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Gender Studies

Judith Butler
Vorn Unterschied der Gescblecbter Das Unbehagen der
Geschlechter
Aus dem Amerihaniscben von
Kathrina Menhe

Gerade weil
"weiblich" nicht länger als feststehender Begriff erscheint, ist
seine Bedeutung ebenso verworren und unfixiert wie die Bedeutung von
,,Frau". Und weil beide Termini ihre verstörte Bedeutung jeweils nur als
Termini einer Relation erhalten, legt diese lJntersuchung ihren Schwer-
punkt auf die Geschlechtsidentität und die relationale Analyse, die sie
erfordert. - \üelche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der
Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität als
gemeinsamer Grund eingeschränkt wird?
Judith Butler, geboren 1956 in Cleveland, ist Professorin für Rhetorik und
Komparatistik an der University of California, Berkeley, Suhrkamp
Titel der Originalausgabe Inhah
Gender Trouble

Vorwort 7

ERSTES KAPITEL

Die Swbjehte eon Gescblecbt/


Ge s cb Ie ch tsidentität / B e ge bren

r. Die "Frauen" als Subjekt des Feminismus rt


z. Die Zwangsordnung Geschlecht/Geschlechtsidentität/
Begehren

3. Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der


gegenwärtigen Debatte 25

4. Zv Theoretisierung des Binären, der Einheit und deren


Überschreitung .....
5. Identität, anatomisches Geschlecht und die Metaphysik
zz. Auflage zozr der Substanz 37

Erste Auflage r99r


edition suhrkamp rTzz
6. Sprache, Macht und die Strategien der Verschiebung ... . 49
Neue Folge Band 7zz
@ Routledge, Chapman and Hall, Inc. r99o
Z\TEITES KAPITEL
@ der deutschen Ubersetzung
Suhrkamp Verlag Frankfurt amMain ry9r Das Verbot, die Psychoanalyse und die Prodwktion
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, der b eterosexwe llen Matrix
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. r. Der kritische Austausch des Strukturalismus . 68
Kein Teil des Verkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) 2. Lacan, Riviere und die Strategien derMaskerade ........ 7t
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
3. Freud und die Melancholie der Geschlechtsidentität ..... 9J
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Sarz: Satz- O|Äzin HümmerGmbH,\üaldbüttelbrunn
Druck: C. H. Beck, Nördlingen 4. Die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentität und die
Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus Grenzen der Identifizierung .. rot
Printed in Germany
ISBN 978-3-y r 8 - r 17 22- 4 5. Die Reformulierung des Verbots als Macht II3
-!r
phantasie als universelle \(ahrheiten der Kultur. \üie aber hat sich 2. Lacan, Riviere und die Strategien der Maskerade
die inzestuöse Heterosexualität als scheinbar narürliche und vor-
künstliche Matrix des Begehrens konstituiert? Und wie wurde das In Lacans Theorie nach dem "Sein" der Geschlechtsid enritet ken-
Begehren als heterosexuelles männliches Vorrecht begründet? Die d,er) wd/oder des anatomischen Geschlechts (sex) zt fragen,
Naturalisierungen der Heterosexualität wie auch der männlichen würde bedeuten, gerade die Zielrichtung der Lacanschen Sprach-
sexuellen Aktivicät sind diskursive Konsrruktionen, die in diesem theorie zu verkennen. Lacan bestreitet nämiich das Primat, das die
grundlegenden strukturalistischen Rahmen zwar überall voraus- wesdiche Metaphysik der Ontologie zuspricht, und besteht dar-
gesetzt, aber nirgendwo erklärt werden. auf, daß die Frage "was ist/hat Sein?" der vorgängigen Frage: "wie
Lacans Aneignung der Theorie von L6vi-Strauss konzentrierr wird das 'Sein. durch die Beziehungspraktiken der Okonomie des
sich auf das Inzeswerbot und die Rolle der Exogamie bei der Re- Vaters instituiert und zugeteilt?" untergeordnet ist. Lacan zufolge
produktion der Kultur, wobei hier unter werden die ontologische Bestimmung des Seins, die Negation und
'Kultur. in erster Linie
ein Komplex sprachlicher Strukturen und Bedeutungen zu versre- ihre Relationen, von der Sprache festgelegt, die ihrerseits durch
hen ist. Das Gesetz, das die inzestuöse Vereinigung zwischen dem das Gesetz des Vaters und dessen Differenzierungsmechanismen
Jungen und der Mutter unrersagt, führt nach Lacan die Struktur strukturiert ist. Die ontologische Geste, die einer Sache die Cha-
der Verwandrschafr als eine Reihe von höchstregulierten Libido- rakterisierung zuerteilt, mobilisiert diese Sache nur in einer
'Sein..
Verschiebungen ein, die sich mittels der Sprache vollziehen. Ob- Bezeichnungsstruktur, die selbst - wie das Symbolische - vor-
gleich die Strukturen der Sprache - allgemein formuliert: das ontologisch ist.
Symbolische - eine ontologische Integrität jenseits der verschiede- Insofern gibt es keine Erforschung der Ontologie an sich,kei-
nen Sprecher, durch die sie wirksam werden, bewahren, bestätigt r..en Zugang zum Sein, wenn man nicht zuvor das "Sein" des
und individualisiert sich das Gesetz jedes Mal, wenn ein Kind in Phallus, bzw, die autoritative Bedeutung des Gesetzes, unter-
die Kultur eintritt. Die Sprache entsteht nur unter der Bedingung sucht, das die sexuelle Differenz als Voraussetzung für seine eigene
der Unbefriedigtheit, die das Inzestverbot hervorruft. Die ur- Intelligibilität ansetzt. "Der Phallus sein< und "den Phallus ha-
sprüngliche io uissance'r ist durch die Urverdrängung, die das Sub- ben* benennt zwei unterschiedliche Positionen oder Nicht-Posi-
jekt begründet, verlorengegangen. An ihrer Stelie raucht nun das tionen (d. h. unmögliche Positionen) in der Sprache' So bedeutet
Zeichen auf, das ebenfalls durch eine Barriere vom Signifikanten ,signifikant" des Begehrens des Anderen zu
getrennt ist und versucht, in dem, was es bezeichnet, die unwie-
der Phallus
'sein. der
sein bzw. als dieser Signifikant zu erscheinen Anders formuliert:
derbringlich verlorene Lust wiederzuerlangen. Das durch das Ver- der Phallus ,sein. heißt: das Objekt, deildie Andere eines (hete-
bot begnindete Subjekt spricht nur, um das Begehren in den rosexualisierten) männlichen Begehrens zu sein und zugleich die-
metonymischen Substitutionen für diese unwiederbringliche Lust ses Begehren zu repräsentieren oder zu reflektieren. Diese/r
zu verschieben. Demnach ist die Sprache das Residuum und die Andere bildet also nicht die Grenze der Männlichkeit in einer
Ersatzleistung eines unbefriedigten Begehrens, das schillernde weiblichen Andersheit, sondern lediglich den Schauplatz einer
kulturelle Produkt einer Sublimierung, die niemals wirklich zu männlichen Selbst-Ausarbeitung. Der Phallus,,sein,., bedeutet
befriedigen vermag. Daß es der Sprache unweigerlich nicht gelingt also für die Frauen, daß sie die Macht des Phallus widerspiegeln'
zu bezeichnen lfails to signtfy), ist eine norwendige Konsequenz diese Macht kennzeichnen, den Phallus verkörpern, den Ort stel-
gerade jenes Verbots, das die Möglichkeit der Sprache begründet len, an dem der Phallus eindringt, und den Phallus gerade dadurch
und die Nichtigkeit ihres referentiellen Gestus markiert. bezeichnen, daß sie sein Anderes, sein Fehlen, die dialektische
Bestätigung seiner Identität 'sind.. Wenn Lacan behauptet, daß
das Andere, dem der Phallus fehlt, der Phallus lse, will er offenbar
darauf hinweisen, daß die Macht des Phallus durch die weibliche
Position des Nicht-Habens bedingt ist und daß das männliche
74 7t
-ttr-
Subjekt, das den Phallus ohar.., die Andere braucht, die den phal- bringen und dabei die Dinge zu bezeichnen. Seine scheinbar in
lus bestätigt und somit im ,srv/glss11en. Sinne der Phallus ist. 13 sich selbst begründete Autonomie versucht, die Verdrängung zu
Diese ontologische Charakterisierung serzt voraus, daß der verschleiern, die zugleich der Grund des Subjekts wie die fortwäh-
Anschein oder der Effekr des Seins stets durch die Bezeichnungs- rende Möglichkeit seiner Grundlosigkeit ist. Dieser Prozeß der
strukturen hervorgebracht wird. Die symbolische Ordnung är- Bedeutungs-Konstituierung erfordert jedoch, daß die Frauen die
zeugt die kulturelle Intelligibilität mittels der beiden, sich wich- männliche Macht reflektieren und sie überall der Realität ihrer
selseitig ausschließenden Positionen, den Phallus illusorischen Autonomie versichern. Freilich wird diese Aufgabe
"haben. (die
Position der Männer) und der Phallus (die paradoxe posi- verfehlt - um nur das mindeste zu sagen -, wenn die Forderung,
"sein"
tion der Frauen). Dabei erinnert die wechselseitige Abhängigkeit daß die Frauen die autonome Macht des maskulinen Subjekts/
dieser Positionen an die Hegelsche Struktur fehlender \üechselsei- Signifikanten widerspiegeln, sich für die Konstruktion dieser Au-
tigkeit zwischen Herr und Knecht, d.h. besonders an die uner- tonomie als wesentlich erweist und damit zur Basis einer radikalen
wartete Abhängigkeit des Herrn von seinem Knecht, den er Abhängigkeit wird, die im Grunde die ihr zugewiesene Funktion
benötigt, um reflexiv seine eigene Identität zu begründen.1a Aller- unterläuft. Allerdings muß man auch sagen, daß das männliche
dings versetzt Lacan dieses Drama in einen phantasmatischen Subjekt diese Abhängigkeit zugleich verleugnet und aufsucht.
Bereich. Jeder Versuch, eine Identität innerhalb dieser binären Denn die Frau als beunruhigendes Zeichen lst der verschbbene
Disjunktion von ,'Flaben. zu begründen, läuft unwei-
'Sein. und Körper der Mutter, das vergebliche, aber fortdauernde Verspre-
gerlich auf den
"Mangel" und den 'Verlusr. hinaus, die dieser chen, die vor-individuellelo wissance'r wiederzuerlangen' Anschei-
phantasmatischen Konstruktion zugrunde liegen und die lJnver- nend besteht also der Konflikt der Männlichkeit gerade in diesem
einbarkeit des Symbolischen und des Realen markieren. Anspruch auf volle Anerkennung der Autonomie, die nichtsdesto-
rüüenn also das Symbolische als kulturell
universale Bezeich- weniger zugleich eine Rückkehr ztt den vollständigen Lüsten vor
nungsstruktur, die nirgendwo vollständig im Realen installiert ist, der Verdrängung und Individuierung versprechen soll.
verstanden werden muß, ist es sinnvoll zu fragen: wer oder was Daß die Frauen angeblich der Phallus 'sind.., bedeutet also, die
bezeichnet in dieser scheinbar transkulturellen Ordnungwen oder Frauen haben die Macht inne, die "Realität" der selbst-begrün-
was? Allerdings läßt sich diese Frage nur in einem Rahmen stellen, denden Posen des männlichen Subjekts zu reflektieren oder zu
der ein bezeichnendes Subjekt und ein bezeichnetes Objekt vor- repräsentieren: tü(/ürde diese Macht zurückgezogen, so würden die
aussetzt, letztendlich also die traditionelle epistemologische Di- grundlegenden Illusionen der männlichen Subjektposition aufbre-
chotomie der Philosophie, die der strukturalistischen Verschie- chen. IJm nun der Phallus, die tü(/iderspiegelung und Absicherung
bung des Subjekts vorangeht. Lacan stellr dieses Schema der einer anscheinend männlichen Subjektposition zu 'rsein.., müssen
Bezeichnung in Frage: Er beschreibt die Beziehung der Ge- die Frauen gerade das werden bzw. 'sein. (im Sinne von ,auftre-
schlechter (sexes) d,ahingehend, daß sich das sprechende ,Ich* als ten, als wären sie es*), was die Männer nicht sind, und genau in
maskuliner Effekt der Verdrängung offenbart, der zwar in der ihrem Mangel umgekehrt die wesentliche Funktion der Männer
Pose eines autonomen, seibst-begründenden Subjekts auftritt, begründen. Der Phallus ,sein. meint also stets ein "Sein für" ein
dessen Kohärenz jedoch durch jene sexuellen Positionen in Frage männliches Subjekt, das versucht, seine Identität zu stärken und
gestellt wird, die das Ich im Prozeß der Idenritätsbildung aus- zu erweitern, indem es sich durch dieses 'Sein für.. anerkennen
schließt. Das Subjekt entsteht - nach Lacan heißt das, das Subjekt läßt. Lacan widerspricht damit im starken Sinne der Vorstellung,
tritt in der Sprache als selbstbegründender Signifikant auf - nur daß Männer für die Bedeutung von Frawen steht und umgekehrt
unter der Bedingung einer primären Verdrängung der vor-indivi- Frauen für die Bedeutung von Männer. Die Aufteilung und der
duellen inzestuösen Lüste, die sich mit dem (nun verdrängten) Austausch der beiden Positionen' der Phallus ,rsein.. und den Phal-
Körper der Mutter verbinden. lus wird vielmehr durch das Symbolische, das Gesetz des
'haben..,
Das männliche Subjekt scäeint also nur Bedeurungen hervorzu- Vaters, begründet. Zu der komischen Dimension dieses verfehlten

