O

sind damit die Polynome

3 2 ,
hex) = LbkX
k
• hex) = LCkX
k
• /,(x) ~ "Ld,x'. [o(x) = '4
k=O k=O k=O

ermittelt. Für sie gilt nach dem oben gesagten

fex) = h(x)(x - xo) + 1'0. hex) = h(x)(x - xo) + 1'1.


hex) = fl(x)(x ~ xo) +'2. [I (x) = [o(x}(x - xo) +'3. [O(x) = '4·

=
Setzt man [O(.\:) '4 in die rechte Seite von [I (x) = ...
ein, den so erhaltenen Ausdruck in die
rechte Seite von h(x) = ... usw., kurz setzt man »von unten nach oben« fortschreitend ein, so
erhält man schließlich in der ersten Zeile

Damit ist das Polynom [ /lach Potenzen von (x-xo) u/11geordnet! Man kann dies geometrisch als
NllflpuJlk/l'el"schiebulIg auffassen, wie es die Fig. 2.16 zeigt. Setzt man nämlich zur Abkürzung
x' = x~.ro, so bedeutet dies im Schaubild der Funktion, daß der Schnittpunkt des Achsenkreuzes
nach Xo verschoben ist.

Beispiel 2.17:
Wir berechnen das große Horner~Schcma rur das Polynom [(x) = 3x 4 - 2x 3 + 5x 2 - 7x - 12
bei .\"0 = 2 (vgl. Beispiel 2.2).

3 -2 5 -7 -12
.\"0 =2 6 8 26 38
3 4 13 19126 ~ /(2) ~ '01
6 20 66
3 10 33 185 ~" I
6 32
3 16 165~'21
6

3='4122='31
132 2 Elementare Funktionen

Damit ist f in folgende Gestalt gebmcht:

f(x) = 3(x - 2)4 + 22(x - 2)3 + 65(x - 2)2 + 85(x - 2) + 26.


Das Horner-Schema spielt insbesondere bei der Berechnung von NullsIelIen dureh das Newton-

.,
sche Verfahren eine Rolle (s. Abschn. 3.2.6).

, I
I
I

X-Xll X,x'

,.0

Fig. 2.16: Nullpunktverschiebung x' =.t - xO

Übung 2.8:
Verwandle das Polynom f(x) = x 3 - 5x 2 +.1" - 6 mit dem großen Homer-$chema in die Form

3
f(x) = Lrdx -5l.
k=ü

2.1.6 Division von Polynomen, Anzahl der Nullstellen

Division: Es sei f ein Polynom vom Grade 1/ und g ein Polynom vom Grade m ::: 11. In diesem
Falle kann f(x)/g(x) dargestellt werden durch

f(x) = h(x) + r(x) . (2.27)


g(x) g(x)

wobei" ein Polynom vom Grade s = 11 - 111 ist und der ),Rest« rex) ein Polynom vom Grad
kleiner als der Grad von f ist, also kleiner als 11.
Die Durchflihrung dieser Divisioll geht völlig analog zur schriftlichen Division zweier ganzer
Zahlen vor sich. Wir machen dies an Beispielen klar.
2.1 Polynome 133

5 3
Ist [(x) = L:>kXk ein Polynom 5. Grades und g(x) = L bkX k 3. Grades, so sieht das
k=O k=O
Rechenschema folgendermaßen aus:

(a5x5 + {I4X 4 + aJx J +


a2x2 + alx + ao) : (bp,3 + b2X2 + blx + /Jo)
-(C2bJx5 + t'2b2X4 + C2blX3 + C2 box2 ) ~ r(x)
, 4 I J , 2 =C~X-+CIX+CO+--
a4x + {1 3 X +
a 2 x + {/IX + "0 - g(x)
-(clb3X4 + Clb2XJ + clblX 2 + CI box)

a~x3 + a;x 2 + a~'x + ao


cobJx J + COb2X2 + coblx + cobo
2
r2x + rlx + ro (2.28)
r(x)
Hierbei geht man so vor, daß zuniichst die obere Zeile und Gleichheitszeichen hingeschrieben
werden. Dann wird C2 = a5/b3 berechnct und rcchts vom Gleichheitszeichen C2x2 hingeschrie-
3
ben. Hiermit wird L bkX k multipliziert und in die zweite Zeile links geschrieben, wie im Sche-
k=O
ma (2.28) zu sehen. Die Subtraktion der zweiten Zeile vom darüberstehenden Polynom ergibt die
dritte Zeile, s. (2.28). Danach errechnet man Cl = a~/b3, addiert ClX zu c2x2. multipliziert CIX
3
mit L bkX k und schreibt dies in die vierte Zeile. Subtraktion ergibt die flinfte Zeile usw. Man
k=O
sicht: Das Verfahren ähnelt der bekannten schriftlichen zahlendivision. In der letzten Zeile bleibt
schließlich ein »Rest« r(x) = r2x2 + rlX + ro übrig. Mit diesem »Rest« und dem errechneten
hex) = C2x2 + CIX + CO ist damit GI. (2.27) erfUl1t.

Beispiel 2.18:
f(x) g(x)

4x 5 _ 4x 4 _ 5x 3 + 4x 2 -
3;
X + I : 2x - 3x- +
~
5x - 2 = 2x- + x - 6 + - -
r(x)
'------v--' g (x)
4x 5 _ 6x 4 + 10x J _ 4x 2 hex)

2.1. 4 _ 15x 3 + 8x 2 - x +
2.1.A _ 3x 3 + 5x 2 - 2x (2.29)
3
- 12x + 3x 2 + X +
-12x 3 + 18x 2 - 30x + 12
-15x 2 +3Ix-11
r(x)

Bemerkung: Divisioncn dieser Art werden bei der Integration rationaler Funktioncn benötigt
(s. Abschn. 4.2.4).
Ein Sondeifall ist die Division eines Polynoms [ durch ein Polynom der Form (x - xo). einen
sogenannten Linear[aktor. Sie läßt sich bequem mit dem kleinen Horner-Schema durchfUhren.
134 2 Elementare Funktionen

,,-1
denn es liefert in der unteren Zeile ein Polynom [',-1 (x) = L bkX
k
und eine Zahl ro, so daß
k=O
(2.26) gilt, d.h.

I(x) ro
- - = [',-1 (x)
x-xo
+- -
x-xo
(2.30)

(x i= Xo vorausgeselZl). Zwischen dem Horner-Schema und dem Divisionsverfahren (2.28) be-


steht in diesem Fall kein rechnerischer Unterschied.
Nullstellen-Anzahl: Ist I ein Polynom II-ten Grades und XI eine Nullstelle von I, so ergibt das
,,-1
kleine Horner-Schema bezüglich XI ein Polynom 1,,-1 (x) = L bkX k mil
k=O

(2.31)

Denn in (2.26) ist Xo durch Xl ersetzt und ro = [(XI) = O. Schreiben wir die Gleichung um in

(2.32)

so erkennen wir:
Folgerung 2.1:
Ist I ein Polynom /I-ten Grades und XI eine Nullstelle von I, so läßt sich I durch
x - Xl »ohne Rest~~ dividieren. Das Resultat ist ein Polynom vom Grade" - I.

Damit gewinnen wir den

Satz 2.4:
Jedes Polynom II-ten Grades hat höchstens 1/ verschiedene reelle NullstelIen.

ßeweis:
Ist I ein Polynom II-ten Grades und XI eine seiner Nullstellen, so dividiert man /(x) durch
(x - XI/', wobei kl die größte ganze Zahl ist, fur die die Division ohne Rest möglich ist. Nach
der obigen Folgerung ist kl :::: l. Man erhält so ein Polynom /1 (x) = l(x)/(x-xll k , vom Grade
11 - k 1. Jede weitere Nullstelle von / ist auch Nullstelle von /1. Den beschriebenen Prozcß führt
man daher mit einer weiteren Nullstelle X2 rur /1 genauso durch und erhiilt ein Polynom 12,
mit dem man den Prozeß abermals ausfUhrt usw. Schließlich erhält man ein Polynom [,,, ohne
reelle NullstelIen. Dies ist spiitestens der Fall, wenn /'" ein Polynom vom Grade 0 ist, also nach
höchstens /I Schritten. Somit kann / nicht mehr als JI reelle Nullstellen haben. 0

Übung 2.9:
Berechne
2.2 Rationale und algebraische Funktionen 135

2.2 Rationale und algebraische Funktionen

2.2.1 Gebrochene rationale Funktionen

Unter einer rationalen Funk/ion versteht man eine Funktion der Form

"
La;X i

aO + alx + a2x2 + ... + a"x" .;=",,0__


(2.33)
[(x) = bo + b IX + b 2X·' + ... + b"'x '" = -",
I),x'
k=O

mil bm f- 0 (ai. bI;o x E lR). Der Definitionsbereich von f bestcht aus allen recllen Zahlen mit
Ausnahme der Nullstellen des Nennerpolynoms.
Im Falle 111 = 0, also Nennerpolynom konstant = bo f- O. ist [ein Polynom. Man nennt
daher Polynome auch gallzratiullale FUllk/iollen.
Ist der Grad des Nennerpolynoms größer oder gleich I und der Zähler nicht das Nullpolynom,
so heißt [ eine gebmchelle rationale Funk/ion. Die Funktion heißt dabei eclll gebrocheII, wenn
der Zählergmd Il kleiner als der Nennergrad 111 ist Andernfalls heißt f ullech/ gebmchen.

Beispiel 2.19:
Die Funktion
3x ~ 5
f(x) = 4x 2 +3x-7 ist echt gebrochen,

4x 5 _4x 4 _5x 3 +4x 2 -x +I


g(x) = ~ ist unech/ gebrochen.
3
2x 3x· + 5x 2

Nullstellen, Pole: Jede Nullstelle des Zählers von (2.33), die nicht gleichzeitig Nullstelle des
Nenners ist, ist NulI.~/eJle von f.
Für jede Nullstelle xo des Nenners in (2.33), die nicht auch Nullstelle des Zählers ist, gilt

!im If(x)1 = 00. (2.34)


x-+·[O

Man nennt xo einen Pol oder eine U"endlichkeit.Htelle von f.


Wir nehmen an, daß das Zählerpolynom in (2.33) nicht das Nullpolynom ist.
Verschwinden in xo sowohl Zähler- wie Nennerpolynom von f, so dividiert man zunächst das
Nennerpolynom durch x - xo (x -# Xo vorausgesetzt). Ist das entstehende Polynom wiederum
Null in Xo, so dividiert man es wieder durch (x - xo) f- 0 usw. Man fUhrt dies fort, bis - etwa
nach k Divisionen - ein Polynom q gewonnen ist mit q(xo) f- O. Das Nennerpolynom hat damit
die Form

q(x)(x~xo)"". q(xo)f-O.
136 2 Elementare Funktionen

erhaltcn, Entsprcchcnd formt man das Zählerpolynom um in

p(x)(x - xo)j, mit p(xo) t o.


Es folgt damit

/(x) = p(x) (x _ xO)j-k flir x t xo. (2.35)


q(x)

Wir sehen: Ist j < k, so hat / in Xo eincn Pol, denn es gilt (2.34).
Ist j = k. so definieren wir /(xo) := p(xo)/q(xo), und ist j > k, so /(xo) := 0 (angcregt
durch (2.35)). Auf diese Weise ist im Falte j 2: k der Definitiollsbereich VOll / 1/111 xo enveitert.

Beispiel 2.20:
Die Funktioncn
c
fex) = - (e t 0, 1I E N)
x"
sind besonders einfache gebrochene rationale Funk.tionen. Für /l = I, e > 0 ist der Graph in
Fig. 2.17a skizzien. Er wird gleichseitige Hyperbel genannt. Flir /l = 2, e > 0 ist der Graph in
Fig. 2.17b abgebildel.
Für ungerade 11 ähneln die Graphen von / der Fig. 2. I 73, rtir gerade der Fig. 2.17b, eventuell
an der x-Achse gespiegelt.

y".E. (c>O)
"

Fig. 2.17: (a) Hyperbel; (b) y = cjx 2

Beispiel 2.21:
Das Boyle-MariouesclJe4 Ge;}'!!tz idealer Gase lautet pu = RT (p = Druck, u = spezifisches
Volumen, R = Gaskonstante, T = absolute Temperatur), Bei konstanter Temperatur, mit der

4 Roben Boy1c (1627 - 1691), englischer Nmurforschcr. Edmc Mariotle (1620- 1684), französischer Physiker
2,2 Rationale und algebraische Funktionen 137

Abkiirzung c = RT. ergibt sich pu = c, aufgelöst nach u:

u= - .
,
"
In p-u-Koordinaten beschreibt dies eine Hyperbel wie in Fig. 2.17a.

,
V'
y

'" ,
,,
12,
, ,
10,
, , Asymptote
,
8 ,'
,0" ,
, , ,
, ,
,
, ,
,,
2
-, :POI ,
,
, -, -2-20 ,2 , , 8 10

Fig. 2.18: Graph von f aus Beispiel 2.22

Beispiel 2.22:
3
Es sei fex) =x ,-13x+ 12
. Die Nullstel1cn des Nennerpolynoms sind 2 und 3, es läßt sich
x--5x+6
daher so zerlegen: x - 5x + 6 = (x - 2)(x - 3). 3 ist auch Nullstelle des Ziihlers. 2 dagegen
2
nicht. Division des Ziih1ers durch (x - 3) liefert das Polynom x 2 + 3x - 4, das nach Berechnung
seiner Nullstelien I und -4 die Gestalt (x - I)(x + 4) erhält. Damit läßt sich /(x) schreiben als

(x - 3)(x - I)(x + 4)
/(x) = für x#3. x#2.
(x 3)(x 2)

KUrzen von (x - 3) # 0 ergibt

(x - I)(x + 4) ~x2_+.:...::3x::,·,---...:4
[(x) ~ ~ - (2.36)
x 2 .r 2

wobei wir nun auch x = 3 zugelassen haben. / hat also die NullstelIen I und -4. sowie den Pol
2 (s. Fig.2.18).
138 2 Elementare Funktionen

Zerlegung unecht gebrochener rationaler Funktionen

Beispiel 2.23:
In der Funklion g aus Beispiel 2.19 kann das Zählerpolynom durch das Nennerpolynom dividien
werden, s. Beispiel 2.18, Abschn. 2.1.6. Es folgt

, -15x 2 +3Ix-11
g(x) = 2r +x ~ 6+
2x
3"
3x~ + 5x 2
.

So können wir mit jedem unechten Polynom verfahren. Es gilt also

Satz 2.5:
Jede unecht gebrochene rationale Funktion läßt sich durch das Divisionsverfahren flir
Polynome eindeutig in eine Summe aus einern Polynom und einer echt gebrochenen
rationalen Funklion zerlegen. Isl also

J(x) ~ p(x)
q(x)

eine rationale Funktion mit dem Nennerpolynom q(x) vorn Grade 11I ::: I und dem
Zählerpolynom p(x) vorn Grade 11 2: 11I, so liefen das Divisiollsverfahren fur Polyno-
me aus Abschn. 2.1.6 eine Darstellung von 1 der Gestalt

r(x)
J(x) ~ hex) + -, (2.37)
q(x)

wobei h ein Polynom vom Grade 11 -11I ist und r ein Polynom von höchstens (m - 1)-
len Grade.

Asymptoten: Das Verhalten unecht gebrochener rationaler Funktionen 1 geht flir große lxi
sofort aus der Zcrlegung (2.37) hervor. Da r/q echt gebrochen iSI, gilt r(x)/q(x) -,lo 0 flir
lxi -,lo 005 (Man sieht dies soforl ein, wenn man Zähler r(x) und Nenner(/(x) durch die höchste
Potenz x'" des Nennerpolynoms dividierl.) Aus (2.37) folgt somit

11(x) - h(x)1 _ 0 fLir lxi _ 00.

1 verhält sich also fLir große lxi ebenso wie das Polynom h. Dies führt zu folgender Definition:

Definition 2.1:
Ein Polynom heißI AS)'Il1pIOle einer rationalen Funktion f, wenn folgendes gilt:

11(x) - h(x)1 _ 0 fLir Ixl- 00.

5 F(x) ---> (l für lxi ---> 00 bedeutet: Für jede Folge (XII) des Dclinilionsbcreiches von F. die • lim
_ro
lXIII = 00 erfullt.
gill lim F(.(II) =(1.
11 ..... 00
2,2 Rationale und algebraische Funktionen 139

Aus obiger Überlegung folgt damit

Satz 2.6:
Jede rationale Funktion f besitzt eine Asymptote!
(a) Ist f echt gebrochen, so ist die Asymptote von f die Nullfunktion.
(b) Ist funecllt gebrochen, so ist die Asymptote von f das Polynom 11, das in der
Zerlegung (2.37) auftritt. (Es wird durch Division des Zählerpolynoms durch das
Nennerpolynom gewonnen.)

Wir merken zusätzlich an, daß die Asymptote 1'01/ f genau dann eine Gerade ist, wenn der Grad 11
des Zählerpolynoms um höchstens I größer ist als der Grad m des Nennerpolynoms, d,h./I ~ 11I+
I. Denn in diesem Fall hat die Asymptote h den Grad J oder 0 oder ist gleich dem Nullpolynom.
Im Beispiel 2.22 errechnet man aus (2.36) durch die Division auf der rechten Seite (x 2 + 3x ~
4)/(x ~ 2):

6
[(x)=x+5+--
x-2

Asymptote von [ ist also die Gerade hex) = x + 5 (s. Fig. 2.18).
In Beispiel 2.23 ist Asymptote von g das Polynom hex) = 2x 2 + X - 6.

Übung 2.10:
Welche Asymptote hat die Funktion

2x 3 _7x 2 +2r_1
!(x) = , ?
x~+4x+7

2.2.2 Algebraische Funktionen

Eine Funktion f heißt algebraische Funktion, wenn die Punkte (x. y) ihres Graphen einer Glei-
chung der Form

'\'
L.. aiP' ;y * =0 (2.38)
i.k=Ü

gehorchen. 6 Die Gleichung heißt algebraische Gleichung zu f.


Hiiufig ist zunächst eine Gleichung der Fonn (2.38) gegeben, und man hat die Aufgabe, sie
»nach)' aufzulösen« ,d.h. eine Gleichung der Form

y ~ f(x) (2.39)

herzuleiten, so daß alle Paare (x. y). mit y = f(x), die Gleichung (2.38) crfullen.

6 Hierbei setzcn wir x O = )'0 = I. auch im Falle x = 0 oder)' = O.


140 2 Elementare Funktionen

Beispiel 2.24:
Wir betrachten die Gleichung

y2 + x2 = I. x, Y E IR, (2.40)

Die Punkte, die dies erflillen, bildcn eine Krcislinie, wie anh,md der Fig. 2.19 (mit Hilfe des
Pythagoras) klar wird. Der Kreis hat den Radius I und den Mittelpunkt im Koordinatcnnullpunkt.
Man nennt ihn Eillheilskreis. Wif»lösen nach y auf«: Gleichung y2 +x 2 = I ist gleichbedeutend
mit y2 = I ~ x 2 . Dies ist genau dann erfLillt, wenn

y=~ oder y=-~ (2.41)

ist. Hierdurch werden zwei Funktionen beschrieben;

II(.r)=JI-x 2 , h(x)=-JI-x 2 • (2.42)

Delinitionsbereich ist in beiden Fällen I-I. 11. I1 beschreibt den Halbkreis oberhalb der x-
Achse, h entsprechend unterhalb der x-Achse. Die Graphenpunkte von 11 und h gehorchen
der GI. (2.40). I1 und h sind also algebraische Funktionen.

,
y

,.

Fig. 2.19: Einheilskreis Fig. 2.20: Kreis mit Radius r um (xo. )"0)

Beispiel 2.25:
Analog zum vorangegangenen Beispiel beschreibt

einen Kreis mit dem Radius,. um dcn Koordinatcllursprung. Allgemeiner noch: Alle Punkte
(x.y),die

(y ~ )'0) 2 + (x ~ xo)~" = ,.~


2,2 Rationale und algebraische Funktionen 141

erfüllen, bilden einen Kreis mit dem Radius r um den Mittelpunkt (xo, )'0), s. Fig. 2.20. (Man
sieht dies leicht mit Hilfe des "Pythagoras« ein,)

Beispiel 2.26:
(Nach [51) Ein Konstruktionselement mit rechteckigem Querschnin ist mit den Randspannungen
(T" und (Ty belastet, wie in Fig. 2.21 skizziert. Wir denken uns einen Schnitt durch die Fläche unter

dem Winkel rp gegen die Waagerechte, s. Fig. 2.21. Für die an dieser Schnittlinie auftretende
Längsspannung (J und Schubspannung r gilt

. ., ., [ 1 7
G = (J-r sm~ rp + Gy cos-Ip = "2(Gx + Gy) + "2«(Jy ~ Gx)cos21p
I. I. I .
r = 20')' S1l121p - 20'x S1l121p = 2: (0')' - (J-r) sm 21p

o. o.

o. • 2
,

o 0,
0

I
I

- ....- - .,
I
f4-----:
o,+Oy Oy-O,
2 2

Fig. 2.21: Mohrseher Spannungskreis

Quadriert man rund G ~ !«(J-r + Gy). so erhält man aus obigen Gleichungen

(J~
, (a,. _0,,),
( a, +2 a.)2 +r-= (2.43)
2
Diese Gleichung beschreibt einen Kreis in der (J-T-Ebene. Er heißt Mohrsche,s SpaJll/IlIIgskreis.
7 Die hier benulzlen Funklionen sin und tQs nebSl ihrer Addilionslheorcnle werden in Abschn, 2.3.2 ausfUhrlich
crlaulcrt.
8 Chrislian Duo Mohr (1835 - 1918). deulscher tngenieur
142 2 Elementare Funktionen

Sein Mittelpunkt liegt auf der a-Achse. Für jeden Winkel (j) kann man aus Fig. 2.21 die zugehö-
rigen Werte T und a entnehmen.

Potcllzfunktioncn: Besonders einfache algebraische Funktionen sind die POlen?jullktiollen

[(x) = Cx"/'" .
( "
m
ganz,
natürlich.
(2.44)

Der Exponent von x ist dabei eine beliebige rationale Zahl. Zuniichst setzen wir" > 0 voraus. Ist
'" ungerade. so kann die ganze reelle Achse als Definitionsbereich verwendet werden. Ist m gera-
de. so liegt der Definitionsbereich in [0. 00). (Denn x ll /'" = ( ~)" ergibt nur im Falle ungerader
111 fur negative x einen Sinn.) Im Falln < 0 gilt analoges. Nur 0 liegt nicht im Definitionsbereich.

f ist in der Tat algebraisch. Potenziert man nämlich)' = Cx"/ m mit dem Exponenten 111, so folgt
y'" - C"'x" = O. also eine Gleichung vom Typ (2.38).
Für x > 0 (C = I) sind die typischen Formen der Funktionsgraphen von [ in Fig. 2.22 zu
sehen. Der Leser setze sie fur den Fall, daß 111 ungerade ist, in dem Bereich x < 0 fort. Dabei ist
zwischen geraden 11 und ungeraden 11 zu unterscheiden.

Fig. 2.22: Typische Potenzfunklionen f(.I) = ex"/'"

Beispiel 2.27:
Die adiabatische Zustandsänderung eines idealen G.ases mit Druck IJ wird durch IJ/P'" = C (C
konstant) beschrieben, also durch

Für Luft ist /( = 1.405. Allgemein ist /( eine Materialkonstante, die als rationale Zahl angenom-
men werden darf.

Explizite Darstellung algebraischer Funktionen

Typische algebraische Funktionen sind

[(x) = v'?+l
2 - 2)' + Xl.
,
( X + 1
2,2 Rationale und algebraische Funktionen 143

Allgemein gilt: Besteht ein Formelausdruck [(x) aus der Variablen x (endlich oft auftretend) und
endlich vielen Zahlen, verknüpft mit endlich viefen Rechelloperalionell +, -, " : oder POIenzie-
rungen mir rarionalen Exponenten, so ist [ eine algebraische FunktiOIl in explizirer Darsreflul1g.

Durch schrinweises Umformen von y = fex) kann man in diesem Falle eine Gleichung der
Gestalt (2.38) erreichen, der alle Paare (x. y) genügen, die auch y = !(x) erfüllen.
Die Umkehrung gilt nicht! Insbcsondere läßt sich nicht jede algebraische Funktion durch
FormelausdTÜcke der genannten Art bcschreiben. In der Technik habcn wir es abcr hauptsächlich
mit algebraischen Funktionen der beschriebcnen expliziten Art zu tun.

Beispiel 2.28:
Der Luftdruck {J hlingt von der Höhe 11 über dem Erdboden ab. Bei ruhender isothermischer
Atmosphäre lautet dieser Zusammenhang

P=PO
11 - I
1------
8h ) ~ (2.45)
( 11 RL' To

Die rechte Seite, abgekürzt [(11), beschreibt eine algebraische Funktion. Die Konstanten da-
zu bedeuten: Po Bodendruck (z.B. Po = 1.013 bar), 11 = 1,235 Polytropenexponent, RL =
287m 2/(K . s2) spezifische Gaskonstante der Luft, To = 288K Temperaturkonstallte, 8 =
9,81 m/s 2 Erdbeschleunigung.

Übung 2,11:
Man forme (2.45) in eine Gleichung vorn Typ (2.38) um.

2.2.3 Kegelschnitte

Hier wird ein erster Einblick gegebcn. In BurgfHaflWille (VeklOranalysis) [71, Abschn. 1.3, wer-
den Kegelschnine ausflihrlieh bchandelt.
Ellipse: Wir gehen aus von der Gleichung

x2 y2
- + -b2
(/2
= I (a > O. b > 0) . (2.46)

Trägt man alle Punkte (x. y). die die Gleichung erflillen. in der x-y-Ebene ein. so bilden sie eine
Kurve, wie in Fig. 2.23 skizziert. Eine Kurve dieser Form heißt eine Eflipse. Wir können sie uns
aus einem Kreis entstanden denken, der in einer Richtung gleichmäßig gestaucht (oder gestreckt)
ist. Der Kreis selbst gilt als Spezial fall einer Ellipse.
Löst man die Ellipsengleichung (2.46) nach y auf, so erhält man

(2.47)

Die linke Gleichung beschreibt eine Funktion, deren Graph der »obere« Ellipsenbogen ist, die
rechte Gleichung entsprechend eine Funktion, deren Graph den unteren Bogen darstellt.
144 2 Elementare Funktionen

B
,
b ,
o •

Fig. 2.23: Ellipse Fig. 2.24: Planctcngctricbe

In Fig. 2.23 wollen wir a > bannehmen. a, die Länge der Strecke [0. AI, heißt gn1Je Hafb-
achse der Ellipse. Entsprechend heißt b die kleine Halbachse. b ist die Länge von [0. BI.
Ellipsen spielen in der Himmelsmechanik eine große Rolle: Die Planeten der Sonne laufen in
sehr guter Näherung auf Ellipsenbahnen. Dasselbe gilt flir Satelliten im erdnahen Raum.
Will man die Bewegung eines Punktes auf einer Ellipsenbahn technisch erleugen, so läßt sich
dies einfach mit einern Pfallelengetriebe konstruieren, wie es in Fig. 2.24 skizziert ist. Dabei
rollt ein Rad in einern anderen vom doppelten Radius herum. Ein beliebig markierter Punkt P
auf dem rollenden Rad bewegt sich dann auf einer elliptischen Bahn.
Hyperbel: Hyperbeln sind ebene Figuren, die durch

,-,=1
x2

a- b-
)'2
(a>O,b>O). (2.48)

beschrieben werden, siehe Fig. 2.25. AuAösung nach yergibt

(lxi :::a). (2.49)

womit zwei Funktionen angegeben sind, deren Graphen zusammen eine Hyperbel bilden.
Für große lxi kann man a 2 gegen x 2 vernachlässigen, so daß (2.49) übergeht in

b b
)' ~ -x. y ~ --x. (2.50)
a
"
SelZl man hier = stall ~, so hat man die Gleichungen zweier Geraden (vgl. Fig. 2.25). An diese
Geraden schmiegt sich die Hyperbel immer besser an, je größer lxi ist. Die Geraden heißen die
Asymplole" der Hyperbel.
Hyperbeln treten auch in der Himmelsmechanik auf, z.B. als Komelcnbahnen odcr Bahnen
2,2 Rationale und algebraische Funktionen 145

• o •

Fig. 2.25: Hyperbel

von Satelliten, die das Sonnensystem verlassen. Ferner treten Hyperbeln bei Kühltürmen als
Querschnitt-Figuren auf, wie auch bei Düsen oder Lampenformen.
Parabel: Parabeln werden durch

Y=CX 2 =o. c>O.

beschrieben. Wir haben sie in Abschn. 2.1.3 ausflihrlieh behandelt.

Bemerkung: Ellipsen, Hyperbeln und Parabeln werden KegelscIlllilIe genannt.


In der Tat treten sie als Schniufiguren auf, wenn Doppelkegel und Ebenen sich schneiden
(s. Fig. 2.26). Auch die Grenzfalle ~ Kreis oder Punkt, zwei sich schneidende Geraden oder
eine Ger<tde ~ treten als Schniufiguren auf. Dehnt sich der Kegel. bis er schließlich in einen
Zylinder übergeht. so können auch zwei parallele Geraden als Schnittfigur vorkommen oder eine
»leere« Schniuligur.
Allgemeine Gleichung zweiten Grades: Wir betrachten die algebraische Gleichung

(lliX 2 + 2aI2_\')' + (lnr' + 2alJX + 2(123Y +a33 = 0 (2.51 )

mit reellen Konstanten (lik. Wir setzen voraus, daß (111. (/12. (In nicht alle Null sind. Damit gilt:
Gleichung (2.51) beschreibt sters einen Kegelscl/llill (vgl. Burg/Haf/Wille (Vektoranalysis) [7],
Abschn. 1.3.5).
Um herauszufinden. welchen sie darstellt, werden die drei folgenden Determinanten (s. Ab-
sehn. 7.2.3, bzw. BurglHaflWille (Lineare Algebra) (91) betrachtet:

"" ""
H
(/11
D~ (112
"" ""
Dt = 1(111
(112

I D, ~ 1 (122 (123
""
(113

"" (133 (133


(112 (122 (113

"" "" (/33

Es ergibt sich folgende Fallunterscheidung:


