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Religionsmonitor

verstehen was verbindet


Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland
Religionsmonitor
verstehen was verbindet
Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Autoren
Detlef Pollack und Olaf Müller
Inhalt
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Inhalt

Vorwort 7

Einleitung 8

1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität 10

2. Werte und Religiosität 20

3. Religiöse Vielfalt in Deutschland 32

4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt 46

5. Fazit 54

Abstract 58

Anmerkungen 62

Literatur 66

Die Autoren 72

Impressum 73

5
Vorwort

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Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Vorwort

Liz Mohn
stellvertretende Vorsitzende
des Vorstandes der
Bertelsmann Stiftung

Religiöse Vielfalt ist Teil unserer heutigen sollte man aber keinesfalls vergessen, dass
Lebenswirklichkeit. Christen, Muslime, Juden, unterschiedliche Religionen, wenn sie aufein-
Buddhisten, Hinduisten, aber auch Anhänger anderstoßen, auch Konfliktpotenzial besitzen.
anderer, kleinerer Religionsgemeinschaften Mit dem Religionsmonitor stellt die Bertels-
leben in Deutschland zusammen. Hinzu mann Stiftung ein Instrument zur Verfügung,
kommen gewichtige Anteile Konfessionsloser das dabei helfen soll, die Wechselwirkungen
und Atheisten. Es ist eine der zentralen Her- von Religion und Gesellschaft genauer zu
ausforderungen der modernen Gesellschaft, beleuchten. Er ist ein internationales Projekt,
ein friedliches Miteinander der Menschen mit an dessen Entwicklung Wissenschaftler ganz
unterschiedlichen kulturellen und religiösen unterschiedlicher Disziplinen mitgewirkt
Hintergründen zu ermöglichen. haben. Der hier entwickelte Fragebogen
ermöglicht die international und interreligiös
Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Frage, einheitliche Anwendung und die Vergleichbar-
was Menschen verbindet und was ihnen Halt keit der Ergebnisse.
und Orientierung gibt. Bei meinen Reisen und
Begegnungen mit Menschen ganz unter- In die Auswertung des Religionsmonitors 2013
schiedlicher Kulturen, Religionen und persön- sind die Antworten von 14.000 Menschen aus
licher Lebensgeschichten beeindruckt mich 13 Ländern auf rund 100 Fragen eingeflossen.
immer wieder die Vielfältigkeit menschlichen Jeder dieser Menschen hat sich ganz persön-
Lebens. Ich habe dabei festgestellt, dass der lich zu seinen Überzeugungen, Einstellungen
Dialog über scheinbar trennende Unterschiede und Verhaltensweisen geäußert. Die Befragten
hinweg möglich ist und dass dafür Offenheit stehen aber auch repräsentativ für Millionen
und Toleranz wesentliche Voraussetzungen von Menschen rund um den Globus. Wir
sind. Gleichzeitig bedarf es geteilter Grund- sehen: Religion ist und bleibt eine bedeutsame
werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Teilhabe soziale Wirkkraft. Wenn wir auch zukünftig in
am gesellschaftlichen Leben und einer tiefen Vielfalt und Freiheit miteinander leben wollen,
Menschlichkeit als Grundlage für ein gelin- dann müssen wir die Religion und ihre Bedeu-
gendes Miteinander in der gesellschaftlichen tung für gesellschaftliche Entwicklung besser
Vielfalt. verstehen. Der Religionsmonitor der Bertels-
mann Stiftung soll uns dabei unterstützen.
Religion ist ein wesentlicher Faktor für das
Denken und Handeln der Menschen. Sie gibt
den Menschen Orientierung und Sinn. Dabei

7
Einleitung

Einleitung

Der Struktur- und Wertewandel der letzten tativ erhoben und ermöglichte erstmals den
Jahrzehnte, oft unter die Stichworte „Plurali- fundierten Vergleich individueller Religiosität
sierung“ und „Individualisierung“ gefasst, hat von Menschen aller Weltreligionen und Konti-
auch die religiöse Landschaft in Deutschland nente.
verändert. Weitgehend einig sind sich die
Wissenschaftler, dass es für die traditionellen Mit dem überarbeiteten und ergänzten Reli-
religiösen Institutionen immer schwieriger gionsmonitor sind wir noch einen Schritt
geworden ist, die Menschen zu erreichen und weitergegangen und untersuchen die soziale
als normsetzende Instanzen zu fungieren. und politische Relevanz der Religion empi-
Hinsichtlich der Frage nach dem Stellenwert risch. Daher haben wir neben den bewährten
der Religion insgesamt sind die Meinungen Fragen zur Zentralität von Religion des ersten
allerdings geteilt: Vertreter der Säkularisie- Religionsmonitors auch Fragen zu Werten
rungstheorie verweisen darauf, dass die Reli- und Werthaltungen, zur Wahrnehmung reli-
gion für die Menschen an Bedeutung verloren giöser Vielfalt und zum gesellschaftlichen
hat. Anhänger der Individualisierungstheorie Zusammenhalt aufgenommen. Der Religions-
hingegen konstatieren, dass Religion nach monitor 2013 ermöglicht somit, wesentliche
wie vor floriere und nur ihre Form gewech- Aspekte moderner Gesellschaften genauer zu
selt habe, eben „individueller“ und dadurch analysieren.
auch „unsichtbar“ (Luckmann 1991) gewor-
den sei. Vieles deutet zudem darauf hin, Bei der Länderauswahl haben wir den Schwer-
dass Deutschland und Europa in religiöser punkt auf die Vergleichbarkeit der unter-
Hinsicht einen Weg beschreiten, der nicht suchten Staaten gelegt. So können wir in
typisch für andere Teile der Welt ist. vertiefenden Analysen erfolgreiche Strategien
für den Umgang mit gesellschaftspolitischen
Vor diesem Hintergrund initiierte die Ber- Herausforderungen herausarbeiten. Die
telsmann Stiftung vor einigen Jahren ein wesentliche Vergleichsgruppe bilden daher
neues Messinstrument für die Ausprägung Deutschland, Großbritannien, Schweden, die
von Religiosität, den Religionsmonitor. Dabei Schweiz, Frankreich, Spanien, Kanada und
wurde ein substanzieller Religionsbegriff die USA. Darüber hinaus haben wir Daten in
zugrunde gelegt, der sowohl für alle Religio- Ländern erhoben, die aus deutscher Perspek-
nen anwendbar ist als auch individualisierte tive besonders relevant (Türkei, Israel) bzw.
Formen der Religiosität erfasst. Der Religions- aus globaler Perspektive besonders interes-
monitor wurde 2007 in 21 Staaten repräsen- sant sind (Brasilien, Indien und Südkorea).

8
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Die Ergebnisse wurden zunächst überblicks- Auswertung und Analyse der Daten des
artig ausgewertet, in der vorliegenden Studie Religionsmonitors 2013. Darüber hinaus gilt
für Deutschland und in einer parallel erschei- unser besonderer Dank Stefan Huber, der
nenden Untersuchung für den internationa- wesentlich für die Entwicklung des ersten
len Vergleich. In weiteren Veröffentlichungen Religionsmonitors verantwortlich war und
werden wir einzelnen Fragestellungen für den Prozess der Weiterentwicklung bera-
Deutschland jeweils vertiefend nachgehen. tend begleitete. Außerdem gilt unser Dank
Zugleich werden zu ausgewählten Ländern Gert Pickel, Carsten Gennerich, Richard
auch Länderberichte erstellt. Traunmüller und Constantin Klein, die den
Entwicklungsprozess mit ihren Hinweisen
Für die Erstauswertung der Ergebnisse in wesentlich unterstützt haben, und José
Deutschland standen folgende Fragen im Casanova, David Voas, Jinhyung Park, Eva
Vordergrund: Wie stellen sich Kirchlichkeit, Hamberg, Tamar Hermann, Franz Höllinger,
Religiosität und Spiritualität in der Bevöl- Peter Beyer und Üzeyir Ok, die uns bei der
kerung heute dar? Wie steht es vor dem Überprüfung der verschiedenen Länderfas-
Hintergrund der Veränderungen auf dem sungen des Fragebogens zur Seite gestanden
religiösen Feld um das allgemeine Werte- haben. Und schließlich wäre die Umsetzung
gefüge der Gesellschaft? Was bedeutet dies nicht ohne die zuverlässige Koordination und
alles für die Einstellungen zu aktuellen Durchführung der Befragung durch infas und
ethisch-moralischen gesellschaftspolitischen hier insbesondere Robert Follmer und Janina
Fragen und politischen Prinzipien? Welche Belz sowie Matthias Kappeler von ISOPUBLIC
Rolle spielen religiöse Gemeinschaften für die möglich gewesen.
Vermittlung von Werten? Wie gehen die Men-
schen in Deutschland mit der wachsenden
religiösen Vielfalt um? Und schließlich geht
es in diesem ersten Überblick über wichtige
Ergebnisse des Religionsmonitors 2013 auch
um die Frage, inwieweit Religionen zum Stephan Vopel
Director
Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen
Programm Lebendige Werte
vermögen.
Dr. Berthold Weig
Danken möchten wir allen voran den Autoren Senior Project Manager
Detlef Pollack und Olaf Müller für die erste Projekt Religionsmonitor

9
1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität

1. Kirchlichkeit, Religiosität
und Spiritualität

Dieses Kapitel soll einen Überblick über die sierte Form) sowie „Gebetshäufigkeit“ (private
wichtigsten Formen und die Intensität der religiöse Praxis) dargestellt wird. Tabelle 1
Religiosität der Bevölkerung in Deutschland verdeutlicht eindrucksvoll die bestehende
geben. Um ein möglichst umfassendes Bild religiöse Kluft zwischen West- und Ostdeutsch-
erstellen zu können, ist es dabei notwendig, land: Während in den alten Bundesländern der
neben der institutionalisierten, d.h. an die Anteil der Befragten, die angeben, mindestens
Zugehörigkeit zu einer Kirche bzw. religiö- einmal im Monat einen Gottesdienst, einen
sen Gemeinschaft gekoppelten Religiosität Tempel oder das Freitagsgebet zu besuchen
auch „private“ Formen (die sich inner- wie bzw. an sonstigen spirituellen Ritualen oder
auch außerhalb des traditionell-kirchlichen Handlungen teilzunehmen, bei 22 % liegt, sind
Spektrums bewegen können) in den Blick es im Osten Deutschlands mit 12 % nur etwa
zu nehmen. Religiosität soll demzufolge in halb so viele. Vergleicht man die Daten von
Anlehnung an Charles Glock (1954, 1962) als 2013 mit denen des Religionsmonitors von
multidimensionales Phänomen verstanden 2008 (West: 23 %; Ost: 10 %), dann stellt sich
werden, wobei hier Merkmale für Praxis, die Situation in beiden Teilen Deutschlands
Glauben und Identität betrachtet werden.1 nahezu unverändert dar. Was die private
(Anmerkungen siehe S. 62 ff.) Dabei wird religiöse Praxis, das Beten, anbelangt, so ist die
auch über rein beschreibende Aussagen Zahl derer, die im Westen angeben, regelmäßig
hinaus nach charakteristischen Mustern und (d.h. täglich) zu beten, ebenfalls doppelt so
Bestimmungsfaktoren gefragt, wie etwa dem hoch wie im Osten (24 % gegenüber 12 %). Der
Einfluss der religiösen Sozialisation, der Anteil derjenigen, die nach eigenem Bekunden
sozialen Lage oder auch dem konfessionel- niemals beten, ist in Westdeutschland dabei ge-
len Hintergrund der Befragten. Wo es sich nauso groß wie der der regelmäßig Betenden;
anbietet, werden dabei auch Vergleiche zu in den neuen Bundesländern sagen zwei Drit-
den Ergebnissen des Religionsmonitors 2008 tel der Befragten, dass sie niemals beten. Auch
gezogen. hier haben sich die Zahlen im Vergleich zur
Befragung von 2008 praktisch nicht verändert.

Religiöse Praxis
Religiöse Identität
Beginnen wir mit der religiösen Praxis, die
anhand der Merkmale „Gottesdienst-/Tempel-/ Mit Blick auf den Glauben bzw. die religiöse
Freitagsgebetsbesuch/Besuch spiritueller Ritu- Identität sind die West-Ost-Differenzen eben-
ale oder religiöser Handlungen“ (institutionali- falls gravierend (Tabelle 2). Glaubt im Westen

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Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Tabelle 1 Religiöse Praxis (Angaben in %)


INFO
Besuch Gottesdienst/Tempel/
Freitagsgebet/spirituelle Rituale/ Beten Formen der Religiosität
religiöse Handlungen Die starke Trennung zwischen
monatlich oder öfter mind. täglich nie West und Ost lässt sich so-
West Ost West Ost West Ost wohl in der institutionalisier-
2008 23 10 29 11 24 67 ten als auch in der privaten
2013 22 12 24 12 25 66 religiösen Praxis beobachten:
Etwa doppelt so viele West-
Besuch Gottesdienst/Tempel/Freitagsgebet/spirituelle Rituale/religiöse Handlungen: 6er-Skala (mehr als einmal in der Woche – einmal in der Woche – ein-
bis dreimal im Monat – mehrmals pro Jahr – seltener – nie); Anteil derjenigen, die mindestens einmal im Monat an einer der Formen teilnehmen; Beten: 8er-Skala
wie Ostdeutsche gehen re-
(mehrmals am Tag – einmal am Tag – mehr als einmal in der Woche – einmal in der Woche – ein- bis dreimal im Monat – mehrmals pro Jahr – seltener – nie); gelmäßig in den Gottesdienst
Anteil derjenigen, die täglich bzw. nie beten
und beten täglich. Einig sind
sich die Menschen in West-
und Ostdeutschland jedoch
in der Ablehnung religiöser
Mischformen. Fremde Tradi-
tionen integrieren sie wenig
in die eigene Glaubenspraxis,
etwa jeder Zweite „ziemlich“ bzw. „sehr“ dar- Stellt der Anteil der „ziemlich“ bzw. „sehr“ an obgleich sie sich anderen
an, dass Gott, Gottheiten oder etwas Gottähn- Gott, Götter oder etwas Göttliches Glauben- Religionen gegenüber aufge-
liches existiert, tut dies im Osten nur knapp den in den alten Bundesländern noch eine schlossen zeigen.
jeder Vierte. Während der Anteil der eher knappe Mehrheit dar, verändert sich das Bild
Gläubigen im Westen doppelt so hoch ist wie bei der Frage nach der religiösen Selbstein-
der der eher nicht Gläubigen (d.h. derjeni- schätzung deutlich: So sagt nur jeder Fünfte
gen, die „wenig“ oder „gar nicht“ glauben), von sich selbst, dass er „ziemlich“ bzw. „sehr“
stellen Letztere im Osten mit knapp 70 % religiös ist; die Zahl derjenigen dagegen, die
die übergroße Mehrheit.2 Der Vergleich mit sich als „wenig“ bzw. „gar nicht“ religiös
den Daten von 2008 ergibt für den Westen einschätzen, ist mit 35 % fast doppelt so hoch.
erneut das Bild einer relativen Stabilität. In Im Osten verschiebt sich das Verhältnis noch
Bezug auf die neuen Bundesländer lassen die deutlicher zugunsten der „wenig“ bzw. „gar
Daten des Religionsmonitors vermuten, dass nicht“ Religiösen (12 % zu 72 %). Ähnlich wie
es bezüglich des Glaubens in den letzten beim Glauben an Gott weisen die Daten des
fünf Jahren einen Aufschwung gegeben hat. Religionsmonitors von 2008 zu 2013 hier
Angesichts der sich bisher abzeichnenden allerdings auf eine Zunahme bei den Reli-
Entwicklung ist dies einigermaßen über- giösen und eine Abnahme bei den wenig
raschend.3 bzw. nicht Religiösen hin.

11
1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität

INFO Alternative Religiosität solche Tendenz erkennen? Sieht man sich die
Zustimmung zur Aussage „Ich greife für mich
Religion im Alltag der Wie steht es um den Bereich der „neuen“ bzw. selbst auf Lehren verschiedener religiöser
Menschen „alternativen“ Religiosität, der nach Meinung Traditionen zurück“ an (Tabelle 2), dann muss
Religiöse Aspekte spielen mancher Beobachter in letzter Zeit stark im doch bezweifelt werden, dass Religiosität
für viele Menschen nur eine Aufschwung begriffen ist? Die Daten deuten heute vor allem synkretistisch, d. h. als Misch-
Nebenrolle. Familie, Freunde,
darauf hin, dass von einer „spirituellen Re- form, daherkommt: Im Westen Deutschlands
Freizeit sind die Bereiche,
volution“ (Heelas/Woodhead 2005) nicht die stimmt dieser Aussage unter den Religiösen
denen sie mehr Bedeutung
für ihr Leben beimessen. In Rede sein kann: Im Vergleich mit den Werten (d. h. denjenigen, die sich mindestens als
dieser Frage tritt ein Gene- zur Religiosität schätzen sich noch weniger „wenig religiös“ bezeichnen) weniger als jeder
rationenunterschied zutage, Befragte als „ziemlich“ oder „sehr“ spirituell Dritte (29 %) zu, im Osten tut dies nur etwa
denn den über 60-Jährigen ein, nämlich 13 % (2008: 12 %) im Westen und jeder Sechste (16 %). Die große Mehrheit der
ist die Religion wichtiger als
gerade einmal 6 % (2008: 4 %) im Osten. Dage- Religiösen (66 % im Westen und 77 % im Os-
den Jüngeren. Die Ergebnisse
gen halten sich 59 % (2008: 62 %) im Westen ten) lehnt diese Aussage ab; bezogen auf die
des Religionsmonitors sowie
vergleichbarer internatio- und 77 % (2008: 81 %) im Osten für „wenig“ Gesamtbevölkerung sind es nur 26 % (West)
naler Studien legen nahe, bzw. „gar nicht“ spirituell. bzw. 13 % (Ost), die man als religiöse Synkre-
dass es einen schleichenden tisten bezeichnen könnte.
Bedeutungsverlust des Religi-
ösen von der älteren zu den
Trend zur Patchwork-Religiosität Freilich bedeutet der Verzicht auf eine „Patch-
jüngeren Generationen gibt.
work-Religiosität“ nicht, dass die Mehrheit der
Hierbei spielt die religiöse
Sozialisation eine große Rolle. Im Zusammenhang mit der Art der Religiosi- Konfessionsangehörigen die eigene Religion
Fehlende religiöse Erfah- tät, der die Menschen heute zuneigen, wird als die einzig Wahre begreift. Davon, „dass
rungen und nicht mehr vor- oft behauptet, dass sich viele nicht mehr strikt in religiösen Fragen vor allem meine eigene
handenes religiöses Wissen an kirchliche bzw. durch die entsprechenden Religion Recht hat und andere Religionen
führen demnach dazu, dass
religiösen Autoritäten vertretene Vorgaben eher Unrecht haben“, ist gleichfalls nur eine
Menschen ein Leben ohne
halten, sondern sich ihre Religion entspre- Minderheit (15 % im Westen und 23 %
Religion als ganz selbstver-
ständlich erscheint. chend ihrer persönlichen Vorlieben und im Osten) überzeugt; jeweils deutlich über
Bedürfnisse „zusammenbasteln“. Dies habe 70 % lehnen eine solche Position eher ab.
zur allmählichen Ablösung in sich geschlosse- Alles in allem scheint es also so, als ob die
ner Glaubenssysteme durch eine „Patchwork- Menschen heutzutage anderen Religionen
Religiosität“ geführt (Luckmann 1991; Barz gegenüber durchaus Respekt und eine gewis-
2004; Identity Foundation 2006). Lassen die se Aufgeschlossenheit entgegenbringen (vgl.
Daten des Religionsmonitors ebenfalls eine dazu auch das Kapitel zur religiösen Vielfalt).

Tabelle 2 Religiöser Glaube und religiöse Identität (Angaben in %)

Gottes- religiöse spirituelle


glaube Selbsteinschätzung Selbsteinschätzung
West Ost West Ost West Ost
ziemlich/ 52 12 18 6 12 4
sehr
2008
wenig/ 25 73 42 78 62 81
gar nicht
ziemlich/ 54 23 21 12 13 6
sehr
2013
wenig/ 27 68 35 72 59 77
gar nicht

Gottesglaube: „Wie stark glauben Sie daran, dass Gott [Gottheiten] oder etwas Göttliches existiert?“; religiöse Selbsteinschätzung: „Als wie religiös würden Sie sich
selbst bezeichnen?“; spirituelle Selbsteinschätzung: „Als wie spirituell würden Sie sich selbst bezeichnen?“; 5er-Skalen (gar nicht – wenig – mittel – ziemlich – sehr)

12
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Tabelle 3 Religiöse Grundpositionen: Synkretismus und Dogmatismus (Angaben in %)

Synkretismus* Dogmatismus**

West Ost West Ost


stimme eher/voll
29 (26) 16 (13) 15 23
und ganz zu
stimme eher nicht/
66 (70) 77 (82) 79 74
gar nicht zu

Synkretismus: „Ich greife für mich selbst auf Lehren verschiedener religiöser Traditionen zurück.“; * nur diejenigen, die sich auf der Religiositätsskala als mindes-
tens „wenig“ religiös einschätzen (in Klammern: Gesamtbevölkerung); Dogmatismus: „Ich bin davon überzeugt, dass in religiösen Fragen vor allem meine eigene
Religion recht hat und andere Religionen eher unrecht haben.“; ** nur Konfessionsangehörige; 4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme
eher zu – stimme voll und ganz zu)

In ihrer eigenen religiösen Praxis allerdings gemeinhin in solchen Ranglisten am Ende


bewegen sie sich dann doch mehrheitlich im platziert, wird von vielen als wichtiger ein-
Rahmen des Altvertrauten und lassen sich geschätzt (etwa zwei Drittel). Im Westen sind
nur bedingt von „außen“ inspirieren. es 54 %, die Religion für „sehr“ oder „eher
wichtig“ halten, im Osten 27 %. Noch weniger
Menschen schätzen den Bereich der Spiri-
Stellenwert von Religion im Alltag tualität als „eher“ bzw. „sehr wichtig“ ein
(32 % im Westen, 23 % im Osten). Interessant
Die Daten zur religiösen Praxis, zum Glauben, sind in diesem Zusammenhang die Diffe-
zur Identität sowie zum Synkretismus bzw. renzen zwischen einzelnen Altersgruppen:
Dogmatismus vermitteln ein erstes Bild über Während es in Bezug auf die Bereiche, die in
die Verbreitung und Art der Religiosität, wie der Rangliste oben angesiedelt sind, kaum
sie die Menschen in Deutschland pflegen. Sie Unterschiede zwischen Jüngeren und Älteren
sagen aber noch wenig darüber aus, welchen gibt,5 ähnelt das Muster bei der Religion dem
Stellenwert die Menschen der Religion im bei der Politik: Die Altersgruppe der 16- bis
alltäglichen Leben beimessen. Genau genom- 30-Jährigen schätzt die Religion für sich
men ist es aber die Verankerung religiöser selbst als weniger wichtig ein (West: 42 %;
Überzeugungen in der Persönlichkeit, die erst Ost: 21 %) als die Gruppe der 31- bis 60-Jäh-
genauere Einsichten hinsichtlich der tatsäch- rigen (48 %; 26 %), und diese wiederum hält
lichen Bedeutung von Religion für das Denken die Religion für weniger wichtig als die über
und Handeln der Menschen ermöglicht (vgl. 60-Jährigen dies tun (70 % gegenüber 32 %).
Bruce 2002: 3; Pollack 2009: 78f.). Fragt man
nun nach der Bedeutung, die die Menschen Dahinter kann sich ein „bloßer“ Lebenszy-
verschiedenen Bereichen ihres Lebens kluseffekt verbergen (in diesem Fall wäre
beimessen, dann zeigt sich, dass religiöse zu erwarten, dass für die zum Zeitpunkt der
Aspekte von vielen eher als nachrangig Befragung Jüngeren im höheren Alter Religi-
eingestuft werden (Abbildung 1). Unter allen on genauso wichtig wird wie für die Älteren
im Religionsmonitor abgefragten Lebensbe- heute); möglicherweise spiegelt sich hier
reichen werden Religion und Spiritualität mit aber eher ein sogenannter Kohorteneffekt
Abstand als die unwichtigsten eingeschätzt. wider, d.h. ein Wandel in der religiösen Ori-
Das war schon 2008 der Fall und hat sich entierung unter den jüngeren Generationen.
2013 nicht geändert.4 Religion wird als sehr Dies kann anhand dieser Momentaufnahme
viel weniger wichtig angesehen als Familie, allein nicht entschieden werden. Die Ergeb-
Freunde, Freizeit (über 90 % halten diese Be- nisse anderer, auch international verglei-
reiche für „eher wichtig“ oder „sehr wichtig“) chender Untersuchungen legen jedoch nahe,
und Arbeit/Beruf (80 %); selbst die Politik, dass die zuletzt genannte Interpretation