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Modells der 'Wechselseitigkeit gehörr natürlich, daß beide: die hen, die ärgerliche lüirkung haben, daß sie einerseits dem Subjekt Realität
männliche und die weibliche Position, bezeichnet sind; der Signi- in diesem Signifikanten verleihen, andererseits die zu bedeutenden Bezie-
fikant ist jedoch dem Symbolischen zugeordner, das beide Positio- hungen irrealisieren.l6
nen niemals anders als nur zeichenhaft einnehmen kann.
Der Phallus "sein" heißt demnach, durch das Gesetz des Vaters Die Zeilen, die unmittelbar an dieses Zitat anschließen, scheinen
bezeichnet zu sein, d.h., sein Objekt und zugleich Insrrument sich auf den Anschein der "Realität" des männlichen Subjekts so-
(bzw. in strukturalistischen Termini: das wie auf die "Nicht-Realität,< der Heterosexualität zu beziehen'
'Zeicheno und das Ver-
sprechen seiner Macht) zu sein, Als dieses konstituierte oder Zudem beschreibt Lacan hier anscheinend die Position der Frauen:
bezeichnete Tauschobjekt, durch das das Gesetz des Vaters seine eines Scheins, der an
"Dies geschieht über das Dazwischentreten
Macht und die Form seiner Erscheinung erweitert, sind also die die Stelle des Habens rückt, um es auf der einen Seite zu schützen,
Frauen angeblich der Phallus, oder anders ausgedrückt: das Sinn- au{ der andern den Mangel im andern zu maskieren." (ebda).
bild seiner fortgesetzten Zirkrlation. Allerdings ist dieses Phallus- Obgleich dieser Satz kein grammatisches Geschle cht (gender) au[-
Sein norwendigerweise unbefriedigend, da die Frauen dieses Ge- weist, scheint Lacanhier die Position der Frauen zu beschreiben,
setz nie vollständig widerspiegeln können. Einige Feministinnen die durch den charakterisiert ist und deshalb der Maskie-
"Mangel"
haben dargelegt, daß diese Position den Frauen eine Verleugnung rung und in bestimmtem Sinne des Schutzes bedarf. \üeiter be-
ihres eigenen Begehrens abverlangt (d. h. im Grunde eine doppeltä hauptet Lacan, daß diese Situation >zut Folge hat, daß er (der
Verleugnung, die der
"doppelten \felle" der Verdrängung ent- Schein, A. d. Ü.) die idealen oder typischen Erscheinungsformen
spricht, die nach Freud die \fleiblichkeit begründet15). Diese Ver- des Verhaltens beider Geschlechter, bis zur äußersten Grenze
leugnung bedeutet die Enteignung des Begehrens, das nunmehr im Akt der Kopulation, ganz ins Komödienhafte projiziert"
als das Begehren erscheinr, nichts anderes als eine Viderspiege- (ebda).
lung oder eine Garantie der durchgängigen Notwendigkeit des Lacan setzt seine Darstellung der Komödie der Heterosexualität
Phallus zu sein. mit der Behauptung fort, daß der 'Schein.., der Phallus zu "sein..,
Umgekehrt den die Frauen gezwungenermaßen inszenieren, unweigerlich eine
"haben* die Männer zwar denPhallus, ohne
jemals
der Phallus zu ,rsein.., da der Penis kein Aquivalenr des Geserzes Masherade ist. Dieser Begriff ist insofern bezeichnend, als er ver-
ist und es niemals vollständig symbolisieren kann. Daher stößt schiedene, widersprüchliche Bedeutungen suggeriert. \(enn einer-
jeder Versuch, die Position den-Phallus-Haben einzunehmen, auf seits das ,rSein.,, die ontologische Bestimmung des Phallus, eine
eine notwendige, vorgängige Unmögiichkeit. Letztlich müssen Maskerade ist, müßte sich scheinbar alles Sein auf eine Form des
"Habens. und des 'Seins.. in der Theorie
beide Positionen des Erscheinens, des Anscheins von Sein reduzieren, so daß sich die
Lacans als komische Verfehlungen versmnden werden, die nichts- Geschlechter-Ontologie (gend.er-ontology) auf das Spiel der Er-
destoweniger genötigt sind, diese Unmöglichkeit immer wieder scheinungen reduzieren ließe. Andererseits suggeriert der Begriff
zu artikulieren und in Szene ztt setzen. ,rMaskerade*, daß es ein ,Sein" oder eine ontologische Bestim-
'!üie
aber entsteht der
"Schein.., daß eine Frau der Phallus bzw. mung der\fleiblichkeit zorder Maskerade gibt, d. h' ein weibiiches
der Mangel ist, der den Phallus verkörpert und bestätigt? Nach Begehren oder einen Ansprrch, der zwar maskiert ist, aber wieder
Lacan ist dies der Maskerade geschuldet, dem Effekt der Melan- enthüllt werden kann und einen möglichen Bruch bzw. eine Ver-
cholie, die der weiblichen Position als solcher wesendich isr. In schiebung der phailogozentrischen Bedeutungs-Ökonomie ver-
seinem frühen Aufsatz Die Bedewtung des Phallu.s schreibt Lacan spricht.
zu den,rB eziehungen zwischen den Geschlechtern * : Aus dieser ambivalenten Struktur der Lacanschen Analyse las-
sen sich zumindest zwei verschiedene Aufgabenstellungen ablei-
Diese Beziehungen drehen sich, wie wir sagen, um ein Sein und ein Haben, ten: Einerseits kann die Maskerade als performative Hervorbrin-
die dadurch, daß sie sich auf einen Signifikanten, auf den Phallus, bezie- gung einer sexuellen Ontologie verstanden werden, d' h. als reine

