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I

Block IV

Krankheitserreger
II

Inhaltsverzeichnis

1 Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen 1


1.1 Pilze 3

1.1.1 Wachstumsformen, Vermehrung und Stoffwechsel

von Pilzen 3

1.1.2 Besonderheiten der Pilzzelle 6

1.1.3 Humanpathogene Pilze 7

1.2 Bakterien 8

1.2.1 Auf das Aussehen kommt es eben doch an – woran können

Bakterien nach morphologischen Kriterien unterschieden

werden? 8

1.2.2 Bakterienkultur und Nährmedien 11

1.2.3 Geißeln und Pili (Fimbrien) 12

1.2.4 Kapsel 13

1.2.5 (Endo-)Sporen 14

1.2.6 Zellwand 15

1.2.7 Zellmembran (Cytoplasmamembran) 17

1.2.8 Ribosomen - Unterschiede zu den Ribosomen der Eukaryoten 19

1.2.9 Bakterienzellen bieten Antibiotika spezifische Angriffsorte 19

1.3 Bakteriengenetik 22

1.3.1 Das bakterielle Nucleoid und der Aufbau prokaryotischer

DNA 22

1.3.2 Das lac-Operon 23

1.3.3 Extrachromosomale zirkuläre DNA und Resistenzplasmide 26

1.3.4 Antibiotikaresistenz aus evolutionsbiologischer Sicht 28


III

1.3.5 Übertragung von Genmaterial 29

1.4 Bewegliche (transponierbare) genetische Elemente 31

1.5 Viren 33

1.5.1 Aufbau der Viren 33

1.5.2 Unterscheidung von Viren 34

1.5.3 Vermehrungszyklus 36

1.5.4 Virophagen, Virusoide und Viroide 38

1.5.5 Entstehung von Grippepandemien durch Reassortment des

segmentierten Genoms 39

1.5.6 Quasispezies und Immunevasion 40

1.5.7 Onkogene Viren 40

1.6 Prionen 42

2 Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von


Oberflächen 43
2.1 Wie kommt der Keim zum Wirt? 45

2.1.1 Es gibt viele Übertragungswege 45

2.1.2 Eintrittspforten in den Körper 46

2.2 Händehygiene 47

2.3 Tenazität von Krankheitserregern und ihre Bedeutung für die

Hygiene 49

2.4 Impfung 52

2.5 Postexpositionsprophylaxe bei Verletzungen mit Kontakt zu

HIV, Hepatitis B und C 54

2.6 Oberflächen und ihre Bedeutung für Immunsystem und Therapie 55


1
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Im Block „Der besiedelte Mensch“ haben wir uns schon in die Grundlagen des Mit-
und Gegeneinanders von Organismen eingearbeitet. In den folgenden Abschnitten
werden wir uns nun genauer den verschiedenen Keimgruppen zuwenden, die beim
Menschen Krankheiten verursachen können. Wir wollen unseren Weg durch die Welt der
Krankheitserreger nach dem Ähnlichkeitsprinzip gestalten und fangen mit den Pilzen an.

1 Krankheitserreger und
therapeutische Maßnahmen
Erarbeitungshilfen

• Wie unterscheiden sich Pilze, Bakterien, Viren und


Prionen als Krankheitserreger? An welchen
Strukturen im Pathogen können potentielle
Medikamente ansetzen?

Pilze

• Welche Form der Ernährung weisen Pilze auf?


• Welche Wachstumsformen weisen Pilze auf?
• Welche Formen der Vermehrung lassen sich bei
Pilzen beobachten?
• Warum sind Pilzsporen im Hinblick auf Lebensmittel
besonders gefährlich?
• Wie werden klinisch relevante Hautpilze unterteilt?

Bakterien

• Beschreiben Sie die Unterschiede zwischen Pro- und


Eukaryot.
• Beschreiben Sie, wie Bakterien mit
lichtmikroskopischer Hilfe unterteilt werden
können, und nennen Sie jeweils ein Beispiel.
• Welche Möglichkeiten bietet das biochemische
Labor, um Bakterien zu bestimmen? Welche Rolle
spielen dabei unterschiedliche Medien?
• Inwiefern bieten bakterielle Geißeln Möglichkeiten,
Bakterien zu bestimmen?
2
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

• Inwiefern können Kapseln Bakterien virulenter


machen?
• Warum stellen sporenbildende Bakterien besondere
Anforderungen an die Hygiene?
• Wie unterscheidet sich die Zellwand grampositiver
und gramnegativer Bakterien?
• Welcher Bestandteil der gramnegativen Zellwand
kann für Menschen unangenehme Nebenwirkungen
haben und warum?
• Warum sind Mykoplasmen schwierig zu
therapieren?
• Warum sind bakterielle Ribosomen beliebte
Angriffspunkte für Antibiotika?
• Nennen Sie fünf Antibiotikaklassen und bringen Sie
ihren Wirkort mit der Wirkweise zusammen.

Bakteriengenetik

• Welchen Vorteil bietet Bakterien das


Zusammenschalten mancher Gene in sogenannten
Operons?
• Erläutern Sie, inwiefern der Einsatz von Antibiotika
einen Selektionsdruck im evolutiven Sinne darstellt.
• Warum sind Transposition und Transduktion für die
Evolution wichtig?
• Fassen Sie Konjugation, Transformation,
Transduktion und Transposition zusammen.

Viren

• Aus welchen Bestandteilen ist ein Virus aufgebaut?


Machen Sie bitte eine Skizze.
• Inwiefern ist die Erbsubstanz von Viren besonders?
• Wie kann man Viren unterscheiden?
• Beschreiben Sie die unterschiedlichen
Vermehrungszyklen bei Viren. Welche
Gemeinsamkeiten finden sich in allen Zyklen?
• Welche Hüllproteine von Influenzaviren sind dafür
verantwortlich, dass Grippeviren vom Immunsystem
trotz vorheriger Infektion schlecht erkannt werden?

Prionen

• Was sind Prionen?


• Warum wurden Prionen erst in den 1980er Jahren
als mögliche Krankheitserreger erkannt?
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.1 Pilze
Pilzzellen sind unseren Körperzellen sehr viel ähnlicher als Bakterien, Viren oder
Prionen, was die Therapie aber nicht einfacher macht – im Gegenteil.

Pilze (Fungi) sind eukaryotische Lebewesen. Sie gehören weder zu Tieren noch zu
Pflanzen, sondern werden als eigenständige Lebensform betrachtet. Sie ernähren sich wie
Tiere heterotroph.

Neben den Fruchtkörpern der Speisepilze wie Champignons oder Pfifferlinge würde
uns ohne Pilze geschmacklich noch einiges mehr fehlen. Denken Sie dabei an die
Produktion von Brot, Bier und Käse. Eine nette Zusatzinformation am Rande: die
Edelschimmel sind direkt mit dem Pilz verwandt, dem wir das erste Antibiotikum (das
Penicillin) zu verdanken haben.

1.1.1 Wachstumsformen, Vermehrung und


Stoffwechsel von Pilzen
Pilze lassen sich grob in zwei unterschiedliche Wachstumsformen unterteilen: in
einzellige Sprosspilze wie die Hefen und in mehrzellige Fadenpilze, die man auch
Hyphen- oder Myzelpilze nennt.

Fadenpilze besiedeln festes Substrat. Sie bilden darin ein Geflecht aus mikroskopisch
kleinen Fäden, die je nach Art einen Durchmesser von 2 bis 100 µm haben können. Die
einzelnen fadenförmigen Zellen werden „Hyphen“ und das Geflecht „Myzel“ genannt. Die
Gestalt der Hyphen und des Myzels kann man sich bei der lichtmikroskopischen
mykologischen Diagnostik zu Nutze machen, um beispielsweise eine Mykose differentiell
zu bestimmen.

Die Vermehrung bei Pilzen kann geschlechtlich und ungeschlechtlich erfolgen. Die
meisten einzelligen Pilze pflanzen sich asexuell fort, z. B. durch Sprossung. Außerdem
gibt es bei mehrzelligen Pilzen folgende Formen der asexuellen Fortpflanzung:

• Sporenbildung (Konidien, mehrzellige Pilze)


• durch Zerfall von Hyphen
• sowie vegetativ durch Ausbreitung ihrer manchmal sehr langlebigen Myzelien.

Die Sporenbildung sollte man nicht mit den bakteriellen Sporen (= Dauerstadien)
verwechseln. Pilze vermehren sich durch Sporen, die sie in Massen produzieren. Schauen
wir uns diesen wichtigen Verbreitungsmechanismus von Pilzen kurz an:

Pilze bilden hauptsächlich sogenannte Konidien, eine bestimmte Form von Sporen.
Sie entstehen durch Umbildung von Hyphen oder an den sogenannten Konidienträgern.
4
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Konidien existieren in zahlreichen Form- und Oberflächenvariationen. Das bietet weitere


Ansatzpunkte zur Charakterisierung von Pilzen bzw. Mykosen. Viele Dermatophyten
(Hautpilze) bilden Konidien.

Auch Schimmelpilze bilden Sporen. Das ist im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln


besonders gefährlich, denn die Sporen der Pilze sind im Gegensatz zum Pilz selbst
unsichtbar. Ein mit Sporen befallenes Lebensmittel ist also nur schwer oder gar nicht
erkennbar. Unglücklicherweise produzieren aber auch die Sporen bestimmter
Schimmelpilze Toxine (giftige Stoffwechselprodukte). Mykotoxine, also von Pilzen
synthetisierte Toxine, die Lebensmittelvergiftungen verursachen. Die sogenannten
Aflatoxine, die von Schimmelpilzen der Gattung Aspergillus gebildet werden, gelten als
stärkste Mykotoxine und können schon in geringen Konzentrationen vielgestaltige, meist
sehr schädliche Wirkungen entfalten: Sie können allgemein mutagen, karzinogen,
teratogen (Schädigung der Leibesfrucht), immunsuppressiv, hepatotoxisch,
nephrotoxisch oder neurotoxisch wirken und nicht zuletzt allergische Reaktionen
auslösen. Das Aflatoxin B1 hat eine der stärksten karzinogenen Wirkungen überhaupt.

Schimmelsporen können sich unbemerkt in verdorbenen Lebensmitteln anhäufen


und Toxine produzieren. Selbst wenn das Nahrungsmittel abgekocht wird, tötet man so
u.U. zwar den Pilz, die schädliche Wirkung der Mykotoxine bleibt jedoch erhalten.

Andere, ebenfalls sehr schädliche Mykotoxine sind die Amantoxine. Sie werden aber
nicht durch Schimmelpilze gebildet, sondern durch bestimmte Vertreter der
Knollenblätterpilze. Sie schädigen den Organismus also nur bei versehentlichem
Konsum der Pilze. Ihre sehr schädliche Wirkung beruht auf der Hemmung der
Transkription durch Blockade der RNA-Polymerase. Dadurch ist quasi jede Art von
Protein im Organismus betroffen: Enzyme werden nicht mehr gebildet, die von ihnen
katalysierten Stoffwechselprozesse kommen zum Erliegen. Strukturproteine werden bei
Alterung nicht mehr ersetzt, Hormone tragen nicht mehr zur Steuerung von
Stoffwechselvorgängen bei und Membranrezeptoren, beispielsweise an Nervenzellen,
werden nicht nachgebildet. Man kann sich nun also vorstellen, warum diese Pilze derart
giftig sind.

Andere Syntheseprodukte von Pilzen sind zwar ebenfalls Toxine, die aber nicht giftig
für Menschen sind. Rund ein Viertel der medizinisch wertvollen Antibiotika stammen aus
Pilzen. Ursprünglich dienen sie dem Pilz als Abwehrstoff gegen Mikroorganismen. Darauf
beruht auch ihre Entdeckung: Ende des 19. Jahrhunderts wurde von mehreren Forschern,
der bekannteste darunter war Alexander Fleming, beobachtet, dass Pilze mikrobielles
Wachstum hemmen. Mehr Informationen zu Antibiotika und ihrem Ursprung finden Sie
im Kapitel „Bakterien“.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Der Pilz und die Hexen


Im Verlauf der berühmten Hexenprozesse aus dem Jahr 1692 in Salem,
Neuengland, wurden 20 Frauen und Männer hingerichtet. Große Hexenprozesse wie
diese üben auch heute noch eine Faszination auf uns aus, und man versucht
nachzuvollziehen, wie es zu solchen Phänomenen der Massenhysterie kommen konnte.
Einige Historiker vermuten einen Zusammenhang zwischen den besonders großen
„Hexenfällen“ in der
Geschichte und Pilzbefall
des Getreides. Viele dieser
Hexenfälle fallen mit
Wetterverläufen zusam-
men, die ideal für die
Entwicklung des
Mutterkorn-Pilzes waren.
Im Mittelalter führte von
Mutterkorn befallenes
Getreide immer wieder zu
Massenvergiftungen ganzer
Abbildung 1.1: Mutterkorn an Getreide Dörfer und Städte.

Mutterkorn ist ein Pilz, der hauptsächlich in den Ähren von Roggen wächst und
kaum zu erkennen ist. Symptome einer Mutterkornvergiftung, auch Ergotismus
genannt, sind neben Durchfall, Erbrechen und Durchblutungsstörungen auch Krämpfe
und Halluzinationen. Hervorgerufen werden diese durch das im Mutterkorn enthaltene
Alkaloid Ergotamin, das auch den Grundstoff der chemischen LSD-Synthese darstellt.
Zusammen mit dem Kribbeln infolge von Durchblutungsstörungen ergab sich das
Krankheitsbild des „Antoniusfeuers". Man ging im Mittelalter davon aus, dass Hexen
ihre Mitmenschen mit dem Antoniusfeuer verwünschen konnten.
Das Alkaloid wird heute, chemisch synthetisiert, prophylaktisch und therapeutisch
bei verschiedenen Kopfschmerzkrankheiten wie Migräne eingesetzt. Nach wie vor kann
es aber bei Überdosierung Ergotismus auslösen.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.1.2 Besonderheiten der Pilzzelle


Die genaue systematische Einordnung der Pilze wurde in den letzten Jahrzehnten
mehrfach verändert. Das soll uns hier nicht weiter interessieren, interessant ist nur, dass
Pilze ursprünglich zu den Pflanzen gezählt wurden. Heute sieht man sie näher bei den
Tieren als bei den Pflanzen. Woher kommt diese generelle Ungewissheit? Pilze teilen
einige Charakteristika mit Pflanzen (sie besitzen keine Motorik), andere mit Tieren (sie
haben keine Chloroplasten).

Tabelle 1.1: Vergleich zwischen verschiedenen eukaryotischen und prokaryotischen Zellen

Eigenschaft pflanzliche tierische Pilzzellen Procyte


Zellen Zellen
Zellwand, immer nie vorhanden regelmäßig immer
Hauptbestandteile vorhanden, mit vorhanden, vorhanden,
Cellulose mit Chitin mit Murein
Plastiden immer nie vorhanden nie nie
vorhanden, vorhanden vorhanden
häufig
Chloroplasten
Vakuolen immer meist nicht immer nie
vorhanden vorhanden vorhanden vorhanden
energiereiches Stärke Glykogen Glykogen ---
Kohlenhydrat-
Speichermolekül
Stoffaustausch mit teilweise über über über gap ---
Nachbarzellen Plasmodesmen Desmosomen junctions
oder gap oder ähnliche
junctions Strukturen
Zellkern in der immer singulär meistens meistens ---
Interphase vorhanden vorhanden vorhanden
(Ausnahme
z.B. Säuger-
Erythrozyten
Steroide in der z.B. Cholesterin Ergosterin meist keine
Zellmembran Stigmasterin Steroide
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.1.3 Humanpathogene Pilze


Fakultativ pathogene Pilze stellen vor allem für immundefiziente Patienten eine
Bedrohung als Infektionserreger dar. Schauen wir uns beispielhaft die häufigsten
Pilzerkrankungen an, die Dermatomykosen – Erkrankungen der Haut. Am häufigsten
sind Hautpilzerkrankungen, die die Hornsubstanz befallen, sogenannte
Dermatophytosen.

Beispiele für humanpathogene Pilze und durch sie ausgelöste


Erkrankungen
Die medizinisch relevanten Hautpilze sind in drei Gruppen unterteilt
(D-H-S-System)
Dermatophyten: vorrangig drei Gattungen
Trichophyton spec. Microsporum spec., Infektionen der Haut, Haare und Nägel
Epidermophyton spec.
Hefen: häufige Beispiele
Candida albicans Candidamykose kann sich kutan
(interdigital), mucokutan (Sooröso-
phagitis, Vaginitis usw.), organbezogen
(Organkandidose) oder systemisch als
Candida-Sepsis manifestieren
Cryptococcus neoformans Pulmonale Cryptococcose, basale
Meningoenzephalitis
Schimmelpilze: häufige Beispiele
Aspergillus fumigatus, A. flavus, A. niger bronchopulmonale Aspergillose, Pilz-
sepsis
Madurella myzetomatis subkutane Myzetome
Coccidioides immitis (Errger endemisch in pulmonale Coccoidioidmykose, Sepsis
den USA)

Auch Erkrankungen durch Hefen oder Schimmelpilze zählt man zu den


Dermatomykosen. Diese können auch tiefere Hautschichten betreffen. Wirklich riskant
wird die Infektion bei Patienten, deren Immunsystem geschwächt ist, beispielsweise nach
Organtransplantationen oder einer Chemotherapie. Unterschätzen sollte man die davon
ausgehende Gefahr daher nicht: Bei den Krankenhausinfektionen steht der Hefepilz
Candida an vierter Stelle der gefährlichsten Erreger.

Ihren Ausgangspunkt nehmen diese Pilze aus der Umwelt oder von Schleimhäuten,
die sie normalerweise als Kommensalen besiedeln. Die Pathogenese dieser
Pilzinfektionen wird von erregerspezifischen Faktoren wie auch Störungen im
Immunsystem des Wirtes bestimmt.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Unterschiede Pro- und Eukaryoten


Prokaryoten treten in den unterschiedlichsten Lebensräumen auf und sind in der
Lage, die verschiedensten Energiequellen zu nutzen. Dafür haben sie eine weit größere
Vielfalt an Stoffwechselreaktionen entwickelt als die Eukaryoten. Die Grundstruktur
einer prokaryotischen Zelle unterscheidet sich völlig von der einer eukaryotischen. Um
diese Unterschiede besser einordnen zu können, muss man sich bewusst machen, dass
das Volumen einer durchschnittlichen prokaryotischen Zelle um den Faktor Tausend
geringer ist als das einer eukaryotischen Zelle. Prokaryoten sind meist etwa zwischen
0,1 und 1 µm groß, durchschnittliche Eukaryotenzellen bringen es auf 10-50 µm Größe
[7].

Prokaryoten haben keine menbranumschlossenen Zellorganellen,


Kompartimente oder endogene Membranen.

