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Hullfeld Altfragen

Welche Eigenschaften hat, gemäß den Ausführungen von Andreas Kotte, ein „szenischer
Vorgang“?
Ein szenischer Vorgang ist konsequenzvermindert und hervorgehoben.
Über welche Studie fand in Amerika die „dramaturgische Analyse“ Eingang in die
Soziologie?
„The Presentation of Self in everyday Life“ 1959 Ervin Groffman
Warum nahm nach Ausbruch der Revolution in Wien 1848 das Interesse an Theater ab?
Weil…
…das gezwungenermaßen unpolitische Theater mit der medialen Konkurrenz politischer
Zeitungen nicht Schritt halten konnte und deswegen als langweilig empfunden wurde.
Wie erklärt Kotte, was im Sinne eines dramaturgischen Grundbegriffes ein „Vorgang“ ist?
Aus einer konkreten Handlung mit entsprechendem Gestus resultiert der Vorgang.
Erklären Sie, warum Jacqueline Martin und Willmar Sauter in ihrem Buch Understanding
Theatre die Interpretation von Gegenwartstheater als „hermeneutische Spirale“ begreifen.
Die Theatererfahrung und die Interpretation davon wird als nicht abschließbar verstanden
und hat somit keinen eindeutigen Anfang oder ein klares Ende.
Nennen und erläutern Sie zwei traditionelle (philosophisch oder religiös motivierte)
Vorbehalte gegen „spectacula“, die Theater als Störfaktor der westlichen Kulturgeschichte
pointieren.
Ein religiös motivierter Vorbehalt zeigt sich in der Ablehnung des öffentlichen
Zurschaustellens des Körpers, was als verderblich angesehen wurde.
Unter Philosophen wurde Theater abgelehnt, da es Scheinhaftigkeit vermittelte und dies
nicht mit den vorherrschenden philosophischen Prinzipien der Antike übereinstimmte.
Aus welchen drei Wissens- bzw. Praxisfeldern erwächst im angloamerikanischen Raum
von den 1950er bis 1970er Jahren ein „performative turn“?
Aus der Linguistik, der Soziologie und der Anthropologie.
Im Stück Freiheit in Krähwinkel von Johann Nestroy gibt es Szenen, die sich auf Formen
des öffentlichen Protests während der Wiener Revolution von 1848 beziehen. Erläutern Sie
diesen Zusammenhang anhand eines Beispiels.
Die während der Revolutionszeit beliebte „Katzenmusik“ – auch Charivari genannt – war
nicht nur in den Straßen ein Mittel der Bürger (v. a. Studenten) ihren Protest zu zeigen,
sondern wurde später auch in Nestroys Stücken auf der Bühne umgesetzt.
Erläutern Sie die dramaturgische Dimension jener Szene in der Farce Mein Kampf von
George Tabori (Uraufführung Wien 1987), in der Himmlisch „Hühnerkotelett Mizzi“
zubereitet.
Der Vorgang der Szene ergibt sich aus Handlung und Gestus. Die Handlung ist, dass
himmlisch das Huhn Mizzi offensichtlich auf der Bühne zubereitet und dies wortreich
kommentiert. Der Gestus dazu zeigt sich in der detaillierten Beschreibung, da Himmlisch u. a.
genauestens beschreibt, wie man Hühner schlachtet. Der Gestus kann also als brutal,
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rationalisierend und grausam beschrieben werden.