78 79
---7-
Erscheinung, die sich selbst überzeugend als Sein darstellr. Ande-
das ausschließende Verfahren der Identitätsbildung, das die
wird,
rerseits kann die Maskerade als Verleugnung eines weiblichen
Männlichkeit wirkungsvoll ausschließt und jenseits der Grenzen
Begehrens gelesen werden, die eine vorgängige ontologische
rüfleiblichkeit vorausserzr, die durch die phallische ökonomie re- einer spezifisch weiblichen Geschlechter-Position (feminine gen-
dere d position) verweist?
gelmäßig nicht repräsentiert wird. In diesem Sinne bemerkt Iriga-
Lactn setzt die oben zitierte Passage wie folgt fort:
ray: "Die Maskerade ist, meiner Meinung nach, zu verstehen als
das, was die Frauen machen, . . . um am'tü(/unsch des Mannes teil- So paradox diese Formulierung auch erscheinen mag, wir behaupten, daß
zuhaben, aber zum Preis des Verzichts auf den eigenen..17 Die die Frau, um Phallus zu sein, Signifikant des Begehrens des Andern, einen
erste Aufgabe würde eine kritische Reflexion auf die Geschlechrer- wesentlichen Teil der \ü/eiblichkeit, namentlich all ihre Attribute, in die
Ontologie als parodistische (De)Konstruktion hervorrufen und Maskerade zurückbannt. Ausgerechnet um dessentwillen, was sie nicht ist,
meint sie, begehrt und zugleich geliebt zu werden. Was indessen ihr eigenes
möglicherweise den veränderlichen Möglichkeiten der gleitenden
Begehren anbelangt, so findet sie dessen Signifikanten im Körper dessen,
Unterscheidung zwischen
"Schein" und "Sein* nachgehen, d.h. auf den sich ihr Liebesanspruch richtet, Man darf aber gewiß nicht verges-
die komödiantische Dimension der sexuellen Ontologie radikal! sen, daß das Organ, das mit dieser signifikanten Funktion ausgestattet ist,
sieren, die Lacan nur teilweise nachzeichnet. Dagegen würde die von hier aus dentVert eines Fetischs annimmt (op.cit., S. r3olr3r)'
zweice Aufgabe feministische Demaskierungssrraregien ins Leben 'Wenn dieses unbenannte ,rQrgxn.., vermutlich der Penis (dessen
rufen, um das - wie auch immer bestimmte - weibliche Begehren,
Name wie der des hebräischen Jahwe niemals ausgesprochen wer-
das in der phallischen ökonomie unterdrückt ist, zu enihüllen
den darf), tatsächlich ein Fetisch lst, wie kommt es dann, daß wir
oder zu offenbaren.18
ihn so einfach vergessen, wie Lacan selbst behauptet? Und worin
Möglicherweise schließen sich die beiden Alternativen gar nicht
besteht der >wesentliche Teil der\fleiblichkeit" (s. o.), der verwor-
so sehr aus, wie es zunächst den Anschein hat, sind doch die Er-
fen werden muß? Handelt es sich hier wieder um jenen unbenann-
scheinungen zunehmend suspekt geworden. Die Reflexionen über
tenTeil, der einmalverworfen als Mangel erscheint? Odermuß der
die Bedeutung der Maskerade bei Lacan sowie in Joan Rivieres
Mangel selbst verworfen werden, damit 'sie.. als der Phallus selbst
Aufsatz "Womanliness as a Masqueradeo weichen in der Inter-
erscheint? Ist die Unnennbarkeit dieses "wesentlichen Teils" viel-
pretation dessen, was die Maskerade nun genau maskiert, erheb-
leicht dieselbe Unnennbarkeit, die dem männlichen 'Organ* an-
lich voneinander ab: Ist die Maskerade die Folge eines weibiichen
haftet, das wir stets zu vergessen drohen? Oder konstituiert diese
Begehrens, das maskiert werden mußte und damit in einen Mangel
Vergessenheit gerade die Verdrängung im Inneren der weiblichen
verwandelt wurde, der nun irgendwie zum Vorschein kommen
Maskerade? Muß die Frau also eine vermeintliche Männlichkeit
muß? Oder folgt sie gerade daraus, daß dieser Mangel verleugner
einbüßen, um als Mangel zu erscheinen, der den Phallus bestätigt
wird, um den Anschein zu erzeugen, der Phallus zu sein? \flird die und damit der Phallus ist? Oder geht es um eine phallische Mög-
\Teiblichkeit durch die Maskerade als \Tiderspiegelung des Phallus
lichkeit, die negiertwerden muß, um jener bestätigende Mangel zu
konstruiert, um die bisexuellen Möglichkeiten zu verschleiern, die
sein ?

"bruchlose. Konstruktion einer heterosexuellen


andernfalls die
Lacan verdeutlicht seine Position durch die Erklärung, daß "die
\üeiblichkeit stören könnten? Oder verwandelt die Maskerade die
Funktion der Maske. . . jene Identifikationen beherrscht, in denen
Aggression und Angst vor Vergeltung in Verführung und Flirt, wie
die Verweigerungen des Anspruchs sich auflösen" (op, cit.,
Riviere nahelegt? Dient die Maskerade in erster Linie dazu, eine
S. r3z). Mit anderen \florten: die Maske gehört zur Einverlei-
vorgegebene \(eiblichkeit zu verbergen oder zu verdrängen, ist sie
bungsstrategie der Melancholie, zur Übernahme der Attribute des
also ein weibliches Begehren, das eine dem männlichen Subjekt
verlorenen Objekts/Anderen, wobei dieser Verlust auf eine Lie-
nicht untergeordnete Andersheit begründen könnre und das not-
besverweigerung zurückzuführen ist.1e Die Tatsache, daß die
wendige Scheitern der Männlichkeit offenbaren würde? Oder ist
Maske diese Verweigerungen sowohl 'beherrscht.. als auch 'auf-
sie gerade das Mittel, durch das die \(eiblichkeit allererst gesrifrer löst., verweis t darauf , daß die Aneignung des Anderen eine Stra-
8o 8r
tegie ist, dessen Verweigerungen ihrerseits zurückzuweisen, eine diese Schlußfoigerung als notwendiges Resultat eines heterosexu-
doppelte Negation, die die Struktur der Identität durch die melan- ellen, männlichen Beobachtungsstandpunkts verstehen, der die
cholische Absorption des Objekrs verdoppelt, das so im Grunde lesbische Sexualität als Zurückweisung der Sexualität per se auf-
zweimal verloren ist. faßt, weil die Sexualität von vornherein als heterosexuell gilt und es
Bezeichnenderweise verbindet Lacan die Diskussion der Mas- vielmehr der als heterosexuelles, männliches Vesen bestimmte Be-
kierung mit einer Betrachtung der weiblichen Homosexualität. Er obachter ist, der hier offenkundig zurückgewiesen wird. \(äre also
behauptet, die weibliche Homosexualitär, wie die Beobach- Lacans Darstellung nicht eher als Folge einer Verweigerung zu
"daß
rnngzeigt, sich an einer Enttäuschung orientiert, die den Abhang verstehen, die den Beobachter enttäuscht, dessen Enttäuschung
des Liebesanspruchs versrärkr<< (op.cit., S. r3r). Obgleich hiei aber, verleugnet und projiziert, zum wesentlichen Kennzeichen
bezeichnenderweise ausgelassen ist, wer und wps beobachtet der Frauen gemacht wird, die in \firklichkeit ihn zurückweisen?
wird, ist dieser Kommentar nach Meinung Lacans für jeden ein- Bezeichnenderweise gleitet Lacan über die pronominalen Posi-
deutig, der hinzusehen vermag. \flas man in der Beobachtung tionen hinweg, so daß nicht recht deutlich wird, wer hier wen
sieht, ist die fundamentale Enttäuschung der weiblichen Homose-- zurückweist. \fir als Leser/innen sollen den Text jedoch so verste-
xuellen, die an die Zurückweisung erinnerr, die durch die Maske- hen, daß diese gleichsam freischwebende Zurückweisung in be-
rade beherrscht/au{gelöst wird. Zudem kann man auch irgendwie zeichnender'Sü'eise mit der Maskierung verbunden ist. \7enn aber
jede Verweigerung letztendiich die Treue zu einer anderen, gegen-
"beobachten.., daß die weibliche Homosexuelle einer syjrkeren
Idealisierung unterliegt, einem Liebesanspruch, derr auf Kosten wärtigen oder vergangenen Bindung beinhaltet, ist jede Verweige-
des Begehrens verfolgt wird. rung zugleich auch ein Bewahren. Die Maske verschleiert also
Lacan serzt diesen Abschnitt über die einen Verlust, den sie dadurch zugleich bewahrt (und negiert).
"weibliche Homosexuali-
tät< mit der zum Teil bereits zirierten Bemerkung fort: ,Diese Demnach hat die Maske eine doppelte Funktion, die der doppel-
Bemerkungen bedürften eigentlich weiterer Nuaniierung durch ten Funktion der Melancholie entspricht. Denn man setzt sich die
einen Rekurs auf die Funktion der Maske, sofern diese jene Iden- Maske durch den Prozeß der Einverleibung auf, der ein'Weg ist,
tifikationen beherrscht, in denen die Verweigerungen des An- die melancholische Idendfizierung in und auf den Körper einzu-
spruchs sich auflösen.. \flenn die weibliche Homosexualität als schreiben und dann gleichsam dort zu tragen. Tatsächlich ist die
Folge einer Enttäuschung zu verstehen ist, ,lrsfs die Beobachtung Maskierung die Bezeichnung des Körpers nach dem Vorbild des
zeigt", dann muß diese Enttäuschung erscheinen und zwar deut-- zurückgewiesenen Anderen. Da sie durch die Aneignung be-
lich erscheinen, um beobachtbar z,t sein. Lacan setztvoraus, daß herrscht wird, scheitert jede Zurückweisung, und derldie Zrrück-
die weibliche Homosexualität, wie die Beobachtung angeblich weisende wird zumTeil des/der Zurückgewiesenen, d. h., er wird
zeigt, au1 einer enttäuschten Heterosexualität hervorgeht. Doch umgekehrt zur psychischen Zurückweisung des/der Zunickge-
stellt sich die Frage, ob es für den Beobachter nicht ebenso offen- wiesenen. Der Objektverlust ist niemals absolut, weil er innerhalb
sichtlich sein könnte, daß umgekehrt die Heterosexualität einer einer psychisch/körperlichen lJmgrenzung umverteilt wird, die
enttäuschten Homosexualität entspringr. Ist es wirklich die Maske sich ausdehnt, um den Verlust einzuschließen. Daher steht der
der weiblichen Homosexuellen, die zu obeobachten* isr? Und Prozeß der Geschlechter-Einverleibung (gender-incorporation) in
wenn ja: Durch welchen deutlich erkennbaren Ausdruck wird dem weiteren F{orizont der Melancholie,
diese
"Enttäuschung. und "Orientierung<< sowie die Verschie- In dem ryz.9veröffenrlichten Aufsatz.Womanliness as a Masqwe-
bung des Begehrens durch den (idealisierten) Liebesanspruch be- rade21 fihrt Joan Riviere den Begriff der \fleiblichkeit als Maske-
zeugt? Möglicherweise möchte Lacan nahelegen, daß dai, was für rade im Rahmen einer Theorie der Aggression und Konfiiktlösung
die Beobachtung deudich wird, der entsexualisierre Status der ein. Dem ersten Anschein nach ist ihre Theorie weit endernt von
Lesbierin bzw. die Einverleibung einer Verweigerung ist, die als Lacans Analyse der Maskerade als Komödie der sexuellen Positio-
Abwesenheit des Begehrens erscheint.20 Allerdings können wir nen. Riviere beginnt ihre Abhandlung mit einer respektvollen
8z 83
-V_

