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EDMUND HUSSERL

STUDIEN ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS

TEILBAND III

WILLE UND HANDLUNG

TEXTE AUS DEM NACHLASS

(1902-1934)

HERAUSGEGEBEN VON

ULLRICH MELLE
UND

THOMAS VONGEHR
STUDIEN ZUR STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS
TEILBAND III
WILLE UND HANDLUNG
HUSSERLIANA
EDMUND HUSSERL
GESAMMELTE WERKE

BAND XLIII/3

STUDIEN
ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS

TEILBAND III
WILLE UND HANDLUNG

Texte aus dem Nachlass


(1902–1934)

AUF GRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICHT VOM


HUSSERL-ARCHIV (LEUVEN) UNTER LEITUNG VON

ULLRICH MELLE
EDMUND HUSSERL

STUDIEN
ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS
TEILBAND III
WILLE UND HANDLUNG

Texte aus dem Nachlass


(1902–1934)

HERAUSGEGEBEN
VON

ULLRICH MELLE
UND
THOMAS VONGEHR

123
Edmund Husserl†

Hrsg.
Ullrich Melle Thomas Vongehr
Husserl Archives Husserl Archives
Leuven, Belgien Leuven, Belgien

Husserliana: Edmund Husserl – Gesammelte Werke


ISBN 978-3-030-35927-0 ISBN 978-3-030-35928-7 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7

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INHALT

i
die handlung als willentlicher vorgang

§ 1. Die Phasen der Handlung: schöpferische Willenshandlung


und physischer Folgeablauf . . . . . . . . . . . . . . . 1
§ 2. Einheit und Vielheit des Willens: Ziel und Weg. Mechanische
und „achtsame“ Handlungen. Entschluss und Handlung 5
§ 3. Ist das setzende fiat in einer anschaulichen Vorstellung des
gewollten Vorgangs fundiert? . . . . . . . . . . . . . . 13
§ 4. Die anschauliche Erwartung von Vorgängen. Allgemeine
Analyse des Erinnerungs- und Erwartungsbewusstsein . . 15
§ 5. Empirisch und willentlich motivierte Erwartungen . . . . 20

ii
das wesen des schlichten handelns

§ 1. Das in Wahrnehmung fundierte Wollen als Handeln und das


Wollen als fiat. Die Willenskontinuität in jeder Phase der
Handlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
§ 2. Voluntäre Form und Materie. Die stetige Erfüllung der lee-
ren Willensintention durch das kreative Wollen . . . . . . 27

iii
unterschiede in der willensmeinung

§ 1. Der Wille im Vorsatz, im Entschluss und im handelnden Tun 33


§ 2. Einfache und zusammengesetzte Handlungen. Weg und
Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
§ 3. Mittel und Zweck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
vi inhalt

iv
willenskausation und physische kausation

§ 1. Wille und Handlung. Handlung und Hemmung . . . . . . 47


§ 2. Das Wollen als Ablauf in der immanenten Sphäre ist kein
Naturvorgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
§ 3. Die Abhängigkeit der Bewusstseinsinhalte vom Leib. Me-
chanische Naturkausalität und funktionale psychophysische
Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
§ 4. Inwieweit ist das Hervorgehen der Tat aus dem Willen als ein
Abhängigkeitsverhältnis zwischen Tatsachen zu bestimmen? 54

v
naturkausalität und willenskausalität.
zur analyse der primären
schöpferischen handlung 59

vi
passivität und spontaneität im
doxischen gebiet und im willensgebiet

§ 1. Wollen, Trieb, Tendenz, ichliche Zuwendung und die Paral-


lelen im Urteilsgebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
§ 2. Die Bedeutung des Zeithorizontes für die Handlung . . . 72
§ 3. Ob alles spezifisch Logische aus der Sphäre der Spontaneität
stammt. Tendenzen, die vor aller willentlichen Zuwendung
des Ich liegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
§ 4. Trieb als Wille einer tieferen Stufe . . . . . . . . . . . 80
inhalt vii

vii
praktische möglichkeiten und praktischer
bereich. die modi willentlichen geschehens

§ 1. Praktische Möglichkeiten als reine und als reale. Die Be-


grenzung meines Tunkönnens in einem empirischen Mög-
lichkeitsbereich. Das personale Ichliche und der seelische
Naturuntergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
§ 2. Die Frage nach der Freiheit kinästhetischer Verläufe. Das
bloß außerwillentliche, sachliche Geschehen gegenüber dem
willentlichen Geschehen. Im willentlichen Bereich die Schei-
dung des willkürlichen vom unwillkürlichen Tun . . . . . 92

viii
das bewusstsein des „ich kann“ als
voraussetzung jeder willensthesis.
die konstitution von willenswegen
und tätigkeitsfeldern aus
unwillkürlichen ichtätigkeiten 99

ix
die entwicklung „praktischer
apperzeptionen“ (des willens).
doxische und praktische affektion

§ 1. Attentionale Affektion als Trieb zur Zuwendung und prak-


tische Affektion. Die Auswirkung der praktischen Affektion
als praktische Rezeptivität . . . . . . . . . . . . . . . 109
§ 2. Praktische gegenüber theoretischer Möglichkeit. Das „Ich
tue“ als Urmodus des Willens. Das „Ich kann“ als eine
Modalität des „Ich will“ . . . . . . . . . . . . . . . . 112
§ 3. Die Affektion in der doxischen Sphäre und ihre Parallele
in der Praxis. Die Frage nach dem Verhältnis des Nicht-
Primitiven zum Primitiven in der praktischen Sphäre . . . 114
§ 4. Zuwendung als Übergang in ein cogito in allen Aktsphären.
Tendenz und Ichstreben als Modi jeden Bewusstseins. Die
assoziativ-praktische Antizipation, ichloses Tun und das Ur-
wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
viii inhalt

x
zur willensanalyse: das wirken des ich als
inneres und äusseres tun und erzeugen.
die aus dem vollzug von stellungnahmen
erwachsenden idealen bestimmungen des ich

§ 1. Bleibende Hexis als ideale Eigenheit des Ich. Veränderung


des Ich durch Veränderung seiner Überzeugungen. Das Sich-
selbst-treu-Bleiben. Das Ich in beständiger Entwicklung
durch Vollzug neuer Stellungnahmen . . . . . . . . . . 121
§ 2. Weltapperzeption als Habitus. Affektion und Zuwendung.
Ich-Tendenz als Hingerissenwerden des Ich und das sich
im realisierenden Tun erfüllende Ich-Streben. Jeder Gegen-
stand als habitueller Besitz aus „Erzeugung“ . . . . . . . 125
§ 3. Das äußere Erzeugen von Werken. Das Werk als bleibendes
Sein einer bleibenden Absicht. Der erledigte und der preis-
gegebene Wille. Willensgesinnung und wertende Gesinnung.
Der auf eine Idee und ihre realisierende Selbstgebung gerich-
tete Wille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
§ 4. Erkenntniswerte und -werke. Das theoretische Interesse als
Interesse am Optimum der Fülle . . . . . . . . . . . . 133
§ 5. Passivität des Ich – „mechanisch“ hingezogen von Reizen,
„mechanisch“ genießend – gegenüber freier Stellungnahme
im aktiven Glauben, Werten und Tun. Urteilswahrheit, Wer-
tewahrheit und Willenswahrheit . . . . . . . . . . . . 135
§ 6. Freie Ich-Akte als Aktualisierungen und Stiftungen von Ge-
sinnungen. Aktives Streben als Vernunftstreben auf Evidenz
der Wahrheit im weitesten Sinn gerichtet. Jeder Akt des Ich
als seine bleibende Bestimmung, solange er nicht durch neue
Akte entwurzelt wird . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
§ 7. Das Wirken des Ich auf andere Subjekte durch soziale Akte.
Die Person als ein Ich, das mit anderen Ich in Willensge-
meinschaft steht. Personale Liebe . . . . . . . . . . . . 140
inhalt ix

xi
vorstellen, denken und handeln

§ 1. Willentliche Erzeugung von Vergegenwärtigungen und von


Gedanken. Mechanisches Rechnen. Das auf reales Dasein
gerichtete Realisieren gegenüber dem Erzeugen von Ur-
bildern. Die Erzeugung im Kenntnis nehmenden Erfahren
eines äußeren Gegenstandes gegenüber dem Erzeugen des
darstellenden Erlebnisses . . . . . . . . . . . . . . . 145
§ 2. Das Denken als Handeln mit dem praktischen Ziel der Wahr-
heit. Das Streben nach Evidenz. Die Logik als Wissenschaft
von der praktischen Vernunft im Erkenntnishandeln . . . 151

xii
das allgemeine des strebens und
seine verschiedenen richtungen

§ 1. Das wertende Verhalten in der Erkenntnis und das wertende


Verhalten im Begehren. Sind objektivierendes und werten-
des Bewusstsein gegensätzliche Aktklassen? . . . . . . . 157
§ 2. Affektion durch den Wert. Das theoretische Interesse und
der Eigenwert der Erkenntnis. Die zwei Strebenssysteme.
Streben nach Erkenntnis und Streben nach Realisierung des
Gegenstandes um seines Wertes willen . . . . . . . . . 161

xiii
zur lehre von der intentionalität im hinblick
auf die genesis der weltkonstitution.
der strebenscharakter des aktlebens

§ 1. Das nicht durch einen Glauben motivierte, uninteressierte


Gefallen am Schönen gegenüber dem Gefallen am Wesen
als Seienden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
§ 2. Werte als im fühlend-wertenden Bewusstsein konstituierte
Einheiten. Der Wert als Seinsthema . . . . . . . . . . . 177
x inhalt

§ 3. Stellungnehmende Akte als eigentliche Ichakte und ihre


passiven Vorformen. Das erfahrend Gerichtetsein als eine
Strebenstendenz gerichtet auf die Realisierung des Seienden
in seinem Seinsgehalt. Der Willensmodus des Urteilens . . 181

Beilage I. Seiendes als erworbene Habe und Korrelat einer habitu-


ellen Zugangspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185

Beilage II. Wahres Sein und wahrer Wert. Wert und Stimmung. Die
auf die ganze Lebenszukunft bezogene Stimmung: Lebensgefühl
und Lebenssorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186

Beilage III. Die Vorfreude als eine Gefühlsantizipation und ihre Er-
füllung im Genuss. Der im Genuss selbsterfühlte Wert . . . . . 190

ERGÄNZENDE TEXTE

a
neigung, vermutung, anmutung, zweifel im
urteilsgebiet und in der sphäre des gemüts

Nr. 1. Vernunft und Neigung. Urteilsneigung . . . . . . . . . 195

Nr. 2. Anmutung als Neigung zu Vermutung oder Glaube. Ur-


teilsneigung und Urteilshandlung . . . . . . . . . . . . 200

Nr. 3. Anmutung und Vermutung. Blinde und durch Gewicht


verleihende Motive begründete Annahmen . . . . . . . . . 203

Nr. 4. Urteilsneigung und Vermutung, Frage, Zweifel . . . . . 213

Nr. 5. Begründung in der Sphäre der emotionalen Akte. Schwan-


ken und Entscheidung. Die mit dem Urteil verbundene Wert-
intention und ihre Erfüllung durch die Einsicht . . . . . . 221

Nr. 6. Aktmotivation, Neigung und Tendenz. Das Willentliche in


allen Akten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
inhalt xi

Nr. 7. Die Willensrichtung auf Wahrheit. Denken als eine Tätig-


keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240

b
zur phänomenologie des
wollens und der handlung

Nr. 8. Analysen zur Triebhandlung, zu unterschiedlichen Fäl-


len des einem Trieb Folgeleistens sowie zum freien und un-
freien Wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245

Nr. 9. Zusammenstellung der Unterscheidungen bei der Analyse


der Handlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251

Nr. 10. Das Gefallen aufgrund der Vorstellung als Grundlage


des Wunsches. Das Verhältnis von Wunsch und Wille . . . 253

Nr. 11. Die parallele Unterscheidung zwischen Anmutung, Ur-


teilsneigung und Urteilsentscheidung einerseits sowie
Wunsch, Willensneigung und Willensentscheidung anderer-
seits . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256

Nr. 12. Inwieweit das fiat die Vorstellung der Handlung vor-
aussetzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262

Nr. 13. Das fiat als praktische Zustimmung und das Willensmo-
ment in der Ansatzphase der Handlung . . . . . . . . . . 264

Nr. 14. Fiat und Vorsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266

Nr. 15. Aufmerksamkeit und Wille, theoretisches und prakti-


sches Interesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268

Nr. 16. Willensintention und ihre Erfüllung als Realisierung.


Verworrenheit und Klarheit im Wollen . . . . . . . . . . 271

Nr. 17. Der Unterschied zwischen Gefühlsprädikaten und dem


Charakter der Willentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . 273
xii inhalt

Nr. 18. Das Willensvorkommnis des Widerstandes und seiner


Überwindung. Geht der Wille bei der Leibesbewegung nicht
primär auf die Schicht der subjektiven Empfindungen? . . . 278

Nr. 19. Empirische Motivation und Willensmotivation. Erwar-


tung als Komponente des Willens . . . . . . . . . . . . . 281

Beilage IV. Gibt es eigene Erwartungsphänomene in der Gemüts-


und Willenssphäre? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285

Nr. 20. Analogien zwischen Urteil und Wille . . . . . . . . . 287


§ 1. Der vielfache Sinn der hypothetischen Rede und der hypo-
thetische Wille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
§ 2. Affirmation und Negation beim Urteil und beim Willen . . 291

c
zur lehre von der tendenz und ihrer
auswirkung: die spannung der erwartung und
aufmerksamkeit, theoretisches interesse,
tendenz und erfüllung, tendenz und wille

Nr. 21. Der unterschiedliche Charakter der Erscheinungswei-


sen bei gegebenen Dingen und bei der Erzeugung einer Ob-
jektveränderung. Aufmerksamkeit auf das Erscheinende und
Vollzug der Stellungnahme. Der Seinscharakter vor der Ak-
tualisierung der Stellungnahme . . . . . . . . . . . . . . 297

Nr. 22. Zur Abgrenzung von Tendenz und Wille. Ist das Tendie-
ren ein Willensmodus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304

Nr. 23. Tendenz als „Form“ der Akte. Die Doppelseitigkeit der
Intentionalität: Tendenz und Bewusstsein-von. Die zum inne-
ren Bewusstsein gehörende Tendenz gegenüber dem Begeh-
ren und Wollen als Tendieren auf eine Freude . . . . . . . 308

Nr. 24. Tendenz und Aufmerksamkeit. Im Akt leben. Das Inter-


esse. Vollzug intentionaler Erlebnisse . . . . . . . . . . 312
inhalt xiii

Nr. 25. Ist Glauben in analogem Sinn Intention wie Tendenz und
Begehren? Das Verhältnis von Bekräftigung und Erfüllung.
Intention als Stellungnahme und als Tendenz . . . . . . . 315

Nr. 26. Die Spannung der Erwartung gegenüber der Spannung


der Aufmerksamkeit. Die zur Aufmerksamkeit gehörenden
Tendenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

Beilage V. Attentionale Wandlungen . . . . . . . . . . . . . . 327

Beilage VI. Zur Spannung und Entspannung bei Erwartung und Auf-
merksamkeit. Die Erwartung als vorerinnernde Aufmerksamkeit.
Quasi-Erwartung und Quasi-Aufmerksamkeit in der Phantasie . 328

Beilage VII. Die Intensität der Aufmerksamkeit . . . . . . . . . 331

Nr. 27. Die Erfüllung von Intentionen gegenüber der Entspan-


nung von Tendenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333

Nr. 28. Aufmerksamkeit als Zuwendung und als Tendenz. Die


vom Gegenstand ausgehenden Tendenzen zur Betrachtung
und Tendenzen auf Explikation und synthetische Setzung 335

Nr. 29. Theoretisches Interesse als Tendenz zur Betrachtung.


Ist Interesse am Gegenstand ein Gefühl? . . . . . . . . . . 338

Nr. 30. Passivität und Aktivität im Begehren und Wollen. Die zum
Begehren und Wollen gehörenden Tendenzen . . . . . . . 341

Nr. 31. Der Trieb als ursprüngliches Willensphänomen. Der Wi-


derstand gegen den Trieb als Willensenttäuschung . . . . 346

Nr. 32. Wille und Trieb. Triebe als sich von innen her auswir-
kende Kräfte gegenüber Wunsch- und Begehrungsintentio-
nen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347

Nr. 33. Die Tendenz auf Vollzug eines Aktes und ihre Auswir-
kung in der Sättigung gegenüber dem Begehren . . . . . . 349
xiv inhalt

Nr. 34. Implikation der Doxa. Die Vorzugsstellung der objekti-


vierenden Akte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355

Nr. 35. Verschiedene Begriffe von Aufmerksamkeit und Mei-


nung. Tendenz, in ein Meinen überzugehen, und Tendenz im
Meinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360

Nr. 36. Zuwendung zum Gegenstand um seiner selbst willen und


um des Gefühls willen. Das willkürliche Verfolgen eines
theoretischen Interesses um seiner selbst willen und als Mit-
tel. Das durch die „Lust am Bemerken“ motivierte theoreti-
sche Interesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362

Beilage VIII. Freude an der Forschung, Freude an der Erkenntnis.


Aufmerksamkeit und theoretisches Interesse . . . . . . . . . 369

Beilage IX. Doppelsinn des cogito. Das Im-Griff-Behalten während


der Ablenkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372

Nr. 37. Bejahung in der Willenssphäre und in allen Aktsphären 374

Nr. 38. Tendenz und cogito. Aufmerksamkeit als Spannung . . . 376

Nr. 39. Tendenzen auf Klärung und auf Berechtigung . . . . . 378

Nr. 40. Tendenzen und tätige Verläufe in der ichlosen Wahrneh-


mung und im „Ich tue“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383

Nr. 41. Intention und Erfüllung. Die Erwartung und ihre Ge-
fühlsspannung. Der Unterschied zwischen statischen und ki-
netischen Intentionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387

d
phänomenologie der willensaffirmation
und -negation, modalitäten des wollens

Nr. 42. Die Schwierigkeiten der Willensanalyse. Passivität, Re-


zeptivität und Spontaneität in der doxischen Sphäre. Reiz und
Zuwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391
inhalt xv

Nr. 43. Sollensbewusstsein in der Willenssphäre. Gibt es ein ei-


genes Sollensbewusstsein in der Urteilssphäre? . . . . . . 397

Nr. 44. Auf Vergangenes gerichtete Wünsche. Das Verhältnis


von Begehren und Wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

Nr. 45. Willensanmutung gegenüber dem Bewusstsein


praktischer Möglichkeit. Die Erfassung von Handlungen. Das
aus dem Wollen entquellende Gewiss-Sein . . . . . . . . . 401

Beilage X. Wie steht eine Handlung als praktische Möglichkeit vor


Augen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406

Nr. 46. Das willkürliche Eingreifen in ein von selbst ablaufen-


des triebmäßiges Geschehen am Beispiel des Atmens: Hem-
mung, Beschleunigung und Verlangsamung. Die Frage nach
dem Verhältnis von Wille und Tendenz . . . . . . . . . . 408

Nr. 47. Unbestimmter, zielloser gegenüber zielgerichtetem


Trieb. Triebbetätigung gegenüber Willkürtätigkeit. Das Ver-
hältnis des Begehrens zur Schicht der tätigen Impulse in der
Kontinuität des Tuns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415

Nr. 48. Schlichtes Wollen und Entschluss. Triebwille und


triebhaftes Tun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419

Nr. 49. Liegt in jedem eigentlichen Wollen ein Werten? Tenden-


zen und Gegentendenzen: das passive Folgen gegenüber dem
wollenden Bevorzugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422

Nr. 50. Die Frage nach dem Wert des blinden, aber richtigen
Urteilens. Die Idee göttlicher Erkenntnis. Der Unterschied
zwischen Erfüllung und Berechtigung in der Glaubens- und
Willenssphäre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424

Nr. 51. Die Bewertung des Urteilens im Hinblick auf seine durch
prinzipielle Einsicht ausgewiesene Richtigkeit. Das Werten
gegenüber dem existenzial interessierten Gemütsverhalten.
Die Stiftung des ethischen Gewissens und Charakters durch
den ethischen Grundwillen . . . . . . . . . . . . . . . . 430
xvi inhalt

Nr. 52. Der ursprüngliche Wille in Hemmung und Förderung von


kinästhetischen Verläufen . . . . . . . . . . . . . . . . 437

Nr. 53. Unmittelbares Tun gegenüber willkürlichem Tun als se-


kundärem Tun, dem eine als Reiz fungierende Vorstellung
vorausgeht. Die Erfahrung der Hemmung als Vernunftmotiv
für eine Willensverneinung . . . . . . . . . . . . . . . . 440

Beilage XI. Wie geht der Wille auf die Handlung? . . . . . . . . 442

Nr. 54. Die Objektivität der Natur und die Voraus-Bestimmtheit


des Erfahrungsverlaufs. Die apriorischen Voraussetzungen
einer Willensthesis. Die Auszeichnung von idealen Möglich-
keiten des Wollens als praktische Möglichkeiten nach be-
stimmten Erfahrungsthesen . . . . . . . . . . . . . . . . 444

e
modi des strebens, formen der affektion und
freie ichakte. hemmung und modalisierung

Nr. 55. Die Erfüllungsgestalten des positiven und negativen


Strebens. Spannungszustände und ihre Lösung. Prozesse der
Lustabnahme, Lusterhaltung und Luststeigerung und das da-
mit verbundene positive und negative Streben . . . . . . . . 451

Nr. 56. Der Trieb und seine Modi. Die Realisierung als Triebmo-
dus ist keine Stellungnahme. Der Entschluss als praktisches
Ja oder Nein zu einem praktischen Anschlag als das eigentli-
che fiat. Entschluss und eigentliche Handlung . . . . . . 456

Nr. 57. Überlegung. Zum Unterschied zwischen Triebgefühlen


und Wertgefühlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459

Nr. 58. Rationales Handeln gegenüber Handeln aus Neigung.


Rationale wertnehmende Liebe und ihre Kraft. Willens-
schwäche: das für das Gute gelähmte Willens-Ich . . . . . 460

Nr. 59. Das Streben nach Lust. Das Haben und das Genießen der
Lust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462
inhalt xvii

Nr. 60. Die Wesenstypen des dumpfen und wachen Lebens. Instink-
tive und freie Akte. Leben als unaufhörliches Streben. Hin-
und Wegstreben – die Fülleformen der Lust und Unlust . . 464

Nr. 61. Der Trieb in der Gestalt des Ichstrebens gegenüber „me-
chanisch“ ablaufenden tendenziösen Verläufen. Die Hem-
mung eines Strebensverlaufs durch einen Widerstand. Die
Frage nach der Bedeutung der Widerstandserfahrung für die
Konstitution einer Dingwelt . . . . . . . . . . . . . . . . 467

Nr. 62. Das Streben nach Selbsterhaltung als Streben nach


Lust. Positives Hin- und negatives Wegstreben. Konkurrenz
der Strebungen. Spontanes und affektives Tun . . . . . . . 473

Nr. 63. Die Neugier als Trieb zur Kenntnisnahme gegenüber dem
allgemeinen Trieb zur Zuwendung. Die Neugier im Verhältnis
zu anderen Gefühlen und ihrer Motivkraft. Phänomenologi-
sche Unterschiede zwischen Neuem und Bekanntem . . . . 476

Nr. 64. Erkennen als zielgerichtete Tätigkeit. Das durch das ver-
meinende Werten im Gefühl hindurchgehende Streben. Ein
Ding als Gut in Bezug auf die Möglichkeit des Besitzes und
der genießenden Wertrealisierung. Die Verflechtung der
Bewusstseinsfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482

Nr. 65. Freiheit und „Ichakt“. Freie Entscheidung aufgrund


freier Überlegung. Entscheidungen unter Zwang. Die Frei-
heit der Vernunft: Entscheidung auf Grund einer Überle-
gung, die auf Wahrheit abzielt . . . . . . . . . . . . . . . 487

Beilage XII. Der zur Rezeptivität gehörende Streit der Apperzep-


tionen. Das aktive Annehmen und das aktive Wahrnehmen als
Ich-Tun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 490

Nr. 66. Die Freude an der Erkenntnis. Das unendliche Reich der
mathematischen Erkenntnis als eine eigene praktische Güter-
welt. Deren methodische Beherrschbarkeit als eine eigene
praktische Vernunft und ein erstes Bild eines rationalen
Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 493
xviii inhalt

Nr. 67. Affektion und Attention als Modi des Gegenstandsbe-


wusstseins. Streben als allgemeine Modalität des Bewusst-
seins. Hintergrundaffektion und attentionale Affektion: vor-
attentionales und attentionales Streben . . . . . . . . . . 499

Nr. 68. Praktische Affektion . . . . . . . . . . . . . . . . . 505

Nr. 69. Der Gegenstand in der Hingabe und im Interesse. Freie


Stellungnahme und Entscheidung. Das Streben nach Einstim-
migkeit durch Überwindung der Hemmungen. Die Modi des
Strebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511

Nr. 70. Das „Ich kann“. Hemmung als praktische Negation. Die
Durchstreichung des fiat bei einer unüberwindlichen Hem-
mung. Die Modalisierung des Tuns und Könnens bei einer
vorübergehenden Hemmung . . . . . . . . . . . . . . . . 517

Nr. 71. Erfahrung als kontinuierliche Identifikation im aktiven


Streben. Das wiederholende Durchlaufen im „Ich kann“. Die
Modalisierung der Geltung. Der Erkenntniswille . . . . . 520

Nr. 72. Das strebende Gerichtetsein des Ich auf bleibende Stel-
lungnahmen. Geltungsmodalisierungen als Hemmungen des
Ich und Störungen in seinem habituellen Sein . . . . . . . 524

Nr. 73. Freier Wille, freies Können und Willenshemmung. Phan-


tasieabwandlungen von Willensmöglichkeiten in Bezug auf
die wirkliche Situation unter Einschluss meiner geltenden
Motive und Interessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 529

Nr. 74. Wahrnehmungsanalyse der Handlung . . . . . . . . . 533


I. DIE HANDLUNG ALS
WILLENTLICHER VORGANG1

h§ 1. Die Phasen der Handlung: schöpferische


Willenshandlung und physischer Folgeablaufi

5 „Im ‚Ich will‘ liegt das ‚Ich kann‘ beschlossen.“ Heißt das, ich habe
die voraufgehende Überzeugung, dass in ka u sa l er Folge meines fiat
das Ereignis, das ich nachher „meine Tat“ nenne, eintreten werde,
und ist gemeint, dass ich erst aufgrund dieser Überzeugung mein fiat
vollziehe bzw. vorher meinen Entschluss fasse? Da hätten wir uns
10 aufgrund anschaulich klarer Vergegenwärtigung einschlägiger Fälle
das Bewusstsein des „Ich kann“, das im Entschluss vorausgesetzt ist,
anzusehen und ebenso das Bewusstsein des „Ich kann nicht“, das den
Entschluss verhindert oder den schon gefassten aufhebt, wofern es
sich nachträglich einstellt.
15 Ich stelle mir eine Handlung vor, indem ich mich in das einsetzende
fiat und die ganze Kontinuität des Handelns einlebe (hineinphanta-
siere). Diese Vorstellung der Handlung enthält vorstellungsmäßig
modifiziert das Wollen, also kein aktuelles Wollen, und henthälti
ebenso korrelativ bei der vorgestellten Handlung das ontisch Wil-
20 lentliche, das die Handlung als solche charakterisiert, gleichfalls mo-
difiziert. Nun stelle ich die Handlung nicht bloß vor, sondern ich
nehme auch an, dass ich handle, dass ich das fiat vollziehe, damit die
Handlung einsetze. (Diese hypothetische Annahme, dass ich handle,
ist natürlich etwas anderes als ein aktuelles Wollen „unter Hypo-
25 these“, z. B. ich „entschließe mich“, eine gewisse Handlung zu voll-
ziehen unter Voraussetzung, dass das und das eintrifft. Es ist hier
ein großer Unterschied zwischen Wollen in Form aktuellen Handelns
und Wollen in Form des Entschlusses. Nur das letztere Wollen kann

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 1


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_1
2 die handlung als willentlicher vorgang

in diesem Sinn Wollen, aber unter Hypothese sein. Wir müssen eben
Entschließen und Tun, Handeln im eigentlichen Sinn, von vornherein
scharf unterscheiden und phänomenologisch für sich studieren.)
Ich kann mir nun vorstellen, dass auf der Vollmondscheibe ein
5 grünes Kreuz erscheint, und zwar sogar anschaulich. Ich kann mir
vorstellen, anschaulich, dass in meinem eben erst angelegten Garten
eine uralte Linde dasteht, dass ich plötzlich frei in der Luft schwebe
etc.1 Das alles kann ich auch hypothetisch annehmen, dass es so sei.
Ich stoße jedenfalls auf einen Widerstand, auf die widerstrebende Er-
10 fahrung. Das Vorgestellte und Angenommene „kann so nicht sein“,
es ist eine mit der Erfahrung streitende Einbildung. So auch beim
unanschaulichen Vorstellen und Annehmen. Es liegt vor ein Wis-
sen oder Vermuten, ein anschauliches oder unanschauliches, eine
Glaubensneigung, die für das und das spricht, und dagegen streitet
15 die Phantasievorstellung oder sonstige Einbildung nach dem oder
jenem Bestandstück. Das Kreuz auf der Vollmondscheibe trägt den
„Charakter der Nichtigkeit“.
Nun nehme ich ein Beispiel aus der Sphä re des Handelns.
Ich kann mir vorstellen, dass ich mein Haus mit einem Stoß meiner
20 Hand umwerfe. Ich habe also die Vorstellung der Handlung mit allem,
was zu einer solchen gehört. Was ich so vorstelle, kann ich wieder
nicht glauben, es ist eine bloße Einbildung, sie hat den Charakter
der Nichtigkeit: Es sind entgegengesetzt gerichtete Überzeugungen,
entgegengesetzt gerichtete Glaubenstendenzen der Erfahrung da.
25 Wir haben phänomenologisch die empirischen Motivationszusam-
menhänge zu beachten, welche die Möglichkeit einheitlicher Hand-
lung umschränken. Im Zusammenhang einer Handlung streitet der
mit der Stoßkraft der Hand erfahrungsmäßig nicht in Proportion
stehende und angenommene Erfolg. Die stoßende Hand kann das
30 Tintenfass umwerfen, aber nicht ein Haus. Im ersteren Fall ist der

1 Für das Folgende noch ein passenderes Vergleichsbeispiel: Ich stelle mir vor, ein

Stein fliegt gegen das Haus und es fällt um. Ich „fühle“ da die Nichtigkeit dieses
vorgestellten Vorgangs. Ein fliegender Stein wirkt erfahrungsmäßig so nicht. Ich stelle
einen solchen vor, aber als einen fliegenden Stein bekannter Art. Ich vollziehe damit
eine hypothetische Erfahrungssetzung, die selbst etwas von Erfahrung enthält, und
mit diesem Ansatz stimmt nicht der Fortgang: Die Folge ist nichtig, erfahrungsmäßig
aufgehoben.
die handlung als willentlicher vorgang 3

physische Erfolg motiviert durch den Stoß, er stimmt zu ihm als


„Ursache“. Nehme ich einen solchen Stoß an unter den und den
Umständen, so „wird“ und muss der Erfolg eintreten. Diese Zusam-
menhänge gehören zur Handlung, weil sie zur Einheit des empiri-
5 schen Vorgangs gehören. Jeder physische Vorgang gehört in solche
Einheiten der Werdensmotivation, und jede Handlung ist auch physi-
scher Vorgang und untersteht den Gesetzen und Eigentümlichkeiten
physischer Vorgänge. Andererseits ist der Vorgang Handlung, er
ist willentlicher Ablauf. Sprechen wir so, wie sich uns in schlichter
10 Betrachtung die Sachen darbieten, dann müssen wir sagen: In die
Mannigfaltigkeiten der bloßen Naturvorgänge greift der Wille ein;
durch die Impulse, die er vollzieht, inszeniert er Naturvorgänge oder
ändert vorhandene Vorgänge. Ich will, und die Hand bewegt sich;
die durch äußeren Anstoß bewegte Hand regiere ich willkürlich, ich
15 halte sie in einer Lage dauernd fest oder gebe ihr eine neue Richtung
etc. und damit treten Handlungen im Naturzusammenhang auf.
Der W ille set zt ei n al s Im pul s. Ich stoße dieses Messer an,
alles Weitere ist physischer Erfolg. Macht das also eine Handlung,
zunächst hier eine physische Handlung, aus? Bloßes fiat, bloßer Im-
20 puls und daran sich knüpfend ein physisch ablaufender Vorgang? Da
bedarf es genauerer Beschreibungen.
In unserem Beispiel habe ich, näher besehen, nicht bloßen Im-
puls und dann bloßen physischen Ablauf, vielmehr habe ich eine
willkürliche Bewegung des Anstoßens und dann einen physischen
25 Erfolg, der weiter abläuft, ob nun Wille vorangegangen wäre oder
nicht, in völlig gleicher Weise. In jener willkürlichen Bewegung habe
ich einen Einsatzpunkt, mit der diese Handlung beginnt, aber die
ganze Bewegung ist nicht bloß „aus einem Willen hervorgegangene“,
sondern sie ist in ihrem ganzen Verlauf willentliche, in jeder Phase als
30 willentliche charakterisiert. Was immer dieses „willentlich“ besagen
mag, es ist ein phänomenologisches Charakteristikum der ganzen
Bewegung, die im „Stoß“ terminiert. (Solche Willentlichkeiten wie
diese willkürliche Bewegung oder solche Handlungen erfordern eine
besondere phänomenologische Untersuchung.) An den Stoß knüpft
35 sich aber nicht bloß der physische Erfolg, wenigstens im Allgemei-
nen nicht. Es kann sein, dass ich ni cht mehr gewollt habe als
diesen Stoß, ohne dass ich mein Absehen auf den zu erwarten-
den Erfolg richte. Natürlich, irgendein Erfolg gehört, wie ich weiß,
4 die handlung als willentlicher vorgang

zum Stoß, aber er ist mir „willentlich“ gleichgültig. Er ist nicht in


mein Wollen einbezogen.
Dann der entgegengesetzte Fall: Das Absehen, und zwar das wil-
lentliche Absehen, geht gerade auf den an den Stoß sich knüpfen-
5 den physischen Erfolg. Ich stoße, um im Ballspiel der Kugel eine
gewisse Richtung zu geben, und weiter, um das Spiel zu gewinnen.
Sehen wir hier von allen physischen Erfolgen ab und nehmen wir
den einfachsten Fall einer zweiten Bewegung oder eines zweiten
Vorgangs, dessen Ablauf und Ablaufsende als Ziel gewollt ist: Die
10 Willentlichkeit der willkürlichen Bewegung, die den ersten Abschnitt
der gesamten „Handlung“ ausmacht, ist dann eine wesentlich andere
als die des zweiten Abschnitts, in dem der natürliche Erfolg jener
Bewegung abläuft und nun willentlich abläuft. Vom Gesamtvorgang
mit beiden Abschnitten gilt jetzt, dass er den Charakter der Handlung
15 hat, da nicht nur ein Vorgang überhaupt vorliegt, sondern ein als
willentlich in all seinem Ablauf charakterisierter Vorgang. Nur ist die
Art des „willentlich“ beiderseits doch eine wesentlich andere. Ich
kann ja meine Willkürbewegung in jeder Phase beliebig dirigieren,
wenigstens innerhalb gewisser Grenzen. Ein Stück, ein Einsatz der
20 willkürlichen Bewegung bedingt noch nicht eindeutig das Weitere:
Das Weitere ist nicht rein natürlicher Ablauf des Anfangs, als ob der
Wille nichts mehr ändern könnte. Er ist das immerfort sozusagen
s chöpfer is ch Beseel ende der Handlung, während im zweiten
Abschnitt einfach abläuft, was inszeniert ist, und unmittelbar kann
25 der Wille nichts mehr daran ändern; er kann eingreifen höchstens in
der Weise einer neuen willkürlichen Bewegung, deren mechanischer
Erfolg mit dem schon Ablaufenden eine Resultante ergibt. Offen-
bar liegt hier ein phänomenologischer Unterschied in der Weise der
Charakteristik der beiderlei Abschnitte selbst vor.
30 Freilich ist zu beachten: Wenn ich die Feder in der Hand halte
und sie willkürlich bewege, so ist jede Bewegung als schöpferisch
sozusagen charakterisiert, so, als ob ich den Finger und die Hand
allein bewegte. Ebenso, wenn ich sonst mit einem Werkzeug operiere,
es wird sozusagen Glied meines Körpers. Aber bleibt darum nicht
35 der Unterschied bestehen? U nd setzt nicht jede Handlung
notw endig ei n Anfan gsstück voraus, das den Charakter
der s ch öpf eri sc hen H andl ung, der Urhandlung, in sich
tr ägt?
die handlung als willentlicher vorgang 5

Jede physische Handlung histi eine anstoßende und inszenierende


„willkürliche Bewegung“, und jede „geistige“ Handlung histi eine
schöpferisch-geistige willkürliche Bewegung sozusagen, eine mei-
nende Zuwendung und was es sonst irgend sein mag. (Die Elektion
5 der Meinung und das Vollziehen von Modi der Meinung wie Synthese,
Kollektion und dgl. dürfte wohl das Wesentlichste in der Verstandes-
sphäre sein. Dazu das willkürliche Nachgeben oder Widerstehen bei
Gefühlsneigungen, aber auch hbeii Urteilsneigungen, Urteilssuspen-
sion etc.)
10 Das „Wenn ich will, so kann ich“ betrifft die Handlung nach bei-
derlei schöpferischen und sekundären Abschnitten. Wenn ich will,
so kann ich die Hand heben, einen Ton singen etc., aber auch den
Mann dort (durch meinen Anruf) zum Stehen bringen und sons-
tige mittelbare Erfolge. Und wie steht es da mit der „Kausation“?
15 Wenn ich den Anruf vollziehe, so tritt sekundär der Erfolg ein; wenn
ich den Queue so und so stoße, dann fliegt die Kugel in die Ecke
des Billards etc. Das sind empirisch notwendige Erfolge, nämlich
rein als Naturfolgen (empirische Folgen in der Natur) durch den
Stoß etc. bedingt. Was aber die pri m äre Handlung anlangt, die
20 „schöpferische“, so mag sie naturnotwendig wie immer bedingt oder
nicht bedingt sein, phän om enol ogi sch steht sie nicht als ein
bloß phys is cher Erf ol g ei nes anderen Vorgangs da. Ande-
rerseits, sie ist schöpferisch-willentlich. Was ist hier noch Charakteri-
sierendes zu sagen?

25 h§ 2. Einheit und Vielheit des Willens: Ziel


und Weg. Mechanische und „achtsame“
Handlungen. Entschluss und Handlungi

Der schöpferische Wille kann einfach oder mannigfach sein. Ich


will die Hand in einer Rundung bewegen, und ich tue es. Oder ich
30 bewege sie, wie vorgefasst, in einer Rundung, dann will ich wieder eine
neue Rundung, oder ich ändere den Willen und während der Run-
dung, die gemäß dem ersten Willen verläuft, ändere ich und vollziehe
eine Reihe von Halbkreisen etc. Jedenfalls kann nicht zu jeder Phase
ein neuer Wille gehören. Ich habe dann innerhalb der Handlung,
35 die durchaus den primären schöpferischen Charakter hat, diskrete
6 die handlung als willentlicher vorgang

Teilungen, derart, dass zu jedem Abschnitt ein neu einsetzendes fiat,


ein neuer I mpul s gehört.
Kann es nicht auch stetige Änderungen geben, derart, dass auch
der Wille (und demgemäß das Willentliche an der Handlung) sich
5 stetig verändert? Zum Beispiel, ich mache spielerisch einen Zug auf
dem Papier und, während ich eine Wendung mit dem Stift mache,
ändere ich sie stetig, wie es mir gerade gefällt, bald so, bald so.
Ich habe dann einen „unbestimmt allgemeinen Willen“, den des
spielerischen Zeichnens überhaupt. Dann aber habe ich zunächst
10 einen Zug in der Absicht, den ich ausführe, und dann tritt ein neuer
Wille auf Änderung des Zuges gemäß dem und dem Schwung ein,
dann wieder usw. Es treten hier also, absetzend, neue Willensakte
innerhalb der Kontinuität ein. Während der eine Willensakt sich in
der Ausführung noch auslebt, tritt schon ein neuer auf, der stetig
15 ändernd in die Bewegung „eingreift“ und nun einen neuen Hand-
lungsabschnitt, der aber stetig aus dem vorigen herauswächst und
nicht in diskret sich abhebendem Punkt an ihn sich anfügt, einlei-
tet.
Natürlich muss man unterscheiden eine Mehrheit von anein-
20 ander gefügt en s elbs tändi gen H andl ungen und eine Hand-
lung (näher eine Einheit schöpferischer Handlung), in der sich Teil-
handlungen in der beschriebenen Weise absetzen oder homogen in-
einander übergehen.
W as macht die Ein hei t ei ner H an dlung aus? Sie liegt, wird
25 man sagen, in der Ei nhei t des Wi l l ens; „ein“ Wille geht durch
alle Willensphasen der einen Handlung hindurch, und diese Einheit
muss beschrieben werden. Sie schließt nach dem, was wir soeben
gesehen, nicht aus eine Willensvielheit, nicht nur eine unendliche Wil-
lensmannigfaltigkeit insofern, als zu jeder Phase der Handlung eine
30 Willensphase gehört, sondern auch insofern, als die Handlung in Teile
zerfällt, die den Charakter von Handlungen haben. Eine Handlungs-
phase ist keine Handlung. Ein beliebiges, ideell herauszudenkendes
Stück einer Handlung ist abermals nicht eine Handlung: Sie ist nicht
aus den beliebig ideellen Stücken, die wir sich überkreuzend ausge-
35 schieden denken können, zusammengesetzt. Aber wohl haben wir
eine Zusammensetzung, wo in der Einheit einer Handlung mehrfach
ein eigenes fiat, ein eigener Impuls, ein eigener Handlungswille, wie
wir sagen können, einsetzt. Und dieser „Impuls“ ist nicht ein leerer
die handlung als willentlicher vorgang 7

Anstoß, sondern ein Wille, der etwas will, nämlich das, was in dem
zugehörigen Handlungsabschnitt sich „realisiert“, er will die und die
Bewegung.
Hierbei haben wir aber zu unterscheiden: Ein Wille geht auf ein
5 Z iel auf dem und dem We g, oder ein Wille geht auf eine Verände-
rung, auf eine Bewegung, in der Ziel und Weg nicht zu unterscheiden
sind (als exklusives Stück der einheitlichen Willenshandlung). Ich will
die Hand heben, ich will jetzt, während ich die Feder über dem Papier
oder schon auf dem Papier halte, von dem Punkt aus, den ich habe,
10 einen kreisförmigen Zug ziehen. Wenn ich die bloße Bewegung will,
das Handheben – ich will mit dem Finger in der Luft herumfahren –,
da haben wir keine Unterscheidung zwischen Willensziel und -weg.
Hier haben wir auch kein „Werk“, das ja immer ein Ziel ist bzw. ein
Sein, das als realisiertes Ziel eines früheren Wollens charakterisiert
15 ist. Ziehe ich einen kreisförmigen Zug auf dem Papier, so ist diese
nun auf dem Papier dastehende Zeichnung Werk, wenn es auf diese
Zeichnung abgesehen war. Ging aber der Wille bloß auf die Bewe-
gung, so ist die Zeichnung zwar empirisch notwendiger Erfolg des
Willens, aber nicht Werk und in gewissem Sinn Ziel.
20 In diesem Beispiel, wo die Bewegung das Gewollte ist, ist jede
Bewegungsphase zugleich Ziel und Weg, wie wir sagen könnten. Sie
ist in sich Ziel, und sie ist zugleich Weg, sofern der Wille auf die
stetig neuen Bewegungsphasen geht. Sie ist aber doch wieder nicht
volles Ziel, sofern die Einheit der Bewegung das Ziel ist, sie ist also
25 zum Ziel als Moment, als aufbauende Phase gehörig, und sofern das
gesamte Ziel stetig sich aufbauendes ist, ist es und ist jedes seiner
Momente aufbauendes Mittel, die Phase konstituierende Bedingung
für das konstituierende Ganze.
Eigentlich können wir hier also nicht sondernd zwischen Ziel und
30 Weg unterscheiden, wie wir denn auch gewöhnlich nur Fälle im Auge
haben, wo der „Weg“, das „Mittel“, nichts vom Ziel in sich hat und
umgekehrt. Wenn ich das Pendel der Uhr in Bewegung setze, so
ist dieses Inbewegungsetzen das Ziel und meine Handbewegung bis
zum Moment des Anstoßes der „Weg“ dazu. Wenn ich mir das Ziel
35 setze, auf dem Rohns1 Kaffee zu trinken, so ist mein Gehen dahin

1 „Der Rohns“ war ein beliebter Gasthof auf dem Hainberg bei Göttingen. – Anm.

der Hrsg.
8 die handlung als willentlicher vorgang

das „Mittel“, oder wenn ich mir das Ziel setze, dort an der Stelle zu
sein, zu stehen. Wenn es meine „Aufgabe“ ist, einen Kreis zu ziehen,
so haben wir wieder das Ineinander von Ziel und Weg. Jeder Punkt,
der da zur Zeichnung kommt, gehört zum Ziel, zu dem, worauf es
5 „abgesehen“ ist, als „Zweck“, und als Handlung betrachtet ist die
realisierende Willenssetzung jedes Punktes Mittel für die Willensset-
zung des Ganzen, nicht sofern es Mittel ist für die Setzung der neuen
und immer neuen Punkte, sondern für die Setzung der Einheit als
solcher. Es gibt also, wie man sieht, wesentlich verschiedene Typen
10 von Handlungen, denen man nachgehen muss.
Der Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Handlung (der
eigentlich schöpferischen) und der Folgehandlung ist ein empirisch
kausaler. Ist auch der Zusammenhang zwischen Willensimpuls und
der „aus ihm hervorquellenden Handlung“ ein empirisch kausaler?
15 Wir sprechen natürlich phänomenologisch, und da ist es klar, dass das
Verhältnis beiderseits ein total anderes ist. Infolge der Entzündung
des Pulvers – infolge des Willens, das bedeutet beiderseits uns etwas
Verschiedenes. Allerdings ursprünglich, in animistischer Auffassung
ist ja jeder physische Erfolg überhaupt ein Willenserfolg und jeder
20 Vorgang eine Handlung. Im Fall der empirischen Kausalität haben wir
zwei Vorgänge: das Ablaufen des einen das des anderen in zeitlicher
Kontinuität (Berührung) motivierend. Hier aber haben wir unter dem
Titel Willensimpuls nicht einen eigenen Vorgang und als Zweites die
Handlung. Der Willensimpuls ist vielmehr selbst zur Handlung gehö-
25 rig als ihr Einsatzpunkt. Etwas ganz anderes ist ja der Willensimpuls,
der die Handlung einleitet, und ein Entschluss, der ihr vorhergeht.
Ein Entschluss ist ein Selbständiges für sich. Auch ein Willensim-
puls: Auch er kann doch auftreten und die Handlung erfolgt nicht.
Überlegen wir: Ich will den Schrank heben und „es geht nicht“. Hier
30 haben wir aber eine volle ursprüngliche Handlung (das Anfassen und
Muskelanspannen, Sich-„Anstrengen“), und nur die Folgehandlung
(die sekundäre, der natürlich motivierte, aber mitgewollte Erfolg)
bleibt aus. Ein anderes Beispiel: Ich vergesse, dass ich gelähmt bin,
und will den Fuß heben. Die Bewegung unterbleibt. Oder im Traum:
35 Ich habe Albdrücken und bin „gelähmt“, ich kann mich nicht rüh-
ren, ich will und kann nicht. Was ist da mit dem „Ich will“? Wir
müssen zugestehen, dass ein Akt vollzogen ist. Haben wir da meh-
reres zu unterscheiden: die „Anstrengung“, „Anspannung“ hundi
die handlung als willentlicher vorgang 9

vorher: den Impuls, hdeni geistigen Anstoß, der „Hemmung“ erfährt,


und die Willensbejahung, Willensentscheidung, das eigentliche fiat?
Also es ist nicht zu leugnen, da ist etwas, was als das „Ich will“
der Handlung vorhergeht und auch sein kann, wenn die Handlung
5 unterbleibt.
Andererseits, wie steht es mit der Sel bständigkeit der Hand-
lung gegenüber dem fiat, die hSelbständigkeit, diei offenbar dem
Entschluss gegenüber durchaus besteht? Kann eine Handlung sein
ohne ein „inszenierendes“ fiat?1 Natürlich müssen wir uns von termi-
10 nologischen Fragen fernhalten. Es könnte sein, dass von Handlung
nur die Rede ist, wo ein fiat vorangegangen ist, und dass derselbe,
genau gleich charakterisierte Vorgang auch ohne solches vorauslie-
gende fiat möglich wäre.
Allgemeine Unterscheidung der Vorgänge überhaupt: Phänome-
15 nologis ch haben wir innerhalb der bloßen Anschauung zu unter-
scheiden: unm oti vier te Bewegungen (als erscheinende), wie
wenn z. B. eine Sternschnuppe ihren glänzenden Bogen am Him-
mel beschreibt, und mot i vi erte Veränderungen, sagen wir: über-
haupt Vorgänge. Zum Beispiel, der Stein fliegt und infolge davon geht
20 das getroffene Fenster entzwei. Und der Stein fliegt, weil er gestoßen
worden ist etc.
Phänomenologisch ausgezeichnet sind gegenüber allen Naturvor-
gängen die lei bli chen Vorgänge, und zwar, wenn wir die Einfüh-
lung ausschließen, die eigenen, meine. Und darin wiederum unmoti-
25 vierte (freie), z. B. meine Atembewegungen, und motivierte.2 Soeben
juckt’s mich an der Nase. Ohne im mindesten darauf zu achten, greife
ich hin und reibe die juckende Stelle. Reflektiere ich, so heißt es: Ich
reibe die Nase, weil ich hier das Jucken empfinde. Oder ich zünde mir
meine Pfeife an. Weiter kümmere ich mich darum nicht. Ich arbeite.
30 Und nun sauge ich den Rauch heini und stoße ihn aus, bewege den
Kopf, die Spitze suchend etc. Alle diese Leibesbewegungen, wenn ich
auf die Art ihrer Erscheinung achte, haben den Charakter der Frei-