Prokaryotischen Zellen fehlen alle membranumschlossenen Kompartimente,


inklusive der Mitochondrien. Diese sind in eukaryotischen Zellen die Orte der
Zellatmung und der oxidativen Phosphorylierung (ein Mechanismus der ATP-Bildung).
Wenn man sich vor Augen führt, dass Mitochondrien ungefähr die Größe eines
durchschnittlichen Prokaryoten haben [8], erklärt sich ihr Fehlen in diesen von selbst:
die Zellen sind schlicht zu klein. Stoffwechselprozesse laufen im Prokaryoten im Cytosol
ab, ohne dass sie durch Kompartimente oder spezielle Membranen voneinander
getrennt werden. Die Regulation des Stoffwechsels läuft also allein durch die zeitliche
Abfolge der Reaktionen.

1.2 Bakterien
Die Bakterienzelle (prokaryotische Zelle, Procyte) unterscheidet sich grundlegend
von der Pilzzelle (eukaryotische Zelle, Eucyte). Wir wollen uns durch die Welt der
Bakterien bewegen, indem wir die verschiedenen Angriffsorte antibakterieller Wirkstoffe
nacheinander betrachten. Was unterscheidet die Procyte von der Eucyte im Detail?
Warum gibt es spezielle Wirkstoffe, die die eine schädigt, die andere jedoch nicht?

1.2.1 Auf das Aussehen kommt es eben doch an – woran


können Bakterien nach morphologischen
Kriterien unterschieden werden?
Ohne Hilfsmittel erscheint es auf den ersten Blick schwierig, Bakterien zu ordnen –
beispielsweise zur Diagnose oder um ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu klären.
Als Prokaryoten kann man sie eindeutig von den eukaryotischen Tieren, Pflanzen oder
Pilzen unterscheiden. Darüberhinaus ermöglichen aber erst die modernen
molekularbiologischen Methoden einen genauen Blick auf die unterschiedlichen
Merkmale verschiedener Bakterien.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Zu Beginn der Bakterienforschung gab es allerdings nur Mikroskope. Wie damals


üblich wurden die ersten Einteilungen daher auch aufgrund morphologischer
Unterschiede vorgenommen. Diese Unterschiede bieten auch heute noch eine gute erste
Orientierungshilfe: Man erkennt runde (Kokken), längliche (Stäbchen, Vibrionen) oder
schraubenförmige Bakterien (Spirillen, Treponemen). Sehen wir sie uns genauer an:

Tabelle 1.2: Bakterienformen

Bakterien- Beschreibung und Beispiele


form
Kokken Kugelähnliche bis leicht längliche Bakterien. Sie können
grampositiv oder gramnegativ sein. Trennen sich die einzelnen Zellen
nach der Teilung nicht, entstehen Organisationsmuster, die für
bestimmte Arten typisch sein können. Kettenförmig
aneinandergereihte Kokken werden als Streptokokken bezeichnet.
Viele Streptokokkenarten gehören zu der normalen Bakterienflora
von Menschen und Säugetieren und siedeln z.B. in Darm, Mund- und
Rachenraum. Manche Arten spielen auch als Krankheitserreger eine
Rolle. Haufenförmig angeordnet sind die Staphylokokken. Auch sie
gehören zu den normalen Besiedlern des Menschen, können aber bei
Immungeschwächten Krankheiten auslösen. Zu den Diplokokken, die
paarweise gelagert sind, gehören beispielsweise die Gonorrhoe-
auslösenden Gonokokken (Neisseria gonorrhoeae) oder die Erreger
von Lungenenzündungen, Pneumokokken (Streptococcus
pneumoniae).
Stäbchen Stäbchenförmige Bakterienarten können grampositiv oder
gramnegativ sein. Manche Stäbchen sind begeißelt, also beweglich.
Einige grampositive Stäbchen wie Bakterien der Gattung Bacillus
können Sporen bilden und sind daher besonders resistent gegenüber
Hitze und Trockenheit. Viele Bazillenarten bilden Antibiotika, einige
auch Insektizide. Die Fähigkeit der Antibiotikabildung bei Prokaryoten
ist mit einem Formwechsel verknüpft – der Ausbildung eines
Dauerstadiums wie der Spore. Dieser Formwechsel benötigt Zeit,
während der die Population angreifbar ist. Sie schützt sich durch
Stoffe, die potentielle Fressfeinde wie andere Bakterien abwehrt.
Andere Stäbchen sind die Enterobakterien, die oft im Darm zu finden
sind. Zu den gramnegativen Enterobakterien zählen die Gattungen
Escherichia und Salmonella. Enterobakterien können keine Sporen
bilden. Unter den Enterobakterien gibt es viele Arten, die für den
Menschen, andere Tiere und auch für Pflanzen pathogen sind, aber
auch viele Arten, die von industriellem Interesse sind.
Vibrionen Diese gekrümmten und begeißelten Stäbchen leben in
aquatischen Biotopen. Ein humanpathogener Vertreter ist Vibrio
cholerae, der Erreger der Cholera. Die Pathogenität von Vibrio
cholerae beruht auf einem Toxin, das auf den menschlichen Darm
wirkt. Dieses sogenannte Choleratoxin (CTX) ist für die Symptome der
Infektionskrankheit Cholera verantwortlich. Neben CTX können
Vibrionen auch Tetrodotoxin bilden. TTX ist ein hochwirksames
Nervengift, das man zuerst bei den Kugelfischen gefunden hat –
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Kugelfische kennen Sie vielleicht als Delikatesse in der japanischen


Küche. Wahrscheinlich sind nicht die Fische selbst, sondern Arten von
Vibrio als Symbionten für die Giftproduktion verantwortlich [9].
Schrauben- Schraubenförmig sind beispielsweise Spirillen – bewegliche,
förmige spiralförmige Bakterien. Unter ihnen finden wir die beiden Gattungen
Bakterien Campylobacter und Helicobacter, die wir bereits als Pathogene von
Mensch und Tier kennen.
Treponemen, die sich mithilfe von Endoflagellen fortbewegen, sind
ebenfalls schraubenförmig. Treponema pallidium ist der Erreger der
Geschlechtskrankheit Syphilis, ein Parasit des Menschen. Andere
Treponemen sind Kommensalen in der Mundhöhle des Menschen, die
man im Material aus Zahnzwischenräumen und dem Zahnfleischsaum
vorfindet.

Andere äußerliche Kriterien, um Bakterien zu beschreiben, sind neben der Form die
Beweglichkeit, die Ernährungsweise oder das Verhalten bei der Gramfärbung (s.u.). Im
Vergleich mit der Einteilung nach den modernen molekularen Methoden zeigt sich, dass
manche traditionelle Gruppen tatsächlich gemeinsamen Ursprungs sind, wie die
grampositiven Bakterien. Andere, wie die Gramnegativen, gehören zu verschiedenen
Gruppen.

1.2.2 Bakterienkultur und Nährmedien


Häufiges Hilfsmittel zur Untersuchung von Bakterien ist eine Zellkultur, in der die
Bakterien vermehrt und charakterisiert werden können. Dies geschieht aus
verschiedenen Gründen: Diagnostischen, wenn Bakterien analysiert bzw. bestimmt
werden, wissenschaftlichen, wie die Stammhaltung von Bakterien in Datenbanken, oder
technischen, wenn Bakterien zur Produktion von z.B. Medikamenten genutzt werden.

Bakterienkultur und Nährmedien im Labor


Im Labor verwendet man zwei große Klassen von Medien: chemisch definierte
sowie undefinierte (komplexe). Der Begriff „definiert“ bezieht sich hierbei auf die
exakte chemische Zusammensetzung des Mediums: Genaue Mengen hoch gereinigter
Chemikalien werden mit destilliertem Wasser vermischt. Definierte Medien nutzt man
vor allem, um bestimmte Arten von Mikroorganismen selektiv zu züchten. Zur
allgemeinen Bakterienkultur ist es nicht nötig, die genaue chemische
Zusammensetzung zu kennen. Daher sind die Mehrheit der Kulturmedien sogenannte
komplexe Medien, die auch aus organischen, chemisch nicht exakt definierten
Bestandteilen bestehen. Sie erlauben das Wachstum der meisten Mikroorganismen.

In der Diagnostik begegnen einem häufig selektive sowie differenzielle (meist


Feststoff-) Medien. Selektive Medien enthalten Verbindungen, die selektiv das
Wachstum bestimmter Mikroorganismen hemmen, nicht aber das anderer.
Differenzierungsmedien hingegen enthalten bestimmte Indikatoren, üblicherweise
Farbindikatoren, die Aufschluss über eine bestimmte biochemische Reaktion der
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Mikroorganismen erlauben. Züchtet man Bakterien nacheinander auf verschiedenen


Medien, erhält man immer weitere Informationen über ihre spezielle Biochemie und
kann sie so immer genauer bestimmen.

Einer der ersten Schritte zur Differenzierung ist die sogenannte Gramfärbung: Bei
der Gramfärbung werden zunächst alle Bakterien mit einer Kristallviolett-Jod-Lösung
blau-violett gefärbt. Diese Färbung lässt sich bei gramnegativen Bakterien mit Alkohol
wieder entfärben, nicht jedoch bei Grampositiven. Sie bleiben blau-violett.
Abschließend führt man eine Gegenfärbung mit Safranin durch. Nun sind grampositive
Zellen immer noch blau-violett, die gramnegativen hingegen rot oder rosa.

Ein weiteres Kriterium, um Bakterien zu unterscheiden, ist ihre Nische – der Ort,
an dem sie auftreten. Dabei fallen einige Bakterien auf, die sich an den Lebensraum in
der Zelle angepasst haben – sie müssen ohne Sauerstoff existieren. Das spielt natürlich
auch eine große Rolle für die Wahl des richtigen Nährmediums: Als Aerobier
bezeichnet man Bakterien, die Sauerstoff zur Zellatmung benötigen, als Anaerobier
solche, die ohne ihn auskommen. Hier muss man allerdings zwischen denen
unterscheiden, die ihn tolerieren, den fakultativen Anaerobiern, und denen, für die
Sauerstoff toxisch ist, den obligaten Anaerobiern. Zu ihnen gehören beispielsweise die
Chlostridien, grampositive Stäbchen, die Tetanus und Gasbrand verursachen.

Im medizinischen Alltag ist die Bestimmung eines Erregers immer ein Art
Kompromiss. Das Ergebnis soll so schnell wie möglich vorliegen. Beim Behandeln einer
Sepsis hat ein Arzt unter Umständen nur einige Stunden Zeit, den Erreger zumindest
erst einmal zu schwächen. Auf der anderen Seite würde eine sorgfältigere Bestimmung
unter Umständen eine gezieltere Bekämpfung ermöglichen. Daher sind neue Verfahren,
Bakterien schnell und zuverlässig zu bestimmen, ein sehr aktueller Forschungszweig.

1.2.3 Geißeln und Pili (Fimbrien)


Neben der äußeren Form kann man Bakterien auch durch ihre Anhänge
unterscheiden. Wozu dienen diese? Viele Zellen können sich mit eigener Kraft bewegen.
Diese Bewegung wird durch fadenförmige Gebilde auf der Oberfläche möglich, den
Flagellen (prokaryotische Geißeln).

Geißelproteine sind H-Antigene

In der serologischen Diagnostik sind die Geißeln ein gutes Instrument, um


Bakterien(stämme) zu klassifizieren. Schon äußerlich kann die Anordnung der Geißeln
auf der Bakterienoberfläche Hinweise geben; verschiedene Bakterienstämme kann man
so aber nur selten unterscheiden. Geißeln sind allerdings sehr spezifisch aufgebaut, die
Zusammensetzung der Geißelproteine variiert zwischen verschiedenen
Bakterienstämmen. Man bezeichnet diese Geißelproteine als H-Antigene. Bakterien, bei
denen H-Antigene zur Klassifizierung eingesetzt werden, sind beispielsweise Salmonellen
oder auch E. coli.
12
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Fimbrien und Pili halten Bakterien fest

Fimbrien und Pili dienen vor allem dem Festhalten der Bakterien in bewegter
Umgebung. Es handelt sich um filamentöse Strukturen, die von der Zelloberfläche
ausgehen.

Fimbrien spielen eine große Rolle bei der Anheftung an Oberflächen und somit auch
bei der Infektion von Zellen (z.B. Salmonella, Neisseria gonorrhoeae, pathogene Stämme
von E. coli). Bei E. coli stellen die Fimbrien den Pathogenitätsfaktor dar, der manchen
Stämmen erst das Anheften an die Epithelzellen im Urogenitaltrakt erlaubt. So schaffen
es die Bakterien, im sehr bewegten Umfeld auf den Zellen Fuß zu fassen und im
Organismus zu verbleiben. Auch das Ausbilden von Häutchen oder Biofilmen beruht auf
Fimbrien.

Aufbau und Funktion von Geißeln


Die prokaryotischen Geißeln oder Flagellen sind Proteinfäden außerhalb der
Zellmembran, die sich nicht aktiv verformen. Es handelt sich um lange, dünne
Anhängsel, an einem Ende frei beweglich, am anderen Ende fest mit der Zelle
verbunden. Prokaryotische Geißeln rotieren, ähnlich wie ein Propeller, der Schub
ausübt.
Die Geißel besteht aus
drei Grundelementen: Das
Filament, der längliche Teil
außerhalb der Zelle, der
sogenannte Haken, ein
Verbindungselement, der das
Filament mit dem Motor
verbindet, der in Zellwand und
-membran verankert ist. Der
Motor besteht aus einem
kleinen zentralen Stäbchen,
das von mehreren Ringen
umgeben ist. Der äußerste Ring
ist der sogenannte L-Ring, der
in der Lipopolysaccharid-
schicht verankert ist. Darauf
folgt in Richtung Zellinneres
Abbildung 1.2: Aufbau der bakteriellen Geißel der P-Ring, der sich in der
Peptidoglykanschicht der
Zellwand befindet. Diese beiden äußeren Ringe findet man nur bei gramnegativen
Bakterien, Grampositiven fehlt die äußere Membran, in der L- und P-Ring verankert
sind. Die eigentliche Bewegung rührt von einem Ringpaar her, dem MS- und dem C-
Ring, die sich in Cytoplasmamembran und Cytoplasma befinden [10]. Die sogenannten
Mot-Proteine umgeben das innere Ringpaar in der Cytoplasmamembran. Sie erzeugen
das Drehmoment des Motors. Die Energie für diese Bewegung stammt vom
Protonengradienten der Cytoplasmamembran – die Protonenbewegung durch die
Membran treibt die kontinuierliche Drehbewegung des Motors an [8, S. 101]. Die
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Drehbewegung kann entweder im oder gegen den Uhrzeigersinn gerichtet sein.


Verantwortlich dafür sind die Fli-Proteine, die wie ein Schalter die Richtung der
Rotation der Geißel als Reaktion auf intrazelluläre Signale umkehren können. Durch
den Richtungswechsel der Geißeln und der bewussten Ansteuerung von bestimmten
Geißeln (viele Bakterien besitzen zahlreiche Geißeln auf ihrer Oberfläche) können sich
Bakterien gezielt in bestimmte Richtungen bewegen.

Pili können DNA übertragen

Neben der Anheftung haben Pili, die den Fimbrien strukturell sehr ähnlich sind, vor
allem die Aufgabe, durch die sogenannte Konjugation genetisches Material zwischen
Bakterien zu tauschen, also Bakterien sexuell zu rekombinieren. Der Pilus stellt einen
direkten Kontakt zwischen zwei Bakterien her, der Donor- und der Empfängerzelle. Durch
Retraktion des Pilus in die Donorzelle werden die Zellen dann zusammengezogen und
bilden für den tatsächlichen Transfer der DNA ein Paar. Genaueres zum Mechanismus der
Konjugation finden Sie im Abschnitt Bakteriengenetik.

1.2.4 Kapsel
Einige Organismen scheiden auf ihrer Oberfläche schleimige Substanzen aus, die oft
aus Polysacchariden bestehen. Man bezeichnet diese Polysaccharidschichten als Kapsel,
wenn die Schichten so dicht gepackt sind, dass sie kleine Partikel ausschließen. Sie
erfüllen mehrere Funktionen: Kapseln spielen häufig eine Rolle beim Schutz gegen
Austrocknung, da sie beträchtliche Mengen Wasser einschließen können.

Eine besondere Bedeutung haben sie bei der Anheftung – die Polysaccharide spielen
eine Hauptrolle bei der Entwicklung von Biofilmen. Dies sind dreidimensionale Gebilde
aus Bakterien, z.B. Plaque auf den Zähnen. Anheftung stellt den Pathogenitätsfaktor vieler
Bakterien dar: Bestimmte Oberflächenpolysaccharide erlauben ihnen, spezifisch an die
Oberflächenbestandteile des Wirtsgewebes zu binden. Kapseln sind aber auch
entscheidende Pathogenitätsfaktoren, indem sie die Anheftung des Phagozyten an die
Bakterienzelle verhindern. Ein Beispiel hierfür ist Streptococcus pneumoniae - weniger als
10 Zellen eines verkapselten Stammes können eine Maus töten, wohingegen kapsellose
(mutierte) Stämme völlig avirulent sind.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.2.5 (Endo-)Sporen
Einige Bakterien bilden Dauerstadien aus, die sogenannten Endosporen. Das sind
Zellen, die äußerst hitzeresistent sind und auch durch aggressive Chemikalien, selbst
durch Bestrahlung, nicht leicht zu zerstören sind. Endosporen ermöglichen es diesen
Bakterien, Phasen mit extremen Temperaturen, Trockenheit und Nährstoffmangel zu
überstehen. Hygienisch stellen uns Endosporen vor einige Probleme. Bestimmte Arten
überstehen Temperaturen von bis zu 150°C und damit auch das Autoklavieren.

Die Ausbildung von Sporen stellt daher einen Formwechsel der Prokaryoten dar. Die
Fähigkeit der Antibiotikabildung bei Prokaryoten ist mit solch einem Formwechsel
verknüpft, denn dieser Formwechsel benötigt Zeit, während der die Organismen
angreifbar sind. Sie schützen sich durch Stoffe, die potentielle Fressfeinde wie andere
Bakterien abwehrt.

Die Endospore kann bei besseren Umweltbedingungen wieder zur vegetativen Zelle
umgewandelt werden. Die Umwandlung läuft in drei Schritten ab: Aktivierung, Keimung
und Auswachsen. Man kann Endosporen aktivieren, indem man sie bei höherer, aber nicht
abtötender, Temperatur erhitzt. Durch Zugabe von Nährstoffen wird die Keimung
eingeleitet. Während des Auswachsens schwillt der Sprorenprotoplast durch
Wasseraufnahme an und wird durch aktive Biosynthese zur vegetativen Zelle.

