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36  FACHTHEMA    WÄRMENETZE

Status quo der Digitalisierung


in Wärmenetzen
Die mit der verstärkten Einbindung erneuerbarer Energien in die Wärmeversorgung
einhergehenden Herausforderungen können besonders durch die Nutzung digitaler
Tools gemeistert werden. Eine Kurzstudie zeigt den Status quo der Digitalisierung
und die weiteren Pläne verschiedener Versorger auf.

Vor allem in dicht besiedelten, ur- Messungen bei den Verbrauchern, Netzbetreibern unterschiedlichster
banen Ballungsgebieten wird die im Netz selbst und an den Erzeu- Größe und Struktur ermöglichte.
Einbindung erneuerbarer Energien gungsanlagen zurückgreifen, ver- So konnten Informationen über
in die thermische Objektversor- schiedene Szenarien mit veränder- Netze gewonnen werden, deren
gung durch geringe Flächenver­ lichen Betriebsparametern durch­- Wärmeabsatz bei einer Leitungs-
fügbarkeit sowie geringe Verfüg- gespielt werden. länge unterhalb von 5 km weniger
barkeit erneuerbarer Energieträger als 20 GWh/a beträgt. Ebenso haben
erschwert. Die Nutzung der meist Breite Aufstellung der aber auch Versorger teilgenommen,
vorhandenen Wärmenetzinfra- Umfrageteilnehmer durch die jährlich mehr als 500 GWh
struktur schafft hier durch die Mitwirkung von Verbänden Wärme in deutlich größeren Netzen
räumliche Entkopplung von Ener- verteilen.
gieerzeugung und -verbrauch Ab- Aus diesem Grund haben die Bera- Wie zu erwarten, nutzt der Groß-
hilfe. Allerdings stellt die Einbin- tungshäuser Four-Management aus teil der Befragten Erdgas als Haupt-
dung erneuerbarer, teilweise Düsseldorf sowie Lagom-Energy energieträger. Ebenso greifen aber
fluktuierend erzeugender zusätzli- aus Duisburg gemeinsam mit dem bereits viele Versorger auch auf er-
cher Einspeiser die Betreiber histo- Lehrstuhl Energietechnik der Uni- neuerbare Energien zurück. In die-
risch gewachsener Wärmenetze in versität Duisburg-Essen eine Kurz- sem Zusammenhang gaben einige
Großstädten vor neue Herausforde- studie zum Status quo der Digitali- Versorger an, bereits mehr als 50 %
rungen. So hat die zunehmende sierung in deutschen Wärmenetzen der Wärmeerzeugung erneuerbar
Dezen­ tralisierung der Einspeise- und zu den zukünftigen Plänen der zu gestalten, ohne dabei auf einen
stellen teilweise Auswirkungen auf Wärmenetzbetreiber zum Thema zentralen Wärmespeicher im Netz
die Netzhydraulik. Des Weiteren Digitalisierung erarbeitet. Ziel war zurückzugreifen. Die Auswertung
sind Betriebsparameter wie bei- es, sowohl eine Übersicht zu schaf- der Umfrage hat ergeben, dass we-
spielsweise die Netzvorlauftempe- fen als auch kurz- bis mittelfristig der Netzgröße noch -struktur einen
ratur anzupassen, um erneuerbare umsetzbare Maßnahmen aufzuzei- Einfluss auf den erneuerbaren
Wärme effizient in die Netze einzu- gen, die für die Versorger bei der Wärmedeckungsgrad haben.
binden. Umsetzung der Wärmewende hilf-
Bei der Bearbeitung dieser Her- reich sein können. Durch die Unter- Stand der Digitalisierung
ausforderungen kann vor allem die stützung der Verbände AGFW Der schwankt
Nutzung digitaler Tools eine große Energieeffizienzverband für Wär-
Hilfe sein. So lassen sich beispiels- me, Kälte und KWK e. V. und Bun- Um den Status quo der Digitalisie-
weise die Kenntnisse über den desverband Kraft-Wärme-Kopplung rung in deutschen Wärmenetzen
thermischen und hydraulischen e. V. (BKWK), die ihre Mitglieder auf abzufragen, wurden die Teilnehmer
Netzzustand bei verschiedenen die im Rahmen der Kurzstudie nach den Investitionen in Digitali-
Last- und Einspeisesituationen durchgeführte Umfrage aufmerk- sierungsmaßnahmen und einer
durch die Auswertung von Mess- sam gemacht haben, konnten in Einschätzung ihrer Netzzustands-
stellen und darauf aufbauenden Summe 46 Versorger für eine Teil- kenntnis befragt. Eine gemeinsame
Betriebssimulationen deutlich ver- nahme an der Studie gewonnen Betrachtung der Ergebnisse ergab,
bessern. Zudem können durch die werden. dass mit steigenden Investitionen
Nutzung digitaler Netzmodelle, die Die Unterstützung der Verbände in Digitalisierungsmaßnahmen wie
neben der reinen Abbildung der In- hat zu einer hohen Rücklaufquote beispielsweise dem verstärkten
frastruktur ebenfalls auf Daten aus geführt, was die Befragung von Einsatz intelligenter Messstellen

