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Dampfmaschine
(3,967 words)

1. Allgemeines
Article Table of Contents
Die kontinuierlich genutzte Expansionskraft des
1. Allgemeines
Wasserdampfes erlangte erst mit James Watts
Weiterentwicklung der Newcomen-Maschine in der 2. Denis Papins und Thomas
zweiten Hälfte des 18. Jh.s, nach 1800 dann mit der Saverys Pumpe
Hochdruck-D. erhebliche Bedeutung; die Verwendung der 3. Die Feuermaschine
Dampfturbine setzte erst gegen Ende des 19. Jh.s ein; Newcomens
dennoch besaß die D. eine Initialfunktion für die 4. James Watt und die
Industrialisierung. Sie wurde zuerst im Bergbau Dampfmaschine
verwendet (Montanwesen; Bergbautechnik), dann bald 5. Entwicklung und
auch im Verkehrswesen (Dampfschi f und Eisenbahn). In Verbreitung
einem langfristigen historischen Prozess des technischen
Wandels drängte sie andere Antriebsformen zurück bzw.
löste sie ab.

Die wichtigsten Antriebskräfte neben der tierischen und menschlichen Muskelkraft blieben
nach der Renaissance zunächst der Druck von Wasser (Wasserkraft) und Wind (Windenergie),
deren Umsetzung seit Jahrhunderten durch Mühlensysteme bewirkt wurde. Für stärkere
Druckwirkungen stand seit dem frühen 14. Jh. Sprengpulver zur Verfügung. Zur Entfaltung des
komplexen Artefakts D. trugen unterschiedliche Vorüberlegungen in Theorie und Praxis bei,
die mit neuen experimentell beweisbaren Erkenntnissen (Experiment) und zugleich mit der
Ablösung der überkommenen aristotelischen Interpretation der Natur in Zusammenhang
standen; sie führten zu Vorstellungen von einer berechenbaren, quantitativ verstehbaren Natur
und Welt mit materialistisch gedachter Struktur [20] (Materialismus).

Im Streit um den Charakter des leeren Raumes ( Vakuum) bot sich mit der Entdeckung des
Luftdrucks und seiner Materialität (u. a. durch Evangelista Torricelli im 17. Jh.) eine ubiquitär
verfügbare Kraft an, die – in geeigneter Weise als Unterdruck genutzt – eine unerschöp iche
Energiequelle zur Befriedigung herrschaftlicher und gesellschaftlicher Bedürfnisse zu sein
schien ( Pneumatik). Es fehlte allerdings ein Weg, auf dem in regelmäßigen Abständen ein
/
Unterdruck erzeugt und damit diese Kraft genutzt werden konnte: Zum Auspumpen der aus
zwei Hälften bestehenden Kugeln benötigte Otto von Guericke vier Stunden die Arbeitskraft
zweier kräftiger Männer.

Hilfe bei der Lösung der vielen anstehenden Fragen boten im Meinungs- und
Erkenntnisaustausch des 17. Jh.s der intensive Schriftwechsel von Gelehrten (z. B. Marin
Mersennes) und Institutionen (z. B. die Pariser Akademie der Wissenschaften, gegr. 1666, und
die Londoner Royal Society, gegr. 1662), welche die Ergebnisse etwa von Christiaan Huygens
und Denis Papin lebhaft diskutierten und auch auf die Ergebnisse Isaac Beeckmans von 1614/16
zurückgreifen konnten [8] (Gelehrtenkorrespondenz).

Wol ard Weber

2. Denis Papins und Thomas Saverys Pumpe

Der niederl. Physiker Christiaan Huygens schlug 1681 vor, die Luft unter dem Kolben einer
Pumpe durch Sprengsto f aus dem Zylinder zu treiben, den Kolben dabei zu xieren und nach
Schließung der Auspu öcher den mit der Abkühlung der Luft in das Rohr eintretenden
Kolben zu beobachten. Der franz. Forscher Denis Papin, der seit 1675 ebenfalls bei Robert Boyle
in London experimentierte, verfolgte dabei zwei andere Wege: Zum einen gri f er die Lösung
auf, mit Dampf Druck auf das Wasser in einer mit Ventilklappen ausgestatteten Pumpe (Saug-
Druckpumpe) zu erzeugen.