Rückschau auf Ernest Jones' Typologie der Entwicklung der auf eine Parallele zu ihrer eigenen Darstellung aufmerksam zu
weiblichen Sexualität in ihren hetero- und homosexuellen Ausprä- machen.
gungen. Allerdings konzentriert Riviere ihre Analyse auf die
Ferenczi wies darau{ hin. . . , daß die homosexuellen Männer ihre Hetero-
"Zwischentypen", die die Grenzen zwischen Heterosexuellen und sexualität als gegen ihre Homosexualität übertreiben. Ich werde
Homosexuellen verwischen und implizit die Beschreibungskraft "Abwehru
versuchen zt zeigen, daß Frauen, die sich die Männlichkeit wünschen,
von Jones' Klassifikationssysrem anfechten. In einer Bemerkung,
möglicherweise eine Maske der'Weiblichkeit aufsetzen, um die Angst und
die an Lacans oberflächliche Referenz an die
"Beobachtung. ge- die Vergeltung der Männer abzuwenden. (S. 3 5)
mahnt, greift Riviere ebenfalls auf die mundane \ilahrnehmung
oder Erfahrung zurück, um ihrer Konzentration auf die Es ist unklar, was mit dieser "übertriebenen" Form von Fleterose-
"Zwi-
"Im Alltagsleben trifft man
schentypen" Geltung zu verschaffen: xualität gemeint ist, die der homosexuelle Mann zur Schau stellen
häufig auf Männer- und Frauentypen, die, obgleich in ihrer Ent- soll. Möglicherweise ist hier einfach gemeint, daß schwule Männer
wicklung hauptsächlich heterosexuell, offensichtlich starke Züge nicht sehr anders als ihre heterosexuellen Gegenstücke aussehen.
des anderen Geschlechts aufweisen.. (S. 3 5) Das Offensichtlichste Das Fehlen eines offenkundig unterschiedlichen Stils oder Er-
sind hier freilich die Klassifikationen, die die \flahrnehmung dieser scheinungsbilds wird unter lJmständen als symptomatische ,'Ab-
Mischung von Attributen bedingen und strukturieren. Offen- wehr" diagnostiziert, bloß weil der homosexuelle Mann nicht der
sichtlich geht Rivieres Analyse von fesßtehenden Vorstellungen Idee des Homosexuellen entspricht, die der Analytiker den kultu-
aus, was es bedeutet, die Kennzeichen des eigenen Geschlechts zur rellen Stereorypen entnimmt und aufrechterhält. So könnte eine
Schau zu stellen, und wie es kommr, daß diese offensichtlichen Lacansche Analyse b.ehaupten, daß der homosexueile Mann durch
Merkmale als Ausdruck oder Reflex einer angeblichen sexuellen seine angebliche "Ubertreibung" jener Attribute (gleichgültig
Orientierung verstanden werden.22 Diese rVahrnehmung oder Be- welcher), die als Beweis für die Heterosexualität gelten, den Ver-
obachtung geht nicht nur von einer Vechselbeziehung zwischen such unternimmt, den Phallus zu ,haben., d. h., die Subjektposi-
diesen Kennzeichen, dem Begehren und den ,Orientierungen* tion einzunehmen, die ein aktives heterosexuell bestimmtes Be-
aus23, sondern schafft diese Einheit ersr durch den \Tahrneh- gehren erfordert. Ahnlich kann die ,,Maske* der ,Frau, die sich
mungsakt selbst. Die Einheit zwischen den Artributen der Ge- die Männlichkeit wünscht", als Verzicht der Frau gedeutet wer-
schlechtsidentität (gender attribwtes) und einer naturalisierten den, den Phallus zu ,rhaben.., um die Vergeltung jener abzuwen-
"Orientierung., die Riviere hier posruliert, scheint ein Beispiel für den, denen sie den Phallus durch Kastration entwendet haben
das zu sein, was rü(zittig die
"imaginäre Formation. des Sexus
müßte. Riviere erklärt die Angst vor Vergeltung aus der Phantasie
nennt. der Frau, den Platz der Männer, genauer gesagt: des Vaters, einzu-
Und dennoch stellt Riviere diese naturalisierten Typologien in nehmen. In dem Fall, den Riviere selbst untersucht und den
Frage, indem sie zu einer psychoanalytischen Darstellung aufruft, manche für autobiographisch halten, berifft diese Rivalität mit
die im demVater nicht das Begehren nach der Mutter-wie man erwarten
"Zusammenspiel der Konflikte" ausfindig macht, was die
Mischung der Attribute der Geschlechtsidentität bedeuter. Be- könnte -, sondern die Stellung des Vaters als Sprecher, Leser und
zeichnenderweise stellt Riviere diese Art von psychoanalytischer Schreiber innerhalb des öffentlichen Diskurses, d.h. als Verwen-
Theoriebildung in Gegensatz zu einer Konzeption, die das Vor- der der Zeichen im Gegensatz z:um.Zeichen- oder Tauschobjekt.
handensein sogenannter >männlicher. Attribute bei einer Frau auf Dieses kastrierende Begehren kann also als Begehren verstanden
eine oder grundlegende Tendenz" zurückführr. Anders werden, den Status der Frau-aIs-Zeichen aufzugeben, um in der
"radikale
formuliert: der Erwerb solcher Attribute und die Realisierung ei- Sprache als Subjekt zu erscheinen.
ner hetero- oder homosexuellen Orientierung gehen nach Riviere Nach Ansicht von fuviere beinhaltet die Analogie zwischen
aus Konfliktlösungen hervor, die auf die Unterdrückung der dem homosexuellen Mann und der maskierten Frau allerdings
Angst abzielen. Riviere zitiert in einem Abschnitt Ferenczi, um keine Analogie zwischen männlicher und weiblicher Homosexua-
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lität. Die \üeiblichkeit wird ja gerade von einer Frau übernommen, Allerdings gibt es keine Möglichkeit, diese Darstellung einer Spiel-
die "sich die Männlichkeit wünscht", aber zugleich wegen der art weiblicher Homosexualität, die gerade k,ein Begehren in bezug
Vergeltungsmaßnahmen fürchtet, das öffentliche Erscheinungs- auf Frauen ist, eindeutig zu lesen. Riviere möchte uns glauben
bild der Männlichkeit anzunehmen. Dagegen übernimmt der machen, daß diese merkwürdige typologische Abnormität nicht
männliche Homosexuelle vermudich die Männlichkeit, weil er auf eine verdrängte weibliche Homo- oder Hererosexualität
seine vermeintliche \Teiblichkeit zu verbergen versucht, wd zwar zurückgeführt werden kann: \(as verborgen wird, ist nicht die
nicht vor den Anderen, sondern vor sich selbst. \flährend also die Sexualität, sondern die rü(ut.
Frau bewußt eine Maskerade eingeht, um vor einem männlichen Eine mögliche Interpretation wäre, daß die maskierte Frau ,sich
Publikum, das sie kastrieren möchte, ihre Männlichkeit zu ver- die Männlichkeit wünscht.., um in den öffentlichen Diskurs mit
schleiern, übertreibt der homosexuelle Mann seine ,Heterosexua- Männern und zwar als Mann, d. h. als Teil eines männlichen ho-
lität" (soll das heißen: eine Männlichkeit, die ihm erlaubt, als moerotischen Austauschs, einzusteigen. Gerade weil der männ-
heterosexuell zu gelten?) unbewußt aus
"Abwehr., weil er sich liche homoerotische Austausch eine Kastration beinhaltet, fürch-
seine Homosexualität nicht eingestehen kann (oder würde sich tet die Frau die Vergeltungsmaßnahmen, die auch die ,'Abwehr"
vielleicht der Analytiker die Homosexualität nicht eingestehen, des homosexuellen Manns motivieren. Vielleicht ist die Veiblich-
wenn es sich um seine eigene handelt?). Anders formuliert: Der keit als Maskerade dazu bestimmt, von jener männlichen Homo-
homosexuelle Mann übt unbewußt Vergeltung an sich selbsr, da er sexualität abzulenken, die die erotische Voraussetzung des hege-
die Folgen der Kastration zugleich wünscht und fürchtet. Der monialen Diskurses darstellt und die Irigaray in einem \üüortspiel
männliche Homosexuelle ,,weiß.. aiso angeblich nicht um seine als
"Hommo-Sexualität" bezeichnet hat. Jedenfalls weist Riviere
Homosexualität, dafür wissen aber Ferenczi und Riviere schein- darauf hin, daß diese Frau die männliche Identifizierung nicht
bar darum. aufrechterhält, weil sie eine Position im sexuellen Austausch ein-
Ist Riviere aber auch die Homosexualität der maskierten Frau nehmen möchte, sondern eher um einer Rivalität nachzugehen,
bewußt, die sie beschreibt? 1üenn es um den Gegenpart der von ihr die kein Sexualobjekt hat - oder zumindest keins, das sie benennen
aufgestellten Analogie geht, erscheinr die Frau, die möchte.
"sich die
Männlichkeit wünscht.., nur insofern als homosexuell, als sie eine Rivieres Text bietet eine Möglichkeit, die Frage nach dem, was
männliche Identifizierung aufrechterhält, nicht aber wegen einer durch die Maskerade maskiert wird, neu zu betrachten. In einer
sexuellen Orientierung oder eines sexuellen Begehrens. Riviere Schlüsselpassage, die eine Abkehr von der bisherigen, durch Jo-
ruft hier erneut Jones' Typologie in Erinnerung, als sei diese nes' Klassifikationssystem begrenzten Analyse markiert, verweist
gleichsam ein phallisches Schild, und sie formuliert eine Riviere daratf, daß die mehr als nur das Kennzei-
"Ab- "Maskerade"
wehr.., die eine Gruppe von weiblichen Homosexuellen, den soge- chen eines "Zwischentyps" darstellt, nämlich daß sie für jede
nannten Typws der Maskerade, als a-sexuell kennzeichnen soll: "Ifleiblichkeit" zentral ist:
"Seine erste Gruppe von homosexuellen Frauen. . . hat kein Inter- Der Leser mag sich fragen, wie ich die Veiblichkeit definiere oder wo ich
esse an anderen Frauen, sondern wünscht sich die Anerkennung
die Trennungslinie zwischen echter Veibiichkeit und
ihrer Männlichkeit von Seiten der Männer, oder anders formuliert, "Maskerade" ziehe.
Doch meine These ist nicht, daß es solch eine Differenz überhaupt gibt; ob
sie wünschen, selbst Männer zu sein.. (S. lZ). Vie schon bei Lacan
radikai oder ober{lächlich, sind beide vielmehr dasselbe. (38)
wird die Lesbierin auch hier als a-sexuelle Position gekennzeich-
net, d. h. als eine Position, die die Sexualität verweigert. Vervoll- In seinem Aufs atzJoan Rhtiere and tbe Masqwerad.e greift Stephen
ständigt man die frühere Analogie mit Ferenczi, so hat es den Heath diese \(eigerung, eine der Mimikry und der Maskierung
Anschein, daß diese Beschreibung die
"Abwehr" gegen die weib- vorgängige \fleiblichkeit zu postulieren, wieder auf. Seiner An-
liche Homosexualitär als Sexwalität darsrellt, die dennoch wie die sicht nach ist sie ein Beweis dafür, daß gerade die >authentische
reflexive Struktur des Mannes. verstanden wird. Veiblichkeit solch eine Mimikry, eine Maskerade lst". Unter Be-
"homosexuellen
86 87
rufung auf das Postulat, daß die Libido männlich ist, schließt He- Objekt des Begehrens gibt, ohne das freilich der männlichen Iden-
ath, daß die Veiblichkeit eine Verleugnung dieser Libido bzw. das tifizierung, die Riviere ja anerkennt, die Bestätigung und das
wesentliche Zeichen fehlt. Rivieres Darstellung setzt das Primat
"Verhehlen einer fundamentalen Männlichkeit" ist.2a
Damit wird die \fleiblichkeit zu einer Maske, die eine männliche der Aggression gegenüber der Sexualität voraus' d.h. das Primat
Identifizierung beherrscht/auflöst, weil innerhalb der vorausge- des \flunsches, zu kastrieren und den Platz des männlichen Sub-
setzten heterosexuellen Matrix eine männiiche Identifizierung das jekts einzunehmen - ein \flunsch, der erklärtermaßen in einer
Begehren nach einem weiblichen Objekt: dem Phallus, erzeugen Rivalität wurzelt, die sich für Riviere indes in einer bloßen Ver-
würde. Daß die Veiblichkeit als Maske gerragen wird, verweist schiebung erschöpft. Möglicherweise ist es sinnvoli zu fragen,
also möglicherweise auf eine Zurückweisung der weiblichen Ho- welcher sexuellen Phantasie diese Aggression dient und welche
mosexualität und zugleich auf eine hyperbolische Einverleibung Sexualität sie autorisiert? Auch wenn die Aggression der Analy-
der weiblichen Anderen, die zurückgewiesen wird; eine merkwür- santin angeblich auf das Recht abzielt, die Stellung eines Sprach-
dige Form, diese Liebe innerhalb des Zirkels des melancholischen Verwenders einzunehmen, können wir die Frage aufwerfen, ob
Narzißmus, der aus der seelischen Einimpfung der Zwangshetero- diese Stellung in der Rede nicht durch eine Verwerfung des \fleib-
sexualität entsteht, zu bewahren und zu schützen, lichen vorbereitet wird, das ständig als Phallische-Andere wieder-
Man kann Riviere aber auch dahingehend lesen, daß sie Angst kehrt, die die Autorität des sprechenden Subjekts phantasmatisch
vor ihrem eigenen Phallizismus hat.25 Sie hat also Angst vor der bestätigt.
phallischen Identität, die sie in ihrer Lektüre und in ihrer Schrift - Somit müssen wir auch die Begriffe der Männlichkeit und der
