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Arbeitsgemeinschaft Schuldrecht I – Sommersemester 2020 Justin Schippers

Lösungsvorschlag zu Fall 3: Einen Onkel muss man haben1


A. Frage 1: Anspruch des V gegen S auf Zahlung von 100 € gemäß §§ 488 Abs. 1 S. 2,
398 BGB

V könnte gegen S einen Anspruch auf Zahlung von 100 € aus der abgetretenen
Darlehensforderung gemäß §§ 488 Abs. 1 S. 2, 398 BGB haben.

I. Anspruch entstanden

Ein Anspruch zwischen V und S direkt ist nicht entstanden. V könnte der Anspruch aber aus
abgetretenem Recht zustehen, § 398 S. 2 BGB. Dann müsste ihm eine bestehende Forderung
gegen S wirksam abgetreten worden sein.

Bei der Abtretung (auch Zession) handelt es sich um die Übertragung einer Forderung vom
Zedenten (dem bisherigen Gläubiger der Forderung, Altgläubiger) auf den Zessionar (den
Neugläubiger) nach § 398 BGB. Übertragen wird also das subjektive Recht, von jemandem
eine Handlung oder ein Unterlassen zu fordern (§ 241 Abs. 1 BGB). Zu unterscheiden ist
die gesetzlich angeordnete Übertragung (cessio legis) und die rechtsgeschäftliche.

Die rechtsgeschäftliche Abtretung ähnelt der Eigentumsübertragung nach § 929 S. 1 BGB:


Es handelt sich um eine Verfügung, daher gilt das Trennungs- und Abstraktionsprinzip. Die
Abtretung ist also vom zugrunde liegenden Verpflichtungsgeschäft, bspw. dem
Forderungskauf (Kaufvertrag nach § 453 BGB), strikt zu unterscheiden.

1. Verfügungsvertrag

Die Abtretung setzt zunächst eine Einigung zwischen K als Zedenten und V als Zessionar
voraus, § 398 S. 1 BGB. Erforderlich sind zwei übereinstimmende, in Bezug aufeinander
abgegebene Willenserklärungen, in der Regel Angebot und Annahme (§§ 145 ff. BGB). K hat
durch sein Schreiben ein Angebot auf Abschluss einer Verfügung zur Übertragung der
Forderung gegen S abgegeben. Dieses ist zugegangen und war auch im Übrigen wirksam.

Fraglich ist, ob eine Annahme seitens V vorliegt. Ausdrücklich hat V sich nicht erklärt. In
Betracht kommt aber eine konkludente Annahme: Durch die Geltendmachung der Forderung
gegenüber S verhält sich V wie ein Gläubiger, was die Annahme der Abtretung voraussetzt.
Aus der Sicht eines objektiven Betrachters nimmt V die Abtretung an. Ein Zugang ist nach §
151 S. 1 BGB nicht erforderlich. Damit liegt eine wirksame Verfügung vor.

2. Bestehen der Forderung

Laut Sachverhalt besteht eine Forderung des K gegen S auf Rückzahlung eines Darlehens in
Höhe von 100 Euro (§§ 488 Abs. 1 S. 2 BGB). K ist auch Inhaber dieser Forderung und damit
verfügungsbefugt.

3. Bestimmbarkeit der Forderung

In seinem Schreiben bezeichnet K die Forderung gegen S ausreichend genau, sodass die
Bestimmbarkeit gegeben ist.

4. Abtretbarkeit

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Nach Fritzsche, Fälle zum SchuldR I, 5. Aufl., 2013, Fall 3 S. 30 ff.
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Für gesetzliche oder vertragliche Abtretungsverbote bestehen keine Anhaltspunkte.

5. Zwischenergebnis

Damit ist die Forderung des K gegen S auf Rückzahlung eines Darlehens in Höhe von 100
Euro auf V gemäß § 398 S. 2 BGB übergegangen. V steht damit dieser Anspruch zu.

II. Anspruch untergegangen

Der Anspruch könnte untergegangen sein. Die Forderung des V (Hauptforderung) könnte
durch die Aufrechnung mit der Forderung des S gegen K (Gegenforderung) erloschen sein, §
389 BGB.

