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© F. Enke Verlag Stuttgart Zeitschrift Für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S.

82 - 101
Differenzierung der Wissenschaft
Rudolf Stichweh
Bielefeld

Differentiation of Science
A b s t r a c t : The article tries to make use of the sociological concepts of “differentiation” and “integration”
for the analysis of the social system of science in modern societies. It studies (1) the applicability of the clas­
sical concepts of the theory of structural differentiation in doing research on disciplinary differentiation in sci­
ence; tries (2) to identify several integrative mechanisms which are operative in science and discusses (3) some pat­
terns of interrelation between “cognitive innovations” and “structural differentiation” in science.
I n h a l t : Die Studie versucht, soziologische Begriffe wie „Differenzierung“ und „Integration“ für die Analyse
des Wissenschaftssystems moderner Gesellschaften fruchtbar zu machen. Sie fragt (1) nach der Anwendbarkeit
der klassischen Begriffe der Theorie struktureller Differenzierung auf die disziplinäre Differenzierung der Wissen­
schaft; versucht (2) einige im Wissenschaftssystem wirksame integrative Mechanismen zu identifizieren und dis­
kutiert (3) den Zusammenhang zwischen „kognitiven Innovationen“ und „struktureller Differenzierung“ in der
Wissenschaftsentwicklung.

I. Vorbemerkung Spezialgebiete zu entwerfen. Wenn wir auch


hier eine systemtheoretische Begrifflichkeit ver­
Vielleicht das klassische Problem, das sich wis­ wenden, so handelt es sich nicht mehr um Ana­
senschaftshistorische und wissenschaftssoziolo­ lysen der Ausdifferenzierung der Wissenschaft,
gische Forschung gestellt hat, ist die Erklärung vielmehr um die Erforschung der Innendiffe­
der Entstehung der modernen Wissenschaft. Im­ renzierung der Wissenschaft. Innendifferenzie­
plizit ist diese Fragestellung auch dort leitend, rung ist jene wissenschaftsinterne Wiederholung
wo man sich scheinbar auf die Explikation je­ des Systembildungsprozesses, die Disziplinen
nes Normensystems beschränkt, das den Funk­ und Spezialgebiete entstehen läßt.
tionszusammenhang der Wissenschaft intern
reguliert. Denn Beschreibung und Analyse eines Eine flüchtige Durchmusterung der beiden er­
für Wissenschaft spezifischen und relativ stabi­ wähnten Forschungsrichtungen läßt schnell er­
len Normensystems verweist geradezu auf die kennen, daß sie eine Reihe von Fragestellungen,
Frage nach den gesellschaftsstrukturellen Vor­ die sich gerade einem Soziologen aufdrängen
bedingungen der Ausbildung und Stabilisierung müßten, bisher nur sporadisch behandelt haben.
dieses Normensystems. Wenn man den hier an­ Dabei handelt es sich insbesondere auch um
gedeuteten Fragezusammenhang in systemtheo­ Fragerichtungen, wie sie ein intensiverer Kon­
retischer Begrifflichkeit reformuliert, so haben takt zur soziologischen Differenzierungstheorie
wir es mit dem Versuch einer Analyse der Aus­ eröffnen würde. So ist z.B. das Verhältnis von
differenzierung der Wissenschaft zu tun, d.h. Ausdifferenzierung und Innendifferenzierung
mit einer Analyse jenes Prozesses, in dem sich bisher kaum explizit zum Gegenstand von Über­
Wissenschaft als autonomes Handlungssystem legungen geworden.
konstituiert und sich von anderen Funktionskon­
texten, wie Religion, Politik und Ökonomie ab­ Defizite lassen sich auch für die Soziologie der
trennt. Innendifferenzierung des Wissenschaftssystems
leicht registrieren. Wir verfügen zwar über eine
Eine zweite Forschungsrichtung der Wissen­ Vielzahl von Studien zur Entstehung neuer Spe­
schaftssoziologie hat im letzten Jahrzehnt an zialgebiete1, aber kaum je wird dabei mit­
Prominenz gewonnen und jene klassische Frage­ thematisiert, wie die Entstehung neuer Diszipli­
stellung zurückgedrängt. Dabei handelt es sich nen die vorher bereits bestehenden Disziplinen
um Studien, die es unternehmen, die Entste­ verändert. Ebenso gibt es nur selten Überlegun­
hung neuer Disziplinen und Spezialgebiete zu
erklären und Modelle typischer Wachstums- und 1 Siehe für einen Überblick über einige dieser Arbei­
Entwicklungsprozesse dieser Disziplinen und ten EDGE/MULKAY 1975.
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gen über den Niedergang und das Verschwinden die Anwendungsbedingungen des Konzepts seg­
von Spezialgebieten2. mentärer Differenzierung, das ja Gleichheit der
Einheiten voraussetzt, noch gegeben sind.
Eine Folge dieser quasi-individualisierenden Kon­
zentration auf je einzelne Differenzierungsschrit­ Bevor wir dieser Frage näher nachgehen, gilt es,
te ist, daß das für Wissenschaft charakteristische sich des Begriffs der „D is z ip lin als der primä­
Differenzierungsmuster in seiner Gesamtheit, ren Einheit interner Differenzierung der Wis­
die aus Differenzierung resultierenden Integra­ senschaft, zu vergewissern. Disziplinen sind For­
tionsprobleme und integrative Mechanismen, die men sozialer Institutionalisierung eines mit ver­
als Lösungsmuster zur Verfügung stehen, kaum gleichsweise unklareren Grenzziehungen vorlau­
je in den Blick geraten. Einige Überlegungen in fenden Prozesses kognitiver Differenzierung der
dieser Richtung, die das begriffliche Instrumen­ Wissenschaft. Zur Identifizierung und Charak­
tarium der soziologischen Differenzierungstheo­ terisierung einer „Disziplin“ verweisen wir typi­
rie3 aufnehmen und es für die Analyse der scherweise: 1) auf einen hinreichend homogenen
Innendifferenzierung der Wissenschaft fruchtbar Kommunikationszusammenhang von Forschern
zu machen versuchen, wollen wir im folgenden — eine „scientific community“ ; 2) auf einen
vorlegen. Korpus wissenschaftlichen Wissens, der in Lehr­
büchern repräsentiert ist, d.h. sich durch Kodi­
fikation, konsentierte Akzeptation und prinzi­
II. Differenzierung pielle Lehrbarkeit auszeichnet; 3) eine Mehrzahl
je gegenwärtig problematischer Fragestellungen;
Nur gelegentlich hat die Forschung, dort, wo sie 4) einen „set“ von Forschungsmethoden und
die Innendifferenzierung der Wissenschaft the­ paradigmatischen Problemlösungen; 5) eine diszi­
matisiert, an die soziologische Theorie strukturel­ plinenspezifische Karrierestruktur und institutio­
ler Differenzierung anzuknüpfen versucht und nalisierte Sozialisationsprozesse, die der Selek­
die Frage nach der für Wissenschaft charakteristi­ tion und „Indoktrination“ des Nachwuchses
schen Differenzierungsform gestellt4. Die Au­ dienen5.
toren, die dies tun, bedienen sich der klassischen
Begriffe „segmentäre“ und „funktionale“ Dif­ Die Disziplinenstruktur gegenwärtiger Wissen­
ferenzierung, „mechanische“ und „organische“ schaft ist ein relativ spätes Produkt der Entwick­
Solidarität und wählen dann in der Regel für lung neuzeitlicher Wissenschaft. Die sogenannte
Wissenschaft eine Beschreibung, die sie näher am „wissenschaftliche Revolution“ des 17. Jahrhun­
Pol segmentärer Differenzierung und mechani­ derts und auch das 18. Jahrhundert hatten die
scher Solidarität ansiedelt. Am klarsten hat dies Einheit der „natural philosophy“ noch kaum
wohl HAGSTROM artikuliert, der Disziplinen­ tangiert. Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts
differenzierung als Segmentation behandelt und kommt es im Bereich der Naturwissenschaften
den Hinweis auf die fehlende kurzfristige Inter­ zur Ausgrenzung der ersten Disziplinen - Che­
dependenz zwischen Disziplinen zur Plausibili­ mie und etwas später Physik sind hier wohl die
sierung dieser begrifflichen Entscheidung benutzt frühesten Beispiele. In dem Bereich, der später
(HAGSTROM 1965: 244 f.). Dabei stellt sich (seit DILTHEY) Geisteswissenschaften heißt,
aber HAGSTROM wie auch die anderen Auto­ kommt es etwa gleichzeitig in der klassischen
ren nicht die Frage, ob angesichts des Faktums, Philologie und der Historie zu den ersten Dis­
daß Disziplinendifferenzierung in der Wissen­ ziplinenbildungen. Erst ein Jahrhundert später
schaft eine Differenzierung auf der Basis der — am Anfang dieses Jahrhunderts also - for­
Ungleichheit der differenzierten Einheiten ist, miert sich ein dritter Disziplinenbereich. Aus
einer Synthese methodischer Ansätze der Gei­
stes- und der Naturwissenschaften gehen die
Handlungs- und Sozialwissenschaften hervor
2 Die vielzitierten Arbeiten von C.S. FISHER über die (PARSONS 1965, 1970; APEL 1968).
mathematische Invariantentheorie bilden hier eine
Ausnahme. Siehe z.B. FISHER 1967.
3 Für differenzierungstheoretische Überlegungen im
folgenden siehe vor allem die Arbeiten von N. LUH-
MANN. Siehe nur zuletzt: LUHMANN 1977. 5 Überlegungen zur Präzisierung des Disziplinenbe­
4 Namentlich HAGSTROM 1965; DOWNEY 1969; griffs finden sich u.a. in dem Sammelband CERI
HARGENS 1971 müssen hier genannt werden. 1972.
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Diese einsetzende interne Differenzierung der (Debatte PROUST-BERTHOLLET 1818)6, kon­
Wissenschaft, die seit dem Anfang des 19. Jahr­ zentriert sich die Chemie auf die Analyse der Wer­
hunderts ein „System wissenschaftlicher Diszi­ tigkeitsverhältnisse, in denen sich die Elemente in
plinen“ entstehen läßt, ist bisher kaum in ihrer organischen oder anorganischen Verbindungen
Bedeutung als Einschnitt in der Geschichte miteinander kombinieren. Die Analyse chemischer
der modernen Wissenschaft begriffen worden. Bindungskräfte (Theorie der Affinitäten) und
Korrelationen dieses Prozesses mit der Umstel­ die Thematisierung des Zusammenhangs chemi­
lung der gesellschaftlichen Primärdifferenzie­ scher Kräfte mit physikalischen Kräften (Gravi­
rung von Schichtung auf funktionale Differen­ tation, Wärme, Elektrizität) verschwindet für et­
zierung sind zu vermuten; ein direkter Zusam­ wa fünfzig Jahre weitgehend aus der Chemie7.
menhang besteht aber mit der gleichzeitig be­ Erst nachdem um 1870 die Thermodynamik das
ginnenden, von Deutschland ausgehenden Reor­ Studium des Einflusses von Wärme auf Ablauf
ganisation der Universitäten (STICHWEH 1977). und Geschwindigkeit chemischer Reaktionen mo­
Diese Reorganisation macht aus einer über Jahr­ tiviert, kehren mit der Entstehung des neuen
hunderte von Krisen gestörten, in einigen Län­ Spezialgebietes „physikalische Chemie“ (J.W.
dern vom völligen Verschwinden bedrohten In­ GIBBS/W.OSTWALD) derartige Fragestellungen
stitution der frühneuzeitlichen Gesellschaft, eine in die Wissenschaft zurück8. Die „physikalische
der „zentralen strukturellen Komponenten der Chemie“ schiebt sich damit gewissermaßen in
modernen Gesellschaft“ (PARSONS). Die Uni­ jene Lücken hinein, die durch den Abschluß der
versität wird zu dem institutionellen Ort der dis­ Disziplinenbildungsprozesse in der Chemie und
ziplinären Struktur der modernen Wissenschaft. Physik entstanden waren.