1 Nein (cf. das Weitere).


2 Wir sehen ab von den naturhaft motivierten Bewegungen meines Leibes: Ich werde
getragen, gestoßen etc., ich oder meine Hand fällt. Dann treten hier auf Leibesbewe-
gungen mit eigener Motivation: der Willensmotivation. Willkürliche Bewegungen als
die ursprünglichen physischen Handlungen.
10 die handlung als willentlicher vorgang

heit, sofern sie nicht empirisch motiviert sind; andererseits, sind sie
wirklich ganz unmotiviert? Nein, sie laufen „im Sinn“ des einleiten-
den Rauchen-Wollens habi. Oder ich will einen Besuch machen und
gehe. Während des Gehens denke ich an alle möglichen Dinge, nur
5 nicht an den Besuch. Dann, mich des Besuches erinnernd und auf das
Gehen nach seinem Gegebenheitscharakter reflektierend, finde ich,
dass es den Charakter des „Besuchmachens“ hat.
Und wenn ich nun dem gegenüberstelle Fälle wie die, wo ich einen
Kreis ziehen will und wollend die Handlung auch ausführe und dabei
10 mit meiner ganzen „Aufmerksamkeit“ der Handlung zugewendet
bin? Hier wie in den anderen Fällen steckt in den Phasen der Be-
wegung ein Willensmoment. Aber in anderer Weise. Ich lebe hier im
Wollen (wie ich mich früher auszudrücken pflegte), ich bin dem Ge-
wollten als solchen zugewendet, ich vollziehe eine Willensmeinung in
15 besonderem Sinn, abgesehen davon, dass jedes Element, jede Phase
ein Zielmoment in sich fasst: Das ist auch beim Rauchen der Fall,
während es nicht der Fall ist im Besuchsfall.
Das alles sind also willkürliche Bewegungen, aber die Willkür (on-
tisch: die Willentlichkeit) ist dabei verschiedenen Charakters. Macht
20 den Unterschied bloß die „Aufmerksamkeit“? Und zwar hsindi im-
mer schöpferische Handlungen beachtet. (Bei den weiteren nicht
schöpferischen Handlungsabschnitten kann natürlich auch Aufmerk-
samkeit, Unaufmerksamkeit wechseln: wie wenn ich das Rad einer
Maschine unaufmerksam drehe, um einen Effekt dauernd zu erzielen,
25 aber zeitweise auf den Effekt auch gar nicht achte.)
Liegt nicht ein Unterschied im schöpferischen Moment? Eine Be-
wegung läuft willentlich ab, aber „gleichsam mechanisch“ wie beim
Rauchen oder Besuchmachen oder wie die Bewegung der Hände
beim Klavierspielen etc. Andererseits ist die Motivation keine phäno-
30 menologisch-kausale, nämlich im gewöhnlichen empirischen Sinn,
wie äußere Dingvorgänge Dingvorgänge erscheinungsmäßig motivie-
ren. Ich kann doch auch auf die Handlung achten, auf die Bewegung
der Finger beim Spielen und dgl., während die Bewegung diesen
gleichsam mechanischen Charakter nicht verliert. Es läuft eben wei-
35 ter. Ich übersehe nicht: Da ist ein Unterschied. Ich achte auf die bloße
Art und Form der Bewegung, z. B. auch hdaraufi, ob meine Handhal-
tung die vorgeschriebene ist und dgl., eventuell aber, um die Art der
Handhaltung und -bewegung an sich zu beachten. Andererseits: Ich
die handlung als willentlicher vorgang 11

achte auf die Handlung als solche mit ihrem Willenscharakter. Auf
das Letztere kommt es jetzt an.
Und was wären die anderen Fälle? – Wenn ich den Kreis ziehe.
Aber da (wird man sagen) liegt der Unterschied doch darin, dass
5 ich die Bewegung und Leistung als solche zielmäßig will. Indessen,
wir können auch andere Beispiele leicht finden, in denen Weg und
Ziel sich sondern und trotzdem jeder Punkt der Willenshandlung,
also jeder Punkt des Weges, durch eine besondere Willentlichkeit
ausgezeichnet ist, und dabei nicht bloß ausgezeichnet histi in Form
10 der Aufmerksamkeit im gewöhnlichen Sinn.
Nehmen wir Fälle, wo ich nicht nur auf den Weg achte, sondern auf
ihn achten mus s, gegenüber den Fällen, wo das Achten gleichgültig
ist und der Ablauf der Handlung den Charakter des „ von selbst “
A blaufens hat. Ich gehe einen schwankenden Steg, einen Balken
15 über den Bach: Hier „muss“ ich auf den Weg beständig achten, und
jeder Schritt ist in besonderer Weise willentlich. Es kann sein, dass ich
sehr langsam gehe und für jeden Schritt ein besonderes fiat vollziehe,
dann habe ich eine zusammengesetzte Handlung. Es kann aber auch
sein, dass ich schnell, in einem Zug, aber mit „größter Achtsamkeit“
20 gehe. Andererseits, wenn ich meinen Namen in einem Zug auf das
Papier schreibe und diese Handlung mit größter Achtsamkeit (Auf-
merksamkeit) vollziehe, ist die Sachlage in willentlicher Beziehung
doch eine ganz andere. Jene Achtsamkeit ist offenbar im vorigen
Beispiel nicht bloß Aufmerksamkeit auf die Handlung, sondern ein
25 Charakter der Aktivität im Willen. Das „Sei aufmerksam!“, „Sei
achtsam!“, das der Lehrer zum Schüler sagt, betrifft nicht die bloße
Aufmerksamkeit, sondern auch die aktive Weise des Willensvollzugs
im Nachdenken, im Tun überhaupt. Ebenso, wenn der Meister dem
Gesellen zuruft: „Aufgepasst!“ Die Handlung soll nicht wie im Schlaf
30 mechanisch vonstatten gehen, sondern der Willensablauf soll anders
charakterisiert sein.
Man kann vielleicht sagen: Allerdings kommt es nicht darauf an,
dass die einheitliche Handlung in der Form der „Achtsamkeit“ als
zusammengesetzte Handlung vollzogen sei, jeder einzelne Schritt
35 versehen mit einem besonderen, für sich abgesetzten fiat – nicht
jede Handlung hat ja „Schritte“. Andererseits ist doch etwas Rich-
tiges gemeint. Wir haben i n j edem Fal l einer Handlung das
eins etzende f iat. Solche „achtsamen“ Handlungen sind aber sozu-
12 die handlung als willentlicher vorgang

sagen in jedem Punkt ein fiat; das fiat geht als solches kontinuierlich
durch die Handlung durch, eventuell mit diskreten Teilungen, derart,
dass jeder Teil der einen zusammengesetzten Handlung neu einsetzt
mit einem neuen Impuls und Einsatz-fiat. In jedem Punkt, in jeder
5 Phase der Handlung lebt ein eigenes Moment des aktiven Schaffens,
Machens.
Wo aber die Handlung „von selbst“ weitergeht, „gleichsam me-
chanisch“ abläuft, da verläuft sie „im Sinn“ des Willens (das tut
aber auch der natürliche und gewollte Erfolg der primären Hand-
10 lung). Sie hat ferner insofern einen schöpferischen Charakter, als sie
überall primär „aus dem fiat Hervorgegangenes“ ist und nicht bloß
sekundär naturhaft Erfolgendes histi. Überhaupt ist das, was in der
primären Handlung geschieht, nicht bloß Geschehen, sondern Schöp-
fung des Willens. Aber nun besteht darin der große Unterschied, dass
15 die Handlung entweder einmalige oder beständige, kontinuierliche
Schöpfung ist, dass die praktische Setzung des fiat, die willentliche
Thesis, entweder nur an einem Punkt steht, im Einsatzpunkt, und aus
ihr sozusagen die ganze primäre Handlung hervorquillt (bei zusam-
mengesetzten Handlungen so vielfach, als wir einfache Teilhandlun-
20 gen primärer Art finden), oder dass die Thesis eine kontinuierliche
ist, sozusagen die ganze Handlung in jeder Phase deckend. Das ist
also ein wesentlicher Punkt.
Ich sagte oben, jede Handlung hat ein einsetzendes fiat. Ist das
eine apriorische Notwendigkeit? Hat überhaupt jede Handlung einen
25 Anfang? Hat sie einen Anfang, dann ist es, meine ich, evident, dass sie
mit einem schöpferischen fiat einsetzen muss, mag dieses sich übrigens
über die ganze Handlung dehnen oder bloß Impuls sein. Andererseits
kann man das als Evidenz in Anspruch nehmen, dass jede Handlung
einen Anfang haben muss? Ich gebe darauf keine Antwort.
30 „Es ist unmöglich zu wollen, ohne Überzeugung, dass das zu Wol-
lende durch den Willen ausführbar sei.“ So sagt man allgemein. Wie
ist das phänomenologisch zu verstehen?
Ich kann mir vorstellen, dass ich den Mond bewege, dass ich mit
meiner Hand ein Haus umwerfe etc., ich „kann“ aber das fiat des Ent-
35 schlusses dazu nicht vollziehen, und ich kann das einleitende fiat der
Handlung, die Handlung selbst und in Wirklichkeit nicht vollziehen.
Zum Wesen der Handlung gehört hesi, dieses so geartete Ganze
zu sein: fiat und schöpferische Handlung, d. h. ein aus dem fiat Ent-
die handlung als willentlicher vorgang 13

quellendes, und weiter in seiner Erscheinung von einem gewissen wil-


lentlichen Moment des Entquellens und im Sinn des Willensverlaufs
getragen zu sein, oder eventuell von einem beständigen fiat regiert
zu sein, wobei der Vorgang immerfort als schöpferischer charakte-
5 risiert ist. Und daran kann sich Handlung im weiteren Sinn als ein
mitgewollter Erfolg der schöpferischen Handlung knüpfen: wobei
das „mitgewollt“ einen gewissen modifizierten Setzungscharakter
bedeutet.
Was ist das unbedingt Allgemeine einer Handlung? Was macht
10 ihr allgemeinstes Wesen aus, abgesehen von solchen noch zu beson-
dernden Unterscheidungen? Nun, dass es ein Vorgang ist, der wil-
lentlicher Vorgang ist. Nicht: mein Wille oder irgendjemandes Wille
als Zustand genommen und andererseits ein Vorgang der äußeren
Natur oder ein zweiter Vorgang der inneren Natur, und beides, mein
15 Zustand oder mein psychischer Willensvorgang, eine „Ursache“ im
natürlichen Sinn, die das Eintreten des anderen Vorgangs empirisch
motiviert. Das ist ein völlig neuer Gedanke. Vielmehr: Vorgang mit
dem ontischen Charakter der Willenssetzung, der praktischen, schöp-
ferischen. Und dieser Charakter geht durch und durch, obschon wir
20 einen ausgezeichneten Anfangspunkt haben, den Einsatzpunkt etc.
Das gehört zum Wesen der Handlung. Darin liegt: Stelle ich mir eine
Handlung vor, so muss ich all das vorstellen.

h§ 3. Ist das setzende fiat in einer anschaulichen


Vorstellung des gewollten Vorgangs fundiert?i

25 Aber noch eines fehlt. Die schöpferische Setzung des fiat zu An-
fang ist bei der einfachen Handlung eine solche, dass im Voraus der
Vorgang als seinwerdender und praktisch seinsollender (praktisch zu
realisierender) gesetzt ist. Die Willenssetzung, die praktische des fiat,
ist notwendig gegründet (fundiert) in einer Seinssetzung, und zwar
30 einer Setzung von künftigem Sein, von Sein-Werden. Aber das reicht
noch gar nicht als Beschreibung aus. Überlegen wir.
Das „Ich will“ zu Anfang ist offenbar auf den ganzen Vorgang
gerichtet. Er ist vorgestellt. Ist er anschaulich vorgestellt? Die an-
schauliche Vorstellung eines Vorgangs, die selbstverständlich hier
35 keine Wahrnehmung sein kann (da Wahrnehmung, dass hdas i sei,
14 die handlung als willentlicher vorgang

und Wille, das s h das i sei n sol l, sich ausschließen, und darin eben
das Wesen des Willens besteht, dass er auf Nicht-Seiendes, aber Sein-
Werdendes als willentlich Sein-Sollendes gerichtet ist), braucht im-
merhin ebenso gut wie die Wahrnehmung eine Zeit. Die Zeit nehmen
5 wir als phänomenologische Zeit. Es ist ein bestimmt extendierter
Fluss des Vorstellens, in dem der Vorgang als quasi-gegebener abläuft.
Setzte der Willensimpuls das voraus, kann man dann sagen, wir hätten
demnach bei jeder Handlung zu scheiden Entschlusswillen und aus-
führenden, realisierenden Willen, d. i. eigentliche Handlung? Nein,
10 wird man sagen: Setzt der Wille überhaupt Vorstellung des gewollten
Vorgangs voraus und die Vorstellung wieder eine bestimmte Zeit-
extension voraus, so kann er nicht angehen, bevor diese Extension
abgelaufen ist. Wir hätten also zunächst die anschauliche Vorstellung,
dann das fiat, und dieses lässt nun die Handlung aus sich entquellen.
15 Aber da erwachsen merkwürdige Schwierigkeiten. Die anschauli-
che Vorstellung des Vorgangs läuft also ab. In dem Moment, wo sie
abgelaufen ist, was habe ich da? Sagt man, eine frische Erinnerung,
so ist das doch nicht wieder eine anschauliche Vorstellung, da sie ja
sonst zeitliche Extension haben müsste. Eine anschauliche Vorstel-
20 lung kann also nicht das direkte Fundament des fiat sein. Solange sie
nur anfängt und weiterläuft, habe ich noch keine Vorstellung des Vor-
gangs (des Ganzen, auf das es ankommt). Ich könnte ja im Voraus eine
Art Vorstellung von ihm haben: Dann müsste es eine Leervorstellung
sein, mag sich auch an sie eine anschauliche als Veranschaulichung
25 eben knüpfen.
Ferner: Die Willensintention, das fiat, das aber doch zugleich ein
Absehen auf einen so und so fortlaufenden seinsollenden Vorgang
ist, muss doch sein praktisches „Werde!“ an die Folge der Phasen des
Vorgangs richten. Der Vorgang soll von Anfang bis Ende ablaufen.
30 Wäre ich anschaulich vorstellend am Ende (oder sonst wie eigentlich
vorstellend, d. i. explizit, der Reihe nach, kontinuierlich durchvorstel-
lend am Ende), so müsste ich, könnte man sagen, doch den Blick wie-
der zurückwenden zum Anfang und wieder eine Vorstellung haben,
die ihre Richtung vom Anfang zum Ende hat. Indessen: Anschauliche
35 Vorstellung des Vorgangs ist, so wird man antworten, nicht anschau-
liche Vorstellung jeder der Jetztphasen, als ob am Schluss nur eine
Vorstellung der letzten Phase vorhanden wäre und ich nun wieder
von vorne anfangen müsste. Ich meine immerfort den Vorgang, der
die handlung als willentlicher vorgang 15

da abläuft, d. i., die Einheit der Meinung hält das nicht mehr im Jetzt
„Gegebene“ fest. Überlegen wir ein Beispiel. Ich will meine Uhr
heben. Ich kann mir zu diesem Zweck zunächst eine anschauliche
Vorstellung vom Vorgang des Hebens bilden. Ich sage dann mein
5 praktisches fiat. Die anschauliche Vorstellung ist nicht mehr da: als
konstituierende Vorstellung. Aber ich habe eine Vorstellung, die auf
den Vorgang geht, in dem Moment, wo jene abgelaufen ist. Ich habe
die Einheit der Meinung, die auf den eben quasi-abgelaufenen Vor-
gang gerichtet ist. Ich meine aber nicht den quasi-individuellen und
10 -abgelaufenen, ich stelle damit nur einen solchen Vorgang vor. Und
den (einen Vorgang solchen Inhalts) „versetze ich in die Zukunft“,
ich setze ihn im fiat praktisch als seinwerdenden.

h§ 4. Die anschauliche Erwartung von


Vorgängen. Allgemeine Analyse des
15 Erinnerungs- und Erwartungsbewusstseini

Die Frage ist hier zunächst: Wie stelle ich überhaupt einen sein-
werdenden Vorgang vor? Kann ich da anderes sagen halsi: entweder
anschaulich hoder unanschaulich, und wenn anschaulichi, dann so,
dass ich eine Vorgangsanschauung vollziehe, aber in der Phanta-
20 sie, und diese als Grundlage einer Erwartung denke? Eine aktuelle
anschauliche Setzung von Künftigem (das, was der Wahrnehmung
des Gegenwärtigen entspricht) ist doch in erster Linie nichts an-
deres als Erwartung, und zwar in beschriebener Weise. Aber ist
durch die eigentlich konstituierende Vorgangsphantasie nicht die
25 Quasi-Gegenwart des Ablaufs konstituiert und im Anschluss daran
die Phantasie des soeben gewesenen Vorgangs? Das histi unver-
meidlich. Ich meine aber nicht ein eben Gewesenes, sondern ich
setze den Vorgang erwartungsmäßig „in die Zukunft“. Ich setze
also nicht den gewesenen hVorgangi als solchen, ebenso wenig wie
30 den gegenwärtigen als solchen während der Konstituierung. Die Ge-
genwart des Vorgangs ist Phantasiegegenwart und die Vergangen-
heit Phantasievergangenheit, die ihren Beziehungspunkt hat in ei-
nem Quasi-Jetzt und nicht im aktuellen Jetzt. Muss ich nicht sagen,
dass die Vorstellung als Vergangenheit voraussetzt die Assumtion
35 eines Phantasie-Jetzt als maßgebendes Jetzt und die Assumtion ei-
16 die handlung als willentlicher vorgang

ner Phantasiezeit als der Quasi-Zeit? Wenn ich aber einen Vorgang
in der bloßen Phantasievorstellung vorstelle, so hat er zwar seine
phänomenale Dauer und Ablaufweise, aber er hat keine wirkliche
Stellung in einer Zeit. Ich meine ihn weder in der wirklichen Zeit
5 noch in einer Phantasiezeit. Er hat eine unbestimmte und frei be-
stimmbare phantasiezeitliche Umgebung. Ich kann demnach den-
selben Vorgang wiederholt vorstellen dadurch, dass ich diese frei
bestimmbare, d. i. frei zu assumierende Zeitumgebung im Sinn indi-
vidueller Identität assumiere, so wie ich etwa ein erinnertes Ereig-
10 nis in wiederholter Erinnerung als dasselbe vorstelle, sofern ich es
nicht bloß seinem Inhalt nach wiederholt in der Erinnerungsweise
setze, sondern eben als dasselbe setze, worin liegt, dass der unbe-
stimmte Zeithintergrund im Identitätssinn gesetzt ist, also wenn er
nähere Bestimmung erhält, beiderseits dieselbe erhält und erhalten
15 muss.
So kann ich also auch einen Vorgang, den ich phantasiemäßig vor-
stelle, dauernd, kontinuierlich als denselben meinen; zunächst mag ich
ihn in eigentlich konstituierender Phantasie ablaufen „sehen“, dann
ihn immerfort als denselben festhalten, womit ich einen Zeithinter-
20 grund mit festhalte als denselben, also mit Beziehung auf ein identisch
assumiertes Jetzt, das wäre ein Identisches assumierter Erinnerung
mit seiner identischen Umgebung.
W ie vers etz e ic h nun sol ch ei nen vorgestellten und
als mit s ich i denti sc h gesetzten Vorgang in die Zukunft?
25 Der ursprüngliche Akt der Zukunftsetzung ist Erwartung (in einem
gewissen weiten Sinn). Genauer gesprochen: Jede Wahrnehmung
führt ihre „ursprüngliche Erinnerung“ und ebenso ihre ursprüngliche
Erwartung mit sich und schließt sie, konkret gesprochen, ein. Und
jede Phase einer Wahrnehmung ist Bewusstsein eines Jetzt mit ei-
30 ner Umgebung von Soeben-Gewesenem und einer Umgebung mehr
oder minder bestimmter, aber nie völlig unbestimmter Erwartung.
Und im Fluss von Wahrnehmungsphase zu Wahrnehmungsphase füllt
sich die Erwartung, sie „wandelt“ sich in Gegenwärtigung und un-
mittelbare Erinnerung, und in diesem Prozess ursprünglichen Be-
35 wusstseinsflusses gehört zu jedem Erinnerungspunkt eine Sphäre
„erinnerter“ Erwartung wie erinnerter Erinnerung usw. Das alles
genau zu beschreiben und zu klären ist Sache der ursprünglichen
Zeitanalyse.
die handlung als willentlicher vorgang 17

Nun haben wir aber zu unterscheiden die „Erinnerungsmomente“


und „Erwartungsmomente“, die zur Konstitution jeder Wahrneh-
mung nach allen ihren Phasen gehören und somit auch zu jeder
konkreten Erinnerung und modifiziert zu jeder konkreten Phantasie
5 gehören, und andererseits konkrete Erinnerung selbst und konkrete
Erwartung selbst.
Die konkrete Erinnerung ist Wiedererinnerung und ist ein konkre-
ter Ablauf von Quasi-Jetzt mit Quasi-soeben-Vergangen und hQuasii-
soeben-Sein-Werden, und dieses Ganze hat den Charakter von Er-
10 innerung. Ist diese Rede von Erinnerung überhaupt dieselbe wie die
von jenen „Erinnerungsmomenten“? Was gehört zu dieser „Wieder-
erinnerung“?
Nehmen wir den besten Fall. Von Anfang an hat sie, wenn wir sie in
eigentlicher Konstitution ablaufend denken, einen Zeithintergrund
15 (ein unbestimmtes Vorher) und einen Zeitvordergrund (ein mehr
oder minder unbestimmtes zeitliches Nachher): genauso wie die aktu-
elle Wahrnehmung, aber in einer bestimmten Modifikation, die eben
den Charakter der Wiedererinnerung durch und durch ausmacht.
Weiter gehört dazu, dass im Ablauf der Wiedererinnerung das Vorher
20 in ein bestimmtes Jetzt mit einem neuen Vorher, dieses wieder in ein
Jetzt etc. sich wandelt, so wie umgekehrt das jeweilige Jetzt in ein
Vorher, und das alles im Charakter der Wiedererinnerung. Und ist der
Vorgang abgelaufen, so reihen sich neue Vorgänge an, für die dasselbe
gilt, und in ständiger Wiedererinnerung durchlaufen wir eine Wie-
25 dererinnerungssphäre bis zum aktuellen Jetzt, und in dieser kommt
erfüllte wiedererinnerte Zeit zur Gegebenheit in ihrer Identitätsbe-
ziehung zur Wahrnehmungszeit, d. i. zu der „unbestimmten“ Vorher-
Intention, die dem aktuellen Wahrnehmen anhängt. Das Durchlaufen
der Wiedererinnerung kann dabei ein mehr oder minder „explizites“,
30 vollkommenes, völlig klares sein oder halb klares etc. Es gibt also
ein explizites Durchlaufen und ein Durchlaufen mit Sprüngen, in-
termittierenden Leerstrecken etc., was alles seine Beschreibung er-
fordert nach Art der vermittelnden Erinnerungen. Und wiederholt
können wir dieses Durchlaufen üben, zur Ausgangswiedererinnerung
35 zurückkehren, ohne sie eventuell völlig zu konstituieren, eventuell
genügt eine schlichte Vorstellung ohne Ablauf, ein Punkt anschau-
licher, aber doch wieder der Hauptsache nach leerer Intention, und
ebenso im Durchlaufen der weiteren Strecken. Diese ganze Reihe
18 die handlung als willentlicher vorgang

ist eine Objektität, sich immer wieder identifizierend, und sie wird
„durchlaufen“, so wie eine Reihe in der Konstanz, eine Dingreihe
durchlaufen wird.
Ebenso können wir von dem betreffenden Ausgangsereignis zu-
5 rückgehen in die Vergangenheit, d. i., auch vor ihm liegt solch eine
feste Objektität. Der Blick richtet sich auf eine Tatsache, die in an-
derer Wiedererinnerung gegeben ist, und diese führt in einem Pro-
zess des Vorwärtsschreitens der Erwartungsintention entsprechend
zu dem gegebenen Ereignis und so bis zum Jetzt. So ordnet sich jedes
10 erinnerte Ereignis in bestimmter Weise in die Zeit, in die Reihe der
wirklichen Ereignisse ein.
Im Jetzt stehend kann ich nun ein Ereignis erwarten: ein volles
und ganzes Ereignis, das ich mir anschaulich vorstelle. Zunächst: Zu
jeder Wahrnehmung gehört, sagte ich, ein Zukunftshorizont. Dieser
15 kann natürlich nicht anschauliche, wirklich konstituierende Vorstel-
lung sein (was auf heineni unendlichen Regress führen würde). Sie
ist nicht nur die Intention, die im Jetzt auf ein nächst angrenzen-
des Jetzt geht (was ja ein bloßer Punkt wäre), sondern haufi einen
ganzen Horizont, wie ich es ausdrückte. Ohne dies keine Einheit
20 der Zeitkonstitution, keine Verknüpfung der aufeinanderfolgenden
Wahrnehmungen zu einer Wahrnehmungsreihe, in welcher sich ein
objektives Nacheinander konstituieren kann und muss.
Die Erwartungsintention im Jetzt, also in der aktuell voll umfas-
senden Wahrnehmung und herausgehobenen Wahrnehmung, kann
25 bestimmt sein: Die Katze duckt sich, ich erwarte den Sprung. Es
kann nun eine anschauliche Vorstellung, einen „Sprung“ wirklich
konstituierend, auftreten. Sie hat nicht den Charakter einer Erinne-
rung und nicht den Charakter bloßer Phantasie. Sie soll den Cha-
rakter der Erwartung haben: Was besagt das? Was besagt es ge-
30 genüber der „Zukunftsintention“, die unanschaulich und doch ak-
tuell der Wahrnehmung der Gegenwart anhängt? Diese anschau-
liche Erwartung ist nicht anschauliche Vorgangsvorstellung mit ir-
gendeinem eigentümlichen Setzungscharakter, genannt Erwartung,
derart, dass der gegenwärtigen Wahrnehmung derselbe Charakter
35 oder eine Leervorstellung mit demselben Modus anhinge. Vielmehr
hat diese anschauliche Vorstellung in ihrer Charakterisierung eine
Einheitsbeziehung zur Wahrnehmung: Die Erwartungsintention an
der Wahrnehmung findet durch diesen Akt der Anschauung eine
die handlung als willentlicher vorgang 19

„antizipatorische“ Erfüllung. Und das heißt wohl nichts anderes,


als dass nach dem Auftreten dieser Vorstellung die Wahrnehmung
mit ihrer Erwartungsintention nicht eines und diese Anschauung ein
Zweites ist – jedes mit einem besonderen Erwartungscharakter –,
5 vielmehr haben wir nur einen, den an der Wahrnehmung, und diese
Erwartungsintention hat Fülle der Anschauung angenommen. So,
wenn ich eben Wahrnehmung habe und in der nächsten Zeitstrecke,
im wirklichen unmittelbaren Horizont, etwas erwarte und es nun
anschaulich wird, ehe es noch wirklich eintritt. Wir können auch von
10 einem näheren und ferneren Horizont sprechen. Sowie wir uns etwas
Bestimmtes als eintretend vorstellen und es erwarten, hat dieses selbst
wieder seinen mitgesetzten Zukunftshorizont usw.
Natürlich, auch wenn ich ein vergangenes Ereignis vorstelle, hat
es seinen Zukunftshorizont, und das ist ein Horizont bestimmter
15 Erinnerungs-Erwartung sozusagen. Doch haben wir hier keinen rech-
ten Namen. Einerseits gehört zur Erinnerung jeder Phase irgendeines
erinnerten Ereignisses ein Erwartungshorizont, wie er eben „wirklich
erwartet war“, und enttäuscht sich die Erwartung, kommt es anders,
als vorausgesetzt war, so gehört auch das zur Erinnerung. Ande-
20 rerseits, nachdem der Ablauf stattgehabt hat, wie er statthatte, hat
jede Erinnerungsphase eine bestimmte Beziehung auf jede folgende.
Wir haben also eine Reihe von Erinnerungsintentionen, die auf die
Zukunft gerichtet sind, die aber nicht zusammenfallen mit den erin-
nerungsmäßig wiedergegebenen Erwartungsintentionen, Zukunfts-
25 intentionen, die zu den Erinnerungsphasen als Wiedervergegenwär-
tigung von Wahrnehmungsphasen gehören. Da sind noch manche
Schwierigkeiten zu erledigen!
Die zu den Jetztpunkten, also zu den Wahrnehmungen gehöri-
gen Erwartungen finden ihre Erfüllung, aber auch Berichtigung und
30 Umwertung, durch die immer neuen Wahrnehmungen, und diese
Zusammenhänge, die Erwartung in der alten Wahrnehmung und
Gegenwartssetzung in der neuen Wahrnehmung zur Einheit bringen,
konstituieren die verbundene Reihe der Jetzt als eine einheitliche
zeitliche Objektität, an der der Blick entlang gleitet. Es ist keine
35 Erwartung in der Erinnerung, die von einem Jetzt aus bestimmte
künftige Jetzt setzt und fordert, sondern zur Erinnerung gehört, dass
sie in jeder Phase einen Horizont eigener Art hat: den Horizont
der in bewährten und berechtigten Erwartungen gesetzten künfti-
20 die handlung als willentlicher vorgang

gen Zeitpunkte. Jeder erinnerte Punkt ist selbst ein Punkt erfüllter
Erwartung: Das gehört zum Wesen des aktuellen Jetzt. Es ist die
Fülle des im vorigen Jetzt Erwarteten, des Sein-Werdenden, das zum
Seienden geworden ist. Und in jedem Jetztpunkt ist eine Zukunft
5 gesetzt als eine bestimmte, schon erfüllte Zukunft, als eine erledigte
Wirklichkeit, die nur wiedererinnert ist. Zum Wesen der Erwartung
gehört: Erfüllt sie sich, so ist in aktueller Wahrnehmung gegeben das
Ereignis, und die Erwartung des Ereignisses ist Vergangenheit usw.

h§ 5. Empirisch und willentlich motivierte Erwartungeni

10 Ob nun, wie gewöhnlich, die Vorstellung des Künftigen Leervor-


stellung ist oder ob eine anschauliche hVorstellungi vermittelt: Die
Erwartung des Künftigen kann den Charakter der praktischen haben,
das heißt, das als künftig Gesetzte ist praktisch, ist willentlich als das
gesetzt; die Zukunftssetzung ist nicht bloß „theoretisch“, nicht rein
15 zur Wahrnehmung gehörig oder zur weiteren Erfahrung. Da ist die
Erwartungsmotivation eine empirische und überhaupt eine theoreti-
sche. Anstatt empirisch motiviert kann die Erwartung auch volunthäri
motiviert sein, das heißt, ich nehme etwa wahr: „Ich stehe in der
und der Umgebung.“ Dadurch ist ein bestimmter Erfahrungshorizont
20 hinsichtlich der Zukunft vorgezeichnet. Und nun will ich diesen Stein
da verschieben, da und dahin: Ich will, ich spreche mein fiat und
verschiebe. Nun habe ich, abgesehen von dem übrigen empirischen
(empirisch motivierten) Zukunftshorizont, einen neuen hHorizonti:
In jeder Phase der Handlung bin ich vorwärts gerichtet und sehe
25 ich dem neuen Sein entgegen. Aber diese Setzung ist nicht passive
Erwartung, sondern aktive. Es geschieht, weil ich es will, es läuft
gemäß dem Willen, aus ihm herausquellend, durch ihn motiviert.
Natürlich können sich nach dem früher Dargelegten auch innerhalb
einer Handlung empirische und willentliche Motivation verflechten.
30 Das gilt ja hinsichtlich aller sekundären Handlungen, in denen an die
primären, z. B. an die willkürlichen und primären Leibesbewegungen,
sich empirisch-kausale Folgen anknüpfen und dabei mitgewollte.
Aber das ist ein radikaler phänomenologischer Unterschied, der
eben die primäre Handlung charakterisiert, dass hier schöpferisches
35 Werden, durch Willen gesetztes, auftritt. Wir können auch so sagen:
die handlung als willentlicher vorgang 21

Jede Gegenwart hat ihre Zukunftsumgebung wie ihre Vergangen-


heitsumgebung. Innerhalb dieser allgemein zeitlichen Zukunftsmo-
tivation, innerhalb der allgemeinen „Erwartung“ eines sich an das
Jetzt mit seinem bestimmten Inhalt anschließenden Zukünftigen mit
5 einem „gewissen“ Inhalt ist zu unterscheiden:
1) Die „ natür li ch “ m oti vi erte Erwartung. Das Wahrge-
nommene als Natur steht unter empirischen Gesetzen des Werdens,
und rein intuitiv knüpfen sich an die Wahrnehmungsgegebenheiten
empirische Motivationen, gerichtet auf Zukunft, nämlich auf Un-
10 veränderung oder Veränderung des Gegebenen bzw. auf Auftreten
von neuen Gegebenheiten in Zusammenhang mit Veränderung und
Unveränderung.
2) Die w il lent li ch m oti vi erte Erwartung. In den natürlichen
Zusammenhang „greift der Wille ein“, das heißt, er ist nicht als Natur
15 gesetzt, sondern Vorgänge sind als primäre Willensvorgänge gesetzt,
sie treten „vermöge“ des Willens auf in einem Charakter der Willent-
lichkeit, der ihr Sein und Sein-Werden in eigener Weise motiviert und
die allgemeine Erwartung eines Künftigen überhaupt in besonderer
Weise determiniert. An den Willen als psychischen Akt ist dabei gar
20 nicht gedacht, und selbst wenn daran gedacht ist, so ist der Wille kein
dinglicher Vorgang, der das Gewollte als dinglichen Vorgang empi-
risch nach sich zöge. Trägt man den Gedanken empirischer Kausalität
herein, so ist es ein der Sache fremder und nicht aus dem phänome-
nologisch Gegebenen direkt geschöpfter. Vor allem darf man nicht
25 verwechseln die Willensmotivation der primären Handlung und die
empirische Motivation, die zum Bestand der sekundären gehört. Als
Neues tritt bei dieser auf: „B tritt natürlich ein, aber auch zugleich
infolge des Willens ein, sofern infolge des Willens A gesetzt ist, woran
sich B natürlich anknüpft.“
30 Warum geschieht A? Ich tue. (Oder in der Einfühlung: Der oder
jener tut, handelt. Es ist Handlung.) Ein Wille bzw. ein wollender
Mensch macht es, schöpferisch entsteht es und läuft es ab. Im anderen
Fall: Warum geschieht das? Weil jenes andere geschehen ist, ganz
„natürlich“. Und dazu gehört die jederzeit abstrahierbare Regel:
35 Unter solchen Umständen muss, wenn A geschieht, B geschehen,
es gehört zu diesen so gearteten Umständen das Gesetz etc. Das
hindert nicht die Täuschung oder die unvollkommene Bestimmung
der „Umstände“.
II. DAS WESEN DES SCHLICHTEN HANDELNS1

h§ 1. Das in Wahrnehmung fundierte


Wollen als Handeln und das Wollen als fiat. Die
Willenskontinuität in jeder Phase der Handlungi

5 So wie es ein Urteilen (eine Urteilsart) gibt, das nicht zustim-


mendes, anerkennendes Urteilen ist, so gibt es ein Wollen, das nicht
praktisch zustimmendes, anerkennendes, sich für ein vorgestelltes
Wollen (Handeln) entscheidendes Wollen ist. Und das entscheidende
Wollen kann natürlich auch solches Wollen höherer Stufe sein: Ich
10 entscheide mich für ein erwogenes Entscheiden usw. Ebenso wie beim
Urteilen: Ich erwäge ein mögliches Urteil, ich erwäge eine mögliche
Entscheidung für ein Urteil usf.
Wenn wir so unterscheiden zwischen schlichtem Wollen bzw. Han-
deln und zustimmendem, sich entscheidendem Wollen erster oder
15 höherer Stufe, so können wir die Notwendigkeit eines schlichten
hWollensi wohl auch so zur Einsicht bringen: Entscheidung ist Ent-
scheidung für ein Handeln, das vorstellungsmäßig (modifiziert) vor-
schwebt. Dieses ist entweder vorgestellt als ein Entscheiden, dann
steht hier eine Vorstellung zweiter Stufe, denn dieses Entscheiden ist
20 ja Entscheiden für eine andere vorgestellte Handlung usw. Das kann
nicht ins Unendliche fortgehen. Ich muss schließlich, wenn ich mir
die Idee des betreffenden Wollens auseinanderlege, zu einem letzten
Wollen und Handeln kommen, das vorgestellt ist als ein schlichtes.
Das Wesen des Handelns fordert es also, dass es in der Idee als ideale
25 Möglichkeit ein schlichtes Handeln gibt, und ideal gesprochen ist das
die Bedingung der Möglichkeit für die Ideen von sich entscheidendem
Handeln.

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 23


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_2
24 das wesen des schlichten handelns

Gegen diesen Gedankengang scheint kein Einwand denkbar zu


sein. Es fragt sich nun, wie sieht das schlichte Wollen und Handeln
aus? Warum unterscheide ich hier immer Wollen und Handeln? Je-
des Handeln ist Wollen. Freilich wird man sagen: Handeln ist ein
5 Vorgang und dieser Vorgang erscheint wahrnehmungsmäßig. Dieses
wahrnehmungsmäßige Erscheinen könnte da sein ohne Wollen. So-
mit müssen wir immer Wollen und Handeln unterscheiden. Indessen
ist hier zu sagen: Der Vorgang mag sein ohne Wollen, und ebenso
die Vorgangswahrnehmung. Andererseits, der Wille kann – nota bene
10 als der die Handlung beseelende, hsiei tragende – nicht sein ohne
die Vorgangswahrnehmung oder eventuell, was noch zu untersuchen
ist, ohne eine fundierende Vorstellung, die dann ihm gegenüber die-
selbe Selbständigkeit hätte. Wille ist etwas gegenüber dem fundie-
renden Wahrnehmen oder sonstigem, als Ersatz für es fungieren-
15 dem „Vorstellen“ Unselbständiges. Es besteht das Brentano’sche
Verhältnis der einseitigen Ablösbarkeit. Der Vorgang heißt aber
Handlung nur insofern, als er charakterisiert ist als Willensvorgang,
und zwar ist er in und mit diesem Willenscharakter (schöpferischen
Charakter) Handlung. Jedes Handeln ist also eo ipso ein Wollen, und
20 zwar ein konkretes Wollen, nicht das Wollen an sich, das ein Unselb-
ständiges, Abstraktes nach dem eben Ausgeführten ist, sondern das
Wollen mit der die Konkretion herstellenden Unterlage.
Die Frage ist dann natürlich die, was das Handeln gegenüber
ander em W oll en unte rschei det. Zum Wesen des Handelns ge-
25 hört offenbar die Fundi erung des Wollens durch ein Wahr-
nehmen: eben Wahrnehmen des Handlungsvorgangs. Zum Wesen
des Wollens als bloßes Sich-Vorsetzen (Korrelat: Vorsatz) gehört es
also, eine andere Fundierung zu haben. Es wird nachher erwogen
werden müssen, was dabei vorliegt.
30 Bleiben wir bei der Handlung stehen und betrachten wir zu-
nächst eine schlichte Handlung. Wir notieren gleich das Problem: Ist
schlichte Handlung gleich Wahrnehmung von der Handlung? Und
wie unterscheiden sich beide? Wir stellen das zurück.
Zum Wesen der schlichten Handlung gehört ein Anfang, und die-
35 ser Anfang ist jedenfalls Willensanfang. Wie steht es mit diesem?
Er ist, wie jeder Wille, fundiert. Ist er schon in einer Wahrnehmung
fundiert? Handlung ist ein phänomenologisch-zeitlich ablaufender
Vorgang. Daran unterscheiden wir einen Wollensverlauf in phanseo-
das wesen des schlichten handelns 25

logischer Zeit ablaufend, und dieser ist, als Ganzes der phanseologi-
schen Zeit genommen, durch einen Wahrnehmungsverlauf fundiert.
Was wir hier offen lassen und zur Entscheidung bringen wollen, ist
dies, ob diese Wahrnehmungskontinuität sich mit der Wollenskonti-
5 nuität durchaus deckt oder nicht. Genauer gesprochen: Soweit die ei-
gentliche Handlung, das schöpferische Werden reicht, soweit besteht
Deckung; jede Wollensphase histi durch eine Wahrnehmungsphase
fundiert.
Aber es besteht ein Zweifel darüber, ob nicht ein Willenspunkt als
10 Ansatz oder Einsatz des Wollens, als schöpferisches fiat, vorangeht
oder eine, wenn auch noch so kleine Zeitstrecke des Wollens vor-
angeht, in der eigentlich noch keine Handlung da ist, sofern dieses
Willensmoment noch nicht fundiert ist durch Wahrnehmung (durch
welche heini anfangender objektiver Vorgang der Handlung dasteht),
15 sondern durch eine bloße Vorstellung. Man könnte nämlich sagen:
Jede Handlung kommt so zustande (oder das gehört zu ihrem Wesen),
dass ein fiat einsetzt, gerichtet auf den seinsollenden Verlauf des
Geschehens, und nun geht dieses fiat in das Wollen mit zugrunde
liegender Wahrnehmung über. Wir hätten also einen doppelten Ein-
20 satz zu unterscheiden, das fiat und den Anfang der Ausführung, die
Anfänge der eigentlichen Handlung. Es ist sehr schwer, hierüber et-
was zu sagen, da, sowie wir experimentieren, wir nicht mehr schlichte
Handlungen, sondern Entschlusshandlungen vollziehen. Wir stellen
uns dann schon Handlung vor und vollziehen sie im Wege des Ent-
25 schlusses. Nur die Reflexion auf Handlungen, die wir vor aller Absicht
getan haben, kann helfen. Aber die Erinnerung ist dabei trügerisch,
bzw. wir können die Phantasievorstellung von solchen hHandlungeni
nur auf dem Wege von Erinnerungen erzeugen. Denn in der Phantasie
selbst sind wir experimentierend genau in derselben Situation wie in
30 der aktuellen Wollung.
Alles wohl erwogen, wird man sagen können: Voran geht eine
Vorstellung des betreffenden Vorgangs, aber noch nicht als Handlung
vorgestellt. Wir entscheiden uns ja nicht. Das fiat, das schöpferische
„Werde!“, setzt nun ein, und dasselbe trennt sich nicht von einem
35 neuen Ansatz – dem, wo die Handlung beginnt –, sondern mit dem
fiat beginnt eben die Handlung, indem aus dem schöpferischen fiat
die Wahrnehmung ohne unterscheidbares Zwischen „unmittelbar“
hervorgeht (phanseologisch gesprochen) bzw. aus dem ontischen Soll
26 das wesen des schlichten handelns

die Handlung, derart, dass die Handlung mit dem schöpferischen


Soll unmittelbar anhebt.1 Nur dass wir sagen müssen: Der Willensakt
des fiat geht seinem Wesen nach der Handlungswahrnehmung und
das objektive Soll seinem Wesen nach der Handlung vorher. Mehr
5 können wir wohl nicht sagen.
Das Soll kontinuiert sich nun in den Handlungswillen, der im-
merfort diesen Charakter des willentlichen Sollens (schöpferisches
Sollen) hat, wobei in jeder Phase das Vorstellungsbewusstsein vor-
gerichtet ist auf den weiteren Verlauf, aber natürlich nicht als an-
10 schauliches, etwa Phantasiebewusstsein, ebenso wie das Willensbe-
wusstsein nic ht nur in j eder Phase fundiert ist durch die
W ahr nehmung des Punktes, sondern durch die vorbli-
c kende E r w art ungsi ntenti on des Künftigen. In jedem Punkt
selbst ist also der Wille eine ausgebrei tete Kontinu ität, so dass
15 das ganze Willensbewusstsein nicht nur eine schlichte Kontinuität,
sondern eine Konti nuit ät von Konti nuitäten ist.
Was die Vorstellung des Vorgangs anlangt, so ist sie bei der ur-
sprünglichen (primären, echt schöpferischen) Handlung in bestimm-
ter Weise ausgezeichnet. Nämlich negativ können wir sagen: Der
20 Vorgang darf phänomenologisch nicht charakterisiert sein als ein na-
turhaft gebundener, ein naturhaft durch die sonst erscheinenden oder
gesetzten Vorgänge gebundener. Er muss ein „frei verfügbarer“
sein. Das ist eben, er darf der naturhaften Bindung nicht unterliegen.
Wille setzt Freiheit in dem Sinn voraus, dass er objektiv empirische
25 Indetermination im phänomenologischen Sinn, also bewusstseins-
mäßig, voraussetzt. Inwiefern die Vorstellung des zu realisierenden
Vorgangs (der immerfort als wi l l entl i ch gesollt dasteht und im
Moment der Realisation als geschaffener: vorher aber als bloß gesoll-
ter, aber noch nicht geschaffener) noch weitere Charaktere fordert,
30 Gemütscharaktere der oder jener Art, das ist dann die weitere Frage.
Nota bene. Was ich so nebenbei in der Klammer gesagt habe, muss
besonders als wichtiger Punkt hervorgehoben werden. Im Hand-

1 Bei dieser Auszeichnung des fiat gegenüber dem Willensmoment der übrigen

Handlung (als des Handelns) geht es wohl an, zwischen Wollen und eigentlichem
Handeln (Ausführung) auch bei der schlichten Handlung zu unterscheiden, nur dass
eben das Wollen als fiat stetig übergeht in das Wollen als Tun und von ihm gar nicht,
es sei denn abstraktiv, zu trennen ist.
das wesen des schlichten handelns 27

lungsbewusstsein lebend geht der Blick der Willensmeinung durch


die Handlungsphase, die den Charakter der schöpferisch realisierten
Gegenwart hat, hindurch auf die „zu realisierende“ Zukunft des
Vorgangs. Ich sagte oben, in jeder Phase des Handelns haben wir eine
5 ausgebreitete Willenskontinuität, nämlich ausgebreitet über die Er-
wartungsstrecke, über die vorliegende und mehr oder minder klar vor-
gestellte Zukunftsstrecke der Handlungsmaterie. Es kann auch wäh-
rend des Handelns, während einer gerade lebendig sich kontinuieren-
den Handlungsgegenwart, eine „eigene“ Vorstellung des künftigen
10 Verlaufs hstattihaben; es kann neben der Einheit der Wahrnehmung
mit ihrer wie bei jeder Vorgangswahrnehmung schlicht und homo-
gen nach vorwärts gerichteten Erwartungsstrecke noch eine eigene
Vorstellung auftreten. Zum Beispiel, ich mache einen Weg und wäh-
rend die unmittelbare Erwartungsstrecke bald ins „Unbestimmte“
15 verläuft (leer), kann ein Gedanke, eine anschauliche Vorstellung
auch, vom Endstück, vom Besuch etc. auftreten. Natürlich ist diese
Vorstellung in gewisser Weise einig mit der lebendigen Handlung
im Ablauf und ihrer Vorstellungsgrundlage: Es ist Endstück der
Handlung, die ich eben vorhabe und die soeben im Anfangs- oder
20 Mittelstück abläuft.
All das so oder so Vorgestellte und erwartungsmäßig Gesetzte
hat aber auch seine Willenssetzung, die des Gesollten im willentli-
chen Sinn. Das Sich-Realisierende hat den Charakter der Tat, der
präsenten Tat, als Handlungsgegenwart verstanden, das Noch-nicht-
25 Realisierte den Charakter der Handlungszukunft: der Absicht (fu-
ture). Wendet sich der Blick in die Vergangenheit zurück, so haben
wir eine willentliche Vergangenheit als die perfekte, die vollbrachte
Tat. Zwischen vollbrachter Tat und Absicht vermittelt der fließende
Punkt der Tat als Gegenwart, der Tat im stetigen status nascendi.

30 h§ 2. Voluntäre Form und Materie. Die stetige Erfüllung


der leeren Willensintention durch das kreative Wolleni

Ich gebe noch einige nähere Ausführungen (zum Teil allerdings


Wiederholungen). Das Tun, das Handeln, ist stetig durch die phansi-
sche Zeit sich hindurcherstreckende Willensintention, und die Rede
35 von Intention entspricht hier ursprünglich phänomenologischen Ei-
28 das wesen des schlichten handelns

gentümlichkeiten des Wollens, der voluntären Form, wie wir sagen


können. Es wird überhaupt gut sein, bei jeder Handlung zu un-
terscheiden die voluntäre Form, d. i. das Willensmoment, und die
voluntäre Materie, d. i. der objektive Vorgang, das Ereignis, das zur
5 Schöpfung kommt. Natürlich können diese Begriffe im phansischen
und ontischen Sinn verstanden werden, also voluntäre Form und
Materie der Tat und voluntäre Form und Materie des Tuns (anstatt
„voluntäre Form“ sagen wir auch einfach das „Voluntäre“).
Es wird dann auch gut sein, einen Namen zu haben für das jeweilige
10 Willensjetzt, und zwar nicht das Ganze der voluntären Form in diesem
Moment (also die voluntäre Phase), sondern dasjenige der voluntären
Phase, das sich rein auf die Phase der Materie bezieht und ihr den
schöpferischen Charakter verleiht. (So unterscheiden wir ja auch bei
jeder Wahrnehmung von dem gesamten Wahrnehmungsbewusstsein
15 der jeweiligen Phase dasjenige, natürlich unselbständige Moment die-
ses selbst unselbständigen Bewusstseins, in dem das wahrgenommene
Jetzt als selbstgegenwärtiges zur Setzung kommt.) Das betreffende
Willensmoment nennen wir das kreative Moment,1 so dass also zur
E inheit der ges amt en vol untären Form gehört ei ne stetige
20 E inheit von kr eati ven Mom enten, aber natürlich ohne die ge-
samte voluntäre Form zu erschöpfen. Jedes kreative Moment ist ja
umgeben von stetigen Abschattungen: die „Nachklänge“ der vergan-
genen kreativen Momente, durch die die abgelaufene Handlung als
perfekte Tat dasteht, hundi die auf das Künftige der Handlungsmate-
25 rie gerichteten Willensmomente im Jetzt, die ihr den Charakter der
zu realisierenden geben.
Unter den kreativen Momenten ist ausgezeichnet das fiat oder
der Springpunkt des Willens (der kreative Springpunkt) und an-
dererseits der kreative Endpunkt: der Charakter der vollbrachten
30 Absicht, des erreichten Zieles. Jeder kreative Punkt ist verbunden mit
dem Charakter der Willensintention, und zwar der willensmäßig oder
„praktisch“ setzenden und durch das Gesetzte hindurch gerichteten.
Genauer gesprochen: Das Tun ist in jedem Moment (in jeder Phase
des Tuns) in gewisser Weise auf die entsprechende Handlungsphase
35 gerichtet. Im kreativen Moment, in der praktischen Setzung wird

1 Nicht besser: praktisch? Oder: Mo m e n t d e r p r a k t i s c h e n S e t z u n g.


das wesen des schlichten handelns 29

dieses Moment gesetzt. Aber das Wollen geht durch diese Setzung
hindurch, und sofern es hindurchgeht, ist sie gerichtet, vorwärts ge-
richtet auf die weiteren Setzungen und durch sie weiter hindurch auf
das Ende. Und diese Richtung konstituiert sich eben dadurch, dass das
5 praktisch-setzende kreative Moment Randphase einer Kontinuität
von Willensmomenten ist (eines ausgedehnten Willens, der fundiert
ist durch das vorblickende Erwarten).
So ist das volle voluntäre Moment nach seiner in die Zukunft
gerichteten Hälfte Willensintention und ist es immer wieder in jedem
10 stetig neuen Moment. Und im stetigen Übergang der voluntären
Formen treten sie in eine bestimmte Einheit: Stetig verwandelt sich
präsente Tat in perfekte und Absicht in präsente Tat, der Stetigkeit
der Ereignispunkte entsprechend, welche die Erwartungsmaterie der
voluntären Form ausmachen. Das Übergangsphänomen, in dem stetig
15 die Strecke der Willensintention in kreative Form übergeht, Punkt für
Punkt, nennen wir Willenserfüllung oder Willensbefriedigung. Genau
besehen wandelt sich stetig das an das kreative Moment im Jetzt
grenzende Differenzial leerer Intention im nächsten Zeitdifferenzial
in ein kreatives Moment (oder vielmehr hin eini Differenzial der krea-
20 tiven Reihe), während die übrigen Differenziale der Leerintention
zunächst in Leerintention solchen Inhalts übergehen. Das leere Wol-
len wird zum vollen, d. i. praktisch-schöpferischen, das Abgesehene
zum Tätig-Seienden und weiter zum Getanen (Getan-Seienden).
Das Wollen ist in jedem Moment des Tuns Willensintention. Das-
25 selbe sagt das Wort Streben. Das Streben ist die leere Willensin-
tention, das kreative Wollen, das praktisch-schöpferisch setzende ist
das volle hWolleni. Und das volle ist inmitten der Willens- und Tun-
Bewegung Erfüllung, Befriedigung des leeren hWollensi, der bloßen
Intention im stetig vorangehenden Moment und der stetig vorange-
30 henden voluntären Form überhaupt.
Die Willensintention erhält sich stetig (soweit sie unrealisiert
bleibt) als Intention und erhält zugleich stetig Fülle der Befriedigung
im stetig kreativen Setzen. Im fiat haben wir durchaus leere Willensin-
tention, bloßes Streben, aber als bloße Grenze, als Ansatz, alsbald in
35 stetige Erfüllung übergehend. Das Leere, soweit es in der weiteren
Handelnsstrecke leer bleibt, bleibt immerfort mit sich in Deckung, in
stetiger Deckung: Es ist immerfort „dasselbe Streben“, immerfort
Streben und immerfort seinem intentionalen Inhalt nach Streben
30 das wesen des schlichten handelns

derselben Materie. Hinsichtlich der vollen Teile ist aber jeweils zu


sagen: Der Form nach finden wir überall Wollen und der Materie nach
überall Gewolltes; insoweit bleibt in der ganzen Kontinuität des Wol-
lens, des Handlungswollens, immerfort volle Deckung. (Wir nehmen
5 an, dass der Willen eben „derselbe“ Wille bleibt und nicht etwa seinen
Sinn ändert: wie wenn ich plötzlich davon absehe, die Handlung zu
Ende zu führen oder ihre Richtung, ihren Sinn ändere.) Ist dem stetig
so, so haben wir in jeder Handlung einen Sinn und in der einheitlichen
Handlung in jedem Moment denselben Sinn, dieselbe „intentionale
10 Materie“ (bedeutungsmäßiges Wesen). Aber bei identischer Erhal-
tung des Sinnes ändert sich von Moment zu Moment das praktisch-
kreative Wesen (das Analogon des erkenntnismäßigen Wesens der
Logischen Untersuchungen in der Erkenntnis). Das Volitional im vol-
len Verstand ist immer wieder ein anderes und doch das „Gewollte als
15 solches“ immerfort dasselbe. Lauter Analogien mit der Erkenntnis!
Erkenntnis entspricht der Realisierung, nämlich Erkenntnis im Sinne
des Einsichtigwerdens, der Bestätigung der Ausweisung.
Aber freilich zum Wesen des Handelns, der Realisierung in schlich-
tem Tun, gehört es, dass sie ein zeitlicher Prozess ist, nämlich stetiger
20 Befriedigung des Strebens im Schaffen. Es ist a priori undenkbar, dass
ein schöpferisches fiat alsbald in Tat umschlägt, statt die Tat stetig
zu realisieren. Doch ist das erst näher zu überlegen und eventuell
auszuweisen.
Äußeres Handeln setzt Wahrnehmung voraus, sie geht auf einen
25 Vorgang der äußeren Natur. Gehört es a priori zum Handeln in der
Natur, dass es auf eine Veränderung geht und nicht auf ein Sein,
nämlich nicht auf Schöpfung eines Dinges? Ist ein fiat undenkbar, das
überginge in eine ruhende neue Dingwahrnehmung? Natürlich, die
Frage ist nicht, ob das physisch möglich ist, nämlich ob die Naturwis-
30 senschaft das nicht ausschließt – bzw. die Natur im Sinne der Natur-
wissenschaft und das zu ihr gehörige Prinzip der Energie –, vielmehr,
ob es denkbar ist. Entscheidet über die Denkbarkeit die anschauliche
Vorstellbarkeit und phänomenologisch also die Denkbarkeit eines
fiat, hdasi in eine Dauerwahrnehmung übergeht, so wüßt‘ ich nicht,
35 was sich dagegen sagen ließe. Zumal ja empirisch unmotiviertes Sein –
in der anschaulichen Sphäre – genug auftritt, bei dem von einem
stetigen Werden nichts zu finden ist. Inwiefern „logische“ (ontolo-
das wesen des schlichten handelns 31

gische) Gründe, die über die Sphäre bloßer Intuition als schlichter
Anschauung hinausliegen, sonst dagegen sprechen, darüber ist hier
nichts auszumachen.
Noch eine Ausführung: Die Willensintention jedes Moments er-
5 füllt sich stetig durchgehend von Phase zu Phase und ist durch alle
Phasen hindurch gerichtet auf das Ende (Ziel). Das darf aber nicht
missdeutet werden, als ob das Willensmoment, die Willensintention
jedes Moments, gerichtet wäre auf die Willensintentionen der übrigen
Momente und zuletzt auf das Wollen des Zieles: als ob die späteren
10 Wollensphasen in jeder früheren vorgestellt und im fiat etc. gewollt
wären. Jedes voluntäre Moment geht auf das Ziel und geht auf das
Ziel durch den ganzen Weg hindurch, der von vornherein als Willens-
weg in gewisser Weise dasteht, als Erstrebtes, Intendiertes. Aber die
erfüllenden Wollungen sind nicht gewollte Wollungen.
15 Es ist so, wie die Meinung auf die Sache geht und die Sache ge-
geben ist in der „erfüllenden“ Wahrnehmung. Aber in der Meinung
gemeint ist die Sache und nicht die Wahrnehmung der Sache. Die
Meinung ist Modifikation der Wahrnehmung, aber nicht Vorstellung
der Wahrnehmung.
20 Täuschend könnte es wirken, dass man das Handeln auch nennen
kann ein tuendes Wollen, also ein Tunwollen, was wieder so aussieht,
als wäre der Wille als Streben gerichtet auf das künftige Tun, also auf
den künftigen Vorgang nicht nur, sondern auf das künftige Wollen des
Vorgangs. Das ist nicht nur falsch, sondern unausdenkbar vermöge
25 einer unendlichen Stetigkeit von Unendlichkeiten, die dazu gefordert
wäre. Denken wir uns die stetige Reihe der Willensphasen vom fiat
bis zum Zielwollen (Endwillensphase), so ginge jedes in der Reihe
der W W’ W” … auf das nächste hundi alle weiteren, und zwar stetig.
Vielmehr ist die Sachlage eben die, dass eine stetige Willenskontinui-
30 tät vorliegt, die sich über das Kontinuum der Handlungsmaterie A–Z
erstreckt: Jede W-Phase meint ihre Materie, d. i. die betreffende Phase
der Handlungsmaterie, aber jede meint sie in der Weise der praktisch-
schöpferischen Setzung und hmeinti kontinuierlich über sie hinaus in
der Weise des stetig extendierten Strebens die Phasen der übrigen
35 Handlungsmaterie, der in der betreffenden Erwartungskontinuität
vorgestellten Ereignisstufen als solchen, zuletzt das Ende.
Zu bemerken ist noch ein gradueller Unterschied, ein Steigerungs-
moment im Streben. In jedem Moment haben wir eine Willensim-
32 das wesen des schlichten handelns

manenz, eine immanente „Willensgegebenheit“, d. i. die gegebene


schöpferische Gegenwart. In jedem Moment haben wir auch eine
Willenstranszendenz, eine Linie der Strebung. Diese erfüllt sich stetig
in der beschriebenen Weise und dabei findet stetige „Annäherung“
5 an das Ziel statt, Willensannäherung, das ist, je „näher“ wir dem Ziel
kommen, umso mehr steigert sich ein graduelles Moment des Stre-
bens, das der Willensnähe oder besser Zielnähe. Die „Befriedigung“
ist zwar im eigentlichen Sinn erst da in der schöpferischen Setzung,
aber schon vor dieser erfüllenden Befriedigung haben wir ein gradu-
10 elles Moment von Befriedigung, eben die relative der Annäherung
an die erfüllende Befriedigung.
III. UNTERSCHIEDE IN DER WILLENSMEINUNG1

h§ 1. Der Wille im Vorsatz, im


Entschluss und im handelnden Tuni

Vorsat z und Ha nd l u ng.2 Phansisch: Sich-Vorsetzen – Tun,


5 Handeln. Onthischi: Vorsatz – Handlung und Tat. Tat: die abgeschlos-
sene, perfekte Handlung, insbesondere das erreichte Ziel als solches.
Die Handlung: der Prozess der Perfektion.
Vorsatz u nd E nt sc hl us s. Von Entschluss ist die Rede bei
einer Wahl; man entscheidet sich, und die Entscheidung ist Wil-
10 lensbejahung, Setzung des einen der Glieder, zwischen denen die
Wahl schwebt. Die Wahl setzt sozusagen die Willensfrage voraus.
Das wählende Erwägen entspricht dem urteilenden Abwägen der
Urteilsmotive: Es ist Erwägen der Willensmotive. Der Urteilsent-
scheidung zwischen mehreren erwogenen Urteils-„Möglichkeiten“
15 entspricht die Willensentscheidung zwischen mehreren (hier nach
den praktisch erlebten Motiven erwogenen) Willensmöglichkeiten.
Nicht jedes Urteil ist Entscheidung und Anerkennung, Zustimmung
oder Verwerfung. Nicht jeder Wille ist Willensentscheidung aufgrund
einer Wahl, Ende einer Wahl. Das Ende kann entweder unmittelbare
20 Handlung sein, oder es kann bloßer Vorsatz sein. Was unterscheidet
den Vo rs at zwi l le n (Sich-Vorsetzen) und den H a n d l u n g sw i l l e n,
zumal den Handlungswillen des Anfangs, also das fiat, mit dem das
Tun anhebt?
Das Vorsetzen ist, wird man zunächst sagen, eine Willensmeinung
25 (Vorsatz: Willensmeinung im ontischen Sinn) so gut wie das fiat.
Freilich, was die „Meinung“ anlangt, so müssen wir beiderseits auf
den Unterschied achten in der Weise, wie die „Intention“ vollzogen

1Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2Später: einfache und zusammengesetzte, unmittelbare, mittelbare Handlungen und
Entschlüsse. Zweck und Mittel, Weg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 33


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_3
34 unterschiede in der willensmeinung

ist. Es kann sich um einen formulierten Vorsatz handeln, ich drücke


ihn aus und lebe im Vorsetzen, und andererseits, ich drücke nicht
aus und lebe im Vorsetzen, und endlich, es kann das Vorsetzen ohne
solche Bevorzugung und auch ohne den auszeichnenden sprachlichen
5 Ausdruck sich im Hintergrund vollziehen. Freilich ist da die Frage,
ob, was sich da vollzieht, schon ein voller Vorsatz ist und nicht viel-
mehr eine „Regung“. Wir sagen öfter, wir seien im Grunde schon
entschlossen gewesen, ehe wir voll bewusst den Entschluss fassten.
Ich spreche mit jemandem und während er spricht (aufgrund der
10 Motive, die das, was er aussagt, erregen), erwächst in mir ein Vorsatz,
während ich primär der Rede und nicht den Motiven und Vorsätzen
zugewendet bin. Solche Unterschiede müssen noch näher erwogen
werden.
Sagen wir also „Willensmeinung“ und wieder „Willensintention“,
15 so ist das zu differenzieren. Willensintention ist Streben, Willensmei-
nung ist „voll bewusstes“ Streben, ein Streben, in dem ein Meinen,
ein bewusstes Absehen lebt – das, was der Leibniz’sche Begriff der
Apperzeption besagt: Es gibt wie eine bloß theoretische so eine prak-
tische Apperzeption, ein praktisches Abgesehenhaben und Absehen,
20 wobei freilich wieder das Problem ist, ob es sich um eine bloße Ana-
logie handelt oder um ein gemeinsames Moment, das sich beiderseits
mit Verschiedenem verbindet.
Vorsatz ist ganz unerfüllte Willensintention, ist bloßes „Streben“,1
ich sage deutlicher vielleicht „Willensstreben“, da es gebräuchlich
25 geworden ist in neuerer Zeit, das Wort „Streben“ auf jederlei Wün-
schen, Begehren auszudehnen. Wir müssen überhaupt offen lassen,
ob die Begriffe „Streben“, „Tendenz“ zu verallgemeinern sind. Der
Vorsatz unterscheidet sich von der Handlung, das Vorsetzen vom
Handeln dadurch, dass im letzteren in jeder Phase mit dem Streben
30 ein schöpferisches Realisieren, ein Kreieren verbunden ist bzw. um-
gekehrt mit dem Kreieren jedes Moments ein in der Zielrichtung
fortgehendes Streben. Das fiat der Handlung ist allerdings auch Vor-
satz, aber ein solcher, der unmittelbar in Kreation übergeht. Beider-
seits kann man in gewissem Sinn sagen, dass der Vorsatz auf künftige
35 Handlung gerichtet ist.

