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Maxine Katz

Q3

Kann „Das Marmorbild“ als authentische Darstellung der Jugend wahrgenommen werden?
– Eine Erörterung

Von Shakespeare zu Jane Austen zu JK Rowling - schon immer wurden Geschichten über die Jugend
geschrieben. Obwohl die Zeiten sich ändern, scheinen Themen wie Liebe, Freundschaft, Pubertät und
das Finden unserer Identität uns immer noch zu beschäftigen. Doch nur weil Jugendliche in Medien
thematisiert werden, wird die Erfahrung des Jungseins nicht immer authentisch dargestellt. Deshalb
stellen wir uns seit Jahrhunderten die Frage, wie dieser prägende Lebensabschnitt abgebildet werden
kann.

Der Literaturkritiker Horst Wiebesiek behauptete im Jahr 1986, dass die Novelle „Das Marmorbild“
durch seine Erzählweise die Kernprobleme und Herausforderungen der Pubertät darstellt. Ins
besonders da Eichendorff Mythos und Realität verbindet, was zu einer vollkommen neuartigen
Leseerfahrung führt.

In der zuvor genannten Novelle „Das Marmorbild“, welche im Jahr 1819 von Joseph von Eichendorff
veröffentlicht wurde, wird der junge Edelmann Florio auf seiner Bildungsreise durch die
verschwimmenden Grenzen von Traum und Realität in den Wahn geführt, bevor er lernt, erwachsen
zu werden. Während seiner Reise schließt er Freundschaften, findet Liebe und erkennt was für ihn im
Leben zählt. Doch, obwohl Florio im Laufe der Novelle sich verändert, stellt sich dennoch die Frage
ob „Das Marmorbild“ die jugendliche Erfahrung auf den Punkt bringt und es schafft auch heute nicht
an Aktualität zu verlieren.

Um feststellen zu können, ob dies zutrifft, müssen die Probleme der Pubertät zunächst identifiziert
werden. Zu den Kernthemen dieser Phase des Lebens zählen Freundschaft, Liebe und das Finden der
eigenen Identität.

Platonische Beziehungen werden in der Novelle, durch die sich spiegelnden Charaktere Fortunato
und Donati symbolisiert. Florio triff auf Fortunato während seiner Bildungsreise und sie betreten die
italienische Kleinstadt Lucca gemeinsam. Fortunato ist ein berühmter Sänger, den Florio sehr
bewundert und sie freunden sich schnell an. Die Freundschaft mit Fortunato führt teilweise dazu,
dass Florio sich aus seinem späteren Wahn reißt und eine neue Zukunft am Ende der Novelle
willkommen heißen kann. Diese Freundschaft wird nicht durch Eifersucht oder Streit gebrochen und
besonders Florio wird dadurch positiv beeinflusst. Man kann den Schluss ziehen, dass Fortunato die
Wandlung Florios begleitet und fördert.

Eichendorff probiert die Wichtigkeit platonischer Beziehungen hervorzuheben und stellt sie damit als
wichtiger Teil der Jugend dar. Viele Jugendliche lösen sich von ihren Eltern in der Pubertät und
suchen sich neue Menschen, die sie unterstützen. Unsere Freunde, dir wir in der Jugend haben,
können einen sehr entscheidender Faktor unserer Entwicklung darstellen. Das Aufbauen von neuen
Unterstützungssystemen kann aber auch zu „falschen“ Freunden führen.

Donati, ein Ritter, der die die Bedrohung der Venus verkörpert, zeigt, dass es Folgen haben kann, den
falschen Menschen zu vertrauen. Durch Donati wird überspitzt die dunkle Seite von
Jugendfreundschaften gezeigt, was heute, wie damals eine Herausforderung darstellen kann. Dies
beweist, dass Eichendorff es schafft durch mythische Bezugnahme ein Problem auszudrücken,
welches noch heute Relevanz hat.
Maxine Katz
Q3

Auch die Liebe wird in der Novelle thematisiert. Wieder werden die Facetten dieses Themas durch
zwei gegensätzliche Charaktere, Bianca und Venus, dargestellt. Bianca, eine junge Federballspielerin
aus der Stadt Lucca, repräsentiert die romantische Liebe, während die Venus sexuelle Anziehung
darstellt. Florio ist zwischen den beiden Frauen hin- und hergerissen, doch am Ende entscheidet er
sich für die unschuldige Bianca und es wird eine gemeinsame Zukunft angedeutet. Obwohl die
Darstellung dieser beiden Charaktere sehr von dem damaligen Frauenbild geprägt ist, werden
trotzdem verschiedene Arten der Liebe dargestellt.

Florios Beziehung zu Bianca zeigt, dass er sich bewusst für eine bestimmte Identität entschieden hat.
Die Entscheidung symbolisiert eine Angleichung an die Gesellschaft, da die Liebe zu Bianca mit den
damaligen kollektiven Normen übereinstimmt. Dies könnte auch zeigen, dass Florio zu Ende der
Novelle kein Jugendlicher mehr ist, sondern als Erwachsener zählt, da er nicht mehr rebelliert und
stattdessen Teil der Gesellschaft geworden ist.