Zudem ist ein Fabeldrehpunkt in dieser Szene zu entdecken, da sie Hitler und sein „Team“
nun in seiner vollen rationalisierenden Tötungswut und somit auch die Methoden des
Nationalsozialismus zeigt, die mit dem selben Gestus nicht Hühner, sondern Menschen
verbrennt hat.
Welche Vorteile birgt ein kombiniertes, d.h. sowohl theatersemiotisch als auch
phänomenologisch orientiertes Verfahren, um Theateraufführungen zu untersuchen?
Der Fokus des Verfahrens liegt sowohl auf der Bedeutung als auch der Erfahrung des
Gezeigten.
Beschreiben Sie, mit welchen Schritten Andreas Kotte ein Konzept zur Eingrenzung von
„szenischen Vorgängen“ entwickelt und erläutern Sie anhand von zwei gegensätzlichen
Beispielen, wie sich mit diesem Konzept bestimmen lässt, was Theater ist.
Kotte beschreibt, dass es innerhalb des Lebensprozesses Verhalten (unwillkürlich) und
Handlungen (willkürlich) des Menschen gibt. Diese verursachen Situationen, die man
wiederum in Vorgänge (innere und äußere) unterteilen kann.
Nunmehr werden rein die äußeren Vorgänge betrachtet, da die interessant für die
Theaterwissenschaft sind:
Es gibt laut Kotte Vorgänge, die aus unterschiedlichen Gründen hervorgehoben sind:
akustisch, örtlich, gestisch oder durch dingliche Attribute. Zudem ist ein anderer Teil von
Vorgängen konsequenzvermindert, d. h. spielerisch.
Treffen beide dieser Eigenschaften zu, so handelt es sich um einen szenischen Vorgang.
„Theater“ ist demnach ein konsequenverminderter (statt echtem Blut fließt beispielsweise
Kunstblut) und hervorgehobener (Bühne, Publikum sitzt während Schauspieler stehen,
Kostüme) Vorgang. Ein Gegenbeispiel dazu wäre ein Feuerwehreinsatz:
Die Feuerwehrmänner sind zwar durch ihre Uniform, ihr Auftreten und ihre Kommandos
hervorgehoben, jedoch sind sie allen möglichen Folgen ihres Einsatzes ausgesetzt, sie
können sich slao währenddessen selbst verletzen oder auch sterben (im Extremfall!).
Erörtern Sie Vor- und Nachteile, die daraus resultieren, ob die akademische Beschäftigung
mit szenischen Vorgängen den Begriff „Theater“ oder den Begriff „Performance“ ins
Zentrum setzt.
Setzt man sich im akademischen Umfeld rein mit dem Begriff des Theaters auseinander, so
ist der mögliche Umfang des Beschäftigungsfeldes doch gering. „Theater“ hat einen sehr
institutionellen Charakter und ist oft von dem architektonischen Bau abhängig oder wird
zumindest so empfunden.
Der Begriff enthält zudem sehr den Charakter der Trennung von Machenden und
Schauenden und vielleicht auch in gewisser Maßen der Unterwerfung des Publikums
(Schweigen, wenn das Licht ausgeht).
„Performance“ hingegen hat einen eher partizipativen Charakter und umfasst somit auch
einen größeren Bereich von möglichen Themen. Es „wirkt“ nicht institutionell, sondern
modern und teilweise auch politisch. „Perfomance“ ist emanzipiert von Textgrundlagen im
Gegensatz zum Theaterbegriff, es geht nicht darum einen Dramentext umzusetzen.
Man muss aber feststellen, dass bei beiden begriffen immer noch Erklärungsbedarf herrscht
und somit weder der eine, noch der andere wirklich als Überbegriff fungieren kann.
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Stellen Sie anhand der Wiener Revolutionszeit 1848 bzw. der in dieser Zeit erfolgreichen
Posse von Johann N. Nestroy Freiheit in Krähwinkel dar, a) in welcher Wechselbeziehung
Theater und Gesellschaft in diesem Fall standen, b) welche künstlerische Strategie Nestroy
mit seiner Posse in dieser Ausnahmesituation gewählt hat.
a) Zur Revolutionszeit 1848 haben sich Theater und Gesellschaft gegenseitig inspiriert und
bereichert. Ein Beispiel dafür ist die Katzenmusik – auch Charivari genannt – die v. a. für