(Für disziplinäre Innovationen übernimmt die
Rollenstruktur der Universität vor allem Selek- Wie man schon am Beispiel der physikalischen
tions- und Stabilisierungsfunktionen). Chemie als einer der ersten Subdisziplinen und
als einem der ersten Übergangsfelder zwischen
Disziplinen bilden sich um Gegenstandsbereiche zwei Disziplinen sehen kann, hat die interne Dif­
und Problemstellungen herum. Parallel zur Eta­ ferenzierung der Wissenschaft mittlerweile die
blierung der Disziplinen werden Probleme und disziplinäre Ebene unterschritten, so daß die
Positionen, die zwischen den Disziplinen situiert kognitiven Bezugsrahmen, mit deren Hilfe Wis­
sind, an eine der Disziplinen assimiliert — man senschaftler Forschungsprobleme identifizieren,
kann sich dies etwa an dem Weg vergegenwär­ nicht mehr unbedingt auf der Ebene der klas­
tigen, den am Anfang des 19. Jahrhunderts Phä­ sischen Disziplinen angesiedelt sind. Empirische
nomenbereiche wie Wärme, Elektrizität und Ma­ Studien dokumentieren, daß es zwischen zwei
gnetismus zwischen Chemie und Physik zurück­ Subdisziplinen der selben Disziplin oft keine
legen, bevor es zur Abschließung der Chemie ausgeprägteren kommunikativen Verbindungen
und zur Reformulierung der Physik um an die­ gibt als zwischen zwei Subdisziplinen verschie­
sen Phänomenen gewonnene Modellvorstellungen dener Disziplinen9. Da die organisatorische Dif­
kommt (Feldbegriff; Energiebegriff). ferenzierung der Universitäten (departments,
Fakultäten) sich oft noch an der klassischen
Andere Probleme, die sich keinem der disziplinä­ Disziplinenstruktur orientiert, läßt sich eine Ver­
ren Raster zuordnen lassen, werden dethemati- größerung des „time-lag“ beobachten, der zwi­
siert oder einfach vergessen; auf diese Weise schen der kognitiv-kommunikativen Autonomi-
wirkt Disziplinenbildung, wie auch andere Teil­ sierung diszplinärer Einheiten und deren orga­
prozesse der Ausdifferenzierung der Wissen­
schaft, selektiv auf die Fragen, die Wissenschaft
sich noch stellen kann. Disziplinen prägen also 6 Siehe die interessante Bemerkung von KUHN
die kognitive Schematisierung der Wirklichkeit (1970, 133) zum quasi-analytischen Status des Ge­
dadurch, daß sie in dieser Interdependenzunter­ setzes konstanter Proportionen in der Daltonischen
Chemie.
brechungen verstärken. 7 Siehe dazu DUHEM 1889, insbsd. 219; MERZ
1965, 153 et passim; DU BOIS-REYMOND 1887,
Man kann sich dies leicht an der Chemiegeschich­ 8 453.
Zur Entstehung der physikalischen Chemie siehe
te des 19. Jahrhunderts verdeutlichen: nach auch DOLBY 1977.
Daltons Atomtheorie (1808) und der Akzepta- 9 Siehe z.B. COLE/COLE/DIETRICH 1978; FRIED-
tion des Gesetzes der konstanten Proportionen KIN 1978.
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nisatorischer Institutionalisierung in der Univer­ wählen sie als Ansatzpunkte für Spezifikationen
sität liegt. Insofern läßt sich für die Universität systeminterne Problemvorgaben. (Diese beziehen
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die sich natürlich auch immer auf die Erhaltung der
Frage stellen, ob sie noch hinreichende Flexibi­ System-Umwelt Differenz.)
lität besitzt, um so effektiv als Instrument der
Selektion und Stabilisierung disziplinärer Inno­ Die hier eingeführte Annahme einer primär sy­
vationen zu wirken, wie es im 19. Jahrhundert steminternen Referenz der Probleme, die als
der Fall war. Anders ausgedrückt, könnte man Bezugspunkte für funktionale Spezifikationen
auch fragen, ob der Universität die Gefahr droht, dienen, unterstellt Autonomie des Systems. Von
ihren Platz als zentraler Ort der sozialstrukturel­ Autonomie kann insofern die Rede sein, als die
len Institutionalisierung der Wissenschaft zu ver­ Annahme impliziert, daß die Ordnung der Um­
lieren. welt des Systems nicht unmittelbar nach innen
übernommen wird. Für die intern differenzier­
Wir können diese Frage hier nicht weiter verfol­ ten Funktionsbereiche sind denn auch die ande­
gen, da unser Thema nicht das Verhältnis von ren Funktionsbereiche im System die primäre
department-Struktur der Universität und Diszi­ Umwelt. Verschiedene Funktionsbereiche stehen
plinenstruktur der Wissenschaft ist. Vielmehr in einem Verhältnis funktionaler Komplemen­
wollen wir im folgenden einige soziologische tarität zueinander und erarbeiten auch gemein­
Überlegungen zur Differenzierung und Integra­ sam Leistungsbeiträge, die von spezifischen Um­
tion der Wissenschaft anstellen. Bezugspunkt welten des Systems abgenommen werden. Nur
dieser Überlegungen ist die Disziplinenstruktur sekundär sind Funktionsbereiche im System auf
der Wissenschaft. Analysen dieses Typs sind Umwelten des Systems bezogen. Im sekundären
unabhängig von der empirischen Frage, ob die Außenkontakt hat dann auch die Konzentration
relevanten Einheiten nach wie vor die klassischen auf die Kommunikation mit einer bestimmten
(naturwissenschaftlichen) Disziplinen sind, oder Umwelt des Systems ihren Platz.
ob die Grenzziehungen zwischen ehemaligen
Subdisziplinen einer Disziplin bereits so ausge­ Für Wissenschaft stellen sich nun zwei Fragen:
prägt sind, daß man diese als eigenständige Diszi­ Ist die Disziplinendifferenzierung als Primärdif­
plinen betrachten muß. ferenzierung der Wissenschaft eine funktionale
Differenzierung und zweitens gibt es andere
Formen funktionaler Differenzierung in der
Funktionale und segmentäre Differenzierung Wissenschaft? Zunächst könnte man dazu neigen,
die erste Frage bejahend zu beantworten. Auch
Wenn man sich vergegenwärtigt, daß soziohisto- Disziplinen wählen eine systeminterne Problem­
risch der Beginn der disziplinären Differenzie­ vorgabe als Ansatzpunt einer Spezifikation und
rung der Wissenschaft etwa mit der Umstellung formulieren eine distikte Identität über Bear­
der gesellschaftlichen Primärdifferenzierung auf beitung dieser Problemvorgabe. Die Differenz
funktionale Differenzierung zusammenfällt, liegt zum Differenzierungsmuster anderer Sozialsyste­
es nahe, sich zu fragen, ob es sich bei Diszipli­ me liegt aber darin, daß disziplinenkonstituie­
nendifferenzierung vielleicht um einen parallelen rende Problemstellungen ihren Sinn nicht etwa
innerwissenschaftlichen Vorgang, d.h. um eine aus dem Bezug auf die Erhaltung der System/
interne funktionale Differenzierung des Wissen­ Umwelt Differenz des Sozialsystems Wissenschaft
schaftssystems handelt. gewinnen. Sinnvoll formulierbar werden systemin­
terne Problemvorgaben erst durch den Bezug auf
Funktionsdifferenzierung in Sozialsystemen ist systemexterne Gegenstandsbereiche, die zugleich
ein Vorgang, der seine primäre Referenz in den stemexterne Gegenstandsbereiche, die zugleich
internen Prozessen des jeweiligen Sozialsystems Ausschnitte der (sozialen, physischen, persona­
hat. Differenziert wird nach Funktionen im len) Umwelt der Wissenschaft sind. Zwar unter­
System und nicht nach Leistungs- und Aus­ liegt die Definition und Abgrenzung der Um­
tauschbeziehungen, die das System mit seiner weltausschnitte, die zu Gegenstandsbereichen
Umwelt unterhält. D.h. die Subsysteme des Sy­ der Wissenschaft werden, systeminternen Re­
stems spezialisieren sich nicht etwa auf Leistungs­ konstruktionen; dennoch gilt, daß Disziplinen
und Austauschbeziehungen mit je einem anderen sich spezialisieren auf den Umgang mit Aus­
System in der Umwelt des Systems, vielmehr schnitten der natürlichen und sozialen Umwelt
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der Wissenschaft. Die Differenzierung der Um­ zu charakterisieren versucht, stößt man auf Di­
welten des Wissenschaftssystems wird nach innen mensionen wie Formalisierung und Mathemati-
genommen und dort zur Basis der primären in­ sierung, Präzision und Abstraktheit der Begriffs­
ternen Differenzierung der Wissenschaft. Die verwendung, Geschlossenheit und Selbstgenüg­
ausdifferenzierten Disziplinen beziehen sich denn samkeit disziplinärer Begriffsstrategien. Diese
auch konsequenterweise primär nicht etwa auf Differenzen in der kognitiven Struktur ziehen
die anderen Disziplinen, sondern auf die jeweili­ Differenzen im Kommunikationsverhalten der
gen Umweltausschnitte. Von daher ist es auch Wissenschaftler der betreffenden Disziplinen
verständlich, daß Kontakte zwischen Disziplinen nach sich. Jene soziologische Forschung, die
über lange Zeiträume nahezu abreißen können. von Differenzen in der kognitiven Struktur der
Produktion von Wahrheiten als Primärfunktion Disziplinen ausgehend, die Disziplinen auf ei­
von Wissenschaft wird von den Disziplinen nicht nem Kontinuum anordnet, dessen Pole durch
in einem arbeitsteiligen Zusammenwirken er­ die Begriffe „hard sciences“ und „soft sciences“
bracht, vielmehr nimmt jede Disziplin die „Wahr­ bezeichnet werden können, hat auf einige der
heiten“ über ihren Gegenstandsbereich in eigene Differenzen im Kommunikationsverhalten hin­
Regie. gewiesen. So unterscheiden sich Disziplinen, de­
ren Grad an begrifflicher Präzision und Mathe-
An dieser Stelle kann man bereits zweierlei zu matisierung es erlaubt, bei ihnen von „hard
der Frage nach der Form der Differenzierung sciences“ zu sprechen, von „soft sciences“
von Wissenschaft sagen. Einerseits unterscheidet durch Charakteristika wie ein höheres Konsens­
sich Disziplinendifferenzierung von funktionaler niveau (LODAHL/GORDON 1972), eine Kon­
Differenzierung dadurch, daß sie nicht etwa zentration der Literatur auf wenige Kern-Jour-
komplementär aufeinander bezogene Teilpro­ nale und ein relativ geringes Ausmaß der Be­
bleme des Systems einzelnen Subsystemen zur rücksichtigung der Literatur anderer Disziplinen
Weiterbearbeitung zuweist, vielmehr über eine (STEVENS 1953), niedrige Ablehnungsquoten
Internalisierung der Differenzierung von Um­ für Zeitschriftenartikel (MERTON/ZUCKERMAN
weltausschnitten operiert. Andererseits unter­ 1971), größeres Interesse an und größere Häu­
scheidet sich Disziplinendifferenzierung von seg­ figkeit von Kooperation (BIGLAN 1973), höhere
mentärer Differenzierung dadurch, daß die Ein­ Unpersönlichkeit in der wissenschaftlichen Kom­
heiten, die sie nebeneinandersetzt, nicht prin­ munikation (STÖRER 1967), das Verschwinden
zipiell identisch sind, vielmehr sich über Nicht- des Buchs als Veröffentlichungstyp, eine schnel­
Identität zu anderen Einheiten bestimmen. Dis­ lere Integration der Literatur in den Korpus ver­
ziplinendifferenzierung ist die Institutionalisie­ fügbaren Wissens und eine höhere Obsoleszenz,
rung kognitiver Differenz zwischen Disziplinen die Nichtexistenz von konkurrierenden Schulen
und insofern eine Differenzierung über Ungleich­ usw. Interessant ist nun, daß diese Differenzen
heit der differenzierten Einheiten. in der kognitiven Struktur und im Kommunika­
tionssystem von Disziplinen keine Differenzen
Disziplinen sind zwar im Unterschied zu den im Sozialsystem der Wissenschaft zur Folge ha­
Subsystemen funktional differenzierter Sozial­ ben. Das läßt sich an den Institutionalisierungs­
systeme nicht durch notwendige Kooperations­ formen ablesen, die für kognitiv differenzierte
und Austauschbeziehungen miteinander ver­ Disziplinen zur Verfügung stehen. Außeruniversi­
bunden, sie sind andererseits aber anders als täre Forschungsinstitute und professionelle As­
die Einheiten segmentär differenzierter Sozial­ soziationen spielen hier eine gewisse Rolle, cha­
systeme nicht durch andere Einheiten desselben rakteristisch ist aber für die meisten gegenwärti­
Sozialsystems ersetzbar. Die Differenzierung gen Gesellschaften nach wie vor die Institutio­
über kognitive Spezialisierung und damit kog­ nalisierung von Disziplinen in Universitäten (de­
nitive Ungleichheit führt also dazu, daß Diszi­ partments, Fakultäten u.ä.).