1 Das ist Streben in dem Sinn des Wortes „Wer immer strebend sich bemüht …“.
unterschiede in der willensmeinung 35

Beim fiat, haben wir gesehen, kann das nicht so verstanden werden,
als ob das Wollen auf das künftige kreative Wollen gerichtet ist, und
ebenso beim Wollen, in jeder Handlungsphase mit Rücksicht auf
künftige Kreationen und Wollungen überhaupt. Wie steht es in dieser
5 Hinsicht beim Vorsatz?
Es sei z. B. dies der Vorsatz: Morgen will ich nach Berlin fahren.
Oder besser: „Ich will: Morgen nach Berlin fahren.“ Der erstere
Ausdruck legt nahe, das so aufzufassen: Ich will nicht heute, ich will
morgen. Aber es handelt sich doch nicht um das Urteil: Morgen wird
10 in mir der Wille des Fahrens auftreten. Ich will, indem ich den Vorsatz
habe, jetzt, soeben; das Vorsetzen ist Wollen. Worauf ist es gerichtet?
Nun, auf das morgige Fahren, das ist ein Handeln, und Handeln ist
selbst Wollen mit eigenem phänomenologischem Gehalt. Also ist der
heutige Wille auf den morgigen gerichtet, der morgige Wille ist heute
15 vorgestellt und ist gewollter Wille. Aber ist das richtig?
Ist mein Vorsatz, morgen nach Berlin zu fahren, identisch mit dem
Vorsatz, morgen nach Berlin fahren zu wollen? Ein Wollen kann sich
ja wirklich auf ein künftiges Wollen richten, es selbst wollen, aber das
findet nur ausnahmsweise statt. Zum Beispiel, ich überlege heute, ob
20 ich fahren soll, und kann mich nicht entscheiden. Ich entschließe mich
nun, mich morgen in dieser Hinsicht zu entschließen. Und kann ich
nicht geradezu heute wollen, dass ich morgen fahren will? Denkbar
ist es jedenfalls. Andererseits kann es nicht das Wesen jedes Vorsatzes
sein, auf ein künftiges Wollen gerichtet zu sein. Wäre dies notwendig
25 wieder ein Vorsatz, so kämen wir auf einen unendlichen Regress von
Vorsätzen. Soll dies aber ein fiat als Ansatz einer Handlung sein, so ist
zu bedenken, dass das fiat seinem Wesen nach sich vom Vorsatz nur
unterscheidet durch den unmittelbaren Übergang in Kreation und
dass die Notwendigkeit der Richtung auf das Wollen auch von diesem
30 fordern würde die Richtung auf das Wollen usw. Das ist offenbar
unmöglich.
Und phänomenologisch ist es ja auch klar, dass das fiat auf das
Objektive gerichtet ist, auf das Seinsollende als solches. Und so ist
auch der Entschluss nicht gerichtet auf das künftige fiat-Wollen, son-
35 dern auf die Handlung (und Handlung ist nicht Handeln), auf ihren
Anfang und Fortgang, wie es eben zu ihr gehört als diese Handlung.
Aber wie richtet sich das fiat auf die aus ihm entquellende Handlung
und wie richtet sich der Vorsatz auf die künftige Handlung?
36 unterschiede in der willensmeinung

Ist, was wir gesagt haben, wie es der Wortlaut zu fordern scheint,
so zu verstehen, als ob die künftige Handlung wirklich als Hand-
lung jetzt beim Vorsatz vorgestellt werden müsste? Wie wird eine
Handlung vorgestellt? Ein Handeln wird wahrgenommen, und zwar
5 direkt (nicht durch Einfühlung) und eigentlich wahrgenommen von
mir, wenn ich eben handle. Ist Wahrnehmung der Handlung (nicht
des Handelns) etwas anderes? Und wie wird also eine Handlung vor-
gestellt? Die Vorstellung ist die Phantasiemodifikation der Handlung
selbst. Muss ich also, wenn ich einen Entschluss, einen Vorsatz für
10 die Zukunft fasse, mich „in der Phantasie“ in das entsprechende
Handeln, in das Tun der betreffenden Sachen hineindenken? Ich
glaube nicht.
Beim Wollen im Handeln ist es klar, dass das in jedem Moment
zunächst im fiat gegebene Streben (das den Charakter der auf Künf-
15 tiges gerichteten praktischen Setzung hat, so wie der Vorsatz) nicht
etwa Hineinphantasierung in die künftige Handlungsstrecke, die noch
nicht realisierte, zu vollziehen hat und auch nicht vollziehen kann. Im
Fall des Vorsatzes kann ich freilich die künftige Handlung vorstellen,
die Handlung im vollen Sinn, aber es ist hier zum Mindesten nicht
20 nötig. Den künftigen Vorgang kann ich und muss ich vorstellen, aber
der Vorgang ist nicht die Handlung. Danach wäre im schlichtesten
Fall der Vorsatz in seiner Fundierung durch Vorstellung und in seiner
Richtung auf die künftige „Handlung“ als ein Künftig-sein-Sollendes
völlig gleich gebaut mit dem fiat-Willen. Ich hätte einmal Vorsatz
25 (→ Z), das andere Mal fiat-Wille (→ Z). Beiderseits haben wir ein
Willensmoment des „Es sei!“, des willentlichen „Es sei!“, der prak-
tischen Setzung, die auf das betreffende Sein und Werden gerichtet
ist, dieses durch das unterliegende Vorstellen vorstellt und durch die
überziehende praktische Setzung mit dem Charakter des praktisch
30 Gesetzten, des in der Weise des willentlichen Sollens Gesetzten,
versieht. Der Unterschied ist nur der, dass der Vorsatz dauernd in
dieser Konstitution verbleibt, während das fiat nur ein Differenzial
ist oder eine geringfügige Anfangsstrecke und alsbald sich modifiziert
in kreatives Wollen bzw. Werden.
35 Im komplizierten Fall, wo der Vorsatz verbunden ist mit einer
Vorstellung der Handlung im volleren und eigentlicheren Sinn, da
hat der Vorsatzwille zugleich den Charakter des zustimmenden,
des bejahenden. Von der schlichten Willenssetzung unterscheiden
unterschiede in der willensmeinung 37

wir ja Willensbejahung, genau so, wie wir von der schlichten Ur-
teilssetzung unterscheiden das bejahende, anerkennende Urteilen.
Wir stellen den Sachverhalt erst vor, d. i., wir vollziehen zuerst die
volle propositionale Vorstellung, welches nichts anderes ist als Hin-
5 einphantasieren in ein Urteil, und dann entscheiden wir uns dafür,
wir stimmen zu, wir bejahen. (Zustimmen kann man einem Urteil,
zustimmen kann man auch einem Quasi-Urteil, in das man sich ein-
lebt; ebenso beim Willen und der willentlichen Zustimmung.)
Aus der Vergleichung, die wir beständig zwischen Willen in sei-
10 nen verschiedenen Modi, die in der Handlung als konstitutive fun-
gieren, und dem Willen in Form des Vorsatzes vollzogen haben,
geht schon hervor, dass d er Vorsatz al s „ leeres “, unerfülltes
W illens s tr eben charakteri si ert i st, demgegenüber die
Handlung di e ents pre chende Erfül l ung darstellt, die Reali-
15 sierung der bloßen Vorsatzintention als bloßer Willensintention. Und
diese Realisierung ist natürlich eine stetige, am Ende der Handlung
ist der Vorsatz vollkommen erfüllt. Dass die Handlung nicht den
Charakter des gewollten Zieles hat, zeigt sich auch darin, dass keine
Handlung da ist und denkbar ist, die zwischen Vorsatz und entspre-
20 chendem Handeln vermittelte und dieses ihrerseits zur Realisierung
brächte.
Die Handlung bei der Realisierung des Vorsatzes hat nun selbst
den Charakter der erfüllenden Handlung. Im realisierenden Tun sind
wir des früheren Vorsatzes nicht unbewusst. Vielmehr ist das Charak-
25 teristische dies, dass eine Wiedererinnerung des Vorsatzes der Anfang
der realisierenden Handlung ist hundi in das fiat und die Handlung
dann selbst übergeht, die dabei immerfort den Charakter nicht nur
der Realisierung des fiat, sondern der des früheren Entschlusses be-
sitzt. Mit anderen Worten, die schlichte selbständige Handlung und
30 die Handlung als Ausführung eines Entschlusses sind verschieden
charakterisiert. Oder vielmehr: Der Charakter der Ausführung ist
ein neuer, in einer ständigen Wiedererinnerung fundierter und hsiei
implizierender Charakter. Der wiedererinnerte Wille (als Vorsatz)
erfährt „erfüllende“ Identifizierung durch den neu gesetzten und mit
35 seinem identischen Sinn gesetzten schöpferischen Willen.
Die A nalogi e mi t i ntel l ekti ven Intentionen und Erfül-
lungen dr ängt si ch wi eder auf. Das schlichte Urteil, das leere
oder unvollkommen volle, ist Urteilsintention, es ist setzende, theo-
38 unterschiede in der willensmeinung

retisch setzende Intention und normalerweise setzende Meinung. Es


sagt: Es ist so! Andererseits, das entsprechende einsehende Urteil
sagt: Es ist wirklich so! Und so sagt es, es ist „wirklich“, nur wenn
es als Bestätigung der ursprünglich leeren Intention auftritt; steht es
5 isoliert, so heißt es wieder nur: Es ist so! So wie die pure Handlung in
sich nicht den Charakter der Ausführung hat, sondern nur aufgrund
der Wiedererinnerung eines entsprechenden Vorsatzes, der in das fiat
erfüllungsmäßig übergeht. Allerdings darin besteht ein Unterschied,
dass schon die Handlung stetige Erfüllung von Willensintentionen ist,
10 die dem Handeln einwohnen. Damit analog steht das sich entfaltende
Wahrnehmen, in dem der Gegenstand sich stetig von allen Seiten
zeigt. Das schlichte Wahrnehmen der Unveränderung (wobei keine
Entfaltung statthaben soll) hätte sein Analogon in einem schöpfe-
rischen Setzen eines ruhenden Dinges, einem dauernden Schaffen,
15 das sein Korrelat in einem schlichten dauernden Sein hätte. Danach
hätten wir als ontische Analoga: für das Urteil den Sachverhalt, für
den Willen die Tat.
Für den Willen kommt hier übrigens auch in Betracht der Be-
fehlswille, der ein Entschluss ist nicht für eigenes, sondern fremdes,
20 in näher zu beschreibender Weise mit meinem Willen verbundenes
Tun. Die Befehlsobjektivität als solche (also die Tat) ist wirklich,
sobald sie Realisierung findet, wie überhaupt jede Willensobjektität
als gesetzte ihre entsprechende Wirklichkeit hat in der Handlung,
die ihre Stelle hat in der Zeit, und zwar der erscheinenden oder
25 sonst wie bewusstseinsmäßig gesetzten Zeit: gesetzt in „meinem“
Bewusstsein, und als dieselbe eventuell gesetzt im Bewusstsein des
Anbefohlenen.

h§ 2. Einfache und zusammengesetzte


Handlungen. Weg und Zieli

30 Bei all diesen Ausführungen hatte ich eigentlich nur einfache und
pr imär e Handlungen im Auge. Wir unterscheiden unmittelbare
und mittelbar e und in Zusammenhang damit einfache und
z us ammenges etz te Handlungen. Eine Handlung ist eine unmit-
telbare, wenn sie nicht mittelbar ist, und mittelbar ist eine Handlung,
35 wenn sie in sich Unterschiede besitzt zwischen Mittel und Zweck.
unterschiede in der willensmeinung 39

Das sind Unterschiede der Willensobjektive, des gewollten Was, an-


dererseits auch Unterschiede (korrelative) des Wollens selbst.
Jeder Wille will etwas. Er setzt etwas in seiner praktischen Weise
als seinsollend. Wir unterscheiden nun beim Willen das gesamte
5 Gewollte und das in einem speziellen Sinn willentlich Gemeinte,
das, worauf überhaupt die Willensmeinung geht, und das, worauf
sie „eigentlich“ geht, was ich eigentlich will, gegenüber dem, was ich
zwar will, während ich es doch nicht darauf eigentlich „abgesehen“
habe.
10 Es kommt mir darauf an, darauf habe ich es abgesehen, um 10 Uhr
mit dem und jenem zu sprechen. Das will ich. Das Sein kann ich aber
nur wollen als Ende eines Werdens. Ich will, dass mein Tintenfass an
dieser Stelle postiert sei. Ist es nicht dort, so kann hichi es nur wollen,
indem ich es dahin bringe, das Sein muss sich anschließen als Ende
15 eines Sein-Werdens, es kann Gewolltes und schöpferisch Gewolltes
nur sein als Ende einer Handlung.
Nun sind wir freilich hier zu weit gegangen. Von diesem „Wenn ich
das A will, so muss ich B wollen“, von diesem Muss der Motivation
haben wir hier nicht zu sprechen. Aber die Beispiele zeigen, dass sich
20 dabei – mindestens wenn es an das ausführende Wollen geht, in der
Regel aber schon beim Entschlusswollen – zwei Willensabschnitte
sondern, die phänomenologisch unterschieden sind. Das, was ich
„eigentlich“ will, das, worauf es mir willentlich ankommt, worauf
das willentliche Absehen geht, ist der Zweck, das Ziel, und das
25 Übrige der Handlung bzw. ihrer Wollung ist Mittel oder Weg zum
Ziel oder Zweck: von Seiten des Wollens das Mittelwollen, Wollen
des Weges.
Es bedarf aber feinerer Unterscheidungen:
1) Jede Handlung hat ei n Zi el , ei ne Absicht, etwas, was
30 s ie w ill, und zwar s o e i gentl i ch wi l l, dass demgegenüber
mindes t h ens i ni chts da i st, was, h auch wenn esi zwar noch
gew ollt is t, das spez i el l Abgesehene ist. Jede Handlung geht
auf ein Sein, das wird, das nur durch Werden oder im Werden
z ur R ealis ierung kommt. Das Entsprechende gilt auch von je-
35 dem V or s atz. Jeder Vorsatz hat sein Ziel, seine Absicht, und je-
der geht wirklich oder potenziell auf ein Werden, nämlich auf das
Werden des Zieles in der entsprechenden Handlung, mag sie nun
voll bestimmt oder mehr oder minder unbestimmt vorgestellt und
40 unterschiede in der willensmeinung

willentlich gesetzt sein. Das Potenzielle bezieht sich teils auf die oft
völlig offen bleibende Art der Ausführung, es kann sich aber auch
darauf beziehen, dass eventuell Wollungen als Im-Voraus-Setzungen
denkbar sind, die auf Sein gehen, ohne jeden Gedanken an eine
5 Ausführung. – Der Gedanke müsste freilich sofort gefasst und der
Vorsatz dadurch in modifizierender Weise ergänzt werden, sowie
die Vernunftfrage nach der Ausführung auftaucht und die Ausfüh-
rung inszeniert werden soll. Das Inszenieren ist vor allem das Er-
denken eines ausführenden Werdens ihres Zieles, ihres Abgesehe-
10 nen.
2) Indem wir so Ziel des Absehens (Absicht) und Werden
des Z ieles oder W eg z um Zi el unterschieden haben (begrifflich),
müssen wir gleich beifügen, dass es ei nfache Handlungen gibt,
in denen beides unbe schadet der begrifflichen Trennung
15 eins is t, nämlich dann, wenn in einem schlichten Werden das Ziel
selbst liegt. Zum Beispiel, ich will mit der Hand durch die Luft
fahren und tue es. Das Ziel erwächst im Handeln nicht als Ende,
als terminus ad quem, der Endphase und Enddauer des Handelns ist
und im Übrigen außer ihm histi, so dass wir ein Handeln, das nichts
20 vom Ziel realisiert, und ein Handeln, das es realisiert, unterscheiden
könnten; vielmehr ist jede schöpferische Phase der Handlung selbst
eine Phase des Zieles, das eben selbst in dem schöpferischen Werden
besteht. Demgegenüber haben wir bei einfachen Handlungen den
Fall, wo das Ziel gewissermaßen außerhhalbi der Handlung ist, sei
25 es als ihre Endphase oder End-Dauerstrecke des Gewordenseins.
Zum Beispiel, ich will, dass meine Hand auf jenem Papier liege. Ich
bewege sie dahin und als Endphase und Dauererfolg haben wir das
Dortsein. Oder ich will dieses Ding da wegstoßen: Ich vollziehe den
Stoß und das Ding wird als Erfolg, ohne dass ich weiter etwas zu
30 tun hätte, weggestoßen. In diesen Fällen unterscheiden wir bei der
Handlung eine Strecke primären Handelns, wirklich schöpferischen,
die aber gerade das nicht enthält, was „eigentlich gewollt“ ist, und
eine weitere Strecke des Geschehens, das noch immer Gewolltes, also
Gehandeltes im weiteren Sinn ist, die das Ereignis enthält, worauf es
35 abgesehen ist.
Wir nennen also das „eigentlich Abgesehene“, das Gehandelte
oder Vorgesetzte der spezifischen Willensmeinung, Ziel; das Ge-
handelte (das vorgesetzte oder wirkliche Was der Handlung), das
unterschiede in der willensmeinung 41

realisierende Werden, W eg zum Zi el, müssen dann aber sagen, es


gibt Fälle, wo Ziel und Weg zum Ziel insofern zusammenfallen, als
das Ziel im Weg selbst liegt und sich in ihm also realisiert.
3) Wenn wir so die Begriffe Zi el (Absicht) und Weg unter-
5 scheiden, s o ident if iz i eren wi r si e ni cht mit den Begriffen
Z w ec k und Mi tt el. Diese Begriffe haben ausschließlich Beziehung
auf zusammengesetzte Vorsätze und Handlungen. Eine Handlung ist
zusammengesetzt, wenn sie als Handlung und somit aus Handlun-
gen zusammengesetzt ist. Wir unterscheiden bei Handlungen Teile
10 in verschiedenem Sinn. Jede Handlung als phänomenologische Ein-
heit hat ihre Zeitphasen: Phasen einer Handlung als unselbständige
„Punkte“ sind keine Teile im engeren Sinn, worunter wir konkrete
Teile verstehen. Weiter können wir in einer Handlung Strecken un-
terscheiden. Sie haben insofern Konkretion, als sie schon mehr als
15 Punkte sind, als sie erfüllte Dauern sind. Andererseits aber haben
sie im Allgemeinen noch immer Unselbständigkeit. Wenn ich meine
Hand in einem Zug bewege, so hat die Bewegung phänomenolo-
gisch ihre unteilbare Einheit und ebenso die voluntäre Form ihre
ungeteilte und unteilbare Einheit. Es ist ein ungebrochener stetiger
20 Wille, der sich über die Bewegung erstreckt. Nur ideell können wir
Teilungen vollziehen: etwa dadurch, dass wir Strecken der Handlung
ideell herausheben. Ein ideell herausgehobenes, herausgemeintes
Stück kann, so wie es da ist, in keiner Weise selbständige Hand-
lung sein (so wenig – phänomenologisch genommen – ein Stück
25 einer phänomenalen Bewegung für sich Bewegung sein könnte), es
fehlt ja das charakteristische fiat, ohne das keine Handlung möglich
ist.
Es ist nun eine Handlung zusammengesetzt, wenn sie aus relativ
selbständigen Handlungen zusammengesetzt ist, das heißt, wenn aus
30 ihr volle Handlungen abzustücken sind, die nur insofern an Selb-
ständigkeit einbüßen, als sie durch den übergreifenden Zusammen-
hang, den das Wollen stiftet, in ein Ganzes gestellt sind. So viele
Teile eine zusammengesetzte Handlung hat, so viele besondere fiat-
Momente sind also da, nämlich zu jeder Teilhandlung ein eigenes
35 fiat.
Ferner gehört nach dem, was wir sub 1) und 2) erörtert haben, zu
jeder Handlung Ziel und Weg; so haben wir so viele Ziele und Wege,
als wir Teilhandlungen haben. Wieder sofern die zusammengesetzte
42 unterschiede in der willensmeinung

Handlung eine Handlung ist, hat sie ihr fiat, ihr Ziel und ihren Weg.1
Zum Beispiel ich will folgenden Spaziergang machen: Ich gehe vom
Haus zum Hainholzhof, von da zum Hainberg-Gasthof und weiter den
Feldscheideweg nach Hause zurück. Hier haben wir drei Handlungen
5 zur Einheit einer Handlung verbunden. Es ist ein Vorsatzwille, der auf
diesen Gesamtweg gerichtet ist, aber es ist klar, dass hdasi, was wir von
den Handlungen selbst gesagt haben, sich auf die Zusammensetzung
der Vorsätze überträgt.
In dem gegebenen Beispiel ist es klar, dass bei zusammenge-
10 setzten Handlungen Ziel und Weg in demselben Sinn zusammen-
fallen können, wie wir es bei den einfachen erörtert haben. Es ist
auch von vornherein klar, dass in jedem Fall der Gesamtweg sich
zusammensetzen wird aus den Wegen der einzelnen Handlungen.
Aber nur in Fällen, wie sie das Beispiel illustriert, setzt sich das
15 Gesamtziel, sofern es im Weg selbst liegt, aus den Teilzielen zu-
sammen. Eine ebensolche Zusammensetzung ist möglich, ohne dass
Ziel und Weg zusammenfallen. Wir ändern passend das Beispiel: Ich
mache genau denselben Weg, aber nicht als Spaziergang, wo jeder
Weg selbst Ziel ist, sondern ich will eben, das ist einzig und allein
20 mein Absehen, zuerst im Hainholzhof sein, dann auf dem Hainberg
sein und zuletzt wieder zu Hause. Ich will all das zumal, das eine
und andere. Jede der Handlungen ist eine einfache und in jeder
scheidet sich Ziel und Weg, und das Gesamtziel der zusammenge-
setzten Handlung ist das Kollektivum der Ziele der Teilhandlun-
25 gen.
Jedem neuen Typus entspricht offenbar ein neuer phansischer Ty-
pus in der konstituierenden Einheit des Phänomens, vor allem in der
voluntären Form. Was uns hier auffällt, ist eine Form der Synthesis:
die kollektive Synthesis, die Einheit eines Wollens, das die Form hat:
30 Ich will A und will B und will C. Wir können auch sagen: Ich will (A
und B und C). Aber es ist evident, dass beides nicht identisch dasselbe,
sondern nur, und zwar in voluntärem Sinn, äquivalent ist. Im einen
Fall haben wir ein Wollen, dem eine kollektiv vorstellende Setzung zu-

1 Damit ist auch gesagt, dass jede der Teilhandlungen ebenso wie die Gesamt-

handlung ein Ende hat, ebenso gut wie einen Anfang, ein fiat. Jedes Ende hat im
Fall der Handlung sein Bewusstsein „Es ist erreicht“, nämlich die Willensabsicht des
zugehörigen fiat.
unterschiede in der willensmeinung 43

grunde liegt. Dieses Wollen ist eins und birgt in sich einen dreifachen
verschmolzenen Willensstrahl, der auf jedes im Kollektivum gerichtet
ist. Im anderen Fall haben wir drei gesonderte Willensakte, die aber in
einem kollektiven Wollen (willentliches Und) zur Synthesis gebracht
5 sind. Das sind genaue Parallelen zur intellektiven Sphäre, wo ja auch
beide Fälle vorkommen.

h§ 3. Mittel und Zwecki

In den bisherigen Beispielen haben wir beständig von Ziel und


Weg, aber nicht von Zweck und Mi ttel gesprochen. Unter Mittel
10 verstehen wir vermittelnde Ziele. Natürlich ist in jeder zusammenge-
setzten Handlung, sofern ihre voluntäre Gesamtmaterie eine Einheit
des Werdens ist, das in jeder Teilhandlung vorliegende Ziel als ver-
mittelndes zu bezeichnen. Es vermittelt ja faktisch hinsichtlich der
späteren Ziele. Aber nicht jedes im wörtlichen Sinn vermittelnde
15 Ziel ist „Mittel“ und jedes spätere Ziel Zweck, wie denn nicht bei
jeder, auch nicht hbeii jeder zusammengesetzten Handlung von Mittel
und Zweck gesprochen werden kann. Ich will A als Mittel zu einem
anderen B, oder ich will A um des B willen. Ich will A, weil über A
der Weg zu B führt.
20 Wir können hier phänomenologisch verschiedene Fälle unter-
scheiden, je nachdem in das willentliche Verhalten des Vorsatzes und
Handelns Vernunfterwägungen, Vernunftmotive überhaupt hinein-
spielen oder nicht. Ein Ziel Z realisieren (eine „Absicht“), d. i., eine
Handlung vollziehen, die Z realisiert. Ist Z selbst ein Werden, so
25 ist entweder die Realisierung von Z das Handeln (ich meine, es ist
das Sich-Realisieren des Z vom Anfangspunkt bis Endpunkt dieses
Werdens), oder es ist Z ein natürlicher Werdenserfolg, der sich an
das eigentliche Handeln anschließt. Ist Letzteres der Fall – und ist
es so, dass die „eigentliche“ Absicht nur in Z liegt –, so ist das
30 vorgängige Handeln ein bloßes Wollen und Tun um des Z willen.
Oder besser gesprochen: Schon in so einfachen Fällen sehen wir,
dass in der Weise des handelnden Wollens Unterschiede auftreten
können, modale Unterschiede des Wollens, Unterschiede in seinem
Charakter und in der Weise, wie er das Gewollte will. Im weiteren
35 Sinn ist alles Gewollte Absicht. Im engeren Sinn, den wir in der Regel
44 unterschiede in der willensmeinung

unter dem Begriff Absicht verstehen werden, ist nur ein Bestandstück
des Gewollten das, worauf es „abgesehen“ ist, das, was wir eigent-
lich wollen, auf das es uns allein ankommt, was unser praktisches
Interesse ist. Das so Charakterisierte ist als „Zweck“ bezeichnet und
5 das nicht so Charakterisierte ist mit einem korrelaten und auf die
Zwecksetzung bezogenen Charakter ausgestattet, mit dem Charakter
„um des Zweckes willen“. Ontisch hat das als Zweck Gewollte eben
den Charakter „Zweck“ und das andere den Charakter des Mittels,
d. i. des „um des Zweckes willen“. Und natürlich entsprechen dem
10 Unterschiede der phansischen Momente, und zwar der voluntären
Formen. Die Bevorzugung, die wir in dieser Art in einfachen und
zusammengesetzten Wollungen bzw. Handlungen vorfinden, ist nicht
zu verwechseln mit bloßen Unterschieden der Aufmerksamkeit, als
ob dem Vorgestellten bloß ein bevorzugendes Bemerken oder Auf-
15 merken zugewendet wäre. Vielmehr liegt ein Vorzug innerhalb der
gesamten Willensmeinung.
Aus dem Gewollten ist Gewisses in einem bevorzugenden Sinn
willentlich gemeint, es ist in einem besonderen Sinn Gegenstand der
Absicht, während das übrige Gewollte nicht das „eigentlich“ Ge-
20 wollte, Abgesehene ist. Dieser Unterschied kommt nun in Betracht
in der Art, dass
1) entweder von vornherein ein Ziel, dem das „praktische Inter-
esse“, diese Willensmeinung im speziellen Sinn, zugehört, als Ende
eines Weges (eines Werdensprozesses) vorstellig und praktisch ge-
25 setzt ist, welcher von einem praktisch Gegebenen (schon Seienden
und nicht erst zu Realisierenden) zum Objekt des praktischen Inter-
esses hinführt. Der Weg ist dann zwar gewollt, aber als bloßes Mittel
gewollt, d.i., eben nicht in der Weise des „eigentlich“ Gewollten
gewollt.
30 2) Der Weg kann aber auch Zwischenziele enthalten. Es stellt sich
das im Gesamtwollen eigentlich Gewollte, der Endzweck, als Ende ei-
nes Weges dar, der sich in Stationen zerfällt. Vom gegebenen Ohbjekti
führt ein Weg zunächst zu einem ersten Ziel A, ist dieses erreicht und
somit gegeben, so wird es zum Ausgangspunkt für den Weg zum Ziel
35 B usw. bis Z. Zuletzt haben wir einen Weg, der in Z terminiert, das
sich eventuell im Weg selbst aufbaut. Ebenso natürlich im Vorsatz,
eventuell stellt sich diese ganze Stufenfolge in der Vorsatzüberlegung
anschaulich dar. Es wird ein Werdensgang mit seinen Stationen vor-
unterschiede in der willensmeinung 45

gestellt, die alle den Charakter der Freiheit haben, oder es wird schon
die volle Handlung mit den Wollenscharakteren vorgestellt.
Dabei braucht gar keine Vernunfterwägung stattzuhaben. Es füh-
ren nun viele Wege, gerade und ungerade, „vernünftige“ und „unver-
5 nünftige“ nach Rom. Es mögen sich aus Gründen des Instinkts, der
Gewohnheit etc. von selbst durchschnittlich vernünftige, „prakti-
sche“ Wege einstellen. Im Fall vernünftiger Überlegung aber wird
erwogen: Was ist „notwendig“, um den (End-)Zweck Z zu erreichen?
Kann ich Z direkt erreichen, in einem schlichten, einfachen Weg,
10 welche Art von Wegen stehen überhaupt zu Gebote und welches
sind die praktisch besten?
In dieser Hinsicht heißt nun vom Standpunkt der praktischen Ver-
nunft ein Ziel, zu dessen Erreichung es eines Weges bedarf, der von
ihm selbst verschieden ist, ein Zweck, und dieser Weg selbst heißt
15 das oder ein vernünftiges Mi ttel zu diesem Zweck. Insbesondere
heißen in der Regel im Fall zusammengesetzter Wege die Stationen,
die Zwischenzwecke, Mittel zu jenem eigentlich abgesehenen Zweck,
der nun Endzweck heißt. Die Sachlage ist dann die, dass, um Z zu
realisieren, etwa m1 realisiert werden muss, um m1 zu realisieren, m2
20 realisiert werden muss usw., bis ein mn vorliegt, das unmittelbar in
einer schlichten Handlung realisiert werden kann. In der Vorstellung
des Gesamtweges zum Z steht dann an erster Stelle der Weg, der in
mn mündet, daran angeschlossen der zu mn-1 … bis zu m1, und zuletzt
der Weg von m1 bis zu Z.
25 Natürlich haben wir aber zu unterscheiden die „wirkliche“,
„objektive“ Vernünftigkeit dieser Anordnung und dieser Wege und
Mittel, und die vernünftige Meinung, die Prätention der Vernünf-
tigkeit. In gewöhnlichen Fällen stehen solche Anordnungen in der
Meinung da, es sei, so zu handeln, das Vernünftige, „Natürliche“,
30 „Selbstverständliche“. Solchen Endzweck zu erreichen, gehe man so
und so zu Werke, durch die und die Mittel hindurch, und das sei
natürlich vernünftig.
Indessen braucht über Vernünftigkeit nicht weiter reflektiert zu
sein. Um nach Rom zu reisen, fahre ich erst nach Basel, von da über
35 den Gotthard nach Mailand usw. Das Wollen des Z ist dabei ausge-
zeichnet als die eigentliche Absicht, alles andere hat eine korrelate
Auszeichnung des Mittels (durch das „hindurch“), des Weges, über
den entlang es fortgehen muss, des Wollens und Realisierens um
46 unterschiede in der willensmeinung

des Endzweckes willen. Innerhalb des Weges haben wir dann wieder
ähnliche Unterschiede zu machen, und vor allem Unterschiede der
Stufen. Zwar ist das ganze Willensinteresse ein sekundäres, charak-
terisiert als Umwillen, aber es stuft sich ab.
5 Das Interesse des m1 ist charakterisiert als Interesse unmittelbar
um des Z willen. Und es ist zugleich charakterisiert als Zweck in
Relation zu seinem Weg. Das Interesse an m2 ist charakterisiert als
unmittelbar um des m1 willen und mittelbar um des Z willen usw. Die
unterste hStufei ist die des mn. Indem die Stufen steigen, indem die
10 Willensziele der Reihe nach erreicht werden, findet immer höhere
Befriedigung statt, und die Befriedigungen des Willens, die in der
Reihe der Stufen – der stetigen – stehen, bilden selbst einen Stufen-
bau aufeinander bezogener Befriedigungen. Der dienende Wille ist
befriedigt, aber durch ihn hindurch, der charakterisiert ist als die-
15 nender, geht die Willensintention höher hinauf bis zum Endzweck.
Auch im schlichtesten Weg haben wir schon eine gewisse Gradation
der Willensintention, nämlich der Annäherung an die Befriedigung
der Zielerreichung. Im Fall zusammengesetzter Handlungen haben
wir dasselbe in allen schlichten Wegstrecken. Dazu haben wir aber
20 eine Gradation der Befriedigungen, aber jetzt eine diskrete: eine
Höhenordnung der Befriedigungen. Jeder schlichte Weg endet in
einer wirklichen Befriedigung, aber nur in einer vorläufigen statt
der endgültigen. Mit jeder neuen Stufe sind wir dem Ziel näher, die
Befriedigung ist eine sattere. Aber es ist das immer eine Gradation
25 der Annäherung und nicht der eigentlichen Sättigung des durch den
ganzen Prozess hindurchgehenden und vom fiat schon anhebenden
Zweckwillens: Denn diese Sättigung beginnt erst in dem Moment,
wo etwas von diesem selbst zur Realisierung kommt, also im reali-
sierenden Prozess des Endzweckes selbst, der auf das letzte Mittel
30 folgt.
So ist in der Willenskonstitution eine ziemliche Komplikation
möglich. Jedes Mittel histi Zweck für sich, zu jedem sein fiat und
sein Weg, seine Erfüllung gehörig, zu jedem sein Interessenkreis. Und
dann die Stufenordnung, die Komplikation an jedem Punkt sozusagen
35 bedeutet. Denn im Ausgangs-fiat liegt als Komponente das fiat des mn
und das Allgemeine der Willensintention, die durch mn hindurch auf
mn-1 und so immerfort geht.
IV. WILLENSKAUSATION UND
PHYSISCHE KAUSATION12

h§ 1.i Wille und Handlung. Handlung und Hemmung

Sind Wi l le un d Ha ndl ung ü be rh a up t an d e rs d e n n


5 ab strak tiv z u tre nnen ?3 Ich will den Fuß bewegen, aber er ist
„eingeschlafen“. Ich will mit der Hand anfassen, sie ist aber plötzlich
„gelähmt“. Aber wenn der Wille überhaupt da ist, ist nicht ein Ansatz
von unmittelbarer Handlung da? Die Handbewegung ist doch noch
immer nicht das Erste. Ist da mit dem fiat nicht schon ein Anfang des
10 Handelns vollzogen, an den sich nur nichts weiter fügt: „Innervation“,
Anspannung der oder jener Muskelgruppen etc.? Würde alles fort-
bleiben, dann würde auch kein „Ich will“ mehr da sein, könnte man
sagen. Ist der Wille „ohne Erfolg“, so ist er im Unmittelbaren ge-
hemmt. „Es geht nicht.“ Das ist ein eigener phänomenologischer
15 Befund: freier Ablauf, Handlung – Widerstand, Hemmung. Doch ist
es sehr fraglich, ob wir den Anfang, das fiat, schon als Handlung (oder
als etwas prinzipiell Gleichartiges) wirklich ansehen dürfen, denn die
Anspannung etc., der Abfluss auf Nervenbewegungen, das gehört
doch nicht zur Handlung als solcher. Nur das wird man nach dem
20 eben Ausgeführten sagen dürfen: D as fi at i st n i e et w a s fü r si c h ,
e s is t e nt we de r A ns at zp un kt ei ne r H an d l u n g o d e r e in er
H em m u n g ( e i ne r Han dl un g ).
Wir haben zweierlei ferner zu unterscheiden:
1) das Phänomenologische, das fiat und der phänomenologische
25 Ablauf des Wollens mit seinen phänomenologischen Unterlagen, die

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2 Endet im Metaphysischen.
3 Zunächst mittelbare Handlungen. Ich will den Kasten heben, aber er rückt nicht

von der Stelle. Aber da habe ich mit dem Willen eine unmittelbare Handlung, mit
Händen anfassen etc., an die sich ein weiterer physischer Erfolg nicht anknüpft, auf
den ich es „abgesehen“ hatte.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 47


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_4
48 willenskausation und physische kausation

Richtung auf das Abfließende, die Vorstellung und Erwartung des


Kommenden.
Lebe ich im Wollen (Handeln), so erscheint 2) die Handlung.
Nicht nur ein Ereignis läuft ab, es ist Handlung. Die Handlung ist
5 unmittelbare Handlung oder m i ttel bare, einfache oder zusam-
mengesetzte. Einfache Handlung: eine einfache Handbewegung zum
Beispiel. Zusammengesetzte Handlung: erst H1, nachdem sie abge-
flossen ist, knüpft sich daran H2 usw. Aber eine zusammengesetzte
Handlung ist dabei doch ei ne Handlung, der eine Wille geht durch
10 die Teilwollungen hindurch. Eine Art Mittelbarkeit ist das: Ich will
A. A ist aber etwas, das sich an einen unmittelbaren Handlungserfolg
als empirisch dingliche Folge anknüpft. Und dementsprechend dann
Zusammensetzungen. Dazu gehören dann die Komplikationen von
Zweck und Mittel.

15 h§ 2. Das Wollen als Ablauf in der


immanenten Sphäre ist kein Naturvorgangi

Im Fall einer em pir is c hen Kausati on haben wir (vor der Wis-
senschaft): A tritt ein, also muss B eintreten – das erscheint mir – oder,
also dürfte B eintreten. Es erscheint eine empirische Notwendigkeit
20 als Abhängigkeit eines dinglichen Geschehens von einem anderen,
als „eintreten müssen, da jenes andere eingetreten ist“.
A nder s im Fall der H andl ung. Handelnd will ich und es läuft
die Handlung ab. Die Handlung erscheint. In ihr „objektiviert sich der
Wille“, aber nicht so, als ob ein empirisches Verhältnis zwischen Wille
25 und Geschehen nach Art jener empirischen Notwendigkeit erschiene.
Der Stein fliegt gegen die Scheibe – sie wird brechen, sie muss, durch
seine Kraft bricht sie. In der Handlung lebt aber beständig der Wille.
Er ist nicht ein gegenständlich aufgefasstes Ereignis, auf das ein an-
deres empirisch notwendig folgt. Mit dem fiat setzt die Handlung ein
30 und in seinem Sinn läuft sie ab, immerfort von dem sich forterstre-
ckenden und erfüllenden Willen getragen. Aber erscheint der Wille
als dasjenige, was das objektive Geschehen objektiv bedingt? Ist es
selbst etwas Objektives, das das andere Objektive nach sich zieht?
Der Erfolg ist da, weil so gehandelt worden ist, und jede Phase
35 der Handlung hbeiwirkt die spätere, aber abgesehen vom Willen.
willenskausation und physische kausation 49

Das Buch ist nun da, weil es hergelegt worden ist, aber wenn die
Handbewegung willenloser Vorgang wäre, wäre das Resultat das-
selbe. Nun wird man sagen: Allüberall spricht man doch davon, dass
der Wille wirkt. Ich will, also geschieht das, was ich will; weil ich es
5 wollte, ist es eingetreten. Mein Wollen ist vorausgegangen und der
Erfolg kam dann, aber nicht bloß das: „Weil …“. Ich kann also auf
den Willen hinblicken und ihn in Bezug zum Erfolg setzen, nämlich
das Eintreten des Wollens macht das Eintreten des Erfolgs auf dem
Weg der Handlung notwendig (empirisch notwendig), und ich sage
10 ja auch in Bezug auf andere: X hat sich so und so entschlossen, also
ist demnächst der und der Erfolg zu erwarten. Also die Person tut
das und das; Ereignisse der Natur etwa (aber auch „innere“ Ereig-
nisse) sind „Wirkungen“, die die Person als handelnde, als wollende
übt. Da wird also der Wille als Wirklichkeit, und zwar als Akt ei-
15 ner Person, objektiviert, und nun werden die Handlungen und ihre
weiteren Erfolge zu Wirkungen der Person, und zwar vermöge ihres
Willens. Das Wollen (als Auftreten des Aktes in der Person) wirkt
das und das. Andererseits physisch: Die physischen Vorgänge in dem
Menschen (seinem Leib nach) haben physische Wirkungen (die da
20 als gewollte „Handlungen“ und „Handlungserfolge“ heißen). Das
ist also eine durchaus gewöhnliche, also wohl mögliche Apperzep-
tion.
Hier haben wir wirklich eine kausale Auffassung. Wir fassen den
Menschen als Ding, das neben physischen auch psychische Verände-
25 rung erfährt und darunter Wollungen. An diese knüpfen sich natür-
liche Folgen in empirischer Notwendigkeit. Und doch ist die Sache
nicht so ganz einfach. An die Handlungen der Personen knüpfen sich
Folgen. Aber die Wollungen sind doch nicht in der Person eins und die
äußeren Vorgänge, die da „Handlungen“ sind, ein davon getrenntes
30 Anderes; so, wie wenn ein Ding Veränderungen erfährt und diese
ihre Wirkungen auf andere Dinge entfalten.
Zunächst genauer: Die Person will – da haben wir das fiat und
den Ablauf der vom Willen beseelten Empfindungen, Vorstellungen,
Auffassungen, Erwartungen der Person. Der Wille tritt nicht in einem
35 leeren Raum auf, sondern Wille ist Tun, und das Tun ist für den
Tuenden ein solcher und solcher Erscheinungs-, Glaubens-, Willens-
verlauf. Das alles gehört in eins. Nun könnte man fragen: Achte ich
auf meine Phänomene, so geht das fiat vorher und dann kommt
50 willenskausation und physische kausation

die (in meiner momentanen Situation) bestimmte und motivierte


Erscheinungsfolge. Ist der Wille da zunächst Ursache für diese phä-
nomenologische oder psychische Reihe und dann für die außerhalb
meiner Erscheinungen statthabenden wirklichen physischen Erfolge?
5 Setzt der Wille Erfolge in der eigenen reellen Erscheinungsman-
nigfaltigkeit, während mit dieser gesetzmäßig zusammenhängen die
möglichen Erscheinungen, in denen sich die Wirklichkeit der Natur
konstituiert?
Überlegen wir. Wollen, das gehört zur immanenten, absoluten
10 Sphäre, und Wollen als unmittelbares Tun ist ein Ablauf in der imma-
nenten Sphäre, ein Ablauf von Erscheinungen, in denen eine Hand-
lung sich konstituiert. Es sei eine äußere Handlung. Dann haben wir
einen äußeren Vorgang erscheinend und gesetzt, der ein „wirklicher“,
also durch mögliche Erfahrung zu bewähren ist, von anderen in ihrer
15 Weise wahrgenommen werden könnte in korrelaten Erscheinungen
und Urteilsreihen etc. Das Wollen ist nicht selbst ein Vorgang der
dinglichen Natur, sondern gehört in die Schicht der konstituierenden
Erscheinungen, mit ihnen in seiner Weise zusammenhängend. So
wenig Erscheinungen „wirken“ (im Sinn der Naturkausalität), so
20 wenig „wirkt“ der Wille. Alle Vorgänge der Natur stehen im Zusam-
menhang der Naturkausalität. Vorgänge verlangen nach empirischer
Notwendigkeit andere Vorgänge, und gehe ich dem erfahrungslogisch
nach, so dringe ich zur Erkenntnis dieser Naturkausalität durch. Das
gilt von allen Naturvorgängen, und zur Natur gehören die „leblosen“
25 Dinge ebenso wie die lebendigen und beseelten. Und die psychi-
schen „Erlebnisse“ der Menschen usw. sind keine Naturvorgänge,
keine physischen, sie sind also wirkungslos, weder Ursachen noch
Wirkungen.

h§ 3. Die Abhängigkeit der Bewusstseinsinhalte


30 vom Leib. Mechanische Naturkausalität und
funktionale psychophysische Beziehungeni

Die Natur ist für mich da und in ihr bewege ich mich als Natur-
betrachter und Naturforscher, wenn ich dem Zusammenhang der
erscheinenden Dinge nachgehe, der erscheinenden Vorgänge und
35 Abhängigkeiten der Vorgänge. Ob die Dinge „Erlebnisse“ haben
willenskausation und physische kausation 51

oder nicht, ist dabei ganz gleich. Und „mich“ selbst betrachte ich
als Naturbetrachter, wenn ich „meinen“ Leib, meine Hände etc.
betrachte wie ein anderes Ding und eben als Ding. Da lebe ich
in den Wahrnehmungen, Erinnerungen, Urteilen über das Wahr-
5 genommene und Erinnerte usw., und das gibt einen einzigen Zu-
sammenhang. Da existiert kein Gefallen und Missfallen für mich,
kein Schätzen, kein Wollen und Fliehen. Ich bin „teilnahmsloser“
Dingbetrachter. Das heißt, hier kommen eben keine Unterschiede
der Teilnahme in Betracht, ob ich schätze oder abschätze, ob ich
10 Gefallen oder Missfallen empfinde, das kommt nicht in Frage, ich
lebe rein im Wahrnehmen und wahrnehmenden Identifizieren, im
Erinnern, im Voraussehen, im Urteilen, Schließen usw., in den in-
tellektiven Akten, die sich auf das dinglich Erscheinende beziehen.
Aber die Teilnahmslosigkeit in diesem Sinn ist nicht das Wesentliche.
15 Ich lebe in den intellektiven, auf die erscheinenden Dinge bezogenen
Akten. Ich erlebe dabei nicht nur Aktgefühle, eventuell Wollungen
und vollziehe Handlungen (z. B. ich schreibe), ich erlebe ja all die
„Phänomene“, die intellektiven Akte selbst. Ich erlebe sie. Sie sind
für mich keine Objekte der Betrachtung. Ich „sehe“ nun auch an-
20 dere Personen, ich fühle mich in ihre Leiber ein (ich vollziehe eine
eigentümliche Apperzeption), in ihre Wahrnehmungen, Urteile etc.,
und ich lasse ihre Intellektionen gelten (wenn ich sie nicht bestreite,
was Gemeinsamkeit wieder voraussetzen würde) und vereinige ihre
Gegebenheiten und meine, und die „Wirklichkeit“ bestimmt sich
25 als Wirklichkeit, die wir als eine und selbe alle zugleich gegeben
haben und von verschiedenen Seiten sehen, von verschiedenen Sei-
ten bestimmen usw. So forsche ich weiter über Dinge, über die mir
und anderen bekannten und zu erkennenden Dinge der einen Welt.
Nun kann ich aber auch, statt in den Intellektionen hzui leben, auch
30 sie selbst betrachten. Ich betrachte ferner meine Wahrnehmungen,
meine Urteile etc., und andere tun das auch, wir beschreiben sie,
verständigen uns über allgemeine Eigenschaften dieser „inneren“
Gebilde etc., und so für alles Immanente, für Gefallen, Wunsch,
Willen.
35 Sind die Dinge Dinge für alle (nur jedem von verschiedenen Seiten
sich darstellend und in verschiedenen Wahrnehmungserscheinungen,
Urteilen etc. gegeben), also jeder Leib auch ein solches Ding, so
gehören zu jedem Leib als objektivem Ding verschiedene „innere“
52 willenskausation und physische kausation

