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Cartesianismus
(1,552 words)

1. De nition
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Unter C. werden diejenigen philosophischen Richtungen
1. De nition
des 17. und 18. Jh.s verstanden, die an die Philosophie
René Descartes' (latinisiert: Cartesius; 1596–1650) 2. Cartesianismus in den
anknüpften und die v. a. seine Methodologie und Physik Niederlanden
fortführten. Der C. ist entsprechend durch drei 3. Cartesianismus im
Themenfelder bestimmt: (1) durch die Übernahme der Heiligen Römischen Reich
cartesischen (= cartes.) Methodenlehre, die durch den 4. Cartesianismus in
methodischen Zweifel das selbstdenkende Ich (lat. cogito) Frankreich
zum Ausgangspunkt einer streng deduktiv verfahrenden 5. Das 18. Jahrhundert
Philosophie erklärt; (2) durch einen
Substanzendualismus, der »denkende« und »ausgedehnte
Substanz« (lat. res cogitans bzw. res extensa) zunächst streng voneinander schied und die
Möglichkeit ihrer Verknüpfung in einer unendlichen Substanz (Gott) lokalisierte; (3) durch die
Prinzipien der cartes. Physik, die aufgrund des Substanzendualismus Naturvorgänge rein
mechanistisch erklärte (Mechanismus) und damit der mathematischen Beschreibung
zugänglich machte [11].

Im 18. Jh. galt der C. in der Naturwissenschaft als Gegner des Newtonianismus, ein Gegensatz,
der häu g mit den Dichotomien Rationalismus versus Empirismus, Nahwirkung versus
Fernwirkung (hinsichtlich der Gravitation; Schwere) oder Wellen- versus Teilchentheorie des
Lichts (in der Optik) gleichgesetzt wurde. Darüber dürfen jedoch die fundamentalen
Gemeinsamkeiten beider Schulrichtungen, insbes. das Ideal einer mechanistischen und
mathematisierten Naturau fassung, nicht übersehen werden. Von Bouilliers Histoire du
cartésianisme (1842) an war der C. Gegenstand philosophiehistorischer Forschungen, wobei er
zunächst als Gegenposition zur aristotelischen Schulphilosophie stilisiert wurde. Seit Bohatecs
Abhandlung über die Cartesische Scholastik (1912) ist jedoch immer deutlicher geworden, dass
anstelle dieser Kontrastierung die Rezeption cartes. Denkens vielmehr ein äußerst komplexer,

/
bis heute keineswegs ausreichend erforschter Prozess ist. Unter dem Titel C. werden in
Abhängigkeit von geographischen, konfessionellen und institutionellen Rahmenbedingungen
sehr unterschiedliche philosophische Positionen subsumiert.

Sicco Lehmann-Brauns

2. Cartesianismus in den Niederlanden

Die früheste Rezeption erfuhr Descartes in seiner Wahlheimat, den reformierten Niederlanden.
Sein als revolutionär wahrgenommenes Denken wurde bereits zu seinen Lebzeiten heftig
diskutiert. Im Zentrum der niederl. Debatten stand die cartes. Methodenlehre, wie sie im
Discours de la méthode (1637) entwickelt und in den Meditationes de prima philosophia (1641)
angewandt worden war: Ausgehend von der Selbstgewissheit des denkenden Ichs sollten
mittels Ableitung und Beweis schrittweise sichere Erkenntisse erlangt werden – unabhängig
von den Lehren und Verfahrensweisen der traditionellen, v. a. der schularistotelischen
Philosophie. Der methodische Ansatz beim selbstdenkenden Ich wurde von den Gegnern
Descartes' als Bedrohung der Theologie und des Konzepts einer von Gott empfangenen
Philosophie (lat. philosophia recepta) aufgefasst. Gegenüber dem Modell einer
Teilhabephilosophie, die philosophische Erkenntnis als Teilhabe am göttlichen Wissen
au fasste, erschien Descartes als Verkünder einer Freiheit der Philosophie (lat. libertas
philosophandi), die unabhängig von allen Vorgaben nur die zweifelsfreien Inhalte der eigenen
Vernunft akzeptierte. Daher verbarg sich hinter den Auseinandersetzungen über den C. sehr
häu g ein Streit über die Freiheit der Philosophie von o fenbarungstheologischen
Vorannahmen.

An der Universität Utrecht kam es bereits 1641 nach einem Disput zwischen Descartes und
dem Theologieprofessor Gisbertus Voetius zu einer Verurteilung der cartes. Philosophie durch
den Senat. Auch an der für ihre geistige O fenheit bekannten Universität in Leiden wurde nach
einer langen Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Gegnern des C. 1647 die
Erwähnung des Namens und der Lehren Descartes' verboten. Dennoch konnten sich nach
Descartes' Tod (1650) seine Anhänger unter den günstigen politischen Umständen des
statthalterfreien »Goldenen Zeitalters« der Niederlande an den Universitäten zunächst
durchsetzen. Ein Jahrzehnt später hatte sich die cartes. Philosophie als fester Bestandteil des
universitären Lehrplans etabliert.