Gattungen Bacillus und Chlostridium als Sporenbildner

Die folgenden Erregernamen brauchen Sie sich nicht zu merken, sie dienen vor allem
der Illustration. Sporen der Gattung Bacillus (z.B. Bacillus cereus) werden u. a. zur
Sterilisationsprüfung verwendet. Das heißt, dass z. B. in Autoklaven eine Sporenprobe
gestellt wird, dann wird der Sterilisationsprozess durchgeführt und anschließend wird
versucht, die Sporenprobe durch Inkubation wieder zu Wachstum anzuregen. Kein
Wachstum bedeutet dann ausreichende Sterilisation. Gegenüber chemischen
Desinfektionsverfahren besitzen Sporen eine so hohe Widerstandskraft, dass
Konzentrationen wie sie z. B. für die Bakterizide in der Desinfektionsmittel-Liste des VAH
(Verbund für Angewandte Hygiene) angegeben werden, üblicherweise nicht ausreichend
sind.

In den letzten Jahren wird besondere Aufmerksamkeit auf Clostridium difficile gelegt.
Die Sporen mit der Bezeichnung 001 und 027 haben eine große Bedeutung für die
Krankenhaushygiene erlangt, da letztere schwerste Erkrankungen wie Diarrhoe und
Colitis hervorrufen und mit herkömmlichen chemischen Desinfektionsverfahren nicht
abzutöten sind.

Clostridium perfringens ist der Haupterreger des Gasbrands. Der Gasbrand ist eine mit
Gasbildung einhergehende nekrotisierende Infektion der Weichteile. Ein Zehntel der im
Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten verstarben an der Infektion mit bzw. den Folgen des
Gasbrandes. Bis heute liegt die Letalität bei bis zu 50 %.
15
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Die vegetative Erscheinungsform ist gegenüber Desinfektionsmitteln wenig


widerstandsfähig, die Sporen dafür umso mehr. Übliche Desinfektionsmittelwirkstoffe
(z.B. Alkohole, Quartäre Ammoniumverbindungen (QAV), Aldehyde und Amine) sind
gegen Sporen i.d.R. nicht wirksam, sodass in diesen Fällen sogenannte
Sauerstoffabspalter eingesetzt werden müssen.

Der Hauptübertragungsweg sind die Hände des Personals. Da die in der


Händedesinfektion eingesetzten Wirkstoffe in der Regel nicht wirksam sind, muss die
Sporenbelastung der Hände durch intensives Händewaschen mechanisch reduziert
werden.

Aufbau und Funktion der Endosporen


Die Endospore kann man leicht von einer vegetativen Zelle unterscheiden, da sie
viele Schichten besitzt, die es bei einer vegetativen Zelle nicht gibt. Die äußerste Schicht,
eine dünne Proteinhülle, bezeichnet man als das Exosporium. Darin befinden sich die
Sporenhüllen, die aus Schichten sporenspezifischer Proteine bestehen. Nach innen folgt
der Cortex, eine Schicht aus locker vernetztem Peptidoglykan. Darin liegt der Kern oder
Sporenprotoplast, der Zellwand, Cytoplasmamembran, Cytoplasma, Ribosomen und
das Nucleoid enthält. Im Kern befindet sich auch eine Substanz, die typisch für
Endosporen ist, die Dipicolinsäure. Sie ist oft mit Kalziumionen verbunden. Dieser
Komplex trägt zur Dehydratisierung der Spore bei. Er interkaliert auch mit der DNA und
stabilisiert sie so gegen Trockenheit.

1.2.6 Zellwand
Die bakterielle Zellwand hat mit der eukaryotischen (bei Pflanzen) strukturell wenig
gemeinsam. Ihre Aufgaben sind jedoch ähnlich – die Zellen zu schützen, osmotische
Druckdifferenzen zwischen innen und außen abzufangen, aber auch den Kontakt zur
Außenwelt zu ermöglichen. Bakterien können mit der sogenannten Gramfärbung durch
den unterschiedlichen Aufbau ihrer Zellwände in zwei Klassen unterteilt werden:
grampositive und gramnegative Bakterien.

Die Zellwandstruktur grampositiver und gramnegativer Bakterien

Die Ergebnisse der Gramfärbungsreaktion (s.o.) beruhen auf Unterschieden in der


Zellwandstruktur: Grampositive Bakterien besitzen eine Zellwand, die aus vielen
Schichten (33% der Trockenmasse der Zellwand) Peptidoglykan (Murein) besteht, einem
Polysaccharid, in welches (Lipo-)Teichonsäuren und Proteine eingelagert sind. Sie lassen
sich blau-violett anfärben.

Die Zellwand gramnegativer Bakterien ist sehr viel dünner, das Peptidoglykan macht
nur 10 % der Trockenmasse aus. Dementsprechend wird der Farbstoff ausgewaschen,
und die Zellen erscheinen nach einer Gegenfärbung rot bzw. rosa. Bei gramnegativen
Bakterien ist das Peptidoglykan über Proteine mit einer zweiten, äußeren Zellmembran
verbunden. Diese äußere Membran durchziehen Proteine wie Porine, und sie weist außen
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Lipopolysaccharide (LPS) auf, weswegen sie auch als Lipopolysaccharidschicht


bezeichnet wird. Je nach Spezies werden zusätzliche Proteinschichten, Kapseln oder
Schleimschichten ausgebildet.

Die Lipopolysaccharide gramnegativer Bakterien sind Endotoxine

Die LPS-Schicht verleiht den Bakterien Struktur und Stabilität, hat aber für uns sehr
unangenehme Nebenwirkungen: Bestandteile der LPS-Schicht, die man Endotoxine
nennt, sind zum großen Teil für die toxischen Eigenschaften einiger gramnegativer
Bakterien wie Salmonella oder Escherichia coli verantwortlich. Endotoxine sind
Bestandteile der Zelle und werden nur dann in großen Mengen freigesetzt, wenn
Bakterienzellen lysieren. Endotoxine sind für viele physiologische Reaktionen
verantwortlich: So veranlassen Endotoxine die Ausschüttung endogener Pyrogene –
Proteine, die Fieber auslösen. Außerdem verursachen Endotoxine Durchfall, die rasche
Abnahme der Lymphozyten-, Leukozyten- und Thrombozytenzahlen sowie allgemeine
Entzündungssymptome. In großen Mengen können sie einen hämorrhagischen Schock
auslösen.

Mykoplasmen sind zellwandlose Bakterien

Mykoplasmen existieren ganz ohne Zellwand. Es sind Bakterien, die wohl als die
kleinsten Lebewesen angesehen werden können, die noch über einen eigenen
Stoffwechsel verfügen und selbstständig lebensfähig sind. Sie werden zu den
grampositiven Bakterien gezählt, obwohl sie ohne Zellwand natürlich nicht nach Gram
angefärbt werden können. Im Laufe der Jahrmillionen haben sich diese Bakterien an ihren
speziellen Lebensraum angepasst und ihre früher vorhandenen Zellwände aufgegeben.
Auch das Genom wurde reduziert: Es entspricht nur etwa einem Viertel der Genomgröße
von E. coli und ist in etwa so groß wie das Genom der obligat-parasitären Chlamydien oder
Rickettsien. Diese Besonderheiten bringen hygienisch einige Probleme mit sich: Zum
einen können Mykoplasmen wegen ihrer geringen Größe nicht mit Sterilfiltern
zurückgehalten werden. Zum anderen aber macht gerade das Fehlen der Zellwand sie
unempfindlich gegenüber einer ganzen Reihe von Antibiotika, deren Wirkung an der
Zellwand ansetzt.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.2.7 Zellmembran (Cytoplasmamembran)


Die bakterielle Zellmembran unterscheidet sich nicht grundlegend von anderen
Membranen. In der Box ist der Aufbau von Membranen kurz beschrieben, um ihn Ihnen
wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Die Struktur von Membranen


Membranen bestehen überwiegend aus Phospholipiden und Proteinen. Ihre
Eigenschaften gestalten die Struktur und die Funktion von Membranen. Phospholipide
gehören zu den Fetten und zeichnen sich durch ihre charakteristische
Zusammensetzung aus wasserlöslichen (polaren), und wasserunlöslichen
(apolaren) Teilen aus.

Unveränderliche
Bestandteile aller Phospholipide
sind Glycerin und Phosphat.
Glycerin ist ein dreiwertiger
Alkohol und im Phospholipid an
zwei seiner drei Hydroxy-(OH-
)Gruppen jeweils an die
Säuregruppen von
Fettsäureketten gebunden. In
verschiedenen Phospholipiden
können verschiedene Fettsäuren
auftreten. An der dritten
Hydroxygruppe sitzt eine
Phosphatgruppe, die elektrisch
negativ geladen ist. An das
Phosphat wiederum ist eine
weitere variable Molekülgruppe
gebunden, die häufig positiv
geladen ist.
Wie sind nun die
Phospholipide und Proteine zur
Abbildung 1.3: Phopholipide Membran zusammengefügt?
Phospholipide aggregieren in
wässriger Lösung und bilden
spontan Doppellipidschichten aus. Immer sind die polaren, hydrophilen Köpfe dem
Wasser zugewandt, während die hydrophoben, apolaren Schwänze sich einander
zukehren und gleichsam ein eigenes hydrophobes Milieu schaffen.
Die Dicke einer solchen Doppelschicht beträgt etwa sieben Nanometer. Man kann
sich die Lipiddoppelschicht als flüssige Schicht vorstellen, auf der globuläre
Proteinmoleküle schwimmen, die gegeneinander beweglich sind. Auch Proteine haben
hydrophile und hydrophobe Teilladungen. Die membrandurchspannenden Regionen
der Proteine sind üblicherweise hydrophob, die mit Cytoplasma und Umgebung im
Kontakt stehenden Regionen sind dagegen hydrophil.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Die Hauptfunktionen von Cytoplasmamembranen sind:

• Permeabilitätsbarriere – sie grenzen ab und ermöglichen den gezielten Transport


aus der und in die Zelle
• Proteinverankerung – hier sitzen zahlreiche wichtige Proteine
• Energiekonservierung – hier wird die protonenmotorische Kraft (PMK) erzeugt
und aufrechterhalten

Träger der Enzyme der Atmungskette – PMK

Konzentrieren wir uns zunächst auf die letztgenannte Funktion: Energiespeicherung


durch die protonenmotorische Kraft. Sie dient als Energiespeicher für viele verschiedene
Vorgänge, z.B. aktiven Transport. Neben der Synthese von ATP, das wiederum als
universeller (chemischer) Energiespender für alle möglichen energieverbrauchenden
Vorgänge im Körper dient, ermöglicht die Energie der PMK auch die Bewegung der
bakteriellen Geißel.

Bei Eukaryoten übernehmen die Mitochondrien die Energieversorgung, also die ATP-
Synthese (siehe Abschnitt Endosymbiontentheorie). Prokaryoten hingegen sind durch die
Abwesenheit jeglicher membranumschlossener Zellorganellen gekennzeichnet. Bei ihnen
sitzen die Enzyme der Atmungskette in der Plasmamembran.

Die protonenmotorische Kraft setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem
Protonen-(pH-)Gradienten zwischen Innen- und Außenseite sowie dem (elektrischen)
Membranpotential. Der pH-Gradient entsteht durch das gezielte Pumpen von Protonen
durch die Membran hindurch auf die Außenseite. Dadurch verschieben sich auch die
Ladungen, und es entsteht ein Membranpotential (eine elektrische Ladungsdifferenz), bei
dem die Innenseite der Membran negativ und die Außenseite positiv geladen ist.

Durch den kontrollierten Rückfluss der Protonen durch die Membran, der durch die
membrangebundene ATP-Synthase, eine ATPase, gewährleistet wird, kann die in der
protonenmotorischen Kraft gespeicherte Energie für die Synthese von ATP genutzt
werden. Die Enzyme hierfür sind in einer sinnvollen Reihenfolge nebeneinander in der
Membran lokalisiert. Dadurch wird eine effiziente „Fließbandarbeit“ ermöglicht.

Daptomycin ist ein Antibiotikum, das eine Depolarisierung des Membranpotentials


bewirkt und so die bakterielle ATP-Synthese verschiedener Kokken (inklusive MRSA) und
auch von Chlostridien stört.

Die bakterielle Membran beheimatet viele Proteine: Enzyme der


Zellwandsynthese, Permeasen und Sensorproteine

Wie bereits erwähnt, dient die Zellmembran auch der Verankerung zahlreicher
Proteine. Viele Membranproteine dienen dem Transport durch die Membran, z.B.
Permeasen, Carrier und Kanalproteine. Sie sind notwendig, damit ausgewählte
Substanzen die Membranen durchqueren oder aktiv durch diese transportiert werden
19
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

können. Die Energie für den aktiven Transport stammt aus dem Protonengradienten über
der Membran. Der Wirkstoff Colistin lagert sich in die Zellmembran ein und stört dort die
Permeabilität.

Auch die Enzyme für den Aufbau der bakteriellen Zellwand sind in der Zellmembran
verortet. Beispielhaft sei hier eine Transpeptidase genannt, an der die Beta-Lactam-
Antibiotika angreifen. Auch andere Medikamente stören den Aufbau der Zellwand: Azol-
Antimykotika (z.B. Clotrimazol) sind zwar primär antimykotisch, d.h. gegen Pilze
wirksam. Einige können aber auch gegen grampositive Bakterien wirksam sein.

1.2.8 Ribosomen – Unterschiede zu den Ribosomen der


Eukaryoten
Ribosomen sind auch bei Prokaryoten die Organellen der Proteinbiosynthese. Auch
prokaryotische Ribosomen bestehen aus Proteinen und ribosomaler RNA. Die
prokaryotischen Ribosomen sind jedoch kleiner als die eukaryotischen. Man bezeichnet
sie als 70S-Ribosomen, die aus je einer 30S- und einer 50S-Untereinheit (die wiederum
aus zwei rRNA-Molekülen aufgebaut ist) bestehen. Wir haben hier keinen Rechenfehler
eingebaut, um Ihre Aufmerksamkeit zu testen. Die Bezeichnungen 30S, 50S und 70S
beziehen sich auf das Zentrifugationsverhalten und addieren sich nicht linear. Die Bildung
der Ribosomen erfolgt im Cytoplasma. Sie enthalten weniger unterschiedliche Proteine
und RNA-Arten als Ribosomen in Eukaryoten.

Zum Vergleich: Eukaryotische Ribosomen bestehen aus einer 40S- und einer 60S-
Untereinheit (die drei rRNA-Moleküle enthält) und werden zusammenhängend als 80S-
Ribosomen bezeichnet. Der unterschiedliche Aufbau macht die bakteriellen Ribosomen
zu beliebten Zielen von Antibiotika, denn diese interagieren nicht mit den eukaryotischen
Ribosomen und sind daher relativ nebenwirkungsarm.

1.2.9 Bakterienzellen bieten Antibiotika spezifische


Angriffsorte
Nachdem wir nun Grundlegendes über den Aufbau der Bakterienzellen erfahren
haben und einschätzen können, wie man Bakterien aufgrund äußerlicher Kriterien
unterscheidet, kommen wir nun zu den spezifischen Angriffsorten, die sie Medikamenten
bieten. Wir haben uns von außen nach innen in die Zelle bewegt, um die Besonderheiten
der Procyte genau kennenzulernen. In der folgenden Abbildung können Sie sich einen
Überblick verschaffen, welche Antibiotika an welcher Stelle der Bakterienzelle ansetzen:
20
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Abbildung 1.4: Angriffsorte von Antibiotika

Angriffsorte für Antibiotika

Antibiotika, die die Proteinbiosynthese blockieren

Rifamycine – blockieren die Transkription.


Tetracycline – blockieren die Translation am Bakterienribosom, verhindern die
Bindung der tRNA an das Bakterien-Ribosom, bakteriostatisch.
Puromycin – wird anstelle einer beladenen tRNA fest an das Ribosom gebunden.
Chloramphenicol – bindet sich fest an Bakterien-Ribosomen.
Kirromycin – verhindert das Vorrücken der tRNA von der A- an die P-Stelle bei
Prokaryoten.
Erythromycin – ursprünglich aus Streptomyces erythreus, aktiv gegen grampositive
Bakterien, hemmt den durch den Elongationsfaktor EF-G katalysierten Vorgang der
Translation.
Neomycin – ursprünglich aus Streptomyces fradiae, bindet an die 30S-Untereinheit der
70S-Ribosomen, wirkt gegen grampositive Bakterien, aber vor allem gegen
gramnegative Bakterien.
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Streptomycin – ursprünglich aus Streptomyces griseus, aktiv gegen gramnegative


Bakterien, Hemmung der 30S-Untereinheit, Aminoacyl-tRNA kann nicht an die
Akzeptorstelle binden.
Gentamycin – ursprünglich aus Micromonospora purpurea, wirkt vor allem bei
gramnegativen Erregern, kaum bei grampositiven, Bindung an 30S-Untereinheit,
Behinderung des Ablesens der mRNA.
Makrolid-Antibiotika entfalten ihre Wirkung an der 50S-Untereinheit des Ribosoms.
Sie gehören zu einer Stoffklasse, die 11% der weltweiten Produktion von Antibiotika
ausmachen. Sowohl Makrolide als auch Tetracycline wurden ursprünglich von
Streptokokken produziert.

Antibiotika, die an der bakteriellen DNA angreifen

Hemmung des DNA-Stoffwechsels:


Rifamycin – aus Amycolatopsis mediterranei, aktiv gegen Tuberkulose und andere
grampositive Bakterien, bindet irreversibel an der β-Untereinheit der prokaryotischen
DNA-abhängigen RNA-Polymerase, wichtigster Vertreter: Rifampicin.

Struktur und Funktion der DNA:


Actinomycin – blockiert die Transkription.
Chinolone – chemisch verwandte Stoffgruppe von Antibiotika mit vielen
verschiedenen Vertretern (z.B. Ciprofloxacin, Moxifloxacin, Oxolinsäure), binden an
den Komplex des Enzyms Gyrase und DNA und verhindern das Wiederzusammenfügen
eines geschnittenen DNA-Stranges.
Nitrofurane – wirken bakteriostatisch, in höheren Konzentrationen auch bakterizid,
aktiv gegen grampositive und gramnegative Bakterien, stören Integrität und
Funktionalität der DNA, genaue Mechanismen noch nicht bekannt.
Nitroimidazole – wirken gegen fast alle anaeroben Bakterien und viele Protozoen,
DNA-Schädigung: Adduktbildungen mit benachbarten Basenpaaren eines DNA-
Stranges (das Antibiotikum verbindet sich mit freien DNA-Elektronenpaaren), diese
führen zu Strangbrüchen.