13
1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität

Abbildung 1 Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche nach Altersgruppen (Angaben in %)


West Ost
gesamt 16–30 31–60 > 61 gesamt 16–30 31–60 > 61

Familie 99 99 99 98 96 99 99 91

Freunde 97 99 98 94 97 100 99 93

Freizeit 95 96 97 91 94 96 96 91

Arbeit/Beruf 87 92 97 69 81 92 98 54

Politik 66 48 68 74 67 56 60 67

Religion 54 42 48 70 27 21 26 32

Spiritualität 32 31 31 33 23 25 27 17

4er-Skalen (sehr wichtig – eher wichtig – eher nicht wichtig – überhaupt nicht wichtig); Anteil derjenigen, die den entsprechenden Bereich „sehr wichtig“ bzw.
„eher wichtig“ finden

wohl eher zutrifft (vgl. Sasaki/Suzuki 1987; Alternative Spiritualität


Chaves 1989; Hamberg 1991; Norris/Ingle-
hart 2004), sodass die vorgefundenen Muster Für den Bereich der Spiritualität trifft das
in West und Ost durchaus als Ausdruck Letztgenannte jedoch nicht zu: Im Westen
eines allmählichen Bedeutungsverlustes lassen sich hier keine großen Differenzen
des Religiösen von Generation zu Genera- zwischen den betrachteten Altersgruppen
tion interpretiert werden können. Dass die feststellen; im Osten scheint sich dagegen die
Altersgruppendifferenzen in Ostdeutschland landläufige Annahme zu bestätigen, dass es
dabei weniger deutlich ausfallen als in den eher die jüngeren und mittleren Altersgrup-
alten Bundesländern, verweist dabei nur auf pen sind, die sich der „alternativen“ Spiritu-
die Tatsache, dass dieser Prozess hier bereits alität zuwenden. Angesichts der insgesamt
weiter fortgeschritten ist und neben den geringen Zustimmung und der Tatsache,
jüngeren auch schon die älteren Kohorten in dass die Begeisterung dafür unter der jüngs-
stärkerem Maße erfasst hat. ten Altersgruppe der 16- bis 30-Jährigen im
Osten (25 %) sogar schon wieder etwas ge-
ringer ausfällt als bei den 31- bis 60-Jährigen
(27 %), ist jedoch auch hier abzuwarten, ob
sich eine „neue“ Spiritualität als zukünftiger
Trend durchsetzen wird.6

14
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Religiöse Sozialisation ren Hinweis darauf, dass sie deren Ausmaß


an Religiosität auch im Alter wahrscheinlich
Zum Schluss dieses Kapitels seien noch eini- nicht erreichen werden. Abbildung 2, welche
ge wichtige Wirkmechanismen und Muster die dezidiert zustimmenden Antworten auf
aufgezeigt, die zum besseren Verständnis die Frage „Sind Sie religiös erzogen worden?“
der derzeitigen Situation auf dem Feld des enthält, verdeutlicht den Abbruch bei der
Religiösen in Deutschland beitragen. Neben Weitergabe religiöser Traditionen von Gene-
dem West-Ost-Gefälle, das sich im Grunde bei ration zu Generation eindrucksvoll: Dass der
allen Merkmalen für Religiosität in deutli- Anteil der religiös Erzogenen in Ostdeutsch-
cher Weise gezeigt hat, haben die Ausführun- land von Beginn an über alle Altersgruppen
gen zur Variablen „Wichtigkeit von Religion“ hinweg deutlich niedriger ausfällt als in
zum Teil erhebliche Differenzen zwischen Westdeutschland, ist sicher zu einem nicht
verschiedenen Altersgruppen zutage ge- geringen Teil der Tatsache geschuldet, dass
fördert. Dass diese nicht mit dem Hinweis die DDR-Führung jeglichen religiösen Akti-
darauf erklärt werden können, dass die vitäten über die gesamte Zeit der Existenz
Menschen im Alter „naturgemäß“ religiöser des Staates hinweg mit mehr oder weniger
werden, dass die Religiosität also vor allem unverhohlener Feindschaft begegnete.
davon abhängt, in welchem Lebensabschnitt Zudem gelang es ihr durch ihre atheistische
sich jemand gerade befindet, wurde oben Propaganda, aber mehr noch durch eine Viel-
schon angesprochen. Im Folgenden werden zahl an Benachteiligungen und Schikanen im
die Befunde zu den teilweise dramatischen Alltag recht bald, nicht nur die Religion weit-
Veränderungen der religiösen Sozialisation gehend aus der Öffentlichkeit zu verbannen,
vorgestellt. sondern auch die Weitergabe des Religiösen
im Rahmen der Familie als sozialer Grup-
Sie liefern eine zentrale Antwort auf die pe zu schwächen (vgl. Pollack 1994).7 Im
Frage, warum die jüngeren Altersgruppen Westen, wo sich die Religion frei entfalten
heutzutage so viel weniger religiös sind als konnte, verlief der Abbruch zwischen den
ihre Vorgänger, und gleichzeitig einen weite- Generationen zunächst etwas langsamer,

Abbildung 2 Religiöse Sozialisation nach Altersgruppen (Angaben in %)

80 %

70 %
West
60 %

Ost 50 %

40 %

30 %

20 %

10 %

> 66 56–65 46–55 36–45 26–35 16–25

Frage: „Sind Sie religiös erzogen worden?“; 3er-Skala (ja – nein – teils/teils); Anteil derjenigen, die mit „ja“ antworten, in der jeweiligen Altersgruppe

15
1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität

aber dennoch ebenso stetig. Während sich im Hallahmi/Argyle 1997: 110f.). Die Bedeutung
Osten der Anteil der im Glauben Erzogenen der religiösen Erziehung in der Kindheit für
seit einiger Zeit offenbar auf einem niedri- die Religiosität im Erwachsenenalter zeigt
gen Niveau von etwa 10 % eingependelt hat, sich auch in Abbildung 3: Diejenigen, die
scheint der Prozess im Westen noch nicht angeben, religiös erzogen worden zu sein,
abgeschlossen (wobei nicht auszuschließen weisen im Vergleich zu denen ohne jegliche
ist, dass sich der westdeutsche dem ostdeut- religiöse Erziehung in Bezug auf alle drei be-
schen Wert in den folgenden Jahren noch trachteten Merkmale (Gottesdienst-/Tempel-/
weiter annähern wird). Freitagsgebetsbesuch/Besuch spiritueller
Rituale/religiöser Handlungen, Gottesglaube,
Die Tatsache, dass die Tendenz in den alten Wichtigkeit von Religion) deutlich höhere
Bundesländern letztlich die gleiche ist wie Werte auf.
in Ostdeutschland, lässt schon erahnen, dass
es sich hier um einen Trend handelt, der Fehlende religiöse Erfahrungen und nicht
allgemeiner Natur ist und sich auch unab- mehr vorhandenes religiöses Wissen führen
hängig von bestimmten (religions-)politi- demnach ganz offensichtlich dazu, dass
schen Begleitumständen Bahn bricht. Diese vielen Menschen ein Leben ohne Religion
Vermutung wird durch eine Vielzahl anderer als ganz selbstverständlich erscheint.8 Dass
religionssoziologischer Untersuchungen be- es vor diesem Hintergrund in nächster Zeit
stätigt: Der Aspekt der Sozialisation hat sich zu einer Renaissance der Religion in ihrer
praktisch überall als eine der bedeutendsten traditionellen Form kommen wird, erscheint
Grundlagen für Voraussagen im Hinblick somit eher unwahrscheinlich.
auf die Erklärung individueller Kirchlichkeit
und traditioneller Religiosität erwiesen (vgl.
Sasaki/Suzuki 1987; Kelley/De Graaf 1997; Religiosität im säkularen Umfeld
Stolz 2004; Voas/Crockett 2005; Müller 2013:
216ff.). Der religiösen Sozialisation innerhalb Bis hierher wurde bei der Darstellung nach
der Familie wurde dabei eine besonders der eingangs erwähnten geografischen
entscheidende Rolle bescheinigt (vgl. Beit- Trennlinie „West – Ost“ differenziert –

Abbildung 3 Religiöse Sozialisation und Religiosität (Angaben in %)

66
West
20
Wichtigkeit von Religion
58
Ost
14

66
West
29
Gottesglaube
50
Ost
11

33
West
8
Kirchgang etc. mtl.
27
Ost
9

religiös erzogen nicht religiös erzogen

Variablen und Ausprägungen: siehe Tabellen 1 und 2 sowie Abbildung 2

16
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

einer Trennlinie, die, wie bereits weiter Im Vergleich zur „Religion light“, wie sie in INFO
oben ausgeführt, zu einem großen Teil die der „einheimischen“ westdeutschen Bevöl-
unterschiedliche politische Vergangenheit kerung zunehmend praktiziert werde (vom Religiöse Praxis und Identität
der beiden deutschen Staaten seit dem Ende verbreiteten „Unglauben“ der Ostdeutschen Die Katholiken sind hier-
des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende der ganz zu schweigen), erscheine heute spe- zulande die fleißigsten
1980er-Jahre bzw. die jeweilige Religionspo- ziell die islamisch geprägte Religion vieler Gottesdienstbesucher: Ein
Drittel von ihnen gibt an,
litik der während dieser Zeit Regierenden Migranten (bzw. ihrer Nachkommen) immer
mindestens einmal monatlich
widerspiegelt. Neben diesem Aspekt wird mehr als wirklich „echte“ bzw. „harte“
in die Kirche zu gehen. Dicht
zur Erklärung des heute vorzufindenden ge- Religion, so das Fazit der Shell-Jugendstudie dahinter liegen die Muslime
ringen Niveaus an Religiosität in den neuen von 2006 (vgl. Gensicke 2006: 221). Man mit 30 % regelmäßigen
Bundesländern aber auch ein anderer Faktor, kann annehmen, dass diese Wahrnehmung Moscheebesuchern. Demge-
nämlich das „protestantische Erbe“ der DDR, von einem nicht unbeträchtlichen Teil der genüber geht mit 18 % nicht
einmal jeder fünfte Ange-
ins Spiel gebracht (vgl. Bruce 2000: 44). Dass „alteingesessenen“ Bevölkerung geteilt wird
hörige der evangelischen
der Protestantismus aufgrund seines „ratio- und möglicherweise zum „Unbehagen“ eines
Konfession regelmäßig in den
naleren“ Charakters gegenüber Säkularisie- Teils der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Gottesdienst. Die stärkste
rungstendenzen generell „anfälliger“ zu sein dem Islam bzw. den muslimischen Mitbür- religiöse Identität besitzen
scheint als etwa der Katholizismus, wurde gern beiträgt (vgl. das Kapitel zur religiösen dagegen die Muslime: Fast
schon von Max Weber herausgestellt (vgl. Vielfalt). 40 % von ihnen stufen sich
als sehr religiös ein und fast
Weber 1980 (1921/22) und hat sich in Unter- Verhält es sich nun aber tatsächlich so?
90 % halten die Religion für
suchungen seither auch wiederholt bestätigt Lassen sich im Sinne des eben Gesagten
„eher“ oder „sehr“ wichtig.
(vgl. Bruce 2000: 7f.; Norris/Inglehart 2004: wirklich charakteristische interkonfessio- Bei den Katholiken sind es
20 f., 220f.; Pollack 2009: 27; Pickel 2010; nelle Differenzen ausmachen, kann man im 65 % und bei den Evange-
Müller 2013). Hinblick auf die Intensität der Religiosität lischen halten noch 58 % die
tatsächlich von einer Abstufung „muslimisch – Religion für wichtig.

Wenn heutzutage allgemein die Rede auf die katholisch – evangelisch – konfessionslos“
Möglichkeit kommt, die eigene Religiosität in sprechen?9 Betrachtet man das Gesamt-
einer immer säkularer verfassten Umwelt zu bild, dann scheint Abbildung 4 ein solches
bewahren, dann wird vor allem auch auf den Szenario durchaus nahezulegen: Zum einen
Erfolg des islamischen Glaubens verwiesen. weisen die katholischen Befragten bei den

Abbildung 4 Konfessionsspezifische Religiosität (Angaben in %)

33
Kirchgang/Freitags-
18
gebet/spirituelles
30
Ritual/relig. Handlung
4

26 26
religiöse 21 24
Synkretismus
Selbsteinschätzung 39 42
4 3

64 12
Wichtigkeit 58 Dogmatismus 11
von Religion 89 39
10

katholisch evangelisch muslimisch konfessionslos

Variablen und Ausprägungen: siehe Tabellen 1 bis 3 und Abbildung 1

17
1. Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität

Merkmalen zur religiösen Praxis und zur Konfessionen; der Anteil der Dogmatiker,
Identität deutlich höhere Werte auf als die davon überzeugt sind, „dass in religiösen
diejenigen, die einer evangelischen Kirche Fragen vor allem meine eigene Religion recht
angehören. Die Kirchgangshäufigkeit ist hat und andere Religionen eher unrecht
mit 33 % regelmäßigen (d. h. mindestens haben“, ist mit 39 % überdies fast viermal so
monatlichen) Kirchgängern fast doppelt so hoch. Angesichts der Tatsache, dass fast die
hoch wie bei den Evangelischen (18 %); der Hälfte der befragten Muslime der eigenen
Anteil derjenigen, die sich als „ziemlich“ Religion das Wahrheitsmonopol einräumt,
bzw. „sehr“ religiös einschätzen, beträgt bei könnten sich nun diejenigen bestätigt sehen,
den Katholiken ein Viertel, bei den Evange- die dem Islam in einer zunehmend multireli-
lischen ein Fünftel. giös oder gar säkular verfassten Gesellschaft
ein erhebliches Konfliktpotenzial attestieren.
Der Aussage, dass Religion einen wichtigen Allerdings muss in diesem Zusammenhang
Teil ihres Lebens ausmacht, stimmen von den auch die andere Seite gesehen werden, näm-
Katholiken 64 % eher zu („eher wichtig“ bzw. lich dass ein ebenso großer Prozentsatz an
„sehr wichtig“), unter den Evangelischen sind Muslimen angibt, sich bei anderen religiösen
es 58 %. Die Befragten, die sich einer islami- Traditionen zu bedienen. Wie weiterführen-
schen Glaubensrichtung zugehörig fühlen, de Analysen gezeigt haben, liegt der Anteil
bekunden zu 30 %, mindestens einmal im „reiner“ Dogmatiker (d. h. derjenigen, die nur
Monat das Freitagsgebet zu besuchen, und der Aussage zum Dogmatismus, aber nicht
erreichen damit fast den Wert der katholischen der zum Synkretismus zustimmen) unter
Kirchgänger. Bei der religiösen Selbsteinschät- den Muslimen „nur“ bei knapp 20 % (bei den
zung und bei der Frage nach der Wichtigkeit Katholiken und Evangelischen allerdings
des Lebensbereichs Religion übertreffen die nur bei ca. 8 %). Gleichzeitig scheint ein etwa
Muslime die Katholiken jedoch deutlich: Fast genauso großer Teil keinen Widerspruch darin
40 % von ihnen stufen sich als „sehr“ bzw. zu sehen, den selbst praktizierten Synkretis-
„ziemlich“ religiös ein und fast 90 % halten mus mit einer grundsätzlich dogmatischen
Religion für „eher“ bzw. „sehr“ wichtig. Die Haltung zu verbinden.
konfessionslosen Befragten erreichen bei allen
drei Merkmalen nur sehr geringe Werte, was
darauf hinweist, wie stark die Religiosität in Sozialstruktur und Religiosität
Deutschland zumindest in ihrer traditionellen
Form immer noch an die Institution Kirche Die bisherigen Ausführungen sollten gezeigt
gebunden ist. haben, dass sich das Ausmaß und die Art der
Religiosität entlang der beiden Hauptdifferen-
zierungslinien „West – Ost“ sowie „katholisch –
Synkretismus und Dogmatismus evangelisch – muslimisch – konfessionslos“
durchaus deutlich unterscheiden. Dennoch
Bemerkenswert sind die Ergebnisse in wäre es interessant zu erfahren, inwieweit
Bezug auf „Synkretismus“ und „Dogmatis- sich noch andere Bevölkerungsgruppen im
mus“: Während sich hier Katholiken und Hinblick auf ihre Kirchlichkeit, Religiosität
Evangelischen sehr ähneln (jeweils ca. ein und Spiritualität voneinander unterscheiden.
Viertel Synkretisten und etwas mehr als 10 Ist Religiosität vor allem bei den Älteren, den
% Dogmatiker), ist der Anteil der Synkretis- niedrig Gebildeten, der Landbevölkerung
ten („Ich greife für mich selbst auf Lehren sowie in sozial benachteiligten Bevölkerungs-
verschiedener religiöser Traditionen zurück“) schichten verbreitet (vgl. Norris/Inglehart
bei den Muslimen mit 42 % fast doppelt so 2004; Voas 2008)? Trifft dies ebenso für die
hoch wie bei den beiden großen christlichen „neue“ Spiritualität zu oder ist diese eher

18
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

unter jüngeren, sozial bessergestellten, höher einstufen und mit ihrer wirtschaftlichen
gebildeten Personen anzutreffen (Botvar Lage eher zufrieden sind, den traditionellen
2005; Knoblauch 2009)? Oder haben sich die Formen der Religiosität überdurchschnittlich
Konturen des Religiösen vollständig aufgelöst, verbunden sind.10
d.h. sind überhaupt keine soziostrukturellen
Unterschiede zwischen den Religiösen, religiös Die Tatsache, dass Religiosität und eine hohe
Indifferenten, Areligiösen etc. mehr zu finden Lebenszufriedenheit miteinander einhergehen,
(Voll 1993; Krüggeler 1999)? Und wer genau muss dagegen der „Benachteiligungsthese“
sind die Synkretisten, wer die Dogmatiker? nicht unbedingt widersprechen: Wenn die
Zur Beantwortung dieser Fragen wurde eine Annahme stimmt, dass eine Funktion der
etwas kompaktere Form der Darstellung Religion darin besteht, mit den Unwägbarkei-
gewählt, die über die reine Beschreibung von ten des Lebens und bestimmten Benachteili-
Häufigkeitsverteilungen hinausgeht und Aus- gungen besser zurechtzukommen (vgl. Norris/
sagen über das Vorliegen konkreter Zusam- Inglehart 2004), dann verwundert es nicht so
menhänge (Korrelationen) erlaubt. sehr, dass religiöse Menschen zufriedener sind
Betrachten wir zunächst die beiden Merkmale als nicht religiöse.
für „traditionelle“ Religiosität, den Gottes-
dienst-/Freitagsgebets-/Tempelbesuch/Besuch Im Vergleich zur „traditionellen“ Religiosität
religiöser Rituale bzw. spiritueller Handlungen ergibt sich bei der Spiritualität ein etwas ande-
(hier umgerechnet als durchschnittlicher Be- res Bild: Es sind nicht die Älteren, sondern die
such pro Jahr) und die religiöse Selbsteinschät- Jüngeren, die dieser Form der „neuen“ bzw.
zung: Es zeigt sich, dass es tatsächlich die älte- „alternativen“ Religiosität eher zuneigen. Auch
re und auf dem Land lebende Bevölkerung ist, hier sind die Zusammenhänge zur subjektiven
die dieser Form eher zuneigt. Dass sich Frauen Schichteinstufung und zur Lebenszufrieden-
insgesamt ebenfalls als religiöser einschätzen heit positiv. Und auch religiöser Synkretismus,
als Männer, bestätigt ein in der Forschung ein weiteres Zeichen von religiöser Indivi-
immer wieder beobachtetes Muster. Die These dualisierung, findet sich am ehesten unter
von der höheren Verbreitung traditioneller jüngeren, weiblichen, hochgebildeten und
Religiosität unter benachteiligten Bevölke- sich bezüglich ihrer sozialen Position in der
rungsschichten wird allerdings insgesamt Gesellschaft höher einschätzenden Befragten.
nicht bestätigt. Zwar findet sich ein negativer Dagegen scheint religiöser Dogmatismus
Zusammenhang zum Bildungsniveau (d.h. weitgehend unabhängig von der individuellen
niedriger Gebildete weisen höhere Religio- sozialen Lage zu sein. Unzutreffend ist jedoch
sitätswerte auf), gleichzeitig ist es jedoch so, die Behauptung, dass sich heutzutage über-
dass auch diejenigen, die sich gesellschaftlich haupt keine soziodemografischen Konturen
des Religiösen mehr erkennen lassen.