Die Diskussionen über den C. verlagerten sich nun zum einen auf die Physiologie, in der der
cartes. Mechanismus durch Experimente und anatomische Studien ( Franciscus de la Boë
Sylvius) modi ziert wurde (Anatomie). Eine materialistische Tradition cartesianischer
Physiologie, die Lebewesen als Maschinen begri f, reichte im 18. Jh. über Julien O fray de La
Mettrie bis zu Pierre Jean Georges Cabanis. Zum anderen wurde die Tauglichkeit der cartes.
Methode für die Theologie und insbes. für die Auslegung der Heiligen Schrift (Bibel) diskutiert.
Cartesianer wie Lodewijk Meyer vertraten die Au fassung, dass auch der Sinn der Heiligen
Schrift angemessen nur durch die von Vorurteilen befreite Vernunft bei Anwendung der cartes.
Methode erfasst werden könnte [4]. An die Frage nach den theologisch-metaphysischen
/
Implikationen der cartes. Metaphysik schloss nach Arnold Geulincx v. a. Baruch de Spinoza an.
Nach einer ersten kritischen Kommentierung [6] versuchte Spinoza in seiner der
geometrischen Methode (More geometrico) folgenden Ethik, den cartes. Substanzendualismus
durch das Konzept einer sowohl Ausdehnung als auch Denken umfassenden göttlichen
Substanz zu lösen. Im Gefolge der Statthalterschaft Wilhelms III. von Oranien erstarkte in den
Niederlanden seit 1672 wieder die reformierte Orthodoxie (Calvinismus) und bekämpfte in
monatelangen Kampagnen den C. zusammen mit dem irenischen Coccejanismus (Irenik),
ohne jedoch dauerhaft die Fortentwicklung der cartes. Philosophie au alten zu können [7].

Sicco Lehmann-Brauns

3. Cartesianismus im Heiligen Römischen Reich

Nicht allein in den Niederlanden etablierte sich der C. an den Universitäten; er strahlte von
Leiden ins Heilige Römische Reich aus, wo er zunächst vornehmlich an den reformierten
Universitäten rezipiert wurde. Die cartes. Metaphysik ließ sich mit der natürlichen Theologie
der calvinistischen Tradition gut vereinbaren, weil sie (im Gegensatz zur aristotelischen
Metaphysik) ausdrücklich die Lehre von der göttlichen Schöpfung der Welt behauptete
(Schöpfungslehre). Die Hohe Schule (Gymnasium illustre) Herborn wurde 1649 mit der
Berufung des Philosophieprofessors Johannes Clauberg zum Ausgangspunkt des dt. C. [10].
Zusammen mit dem Mathematiker Christoph Wittich trat Clauberg nachdrücklich für die
cartes. Philosophie ein [1]. Im ersten großen dt. C.-Streit standen ihnen Cyriacus Lentulus und
Johannes Heinius entgegen, die sich 1651 mit der landesherrlichen Festschreibung von
Aristotelismus und Ramismus als einzig legitimer Lehre in Herborn durchsetzten. Clauberg
wechselte darau in nach Duisburg, das zum Zentrum des reformierten C. im Reich wurde [2].
Vom zu Brandenburg gehörenden Duisburg breitete sich der C. dann an den brandenburg-
preuß. Universitäten und Gymnasien aus und zwang auch die lutherischen Universitäten, sich
mit ihm auseinanderzusetzen. Durch die Einbindung des C. erst in die reformierte, dann in die
lutherische Schulphilosophie verlor er seine revolutionäre Aura, so dass im 18. Jh. die
Bezugnahme auf cartes. Lehrstücke bald selbstverständlich wurde [9]. Außerhalb der
Universitäten gri f Gottfried Wilhelm Leibniz die Folgelasten der cartes. Metaphysik, insbes.
des Substanzendualismus und des Mechanismus, kritisch auf und versuchte sie durch seine
Monadenlehre und die Annahme einer prästabilisierten Harmonie zu überwinden.

Sicco Lehmann-Brauns

4. Cartesianismus in Frankreich

Die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist, die Descartes als zwei voneinander
getrennte Substanzen beschrieben hatte, stand im Zentrum der Diskussionen in Frankreich
[8]. Bereits die frühen Cartesianer Louis de la Forge und Géraud de Cordemoy vertraten eine
auf Gottes Vermittlungsleistung setzende Lösung, die dann im Occasionalismus des Nicolas
Malebranche (1638–1715) vor dem Hintergrund der Annahme einer vollständigen kausalen
Unabhängigkeit beider Substanzen voneinander radikalisiert wurde: Da aufgrund ihrer
Verschiedenheit weder der ausgedehnte Körper auf den ausdehnungslosen Geist, noch /
andersherum der Geist auf den Körper einzuwirken vermöge, müssen nach Malebranche alle
Wechselbeziehungen als von Gott alleinursächlich bewirkte Interaktionen beschrieben
werden. Die Erkenntnis äußerer Gegenstände beruhe daher nicht auf der Einwirkung dieser
Gegenstände auf die menschlichen Sinne, sondern darauf, dass Gott den Anlass (lat. occasio)
ergreift, ihre Ideen im menschlichen Geist hervorzurufen [3].