Die Aufrechnung (§§ 387 ff. BGB) stellt ein Erfüllungssurrogat dar, d.h. statt die gemäß der
Hauptforderung geschuldete Leistung zu erbringen, rechnet der Schuldner mit einer ihm
gegen den Gläubiger zustehenden Forderung (Gegenforderung) auf, wodurch sich beide
Forderungen aufheben und erlöschen (vorausgesetzt sie bestanden in selber Höhe). Damit
ist die Aufrechnung eine weitere rechtsvernichtende Einwendung.

1. Aufrechnungslage, § 387 BGB

Zunächst müsste für eine wirksame Aufrechnung eine Aufrechnungslage gegeben sein. Die
Voraussetzungen sind in § 387 BGB geregelt.

a) Gegenseitigkeit der Forderungen

Die in Frage stehenden Forderungen müssten zwischen denselben Parteien bestehen. Der
abgetretenen Darlehensforderung des V müsste demnach eine Forderung des S
gegenüberstehen, die sich gegen V richtet. Die Kaufpreisforderung, mit der S aufrechnen will,
richtet sich jedoch gegen K. Damit ist keine Gegenseitigkeit im Sinne des § 387 BGB gegeben.

Es könnte jedoch nach § 406 BGB eine Ausnahme vorliegen. Diese Regelung sieht vor, dass
der Schuldner die abgetretene Forderung (Hauptforderung) mit einer Gegenforderung
aufrechnen kann, die ihm nicht gegenüber dem Zessionar (Neugläubiger), sondern gegenüber
dem Zedenten (Altgläubiger) zusteht.

Hintergrund der Regelung ist, dass ohne sie S nach der Abtretung erheblich schlechter
stünde als zuvor. Vor der Abtretung hätte er die Möglichkeit gehabt, die Darlehensforderung
des K mit seiner Kaufpreisforderung aufzurechnen. Angesichts der Vermögenslosigkeit des
K besteht die veritable Gefahr, dass dieser die Kaufpreisforderung des S auf längere Sicht
nicht erfüllen kann. Durch die Aufrechnung mit der Darlehensforderung erhält S seinen
Kaufpreis durch die Ersparnis der Rückzahlung in anderer Form. Wäre eine Aufrechnung
nach der Abtretung nicht mehr möglich, verbliebe S nur noch die möglicherweise nicht mehr
zu verwirklichende Kaufpreisforderung gegen K, obwohl er keinen Einfluss auf die Abtretung
nehmen konnte, da insbesondere seine Zustimmung nicht erforderlich ist, er noch nicht
einmal etwas von der Abtretung erfahren muss.

Die Voraussetzungen des § 406 BGB liegen vor. S hatte zum Zeitpunkt des Entstehens bzw.
der Fälligkeit seiner Gegenforderung keine Kenntnis der Abtretung; die Ausschlüsse des § 406
Hs. 2 BGB sind daher nicht gegeben. Somit ist das Erfordernis der Gegenseitigkeit nach §§
387, 406 BGB gewahrt.

b) Gleichartigkeit der Forderungen

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Weiterhin muss Gleichartigkeit vorliegen. Es handelt sich um zwei Geldschulden.


Gleichartigkeit ist daher gegeben.

c) Wirksamkeit und Durchsetzbarkeit der Gegenforderung

Die Gegenforderung (Kaufpreisforderung des S) müsste durchsetzbar, also wirksam und fällig
sein. Es dürfen ihr keine Einreden entgegenstehen (§ 390 BGB). Diese Voraussetzungen sind
laut Sachverhalt gegeben; es sind keine Anhaltspunkte für Einreden ersichtlich.

d) Wirksamkeit und Erfüllbarkeit der Hauptforderung

Die Hauptforderung (an V abgetretene Darlehensforderung des K gegen S) müsste wirksam


und erfüllbar (nicht unbedingt fällig oder einredefrei) sein. Dies ist ebenfalls der Fall.