Antibiotika, die an der Zellwand angreifen

Penicillin – gehört zu den Beta-Lactam-Antibiotika, hemmt die bakterielle Zellteilung


Cephalosporin – ursprünglich aus: Cephalosporium acremonium, aktiv gegen ein
breites Spektrum, Wirkung: Störung der Zellwandsynthese
Bacitracin – ursprünglich aus: Bacillus subtilis, aktiv gegen grampositive Bakterien,
Wirkung: Störung der Zellwandsynthese
Fosfomycin – aus Streptomyceten, aktiv gegen gramnegative und grampositive
Bakterien, Störung der Mureinsynthese in der Zellwand
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Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Wirkungsweise der Beta-(β-)Lactam-Antibiotika


Kommen wir nochmal auf die Zellwand zurück, einer Struktur, die tierischen Zellen
völlig fehlt. Dabei wollen wir uns exemplarisch die Wirkungsweise der Beta-Lactam-
Antibiotika genauer anschauen, zu denen das Penicillin gehört.
Die Wirkung von Penicillinen beruht auf der Hemmung der bakteriellen Zellteilung.
Sie behindern die Synthese der Zellwand und bewirken eine osmotische Lyse der
jeweiligen Bakterien. Das strukturelle Grundgerüst der Penicilline besteht aus 6-
Amino-Penicillansäure, einem Dipeptid aus Cystein und Valin. Dieser Ring wird Beta-
Lactam-Ring genannt und ist namensgebend für eine ganze Klasse von Antibiotika
(Beta-Lactam-Antibiotika). Der Ring bindet an das bakterielle Enzym D-Alanin-
Transpeptidase und verhindert so, dass das das Enzym Quervernetzungen beim Aufbau
der bakteriellen Zellwand knüpfen kann. Da die Bindung irreversibel ist, wird das
Enzym funktionsunfähig. Neu gebildete Zellwände werden nicht mehr quervernetzt
und sind somit strukturell stark geschwächt. Der Komplex aus Enzym und gebundenem
Antibiotikum führt außerdem zur Freisetzung von Autolysinen, die die geschwächte
Wand verdauen. Das führt letztendlich zum Zerreißen der Zellwand und zur Lyse der
Zelle.
Merken Sie sich bitte, dass Beta-Lactam-Antibiotika nur bei sich schnell
vermehrenden Bakterien ansetzen können, da sie den Aufbau der bakteriellen Zellwand
stören.

1.3 Bakteriengenetik
Auch in der Genetik unterscheiden sich Pro- und Eukaryoten stark. Wir widmen der
Bakteriengenetik daher ein eigenes Kapitel.

1.3.1 Das bakterielle Nucleoid und der Aufbau


prokaryotischer DNA
Prokaryoten haben keinen Zellkern und dementsprechend auch keine Kernmembran.
Die DNA liegt in einem ringförmigen Doppelstrang frei im Cytoplasma. Man spricht vom
bakteriellen Chromosom. Es ist mikroskopisch gut sichtbar und wird als Nucleoid
(nicht zu verwechseln mit Nukleus oder Nucleolus) bezeichnet. Meist besitzen
Prokaryoten nur ein Chromosom, sie sind also haploid.

Widmen wir uns der speziellen Struktur des prokaryotischen Nucleoids. Dieses
können wir uns als DNA-Knäuel vorstellen, dass dicht auf engem Raum in der Zelle
gepackt vorliegt. Die dichte Packung kommt durch verschiedene Faktoren zustande. Die
DNA ist durch den hohen Anteil an Phosphatgruppen negativ geladen. Kationen, positiv
geladene organische Verbindungen und kleine basische Proteine lagern sich an die
negativ geladenen Phosphatgruppen und übernehmen damit wichtige Funktionen bei der
Verdichtung der DNA.
23
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Histone, wie wir sie von Eukaryoten kennen, gibt es bei Prokaryoten nicht. Die
Verpackung bakterieller DNA übernehmen andere, ebenfalls basische Proteine. Zudem ist
die bakterielle DNA „supercoiled“, als Superhelix organisiert. Die Windungen dieser
Struktur werden durch die Gyrase (eine Topoisomerase) eingeführt. Topoisomerasen
haben Sie bereits bei den Eukaryoten kennengelernt. Diese Windungen werden nur dann
temporär aufgelöst, wenn Gene transkribiert oder Genomabschnitte repliziert werden.

Die Struktur prokaryotischer DNA auf dem Nucleoid und den Plasmiden
unterscheidet sich in einigen Punkten von eukaryotischer Erbsubstanz. Betrachten wir
den generellen Aufbau:

Prokaryotische Gene besitzen im Gegensatz zu den eukaryotischen keine Introns –


es gibt keine Spleißprozesse.

Das haploide bakterielle Genom liegt frei im Cytoplasma.

Beide Stränge der DNA enthalten etwa gleich viele Gene. Die DNA kann also in beide
Richtungen transkribiert werden. [12, S. 91]

Das Genom ist dicht mit Genen besetzt, der durchschnittliche Abstand zwischen zwei
Genen beträgt nur etwa 100 bp. Zwischen den Genen befinden sich Promotoren und
andere regulative Elemente (Operatoren).

Manche Promotoren regulieren die Transkription mehrerer Gene. Solche gemeinsam


transkribierten Gene codieren oft für Proteine mit zusammengehörender Funktion. So
können verschiedene Proteine, die z.B. mit der gleichen Energiequelle zusammenhängen,
auf einmal abgelesen werden. Das ist einer der vielen Gründe, warum sich Bakterien so
schnell auf veränderte Umweltbedingungen einstellen können. Man bezeichnet solche
Gen-Folgen als Operons, die gemeinsame RNA als polygenische mRNA. Ein populäres
Beispiel ist das Lactose-Operon, oft auch als Lac-Operon bezeichnet. Im Abschnitt
Enzymregulation haben Sie bereits ein Operon kennengelernt, das trp-Operon. Auch die
rRNA-Gene von E. coli werden gemeinsam reguliert. Im Bereich des Promotors liegen u.U.
weitere Bindestellen für regulatorische Proteine, die man Operator(en) nennt.
Operatoren können als Repressoren oder Aktivatoren wirken.

1.3.2 Das lac-Operon


Lactose abbauende Enzyme können für E. coli-Bakterien sehr hilfreich sein, wenn nur
Lactose als Energiequelle zur Verfügung steht. In normalen Nährmedien oder ihrer
regulären Umgebung produzieren E. coli-Bakterien nur wenige Kopien dieser Enzyme.
Fallen andere Energiequellen weg, steigt in kurzer Zeit die Menge der Lactose-Enzyme
um mehr als das 1000-fache. Das ist möglich, da die von der Zelle aufgenommene Lactose
die Transkription des lac-Operons anregt. Das Operon umfasst einen Promotor, drei
24
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Operatoren und drei Strukturgene: lacZ, lacY und lacA. Die Gene liegen eng hintereinander
und werden gemeinsam in eine polygenische mRNA transkribiert.

Wozu ist die gemeinsame Organisation der Enzyme in einem Operon sinnvoll? Um
Lactose abbauen zu können, benötigt die Zelle ein Enzym namens β-Galaktosidase (lacZ-
Gen), die das Disaccharid Lactose zu Glucose und Galactose spaltet, die jeweils über eigene
Wege zur Energiegewinnung abgebaut werden. Gleichzeitig mit der β-Galaktosidase wird
die Produktion des Enzyms Permease (lacY-Gen), ein Enzym, das die Aufnahme von
Lactose in die Zelle erleichtert, sowie des Enzyms Transacetylase (lacA-Gen) induziert.
Die Transacetylase ist zwar nicht für den Lactoseabbau notwendig, allerdings gibt es
Hinweise, dass es beim Entgiften der Zelle helfen kann [13]. Die Anordnung
zusammengehöriger Gene in einem Operon garantiert also deren koordinierte
Expression.

Das lac-Operon wird sowohl negativ durch einen Repressor als auch positiv durch
einen Aktivator reguliert. Übergeordnet ist dem noch ein Mechanismus, den man als
Induktorausschluss bezeichnet. Diese drei unterschiedlichen Mechanismen bewirken,
dass Lactose erst dann verstoffwechselt werden kann, wenn es keine effizientere
Alternative gibt.

Negative Regulation: Die Transkription des lac-Operons wird durch einen


Repressor verhindert, das lacI-Protein. Dieses sitzt an einem DNA-Abschnitt vor der
Genfolge lacZ-lacY-lacA. Das Protein kann an zwei der drei Operatoren gleichzeitig
binden. Ist nun Lactose als einzige Energiequelle vorhanden, bindet ein Abbauprodukt der
Lactose an den Repressor, der dadurch von der DNA abfällt.

Induktorausschluss: Damit das lac-Operon tatsächlich abgelesen wird, darf keine


Glucose anwesend sein. Denn in Anwesenheit von Glucose wäre es für die Zelle
energetisch wenig sinnvoll, erst aufwendig die Enzyme des Lactose-Stoffwechsels
herzustellen. Ein beim Glucosetransport auftretendes Molekül verhindert über die
Hemmung der Permease den Lactose-Transport in die Zelle. So bleibt das Operon
reprimiert.
25
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Abbildung 1.5: lac-Operon negative Regulation


26
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Positive Regulation: Die Dissoziation des Repressors reicht für eine volle Expression
des Operons noch nicht aus, dazu ist die Anwesenheit eines positiv wirkenden
Transkriptionsfaktors notwendig. Die Aktivität des Aktivatorproteins CAP (catabolite
activator protein) ist direkt von der Konzentration des cyclischen
Adenosinmonophosphats (cAMP) abhängig, das wiederum bei geringer
Glucosekonzentration in erhöhtem Maße entsteht. Durch die Anlagerung von cAMP an
CAP ändert sich dessen Konformation, was seine spezifische DNA-Bindung stark erhöht.
Der CAP-cAMP-Komplex lagert sich an eine Bindungsstelle der DNA an und interagiert
dort mit der RNA-Polymerase. Dadurch wird die Affinität der RNA-Polymerase zum
Promotor deutlich erhöht.

Abbildung 1.6: lac-Operon positive Regulation

1.3.3 Extrachromosomale zirkuläre DNA und


Resistenzplasmide
Außer dem bakteriellen Chromosom findet man häufig auch kleine
extrachromosomale DNA-Moleküle, die Plasmide. Im Unterschied zu den bakteriellen
Chromosomen tragen Plasmide nur nicht-essentielle Erbinformationen.

Das typische Plasmid ist ein ringförmiges, doppelsträngiges DNA-Molekül und macht
weniger als 5% der Größe eines Chromosoms aus. Man kennt Tausende verschiedener
Plasmide. Sie tragen neben Genen für Antibiotikaresistenzen auch genetische
Informationen für die Resistenz gegenüber Schwermetallen, den Abbau von Giftstoffen
wie Naphthalin, den Abbau von Herbiziden, zur Harnstoff- und Stickstofffixierung und
auch für die Verwendung alternativer Energiequellen wie Lactose und Sucrose. Das ist ein
weiterer Grund für die bakterielle Anpassungsfähigkeit.
27
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Zu dieser Anpassungsfähigkeit trägt zusätzlich außerdem auch noch der bakterielle


Genaustausch bei: Zum Transfer genetischer Informationen nutzen Bakterien Plasmid-
DNA, denn Plasmide sind genetische Elemente, die sich unabhängig vom
Bakterienchromosom und damit auch unabhängig von der Zellteilung replizieren. Sie
werden durch Konjugation von einer Zelle an die nächste weitergegeben.

Plasmide, die Bakterien Resistenz gegenüber Antibiotika verleihen, werden als R-


Plasmide bezeichnet. Ein R-Plasmid kann mehrere Antibiotikaresistenzgene tragen. Das
Plasmid R100 trägt beispielsweise die Information für die Resistenz gegenüber 5
Antibiotikaklasssen. Es kann zwischen Enterobakterien verschiedener Gattungen und
Arten übertragen werden. Man kann sich leicht vorstellen, wie solche Plasmide schnell
dazu beitragen, dass traditionelle Antibiotikatherapien nicht mehr greifen.

Plasmide können auch für Exotoxine codieren

Neben der Antibiotikaresistenz codieren Plasmide auch für andere Substanzen, die
zur Pathogenität von Bakterien beitragen. Sie enthalten sowohl die Information für die
Bildung bestimmter Zelloberflächenproteine, die die Kolonisierung des Wirtes erlauben,
wie auch die Informationen für die Bildung bestimmte Toxine.

Tetanus und Botulismus beruhen beispielsweise beide auf Plasmid-codierten


Exotoxinen, also Giftstoffen, die die Bakterienzelle verlassen. Es handelt sich um
Neurotoxine. Beide verhindern, dass die Neurotransmitter in den synaptischen Spalt
abgegeben werden können. Im Fall von Botulismus wird die Ausschüttung von
Acetylcholin verhindert, was zu Erschlaffung der Muskelfasern führt, bei Tetanus wird
kein Glycin ausgeschüttet, was zu dauerhafter Muskelkontraktion führt.

Nachdem wir einen Einblick in die Organisation prokaryotischer Erbinformation


gewonnen haben, fassen wir noch einmal die generellen Unterschiede zu den Eukaryoten
zusammen.

Bakterielle Transkription – Unterschiede zu den Eukaryoten

Transkriptionsenzyme: Im Gegensatz zu den Eukaryoten besitzen Bakterien nur


eine RNA-Polymerase.

mRNA: Der Vorgang der Transkription an sich, also Initiation, Elongation und
Termination der mRNA, verläuft bei Eukaryoten und Prokaryoten grundsätzlich gleich.
Im Unterschied zur eukaryotischen Transkription folgt auf die mRNA-Synthese kein
Capping, da die prokaryotische mRNA nicht aus dem Zellkern transportiert werden muss.
Die mRNA wird weder durch Polyadenylierung („Poly-A-Schwanz“), noch durch Splicing
prozessiert. Sie gelangt direkt nach dem Kopiervorgang zu den Ribosomen, häufig lagern
sich auch bereits Ribosomen an die noch entstehende Kette an und beginnen die
Translation, bevor die Transkription beendet ist (Poly-Ribosom- bzw. Polysom-Komplex).
28
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Ort: Um es noch einmal hervorzuheben – die Transkription findet bei Eu- und
Prokaryoten an unterschiedlichen Orten statt. Bei Prokaryoten erfolgt diese im
Cytoplasma, da sie keinen Zellkern besitzen.

1.3.4 Antibiotikaresistenz aus evolutionsbiologischer


Sicht
Die Wahrscheinlichkeit, oder vielleicht besser die Geschwindigkeit, mit der
Resistenzen gegen bestimmte Antibiotika entstehen, hat zu einem gewissen Grad mit dem
Wirkmechanismus des Medikaments zu tun. Wirken diese nur an einem bestimmten Ort
wie z.B. Makrolide, die ein bestimmtes Enzym – in diesem Fall eine Translokase –
hemmen, kann es schneller dazu kommen, dass dieser eine Mechanismus umgangen wird,
als beispielsweise beim Penicillin, das an mehreren verschiedenen Proteinen angreift, die
am Aufbau des Peptidoglykans beteiligt sind. Meist liegt einer Resistenz eine Mutation
zugrunde. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, mit der solche Mutationen auftreten, zu
gering, als dass die Vielfalt der Resistenzmechanismen in den letzten 70 Jahren allein
durch Mutationen hätte entstehen können. Woher stammen sie also?

In einem 1946 gefriergetrockneten E.coli-Stamm fand man ein R-Plasmid, das


Resistenzen gegen Tetracycline und Streptomycin enthält, obwohl keines dieser
Antibiotika zu dieser Zeit im Einsatz war [8, S. 788]. Wie Sie der Box Angriffsorte von
Antibiotika am Ende des letzten Kapitels entnehmen können, sind Antibiotika häufig
Stoffe, die meist ursprünglich aus Bakterien oder Pilzen stammen. Also Stoffe, mit denen
Bakterien schon sehr viel länger als seit Flemings Zeiten in Kontakt gekommen sind.
Antibiotikaresistenzen entstehen also nicht erst durch den (menschlichen) Einsatz von
Antibiotika.

Die Verbreitung hingegen lässt sich ganz klar mit dem ausgedehnten Einsatz in
Human- und Tiermedizin sowie in der Tierzucht erklären. In einer Umgebung, in der nur
Bakterien überleben, die über Resistenzmechanismen verfügen, haben diese natürlich
einen klaren Vorteil. Dementsprechend stellt der Einsatz von Antibiotika einen
Selektionsdruck dar, der zur Verbreitung von Resistenzen führt. Ist der Großteil der nicht-
resistenten Bakterien abgetötet, haben die (resistenten) Überlebenden unbegrenzten
Zugriff auf die Ressourcen und können sich ungestört vermehren.

Sie sollten als künftige Mediziner wissen und beachten: Der Einsatz von Antibiotika
macht Resistenzen gefährlich. Daher sollten diese Medikamente nur verschrieben
werden, wenn es unbedingt nötig ist. Genau das gleiche gilt für den Gebrauch
bakteriostatischer oder bakteriozider Substanzen. Außerhalb des klinischen Umfelds
eingesetzt, sprich alltäglich im Haushalt, schaffen Sie einen Selektionsdruck, der zu
Organismen führt, die diese Stoffe umgehen können. Darauf sollten Sie als zukünftige
Experten in der Hygieneerziehung auch immer wieder hinweisen. Da sich auf R-
29
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Plasmiden häufig Resistenzen gegen Antibiotika und gegen Desinfektionsmittel (Biozide


wie z.B. Triclosan) vereinen, kann der häusliche Gebrauch von Desinfektionsmitteln unter
bestimmen Umständen zum vermehrten Auftreten (multi)resistenter Bakterien führen.
Unter anderem können bestimmte Desinfektionsmittel, wenn sie in nicht letalen
Konzentrationen eingesetzt werden, die Transduktions- und Konjugationsraten (s.u.)
erhöhen [14]. Desinfektionsmittel haben im normalen Haushalt also nichts zu suchen –
gründliche Reinigung hingegen schon.

1.3.5 Übertragung von Genmaterial


Es gibt mehrere natürliche Wege, auf denen Prokaryoten Erbinformationen
austauschen können. Bei der Konjugation wird DNA über eine Pilus-induzierte
Plasmabrücke direkt zwischen zwei Bakterienzellen getauscht.

Bei der Konjugation spielen Plasmide eine tragende Rolle

Erinnern wir uns, dass Plasmide die Gene für sehr viele unterschiedliche
Stoffwechselprodukte und Resistenzen enthalten können (siehe Abschnitt 1.3.3), die dem
jeweiligen Bakterium das Überleben erleichtern. Einzelne Plasmide können dabei
vielerlei solcher Informationen ansammeln, wie das oben genannte Plasmid R100. Wie
können sich alle diese Informationen auf einem Plasmid vereinen?