der Schrift des Phallizismus, den diese Abhandlung selbst ver- \ileiblichkeit neu überdenken, die hier so konstruiert sind, daß sie
schleiert und zugleich zur Schau stellt - zu offenbaren droht. Es aus ungelösten homosexuellen Besetzungen entstehen. Die me-
könnte aber auch sein, daß es weniger ihre eigene männliche Iden- lancholische Zurückweisung/Beherrschung der Homosexualität
tität als vielmehr dessen Signatur: das männliche heterosexuelle findet ihren Höhepunkt in der Einverleibung des gleichge-
Begehren, ist, das sie zu verleugnen und gleichzeitig darzusrellen schlechtlichen Objektes des Begehrens (same-sexed obiect of de-
versucht, indem sie zu dem Objekt wird, das sie sich verbietet zu sire), rm erneut in der Konstruktion diskreter sexueller Naturen
lieben. Dieses Dilemma wird von einer Matrix hervorgebracht, die aufzutauchen, die ihren jeweiligen Gegensatz erfordern und durch
jedes Begehren nach Frauen ausschließlich solchen Subjekten zu- Ausschließung instituieren. Das Primat der Bisexualität oder die
schreibt, die - unabhängig von ihrem anatomischen Geschlecht Charakterisierung der Libido als männlich bieten aber noch keine
(sex)bzw. ihrer Geschlechtsidendtät (gender) -ihren Ursprung in Erklärung für die Konstruktion dieser verschiedenen ,Primate...
einer männlichen heterosexuellen Position haben. Die Einige psychoanalytische Darsteliungen würden den Standpunkt
"Libido- vertretan, daß die \fleiblichkeit auf der Ausschließung der Männ-
als-männlich" ist die Quelle, aus der angeblich jede mögliche Se-
xualität hervorgeht.26 lichkeit beruht, wobei die Männlichkeit als ein "Teil., eines bisexu-
An dieser Stelle muß die Typologie der Geschlechtsidentität ellen psychischen Kompositums verstanden wird. Demnach wird
und der Sexualität einer diskursiven Erklärung der kulturellen zunächst die Koexistenz des Binären vorausgesetzt, und dann tre-
Hervorbringung der Geschlechtsidentität weichen. Ifenn Rivieres ten die Verdrängung und die Ausschließung ein, um aus dieser
Analysantin gleichsam eine Homosexuelle ohne Homosexuaiität Binarität diskrete geschlechtlich differenzierte,'Identitäten', (gen-
ist, so vielleicht deshalb, weil ihr bereits diese Option verwehrt isr. dered "identitieso) ausznsondern, so daß die Identität immer
Die kulturelle Existenz dieses Verbots ist da, im Raum der Lek- schon der bisexuellen Anlage, die durch die Verdrängung in ihre
türe, indem es sie als Sprecherin und ihre größtenteils männliche Bestandteile zerlegt wird, inhärent ist' Einerseits tritt also die bi-
Zuhörerschaft determiniert und unterscheidet. Obgleich sie näre Beschränkung der Kultur als vorkulturelle Bisexualität auf,
fürchtet, daß ihr kastrierender tWunsch verstanden werden die bei ihrem Eintritt in die ,Kultur. in die vertraute Fleterosexua-
könnte, leugnet Riviere, daß es einen Streit um ein gemeinsames lität zerbricht. Andererseits zeigt die binäre Einschränkung der
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Y
Sexualität bereits von Anfang an, daß die Kultur keinesfalis späte- fizierung gerade deshalb scheitern muß, weil ihr Ideal ein Phan-
ren Datums als die Bisexualitär ist, die sie angeblich verdrängt. tasma ist. Jede psychoanalytische Theorie, die einen Entwick-
Vielmehr bildet die Kultur gerade die Matrix der Intelligibilität, lungsprozeß beschreibt, der von der Erfüllung einer gegebenen
mittels derer die primäre Bisexualität überhaupt denkbar ist. Die Vater-Sohn- oder Mutter-Tochter-Identifi zierung aus geht, ver-
als psychische Grundlage dargestellte und später angeblich ver- schmilzt fälschlicherweise das Symbolische mit dem Realen und
"Bisexualität" ist eine diskursive Produktion, die angeb-
drängte verfehlt den kritischen Punkt der Unvereinbarkeit, der den stets
lich jedem Diskurs vorangeht, der durch die zwanghafren und phantasmatischen Charakter der "Identifizierung"2e sowie des
generativen Ausschließungsverfahren der normativen Fleterose- Dramas, der Phallus zu ,rseino und den Phallus zu thaben.., ent-
xualität hervorgebracht wird. hüllt. Dennoch stellt sich die Frage, wodurch das Gebiet des
Der Diskurs von Lacan konzentriert sich um den Begriff der Phantasmatischen und die Regeln, die die Unvereinbarkeit des
"Spaltung", eine primäre oder grundlegende Trennung, die das Symbolischen mit dem Realen festlegen, bestimmt werden. Jeden-
Subjekt innerlich teilt und die Dualität der Geschlechrer srifrer falls reicht es nicht zu behaupten, daß dieses Drama nur für die
(duality of sexes). Doch warum diese ausschließliche Zentrierwg Menschen im westlichen Spätkapitalismus gilt und daß vielleicht
auf den Zerfall in die Zweiheit? In der Lacanschen Theorie er- in irgendeiner noch zu definierenden Epoche ein anderes symboli-
scheint die Teilung stets als Effeht des Gesetzes und nicht als sches Regime die Sprache der sexuellen Ontologie beherrschen
vorgegebene Bedingung, auf die das Geserz einwirkt. \üenn Jac- wird. \fird das Symbolische als stets phantasmatisch dargestellt,
queline Rose schreibt, udaß die Sexualität für beide Geschlechter so geht dieses ,stets. in ein über und bringt dabei
'unvermeidlich"
notwendigerweise an die Doppelheit (dwplicity) rührt, die ihre eine Definition der Sexualität hervor, die letztendlich einem kultu-
grundlegende Kluft unterminiertu2T, legr sie nahe, daß die durch rellen Stillstand Vorschub leistet.
Verdrängung bewirkte Teilung stets durch die List der Identitär Lacans Darstellung, der zufolge das Vordiskursive als Unmög-
unterminiert wird. Aber geht es hier nicht um eine vordiskursive lichkeit begriffen wird, birgt das Versprechen einer Kritik, die das
Doppelheit, die die eindeutige Pose jeder Position im Feld der Gesetz als zugleich prohibitiv und generativ auffaßt. Daß die Spra-
sexuellen Differenz unterläuft? Rose schreibt überzeugend: o\(/ie che der Physiologie oder der Anlagen hier nicht wieder in Erschei-
wir gesehen haben, gibt es für Lacan keine vordiskursive Realität nung tritt, ist sicher eine gute Neuigkeit; doch bleiben auch hier
('\flie könnten wir, außer mittels eines besonderen Diskurses, zu die binären Einschränkungen wirksam, die die Sexualität einrah-
einer vordiskursiven Realität zurückkehren?. SXX, p. 33), keinen men und formulieren und vorab die Formen ihres \Tiderstandes
Ort vor der Sprache, der zugänglich und einholbar wäre.o Als gegen das ,rReale., abstecken. Insofern die Ausschließung das Ge-
indirekten Einwand gegen lrigarays Bemühungen, für das weib- biet umgrenzt, das der Verdrängung unterliegi, geht sie der Ver-
liche Schreiben eine Stelle außerhalb derphallischen ökonomie zu drängung in der Abgrenzung des Gesetzes und der ihm unterwor-
markieren, setzt Rose hinzu: fenen Objekte voraus. Obgleich man argumentieren kann, daß für
"Und es gibt keine \üeiblichkeit au-
ßerhalb der Sprache."28 \(/enn das Verbot die Lacan die Verdrängung durch das prohibitive Gesetz des Vaters
"grundlegende Spal-
tung.. der Sexualität erzeugt, und wenn sich zeigt, daß diese überhaupt erst das Verdrängte schafft, erklärt dieses Argument
Spaltung gerade wegen des künstlichen Charakters ihrer Teilung nicht die durchgängige Sehnsucht nach der verlorenen Fülle der
doppelsinnig ist, dann muß es eine Teilung geben, die der Teilung jowissance't in seinem V'erk. Freilich könnten wir den Verlust gar
widerstebt, eine psychische Doppelheit oder inhärente Bisexuali- nicht als Verlust begreifen, wenn die Unwiederbringlichkeit die-
tät, die jeden Aufspaltungsversuch unterläuft. Diese psychische ser Lust nicht eine Vergangenheit charakterisieren würde, die
Doppelheit als Effekt des Gesetzes zu betrachten, ist Lacans er- durch das prohibitive Gesetz wie durch eine Barriere von der Ge-
klärte Absicht, aber zugleich der Iüiderstandspunkt in seiner genwart getrennt ist, Die Tatsache, daß wir diese Vergangenheit
Theorie. von der Position des fundierten Subjekts her nicht erkennen kön-
Zweifellos hat Rose recht, wenn sie behauptet, daß jede Identi- nen, heißt nicht, daß diese Vergangenheit nicht als f€lure", als
9o 9t
Diskontinuität und metonymisches Gleiten in der Rede des Sub- fen. \flenn das Symbolische garantiert, daß die von ihm gestellte
jekts wiederkehrt. Ebenso wie für Kant die wahrere, noumenale Aufgabe scheitern muß, sind seine Absichten möglicherweise -
Realität durchaus existierte, ist die vorrechtliche Vergangenheit wie die des AltenTestaments - überhaupt un-teleologisch, d. h. sie
der joaissance't zwar innerhalb der Sprache unerkennbar, was aber liegen nicht in der Erfüllung irgendeines Ziels, sondern im Gehor-
nicht bedeutet, daß sie keine Realität hat. Gerade die Unerreich- sam und im Leiden, um dem Subjekt das Gefühl der Einschrän-
barkeit der Vergangenheit, auf die das metonymische Gleiten in kung "ys1 dem Gesetz" einzuschärfen. Nadrlich hat dieses
der gegenwärtigen Rede verweist, bestätigt die ursprüngliche Fülle Drama auch eine komische Seite, die sich durch die Enthüllung
als eigentliche Realität. der permanenten Unmöglichkeit, die Idendtät zu verwirklichen,
Damit kommt eine weitere Frage auf: \üelche Plausibilität kön- offenbart. Aber selbst diese Komödie ist nur der umgekehrte Aus-
nen wir einer Erklärung des Symbolischen zubilligen, die eine druck einer sklavischen Abhängigkeit von Gott, die sie behauptet,
Konformität mit dem Gesetz fordert, die sich letztlich nicht nicht überwinden zu können.
realisieren läßt, und der Flexibilität des Gesetzes selbst, d. h. sei- Lacans Theorie muß demnach als eine Art ver-
"Sklavenmoral..
ner Reformulierung in plastischeren Formen, keinen Raum zuge- standen werden. Die Frage ist, wie seine Theorie zu reformulieren
steht. Die Anordnung, nur in den vom Symbolischen vorgeschrie- wäre, wenn man sich Nietzsches Einsicht in der Genealogie der
benen Bahnen zum sexuell bestimmten'Wesen zu werden (become Moralaneigneq der zrfolge Gott, das unerreichbare Symbolische,
sexed), führt immer zum Scheitern und entlarvt in einigen Fällen durch eine Macht (den \flillen zur Macht), die regelmäßig ihre
sogar die phantasmatische Natur der sexuellen Idendtät als sol- eigene Ohnmacht instituiert, erst unerreichbar gemacht wird?3o
cher. Der Anspruch des Symbolischen, die kulturelle Intelligibili- Die Figuration des väterlichen Gesetzes als unvermeidliche und
tät in ihrer gegenwärtigen und hegemonialen Form darzustellen, unerkennbare Autorität, vor der das sexuell bestimmte Subjekt
verfestigt ebenso die Macht dieser Phantasmen wie die verschiede- (sexed subject) notwendigerweise scheitert, muß sowohl im Hin-
nen Dramen des Scheiterns der Identifizierung. Auch wenn es blick auf den ihr zugrundeliegenden theologischen Impuls, als
keine Alternative ist zu fordern, daß die Identifizierungzu eiter auch im Hinblick auf eine Kritik der Theologie gelesen werden'
lebbaren Erfüllung werden soll, scheint es bei Lacan zugleich eine die sich jenseits dieser Darstellung anzeigt. Jedenfalls ist eine Kon-
Romantisierung oder sogar religiöse Idealisierung des "Schei- struktion des Gesetzes, die das Scheitern gararfüefi, symptoma-
terns<<, der Erniedrigung und Beschränkung vor dem Gesetz zu tisch für eine "Sklavenmorai.., die gerade jene generativen Kräfte,
geben, die seine Erzählung ideologisch suspekt macht: Die Dia- die sie für die Konstruktion des ,rGesetzes.. einsetzt, als perma-
lektik zwischen einem rechtlichen Imperativ, der nicht erfüllt nente Unmöglichkeit verleugnet. \felche Macht schafft aber diese
werden kann, und dem unvermeidlichen Scheitern ,rvor dem Ge- Fiktion, in der sich eine unvermeidliche Unterwerfung widerspie-
setz. erinnert an die qualvolle Beziehung zwischen dem Gott des gelt? \florin besteht der kulturelle Gewinn' die Macht in diesem
Alten Testaments und seinen erniedrigten Dienern, die ihm ohne Ztrkel der Selbswerleugnung zu halten? Und wie kann die Macht
Aussicht auf Belohnung ihren Gehorsam darbringen. Daß dieser aus der äußeren Aufmachung eines bloß prohibitiven Gesetzes,
religiöse Impuls in Gestalt des Liebesanspruchs, der als absoluter das ja selbst diese Macht in verschleierter, sich-selbst-unterworfe-