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die Kenntnisse über den Netzzu-


stand deutlich zunehmen. Eine
Wo sehen Sie im Netzbetrieb Verbesserungspotenziale?
Auswertung der Ausreißer hat al-
lerdings auch gezeigt, dass eine Reduktion der
Wärmeverluste
große Schwankungsbreite vorliegt,
was darauf zurückzuführen ist, Optimierung
Anlageneinsatz
dass verstärkte Investitionen in
Digitalisierungsmaßnahmen nur Identifikation von
Netzschlechtpunkten
in Kombination mit der richtigen
Auswertung und Ableitung von Identifikation
von Leckagen
Handlungsmaßnahmen von Vor-
teil sind. Identifikation
freier Kapazitäten
Auf die Frage, wo vor dem Hinter-
grund der Steigerung der Effizienz Identifikation von
Engpässen
des Netzbetriebs die wichtigsten
Handlungsfelder liegen, gab ein Reduktion der
Großteil der Umfrageteilnehmer die Druckverluste

Reduktion der Wärmeverluste an Sonstiges


(Bild 1). Mehr als die Hälfte sehen
0 10 20 30 40 50 60 70 % 80
zudem noch Optimierungspo­
tenzial im Anlageneinsatz, der
besonders durch den zukünftig Bild 1. Verbesserungspotenziale im Netzbetrieb
steigenden Anteil erneuerbarer
Wärmeerzeuger im Netz an Kom-
plexität zunimmt. Ebenso gaben
mehr als 30 % der Versorger an,
dass die Identifikation von freien , 40 40 – 60 61 – 80 . 80 gesamt
7
Netzkapazitäten sowie Engpässen
ein wichtiges Handlungsfeld dar- 6
Anzahl Verbesserungspotenziale

stellt. In Kombination mit der Iden-


5
tifikation von Schlechtpunkten, die
für knapp 40 % der befragten Ver- 4
sorger eine große Bedeutung hat,
3
sind die bei der Nachverdichtung
bzw. Netzerweiterung kritischen 2
Punkte demnach für viele Versor- 1
ger spannend.
Eine Vielzahl der angegebenen 0
Netzzustandskenntnis
Handlungsfelder kann durch die
Nutzung digitaler Tools zur Steige-
rung der Netzzustandskenntnis Bild 2. Einfluss der Netzzustandskenntnis auf die Anzahl der Verbesserungs-
angegangen werden. So zeigt Bild 2, potenziale
dass Versorger, die nach eigener
Einschätzung eine hohe Kenntnis
über den thermischen und hydrau- dass auch bei hoher Netzzustands- Mehr als 80 % der Versorger bil-
lischen Zustand ihrer Wärmenetze kenntnis noch Optimierungspoten- den ihr Wärmenetz bereits digital
haben (im Rahmen der Umfrage ziale gehoben werden können. Die- unter der Nutzung verschiedener
von 0 bis 100 einstellbar, wobei 100 se liegen in den meisten Fällen in Programme ab, was ein bedeuten-
eine vollständige Netzzustands- einer infrastrukturellen Betrach- der Schritt hin zu einer Steigerung
kenntnis impliziert), tendenziell tung der Netze (Identifikation und des Digitalisierungsgrads im Wär-
weniger Verbesserungspotenziale Reduktion von theoretisch physi- mesektor ist (Bild 3). Gleichzeitig
für ihren Netzbetrieb sehen. Ebenso kalisch vermeidbaren Wärme- und wurde allerdings auch abgefragt,
wird anhand von Bild 2 deutlich, Druckverlusten). wie häufig die digitalen Netzmodel-