Studenten ein beliebtes Mittel war, um ihren Protest in den Straßen zum Ausdruck zu
bringen. Wenig später war in Nestroys „Freiheit in Krähwinkel“ genau diese Form des
Protests auch auf der Bühne zu sehen. Die Gesellschaft wirkte also in diesem Fall auf das
Theater ein. Aber auch andersherum war es möglich: Nestroy ließ seine Schauspieler in
Revolutionsmanier ausstatten und beteiligte sich zusammen mit ihnen am
„Revolutionstheater auf der Straße“.
b) Nestroy bringt das Publikum mit seiner Posse kollektiv zum Lachen, er zeigt aber keinen
politischen Standpunkt in der Ausnahmesituation der Revolution 1848. Nimmt man als
Szenenbeispiel die Traumbilder des Bürgermeisters, so zeigt er zum Einen in den ersten
beiden Bildern die euphorischen Vorstellungen der Revolutionäre, zum Anderen im 3.
Traumbild einen radikalen Kontrast zur Revolutionseuphorie und damit die Ängste der
Revolutionäre.
Auf welcher Seite er sich damit positioniert bzw. was sein eigener politischer Standpunkt ist,
bleibt offen. Somit bleibt die Posse für alle ansprechend, egal welcher politischer
Hintergedanke.
Erörtern Sie, wie dramaturgische Entscheidungen von George Tabori in seiner Farce Mein
Kampf eine spezifische Wahrnehmung des Emporkommens des Nationalsozialismus
eröffnen.
Eine Definition sagt, dass Dramaturgie als Gestaltung und Strukturierung von szenischen
Vorgängen im Hinblick auf ihre Wirkung und Atmosphäre verstanden wird.
George Tabori gestaltet sein Drama „Mein Kampf“ so, dass das Emporkommen des
Nationalsozialismus schrittweise gezeigt wird, mit Äußerlichkeiten, Äußerungen o.Ä., die mit
zunehmender Dauer immer auffälliger werden.
Zu Beginn des Stückes wird Hitler von Schlomo Herzl frisiert und erhält so seinen
charakteristischen Bart und Scheitel. Über das Stück verteilt fallen immer wieder Sticheleien
gegen die Juden im Allgemeinen, der Auftritt von Frau Tod, die ein Geschäft mit Hitler
abschließen will ist sehr markant und natürlich die Szene, in der Himmlisch „Hühnerkotelett
Mizzi“ zubereitet.
In dieser Beispielsszene zeigt sich, wie Tabori die rationalisierende Tötungswut der
Nationalsozialisten auffasst. Das Zubereiten eines Huhns scheint für fast jeden Zuschauer
„alltäglich“ oder zumindest „normal“, aber der Gestus der Handlung verleiht der
Gesamtatmosphäre etwas gewalttätiges: Die detailreiche Beschreibung, die Wortwahl und
die Brutalität gilt nicht nur für Mizzi, sondern ebenso für den Umgang der Nationalsozialisten
mit den Juden und anderen Menschengruppen, die für sie den „Untermenschen“
angehörten und somit „vernichtet“ werden mussten.
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a) Erklären Sie, warum die Analyse einer „Aufführung“ und einer „Inszenierung“ aus
methodischer Sicht nicht dasselbe ist. b) Erläutern Sie die Grundzüge des
Analysemodells von Jacqueline Martin und Willmar Sauter.
a) Aufführung und Inszenierung unterscheiden sich dadurch, dass eine Aufführung
das Produkt einer Inszenierung ist. Die Inszenierung ist wiederholbar, die Aufführung
ist einmalig.
b) In der Phase I: Das Vorwissen jedes Einzelnen muss geklärt werden, da dies
ungemein die Rezeption einer Aufführung beeinflusst. Danach geht es um das
Sortieren der Codes und Subcodes. Ein Beispiel dafür wären Dresscodes oder
Unterschiede in der Kommunikation.
Der nächste Schritt ist die Segmentation, also das Aufteilen der Codes und danach
das Herausfiltern der Dominanten unter den vermittelten Codes.
In der Phase II: Als erstes muss das internale und externale Coding beachtet werden.
Welche Codes beziehen sich auf Gegenstände innerhalb oder außerhalb des Stückes?