plinen, ähnlich wie Funktionssysteme, selbst­
substitutive Ordnungen sind. Für Universitäten ist typisch, daß sie einen re­
lativ vollständigen „set“ aller - zumindest aller
Differenzierung von Disziplinen über kognitive klassischen - Disziplinen aufweisen. Versuche,
Ungleichheit führt zu Differenzen in der kog­ für einzelne Disziplinen oder Disziplinengruppen
nitiven Struktur oder im Wissenssystem von Dis­ spezielle Institutionalisierungsformen in Spezial­
ziplinen. Wenn man diese Differenzen formal hochschulen zu schaffen, haben in der Regel
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dazu geführt, daß diese Spezialhochschulen sich gemeinen Handlungssystems („action frame of
schrittweise andere Disziplinen angliederten und reference“) einen Primat der Verortung im „cul­
sich so dem traditionellen Modell der Hochschu­ tural system“ mit Formen der Institutionalisie­
le anglichen. (Man kann hier z.B. an die Ent­ rung im „social system“ verbindet11. Die von
wicklung der deutschen technischen Hochschu­ uns konstatierte Verbindung zweier Differen­
len von technischen Gewerbeschulen zu Voll­ zierungsformen in der internen Differenzierung
universitäten denken; oder an die entsprechende der Wissenschaft ließe sich also analytisch durch
Entwicklung des M.ET.) Die segmentäre Insti­ Zurechnung zu verschiedenen Systemkontexten
tutionalisierung von Disziplinen an der Universi­ auflösen. Die Differenzierung über kognitive
tät übt schon allein aus Organisationserforder­ Ungleichheit, die Differenzen von Umweltaus­
nissen einen Druck in Richtung auf Homogeni­ schnitten internalisiert, kann dann als Differen­
sierung der disziplinären Rollenstruktur aus. zierung im adaptiven Subsystem des „cultural
Die Organisationsstruktur von „departments“ system“ aufgefaßt werden; die Differenzierung
variiert mit der jeweils vertretenen Disziplin mehrerer Klassen von Wissenschaften erscheint
kaum, die jeweils vorgesehenen Berufsrollen sind dann als wissenschaftsinterne Rekonstruktion
in der formalen Rollendefinition im Prinzip die der Differenzierung von Objektkategorien und
gleichen. So unterscheiden sich z.B. Disziplinen Systemtypen (Geisteswissenschaften - „cultural
in der Differenzierung von Lehr- und For­ systems“ ; Sozial Wissenschaften — „physical sy­
schungsrollen kaum, obwohl das Interesse an stems“ ; Naturwissenschaften - „physical sy­
Forschung vs. Lehre mit dem kognitiven Ent­ stems“)12. Disziplinendifferenzierung ist eine
wicklungsniveau variiert (BIGLAN 1973)10. weitere Auffächerung dieses Musters.
Kognitiv wird diese Homogenisierung der Rol­ In dieser tentativ übernommenen Perspektive muß
lenstruktur dadurch gestützt, daß Disziplinen dann die Differenzierung über Gleichheit des
in der Erforschung ihres Gegenstandsbereichs Rollen-set der Disziplinen als segmentäre Diffe­
ja autonom sind und insofern eine vollständige renzierung der im „social system“ institutiona­
Ausstattung mit allen für Forschung und Lehre lisierten Komponenten von Wissenschaft aufge­
erforderlichen Funktionsrollen aufweisen müs­ faßt werden.
sen. Disziplinen werden damit untereinander
sozialstrukturell identisch, sie sind in dieser Der postulierte Primat der kulturellen Referenz
Sicht also über (sozialstrukturelle) Gleichheit der Wissenschaft kann uns zusätzlich erklären,
differenzierte Segmente des Wissenschaftssy­ daß es im Maße der Artikulation und Ausarbei­
stems. tung der kognitiven Spezifität einer Disziplin
dann partiell doch zu einer dem Wissenssystem
Beim jetzigen Stand unserer Überlegungen stellt der jeweiligen Disziplin angepaßten Reorganisa­
sich der für Wissenschaft charakteristische Typus tion ihrer Sozialstruktur (Rollenstruktur) kom­
interner Differenzierung also als ein Mischtypus men kann. Als Folge solcher Reorganisation
heraus, der Differenzierung nach kognitiver Un­ treten auch sozialstrukturelle Differenzen zwi­
gleichheit mit Differenzierung über sozialstruk­ schen Disziplinen auf, Differenzen die allerdings
turell identische Elemente verbindet. Man könn­ nur das relative Gewicht von Funktionsrollen
te versuchen, diesen Befund in Begriffen der in Disziplinen betreffen. Immerhin mag es an­
PARSONschen Systemtheorie zu reformulie- satzweise zu einer sekundären Differenzierung
ren. Dort wird Wissenschaft ja als Handlungssy­ nach Funktionen kommen, wie sie sich etwa
stem konzeptualisiert, das auf der Ebene des all­ mit der Trennung von theoretischer und ex-

10 Ein interessanter Indikator für den homogenisieren­


den Einfluß der segmentären Institutionalisierung 11 Siehe PARSONS 1960; FARARO 1976.
an Universitäten ist, daß die Gehaltsdifferenzen von 12 Siehe PARSONS 1970, insbesondere 495-497. Dem
Professoren in verschiedenen „departments“ ameri­ jetzigen Stand der PARSONSschen Theorie ent­
kanischer Universitäten völlig insignifikant sind sprechend müßte man wohl eine weitere Unterschei­
(STÖRER 1972, 252 f.). Und dies trotz der erheb­ dung einführen: „organic systems“ - biologische
lichen inner- und außerwissenschaftlichen Prestige­ Wissenschaften und „physical systems“ - physikali­
differenzen zwischen Disziplinen. sche Wissenschaften.
88 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 82 - 101

perimenteller Physik abzeichnet13. Solche Funk­ Eine zweite Form funktionaler Differenzierung
tionsdifferenzierungen in Disziplinen müssen läßt sich in der Wissenschaft noch beobachten:
aber als vorausetzungsreiche und schwer zu die Differenzierung von Grundlagenforschung
stabilisierende Ausnahmefälle angesehen werden. und angewandter Forschung. Wir hatten ja fest­
So läßt sich z.B. in der Hochenergiephysik beob­ gestellt, daß Disziplinendifferenzierung als kog­
achten, daß dort, wo große Forschungsgrup­ nitive Differenzierung erfolgt, jedoch kognitive
pen — gelegentlich über 100 Mitglieder — ent­ Differenzen nur geringe Varianzen in der In­
stehen, die unter diesen Bedingungen notwendi­ stitutionalisierungsform und Rollenstruktur der
ge Arbeitsteilung auf das nicht-professionelle Wissenschaft zur Folge haben, so daß durch
Personal beschränkt bleibt; Funktionsdifferen­ Disziplinendifferenzierung das Wissenschaftssy­
zierung unter den Physikern. (Ph.D.-Physikern), stem in eine Mehrzahl von sozialstrukturell
deren Anteil mit wachsender Größe der For­ identischen Einheiten segmentiert wird. Eine
schungsgruppe sinkt, aber nicht stattfindet Umkehrung dieses Musters kann man für die
(HAGSTROM 1976, 757). Differenzierung von Grundlagenforschung und
angewandter Forschung beobachten. Während
Die Funktionsdifferenzierung von theoretischer kognitiv oft nur schwer feststellbar ist, ob
und experimenteller Forschung ist selbst in der ein Forschungszusammenhang in den Bereich
Physik erst auf der Ebene der Spezialgebiete der Grundlagenforschung oder der angewand­
(primäre subdisziplinäre Ebene) durchgeführt, ten Forschung gehört, gibt es ein ganzes Spek­
sie ist also bestenfalls Tertiärdifferenzierung trum von differenten Institutionalisierungsfor­
der Wissenschaft. Zudem bleiben Theoretiker men, die jeweils für Grundlagenforschung und
und Experimentalisten durch Zugehörigkeit zu angewandte Forschung charakteristisch sind und
einem Belohnungssystem in einer subdisziplinä­ auf diese Weise zwei Teilsysteme des Wissen­
ren Einheit zusammengebunden: Reputation schaftssystems voneinander trennen. Überspitzt
kann nur stabilisiert werden, wenn sie über die gesagt, könnte man behaupten, daß für ein be­
Grenzen dieser Funktionsdifferenzierung hinweg stimmtes Forschungsprojekt die Frage, ob es
zugewiesen wird. (Theorien müssen sich als em­ sich denn um angewandte Forschung oder um
pirisch auswertbar erweisen und Überprüfungs­ Grundlagenforschung handle, nicht in Ansehen
versuchen standhalten; Experimente müssen theo­ der Problemstellung des Forschungsprojekts ent­
retische Rekonstruktionen stimulieren). schieden werden könne, die Antwort vielmehr da­
von abhänge, in welchem institutionellen Kontext
Schließlich muß man sich der Voraussetzungen die betreffenden Forscher loziert seien. Für das
solcher Funktionsdifferenzierungen vergewis­ Verhältnis von angewandter Forschung und
sern. Aus den wenigen beobachtbaren Fällen Grundlagenforschung läßt sich nun auch eine
kann man induktiv erschließen, daß es zur Rol­ funktionale Komplementarität derart behaupten,
lentrennung von Theoretikern und Experimen­ daß die Ergebnisse der Grundlagenforschung für
talisten des Vorhandenseins mathematischer die angewandte Forschung notwendiges Arbeits­
Formalismen bedarf, die eine exakte quantita­ wissen sind; die Grundlagenforschung anderer­
tive und experimentelle Überprüfung theoretisch seits oft zur angewandten Forschung in einem
generierter Propositionen und Prognosen ermög­ rekonstruktiven Verhältnis steht, d.h. daß sie
lichen. Auch noch unter diesen Umständen die von der angewandten Forschung praktisch
bleibt wegen der ausgeprägten Prestigedifferenz gelösten Probleme und technisch konstituierte
zwischen theoretischer und experimenteller Ar­ neue Phänomenbereiche theoretisch nachkon­
beit die Funktionsdifferenzierung eine ständige struiert. Es müssen also keine prinzipiellen In­
Quelle von Spannungen und Ambivalenz14. tegrationsprobleme zwischen diesen beiden Teil­
systemen des Wissenschaftssystems auftreten,
13 Verfeinerungen, wie etwa die Unterscheidung von es sei denn, es würden durch die differenten In­
,,mathematical“, „intermediate“ und „phenomenolo­ stitutionalisierungsformen kommunikative Di­
gical“ theorists oder den interessanten Spezialfall der
stanzen geschaffen, die nur schwer zu überbrük-
Ausbildung von „accelerator physics“ quer zur Un­ ken sind15.
terscheidung von Kern- und Hochenergiephysik kön­
nen wir an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. Eini­
ges an interessantem Material findet sich in den
beiden Bänden von NAS 1972.