Tabelle 4 Religiosität und Sozialstruktur (bivariate Korrelationen)

Gottesdienst- religiöse spirituelle Synkretismus1 Dogmatismus2


Die in der Tabelle angegebenen Werte zeigen
besuch etc. Selbst- Selbst- den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen
einschätzung einschätzung Variablen an. Die Werte liegen immer zwischen
-1 (vollständig negativer Zusammenhang) und +1
Alter (aufsteigend) ,10 ,15 –,09 –,11 n. s.
(vollständig positiver Zusammenhang). Negativ
Geschlecht (weiblich) n. s. ,16 ,11 ,06* n. s. bedeutet, dass der eine Wert kleiner wird, wenn
Bildung (hoch) n. s. –,14 n. s. ,10 n. s. der damit zusammenhängende Wert anwächst;
positiv meint, dass beide Werte gemeinsam zu-
subj. Schichteinstufung (hoch) ,09 ,07 ,11 ,08 n. s. bzw. abnehmen. Ein Wert von 0 würde bedeuten,
Wohngegend (Stadt) –,16 –,14 –,06 n. s. n. s. dass kein Zusammenhang zwischen den beiden
Variablen existiert. „n.s.“ steht für nicht signifikant
Lebenszufriedenheit (hoch) ,15 ,18 ,08 n. s. n. s. und bedeutet, dass hier kein signifikanter Zusam-
wirtschaftliche Lage (sehr gut) ,08 ,06 n. s. n. s. n. s. menhang besteht. Alle angegebenen Werte sind
mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 % bedeutsam,
d.h. nicht zufällig. Bei den mit einem Stern gekenn-
zeichneten Werten beträgt die Wahrscheinlichkeit
95 %.11

19
2. Werte und Religiosität

2. Werte und Religiosität

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit chen Wertvorstellungen dieser Bevölkerungs-
der Frage nach dem Ausmaß, der Verteilung gruppe ist jedoch recht wenig bekannt.12
und der Herkunft bestimmter Einstellungen Zudem wurde bisher kaum danach gefragt,
und Werte, wobei auch hier ein besonderes wie wichtig die religiösen Instanzen und
Augenmerk auf den Zusammenhang mit der Autoritäten für die Vermittlung von Werten
Religion gelegt wird. Geht man von dem aus, heutzutage überhaupt noch sind, und auch
was in den religiösen Schriften und Über- zum Zusammenhang von Werten und „neu-
lieferungen bzw. durch religiöse Organisa- eren“ Formen von Religiosität ist bisher nur
tionen und Eliten heute gelehrt wird, dann unzureichend geforscht worden.
sollten religiöse Menschen ihrem Glauben
gemäß besonders sozial eingestellt sein, sich „Der Zusammenhang zwischen
häufiger um andere Menschen kümmern und
für eine gerechte Gesellschaft eintreten. Der Werten und Religion
Dienst für die Mitmenschen und die Gesell- ist heute nicht mehr selbstverständlich“
schaft sollte bei Religiösen stärker über dem
Eigeninteresse stehen als bei nicht Religiö- Der Zusammenhang zwischen Werten wie
sen. Darüber hinaus wäre zu erwarten, dass den eingangs genannten und der Religion ist
Erstere sich stärker an „die Moral“ halten und in der heutigen Zeit alles andere als selbst-
entsprechende Normen und Vorgaben ernster verständlich. Zum einen verweisen Beobach-
nehmen. ter des religiösen Feldes schon seit Langem
darauf, dass sich die Menschen in ihren
Einige dieser Vermutungen konnten in der Wertvorstellungen und Lebensentscheidun-
Vergangenheit in der empirischen Forschung gen immer weniger an religiösen Autoritäten
teilweise durchaus bestätigt werden (vgl. orientieren. Zum anderen haben sich, so
Meulemann 1998; Gensicke 2006). Aller- eine weitere Annahme, viele Werte selbst
dings liegen für Deutschland bisher kaum von ihrem religiösen Ursprung emanzipiert:
Studien vor, die über den Vergleich zwischen Auf das Prinzip der Nächstenliebe oder mehr
den christlich und den säkular orientierten noch das Tötungstabu werden sich heute die
Bevölkerungsgruppen hinausgehen. In Be- meisten Menschen sicherlich einigen können
zug auf einige der oben genannten Aspekte – die Religiösen wie die nicht Religiösen. Nur
herrscht hinsichtlich der muslimischen würden diese Maximen von vielen gar nicht
Mitbürger eine teilweise recht dezidierte mehr als religiös fundiert, sondern als „allge-
öffentliche Meinung vor; über die tatsächli- meine“, „humanistische“ Werte betrachtet.13

20
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Ob man ein solches Szenario beklagt oder nach dem Vertrauen der Menschen zuei-
INFO
begrüßt, hängt nun freilich vom persönlichen nander sowie nach dem Ausmaß und den
Standpunkt des Betrachters ab. Was dies für Motivationen des ehrenamtlichen Engage-
Die Emanzipation der Werte
das soziale Zusammenleben bedeutet, ist ments in der Gesellschaft im Kapitel zum Die Menschen orientieren
dagegen eine empirische Frage mit offenem Sozialkapital behandelt. Im Folgenden geht sich in ihren Wertvorstel-
Ausgang: Selbst wenn es so wäre, dass sich es zunächst einmal darum zu klären, wie das lungen immer weniger an
die Religion auf dem Gebiet der Wertevermitt- Wertegerüst der Bevölkerung heute aussieht, religiösen Autoritäten, zumal
lung auf dem Rückzug befindet, muss man ob es tatsächlich zu einem „Werteverfall“ sich viele Werte von ihrem re-
ligiösen Ursprung emanzipiert
daraus nicht zwangsläufig eine pessimis- kommt, der in der Folge die gesellschaftliche
haben. So gelten Nächstenlie-
tische Prognose ableiten. Wie bereits oben an- Integration gefährden könnte, wer eventuell be und die Achtung vor dem
gedeutet, ist es ja gar nicht ausgemacht, dass davon am ehesten betroffen ist, ob die Gesell- Leben mittlerweile als allge-
der Konsens über bestimmte Grundwerte im schaft hinsichtlich ihres Wertegefüges eher meine humanistische Werte.
Falle des Bedeutungsverlusts der Religion zusammenwächst oder auseinanderdriftet Auch durch den fortschrei-
notwendigerweise zerbrechen muss; vielmehr und welche konkreten Konfliktfelder sich tenden Bedeutungsverlust
der religiösen Institutionen
wäre er allenfalls von der Akzeptanz der hier möglicherweise ausmachen lassen.
ebnen sich die Unterschiede
Religion als wertsetzende Instanz weitgehend im Wertgefüge zwischen
abgekoppelt. Durch die Entflechtung der Beginnen wir mit der Frage nach eventuellen religiösen und nicht religiösen
Sphären der Religion und der allgemeinen Differenzen in Bezug auf die Haltungen zu Bevölkerungsgruppen ein.
Wertvorstellungen sowie den Bedeutungs- grundsätzlichen ethisch-moralischen Fragen,
verlust religiöser Autoritäten werden die wie sie in der Öffentlichkeit in den letzten
Differenzen hinsichtlich des Wertegefüges Jahren diskutiert wurden. Dass sich an den
religiöser wie nicht religiöser Bevölkerungs- Debatten zum Schwangerschaftsabbruch, zur
gruppen eingeebnet. Dadurch könnte sich Gleichstellung homosexueller Paare oder zur
das Konfliktpotenzial, das der Religion auch Sterbehilfe nicht nur Politiker, Philosophen,
immer innewohnt, sogar verringern. Mediziner, Juristen und andere „weltliche“
Professionen, sondern auch religiöse Autori-
täten jeglicher Couleur engagiert beteiligen,
liegt in der Natur der Sache, sind dies doch
Das Wertegerüst der Bevölkerung Fragen, die auch die Religion unmittelbar
angehen. Der jüngste Streit um die einge-
Die Konsequenzen in Bezug auf den „sozi- schränkten Voraussetzungen, unter denen
alen Kitt“ und das konkrete Handeln der die Deutsche Bischofskonferenz im Falle
Menschen werden später anhand der Fragen einer Vergewaltigung die „Pille danach“

21
2. Werte und Religiosität

gestattet, und die durchaus kritischen Reakti- Abbildung 5 zeigt den Verlauf der Fronten
onen vonseiten katholischer Laienverbände zum Teil recht deutlich auf: Bevor wir uns
haben dabei einmal mehr deutlich gemacht, den konfessionellen Differenzen zuwen-
dass in Bezug auf derartige Fragen nicht den, ist freilich zu konstatieren, dass die
nur Meinungsverschiedenheiten zwischen Zustimmungswerte insgesamt zu allen drei
verschiedenen religiösen Traditionen bzw. aufgeführten Vorgaben beträchtlich sind.
zwischen religiösen und säkularen Gruppie- Dass der ausdrückliche Wunsch eines Kran-
rungen existieren, sondern dass hier auch ken nach Sterbehilfe akzeptiert werden soll,
konfessionsintern erhebliches Konfliktpoten- meinen 88 % der Ostdeutschen und 83 % der
zial vorhanden ist. Westdeutschen, dass ein homosexuelles Paar
die Möglichkeit haben sollte zu heiraten,
befürworten im Osten 78 %, im Westen 75 %
„West-Ost-Unterschiede spiegeln der Befragten. Das uneingeschränkte Recht
konfessionelle
zum Teil auch auf Schwangerschaftsabbruch stößt auf etwas

Differenzen wider“ weniger Akzeptanz; hier stimmen noch


knapp 70 % der Befragten in den neuen und
54 % in den alten Bundesländern zu.

Abbildung 5 Einstellungen zu ethisch-moralischen Fragen (Angaben in %)


Eine Schwangerschaft abzubrechen, sollte grundsätzlich erlaubt sein.

West 54
Ost 69

katholisch 46
evangelisch 62
muslimisch 35
konfessionslos 73

Ein homosexuelles Paar sollte die Möglichkeit haben zu heiraten.

West 75
Ost 78

katholisch 70
evangelisch 78
muslimisch 48
konfessionslos 87

Wenn ein unheilbar Kranker es ausdrücklich wünscht, sollte er das Recht haben zu sterben.

West 83
Ost 88

katholisch 86
evangelisch 83
muslimisch 42
konfessionslos 90

4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); Anteil derjenigen, die „eher“ bzw. „voll und ganz“
zustimmen

22
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Bewertung von zentralen ethisch- den die Gesetzgebung in letzter Zeit hier INFO
moralischen Fragen genommen hat, dürfte es interessant sein zu
verfolgen, ob sich diese Differenzen zwi- Bewertung ethisch-
Dass die West-Ost-Unterschiede zum Teil schen der „Mehrheitsgesellschaft“ und der moralischer Fragen
auch konfessionelle Differenzen wider- muslimischen Bevölkerung in Zukunft ein- Wichtige ethisch-moralische
spiegeln, wird klar, wenn man sich die ebnen werden oder sich womöglich sogar zu Fragen wie die nach dem
Recht auf Sterbehilfe oder
Zustimmungsraten getrennt nach der handfesten Spannungen auswachsen. Zum
der „Homo-Ehe“ werden
Religionszugehörigkeit ansieht. Beim Recht anderen tut sich eine Kluft, das zeigen die
von den konfessionslosen
auf Sterbehilfe unterscheiden sich die Mei- Befunde ebenfalls deutlich, zwischen der offi- Menschen liberaler bewertet,
nungen der Katholiken (86 % Zustimmung) ziellen Haltung der katholischen Kirche und obwohl es hier auch hohe
und Evangelischen (83 %) noch relativ wenig den Ansichten ihrer „einfachen“ Mitglieder Zustimmungswerte unter den
von denen der Konfessionslosen (90 %); aber auf, indem letztere zum Großteil nicht gewillt Katholiken und Evangelischen
gibt. Deutlich ablehnender
schon hier fällt auf, dass sich die Muslime in sind, den oft strikten Positionen der kirch-
sehen das die Muslime. Bei
ihren Haltungen deutlich von den anderen lichen Führung zu folgen. Auch hier bleibt
der Bewertung solcher und
Gruppen absetzen, indem sie insgesamt eine abzuwarten, was das für die Kirche mittel- anderer ethisch-moralischer
stärker ablehnende Position einnehmen und langfristig bedeutet, d. h. wie lange die Fragen existiert ein Gra-
(42 % Zustimmung). Ähnlich verhält es Mitglieder den Spagat zwischen persönlichen ben zwischen der liberal
sich bei der Frage, ob homosexuelle Paare Überzeugungen und Loyalität gegenüber der eingestellten christlich oder
säkular geprägten einheimi-
heiraten dürfen sollten. Während hier nicht Institution noch mitzumachen bereit sind
schen Bevölkerung und den
nur die große Mehrheit der Konfessionslosen bzw. ob oder wie die Kirchenoberen auf den
Muslimen, die hier deutlich
(87 %), sondern auch der Angehörigen der Gegenwind von unten reagieren werden. abweichende Vorstellungen
beiden großen christlichen Konfessionen haben.
(70 % bei den Katholiken, 78 % bei den
Evangelischen) zustimmt, findet dies unter
den Muslimen nur knapp die Hälfte der Akzeptanz für die demokratischen
Befragten richtig. Das grundsätzliche Recht Prinzipien
auf Schwangerschaftsabbruch findet auch bei
den Katholiken keine mehrheitliche Zustim- Lassen sich schon die oben abgehandelten
mung (46 %), bei den Muslimen liegt die ethisch-moralischen Grundfragen nicht ohne
Befürwortungsrate bei rund einem Drittel. Weiteres in den Bereich des rein „Privaten“
Unter den Evangelischen ist die Akzeptanz verbannen, wo jeder denken und tun könne,
mit 62 % dagegen auch hier deutlich höher; was er wolle, und die Gesellschaft den Einzel-
und am stärksten fällt sie, wenig überra- nen nicht zu bevormunden habe, weisen die
schend, bei den Konfessionslosen aus, wo in Abbildung 6 abgebildeten Aspekte einen
etwa drei Viertel der Befragten zustimmen. noch deutlicheren Bezug zum öffentlichen
Leben auf. Die Trennung von Religion und
Die Frage nach möglichen Konfliktlinien im Politik und die Prinzipien der Demokratie
Bereich ethisch-moralischer Fragen lässt gehören zu den Grundfesten unserer Ge-
sich also folgendermaßen beantworten: Zum sellschaft. Was die Akzeptanz dieser Werte
einen verläuft hier offenbar ein Graben zwi- anbelangt, so kann angesichts der Befunde
schen der christlich bzw. säkular geprägten des Religionsmonitors jedoch weitgehend
Mehrheitsbevölkerung auf der einen Seite, „Entwarnung“ gegeben werden.
die hier „liberale“ Positionen einnimmt
(eine Ausnahme bilden die Katholiken beim
Schwangerschaftsabbruch), und der Bevölke-
rungsgruppe mit muslimischem Hintergrund
auf der anderen Seite, die diesbezüglich „In keiner der Gruppierungen findet sich eine Mehrheit,
„rigidere“ Vorstellungen erkennen lässt. welche die Politik dem Primat der Religion
Auch vor dem Hintergrund der Entwicklung, unterordnen möchte“

23
2. Werte und Religiosität

In keiner der untersuchten Gruppierungen dass hier die Ostdeutschen durchschnittlich


findet sich eine besorgniserregende Zahl an eher zustimmen als ihre westdeutschen
Personen, welche die Politik dem Primat der Landsleute (27 % gegenüber 20 %; innerhalb
Religion unterordnen möchten. Der Aussage der Gruppe der Konfessionslosen sogar 24 %
„Nur Politiker, die an Gott glauben, sind geeig- gegenüber 10 %), deutet darauf hin, dass
net für ein öffentliches Amt“ stimmen allen- viele wohl eher die sozial regulative Funk-
falls 5 % bis 10 % der befragten Christen und tion der Kirchen (als „soziales Gewissen“
Konfessionslosen in Ost und West, aber auch der Gesellschaft) im Sinn haben.
nur ca. 20 % der Muslime zu. Dass führende
Vertreter der Religionen auf die Entschei- Das in diesem Zusammenhang vielleicht
dungen der Regierung Einfluss nehmen wichtigste Merkmal, die grundsätzliche
sollten, meinen zwar etwas mehr Befragte, Unterstützung des politischen Systems,
nämlich zwischen 17 % (Konfessionslose) und findet unter allen aufgeführten Gruppen
33 % (Muslime); angesichts der Verteilung eine überwältigende Zustimmung: Zwischen
der Zustimmungsraten stellt sich jedoch die 76 % (Ostdeutschland) und 90 % (Evange-
Frage, inwieweit man diese Haltung tatsäch- lischen) halten die Demokratie für eine
lich im Sinne einer Ablehnung des Säkula- gute Regierungsform. Dass die Menschen
ritätsprinzips verstehen muss. Die Tatsache, in Ostdeutschland, obwohl sie mit dem

Abbildung 6 Einstellungen zum Verhältnis von Religion und Politik und zur Demokratie
(Angaben in %)
Nur Politiker, die an Gott glauben, sind geeignet für ein öffentliches Amt.

West 11
Ost 9

katholisch 11
evangelisch 14
muslimisch 19
konfessionslos 5

Führende Vertreter der Religionen sollten auf die Entscheidungen der Regierung Einfluss nehmen.

West 20
Ost 27

katholisch 20
evangelisch 23
muslimisch 33
konfessionslos 17

Die Demokratie ist eine gute Regierungsform.

West 88
Ost 76

katholisch 86
evangelisch 90
muslimisch 80
konfessionslos 80

4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); Anteil derjenigen, die „eher“ bzw. „voll und ganz“
zustimmen

24
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

konkreten Funktionieren des politischen Wer vermittelt in der heutigen


Systems insgesamt eher nicht zufrieden Gesellschaft Werte?
sind, an der grundsätzlichen Wertschätzung
der Demokratie festhalten, hat sich in den Dass die Wertvorstellungen einer Person
letzten 20 Jahren immer wieder gezeigt (vgl. zwar nicht für alle Zeiten festgeschrieben
etwa Pollack/Pickel 2006). Aber auch die hin sind und sich im Laufe des Lebens auch
und wieder geäußerte Sorge, dass sich der ändern können, dass aber deren Vermittlung
Islam mit den „westlichen“ Gesellschafts- in der Kindheits- und Jugendphase dennoch
strukturen schwertue (vgl. auch das Kapitel eine besonders prägende Rolle zukommt,
zur religiösen Vielfalt), erfährt diesbezüglich gehört zu den Grundannahmen der Werte-
zumindest auf der Ebene der persönlichen forschung (vgl. Inglehart 1977). Durch wen
Verlautbarungen der im Religionsmonitor aber werden nun in der heutigen Zeit Werte
befragten Muslime keine Bestätigung (80 % vorrangig vermittelt, durch welche Soziali-
Zustimmung). sationsinstanzen ist das Wertegefüge, wie
wir es heute in der Gesellschaft vorfinden,
geprägt? Welche Rolle kommt dabei neben
der Familie, der Schule und dem Freundes-
kreis der Religion zu? Der Religionsmonitor

Tabelle 5 Wertevermittlung in Familie, Schule, Freundeskreis und religiöser Gemeinschaft


(Angaben in %)

Wert Sozialisationsinstanz West Ost

Familie 83 80
Unabhängigkeit Schule 61 65
Freundeskreis 67 68
rel. Gemeinschaft 39 (44) 26 (39)
Familie 80 78
Durchsetzungsfähigkeit Schule 64 67
Freundeskreis 77 77
rel. Gemeinschaft 40 (44) 25 (38)
Familie 96 94
Einhalten von Regeln Schule 93 94
Freundeskreis 71 74
rel. Gemeinschaft 71 (80) 36 (54)
Familie 96 95
gerechte Behandlung Schule 85 88
aller Menschen Freundeskreis 80 78
rel. Gemeinschaft 73 (82) 44 (66)

Aussagen: „In meiner Familie/Von meinen Lehrern und Lehrerinnen in der Schule/Von meinen Freunden oder Freundinnen/In einer religiösen Gemeinschaft lernte
ich …“ Unabhängigkeit: „… unabhängig von anderen zu sein.“; Durchsetzungsfähigkeit: „… mich durchzusetzen.“; Einhalten von Regeln: „… mich an
Regeln zu halten.“; gerechte Behandlung aller Menschen: „… alle Menschen gerecht zu behandeln.“
2er-Skala ([eher] ja – [eher] nein); in Klammern: nur diejenigen, die einer religiösen Gemeinschaft angehören bzw. angehörten

25
2. Werte und Religiosität

bietet die Möglichkeit, den durch die Befrag- In allen Fällen wird die Familie am häufigsten
ten selbst eingeschätzten Einfluss einzelner als der Ort genannt, wo man den entsprechen-
Instanzen vergleichend zu betrachten, und den Wert vermittelt bekommen hat (zwischen
zwar in Bezug auf die Werte „Unabhängig- 78 % und 96 %), gefolgt von der Schule (ca.
keit“, „Durchsetzungsfähigkeit“, „Einhalten 60 % bis 90 %) und dem Freundeskreis (etwa
von Regeln“ und „gerechte Behandlung aller 70 % bis 80 %). Die religiöse Gemeinschaft
Menschen“. Tabelle 5 enthält jeweils die wird weit seltener angegeben; eine gewisse
Anteile derjenigen, die angeben, dass ihnen Ausnahme bilden hier nur die Angaben in
diese Werte (eher) durch die Familie, die Bezug auf die Maximen „gerechte Behandlung
Lehrerinnen und Lehrer in der Schule, die aller Menschen“ (73 %) und „Regelbefolgung“
Freunde und Freundinnen bzw. ihre religiöse (71 %) unter den westdeutschen Befragten.
Gemeinschaft vermittelt wurden. Durchsetzungsfähigkeit und Unabhängigkeit
(jeweils ca. 40 % zustimmende Antworten)
Sieht man sich die Befunde an, dann zeigt waren auch laut der Mehrheit der Befragten in
sich zunächst, dass die große Mehrheit der Westdeutschland keine Werte, die ihnen durch
Befragten angibt, dass ihnen diese grund- religiöse Gemeinschaften mitgegeben wurden.
sätzlichen Lebensprinzipien zumindest von Eine noch geringere Rolle kommt den religiö-
einer der Instanzen (meist jedoch von mehre- sen Gemeinschaften bei der Wertevermittlung
ren gleichzeitig) nahegebracht wurden. Dabei in Ostdeutschland zu; die Angaben reichen
sind die Antwortmuster in West und Ost bis hier von ca. 25 % (hinsichtlich der Durchset-
auf eine Ausnahme nahezu gleich verteilt. zungsfähigkeit und der Unabhängigkeit) bis
zu 44 % (hinsichtlich der gerechten Behand-
lung aller Menschen). Dass die Ostdeutschen
„DieFamilie spielt die wichtigste in ihrem Wertegefüge – das sich wohlgemerkt

Rolle in der Vermittlung


gar nicht so sehr von dem ihrer westdeut-
schen Landsleute unterscheidet – weniger
von Werten“ durch religiöse Instanzen geprägt sind, ist
angesichts des bisher Gesagten zunächst we-
nig überraschend. Allerdings erklärt sich der
vergleichsweise geringe Einfluss, wie wir ja

Abbildung 7 Wertevermittlung konfessionsspezifisch (Angaben in %)

In meiner Familie lernte ich, unabhängig von anderen zu sein.


katholisch 85
evangelisch 78
muslimisch 72
konfessionslos 85

In meiner Familie lernte ich, mich an Regeln zu halten.


katholisch 98
evangelisch 96
muslimisch 89
konfessionslos 94

Fragestellung und Ausprägungen: siehe Tabelle 5; Anteil derjenigen, die mit „(eher) ja“ antworten

26
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

auch schon an den Zahlen für Westdeutsch-


land gesehen haben, nicht allein dadurch,
dass es immer mehr Menschen gibt, die im „Interkonfessionelle Differenzen
Laufe ihres gesamten Lebens mit religiö- sind in Bezug auf die Herausbildung
dieser allgemeinen Werte weniger
sen Organisationen überhaupt nicht mehr
in Berührung kommen. Denn selbst wenn
man nur diejenigen betrachtet, die angeben, von Bedeutung“
einer religiösen Gemeinschaft anzugehören
bzw. zumindest zum fraglichen Zeitpunkt
angehört zu haben (s. Tabelle 5, Angaben in mit „(eher) ja“ (57 %) als die Angehörigen der
Klammern), erhöhen sich die Zustimmungs- beiden christlichen Konfessionen (44 % bzw.
werte nicht in dem Maße, dass man deren 47 %). Zum anderen zählte die Einhaltung von
Bedeutung mit den anderen Sozialisations- Regeln offenbar in allen Familien, jenseits des
instanzen gleichsetzen könnte. Dies gilt in konfessionellen Hintergrunds der Befragten,
besonderem Maße für die Werte „Unabhän- zu den bestimmenden Erziehungsprinzipien.
gigkeit“ und „Durchsetzungsfähigkeit“.14 Allerdings geben auch hier die Muslime etwas
weniger häufig an, in diesem Sinne soziali-
Interessant sind in diesem Zusammenhang siert worden zu sein (89 % gegenüber 94 %
die Verteilungen, wenn man sich die Antwor- bis 98 % bei den anderen Gruppierungen).
ten getrennt nach konfessioneller Zugehö- Bezüglich der Vermittlung dieses Wertes
rigkeit anschaut (Abbildung 7). Zum einen durch die religiöse Gemeinschaft finden sich
geben unter den Katholiken und den Konfes- mit jeweils ca. 80 % Zustimmung praktisch
sionslosen (jeweils 85 %) mehr Befragte an, keine Differenzen zwischen den unterschied-
in ihrer Familie zur Unabhängigkeit erzogen lichen religiösen Traditionen. Anders als
worden zu sein, als unter den Evangelischen im Falle der zu Anfang genannten ethisch-
(78 %); unter den Muslimen ist die Zustim- moralischen Grundeinstellungen scheinen
mung hier am niedrigsten (72 %). Fragt man interkonfessionelle Differenzen in Bezug auf
danach, ob ihnen dieses Prinzip in ihrer die Herausbildung dieser allgemeinen Werte
religiösen Gemeinschaft beigebracht worden also weniger von Bedeutung zu sein, anders
sei, antworten die Muslime jedoch häufiger als dies mancher vielleicht vermutet hätte.