Heute werden junge Menschen auch mit verschiedenen Arten von Liebe konfrontiert. Aber jetzt
werden auch nicht „traditionelle“ – also monogame, romantische und heterosexuelle, Beziehungen
immer mehr normalisiert und anderen Beziehungen gleichgestellt. Trotzdem stehen viele junge
Menschen der Entscheidung für oder gegen gesellschaftliche Anpassung gegenüber. Dies zeigt, dass
der Kontext der Zeit sich ändert, wobei die Kernideen immer noch bestehen. Dadurch beweist
Eichendorff wieder, dass er die Probleme der Jugend erkannt hat, wobei vermerkt werden muss, dass
wir einen neuen Kontext kultiviert haben

Die Freundschaften, Erfahrungen und Beziehungen der Jugend haben alle das Ziel sich seiner
Identität bewusst zu werden. Durch die Pubertät wird man zu seiner eigenen Person, was diese
Phase grundlegend von anderen Lebensabschnitten unterscheidet.

Bevor Florio die Stadt Luca betritt, hat er noch keinen konkreten Vorstellungen seiner Zukunft, doch
zu Ende findet er Liebe und Sicherheit.

Schon sein Name symbolisiert den Vorgang des positiven Wandels; das Aufblühen. Eichendorff nutzte
für all seine Charaktere Namen, die auf ihre Charakterzüge oder Schicksal hinweisen. Dadurch wird
die persönliche Entwicklung Florios schon zu Beginn angedeutet. Florio ist am Anfang der Novelle
noch recht unsicher und vermittelt den Leser den Eindruck verloren zu sein. Seine Bildungsreise hat
den Zweck, dass er neue Erfahrungen machen kann und somit zu sich selbst findet.

Einen Beweis für seine Selbstfindung ist der Wandel seiner Poesie. Zu Beginn ist diese zwar gut, aber
nicht herausragend, doch zu Ende blüht sein Talent auf. Durch seine neugefundenen Erfahrungen
kann er nun tiefgründigere Kunst erstellen, was auch auf eine kreative Entwicklung hinweist.

Auch die Findung zum Glauben, dem Christentum, widerspiegelt die Festigung von Florios Identität.
Durch die Religion schafft es Florio sich dem Bann der Venus loszureißen. Der Wahn den Florio
durchlebt, kann in einem kontemporären Zusammenhang mit mentalen Krankheiten verbunden
werden. Heute werden viele Jugendlichen mit ihren eigenen mentalen Problemen konfrontiert,
wobei jeder individuell entscheiden muss, wie damit umgegangen wird. Die Religion, für die Florio
sich entscheidet, steht stellvertretend für Moral im Allgemeinen. Identität wird auch von unseren
Ansichten und Meinungen geprägt. Religion spielt für viele junge Menschen eine immer kleiner
werdende Rolle, dennoch suchen alle nach Moral und eine gewisser Leitung im Leben. Wir können
jetzt zum Beispiel ein höheres Interesse in Politik bei jungen Menschen beobachten, was Florios
Entscheidung zum Christentum teilweise gleichzusetzten ist. Wie auch schon bei der Thematik der
Liebe, ist der Kontext der Novelle ein anderer als heute, aber die Kernproblematik bleibt bei uns.
Maxine Katz
Q3

Nach Wiebesieks These, stellt Eichendorff mit Hilfe von Mystik dar, wie Florio die Pubertät durchlebt.
Eichendorffs dargestellte Probleme der Jugend sind zwar heute nicht mehr identisch, aber trotzdem
haben sie den gleichen Kern. Dies zeigt, dass Pubertät keine Neuerfindung ist, aber schon immer zu
beobachten war. „Das Marmorbild“ beweist das realistische Konflikte mit Fantasie und Spuk
verbunden werden können, ohne dass eine der beiden Aspekte an Bedeutung verliert.

Obwohl diese Novelle vor über 200 Jahren geschrieben wurde, lassen sich ähnliche Gedankengänge
beobachten. In gewissen Maßen ist die Epoche der Romantik mit der Postmodernen, also jetzt, zu
vergleichen. Beide Zeitalter sind von politischer und sozialer Unruhe geprägt. Während im Jahr 1819
Menschen mit der französischen Revolution, Beginn der Industrialisierung und somit den frühen
Kapitalismus konfrontiert wurden, müssen wir uns heute mit Corona und den Folgen und Zerfall des
Kapitalismus auseinandersetzten. Das hat die Folge, dass Menschen eine Flucht aus dem Alltag
suchen, sei es durch Natur, Musik oder auch Literatur.

Dies zeigt, dass trotz der vielen Jahre wir Menschen immer noch probieren unserer Realität zu
entkommen, weshalb wir uns immer noch mit gleichen Themen beschäftigen. Dadurch kann man
Werke wie „Das Marmorbild“ als Brücke zwischen der Vergangenheit und jetzt betrachten, da es
beweist, dass wir uns doch nicht so viel verändert habe.

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