146 2 Elemcntare Funktioncn

:~
Ellipse

:~
I
I
I
~~~r

Parabel Hyperbel zwei sich schneidende zwei parallele


Geraden GrOBen

Fig. 2.26: Kegelschnitte

I. Fall

Hyperbel

Parabel

Ellipse

leere Menge

2. Fall

2 sich schneidende Geraden

L V, < 11 .. 2 p""lIcle Gcmdeo

V, ~O~--D2=O. eine Geradc

Ih > 0 leere Menge

.......... ein Punkt


2.3 Trigonometrische Funktionen 147

(Die Beweise hierzu werden in Burg/Haf/Wille (Lineare Algebra) [9] geruhrt.)

Übung 2.12*:
Welche Typen von Kegelschnitlen werden durch die folgenden Gleichungen dargestclll:

(I) 3.1"2 +4.1"y+5 y2 +2.1" +8y+2 =0

(2) 5.1"2+ 16.1"y+2y 2+2.r+2y+2=0.

(3) 4.\·2_12.1"y+9y2+6.r+2y+ I =0.


I
(4) .1"2 - 4.ry + 4.1'2 -.I" + 2.1' - 4" = o.

2.3 Trigonometrische Funktionen


2.3.1 Bogenlänge am Einheitskreis
Die Menge aller Punkte (x, .1') mit x 2 + .1'2 = I bildet in der x-y-Ebene eine Kreislinie vom
Radius I um den Koordinatennullpunkt. Wir nennen sie die Einlteitskreislinie. Löst man x 2 +
y2 = 1 nach y auf. so erhält man

y=Jl-x 2 oder y=~~ (2.52)

rur lxi :s: 1. Die linke Gleichung beschreibt die obere Halbkreislillie H+ (oberhalb der x-Achse
in Fig. 2.27), die rechte d:lgegen die IIl1tere Hllibkreislinie H-

y
1<,..
H'

,
-, • 0 b

H-

Fig. 2.27: KreisbogeIl K".b

Ein Kreisbogen K".b auf H+ ist die Menge aller Punkte (x, y) E H+ mit

(s. Fig. 2.27). Es ist unsere Aufgabe, die Länge t".b eines solchen Kreisbogens - kurz Bogen-
liinge genannt - zu definieren und zu bestimmen.
148 2 Elementare Funktionen

Bemerkung: Die Grundvorstellung der BogenHinge besteht darin. daß man sich den Kreisbogen
als dehnungsfreies Seil vorstellt, dessen Länge durch Geradeziehen und Anlegen eines Lineals
gemesscn werdcn kann. Der cilige Lescr mag sich mit diescr »Scilvorstcllung« begnügcn und
den Res! dieses Abscltniltes iiberschlagen. Zum Verständnis des folgenden, insbesondere der
Anwendungen, geht ihm nichts wesentliches verloren.
Für eine saubere mathematische Fundierung reicht die Seilvorstellung allerdings nicht aus.
(Was heißt z.B. »dehnungsfrei?«) Wir definieren daher die Bogenfällge. indem wir von Strecken-
zügen ausgehen.
Es sei

K".b= !(X.Y)I-I.:::a':::X':::b'::: I. y=~J


der schon beschriebene Kreisbogen. Zunächst bilden wir eine Zerlegung Z des Intervalls [a. bl
mit

a = Xo < Xl < ... < XII = b.

Die Punkte Xo •..., X" heißen Teilu//gspl/llk1e von Z. Die zugehörigen Kreispunkte

Pi = (X;.Yi) mit y;=JI-x?

(i = O. I•.... n) liegen auf dem Kreisbogen K".b. Wir verbinden diese Punkte Po, Pt. P2, .... P"
durch einen Streckenzug S. wie es die Fig. 2.28 zeigt. Der Streckenzug S ist dabei die Vereinigung
r
aller Strecken [Po. Ptl, [PI. P21, ... , P,,-I. Pli I· Die Länge einer solchen Strecke [Pi-I. Pi! ist
nach "Pythagoras«

JD.Xl + D.yl, mit Lb; = Xi - X;_I . LlYi = Yi - Y;-I . (2.53)

Die Summe L(Z) dieser Streckenlängen bezeichnet man als Liil1ge des Stl'eL'kellzuges S:

L(Z) = L" JLlxl + LlYl· (2.54)


;=1
Fügt man weitere Punkte auf dem Kreisbogen K".b hinzu, so werden die zugehörigen Strecken-
züge immer liinger. Je mehr Punkte P; gewählt werden und je kürzer die Teilstrecken sind, desto
näher kommt L(Z) unserer Vorstellung einer Bogenliinge. Dies fUhrt zu folgender

Definition 2.2:
Die Bogenfänge t",b des Kreisbogens K".b ist gleich

'a,b := sup L(2) (2 Zcrlegung VOll [a. bJ).


Z

M.a.W: Man denke sich die Menge M aller Streckenzuglängen L(2) (zu allen denkbar-
en Zerlegungen vonla. bJ). Ihr Supremum bezeichnet man als Bogel/länge von Ka.h.
2.3 Trigonometrische Funktionen 149

y
K...
P, P,
/
Po 'y,
'"
P,

,
-, a _ Xo
"
... b
" "
Fig. 2.28: Slreekenzug als Näherung rur einen Kreisbogen

Die Definition ist nur sinnvoll, wenn die Menge M der Streckenzuglängen L(Z) nach oben
beschränkt ist. Das ist aber der Fall, denn es gilt

wie man durch Quadrieren sofort einsieht. Also folgt

"
L(Z) ~ 2)1Llx;l + ILly;1) = L" ILlx;l + L" ILly;l ~ 2 + 2 = 4.
1=1 i=] i=l

Speziell definiert man t"." = 0 fur alle a E [-1,1] und

Jr := LI,I'

Jr ist also die Länge der Halbkreislinie H+. Wir werden später Bereehnungsmelhodell fur Jr
angeben (s. Absehn. 3.2.5). Sie liefern

Jr = 3, 141592653589793.

Satz 2.7:
(Eigenschaften der Bogell/iinge)
(I) Additi\,jtät (s. Fig. 2.29a) Es gilt:

ta.b + 'h.c = t".c. falls - I ::5 a ::5 b ::5 c ::5 I . (2.56)

(J1) EinschließulIgseigenscJUlft: Man betrachte Fig. 2.29b: Ist Oa.b die Länge der »Seh-
ne « [A. B] und <a.b die Länge des Tangentenslückes [A'. Hf], so gilt

(2.57)
150 2 Elementare Funktionen

(lLI) Der Qlwlielll alls Sehnel/- ul/d Bogenlänge erfüllt

fur a-..b oder b---»a. (2.58)

Beweis:
Zu (I): Es seien Z I, 22 Zcrlegungen von Ta, bl. Tb. cl Mit 2 = ZI U 22 (Zerlcgung von [a. cD
folgt fiir die zugehörigen Streckenzuglängen

Geht man links zu den Suprema über, so folgt

t".b + th.c ::: t".c· (2.59)

,
A'

,
/" -,,~ B,
B'

10.,
,
11t>·~
, ,
, , , ,
.)
-, • b 0 0
b}
• b

Fig. 2.29: Zu Satz 2.7: Eigenschaften der Bogenlänge am Kreis

Ist umgekehrt 2 eine beliebige Zcr1cgung von La. cl. so erzeugen ihre Teilungspunkle, unter
Hinzunahme von b, eine Zcrlegung ZI von La. bl und eine Zcrlegung Z2 von Ib, cl. Sie erfullen
zweifellos

L(Z) ::: L(Z I) + L(Zü ::: t/l.h + Ib.c·


Gehl man links wiederum zum Supremum über. so folgt

I".e ::: t".b + tb.,;,


mit (2.59) also t/l.(" = t(,.b + tlJ.(".
Zu (11): Ersetzt man den Kreisbogen K".b in Fig. 2.29b durch einen Streckenzug S, wie beschrie-
2.3 Trigonometrische Funktionen 151

ben, so sieht man geometrisch leicht ein, daß für die LUnge L(Z) des Streckenzuges gilt:

8".b ::s L(Z) ::s r".b·

Folglich gilt auch 8".b ::s t".b ::s r".b.


Zu (111): Die Länge q der Strecke LO. P1 in Fig. 2.29b ist nach »Pythagoras« zweifellos q
Jl (8".b/2)2. Mit dem »Strahlensatz« erhalten wir ferner 8"b : r(j.b =: q : I, also folgt mit (11)

fur a ~ b oder b --+ (j.

o
Wir betmchten nun speziell die Bogenlänge /x.1 und fragen uns, wie sie von x abhängt (siehe
Fig. 2.30). Die so entstehende Funktion I(x) =: /x.1 nennen wir Bogenlängenfunktion. Für sie
gilt:


-, o

Fig. 2.30: Bogenlängenfunktion

Satz 2.8:
Die Funktion

l(x)='.\".I. -1::sx::Sl.

ist stetig, streng monoton fallend und bildet das Intervall [-1, 11 umkehrbar eindeutig
auffO. 1T' ab.

Beweis:
Für XII --+ xo (-1 ::s XII< xO::S I) gilt

I/(x II ) - l(xo)1 = 11.,".1 - /.lo.11 = 11.'",,<01 ::s T.," ..lo --+ O.

Entsprechendes gilt im Falle (-I ::s Xo < XI! ::s I), woraus die Stetigkeit von I folgt. Ferner ist
I streng monoton fallend, da fur (-I ::s XI < X2 ::s I) gilt
152 2 Elementare Funktionen

d.h. I(xr) > I(xü. I ist also eineindeutig und bildet [-I. 11 in [0, 7T 1 ab. Nach dem Zwi-
schenwertsatz nimmt I(x) jeden Wert zwischen 1(1) :::: 0 und 1(- I) :::: 7T an. Folglich bildet
11-1, I1 al/110, 7T 1ab, womit alles bewiesen ist. 0

Die Funktion I in Satz 2.8 wird späler arccos (ArclIs COSiIlIlS) genannt.

Ausdehnung des BogenlängenbegrilTs auf größere Kreisbügen

In analoger Weise, wie hier geschehen, können Kreisbögen K';b auf der unteren Halbkreisli-
nie H- betrachtet und ihre Bogenlängen t;;b bestimmt werden. Ja, wir können auch aus einem
»oberen« Kreisbogen Ku.1 und aus einem »unteren« KI~1 einen neuen Kreisbogen

K :::: K".I U Kb.1

zusammensetzen. s. Fig. 2.31. Seine Bogenlänge ist definiert als die Summe der Bogenlängen
von K u . 1 und Kb.I' Entsprechend lassen sich Kreisbögen der Form

behandeln, die den Punkt (-1.0) enthalten. Die so gewonnenen Kreisbögen lassen sieh abermals


-, ,

Fig. 2.31; Größere Kreisbögen

zusammensetzen usw. Damit ist der Bogenlängenbegriff auf Kreisbögen beliebiger Länge und
Lage ausgedehnt.
Die Einheilskreislinie selbst, aufgefaßt als H+ U H-. hat die Liinge 27T. Man nennt 27T auch
den Uniftlng des Einheitskreises.

Winkelmessung; Die Bogenlänge t ist ein Maß fLir den Winkel zwischen zwei Halbgeraden, die
von 0 ausgehen, s. Fig. 2.32a. I wird auch das Bogenmaß des Winkels genannt.
In der Geometrie wird das Winkelmaß üblicherweise in Grad angegeben, also in der Form: (1'0
(Sprich: »(1' Grad«). Zwischen I und Ci besteht der Zusammenhang
2.3 Trigonometrische Funktionen 153

• (2.60)
180 Jr

Damit können Bogenmaße in Gradangaben umgerechnet werden und umgekehrt.


In der Analysis ist es durchweg üblich, Winkelgrößen im Bogenmaß anzugeben 9 .
Länge beliebiger Kreisbögen: Wir denken uns einen Kreis mit beliebigem Radius r > O. Durch
einen Mittelpunktswinkel mit dem Bogenmaß I wird aus der Kreislinie ein bestimmter »Bogen«
B herausgeschnitten, wie es in Fig. 2.32b gezeigt ist. Seine Uinge b wird ebenfalls über einbe-
schriebene Streckenzüge definiert. Da alle Längen dabei gegenüber dem Einheitskreis um den
Faktor r gestreckt oder gestaucht sind, ist die Länge des Bogens B das r-fache des Bogenmaßes

"
b = tr.

Insbesondere hat die gesamte Kreislinie die Länge 2Jrr .

• B

.) b)

Fig. 2.32: Winkelmessung: Bögen auf beliebigen Kreislinien

Übung 2.13:
Welche Bogenmaße entsprechen dcn folgenden Winkelmaßen:

1<>: 17<>34': 27.7<>: 251<>14'47"?

Dabei bezeichnet' Bogenminuten (60 Bogenminuten = I<». und" Bogensekunden (60 Bogen-
sekundell = 1 Bogellminute).

Übung 2.14:
Verwandle die folgenden Bogenmaße in Gradmaße. gerundet auf Bogensekunden:

J.523[; 5.12[78;

9 Der Grund wird spJlcr klar. Er Iiegl darin. daß so sin' = cos und tOS' = - sin gilt. was bei Winkelmessungen in
Grad nichl zutrifft
154 2 Elementare Funktionen

Übung 2.15:
Ein Rad dreht sich gleichförmig. und ;-;war dreht es sich in 0.142s um den Winkel von 70°.
Berechne die Umlaufzeit l' und die Winkelgeschwindigkeit w = 2rrjT des Rades!

2.3.2 Sinus und Cosinus


Die trigonomctrischcn Funktionen Sillll.~ (sin) und COSillllS (cos) cignen sich gut zur Darstellung
von Wellen. Schwingungen und sonstigen periodischen Vorgiingen, wie auch zur Berechnung
von Entfernungen auf der Erde oder im Weltraum.
Zur Definition von Sinus und Cosinus betrachten wir einen beliebigen Punkt P = (x, y) (mI
der Einl1eitskreislil1ie. Es gilt also x 2 + y2 = I.
Mit t bezeichnen wir die Bogenlänge des ?IIgeflörigell Kreisbogens. Damit ist der Kreisbogen
gemeint. den ein Punkt durchläuft, wenn er auf der EinheitskreisJinie gegen den Uhrzeigersinn
von (I. 0) bis P wandert. Anhand der Figuren 2.33a. b. c ist klar, was gemeint ist.

p
y

, o

al bl cl

Fig. 2.33: Bogenlänge t zu P

Die Komponenten unseres Punktes werden nun einfach mit sillt und cos t bezeichnet, also:

Definition 2.3:
Man vereinbart

sint :=y. COSI :=x flirOst S2tr.

Sinus- und Cosinusfunktionen sind damit auf dem Intervall [0, 2JT J erklärt. Der Definitionsbe-
reich wird in folgender Definition auf die ganze reelle Zahlengerade ausgedehnt.

Definition 2.4:
Für alle t E [O.2tr J und alle ganzen Zahlen k gilt

sin(1 +2k1r) = sint.


(2.61)
COS(I +2ktr) = COSI.
2.3 Trigonometrische Funktionen 155

In Fig. 2.34 ist ein Schaubild dcr Funktionen sin und cos skizziert.

It cos t sin I
3
2 1 ~.

,
~. 2 2. 1
0
~1 2

Fig. 2.34: Sinus- und Cosinusfunktion

."olgcrung 2.2:
Für alle reellen Zahlen I gilt

(I) (2.62)

(11) sin(~l) = -sint cos(-t) = cost (2.63)


sin(Jr - t) = sin 1 COS(TC - t) = -cost (2.64)

sin (t ± i") = ±cost cos(t=F~)=±sinl (2.65)

sin (I + 2kTC) = sint cos(t +2kTC) = cast k ganz (2.66)

(11I) sin(kJr) = 0 cos(i+kJr)=0 (2.67)

cos(kTC) = (- l)k .
Sill
(~
"2+kTC ) =(-1), k ganz

Für alle anderen t E IR, also t ::f:. kTC /2, sind si n I und cos I verschieden von O. I und
-I.

(IV) sin und cos sind stetig auf IR.

Beweis:
Die Eigenschaften (I) bis (111) leitet der Leser leicht aus der Definition von sin und cos her. (Die
Eigenschaften (l) bis (111) sind übrigcns unmittelbar am Schaubild (Fig. 2.34) abzulescn.) Zu
(IV): cos ist auf [0. Jr I die Umkehrfunktion der sletigen Funklion f aus Satz 2.8 im vorigcn
Abschnitt. Also ist cos auf [0. 7r I stetig. Damit ist auch sin I = JI cos 2 tauf [0. Jr I stetig.
Durch (2.63), (2.66) wird die Sicligkeil auf alle t E IR übertragen. 0

Additionstheoreme: Von großer Wichtigkeit sind folgende Formeln fur sin(x + y), cos(x + y).
156 2 Elementare Funktionen

Satz 2.9:
Für alle reellen x und y gilt

sin(x + y) = sinxcosy + cosx sin y, ('.68)


cos(x + y) = cosxcosy - sinxsiny. (2.69)

Der Beweis wird in Abschn. 3.1.6 mit Hilfe der Differentialrechnung in eleganter Weise geführt.
weshalb wir ihn hier überspringen.
Aus den Additionstheoremen (2.68), (2.69) lassen sich viele weitere Forrneln herleiten, die für
die Anwendungen wichtig sind. Setzt man z.B. x = y, so folgt

sin(2x) = 2sinxcosx. (2.70)


2 2
cos(2x) = cos x - sin x . (2.71)

Ferner gilt

x+y
sinx +siny = 2sin -,-cos X-1'1
- ,-
('.72)
.. x+y.x-y
sm x - sm y = 2 cos - , - ,m -,_.

x+1'
cos x + cos y = 2 cos - x-y
, - cos - ,- 1
, ,
(2.73)
. x+y . x-y
cosx -cosy = -2sm - - ,m--

Zum Nachweis von (2.72) wendet man die Additionstheoreme auf

sinx = sin (
X +Y
-,-
x -
+ -,- y) "nd siny = sin
X+1' X-1')
( -,- - -,-
an und addiert bzw. subtrahiert beide Gleichungen. Entsprechend verfahrt man bei (2.73). Der
Leser führe dies zur Übung durch.

Anwendungen
Beispiel 2.29:
Ein Rad drehe sich gleichförmig mit der Umdrehungszeit T. also der Kreisfrequenz w = 2;r /1'.
P sei ein beliebiger Punkt des Rades mit Abstand a vom Drehpunkt. x- und y-Achse liegen so.
wie es die Fig. 2.35 zeigt. P überschreite die x-Achse zur Zeit to.
Dann sind die Koordinaten zu einer beliebigen Zeit t:

x = a cos(w(t - to» ,
y = a sin(w(1 -10».
2.3 Trigonometrische Funktionen 157

Die erste Gleichung beschreibt also die horizontale Bewegung des Punktes, die zweite die verti-
kale.

~,

I~ ...
y


o Ruhelage


Fig. 2.35: Drehendes Rad Fig. 2.36: Federpcndel

Beispiel 2.30:
(FederpendeI) An einer Spiralfeder mit Federkonstante c > 0 hänge ein Körper der Masse 1Il.
Er schwinge reibungsfrei auf und ab. Die Höhe seines Schwerpunktes zur Zeit I sei x (x-Achse
weist nach untcn) (s. Fig. 2.36).
Dann wird seine Bewegung beschrieben durch

.r = a COS(W(I ~ 10» mit W = 0.


y-;;;
Dabei ist '0 ein Anfangszeitpunkt mit maximaler Auslenkung a.

Beispiel 2.30 ist trotz seiner Einfachheit ein typischer Schwingullgsvorgang. Er zeigt, daß bei
Beschreibung von Schwingungsvorgängen (seien sie mechanisch, elektrisch oder elektromagne-
tisch) die Sinus- und Cosinusfunktion die wesentlichen mathematischen Hilfsmiuel sind.

Übung 2.16:
Beweise die Formel: sill(a + ß) + sill(a - ß) = 2 silla eosß
Hillweis: Wende das Additionstheorcm des Sinus auf sin(a + ß) und sin(a + (-ß» an!

Entsprechend:

Übung 2.17:
cos(a + ß) + cos(a - ß) = 2cosaco~ ß·
158 2 Elementare Funktionen

Übung 2.18:
. , I
a) sm· 0' = 2(I-cos(20'»
I
b) cos 2 0' = 2"(1 +cos(20'))

(s. (2.71»)

Übung 2.19:
. , I
a) sm 0'=8(3-4cos(20')+cos(4<t»
I
b) (os40' = 8(3 +4(os(20')+ (os(40')

Hillweis: Man qu,ldrierc die Formeln in Übung 2.18.

Übung 2.20:
Beweise die Formel

sin«2n + I)t) (I +
= 2 t
k=1
COS(2kf)) sin f.

(11 E N. T E IR) durch vollständige Induklion. Dazu benulze man die Gleichung

sin«211 + 1)/) = sin«2/1 - 1)/) + 2 sin t cos(2/1/) .


die aus (2.72). 2. Gleichung. folgt.

2.3.3 Tangens und Cotangens

Definition 2.5:
Die Funklionen Tangens (tan) und Cotangel/s (cot) werden folgenderrnaßen erklärt:

tanx:= - -
sin x
cosx
flirx E IRmitx::j:. i +kJr.
k ganz
cosx
cotx := - . - flir x E IR mit x ::j:. kJr.
Stil X

Die rechts notierten Ausnahmewerte von x sind gerade die NullstelIen des jeweiligen Nenners.
Fig. 2.37 zeigt die Graphen von tan und cot.
2.3 Trigonometrische Funktionen 159

,
, 3, , -,
" ,
,
,
,
,
2 ",
,
,
Fig. 2.37: Tangens- und Cotangensfunktiooen

Satz 2.10:
(Addiliollsrheoreme) Es gilt

tanx ± tany
tan(x ± y) = 7"'''--'=''-'-- (2.74)
I Ttanxtany

cot(x ± y) = -cc~ot~x~,~o~t~Y_'f,--,-1 (2.75)


cOly±cotx

flir alle x, y, flirdie die Nenner nicht verschwinden und die zugehörigen Tangens- und
Cotangensfunktionen definiert sind.

Der Beweis kann mit Hilfe der Additionstheoreme für sin und eos vom Leser geflihrt werden.
Im Falle x = y folgt aus dem Satz

tan2x =
2tanx
lan- x
, . eot 2 x-1
cot 21: = -".,-:-:-
2cotx
(2.76)

Umrechnung der Winkelfunktionen ineinander: Wir wollen 0 < x < ]f /2 annehmen. Dann
gilt wegen sin 2 x + cos 2 x = I:

sinx = JI - cos 2 x, cosx = JI-sin 2 x. (2.77)

Wir wollen entsprechend sinx in tan x umrechnen, eosx in tan x, tan x in sin x, usw. Dazu selzen
wir (2.77) in tanx = sinx/ eosx ein und erhalten

sinx ./1 cos 2 x


lan x = = -'-''-:c-=:''':: (2.78)
JI-sin2x eosx

Quadrieren und Auflösen nach sin x bzw, cos x liefert

tanx
Sill X = -~~Sr: cos x = -~~=;=: (2.79)
./1 +tan 2 x , ./1 +tan 2 x·

Wegen cot x = 1/ tan x hat man damit auch entsprechende Formeln flir cot x zur Hand.
160 2 Elementare Funktionen

Die FonneIn (2,77) bis (2.79) gelten bis auf das Vorzeichen auch außerhalb des Intervalls
(0,7f /2). sofern die Nenner nicht verschwinden. Man muß dann allerdings darauf achten, ob +
oder - vor dic rcchtcn Scitcn zu setzen ist.

~1+lal'i2x
x tan x

Fig. 2.38: Zur Umrechnung der Winkelfunktionen ineinander

Bemcrkung: Die GI. (2.79) gehen sofort aus Fig, 2.38 hervor. Man braucht also nur dieses Drei-
eck zu zeichnen, um jederzeit die Formeln (2.79) herleiten zu können,
Winkelfunktioncn am rechtwinkligen Dreieck: An einem rcchtwinkligen Dreieck [A. B, CI
mit den Seitcnlängen a. b, c und dem Winkel a bei A gilt (s. Fig. 2.39a):
y

,

a
A ~~--;-----'--:
b C o
.) b)

Fig. 2.39: Winkelfunktioncn als ScitcnvcrhäItllisse am rechtwinkligen Dreieck

. a b a b
sJna=-. cosa=-. tana=t;, cota=-. (2.80)
c c a
Diese Gleichungen gchen aus der Ähnlichkeit mit dem Dreieck [0, C', B'I am Einheitskreis her-
vor, wie es Fig. 2.39b zeigt. Dort gilt fur entsprechende Seitenverhältnisse nach Definition von
sin, cos, tan und cot:

x sina y cosa x
sina=f· cosa=T' lana = - - ~ cota = -.- = -.
cosa x sJna y
Durch die GI. (2.80) gelangen die Winkelfunktionen in der Geometrie zu großer Bedeutung.
Übung 2,21:
Auf einer schiefen Ebene. deren Neigungswinkel Ci = 35,12° beträgt. gleitet ein Körper mit
dem Gewicht G = 219.3 N herab. Wie groß sind die HangabtriebskrJft FH und die Normalkraft
FN (rechtwinklig zur Ebene)?
2.3 Trigonometrische Funktionen 161

Übung 2.22:
Beweise
sin(O' ± ß) sin(ß ± 0')
(a) tanO'±tanß= . (b) cOIO'±COIß = . . .
cosO'cos ß smßsmO'

Hinweis: Zu (a): Man selze lan CI = sinO'I coso'. tan ß = sin ßI cosß und bringe die linke Seite
auf Haupl1lenner. (b) entsprechend.

---------n-------
arccot

aretan
2

Fig. 2.40: Arcusfunktionen

2.3.4 Arcus·Funklionen
Die Funktionen Arcussi/llO" (aresin), ArCII~'cosiIllIS (areeos), ArCils/(/llgens (arctan) und Arclls-
(arccot) sind die Umkehrfunktionen von sin. cos. tan und cot, definiert auf den im
co/(Illgells
folgenden notierten Intervallen.

Definition 2.6:
1= arcsinx. XE [-I.IJ bedeutet: x=sin/. IE[-~~]
2' 2
1= arccosx. xE [-1.11 bedeutet: x=COSI, tE rO,TrI

1= arctanx. XE~ bedeutet: x = lanl. I C(-"-2' "-)


2
1= arceOlx. xER bedeutet: X=COtl. IE(O,Jr).

Fig. 2.40 zeigt Schaubilder der Areusfunktionen.


Liegt beispielsweise ein rechtwinkliges Dreieck vor, dessen Seitclllängen 0, b, c wir kennen
(Fig. 2.41). so kann man mit den Arcusfunktionen seine Winkel beSlimmen: Wegen alc = sin a
ist
. a a
a = aresJn ~ und analog ß = arccos ~.
c c
162 2 Elementare Funktionen

, ß

A ~-------'--:'
b C

Fig. 2.4 J: WinkcJbestimlllung aus Scitcnlängcn

(x. y) {x, y}

t> 0 t> 0

, <0

(!C, y)

Fig.2.42: I = arc(.r. y)

Definition 2.7:
Die Funktion Arcus, beschrieben durch

t = arc(x. y). (x
2
+l > 0) .

wird geometrisch erklärt (s. Fig. 2.42): Man verbindet den Punkt (x. y) mit dem Ko-
ordinaten nullpunkt durch eine Strecke. Dann ist I/I das Maß des kleineren Winkels
zwischen dieser Strecke und der positiven x-Achse. Im Falle y :::: 0 ist dabei I :::: 0, im
Falle y < 0 dagegen I < O. Für y = 0, x < 0 ist/ = 7r und für y = 0, x > 0 natürlich
r = 0 (s. Fig. 2.42a, b, c. d). I/I wird im Bogenmaß angegeben. Es ist -Jr < r ~ 7r.
Mit der Streckenlünge r = .jx 2 + y2 wird die Funktion Arcus kurz so beschrieben:

I
x
arccos - . fUr y:::: o.
arc(x.y) = r
- arccos :. ,
, fUr y < O.

8emerkung: Die Funktion wird auf Computcrn vielfach mit ATAN2 + bezeichnet. In der kom-
plexen Analysis wird sie auch Arg (Argument) genannt.
8emerkung: Die trigonomctrischen Funktioncn sin. cos. tan. cot und die zugehörigen Arcusfunk-
tionen sind heute auf jedem wissenschaftlichen Taschenrcchner zu finden. Man kann ihre Werte
durch Knopfdruck erhalten. Prinzipiell kann man ihre Wertc auch geometrisch finden. d.h. durch
Zeichnen des Einheitskreises auf Millimeterpapier und Ablesen der dortigen Maße. Natürlich
ist die Genauigkeit dabei gering. Rechnerische Methoden zur beliebig genauen Ermittlung der
2.3 Trigonometrische Funktionen 163

Funktionswerte sin, arcsin, ... usw. lernen wir in der Differentialrechnung kennen.

Fig. 2.43: Uinge eines Schienenkreisbogens

Beispiel 2.31:
Es soll die Länge eines Schiellenkreisbogens bestimmt werden, s. Fig. 2.43. Der Messung zu-
gänglich ist die Sehnenlänge s und der maximale Abstand a der Sehne vom Kreisbogen. Der
Radius r des Kreises wird nach »Pythagoras« berechnet:

S2 a
r=-+-.
8a 2
Für den Winkel a (Bogenmaß) gilt nach Fig. 2.43

. a s/2 a . s
=
S1l1 - also - = arCS1l1 - .
2 , 2 2,
Die Länge I des Kreisbogens ist damit gleich
.
I = ra = 2,. . arCSIl1 -
., •
2,
Übung 2.23:
Ein Schuppen mit rundem Dach sei 20 m lang. Sein Querschnitt hm die Form eines Rechtecks
mit daraufgesetztem Kreissegmenl. Das Rechteck hat eine Höhe von 4 m und eine Breite von
8 m. Die Gesamthöhe des Schuppens ist 6.5 m. Wie groß ist die Dachfläche? (BenUlzc Taschen-
rechner!)

Übung 2.24:
[n einem liegenden zylindrischen Tank der Länge I = 2.7 m und des Durchmessers tI = 1.2 m
befindet sich eine Flüssigkeitsmenge. Durch einen von oben eingcmhncn Meßstab stellt man
fest. daß die Höhe des Flüssigkeitsspiegels über dem Tankboden 0.78 III beträgt. Wie groß ist das
Flüssigkeitsvolumen? Hinweis: Der Flächeninhalt eines Kreissektors mit dem Öffnungswinkel
a (Bogenmaß) ist gleich r 2a/2 (r = Radius des Kreises).
164 2 Elementare Funktionen

2.3.5 Anwcndungen: Entfcrnungsbcstimmung, Schwingungcn


Entfcl'nungsbcstimmung: Auf der Erde und im nahen Weltraum (bis ca. 4 Lichtjahre) benutzt
man zur Entfernungsmessung große Dreiecke, deren Seitenlängen und Winkel man mißt oder
berechnet. Dazu zwei Sätze der Geometrie:
Ist ein beliebiges Dreieck [A. H, Cl gegeben. so gilt mit den Bezeichnungen in Fig. 2.44
folgendes:

a sina
Sinussatz -~-- (2.81)
b sinß

,
b •


L---'~_----,- _ _"-L-'>.B
A ,

Fig. 2.44: Zum Sinus- und Cosinussatz

Cosinussatz (/2 + b 2 ~ 2ab cos y = c2 (2.82)

(Für die Beweise wird der Leser auf die Geometrie verwiesen.) Diese Sätze sind die Grundlage
fur Entfernungsberechnungen:
Wir nehmen an. daß A, H, C drei Punkte auf der Erde sind, wobei A und C so dicht zusam-
menliegen. daß wir ihre Entfernung b direkt messen können. Der Punkt B sei l.B. eine entfernte.
aber sichtbare Bergspitze. Die Entfernungen (I und c sind gefragt. Man mißt nun die Winkel Ci
und y. berechnet daraus ß und erhält mit dem Sinussatz

Sill Ci Sill Y
a=b--. c=b--.
sinß sinß
Hat man die Landvermessung schon eine Weile durchgefiihn und kennt in einern Dreieck A, B.
C die Entfernungen (l und b sowie den Winkel y (man befinde sich selbst beim Punkt C), so
kann man die Entfernung c von A und B mit dem Cosinussatz berechnen.
In jedem Falle muß die Vermessung mit einer Strecke bekannter Länge beginnen. Im Welt-
raum nimmt man daftir den Erddurchmesser oder für die Bestimmung größerer Entfernungen
den Durchmesser der Erdbahn um die Sonne.
Schwingungen und Wellen: Durch

y = A cos(wt + tp) (2.83)


2.3 Trigonometrische Funktionen 165

,
~-+-T--'
I!! I
-...., I Y• A ces (rot + 'PI

Fig. 2.45: Harmonische Schwingung

wird eine sogenannte »harmonische Schwingung« beschrieben. Dabei sei die Variable I die Zeit
und y eine schwingende Größe, wie Länge (s. Federpendel), Druck (Schallwellen), elektrische
Spannung oder elektrischer Strom, elektrische oder magnetische Feldstärke usw.
A ~ 0, W > 0 und <.p sind Konstanten. A ~ 0 heißt AmfJlilllde. w > 0 Kreisfrequenz und <.p
Phase oder Phasen winkel. Fig. 2.45 zeigt ein SchaUDild der durch (2.83) beschriebenen Funktion

f(t) = A COS(WI + Ip).


Man sieht daran: A ist der Maximalwert der Funktion. Die Schwil18uIlgsdauer T ist die Zeit-
spanne von einem Maximalpunkt zum nächsten. Es muß gelten

wT = 2JT. (2.84)

denn die Cosinusfunktion wiederholt ja ihre Werte ~ also auch die Maximalwerte~. wcnn das
Argument dcs Cosinus um 2JT wcitCITÜckt. Mit GI. (2.84) kann man waus T gewinnen und um·
gekehrt. Die Frequenz 1/ der Schwingung. das ist die Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit.
ergibt sich aus

I w
1/=-=-.
T 2n
Der Graph von f in Fig. 2.45 hat die Form einer Cosinusfunktion. evtl. etwas gestreckt oder
gestaucht. Dabei ist die y-Achse um rp/w nach rechts verschoben. wenn <:p > 0 ist. Andernfalls
ist sie UIl1 l<:pllw nach links verschoben. Die Zahl .vo = A cOSIp ist der Wert der schwingenden
Größe zur Zeit I = O.

Überlagerung von Schwingungen gleicher Frequenz

Satz2.11:
Eine Summe gleichfrequenter harmonischer Schwingungen ist wieder eine harmoni-
sche Schwingung.
Das heißt. sind die Schwingungen Ai COS(WI + Ipi). (i = 1.2..... 11), gegeben. so
166 2 Elementare Funktionen

gilt fur ihre Summe

"
LAi COS(WI + rp;) = A COS(WI + rp) (2.85)
1=1

mit gewissen Zahlen A ~ 0 und rp E (-1T. 1r I. A ist eindeutig bestimmt und rp im Falle
A > 0 ebenfalls.

Beweis:
Wir geben an, wie die Wene A und rp konkret berechnet werden. Dazu nehmen wir an, es gilbe
A und rp, die (2.85) erfüllen. Wendet man das Additionslheorem des Cosinus auf die linke und
rechte Seite an, so verwandelt sich (2.85) in

" "
L(Ai eOSlpi) eos(wt) - L(Ai sin Ipi) sin(wl) = A eos 1,0 cos(wt) - A sin 1,0 sin(wt). (2.86)
;=1 ;=1

Einsetzen von I = 0 läßt die Sinusglieder verschwinden, währcnd Einsetzcn von I = 1T f(2w) die
Cosinusglieder zu Null macht. Dies ergibt die beiden Gleichungen

"
a:= LA;coslp; = Acosrp.
i=1
(2.87)
"
b:= LAiSinIpi =Asinlp.
i=1

Hieraus folgt durch Quadricren, Addieren der Gleichungcn und Wurzelziehen:

(2.88)

Im Falle a = b = 0 sind A = 0 und rp beliebig wählbar. Im Falle A > 0 bildet der Punkt (a. b) =
(A cos 1,0, A sin 1,0) gerade den WinkelIpE (-1T. 1T 1 mit der positiven x-Achse, s. Fig. 2.46. Es ist
dahcr

I
arccos ~. fallsb ~ O.
rp = arc(a. b) = (2.89)
-arccos - ,
A
" falls b < O.

Umgekehn gilt: A und 1,0, berechnet nach (2.88), (2.89), erfüllcn (2.87), folglich auch (2.86) und
(2.85).
Durch (2.88) und im Falle A > 0 durch (2.89) sind damit A und rp eindcutig bestimmt und
berechnet. o
2.3 Trigonometrische Funktionen 167

,,
b (a, b) ,
,
A,
A
,

Fig. 2.46: Phasenwinkel ip


.' .
Fig. 2.47: Überlagerung zweier Schwingungen

Zeigerdiagramm: Die Überlagerungen zweier Schwingungen gleicher Frequenz

AI cos(wt + rpd + A2 cos(wt + f/J2) = A cos(wt + rp) ,


läßt sich gut in eincm Zeigerdiagramm darstcllcn. wic cs in Fig. 2.47 gezcigt wird. (Im Abschnitt
über komplexe Zahlen kommcn wir darauf zurück.)
Der technisch wichtige Sonderfall rechtwinkliger Phasenverschiebung. d.h. der Überlagerung
zwcier Schwingungcn mit f/J2 = - l f /2 und CPI = O. läßt sich auf Grund von cos(wt - lf /2) =
sin(wt) so darstellen:

AI cos(wt) + A2 sin(wf) = A COS(WI + cp),


(A I > 0, A2 > 0). Es ist also (/ = A I und b = -A2. Somit folgt nach (2.88) und (2.89):

A,
cP = ~arccos A' (2.90)

Überlagerung zweier Schwingungen vcrschiedcner Frequcnzcn, Schwcbungen

Durch

[(I) = AI COS(Wlt) + A2 COS(W21 + cp), WI > W2. (2.91)

wird die Überlagerung zweier harmonischer Schwingungen verschiedener Frequenzen beschrie-


ben, Zur UmfomlUng verwenden wir die GI. (2.72) und (2.73) in Abschn. 2.3.2. Addition und
Subtraktion der GI. (2.73) liefert nämlich

x+y x-y . x+y . x-y


cas x = cas -2- cas ~ - sm -2- ''" -2-
x+y x-y . x+y . x-y
casy = cos - - 00'-- + sm - - , ' " - - .
2 2 2 2
168 2 Elementare Funktionen

Wählen wir x = WII, Y :::: W21 + l{) und setzen dann in (2.91) ein, so folgt

f(I)=(AI+A2)COS (w, +w,


2 ,) cos (w,-=
~t+2" 2 ') ~t-2
(2.92)
+ (A I - A2) sm . (w, +""
2 + 2"'). (w, -""
t 2sm 2"') I-

Wir wollen nun Al = A2 annehmen und zur Abkürzung W = (WI +W2)/2 und W = (WI - W2)/2
setzen. Damit folgt

f(t)=2AICOS(Wf+~)COS(wt~~) mitw>w. (2.93)

Das Produkt dieser beiden harmonischen Schwingungen beschreibt eine Schwingung mit der Fre-
quenz w, dcren Amplitude sich mit der langsameren Frequenz w harmonisch schwingend ändert,
s. Fig. 2.48. Man nennt eine solche Schwingungsform eine Schwebung. w heißt die Frequenz der
Schwebung.

/ ~/ ~/ ~,

" V" !/'l< V

Fig. 2.48: Schwcbung

Je dichter die bciden Frequenzen WI, W2 der sich überlagernden Schwingungen zusammenlie-
gen, desto kleiner ist die Frequenz w = (WI - W2)/2 der Schwebung, während W = (WI + W2)/2
ungefiihr gleich WI und W2 ist.
Handelt es sich hierbei um Tonschwingungen. so hört man einen langsam an- und abschwel-
lenden Ton. ungef.ihr in der Tonhöhe der beiden Ausgangslöne. Spielen z.B. zwei Geiger nahezu
den gleichen Ton, so kann man diesen Effekt deutlich hören.

Übung 2.25:
In cinem dreiphasigen, symmetrischen Drehstromsyslem fließen bei symmctrischer Belastung
in den drei Leitern gleichgroße, jeweils um 2;rJ3 gcgeneinander phascnverschobene Stromc.
Zeige. daß ihre Summe

i = iOCOS(WI) + iocos (WI + 5") + ioeos (WI + jn)


gleich Null ist.
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 169

2.4 Exponentialfunktionen, Logarithmus, Hyperbelfunktionen

2.4.1 Allgemeine Exponentialfunktionen

Die Funktion

[(x)=a
X
mita>O,

ist flir alle rationalen Zahlen x erklärt (s. Abschn. 1.1.6). Es ist zuniichst unsere Aufgabe. a X
auch für irrationale x sinnvoll zu definieren. d.h. so. daß f(x) = a X nach Möglichkeit eine
stetige Funktion wird.
Zunächst sei Cl > I. Dann ist f streng monotoll steigend auf der Menge der rationalen Zahlen.
Denn sind x]. X2 zwei rationale Zahlen mit x] > X2. so können wir sie auf Hauptnenner bringen:

I' q
Xl = -. x~

= -11I (p,q,m ganz, 11I :FO. p > q)
m
und erhalten

Es ist \/ä> I, denn aus ':/ä ::: I würde a ::: I'" = I folgen, entgegen der Voraussetzung.
Wegen p > q ist damit \/ä,,-q > I, folglich f(xj) > [(X2). D.h. f steigt streng 1110noton.
1m Falle 0 < a < I ist [(x) = a X flir rationale x streng monoton fallend, wegen a X
(I/a)-X mit 1/(1 > l. Füra = 1 ist fex) = (Ix = 1 konstant.

Definition 2.8:
ISI (I > 0 eine reelle Zahl und x eine irrationale Zahl mit der Dezima1darslellung

x = Zoo Z]Z2.o3 ... .0" ...

(.00 ganz, Zh Z2 • .03, ••• Ziffern), so bilden wir darauS die Folge der ralionalen Zahlen

rO=.oO.
r]=ZO·.o1

r" = ZO • .oI.o2",ZI/

und definieren damit

a X := lim ar" . (2.94)


" ..... 00
170 2 Elementare Funktionen

Auf diese Weise ist

[(x) =a.f. mita > 0,

für alle reellen x erklärt. Man nennt diese Funktion die Exponentialfunktion zur Basis
a.

y y

y. a'
y. a'
(a.2)
Hl
o o

Fig. 2.49: Exponentialfunktionen zur Basis (/

Fig. 2.49 zeigt Schaubilder fur a > 1 und 0 < a < I.


Bemerkung: GI. (2.94) ist sinnvoll, denn die Folge (a rq ) konvergiert. weil sie monoton und
beschränkt ist. (Die Monotonie folgt aus der Monotonie von (rn). Ferner liegen alle a rn zwischen
a ro - 1 und a ro + l , woraus die Beschränkthcit folgt.)

Satz 2.12:
Jede Exponentialfunktion [(x) = a.f ist stetig. Im Falle a > I ist sie streng monoton
steigend, im Falle 0 < a < 1 streng monoton fallend.

Der Bewcis kann von Lesern, die hauptsächlich an Anwcndungen interessiert sind, überschlagcn
werden. Sie verlieren nichts Wesentliches.
Beweis:
(I) 1m Falle (j = I ist [(x) == I und somit stetig.
(11) dic behauptcten Monolonieeigenschaften ergeben sich unmittclbar aus dcr Definition der
Exponenti a1fun ktion.
(11I) Wir beweisen nun, daß [ stetig in 0 ist: Es sei (x n ) eine beliebige Folge mit X n .....,. 0 und
o < x" .::: I. Zu jedem x" suchen wir die größte natürliche Zahl 11I" mit
I
x ll .:::-·
mn
Wegen x" .....,. 0 gilt auch I/m" .....,. 0 fur 1/ .....,. 00. Damit folgt

im Falle (j >
im Falle 0 < a <
Xn
< a .::: al/mn.....,.
> a.fn 2: al/mn .....,.
'lI für 11 .....,. 00
2.4 Exponcntialfunktioncn, Logarithmus, Hyperbelfunktioncn 171

(al/m~ --7 I geht aus Abschn. I AA, Beisp. 1.36, hcrvor.) Es gilt also aX~ --7 I ::::; aO, d.h. fex) ::::;
a X ist in 0 rcchtsseitig stetig. Die linksseitige Stetigkeit ergibt sich analog. Damit ist f stetig in
O. Wir haben also gezeigt:

(2.95)

(IV) HiljsbelWllfJ/IIllg: Aus x" --7 XO, x" rational, folgt

Zum Beweis betrachten wir die Folge r" --7 xo aus Dcr. 2.8, sofern xo irrational ist. Ist xo rational,
so setzen wir einfach r" ::::; Xo fur alle 11. Damit erhält man in beiden Fällen

da a r• --7 aXo und a x.- r•


I nach (2.95).
--7

(V) Die Gleichung a ::::; a -'(' a· r' ist für alle rationalen x, x' richtig, durch Grenzübergänge der
X X

Form (2.96) aber auch flir alle reellen x, x'.


(VI) Gilt nun x" --7 xo (x" reell), so folgt damit

wie in (2.97). (r'· --7 aXO} bedeutet jedoch, daß fex) = a X inxo stetig ist, was zu beweisen war.D

Wir stellen noch einmal heraus, was die Stetigkeit von fex) ::::; a X bedeutet. Sie besagt: Für jede
reelle Zahlenfolge (XII) mit X" --7 xo ftir" --7 00 gilt

lim aX~ ::::; (1"'0} • (2.98)


"_e<:>
Folgerung 2.3:
(RechellregeJll) Für alle positiven a, b und alle reellen x, y gilt

a,r+)' = "x,,)' (Additiollstlu:orem der Expollellfialjlll1ktiollefl), (2.99)


(a X »' = aXY. (ab)X = aXb.f. (2.100)

Beweis:
Nach Abschn. 1,1.6, Folgerung 1.9, gilt dies flir alle mtionalen x, y, durch Grenzübergiinge der
Form (2.98) aber auch flir irrationale x, y. 0

Bemerkung: Exponentialfunktionen gehören zu den wichtigsten Funktionen in der Analysis, in


Technik und Naturwissenschaft. Mit ihnen werden Wachswmsvorgiinge, Aufschaukelungs- und
Abklingvorgänge und vieles andere mehr behandelt.
172 2 Elementare Funktionen

Übung 2.26*:
Beweise. daß die E:o;ponentialfunktioll !(x) = (fr (x E IR) für (I > I streng monoton steigend
ist und rur 0 < a < I streng monoton fallend.
Hinweis: Im Falle l/ > I zeige man

für rationale Zahlen Xt. x2. Anschließend lasse man für XI und .fZ beliebige reelle Zahlen -
also auch irrationale - zu.

2.4.2 Wachstumsvorgänge. Die Zahl e


Motivation: Durch)' = a l (a > l) werde ein WachslUffisvorgang beschrieben, wobei / die Zeit
bedeute und}' die anwachsende Größe. (Es könnte sich hier z.B. um das Bevölkerungswachstum
der Erde handeln, das in nicht zu langen Zeiträumen - etwa 50 Jahren - diesem Wachstums-
gesetz näherungsweise gehorcht. y = I bedeute dabei eine bestimmte Anzahl von Menschen.
y = 2 die doppelte Anzahl usw.)
Es sei (/ unbekannt. jedoch wollen wir annehmen, daß die »WachslUmsgeschwilldigkeit« v
zur Zeit/ = 0 bekannt ist. v ist dabei in guter Näherung

a l _ao
" ,,---
1
rur kleine 111 > o.
Kann man hieraus G, wenigstens näherungsweise. berechnen? Das ist der Fall. Umformung ergibt
niimlich. mit (/0 = I:

Wir setzen 11 = VI, und erhalten damit

Dies gilt umso besser, je kleiner I/I ist, und damit auch je kleiner 1111 ist. Wir berechnen daher
den Ausdruck

(I +11)1/11 (2.102)

für kleine 1111 > O. Für 11 = 10- 2,11 10- 8 zum Beispiel erhält der
Ausdruck die gerundeten Werte

2,704813829.
2,718145918.
(2.103)
2,718281828,
2,718281828.

Die letzten beiden Zahlen sind schon gleich. Probiert man noch kleinere 1111, so erhält man auf
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 173

dem Taschenrechner stets die letzte der hingeschriebenen Zahlen. Dies legt die Vermutung nahe,
daß (2.102) für 11 --+ 0 konvergiert. Wir werden dies später beweisen. Den Grenzwert nennt man
»ElIlerscJle ullzl« e, zu Ehren des Mathematikers Leonhard Euler, also

e:= Hrn(1 +11)1/11. (2.104)


IJ_Q

Der Zahlenwert von e ist, bis auf Rundungsfeh1cr, gleich der letzten Zahl in (2.103):

e =2,718281828.
Hiermit kann man die gesuchte Zahl {/ aus (2.JOI) gewinnen, wobei wir rechts den Grenzüber-
gang" 4 0 durchfUhren:

(2.105)

Konvergenzbetrachtung für e: Wir wollen zeigen, daß der Grenzwert (2.104) existiert. (Der
anwendungsorientierte Leser kann diesen Beweis ohne Schaden überschlagen.)
Zunächst wird gezeigt

Hilfssatz 2.1:
Die Folge (XII) mit

( ')"
.r,,= 1+;; 11 = 1.2,3, (2.106)

konvergiert.

Beweis:
Mit der binomischen Formel erhält man

"
,,","(11 - I) .. (Il-k+ 1)
x" = 1 + L-
k=1
(2.107)

Dabei gilt

i i 1 1
0< 1-- uod (2.108)
"
<I--~<I
+I
~<-~

- 11 - k!-2 k - 1 '

10 Da, Produkl7.eichen n wird analog wie das Summenzcichen L verwendet: es iM n


'"
;",1
(li = °1(12°3 . . (Im·
174 2 Elementare Funktionen

Man erkennt damit zunächst die Beschränktheit der Folge (x n ):

"1 I I
+ L k! .::: 1 + L L
!I 00

1 .::: x" < I 2/.:- 1 < 1 + 2/.:- 1 = 3.


/.::1 /.::1 /.:=1

Ferner ist (x,,) monoton steigend, denn man berechnet:

x,,+I-xII=Lk!n
11+1 1 k-I ( i)
1-;+1 -Lk!n 1-;;
11 1 /.:-1 ( i)
/.:=1 /:0 /.::] ;:0

" 1 ['-' ( .) ,-, ( .)] 1 "( .)


={;k! }] I-II~I -J] I-~ +(/l+I)!J] 1-11~1
Die eckige Klammerist ::: 0 wegen (2.108) und das Glied rechts ebenfalls. Also ist X,,+I -XII ::: 0,
d.h. XII steigt monoton. Zusammenl11it der Beschränktheit folgt die Konvergenz der Folge (xII).D

Der Grenzwert von (x,,) wird. wie schon erwähnt, c genannt:

e= lim
" ..... 00
( +-')"
1
/l
(2.109)

Satz 2.13:
Es ist

e= lim(l +,,)1//'. (2.110)


/r ..... 0

Beweis:
Wir zeigen: Für jede beliebige Folge (11,,) mit 11" --cl- 0 und mit 0< 1",,1 < 1 gilt

(l+h,,)I/ h n
--cl-e für Il--cl-OO, (2.111)

I. Fall: Es sei 0 < h" < 1 fLir alle n. Wir setzen 1/"" = r" und bezeichnen mit k" die natürliche
Zahl, die k" .::: r" < k" + 1 erfLillt. Damit folgt

( 1+--
+ k"
I
1
)" < ( 1+-1 )"
r"
< ( 1+-
1
k"
)"+'
d.h.

(1+_,_)kn+ 1
-'---""'."-+C"e-',--- < (I + ~)" < (1 + ~)" (I + ~)
1 + __ r" k'l k"
kn + 1
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 175

Wegen kl/ ...... 00 konvergieren die linke und rechte Seite gegen e (nach Hilfssatz 2.1). Also muß
auch der Ausdruck in der Mitte gegen e streben. Damit ist (2.111) im Falle 11" > 0 bewiesen.
2. F(lII: Es sei -I < 11 11 < O. Wir setzen r" = -1/11 11 und führen diesen Fall auf den vorange-
henden zurück:

(I +lI n )I/"" =
( '",)-" (-,,, --')-" (,,,
1--
r"
- - )" = (1+--
~ ')"
r,,-I r,,-1

= (1+--')"-' ('+--
r" - 1
') ......
r" - I
e·1.

3. Fall: Für eine beliebige Folge 11" ...... 0 mit 0 < Ih" I < 1 gilt (2.111) ebenfalls. Denn bilden
die positiven 11" eine Teilfolge (1I I1t ), so strebt der Ausdruck (1 + ""t)l/"nt nach Fall I gegen e.
Dasselbe gilt fur negative 11" nach Fall 2. Daraus folgt die behauptete GI. (2.111). 0

ni
Bemerkung: In Abschn. 1.4.6, Beisp. 1.39, haben wir die Eulersche Zahl e als Grenzwert der
Folge (11/ = 1+ + + ... + ~ kennengelernt. Die Begründung dafUr, daß (11/ tatsächlich gegen
den gleichen Grenzwert strebt wie (1 + 11)1/" geht später aus dem Abschnitt über Taylorreihen
hervor.

2.4.3 Die Exponentialfunktion exp(x) = eX und der natürliche Logarithmus

Definition 2.9:
Die Exponentialfunktion zur Basis c wird auch mit exp bezeichnet (s. Fig. 2.50):

exp(x):=e.t, xEIR.

,
4

-3-2-10 2

Fig. 2.50: Die Exponcntialfunktion cxp(x) = c-'

Wenn wir in Zukunft von »der Exponentialfunklion( reden, ohne Basisangabe, so ist stets diese
Exponentialfunktion gemeint. Sie ist in der Analysis die wichtigste aller Exponelllialfunktionen.
Bei unserer Motivation im letzten Abschnitt Irat sie schon in GI. (2.105) auf.
176 2 Elementare Funktionen

Bemerkung: Die große Bedeutung der Exponentialfunktion exp beruht einzig und allein auf fol-
gender Tatsache (wobei wir auf die Differentialrechnung vorgreifen); Die Funktion exp ist gleich
ihrer eigene" Ableillmg: exp' = exp. Mehr noch: Sieht man von konstanten Vorfaktoren ab, so
ist exp die einzige Funktion mit dieser Eigenschaft. Dies begründet ihre überragende Bedeutung
rur die Analysis.

Folgerung 2.4:
exp errullt rur alle x, y E IR die Flillktio"algleichlillg

exp(x + y) = exp(x)exp(y). (2.112)

Beweis:
Dies folgt sofort aus e-'+)' = e-' e)'. o
Die Exponentialfunktion exp : IR _ (0, (0) bildet die reelle Achse umkehrbar eindeutig auf
die Mcnge (0, (0) der positiven Zahlen ab. Sie besitzt daher eine Umkehrfunktion.

Definition 2.10:
Die Umkehrfunktion der Exponentialfunktion exp wird natürlicher Logarithmus In
genannt. Das heißt

y = Inx bedeutet x =e)' (x> O,y E IR). (2.113)

Die Funktion In : (0,00) _ IR bildet (0, (0) umkehrbar eindeutig auf IR ab, s. Fig. 2.51, In ist
stetig, da exp stetig ist.
Bemerkung: Alle Eigenschaften der Logarithmusfunktion könncn aus dcr Exponentialfunktion
hergeleitct werden. Seide Funktionen, exp und In. sind also gleichsam die Seiten ein und dersel-
ben Mcdaille. Was rur die eine Funktion gilt, kann immer auch auf die andere umgeschrieben
werden,
y
y .In)(

o 2 3 5 ,
-,
4

-2

Fig. 2,51: N:llürlicher Logarithmus

Die GI. (2,113) lassen sich zusammenfassen, wenn wir y = In x in x = e)' einsetzen. Es folgt
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 177

x ==e lnx fUrallex > O. (2.114)

Dies ist die Sch/iis.\·e!gleidlllng flir die meisten Rechnungen, in denen Logarithmen benutzt wer-
den.
Durch Einsetzen von x == e)' in y == Inx erhiilt man analog

y == ln(e>') fUr alle y E IR. (2.115)

Daraus folgt unmittelbar

In 1 == O.

•"olgcrung 2.5:
Für alle x > 0,)' > ogilt
In(x . y) == In x + In)' (Fullktiollalgleidnmg des Logarithmus) (2.116)

In (~) == lnx -In)' (2.117)

ln(~)==-In)' (2. 118)

exln(x) == ln(x"') fLiralieex E IR. (2.119)

Beweis:
Es ist eln «)') == x . )' == ein.< . ein)', woraus (2.1 16) folgt. Die übrigen Gleichungen gewinnt man
analog. 0

Durch die Logarithmusfunktion In bekommen wir auch die Porenifullktioll !(x) = x"'(x > 0)
mit beliebigem ex E IR besser in den Griff. Denn wir können sie mit x = e hu darstellen durch

(2.120)

Daraus folgt, daß diese Funktion stetig ist, denn In ist stetig und die Exponentialfunktion auch,
also auch dic Komposition exp(ex In x), wie sie in (2.120) vorliegt.
Auch dic allgemcine Exponcntialfunktion x 1-7 a'«a > 0) läßt sich mit (I == e lnu umformen:

(2.121)