Erscheinungen, das heißt, die aktuellen Erscheinungen, Bewusst-


seinsinhalte überhaupt verteilen sich auf verschiedene Leiber und
Personen, zu denen sie in Beziehung des Erlebtseins stehen. Oder:
Der Fluss absoluter Bewusstseinsinhalte gehört zu „seinem“ Leib
5 (aus näher zu erörternden Gründen). Auszeichnung des Leibes als
eigener etc. und dabei als intersubjektives Ding. Und nun die schwie-
rigen Beziehungen zwischen Leib und Seele, Ich.
Vom Leib hängen die Erscheinungen und sonstigen Bewusstseins-
inhalte (Erlebnisse) ab. Halte ich die Augen zu, so sehe ich die
10 Dinge nicht, habe ich keine Erscheinungen, keine Wahrnehmungen.
Verbrenne ich mich, so habe ich geänderte Tastempfindungen, ein
Schlag und ich empfinde Schmerz etc., und so der andere, wie ich
aus seinen Aussagen verstehe. Der Wille wirkt umgekehrt auf den
Leib, ich bewege meine Glieder, ich bewirke mittels der Bewegung
15 meiner Glieder etwas in der Außenwelt, ich spreche und ein anderer
tut etwas meinem Willen gemäß oder ihm zuwider etc.
Beziehung der Bewusstseinsinhalte auf den Leib: Der Leib selbst
erscheint visuell, taktuell etc. in meinen Erscheinungen und ebenso in
anderen Erscheinungen, und die Leiber der anderen erscheinen mir
20 und erscheinen wechselseitig, und ohne diese Erscheinungen könnten
sie nicht gesetzt und könnte die Apperzeption Nebenmensch nicht
vollzogen werden. Und erschiene mir mein Leib nicht, so wäre er für
mich nicht da.
Dinge, Leiber, Einheiten von Bewusstseinsmannigfaltigkeiten. Je-
25 der aktuelle Bewusstseinsinhalt aber wieder „abhängig“ gemacht von
einem Ding, von einem Leib, und andererseits in der psychophy-
sisch weiteren Beziehung abhängig gemacht von der außerleiblichen
Außenwelt: Die Dinge wirken auf den Leib und der Leib hat ein
Zhentralnervensystemi, dessen Erregung bestimmter Art die Bedin-
30 gung für das Erlebtsein der betreffenden Erscheinungen ist von Seiten
des zu dem Leib gehörigen Ich. Das sind also komplizierte funk-
tionale Beziehungen. Dinge sind wirklich, das ist (in menschlicher
Erfahrung), es sind Erscheinungen gegeben und diese begründen
die Möglichkeit von wissenschaftlichen Urteilen und Möglichkeiten
35 von weiteren Erscheinungszusammenhängen, die solchen Urteilen
Evidenz, Berechtigung verleihen würden. Freilich nicht jede beliebige
Erscheinungsgruppe, nicht jeder beliebige Bewusstseinsfluss begrün-
det solche Möglichkeiten, z. B. hnichti ein Quallenbewusstsein, aber
willenskausation und physische kausation 53

wohl das menschliche Kulturbewusstsein: Die naive Erscheinungs-


welt, die sich erscheinungsmäßig dargestellt hat, gab Anlass zu Beob-
achtungen, Urteilen, Erkenntnissen, die zu einer Naturwissenschaft
führten, und diese sagt uns, dass die Annahme einer Natur berechtigt
5 ist, einer Natur, der auch die Qualle angehört. Und darin liegt, dass
hzusätzlichi zu den Dingerscheinungen andere Erscheinungsgruppen
„möglich“ sind und real möglich waren, die ein Beobachter hätte
haben können etc. Und wenn ein Beobachter künftig so und so
orientiert sein wird und die und die Erscheinungen hat, dann werden
10 sich die weiteren Erscheinungen so und so abspielen und die empiri-
schen Urteile Erfüllung finden. hDas sindi motivierte Möglichkeiten.
Dinge wirken auf den Leib und durch den Leib bedingen sie Er-
scheinungen, d. i. wirkliche Erscheinungen, und durch sie motivierte
Erscheinungsmöglichkeiten stehen in gewissen zu begründenden Zu-
15 sammenhängen, und wir haben verschiedenerlei Zusammenhänge:
die der Naturkausalität als mechanischer Kausalität und diejenigen
der funktionalen Zusammenhänge zwischen Natur und „Geist“. An
Energie hier zu denken und dgl., dazu ist gar kein Anlass. Es hat gar
nichts besonders Anstößiges, Natur als geschlossene mechanische
20 Kausalität zu denken und trotzdem psychophysische Beziehungen
anzunehmen, wie man sie ja annehmen muss. Das Naturwirken,
sich beziehend auf Zusammenhänge dinglicher Veränderungen, steht
unter Naturgesetzen als Energiegesetzen. Das hat zu tun mit gewis-
sen, zu den Dingen gehörigen Invarianten, Raum, Zeit, Maß etc.,
25 und mittels dieser kann man die empirischen Dinge und dinglichen
Zusammenhänge, dinglichen Vorgänge, nach ihren qualitativen und
quantitativen Vorkommnissen „erklären“, zum Teil unter Sukkurs
der psychophysischen Beziehungen als Ergänzungen.
Die funktionalen Beziehungen zwischen Dingen und psychischen
30 Vorgängen stehen unter psychologischen bzw. psychophysischen Ge-
setzen, die der Exaktheit entbehren. Diese gehören in eine ganz an-
dere Linie; will man hier von Kausalität sprechen, so hat sie eine ganz
andere Bedeutung. Übersieht man das, so kommt man zu schiefen
Problemen.
54 willenskausation und physische kausation

h§ 4. Inwieweit ist das Hervorgehen der Tat aus


dem Willen als ein Abhängigkeitsverhältnis
zwischen Tatsachen zu bestimmen?i

Und wie nun für den Willen? Besteht da nicht eine größere Schwie-
5 rigkeit? Der Wille „greift“ doch in die Welt ein, er schafft Verän-
derungen, teils innerhalb der psychologischen Sphäre, teils in der
physischen.1
Der Wille greift ein in den Lauf des Psychischen, z. B. in die
Regelung des Gedankenverlaufs, in die willkürliche Wiederholung
10 einer Erinnerung; etwa ich höre einen Ton und „wiederhole ihn“
willkürlich zwei-, dreimal. Der Wille greift auch als äußeres Handeln
ein in den Lauf der äußeren Erscheinungen und der objektiv gültigen,
in den Lauf also der Natur. Das sind wieder Abhängigkeiten. Der
Wille auf Wiederholung gerichtet und der Ablauf der Wiederholung:
15 Sie findet statt „infolge“ des Willens. Da sieht man, dass ein vorgän-
giger Wille wirklich ohne Handlung sein kann. Es kann ja auch eine
plötzliche Ablenkung der Aufmerksamkeit erfolgen, bevor die Wie-
derholung statthat etc. Ich brauche hier nicht zu erwägen, ob Wollen
im „zugleich“ Ansatz von Handlung ist (Innervhationi).2 Im Übrigen
20 hier wie bei der äußeren Handlung: Die Wiederholung ist Handlung,
charakterisiert wie jede andere. Im Allgemeinen wird, wenn ein Wille
sich auf solche Wiederholung richtet, diese auch eintreten. Sie ist
charakterisiert als gewollte, und zugleich ist sie als infolge des Einsatz-
willens eintretende anzusehen. Ich will nachdenken, ich strebe nach
25 Klarheit etc. Abgesehen von aller empirischen Ichauffassung und
Weltauffassung richtet sich das Wollen auf das Gewollte, und dieses

1 Innerhalb der psychologischen Sphäre nach Vielen das einzig wirkende Prinzip.

Näher auszuführen histi, damit ich es nicht vergesse, dass alles andere psychische
„Wirken“ sich entweder auf Wesenszusammenhänge reduziert oder auf gewisse em-
pirische Regelmäßigkeiten, die man psychophysisch erklärt. Dass das so sein muss, ist
freilich nicht zu beweisen. Jedes Werden, sagt das Kausalgesetz, muss seine Ursache
haben. hUnd so auchi jede reale Veränderung, also auch jede im realen Ich – freilich,
wenn das Ich als Identisches der Veränderung soll gelten können. An und für sich
ist es mit der „Apriorität“ des Kausalgesetzes eine eigene Sache. Erst muss ich doch
wissen, in welchem Sinn die Kausalität zu nehmen ist und welchen Umfang dieser Sinn
vorschreibt. Aber es wird doch wohl in der Sphäre des Psychischen auch alles seinen
Grund haben. Fragt sich nur, wie das zu verstehen ist.
2 Cf. die unzureichenden Ausführungen also auf den früheren Blättern.
willenskausation und physische kausation 55

tritt ein im phänomenologischen Fluss als infolge des Willens. Dabei


aber im Unterschied gegenüber der empirisch-anschaulichen Folge
(und des „also muss eintreten, was dort statthat“) ist zu beachten, dass
uns nicht diese Sachlage vor Augen steht, die wir mit der empirisch-
5 kausalen Folge auf äußerem Gebiet parallelisieren. Vielmehr ist es
ein Unterschied, ob wir auf das Wollen achten oder auf das Gewollte.
Ich will die Wiederholung. Wenn ich das will, so steht mir die
Wiederholung als gesollte, als willensgesollte sozusagen, vor Augen,
nicht das Wollen. Und wenn die Wiederholung sich dann vollzieht,
10 so habe ich die Tat vor Augen, den Ablauf der wiederholten und
wie gewollt so wirklich ablaufenden Erinnerungen und dgl. Sie hat
den Tatcharakter. In der Reflexion erfasse ich das Tun. Die Tat ist
aber nur charakterisiert als Tat und nicht als empirische Folge aus
dem Impuls des Willens, der auf sie zielt. Wir können sagen: Es ist
15 möglich, einen Blick intellektiver Reflexion und Seinssetzung (und sei
es auch phänomenologischer) zu vollziehen und in ihm den Willen zu
setzen, mindestens in der Erinnerung, in der theoretischen Erwägung
von Möglichkeiten, und dann intellektiv zu sagen, das Eintreten des
Willens motiviert, bedingt tatsächlich das Eintreten des Gewollten.
20 Aber das ist nicht die Stellungnahme im Wollen und im Erzeugen der
Tat.
Das wird für andere Zwecke wichtig sein, aber „theoretisch“ bleibt
es doch bei der „Kausation“ in dem Sinn, dass bei gewissen Willens-
akten mindestens (natürlich nicht bei allen) gesagt werden kann von
25 vornherein, dass sie sich in der Regel hemmungslos erfüllen. Das setzt
offenbar voraus eine vergleichende Reflexion, ein Zurückblicken auf
die Erfahrung, und aus ihr geht hervor die Erfahrungsmotivation: wie
denn überhaupt, wenn ich öfters erfahrungsmäßig (also theoretisch)
finde, dass, wenn A eintritt, dann B eingetreten ist, dass ich dann sagen
30 kann, A führt B mit sich; A annehmend, muss ich auch annehmen,
dass B eintreten wird. Nur freilich das Bedenken, dass bei jedem
regelmäßigen Ablauf dasselbe zu sagen wäre; also beim Zeitfluss, das
Jetzt zieht das Soeben nach sich usw.
Im Wollen ist uns das „Hervorgehen“ des Gewollten aus dem
35 Willen unmittelbar verständlich und wird nicht verstanden als ein
Abhängigkeitsverhältnis von Tatsachen. Die Tat ist eben Tat des
Willens, und in der Handlung geht sie willentlich hervor. Und ebenso
ist es verständlich, dass Wollen sich an Hemmungen bricht oder dass
56 willenskausation und physische kausation

die Handlung eine Tat ergibt, die in ihren weiteren Folgen oder in sich
nicht das oder genau hdas nichti realisiert, was gewollt wurde usw.
In sich hat willentliches Werden und Kausiertsein nichts mitein-
ander zu tun, und Determinismus hebt das Hervorgehen der Tat aus
5 dem Willen und nur aus ihm in keiner Weise auf. Geht bei der äußeren
Handlung aus dem Willen ein phänomenaler Erfolg hervor (und aller
unmittelbare Erfolg muss phänomenal sein), so liegt in dem Verhält-
nis zunächst nichts von einer Kausation des Willens, sei es hin Bezugi
auf den Ablauf der betreffenden aktuellen Vorgangserscheinungen,
10 sei es hin Bezugi auf den wirklichen Vorgang selbst (der in diesen
Erscheinungen erscheint).
Der äußere Vorgang ist Handlung, er ist gewollt und verläuft im
Wollen. Im Wollen verläuft der Vorgang in seiner Erscheinung, und
diese Erscheinungsreihe mit ihrer Seinssetzung und ihrem Getragen-
15 sein vom Handlungswillen, das ist eine Einheit und ist die Einheit
der Tathandlung. Der Vorgang, der da Handlung ist vermöge dieser
phänomenalen Artung, ist aber wirklicher Vorgang, der theoretisch
als Wirklichkeit bestimmbar, von anderen auffassbar und für existie-
rend setzbar ist. So kann ich vom wahrgenommenen und theoretisch
20 gesetzten Vorgang sagen: Der ist von dem und jenem gewollter und
gehandelter, er ist seine Tat. Und so auch in Bezug auf mich selbst und
meine Tat. Dann aber: Dieser Vorgang läuft ab und ist Wirklichkeit,
weil er ihn gewollt hat. Hätte jener ihn nicht gewollt und getan, so
wäre er nicht vonstatten gegangen. Ebenso im inneren Wollen: Hätte
25 ich nicht willkürlich meine Gedanken auf die und die Tatsachen ge-
lenkt, so wäre mir das und jenes nicht eingefallen, der neue Gedanke
wäre nicht eingetreten usw.
So wie die Einwirkungen der Dinge auf den Leib physikalische
Folgen haben, an die sich wieder psychische Folgen knüpfen, Emp-
30 findungen etc., so hat der Wille physikalische und dann weiter leib-
liche und außerleibliche Folgen; auch geistige Folgen in anderen:
Ich will den anderen so und so bestimmen, ich fordere es von ihm,
und sein Denken und Handeln ist meine Einwirkung, meine Tat,
obschon mittelbar. Dass wir in Wechselverkehr miteinander sind und
35 in beständigen geistigen Kausationen, ist so zweifellos, wie dass die
Dinge aufeinander Wirkung üben. Mag sein, dass, wenn ich spre-
che und sprechend wirke, wenn ich von einem Autor Wirkungen
erfahre, dass da Physikalisches auch seine Rolle spielt. Ich spreche,
willenskausation und physische kausation 57

der andere hört mich und versteht mich und wird als solcher von
mir aufgefasst, und in sein mir in der Einfühlungsweise vor „Augen“
stehendes Seelenleben wirke ich hinein. Es geschieht darin infolge
meines Willens, was sonst darin nicht geschehen wäre. Das vollzieht
5 sich im Wechselverkehr, wobei eben dieselben Dinge und Vorgänge,
die mir erscheinen (z. B. mein Sprechen), auch dem anderen erschei-
nen, und dass hdasi Erscheinen in Kausalzusammenhang steht mit
hdemi Nervensystem, ist eine Sache für sich. Zunächst ist das Wirken
hier eine Sache wie das Wirken der Dinge untereinander in der
10 erscheinenden Dinglichkeit. Dann freilich kommt die Erforschung
der tieferen Zusammenhänge, also Erscheinungen in Zusammenhang
mit Nervensystem und Sinnesorganen, vielleicht das ganze psychische
Leben in parallelen Zusammenhängen.
V. NATURKAUSALITÄT UND
WILLENSKAUSALITÄT. ZUR ANALYSE DER
PRIMÄREN SCHÖPFERISCHEN HANDLUNG1

Der Wille bewegt die Hand: Ich will die Hand ausstrecken und
5 das Objekt Tintenfass ergreifen; ich will eine Wirkung in der äußeren
Natur ausüben: a) Handbewegung etc.; b) die durch die Hand als Ding
bewirkte physische Veränderung in der Natur mit ihren natürlichen
weiteren Folgen.
Handbewegung: 1) Die Hand als Na t uro bj e k t erscheinend: Sie
10 wird gesehen und verändert bei Änderung der kinästhetischen Um-
stände ihre Erscheinungsweise. Sie wird getastet etc. E rst e Gru p p e:
die Gruppe „Dinghand“. 2) Die Hand als Leibesglied – eine mitver-
flochtene Gruppe von neuen Erlebnissen. Die sich bewegende Hand
„hat“ Druck- und Zugempfindungen, Wärmeempfindungen etc., die
15 eine fremde Hand, eine Hand als bloßes Naturobjekt, nicht zeigt.
Zweit e G rup p e.
Indem das fiat statthat, das „Ich will“, findet der Ablauf innerhalb
beider Gruppen statt, und beide gehören zum Sinn der Erfüllung
des Wollens. Und zwar findet jeweils je nach „meiner Stellung“ ein
20 bestimmter Ablauf aus beiden Gruppen statt, je nach meiner Stellung
in der Umgebung, je nach Art der mich umgebenden Objektwelt etc.
(Es ist allerdings zu fragen, ob nicht noch anderes zum Willensablauf
gehört.) Ist ein Wille denkbar, der eine Hand bewegt, ohne diesen
bestimmten doppelten Zusammenhang, wobei die Bestimmtheit sich
25 auf zwei Linien von miteinander verflochtenen Phänomenen bezieht?
(Nicht jede in der Hand „lokalisierte“ Empfindung gehört natürlich
in gleich wesentlicher Weise hierher, z. B. nicht die Wärmeempfin-
dungen oder Kälteempfindungen gehören in gleicher Wesentlichkeit
hierher wie die „Bewegungsempfindungen“, die Empfindung der
30 Anspannung der Muskeln und Gelenke etc.) Und wenn die Hand

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 59


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_5
60 naturkausalität und willenskausalität

etwas wirken soll auf andere Objekte der Natur (oder der Wille
durch sie), so wird im Allgemeinen die Hand noch weitere subjektiv
lokalisierte Empfindungen erlangen müssen: das Fassen des Steines,
der geworfen werden soll, das Schieben oder Stoßen etc. Doch könnte
5 sie ja, denkbar wäre es, „magnetisch“ sein und Abstoßung üben oder
besser, um Fiktionen zu vermeiden, elektrisch sein und dann elek-
trische Wirkungen üben, ohne dass sie dergleichen selbst „spüren“
müsste.
„Was ich will, muss ich auch können, bzw. ich kann nicht wollen,
10 wenn ich nicht sicher bin, oder mehr oder minder fest überzeugt bin,
dass ich es kann.“ Ich überlege: Kann ich das? Ich stelle mir das
fiat nicht mit dem Enderfolg, sondern mit dem Willensablauf vor.
Dieser muss nicht gerade vollkommen anschaulich vorgestellt sein,
es kann sein, dass ich hihni mir bloß vage, symbolisch vorstelle und
15 sofort sicher bin. Klarheit habe ich in klarer Vorstellung. Aber bloße
Vorstellung tut es nicht. Was heißt hier Vorstellung? Ich stelle mir vor,
dass ich einen großen Baum anfasse und hebe, dass ich es „kann“.
Oder auch, ich bin gelähmt und stelle mir vor, dass ich meine Hand
bewegen kann. Ich stelle dabei vor, dass ich sie bewege. Aber nicht
20 bloß das. Ich versetze mich hinein, denke mir, nehme an, dass ich
will, dass es sei! Und unter dieser Annahme glaube ich auch, dass
es eintreten muss oder wahrscheinlich eintreten würde.1 Ich nehme
an, ich setze hypothetisch nicht einen beliebigen Willen, sondern
„meinen“ Willen. Ich denke mir, dass ich wollte, und sehe dann,
25 dass es geschehen würde als mein Gewolltes, und so sage ich: Ich
vermag das. Das gehört also auch wesentlich dazu. Wie steht es nun
mit der Kausat ion?
Setzen wir als bekannt und gesichert voraus, dass in der physischen
Natur geschlossene Naturkausalität herrscht. Jede physische Verän-
30 derung fordert eine physische Ursache. Also auch die physische Ar-
beitsleistung der Hand, die Bewegung der Hand als physisches Ding,

1 Intuitiv: Ich versetze mich annehmend in den fiat-Willen hinein, und die Handlung

fließt ab, „notwendig“, nämlich motiviert. Dabei erstreckt sich dies auf die mittelbare
ebenso wie hauf diei unmittelbare Handlung. Was der Stoß der Hand weiter wirkt
und was der gewollte Erfolg ist, das fließt eben auch ab. Der Wille geht über in die
unmittelbare Handlung, breitet sich in ihr aus, und diese Erscheinung geht über in der
Einheit der empirischen Motivation in den weiteren Erfolg.
naturkausalität und willenskausalität 61

hat ihre physischen Ursachen. Infolge des Willens tritt sie ein: Tritt
der Wille auf in meinem Bewusstsein, will ich, so erfolgt die Bewe-
gung der Hand. Die Erfahrung lehrt, dass ihre physischen Ursachen
in meinem Leib, zuletzt im Zentralnervensystem liegen. Und zwar
5 müssen da, müssen in der Natur, ausreichende Ursachen liegen. Also
der W ille w ir kt nic ht i m Si nn ei ner physischen Ursache. Wie
ist nun aber die unzweifelhafte „Kausation“, Bewirkung des Willens,
zu verstehen?
Was die phys is che Kaus ati on anlangt, so handelt es sich da um
10 Naturobjekte (Objekte der Naturwissenschaft) und Naturvorgänge.
Wann immer ein Naturobjekt sich verändert, wann immer in der
Natur (in der einen allumfassenden) eine Veränderung statthat, so
weist diese auf andere vorgängige Veränderungen zurück nach Na-
turgesetzen. Die Natur ist auch hinsichtlich aller Veränderungen eine
15 Einheit, sie übt Selbsterhaltung, sie ist die alte in jeder neuen Form,
alles Neue liegt nach Gesetzen fest beschlossen im Alten. Die Natur
mit ihren naturwissenschaftlichen Dingen konstituiert sich aufgrund
der Erscheinungsdinge und Erscheinungsvorgänge durch logisch na-
turwissenschaftliche Bestimmung.
20 In der Wahrnehmung und gemeinen Erfahrung erscheinen uns
und werden von uns als Gegenstände der gemeinen Erfahrungsurteile
erfahren die Erscheinungsdinge, die sich als Einheiten von Erschei-
nungsmannigfaltigkeiten konstituieren. Diese Dinge bewegen und
verändern sich erscheinungsmäßig, und unter gegebenen Erschei-
25 nungsumständen motiviert die Wahrnehmung der Veränderung des
einen hdie Wahrnehmungi gewisser weiterer Veränderungen an ihm
oder an anderen, und dem entspricht ein objektives Verhältnis der
Notwendigkeit bzw. der notwendigen Folge. Tritt α ein, so „muss“
β eintreten. Wir erwarten β, weil α eingetreten ist. Ein Stoß gegen
30 das Glas mit dem Stein, es muss zerbrechen. Das Rollen des Glases
über die Tischplatte – es muss fallen. Durch animistische Einfühlung
legen wir hier ein willentliches Wirken unter. Der Stein tut etwas, er
handelt, er tut zerbrechen. Wir unterlegen die Willenskausalität nicht
der naturwissenschaftlichen Kausalität, die eine exakte Gesetzlich-
35 keit im Zusammenhang aller dinglichen Veränderungen besagt, und
zwar der mathematisch-mechanischen, die den erscheinenden Verän-
derungen unterlegt werden – denn von all dem wissen wir außerhalb
der Naturwissenschaft und vor allem in der Sphäre bloßer Erschei-
62 naturkausalität und willenskausalität

nung und natürlicher Erfahrung nichts –, sondern wir unterlegen die


Willenskausalität den erscheinenden Dingen, den erscheinenden Vor-
gängen, den erscheinenden Abhängigkeiten, notwendigen Folgen. So
wie sich erscheinende Merkmale zu den naturwissenschaftlichen Be-
5 stimmtheiten des Naturobjekts verhalten, erscheinende Relationen
der Dinge zu ihren „wirklichen“ Relationen nach Raum und Zeit, so
auch erscheinende Abhängigkeiten zu den naturwissenschaftlichen
Abhängigkeiten: also empirisch erscheinende Folge zu der naturge-
setzlichen Folge. Die erscheinende Farbe „Anzeichen“ für Äther-
10 schwingung (die „wirkliche“ Farbe des Objekts, die keine Farbe ist),
die erscheinende Ausdehnung für die objektive, nach Maß und Zahl
bestimmte etc. So bei „Folge“. Dabei hier und dort öfter bloßer
Schein. Die erscheinende Farbe ist oft bloß subjektiver Schein, viel-
leicht sind meine Augen krank, vielleicht habe ich eine farbige Brille
15 auf etc., ebenso die erscheinende Form, Lage etc., auch „Kausation“.
Das brauchen wir hier nicht weiter zu verfolgen.
Wie steht es nun mit dem wi l l entl i chen Wirken? Ist es auch
bloße Erscheinung und eventuell bloßer Schein? Zunächst könnte
man sagen: Jede Erscheinung (Wahrnehmungserscheinung) hat ihr
20 Recht, aber freilich kann sie durch andere Erscheinungen widerlegt
werden und insofern kann das Erscheinende bloßer Schein sein. Aber
freilich: Gehe ich dem wissenschaftlich nach, so komme ich zur na-
turwissenschaftlichen Bestimmung und zur ergänzenden Psychologie.
Innerhalb der Naturwissenschaft habe ich exakten Raum, objektive
25 Zeit, mechanische Vorgänge, Energie, mechanische Kausalität; in-
nerhalb der Psychologie ergänzende Abhängigkeiten, an die und
die Nervenvorgänge knüpfen sich Farbe, Ton etc. als Empfindungen.
Freilich bleibt da immer eine Schwierigkeit. Naturwissenschaftlich-
exakt (physikalisch) ist das Nervensystem ein mechanisch exaktes
30 System. Jedes Atom darin und jeder physikalische Zustand ist von
Moment zu Moment in der absoluten Zeit bestimmt. Daran knüpft
sich das Psychische. Wie soll ein exakt nicht Fassbares in eindeutiger
Beziehung zum exakt Bestimmten sein? Soll man sagen, das Ent-
scheidende ist die Form? Ein gewisser Strom naturwissenschaftlichen
35 Werdens (mechanischen) erhält im „Stoffwechsel“ und beständigen
Energieumsatz seine bestimmte „Form“ und daran knüpft sich, an
die oder jene Teilform, die und die Empfindung, Wahrnehmung etc.
Aber solange das Ganze rein physikalisch bestimmt ist, ist jede Form
naturkausalität und willenskausalität 63

und Teilform wieder physikalisch auszudrücken und ist wieder etwas


Exaktes. Das Psychische ist aber nichts Exaktes. Die Form muss also
allgemeiner gefasst werden, derart, dass sie ihre Exaktheit verliert.
Die mathematische Funktion ist auch ein Allgemeines, das eine Form,
5 etwas Morphologisches, darstellt, und trotz der Exaktheit. Bleiben
die Konstanten unbestimmt, so haben wir ein Allgemeines der Form,
das eine Festigkeit begrifflicher Bestimmung hat – und in dieser
Hinsicht eine Exaktheit –, aber an Bestimmtheit verliert. So könnte
es auch hier sein. Die Exaktheit braucht nicht verloren zu gehen,
10 oder nur in dem Sinn, dass die volle Bestimmtheit verloren geht. Es
kommt nicht auf die absolute Zahl der Atome an, auf die absolute
Größe der Energien etc. Aber die gesamte morphologische Form,
ausdrückbar in einem Zusammenhang mathematischer Funktionen
mit unbestimmten Konstanten etc., bleibt erhalten. Und daran knüpft
15 sich das Psychische. Aber reicht das wieder hin? Die Grade der
Helligkeit, der Intensität, die Abstufungen der Qualitäten etc., all
das ist dann nur seiner morphologisch-psychologischen Form nach
bestimmt, etwa die und die nervösen Umstände von der und der Form
bestimmten einen Helligkeitswechsel, eine Helligkeitszunahme, ein
20 Schwanken der Qualität, ein Ansteigen von weißlichem Rot zu rei-
nem Rot etc., aber nicht in absoluter Bestimmtheit. Denn wie sollte sie
ihre psychophysische Begründung erfahren? Wie kann das begrifflich
Feste ein Fließendes exakt zugeordnet erhalten?
Andererseits ermöglicht die Zuordnung der morphologisch-physi-
25 kalischen Form zu dem psychischen Leben nach den Gattungen und
Arten seiner vagen fließenden Momente und Formen eine Wissen-
schaft vom Psychischen. Die Vagheit und das Fließende des psychi-
schen Gehalts hindert nicht das Sich-Konstituieren der Dinge, das
Erkennen desselben Dinges im Wechsel seiner Bewegungen und
30 Veränderungen, es hindert nicht das Sich-Konstituieren von Ich und
Nicht-Ich, von Nervensystemen etc. Und nun die Erkenntnis: Unter
den Umständen muss Farbe empfunden werden, unter den Um-
ständen wird Zeit so und so überschätzt, werden Größen für gleich
gehalten etc. Es liegen Regelmäßigkeiten vor und Allgemeinheiten,
35 die sich durch die vagen Begriffe ausdrücken, aber immerhin ihre
begriffliche Umgrenzung haben, mag diese eben auch nur eine vage
sein. In der Natur ist die Sphäre der Exaktheit: Die Natur ist ein
ideales Konstruktionsgebilde, und hier ist die Idealisierung logisch ge-
64 naturkausalität und willenskausalität

fordert und möglich. Je genauer die Instrumente, umso besser stimmt


es, oder neue Konstruktionen sind möglich, die Einstimmigkeit und
feste Bestimmung innerhalb der Grenzen der Beobachtungsfehler
ermöglichen (freilich ein ideales Beobachtungssubjekt wieder vor-
5 ausgesetzt). Exakt bestimmen kann man physikalische Tatsachen,
nicht aber psychologische. Man kann sie eben nicht wiegen und
messen. Alle Mathematisierung führt in die Transzendenz. Will man
aber das Phänomen selbst ausdrücken und darüber wissenschaftliche
Aussagen machen, so kann man nicht Mathematisierung fordern und
10 anstreben, da sie eben dem Fließenden, das man hat und behalten
will, ein anderes substruieren würde. (Natürlich ist auf Fundierungs-
verhältnisse Rücksicht zu nehmen. Die Wesensgesetze bilden eine
feste Form, an die alles gebunden ist. Wofür notwendige Fundierung
aufkommt, dafür bedarf es keines besonderen psychophysischen Sub-
15 strats.)
Was vom „Psychischen“ überhaupt gilt, gilt auch vom Willen. Also
er ist in der angegebenen Weise funktional abhängig vom Gebilde
des Nervensystems. Wie wirkt er nun? Wir wissen dabei, der Wille ist
kein Naturobjekt und kein Naturvorgang, also übt er nicht Kausalität
20 im Sinne der Naturkausalität. Ich will, ich handle z. B. meine Hand
bewegend. Infolge meines Wollens bewegt sich die Hand. Ein fiat
leitet ein, gerichtet auf die Handbewegung, die aber eine tätige ist
und als solche in jeder Phase Wollen ist: realisierendes Wollen. Das
„infolge“ bezieht sich also nicht auf das Wollen der Phase. Die Be-
25 wegungsphase als Handlungsphase ist ausführendes Wollen infolge
des einleitenden Wollens. Jedenfalls, dieses „infolge“ ist etwas ganz
anderes als das „infolge“ beim Nervensystem. (Und das zugehörige
Funktional-Psychische ist natürlich auch kein Kausiertes im natur-
wissenschaftlichen Sinn, und nicht einmal eine zeitliche Folge liegt
30 hier vor, sei es auch eine notwendige zeitliche Folge: Das Nervensys-
tem bewirkt nichts im Psychischen und hat darin keine notwendigen
Konsequenzen. Es gehört nur zu seinem „Zustand“ ein psychischer
Zustand.)
Das „infolge“ beim Willen, das Tun, Handeln im Willen und
35 als „Erfolg“ des fiat, ist ein Wahrnehmbares, und zwar ich sehe,
dass sich nicht nur überhaupt die Hand bewegt, sondern dass es
Handlung ist, dass sie sich „d urch“ meinen Willen bewegt. Kau-
sation nehme ich nicht wahr, freilich aber das Geschehen in der
naturkausalität und willenskausalität 65

Erscheinung. W eil etwas anderes geschieht, nehme ich auch wahr:


Es erscheint. Freilich, inwiefern man hier von „Wahrnehmen“ und
„Erscheinen“ in demselben Sinn wie bei Dingen und Vorgängen
sprechen kann, ist Sache näherer Untersuchung. Es kann sein, dass
5 die Bewegung der Hand Schein ist, Halluzination. Das ändert nichts
daran, dass sie Handlung ist, dass sie erscheinungsmäßig sich be-
wegt, weil ich will. Zum Beispiel im Fieberdelirium: Ich will das
und das, und ich tue es vermeintlich. Aber da ist es klar, dass in
der Willenskausation nichts von „notwendiger Folge“ liegt. Ich will,
10 und es geschieht doch nichts. Meine Hand ist vielleicht gelähmt. Ein
Gesetz verbindet nicht das „Ich will“ mit der Handbewegung, sei
es auch als Handelnder.1 Und natürlich ist auch in der Handlung
keine Phase notwendiger Grund für die folgenden (die Hand könnte
während der Bewegung Lähmung erfahren). Überall steckt trotzdem
15 das „infolge“. Phänomenologisch sagen kann man noch dies: Die
Phase mit ihrem „infolge“ ist undenkbar ohne vorangegangenen
Willen zum Ziel. Das Eintreten des A im Sinne des Willens (dieses
eigentümlich phänomenologischen Charakters) ist undenkbar ohne
wirklich vorangegangenen Willen (Erinnerung); aber freilich nützt
20 das hier nichts.
Ich glaube, dass, wenn ich will, geschieht, was ich will, so wie ich
glaube, dass, wenn der Stein gegen das Fenster fliegt etc. Freilich
vollziehe ich normalerweise keine theoretische Erwägung, hier so
wenig wie dort. Fragen könnte man: Ist nicht jeder volle, eigentliche
25 Wille schon eine Handlung? Und führt die entsprechende volle, ei-
gentliche Vorstellung die Evidenz der Ausführbarkeit mit sich? Die
Ausführung tritt einfach infolge des Willens ein, notwendig, wenn
nicht Hemmungen gegenübertreten, Widerstände, und das sind selbst
Willensphänomene (in der unmittelbaren Sphäre). Der Wille wirkt,
30 oder wirkend erfährt er Widerstände, Hemmungen. Frei wirkend
erzeugt er, schafft er. Dinge wirken eigentlich nicht, Dinge erfahren
im eigentlichen Sinn keine Hemmungen. Sie stehen einfach unter
Gesetzen. (Freilich in der intuitiven Sphäre: Wenn „infolge“ eines
dinglichen Vorgangs ein anderer eintritt, so verläuft alles „frei“;

1 Der Wille geht auf die Bewegung des Leibgliedes, nicht auf seine Erscheinung. Ob
ich den Kopf so oder so halte, Augen offen oder geschlossen habe, der Wille ist genau
der gleiche (phänomenologisch), aber die Erscheinungen sind immer wieder andere.
66 naturkausalität und willenskausalität

wenn trotz der Motivation es nicht eintritt, so haben wir ein genaues
Analogon der „Hemmung“, das aufgehobene „infolge“, Stauung,
Störung des freien Abflusses der motivierten Erwartung.)
VI. PASSIVITÄT UND SPONTANEITÄT IM
DOXISCHEN GEBIET UND IM WILLENSGEBIET1

h§ 1. Wollen, Trieb, Tendenz, ichliche


Zuwendung und die Parallelen im Urteilsgebieti

5 Tendenz vom Zeichen auf das Bezeichnete (Zeichenbewusstsein –


Bedeutungsbewusstsein). Tendenz vom Anzeichen auf das Ange-
zeigte, von dem, was an etwas erinnert, an das, woran es erinnert.
Freies Abfließen von Tendenzen. Hemmung von Tendenzen.
Spannungscharaktere. Al l e s ohn e Mi t be te i l i g un g d e s Ic h.
10 Das Ich - St re be n. Die in der Objektsphäre auftretenden Tenden-
zen und Gegentendenzen bestimmend für das Ich: Das Ich folgt ihnen
oder widersteht ihnen. Ich folge der Tendenz auf das Bezeichnete
oder folge nicht. Das Zeichen „reizt“ mich für sich und nicht das
Bezeichnete. Reize bezogen auf das Ich, bestimmend ein Zuwenden
15 des Ich.
Verschiedenartigkeit der Zuwendungen: Verhältnis zwischen Ich
und Objekt, das da mich reizt. Verhältnis zwischen Ich und Akt, den
ich „vollziehe“.
Zuwendung als Zuwendung im Vorstellen, Vorstellen der Phanta-
20 sie, Wahrnehmen, Erinnern. Zuwendung als Zuwendung im Urteilen.
Das Ich wendet sich Vorgestelltem zu und verhält sich glaubend
(anerkennend), verneinend, vermutend, prädizierend (begreifend).
Ich habe Gefallen und Missfallen, ich wünsche, ich begehre, ich will
oder ich strebe.2

1 Wohl Juli 1914. – Anm. der Hrsg.


2 Im Hintergrund: ein Widerstreit. Ich werde aufmerksam: Die Unstimmigkeit tritt
in den Vordergrund, ich vollziehe das Unstimmigkeitsbewusstsein, gehe in die eine
und andere Auffassung und vollziehe die Anmutungen für die eine und andere. –
Ich berücksichtige eben immer das „Unbewusste“ gegenüber dem „Bewussten“, die
Hintergründe gegenüber den Vollzügen, durch die verschiedene Stufen von Vorder-
gründen sind.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 67


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_6
68 passivität und spontaneität

Ich achte schon auf ein indirekt gesehenes Objekt, und es „reizt
mich zur Fixation“, zum direkten „Ansehen“,1 und ich folge dem
Reiz „unwillkürlich“, ich lasse mich einfach ziehen. Oder ich spüre
den Zug, aber ich sage „Nein, ich will nicht“. Ich fasse den Vorsatz
5 zu widerstehen, eventuell tritt trotzdem das Hinsehen ein. Ich konnte
nicht widerstehen. Oder ich fasse nach einer Weile den Vorsatz: Nun
will ich hingehen, ich will dem Zug folgen.
Ich nehme mir vor, ich vollziehe die Willensthesis, ich tue. Nun
kann „die Tendenz wirksam werden“. Aber nicht bloß das: Ich voll-
10 ziehe einen Willen, das Wirksamwerden ist gemäß dem Willen.
Kann ein Wollen auftreten ohne Streben? Wenn ein Wollen sich
gegen ein Streben entscheidet, ist dann ein anderes Streben da, ein
Gegenstreben?
Streben: Das Objekt übt den Reiz, den Zug. Das Ich folgt „blind“.
15 Einsatzpunkt des Folgens. Der Quellpunkt im Ich. Das strebende
Tun. Passivität des Strebens und strebenden Tuns.
W ahr nehmen. Pas si vi tät des Wahrnehmens. Ich sehe hin,
ich betrachte, ich durchlaufe. Spontaneität des Identifizierens, Unter-
scheidens, Vergleichens, des Zusammennehmens in eigentlicher Kol-
20 lektion, des Bejahens, des Verneinens, des Als-Subjekt-Setzens-und-
daraufhin-ein-Prädikat-Setzens, des Voraussetzens-und-daraufhin-
eine-Folge-Setzens usw.
Sekundäre Pas si vi tät. Das Wiederkehren von Urteilen in der
Verworrenheit. Eventuell das Kommen von „Gedanken“, die sofort,
25 etwa während einer Diskussion, übernommen werden, so etwa wie
eine Erinnerung hingenommen wird oder eine Wahrnehmung.
Tr iebmäßi ges Ur te i l en. Der Urteilsneigung (der Anmutung)
nachgeben, bei „hinreichender Stärke“. Das unfreie Urteilen. Das
Willkürlich-sich-des-Urteils-Enthalten. Freilich, willkürlich kann ich
30 nicht Beliebiges bejahen oder verneinen, aber willkürlich kann ich
dem Urteilstrieb widerstreben oder ihm nachgeben. Wo keine spe-
zifische Urteilsneigung oder Gegenneigung hda isti, kann ich nicht
bejahen oder verneinen. Ist das nachgebende Urteilen nicht ein Ur-
teilen, ein Glauben? Oder ist nicht zu scheiden zwischen Glauben

1 a) Ich werde aufmerksam. b) Nachdem ich schon bei ihm bin, reizt es mich zur

Fixation.
passivität und spontaneität 69

(und selbst prädikativem Glauben) und dem Sich-auf-„Gründe“-hin-


„frei-Entscheiden“? Ist das aber eine grundwesentlich neue Aktart?
W ie is t das Wol le n auf das Trei ben bezogen? Ich kann
einem Trieb widerstehen. Ich kann statt mit der Neigung gegen sie
5 wollen. W ollen aus Nei gung – Wol l en aus Pflicht. Ich will das
Zimmer verlassen, weil es kalt ist. Neigung, im Zimmer zu verblei-
ben, es ziehen mich die schönen Bilder an etc. Es ist „aber“ kalt.
Die Kälte könnte eine Erkältung zur Folge haben, diese fürchte ich.
Neigung, das Zimmer zu verlassen. Ich will das Zimmer verlassen.
10 Kampf der beiden Neigungen. Überwiegende Lust und Neigung zu
bleiben. Ich gebe nach, und die andere Neigung ist noch da, noch
in Spannung.1 Ich will bleiben, ich entscheide mich dafür in Er-
kenntnis des hohen Wertes etc. Ich streiche willentlich die andere
Neigung durch. Ich könnte sagen: Die Willensanmutung für diese
15 Seite wird „außer Wirksamkeit“ gesetzt, sie wird durch Ablehnung
„aufgehoben“.
Ich unterscheide also: 1) den Fall, wo ich einer Neigung nachgebe,
ohne mich in ihrem Sinn wollend zu entscheiden, bzw. im Streit
mehrerer Neigungen einer nachzugeben, ohne im Willen die Ge-
20 genneigung „aufzuheben“, durchzustreichen; 2) den Gegenfall: Ich
will, ich nehme frei und entschieden Stellung – und nehme Gegen-
stellung. Das eine steht als praktisch gesollt da, das andere als nicht
gesollt. (Obschon hesi nicht beurteilt histi als richtig; hes isti nicht
das Urteilsbewusstsein „Das ist das praktisch Richtige“, sondern das
25 Wollensbewusstsein, in dem das Gewollte als praktisch Zugestimmtes
und somit vermeintlich praktisch Seinsollendes dasteht.) (Wenn das
korrekt ist?)
W as is t di e Par all el e i n der U rtei l ssphäre? – Ich lasse mich
im Glauben treiben. Was ist die höhere Stufe? Ich dringe urteilend
30 tiefer ein. Ich urteile frei aus Gründen. Ich vollziehe Urteile der

1 Hier ist nur auf Folgendes nicht Rücksicht genommen: 1) Es kann sein, dass ich mit

dem Willen für eine Neigung Entscheidung treffe und die Gegenneigung durchstreiche.
2) Es kann sein, dass ich das Letztere nicht tue. Aber nun ist es wichtig zu ergänzen:
Ist dann nicht das Entscheiden für die eine Neigung „eo ipso“ Entscheiden gegen
die andere, heini sie Durchstreichen? Das heißt, sie ist vernunftgemäß durchstrichen.
Und ist sie nicht ohne aktuelle Durchstreichung schon betroffen, schon außer Aktion,
ohne dass es einer eigenen Durchstreichung bedürfte? Da ist eine Frage. Ist eigene
Durchstreichung nötig, gut, um den Zug aufzuheben?
70 passivität und spontaneität

Vernunftstufe. Eventuell lasse ich mich von Urteilstendenzen treiben


(bzw. von Reizen, „Ursachen“), denen andere Tendenzen gegen-
überstehen, die ich nicht „zu Wort kommen“ lasse, die nur eben
„schwächer“ sind. Ich lasse eigentlich „nichts zu Wort kommen“,
5 ich prüfe nichts etc. Ich folge dem Zug des Stärkeren – getrieben.
Aber ich glaube, wenn auch mit schlechtem Gewissen wegen der
Gegentendenzen, die fortwährend nach der anderen Seite ziehen.
Nun kann dazu auch gehören: das „Entschieden-Partei-Ergreifen“
und das „Entschieden-Gegenpartei-Ergreifen“, z. B. in politischem
10 Streit. Ich ergreife Partei für eine Parteiphrase, „ich übertöne die
Stimme der Vernunft“, ich höre nicht auf die dunklen Warnungen
des logischen Gewissens. Also Glauben überhaupt, aus heterolo-
gischen Motiven statt aus logischen, aus echten Glaubensgründen,
glaubend blind getrieben sein statt sehend glauben, oder Glauben
15 aus logischen Gründen, einen Vernunftakt des Glaubens vollzie-
hen – keine Passivität, sondern eine Spontaneität, einen Akt der
„Freiheit“.
Ja, da ist eben die Schwierigkeit. Falsches theoretisches Urteilen
ist doch ein freier Akt und nicht bloßes Getriebensein – oder hist
20 esi ein Gemisch? Was ist der Unterschied zwischen bloßem Trieb
und theoretischer Stellungnahme? Und hwas isti in der Gemüts- und
Willenssphäre das Wollen als Vernunftwollen, das Wollen, das den
Sachverhalten, den Werten, den Normen nachgeht und sich „frei“
ihnen gemäß und den blinden Neigungen zum Trotz entscheidet, das
25 nicht bloß triebartiges Tun ist und auch nicht Entscheiden für ein
Triebartiges „ohne Vernunft“? Es ist also noch nicht geklärt, was
hier für Unterschiede eigentlich vorliegen.
Unterschiede der ursprünglichen Rezeptivität in der Glaubens-
sphäre (die Vorstellung). Unterschiede in der ursprünglichen Passivi-
30 tät in der Willenssphäre (der Trieb und das triebmäßige Tun). In der
ersteren Sphäre: die Doxa in der Rezeptivität. Und hdiei Frage, was
wir wirklich als ursprüngliche Rezeptivität in Anspruch nehmen dür-
fen (Empfindung, Wahrnehmung); dann aber, was die Spontaneität,
die „geistigen Akte“ (wie Pfände r sagt) fordern. Durchgang durch
35 Fragen? Durchgang durch Inhibieren der „Zustimmung“? Ist hier
jeder Akt Zustimmung? Bejahung und Verneinung. Also das Stu-
dium des Aufbaus der höheren Akte und Bestimmung ihres Wesens.
Ebenso in der Willenssphäre. Das Vertrackte aber ist, dass Tendenzen
passivität und spontaneität 71

in der Vorstellungssphäre schon eine so große Rolle spielen. Und wie


steht Tendenz zu Trieb, dann Trieb zu Wille?
Tendenzen des Übergangs von Vorstellung zu Vorstellung, Ten-
denzen im Abfluss der Vorstellungen von Zeichen zu Bezeichnetem
5 (von Zeichenbewusstsein zu Bedeutungsbewusstsein). Tendenzen in
Assoziationsreihen. Al l es vor der Zuwendung. Unterbindung
von Tendenzen. Tendenzen, die frei abfließen oder bis zu einem
gewissen Grad abfließen, und solche, die Hemmung erfahren. Bei-
spiele; Darstellungen aus der reflektierenden und erhaschenden Re-
10 flexion, die zeigen, dass es hier all dergleichen geben kann, dass wir
hier Wesenstypen, sei es auch unvollkommen, fixieren können.
Hier ist von keinen Reizen die Rede. Aber Reize für die Zuwen-
dung des Ich?! Und können wir da vermeiden, wieder von Tendenz
zu sprechen? Aber ein wesentlicher Unterschied: Einmal Tendenz
15 des Über gangs von Vorstellung zu Vorstellung; im Korrelat: ein
Verhältnis der vorgestellten Objekte als solcher, eins weckt das an-
dere, weist darauf hin, zieht es ins Bewusstsein etc. Das andere Mal
Tendenz der Zuwend ung. Eine Tendenz der Verwandlung der
Vorstellung zur attentionalen Modifikation, wodurch sie (das Vorge-
20 stellte) aber zum reinen Ich in Beziehung tritt. Das Ich ist dabei nicht
Objekt. Aber eine Reflexion ist möglich, die das Ich selbst setzt, aber
doch wieder nicht durch eine Erscheinung hindurch erfasst, nicht als
so etwas wie einen „Inhalt“ erfasst etc.
Also unter dem Gesichtspunkt des Übergangs von Vorstellung zu
25 Vorstellung in der Form des cogito: Das Ich ist zugewendet – das Ich
ist nicht zugewendet, ist aufmerksam – nicht aufmerksam. Es fragt
sich aber, ob man beides in eins nehmen kann. Hier schon, wenn
wir das empirische Ich und das Bewusstsein von ihm nehmen. Es
tritt dieses Bewusstsein in eine Beziehung zum anderen Bewusstsein,
30 und zwar in eine eigenartige, nämlich in die: Das Ich ist zugewendet.
Schon das ist ziemlich schwierig. Ebenso Willenszuwendung.
I s t es r icht ig, das s bei j edem ei gentlichen „ Ich will “ das
I ch s elbs t Obj ekt se i n m uss, ei n ei gentliches „ Selbstbe-
w us s ts ein “ vol lz ogen sei n m uss (wi e Pfänder sagt)?
35 Ich will eine Reise machen. Ich bin dabei freilich mitvorgestellt. Ich
kann mich darin finden. Aber muss ich mich setzen? Versenken wir
uns in einen Willensentschluss: Ich gehe auf die Bahn, ich besteige
den Wagen. Ich mache die und die Bewegungen. Ich, das Subjekt,
72 passivität und spontaneität

vollziehe in der Leibessphäre die und die Vorgänge, dadurch weiter


tue ich durch sie das und das. Der Leib ist vorgestellt in gewisser
Weise, nämlich die leibliche Aktionssphäre. Aber das Subjekt der
Bewegungen usw. ist nicht zum Objekt geworden. Ich brauche nicht
5 mich Menschen zum Objekt zu machen, wie ich andere Menschen
zu Objekten mache. Ich kann wollen, so wie ich urteilen kann, ohne
das Ich thematisch zu „objektivieren“: Ich tue es aber, wenn ich
es aussage, zunächst etwa hesi zu anderen sage (wie ich dann im
Verkehr für mich gegenständlich gesetzt bin) oder zu mir selbst
10 sagend. Doch kann ich auch auf das reine Ich reflektieren und es
als leeren Identitätspunkt der Akte der Form cogito finden. Ich kann
also Pfänder nicht beistimmen in diesem Punkt, obschon er hin-
sichtlich der zentripetalen und zentrifugalen Strömungen Richtiges
gesehen.
15 Das Eigentümliche des Wollens liegt natürlich an der Ich-Herein-
gezogenheit. Aber zunächst ist das ein Gemeinsames gegenüber allen
„Akten“ im prägnanten Sinn. Der geistige „Schlag“ tritt überall in
gewisser analoger Weise auf. Ich bejahe, ich verneine, ich liebe, ich
hasse, ich hoffe, ich fürchte, ich will, ich will nicht. Ich habe verschiede-
20 nerlei „Setzungen“ und „Sätze“. Und überall habe ich Grundthesen
und Modalisierungen von Grundthesen. Und die „Materien“ dieser
Setzungen?
I c h ur teile nic ht, wenn i ch passi v wahrnehme oder eine
Doxa in der Weise der Rezeptivität hinnehme. Aber ich stelle die
25 Sachlage „in Frage“, ich lege auseinander, was da gemeint ist, gehe
zur Ausweisung über und behandle die ursprüngliche Doxa als eine
bloße Zumutung, der ich nun aus Vernunftmotiven (-gründen) zu-
stimme oder gegen die ich Stellung nehme.

h§ 2. Die Bedeutung des Zeithorizontes für die Handlungi

30 Die Tendenz von Vorgestelltem zu Vorgestelltem, von Geurteiltem


zu Geurteiltem, von Gefallendem zu Gefallendem, von Gewolltem zu
Gewolltem bzw. die korrelativen Zusammenhänge, der Zug von Vor-
stelligem zu Vorstelligem, von Vorstellen zum Urteilen, zum Werten,
und von Werten zu neuem Werten, zum Begehren, und von Begehren
35 zu Wollen etc. Eingehende Beispielsanalysen hsind nötigi.
passivität und spontaneität 73

Ich und hdiei Reize auf das Ich. Das „Unbewusste“ und die von
ihm ausgehenden Reize. Schon „Bewusstsein“ und neue Reize. Wie
das Ich selbst zum Objekt wird in Akten. Akte, die ein „Selbstbe-
wusstsein“ einschließen. Ist es richtig, dass in jedem eigentlichen „Ich
5 will“ das Ich selbst Objekt werden muss?
Streben, Trieb auf ein künftiges Tun gerichtet. „Eigentlicher
Wille“ auf ein künftiges Tun gerichtet. Welche Rolle spielt die Ge-
genwart, das Jetzt, und die Strecke vom Jetztsein bis auf den Anfangs-
punkt des künftig strebenden Tuns oder willentlichen Handelns? Wie
10 setzt der Trieb ein? Wir müssen doch unterscheiden den triebmäßigen
Zug und das Dem-Trieb-„Folge-Leisten“. Wie ist das charakterisiert,
insbesondere wenn es sich um ein Künftiges handelt? Gehört dazu
ein Einsatzpunkt des „Folgens“, der Punkt der Auslösung, und ein
Charakter des Folgens für die Vergegenwärtigung des ganzen künf-
15 tigen Tuns in seiner Kontinuität? Und wie kann der ganze Prozess
dabei aussehen?
Zum Beispiel ich bin müde. Der Gedanke einer Erholungsreise, ja
auch nur der Gedanke an die Schweiz taucht auf, und schon folge ich.
Die Schweiz – eine praktische Anmutung, der ich ohne weiteres nach-
20 gebe. Aber scheiden muss ich doch die Anmutung, Zumutung und das
Folgen, gewissermaßen Ja-Sagen. Und nun erst taucht in steigernder
Klarheit (sagen wir, es sei im Allgemeinen vorgestellt nur das Wort
„Schweiz“ oder aber „Enghadini“ etc.) ein Ort oder ein Gebirge
auf, dieses als Endpunkt einer „Reise“, wobei dieses Endpunkt-Sein
25 selbst noch unklar vorstellig ist. Es kommt zur Klarheit: Strecke einer
Reise dahin, Ankommen von einer Reise, Stück einer Reise selbst,
die darin terminiert, dann wieder ein Stück. Endlich Ausgang von
dem Hier, aber in einer unbestimmten Zukunft etc. Und das alles
hat den Charakter des Ja. Das alles hhati den Charakter: „So soll es
30 werden, so oder so ungefähr mache ich es, tue ich es (in Zukunft)“.
Eventuell Unbestimmtheiten, sei es in der Weise der Ausführung, sei
es im Zeitpunkt. Aber es ist eine Gesetztheit darin, die sich näher zu
bestimmen hat hinsichtlich eben dieser Ausführung etc.
Habe ich da nicht zu reden von einem „Vorsatz“, obschon von
35 einem Vorsatz, dem ich triebmäßig, ohne vernünftige Überlegung,
ohne Erwägung einfach „nachgebe“ vermöge der ihm zugehörigen
„Anmutung“ (der Neigung folgen)? Wie aber, wenn ich nicht dabei
bezogen bin auf eine „Zukunft“? Im Tun bin ich zwar in gewisser
74 passivität und spontaneität