14 Für Belege siehe MULKAY/WILLIAMS 1971: GA­
STON 1973. 15 Zu diesem Abschnitt siehe auch STÖRER 1972.
R. Stich weh: Differenzierung der Wissenschaft 89
III. Integration ihr Selbstverständnis auch entsprechend formu­
lieren, laufen Gefahr, sich in kognitiven Idio­
Nachdem im vorigen die Disziplinendifferenzie­ synkrasien zu verlieren und in stagnative Pha­
rung der Wissenschaft als Ausbildung kognitiv sen einzutreten. Andererseits sind kognitive In­
ungleicher Einheiten, die sozialstrukturell seg­ novationen, seien es Theorien, Modelle, Metho­
mentiert sind und zwischen denen ausgeprägte den oder Begriffe, zumeist vom Ursprungskon­
Interdependenzunterbrechungen existieren, be­ text ablösbar und können dann in andere Kon­
schrieben worden ist, gilt es nun zu klären, ob texte transferiert werden. Von der Gewähr­
und in welchem Maße integrative Mechanismen leistung solchen Innovationstransfers hängt wohl
zwischen den Disziplinen etabliert sind, deren das Maß an Kontrolle und Stimulation ab, das
Wirksamkeit es erlaubt, von Wissenschaft als Disziplinen wechselseitig füreinander garantieren
einem die differenzierten Einheiten übergreifen­ können. Integrative Mechanismen in der Wissen­
den Systemzusammenhang zu sprechen. schaft haben genau die Funktion, strukturell
günstige Bedingungen für Innovationstransfer
Bevor wir diese Frage selbst beantworten, mag bereitzustellen.
es aber sinnvoll sein, sich zu überlegen, warum
überhaupt ein Bedarf für Integration der Wissen­ Da man eine Komplementarität von Differen­
schaft besteht. Aus einer externen Perspektive zierungstypus und dominanter Integrationsform
läßt sich der Integrationsbedarf aus Anforderun­ annehmen kann, liegt es nahe, sich der vorhe­
gen der Kommunikation mit der gesellschaft­ rigen Analyse der internen Differenzierung zu
lichen Umwelt der Wissenschaft erklären. Einmal bedienen, um Aussagen über die Integrations-
darf die für Wissenschaft charakteristische De­ form der Wissenschaft zu gewinnen.
komposition von Problemstellungen in eine Viel­
zahl von disziplinenspezifischen Partialperspek­ Wenn man von der segmentären Komponente
tiven nicht so weit vorangetrieben werden, daß in der Differenzierung der Wissenschaft aus­
unabsehbar wird, ob es möglich ist, diese Partial­ geht, bietet sich der Versuch an, Formen von
perspektiven in einer Weise zu rekombinieren, „Kollektivbewußtsein“ zu identifizieren, die die
die es erlaubt, daß sie für die Lösung der ver­ Segmente möglicherweise zusammenschließen16.
gleichsweise kompakten außerwissenschaftlichen Dagegen erhebt sich jedoch sogleich der Ein­
Probleme fruchtbar gemacht werden. Eine derart wand, daß die Segmente über kognitive Ungleich­
desintegrierte Wissenschaft würde kaum noch heit differenziert sind — und zudem diese Un­
als Kommunikationspartner für andere Teilsy­ gleichheit zunehmend ausgeprägter wird. Der
steme der Gesellschaft fungieren können und da­ zweifellos vorhandene konsentierte Bestand an
her Gefahr laufen, die notwendigen externen Methoden, Normen und Werten kann für den
Ressourcenzuweisungen und Unterstützungs­ Verlauf von Forschungsprozessen daher nur von
leistungen nicht mehr mobilisieren zu können. geringer und tendenziell abnehmender Instruk-
tivität sein. Um es näher an DÜRKHEIM zu
Ein Zweites ist, daß Wissenschaft einer integra- formulieren: auch Disziplinen unterliegen dem
tiven Identitätsartikulation bedarf, die die Ab­ Prozeß der Individualisierung; disziplinäres Son­
grenzungsleistungen gegenüber Nicht-Wissenschaft derbewußtsein kann nur noch zu geringem Teil
stabilisiert. Wissenschaft muß für einzelne Dis­ durch das wissenschaftliche Kollektivbewußt­
ziplinen eine „innere Umwelt“ garantieren, die sein ausgefüllt werden17. Man kann für Wissen­
sicherstellt, daß nicht etwa einzelne Disziplinen schaft sogar behaupten, daß in kaum einem an­
durch Aussenkontakte korrumpiert werden deren Sozialsystem Werte und Normen als dif­
und außerwissenschaftliche Werte und Normen ferente Ebenen der Generalisierung von Erwar­
für innerwissenschaftliche Relevanzen substi­
tuieren. 16 Zum folgenden DÜRKHEIM 1973.
17 Siehe DÜRKHEIM 1973, 97: „II est dans la nature
Eine dritte zentrale Funktion der Integration der des taches speciales d’echapper ä Taction de la
Wissenschaft sollte hier noch benannt werden. conscience collective; car, pour qu’une chose soit
Dabei geht es um die Institutionalisierung wech­ Tobjet de sentiments communs, la premiere condi­
selseitigen Lernens zwischen Disziplinen. Dis­ tion est qu'elle soit commune, c est-a-dire quelle
soit presente a toutes les consciences et que toutes
ziplinen, die zunächst einmal autark in der Er­ se la puissent representer d 'un seul et meme point
forschung ihres Umweltausschnittes sind und de vue.“
90 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 8 2 - 1 0 1

tungen so deutlich voneinander geschieden sind. delt, der Eindruck der Desintegration aufdrängt.
Werte sind für das Gesamt wissenschaftlicher Disziplinen dienen per definitionem der Artiku­
Disziplinen verbindlich. Die MERTONsche lation von Differenz. Sie sind gewissermaßen
Tradition der Wissenschaftssoziologie hat sich, institutionalisierte Interdependenzunterbrechung.
sie allerdings als Wissenschaftsnormen behan­ Dennoch gibt es einen - hier bisher noch
delnd, auf ihre Herausarbeitung und Analyse nicht diskutierten — Typus inter-disziplinärer
konzentriert. Für den Verlauf von Forschungs­ Ordnung, der relativ stabile Austausch- und
prozessen erweisen sich Werte dieses Typs als Orientierungsmuster für das Verhältnis der Dis­
von geringer Instruktivität. Konkrete For­ ziplinen vorgibt. Gemeint ist die deutlich aus­
schungsprozesse werden eher durch disziplinen- geprägte und im Bereich der Naturwissenschaf­
spezifisch institutionalisierte Normen gesteuert, ten bisher kaum soziohistorischen Variationen
wie sie im KUHNschen Begriff der „diszi­ unterliegende Hierarchisierung der Disziplinen.
plinären Matrix“ angezielt werden. Wenn man Hierarchisierung liegt zunächst in der Form
mit PARSONS18 davon ausgeht, daß „mecha­ einer hierarchisch geordneten Wirklichkeitskon­
nische Solidarität“ jenen Zustand eines Sozial­ zeption vor, wie sie sich in der westlichen
systems bezeichnet, in dem Wert- und Normen­ Wissenschaftstradition durchgesetzt hat. Hier­
ebene kaum voneinander geschieden sind, ent­ archische Ordnung der Wirklichkeit soll in
fällt also mechanische Solidarität als mögliche diesem Zusammenhang heißen, daß man die
Integrationsform der Wissenschaft. Die funktio­ Realität in elementare Einheiten zerlegt, de­
nale Vollständigkeit der Disziplinen, ihre Aut­ ren Interaktion ein System und eine System­
arkie und die Abwesenheit komplementärer In­ ebene definiert. Auf einer nächsthöheren Sy­
teraktionen zwischen ihnen schließt anderer­ stemebene werden die Systeme der unteren
seits auch den anderen klassischen Solidaritäts­ Ebene dann zu Einheiten, deren Zusammenwir­
typ „organische Solidarität“ aus19. Auf diese ken die Systeme der jetzt betrachteten Ebene
neue, auf Desintegration von Wissenschaft wei­ konstituiert. Disziplinendifferenzierung ist in
sende Lage hat bereits DÜRKHEIM mit der gewisser Hinsicht ein Resultat der iterativen
Diagnose einer anomischen Arbeitsteilung in Anwendung dieses kognitiven Schemas, wenn
der Wissenschaft reagiert (DÜRKHEIM, 1973, auch heute auf einer Systemebene oft mehrere
347); bis heute schließen sich ähnliche Befunde Disziplinen nebeneinander angesiedelt sind und
und häufig die Forderung nach der Etablierung zudem der konstruktive Charakter des hier vor­
von Interdisziplinärst als einer möglichen Ab­ genommenen Wirklichkeitsaufbaus dadurch im­
hilfe an. mer deutlicher hervortritt, daß sich in die frei-
gelassenen Lücken zwischen den Ebenen Über­
Die Frage, ob in Wissenschaft tatsächlich ein gangsfelder (z.B. physikalische Chemie; Sozial­
geringerer Integrationsgrad vorliegt als in ande­ psychologie) und Hybriddisziplinen (z.B. Bio­
ren gesellschaftlichen Subsystemen kann hier physik) schieben20. Das hier angewendete Ord­
nicht endgültig beantwortet werden. Allerdings nungsschema der Wirklichkeit läßt sich auch
wollen wir auf einige zentrale integrative Me­ so beschreiben, daß beim Übergang auf untere
chanismen in der Wissenschaft hinweisen, deren Systemebenen zunehmend Restriktionen hin-
Existenz uns die Vermutung nahelegt, daß die
Diagnose einer anomischen Arbeitsteilung nicht 20 Ohne dem hier näher nachgehen zu können, sei
gerechtfertigt ist. darauf hingewiesen, daß auch Übergangsfelder und
Hybriddisziplinen vor allem eine integrative Funk­
Wenn wir zunächst auf der Ebene der Diszipli­ tion übernehmen. Übergangsfelder dienen der Trans­
nen verbleiben, so dürfte aus dem Vorhergehen­ mission von Wissen an der Grenze zweier Diszipli­
den klar sein, weshalb sich einer Betrachtung, nen, Hybriddisziplinen wenden die Methoden einer
Disziplin auf die Problemstellungen einer anderen
die sich auf der Ebene der Disziplinen ansie­ Disziplin an. Siehe die interessante Bermerkung von
DE CERTAINES zum disziplinären Charakter der
Biphysik: „La biophysique qui dans son ensemble
18 Siehe z.B. PARSONS 1974, LIT n’est pas en equilibre et ne peut done etre analysee
19 Natürlich sind beide Solidaritätstypen auf unteren comme une discipline stable, est l’ensemble des
Differenzierungsebenen anzutreffen. In diesem Sinne combinaisons variables que Ton peut realiser ä partir
wird denn auch in der Literatur gelegentlich von des cellules elementares stables que sont chaque
der DURKHEIMschen Analyse Gebrauch gemacht. technique physique, chaque objet biologique.“ (DE
Siehe für ein relativ gutes Beispiel LAW 1973. CERTAINES 1976, 117).