Neben der occasionalistischen Richtung spielte in Frankreich auch ein an der cartes. Physik
und deren empirischer Bestätigung interessierter Zweig des C. eine wichtige Rolle: Jacques
Rohault verfasste 1671 ein von Samuel Clarke ins Lateinische übersetztes und häu g
kommentiertes Lehrbuch der cartes. Mechanik, das zur Verbreitung und Diskussion der cartes.
Naturphilosophie bis weit ins 18. Jh. maßgeblich beitrug [5]. Zudem propagierte Rohault in
Vorträgen und physikalischen Darbietungen erfolgreich den physikalischen C., den sein
Schüler Pierre-Sylvain Régis bis nach Südfrankreich trug. Im jansenistischen Kloster Port Royal
entwarfen Antoine Arnauld und Pierre Nicole das berühmte cartes. Lehrbuch der
Erkenntnistheorie und Logik, die Logique ou l'art de penser (1662), dem eine ebenfalls auf
cartes. Prinzipien basierende Grammatik (1660) zur Seite stand. Auch wenn auf Betreiben der
Jesuiten der C. in den 1670er Jahren in Frankreich verboten wurde, so ließ sich sein Vordringen
auch hier nicht au alten. Nach der Popularisierung des C. durch Bernard de Fontenelles
Gespräch über die Vielzahl der Welten (1686) wurde insbes. die königliche Pariser Akademie der
Wissenschaften zu einem Ort cartesianischer Naturwissenschaft.

Sicco Lehmann-Brauns

5. Das 18. Jahrhundert

An Bedeutung verlor der C. im Verlauf des 18. Jh. aufgrund von drei Faktoren: Die cartes. Physik
wurde durch Isaac Newtons auf der In nitesimalrechnung basierende Mechanik fortentwickelt
(In nitesimalien). Allerdings wichen Newton und seine Anhänger in zentralen Fragen v. a. der
Gravitation und Optik von Descartes ab, so dass sich der Gegensatz von C. und
Newtonianismus ausprägte. In der Metaphysik überführten die auf Descartes'
Substanzendualismus reagierenden Systeme Spinozas und Leibniz' cartes. Fragestellungen in
neue Diskussionskontexte. Schließlich verdrängte der Siegeszug des angelsächs. Empirismus
den vernunftdeduktiven C. Dessen Methodenbewusstsein und kritischer Umgang mit
tradierten Lehrmeinungen wirkten jedoch über die Au lärung hinaus fort.

Verwandte Artikel: Aristotelismus | Erkenntnistheorie | Mechanik | Metaphysik | Methode |


Schulphilosophie | Skepsis

Sicco Lehmann-Brauns

Bibliography

Quellen

/
[1] J. C , Defensio Cartesiana, Amsterdam 1652

[2] J. C , Unterschied zwischen der Cartesianischen, und der sonst in Schulen


gebräuchlichen Philosophie, Duisburg 1657

[3] N. M , De la Recherche de la Vérité, Paris 1674–1675

[4] L. M , Philosophia Scripturae Interpres, Amsterdam 1666

[5] J. R , Traité de Physique, Paris 1671

[6] B. S , Renati Descartes Principiorum Philosophiae, Amsterdam 1663.

Sekundärliteratur

[7] P. D , Der Cartesianismus in den Niederlanden, in: J.-P. S (Hrsg.), Grundriß


der Geschichte der Philosophie, Bd. 2: Frankreich und Niederlande, 1993, 349–374

[8] G. R -L , Der Cartesianismus in Frankreich, in: J.-P. S (Hrsg.), Grundriß der


Geschichte der Philosophie, Bd. 2: Frankreich und Niederlande, 1993, 398–445

[9] W. S -B , Die Schulphilosophie in den reformierten Territorien, in: H.


H / W. S -B (Hrsg.), Grundriß der Geschichte der Philosophie, Bd. 4:
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Nord- und Ostmitteleuropa, 2001, 392–447

[10] T . V (Hrsg.), Johannes Clauberg and Cartesian Philosophy in the Seventeenth


Century, 1999

[11] S. V (Hrsg.), Essays on the Philosophy and Science of René Descartes, 1993.

Cite this page

Lehmann-Brauns, Sicco, “Cartesianismus”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_250866>
First published online: 2019

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