Sein engl. Konkurrent Thomas Savery (seit 1705 Mitglied der Royal Society) ließ diesen Druck
direkt wirken und erregte mit dieser »Konstruktion Savery« in einem sehr weit gefassten Patent
(1698, 1699–1731) großes Aufsehen: »New invention for raising of water and occasioning motion to
all sorts of mill work by the impellent force of re which will be of great use and advantage for
draining mines, serving towns with water, and for the working of all sorts of mills where they have
not the bene t of water nor of constant winds« (»Neue Er ndung zum Heben von Wasser und
Erzeugen aller Arten von Bewegung für Mühlen, durch die Triebkraft des Feuers, die von
großem Nutzen und Vorteil für das Auspumpen von Bergwerken, für die Versorgung von
Städten mit Wasser und für den Betrieb aller Arten von Mühlen sein wird, wo Wasser oder
ständiger Wind nicht zur Verfügung stehen.«) [11]. Saverys 1702 erschienene Werbeschrift trug
den Titel The miners's friend or an engine to raise water by re (»Bergmanns Freund, oder: eine
Maschine, um Wasser mit Hilfe von Feuer zu heben«; vgl. Abb. 1).

Papin entwickelte die von Savery entworfene Pumpe weiter, indem er einen Kolben zwischen
Dampf und Pumpwasser einsetzte (1707); doch erfüllte diese Verbesserung, die ohne die
Wirkung atmosphärischen Drucks auskam, keine großtechnischen Ansprüche, auch wenn die
Maschine – wie heute nachgewiesen ist – arbeitsfähig war (vgl. Abb. 2).

Papin, seit 1710 wieder in England, gri f daher auf einen schon 1690 von ihm empfohlenen
Mechanismus zur Nutzung des atmosphärischen Drucks zurück. Er ließ diesen in einem
o fenen Zylinder mit Kolben wirksam werden; dies war ein Schritt von einer komplexen und
eleganten (1707) hin zu einer einfachen und erfolgreichen Lösung (vgl. Abb. 3).
/
Diese Idee gri f der mit Savery und Papin bekannte
Thomas Newcomen auf; der Weg des Transfers ist
umstritten.