2. Aufrechnungserklärung

S müsste die Aufrechnung erklärt haben, § 388 BGB. Es handelt sich bei dieser Erklärung um
eine Gestaltungserklärung ähnlich der Anfechtung o.ä., d.h. eine empfangsbedürftige,
bedingungsfeindliche (§ 388 S. 2 BGB) Willenserklärung. S hat die Aufrechnung
bedingungslos erklärt; die Erklärung ist dem Aufrechnungsgegner, hier gemäß § 406 BGB V
statt K, auch zugegangen.

3. Kein Ausschluss der Aufrechnung

Die Aufrechnung dürfte nicht durch Gesetz (etwa §§ 392–394 BGB) oder Vertrag
ausgeschlossen sein.

4. Zwischenergebnis

Die Aufrechnung des S war wirksam. Nach § 389 BGB erlöschen daher die beiden
Forderungen, soweit sie sich decken. Beide Forderungen lauteten auf Zahlung von jeweils 100
Euro, somit waren sie deckungsgleich und erlöschen beide vollständig. Dieses Erlöschen wirkt
auf den Zeitpunkt zurück, in dem sie sich gegenüber getreten sind. Dieser Zeitpunkt ist aus
dem Sachverhalt nicht weiter ersichtlich, letztlich aber auch nicht relevant. Jedenfalls ist der
Anspruch des V rückwirkend erloschen.

III. Ergebnis

V hat keinen Anspruch auf Zahlung von 100 Euro gegen S aus abgetretenem Recht gemäß
§§ 488 Abs. 1 S. 2, 398 BGB.

B. Frage 2: Anspruch des V gegen K auf Kaufpreiszahlung aus Kaufvertrag, § 433 Abs.
2 BGB

V könnte gegen K einen Anspruch auf Kaufpreiszahlung in Höhe von 100 Euro aus Kaufvertrag
gemäß § 433 Abs. 2 BGB haben.

I. Anspruch entstanden

Der Anspruch des V gegen K auf Kaufpreiszahlung ist nach §§ 433, 145, 147 Abs. 1 BGB
entstanden.

II. Anspruch erloschen

Der Anspruch dürfte nicht erloschen sein.

1. Erfüllung, § 362 Abs. 1 BGB


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Der Anspruch könnte durch Erfüllung nach § 362 Abs. 1 BGB erloschen sein. Dazu müsste K
die geschuldete Leistung bewirkt haben, also dem V 100 Euro gezahlt haben. Hier liegt aber
keine Zahlung durch K vor. Damit ist keine Erfüllung nach § 362 Abs. 1 BGB eingetreten.

2. Annahme einer Leistung an Erfüllungs statt, § 364 Abs. 1 BGB

Der Anspruch könnte durch die Annahme einer Leistung an Erfüllungs statt nach § 364 Abs. 1
BGB erloschen sein. Als Leistung kommt die Abtretung des Darlehensanspruchs gegen S
gemäß § 398 BGB in Betracht. V müsste als Gläubiger zum einen die Abtretung und zum
anderen diese als Leistung an Erfüllungs statt angenommen haben. Dies setzt eine Einigung
über die Abtretung und über die Erfüllungswirkung der an sich falschen Leistung voraus.

Eine solche Einigung besteht aus zwei übereinstimmenden, in Bezug aufeinander


abgegebenen Willenserklärungen, in der Regel Angebot und Annahme. In dem Schreiben des
K liegt ein Angebot (sowohl für den Abtretungsvertrag als auch für die Annahme als Erfüllung).
Das Angebot zur Abtretung der Forderung gegen S hat V, wie festgestellt, konkludent
angenommen. Im Rahmen des Erlöschens der Kaufpreisforderung kommt es nur darauf an,
ob er diese Abtretung auch an Erfüllungs statt angenommen hat (§ 364 Abs. 1 BGB) oder nur
erfüllungshalber (§ 364 Abs. 2 BGB). Für die Erfüllungswirkung der Abtretung ist die spätere
Aufrechnung des S unerheblich.

§ 364 Abs. 1 BGB: Annahme an Erfüllungs statt: Der Gläubiger nimmt eine Leistung, die
nicht der geschuldeten entspricht, als eine solche an. Es tritt Erfüllung ein.