Für die Berechnung der Werte in (2.120) und (2.121) benötigen wir lediglich die Exponential-
funktion exp und die Logarithmusfunktion In! Beide sind heutzutage auf jedem wissenschaftli-
chen Taschcnrechner zu finden.
Wir haben also gesehcn:

Durch die beiden Funktionen exp und In können alle Probleme! bei denen Potenzen reeller
Zahlen auftreten. behandelt werden.
178 2 Elementare Funktionen

Zum Schluß beweisen wir, daß e< folgende Grenzwertdarstellung besitzt:


Folgerung 2.6:
c" = lim(l +xh)I/It. (2.122)
'-0
Beweis:
Im Falle x = 0 ist dies sofort klar. Im Falle x f::. 0 muß bei Grenzwertbildung 0 < Ixhl < I
vorausgesetzt werden. Mit der Abkürzung t = xh f::.
einfach:
°
ist der Beweis von (2.122) kindlich

((I +1)1/1)"" -+ c" fürh -+ O,d.h./-+ O.


(I +xll)I/11 = (I +t)""/I =

Beim Grcnzübergang wurdc benutzt, daß sich «(I + t)1/1)"" stetig in 1 ändert. Dics ist durch die
Stetigkeit der Potenzfunktioncn gcsichert. 0

Übung 2.27:
Ein Organismus. desscn Masse m(t) dem idealen Waehstulllsgesctz

m(I)=Ce kl (I Zeil)

folgt. hai zur Zeit 10 = 2 h die Masse m (10) 71S.3g und zur Zeil 11 7 h die Masse
1/1(11) = 791.2 g. Berechne C und k.

Übung 2.28*:
Beweise die folgenden Grenzwen-Aussagen. (Sie lussen sich fortlaufend UUSelllander herleilen.)
Dabei seien 1/ E N und .., Y E IR. (Hillll"ei~' ZU (e): Mun untersuche fjf;. Hir x"""", co!)
In Y
(a) "
lim(X) -2" =0. (b) lim ~ =0. (c) lim - = O.
er
,
,,
'<_00 )' ....... 00 )'

10 ' . x
(d) lim'--'::' = 0 mil Cl > 0 (Hillweis: )' = z"'). (e) hm - = 0 miICl>O.keN.
z-oo z'" .<-ooe"'''

Logarithmen zu beliebigen Basen

Definition 2.11:
Die Umkehrfunktion der Exponelllialfunktion fex) = (I'< (a > I.x E IR) heißt Loga-
rithmus ZlIr Basis a, abgekürzt log,.. Das heißt

y = log" x bedeutet x = a)" (x> O. Y E IR). (2.123)

Die Funktion log" (0. (0) -+ IR bildet (0. (0) umkehrbar cindcutig auf IR ab. log" ist ci ne
stetige Funktion, da sie Umkehrfunktion einer stetigen Funktion ist.
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 179

Fig. 2.52: Iog2 als Umkehrfunklion von.f f-+ 2.\".

Fig. 2.52 zeigt eine Exponentialfunktion fex) = (Ix, mit a = 2, und die zugehörige Logarith-
musfunktion log2 11 . Die Gleichungen lassen sich zusammenfassen zu

x = (110&,.( fUr alle x> 0 (2.124)

(2.125)

wobei wir (2.124) wiederum als »Schlüsselgleichung« fLir den Logarithmus auffassen können.
Aus der letzten Gleichung folgt sofort log" I = O.

Folgerung 2.7:
Jede Logarithmusfunktion ergibt sich aus dem natürlichen Logarithmus durch Multi-
plikation mit einer Konstanten:

lnx
logax = - ftirallex > O. (2.126)
In {/
Die Konstante hat den Wert I/In (I.

Beweis:
Es ist x = ein.\" und x = a lo &,.\" = e lnu IO/;".f. Bei Vergleich der auftretenden Exponenten ergibt
sichlnx=lnalog"x. 0

Damit werden alle Eigenschaften von In, die in Folgerung 2.5 im letzten Abschnitt beschrie-
ben sind. sofort auf log" übertragen:

11 log2 wird auch durch Id abgckürlt (»Logarithmus dualis,,)


180 2 Elementare Funktionen

Folgerung 2.8:
Für alle x > O,y > ogilt
lo&,(xy) = log" x + log" y. log" (~) = log" x -log" y. (2.127)

loga (~) = -Iog"y. a log,,(x) = log(l(x") (a E IR). (2.128)

Bemerkung: Von BedeUiung flir die Anwendungen sind im Grunde nur drei Logarithmen. näm-
lieh In, loglo und log2 = ld. Beim Zehnerlogarithmus wird die tiefgestellte 10 auch weggelassen.
man schreibt also einfach log statt 10glO'
Der natürliche Logarithmus In ist dabei der wichtigste. Man findet ihn auf jedem wissenschaft-
lichen Taschenrechner.
Der Zehnerlogarithmus liegt den Logarithmentafeln und dem Rechenschieber zugrunde. Da
diese Hilfsminel durch den Taschenrechner weitgehend verdrängt sind. wollen wir hier nicht
näher darauf eingehen.
Der Zweierlogarithmus ld (logarithmus dualis) hat mit dem Aufkommen der elektronischen
Rechner Bedeutung erlangt. Denn die maschinenintemen »Gleitkommadarstellungen« reeller
Zahlen haben die Form

0, ala2a3 ... all' t, z.B. 0, 1011011101101110.2 1101 ,

wobei die Gj die Wer1e 0 oder 1 annehmen. Es handelt sich bei O. {/I, a2 ... {/II und I um Dualzah-
len. Für die dabei auftretende Potenz x = 2' gilt t = ld x. Hier findet der »Logarithmus dualis«
Anwendung.

Übung 2.29:
Berechne (mit Taschenrechner):

log16 3 . log8 7.539. ld3.789. (1/ E N).

2.4.4 Hyperbel- und A~afunktionen


Die folgenden Funktionen spielen in Naturwissenschaft und Technik eine Rolle. Links stehen die
sogenannten Hyperbelfllnklionen und rechts ihre Umkehrfunktionen, die Areajimklionetl.

Definition 2.12:
Hyperbelfunktionen Areafunktionen
e _e- x
X

sinhx := - - ; c - xEIR arsinhx := In(x + ~). x E IR


2
(Sinus hyperbolicus) (Area sinus hyperbolicus)
2.4 Exponentialfunktionen. Logarithmu~. Hyrx;rbclfunktioncn 181

eX +e- x
coshx ._ XE~ arcoshx;= ±In(x +~). x:::
2
(Cosinus hyperbolicus) (Area cosinus hyperbolicus)
e,r _ e-·t I I +x
tanhx;= . xeR artanhx := -21" - - . lxi< I
er +e x I-x
(Tangens hyperbolicus) (Area tangens hyperbolicus)
e,r +e- x I x+1
cothx ;= . x E IR \ {Ol arcothx ;= - In - - . lxi>
er -e x 2 x-I
(Cotallgens hyperbolicus) (Area cotangens hyperbolicus)

Fig. 2.53 zeigt Schaubilder der Hyperbelfunktionen.

tanh

~ -,

Fig. 2.53: Hyrx;rbclfunktionen

Die Herlcitung der Formeln flir die Umkehrfunktionen wollen wir am Sinus hyperbolicus
demonstrieren. Man geht aus von

e)'-e~Y
y = arsinh x {::::::>
.~ = sinh y = '---=''-
2

und löst die rechtsstehende Gleichung nach z = e)' auf:

, - 1/, , r-;--c
x = ~ => z- - 2xz - I = 0 => z = x ± v x 2 + I .
2
Da z = e)' > 0 ist. kann das Minuszeichen vor der Wurzel nicht eintreten. Somit folgt

eJ' =x+ Jx 2 + I=> Y = In(x + R+I)::::: arsinhx.


Der Leser führe entsprechende Rechnungen für die übrigen Hyperbelfunktionen durch.
182 2 Elementare Funktionen

Die Vorzeichen ± bei arcosh bedeuten, daß hier zwei Umkehrfunktionen gemeint sind, wobei
+ sich auf die Umkehrung von cosh : [0. (0) -+ [I. (0) bezieht und - auf die Umkehrung von
cosh: (-00.01-+ 11, (0), vgl. Fig. 2.53a.

Satz 2.14:
Für alle reellen Zahlen x gilt

sinh x + cosh x = eX • cosh 2 x - sinh 2 x = I (2.129)


sinh(-x) = -sinhx, cosh(-x) = coshx. (2.130)

Additionstheoreme: Für alle reellen x, y gilt

cosh(x + y) = coshxcoshy +sinhx sinhy. (2.131 )


sinh(x + y) = cosh x sinh y + sinhx cosh y . (2.132)

Zum Beweis hat man lediglich sillhx = (e" - c- X )f2 und coshx = (eX + e-")/2 einzusetzen.

Anwendungen

(a) Durchhängende Seile (Hochspannungsleitungen) werden durch


x
)' = a cosh - + b . a > 0 und b konstant,
a
beschrieben. wobei die x-Achse horizontal liegt. die y-Achse vertikal nach oben weist. Der
Graph des Cosinus hyperbolicus wird daher auch Kellenlinie genannt.

(b) Die Hyperbelfunktionen und ihre Umkehrfunktionen treten oft in den Lösungen von Diffe-
rentialgleichungen auf, insbesondere bei dynamischen Problemen (freier Fall) mit quadrati-
scher Reibung, Weltraumsonden auf Bahnen ohne Rückkehr, u.a.

Übung 2.30:
Durch
x
y=SO.coshSO+b

(x und y Maßzahlen Hir MeIerangaben) wird die Form einer Hochspannungsleitung beschrieben
(y-Achse senkrecht. x-Achse waagerecht am Erdboden). Die Leitung hänge zwischen zwei 7 III
hohen Masten. die 20 m voneinander entfenn stehen. Berechne b! Wie hoch hängt der Draht an
seinem tiefsten Punkt über dem Erdboden?
2.5 Komple;o;e Zahlen 183

2.5 Komplexe Zahlen

2.5.1 Einführung

Es gibt keine reelle Zahl x, die die Gleichung

(2.133)

erfUllt. da die linke Seite stets::: 0 ist. Allgemeiner kann keine Gleichung der Form

x 2 = _b 2 mit b i= 0 (2.134)

durch reelle x gelöst werden. Trotzdem möchte man Lösungen dieser Gleichungen haben. Da-
zu geht man so vor: Man »erfindet« ein neue Zahl i. die nicht auf der reellen Aehse liegt
(s. Fig. 2.54a), und die i 2 = -I erflillt. Im Ubrigen soll mit i bezUglich Addition und Multiplika-
tion genauso wie mit den reellen Zahlen gerechnet werden. x = i ist also Lösung von x 2 = -I.
Ebenso ist x = - i eine Lösung dieser Gleichung. Entsprechend erhalten wir auch Lösungen der
GI. (2.134), nämlich x = i b und x = - i b.
Damit werden wir auf Zahlen der Form i b, mit b E JR geflihn. Sie heißen imaginäre Zahlen.
Sie lassen sich. wie die reellen Zahlen auf einer Geraden anordnen. Diese imaginäre Aclue hat
mit der reellen Achse genau einen Punkt gemeinsam. nämlich i ·0 = O. Zur Veranschaulichung
kann man daher reelle und imaginäre Gerade in 0 rechtwinklig kreuzen, siehe Fig. 2.54b. Die
Zahl i selbst heißt imaginäre Einheit.

imaginäre
Achse

ib ----Ia+ib
,
,
.; I reelle
IR I Achse
I I
-,I I I I •
-3
.)
-2 0 2 3
b)
0

Fig. 2.54: Komplexe Zahlen a + i b als Punkte einer Ebene

Wir gehen nun einen Schrill weiter und untersuchen die Gleichung

x 2 -IOx+34=0. (2.135)

Ist x eine Lösung, so können wir mit der »quadratischen Ergänzung« (10/2)2 25 die Glei-
chung so umformen:

(x 2 ~ IOx +25) ~25+34 =O=> (x _5)2 =-9


184 2 Elementare Funktionen

Mit unserer Zauberzahl i folgt damit

x-5=i3 oder x-5=-i3.

also

x=5+i3 oder x=5-i3. (2.136)

Diese beiden Zahlen erflillen (2.135), wie man dureh Einsetzen feststellt.
Auf diese Weise kommen wir zu Zahlen der Form

a+ib ({I.bEIR).

Sie heißen komplexe Zahlell. Jede solche Zahl kann man als Punkt in der Ebene deuten. Die reelle
und die imaginäre Achse sind die Koordinatenachsen. Der Punkt a +i b hat darin die Koordinaten
a und b, wie es Fig. 2.54b darstellt. Die beschriebene Ebene heißt komplexe u/lt/enebene.
Die Behandlung der GI. (2.135) macht klar, daß jede quadnttische Gleichung durch komplexe
Zahlen gelöst werden kann. Das allein ist schon eine genügende Motivation ftir die Einftihrung
komplexer Zahlen. Wir werden aber sehen, daß sie weit mehr leisten!
Im Folgenden fassen wir die vorangegangenen Überlegungen zusammen und verdichten sie
zu exakten Definitionen.
Bemerkung: In der Elektrotechnik schreibt man j statt i, da der Buchstabe i für die Stromstärke
verwendet wird.

2.5.2 Der Körper der komplexen Zahlen

Definition 2.13:
Komplexe Zahlen sind Elemente der Form

a+ib. mit a.beR.

Sie werden als Punkte der Ebene im rechtwinkligen Koordinatensystem dargestellt. a


und b sind die Koordinaten des Punktes a + i b (s. Fig. 2.54b). (/ heißt der Real/eil von
Z = a + i bund b der Imaginiirreil von Z, beschrieben durch

Rez=a. Imz=b.

Die Realteile bilden die reelle Achse und die Imaginärteile die imaginäre Achse unse-
res Koordinatensystems. Die Menge der komplexen Zahlen wird mit C bezeichnet.

Gleichheit: Zwei komplexe Zahlen a + i bund c + i d sind genau dann gleich, wenn a = c
und b = d ist.

Abkürzungen: Man schreibt zur Vereinfachung a + iO = a, 0 + ib = ib, 0 + iO = 0, i 1= i.


Die Zahlen i b (b E IR) heißen imaginiire UlMen. Durch a + i 0 = a wird die Menge der reellen
Zahlen eine Teilmenge der Menge der komplexen Zahlen: IR c C.
2.5 Kornple;o;e Zahlen 185

Es scicn 21 :::: a + ib und 22:::: e + id zwei beliebige komplexe Zahlen. Damit werdcn
folgende Grundoperationen crklärt:

Addilion: (a +ib) +(c+id):::: (a +c) + i(b+d)


Sub/raklion: (a + ib) - (c+ id):::: (a -c) +i(b-d)
Mulliplikatioll: (a + i b)(e + i d) :::: (ac - bd) + i(ad + be)
a+ib I
Division: ~-.-:::: 2 ,,(a+ib)(e-id). fallse+idi:.O.
c+ld c +d~
Die Division ist somit auf die Multiplikation zurückgefLihrt.

Im Zl ... Z2 Im

Z2 _ - - ,,, "
" A.
" A.

Zl - Z2

Fig. 2.55: Addition und Subtnlklion kOlllple;o;er Zllhlen

Addition und Subtraktion werden durch Fig. 2.55 veranschaulicht.

Wir vereinbaren schließlich

-(a + ib)::::: -a - ib.

Bemerkung: Die Motivation fur die obige Definition der Grundoperationen besteht in folgen-
dem: Man rechne mit den Klammern genauso, wie man es von den reellen Zahlen gewöhnt ist.
Man beachte bei Multiplikation und Division lediglich, daß i2 0= -1 zu sctzen ist. Die Subtrakti-
on und Division sind so eingerichtet, daß sie die Umkehrungen der Addition bzw. Multiplikation
darstellen, also

"
- 22 0= 2 = "
0= 2 + 22

" :::::2
-
Z2
= "
:::::2·Z2, (Z2 " 0).

Die genannten Grundoperationen genügen den gleichen Gesetzen wie die reellen Zahlen. Wir
stellen die Grundregeln über das Rechnen mit komplexen Zahlen in folgendem Satz zusammen
(vgl. dazu Absehn. 1.1.2):
186 2 Elementare Funktionen

Satz 2.15:
(Gnmdgeselze der Addition und Multiplikation) Für alle komplexen Zahlen ZI. Z2, Z3,
z gilt

(AI) Zl +Ü2 +Z3) = (Zl +Z2) +Z3


(A2) ZI+Z2=Z2+Z1
(A3) z+O=z
(A4) ZU jeder komplexen Zahl Z gibt es genau eine komplexe Zahl w mit
Z +w= O. Es ist die Zahl w =-z
(MI) ZI(Z2Z3) = (ZIZ2)Z3
(M2) ZIZ2 = Z2Z1
(M3)z·!=z
(M4) Zu jeder komplexen Zahl Z i= 0 gibt es genau eine komplexe Zahl w
mit zw = I. Es ist die Zahl w = I/z
(01) Zl (Z2 + Z3) = ZlZ2 + ZIZ3
(D2) 0" I

Die Beweise fuhre der Leser durch Nachrechnen, wobei lediglich (M I), (M2) und (01) explizites
längeres Rechnen verlangen.
Bemerkung: (A I) und (M I) heißen Assoziativgesetzeder Addition bzw. Multiplikation, (A2) und
(M2) heißen entsprechend KOlIIlIIl/tativgeselze, während (0 I) das Distributivgeselz genannt wird.
Alle Gesetze zusammen heißen Körpergese1ze. Bezüglich Addition und Multiplikation sprechen
wir daher auch vom Körper der komplexen ulhlen.

Sämtliche Rechenregeln. wie sie in den Folgerungen 1.1 bis 1.6 in Abschn. 1.1.2 beschrieben
sind, gelten entsprechend auch fur komplexe Zahlen. Denn diese Folgerungen stützen sich ja
nur auf die Grundgesetze (A I) bis (02). Insbesondere gelten die Regeln der Bl'llchl'edlllllng fur
komplexe Zahlen unverändert.

Potenzen: z" mit ganzen Zahlen 11 wird wie üblich erklärt.

Definition 2.14:
Ist z = a + i b (a, bE IR) eine beliebige komplexe Zahl, so heißt
l=a-ib

die konjugiert komplexe Zahl zu z.

Geometrisch erhält man sie durch Spiegelung des Punktes l. an der reellen Achse, s. Fig. 2.56.
2.5 Kornple;o;e Zahlen 187

Im

R.
o

,
Fig. 2.56: Konjugiert kornple;o;e Zahl zzu z
l'olgerung 2.9:
(Rechenregelll jiir konjugiert komplexe Znhfen) Für alle komplexen Z"lhlen z. z I. Z2
gilt

ZI-Z2::::;ZI-Z2. -z::::; -z
Zl ·Z2 ::::;ZIZ2· G~)::::; ~~ (fallsz2 t-ü),

Z" ::::; Zll flir alle natürlichen Zahlen 11.

b)

Gilt!Z::::;Z, so ist Z reell


z::::; -z, so ist z imaginär.

Die einfachen Beweise bleiben dem Leser Uberlassen (z" ::::; Z" beweist man zweckmäßig mit
vollsliindiger Induktion).

Definition 2.15:
Den Abstand des Punktes Z ::::; a + i b von 0 bezeichnet man als Be/rag Izl, siehe
Fig. 2.57a, nach »Pythagoras « gilt also:

Folgerung 2.10:
Für die Beträge der komplexen Zahlen z, ZI. Z2 gilt
IZI + z21 ~ IZII + IZ21 DreieckslIllgleichullg
IZI - z21 :::: IIzll-lz211 2. Dreiecksli/lgleicluillg
IZlz21::::; IZllIz21.
188 2 Elementare Funktionen

1_" 1-- _Izd,


Z2 IZ21
falls Z2 ::ft 0,
Iznl = Izl" fLir alle n E N,
Iz 2 1= Id = zZ.

Die Beweise erfordern zwar etwas mehr Rechnung. doch lassen sie sich problemlos ausfuhren.
Die vorletzte Gleichung wird wieder mit Induktion bewiesen. Der Ausdruck Dreiecksl/lIglei-
clllI/lg beruht auf der Veranschaulichung in Fig. 2.57b.

'b ------ ,
I' I
,
,'b

.
,


) b)

Fig. 2.57: a) Betrag Izl: b) Zur Dreiecksungleichung IZI + z21:: IlII + Il21

Komplexe WurLe!n: Es sei z eine gegebene komplexe Zahl. Jede komplexe Zahl w, die
,
w~ = z
erfullt, heißt eine (Quadmt-) Wurzel von Z, beschrieben durch

w= ./i..
(Anders als bei den reellen Zahlen, bei denen .jä ~ 0 eindeutig bestimmt ist (rur (/ ~ 0), ist das
Symbol .[i. im Komplexen mehrdeUlig. Wir werden aber zeigen, daß .[i. (mr z ::ft 0) genau zwei
Werte beschreibt.) Um alle w E C mit w 2 = Z zu linden, machen wir den Ansatz

z=x+iy, w=lI+iv (x,y,u,vEIR).

Damit iSI w2 = Z gleichbedeutend mit

')'
( u+lv~=x+ty.
,
d.h. ,
1I~~lJ-+1
" 2UV=X+lY.
'

Das bedeutet

2/1I)=Y·

Dies ist ein Gleichungssystem für die beiden Unbekannten 11 und v. Multipliziert man die erste
2.5 Komplexe Zahlen 189

Gleichung mit 4u 2 und quadriert die zweite Gleichung, so ergibt ihre Summe

4u , '
=4u~x+y
2

Setzt man hier t = u 2 ein, so hat man eine reelle quadratische Gleichung für t gewonnen. Ihre
Lösungen sind

Da t = 1/2 :.:: 0 ist, gilt 1 = 1(x + Izl), und es folgt

Im Falle u = 0 folgtx = -Izl :::: 0 und y = 0, also _u 2 = x, somit u = ±~. Im Falle 11 #- 0


folgt aus 2uu = y die Gleichung u = y/(2l1). Somit erhalten wir den

Satz 2.16:
Ist z = x + i y (x, Y E IR) eine nicht verschwindende komplexe Zahl, so gilt fur ihre
komplexen Wurzeln folgendes:
Mit 1/ = J!(]zl + x) ist

falls z nicht negativ reell 12 , d.h. z ~ IRQ ,


falls z negativ reell, d.h. z E IRQ.

Damit lassen sich komplexe qlladratische Gleichungen

Z2 + bz + c = 0 (z, b. c E C)

wie im Reellen durch quadratische Ergällzullg b 2/4 lösen:

Die komplexe Wurzel F hat genau zwei Werte. so daß die letzte Gleichung beidc Lösungen der
quadratischen Gleichung beschreibt.

12 Rj) = Ix € R I x :5 01. siehe Beispiel 1.1


190 2 Elementare Funktionen

Übung 2.31:
Berechne
(3+i5)(2-i7) 1
(a) 3+i4 . (bi - - . - (3+ i 2)(5 + i6).
7+18
(c) J5'""="Ti2. (d) j(3-i4)-3.

Übung 2.32:
Gib alle (komplexen) Lösungen der folgenden Gleichungen an:

(a) z2-8z+65=0. (b) 4z + -52 = 24. (z =F 0).


z
(c) z2 - (3+i5)z - 16+ i4=0. z+8+i z-5 ( .... 2 ..... 6.)
(d) 3z+2 3i=-'-+-6-i Zr-j+l.Zr- I.

R,

Fig. 2.58: Wechselstromschaltllng

Übung 2.33:
In der Wechselstrom~chaltung der Fig. 2.58 ist der Scheillieitlt'ert de~ Teils ohne die Spule L2
gleich

1
Y ~ .,--:,:::-"
RI + jwLI
+ R" _ _
,..
• wC
Damit ist dcr Scheinwiderstal/{l der gesamten Schaltung

1 .
Z = Y +JwLz
(~.Abschn. 4.4.3). Dabei ist j (anstelle I'on i) die imaginäre Einheit. wie in der Elektrotechnik
P
üblich. also = -I. Berechne Z Hir die Zahlenwerte:

(Für die Maßeinheiten gelten die Zusammenhänge H s-I = [}. s F-l = Q .).
2.5 Kornple;o;e Zahlen 191

2.5.3 Exponentialfunktion, Sinus und Cosinus im Komplexen

Definition 2.16:
Die Exponentialfunktion exp(z) = eZ ist für komplexe Zahlen z = x + i y (x, Y E IR)
folgendermaßen definiert:

eZ = eX(cosy + isiny). (2.137)

Folgerung 2.11:
Es gilt die Funklionalgleichung

e Z + W = eZ e W flir alle komplexen z, w.

Beweis:
Mitz = x + iy und w = u + i v(x. Y./I. V E IR) folgt

eZ+ W = ex+,,+i(y+v) = e·t +lI (cos(y + v) + i sin(y + v»


Die Additionstheoreme von cos und sin liefern fur die rechte Seite

= eXe"(cosycos' v ~ sinysin v+ i(sinycos v+ sin veosy»


= eX(cosy + isiny) . e"(cos v + isin v) = eZ e W •

o
Ist Z = x reell- also y = 0 - so liefen die Definition 2.16 den üblichen Wen eX der reellen
Exponentialfunktion. Die Definition beschreibt also in der Tat eine Erweiterung der Exponential-
funktion exp ins Komplexe.
Ist z dagegen imaginär - d.h. z = i tp mit tp E IR - , so liefen die Definition 2.16:

e i ,!, =costp+isintp. (2.138)

Diese Gleichung läßt sich auf einfache Weise geometrisch deuten: Der Punkt ci", in der kom-
plexen Zahlenebene hat die Komponenten costp und sintp. er liegt also auf der Einheitskreisli-
nie (s. Fig. 2.59). Dabei bildet die Verbindungsstrecke 10, Ci"" I den Winkel tp mit der positiven
x-Achse. Uiuft tp von 0 bis 27f, so umrundct eiop einmal den Einheitskreis im umgekehrten Uhr-
zeigersinn.
Für tp = ] f folgt speziell ei;r = -I, oder

(2.139)

Bemerkung: Diese Gleichung wird die schönste Gleichung (fer Well genannt, denn sie verbindet
in harmonischer Weise die wichtigsten Z"lhlen der Analysis: 0, I. e, 7f und i.
192 2 Elementare Funktionen

isin 'P

Fig. 2.59: ci'f' auf der Einheitskreislinie

Ersetzt man in GI. (2.138) ({! durch ~({!, so erhält man

e-i\p =cos({!-isin({!. (2.140)

Hier wurde benutzt, daß cos(-({!) = COS({! und sin(-({!) = -sin({! ist. Wir addieren nun die
Gleichungen (2.138), (2.140) bzw. subtrahieren sie und erhalten

Aunösen nach cos ({! und sin ({! liefert

Folgerung 2.12:
Für alle reellen Zahlen f{J gilt

COS({! = (2.141)

(2.142)

Diese Darstellung von cos und sin ist für viele Umformungen bequem, da sich mit der Exponen-
tialfunktion sehr bequem rechncn läßt. Man zicht dicse Glcichungen überdies zur Definition dcr
trigonometrischen Funktionen im Komplexen heran:

Definition 2.17:
Die Sinus- und Cosinus-Funktion sind fLir beliebige komplexe z; so erkliirt:

cosz = (2.143)

Wir bemerkcn dabei, daß I/i = - i ist, wie man nach Multiplikation der rechten und linken Seite
mit i sofort sicht.
2.5 Kornple;o;e Zahlen 193

Bemerkung: Der Leser gewinnt hier den ersten Eindruck von der Eleganz dcr komplexen Ana-
lysis: Exponential- und trigonometrische Funktionen, die doch aus ganz verschiedenen Wurzeln
stammen, gehen eine harmonische Verbindung ein.

Übung 2.34*:
Beweise mit (2.143) die Additionstheoreme von sin und cos im Komple;o;en. d.h.

sill(z + w) = sinzcos w +coszsin w,


cos(z + w) = coszco~ w - sinzsin w.

2.5.4 Polarkoordinaten, geometrische Deutung der komplexen Multiplikation,


Zeigerdiagramm
Es sei z = a + i b ein beliebiger Punkt der komplexen Ebene. der ungleich 0 ist. Wir ziehen die
Strecke von 0 bis z (und versehen sie bei z mit einer preilspitze). Die Strecken länge nennen wir
r. während Ip ein Winkel zwischen der Strecke und der positiven x-Achse ist, s. Fig. 2.60. Durch
das Paar (r, Ip) ist z eindeutig bestimmt.

ib------



Fig. 2.60: Polarkoordillaten VOll Z

r ist dabei nichts anderes als der Betrag von z

r = Izi = Ja 2 + b 2 , (2,144)

Ip heißt Winkel oder Argument von z, geschrieben

Ip=argz.

Ip wird dabei im Bogenmaß angegeben. Dabei ist!{J nicht eindeutig bestimmt! Mit Ip sind auch die
1p+2k7r mit beliebigen ganzen k Argumente von z, wie aus Fig. 2.60 hervorgeht. Man bezeichnet
den Winkel !{J von z. der
194 2 Elementare Funktionen

erfüllt, als HauprargulIlelll von z, in Formeln ({! ::::: Arg z.


Dabei ist

I
arccos~. für b :::: 0,
({!:::::Argz::::: r (2.145)
- arccos ~.
, ftirb < O.

({! ::::: Arg z ist durch z =1= 0 eindeutig bestimmt. rund ({! ::::: Arg z heißen Polarkoor(/illatell von z.
Der Zahl z ::::: 0 ordnet man als Polarkoordinalen r ::::: 0 und ({! beliebig aus lR zu.
Umgekehrt lassen sich Realteil a und Imaginäneil b einer komplexen Z1hl z aus ihren Polar-
koordinaten r, ({! durch folgende Gleichungen gewinnen.

a=rcos({!, b=rsinrp. (2.146)

Damit folgt ftir z die Darstellung

z = a + ib = r(cos({! + isin({!) = reif{!


Folgerung 2.13:
Jede komplexe Zahl z läßt sich in der Gestalt

(2.147)

darstellen, wobei rund ({! Polarkoordinaten von z sind.

(2.147) nennen wir die Polarkoordinaten(/arstellun8 von z.


Die MlIlliplikatioll zweier komplexer Zahlen Zl und Z2 läßt sich damit so beschreiben: Mit
den Polarkoordinalendarstellungen

erhält man das Produkt

(2.148)

Das heißt: Bei Multiplikationen zweier komplexer Zahlen lIlulfip/izieren sich die Betrüge und
addieren sich die Winkel! Fig. 2.61 verdeutlicht dies.
Anwendung: Harmonische Schwingungen werden durch

Acos(wt +((!) mit A::: O.w > 0

dargestellt. Man kann dies als den Realteil der komplexen Funktion

f(f) = A ei(w/+f{!) (2.149)

auffassen. Aus diesem Grund wird eine harmonische Schwingung auch in der Form (2.149) an-
gegeben, wobei man (stillschweigend) vereinbart, daß die Realitiit durch den Realteil von f(t)
2.5 Kornple;o;e Zahlen 195

Im Z-Z'Zz

"
., R.

Fig, 2.61: Multiplikalion kOlllple;o;er Zahlen (Addilion der Winkel)

widergespiegelI wird.
Die Überlagerung zweier harmonischer Schwingungen

[1(1) = AI ei(M+<Pil, 12(1) = A2ei(w/+<P2)

mit gleicher Frequenz lJ) wird dann durch

(2.150)

ausgedrückt (denn die Realteile summieren sich dabei, wie wir es haben wollen). GI. (2.150)
zeigt sofort, daß bei dieser Überlagerung wieder eine harmonische Schwingung der Frequenz
lJ) entsteht, wie das reehls ausgeklammerte e
iw1 anzeigt. [n einer Zeile haben wir damit den
Satz 2.11 aus Abschn. 2.3.5 bewiesen. was die Leistungsfähigkeit der komplexen Analysis be-
leuchtet!
Die Klammer in (2.150) ist umzuwandeln in

mit geeignelen A ~ 0, !fJ E IR. Hier muß allerdings komponentenweise vorgegangen werden,
analog dem Vorgehen in Abschn. 2.3.5: Mit

a:= Al COS!fJ1 + A2COSIfJ2.


(2.151)
b := Al sin!fJ1 + A2 sin lfJ2
erhält man aus Abschn. 2.3.5, (2.88), (2.89):

I
""'0' ". . fLirb ~ 0,
rp = arc(a, b) = A (2.152)
-arccos~, fUrb < O.
A

Man kann A und rp auch grafisch ermincln durch das Zeigerdiagra/ll/ll in Fig. 2.62. Die Diagonale
des dort skizzierten Parallelogramms haI die Länge A und den Winkel rp mit der positiven reellen
Achse.
1% 2 Elementare Funktionen

Im

I
I
A
I
A,
Re

Fig. 2.62: Zeigerdiagramm bei Schwingungen

Fig. 2.62 zeigt den Schwingungszustand zur Zeit t = 0 (genauer: Die Realteile der gezeich-
neten Punkte der komplexen Ebene geben ihn wieder). Läßt man I anwachsen, d.h. schreitet die
Zeit fon, so dreht sich das Parallelogramm gegen den Uhrzeigersinn um O. Zur Zeit t > 0 ist es
um den Winkel wl weitergedreht. Die Realteile der Punkte mit den ,)Pfeilspitzen« geben dann
die Ausschläge der Schwingungen fl, f2 und f = fl + h an, ftir die wir uns interessieren.
Auf diese Weise entspricht jedem Zeitpunkt t > 0 eine Stellung des Parallelogramms, und der
Schwingungsablauf wird geometrisch überschaubar.

Übung 2.35:
Vcrwandle die folgcndcn Zllhlcn in die PolllrkoorctinatcndufStellung

(U) -12-i5. (b) 3+i4. (c) (I + i)IOO.

Übung 2.36*:
Drei harmonische Schwingungen überklgem sich:

3cos(wt) + 5cos (wt +~) - 8cos(wl - ~) = Acos(wl +rp) (w> 0).

Berechne A und rp.

2.5.5 Fundamentalsatz der Algebra, Folgen und Reihen, stetige Funktionen im


Komplexen
Polynomgleichungen

Satz 2.17:
(FlIlldamelltalsatz der Algebra) Jedes Polynom Il-ten Grades

fez) = ao +alZ +a2z 2 + ... +allz ll . Ca" f- 0.11 ~ I).

mit komplexen (/k und z, läßt sich in folgender Form schreiben:

fez) = a,,(z - ZI)(Z - Z2)" . (Z - z,,). (2.153)

Die zahlen Zl, Z2, ... Z1l sind die Nullstellen des Polynoms.
2.5 Kornple;o;e Zahlen 197

Der Satz sagt also insbesondere aus. daß f mindestens eine und höchstens 11 Nullstellen hat
Letzterer Fall tritt ein. wenn die ZI. Z2. ' ..• Zn paarweise verschieden sind.
Sind unter den ZI, •.. , Zn gleiche zahlen, z.B, ZI = Z2 = Z3. so spricht man von mehrfachen
Nuflstel/ell. Ist beispielsweise ZI = Z2 = .. = Z'" (111 :0.: 11). aber Zl; #- ZI rur alle k > m,
so nennt man die Zahl Zl eine /li-fache Nullstelle. GI. (2.153) heißt die Zer/egullg 1'0// f in
Linemfaktoren (z - zd·
Bemerkung: Der Beweis des Fundamentalsatzes wird in BurglHaflWille (Funktionentheorie)
[8], Abschn. 2.2.5. geftihn. Die Berechnung der Nullstellen ZI. Z2, ...• <':" ist auf Computern mit
beliebiger Genauigkeit möglich. (Man verwendet dazu meistens das NewlOnsche Verfahren mit
gewissen Ergänzungen.) Ein stets funktionierendes Verfahren ftir Computer ist z.B. von Nickel
l42J angegeben worden.

Folgen und Reihen


Unendliche Folgen und Reihen von komplexen Zahlen werden analog zu reellen Folgen und
Reihen erkHin (vgl. Abschn. 1.4 und 1.5). Ihre Konvergenz wird wie im Reellen definien. Es
gelten damit der Satz von Bolzano-Weierstraß, das Cauchysche Konvergenzkriterium und die
Rechenregeln über Folgen und Reihen entsprechend. Die Beweise können fast wönlich über-
nommen werden. (Der Satz von Bolzano-Weierstraß wird durch die Halbierung von Rechtecken
anstelle von Intervallen bewiesen.) Lediglich Definitionen und Sätze. die Ordnungseigellschaflen
enthalten (wie z.B. das Monotoniekriterium) lassen sich nicht ins Komplexe übenragen. da rur
komplexe Zahlen keine Beziehungen< oder> eingeflihn sind.
Der Leser mag sich in einer stillen Stunde davon überzeugen. daß die angegebenen Über-
tragungen aufs Komplexe ohne Schwierigkeiten möglich sind. Ebenso läßt sich der Begriff der
Stetigkeit auf komplexe Funktionen problemlos übertragen sowie das Rechnen mit stetigen Funk-
tionen. Auch hier gilt. daß die Grenze bei Aussagen gezogen wird, die Ordnungseigenschaften
enthalten. Der Zwischenwensatz besitzt also keine wönliche Entsprechung im Komplexen.
In BurgJHaflWille (Funktionentheorie) [8] werden diese Überlegungen aufgegriffen und wei-
tergeflihn zur »komplexen Analysis«. auch Funktionentheorie genannt. s. auch [24]. Die komple-
xe Analysis erweist sich nicht nur als außerordentlich nützlich bei der Lösung technischer Pro-
bleme (Schwingungsproblem, Strömungsvorgänge, elektrische Felder usw., sie ziihlt überdies zu
den elegantesten Theorien der Mathematik.
3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Die Differentialrechnung ist die Lehre von den Veränderungen. Hier werden Wachstumsraten,
Vcrlustquotcn. Geschwindigkeiten, Beschleunigungen. Steigungsmaße und Absticgsnllcn be-
schrieben. dem AnwendeT zum Nutzen, dem Schüler zur Mühe, dem Mathematiker zur Freu-
de und dem Laien unverständlich. Zusammen mit ihrer Schwester, der Integralrechnung, gilt die
Differentialrechnung mit Recht als eine der großanigslcn Schöpfungen des menschlichen Gei-
stes.
Sie hilft beim Lösen von Gleichungen, beim Maximieren und Minimieren, bei der Berechnung
kompliziener Funktionen, von Flächen und Rauminhalten, von Bewegungen, Kräften, Impulsen,
Energien, ja, das Zusammenspiel der Gestirne als auch der Elementarteilchen läßt sich durch die
Differential- und Integralrechnung erst verstehen.
Die Wurzel der Differentialrechnung ist dabei ganz einfach. Wir erläutern den Einstieg in
diesen Teil der Mathematik am Beispiel der Geschwindigkeit.

3.1 Grundlagen der Differentialrechnung

3.1.1 Geschwindigkeit

Geschwindigkeitsüberschreitung! - Der Polizei wagen überholt. Aus seinem Fenster reckt sich
ein Arm mit roter »Kelle«: Anhalten! Sehr peinlich! Nach kurzer Zeit ist man um eine Erfahrung
reicher und einige Geldscheine ärmer. Die Episode verdeutlicht, daß der Begriff »Geschwindig-
keit,< im täglichen Leben. bis in den Geldbeutel hinein. eine Rolle spielt. Dies fUhrt uns auf die
Frage:

Ww' i~·t Geschwindigkeit?

Die erste Antwort lautet: Das ist die Zahl, die man vom Tacho abliest. Nicht übel, zugegeben,
aber doch nicht ganz befriedigend. So billigt man z.B. fallcndcn Steinen auch ci ne Geschwindig-
kcit zu. Doch nur die wenigsten Steine haben einen eingcbautcn Tacho.
Was ist da zu tun?
Da wir uns mitten in einern Mathematikbuch befinden, ist der Gedanke nicht abwegig, es mit
einer mathematischen Definition zu versuchen.
Die Frage lautet also: Wie kann man den Begriff »Geschwindigkeit« - genauer: »Momen-
tangeschwindigkeit« - mathematisch exakt erklären?
Eine gute Frage! An ihre Beantwortung wollen wir mit lockerer Natürlichkeit und alltäglichen
Vorstellungen herangehen.
Dazu knüpfen wir noch einmal an das fahrende Auto an. Der Einfachheit halber lassen wir
das Auto geradeaus fahren. Wir nehmen an, daß es an einem bestimmten Punkt der Straße im
Zeitpunkt 0 losfahrt. Zur Zeit t habe es y Meter vom Anfangspunkt aus zurückgelegt. y ist also

K. Burg et al., Höhere Mathematik für Ingenieure, DOI 10.1007/ 978-3-8348-9929-3_3,


© Vieweg+Teubner Verlag I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
200 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

y-Achse

,
,, 'Y
,
41 ,
,
,
, t-Achse

I,

Fig. 3.1: Weg-Zeit-Funktion y = !(I)

eine Funktion der Zeit:

y ~ 1(1)·

Fig. 3.1 zeigt ein Schaubild einer solchen Funktion f.


Man greife nun zwei Zeitpunkte to. t heraus. mit I > 10. [n der Zeitspanne von to bis t hat das
Auto die Strecke

Lly,~ 1(1) - 1(10) (3.1)

zurückgelegt. Die Zeitspanne selbst hat die Dauer .1f := t -to. Die DlIrchsclllliltsgesclzlI'imiigkeif
V IO . I im genannten Zeitraum berechnet man nach der Faustregel »Weg durch Zeit«, also

Lly I(t) - 1(10)


v4lI=-~ (3.2)
·..1t I~IO

Je dichter t an 10 heranrückt, desto näher kommt der Wert Vlo.r der Vorstellung einer MO/llell-
tallgeschwilldigkeit. also der Geschwindigkeit, die der Tacho anzeigt. Es liegt nahe, in (3.2) den
Grenzübergang t --+ to(l i= 10) durchzufLihren. Wir wollen annehmen, daß (3.2) dabei gegen
eine bestimmte Zahl v4l konvergiert:

V,O := lim [Ct) ~ [(to) (3.3)


1-10 t-to

Diesen Wert v4l bezeichnet man als Momemallgeschll'illdigkeit ~ kurz Geschwilldigkeit ~ des
Autos zum Zeitpunkt to. Die (Momentan-)Geschwindigkeit ist also Grenzwert von Durchschnitts-
geschwindigkeiten, deren Zeitspannen gegen Null streben.
Der Grenzwert (3.3) hat entscheidende Bedeutung in der DiffeTCntialrechnung. Er wird Diffe-
rentialquotient oder Ableitullg VOll [;11 to genannt und durch ['(10) symbolisiert:

'() ]. ,-1.'-(1,-)---,-1.'-(10",)
I to = Im (3.4)
1-10 t to

Der Ausdruck in (3.2), also die Durchschnittsgeschwindigkeit in unserem Fall, heißt allgemein
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 201

f
bezüglich I lind 10.
DifferellzenqllOlielll lIOII
Wir wollen die Überlegungen an einem Zahlenbeispiel verdeutlichen.

Beispiel 3.) :
(Fallgeschwindigkeit) Ein Stein fiillt in einen 10 m tiefen Brunnen. Wie groß ist die Geschwin-
digkeit, mit der er unten auftrifft? Die Bewegung des Steines (Massenpunktes) wird durch
g , m
)' ~ fU) ~ - ,-
2
mit 8=9.81,
,- (3.5)

beschrieben, d.h. nach I Sekunden ist er y = ft 2 Meter gefallen.


Wie groß ist seine Fallgeschwindigkeit VIi) ZU einem beliebigen Zeitpunkt 10 während des
Fallvorgangs? ~ Zur Be<lntwortung bilden wir zunächst den Differenzenquotienten bezüglich 1
und '0 (1 'I- 10) und vereinfachen ihn:

fU) - fUo) ~" - ~'J #.. _t 2 - tJ g ~('_+,-",'o,,)(,,'_--,'0",)


-
g
=--(1+10).
1 -10 1 -/0 2 1 - 10 2 t - 10 2

Die Klammer (I + to) ganz rechts strebt mit I -+ to zweifellos gegen 2to, also strebt der Diffe-
renzenquotient insgesamt gegen 8/0:

, . f('} - f(to)
f (10) = 11m = gto. (3.6)
1..... /0 I - 10

Zur Zeit 10 (während des Fallvorganges) hat der Stein somit die Geschwindigkeit u/Q = giO.
Setzen wir flir 10 nun die Falldauer ein, errechnet aus

g ,
10m = '2'Ö => to = )20m == 1,43s,
g

so erhalten wir die Aufschlaggeschwindigkeit des Steines

U'o =g
Pf .om
--
g
m
= j20m. g == 14.0-.
s

Stellt man sich slaH des Steines beispielsweise einen Blumenlopfvor, der einem vom Fenstersims
auf dcn KopffailI, so kann man im Krankcnhaus die Auftrcffgcschwindigkeit nach obiger Metho-
dc berechncn und damit scine Schadensansprüche stützen. Zweifellos cine nützliche Rechen<lrt,
die Differentialrechnung!

Übung 3.1:
Eine Kugel fallt in einer zähen Flüssigkeit (z.B. Öl) nach unten. Nach einer kurlen Anfangspha-
sc wird ihre Bewegung durch y = f(tj = L"' (I -1I) beschrieben (1 Zeit. Y zurückgelegter Weg.
e und (I Konstanten). Wie groß ist dabei die Geschwindigkeit der Kugel?
202 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

3.1.2 DitTerenzierbarkeit, Tangenten


Die Überlegungen des vorigen Abschnittes wollen wir nun allgemeiner durchfUhren.
Es sei I : I _ IR eine beliebige reellwertige Funktion. Sie werde durch

Y = I(x). x EI.

beschrieben. Der Delinitionsbercich I ist dabei ein Intervall oder eine Vereinigung von Interval-
len.
Als Differellzellqllotielll von I bezüglich zweier Punkte x lIIut Xo aus I bezeichnet man den
Ausdruck
f(x) - f(xo)
x#- xo. (3.7)
x xo
Der Grenzübergang x _ xo führt auf die folgende grundlegende Definition:

Definition 3.1:
Es sei [ I _ IR eine Funktion, deren Definitionsbereich I ein Intervall oder eine
Vereinigung von Intervallen ist. Man sagt. [ ist differenzierbar im Punkt xo EI, wenn
der Grenzwert
. f(x) - f(xo)
I ,m (3.8)
X_XQ x -XO

existiert. Dieser Grenzwert wird mit I'(xo) bezeichnet und Ableitung oder Differen-
tialquotient von [ in xo genannt.

Anstelle von ['(xo) werden auch die Bezeichnungen

df d
-(.ro) . -[(.ro)
d, dx
verwendet.
Geometrische Deutung: Der Differenzenquotient (3.7) ist die Steigung der Sekante all [ in x
und xo, cl.h. der Geraden durch die Punkte (x. I(x» und (xo. 1(xo)). Man erkennt dies an dem
schraffierten Dreieck in Fig. 3.2.
Der Grenzübergang x _ xo fLir den Differenzenquotienten läßt sich nun anschaulich so deu-
ten, daß x immer näher an.\"o heranrückt, wobei der Abstand Ix - .\"01 nach und nach beliebig
klein wird. Die zugehörigen Sekanten an 1 bezüglich .r und .ro unterscheiden sich dann immer
weniger von einer Geraden, die wir Tallgeme al/ 1 in Xo nennen. Wir sagen auch, die Sekanten
»gehen fur x _ .ro in die Tangente« über, oder »die Tangente ist die Grenzlage der Sekanten«.
Dabei ist die Tangente an I in Xo diejenige Gerade t, die durch den Punkt (x. I(xo» verläuft
und deren Steigung I'(xo) ist. Nach der PUllkt-Richtungs-Form wird die Tangente durch

tex) = [(xo) + ['(xo)(x - xo) (3.9)

beschrieben. Wir halten fest:


3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 203

y-Achse

Tangente
sekante

,
~:;,,;-;:r/ _ W, I(x) -1(Xo)

I x-Achse

Fig. 3.2: Geometrische Deutung des Differentialquotienten: j' (.rO) = lan C(

Dureh (3.9) ist die Tal/geme t an f il/ xo definiert. Die Tangente existiert genau dann, wenn
f in Xo differenzierbar ist.

Mit a wollen wir den Winkel der Tangente I mit der x-Achse bezeichnen. (-1' < a < 1'),
s. Fig. 3.2. Die Steigung einer Geraden ist bekanntlich gleich dem Tangens des Winkels dcr
Geraden mit der x-Achse; folglich gilt fUr die Tangentensteigung

['(xo) = tana, (3.10)

d.h.

Die Ableitung ['(xo) einer Funktion ist gleich dem Tangens des Winkels a, den die Tangente
an f in xo mit der x-Achse bildet.

Damit ist die Ableitung ['(xo) geometrisch so klar geworden wie ein Bergquell im Frühling.
Anwendung: Die Bestimmung von Tangenten an vorgelegte Kurven ist z.B. bei der Herstellung
von optischen Linsen wichtig. Denn der Einfallswinkel eines LichtstrahIs auf eine Linse spielt
beim Brechungsgesctz eine Rolle. Ocr Einfallswinkel wird aber durch die Normalen, die senk-
recht auf den Tangenten stehen, bestimmt. Eine weitere wichtige Rolle spielen die Tangenten
beim Newton- Verfahren zur Lösung von Gleichungen.
Bemerkung: Differenzierbarkeit von [ : I ...... IR in Xo bedeutet die Existenz des Grenzwertes
(3.8). Hierunter versteht man ausftihrlicher (nach Abschll. 1.6.7, Def. 1.20):

(a) Für jede Zahlenfolge (X/I) aus I mit

lim x" = xo .
"---+00
XII i= .\"0.

konvergiert die Folge der zugehörigen Dijferellzenqllorielllen

D := [(XII) - [(xo) .
II
XII XO
204 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

und zwar gegcn eincn Grenzwert A, der unabhängig von der gewählten Folgc (xn ) ist. A ist
die Ablcitung 1'(xo).
Damit ist die Differenzierbarkeit auf die Konvergenz von Folgen zurückgeflihrt. Mit ihnen
können wir gut umgehen und befinden uns damit auf sicherem Terrain.
Nach Abschn. J .6.7, Folg. 1.16, kann aber die Grenzwertbildung (3.8), und damit die Diffe-
renzierbarkeit, auch so formuliert werden:

(b) / ist in Xo genau dann differenzierbar, wenn sich die Funktion

fex) - f(xo)
D(x) := . x E 1\ lxol (3.11)
x -Xo

in Xo stctig erweitcrn läßt. Der so entstehende Funktionswert D(xo) ist die Ablcitung 1'(xo).

/'(xo) = D(xo):= lim D(x). (3.12)


x.......ro

Nach Abschn. 1.6.7, Folg. 1.17, läßt sich diese Grenzwertbildung auch in c·O·Form beschrei-
ben.
Je nach Bedarf verwendet man die eine oder andere Fassung der Differenzierbarkeit.

Beispiel 3.2:
Besonders einfache Funktionen sind konstante Funktionen: [(x) == c. Daftir gilt

'-.f,,(.'..:.)_--,f-,(--,'o~) c- c
- ~ - - =0. (x #xo)
x-xo x-xo
Alle Differcnzenquoticnten sind Null, also ist die Ableitung 1'(xo) = 0 für jedes xo E R; man
beschreibt dies kurz durch

d
-c=O. (3.13)
<Ix

8cispiel3.3:
Es sei

fex) = x" (x E IR)

eine Potelliflillktioll mit einer natürlichen Zahlll als Exponenten. Für den Differenzenquotienlen
bezüglich xo und x = xo + 11 (h # 0) gilt mit der binomischen Formel

~ (,,) II-k k
L, k"o h -'<0
n
/(Xo + h) - /(xo) <xo+II)"-x o ~ c=-_-,----_
k=O _
h h h
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 205

Das erste Glied der Summe ist x ö' Es hebt sich heraus, und man erhält

Für x -,10 xo. also h -,10 0, blcibt nur das erste Glicd IIXÖ-I der rcchtcn Summe erhaltcn. also
folgt fur die Ableitung

Hier schreiben wir der Einfachheit halber x statt xo und erhalten damit die Formel

d
dt x" = nx,,~l (3.14)

Der Spczialfalln = I liefert

d
dtx = I. (3.15)

Das Beispiel macht deutlich. daß

lim I(x) - I(xo) . ~f-"(x,,,o--,+--,I+'


11m - )_-~f,-,("xo,,)
.1'-.1'0 .\" Xo IJ-O 11

glcichbedeutcnd sind. Man hat nur x = .\"0 + " zu setzen. Die rechtc Form dieser Grenzwenbil-
dung eignet sich fur praktische Bcrechnungen von Ableitungen gelegentlich besser.

Übung 3.2:
Berechne die Ableitungen der Funktionen /2(.l) = x 2 , !J(.l) = x J • 110(x) = .llO an der Stelle
.1'0 = 2.

Übung 3.3:
Zeige: 1(.1') = JX ist rur beliebiges .lO > 0 differenzierbar, und es gilt rur die Ableitung

, 1
1(.\"0)= 2 =.
"xO

Anlt:illillg: Schreibe den Differellzenquotienten bezüglich.\"o > 0 und x > 0 hin und verwende
dann die Formel .I" - .lO = (JX + JXO)( JX - JXO).

Übung 3.4:
Für welches .lO E IR hat die Tangente an l(x) = x 2 die Steigung I? Schreibe die zugehörige
Tangentengleichung auf. Skiniere 1 und die Tangente.
206 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Übung 3.5:
Berechne die Ableilung von !(.r) = XiI (11 E N) im Punkte xo nochmal (auf andere Weise
als im Beisp. 3.3). Und zwar schreibe man den DifferenzenquOliemen bezüglich x und .to hin:
(f(x) - !(Xo»/(x - .to) = (.t'1 - x ö) :
(x - Xo). und wende das Divisiollsverfahren flir
Polynome an.

Differenzierbare Funktionen
Wir betrachten reellwertige Funktionen f, deren Definitionsbereiche D Intervalle oder Vereini-
gungen von !mervaIIen sind.

Definition 3.2:
Ist J : D --'lo R in jedem Punkl des Definitionsbereiches 0 differenzierbar, so heißt
f eine differenzierbare Fllnklioll. Ist f : 0 --,10 IR in jedem Punkt einer Teilmenge A
von D differenzierbar, so nennt man f differenzierbar auf A.

Bei einer dilTerenzierbaren reellwertigen Funktion f : 0 --,lo IR kann man in jedem Punkte x E D
die Ableitung f'(x) bilden. Durch die Zuordnung x --,10 ['(x) ist eine neue Funktion [' : D --,lo IR
erkIiirt. die man kurL die Ableitung VUII f nennt.

I(x). x2

Fig. 3.3: Funktion !(x) = .r 2 mit Ableitung

Beispiel 3.4:
Die Ableitung der Potenzfunktion fex) = XII (f : IR --'lo IR,,, E N) ist eine Funktion f' : IR --,lo IR.
beschrieben durch

['(x) = Il 1
IlX - •

In Fig. 3.3 sind fex) = x 2 nebst zugehöriger Ableitung f'(x) = 2x skizziert.

Ist eine differenzierbare Funktion in Form einer Gleichung y = fex) gegeben, so beschreibt
man die AbleilUng auch durch
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 207

dy ,
y' = j'(x) oder - ~f(x), (3.16)
dx

z.B.