In meiner religiösen Gemeinschaft lernte ich, unabhängig von anderen zu sein.


katholisch 47
evangelisch 44
muslimisch 57

In meiner religiösen Gemeinschaft lernte ich, mich an Regeln zu halten.


katholisch 80
evangelisch 80
muslimisch 82

27
2. Werte und Religiosität

Wandel in den Wertvorstellungen Präferenz von Ordnungs- und Sicherheits-


prinzipien mit einer erhöhten Kirchlichkeit
Bis hierher ist in Bezug auf bestimmte Wert- und Religiosität einhergeht, während indivi-
vorstellungen danach gefragt worden, ob und dualistische und hedonistische Wertvorstel-
von wem diese vermittelt wurden. Man kann lungen eher mit einer Ablehnung organi-
zwar davon ausgehen, dass die Sozialisation sierter und traditioneller religiöser Formen
in der Kindheit bzw. Jugend eine Person zu verbunden sind (vgl. Taylor 2002: 82, 94 f.).
einem gewissen Teil auch in ihrem späteren Gleichzeitig wäre anzunehmen, dass sich
Leben prägt; dennoch ist natürlich anzuneh- die im Zuge von Modernisierungsprozessen
men, dass sich Haltungen und Positionen im um sich greifende „Konsumkultur“ zwar auf
Lebensverlauf auch verändern können – je jegliche gemeinschaftlich verfasste Religiosi-
nachdem, welche Erfahrungen man im spä- tät negativ auswirkt (Berger 1990: 151), dass
teren Leben macht und in welchem sozialen aber die alternativen, auf subjektive Erfah-
Kontext man sich bewegt. Die Überlegung, rungen und die Entwicklung des „inneren
dass das Wertegerüst einer Person durch die Selbst“ ausgerichteten Formen der Spirituali-
Kombination aus vorbestimmenden Prä- tät den individualistischen und expressiven
gungen in der Kindheit und lebenslangem Anschauungen und Lebensstilen sehr gut
Lernen konstituiert wird, bildet die Grund- entsprechen (Taylor 2002: 84, 95 f.; Roof
lage der Theorie zum gesellschaftlichen 1993; Knoblauch 1997).
Wertewandel, wie sie etwa vom Soziologen
Ronald Inglehart vertreten wird. Inglehart
ist der Meinung, dass sich vor dem Hinter-
grund zunehmender existenzieller Sicherheit Welche Wertvorstellungen
in modernen Gesellschaften ein Wandel herrschen in den Altersgruppen vor?
von sogenannten materialistischen hin zu
postmaterialistischen Werten vollzieht, der Aber wie sieht es nun, zunächst jenseits der
sich in der Zurückdrängung ökonomischer Frage des Religiösen, mit der Verteilung be-
und physischer Sicherheitsbedürfnisse durch stimmter Wertvorstellungen in den einzelnen
den Wunsch nach Selbstentfaltung sowie Alters- bzw. Generationengruppen aus? Im
intellektueller und ästhetischer Befriedi- Religionsmonitor wurden die aktuellen Hal-
gung manifestiert. Auch wenn Inglehart, wie tungen der Befragten zu mehreren Werten
gesagt, nicht ausschließt, dass sich das Wer- erfragt, die zwar nicht exakt mit denen bei
tegefüge einzelner Menschen im Laufe der der Frage nach der Wertevermittlung über-
Zeit ändert, wird dieser Prozess nach seiner einstimmen, jedoch ähnliche Vorstellungs-
Meinung doch vor allem durch die jüngeren bereiche abdecken. Im Einzelnen wurde in
Generationen getragen, die von vornherein Anlehnung an die sogenannte Schwartz-Ska-
unter Bedingungen aufwachsen, die diesem la (entwickelt vom Sozialpsychologen Shalom
Wandel zuträglich sind. Im Laufe der Zeit, so Schwartz; vgl. Schwartz 1992; Schmidt et al.
seine Annahme, setzt sich das Wertesystem 2007) danach gefragt, ob man einer jeweils
der nachwachsenden Generationen deswe- fiktiven Person, die eine bestimmte Eigen-
gen durch, weil diese die Älteren im demo- schaft aufweist, selbst eher ähnelt oder nicht.
grafischen Wandel allmählich verdrängen In Abbildung 8 sind die Mittelwerte auf
(vgl. Inglehart 1977, 1990). einer sechsstufigen Skala in Bezug auf die
Werte „Tradition“ („Es ist ihr/ihm wichtig,
Die Wertewandel-These ist auch in Bezug auf die Traditionen fortzuführen, die sie/er von
das Thema Religion von Interesse: Mit Blick ihrer/seiner Familie oder Religion gelernt
auf die Erklärung individueller Religiosität hat.“) „Sicherheit“ („Sie/Er meidet alles, was
ließe sich etwa erwarten, dass eine starke gefährlich ist, und bevorzugt ein sicheres

28
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Umfeld.“), „Hilfsbereitschaft“ („Es ist ihr/ihm


wichtig, Menschen in ihrem/seinem Umfeld
„Die Älteren schätzen
zu helfen und sich um deren Wohl zu küm- Tradition und Sicherheit,
die Jüngeren den Hedonismus“
mern.“) und „Hedonismus“ („Es ist ihr/ihm
wichtig, Spaß zu haben und sich etwas zu
gönnen.“) jeweils getrennt nach den Alters-
gruppen „16 bis 30 Jahre“, „31 bis 60 Jahre“ mistischer Weise deuten muss, darauf weist
und „älter als 61 Jahre“ dargestellt. Der Wert das Muster für den Wert „Hilfsbereitschaft“
0 auf der Skala steht dabei für die Einschät- hin.
zung „gar nicht ähnlich“, der Wert 5 für die
Meinung „vollkommen ähnlich“. Obwohl augenscheinlich erlebnisorientierter
als ihre Vorgänger, lassen die Jüngeren in
Es zeigt sich, dass im Großen und Ganzen Bezug auf das Prinzip, sich auch um das
die beiden „materialistischen“ Werte „Tradi- Wohl anderer zu kümmern, kaum eine nach-
tion“ und „Sicherheit“ unter den Älteren in lassende Bereitschaft erkennen. Optimistisch
der Tat mehr Zustimmung finden als bei den stimmt in diesem Zusammenhang auch, dass
Jüngeren.15 Wie von der Wertewandel-These dieser Wert im Vergleich zu allen anderen
vorhergesagt, verhält es sich mit dem Wert insgesamt die höchste Zustimmung erhält.
„Hedonismus“ genau andersherum; hier
sind es die jüngeren Altersgruppen, die sich
im Durchschnitt eine höhere Ähnlichkeit „Hilfsbereitschaft
mit der fiktiven Person attestieren als die
ist in allen Altersgruppen der
älteren. Dass man den offensichtlich doch zu
beobachtenden Wertewandel nicht in pessi- wichtigste Wert“

Abbildung 8 Werte nach Altersgruppen (Angaben in %)

5
4,5
4
3,5
3
2,5
2
1,5
1
0,5
0
West Ost West Ost West Ost West Ost
Tradition Sicherheit Hilfsbereitschaft Hedonismus

> 60 Jahre 31–60 Jahre 16–30 Jahre

Frage nach Ähnlichkeit mit fiktiver Person; 5er-Skala (0 = „gar nicht ähnlich“ bis 5 = „vollkommen ähnlich“); Mittelwerte in Bezug auf:
Tradition: „Es ist ihr/ihm wichtig, die Traditionen fortzuführen, die sie/er von ihrer/seiner Familie oder Religion gelernt hat.“
Sicherheit: „Sie/Er meidet alles, was gefährlich ist, und bevorzugt ein sicheres Umfeld.“
Hilfsbereitschaft: „Es ist ihr/ihm wichtig, Menschen in ihrem/seinem Umfeld zu helfen und sich um deren Wohl zu kümmern.“
Hedonismus: „Es ist ihr/ihm wichtig, Spaß zu haben und sich etwas zu gönnen.“

29
2. Werte und Religiosität

Wertvorstellungen: geringe konfessio- In puncto Hilfsbereitschaft erreichen die


nelle Unterschiede Muslime durchschnittlich ebenfalls den
höchsten Wert; hier sind es gleichfalls die
Gibt es bezüglich dieser Wertvorstellungen Konfessionslosen, die sich dieses Merkmal
auch Unterschiede zwischen den einzelnen im geringsten Maße zuschreiben. Insgesamt
Konfessionen? Betrachtet man die Ergebnisse sind die Unterschiede aber, wie schon bei
in Abbildung 9, kann diese Frage nicht pau- den Altersgruppen, relativ gering. Das Ergeb-
schal beantwortet werden. Was die Traditions- nis im Hinblick auf den Wert „Hedonismus“
verhaftung und die Sicherheitsorientierung mag dann doch etwas überraschen, da auch
anbelangt, so lässt sich, in teilweiser Analogie hier die Muslime den höchsten Durch-
zur Verteilung bei den ethisch-moralischen schnittswert aufweisen.18
Grundprinzipien, aber mehr noch zum
Ausmaß der individuellen Religiosität, die
Abstufung „muslimisch – katholisch/evan-
gelisch – konfessionslos“ erkennen. Dass die Sind traditionsbewusste Menschen
muslimischen Befragten sich hier von den auch religiöser?
Angehörigen der beiden christlichen Konfes-
sionen unterscheiden, mag zum Teil auch an Zum Schluss dieses Kapitels soll schließlich
unterschiedlichen sozioökonomischen Gege- noch die Frage beantwortet werden, ob tradi-
benheiten liegen.16 Der große Unterschied der tions- und sicherheitsbewusste Menschen –
konfessionell Gebundenen zu den Konfes- jenseits der konfessionellen Frage – generell
sionslosen bei diesen beiden Merkmalen religiöser im traditionellen Sinne sind als
weist jedoch deutlich darauf hin, dass derar- andere und ob es sich tatsächlich so verhält,
tige Orientierungen nicht allein auf diesen dass hedonistisch ausgerichtete Personen
Aspekt zurückzuführen sein können.17 eher individualistischen Formen der Religi-

Abbildung 9 Werte nach Konfessionszugehörigkeit

5
4,5
4
3,5
3
2,5
2
1,5
1
0,5
0
Tradition Sicherheit Hilfsbereitschaft Hedonismus

katholisch evangelisch muslimisch konfessionslos

Fragen siehe Abbildung 8; Mittelwerte

30
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

osität zuneigen. Tabelle 6 lässt einige, aber


nicht alle der erwarteten Muster erkennen:
Auf Tradition und Sicherheit bedachte Perso-
nen sind in der Tat auch eher im traditionel-
len Sinne religiös als weniger traditions- und
sicherheitsorientierte Personen. Die Zusam-
menhänge zwischen den „materialistischen“
Wertorientierungen und Spiritualität bzw.
religiösem Synkretismus sind jedoch nicht
nur deutlich schwächer ausgeprägt, sondern
weisen darüber hinaus kein widerspruchs-
freies Muster auf.

Ob jemand eine hedonistische Haltung


vertritt oder nicht, scheint demgegenüber
weder für das Ausmaß noch für die Art der
Religiosität irgendeine Bedeutung zu haben.
Allerdings scheint eine hedonistische Posi-
tion immerhin vor religiösem Dogmatismus
zu schützen – ein Wesenszug, der vor allem
bei allgemein traditionsbewussten Personen
überdurchschnittlich verbreitet ist.

„Höchster Wert für


Hilfsbereitschaft
bei den Muslimen“

Tabelle 6 Werte und Religiosität/Spiritualität (bivariate Korrelationen)

Gottesdienst religiöse spirituelle Synkretismus Dogmatismus


etc. Selbst- Selbst-
einschätzung einschätzung
Tradition ,25 ,34 ,11 ,07 ,24
Sicherheit ,09 ,15 –,05* –,07 ,07*
Hedonismus n. s. n. s. n. s. n. s. –,09

Methodik: siehe Tabelle 4

31
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

3. Religiöse Vielfalt in
Deutschland

Ein Sachverhalt, der die religiöse Landschaft rechtlichen Regelung des Zusammenlebens
in Deutschland in den letzten Jahrzehnten von Angehörigen unterschiedlicher Religi-
stark verändert hat, ist die zunehmende onsgemeinschaften auf. Standen in früheren
Vielfalt religiöser Zugehörigkeiten und Debatten über die Integration der Zugewan-
Identitäten, über die in der Öffentlichkeit derten Themen wie Rassismus, Arbeitslosig-
kontrovers diskutiert wird und die die alltäg- keit und wirtschaftlicher Status ganz oben
liche Lebenswelt der Menschen vor allem in auf der Agenda, so werden in letzter Zeit
den Städten mehr und mehr bestimmt. Die vermehrt Themen von Kultur und Religion
durch die Migrantenströme in die europäi- in den Mittelpunkt gerückt (vgl. Diehl/Tucci
schen Länder gebrachten nicht-christlichen 2010). Deutlich wird dies unter anderem da-
Religionen werfen Probleme der sozialen ran, dass die Zugewanderten oft nicht mehr
Integration der Zugewanderten sowie der mit ihrer Herkunftsnationalität identifiziert

Abbildung 10 Entwicklung religiöser Zugehörigkeiten in Deutschland, 1950 bis 2010


1950 2010

4,4 %
10,1 %
Aufteilung Sonstige 2010:
4,9 % muslimisch
36,7 % 30,3 % 1,8 % freikirchlich
1,7 % orthodox
1,2 % esoterisch

30,2 % 0,3 % buddhistisch


0,1 % hinduistisch
58,95 % 0,1 % jüdisch

29,2 %

katholisch evangelisch konfessionslos Sonstige

Quellen: REMID, Statistisches Jahrbuch der DDR 1, 1955: 33

32
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

werden, sondern mit ihrer religiösen Zugehö- chen angehörten, aber dennoch religiös
rigkeit: Statt von den zugewanderten Türken gebunden waren, ist ein beachtlicher Anteil
sprechen heute viele von den zugewanderten von etwa 10 % geworden. Unter ihnen stellen
Muslimen. die Muslime mit einem Anteil von etwa 5 %
der Gesamtbevölkerung die größte Gruppe.
Das Ausmaß, in welchem die religiöse Plura-
lität in den letzten Jahrzehnten in Deutsch-
land zugenommen hat, ist beeindruckend
(vgl. Abbildung 10). 1950 – ein Jahr nach der Religiöse Vielfalt – Gefahr oder
Gründung der beiden deutschen Teilstaaten – Chance für unsere Gesellschaft?
gehörten in Gesamtdeutschland noch 95,6 %
der Bevölkerung der evangelischen oder der Die besondere Aufmerksamkeit, die in der
katholischen Kirche an. Nur 4,4 % waren Politik, den Medien und den gesellschaft-
entweder konfessionslos oder Mitglieder lichen Institutionen unseres Landes den
anderer, teils freikirchlicher oder nicht-christ- muslimischen Zuwanderern geschenkt wird,
licher Religionsgemeinschaften. Auch die Be- erklärt sich zum Teil schon aus ihrer rein
völkerung in der DDR bekannte sich damals quantitativen Bedeutung. Aber auch die
noch nahezu geschlossen zu einer der beiden kulturelle „Fremdheit“ des Islam in einem
christlichen Kirchen. Über 80 % waren in christlich geprägten Land, die Probleme im
dem religionsfeindlichen Staat zum Zeitpunkt alltäglichen Zusammenleben von Zugewan-
seiner Gründung evangelisch, mehr als 10 % derten und Einheimischen, insbesondere
katholisch. Heute – 60 Jahre später – sind im in den Schulen (vgl. das viel diskutierte
wiedervereinigten Deutschland noch etwa Buch von Heinz Buschkowsky 2012), sowie
drei Fünftel konfessionell gebunden, wobei die vielfach unterstellte Gewaltbereitschaft
die Konfessionsanteile in etwa gleich groß einiger politisch radikaler Vertreter des
ausfallen. Im Osten Deutschlands hat sich der Islam tragen zu ihrer besonderen Beach-
Anteil der Konfessionslosen von etwa 7 % auf tung bei. Es wird debattiert, ob der Islam zu
über 70 % erhöht und damit verzehnfacht. Deutschland gehört, wie integrationswillig
In Gesamtdeutschland macht er – und hier die zugewanderten Muslime sind, inwieweit
schlagen vor allem die hohen Zahlen in Ost- das geltende Religionsrecht einen ausrei-
deutschland zu Buche – etwa 30 % aus. Aus chenden Ordnungsrahmen bereitstellt, der
der verschwindenden Minderheit derjenigen, das friedliche Zusammenleben von Ange-
die vor 60 Jahren weder der katholischen hörigen unterschiedlicher Religionsgemein-
Kirche noch den evangelischen Landeskir- schaften zu gewährleisten vermag, wie hoch

33
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

INFO die Toleranz der Mehrheitsgesellschaft im wahrnehmen, wie sie sie interpretieren und
Umgang mit dem jeweils Fremden ist und beurteilen, hat auf ihr Handeln allerdings
Kritische Aufgeschlossenheit was die staatlichen Institutionen tun können, ebenfalls einen Einfluss. Die Frage, wie die
Aufgeschlossenheit ge- um die Integration der Zugewanderten zu Haltungen gegenüber unterschiedlichen Reli-
genüber anderen Religio- verbessern. Dabei ist die Debatte spätestens gionsgemeinschaften aussehen, wie diese be-
nen genießt einen hohen seit den Flugzeugattentaten des 11. Septem- urteilt und gesehen werden, ist jedoch auch
Stellenwert: Etwa 80 %
ber und den nachfolgenden Terroranschlägen für das politische und rechtliche Handeln in
der Menschen in Ost- und
in London und Madrid auffällig polarisiert. der Gesellschaft von Belang.
Westdeutschland meinen,
man sollte gegenüber allen Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die
Religionen offen sein. Doch zunehmende religiöse Vielfalt begrüßen, sie Stehen die politischen und rechtlichen Institu-
gleichzeitig sieht eine Mehr- für eine Bereicherung unserer Kultur halten tionen mit den Einstellungen der Menschen in
heit in der zunehmenden und größere Anstrengungen des Staates und Übereinstimmung, wird man davon ausgehen
religiösen Vielfalt auch ein
der staatlichen Institutionen, insbesondere können, dass die Menschen die Institutionen-
Potenzial für Konflikte. Dieses
der Bildungseinrichtungen, zur Integration ordnung gefühlsmäßig und in ihrem Denken
paradox wirkende Ergebnis
kann so gedeutet werden, und Förderung der Zugewanderten verlan- unterstützen. Dann ist es auch wahrschein-
dass die Bevölkerung bei aller gen. Auf der anderen Seite melden sich im- lich, dass die getroffenen politischen Entschei-
Aufgeschlossenheit gegen- mer wieder Stimmen zu Wort, die vor einer dungen und die rechtlichen Regelungen sich
über fremden Religionen „Überfremdung“ Deutschlands durch auslän- gesellschaftlich ohne größere Probleme durch-
doch ein großes Problem-
dische Kulturen und Religionen warnen, ein setzen lassen. Stehen politisch-rechtliche
und Realitätsbewusstsein hat.
härteres Vorgehen gegen „Integrationsver- Ordnung und kulturelle Orientierungen in der
weigerer“ anmahnen und in der wachsenden Bevölkerung hingegen in einem Spannungs-
Vielfalt des Religiösen eine Bedrohung der verhältnis, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit
westlichen Zivilisation sehen. steigen, dass das Handeln des Staates und
seiner Organe gesellschaftlich auf Widerstände
Doch wie ist die Einstellung in der Bevöl- und Barrieren stößt.
kerung gegenüber der wachsenden religi-
ösen Vielfalt? Sehen sich die Menschen in Im ersten Abschnitt dieses Kapitels soll es zu-
Deutschland durch fremde Kulturen tatsäch- nächst darum gehen, einige charakteristische
lich bedroht oder empfinden sie die wachsen- Einstellungen der Deutschen in Ost und West
de kulturelle und religiöse Vielfalt eher als gegenüber der religiösen Vielfalt sowie gegen-
eine Bereicherung? Nehmen sie überhaupt über den wichtigsten religiösen Gemeinschaf-
einen so starken Konflikt zwischen der west- ten in Deutschland darzustellen. Dann wollen
lichen und der muslimischen Welt wahr, wie wir uns in einem zweiten Abschnitt mit
das immer wieder unterstellt wird? Wie offen typischen Reaktionen auf die zunehmende
sind die Menschen in Deutschland gegen- religiöse Pluralität beschäftigen. Diese Reakti-
über anderen Religionen? Diese und ähnliche onen können in einer stärkeren Vermischung
Fragen sollen im Mittelpunkt dieses Kapitels unterschiedlicher religiöser Traditionen beste-
stehen. hen oder in einer stärkeren Abgrenzung ge-
genüber allem Fremden durch die Betonung
Die Frage nach den Einstellungen der Bevöl- des Eigenen. Sie können durchaus aber auch
kerung gegenüber der wachsenden religi- in einer Herausstellung säkularer Prinzipien
ösen Vielfalt ist durchaus nicht irrelevant, bestehen, die darauf ausgerichtet sind, die
denn die Handlungen der Menschen werden Unterscheidung zwischen dem Religiösen und
in starkem Maße durch Wahrnehmungsmus- dem Säkularen zu gewährleisten. Im dritten
ter und Stereotypen beeinflusst. Natürlich ist Abschnitt wird schließlich untersucht, welche
das individuelle Verhalten auch durch Anrei- Faktoren die Haltung zur religiösen Vielfalt
ze, Restriktionen und Gelegenheitsstruktu- und zur Pluralität religiöser Gemeinschaften
ren bedingt. Wie Menschen die Wirklichkeit beeinflussen.