Anspruch (eine Art ekstatischer'lranszendenz, die die Sexualität ner Form lsr, gelöst und zurückgewonnen werden?
im ganzen verdrängt) gilt und sich vom Bedürfnis wie auch vom
Begehren unterscheidet, nun in die Sexualität einbegriffen ist, ver-
leiht dem Symbolischen als für die Subjekte unerreichbare, aber
3. Freud und die Melancholie der Geschlechtsidentität
alles bestimmende Gottheit nur noch mehr Glaubwürdigkeit.
Diese Struktur der religiösen Tragödie in Lacans Theorie unter- Obwohl Irigaray behauptet, daß sich die Struktur der'$üeiblichkeit
läuft praktisch jede Strategie der Kulturpolitik, die darauf abziek, und die Melancholie "überschneiden..31, und Kristeva sowohl in
ein alternatives Imaginäres für das Spiel des Begehrens zu entwer- Maternitd selon Giopanni Bellini als auch in Schwarze Sonne: De-
92 93
Struktur der Vulva als "zwei sich berührende Lippen" die nicht-einheit- systematische Totalität existiert. Im Kontext von Kafkas dem Ge-
"Vor
liche und autoerotische Lusr der Frauen darstellt, die der setz,, Iragt Derrida nach der problematischen Autorität eines solchen
'Trennung.
dieser Doppelheit durch den Lust-tötenden Akt der Penetration dis Gesetzes (siehe den Aufsatz the Law" tn Kafka and. tbe Con-
"Before
Penis vorausgeht. Siehe Luce lrlgaray, tetnp ordry) Critical Performance : C ente nary Read.ings, op. cit.). Der-
'\[enn unsere Lippen sich spre-
chenu, in Das Geschlecbt, das nicht eins ist, op. cit. $7ie Monique Plaza rida hebt besonders die radikale Unmöglichkeit hervor, diese Repres-
und Christine Delphy hat \fittig dargelegt, daß Irigarays Bewertuns sion durch die narrative Rekapitulation einer Zeit vor dem Gesetz zl
dieser anatomischen Besonderheit selbst eine unkritische Kopie des rechtfertigen. Bezeichnenderweise ist es ebenso unmöglich, dieses Ge-
reproduktiven Diskurses ist, der den weiblichen Körper markiert und setz durch den Rückgriff auf eine Zeit vor dem Gesetz zu kritisieren.
in künstliche
"Teile" wie "Vagina", "Klitoriso und
,Vuiva. zerlegt. Als z Siehe Natwre, Cwltwre and Gender, Hg.: Carol McCormack und Ma-
\Wittig bei einer Lesung im Vassar College gefragt wurde, ob sie eine rylin Strathern, New York r98o.
Vagina hätte, antwortete sie mit Nein. 3 Für eine breitere Diskussion dieser Fragen siehe Donna Ha:^avlay,
54 Ein überzeugendes Argument für diese Interpretation liefert Diana "Gender
for a Marxist Dictionnary: The Sexual Politics of a Vord", in
J.Fuss, Essentially Speahing, NewYork 1989. Simians, Cyborgs and. Wotnen: The Reinoention of Natwre, London,
ti W'enn wir Freddric Jamesons Unterscheidung zwischen Parodie und noch nicht erschienen.
Pastiche anwenden, müßten wir die schwulen Identitäten eher als 4 Gayle Rubin betrachtetdiesen Prozeß ausführlichin "TheTrafficin\(o-
Pastiche verstehen. \flährend die Parodie nach Jameson noch eine Sym- men: Notes on the ,Political Economy. of Sexu in Totoard. an Anthropol-
pathie mit dem Original bewahrt, dessen Kopie es ist, bestreitet das ogy of Wornen,Hg.: RaynaR. Reiter, NewYork r975. Virwerdenihren
Pastiche die Möglichkeit eines Aufsatz später in diesem Kapitel noch genauer diskutieren. Rubin ver-
"Originals" bzw. offenbart, was die Ge-
schlechtsidentität betrifft, das wendet den Beg riff der Brautals Gabe ausMarcelMaws' Essays über die
"Original" als einen verfehlten Versuch,
ein phantasmatisches Ideal zu kopieren, das nicht ohne Verfehlung ko- Gabe,umzrszeigen, wie die Frauen als Tauschob.jekte das soziale Band
piert werden kann. Vgl. Frederic Jameson, zwischen den Männern wirksam verstärken und definieren.
'Postmodernism and Con-
sumer Society.., in Tbe Anti-Aestbetic: Essays on Postrnodernism y Siehe Claude L6vi-Strauss, "Die Prinzipien der Verwandtschaftu, in
Cultwre, Hg.: Hal Foster, Port Townsend 1983. Die elementaren Straktwren der Verutandtscbaft,übers; E. Molden-
hauer, Frankfurt a. M. r98r, S. $9ft.
6 Siehe Jacques Derrida, "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im
Zuteites Kapitel Diskurs der \üissenschaften vom Menschen", in Die Scbrift wnd die
Differenz, Frankfurt a. M. ry72; "Linguistik und Grammatologie", in
r \fährend des Semesters, in dem ich dieses Kapitel schrieb, habe ich ein Grammato lo gie, Frankfurt a. M. 19 8 3 ;
"Die diff
lrance in Ran d gänge
",
Seminar über Kafkas Erzählung In der Strafholonie gehahen, die ein der Philosophie, Frankfurt a.M.,Berlin ry76.
Folterinstrument beschreibt, das eine interessanre Analogie zum ge- 7 Vgl. L6vi-Strauss, op. cit., S. 64r : "Denn der Tausch - und infolgedes-
genwärtigen Feid der Macht und besonders der maskulinen Macht sen die Exogamieregel, die ihn zum Ausdruck bringt - hat einen
bereitstellt. Bezeichnenderweise gerät die Erzählung bei ihrem Ver- sozialen'Wert in sich selbst: er liefert die Mittel, die Menschen mitein-
such, die Geschichte zu erzählen, die dieses Instrument als lebendigen ander zw verbinden. . .
"
Teil der Tradition bewahren würde, wiederholt ins Stocken. Die Ur- 8 Luce Irigaray, Speculum, Frankfurt a. M. r98o, S. rz4.
sprünge können nicht eingehölt werden, und die Karte, die den \(eg zu 9 Man könnte die literarische Analyse von Eve Sedgwick in Between
ihnen weisen könnte, ist mit der Zeit unlesbar geworden, Die mög- Men: Englisb Literatwre and Homosocial Desire (New York r98y) im
lichen Zuhörer, denen man sie erklären könnte, sprechen nicht mehr Lichte von Ldvi-Strauss' Beschreibung der Strukturen der'\ü'echselsei-
dieselbe Sprache und können auf keine Übersetzung zurückgreifen. tigkeit in den Verwandtschaftsbeziehungen betrachten. Sedgwick legt
Auch kann man sich die Maschine selbst nicht vollständig vorstellen; dar, daß die schmeichelhafte Au{merksamkeit, die den Frauen in der
ihre Teile bilden kein vorstellbares Ganzes, so daß der Leser gezwun- romantischen Dichtung gezollt wird, sowohl eine Ablenkung als auch
gen ist, sie sich in einem Zustand der Fragmentierung vorzuslellen, eine Ausarbeitung des männlichen homosozialen Begehrens ist. Die
ohne auf einen idealen Begriff der Integrität zurückzugreifen. So er- Frauen sind "Tauschobjekte" in dem Sinne, daß sie als explizites, vor-
scheint die Erzählung als eine literarische Inszenierung von Foucaults gebliches Objekt des Diskurses die Beziehung uneingestandenen Be-
These, daß die so diffus geworden ist, daß sie nicht länger als gehrens zwischen den Männern vermitteln.
"Macht"
zz6
T
ro Luce Irigaray, Sexes etparentds,Parts ry87. sich mit dem Inzesttabu verbindet, das die sexuellen Positionen und
rr L6vi-Strauss, op. cit., S. 6y6. L6vi-Strauss versäumt es eindeutig, den Geschlechtsidentitäten begründer, indem es bestimmte uneingestan-
Inzest als Fantasie und zwgleich als gesellschaftliche Praxis zu analysie- dene Verluste instituiert.
ren, denn beides schließt sich keineswegs aus. zo Bezeichnenderweise steht in Lacans Text die Diskussion des Lesben-
rz Ebd. tums unmittelbar neben seiner Darstellung der Frigidität, so als ob
13 Der Phallus sein heißt, den Phallus als Ort, an den er eindringt, zu metonymisch suggeriert werden wollte, daß das Lesbentum eine Ver-
'verkörpernu, aber auch für das Versprechen der Rückkehr zu einer
leugnung der Sexualität darstellt. Von daher kann man in einer weiteren
vorindividuellen j o wissance einzustehen, die die undiffer enziere Bezie- Lektüre der Virkung dieser Verleugnung nachgehen.
hung zur Mutter kennzeichnet, zr Joan Riviere, "\(omanliness as a Masqueradeu, in Fonnations of Fan-
14 Ich habe Lacans Aneignung der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik tasy,Hg.; Victor Burgin, James Donald, Cora Kapian, London 1986.
das Kapitel
"Lacan: The Opaciry of Desire" in meinemBuch Subjeas of
Der Artikel erschien erstmalig in Tbe International Journal of Psycho-
Desire: Hegelian Reflections in Twentieth-century France gewidmet analysis,Bd. rc, ry29. Dieser Aufsatzwird im folgenden mit Seitenan-
(New York 1987). gabe im Text zitiert. Verwiesen sei auf den interessanten Essay von
r 5 Nach Freud verlangt das Erreichen der Veiblichkeit eine doppelte Ver- Stephen Heath, Riviere and the Masqueradeu.
"Joan
drängung: Das
"Mädchenu muß nicht nur ihre libidinöse Bindung von
zz Für eine aktuelle Zurückweisung solcher "offensichtlicher" Schlußfol-
der Mutter auf den Vater verschieben, sondern auch ihr Begehren nach gerungen siehe Esther Newton und Shirley'S?alton, ,,The Misunder-
dem Vater auf ein akzeptableres Objekt verlagern. Eine Darstellung, standing: Toward a more precise sexual vocabuiaryr., in Pleaswre and.
die Lacans Theorie einen eher mythischen Anklang verleiht, liefert Danger, op. cit., S. 242-2jo. Newton und Walton unterscheiden zwi
Sarah Kofmans, L'Enigme de la femme: La femme dans les textes de schen erotischen Identitäten, erotischen Rollen und erotischen Akten
Frewd,Paris ry8o. und zeigen, daß zwischen den Stilen des Begehrens und den Stilen der
16 Jacques Lacan, Geschlechtsidentität Diskontinuitäten existieren, so daß sich die eroti-
"Die Bedeutung des Phallus", inSchriften 11, Freiburg
i. B. r97y, S. r3o. schen Präferenzen nicht unmittelbar aus der Präsentation einer eroti-
r7 Luce Irigaruy, Das Geschlecht, das nicht eins rir, Berlin 1979,5. 49. schen Identität in gesellschaftlichen Zusammenhängen erschließen las-
r 8 Die feministische Literatur über die Maskerade ist weitreichend. Unser sen. Obgleich ich ihre Analyse nützlich (und mutig) finde, {rage ich
Versuch hier beschränkt sich auf eine Analyse der Maskerade imVerhält- mich, ob diese Kategorien nicht selbst spezifisch für bestimmte diskur-
nis zu der Problematik des Ausdrucks und der Performanz. Anders sive Kontextesind undob dieseArtvon FragmentierungderSexualitätin
formuliert: unsere Frage lautet, ob die Maskerade eine als genuin oder zusammengesetzte
',Teile"
nicht nur ais Gegenstrategie sinnvoll ist, um
authentisch zu verstehende\Teiblichkeitverschleiert oder ob die Maske- die reduzierende Vereinheitlichung dieser Termini zurückzuweisen.
rade das Mittel darstellt, durch das die Veiblichkeit und die Kämpfe um z3 Bell Hooks hat in Feminist Theory: From Margin to Center (Boston
ihre 1984) den Begriff der sexuellen oOrientierung.. tiefgreifend in Frage
"Authentizilil" produziert werden. Für eine breitere Diskussion
der feministischen Aneignung der Maskerade siehe Mary Ann Doane, gestellt. Ihrer Ansicht nach handelt es sich um eine Verdinglichung, die
Tbe Desire to Desire: The Woman's Film of the r94o's, Bloomington fälschlich eine Offenheit für alle Mitglieder des Geschlechts, das als
1987;
"Film and Masquerade: Theorizing the Female Spectator., in Objekt des Begehrens bestimmt ist, signalisiert. Obgleich Hooks also
Screen,Band 23, Nr. 3-4, September, Oktober 1982, S. 74-87; den Begriff verwirft, weil er die Autonomie der Person in Frage stellt,
"'$/o-
man's Stake: Filming the Female Body", in October,Band ry, Sommer möchte ich hervorheben, daß die "Orientierungen.. nur seiten, wenn
r98 r. Gayatri Spivak bietet eine provokante Lektüre der Frau-als-Mas- überhaupt, fixiert sind. Offensichtlich können sie sich mit der Zeit
kerade, die sich auf Nietzsche und Derrida bezieht: vgl. verschieben und sind für kulturelle Reformulierungen offen, die kei-
'Displacement
and the Discourse of Woman., in Dispkcernent: Detida and After, nesfalls eindeutig sind.
. Hg.: Mark Krupnick, Bloomington 1983. Siehe auch Mary Russo, uFe- z4 Heath, "Joan Riviere and the Masquerade", S. 4y-6r.
male Grotesques: Carnival and Theory", Arbeitspapier, Center for zy Stephen Heath weist darauf hin, daß die Situation, der sich Riviere in
Twentieth Century Studies, Universiry of \Wisconsin-Milwaukee r98 . 5
ihrem Kampf um Anerkennung durch das psychoanalytische Esta-
19 Im folgenden Abschnitt blishment gegenübersah, starke Parallelen mit der Analysandin, die sie
"Freud und die Melancholie der Geschlechts-
identität" versuche ich, die zentrale Bedeutung der Melancholie als in ihrem Ardkel beschreibt, aufweist, wenn sie nicht sogar letztlich
Konsequenz eines uneingestandenen Trauerschmerzes auszulegen, der identisch sind.