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nach Netzgröße sind mehrere


Hundert bis einige Tausend Mess-
punkte im Netz verbaut, bei denen
die Auslesung je nach Kundenseg-
ment innerhalb verschiedener
Zeiträume stattfindet. Werden
Zähler bei großen Kunden mindes-
tens monatlich ausgelesen, so wird
der Zähler­ stand bei der breiten
Masse an Verbrauchern im Netz,
den Haushaltskunden, nur im Rah-
eigene Netzabbildung – eigene Netzabbildung – men der Jahresabrechnung gemel-
keine Simulation monatliche Simulation det. Ebenfalls betreibt nur ein
eigene Netzabbildung – eigene Netzabbildung –
Simulation bei Änderungen tägliche Simulation Drittel der befragten Versorger
keine eigene Netzabbildung – keine eigene Netzabbildung – Messstellen im Netz, die über die
keine Simulation Simulation bei Änderungen
keine eigene Netzabbildung – üblichen Zählerstellen (Messungen
tägliche Simulation an Hausübergabestationen, Erzeu-
gungsanlagen und Netzschlecht-
punkten) hinausgehen. Von den
Bild 3. Digitale Netzabbildung zur Nutzung von Betriebssimulationen zwei Dritteln der befragten Versor-
ger ohne zusätzliche Messstellen
bejahten nur knapp 40 % die Frage,
le zum Einsatz kommen. Weniger bringt, sind häufig keine Kapazitä- ob Investitionen in Sondermess-
als 10 % der befragten Versorger ten bei den Netzbetreibern vorhan- stellen geplant sind. Eine Erklärung
verschaffen sich demnach täglich den. hierfür könnten die mit der Instal-
eine Übersicht über den Netzzu- Fragen bezüglich der Anzahl und lation von Sondermessstellen im
stand. Vielmehr werden solche di- Art von Messstellen haben erge- Netzbetrieb verbundenen Kosten
gitalen Werkzeuge meist nur dann ben, dass mehr als 60 % der befrag- sein. Mehr als 70 % der Umfrage-
genutzt, wenn Änderungen im ten Versorger bereits Messstellen teilnehmer haben keine Kenntnis
Netz realisiert werden sollen. Um betreiben, mit denen der Zustand über bundes- oder landesweite
die Potenziale zu heben, die eine von Anlagen- und Netzkomponen- Fördermittel für Digitalisierungs-
digitale Netzmodellierung mit sich ten abgebildet werden kann. Je maßnahmen.

100
%
80
70
60
50
40
30
20
Ja
10 Nein
weiß nicht
0
digitale Tools helfen digitale Tools helfen digitale Tools helfen bei digitale Werkzeuge helfen
bei Verbesserung der bei Vereinfachung der langfristiger Optimierung bei Optimierung der Aufgaben
Netzzustandskenntniss Kundenabrechnung des Netzbetriebs im Assetmanagement

Bild 4. Verbesserungsmöglichkeiten durch den Einsatz digitaler Tools

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Einheitliche Meinung über Neben der Nutzung von intelli-