Wir wissen bereits, dass Bakterienzellen Pili ausbilden, die einen Kontakt zwischen
den Zellen herstellen können. Die oben im Abschnitt 1.2.3 beschriebenen Donorzellen
besitzen das sogenannte F-Plasmid, sind also F+-Zellen. Das Plasmid kann dabei entweder
isoliert vom Nucleoid vorkommen oder darin eingebaut sein. Es ist etwa 100.000 bp lang
und trägt die Information für ca. 100 Gene. Das Gen traA kodiert ein Protein, das als
wichtigstes Bauelement des F-Pilus dient. Viele dieser Proteine, der Piline, lagern sich
zusammen, bis ein zylindrischer Faden entsteht. Nach der Kontaktaufnahme wird der
Pilus abgebaut, bis sich die beiden Zellen berühren. An der Berührungsstelle wird eine
Konjugationsbrücke gebildet. Der Kontakt zwischen Donor- und Empfängerzelle führt zur
Verdopplung und zum Transfer von Plasmiden. Dies erfolgt bei ringförmigen Plasmiden
meist über den rolling circle-Mechanismus. Dabei wird ein DNA-Strang an einer
spezifischen Stelle gebrochen, „abgerollt“, währenddessen repliziert und schließlich
transferiert. Falls das F-Plasmid in das Bakterienchromosom eingebaut ist, können auch
Teile davon mit übertragen werden. Am Ende der Konjugation besitzen beide Zellen das
konjugative Plasmid und sind damit beide Donor-, also F+-Zellen [12, S. 95ff].
30
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Transformation geschieht durch freie DNA

Schon viel früher, bereits 1928, konnte ein berühmtes Experiment von James Griffith
einen anderen Mechanismus der Erbinformations-Übertragung aufzeigen: die
(bakteriengenetische) Transformation. Er experimentierte mit Pneumokokken, den
Haupterregern der Lungenentzündung. Die pathogene Variante der Bakterien bildet
Schleimkapseln um ihre Zellen und wird daher „S“ bezeichnet. Sie können sowohl für
Menschen als auch für Mäuse tödlich sein. Es gibt auch einen apathogenen Stamm, der die
Fähigkeit zur Schleimkapsel-Bildung verloren hat. Wegen der vergleichsweise rauen
Beschaffenheit seiner Kolonien wird er mit „R“ bezeichnet. Mischt man die R-Bakterien
mit durch Hitze abgetöteten S-Bakterien, ist dieses Gemisch für damit infizierte Mäuse
tödlich. Im toten Tier kann man koloniebildende lebende S-Bakterien isolieren. Woher
stammen diese lebenden S-Bakterien? Griffith schloss andere theoretische Möglichkeiten
aus und konnte zeigen, dass die R-Bakterien die Eigenschaft „S“ erwerben, wenn tote S-
Bakterien anwesend sind. Die R-Zellen übernehmen von den abgetöteten S-Zellen die
Erbanlage für die Schleimkapselbildung und integrieren sie in ihr Erbgut. Dadurch
werden sie selbst pathogen.

Dieses Experiment bildete die Grundlage für den Nachweis über die chemischen
Eigenschaften der Erbinformation. Dieser gelang Avery und seinen Mitarbeitern im Jahre
1944. Die gedankliche und experimentelle Leistung von Avery bestand darin, die
abgetöteten S-Bakterien mit biochemischen Methoden in ihre chemischen Bestandteile
zu zerlegen und diese als gereinigte Substanzen anstelle der abgetöteten S-Bakterien im
Transformationsversuch einzusetzen. Dabei fand Avery – entgegen seinen eigenen
Erwartungen – dass nicht Protein, sondern Desoxyribonukleinsäure die
transformierende Substanz ist – die Erbsubstanz.

Bei der Transformation wird also freie DNA von den Bakterien durch die Zellwand
hindurch aufgenommen. Die Fähigkeit oder Kompetenz hierfür ist von verschiedenen
Faktoren abhängig und kann beispielsweise durch Nährstoffmangel induziert werden.

Wie entstehen R-Plasmide? Transposition als Evolutionstreiber

Diese zwei bisher genannten Mechanismen erklären zwar, wie Bakterien


Erbinformationen untereinander austauschen können. Die Frage, wie sich vielerlei
Resistenzen auf einem einzigen Plasmid versammeln können wie im Falle von R100, ist
allerdings noch nicht geklärt. Um das zu verstehen, müssen wir uns noch dem Phänomen
der „springenden Gene“ widmen, der Transposition.
31
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.4 Bewegliche (transponierbare) genetische


Elemente
Transponierbare genetische Elemente (TEs, „springende Gene“) sind weit verbreitet:
Man findet sie in Bakterien, Hefen und allen Eukaryoten, die bisher daraufhin untersucht
worden sind.

Als Transposition bezeichnet man eine Art von Rekombination, bei der ein im
Genom vorhandenes genetisches Element an eine andere Stelle des gleichen Genoms oder
– mittels Plasmiden oder Phagen – in ein anderes Genom versetzt wird. Sie geht oft mit
Veränderung in der DNA wie Deletion oder Insertion einher. Es gibt verschiedene Typen
transponierbarer Elemente, die sich in ihrem Aufbau und ihrer Komplexität
unterscheiden (Insertionssequenzen, Transposons, transponierbare Phagen). Allen
gemein ist, dass sie an beiden Enden sogenannte „inverted repeats“ (IR) tragen, also
gegenläufige Wiederholungen von sehr ähnlichen, aber nicht identischen Nucleotid-
Sequenzen. Dazwischen liegt der zentrale, proteincodierende Bereich, der mindestens die
Information für das Enzym Transposase trägt.

Auch Viren können


sich also durch
Transposition vermehren
– das deutet auf die
Verwandtschaft von Viren
und transponierbaren
Elementen hin. Auch
bestimmte Bakteriophagen
stuft man als
transponierbare Elemente
ein. Denn sie können sich
entweder als Virus
vermehren, indem sie ihre
Abbildung 1.7: Springende Gene in Mais Erbsubstanz durch Infektion
immer neuer Wirtszellen
vervielfältigen lassen. Oder – und dazu sind nicht alle Viren fähig – sie sind als temperente
Phagen im Bakterienchromosom eingebaut und vermehren sich hier durch Transposition
und Vererbung [12, S. 230]. Sie sind in diesem Zustand also nicht letal für das Bakterium.

Ein ähnliches Prinzip begegnet uns auch bei bestimmten TEs im eukaryotischen
Genom, den Retrotransposons. Diese machen übrigens bis zu 45% im Genom von
Säugern aus. Die Transposition von Retrotransposons erfolgt über einen Zwischenschritt,
in dem die DNA erst in RNA umgeschrieben wird. Diese RNA dient anschließend als
Matrize für die Synthese von neuen DNA-Stücken, die an mehreren Stellen wieder ins
Genom eingebaut werden können. Der Zwischenschritt über die RNA und ihre
32
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Rückübersetzung in DNA (durch das Enzym reverse Transkriptase) brachte den


Retrotransposons ihren Namen ein. Das gleiche Enzym nutzen auch Retroviren, die den
Retrotransposons generell sehr ähnlich sind.

Retroviren und transponierbare Phagen vermehren sich nicht nur horizontal über
Infektion, sondern zusätzlich auch vertikal über Transposition und Vererbung, wenn sie
im Wirtsgenom eingebaut sind. Springen Retroviren an für die Wirtszelle ungünstige
Stellen, können sie durch die Insertion Krankheiten verursachen. Das passiert, auf das
Genom bezogen, nur selten, etwa einmal pro Genom in jeder Generation. Beispiele so
entstandener Krankheiten sind bestimmte Formen der Bluterkrankheit, der
Muskeldystrophie und bestimmter Immunschwächen (durch Mutation bspw. in
Interleukin-2-Rezeptoren).

Zurück zu den transponierbaren Elementen im Allgemeinen. Denn, obwohl sie ihrem


Wirt Vorteile verschaffen können, werden sie generell als eigennützige DNA-Parasiten
eingestuft, welche in Genomen zellularer Organismen existieren. Man kann also
sozusagen TEs als extrem reduzierte Viren betrachten. Evolutiv gesehen kommt ihnen
eine besondere Bedeutung zu: Transponierbare Elemente führen Veränderungen im
Genom ein – bei bestimmten Fruchtfliegen sind bis zu 80% der Mutationen auf
Transpositionen zurückzuführen.

TEs und Viren oder Henne und Ei?


Warum stellen wir eigentlich zwischen transponierbare Elemente und Viren einen
Zusammenhang her? Hundert Jahre nach ihrer Entdeckung ist die Frage, was Viren
eigentlich sind und woher sie kommen, aktueller denn je. Die Entdeckung sogenannter
Riesenviren (den Mimiviren) im Jahr 2003 hat die Debatte neu entfacht: Im Gegensatz
zu vorher bekannten Viren weisen diese ein Genom auf, dass größer ist als das mancher
zellulärer (sogar eukaryotischer) Parasiten und um die tausend Gene beinhaltet.
Momentan tobt daher die Debatte, ob sich Viren aus gemeinsamen Vorläufern mit
Bakterien entwickelt haben – und ob sie daher als Lebewesen zu betrachten sind – oder
nicht. Das würde hier etwas zu weit führen, bei Interesse empfehlen wir aber die
durchaus amüsante Debatte, die der Veröffentlichung eines Übersichtsartikels bei
Nature Reviews in der Kategorie „opinions“, folgte:
http://www.nature.com/nrmicro/journal/v7/n4/full/nrmicro2108.html
Was hat das aber nun mit TEs zu tun? Es handelt sich hierbei um die Frage nach
Henne und Ei: Haben sich Viren aus zellulären Lebewesen mit Stoffwechsel entwickelt,
und sind TEs die noch extremer reduzierte, noch „weiter“ entwickelte Variante? Oder
geht die Entwicklung vom TE hin zum Virus – sind Viren also TEs, die irgendwann über
die Produktion eines Kapsids die Wirtszelle verlassen konnten? Momentan deutet laut
Wissenschaft einiges darauf hin, dass Viren sich aus zellulären Vorläufern entwickelt
haben, und TEs die noch weiter reduzierte Entwicklung darstellen. Nehmen Sie aus
diesem Kapitel aber einfach mit, dass Viren und TEs sehr eng verwandt sind: Sie sind
ähnlich aufgebaut und vervielfältigen sich über die gleichen Mechanismen.
33
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

TEs scheinen ebenfalls eine bislang stark unterschätze Rolle bei der epigenetischen
Stilllegung bestimmter Gene zu haben [15] und wirken sich dadurch auch entscheidend
auf die Embryonalentwicklung aus. Man muss transponierbare Elemente daher als
Kontroll- und Entwicklungselemente betrachten, die einen entscheidenden Einfluss
darauf haben, wie Erbinformation zur physischen Eigenschaft heranreift.

Transposition und Transduktion: Gentransfer vereint Resistenzgene

Die vielleicht bedeutendste Eigenschaft der Transposition ist aber der Transfer von
Erbinformation, der beim Springen von Viren und (anderen) transponierbaren
Elementen auftritt. Beim „Herausschneiden“ (der Excision) der springenden
Erbinformation werden häufig benachbarte Gene mitgenommen. Bakteriophagen können
Erbgut von einer befallenen Bakterienzelle in die nächste mitnehmen. Den Transfer
bakteriellen Erbgutes durch Viren bezeichnet man als Transduktion. In der nächsten
Wirtszelle kann das fremde Erbgut dann wieder ins Genom insertiert werden – was dazu
führt, dass es mit jeder Zellteilung des Wirtes an dessen Tochterzellen weitergegeben
wird.

Dieses Prinzip kann zu einer Ansammlung von Resistenzen auf einem Plasmid führen.
Aus Sicht der (Wirts)Bakterien also eine überaus brauchbare Eigenschaft. Transposition
und Transduktion stellen daher vermutlich mit die zentralen Evolutionstreiber auf
molekularem Niveau dar. Diese Mechanismen versammeln eine neue Kombination
genetischer Eigenschaften an einem Ort, indem sie Informationen mitnehmen – auch zu
anderen Arten – und darüber hinaus am Zielort möglicherweise noch durch den Einbau
der Erbinformation Mutationen erzeugen.

1.5 Viren
Viren sind Zellparasiten ohne eigenen Stoffwechsel. Das erschwert die Therapie
ungemein, aber auf andere Weise als bei den Pilzzellen. Diese sind unseren Zellen relativ
ähnlich und bieten daher wenige spezifische Ziele für Medikamente, die nicht auch für uns
schädlich sind. Viren hingegen sind (erst einmal) unbelebte Objekte. Seine Synthese und
alle anderen belebten Vorgänge finden im Inneren der befallenen Zellen statt. Dorthin
muss ein Medikament erst einmal gelangen.

1.5.1 Aufbau der Viren


Viren sind sehr einfach aufgebaut. Es handelt sich um intrazelluläre Parasiten, die
zelluläre Prozesse ihrer Wirte umsteuern und für die eigenen Vermehrung modifizieren.
Wirte können sowohl Eu- als auch Prokaryoten sein. Die Viren werden dann folglich
Bakteriophagen oder eukaryotische Viren genannt.
34
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Viren bestehen immer aus einer Nukleinsäure und einem umgebenden


symmetrischen Protein, das als Kapsid bezeichnet wird. Beides zusammen nennt man
Virion. Die Proteinhülle dient dem Schutz des Genoms und übernimmt zentrale Aufgaben
bei der Infektion von Zellen. Virionen sind nicht metabolisch tätig, können aber Enzyme
enthalten, die für die frühen Stadien der Infektion wichtig sind. Der Phage T4 enthält
beispielsweise Lysozym, um die Zellwand der zu infizierenden Bakterien zu
durchlöchern.

Manchmal kann das Virion von der Wirtszelle noch mit einer zusätzlichen Membran
umstülpt werden, wie beim human immunodeficiency virus, HIV. Sie enthält dann neben
weiteren viralen Proteinen auch zelluläre, die oft zu Glykoproteinen modifiziert sind. Eine
solche Membran stammt immer vom Wirt.

Die exponierten Proteine und Proteinteile auf der Virusoberfläche, entweder im


Kapsid oder der Hülle, unterliegen dem Selektionsdruck durch das Immunsystem. Daher
verändern sich bei Viren bevorzugt die Aminosäuresequenzen der Antikörper bindenden
Regionen (Epitope, siehe Kapitel 2) [18, S. 15].

Die Erbsubstanz von Viren kann entweder aus DNA oder RNA bestehen. Beide
können sowohl als Einzel-, aber auch als Doppelstrang vorliegen. Dies führt zu
abweichenden Mechanismen in Replikation und Proteinsynthese, die entsprechend auch
als Angriffspunkte zur Therapie genutzt werden können. Besonders interessant ist dabei
RNA als Erbgut. Retroviren kehren den Weg von der DNA zur RNA um. Sie nutzen RNA
als Erbgut und tragen ein Enzym bei sich, dass die RNA im Wirtsorganismus zur DNA
umschreibt: die reverse Transkriptase. Bei anderen RNA-Viren ist die Ribonukleinsäure
gleichzeitig Erbgut und Bote (mRNA), denn das RNA-Molekül wird von der Wirtszelle
direkt translatiert.

1.5.2 Unterscheidung von Viren


Wie bei Bakterien arbeitet man auch bei Viren mit einer Reihe von Kriterien, mit
denen man seine Einordnung immer weiter verfeinert. Das ist aber ungleich schwieriger,
da schon einfache Zellkulturen daran scheitern, dass Viren sich nicht außerhalb ihrer
Wirtszellen vermehren.

Auch die Form hilft nicht unbedingt bei der Einteilung, da die Formenvielfalt unter
Viren sehr begrenzt ist. Viren sind auch viel kleiner als Bakterien und damit unter dem
Lichtmikroskop nicht erkennbar – viele sind übrigens so klein, dass sie von Sterilfiltern
nicht zurückgehalten werden können.

Kriterien der Unterscheidung können sein:

• Wo und wie infiziert und vermehrt sich das Virus? → Wirts-, Gewebs-, und
Zelltropismus (welche Art von Wirt, Gewebe und Zelle bzw. wo in der Zelle)
35
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

• Größe des Virions


• Kapsidsymmetrie: kubisch, helikal oder komplex
• (Nicht-)Vorhandensein einer Membranhülle
• Genomstruktur:
o Art (DNA, RNA)
o Aufbau (einzel- oder doppelsträngig)
o Orientierung
• Immunologische Eigenschaften
• Basen- und Proteinsequenzen

Abbildung 1.8: Die Ausbreitung von Viren im Körper

Virämie = Auftreten von Viren im Blut; während der primären V. ist der Virustiter im Verhältnis zur
sekundären V. relativ gering
36
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.5.3 Vermehrungszyklus
Bei Viren ist die Vermehrung sehr eng mit ihren Auswirkungen auf den Wirt
verbunden.

Grundsätzlich gemein ist allen Viren, dass sie sich zunächst an der Wirtszelle
anlagern. Dazu müssen sie bestimmte Rezeptormoleküle auf der Cytoplasmamembran
erkennen und sich an diese anheften (Adsorption). Bei umhüllten Viren wird die Bindung
durch Proteine vermittelt, die in die Hülle eingelagert sind, wie z.B. bei Retro-, Herpes-
und Influenzaviren. Die Bindung an die Wirtszelle kann sehr spezifisch sein, wie
beispielsweise beim HI-Virus, wo ein (Hüll-)Oberflächenprotein mit einem Rezeptor
interagiert, einem Rezeptor, der quasi ausschließlich auf T-Helferzellen und anderen
Makrophagen zu finden ist. Influenzaviren hingegen binden an bestimmte Reste von
Oligosacchariden, die man auf den Oberflächen vieler verschiedener Zellen findet.
Hüllenlose Viren docken über Strukturen auf der Oberfläche des Kapsids an die
Wirtszellen an. Der Vorgang der Adsorption bietet einige Möglichkeiten zur Prävention
von Virusinfektionen, indem entweder der Rezeptor oder aber das daran bindende
Molekül blockiert wird.

Von der Oberfläche dringen Viren entweder komplett ein oder injizieren nur ihr
Genom in die Zelle (Penetration). Bei hüllenlosen Viren geschieht dies in der Regel über
rezeptorvermittelte Endocytose. Das ist der generelle Vorgang zur Aufnahme vieler
Moleküle ins Cytoplasma (siehe Kapitel Umwelt und Individuum). Viren verfügen über
Mechanismen, Vesikel schnell zu verlassen, um den Abbauprozessen zu entgehen und
unbeschadet in die Zelle einzudringen.

Umhüllte Viren werden z.T. von der Zelle auch als Membranvesikel aufgenommen.
Fusionsaktive Substanzen schmelzen die Hülle und entlassen das Kapsid ins Cytoplasma.

Wenn das Virus ganz eingedrungen ist, wird das Genom innerhalb der Zelle aus dem
Kapsid entlassen. Dieser Prozess ist noch weitgehend ungeklärt und wird als Uncoating
bezeichnet. Das Stadium zwischen dem Eintritt und der Freisetzung neuer Viruspartikel
nennt man Eklipse. Während der Eklipse können keine infektiösen Viruspartikel in der
Zelle nachgewiesen werden. Der Stoffwechsel der Zelle wird so umgestellt, dass die
Virusbestandteile über die zellulären Mechanismen der Translation und der
Replikation vervielfältigt werden. Je nach Virustyp gibt es unterschiedliche
Mechanismen, die Virus-nukleinsäure in eine für die Synthese der viralen Proteine
notwendige mRNA umzuschreiben.
37
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Abbildung 1.9: Aufnahme von Viren in die Zelle

Schematische Abbildung der Aufnahmepfade. Die Pfeile stellen den Ablauf der Infektion dar.