Danach sucht man nach validen oder invaliden Interpretationen, die für einen daraus
resultieren. So kommt es auch zum „Correcting from whole to part“, falls eine
Interpretation nicht zu den vorher gewonnenen Kenntnissen passt.
Hat man eine valide Interpretation des Gesehenen erstellt, so kommt es als nächstes
zum „Universe of Discourse“, wo das Interpretierte mit anderem, vorhandenem
wissen verknüpft wird und es somit zu einer abschließenden Interpretation kommt.
Danach kommt es zur Phase III, der Kommunikation der Ergebnisse.
 
1.) Welche Eigenschaften hat, gemäß den Ausführungen von Kotte, ein „szenischer
Vorgang“? 
Lt. Kotte ist ein szenischer Vorgang konsequenzvermindert und hervorgehoben (akustisch
indem man laut spricht, örtlich durch ein Podest, dinglich wie zum Beispiel durch ein
Kostüm, und gestisch indem einer tanzt während alle anderen sitzen). 
2.) Über welche Studie fand in Amerika die dramaturgische Analyse Eingang in die
Soziologie? 
„The Presentation of Self in Everyday Life“ (wir alle spielen Theater) aus dem Jahr 1959 von
Golffman 
3.) Warum nahm nach Ausbruch der Revolution in Wien 1848 das Interesse an Theater
ab? 
Weil täglich neue Zeitungen und Flugschriften erschienen sind, die über das politische
Geschehen schrieben. Daher wurden die Theater, die stark zensuriert wurden,
uninteressant. Des Weiteren wurden im Theater sehr klassische Stücke aufgeführt, das
wurde als langweilig empfunden, da auf der Straße die Revolution stattfand – es war alles in
Bewegung. Man fand „langweilige Komödienzettel neben Bekanntmachungen von höchstem
Interesse“. 
4.) Wie erklärt Kotte, was im Sinne eines dramaturgischen Grundbegriffes ein „Vorgang“
ist? 
Handlungen und Gestus (besteht aus Gestik, Mimik und Sprache) ergeben den Vorgang. Ist
ein in sich einheitlicher und abgeschlossener Abschnitt eines Dramas – „wie etwas gespielt
wird“ 
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5.) Erklären Sie, warum Martin und Sauter in ihrem Buch „Understanding Theater“ die
Interpretation von Gegenwartstheater als „hermeneutische Spirale“ begreifen. 
Die Interpretation ist kein abgeschlossener Prozess, es wird immer wieder neues Wissen
dazugewonnen. Die Interpretation verändert sich mit dem Kontext. Das Stück und das
Wissen verändern sich immer wieder. 

6.) Nennen und erläutern Sie zwei traditionelle Vorbehalte gegen „spectacula“, die Theater
als Störfaktor der westlichen Kulturgeschichte pointieren. 
Szenische Vorgänge und das Generieren von Wirklichkeit stellen einen Störfall dar: 1.)
Inszenierung der Rückkehr von Peisistratos mit „Pallas Athene“. Er konnte die Mehrheit
davon überzeugen, dass, wenn er im Stande ist „Pallas Athene“ für sich zu 
gewinnen, als Führer fähig ist (Machtpolitischer Zweck der Inszenierung). Hier hat die
Inszenierung eine Wirklichkeit generiert! 
Theater war in der Frühchristenzeit die verderblichste aller Praktiken – Teufelsverehrung.
Alles was schlecht ist: Theater, Gladiatorenkämpfe, Wagenrennen wurden gleichermaßen
angeprangert. Der Körper wird den Blicken der Menschen preisgegeben, skandalös auch die
Art und Weise der Darstellung: Männer in Frauenkleidern, Nachahmung, Heuchelei – das
alles ist zu verurteilen. 

7.) Aus welchen drei Wissens- bzw. Praxisfeldern erwächst im angloamerikanischen Raum
von den 1950er bis 1970er Jahren ein „permativer turn“? 
Aus der Soziologie, Anthropologie und Linguistik 

8.) Im Stück „Freiheit von Krähwinkel“ von Nestroy gibt es Szenen, die sich auf Formen des
öffentlichen Protestes während der Wr. Revolution von 1848 beziehen. Erläutern Sie den
Zusammenhang anhand eines Beispiels. 
Die Katzenmusik wurde zum Schlagwort für politische Demonstrationen. Besonders
verbreitet waren Katzenmusiken als Teil der Kundgebungen im Revolutionsjahr 1848 in den
großen Städten. Die Katzenmusik = Charivari, welche man aus dem Mittelalter kennt und die
Städte zurückgebracht wurde, wurde in die Aufführungen integriert – von der Straße auf die
Bühne. Charivari dient dem Anprangern von Missständen und missliebigen Personen.
Katzenmusik wird mittels Lärminstrumenten und Gejaule produziert. 