34
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Religiöse Vielfalt: Wie offen sind die gekennzeichnet. Die Norm der Offenheit
Menschen? besitzt breite Akzeptanz (Abbildung 11).
Auch wenn es darum geht, ob man die wach-
In einem Land, das wie Deutschland durch sende religiöse Vielfalt als eine Bereicherung
Weltoffenheit, Mobilität und kulturellen ansieht oder nicht, ist es eine Mehrheit, die
Austausch charakterisiert ist, wird man
davon ausgehen dürfen, dass die Mehrheit „Eine überwältigende
ein offenes und bejahendes Verhältnis zu
nicht-christlichen Religionen besitzt. Ableh-
Mehrheit der Deutschen
nung, Verweigerung und Abwehr dürften nur
ist fremden Religionen gegenüber
bei einer Minderheit anzutreffen sein. Ganz aufgeschlossen“
auszuschließen sind derartige Einstellungen
aber natürlich nicht. Gerade wenn das Leben die positive Antwortvorgabe wählt (Abbildung
durch zunehmende Vielfalt, Dynamik und 12). Allerdings äußern sich bei dieser Frage
Unübersichtlichkeit bestimmt ist, hat auch nicht so viele der Befragten positiv wie bei der
eine distanzierte Haltung gegenüber der vorangegangenen. Im Westen stimmen der
immer bunter werdenden Welt der Religionen Aussage „Die zunehmende Vielfalt von reli-
durchaus ihren Sinn. Wie also stehen die giösen Gruppen in unserer Gesellschaft stellt
Menschen in Ost- und Westdeutschland der eine Bereicherung dar“ 61 % zu, im Osten
wachsenden religiösen Vielfalt gegenüber? 57 %. Etwa jeweils 30 % stimmen entweder gar
Der Religionsmonitor 2013 hat eine Reihe nicht oder eher nicht zu, der Rest ist unent-
interessanter Fragen aufgenommen, die es schieden. Dieses Ergebnis bestätigt zunächst
erlauben, ein differenziertes Bild zu zeichnen. den bereits gewonnenen Eindruck einer
beachtlichen Aufgeschlossenheit gegenüber
Wie erwartet spricht sich eine überwälti- der wachsenden religiösen Pluralität. Über-
gende Mehrheit der Deutschen in Ost und raschenderweise wird die Frage, ob man die
West grundsätzlich für ein aufgeschlossenes wachsende Vielfalt religiöser Gemeinschaf-
Verhältnis zu den Religionen aus. Etwa 80 % ten als eine Ursache für Konflikte ansieht,
in Ost- und Westdeutschland sagen, dass allerdings gleichfalls von einer Mehrheit
man allen Religionen gegenüber offen sein bejaht. Hier sind die Anteile derjenigen, die
sollte. In Westdeutschland sind es nur 10 % zustimmend antworten, sogar leicht höher: im
und in Ostdeutschland 16 %, die das nicht so Westen liegen sie bei 65 %, im Osten bei 59 %.
sehen. Die Grundstimmung gegenüber allen Wer gedacht hatte, die hohe Zustimmung zu
religiösen Gruppen und Gemeinschaften ist der Bereicherungsfrage würde eine solche
also durch eine positive Aufgeschlossenheit Reaktion ausschließen, sieht sich getäuscht.

Abbildung 11 Offenheit gegenüber Religionen (Angaben in %)

Man sollte gegenüber allen Religionen offen sein.


Ablehnung Zustimmung

West 10 87

Ost 16 78

4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); Anteil derjenigen, die „eher“ bzw. „voll und ganz“
zustimmen sowie derjenigen, die „eher nicht“ bzw. „gar nicht“ zustimmen

35
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

„Die Bevölkerung sieht die es, dass die Deutschen Religionen mehrheit-
positiven Aspekte lich nicht als etwas Schädliches ansehen

der religiösen Vielfalt,


(Abbildung 13). 80 % der Westdeutschen
widersprechen der Aussage, dass Religionen
nimmt aber auch die damit verbundenen eher etwas Schädliches seien, und sogar die
Probleme wahr“ mehrheitlich konfessionslosen Ostdeutschen
können in den Religionen nicht vorrangig
Im psychischen Haushalt der Deutschen etwas Schädliches entdecken. Bei ihnen sind
sowohl im Osten als auch im Westen können es immerhin 72 %, die dieser Aussage nicht
beide Haltungen vielmehr Hand in Hand zustimmen.
gehen. Im Westen sind sogar beide Haltun-
gen etwas stärker ausgeprägt als im Osten.
Zunächst spricht dieses überraschende
Ergebnis vor allem für eines: für das hohe Unterschiedliche Wahrnehmung
Problem- und Realitätsbewusstsein der verschiedener Religionen
deutschen Bevölkerung. Man verschließt sich
nicht gegenüber den positiven Aspekten der Sofern es um Religion und religiöse Vielfalt
zunehmenden Vielfalt religiöser Gruppen in allgemein geht, überwiegt – so können wir
der Gesellschaft, nimmt aber auch die damit die bisherigen Ergebnisse zusammenfassen –
verbundenen Probleme wahr. Weder wehrt eine Haltung kritischer Offenheit. Welches
man die irritierende Vielfalt des Fremden Bild aber entsteht, wenn zwischen verschie-
einfach ab, noch idealisiert man die mit der denen Religionen unterschieden wird? In
kulturellen Mannigfaltigkeit verbundenen einer weiteren Frage wurden die Teilnehmer
Gewinne. Man begrüßt die religiöse Vielfalt, am Religionsmonitor aufgefordert, sich zu
bleibt aber kritisch.19 entscheiden, ob sie bestimmte Religionsge-
meinschaften eher als bereichernd oder eher
Dieser prinzipiellen Offenheit bei problem- als bedrohlich wahrnehmen (Abbildung 14).
bewusster Realitätswahrnehmung entspricht Es verwundert nicht, dass dem Buddhismus

Abbildung 12 Religiöse Vielfalt als Bereicherung und Konfliktursache (Angaben in %)

Die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen in unserer Gesellschaft stellt eine kulturelle
Bereicherung dar.
Ablehnung Zustimmung

West 30 61

Ost 33 57

Die zunehmende Vielfalt von religiösen Gruppen in unserer Gesellschaft ist eine Ursache für
Konflikte.
Ablehnung Zustimmung

West 29 65

Ost 34 59

4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); Anteil derjenigen, die „eher“ bzw. „voll und ganz“
zustimmen sowie derjenigen, die „eher nicht“ bzw. „gar nicht“ zustimmen

36
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Abbildung 13 Sind Religionen eher etwas Schädliches? (Angaben in %)

Ich bin davon überzeugt, dass Religionen eher schädlich sind.


Ablehnung Zustimmung

West 80 15

Ost 72 20

4er-Skalen (stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); Anteil derjenigen, die „eher“ bzw. „voll und ganz“
zustimmen sowie derjenigen, die „eher nicht“ bzw. „gar nicht“ zustimmen

und dem Hinduismus sowohl in Ost- als auch Respekt begegnen und in der Lage sind, in
in Westdeutschland kaum Bedrohungspoten- allen Religionen einen Wahrheitskern zu ent-
ziale zugeschrieben werden. Diese beiden decken. Auch das Christentum wird – wenig
Religionen haben (trotz einer teilweise überraschend – mehrheitlich eher als Berei-
durchaus anderen Realität) das Image von cherung denn als Bedrohung angesehen. In
friedensstiftenden Religionen, die anderen Westdeutschland nehmen etwa drei Viertel
religiösen Überzeugungen mit Toleranz und das Christentum als bereichernd wahr, in

Abbildung 14 Wahrnehmung unterschiedlicher Religionen (Angaben in %)

Wahrnehmung als Bereicherung


80
70
60
50
40
30
20
10
62 48 49 42 76 64 53 52 31 21 34 49
0
Buddhismus Hinduismus Christentum Judentum Islam Atheismus
0
10 11 11 12 9 15 19 19 49 57 36 16
10
20
30
40
50
60
70
80

Wahrnehmung als Bedrohung

West Ost

Frage: „Wenn Sie an die Religionen denken, die es auf der Welt gibt: Als wie bedrohlich bzw. wie bereichernd nehmen Sie die folgenden Religionen wahr?“;
4er-Skala (sehr bedrohlich – eher bedrohlich – eher bereichernd – sehr bereichernd); weitere Optionen: weder/noch, sowohl als auch; Anteil derjenigen, die die
jeweilige Religion als „eher bereichernd“ bzw. „sehr bereichernd“ ansehen

37
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

Ostdeutschland etwa zwei Drittel. Der Anteil sich deutliche Differenzen zwischen Ost und
derjenigen, die das Christentum als bedroh- West. Im Osten ist der Anteil derjenigen,
lich einschätzen, beläuft sich im Westen auf die die unterschiedlichen Religionen als
noch nicht einmal 10 %, im Osten auf 15 %. Bereicherung wahrnehmen, deutlich gerin-
Mehr Vorbehalte haben die Deutschen gegen- ger als im Westen. Nur die Beurteilung des
über dem Judentum. Jeweils 19 % der Ostdeut- Judentums fällt aus diesem Muster heraus:
schen und der Westdeutschen empfinden hinsichtlich des Judentums unterscheiden
das Judentum als bedrohlich. Fast dreimal so sich die Einstellungen in Ost und West nicht.
viele erkennen in ihm eine Bereicherung.

Einstellung
„Entscheidend für die Religionskritischere Haltung in
gegenüber einer Religion ist zunächst das Bild, Ostdeutschland
das von ihr in den Medien verbreitet wird“
Zunächst würde man die schlechtere Beur-
teilung der Religionen in Ostdeutschland
Es fällt auf, dass trotz all der Aufklärungsar- wohl mit der in diesem Landesteil domi-
beit, die seit dem Holocaust in Deutschland nanten Kultur der Konfessionslosigkeit in
geleistet wurde, die Einstellungen gegenüber Verbindung bringen. Eine genauere Analyse
dem Judentum noch stark von Vorurteilen bestätigt diese Vermutung. Vor allem was das
und Ängsten bestimmt sind. Christentum angeht, aber auch hinsichtlich
des Buddhismus und Hinduismus sind die
Den Islam sehen im Westen etwa 50 % der Konfessionslosen in Ostdeutschland kriti-
Befragten als Bedrohung an, und nur 30 % scher eingestellt als die Konfessionsangehöri-
nehmen ihn als Bereicherung wahr. Im Osten gen. In Bezug auf den Islam lassen sich diese
drücken die entsprechenden Anteile noch Unterschiede jedoch nicht nachweisen. Ob
stärkere Vorbehalte gegenüber dem Islam man sich einer Religion zugehörig fühlt oder
aus: 57 % halten den Islam für eine Bedro- nicht, hat auf das insgesamt negativere Bild
hung, 21 % für eine Bereicherung. der Ostdeutschen vom Islam keinen Ein-
fluss (vgl. Tabelle 7). Ausschlaggebend sind
Wenn man bedenkt, dass von allen in hier vielmehr vor allem sozialstrukturelle
Deutschland ansässigen Muslimen gerade Merkmale.
einmal 2 % in Ostdeutschland leben (Haug/
Müssig/Stichs 2009: 106–108), dann ist für „Alter, Bildung, soziale Selbst-
die Einschätzung nicht-christlicher Religi- einstufung und Wohnort haben
onen offenbar weniger entscheidend, wie einen signifikanten Einfluss auf die
genau man sie kennt und ob man ihren Wahrnehmung von Religionen“
Anhängern begegnet, ausschlaggebend ist
vielmehr, welches Bild von ihnen über die Einen signifikanten Einfluss üben das Alter,
Medien verbreitet wird und wie man in der die Bildung, die soziale Selbsteinstufung und
Familie und im Bekanntenkreis über sie der Ort, in dem die Befragten leben, aus. Wie
redet. Tabelle 7 zeigt, neigen im Osten Deutsch-
lands ältere Menschen stärker zu einer is-
Insgesamt fällt auf, dass die Beurteilung lamkritischen Einstellung als jüngere, haben
der unterschiedlichen Religionen im Osten höher Gebildete, Menschen, die sich in der
Deutschlands durchschnittlich negativer aus- sozialen Stufenleiter weiter oben ansiedeln,
fällt als im Westen. Vor allem wenn es darum und Städter eine positivere Sicht auf den
geht, die positiven Aspekte der religiösen Islam als weniger hoch Gebildete, Menschen,
Gemeinschaften zu gewichten, offenbaren die sich sozial niedriger einstufen, und

38
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Tabelle 7 Einstellung zum Islam und sozial- und religiositätsstrukturelle Merkmale

West- Ost-
deutschland deutschland
Alter (aufsteigend) –,20 –,23
Geschlecht (weiblich) n. s. n. s.
Bildung (hoch) ,19 ,18
subj. Schichteinstufung (hoch) –,09* ,27
Wohngegend (Stadt) ,09 ,26
wirtschaftliche Lage (gut) n. s. n. s.
Konfessionszugehörigkeit –,07* n. s.
Häufigkeit des Betens n. s. n. s.
religiöse Selbsteinschätzung n. s. n. s.
religiöser Dogmatismus –,16 –,31

Frage: „Als wie bedrohlich bzw. bereichernd nehmen Sie den Islam wahr?“; Methodik: siehe Tabelle 4. Ist ein Wert negativ, zeigt dies, dass das
jeweilige Merkmal in einem negativen Zusammenhang mit der Einschätzung des Islam steht. Lesebeispiel: Je älter die Befragten sind, desto
wahrscheinlicher ist es, dass sie den Islam als bedrohlich wahrnehmen; je höher gebildet sie sind, desto mehr neigen sie dazu, den Islam als
Bereicherung anzusehen.

Landbewohner. Die Geschlechtszugehörigkeit gegenüber eine negativere Einstellung als


hat hier keine Bedeutung. Und ebenso wenig in Westdeutschland. Das bedeutet, dass es
spielt es eine Rolle, ob man konfessionell im Falle Ostdeutschlands charakteristische
gebunden ist, ob man einer religiösen Praxis sozialstrukturelle und säkular-kulturelle,
nachgeht (hier erfasst über die Gebetshäufig- nicht aber religiöse Merkmale sind, die die
keit) und sich selbst als religiös einschätzt. stärkeren Vorbehalte gegenüber dem Islam
Was allerdings durchschlägt, das ist der Ein- bedingen. Es bleibt späteren Analysen vorbe-
fluss von religiös dogmatischen Einstellun- halten, diesen Fragen genauer nachzugehen.
gen. Wer davon ausgeht, dass in religiösen
Fragen vor allem die eigene Religion recht
hat, andere Religionen dagegen eher unrecht
haben, tendiert zu einer kritischeren Sicht Passt der Islam in die westliche Welt?
auf den Islam.
Auf einen Einflussfaktor können wir aber
Die in Bezug auf die neuen Bundesländer bereits jetzt hinweisen. Der Religionsmonitor
ausgemachten sozialstrukturellen und hat auch die Frage nach der Zustimmung zu
religiösen Einflüsse sind ebenso im Westen einer Aussage aufgenommen, mit deren Hilfe
Deutschlands anzutreffen. Strukturell haben die wahrgenommene Kluft zwischen der
wir es demzufolge im Westen mit genau westlichen Kultur und dem Islam bestimmt
den gleichen Einflussfaktoren zu tun wie werden kann. Die Aussage lautet: „Der Islam
im Osten – allerdings mit einer Ausnahme: passt durchaus in unsere westliche Welt.“ Die
In den alten Bundesländern geht Konfes- Zustimmung zu dieser Aussage fällt in den
sionslosigkeit mit einer etwas geringeren neuen Bundesländern etwas geringer aus als
Neigung zu islamophobischen Einstellungen in den alten: Im Osten liegt sie bei 34 %, im
einher. Während also die Minderheit der Westen bei 41 %. In beiden Landesteilen hält
Konfessionslosen in Westdeutschland einen eine Mehrheit den Islam also mit der west-
Unterschied ausmacht, lässt sich dies in Ost- lichen Welt nicht für vereinbar, im Osten fällt
deutschland für die Minderheit der Kirchen- dieser Anteil etwas höher aus als im Westen.
mitglieder nicht behaupten. In Ostdeutsch- Das ist nicht sonderlich überraschend. Kreuzt
land haben die Menschen unabhängig von man nun diese Ergebnisse mit den Antworten
ihrer konfessionellen Prägung dem Islam auf die Frage nach dem Bereicherungs- bzw.

39
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

Bedrohungspotenzial des Islam, dann zeigt bereichernd als auch als vereinbar mit der
sich: Die meisten derjenigen, die den Islam westlichen Kultur anzusehen, höher ist als
als bedrohlich wahrnehmen, halten gleich- im Osten und diese Bereitschaft auch ein
zeitig den Islam und die westliche Welt für stärkeres Gewicht besitzt als im Osten, sind
unvereinbar (knapp 80 % in beiden Landes- im Osten nicht nur die Vorbehalte gegenüber
teilen; vgl. Abbildung 15). Das ist gleichfalls einer kulturellen Offenheit dem Islam gegen-
kaum überraschend. Umgekehrt sind es im über stärker, sondern auch die von diesen
Westen wiederum vier Fünftel derjenigen, Vorbehalten ausgehenden Wirkungen.
die den Islam als Bereicherung wahrnehmen,
die ihn als mit der westlichen Welt verein-
bar ansehen. Im Osten sagen das innerhalb
dieser Gruppe allerdings nur drei Fünftel. Wahrnehmung des Atheismus
Mit anderen Worten: Auch wer in Ostdeutsch-
land den Islam für bereichernd hält, sieht ihn Die insgesamt religionskritischere Einstel-
noch immer mit einer Wahrscheinlichkeit lung der Ostdeutschen schlägt sich auch in
von zwei Fünfteln als unvereinbar mit der ihrer Einschätzung des Atheismus nieder.
westlichen Welt an. Bedenkt man, dass die Die Hälfte der Ostdeutschen nimmt den
Einschätzung der Unvereinbarkeit zwischen Atheismus als Bereicherung wahr, im Westen
islamischer und westlicher Kultur im Osten ist es nur ein Drittel, das diese Auffassung
ohnehin etwas stärker ausgeprägt ist als im teilt (vgl. Abbildung 14). Demgegenüber
Westen, dann scheinen diese Ergebnisse da- sieht nur ein Sechstel der Ostdeutschen im
rauf hinzudeuten, dass es im Osten eher als Atheismus eine Bedrohung, im Westen fällt
im Westen so etwas wie eine „Normativität dieser Anteil doppelt so hoch aus (Abbil-
der Mitte“ gibt, die sich skeptisch gegenüber dung 14). Allerdings liegt im mehrheitlich
dem Islam verhält. Während in Westdeutsch- konfessionslosen Osten der Anteil derer, die
land die Bereitschaft, den Islam sowohl als den Atheismus als bereichernd ansehen, mit

Abbildung 15 Vereinbarkeit von Islam und westlicher Welt und Einschätzung des
Islam als bedrohlich oder bereichernd (Angaben in %)

Islam bedrohlich
Islam passt nicht in westliche Welt Islam passt in westliche Welt

West 77 23

Ost 79 21

Islam bereichernd
Islam passt nicht in westliche Welt Islam passt in westliche Welt

West 21 79

Ost 38 62

Islam ist bedrohlich/bereichernd: siehe Abbildung 14; Islam passt [nicht] in westliche Welt: „Der Islam passt durchaus in die westliche Welt.“; 4er-Skala
(stimme gar nicht zu – stimme eher nicht zu – stimme eher zu – stimme voll und ganz zu); angegeben ist der Anteil derjenigen, die den Islam als bedrohlich bzw.
bereichernd wahrnehmen (analog zu Abbildung 14), getrennt nach denjenigen, die der Aussage „Der Islam passt durchaus in die westliche Welt“ „eher“ bzw.
„voll und ganz“ zustimmen sowie denjenigen, die ihr „eher nicht“ bzw. „gar nicht“ zustimmen

40
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

49 % deutlich unter dem Anteil derjenigen, starke negative Wirkungen ausgehen. Das
die das Christentum für bereichernd halten ist nur anders im Fall des religiösen Dogma-
(64 %), während Christentum und Atheis- tismus, bei dem die Einschätzung des Islam
mus in etwa gleichem Ausmaß für bedroh- deutlich negativer ausfällt (vgl. Tabelle 7).
lich gehalten werden (15 % bzw. 16 %). Im
mehrheitlich konfessionell geprägten Westen
Deutschlands wiederum ist das Gefühl der
Bedrohung durch den Atheismus mit 36 % Religiöse Vielfalt und religiöse
deutlich stärker ausgeprägt als das Gefühl Identität
der Bedrohung durch das Christentum im
entkirchlichten Osten (15 %). Zugleich liegt Welche Wirkungen hat die zunehmende
auch das Gefühl der Bereicherung durch den religiöse Vielfalt auf das religiöse Selbstver-
Atheismus bei den Westdeutschen – obschon ständnis, auf die religiöse Praxis und die
es mit 34 % beachtlich hoch ist – auf einem religiösen Vorstellungen der Menschen in
niedrigerem Niveau als das Gefühl der Deutschland? Entwickeln sie im Angesicht
Bereicherung durch das Christentum bei den der vielfältiger werdenden religiösen Ange-
Ostdeutschen. bote eine Art „Patchwork-Religiosität“, die
sich aus allen Religionen „das Beste“ nimmt?
Oder ist die Reaktion mehr durch Abwehr
„Das Christentum und eine Form der religiösen Selbstbehaup-
gilt der Mehrheit als das tung bestimmt? Welche Auswirkungen hat

Fundament unserer Kultur“ die neue Pluralität der Religionen auf die
eigene religiöse Praxis, den eigenen Glauben
und die religiöse Selbstverortung? Die Ex-
Das heißt, wir treffen in Deutschland – und pertenmeinungen darüber, wie sich religiöse
dies gilt für den Westen wie für den Osten – Pluralisierung auswirkt, lassen sich in drei
noch immer auf eine gegenüber dem Christen- Hypothesen einordnen. Die erste geht davon
tum mehrheitlich positiv eingestellte Grund- aus, dass die neue kulturelle und religiöse
stimmung. Dass man das Christentum als das Vielfalt von den Menschen als Warenlager
Fundament unserer Kultur ansieht, wird auch wahrgenommen wird, aus dem sie sich zur
durch andere Studien bestätigt (Pollack et al. Ausstattung ihrer eigenen Religiosität nach
2013). Im Westen Deutschlands sind es drei Gutdünken bedienen (Luckmann 1991;
Viertel der Bevölkerung, die diese Auffassung Hervieu-Léger 1998, 2004; Roof 2001). Dem-
teilen, in Ostdeutschland immerhin auch eine nach folgt das moderne Individuum nicht
Mehrheit von 55 %. mehr den Lehren der christlichen Kirchen,
sondern stellt sich aus der zunehmenden
Es hat sich schon gezeigt, dass diese christ- Vielfalt religiöser Angebote seine eigene Reli-
liche Grundierung der „Mehrheitskultur“ giosität zusammen.
die Haltung der Menschen gegenüber dem
Islam kaum negativ beeinflusst. Die Inten- Die Gegenthese lautet, dass das Fremde
sität der kirchlich-religiösen Praxis sowie nicht zur Horizonterweiterung genutzt, son-
der religiösen Selbsteinschätzung wirkt sich dern als Herausforderung, ja als Bedrohung
nicht negativ auf die Haltung zum Islam aus erlebt wird. Die Vertreter der These von der
(vgl. Tabelle 7). Nur im Westen Deutschlands „kulturellen Verteidigung“ (Cultural Defense)
besitzt die Konfessionszugehörigkeit einen postulieren, dass das Bedrohungsgefühl zu
schwach negativen Effekt. Im Großen und einer Abwehrreaktion führe und die eigene
Ganzen wird man aber nicht sagen können, christliche Identität stärke (Bruce 2002;
dass von der Zugehörigkeit zum Christentum Stark/Finke 2000). Doch die Begegnung mit
und der Ausübung christlicher Praktiken dem Fremden kann – das wäre die dritte

41
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

These – auch eine säkulare Reaktion zur „das Beste“ heraus, sondern bewegt sich in
Folge haben. Sie kann dazu führen, dass den Bahnen der religiösen Tradition, in der
man angesichts der als konflikthaft und sie aufgewachsen und mit der sie vertraut ist.
bedrohlich wahrgenommenen Vielfalt des Wenn sich die dominante religiöse Tradition
Religiösen auf eine schärfere Trennung abschwächt, führt dies nicht automatisch zu
zwischen Religion und Politik sowie auf die einer Suche nach neuen Formen der Religi-
Gewährleistung der Prinzipien individueller osität. Dies ist nur eine Möglichkeit unter
Religionsfreiheit drängt. An die Stelle der vielen. Es ist auch möglich, und in Deutsch-
religiösen Selbstbehauptung träte dann eine land ist dies die wahrscheinlichere Option,
Form der säkularen Abgrenzung von jedwe- dass sich mit der herkömmlichen Religiosität
der Religion. die Bedeutung von Religion überhaupt ab-
schwächt. Religiöse Individualisierung –
verstanden als individuelle Entscheidung
„Für sich selbst wollen nur in religiösen Dingen – ist nach wie vor ein
wenige Menschen die Minderheitenphänomen, auch wenn ihre

religiöse Vielfalt nutzen“ Bedeutung in der letzten Zeit gestiegen sein


mag.