zz8 229
z6 Jacqueline Rose, in Feminine Sexuality, op. cit., S. 8 5. die tragische Struktur des menschlichen Handelns zum Ausdruck brin-
z7 Ebd., "Introduction II", S. 44. gen, und den postmodernen Versuch verurteilt, die zeitgenössische
z8 Ebd., S. yy. F ag-entietung der Psyche eher zu affirmierenals zu erieiden. Für eine
29 Rose kritisiert das 'fferk von Moustapha Safouan besonders, weil er es weiiere Diskusiion der Rolle der Melancholie in selon Bel-
"Maternitd
verfehlt, die Inkommensurabilität des Symbolischen und des Realen zu lini" in Polylogwe, Parls ry77; siehe Kapitel 3, Abschnirt t, 'Die
begreifen; siehe La sexualitd f4rninine dans la doctrine frewdienne,Paris Körperpolitik oon Jwlia Kristerta" .
ry76. Ich danke Elizabeth \fleed, die den anti-entwicklungsgeschicht- 3 3
Siehe Freud,'Das Ich und das Über-Ich (Ich -ldeal)" in Das I ch wnd das
lichen Impetus bei Lacan mit mir diskutiert hat. Es, Studienausgabe Band 3, Frank{urt a. M. 1982, für Freuds Diskus-
3o Siehe Friedrich Nietzsches Anaiyse der Sklaven Moral in der "Ersten sion von Trauei und Melancholie in ihrer Beziehung zum Ich und der
Abhandlung". Nietzsche legt hier wie in anderen Schriften dar, daß die Charakterbildung ebenso wie für seine Diskussion alternativer Lösun-
Schöpfung Gottes ein selbst-herabsetzender Akt des ti(illens zur Macht gen des Ödipuskonfliktes. Ich danke Paul Schwaber für den Hinweis
ist und daß es möglich ist, den lVillen zur Macht aus diesem Konstrukt iuf dieses Kapitel. Die Zttate aus 'Trauer und Melancholieu stammen
der Selbst-Unterwerfung wieder zu lösen, indem man gerade jene ebenfalls aus Freud, Studienausgabe Band 3, Frankfurt a.M. t98z'
schöpferischen Kräfte, die den Gotresgedanken und - paradoxer- 34 Eine interessante Diskussion der "Identifizierung" liefert Richard
weise - den Gedanken der menschlichen Ohnmacht produziert haben, Vollheim in 'Identification and Imagination: The Inner Structure of a
reindiziert. Foucaults Überuachen und Stafen beruht eindeutig auf Psychic Mechanism., rn Freud: A Collection of Critical Essays, Hg':
der Genealogie der Moral, besonders ar| der Abhandlung", R. \üflollheim, Garden City 1974, S. t72-t9t '
"Zweiten
und auf Nietzsches Morgenröte. Auch Foucaults Unterscheidungzwi- 3 y Eine Ausnahme von dieser Verschmelzung von Trauer und Melancholie
schen produktiver und juridischer Macht geht eindeutig auf Nietzsches ist das Werk von Nicholas Abraham und Maria Torok. Siehe unten
Analyse der Selbst-Unterwerfung des Villens zurück. Oder mit den Anm.39.
'üorten Foucaults: die Konstruktion des juridischen Gesetzes ist ein 3 6 Eine piychoanalytische Theorie' die für eine Unterscheidung zwischen
E{fekt der produktiven Macht, in dem die produktive Macht jedoch dem Über-Ich als Strafmechanismus und dem Ich-Ideal (als Idealisie-
ihre eigene Verschleierung und Unterordnung instituiert. Foucaults rung, die einem narzißtischen $Tunsch dient) argumentiert - eine Un-
Kritik an Lacan (Sexualität und V'/ahrheit, Band r, Übers.: U. Raulf t.rrih.idnng, die Freud in Das Icb und dds Es eindeutig nicht trifft -,
und rü(/. Seitter, Frankfurt a. M., S. ror) und der Repressions-Hypo- bietet Janine Chasse guet-Sm ir gell, L' id.ö al du m oi. Allet dings bedient
these im allgemeinen bezieht sich auf den überdeterminierten Status des sich dir Text eines naiven Enrwicklungsmodells der Sexualität, das die
juridischen Gesetzes. Homosexualität degradiert, und polemisiert gegen Lacan und den Fe-
3t lrigaray, Speculum, S. 8z-9r. minismus,
3z Vgl. Julia Kristeva, Soleil Noir: Döpression et mdlancolie,Paris ry87. 37 Vgl. FoucauIr, S exualität und Wahrh e it, op' cit., S' ro r.
Kristevas Lektüre der Melancholie basiert teilweise auf den Schriften 38 Roy Schafer, A New Langwage for Psycho-Analysis,Nesr Haven ry76,
von Melanie Klein. Die Meiancholie ist der Impuls des Muttermordes, S. 16z. Interessant sind auch Schafers frühe Unterscheidungen zwi-
der sich gegen das weibliche Subjekt wendet und daher mit dem Pro- schen verschiedenen Aften von Verinnerlichungen: Introjektion, Ein-
blem des Masochismus verbunden ist. Scheinbar akzeptiert Kristeva in verleibung und Identifizierung; in Aspects of Internalization' New
diesem Text den Begriff einer primären Aggression und unterscheidet York 1968. Für eine psychoanalytische Geschichte der Begrifle Verin-
die Geschlechter je nach dem primären Objekt der Aggression und der nerlicbung und I dentifizierungsiehe lW. \W. Meisner, Internalization in
Art und \Weise, in der sie es ablehnen, den Mord zu begehen, den sie sich P sych oanaly sis, New York I 968.
im tiefsten Innern wünschen. Daher versteht Kristeva die männliche 39 Diese Diskussion von Abraham und Torok beruht auf "DeuiI ou m6-
Position als nach außen gerichteten Sadismus, während die weibliche lancolie, introjecter-incoporer, rialit6 m6tapsychologique et fan-
Position ein nach innen gerichteter Masochismus ist. Für Kristeva ist tasme.., in L'Ecorce et le noyaa, Paris 1987. Siehe auch von denseiben
die Melancholie eine
"wollüstige Traurigkeit", die an die sublimierte Autoren 'Notes on the Phantom: A Complement to Freud's Metapsy-
Produktion von Kunst gebunden scheint. Die höchste Form dieser chology., in The Trial(s) of Psychoanalysis, Hg.: Frangoise Meltzer,
Sublimierung scheint sich auf das Leiden zt zentrieren, das ihr Ur- Chicago 1987, S. 7 5 -8o; und'A Poetics of Psychoanalysis:'The Lost
sprung ist. Infoigedessen beendet Kristeva ihr Buch abrupt und ein Object-Me.", in Swbstance, Band 43, 1984, S. 3-r8.
wenig polemisch, indem sie die großen Werke der Moderne preist, die 4o lrigaray, Specwlwm, op. cit., S. 84.

