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Vom Sachsen, der auszog, das Fürchten
zu lehren
Händel, Georg Friedrich (1685-17 59)

Nur die aller-, allerwenigsten Händelforscher zeigen sich angemessen über die
'l'atsache informiert, daß Georg F. bzw. George Frederic in erster Linie weniger als
Tonkünstler fungierte denn als Geheimagent im Auftrag Augusts II. von Sachsen,
nuch der Starke genamt. Die Musikwissenschaft leugnet seine Spionagetätigkeit
clurchaus nicht - sie nimmt sie nicht zur Kenntnis, was viel schwerer wiegt. Wenn
heispielsweise unser Finanzminister die Erhebung einer neuen Steuer noch vor
Bekanntwerdung der bloßen Möglichkeit einer solchen Steuer vehement demen-
tiert (man bedenke dabei, daß >dementia< Schwachsinn bedeutet), so weiß augen-
blicklich jeder Bundesbürger, daß ab dem nächsten Monat eine Abgabe mehr fäl-
lig ist. Würde gar nicht darüber geredet, könnte man zahlen, ohne es zu merken,
was zwar infam wäre, aber nervenschonend. So auch bei H2indel. Der Glorien-
schein des sächsischen Engländers strahlt über ganz Europa, und man würde bloß
unnötig ganz Europa verärgem, wenn man nachträglich-nachtragend seine (fär
Europa) unrühmliche, dreiste Spionagevergangenheit ausbuddelte. Da jedoch
andererseits nichts dagegen spricht, ganz Europa zu verärgern, alldieweil Europa
scheinbar nichts anderes zu tun hat, als uns zlr ärgern, soll im weiteren Verlauf
keine falsche Rücksicht mehr genommen werden.
Zwei Argumente vor allen anderen sind es, die den im ersten Moment gewagt
erscheinenden Vorwurf der geheimdienstlichen Tätigkeit Händels nicht nur unter-
mauern, sondem betonieren. Zum einen ist uns über eine diesbezügliche Abspra-
che zwischen August und Georg offiziell nicht das geringste bekannt. Wäre Hän-
del kein (zu allem) fähiger Geheimagent gewesen, hätte die Sache ans Licht kom-
men müssen, und wir wüßten jetzt davon. Händel und August machten sich hier-
bei den Umstand zunlutze, daß beide in völlig verschiedenen Sachsens wohnten,
denn es gab damals eine Menge davon. So fiel natürlich kein Verdacht auf die
z.wei, zumal sie sich auch nie so richtig trafen. Musiker standen zur damaligen
Zeit viel unmittelbarer und in des Wortes wahrster Bedeutung in diplomatischen
Diensten ihrer Brötchengeber; sie stellten nicht nur Botschafter der Musik dar,
sondem haften außerordentlich redefreudig und -gewandt zu sein. Man traute
ihnen zu, daß sie stets den richtigen Ton trafen, Takt zeigten und in jeder Situati-
on die angemessenen Akkorde anschlugen. Daß Künstler, bedingt durch ihre
angeborene Arroganz und Eitelkeit, oft Gelegenheit und Hang zur Spionage
haben, ist erwiesen (man denke allein an die Unmengen von Mitgliedern des Bol-
schoi-Theaters und -Balletts, die das Sowjetreich so schändlich verrieten, daß es
sich erst viel später, unter Jelzin, langsam von der Demokratie erholen konnte).
Einige konkrete Namen wurden im Laufe der Geschichte bekannt, wie etwa der
der Martha Haarig, die während ihres berühmten Eiertanzes einen falschen Schritt
tat und sich nicht nur politisch den Hals brach. So ungeschickt zeigte sich Freund
Händel mitnichten. Er und August waren fast gleichaltrig und, wichtiger noch,
gleich groß und bärenstark. Beide waren Sachsen, und so etwas verbindet trotz der
gleichen Sprache ungeheuer. Die Sprache übrigens stellte - abgesehen von Hän-
dels Grobheit, Dreistigkeit, Derbheit und anderen diplomatischen Qualitäten -
einen Hauptfaktor dar, den eigentlichen Grund dafür, daß Augusts Wahl auf ihn
fiel. Hätte nämlich tatsächlich irgend jemand Wind von der geheimen Staatsaffä-
re und den zersetzenden Umtrieben bekommen, wäre nicht einmal im äußersten
Notfall versucht worden, Georg F. unter der Folter zum Sprechen zu bringen -
eher endgültig zum Schweigen, galt doch seine Sprache bereits als eine Tortur für
die europäische Menschheit.
Der zweite unwiderlegbare Hinweis auf Händels subversivd Tätigkeit in Eng-
land und anderswo liegt in der fehlenden Existenz eines Motivs für eben diese
Tätigkeit. Das erscheint zunächst himrissig und erweist sich erst bei näherem Hin-
sehen als komplett idiotisch - womit wir am Ziel der Beweisführung angelangt
wären. Was einen guten Agententhriller von einem simplen Kriminalmachwerk
unterscheidet, ist schließlich, wie wir alle wissen, das Fehlen von Sinn und Ver-
stand, von Beweggründen, Freunden oder Feinden, Gut und Böse, Absicht,Zweck
wd Ziel. Hauptsache, alles bleibt geheim. Niemand weiß hinterher, wer gewon-
nen hat, auch der Agent nicht, welcher zum Schluß gar in Feindesland beerdigt
wird und dort noch ein Denkmal verpaßt bekommt, für treue Dienste an wem-
auch-immer. H2indels Fall schlägt in dieser Beziehung alles vor ihm und nach ihm
Dagewesene. Er gilt als der englischste aller Engländer, zumindest der Komponi-
sten unter ihnen.
Das mit dem fehlenden Motiv kann man jedoch so nicht im sächsischen
Sprachraum stehenlassen. Es gab nämlich durchaus eines für die beiden Fast-
Landsleute, den Georg aus Sachsen-Anhalt (welches zwischenzeitlich sogar ein
paar Jahre zu Brandenburg gehörte) und den August aus Kursachsen. Zwei solch
starke, urgewaltige Persönlichkeiten mußte es naturgemäß schmerzen, daß ihr
bzw. ihre Sachsenländer und ein halbes Dutzend weitere a) nicht miteinander ver-
einigt waren und b) trotz der sprichwörtlichen Genialität der Bewohner absolut
keine Anstalten machten, das sächsische Weltreich zu bilden, welches ihnen
zukam. Mit nostalgischer Sehnsucht gedachten August und Georg jener glorrei-
chen Zeit, des frühen Mittelalters, als Sachsen und Angeln und ein paar Jüten die
Kelten verhauen und Großbritannien zu dem gemacht hatten, was es nun nicht
mehr war. Die modernenAngelsachsen verdienten die zweite Hälfte ihres Namens