9.) Erläutern sie die dramaturgische Dimension jener Szene in der Farce „Mein Kapf“ von
Tabori in der Himmelreich „Hühnerkotelett Mizzi“ zubereitet. 
Himmlisch erläutert bis in das kleinste Detail wie er das Huhn ausnimmt und zubereitet –
vom Rupfen über das Abbrennen und der Rauchentwicklung bis zum Ausnehmen und
Zubereiten. Ebenso wurde es auf Hitlers Anordnung mit den Nichtariern gemacht:
zusammengetrieben, mussten sie sich der Kleidung entledigen, sie wurden getötet (mit
Rauchentwicklung den man weithin sehen konnte) und danach wurden ihnen die Goldzähne
herausgebrochen und das Wenige was die Getöteten noch hatten auf die Uniformierten
aufgeteilt. 
10.) Welche Vorteile birgt ein kombiniertes, d.h. sowohl theatersemiotisch als auch
phänomenologisch orientiertes Verfahren, um Theateraufführungen zu untersuchen? 
Theatersemiotik bedeutet Zeichendeutung im Theater. Phänomenologie heißt beschreiben
ohne zu interpretieren. Dieses Verfahren geht über die Wertung (wie hat es Dir gefallen?)
hinaus: was habe ich gesehen, was hat es mit mir gemacht? 
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11.) Beschreiben Sie, mit welchen Schritten Kotte ein Konzept zur Eingrenzung von
„szenischen Vorgängen“ entwickelt und erläutern Sie anhand von zwei gegensätzlichen
Beispielen, wie sich mit diesem Konzept bestimmen lässt, was Theater ist. 
Konzeptbeschreibung?? 
1.) Inszenierung der Rückkehr von Peisistratos mit „Pallas Athene“. Er konnte die Mehrheit
davon überzeugen, dass, wenn er im Stande ist „Pallas Athene“ für sich zu gewinnen, als
Führer fähig ist (Machtpolitischer Zweck der Inszenierung). Hier hat die Inszenierung eine
Wirklichkeit generiert! 
2.) Am 5.2.2003 hat der amerikanische Außenminister behauptet, dass er beweisen kann,
dass der Irak auf jeden Fall Massenvernichtungswaffen besäße. Die europäischen Fachleute
glaubten nicht daran. Es war eine Behauptung, um die Kontrolle über den Irak zu gewinnen.
Heute weiß man, dass diese Behauptungen nicht wahr waren. Was szenische Vorgänge alles
anrichten können, man darf darauf nicht hereinfallen. 

12.) Erörtern sie Vor- und Nachteile, die daraus resultieren, ob die akademische
Beschäftigung mit szenischen Vorgängen den Begriff „Theater“ oder den Begriff
„Performance“ ins Zentrum setzt 
„Theater“ war primär als architektonische Anordnung der Zuschauer zu verstehen. Das Spiel
selbst wurde als Atellane oder als Mimis bezeichnet. Im deutschsprachigen Raum spricht
man von Theaterwissenschaft, da sich die TW unter diesem Namen institutionalisiert hat.
„Performance“ hingegen ist ein handlungsorientierter Begriff. Theaterbegriffe haben eine
lange Geschichte und sind deshalb auch belastet. Bei Theater im klassischen Sinn ist der Text
bzw. das Drama ein wesentlicher Bestandteil und auch die Wiederholbarkeit. Bei der
Performance erkennt man nicht, dass man Theater meint, da es keine dramatischen Texte
gibt und Performance lebt von der Einzigartigkeit – Performance ist JETZT. Das ist eine klare
Abgrenzung zum Theater. Allerdings haben sich alle Theaterformen aus Festen und Feiern
bzw. Ritualen herausentwickelt. Also gibt es einen Ausgangspunkt wie einen Stammbaum,
von dem aus sich die diversen Richtungen aufgrund von äußeren Einflüssen entwickelt
haben. Vielleicht sollte man nicht zwischen Theater und Ritual entscheiden, sondern die
Plattform als Spiel bezeichnen und die verschiedenen Entwicklungen nicht bewerten,
sondern als die in dieser Zeit entstanden Erscheinung untersuchen und ohne Bewertung in
den Lebenslauf des Spiels sprich des Theaters aufnehmen. Beide Begriffe – Theater und
Performance – sind nicht selbsterklärend, denn jeder versteht etwas Anderes unter diesen
Begriffen. 