§ 364 Abs. 2 BGB: Annahme erfüllungshalber: Der Gläubiger nimmt ebenfalls eine andere
Leistung als die geschuldete an, es tritt aber nicht Erfüllung ein, sondern der Gläubiger soll
sich primär aus dieser Leistung befriedigen. Gelingt das nicht, steht ihm nach wie vor die
ursprüngliche Forderung zu.

Ein Beispiel: A schuldet B noch 100 Euro. Da er gerade keine Geldreserven hat, gibt er B
seine Uhr im Wert von 100 Euro. Geschuldet ist ein Geldbetrag; geleistet wird ein
Sachgegenstand. Die Annahme erfüllungshalber bedeutet, dass B nun erst einmal die Uhr
verkaufen muss, bevor er wieder an A herantreten darf. Kann er die Uhr für 100 Euro
verkaufen, tritt Erfüllung ein (er hat ja sein Geld). Kann er sie nur für 50 Euro oder gar nicht
verkaufen, kann er von A den Rest bzw. wieder den vollen Betrag verlangen, da die
ursprüngliche Forderung gerade nicht (wie bei der Annahme an Erfüllungs statt) erloschen
ist.

Es ist zu berücksichtigen, dass V nicht wissen konnte, ob der abgetretene Anspruch einredefrei
besteht. Weiterhin ist dem V die Bonität des S unbekannt. Objektiv betrachtet lag es daher
nicht im Interesse des V seine Forderung gegen K aufzugeben. Aufgrund dieser Sachlage
stellt das BGB in § 364 Abs. 2 BGB eine Vermutungsregel auf, die zwar nicht unmittelbar, aber
nach herrschender Meinung auf den vorliegenden Fall der Abtretung als Erfüllungsleistung
entsprechend anwendbar ist.2

Damit liegt nur eine Annahme der Abtretung erfüllungshalber vor. Es besteht für V eine
zusätzliche Befriedigungsmöglichkeit, die ursprüngliche Forderung gegen K erlischt aber erst,

2
Vgl. MüKo-Fetzer, BGB, 6. Aufl., 2013, § 364 Rn. 8 m.w.N.
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wenn sich die Befriedigungsmöglichkeit realisiert hat. Hier hat sich diese Möglichkeit nicht
realisiert, da S nicht gezahlt hat. Die ursprüngliche Kaufpreisforderung ist nicht erloschen.

III. Anspruch durchsetzbar

Der Anspruch müsste auch durchsetzbar sein.

1. Einrede der Stundung

Der Anspruch wäre nicht durchsetzbar, wenn er gestundet wurde.

Die Stundung stellt grundsätzlich eine Vereinbarung zwischen den Parteien über die
Fälligkeit dar. Stunden die Parteien einen Anspruch, entfällt die Fälligkeit und er kann bis
zum Ablauf der Stundung (d.h. bis zum Wiedereintritt der Fälligkeit) nicht geltend gemacht
werden. Es handelt sich nach h. M. um eine rechtshemmende Einrede.3

Bei einer Annahme einer nicht geschuldeten Leistung erfüllungshalber vereinbaren die
Parteien konkludent, dass die in Frage stehende Forderung so lange gestundet ist, wie der
Gläubiger verpflichtet ist zu versuchen, sich aus dem erfüllungshalber Geleisteten zu
befriedigen. Mit der Annahme einer Leistung erfüllungshalber ist für den Gläubiger die Pflicht
verbunden, sich zunächst aus dem Geleisteten zu befriedigen. Tut er das nicht, kann der
Schuldner die Einrede der Stundung erheben.4 Erst wenn die Befriedigung aus dem
Geleisteten scheitert, kann sich der Gläubiger wieder an seinen Schuldner wenden.

Vorliegend hat V den S vergeblich zur Zahlung aufgefordert. S behauptet, er könne


aufrechnen, und verweigert jede weitere Korrespondenz zu dieser Frage. Folglich käme nur
noch die Erhebung einer Klage durch V in Frage. Fraglich ist, ob V dazu verpflichtet ist oder
ob er sich nach dem Scheitern der außergerichtlichen Geltendmachung wieder an K wenden
kann. Durch die Annahme erfüllungshalber ist der Gläubiger verpflichtet, mit verkehrsüblicher
Sorgfalt Befriedigung zu suchen. Nach allgemeiner Ansicht ist die Erhebung einer Klage mit
unsicheren Erfolgsaussichten nicht umfasst. V kann weder wissen, ob die Behauptung des S
stimmt, noch ist er über das Verhältnis zwischen K und S informiert. Gerade die sich
widersprechenden Angaben des S und des K zeigen diese Problematik auf. Für V wäre eine
Klageerhebung daher mit großen Risiken verbunden. Dies ist ihm nicht zuzumuten.