Vorteile digitaler Tools genten Zählerstationen bieten sich
19 % zusätzliche Messstellen im Wärme-
Anhand von Bild 4 wird deutlich, netz selbst, beispielsweise an
dass mehr als 80 % der befragten Transportleitungen, an. Durch die
12 %
Versorger von den Vorteilen digita- Identifikation von wenigen, neural-
ler Tools überzeugt sind. Durch den gischen Stellen lässt sich der Instal-
verstärkten Einsatz von intelligen- lations- und Auswertungsaufwand
ten Messstellen, eine umfassende reduzieren. Dennoch kann ein reprä-
Auswertung der erzeugten Daten 69 % sentatives Bild des Netzzustands an
und der darauf aufbauenden digita- kritischen Stellen abgeleitet werden.
len Abbildung von Wärmenetzen Ja Gleichzeitig wird durch die Daten-
für Betriebssimulationen lassen Nein aufnahme sowohl an den einzelnen
keine Angabe
sich nach Einschätzung der Mehr- Verbrauchern als auch an kriti-
heit der Umfrageteilnehmer die schen Punkten im Netz und den
Netzzustandskenntnisse verbes- Bild 5. Zukünftige Investitionen in meist standardmäßig gemonitorten
sern, Kundenabrechnungen verein- Digitalisierungsmaßnahmen Erzeugungsanlagen und Netz-
fachen und der Netzbetrieb sowie schlechtpunkten die Möglichkeit
Aufgaben im Assetmanagement für eine umfassende digitale Abbil-
optimieren. durch verstärkte Investitionen in dung des Netzes geschaffen. Solch
Dass diese Botschaft bereits bei Digitalisierungsmaßnahmen ge- ein digitaler Zwilling, der neben der
den Versorgern angekommen ist, hoben werden kann, scheint es sich Abbildung der Netz­ infrastruktur
zeigt abschließend Bild 5. So planen bei der Mehrheit doch noch um ein ebenfalls auf Betriebsdaten basiert,
knapp 70 % der befragten Versorger, Zukunftsthema zu handeln. ist für jeden Netzbetreiber, der sich
die Investitionen in Digitalisierungs- in den kommenden Jahrzehnten
maßnahmen deutlich zu erhöhen. Kurz- und mittelfristig der Einbindung erneuerbarer Wär-
Zwar verfolgen weniger als 20 % umsetzbare Handlungs- me gegenübersieht, von sehr hohem
diesen Plan nicht, allerdings wird maßnahmen Wert. Auf diese Weise kann die
hier womöglich bereits viel in Digi- dringend nötige Wärmewende auch
talisierungsmaßnahmen investiert. Um die Entwicklung hin zu effizi- in urbanen Ballungsgebieten effizi-
Abschließend lässt sich festhal- enten Netzen zu beschleunigen, ent umgesetzt werden.
ten, dass in der Wärmenetzversor- sollen im Folgenden verschiedene,
gung bereits häufig auf erneuerbare einfach umzusetzende Handlungs-
Energien zurückgegriffen wird. Der maßnahmen aufgezeigt werden. Laura Schantey
erneuerbare Deckungsgrad ist we- So bietet es sich an, im Rahmen Four-Management
GmbH
niger von der Netzstruktur als viel- des turnusmäßigen Zählerwech-
laura.schantey@four-
mehr von den Gegebenheiten vor sels intelligente Zähler zu verbauen management.de
Ort abhängig. Kann beispielsweise und die aufgenommenen Daten mit www.fourmanagement.
de
industrielle Abwärme eingebunden geeigneten Hilfsmitteln wie bei-
werden (und gilt diese als erneuer- spielsweise eines LoRaWan-Netzes
Dr.-Ing. Nicolas Witte-
bar), so lässt sich schnell auch ohne zentral zu sammeln und auszu-
Humperdinck
die Nutzung von zentralen Wärme- werten. Unterstützt wird dies durch Lagom-Energy GmbH
speichern mehr als die Hälfte des die Anpassung der regulatorischen witte@lagom.energy
www.lagom.energy
Wärmebedarfs erneuerbar bedie- Rahmenbedingungen, die einen
nen. Die weitere Auswertung der Smart-Meter-Rollout auch im Wär-
Umfrage hat gezeigt, dass bei den mesektor vorschreiben. Durch die
Versorgern deutliche Unterschiede Nutzung der Messstellen können Dr.-Ing. Jürgen Roes
Universität Duisburg-
hinsichtlich des Status quo der nicht nur Ineffizienzen bei den Essen, Lehrstuhl Ener-
Digitalisierung und der künftig ge- Kunden identifiziert, sondern auch gietechnik
planten Maßnahmen vorherrschen. deutlich genauere Prognosen der juergen.roes@uni-due.
de
Obwohl sich fast alle Umfrageteil- Netzlast erstellt werden, was sich www.uni-due.de/ener-
nehmer einig sind, dass eine Viel- wiederum positiv auf die Anlagen- gietechnik/
zahl an Optimierungspotenzialen einsatzplanung auswirkt.

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