Sie sind auf Seite 1von 2

Es gibt verschiedene Namen für den kleinen,

weiss-grünen Computer: 100-Dollar-Laptop, XO oder OLPC.


Sie bezeichnen alle drei das Lerngerät, welches Nicholas
Negroponte und sein Team für Schulkinder in Entwick-
lungsländern erfunden haben. Negroponte ist Grün­d er des
Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT)
in den USA. Vor Jahren sah er in einer Schule in Kambod­
scha, wie positiv sich Computer auf das Lernverhalten
auswirken. Da bestehende Maschinen aber zu teuer und
vorhandene Betriebssysteme für die Kinder zu kompliziert
waren, gründete er die Non-Profit-Organisation ‹One Lap-
top Per Child› (OLPC). Der Name ist Programm. OLPC will
Kindern in armen Regionen die Möglichkeit bieten, mit-
hilfe des kindergerechten Laptops ihr eigenes Potenzial
zu entdecken und entwickeln, und ihnen den Zugang zur
Welt und zu Wissen erschliessen.
Der in San Francisco lebende Lausanner Designer Yves
Béhar hat den Laptop gestaltet. Er führt die Design-Agen-
tur Fuseproject, die für Kunden wie Mini, Birkenstock oder

Ein Laptop Toshiba arbeitet. Der Designer stellte fest, dass der Wes-
ten oft Geräte in die Peripherie schickt, die bei uns aus-
gedient haben. Geflickt, bekommen sie in diesen Ländern
ein zweites Leben. Die Maschinen seien aber nicht auf

pro Kind die Bedürfnisse und Bedingungen dieser Regionen abge-


stimmt. «Im Gegensatz dazu setzen wir für den XO nur
neueste Technologien ein. Wir haben Soft- und Hardware
speziell für Kinder und die Umstände dieser Länder ent-
wickelt. Der Computer ist keine Billigausgabe westlicher
Geräte», erklärt Yves Béhar. OLPC hat den XO in diesem
Jahr in verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens und Süd-
amerikas mehrmals getestet und danach die Hard- und
Software verbessert. Webbrowser, Textprogramm, Spiele,
Musik- und Bildverarbeitungsprogramme stehen den Schü-
Text: Ariana Pradal lerinnen und Schülern zur Verfügung.
Fotos: Fuseproject Regierungen können die Laptops bei der Non-Profit-Orga-
nisation bestellen und sie dann kostenlos an Schulen wei- 2