Damit kann er sich wieder an K wenden, die Stundung der ursprünglichen Forderung ist
entfallen.

2. Zwischenergebnis

Der Anspruch ist durchsetzbar.

IV. Ergebnis

V kann von K Zahlung in Höhe von 100 Euro aus Kaufvertrag nach § 433 Abs. 2 BGB
verlangen.

Abwandlung

3
Zur Stundung MüKo-Krüger, § 271 BGB Rn. 21 f.
4
Palandt/Grüneberg, BGB, 74. Aufl., 2015, § 364 Rn. 7.
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Anspruch V gegen K auf Kaufpreiszahlung

V könnte gegen K einen Anspruch auf Kaufpreiszahlung in Höhe von 100 Euro aus Kaufvertrag
gemäß § 433 Abs. 2 BGB haben.

I. Anspruch entstanden

Der Anspruch des V gegen K auf Kaufpreiszahlung ist nach §§ 433, 145, 147 Abs. 1 BGB
entstanden.

II. Anspruch erloschen

Der Anspruch des V dürfte nicht erloschen sein.

1. Erfüllung gemäß § 362 Abs. 1 BGB

Der Anspruch könnte qua Erfüllung nach § 362 Abs. 1 BGB erloschen sein, wenn die
geschuldete Leistung bewirkt wurde.

a) Person des Leistenden

Grundsätzlich ist eine Forderung durch den Schuldner zu erfüllen. Hier hat aber nicht K,
sondern sein Onkel O gezahlt.

aa) Erfüllung durch O als Dritten, § 267 Abs. 1 S. 1 BGB

Das BGB geht jedoch davon aus, dass auch ein Dritter eine Forderung des Schuldners erfüllen
kann, wenn es sich nicht um eine höchstpersönliche Leistung handelt, § 267 Abs. 1 S. 1 BGB.
Höchstpersönlichkeit liegt etwa im Arbeitsverhältnis nach § 613 S. 1 BGB vor, kann aber auch
vertraglich vereinbart werden. Hier ist keine Höchstpersönlichkeit gegeben, sodass auch der
Onkel leisten durfte.

Voraussetzung einer Erfüllung durch einen Dritten ist aber, dass aus dem Empfängerhorizont
(§§ 133, 157 BGB) beim leistenden Dritten ein Fremdtilgungswille vorliegt. Es muss also
erkennbar sein, dass der Dritte eine fremde Schuld tilgen will; es handelt sich um eine
Tilgungsbestimmung. Ohne diese Bestimmung wäre nicht erkennbar, welche Forderung erfüllt
werden soll oder ob es sich überhaupt um eine Erfüllungshandlung handelt. O hat dies
vorliegend deutlich gemacht, sodass ein Fremdtilgungswille erkennbar war.

bb) Zurückweisung gemäß § 267 Abs. 2 BGB

Fraglich ist, ob V diese Leistung durch O zurückweisen durfte nach § 267 Abs. 2 BGB. Dafür
ist jedoch erforderlich, dass der Schuldner der Leistung des Dritten widerspricht, K hat hier
aber nicht widersprochen. Somit bestand keine Zurückweisungsbefugnis des V, sodass die
Drittleistung nach § 267 Abs. 1 S. 1 BGB zulässig ist. Eine Einwilligung seitens K ist nach §
267 Abs. 1 S. 2 nicht erforderlich.

b) Bewirken der geschuldeten Leistung

Fraglich ist, ob durch die Überweisung der 100 Euro die geschuldete Leistung bewirkt worden
ist. Die Leistung muss so erbracht worden sein, wie sie nach dem Inhalt des zu erfüllenden
Schuldverhältnisses geschuldet war. Es handelt sich um eine Geldschuld.