Als Reifung bezeichnet man den Zusammenbau der von der Zelle gebildeten viralen
Proteine und Nukleinsäuren zu neuen Virionen. Dazu gehört auch die (finale)
Modifikation der viralen Proteine durch virale Proteasen, wie beispielsweise die HIV-
Protease, die Virusproteine durch Spaltung in eine funktionale Form bringt und so den
Zusammenbau infektiöser Partikel überhaupt erst ermöglicht.

Die Freisetzung der neu entstandenen Viren kann aktiv durch die Wirtszelle
stattfinden. Bei behüllten Viren nennt man diesen Vorgang Budding, hierbei wird das
Kapsid von innen durch die Membran geschleust. Die Membran legt sich dabei als Hülle
um das Kapsid/Virion. Je nachdem, wo die Viruspartikel zusammengebaut werden, kann
es sich dabei um die Cytoplasma-, Kern-, ER- oder auch Golgi-Apparat-Membran handeln.
Herpesviren (Herpes simplex Virus (HSV)) treten beispielsweise direkt aus dem Kern aus,
die Hüllmembran stammt dementsprechend aus der Kernmembran der Wirtszelle. Bei
Viren ohne Hüllmembran erfolgt die Freisetzung primär durch die Lyse der infizierten
Zelle.
38
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Unterschiedliche Vermehrungszyklen der Viren


Vom Lytischen Zyklus (die Viren bezeichnet man dann als virulent) spricht man,
wenn Viren aktiv in der Wirtszelle repliziert werden. Die betroffenen Zellen sind oft
morphologisch zu identifizieren, da sich ihre Form im Zuge der Virusvermehrung
ändert. Die Wirtszellen werden bei der Freisetzung der neugebildeten Viren zerstört.
Die entsprechenden Viren werden daher auch als cytopathogen bezeichnet. Ihr
Infektionszyklus ist lytisch, weil er zur Auflösung (Lyse) der Zelle führt.
Der Latenzzustand oder lysogene Zyklus (die Viren sind dann temperent)
beschreibt einen Ruhezustand, in dem die Viren in der Zelle persistieren. Die Viren sind
durchaus zum lytischen Zyklus befähigt, leiten diesen aber nicht ein. Nach Adsorption
und Injektion des Virus bleibt das Genom entweder als Plasmid erhalten oder wird in
das Wirtsgenom eingebaut. In beiden Fällen wird es mit der Teilung der Zelle repliziert
und damit vermehrt. Bestimmte Umweltfaktoren induzieren den lytischen Zyklus, und
das Virusgenom wird exprimiert – es kommt zur Lyse.
Den Grenzfall bildet die chronische Infektion oder der Nicht-Lytische Zyklus. So
bezeichnet man eine Infektion mit einem Virus, bei der die Zelle nicht so stark
geschädigt wird, dass es zur Lyse kommt. Die Zelle überlebt, auch wenn der
Stoffwechsel durch die Produktion der Virusbestandteile zusätzlich beansprucht wird.
Meist handelt es sich um umhüllte Viren, die durch Exocytose (inklusive Budding)
freigesetzt werden. Die Zelle ist chronisch infiziert und bleibt so lange intakt, bis das
Immunsystem sie aufgrund der Präsentation viraler Bestandteile auf der Oberfläche als
fremd erkennt und abtötet.

1.5.4 Virophagen, Virusoide und Viroide


Viren benötigen Wirte zur Vervielfältigung. Sind diese Wirte prokaryot, spricht man
von Bakteriophagen. Daneben gibt es in der Nomenklatur der Virologie noch einige
„Schätzchen“, die häufig für Verwirrung sorgen:

Viroide sind Pflanzenpathogene, daher spielen sie Für Sie als angehende Ärzte eine
eher untergeordnete Rolle.

Virusoide oder Satellitenviren sind kleine RNA- oder DNA-Moleküle, die für ein bis
zwei Proteine codieren. Ihre Replikation und Verbreitung sind von der Anwesenheit eines
anderen Virus abhängig. Man findet sie häufig zusammen mit Pflanzenviren, aber auch
das Hepatitis-D-Virus kann sich nur vermehren, wenn in der Zelle gleichzeitig das
Hepatitis-B-Virus vorhanden ist.

Virophagen sind Viren, die quasi Viren befallen. Wie soll das gehen? Virophagen
vermehren sich ebenfalls nur in Anwesenheit anderer Viren (z.B. in Amöben in
Anwesenheit von Mimiviren). Dabei nutzen sie die Mimiviren nicht nur für ihre eigenen
Zwecke, sondern behindern auch noch deren Reifung und Vermehrung, machen sie also
krank. [17, S. 16]
39
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Viren als Therapie


Bakterien können sowohl sehr nützlich, als auch sehr schädlich für den Menschen
sein. Viren hingegen schädigen per defintionem den Organismus, in dem sie sich
vermehren – was aber für den Menschen wiederum sehr nützlich sein kann, wenn der
Wirt ein Krankheitserreger des Menschen ist. Die Schädigung des Wirts beruht darauf,
dass Viren sich eng auf ihren Wirtsorganismus einstellen müssen, sie haben eine hohe
Spezifität. Sie besitzen weder eigene energiebildende Stoffwechselsysteme, noch die
nötigen Werkzeuge zur Vermehrung. Sie sind also darauf angewiesen, den Stoffwechsel
und die Ribosomen ihres Wirtes zu nutzen. Heute, da allein in Deutschland 10.000 bis
20.000 Menschen an multiresistenten Keimen sterben und die amerikanischen CDC
(Centers for Disease Control) schon die „post­antibiotische Ära“ ausrufen, eröffnen
Bakteriophagen als Therapeutika neue Wege. Sie in der Therapie einzusetzen, hat
einige Vorteile: So infizieren Phagen immer nur bestimmte Bakterienarten. So bleibt die
natürliche Bakteriengemeinschaft eines Menschen unangetastet. Außerdem können sie
nicht auf Eukaryoten übergehen. Zusätzlich sind die Phagen ein gewissermaßen
dynamisches Medikament, denn es erhöht seine Dosis je nach Bedarf selbst: Sind viele
Bakterien vorhanden, nimmt auch die Zahl der Phagen zu. Sind alle Wirtsbakterien
abgetötet, fehlt den Phagen die Lebensgrundlage und auch sie verschwinden. [16]

1.5.5 Entstehung von Grippepandemien durch


Mischung genetischer Variablen (Reassortment)
Influenzaviren bringen regelmäßig schlagzeilenträchtige Vertreter hervor, z.B. H1 N1
- warum führen ausgerechnet diese Viren immer wieder zu Pandemien? Auslöser sind
Influenzaviren der Gruppe A und manchmal auch B, deren antigene Hüllproteine
Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) häufig mutieren. Die ständige
Neukombination immer wieder mutierter
Fragmente verhindert, dass das Immunsystem
den Virus erkennt – trotz Impfung oder
vorangegangener Influenza-Infektion.

Hämagglutinin vermittelt bei der


Infektion die Anheftung des Virions an eine
Wirtszelle. Das Ankoppeln des
Hämagglutinins an eine Zelle geschieht durch
eine Anlagerung an bestimmte Rezeptoren auf
der Zelloberfläche. Hämagglutinin ist aber
neben der Adsorption auch für die Freisetzung
Abbildung 1.10: Entstehung neuer Influenza-Stämme
des penetrierten Virions in die Zelle wichtig,
durch Neukombination
indem es die Hülle des Endosoms auflöst und
so den infektiösen Partikel vor dem proteolytischen Abbau bewahrt. Vor allem gegen das
Hämagglutinin werden vom Immunsystem neutralisierende Antikörper ausgebildet, die
eine erneute Infektion mit demselben Virusstamm verhindern. Daher sind neu
auftretende Epidemien meistens von Änderungen im Hämagglutinin begleitet.
40
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

Die Neuraminidase entfernt die Neuraminsäurereste, die dem Virus als Rezeptor
dienen, in der Membran bereits infizierter Zellen. Neu entstandene Viruspartikel bleiben
so nicht unnötigerweise an Rezeptoren lysierter Zellen „hängen“. Damit spielt sie eine
wichtige Rolle bei der Freisetzung der Viruspartikel. Weiterhin verhindert sie die
Einleitung der Apoptose in infizierten Zellen und drosselt die Bildung des
Immunsystembotenstoffs Interferon und damit die Immunantwort des infizierten
Organismus. Oseltamivir, Zanamivir und Peramivir hemmen bei nichtresistenten
Influenza-A- und B-Stämmen die Neuraminidase. Sie können zwar nicht grundsätzlich die
Infektion verhindern, drosseln aber die Ausbreitung im Organismus.

1.5.6 Quasispezies und Immunevasion


Auch die Variabilität des Hepatitis C-Virus (HCV) ist im Vergleich zu anderen
einzelsträngigen RNA-Viren verhältnismäßig hoch. So finden sich auf Genomebene bis zu
40% Abweichungen. Daher wird das HCV in sechs Genotypen (1-6) unterteilt. Diese
Genotypen werden weiter in 30 Subtypen (1a, 1b, 3a usw.) untergliedert.

Aufgrund der Leseungenauigkeit der viralen RNA-Polymerase (mit einer


Mutationsrate von 10-5 bis 10-4 pro Nukleotid und Replikation) entwickeln sich in einem
infizierten Wirt weitere Abweichungen von der ursprünglichen Sequenz, die man als
Quasispezies bezeichnet. Die schnelle Entstehung dieser Quasispezies wird mit der
Fähigkeit des HCV in Verbindung gebracht, eine chronische Infektion zu verursachen.
Dabei weichen die ständig auftauchenden Varianten (ähnlich der HIV-Infektion) dem
Zugriff des Immunsystems aus; dieser Mechanismus wird auch Immunevasion genannt.

1.5.7 Onkogene Viren


Einige Viren schädigen menschliche Zellen in besonderer Weise. Das Problem ist hier
nicht die Zerstörung der Zelle in Folge der Virusinfektion, sondern eher gerade, dass die
Zelle nicht zerstört wird. Durch virale Wachstumsfaktoren oder durch die Aktivierung
zelleigener Wachstumsfaktoren greifen Viren in den normalerweise streng kontrollierten
Mechanismus der Zellteilung ein. Das Virus profitiert davon, wenn sich die befallene Zelle
schnell teilt, da es dann auch selbst schnell vervielfältigt wird. Indem die Viren die
Kontrollmechanismen des Wachstums ausschalten, bringen sie Zellen, die sich eigentlich
nicht teilen, dazu, dies zu tun und damit ist ein wesentliches Kriterium für die „Krebs“-
bezeichnung erfüllt. Als Beispiel seien humane Papillomviren (HPV) genannt. Diese haben
oft nur unwesentliche Folgen wie eine unerfreuliche, aber ungefährliche Warzenbildung.
Sie können aber auch beispielsweise Gebärmutterhalskrebs auslösen.

Retroviren widerrum können „echten“ Krebs erzeugen, indem sie die Umwandlung
der Wirtszellen in Tumorzellen begünstigen. „Springt“ ein Provirus in ein Protoonkogen
41
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

(siehe Block V, Kapitel 3), kann dieses zu einem Onkogen werden. Das heißt, normale
zelluläre Proteine der Zellteilung oder der Proliferation „werden mutiert“ und führen so
dazu, dass infizierte Zellen und deren Nachkommen ständig auf Proliferation bzw.
Zellteilung geschaltet sind. [12, S. 240]

Überblick über wichtige Vertreter der Viren


HIV Hepatitis C Herpes Influenza
Virus Retroviridae → Flaviviridae → Herpesviridae → a- Orthomyxoviridae
Lentivirus → HIV-1 Hepacivirus → Herpesviren → → Influenza-
human immuno- Hepatitis-C-Virus Herpes-simplex- A/B/C-Virus
deficiency virus Viren Typ 1 →
Herpes labialis
Erbgut ssRNA, linear, ssRNA, 9340- dsDNA, linear, ssRNA, linear, 7-8
Positiv-strang, 9589 Basen, 36000-38000 Basen Segmente,
Umschreibung in Positivstrang Negativstrang,
dsDNA, Integration, 13000-14000
7000-12000 Basen Basen
Hülle ja ja ja ja
Andocken Makrophagen, Makrophagen → Mundhöhle → HA-Protein bindet
dendritische Zellen, T- Leber → Trigeminusganglion; an Neuramin-
Lymphocyten, Vaginal- Hepatocyten Langerhans-Zellen säurereste der
Darmschleimhautzellen, → sezernierung von Epithelzellen
gp120 dockt an CD4- Keratinocyten IL-1,
Rezeptor an TNF-a
Übertragung Spenderzellen Bluttransfusion, Kontakt mit virushaltige
(enthalten Blutprodukte, virushaltigem Aerosole,
Provirusgenom in Sexualverkehr, Bläscheninhalt; Tröpfchen
chromosomaler DNA), Schwangerschaft/ Sekrete der
Samen-/ Geburt Mundhöhle →
Vaginalflüssigkeit, Reaktivierung: UV,
Blut(produkte), Fieber, psychische/
Schwangerschaft/ hormonelle
Geburt/Stillen Einflüsse,
Chemikalien,
Medikamente
Sonstiges Größe: 100 nm 40-50 nm Größe: 250-300 nm 120 nm Helix
(Ikosaeder/Konus); (Ikosaeder); hohe (Ikosaeder)
hohe Mutationsrate → Mutationsrate →
verändert sich im verändert sich im
Verlauf der Infektion Verlauf der
Infektion →
Änderungen: bei
Replikation, da
RNA-Polymerase
des Virus
Lesegenauigkeit
nicht prüfen kann
42
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

1.6 Prionen
Prionen (proteinaceous infectious particle) stehen als Krankheitserreger allen
anderen Krankheitserregern in einer eigenständigen Gruppe gegenüber. Während Viren
zumindest noch über Erbsubstanz verfügen, die sie - mithilfe anderer Zellen - vermehren,
sind Prionen ausschließlich falsch gefaltete Proteine.
Prionen schädigen das Gehirn, die Erkrankungen werden als transmissible spongiforme
Enzephalopathien (TSE) bezeichnet und sind als Skrapie bei Schafen, BSE bei Rindern und
beim Menschen als Creutzfeld-Jakob-Krankheit bekannt.

Die „Fehlfaltung“ der Prionmoleküle ist stabiler als die normale Proteinkonformation,
was dazu führt, dass die Fehlfaltung erhalten bleibt, wenn sie einmal angenommen wurde.
Wichtig ist, dass sich das Prionmolekül bezüglich der Aminosäuresequenz nicht vom
normalen Protein unterscheidet. Die Fehlfaltung schützt vor dem Abbau durch Proteasen.
Das führt zur Akkumulation und Aggregation der Prionen, die man als aminoide Plaques
bezeichnet. Prionproteine sind ungewöhnlich stabil und auch nicht durch Hitze zu
zerstören. Das bedeutet beispielsweise, dass infiziertes Fleisch Prionen auch nach der
Zubereitung weitergeben kann. Zwischen einer Infektion und dem Auftreten der
Krankheit vergeht viel Zeit. Die Inkubationszeit kann 10 Jahre und mehr betragen. Dies
stellt insofern ein Risiko dar, als Infektionsherde nicht schnell erkannt und beseitigt
werden können.

Prionen können aber nicht nur


Infektionskrankheiten auslösen: Auch bei
anderen Demenzerkrankungen wie z.B.
Alzheimer werden fortschreitende,
typische Hirnschäden u. a. durch
aminoide Prionplaques ausgelöst. Der
Unterschied zu den TSE ist, dass die
Prionen nicht infektiös sind, sondern die
Fehlfaltung ererbt wurde oder durch
andere, oft noch unbekannte, äußere
Faktoren entsteht. Bisher war im Grunde
völlig unklar, wie diese extrazellulären
Ansammlungen genau zu den klinischen
Symptomen führen.
Forschungsergebnisse konnten 2013 Abbildung 1.11: Ausmaße neuronalen Verlusts
etwas Licht ins Dunkel bringen [18]. bei schwerer Alzheimererkrankung [25]

Für die korrekte Funktion aller Zellen sind richtig gefaltete Proteine unerlässlich. Die
Anhäufung von Plaques fehlgefalteter Prionen stellt eine Form von Stress für die Zelle dar,
die von spezifischen Sensoren im ER detektiert wird. Die Aktivierung dieser Sensoren
führt über eine Signalkaskade zur sogenannten „unfolded protein response“ (UPR), die als
protektiver Mechanismus über bestimmte Wege zum Abschalten der Proteinsynthese
43
Kapitel 1 – Krankheitserreger und therapeutische Maßnahmen

führt. Im Hirn entwickelt sich ein Mangel bestimmter überlebenswichtiger Proteine, was
zum Versagen von Synapsen und im Endeffekt zum neuronalen Tod führt. Die Folge ist
der Verlust des Gedächtnisses.

Besonders interessant an dieser Entdeckung ist, dass die gehemmte Proteinsynthese


therapeutisch wiederhergestellt werden kann, was im Mausmodell zu einer signifikanten
Verringerung der neuronalen Verlustrate führte.

Zu den Risikofaktoren, die Alzheimer begünstigen, gehören neben Lebensalter,


Genetik, Diabetes, metabolischem Syndrom und gehäuften Entzündungen auch
Schlafmangel und schlechter Schlaf im Allgemeinen [19]. Was hat aber nun Schlafmangel
mit der Bildung von Plaques zu tun? Auch dieser Frage kann man sich erst mit Hilfe von
Forschungsergebnissen nähern. 2012 wurde das sogenannte „glymphatische System“
entdeckt [20],[21]. Seine Hauptfunktion besteht anscheinend darin, das Hirn im Schlaf
„durchspülen“ und so von allerlei Schädlichem zu befreien. Wahrscheinlich ist das einer
der Hauptgründe, warum wir überhaupt schlafen. Beim Durchspülen der Neuronen
werden auch die amyloide (aus Proteinfragmenten bestehenden) Plaques beseitigt, die
bei Alzheimer zu neuronalen Verlusten führen.
43
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

2 Hygiene, Prophylaxe und die


therapeutische Bedeutung von
Oberflächen
Erarbeitungshilfen

• Wie unterscheiden sich hygienische und chirurgische


Händedesinfektion?
• Welche Übertragungswege gibt es? Nennen und
beschreiben Sie mit jeweils einem Beispiel.
• Was ist Tenazität? Durch welche Faktoren wird sie
beeinflusst?
• Was sind Noxen? Was ist ihre Rolle bei hygienischen
Maßnahmen?
• Erläutern Sie die Unterschiede zwischen aktiver und
passiver Immunisierung. Welche Arten von
Impfstoffen werden verwendet?
44
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Wir haben im Block III „Der besiedelte Mensch“ und im Kapitel „Krankheitserreger
und therapeutische Maßnahmen“ einiges über unsere „Mitbewohner“ gelernt. Bakterien,
Viren und Pilze können uns helfen, gesund zu bleiben. Sie können aber auch schwere
Krankheiten auslösen.