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nicht mehr. Ihre gemeinsame Sprache hatten sie völlig verhunzt; daran waren
zweifellos die Angeln, insbesondere die vielen Fußangeln schuld mit ihren Laut-
verschiebungen. August kriegte das mit der Geschichte und der englischen Spra-
che nicht hundertprozentig auf einen Nenner, aber er wußte, daß, wenn man schon
die Brieder in der Diaspora nicht mehr retten konnte, zumindest die Sachseninsel
nus den verdammten Angeln gehoben werden sollte. Das war denn auch Augusts
eigentlicher Plan, wenn man von einem direkten Plan sprechen will. Konkrete
Vlrstellungen besaß er nämlich keine. Georch Wriedrisch war sein Mann fürs
Grobe, der konnte die Angeln aufmischen, daß es nur so rauchte, und zwar in jeder
Beziehung: mit Brachialgewalt, mit der Überzeugungskraft seiner geftirchteten
slichsischen Zunge,ja sogar mit Musik, wenn es gar nicht anders grng. Konstruk-
li ve politische Vorschläge im strengen Sinne hatte August nicht aufzuweisen. Er
kannte aber schon seinen Trick mit dem Hufeisen und meinte: Uff Bieschen oder
Breschen. Der Händel sollte lediglich überall inAngelsachsen Verwimrng stiften,
ds agent provocateur bzw. >aschong browogadör<, während andere Spione unter
tlem Deckmantel seiner hünenhaften blonden Sachsengestalt friedlich am Unter-
gang Angliens werkeln konnten.
Schon der kleine Georg F. galt als vom Schicksal fiir die Diplomatie auser-
wählt. Er gehörte mütterlicherseits einem uralten, sagenumwobenen Geschlech-
le an, welches Richard Wagner, bekanntlich auch Sachse (aber kleiner von
Gestalt), in seinem Ring des Nibelungen extrem hervorhebt. Verdientermaßen
wohlgemerkt. Georgs Mama war die Tochter des Pfarrers von Giebichenstein,
und Georgs Papa lebte mit ihr zu Halle. Jetzt denkt man unwillkürlich an die
Halle der Gibichungen aus der Götterdämmerung, die sich zwar bei Wagner ohne
,e< schreiben, aber wer will schon so giebich sein, nisch wah. Immerhin waren
das in der gesamten Götterdämmerung die einzigen Leutchen, die den Untergang
tiberlebt haben. Alle anderen mußten ins Gras beißen: die Götter, die Riesen, die
Lindwürmer, die Nibelungen, sogar Brünhildens Gaul, der für nichts was korur-
te. Aber die Gibichen, die überlebten alles und jeden, zfi wie sie waren. Und aus
diesem Hartholz ward auch Georg Friedrich geschnitzt. Von des Vaters Seite
crbte er überdies eine Charaktereigenschaft, die ihn für geheimpolitische Dienste
über jedes Maß prädestinierte. Wie der Vater, Wundarzt und Chirurgus zu Giebi-
chenstein, verspürte Klein Georg früh den Drang, seine Finger tief in jede Wunde
zu stecken und es hinterher, nach dem Tod des Patienten, nicht gewesen sein zu
wollen.
Gemäß dem Status ihres Geschlechts lebten die Händels in einer bevorzugten
Gegend, >Großer Schlamm< genaffIt. Da Musikanten und andere Vagabunden
damals kein sonderlich hohes Ansehen genossen, soweit sie nicht von irgendwel-
chen Fürsten adoptiert wurden, suchte man Georg bereits im Krabbel- und Krähal-
ter das Musisch-Musikalische auszutreiben, ein Unterfangen, welches entgegen

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landläufigen Gerüchten erstaunlich gut gelang. Gewisse Engländer, die nicht
dabei gewesen sein können, wollen wissen, daß Georg früher singen als sprechen
gelernt habe. Ohne Frage konnte Georg früher sächsisch singen als deutsch spre-
chen. Zugegebenermaßen erlitt Georg im Halbwüchsigenalter einigen Unterricht
bei einem Menschen namens Friedrich Wilhelm Zachau, der sich statt der Land-
streicherei der sogenannten Stadtpfeiferei verschrieben hatte - ein Terminus, der
alles beinhaltet, was ein städtischer Musikus so brauchte, der im Zug seiner Tätig-
keiten auch mal Mäuse und andere Kleintiere wegschaffen mußte. (Vom Kam-
mermusiker zum Kammerjäger war es oft nur ein Sprung in der Pfeife.) Die
Orgel- und Klavierstunden korurte Georg erst durchsetzen, nachdem der füihreife,
mehr als halbstarke Knabe seinem Vater mit der garven Gewalt seiner körperli-
chen Argumente begreiflich gemacht hatte, wie sehr seine zarte, empfindsame,
scheue Seele nach dem ätherisch-fragilen, heiligen Odem der Musik lechzte, gott-
verdammt nochmal. Während der Musikstunden erwählte sich Klein-Händel die
Oboe zum ausdrücklichen Lieblingsinstrument. Die Oboe, welchä ihn und seine
Werke sein Leben lang begleiten sollte, spielt sogar eine äußerst wichtige Rolle in
seiner Spionagetätigkeit.
Als Georg elf Jahre zählte, wurde er am Berliner Hofe, wo ihn ein sehr obsku-
rer >Freund seines Vaters< eingeführt hatte (der in Wahrheit ein Strohmann
Augusts war und auch so aussah, wie eine Vogelscheuche nämlich), während sei-
nes Klavierspiels von allen bestaunt. Damit ist nicht etwa gemeint, daß sein musi-
kalischer Vortrag jemandem aufgefallen wdre; die Damen tuschelten sich zu, wie
es nw möglich sei, daß ein elfjähriges Kind aussehen körure wie ein ausgewach-
sener Baum von einem Kerl, und wie er dann wohl erst mit zwanzig Jahren ...? -
seine Dimensionen wagten sich die Damen nicht vorzustellen, taten es aber doch
recht gern. Ihre Spekulationen, welche das Geklimper völlig in den Hintergrund
treten ließen, verstummten übrigens für die nächsten sechs Jahrzehnte nicht mehr.
Der eigentliche Grund, warum der geheimnisvolle väterliche Freund den Riesen-
knaben in Berlin präsentierte, war das erste arrangierte Zusammentreffen Händels
mit seinen späteren Mittelsm:innern und Mitagenten, Ariosti und Buononcini.
Beide waren italienische Komponisten und standen bereits in Augusts Diensten,
jedoch in Geheimdiensten, weshalb sie weder Kenntnis von ihrer Funktion noch
Geld dafür erhielten. Erst später, in England, sollte die Zusammenarbeit des Drei-
Männer-Gespanns so richtig losgehen, wobei der Kleriker Ariosti den guten,
etwas dummen Freund in allen Lebenslagen zu markieren hatte und Buononcini
den bösen, >intriganten< Neidhammel. Dieses >Sie-küßten-und-sie-schlugen-ihn<-
Spielchen mit Händel in der Mitte erwies sich später als die schlechthin perfek-
te Tarnung des Triumvirats. In Ansätzen klappte es jedoch in Berlin schon recht
gut.
Vor Antritt seiner Diplomatenlaufbahn hatte Georg noch einige teilweise ermü-