aa) Grundsatz der Barzahlung

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Geldschulden sind grundsätzlich durch Barzahlung zu erfüllen, sofern die Parteien nichts
anderes vereinbart haben. Nur Bargeld ist ein gesetzliches Zahlungsmittel (vgl. etwa Art. 10
EuroVO). Es liegt keine Barzahlung durch O vor.

bb) Erfüllung durch Buchgeld

Anmerkung: Buchgeld bezeichnet letztlich einen positiven Kontostand. Es meint also den
Zahlungsanspruch auf Bargeld (gegen die Bank), der als sofort auszahlbares Guthaben auf
einem Konto geführt wird.

Die Parteien können jedoch die Überweisung, also die Leistung von Buchgeld, ebenfalls als
Erfüllungsleistung vereinbaren. Die Überweisung des O wäre dann das Bewirken der
geschuldeten Leistung im Sinne des § 362 Abs. 1 BGB. Ansonsten handelte es sich um eine
Leistung an Erfüllungs statt nach § 364 Abs. 1 BGB.

Ob die Leistung von Buchgeld als Erfüllung der Geldschuld anzuerkennen ist, hängt vom Inhalt
des Schuldverhältnisses ab. Zugrunde liegt der Vertrag zwischen V und S, dieser ist nach §§
133, 157 BGB auszulegen.

Zum Zeitpunkt der Einigung haben die Parteien keine Aussage diesbezüglich getroffen. Damit
gilt der oben dargestellte Grundsatz der Bargeldschuld. Dass die Zahlung im Wege der
Banküberweisung heute allgemein üblich ist, reicht nicht aus, um zu einem anderen
Auslegungsergebnis zu kommen. Die Vereinbarung lautet folglich auf Barzahlung; sie ist die
geschuldete Leistung nach § 362 Abs. 1 BGB.

Jedoch hat V in dem Mahnschreiben seine Bankverbindung angegeben. Damit hat er sich
nach §§ 133, 157 BGB aus Sicht eines objektiven Empfängers mit der Erfüllung durch
Überweisung einverstanden erklärt. Dieses Einverständnis ist als eine vorausgeschickte
Zustimmung zu einer Leistung an Erfüllungs statt im Sinne des § 364 Abs. 1 BGB zu verstehen.

Anmerkung: § 364 Abs. 1 BGB geht eigentlich von einer Einverständniserklärung auf die
Leistung hin, also einer nachträglichen Zustimmung aus; der Gläubiger muss aber auch die
Möglichkeit zur Erklärung im Voraus haben. Die Rechtsfolge wird als Ersetzungsbefugnis
bezeichnet: Der Schuldner kann frei entscheiden, ob er die ursprünglich geschuldete oder
die andere Leistung, der der Gläubiger zugestimmt hat, leistet. Es tritt immer Erfüllung ein.

Demnach konnte auch die Buchgeldzahlung zur Erfüllungswirkung nach § 364 Abs. 1 BGB
führen.

Problematisch könnte aber sein, dass O als Dritter sich eines Erfüllungssurrogates (§ 364
BGB) bedient hat. Nach h.M. können Dritte nur die geschuldete Leistung bewirken, aber keine
Erfüllungssurrogate erbringen.5 Begründet wird dies damit, dass K unter Umständen ein
Interesse daran hat, den Leistungsgegenstand „loszuwerden“.6 Außerdem ergebe es sich im
Umkehrschluss aus § 268 Abs. 2 BGB. Vorliegend sind aber weder schutzwürdige Interessen
des V, welcher einer Überweisung konkludent zugestimmt hat, noch des K, dem es nicht
darauf ankommt, „mit seinem Geld“ zu zahlen, erkennbar, die gegen die Annahme einer
Leistung an Erfüllungs statt sprechen. Die Ablehnung wäre treuwidrig.

Im Ergebnis wurde die Leistung bewirkt.