13.) Stellen Sie anhand der Wr. Revolutionszeit 1848 bzw. der in dieser Zeit erfolgreichen
Posse von Nestroy „Freiheit in Krähwinkel“ dar, a) in welcher Wechselbeziehung 
Theater und Gesellschaft in diesem Fall standen, b) welche künstlerische Strategie Nestroy
mit seiner Posse in dieser Ausnahmesituation gewählt hat. 
B – Nestroy nimmt revolutionäre Begriffe beim Wort. In seinem Stück wird zudem alles
verniedlicht: Tyrannerl, Ministeriumerl, Freiheiterl, usw. Nestroy spielt die Revolution als
Theater im Theater. Nestroy lässt Ultra über das Wesen der Öffentlichkeit reflektieren. Utra
macht sich über die Parole „Heilig mein Eigentum“ lustig und echauffiert sich über die
Materialverschwendung. Er setzt eine historische Metapher die das Jahr 1848 mit der
Völkerwanderung verbindet. Die Katzenmusik, welche man aus dem Mittealter zur
Anprangerung von Missständen kennt, wird von der Straße auf die Bühne gebracht und in
das Stück integriert. Die Festkultur wird als Plattform von theatralen Aktionen genützt. Die
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Schauspieler wurden als Nationalgardisten eingekleidet und bewaffnet um eine Brücke zu


bewachen. Und alle kamen um ihre Lieblingsschauspieler zu sehen. 

14.) Erörtern Sie, wie dramaturgische Entscheidungen von Tabori in seiner Farce „Mein
Kampf“ eine spezifische Wahrnehmung des Emporkommens des Nationalsozialismus
eröffnen. 
Die Verbrennung und die damit verbundene Rauchentwicklung von Huhn Mizzi –
Judenvernichtung in den KZs; das Überschütten von Gretchen mit brauner Farbe - in der
Nazi-Diktatur war braun Staatsfarbe. Der Ursprung der braunen Uniform kommt aus
übersteigerter germanischer Mythologie. Die »Braunhemden« wollten bewusst
Erinnerungen an die »Berserker«, die Bärentöter (einem archaischen, bärenfelltragenden
Männerbund) wecken, und glaubten sich in diesem Sinne elitär außerhalb der Gesetze
stehend. Sie verkörperten das Gesetz selbst, das Recht des Stärkeren, der töten darf und
(aufgrund ihrer mystischen Schicksalsgläubigkeit) töten muss; Hitler gibt das Vorhaben
„Kunststudium“ auf und will die ganze Welt als sein eigen; seine, nach eigenen Angaben, tief
verwurzelte Abneigung gegen Autoritäten; sein Blut ist rein wie Schnee; Hitler zwingt Herzl
auf die Knie: „auf die Knie Jude und bitte um Verzeihung“; 

15.) A.) Erklären Sie, warum die Analyse einer „Aufführung“ und einer „Inszenierung“ aus
methodischer Sicht nicht dasselbe ist.
B) Erläutern sie die Grundzüge des Analysemodells von Martin und Sauter. 
A ) Die Aufführungsanalyse beschäftigt sich mit den Zufällen einer Aufführung. 
Die Inszenierungsanalyse beinhaltet alles was die Aufführung wiederholbar macht – mit
jenen Dingen einer Aufführung die gleichbleiben. 
Die Aufführungs- und Inszenierungsanalyse ist eine Mischung aus phänomenologischer und
semiotischer Herangehensweise. 
B) Das Analysemodell von Martin und Sauter besteht aus 8 Schritten: das Vorwissen durch
Selbsterfahrung, Erwartung, Berufswissen, Bezug zu anderen; das Erkennen von Codes und
Subcodes auf visueller und auditiver Ebene; Segmentation – welche Codes sind signifikant;
gleichwertige und gegenteilige Codes zu erkennen um ihre Dominanz festzustellen; internal
(kulturell) und external (allgemein) Codes analysieren auf das Stück selbst; gültige und
ungültige Zeichen erkennen; interpretieren; darüber kommunizieren 