Nach zwei Jahren Entwicklungszeit soll im Dezember der 100-Dollar-Lap- tergeben. Da die Bestellungen aber (noch) nicht zahlreich Experten der Entwicklungszusammenarbeit teilen diese Zugang zu den Informations- und Kommunikationstech- Der XO-Laptop
genug sind, kann OLPC das Ziel von 100 Dollar nun kurz Meinungen nicht. Das Development Program der UNO un- nologien für alle gefördert wird», so Weigel. Die Kritik, Brot
top in den USA auf den Markt kommen. Erfunden wurde das Lerngerät für
vor Produktionsbeginn nicht einlösen. Der Preis ist inzwi- terstützt das Projekt des Schulcomputers. anstatt Technologie, sei unrealistisch. Es gehe darum, den --› Design: Yves Béhar / Fuseproject
Kinder in Entwicklungsländern. Der Designer Yves Béhar sowie Experten schen fast doppelt so hoch – ein Wermutstropfen fürs Pro- Remo Gesù, Leiter Internationale Programme bei Helvetas, Ärmsten den Zugang zu Wissen, Märkten uns Produktivi- --› Konzept: Nicholas Negroponte
von DEZA und Helvetas erläutern das Projekt. jekt und die interessierten Länder. Die Organisation rech- findet den XO eine ambitionierte Idee: «Grundsätzlich ist tätsgewinnen zu ermöglichen, damit sie nicht noch ärmer --› Kunde und Technologie: OLPC (One
net aber damit, dass sie mit Zunahme der Bestellungen es positiv, wenn Kinder in Entwicklungsländern frühzei- werden. Auch der Vorwurf des Schwarzhandels mit dem Laptop Per Child), Nicholas Ne­
den Preis kontinuierlich senken kann – ob je auf den ver- tig in Kontakt mit neuen Informationstechnologien kom- Laptop lässt Gerolf Weigel nicht gelten. «Diese Problema- groponte, Mary Lou Jepsen, Walter
sprochenen Betrag, ist unklar. Dies gibt natürlich Anlass men, damit der digitale Graben zwischen Nord und Süd tik gebe es bei jedem Konsumgegenstand. Es kommt auf Bender, Michail Bletsas
zu Misstönen vonseiten der Kritiker. nicht noch grösser wird.» Damit ein Projekt Erfolg haben die geeignete Organisation vor Ort an, die sicherstellt, --› Hersteller: Quanta
kann, müssten die Menschen vor Ort so früh wie möglich dass das Objekt am richtigen Ort eingesetzt wird».
Kritik und Einschätzung in die Konzeption miteinbezogen werden; nur so könne
Nebst Befürwortern und viel Wohlwollen gibt es immer es tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen und langfristig Auch ohne Schulbildung verständlich
wieder kritische Stimmen. Vor allem die IT-Branche be­ funktio­n ieren. Testphasen und eine sorgfältige Begleitung Gerolf Weigel weiss auch von anderen erfolgreichen Pro-
män­­gelt, dass OLPC keine Standardsoftware einsetzt. seien nötig, um Probleme rasch zu erkennen. jekten. «Von dem in Indien durchgeführten Programm ‹A
Neg­r oponte und sein Team entschieden, nur kostenlose Auch Gerolf Weigel verteilt dem 100-Dollar-Laptop gute Hole in the Wall› wissen wir, dass Kinder ohne Anleitung
Programme (Open Source) einzusetzen, um günstig zu No­t en. Weigel ist Sektionschef der Abteilung ‹In­f orma­ herausfinden, wie sie einen Computer bedienen können»,
fah­­ren und den Schulkindern die Möglichkeit zu bieten, tion and Communication Technologies for Development› erklärt er. Indische Forscher hatten dies bei Jugendlichen
den Code des Programms ändern zu können. Kritikpunkte (ICT4D) bei der Direktion für Entwicklung und Zusam- in Slums beobachtet. Diese Kinder hatten wenig oder kei-
ausserhalb der IT-Branche und der Entwicklungszusam- menarbeit (DEZA). Er wurde 2001 beauftragt, diese Sekti- ne Schulbildung, fanden trotzdem rasch und ohne gros-
menarbeit sind, OLPC solle Brot liefern, nicht Computer, on aufzubauen, denn die Art der Entwicklungszusammen- se Instruktionen heraus, wie man das Internet nutzt und
oder: Das Gerät käme den Kindern nicht zugute, weil es arbeit ändert sich. «Die neuen Technologien sind auch in andere Programme bedient, wie man Musik hören oder
vorher auf dem Schwarzmarkt verscherbelt werde. armen Ländern nicht mehr wegzudenken. Sie bestimmen Bilder anschauen kann. Sie lernten auch die englischen
zunehmend auch das Umfeld ärmerer Leute. Von den neu- Begriffe verstehen, die für die Aktionen nötig waren. Wei-
1Testphase in einer Schule in Nigeria.
Die Schulkinder haben die Funktionen des en Technologien – und damit auch von Wissen, besserem gel: «Es ist wichtig, die Jungen in armen Ländern zu för-
XO-Computers rasch begriffen. Einkommen und Einfluss  – profitieren vorerst besser ge- dern. Denn sie lernen schnell und können so einst die ei-
stellte Menschen mit höherer Bildung in diesen Ländern. gene Lebenssituation und die ihrer Familie verbessern.
2 Der Laptop für Kinder in Entwicklungs­
ländern: unten links das Jo-Jo, mit dem der Dies birgt die Gefahr, dass der Graben zwischen Arm und Dazu muss man ihnen aber Zugang zu Wissen ermögli-
Akku wieder aufgeladen werden kann. Reich wächst, wenn nicht durch gezielte Massnahmen der chen, auch ausserhalb der Schulstunden.» ➞
1