dy 2
y , = 3'
.e bzw. dx =3x .

Diese Schreibweisen sind in Technik und NalUrwissenschaft bequem, wenn x und y physikali-
sche Größen darstellen.
Graphisches Differenzieren: Wir gehen aus vom Schaubild einer differenzierbaren Funktion j :
I ~ IR. Zur gmphischen Ermittlung der Ableitung von j in einem Punkt.\"o zeichnet man ~ w
gut es geht ~ die Tangente an j in -'"0 ein. Zu dieser Tangente zieht man die Parallele durch den
Punkl A = (-1,0), s. Fig. 3.4a. Die Parallele schneidet die y-Achse in einern Punkt B, dessen
y-Koordinate die Ableitung y~ = l'(xo) ist, also B = (0. y~). (Denn das Dreieck [A. B.O] ist
eine Kopie des Steigungsdreiecks der Tangente.) Damit ist Y~ zeichnerisch gewonnen, und der
Punkt (xo, Y~) der Ableitung l' Hißt sich einzeichnen.

y
y y' Tangente

'V

0
"
(:<0. y'ol

.
-1
A
" •
-1 0

Al b)

Fig.3.4: Graphisches Differenzieren

In Fig. 3.4b ist dieser Prozeß fl.ir mehrere Punkte einer Funktion j durchgefl.ihrt. Die gewon-
nenen Ableitungspunkte werden zu einem Funklionsgraphen verbunden, wobei man auch bei
verbindenden Bögen auf »schielt«, damit sie nach Augenmaß möglichsl gUI die Ableitung annä-
hern.
Der so gewonnene Funktionsgraph stellt eine mehr oder weniger gute Näherung der Ableitung
l' dar. Für einen ersten Überblick oder bei Versagen rechnerischer Methoden erhält man so
brauchbare Ergebnisse.
Dabei ist nicht entscheidend, daß man viele Konstruktionspunkte wählt. sondern daß mml in
ausgesuchten Punkten möglichst genaue Tangenten zeichnet. Punkte mit waagerechten Tangen~
ten bieten sich dafür besonders an. Der Leser übe das graphische Differenzieren an selbst ge-
zeichneten Beispielen. Dies führt zum besseren Verstiindnis der Ableitungsfunktion ['. (Durch
numerische Differentiation erhält man f' auch leicht aufComputerbildschirmen oder Plollern.)
208 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Stetigkeit differenzierbarer Funktionen. I sei ein Intervall oder eine Vereinigung mehrerer
Intervalle.

Satz 3.1:
Ist die reellwertige Funktion [ : I --+ IR in xo differenzierbar, so ist sie dort auch
stetig.

Beweis:
Gilt XII --+ xo (XII E I \ (xoD, dann ergibt sich die Konvergenz des Differenzenquotienten
D" = ([(x,,) - [(xo))/(x" - xo) gegen ['(xo). Damit folgt

[(x,,) - [(xo) = D II . (XII - xo) --+ ['(xo)' 0 = 0

rur /l --+ 00, also [(XII) --+ [(xo), Das heißt [ist stetig in xo. o
Man zieht daraus die einfache
Folgerung 3.1:
Jede differenzierbare Funktion ist stetig.

Fig. 3.5: Die Funktion fex) = lxi

Die Umkehrung gilt nicht, wie das Beispiel der Funktion

[(x) = lxi. x E IR
zeigt (siehe Fig. 3.5). Diese Funktion ist nämlich stetig. aber in 0 nicht differenzierbar. Denn die
Differenzenquotienten

fex) - f(O) lxi


x-O x
sind flir x > 0 gleich I, fLir x < 0 dagegen gleich -I. Sie können also flir x --+ 0 nicht
konvergieren.
In 0 existieren aber die lillks- und die rechtsseitige Ableitung. die in folgender Definition
erklärt sind.
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 209

Definition 3.3:
(Eil/seilige Differenzierbarkeit) Es sei I : 1 -+ JR eine Funktion und xo ein Häufungs-
punkt von I. in dem I den rechtsseitigen Grenzwert I(xo+) besitzt. Existiert der
Grenzwert
. [(x) - [(xo+)
, ,m .
X-Xo x - Xo
x>xo

so ist I in Xo reell/sseilig differenzierbar. Der Grenzwert heißt rechtsseitige Ableill/l1g


von I in xo. Er wird symbolisiert durch

I'(xo+) .

Entsprechend werden lillkneitige Differellzierbarkeit und linksseitige Ableitung

I'(xo-)

erklärt. (Man ersetzt x > xo durch x < xo.)

Es ist klar, daß die Funktion I(x) = lxi in Xo = 0 die rechtsseitige Ableitung /,(0+) =
und die linksseitige Ableitung /,(0-) = -I hat.

Höhere Ableitungen. Ist die Ableitung /': D -+ IR einer differenzierbaren Funktion wiederum
differenzierbar, so heißt ihre Ableitung die zweile Ableilll/Jg Ilt : D -+ IR von I : D -+ IR.
Durch abermaliges Differenzieren, falls möglich, entsteht die tlriffe Ableitung I'" : D -+ IR
usw. Eine li-te Ableitung. falls sie gebildet werden kann, bezeichnet man mit I(n j : D -+ IR.
Existieren alle Ableitungen von I D -+ IR bis zur II-ten Ableitung, so nennt man I !I-//lal
tlifferenzierbar. Nach Satz 3.1 sind dann I, /" I", ... , I(n-I) stetig, da diese Funktionen alle
differenzierbar sind. Ist überdies I(n) stetig (was nicht zu sein braucht), so heißt I li-mal srerig
differenzierbar, I heißt stetig tlifferenzierbar, wenn /' existiert und stetig ist. 1

Beispiel 3.5:
I(x) = x" (1/ E N, x E IR) ist beliebig oft differenzierbar. Der Leser rechne für den Falln = 4
die Ableitungen /" I", Im usw. aus (von welcher Ableitung an sind alle folgenden Ableitungen
konstant gleich Null?)

Beispiel 3.6:
Die Funktion I : R -+ IR, erklärt durch

x2 fur x ~ 0,
[(x) ~ •
( O. fur x < 0,

Es kann sein. daß I' existiert. aber nichl stetig ist. Ein Beispiel daHir ist die Funktion 1 : R --. R. definiert durch
1(.') = x 2 sin(l/x) (fliT .• #= 0) und 1(0) = o. I'(x) existicrt flirallc x E R. insbesondcre ist 1 ' (0) = O. doch ist
I' in x = 0 un51etig! (Der Leser überprüfe dies.)
210 3 Differemialreehnung einer reellen Variablen

ist nur einmal stetig differenzierbar, denn ihre Ableitung

f,(x)~J2x. flir x ::: 0,


10 . für x <0

ist zwar stetig. aber in xo = 0 nicht differenzierbar. Der in diesem Fall vorliegende Differenzen-
quotient (J'(x) - ['(Oll/ex - 0) = ['(xl/x hat nämlich flir x > 0 den konstanten We112, flir
x < 0 dagegen den Wert O. Er kann also flir x ~ 0 nicht konvergieren.

Bemcrkung zu Anwcndungcn in Technik, Naturwissenschaft und andcrcn Gebictcn


(a) Zunächst knüpfen wir noch einmal an den Geschwindigkeitsbcgriff an; Durch y = [(tl
werde die geradlinige Bewegung eines Massenpunktes beschrieben, Dabei ist y die Länge
des zurückgelegten Weges zum Zeitpunkt I. Die Geschll'indigkeil des Massenpunktes ist
zum Zeitpunkt f

v=['(t),

(siehe Abschn. 3.1.1). Seine Beschleul/igwIg b ist die zweite Ableitung

b=[I/(t).

Zusammen mit dem Nell'10llschell Grlll/{fge~'efZ der Mechanik K = mh (Kraft = Masse·


Beschleunigung) ist damit der grundlegende und historisch ersle Zusammenhang zwischen
Differentialrechnung und Physik gegeben. Von hier ausgehend durchdringt die Differential-
und Integralrechnung die Mechanik und im weiteren Physik und Technik.
(b) Die Ableitung ['(x) einer Funktion ist Grenzwert der Steigungen von Sekanten an [
und stellt damit so etwas wie die Wachstumsquote der Funktion [ im Punkte x dar (falls
['(x) ::: 0), oder Schrumpfungsquote (falls ['(x) ~ 0). Diese Interpretation zeigt sofol1
die viel faltigen Zusammenhänge mit allen Zweigen der Technik, Naturwissenschaft, Wirt-
schaft, Soziologie und anderen Gebieten auf.

-2

-1
2 3 4

-2 -1 0 1
-1

Fig. 3.6: Zu Übung 3.6 (b)

Übung 3.6:
(a) Zeichne ein Schaubild von /(.1') = .t 3 - x + I nebst allen Ableitungen.
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 211

(b) Differenziere die Funktion in Fig. 3.6 graphisch.

Übung 3.7*:
Wie groß ist die Beschleunigung eines fallenden Steines (Abschn. 3.1.1. Beisp. 3.1) und einer
fallenden Kugel in zäher Flüssigkeit (Abschn. 3.1.1. Übung 3.1)?

Übung 3.8*:
Beweise: f : I -+ IR ist genau dann in xo differenzierbar. wenn rechts- und linksseitige Ab-
leitungen von f in Xo existieren. und wenn /'(.to-) = l'(xo+) sowie /(.1'0-) = /(.1'0+) =
/(.tO) gellen.

3.1.3 DitTcrentiationsregein für Summen, Produktc und Quotientcn reeller Funktioncn


Sind / und g differenzierbare Funktionen, so fragt man sich, ob auch / g, / . g, /Ig und +
A/ (A reell) differenzierbare Funktionen sind, und wie man ihre Ableitungen gegebenenfalls
ausrechnen kann. Dieselbe Fmge stellt sich fLir Verkettungen / 0 g und Umkehrfunktionen /-1.
Diese Fragen beantworten wir im nächsten Abschnitt. Nun bezeichne 1 ein Intervall oder eine
Vereinigung mehrerer Intervalle, also den üblichen Definitionsbereich rur reelle Funktionen.

Satz 3.2:
Sind / : 1 ~ IR und g : 1 __ IR differenzierbar in xo E I. so gilt dies auch fLir [+ g,
A/ (A reelle Zahl), [. g und [Ig, wobei im letzten Fallg(xo) i= 0 vorausgesetzt wird.
Die Ableitungen der genannten Funktionen errechnen sich aus folgenden Formeln:

Additivitiit : ([+8)' ~ I' +8' (3.17)


Homogenitiit : (Af)' ~ AI' (3.18)
Prodllktregel : ([8)' ~ 1'8 + 18' (3.19)

Qlloliemellregel : (L)' ~ 1'8 - Ig'


g 82
(3.20)

Die Variablenangabe (xo) hat man hinzuzufügen. Sie wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit
in den Formeln weggelassen.
Beweis:
Die Formeln ergeben sich für x __ .1'0 sofort aus

~[I~(~x~)_+..,8,,(x~)--,I_---,[~I--,(x--,0~)--,+..,8,,(X--,0,-,)I = fex) - /«xo) + g(x) - g(xo) ~ /' (xo) + g'(xo).


xxo xx .1'.1'0
Af(x) - Af(xo) = A /(x) - [(.1'0) __ A/'(xo).
xXo xXo
/(x)g(x) - /(xo)g(xo) = 8(XO/(X) - /(xo) + [(x)g(x) - g(xo)
x~xo X~Xo X-Xo
-- /'(xo)g(xo) + g'(xo)/(xo).
212 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

'ffit - fi.:gj g(xo)f(x~-:o(xo) f(xo)g(X;-_~~XO) /,(xo)g(xo) - g'(xo)f(xo)


~'--'--"'=-",-;---.o;.-'-'''-'-=
x -'"0 8(x)8(xO) g(xO)2
Dabei wurden die Rechenregeln fLir Funktions-Grenzwerte benutzt (Absehn. 1.6.7, Folg. 1.18) so-
wie die Stetigkeit von fund g in xo (Absehn. 3.1.2, Satz 3.1). Beim letzten Grenzübergang wurde
x aus einer Umgebung von Xo genommen, in der g nirgends verschwindet (vgl. Absehn. 1.6.4,
Hilfssatz 1.2). 0

Aus der Homogenität (3.18) im obigen Satz folgt für I.. "'" -I die einfache Regel:

(-f)'~-f' (3.21)

und damit (j - 8)' = (j + (-8»' = f' + (-g)' = f' - g', also

(j ~g)' = f' -g'o (3.22)

Die Quotientenregel ergibt im Falle f(x):=: 1 die

Reziprokenrege/:
GY (3.23)

Aus der Additivität ([ + g)' = f' + g' folgt fur längere Summen differenzierbarer Funktionen
sofort

([I + 12+ ... + f,,)' = fr + f~+ ... + f,; (3.24)

Es darf hier also gliedweise differenziert werden. (Dcr Beweis kann z.B. mit vollständiger I nduk-
tion gefLihrt werden.)
Aus der Homogenität (A./)' = A.f' folgt ferner. daß fex) = ax k (k E N) die Ableitung
/'(x) = akx k- I besitzt. Unter Verwendung von (3.24) gewinnt man die

Folgerung 3.2:
Alle reellen Polynome sind differenzierbar. Sie dürfen gliedweise differenziert wer-
den:

" "
p(x) = Lakxk ==> p'(x) = Lakkxk-1.
k=O k=1

Beispiel 3.7:
(a) p(x) = 3x 7 ==> p'(x) = 21x 6
(b) {J(x) = 7x 2 + x 6 => p'(x) = 14x + 6x 5
2 5., 11 ,2 5 11.,
(e) p(x) = 3 + '3 x ~ 4"x- + 6"x 3 => P (x) = '3 - 2x + 2"r
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 213

Der Grad eines Polynoms erniedrigt sich beim Differenzieren um I.


Aus der Reziprokenregel (3.23) folgt rur [(x) = I/x" (mit 11 E N) sofort ['(x) = _IIX-,,-l,
und damit rur alle Funktionen x ~ x tn mit gallzzaltligellllll:

<Ix'"
- - _I/It",-I falls m > 0,
<Ix-. (3.25)
falls m :::: O.

Beispiel 3.8:
I , 3
[(x) = .\"3 ~ [(x) = ~ .\"4' (x i= 0).
Allgemeiner können wir mit der Quotientenregel (3.20) jede ratio/lale Fllnk/io/l p /q (p, q Poly-
nome) in allen Punkten x differenzieren, in denen q(x) i= 0 ist.

Beispicl3.9:
Für alle x i= ± I folgt nach (3.20)

,,5.,,'3~_,:x-;+:....:.3 , (I5x 2 ~ l)(x 2 ~ 1) ~ (5x 3 ~x + 3 )2x


I(x) ~ - [(x)= (x 2 _1)2
x2 - 1

Aus der Produktregel (3.19) gewinnen wir rur mehrfache Produkte und für höhere Ableitungen
die

Folgerung 3.3:
Überall dort, wo die Funktionen 11, .. " f" differenzierbar sind, gilt die Regel für
M ellIfacltprotlukre

"
Cf,· .... I,,)' ~ LI, '/i-I'//'/;+I .... /". (3.26)
;;J

Dort. wo [ und g Il~mal differenzierbar sind. gilt rur die /l~te Ableitung von [ . g die
bi110mische Differen/imiOllsregel

(f. g)(n) = t G)/(.l;lg("-.l;). (3.27)


.1:=0

Dabei ist /(0) = /, g(O) = g gesetzt worden.

Die Beweise beider Formeln (3.26), (3.27) führt man mit vollständiger Induktion.
214 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Übung 3.9:
Differenziere

3x 5 + 2x 2 I
g(x) = 4 hex) = - - , .
l+x 2 +x-
20
F(x)=(I-x+.r 2 _x 3). Lkx k . G(.r)=(I+x)4.,jX (x>O).
k=1

Übung 3.10:
Bilde mit (3.27) die drille Ableitung von

3.1.4 Kettenregel, Regel für Umkehrfunktion~II.implizites Differenzieren

10,/1. h seien Intervalle oder Vereinigungen mehrerer Intervalle. Für Verkettungen J 0 g von
Funktionen gilt folgender

Satz 3.3:
Ist g 10 _ 11 in x E 10 differenzierbar, und ist J 11 _ h in z = g(x) dif-
ferenzierbar, so ist die Verkettung 1 0 g : 10 _ h in x differenzierbar, und es gilt
die

Keuellregef: ([ 0 g)'(x) = t(z)g'(x). (3.28)

Mit anderen Wanen: Zur Bildung der Ableitung zweier verketteter Funktionen werden
die Ableitungen derbeiden Funktionen. genommen an entsprechenden Stellen, einfach
multipliziert.

,.(,) I
Beweis:
g sei in xo differenzierbar und J in zo = g(xo). Wir definieren die Hilfsfunktion

,~ f(Z~ - ;,(zo) - /'(zo). flir z 1= Zoo


o. für z = zoo
Da 1 in '::0 differenzierbar ist. gilt lim r(.::) = O. Aus der Definition von r(z) gewinnt man:
:-:(1

J(z) ~ 1(zo) = (['(zo) + ,.(z»(.:: ~ '::0).


3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 215

folglich mit x # xo und z = g(x), Zo = g(xo):

(f 0 8)(x) - (f 08)(xO) J(g(x» - J(g(xo)) J(z) - J(,,)


x -xo x-xo x-xo
, g(x)-g(xol"
= (J (zo) + r(z)) ---+ f (zo)g (xo)
x - Xo

ftir x ---+ Xo. Damit ist (J og)'(xo) = f'(zo)g'(xo). Lassen wir hier den Index 0 fort. der nur aus
bezeichnungstechnischen Gründen angefUgt war, so haben wir gerade das behauptete Ergebnis
gewonnen. 0

Zur Schreibweise: Beschreibt man die Funktionen fund g im Satz 3.3 durch Funktionsgleichun-
gen y = f(z), z = 8(x), also y = (j 0 8)(x), so erhlilt die Keuenregcl mit den Lcibnizschen
Bezeichnungen

dz , dv
~.: = f'(z), -=g(x),
d,
_. = (f
d,
0 g)'(x)

die einprligsHme Form:

d)' d)' dz
Kettel/regel: ~_.-
(3.29)
dx dz dx

Damit lassen sich Berechnungen von Ableitungen verketteter Funktionen übersichtlich durchfUh-
ren:

Beispiel 3.10:
Es soll

y = F(x) = (x 2 +7x _1)5

differenziert werden. Mit

z= g(x) = x 2 + 7x - I und )' = f(z) = Z5

folgt nach der Kettenregel

~ ~ dZ
_d_y . dx ~ 5:-4
F '(x) _dy .,
.:. ·(2x+7)=5(x-+7x-l) 4 (2x+7).
dx dz

Man nennt dy auch die äußere Ableitung und ~ die innere Ableitullg. Damit erhalten wir
dz dx
zur Durchführung der Keucnregel folgende Merkregel: }}Äußere IlIId innere Ableitung sil/d zu
lIIullipljzieren .«

BeispieIJ.ll:
d)' d)' dz
(zur Kcnenrcgel) _. ~ _. .
dx dz dr
216 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

(a) y = F(x) = <C:t..!/. Mit z = x 3


+ I folgt Y= Z7, also

, dy dy dz 6
F (x) = - ~ - . - = 7z . 3x 2 = 7(x 3 + 1)6. 3x 2
d," dz dx

-
in verkürzter Schreibweise:
(b) y = F(x) = ~)9 => F'(x) = ~. 6x

dy/d;: d :/d(
äußere AbI. innere AbI.

~
2
(c) y=F(x)=(I+x )5+ l+x => F'(x) =
2
-..-.
[S(I+X2rt+ ~].
2 I
2x
+ x~ '-.,-'
:::: . ' dz/d.l'
dy/d:
. d r.: 1 ..
(Dabei wurde d( vX = r:;; verwendet, s. Ub. 3.3.)

- => F'(x) = -3 (---"-,)-4. I - x


2
(d) Y = F(x) = (---"-,
I +x~
)-3 1 +x- (1 +x 2 )2
~
dy{dz d::{d~

Der Leser differenziere

an dieser Stelle zur Übung selber.

Die Keuenregel1äßt sich auch mehrfach anwenden, z.B.

dz du
(3.30)
du dx'

Dies folgl aus

Hierbei wurde die Keuenregel zweimal angewendet. Entsprechend läßt sich bei dreifach und
höher verketteten Funktionen die Kellenregel mehrfach anwenden.

8eispieI3.12:
Doppelte Anwendung der Kcttcnregel (3.30):
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 217

dy dz du ~ 12 6 ~ 11
f
F (x) = -
dy
~
6 11
- . _ . - = 7;. . 12/1 . 2x = 7(1 + (I + X-) ) . 12(1 + x-) ·2x
dx dz du dx
Mit weniger Schreibaufwand rechnet man so:

~F(x) ~ (2+ (/;;,),r'


(b) y

- "

Nach einiger Übung läßt man die »Untertitel« 11, z, dy! dx, ... weg.

Satz 3.4:
(DijJeremialiulIl'ol/ Umkehrfimklionel/) f : 10 ----+ 11 sei eine sletige, streng monolOne
Funktion vom intervall 10 auf 1[, die in y E 10 differenzierbar ist und dort J'(y) ::j:. 0
erfüllt. Dann ist die Umkehrfunktioll f- 1 : 11 ----+ 10 in x = f(y) differenzierbar, und
es gilt

_I f I I
(f ) (x) ~ f'(y) ~ f'(f '(x))' (3.31)

Beweis:
Es sei (x n ) eine Folge aus 11 mit XII _ x, X n ::j:. x. Setzt nUlll)'n = f(x n ), so erhält man

Yn Y I I
XII - X
~
f(y,,) - f (y)
=
,--f("'Y"",)----,f-,(Y-,)
~--
f' (y)
o
y" -)'

ZlIrSchreibweise: Mit x = f(y), y = f-I (x) lind

dy'
d< ~ (r')'(x), :: ~ f'(y)
bekommt die Regel (3.31) die leicht zu behaltende Form:

dy
Rege/jiir Umkelllfllnktiollen: dx = (h"' (3.32)
dy
218 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Als Anwendung soll die durch y = x l / n (11 E N) definierte Funktion differenziert werden, wobei
x > 0, falls 11 gerade, und x 'I O(x E IR), falls 11 ungerade, vorausgesetzt wird. Die beschriebene
Funktion ist die Umkehrfunktion von x = J(y) = y"(y 1:- 0), Also gilt nach (3.32)

dt l / II d)' I
(3.33)
lli dX
dy

Insbesondere ergibt sich für 11 = 2 erneut

d I
-.jX=--. x>O, (3.34)
cl.\: 2';;

Folgerung 3.4:
Für jede rationale Zahl r gilt

dx'
- - = rx
dx
,-1
fur
Ix ~ O.
x> 0,
falls r > I,
falls r < I.
(3.35)

Beweis:
Es ist r = /li/li mit 11 E N und ganzzahJigem 1/1. Damit erhält die Funktion F(x) = x' die Form

Anwendung der Kettenregelliefert

m
=~xn
!!!-l
=rx ,-1 . o
"
Differentiation implizit gegebener Funktionen

Wir betrachten als Beispiel die Ellipsengleichung

(3.36)

Löst man nach y auf, so erhält man zwei Funktionen [und g, nämlich

y = [(x) = b
R' I -,.
a-
und ,(x) ~ - f(x) (-(l~X~(I),
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 219

Wir wollen f differenzieren. Dazu kann man die Ellipscngleiehung (3.36) direkt benutzen, wobei
man i durch (/(x»2 ersetzt:

x2 (/(x))2
,a- + b' - I =0 fLir alle x E (-a,{/).

Rechts steht eine konstante Funktion mit dem Wert O. Sie ist identisch mit der links beschriebenen
Funktion. Bildet man aufbeiden Seiten die Ableitung, so folgt

2x 2/(x)/,(x)
2+ 2 =0 (-a<x<a).
a b

Dabei wurde auf (/(x»2 die Kettcnregel angewendet. Wir schreiben einfacher

2x 2)')"
-,
a
+-b'
-
=0.

AuOösen nach)" und Einsetzen von y = bjl x 2 /a 2 liefert die Ableitung

I b2 x xb
Y =--~- (-a <x <a).
{/2 y a2jl x 2/a 2

(Für y = 8(x) gilt das gleiche mit umgekehrten Vorzeichen.)


Auf diese Weise kann man allgemcin vorgehen, wenn)' = fex) durch eine Gleichung
F(x. y) = 0 beschrieben wird. Dabei muß man sicherstellen, daß fex) und F(x, f(x» in x
differenzierbar sind. Dies erkennt man durch explizites Rechnen, wie oben, oder anhand dcs
Satzes über implizite Funktionen (s. Abschn. 6.4.2, Satz 6.14).

Übung 3,11:
Differenziere mit der Kenenregel

(b) Y = (
, _ 3x
I+x
+.<')'
4' (c)y=~.

Übung 3.12:
Differenziere

(a) y =![;2. (b»'= !§


-x
--
+.(
1
(-I<x<I).

(c) y = J1 +,fi (x > 0). (d)Y=(I_Jl+.(2)7

2x
(I) y= g --
x-I
x
(x> I).

(h) Y = xO. 371 (x > 0).


220 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Übung 3.13*:
.1'2 _ X2 = r 2 beschreibt für jedes r > 0 eine Hyperbel. Wie liegen die HyperbeHiste? Kann
man sie als zwei Funktionen auffassen? Differenziere die Gleichung implizit und löse nach y'
auf (ohne .I' = ... einzuseu.en). Wo ist in der x-y-Ebene stets .1" = I unabhiingig von r?Zeichne
!
diese Punktmenge! Wo ist stets .1" = und wo y' = ~? Zeichne auch diese Punktmengen.

Übung 3.14:
Differenziere y2 - x = 0 implizit und leite damit erneut ~ = ~ rur x > 0 her!

Übung 3.15:
Differenziere implizit

(a) y2 +xy _x2 = (j2.

(b) «(I - xli = «(I + x).r 2 (Strophoide).


(c) x 3 + .1'3 = 3(1xy (Cartesisches Blatt).

(d) «(lx)2/3 + (by)2/3 = ,4/3 mit, = Ja2 + b2 (Astroide).

Dabei sind (I und b positive reelle Zahlen. Man skizziere die zugehörigen Punktmengen (Kur-
ven) in der x-y-Ebene (0 = I, b = !)
und überlege sich, welche Funktionen damit beschrieben
werden und wo das implizite Differenzieren dieser Funktionen erlaubt ist. (Strophoide. Carte-
sisches Blatt, Astroide werden in BurglHaflWille (Vektoranalysis) [71, Abschn. 1.4, genauer
beschrieben.)

3.1.5 MittcJwertsat7. der Differentialrechnung

Legt man die Sekante durch zwei Punkte (a. f(a» und (b, f(b» einer differenzierbaren Funkti-
on f : La, b] - IR. so zeigt die Anschauung. daß es eine Tangente an f in einer Zwischenstelle
.1"0 E (a, b) geben wird. die zur Sekanten parallel liegt (s. Fig. 3.7).
D.h. die Steigung (f(b) - f(a»!(b - a) der Sekante stimmt mit der Steigung 1'(.1"0) der
Tangcnte überein. Wir präzisieren dies in folgcndem

y Tangente

a
" b

Fig. 3.7: Zum Mittclwertsatz


3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 221

Satz 3.5:
(Millelwerrsalz der Dijferemia(rechllllllg) Ist die reelle Funktion [ stetig auf [a, b] und
differenzierbar mindestens auf (a, b), so gibt es ein xo E (a, b) mit

'( ) ~ J(b) - J(a)


J xo ' (3.37)
b a

Man fUhrt den Beweis über folgende Sätze,


Mit Extremlllll bezeichnen wir dabei Maximum oder Minimum einer Funktion.

Satz 3.6:
Ist die Funktion [ differenzierbar auf einem offenen Intervall I, und hat [ in Xo E I
ein Extremum, so gilt

['(xo) = Q.

Beweis:
In Xo habe die Funktion [ ein Maximum. Für x" ~ Xo mit XII > Xo (x" E l) gilt dann

[(x,,) - [(xo) , .
0::: ~ [(xo)::;O furll~oo,
x" -Xo

und fLir X n ~ xo, X'r < .ro(x" E l) entsprechend

[(x,,) - [(.ro)
o::; ~ [ , (xo) ::: 0 fur 11 ~ 00,
XI! -Xo

folglich ['(xo) = O. Im Falle eines Minimums bei Xo verläuft der Beweis analog, o
Satz 3.7:
(Satz 1'011 Rollel ) Ist die reelle Funktion [ stetig auf [a. b] und differenzierbar auf
VI. b), und gilt f(a) = f(b), so existiert ein Xo E (a, b) mit ['(xo) = O.

Beweis:
Wäre fex) = c konstant in La, b], so folgte ['(xo) = 0 fur alle Xo E (a, b), und der Beweis wäre
fertig. Wir nehmen nun an, daß [in [a, b] nicht konstant ist, und daß ein XE (a, b) existiert mit
fex) > [(al = leb) (andernfalls würden wir [im Folgenden durch - f ersetzen). Nach dem
»Satz vom Maximum« (Abschn. 1,6.5, Satz 1.25) besitzt f dann eine Maximalstelle Xo E (a, b).
Satz 3.6 liefert ['(xo) = O. 0

Beweis:
des Minclwertsutzes (Satz 3.5): Man subtrahiert von [eine Geradenfunktion g mit der Steigung
der Sekante bezüglich a und b, und zwar g(x) = X . (j(b) - f(a»)/(b - a), Für die Differenz
2 Michel Rollc (1652- 1719). frnnzösi>ehcr Malhcmmikcr
222 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

F(x) = f(x) - g(x) errechnet man F(a) = F(b). Der Satz von Rolle liefert dann die Existenz
einesxo E (a,b) mit

, , , , f(b)-f(a)
0= F (xo) = f (xo) - g (xo) = f (xo) -
b-a
. o

Folgerung 3,5:
Die reelle Funktion f sei auf dem Intervall I differenzierbar. Damit gilt:
(a) fist genau dann konstant, wenn 1'(x) = 0 für alle x E I erfullt ist.
(b) f ist monoton wachsend, wenn 1'(x) :::: 0 ftir alle x E I erfüllt ist. Entsprechend
ist monoton fallend, wenn 1'(x) .:5 0 auf I gilt.
Gilt 1'(x) > 0 bzw. ['(x) < 0 auf I, so ist die Monotonie von f sogar »streng«.

Die Beweise ergeben sich unmittelbar aus dem Mittelwertsatz.


Wir leiten schließlich eine Verallgemeinerung des Mittelwertsatzes her.

Satz 3.8:
(Verallgemeinerter Mittelwert.faIZ) Sind die reellen Funktionen fund g auf [a. b I ste-
tig und mindestens auf (a, b) differenzierbar, und ist g'(x) i= 0 auf (a, b), so existiert
ein Xo E «(I, b) mit

1'(xo) J(b) - J(a)


(3.38)
g'(xo) g(b) - g(a)

(Dabei ist g(b) i= g«(I), da g wegen g'(x) i= 0 streng monoton auf [a. bl ist.)

Beweis:
Für die Funktion
J(b) - J(a)
F(x) '~J(x) - J(n) - (g(x) - g(a»
g(b) - g(a)

auf ta. b] gilt F(a) = F(b) = 0, wie man leicht nachrechne!. Der Satz von Rolle liefert damit
die Existenz eines Xo E «(I, b) mit

' , f(b) - f(a) ,


0 = F (xo) = f (xo) ~ g (xo) ,
gib) - g(a)

woraus durch Umformung die Behauptung (3.38) folgt. o


Übung 3.16*:
Beweise Folgerung 3.5.
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 223

3.1.6 Ableitungen der trigonometrischen Funktionen und der Arcusfunktionen

Satz 3.9:
Sinus- und Cosinus-Funklion sind differenzierbar, und es gilt
.
Sill
,t = COSI

COS
,t = .
-smt
ftir alle 1 E IR. (3.39)

Y
I. öl
sin (I. tol) -t- -
Y _ sin t
'Y
_o-
,B
""
,
,
, ,
t.öl , ,
1.1 IDc 1..1
,
0 cos (I • tot) x_cest

Fig. 3.8: Zur Ableitung von sin und cos

Bemerkung: Man kann die Ableilungen von sin und cos durch Fig. 3.8 plausibel machen: Und
zwar ist das kleine schraffierte Kreisbogendreieck nahezu ein »normales« gradlinig berandeles
Dreieck. Dcr Winkel bei A hat das Bogenmaß 1 + .1t. Somil folgt

"'y lL1xl
"',
- R:: cos(t + ..1t) ,
"',
- - R:: sin(t + ..11).

d.h.

==-'-:::;:=--"-=
sin(t + L11) - sin t
L1t
~ -
L1y
L1t
R:: cos(t + .elf) <=::: cos t .
cos(t+L1t)-cost lL1xl. .
- ~ - - R:: Slll(t + L1t) R:: Slllt .
..1t ..11

Die Anschauung zeigt. daß dies umso besser stimmt. je kleiner L1t ist. Man vermutet daher
sin' t = cos 1 und ~ cos' t = sin t.
Der Beweis des Salzes ist lediglich eine exakle A usfLihrung dieser Idee.
Beweis: des Salzes 3.9: Es seien t und I + L1t aus (0, JT), L11 > O. Wir selzen zur Abkürzung

x=cost, y = sin t = JI - x2 , L1x = cos(t + L1t) - cost < 0,

L1y = sin(t + L1t) - sin t und ..1$ = j L1x 2 + L1y 2 (Länge der Sehne [A. BI, Fig. 3.8)
224 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Damit folgt rur den Differenzenquotienten des Cosinus

cos(t + .1t) - COSt Llx .1x .1s -I .1s

", ", L1s .1t Jl + (L1y/.1x)2 .1t


(3.40)

Nach Satz 2.7 (111). Abschn. 2.3. I, strebt ~: gegen I rur .1t -+ O. Ferner gilt dabei .1x -+ 0 und
somit
L1y dy -x
-~
.1x dr
Damit konvergiert (3.40) mit L1t -+ 0 gegen

Im Falle .11 < 0 ist .1x > O. und man erhält völlig analog den gleichen Grenzübergang. Folglich
gilt

cos'1=-sint rur IE(O.Jr).

Für die SinusfunktiOll folgt mit der Kettenrcgel daraus

, d .)""""--,,, 2costsint
sin t = ~ I cos 1= = cost, (t E (0. Jr)).
dt 2JI cos 2 t

Damit ist die Behauptung cos' { = - sin {, sin' t = cos { rur { E (0. Jr) bewiesen. Durch cos I =
sin(t+Jr /2). sin t = ~ cos(t+Jr /2) gewinnt man die Richtigkeit der Behauptung fLirr = O. durch
eos t = - sin(t -Jr /2), sin t = cos(t -Jr /2) fur { = .Jr, durch cos( -1) = cos {. sin( -tl = - sin t
fur t E [-Jr, 01. und durch cos(t + k2Jr) = COS {, sin(1 + k2Jr) = sin { (k ganzzahIig) fur alle
{ER. 0
Mit den Regeln sin' = cos und cos' = - sin können wir einen eleganten Beweis der Additi-
onstheoreme fuhren.

Satz 3.10:
(Additio/ls{heoreme für sin und cos) Für alle reellen Zahlen x und y gilt

sin(x + y) = sin x cos y + cosx sin y. (3.41)


cos(x + y) = cosx cos y - sinx sin y. (3.42)

Beweis:
Wir setzen z := x + y. also y = z - x und setzen dies in die rechte Seite von (3.41) ein:

sin x cos(z - x) + cosx sin(z - x) := fex) .


3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 225

Differenziert man diesen Ausdruck nach x. so erhält man ['(x) =:: 0 fUr alle reellen x, Daraus
folgt, daß f(x) konstant ist, also f(x) =:: f(O) ftir alle x E IR. Wegen f(O) sinz sin(x + y) = =
folgt also

sin(x + y) = f(O) = f(x) = sin x cos y + cosx sin y.

womit (3.41) bewiesen ist. (3.42) folgt analog. o


Für die Tangens- und Cotangensfunktion folgt aus tanx = sinx / cosx und cot x =:: cosx I sin x
mit der Quotientenregcl sofort

Satz 3.11:
Tangens- und Cotangens-Funktion sind in allen Punkten differenzierbar, in denen sie
definiert sind. und es gilt

, [
tan x = --,- = I +tan-x.
, (3.43)
cos- x
, [ ,
cot x = --.-2- = -I-cot-x. (3.44)
sm x

Für die Arcus-Funktionen, die ja die Umkehrfunktionen der trigonometrischen Funktionen auf
bestimmten Imervallen sind, erh~iJt man ohne Schwierigkeiten

Satz 3.12:
Die Ableitungen der Arcus-Funktionen lauten

. , [ , [
arcsm x = , arccos x =- ~ fllr alle x E (-1.1),
~ vl-r
[ [
arctan' x = arccot' x = ~ - - - 2 Hir alle x E IR.
I +x 2 ' l+x

Beweis:
1 = arcsinx ist gleichbedeutend mit x = sint (-t < t < T)' Damit folgt nach der Regel fllr
Umkehrfunktionen (Satz. 3.4 und (3.32). Abschn. 3.1.4):

. I dt I I I I
aresm x = - ~ - ~ - - ~ - - = = ,";=~ (lxl<I).
dx ~; sin't cost JI _sin 2 , ~

Entsprechend ergibt' = arctan x, d,h. x =:: tan t (-f < t < f):
I dt I I
arctan x = - = - = - - ~ ,--.,-:=,-; ~ - (XEIR).
dr d, tan' , I +lan 2 , 1+ .... 2
"
arccos' x und arecot' x gewinnt man analog. o
226 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Übung 3.17:
Beweise die Ableitungsformeln für arccos und arccot.

Übung 3.18:
Differenziere

(a) y = sin(1 +x 2). (b) y=(x 3 _x 2 +2)eosx.

(e) )' = ./1 + Illn.r. (d) y = eOl(sin.r).

(e) )' = arecos(sinx). (f) y = arctan ~.


vl+x 2

Übung 3.19:
Die hamlOnische Schwingung eines Federpendels wird durch die Gleichung x = A sin(WI)
beschrieben (/ Zeit. x Weg. A > 0 Amplitude. W Kreisfrequenz). Berechne Geschwindigkeit
und Beschleunigung zu beliebiger Zeit / (die erste Ableitung wird hierbei üblicherweise dureh
i· statt x' beschrieben. die zweite durch.\ usw.). Zeige.\ + w 2 x = O. WO sind Geschwindigkeit
und Beschleunigung betragsrnäßig am größten. bei Nulidurchglingen. in Umkehrpunkten oder
woanders'!

3.1.7 Ableitungen der Exponential- und Logarithmus-Funktionen

Satz 3.13:
Exponentialfunktion exp(x) = C X (x E lR) und natürlicher Logarithmus Inx (x > 0)
sind differenzierbar, und es gilt

d
dx c" = eX ftir x E IR, (3.45)
, I
In x = - ftir x > O. (3.46)
x

Beweis:
(I) Für den DifferenzenquOIienten der Logarithmusfunklion bzw. x > 0 und x +h > O(h i= 0)
errechnet man

::.'
-"0:(-',-+.:..:;":,-)_--.:'::."x::.' ~
;-h
In .T- = In
- (I + ~) = In ( ( 1+-" ) 11h) -+ lne 'I" =- (für" -+ 0).
h h h x x

Der Grenzübergang ergibt sich aus Abschn. 2.4.3. Folg. 2.6. (Man hat dort x durch I/x zu erset-
zen.) Damit ist In' x = I/x fur x> 0 bewiesen. Für x < 0, also lxi = -x, erhält man mit der
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 227

Kettenregel daraus

d d I I
-In lxi = -In(-x) = - . (-I) = -.
dx dx -x x
und somit

d I
- In lxi = - ftir alle x 1: o.
<Ix x

(11) Die Ableitung von)' = e X gewinnt man über die Regel fLir Umkehrfunktionen. Mit x = In y
folgt
X
C dy I I
-~-~-~--=)'=e-' 0
dx dx dx In' )'
dy

Bemerkung: Satz 3.13 macht deutlich, warum die Exponentialfunktion exp(x) = e X (x E IR)
und ihre Umkehrfunktion, der natürliche Logarithmus, so wichtig sind: Die Exponentialfunktion
hat sich selbst wieder zur Ableitung! Sie ist, bis auf einen konstanten Faktor, die einzige Funktion
mit dieser Eigenschaft. Wir zeigen dies im folgenden Satz 3.14.
Beim Logarithmus In lxi springt ins Auge, daß seine Ableitung I Ix eine sehr einfache Funk-
tion ist. Sehen wir uns einmal die Potenzfunktionen fex) = x'" mit ganzzahligem 111 an, so nillt
an ihren Ableitungen f'(X) = IIIx",-1 auf, daß die Potenz x-I darunter nicht vorkommt. Alle
anderen ganzzahligen Exponenten tauchen in den Ableitungen auf, nur der Exponent -1 fehlt
unentschuldigl. Diese Lücke schließt gerade der natürliche Logarithmus.

Satz 3,14:
Jede auf einem Intervall I differenzierbare Funktion f die
f'(x) = af(x) fur alle x E I (3.47)

erfullt (a E IR konstant), hat die Gestalt

fex) = ee<l·\· (e E IR konstant)

Beweis:
Es sei f eine reelle Funktion, die (3.47) erfüllt. Man bildet damit die Funktion

!(x)
g(x):= e"x (3.48)

und errechnet
I F(x) eil.' - I(x)ae"·<
g(x)=- e
2in
=0 flirxE/.
228 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

(Der Zähler ist Null, da ['(x):::: aJ(x) ist.) g ist also konstant: => g(x) == c. (3.48) liefert damit
J(x)=ce"x. 0

Setzt man (I :::: I in (3.47). also [' :::: J. so folgt J(x) :::: ccx, d.h. J ist bis auf eincn
konstanten Faktor c die Exponentialfunktion exp. Dabei ist J(O) :::: c. Im Falle J(O) :::: I ist
C :::: I und J (x) :::: e • Wir haben somit gezeigt:
X

Folgerung 3.6:
Die Exponentialfunktion exp(x) :::: e" ist die einzige auf lR differenzierbare Funktion,
die sich selbst zur Ableitung hat und in x :::: 0 den Funktionswert I annimmt.

Die allgemeine E.lpollemialfimktiol1

J(x) :::: (Ix (a > O. xE lR)

läßt sich in der Form


dn
J(x) :::: c· "

schreiben und mit der Keuenregel differenzieren:

d ,. ,
-a' =a' Ina. (3.49)
dx

Die Umkehrfunktion 10&, von J(x):::: aX(a > O.ll ,p I) kann nach Abschn. 2.4.3, Folg. 2.7,
folgendermaßen dargestellt werden:

Inlxl
10g"lxl::::--, x,pO. (3.50)
Ina
Speziell fLir x :::: e folgt log" e :::: 1/ In a. Die Ableitung von 10&, lxi gewinnt man unmittelbar
aus (3.50):

d I log"e
-log"lxl:::: - - ~ --. (3.51)
dl" ,rlna x

Auch die al/gemeine POlen;j'lIllktioll

J(x)=x". x>O,

mit beliebigem reellen Exponenten a läßt sich nun leicht differenzieren. Wir schreiben

J(x):::: e"lnx

und erhalten mit der Kettcnregcl die Ableitung

J'(x):::: eil Inx a..!. = ,r(la..!. :::: 1I,r,,-1 .


x x
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 229

also
Satz 3.15:
Die Potenzfunktion f(x) = x"(x > 0) mit beliebigem reellen Exponenten a hat die
Ableitung

d
-x" = ax,,-I (3.52)
dx

Logarithmische Ableitung: Ist f :I --+ (0. (0) eine differenzierbare Funktion auf einem Inter-
vall I, so wird durch

F(x):= lnf(x), x EI,

eine neue Funktion gebildet. die logarithmierte Funktion 1'0/1 f heißt. Ihre Ableitung erhält man
aus der Ketlenregel:

d
dx '0 fix) = /,(x)
f(x)· (3.53)

Man nennt dies die logarithmische Ableitung von f.


Bemerkung: Die logarithmische Ableitung bedeutet folgendes: Mit

Y=f(x) . .1x=x~xo. .1Y=f(x)~f(xo) (X.XoEI)

gilt ungef:ihr Lly ~ !,(x)Llx, also

LI)' /,(x)
- '" --Llx. (3.54)
Y fex)

Die logarithmische Ableitung !'(x)/f(x), multipliziert mit .1x, ergibt also ungeftihr die relative
Änderullg 11011 y = fex) bei Änderung der x~Wcrte um Llx.
Übung 3.20:
Differenziere

(u) y = eh . (b) y=x 4 e'<. (c) y = esin .<.


10<
(d) y=xlnx-x (x>O). (e) y = - (.r > 0). (f) y = co~(lnx).
x

(i) y = Jlog" (x 2 ) + I.

Übung 3.21*:
Die Temperatur einer ~ich abkühlenden Flü~sigkeil sei _r = f(t)(°C) zur Zeit t. f errulle
f'(t) = -!
f(t) ruf alle I > O. Zum Zeitpunkt to = 2 min habe die Flüssigkeit die Temperatur
xO = 70° C. Gib f(t) explizit an!
230 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

3.1.8 Ableitungen der Hyperbel- und Area-Funktionen


Wir knüpfen an die Definition der Hyperbelfunktionen sinh. cosh. tanh. eoth und ihre Umkehr-
funktionen arsinh, arcosh, artanh. arcoth in Abschn. 2.4.4 an und gewinnen daraus problemlos
die AbleilUngen

sinh'x=coshx, xEIR, arsinh' x = ,,"""=co


1
.;:;:rtI'
X E IR,

, 1
cosh'x=sinhx. xElR. arcosh x=± ~ x> I .
.,;x· - I
, I , 1
tanhx=--,-. xElR, artanh x = - - -2 ,
1- x
lxi< I,
cosh x
1 , 1
coth' x = - - -2- . x t- O. arcoth x = - - - , '
I-x
lxi> I.
sinh x

Bemerkung: (a) Die beiden Vorzeichen ± bei arcosh' bedeuten. daß hier zwei Funktionen ge-
meint sind, wobei sich + auf die Umkehrfunktion von cash: (0,00) ....". IR bezieht und entspre-
chend - auf die Umkehrfunktion von cosh : (-00.0).
(b) artanh' und arcoth' haben zwar formal denselben Formelausdruck rechts vom Gleichheitszei-
chen. doch beziehen sie sich auf verschiedene Bereiche der x-Achse, wie rechts angegeben.

Übung 3.22:
Leite die obigen Ableitungsforllleln rur die Hyperbel- und Area- Funktionen her.

Übung 3.23:
Differenziere

(a) y = (.r 3 +sinhx)3. (b) y = arsinh,JX (x:l' 0).


,.,
(e) y =.r 2 ·sinh(x)eosh(x). (d) y = - - (x:l'O).
ananhx

Übung 3.24:
Die Kurve einer Hochspannungsleitung wird durch

y = /10 +lI (COSh; - I). -xo:: x:: xo.


beschrieben (/10. (/. Xo positiv). Welchen Winkel bildet die Leitung mit der Horizontalen an den
Enden bei -xu und .rO? Dabei setze man 110 = 7 m, .rO = J 5 m, a = 60 n1.

3.1.9 Zusammenstellung der wichtigsten Diffcrentiationsregelll


Die wichtigsten elementaren Funktionen sind mit ihren Ableitungen in folgender Tabelle zu-
sammengestellt. Dabei existieren die Ableitungen in allen Punkten x. in denen die Funktionen
3.1 Grundlagen der Differentialrechnung 231

definiert sind. Lediglich bei X U ist zu beachten, daß im Falle Ci ~ I zusätzlich x ~ 0 vorauszu-
setzen ist. Im Folgenden seien Ci und c beliebige reelle Zahlen, sowie a eine beliebige positive
Zahl.

Tabelle 3.1: Elementare Funktionen und ihre Ableitungen

fex)

c
f'(x)

0
1(x)

arccosx
/,(x)
,
x" cuu - l arctallX
,
~

sinx cosx arcco!x


I +x 2
,
-1 +x 2
cosx -sinx e'
"
Ianx
,
- 2- = 1 +tan-x
,
In .(

-,
cos x x
,
cotx -- ., =-I-cot~x Q'< a X Ina
S1l1- x
I log" e
arcsinx JogI/lxi =
JI-x~ xlno x

Die Ableitungen der Hyperbelfimkliollell sinh, cosh usw. sowie ihrer Umkehrfunktionen arsinh,
arcosh usw. entnimmt man der Tabelle des vorhergehenden Abschnitts.

Tabelle 3.2: Oft auftretende Funktionen und ihre Ableitungen

I(x) I'(x) f(·() f'(x)

Polynom L" ap:J.:


tl-I
LU + I)aj+lx j .;;
,
2.ji
/;=0 j=O
g'(.() x
In g(.I") (g(x) > 0) JI +.1"2
8(X) ~
xlnx-.( ,., JI _x 2 (1.(1 < 1)
x
~

Die folgenden Ablcitungsregeln gelten übemll dort, wo die Funktionen f. g differenzierbar


sind. und - im Falle der Division durch g - wo g(x) =1= 0 ist.

SUlIllllenregel: U + g)' = j' + g'.


Differenzen regel: U -g)' = j' -g'.
232 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

HOl/logellitül: (AI)' ~ AJ' (A E IR)


Prodllktregel: ([g)' = f'g + fg'
Quotientenregel:
GY ~
f'g-fg'
g2

Reziprokenregel:
GY ~
-g'
-,-
g-

Für verkellete Funktionen fog schreiben wir y = f(g(x» und setzen dabei y = fez), z = g(x).
Damit gilt - im Falle der Differenzierbarkeit - die

d)' d)' .1,


Kettel/regel: ~

.1x .1, dx

Sie kann auch in der Form (j 0 g)' = (j' 0 g)g' notiert werden.
Ist f streng monoton und differenzierbar in x, so schreiben wir y = f- l (x), X = f(y) und
erhalten die

.1y I
Regelfiir Umkehrflll/ktionell:
dX
~

.1x
dy

Sie läßt sich auch in derGestalt ([-1)' = 1/1' 0 f- l schreiben.

Übung 3.25:
Es sei 8 : I -+ IR auf dem Intervall I ungleich Null und mindestens li-mai differenzierbar.
Beweise

3.2 Ausbau der Differentialrechnung


3.2.1 Die Regeln von de I'Hospital J
Die Bestimmung eines Grenzwenes Iim f(x)fg(x) kann schwierig sein. wenn f(b) = g(b) = 0
,_b
ist. Sind fund g allerdings differenzierbar in b, und ist g'(b) =1= 0, so ist die Grenzwenbildung
einfach:
3 Gul1iaurne Francois Anloine Marquis de rHospital (1661-1704) hat die nach ihm benanmen Regeln von Johann
Bemolllli "gekallfl~! Regeln. Beweise und Beispiele wurden ihm von Bemollili - dem eigemlichen Entdecker-
mitgeteilt de rHospil<t1 zahlte dafiir daß er sie veröffentlichen durfte. Er schrieb 1696 d<t, erste Lehrbuch der Dif·
ferentialrechnung. Übrigens werden die de I"Hospital<;ehen Regeln von Studcnten oft scherzhaft die »Krankenhaus-
Regeln« genannt.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 233

Satz 3.16:
(Regell'oll Je I'Hospiral. elementarer Falf) Sind f :I _ IR, g : I _ R. differenzier-
bar in bEI (I Intervall), und gilt

[(b) ~ gib) ~ 0

sowie g'(b) ~ Oundg(x) ~ ofur alle x E I, x ~ b, so folgt

lim fex) = !,(b) . (3.55)


x_b g(x) g'(b)

Beweis:
Es sei x ~ b. x E I. Damit folgt sofort

[(x) ~ [(x) - [(b) ~ ~[~(,;~{(~b) ~ f'(b) fLir x _ b.


g(x) g(x) g(b) S(X1 ~(b) g'(b) .

o
Beispiel 3.13:
sinx cos(O)
(a) lim - - ~ -O - ~ I
x--->Oe-'~I e
lnx
(b) _~~I x2 _ I = (Der Leser ergänze die rechte Seite)

Der folgende Satz verallgemeinert den bewiesenen Satz 3.16.

Satz 3.17:
(Regeln VOll (Ie I'Hospital. allgemeiner Fall) Es seien fund g differenzierbare reelle
Funktionen auf dem Intervall (a. b), fur die

lim fex) = lim g(x) = 0


x_b x--->b

lim fex) = ±oo und lim g(x) = ±oo


x_b x_b

gilt. Es sei ferner g'(x) ~ 0 auf (0, b). Damit folgt

lim fex) = lim !,(x) (0 < x < b), (3.56)


x_b g(x) x--->b g'(x)

sofern der rechtsstehende Grenzwert existiert oder ±oo ist. (Hierbei ist auch a = -00
oder b = 00 zugelassen.)
234 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Für x -f a «(I < x < b) gilt die entsprechende Aussage.

Der Beweis beruht auf der gleichen Idee wie beim vorigen Satz. Wir fLihren ihn hier nicht aus,
sondern verweisen auf [26], S. 287.
Für den Ingenieur sind die Anwendungen des Satzes wichtig. (Gelegentlich wird hier von
»unbestimmten Ausdrücken« - oder -
o co
gesprochen, doch wollen wir diese mißverständliche
o co
Sprechweise besser vermeiden.) Wir beginnen mit einfachen Beispielen, die zeigen, welche Fülle
neuer Grenzwertaussagen mit Leichtigkeit aus den de I'Hospitalschen Regeln folgen.

ßeispiele
Im Folgenden seien a und b beliebige positive Zahlen.

Beispiel 3.14:
c".I" (le".\"
lim - x
..-_00 = lim - - =
..-_00 00 .
Daraus folgt

Beispiel 3.15:
e"'" (e((llb l.• ),
lim b
x_oo X
= x_oo
lim ---
x
=00.
D.h.: Jede Exponentialfunktion e"x (a > 0) geht sclmeller gegen 00 als jede Potenz von x. Daraus
folgt sofort

ßcispiel3.16:
lim p(x) e-"x = 0 ftir jedes reelle Polynom p.
"'_00

Beispiel 3.'7:
lnx I/x
lim - = lim -b-I - hm - = 0.
x_oo x h x_oo Irr - x_oo bx h
lox
Wegen log" x = - (a > 0) folgt auch
'"a
tim (Iog"x)/x b =0.
<_00

D.h.: Jeder Logarithmus log" x geht langsamer gegen 00 als jede Potenz von x.

Beispiel 3.18:
rh
- - = lim --;-'"=:;;::, = lim -=--- = 0
Inx I/x
lim x b In x
x_O
= .•lim
_0 x- h .1'_0 -bx b I .r-oO b
(x>O).

Daraus folgt
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 235

Bcispicl3.19:
lim x r = tim ex1nx = eO = 1 (x> 0).
X_O
,
X_O
,
Setzt man x = -, so folgt Hm -,/- = I, also gilt dies auch für den Kehrwert:
11 11-00 11 tI

tim
"_00
1/i = I.

Beispiel 3.20:
I-cosx smx cosx I
lim = hm - - = lim - - = - .
x_O x2 r_O 2.\ x_O 2 2

Hier wurden die de I'Hospitalschen Regeln zweimal hintereinander angewendet. Auch in den
folgenden Übungsbeispielen ist dies der Fall.

Beispiel 3.21:
I - cosx sinx cosx
li m -'c---=="- lim - - = lim - X- = I.
.r_oer_l_x X_O CX -I .r_O e

Beispiel 3.22:
coshx-I sinh x cosh x cosh 0 I
lim . ., = lim ;;cc-:----:---:- = li m .,
x_O sm- x x_o2sinxcosx x-02{cos2x-sin-x) = 2cos 2 0 = 2"

Grenzwerte "on Differenzen

Mit den de I'Hospitalschen Regeln lassen sieh auch Grenzwerte der Form

lim (fex) - g(x» (3.57)


x_I>

mit

lim j(x) = lim Sex) = 00 (3.58)


x_b x_b

bestimmen, also Grenzwerte, die verzweifelt nach 00-00 aussehen, was ja bekanntlich verboten
ist. Sind nämlich j und g auf (a, b) differenzierbar (a = -00, b = 00 zugelassen) und gilt (3.58),
wobei stets a < x < b ist, so sind j(x) =1= 0 und g(x) =1= 0 rur große x. etwa ft.ir alle xE (XO. b)
mit geeignetem xo. Für diese x rechnen wir
,
-----
,
1 I Sex) j(x)
[(xl - g(x) ~ -,- - -,- ~ , (3.59)
-- --
j(x) g{.\") j(.\")8(.\")

und versuchen. auf den rechts stehenden Bruch die Regeln von de l"Hospital anzuwenden.
236 3 Differenlialreehnung einer reellen Variablen

Beispiel 3.23:

lim I xI)
x....o (sinx
---- = li m
x-smx
--,-=---,-
x-o xsinx
= li m
I-cosx
x_ox·cosx+sinx
smx
= li m ---,---,---,-,,=~ = 0 .
x....o xsinx+2cosx

Beispiel 3.24:

lim
(I I)
x.... O x