Weise immer auf eine Zukunft bezogen, aber es ist doch ein großer
Unterschied zu berücksichtigen: 1) der protentionale Horizont,
der sich an das Jetzt anschließt und in ein unbestimmtes Dunkel
sich verliert; 2) der repr odukti ve Zukunftshorizont. Der Reiz
5 kann in dem einen oder anderen liegen. Nur in dem ersteren ist ein
unmittelbares Zugreifen, ein unmittelbar realisierendes Nachgeben,
Folgeleisten möglich. Denn nur in dem ersteren liegt das aktuelle Jetzt
und Hier-Jetzt, in dem es „losgehen“ kann. Was wir „Gegenwart“
nennen, das umfasst eigentlich den ganzen ersten Horizont. Wenn
10 wir sagen, ich will künftig etwas tun, wenn ich von der „Zukunft“
schlechthin spreche, so ist das Wort auf einen reproduktiven Horizont
bezogen; es ist nicht ein protentional, sondern reproduktiv Bewusstes,
also befassend eine reproduktive Gegenwart, ein „Jetzt“ mit einem
reproduktiven protentionalen Horizont.
15 Ist nun ein „Vorsatz“ gefasst (ein Wort, das von vornherein be-
zogen zu sein pflegt auf eine reproduktive Zukunft), so kann nach
dem Obigen sehr Verschiedenes klar vorstellig und bestimmt sein:
das Ziel und eventuell hdiei Strecken zum Ziel. In jedem Fall ge-
hört aber zum Vorsatz ein Anfang des Vorgesetzten, ein Ende, das
20 Ziel und der verbindende Weg. Der Anfang kann unbestimmt sein
und kann entweder selbst in der Zukunft liegen oder im sich stetig
verschiebenden protentionalen Horizont.
Die Setzung der Zukunft und ihre Vorstellung impliziert inten-
tional die Setzung der Gegenwart und ihres Horizonts, in eigen-
25 tümlicher, näher zu beschreibender Weise. Intentional befasst also
die Setzung des auf die Zukunft gerichteten, vorsätzlichen „Das soll
geschehen“ die Setzung eines Anfangs des Geschehens, eventuell im
gegenwärtigen Gebiet. Das ist eine intentionale Implikation, nicht
eine reale. Ich kann der Meinung nachgehen, die Meinung erfüllen
30 und in der Erfüllung es finden als notwendig mitbeschlossen. Das
alles muss näher ausgeführt werden.
Also eine Zukunftsthesis setzen, das ist, auf eine künftige Gegen-
wartsthesis vorweisen, diese implicite setzen. Diese Gegenwartsthesis
setzen ist eine Selbstbestimmung für die Zukunft, die den Prozess der
35 künftigen Handlung von Anfang bis Ende inszenieren soll. Außer-
wesentlich ist es dabei, ob das Subjekt sich selbst als Ich und gar als
Menschen-Ich setzt (bzw. vorstellt). Das für die Zukunft gesetzte „Ich
werde“ schließt aber nicht aus, dass das „Ich werde“ nicht eintritt.
passivität und spontaneität 75

Jedes „Ich werde“ kann durchgestrichen werden durch ein künftiges


Inhibieren, durch ein Durchstreichen im Willen. Aber auch anders:
Evident ist, dass das im Jetzt vollzogene „Ich werde“ = „Ich will
künftig in dem betreffenden Jetzt inszenieren die und die Handlung“
5 einschließt: „Ich werde in demselben Jetzt wollen, ich werde in dem
Jetzt der Zukunft das Tun auslösen, und zwar ‚im Sinn‘ des jetzt ge-
fassten Vorsetzens“; und evident ist, dass aber der Prozess vom Jetzt
aus so laufen kann, dass die Willensschicht abbricht, fortfällt oder
nicht aktuell fungiert. Es kommt dann nicht zum künftigen Wollen,
10 bzw. nicht als Ausführen. Also ein eigentümlicher Bau ist intentional
vorgezeichnet für den künftigen Bewusstseinsgang, ein solcher, der
zwischen Zukunft und Gegenwart neben der intentionalen Einheit
des Zeitbewusstseins auch eine Einheit für das Willensbewusstsein
herstellt – und das muss genau beschrieben werden. Wir haben also
15 merkwürdige offene Horizonte als Möglichkeiten, die Willenshori-
zonte sind, Willensmöglichkeiten darstellen etc.

h§ 3. Ob alles spezifisch Logische aus der Sphäre


der Spontaneität stammt. Tendenzen, die vor
aller willentlichen Zuwendung des Ich liegeni

20 Das Objekt „lenkt die Aufmerksamkeit auf sich“, es reizt mich


zur Zuwendung, dann am Objekt die Farbe, die Gestalt etc. Das
schon Erfasste mag mich festhalten, so gut es kann, und so mögen
sich die Akte in gewisser Weise decken bzw. ihre Korrelate. Ist es
aber nicht ein Neues, dass ich spontan den Gegenstand als Subjekt
25 setze und in synthetischer Einheit setze: Der Gegenstand ist rot, rund
etc.? Oder dass ich, zwar zunächst den Reizen folgend, mich dem A
und B zuwende, aber „tätig“ A und B als kollektive Einheit setze
und nun plural ein Prädikat darauf beziehe? Oder der Gegenstand
mutet sich als bekannt an und führt mich in seiner Auffassung zurück
30 auf einen Erinnerungszusammenhang, es deckt sich das jetzige Er-
scheinungsgegebene mit dem Erinnerten. Aber ist es nicht ein Neues,
das „Dies ist ja dasselbe wie hier X!“? Oder „Dies ist rot“, und
Rot erfasse ich als identische ideale Einheit, die ich nur in einer
originären spontanen Setzung setzen und erfassen kann. Stammt nicht
35 alles spezifisch „Logische“ aus der Sphäre der „Spontaneität“, aus
76 passivität und spontaneität

„freien“ Akten, aus der „Vernunftsphäre“? Schon Lei bniz: Die


„Tätigkeit“ am „Klaren und Deutlichen“.
Was ist das für eine „Tätigkeit“, „Spontaneität“? Erzeugt das
Ich schöpferisch die Menge, den Sachverhalt, die Beziehung, das
5 Attribut, die Idee, das Wesen etc.? Es gibt eine „Rezeptivität“, ein
doxisches Verhalten, das hinnimmt, was passiv vorgegeben ist, und
im Übernehmen nur zugreift. Deutlicher: Ein Gegenstand drängt sich
mir auf, er steht aufgedrängt da, ich bin bei ihm. Das eigentliche Er-
fassen, Zugreifen, als Gegenstand Setzen ist schon eine Spontaneität.
10 Gegenstände können für mich aber durch Spontaneitäten überhaupt
erst konstituiert sein. Es bedarf der Spontaneitäten, damit sie über-
haupt gegeben sind und damit ich sie ergreifen und ihrerseits wieder
setzen kann. Und dieselben Gegenstände können einmal in Sponta-
neitäten, das andere Mal in Rezeptivitäten bewusst sein – schon der
15 schlichte sinnliche Gegenstand als aufgedrängter und als gesetzter
Gegenstand. Aber noch anders: Ein Sachverhalt als verworren sich
aufdrängend und hingenommen in bloßem Zugewendetsein und der-
selbe Sachverhalt nicht nur erfasst, sondern ursprünglich konstituiert
im Vollzug der ihn gebenden (seine Gegebenheit konstituierenden)
20 spontanen Akte. Demgemäß scheide ich die ursprüngliche und
s ekundär e Rezepti vi tät. Und die letztere ist die Sphäre der ei-
gentlichen Unvernunft, der verworrenen Vernunftakte, die eventuell,
wenn sie expliziert und in die eigentliche Spontaneität übergeführt
werden, „explodieren“.
25 Doch bedarf es hier noch der Weiterführung, um die eigentümli-
che Sphäre der „Erfahrung“ in richtiger Weise zu charakterisieren.
Das transzendente Meinen, Anschauen, das sich bestätigen kann,
aber auch offen lässt das „Anderssein“: Das sind nicht Vernunftakte,
Vernunftprätentionen, aber nach ihnen „richtet“ sich das vernünftige
30 Urteilen. In ihnen gründen Möglichkeiten der Explikation etc., der
„logischen Fassung“, und die Wahrheit der Urteile hängt ab von den
faktischen Ausweisungen, die sie erfahren, oder auch Abweisungen
und von den onthologischeni Gesetzen, welche die Wahrheitslogik
der Erfahrungssphäre bestimmen. Doch auch immanente Gegeben-
35 heiten erfahren Explikation, sind Substrate für logische Akte etc.
Dann wieder die schon logischen Gegebenheiten, endlich die Gege-
benheiten niederer Vernunftsphären. (Das Subjekt der Vernunftakte
ist das reine Ich. Es vollzieht sie spontan, tätig, und vernünftig verfährt
passivität und spontaneität 77

es, wo es nicht der „blinden Neigung“ folgt, sondern in seinen Thesen


„auf Gründe hin“ urteilt, und zwar sehend bzw. einsehend.)
Was besagt hier die Spontaneität? Das „tätige“ Verfahren des
vernünftigen Denkens? Zunächst ein Unterschied: Das Ich ist nicht
5 bloß dabei wie in einer puren „Affektion“ (Rezeptivität), es gibt von
sich aus sein Votum. Es „denkt“, aus ihm selbst geht die Entscheidung
hervor. So in jeder „spontanen“ Stellungnahme, sie ist etwas aus
dem Ich Entquellendes. Das ist ein Unterschied, und es gibt vielerlei
„Akte“, die in besonderem Sinn Ichakte sind, entquellend aus dem
10 Ich.
Es gibt Rezeptivität, es gibt Erlebnisse, die Potenzialitäten von
Akten in sich bergen, aber nicht „Akte“ sind, und die ursprüngliche
Rezeptivitäten sind, sofern sie nicht sekundäre sind, aus Spontanei-
täten, aus Akten entsprungene Rezeptivitäten.1 Bei beiden hat die
15 Rede von Erfüllung einen verschiedenen Sinn. Das ist ein großes und
schwieriges Thema.
Ferner: Das reine Ich „vollzieht“ den Akt. Akte werden nicht nur
überhaupt vollzogen, s ie „ ri chten “ si ch nach etwas; das Ich
r ic htet s ic h. Aber da ist ein großer Unterschied. Das Ich lässt
20 s ic h tr eiben, lässt sich bestimmen durch etwas ihm „Fremdes“
oder ein ihm „Eigenes“. Lässt es sich sehend bestimmen, und nur
sehend, so ist es durch ein ihm Eigenes (als Korrelat seines Aktes
Zugeeignetes) bestimmt; lässt es sich blind bestimmen, so nicht. Aber
freilich ist das eine bedenkliche Rede. Sich durch wirklich Gege-
25 benes, wirklich Gesehenes bestimmen lassen: Das vom Ich spontan
vollzogene Denken „richtet sich“ in getreuer „Deckung“ nach den
gegebenen, gesehenen Sachen. Die Ich-Thesis hat den Charakter der
Vernünftigkeit: Sie „v erni m m t“, was die Sache selbst, die gege-
bene Sache spricht. Gegeben ist die Sache im „Sehen“. Das Sehen ist
30 ein schon aktives Sehen: nicht bloß ein Herankommenlassen, sondern
Erfassen, und ein Erfassen, das ein in das wirklich und eigentlich
Gesehene Hineinvertiefen und Explizieren ist, wonach sich dann
das höhere „Denken“ richtet. Das ist die Freiheit des einsichtigen
Denkens. Die Unfreiheit ist eben das Gleichnis der Kettung durch

1 Der Unterschied aber ist schwierig. Es scheint doch, dass wir auf der einen Seite

nur auf die Empfindung kommen. Das muss doch noch anders geordnet werden.
78 passivität und spontaneität

dunkle Bestimmung, durch blinde Neigung. Wenn wir Freiheit in


der Willenssphäre schon aufgeklärt hätten, so könnten wir sagen:
Das Urteil will gleichsam einsichtig sein, es will den Sachen folgen,
der Urteilswille ist ein freier, wenn er das tut. Das ist seine innerste
5 Tendenz. Sonst ist er unfrei, er verfehlt sein Ziel.
Am besten lässt man zunächst die Rede von Freiheit und hält
sich an die betonten Unterschiede der Stellungnahme, die aus dem
Ich hervorgeht und hdiei sich an die Sachen wendet und hani die
Vorgegebenheit der Sachen oder die vermeinten Sachen und an den
10 Unterschied des aktiven Sehens und Explizierens und des sich danach
richtenden Denkens; und wieder Unterschiede der Vernunft und
Unvernunft.
Wie steht es da mit der Analogie im Willensgebiet?
1) Vor aller willentlichen Zuwendung des Ich und aller Zuwendung
15 überhaupt haben wir da die Tendenzen, Triebe und haben auch schon
ein triebmäßiges Tun. Reize erregen Tendenzen und den Reizen wird
nachgegeben, die Tendenzen kommen zur Auslösung. Aber das reine
Ich ist nicht dabei, es vollzieht nichts, nicht einmal ein Sehen; also
das Analoge ist das im Hintergrund statthabende „Sehen“ oder sich
20 als seiend Anmuten, oder sich herandrängende, aus früherem Ur-
teilen stammende Gedanken, Vermutungen, Urteile etc. Alles ohne
Ichvollzüge.
2) Ich wende mich zu, ich folge den Tendenzen, ich gehe mit
ihnen und lasse mich treiben. Oder ich sehe ihrem Treiben zu, selbst
25 getrieben. Ich blicke auf den mich anziehenden Namen, ich folge dem
Reiz, er weist mich in das Bedeuten hinein, ich folge dem Reiz. Es ist
ein Denken, ich folge dem Reiz, das Denken zu vollziehen, ich bin
jetzt spontan, ich vollziehe einen Akt, einer Tendenz folgend. Und
so kann es von Akt zu Akt weitergehen: Tendenzen führen von den
30 einen zu anderen hin. In den Akten bin ich der Vollziehende. Aber
im Fortgang von Akt zu Akt bin ich nicht wollend und handelnd im
eigentlichen Sinn, so wenig ich es bin, wenn ich einer ablaufenden
Assoziationskette nachgehe, Schritt für Schritt zusehend, was sie
bringt.
35 Wollend verhalte ich mich, wenn ich eben nicht passiv nachgebe,
sondern aktiv entweder widerstehe oder der treibenden Anmutung
mein „freies“ Ja sage, das „Ich will“. Dieses „frei“ sagt ebenso viel
wie „Ich will“, das ein Eigenes ist gegenüber hderi Einlösung des
passivität und spontaneität 79

Triebes. Nun fragt es sich, was für Arten von Willensreizen es gibt,
bzw. wonach das Willenssetzen und -ablehnen, das den Akt des Wol-
lens macht, sich „richtet“, und was hier das Analogon des „Sehens“
macht und inwiefern ein wirkliches „Sehen“ dabei heinei Rolle spielt.
5 Was entspricht dem schlichten Erfahren, dem Wahrnehmen, dann
dem Erinnern, dem sicheren oder sich anmutenden Erinnern, dem
Illusionsbewusstsein etc.? Was den sich verworren aufdrängenden
Gedanken, den sich aufdrängenden und unartikulierten Urteilen,
Vermutungen etc.? Das Merkwürdige ist, dass man zu sagen geneigt
10 ist: Ich richte mich in der schlichtesten Weise nach Wertgewissheiten,
aber nach solchen, die sich auf Nichtseiendes beziehen. Ein Künftiges
steht als möglich da und als gewisser Wert. Ich will. Aber das ist ein
ganz anderes Sich-Richten.
Korrekt war doch in meinen alten Gedanken die Idee vom Voll-
15 z iehen der Wahr nehm ungen. Ich erwecke sie zum Leben, wenn
ich expliziere, wenn ich „analysiere“. Diese analytische Synthesis
löst auf, was verborgene synthetische Synthesis war. Was sich uns
als vorgegeben darstellt, ist sekundäre Spontaneität, die eben zu
Rezeptivität geworden ist.
20 Das Analogon würde das Beispiel vom Klavierspielen belegen.
Das „mechanisierte“ Wollen bzw. das passive Verlaufen von „Hand-
lungen“, die ich aktivieren kann: Ich vollziehe hsiei Schritt für Schritt
in Einzelwollungen. Oder ich erneuere den Vorsatz, der auf Ein-
zelheiten gerichtet ist? Das „mechanisch“ nach dem Glas Greifen,
25 „um“ zu trinken, das mechanisch die Zigarette Anzünden, sie zum
Mund führen etc. Das weist auf „ursprüngliche Wollungen“ hin. Was
sind aber „ursprünglichste Wollungen“? Was liegt voran? Tendenzen,
sich „von selbst“ lösend, in tendenziösen Betätigungen verlaufend:
Zuwendung des Ich – Eingreifen des Ich; fortschreitend und dabei
30 „bejahend“, hemmend – verneinend. Darauf wird man doch schließ-
lich zurückgeführt.1 Das Dem-Vorgang-Zusehen, das Sich-Einleben
des Ich als „Mittun“, als Tuend-dem-Zug-Folgen, das wäre das Ak-
tualisieren, in den lebendigen Akt Verwandeln. Verwebung von pri-
mären und sekundären, mitverwobenen Tendenzen. Tendenz zu at-
35 men, aber auch Gegentendenz: Bei stärkerem Atmen empfinde ich

1 Psychologische Literatur ansehen: Me u m a n n, E b b i n g h a u s, D ü r r etc., M e s s e r.


80 passivität und spontaneität

etwa ein schmerzliches Gefühl, ein Widerstreben tritt dem strebenden


Fortgehen entgegen. Aktualisierung: Ich will nicht weiter, ich hemme.
Bei der Hemmung eine Umkehrung der Tendenz ins „Zurück“, ich
will dem folgen.
5 Wir haben eine Sphäre der Tendenz, die eine Sphäre der Passivität
ist – eine im Allgemeinen „unbewusste“, eine außerhalb des reinen
Ich und seiner ihm entquellenden Akte gelegene –, und eine Sphäre
der Ichakte, speziell der Ichwollungen. So weit die Tendenzen reichen
und die entsprechenden Verflechtungen positiver und negativer Ten-
10 denzen und die Vorkommnisse der Selbstauslösung, Selbstentladung
der Tendenzen, so weit reicht die Sphäre möglicher Willensakte.
Kann man sagen, dass Tendenzen zu allen Sinnesfeldern und ihren
Inhalten hinlaufen und dass die besonders abgehobenen ihre beson-
deren Tendenzen haben, gerichtet auf Näherbringung etc.? Ich kann
15 doch mir die oder jene Leibesteile etc. vorstellen und willentlich mit
ihnen das oder jenes tun. Ich denke mir die Hand erhoben etc. Birgt
jede solche Vorstellung schon eine Tendenz dahin und demgemäß
einen Willen? Ursprünglich war jede Handbewegung Bewegung im
Sinn einer abfließenden, sich auslösenden Tendenz. Sowie ich sie
20 mehr oder minder lebhaft vorstelle, wird auch die Tendenz erregt.
Und diese löst sich von selbst aus, wenn ihr nicht durch Gegenten-
denzen die Waage gehalten wird etc. Es kann aber auch sein, dass
ich will, aus Gründen, die nicht in dieser Tendenz selbst liegen. Ich
habe eben eine Anmutung, die zusammenhängt mit etwas, was sich
25 an die Vollführung dieser Tendenz knüpft, sei es auch nur, um mein
„Ich kann“ zu erweisen. Was freilich seinem Sinn nach zu überlegen
wäre. Ich sage also zu der vorgestellten Bewegung ja, nicht in der
Vorstellung mir das Ja vorstellend, sondern im Jetzt erwacht eine
aktuelle Tendenz auf eine solche Bewegung, und dieser gebe ich
30 entweder nach, wie es oft statthat, wenn ich lebhaft vorstelle, oder ich
nehme das als Anmutung und Anreiz für das „Ich will“.

h§ 4.i Trieb als Wille einer tieferen Stufe

Determination des Triebes, determinierende Tendenzen, seine Ge-


richtetheit. Ursprüngliche Leibesbewegungen als Triebbewegungen.
35 Der Trieb setzt voraus dunkle Vorstellungen. In der Erfüllung der
passivität und spontaneität 81

Triebtendenzen erfüllen sich diese Vorstellungen, sie werden klar


und wandeln sich in originär gebende Vorstellungen von demselben.
Welche Rolle spielen dabei „Wertungen“? Die Erfüllung zeigt
eine „Annehmlichkeit“ des Erfüllenden bzw. eine Abnahme der
5 Unannehmlichkeit im Fall der Erfüllung von negativen Trieben. Das
Problem der Intentionalität der ursprünglichen Triebe: Ob es not-
wendig ist zu sagen, dass die Triebintention Vorstellung und Wertung
einschließt, obschon in der Weise „dunkler Intention“. Höhere Stufe:
antizipierende Vorstellungen, und das Vorgestellte steht als wertig da,
10 bezogen auf Zukünftiges.
Vorsatz. Bejahung (Willensbejahung) oder Verneinung. Dieser
geht vorher – oder kann vorhergehen – die Anmutung, der das Ja
oder Nein (als das fiat) zugehört. Auch der Trieb kann unerfüllter
oder sich auslösender und erfüllender sein. Geht jeder Auslösung
15 nicht voraus eine Strecke „bloßer Intention“? Aber ist das bloße
Anmutung? Oder entspricht es (würde es entsprechen) dem Vorsatz?
Nein, hier ist Vorsatz und Tun einerlei. Es könnte nur entsprechen
dem Anmuten. Anmutung ist ja „Neigung“.
Die Ichbeteiligung oder -nichtbeteiligung. Das Zusehen: Der Trieb
20 löst sich aus, z. B. im Essen, Klavierspielen etc. Ich sehe zu. Was liegt
da vor? Ich habe vor mir das Notenblatt, ich folge mit den Augen,
ich vollziehe die betreffenden Bewegungen. Mit meinen Gedanken
bin ich ganz woanders. Nun achte ich auf die Noten und beobachte,
sehe zu diesem Hingezogensein von Note zu Note, diesem mechani-
25 schen Ablauf der Fingerbewegungen als einem Tun und nicht bloß
Geschehen, als einem „dem Zug passiv folgen“.
Ein anderes ist das Neue-Willensimpulse-Hineinsenden-und-tätig-
Eingreifen. Das ist eine ganz andere Einstellung. Zum Beispiel, ich
folge spielend passiv dem Zug. Es kommt aber ein „Fehler“, nun
30 erwächst ein Neues: Das Missbehagen über diesen Fehler und eine
Tendenz auf Korrektur. Ihr folge ich, aber hier lebe ich im Folgen,
im Vollziehen des neuen Schrittes, und nun bin ich vielleicht ein
Stück mit dem Willen dabei, ich bin aufmerksam, aber nicht bloß
zusehend, sondern im Willen erzeugend. Auch hier kann ich zusehen.
35 Aber jetzt sage ich nicht: „Das läuft mechanisch ab“, sondern ich
will es; ich „regiere“ es mit meinem Wollen. Auch da habe ich eine
Änderung der Einstellung. Ich tue nicht nur, das Geschehen ist nicht
nur zentral erzeugt vom Ich aus, sondern vom Ich aus geht zugleich
82 passivität und spontaneität

ein reflektierender Blick, der das Erzeugen selbst in seinem eigenen


Charakter nicht aufhebt.
Die Frage ist nun die: Ist das bewusste fiat (der echte Willensim-
puls) sozusagen Reaktivierung, und ist die bloße „Auslösung“ eines
5 dunklen Triebes „Modifikation“, die zurückweist auf ein echtes fiat?
Obschon natürlich nicht historisch. Es ist die analoge Frage wie bei
der vollziehenden Wahrnehmung. Sie ist Reaktivierung einer unvoll-
zogenen, vorgebenden Wahrnehmung. Aber die Hintergrundwahr-
nehmung ist selbst „Modifikation“ einer vollzogenen Wahrnehmung.
10 Das weist zurück auf Prozesse der ursprünglichen Konstitution, in der
die Wahrnehmungsgegebenheit originär erwächst und in denen also
erst das ursprünglich wird, was wir Wahrnehmung von einem Ding
nennen. So nämlich bei der Dingwahrnehmung. Und damit ist gesagt,
dass jede aktuelle Wahrnehmung selbst „zurückweist“ auf Prozesse
15 originärer Konstitution, mit denen solche Wahrnehmung überhaupt
erst erwächst. Das ist nun schwer auszudrücken. Originär gebend in
gewissem Sinn – und in natürlichem und gutem – ist natürlich jede
Dingwahrnehmung. Aber sie hat ja Horizonte der Nichtgegebenheit,
und auch nach dem, was sie gibt, gibt sie „einseitig“, und auch darin
20 liegen Verweisungen. Damit hängt zusammen die Beziehung der
Wahrnehmung auf Wahrnehmungszusammenhänge. Aber wir haben
hier auch Rückweise auf eine originäre Genesis der Wahrnehmung.
Wo liegen diese Rückweise? Wir finden sie im Rückblick auf die
Zusammenhänge der „Motivation“: Augenbewegungen, „wenn-so“,
25 Empfindungsdata, Stufen der Konstitution etc. Muss man dann nicht
sagen: Zum Wesen gewisser Motivationszusammenhänge gehören
Einordnungen in „mögliche“ Zusammenhänge nach Reihenordnun-
gen, und zum Wesen des Bewusstseins überhaupt gehört es, dass –
wenn frei ablaufende und verfügbare Reihen mit nicht frei ablau-
30 fenden Reihen zusammengehen, wie Bewegungsempfindungen mit
visuellen Daten – sich notwendig die Wenn-so-Motivation bildet und
dann eine Auffassung ursprünglich möglich wird und originär ent-
springt, derart, wie es die Auffassung der Transzendenz ist (Phantome
etc.)? Was so entsprungen ist, weist auf seinen Ursprung zurück.
35 Haben w ir auc h i n der Wi l l enssphäre Analoga und
Par allelen? Das Komplizierte ist hier, dass zur Konstitution jedes
Wahrnehmungsgegebenen, zum Ursprung der transienten Wahrneh-
mung und wohl der Wahrnehmung überhaupt (da doch eine ge-
passivität und spontaneität 83

wisse Einheitskonstitution überall statthat), schon Tendenzen, Triebe,


Auslösungen von Trieben (Folge leisten) etc. gehören. Die in der
ursprünglichen Bewährung der Wahrnehmung und im Vollzug des
Wahrnehmens selbst wirksamen Tendenzen sind Tendenzen wie an-
5 dere, hsiei können in aktuelle Wollungen verwandelt werden, bzw.
sie sind (das wäre für sie die entsprechende Frage) aus originären
Wollungen entsprungen, Wollungen einer untersten Stufe. Aber da
liegen eben die Probleme.
Wie können wir uns ein „U rsprungsbewusstsein“ vorstellen?
10 Und können wir uns es überhaupt vorstellen? Das müssen
wir doch, um kl are Wesensm ögl i chkeiten zu gewinnen! Ein
Gesichtsfeld etwa und „Augenbewegungen“. Wie sind dies „freie
Bewegungen“?
Die Probleme der ur sprüngl i chen G enesi s. Ist im Trieb anzu-
15 erkennen ein ursprüngliches Wollen? Es gibt ursprünglichen Trieb
wie z. B. die Aufmerksamkeit. Ist das als ein Wollen anzusehen?
Gibt es einen ursprünglichen Bewegungstrieb? Ursprüngliche Reize
dafür, die ursprünglich zugehörige, wenn auch wenig differenzierte
Bewegungen auslösen? Haben wir nicht hiermit große Felder ur-
20 sprünglicher Verhältnisse von Rei z und Auslösung durch Reiz
und damit Felder von Triebbetätigungen: einerseits die Sphären der
Aufmerksamkeit, der inneren Triebe und Abläufe von Tendenzen,
z. B. die gewohnheitsmäßigen Zusammenhänge der Akte und der
Reizbarkeit in dieser Hinsicht, andererseits die Bewegungsfelder, die
25 Felder ästhesiologischer Freiheit? So weit die „Erfahrung“ von Trieb-
betätigungen reicht, von Reizen und ihnen folgenden Betätigungen,
so weit reicht eine Sphäre ursprünglicher Wollungen als Bejahungen
und Verneinungen; die wol l ende Spontaneität weist, zeigt auf
eine Sphäre der prakt is chen Rezepti vität.
30 „Assoziationen“ der Sinnesfelder mit dem ursprünglich konstitu-
ierten Feld der Freiheit, dem der „Bewegungen“. Konstitution der
Systeme von „Wahrnehmungen“ eines und desselben Gegenstandes
als ein Feld der Freiheit: Freiheit der Betrachtung desselben Ge-
genstandes von verschiedenen Seiten etc. Konstitution des Systems
35 der „Wirkungen“ meines Leibes auf die Dinge. Bewegungen nicht
als Adaptionsbetätigungen, sondern als Bewegungen des Drückens
und Stoßens, des Hebens, Legens etc., des Ausweichens einem vom
Ding ausgehenden „Stoß“ etc. Das Bearbeiten, Gestalten, Teilen,
84 passivität und spontaneität

Verwenden von Dingen; die Mittelbarkeiten der Wirkungen auf die


äußere Natur. Die gegebene Natur und die kultivierte Natur. Die
Natur als Feld der Praxis. Die animalische Welt als Feld der Praxis.
Konstitution der geistigen Gegenständlichkeiten. Fremde Menschen
5 in der räumlich-zeitlichen Natur. Reiz und Reaktion auf Reize in
Bezug auf Nebenmenschen und sonstige Animalien. Das Wollen und
Tun als Einwirken auf andere, auf ihre Einwirkungen reagieren, sie
bestimmen, an sie Befehle richten, ihnen gehorchen, ihnen Verspre-
chungen geben und Versprechen empfangen etc. Das mechanisierte
10 Wollen, sein Verwandeln in sekundäre Triebe und Auslösungen von
Trieben. Das Denken und das Wollen. Das willkürliche Denken, das
Denken will ich. Ich will denken, ich will beschreiben, ich will einen
Beweis finden etc. Lebt in jedem eigentlichen Denken ein Wollen?
Lebt in jedem eigentlichen Werten ein Wollen? Die Intentionali-
15 tät.
Im Denken leben Tendenzen. Nicht alles Denken ist eine willkür-
liche Tätigkeit. Es kann es nie sein. Das echte Wollen. Vernunft im
Wollen bestimmt durch Vernunft im unterliegenden Denken. Wollen,
das von Einsicht getragen ist. Einsicht, dass das Wollen richtig ist.
20 Einsicht, dass die den Willen bestimmenden Werte echte Werte sind.
Anknüpfung an allgemeine Einsichten und Einsichten in die allge-
meine Geltung so gearteter Werte; an allgemeine Willensnormen,
unter die das gegebene Wollen sich ordnet und aus denen es letzte
Vernünftigkeit und höchsten Wert schöpft. Bewerten des Wollens.
25 Bewerten des Denkens. Bewerten des Bewertens. Denkende Einsicht
in die Werte des Wollens und die Normen des Wollens. Theoretische
Einsicht in die möglichen Werte überhaupt, die Prinzipien der Werte,
die Normen des Wertens. Theoretische Einsicht in die möglichen
Einsichten überhaupt, in die Prinzipien der Logik, in die Normen des
30 Denkens. Das Denken, das sich motivieren lässt; das Werten und das
Wollen, die sich motivieren lassen. Das Denken auf Gründe hin. Das
einsichtige Denken und seine einsichtigen Gründe. Einsichtigkeit der
Begründungen. Das Werten auf Gründe hin. Das „einsichtige“ Wer-
ten, das einsichtige Wertbegründen. Gehört dazu notwendig theoreti-
35 sche Einsicht? Gehört dazu notwendig ein Denken über Werte? Das
Wollen auf Gründe hin. Einsichtiges Wollen, vernünftiges und seiner
Vernünftigkeit bewusstes Wollen. Inwiefern setzt das „theoretische“,
denkmäßige Klarheit über Werte, Wertprinzipien voraus und theo-
passivität und spontaneität 85

retische Klarheit über Prinzipien der Willensrichtigkeit? Wie ist bei


der nahen Verflechtung aller Akte und Vernunftarten die richtige Be-
schreibung und die Beschreibung der richtigen Ordnung zu leisten?
Haben wir zuoberst zu stellen das Werten? Im wissenschaftlichen
5 Denken: Ich lebe im Denken, ich strebe aber nach Einsicht und
Begründung, nach dem einsichtigen „Besitz“ von Wahrheiten, nach
ihrer Zueignung. Ich werte also Wahrheit positiv, Falschheit negativ.
Ich finde „unvollkommene“ Beweise eben unvollkommen, ich werte
also.
10 Die praktische Noetik (Kunstlehre vom Denken und speziell die
apriorische Lehre) histi also eingeordnet der Wissenschaft von der
apriorischen Praxis überhaupt. Wissenschaften – wann sind sie wert-
volle, echte Wissenschaften? Wesensbetrachtung des Denkens und
Gedachten, abgesehen von allen Wertfragen und praktischen Fragen.
15 Wesensunterschiede: Klarheit und Unklarheit, Deutlichkeit und Un-
deutlichkeit. Evidenz und ihre Stufen. Denken und Gedachtes, noe-
matische Strukturen. Intention und Erfüllung. Bedingungen der Mög-
lichkeit der Einsicht. Gesetze für Wahrheit überhaupt und Falschheit
überhaupt. Gesetze der Bedeutungsgeltung (der Wahrheit der Sätze),
20 Wesensgesetze der Einsichtigkeit etc.
Das Gebiet der W erte. Das Werten ist selbst etwas unter
Bewertung Stehendes. Gutes Werten und schlecht Werten. Sich im
Werten richtig und unrichtig verhalten. Das ist also lobenswert und
tadelnswert als Tätigkeit von Personen. Es ist auch in sich, abgesehen
25 von allen Personen, die sich dabei tätig zeigen, zu bewerten. Ähn-
lich wie das Denken. Freilich, Denken ist Denken eines Ich, Werten
Werten eines Ich. Und so tritt auch das Ich mit ein: Das Ich, sofern
es gut wertet, hat damit selbst einen Wert; das Ich, das gut denkt,
hat selbst damit einen Wert. Im Übrigen genau dasselbe wie oben
30 bei den Urteilen. Wir können eine Wesenslehre vom Werten und
von den Werten bzw. den Wertsätzen, den Wertgegenständen, Wert-
verhalten entwerfen, allgemeine Gesetze für Werte (Onthologiei der
Werte), Formenlehre der Wertsätze, mögliche Gattungen von Werten
und Wertverhalten, Ordnungslehre der Werte, höchste und niederste
35 Werte etc. Ebenso das Wertbewusstsein als Wertnehmen, das origi-
näre wertkonstituierende Bewusstsein, höhere Stufen „einsichtigen“
= originär konstituierenden Bewusstseins etc., alles nach Wesensge-
setzen.
VII. PRAKTISCHE MÖGLICHKEITEN
UND PRAKTISCHER BEREICH. DIE
MODI WILLENTLICHEN GESCHEHENS1

h§ 1. Praktische Möglichkeiten als reine und als reale.


5 Die Begrenzung meines Tunkönnens in einem
empirischen Möglichkeitsbereich. Das personale
Ichliche und der seelische Naturuntergrundi

Kann man ein „etwas können“, „etwas vermögen“ w a h rn e h-


men? Natürlich nicht wie eine Farbe oder wie ein „Ich wünsche“,
10 „Ich urteile“ etc. Aber es ist doch auch ursp r ün g l i ch e rf a h rb a r.
Rein ideale Möglichkeiten, reine oder Wesensverträglichkeiten (d. i.
heini Einzelfall von eidetischen Verbundenheiten, deren Gesetze die
Besonderungen offen lassen, das Nicht-Unmögliche, Zufällige, in-
nerhalb eines Gesetzes der Notwendigkeit) werden wahrgenommen
15 aufgrund einer Phantasie; dass diese Möglichkeit der Phantasier-
barkeit gleichsteht, ist leicht zu sehen. Doch eigentlich gehört dazu
mehr.
Wie steht es mit dem „Ich kann aufstehen, mich wieder setzen,
tanzen, Klavier spielen etc.“, „Ich kann den Satz von der Winkel-
20 summe beweisen, ich kann überhaupt Beweise führen, vernünftig
nachdenken“ usw.? Phantasiere ich voll anschaulich in reiner Phan-
tasie die Ausführung eines Beweises oder das „Ich spiele Klavier“,
„Ich tanze“, „Ich versetze Berge“ usw., so erfasse ich darin reine
praktische Möglichkeiten. Es ist möglich, dass ein Ich so tut, und man
25 mag dann dazusetzen: Es ist möglich, dass ein Ich so kann. Aber dann
ist hierbei für das faktische Ich nichts Entsprechendes gesagt, nämlich
hnicht gesagt,i dass ich, dieses wirkliche Subjekt, diese praktische
Möglichkeit habe, dass ich so kann. Warum nicht?

1 August 1918, Bernau.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 87


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_7
88 praktische möglichkeiten und praktischer bereich

Und dazu kann man sagen: Phantasiere ich in reiner Phantasie


die Führung eines Beweises, so kann ich sogleich dazu übergehen
zu sagen, ich, dieses faktische Ich, kann einen Beweis und diesen
Beweis führen. Das „In meiner Phantasie wurde von mir oder ir-
5 gendjemandem der Beweis geführt“ histi gleichwertig hmiti „Ich
habe ihn geführt“. Dagegen nicht, wenn es sich um die Phantasie
handelt „Ich versetze Berge“ usw. Im letzteren Beispiel kommt der
Unterschied daher, dass ich, der faktisch leiblich-seelische Mensch,
bezogen auf die faktische Natur, so gemeint, so apperzipiert bin,
10 dass meine leiblichen Kräfte zu den empirisch bekannten Massen der
Natur in bestimmter Proportion stehen. Unter „Bergen“ verstehe
ich „gewaltige Massen“, deren Verschiebung, Hebung etc. weit über
meine Kräfte gehen. „Anschaulich“ vorstellen kann ich mir zwar
in gewisser Weise Kräftesteigerungen, die ich nie wirklich erfahren
15 habe, aber der Ansatz solcher Steigerungen streitet mit der empi-
rischen Apperzeption, in der ich mich als Subjekt dieses faktischen
Leibes setze. Einen Beweis führen in der Phantasie: Zum Wesen eines
solchen logischen Zusammenhangs gehört die Möglichkeit, Phantasie
in Wirklichkeit zu verwandeln.
20 Erwäge ich Möglichkeiten, so habe ich in der Regel unanschaulich
oder unvollkommen anschaulich und auch meist oder oft begriff-
lich allgemein vorgestellte Möglichkeiten – „einen“ Beweis, „ein“
Klavierspielen usw. –, wobei diese Einzelheiten der Allgemeinheiten
unanschaulich vorstellig bleiben oder nur partiell anschaulich. Bin ich
25 nicht sicher, ob ich ein Klavierstück spielen kann, so setze ich mich
hin und spiele es, und damit „sehe“ ich, dass ich es kann. Es geht, es
läuft das Tun ungestört ab. Bleibe ich stecken, mache ich gegen meine
Absicht Fehlgriffe, so „kann ich es nicht“ und erfahre so das Nicht-
Können. So auch beim Beweis, falls ich, die Möglichkeit ihn zu führen
30 bezweifelnd, ihn nicht in der Phantasie explizit führe, also keine volle
Anschauung von ihm habe. Aber man sieht, dass es sich hier um
reale Möglichkeiten handelt und dass das Verbleiben in der puren
Phantasie ähnliche Möglichkeiten für Reales (Vorstellbarkeiten, dass
ein Reales so und so sich verhalte) ergibt wie etwa in der Domäne
35 des physisch Realen.
Physisch Reales überhaupt in rein idealer Erwägung, das ist Na-
turreales im Zusammenhang einer Natur überhaupt. „Ein“ Reales
oder dieses Reale im Zusammenhang der gegebenen faktischen Na-
praktische möglichkeiten und praktischer bereich 89

tur ergibt aber in der Bindung an diese faktische Natur besondere


Möglichkeit. Im vorigen Fall ist ja Natur selbst ein Variables, eine
Unendlichkeit von Möglichkeiten, während jetzt Natur fixiert ist.
Aber freilich fixiert ist sie durch die aktuelle Erfahrung, die ihre
5 offenen und mehr oder minder unbestimmten Horizonte hat und
demgemäß „Möglichkeiten“, die nicht freie Möglichkeiten sind, son-
dern in Erfahrungen verankerte, Erfahrungsthesen enthaltende sind.
Der Fortgang aktueller Erfahrung scheidet immer neue Gebiete aus
dem Spielraum dieser Möglichkeiten aus, aber unendliche Spielräume
10 bleiben immer, eine absolut abschließende Naturerkenntnis gibt es
nicht, für sie gäbe es keine Möglichkeiten.
In meiner Erfahrungswelt habe ich bekannte Dinge und Zusam-
menhänge, obwohl auch diese mit unbekannten Seiten, unbekannten
und noch näher zu erkennenden Bestimmungen. Ich habe ferner
15 Systeme von Motivationen, die in das Reich völlig unbekannter Dinge
hineinstrahlen, wohin auch gehört, dass ich immerfort die Welt weiter
reichen lasse, als ich „sie“ erkenne.
Innerhalb des allgemeinen kategorialen Typus Ding und Dingli-
ches hält sich alles Unbekannte, und es muss sich der Einheit einer
20 Dingwelt mit zugehörigen Gesetzen fügen. Innerhalb dieses Rahmens
kann ich dann frei fingieren, aber diese Fiktionen mit dem Ansatz der
Einordnung in die gegebene Natur und ihren unbekannten Horizont
sind solche, für deren Inhalt (abgesehen von der Form „mögliches
Ding überhaupt“) nichts spricht; so z. B., dass in der Weenderstraße
25 Nixen schweben, ist real möglich, aber es spricht nichts dafür. Es ist
also nicht in dem besonderen Sinn real möglich, der auf dem Unter-
grund der erweiterten Möglichkeit in der Wahrscheinlichkeitslehre
erwogen wird. Jene weite reale Möglichkeit ist dort bloß Untergrund,
aus dem wieder ein Gesamtspielraum von solchem abgehoben ist,
30 für dessen Möglichkeiten etwas Positives unter dem allgemeinen
Gesichtspunkt A spricht, und darin wieder klassifiziert man und quan-
tifiziert man gleich- und ungleichwertige Möglichkeiten als partiale
Spielräume.
Das „Ich kann“, d. i. hdasi „Ich kann dieses oder jenes tun“, be-
35 trifft in all den gegebenen Beispielen reale Möglichkeiten des Tuns für
mich, das reale Subjekt im Zusammenhang seiner „Welt“, in dem Zu-
sammenhang eben, auf den eben diese Realität Ich bezogen ist: Denn
Reales ist, was es ist, überhaupt nur in Bezug auf „Umstände“ seines
90 praktische möglichkeiten und praktischer bereich

Verhaltens. Ich finde mich empirisch abhängig von der „äußeren“


Dingwelt, in besonderer Weise von meinem Leib, dem Vermittler
äußerer Einwirkungen, von meinem seelischen Untergrund, meinem
Gedächtnis, meinen faktisch gewordenen Assoziationen usw.; dann
5 aber auch von anderen Menschen, von dem geltenden Recht, von
der Kirche usw. Ich apperzipiere mich jeweils mit einem offenen
Abhängigkeitshorizont, der sich im Fortgang meines Lebens, in dem
das Vergangene das Künftige geregelt beeinflusst, immerfort auch
wandelt.
10 Ich finde mich abhängig: Das ist nämlich, ich als tätiges (als mögli-
ches tätiges und Willenssubjekt) finde mich abhängig, ich kann nicht
alles, mein Tunkönnen ist begrenzt in einem Möglichkeitsbereich,
der ein empirischer ist. Demgemäß auch mein Handeln-Können. Das
praktische Subjekt hat seine praktischen Vermögen. Mein Erlebnis
15 im Erlebnisstrom ist gebunden, steht unter Regeln. Dass ich gerade
dieses Erlebnis habe, diese Erinnerung oder Erwartung, dass ich jetzt
gerade so apperzipiere, gerade diesen Phantasieeinfall habe, gerade
dieser Wunsch sich regt, gerade dieser Gedanke über mich kommt,
das ist geregelte Folge gewisser Umstände. Gehört nicht hierher:
20 Als tätiges Ich bin ich abhängig 1) in dem Sinn, ich bin einerseits
motiviert in meinem Tun und Wollen, 2) andererseits, das wollende
Tun läuft bald der Absicht gemäß ab, oder es läuft wider die Absicht,
es geschieht ein Geschehen, das wider die Willensabsicht ist?1 Mache
ich in dieser Hinsicht Erfahrungen, so ergibt das Motivänderungen,
25 Einflüsse auf meine Willensmotive. Ich lerne die Abhängigkeiten des
willentlich subjektiven Geschehens von empirischen Verhältnissen
kennen und richte mich danach.
Es ist Rücksicht zu nehmen auf den allgemeinen Unterschied des
im besonderen Sinn Ichlichen als dem vom Ich ausgehenden, ihm
30 entquellenden Subjektiven gegenüber dem, was von selbst abläuft
und subjektiv nur ist, sofern es auf das Ich als „Aktsubjekt“ Reiz übt.
Das Ich hat seinen subjektiven Untergrund der Natur und darüber
hinaus eine Eigenart als Subjekt, einen Charakter. Eventuell hat es

1 Für das bloße Tun ähnlich: Es läuft in seinem „intentionalen“ Zusammenhang der
durchgehenden intentionalen Tendenz gemäß ab, oder es läuft gegen ein Hindernis an,
stockt etc.
praktische möglichkeiten und praktischer bereich 91

als Vernunftsubjekt einen Vernunftcharakter. Das Subjekt ist Subjekt


einer Psyche. Es hat eine psychische Natur; es hat im Psychischen im
weitesten Sinn (zu dem es selbst gehört als sein Ichpol) aber auch eine
personale Geistigkeit, die den psychischen Untergrund voraussetzt,
5 aber auf ihm eine eigene Einheit ist.
Jeder Ichakt erzeugt ein Geschehnis, das in den Bereich des unte-
ren Psychischen eintritt, da den Gesetzen desselben sich unterwirft,
nämlich darin so wirkt wie ein in der unteren Sphäre Entsprossenes.
Aber im natürlich Psychischen, nach dessen Gesetzen, erwächst nie
10 ein Personales. Das personale Ich ist auf Natur bezogen, aber nicht
selbst Natur. Das Ich kann ein Ichverhalten, ein Stellungnehmen,
ein Sich-für-und-gegen-etwas-Entscheiden, ein Beziehen, Verknüp-
fen usw. nur vollziehen, wenn ihm etwas vorgegeben ist, wozu es sich
verhält. Das Vorgegebene kann schon ichentsprungen sein, und jedes
15 so Entsprungene ist etwas psychisch Fortdauerndes, aber hes isti in
dieser Dauer des nachbleibenden Seins aus dem Ich schon entlassen
und nun ihm vorgegeben, für es da als ein es Mitbestimmendes wie
als ein im Zeitstrom der Gewordenheiten, der Erlebnisse, naturhaft
Fortwirkendes. Es wird so zugeeignet als sekundäre Rezeptivität dem
20 Reich der Rezeptivität überhaupt, dem ursprünglich Sinnlichen und
ursprünglich Rezeptiven als dem der außerichlichen seelischen Natur,
die wieder innig verflochten ist mit der Natur überhaupt. Denn phy-
sische Natur bedeutet ja eine Regel der Rezeptivität für jedes auf sie
„bezogene“ Ichsubjekt wie auf jede auf sie bezogene Menschenseele
25 (mag darin das Ich wachend oder schlafend sein). Die menschliche
Seele umspannt weitgefasst das gesamte Psychische eines Menschen,
die Gesamtinnerlichkeit, das gesamte einem Leib Einfühlbare, das ge-
samte Subjektive, das ich vorfinden und setzen muss unter Ausschluss
aller mir gegebenen äußeren Natur und äußeren Menschlichkeit.
30 Alle Akte sind Tätigkeitsverläufe des personalen, des tätigen Ich
(die „lebendigen“, vollzogenen Akte natürlich). Vom Unterschied
des passiv tätigen, des fortgezogenen, des nachgebenden (auf Reize
im Nachgeben reagierenden) Subjekts und des im höheren Sinn akti-
ven, des tätigen, frei entscheidenden, souveränen Subjekts haben wir
35 schon gesprochen. Liegt hier das alleinige Gebiet ursprünglichster
Freiheit bzw. als Tat, als „Ich tue etc.“ charakterisierter Verlauf?
Muss aber der gegliederte Zusammenhang oder die kontinuierliche
Einheit des tuenden Geschehens sich nicht empirisch konstituiert
92 praktische möglichkeiten und praktischer bereich

haben, damit am Anfang eine intentio auf den Fortgang und damit
vor dem Anfang aufgrund eines „Reizes“ die Vorstellung eines oder
mehrerer möglicher Ichverläufe und Willensbewegung gegen das Ziel
hin eintreten kann?1

5 h§ 2. Die Frage nach der Freiheit kinästhetischer


Verläufe. Das bloß außerwillentliche, sachliche
Geschehen gegenüber dem willentlichen
Geschehen. Im willentlichen Bereich die Scheidung
des willkürlichen vom unwillkürlichen Tuni

10 Ich durchlaufe eine vorgegebene Reihe mit der Aufmerksamkeit,


die Glieder der Reihe nach einzeln betrachtend und erfassend; ich
verknüpfe frei zu Kollektionen Gegenstände, die mir in irgendeiner
Weise in einem Bewusstseinshorizont vorgegeben sind. Ich beziehe,
ich nehme frei a oder b als Subjekt bzw. als Objekt. Ich expliziere etc.
15 Wie steht es mit den freien „Bewegungen“, dem kinästhetischen
„ I c h bew ege “, welches in der Raumkonstitution eine so wesentli-
che Rolle spielt und zugleich apperzipiert wird als „Ich erwirke eine
räumliche Bewegung des Dinges (bzw. des Tastorgans) Hand oder
des Dinges Auge usw.“?
20 Da könnte gegen meine Ansicht ursprünglich freier kinästheti-
scher Systeme eingewendet werden: 1) Es ist kein Grund abzusehen,
warum kinästhetische Verläufe als Verläufe einer gewissen Sorte von
Empfindungsdaten einen besonderen Vorzug darin haben sollten,
dass sie, und nur sie, ursprünglich freie sein wollten. Die Eigentüm-
25 lichkeit, dass sie jederzeit „zu meiner Verfügung“ stehen, dass sie
als „Ich bewege“ charakterisiert sind, kann ihnen nicht ursprünglich

1 1) Ursprünglich aus dem Ich hervorgehende Zuwendungen, Erfassungen, Festhal-

tung des einen, Miterfassung eines anderen etc., 2) Vorstellungen in solcher Betätigung
erwachsener Gebilde mit den sie konstituierenden Ichwegen: Willensbejahung oder
-verneinung. Immer ist zu unterscheiden die Urkonstitution von Tätigkeitsgebilden
und dann die von voreilenden Vorstellungen in ähnlichen Fällen. Diese können dann
tätig in Vollzug gesetzt werden, das Vorgestellte wird hier zur im Voraus vorgestellten
Absicht oder hzumi Ziel, und der Akt ist Wille, er geht durch den Weg zum Ende,
eventuell Willensdurchstreichung, Willenszweifel etc.
praktische möglichkeiten und praktischer bereich 93

zukommen. Aber wie soll das eigentlich statthaben? 2) Etwa so, dass
ein in sich als Tun charakterisierter Verlauf empirisch verschmilzt mit
einem Verlauf in der Rezeptivität? Aber wie? Oder soll man sagen:
An sich kann jede Vorstellung zur Unterlage eines Willens werden;
5 erst die Erfahrung lehrt, was ausführbar ist? Aber das ist verkehrt.
Zum Wesen eines Wollens gehört ein Weg, dessen Anfang durch
eine schlichte Willenssetzung realisiert ist, z. B. direkthesi Erfassen,
Aufmerken, Festhalten im Übergang, Übergang selbst von einem
primär Beachteten zu einem sekundär Beachteten. Im kinethischeni
10 Gebiet: Haben wir da eben nicht den Fall, so wie 2) es fordert,
dass hdasi, was im Kinästhetischen empfindungsmäßig ist, eben nicht
subjektiv, sondern nur assoziiert ist, während das Freie dann eben
das spezifisch Gemeinsame aller „Bewegungsempfindungen“ ist? Es
wird wohl dabei bleiben: Empfindungen sind ichfremd. Aber in allem
15 Kinästhetischen ist eine Komponente, die ichentsprungen ist.
Da bedarf es natürlich tiefer dringender phänomenologischer
Analyse. Im Reich des Subjektiven gibt es freie Abläufe und gebun-
dene, unfreie Abläufe. Die Empfindungsdaten des Gesichtsfeldes bei
kinästhetischer Ruhe kommen und gehen in Unfreiheit. Sie sind von
20 selbst da und gehen von selbst, ihr Sein und Sosein, ihr Auftreten
und Verschwinden ist ihre Sache, nicht meine Sache – oder nicht
rein meine Sache, nämlich sie kommen und gehen auch ohne mein
Zutun, obschon, wie noch zu studieren ist, es eventuell sein kann, dass
an demselben mein Tun mitbeteiligt ist. Nie aber ist das Kommen
25 und Gehen von Empfindungen unm i ttelb ar, also rein ein tuend-
geschehendes, ein im Tun dem Ich entquellendes. Es ist ein Ansich,
ein sachliches, ein ichfremdes Sein, sofern eben im Gegenteil das
freie Ablaufen ein im besonderen Sinn subjektives, ichzugehöriges ist:
Bereich der wollenden Subjektivität, Bereich ihres praktischen „Ich
30 kann“, ich habe hier Vermögen, Macht, Einflüsse, oder es geschieht
der oder jener Verlauf von mir aus, aus dem Ich heraus, aus meiner
Freiheit.1