Wol ard Weber

3. Die Feuermaschine Newcomens

Der engl. Mechaniker Thomas Newcomen und seine


Gehilfen, darunter u. a. John Calley und Humphrey Potter,
arbeiteten bis 1712/13 daran, einen aufrecht stehenden
Einzelzylinder (zunächst aus Messing) mit einem von
oben eingeführten Kolben zu entwickeln, an dessen
oberem Ende eine durch Zug belastbare und mit einem
Balancier (Wagebaum) verbundene Kette befestigt war;
das andere Ende des Wagebaums hob das Pumpgestänge
über dem Schacht an, wenn der Kolben dem Luftdruck in
Richtung des Zylinderbodens folgte. Die Abkühlung des
dampfgefüllten Zylinders bewirkten die Wände des
Zylinders und das über dem Kolben stehende Wasser. Erst
gegen Ende der Entwicklungsarbeit entdeckten Potter Abb. 1: Thomas Saverys
und Newcomen, dass die Kondensation beschleunigt Dampfpumpe, um 1698. In
werden konnte, wenn man Wasser direkt in den Saverys Pumpe wurde Dampf
dampfgefüllten Innenraum spritzte; damit erhielt die aus einem separaten Kessel in
Maschine eine regelbare Dynamik. einen mit Ventilen versehenen
wassergefüllten Zylinder
Newcomens Mitarbeiter Henry Beighton entwickelte 1718 gedrückt: Der Dampf schob das
ein Verfahren, bei dem neben der Kette ein sog. Wasser entsprechend dem
Steuerbaum am Balancier befestigt wurde: Mit dessen (geringen) Druck wie in einer
Hilfe konnten alle Hähne und Ventile zum Ö fnen und Druckpumpe durch ein
Schließen der Dampf- und Wasserleitungen gesteuert Klappenventil nach oben in das
werden. Ein Sicherheitsventil, schon von Papin obere Auslaufrohr. Der im
verwendet, sollte vor einer Überhitzung des Kessels Zylinder verbliebene Dampf
schützen [4]. kondensierte nun, erzeugte
damit Unterdruck und zog durch
Bei den grundsätzlichen Problemen trennte Newcomen – die untere Klappe Wasser in den
wie Papin – die Kraftmaschine von der Pumpe und Zylinder, das dann im folgenden
außerdem die Dampferzeugung von der Kondensation. Arbeitsgang wieder nach oben
Hubbegrenzung, Sicherheitsventil, Entfernung von Luft herausgedrückt wurde. Die
aus dem Zylinder und Speisewasserversorgung waren die geringe Zahl der bewegten Teile
wichtigsten Elemente. Die Leistung der Maschine hing – sogar ein Kolben fehlte hier –
von der Kolben äche ab, unter der die Kondensation gehörte sicherlich zu den
stattfand; Newcomen begann mit einem Durchmesser positiveren Elementen und
von 28 Zoll und ging nur zögernd zu 33 Zoll über. In den zeigte die Herkunft aus dem
/
1760/70er Jahren waren 60 bis 70 Zoll nicht selten. Die Laboratorium an. Doch der nur
Maschinen machten 10 bis 14 Hübe in der Minute, hoben niedrige Druck des Dampfes und
gut zwei Meter (7 Fuß) und leisteten dabei 10 der nur schmale Arbeitszylinder
Pferdestärken. machten die Pumpe keinesfalls
zum »Freund des Bergmanns«.
An den weiteren Entwicklungsarbeiten seiner Maschine Bedeutend war Saverys
beteiligte der Baptist Newcomen in der Folgezeit Überlegung, den Kessel vom
Glaubensbrüder wie den Mechaniker John Calley in Arbeitszylinder zu separieren,
Dartmouth, Devon. 1712 wurde unter dem Schutz des um die Naturkraft des
Savery-Patentes tatsächlich die erste funktionierende D. »atmosphärischen Drucks«
in der Kohlengrube bei Dudley Castle in Süd- technisch nutzbar zu machen
Sta fordshire (nördl. von Birmingham) errichtet (vgl. [19].
Abb. 4). Für die Nutzung des Patentes gründete man 1715
eine nanzstarke Eigentümergemeinschaft, die joint-stock
company (»The proprietors of the invention for raising
water by re«). Diese verfügte in 80 Anteilen über
zusammen 22 000 Pfund (Aktie, Aktiengesellschaft) [4].

Angesichts der andersartigen Wirkungsweise der


Newcomen-Maschine, die durch das Patent Saverys nicht
gedeckt war (wirksam wurde der atmosphärische, nicht
der patentrechtlich geschützte Druck des Dampfes)
Abb. 2: Denis Papins
erlangten Calleys Sohn und der Schwede Mårten Triewald
Hochdruckdampfmaschine ohne
1722 ein eigenes engl. Patent auf 14 Jahre; sie bauten ein
Kondensation, 1698/1707
halbes Dutzend dieser Maschinen, ohne dass es zu einem
(Kupferstich aus: Denis Papin,
Verbotsverfahren durch Newcomen kam, der 1729 starb.
Ars nova ad aquam ignis
Triewald kehrte 1726 nach Schweden zurück und
adminiculo e cacissime
konzipierte dort die D. für die Kupfergrube von
elevandam, 1707). Der in einem
Dannemora (nördl. von Uppsala), die freilich nicht zum
Kessel erzeugte Dampf drückt
Pumpen, sondern zum Heben von Erzen gedacht war,
im Zylinder mithilfe eines
jedoch zu keinem dauerhaften Einsatz kam [11]; zur
schwimmenden Kolbens das
weiteren Verbreitung vgl. [5]; [7]; [12]; [21]; [23]. So nahm
Wasser über einen Windkessel in
die Eigentümergesellschaft Saverys für jede Maschine, die
ein Steigrohr. Stellt man den
nach »ihrem Prinzip« arbeitete, zwischen 80 und 400
Dampf ab, füllt sich der Zylinder
brit. Pfund jährlich ein, immerhin eine 11 %ige Verzinsung
wieder mit Wasser, der Ablauf
des eingesetzten Kapitals [4].
beginnt von vorn [10. 187].
Zusammen mit Newcomen hatte auch Joseph
Hornblower um 1718 Maschinen erbaut, die in den Folgejahren in Cornwall in den dortigen
Zinnbergwerken eingesetzt wurde (ebenso sein Sohn Josiah ab 1753/55 für die amerikan.
Kolonien Englands).