Die erste These vom „Warenlager“ der neuen Die zweite These – die der religiösen Selbst-
kulturellen und religiösen Vielfalt entspricht behauptung – lässt sich für Deutschland
nur eingeschränkt den durch den Religions- empirisch schwerlich halten. Wie wir in
monitor erhobenen Daten. Obwohl die über- Tabelle 7 gesehen haben, findet sich die Mei-
große Mehrheit der Deutschen sich als offen nung, der Islam sei bedrohlich, bei religiösen
gegenüber allen Religionen bezeichnet, stößt Personen ebenso wie bei weniger religiösen
diese Aufgeschlossenheit offenbar an enge oder areligiösen Personen. Tabelle 8 zeigt
Grenzen, wenn es um die eigene Praxis geht. darüber hinaus, dass auch die Behauptung,
Für sich selbst wollen diese religiöse Vielfalt die zunehmende religiöse Vielfalt sei eine Ur-
nur wenige nutzen. Man verschließt sich sache für Konflikte, entweder gar nicht oder
zwar der religiösen Vielfalt nicht, sieht sie kaum mit Religiosität korreliert, sei sie nun
sogar als Bereicherung, aber ein Mehr an re- über Konfessionszugehörigkeit, Gebetspraxis,
ligiöser Vielfalt muss nicht sein. Wie bereits religiöse Selbsteinschätzung oder religiösen
im zweiten Kapitel erläutert, vertritt nur eine Dogmatismus erfasst. Vermutlich ist es die
Minderheit der Menschen in Deutschland schwache Verankerung des Christentums
eine synkretistische religiöse Grundposition in der Bevölkerung, die eine Vitalisierung
(Tabelle 3). Die überwiegende Mehrheit sucht der eigenen Religion trotz des Konflikt- und
sich aus den religiösen Angeboten eben nicht Bedrohungsgefühls durch fremde Religionen

Tabelle 8 Wachsende religiöse Vielfalt als Konfliktursache und Religiosität

West- Ost-
deutschland deutschland
Konfessionszugehörigkeit n. s. ,12
Häufigkeit des Betens n. s. ,11
religiöse Selbsteinschätzung n. s. n. s.
religiöser Dogmatismus n. s. n. s.

Aussage: „Die zunehmende Vielfalt religiöser Gruppen in unserer Gesellschaft ist eine Ursache für Konflikte.“; Methodik: siehe Tabelle 4

42
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

verhindert. Obschon die Mehrheit der Deut- der Mehrheit der Deutschen befürwortet. INFO
schen einer der beiden großen christlichen Etwa drei Viertel sprechen sich dagegen
Kirchen angehört und sich zum Glauben an aus, dass führende Vertreter der Religionen Einstellung zur religiösen
Gott bekennt, sind es kaum mehr als 50 % auf Entscheidungen der Regierung Einfluss Vielfalt
der Westdeutschen und etwa 25 % der Ost- nehmen (s. S. 24). Diejenigen, die in der re- Die christlichen Kirchen
deutschen, die den Lebensbereich Religion ligiösen Vielfalt eine Konfliktursache sehen, verlieren an Strahlkraft,
dominieren aber nach wie
als „eher wichtig“ oder „wichtig“ einschätzen treten sogar noch stärker als der Durch-
vor die religiöse Landschaft
(vgl. Kapitel 1, Abbildung 1). Insofern ist es schnitt für eine klare Trennung von Religion
in Deutschland, die zuneh-
plausibel, dass die empfundene Herausforde- und Politik ein. Die dritte These erscheint mend pluralistischer wird.
rung durch fremde Religionen nicht zu einer somit am plausibelsten. Die Vielfalt unterschiedlicher
ausgeprägten Besinnung auf die eigenen religiöser Gruppierungen und
christlichen Wurzeln führt. Organisationen führt nicht
nur zur Wahrnehmung der
damit verbundenen Berei-
Das bedeutet allerdings nicht, dass die emp- Christliche Kirchen verlieren an cherung, sondern auch der
fundenen Spannungen gegenüber anderen Anziehungskraft Konflikthaftigkeit des Religi-
Religionen keine Auswirkungen auf das reli- ösen. Insbesondere der Islam
giöse Feld hätten. Die Auswirkungen liegen Insgesamt ergibt sich damit für Deutschland wird von vielen Deutschen als
jedoch auf einer anderen Ebene als vielfach das Bild einer zunehmenden Pluralisierung bedrohlich empfunden.

vermutet. Sie manifestieren sich nicht in des religiösen Feldes. Doch wird diese nicht
einer Intensivierung christlicher Praktiken allseits begrüßt. Auch wenn der Anteil derer,
und Überzeugungen, sondern auf der Ebene die ihre religiöse Überzeugung aus unter-
der Debatten und Bedeutungszuschreibun- schiedlichen Religionstraditionen zusammen-
gen. Zieht man neben dem Religionsmonitor stellen, in den letzten Jahren und Jahrzehn-
andere Studien der letzten Zeit heran, so ten gestiegen sein mag, handelt es sich nur
zeigt sich eine starke Entgegensetzung zwi- um eine Minderheit. Dominant auf dem re-
schen dem Bild vom Christentum und dem ligiösen Feld sind vielmehr nach wie vor die
Bild vom Islam, der unter allen nicht-christ- großen christlichen Kirchen, die allerdings
lichen Religionen am kritischsten gesehen an Ausstrahlungs- und Anziehungskraft
wird. Das Christentum gilt der Mehrheit als verlieren. Die Pluralität unterschiedlicher
Religion der Nächstenliebe, der Achtung der religiöser Gruppierungen und Organisatio-
Menschenrechte, der Wohltätigkeit, des En- nen führt nicht nur zur Wahrnehmung der
gagements für Benachteiligte und der Fried- damit verbundenen Gewinne, sondern auch
fertigkeit; der Islam dagegen steht für die zur Wahrnehmung der Konflikthaftigkeit
Benachteiligung der Frau, für Fanatismus, des Religiösen. Insbesondere der Islam wird
Rache und Vergeltung, Gewaltbereitschaft, von vielen Deutschen als etwas Fremdes,
Rückwärtsgewandtheit, missionarischen Andersartiges und Bedrohliches empfunden.
Eifer gepaart mit dem Streben nach politi- Die Vielfalt religiöser Gruppierungen und
schem Einfluss (Pollack et al. 2013). Organisationen führt daher zwar kaum zu
einer Intensivierung der christlichen Praxis,
„Deutliche Mehrheit der Deutschen wohl aber zu Formen der Aufwertung des

für eine Trennung von Christentums auf sprachlicher Ebene. Die


Selbstbehauptung geht jedoch nicht bis zur
Religion und Politik“ Abgrenzung und zur Abwehr: Gegenüber
allen Religionen will man trotz der wahrge-
Wie sieht es nun mit der dritten These aus, nommenen Konflikte und Bedrohungsge-
dass die als Bedrohung empfundene Vielfalt fühle offen bleiben.
zu einer stärkeren Einforderung säkularer
Abgrenzung führt? Tatsächlich wird eine klare
Trennung zwischen Religion und Politik von

43
3. Religiöse Vielfalt in Deutschland

Einflussfaktoren für religiöse enger als im Westen. Nachweisbar sind sie


Offenheit jedoch für beide Landesteile. Ebenso haben
religiöse Merkmale einen Einfluss, und dies
Von welchen Bedingungen hängt es nun nun wiederum stärker im Osten als im Wes-
ab, ob sich Menschen anderen Religionen ten. Wer konfessionell gebunden ist, häufiger
öffnen, ihnen mit Toleranz und Respekt betet und sich selbst als religiös einschätzt,
begegnen und sich für sie interessieren? In ist allen Religionen gegenüber offener als
diesem Rahmen kann nur auf einige der Ein- derjenige, der diese Eigenschaften nicht
flussfaktoren hingewiesen werden. Tabelle 9 aufweist. Eine gegenteilige Wirkung hat hin-
enthält die Befunde zum Zusammenhang gegen eine Haltung religiösen Dogmatismus.
zwischen bestimmten soziostrukturellen und Wer überzeugt ist, dass in religiösen Fragen
religiösen Merkmalen einer Person und der vor allem die eigene Religion recht hat und
Offenheit gegenüber anderen Religionen. andere Religionen im Unrecht sind, der steht
anderen Religionen weniger aufgeschlossen
„Die Menschen sind gegenüber. Merkwürdigerweise gilt Letzte-

Religionen gegenüber res aber nur für die alten Bundesländer. Es


könnte sein, dass sich religiös dogmatische
umso offener, je besser Haltungen in Ostdeutschland herausgebildet
ihre soziale Lage ist“ haben, die zwar die eigene religiöse Überzeu-
gung anderen religiösen Positionen über-
Im Großen und Ganzen lässt sich feststellen, ordnen, sich aber nicht scharf von diesen
dass die Menschen in Deutschland umso abgrenzen. Angesichts der Tatsache, dass
eher zur Aufgeschlossenheit gegenüber allen der Anteil der Gläubigen ohnehin nur eine
Religionen neigen, je besser es ihnen geht Minderheit ausmacht, rücken die „Rechtgläu-
und je höher sie gebildet sind. Im Osten bigen“ vielleicht mit denen, die zwar dem
Deutschlands sind die Zusammenhänge „falschen“ Glauben anhängen, aber wenigs-
zwischen religiöser Offenheit und sozialer tens überhaupt einen Glauben haben, enger
Lage sowie formalem Bildungsniveau noch zusammen.

Tabelle 9 Offenheit gegenüber Religionen und sozial-/religiositätsstrukturelle Merkmale

West- Ost-
deutschland deutschland
Alter (aufsteigend) n. s. n. s.
Geschlecht (weiblich) n. s. n. s.
Bildung (hoch) ,10 ,25
subj. Schichteinstufung (hoch) ,09* ,27
Wohngegend (Stadt) ,06* n.s.
wirtschaftliche Lage (gut) ,09 ,19
Konfessionszugehörigkeit n. s. ,22
Häufigkeit des Betens ,06* ,19
religiöse Selbsteinschätzung ,10 ,18
religiöser Dogmatismus –,20 n. s.
Kontakt mit religiösen Personen n. s. ,21
in Nachbarschaft
Kontakt mit religiös anders ,11 –
gebundenen Personen in der
Nachbarschaft

Aussage: „Man sollte gegenüber allen Religionen offen sein.“; Methodik: siehe Tabelle 4

44
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

„Kontakt zu religiösen Menschen


fördert Offenheit
gegenüber Religionen“

Interessant ist, dass eine Haltung der Of-


fenheit gegenüber den Religionen der Welt
durch Kontakte zu Menschen, die religiös
sind, befördert wird. Für Gesamtdeutschland
gilt: Je mehr Kontakte zu religiösen Personen
und je mehr Kontakte zu Personen mit einer
von der eigenen religiösen Identität abwei-
chenden religiösen Zugehörigkeit bestehen,
desto größer ist auch die Offenheit gegenüber
Religionen. Die Zusammenhänge sind nicht
stark, überschreiten aber die Schwelle der
Zufälligkeit. Differenziert man zwischen
Ost- und Westdeutschland (wie in Tabelle 9) ,
dann erweisen sich die Kontakte zu religi-
ösen Personen in der Nachbarschaft, auf
die wir uns hier konzentrieren wollen, nur
im Osten als effektiv. Im Westen kommen
Kontakte zu religiösen Personen weitaus
häufiger vor als im Osten – möglicherweise
machen sie deshalb keinen Unterschied hin-
sichtlich der Offenheit gegenüber Religionen
aus. Im Osten dagegen wird der Kontakt zu
anderen religiösen Personen vor allem von
denen gepflegt, die selbst religiös sind und
die als solche ohnehin religiös offener sind
als nicht religiös eingestellte Personen. Wenn
Menschen im Westen hingegen viele Kontak-
te zu Personen haben, die einer anderen reli-
giösen Gruppe angehören, dann wird durch
diese Kontakte die religiöse Aufgeschlossen-
heit gestärkt. Mit diesen Bemerkungen über
die Wirkungen religiöser Kontakte aber sind
bereits Fragen angesprochen, die uns im
nächsten Kapitel ausführlicher beschäftigen
sollen.

45
4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt

4. Religion und gesellschaft-


licher Zusammenhalt

Religionen können hohe integrative Wirkun- Gesellschaft zu leisten? Macht es einen Un-
gen entfalten. Sie stellen Räume der Verge- terschied aus, ob Religion in der Gesellschaft
meinschaftung zur Verfügung, bestärken mit einen hohen Stellenwert einnimmt, oder ist
ihren immer wiederkehrenden Ritualen das der soziale Zusammenhalt auch ohne und
Vertrauen in eine die Welt tragende Grund- unabhängig von religiösen Sinnstiftungen
ordnung, vermitteln mit ihren Lehren und Er- und Bindungswirkungen garantiert? Und
zählungen den Glauben an einen hinter allen welche Bedeutung hat es, ob es sich bei den
Schrecknissen des Lebens liegenden tieferen jeweils dominanten Religionen und Konfessi-
Sinn und erfüllen die Gläubigen mit Hoffnun- onen um den Protestantismus, den Katholi-
gen auf ein jenseitiges Leben in Fülle und zismus, den Islam oder um andere Religions-
Gerechtigkeit. Religionen zogen aber häufig gemeinschaften handelt?
auch Konflikte nach sich. Die Geschichte
beinhaltet genügend Beispiele, die zeigen, Natürlich wird man damit rechnen müssen,
wie religiöse Konflikte mit Waffengewalt aus- dass der Beitrag der unterschiedlichen
getragen wurden. Nach den blutigen Zusam- Religionsgemeinschaften zum sozialen
menstößen, die selbst noch im ausgehenden Zusammenhalt äußerst unterschiedlich
20. Jahrhundert zwischen den Angehörigen ausfällt. In der Literatur wird dem Katholizis-
unterschiedlicher Religionsgemeinschaften mus mit seinem Vertrauen auf hierarchisch-
in Nordirland, Indien und im ehemaligen traditionale Strukturen sowie familiale und
Jugoslawien stattgefunden haben, kann über nachbarschaftliche Netzwerke häufig ein
das desintegrative Potenzial, das Religionen individualistischer Protestantismus gegen-
besitzen, kein Zweifel mehr herrschen. übergestellt, der in der Lage sei, die konven-
tionellen Familien- und Verwandtschaftsbin-
dungen zu überschreiten, und den Einzelnen
ermutige, außerfamiliale zivilgesellschaftliche
Die Rolle geteilter Werte, Normen Bindungen einzugehen (Lenski 1961; Greeley
und Überzeugungen 1989). Während Letzterer die gesellschaftliche
Öffnung des Einzelnen befördere, tendiere
Welche Rolle spielen nun aber geteilte kultu- Ersterer eher zur gemeinschaftlichen Einbin-
relle Werte, Normen und Überzeugungen für dung des Individuums, sodass sein Beitrag
den Zusammenhalt hochkomplexer moder- zur Integration des Individuums in die Gesell-
ner Gesellschaften? Welchen Beitrag vermag schaft begrenzt bliebe.
Religion für die normative Integration der

46
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Religiöse Vielfalt und der gesell- nen brächten sie eher Sympathie entgegen
schaftliche Zusammenhalt und ihnen gegenüber verhielten sie sich
auch eher solidarisch. In Fällen kultureller
Die Frage nach dem Beitrag der Religion und religiöser Vielfalt entstünden hingegen
bzw. unterschiedlicher Religionsgemein- leichter Gefühle der Fremdheit, der Be-
schaften zur Integration der Gesellschaft drohung und der Erwartungsunsicherheit.
berührt freilich nur einen Aspekt. Ein ande- In solchen Fällen könne man weniger gut
rer Punkt betrifft die Frage danach, was sich voraussehen, wie sich die anderen Kulturen
an diesem Beitrag eigentlich ändert, wenn und Religionen angehörenden Menschen
die für moderne Gesellschaften charakte- verhalten, und begegne ihnen daher mit
ristischen Prozesse der Differenzierung, einem geringeren Maß an Vertrauen (Delhey/
Individualisierung und Pluralisierung zum Newton 2005). Die „Kontakthypothese“ be-
Tragen kommen. Führt wachsende religiöse tont demgegenüber, dass durch wachsende
Vielfalt zu einer Lockerung des gesellschaft- kulturelle und religiöse Vielfalt die Möglich-
lichen Zusammenhalts, zu einer Verschär- keiten für interkulturelle Kontakte und posi-
fung von Konflikten zwischen verschiedenen tiven Austausch erweitert werden und damit
religiösen Gruppierungen und zu einer der Abbau von Vorurteilen und Fremdheits-
Schwächung des Wertekonsenses einer gefühlen wahrscheinlicher wird. Durch die
Gesellschaft? Oder sind im Gegenteil bei Begegnung von Angehörigen unterschied-
erhöhter religiöser Pluralität Verdichtungen licher religiöser Gruppen könnten positive
des Kontakts zwischen Angehörigen unter- Einstellungen zu den Angehörigen anderer
schiedlicher religiöser Gruppierungen und religiöser Gruppen gefördert, solidarisches
damit eine Stärkung des sozialen Zusam- Verhalten gestärkt und der Aufbau von
menhalts zu erwarten? kulturübergreifenden Brücken begünstigt
werden (Allport 1954). Der amerikanische
Die „Konflikthypothese“ argumentiert, dass Sozialwissenschaftler Robert Putnam, der
eine Erhöhung kultureller und religiöser in seinen Arbeiten auf die zivilgesellschaft-
Diversität eine stärkere Abschottung un- lichen Gefahren zunehmender ethnischer
terschiedlicher religiöser Gruppen mit sich und religiöser Vielfalt aufmerksam macht,
bringt. Menschen bevorzugten soziale Ver- schließt die Möglichkeit nicht aus, dass reli-
bindungen zu solchen Personen, die ihnen giöse Vielfalt gleichzeitig auch zu dichteren
ähnlich seien und typische Merkmale mit zivilgesellschaftlichen Netzwerken führt
ihnen teilten (Blumer 1958). Solchen Perso- (Putnam 2000, 2007). Welche Konsequenzen

47
4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt

INFO sich aus der wachsenden Multikulturalität


„Religiöse Menschen engagieren
und Multireligiosität für den Zusammenhalt
„Gesellschaftlichen Zusam- der Gesellschaft und ihre zivilgesellschaft- sich häufiger
menhalt verstehen wir als ein lichen Strukturen ergeben, bedarf mithin
ehrenamtlich“
Qualitätsmerkmal von Gesell- einer genaueren Analyse. Das ist die zweite
schaften, das drei Dimen- Frage, die uns in diesem Kapitel beschäfti-
sionen hat. Zunächst geht
gen soll.
es darum, dass Menschen
Die Ergebnisse in Tabelle 10 legen nahe,
sich mit dem Gemeinwesen
emotional verbunden fühlen dass tatsächlich ein Zusammenhang zwi-
(Verbundenheit). Des Weite- schen Religion und sozialen Beziehungen
ren müssen die Mitglieder in Wie beeinflusst Religion die sozialen existiert. 35 % der befragten Deutschen
einem funktionierenden Ge- Beziehungen? sagen, dass sie sich derzeit außerhalb von
meinwesen miteinander in-
Familie und Beruf in freiwillig übernomme-
teragieren und tatsächlich an
Um den Zusammenhalt einer Gesellschaft nen Funktionen engagieren. Unter denen,
den politischen und sozialen
Prozessen teilhaben: Es muss zu erfassen, hat es sich in den Sozialwissen- die sich als ziemlich oder sehr religiös
stabile und vertrauensvolle schaften eingebürgert, von sozialem Kapitel bezeichnen, tun dies 49 %, unter denen, die
soziale Beziehungen geben. zu sprechen. Mit diesem Begriff werden in sich als gar nicht oder wenig religiös verste-
Letztlich müssen die Men- der Regel zwei Sachverhalte angesprochen. hen, hingegen nur 29 %. Diejenigen, die dem
schen füreinander und für
Einmal wird mit ihm die Bereitschaft der Christentum angehören, engagieren sich
das Gemeinwesen insgesamt
Menschen bezeichnet, sich gesellschaftlich zu 39 %, die Konfessionslosen nur zu 28 %.
Verantwortung übernehmen
(Gemeinwohlorientierung). zu engagieren und in Vereinen und Frei- Auffällig ist, dass unter den Muslimen das
Wenn von gesellschaftlichem willigenorganisationen sozial einbinden zu Freiwilligenengagement besonders geringen
Zusammenhalt die Rede ist, lassen. Zum anderen wird unter Sozialka- Zuspruch erfährt. Unter ihnen engagiert sich
sind damit immer Verbun- pital das Vertrauen verstanden, mit dem lediglich ein Viertel. Dieses Ergebnis wird
denheit, soziale Beziehungen
Menschen einander begegnen. Mit den durch andere Studien bestätigt, die ebenfalls
und Gemeinwohlorientierung
Aussagen des daneben stehenden Kastens für die Angehörigen des Islam ein relativ
gemeint.“ (Bertelsmann
Stiftung 2012) Im Religions- sind diese Sätze durchaus vereinbar. In geringes Freiwilligenengagement feststellen
monitor wurden insbesonde- einem ersten Schritt soll nunmehr unter- (vgl. Traunmüller 2009: 447, 460, 2012:
re die sozialen Beziehungen sucht werden, inwieweit Religiosität bzw. 204).
untersucht und hierbei vor die Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen
allem das soziale Kapital als
Gruppen mit der Bereitschaft, sich ehren- Doch nicht nur die Bereitschaft zum Enga-
deren zentrales Element.
amtlich zu engagieren, und mit Vertrauen gement ist unter den Muslimen gering; auch
in andere Menschen einhergehen. In einem das zwischenmenschliche Vertrauen weist
zweiten Schritt steht die Frage im Zentrum, unterdurchschnittliche Werte auf. Während
wie die Ausbildung sozialen Kapitals beein- es bei Christen und Hochreligiösen über
flusst wird durch Kontakte zu Personen, die dem Durchschnitt liegt, ist es nicht nur bei
anderen religiösen Gruppen angehören als den wenig oder gar nicht religiös eingestell-
man selbst. Fokussiert der erste Schritt auf ten Menschen und den Konfessionslosen,
den Zusammenhang zwischen Religion und sondern auch bei den Angehörigen des
gesellschaftlicher Integration allgemein, so Islam vergleichsweise schwach ausgeprägt.
der zweite auf den Zusammenhang zwischen Unter den Hochreligiösen geben 75 % an,
gesellschaftlicher Integration und dem Vertrauen in andere Menschen zu haben,
durch die gewachsene religiöse Pluralität unter den Christen 68 %; der Anteil derjeni-
ermöglichten interreligiösen Kontakt. gen, die zwischenmenschliches Vertrauen