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dende und unliebsame Dinge zu erledigen. Sein Jurastudium körmen wir geffost
vernachlässigen, denn Georg tat dies schließlich auch, und zwar gründlich und
gewissenhaft. Wichtiger im Hinblick auf seine politische Schulung und das für
seinen späteren Großauftrag nötige musikalische Hintergrundwissen erschien ihm
(zu Recht) ein längerer Aufenthalt in Hamburg inklusive einer intensiven
Bekanntschaft mit dem schon damals berühmt-berüchtigten Johann Mattheson.
Dieser Mattheson war ein mindestens ebenso begeisterter Diplomat wie Musiker
und brachte es in der ersten Funktion gar zum >interimistischen Residenten<, einer
wenig vertrauenerweckend klingenden Position, die uns bereits die Abgründe sei-
nes Wirkens vor Augen führt. Unter Matthesons dubioser Anleitung schuf Händel
1704 sein erstes größeres Machwerk, ein Oratorium nach dem Johannesevangeli-
um. Es war Fastenzeit, und das Fasten schlug dem Händel regelmäßig auf Gemüt
und Verstand (auch später sollten seine Oratorien praktisch ausschließlich unter
dem Eindruck der Fastenzeit entstehen). Dieses erste jedenfalls weist schon alle
wesentlichen Zutaten auf: haufenweise Sänger und Oboen und ein Riesenlärm,
der in einem vollendeten Durcheinander von Schlußchor gipfelt, welches sich
jedoch sehr mächtig und sehr fromm anhört, insbesondere in der Soprannummer
>Bebet ihr Berge< und der Baßarie >Erschüttre mit Krachen<. Das ist echt hän-
delsch. Der Mann hat zeitlebens versucht, einmal eine Kirche zum Einsturz zu
bringen, und besonders Westminster Abbey oder St. Paul's hätten ihm hervorra-
gend in seine Verwimrngsstrategie gepaßt; allein es sollte nicht sein.
Vor dem schmückenden Hintergrunde des Musikunterrichts velpaßte Matthe-
son Jung-Händel den letzten Schliff (französisch auch >demier pli< genannt) in
diplomatischen Umgangsformen, als da wdren: Fluchen, Tobsucht, Raserei, Belei-
digungen ober- und unterhalb der Gürtellinie und vieles mehr. Matthesons Kabi-
nettstückchen, der krönende Abschluß dieses Schnellkurses in Sachen Benimm,
erfreut sich eines ziemlich hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrades. Es ist dies
die legendäre Rauferei auf dem Hamburger Gänsemarkt, welche irrtümlich für ein
Duell gehalten wird. Im Gegenteil stellt diesenZweikampf< ein exakt choreogra-
phiertes, geradezu exemplarisches Meisterwerk einer Lehrbuchstreiterei dar, das
mit textlich unterlegtem Geheul beginnt, sich unter Einsatz von Standpauken,
Maulschellen und Backpfeifen zum musikalischen Crescendo entwickelt, um her-
nach in einem furiosen Streicherduett zu gipfeln. Handstreicher mit Degen wohl-
gemerkt. Den letzten Streich versetzte Mattheson seinem Schüler, indem er genau
Georgs großen Rockknopf traf - ein wahrhaft glorreiches Finale. Doch auch
Georg bekam eine Belohnung als gelehriger Schüler: eine eigens für ihn erdachte
Medaille, genannt >Ehrenhändel in Blankstahl am Seidenen Faden<. Oder so ähn-
lich.
Inzwischen hatte sich Georg genug Geld zusammengespart, um wie alle Musik-
schaffenden nach Italien reisen zu können. Immerhin bekam er eine Mark und

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ftinfzig für jede (von ihm) erteilte Unterrichtsstunde, und da er bei Mattheson trotz
seines jugendlich-sächsischen Appetits immer freie Verpflegung genoß, hatte er
das Reisegeld schnell beisammen. Nachdem Hannibal HZindel erst einmal die
Alpen überschritten bzw. überrannt hatte, war nichts und niemand vor dem großen
Jungen sicher (löste er doch mit nunmehr Anfang Zwanzig in der Tat die Verspre-
chen ein, die sein elfjähriger Riesenleib der Welt gemacht hatte). Alle bedeuten-
den italienischen Städte standen ihm offen, die Fürstenhöfe erst recht. Teilweise
hatten die Fürsten selbst rechtzeitig die Flucht vor dem lieben, lieben Sachsen
ergriffen. (Man nannte Händel allgemein nur >il caro Sassone<, weil bekanntlich
jede unbezwingliche, unberechenbare Naturgewalt von den schwachen Mensch-
lein einen beschwichtigenden Namen bekommt, etwa wie der Pazifik, der alles
andere als friedlich ist.) So lZißt sich auch der unvergleichliche Triumphzug
erkldren, den H2indels Musik in Italien antrat.Zum einen komponierte Händel für
seine südländischen Verehrer fast ausschließlich italienische Opern, und zwar in
richtigem Italienisch, nicht in sächsischem. Das hatte er von der Pike auf gelernt,
und das behielt er die kommenden Jahrzehnte bei - insgesamt Schusterte er fast
vierzig Stück von den Dingern zusammen, indem er eine Grundoper, Almira
genannt, persönlich verbrach, um fürderhin deren Versatzstücke immer und immer
wieder zu verwenden, manchmal mit zwei Oboen, mal mit zweiundzwanzig. Er
war ein sparsamer Mann, weshalb er nichts verderben oder in alten Opern venot-
ten ließ, und er wurde bald ein Meister im musikalischen Recyclen. Was diverse
andere Komponisten bereits zu Papier und Aufführung gebracht hatten und des-
halb nicht mehr brauchten, rettete er vor dem Verschimmeln, indem er es in seine
Collagen einbaute. Abgesehen von der Opemfreudigkeit der Italiener sorgten
nattirlich auch Händels nachdräcklich vorgebrachte Einladungen für einen gera-
dezu übereifügen Besuch seiner Aufführungen sowie für den unbeschreiblichen
Geldregen, der über ihn hereinbrach. Sogar Lire konnten den blonden Gott von
jenseits der Alpen besänftigen, das merkte das Volk geschwind. Besonders in
Venedig, das ohnehin vom Tod durch EinsturzundVersinken bedroht war, behan-
delte man den lieben Sassone wie ein rohes Ei. Als dort seine Agrippina aufge-
führt wurde, herrschte große Verwimrng ob der gänzlich ungewohnten Kombina-
tion Waldhorn/Gesang (es ist verdammt nicht leicht für einen Sänger, ein Wald-
hom zu übertönen, und schon die Versuche fielen sehr eigenartig aus). Als man
aber merkte, daß das bedenklich in der Lagune hin- und herschwappende Wasser
doch nicht über die Bordsteine trat, war man's zufrieden und huldigte dem blon-
den Gott, der Venedig noch einmal verschont hatte.
Aber dann ging es endgültig zur Sache, zur englischen nämlich, noch dazu über
einen hinterhältig ausgeklügelten >Umweg.. Georg hatte den Engländem sein
Kommen schon lange angedroht, und sie zeigten sich dementsprechend glücklich
über den bevorstehenden >dear, dear Saxon<. Nun trat Georg aber in die Dienste

