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Prof. D. Christopher Kopper

Vorlesung: Die Geschichte der DDR

Welche Staatsordnung und welche Gesellschaftsordnung bestanden in der


DDR? Und wie kann man die DDR in einem Begriff zusammenfassend
charakterisieren?

Diese Fragen werden auch 31 Jahre nach dem Ende der DDR immer wieder in
Massenmedien und in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Diese Fragen sind
keine akademischen Fragen. Sie zeigen, dass die DDR in der deutschen
Gesellschaft von heute immer noch unterschiedlich beurteilt wird.

Die politische Elite der DDR hat die Frage „Was ist die DDR?“ kutz und knapp
beantwortet. In der Verfassung der DDR von 1968 lautete der Artikel 1: Die
DDR ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation. In der leicht veränderten
Verfassung der DDR von 1974 fiel der Bezug auf die deutsche Nation weg.

Die SED und die von ihr autorisierten gesellschaftswissenschaftlichen


Lehrbücher definierten die Gesellschaft der DDR als eine „entwickelte
sozialistische Gesellschaft“. Sozialistische Gesellschaft bedeutete im Sinne von
Karl Marx die Herrschaft der zahlenmäßig dominierenden Klasse, des
Proletariats.

Diese Selbstbeschreibung der DDR durch ihre politische Elite war auch unter
den Mitgliedern der SED nicht umstritten. Der bekannte Wirtschaftshistoriker
und öffentliche Intellektuelle Jürgen Kuczynski schrieb 1988 in sein Tagebuch,
dass die Gesellschaft der DDR erst eine frühe Entwicklungsphase des
Sozialismus erreicht habe.
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Wie kam Kuczynski zu diesem Schluss, der eine wichtige Grundposition der
SED-Führung in Frage stellte? Kuczynski deutete damit einen zentralen
Widerspruch an: Die SED, die sich „Partei der Arbeiterklasse“ nannte, übte die
Herrschaft allein aus. Die Herrschaft wurde jedoch nicht von der Arbeiterklasse
selbst, sondern von den Funktionären der SED ausgeübt.

Ökonomisch gesehen war fast die gesamte Wirtschaft der DDR seit 1972
vergesellschaftet. Die wirtschaftlichen Produktionsmittel waren laut
gesetzlicher Definition Volkseigentum. Aber das Volk verwaltete die
Produktionsmittel und die Produkte seiner Arbeit nicht selbst. Die Verfügung
über die Produktionsmittel war stark zentralisiert. Über sie verfügten – an der
Spitze – die Staatliche Plankommission und der Apparat des Zentralkomitees
der SED.

Man kann nicht infrage stellen, dass die DDR ein sozialistischer Staat mit einer
sozialistischen Gesellschaftsordnung war. Aber der Sozialismusbegriff der SED
war ein deutlich anderer als der Sozialismusbegriff von Theoretikerinnen und
Theoretikern des demokratischen Sozialismus, vom Rosa Luxemburg und von
Karl Liebknecht.

Mehrere große kommunistischen Parteien in Westeuropa wie die


Kommunistische Partei Italiens (PCI) entwickelten in den 1970er Jahren das
visionäre Leitbild eines Sozialismus, der demokratisch und pluralistisch sein
sollte und lediglich eine volkswirtschaftliche Rahmenplanung statt einer
Detailplanung der Wirtschaft anstrebte. In diesem Gesellschaftsmodell sollten
kleine und mittlere Unternehmen weiterhin in Privatbesitz bleiben.
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Die letzte Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft war laut Karl Marx
der Kommunismus, wo der Mensch das Reich der Notwendigkeiten verlässt
und das Reich der ökonomischen Freiheit erreicht ist. Im Stadium des
Kommunismus sollte der Staat allmählich absterben und die Menschen in eine
unmittelbare Selbstverwaltung übergehen.

In der DDR geschah das Gegenteil: Die Staatsverwaltung blieb stark


zentralisiert. Der Kontroll- und Repressionsapparat in Gestalt der
Staatssicherheit wurde immer größer und invasiver. Die politische Elite der DDR
vermied es seit den 1970er Jahren, überhaupt vom Übergang in den
Kommunismus zu sprechen und den Eintritt in den Kommunismus
vorherzusagen. Das lag auch daran, dass die DDR die Knappheit an Gütern trotz
recht hoher Einkommensgleichheit nicht überwinden konnte und den
materiellen Ansprüchen der Bevölkerung nicht gerecht werden konnte.

Einer der wichtigsten Streitfragen über die DDR ist: Kann man die DDR mit dem
Begriff „Unrechtsstaat“ angemessen charakterisieren? Für den Begriff
„Unrechtsstaat“ spricht die Verfolgung zahlreicher Menschen wegen
oppositioneller politischer Aktivitäten. Das Ministerium für Staatssicherheit
übertrat ständig die Grenzen rechtsstaatlichen Handelns. Das Strafrecht der
DDR kriminalisierte Handlungen, die in rechtsstaatlichen Ordnungen absolut
legal sind – zum Beispiel die Kritik an der Regierung. Es war in der DDR nicht
einmal möglich, gegen den Staat vor Gericht zu klagen: Es gab in der DDR keine
Verwaltungsgerichte.