Es gilt jedoch Krankheiten am besten von vornherein zu vermeiden.

Betrachten wir einmal die Welt aus der Perspektive der Krankheitserreger. Keime
brauchen mehrere Voraussetzungen, um sich erfolgreich vermehren zu können: Einen
überaus wichtigen Teil stellen Wirte dar, in denen die Vermehrung erfolgt. Zu diesen
Wirten müssen die Krankheitserreger aber erst einmal gelangen. Wir wollen den Weg auf
verschiedenen Etappen nachvollziehen.
45
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

2.1 Wie kommt der Keim zum Wirt?


Ein einzelner Krankheitserreger liegt einsam auf der Straße. Damit er wieder in
Gesellschaft gelangt, muss er sich vermehren. Dazu benötigt er Ressourcen, sowie im Falle
von Viren eine Vervielfältigungsmaschinerie. Nun gibt es auf dem Weg zu den Ressourcen
– häufig in Form eines Wirtes – einige Hindernisse.

Erst einmal muss er den Weg zum Wirt finden. Doch glücklicherweise bekommt er
Hilfe. Ein Schuh nähert sich von oben und nimmt ihn mit. Der freundliche Träger zieht
sich anschließend die Schuhe aus und der Keim schafft es auf die Haut der Hand. Ein
potentieller Wirt in Reichweite!

2.1.1 Es gibt viele Übertragungswege für


potentielle Krankheitserreger
Fassen wir die wichtigsten zusammen (klausurrelevant sind in diesem
Zusammenhang nur die Wege, nicht die im Folgenden beispielhaft angeführten Erreger):

Tröpfcheninfektionen: Krankheitserreger werden aerogen bzw. durch


Sekrettröpfchen übertragen, die aus den Atemwegen stammen. Auf diese Weise kann man
sich beispielsweise mit Influenzaviren, Rhinoviren, Parainfluenzaviren sowie einigen
Kinderkrankheiten mit Hautausschlag (Masern, Röteln, Ringelröteln, Mumps und
Windpocken) anstecken.

Schmier- und Kontaktinfektionen: Viren werden durch die Berührung von


kontaminierten Gegenständen, über verunreinigte Nahrung oder durch den Kontakt mit
infizierten Tieren oder Menschen übertragen. Keime dringen dann über kleinste
Verletzungen in die Haut oder die Schleimhaut des Verdauungstraktes, der Augen oder
des Atemtraktes ein. Typische Beispiele für diesen Infektionsweg sind
Durchfallerkrankungen durch Rotaviren oder Adenoviren, die Kinderlähmung (Polio),
Lippenbläschen (Herpes), Tollwut (Rabies) und Warzen (humane Papillom-Viren) sowie
die fäkal-orale Übertragung von Hepatitis A.

Austausch von Körperflüssigkeiten: Manche Viren werden auch nur durch den
Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen, das heißt bei direktem Blut- oder
Schleimhautkontakt. Die Infektion kann also über Bluttransfusionen, Injektionsnadeln
oder Geschlechtsverkehr erfolgen. Diesem Übertragungsweg folgen HI-Viren und
Hepatitis B und C Viren. Einige Viren infizieren auch direkt das Ungeborene im Mutterleib.
Solche für das Kind oft gefährlichen Infektionen sind Masern, Ringelröteln, Röteln und
Infektionen mit dem Zytomegalie-Virus. Beim Geburtsvorgang können auch HI-Viren,
Hepatitis oder Herpes übertragen werden.
46
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Infektionen über blutsaugende Insekten oder Spinnentiere: Ein bekanntes


Beispiel ist das FSME-Virus (Frühsommer-Meningo-enzephalitis), das von Zecken
übertragen wird.

2.1.2 Eintrittspforten in den Körper


Ist der Krankheitserreger beim Wirt angekommen, ist er noch lange nicht am Ziel.
„Leider“ wollen die wenigsten Wirte ihre Ressourcen frei zur Verfügung stellen, daher
stellt der Wirt an sich für den Keim erst einmal eine Barriere dar, die es zu überwinden
gilt. Diese Barriere können Krankheitserreger auf verschiedenen Wegen überwinden.

Man unterscheidet auf der ersten Ebene immer zwischen enteraler (durch den
Darm) und parenteraler (am Darm vorbei) Infektion.

Enterale Infektion: Die Krankheitserreger gelangen über den Darm in den


Organismus. Der Verdauungstrakt stellt dabei eine Röhre dar, die im Darm endet. Von hier
aus dringen die Infektionserreger in das eigentliche Körperinnere ein.

Parenterale Infektion: Hier gelangen die Erreger direkt ins Blut. Man unterscheidet
weiter nach Eintrittsort:

• Perkutane Infektion: Die Erreger gelangen über die Haut in den Organismus.
• Permuköse Infektion: Die Erreger gelangen über die Schleimhäute in den
Organismus.
• Inhalationsinfektion: Die Erreger gelangen über die Atemwege in den Organismus.
• Urogenitale Infektion: Die Erreger gelangen über den Harntrakt in den
Organismus.
• Genitale Infektion: Die Erreger gelangen über die Geschlechtsorgane in den
Organismus.
• Intrauterine Infektion: Die Erreger gelangen während der Schwangerschaft in den
Körper des ungeborenen Kindes.

Von den oben genannten Möglichkeiten kann unser Keim also über eine perkutane
Infektion in den Wirt gelangen, vorausgesetzt er besitzt die nötigen Werkzeuge, um die
Haut zu durchdringen, oder die Haut des Wirtes weist leichte Verletzungen auf.

Wir wollen annehmen, dass es für unseren Krankheitserreger erst einmal nicht
weiter geht, da er die Haut nicht durchdringen kann. Was nun? Da naht die Rettung! Der
bisherige Träger schüttelt die Hand eines nächsten Wirtes, schon ist der Absprung
geschafft. Hier gibt es diverse Kratzer, die als Eintrittspforte in Frage kommen, los geht’s
...

Wie hätte das verhindert werden können? Nicht umsonst gilt die Händehygiene als
eine der wichtigsten hygienischen Maßnahmen. Bevor wir uns die Grundlagen der
47
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Händehygiene anschauen, machen Sie sich vor diesem Hintergrund die tragende Rolle
von medizinischem Personal bewusst. Durch den Kontakt werden Keime von einem auf
den anderen (oder schlimmstenfalls viele) Patienten übertragen. Bedenken Sie bitte
daher die Wichtigkeit der folgenden Maßnahmen.

2.2 Händehygiene
Das Kapitel Händehygiene wurde leicht gekürzt aus dem epidemiologischen Bulletin
des Robert-Koch-Instituts entnommen. Den Originaltext [1] sowie weitere Informationen
[2] finden Sie auf den Webseiten des RKI: http://www.rki.de/.

Zur Händehygiene gehören unterschiedliche Maßnahmen mit unterschiedlichen


Wirkprinzipien, die je nach Anwendungsszenario sinnvoll eingesetzt werden sollten.
Händewaschung und Händedesinfektion sind zwei wichtige, sich ergänzende
Maßnahmen zur Händehygiene. Vorbedingung für wirksame Händehygiene ist gesunde
und verletzungsfreie Haut – zur Händehygiene gehört deshalb auch die Pflege!

Im Haushalt und/oder außerhalb medizinischer Bereiche stellt die Händewaschung


die wichtigste Maßnahme dar. Es handelt sich um die mechanische Reinigung der Hände
von Verschmutzungen. Die Benutzung von Seife kann dies unterstützen. Die alltägliche
Händewaschung soll die gesamte Hand einschließlich der Fingerzwischenräume erfassen,
mindestens 20 Sekunden durchgeführt werden und durch ein gründliches Abtrocknen
abgeschlossen werden. Mikrobielle Kontaminationen werden durch das Händewaschen
nur bis zu einem gewissen Grad reduziert. Außerhalb medizinischer Bereiche kann man
dies jedoch normalerweise als ausreichend ansehen.

Bakterien werden um ca. 90 bis 99 Prozent reduziert, bei Viren gibt es große
Unterschiede: Behüllte Viren wie Influenza werden teilweise durch Seife inaktiviert,
unbehüllte Viren wie das Norovirus werden nur mechanisch entfernt. Die Reduktion
unter Laborbedingungen liegt bei den empfindlichsten Viren (Influenza) bei maximal
99,99%, ist aber sehr stark vom Virus und dem Testsystem abhängig.

Unter dem Begriff „Seifen“ werden chemisch sehr verschiedene Detergentien


zusammengefasst, deren antivirale Wirkung sehr unterschiedlich sein kann. Aussagen zur
Viruswirksamkeit sind daher nicht im Einzelfall belegt. Antimikrobielle Seifen können
insbesondere die antibakterielle Wirkung steigern, allerdings sind mögliche irritative,
allergische und umweltbelastende Nebenwirkungen zu bedenken. Zu häufiges
Händewaschen kann zu Hautschädigung führen. Sowohl bei der Bedienung von
Armaturen und Türen zum Waschplatz als auch bei der Trocknung der Hände besteht die
Gefahr der Rekontamination. Daher ist die Händewaschung in medizinischen und
pflegerischen Einrichtungen keine ausreichende Maßnahme gegen eine
Weiterverbreitung von Krankheitserregern.
48
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Erst die Einführung der Händedesinfektion durch Ignaz Semmelweis im Jahre 1847
ermöglichte eine Unterbrechung des Infektionsweges. Bei der Händedesinfektion werden
die Erreger nicht entfernt, sondern abgetötet bzw. inaktiviert.

Die hygienische Händedesinfektion richtet sich nur gegen mikrobielle


Kontaminationen. Sie ist gegen Bakterien und Pilze deutlich wirksamer als die Waschung.
Die Wirkung gegen Viren ergibt sich aus der Deklaration „begrenzt viruzid“ (wirksam nur
gegen behüllte Viren) oder „viruzid“ (wirksam gegen behüllte und unbehüllte Viren). Die
hygienische Händedesinfektion ist die wichtigste Einzelmaßnahme zur Prävention
nosokomialer Infektionen. Auch außerhalb medizinischer und pflegerischer Bereiche
kann eine (hygienische) Händedesinfektion in bestimmten Situationen (z. B.
Massenunterkünften, Bereichen mit häufigem Kundenkontakt und fehlenden
Waschmöglichkeiten, Nahrungsmittelherstellung) eine sinnvolle Ergänzung zur
Händewaschung sein. Allerdings stellt der Einsatz von Desinfektionsmiteln, ähnlich wie
der von Antibiotika, immer einen Selektionsdruck dar, der dazu führt, dass sich resistente
Mikroben besser verbreiten können. Daher sollte ihr Einsatz immer nur außerhalb
häuslicher Szenarien erfolgen.

Die chirurgische Händedesinfektion hat das Ziel, nicht nur mikrobielle


Kontaminanten zu inaktivieren, sondern auch die hauteigene mikrobielle Flora stark zu
reduzieren.

Abbildung 2.1: Eine Frage der Verantwortung [27]


49
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Bei Kombination von Waschung und Desinfektion, die selten erforderlich ist, kann es
zu Hautschäden kommen. Die Dauer der Händewaschung als Maßnahme der
prächirurgischen Händehygiene wurde über die Jahre immer stärker verkürzt und ist
mittlerweile nicht mehr integraler Bestandteil der chirurgischen Händedesinfektion.

Jedoch sind bakterielle Sporen, wie bereits durch Robert Koch beschrieben,
gegenüber Alkoholen in der Regel resistent. Deshalb ist die alkoholische
Händedesinfektion zur sicheren Verhinderung der Übertragung von z. B. Clostridium
difficile ungeeignet. Hier bleibt nur der mechanische Schutz vor Kontamination und die
Entfernung durch die Händewaschung oder die Anwendung spezieller Mittel auf
Peressigsäurebasis.

Medizinische Schutzhandschuhe sind als eine mechanische Barriere gegen


Verschmutzungen und Erreger gedacht. Je nach Einsatzbereich erfüllen sie
unterschiedliche, normierte Anforderungen. Die Schutzwirkung ist an die Integrität des
Handschuhs gebunden. Vom Nutzer nicht erkennbare Mikroperforationen treten
regelmäßig und mit zunehmender Tragedauer häufiger auf. Sie erlauben den Erregern
den unbemerkten Durchtritt. Das Tragen von Handschuhen kann andere
Händehygienemaßnahmen ergänzen, aber nicht ersetzen.

Das Hauptproblem der Händedesinfektion ist nicht die Verfügbarkeit sicher


wirksamer Mittel, sondern die Compliance der Nutzer (d. h. die Händehygiene immer,
wenn notwendig, und so, wie sie geboten ist, durchzuführen). Zum „wie“ gehört dabei
auch, die Wirksamkeit gefährdender Faktoren wie Ringe, Uhren und künstliche
Fingernägel zu vermeiden. [1]

2.3 Tenazität von Krankheitserregern und ihre


Bedeutung für die Hygiene
Die Widerstandsfähigkeit bzw. Überlebensfähigkeit verschiedener
Krankheitserreger gegenüber Umwelteinflüssen (zu denen auch Hygienemaßnahmen
gehören) ist sehr unterschiedlich. Diese Widerstandsfähigkeit bezeichnet man in der
Mikrobiologie als Tenazität. Schauen wir uns an, was der Aufbau von Krankheitserregern
mit ihrer Widerstandsfähigkeit zu tun hat. Der Begriff Tenazität wird für eine Vielzahl von
Stoffen und auch für Mikroben verwendet.

Je nach Umweltbedingungen werden die strukturellen Eigenschaften von Keimen


mehr oder weniger rasch zerstört. Die Geschwindigkeit ist ganz unterschiedlich und von
einer Vielzahl weiterer Faktoren abhängig, z. B. Feuchtigkeit, organische
Begleitsubstanzen, pH-Wert, physikalische Eigenschaften der Oberfläche,
Temperatur(schwankungen), Lichteinstrahlung und ionisierende Strahlung.
50
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Da die Tenazität mancher Viren wie Hepatitis A so hoch ist, dass sie jahrelang
infektiös bleiben können, ist es im klinischen Alltag und in der Gefahrenabwehr
notwendig, die Inaktivierung durch Desinfektionsmittel oder Sterilisation zu
beschleunigen. Auch Bakterien wie Staphylococcus aureus – und damit auch MRSA
(Methicillin-resistenter S. aureus, multiresistente Staphylokokken) – können, abhängig
von den atmosphärischen Bedingungen, Tage bis hin zu sieben Monate auf unbelebten
Oberflächen (wie Staub) überdauern.

Tabelle 2.1: Relative Tenazität von Viren in Abhängigkeit von der Virusstruktur

Virusaufbau Struktur Relative Tenazität Beispiele


Unbehüllte Viren Nukleokapsid sehr hoch Enteroviren,
Hepatitis A,
Parvoviren
Intermediäre Viren Nukleokapsid und mittel bis hoch Adenoviren,
Spikes Rotaviren
Behüllte Viren Nukleokapsid und relativ hoch Hepatitis B, C
Hülle gering Retroviren,
Vaccinavirus

Bei den Faktoren, die den Keim inaktivieren, unterscheidet man zwischen
chemischen Noxen (Desinfektionsmittel, Alkohol, Detergenzien) und physikalischen
Noxen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, UV- und ionisierende Strahlung). Aus den
verschiedenen Arten, wie Noxen Krankheitserreger schädigen, lassen sich hygienische
Maßnahmen ableiten:

Tabelle 2.2: Physikalische und chemische Noxen

Noxe Bedeutung in der Hygiene bei


Physikalische Noxen
Temperatur: Viren sind gegenüber Hohe Temperaturen spielen in der
niedrigen Temperaturen unter dem (Krankenhaus-)Hygiene eine zentrale
Gefrierpunkt sehr resistent. Daher werden Rolle.
Viren auch gefroren aufbewahrt. Hohe Mögliche Anwendungen sind:
Temperaturen sind dagegen eine Autoklavieren: Wasserdampf bei
bedeutsame physikalische Noxe. Der Grad Temperaturen von 121 °C bis 134 °C,
der Empfindlichkeit gegen hohe zusätzlich Überdruck – eine der wenigen
Temperaturen ist virusabhängig. So ist zuverlässigen Maßnahmen gegen
beispielsweise das Poliovirus Bakteriensporen!
temperatursensitiv, Hepatitis A hingegen Heißluftsterilisation: 180 °C, keine
ist temperaturstabil und behält seine Luftfeuchtigkeit
Infektiosität bei 60 °C über mehrere Auskochen, u. A. von Schutzkleidung
Stunden. Erhitzen, z.B. von Speisen
51
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Viele Bakterien lassen sich zuverlässig mit


hohen Temperaturen abtöten. Die
Endosporen einiger Bakterien wie Bacillus
oder Chlostridium stellen besondere
Anforderungen an die Hygiene, da sie
nicht nur gegenüber hohen Temperaturen
extrem resistent sind, sondern auch
gegenüber Trockenheit und
Desinfektionsmitteln.
Noxe Bedeutung in der Hygiene bei
Luftfeuchtigkeit ist ebenfalls sehr Autoklavieren als Feuchtdesinfektion ist
relevant für die Überlebensfähigkeit vieler wichtig, um bakterielle Endosporen
Erreger in der Umgebung. abzutöten.
Bakteriensporen sind beispielsweise sehr
resistent gegenüber Trockenheit – was
aber eher die Ausnahme bildet, denn die
relative Luftfeuchtigkeit ist entscheidend
für die Geschwindigkeit der Inaktivierung
bei Antrocknung auf Oberflächen.
Unbehüllte Viren wie Polio sind
beispielsweise bei hoher Luftfeuchtigkeit Bedenken Sie bitte, dass das Aufbringen
eher stabil, während Aerosole von eines – gegen die respektiven Viren –
behüllten Viren wie Influenza oder Masern unwirksamen Desinfektionsmittels
eher bei niedrigerer Luftfeuchtigkeit stabil
Feuchtigkeit zuführt, die bestimmten
sind. Viren und anderen Krankheitserregern
sehr zuträglich sein kann!
Strahlung: Angriffspunkt der Strahlung Sterilisierung durch Bestrahlung von
(UV-Strahlung, Tageslicht, ionisierende z.B. Medizinprodukten.
Strahlung) ist primär die Nukleinsäure. Da Im Vergleich zu Bakterien benötigen
die Nukleinsäure direkt geschädigt wird, Entero-, Rota- oder Reoviren eine
hängt der Wirkungsgrad von der zehnfach höhere Dosis (ca. 30 Ws/cm2) für
Genomgröße ab. eine tausendfache Verringerung der
Infektiosität.
Chemische Noxen
Jede Art von Chemikalie, die mit dem Virus Oberflächendesinfektion
interagiert, kann eine Noxe sein. Darunter Händedesinfektion
fallen beispielsweise Salze oder Proteine. Wunddesinfektion
Von größerer praktischer Relevanz in der chemische Sterilisation mit Formaldehyd
Hygiene sind allerdings Alkohole und
Detergenzien (spannungsvermindernde
Reinigungsmittel). Die Wirksamkeit von
Desinfektionsmitteln hängt bei Viren von
den Hülleigenschaften ab – so haben
Alkohole unterschiedliche Wirksamkeit
gegenüber behüllten und unbehüllten
Viren.
Bakteriensporen sind i.d.R. gegenüber
Alkoholen unsensibel.
52
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Zur Hygiene im Allgemeinen und zur Krankenhaushygiene im speziellen gehören


natürlich außer den oben genannten noch viele weitere Maßnahmen. Nicht unerwähnt
bleiben soll die Bedeutung mechanischer Infektionsschutzmaßnahmen (das regelmäßige
Wechseln von Schutzkleidung, Putzlappen, Bettwäsche u.ä.), die Krankheitserreger zwar
nicht weniger infektiös machen, aber immerhin ihre Ausbreitung verhindern.