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des Kufürsten von Hannover, jedoch nur, um nach seinem Einstand augenblick-
lich auf ausgedehntestem Urlaub zu bestehen, welchen er in England zu verbrin-
gen gedachte. All dies gehörte zu dem zwischen August und Georg ausgeheckten
Plan: Hannover war schließlich, wie praktisch ganz Mitteleuropa, einmal eindeu-
tig Sachsen gewesen, wenn auch ein niederes, aber immerhin. Der Kurfürst von
Hannover, zum Haus der Welfen gehörig, konnte nicht mal mehr vernünftiges
Sächsisch parlieren und zeigte sich auch sonst seines Stammeserbes gänzlich
unwürdig. Wenn so einer also später König von England werden sollte, was er
dann ja tatsächlich wurde, brauchte man keinerlei Rücksicht auf den nachge-
machten Niedersachsen zu nehmen, sondem durfte ihn behandeln wie die Angeln.
Sobald Händel in London eintraf, fing er mit dem Umkrempeln alles Engli-
schen sofort an, ohne Verschnaufpause, die der im vollen sächsischen Saft ste-
hende fänfundzwanzigträhige Herkules sowieso nicht nötig hatte.Ztnächst räum-
le er in seiner Funktion als Komponist den Ballast der >echt englischen< Musik aus
dem Wege, deren Haupt- und eigentlich einziger Vertreter Henry Purcell gewesen
wall-,etzterq hatte ein gutes Jahrzehnt zuvor den Löffel abgegeben (Taktstöcke
kannte man in England damals noch nicht), aber sein musikalischer Geist wehte
noch durch diverse alte Gemäuer. Verknöcherte Alt-Purcellisten trauerten ihm hin-
lerher, weil statt seiner englischen Musik die italienische Oper Einzug gehalten
hatte und sich festsetzte wie Unkraut. Ob Purcells Werke wirklich echt englisch
waren, sei dahingestellt (böse Zungen behaupten, er sei ein eingeschleuster Wech-
selbalg mit Namen Heinrich Purzel gewesen); jedenfalls waren sie in englischer
Sprache komponiert, besonders die Instrumentalstücke. Kaum hatte Purcell die
Engländer in den Besitz einer Art von Nationaloper gebracht, kam Händel und
unterstützte nach Kräften alles ltalienische, um Unfrieden zu stiften. Außerdem
konnte er bekanntlich nichts anderes. Mit einer einzigen Versatzstück-Oper, dem
Rinaldo, brachte er die treulosen, vaterlandslosen englischen Gesellen dazu, ihrem
nlten Purzelchen auf immer Lebewohl zu sagen.
Um die Engländer nicht sofort zu sehr zu verwöhnen, machte sich Händel ein
.lahr lang rar und reiste zurück nach Hannover, weil er wußte, daß die dortige Oper
gerade wegen Reparatur oder Einsturzgefalr geschlossen war und er selbst des-
halb nicht arbeiten mußte. Das war schon ein toller Job, diese Stelle in Hannover.
l{ändel vertrieb sich die Zeit rnit Kammermusik - hauptsächlich Zeugs für Oboe
rund Begleitung - und wartete den günstigsten Moment für die glorreiche Rück-
kchr nach England ab, welches bereits nach ihm, dem neuen Messias, dürstete.
17 l2 war er wieder zur Stelle, stärker und stolzer denn je. England hatte gerade
ilgendeinen Krieg gewonnen oder zumindest beendet, und es gab eine Friedens-
schlußfeier bzw. Kriegsschlußfeier im klotzigen, protzigen offiziellen Rahmen.
(ieorg, der Noch-Sachse, durfte eigentlich keine nationalen Feierliedchen bei-
sleuern und wollte doch so gern die Musik für die kirchliche Friedensparty ganz

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alleine gestalten. Flugs gab er der Königin Anna, die ein bißchen unbedarft war,
ein Geburtstagsständchen und pries sie nebenbei als Weltfriedensstifterin, und
hastdunichtgesehn besaß er auf einmal das Privileg, ein Tedeum, ein Jubilate und
diverses Kleinzeug für Utrecht zu fabrizieren. Dies kam sehr gut an; sogar Purzel
wurde noch einmal zu einem Vergleich aus der Versenkung gezogen, schnitt
schlecht dabei ab und ward prompt in die elysischen Gefilde zurückgeschickt, wo
er keinen Schaden anrichten konnte.
Händel übertrieb mit der Macht seiner Musik ein bißchen, denn er kannte kein
Maß. Er hatte während der Feierlichkeiten die Königin dermaßen über den grünen
Klee gelobt, daß sie darob kurze Zeit später ins Gras biß. Doch ist dies ein schö-
ner Tod für jede englische Königin, da seit jeher weibliche Mitglieder britischer
Königsfamilien ihren Pferden ausgesprochen ähnlich sehen und ihre Pferde über-
haupt in jeder Beziehung nachahmen. Nun trat Georg auf den Plan - der andere
Georg wohlgemerkt, Kurfürst von Hannover und itzo König von England und
Umgebung, der uns in diesem Stadium der Dinge dazu zwingt, Georg den bislang
Einzigen nur noch >Händel< zu nennen. Händel ließ sich diesen Akt der psycho-
logischen Verdrängung selbstredend nicht gefallen. Während König Georg seine
Klamotten in London auspackte und sich zumindest vorübergehend häuslich ein-
richtete, verkehrte Händel mit großen Geistern seiner Zeit wie Alexander Pope
und John Gay. Gay muß damals für die Sache des sächsischen Intrigenspiels
gewonnen worden sein (warum, weiß der Henker von London), denn an der
Behauptung, die später von ihm erfundene >Bettleroper< habe der >richtigen<, hän-
delschen Oper das Leben schwer gemacht, ist nichts Wahres. Erstens galt die ern-
ste, von Händel absichtlich zeßetzte Oper Jahre später bereits als so blödsinnig
und urkomisch, daß sie auf eigenen Füßen stehen konnte und keiner Persiflage
mehr bedurfte. Zweitens servierte Gay seinem Busenfreunde H2indel einen solch
flammenden Panegyrikos, daß kein Zweifel an Gays Loyalität bestehen kann -
zumal das obige griechische Wort >Lobrede< bedeutet und nicht etwa >eine Pfan-
ne Gyros<.
Händel beschloß nunmehr, sich voll und ganz und so ernsthaft wie möglich
dem Geheimdienst zu widmen. Er wußte, daß er dazu Unmengen von Noten brau-
chen würde, denn die Engländer waren ein äußerst zähes Seefahrervolk, welches
wahre Sturzfluten von Musik über sich ergehen lassen konnte, ohne Schaden zu
nehmen. Die berühmte >Wassermusik< allein wiüe allenfalls ein Tropfen im
Armelkanal, das wußte Händel. Da er aber persönlich beim besten Willen nicht so
viele Noten produzieren konnte, nicht einmal unter Zuhilfenahme von Recycling
und chortreien Bleichmitteln, mußte er sich nach einem Ghostwriter umsehen, der
ihm Stoff lieferte, ohne viel zu fragen. Sein Glück ftihrte ihn auf einem Trip nach
Hannover mit einem alten Kumpel aus der Studentenzeit zusammen, der erfolglos
Textildesign belegt hatte, um dann ein eigenes Wollwarengeschdft zu betreiben. Er

