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Die Koren des Erechtheion

I. Das Erechtheion
• Name: „Stätte des Erechtheus“ → mythischer Urkönig von Attika
• Bauform: kommt der Form eines Plastes am nähesten; Gebäudeteile aus verschiedenen
Formate, Aussehen, Höhe und Bodenniveau zusammengesetzt
• Götterverehrung: mindestens 13 Gottheiten und Heronen, u.a. Athena Polias, Poseidon,
Zeus, Hermes, Hephaistos, Erechtheus, Kekrops, Pandrosos und Butes
• Datierung: laut Bauinschriften während einer Pause innerhalb des Peloponnensischen
Krieges errichtet (ab 421 v. Chr. bis 409/406 v. Chr.)
• Korenhalle: auf der Südseite, dem Parthenon zugekehrt; Gebälk nicht von Säulen, sondern
von Frauen getragen („Karyatiden“)

II. Die Erechtheionkoren


Koren Allgemein
→ Datierung: 413 v. Chr. (terminus ante quem)
1. gleich gekleidet: ärmelloser Peplos, der unter dem Kolpos gegürtelt ist; ein auf den
Schultern befestigter Mantel der tief in den Rücken herabfällt
2. gleiche Scheitelzopf-Frisur
3. Proportionen, Gesichtszügen und ihre fließende Gewandung (Verhüllung und Entblößen)
4. alte, archaische Elemente → „Archaismus“
5. enggebundener Stand (erinnert an Koren des 6. Jh.): eng am Körper herabhängende Arme
und frontale Ausrichtung des Kopfer
6. In der rechten Hand hielten sie eine Phyale und in der linken griffen sie in das Gewand

Kore A
• Darstellung einer schlichten, einfachen, jedoch schweren Frau
• kräftige Modelierung: rechte Schulter, Oberarme, breiter Oberkörper mit breiten Brüsten →
Schwerfälligkeit und gleichzeitig Schlichtheit
• schwerer Blick durch dicke Augenlider
• nur andeutungsweise pondiert: rechte Schulter minimal gedenkt
• linkes Spielbein

Kore B
• Ponderation wie bei Kore A nur schwach angedeutet
• Form des Gesichts ähnlich wie Kore A aber etwas zierlicher
• wie Kore A: massive Körpergestalt
• auffällig starke Hervorwölbung des Leibes unter der Thorax
• linkes Spielbein

Kore C
• best erhalteste Kore: Original im British Museum, London
• 1803 von Lord Elgin aus dem Bauzusammenhang gelöst und nach England gebracht
• Höhe: Oberseite der Plinthe bis Unterseite des Architravs 229,80 cm hoch
• Gesicht verhältnismässig kurz, breit und weiche Konturen
• Ponderation kaum zum Ausdruck gebracht
• Körperform tretet nicht so stark hervor wie bei den anderen Koren
• flache, breite Brüste, die hoch und weit auseinander sitzen → deuten auf eine
jungmädchenhafte Darstellung → realistischer Bezug auf eventuelle Deutung als
Arrhephoroi
• gedämpfte, zurückhaltende Charakterisierung der Körperlichkeit
• Gewand so wirklichkeitsnah und lebenswahr wie möglich dargestellt
• linkes Spielbein

Kore D
• Gesicht: viel schmaler als bei Kore C
• Gewand klebt und betont stark den Körper, v.a. das rechte Spielbein wird deutlich
herausmodeliert
• Kore D „bewegter“ als alle anderen Koren → kontrapostische Haltung am stärksten spürbar
• wichtig: leichte Neigung und Drehung von Hals und Kopf → Unterschied zu der sonstigen
Frontalität der Koren
• dargestellter Mädchentypus ist viel schlanker als Kore C, feingliedriger als Kore A und B,
v.a. durch das schmale Gesicht deutlich
• Brüste sind klein und fest → Körper beherrscht das Gewand, nicht umgekehrt

III. Deutung
Stilanalyse
Araische Elemente Elemente der Frühklassik Mischform
(Strenger Stil)
Motiv der gedrehten Motiv der geflochten Zöpfe, die Entlasteter Bein nach vorne
Korkenzieherlocke auf den sich um den Hinterkopf kreuzen gestellt (Klassik) ↔ beide Füße
Schultern treten mit der ganzen Sohle auf
(Archaik)
Motiv des Mantelfassens Gebundener Schopf (Archaik:
flach und breit ↔ Frühklassik:
knapp, schmall und dichter)

Die Verantwortlichen
• Aus Bauinschriften und literarischer Überlieferung weiß man, dass es eine Baukommission
(Epistatai) gegeben hat, die demokratisch vom Volk gewählt wurde.
• Dennoch wird vermuttet, dass politisch-religiöse Gruppierungen (z. B. Der Clan der
altadelige Eteobutade → Zurückführung auf Erechtheus/Butes) durchaus die Mittel hatten
die Planung und Gestaltung von öffentlichen Bauten zu beeinflussen.

Bildhauer (Vorschlag nach H. Lauter)


• Koren A und B: Koren-Meister haben wahrscheinlich im selben Atelier gearbeitet
• Koren C und D: von hervorragende und selbstständige Künstler geschaffen
• Kore E und F: künstlerisch am schwächsten und daher nur von Mitglieder der Werkstatt
eines Koren-Meisters geschaffen

Frage nach der Identität der Koren


1. Vitruvs Deutung als „Karyatiden“
• Literarische Quelle: Vitruv (I 1,5)
• Karyatiden = Frauen von Karya
• Deutung: Frauen tragen die Last des Gebälks als Zeichen für Knechtschaft und Bestrafung
• Kritikpunkt: Aussage ist stark vom römischen Unterdrückungswillen und
Selbstgerechtigkeit geprägt

2. Deutung als Kekrops-Töchter


• Aglauros, Herse und Pandrosos
• Kekrops-Grab liegt unterhalb der Korenhalle
• Phyalen werden oft im kultischen Zusammenhang (Totenkult) verwendet
• Kritikpunkt: Da es sich um sechs Koren handelt, die alle unterschiedlich von einander
aussehen, gibt es keinen Ansatz für eine Verdopplung der drei Töchter des Kekrops.

3. Pausanias Deutung als Arrhephoroi


• literarische Quelle: Pausanias (I 28,3)
• Kritikpunkt: Pausanias schreibt eindeutig von zwei junge Frauen
• Ansatz: Es handelt sich bei den Koren eindeutung um junge unverheiratete Frauen
(Haartracht), die eine Kekrops (Schlangenarmreif) bezogene religiös-kultische Handlung
durchführen (Phyale).

III. Abbildungen
Die Korenhalle auf der Südseite des Erechtheion Grundriss des Erechtheion
Koren A – E

Archaisches Element: Korkenzieherlocke Frühklassisches Element: dichter, voller Schopf

Literatur
– J. M. Hurwit, The Athenian Acropolis. History, mythology and archaeology from the neolithic era to the
present (Cambridge 1999)
– H. Lauter, Die Koren des Erechtheion, AntPl 16 (Berlin 1976)
– A. Leibundgut, Künstlerische Form und konservative Tendenzen nach Perikles. Ein Stilpularismus im 5. Jh. v.
Chr.?, TrWPr 10 (1989)
– L. Schneider – C. Höcker, Die Akropolis von Athen. Eine Kunst- und Kulturgeschichte (Darmstadt 2001)
– A. Scholl, Choephoroi. Zur Deutung der Korenhalle des Erechtheion, JhI 110, 1995, 179 - 212

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