----
eX-I

Übung 3.26:

lim
., .... 1
a 1- x _x
x
(u > 0). lim - I(
x ....Ox 2
1---
casx
I)
x~IJ.,.tln(I+~). lim _,. . _ - I- )
x .... I ( x - I Inx

Übung 3.27:
(a) Die P/lll1cksdu/ Slrahllll1gs!Ontld lautet

Miln beweise durch viemlaliges Anwenden der de l"Hospitalschcn Regeln. daß

lim Li.. =0
;,.....0

gilt. (Dies beschreibt auch den physikalischen Sachverhalt richtig.)


Anleitung: Man setze zweckmäßig x = ch/(k T},.) und unlersuche den entstehenden Aus-
druck flir x ---+ 00.

(b) (Freier FlIlIlI1it Reibung) Wir betrachten den freien Fall eines Körpers der Masse m durch
ein z:ihes Medium. Der Reibungswiderstand R verhalte sich proportional zum Quadrat
der Fallgeschwindigkeit v. also R = kv 2. mit einer Konstante k. Der Weg s. den der
Körper in der Zeit 1 zurücklegt. ist dann gegeben durch

wobei g die Erdbeschleunigung beleichnel.


I
Zeige. daß dieser Ausdruck ftir k ---+ 0 gegen .\' = 2g12 strebt. Dies ist die bekannte
Fannel ftir den freien Fall olme Reibung.

4 MUll Karl Ernst Ludwig Pland (1858 - 1947). deutscher Physiker


3.2 Ausbau der Differentialrechnung 237

Übung 3.28:
Wo siecki der Fehler in folgender Berechnung nach der de r Hospilalschen Regel:

t 3 -2x+[ 3x 2 _2 6.t
lim ''---T''-;'---
2
= lim - - - = lim - = 3?
x_I x I x_I 21" x_I 2

(Der richtige Grenzwen iSI [/2.)

3.2.2 Die Taylorsche5 Formel


Motivation: Da sich Polynome leicht berechnen und differenzieren lassen,ja. überhaupt bequem
handhaben lassen. möchte man auch komplizierte Funktionen wenigstens näherungsweise durch
Polynome darstellen. Wie lassen sich solche »Näherungspolynome« finden? Nach der Idee ~'Oll
Taylor gehl man folgendermaßen vor:
Ist f eine beliebige Funktion auf einem Intervall I um 0, so macht man den Ansatz

(3.60)

und verlangt, daß sämtliche Ableitungen des Polynoms

P(x) = Go + alx + (/2X2 + ... + a"x" (3.61)

von der O-ten bis zur II-ten Ableitung im Punkt 0 mit denjenigen von f übereinstimmen. Dies ist
natürlich nur möglich, wenn f wenigstens n-mal differenzierbar ist. was hier zusätzlich voraus-
gesetzt sei. Als nullte Ableitung f(O) bezeichnet man die Funktion f selbst: f(O) = f.
Es soll also P so bestimmt werden, daß

f(O) ~ P(O). f'(O) ~ P'(O), ... , (3.62)

erfl1llt ist. Dabei liegt der Gedanke zu Grunde, daß sich bei Übereinstimmung der ersten 11 Ablei-
tungen in 0 die beiden Funktionen fund P wohl nur wenig unterscheiden werden, zumindest in
genügender Niihe von O. Der Unterschied beider Funklionen

R,,(x) = fex) - P(x)

heißt Restglied. Man hofft, daß IR,,(x)1 möglichst klein wird.


Aus (3.62) ist das Näherungspolynom P leicht zu bestimmen. Für die Ableitungen von P in
oerrechnet man ohne Mühe
P(O) = ao. P'(O) = I !al . P"(O) = 2!a2 .... ,

Setzt man in der ersten Gleichung noch O! = I hinzu, so folgt aus (3.62) flir alle k = O. I, 2,
n
/(k)(O)
also ak=---, (3.63)
k!
5 Broo~ Taylor (1685 - 1731). englischer Mathcmali~cr
238 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

womit die Koeffizienten von P berechnet sind. Eingesetzt in (3.60) folgt also

[(x) = /(0) + ['(0) x + 1"(0) x2 + ... + _f_'''_'(O_) x" +R,,(x) (3.64)


, I! 2! Il!
l'(x)

Allgemeinfall: Will man allgemeiner [ durch ein Polynom annähern, das in der Nähe eines
beliebige" Punktes Xo E I möglichst gut mit / übereinstimmt, so hal man in (3.64) 0 durch
Xo zu ersetzen und statt x den Ausdruck (x - xo) zu schreiben. Es folgt damit der allgemeine
Näherungsansatz

. ['(xo) . I"(xo) 2 [(,,) (xo) . " .


/(.x) = [(xo)+--(.\-xo)+--(x-xo) +... + (.I.-xo) +R,,(.I.). (3.65)
I! 2! n!
Das Restglied wird wieder mit R,,(x) bezeichnet. Das Näherungspolynom

f '(x ) f'"' (x 0) « _ xo)"


x = f( xo)
P() + -,-,-
0 (x - x() ) +. .. + Il!" (3.66)

erfüllt p(k)(xO) = [(k)(xO) für alle k = 0, 1.2, ... , n.


Natürlich möchte man wissen, wie gut das Polynom P die Funktion [ annähert, d.h. wie groß
der »Fehler« IR,,(x)1 = I/(x) - P(x)1 ist. Diese Frage wird durch folgenden Satz beantwortet,
in dem gebriiuchliche Formeln rur das Restglied angegeben sind.

Satz 3.18:
(Taylorsche Forme/mit Restglied) Es sei / eine reel1e, (11 + 1)- mal differenzierbare
Funktion auf einem Intervall J. Sie läßt sich in folgender Form darstel1en:

[' (Xo) I" (xo) 1


/(x) = /(xo)+-I-!-(x~xO)+-2-!-(x~xo) +.
(3.67)

wobei x und Xo beliebig aus I wählbar sind.


(a) Das Restglied R,,(x) kann dabei folgendermaßen geschrieben werden:

f ,"+II(,)
( ) -_
R"x , (x - ..to. )"(x - <,;,),,+1-1' • Schlömilchs6 Restgliedformel.
"li)
(3.68)

Dabei ist fJ eine beliebige Zahl aus {I. 2 ..... n + I} und ~ - im Falle x i= xo
- ein Wert zwischen x und .\"0, dessen Lage von x . ..to, fJ und 11 abhiingt. (Die
genaue Lage von ~ ist normalerweise nicht bekannt.) Im Falle x = Xo ist ~ = Xo
zu setzen.

6 Oscar Xavier Schlömiich (1823 - 19(1). deutscher Mmhernati~er


3.2 Ausbau der Differentialrechnung 239

(b) Wählt man p = J1 + I in Schlömi1chs Restgliedfofmel, so folgt der wichtige


Spezialfall

f(I1+1)(~)
R,,(x) = (Il + I)! (x -xO){,,+I). LagmilgescIJe7 Restgliedfonnel, (3.69)

(c) während man im Falle p = I folgendes erhält:

f(n+I)(~)
R,,(x) = (x-xo)(x-O ll . COllchysclJe Restgliedformel. (3.70)
n!
(3.67) heißt Taylorformell'oll f. eil/wickelt 1/11I xo.

Beweis:
8 Es sei paus {I. 2..... " + I} beliebig, aber fest gewählt. Im Falle x = xo ist R" (xo) = 0
(naeh (3.68)) und damit (3.67) erfLillt. Wir setzen daher im Folgenden x i= xo (x E I) voraus
und bestimmen dazu Cx E IR so, daß

['(xo) f{") (xo) ( )" ( )1'


f(x)=f(.ro)+-l-'-(.r~.ro)+ ... + x~xo +cx · x~xo (3.71)
I/!
gilt: Man ersetzt nun Xo durch eine Variable z, wobei x und Cx festgehalten werden, d.h. man
betrachtet die durch
['(~) f"(z) f(lI)(Z)
F(z) := fez) + -<-(x - z)+ - - ( x _Z)2+ ... + - - ( x -z)" +Cx · (x -z)P (3.72)
I! 2! II!
definierte Funktion auf J. Sie erflillt offenbar F(x) = fex) und F(xo) = f(x), also F(x) =
F(xo). Nach dem Satz von Rolle gibt es daher ein ~ zwischen x und Xo mit

Dabei hat F'(z) fur beliebige z E I den Wert

f{,,+I)(Z)
Fr(z) = (x - z)" ~ c,p(x ~ Z)/,-I.
Il!
wie man leicht aus (3.72) berechnet. Für z = ~ wird dieser Ausdruck Null. Auflösen nach c,
ergibt somit
(,,+1)(,)
c, = / S (x _ ~)"+I-p.
l1!p

Setzt man dies in (3.71) ein, so folgt damit die Behauptung des Satzes. o
7 kan Louis Lagrange (t 736- 18t3). itatienischer Mathematiker und Astronom
8 Vom anwendungsorientienen Leser kann der Beweis ohne Nachtcil iibcrspnmgcn ....·crdcn.
240 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Zur Verwendung der Rcstgliedformeln

Wir wollen exemplarisch die Lagrangesche Restgliedformel betrachten. die am häufigsten ver-
wendet wird:

(3.73)

Man kann sich die Formel/eich/merken, denn man hat nur das (/1 + l)-tc Glied der Taylorformcl
hinzuschreiben.

und in [(II+l) (xo) das Xo durch ~ zu ersetzen.


Das ~ ist zwar unbekannt, doch ist dies nicht so schlimm, da man normalerweise R" (x) nicht
exakt benötigt, sondern lediglich IR,,(x)1 von oben abschätzen möchte. Das ist möglich, wenn
z.B. [(,,+1) in I beschränkt ist, gcnauer, wenn man eine Konstante M > 0 finden kann mit
1[(n+1)(x)1 s M in I. Das ist häufig möglich. Dann folgt aus (3.73) die Abschätzung

M
IR,,(x)1 S ;:--;-o;olx - xol"+1 ,
(11+ I)!
mit der sich gut arbeiten läßt.
Wir wollen dies am Beispiel der Exponentialfunktion, der Sinusfunktion und anderer Funktio-
nen zeigen.

3.2.3 Beispiele zur Taylorformel

Beispiel 3.25:
Für die Exponentialfunktion

[(x)=e X • xER.

ist die Taylorformel schnell hingeschrieben: Wegen

eX = [(x) = ['(x) = ["(x) = ... = [(I:)(x) = ...

also insbesondere [(1:)(0) = eO = I rur alle k = O. 1,2, ... lautet die Taylorformel von e",
entwickelt um 0 (nach (3.67»:

x r2 r" e~ X"+ 1
eX= I + ~ +:.--. + .... +=---- + RII(x) mit R,,(x) = (11 + I)! . (3.74)
I! 2! I/!
Dabei ist ~ ein von x und 11 abhängiger Wert zwischen 0 und x (im Falle.r = 0 ist ~ = 0). Wegen
I~ 1 s lxi können wir das Restglied bequem abschätzen; es ist
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 241

el.'llxl,,+1
IR,,(x)l::: ( 1)' (3.75)
n+ .

Hiemus erkennt man sofort, daß

lim R,,(x) = 0 (3.76)


')---->00

gilt, denn bezeichnet man die rechte Seite in (3.75) mit 0", so gilt

a,,+l
- - ~ -lxi- _ 0 rur 11_ 00.
(l1l 11 +2

Damit ist rL,=,f (I,,] nach dem Quotientenkriterium eine konvergente Reihe, woraus a" _ Q fur

11 _ 00 folgt und somit R,,(x) _ 0 rur 11 _ 00. Aus (3.74) ergibt sich damit die Reihenent-
wicklung

(3.77)

Die Reihe heißt Taylorreihe von e X um Q. Wir haben hier eine der wichtigsten und berühmtesten
Reihen der Analysis vor uns. Speziell fur x = I gewinnen wir daraus eine Berechnungsmethode
fur e:

(3.78)

Der Abbruchfehler ist dabei höchstens so groß wie das erste weggelassene Glied, multipliziert
mit e oder - da e zunächst nicht gcnau bekannt ist - mit 3. Mit (3.74) haben wir überdies eine
gute Formel zur Berechnung von eX rur kleine x, insbesondere für 0 ::: x ::: I (für -1 <.r < 0
kann man e'< = 1/ e- x ausnutzen). Für größere .r kann man so vorgehen: Ist k ::: .r < k + I
(k E N), so bildet man

berechnet e.T-k mit der Taylorformel (da ja 0::: x - k < 1), und multipliziert dies k-mal mit e.

Bemerkung: Es sei erwähnt, daß man auf Computern heute verbesserte Methoden verwendet.
Schließlich ist die Mathematik in den letzten 200 Jahren nicht stehen geblieben. Doch ist die
Taylorformel trotzdem eine vorLügliche Methode zur Berechnung von e<

Beispiel 3.26:
Auch Sillll.f und COSillll.f lassen sich leicht in Taylorformeln um 0 entwickeln. Beginnen wir mit
sinx und schreiben die Taylorentwicklung hin:
242 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

sin' 0 sin" 0 2 Sill(") 0


sinx = sinO+ -'-I-x + 2iX + ... + -'->i-X" + R,,(x).

Dann berechnen wir die darin auftauchenden Ableitungen von sin bei 0:

sinO=O,
sm' x = cosx => sin'O = I,
sin" x = -sinx => sin"O = 0,
sin"'x=~cosx => sin"'O=~I.
sin(4) x = sin x => sin(4) 0 = 0,
usw. Also folgt

. x3 5 7
smx = x - - + -x - -x + ... + RII(x). mit (3.79)
3! 5! 7!

Analog errechnet man

x2 x4 x6 cos(,,+I)(~)
cosx = 1- 2! + 4! - 6! + ... + R,,(x), mit R,,(x) = (11 + I)! x,,+1 (3.80)

Da Isinxl ::s 1 und Icosxl ::s 1 ist und damit auch I sin("+I)(~)1 ::s 1, I cos("+I)(~)1 ::s 1, gilt fLir
die Restglieder in beiden Fällen

Ixl,,+1
IRII(x)l::s (
Tl + I)'·
.
Die rechte Seite strebt für 11 --7 00 gegen 0 (wie in Beispiel 3.25), also gilt R II (x) --7 0 rur
11 --7 00.
Damit erhält man die Taylorreihcn von sinx und cosx:

3 .5 7 00 ( I)'
. X.\ X "" - 2k+l
S1l1X=X-3T+ 5! -7! +"'=L(2k+I)!x .
k=O
(3.81)
x2 x4 x6
cosx = I - - + - - - + ... =
2:: (_I)k
00

(2k)' x
2k
.
2! 4! 6!
k=O

Die Taylorenlwicklungcn von sinx und cosx licfern uns Berechnungsmcthoden, mit denen sin x
und cosx beliebig genau ermittelt werden können, insbesondere flir lxi ::s Durch sukzessives t.
Anwenden der Formeln ± sinx = cos (1- T x), sinx = sin(n - x), sin x = sin(x + 2kn) (k
ganz) und entsprechender »Verschiebeformeln« flir cosx kann man damit sinx und cosx auch
rur beliebige x E IR berechnen. Dies macht die Stärke der Taylorformel deutlich! (Computer
benutzen verbessene Formeln, ja, sie gehen oft sogar tabellarisch vor.)
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 243

Bcispicl3.27:
Die Taylorformel der Logaritltlllll.r-Fullklioll Inx kann man nicht um 0 entwickeln, da die Funkti-
on dort einen Pol hat. Man entwickelt sie statt dessen um I, also um die Nullstelle von Inx, oder
- was auf dasselbe hinausläuft - man entwickelt [(x) = In(1 + x) um O. Dazu errechnet man

['(x) = (1 +x)-I, !,'(x) = -(1 +x)-2, f"'(x) = 2!(1 +x)-3.


f(k)(x) = _(_I)k(k - 1)!(1 +x)-k,

setzt x = 0 ein und erhält die Taylorentwicklung

x2 x3 x4 (-xl"
fex) = In(l +x) = x - 2 +:3 - 4 + ... - -,-,- + R,,(x).
Für 0::: x::: I folgt aus der Lagrangeschen Restgliedformel mit einem ~ E (0. x):

I x,,+l 1
IR".('li -- - -.
11 + I (I + 0,,+1 < - - -+
- 11 +I 0 rur ,,-+ 00.

während fur -I < x < 0 die Cauchysche Restgliedformel verwendet wird:

Ixllx-H' lxi IX-~I"


IR,,(x)1 = (1 +~)n+l = 1 +~ I +~ mit -1<x<~<O.

Wegen 1 +s > 1 +x und

(3.82)

folgt

lxi
IR,,(x)1 ::: _ _ lxiII -+ 0 rur 11 -+ 00.
I+x
Damit erhält man die TaylolTeihe

x2 x3 x4
In(l + x) = x - - + - - - + -. für -1<x:::l. (3.83)
2 3 4

Für x > I und x ::: -I liegt offenbar keine Konvergenz vor. Setzt man x = 1 ein, so gewinnt
man die bemerkenswerte Formel
1 I I I
In 2 = I - '2 + :3 - 4: + '5 - +. . (3.84)

die sich kein Autor an dieser Stelle entgehen läßt.


244 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Zur Berechnung "Oll Logarithmen kann man mit der Taylorreihe (3.83) trickreich umgehen,
und zwar so: Will man In a fUr a > 0 ermitteln, so berechnet man zunächst
(I-I I+x
x=--. woraus a = - - folgt.
a+1 I-x
E~ ist lxi< 1. Damit gewinnt man aus (3.83):
3 S
I+x
In(l=ln--=ln(l+x)-ln(l-x)=2 ( x +x- + x- + ... )
1 -x 3 5

Die rechtsstehende Reihe gestattet eine effektive Berechnung von In (I, wenn a in der Nähe von
I liegt. Liegt a > 0 nicht in der Nähe von 1, ist es also sehr groß oder sehr klein. so kann
man a zuerst durch eine Potenz ek dividieren (k ganz), so daß aj e k . so nahe wie möglich bei I
liegt. Dann berechnet man ln(a/ ek ) nach obiger Methode und gewinnt damit In a = ln(a/ e k ) +
In e k = In(aj ek ) + k. Es sei bemerkt. daß die eingebauten Programme auf Computern heute
noch effektivere Methoden benutzen (wie z.B. Tschebyscheff-Polynome, Tabcl1enillterpolation
u.a.). auf die hier nicht eingegangen werden kann.

Beispiel 3.28:

(Binomische Reihe) (I) Als besonders einfache Funktion betrachten wir zunächst

[(x)=(I+x)" mit nEN,xEIR.

Wir errechnen die Ableitungen [(k)(x) und erhalten

[(k)(O) = 11(11- l)(n-2) ... (n -k+ I) = ("). (n ~ k). (3.85)


k! k! k

Ferner ist f(1l+I)(x) == 0, also R,,(x) = 0 fur das Restglied der Taylorforrnel. Damit lautet die
TayloTCntwicklung von (I + x)" um 0:

(I +x)" ~ tG)
k=O
(a EN). (3.86)

Dies ist die wohlbekannte binomische Formel, die hier auf neuem Weg gewonnen wurde. (Man
hat nur x = b/a zu setzen und mit a" zu multiplizieren, um aus (3.86) die gewohnte Form
(a + b)" = ... zu erhalten.)

(11) Wir setzen nun statt 11 E N eine beliebige reelle Zahl (I ein, d.h. wir wollen die Funktion

fex) = (I +.\f, a E R, lxi< I

in eine Taylorformel um 0 entwickeln. Dazu berechnen wir die Ableitungen

j(k'(X) = a(a ~ I)(a ~ 2)· .(a~k+l)(l+x)"-k.


3.2 Ausbau der Differentialrechnung 245

Analog zu (3.85) definien man Binomialkoeffizienten (:) für beliebiges reelles a:

·«(I-k+l)
") := {j(u -
(k
l)(a ~ 2)· ..
k!
für k E N, nebst (~):=: I.

Damit ergibt sich j{J;)(O)/ k! =: (:) und somit die Taylorentwicklung


j(x) =: (I +.lf =: L" G)x k + R,,(x). (3.87)
k==O

Das Restglied wird mit der Cauchyschen Restgliedformel und (3,82) folgendermaßen abge-
schätzt:

f(,,+I)«).x « - ') "I 1(" )(n+()x(x-O"I


I R (x)1
"
~
I n!'"
~
11+1(I+sy+l"

-I(
-
11
a ) (,,+I)x
+ I (I
I
+ s)"
1.1:':..::11"
+s -
I
I( +a )(n+l)xl
<
/I I C
lxi "_.
_.a".

Dabei ist C > 0 so gewählt, daß eS I1 + sll-a fLir alle denkbaren s zwischen 0 und.r gilt
(lxi< I). Für den rechts stehenden Ausdruck a" gilt aber a ll /a,,_l =: Ixlla - -+ lxi
[f a,,]
/11111

fLir n -+ 00, also ist nach dem Quotientcnkritcrium fLir Reihen konvcrgcnt. woraus
fl== I
a" -+ 0 fLir 11 -+ 00 folgt, also auch

R,,(x) -+ 0 fLir 11 -+ 00.

Damit ergibt sich aus (3.87) die binomische Reihe:

(I + x)" =: t
k==O
(:)x k
, lxi< I, aE IR. (3.88)

In der Technik muß man öfters (I + x)" fLir »kleine« lxi< 1 berechnen. Aus (3.87) folgt fUr
11 =:
2 die brauchbare Näherungsformel

a(a-l) 2
(1 +x)"::::;:; I +ax + 2 x, (3.89)

wobei das Restglied RJ(x) vernachliissigt wird. (Ob dies im Rahmen der gefordenen Genauigkeit
zulässig ist. muß mit einer der Restgliedformeln gegebenenfalls überprüft werden.) Im Falle
a =: 1/2 und lxi « I erhalten wir z.B. die Näherungsformel

x x'
v'l+X ~ 1 +"2 - s· (3.90)
246 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Für das vernachlässigte Restglied errechnet man im Falle lxi:::: 1/4 z.B.IR3(x)1 :::: O.14IxI 3. Der
Fehler liegt also höchstens in der Größenordnung von 0.002, was zumindest bei Übcrschlagsrech-
nungen akzeptabel ist.

Übung 3.29*:
Beweise

I x 2 x3 .t 4
'0--
I-x
=.1"+ -2 +-+-+
3 4
Hir-l:;:x<1.

Übung 3.30:
Es soll sinx Hir lxi:;: %mit der Taylorfonnel (3.79) berechnet werden. und zwar mit einer
Genauigkeit von 8 Dezimalstellen nach dem KOmmll. Wic groß ist n zu wählen?

Übung 3.31:
Enlwickle fe.t) = I/JT'+""X Hir I.tl :;: I in eine Taylorfomlel um 0 Hir 11 = 3. Schälze das
Reslglied 1<3(x) mit der L1grangeschen Formel ab.

3.2.4 Zusammenstellung der Taylor~ihen elementa~r Funktionen


Im letzten Abschnitt haben wir schon Taylorreihcn einiger ausgewählter Funktioncn betrachtet.
Allgemein versteht man unter einer Taylorreihe folgendes:

Definition 3.4:
Ist j eine rcellc, beliebig oft differenzierbare Funktion auf einem Intervall I, so lautet
die zugehörige Taylorreihe, entwickelt um xo E /:

!'(xo) /,,(xo) .., j(k)(xO) k ]


[
f(xo) + -,-,-(x -xo)+ -2-'-(x -xo)-+ ... + k! (x -.ro) + ....

oder kürzer geschrieben:

Folgerung 3.7:
Die Taylorreihe von f, entwickelt um xo, konvergiert genau dann gegen fex), (x E /),
wenn das Restglied

" j'''(Xo ) ,
R,,(x) = fex) - I:
k",O
k!
(x - -'"0) .
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 247

flir 1/ --7 00 gegen 0 konvergiert. Man schreibt dann

f(k)(xO) k
L
00
fex) ~ k! (x -xo) . (3.91)
k=O

Gilt dies flir alle x aus einem Intervall um xo, so sagt man: »f Hißt sich in diesem In-
tervall in eine (konvergente) Taylorreihe um xo entwickeln« oder» f besitzt in diesem
Intervall eine Taylorreihe um xo«.

Ein einfaches aber brauchbares Kritcrium dafür, daß eine Taylorreihe gegen f(x) konvergiert, ist
in folgendem Satz angegeben:

Satz 3.19:
(KunvergenzkriteriulII jiir Tay/orreihen) Eine beliebig oft differenzierbare Funktion
f / --7 IR (J Intervall) läßt sich auf I in eine konvergente Taylorreihe entwickeln,
und zwar um einen beliebigen Punkt Xo EI, wenn

If(II)(x)1 S. CM" fliral1ell E Nundullex E I (3.92)

gilt, wobei C und M von 1/ und x unabhängige Konstanten sind.

Beweis:
Aus der Lagrangesehen Restgliedformcl folgt mit (3.92)
1
R (x)] < C IM· (x - xoW+ (3.93)
I 11 - (1/+1)1

Man erkennt (/,,+[/(1 11 = M . Ix - xol/(II + I) --7 0 fUr 11 --7 00. Nach dem Quotientenkriterium
00
flir Reihen konvergiert also La", woraus (/11 --7 0 folgt. 0
11=1

In Tabelle 3.3 sind die Taylorreihen der wichtigsten elementaren Funktionen übersichtlich
zusammengestellt.
Die ersten sechs Taylorreihen der Tabelle sind im letzten Abschnitt hergeleitet worden. Die
Herleitungen der Taylorreihen rur die Arcus-Funktionen und flir sinh, cosh werden dem Leser
zur Übung überlassen. Die Konvergenz der Arcus-Funktionsreihen läßt sich auf (~I. I) durch
Restgliedabschätzung unschwer gewinnen. Die ReihendarsteIlung der Arcus-Funklionen in den
Randpunkten I und -I folgt dagegen aus dem Abelschen Grenzwertsatz (Absehn. 5.2). Wir
sparen die :lUsführlichen Überlegungen dazu und begnügen uns mit diesem Hinweis (vgl. auch
[261, Abschn. 65).
Für die Herleitung der Taylorreihen von tan x, x cotx, tunh x und x coth x verweisen wir auf
[261, Abschn. 71. Zur numerischen Berechnung der Funktionswerte tanx, tanhx usw. verwen~
det man allerdings die Taylorreihen dieser Funktionen nicht, sondern greift besser auf tanx =
sinx/cosJ.", tanhJ." = sinhJ."/coshx zurück, wobei sinx, cos.\", sinhx und coshJ." durch ihre
Taylorreihen ermittelt werden können.
248 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Tabelle 3.3: Taylorreihen elementarer Funktionen

Funktion Taylorreihc Konvergenzi ntervall

(1 +x)" = t
k=O
G)x k • 11 E NUjOI

(I + .l)11 = f: G)-/.
k-O
1I E IR. (-1.1)

00 ,

eX='"'~
L... k!
k=O
00 _(_x)k
In(1 +x) = L -,-.- (-LlI
k=t

sinx = L00 (-[l


(2k + I)! x
2k + 1
k=O

COS.l' = L00 (_I)k ~.


--x·,
k=O (2k)!
00 22k(22k _ I)
U 1
tan.\' = L(-l)t+t (2k)! B2kX -
k=1
82k Bemoullisehc Zahlen. s. Abschnittsende

(-rr. rr)

[x3 1.3.1'5 [.3.5.l7 00 (2k)! x2k+1


arCSin.l'=.l+--+--+----+ - ' " ' - - 1-1.1]
232.452·4.67 "·-L... 2 2k(k!)22k+1
k=O
arccos.l' = '2rr - .
arcsl1l.l' [-1.1]
5 7
.l3 x x .. = ~ (_I)k .x 2k + t
arctan.l' =x -"3 +"5 -7"+' L 2k+ I 1-1.11
k=O
arccOI.l' = '2rr - arctan.l' 1-1.1]
00 l2k+1
sinh.l' = L (~k + I)!
k=O
00 l2k
cosh.\' = L ;2k)!
k=O
00 22k(22k _ I) 2k-l
lunh.l' = L (2k)! 82k X
k=1

x h" 00 2U
cot x = L... (2k)! B "
2kx~ (-rr. iT)
k=O
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 249

In den Taylorreihen von tan und cot werden dic Bemoullischell ZahleIl verwendet. Sie lasscn
sich rekursiv berechncn aus

BO = I Hirll= 1,2.3, ....

Man crhält

I
B8=-30'

während BZk+1 = Oist fLirallek = 1,2,3,

Übung 3.32:
Es sei / auf dem Intervall (-r. r) in eine Taylorreihe um 0 entwiekelbar (r > 0). Bt1l1'eise:
(a) lSI I eine gerade Funktion. d.h. I(-x) = I(x) fUr alle xE (-r. r). so kommen in der
00
Taylorreihe von / nur gemde Exponenten vor. d.h. sie hat die Form L U2kX2k.
k=O
(b) [SI fungerade. d.h. gilt f( -.t) = - f(x) auf (-r. r). so kommen in der Taylorreihe von
00
/ nur ungerade Exponenten vor. sie hut ulso die Gestalt L U2k+t.tZk+l.
k=O

Übung 3.33:
Leite die Taylorreihen von sinhx. coshx her. Gib auf I = (-r. r) eine Restgliedabsch~itzung
uno wobei Sutz 3.19 nebst (3.93) benutzt werden kann. (Es isl dubei M = I ZU setzen! Wie groß
ist C zu setzen?)

3.2,5 Ucrcchnung von ]f9

Setzt man in die Taylorrcihe von arctan den Wert x = 1 ein, so folgt wegen arctan(l) = ]f /4 die
überraschende Gleichung

7r 1 I I
-=1--+---+.
4 357
(3.94)

Die rechts stehende Reihe heißt Leibllizsehe Reihe. Zur praktischen Berechnung von ]f ist sie
ungeeignet, da sie sehr langsam konvergiert. Doch gibt sie eine Anregung. wie man verfahren
kann. Und zwar gewinnt man aus dem Additionstheorem

-:'c"c"cx,--,+_'c"c"c'c..' = tan(x + y)
l-tanxtany

9 Kann I"om anwendungsorientierten Leser überschlagen werden. Doch zeigt der Absehnit(. wie dieses uralte Pro-
blem mit unseren Methoden äußerst effektiv gelöst werden kann.
250 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

.. I +s
mit / = tanx und 05 = tan y durch Ubergang zur Umkehrfunktion die Gleichung arctan - - ~
I-/s
x + y,also
1+'
arctan - - = arctan / + arctan $ . (3.95)
I -1$

1 +, 120 1
Mit - - = I erhält man links
1-1.\'
Jr /4. Wir wählen zunächst / Ti9 und $ ~ - - woraus
239'
1+05
-- ~ I folgt, also nach (3.94)
1-/$ -

Jr 120 I
- = arctan - - arctan - . (3.96)
4 119 239

Nun ist aber

120 -&+iJ
119= I-
5
TI
5'
'
TI
also nach (3.95)

120 5 5 5
arctan - = arctan - + arctan - = 2 arctan - . und
119 12 12 12
5 .!. +.!.5 5 I
-12 = 5 1 1' also arctan- = 2arctan ~.
1- 3 '3 12 5

Dies alles eingesetzt in (3.96) liefert

Jr = 4(4 arctan ~ - arctan 2~9 ) (3.97)

1 .
Mll der Taylorrelhe von arctan, angewendet auf arctan 5" und 239' errechnet man hIeraus Jr

bequem mit hoher Genauigkeit. Dabei werden nur wenige Glieder der Reihen benötigt.

Übung 3.34:
. I . I 1+$. .
Man verbessere Formel (3.97), Indem man - m der Form - = - - ausdrm:kl, und zwar nut
5 5 I -IS
. I. I
Wenen 1 und s. deren Absolutwene klcmcr als '5 smd (z.B. 1 = 10' s =?).

Konvexität, geometrische Bedeutung der zweiten Ableitung


Die Funktion in Fig. 3.9a ist konvex, diejenige in Fig. 3.9b konkav. Konvexe Funktionen wölben
sich »nach unten«, konkave »nach oben«.
Dabei ist auch der Grenzfall eines Geradenstücks zugelassen. Dies ist sowohl konvex wie
konkav.
Liegt eine »nach unten gewölbte« Funktion vor, die kein Geradenstück enthäll, so nennt man
sie zur besseren Unterscheidung sireng konvex. Entsprechend gibt es auch slreng konkave Funk-
tionen.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 251

a} konvex b} konkav

Fig. 3.9: Konvexe und konkave Funktionen

Wie kann man diesen anschaulichen Sachverhalt in Formeln umgießen?


Dazu sehen wir uns Fig. 3.10 an. Dort ist eine konvexe Funktion f I _ IR gezeichnet.
(I Intervall). Charakteristisch fLir diese Funktion ist folgendes: Verbindet man zwei beliebige
Graphenpunkte (XI,)'I) und (X2. )'2) durch eine Strecke - ~~Sehne« genannt - , so liegt das
Graphenstück von f. welches sich zwischen den Punkten befindet, »unterhalb« der Sehne -
oder im Grenzfall auf der Sehne.
Das heißt: Wählen wir eine beliebige Zahl X zwischen XI und X2 (Xl< X < X2), so ist stets

fex) .:'S g(x). (3.98)

wobei g die Gerade dureh die beiden Punkte (XI. Y!l, (X2. Y2) ist (YI
Nach der ~~Zweipunkteform« einer Geraden gilt

X - XI
g(x) = Ü2 - y ] ) - -
X2 -XI
+ YI . (3.99)

Mit der Abkürzung

x- XI
A~-­ (3.100)
X2 - XI

folgt

g(X) = (I - ).,)YI + ).,Y2.


Die Zahl)., ist das Verhiiltnis der Streckenliingen x - XI zu X2 - Xl (s. Fig. 3.10), also gilt
o< )., < I. Umgekehrt kann man X durch dieses Streckenverhältnis ausdrücken. indem man
(3.100) nach x aunöst:

Einsetzen in (3.98) ergibt

f«(I - ).,)Xt + Ax2) .::: (I - ).,)YI + ).,)'2 fur alle)., E (0, I).
252 3 Differentialrcehnung ciner reellen Variablen

fIx) : g(x)

,
Fig. 3.10: Zur fOmlClmäßigcn Erfassung konvexer Funktioncn

Diese Ungleichung ist charakteristisch ftlr konvexe Funktionen. Unsere anschauliche Motivation
ftihl1 uns damit zu folgender exakten Definition:

Definition 3.5:
Eine reellwertige Funktion I heißt kOlll'ex auf einem Intervall I, wenn die Unglei-
chung

ftjr beliebige XI, X2 E I und beliebiges A E (0. I) erfullt ist.


Darf in der Ungleichung< ansteJle von:::: gesetzt werden, so nennt man I sIreng
konvex. Im Falle ~ anstelle von:::: wird I konkav genannt, int Falle> anstelle von ::::
streng konkav.

Statt» I ist streng konvex« sagt man auch» I hat eine Linkskrümmung«, entsprechend bei streng
konkavem I : » I hat eine Rechtskrümmung«. (Hier stellt man sich offenbar vor, daß man im
Auto auf dem Graphen von I entlangtiihrt in Richtung steigender x-Werte.)

Geometrische Deutung der zweiten Ableitung

Die Betrachtung der Fig. 3.9a zeigt, daß die Steigung der gezeichneten konvexen Funktion I
von links nach rechts zunimmt (oder wenigstens nicht abnimmt). J' ist also monoton steigend.
Das bedeutet aber I"(x) ~ O. Man vermutet sogar, daß aus I"(x) > 0 strenge Konvexität folgt.
Entsprechend ist eine konkave Funktion durch II/(x) :::: 0 gekennzeichnet. während I"(x) < 0
sogar strenge Konkavheit verbürgt (zweimalige Differenzierbarkeit vorausgesetzt). Wir präzisie-
ren diese anschaulichen Überlegungen in folgendem Satz:

Satz 3.20:
o
Es sei I eine reeJle Funktion. die auf einem Intervall I stetig ist und im Inneren I
dieses Intervalls zweimal stetig differenzierbar ist. Damit folgt:

II/(x) ::: 0 rur alle XE r <=> I ist konvex auf I,


o
II/(x):::: ofur alle x EI<=> I ist kOllkav auf J.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 253

Im Falle positiver bzw. negativer zweiter Ableitung gilt die Verschärfung:

f f
, 0
((x) > 0 rur alle x E / <=> ist streng konvex auf I.
o
f"(x) < 0 rur alle xE / ~ f ist streng konkav auf /.

Beweis:
o
(I) Es sei j"(x) ::: 0 auf I. Wir zeigen. daß f konvex auf 1 ist, d.h. daß flir beliebige XI < X2
aus 1 gilt:

[(I - A)f(X)) + Af(x2)J - fex) ::: 0 fur x = (I ~ A)Xl +)..x2. A E (0.1).

Man erkennt die Richtigkeit der Ungleichung durch folgende Umformung:

(I - A)f(x)) + >"f(X2) - I(x)


nach Mittelwertsatz mit
~ (I - A)(f(.,,) - I(x» + «/(X2) - I(x))
Xl < SI < X < ~2 < X2
~ (I - A)/'<o,)(x, - x) + Aj'(02)(X2 - x)
= (I - A)I{(~))A(XI - xl> + A(l - >")f{(~2)(x2 - x))
wiederum nach
~ A(I - A)(X2 - x,)(f'<O,) - I'(~,))
Mittelwertsatz mit
= ~(I - A)(X2 - Xd(~2 - ~]) j"(~o) ::: 0
~I < ~o < ~2
>0

Die Konvexität ist damit gezeigt. Im Falle I"(x) > 0 auf I folgt insbesondere I"(~o) > 0 und
damit die strenge Konvexität. Der konkave Fall ergibt sich analog.
o
(11) Umgekehrt ist zu zeigen: I konvex:::} rex) ::: 0 auf I. f sei also konvex auf I; damit gilt
o
rur beliebige Punkte XI < X < X2 aus / die Ungleichung (3.98)

fex) ::: g(x).

wobei S die Gerade durch (XI. f(xl» und (X2. f(x2» ist. Subtraktion von f(xl) = S(X)) und
Division durch x - XI > 0 liefert

,.I"(x,,),,---,,I,,(_x,,» ::: Sex) - S(Xl) =: m .


x~XI X-XI

wobei 11I die Steigung der Geraden g ist. Mit x ---+ x I erhält man j' (x I) .::: 11I. Analog folgt aus

fex) .::: g(x) nach SublTaktion von I(X2) = g(X2) und Division durch x - X2 < 0:

e.1.c(x")_--,I,,(,,,X2c.) g (x) - g (X2)


- > = 11I :::} ['(xl>::: 11I.
X-X2 - X-X2

Zusammen erhalten wir J'(x» .::: f'(X2) fur XI < X2, also ist f' monOlOn steigend und somit
o
["(x) ::: 0 auf I. Der konkave Fall verläuft entsprechend. 0
254 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Zum Beispiel: Die folgenden Funktionen sind streng konvex aufR, da ihre zweiten Ableitungen
positiv sind:

f(x)=x 2 • f(x) = e,f. f(x) = coshx.

Die Funktion f(x) = x 3 ist streng konvex auf (0. (0) und streng konkav auf (~oo. 0).
Der Konvexitätsbedingung kann man folgende allgemeinere Fassung geben:
Folgerung 3.8:
fist genau dann konvex auf dem Intervall I. wenn

"
s I>f(x,). (/I~2). (3,101)
i=1

"
gilt fLir beliebige XI •.... x" E 1 und beliebige positive A\ •...• An mit LAi = I.
;=1

Bei strenger Konvexität steht< statt ::": in (3.10 I). Für (streng) konkave Funktionen haben
wir ~ (bzw. » in (3.101). Der Beweis wird mit vollständiger Induktion gefLihrt und bleibt dem
Leser überlassen.
Die Ungleichung (3.101) fUhrt auf weitere fundamentale Ungleichungen der Mathematik
(s. [261, Abschn. 59). Zum Beispiel erhalten wir damus

l'olgcl'ung 3.9:
(Ungleichung (/es gewichteten arithmeliscllellllnd geometrischen Miuels) Für beliebi-

ge nichtnegative Zahlen (11 • •..• (/"


"
und beliebige positive AI ..... A" mit LAi = I
;=1
gilt

a"1 ,,1.2
2 ..... I.
(I"
n < "'1(11
_ ' + "'2(12
. + ... + . ",,,(I,,. (3,102)

Im Falle Ai = 1/11 fur alle i erhält man die klassische Ungleichung des geometrischen
und arithmetischen Mittels

~(lI·(l2· ... ·(ln::": -


a"",_+,-=a",_+'-'.,C'c'+.:..:'",'" (3.103)
"

Beweis:
Inx ist streng konkav auf (0.00). da die zweite Ableitung negativ ist. Damit gilt nach Folge-
rung 3.8

"
:::. LAi In (I; = In ((I~I
;=1
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 255

wobei alle Gj als positiv vorausgesetzt seien. Wegen der Monotonie der Logarithmusfunktiol1
folgt (3.102). Ist aber ai = 0, so gilt (3.102) trivialerweise. 0

Übung 3.35:
Wo sind die folgenden Funktionen konvex oder konkav?

sinx. cosx. sinh.t, arctanx,

Übung 3.36:
Beweise: Ist f auf dem Intervall I konvex und streng monoton steigend. so ist die Umkehrfunk-
tion I-I auf J = 1(1) konkav.

3.2.6 Das Ncwtollsche 10 Verfahren

Das Lösen von Gleichungen ist eines der ersten und wichligslen Anwendungsprobleme der Ma-
themalik. Wir wollen uns hier mil Gleichungen der Form

beschäftigen. wobei feine reeJlwertige Funktion auf einem Intervall ist. Zur Lösung von f(x) =
o solldas Newtonsche Verfahren beschrieben werden. Es beruht auf einer einfachen geometri-
schen Idee und ist doch iiußerst weitreichend und rur die Praxis von hoher Bedeutung.

i .. Xl!
"
Fig. 3.11: Zum Newlonschen Verfahren

Die Idee des Newtol1schen Verfahrens Hißt sieh anhand der Fig. 3.11 klarmachen: Gesucht ist
die Schninstelle x des Graphen von f mit der x-Achse (sie erftillt f(x) = 0). Wir nehmen an,
x
daß ein Punkt Xo in der Nähe von bekannt ist, den man durch Probieren oder Skizzieren des
Graphen gewonnen hat.

10 Sir ls.:me Newton (1643-1727). englis.<:her Phys.iker. Mathematiker. Astronom, Alchemist. Philosoph uml Theolo-
'0.
256 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Man legt nun die Tangente an f in Xo und sucht ihre Schnittstelle Xl mit der x-Achse auf
(falls vorhanden). Da die Gleichung der Tangente

g(X) = f(xo) + f' (xoHx - xo)

lautet, gewinnt man XI aus g(Xl) = 0, also f(xo) + 1'(XO)(XI - xo) = 0, d.h.

/(xo)
Xl = Xo ~ 1'(Xo)'

°
(Dabei setzen wir 1'(x) 'I im ganzen Intervall I voraus.) Xl ist in den meisten Fällen eine
»bessere« Näherungslösung als xo.
Liegt XI in I, so kann man die gleiche Überlegung abermals anwenden: Man legt an f in Xl
die Tangente, berechnet deren Nullstelle X2 usw.
Man errechnet auf diese Weise sukzessive die Zahlen

f(x,,)
X,/+I = x" - f'(x,,) (11 = O. 1,2.... ). (3.104)

von denen wir annehmen wollen. daß sie alle in I liegen. (Es kann vorkommen. daß X,,+I rur ein
" nicht in I liegt. Dann bricht das Verfahren ab.)
Die so berechnete Folge xo. XI. X2, ... konvergien "normalerweise« gegen die Nullstelle x
von f. "Normalerweise« heißt: unter Voraussetzungen. wie sie üblicherweise in den Anwendun-
gen erflilh sind.
Die Folge der Zahlen xo, Xl. X2, ... heißt eine NewlOllfolge zu f.
Der folgende Satz gibt hinreichende Bedingungen an, unter welchen die Newtonfolge gegen
die Nullstelle x von f strebt.

Satz 3.21:
Es sei f eine reelle. dreimal stetig differenzierbare Funktion auf einem Intervall 1
[xo - r, xo + r J, und es gelte 1'(x) 1:- 0 rur alle X E I. Ferner existiere eine positive
Zahl K < I mit

I
f(x)J"(x) < K < I fur alle E I
I (3.105)
X
1'(x)2 -

f(,'O)I«I-K),. (3.106)
I 1'(xo) -
x
Damit folgt: f hat genau eine Nullstelle in I. Die Newtonfolge xo. Xl. X2 ..... defi~
nien durch (3.104) f kO/ll'ergien quadratisch gegen X. d.h. es gilt

Ix,,+1 ~x[::: C(x" ~X)2 fiirallcn =0, 1,2,. (3.107)


3.2 Ausbau der Differentialrechnung 257

mit einer Konstanten C. Schließlich haben wir die Fehlerabschützung

X
Ix" - xl ::: I f(M,,) I mit 0 < M ::: rninl}"(x)l. (3.108)
xe!

Beweis:
Man fuhn die Hilfsfunktion
I(x)
g(x) = x - - - . (x EI).
I'(x)

ein. Damit ergibt sich die Newtonfolge aus der einfachen Iterationsvorschrift Xl/+l = g(x,,),
11=0,1,2,.
g erfüllt auf 1 die Voraussetzungen des Banachschen Fixpunktsatzes (Abschn. 1.4.7, Satz 1.8),
denn es ist Ig'(x)1 = If(x)/,,(x)/}"(x)21 s K < I, also nach dem Mittelwensatz:

Ig(x) - 8(z)1 = Ig'(~)lIx - zl ::: Klx - zl fLir alle x, z E I.

Folglich ist g eine »Kontraktion« auf I. Ferner bildet g das Intervall 1 = [xo - r, xo + r J in sich
ab. Denn fLir beliebiges x E 1 gilt mit (3.106)

I(xo) I
Ig(x) - xol ::: Ig(x) - 8(xo)1 + 18(Xo) - xol ::: K Ix - xol + [ /'(xo)
::: Kr+(I-K)r=r

also auch g(x) E I. Die Anwendung des Banachsehen Fixpunktsatzes liefen damit die Kon-
vergenz der Newwnfolge gegen den (einzigen) Fixpunkt x von g. Er erfullt x = g(x) =
x - f(X)/ f'(X), d.h. f(X) = o.
Die quadratische Konvergenz ergibt sich aus der Taylorformel von g um x fLir 1I = I, mit
Lagrangeschem Restglied

g(x) = g(x) + g'(X)(x - X) + g"i~) (x - x)2 (~E 1).

Wegen g(X) = x und g'(X) = f(X)f"(X)/f'(X)2 = 0 folgt mit x = x,,, g(x) = X,,+I und
C = -I max Ig " (1)1:
2 lEI

womit (3.107) bewiesen ist. (3.108) leitet man leicht aus dem Miuc1wensatz her, angewandt auf
fex,,) - fm, wobei fm = o. 0

Bemerkung: Der Satz besagt im Wesentlichen: Ist die Näherungslösung xo von fex) = 0 »gut
genug«, so funktioniert das Newtonsche Verfahren. Denn je besser .\"0 die Lösung:X annähert. je
kleiner also If(xo)1 ist, desto größer ist die Chance, daß Konstanten r > 0 und K > 0 existieren,
so daß (3.105) und (3.106) erfLillt sind.
258 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Es bleibt die Frage: Wie findet man Anlangsal1lläherullgen x01 Wir sagten schon: Oft muß man
sie durch Probieren und Zeichnen des Funktionsgraphen suchen oder beim automatischen Rech-
nen auf dem Computer durch das Intervallhalbierungsverfahrcn. Im Falle konvexer Funktionen 1
ist man jedoch besser dran. Hier sind wir mit jeder A"langsl1üherullg erfolgreich, die 1 (xo) ~ 0
erfüllt. Präzise Auskunft gibt der folgende Salz:

Satz 3,22:
Die zweimal stetig differenzierbare Funktion f : kl, b] ~ IR sei konvex und erfLille
/'(x) i= 0 aufta, bl. Die Vorzeichen von f(a) und f(b) seien verschieden.
Damit folgl: Ausgehend von einem beliebigen Punkt xo E [a, b] mit f(xo) ::: 0
konvergiert die Newtonfolge von f, und zwar gegen die einzige Nullstel1e von f in
[a. bIo

Zusatz: Ist f sogar dreimal sletig differenzierbar, so ist die Konvergenz quadratisch.
Beweis:
Ohne Beschränkung der Allgemeinheit nehmen wir 1'(x) > 0 aufla, b] an. f steigt somit streng
monoton und hat daher genau eine Nullstelle in [a, b], Fig, 3.11 zeigt. daß die Newtonfolge (x,,)
monoton nHlt und durch die Nullstelle x von 1 nach unten beschränkt ist. (Man prüft dies leicht
durch Rechnung nach.) Damit konvergiert die Newtonfolge gegen eine Grenzwert x·, Läßt man
in XII + I = XII - f (xlI ) auf beiden Seiten 11 gegen 00 geheIl, so erhiilt man

X· = x· _ f(x·) ::::} f(x·) = 0,


/,(x·)

also x· = X. Der Zusatz folgt aus Satz 3.21, der ja besagt, daß bei genügend kleinem Abstand
der Näherungslösungen von x quadratische Konvergenz von (x,,) vorliegt. 0

Bemerkung: In der Praxis des Ingenieurs geht man meistens so vor, daß man die Newtonfolgen
xo, XI, X2, ... einfach sukzessive durch die Vorschrift X Il +1 = x" - I(x,,)/I'(x,,) berechnet,
ausgehend von einer Anfangsniiherung. die man sich irgendwie verschaff! hat (durch Probieren,
Zeichnen, Konvexitiilsüberlegung a la Satz 3.22 oder durch ein vorgescha1tetes Intervallhalbie-
rungsverfahren). Man kümmert sich wenig um Konvergenzsätze, sondern bricht das Verfahren
ab. wenn Ix"+1 -XI/I »klein genug« ist (z.B. wenn 1..24.... - I1 < 5.10-9, d.h. wenn
Xn+1
x,,
und XI/+l
auf 8 Stellen übereinstimmen). Da

fex,,) 1_ If(x,,)1
Ix,,+1 - x,,1 = /'(Xl/) ,..". ~ mit M = ~iD II'(x)1
1
gilt. wenn U ein genügend kleines Intervall um die Nullstelle ist, und da I/(xl/)I/M ::: Ix" - xl
die Fehlerabschätzung darstellt, ist durch IXIl +1 - x" I ungeruhr der Fehler lXII - xl gegeben. Es
gilt also die

Faustregel: Der Fehler Ix" - xl ist nahezu gleich der Änderung beim nächsten Newtonschritt.
d.h. nahezu gleich IXI/+l - x,tl.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 259

Für die Praxis reicht dieses »hemdsärmelige« Vorgehen in den meisten Fällen aus!
Es sei schließlich erwähnt, daß sich das Newtonsche Verfahren vorzüglich zur NlIlfslellel/besfim-
1'01l Polynomen eignet. Dabei gewinnt man die Funktiol1swerte [(XII) und die Ableitungs-
II/lIllg
werte /' (XII) ftir das Newton- Verfahren bequem durch das »doppelte Hornerschema«, d.h.: Ist

[(x) = (jQ +1I1 + 1I2x2 + ... + lI",x"'.


so berechnet man die ersten heiden Systeme des großen Hornerschemas (vgl. Abschn. 2.1.5):

Doppeltes Hornerschema

X =XIl (Im Um-I (/2 UI "0


X"b",_l X"b2 x"b] __ x"bo
V
b m _2
./
I~I./ ,Jol '0 ~ f/x,,) I
X/lC",_2 X'ICI XtlCo

C",_2
'/
C",_3
./
"01 'I ~ hx,,) I (3.109)

Die Gleichungen ro = [(x,,), rl = /'(x,,) ergeben sich dabei aus folgender Überlegung: Setzt
man das Schema zum großen Hornerschema fort, so erhält man

[(x) = ro + 1"1 (x - XII) + '2(X - x,,)2 + ... + r",(x - XII)'"

(s. Abschn. 2.1.5). Daraus folgt unmittelbar [(x,,) = ro, ['(XIl) = 1"1.
Wendet man also bei jedem Newton-Schritt das doppelfe Homerschell/(j (3.109) zur Berech-
nung von Funktions- und Ableitungswen an, so hat man ein effclaives Verfahren zur Ermittlung
der reellen Nullstellen des Polynoms [(vgl. [56], 4.2.6).
Diese Idee ist illl41 J zu einem »autornatellsicheren« Verfahren weiterentwickelt worden. Man
findet das »Nickel-Verfahren« oder andere vollautomatische Verfahren heule in fast allen Pro-
gra1l1mbibliotheken elektronischer Rechenanlagen.

,
y_sinx

, xo ..:.. 2. OOOOOOOOO
" .ll ,;.1.900995594
X2';' 1.895511645

,.-,
2
x3 ,;. 1.895494267
X4 == 1.895494267

Fig. 3.12: a) Zur Gleichung 1- sin.( = O. b) Zur Berechnung der Lösung von 1- sin x = 0
260 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

Beispiel 3.29:
Gelöst werden soll die Gleichung

x .
"2~S1nx=O.

Es handelt sich um die Suche nach den »Schnittpunkten« der beiden Funktionen g(x) = x/2
und sin x. Die Fig. 3.12a zeigt, daß drei Schnittpunkte zu erwarten sind, einer bei 0, einer bei 2
und der dritte etwa bei -2. wobei der letzte das Negative desjenigen bei 2 ist. Wir brauchen also
x
numerisch nur die Lösung x in der Niihe von 2 zu berechnen. Wir setzen [(x) = "2 - sin x. Hir
diese Funktion errechnen wir die Rekursionsvorschrift nach (3.104):

x l1 /2 - sinxl1
XII+I = X II - 11 = O. 1,2..
1/2~cos-'"11 '
Beginnend mit Xo = 2 erhiill man daraus die Werte in Fig. 3.12b, die auf 10 Dezimalstellen
gerundet sind. Wir erkennen die unglaublich scfmelle KOllrergellZ des Newton-Verfahrens, denn
schon ab -'"3 iindern sich die numerischen Werte nicht mehr. Die Lösung lautet also, auf 10 Stellen
gellau:

x == 1.895494267.

(Der Leser iiberpriife mit der Fehlerabschiitzung (3.108) des Satzes 3.21, daß der Fehler kleiner
als 5· 10- 10 isl.)

.r 0 ..:. 3. ()(X)()(J()()OO
ra ' .r 1 == 2. 0<XXl00000
o a. Xc .r2 == 1.7500000oo
.r) == 1.732142857
.r4 == 1.732050810
.r5 == 1.732050808
-, .r n == 1.732050808

Fig. 3.13: a) Zur Berechnung von ./ä mit dem Newtonschen Verfahren b) Berechnung von J3

Beispiel 3.30:
(Berechnung von Quadratwurzeln) Es sei a > 0 gegeben, und es soll .jli berechnet werden.
Man sieht, daß .jli die einzige Nullstelle der Funktion [(x) = x 2 - a auf [0. 00) isl. Ausge-
hend von einem -'"0 mit [(xo) ::: 0 erminc1n wir die Nullslelle mit dem Newtonverfahren. Die
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 261

Iterationsvorsehrift Xn+1 ::::; Xn - f(x n )/!'(xll ) wird rur unsere Funktion nach Umformung zu

Als xo kann man xo ::::; a wählen, wenn (I > I ist, und Xo ::::; I, falls 0 < a < I gilt. In jedem
dieser Fäl1e ist die Bedingung f(xo) ~ 0 erfLillt, d.h. die so gebildete Folge (x,,) strebt nach
Satz 3.22 quadratisch gegen .jli. Beachlet man nun noch, daß XI ::::; !(xo + (I/xo) der gleiche
Wen ist, egal, ob man xo ::::; (I oder xo ::::; I setzt, so schrumpft unsere Anfangsbedingung zu der
einfachen Regel zusammen: Mall setze in jedem Falle xo ::::; (I.

Die Tabel1e in Fig. 3.13b verdeutlicht anhand der Berechnung von J3 die schnelle Konver~
genz. Nach nur 5 Iterationsschritten ist

.J3 == 1.732050808

auf 10 Stellen emlittelt.


Die angegebene Methode ist eine der besten zur Berechnung von Quadratwur.lCln. Die mei-
sten Computerprogramme beruhen darauf. (Bei großem a werden zuerst Zweierpotenzen abge-
spalten: a ::::; a02 2J:, mit I :::: ao < 4, und dann aus (10 und 22J: gesondert die Wurzeln gezogen:
.jli ::::; .fiiö2J:.)