R. Stichweh: Differenzierung der Wissenschaft 91

sichtlich der Klassen der zu berücksichtigenden Generell kann man annehmen, daß das Be­
Phänomene und Variablen eingeführt werden; wußtsein einer „harten“ Disziplin anzugehören,
d.h. man konstruiert Systemebenen mit abneh­ wissenschaftliches Selbstbewußtsein und diszi­
mender interner Komplexität21. Diese Vor­ plinäre Identifikation stärkt, während umge­
gehensweise hat den auf verschiedenen Stufen kehrt Wissenschaftler „weicher“ Disziplinen in
der Hierarchie placierten Disziplinen verschie­ Gefahr sind, ständig an einer defektiven Iden­
dene Entwicklungsverläufe aufgeprägt. Es ist tität zu leiden und tendenziell jeden Schritt
vielfach darauf hingewiesen worden, daß Theo­ am Ziel der Annäherung an die „harten“ Wis­
riebildung, Formalisierung der Theoriebildung, senschaften auszurichten.
innerdisziplinärer Konsens über Problemwahlen
und über die Gültigkeit von Problemlösungen Es läßt sich hier schon absehen, daß die Pre­
eng Zusammenhängen mit den restriktiven Ver­ stigehierarchie, sofern sie für Wissenschaftler
einfachungen, die in den Gegenstandsbereich orientierungs- und handlungswirksam wird, ein
eingeführt werden können. Disziplinen, die Sy­ wichtiger Faktor der Homogenisierung des wis­
stemebenen von geringerer interner Komplexi­ senschaftlichen Feldes ist. Hierarchisierung der
tät als Gegenstand ihrer Untersuchungen haben, Disziplinen intensiviert den Austausch zwischen
gelingen in diesen vier Dimensionen schnellere den Disziplinen und sie führt dazu, daß der
Fortschritte, eine Entwicklungsdifferenz, die Transfer von Techniken, Modellen und Theo­
man auch als Indikator „kognitiver Reife“ be­ rien typischerweise in eine Richtung fließt. Auf
nutzen und damit normativ wenden kann. So­ diese Weise etabliert Hierarchisierung eine rela­
fern dies geschieht, schließt sich an den Zu­ tiv strikte Transitivität im Informationsaus­
sammenhang von Hierarchie der Wirklichkeits­ tausch zwischen Disziplinen23*. Eine wichtige
bereiche und differenten Entwicklungsniveaus Zusatzbedingung für die faktische Wirksamkeit
von Disziplinen eine Prestigehierarchie der Wis­ der Prestigehierarchie ist die gemeinsame Insti­
senschaften an, in der die Disziplinen mit for­ tutionalisierung einer Vielzahl von Disziplinen
malisierter Theoriebildung und hohem inner­ an der Universität, die jeden Wissenschaftler
disziplinären Konsens, die zusätzlich als beson­ ständig mit einem gewissen Maß an Präsenz
ders fundamentale Wissenschaften gelten, als und Sichtbarkeit von Vertretern anderer Diszi­
Paradigmata erfolgreicher Wissenschaft angese­ plinen konfrontiert.
hen werden und dementsprechend von ande­
ren Disziplinen erwartet wird, daß sie nachho­ Hierarchisierung läßt aber nicht nur den Kon­
lend eine entsprechende Entwicklung vollziehen zepttransfer vorwiegend von den „harten“ zu
Dabei kehrt die Prestigehierarchie der Diszipli­ den „weichen“ Wissenschaften verlaufen; viel­
nen die Hierarchie der Wirklichkeitsbereiche mehr erzeugt sie parallele Ströme personaler
gewissermaßen um. Es sind ja die mit beson­
ders einfachen Gegenstandsbereichen befaßten
Wissenschaften, die im System der Wissenschaf­ 23 Siehe KRAUZE 1972, 375.
ten das größte Prestige besitzen. Über diese Belege für Hierarchien in Disziplinen, die teilweise
Prestigehierarchie der Wissenschaften herrscht auch im strikten Sinne transitiv sind, finden sich
bei CARPENTER/NARIN 1973 (für Spezialgebie­
sowohl außerhalb der Wissenschaften als auch te) und NARIN/CARPENTER/BERLT 1972 (für
in der Wissenschaft relativ hoher Konsens22. Zitationshierarchien von Journalen). Die Studie von
1972 gibt auch Zahlen für den Austausch zwischen
Physik und Chemie (gemessen durch Verweisungen
21 Siehe PANTIN 1968, Ch. 1; siehe auch MESARO- von Journalen aufeinander). An letzteren Zahlen
VIC et al. 1970, 30 f. läßt sich zweierlei ablesen: die Dominanz der Phy­
22 LODAHL/GORDON 1972 haben Wissenschaftler sik im Informationsaustausch mit der Chemie, die
verschiedener Disziplinen gebeten, eine Reihe so­ sich, wie die historische Analyse der Zitationsmu­
zial- und naturwissenschaftlicher Disziplinen nach ster bei FUSSLER 1949 demonstriert, erst um 1930
dem Grad ihrer jeweiligen Paradigmaentwicklung durchsetzt. Zum anderen die Zentralstellung der
einzustufen. Die Untersuchung ergab einen erstaun­ physikalischen Chemie als „core-specialty“ der Che­
lichen Konsens über Disziplinengrenzen hinweg mie und als Übergangsfeld von der Chemie zur Phy­
hinsichtlich dieses Typs von Rangordnung in der sik, das den Informationsaustausch vermittelt.
Wissenschaft (s. ebd. 60). Zu den Austauschbeziehungen zwischen Chemie
Siehe auch die Beobachtung, die HAGSTROM 1965, und Physik siehe auch NAS 1972, Vol. 1, 279-289,
175 registriert, daß physikalische Chemiker dazu Vol. 2, 1013-1017; zur Prominenz der physikali­
neigen, sich als chemische Physiker zu identifizie­ schen Chemie in der Chemie BLUME/S1NCLAIR 1974,
ren. 235.
92 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 82 - 101
Mobilität. Typischerwsise wandert man aus und Flüssigkeiten nur noch approximativen
„fortgeschritteneren“ in weniger „fortgeschrit­ Status zu.
tene“ Disziplinen und versucht die formalen
Kompetenzen, die in der Herkunftsdisziplin Parallel zur hier zu beobachtenden Zentrierung
erworben worden sind, in der neuen Disziplin auf wenig komplexe Phänomenbereiche kann
zur Geltung zu bringen24. man feststellen, daß das Studium von Makrosy­
stemen, die zahlreiche komplex verbundene
Personaler „Aufstieg“ in der Hierarchie der Variablen aufweisen, vernachlässigt wird. In der
Disziplinen ist ein relativ seltenes Phänomen. Physikgeschichte kann man dies am Schicksal
Sofern man ein Arbeitsvorhaben wählt, das pri­ der Meteorologie studieren, die spätestens mit
mär in den Bereich einer formal komplizierte­ der endgültigen Durchsetzung experimenteller
ren Disziplin fällt, versucht man in der Regel Laborforschung und dem Übergang zu hypothe­
erst gar nicht, die formalen Kompetenzen der tisch-deduktiven Methodologien an den Rand
neuen Disziplin zu erlernen. Statt dessen wählt der Disziplin verbannt wird (ca. 1830)26.
man den Weg der Kooperation mit einem ein­
schlägig bewanderten Wissenschaftler. Innerdisziplinäre Entwicklungsprozesse gehen al­
so von höher komplexen Phänomenbereichen
Die bisherigen Überlegungen zur Hierarchisie- zu weniger komplexen Phänomenbereichen über,
rung von Disziplinen bedürfen noch einiger institutionalisieren diese als neue Subdisziplinen,
Qualifizierungen. So fällt auf, daß auch in in­ die sich zusätzlich durch Fundamentalität und
nerdisziplinären Entwicklungsprozessen eine höheres Prestige von älteren Subdisziplinen un­
Präferenz auf die Untersuchung von Phänomen­ terscheiden. Die Hierarchie der Subdisziplinen ist
bereichen gesetzt wird, die wenig komplex damit zugleich die Entwicklungsgeschichte einer
strukturiert sind, daher Aussagen von hoher Disziplin, was man sich etwa an der Abfolge von
Generalität zulassen und denen in der Folge Atomphysik, Kernphysik und Elementarteilchen­
dann besondere Fundamentalität zugesprochen physik (Hochenergiephysik) in der Physikge­
wird. Ein interessantes Beispiel dafür ist die schichte dieses Jahrhunderts verdeutlichen kann.
zentrale Stellung, die in der Physik des 19. Die Entwicklungsgeschichte einer Disziplin wie­
Jahrhunderts das Studium von Gasen erhält. derum rekonstruiert die Evolution der Materie
Während noch im 18. Jahrhundert Gase als und des Lebens; in allerdings umgekehrter Rei­
nichts anderes als modifizierte Formen von henfolge.
Festkörpern und Flüssigkeiten gelten25, ent­
deckt man am Anfang des 19. Jahrhunderts Eine zweite qualifizierende Bemerkung, die wir
(im Zusammenhang mit dem Gay-Lussacschen den grundsätzlichen Überlegungen zur Hierar-
Gesetz und dem Bekanntwerden adiabatischer chisierung anschließen wollen, bezieht sich auf
Effekte) die Fundamentalität, die dem Stu­ die Sozial- und Handlungswissenschaften27. Von
dium von Gasen zukommt. Man erklärt sie mit einer Hierarchie sozialwissenschaftlicher Diszi­
der Abwesenheit intermolekularer Kräfte in plinen untereinander kann wohl kaum die Rede
Gasen. Während man Gasgesetze für „exakte“ sein. Allenfalls würde sich noch das Verhältnis
Gesetze hält, erkennt das 19. Jahrhundert Ge­ von Soziologie und Psychologie dieser Interpre­
setzen über das Verhalten von Festkörpern tation fügen. Jedoch würden Soziologen wohl
ungern der Behauptung zustimmen, sie seien mit
einer weniger fundamentalen Disziplin befaßt,
24 Dafür lassen sich mittlerweile aus den wissenschafts­ als es die Psychologie ist. Andererseits ist inter­
soziologischen Fallstudien fast zahllose Belege an­
führen. Erinnert sei hier nur an die beiden schon essant, daß unter den subdisziplinären Speziali­
beinahe klassischen Studien BEN DAVID/COLLINS sierungen, die amerikanische Soziologen nennen,
1967 (Psychologie); MULLINS 1972 (Molekularbio­ die Sozialpsychologie mit weitem Vorsprung
logie). Siehe auch die Bemerkungen bei RIESMAN/ die am häufigsten genannte ist28. Insofern läge
JENCKS 1968, 528 über die Mobilität von Ph. D. die Vermutung nahe, daß die Sozialpsychologie
Kandidaten.
Gelegentlich gibt es auch Wanderungsbewegungen
in umgekehrter Richtung. So etwa die Neigung der
physikalischen Chemiker sich in vernachlässigten 26 Siehe auch CARDWELL 1971, 277 und CAWOOD
Problemgebieten der Physik anzusiedeln. 1977
25 Hierzu und zum folgenden FOX 1971, 68 f. und 27 Zum Folgenden siehe vor allem auch PIAGET 1974.
249 28 Siehe STEHR 1974
R. Stichweh: Differenzierung der Wissenschaft 93

in einem ähnlichen Sinne für die Soziologie tätskontinuum besteht. Die so etablierten Diffe­
die „core-specialty“ ist, wie es die physikalische renzen zwischen Disziplinen werden ja in den
Chemie in der Chemie ist. Disziplinen selbst zur Voraussetzung integrativer
Prozesse, wie sie typischerweise durch Isolierung
Wenn auch hierarchische Interrelation unter So­ einer bestimmten Problemsicht und Frage rich-
zialwissenschaften selten ist, so stehen doch ein­ tung möglich werden. Es liegt nahe, zusätzlich
zelne Sozialwissenschaften in einem Verhältnis nach supra- und subdisziplinären Mechanismen
asymmetrischer Interaktion zu naturwissenschaft­ zu suchen, die die integrativen Leistungen der
lichen Disziplinen. PIAGET weist auf die beson­ Hierarchisierung der Disziplinen ergänzen kön­
dere Bedeutung der Biologie und der Neurophy­ nen. Im folgenden wird je ein Mechanismus
siologie als „disciplines charnifcres“ zwischen den dieses Typs kurz dargestellt werden.