54 Brennpunkt Hochparterre 11|2007 Hochparterre 11|2007 Brennpunkt 55


➞ Interview: Designer Yves Béhar zum Laptop uns: Finden das Kinder gut? Wir haben den Laptop so ent- Die Entwicklungsgeschichte
? Was ist der Unterschied zwischen dem XO wickelt, dass er ein kompaktes, langlebiges und trotzdem
und einem herkömmlichen Laptop? ausdrucksstarkes Produkt ist. Ist er zugeklappt, kommt 2005:
Einerseits erlaubt der XO Kindern dank leistungsstarker kein Dreck rein, ist er offen, bekommt er mit seinen ab- --› Januar: Nicholas Negroponte
Antennen, sich auf Distanz kabellos zu vernetzen, zu ler- stehenden Antennen einen eigenständigen Charakter. stellt am WEF in Davos die Idee des
nen und zu spielen, ohne dass ein Zugang zum Internet ? Wie funktioniert die Stromversorgung? 100-Dollar-Laptops vor.
existiert. Die Organisation ‹One Laptop Per Child› plat- Der XO verbraucht fünf- bis zehnmal weniger Energie als --› Mai: Erstes Treffen mit möglichen
ziert aber auch Server und Satellitenverbindungen in ab- ein durchschnittlicher Laptop. Dies ist so wenig, dass man Partnern. Dazu gehören: AMD, News
geschiedene Regionen, damit Kinder Schulbücher und ihn, wenn kein Strom zur Verfügung steht, aus eigener Corp., Google und Red Hat, die für
Lek­t ionen abrufen können. Zum anderen haben wir den Kraft aufladen kann. Die Stromversorgung war ein wich- den Laptop ein auf Linux basierendes
Computer aus ökonomischen und Effizienzgründen so ge- tiger Punkt in der Entwicklung, denn vielen Nutzern steht Betriebssystem entwickeln werden.
staltet, dass jedes Element mindestens über zwei Funk- kein Netz zur Verfügung. Nun haben wir Akkus eingebaut, --› Juli: Mehr als 50 Länder haben ihr
tionen verfügt. Die Antennen decken zugleich die USB- die über ein Jo-Jo oder ein Fusspedal geladen werden kön- Interesse am Laptop bekundet.
Eingänge ab, an den Griff kann man einen Träger zum nen und hoffentlich bald auch über ein Solarpaneel. --› November: Am World Symposium on
Umhängen binden, das grüne Pufferband um das Gehäuse ? Was geschieht mit dem Laptop, wenn er the Information Society in Tunis
schützt vor Staub und Aufprall. Auch der Bildschirm ver- nicht mehr funktioniert? präsentiert der damalige UNO-Gene-
fügt über zwei Modi, einen normalen Farbmodus und eine In Entwicklungsländern reparieren die Menschen alles. ralsekretär Kofi Annan den letzten
kontrastreiche Schwarz-Weiss-Einstellung, um draussen Deshalb haben wir das Gerät so aufgebaut, dass es leicht zu Stand des 100-Dollar-Laptops.
in der Sonne zu arbeiten und zu lesen. öffnen ist und die Einzelteile einfach auszuwechseln sind. 2006:
Wir haben aber auch neue Funktionen integriert. Der XO ? Und die Geräte sind gesichert? --› Januar: Nicholas Negroponte und
verfügt zum Beispiel über ein grosses Trackpad, das man Ja, eine neue Sicherheitssoftware schaltet das Betriebs- Kemal Dervis, Leiter des UN Deve-
zum Zeichnen und Schreiben benutzen kann. Die Tastatur system aus, sobald ein Gerät nicht mehr im Netzwerk der lopment Program (UNDP), unter-
ist ebenfalls anders als üblich. Sie besteht aus einem ein- Schule auftaucht, in dem es registriert ist. schreiben am WEF in Davos eine ge-
zigen Gummistück, damit kein Staub oder Schmutz zwi- ? Arbeitet Fuseproject noch am Projekt? meinsame Absichtserklärung.
schen die Tasten ins Innere dringen kann. Zudem ist das Wir arbeiten seit zwei Jahren mit den Promotoren. Nebst --› Februar: OLPC eröffnet eine Website
gesamte Gerät nur etwa so gross wie ein Schulbuch und dem Laptop haben wir auch andere Aspekte mitentwi- zum Projekt: www.laptop.org
viel leichter als üblich. ckelt: Stromerzeugung, Schulserver, solarbetriebene Ser- --› März: Der Designer Yves Béhar
? Wie reagiert das Design auf die neue, ju- verantennen, Peripheriegeräte wie Mikroskop oder Peris­ stösst zum Team.
gendliche Benutzergruppe? kop. Schliesslich begleiten wir zurzeit die Produktion und --› August: Der erste funktionierende
Design war von Anfang an ein wichtiger Faktor in der passen sie, wo nötig, laufend an. Prototyp wird vorgestellt.
Entwicklung. Den 100-Dollar-Laptop haben wir speziell für ? Mussten Sie nach den ersten Erfahrungen 2007:
Kinder zwischen 6 und 12 Jahren in Entwicklungsländern bereits Änderungen anbringen? --› Februar: Die erste Gerätegeneration
massgeschneidert. Er ist nicht einfach eine vereinfachte Ja. Und es ist wunderbar, dass wir dies tun können. Zum wird für Tests in Entwicklungsländer
Version eines Erwachsenengeräts. Bei jedem Entscheid, Beispiel hatten die Kinder Schwierigkeiten herauszufin- ausgeliefert.
egal ob gestalterischer oder technischer Art, fragten wir den, wem welcher Computer gehört, weil alle gleich aus- --› Mai: Die zweite Testgeneration wird
sehen. Deshalb haben wir ein System aus 400 möglichen ausgeliefert.
Farbkombinationen fürs Logo entwickelt. Dieses wird nun --› August: Dritte Testgeneration – be-
am Gehäuse angebracht. Eine andere Anpassung muss- reits eine Vorproduktion – ist fertig.
ten wir machen, weil die Pulte in Afrika über eine steile --› November: In den USA kann der
Tischplatte verfügen. Wir haben auf der Unterseite des Laptop im Rahmen der Aktion ‹Get 1
Gehäuses Gummifüsse angebracht, damit das Gerät im Give 1› bestellt werden.
Schulzimmer nicht vom Tisch rutscht. --› Dezember: Erste Laptops werden in
? Wie viele Laptops wurden produziert? den USA ausgeliefert.
Etwa 7000 Stück hat OLPC fürs Testen hergestellt. Nun www.laptop.org, www.hole-in-the-wall.com,