Da die DDR kein Rechtsstaat war, war sie im Umkehrschluss ein Unrechtsstaat.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob man mit dem Begriff „Unrechtsstaat“ die
gesamte Herrschaftswirklichkeit der DDR erfassen kann.
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Manche Zeitzeugen, die in der DDR lebten, sprechen von einem ganz normalen
Lebensalltag, in dem man die Diktatur nur abgeschwächt wahrnahm. In
manchen Fällen beruhen diese rückwirkenden positiven Betrachtungen darauf,
dass die positiven Seiten der DDR wie die hohe soziale Sicherheit im Vergleich
zur Gegenwart positiv wahrgenommen oder gar idealisiert werden.

Unpolitische Menschen, die nicht aufbegehrten, konnten in der DDR ein


ziemlich normales Leben führen. Die fehlende Reisefreiheit nach Westen sorgte
jedoch auch bei ganz unpolitischen Menschen für Unzufriedenheit. Auch
unpolitische Menschen in der DDR hatten seit ihrer Kindheit verinnerlicht, dass
man über Fragen mit politischer Bedeutung in der Öffentlichkeit anders reden
musste als im Familienkreis und unter Freunden. Auch ganz unpolitische DDR-
Bürger kannten die Grenzen dessen, was öffentlich sagbar war. Über
Versorgungsengpässe konnte man auch in Gegenwart von Unbekannten
schimpfen – über die Staats- und Parteiführung und über die Staats- und
Gesellschaftsordnung nicht.

Ein verwandter Begriff ist der Begriff „Fürsorgediktatur“, der den Begriff der
Diktatur mit einem zentralen Aspekt der Gesellschaftspolitik der SED verbindet.
Die Politik der SED war im materiellen Sinn gegenüber der Bevölkerung
fürsorglich. Sie verfolgte das Ziel, materielle Not zu beseitigen und umfassende
soziale Sicherheit in allen Lebensbereichen zu schaffen. Der Begriff Fürsorge
enthält jedoch auch die Hypothese, dass die Menschen in der DDR in
materiellen Fragen wie abhängige Klienten behandelt wurden – was noch zu
klären ist.
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Eine soziologische Charakterisierung der DDR-Gesellschaft stammt von einem


Mann, der gar kein Soziologe war. Günther Gaus bezeichnete die DDR als einen
„Staat der kleinen Leute“ und die DDR als eine „Nischengesellschaft“. Gaus war
ein bekannter Journalist, der 1974 der erste Botschafter der Bundesrepublik in
der DDR wurde. Der Begriff „Staat der kleinen Leute“ drückte aus, dass die
einstige großbürgerliche Führungsschicht fast ausnahmslos aus der DDR
geflohen war und ein Bürgertum als soziale Klasse nur noch in Resten
existierte. Die politische, wirtschaftliche und militärische Elite der DDR stammte
mehrheitlich aus der Arbeiterklasse. Auch in der akademischen Elite waren
Professorinnen und Professoren aus unteren Gesellschaftsschichten mit
niedrigem Bildungsstand sehr viel stärker repräsentiert als in der BRD.

Der Begriff „Nischengesellschaft“ beschreibt, dass sich DDR-Bürger der


Vereinnahmung durch die SED und die von ihr abhängigen Massen-
organisationen im Refugium des privaten Lebens, in der Familie und im
Freundeskreis entzogen. Die Tendenz zur Fremdbestimmung wurde durch die
Flucht ins Private konterkariert. Man erfüllte die gesellschaftlichen
Mindestverpflichtungen wie die Mitgliedschaft in der FDJ, in der Gewerkschaft
und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, den Wehrdienst,
das Wählen der Einheitsliste und die Teilnahme an den Demonstrationen zum
1. Mai, ohne sich mit deren Inhalten zu identifizieren.

Der nachbarschaftliche Zusammenhalt in der DDR war oft eng. Man versorgte
sich gegenseitig mit knappen materiellen Gütern, die man sich lieh, für andere
Menschen beschaffte und untereinander tauschte. Handwerkliche Arbeiten
wurden nicht auf dem Dienstleistungsmarkt bestellt, sondern in
Nachbarschaftshilfe ausgeführt.
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Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka prägte in den 1990er Jahren den Begriff von
der „durchherrschten Gesellschaft“. Dieser Begriff beschreibt die
Durchdringung staatlicher Herrschaft durch alle Institutionen und alle Bereiche
des öffentlichen Lebens. Staat und SED können als synonyme Begriffe
verwendet werden. Tatsächlich gab es in der DDR nur wenige Bereiche des
öffentlichen Lebens, die dem Eingriff des Staates und der SED entzogen waren.
Die einzigen autonomen Großorganisationen in der DDR waren die
evangelische und die katholische Kirche.