Sozial- und den Naturwissenschaften hin. Im üb­
rigen kann man wohl für alle Sozialwissenschaf­ Auf supradisziplinärer Ebene bietet es sich an,
ten einen Trend zur Orientierung an einem idea­ ,,transdisziplinären Konzepten“29 eine zentrale
lisierten Bild naturwissenschaftlicher Forschung Funktion zuzuschreiben. Mit transdisziplinären
vermuten, so daß im Verhältnis der beiden Wis­ Konzepten meinen wir nicht den oben schon
senschaftsklassen zueinander in gewissem Maße diskutierten Vorgang des Transfers eines in ei­
von einer hierarchischen Interrelation die Rede nem spezifischen disziplinären Milieu generier­
sein kann. ten Konzepts in eine Mehrzahl von neuen Kon­
texten. Vielmehr meinen wir Konzepte, die von
Interessant an der Abwesenheit hierarchischer vornherein auf einer Ebene angesiedelt sind,
Interrelation zwischen den Sozialwissenschaften auf der ihr Bedeutungsgehalt nicht auf spezifi­
ist für unsere Zwecke, daß sie gewissermaßen sche Probleme einzelner Disziplinen referiert.
vom Gegenbeispiel her die Relevanz von Hier- Statt dessen visieren sie Gemeinsamkeiten an,
archisierung für die Integration der Wissenschaft die es erlauben, heterogen erscheinende Problem­
beweist. Es liegt nahe, zu vermuten, daß die im klassen mehrerer Disziplinen zu übergreifen30.
Verhältnis zu den Naturwissenschaften geringe Bei der Suche nach Beispielen für transdiszipli­
Häufigkeit von Interaktionen zwischen Sozialwis­ näre Konzepte stossen wir auf zwei Beispielty­
senschaften und das fast vollständige Fehlen pen. Einmal haben wir es bei den Modellen und
eines Bewußtseins komplementären Aufeinander­ Begriffen, wie sie Formaldisziplinen - vor allem
angewiesenseins auf die nicht-hierarchische An­ Mathematik und Logik - zur Verfügung stellen,
ordnung der Sozialwissenschaften zurückzufüh­ mit transdisziplinären Konzepten zu tun. A.
ren ist. LICHNEROWICZ hat den Charakter der Mathe­
matik als einer disziplinenübergreifenden Res­
Unsere bisherige Argumentation hat versucht, source treffend charakterisiert: „La science ne se
zu belegen, daß Hierarchisierung als Form des definit plus id par Tetude d’un champ determine
Bezugs von Disziplinen aufeinander dazu dient, des ph6nom£nes . . ., mais par Eunit6 du modele
die als Folge des Differenzierungsmusters dro­ math£matique pour diffSrents champs, qui se
hende Beziehungslosigkeit zu kontrollieren. Sie patent un mutuel appui“ (LICHNEROWICZ
institutionalisiert relativ regelmäßig fungierende 1973, IV). Unter diesem Gesichtspunkt muß
Austauschprozesse und prägt den Handlungen man sich die Zentralität der Mathematik für die
des Wissenschaftlers eine doppelte Orientierung Integration der Wissenschaft vergegenwärtigen,
auf: einerseits bezogen auf den Stand der Dis­ zugleich darf man aber nicht übersehen, daß die
ziplin, andererseits auf das internalisierte Ent­ Formalisierung disziplinärer Konzepte, die den
wicklungsideal der Disziplin. Integrationsgrad von Wissenssystemen erhöht,
den Zugang zu und das Verstehen von avancier­
Um zum Ausgangspunkt unserer Argumentation tem wissenschaftlichem Wissen an anspruchsvol­
zurückzukehren: Hierarchisierung ist offensicht­ lere Voraussetzungen bindet, so daß anomische
lich von erheblicher integrativer Bedeutung: den­ Kommunikationsstörungen im Kommunikations­
noch kann Integration von Wissenschaft nicht system der Wissenschaft auftreten können, die
hinreichend in der Form einer inter-disziplinären
Ordnung gesichert werden, da die Primärfunk­
hon von Disziplinen in der Artikulation von In­ 29 Für diesen Begriff siehe CHECKLAND 1976.
terdependenzunterbrechungen in einem Reali­ 30 Siehe BOULDING 1968, 5.
94 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 82 - 101

die kommunikative Präsenz und Verfügbarkeit vielmehr ersetzt sie ständig ihre Ausgangsfrage­
eines prinzipiell vorhandenen Integrationsniveaus stellungen durch neue Problemformulierungen,
des Wissenssystems gefährden. die am Anfang noch gar nicht gedacht werden
konnten. Ein neues wissenschaftliches Problem
Ein zweiter Typ von transdisziplinären Konzep­ zu stellen, heißt im Prinzip, einen Differenzie­
ten begegnet uns in den Begriffssystemen des rungsschritt einzuleiten, so daß eine Integration
„Strukturalismus“ und der „General Systems der Wissenschaft über Problemorientierung nicht
Theory“31. Strukturalismus und General Sy­ erreicht werden kann.
stems Theory unterscheiden sich von den For­
maldisziplinen dadurch, daß sie ihre Entstehung Diese Überlegungen machen bereits deutlich,
spezifischen disziplinären Kontexten verdanken daß interdisziplinäre Forschung nicht etwa auf
und teilweise die Phänomene des Herkunftsbe­ Probleme der konzeptuellen Integration der
reichs (Sprache; organische Systeme) als paradig­ Wissenschaft — einer eventuellen disziplinären
matische Phänomene verwenden. Das erleichtert Fragmentation des Wissens — antwortet. Inter­
zugleich ihre inhaltliche Interpretierbarkeit. Ein disziplinäre Forschung gehört in den Kontext
zweiter Unterschied liegt wohl darin, daß Struk­ angewandter Forschung und antwortet damit
turalismus und General Systems Theory bereits auf Probleme der sozialen Integration der Wis­
auf begriffene Integrationsprobleme der Wissen­ senschaft in die Gesellschaft. Ihre spezifische
schaft reagieren. Sie sind mehr oder minder in­ Leistung besteht darin, mehrere disziplinenspe­
tentional für transdisziplinäre Forschungsinteres­ zifische Perspektiven zum Zweck der Bearbei­
sen generiert worden. tung von Problemen der gesellschaftlichen Um­
welt der Wissenschaft zu aggregieren.
Der integrativen Leistungen transdisziplinärer
Konzepte kann man sich genauer vergewissern, Im Anschluß daran läßt sich nun der Stellen­
wenn man ihre Funktion mit der der als Lösung wert der transdisziplinären Konzepte näher
der Integrationsprobleme heute vielbeschwore­ bestimmen: Transdisziplinarität kann beschrie­
nen „ interdisziplinären Forschung“ vergleicht. ben werden als ein Problem der internen kon­
Interdisziplinäre Forschung ist in der Regel pro­ zeptuellen Integration der Wissenschaft. Trans­
blemorientiert. Sie nimmt externe Problemvor­ disziplinäre Konzepte gehören daher in den
gaben auf, die aus der gesellschaftlichen Umwelt Kontext der Grundlagenforschung und versu­
der Wissenschaft an die Wissenschaften kom­ chen, Strukturbegriffe, die jenseits unmittelba­
muniziert werden und versucht, die Begriffe und rer Beobachtungsdaten auf Tiefenstrukturen
Instrumente einer Mehrzahl von Disziplinen in der Realität zielen, für eine Mehrzahl von Diszi­
einer Weise zu kombinieren, die diese für die Lö­ plinen fruchtbar zu machen.
sung der Probleme fruchtbar macht. Der Pro­
blembegriff der interdisziplinären Forschung ist Wenn wir von der supra- zur subdisziplinären
nicht der Problembegriff der Wissenschaft32. In­ Ebene übergehen, haben wir es wahrscheinlich
terdisziplinäre Forschung ist darauf angewiesen, mit integrativen Leistungen von mindestens
ihre Probleme invariant zu halten, um Rückkom- vergleichbarer Relevanz zu tun. Es war oben
munizierbarkeit der angebotenen Problemlösung ja bereits angemerkt worden, daß die subdiszi­
an die gesellschaftliche Umwelt zu sichern. Für plinäre Differenzierung in „Spezialgebiete“,
Wissenschaft hingegen ist charakteristisch, daß „Problemfelder“ etc. im Prinzip die für Wissen­
sie die Probleme, mit denen sie anfängt, im Ver­ schaft typische Differenzierungsform nach in­
lauf von Forschungsprozessen nicht garantieren nen wiederholt. Nun stoßt man aber in Fallstu­
kann. Evolution von Wissenschaft ist vor allem dien auf das Phänomen, daß Subdisziplinen
auch eine Evolution ihrer Probleme. Wissen­ nicht eng in Disziplinengrenzen eingebunden
schaft gibt nicht etwa auf eine Ausgangsfrage­ sind, diese vielmehr häufig überschreiten33*. Ge­
stellung immer genauere und bessere Antworten, nerell kann man aus Fallstudien folgende Ver­
mutung ableiten: Mit abnehmendem Institutio­
nalisierungsgrad und abnehmender Lebensdauer
31 Zu diesen Beispielen CHECKLAND 1968.
32 Die folgenden Überlegungen sind durch die Analy­
sen G. BACHELARDS angeregt worden. Siehe z.B. 33 Siehe z.B. MULLINS 1972. Einige Hinweise auch
BACHELARD 1953. bei HILDAHL 1972.
R. Stichweh: Differenzierung der Wissenschaft 95
von Spezialgebieten und Problemfeldern wächst setzt. In diesem Abschnitt jedoch geht es um
die Wahrscheinlichkeit, daß bei der Personal­ das Phänomen, daß an Forschungsfronten in sub­
rekrutierung und der Problemformulierung dis­ disziplinären Einheiten die Disziplinengrenzen
ziplinäre Grenzen überschritten werden. Erst bei an orientierender Kraft verlieren und daher oft
einsetzendem Institutionalisierungsprozeß, der überschritten werden. Man könnte diese Be­
meist eine Reformulierung des für das Fachge­ hauptung auch so reformulieren, daß Disziplinen­
biet spezifischen Problems impliziert, fügt das differenzierung selbst ein integrativer Mechanis­
Fachgebiet sich enger in die disziplinäre Struktur mus ist. Wenn an Forschungsfronten, an denen
der Wissenschaft ein —eine Eingliederung, die zugleich oft die Umrisse der Konstitution eines
kognitiv entweder über Akkomodation der spezial­ neuen Spezialgebietes sichtbar werden, eine
gebietsspezifischen Problemformulierungen an Mehrzahl von Forschungslinien aus bis dahin
das für die Disziplin typische Problemverständnis unverbundenen Spezialgebieten zusammengezo­
oder bei erfolgreichen „revolutionären“ Spezial­ gen werden, so kann man behaupten, daß Dis­
gebieten über eine Neuformulierung des Selbst­ ziplinendifferenzierung die Probleme, die sie
verständnisses der Disziplin stattfindet34. Sozial aufwirft, auch selbst löst.