/
Henry Beighton hatte schon 1717, Thomas Barney dann
1719 detaillierte Zeichnungen der Newcomen-Maschinen
erstellt und vertrieben (u. a. an Mårten Triewald aus
Schweden), die in ganz Europa großes Interesse erregten.
Jacob Leupold publizierte 1725 sogar eine Hochdruck-D.,
Desaguliers und Triewald folgten (nach Ablauf des
Patents) 1734 mit Verö fentlichungen über diese
Maschinen; schon wesentlich früher, ab 1720, waren
jedoch erste Nachbauten auf dem Kontinent erfolgt [4];
[7]; [23]. John O'Kelly, der bei der Arbeit mit Potters
Ne fen Isaac Potter und Henry Beighton Erfahrungen
beim Bau der Maschine gesammelt hatte, errichtete
1721/23 eine Maschine für ein Bergwerk bei Lüttich.

Isaac Potter zog aus dem unter Habsburger Regentschaft


stehenden Lüttich weiter nach Wien und erhielt in einem
Vertrag 1721 eine unglaublich hohe Summe für den Fall
zugesprochen, dass er die Silberbergwerke bei Schemnitz
(Königsberg, Nova Bana, seit 1724 in Betrieb) entwässern
könne. Er baute dort – später zusammen mit Joseph
Emanuel Fischer von Erlach (der 1723 eine
Springbrunnen-Maschine in Wien errichtete) – eine
Reihe weiterer Newcomen Maschinen [4]; [2]; [21]. In
Frankreich erhielt der Mitinhaber der Proprietors-
Gesellschaft John Meres (unter dem Namen John May)
über die Vermittlung Réaumurs und der Pariser Abb. 3: Denis Papin,
Akademie 1727 ein Exklusivprivileg für 20 Jahre [4. 79]. In Dampfzylinder, 1690
diesem Land wurden die meisten atmosphärischen (Kupferstich aus: Acta
Maschinen auf dem Kontinent erbaut; sie blieben aber eruditorum, 1690). Erzeugung
mit wenigen Ausnahmen nicht dauerhaft in Betrieb, da von Unterdruck durch die
dieser extrem kostenträchtig war, wo die entsprechenden Kondensation von Wasserdampf.
Kohlevorkommen fehlten. 1726 wurde bei Passy (Paris) – Im unteren Teil des Zylinders
zeitgleich mit London – eine atmosphärische Maschine wird Wasser mithilfe von Feuer
zum Wasserheben für die Großstadtversorgung zum Sieden gebracht, der
angelassen, während sie sonst nur in den Montanrevieren entstehende Dampf bewegt den
eingesetzt wurde (Kohlen; Zinn). Kolben in die Höhe. Mit der
Abkühlung des Zylinders
Wol ard Weber entsteht durch die Verdichtung
des Wasserdampfs Unterdruck;
4. James Watt und die Dampfmaschine der oben festgestellte Kolben
wird nun freigegeben und durch
Als in England das Newcomen-Patent 1733 ablief, hatte den Luftdruck im oben o fenen
man schon über 100 Maschinen fast ausschließlich für Zylinder nach unten geschoben
den Kohlenbergbau errichtet. Damit war der Wettlauf der [10. 185 f.].
/
Konstrukteure freigegeben, diesen komplexen
Mechanismus zu verbessern [4]. John Smeatons
Experimente bildeten den wesentlichen Übergang zu
einer auf Funktion bzw. auf e ziente Mechanik
setzenden Entwicklung. Er dimensionierte die
Steuerungen an der Newcomen-Maschine so, dass eine
Drehbewegung möglich wurde. Damit konnte er die
Wirksamkeit – d. h. die Hubmenge Wasser pro
eingesetzter Kohlenmenge – verdoppeln; 2 000
Newcomen-Maschinen waren Ende des 18. Jh.s erbaut.