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hatte sich dabei finanziell so tief verstrickt, daß er geradezu darauf wartete, von
Händel mitgenommen zu werden. Das Sich-Sträuben war nur so eine Masche von
ihm, und als Händel ihm drohte, er habe sein Lebens- und Wollfädchen verwirkt,
wenn er nicht für ihn arbeiten wolle, schwor er seinem Herrn ewige Giebichun-
gentreue (allerdings unter dem Wollsiegel der Verschwiegenheit). Besagter Ex-
Studienkumpel wies mehrere Eigenschaften auf, die ihn auf sein weiteres Leben
als Spion womöglich noch besser vorbereiteten als seinen Meister und geheimen
Kadergruppenleiter: 1. Er hieß Schmidt und ließ sich in England stehenden Fußes
z,u Mr. Smith umstricken. Jeder halbwegs brauchbare Geheimagent benutzt unauf-
lällige, nichtssagende Namen wie Smith, Jones oder Mountbatten, und wer schon
so geboren ist, dem kann niemand mehr das geringste anhaben. 2. Als gelernter
Strickleiter wußte Schmidt/Smith die Angelegenheiten Händels in Kette und
Schuß zu halten; sobald er ftir andere tätig wurde, ging dieser in Gelddingen ver-
sierte Mensch nur noch auf ausdrücklichen Befehl bankrott (was mehrmals ge-
schah). 3. Mr. Smith schrieb nicht nur Rechnungen, sondern auch und hauptsäch-
lich Noten. Er war musikalisch durchaus begabt, mußte dies jedoch zeitlebens vor
der englischen Welt verschweigen. Um nicht andauernd mit Schmidt in die Wolle
zu geraten, gestand ihm der Chef zu, daß sein Filius, der kleine Smith, später
öfTentlich ein gestandener Komponist werden dürfe, was der dann auch tat.
Schmidt senior, perfekter Mann im Hintergrund und für alle Gelegenheiten (eine
graue Maus muß sich nicht tarnen), verknüpfte in Realität und wirklichem Opern-
leben die Handlungssfänge auf das zierlichste und undurchschaubarste - eine
Spinne mit Strickzeug sozusagen.
Der von Schmidt-Smith ausgehende rote Faden zieht sich wohl am deutlichsten
durch sein Werk >The Harmonious Blacksmith<, das hierzulande unter ,Grob-
schmied-Variationen< verhunzt wird, dabei jedoch kaum deutlicher auf seinen
wahren Schöpfer hinweisen könnte. Das Komponieren war damals eine schnelle
Sache, allzumal für einen Mann, der mit fünf parallelen Notenlinien viel mehr
anzufangen wußte als ein Nichtwollwirkender. Man schrieb damals nicht
annähemd so komplizierte Partituren nieder wie heute, sondern begnügte sich mit
cin paar Skizzen, dem sogenannten Generalbaßschlüssel, und einigen Kürzeln für
die jeweils beteiligten Musiker, die sich ihre Melodien dann mühsam selber her-
auspopeln mußten. Als halbwegs begabte Komponisten konnten sich Händel und
Schmidt darauf verlassen, daß die Musiker den Rest besorgten - im guten und im
schlechten, denn begabte Spione überlassen nicht gern etwas dem Zufall. Die
spektakulären Mißerfolge (und ihrer gab es nicht wenige) waren genauso Resul-
tate der Planung wie die durchschlagenden Erfolge. Wichtig war, daß man gute
bzw. sauschlechte Musiker engagierte. In England brauchte man merkwürdiger-
weise erstere für ein echtes Fiasko,letztere als Garanten absoluter Popularität.
Lange vor den Proben zu jeder Oper und jedem Oratorium kennzeichneten Hän-