16. Im Programmheft zur Produktion Mea Culpa umreißt der Dramaturg den Inhalt der drei
Teile dieser ReadyMadeOper. Zum zweiten Teil heißt es u.a:
„Am Ende findet aber der Regisseur hinter einem roten Vorhang die ganze Klinikgesellschaft
in einem zauberhaften und wohl pervers zu nennenden Krippenspiel wieder; in dem Ann
Katrin Shima sich zur Überschreitung aller grenzen bekennt, während die Freifrau von
Weinzierl nur einen Exzess zu kennen scheint: die allseitige Nichtigkeit der Welt, wie sie im
Buch Kohelet des alten Testaments beschrieben ist“

Beschreiben Sie die durch diese Inhaltsangabe umrissene Szene.


Ein Mann (Schlingensief) kommt auf die Bühne und geht an zu einem geschlossenen Vorhang
auf der Bühne. Er öffnet diesen und dahinter stehen die Schauspieler in bunten Gewändern
in einem Halbkreis. In der Mitte der Gruppe von Schauspielern steht eine kleinere ältere Frau
in einem Papst Gewand. Sie hält ein Stofftier (Hund) in die Höhe und dieser wird
angepriesen. Jemand aus der Gruppe nimmt ihr diesen Hund aus der Hand und wirft ihn weg
Hullfeld Altfragen

in eine Ecke der Bühne. Die Frau im Papst Gewand schaut traurig. Aus der selben Ecke, in die
eine de das Stofftier geworfen wurde, kommt eine Statue. Plötzlich ist diese das der
Mittelpunkt des Geschehens. Die Statue wird in die Höhe gehoben und nun wird diese
angepriesen.

Erörtern Sie,

a) Ob dieses Bild einen szenischen Vorgang festhält


b) Welche kulturgeschichtlichen Entwicklungen es problematisch erscheinen lassen,
diesen Vorgang als Theater zu bezeichnen
A) Man erkennt verschieden Modi von Hervorhebung:
Gestisch: Entsendung der Friedenstaube als feierliche
Geste
Örtlich: Papst steht auf Podest, sieht die ganze Menge
Akustisch: Stimme von Papst wird mit Mikrofon verstärk
Dingliche Attribute: kirchliches Gewand

Des weiteren ist eine Art von Konsequenzvermidnerung vorhanden: Die Taube
symbolisiert einen Wunsch nach Frieden, ihr Steigen schafft aber nicht
automatisch Frieden

Andrea Seier Fragen


Erklären Sie das Kino=Dispositiv. (2 Punkte) – Andrea Seier Eine Sammlung von Menschen,
die sich freiwillig (und dafür bezahlen), zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten
öffentlichen Ort einfinden, und die dafür bezahlen. Die Körper sind im Raum bewusst
angeordnet und stillgelegt. Die Sitzordnung reglementiert den Blick, der auf die Leinwand
ausgerichtet ist. Eine versteckte Apparatur (Projektor) die für die ZuseherInnen nicht
einsehbar ist, ihnen jedoch ein Bild zur Verfügung stellt. Hinten ist der Projektor, vorne die
Leinwand, rundherum nichts. Ein Störfaktor der zu dem Dispositiv dazu gehört ist Popcorn
essen, das Geräusche erzeugt und eine Art Zusatzhandlung darstellt.