48
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

Tabelle 10 Soziales Kapital (freiwilliges Engagement, Vertrauen) und Religion


(Angaben in %)

freiwilliges Vertrauen in Vertrauen in Vertrauen in Vertrauen in


Engagement andere religiöse Menschen Konfessions-
Menschen Menschen der gleichen lose
allgemein (ziemlich/völlig) Religion (ziemlich/völlig)
(ziemlich/völlig) (ziemlich/völlig)

gesamt 35 63 49 66 56

gar nicht/
wenig religiös 29 53 36 47 49

mittel religiös 35 67 53 69 59

ziemlich/sehr
49 75 69 81 65
religiös

Christen 39 68 53 66 58

Muslime 24 49 60 67 35

Konfessionslose 28 56 38 - 53

Katholiken 39 71 52 65 59

Evangelische 39 64 52 64 55

bekunden, macht bei den Muslimen jedoch Annahme eines besonderen Einflusses des
nur 49 % aus, bei den Konfessionslosen 56 %. Protestantismus auf die Ausbildung sozialen
Kapitals lässt sich hingegen nicht nachwei-
Nimmt man die Ergebnisse bezüglich des sen.
freiwilligen Engagements und des zwischen-
menschlichen Vertrauens zusammen, so Die Gründe, warum die Ausstattung der
scheint sich die Vermutung, dass Religion Muslime mit Sozialkapital so auffällig gering
auf die Ausbildung sozialen Kapitals und ist, müssen in späteren Analysen sorgfältig
damit auf den Zusammenhalt der Gesell- untersucht werden. Wahrscheinlich spielt
schaft einen positiven Einfluss ausübt, auf der starke kollektivistische Familialismus
der individuellen Ebene also zu bestätigen.20 eine Rolle, der verwandtschaftlichen Bezie-
Die in der Literatur ebenfalls zu findende hungen eine Priorität gegenüber zivilgesell-

„Religion hat einen positiven Einfluss


auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft“

49
4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt

schaftlichen Aktivitäten einräumt (Gellner ganze Länder. Auf der Makroebene gilt:
1992; Traunmüller 2012). Die traditionale Je besser die Länder hinsichtlich ihrer
Einstellung zu familialen Beziehungen, zur Wirtschaftsleistung und ihres allgemeinen
Rolle der Frau, zu Homosexualität, Schei- Bildungsniveaus gestellt sind, desto höher
dung und Abtreibung wurde bereits von ist das Vereinsengagement und auch das
Norris und Inglehart (2004: 148 ff.) heraus- zwischenmenschliche Vertrauen in diesen
gearbeitet. Ihren Analysen zufolge unter- Ländern (Traunmüller 2012). Unabhängig
scheiden sich die Muslime weltweit weniger von Wohlstandsniveau und Bildungsstand
durch ihre Einstellung zu den Werten von haben aber eben auch Religiosität und reli-
Demokratie und Freiheit von den westlichen giöse Zugehörigkeit einen positiven Einfluss
Bevölkerungen (siehe dazu auch Kapitel auf die Ausbildung des sozialen Kapitals.
2, Abbildung 6) als durch ihre Betonung
familialer Werte. Neben der familialen Ori- Das heißt, religiöse Bindungen wirken im
entierung dürfte für die geringe Ausstattung Katholizismus und im Protestantismus nicht
der Muslime mit sozialem Kapital aber auch als Hemmnisse für soziales Engagement
eine Rolle spielen, dass die muslimischen und soziales Vertrauen, sondern als Moto-
Minderheiten ihre Identität teilweise durch ren. Auch wenn in den christlichen Kirchen
Abgrenzung gegenüber der nicht muslimi- engere Netzwerke gebildet werden, sich
schen Mehrheit gewinnen und sie starke gemeinschaftliche Gruppenzusammenhänge
Beziehungen innerhalb der eigenen Gruppe ausbilden und vertrauensvolle Beziehun-
aufbauen, die einschränkend auf Außen- gen gepflegt werden, behindern diese nicht
kontakte wirken und die Entwicklung von gesellschaftliche Offenheit. Im Gegenteil:
Vertrauen in die Gesamtgesellschaft behin- Das aufgebaute soziale Kapital im Christen-
dern können. tum wirkt als sogenanntes Bridging Capital,
nicht nur als Bonding Capital – es über-
brückt die Distanz zur weiteren Gesellschaft,
führt aber nicht dazu, dass sich die religi-
Faktoren des sozialen ösen Gemeinschaften und Milieus einigeln
Engagements und nach außen hin abgrenzen (Putnam
2000).
Wenn Religiosität sowie die Zugehörigkeit
zum Christentum auf die Ausbildung sozi-
alen Kapitals eine positive Wirkung haben,
so heißt das natürlich nicht, dass nicht auch Gläubige zeigen mehr Vertrauen
andere Faktoren einen positiven Einfluss in andere
ausüben. Insbesondere höhere Bildung und
eine bessere wirtschaftliche Lage befördern Die besondere gesellschaftliche Offenheit
die Bereitschaft zu sozialem Engagement von Christen und religiös eingestellten
und das Vertrauen in andere Menschen. Menschen wird auch daran sichtbar, dass sie
Die Auswirkungen von Bildung und Wirt- nicht nur Menschen, die ebenfalls religiös
schaftslage sind übrigens besonders hoch, sind und die der gleichen Religionsgemein-
wenn man nicht Personen innerhalb eines schaft wie sie selbst angehören, ein beson-
Landes miteinander vergleicht, sondern ders hohes Vertrauen entgegenbringen;

„Religiöse Bindungen wirken in den christlichen


Konfessionen als Motor für soziales Engagement“

50
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

bei ihnen sind auch die Vertrauenswerte anderen Religionsgemeinschaft angehören,


gegenüber Konfessionslosen höher als bei in Kontakt kommen? Im Religionsmonitor
den Konfessionslosen selbst. Etwa zwei wurde danach gefragt, wie viele Personen,
Drittel der Hochreligiösen und drei Fünftel mit denen man im Alltag (d. h. in der Fami-
der Christen sagen, sie würden Konfessions- lie/Verwandtschaft, in der Nachbarschaft,
losen vertrauen (vgl. Tabelle 10). Von den am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz sowie in
Konfessionslosen aber geben nur 53 % und der Freizeit) regelmäßig Kontakt hat, religi-
von den wenig oder gar nicht Religiösen nur ös sind. Bei denjenigen, die angeben, dass
49 % an, dass sie den Konfessionslosen ver- mehr als die Hälfte der Personen, denen sie
trauen. Die Christen und Religiösen haben im jeweiligen Umfeld regelmäßig begegnen,
also in die Konfessionslosen mehr Vertrauen religiös sind, ist das interpersonale Vertrau-
als diese gegenüber den Angehörigen ihrer en höher als bei denjenigen, die sagen, dass
eigenen Gruppe. Die brückenbildende Ka- weniger als die Hälfte der Menschen im
pazität des Christentums lässt sich darüber entsprechenden Umfeld religiös sind (vgl.
hinaus auch daran erkennen, dass ein hohes Abbildung 16). Wahrscheinlich hängt dies
Vertrauen in die Angehörigen der eigenen vor allem damit zusammen, dass Personen,
Religionsgemeinschaft ein hohes Vertrauen die selbst religiös sind, mit anderen religi-
in andere Menschen im Allgemeinen nicht ösen Personen überdurchschnittlich häufig
ausschließt. Es zeigt sich vielmehr ein hoher in Kontakt treten und dass das zwischen-
positiver Zusammenhang zwischen dem Ver- menschliche Vertrauen bei religiös einge-
trauen in die eigene Religionsgemeinschaft stellten Menschen höher ausgeprägt ist als
und dem Vertrauen in andere Menschen bei weniger oder gar nicht Religiösen.
allgemein (hier nicht ausgewiesen).
Betrachtet man die Daten genauer, dann
Umso überraschender ist es jedoch, dass das scheint es jedoch nicht so zu sein, dass ein
Vertrauen in religiöse Menschen unter dem religiöses Umfeld in jedem Falle vertrauens-
Niveau des zwischenmenschlichen Vertrau- fördernd wirkt. Diejenigen, die angeben, dass
ens allgemein liegt. 49 % aller Befragten ihr Umfeld zu mehr als der Hälfte aus Perso-
sagen, dass sie religiösen Menschen ver- nen besteht, die einer anderen Religion ange-
trauen. Das zwischenmenschliche Vertrauen hören (hier wurden, anders als bei der ersten
allgemein liegt indes bei 63 %. Selbst die Frage, allerdings nur Konfessionsangehörige
Hochreligiösen haben mehr Vertrauen in befragt), weisen nämlich nicht etwa höhere,
andere Menschen allgemein (75 %) als in sondern geringere Vertrauenswerte auf als
religiöse Personen (69 %). Möglicherweise diejenigen, die sagen, dass sie im jeweiligen
wird dem Menschen schlechthin ein höheres Umfeld mit Menschen in Kontakt kommen,
Maß an Glaubwürdigkeit zugeschrieben als die zu weniger als der Hälfte einer anderen
einem „Homo religiosus“. Was aber tatsäch- Religion angehören (vgl. Abbildung 16). Die
lich hinter diesem überraschenden Befund Hypothese, dass ein religiös plurales Umfeld
steht, muss erst noch eigens analysiert in besonderem Maße Vertrauen generiert,
werden. kann durch die Daten des Religionsmonitors
nicht bestätigt werden. Das ist ein starker
Befund, denn in vielen anderen Studien wird
der Nachweis eines engen Zusammenhan-
Sozialkapital und religiöse ges zwischen religiösem Pluralismus und
Pluralisierung zwischenmenschlichem Vertrauen erbracht
(Traunmüller 2012; Pickel 2012). Diese Studien
Wie verändert sich das interpersonale untersuchen jedoch in der Regel nicht die
Vertrauen, wenn Menschen mit religiösen Auswirkungen von wirklich eingegangenen
Personen oder mit Personen, die einer Kontakten im sozialen Nahfeld, sondern nur

51
4. Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt

die, die sich aus den erweiterten Möglichkei- Begegnungen erhöht sich das soziale Kapital
ten für solche Kontakte ergeben, wenn eine nicht, sondern es verringert sich tendenziell
Gesellschaft insgesamt einen höheren Grad sogar. Oder anders ausgedrückt: Gesellschaf-
religiöser Pluralität aufweist. Die Daten des ten weisen einen höheren Integrationsgrad
Religionsmonitors dagegen zeigen, dass die auf, wenn sie religiös homogener sind. Die
Wirkung tatsächlicher Kontakte mit Angehö- Ergebnisse des Religionsmonitors bestätigen
rigen anderer Religionsgemeinschaften ent- hier nicht die Kontakt-, sondern die Kon-
weder unbedeutend (nicht signifikant) oder flikthypothese.
negativ ist. Das heißt, durch interreligiöse

Abbildung 16 Interpersonales Vertrauen und Kontakte (Angaben in %)

Familie
religiöse Personen 57
69

Personen anderer 67
religiöser Gruppen 65

Nachbarschaft
religiöse Personen 57
66

Personen anderer 69
religiöser Gruppen 56

Arbeit
religiöse Personen 59
72

Personen anderer 68
religiöser Gruppen 62

Freizeit
religiöse Personen 57
72

Personen anderer 69
religiöser Gruppen 55

weniger als die Hälfte religiöse Personen im Umfeld


mehr als die Hälfte religiöse Personen im Umfeld

Vertrauen: 4er-Skala (gar nicht – kaum – ziemlich – völlig); Anteil derjenigen, die „ziemlich“ bzw. „völlig“ den Personen in der jeweils angegebenen Gruppe
vertrauen; Frage (Vertrauen): „Ich nenne Ihnen nun verschiedene Gruppen und bitte sagen Sie mir jeweils, ob Sie dieser Gruppe gar nicht, kaum, ziemlich oder
völlig vertrauen.“; Gruppenzusammensetzung: 5er-Skala (keiner – weniger als die Hälfte – etwa die Hälfte – mehr als die Hälfte – alle); Fragen (Gruppenzu-
sammensetzung): „Wenn Sie zuerst an die Personen in Ihrer Familie und Verwandtschaft denken, mit denen Sie regelmäßig Kontakt haben: Wie viele davon sind
religiös? Und wie viele gehören einer anderen religiösen Gruppe an als Sie selbst? Und von den Personen, mit denen Sie in Ihrer Nachbarschaft/an Ihrem Arbeits-
oder Ausbildungsplatz/in Ihrer Freizeit regelmäßigen Kontakt haben: Wie viele davon sind religiös? Und wie viele gehören einer anderen religiösen Gruppe an als
Sie selbst?“

52
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

53
5. Fazit

5. Fazit

Die zentralen Befunde seien an dieser Stelle vielfältiger Natur. Neben dem spezifischen
noch einmal zusammengefasst: Mit Blick auf Faktor der politischen Unterdrückung der
die Kirchlichkeit und Religiosität in der Be- Kirchen und der Religion durch die kommu-
völkerung ist nach wie vor zu konstatieren, nistischen Machthaber in der DDR spielen in
dass eine entscheidende Trennlinie zwischen Ost und West Prozesse der soziostrukturellen
West- und Ostdeutschland verläuft. Während Modernisierung und funktionalen Differen-
die alten Bundesländer nach wie vor durch zierung eine zentrale Rolle, durch die religiö-
eine Kultur der konfessionell-religiösen se Werte und Normen ihre gesellschaftsüber-
Anbindung gekennzeichnet sind, hat sich in greifende Gültigkeit mehr und mehr verloren
den neuen Bundesländern eine weitgehend haben.
säkulare Kultur durchgesetzt. Der Trend
des Bedeutungsrückgangs des Religiösen ist
aber nicht nur im Osten, sondern ebenso im
„Gesellschaftlicher Wandel
führt
Westen deutlich sichtbar: Auch wenn hier
zum Abschmelzen gewachsener
die Mehrheit noch einer Konfession angehört
religiöser Milieus“
bzw. sich einer Religion zugehörig fühlt und
sich zum Glauben bekennt, hat die Religion Prozesse der Urbanisierung, Mobilisierung
für die meisten im alltäglichen Leben eine und Umwandlung einer Industriegesellschaft
nachgeordnete Bedeutung. Eine relativ hohe in eine Dienstleistungsgesellschaft führten
Vitalität lässt sich allerdings nach wie vor zur Abschmelzung gewachsener religiöser
innerhalb der muslimischen Bevölkerungs- Milieus; der Ausbau des Rechtsstaates, des
gruppe feststellen. Zudem lässt sich insbe- sozialen Sicherungs- und Versicherungs-
sondere unter den jüngeren Befragten eine systems, des Erziehungswesens sowie des
gewisse Hinwendung zu neueren Formen der medizinischen Versorgungssystems ließ den
Spiritualität bzw. „Patchwork-Religiosität“ Bedarf an religiösen Leistungsangeboten
ausmachen. Der Relevanzverlust der Religion in diesen Bereichen zurückgehen. Auch
in ihrer „traditionellen“ Form wird dadurch kulturelle Veränderungsprozesse wie die
jedoch bei weitem nicht kompensiert. Rationalisierung des Weltbildes, die Plurali-
sierung von Weltdeutungsangeboten und die
Die Ursachen für die Entkirchlichungs-, Ausbreitung einer Konsum- und Erlebniskul-
Individualisierungs- und Säkularisierungs- tur haben den Gültigkeitsanspruch religiöser
prozesse, die beide Teile Deutschlands in den Welterklärungen relativiert und dazu beige-
vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, sind tragen, dass immer mehr konkurrierende Al-

54
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

ternativen zur Religion bereitstehen. Zudem


wachsen offenbar immer mehr Menschen „Wertevermittlung findet heute
von Anfang an ohne jeglichen Bezug zur überwiegend jenseits der religiösen
Religion auf, was deren Aufgeschlossenheit
für religiöse Dinge im späteren Leben von
Gemeinschaft statt“
vornherein reduziert.
Regelbefolgung findet heute überwiegend
durch die klassischen „weltlichen“ Sozialisa-
tionsinstanzen Familie, Schule und Freun-
Innerkirchliche Spannungslinien deskreis statt. Auch hier spielen religiöse
Gemeinschaften nur eine untergeordnete
Die Tatsache, dass Religion für das alltägli- Rolle. Darüber hinaus lässt sich ein Trend
che Leben vieler Menschen eine nachgeord- weg von Werten wie Traditionsbewusstsein
nete Bedeutung hat, geht einher mit einer und Sicherheitsorientierung hin zu erlebnis-
weitverbreiteten „Liberalität“ hinsichtlich und genussbezogenen Lebensvorstellungen
ethisch-moralischer Vorstellungen, etwa im erkennen. Der Zusammenhang mit den
Hinblick auf das Recht auf Abtreibung und Veränderungen auf dem religiösen Sektor
die Rechte von Homosexuellen. Hier lassen ist dabei offensichtlich: Es sind vor allem die
sich mittlerweile weniger Spannungslinien traditionsbewussten und auf Sicherheit be-
zwischen der christlichen und der konfessi- dachten Bevölkerungsgruppen, die gleichzei-
onslosen Bevölkerung erkennen als vielmehr tig auch religiös im traditionellen Sinne sind.
innerkirchliche Differenzen (zwischen Der Wandel von „materialistischen“ hin zu
„offizieller“ katholischer Kirche und Laien) „postmaterialistischen“ Werten, der vor allem
sowie solche zwischen der „einheimischen“ durch die jüngeren Bevölkerungsschichten
Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen getragen wird, führt jedoch offenbar nicht
Minderheit. Moderne staatliche Prinzipien zwangsläufig zur „Ego-Gesellschaft“; der
wie die Trennung von Religion und Poli- Wert „Hilfsbereitschaft“ steht nach wie vor
tik sowie das demokratische Grundgefüge hoch im Kurs.
erfreuen sich jedoch bei allen Bevölkerungs-
gruppen einer hohen Akzeptanz. Gegenüber der wachsenden religiösen Viel-
falt nehmen die Menschen in Ost und West
Die Vermittlung von Werten wie Unab- mehrheitlich eine Haltung der Offenheit ein.
hängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit oder Sie sehen die religiöse Pluralisierung sowohl

55
5. Fazit

als kulturelle Bereicherung an als auch als reagiert. Angesichts der zunehmenden
eine Ursache für Konflikte. religiösen Vielfalt befürwortet die Mehrheit
Die Einstellung zur zunehmenden religiösen vielmehr eine Trennung von Religion und
Vielfalt ist insofern durch Ambivalenz ge- Politik. Die Beeinflussung der Regierung
kennzeichnet. Insbesondere der Islam wird durch religiöse Repräsentanten wird von den
von vielen Deutschen als etwas Fremdes, meisten abgelehnt.
Andersartiges und Bedrohliches empfunden.
Die Haltung zu anderen nicht-christlichen
Religionsgemeinschaften ist deutlich „Werte wie Solidarität und
positiver. Obwohl fremde Religionen – und Hilfsbereitschaft
dabei insbesondere der Islam – nicht selten behalten ihre Gültigkeit“
als etwas Bedrohliches empfunden werden,
führt das Bedrohungsgefühl kaum zu einer
Intensivierung der christlichen Praxis. Es ist Trotz der beobachteten Säkularisierungs-
anzunehmen, dass die christliche Identität und Entkirchlichungsprozesse lässt sich
und Glaubenspraxis bereits so weit verblasst feststellen, dass Religiosität und religiöse
sind, dass sich Formen einer Selbstbehaup- Zugehörigkeit für den gesellschaftlichen
tung dieser Identität nicht in einer verstärk- Zusammenhalt eine grundlegende Bedeu-
ten religiösen Aktivität niederschlagen, tung haben. Insbesondere am Beispiel des
sondern mehr in einer Wertschätzung der Aufbaus von sozialem Kapital konnte dies
kulturellen Bedeutung des Christentums gezeigt werden. Sowohl die Bereitschaft zum
zum Ausdruck kommen. In jedem Falle aber sozialen Engagement als auch das zwischen-
geht die Selbstbehauptung nicht bis zur Ab- menschliche Vertrauen – die beiden zentra-
grenzung gegenüber allem „Fremden“ und len Bestandteile des Sozialkapitals – sind un-
zu dessen Abwehr. Vielmehr dominiert trotz ter religiös gebundenen Personen höher als
aller wahrgenommenen Konflikte und Bedro- im Bevölkerungsdurchschnitt. Insbesondere
hungsgefühle eine Haltung der Offenheit und das Christentum leistet einen bedeutenden
Aufgeschlossenheit. Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft.
Heißt das, dass sich der soziale Zusammen-

Islam wird von vielen als


„Der
halt abschwächt, wenn die Verankerung des
Christentums in der Gesellschaft zurückgeht
etwas Fremdes und und Menschen zum christlichen Glauben

Bedrohliches empfunden“ und zur kirchlichen Praxis mehr und mehr


auf Distanz gehen? Ein pessimistisches
Szenario muss hier nicht zwangsläufig wahr
Zweifellos ist der Anteil derer, die ihre werden, denn auch unabhängig von religiö-
religiöse Überzeugung aus unterschiedlichen sen Bindungen bleiben Werte wie Solidarität
Religionstraditionen zusammenstellen, in und Hilfsbereitschaft für viele Menschen
den letzten Jahrzehnten gestiegen. Dennoch wichtig.
handelt es sich bei denen, die das tun, nur
um eine Minderheit. Die wachsende religiöse
Pluralität führt also nicht zu einem dominan-
ten religiösen Synkretismus. In Westdeutsch-
land sind die meisten vielmehr nach wie vor
in distanzierter Form mit dem Christentum
verbunden, auch wenn sie sich kirchlich
kaum engagieren. Nicht religiöser Synkre-
tismus ist die Form, mit der die Mehrheit
auf den gewachsenen religiösen Pluralismus