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deVSchmidt gemeinsam das Werk, markierten es als zukünftigen Reinfall oder
Durchbruch. Hier taucht der Geheimcode >Oboe< das erste Mal auf, auf den
anfangs verwiesen ward. Oboe heißt englisch >hautboy< und wird ausgesprochen
wie >oh boy<. Oboen tauchten bei Händel immer auf. Wenn ein Stück zum Unter-
gang verdammt war, sprach der Meister das Codewort zu seinen Vertrauten,
während die Musiker dies lediglich als Auftakt zu einer neuen Fluchkanonade
>verstanden<. Und dementsprechend spielten. >Oh boy< stellte auch das mitAugust
verabredete Signal dar, welches in Briefen an den König als Anrede benutzt
wurde. Leider verbrannte August diese Briefe immer sofort und warf Diener, die
sich an der Asche zu schaffen machten, kurzerhand aus dem Palastfenster, so daß
uns heute nur noch der reine Kot überliefert ist.
Händel und sein Adlatus begannen nun ihr allumfassendes Werk der Zer-
störung, indem insbesondere der Chef selbst vor keinem Gebiet haltmachte: Es
galt, neben der Musik die Finanzwelt zu zerritten sowie das Königshaus, die eng-
lische Sprache, die Geistlichkeit und die Wissenschaften und garü nebenbei das
englische Brauchtum. Das Essen konnte man belassen, wie es wär, zumal Händel
es sich verschandelter nicht ausmalen konnte. Da Händel, von Natur aus ein sanf-
ter Riese, durch den bei Mattheson genossenen diplomatischen Unterricht mitt-
lerweile sehr, sehr böse werden konnte, funktionierte er z.B. den urenglischen
>Wunschknochenbrauch< um. Der geht eigentlich so: Das gabelförmige Brust-
knöchelchen eines Geflügels wird von zwei Leuten gleichzeitig zerbrochen, und
wer das längere Stück erwischt, darf sich was wünschen. Bei Händel war das
anders - der fragte seine Opfer vor dem Zerknicken, welchen Knochen sie denn
am liebsten hätten .. . Zu dem Weihnachtsbrauch, sich unter dem Mistelzweig zu
küssen, meinte er nur barsch: >Ach gißt misch doch am Misdelzweich, ihr Leise-
dreder!" Händel fluchte gern und ausgiebig, nichtsdestotrotz immer sehr fromm,
und die Geistlichkeit mißverstand sein sächsisches Englisch manchmal. Einst rief
er vor einem Konzert oder einer Mahlzeit zum allgemeinen Gebet auf mit den
(zugegeben) etwas unglücklichen Worten >Let us bray<, was leider bedeutet >Las-
set uns wiehern.< Da sich aus seinem Munde außerdem >pastorate< ähnlich anhör-
te wie >bastard<, machte sich Händel viele Feinde bei der Pastorenschaft - ob
ungewollt, sei dahingestellt. Direkt aufsässig verhielt er sich bei der Professoren-
schaft von Oxford, die ihm unbedingt einen Ehrendoktor aufs Blauauge zu
drücken wünschte. Händel machte den Trubel brav mit, bis er zum Schluß auf die
Würde verzichtete - die Professoren erholten sich von dieser Brüskierung erst
wieder, als später Haydn kam und das inzwischen verstaubte Hütchen dankbar
annahm. Händel selbst verschmähte nicht nur die Würden Oxfords, sondern nahm
der Sage nach prompt an der (damals noch sehr inoffrziellen) Regatta Oxford-
Cambridge teil. Er startete natürlich für Cambridge und ruderte ganz allein den
Achter ohne Steuermann, welchen er als Ballast über Bord geworfen hatte. Hän-

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tlcl schwamm und ruderte stets gegen den Strom, davon behielt man einen gesun-
dcn Appetit.
Der erste schwere Schlag gegen die englische Finanzwelt hing untrennbar mit
lltlndels Musikschaffen zusilnmen. Im Jahre 1719 wwde Händel zum Chef eines
Opemuntemehmens (Akademie genannt), welches vorgeblich auf Anraten des
Adels an die Börse ging! Hat man so etwas Bescheuertes schon mal gehört? H?in-
tlel war begeistert von dieser (also mit Sicherheit seiner) Idee, wußte er doch rein
gur nichts von Dow-Jones-Index, Hausse oder Baisse oder Dividenden und ähnli-
chem Krempel. Es gab vielleicht mündelsichere Wertpapiere, aber keine vor Hän-
rlel sicheren. Mit der allgegenwärtigen Untersttitzung Smiths verstand Händel es,
rrnch achtjährigem Auf und Ab das Unternehmen in den Bankrott zu führen, und
rlns dauerte nur deswegen so lange, weil man während dieser Zeit ideale Bedin-
gungen schaffen konnte, noch zersetzender zu wirken als zuvor. Die erste in die-
rcm Rahmen aufgeführte händelsche Oper, Radamisf, war tatsächlich ein echter
solcher; trotzdem geriet das Publikum in eine Raserei des Entzückens, daß sich
insbesondere die feinen adligen Herrschaften auffiihrten wie die Hooligans, die
sie auch heute sind. Die Anwesenheit des Königshofes hinderte niemanden daran,
so laut zu kreischen, zu brüllen, zu schubsen und zu pupsen, daß etliche wegen
l-uftmangels in Ohnmacht fielen. Will man einem Mr. Mainwaring Glauben
schenken, haben jedoch neben der Königsfamilie noch ein paar Leute die Oper
llberlebt.
Wegen des beispiellosen Erfolges dieser nichtssagenden Oper mußte Händel
tlnfür sorgen, daß nicht mehr alles so reibungslos über die Bühne ging: Noch so
cin Erfolg, und alle Aktionäre wären mit einem Schlag reich und glücklich. Denn
tlie Musik kormte nicht schlechter werden, nur besser. Um das zu verhindem, ließ
llündel schleunigst den >Intriganten< Buononcini (siehe >H2indel mit 11<) herho-
lon und zum Neben- und Gegenchef berufen. Das Publikum damals liebte Wett-
kiimpfe zwischen jeweils zwei Komponisten, zwei Sängern, zwei Musikern usw.;
tla kam jemand (na wer schon?) auf die aberwitzige Idee, Händel und seinen
Widersacher zusammen eine Oper schreiben zu lassen - ausgerechnet mit dem
'l'itel Muzio Scaevola. Jeder sollte einen Akt komponieren. Wie man weiß, geht es
irr der Oper um den bekloppten Mucius, der seine rechte Hand so lange ins Feuer
hailt, bis sie weggekokelt ist und jeder Feind seinen >Mut< erkannt hat. Während
liuononcini also den Akt mit der linken Hand schreiben sollte (die nicht weiß, was
rlic rechte tut; außerdem heißt >left-handed< im Englischen so viel wie >fragwür-
rlig<), wartete Händel, dem der letzte Akt mit der rechten Hand >zugefallen< war,
gcduldig ab, bis nichts mehr übrig war von der rechten Hand. Und schon hatte er
SCWonnen.
Das Wichtigste bei diesem Zweikampf war jedoch, daß das Publikum in zwei
l.ager gespalten blieb. Spaltung ist das A und O der Anarchie, auf die H?indel