Der Begriff „durchherrschte Gesellschaft“ beschreibt auch die starke


Zentralisierung der Herrschaft, sowohl in der Staatsverwaltung als auch in der
SED. Die Staatsfunktionäre und Parteifunktionäre der regionalen und der
lokalen Ebenen erhielten genaue Vorgaben, deren Erfüllung immer wieder
durch Inspektionen überprüft wurde. Der Grad der Zentralisierung von
Entscheidungskompetenzen war hoch: So musste sich der Erste Sekretär einer
SED-Bezirksleitung persönlich darum kümmern, dass der Konsum genügend
Bäckereien betrieb, um die Bevölkerung mit Backwaren zu verkaufen.

Der Begriff „durchherrschte Gesellschaft“ weist auch auf die geringe


Autonomie von gesellschaftlichen Subsystemen wie beispielsweise der
Wirtschaftsbetriebe, der Wissenschaft und auch der Kultur hin.

Und wie kann man die Herrschaftsform in der DDR charakterisieren? Es war
eine bürokratische Herrschaft, in der charismatische Elemente kaum eine Rolle
spielten. Das Führungspersonal der SED entbehrte jeden persönlichen
Charismas – Walter Ulbricht und Erich Honecker sind gute Beispiele dafür. Man
kann jedoch von einem gewissen Amts-Charisma der Generalsekretäre der SED
sprechen: Die SED und ihre Funktionsträger legitimierten sich durch eine
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historische Traditionsstiftung als Nachfolger des legendären KPD-Vorsitzenden


Ernst Thälmann. Thälmann war 1944 nach 11 Jahren Haft von der SS
erschossen worden. Thälmann war gewissermaßen der Gründungsmärtyrer der
DDR, der wie die vielen anderen kommunistischen Opfer der Naziregimes für
die Zukunft des Sozialismus und für die DDR gestorben war. Thälmann und
andere ermordete Kommunistinnen und Kommunisten waren gewissermaßen
säkulare Heilige.

Die nächste umstrittene Frage ist: Welche Bedeutung besitzt die DDR für die
gesamte neuere Geschichte Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert? Der
Bielefelder Historiker Hans Ulrich Wehler bezeichnete die DDR noch in den
2000er Jahren als eine „Fußnote der deutschen Geschichte“. In seinem letzten
Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ über die Zeit nach 1945
widmete er der DDR nur wenige Dutzend Seiten.

In der Rückschau spielt die DDR für die Geschichte nach 1945 zweifellos nur
eine geringere Rolle. Ihre Gesellschaftsordnung ging mit der Währungsunion
und der Wiedervereinigung unter. Die politische Alleinherrschaft der SED
wurde bereits im Herbst und Winter 1989/90 beseitigt, und die SED
implodierte. Das bundesdeutsche Gesellschaftsmodell hatte – scheinbar – im
Systemwettstreit vollständig gesiegt.

Soziologische Forschungen von Soziologen zeigen, dass die Nachwirkungen der


DDR-Gesellschaft noch heute in Ostdeutschland feststellbar sind. Die DDR hörte
am 2.Oktober 1990 auf zu existieren, aber manche Nachwirkungen sind noch
heute spürbar. Ich meine damit nicht die noch feststellbaren Unterschiede in
politischen Einstellungen, bei denen es auch innerhalb der ehemaligen BRD
regionale und milieubedingte Unterschiede gibt. Die sozialen und kulturellen
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Milieus mit traditionellen sozialen, kulturellen und politischen


Werteinstellungen sind in Ostdeutschland aber generell stärker als im Westen.
Man muss hierbei auch berücksichtigen, dass der besonders hohe Stellenwert
der sozialen Sicherheit unter Ostdeutschen auch eine Folge der schweren
Transformationsperiode der 1990er Jahre ist. In der Zeit hoher Arbeitslosigkeit
und sozialen Unsicherheit lernten Ostdeutsche den Wert gesicherter
Beschäftigung und eines gerechten Sozialstaats durch eigene Erfahrungen
kennen.

Wenn man auf Karten ökonomische und soziale Merkmale bildlich darstellt,
zeichnet sich die alte deutsch-deutsche Grenze noch immer sichtbar ab. Das gilt
beispielsweise für Daten über das Durchschnittsvermögen von Haushalten, das
sich in Westdeutschland und Ostdeutschland noch immer erheblich
unterscheidet. Ach demographische Merkmale wie der deutlich geringere
Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund zeichnen sich auf diesen
Karten deutlich ab.

Das gilt auch für kulturelle Merkmale wie die Mitgliedschaft in einer Kirche. In
Ostdeutschland sind getaufte Christinnen und Christen eine Minderheit von nur
15% der Bevölkerung. Auch der Anteil von Parteimitgliedern ist im Westen und
im Osten Deutschlands noch sehr unterschiedlich – er ist in Ostdeutschland
deutlich niedriger. Andere soziale Daten wie die durchschnittliche
Lebenserwartung haben sich deutlich angenähert, sind aber noch immer nicht
gleich. Ostdeutsche sind in den gesamtdeutschen Eliten – mit Ausnahme der
Eliten in Politik und im Sport – immer noch erheblich unterrepräsentiert.

Mit anderen Worten: Das Erbe der DDR-Gesellschaft wirkt in mancher Hinsicht
bis heute fort.
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