impliziert Eingliederung in die Disziplin eine
Etablierung im auf der Organisationsebene ange­ Ein weiteres Charakteristikum der Forschergrup­
siedelten Rahmen der Wissenschaft — Lehrstüh­ pen in wenig institutionalisierten Spezialgebieten
le, Nachwuchsausbildung usw. - und sie ent­ bedarf noch der Erwähnung. Häufig handelt es
steht zugleich aus dem bei längerer Lebensdauer sich bei diesen Gruppen um „invisible colleges“,
des Spezialgebietes zunehmenden Bedarf für d.h. Netzwerke von Wissenschaftlern, die durch
eine solche Etablierung. Die damit wiederherge­ informelle Kommunikatiönsbeziehungen zusam­
stellte Diskontinuität zwischen Disziplinen, die mengeschlossen werden und deren Mitglieder
sich kognitiv durchaus auch als Lücke erweisen wissenschaftlichen Eliten angehören35. Die be­
mag, wird eventuell erst wieder durch ein neues sondere Prominenz von „invisible colleges“ un­
Spezialgebiet überbrückt. Damit zeichnet sich ter den hier interessierenden Gruppen erklärt
also unterhalb der disziplinären Ebene ein Mu­ sich daraus, daß an über Disziplinengrenzen vor­
ster der Organisation von wissenschaftlichen angetriebenen Forschungsfronten, an denen
Gruppenprozessen ab, das dem von CAMPBELL folgenreiche Innovationen möglich werden, in
in Anlehnung an POLANYI beschriebenen „Fisch­ der Regel nur Eliten die wissenschaftlich erfor­
schuppenmodell“ (fast lückenlose Abdeckung derliche Kompetenz und die disziplinenüber-
eines Forschungsfeldes durch elementare Organi­ greifenden Kontakte haben — der „normal scien­
sationseinheiten der Forschung, die sich an den tist“ betrifft ein Forschungsgebiet erst, wenn
Rändern jeweils überlappen) relativ nahekommt in ihm tatsächlich „normal science“ möglich ge­
(CAMPELL 1969). Im Unterschied zu CAMP­ worden ist. Den gleichen Befund könnte man
BELL muß man aber betonen, daß „Brücken­ unter Gesichtspunkten der Integration der Wis­
felder“ nur temporär als solche fungieren und im senschaft so formulieren, daß dort, wo jen­
Maß ihrer Institutionalisierung bereits wieder seits von Disziplinengrenzen eine kognitiv-kon­
neue Lücken entstehen. zeptuelle Integration der Wissenschaft noch nicht
gelungen ist, soziale Integration in der Form
Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll, noch der Bildung von Elitegruppierungen die Rolle
einmal die Differenz subdisziplinärer Überlage­ eines funktionalen Äquivalents für die unzurei­
rungsphänomene zur „interdisziplinären For­ chende kognitiv-konzeptuelle Integration über­
schung“ zu betonen: Interdisziplinäre Forschung nimmt.
ist der Versuch eines Brückenschlags, der sich
seine Probleme erst noch suchen muß, bzw. von Natürlich gruppieren sich nicht alle „invisible
extern vorgegebenen „sozialen Problemen“ aus­ colleges“ um ein eigenes, nur von ihnen bearbei­
geht und daher eher auf disziplinärer Ebene an­ tetes Forschungsgebiet. Es gibt daneben einen

35 Für eine knappe Charakterisierung PRICE 1971. Im


34 Für das letztere ist einmal mehr die Phagengruppe übrigen CRANE 1972, die aber nicht deutlich ge­
und die Entwicklung der Molekularbiologie das ge­ nug die Differenz zwischen „invisible colleges“ und
eignetste Beispiel. Siehe CAIRNS et al. 1967; anderen Gruppenbildungen in der Wissenschaft
MULLINS 1972. herausarbeitet.
96 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 82 - 101
zweiten Typ von „invisible college“, der sich Wenn man unterstellt, daß Wissenschaft als Pro­
in gut institutionalisierten, zentral in eine Dis­ zeß aus der Sequenzierung von Forschungskom­
ziplin eingebundenen Spezialgebieten bildet. In munikationen besteht, kann man das Spezifikum
solchen Spezialgebieten, deren „community“ von Forschungskommunikationen darin sehen,
entsprechend der Zentralität des Gebietes sehr daß sie versuchen, in einem Bedeutungshorizont
groß ist, übernimmt das „invisible college“ — von Verweisen auf Bekanntes (den Forschungs­
wie PRICE behauptet, etwa die Quadratwurzel stand), dessen fortdauernde Geltung bestätigt
der Zahl der Forscher im Spezialgebiet —über wird, etwas prinzipiell Neues zu artikulieren. Da­
informelle Kommunikation die Steuerung der ran anschließende Forschungskommunikationen
Forschungsaktivitäten und verbindet indirekt bestimmen ihren Platz in einer Sequenz von For­
alle Forscher im Gebiet miteinander. Die inte­ schungskommunikationen genau dadurch, daß
grative Relevanz dieses zweiten Typs von „in­ sie sich auf die Relation von Wissensstand und
visible college“ bezieht sich also im wesentlichen vorgeschlagener Modifikation oder Erweiterung
auf große Spezialgebiete in Disziplinen. beziehen und ihrerseits im Bezug auf dieses Ver­
hältnis etwas Neues zu profüieren versuchen.
Die in den vorhergehenden drei Abschnitten ge­
gebene Beschreibung integrativer Mechanismen Kognitive Innovationen als Artikulationen von
soll die Vermutung plausibilisieren, daß sich - Differenz in einem breiten Umfeld von Konsens
trotz der angesichts des Differenzierungstyps sind also das Ziel von Forschungskommunika­
von Wissenschaft zunächst skeptischen Diagnose tionen. Eine Prozeßanalyse der Differenzierung
hinsichtlich einer disziplinenübergreifenden In­ von Wissenschaft müßte daher vor allem das
tegration - faktisch ein Muster disziplinärer Verhältnis von kognitiven Innovationen und Dif­
Interaktion beobachten läßt, in dem, wenn es ferenzierungsschritten klären.
auch über lange Zeiträume kaum Kommunika­
tionen zwischen Disziplinen geben mag, die Zwei Fragerichtungen bieten sich beim Versuch
relevanten Innovationen dann doch sehr schnell einer solchen Klärung an. Einmal kann man
in andere disziplinäre Kontexte transferiert wer­ danach fragen, unter welchen Umständen kog­
den. Ein interessantes Beispiel dafür wäre, daß nitive Innovationen eine disziplinäre oder sub­
trotz der seit Anfang des 19. Jahrhunderts aus­ disziplinäre Differenzierung einleiten. Überlegun­
geprägten kommunikativen Distanz zwischen gen dieses Typs würden einerseits auf eher „evo­
Physik und Chemie die Quantenmechanik der lutionäre“, andererseits auf eher „revolutionäre“
zwanziger Jahre fast ohne Zeitverzögerung in Verläufe /on Differenzierungsprozessen stoßen.
die chemische Forschung übernommen wurde Evolutionäre Verläufe sind dort zu erwarten, wo
und heute in einer Mehrzahl von chemischen kognitive Innovationen - die quantitative Ver­
Forschungsgebieten die grundlagentheoretischen mehrung des Wissens über einen Gegenstandsbe­
Überlegungen fundamental umstrukturiert hat. reich mag hier schon ausreichen — dazu führen,
Damit sind auch die Disziplinengrenzen zwischen daß ein bisher als homogen behandelter Gegen­
Chemie und Physik durchlässiger geworden, wäh­ standsbereich tendenziell als aus zwei — oder
rend die Physik zugleich einen Grad an theore­ aus mehreren - distinkten Bereichen bestehend
tischer Integration erreicht hat, wie sie ihn hi­ erscheint. Differenzierung muß hier nicht von
storisch wohl nie besessen hat. der Akkumulation von Spannungen und von
Dissens begleitet sein. Die schrittweise Trennung
von Anatomie und Physiologie im 19. Jahrhun­
dert ist hierfür ein relativ gut dokumentiertes
IV. Differenzierung und kognitive Innovation Beispiel36.
Die Überlegungen im Abschnitt 2 und 3 haben „Revolutionären“ Verläufen von Differenzie­
die Innendifferenzierung des Funktionssystems rungsprozessen hingegen wird man dort begeg­
Wissenschaft in einer eher strukturellen Perspek­ nen, wo eine Innovation die durch den For-
tive in den Blick genommen. Im abschließenden
Abschnitt wollen wir nun versuchen, den pro-
zessualen Aspekt der Differenzierung der Wissen­ 36 Zur Konstitution der Physiologie als Wissenschaft
schaft stärker herauszuarbeiten. CANGUILHEM 1963.
R. Stichweh: Differenzierung der Wissenschaft 97

schungsstand und ein auf ihn bezogenes Pro­ Komplementär oder alternativ zu endogenen
blembewußtsein geprägten gebietsspezifischen Modellen dieses Typs kann man exogene Model­
Erwartungen relativ grundlegend verletzt. Inno­ le wählen, die Wachstum der Wissenschaft aus
vationen stoßen unter diesen Bedingungen auf Wachstum der externen Förderung der Wissen­
Widerstand und ihre Stabilisierung droht an schaft oder genereller aus kausal vorgeordneten
den Kontrollstrukturen der Disziplin oder des Wachstumsimpulsen in der Umwelt der Wissen­
Spezialgebiets zu scheitern. Differenzierung schaft erklären37. Differenzierung der Wissen­
hat dann den Sinn, sich dem System sozialer schaft rückt hier dann in die zusätzliche Funk­
Kontrolle in der Disziplin zu entziehen. Dif­ tion ein, ein Komplement zur Differenzierung
ferenzierungen dieses Typs sind z.B. dort zu der Felder der Anwendung der Wissenschaft
erwarten, wo Methoden einer Disziplin erstmals und der Kommunikation mit Wissenschaft bereit­
auf Fragestellungen einer anderen Disziplin an­ zustellen.
gewendet werden (Molekularbiologie).
Ein drittes Modell wissenschaftlichen Wachstums
Wir wollen diese Überlegungen hier nicht weiter erhält man, wenn man die Ausgangsannahme
verfolgen und uns stattdessen der zweiten Fra­ des ersten Modells aufgibt: bei der Lösung eines
gerichtung zuwenden. Hier ist die gesuchte Ein­ jeden Problems werde zumindest ein neues Pro­
flußrichtung gewissermaßen umgekehrt. Diffe­ blem entdeckt. Führt man statt dessen die Hypo­
renzierung wird betrachtet als säkularer Trend, these ein, daß die Zahl der Probleme, die ein
der die Entwicklung der Wissenschaft in einer Spezialgebiet aus seiner internen Dynamik erzeu­
Globalperspektive kennzeichnet. In dieser Sicht gen kann, begrenzt ist, so muß man annehmen,
wird dann die generelle Funktion interessant, daß Wachstum in einem Feld nach einiger Zeit
die eine fortschreitende Differenzierung der Wis­ abflacht und eine Sättigungsphase eintritt. Unter
senschaft für die Häufigkeit wissenschaftlicher dieser Annahme gewinnt Differenzierung eine
Innovationen und damit für wissenschaftliches neue Funktion. Sie stellt nun sicher, daß vonein­
Wachstum hat. Die Überlegungen dazu, die wir ander getrennte Spezialgebiete differente Ver­
im folgenden anschließen, haben zudem den änderungszyklen haben und daher auch die Sät­
Sinn, einige weitere Spezifika des Differenzie­ tigungsphasen gegeneinander verschoben sind.
rungsmusters der Wissenschaft und der verfügba­ Es können dann diejenigen Forschungsfelder, die
ren Integrationsmodi herauszuarbeiten. sich nicht in einer stagnativen Phase befinden,
anderen Spezialgebieten - auch den stagnieren­
Um den Zusammenhang von Differenzierung, den — Anreize geben, die instrumenteller, aber
Innovationshäufigkeit und wissenschaftlichem auch theoretisch-konzeptueller Art sein können.