1 Das Ichfremde der subjektiven Sphäre ist f ü r das Ich da, nicht a u s dem Ich da.

Alles eigentliche Ichleben, in dem sich das Ichsein ausströmt, ist ein aus dem Ich eben
Seiendes, es ist jenes agere, wodurch L e i b n i z die Monade charakterisiert (quod non
agit non existit). Was aber ausgeströmt ist, ist nachher für das Ich da als sekundäre
Sinnlichkeit.
94 praktische möglichkeiten und praktischer bereich

Dabei ist Folgendes zu beachten: Ein körperliches Unbehagen,


ein (aus krankhafter Leiblichkeit stammender) Schmerz ist in diesem
Sinn eventuell schlechthin außerhalb meiner Freiheit, ich kann nichts
dawider tun; alles Tun, soweit mein „Ich kann“ reicht, ändert daran
5 nichts. Würde ich entsprechend auf meinen Leib passend einwirken
können (also zum Arzt gehen, die verschiedenen Medizinen nehmen
und infolge davon gesund werden), stände das in meinem praktischen
Bereich, so wäre es ein mittelbar, durch empirische Anknüpfung an
Praktisches, an etwas, das ich kann – ein „Ich kann infolge“, als
10 Mitfolge eines ursprünglichen Könnens –, in meinen freien Bereich
Hineingehöriges bzw. mittels der Erkenntnis der Zusammenhänge
mit ursprünglicheren praktischen Möglichkeiten in den Bereich Ein-
tretendes.
Tun und sachliches Sein und Geschehen sind so vielfältig mitein-
15 ander verbunden; Freiheit und Natur (in einem weiteren Sinn), bloße
Sache. Aber die Sache kann überall zur eigentlichen „Tatsache“ wer-
den, zu einem Geschehnis aus einem Tun und Können. Oder: Bloßes
Geschehen kann in ein praktisches Geschehen sich wandeln, es tritt
in unsere praktische Möglichkeit und dann Wirklichkeit. Sachliches
20 wird zum praktischen Material und aus praktischem Material wird
ein praktisches Gebilde.1
Wir scheiden nun das außerwillentliche, nicht dem Ich entsprun-
gene, inaktive Geschehen, das bloß sachliche Geschehen, und das
aktive, im weitesten Sinn willentliche, das ichliche Geschehen, und
25 wir unterscheiden dabei weiter das außerwillentliche, inaktive und
unwillkürliche vom willentlichen, aktiven und willkürlichen. Nämlich
im Bereich des Willentlichen, des ago, scheiden wir das Willkür-
liche (Gewollte im prägnanten Sinn) und das Unwillkürliche. Das

1 Aus einem ichfremden Material kann ein ichfremdes Werkgebilde werden durch

das Ichtun und zweckmäßige Icherwirken. Wie steht es bei geistigen Werken? Ist es
nicht analog? Es gibt Ichfremdes derart wie Empfindung und dann materielles Ding.
Das ist individuelles außerichliches Sein. Das aus dem Ich im Ausströmen werdende
Leben ist auch individuelles, immanent zeitliches Sein. Aber im Ichtun konstituiert sich
intentional auch ideales Sein: Es kann nicht wie ein Empfindungsdatum da sein ohne
jedes Ichzutun, und es kann nicht werden. Vielmehr ist es für das Subjekt nur da durch
sein Zutun, und sofern ist es wesentlich ichbezogen und als sein Gebilde anzusehen;
andererseits ist es aber nicht Ichleben, nicht individuelles, vielmehr ein Ansich, und in
individuell verschiedenen Akten kann es als identisch dasselbe ursprünglich erzeugend
gegeben sein.
praktische möglichkeiten und praktischer bereich 95

Unwillkürliche geschieht ohne Ziel und Weg setzendes, auf ein Ziel
strebendes, hohnei einen Weg und eventuell durch einen Weg ein Ziel,
Mittel und Zweck realisierendes, im Realisieren sich ausströmendes
Wollen. Es geschieht, ohne dass das Ich dabei „verwirklichendes“ =
5 handelndes Ich, handelnd tätiges Ich ist, und doch geschieht es nicht
rein von sich aus halsi ein Geschehen, das für das Ich nur da ist und
wird und als das dann eo ipso als Reiz affiziert, als bloße „Affektion“
eines Ich auftretend.
Das Ich ist nicht im Unwillkürlichen schlechthin passiv, in jedem
10 Sinn untätig, vielmehr entquillt es dem Ich, dem Ur-Ich (nicht dem
Ich-Menschen hundi Du-Menschen). Es ist im „Ich tue“ Gesche-
hendes, aus dem tätigen Ich heraus Geschehendes und eben damit
nicht aus sich selbst heraus geschehend (bzw. da verbleibend, ruhend
usw.). Es ist – da hesi das Wesen des Subjekt-Ich ist, tätiges Ich zu
15 sein – wesentlich ichlich, während das Sachliche ichfremd ist, nicht
ichentsprungen. Wenn meine Augen unwillkürlich (z. B. während ich
nachdenke mit geschlossenen Augen) hin und her wandern, wenn
die kinästhetischen Abläufe (was immer dabei in den Komplexen
geschieden werden mag) vonstatten gehen, so „bewege“ ich, und die
20 Bewegung ist ein aus meinem bewegenden Tun Hervorquellendes.
Dieses unwillkürlich Ichliche muss als ein fundamentaler Modus des
Willentlichen gelten und liegt als solcher allem Wollen im Sinn des
willkürlichen Tuns zugrunde. Das Sachliche tritt in den Bereich des
Willentlichen, des unwillkürlichen oder willkürlichen, durch empi-
25 rische Verflechtung mit ursprünglich Willentlichem; es bekommt in
dieser Verflechtung Zusammenhangscharakter des „infolge“ willent-
lichen Geschehens Eintretenden oder auch möglicherweise Eintre-
tenden und demgemäß den Charakter des mittelbar Willentlichen,
des dem Willensbereich Akquirierten, durch das Mittel ursprüngli-
30 chen Tuns unwillkürlich Geschehenden oder als willkürliches Ziel zu
Realisierenden bzw. Realisierten.
Das Studium der Willensmodi in ihrem Aufbau ist natürlich eine
große phänomenologische Angelegenheit. Die Frage ist da vor al-
lem, ob und wann das unwillkürlich freie Geschehen, in dem das
35 Subjekt nicht aufmerkend „lebt“, während wir doch sagen müssen,
dass es in ihm „unbewusst“ tätig ist, seinen ins Spiel setzenden
Ansatzpunkt und hemmenden oder sonst wie charakterisierten Ab-
schlusspunkt hat, während die Zwischenmodi willentliche Modi, aber
96 praktische möglichkeiten und praktischer bereich

anderen Charakters, sind: Das Ansatzwollen „erstreckt sich durch


sie hindurch“ bis an das Ende, das Hemmung des durchgehenden
Willens ist (sozusagen Negation, Durchstreichung) oder Totlaufen,
Versanden ist, oder auch statt des Ausgehens der tätigen Kraft eine
5 andersartige Hemmung, die des Nichtweiterkönnens, des „Es geht
nicht weiter“ in einem Gehemmtwerden. Dabei kann eine Steigerung
der „Willensanstrengung“ eintreten und mit ihr ein Weitergehen oder
auch ein Nichtweitergehen trotz der Anstrengung.
Weitere, nun sehr wichtige Phänomene bietet das Analogon der
10 A ufmer ks am keit. Das unwillkürliche Tun kann als Erlebnis im
inneren Bewusstsein, als einem „wahrnehmenden“ Medium sozusa-
gen, hGegenstandi eines Aufmerkens werden, was aber ein Gleichnis
ist: Es geht in den attentionalen Modus des Aufmerkens auf das
Wahrgenommene über, in unserem Fall also betrachten, eventuell
15 beobachten wir den unwillkürlichen Verlauf, ohne willkürlich einzu-
greifen. Eben dieses willkürliche Eingreifen, jeder Fall willkürlichen
Tuns (im prägnanten Sinn)1 ist ein Fall des Analogons der Aufmerk-
samkeit, des Wollens, in das sich als Wollen das Subjekt als waches
und „souveränes“ so einlebt, wie es aufmerkend-wahrnehmend wach
20 wird und sich in das Wahrnehmen einlebt. Ich werde so zu dem in
einem prägnanten Sinn freien oder Willenssubjekt, das Tun wird
willkürlich, wird im besonderen Sinn von mir frei getanes, möge
das Geschehen sonst gleich bleiben. Das unwillkürliche Atmen wird
zum willkürlichen, das unwillkürliche Anhalten des Atmens, das un-
25 willkürliche Gehen und Stehen wird zum willkürlichen, zu meiner
Handlung.2
Aber wie ist das näher zu verstehen? Es kommt hier alles darauf
an, das unwillkürliche subjektive Tun zu verstehen, und zwar so, dass
dabei zunächst alle aus Assoziationen und Apperzeptionen stam-

1 Siehe folgende Anmerkung.


2 Wichtige Unterscheidung: Es ist klar, dass wir eine ursprüngliche Unwillkür haben,
in der es noch kein einsetzendes und intentional durch einen Weg sich erstrecken-
des fiat und kein Handeln im Fortgang gibt, und weiter ist klar, dass bisher e i n
fundamentaler Do pp elsin n i n d e r R e d e v o n W i l l k ü r u n d U n w i l l k ü r von
mir nicht beachtet worden ist. Nämlich 1) die Unwillkür im Sinn des ago ohne eine
bewusstseinsmäßig durch einen Weg sich erstreckende Intention: die ursprünglichste
Unwillkür gegenüber der Willkür als dem Gegensatz; 2) das unwillkürliche ago in dem
Sinn des volo, aber des unbewussten „Ich lebe nicht darin“: „Unwillkürlich zünde ich
mir eine Zigarre an“.
praktische möglichkeiten und praktischer bereich 97

menden intentionalen Komponenten ausgeschieden bleiben. Also


werden wir sagen müssen: „Ursprünglich“ treten Abläufe auf im
Charakter des tätigen Ablaufs, in denen noch keine durchgehende
„Intention“ als Willensintention lebendig war; also ursprünglich war
5 der Ansatzpunkt kein intentional (willensintentional) auf den weite-
ren Verlauf Gerichtetsein und keine intentionale Thesis.1 Auch die
Hemmung als Durchstreichung der dabei vorhandenen Willensthese
konnte nicht auftreten. Im Ablaufen und wiederholten Ablaufen er-
wachsen assoziative Verflechtungen, wobei das Bewusstsein eine Ein-
10 heit der Tendenz, aber einer passiven Tendenz, eines Sich-Betätigens,
aber Sich-darin-Gehenlassens, gewänne, obschon kein Bewusstsein
im prägnanten Sinn.2

1 Noch ein Unterschied: 1) Im Ablauf eines unwillkürlichen ago kann schon das Sys-

tem der Verlaufsmöglichkeiten empirisch einheitlich in empirisch vorstellungsmäßiger


Apperzeption konstituiert sein, und im Fortgehen des unwillkürlichen ago habe ich
daher einen Horizont und, stückweise wenigstens, vor mir einen Weg; ich sehe voraus,
wohin es läuft. Aber darum brauche ich nicht zu wollen, in diese Richtung, diesen Weg
hentilang gehen hzui wollen. Gehe ich aus der Ruhelage (Nullpunkt eines ago) in ein
„Ich bewege“ über, so hat das fiat nicht den Charakter eines auf ein Ziel, in einen Weg
Hinstrebens. Es ist bloßer Ansatzpunkt und kein eigentliches fiat.
2) Ein Neues ist es, wenn ein Weg oder Ende eines Weges, dessen ich vorstel-
lungsmäßig bewusst bin, mein Begehren erregt und nun das echte fiat als auf diesen
Weg, d. i. diese Kontinuität eines gerichteten ago, und dadurch eventuell auf sein Ende
gerichtete „Willensbejahung“ eintritt.
3) Geht ohnehin die Reise dahin, so bejahe ich und wähle nicht, ich lasse mich
forttragen. Sonst greife ich wählend aus den Möglichkeiten heraus.
2 Tendenz als Problem!
VIII. DAS BEWUSSTSEIN DES „ICH
KANN“ ALS VORAUSSETZUNG JEDER
WILLENSTHESIS. DIE KONSTITUTION VON
WILLENSWEGEN UND TÄTIGKEITSFELDERN
5 AUS UNWILLKÜRLICHEN ICHTÄTIGKEITEN1

Ein Reales, zunächst ein reales Raumding setzen, wahrnehmend


oder in sonstiger Erfahrung, heißt ein Substrat realer Möglichkeiten
setzen. Ebenso das Ich, mein faktisches Ich, hat seinen empirischen
Spielraum praktischer Möglichkeiten und seine faktischen Neigun-
10 gen, seinen Horizont faktisch möglicher Reize, seine faktisch mögli-
chen Freuden, Leiden, Wünsche usw., die sich in der hypothetischen
Phantasie zeigen: Versetze ich mich in solche Umstände, so würde
ich wirklich solche Freuden erleben oder würde Schmerz empfinden,
es würde ein Begehren des und des Inhalts in mir erregt werden
15 usw. Ein andersartiges Verhalten kann ich mir vielleicht anschaulich
vorstellen, aber es wäre im Widerspruch mit meinem faktischen Ich,
wie ich es selbst vorfinde, empirisch setze. Sowie ich das tue (ähnlich,
wie wenn ich Dinge empirisch so und so setze, wonach sie mir als
das und das gelten), mich so und so also nicht nur fingiere, sondern
20 als Wirklichkeit setze, habe ich damit einen Spielraum dazu stim-
mender praktischer Möglichkeiten, und diese sind durch zugehörige
Umstände empirisch bestimmt geforderte.
Nun aber wesentliche Unterschiede. Das „Ich kann“ drückt nicht
eine beliebige reale Ichmöglichkeit, Möglichkeit des Icherlebens, des
25 empirischen Verhaltens aus, nach Analogie mit realen Möglichkeiten,
darunter Möglichkeiten realen Verhaltens bei Dingen.2

1 Bernau. Sommer 1918, August.


2 Nämlich „Ich“ ist ein unklarer Begriff, es kann besagen: 1) Ich, der Mensch, und es
kann dabei Leib und Seele in eins genommen hwerdeni. 2) Auf Seiten der Seele kann
die gesamte außerphysische Innerlichkeit des Menschen genommen werden. Ich kann
krank werden, in ein Loch fallen, ich kann einen Einfall haben, kann Farben und Töne
empfinden etc. Aber auch 3): Ich kann frei tätig sein etc., halsi das Ich der actio. Daher
Vieldeutigkeiten der Begriffe Fähigkeit, Vermögen: Empfindungsvermögen, Vermö-

© Springer Nature Switzerland AG 2020 99


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_8
100 das bewusstsein des „ich kann“

Nehmen wir die subjektiven Verläufe (Ichbewegungen) in einem


unserer kinästhetischen Systeme. Optischen Reizen folgend laufen
unwillkürliche Augenbewegungen ab. In das denke ich mich in der
Phantasie hinein und habe nun das Bewusstsein: Wenn ich wollte,
5 würde ich so und so die Augen laufen lassen. Es sind das Bewegungen,
die – unabhängig von den Reizen – meiner Willkür unterliegen. Ma-
che ich die Erfahrung von Hemmungen in der oder jener Bewegungs-
richtung, so ändert sich meine Auffassung und ich sage: Früher konnte
ich das frei, jetzt bin ich gehemmt, ich kann die Bewegungen nicht frei
10 willkürlich durchlaufen. Ich kann mir nun auch nicht mehr ansetzen,
dass sie unwillkürlich als subjektive Bewegungen verlaufen würden.
Sie sind nicht mehr ein System von möglichen Ichbewegungen und
somit kein System, das meiner Willkür zu freier Verfügung steht.
Es handelt sich hier um „eingeübte“ subjektive Abläufe, „ge-
15 wohnheitsmäßig“ in Reihen, in Systemen zusammenhängend, nur
in solchen zeitlichen Reihen können sie subjektiv entspringen. In
vertrauter Weise verlaufend, weist jede Phase auf die zusammenhän-
genden Phasen hin. Jeweils verlaufen sie wirklich nur bis zu einer
Stelle, da findet eine Hemmung, eine Fixierung statt „durch“ empi-
20 rische Bezogenheit auf „Reiz“; die Annäherung an einen optimalen
Reiz, der in eins mit dem „Ich bewege“ statthat und der verloren
gehen würde, wenn die Bewegung noch weiter liefe, motiviert ein
„Stopp!“. Das ist eine freie Hemmung und gehört in das Reich der
Willensphänomene. Wenn ein optischer Reiz auftritt, der hinweist
25 auf eine optische Reihe, die in einem Optimum kulminiert und die
„assoziiert“ ist mit einer kinästhetischen Reihe, so tritt (wenn nicht
Gegenmotive hemmen) das korrelative Phänomen auf: das „Ins-
Spiel-Setzen“ der Ichbewegungsreihe und „durch“ sie der optischen
Reihe. Bin ich „am Ziel“, so erfolgt das Stopp, das Außer-Spiel-
30 Setzen des Fortgangs. Andere hierhergehörige Phänomene: das Sich-
Überlassen dem Ablaufen kinästhetischer Daten, so wie sie „von
selbst“ ablaufen. Eine bestimmte feste Lage erwächst nur durch Fest-
halten, Hemmen, Stehenbleiben, das offenbar im Außer-Spiel-Setzen
eines schon gerichteten Fortlaufens über das Ziel hinaus enthalten
35 ist.

gen der Assoziation und Reproduktion. Dagegen: Ich kann meine Augen bewegen,
ich kann einen Beweis führen, Gruppenbildungen vollziehen etc.
das bewusstsein des „ich kann“ 101

Es handelt sich hier also um primitive Formen von Apperzeptio-


nen, an denen wesentlich willentliche Urphänomene beteiligt sind
und die noch viel näher systematisch erforscht werden müssen.1
Wie steht es nun mit dem „Ich kann“? Ist es etwa bloße Erinne-
5 rung, dass ich solche Bewegungen in Richtung auf ein Ziel vollzogen
habe, hdass ichi solche und solche Fixierungen am Ziel oder Außer-
Spiel-Setzungen eines freien Verlaufs (etwa, um anderes zu tun, das
ich „lieber will“) vollzogen habe? Natürlich nicht. Sagt es, dass ich mir
einen solchen subjektiven Vorgang mit solchen Willensansetzungen
10 und -absetzungen etc. mehr oder minder anschaulich vorstelle und
das empirische Bewusstsein habe, dass, wenn ich will, der betreffende
Verlauf und hdasi, was dazugehört, statthat? Es ist dabei nicht zu
übersehen, dass es sich um kinästhetische Systeme handelt, die ich
nicht nur in der Phantasie vorstelle, sondern die reell „da“ sind. Das
15 System der Augenbewegungen und dgl. ist nicht bloß Erinnerung
oder Phantasie, sondern es ist da. Aus dem System sind irgendwelche
Bewegungen oder Haltepunkte immerfort realisiert und sind dabei
umgeben von dem intentionalen Horizont des ganzen Systems von
Bewegungsmöglichkeiten, und auf dieses bezieht sich, als ein vom
20 Wahrnehmungsbestand aus dem System (dem realisierten) als Aus-

1 Stufen: 1) Ein kontinuierlicher ursprünglicher Ichverlauf oder ein gegliederter

Zusammenhang von kontinuierlichen Schritten.


2) Die reproduktive Vorstellung der Einheit eines solchen Verlaufs in Verbin-
dung mit dem nicht bloß vorgestellten, sondern originär gegebenen Anfang, z. B. ein
möglicher Bewegungsverlauf des Auges von der gegebenen Augenlage oder Augen-
bewegung aus.
3) Das genügt nicht. Kontinuierliche Verläufe und überhaupt subjektive Zusam-
menhänge, die ihre feste Struktur haben, die nach Phasen und Gliedern (mit zuge-
hörigen Charakteren) nur in gewisser Ordnung möglich, in sich systematisch sind.
Das System existiert. Habe ich die Nullstellung der Augen, so kann ich jede andere
Stellung nur in einer der systematisch kontinuierlichen Vermittlungen im zeitlichen
Nacheinander erfahrend erleben. Einen Satz im Charakter notwendiger Folge aus den
und hdeni Gründen kann ich nur in der bestimmten Aufeinanderfolge des Beweisens
originär gegeben haben.
4) Zum Wesen eines systematischen Ichverlaufs gehört es, dass, wenn der Anfang
gegeben ist und die bestimmte Vorstellung des möglichen Verlaufs, die ideale Möglich-
keit besteht, dass das Ich praktisch Ja sagt, eine Willensbejahung vollzieht, die durch
den Verlauf hindurchgeht und ihn damit realisiert. Ebenso das praktische Nein. In
jedem „Ich kann“ liegt die Erkenntnis der Möglichkeit, dieses Ja in Beziehung auf
ein vorstellungsmäßig Gegebenes als nicht bloß eingebildet hzu setzeni, sondern halsi
empirisch vorhanden charakterisiertes, freies System, das damit verfügbar ist.
102 das bewusstsein des „ich kann“

gangspunkt frei und „willkürlich“ zu Realisierendes, das Bewusstsein


des „Ich kann“; es ist ein Bereich meines praktischen Vermögens.1
Es liegt hier nicht etwa bloß empirische Assoziation und apperzep-
tive Erfahrungsauffassung vor, die das „Ich will“, das einsetzt, und das
5 „Ich halte still, ich mache halt“, das abschließt, mit kinästhetischen
Reihen verknüpft hätte, sei es damit allein, sei es unter Zuzug von
anderen empirischen Umständen. Das „Ich will“ ist doch nichts für
sich Auftretendes, gewissermaßen im assoziativen Bereich Herumlie-
gendes und daher bereit, wie Empfindungsdaten, wie kinästhetische
10 Subjektivitäten und Assoziate aus solchen und anderen Reihen (dann
daraus erwachsenden Apperzeptionen) in Assozhiationeni einzuge-
hen.
Setzt nicht das Wollen schon ein Bewusstsein des Könnens voraus?
Dieser Einwand liegt nahe. Andererseits könnte man den Gegenein-
15 wand machen: Im „Ich kann“ liegt der Wille schon als möglicher Wille
enthalten. Wie ist da also herauszuhelfen? Die Antwort lautet: Jedes
Wollen im eigentlichen Sinn ist Willensentschließung, sich für etwas
entschließen, eine „bejahende“ Willensthese vollziehen. Das kann in
verschiedenen Modi geschehen, allem voran setzt aber die Entschei-
20 dung ein Was der Entscheidung voraus, und das ist nicht eine bloße
„ V or s tellung “, sond ern sel bst schon ein Willentliches,
dem W illensgebi et u rsprüngl i ch ei gentümlich Zugehöri-
ges.2
Wir können uns das Wort zu eigen machen „Wo ein Wille ist,
25 da ist ein Weg“, freilich in bestimmtem Sinn: Jeder Wille als sich
entschließender, bejahender eigentlicher Wille bezieht sich auf einen
Willensweg, der in eins mit dem Willen vorstellig ist.3 Aber allgemein
ist ein Willensweg nicht ein beliebiges Ereignis, das möglich ist, und
ein beliebiger Wille histi nicht möglich in Verbindung hmiti einer
30 beliebigen Vorstellung eines möglichen Ereignisses als möglichen.

1 Vielleicht ist das auch bedeutsam: Erfahrungsmäßig, wenn ein „seitlicher Reiz“

wirkt, wendet sich das Auge unwillkürlich dahin und so „weiß ich“, dass je nach Reizen
unwillkürliche Bewegungen nach allen Seiten vorgekommen sind und noch empirisch
möglich sind. Es ist also ein System möglicher unwillkürlicher Verläufe. Das „reell da“
besagt also eine reale Möglichkeit, bezogen auf mein faktisches Ich.
2 „Willensthesis“ und „Willensthema“.
3 Willensweg.
das bewusstsein des „ich kann“ 103

Vielmehr, das Ereignis muss nicht nur als Ereignis überhaupt und
halsi mögliches Ereignis bewusst hseini, es muss auch (was nicht
für jedes gilt und möglich ist) als willensmäßig „gangbarer Weg“
bewusst sein. Ein gangbarer Weg weist aber zurück auf gleiche oder
5 ähnliche begangene Wege, und da der Wille als solcher das schon
voraussetzt, so werden wir (unendlichen Regress werden wir ja nicht
annehmen) von vornherein zurückgewiesen auf begangene Wege, die
noch nicht Wege für ein (sich entschließendes) Wollen waren, bzw.
auf eine Vorstellung von Gangbarkeit, die nicht schon die Vorstel-
10 lung eines Willensganges einschließt. Wir werden von willkürlichen
Geschehnissen als Handlungen zurückgewiesen auf unwillkürliche
Geschehnisse, die also keine Handlungen, aber darum doch im wei-
teren Sinn willentliche Geschehnisse, nämlich aus dem Ich als sein
unwillkürliches Tun hervorquellende Geschehnisse sind.1
15 Unwillkürliche Ichtätigkeiten gehen nun apperzeptive Verschmel-
zungen ein; es konstituieren sich in eigentümlicher empirischer Ap-
perzeption systematische Einheiten, die wir als gegebene Wege un-
willkürlicher Ichtätigkeiten, möglicher unwillkürlicher Betätigung er-
fahren. Das sind also eigentümliche, zur Tätigkeitssphäre oder Wil-
20 lenssphäre im weitesten Sinn gehörige Gegenständlichkeiten, die
ihre eigentümliche, sie konstituierende Erfahrung, ihre eigentümli-
che Erscheinungsweise, ihre eigentümliche These haben, demgemäß
eigentümliche reproduktive Vorstellungen etc.2
1) An die Spitze setzen wir Ichakte, in denen ein Tun zwar schon
25 vorliegt, aber niederster Stufe, noch nicht bezogen auf ein Tätigkeits-
feld.
2) Auf höherer Stufe haben sich Tätigkeitsfelder konstituiert, und
allgemein zu reden ist jedes „Ich tue“ einem Horizont von Tunsmög-
lichkeiten, und zwar, wie wir jetzt festhalten, von unwillkürlichen
30 Tätigkeiten eingeordnet. Und man wird wohl sagen können, dass
das entwickelte Ich all sein wirkliches Tun eingeordnet findet in einen

1 Es hat sein Bedenken, das dem Ich entquellende Willentliche, also das Tätigsein,

als Wollen zu bezeichnen.


2 Vorgezeichnete Ordnungsformen für mögliche unwillkürliche Tätigkeiten: Es han-

delt sich um Typen realer Möglichkeiten. Die Ordnungen können sich zusammenschlie-
ßen in ein mehrdimensionales Ordnungssystem, wie in der kinästhetischen Sphäre ein
Tätigkeitsfeld gebaut aus möglichen Linien.
104 das bewusstsein des „ich kann“

Horizont möglichen Tuns überhaupt, der seine systematische Organi-


sation hat, vermöge deren jedes Tun noch sein besonderes mögliches
System hat, seinen entsprechenden besonderen Horizont. Und das
Systematische besteht überall darin, dass mindestens der Hauptsa-
5 che nach, d. i. begrenzte Gruppen des Tuns ausgenommen, jedes
unw illkür lic he Tun ei ner gattungsmäßigen Sphäre nur in
geor dneten W eis en von dem Ansatzpunkt wirklichen Tuns
unw illkür lic h in Verl äufe des Tuns übergehen kann, an
gewisse Ordnungen also gebunden histi. (So Augenbewegungen, so
10 Beweisen etc. – doch wird das näher zu überlegen sein.) Erfahren
ist von mir ein Tätigkeitsfeld, wenn ein Punkt desselben aktuali-
siert und in eins damit die empirische Apperzeption als Bewusstsein
der Gegebenheit des Feldes bewusst ist. Im systematischen Über-
gang des unwillkürlichen Tuns ist dann in jedem Moment ein neuer
15 Feldpunkt reell und dabei Deckung in empirischer Erfüllung: Die
Erfahrung bestätigt sich.1 (Zu überlegen wird dabei noch sein, wie
es mit dem Nullpunkt der Augenbewegungen und sonstigen kin-
ästhetischen Systemen, die für mich immer noch ein besonderes
Interesse haben müssen, steht.) Jedes Feld ist als Tätigkeitsfeld, we-
20 sensmäßig, ja analytisch gesprochen, ei n „ gangbarer “ Bereich,
das unwillkürliche Tun ist in dieser Apperzeption ein Begehen des
Feldes.
3) Jedes Tätigkeitsfeld ist aber zugleich und wesensmäßig prak-
tis ches Feld.2 Zum Wesen eines Feldes der Unwillkür gehört es, dass
25 es Feld der Willkür werden kann, jeder Möglichkeit unwillkürlichen
Begehens entspricht eine Möglichkeit willkürlichen Begehens. Im
Allgemeinen sind die Tätigkeitsfelder vieldimensional; jede konti-
nuierliche Linie daraus, wenn das Tätigkeitsfeld kontinuierlich ist,
jede systematische einheitliche Linie daraus, die vorstellungsmäßig
30 herausgegriffen werden kann, ist nicht bloß Vorstellung eines Ge-
schehens, sondern einer Tätigkeitslinie, ist Vorstellung eines mögli-

1 Das wäre der St il d es Ic h l e b e n s, das Analogon der Raumform, soweit Aprio-

risches dabei ist; das Analogon der empirisch typischen Form eben eines Stils. Das
empirische Ich als das Ich, das im ganzen bisherigen Leben einen Stil durchgehal-
ten, eventuell stufenweise entwickelt hat, ist nicht reines Ich, sondern eben dadurch
empirisches Ich.
2 Praktisches Feld, Feld möglicher Willensthemata.
das bewusstsein des „ich kann“ 105

chen Weges der Unwillkür und der Willkür.1 Somit haben wir ein
phänomenologisches Verständnis des „Weges“ gewonnen, den je-
der Wille bewusstseinsmäßig voraussetzt – ursprünglich voraussetzt.
Denn auf einer höheren Stufe konstituieren sich praktische Wege
5 als mögliche Willenswege, die selbst schon in sich, als Wege schon,
mögliche Willensentschlüsse in sich fassen.
Ich sprach oben von Willensentschließung, willentlicher Bejahung.
Es fragt sich, ob die Bezeichnung wirklich gut ist (halsi Analogon der
Bejahung des Glaubensgebiets). Ich kann mich aber auch in ein Wol-
10 len hinsichtlich eines Weges hineindenken und, wenn der Weg aktuell
gegebener, als wirklich bewusster ist, mich für das Wollen bejahend
entscheiden. Und ich kann mich in eine Kette von Wollungen mit
einer entsprechenden Kette von Wegen hineindenken; es kann dabei
der erste Weg gegeben sein und dann weiter, wenn der erste durch-
15 laufen und zum realisierten geworden ist, kann der zweite als Folge
davon gegebener, nämlich willensgangbarer sein usw. Ich kann nun
auf diese ganze Einheit von möglichen Willensakten mit ihren Wegen
eine Einheit der Willens-„bejahung“ (der Ausführung) beziehen. Für
diesen einheitlichen Akt der praktisch ausführenden These, des fiat,
20 ist dann das Ganze möglicher Wollungen von angegebener Struktur
hinsichtlich der Wege ei n Weg. Wir haben eben zu beachten, dass
auch jedes „Ich will“ ein subjektentsprossenes ist, also in Verbindung
mit dem Weg der Unwillkür selbst wieder einen Weg ergibt und selbst
relativ zu einem möglichen aktuellen Willen ein praktisch Mögliches
25 ist usw. Letztlich führt aber jeder mögliche Weg auf Wegstrecken der
Unwillkür zurück.2
Im Übrigen haben wir, wie oben schon gesagt, verschiedene Wil-
lensmodi. Der Wille kann seine Absicht im Weg selbst haben, er kann
aber den Weg nur als Weg zum Ziel gebrauchen; dann ist der Weg
30 bloß vermittelnder Weg. Und dann weiter kann ein Zielwille selbst
wieder nur vermittelnder (Mittel-Wille) sein und eben zu einem bloß
vermittelnden Weg zu einem Endziel gehören als letztem Ziel einer
Kette von Zielen, die durch Wege verbunden sind.

1 Nur „Linien“ können „Wege“ sein, da Tätigkeiten in der Form der Zeit verlaufen.
2 „Mechanisierung“ des Handelns. „Auslösung“ unwillkürlicher Verläufe, die früher
willkürliche waren. Ist das bloßes Tun? Nicht jeder Wille hat also eine Zielvorstellung.
106 das bewusstsein des „ich kann“

Was besagt also, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren,


das „Ich kann“, „Ich habe das praktische Vermögen“? Ist da alles
schon voll geklärt?
Jeder Wille setzt einen Weg voraus = ein Wille ist unmöglich ohne
5 das Bewusstsein eines „Ich kann“. Der Weg (der mögliche Weg)
ist eine Linie heinesi möglichen „Ich tue“ (eines möglichen ago im
weitesten Sinn, das auch mögliche Wollungen, auch höherer Stufe,
als eingeordnet dem Tun zulässt). Ich kann etwas, hdasi besagt hier,
ich habe vor mir eine Linie möglichen Tuns und setze sie als Linie
10 meines möglichen Tuns. In der Regel ist dabei schon die Beziehung
auf ein mögliches fiat bestimmend. Was ist das für eine Setzung? Was
für eine Möglichkeit ist gesetzt?
1) Habe ich „vermöge früheren Tuns“ gegenwärtig die Vorstellung
einer Tätigkeit von bestimmtem Gehalt, die sich in dieser Bestimmt-
15 heit einordnen kann meinem gegenwärtigen aktuellen Leben, das
selbst ein Tun ist und seinen untätigen Hintergrund hat, so kann sich
auf diesen Weg ein „Ich will“ gründen. Das sagt zunächst nur, ich
kann mir diesen möglicherweise von dem hic et nunc meines Lebens-
punktes auslaufenden Weg als Willensweg vorstellen. Aber „lockt
20 mich“ dieser Weg, locken mich nicht andere mehr, die ebenfalls vor
meinen Augen stehen, oder wird der Wunsch nicht überwogen durch
begleitende zu erwartende Mühen, unannehmliche Folgen etc., so
folge ich dem Zug, der Wille tritt ein, er ist hinreichend motiviert.
Vorbedingung ist nur, dass der vorgestellte Weg „unmittelbar zu-
25 gänglich“ ist, dass er eine von dem Jetzt möglicherweise auslaufende
Tätigkeitsreihe ist. Freilich hebt er notwendig andere Tätigkeitsrei-
hen, die sonst auslaufen würden, auf und modifiziert jedenfalls den
Gang meines weiteren ichtuenden Lebens. Aber von den reinen oder
empirischen Notwendigkeiten, die hier bestehen, brauche ich nichts
30 zu wissen; reine kommen nicht in Frage, da ich ja die Tätigkeitsreihe
anschaulich, wenn auch nicht klar, vorstelle, wie wir hier annehmen.
Und empirische Unzuträglichkeiten sind dadurch ausgeschlossen,
dass ich nicht rein fingiere, sondern anschaulich mich als Subjekt
der actio vorstellen kann und vorstelle. Mehr gehört also zu diesem
35 „Ich kann“, das unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf die
Willensmotivationen (Ichmotivationen) hgegeben isti, nicht. Es be-
deutet die Möglichkeit, dass ich (das Subjekt meines jetzigen Lebens
und in diesem Lebenspunkt des aktuellen beweglichen Jetzt) mich als
das bewusstsein des „ich kann“ 107

Subjekt einer Fortführung des Lebens vorstellen kann, in der an das


Jetzt sich der betreffende „Willensweg“, diese actio, und zwar als vom
fiat inszeniert, anschließt. Damit ist über die Motivationslage nichts
gesagt. Wesensmäßig setzt das „Ich will“ eine Motivation voraus,
5 und die Rede von „Ich kann“ kann schon mehr einschließen, so
insbesondere, dass eine positive Motivation für den möglichen Weg
spricht, und das „Ich muss“, „Ich kann nicht anders“ sagt, dass gegen-
über anderen Wegen, die zur Wahl stehen (oder die mir von anderen
gemäß ihren Wertungen angemutet werden), dieser den Vorzug des
10 alle überwiegenden, des entscheidenden Motivs hat.1
Die Rede von „Ich kann“ bezieht sich aber auch oft und sehr
gewöhnlich auf Widerstände, so wie auch die Reden von Vermögen,
Kraft. Es treten, wenn ich einen Willensweg, der mir im Voraus als
praktisch möglicher vor Augen stand, betrete, mitunter Hemmungen
15 auf, die Tätigkeit stockt, läuft nicht die vorgesehene empirische Bahn.
Die Intention auf Realisierung, der Wille, kann verbleiben und durch
„Kraftanstrengung“ durchgesetzt werden. Ist da die Anstrengung ein
eingeschobenes Stück Weg, das erfahrungsmäßig die Fortführung mit
sich bringt? Ist Anstrengung ein allgemeines Mittel, das mindestens
20 oft den Erfolg mit sich führt und zum Weg nicht gerechnet wird,
weil es bei heterogenen Wegen eingeschoben werden kann, wo die
Willensintention Enttäuschung erfährt in der Form der Hemmung,
des Stockens? O der hat der Wi l l e unter dem Titel „ Energie “
eine I ntens it ä t? Leibliche Anstrengung – Energie leiblicher Hand-
25 lungen – geistige Anstrengung, geistige Energie, Energie geistig ge-
richteten Wollens. Gehö rt Energi e schon zur vorwillentlichen
Tätigkeit? Zum Beispiel vorwillentliche Aufmerksamkeit, aber in-
tensive Aufmerksamkeit. Ist das eine Intensität der Aktion als Ak-
tion?2 Aber was sollte das sagen? Es könnte dann doch nur dem Inhalt
30 zukommen. Dagegen, das fiat ist ein Neues, nur sein Inhalt könnte in

1 Das „Ich kann nicht“ sagt daher oft „Es liegt mir nicht bequem“, ich habe anderes,

das mir lieber ist, ich würde Besseres schädigen. Zu berücksichtigen ist auch, dass
scheinbar (und in gewissem guten Sinn) Wege von einem künftigen Jetzt auslaufen,
und zwar Willenswege hinsichtlich eines jetzt vollzogenen fiat. Aber dann ist die
Lebensstrecke bis zu jenem Jetzt, dem Morgen etwa, irgendhwiei hzuimindest typisch
festgelegt, etwa schon durch andere Wollungen, und gehört als V o r f e l d eigentlich zu
dem Gesamtweg. Jedenfalls ist das Vorfeld mitbestimmt etc.
2 Sagt das, es sei das eine Intensität des fiat?
108 das bewusstsein des „ich kann“

sich Energie haben. Die Phänomenologie der Hemmungen (eventuell


auch Motivationshemmungen, Eintreten neuer Motive, Umwertung
der alten etc.) histi ein eigenes Thema.
Das „Ich kann“ umspannt auf Seiten des Was (d. i. des Weges
5 und Zieles) auch das Wollen; ich kann gehen, nachdenken, ich kann
auch wollen. Wollen ist selbst Tun und hinsichtlich eines möglichen
Wollens zweiter Stufe „unwillkürlich“; eventuell aber, da es wie alles
Tun zum Thema eines Wollens werden kann (bei passenden Motiven),
im Voraus also vorstellbar als ein jetzt mögliches Thema, halsi Was
10 eines Wollens, so gehört es dann in ein „Ich kann“, z. B. „Ich kann
wollen, das Gute wollend zu bevorzugen“ etc.1

1 Nicht in den Beschreibungen Rücksicht genommen habe ich auf die Verhältnisse
der Allgemeinheit und Besonderheit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Klarheit etc.
im Wollen. Das ist nachzutragen.
IX. DIE ENTWICKLUNG „PRAKTISCHER
APPERZEPTIONEN“ (DES WILLENS).
DOXISCHE UND PRAKTISCHE AFFEKTION1

h§ 1. Attentionale Affektion als Trieb zur Zuwendung


5 und praktische Affektion. Die Auswirkung der
praktischen Affektion als praktische Rezeptivitäti

Man kann fragen, wie kommt es zur Entwicklung „einfacher“


praktischer Apperzeptionen? Gehen wir aus von einem S p i e l
ursprün glich e r , u nwi l l k ür l i che r Le i be sbe w e g u n g e n, die ur-
10 sprünglich charakterisiert sind als „subjektive“ Bewegungen, z. B.
Handbewegungen, Stirnrunzeln etc. Sie laufen ab in ihrem subjek-
tiven Charakter. Natürlich kommt es hier nicht in Betracht, dass es
ein objektives Ding Hand ist und dgl., wie dann weder die dingli-
che Objektivität noch die Objektivität eines leiblichen Organs hier
15 vorweggenommen sein darf; letztere setzt schon praktische Apper-
zeption voraus. Und selbst wo diese schon entwickelt ist, kommt es
nur auf die „innere Ansicht“ dieser Gegenständlichkeiten an, also auf
die Kontinuität der subjektiven Affekte und die Einheit der durch sie
hindurchgehenden Wandlung des „Bewegens“ (Bewegungsvorgang
20 von innen gesehen). Also: Wir haben einen phänomenalen Empfin-
dungsablauf in subjektivem Charakter. Aber es fehlt noch durchaus
die Bestimmtheit der Direktion auf ein Ziel hin und auf einen Weg
dahin durch stetige Vermittlung, durch die ein „Ich bewege“ hin-
durchstrebt.
25 Ist eine solche unwillkürliche subjektive Bewegung aber repro-
duktiv vergegenwärtigt (in verschiedenen Graden der Bestimmtheit,
Deutlichkeit, inneren Differenziertheit), so übt sie oder vermag sie
zu üben:

1 1919/20. – Das unpassende Wort „Apperzeption“ wird später aufgegeben. Unge-

klärt und neu zu überlegen.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 109


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_9
110 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

1) eine attentionale Affektion, einen Trieb zur Zuwendung, hzui


ihrer aufmerkenden Betrachtung, das ist, da es sich um einen Vorgang
handelt, hzui ihrer reproduktiven „Wiederholung“ im Modus der
aufmerkenden wiedererlebenden Durchlaufung. Entspannt, erfüllt,
5 entlädt sich dieser Trieb, so geht die Affektion über in den betreffen-
den subjektiven reproduktiven Vorgang.
Hier haben wir also eine Direktion, ein Ziel: Der in der Affektion
nur retendierte, nur in der Form der Retention vergegenwärtigte
Vorgang, ist der abgesehene; abgesehen ist es auf den im Modus der
10 Eigentlichkeit vergegenwärtigten Vorgang, der als solcher sich gibt
auf dem „Weg“ der stetigen Reproduktion mit den Abschnitten des
eben schon Erledigten, des eben jetzt Wiedererlebens (Reproduktion
des Jetzt) und des noch Heranzubringenden.
2) Pr aktisc he, r eal i si erende Affektion. Nicht auf das Wie-
15 deranschauen, also Wiedererleben des Vergangenen im Sinn einer
Reproduktion geht es jetzt. Affiziert wird nicht das „rezeptive“ Ich,
sondern das aktive, das Vorgestelltes realisierende Ich. Nicht das Ver-
gangene wird realisiert (das ist ja widersinnig). Vielmehr liegt dieser
Affektion zugrunde nicht eine bloße Zurückversetzung in die Ver-
20 gangenheit, sondern eine Transposition eines Moments der Vergan-
genheit, eines damaligen Vorgangs unter damaligen Umständen, auf
die gegenwärtige impressionale Sachlage. Indem die „Assoziation“
wirkt, indem eine gegenwärtige Erlebnislage, die parallel mit einer
früheren sich „deckt“, ein Moment, einen Vorgang, der jetzt fehlt
25 oder anders ist, zur Abhebung bringt in Kontrast mit dem frühe-
ren, und indem dieses sachlich Fehlende im Gemüt halsi „fehlt“,
„vermisst“ erscheint, erwächst eine praktische Tendenz, ein prakti-
scher Trieb. Hier wirkt die „protentionale“ Assoziation: Etwas ist
„erwartungsmäßig“ in der Gegenwart vorgezeichnet, was „nicht da
30 ist“; das Vermisste („leider“ Nichtseiende) wird zum praktisch Sein-
sollenden. Durch die reproduktive Vorstellung geht nicht nur die
Tendenz der attentionalen Zuwendung, oder sie affiziert nicht nur
attentional, sondern auch praktisch. Nur ein subjektiver Vorgang
kann, reproduktiv auftauchend, praktisch affizieren, und er kann
35 es in doppelter Weise. Entweder das Vermissen betrifft den ganzen
Vorgang oder sein Ende, das ruhende Ergebnis.1

1 Es ist nicht bloß reproduktive Assoziation, sondern protentionale Assoziation.


die entwicklung „praktischer apperzeptionen“ 111

Der praktischen Affektion entspricht ihre ungehemmte Auswir-


kung als pr akti sc he Rezepti vi tät, als passives Erwirken, Rea-
lisieren des praktisch Apperzipierten, des nicht nur Vorgestellten,
sondern im Modus des Seinsollenden Bewussten. Das Realisieren ist
5 die Erfüllung der praktischen Intention. Das praktisch affizierte Ich
wird praktisch-rezeptiv bestimmt, hereingezogen und immer weiter
hereingezogen. Es wird affiziert, das ist, es vollzieht hemmungslos,
passiv die Zumutung praktischer Setzung (als praktisch seinsollende),
und die praktische Intention in kontinuierlicher Erfüllung der setzen-
10 den Intention durch den intendierten Inhalt verläuft im vorgezeich-
neten Stil. Die pr akti sche Intenti on is t also die Parallele
der doxis chen Int enti on i n ei ner doxischen Zuwendung,
in der hemmungslosen Erfüllung einer doxischen Intention als Set-
zung eines Inhalts, der in der „Zuwendung“ stetig zur Gegebenheit
15 (nach allen intentionalen, stetig zu erreichenden Momenten) oder
zur reproduktiven Wiedergegebenheit kommt.1
In der doxischen Sphäre haben wir gegenüber dem Sich-stetig-
Erfüllen das Erlebnis des „anders“; ebenso haben wir in der prakti-
schen Sphäre das Erlebnis des praktischen Andersseins, des „Miss-
20 ratens“, des Geratens wider die Intention. Ich erziele erkennend – ich
erziele realisierend praktisch. Ich verfehle erkennend, es ist anders,
ist nichts. Ich verfehle praktisch, ich erziele nicht, ich erreiche es nicht.
Ja, ich erstrebte (wollte), es geschieht aber gar nichts.
Affiziertsein ist nicht schon einer Affektion folgen. Es können
25 Affektionen sich durchkreuzen, wie Kräfte sich die Waage halten.
Das Ich kann, einer doxischen Affektion nachgebend, also sich zu-
wendend, mit wechselnder Kraft in der Erfüllung leben und darin
stecken bleiben. Es kann dann das Fehlende vermissen und nun
praktisch auf das Erfüllungsziel gerichtet sein.
30 Praktisch kann das Ich affiziert sein, sich vorstellend zuwenden
dem oder jenem praktisch Affizierenden. Es ist aber bloß affiziert,
es empfindet nur die Zumutung praktisch zu sein und ist noch nicht
praktisch, dann aber gibt es nach, sagt „rezeptiv“ sein fiat.

1 Da müssen wir gegenüberstellen doxische Antizipation (Protention) und prak-


tische Antizipation, die sich praktisch erfüllt. Das Ursprüngliche ist beiderseits das
„Instinktive“.
112 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

h§ 2. Praktische gegenüber theoretischer Möglichkeit.


Das „Ich tue“ als Urmodus des Willens. Das
„Ich kann“ als eine Modalität des „Ich will“i

W as s agt das prakt i sche „ Ich kann so “? Es ist die prakti-


5 s che Möglic hkeit gegenüber der theoretischen Möglichkeit. Jede
theoretische Anmutung ergibt eine theoretische (doxische) Möglich-
keit, jede praktische Zumutung eine praktische Möglichkeit, eventu-
ell in einer Disjunktion von dort theoretischen, hier praktischen Mög-
lichkeiten. Zu scheiden sind solche „wi rkl ichen Möglichkeiten“
10 gegenüber den Phantas i em ögl i chkei ten (den logischen Möglich-
keiten, des „Es ist ohne Widerspruch vorstellbar, möglich“. Das
Parallele wäre: „Es ist eine praktische Denkbarkeit“; zum Beispiel,
ich phantasiere mich in einen Baum ein als meinen Leib, die Zweige
seien meine Leibesglieder, ich schüttle mich, ich „kann“ das etc.
15 Undenkbar aber ist, das ist ein praktischer Widersinn, dass ich die
Sonne aus ihrer Bahn bewegte oder dass sie mein Leibesglied wäre
etc.). Ich kann mich in eine neue Lage hineinphantasieren als Ich,
der ich bin, und erproben, was ich da könnte, dann haben wir es zu
tun mit einer Möglichkeit aufgrund eines hypothetischen Ansatzes:
20 Ich übertrage einen Typ meines früheren Tuns als ein „Ich kann“
auf die neuen, hdeni früheren analogen Umstände.1 Jedes frühere
subjektive Tun, übertragen auf analoge Verhältnisse, ergibt ein „Ich
könnte“ oder „Ich kann“. Nun ist das eine bedenkliche Rede, diese
vom „Übertragen“.
25 Es handelt sich nicht um einen Akt des Übertragens, sondern um
eine „ A pperz epti on “. So wie in der doxischen Sphäre Ähnliches
in ähnlichem Sinn aufgefasst, unter ähnlichen Umständen Ähnli-
ches erwartet wird, insbesonders wenn einmal eine Mannigfaltigkeit
als Darstellung, Bekundung einer Einheit fungiert hat, jede ähnli-
30 che Mannigfaltigkeit ablaufend zur Bekundung einer gleichsinnnigen
Einheit wird, so hier: Ich „stelle“ es nicht nur vor als ein mögliches
subjektives Ablaufen, was ich natürlich auch tun kann und tue, son-
dern ich kann es (oder könnte es, unter Annahme, es bestehen die
und die Bedingungen).

1 Also „protentionale“ Assoziation.


die entwicklung „praktischer apperzeptionen“ 113

Ist die subjektive Lage als doxisch seiende gegeben (analog, wie
wenn ich doxische Bedingungen der Erfahrung gegeben habe, ich
dann ein zugehöriges Kommendes erwarte), so kann ich. Sind solche
nicht gegeben, so mag ich „in der Phantasie“ sie als gleichsam gege-
5 ben bewusst haben und ansetzen, und ich habe dann als zugehörig
das Bewusstsein des „Ich kann“ im Modus der Phantasie, aber eben
als zugehörig (so wie ich, wenn ich mich in eine Erfahrungslage hin-
einphantasiere, etwa mir fingiere, es wird ein Glas hingeworfen, ich in
der Phantasie erwarte, dass es falle), ebenso wenn ich die Hypothese
10 mache, die Annahme, es sei so (aufgrund gegebener Wirklichkeit),
ich dann entsprechend als hypothetische Folge das Erwartete setze
bzw. hier in der praktischen Sphäre setze das „Ich könnte dann“.1
Was besagt das „Ich kann“ und wie steht es zum „Ich will“?
Viel kann ich da wohl nicht sagen. Eben nur dies: Ein vorgestelltes
15 Bewegen subjektiver Art (subjektives Geschehen überhaupt) wirkt
als praktischer Reiz, affizierend, und diesem Reiz wird, wo nicht
Gegenreize vorliegen, nachgegeben, und so entspringt verständlich
das passiv nachgebende fiat, der Endwille.2
Dieser Endwille setzt kein besonderes „Ich kann“ voraus, das
20 „Ich kann“ ist hier identisch mit dem „Ich will“ oder vielmehr „Ich
tue“, mit dem praktischen „Es sei“. Oder besser sagen wir: Ein
pr aktis c hes „ Ic h kann “ i st ni cht vom ursprünglichen „ Ich
tue “ vor aus geset zt, so wenig hwiei ein doxisches Möglich vom
doxischen Wirklich (vom Ich her ein doxisches Für-möglich-Halten
25 von einem doxischen Für-gewiss-Halten) vorausgesetzt ist, obschon
logisch niemand etwas für gewiss halten kann, was er nicht auch für
möglich hält (nämlich für möglich halten kann), so wie das Für-gewiss-
Halten der Urmodus der Doxa ist, so das „Ich tue“ der Urmodus
des W illens.
30 Doch genauer: In der doxischen Sphäre haben wir die Erwar-
tung des Künftigen, Ursprung des Kommenden, unter gegebenen
Gegenwärtigkeiten Eintretenden (kontinuierliche Protention). Hier

1 Also nicht nur als in der Phantasie Lebender und in der Phantasie Erwartender und

Könnender, sondern als aktuelles Ich mache ich den Ansatz, Ansatz eines praktischen
Falles, und dann sage ich „Ich könnte“.
2 Hier müsste aber gesagt werden, dass der Urfall der ist, wie ein passives subjek-

tives Geschehen aktiviert wird (wie das Atmen), wobei der Erwartungshorizont die
wesentliche Wandlung in einen Horizont praktischer Antizipation erhält.
114 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

das Werden im „Ich tue es“ oder im subjektiven fiat „Es wird!“, „Es
soll werden!“ (kontinuierlich praktisches „Es wird“ im primitiven
„Ich tue“). Auf der einen Seite das schlichte Vollziehen, Nachgehen
den von den Umständen ausgehenden Erwartungsmotiven (Tenden-
5 zen auf das Kommende); auf der anderen das schlichte Vollziehen
der von den Umständen ausgehenden Begehrungstendenzen, prakti-
schen Tendenzen. Wenn keine Hemmung im Spiel ist, haben wir im
primitivsten Fall (Analogon der Patentmachung der Protention) auch
kein fiat im Sinn einer Willensbejahung. Insofern das Wollen nur auf
10 kommendes subjektives Geschehen geht, ist es also keine allgemeine
Parallele zur Doxa. (Aber alle seinserfassende Intention geht doch
der künftigen Erfüllung entgegen.)
Das echte „Ich kann“ ist also eine Modalität des „Ich will“, etwa
wenn der Wille in Schwebe ist (also kein „entschiedener“ Wille da ist)
15 zwischen „zwei praktischen“ Möglichkeiten. Jede ist nicht eine bloße
Vorstellung, sondern eine Willensmodalität, so wie, wenn das Urteil
schwebt zwischen zwei Urteilsmöglichkeiten, jede eine Modalität des
Urteilens histi.

h§ 3. Die Affektion in der doxischen Sphäre


20 und ihre Parallele in der Praxis. Die Frage
nach dem Verhältnis des Nicht-Primitiven
zum Primitiven in der praktischen Sphärei

Fr aglic h is t es , ob i ch von prakti schen Apperzeptionen


s pr ec hen s ol l, denn da denkt man an die Unterscheidung zwischen
25 Perzeption und Apperzeption. In der doxischen Sphäre unterscheide
ich Thesis und „Materie“ (Vorstellungsgehalt), noematisch den Cha-
rakter des Seins in seinen Modalitäten und den Vorstellungssinn,
noetisch im Erlebnis das Identische bei verschiedenen modalisier-
ten Thesen: die Vorstellung, das wird man doch nicht Apperzeption
30 nennen wollen?
Wie in der Willenssphäre? Da haben wir auch ein Identisches der
verschiedenen Willensmodalitäten. Es enthält neben einer Schicht
unterliegenden doxischen Sinnes einen praktischen Sinn? Der Sinn
ist das „Thema“. Ist das praktische Thema nicht einerlei mit dem
35 doxischen? Hier ist noch Unklarheit.
die entwicklung „praktischer apperzeptionen“ 115

Wenn ich den Willen auf Affekti on bezog, parallelisierte ich


diese Affektion mit der Affektion in doxischer Sphäre. Da habe
ich „Hintergrundphänomene“, aber sagte ich in den Ideen nicht,
dass diesen schon die Doxa zugehöre? Und ist das zu halten? Im
5 Hintergrund taucht etwa eine Erinnerung auf, oder im Hintergrund
heben sich Empfindungsdaten ab und werden „aufgefasst als Dinge“
(Apperzeption im eigentlicheren Sinn). Können wir anders als sagen,
dass jedes solche Hintergrundphänomen sozusagen eine Vorstufe
ist für das entsprechende Vordergrundphänomen, derart, dass das
10 auch die Thesen und alles betrifft und hdassi Entsprechendes in Ent-
sprechendes, in einer gewissen Modifikation und dabei wohl immer
auch hmiti einer inneren Sinnesbereicherung, übergeht?1 Das ist doch
unzweifelhaft.
Wie steht es dann mit der Analogie der „Affektion“ in der Praxis?
15 Indessen haben wir noch zu überlegen: Ich vollziehe eine entwickelte
Doxa erst in der „Zuwendung“, da ist sie erst wirkliche, wirkliches
Daseinsphänomen des und des Gehalts. Wie in der angeblichen Par-
allele? Auch da ist das „Affizierende“, wenn wir davon sprechen
wollen, eine praktische Anmutung, der ich in einer „praktischen Zu-
20 wendung“ nachgebe. Nicht ist die reproduktive Gegebenheit eines
subjektiven Geschehens die Anmutung, sondern das Anmutende,
der Inhalt der Anmutung. Es ist schon ein Vorstadium des Willens
gegeben.2
Doxisch haben wir die primitivsten Erlebnisse als Empfindungs-
25 erlebnisse: In der Zuwendung sind sie Gewissheiten. Erst bei den
Apperzeptionen gibt es Modalitäten und schon bei den Erinnerungen
und Erwartungen. Erst Assoziation schafft Modalität.
Praktisch sind das Primitive die Lei besbewegungen (mögen sie
auch nicht als das doxisch aufgefasst sein), und ebenso primitiv hsindi
30 innere tendenziöse Vorgänge.
Wie steht das „Nicht-Primitive“ zum Primitiven in der praktischen
Sphäre? Die praktische Form (ich meine die vorgängige Anmutung
und die These in ihren eigentlichen Modalitäten) folgt der doxischen

1 Aber Apperzeption histi allgemeiner zu fassen als das, was durch protentionale

Assoziation „mitgefordert“ und je nachdem als mitzugehörig gesetzt ist, in der Ge-
genwart oder als zu erwarten, eventuell als nicht da oder nicht eintretend, enttäuschend
etc.
2 Hier ist Anmutung keine Modalität des Wollens als Willensgewissheit.
116 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

Form, der doxischen „Qualität“ (Anmutung und doxische Thesis).