2.4 Impfung
Widmen wir uns nun der Schutzimpfung. Sie unterscheidet sich von allen bisher
angesprochenen präventiven Maßnahmen durch ihre sehr spezifische Wirksamkeit, denn
jede Schutzimpfung zielt auf einen ganz speziellen Erreger ab. Es handelt sich dennoch
um eine vorbeugende Maßnahme, denn sie muss vor dem Kontakt mit dem Erreger
erfolgen.

Ziel der (aktiven) Impfung ist es, das körpereigene Immunsystem auf die Infektion
mit einem Krankheitserreger vorzubereiten. So kann es schnell und wirksam reagieren,
damit aus dem Kontakt mit dem Erreger keine – oder nur eine abgeschwächte – Infektion
resultiert.

Die (aktive) Immunisierung kann bei genügend hoher Durchimpfungsrate die


Erkrankungsrate auch bei Nichtgeimpften senken und damit Infektionskrankheiten
eliminieren. Der Erreger findet bei hohen Impfraten nicht genügend Wirte und zirkuliert
so weniger innerhalb der Population. Die fehlende Exposition bewahrt dann auch
ungeimpfte Personen wie Säuglinge, ältere Menschen oder immundefiziente Patienten
vor der Infektion. Diesen Effekt bezeichnet man auch als Herdenimmunität.

Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) gehören Impfungen zu den


„wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur
Verfügung stehen“. Als erfolgreiches Beispiel seien hier die Pocken genannt, deren
Erreger durch konsequente Schutzimpfungen ausgerottet werden konnten. Allein diese
Krankheit verursachte vor ihrer Ausrottung weltweit geschätzte 375 Millionen
Todesfälle.

Es gibt zwei Formen der Immunisierung:

Die passive Immunisierung, bei der gegen den Erreger gerichtete spezifische
Antikörper verabreicht werden, die an dessen Oberfläche binden und so die Bindung an
die Zielzellen verhindern.

Die aktive Immunisierung hingegen induziert eine körpereigene Immunantwort –


das Immunsystem reagiert auf die Erregerepitope (s.u.), bildet spezifische Antikörper und
setzt zelluläre Abwehrmechanismen in Gang. Diese Prozesse führen zur Bildung eines
immunologischen Gedächtnisses. Dabei kommen attenuierte, also abgeschwächte
53
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Erreger (Lebendimpfstoffe) oder inaktivierte Erreger (Totimpfstoffe), sowie heute auch


rekombinante Proteine zum Einsatz.

Lebendimpfstoffe: Attenuierte Viren können sich weiterhin vermehren, sind aber


für den Wirt nicht mehr pathogen. Sie werden über viele Generationen im Labor gezüchtet
und erst eingesetzt, wenn mehrere Untersuchungen den Verlust der Pathogenität
bestätigt haben. Die genetischen Mechanismen, die zur Attenuierung führen, sind bisher
weitgehend unbekannt. So ist es bis heute nicht gelungen, ein Virus gezielt so
abzuschwächen, dass es als Impfvirus eingesetzt werden kann. Die Vorteile von
Lebendimpfstoffen liegen in ihrer im Vergleich zu Totimpfstoffen deutlich besseren
Schutzwirkung. Beispiele für virale Lebendimpfstoffe sind der Pocken-, Polio-, Gelbfieber-
, Masern-, Mumps-, Röteln- sowie der Variezellenimpfstoff. Dieser enthält ein auf
menschlichen Fibroblasten gezüchtetes attenuiertes Virus. Die Attenuierung erfolgte
dabei durch abwechselnde Kultivierung auf menschlichen und
Meerschweinchenfibroblasten. Der resultierende Impfstamm ist so hoch attenuiert, dass
er sogar bei mäßiggradig immunsupprimierten Patienten eingesetzt werden kann.

Totimpfstoffe beruhen auf der Präsentation von Virusbestanteilen oder


inaktivierten Viren. Die häufigste Inaktivierungsmethode ist die Behandlung mit
Formalin. Sie führt zum Verlust der viralen Vermehrungsfähigkeit, die Viren behalten
aber ihre Antigenität. Totimpfstoffe enthalten meist sogenannte Adjuvanzien, die die
Wirkung des Impfstoffs verstärken sollen. Die meisten Adjuvanzien führen zu einer
verbesserten Aufnahme und ihrer Prozessierung von Antigenen durch Zellen des
Immunsystems. Beispielsweise führen die häufig eingesetzten Aluminiumverbindungen
zu einer langsameren Abgabe der Viren und rufen lokale Entzündungsreaktionen hervor,
die zur Einwanderung von Lymphozyten und Makrophagen führt. Das begünstigt den
Kontakt der Impfantigene mit den verschiedenen Komponenten des Immunsystems [3, S.
137].

Im Vergleich zu Impfungen mit Lebendimpfstoffen müssen Impfungen mit


Totimpfstoffen häufiger aufgefrischt werden, denn die Immunreaktion, die sie
hervorrufen, ist schwächer und hält damit auch nur kürzer an. Je nach Impfstoff muss dies
nach wenigen Jahren (FSME) oder erst nach Jahrzehnten erfolgen.

Meist werden nur einzelne Bestandteile von Viren verwendet, da ganze inaktivierte
Viren als Impfstoff zwar eine gute Immunogenität vorweisen, oft aber auch stärkere
Nebenwirkungen inklusive Fieber hervorrufen. Solche Erregerbestandteile kann man
isolieren, heute werden sie aber meist gentechnisch hergestellt. Ein rekombinanter
Impfstoff gegen Hepatitis B enthält das Hepatitis-B-Oberflächenantigen (HbsAg), das
durch ein Plasmid in der Bäckerhefe S. cerevisiae exprimiert wurde. Ähnlich wird auch ein
Impfstoff mit dem Kapsidprotein L1 der humanen Papillomviren hergestellt. Der Vorteil
von Totimpfstoffen ist ihre hohe Sicherheit, da die inaktivierten Viren bzw. Bestandteile
in keinem Fall pathogen für den Wirt sein können. Das ermöglicht ihren Einsatz auch bei
immungeschwächten Patienten.
54
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

2.5 Postexpositionsprophylaxe bei Verletzungen


mit Kontakt zu HIV, Hepatitis B und C
Am Ende der Prohylaxe wollen wir noch einen Spezialfall betrachten, denn der
berufliche Umgang mit infektiösen Materialien in medizinischen und forschenden
Berufen birgt das Risiko von Kontaktverletzungen. Wir geben hier nur einen
stichpunktartigen Überblick über Sofortmaßnahmen und mögliche prophylaktische
Therapieansätze. Die Therapie muss immer durch eine/n entsprechend spezialisierte/n
Arzt/Klinik erfolgen. Machen Sie sich bitte klar, dass sehr schnell gehandelt werden muss,
da eine Ausbreitung der Erreger nur in den ersten Stunden nach der Verletzung
erfolgreich gehemmt werden kann.

Sofortmaßnahmen nach der Verletzung:

• Wundinspektion
• Wundreinigung
• Wunddesinfektion
• Umgehende Konsultation - möglichst innerhalb 1 Stunde - eines für diesen Bereich
kompetenten Arztes

Postexpositionsprophylaxe (PEP):

• Hepatitis B

Bei ausreichendem Impfschutz ist keine PEP erforderlich. Bei medizinischem


Personal geht die Ständige Impfkommission (STIKO) von erhöhtem
Expositionsrisiko aus und empfiehlt die Auffrischung der Impfung zehn Jahre nach
erfolgreicher Grundimmunisierung [4]. Besteht kein Impfschutz, ist ggf. die
Auffrischung der aktiven Impfung, u.U. in Kombination mit passiver, angezeigt. Es
besteht ein hohes Infektionsrisiko auch bei reiner Hautkontamination mit Blut, da
die Haut (auch nicht sichtbare) Verletzungen aufweisen kann.

• Hepatitis C

Eine Schutzimpfung gegen das Hepatitis-C-Virus (HCV) ist bisher nicht verfügbar.
Nach Exposition sollten über mehrere Wochen im Blut Parameter wie die HCV-
RNA bestimmt werden. Im Falle einer erfolgten HCV Infektion sollte eine frühe
Interferon-Therapie zur Verhinderung der Chronifizierung in Erwägung gezogen
werden [5].

• HIV / AIDS

Eine Impfung ist nicht möglich. Es gibt aber eine medikamentöse PEP, die bei
entsprechender Indikation sofort eingenommen werden sollte. Eine Liste der
55
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

spezialisierten Kliniken, die diese PEP jederzeit vorhalten, finden Sie auf den Seiten
der deutschen Aidshilfe: http://www.aidshilfe.de/de/adressen/pep-kliniken

Detaillierte Informationen zu HIV finden Sie auf den Seiten des RKI sowie bei der
deutschen Aidshilfe. Diese stellt auch einen umfangreichen Ratgeber zur PEP hier zur
Verfügung:

http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/Deutsch-
Osterreichische%20Leitlinien%20zur%20Postexpositionellen%20Prophylaxe%20der%
20HIV-Infektion.pdf

Nachdem wir nun einiges über die Prävention von Krankheiten wissen, widmen wir uns
noch einmal dem Ernstfall: Wir erinnern uns an den Krankheitserreger, der erfolgreich
die Haut des zweiten Wirts durchdringen konnte. Hier findet er alles, was er braucht, und
kann sich schnell vermehren; es ist zu einer Infektion gekommen.

Der Patient bemerkt die Infektion und sucht Hilfe beim Arzt. Was kann dieser
unternehmen?

2.6 Oberflächen und ihre Bedeutung für


Immunsystem und Therapie
Für den Arzt – wie auch für das Immunsystem – ist die Oberfläche immer der
wichtigste Ansatzpunkt an einem Keim. Denn dieser muss für die Infektion an die Zielzelle
andocken. Das geschieht über die Oberfläche. Sie präsentiert dafür vielerlei Proteine, die
dem Immunsystem ebenso wie dem Therapeuten vielfältige Gelegenheiten geben, den
Krankheitserreger unschädlich zu machen. Die wesentlichen Oberflächenstrukturen
nennt man Epitope. Ein Epitop ist der Bereich auf einem Antigen, an den ein Antikörper
bindet. Ein einzelnes Antigen, z.B. ein Oberflächenprotein einer Zelle, eines Bakteriums
oder eines Virus, kann verschiedene räumliche Epitope haben, an die verschiedenen
Antikörper binden.
56
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Die Bedeutung der Oberflächen


erkennt man auch daran, dass fast
ein Drittel aller Gene für
Membranproteine kodieren, sowie
ungefähr die Hälfte aller
Medikamente mit
Membranproteinen wechselwirken.
Viele Medikamente docken an
bestimmten Epitopen an und
gelangen so in den Keim, wo sie
spezifische Effekte erzielen. Die
Oberfläche von Abbildung 2.2: Albumin hat acht Epitope, gegen die acht
Krankheitserregern ist allerdings verschiedene Antikörper gebildet werden können [26]
grundlegend unterschiedlich, je
nachdem um welche Art von
Erreger es sich handelt.

Pilze, Bakterien, Viren und Prionen unterscheiden sich an ihrer Oberfläche bereits durch
das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Zellwänden und -membranen.

Schauen wir uns kurz die wichtigsten strukturellen Unterschiede an. Welche
Strukturen eignen sich besonders als Angriffsort für Medikamente?

Tabelle 2.3: Strukturelle Unterschiede von Pilzen, Bakterien, Viren und Prionen

Eigenschaft Pilze Bakterien Viren Prionen


Zellwand vorhanden vorhanden --- ---
Zellmembran vorhanden vorhanden --- ---
Stoffwechsel vorhanden vorhanden --- ---
Erbmaterial DNA DNA DNA, RNA ---
Zellkern vorhanden --- --- ---
Replikations- vorhanden vorhanden --- ---
maschinerie

Potentielle Angriffsorte von Medikamenten an den verschiedenen


Krankheitserregern sind also:

Antimykotische Wirkstoffe:

• Zellwand: Inhibitoren der Zellwandbiosynthese


• Zellmembran:
o Inhibition der Membranbiosynthese durch die Hemmung der Synthese
von Ergosterin, einem essentiellen Bestandteil der Pilzzellmembran,
der bei Säugern nicht vorkommt.
57
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

o Zellmembran-Perforatoren: Polyen-Antibiotika
• Spindelgifte (durch Inhibition des Spindelapparats wird die Mitose gehemmt):
Griseofulvin
• Inhibitoren der DNA-Biosynthese: Flucytosin

Antibakterielle Wirkstoffe:

• Inhibition der Zellwand-Biosynthese


• Inhibition der Protein-Biosynthese
• Inhibitoren der RNA-Biosynthese (Unterbinden der bakteriellen
Transkription)
• DNA-Inhibitoren
• Inhibitoren der DNA-Biosynthese

Antivirale Wirkstoffe:

• Inhibition der viralen Hülle: Neuraminidase-Inhibitoren


• Inhibition der Proteinbiosynthese (in der Wirtszelle!): Protease-Inhibitoren
• Nukleinsäure-Inhibitoren

Tabelle 2.4: Angriffspunkte für Virostatika

Angriffspunkte Substanz(klasse) Bsp. für Indikation


Adsorption („Attachment“) Kapsid- und hüllbindende Chemotherapie
an die Wirtszelle, z.B. ICAM Substanzen (experimentell) von
Chemokinrezeptor Rezeptor-Antagonisten Infektionen mit Entero-
Fusionsinhibitoren und Rhinoviren
HIV: Korezeptor-
Antagonisten (CCR5) und
Fusionsinhibitoren (FI) als
Bestandteile der
antiretroviralen
Kombinationstherapie
Freisetzung der viralen Amantadin, Rimantadin Infleunza A: Prophylaxe
Nukleinsäure (Uncoating) und Chemotherapie
im Zytoplasma
Replikation der viralen Polymerase-Inhibitoren: Hepatitis C, Herpes
Nukleinsäure, Nukleosidanaloga simplex, Cytomegalie-Virus
Transkription Polymerase-hemmer, z.B.
Aciclovir; Pyrophosphat-
Analoga
Reverse Transkriptase Reverse Transkriptase- HIV
(RT) Hemmer: Nukleosid-
Analoga (NRTI), Nukleotid-
Analoga (NtRTI), Nicht-
Nukleosid-Analoga
(NNRTI)
58
Kapitel 2 – Hygiene, Prophylaxe und die therapeutische Bedeutung von Oberflächen

Wirkstoffe gegen Prionen:

Erste Wirkstoffe, die im Mausmodell Erfolge zeigen konnten, stammen aus der
Schizophrenie-Behandlung. Das trizyklische Antidepressivum Trimipramin (ein
Antagonist exzitatorischer Neurotransmitter wie Histamin) und Fluphenazin, ein
Dopaminantagonist, konnten im Versuch den Ausbruch der Erkrankung
verzögern. [6] Welche Mechanismen dem zugrunde liegen, ist allerdings leider
noch unbekannt.
a

Abbildungsverzeichnis
Soweit nicht anders angegeben, sind die Abbildung selber erstellt und/oder fallen unter
die Lizenz CC0.

Abbildung 1.1: Mutterkorn an Getreide 5

Abbildung 1.2: Aufbau der bakteriellen Geißel 12

Abbildung 1.3: Phospholipide 17

Abbildung 1.4: Angriffsorte von Antibiotika 20

Abbildung 1.5: lac-Operon, negative Regulation 25

Abbildung 1.6: lac-Operon, positive Regulation 26

Abbildung 1.7: Springende Gene in Mais 31

Abbildung 1.8: Die Ausbreitung von Viren im Körper 35

Abbildung 1.9: Aufnahme von Viren in die Zelle 37

Abbildung 1.10: Entstehung neuer Influenza-Stämme durch

Neukombination [24] 39

Abbildung 1.11: Ausmaße neuronalen Verlusts bei schwerer

Alzheimererkrankung [25] 42

Abbildung 2.1: Eine Frage der Verantwortung [27] 48

Abbildung 2.2: Albumin hat acht Epitope, gegen die acht verschiedene

Antikörper gebildet werden können [26] 56

Tabellenverzeichnis
Tabelle 1.1: Vergleich zwischen verschiedenen eukaryotischen und
prokaryotischen Zellen 6

Tabelle 1.2: Bakterienformen 9

Tabelle 2.1: Relative Tenazität von Viren in Abhängigkeit von der

Virusstruktur 50

Tabelle 2.2: Physikalische und chemische Noxen 50


b

Tabelle 2.3: Strukturelle Unterschiede von Pilzen, Bakterien, Viren und

Prionen 55

Tabelle 2.4: Angriffspunkte für Virostatika 57

Literaturverzeichnis
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am Robert Koch-Institut, Empfehlungen zur Händehygiene
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shop/InfektiologieTropenmedizin/-Doerr-Gerlich-Medizinische-Virologie-
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[11] „Antibiotika - Lexikon der Biologie“, Spektrum der Wissenschaft. [Online].


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[Zugegriffen: 06-Aug-2014].
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Christensen, C. Nicholson, J. J. Iliff, T. Takano, R. Deane, und M. Nedergaard, „Sleep
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[21] J. J. Iliff, M. Wang, Y. Liao, B. A. Plogg, W. Peng, G. A. Gundersen, H. Benveniste, G. E.


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[22] http://www.botanikus.de/Botanik3/Ordnung/Mutterkorn/mutterkorn.html

[23] http://www.ge-li.de/tropfsteinhoehle/entstehung-des-lebens-evo.htm

[24] http://pt.wikipedia.org/wiki/Usu%C3%A1rio:Antero_de_Quintal/tradu%C3%

A7%C3%B5es10#mediaviewer/File:Influenza_geneticshift.jpg

[25] http://www.alz.org/braintour/healthy_vs_alzheimers.asp

[26] http://de.wikipedia.org/wiki/Epitop
d

[27] http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Haendehygiene/

Poster_node.html

[28] Biologie. Der neue Campbell, Anselm Kratochwil, Renate Scheibe, Helmut
Wieczorek und Neil A. Campbell; Pearson 2009