Wachstum zu klären, ist es vielleicht sinnvoll, Wir gelangen damit zu einem je nach Wahl der
sich für einen Augenblick der Argumentations- Systemreferenz als exogen oder endogen zu be­
Struktur von Theorien wissenschaftlicher Ent­ trachtenden Modell kognitiven Wandels, in dem
wicklung und wissenschaftlichen Wachstums Innovationen in Spezialgebieten für andere
zu vergewissern. Sehr oft wählt man für die Spezialgebiete neue Möglichkeiten eröffnen oder
Erklärung von Entwicklung (oder Wachstum) ein neue Fragen aufwerfen und derart stagnierende
endgenes Modell des Typs, daß man annimmt, Spezialgebiete in wieder wachsende Spezialge­
daß die Exploration eines Forschungsgebietes biete verwandeln.
für jedes gelöste Problem zumindest ein unge­
löstes Problem aufwirft. Das Modell postuliert Diese Modellannahmen machen zwei Voraus­
also, daß Forschungsgebiete aus sich heraus setzungen hinsichtlich der Struktur des wissen­
wachsen. Differenzierung hat dann in diesem schaftlichen Feldes: 1. Spezialgebiete müssen so
Zusammenhang vor allem die Funktion, durch weit voneinander getrennt sein, daß stagnative
Auflösung des Forschungsfeldes in eine Mehr­ Phasen tatsächlich auf einige Subdisziplinen be­
zahl von Forschungsfeldern den Übergang von schränkt bleiben. 2. Die kommunikative Distanz
extensiver zu intensiver Exploration des Feldes zwischen Subdisziplinen darf wiederum auch
zu ermöglichen. Differenzierung erhöht also
die Anzahl der Probleme, die in einem For­
schungsfeld generiert werden können. 37 Siehe zuletzt BLUTE 1972.
98 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 8, Heft 1, Januar 1979, S. 82 - 101
nicht so groß werden, daß der Transfer von An­ Ähnliches läßt sich beim weitreichendsten Typ
regungen nicht mehr möglich ist. Zusätzlich ist wissenschaftlicher Innovation — dem Paradigma­
man auf Übermittlungseinrichtungen angewie­ wechsel im KUHNschen Sinne —beobachten.
sen und es bedarf einer gewissen Abnahmebe­ Ein Paradigma, vor allem wenn es in einem Be­
reitschaft beim stagnierenden Spezialgebiet. Hin­ reich eingeführt wird, den bis dahin vorparadig-
sichtlich des letzten Punktes läßt sich vermuten, matische Forschung kennzeichnete, stellt eine
daß wachsende Spezialgebiete durch einen re­ Mehrzahl bisher mehr oder minder unverbunde­
lativ hohen Grad von „Abschließung“ gekenn­ ner Gebiete auf eine gemeinsame Grundlage. Da­
zeichnet sind, während bei einsetzender Stagna­ mit hat es zunächst einen hochgradig integra-
tion bei den betroffenen Forschern die Offen­ tiven Effekt. Ähnliches gilt nicht nur für einen
heit für die Aufnahme von externen Innovatio­ Paradigmawechsel im strikten Sinne, sondern
nen steigt. häufig bereits für die Genese neuer Theorien. In
gewisser Hinsicht haben wir es hier mit einem
Wenn wir annehmen, daß die beiden eben er­ weiteren Typ von Beziehungen zwischen kogni­
läuterten Voraussetzungen erfüllt sind, gelangen tiven Innovationen und Differenzierung zu tun:
wir zu einer Konzeption der Differenzierung Kognitive Innovationen leiten dadurch einen
der Wissenschaft, in der wissenschaftliches Prozeß der Entdifferenzierung ein, daß sie ge­
Wachstum sich daraus erklärt, daß Spezialge­ meinsame Gesetzesannahmen für zwei bis dahin
biete wechselseitig Anregungen füreinander distinkte Forschungsbereiche formulieren. Die
setzen. Damit besteht die Möglichkeit, daß sich MAXWELLsche Theorie des Elektromagnetis­
bei voranschreitender Differenzierung der Wis­ mus38, die die bis dahin differenten Spezialge­
senschaft wissenschaftliches Wachstum deshalb biete „Elektrostatik“ und „Magnetismus“ über­
beschleunigt, weil jedes Gebiet eine zunehmen­ greift, bietet sich hier als ein naheliegendes Bei­
de Zahl externer Anregungen erhält. Das viel­ spiel an. An diesem Beispiel wird zugleich deut­
diskutierte exponentielle Wachstum der Wissen­ lich, daß die Entdifferenzierung nicht einfach
schaft wäre dann eine Folge der durch dieses als Kombination zweier bis dahin gesonderter
Wachstum selbst eingeleiteten internen Diffe­ Spezialgebiete zu fassen ist: das neue Spezialge­
renzierung der Wissenschaft. Deshalb ist die biet weist eine Reihe eigener Gesetzesformulie­
Möglichkeit einer Verlangsamung wissenschaft­ rungen auf, die nicht auf die Gesetze eines der
lichen Wachstums oder gar einer Stagnation Ausgangsgebiete zurückführbar sind.
noch nicht ausgeschlossen. Sie würde dann ein-
treten, wenn eine Mehrheit von Spezialgebieten Eine theoretisch-paradigmatische Integration
in dauerhafte, schwer reversible Stagnations­ kann dann zur Voraussetzung für einen beschleu­
phasen überginge. Differenzierung könnte die nigt einsetzenden Differenzierungsprozeß werden.
Wahrscheinlichkeit eines solchen Verlaufs sogar Das Paradigma wirkt als Kontrollinstanz, die es
dadurch vergrößern, daß sie die Geschwindigkeit erlaubt, beliebig spezielle Fragestellungen zu ver­
der Ausschöpfung der Möglichkeiten der Wissen­ folgen, ohne daß man Gefahr läuft, den Kontakt
schaft erhöht. zur Theorie zu verlieren. Über das Paradigma
sind zugleich andere, ähnlich spezielle For­
Extern eingeführter kognitiver Wandel, der struk­ schungsfelder, in denen man selbst nicht arbei­
turelle Differenzierung von Wissenschaft zur tet, erreichbar. Theorien oder die theoretischen
Voraussetzung hat, löst in den beeinflußten For­ Komponenten von Paradigmata haben die Funk­
schungsgebieten möglicherweise neue Differen­ tion den kognitiven Transfer zwischen Spezial­
zierungsprozesse aus — er bedeutet zugleich aber gebieten über eine Vermittlungsinstanz laufen zu
auch oft Entdifferenzierung, denn die Transfe­ lasen und damit die Anregungsfunktion gewis­
rierbarkeit der Innovation beruht in vielen Fäl­ sermaßen zu normalisieren (d.h. sie sowohl in
len darauf, daß mit der Innovation gemeinsame ihrem Effekt sicherzustellen und damit Übertra­
Grundlagen der beiden bisher unverbundenen gungsverluste zu vermeiden, als auch sie über
Spezialgebiete entdeckt werden. Nach der Über­ das Paradigma auf zu beeinflussende Gebiete ab­
nahme der Innovation mag im beeinflußten Ge­ zustimmen und damit Einfügbarkeit zu garan­
biet eine Innovationsprogression einsetzen, die
es wieder stärker vom beeinflussenden Gebiet
entfernt und insofern Differenzierung verstärkt. 38 Siehe dazu BOISOT 1972.
R. Stichweh: Differenzierung der Wissenschaft 99
tieren). Man muß dabei im Auge behalten, daß sen lassen. Diese und ähnliche Phänomene sind
Paradigmata selbst bei großer Reichweite selten im Wissenschaftssystem durchaus normal. Das
die disziplinäre Ebene übergreifen (die Quanten­ Maß an IrreversibÜität und Unilinearität, das
mechanik bietet sich hier wieder als Ausnahme Differenzierungsprozessen in anderen Systemkon­
an) und daher in ihrer integrativen Wirkung texten eigen zu sein scheint, fehlt der Wissen­
weitgehend auf den innerdisziplinären Bereich schaft also; aber im Resultat stellt sich dann
beschränkt bleiben. doch eine Struktur ein, die ein Komplement zu
den Differenzierungsmustern der Systeme in
An den Wirkungen des Paradigmawechsels kann der Umwelt der Wissenschaft bildet: eine stets
man sich auch ein letztes Spezifikum des Dif­ weiter in feinere Unterteilungen vorangetriebene
ferenzierungsmusters der Wissenschaft vergegen­ Auffächerung des Systems, die im Maße, in dem
wärtigen, das wir abschließend kurz erörtern wol­ sie die Einheit der Wissenschaft unanschaulich
len. Beim Paradigmawechsel überwiegt ja im werden läßt, die Wissenschaft zwingt, sich über
Verhältnis des neuen Paradigma zum alten Para­ ihren eigenen Zusammenhang Gedanken zu ma­
digma die Diskontinuität die Kontinuität. Des­ chen. Dafür allerdings steht der Wissenschaft
halb verschieben sich auch die Grenzen der Spe­ wiederum nur das Mittel einer differenzierten
zialgebiete, es werden Randzonen abgegeben Subdisziplin des Wissenschaftssystems zur Ver­
und andere Zonen neu aufgenommen, vielleicht fügung.
vertauschen auch zentrale und periphere Phäno­
mene ihre Positionen. Auf ähnliche Beobachtun­
gen sind wir s<dion gelegentlich gestoßen, wir
wollen sie zusammenfassen unter dem Titel einer
ausgeprägten Reversibilität Wissenschaftsinterner Literatur
Differenz ieru ngsproz esse. APEL, K.O., 1968: Szientistik, Hermeneutik, Ideologie­
kritik - Entwurf einer Wissenschaftslehre in er­
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daß, nachdem eine Grenzziehung zwischen zwei 96-127.
Funktionsbereichen einmal erfolgt ist, weitere BACHELARD, G., 1953: Le materialisme rationnel,
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nen Auffächerung annehmen, einmal vorgenom­ Psychology, ASR 31, 451-466.
mene Grenzziehungen aber kaum mehr verän­ BIGLAN, A., 1973: Relationships between Subject Mat­
dert werden, vielmehr nur als relativ invarianter ter Characteristics and Structure and Output of Uni­
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Ausgangspunkt fungieren. Ebenfalls sind Ent­ 57, 204-213.
differenzierungen, die getrennte Funktionen wie­ BLUME, S.S./SINCLAIR, R., 1974: Aspects of the
der zusammenschließen, relativ selten. Resümie­ Structure of a Scientific Discipline. In: R. WHIT­
ren läßt sich dies so, daß Differenzierung im LEY (ed.), Social Processes of Scientific Develop­
historisch beobachtbaren Zeitraum ein relativ ment. London 1974, 224-241.
irreversibler Prozeß ist. Im Unterschied zu die­ BLUTE, M., 1972: The Growth of Science and
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sem in anderen Bereichen des Gesellschaftssy­ BOISOT, M., 1972: Discipline and Interdisciplinarity.
stems beobachtbaren Ablauf ist für Wissenschaft In: CERI 1972, 89-97.
charakteristisch, daß ein Modell, das etwa eine BOULDING, K.E., 1956: General Systems Theory -
The Skeleton of Science. In: W. BUCKLEY, (ed.),
strikte Analogie zu Prozessen epigenetischer Modern systems research for the Behavioral Scien­
Zelldifferenzierung benutzt, ganz unangemes­ tist. Chicago 1969, 3-10.
sen ist. Konzeptionen, die die Abgrenzung einer CAIRNS, J. /STENT, G.S. /WATSON, J.D., 1966
Disziplin (Forschungsgebiet) gegen andere arti­ (eds.).: Phage and the Origins of Molecular Biology.
kulieren, unterliegen einer ständigen Umformu­ Cold Spring Harbor.
lierung und Neufundierung. Abspaltungen, die CANGUILHEM, G., 1963: La constitution de la phy­
siologic comme science. In: ders., ftudes d’Historie
nicht etwa die Form einer Autonomisierung an­ et de Philosophie des Sciences. Paris 1975, 226-
nehmen, sondern zu einem Anschluß an ein an­ 274.
deres Gebiet führen; Entdifferenzierungen in CAMPBELL, D.T., 1969: Ethnocentrism of Disciplines
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der Form einer Kombination von Forschungs­ SHERIF, M. /SHERIF, CW. (eds.), Interdisciplinary
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Differenzierungen eines vorherigen Musters fas­ 348.
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