Übung 3.37:
Berechne mit dem Newtonverfahren die reellen Lösungen der Gleichung

Übung 3,38:
Gib ein Vcrfahrcn zur Bercchnung von ya an (a E IR beliebig).

3.2,7 Ucstimmung von Extrcmstcllcn


Wir behandeln das Problem, Maxima und Minima einer reellen Funktion zu finden. Diese Auf-
gabe tritt in Naturwissenschaft. Technik. Wirtschaftswissenschaft usw. häufig auf. Sie steht auch
historisch mit am Anfang der Differential~ und Integralrechnung und hat befruchtend auf ihre
Entwicklung gewirkt.
Zunächst einige Begriffsbildungen, damit wir wissen, wovon wir reden.

Definition 3.6:
Man sagt, die Funktion f : I -+ IR (J Intervall) besitzt in Xo E I ein lokales Maximum,
wenn es eine t~Umgebung U von xo gibt, in der f(xo) größter Funktionswert ist, d.h.

f(xo) ~ fex) fur alle XE unI


262 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

~k.'"
""'.
lokales
r
lokales •
globales
Minimum Minimum Min.

"
b

Fig, 3.14: Typen von E;o;lremstelien

gilt. xo heißt eine lokale MaximalsteJle, und die Zahl [(xo) ist das zugehörige lokale
Maximum. Gilt sogar

[(xo) > [(x) fur alle XE unI mit x ::f; xo,

so spricht man von einem echten lokalen Maximum und einer echte" lokalen Maxi-
malstelle.

Entsprechend werden lokale Mi"ima und MinimaJstellel1 definiert, die ebenso echt oder unecht
sein können.
Das »eigentliche« Maximum einer Funktion [ : I --,lo lR, also der größte Funktionswert [(xo)
auf ganz I, wird zur Unterscheidung von lokalen Maxima auch globales (oder absolutes) M{ui-
m/II// genannt. .1'0 heißt dabei globale (oder absolute) Maxillwls/elfe. Das globale Maximum ist
natürlich auch lokales Maximum, aber nicht umgekehrt. Für Minima und MinimalstelIen verein-
bart man Entsprechendes. Fig. 3.14 verdeutlicht diese Begriffe.
Der Sammelbegriff flir Maximum und Minimum ist Er/rell/um, flir Maximal- und Minimal-
stelle Extrems/ef/e.
Wie kann man Extremstelien einer Funktion ermitteln? Sehen wir uns dazu Fig. 3.14 an: Wir
erkennen, daß in den Maximalstelien .1'0 und X2, wie auch in der Minimalstellc XI, waagerechte
Tangenten an [vorliegen. d.h. die Ableitung [' von [verschwindet dort. xo, XI, X2 sind dabei
innere Punkte des Definitionsbereiches I von [. ExtremalsteIlen können jedoch auch Randpunk-
te des Definitionsbereiches sein. Der linke Randpunkt a ist zweifellos eine lokale Minimalstelle,
während der rechte Randpunkt b sogar eine absolute Minimalstelle von f ist. Diese Überlegun-
gen flihren zu folgendem Satz:

Satz 3.23:
Für jede lokale ExtremsteIle Xo einer differenzierbaren Funktion f auf einem Intervall
J gilt

(a) ['(xo) = 0
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 263

oder:

(b) XO ist Randpunkt von I.

Beweis:
Es sei xo eine lokale Maximalstelle. Ist Xo kein Randpunkt von I, so gibt es eine e-Umgebung U
von xo, die ganz in 1 liegt, und in der f(xo) - fex) ~ 0 erftillt ist. Daraus folgt

'() ]' [(xo) - [(x) '() ]' [(xo) - [(x)


[ Xo ;:;:; Illl ~ 0, [ Xo = Illl ~ O.
"-·<0 XO X .. -xo XO X
x<.<o x>xo

also !'(xo) = O. (Analog fUf Minjrnalstellen.) o


Um die Extremstelien von f zu finden. hat man also die Gleichung

['(x) ~ 0

zu lösen und anschließend die Lösungen - wie auch die Randpunkte von 1 - zu untersuchen.
Die Entdeckung dieser Tatsache gelang Lejbniz 1675, und er war mit Recht sehr stolz darauf.
In dcr Menge der Lösungen von !,(x) = 0 ~ zuzüglich der Randpunkte von 1 - sind also
alle ExtremstelIen von f enthalten. Umgekehrt jedoch braucht nicht jeder Punkt dieser Menge
ExtremsteIle zu sein!
Man denke z.B. an die Funktion fex) ;:;:; x 3 auflR. (s. Fig. 3.15). Für sie gilt zwar 1'(0) ;:;:; 0,
doch ist Xo = 0 weder lokale Maximal- noch Minimalstelle.

I{X).1(3

Fig. 3.15: Beispiel rur einen Punkt -'0 mit /' (.<0) = O. wobei .to keille Extrcmstelle i~t (hier -'0 = 0).

Es muß also ein Kriterium her, welches uns zu erkennen hilft, welche Lösungen von !,(x) = 0
264 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

ExtremstelIen sind. Ein hinreichendes Kriterium liefert der folgende Satz. Es handelt sich um das
wichtigste Kriterium dieser Art.

Satz 3.24:
Ist f : / -,10 IR (I Intervall) zweimal stetig differenzierbar und gilt 1'(xo) = 0 fLir
einen Punkt xo EI, so folgt:

J" (xo) <0 => in xo liegt ein echtes lokales Maximum,


J"(xo) > 0 => in xo liegt ein echtes lokales Minimum.
Beweis:
Wir notieren die Taylorformel rur f um xo, und zwar fLir 11 = I:

[(x) = [(xo)
, -
+ [(xo)(x xo)
no
+ -2-(x ,
- xo)-·

Das letzte Glied ist das Lagrangesche Restglied mit einem ~ zwischen x und xo. Wir wollen
["(xo) > 0 annehmen. Da [" stetig ist, gilt ["(x) > e > 0 in einer a~Umgebung U von xo (e
konstant). Beachtet man noch 1'(xo) = o. so folgt aus der Taylorentwicklung

[(x) > [(xo)


,
+ 2"(x
,
-xo)- > [(xo) fLiraliex E unI mitx ,#xo.

d.h. Xo ist echte lokale Minimalstelle.


Analog folgert man aus ["(xo) < 0 und 1'(xo) = 0, daß Xo echte lokale MaximaJstelle ist. 0

Damit gewinnt man die folgende Methode zur Extremwert-Bestimmung bei zweimal stetig dif-
ferenzierbaren Funktionen [ : I -,10 lR (I Intervall).

Verfahren zur Bestimmung von ExtremstelIen


(I) Man errechnet sämtliche Lösungen der Gleichung

['(x) =0, xE/,

(mit dem Newtonschen Vcrfahren oder dirckten Aunösungsfomlcln). Wir nehmen an. daß
es endlich viele sind.
(11) Für jedc lösung xo von f'(x) = 0 bestimmt man ["(xo). xo ist cine lokale MaximaJstclle,
falls f"(xo) < O. xo ist eine lokale Minimalstelle, falls 1"(xo) > O. Wir wollen annehmen,
daß kein anderer Fall vorkommt. (Das trifft ftir die meisten Anwendungen zu. Der Fall
["(xo) = 0 wird in Übung 3.44 im nachfolgenden Abschnitt behandelt.)

(111) Dann errechnet man die Funktionswerte f(xo) flir alle Lösungen xo von 1'(x) = 0 sowie
fLir die Randpunkte von I (sofem sie zum Definitionsbereich von [ gehören.). Damit sind
alle lokalen Extrema gefunden.
(IV) Ist I beschränkt und abgeschlossen, so findet man unter den lokalen Extrema leicht das
globale Maximum und das globale Minimum heraus.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 265

Bemerkung: Gibt es unendlich viele Nullstellen von /'. oder gilt f"(x) ::::; 0 Hir einige dieser
Nullstellen, so hat man weitere Untersuchungen durchzuftihren (Betrachtung höherer Ableitun-
gen usw.). In den meisten Fällen kommt man aber mit dem obigen Verfahren zurecht.

Beispiel 3.31:
Wir suchen die ExtremsteIIen der Funktion

fex) ::::; eot -2x + I, fUr x E IR

(I) Dazu setzen wir ['(x)::::; e f -2 gleich Null:

eot -2 ::::; 0 {::::::} eX ::::; 2 {::::::} x::::; In 2 .

Einzige Nullstelle von f' ist also xo ::::; In 2'; 0,693147.


(11) Für diese Nullstelle ist f"(xo) ::::; e fo > 0, also liegt in -'"0 eine echtes lokales Minimum
vor.
(111) Randpunkte von IR gibt es nicht. Also ist xo einzige ExtremsteIle und damit auch die globale
Minimalstellc von [. Die Zahl [(xo) == 1.613706 ist damit das globale Minimum von [.

Beispiel 3.32:
Es soll unter allen Rechtecken mit gleichem Flächeninhalt F dasjenige mit kleinstem Umfang
gesucht werden. Welche Form hat es?
Wir greifen uns irgendeines der Rechtecke heraus. Für scine Seitcnliingen x und y gilt F ::::;
x . y. und fLir den Umfang 11 ::::; 2(x + y). Wir setzen y ::::; F /x ein und erhalten

1/::::;2(X+;) , x>O.
Das globale Minimum dieser Funktion soll gesucht werden. Wir errechnen die positiven Nullstei-
len der Ableitung 1/'::::; 2(1 - F /x 2 ):

2(1~ F,)::::;O {::::::} x::::;./F.


x

Die zweite Ableitung u" ::::; 4F /x 3 ist an dieser Stelle positiv, also liegt bei -'"0 ::::; ./F eine
Minimalstelle. Es ist die gesuchte, da es keine weitere gibt. Xo ::::; ./F ist aber die Seitenlänge
eines Quadrates mit Inhalt F. Die optimale Form ist also das Quadrat.

Weitere Beispiele aus Technik und Naturwissenschaft sind im Abschll. 3.3.6 angegeben.

Übung 3.39:
Bestimme alle EXlremalslellcn der Funktion

!(x) = x 4 - 0.4.r - 3.9x 1 + 4.6x - 9

auf dem Dcfinitionsbcrcich I = l~lO,lOJ.


"-'- - - '-:' I
266 3 Differentialrechnung einer reellen Variablen

c
_'----+i
j~
Fig. 3.16: Kasten mit größtem Volumen

Übung 3.40*:
Aus einem rechteckigen Blech mit den Seitenlängen a = SOelll. b = 80cm. soll nach Heraus-
schneiden quadratischer Eckstücke ein Kasten mit gri)ßtrnüglichem Volumen geknickt werden
(Kasten ohne Deckel). Wie groß ist die Höhe x des Kastens? (Vgl. Fig. 3.16)

3.2.8 Kurvendiskussion

Schaubilder von Funktionen werden gerade von Ingenieuren viel verwendet. Um den wesentli-
chen Verlauf einer reellen Funktion zu überblicken, geht man zweckmäßig die folgenden Ge-
sichtspunkte der Reihe nach durch. (Auf Computerbildschirmen lassen sich leicht Schaubilder
von Funktionen erstellen. Sie ergänzen die Kurvendiskussion graphisch und numerisch.)
(I) Definitionsbereich: Zuerst bestimme man den Definitionsbereich einer vorgelegten Funkti-
on f, die von einer reellen Variablen abhängt. Da fex) häufig formelmäßig gegeben ist. muß
geprüft werden, fur welche reellen x der Formelausdruck sinnvoll ist. (Für JX muß z.B. x ::: 0
sein, flir IIx muß x =1= 0 sein usw.) Beschreibt fex) z.B. eine Länge, eine Masse oder eine ab-
solute Temperatur, so ist nur x ::: 0 sinnvoll. Deflnitionsbereiche sind in AnwendungsbeispieleIl
normalerweise Intervalle oder Vereinigungen endlich vieler Intervalle.
(ll) Symmetrie: Man prüfe, ob feine gemde Funk/ion (d.h. f{-x) = f(x» oder ungerade
Funk/ion (d.h. fe-x) = ~ fex»~ ist (evt1. nach »Nullpunktverschiebung« x' = x ~ .\"0. y' =
Y - )'0).

(l1I) Nullstellcn von f, f', f": Man berechne die Nullstellen von f. f' und [" und bestimme so
die Intervalle, in denen diese Funktionen positiv bzw. negativ sind. Damit ist insbesondere klar,
wo [

positiv bzw. negativ (fex) > 0 bzw. [(x) < 0)


s/reng mOllO/Oll wachsend bzw.fallend (['(x) > 0 bzw. ['(x) < 0)
streng konl'exbzw. konka\' (["(x) > 0 bzw. !,,(x) < 0)

ist.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 267

(IV) ExtremstelIen: Die Nullstellen von ['. zusammen mit den Vorzeichen von fit, liefern
lokale Maxima und Minima, Man vergesse nicht die Randpunkte des Definitionsbereiches. (In
Punkten x mit ['(x) = f"(x) = 0 sind Sonderulltersuchungen durchzufUhren, s. Übung 3.44.)

(V) Wendepunkte: Man bestimme die Wendepunkte von f. Als Wendepunkt bezeichnet man
dabei jeden »Nulldurchgang« Xo von f" (d.h. Xo ist Nullstelle von fit, und es gibt eine E-
Umgebung U um xo. in der links von Xo die Funktionswerte von fit ein anderes Vorzeichen
haben als recht~ von xo). Eine hinreichende Bedingung fLir Wendepunkte xo ist f"(xo) = 0,
f"'(xo) =1= o. (f dreimal stetig differenzierbar vorausge~etzt. Für den Fall f"(xo) = f"'(xo) = 0
s.3.44.)
Beim Durchgang durch einen Wendepunkt wechselt die Funktion von streng kOllvexem zu
streng konkavem Verhalten. oder umgekehrt. Da f in einer Umgebung eines Wendepunkte~ IIa-
hezu eille Gerade ist, sind die Wendepunkte technisch oft wichtig (etwa bei Federkennlinien oder
Kennlinien von Verstärkern).

(VI) Pole, einseitige Grenzwerte: Ist xo ein Häufungspunkt des DefinitiOllsbereiche~. gehört
aber nicht dazu. so be~timme man

[im fex) und lim f(x)


X--->.fij ,t--->xo
x>,tij x<,to

und entsprechend fur f', falls möglich. Gilt lim If (x)1 = co. so heißt xo ein Pol von f (s. Ab-
.r--->xo
sehn. 1.6.8). Man erminle die Pole von f. I~t bei~pielsweise fex) = g(x)fh(x). so ~ind die
Nullstellen xo von h Pote, in denen g(xo) =1= 0 i~1. Im Falle g(xo) = h(xo) = 0 ver~uche man
lim fex) durch die de l'Hospitalschell Regeln zu gewinnen.
x--->,to

(VII) Verhalten für große lxi, Asymptoten: Man versuche hm fex) und lim fex) zu be-
[--->00 x_~OO

stimmen, fall~ möglich. Allgemeiner suche man nach »einfachen« Funktionen h mit

If(x) - h(x)1 -+ 0 rur x -+ 00 bzw. x -+ -00.

Jede solche Funktion" heißt eine Asymptote von f. In Abschn. 2.2.1 ist dargestellt, wie man
Asymptofell 1'011 ratiollalell FUllkfiollell berechnet. Die Asymptoten sind dabei Polynome. Beson-
ders interessant sind Geraden als Asymptoten. Eine Gerade als Asymptote trin genau dann auf,
wenn der Grad des Zählerpolynoms um höchstens I größer ist als der des Nennerpolynoms.

Beispiel 3.33:
E~ soll die Funktion

x 4 _5x 2 +2
fex) = 2 3 (3.110)
X

nach den genannten Gesichtspunkten »diskutiert« werden.

(I) Der Dejinitio/Jsbereich von f ist IR \ /01 (d.h. IR ohne 0). da der Formelausdruck (3. I 10) für
x = 0 keinen Sinn ergib!.
268 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

y
3

-4 -3 -1

-2 4

-2

-3

(11) Symmetrie; Es gilt zweifellos f( -x) = - fex) rur alle x i= o. / ist also eine ungerade
Funk/ion. Ihr Graph liegt zentralsymmetrisch zum Punkt (0, 0). Aus diesem Grunde dis-
kutieren wir im Folgenden nur x > O. da tur x < 0 sich alle Eigenschaften durch diese
Symmetrie ergeben.
(111) Die Nulls/ellen von f ergeben sich aus x 4 - 5x 2 + 2 = O. Setzen wir z = x 2, so ist
Z2~5Z+2 = Ozu lösen. Man errechnet die Lösungen Zl = (5~.JJ7)/2, Z2 = (5+.,11'7)/2,
woraus sich die positil'el/ Nulls/ellen von f ergeben:

XI =
js-.m .
2 =0.662.X2=
j5+.m . 2 =2.136.

Die NIIlIsrellen von

" 12~5x2
f (x) =: 5
X

errechnet man durch Nullsetzen der Zählerpolynome. Man erhält

{12
X3 = I (positive Nullstelle von 1'), X4= V"5 == 1,549 (positive Nullstelle von 1").

Durch Berechnung einiger weiterer Werte von /, ['. /" erkennt man:

In (0. xd und (X2. 00) ist / positiv,


in (XI.X2) ist / negativ,
in (0. .\,]) ist ['(x) < 0, also / streng monoton/allend,
in (X3. 00) ist ['(x) > 0, also / streng monoton sleigend,
in (0. X4) ist /I/(x) > 0, also / streng kOl/vex.
in (.~4. 00) ist /I/(x) < 0, also f streng konkav.
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 269

(IV) Einzige positive Nullstelle von f' ist .'03 ::::; I. Es gilt 1"(.'03) > 0, d,h. .'03 := I ist eine fokale
Millimalslelle mit dem lokalen Minimum [(I) 0= -I. .'03::::; I ist die einzige Extrernstelle
in (0, 00).
(V) Einziger Wendepunkt in (0, 00) istx4 = JI2/5, denn .'04 ist einzige positive NullsteJ1e von
1". wobei ["'(.'04) #; 0 erfüllt ist.
(VI) In 0 liegt ein Pol von [, da der Nenner in (3.110) fur x = 0 verschwindet, der Zähler aber
nicht. Es ist

lim [(x) = +00, lim [(x) = -00.


,_0 .T--->O
,,0 x<o

(V 11) fex) läßt sich umschreiben in

x _5x 2 + 2
f(X)=2+ 2.'03

(Bei komplizierten rationalen Funktionen benutzt man den Divisionsalgorithmus flir Poly-
nome. s. Abschn. 2.1.6). Das zweite Glied rechts strebt fur Ixl--+ 00 gegen O. so daß fex)
x
und x/2 sich für große lxi beliebig wenig unterscheiden. D.h.: Die Gerade hex) = 2 ist
Asymptote von [. Der Graph von f kommt also ftir große lxi dem Graphen von" beliebig
nahe.
Damit haben wir einen guten Überblick über die Funktion f gewonnen. Das Schaubild
(s. Fig. 3.17) läßt sich mit diesen Angaben, vermehrt um einige wenige Funktionswerte.
skizzieren.

Bemerkung: Heute. im Zeitalter des Computers. hat man in kurzer Zeit (mit Programmierung in
ca. runf Minuten) ein Schaubild sowie eine Tabelle von etwa 100 Funktionswerten erstellt. die
ebenfalls einen Überblick über die Funktion geben. Die Kurvendiskussion liefert aber einen tiefe-
ren Einblick in den funktionalen Zusammenhang, sozusagen einen Blick »hinter die Kulissen«,
weswegen diese Methode nach wie vor wertvoll ist.
Wie wichtig Wendepunkte. ExtremstelIen und Asymptoten in Physik und Technik sind. zeigt die
Diskussion der van der Waalsschen Gasgleichung.

Beispiel 3.34:
Die I'all der Waalssche 11 Zustandsgleichung für reale Gase lautet

( "'0)
{)+ V2 (V-nb)=IIRT. (3.111)

Dabei sind p der Druck. V das Volumen, T die absolute Temperalur. n die in Mol angegebene
Gasmenge, R = 8.314J/(K· Mol) die allgemeine Gaskonstante und a. b Stoffkonslanten. Wir

11 Johannes Diderik van der Waals (1837 -1923). niederländischer Physiker


270 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

wollen p in Abhängigkeit von V studieren, d.h. wir lösen nach p auf und fassen V als unabhän-
gige Variable auf:

"RT 1/2 a
p=!T(V)=----, . (3.112)
V - Ilb V·
Für verschiedene Temperaturen T bekommen wir verschiedene Funktionen, was durch den Index
T an fangedeutet isl.
Nur für niedrige Temperaturen Hißt sich ein Gas ullter steigendem Druck verflüssigen, genauer
gesagt: unterhalb einer gewissen kritischen Temperatur Tk. Ist T > Tb so bleibt das Gas selbst
unter beliebig hohem Druck gasförmig. Die kritische Temperatur Tk ist mathematisch dadurch
gekennzeichnet. daß die zugehörigc Funktion p = h~ (V) eincn Wcndepunkt mit waagerechter
Tangente besitzt Der Wendepunkt Vk wird kritisches Volumen genannt, der zugehörige Wert
Pk = h~eVk) kritischer Druck. Das Problem besteht also darin. 7i... Vk und Pk zu finden. Man
berechnet dazu

2/lRT 6/1 2a
pli = f.;.'(V) = =---;-;"'3 - -V4 . (3.113)
(V IIb)

Es ist f+(V) = 0 und f.;.'eV) = 0 zu setzen, d.h.

nRT 2nRT
(3.114)
(V IIb)3

Dividiert man die Seiten der linken Gleichung durch die entsprechenden Seiten der rechten Glei-
chung und schreibt V = Vb so folgt

und daraus (3.115)

Einsetzen in (3.114) und (3.112) liefert die kritischen Größen T = Tk und p = Pk:

". - - -
~
Ba
- 27bR ' "
Pk = 27b 2 . (3.116)

Aus gemessenen Werten Tk und Pk können hieraus a und b bestimmt werden.


Mit den neuen Variablen
T v I'
r= - . X=-, y=-.
T, V, 1"

geht die Gasgleichung bzw. die aufgelöste GI. (3.112) über in

bzw. (3.117)
3.2 Ausbau der Differentialrechnung 271

Es folgt

, I 24r 6 l44r 18
y == gr(x) == - (3x _ 1)2 + x3 ' y" == g~ (x) == ",-'---";.,, - ,., . (3.118)
(3x _ 1)3 ....

Hierauf baU! man die Kurvendiskussion der Funktionen y == gr(x) auf:


Der Nenner (3x - I) muß positiv sein, damit ein zusammenhängender Graph von 8r entsteht,
wie er rur die Physik einzig sinnvoll ist. Also:

1
3x-l>0. d.h. x> -
3'

d.h. Definitionsbereich von gr ist (!' 00).

2,5

2,0

1,5

,.
1,194
1,0
1,128
1,062
- - I 1,000
___ 1 0,932
0,5
0,866

,
o
1 2 3
3

Fig. 3.18: Zur V<ln der W<lalssehen Gleiehung

Für r > I hat gr keine Extrema, rur r == I (kritische Funktion 81) liegt bei.r == I ein
Wendepunkl mit waagerechter Tangente, ein zweiter Wendepunkt liegl bei x == 1.878 mil y ==
0.8758. Für r < 1 treten Extrema und Wendepunkte auf, die der Leser fur einzelne r-Werte
bestimmen möge. Fig. 3.18 zeigt die Graphen einiger Funktionen 8r' Für große r nähert sich gr
der Zustandsfunktion idealer Gase.
1m Falle r < I verhiilt sich das Gas in Wirklichkeit so. wie durch die waagerechten gestrichel-
ten Linien dargestellt. Hier ist das Gas teilweise vernüssigt (vgl. [291, S. 465).
272 3 Diffcremialrechnung eincr recllcn Variablcn

Übung 3.41:
Führe für folgcndc Funktioncn Kurvendiskussionen durch:

.r 2 _ I 6.1'3
(a) fex) = " . (b) !(x)=x 2 J.r+4. (c)!(x)= ".
.1'-+4.1'+5 (3.1' 1)-
1 ,
(d) !(x)=.rx=exlnx. (0) !(x)= ~e-X/2. (I) f(.r) = xe-I/x
v2rr

Übung 3.42:
Wieviele Lösungen besitzen die folgenden Gleichungen? Man beantworte dies mit Kurvendis-
kussioncn. insbesondere durch das Bestimmen dcr Intervalle. in denen dic Funktioncn streng
monoton wachsen oder fallen .
,
.
(,) Inx-'2+ I =O. (b) cos.t=x 2 _x 4 •

(0) e[=2+2x+x 2 . (d) aretanx = I + 2.1' _ .1'2.

-
u, U,

U,
----+

f"''"salür
Wider-
stand
Spule

Fig. 3.19: Zur Abhängigkeit der effektiven Spannung von der Frequem; eines Schwingkreises.

Übung 3.43:
12 Die ResolUlI1zJwn'cn eines elektrischen Schwingkreises (s. Fig. 3.19) sollen untersucht wer~
den. Dabei sei VI' der Effektivwert der erregenden Spannung 11. die mit der Kreisfrequenz w
harmonisch schwingt. Die Effektivwerte der Teilspannungen Uc. UR. UL in Fig. 3.19 lauten
dann

mit: C = Kapazität. R = Widerstand, L = Induktivität.

12 Nach 141. S. 37
3.3 Anwendungen 273

Zur Untersuchung der Abhängigkeit von w ist es zweckmäßig. »dimensionslose« Größen zu


verwenden. Mit der »Kenn-Kreisfrequenz« wo:= I/.JLC verwenden wir

w Uc U,
x:=-. )'C := Ti;. )'L:= -
U,
"'0

und errechnen mit dem »Dämpfungsfaktor« d ._ R,JCTf. und der Abkür.lUng N(x) ._
)(.t2 1)2 +x2ri2:

I xd .t 2
)'C=--· )'R=--· YL = - - . (3.119)
N(.t) N(x) N(x)

Die dadurch definierten drei Funktionen /c. / Rund !L sind zu diskutieren. wobei x :: 0 ist.
Man suche insbesondere die MaximalstelIen. die den Resonanzfrequenzen entsprechen. Ferner
gebe man die Schnillpunkte der Graphen von /c. /R und!L an. Die Graphen sind rurd = 0.6
zu zeichnen. Man überlege. was passien. wenn der Dämpfungsfaktor gegen Null strebt!

Übung 3.44:
Es sei / : 1 _ IR (11 + I)-mal stetig differenzierbar und xo ein innerer Punkt des Intervalls I.
(a) Zeige: Gilt

/'(.>:0) = /''(....0 ) = ... = /n) (xo) =0 und /(11+ l) (xo) 1= o.

wobei n IIl1gerode ist. so liegt in xo ein Extremum (Maximum. wenn /(1l+I)(xO) < O.
Minimum. wenn /(,,+I)(xO) > 0),

(b) Beweise: Gilt

wobei 11 ger(/(!e ist. so ist xo ein IVelldel'lmkl.

An/ei/lmg: Sei /(II+t)(XO) > O. Man 7.cige. daß /(,,), /(11-1). /(,,-2), .... abwechselnd einen
NuJldurchgang bzw. ein strenges lokales Minimum in xo haben.

3.3 Anwendungen
Aus der Vielzahl der Anwendungen der Differentialrechnung werden einige typische Beispiele
beschrieben, die stellvertretend Hir ähnliche Probleme stehen.

3.3.1 Uewegullg von Massenpunkten


Dieser Problemkreis ist - bei Newton - der Ausgangspunkt Hir die »Erfindung« der Differen-
tial- und Integralrechnung. Dabei wird die Bewegung eines Massenpunktes in einem räumlichen
eartesischen Koordinatensystem betrachtet. Die Bewegung wird durch drei Funktionen

X(I). y(l). z(1) (/ E [10,11])


274 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

beschrieben, welche die drei Koordinaten des Massenpunktes zur Zeit t angeben. Wir wollen
diese Funktionen als zweimal stetig differenzierbar annehmen. Man faßt die Funktionen zu einem
Tripel zusammen:

X(t l ]
r(t) = y(r) (3.120)
[
'(tl

d.h. man schreibt sie senkrecht untereinander. klammen sie ein und beschreibt das so entstandene
»Tripel« durch r(t). 13
Die Geschwindigkeit des Massenpunktes bekommen wir durch Differenzieren der drei Funk-
tionen, wobei die Ableitung durch einen Punkt über dem Funktionssymbol gekennzeichnet wer-
den soll: .i-(t) := :rl"(I) usw. (dies ist bei Ableitungen nach der Zeit in Physik und Technik
üblich). Somit erhalten wir die Geschwilldigkeit des Massenpunktes als folgendes Tripel:

.«t l]
r(1) = y(r) . (3.121)
[ i(t l
Entsprechend ergibt sich die Beschleunigung des Massenpunktes durch zweimaliges Ableiten,
gekennzeichnet durch zwei Punkte über den Funktionssymbolen:

.i(t l ]
r(1) = jet) (3.122)
[
zer)

Beispiel 3,35:
(Gleichförmige Drehbewegullg. Fliehkraft) Bewegt sich ein Massenpunkt der Masse m auf einer
Kreisbahn mit konstanter Winkelgeschwindigkeit w > 0, so kann seine Bewegung durch

r(t)=[pc~S(WI)], tER. p>O. (3.123)


p sm(wt)

beschrieben werden (Kreisbahn um 0 mit Rudius p). Die dritte Komponente z(t) ist konstant
gleich Null und daher in (3.123) weggelassen. Man errechnet daraus die Geschwindigkeit fund
r
die Beschleunigung durch Differenzieren:

f(t) = [-WP Sin(Wt)] ,


wpcos(wt)

Zieht man im Ausdruck ganz rechts den Faktor _w 2 vor die Klammer l4 , so kann man die

13 Solche Tripel werden aueh Vek/fJ,..,1l (im dreidimensionalen Raum) genannt. Eine kurIe Einrlihrung in die Vektor·
rechnung lindel der Leser in Absehn. (" I. eine ausruhrliehe in ßurg/HaffWille (Lineare Algebra) 191. Der vorliegen-
de AbschniU ist aber in sieh verständliCh. so daß der Leser vorerst nicht naehzll>chlagcn br~uehl.
14 Man vereinbart allgemein)" [;] := [~;,] rur reellc Zlhlcn)" (und cntsprechendes rur Tripel). vgl. Abschn. 6.1.
3.3 Anwendungen 275

Beschleunigung in der Form schreiben

"()
rt=-w~
,[ps'n(w,)]
pcos(wt)
. d.h. (3,124)

Der so errechnete Ausdruck -w1r(t) heißt die Zell/riperalbe:n.:hleuiliguilg. Multipliziert man sie
mit der Masse m, also m;:(1) = -mw 2r(l), so erhält man (nach dcm l. NewlOllschell Grtll1Jge-
setz der Mcchanik) dic Zell1ripewlkraft, die auf dcn Masscnpunkt wirkt. Ihre Gegcnkraft

(3,125)

heißt Zentrifugalkraft oder Fliehkraft.


Der Abstand des Bahnpunktes r(t) von 0 ist der Radius p des Kreises. Man nennt dicsen
Abstand dcn Betrag von r(t), beschrieben durch Ir(t)1 = p. Entsprcchend ist IIIw 2p der »Betrag«
der Fliehkraft.

Fig. 3.20: Wurfparabcl

Beispiel 3.36:
(HllI/fulldfreier Fall. ohne Berücksichtigung der Reibullg) Ein Masscnpunkt der Masse 111 wcr-
de scnkrecht nach oben geworfen, und zwar mit der Anfangsgeschwindigkeit vo ~ O. Der Ab-
wurfpunkt sei der Nullpunkt einer nach oben weisenden y-Achse. Auf den Massenpunkt wirkt
die Gravitationskraft -mg mit der Erdbeschleunigung g = 9.81 m;s2, (Dies gilt, genau genom-
men, nur flir kleine WUrtllÖhCll von einigen lOü Metern, da für große Höhen dic Kraft merkbar
abnimmt - nach dem Gravitationsgesetz,) Nach dem I, Ncwtonschcn Grundgcsetz (Kraft =
Masse x Beschlcunigung) ist damit

-mg = my(t).

Das Minuszeichen links drückt aus, daß die Kraft nach unten gerichtet ist, also in Gegenrichtung
der y-Achse. Es folgt

W) ~-g

und daraus )'(1) = -gt +a mit einer Konstanten a. (Man prüft dics durch Differenzieren von
276 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

)'(1) leicht nach.) Die Funktion y(t) muß damit die Gestalt

(b konstant) haben, was man durch Differenzieren wiederum überprüft. 15 Wird der Massenpunkt
zum Zeitpunkt 0 losgeworfen, d.h. gilt y(O) = 0, so muß b = 0 sein. Ferner soll nach Vorausset-
zung y(O) = vo gelten, woraus a = vo folgt. Damit erhalten wir die Lösung

(3.126)

Diese Funktion beschreibt die Bewegung unseres Massenpunktes. 16 Wäre Vo < 0, so kämen wir
zur gleichen Funktion (3.126). Im Falle V(j = 0 hätten wir den freien Fall (ohne Reibung) von
der Ruhelage aus.
Würde der Massenpunkt schräg losgeworfen, d.h. hälle er zusätzlich eine Anfangsgeschwin-
digkeitskomponenle 110 in waagerechter x-Richtung. so folgte aus .\'(1) =: 0 (keine Querkraft) rur
den waagerechten Geschwindigkcitsanlcil i(1) = ud. Daraus crgibt sich x(t) = VOI + c. Wegen
x (0) = 0 ist aber c = 0, also

X(I)=lIor, t2:0. (3.127)

Die Wurtbahn wird damit durch die beiden Funktionen y(t). X(I) in (3. I 26), (3.127) beschrieben,
d.h. durch

r(t) = I 2: O. (3.128)

Selzl man t = x/uo in y = _~t2 + vot ein. so erhält man

d.h. die Wurtbahn ist eine Parabel (s. Fig. 3.20).

Beispiel 3.37:
(Wurf, mit Lufrreibrmg) Ohne Beweis geben wir an: Beim Wurf eines Massenpunktes unter Be-
rücksichtigung der Luftreibungskraft, die proportional zur Geschwindigkeit angenommen wird
~ mit Proportionalitätkonstante k > O~, gelangen wir zu

y(l) = B e-(k/m)1 _ mg t + b, x(t) = A e-(k/m)1 +a. (3.129)


k
15 Allgemein gill: Ist /' auf einem Imervall gegeben. so ist / don bis auf eine additive Konstante eindeutig bestimm!.
Denn rur alle weiteren Funktionen g mit g' = /' gill (/ - g)' = O. also / - g = konstant (nach Folgerung 3.5(a).
Abschn. 3.1.5).
16 S. auch die Beispiele 2.7 und 2.9 in Abschn. 2.1.3.
3.3 Anwendungen 277

m ist die Masse des Massenpunktes und A, H, a, b sind Konstante, die aus den Anfangsbedin-
gungen bestimmt werden können (s. [56), Beisp. 5.27, S. 254, 255).

Bei den folgenden Übungen wird die Luftreibung vernachlässigt.

Übung 3.45:
Ein Massenpunkl werde von der Erdobern:iche aus abgeworfen. wobei 110 > 0 und 110 > 0 sei
(s. (3.128». Man berechne Wurf~eit (Bedingung y(1) = 0./ > 0). ferner Wurfweile. Wurtböhe
und Endgeschwindigkeil beim Aufschlagen.

Übung 3.46:
Ein Massenpunkt werde von einem 30 m hohen Turm SChräg aufwärts unter einem Winkel von
300 abgcworfcn. Wic groß müssen dic Anfangsgeschwindigkeits-Komponenlcn va und "0 in
vcnika1cr b~w. hori~ollta1er Richtung sein. wenn der Massenpunkl 60 nl vom Turl11fuß clI1fernl
auf dem Erdboden aufschlagen soll?

3.3.2 Fehlerabschätzung

Beispiel 3.38:
(Wiiifeh'olumen) Die Kantenlänge x eines Würfels wird gemessen. Aufgrund der Meßullgenau-
igkeit läßt sich nur sagen, daß die Ungleichung 8.6cm .:'S x cm ::':: 8.8 cm gilt. Für das Volumen
V = x 3 erhält man

8,6 3 = 636,056.:'S V ::':: 681,472 = 8.8 3 . (3.130)

Man kann den Fehler auch abschätzen. indem man V = f(x) = x 3 in eine kurl.e Taylorfonnel
entwickelt:

v = f(x) = f(8.7) + f'(8.7)(x - 8.7) + R,


= 658.503 + 227.07· (x - 8.7) + R2 . 8.6::,:: x ::':: 8,8.

I
und R2 = f"(~)(x - 8.7)2/2 mit x und ~ aus dem Intervall [8,6, 8,8J abschätzt: IR2[ .:'S 2.6.
8.8.0,1 2 =0.264. Damit folgt wegen Ix -8,71::':: 0.1:

[V - 658.503[ ::':: 227,07·0, I +0,264 = 22.971 < 23 . also 635.5 < V < 681.6. (3.131)

Das ist etwa das Gleiche wie in (3.130). Kann man nun bei einer zweiten Messung die Meßge-
nauigkeit erhöhen, so daß etwa 8,66 ::':: x ::':: 8.75 gilt. so braucht man f(x) = x 3 , wie in (3.130)
nicht zweimal neu zu berechnen (was bei komplizierteren Funktionen f aufwendig sein kann),
sondern in (3.131) die Abschätzung 0, I von Ix - 8,71 nur durch die schärfere Abschätzung 0.05
ersetzen. Man erhält 1V - 658,5031 < 11.62, also die verbesserte Abschätzung

646.88 < V < 670.13.


278 3 Differemialreehnung einer reellen Variablen

Allgemeinfall: Ist x eine beliebige gemessene Zahl mit

xo -.1x.::;x '::;xo. .1x > 0

und fex) eine daraus zu berechnende Z1hl (f zweimal stetig differenzierbar), so gilt

[(x) = [(xo) + ['(xo)(x - xo) + R2.


Für den Fehler [(x) - [(xo). der durch die Ungenauigkeit von x er.teugt wird, folgt die Fehler-
abschätzung

I[(x) - [(xo)1 .::; 1['(xo)lL1x + IR21.

1
wobei IRzl .::; - sup 1["(x)lL1x 2 häufig so klein ist. daß man R2 im Rahmen der Rechen-
2 1.<-.'ol:5Ll..•
genauigkeit (Rundung) vernachliissigen kann.

3.3.3 Zur binomischen Reihe: physikalische Näherungsformeln

Nach der Taylorschen Formel gilt rur -I < x < I und II E IR

(I +x)" = I +llX + RI(x) (3.132)

ll(ll-I) .,
(l+x)"=I+ax+ 2 r+R2(x) (3.133)

-1
mit

IRII(x)l.::; I( a
11+ 1
)("+I)X"+'1
C . wobei .!-
C -
(I + Ixl),,-I ,
(I -Ixl),,-I,
fallsa'::;l,
falls (/ > I,

Diese FonneIn werden in der Physik vielfach verwendet (s. Abschn. 3.2.3. Beisp. 3.28).

Beispiel 3.39:
Für den Staudruck p an eincm Flugzcug gilt nach (3.132)
K/(l-I()
P 1
- = (I + --M2)
K~ K
== I - -M
2
+ R2(X). (3.134)
PO 2 2

mit x = 9M2. Dabei ist K = 1,405 (für Luft), M = v/c die Machsche Zahl (v Flugge-
schwindigkeit, c Schallgeschwindigkeil) und IJO der nonnale Lufldruck. der bei Abwesenheit
des Flugzeuges herrschen würde. Man schätze IR2(X)1 ab rur M = 0.2, M = 0.5, M = 0.8.
3.3 Anwendungen 279

Übung 3.47:
Für die relativistische Masse eines Körpers gilt

m= ,;;;m~o"" ,"
_
.
Illlt ß = -. (3.135)
~
Dabei ist 1110 seine Ruhemasse. v seine Geschwindigkeit und x = 299792.5 km/s die Licht-
geschwindigkeit. Entwickle (I - ß2 )-1/2 in eine N~iherungsformel nach (3.133). schälze das
Restglied R2(ß2) ab ftir 0 < ß :-;: 0.2 und 0 < ß :'0 0.5. Zeige. daß man c auch durch
300000km/s ersetzen darf. wenn dreisteIlige Gen<luigkeit verlangt wird und 0 :'0 ß :'0 0.5 gilt.

3.3.4 Zur Exponentialfunktion: Wachsen und Abklingen

Durch die Exponentialfunktion exp(x) = eX und ihre Verallgemeinerungen fex) = c· (rr wer-
den ungestörte Wachslul/Is- und Abklillgl'Orgii/lge beschrieben, wie z.B. das Wachstum junger
Organismen oder das Abklingen von Temperaturdifferenzen. Das folgende einfache Beispiel be-
leuchtet diesen Zusammenhang auf elementare Weise.

Beispiel 3.40:
(Zellll'tlchslllm) Ausgehend von einer biologischen Zelle finde alle LlI Sekunden eine Zellteilung
statt. d.h. alle .11 Sekunden verdoppele sich die Anzahl der Zellen. Nach .11 Sekunden sind also
2 Zellen vorhanden, nach 2.11 Sekunden 4 Zellen, nach 3.11 Sekunden 2 3 = 8 Zellen usw. Nach
1 = /1.11 Sekunden. (11 E N). gibt es 2" = 21 / til Zellen. Die Anzahl der Zellen steigt also
exponentiell mit der Zeit 1 E (0. .1/. 2LlI, 3.1/ • ... 1.

Im behandelten Beispiel liegt sprunghaftes Wachstum vor. Die UnterSUChung von »stetigem«
Wachstum fUhrt zu entsprechenden Resultaten:

Ungestörtes stetiges Wachstum: Man stelle sich einen Organismus oder eine Organismenmen-
ge vor. z.B. eine Bakterienkultur. Die zugehörige Masse wachse in gleicheIl Zeilriiumen stets um
den gleichen PlVzel1lsatz. In diesem Falle sprechen wir vonuilgeslürlem oder itiealell Wachstum.
In jedem Zeit intervall von.1/ Sekunden vermehrt sich die Masse also um den gleichen Anteil
p(Llt), z.B. um p(.1I) = 5% = 5/100. Bezeichnet 1/1 die Masse am Anfang des Zeitintervalls,
so ist am Ende des Zeitintervalls die Masse .1m = p(Llt)m hinzugekommen. Division durch
.11 f- 0 ergibt

.1/11 p(.1t}
--~--m . (3.136)
.1r .1t

Nimmt man an, daß m differenzierbar von 1 abhUngt. SO konvergiert der linke Ausdruck in obiger
Gleichung fUr 1 + .11 _ 1 bei festem I. Damit konvergiert auch die rechte Seite. d.h. p(.11 )/.11
strebt rur.11 _ 0 gegen einen Grenzwert G, den wir als positiv annehmen wollen, und es folgt

dm
- = am.
cll
280 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Mit m = f<r) bedeutet dies

['(t) ~ af(t) (3.137)

fur alle I ~ 10, wobei to eine Startzeit fur den Prozeß bedelllel. Aus Satz 3.14 in Abschn. 3.1.7
folgt damit. daß f(r) die Form

[(t) = cc<ll (3.138)

haI. Ist 11I0 die »Anfangsmasse« zur Zeit 10, gilt also f(tol = ce"tl) = mo, so errcchnen wir daraus
c = moe-'lto. Eingesctzt in (3.138) erhalten wir das Wachstumsgesetz

m = [(t) = 11I0 ell(l-tO), a > O. (3.139)

Ein solches Wachstum trin z.B. auch bei Kettenreaktionen auf, doch kommt es im übrigen in
Physik und Technik selten vor. Denn Wachstumsvorgänge dieser Art (wie etwa das Aufschau-
keln von SchwingungsamplilUden) fUhren zur Zerstörung von Apparaturen und Maschinen. Man
versucht dies daher tunlichst zu vermeiden. Häufiger treten dagegen Abklingvorgänge auf.
Abklingvorgänge: Bei einer Reihe von physikalischen Vorgängen ist die Geschwindigkeit, mit
der sich eine physikalische Größe y = f(t) vermindert. proportional zur physikalischen Größe
sclbst. Da die Größe im Laufe der Zeit I kleincr wird, ist der Proportionalitätsfaktor negativ, d.h.
es gilt die Beziehung

!,(t)=-k[(t), mit k>O. (3.140)

Ist)"O der Wert der Größe zur (Anfangs-)Zeit to, so erhalten wir wic oben (man sClze a statt -k)
die Gleichung

y = f(t) = )"oe-k(t-1ol. I E IR. (3.141)

Man spricht dabei von Abkling-oder Kriechvorgiingen. Stichwortartig seien einige Beispiele dazu
genannt:

Beispiel 3.41:
(Abklillgl'orgiinge) Abkiihlung eines erwärmten Gegenstandes in kälterer Umgebung: f(l) =
Temperaturdifferenz zwischen Gegenstand und Umgebung zur Zeit I, k Materialkonstante. Bei
Ellviimllmg gilt Entsprechendes.
Radioakti\.·er Zeifall einer strahlenden Masse f(r) mit einer Materialkonstantcn k. Man zeige,
daß sich die Halbwerlszeil r, das ist die Zeitdauer. innerhalb derer sich die strahlendc Massc um
die Hälfte vennindert, aus dcr folgenden Formel ergibt:

102
'~-. (3.142)
k
Chemische Reaktion uni modularer Stoffe: f(t) = Masse dcs noch nicht in Reaktion eingetrc{c-
nen Anteils. k Stoffkonstante.
3.3 Anwendungen 281

In zähes MediulIl eindringende Kuge! (ohne Berücksichtigung der Schwerkraft): [(t) Geschwin-
digkeit der Kugel, [(to) Geschwindigkeit zum Zeitpunkt 10 des Eindringens, k = RIIIl, wobei
R Reibungskonstante und m Masse der Kugel ist.
Einschal/en elektrischen Stroms: Ist U die an einem Stromkreis angelegte Spannung. J (t) die
Stromstärke zur Zeit /, R der Widerstand des Strom.kreises und L sein Selbstinduktionskocftizi-
ent, so gilt

JR = U - LJ',

mit J(t) := J (t) - V I R also l' = -f


J, d.h. J(t) = J(O) e-Rt!L. Mit J(O) = 0 zur Zeit1 = 0
des Einschaltens folgt J(O) = -VI R und somit

l(t) = U (I ~ e-Rl/ L ) fUr / 2: O.


R
Beim Ausschalten findet ein entsprechender Vorgang statt.
Kondensalorenentladllllg über einen Stromkreis mit Widerstand R. ISI C die Kapazität des Kon-
densators, so gilt ftir die Eleklrizitätsmenge Q des Kondensators zur Zeil t. die Gleichung Q =
~CR1 mit derStromslärke 1 zurZeit /. Mit J = Q'. also Q = ~CRQ', folgl Q = Qoe-t!{CR).
FUr die Spannung U = QIC am Kondensator folgl damit V = Vo e-t!{CR).

Wir betrachten schließlich noch zwei Beispiele, in der Ableitungen nach dem Weg bzw. der
Masse eine Rolle spielen.

Beispiel 3.42:
(Barometrische Höhen/onllef) Isl p(x) der Luftdruck und p(x) die Luftdichte in der Höhe x
über dem Erdboden, so gilt ~ = -gp. Denn gp(~).:1x ist das Gewicht einer Luftsäule der
Grundfläche I und der Höhe.:1x (mit einem geeigneten ~ E (x. x+.:1x». Zum Gesamtdruck trägt
diese Säule also den Druckanteil lL\rl = gp(~).:1x bei. Division durch .:1x, BcrUcksichtigung
der Abnahme des Luftdruckes bei steigender Höhe (d.h . .:1p < 0 falls L\x > 0), sowie.:1x _ 0
liefern ~ = -gp(x). Mit dem lJoyle-Mariol1eschen Gesetz folgt p =bp (b konstant> 0), also
zusammen pi = -kr mit k:= gib. Daraus folgt die barolllelrisclte Höhen/orme!

p(x)=p(O)e- b . x2:0.

Beispiel 3.43:
(Raketenantrieb, Brennsdl/ußgesdlwilldigkeit) Es sei 1110 die Startmasse einer Rakete, w die
konstante Ausströmgeschwindigkeit der Brennmasse aus den DUsen, u ihre Geschwindigkeit zur
Zeit t und 111 ihre Masse zur Zeit t. Gravitations- und Reibungskräfte sollen nicht berücksichtigt
werden, (Die Rakete starte also von einem Punkt des Weltalls aus, oder Gewicht und Reibung
sind vernachlässigbar klein gegen die Schubkraft.) Aus dem Nell'lOlIsclten Grundgese/z und dem
Impulssatz folgt

du dm
m-=-w-.
dt dt
282 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

Mit w > 0 und dm


dl
< 0 folgt dll
dl'
> 0 also

dlll dr dlll
m=-w--. d.h. m=-w-.
dt dv d,
Nach Satz 3.14 (Abschn. 3.1.7) erhält man daher

m=moe- O/ W ftir v2:0.

Ist 1111 die Masse der Rakete bei Brennschluß und VI ihre Geschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt,
so gilt m I = 1110 e- vi / w . Aullösen nach VI liefert damit die Bremlsdllußgt:~'t:"\Villdigkeil

VI = will
(mo)
-
1//1

3.3.5 Zum Newlonschen Verfahren

Beispiel 3.44:
(Kt:ttellkart/ssell) Ein Kettenkarussell mit einer Tragstange von r = 2 m und einer Kettenlänge
von I = 4 tl1 benötige rur einen Umlauf T = 5 s. Wie groß ist der Winkelausschlag Ci der Kette
(s. Fig. 3.21)?

,"
,
,
,
.1 ~si.!:~.o._ F
m

Fig. 3.21: Zum Kettenkarussell

Nach Fig. 3.21 und Beispiel 3.35 ist der Betrag der Zentrifugalkraft F = mw 2(r+1 sinCi). mit
w = 27r / T. Auf den Körper am Ende der Kette wirkt ferner das Gewicht vorn Betrag G = mg
(g = 9.81 rn/s 2 ). Die Richtung der Resultiercndcn dieser beiden Kräftc ist gleich der Richtung
der Kette, beschrieben durch den Winkel Ci. Es gilt also

lanCi = -GF = -er


",'
g
+ I siEl Ci) •
3.3 Anwendungen 283

Mit tan Q' == sin Q'/J I - sin 2 Q' und der Abkür.lung x ;:::: sin Q' erhält man daraus

mit b ::::: r/ fund a ::::: g2/(/2 w 4). Einsetzen der gegebenen Zahlenwerte ergibt

x 4 +x 3 + 1,6620x 2 -x -0,2500:::: 0,

mit gerundctcm KoelTizicnten 1.6620. Das Newton~Verfahren

!(x,,)
X,,+l :::: x" - -f'()
x"
liefert mit

4 3 2. I
[(X)::::X +x +1.6620x ~'~-4'

von der Näherungslösung Xo :::: 0,6 ausgehend nach 3 Schritten die Lösung x == 0.56585152.
Eine genauere Kurvendiskussion zeigt, daß dies die einzige Lösung in [0, I] ist. Aus = Sill Q' x
folgt Q' == 0.60146565, das entspricht gerundet einem Winkel von 34" 28'.

,
s
"
Fig. 3.22: Freileitung zwischen zwei Ma~len

Übung 3,48:
(Freileitung zwischen zwei Masten) Die Kurve einer Freileitung wird beschrieben durch

)' = fex) x-·'o - I)


="0+(/' ( co~h-,,-

(~. Fig. 3.22) mit gewissen reellen Konstanlen ho. .\"0 (~. 138], S. 68). Berechne (/ und .TO aus

den Höhen" I = 10m. "2 = 77 der Maslen. ihrer Entfernung s = 20111 voneinander und der
Minimalhöhe "0 = 6m der durchhängenden Leilung.
284 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

3.3.6 Extrcmalproblcme

Stellvertretend fUr die große Anzahl von ExtremaIproblemen wählen wir fUnf Beispiele auS Tech-
nik und Physik. Dabei knüpfen wir an den Abschn. 3.2.7 an.

Beispiel 3.45:
(Giinstigste Abme.HlIlJgen eines AbwaHerkwllIJs) Die Querschniusfläche eines Abwasserkanals
habe die Form eines Rechtecks mit aufgesetztem Halbkreis (s. Fig. 3.23). Der Flächeninhalt
F der Querschniusfläche sei fest vorgegeben. Wie sind die Seitenlängen x, y des Rechteckes zu
wählen, damit der Umfang der Querschniusfläche (und damit die Reibung) möglichst klein wird?
Der Umfang ist
x
U = 2y+ -Tf. (3.143)
2
x 2 F .or
Der Flächeninhalt ist F = xy + -Tf, daraus foJgt y = - --.
8 x 8

y
,
Fig. 3.23: Kanalquerschniu

Einsetzen in (3.143) liefert

2F 4+Tf fIF
U = fex) := -
x
+- -x,
4
0< x < -:-.
,.
Erste und zweite Ableitungen lauten:

f , (x) 2F
= -~ "4
+ ( I + ") f " (x) ~
4F
-, .
x

P(xo) = 0 liefert

xo = lif
4+"
F
- - == I.058.JF. (3.144)

Wegen f"(xo) > 0 liegt bei Xo ein Minimum des Umfangs. Die minimale Umfangslänge ist
damit Uo = f(xo) = J(8 + 2JT)F == 3.779ft.
3.3 Anwendungen 285

Beispiel 3.46:
(nach [57J, Bd. 11, S. 144) Der Wirkungsgrad eines Tramformalors ist

P
'1= ,. (P >0). (3.145)
c+P+kP-
Dabei ist P die abgegebene LeislUng, und c > 0 und k > 0 sind vorn Transformator abhängige
Konstanten. Bei welcher Leistung ist der Wirkungsgrad am größten?
Differentiation von (3.145) nach P liefen

d,
dP

woraus durch Nullsetzen PM = /CTf folgt. Da cl/l/dP bei PM einen »fallenden Nulldurch-
gang« hat (d.h. d/l/dP > 0 fur P < PM, d/l/dP < 0 für P > P!o-,), liegt bei PM = JC7I die
gesuchte Maximalstelle.

Beispiel 3.47:
(Biegefestigkeit eines Balkens) Ein Balken mit rechteckigem Querschnitt soll aus einem zylin-
derförmigen Baumstamm geschnitten werden. Wie erreicht man maximale Biegefestigkeit des
Balkens? Die Biegefestigkeit des Balkens ist gleich

w=c·x)'2.

wobei)' die Höhe des Balkenquerschnittes und x seine Breite ist. Mit dem Durchmesser 0 des
Kreisquerschnius unseres Baumes gilt y2 = D 2 - x 2 , also

Man berechnet:
o w" = -c6xo < O.
xo =.J3'

Folglich erhält man maximale Biegefestigkeit rur die Seitenlängen xo = D/.J3 und )'0 =
j D2 - xJ = .J27'JD = ./2,ro.
Beispiel 3.48:
(Lidllbredlllllg und -reflexion) Ein Lichtstrahl verläuft von einem Punkt A in einem Medium I
zu einem Punkt B in einem Medium 2, wie es die Fig. 3.25 zeigt. Die Medien sind durch eine
Ebene getrennt. Die Lichtgeschwindigkeiten CI und C2 in den Medien I bzw. 2 seien konstant.
Wir wollen den Lichtweg aus dem folgenden Fermatschen l7 Prinzip herleiten: »Das Licht
schlägt immer den Weg ein, der die kürzeste ZcitdaLler erforden«. Daraus folgt unmittelbar, daß