beginnen wir mit der Massenproduktion, um die Compu- www.sdc.admin.ch/ict4d, www.fuseproject.com

ter bald an die verschiedenen Länder ausliefern zu kön-


nen. Das Gerät wird in den USA mit der Aktion ‹Get 1
Give 1› vor Weihnachten auf den Markt kommen. Käufer
bekommen den neuen Laptop aber nur, wenn sie den Preis
für zwei Geräte zahlen, damit eines in ein Entwicklungs-
land geliefert werden kann.
? Das Gerät wurde bereits an mehreren Or-
ten getestet. Was sind die ersten Rück-
meldungen?
Wir haben Berichte gelesen und Briefe von Lehrern be-
kommen. Die Kinder seien sehr fokussiert und schwänzen
nun den Unterricht weniger. Auch lernen die Kinder mit
dem XO zu spielen und arbeiten dank der Vernetzungs-
möglichkeit zusammen. Lehrer haben geschrieben, dass
sich ihr Lehrsystem geändert habe. Im Unterschied zu
vorher bestehe die Lektion nun weniger aus Frontalunter-
richt, und die Kinder verbringen mehr Zeit damit, ein The-
Der Schweizer Designer Yves Béhar hat
den 100-Dollar-Laptop über mehrere Ent- ma alleine zu entdecken und zu bearbeiten. •
wurfsstadien entwickelt.

56 Brennpunkt Hochparterre 11|2007