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Mit .w. Nachw. Fritzsche, Fälle zum SchuldR I, S. 35 f. 6 Fritzsche a.a.O.
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c) Leistung an den Gläubiger

Die Leistung muss auch gegenüber dem Gläubiger bewirkt worden sein. Fraglich ist, ob in der
Überweisung an die Bank eine Leistung an diese und damit an einen Dritten nach § 362 Abs.
2 BGB vorliegt, die nur unter den Voraussetzungen des § 185 BGB wirksam wäre. Bei einer
Überweisung wird der Betrag unmittelbar dem Inhaber des jeweiligen Girokontos
gutgeschrieben. Der Bank verbleibt damit kein Vermögenswert, sie ist viel mehr bloße
Zahlstelle ihres Kunden. O hat damit direkt an V, den Gläubiger, geleistet.

2. Zwischenergebnis

Damit ist Erfüllung nach §§ 362 Abs. 1, 267 Abs. 1 S. 1 BGB eingetreten. Der Anspruch ist
erloschen.

III. Ergebnis

V hat gegen K keinen Anspruch mehr auf Zahlung des Kaufpreises in Höhe von 100 Euro aus
Kaufvertrag gemäß § 433 Abs. 2 BGB.

Prüfungsschema: Abtretung
1. Verfügungsvertrag: Einigung über die Übertragung einer Forderung (ähnlich dem
dinglichen Vertrag des § 929 S. 1 BGB). Die Rechtsgeschäftslehre des BGB AT ist
anwendbar.
2. Bestehen der Forderung: Die abzutretende Forderung muss (grundsätzlich) zum
Zeitpunkt der Abtretung bestehen und sie muss dem Zedenten zustehen, er muss also
Inhaber sein. Es gibt vorbehaltlich weniger, konkreter Ausnahmeregelungen keinen
gutgläubigen Forderungserwerb. Denkbar ist aber eine sog. Vorausabtretung vor dem
Entstehen einer Forderung, also einer künftigen Forderung, wenn es eindeutig bestimmbar
ist.
3. Bestimmbarkeit der Forderung: Aus dem Verfügungsvertrag muss eindeutig
hervorgehen, welche Forderungen übertragen werden sollen
4. Abtretbarkeit: Es darf kein Abtretungsverbot (gesetzliches, etwa § 400 BGB, oder
vertragliches nach § 399 BGB) vorliegen.

Prüfungsschema: Aufrechnung
1. Aufrechnungslage
a) Gegenseitigkeit der Forderungen: Der Aufrechnungserklärende muss Schuldner der
Haupt- und Gläubiger der Gegenforderung sein, während der Aufrechnungsgegner
Gläubiger der Haupt- und Schuldner der Gegenforderung sein muss. Ausnahme u.a.: § 406
BGB.
b) Gleichartigkeit der Forderungen: Die Forderungen müssen sich auf dasselbe
Leistungssubstrat beziehen. Die Aufrechnung einer Geldforderung mit einer Forderung auf
Übereignung eines Gegenstands ist nicht möglich und ergibt auch keinen Sinn.
c) Wirksamkeit und Fälligkeit der Gegenforderung: Da der Aufrechnungserklärende
durch seine Aufrechnung in einer anderen Form die Leistung der Gegenforderung verlangt
und sogar durch seine Erklärung erhält (nämlich durch Wegfall der gegen ihn gerichteten
Hauptforderung), muss eine Aufrechnung ausgeschlossen sein, wenn die Gegenforderung
nicht einredefrei (bspw. bereits verjährt) ist. Sonst würden die Einreden und Einwendungen
umgangen.
d) Wirksamkeit und Erfüllbarkeit der Hauptforderung: Da der Aufrechnungserklärende
durch seine Aufrechnung die Hauptforderung des Aufrechnungsgegners erfüllen will, muss
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diese nur wirksam und erfüllbar sein. Auf Einreden kommt es nicht an, denn dem
Aufrechnungserklärenden steht es frei, trotz denkbarer Einreden (etwa Verjährung) zu
leisten.
2. Aufrechnungserklärung: Die Aufrechnung muss durch empfangsbedürftige,
bedingungsfeindliche Willenserklärung erklärt werden (Gestaltungserklärung, § 388 BGB).
3. Kein Ausschluss der Aufrechnung: Die Aufrechnung darf nicht durch Gesetz (insbes.
§§ 392– 394 BGB) oder durch Vertrag ausgeschlossen sein.

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