der LichlSlrahl in jedem unserer Medien gradlinig verläuft, und daß er in einer Ebene liegt, die
senkrecht auf der Trennebene steht. Diese »Lichtstrahl-Ebene« ist in Fig. 3.25 gezeichnet.

17 Pierrc de fermm (1607 - 1665). französischer Mmhemmi~er und Jurist


286 3 Differentialreehnung einer reellen Variablen

A Medium 1

• ~ • p
I 0 ,
,
y ,'ß b
Medium 2 ,
\~'7/ B

Fig. 3.24: Balken mit maximaler Biegcslci- Fig. 3.25: Lichtbrechung


figkcil

Mit den Bezeichnungen in der Fig. 3.25 ist die Zeitdauer, die das Licht von Abis 8 benötigt,
gleich

t(x) = -
,.
+ -S IJ
= _ x 2 +a 2 + -
I (p)-x)-
, +b2 • (3.146)
CI C2 CI 1:2

Wir errechnen die Ableitungen nach x:

I P -x Ix p-x
,
t (x) = - '_7 '"7, ,
Cl Jx 2 +a 2
=-~---

C2j(p_x)2+b 2
I I
= - sina -sinß.
~
Cl C2
Jx2 + a 2 _ _._,'-
"( ) I V""+'
X-1-W
I X =- , 2
Cl x· +a
1 ,. _ i. I5 _ (l'-x)2
----'-+-
- CI,.2 C2 52
'

Nullsetzen der ersten Ableitung liefert

sina CI
(3.147)
sin ß C2

Dies ist das Snelliu55che l8 8redufIIgsgese1Z: »Das Verhiiltnis des Sinus des Einfallswinkels zum
Sinus des Brechungswinkels ist konstant«, Man erkennt ,"(x) > 0 für alle x E [0. pJ. da" > x
unds> p-x ist. Damit ist " streng monoton steigend. Aus 1'(0) < 0 und I'(p) > ofolgt damit:
Es gibt genau eine Nullstelle von " in [0. p]. Sie ist eine Minimalstelle von 1. wegen t"(x) > O.
Es gibt somit gelluu ein Minimum von I, charakterisiert durch (3.147).

18 Willcbrord van Roijcn Sncll (1580- 1626). niederländischer Astronom und Mmhcmaliker
3.3 Anwendungen 287

Mit den Brechungsindizes 111 = eie 1, 112 clc2 Ce = Lichtgeschwindigkeit im Vakuum)


erhält das Breehullgsgeserz die Form

111 sina = !l2sinß. (3.148)

Das Reflexionsgesetz (Einfallswinkel = Ausfallswinkel) gewinnIman analog. Man hat lediglich


in Fig. 3.25 B an der x-Achse »nach oben« zu spiegeln. Damit laufen alle Rechnungen genauso
wie beim Brechungsgesetz, wobei zusiitzlich Cl = C2 gilt. Man erhiilt wieder (3.147) und wegen
Cl = C2 daraus Cl = ß, also das Reflexionsgeselz.

Beispiel 3.49:
(Wienscl1es l9 Vem:hiebullgsgeselz) Aus dem P/al1ckschclI SlralJllI!lg~·gesetz (l29J, S. 518, (27»

1/(:2 I
E(A) - - . A> 0
- A5 ehcj(kll..l I' ,

soll diejenige Wellenlänge A = Amax beredmet werden. rur die das Emissionsvermögen E(A)
maximal wird. Man berechnet dazu E' ()..) und setzt zur Vereinfachung x =: l1e/(kT)..) ein.
E'(A) = 0 wird dann zu x ex
l(e X -I) = 5, d.h. e- x - I + x /5 = O. Das Newton-Verfahren,
ausgehend von xo = 5. liefert eine Lösung x == 4,965. Sie ist die einzige in (0,00), wie man
sich überlegt. Mit x =: I1c/(kTA max ) folgt das Wiensche VerschiebuII8sgeselZ

1Ie I>c
d.h. Amax T = 4,965k = const .
Amax = 4.965kT .

wobei E"(A max ) < 0 zeigl, daß es sich tatsächlich um ein Maximum handelt.

,
y -f

Fig. 3.26: Eisenkern in Spule

Übung 3.49:
(Eisellkem in einer Spule) In das Innere einer Spule von kreisförmigem Querschniu vom Radi-
us ,. soll ein Eisenkern mit kreuzförmigen Querschnitt gebracht werden (s. Fig. 3.26) Welche
Abmessungen x. )' muß der kreuzförlllige Querschnitt haben. wenn sein Flächeninhalt maximal
sein soll?

19 Wilhclm earl Wcmer Duo Fritz Franz Wien (1864- 1928). deutscher Physiker
4 Integralrechnung einer reellen Variablen

Wie groß ist der Flächeninhalt einer Ellipse, die Länge einer Freileitung, die Energie einer Gas-
menge oder die Fluchlgeschwindigkeit einer Rakete? Wie berechnet man Satellitenbahnen, den
Schwerpunkt einer Halbkugel, das Trägheitsmoment eines Kegels oder die Wahrscheinlichkeit
fur den Ausfall eines Bauteils? Dieses viel faltige Spektrum von Fragen kann mit den Mineln der
Integralrechnung beantwortet werden.

,
a b

Fig, 4.1: Fläche von f auf {tl. bl

Dabei gehl man von einer elementaren Grundallfgabe aus, nämlich der Bestimmullg tier Flii-
chellillhalte krul/ll/llillig beralldeter Flächen. Insbesondere beschäftigt man sich mit Flächen, die
- wie der schraffierte Bereich in Fig. 4.1 - zwischen einern Funktionsgraphen und der x-Achse
liegen. In solche Flächen kann man die meisten krummlinig berandeten Flächen zerlegen, wie
Kreise, Ellipsen usw.
Bei der Bestimmung solcher Flächeninhalte werden die Methoden der Integralrechnung ent-
wickelt. Dabei stößt man auf eine überraschende Tatsache:

Die Integralrechnung ist die Umkehrung der Differentialrechnung.

Während man in der Differentialrechnung von bekannten Funktionen die Ableitungen berechnet,
versucht man umgekehrt in der Integralrechnung aus gegebenen Ableitungen die ursprünglichen
Funktionen zu gewinnen.
Das Problem der Flächeninhaltsbestimmullg wird also dadurch gelöst, daß man die Differen-
tialrechnung »auf den Kopf stellt«. Eine erstaunliche Erkenntnis!
Es ist kein Wunder. daß die Menschen seit drei Jahrhunderten von dieser Entdeckung faszi-
niert sind. Die große Kraft der Analysis und ihr ungebrochener Erfolg sind darin begründet.

K. Burg et al., Höhere Mathematik für Ingenieure, DOI 10.1007/ 978-3-8348-9929-3_4,


© Vieweg+Teubner Verlag I Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
290 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

4.1 Grundlagen der Integralrechnung

4.1.1 Flächeninhalt und Integral

Einführung: Wir gehen von einer positiven beschränkten Funktion f auf einem Intervall [a. bl
aus, wie z.B. in Fig. 4.1 skizziert. Die schraffierle Punktmenge heißt die Fläche 1'0/1 f al/f [a, bl.
Sie besteht aus allen Punkten (x.y)mita.::: x,::: bundO.:::)'.::: fex).
Unser Ziel ist es, den Flächeninhalt dieser Fläche zu bestimmen,ja, ihn überhaupt erst einmal
sinnvoll zu erklären. Dazu bilden wir eine Streifeneinteilung wie in Fig. 4.2, d.h. wir wiihlen uns

Fig. 4.2: Slreifeneinteilung der Fläche

beliebige Zahlen xo, XI. ..•, x" mit

a = Xo < Xl < X2 < ... < XI/ = b. (4.1 )

von f auf [a. b] Die Menge der dadurch gebildeten Teilintervalle


Ixo.xll. IXI.x21 ..... [x,,_I.x,,1

nennen wir eine Zerleglillg 2 des Intervalls [a. bl. Mit

Ll.Xj =Xi -Xi_I. i = 1,2..... /1,

werden die Intervallängen der Teilinterval1e symbolisiert. Die größte dieser Intervallängen heißt
die Feinl1eitlZI der Zerlegung, also

121:= max L1x;.


i E( 1. ... /11

Je kleiner die Zahl 121 ist. desto »feiner« ist die Streifeneinteilung im landläufigen Sinn. In jedem
Streifen der Fig. 4.2 bildet man zwei Rechtecke, die die Fliiche von firn Streifen von »innen«
und »außen« anniihern. D.h. ist [Xi_I. Xi I das Teilintervall zu unserem Streifen. so betrachten wir
darauf das Supremum und das Infimum von f (s. Fig. 4.3):

Mi:= sup f(x), lIli = inf fex) (4.2)


XElxi_l.x; I xElxi_l ..1il
4.1 Grundlagen der Integralrechnung 291

Es entsteht über [Xi~ I, xii ein »inneres Rechteck« mit dem Flächeninhalt lIIi LiXi (s. Fig. 4.3) und
ein»äußeres Rechteck« mit dem Flächeninhalt M; Lix;. Summierung über i ergibt

SfeZ) ;= L" M; Lix; . genannt Oberst/mme 11011 f bezüglich Z.


;=1
(4.3)
sfeZ)
"
;= L lIli Lix; • genannt UlllerSt/l11l11e mll f bezüglich Z.
1=1

Bei genügend feiner Streifeneinteilung wird man beide Summen als Näherungen fLir den zu bc-

m,
T
Fig. 4.3: Darstellung von 111; und M j zu Unter- und Obcrsummen

stimmenden Flächeninhalt ansehen, jedenfalls dann, wenn der Unlerschied beider Summen fLir
hinreichend feine Einteilung beliebig klein wird. Bei immer feineren Zerlegungen Z werden die
Obersummen S/(Z) immer kleiner (oder jedenfalls nicht größer) und die Untersummen sieZ)
immer größer (oder wenigstens nicht kleiner); Dadurch wird nahegelegt. das Infimum aller Ober-
summen und das Supremum aller Untersummen zu bilden:

7/ ;= i~f S feZ) . genannt Oberintegrall'oll f,


(4.4)
L/:= supsl(Z), genannt Ulllerill/egra/l'oll f.
Z

Wir benutzen dabei die Tatsache. daß jede ObersUlllrne von f größer oder gleich jeder Unter-
summe von f ist. Man sieht das leicht so ein: Sind sr(2 I) und S/(22) beliebig gegeben, so bilde
man aus Z 1 und Z2 eine gemeinsame» Verfeinerung« Z, bestehend aus den Durchschnitten der
Teilinlervalle von Zl und Z2. Damit gilt zweifellos

Daraus folgt insbesondere, daß die Menge der Obersummen nach unten beschränkt und die der
Untersummen nach oben beschränkt ist. folglich 7/ und LI wirklich existieren. Ferner ergibt
sich LI .::: 11'
292 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Für übliche Funktionen, etwa ftir stetige, wird man LI = 71 erwarten, d.h. daß die obere
Grenze aller Untersummen gleich der unteren Grenze aller Obersummen ist. I In diesem Fall
nennt man die gemeinsame Zahl

den Ffiicheninlwfl von I auf ra.


bl. Dieser Flächeninhalt wird das /megrall'oll I aul [a, bl
genannt und folgendennaßen symbolisiert:

f
b

1= I(x) dx (fies: »/megral f(x) dx \'011 abis b,,).

"
Wir haben hierbei I als positiv vorausgesetzt. Doch können wir auf diese Voraussetzung auch
ver.tichten und das Integral entsprechend rur beliebige beschränkte Funktionen definieren. Damit
gelangen wir zu folgender allgemeiner Definition, die die bisherigen Überlegungen zusammen-
faßt und auf beliebige beschränkte Funktionen ausdehnt:

Definition 4.1:
(Integrafdejinilion) Es sei I eine reelle beschränkte Funktion auf la, bI.
(I) Man betrachtet eine Zerlegullg 2 von la, bl. Das ist eine Menge von Intervallen
[xo, xil, [XI, X2], ..., [X,,_I, XIII mit

a = Xo < Xl < ... < XII = b.

Die XO, ... , XII heißen Teilullgspllllkle von 2. Die Zahl

121:= max L1xi. mit L1xi := Xi - Xi_l


iEII .... ll!

heißt die Feilllleit von 2.


(11) Mit
Mi ,- sup f(x), mi . - inf f(x)
XE!Xi_1 .t;J xElxi_I.Xi!

bildet man

S1(2) := L" Mi L1Xi . genannt Obersulllllle von f bezüglich 2,


;=1

s1(2) := L" 11I; L1xi ' genannt UIIJerSllmme von f bezüglich 2,


;=1

Es gibl allerdings ~au,gefransle .. Funktionen. flir die das nicht gill. Ein Beispiel dat1ir iSl die Funktion. deren Wer~
te I(x) flirrationale x gleich I sind und ftir irrationale x gleich Q. Doch spielen diese Funktionen in der Teehnik
praktisch keine Rolle.
4.1 Grundlagen der Integralrechnung 293

"nd

If := i~f SI(2) , genannt Oberimegral von f auf La, bJ,

LI := sups 1(2) , genannt Ullferilllegral von J auf La. bJ.


z
Infimum und Suprernurn werden dabei bezüglich sämtficher denkbarer Zerle-
gungen 2 von La, bj gebildet.
(111) Stimmen Ober- und Unterintegral von f auf La. bJ überein, so heißt f imegrier-
ba? auf La, b]. In diesem Falle heißt der gemeinsame Wert II = LI das Imegral
\'on f auf La, bj, beschrieben durch

!f(X)dx.

"

Geometrische Deutung: Ist J auf [a. b] integrierbar und ist f (x) ::: 0 auf La, b j, so ist das

f
b

Integral f(x) dx der Fliü:henil1fwll der Fläche VOll J auf La, b], wie wir einführend schon

"
erklärt haben.

f
b

Ist dagegen f(x) .::: Oauf[a. b], so wird auch f(x)dr .::: O. Der absolute Wert des Integrals

" F = {(x. y) I a .::: x .::: bund


ist in diesem Falle als der Flächeninhalt der Fläche f (x) .::: y .::: 01
aufzufassen. Fliegt IIl1lerhalb der x-Achse (s. Fig. 4.4b).

a) b)
, ,
+~
0'
.~b A
Fig. 4.4: Integral und Flächeninhalt

Ist J sowohl positiv wie negativ aufLa. bJ, so sind die Inhalte der Teilflächen zwischen Graph
J und x-Achse, die über der x-Achse liegen, positiv zu rechnen, und diejenigen ullter der x-
Achse negativ. Die Summe dieser positiven und negativen Zahlen ergibt das Integral

f
b

!(x) dr (s. Fig. 4.4c).

"
2 Man ncnlll fauch 'lUsmhrlichcr Rielllwm-illiegrierbar.
294 4 Integraln:chnung einer reellen Variablen

Übung4.1:
Berechne mit Hilfe der Deutung als Flächeninhalt die lntegmle

I 2

-,J'"
!(2X)dX.
o

4.1.2 lntegrierbarkeit stetiger und monotoner Funktionen


Welche Funktionen sind integrierbar? - Wir zeigen, daß vor allem stetige Funktionen integrier-
bar sind (sonst wäre es schlimm bestellt um die Analysis). aber auch stückweise stetige Funk-
tionen, monotone und stückweise monotone Funktionen auf kompakten Intervallen. Der anwen-
dungsorientierte Leser kann sich mit diesem Hinweis begnügen und ohne Schaden den Rest
dieses Abschnittes überschlagen.
Satz 4.1:
Jede stetige Funktion und jede monotone Funktion auf [0. bl sind auf diesem Intervall
integrierbar.

Beweis:
(I) Es sei f stetig auf [0. bl. Dann ist f sogar gleichmiißig stetig auf [a. bl (nach Satz 1.26,
Abschn. 1.6.6). Zu beliebig gegebenem e > 0 gibt es daher ein 8 > 0 mit If(.q) - l(x2)1 < s,
falls lXI - x21 < 8. Man wähle nun eine Zerlegung Z von kl. bl mit der Feinheit [Zr < 8. In
jedem Teilintervall fXi_I.X;] (i = 1•...• /1) von Z gibt es wegen der Stetigkeit von f Punkte
(i) d (i)
Xmax un x min mit
.

l(xl~~x) = Slip f(x) = Mi,


1·(i_l·xll

. .f
Es f olgt ummttelbar. f'Ul (I) (i) (i) ..
(.\min) < s, da Ixmax - xminl .::: ..:1.\i = .\i - Xi_I < 8. Für die
(X max ) -
Differenz zwischen Obersu1l1me S/ (Z) und Untersumme s/ (Z) erhält man somit:

" "
s/(Z) - s /(Z) = L(M; - mi )..:1x; = L(f(xZ~x) - f(x~ln)).ax;
i=] ;=1
(4.5)
<
" "
LS..:1Xi =s L..:1Xi =s· (b-a)
;=1 i=l

Da e > 0 dabei beliebig klein gewählt werden kann. wird auch S/(Z) - s/(Z) beliebig klein.
wenn man Z geeignet wählt. Daraus folgt aber i!,f S/(Z) = sups/(Z). d.h. fist integrierbar auf
z z
[a, b].
(11) 1 sei nun monoton steigend auf [a, bl. Damit ist 1 auch beschränkt. Z = {fxQ. XI I.
[Xn_l. XII 11 bezeichne eine Zer1egung von [a. bl und M; bzw. 111; das Supremum bzw. das [n-
fimum von f auf [x;_I,x;l. Damit gilt zweifellos f(xi-ll = lIIi ::: Mi = f(x;). also mit
4.1 Grundlagcn der Integralrechnung 295

L1Xi = Xi - Xj_l:

" " "


S/(Z) - s/(Z) = L(M; - lIli).1x; .::: L(M; - lIli)IZI = IZI L(Mi - 111;)
;=] ;=] ;=1

"
~ 121 LU(x;) - [(X;_I» ~ 12IU(b) - [(a)).
;=1

Da IZI beliebig klein gewählt werden kann, ist il)f S /(Z) = sups/(Z), folglich ist f integrierbar
z z
auf [a, bl. Für monoton fallende Funktionen verläuft der Beweis analog. 0

Eine Funktion f heißt ~·'iicklVeise ~·'elig auf [a. b], wenn f bis auf cndlich vicle Sprungstellcn
in [a, bl stetig ist (vgl. Abschn. 1.6.9). f heißt stiickweise mOIlOlO11 auf [a. bl, wenn man eine
Zerlegung Zo von [a, b] finden kann, so daß f zwischen je zwei Teilungspunkten monoton ist,
und wenn f überdics beschränkt ist.
Funktioncn dieser Art sind ebenfalls imegrierbar auf fa, bl Zum Beweis betrachtet man nur
solchc Zcrlcgungen Z. bei dcnen die SprungsIelIen. bzw. die Teilungspunkle von Zo. auch Tei-
lungspunkte von Z sind. Damit verläuft die Schlußkette im Wescntlichen wie im obigen Bewcis.

Übung 4,2:
Führe den letztgenannten Beweis aus.

Übung 4,3
Die Funktion 1 10. tri -+ IR mit I(x) := sin(ljx) fUr x '" 0 und 1(0) := 0 ist weder
stückwcise stetig noch stückweise monoton (warum?). Zeige. daß sie trotzdem imcgrierbar auf
(0.)T1 ist.

f i.
2
Fig. 4.5: Direktes Schätzen des Flächeninh<lhes von j(x)dc mit I(x) = _~x2 + x +
o
2% 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

4.1.3 Graphisches Integrieren, Riemannsche l Summen, numerische Integration mit


der TangentenformcJ

Graphische Integration: Die einfachste Methode für das praktische Berechnen von Integralen
besteht darin, den Graphen einer Funktion f auf fa. bl ZU zeichnen - etwa auf Millimeterpu-
pier - und den Flächeninhalt der Funktion auf [a. IJI abzulesen. (Wir setzen dabei f ohne Be-
schränkung der Allgemeinheit als ~ 0 voraus.) Das »Ablesen« des Fliicheninhaltes kann durch
Abzählen der Millimeterquadrme geschehen, die in der Fläche enthalten sind oder ihren Rand
schneiden. Die von Graph f geschnittenen dabei halb gerechnet.

Beispiel 4.1:
In Fig. 4.5 ist mit dieser graphischen Methode das Integral von fex) = _x 2 /2 + x + 1/2 auf
[0.2] bestimmt worden:

! f(X)dX~! (-~ +x+D dx~


2 2 2

167
o 0

Bemerkung: Früher waren zur graphischen Integration sogenannte »Integraphen« gebräuchlich.


Das sind Geräte. mit denen man durch Nachfahren des Funktionsgraphen mit einem Leitstift den
Integralwert (näherungsweise) gewinnt. Diese Maschinen, wie überhaupt graphische Integrati-
onsmethoden. sind heute durch den Computer nahezu verdrängt. Zur schnellen überschlägigen
Bestimmung von Integralen ist die obige "Kästchenmethode« jedoch weiterhin nützlich.
Riemannsche Summen: Sowohl fur die numerische Integration, wie auch für theoretische Wei-
terführungen sind Riemalll/sche Summe" grundlegend. Es handelt sich dabei um Summen von
Rechteckinhalten. wie in Fig. 4.6 skizziert.

v:'~
~ ~ I
I
I
I
I I I I I
I I I I I
I I
,
I I I
I I I I I

, "" " '"


... b

Fig. 4.6: Zu Riemannschen Summen

Genauer: Ist f eine beschr~inkte Funktion auf la. bl und Z = Ilxo. XII, ...• Ix,,_I. x,,11 eine
Zerlegung von [a, bl. so wähle man aus jedem Teilintervall [Xi_t, Xi J einen Punkt ~i beliebig aus.

3 Gcorg Friedrich Bemhard Riemann (t 826- 1866), deutscher Mathematiker


4.1 Grundlagen der Integralrechnung 297

Als Riemannsche Summe von I (bzgl. Z und ~I, ... , ~") bezeichnet man dann

R:::; L" 1(~;).1xi, mit .1xi :::; Xj - Xi_I·


;=1

(Gelegentlich schreibt man auch Rf(Z,~) stau R, wobei ~ :::; (~l ..... ~,,) ist.) Für eine positive
Funktion I, wie in Fig. 4.6 gezeichnet, handelt es sich offenbar gerade um die Summe von Recht-

eckinhal!en. Es ist zu erwarten, daß R sich beliebig wenig vom Integral J" I(x) dx unterscheidet,

wenn "
IZI :::; max .1x; genügend klein ist. Dieser Sachverhalt wird im folgenden Satz präzisiert.
;

Satz 4,2:
Für jede besehränkte Funktion I auf La, b) gilt: I ist genau dann integrierbar, wenn
jede Folge Riemannscher Summen Rk von I, bei dcnen die Feinheiten IZki der zuge-
hörigen Zerlegung gegen Null streben, konvergiert.
Jede dieser Folgen (Rd konvergiert dann gegen denselben Grenzwert. Dieser ist

J
b

gleich I(x) dx. [n Formeln:

"

f
b

'_00
lim Rk:::; I(x)dx.

"

Beweis:

J
b
4 (I) Es sei I imegrierbar auf [0. b] und I :::; I(x) dx.

(Rd sei eine beliebige Folge Riemannscher "Summen von I, bei der die Feinheiten IZki der
zugehörigen Zerlegungen ftir k -+ 00 gegen Null streben. Wir zeigen Rk -+ I ftir k -+ 00.
Da I integrierbar auf la, b] ist, existiert zu beliebigem E > 0 eine Obersumme 5 feZ) und
eine Untersumme S feZ') mit

(4.6)

Wir vergleichen nun 5 fez) mit einer unserer Riemannschen Summen Rk. Dabei denken wir uns
Zk »sehr fein« ,jedenfalls IZkl < IZI. Die Riemannsche Summe spalten wir auf in

Rk :::; Ak + Bk.
wobei Ak die Summe aller derjenigen Glieder von R k ist, die zu TeilintervalleIl von Rk gehören,
4 Kann beim crstcn Lesen überschlagcn wcrdcn.
298 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

welche Teilungspunkte von 2 enthalten. BI; ist die Summe der übrigen Glieder. Man überlegt
sich leicht, daß Bt .::: 5/(2) gelten muß. (Man zeichne eine Figur dazu,) Ferner gilt AI; --7 0 rur
k --7 00. (Denn ist 111 die Anzahl der Teilungspunktc von 2, so kann AI; höchstens 2m Gliedcr
haben, da jeder Teilungspunkt von 2 in höchstens zwei Teilintervallen von 2t liegt. Da jedes
Glied von AI; absolut.::: 12;;1 sup 1[(x)1 ist, fo[gtlA;;I .::: 211112;;1 sup 1[(x)1 --7 0 für k --7 00.)
[u.bl [u,b[
Somit ist lAl;l < E, falls k > ko, fur ein genügend großes ko. Daraus erhält man ftir k > ko:

Ganz rechts wurde (4.6) verwendet. Entsprechend beweist man die Ungleichungen RI; 2: .~/(2')
-E 2: I - 26" rur k 2: k] (k l genügend groß). Zusammen folgt I - 26" .::: RI; .::: I + 26" rur
k 2: K = maxlko. k l }. Das bedeutet aber, daß RI; gegen I konvergien.
(11) Wir setzen nun voraus, daß jede Folge Riemannscher Summen RI; von [, mit 121; I --7 0 rur
die zugehörigen Zcrlegungen, konvergien. Damit konvergieren alle diese Folgen (RI;) gegen den
gleichen Grenzwen R. (Gäbe es nämlich zwei Folgen (R;;), die gegen ~wschiei'el/e Grenzwerte
strebten, so würde eine Mischfolge aus beiden überhaupt nicht konvergieren, was unserer Voraus-
setzung widerspricht.) Zu zeigen ist, daß [ auf La. bJ integrierbar ist. Dazu betrachten wir eine
beliebige Folge von Zerlegungell ZK von La, bJ, mit IZI;I --7 0 für k --7 00. Man bilde die zuge-
hörige Folge von Obersummen 5/(2;;). Zu jedem S/(2;;) kann man eine Riemannsche Summe
Rt von [ finden mit SfeZ;;) = RI; + 6"1;. 0 .:os EI; < 1/ k. (Man hat nur die [(~i) in RI; genügend
dicht an den Suprema Mi von [ in den zugehörigen Zcrlegungsintervallen zu wählen.) Wegen
Rt --7 Rund 6"1; --7 0 folgt SI(ZI;) --7 R rur k --7 00. Entsprechend ergibt sich sl(ZI;) --7 R rur
k --7 00, wegen sup S feZ) .:os i1)f SfeZ), also
z z

J
b

Folglich ist [integricrbar aurra, bJ. und R = [(x) dx. o


"
Tangentenformel zur numerischen Integration: Wir denken uns eine imegrierbare Funktion [
auf La, b} gegeben - z.8. eine stetige Funktion. Ihr Integral auf [a. b} soll zahlenmäßig berech-
net werden,
Dazu bilden wir zunächst eine iiquüfisfal1le Zedegllilg Z = {[xo, XI I, ..., [x n_]. X" 11 von
[a, b J. Aqllidisfall/ bedeutet, daß alle Teilintervalle [.xi -I, Xi J gleich lang sind, also

b-a
L\xi = Xi -Xi-] = --:= h ruralle i = I, ... ,/l.
n
lnjedem Teilintervall bestimmen wir nun den Mittelpunkt (s. Fig. 4.7a)

Xi +Xi_1
~j:= 2 (;=1, ... ,/1) (4.7)

und bilden damit die Riemannsche Summe


4.1 Grundlagen der Integralrechnung 299

, ,
,,,,( , ,
, , , Tangente

T
,
j', ,, ,, ,,
/ , ,, ,, ,, ,,
, , , , , 1(1;1)

, ,
, , ,, ,, ,,
.)

• 0, ~ ~ .. b

Fig. 4.7: Die Tangentenformell.ur numerischen Integration

R ~ L:" f<liJ" . h=--.


b-a

;=1 "

J
b

Satz 4.2 besagt, daß sich R fur genügend kleine [21 beliebig wenig vom Integral f(x) dx

unterscheidet, also

f
b "
b-"",,
fix) dx ~ - - L f<l,H 8. (4.8)
a " ;=1

Für den »Fehler« 0 gilt folgende Abschätzung, die ohne Beweis mitgctcilt sei (s. [56]). f wird
dabei zweimal stetig differenzierbar vorausgesetzt:

wobei M ~ 1f"(x)1 fLirallex E [a. bl. (4.9)

Formel (4.8), mit (4.7). heißt die Tangentenforme!. Der Grund dafür geht aus Fig. 4.7b hervor:
Zeichnet man in (~i. f(~i» die Tangente an den Graphen von f ein. so ist das schraffierte Trapez
inhaltsgleich zum Rechteck mit den Seitenlängen h und f(~i)' Die Inhaltssumme dieser Trapeze
ist also gleich der Ricmannschcn Summe in der Tangentenformel. Mit der Tangcntenformel sind
wir grundsätzlich in der Lage, jedes Ill/egral beliebig gel/all ZU berechnen. Mit Computcrn ist
dies eine Kleinigkeit. (Später werden wir noch effizientere numerische Imegrationsrnethoden
kennen lernen. s. Abschn. 4.2.6.)
Bemerkung: Man mache sich klar, daß mit numerischen Integrationsmethoden, wie der Tan·
gentenformel, das Problem der Integration prinzipiell, ja, sogar praklisch gelöst ist! Auf diese
Methoden kann man immer zurückgreifen, wenn andere Methoden versagen! Die numerische
Integration ist sozusagcn das »Schwarzbrot« der Integralrechnung: Nicht so delikat wie Kuchen,
daflir aber gesund und nahrhaft.
300 4 Integraln:chnung einer reellen Variablen

Beispiel 4.2:
3
Es SOli! x 2 dx berechnet werden. Wir teilen das Intervall [2.31 in 10 gleichlange Intervalle der
2
Länge 1/10 ein. Die Miuelpunkte dieser Intervalle sind Si = 2,05, S2 = 2.15, .. " SIO = 2,95.
Mit der Tangentenformc1 (4.8) folgt damit

!, x
2 3-2
dx=~(2.05
2 2 2·
+2.15 + ... +2.95 )+8=6,33250+8.

Da fex) = x 2 die zweite Ableitung f"(x) = 2 besitzt, kann in der Fehlerformel (4.9) M = 2
gesetzt werden. Für den Fehler;;; gilt also

").(3_")3 _
151 s - 24. 10; = 0.00083.

(Mit dem Hauptsatz können wir später den exakten Integralwen ermitteln. Er ist 6 + 1/3.)

Übung 4.4:
Berechne mit der Tangentenfonnel näherungsweise die folgenden Integrale. Wähle die Zerle-
gungen dabei so. daß der »Fehler« lj jeweils absolut kleiner als 5.10-4 ist

J,'"
x
- dl", JSinxdl".
X
o

4.1.4 Regeln für Integrale


Bevor wir zum Hauptsatz kommen, mit dem sich viele Integrale bequem und elegant berechnen
lassen, müssen wir einige Regeln über Integrale herleiten, die wir ftir den Hauptsatz und den
weiteren Ausbau der Integralrechnung brauchen, Die Regeln sind anschaulich sofon einzusehen,
wenn man die geometrische Deutung der Integrale als Flächeninhalte heranzieht. Zunächst tref-
fen wir zwei Vereinbarungen:
(I) Für jede in (/ E IR definierte Funktion f setzen wir
,
! f(x)d.,,~O.
"
(11) Isl f auf[a. bl integrierbar, so setzen wir

! "
f(X)dX:=-! f(x)dx.
b

b "
4.1 Grundlagen der Integralrechnung 301

Satz 4.3:

(Imegraliol1sregeln) Es seien fund g reelle Funktionen auf einem Intervall I, die auf
jedem kompakten Teilintervall von 1 integrierbar sind. Damit folgt: Auch f + g, Af
(A ER), f· g, f/g (falls g cl- 0 auf I) und III sind integricrbar auf jedem kompakten
Teilintervall von I. Dabei gilt rur alle a, b, cE I:

b b b

(a) !U(X)+g(x»dr=! f(X)dX+! g(x)dx (4.10)


"I'
f f
<I
b b

(b) Af(x)dx ~A [(x)dx (4.11)

" "
f f f
h r b

(0) [(x) clx ~ [(x) dx + [(x) dx (4.12)


<I <I r

Aus m ::::: fex) ::::: M auf!a. bJ folgt

(d) m(b-a):::::! f(x)dx::::: M(b-a) (4.13)

"
Mit C:= sup If(x)1 erhält man
.fE[Il.bJ

(4.14)

f
b b

(,) [(x)dx ::::: !1/(X)ldx :::::C·(b-a). (4.15)

" "
(Die linke Ungleichung nennt man die »DreiecksungleicJ1/mg für Ili/egraJe«.) Gilt
fex) ::. g(x) fLir alle xE [a, bl, so ist

!
b b

(0 f(X)dr::.! g(x)dx. (4.16)

" "
Sind fund g überdies stetig auf [a, bl und gilt flir wenigstens ein xo E (a, b) die
strenge Ungleichung I(xo) > g(xo), so folgt sogar

! !
b b

I(x)dx > g(x)dx. (4.17)

" "
302 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Beweis:
Die Beweise sind so einfach (und langweilig), daß wir sie hier weglassen dürfen, Der Leser
kann sie, falls er möchte, zur Übung selber fUhren: Lediglich ZU Teil (e) ist zu sagen, duß man
Gleichung (4.15) zweckmäßig über Riemunnsche Summen beweist, und zu Teil (f). duß man

f f
b b

zunächst hex) := [(x) - g(x) ~ 0 setzt und hex) dx ~ 0, (4.16) bzw. h(x) dx > 0, (4.17),

nachweist. " "


Beim Beweis der letztgenannten Ungleichung bemerkt man, daß nicht nur h(xo) > 0 ist,
sondern daß wegen der Stetigkeit von" in einer Umgebung von.1:0 sogar hex) ~ h(xo)/2 > 0

f
b

ist. Also ist wenigstens eine Untersumme von h positiv, woraus h(x) dx > 0 unmittelbuT

folgt. " o
Aus Satz 4.3 folgt mühelos

Satz 4.4:
(a) (Miuelwertsatz der Integralrec1l11l1l1g) Ist die Funktion [ : [a. b] --+ IR stetig, so
existiert ein ~ E (a, b) mit

f f(x)dx~f«)(b-a).
b

(4.18)

"
(b) (Verallgemeinerter Miuelwerts(l/Z der IlIIegralrecllll/lllg) Sind [ und p stetige
Funktionen auf La, bJ und ist p(x) > 0 fur alle x E (a, b), so existiert ein
~ E (a, b) mit

f f
b b

[(x)p(x) dx = [(0 p(x)dx. (4.19)

" "

Veranschaulichung: Der Mittelweltsatz der Integralrechnung, wird durch Fig. 4.8 dargestellt,
wobei [(x) ~ 0 auf kl. bJ vorausgesetzt sei. Und zwar ist der Flächeninhalt von [ auf [a, b],

f
b

also [(x) dx, gleich dem Flächeninhalt des Rechtecks mit den Seitenlängen [(0 und (b - a).

"
Beweis:
Wir zeigen zunächst (b), Ist [ konstant, so ist (4.19) trivialerweise richtig, Es sei daher [ als
nicht konstant vorausgesetzt. Damit sind

m= min f(x) und M = max fex)


XEII•. hl xela.bJ
4.1 Grundlagen der Integralrechnung 303

,
Fig. 4.8: Zum Minelwensatz der [ntegrnlreehnung

verschieden. Es gibt also ein Xo E (a. b) mit m < J(xo) < M; also gilt

mp(xo) < J(xo)p(xo) < Mp(xo) und mp(x).::: J(x)p(x).::: Mp(x) aufla. bJ.
Integration der letzten Zeile ergibt nach Satz 4.3f (4.17):

J J f
b h b

111 p(x)dx < J(x)p(x)dx < M p(x)dx also


(J" a
h b

f J(x)p(x) dx = c f p(x) dx
, "
mit einem c zwischen mund M. Nach dem Zwischenwensatz existien ein ~ E (ll. b) mit J(~) =
c, woraus (4.19) folgt.
Teil (a) unseres Satzes ergibt sich daraus für den Spczialfall p(x) = 1 fur alle xE [ll. bl. 0

Übung 4.5:
,
Es sei f imcgrierbar auf[a. b]. Beweise. daß F(x):= J I(t)dt stetig auf[a. b] ist. (Anleitung:

." "
Wende auf F(x I) - F(X2) = J 1(1) dt Satz 4.4 an.)
·[2

4.1.5 Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung


Es sei eine reelle Funktion J auf einem Intervall I gegeben. Unter einer SUllIIlIIJllnklioll von J
verSieht man eine Funktion F auf I, die

F' = J erfLillt.
304 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Einige Beispiele: Zu f(x) =:: x 2 ist F(x) =:: x 3 /3 eine Stammfunktion, zu cos ist sin Stammfunk-
tion, und f(x) =:: eX ist Stammfunktion von sich selbst. Das Suchen von Stammfunktionen ist
also cin»Ulngckehrtes Differenzieren«. Seine Bedeutung bekommt dieser »Umkehlllrozeß« im
folgenden Hauptsatz. der die Differential- und Integralrechnung verknüpft:

Satz 4.5:
(Hauptsatz der Differelllial- lind Integralrechnung) Es sei f eine stetige Funktion auf
einem Intervall J. Dann ist die Funktion F, definiert durch
,
F(x):=:: f f(t)dr. (x.a E 1). (4.20)

"
eine Stammfunktion von J.

,
a ,

Fig. 4.9: Zum H"uptsalZ

8emerkung Der Satz beinhaltet u.a. die Aussage, daß jede stetige Funktion auf einem Intervall
überhaupt eine Stammfunktion besitzt,
Die Funktion F in (4.20) läßt sich gut durch Flächeninhalte veranschaulichen, wie es die
Fig. 4.9 zeigt: Man erkennt, wie sich F(x) mit laufendem x iindert.

8eweis:
des Hauptsatzes: Wir haben zu zeigen, daß der Differenzenquotient (F(z) - F(x»/(z - x) mit
z ...... x gegen fex) strebt. Dazu formen wir zunächst F(z) - F(x) mit dem Mittelwertsatz der
Integralrechnung um (x. Z EI, x -# z):

J Jf(l)dl~ Jf(l)dl~f«)(z-xl
:: x ::
F(z)-F(x)~ f(l)dl-
(I a x

mit einem g zwischen z und x. Damit folgt

F('l - F(x)
• ~f(~)· (4.21)
z-x
4.1 Grundlagen der Integralrechnung 305

Läßt man x fest und variiert 2, so hängt ~ von 2 ab; darum schreiben wir besser Hz) statt ~. Mit
2 --7 x folgt ~(z) --7 x, da ~(2) zwischen x und 2 liegt. Damit strebt die rechte Seite von (4.21)
mit z --7 x gegen fex). Folglich konvergiert auch die linke Seite von (4.21) mit 2 --7 X gegen f,
d.h. es gilt F'(x) = fex). 0

Wieviele Stammfunktionen besitzt eine Funktion f? Ist Feine Stammfunktion von f, so


offenbar auch G(x) := F(x) +c mit einer beliebigen Konstanten c. Gibt es noch weitere Stamm-
funktionen von f? Das ist nicht der Fall. Es gilt

Satz 4.6:
Ist Feine Stammfunktion von f : I --7 IR (I Intervall), so besteht die Menge aller
Stammfunktionen von f auS den Funktionen

G(x)=F(x)+c xE/. cEIR.


Beweis:
Sind G und F zwei Stammfunktionen von f, so gilt (G - F)' = f - f = 0, also ist G - F
konstant (nach Ahschn. 3.1.5, Folg. 3.5a). Das heißt G(x) - F(x) == c, was zu beweisen war. 0

Aus dem Hauptsatz und dem gerade bewiesenen Satz 4.6 gewinnen wir nun den Kem~ lind
Angelpwlkr der gesamten Differential- und Integralrechnung, nämlich die Berechnung von Inte-
gralen über Slammfunktionen. An dieser Stelle tut der Leser gut, eine feierliche Pause einzulegen,
denn er hat den Höhepunkt der eindimensionalen Analysis erreicht.
Die angekündigte Aussage ist in folgendem Satz niedergelegt. Er wird auch der zweite Haupt-
sm2 genannt:

Satz 4.7:
Ist F Stammfunklion einer stetigen Funktion f auf einem Intervall I, so gilt flir belie-
bigea,bEI

! b
f(x)dt = F(b) - F(a).

"

Beweis:
,
Nach dem Hauptsatz (Satz 4.5) ist durch 1:O(x) := ! f(r) dr eine Stammfunktion von f gege-

ben. Also ist F(x) == Fo(x) " folgt


+ c nach Satz 4.6. Daraus

f f f
b (l b

F(b) - 1'(0) ~ Fo(b) - Fo(a) ~ f(t)dt - f(t)dt ~ f(t)dt. o


(l a a
~
o
306 4 Integraln:chnung einer reellen Variablen

Bezeichnung: Zur Abkürzung setzt man häufig

[F(X)I := F(b) - F(a).

also z.B.:
./2

f
-Jr/2
cosxdx = [sin-r]Jr/2 =sin::
-Jr/2 2
~sin (_'C) = I + I =
2
2.

Übung 4.6:
Bercchne mit Satz 4.7 die Intcgrale

f
3
(a) x 2 dt (s. Beisp. 4.2). (b) ] ( - ",' +" + ~) dx (s. Beisp. 4.1).
o
2
,
f f
3
"
(e) sinxdt. (d) e" d,·. (e) feh dt.
-,
o
,. o

f
.,
(I) Es sei I(t) :=
I -I.
ftirr:::O.
ftir r < O.

(Ist F(x):= lxi Stammfunktion von 11)


Beweise
o
I(t) dl = lxi·

4.2 Berechnung von Integralen

4.2.1 Unbestimmte Integrale, Grundintegrale

Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung mit der aus ihm folgenden Integralfor-
mel im Satz 4.7 gestattet es uns, die Methoden der Differentialrechnung bei der Integralberech-
nung voll auszuschöpfen: Die Integration stetiger Funktionen ist auf die Aufgabe zurückgeführt,
Stammfllnktionen zu gegebenen Funktionen zu finden. Diesem Problem wenden wir uns im Fol-
genden zu.
Unbestimmtes Integral: Jede Stammfunktion F einer reellen Funktion f auf einem Intervall /
nennt man auch ein unbestimmtes Integral von f. Man beschreibt dies nach Leibniz durch

F(x) = J f(x)dx (lies: »Integral f(x)d.t«).

Das Symbol auf der rechten Seite bezeichnet dabei irgend eine beliebige Stammfunktion von f.
Es gilt somi! auch

F(x)+c= J f(x)dx.
4.2 Berechnung von Integralen 307

da F(x) + c ebenfalls eine Stammfunktion von J isl. Man merke: Gilt G(x) = ! J(x)dx und

F(x) = ! J(x)dx, so darf man nicht G(x) = F(x) folgern (rur alle xEI), sondern nur
G(x) = F(x) + c mit einer Konstanten c.
Achtung: Bei der Verwendung von! J(x)dx hat man sich also stets bewußt zu machen, daß
dieses Symbol eine Funktion nur bis auf eine beliebige additive Konstante beschreibt. Im Fol-
genden geben wir dennoch aus Gründen der Übersichtlichkeit stets nur eine Realisierung des
unbestimmten Integrals an und verzichten auf die zusätzliche additive Konstante. Es sollte dem
Leser daher bewusst sein, dass beispielsweise mit

J cosxdx = sinx

formal immer auch alle weiteren Stammfunktionen

J cosxdx = sinx +C

mit beliebiger Konstanten C E IR zu berücksichtigen sind 5


Wir machen uns klar, daß folgende Äquivalenz gilt

F(x) = J J(x) dx $==} F' = J. (4.22)

Im Gegensatz zum unbestimmten Integral J J(x) df nennt man

J
b

J(x) dx

"
ein bes/immtes Integral. Bestimmte Integrale sind also Zahlen. während unbestimmte Integrale
Funktionen beschreiben.

Grundintcgralc: Als Ausgangspunkt rur praktische Rechnungen stellen wir eine Tabelle ele-
mentarer Funktionen zusammen (s. Tab. 4.1), deren Stammfunktionen sich aus der Differential~
rechnung unminclbar ergeben (s. Abschn. 3.1.8 und Abschn. 3.1.9). Dabei sind die angegebenen
Funktionen J ftir alle x E lR definiert. ausgenommen dort. wo auftretende Nenner Null werden
oder Wurzeln negative Radikanden aufweisen.
Beim Integrieren liest man die Tabel1e von links nach rechts, beim Differenzieren von rechts

5 Dic 'ldditivc KOnSlJIHC spiclt beispielsweise bei der Lösung \'on Anfangs"'enproblemen einc wiehtigc Rolle. siehc
BurglH"rf\ViliefMeislCr (Band 111) 1101. Dagegen hebt sich die KonslJnte bei der Berechnung der rur uns im weite·
ren betraehlen bestimmten lnlegrale aurgrund der Differenzenbildung stets auf. so dass die Angabe der Konstanten
hier irrelevant ist
308 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Tabelle 4.1: Grundintegra[e

f= F' F(x) = J f(x) d.x f = F' F(x) = J fex) dr


.r"+ 1 I
-COlhx
{/ + [ sinh 2 x

(x "1= 0) In lxi tanhx


x
,x
a' Jarcsin.r
w'(a>O.a"l=l)
10a ~
(lxi< I)
1- arccosx
1 Jarclan.r
sin x -cosx
1 +x 2 1- arccolx
1 Jarsinhx
cosx sinx
~ 1= In(x+ JI +x 2)
1 Jarcoshx
-col.r
±~
(lxi> I)
l= ±11l(x+J.r 2 -I)
lanx

I I +x
artanhx = - [ n - -
sinh .r coshx
1 ~X21(IXI < I) 2 I-x
I x+1
(lxi> I) arcOlhx = - I n - -
2 .r - I
sinhx coshx

coshx sinhx

nach links. Mit Hilfe der einfachen Regeln

!U(X)+g(X»dr=! f(X)dr+! g(x)dr, Additil'iliit, (4.23)

! Af(x)dx = A! fex) dx. HOII/ogenitiit, (4.24)

fur stetige Funktionen (s. Salz 4.3, (a), (b» lassen sich aus der Tabelle der Grundintegrale schon
viele Slammfunktionell ermitteln, z.B.

! (3 e" +7 sin x) dx = 3 ! e" dx + 7 ! sin x dx = 3 eX -7 cosx ,

! "
Lakxk dx = Lak
k=O
"

k=()
! k
x dr = Lak:
".k+1

k=O
+I . (4.25)
4.2 Berechnung von Integralen 309

Die Integration von Produkten fex) . g(y) und verketteten Funktionen f(g(x) wird in den
nächsten bciden Abschnitten behandelt.

Übung 4.7:
Berechne

! ! ,-, .
4 7 d,
'5x dr.
.

J
"/2

!
d.
cosxdr.
I +.r 2 .
o

4.2.2 Substitutionsmelhode

Da das Integrieren stetiger Funktionen. d.h. das Auffinden von Stammfunktionen. gerade der
umgekehrte Prozeß wie beim Differenzieren ist. lassen sich Differentiationsregeln in Integmti-
onsregeln verwandeln. Wir wollen das in diesem Abschnitt anhand der Keuellregef durchfUhren.

Substitutionsformel: Wir betrachten die Komposition zweier stetig differenzierbarer Funktionen


Fund rp:

(4.26)

(rp bzw. F sind dabei auf Intervallen 1 bzw. J definiert, wobei - wie könnte es anders sein?-
rp(l) S; J gilt.) Differenzieren ergibt nach der Kettenregel

G/(r) = F'(rp(t))q:/(t).

Übergang zu Stammfunktionen auf beiden Seiten liefert

Mit x = rp(t) gilt dabei F(x) = G(I), s. (4.26), also

F(x) = J F'(rp(l))rp'(t) dt mit x = rp(t) (4.27)

fur aJle I E I. Bezeichnet man nun mit f die Ableitung F' und setzt dies zusammen mit

F(x) = f 1(x) d.\"

in (4.27) ein. so erhält man


310 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Satz 4.8:
(Subslirlllionsformel) Es sei f stetig auf dem Intervall J und !(J stetig differenzierbar
auf dem Intervall I, wobei !(J(I) c J gilt. Damit folgt

f f(x)dx= f f(tp(t))!{J'(t)dl, mitx=Ip(t). (4.28)

dx
Merkregel: Mit der Leibnizschen Schreibweise - = !(J'(t) bekommt die Substilutionsfor-
dt
mel (4.28) die leicht zu behaltende Gestalt

f f(x) dx = f J(!{J(I» ~ d!. X = !(J(t). (4.29)

Man hat also links das x in fex) durch !(J(r) zu ersetzen und dann dx formal durch dr zu divi-
dieren und mit dl anschließend Jormal zu multiplizieren. (Man macht sich klar. daß hier keine
wirklichen Divisionen und Multiplikationen mit dr vorliegen, sondern daß sie nur optisch als
solche erscheinen. Dies erleichtert das Merken der Formel aber gerade!)

J
Anwenden der Substitutionsformel »von rechts nach links«: Zunächst wenden wir Fornlel
(4.28) auf tp'(r) d! an. Der Vergleich mit der rechten Seite von (4.28) liefert
!(J(t)

1
d.h. fex) = - mit x = rp(r) .
x

Also folgt mit Vertauschen der Gleichungsseiten von (4.28):

J .'(t)
- - dl =
!(J(r)
J 1
- dr = In lxi = In Itp(t)I.
x
(4.30)

Schreibt man ganz rechts und ganz links x statt I, so gewinnt man

J
.'(x)
- - dx = In IIp(x)l. (4.31)
!(J(x)

Diese nützliche Formel läßt eine Reihe von Folgerungen zu:

Beispiel 4.3:
SelZl man in (4.31) rp(x) nacheinander gleich cosx, sin x, coshx, sinhx und In x, so erhält man
4.2 Berechnung von Integralen 311

f tanxdx = -In Icosxl, f cotxdx = In Isinxl, (4.32)

f tanhydx = In I cosh xl ' f cothxdx = In I sinhxl, (4.33)

f
d,
- - = Inllnxl· (4.34)
x Inx

Die Formeln gelten natürlich nur in Intervallen, in denen die gewählten Funktionen 'IJ definiert
sind und nirgends verschwinden. Entsprechend erhält man aus (4.28):

f ' 'IJ(t)'IJ(t)dl = f xdx = x'


2" I , (t),
= 2"'IJ (4.35)

wobei fex) = x gewählt wurde.

Beispiel 4.4:
Setzt man in (4.35) rp(f) = In I und dann x statt /, so folgt

f
Inx I 2
- d x = -In x. (4.36)
x 2

Häufig trifft man auf Integrale der Form f f(t2)/ dl. Der Vergleich mit der rechten Seite der

Substitutionsfonnel (4.28) zeigt, daß wir hier'IJ(t) = ,2 setzen können. Es folgt wegen 'IJ'(!) = 2/

(4.37)

wobei Feine Starnmfunktion VOll f ist. Mit x staU I in den Ausdrücken ganz rechts und links
erhalten wir somit

f ~
xf(x-)dx = 2"F(x)
I 2 .
(mn F' = f). (4.38)

Beispicl4.5:
Setzt man für f verschiedene Funktionen ein, so gewinnt man aus (4.38) die Integrale
312 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

f ' e"
xc'" dX=T' (4.39)

f
Xdf I 2
- -2 = -ln(l +X). (4.40)
I +x 2

f xdx ~
f
Xdf ~
~=yl+x", JX2=I~vx2-I,
vI +x" x - I
(4.41)

allgemein:
f xdx
r~T"i' = -
J(I+bx1
I
b
J + bx-' ,
(I (b"O). (4.42)

Die Formeln gelten selbstverständlich nur in solchen Intervallen, in denen die auftretenden Nen-
ner 1= 0 oder die Radikanden> 0 sind.

J
Die Verwendung der Substitutionsformel »von rechts nach links«, wie oben geschehen, ist nur
möglich, wenn die zu berechnenden Integrale schon in der Form !Cq?(t))rp'(r)dt vorliegen.
Man muß das mit »scharfem Auge« erkennen! Dieser Glückswstand liegt aber nicht immcr vor.
Aus diesem Grund ist die Ausnutzung der Formel (4.28) »von links nach rechts« häufiger. ja, auf
ihr beruht der HauptnUlzen der SubstilUtionsregel. Wir wenden uns diescr Methode im Folgenden
w.
Anwenden der Substitutionsformel »von links nach rechts«: Zunächst schreiben wir die Sub-
stilUlionsformel (4.28) geringfligig um. da sie dann fLir die Anwendungen griffiger wird. Und
zwar wird die Funktion

ger) := [(/{J(t». t E f.

eingefLihrt. Dabei setzen wir q?'(t) 1= 0 auf f voraus. Es existiert damit die Umkehrfunktion von
/(J, die wir mit 1/1 bezeichnen, d,h.

x = /(J(t) <=> I = 1/1(x).

Damit ist [(x) = g(1) = g(1/1(x». Man setzt dies in die SubstitutiOllsformel (4.28) ein und
erhält

f g("(x»dx ~ f g(I)~'(l)dl, (4.43)

Hierin ist
I dx 1 I I
(4.44)
~ (I) ~ dr ~ d, ~ "'(x) ~ -;"-';'(-~("I)")
dx
dx
Wir verwenden die übersichtliche Leibnizschc Schreibwcise - und gelangen damit w der
d'
4.2 Berechnung von Integralen 313

Folgerung 4.1:
Beschreibt 8(1/I(X» eine zusammengesetzte Funktion, wobei g stetig auf dem Intervall
I ist und 1/1 stetig differenzierbar auf dem Intervall J (mit 1/1(1) C 1), so folgt unter
der Voraussetzung 1/I'(x) i= 0 auf J

J g (1/1 (x» dx = J g(t) ~. dt, mit t = 1/1 (x) . (4.45)

Die Substilutionsformel in dieser Gestalt soll an einem einfachen Beispiel demonstriert werden,
an dem der Leser die grundsiitzliche Anwendungsmöglichkeit erkennt.

J
Beispiel 4.6:
sin(2x) dx =1

dt dx I
Hier setzt man t = 1/I(x) = 2r, woraus - = 2, also - = - folgt. Die Substitutionsfonnel
dr dl 2
(4.45) liefert damit

I sin(2r)dx =
I dx
sinlilidl = 'I
2" sintdl = '
-2"COSI ,
= -2"cos(2x).

I
Das Beispiel zeigt folgendes: Bei Anwendung der Substitutionsformel (4.45) geht man davon
aus, daß man g(r) clx dl »integrieren(( kann, d.h. daß man eine Funktion H angeben kann mit
cll

I
dl clx
g(t)- dt = H(t), d.h. H'(I) ~ 8(1)- (4.46)
dl dl

auf I. (Aus dem Hauptsatz folgt, daß eine solche Funktion H existieren muß.) Damit wird (4.45)

'"
I g("(x»dx ~ I g(t) ~ dl ~ H(t) ~ H("(x». (4.47)

Diese Formelketle. von links nach rechts durchlaufen, ist ein hervorragendes Instrument zur Be-
rechnung vieler Integrale!
Beim Übergang zum beslilllllltelllll/egral folgt daraus rur alle (I, b E J:

I
I,

g("(x»dx ~ H("(b))- H(,,(a)). (4.48)

"
wegen (4.46) also
314 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

J J
h ",(b)

g(!fi(x» dx = g(t) ~ dt. t = !fi(x). (4.49)


tl '/1(0)

Dies ist die SlIbstillltionsforme! für bestimmte IlIlegrale.


An einer Reihe von Beispielen soll die Kraft der hergeleiteten Formel gezeigl werden. Zuersl
belrachten wir Integrale der Form

J f«(lx+b)dx. mil (11-0.

Wir »substituieren «

d' <Ix I
t = !fi(x) =(lx+b. ::::} dx =a. =}-=-.
d' a