Auch James Watt setzte diesen von Smeaton


eingeschlagenen Weg der verbesserten Mechanik fort. Mit
der Kraftübertragung – zwischen Balancier und Abb. 4: Thomas Newcomens
schiebender Kolbenstange war eine Gradführung atmosphärische
unabänderlich notwendig – durch das Parallelogramm Dampfmaschine von Dudley
erreichte er eine Sternstunde der Mechanik, von der Castle, 1712/13 (Kupferstich von
Umgehung der in England seit Jahrhunderten in Thomas Barney, 1719). Die
Gebrauch be ndlichen – aber plötzlich 1780 Newcomen Engine zeigt den
patentgeschützten – Kurbel durch das Planetengetriebe gewaltigen bautechnischen
einmal ganz abgesehen (vgl. Abb. 5). Sein Verdienst als Aufwand, den ein solches
Innovator der D. bestand nun aber gerade darin, sich mit Einzelstück benötigte.
dieser Art der mechanischen Verbesserung zunächst Dampferzeugung im Kessel (A),
nicht aufzuhalten. Als der gelernte Geometer und geübte Arbeits- und
Experimentator 1765/66 im Laboratorium der Universität Kondensationsraum im Zylinder
Glasgow die Aufgabe erhielt, ein funktionsuntüchtiges (B) sind nun deutlich
Modell einer Newcomen-Maschine wiederherzustellen, voneinander getrennt; ein
untersuchte er in Absprache mit dem Chemieprofessor Steuerbaum (C; für die Auf- und
Joseph Black die im Dampf enthaltene Wärmemenge, die Abwärtsbewegung) hängt nahe
beim Kondensationsvorgang immer wieder in großem dem Zuggestänge (D) ebenfalls
Umfang verloren ging und dem Zylinder bei jedem Hub am Balancier, ö fnet und schließt
erneut zugeführt werden musste [5]; [16]. die erforderlichen Hähne und
bedient die Luftpumpe (E). Die
Watt verlegte den Kondensationsvorgang daher in einen Darstellung des Kolbens fehlt; er
mit dem Arbeitszylinder verbundenen eigenen Zylinder, erhält aber auf der Oberseite
der den Dampf mit Hilfe einer Pumpe aufnahm. Damit »Dichtungswasser« (F).
konnten sowohl der Arbeitszylinder wie auch der
Kondensator ihre Arbeitstemperaturen (warm, kalt)
beibehalten und der Energieaufwand für den jeweiligen Temperaturwechsel eingespart
werden. Zur Aufrechterhaltung der Temperatur legte Watt auch noch einen Isoliermantel um
den Arbeitszylinder und tauchte den Kondensator in kaltes Wasser. Nach der Herauslösung der
Pumpe und des Kessels aus dem Arbeitszylinder folgte hiermit eine weitere »Arbeitsteilung«
durch Abspaltung des Kondensationsvorgangs, mit der »die Natur« nun zu deutlich höheren
Arbeitsleistungen angeregt werden konnte.
/
Um das Patent pro tabel nutzen zu können, musste sich
Watt – wie schon vor ihm Newcomen – mit einem
Geldgeber verbinden, den er 1768–1772 in John Roebuck
fand. Der separate Kondensator wurde mit dem Patent
von 1769 (Nr. 913) geschützt [16]. Dieser Schutz galt für
das Verfahren, den Damp ehälter (so nannte Watt den
bisherigen Zylinder) heiß zu halten, ihn von außen
wärmetechnisch zu isolieren und kaltes Wasser aus ihm
fernzuhalten; für den Anbau eines separaten und kalt Abb. 5: Dampfmaschine von
gehaltenen Kondensators und für das Absaugen des James Watt, 1784 (nach: John
Restdampfes aus dem Damp ehälter; für die Ausnutzung Farey, A Treatise on the Steam
der Dampfexpansion; für eine Kreis-D.; für die alternative Engine, 1827). Watt und Boulton
Wirkung von Expansion und Kondensation auf den wurden 1780 durch fremde
Kolben; und für besonderes Abdichtungsmaterial Patente (u. a. auf die seit
zwischen Kolben und Dampfgefäß [16]. Jahrhunderten bekannte Kurbel)
und die erlangte Verlängerung