Erklären Sie das Fernseh=Dispositiv. (2 Punkte) – Andrea Seier Durch die (meist)
kostenpflichtige Anschaffung eines Fernsehgerätes besteht die Möglichkeit jederzeit in
einem nicht abgedunkelten, privaten Raum, gebunden an Angebot von Kanälen und
Programm, fern zu Sehen. Die Körper sind im Raum frei und nicht zwangsweise auf den
Bildschirm ausgerichtet. Die Apparatur (Fernsehgerät) ist einsehbar und hat, neben ihrer
primären Bestimmung bewegte Bilder und Ton wieder zu geben, die Funktion eines
Möbelstücks. Durch den direkten Blick auf das Gerät wird das Bild gerahmt, es entsteht eine
Fensterillusion. Man ist nicht an einen Sitzplatz gebunden, kann die Tätigkeit des Fernsehens
jeder Zeit unterbrechen (Ausschalten, auf die Toilette gehen, Kochen, etc.). Es entsteht eine
Zerstreuung des Programms durch switchen (ständige NeuDAuswahl eines anderen Kanals,
Programms) mit der Fernbedienung (Regelung und Entscheidung).

Was ist eine Standbildanalyse?


Um ein Standbild zu analysieren gibt es mehrere Möglichkeiten:
1) Zuerst das Standbild analysieren, dann den Film ansehen.
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2) Den Film ansehen, dann die Standbildanalyse durchführen. Dies ist abhängig davon, was
ich mit meiner Standbildanalyse bezwecke. Prinzipiell gilt: Eine Standbildanalyse ist eine
Mischung aus Form und Inhalt.

Anhaltspunkte für eine Standbildanalyse:


Licht /Einstellung Bildkomposition (Miseen Scéne) Farben Perspektive Genre
Figurenanalyse Bildausschnitt (Kartierung) Schärfe / Unschärfe
Was ist ein Dispositiv?
Anordnung der Diskurse innerhalb einer bestimmten Zeit/Herrschaftkonstellation in der
Gesellschaft
Foucault: Netz zwischen den Elementen, umfasst das Gesagte sowohl das Ungesagte
Was ist ein Diskurs?
Fragt nach den Möglichkeitsbedingungen des Sagbaren und Unsagbaren, Formationen der
Äußerungsmodalitäten / Gegenstände / Begriffe/ Strategien

Nennen Sie ein formales Gestaltungsmerkmal der Anfangssequenz des Films „Lornas
Schweigen“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Was versteht man unter einem filmischen Motiv? Nennen Sie zwei Merkmale
Ein filmisches Motiv braucht eine Einheit von kulturellem Wissen. Es muss eine Verbindung
diesem kulturellem Wissen und Zeichenvorräten (Gesten) geben, die dieses Wissen
organisieren. Die Bedeutung von Dingen ist ein tragendes Element des Films. Das filmische
Motiv ist abhängig von Erzähl- und Genrekontexten
Was ist das Panoptikum? Wohin gehört es?
Einerseits hängt es von der Selbstkontrolle ab, die ja zu Kontrollgesellschaft gehört, aber
andererseits stammt es aus der Zeit der Disziplinargesellschaft und Baudry vergleicht das
Kino, das er in die Disziplinargesellschaft einordnet, mit dem Panoptikum.
Es ist eben ein "Dazwischen". Der Begriff der Kontrollgesellschaft stammt ja von Foucault/
Deleuze und dabei geht es eben nicht um klare Brüche zwischen den Gesellschaftsmodellen,
historisch gibt es immer wieder Überlagerungen. Diziplinarisch ist das Panopticum also in
seiner Funktion als Gefägnis, kontrollgesellschaftlich wirkt es abe rüber die
Selbstüberwachung der einzelnen Individuen, die einander und auch den potenziellen
Wächter nicht sehen können, aber immer von Überwachung ausgehen müssen und sich
folglich regelkonform verhalten.

Die beiden Filme „Gegen die Wand“ (Akin) und „Lornas Schweigen“ (Jean Pierre und Luc
Dardenne) bearbeiten das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft,
unterscheiden Sie auch Disziplinar und Kontrollgesellschaft.
„Gegen die Wand“ ist mehr eine Disziplinargesellschaft: Einschließung, Kraftmaschine,
geschlossene Fabrik, Individuum
„Lornas Schweigen“ ist mehr eine Kontrollgesellschaft: offenes Milieu,
Informationsmaschine, weit verzweigtes Unternehmen Dividuum

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