Ist Feine S{ammfunktion von f, so liefen die Formelkelte (4.47):

! f(ax+b)dr =
! dx
f(t)-dt
dt
= -
a
'! F(x)
f(t)dt = - -
a
~
F(ax
a
+ b)

=> Jf(ax+b)dx=~F(ax+b) mit F'=f· (4.50)

ßeispiel 4.7:
Nach (4.50) ist mit a f- 0 (mit Nenner I- 0 in (b) und (c»):

(a) J eos(ax + b) dx = ~ sin(ax + b).

!
dx I
(b) - - = - In lax
ax +b a
+ bl. (4.51)

(e) !(ax + b)C1 dx = I (ax + b)O"+1 (0' I- -1). (4.52)


a(O' + I)
(d) Es sollen eos 2 x und sin 2 x integrien werden. Aus dem Additionslheorem des Cosinus folgt
cos(2x) = cos 2 x - sin 2 x, mit sin 2 x + cos 2 x = I nach Umformung also:

, I . 2. I
cos- x = "2(1 + cos(2x». sm .\ = "2(1 ~ cos(2x). (4.53)

Mit der Substitution t = 2x errechnet man daraus

! ' cos-xdr ="2I ! (I +cos(2x»dx ="2I ( x+ --2-


S;n(2X») = "2(x+sinxcosx).
I

Entsprechend wird sin 2 x integrien. Man gewinnt so die ofl benutzten Formeln
4.2 Berechnung von Integralen 315

J 2
COS X ct.x = ~(x + sinxcosx), J 2
sin x dr = ~(x - sinx cosx). (4.54)

-,
Fig. 4.10: Zum Fläehenin halt des Kreises

Bcispicl4.8:
(Kreisjläche) Die hergeleiteten Formeln gestatten uns den Beweis, daß der Flächeninhalt des
Einheitskreises 7r ist, und in der Folge, daß der Flächeninhalt eines Kreises mit dem Radius r
gleich ,2 n ist.
Wir nehmen uns dabei die obere Hälfte des Einheitskreises vor. s. Fig. 4.10. Sie wird durch
den Graphen der Funktion fex) = ~,x E [-1, I J. berandet. Die obere Einheitskreisfläche
hat damit den Flächeninhalt des Kreises
I

I~J/I-x2dx. (4.55)
-,
Zu seiner Berechnung integrieren wir zunächst J ...fl="?dx flir lxi< I. und zwar mit der
Substitution x = cost:

J~dx J = JI-cos 2 ! ~ d! = - f 2
sin td!
(4.56)
= -~(t - sin! cost) = -~ (arccosx - x~)
d.h.

JJI -x 2 ct.x = ~ (xJI - x 2 - arccosx) . (4.57)

Das bestimmte Inlegral (4.55) - also der halbe Einheitskrcisinhalt - wird damit zu
316 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

1JI-x2d~=~.
1

(4.58)
-I

Der Einheitskreis hat somit den FHicheninhalt Ir. Entsprechend errechnet man den Inhalt eines
Kreises vom Radius r > 0 (Substitution I = xlr):

r r 1 1

21 Jr2-x2d~=2rl jl-(~)\1x=2rl ~~dt=2r21 ~d/=r2Jl".


-r -r _I _I
(4.59)

Beispiel 4.9:
Analog (4.56) errechnet man mit der Substitution.r = cosh I fUr .r ~ I:

1~dx = ~(x~ -arcoshx). (4.60)

und mit x = sinh I für x E IR:

(4.61)

Beispiel 4.10:
(OrtllOgollaliriilsrelatiollen von sin ulld cos) Aus dcn Additionsthcorcmen der trigonometrischen
Funktionen folgt unmittelbar

sin(n.\" ± k.r) = sin(/lx) cos(k.r) ± eos(IIx) sin(k.r) .


cos(nx ± kx) = COS(IIX) cos(kx) T sin(lIx) sin(k.r) .
Addition bzw. Subtraktion dieser Formeln liefern
1
sin(lIx) sin(k.r) = '2(COS«1I - k)x) - COS«II + k)x».
I
cos(nx)cos(kx) = '2(COS«1I ~ k)x) + COS«II + k)x». (4.62)

1
sin(nx)cos(k.r) = '2(sin«n - k)x) + sin«1/ + k)x».
4.2 Berechnung von Integralen 317

Hierbei seien 11 und k beliebige natürliche Zahlen, Die rechten Seiten lassen sich mit den Substi-
tutionen I = (/1 - k)x bzw. t = (11 + k)x leicht integrieren. Es folgt:

1 + k)x)
J
';,,«n - k)x) - ';,,«n .
wenn 11 :I k,
n-k lI+k
2 sin(IIx)sin(kx)dx ~

sin(2I1x)
x- , wenn 11 = k,

1
2n
+ k)x) .
J
,;,,«n - k)x)
l1-k
+ ,;,,«n
lI+k
wcnnn :lk,
2 cos(nx) cos(h) dx ~ (4.63)
sin(2/1x)
x+ , wenn n = k,

1_ co,«n -
2n
cos«/I+ k)x)
J
k)x)
- wenn /I -::1= k,
n k n+k
2 sin(nx) cos(kx) dr
cos(2I1x)
- 211 ' wenn 11 = k.

Integration von -Jr bis Jr ergibt


, ,
J
-:I
sin(nx) sin(kx) dx = J
-:I
cos(IIx)cos(kx)dx =
0.
\ rr,
falls n
falls fl
:I k,
= k,
, (4.64)

J
-,
sin(IIx)cos(kx)dr=O (II,keN).

Diese Formeln heißen die OnlJogollalitätsre!m;ollell der trigonometrischen Funktionen. Sie spie-
len in der Theorie der Fourierreihen eine grundlegende Rolle (s. Abschn. 5.5).

Übung 4.8:
Integriere
(a) jSin 2(cIX)dX. !COS2(CIX)dr.mitlli=O.

f /r
xdx 2
(b) (wandle den Nenner um in (x + A) + B und substituiere t = x + A),
2 +cu+b

f
dr x x .r..,x x
(c) - - (verwende sinx = 2sin - cos - = 2 tan - eos- - und substituiere 1 = tan -).
sinx 2 2 2 2 2
(d) f~ cosx
(substituiere x = 1 - ::.. also cosx = sin I).
2
(e) jSin/1xcosxdr.mitIlEN(I=sinx).

(I) j.rSill(1 + .1'2) dx.


(g) j Jx 2 -a 2 dx. ! Jx 2 +a 2 dx.mita>O.
318 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

4.2.3 Produktintegration

Es soll die Produklregel

(I/V)' = u'v + uv'


der Differenlialrechnung in eine Integralionsformel verwandeil werden. Selzen wir u und v als
stetig differenzierbare Funktionen auf einem Intervall 1 voraus, so folgl aus der obigen Gleichung
durch Integration auf !>eiden Seiten:

u(X)v(X) = ! I/'(x)v(x)dx + ! lI(x)v'(x)dx.

Man bringt hier J u(x)v'(x) dx auf die linke Seite und erhält

Satz 4.9:
(Prodllklilltegralion) Sind 1/ und v stetig differenzierbare Funktionen auf einem Inter-
vall I. so gilt dort

! lI(x)v'(x)dx = II(X)V(X) - ! I/'(x)v(x)dx. (4.65)

Für bestimmte Integrale erhält man daraus

!h

u(x)u'(x)dx = [1/(X)U(X)l-
b

! h

I/'(x)u(x)dt.

" "
Die Produktintegration wird auch partielle Imcgraliol/ genannt.
Wie verwendet man Formel (4.65) bei der praktischen Berechnung von Integralen? Wir zeigen
dies zunächst an einfachen Beispielen.

Beispiel 4,11:

(a) fxe'< dx=xC""-f I . eX dx=c·'(x-l). (4.66)


'-.-' '-.-' '-.-' '-.-'
,,~' "" 11' ~

(b) XCOSxdx=XSinx-f I ·sinxdx=xsinx+cosx. (4.67)


f '--..---' '--.,--' '-.-' '-v-'

!~ !
,,~' IIV "',,

(c) dx = x(-cosx) - I . (-eosx)dx = -xeosx + sinx. (4.68)


,,~'
4.2 Berechnung von Integralen 319

Was ist das Wescntliche bei der Produktintegration? Entscheidend ist, daß ein zu bercchnendes
Integral der FOrm! j(x)g(x) dx auf ein anderes zurückgeftihrt wird, von dem man hofft, daß
es »leichter« zu integrieren ist. Eine Richtschnur dabei ist die folgende

."austregel: Bei der Integration eines produktes! j(x)g(x) dx wähle man denjenigen Faktor
als II(X), der sich beim Differenzieren »vereinfacht«, und denjenigen als v'(x), der sich beim
Integrieren wenigstens nicht allzusehr »verkompliziert«.

In den obigen Beispielen 4.11 wurde so vorgegangen. Es ist klar, daß die Begriffe»Vereinfachen«
oder ) Verkomplizieren« nicht scharf zu definieren si nd.
Immerhin kann als »Vereinfachung« angesehen werden. wenn von Potenzen 11 (x) = x" (11 E
N) zu niedrigeren Potenzen der Ableitung II'(X) = I1X,,-1 übergegangen wird, oder wenn beim
Differenzieren
, I , I
Inx in In x =- arctan x in arctan x = - - - .
x I +x 2

arcsin x io .,
arcslll x = ~'===<
,
~
übergeht. Die links stehendcn Funktionen sind >'transzendent«, d.h. »nicht algebraisch«. wäh-
rend die Ableitungen rechts algebraisch, jll, z.T. sogar rational sind.
Dagegen werden beim Integrieren die Funktionen e X , sinx, cosx sicherlich "nicht komplizier-
ter«, da ihre Slammfunktionen e X , ~ cos x, sin x von gleicher Bauart sind.
Trotz der Faustregel, wie auch der übrigen besprochenen Regeln, ist das »analytische Integrie-
ren« - d.h. das Auffinden von Stamm funktionen - kein glattes Geschäft. Man muß mit einem
gewissen Geschick vorgehen - was man durch Übung bekommt - und auch etwas Glück ha-
ben, was einem ohne Übung zufallen kann. Dabei passiert es immer wieder, daß man auf elemen-
X2
tare Funktionen stößt (z.B. sin-r/x oder e- ), die sich nicht mehr elementar i"tegrieren lassen,
d.h. die keine elementaren Funktionen als Stamm funktionen haben. (Elemelllare Fllnkriollell sind
dabei fex) = x, er, sinx sowie alle daraus gebildeten Kombinationen unter Verwendung von
+, -, ., /, hoch 11, \J' (11 E N, Verkettung 0 und Umkehrfunktionsbildung.) Das elementare
Integrieren (auch alla{yrisches Il1/cgrierclI genannt) ist also mehr eine Art pfiffiger Kleinkunst als
ein sicherer Rechenkalkül, im Gegensatz zum Differenzieren, bei dem man durch feste Regeln
im Bereich elementarer Funktionen stets zu den Ableitungen gelange
Zur Schreibweise ist bei der Produktregel zu sllgen, daß der Lernende zweckmäßig JI und Vi
unter die entsprechenden Faktoren des zu bearbeitenden Integrals schreibt, wie in den Beispie-
len 4.11 geschehen. Dann schreibt er weiter rechts /IV und lI'V in der unteren Zeile hin (s. 4.II(a»
und anschließend die entsprechenden expliziten Ausdrücke in die Zeile darüber. in der schließ-
lich rechts die Lösung steht. Spiiter notiert er nur noch 11 v', wie in Beisp. 4.11 (c), oder unterläßt
auch dies, da er fahig wird, die "Unterzeile« nur noch zu denken.
In den folgenden Beispielen wird unsere Faustregel erfolgreich eingesetzt.
320 4 Inregraln:chnung einer reellen Variablen

I f x"dx
ßcispieI4.12:
I)
(a)
f In(x) x" dx = In(x)-- - - -
'-v-''-<-'
" u'
a+I a+I
X"+I
= _.-
r,,+l (
(J +I
lnx - - -
{j + I
(4.69)

Dabei iSlx > 0 und a =1= ~ I. (Für (J = -I s. (4.36).) Insbesondere folgt für a = 0:

!Inxdx=xlnx-x. (4.70)

(b) Zur Berechnung von! arcsin x dr benutzt man den Trick, daß man Vi = I selZl und 11 gleich
dem gesamten Integranden: u = arcsinx. Es folgt

f aresinxdx = xarcsinx - ! ~= x arcsinx + JI _x 2 . (4.71)

Entsprechend erhält man mil Vi = 1.11 = arctanx:

f arctanx dx = x aretara - ~ ln(l + x 2). (4.72)

rr rr
Damit lassen sich auch arccosx ="2 - arcsinx und areeotx = "2 - arctanx sofort inlegrieren.
Mit der Melhode v' = I erhält man entsprechend die Integrale von arsinhx, arcoshx, artanhx
und arcoth x.
(e) In lislenreicher Weise fUhrt beim Integral! e"x sin(bx)dx (b =1= 0) das zweimalige Anwen-
den der Produktregel zum Ziel:

f e"x sin(bx) dr =
'-v-' '--v----'
-~b e"x cos(bx) + ~b f e"x cosCbx) dx
'-v-' ' - , . - - "

f
" ,,' "I ,,;

=>
f I
e"x sin(bx)dx = -be"x cosCbx) + b"2 c"x sin(bx) - ,,'
b2 e"x sin(bx)dx.

Löst man die lelzle Gleichung nach Je""" sin(bx)dx auf, so folgt
,'"
f c"x sin(bx) dr = 2
a +b
2 (a sin(bx) - beos(bx». (4.73)

Analog ergibt sich mit b =1= 0:

f
~,

c"xcos(bx)dx = 2
+ b-.,Cacos(bx)+bsin(bx».
(4.74)
(J
4.2 Berechnung von Integralen 321

Bcispicl4.13:
(Rekursionsforme/li) Mit Jl E N gilt

(4.75)

Damit ist ein Integral ! x,,~1 e.T dr übrig geblieben. Wendet man die Formel auf dieses Integral

an - (11 - I) statt 11 gesetzt - , so bleibt ein Intcgral ! x,,-2 c·" dx zu lösen. Fährt man in dieser

Weise fort, so erreicht man schließlich J c" dx = e.l, womit! x" eX dx explizit berechnet ist
Zusalllmengefaßt ergibt dies

(4.76)

(b) Völlig entsprechend erhält man die Rekursionsformeln

f ". x sln ...· d · " COSX+II


.\=-x f .\.,,-1 cos.\·d x.

f" f (4.77)
x cosx dx=x ".
SlnX-fl x ,,-I· d
sm.r.r

und daraus die Summenformeln:

! x" sinxdx = - tk!G)x"-tcos (x + ~Jr) (4.78)


);=0

! x"cosxdx = tk!G)x"-t (x + ~Jr ). sin (4.79)

f
t=o

(c)
f XU
'-v--' '-.,--'
" v'
X"+I
(Inx)/1 dx = --(Inx)"
a+I
- -" -
a+ 1
x"(lnx),,-1 dr «(1#-1. liEN)

:::} ! (Inx)" dx = xOn x)" - Jl ! (In x),,-I dr. (4.80)

(d) Für 11 E N, 11 ::: 2 gilt

! cos" xdx = ! ~~dx = cos,,-I xsinx+ (11 - I)! cos"-2 xsin 2 xdl"
11 v'
::::cos,,-lxsinx+(II-I)! cos"-2x(l-cos2 x)dl"
322 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

II 1
=> !COS"xdx=:':eosll-1xSinx+ - !eos,,-2 x dx . (4.81)
" 11

Analog folgen (mit beliebigen 11. 1/1 E N. 11 ::: 2)

sin" x dr =: _.: sin"- 1 xeosx + ~! sin,,-2 x dr.


! Il 11
(4.82)
sin",+1 xcos,,-I x 1I - I !
sin'" x cos" x dx =:: +- - sin'" x eos,,-2 x dr .
! 111+11 11I+11

Eine andere Methode, die Integrale (4.81), (4.82) zu berechnen, besteht in der Anwendung der
Summenformeln

00"" x) I ["-'L
"
sin~11 x
=: -..,,-
2~1I
~(±I)"-k2
k=O
(2")
k
COS«II - k)2x) + (2")]
11

mit" E N (Dabei gilt in (±l)"-k das Pluszeichen rur den cos 2" x und das Minuszeichen für
sin 211 x). Ferner ist für ungerade Potenzen

",
cos~'- x=: I ,,(2"-')
li-I
2211 - 2 L k cos«211 - 2k - I)x).
k=O

" I ,,-,
.
sin~II-1 x =: -,--, ~ (_l),,+k-I
(
211 -) I
sin«211 - 2k - I )x) .
2~1I- L k
k=O

Man gewinnt diese Formeln übercosx =: (e ix +e-ix)!x und sinx =: (e ix -e- i '<)!(2i) nebst

I -,
der Binomischen Formel. Integration liefert für beliebiges 11 E N

! . _(2")-=,-
co,," "Ix
_" + ""«,, -k)2<) ,

I
(±I)" 'L'
'" (±l)
'(''')

!
. 2 11 2~ll 2~1I- k 2(11 - k)
Sill 11 X dx k=O

! co,'''-' xd,
(4.83)

.1
f
sin«2(11 - k) - 1)x) .
cos«2(n - k) - I)x)
sin 2,,-1 x dr

Dabei gehön wieder »Oberes zu Oberem« und »Umeres zu Unterem«.


4.2 Berechnung von Integralen 323

Ein öfters vorkommender Spezialfall ist das folgende bestimmte Integral, das sich aber auch
aus (4.82) leicht ergibt:

;r /2 :r/2

/
o
sin
211
xdr =
f
o
COS211 r dx - .::. . _·c3;-.5.,--.o·__(c'_n."...----'.')
. - 2 2 . 4 · 6 · ... ·2/1
(4.84)

Übung 4.9:
Leite die Formeln (4.74). (4.82) und (4.83) her.

Übung 4.10:
Berechne folgende Intcgrale und mache die Probe durch Diffcrenzieren:

j (lr 4
- 2x 2 +.r - I) sin(5.r) cU. jxarcsinXdr.

J--,-.
xd<
jSin 3 xdX.
cos- x

4.2.4 Integration rationaler Funktionen


Rationale Funktionen p(x)/q(x) (p, q reelle Polynome) lassen sich elemenlar integrieren. Die
Integration verläuft in drei Schrillen:
(I) Divisioll p(x) :q(x),fallsGrad I) ~ Gradq ~ I.

(11) Parlialbruchzerfegllng

Oll) IlIIegrarion der Summanden


(I) Divüion: Ist Grad p ~ Grad q ~ I, so dividiere man p durch q mit dem Divisionsalgorithmus
fur Polynome. s. Abschn. 2.1.6. Man erhält damit

p(x) rex)
- - = !J(x)
q(x)
+ --.
q(x)
(4.85)

wobei 11 und r Polynome sind. Der Grad von r ist dabei kleiner als der Grad von q. Da man 11
ohne Schwierigkeit integrieren kann. bleibt r(x)/q(x) zu integrieren. Wir haben unser Problem
also auf die Aufgabe reduziert, rationale Funktionen zu integrieren, deren Zählergrad kleiner als
der Nennergrad ist. Ist dies von vornherein der Fall, so erübrigt sich die Division natürlich.
(11) Parlialbmchzerfeglll1g: Es ist r(x)/q(x) zu integrieren. Der Grad des Polynoms I' sei 1/1, der
des Polynoms q sei 11. wobei 1/1 < 11 ist.
Zunächst sind sämtliche Nullstellen al. a2, ... von q zu berechnen (mit Aunösungsformelll
oder dem Newtonsehen Verfahren). Nach dem Fundamentalsatz der Algebra (Abschn. 2.5.5)
kann man damit q(x) so darstellen:
324 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Die k" ... , kN E N sind die »Vielfachheiten« der enlsprechenden Nullstellen. Es ist kl + k2 +
... + kN =- ll. Unter den Nullstellen können auch komplexe NulJsteJ[en sein. Mit jeder echt
komplexen Nullstelle a) =- ~) + i IIj (11) f- 0) ist aber auch stets die konjugiert komplexe
Zahl Ci) =- ~) - i 11) auch Nultstelle von q, da wir q als reelles Polynom vorausgesetzt haben.
(Denn q(ad =- 0 impliziert q(Cid =- q(ak) =- 0 = 0). ak und Cik haben überdies die gleiche
Vielfachheit k) (wie man durch sukzessives Dividieren von q durch (x - a) und (x - Ci)
erkennt). Wir fassen zusammen:

(x -O')(x -Ci) =x 2 +ßx+ y.

wobei ß = ~(a) + Ci) und y = a)Ci) = la)1 2 reell sind. (Für reelle x ist der Ausdruck
x 2
+ ßx + y stets> 0.) Damit erhält q(x) die Gestalt

M L
q(x)=c· n(x-a)k j . n(x 2 +ß)x+y)"'i. (4.86)
)=1 j=1

wobei wir die reellen Zahlen ß und y entsprechend mit j indizien haben. In diese Form muß q
gebracht werden!
Anschließend wird der Bruch r(x)/q(x) umgeformt in

(4.87)

wobei man die Zahlen A j~. Bj~, Cjll durch »Zählervergleich« gewinn!. Das heißt man bringt die
rechte Seite auf »Hauptnenner« q{x) und vergleicht das Zählerpolynom rechts mit dem bekann-
ten Zählerpolynom rex) links. Durch Koeffiziemenvergleich oder Einsetzen spezieller x-Werte
(etwa der Nullstellen O'j) ergeben sich die Unbekannten A j ,,, B j ,,, Cj".

Die rechte Seite der obigen Gleichung (4.87) heißt Parlialbruchzerlegullg von r (x )/q (x).

(111) IlIIegmlioll deI" SIIII/II/tmde,,: Mit der Panialbruchzerlegung (4.87) ist unser Problem auf die
Aufgabe zurückgeführt, Ausdrücke der folgenden Formen zu integrieren:

A B:r:+C
(4.88)

I '"
mit x 2 + ßx +Y > 0 für alle x E IR. Das geschieht durch die Gleichungen

ftirk=- I,

f -:-
-=.dx..."
(x - a)k
= I
~~- . c---'~,
k-I
Ix - al
1
(x-a)k
für k = 2.3.4.
(4.89)
4.2 Berechnung von Integralen 32S

Bx + C 2x + ß
f
B 2 2C - Bß
, dx = -ln(x +ßx+y)+ arctan . (4.90)
(x-+ßx+y) 2 )4y ß2 )4y ß2

f
Bx+C -B
(x2 +ßx +y)J.: dx = 2(k _ l)(x2 +ßx + y)J.: 1

+ (C- B:) f 2 (x +:: +y)J.:' (k ~ 2). (4.91)

[2x+ ß
f <Ix 1
(x 2 +ßx+y)k- (k-I)(4y-ß 2) (x2+ßx+yl' 1

+2(2k - 3) f (x2 + ß~'~ y)J.: I] (k ~ 2). (4.92)

Durch Differenzieren überprüft man leicht die Richtigkeit der Gleichungen. (Man findet die
Gleichungen (4.90)-(4.92). indem man x 2 + ßx + y = (x + 0)2 + v2 mit {j := ßI2 und
v := .jy ß2/4 schreibt und dann I = (x + o)/v substituiert, s. f56]. S. 225-226).
Die ersten beiden Gleichungen (4.89) und (4.90) liefern elementare Funktionen bei der Inte-
gration. In (4.91) wird das links stehende Integral auf das Integral der Form

f
dx
h(x) := (x2 + ßx + y)J.: .

zurückgeftihrt. Dieses wird durch sukzessives Anwenden der Rekursionsformel (4.92) schließ-
lich auf 1I (x) zurückgeftihrt, welches sich aus (4.90) im Falle B = 0, C = I ergibt. Damit ist
das Problem der elementaren Integration rationaler Funktionen gelöst.

Beispiel 4.14:
Es soll

+ 19
f
2xJ - x 2 - 10x
f~)= , dx
x· +x 6
elementar integriert werden. Division von Zähler durch Nenner liefert zunächst

2x 3 _x 2 _IOx+19 5x+1
, = 21' - 3 + ~2'::;--'--'--~ (4.93)
x· +x 6 x +x 6
Die Nullstellen des Nenners errechnet man leicht zu al = 2 und 0'2 = -3, also gilt x 2 + x - 6 =
(x - 2)(x + 3). Damit macht man den Ansatz ftir die Parriafbruchzer/egllllg:

,5x +I = ~ +~ = AI' (x + 3) + A2 . (x - 2) .
x· +x - 6 x- 2 x +3 (x - 2)(x + 3)
Aus dem Zählcrverglcich
326 4 Integraln:chnung einer reellen Variablen

gewinnt man durch Einsetzen von x 2 sofort A I = =


11/5 und durch Einsetzen von x := -3 die
Konstante A2:::: 14/5. Also folgt die Partialbruchzerlegung

5x +I I1 I 14 I
-,,""+-,'-.--'--,6 := "5 -,---2 + "5 -x-+-3
Setz! man dies in (4.93) ein und integriert, so erhiilt man

l(x)=2
J xdx~3
J 11
dx+-
5
J- - + - J- -
x-2
clx 14
5
dx
x+3
11 14 I
= x2 _ 3x + - In Ix - 21 + - In Ix + 31 = x 2 - 3x + - In(lx _ 21 11 lx + 31 14 ) .
5 5 5

Beispiel 4.15:

Wir wollen

J
x3~IOx2+7x~3
/~)=
x4 + 2.\"3 - 2.\"2 - 6x + 5 dx
analytisch integrieren. Da der Zählergrad (= 3) kleiner ist als dcr Nennergrad (= 4), cntfallt
das Divisionsverrahren rur Polynome. Man findet (durch Kurvendiskussion oder Probieren). daß
0'1 = I eine Nullstelle des Nenners q(x) ist. Division q(x)/(x - I) = q)(x) liefert ein Polynom,
ftir das erl = 1 abermals Nul1stc1le ist. Also ist erl mindestens doppelte Nullstelle des Nenners.
Division des Nenners durch (x - 1)2 liefert die Zerlegung

x 4 + 2\:3 _ 2x 2 -6x +5 = (x _ 1)2(.\"2 +4x +5). (4.94)

Man versucht nun x 2 + 4x + 5 = 0 zu lösen und stellt fest, daß diese Gleichung keine reellen
Lösungen hat. Damit ist (4.94) die Zerlegung des Nenners q(x), die Ausgangspunkt rur die
Partia{bruchzerlegullg ist. Die Zahl (/1 = I ist in der Tat eine doppelte Nullstelle des Nenners.
Nach (4.87) ist folgender Ansatz zu machen:

x 3 _lOx 2 +7x_3 All AI' Bx+C


.\"4 + 2x3 _ 2.\"2 _ 6x + 5 = x - I + (.\" _1)2 + x 2 + 4.\" + 5 . (4.95)

Man bringt die rechte Seite auf Hauptnenner und erhält rur die Zähler die Gleichung

Einsetzen von x = 1 läßt rechts einiges verschwinden, und man gewinnt A 12 = -1/2. Wir
bringen A12(X 2 + 4x + 5) nun auf die linke Seite von (4.96) und errechnen

19 I
x 3 - "2x2 +9x - '2 = AI1(X - l)(x 2 +4x +5) + (Bx + C)(.\" _ 1)2.
4.2 Berechnung von Integralen 327

Division durch (x - I) ergibt

2 17 1
x -"2 + 2" = All(x 2 +4x +5)+ (Bx +C)(x - I). (4.97)

Hier liefert x = I die Konstante All = -7/10. Man setzt dies in (4.97) ein. Vergleicht man dann
die Koeffizienten von x 2 rechts und links, so gewinnt man B = 17/10. und vergleicht man die
konstanten Glieder, so folgt C = -4. Zusammen also

All =-0,7. AI2 = -0,5, B = 1.7, C =-4.

Setzt man dies in (4.95) ein und integriert, so folgt mit (4.89), (4.90):

l(x)~-0.7
J dx
---0.5
x -I
J (x
dx
1)2
+ J I.7x-4
x 2 +4x +5
<Ix
0,5 2
= -0,7Inlx - I1 + - - +0,851n(x +4x +5) -7,4arctan(x+2).
x-I

Bemerkung: (a) Das letzte Beispiel verdeutlicht nochmal, daß das unbestimmte Integral einer
rationalen Funktion sich zusammensetzt aus

logarithmischen Gliedern

Arcus-T:ll1gens-Gliedern und

• einem rationalen Anteil.

Gehen wir von J r(x) dx aus mit Grad r < Grad q, so tritt ein rationaler Anteil nur dann auf,
q(x)
wenn der Nenner q (x) mehrfache Nullstellen hat.
(b) Man kann ohne Kenntnis der Nullstellen von q feststellen, ob meill/aehe Nullstellen von q
vorliegen. Dies ist nämlich genau dann der Fall, wenn der größte gemeinsame Teiler (ggT) von q
und q' ein Polynom 8 von mindestcns erstem Grade ist. Die Nullstellen von 8 sind dann gerade
die mehrfachen Nullstellen von q.
Den ggT von q und q' findet man mit dem »euklidischen Algorithmus«, d.h. man berechnet
mit der Polynomdivision sukzessive

q(x); q'(x) = hl(x) +81(X)/q'(x),


q'(x): 81(X) = !l2(X) + 82(X)/81(X) ,
(4.98)
81 (x) : 82(X) = !l3(X) + 83(X)/g2(X).
82(X) : 83(.r) = II4(x) + 84(X)/83(X) usw.

Da die Polynome 81,82,83, ... streng abnehmcnden Grad besitzen, muß das Verfahren abbre-
chen. z.B. bei

(4.99)
328 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Das so ausgerechnete Polynom gm ist ggT von q und q',

f
(c) Gill Grad g ::: I fLirden ggT g von q und q'. so kann man nach der Met/lUlle 1'011 Os/rogmdski-
Hermite 6 den rationalen Anteil des Integrals r(x)/q(x) dx bestimmen ohne Nllflstellenberech-
//llllg \'01/ q und olme Par/iafbruclizerlegllllg (Voraussetzung Grad r < Grad q). Und zwar macht
man den Ansatz

! ,(x) F(X)! H(x)


q(x) dr = g(x) +
Q(x) dr.
(4.100)

Hierbei ist Q das Polynom Q(x) = q(x)jg(x); Fund H sind Polynome mit

Grad F < Grad g, Grad H < Grad Q,

die man durch Kocffizicntenvergleich aus

(4.101)

f
gewinnt. (Diese Gleichung ergibt sich aus (4.100) durch Differenzieren.) In (4.100) ist F(x) j g(x)
der gesuchte rationale Anteil, während das verbleibende Integral (H(x)jQ(x»dr auf loga-
rithmus- und Arcus-Tangens-Glieder fUhrt,

Übung4.11:
Berechne die folgenden unbestimmten Integrale:

f f f
x3_3x+4 3x+2 xd,
(a) ') dx. (b) ') d,(. (c) --,.
x-+2x-15

f
x~-4x+7 l+x

f
,(2+x_1
(d) d,· (e) ') d( ,
(x 2 +x+2)3 . (x 3 +4_T 2 +8x)-

4.2.5 Integration weiterer Funktionenklassen

Eine m/iol1ale Funktion R(x. y) von zwei Variablen x, y ist erklärt durch folgenden Ausdruck:

",
L .
GjkXJy' ,
(L}.' Ibj" > 0) .
j.k=O

"
R (x . y) := "",~,'------
L... ,
bjk XJ. y-
j.k=O

6 Mieh~el W~ssiljcwilsch Qs!rogradski (1801- 1862). russischer/ukrainischer Malhcm~likcr: Ch~rles Henni!c (1822-
1901). frnnzösischcr Ma!hcmmikcr
4.2 Berechnung von Integralen 329

Entsprechend ist eine rationale Funktion R(x. y. z) erklärt durch

""
L .ylz,
UijkX'

(I: Ibij,l > 0) .


i.j.k=O

"
R(x, y, z) := -",,0,,--'-----
L .
bijkx'ylz' , "j,k

i,j,k=O

Die rationalcn Funktionen werdcn also gebildet aus Potenzen von x, y, z usw. und konstanten
Faktorcn, dic durch +, -, " / verknüpft sind.

(I) Rationale Funktionen von trigonometrischen Funktionen

Dies sind Funktioncn der Form

3cosx sin 2 x
R(sinx.cosx), also z.B.
sinx+5cosx'
Diese Funktionen lassen sich alle elementar integrieren. Und zwar verwendet man in

J R(sinx,cosx)dx (4.102)

die Substitution / = tan(x/2). Über die Additionst.heoreme der trigonometrischen Funktionen


crhält man damit
. . x x x,x 2/
SffiX = 2Sffi-COS- = 2tan-cos· - = - - 0 .
2 2 2 2 1+/-
2
'lX 'lX
cosx =cos- '2 -sin-'2 =cos '2 1- cos2
2x (
t
sin2~) l_r
= 1 +/2'

d, 2
und x = 2 arctan / => dt -- 1+ r2 •

Damit geht das Integral über in

! ( 21 1 _1 2 )
R - - - - --dl
2
l+t2'I+t2 1+/2 '
(4.103)

also in das Integral einer rationalen Funktion von /, das analytisch integriert werden kann.

(Il) Rationale Funktionen von e~

Funktionen der Form

(bill i= 0) (4.104)
330 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

werden mit Hilfe der Substitution t = er, x = lnt, drfdl = 1ft behandelt. Ihre Integrale
werden dadurch auf Integrale von rationalen Funktionen zurückgefUhrt:

(4.105)

(1II) Rationale Funktionen von Hyperbelfunktionen


R(sinhx. coshx)
lassen sich in die Form (4.104) umrechnen und damit auch elementar integrieren. Eine zweite
Methode - analog zu (I) - besteht darin, f = tanh(x f2) zu substituieren. Das Integral von
r(sinhx. cash x) wird damit

J R(sillhx.coshx)dx=
J( R
2/
--,.--,
I -1-
1+/') --.,dt.
I - t-
2
I - f-
(4.106)

(IV) Rationale Funktionen von Wurzelausdrücken und x

J R(x.JI x 2 )dx= J R(sinll,coslI)COSlIdll, mitx=sinll, (4.107)

J R(x. JI +x 2)dr = J R(sinh u, cosh 11) cosh 11 du . mitx = sinhu, (4.108)

J R(x.Jx 2 I)dx= / R(coshll.sinhll)sinhudll, mitx=coshll. (4.109)

Die links stehenden Integrale sind damit auf (I) und (111) zurückgeführt. Das allgemeinere Inte-
gral

J R(x. Jax 2 + 2bx + c) dr (a i= 0) (4.110)

wird auf die obigen Fälle zurückgeführt. Dazu schreibt man

., I 2 ac-b 2
ax- + 2b,r +c = -(CIX +b) + . (4.111)
{/ CI

Wir kürzen ab: D := ac - b 2, und erhalten die folgenden Fälle:

Fall Substitution Jax 2 +bx +c_

D >0 ,~
(IX
ro+b j !:!..(~2 + 1) (a > 0)
"
(IX +b
D < 0 ,~ ,Fi5

D=O
4.2 Berechnung von Integralen 331

Man sieht, daß in den ersten beiden Fällen (4.110) in Integrale der Form (4.108), (4.109) ver-
wandelt wird, während der Fall D :::::; 0 sofort auf einen rationalen Integranden fUhrt. Damit ist
(4.110) berechnet.
Auf das Imegral (4.110) läßt sich auch

J R(x. Jax+b, JAx + B)dx (4.112)

zurückfUhren, und zwar durch die Substitution ~ = J Ax + B. Der Leser fUhre dies aus.
Schließlich kann man

j
f R(X'. AxaX+b)
+B
dx durch ~ ~
{IX

Ax
+b
+B
. neN (4.113)

in ein Integral einer rationalen Funktion verwandeln und damit analytisch integrieren.

Übung 4.12:
Berechne

x 2 +X+I
f f f
e2f dx eosx
(a) l+e x ' (b) d( . (e) r;--;:; d(.
2 + sinx vI - x~

4.2.6 Numerische Integration

Versagt die analytische Integration. so sucht man Zuflucht zur numerischen Integration. Im Zeit~
alter des Computers ist diese }>Zuflucht« durchaus zur brauchbaren »Heimstätte« geworden. Wir
wollen einige Verfahren kurz streifen. (Die »Tangentcnformel« haben wir schon in Abschn. 4.1.3
kennenge1crnt.)

f
h

(I) Trapezformel: Es soll fex) dx berechnet werden, wobei wir die Funktion f : fa. bJ -+ IR

"
als zweimal stetig differenzierbar voraussetzen wollen.
Zunächst bilden wir eine äquidisfmue (gteichabständige) Zerlegung von [a. bl durch die Tei-
lungspunkte

Xo = a . Xl = a + h. X2 = a + 211 • X3 = a + 311 • XII =a+nll =b.

mit der »Schrinweite«" = (h - a)/II. Die zugehörigen Funktionswerte werden mit Yi ._


f(xi), i = 0.1.2 ..... /1 bezeichnet. Auf jedem Teilintervall [Xi_I. xii betrachtet man die Nähe-
rung

f Xi

f(x)dx ~ "Yi~12+ Yi (4.114)


.fj_1
332 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

y y
P,
P.

o h , ,

Fig. 4.11: Zur Trapczformcl Fig. 4.12: Zur Simpsonformel

Der Ausdruck rechts ist dabei gerade der Flächeninhalt des schralliertcn Tnlpczes in Fig. 4.1 [
(Yi-l und Yi positiv vorausgesetzt).
Aus dieser geometrischen Deutung resultiert der Ansatz und der Name unserer Methode. Sum-
miert man (4.114) auf beiden Seiten über i. und bezeichnet den Oesamtfehler - also den Unter-
schied zwischen rechter und linker Seite - mit 8. so erhält man

(
b

f" f(x)dx='" H
2 ~) +8.
+YI +)'2+···+Y,,-1 +"2 (4.115)

Diese Formel heißt die TrapeiformeI. Ohne Beweis geben wir dazu folgende Fehlcrabschätzung
an (s. [56J, S. 239).

(4.116)

Die Trupezrcgel ist um einiges ungenauer als die folgende Simpsonformel. Sie hat jedoch theo-
retisches Interesse, als Ausgangspunkt für das Rombergverfahren. Aus diesem Grunde wurde sie
hier angegeben.
(11) SimpsonformcJ 7 : Die Funktion f : La, b] _ IR sei viermal stetig differenzierbar. Zur Ennitt-

J
b

lung des Integrals fex) dx zerlegen wir das Intervall La, b] äquidistant in eine geratle Anzahl

von Teilintervallen"LXi_I, XiJ. Die Teilungspunkte sind

IJ-a
xi=a+ih fLiri=O.I,2..... II. wobeih = - - . 11 gerade.

Wieder wird )'i := f(xi) gesetzt.


"
Wir betrachten nun das erste »Doppelintervall« [xo. x21, s. Fig. 4. I2. Die Idee der Simpsonfor-
mel besteht darin, durch die drei Punkte (xo. )'0). (Xl. yj). (X2. YÜ ein Polynom zweiter Ordnung
7 Thomas Simpson (1710- 1761). englischer Mmhematiker
4.2 Berechnung von Integralen 333

(eine Parabel) zu legen, und dieses anstelle von j zu integrieren. Entsprechend geht man mit
den übrigen Doppelintervallen [X2. X4J, [X4. X6J, ... vor. Anschließend summiert man über alle
Doppclintervalle.
Eine Parabel durch (xo, )'0), (XI.)'I), (X2. Y2) findet man leicht durch die »Langrangesehe
Formel«

Man erkennt, daß es sich hierbei in der Tat um ein Polynom zweiten Grades handelt. Außerdem
prüft man leicht nach, daß)'o = P2(XO), YI = Pz(xj) und Y2 :::: P2(X2) gilt.

Die Integration J" P2(X) dx fUhrt man »gliedweise« durch, also mr jedes der drei Glieder in
."
(4.117) einzeln. Dabei ist die Substitution x :::: a + I1t nützlich. Man erhält

f""
.
P2(x)d-r :::: "
'3Ü'O + 4YI + }'2) . (4.118)

Entsprechend erhält man ftir ein beliebiges Doppclintervall [X2i -2. x2i J

(4.119)

mit einer Parabel Pi durch (X2;-2, )'2i-2), (X2i_l. Y2i-d, (X2i, )'2;). Summation der GI. (4.119)
"
über alle Doppclimervalle - also fur i :::: 1,2, ... , 2" - liefert auf der rechten Seite eine gute

Niiherung fUr J" f(x) dx (falls h klein genug).

Bezeichnet"li den Fehler zwischen dieser Näherung und dem Integral, so folgt also

J
b

j(x) dx:::: ~(ro + 4YI + 2Y2 + 4Y3 + 2Y4 + ... + 4YIl_1 + YII) + li. (4.120)

"
Dies ist die Simpsolljormel. Die Fehlerabschätzung lautet (s.[56[, S. 239)

(4.121 )

Da der Fehler l,sl mit h 4 abgeschätzt wird. sich also bei verringerndem" sehr stark verkleinert,
liefert die Simpsonformel äußerst gllte Ergebnisse. Sie ist eine der besten Forme/li jiir die nlllIJe-
l"ische Integralioll, und dabei sehr leicht anzuwenden!
334 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

(In) Newtons pulcherrima (318-RegeJ): Gelegentlich hat man nicht die Möglichkeit, ein Inte-
grationsintervall[a, b J in eine gerade Anzahl von Tei lintervallen äquidistant zu zerlegen, sondern
[a, bJ ist schon von vornherein in ungerade viele Teilintervalle [Xi-I, Xi] äquidistant unterteilt.
(Dies kann bei gemessenen Werten der Fall sein, die nicht mehr veränderbar sind.) In diesem

f,
b

Falle geht man bei der numerischen Berechnung von I(x)dx so vor: Man faßt die ersten drei

Teilintervalle zu einem »Dreifachintervall« [xo, x)l zusammen und die verbleibenden zu Dop-
pelintervallen. Auf letztere, also insgesamt auf [X), b] wendet man die Simpsonformel an, um

f
b

f(x)dx näherungsweise zu bestimmen.

"'
Zur numerischen Berechnung des verbleibenden Integrals f" f(x) dx wird durch (xo. )'0),

(Xl. YI), (X2. n), (X3. Y3) ein Polynom P vom Grade 3 gelegt ""
,
n(x-xkl
3 k=O

~ 2:>",'-'-----
kf-i

n
P(x)
i=O (Xi - Xk)

k=O
k;bi

Dieses wird anstelle von 1 integriert. Man errechnet

f"' P(x)dx = ~h()'o+3Yt +3)'2 + y». mit


X)
11=--3-·
-xo

'"
Es folgt

f"' f(x) dx = ~1J(}'0 + 3YI + 3Y2 + Y3) + 8 (4.122)

'"
mit Fehlerabschätzung

l,'ll:::: }OM4 11 5 . mit M4 ~ 1/(4)(x)1 auf[xo.x3] (4.123)

(s. [56], S. 236). (4.122) heißt »i-Regel«. Die Formel wurde von ihrem Entdecker Newton be-
geistert »pulcherrima« genannt.
4.2 Berechnung von Integralen 335

Bemerkung: Des weiteren ist das Rombelg8- Verfahren zu nennen, welches auf Computern heute
das meistbenutzte Verfahren ist. Es beruht auf der Trapezregel. bei der die Schrittweite immer
weiter verkleinert wird und dabei gegen Null geht. Der Grenzwert der Trapczregel-Werte ist das
numerisch bestimmte Integral. (Es wird durch eine Extrapolationsmethode geschickt angenähert,
s. Litermur über numerische Mathematik. z.B. [301, S. 399-403.)
In der Simpsonformel, eventuell verbunden mit Newtons »pulcherrima«, haben wir aber schon
vorzügliche Verfahren zur numerischen Integration kennengelernt. Mit ihnen kommt man rurs
erste gut aus. insbesondere, da sie sich sehr leicht handhaben lassen.

Beispiel 4.16:
Berechnet werden soll

(Analytische Integration ist hierbei unmöglich.) Wir verwenden die Simpsonformel. Mit fex) =
e- x2 • Xj = i /6,)'i = f(x;H; = 0.1.2, .... 6) folgt
,
f ' e- x-/2 d~ = T(YO
'/6 + 4)'1 + 2)'2 + 4)') + 2)'4 + 4)'5 + )'6) + Ii = 0.85563 + Ii.
o
Zur Fehlerabschätzung berechnen wir

f(4)(X) = e- x2 / 2 (x 4 _ 6x 2 + 3), f(5)(x) = _e- x2 / 2 x(x 4 _ IOx 2 + 15).

Da f(5)(x) .::: 0 auf [0. I [ist, folgt, daß f(4) auf [0. IJ monoton Hillt. Also hat f(4)(X) in x = 0
das Maximum auf [0. IJ und in x = I das Minimum. Wegen f(4)(0) = 3 und flV(I) = -1.3
ist daher [f(4)(x)[ .::: 3 =: M4 auf LO, I], folglich nach (4.121):

I. .2... .-'- <


180 1296
I 3. 10- 5
'

Damit ist 0,85563 ein Näherungswert des Integrals, der mindestens auf 4 Stellen genau ist.

Übung 4,13:
,
Berechne ! sinx 6
- - dx mit der Simpsonfonnel bis auf einen Fehler von höchstens 10- .
x
"/2

8 Wcmcr Rombcrg (1909-2003). deutscher Mmhematiker


336 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

4.3 Uneigentliehe Integrale

Bisher haben wir beschränkte Funktionen auf beschränkten abgeschlossenen Intervallen inte-
griert. Wir wollen die Integration im Folgenden auf unbeschränkte Intervalle und unbeschränkte
Funktionen ausdehnen. Man spricht dabei von IIl1eigellllichell Integralen, im Gegensatz zu den
bisher betrachteten »eigentlichen« Integralen.

4,3.1 Definition und Beispiele

Beispiel 4.17:
Durch analytische Integration errechnet man sofort
,
Je-xd~ = I _e- r .
o
Für I _ 00 strebt die rechte Seite gegen I. Dies wird folgendermaßen beschrieben:
00 ,

Jo e-x dx:= lim


'_00
Je-'~
0
dx = I.

Je-x dx
00

Das links stehende Integral von 0 bis 00 ist durch den Grenzwert definiert. Man nennt
o
ein ulleigelllliches Imegral. Der Integrationsbereich [O,ooj ist hierbei unbeschränkt. Der Wert

Je-x
00

1= dx kann als Flächeninhalt der unendlich langen (schraffierten) Fläche in Fig. 4.13
o
angesehen werden.

Beispiel 4.18:
Wir wollen nun eine unbeschränkte Funklion "integrieren«, und zwar !(x) = l/..rr=-x auf
[0. I). Auf jedem Teilintervall[O./J C 10.1) ist! allerdings beschränkt. und man errechnet
,
J..rr=-x ~ [~2./I=X]' ~ -2"r,::t +
o
dx
0
2.

Die rechte Seite strebt mit I _ I (t < I) gegen 2. Man beschreibt dies durch
,- ,
J..rr=-x ,= /.. . . J..rr=-x =
o
--,;;d.;;,'= lim
I
r<l 0
dx 2.
4.3 Uneigentliche Integrale 337

Das links stehende Integral heißt wiederum ein /lneigelllliches Integral. Der »Integrand« ist dabei
eine I/llbeschriinkle Funk/ion. Der Wert 2 des Integrals wird als Flächeninhalt der in Fig. 4.14
skizzierten Fläche aufgefaßt.

,
,

,

o

f l-
00

Fig. 4.13: ZUI11 uneigel1tlichel1 Integral


o
e- x d( Fig. 4.14: Zum uneigcmJichen Integral
io
d.•
r;---:
"I-x

Die beiden Beispiele machen klar, wie man Integrale über unbeschränkte Funktionen oder
unbeschränkte Intervalle zu erklären hat.

Definition 4.2:
Ist die Funktion f auf jedem Teilintervall[a./] von [(I. b) integrierbar (b = 00 zuge-
lassen), so definiert man
b- ,

f(X)dx:= lim jf(X)dr, 9 (4.124)


j I--+b-

" "
vorausgesetzt, daß der rechtsstehende Grenzwert existiert. Ist f unbeschränkt oder

J
b-

b = 00. so nennt man f(x)dx ein /ll/eigen/liches Integral.

"
In entsprechender Weise definiert man uneigentliche Inlegrale der Form

b b

f(x)dr:= !im j f(x)dx, (4.125)


j /_a
a+ I>" /

9 1---> b- bedeutel I ---> b mil / < b. e11lsprcchend bedeutet I ---> a+ den Grcnzüberg~ng 1--+ a mil I > a.
338 4 Integralrechnung einer reellen Variablen

wobei auch a = -00 zugelassen ist. Schließlich vereinbart man

I I I
b- c b-

[(x) <lx ,~ [(x)d, + [(x) <lx (4.126)


lJ+ lJ+ C

mit a < c < b, wobei angenommen wird, daß die uneigentlichen Integrale rechts existieren. (Die
Zeichen - und + hinter den Integrationsgrenzen dienen zur Verdeutlichung. Sie werden oft auch
weggelassen. insbesondere im Falle b :::; 00 oder a = -00.) Statt »das II/leigemliche Imegral
existiert« sagt man auch, es »kollvergiert«.

ßeispieI4.19:
Es sei ct > I und I > I. Damit gilt

I' x"dx = I~~ (''--


1,
00 <lx
x" = I~~
, I - a -
')
I - Ci
I
= a - I .

Beispiel 4.20:

I
00

-l+x
dx
2
~ I --- + I -_.-
0

<lx
l+x 2
00

d, =
l+x 2
lim
1__ 00
I 0

- dx
--
l+x 2
+ 1lim00 I ,

d,
-_.-
1+.\"2
-00 -00 0 I 0

= .
tun (arctan 0 - arctan I)
1..... -00
+ 1_00
. (arctan t - arctan 0) = -
11m
2
" + -"2 = Jr •

Beispiel 4.21:
1-
dx IdX ,

Io
rr
r:---'f = lim r:---'f = !im arcsin I = - .
vl~x- 1-1- vI-x· 1-1- 2
0
Entsprechend folgt
,-
-1+
also
-1+
I (4.127)

Beispiel 4.22:
Es sei 0 < ct < I undO < t < I. Es gilt
4.3 Uneigentliche Integrale 339

Beispiel 4.23:

J !
00 ,

cosx dr existiert nicht. da cosx dx ::::: sin t fUr I --+ 00 nicht konvergiert.
o 0
Übung 4.14*:
Prüfe. ob die folgenden uneigentlichen Integrale existieren, und berechne sie gegebenenfalls:
, ,
!, .~; .
00 00

J
dx
(a) !lnXdX. (b) ~. (c) (d) ! e-'·sin,rdr,
0+ 0+ o

4.3.2 Rechenregeln und Konvergenzkriterien

Satz 4.10:
Lineariliit, Produkt- und Substitutionsregel gelten auch fur uneigentliehe Integrale:

Ä!
b- b- b-

!(A!I(X) +tt!2(x»dx::::: fl(X)dx+tt! 12(x)dx. (4.128)

"b- " "


I
b-

I" lI(x)v'(x)dr::::: lim (1I(t)V(t) - lI(ll)V(ll» -


/ ..... b-
"
u'(x)v(x)dr. (4.129)

I I
b- (3-

[(x)dx ~ [(,(l»,'(,)d,. (4.130)

"
Dabei sind 11, 12 als integrierbar vorausgesetzt, j als stetig. und 11, v.!fJ als stetig
differenzierbar. Ferner sei lim !fJ(t)::::: bund 1,0(0) ::::: a.
1-(3-

Die GI. (4.128) und (4.129) sind so zu verstehen: Existieren die rechten Seiten, so auch die
linken. In (4.130) gilt: Existiert das uneigentliche Integral auf einer Seite. so existiert es aueh
b

auf der anderen Seite. Für uneigentliche Integrale der Fornl! gilt Entsprechendes. Der einfache
"+
Beweis darf hier übergangen werden. Im Folgenden begnügen wir uns mit der Unlersuchung der
b- ,

uneigentlichen Integrale! j(x)dx, da fLir ! j(x) dx alles analog gilt.


(, a+
340 4 Inlegraln:chnung einer reellen Variablen

Satz4.1l:
(Cauc"y~·ches KOllwrgenzkriterillll/) Es sei f integrierbar auf [a./I fur jedes I E
b-

I
[a, b). Damit folge: Das Integral! fex) dx konvergiert genau dann, wenn die fol-

"
geude Bedingung erfullt ist:

Zu jedem 8 ~ 0 existicrt ein C Eta. b), so daß für alle t, S E (c. b) gilt:

!, f(x)dr <8.
(4.131 )

(4.131) heißt Callchy-ßedillgullg für uneigentlichc Integrale.

Beweis:
,
10 Man selZt abkürLend F{t) := ! fex) dr fur / E (a. b).

(I) Ist (4.131) erfüllt, so gilt für "alle Folgen {/k := F(tt} mit tk --,l> b die »Cauchy-Bedingung
fur Folgen«. also konvergieren alle Folgen (ak). Damit konvergieren sie alle gegen den gleichen
Grenzwert I. (Denn würden zwei dieser Folgen gegen verschiedene Grenzwerte streben. würde
die Mischfolge ~ nach Reißverschlußvetfahren - nicht konvergieren, was nicht sein kann.) So-

i
b-

mit gilt F(t) 1 für t b-, woraus die Existenz des Integrals f(x)dx folgt.

"
--,l> --,l>
b-

(11) Existiert
i" !(x) dx

,
= lim F(t) = I, so hcißt das: Für jedes 8> 0 existiert ein e
/ ..... b-
E La, b)

mitIF(t) - 11 < 2 für alle / E (c. b). Mit t, .\' E (e. b) folgt daher
,
, ,
i, J(x)d, = IF(t)- F(s)1 ~ IF(t)-/I+ IF{s) - JI ~ 2+ 2 = f:. o

Beispiel 4.24:
Wir zeigcn

i
00
sinx 7f
-dx=- (4.132)
x 2.
o
10 Dieser und die folgenden Beweise im I'orliegenden Absehnill können vom anwendungsorientiel1en Leser iibe=hla·
gen ....·erden.
4.3 Uneigentliche Integrale 341

(I) Die Konvergenz des Integrals folgt mit dem Cauchy-Kriterium in Satz 4. I I. Denn man erhält
fUr 0 < s < 1 mit der Produkt integration
, ,
f,
sinx
x
dx= [ WH]' f, WH
--- -
x s
-,-dx

" x
- I + f' --,-
I[-WH]' s
,
IWHI x·
dx

2
.,
Dies bleibt kleiner e > 0 (also - < e), wenn s > 2/e =: c. Da wegen 1 > S auch 1 > c ist, ist
die Cauchybedingung (4.131) erfüllt, d.h. das Integr<ll (4.132) konvergiert.

,
(11) Um zu zeigen, daß der Wert des Integrals "2" ist, betrachtet man die Hilfsfunktion

I
1
J(t):= I - sin 1 •
fUrO<t:::: "2 ,
o. flirl=O.

sin 1 - I
Sie ist slets differenzierbar, auch in 0, was man über die Umformung J(I) = --c=c- mit der
1 sin 1
Taylorrcihe des Sinus sicht. Für diese Funktion gilt mit Produktintegration

,/2 ( ., ,/2 )
[ J(l)sin(lIl)dl = -~ [J(I)COS(IIt)]: - [J'(t)COS(lIt)dl -+ 0 fUrll -+ 00.

1 1
Setzt man J(t) = - - -.~ links ein, so folgt
1 S1l11

. f
IHn
,,-co (
,/2
sin(nl)
- -dl-
t
f,/2
sin(1l1)
- -cll
sin I
)
=0. (4.133)
o 0

Beim linken Integral substituieren wir x = nl und erhalten das Integral

f
,./2

1
sin(/1/)
--d/=
x
f
n(rr/2)
sinx
--<lx.
co
o 0 fSinx
Die rechte Seite konvergiert fUr 11 -+ 00 gegen - - dx, also ergibt (4.133):
x
o
342 4 Integralrechnung einer reellen Variablen

!
00
sinx
--dx = 11m
x 11..... 00
.! :r /2
sin(nl)
--dl.
sin f
(4.134)
o 0
Das rechte Integral läßt sich direkt berechnen, wobei wir 11 = 2k + I (k E N) voraussetzen. Mit
der Formel aus Übung 2.20 (Abschn. 2.3.2) erhält man nämlich:

:r12 k ,,/2 k .~

! o
sin«2~ + I)t) dr
Sln r
= ~ + 2 L! cos(2}r) df = ~ + 2 L ~ [sin(2}f)]'!
2.
J=I 0
2 ,2}
J=I
0
= Jr
2

(4.134) liefert damit

!
00
sinx
--dx = 11m
x 11_00
.! :r/2
sin(nf)
---dr = 11m
sin f k..... oo
.! :r/2
sin«2k + I)r)
sin t
Ir
dr = ~.
2
o 0 0

Weitere Kriterien rur die Existcnz ulleigclltlicher Integrale sind im Folgenden zusammengestellt.
Dabei werden die auftretcnden Funktionen [, g, h durchweg als illregrierbar auf jedem Teilin-
tervall [a. r1 von La. b) vorausgesetzt. b = 00 ist zugelassen.

Satz 4.12:

I
b

(MoIIOfolliekriterium) Gilt fex) ~ 0 fur alle x E [a. b), so existiert f(x)dx genau

dann, wenn mit einer Konstanten k ~ 0 gilt: "


,
I f(x)dx::;:k furalletELa.b).

, "
Da I, fex) dx mit f monoton wächst, sieht nUln dies sofort ein.

Satz 4.13:

I I
b- b-

Existiert If(x)1 dr, so existiert auch [(x) dx, und es gilt:


a a

I !
b- b-

f(x)dr ~ I/(x)1 <Ix.


" "
4.3 Uneigentliche Integrale 343

Beweis:

I
b-

1[(x)1 dx erftillt die Cauchy~Bedingung, d.h. zu jedem € > 0 gibt es ein c E [a. b), so daß

"
I [(x)d~ I
I I h-

ftirallet.s E (c.b)giltE: > 11[(X)ldX::: . Damit erftillt auch [(x)drdie


s.< u
Cauchy-Bedingung, ist also konvergent. Die Ungleichung des Satzes folgl durch Grenzübergang
aus
, ,
j f(x)dx " j If(x)ldx. o
" "

I I
b- b-

Existiert 1[(x)1 dx, so heißt [(x) dx absolut kO/lI'ergellt. Das Monotoniekriteriulll ergibt

"
unmittelbar "

Satz 4.14:

I
b-

(a) (Majoralltellkriterillm) Ist 1[(x)1 ::: g(x) auf [a. b), und exisliert g(x)dx, so

I
b-

ist [(x)dx absolut konvergent, und es gilt

"
h- b-

jlf(X)ld' " j g(x)dx.