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abzielte, wie wir wissen. So kamen, um das Maß übervoll zu machen, zwei Diven
an die Aktienoper, die ein abgrundtief unterschiedliches Außeres und ein peinlich
identisches Inneres besaßen, so daß man die beiden nicht miteinander auftreten
lassen konnte, ohne ihnen einen Maulkorb zu verpassen, was wiederum der Sin-
gerei schadet. Besagte >Damen<, die häßliche Cuzzoni (in ihrer Blütezeit genannt
die >goldene Leier<, später wahrscheinlich die >alte Leier<) und die schöne Bor-
doni, hatten jeweils eine Unmenge schwachsinniger Fans. Die Frauen haßten sich
so sehr, daß sie oft das Singen völlig vergaßen. Am 6. Juli l'127 schließlich kam
es zur offenen Prügelei auf der Bühne (zwischen den Damen), auf der Galerie und
im Parkett (zwischen den hohen Herrschaften). Kronprinzessin Caroline soll mit
einem blauen und einem braunenAuge davongekommen sein. Zwei weitere Lager
bildeten sich für bzw. gegen den gefeierten Kastraten Senesino, den ein Lord in
der Oper verprügelt hatte (wahrscheinlich weil er derAufforderung >>Sei gefälligst
ein Mann<< nicht nachgekommen war). Einmal wurde er vom vomehmen Opern-
publikum fast mit Holzklötzen erschlagen, gerade als er die Worte >Caesar kennt
keine Furcht< in selbiges hineingeschmettert hatte. Es heißt belianntlich: Wie man
in den Wald ruft ... und die Londoner High Society benahm sich wie im allertief-
sten Wald, keine Frage. Davon abgesehen wurde Senesino auch von Händel ver-
prügelt, der allerdings keine geschlechtsspezifischen Vorurteile oder Bevorzugun-
gen kamte und die Cuzzoni einmal fast aus dem Fenster hätte plumpsen lassen,
weil sie ohne Hundehalsband singen wollte. All das besaß zwar ungeheuren
Unterhaltungswert, aber wenn man als Adliger die Zeit totschlagen wollte oder
andere Leute, konnte man für weniger Geld auf die Rennbahn gehen oder in die
Kneipe. Musik war bei dem Tohuwabohu sowieso nicht mehr zu vernehmen.
(Insofem läuft das heutzutage in Bayreuth doch etwas anders ab, im großen und
ganzen.)
Gott sei Dank starb dann der König, so daß sich Händel nicht ausschließlich mit
Idioten herumschlagen mußte, sondern Gelegenheit bekam, wieder offizielle Fei-
ermusik zu schreiben: ftir den Tod des einen Königs und die Krönung des näch-
sten. Den zweiten Georg aus der Serie. Händel brauchte nun, als Hofkomponist,
keine Schleichwege mehr; er hatte sich dazu eigens >naturalisieren< lassen, was
weniger schmerzhaft ist, als es sich anhört. Hinterher war noch alles dran, inklu-
sive der sächsischen Zunge. Das Fest wurde dann auch sehr schön, und an-
schließend meldete die Italienische Chaoten-Akademie Konkurs an. Aus dieser
Phase stammt das Stück >Kuckuck und Nachtigall< (Konzert für Orgel Nr. 13 F-
dur), in dem Händel a) Bezug auf Shakespeare nimmt (>Zum Kuckuck, es war
nicht die Lerche<) und b) die Ankunft des Gerichtsvollziehers in der Weihestätte
des Belcanto feiert.
Die Primadonnen-Zugpferdchen Cuzzoni und Bordoni hatten sich sogar halb-
wegs zusammengerauft, als ihr Geschäft in den letzten Zigenlag; nun mußten sie

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rlle gmtliche Stätte verlassen. Auf den Rennplätzen zu Wakefield und Derby lebte
lltr Andenken jedoch munter fort, denn auch dort liefen Pferdchen unter ihrem
Nunten, die den adligen Besuchern bestimmt ähnlich viel Vergnügen bereiteten.
llnd sofort begab sich Händel an die Gründung einer neuen Opernakademie,
rtllerdings ohne Aktien, sondern mit versprochener finanzieller Unterstützung des
llol'cs: also unter noch weit windigeren und unberechenbareren Bedingungen als
l,uvrtr. Bei jeder Neugründung benützte Händel >Talentsuche< als Vorwand, Itali-
ett zu besuchen; diesmal brachte er eine Signora Strada mit, wahrscheinlich die-
relhc, die später in Fellinis >La Strada< verewigt wurde. Er schrieb eine seiner,
[w, interessantesten Opern, Orlqndo, den rasenden Roland. Als besonders ein-
rlrucksvoll gilt die Wahnsinnsszene am Schluß von Akt II, in der Roland sich in
cirrcm schmissigen Fünfachteltakt fih die Zwangsjacke vorbereitet. Das wirkt sehr
cthuulich. Nach diesem Wahnsinnsmachwerk versteifte sich HZindel immer mehr
ttul'seine Oratorien, die beim Publikum größtenteils gar nicht so gut ankamen,
wrts heute kein Schwein wahrhaben will. Die meisten schrieb er in voller Absicht
ttls glatte Reinfälle, und zwar aus geheimpolitischer Nonuendigkeil heraus. Klare
Arrhaltspunkte hierzu liefen uns eine Anekdote des Lord Chesterfield, welcher
cirtmal aus dem Theater getreten und auf einen Bekannten gestoßen sein soll, der
llrn liagte, ob denn kein Oratorium sei? Worauf der Lord geantwortet habe: >>O ja,
nie spielen schon; aber ich wollte den König nicht länger in seiner Einsamkeit
rl(iren.<< Der Lord wußte nattirlich nicht, daß Händel das Oratorium einzig hatte
uul'führen lassen, am unauffällig mit dem König allein zu sein! Bei Hofe hätten
tkrch die Schranzen sofort Wind von den Privatverhandlungen bekommen; also
trtl' Händel seinen Chef am eigenen Arbeitsplatz, wo er zudem den Heimvorteil
gcnoß. Das bedeutete nicht, daß er insgeheim für denKönig arbeitete - im Gegen-
lc i I . Er spaltete und zersetzte die königliche Familie, den Kern der Nation, indem
cr Papa und Mama Georg II. vollkommen für sich einnahm und ihnen gleichzei-
lig durch die scheußlichen Oratorien ihren Sohnemann gänzlich entfremdete. Der
Klonprinz stand mehr auf schmissige Musik und Damen mit Dekollet6 als auf das
vcrstaubte biblische Zeug. Das so von Händel provozierte Zerwürfnis fand denn
rrrrch seinen direkten musikalischen Niederschlag: Der Kronprinz himselfließ eine
( iogenoper gründen, weil er seine Eltern durch nichts auf der Welt mehr ärgem zu
kiinnen glaubte, diese Rabeneltern, die den importierten Händel mehr liebten als
iluen leiblichen Sohn, ilm gar behändelten wie ihresgleichen!
Der Prinz war mehr als ein bißchen bescheuert und merkte natürlich nicht, daß
cl wie sein Daddy von Händel schamlos ausgenutzt wurde. Die Gegenoper konn-
tc Händel nur recht sein, denn sie gab Anlaß zu noch größerem Blödsinn als die
hlnkrotte Aktienoper. Als die Gegenoper seiner eigenen sämtliche Musiker abge-
wrrrben hatte (außer La Strada), gründete Händel schon wieder eine neue Oper,
|uhr wieder nach Italien, um frisches Blut mitzubringen, schrieb wieder ein paar