Als die Entwicklungen Watts sich 1774 einem Abschluss des Watt-Patentes
näherten, geriet Roebuck in nanzielle Schwierigkeiten, herausgefordert, praktische
doch fand Watt in Matthew Boulton einen Schritte in Richtung
erfolgreicheren Finanzier, mit dem er ab 1775 eine Drehbewegung zu
Partnerschaft [6] einging und dessen Freunde im House unternehmen. Dazu gehörten
of Commons das auf 14 Jahre laufende Patent von 1769 eine Reihe von Patenten 1781 bis
angesichts der vielen Verzögerungen 1776 um weitere 25  1784: die Expansionskraft des
Jahre zu verlängern halfen. Zudem erlangte John Dampfes sollte genutzt und der
Wilkinson 1784 ein Patent zum präzisen Ausbohren von Kolben von beiden Seiten
großen Zylindern, mit denen nun auch Watt beliefert beaufschlagt werden (A); dies
wurde. hatte erheblich Rückwirkungen
auf konstruktive Elemente wie
Franz. Unternehmer, Militärs und Wissenschaftler hatten die Neugestaltung (u. a.
trotz der kolonialen Rivalität den Kontakt zu London Verstärkung) des Balanciers, der
nicht verloren [9]; [18]. Mitte der 1770er Jahre nun einem Druckwechsel
konkurrierten zumindest vier Interessenten, von ausgesetzt wurde; zudem musste
verschiedenen Pariser Regierungsstellen unterstützt, um die Kolbenstange eine
franz. Privilegien, um den Kauf und die Lieferung einer Geradführung (B) erhalten, die
Watt-Maschine. Nachdem 1776 Watts Patent bis 1800 das Parallelogramm sicherstellte.
verlängert worden war, erhielt schließlich Jacques Ferner musste zwecks
Constantin Périer den Zuschlag (Privileg 1777, Kaufvertrag Umgehung des Kurbelpatents
1779), der mit seinem Bruder eine ein Planetengetriebe (C) für die
Wasserversorgungsgesellschaft für Paris gegründet hatte Umsetzung in eine Rotation
[16. 152–155, 264 f.]. Die Maschine wurde noch 1779 entwickelt werden. Schließlich
geliefert und nahm in Chaillot bei Paris ihre Tätigkeit auf setzte Watt eine Drosselkappe
[16. 267–274]. Zeitgleich mit Périer verhandelte Preußen ein, die durch umlaufende
1779 über die Lieferung einer Maschine für den Kugeln, welche sich hoben und
Hettstedter Kupferbergbau [3]; [17]; [22]; dafür mussten senkten, gesteuert wurde und so
/
1785 weitere engl. Teile angescha ft und schließlich auch ein ganz frühes
ein engl. Mechaniker angeheuert werden, so dass sie erst Rückkopplungselement (D) in
1790 befriedigend lief [24]. der Mechanik darstellte, um die
Umlaufgeschwindigkeit des
Nach Neuerungen Watts, die den Wirkungsgrad erheblich Rades zu stabilisieren.
verbesserten und den Kohleverbrauch reduzierten,
konnten zahlreiche Betriebe, denen selbst keine Kohle
zur Verfügung stand, den Brennsto f für die D. nanzieren. Die ö fentlich erwartete
revolutionäre Wirkung einer kraftvollen Drehbewegung für die bislang von Wasserrädern
getriebenen Maschinen wurde erst mit weiteren Patenten erreicht (1781: doppeltwirkender
Zylinder, d. h. der Antriebsdruck wirkte nacheinander auf beide Seiten des Kolbens und
brachte daher eine gleichmäßige Drehbewegung zustande; 1784 Gestänge, das die
Druckbewegung der Kolbenstange gegen den Balancier und damit »parallel motion« erlaubte;
1785 rauchloser Kessel und doppelwirkende D. in Betrieb). So ging Watt Schritt für Schritt auf
die Bedürfnisse potentieller Käufer ein, ohne allerdings seinen sog. governor (den
rückgekoppelten Mechanismus zur stabilen Leistungsabgabe) vor Nachahmung schützen zu
können. Tatkräftige Hilfe hatte er in William Murdock und John Southern.