Dabei aber ist die praktische Form abhängig ihrem Wesen nach von
gewissen Sinnesgestalten: Denn nur auf das Künftige und nur auf
subjektives Werden kann sie gehen.
5 Das bleibt in Unklarheit stecken. Die Assoziation schafft die An-
tizipationen verschiedener Form und dadurch Modalität der Doxa.
Die Assoziation kommt aber auch als praktische in Frage, sie schafft
praktische Antizipation. Was ist das? Doch nichts anderes als die
Übertragung des früheren Tuns, das glatt Annehmliches realisierte,
10 auf die gegenwärtige analoge Lage, und nicht als bloße Vorstellung
früheren Tuns, sondern als ohne weiteres „Wollen“ (praktische An-
tizipation) und ohne weiteres in Realisierung Übergehen. Schon in
der Passivität. Andererseits Affektion halsi eine passive Tendenz, in
Aktivität überzugehen.

15 h§ 4. Zuwendung als Übergang in ein cogito in allen


Aktsphären. Tendenz und Ichstreben als Modi
jeden Bewusstseins. Die assoziativ-praktische
Antizipation, ichloses Tun und das Urwolleni

Die doxische Affektion: Ein Pfiff, ein Aufleuchten, ein sich ab-
20 hebendes „intensives“ Empfindungsdatum affiziert. Es findet das
subjektive Geschehen der „Zuwe ndung“ statt; ein Erfassen, das Ich
berührt, ergreift es, das Daseiende oder im Fall einer Erinnerung, ei-
ner Phantasie, das Gegenwärtig-„Gewesene“, das Quasi-Daseiende.
Kenntnisnahme.1
25 Diese „Zumutung“, sich hinzuwenden, ist nicht zu verwechseln
mit der Zumutung, hetwasi als wirklich zu setzen. Die Affektion be-
zieht sich auf das Vorstellige in seinem jeweiligen doxischen Modus.
Etwas ganz anderes ist etwa die Neigung der Bejahung, wenn ich
vermute (wo ich in entsprechendem Sinn von Anmutung gegenüber
30 der Vermutung sprach, hatte ich das sich bevorzugende Sich-Wenden
gegen eine Seite im Auge, eine überwiegende Neigung oder eine
Neigung, die gegen eine Gegenneigung sich wendet).

1 „Anmutung“, Zumutung als Affektion und als Modalität.


die entwicklung „praktischer apperzeptionen“ 117

Ist also beim willentlichen Sich-Zuwenden die Sachlage die, dass


als Willensanmutung ein Begehren da ist (eine Willensmodalität) und
ich dann dieser Willensneigung nachgebend eben will? Als Willensbe-
jahung? Aber das Begehren kann auch sich regen und im Hintergrund
5 auftauchen vor der Zuwendung, in der das Begehren dann vom Ich
vollzogenes wird.
Also ist zu beachten, dass Zuwendung etwas der doxischen und
der praktisch-orektischen Sphäre Gemeinsames ist, und so jedem
„Bewusstsein“. Ein subjektives Geschehen eigener Art, sollen wir es
10 schon Trieb nennen? Aber supponieren wir dann nicht selbst wieder
ein Begehren und ein dem Begehren eventuell Folge Leisten? Das
aber setzt schon das subjektive Geschehen vor dem Begehren ent-
wicklungsmäßig voraus. Was ist Zuwendung in ursprünglicher Form?
Das „Ursprüngliche“ ist ein eigentümliches Geschehen, das Hin-
15 tergrund in Vordergrund oder Bewusstsein vor dem vom Ich ausge-
henden aktuellen, sich zuwendenden Bewusstsein hin zuwendendesi
überführt, und es ist ein tendenziöser processus mit eigentümlicher
Steigerung der Annehmlichkeit. Das Ende kann assoziativ vorgriff-
lich zu einem Begehrten werden, zum Ziel eines Begehrens, einer
20 Willensneigung (da es Ende eines subjektiven Geschehens ist). So
kommen wi r al so da zu, j ede Affektion als Tendenz auf
Z uw endung i m Bege hrungssi nn anzusehen, was wir aber
ur s pr ünglich doch ni cht ohne wei teres dürfen.
Es ist also eine f als che Nebenei nanderstellung, Affektion
25 zur Zuwendung und „Affektion“ als Willensbejahung, es ist das eine
und andere eine ganz verschiedene „Affektion“ mit phänomenolo-
gisch verschiedenem Sinn. In Wahrhei t haben wir Zuwendung,
Über gang in ein cogi t o i n al l en Aktsphären. Das Schwierige
ist, die wahren Parallelen zu finden und zu verstehen.
30 Doxisch: ein ganz Ursprüngliches ist das Urwahrnehmen, das wir
Empfinden nennen; schon in der ichlosen Passivität. Das Empfin-
dungsdatum konstituiert sich, darin liegt, es ist beständig eine inten-
tionale Einheit, in Gewissheit seiend, mit einer Strecke des soeben
Gewesenen und einem protentionalen Horizont. Dazu kommt das
35 vor allem Ich-beteiligt-Sein sich abspielende Walten der Assoziation,
damit die Bildung von Apperzeptionen im weitesten Sinn: durchaus
Zusammenbildung von Antizipationen auf dem Grund der reproduk-
tiven Assoziation.
118 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

Praktisch: die Parallele der Empfindung das tendenziöse Gesche-


hen der „subjektiven“ Verläufe, wie z. B. die kinästhetischen Ver-
läufe vor aller Ichbeteiligung. Tendenz zur Zuwendung (affektive
Tendenz), das Ich in den Vollzug der Doxa übergehend, Auswirkung
5 in Kenntnis und Erkenntnis; ebenso praktischer Vollzug, das ichlos
passiv verlaufende Realisieren wird zum ichlichen Tun. Aber die
attentionale Affektion und der Vollzug sind doch selbst Hintergrund-
und Vordergrundtätigkeiten. Also kann das nicht eine wirkliche Par-
allele sein. Tendenz und Ichstreben sind Modi des Bewusstseins, eines
10 jeden Bewusstseins.
Zuwendungen auf Reize hin sind subjektive Prozesse, kinästhe-
tische Verläufe sind andere subjektive Prozesse. Wie gewinnen sub-
jektive Prozesse die Form „Ich tue“? Spielt da nicht die Lust, die
axiologische Affektion die wesentliche Rolle? Die Lust an der Bewe-
15 gung, aber bald abnehmend, bald zunehmend; Reiz der Lust – Reiz,
sie genießend festzuhalten, zu erhöhen etc., Reiz zur Aktivität. Aber
für die attentionale Aktivität ist ursprünglich nicht die Lust leitend.
Ist für die tuende Aktivität sonst Lust notwendig und ursprünglich
leitend?
20 Assoziation und Praxis. Eine Leibbewegung in sich angenehm
oder von einer angenehmen Folge begleitet. In einem neuen Fall,
ähnliche Lage, die Erinnerung an die frühere Leibbewegung ge-
weckt mit ihrer annehmlichen Folge. Aber nicht die bloße Erinnerung
bzw. eine bloße Erwartung, dass jetzt die ähnliche Leibbewegung
25 eintreten wird. Vielmehr Tendenz des Eintretens der subjektiven
Bewegung selbst – es gibt so etwas wie ursprünglich praktische An-
tizipation. Sind nicht andere solche Antizipationen in Konkurrenz
(ähnlich wie bei der doxischen Erwartung), so ist sie primitiver Wille
(im Urmodus der Willensgewissheit), hundi das schon vor der Ich-
30 beteiligung. Danach wäre jedes subjektive Bewegen schon ichlos
ein Tun und ebenso jede assoziativ-praktische Antizipation. Im Ver-
lauf des subjektiven Bewegens hätten wir, der Retention parallel,
das praktisch Erledigte, der Urimpression parallel den Erfüllungs-
punkt der „Handlung“, der Protention entsprechend den antizipie-
35 renden unerfüllten Tätigkeitswillen, der kommenden Lust entgegen-
strebend, entgegenwollend. Die Lust motiviert das Streben, sofern
wir unter Streben das Entgegen-Wollen, das antizipierende, verste-
hen. Was „motiviert“ die „Zuwendung“, den Ich-Vollzug? Tendenz
die entwicklung „praktischer apperzeptionen“ 119

zum patent Machen, Tendenz zum bewussten Wollen und Genießen,


ebenso Tendenz zum bewussten Vorstellen, Glauben, Kenntnisneh-
men etc.
In jedem Tun als einem Prozess steckt eine Strecke des Unerfüll-
5 ten, und somit ein Streben. Aber das ist kein gehemmtes, sondern sich
entspannendes in der Erfüllung; ein Wunsch aber ist ein gehemmtes,
in keiner Auswirkung, keiner Erfüllung begriffenes Begehren.1 Es
geht ein solches aber doch nicht vorher, wenn eine Leibesbewegung
ursprünglicher Art zu vollziehen ist. Wir können so sagen: Sowie
10 ein subjektiver Vorgang mit einem annehmlichen Ende (ohne Ge-
genmotive2) bewusst wird (scil. ursprünglich als mein Geschehen),
löst es schon in der Passivität, vor der Zuwendung, ein Streben aus,
aber ein hemmungsloses, sich ohne weiteres entspannendes. Das ist
also ein, wie passiv, so in der Zuwendung aktiv, sich auswirkendes
15 Urwollen, das beständig in sich sein fiat hat, aber nicht ein fiat, das
den Charakter einer „Bejahung“, d. i. einer Entscheidung hat, wie
dergleichen etwa statt hat, wenn ein gehemmtes Wollen erlebt ist und
Wege der möglichen Erfüllung mitvorstellig sind, einer bevorzugt
hwirdi, Gegenwünsche zurückgesetzt werden etc. Also Entscheidung
20 für das eine Glied des Willenszieles. Also haben wir nicht die Schwie-
rigkeit, nicht einen Durchbruch der Parallele, dass der Urmodus
des praktischen Gebiets nicht der tuende Wille sei, sondern der
Wunsch.
Das Ursprüngliche ist, dass ein subjektives Geschehen mit an-
25 nehmlichem Charakter und seinem annehmlichen Ende nicht etwa
in der Vorstellung erst vorschwebt und eine „Affektion“, einen Reiz
auf den Willen übt, sondern ohne weiteres tue ich, realisiere ich, so in
der Passivität und wieder in der Zuwendung. Die Affektion, die in der
Zuwendung sich erfüllt, ist aber ein Gleiches für doxische und prakti-
30 sche Affektion und Zuwendung – ja, wenn nicht „Gegenmotive“ da
sind. Was ist das aber?
Das schlichte doxische Antizipieren kann Modalisierung erfahren,
ebenso das schlichte praktische Antizipieren als das Urwollen. Dann

1 Wunsch? Nein, eben gehemmtes Wollen.


2 „Gegenmotive“ sind hemmende Faktoren, mit ihnen ist Willensspaltung, Zweifel
gegeben.
120 die entwicklung „praktischer apperzeptionen“

kommt ein Neues, eine andersartige Affektion, der Trieb sich zu


entscheiden, und es tritt neu auf die Willensbejahung, -verneinung
etc.
X. ZUR WILLENSANALYSE: DAS WIRKEN
DES ICH ALS INNERES UND ÄUSSERES TUN
UND ERZEUGEN. DIE AUS DEM VOLLZUG
VON STELLUNGNAHMEN ERWACHSENDEN
5 IDEALEN BESTIMMUNGEN DES ICH1

h§ 1. Bleibende Hexis als ideale


Eigenheit des Ich. Veränderung des Ich durch
Veränderung seiner Überzeugungen. Das
Sich-selbst-treu-Bleiben. Das Ich in beständiger
10 Entwicklung durch Vollzug neuer Stellungnahmeni

Hexis: „Aus ihr gehen Akte hervor“. Wie ist da die phänome-
nologische Sachlage? Zunächst Folgendes: Ich vollziehe eine Wahr-
nehmung, „dann“ erinnere ich mich. Woher weiß ich das? Aus der
Erinnerung heraus. Jetzt habe ich eine Erinnerung. Wie sage ich nicht
15 nur „Jetzt erinnere ich mich des A“, sondern „Ich habe wahrgenom-
men und jetzt erinnere ich mich; auf die Wahrnehmung folgte die
Erinnerung!“? Ich habe nicht nur jetzt die Erinnerung an A, sondern
ich habe das A in der Erinnerung an eine Wahrnehmung von A, und
ich habe die Erinnerung auch an das Abklingen der Wahrnehmung,
20 an eine weitere immanente Folge von Erlebnissen, etwa ein gleich-
zeitiges Erklingen eines Tones in der Wahrnehmung, und dann an das
Auftauchen der Wiedererinnerung von A, die jetzt noch fortdauert
und an die sich in ihrem Anfang der fortlaufende Erinnerungsprozess,
der beschrieben wurde, anschloss oder anschließen konnte. Denn
25 im Allgemeinen werde ich einmal in der Erinnerung lebend sagen
„Ich habe A wahrgenommen“ und dann auf mein gegenwärtiges
Erinnern reflektieren, oder ich werde etwa auf mein gegenwärtiges
Wahrnehmungsgebiet hinblickend sagen „Ich nehme jetzt wahr“, und

1 November 1921.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 121


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_10
122 zur willensanalyse: das wirken des ich

zugleich in die Vergangenheit übergehend sagen „Ich erinnere mich“,


und zwar gleichzeitig mit dem Wahrnehmen. Also da ist eine erste
Reihe schwieriger Beschreibungen.
In wiederholter Erinnerung habe ich verschiedene Erlebnisse in
5 der immanenten Zeit, aber mein „Glaube“, meine Überzeugung an
das vergangene Sein des A oder an das Sein des A an seiner im
Modus wechselnder Vergangenheitsferne identischen Zeitstelle histi
dieselbe. Ich hatte über das A auch geurteilt, ich hatte es gewer-
tet – ich erinnere mich jetzt, aber ich habe noch dasselbe Urteil und
10 dieselbe Wertüberzeugung. Ich könnte auch die Erinnerung haben
und den Glauben nicht wieder haben, die Urteilsüberzeugung nicht
wieder haben und mich nur des vergangenen Glaubens entsinnen.
Ist aber die Überzeugung nicht geändert, so ist sie die „fortdauernd“
identische Überzeugung. Der Gegenstand, der Sachverhalt, der Wert-
15 verhalt ist dieser Selbe, aber dieser Selbe nicht nur als Sinn, hsonderni
als dasselbe „Seiende“: derselbe Sinn in derselben Überzeugung, in
demselben gesetzten Sein.
Ich erfahre A und A erfahrend habe ich nicht bloß das momentan
vorübergehende Erlebnis, sondern ich habe Kenntnis von A genom-
20 men und „habe“ damit Kenntnis schlechthin. Sie ist meine bleibende,
fortdauernde Kenntnis, mein Erwerb und frei zu meiner Verfügung.
Die Kenntnis liegt in mir (eine immanente bedarf nur der ursprüng-
lichen Zueignung und dann der Wiederaktualisierung, der normalen
„Wiedererinnerung“, die die Kenntnis wieder aufleben lässt). Ich,
25 das eine Ich, erfasse dasselbe Seiende, ich rezipiere es wiederholt, und
darin liegt, ich als dieses Ich, nachdem ich einmal Kenntnis genom-
men habe, habe eben diese Kenntnis in mir selbst. Nicht in meinem
Bewusstseinsstrom ist sie, da sind „wiederholte“ Reproduktionen,
aber das sind Ketten verschiedener Erlebnisse, mit verschiedenen
30 doxischen Gewissheitsmomenten – aber ich habe in ihnen dasselbe
Objekt und dieselbe Gewissheit. Schon in der Rezeptivität liegt also
ein Gesetz der Habitualität; jede Erfahrung (aktive Kenntnisnahme)
modifiziert das Ich, prägt ihm eine eigene Hexis ein. Wie steht es aber
mit meinem Wissen um diese bleibende Hexis?
35 Wenn ich mich wiedererinnere in einem bestimmten Fall, so kann
ich evident sagen, ich glaube nicht bloß ein zweites Mal, sondern
ich glaube noch, oder dies, das Seiende, ist dasselbe, ich komme nur
darauf im Wiederholen zurück. Ich kann für die Zukunft auch mit
zur willensanalyse: das wirken des ich 123

Evidenz sagen: Es kann eine neue Wiedererinnerung auftreten, und


wann immer sie auftritt, ich werde, wenn nicht neue Motive auftre-
ten, denen gemäß ich sagen muss, es war eine Täuschung, dieselbe
Kenntnis nur erneuern. Andernfalls werde ich die durchstrichene
5 Kenntnis, die alte Überzeugung in der Form des „nichtig“, oder
das alte Seiende in der Form des „nichtseiend“ immerfort gegeben
haben. Ich kann, sei es frei erzeugte Wiedererinnerungen desselben
Gehalts ablaufen lassen, sei es mir wiederholte Einfälle dieses selben
Gehalts aneinandergereiht denken; ich kann mir denken, dass der
10 Glaubensmodus in einer solchen Reihe als aktueller hindurchgehe
(also den reproduzierten Glauben der reproduzierten Urwahrneh-
mung bekräftige, aber auch, dass Zweifel, Negation eintrete).
Aber das Letztere setzt gewisse Strukturen voraus und unter wi-
derstreitender Materie einen Gegenglauben, der ursprünglich gestif-
15 tet ist. Kehrt rein die gleiche Reproduktion wieder, ohne Überschie-
bung mit einer anderen, dann muss der reproduzierte Glaube auch
zu jetziger Aktualisierung kommen: Ich muss meinem Glauben treu
bleiben, ich, der ihn geglaubt habe, muss dabei bleiben; was mir zur
Kenntnis kam, das bleibt meine Kenntnis. Solange ich derselbe bin,
20 ist mein Glaube auch derselbe. Ändert sich mein Glaube, so ändere
ich selbst mich. „Ich bleibe derselbe“ heißt dann, ich bleibe das un-
veränderte Ich, und die ei nzi gen Ände rungen, die ich als Ich
er fahr en kann, si nd Änd erungen solcher Überzeugungen;
mit jeder geänderten ändert sich etwas in mir selbst.
25 Ich bin ursprünglich derselbe in Bezug auf meinen immanenten
Erlebnisstrom. Jede Phase stiftet passiv einen immanenten Gehalt
als von nun an immerfort identifizierbaren. Ich brauche aber davon
nicht Kenntnis zu nehmen. Tue ich es, so kann ich mich eventuell doch
täuschen. Ich nehme Kenntnis und muss nachher in Streit mit „mir
30 selbst“ kommen. Ich kann nur sicher sein, mir nur in der Herstellung
vollkommener Evidenz immerfort treu bleiben zu können, oder nur
ein durch Evidenz, durch einstimmige Herstellung des ganzen Erinne-
rungszusammenhanges ursprünglich motivierter Erinnerungsglaube
kann standhalten und mich als Ich der Kenntnisnahme „ungeändert“
35 erhalten.
Diese Änderung, die Untreue gegen sich selbst, ist natürlich eine
Änderung innerhalb der Identität des Ich und eine Änderung ganz
besonderer Art. Das Ich als Ich erhält seinen „Habitus“, seine Ei-
124 zur willensanalyse: das wirken des ich

genheit, gibt sie nicht preis. Es muss sie in Fällen des Widerstreits
preisgeben, wo das Ich in die Wahl kommt, sich entweder als A
glaubend oder als Nicht-A glaubend treu zu bleiben; es kann nicht
im Widerstreitglauben sich identisch erhalten. Hält es am Nicht-A-
5 Glauben fest, so kann es nicht bei dem Glauben A bleiben (wobei
die Rede immer vom bleibenden Habitus ist). Es hat keine Wahl,
keine Möglichkeit, die Entscheidung aufzuschieben, es muss sich
entscheiden, wenn einstimmige Evidenz nur für A spricht und gegen
Nicht-A oder vielmehr den Gegenstand A als seiend ursprünglich
10 gibt. Aber was hier von einem Fall gesagt ist, das ist ein exemplarisch
und als exemplarisch evidenter Fall, d. h. im Einzelfall erschauen
wir in eidetischer Einstellung und Ideation, dass es notwendig und
allgemein gilt.
Gibt es nun eine andere Art, sich vom Dasein einer Hexis und von
15 einer solcher Eigenschaft oder Eigenheit des Ich als Ich zu überzeu-
gen, den Sinn der Rede von einer solchen bleibenden Hexis zur letzten
Klarheit zu bringen? Das Ich (der Pol der Akte) ist kein Reales, das
durch die Zeit hindurch als eine Art res extensa, nämlich als zeitlich
Ausgedehntes und durch Zeitstellen sich Individualisierendes ange-
20 sehen werden könnte. Daher kann es auch keine Eigenschaften haben
wie ein Reales. Als Identisches in der Mannigfaltigkeit von Akten, als
ein gegenüber der Realität aller seiner Erlebnisse „Ideales“ kann es
nur ideale Eigenheiten haben, und da es ist, was es ist, nur als in seinem
Aktleben „lebendes“, dadurch auf seine „Umwelt“ bezogen – in sie
25 „hineinlebend“ –, so kann es ideale Eigenheiten nur haben, die sich in
diesen Beziehungen gleichsam als realisierende Vereinzelungen von
Akten bekunden. Dass es sich nicht um Allgemeinheit eines Eidos
handelt, wissen wir. Also, was vorliegt, ist, dass das Ich einen Akt
vollziehend damit als Ich eine Stellung nimmt, die ihm „verbleibt“,
30 in ihm nicht im eigentlichen Sinn dauert, da hier von einer Dauer
(als Extension) keine Rede sein kann, die sich als bleibende eben in
den obigen Wesenstatsachen bekundet. Wonach das Ich hdiei einmal
angenommene Stellung festhält in der Weise, dass es evidenterweise
in neuen Fällen nicht nur die gleiche Stellung annimmt, sondern
35 hdassi die Identität seiner Ich-Stellung, deren Korrelat Seiendes, Wert
etc. ist, darin gesehen werden kann.
Wir haben bisher nur von Kenntnisnahmen gesprochen. In höhe-
rem Maß gilt das Gesagte aber von Denkakten und Erkenntnissen
zur willensanalyse: das wirken des ich 125

im höheren Sinn, von wertnehmenden Akten natürlich auch, und von


polythetischen Wertungen und Werterkenntnissen, von Willensakten
und von allen vom Ich ausgehenden oder das Ich zu sich hinüberzie-
henden Strebungen. D as Ich i st i n beständiger Entwicklung,
5 s ofer n es i mm er neue Stel l ungnahmen vollz ieht, einfache
und aufeinandergebaute, in denen sich dann auch neue seiende Ge-
genstände konstituieren. Indem das Ich ein prädikatives Urteil zum
ersten Mal aus einer bestimmten Motivation her vollzieht, ist eine
polythetische Einheit der urteilenden Stellungnahme vollzogen, für
10 das Ich eine bleibende Eigenheit der Art der Urteilsüberzeugung.
Eine Behauptung, zu deren Wesen Ausdruck und zwar mitteilen-
der gehört, wendet sich an andere, ist Geltend-Machen der Über-
zeugung. Es ist dann die Überzeugung in eine zeitliche Funktion
getreten: Hier und jetzt, diese Person will ich überzeugen durch
15 Mitteilung meiner Überzeugung und ihrer Geltend-Machung durch
Autorität (die etwa suggestiv wirken soll) oder durch mitgeteilte
Begründung, die auf den anderen wirken soll. Meine Überzeugung
ist ein Bleibendes und Überzeitliches, meine Behauptung (mein Be-
haupten) aber ein Zeitliches, das jetzt wirken und in anderen eine
20 überzeitliche Überzeugung erwirken soll. Zeitlichkeit hat allerdings
auch die Überzeugung, sofern sie ihren Stiftungspunkt hat und von
da an eine Zeitstrecke, in der sie nicht im wahren Sinn extendiert ist
(als Irreales), aber für sie beständig gilt.1
Jede habituelle Überzeugung kann in jedem Punkt ihres Geltungs-
25 horizontes in die „Erscheinung treten“, aktualisiert werden in einem
zeitlichen Akt und durch ihn reale Wirksamkeit gewinnen.

h§ 2. Weltapperzeption als Habitus. Affektion und


Zuwendung. Ich-Tendenz als Hingerissenwerden des Ich
und das sich im realisierenden Tun erfüllende Ich-Streben.
30 Jeder Gegenstand als habitueller Besitz aus „Erzeugung“i

So wirkt das Ich als Ich in doppelter Weise in der Zeitlichkeit,


und in doppelter hWeisei erfährt es Wirkungen. Das Ich wirkt: Was

1 Da ist die Rede von der immanenten Zeitlichkeit. Die Frage der mundanen Zeit-

lichkeit muss besonders erwogen werden.


126 zur willensanalyse: das wirken des ich

kann das überhaupt besagen? Und hwas besagti: Das Ich erfährt
Wirkungen?
Das Ich wird von einem Immanenten affiziert, z. B. von einem
Tondatum. Es wird ein Trieb zur Zuwendung erregt, und ihm folgend
5 erfasst das Ich das Datum. Wir können also sagen, das Ich erfährt hier
Wirkungen. In der Erfassung wird ein bleibender Glaube gestiftet.
In den bekannten Abläufen der Empfindungsdaten unter Kin-
ästhesen erwachsen unter Wirkungsweisen der unteren Sphäre Ten-
denzen auf Opthimai, und es werden Raumgegenstände konstitutiert,
10 also neues, bleibendes Sein gestiftet, und eine äußere Umwelt ist da.
Wir haben also ein gesetzmäßiges Geschehen oder ein Wirken in der
unterichlichen Sphäre und von ihr ausgehendes Wirken auf das Ich
und in weiterer Folge ein Reagieren des Ich, ein „Wirken“ desselben
in Form von Ichakten, von Kenntnisnahmen und Wertnahmen als pri-
15 mitivsten Tätigkeiten, von äußeren Wahrnehmungstätigkeiten; dabei
treten primitive „innere“ und „äußere“ Handlungen auf. Der Trieb
und Wille, dunkel Auftauchendes der Erinnerung in klare Selbst-
gebung zu verwandeln bzw. zum Selbst vorzudringen, die früheren
Koexistenz- und Sukzessionszusammenhänge schrittweise wiederher-
20 zustellen oder ein indirekt gesehenes Ding direkt und möglichst opti-
mal zu sehen, die unsichtige Rückseite eines Dinges kennenzulernen,
die Vorderseite näher, besser zur Kenntnis zu bringen, die Erwartung,
ein durch eine Anzeige Angezeigtes durch eine Leibesbewegung,
durch Fortschreiten im indizierten raum-dinglichen Zusammenhang
25 zur Erfüllung, das Angezeigte zur Wahrnehmung zu bringen oder
einen Schub oder Stoß zu vollziehen, um ein Ding von der Stelle zu
rücken, ihm eine bestimmt gerichtete Bewegung zu erteilen etc.
Das I ch, bes ti mm t durch Systeme der Wirkung der
unter ichlichen ps ychi schen Sphäre, entwickelt in sich
30 („bestimmt“, sagte ich, nämlich zu gewissen Trieben und reakti-
ven Akten) di e r aum- di ngl i che Apperzeption aus, einen
allgemeinen H abit us , der si ch i n besonderen Apperzeptio-
nen immer wieder b ekundet, in besonderen Wahrnehmungen
usw., mit denen ein besonderes Dasein für das Ich zur Stiftung kommt,
35 eine besondere habituelle Stiftung. In der Subjektivität, zu der we-
sentlich Ich und „Bewusstseinsstrom“ gehören, konstituiert „sich“
die bleibende Welt für das Ich, aber das Ich, so sehr es in seiner
Tätigkeit an dieser Konstitution beteiligt ist, schafft sie nicht, erzeugt
zur willensanalyse: das wirken des ich 127

sie nicht im gewöhnlichen Sinn, ebenso wenig wie es sein vergange-


nes Leben erzeugt, seinen Strom ursprünglicher Sinnlichkeit erzeugt,
obschon seine ganze Erlebnisvergangenheit ein Daseiendes für das
Ich nur ist durch des Ich Kenntnis nehmendes Erfassen, durch seine
5 tätige Identifikation.1
Das Ich strebt, es ist getrieben, es wird affiziert – darin liegt keine
„Setzung“, keine Stellungnahme. Eine solche liegt erst vor, wenn
ein antizipierender Glaube vollzogen ist, eine „Apperzeption“, eine
„Appräsentation“, und der Trieb von dem Ich her Richtung bekommt
10 auf das Antizipierte, oder vielmehr Strebensrichtung. Denn wir müs-
sen da scheiden: das Spi el von Affektion und Zuwendung,
und das Spiel des dur ch ei ne Anti zi pation hindurchgehen-
den „ Tr iebes “ zu d em „ Sel bst “ des Antizipierten und
der er füllend- real is i eren den Erfassung des Selbst, der
15 Z ueignung des Sel bst. Werde ich von einem Pfiff affiziert und
werde ich zu ihm hingerissen, so wird auf das Ich ein Zug ausgeübt
und im Ich eine Ich-Tendenz, ein Hintendieren des Ich geweckt
und ist darin eventuell sich haltend und steigernd vorhanden, bis
der Tendenz vom Ich her nachgegeben hwirdi, der „Trieb“ in rea-
20 lisierende Entspannung übergegangen ist. Aber wir müssen diesen
„Trieb“ unterscheiden von dem ganz anderen Trieb des erfahrenden
Strebens, in dem das Ich innerhalb der Zuwendung, also gerichtet auf
einen Gegenstand, „fortgetrieben“ wird zu einem zweiten sich darin
darstellenden und anzeigenden Gegenstand, der also selbst in die
25 Zuwendung tritt; die Aufmerksamkeit geht (das Ich wird getrieben
im ersten Sinn) von dem einen zum anderen über. Aber der zweite
Gegenstand ist nur aufgemerkter als dargestellt, angezeigt, und nun
entspannt sich der zweite Trieb in der Realisierung, einer Zuwendung
in einem anderen Sinn, einer Ich-Tätigkeit, die das Selbst heranbringt
30 oder sich zum Selbst hin bewegt und es in den Griff bekommt. Dieser
zweite Trieb ist das Ic h-Streben, und seine Erfüllung ist das
r ealis ier ende Tun de s Ich. Die Realisierung im bloßen Trieb ist
kein Tun. Tätig ist das Ich, das „bewusst“ auf sein „Ziel“ gerichtet

1 Und gleichwohl: Die ursprüngliche Konstitution ist der Prozess, in dem das Ich es

lernt, eine ideale Einheit, genannt reales Selbst, zu erzeugen, und jede Wahrnehmung
ist eine Anweisung zu einer der Möglichkeit nach gesicherten Erzeugung eines realen
Selbst.
128 zur willensanalyse: das wirken des ich

ist. Wir sprechen freilich auch von Trieb da, wo das Ich bewusst sich
hin „getrieben“ weiß, wo sein Triebziel ihm vor Augen steht, sei es
auch noch so unklar, leer.
Das I c h w ir kt, i ndem es strebend sich verhält, und zwar
5 das E r s tr ebt e r eali si ert. Mit einem Wort, das Ich wirkt im Tun
(Handeln im weitesten Sinn). Das Tun kann also ein inneres sein, z. B.
in der Klärung einer Wiedererinnerung, in der klaren Vergegenwär-
tigung einer Anzeige, in der Klärung einer Wortbedeutung, auch im
Suchen des passenden Wortes selbst und komplexen Ausdrucks für
10 einen Gedanken. Doch das war nicht ganz korrekt. Denn hier geraten
wir schon in das Tun hinein, in dem ideale Gegenständlichkeiten
gesucht und erzeugt werden, gemäß Antizipationen, die auf Ideales
gerichtet sind.
Das Tun kann auch auf äußere Gegenständlichkeiten gerichtet
15 sein, auf Leibesbewegung, auf ein Stoßen, auf äußere Vorgänge die
ich in meiner Macht habe, die ich erstrebe und realisiere. Es kann
auch gerichtet sein auf das Erscheinende, Dargestellte, nämlich auf
die Erzielung seines „Selbst-Da“ nach den und den Seiten, die bloß
mitwahrgenommen, aber nicht selbst wahrgenommen sind. Ich fasse
20 die dingliche Realität selbst als ein Erzeugnis bzw. frei erzeugbares
ideales Sein eines besonderen Typus. Jeder „Gegenstand“ ist in die-
sem Sinn Erzeugbares. Aber es heißt, der Gegenstand ist da, und ich
erfasse ihn nur und bringe mir ihn zur fortschreitenden Selbstgege-
benheit. Nehme ich ihn wahr, so ist er für mich eine bereitliegende, mir
25 zur freien Verfügung stehende Idee, die ich fortschreitend in Freiheit
erzeugend mir realisieren kann. Ist er als mitdaseiend gesetzt, so
kann ich von meinen Wahrnehmungen anderer Gegenstände aus ihm
zustreben und ihn wahrnehmen, also selbst erzeugen.
Jeder Gegenst and, ei nm al gesetzt, ist gesetzt in einer
30 habituellen Setz ung, er i st ei n fester idealer Satz.1 Mein mo-
mentanes Tun ist vorübergehend, und das Erzeugte selbst ist momen-
tan Realisiertes. Aber jede neue Erzeugung erzeugt dann das schon
Vorhandene, das heißt, bringt dasselbe ein für allemal für mich als Satz
Bleibende zur erneuten „Gegebenheit“. Für reale Gegenstände heißt
35 das, der einmal in seiner jeweiligen Zeitlichkeit, zugehörig zu der des

1 Jeder Gegenstand histi ein habitueller Besitz aus „Erzeugung“.


zur willensanalyse: das wirken des ich 129

Wahrnehmens, erzeugte hGegenstandi ist wiedererzeugbar, aber sei


es in der Erinnerung mit derselben Zeitlichkeit oder in neuer Wahr-
nehmung in einer neuen Zeitlichkeit und in einem entsprechenden
Seinsgehalt für sie (er, derselbe); was im Sinn angelegt, im Horizont
5 der Setzung beschlossen ist.

h§ 3. Das äußere Erzeugen von Werken. Das Werk


als bleibendes Sein einer bleibenden Absicht. Der
erledigte und der preisgegebene Wille. Willensgesinnung
und wertende Gesinnung. Der auf eine Idee und
10 ihre realisierende Selbstgebung gerichtete Willei

Nun kann das Reale ein Sich-Änderndes sein, andererseits kann


ich auch frei tätig, statt das Sich-Verändernde wahrnehmend hzui
verfolgen und so sein immer neu bestimmtes, aber in den Wandlungen
identisches Selbst zu realisieren, selbst eine Veränderung oder eine
15 Änderung der Veränderungsverläufe erwirken und so den Gegen-
stand bzw. den Vorgang umgestalten, z. B. indem ich den Gegen-
stand anstoße oder während einer Bewegung ihm ein ablenkendes
Hindernis in den Weg lege. Oder ich kann die Gestalt und sonstige
Bestimmtheiten des Gegenstandes, seine Qualitäten verändern, also
20 einen abgeänderten, wir sagen dann auch einen neuen Gegenstand
erzeugen. Er ist mein Werk, und ich erkenne hihni auch wieder als
ein von mir Erwirktes, ein von mir durch Eingreifen in den Verlauf
des Werdens (des Von-sich-aus-Werdens) frei Erzeugtes, unter Um-
gestaltung von „Gegebenem“.
25 Ein Werk sieht im Allgemeinen anders aus als ein Selbstgewor-
denes. So kann ich an seiner Gestalt etc. den Gegenstand unter
anderen Gegenständen wiedererkennen, nicht nur als dieses Indivi-
duum, sondern als mein Werk. Und wieder kann ich so Gegenstände
in Gemeinschaftszusammenhängen als Werke (die ich nicht selbst
30 erzeugt habe), aber halsi Werke anderer wiedererkennen.
Ich kann es wollen, dass etwas, das so ist, anders sei. Das kann ein
vorübergehender Wille sein. Mich stört momentan ein vorstehender
Baumast, ich reiße ihn ab; nachher habe ich kein Interesse daran. Ein
Werk ist etwas, das ich als ein dauerndes Sein erstrebe und realisiere,
35 und nicht erstrebe ich dabei bloß eine Änderung eines Daseienden,
130 zur willensanalyse: das wirken des ich

sondern wenn ich auch durch Veränderung am Daseienden das Werk


erzeuge, so will ich das Gewordene als so Geartetes und bleibend
so Fortdauerndes, und am vorangegangenen Material habe ich kein
Interesse mehr. Ich kann später das Werk zerstören, weil es mir nicht
5 mehr wert erscheint, oder es umarbeiten, dann verändere ich es als
Werk, als schlichte Realisierung meiner eigentlichen Absicht.
Zu einem Werk gehört eine vorangegangene Absicht, deren Ver-
wirklichung das realisierende Streben gilt. Ist sie verwirklicht, so ist
das Werk nicht nur bleibendes Sein, sondern bleibende Verwirkli-
10 chung meiner bleibenden Absicht, hdiei selbst also auf bleibendes
Sosein gerichtet ist. Eine momentane Absicht kann eine momen-
tane Realisierung finden, und dann ist das momentane Werk da und
schon vernichtet als Werk, da es nicht als bleibendes beabsichtigt
ist. Ein momentaner Behelf ist kein Werkzeug, das geschaffen ist
15 als bleibendes, um beliebig oft dienen zu können. Ein momentanes
Bild im Sand ist kein Werk wie eine künstlerische Zeichnung, die
geschaffen ist, um immer wieder geschaut zu werden, oder wie ein
Haus, das geschaffen ist, dauernd bewohnt zu werden und dauernd in
würdiger Weise (in beliebig wiederholtem Anschauen) der Idee eines
20 behaglichen Landhauses oder einer Kaserne Ausdruck zu geben.
Ein zielgerichtetes Streben ist Begehren, wo noch kein mögli-
cher Wille und Weg frei liegt. Begehren ist nicht bloß Wünschen,
wobei ein Wollen nicht in Frage ist, wo „ich nichts dazu tun kann“.
Das Begehren ist immer bereit, darauf los zu springen, wenn sich
25 ein möglicher Willensweg, eine mögliche Handlung eröffnet. Dem
Begehren geht Wollen, und zwar Handeln vorher, nämlich in Form
von erwogenen Möglichkeiten, deren einige untunlich sein mögen,
deren Fülle aber noch nicht erschöpft ist. Beim Wünschen braucht
noch gar keine praktische Frage aufgetaucht hzui sein; es genügt,
30 dass ich ein Gut vermisse und ich in Folge davon danach „strebe“,
es wünsche. Handelnder Wille ist praktische Setzung, die einen Wil-
lensweg einleitet; die realisierende Entspannung des Strebens (und
aller Wille ist auch Streben) im Durchlaufen des Weges und das
Terminieren im Erzielten charakterisiert die Wegdurchlaufung und
35 seinen kontinuierlichen Willens-(Handlungs)modus: wenn der Wille
eben in einem „Ende“ sein Ziel, sein Werk haben soll. Gewollt kann
aber auch eine unmittelbare Handlung selbst, ein Bewegen meiner
Hand etc., sein. Dann ist sie selbst Weg und Ziel in Deckung von
zur willensanalyse: das wirken des ich 131

Phase zu Phase. Liegt ein Ziel am Ende des Weges, so kann es wieder
sein ein ruhendes, ein Werk, oder ein Vorgang, und dieser Vorgang
kann selbst ein unmittelbarer subjektiver Willensvorgang sein.
Der entspannte, erfüllte Wille ist nicht notwendig „erledigter“,
5 in Form der Erledigung aufgehobener Wille. Geht der Wille auf ein
Bleibendes, so ist das Eintreten und weitere Verharren des Bleiben-
den ein willentliches, und das Werk ist fortdauernd Werk, es hat an
sich den Charakter des „willensgemäß Gewordenen und Seienden“
an sich: auch wenn es nicht aktuell erfahren ist. Tritt es wieder in die
10 Erfahrung, so tritt es mit diesem Charakter auf.
Ist der Wille erledigter, dann tritt er mit dem Charakter des er-
strebt und gewollt Gewesenen und Erledigten auf. Der Wille, nicht
der Willensakt, sondern der bleibende Willenssatz (die Willensge-
s innung, wie man vielleicht auch sagen kann) ist noch bei der Sa-
15 che, gehört ihr zu. Sie dauert noch fort als willensgemäß. Der Wille
kann aber auch preisgegeben und, trotzdem er schon realisiert ist,
aufgegeben sein. Die Sache war mir als werte, liebsame im Vorsatz
vorgesetzte; in der Erfüllung war das Werte realisiert oder das als
wertvoll Geltende realisiert. Stellt sich mir der Unwert heraus, habe
20 ich mich im Wert getäuscht, oder stellen sich Unwerte aus neuen
Relationen neu heraus, so will ich das nicht mehr, sein Dasein ist
mir nicht nur unlieb, sondern es ist zwar gemäß meinem früheren,
auf dauerndes Sein gerichteten Willen da und diesem Willen gemäß,
aber dieser Wille ist nicht mehr mein Wille (meine Willensgesin-
25 nung).
So ist auch ein Werten, ein Schönwerten, an einer Sache Gefallen
haben, nicht nur ein momentaner Akt, sondern eine bleibende Ge-
sinnung, und ist sie ein dauerndes Sein, so ist dies nachher dauernd
„gefällig“, wert. Der Wille geht auf die Zeitlichkeit, sofern er auf
30 künftiges Dasein geht, und er geht auf die Zeitlichkeit auch insofern,
als er auf die Dauer des künftig Seienden geht: gemäß der wertenden
Gesinnung. Werte ich etwas nur momentan und für Momentanes
(momentan geniert mich ein Zweig und hindert mich, eine Aussicht zu
genießen, um dessen willen ist er mir momentan unwert), so ist auch
35 die Willensgesinnung beschränkt. Umgekehrt kann mir ein Baum da
im Bild wert sein, weil er die Aussicht als Bild hübsch umgrenzt.
Ich habe flüchtige Werte und flüchtige Mittelwerte und Dauerwerte,
dauernde Mittelwerte.
132 zur willensanalyse: das wirken des ich

Ich habe auch allgemeine Werte, allgemeine Zwecke und Gegen-


stände, die geeignet sind, als Mittel für Zwecke einer allgemeinen
Art und Form zu fungieren. Ich erzeuge Werke, die ihren Sinn haben
als „Werkzeuge“, und ihnen haftet für mich ihr Dauercharakter als
5 Werkzeuge, als Hammer, Feilen, Waffen, als Waagen, Leitern etc.
an. Sie können „unbrauchbar“ werden, dann sind sie nicht mehr
wirkliche Hämmer etc., sondern gewesene, und sie verlieren ihren
Charakter aus der nun aufgehobenen Willensgesinnung. (Zunächst
sprechen wir da von solchen Dingen in solipsistischer Beziehung, erst
10 dann in intersubjektiver.)
Erzeuge ich einen Vorgang, so ist er, solange er verläuft, willent-
lich von mir her erwirkt und meiner Willensintention gemäß. Ist er
abgelaufen, so ist der Wille (bzw. die durch die Willenskontinuität
hindurchgehende Willensgesinnung) erledigt. Erzeuge ich einen Vor-
15 gang, in dem sich eine Idee realisiert, wie ein musikalischer Vorgang,
so kann der Wille auf diese Idee und ihre konkret realisierende Selbst-
gebung gerichtet sein. Gelingt mir die Herstellung des Vorganges
bzw. diese Realisierung unvollkommen, so kann ich auf Vollkom-
menheit gerichtet hseini; ich kann einen Willen haben, Macht über
20 solche Vorgänge durch Übung zu gewinnen. Ich habe dann vor Augen
Reihen solcher Vorgänge, in denen die Idee je nach dem Gelingen
unvollkommen oder vollkommen, ohne oder mit Fehlern realisiert
ist und mit dem Ergebnis, dass ich in Freiheit (eingeübt) jederzeit die
Idee wieder realisieren kann und immer in vollkommenerer Weise.
25 Nun liegt diese Idee in meinem praktischen Feld, sie bildet für mich
eine Art Besitz, ich „habe“ sie als Musik in meinem Repertoire.
Die objektive Existenz des musikalischen Werkes ist nichts anderes
als diese praktische Existenz, nämlich dass jeder Begabte auf dem
Weg der Einübung dieses Werk immer wieder spielen kann. Und
30 der Künstler schafft das Werk als seine Idee, aber auch mit der
Absicht, dass die Menschen es spielen und andere Menschen, was ich
hinzufüge, es danach hören und immer wieder als „edel“ erschauen
und genießen können.
Im Ich-Wirken (Streben, Wollen) konstituiert sich für mich eine
35 an sich seiende Natur, eine sich von sich aus verändernde oder un-
verändert verharrende. Im Ich-Wirken als Werten konstituiert sich
das Reich der Naturschönheit und der Naturwerte überhaupt, mittels
des Willens das Reich der Nützlichkeiten, der als „Rohmaterial“ für
zur willensanalyse: das wirken des ich 133

Werke und für praktische Zwecke jeder Art nützlichen Dinge, ferner
das Reich der Werke, auch der Werke, die einen geistigen, idealen
Sinn haben.

h§ 4. Erkenntniswerte und -werke. Das theoretische


5 Interesse als Interesse am Optimum der Füllei

Auf die Welt und alle Gegenstände überhaupt beziehen sich die
Erkenntniswerte und -werke, die in Bezug auf Gegenstände durch
Tätigkeiten des Ich konstituiert werden als ideale Gegenstände oder
als ideale Gebilde, die ihrerseits wieder zu schlichten Gegenständen
10 (durch Identifizierung) werden und frei verfügbar sind als Substrate
eventuell neuer Bildungen des Ich. Die Erkenntnisgegenstände sind
die logischen Gegenstände und unterstehen ihrer Form nach den
logischen Gesetzen. Ihre fundierte Bildung bringt es mit sich, dass sie
konstituiert werden können aufgrund von unklar oder leer gesetzten
15 Gegenständen oder von selbstgegebenen, und dass so verschiedene
Möglichkeiten der „uneigentlichen und eigentlichen“ Gegebenheit
unterscheidbar sind. Die wahren logischen Gegenstände (die wahren
Sätze) sind das „Selbst“ der logischen Gebilde als Ziel, als Ziel-
ideen. Das s elbs tgebe nde Bewuss tsein ist das das Selbst
20 er zielende; das logische Evidenzbewusstsein ist das aus der Selbst-
gebung der Gegenstände-worüber in ursprünglich tätiger Erzeugung
die logischen Gebilde erzeugende Tun.
Das leere oder unklare Bewusstsein gibt auch „Gegenstände“, die
sich identifizieren lassen und Substrate für logische Aktionen (Ge-
25 bilde und Handlungen) werden können. Aber jedes unklare
hBewusstseini lässt sich in ein klares, jedes auf ein Selbst und ebenso
hlässt sichi jedes völlig dunkle, leere hBewusstseini auf ein Selbst
hinleiten, und das Selbst ist das „Optimum“; das ihm zugehörige
„sachliche Interesse“, der Wert der Sache selbst als Sache selbst,
30 bestimmt die Erkenntnisbewegung. D i e „ Intentio nalität “ ist
eine mehr deuti ge Rede.
Im Unklaren einer Klarheitsreihe gegen ein Selbst stellt sich im-
merfort dasselbe vor; es geht durch die Kontinuität des Ablaufes
eine Einheit der „Deckung“ hindurch, und so können auch geson-
35 derte solcher unklaren Gegebenheiten in Deckungseinheit treten;
134 zur willensanalyse: das wirken des ich

und diese Möglichkeit gehört zu ihrem Wesen. Sind aber Unklarhei-


ten in Übergangssynthese mit Selbstgegebenheiten getreten, so heißt
diese Synthese darum Synthese der Erfüllung, weil das Leere der
Unklarheit seine steigernde Fülle erhält und die Steigerung hin zum
5 Limes führt.1
Andererseits gehört zur Fülle des Selbst das „theoretische Inter-
esse“, das I nter ess e des O pti m um s, des Limes der Interes-
s ens teiger ung. Und so versteht sich das Erwachen eines Strebens,
wo immer das Interesse am Gegenstand geweckt und bestimmend
10 ist, eines Strebens, das auf das Optimum, auf das Selbst, die Sache
selbst geht und auf seine mögliche Erzielung. Wir haben also die
Intentionalität des Strebens hhinidurchgehend durch die Intentio-
nalitäten in dem anderen Sinn, durch das aufmerkende, erfassende
Bewusstsein, in dem der Gegenstand eventuell in wechselnden Klar-
15 heitsstufen als das bewusste Etwas und als Deckungseinheit bewusst
ist. Durch die praktische Erkenntnisintentionalität, die ihr Ziel im
Selbst hat (noetisch: ihren Terminus in der Evidenz), bekommt der
Gegenstand, das Identische, den Charakter des Themas und in
der Erzielungsform den des Selbst, des wahren Seins, des wahrhaft
20 seienden Gegenstandes, in dem das Erkennen sein Ziel erreicht und
das daher hier Kenntnis und Erkenntnis im gegenständlichen Sinn
heißt. Von E rkennt nis sprechen wir für die logischen Gegenstände
in ihrem Modus des Selbst, onthischi ist die logische Erkenntnis der
Logos selbst oder die Wahrheit, aber eben als erkennend erzielte.
25 Das Verstehen von Zeichen, das lesende und deutliche Verstehen:
Man ist dabei zumeist und normalerweise eingestellt eben nur auf
das deutliche Verstehen; beim Lesen klingt eventuell zunächst nur
der Gedanke an, wir stocken und lesen langsamer noch einmal, bis
sich der gegliederte „Gedanke“ mit allen deutlich unterschiedenen
30 Gliedern und in der deutlich erfassten Gesamteinheit einstellt bzw.
zur synthetischen Erzeugung kommt. Dabei stellt sich bald ohne
weiteres der Gedanke im doxischen Modus der Überzeugung ein,
bald stocken wir in dieser Hinsicht, wir haben ihn als eine Zumutung,
die uns zweifelhaft ist oder die wir aus dunklen inneren Motiven
35 ablehnen. Das genügt für unser Interesse. Man wird sagen, dass hier

1 Nein, weil die Erkenntnisintention sich auf das Selbst richtet.


zur willensanalyse: das wirken des ich 135

doch geschieden werden muss theoretisches Interesse und letztaus-


weisendes normatives Interesse: Das Interesse, das oben als theore-
tisch beschrieben wurde, ist, wird man sagen, das normative, das an
dem Erwerb der Sachen „selbst“.1

5 h§ 5. Passivität des Ich – „mechanisch“ hingezogen von


Reizen, „mechanisch“ genießend – gegenüber freier
Stellungnahme im aktiven Glauben, Werten und Tun.
Urteilswahrheit, Wertewahrheit und Willenswahrheiti

1) Das Ich wird affiziert, es erfährt einen Reiz zur Zuwendung,


10 es wird „mechanisch“ hingezogen, und bei einer gewissen, andere
Erzeugungen von Reizen überwiegenden Kraft wird die Zuwendung
„ausgelöst“. Empfindungskomponente und Gefühlskomponente
(allgemeiner: Sachkomponente und Gefühlskomponente).
Passivität des Ich im Zugewendetsein, das Ich ist passiv motiviert
15 durch das Gefühl; es genießt, es haftet an der Sache, sofern sie Sache
des Gefühls ist. Neue Reize, die von verborgenen oder inexpliziten
Momenten der Sache ausgehen, führen zum Durchlaufen der Sache,
zu ihrem Explizieren, zu ihrem Herausstellen nach den selbst nicht
gegebenen Momenten (äußere Gegenstände) und entsprechendem
20 Genießen. Der ichferne Gefühlsreiz wird zum „Ich fühle“, „Ich ge-
nieße“: Passivität des Ich. Positiv: Wollust, negativ: Schmerz, Leiden.
In der Passivität des Leides wird das Schmerzliche „genossen“.
2) Freie Stellungnahme. Die Wahl. Ich werde von Reizen hin und
her gezogen, „mechanisch“. Am Einzelnen hafte ich, „mechanisch“
25 genießend. Der Gegenstand des Genusses kann aber auch ein Gefal-
len, ein Lieben in mir erregen; statt unfrei an ihm zu hängen, kann ich
mich ihm frei hingeben und ihn „ täti g “ werten. Auch negativ wer-
ten. Ich kann den einen vor dem anderen wertend bevorzugen und die
Intensität des Reizes und die passive Genussintensität unterscheiden
30 von der Höhe des Wertes oder der Vorzüglichkeit des Wertes. Das
Werten geht von mir aus (strömt aus), ebenso wie das aktive „Ich

1 Interesse an der Bildung und einstimmigen Fortführung logischer Gedanken, theo-

retischer Überzeugungen – Interesse an ihrer letzten normativen Ausweisung.