56
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

57
Abstract

Abstract

Religion Monitor Religion Monitor was collected in 21 coun-


Religiosity and Social Cohesion tries in 2007 as the basis for a well-founded
in Germany comparison of individual religiosity in every
region and on all continents worldwide.
The structural transformations and shifting
values of the past decades, which are often The revised and enlarged Religion Monitor
referred to in terms of “pluralisation” and goes one step further, undertaking an empiri-
“individualisation”, have left their mark cal investigation of the social and political re-
on Germany’s religious landscape. Most levance of religion and thus comprising both
researchers agree that traditional religious the tried-and-true questions on the centrality
institutions experience increasing difficulties of religion from the first Religion Monitor as
in reaching people and serving as normative well as questions about values and attitudes
authorities. Opinions differ, however, when towards values, about the perception of
it comes to assessing the status of religion in religious diversity, and about social cohesion.
general among the population. Proponents Thus the 2013 Religion Monitor facilitates a
of the secularisation theory point out that deeper analysis of some fundamental aspects
religion has declined in significance in the of modern societies.
minds of the people, while supporters of the
individualisation theory assert that religion The countries in the study were selected
is still thriving and has simply taken on with a view to comparability, allowing us
different forms, becoming more “individual” to perform more detailed analyses in order
and thereby “invisible” (Luckmann 1991). to develop strategies for dealing with socio-
Additionally, there are many indications that political challenges. The main reference
religion in Germany and Europe as a whole group, therefore, consists of Germany, Great
is developing in ways that are not typical for Britain, Sweden, Switzerland, France, Spain,
other parts of the world. Canada, and the USA. Additionally, we stu-
died countries which have special relevance
Against this background, the Religion from a German perspective (Turkey and Is-
Monitor was launched a few years ago by rael) or in terms of the global picture (Brazil,
the Bertelsmann Stiftung as a new tool for India, and South Korea).
measuring the manifestations of religiosity.
The tool is based on a substantive definition Our initial evaluation of the results took
of religion that is applicable to all faiths and the form of an overview which is laid out
also encompasses individualised forms of re- for Germany in the present study and in a
ligiosity. The representative data for the first parallel publication for the international

58
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

data. More in-depth examinations of indivi- East. The same trend is clearly identifiable in
dual issues affecting Germany will appear the West, where the majority of the populati-
in forthcoming publications. Additionally, on still belongs to or identifies with a religion
we will compile national reports for selected and professes religious faith, but regards
countries. religion as a matter of secondary importance
in day-to-day life. A relatively high religious
In our initial evaluation of the data for vitality can, however, still be observed in the
Germany, the following questions were of Muslim population group, while young peop-
paramount priority: What forms of religio- le in particular display a certain tendency to
sity, spirituality, and loyalty to the Church embrace new forms of spirituality or a kind
can be observed in the population today? In of “do-it-yourself” or patchwork religiosity.
what ways have the changes in the religious
landscape affected the overall value systems The dechurching, individualisation, and
of society? What does all this say about secularisation processes that have affected
attitudes to political principles and current both parts of Germany in recent decades are
socio-political questions concerning ethics driven by a variety of causes. In addition
and morality? What is the role of religious to the political repression of churches and
communities in the transmission of values? religion by the communist regime, which was
How do people in Germany relate to the a factor specific to the German Democratic
growing diversity of religious beliefs? And Republic, both the East and the West expe-
finally, this preliminary overview of the core rienced socio-structural modernisation and
findings of the 2013 Religion Monitor also functional differentiation processes which
examines the extent to which religions can played a crucial role in stripping religious
contribute to social cohesion. norms and values of their trans-societal
validity. Urbanisation, mobilisation, and
Our main conclusions may be summarised the transformation of an industrial society
as follows. Levels of religiosity and loyalty into a service society brought the erosion of
to the Church continue to exhibit a marked traditional religious milieus in their wake,
difference between West and East Germany. while the advance of constitutional democra-
While the population of what used to be West cy, social security and insurance, education,
Germany still retains its adherence to reli- and health care systems caused the demand
gious denominations, the “new” states of for- for such services from religious institutions
mer East Germany are dominated by a largely to decline. Cultural changes too – such as an
secular culture. However, the decline in the increasingly rational world view, the growing
importance of religion is not limited to the variety of options for interpreting the world,

59
Abstract

and the growth of the consumer and event to the growth in religious diversity while
cultures – called the validity of religious viewing religious pluralism as both a source
world readings into question and contribut- of cultural enrichment and a cause for con-
ed to an increased availability of competing flict. Thus the attitude towards the increased
alternatives. Additionally, more and more diversity of religious beliefs is somewhat
people appear to be growing up from infancy ambivalent, and many Germans regard Islam
with no religious affiliation at all, and such in particular as something foreign, alien, and
people display a reduced receptivity for reli- threatening. Attitudes towards other non-
gious matters in later life. Christian faith communities are considerably
more positive. Although other religions,
The subordinate role of religion in many especially Islam, are not infrequently viewed
people’s daily lives goes hand in hand with a as a threat, this perception rarely leads to
widespread liberal attitude to ethical and mo- an intensified practice of the Christian faith.
ral ideas such as gay rights and the right to It may be assumed that Christian identity
abortion. At this point, the effect of these is- and religious practice have already been
sues is not primarily tension between Christi- eroded to such an extent that the assertion
ans and non-denominational members of the of this identity is expressed not in increa-
population, but rather differences within the sed religious activity, but rather in verbal
Church itself (in particular, between the “of- affirmations of the value of Christianity. At
ficial” Catholic Church and the laity) and also the same time, this self-assertion does not go
between the autochthonous majority and the as far as disassociation from and resistance
Muslim minority. Modern constitutional prin- to everything that is perceived as “alien”;
ciples such as democracy and the separation rather, despite awareness of conflict and fee-
of religion and politics, however, receive high lings of threat, the dominant attitude is one
acceptance in all population groups. of openness and receptiveness.

Today, values such as independence, asser- There is no doubt that the proportion of
tiveness and compliance are primarily taught people who put together their religious con-
by the family, the school, and friends – the victions from various different religious tra-
classical “secular” agents of socialisation. ditions has increased in recent decades, but
Here, too, religious communities play a sub- these people still remain a minority. Thus the
ordinate role. At the same time, there is a re- growing religious pluralism has not resulted
cognisable trend away from attitudes such as in the dominance of religious syncretism;
traditionalism and risk avoidance in favour of most people in West Germany retain a form
event-oriented and hedonistic approaches to of detached affiliation to Christianity even if
life. The relationship between this trend and their involvement in the Church is minimal.
the changes in the religious sector is evident: The majority of the population responds to
it is primarily the population groups whose the increase in religious diversity not by em-
outlook on life is more traditional and risk- bracing religious syncretism, but rather by
averse who are religious in the traditional advocating a rigorous separation of religion
sense of the term. But it is clear that the shift and politics, and most people reject attempts
from “materialistic” to “post-materialistic” va- by religious representatives to influence the
lues, which is driven mainly by the younger government.
portions of the population, does not inevita-
bly result in an egotistical society and that Notwithstanding the processes of secularisa-
cooperation remains a highly regarded value. tion and dechurching that have been obser-
ved, religiosity and religious affiliation are of
A majority of the population both in the East fundamental significance for social cohesion,
and the West has an open-minded attitude and we have shown that the accumulation

60
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

of social capital provides a particularly clear


reflection of this fact. Both social commit-
ment and interpersonal trust – the two core
components of social capital – are higher
among people with religious affiliation than
the population average. Christianity in parti-
cular is an important factor in fostering social
cohesion. Does this mean that social cohe-
sion decreases when Christianity becomes
less deeply entrenched in society and when
people increasingly disassociate themselves
from the teachings and the practice of the
Christian faith? Pessimistic prognoses are
not necessarily the correct ones here, since
values such as solidarity and cooperation
remain important for many people indepen-
dently of their religious affiliation.

61
Anmerkungen

Anmerkungen

1) Die Dimension der religiösen Zugehörig- hörige: von 35 % auf 25 %; Gottgläubige: von
keit, d. h. die Frage danach, wie viele Men- 32 % auf 20 %; vgl. Müller 2013: 88; Müller/
schen in Deutschland einer der Kirchen bzw. Pollack 2013: 472). Da im EVS (wie in den
religiösen Gruppierungen angehören bzw. meisten anderen großen Bevölkerungsum-
nahestehen, soll an dieser Stelle zunächst fragen) der Glaube anders erfragt wurde als
ausgespart werden; siehe dazu das Kapitel im Religionsmonitor, lassen sich die Zahlen
über die religiöse Vielfalt. freilich nicht unmittelbar miteinander ver-
gleichen.
2) Um die Darstellung möglichst übersicht-
lich zu halten und den Leser nicht mit zu 4) Im Religionsmonitor 2008 wurde eben-
vielen Zahlen zu konfrontieren, haben wir falls nach der Wichtigkeit der Lebensbe-
uns dazu entschieden, im Falle von Varia- reiche gefragt; allerdings lässt sich hier
blen, die auf einer 5er-Skala basieren, vor kein direkter Zeitvergleich vornehmen, da
allem zwei Gruppen miteinander zu verglei- diese Frage damals mithilfe einer fünfstu-
chen: diejenigen, die hier eher hohe Werte figen Skala gestellt wurde, 2013 hingegen
erreichen („ziemlich“ bzw. „sehr“), und dieje- mit einer vierstufigen Skala. Bereits 2008
nigen, die eher niedrige Werte aufweisen rangierte die Religion nach den Bereichen
(„wenig“ bzw. „gar nicht“). Wenn auch die Familie, Ehe-/Lebenspartner, Arbeit und
Gruppe derjenigen, die bei den entsprechen- Beruf, Freizeit, Politik und Bildung an letzter
den Variablen mittlere Werte aufweisen, hier Stelle (vgl. Müller/Pollack 2008: 416).
nicht explizit aufgeführt wird, so kann man
deren Ausmaß doch unmittelbar aus der Grö- 5) Allein der Bereich „Arbeit“ wird bei den
ße der beiden anderen Gruppen errechnen. über 60-Jährigen naturgemäß etwas weniger
Unserer Meinung nach vermag aber gerade oft genannt als bei den beiden jüngeren
das Verhältnis der beiden erstgenannten Altersgruppen.
Gruppen einen guten Eindruck davon zu ver-
mitteln, ob sich insgesamt die Waage jeweils 6) Wenn man die Ergebnisse anderer
in die eine oder die andere Richtung neigt. Untersuchungen hinzuzieht, dann zeigt
sich durchaus eine gewisse Individualisie-
3) Gemäß den Daten des ALLBUS bzw. des rung des religiösen Sektors im Aufkommen
European Values Survey (EVS) ist sowohl die außerkirchlicher Formen von Religion, die
Zahl der Konfessionsangehörigen wie auch oft fernöstlich und synkretistisch geprägt
der dezidiert Gottgläubigen in Ostdeutschland sind, wie Esoterik, Okkultismus, New Age,
von 1990 bis 2008 noch einmal um rund ein Zen-Buddhismus oder Reinkarnationsthera-
Drittel zurückgegangen (Konfessionsange- pie. Alle diese neureligiösen Praktiken legen

62
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

großen Wert auf die Unmittelbarkeit alltags- des Protestantismus für Säkularisierungsten-
überschreitender, meist körperbezogener denzen wider (vgl. dazu weiter unten).
individueller religiöser Erfahrungen, bieten
leicht erlernbare, stark vereinfachte Selbst- 8) In diesem Zusammenhang greift es auch
und Weltdeutungen an und stehen in Span- zu kurz, den Prozess der Entfremdung der
nung zur Wirklichkeitsinterpretation der Menschen von den Kirchen und der Religion
christlichen Großkirchen. Aber auch wenn in der DDR ausschließlich als erzwungen zu
das Interesse an derartigen Phänomenen charakterisieren. Vielmehr war es wohl die
relativ groß ist, so ist es doch nur eine Min- Kombination aus einer politisch motivierten
derheit, die bislang Erfahrungen mit solchen Unterdrückung des Religiösen, einer lange
alternativen Religionspraktiken gemacht hat: Zeit relativ erfolgreichen Sozial- und Wirt-
Der Anteil derer, die schon einmal Erfah- schaftspolitik sowie der Eigendynamik einer
rungen mit New Age, Zen-Meditation, Yoga, einmal in Gang gekommenen Säkularisie-
Qigong oder Ayurveda gemacht haben, liegt rung der gesamten Gesellschaft, welche die
zwischen 2 % und 6 %; über Erfahrungen mit Kirchen und die Religion immer mehr aus
Edelsteinmedizin oder Bachblütentherapie dem Leben der Menschen verdrängte.
berichtet allenfalls jeder Zehnte (ALLBUS
2002; Identity Foundation 2006). Die Zahl 9) Die Betrachtung der Religiosität der mus-
der Anhänger neuer religiöser Bewegungen limischen Bevölkerungsteile in Deutschland
bzw. esoterischer Gruppierungen wird auf scheitert oft an der Tatsache, dass diese in
kaum mehr als 1 % der Gesamtbevölkerung allgemeinen Bevölkerungsumfragen unter-
geschätzt (vgl. das Kapitel zur religiösen repräsentiert sind bzw. in nicht genügender
Vielfalt). Von einem Esoterik-Boom in der Zahl befragt werden. Der Religionsmonitor
Bundesrepublik zu sprechen, wie es häufig von 2013 enthält für die Teilgruppe der Mus-
geschieht, ist also stark übertrieben. lime jedoch eine Überrepräsentierung (die
für die allgemein beschreibenden Analysen
7) Die Differenz bei den über 66-Jährigen, freilich wieder korrigiert wurde), sodass diese
d.h. vor 1946 Geborenen, lässt sich allerdings Teilgruppe hier als eigenständige Kategorie
kaum allein auf die Religionspolitik der DDR- untersucht werden kann. Angehörige anderer
Oberen zurückführen. Bedenkt man, dass religiöser Minderheiten (Juden, Buddhisten,
Ostdeutschland anders als das gemischtkon- Hindu usw.) können dagegen aus den eben
fessionelle Westdeutschland zur Nachkriegs- genannten Gründen hier nicht genauer be-
zeit fast ausschließlich evangelisch protes- trachtet werden.
tantisch geprägt war, dann spiegelt sich hier
sicher auch teilweise die höhere Anfälligkeit

63
Anmerkungen

10) Wie das nächste Kapitel zeigen wird, 99 % (bzw. bei einer Irrtumswahrscheinlich-
hängt die Tatsache, ob jemand der traditi- keit von 1 %) positiv signifikant (= 0,15). Da
onell-kirchlich verfassten Religion etwas sowohl das Alter wie auch die religiöse Selbst-
abgewinnen kann oder nicht, offenbar auch einstufung aufsteigend angeordnet sind (d. h.
damit zusammen, welche anderen Wertvor- mit dem kleinsten Wert beginnend bis hin
stellungen er/sie vertritt. zum größten Wert), bedeutet das inhaltlich,
dass mit steigendem Alter auch die religiöse
11) Anmerkungen zu Tabelle 4: Selbsteinschätzung zunimmt: Je älter also ein
Rangkorrelationskoeffizient nach Spear- Befragter ist, desto eher schätzt er sich als
man (ρ); signifikant auf dem 0,01-Niveau religiös ein (bzw. umgekehrt: Je jünger er ist,
(*0,05-Niveau); n. s. = nicht signifikant; desto weniger schätzt er sich als religiös ein).
alle Variablen außer Geschlecht (männlich/ Genau andersherum verhält es sich mit dem
weiblich) und Wohngegend (ländlich/städ- Zusammenhang zwischen dem Alter und
tisch) aufsteigend (von niedrig zu hoch bzw. der Einschätzung der eigenen Spiritualität:
bei Synkretismus und Dogmatismus von Hier ist die Korrelation negativ signifikant
dezidierter Ablehnung zu uneingeschränkter (= –0,09), was vereinfacht gesagt bedeutet,
Zustimmung) angeordnet; 1 nur diejenigen, dass sich ältere Befragte durchschnittlich als
die sich auf der Religiositätsskala als weniger spirituell einschätzen als jüngere
mindestens „wenig“ religiös einschätzen; (bzw. umgekehrt).
2 nur Konfessionsangehörige; Methodik: Der
Rangkorrelationskoeffizient nach Spearman (ρ) 12) Eine Ausnahme stellt die vom Bundesmi-
zeigt die Stärke des sogenannten monotonen nisterium des Innern (2007) herausgegebene
Zusammenhangs zwischen jeweils zwei Studie „Muslime in Deutschland“ dar, die
Variablen („bivariate“ Korrelation) an. „Mo- sich jedoch auf den Bereich Demokratie,
notoner Zusammenhang“ heißt dabei, dass Gewalt und Toleranz beschränkt. Im Rahmen
bei steigender Ausprägung des Merkmals X der Shell-Studien wurde das Thema Werte
die Ausprägung des Merkmals Y gleichfalls und Religion zwar breiter angeschnitten
steigt (positiver Zusammenhang; positives (vgl. Gensicke 2006), allerdings hier nur mit
bzw. kein Vorzeichen) bzw. fällt (negativer dem Fokus auf Jugendliche. Die immer noch
Zusammenhang; negatives Vorzeichen). Die in den Kinderschuhen steckende Sozialfor-
Stärke des Zusammenhangs bemisst sich an schung zu dieser bedeutendsten religiösen
der Größe des Koeffizienten ρ, der prinzipiell Minderheit in Deutschland fokussierte sich
einen Wert zwischen –1 (perfekter negativer in den letzen Jahren vor allem auf Aspekte
Zusammenhang) und 1 (perfekter positiver der sozioökonomischen Integration (vgl.
Zusammenhang) annehmen kann. Je mehr Haug/Müssig/Stichs 2009).
sich der Koeffizient dem Wert 0 annähert
(gleichgültig von welcher Seite), desto schwä- 13) Diese Überlegung findet sich am deut-
cher ist demzufolge der Zusammenhang. Das lichsten herausgearbeitet beim amerikani-
angegebene Signifikanzniveau sagt dabei schen Soziologen Talcott Parsons, der diesen
aus, dass der gefundene Zusammenhang mit Prozess als „Wertegeneralisierung“ bezeich-
einer bestimmten statistischen Irrtumswahr- net hat (vgl. Parsons 1971: 11 ff., 1978: 240).
scheinlichkeit (hier 1 % [0,01] bzw. 5 % [0,05])
nicht zufällig zustande gekommen und somit 14) Die einzigen Ausnahmen bilden hier wiede-
„belastbar“ ist. Nicht signifikante Zusam- rum nur die Antworten in Bezug auf die Werte
menhänge werden folglich nicht ausgewiesen „gerechte Behandlung aller Menschen“ und
bzw. interpretiert. Lesebeispiele: Der Zusam- „Einhalten von Regeln“ im Westen, wo unter
menhang zwischen dem Alter eines Befragten denjenigen, die einer religiösen Gemeinschaft
und der religiösen Selbsteinschätzung ist mit angehör(t)en, ca. 80 % sagen, dass sie diesbe-
einer statistischen Wahrscheinlichkeit von züglich auch durch diese geprägt wurden.

64
Religionsmonitor | Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland

15) Das etwas aus dem Rahmen fallende Dagegen schätzen im Westen die Älteren,
Muster für den Wert „Tradition“ in Ost- die niedriger Gebildeten und die mit dem
deutschland erklärt sich wahrscheinlich eigenen Leben Unzufriedenen die zunehmen-
dadurch, dass dieser Wert durch die in de religiöse Vielfalt eher als Bedrohung ein,
diesem Zusammenhang etwas unglückliche im Osten eher die sich niedriger Einstufen-
Fragestellung unmittelbar mit dem Aspekt den und die Landbewohner. Dieses Ergebnis
der Religion verknüpft wurde. entspricht weitgehend den Erwartungen.

16) Dass die Wertvorstellungen einer Per- 20) Auch wenn sich aus den dargestellten
son auch einen Zusammenhang mit ihrer Befunden unmittelbar keine Kausalaussagen
soziostrukturellen Positionierung in der hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen
Gesellschaft aufweisen, steht für Inglehart Religiosität und sozialem Kapital ableiten
außer Frage: „Die Prioritäten eines Men- lassen, so deuten tiefer gehende Analysen
schen reflektieren sein sozioökonomisches doch darauf hin, dass die Religion in diesem
Umfeld: Den größten subjektiven Wert misst Bereich eine eigenständige Wirkung entfal-
man den Dingen zu, die relativ knapp sind“ tet. In multiplen Regressionsanalysen zeigt
(sogenannte „Mangelhypothese“; Inglehart sich, dass der Zusammenhang zwischen
1989: 92). der Religiosität einer Person (gemessen an
der religiösen Selbsteinschätzung) und dem
17) Da die befragte Teilgruppe der Muslime freiwilligen Engagement auch dann bestehen
im Durchschnitt wesentlich jünger ist als der bleibt, wenn man andere potenzielle Erklä-
Rest der Stichprobe, greift an dieser Stelle rungsfaktoren wie das Alter, die Bildung
auch nicht das Argument, dass sich hinter und den sozialen Status berücksichtigt –
den vorgefundenen Mustern nur versteckte ein Ergebnis, welches sich weitgehend mit
Alterseffekte verbergen würden. den Befunden anderer Untersuchungen zu
diesem Thema deckt (vgl. Traunmüller 2009,
18) Auch hier könnte man geneigt sein, auf 2012).
das in dieser Stichprobe im Vergleich zu
den anderen befragten Gruppen niedrigere
Durchschnittsalter der befragten Muslime
zu verweisen. Allerdings hat sich bei einem
näheren Blick auf die Daten gezeigt, dass
die Muslime hier nicht nur bei den 16- bis
30-Jährigen, sondern auch bei den 30- bis
60-Jährigen die höchsten Werte aufweisen.

19) Bei einer sozialstrukturellen Analyse der


Beurteilung der religiösen Vielfalt ergeben
sich kaum Überraschungen. Es sind die
besser gestellten gesellschaftlichen Gruppen
der Gesellschaft, die die wachsende religiöse
Vielfalt eher als Bereicherung ansehen, wäh-
rend die schlechter gestellten Schichten in
ihr eher ein Konfliktpotenzial wahrnehmen.
So sind im Westen die Jüngeren, die höher
Gebildeten und die Stadtbewohner unter de-
nen, die den Bereicherungsaspekt betonen,
überrepräsentiert, im Osten sind es die sich
selbst gesellschaftlich höher Einstufenden.

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Die Autoren

Die Autoren

Detlef Pollack
Seit 2008 Professor für Religionssoziologie
im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion
und Politik in den Kulturen der Vormoderne
und der Moderne“ an der Universität Müns-
ter. Von 2011 bis 2012 Fellow am Lichten-
berg-Kolleg der Universität Göttingen und
seit 2012 Vorstandsmitglied des Centrums
für Religion und Moderne (CRM) an der Uni-
versität Münster. Arbeits- und Forschungs-
schwerpunkte: soziologische Systemtheorie,
politische Kultur, Religion und Moderne,
Kirche und Religion in Europa, religiöser
Pluralismus und christliche Reformbemü-
hungen.

Olaf Müller
Seit 2008 promovierter wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Religion
und Politik in den Kulturen der Vormoderne
und der Moderne“ und am Lehrstuhl für
Religionssoziologie des Instituts für Sozio-
logie der Universität Münster. Arbeits- und
Forschungsschwerpunkte: Religionssoziolo-
gie, Sozialstrukturanalyse, Modernisierung
und sozialer Wandel, politische Kultur und
Demokratisierung sowie Transformation in
Ostmittel- und Osteuropa.

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