Erst als die Watt'schen Patente 1800 abgelaufen waren, bot sich einer großen Zahl von
Konstrukteuren die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Die von Watt erbauten Maschinen
wurden zunächst – wie auch die Newcomens – im Wesentlichen an ihrem Standort selbst
erbaut, Steuerung (von Watt) und Zylinder (von Wilkinson) wurden separat gefertigt.
Schließlich errichteten Boulton und Watt in Soho bei Birmingham 1794 eine eigene Fabrik für
D. Zur Ausbreitung der Watt-Maschinen vgl. [5]; [7]; [12]; [18]; [24].

Wol ard Weber

5. Entwicklung und Verbreitung

In der weiteren Entwicklung der D. fällt zunächst die Vielzahl der denkbaren Anordnungen
von Funktionselementen auf: Kessel (Feuerrohrkessel durch Richard Trevithick 1811,
Wasserrohrkessel durch Ernst Alban 1840/50, Feuerungsroste), Zylinder, Kurbelwelle, Balancier
(und seine Umgehung), Gestell, Schwungrad, Kraftübertragung vom Kolben auf die
Arbeitsmaschine (darunter Kurbel und Kreuzkopf) – all diese Zuordnungen wurden den
Bedürfnissen angepasst und mussten technisch in Form und Werksto f optimiert werden
(äußere Verbesserungen); so entstanden die Bügel-, Block-, Turm- und Hammermaschinen
sowie im Jahrzehnt vor 1840 die liegenden (mit Kreuzkop führung für die Geradführung der
Kolbenstange) und die oszillierenden Zylindermaschinen. Dabei konnte die Übertragung auch
fortfallen und die Kolbenstange in einem umgedreht aufgebauten Zylinder direkt auf das
Pumpengestänge wirken, wie Watt schon 1765/6 überlegt hatte (Cornwallmaschine) [22].

Der andere Pfad der Weiterentwicklung lag auf dem Weg der »inneren Optimierung« der
Hochdruckmaschine zur besseren thermischen Nutzung, der genaueren Steuerung (erst mit
der Schiebersteuerung durch G. H. Corliss 1848 begann das Zeitalter der Präzisions-D., die bei
gleicher Leistung die Hälfte des Dampfverbrauches ersparte) und
/
Mehrfachexpansionsmaschinen: Schon Watts Konkurrent Jonathan Hornblower hatte 1781 ein
Patent dafür erhalten (1790/91 erbaut, 1793 wieder aberkannt), den Restdampf des ersten
Zylinders in einen zweiten, breiteren zu leiten, um die noch vorhandene Expansionskraft zu
nutzen. Dessen Mitarbeitern Arthur Woolf und Richard Trevithick gelang es dann 1804/06,
höheren Dampfdruck in zwei Zylindern nacheinander wirken zu lassen. Für Schi fsmaschinen
( Dampfschi f) gri fen die Kolbenstangen in um 90 ° versetzte Kurbeln ein, um ein besseres
Drehmoment zu erhalten; so schufen sie eine ganze »Familie« von sparsamen Mehrzylinder
Maschinen, die – sobald ein Behälter (receiver) für den Übergang dazwischen geschaltet wurde
– Compound-Maschinen genannt wurden. In Deutschland baute G. M. Roentgen eine solche
Maschine 1829 in das Dampfschi f »Hercules« ein.