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Klamotten, trat wieder in erbitterten Wettstreit mit der Konkurrenz. Als sein Miet-
vertrag im Haymarket-Theater abgelaufen war, nistete sich die Gegenoper dort ein
- im Gegenzug besetzte Händels Sippe das leerstehende Hauptquartier der Auf-
ständischen in Lincolns-Inn-Fields. Der Kampf ging weiter. Unter Einsatz des
Kastraten Broschi (genannt >der Schelm<), welcher als ein erstklassiger Diplomat
galt (wahrscheinlich wegen seines mannhaft-leisen Auftretens), gelang der Ge-
genoper kwzzeitig ein Aufschwung, welcher im totalen Ruin endete. Händel da-
gegen, vom König finanziell unterstützt, war schon eine Woche vorher bankrott.
Nach diesem seinem Erfolge traf den Meister der Schlag, was seinem Schaffen
merkwürdigerweise förderlich war: Er kreierte keinen Geringeren als Xerxes,
seine wohl berühmteste Oper, deren >Largo< die Leute noch heute im Schlaf ver-
folgt. >Largo< heißt breit (und behäbig), und Xerxes war ja auch die meiste Zeit
ziemlich breit. Noch viel schöner und erbaulicher fanden die Londoner aber Hän-
dels Dieses ll48 zur Feier des Friedens vonAachen kompo-
'Feuerwerksmusik<.
nierte suitenartige Spektakelstückchen hätte eigentlich den Nanren >Feuerwehr-
musik< verdient, weil es - ähnlich wie Neros Gesang - das fröhliche Fast-Nieder-
brennen der königlichen Bibliothek begleitete. Selbstverständlich hatte auch hier-
bei der Meister höchstselbst seine Hand im Intrigenspiel. Nach dem Verklingen
der eigentlichen Musik nämlich sollten noch etliche Kanonenschüsse zu hören
sein, die Händel ohne Abstimmung mit dem Oberfeuerwerker direktemang in die
Partitur schrieb (wahrscheinlich jeweils mit einem >b< wie Böller davor). Hundert
Kanonenschläge, das wußte Händel, hätte die Bücherei mühelos ausgehalten - der
hunderterste gab ihr um ein Haar den Rest. Bei einer späteren Wiederholung der
Aufführung kam es leider zu keinem Brand, aber die Schaulustigen versperrten
drei Stunden lang die London Bridge, weil sie sich auf einen freuten. Trotzdem
war man sich einig, daß die Feuermusik schöner war als das schönste Oratorium.
So also schrieb Händel lange vor Edward Elgar (aber später als Guy Fawkes) sein
spezielles >Bomb & Circumstance<. Er konnte eine Menge Geld damit verdienen;
zu seiner Ehre sei jedoch gesagt, daß er das meiste den Armen schenkte. Seine
bevorzugte lnstitution war das Londoner Findelhaus, vielleicht, weil es prakti-
scherweise gartzin der Nähe seiner Wohnung lag, vielleicht auch, weil der stram-
me blonde Hüne zeitlebens eisemer Junggeselle blieb und sein Herz irgendwie mit
den ausgesetzten, aussätzigen Kleinen verbunden war ... Sein Ruf als sächsischer
Blähboy bezog sich sicher hauptsächlich auf die Nahrungsmittelaufnahme bzw.
deren Bewältigung.
Schließlich hatte dann doch noch eines seiner Oratorien einen Mega-Erfolg zu
verzeichnen, nämlich der >Messias<. Nicht etwa, weil er besser war als die ande-
ren oder mehr Oboen im Orchester mitmachten, sondem aus zwei Gründen: Vor
derAufführung war Händel schmollend nach Irland gezogen, weil er, wie gesagt,
immer mit dem König allein blieb und ihm das langsam aber sicher auf denZei-

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ger ging. Die Iren fanden den >Messias< gigantisch und wollten ihn und Händel
gleich behalten; natürlich verlangten ihn daraufhin die Engl2tnder, die ihn fast ver-
gc$$en hatten, wieder zurück. Zweitens hatte der Kronprinz geheiratet und durfte
rticht mehr tun, was er wollte - seine Frau war ein Händel-Fan reinsten Wassers
und befahl ihm augenblicklich, Händel zu lieben und zu ehren, bis der Tod sie
nchied. Darauftrin hörte der folgsame Prinz nur noch Oratorien: die händelschen
tund die seiner Frau.
Für seinen Lebensabend dachte sich Händel noch ein eindrucksvolles Finale
Iru$: Er stellte sich blind und blöd (letzteres mit Unterbrechungen). Daß er anfing,
rrril sich selbst zu reden und zu brüllen, störte niemanden, und die Blindheit war
ehcnfalls ganz praktisch: Wenn er nun jemanden aus dem Fenster werfen wollte,
rrrulJte der Betreffende ihm zuerst den Weg beschreiben. Auch im blinden Zustand
liclil sich der Meister das Orgeln nicht nehmen; er wurde dem Publikum vorge-
I'tlltrt, verbeugt und auf sein Schemelchen gesetzt. Das war ihm nicht peinlich,
th'ückte es doch auf die Tränendrüsen und die Geldbeutel. Seine Rente war auf
dicse Art sicherer als die Bank von England. Und niemandemfiel auf, dal3 er nicht
,ttlbst spielte. Händel hat nämlich niemals selbst gespielt, obgleich er für seine
Virtuosität berühmt war. Diese kaum bekannte Tatsache wird durch mehrere Vor-
l'lllle erhellt: Der wütende Maestro riß einst dem Geigerfürsten Corelli das Instru-
nlcnt aus der Hand und kratzte fürchterlich darauf herum, um die von ihm
gcwünschte Spielweise zu demonstrieren. Die Geige konnte man hinterher weg-
rchmeißen. Und Händels Zeitgenosse Dr. Carl Burney berichtet über sein Orgel-
ripiel: >Trotzdem seine Hand ... so fett und rund war, daß die Knöchel im Fleische
verschwanden, war sein Anschlag so sanft, ... daß seine Finger an die Tasten
rrnzuwachsen schienen. Sie waren so gebogen und dicht aneinander, wenn er
ripielte, daß man keine Bewegung, und kaum die Finger selbst, wahrnehmen konn-
lc,< Das von Bumey beschriebene Phänomen stellt nichts Geringeres dar als die
l lohe Schule des sächsischen Blähbäck.
Und als der Meister sich schließlich nicht nur blind, blöd, sondern auch tot-
slollte, ward er in Anerkennung seiner Dienste in der Westminsterabtei beigesetzt.
'liutz seines zersetzenden Einflusses auf jeden Bereich des englischen Lebens
rt:lriitzen ihn die Engländer und schmähen ihn die Sachsen, die er, wie sie glau-
lrcrr, ruchlos im Stich ließ. Wenn sie doch nur wüßten! Bis in unser Jahrhundert
sirrd sie knatschig geblieben. Nicht mal ein stinknormales Brathähnchen wollen
sic Händel nennen. Lieber benutzen sie den Ausdruck der englischen Rivalen und
sirgcn - >Broiler< ...

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