230 2J\
4r Siehe Schafer, A Neut Langwage for Psychoanalysis, op. cir., S. t77. In flections on Feminism and Cross-Cultural Understanding", in Slgzsr
diesem und in seinem früheren Ylerk Aspects of Intemalization stelk Journal of Women in Cwlture and, Society, Band 5, Nr. 3, r98o.
Schafer klar, daß die Tropen der verinnerlichten Räume keine Prozesse, 48 Sigmund Fr etd, Drei Abhandlwngen zur Sexuabbeorie, in Studienaus-
sondern phantasmatische Konstruktionen sind. Diese Auffassung gabe Band 5, Frankfurt a.M. ry82.
überschneidet sich eindeutig in interessanter \Weise mit der These von 49 In The Logics of Disintegrdtion: Post-Structwralist Thowght and the
N. Abraham und M. Torok: "I,'incorporation n'est qu'un fantasme qui Claims of Critical Tbeory weist Peter Dews darauf hin, daß Lacans
rassure le moi." (L'Ecorce et le noyau, op. cit., S. 268) Aneignung des Symbolischen von L6vi-Strauss dieses Konzept be-
4z Dies ist offenbar die theoretische Grundlage von Monique Vittigs trächilich verengt: oln Lacans Übernahme von Ldvi-Strauss, die die
Buch Le corps lesbien (dt.. Aus deinen zebntawsend Aagen Sappho), das vielfältigen ,symboiischen Systeme. des letzteren in eine einzige sym-
nahelegt, daß der heterosexualisierte weibliche Körper aufgesplittert bolische Ordnung verwandelt, bleibt die Mißachtung der Möglichkei-
und sexuell unempfänglich gemacht wird. Der Prozeß der Zerstücke- ten von Systemen, die Bedeutungen fördern oder Gewalwerhältnisse
fung (d.ismernbering) und \(iederzusammensetzung (rernembering) verschleiern," (S, roy)
dieses Körpers im lesbischen Liebesakt setzt die
"Umkehrung" in
Szene, die den angeblich integralen Körper als vollständig desintegriert
und enterotisiert offenbart und den Drittes Kapitel
'literal.. desintegrierten Körper als
auf der gesamten Ober{läche des Körpers zur sexuellen Lust imstande
darstellt. Bezeichnenderweise gibt es keine festen Oberflächen auf die- r Dieser Abschnitt,
"Die Körperpolitik
von Julia Kristevau, wurde ur-
sen Körpern, denn nach lVittig legt das politische Prinzip der Zwangs- sprünglich in der Sonderausgabe zur französischen feministischen Phi-
heterosexualität fest, was als ein ganzer, vollständiger und anatomisch losophie von Hypathia veröffentlicht, Band 3, Nr. 3, \üüinter 1989,
diskreter Körper zählt. Vittigs Narration (die zugleich eine Anti-Nar- S. ro4-rr8.
ration ist) stellt diese kulturell konstruiertenVorstellungen der Körper- z Julia Kristeva , Die Reoolution der poetischen Sprache, Übers.: R. Ver-
lntegrität in Frage. ner, Frankfurt a. M. 1978, S. r38.
43 Diese Vorstellung, daß die Oberfläche des Körpers projiziert ist, geht 3 Ebd., S.36.
teilweise auf Freuds eigenes Konzept des 4 Siehe 24pu rouxfi: Rechercbes Poilr ttne Sdmanalyse, Paris ry69.
"körperlichen Ichu zurück.
Freuds These, daß udas Ich (...) vor allem ein körperliches" ist, weist 5 Ebd., übersetzt nach Butler.
darauf hin, daß die Ich-Enrwicklung durch ein Konzept des Körpers 6 Ebd., übersetzt nach Butler.
bestimmt wird. Freud fährt fort: "Es ist nicht nur ein Oberflächenwe- 7 Ebd., übersetzt nach Butler.
sen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche." Eine interessante 8 Ebd., übersetzt nach Butler.
Diskussion von Freuds These bietet Richard \üollheim, ,'The bodily 9 Julia Kristeva , ,Maternitö selon Giooanni Bellinio, in Polylogue, Parts
ego", in Pbilosopbical Essays on Freud,,Hg.: fuchard \tr(ollheim, James ry77,5.4tt.
Hopkins, Cambridge 1982. Für eine provokative Darstellung des ro Ebd.
,Haut-ego., die jedoch leider nicht die Implikationen für den sexuell rr Ebd., S.4rz. Eine äußerst interessante Analyse der reproduktiven
bestimmten Körper darsteilt, siehe Didier Anzieu, Le rnoi-peaw,Paris Metaphern als Beschreibung des Prozesses poetischer Kreativität bie-
r98t. tet rifendy Owen, ,'A Riddle in Nine Syllables: Female Creativity, in
44 Vgl. Anm.4. the Poetry of Sylvia Plath", Doktoraldissertation, Yale Universiry
45 Vgl. Gayle Rubin, ,'Thinking Sex: Notes for a Radical Theory of the r98 t.
Politics of Sexualiryu, in Pleasure and Danger, op.cit., S.267-319. rz Ebd., S.4ro.
Rubins Darstellung von Macht und Sexualität auf der Konferenz über 13 Ebd., S.4rr.
Simone de Beauvots Das and,ere Gescblechtvonry79hat einewichtige 14 Gayle Rubin, ,'The Traffic in\(omen", op. cit., S. r8z.
Verschiebung in meinem Denken über den konstruierten Status der r y Siehe Platon , Symposion zo9 a, der den "Zeugungstrieb in der Seele.. als
lesbischen Sexualität hervorgerufen. spezifisches Vermögen der Dichter beschreibt und damit die poetischen
46 Siehe (oder lieber siehe nicht) Incest: A Biosocial View,Hg;loseph Schöpfungen als sublimiertes reproduktives Begehren begreift (Sämt-
Sheper, London r985, eine deterministische Darstellung des Inzestes. liche Dialoge, Band 3, Hamburg I988).
47 Vgl. Michele Z. Rosaldo, ,'The Use and Abuse of Anthropology: Re- r6 Foucault, Sexualitätund..Wahrheit, op.cit., S. r84.

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