Das Streben nach technischer und wirtschaftlicher Anpassung an solche technisch-


industriellen Erfordernisse kam nach 1800 in folgenden Trends zum Ausdruck: Verbesserung
der Mechanisierung und Automatisierung, Leistungserhöhung, verbesserter Wirkungsgrad und
größere Leistungsdichte, d. h. geringerer Raumbedarf [22].

Weitere Anpassungen an neue Verwendungszwecke erlebte die Kolben-D.: Neben ihrem


stationären Einsatz als Pumpe (Solehebung in Gradierwerken, Wasserhebung in Gruben, beim
Verkehrswegebau, Wasserversorgung in Hamburg 1848, Nutzung für Gebläse, bes. im
Eisenhüttenwesen, z. B. schon 1761 im schott. Carron) wurde sie für die Förderung im Bergbau
(im Ruhrgebiet zuerst auf den Essener Zechen Sälzer und Neuack 1811) und als Antrieb für
Transmissionen in Fabriken herangezogen (England: seit 1785; Berlin: Spinnerei Sieburg 1791,
Sachsen: 1820 in Mühlau; zum Walzen 1838 bei der Guteho fnungshütte Oberhausen). Dann
wurde die Kolben-D. für immer weitere Zwecke genutzt, v. a. im sich entwickelnden
Verkehrswesen für Schi fsantriebe (Schi fsbau) und für Eisenbahnen, die jeweils tiefgehende
Veränderungen in den Konstruktionsprinzipien mit sich brachten: Für die Schi fe war
Funktionsstabilität bei hoher Leistung und geringem Kohlenverbrauch erforderlich, bei der
Eisenbahn hohes Drehmoment und hohe Geschwindigkeit (Tempo) bzw. Umdrehung bei
begrenzten äußeren Maßen. Obwohl die D. für Lokomotiven später als die Schi fsmaschinen
eingesetzt wurden, sollten sie sich für den Industrialisierungsvorgang als gewichtiger erweisen.

Die technischen Neuerungen erzielten viele konkrete Verbesserungen: sowohl bei der Größe
der Maschinen und bei ihrer Fertigung als auch bei den Kesseln, die bei Hochdruckmaschinen
druckfester gemacht werden mussten, bei der Feuerung (Roste) sowie bei der Umsteuerung
(im Verkehr). Aufgrund dieser Folgeinnovationen erweiterte sich das Anwendungsgebiet der D.
über den Bergbau hinaus bes. auf das Verkehrswesen (Transport und Verkehr) und auf die
gewerbliche Produktion; hier setzte sich, ausgehend von Großbritannien, die Damp raft im
ersten Drittel des 19. Jh.s bei der Mechanisierung zunehmend durch. So hatte die engl.
Textilindustrie 1838 bereits 3 000 D. mit ca. 34 000 PS in Betrieb, aber nur mehr 2 330
Wasserräder mit 28 000 PS installiert (Wasserkraft) [15. 168].

Wenn man die Mechanisierung sowohl als alleinige materielle (und konzeptuelle)
Voraussetzung als auch als alleiniges Paradigma für den industriellen Produktionsvorgang
betrachtet, so fehlt der Blick auf die nur begrenzt zur Verfügung stehenden natürlichen
/
Ressourcen, die zum Antrieb von Technik und Verkehr notwendig sind. Der mit der Nutzung
der Steinkohle fortschreitende Maschinenbau aus Eisen und Stahl, der die technischen
Erkenntnisse der Naturwissenschaften nutzte, gehört (als Paradigma des
Schwermaschinenbaus) mit zu den Grundlagen, auf denen sich bis in die zweite Hälfte des 19. 
Jh.s die industriellen Gesellschaften Europas und der USA entwickelten.

Verwandte Artikel: Energie | Er ndung | Industrialisierung | Maschine | Maschinenbau |


Mechanisierung | Patentrecht | Technischer Wandel

Wol ard Weber

Bibliography

Quellen

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Sekundärliteratur

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[24] W. W , Preußische Transferpolitik, in: Technikgeschichte 50, 1983, 181–196

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Weber, Wol ard, “Dampfmaschine”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_252711>
First published online: 2019

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