136 zur willensanalyse: das wirken des ich

glaube“, „Ich urteile“ im Vergleich mit der passiven Betrachtung des


Gegenstandes und seiner Einheit, die keine „Stellungnahme“ ist.
Ebenso beim Streben. Ich stelle etwas vor, das mich „in der
Vorstellung“ durch ein Lustmoment anzieht. Ein realisierender Weg
5 dahin ist offen, passiv gebe ich nach und werde hingezogen, die
Realisierung läuft ab. Demgegenüber: Ich strebe frei wollend dahin,
ich entscheide mich für den Wert praktisch; frei nehme ich wertend
Stellung und frei entschließe ich mich, entscheide ich mich; praktisch
und frei ist die Handlung als ein „Ich tue“ und nicht „Ich lasse mich
10 dahin treiben, bin bloß Stelle der passiven Auslösung“.
Im aktiven Gl auben konstituiert sich das Sein und Sosein;
hdiesesi kann selbst ein Interesse erwecken und aktiv gesetzt identifi-
ziert werden als fundiertes. Im akti ven Werten konstituiert sich der
Wert, der selbst ein „theoretisches“ Interesse erregen und als gegen-
15 ständlich seiend gesetzt werden kann. Im aktiven Tun (Handeln)
hkonstituiert sichi die Handlung, die Tat, die, wenn sie ein Dauerndes,
Verbleibendes ist, „Werk“ (physisches und geistiges Werk) heißt.
Der wahrhaft seiende Wert weist zurück auf ein Wertnehmen als
ursprünglich freies Wertsetzen und zurück auf den Unterschied von
20 antizipierendem Werten und evidentem, erfüllendem Werten.
Aufgrund leerer Vorstellung und hvoni in leerer Vorstellung ver-
gegenwärtigtem Wertmotiv (einem Gefühl) nehme ich wertend Stel-
lung; so wie in der Passivität das unklar vorstellige Gefühl ein passives
Streben und Realisieren motivieren bzw. auslösen kann, das dahin
25 tendiert und führt, den Gegenstand zur Gegebenheit zu bringen und
damit das Gefühl in die originäre Gestalt zu verwandeln, in der das
Ich es genießen kann; oder wie wir auch sagen können: So wie ein in
der Vorstellung auftauchender Gegenstand und die Vorstellung des
Genusses, des Gefühls an diesem Gegenstand, ein Streben motivieren
30 kann, in eins den Gegenstand selbst und den Genuss herzustellen, so
kann dasselbe auch hinsichtlich des in der Vorstellungsmodifikation
auftretenden aktiven Wertens statthaben.
Statt Vorstellungsmodifikation sage ich besser „Antizipation“.
Das antizipierende Bewusstsein und das selbstgebende sind Bewusst-
35 sein vom Selben. Der Satz, das Gesetzte (sowie die Setzung des Ich als
Setzung dieses Sinngehaltes) ist ein und dasselbe, aber einmal ist das
Gesetzte selbstgegeben, bewusst im Modus der Selbstgegebenheit,
und das andere Mal durch Unklarheit hindurch vermeint. So im
zur willensanalyse: das wirken des ich 137

Glauben, so im Werten, das in sich selbst die Modi der Leere, der
Unklarheit hat und von ihrer Vorstellungsunterlage übernimmt, und
so das Streben und Wollen in seiner noch höheren Fundierung.
Durch diese Steigerungen der Bewusstseinserfüllung geht aber,
5 sofern diese Steigerung selbst das Gefühl, und zwar lustvoll bestimmt,
ein Streben. Die evidente Gegebenheit ist selbst ein Wert, und die
Wertung ist selbst eine Endwertung, eine Wertung, die kein bloßes
Wertvermeinen ist. Ebenso ist das freie Streben, das auf evidente
Gegebenheit gerichtete Wollen, ein erfülltes Wollen und hat nichts
10 von Antizipation. Das Selbst bzw. der Selbstwert des Selbst motiviert
den freien Willen, motiviert das Ich zum realisierenden Streben und
eventuell vorher zum bleibenden Entschluss, dergleichen überhaupt
anzustreben.
Muss dabei der Wert und seine Realisierung gegenständlich sein?
15 Muss sich seine Seinssetzung vollziehen und dann die Seinssetzung
im Modus des „selbst“ gewertet erstrebt werden? Aber kommen
wir damit nicht auf einen unendlichen Regress? Wo immer ich ein
Tun vollziehe, bestimmt mich (motiviert mich) eine wertende Stel-
lungnahme, aber nicht ein gegenständlich gewordenes Wertsein, das
20 nur immerfort vorgegeben ist, vor-konstituiert, aber nicht schon als
gegenständliches Sein im Glauben gesetzt.
Wir haben also eine U rtei l swahrhei t bzw. ein wahres Sein. Wir
haben eine We rt ewahrhei t: wahre Werte und Wertgebilde, – wir
haben eine Wi ll enswa hrhei t: wahre Handlungen, Taten, Werke.
25 Wir nehmen dabei die vollen Konkretionen, so dass hdasi Selbst des
wahren Wertes das wahre Sein der fundierenden Glaubenssetzungen
einschließt, während sonst der Wert nur als „hypothetischer“ Wert
Geltung hat und selbstgegeben sein kann. Zum Beispiel die Freude
an einem (berechtigten) Ereignis als Wertung und Wertgesinnung:
30 Es kann ein wahrer Wert sein und als das eingesehen sein, aber die
Freude am Sein ist nur berechtigt, wenn das Ereignis ausweisbar ist
als wahre Wirklichkeit. Ebenso der gute Wille, die gute Tat etc. Der
Entschluss ist ein richtiger, wenn seine Wertvoraussetzungen wahre
Werte betreffen, und die Tat ist eine wahre, wenn sie nicht nur in
35 Wahrheit geschehen ist als Handlung, sondern wenn die „Gesinnung“
eine gute war, wenn die vermeinten Werte wahr waren und wenn die
Hypothesen, auf die sie als eventuelle Übertragungswerte bezogen
waren, sich bewähren.
138 zur willensanalyse: das wirken des ich

h§ 6. Freie Ich-Akte als Aktualisierungen und Stiftungen


von Gesinnungen. Aktives Streben als Vernunftstreben
auf Evidenz der Wahrheit im weitesten Sinn gerichtet.
Jeder Akt des Ich als seine bleibende Bestimmung,
5 solange er nicht durch neue Akte entwurzelt wirdi

Das W ir ken des I ch und sein Gegenstück: Das Ich erfährt


W ir kungen.
1) Das Ich erfährt Wirkungen in Form der passiven auf es gerich-
teten Reiz-Affektion. Es wird in ihm eine Reaktion passiv ausgelöst;
10 es wendet sich zu und verhält sich „genießend“; das motivierende
Gefühl nimmt die Form des passiven Interesses, die wir „Genuss“
(mehr/weniger) nannten, an. Die Auslösung der Zuwendung und des
daran sich schließenden passiven Interesses werden wir kaum ein
„Wirken“ des Ich nennen.
15 Ebenso zum Beispiel der Prozess, in dem sich ein triebhaftes Sich-
Bewegen ohne Ichbeteiligung in ein Sich-Bewegen mit Ichbeteiligung
wandelt, nicht in ein bloßes Zuschauen der sich vollziehenden Bewe-
gung, sondern so, dass die vorangehende Vorstellung einer subjek-
tiven Bewegung das Ich als Triebich affiziert und eine realisierende
20 entsprechende Bewegung auslöst: ein passives Realisieren, das zwar
vom Ich ausgeht, aber als Folgeleisten einem Zug.
2) Ich vollziehe frei „Ich-Akte“, vom Ich her frei vollzogene,
glaubende, wertende, wollende „Stellungnahmen“; sie sind entwe-
der Aktualisierungen schon vorhandener Gesinnungen des Ich, die-
25 sem habituell zugehörig, oder Stiftungen solcher Gesinnungen.
(Jede Aktualisierung ist zugleich Bekräftigung bei Krafterhal-
tung, sekundäre Stiftung.) Im Ich ist nicht nur die Stelle, wo et-
was ausgelöst wird, sondern in ihm wird ein Habitus begründet als
seine Eigenheit. Insofern sind die Motive das, was wirkt, und der
30 Akt bzw. die Gesinnung hdasi, was erwirkt wird. Insofern ist also
die allgemeine Rede von Akten, Glaubensakten und wertenden Ak-
ten und selbst von Willensakten (soweit sie bloß Entschlüsse sind)
unpassend, ebenso wie Bewusstsein, intentionales Erlebnis. Auch
„vollzogene“ Intentionalität gegenüber nicht vollzogener Hinter-
35 grundintentionalität ist kein gutes Beiwort, abgesehen hdavoni, dass
„Intentionalität“ nicht wohl passt. Es ist schwer, ein passendes Wort
zu finden.
zur willensanalyse: das wirken des ich 139

Akte im eigentlichen Wortsinn, Tätigkeiten, haben nahe Bezie-


hung zu den intentionalen Erlebnissen; sie sind intentional, sofern sie
als hdasi Medium eine Intention, ein Streben gegen das „Selbst“,
das Wahre, die Norm, aufnehmen können und zumeist wirkliche
5 Intentionalität in sich bergen. Alles Tätigsein setzt „Akte“ voraus,
und es ist selbst ein Akt.
Alles aktive Streben und alle Tätigkeit ist Vernunftstreben, Ver-
nunfttätigkeit, 1) gerichtet also auf Erzielung der Wahrheit im weites-
ten Sinn und, was nahe damit zusammenhängt, auf Kritik der nicht-
10 evidenten Akte durch ihre Normierung an evidenten oder besser:
korrelativ auf Kritik des vermeinten Seins, der vermeinten Werte
und Güter, der vermeinten Praktika h, durch Normierungi an ihrer
„Wahrheit“ in Form der „Einsichten“ (onthischi verstanden). Ein
Tun, ein Handeln untersteht zwar immer der Norm, ist aber nicht
15 notwendig auf seine Norm bezogen oder gar gerichtet, sondern so-
zusagen auf alles Mögliche. 2) Ein Ziel kann realisiert werden, das
keineswegs praktische „Wahrheit“, Normgerechtigkeit hat. Es wird
eben etwas realisiert, das ist, aber darum nicht mit dem Wertsinn ist,
den der Wille in der Betätigung beständig voraussetzte und den er als
20 bleibende Willensgesinnung weiter in Setzung erhielt.
Zu bemerken ist dabei: Eine Tat ist nur richtige Tat, wenn der
vermeinte Wert, den sie als Motivanten in sich trägt, wahrer Wert
ist, also das Getane, abgesehen davon, dass es Tat ist, ein Wert im
wahren Sinn ist. Andererseits ist sie selbst dann eine „wertvolle“ Tat,
25 nämlich als Tat wertvoll. Sie ist dann ein wahrer Wert, nämlich sie
kann gewertet werden, und notwendig ist dann der vermeinte Wert
ein wahrer.
Das Ich w ir kt als t äti ges Ich, es erwirkt Geschehnisse durch
sein Tun, sein Handeln ist selbst ein von ihm tuend erwirktes Gesche-
30 hen, und dann sind erwirkt Mittelziele und Endziele, ein bleibendes
Werk etc. Ich-Wirken heißt Handeln, Erzielen. Als eine „Kausalität“
ist es eine Kausalität besonderer Art: Das Ich „wirkt“ aber auch,
wie immer motiviert und dadurch „kausiert“, in jedem Akt in ge-
wisser Weise, unangesehen eines Handelns. Es ist dabei nicht die
35 bleibende Icheigenheit der Entscheidung (Überzeugung) durch den
Akt „erwirkt“, denn jeder Akt ist als Akt des Ich eine Bestimmung
des Ich, die notwendig bleibt, solange sie nicht angegriffen wird.
Aber wie das Ich nun ist bzw. geworden ist (als Ich seiner gesamten
140 zur willensanalyse: das wirken des ich

bleibenden Stellungnahmen), so wird es weiterhin motiviert, und der


neue Akt übt auch Rückwirkungen auf dieses Ich, sofern er frühere
Akte entwurzeln, in Zweifel setzen, brechen kann.1
Ebenso können Zweifel (in ihrer Art auch Eigenheiten des jetzi-
5 gen Ich), entschiedene Setzung von Wahrscheinlichkeiten bekräftigt
werden usw. Es können Verflechtungen begründet, im Dunklen zu-
nächst und passiv motiviert werden (denn auch diese Idealitäten der
Ichsetzungen werden geweckt und treten in Bezug zu der Passivität),
die wir Schlüsse und Beweise nennen usw. Ein neuer Akt kann Reihen
10 von geistigen Gebilden wecken, in unserem Geiste vorüberziehen
lassen, die nicht in ursprünglicher Erzeugung gewonnen, sondern
in bald aktiver, bald passiver Motivation (als Sekundärpassivität)
auftauchen und tendenziös verlaufen, gemäß der Richtung des In-
teresses und seiner allgemeinen Artung. Die Tendenz ist dabei eine
15 passive Strebenstendenz, wir folgen dem Zug des Interesses in der
Urteilsantizipation, Wertantizipation etc. So ist es bei dem normalen
Denken.
Das Wirken als Tun (freies Sich-Entscheiden und Realisieren)
und als Realisieren überhaupt ist also nur ein besonderer Fall der
20 seelischen Kausalität, und sogar der Ichkausalität.

h§ 7. Das Wirken des Ich auf andere Subjekte durch


soziale Akte. Die Person als ein Ich, das mit anderen
Ich in Willensgemeinschaft steht. Personale Liebei

Im kommunikativen Zusammenhang: Das Ich als Ich (Person)


25 fungiert als Ursache, ist Prinzip von Veränderungen, wirkt in die

1 Daraus ergibt sich: Das Ich ist zwar nicht in der immanenten Zeit lokalisiert, aber

es hat in Beziehung auf sie zeitliche Bestimmungen, es entwickelt sich nach seinen
habituellen Eigenheiten. Jede hat in dem ursprünglich stiftenden Akt ihre zeit-lokale
Bezogenheit und ein Feld möglicher Aktualisierung als von da auslaufende „Dauer“,
obschon eine Gesinnung nichts eigentlich hsichi durch die Zeit Hindurchdehnendes
und als extendiert, gedehnt, erstreckt zu Gebendes ist. Das Ich entwickelt sich, indem
es nicht nur Eigenheiten annimmt, sondern Eigenheiten aufgibt, abwandelt, wobei
die Eigenheiten in ein „kausales“ Abhängigkeitsverhältnis treten, sich in Bezug auf
andere abwandeln, nicht sich ändern wie extendierte Eigenschaften, und doch in Ana-
logie. Im Besonderen das diskrete Durchstreichen, Umschlagen von Überzeugungen,
„kontinuierlich“ aber das Verkümmern.
zur willensanalyse: das wirken des ich 141

Außenwelt und erfährt von ihr Wirkungen; speziell wirkt es handelnd.


Es wirkt auf andere Subjekte, indem es für sie Affektionen schafft, die
sie weiterhin passiv und dann aktiv bestimmen. Es wirkt auf sie, indem
es in Ich-Du-Beziehungen soziale Akte übt, also aktiv, handelnd das
5 andere Ich und sein Wollen und Handeln in das eigene einbegreift
und von ihnen einbegriffen wird.
Ich will im sozialen Akt in ein anderes Ich hinein, ich will, dass
er will, und was ich erzielen will, will ich als zu Erzielendes durch
den Anderen. Ich wirke, indem ich einen Ausdruck äußere. Von den
10 Lauten, die ich objektiv erzeuge und die ihn affizieren werden, wird
in ihm in Folge der Affektion eine Zuwendung statthaben. Aber die
Laute werden schon vor der Zuwendung ein Verständnis wecken, in
der Zuwendung wird er, durch die Ausdrücke geleitet, ins Verständnis
eingehen, dem Ausgedrückten zugewendet sein.
15 Ich drücke meinen Willen aus, dass er das und das tun soll, und er,
motiviert etwa durch meine Übermacht und ihre Folgen, macht sich
meinen Willen zu eigen, er will gemäß meinem Willen, er unterwirft
sich und damit wird eine Einheit der Willensgesinnung hergestellt,
die als meine Willensgesinnung anhebt, sich als seine, der meinen
20 untergeordnete, ihr schon Wirksamkeit gebende Willensgesinnung
fortsetzt und künftig in ein Handeln übergeht, das mein Handeln in
seinem Handeln und sein Handeln in meinem ist: wie jeder es von
seinem Augenpunkt ansehen muss. Eine Einheit zweier Ich-Subjekte
als handelnde verbundenen Handelns. Ich wirke, also von mir geht
25 eine Kausalität aus. Verstehen wir unter „Ich wirke“, „Ich übe Kau-
salität“ hdasi „Ich handle“, so liegt im Befehl an den Anderen ein
Wirken und wiederum in der Ausführung des Befehls. Ich wirke auf
den Anderen, das ist, durch mein Handeln mache ich das andere Ich
zum Subjekt eines Handelns, ich erwecke in ihm eine Gesinnung, ich
30 wirke auf ihn als Ich, als Person. Denn zur Person gehören alle Akte
und Gesinnungen, die Gesinnungen zu Akten sind, sich in Akten
aktualisierend. Es ist noch keine Wirkung von Person auf Person,
wenn die eine Affektionen schafft, die auf das andere Ich passiv
wirken. Es ist schon eine Wirkung, die eine Person auf eine andere
35 Person übt, wenn Akte der einen freie Akte der anderen zur Folge
haben. So werden meine Person und freies Aktsubjekt identifiziert.
Verstehen wir aber unter Person spezieller ein Ich, das mit anderen
Ich in unmittelbarer oder mittelbarer Willensgemeinschaft und jener
142 zur willensanalyse: das wirken des ich

besonderen Art steht, in der mehrere Personen der gemeinschaftliche


Träger einer gemeinschaftlichen Handlung sind oder auch mehrere
Personen in einer Gesinnungsgemeinschaft leben, derart, dass die Ge-
sinnung der einen Person die andere Person und ihre Gesinnung als
5 Objekt umspannt, aber in einer korrelativen Gesinnung diese zweite
Person die erste, und zwar im Medium der Wechselverständigung –
dann wirkt eine Person in besonderem Sinn: Sie wirkt auf die andere
unmittelbar, indem sie in ihr und mit ihr gemeinschaftlich wirkt;
mittelbar, indem sie auf eine Person unmittelbar wirkt, die ebenso
10 unmittelbar auf eine andere wirkt, die dann wieder auf eine dritte
wirken kann usw., und personal erwirkt mittelbar heißt dann alles
sonst, was dank dieser Bestimmung der Person durch Person in der
Sachenwelt und Güterwelt, aber auch wieder in der Personenwelt und
in der unterpersonalen Welt unreifer Kinder und der Tiere erwirkt
15 wird. Dann haben wir vor Augen die vorübergehenden personalen
Verbindungen in gemeinschaftlichem Denken, Werten und Handeln,
so wie die Dauervereinigungen von Personen zu personalen Dauer-
ganzen.
In personalen Verhältnissen spielt begreiflicherweise der Wille als
20 gemeinschaftlicher Wille (Mehrheitswille oder multipersonal) eine
große Rolle. Aber das personale Subjekt ist nicht bloß Willenssubjekt,
nicht bloß als ein Ich gedacht in „sozialem“ Handeln (zu dessen
Wesen es gehört, nicht ein, sondern mehrere Handlungssubjekte
als handelnde und zugleich als Handlungsthemen zu umspannen).
25 Die Per s on im spez if i schen Si nn können wir wohl fassen als
Subjekt von s ozial en Akten (Ich-Du-Akten, Akten des Ich im
besonderen Sinn, der sich in den Personalpronomina ausdrückt). So-
ziale Akte jeder Art stiften einen sozialen Zusammenhang oder sind
Aktualisierungen von sozialen Gesinnungen, die aus Sinnstiftungen
30 entstammen.
Eine Liebe im besonderen Sinn personaler Liebe, ist das ein so-
zialer Akt? Ein wertender Akt, der vom Ich, dem liebenden, aus
auf das geliebte Subjekt als Subjekt seiner mannigfaltigen Akte oder
vielmehr Gesinnungen geht, mitwertet, mitwill, mitmotiviert wird in
35 der Einfühlung und all das liebt, oder vielmehr darin das Subjekt
liebt, das in diesen Gesinnungen lebt und webt. „Ich liebe Dich“ –
ein Ich-Du-Akt liegt vor. Aber nicht ein Akt, in dem sich das Ich an
das Du wendet und auf das Du oder durch das Du wirken will. Hier
zur willensanalyse: das wirken des ich 143

ist kein Willensakt. Natürlich motiviert die Liebe zum Handeln, in


Bezug auf den Anderen, dem Anderen Gutes zu tun jeder Art, Übel
von ihm abzuwenden.
Ein Denken, das nicht bloß mein Denken ist, sondern gemein-
5 schaftliches, vom Ich zum anderen Ich überströmendes. Übernahme
eines fremden, sich gar nicht an mich adressierenden, nicht durch
Mitteilung an mich mir zuwachsenden Gedankens. Ich erfasse an
einer Äußerung den Gedanken und nehme ihn mit seiner Motivation
und in seiner Gewissheit auf. Es ist nicht ursprünglich mein selbstge-
10 dachter Gedanke, es ist der fremde, dem fremden Ich in seinem Leben
zugewachsene. Mir kommt er zu durch Verständnis des Ausdrucks.
Wie ich einen Ausdruck verstehen kann und einen gedanklichen, den
ich nicht selbst schon vollzogen, ein Urteil nachurteilen kann, das ich
noch nicht gefällt habe und dgl., ist ein eigenes Problem; es gehört
15 zum Problem der Einfühlung.
Ferner das Problem der Suggestion, des Miturteilens in Nachah-
mung, ohne dass in der eigenen Innerlichkeit Urteilsmotive da sind,
ebenso für Wünsche usw.
XI. VORSTELLEN, DENKEN UND HANDELN1

h§ 1. Willentliche Erzeugung von Vergegenwärtigungen


und von Gedanken. Mechanisches Rechnen. Das auf
reales Dasein gerichtete Realisieren gegenüber dem
5 Erzeugen von Urbildern. Die Erzeugung im Kenntnis
nehmenden Erfahren eines äußeren Gegenstandes
gegenüber dem Erzeugen des darstellenden Erlebnissesi

Jedes erzeugende Tun, Handeln ist strebend gerichtet auf ein


Zukünftiges, auf eine kommende und im Erzielungspunkt erzielte
10 Gegenwart. Das Erstrebte wird gegenwärtige Wirklichkeit und wird
es als von mir „durch“ mein realisierendes Tun Erzieltes, Reali-
siertes. In jedem Handeln während seines Verlaufs ist immerfort
Kommendes als Erwartetes, aber nicht bloß als das. So ist auch die
Sphäre der Wiedererinnerung ein Feld des Handelns, desgleichen
15 die Sphäre der fingierenden Phantasie, in ähnlicher Weise auch die
Sphäre der Erwartung, und das alles als „bloße Vorstellung“ ver-
standen, das ist vor allen Einschlägen begrifflich gedankenbildenden
„Denkens“.
Eine Erinnerung kann matt oder ganz unanschaulich sein, ich
20 strebe nach Anschaulichkeit, und es kann ein aktives Ichstreben, ein
richtiges „Wollen“ sein. Was will ich dabei? Nicht das Vergangene soll
zum Erzeugnis werden; was ich erzeugen will, ist das „E ri n n eru n g s-
b i l d“.2 Was als unwillkürlicher Prozess öfters eingetreten ist und
eintreten kann, ein Aufmerksamwerden auf ein Vergangenes, aber
25 in Form einer leeren Wiedererinnerung, durch die der Ichstrahl hin-
durchgeht, das dann „von selbst“ übergeht in die optimale Gestalt

1Wintersemester 1921/22.
2Erinnerungs„bild“ als Ziel des Strebens nach Klarheit. – Für die Rolle der „Bilder“
sehr wichtig.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 145


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_11
146 vorstellen, denken und handeln

einer klaren Wiedererinnerung mit einem anschaulichen „Erinne-


rungsbild“, was dann auch die Gestalt haben kann und in der Regel
hat eines strebenden Hingezogenseins im Übergang, eines tenden-
z iös en Pr ozess es, das kann auch die wesentlich neue Gestalt an-
5 nehmen: Ich will das Bild erzeugen. Das Bild ist dann ein willentlich
erstrebtes und in der Willenshandlung (Erzeugung) werdendes, ein-
tretend als wahrgenommene Gegenwart und im Charakter des Rea-
lisierten. Dieses Erinnerungsbild ist das Korrelat des gegenwärtigen
Erinnerungserlebnisses.
10 Ebenso in der freien Phantasie das Phantasiebild. Jede an-
schauliche Vergegenwärtigung hat in sich beschlossen ein gegenwär-
tiges Vergegenwärtigungsbild, das, in dem sich mehr oder minder
vollkommen das Vergangene, das irgendhwiei „Repräsentierte“
eben repräsentiert, vergegenwärtigt. Also, was ich im betreffenden
15 Handeln erzeugen will, ist natürlich nicht das Vergangene, das Nicht-
Gegenwärtige, sondern sein „Bild“, und im Erzeugungspunkt tritt es
auf als ein Jetzt, als Wahrgenommenes und als Immanentes.1
Ebenso beim Denken. Einen G edanken kann ich erzeugen, er
kann auch werden ohne ein (wirkliches, willentliches) Erzeugen, in
20 einem subjektiven und tendenziösen Prozess. Ich kann mir Fragen
stellen, Aufgaben etc., schließlich tritt der Gedanke, der als Ziel
intendiert war, „selbst“ auf, er ist gegenwärtiger Gedanke, jetzt
habe ich ihn, sehe ich ihn, erfasse ihn.
Es erwächst hier nun eine Schwierigkeit. Ich gehe einem Gedan-
25 ken nach, ich will eine Frage beantworten und finde die Lösung,

1 Die Rede von Bildern stellt eine Doppeldeutigkeit dar (siehe unten). Was erzeugt

wird, ist die wirkliche Repräsentation (die als solche ein Selbst ist, eine wirkliche
Vergegenwärtigung) von einer Gegenwärtigung, von einer selbstgebenden Erschei-
nung, die wieder als wirkliche „Wahrnehmung“ ein Selbst ist und durch sie heine
Repräsentationi vom gegenwärtigen Gegenstand, dem in ihr gegenwärtig geworde-
nen. – Wenn später unterschieden wird hdasi Ur b i l d von diesen r e p r ä s e n t i e r e n d e n
Bildern, so ist klar, dass diese „Bilder“ einerseits so heißen mit Beziehung auf die
vergangenen Gegenstände, Ereignisse etc., so wie die Urbilder Urbilder ihres ge-
genwärtigen Gegenstandes sind. Andererseits sind die repräsentierenden Bilder auch
„Repräsentanten“ der vergangenen Urbilder und repräsentieren damit die Bezie-
hung dieser Urbilder auf den Gegenstand. So haben wir z w e i g r u n d v e r s c h i e d e n e
Beziehungen, die zwischen Ur b i l d u n d Ge g e n s t a n d (selbstgebende Erschei-
nung und ihr Gegenstand) und die der R e p r ä s e n t a t i o n, die auf beides in eins
geht.
vorstellen, denken und handeln 147

aber rein symbolisch, und bin befriedigt. Will ich ausrechnen, wieviel
17 mal 9 ist, und rechne ich aus, so will ich gar nichts anderes, als
die bekannte Methode, die eine rein symbolische ist, befolgen und
eine „Zahlformel“, die dabei resultiert, herstellen. So ist es bei aller
5 „mechanisch“ zu befolgenden Konstruktionsmethodik, einer prakti-
schen Erzeugungsregel, von der vorher allgemein erwiesen worden
ist, dass ihr Resultat jederzeit gewisse (im gegebenen Fall erwünschte)
Eigenschaften haben muss. In einem solchen Fall denke ich nicht nach
und erzeuge logisch den Endgedanken, das ist, es ist zwar ein Erzeu-
10 gungsprozess, in dem aus Worten wieder Worte, aus grammatischen
Sätzen wieder Sätze erzeugt werden, aber nicht eigentlich Gedanken
aus Gedanken oder auch nur Aussagen aus Aussagen.1 Im letzteren
Fall liegt in der Erzeugung das Schwergewicht, d. i. die eigentliche
Intention in den Bedeutungen; im m echanischen Rechnen aber
15 mögen die Bedeutungen mitanklingen, aber sie spielen keine Rolle,
durch sie hindurch geht keine erzeugende Intention während des
Prozesses. Bei einer geometrischen Konstruktionsregel erzeuge ich
Figuren aus Figuren; die Endfigur hat dann die erwünschte Eigen-
schaft, aber eben, dass dieser Sachverhalt besteht oder das Urteil
20 selbst als Wahrheit, ist hierbei nicht erzeugt.
Und so ist es bei allem Verfahren nach Regeln. Ich werde
vorangehend mir sagen: Jedes nach dieser Regel erwachsende Er-
zeugnis hat die Eigenschaft A (was die und die Gründe hat). Ich
will ein Erzeugnis dieser Eigenschaft, also wähle ich als Mittel eine
25 Erzeugung dieses Regeltypus. Ich führe es nun aus und bin in Erin-
nerung an die vorangegangene Regel einsichtig dessen gewiss, ein A
zu haben. Demgegenüber haben wir das „schließende“, das in jedem
Schritt praktisch einsichtig motivierte Verfahren,2 dessen Ende selbst
einsichtig motiviert ist. Doch ziehen wir ja dabei auch Mittelglieder
30 heran, die anderwärts erwiesen worden waren oder die wir einfach
als Gewissheiten in Anspruch nehmen (feststehende Prämissen). Da
ist also mancherlei durchzudenken. Jedenfalls ich kann „Gedanken
erzeugen“ als bloß rein grammatische Sätze (ohne Urteile zu erzeu-

1 Sätze aus Sätzen erzeugen ist eben zweideutig. In Worten denken und dabei aus

Gedanken Gedanken erzeugen in eins mit der Erzeugung der Worte ist heini anderes,
als aus Worten und Sätzen neue erzeugen, ohne dass dabei aus Gedanken Gedanken
erzeugt würden.
2 Auch das falsche, nicht-evidente Schließen.
148 vorstellen, denken und handeln

gen als Gewissheiten dieses Inhalts – was aber hier für uns nicht
von Interesse ist). Ich kann auch Urteile erzeugen, und ich kann
Wahrheiten erzeugen oder besser Urteile erzeugen, in denen ich sie
als Wahrheiten erziele, sie im Modus der Wahrheit, so dass ich ihr
5 Wahrsein selbst erzeuge.
Blicken hwiri jetzt auf die früheren Fälle in der Sphäre bloßer
Vorstellungen zurück, so hätten wir die Parallelen: Ich werde von
einem A an irgendetwas erinnert; die Erinnerung ist von „leerer Un-
bestimmtheit“; ich suche eine bestimmte Erinnerung und es gelingt,
10 aber es braucht darum keine klare zu sein. Jetzt habe ich es: B ist es,
woran mich A erinnert! Ich strebe nun nach einer klaren Erinnerung,
sie tritt ein, und das B selbst im Modus des Vergangenen steht mir
vor Augen, ich sehe es gleichsam vor mir: Ich habe jetzt sein „Bild“,
worin es selbst sich in der Gegenwart darstellt (repräsentiert). So kann
15 auch eine Erwartung unbestimmt sein, kann tätig bestimmt werden
und dann in dieser Bestimmtheit „ausgemalt“ hwerdeni.
I n der V ors tel lun gssphäre habe ich ein besonderes wil-
lentliches Erzeugen, geri chtet auf real es Dasein, und zwar ein
Erzeugen, in dem das Reale als Endziel der Erzeugung in ihr selbst
20 direkt gegeben, beschlossen ist: wie wenn ein Handwerker sein Werk
erzeugt. Das Reale ist dann in der Erzeugung als wahrnehmungs-
mäßiges Dasein beschlossen, zum erzeugenden Bewusstsein gehört
als Ende die Wahrnehmung vom Realen in Form also der realen
ursprünglichen Gegenwart. Das ist das „ Realisieren “ im ur-
25 s pr ünglic hen und eig entl i chen Si nn (real-isieren). Ein ande-
r es willentliches Erzeugen ist dasjenige, wobei ich ein Gegenwärtiges
erzeuge, darin sich ein Nicht-Gegenwärtiges darstellt, oder wo ich
aus einem gegenwärtig vorschwebenden Leeren ein mehr oder min-
der Anschauliches erzeuge, von einem leer Vermeinten (oder quasi-
30 Vermeinten) vordringe zu seinem voll anschaulichen oder mehr oder
minder anschaulichen Selbst. Diese Modalitäten des Selbst sind die
gegenwärtigen „Bilder“; durch sie alle und durch alle „Wiederholun-
gen“ geht hindurch die Identität des Selbst.
Das Erzeugen bewegte sich bei der eigentlichen „Realisierung“
35 in einem Prozess der Wahrnehmung. Aber wir haben noch nicht ge-
schieden die w il lent li chen Wahrnehm ungsprozesse, die selbst
willentliches Erfahren (fortgesetztes wahrnehmendes Kenntnisneh-
men) sind, von den wahr en Real i si erungen.
vorstellen, denken und handeln 149

a) Bei dem erfahrenden, Kenntnis nehmenden Prozess ist das


Erzeugte nicht das gegenwärtige Reale, sondern im Prozess schreiten
wir erzeugend vom Sel bstbi l d (Urbild) des Realen zu intendierten
neuen und neuen Selbstbildern vor und gewinnen damit zugleich ein
5 unversaleres Selbstbild (freilich als Einheit sukzessiver Selbstbilder).
b) Im Reali si eren aber erzeugen wir aus einem selbstbildlich
gegebenen Selbst ein neues selbstbildlich gegebenes Selbst. Wir kön-
nen auch sagen, das eine Mal erzeugen wir aus einem „Urbild“ neue
Urbilder vom Selben, ein andermal aus einem urbildlich Gegebenen
10 ein anderes und nicht dasselbe, nur in einem anderen Urbild Gege-
benes. Das Urbild vergegenwärtigt nicht, sondern gegenwärtigt, aber
es ist nicht das Gegenwärtige selbst, sondern gibt das Selbst, aber
urbildlich. Und hini Unendlichkeiten von möglichen Urbildern, die
ich (und „jedermann“) erreichen könnte, ist das urbildlich gegenwär-
15 tige Selbst identisch dasselbe. Die Urbilder sind aber ihrerseits auch
„Originale“.1
Also war die Beschreibung oben nicht korrekt. Wir haben zu
scheiden 1) die „erzeugenden“ willentlichen Prozesse, die von unbild-
lichen Intentionen zu bildlichen, und 2) die von bildlichen zu neuen
20 bildlichen führen, von Erscheinungen zu Erscheinungen. Die bildli-
chen sind die erfahrenden (oder quasi-erfahrenden) Prozesse. Dem-
gegenüber die Erzeugungen als Realisierungen eines neuen Selbst.
(In der Phantasie ein Selbst durchhalten, hdasi ist, einen Quasi-
Erfahrungsprozess fixieren oder im unstimmigen Wechsel von Phan-
25 tasien selbst mich für eins als Quasi-Selbst entscheiden: ansetzen, es
sei.) Eine besondere Erörterung verlangten die „ Ab “bilder.
Es treten also gegenüber: Realisierungsprozesse und diejenigen
Erzeugungsprozesse, welche Erkenntnisprozesse unterster Stufe

1 Urbild ist eigentlich nie ein Bild, so wenn wir hdasi Original dem Abbild gegen-

überstellen. (Original ist nur ein anderes und ein Fremdwort für Urbild.) Ebenso
gegenüber der Repräsentation ist die Gegenwärtigung urbildliche Erscheinung, und
korrelativ heißt die Repräsentation Vergegenwärtigung hinsichtlich der gegenwärti-
genden Erscheinung, hheißti der wirklichen Erscheinung Urbild, und korrelativ auch
das wirklich Erscheinende, wahrgenommen, oder, was dasselbe, hdasi in seiner Gegen-
wart ursprünglich Gegebene hheißti Urbild, nämlich in Relation zu einer möglichen
Vergegenwärtigung von demselben. Zu beachten ist, dass urbildliche Erscheinungen
als Erscheinungen ihrerseits ursprünglich gegeben, also selbst Urbilder sind hinsicht-
lich möglicher Vergegenwärtigungen von ihnen.
150 vorstellen, denken und handeln

sind, die Prozesse des Erfahrens bzw. des von dem unbildlichen Mei-
nen (und Quasi-Meinen, quasi-setzenden Vorstellen) zum urbildli-
chen oder abbildlichen Erfahren Vordringens; dazu gehört auch das
Hinausgehen, um einen Gegenstand, den ich jetzt vergegenwärtige
5 (urbildlich oder schon erinnerungsmäßig) und der im Nebenzimmer
steht, selbst zu sehen. Das ist ein erfahrender Prozess, erzeugt wird ein
Urbild und eventuell ein Erzeugen mannigfaltig zusammenhängen-
der Urbilder. Ich kann erfahren wollen, ich kann aber auch einen Er-
fahrungszusammenhang, ein allseitiges Erfahren verwirklichen wol-
10 len.
Das Erfahren ist mitsamt seinen Erzeugnissen, Erzeugungszielen
ein „immanenter“ innerer Prozess des Erfahrenden. Eine „Reali-
sierung“ im gewöhnlichen Sinn hat transzendente Ziele, und das
Transzendente ist ein ihm transzendent Reales. Aber kann man nicht
15 auch von immanenter Realität und Realisierung sprechen? Also Er-
zeugungen von Nicht-Bildern, Nicht-„Vorstellungen“, sondern von
immanenten Daten, ohne eine Intention, um durch sie hindurch ein
Selbst vorstellig zu machen. Man wird das nicht leugnen können. Es
ist ja auch ein Unterschied bei Erzeugungen von Bildern und ein
20 grundwesentlicher, ob ich, Kenntnis nehmend, auf das Selbst, auf
den immanenten Gegenstand von der und jener Seite, nach den oder
jenen Bestimmungen gerichtet bin, auf ihn also in seiner und ihrer
Urbildlichkeit der Gegebenheit1 oder ob ich, wie als Phänomenologe,
gerichtet bin auf die Bilder in einem neuen Sinn, auf die Empfindungs-
25 daten, ihre abschattende Funktion („Auffassung“), also auf das „reell
Immanente“, das doch als Gedehntes in der immanenten Zeitform
seine „Realität“ hat.
Allerdings auch der Gegenstand im Wie der Erfahrungsgegeben-
heit, das Bild im anderen Sinn, hat seine Zeitstelle und Zeitdauer.
30 Das Intentionale, das Gegenständliche mit seinen jeweilig gegebe-
nen gegenständlichen Bestimmungen, erscheint, tritt kontinuierlich
in neue und neue Erscheinungen, und in ihnen ist es Erscheinendes
in der Erscheinungsweise. Aber das Objektive, Identische ist eben
„transzendent“, im Immanenten Ideales und hat nur dadurch, dass

1 Ich könnte auch sagen, was da Urbild heißt, heißt gemeiniglich die Wahrnehmung

im noematischen Sinn.
vorstellen, denken und handeln 151

es durch Erscheinungen (Bilder im zweiten Sinn) hindurch erscheint,


Anteil an der Realität, Auftreten in der Zeit als etwas, das sich zeitlich
gibt und gibt in der Erscheinungsweise. Es ist ein ganz einzigartiges
Verhältnis, ja eine ganz einzigartige Einheit, dieses auftretende Ideale
5 im reell Immanenten, als es gerade so darstellend.
Danach habe ich im Kenntnis nehmenden Erfahren eines äußeren
Gegenstandes, z. B. Dinges, ein anderes Erzeugen als im phänome-
nologischen Erzeugen des darstellenden Erlebnisses – obschon im
Wesentlichen der Prozess derselbe ist. Der Unterschied liegt in der
10 Blickrichtung und damit im Ziel. Auf das reell Immanente kann ich
freilich nur kommen, ich kann es nur als Ziel nehmen, indem ich mir
vorher ein „gerades“ Ziel setze: Das erste muss sein, ich will diesen
Gegenstand erfahren, von ihm erfahrend, etwa in der Urbildlichkeit,
Kenntnis nehmen, „ihn“ in Urbildlichkeit durchlaufen; und dann
15 kann ich reflektieren und die reell immanenten Daten, die reellen
Bilder betrachten, eine kontinuierliche Reihe derselben oder ein
Einzelnes herausgreifend als Ziel nehmen, in geänderter Blickstel-
lung auf sie in Wiederherstellung zustreben. Es sind korrelative und
miteinander gegebene Ziele, ähnlich wie wenn bei irgendeiner realen
20 Erzeugungsart die reale Erzeugung selbst zum Ziel werden kann: wie
wenn ich eine solche studieren will und eine solche dadurch selbst
herstellen will, wobei ich die Sache erzeuge, also sie als Ziel setze und
dabei zugleich nachkommend das Erzeugen selbst als Ziel habe und
als das Endziel, während die Sache das Mittelziel ist.

25 h§ 2. Das Denken als Handeln mit dem


praktischen Ziel der Wahrheit. Das Streben nach
Evidenz. Die Logik als Wissenschaft von der
praktischen Vernunft im Erkenntnishandelni

Wie steht es nun mit dem Denken? Dass etwas als Tisch, als
30 Baum, als ein A gegeben ist, das ist ein Gegebenheitsmodus, der
zurückweist (einen Horizont hat) auf andere Gegenstände von dem-
selben Typus, auf ein „Gemeinsames“, identisch Allgemeines, das
sich in ihnen allen und in diesem Gegebenen vereinzelt, und dieses
Einzelne ist bei dieser Auseinanderlegung der „Meinung“ nicht nur
35 vorstellungsmäßig gegeben, sondern auch gegeben als Seiendes dieses
152 vorstellen, denken und handeln

Allgemeinen. Kenntnisnahme und Explikation, Relation, Identifi-


kation, begriffliche Fassung, Modalitäten der Gewissheit, Negation,
Umfiktion, Quasi-Gegebenheit, Quasi-Denken, Ansetzen, hypothe-
tische Zusammenhänge etc. – das sind Titel für subjektive, passiv
5 verlaufende Geschehnisse, und andererseits können diese Gescheh-
nisse zu Wegen willkürlicher Zielsetzungen und Aktionen werden,
zum willkürlichen Denken. Dabei liegen Vorstellungen zugrunde. Die
Gegenstandspole bestimmen polare Vorkommnisse, Eigenschaften,
Verhältnisse, Identitäten, Gleichheiten, Teilverhältnisse, eigenschaft-
10 liche Sachverhalte, relationelle Sachverhalte, Identitätsverhalte etc.
Es sind selbst wieder „Gegenstände höherer Stufe“; doch sie sind
nicht „thematisch“. Worin besteht nun das Denken als Tun?
Im naiven Wahrnehmen ist das Kenntnisnehmen eines Wahrneh-
mungsobjekts ein triebhaftes Tun, aber kein Handeln. Es kann aber
15 auch sein, dass ich dergleichen als Ziel stelle, ich will mir eine Sache
näher ansehen, ich will eine nähere Kenntnisnahme vollziehen, im
Rahmen meines herrschenden Interesses natürlich. Mir fällt auf, dass
es A ist, da habe ich schon den Modus begrifflicher Fasssung, dann,
dass es, dasselbe, B ist: Kette zweigliedriger, durch Identifikation des
20 Substrats verknüpfter „Urteile“.
Ich kann etwa zu Zwecken der Mitteilung darauf gerichtet sein,
Urteile zu fixieren als Aussagen und den Gegenstand begrifflich zu
bestimmen. Ich kann Fragen stellen, wie das Unsichtige und noch
Unbestimmte begrifflich sich bestimmt und so auf Sätze ausgehen und
25 dann auf Sätze verschiedener Stufen. Ich komme auf „weil“ und „so“
im begrifflich Bestimmten. Da S A ist, ist es auch B, ein A weist als das
darauf hin, dass sich ein B dann finden wird etc. Gegenständliches und
gegenständliche Bestimmung, Identität, Unterschied, Relation etc. in
dem Modus der urteilsmäßigen Gegebenheit oder Gemeintheit.
30 Das „Vorstellen“ ist von vornherein nur eine solche Kette. Ist
da ein Unterschied von Vorstellen und Urteilen? Das Vorstellen
ohne jedes In-einem-Typus-Auffassen ist Grenzfall, und ebenso ist
das ganze System der Formen bereitliegend: Darin entfaltet sich das
Vorstellen. Aber was macht das „menschliche“ Denken aus? Das
35 allgemeine Denken, das Denken im „etwas überhaupt“, das logische
Denken, das Limes-Denken, das Denken, das Unendlichkeiten um-
fasst, Umfangsunendlichkeiten, Grenzen als Grenzen von erschauten
Unendlichkeiten, das Gesetzesdenken. Das Reich des Logos, wo im-
vorstellen, denken und handeln 153

mer ein echter Begriff, ein logischer, auftritt, d. i. denkend auf eine
Unendlichkeit bezogen. Ein sinnlicher Typus ist noch kein logischer
Begriff; um ihn zu gewinnen, muss ich das „ein“ und das „überhaupt“
haben, einen offenen „Umfang“ von Möglichkeiten.1
5 Mens chli che Vern unft ist ein universaler Titel, der alle
menschliche Praxis umspannt. Alle Praxis ist auf irgendein Ziel,
ein bewusst erstrebtes und handelnd zu realisierendes Ziel gerichtet.
Handeln ist aber gelingendes und misslingendes Handeln; es ist als
das im Bewusstsein des Handelnden selbst bewusst. Das Bewusstsein
10 des Gelingens, also der handelnden Erzielung des gesteckten Ziels,
kann zwar selbst noch ein bloß vermeinendes, ein das Ziel in ir-
gendeinem Sinn antizipierendes und nicht, als was es erstrebt war,
wirklich habendes sein. Aber auch dieses Wahrhaft-und-wirklich-
Haben und Erreichthaben kann sich im Bewusstsein ankündigen.2
15 Das gilt für jederlei Handeln. Es gilt also für jedes besondere Han-
deln, das für jede Vernunftpraxis höherer Stufen Mitvoraussetzung
ist, für das Erkennen und zuhöchst das wissenschaftliche Erkennen.
Sein praktisches Ziel ist die Wahrheit, und die Wege zur Wahrheit
heißen Begründungen oder auch Wahrheitsmethoden.
20 Das Bewusstsein, das in durchgehender Form der Selbstgebung
verläuft und in selbstgegebener Endwahrheit terminiert, einer Selbst-
gegebenheit, die als solche dem Erkennenden bewusst ist, heißt

1 Das ist unklar stecken geblieben. Natürlich haben wir hier verschiedene Weisen,

wie die Intention, im weitesten Sinn Repräsentation, Antizipation etc., ihre Stufen hat.
Ein Urteil kann selbstgegeben sein als Urteil, während aber nicht der „Sachverhalt“
es ist; er kann erinnert sein oder aufgrund schlichter Erinnerungen erst konstituiert,
er kann mit leeren Vorstellungen fundiert sein und dann erst recht nicht selbstgebend,
geschweige denn urgebend etc. hseini. Ein Urteil kann selbst vergegenwärtigt sein;
die Funktionen sind iterierbar. Leere Urteile, gebildet auf leeren Substratsetzungen
(Substratsätzen und Satzmodifikationen) sind Gebilde, und andererseits, es kann durch
sie hindurch eine Strebensintention gehen auf Sachverhaltsanschauungen, auf Gegen-
standsanschauungen, „Bilder“, die selbst auf den Sachverhalt selbst, den Gegenstand
selbst, der Einheit einer Synthesis von Bildern ist, „gerichtet“ sind, als dem Weg der
Bewährung.
2 Zum Beispiel, wer eine sinnliche Lust und nichts Weiteres erstrebt und handelnd

sie selbst erzielt, der wird keinen Zweifel möglich finden, ob er sein Ziel nicht am
Ende doch verfehlt hat, ob seine Befriedigung nicht eine bloße Scheinbefriedigung sei.
Ein praktisches Handeln, das dieser Art zur Selbstgegebenheit der Ziele führt und auf
praktischen Wegen, die nicht minder in „wirklicher“ Durchlaufung Selbstgegebenhei-
ten sind, heißt ein Vernunfthandeln im prägnanten Sinn.
154 vorstellen, denken und handeln

E videnz. Indem Wissenschaft Wahrheit anstrebt, strebt sie notwen-


digerweise auch Evidenz an, Evidenz als sekundäres Ziel. Denn so,
wie die nach Wahrheit Strebenden dessen inne werden, dass die
Antworten, die sie auf ihre Fragen gefunden und denen sie zuge-
5 strebt haben, auch verfehlte sein könnten, und sowie er merkt, dass
nur Antworten im selbstgebenden, im evidenten Bewusstsein volle
Befriedigung gewähren können, weil der Erkennende dann eben das
Ziel als es selbst vor Augen hat, wird er am Ende seiner Erkenntnis-
bewegung sich fragen, ob sie das Ziel selbst vor Augen gestellt hat,
10 und wird allgemein die praktische Intention annehmen, den Blick auf
Wege und Ziele zu richten, inwiefern sie selbstgebende, an der Kette
selbstgegebener Erkenntnissachen verlaufende Wege sind zum Ziel
selbst.
Die weitere Folge ist, dass der ersten Entwicklung der Wissen-
15 schaft bald nachfolgt die Entwicklung einer Wissenschaft von der Wis-
senschaft, einer Logik, und zwar näher als einer Wissenschaft von der
praktischen Vernunft im Erkenntnishandeln oder als einer Wissen-
schaft von den allgemeinen Formen einer evidenten, auf evident re-
sultierende Erkenntnisziele vorgehenden Erkenntnishandlung. Jede
20 im Modus der Selbstgegebenheit, der Evidenz, sich darbietende Er-
kenntnisgegenständlichkeit und jeder in eben diesem Modus sich
darbietende Erkenntnisweg heißt im prägnanten Sinn „Erkenntnis“,
und solche Erkenntnis ist die Norm für alles Erkennen, Norm für
das vorgreifende, antizipierende, erst vermeinende und noch nicht
25 gebende Erkennen, für das Erkennen im laxeren Sinn. Die fragliche
Logik ist normative Erkenntnislehre; sie dient aller Wissenschaft als
Norm für Erkenntnispraxis, kann aber als Wissenschaft selbst in rein
theoretischem Interesse betrieben werden.
E chte, norm gerec h te Wi ssenschaft ist eine von dieser Er-
30 kenntnislehre entworfene und wissenschaftlich nach ihren Typen und
konstitutiven Einzelgestaltungen erforschte und konstruierte Idee.
Zu ihr gehört Evidenz in verschiedener Art und Stufe. Von vornher-
ein scheiden sich da in der Selbstgebung Erkenntnisgegenstand
und E r kenntni sgedan ke, ein relativer Unterschied, der auf einen
35 absoluten zurückführt. Am einfachsten gehen wir da von der Un-
terscheidung zwischen hdemi Gebiet der Wissenschaft und den auf
sie bezogenen Sätzen, Theorien der Wissenschaft aus oder auch von
dem Unterschied zwischen einem Gegenstand, der Erkenntnisthema
vorstellen, denken und handeln 155

werden soll, und von den Wahrheiten als wahren Aussagen, die für
ihn gesucht werden. Das Gebiet einer Wissenschaft ist die begriff-
lich umschlossene Einheit ihrer Erkenntnisgegenständlichkeiten, die
thematische Sphäre der Erkenntnis. Für diese Gegenständlichkeiten
5 sollen Aussagen, wahre Aussagen gewonnen, diese Wahrheiten sol-
len, wie es schon die Unendlichkeit eines jeden Erkenntnisgebiets
fordert, systematisch entwickelt, in geordneter Folge evident begrün-
det werden.
V or allem Denken, vor all dem, was sich in den Formen Be-
10 griff, Urteil, Schluss, Beweis, Theorie ausspricht, liegt das bloße
Vor s tellen, hier verstanden als das schlichte Gegenstandsbewusst-
sein, das den vorgestellten Gegenstand noch ohne eine solche gedank-
liche Form dem Erkennenden darbietet. Vorstelle n und Denken
sind nun zwei aufeinander bezogene, aber scharf zu trennende Er-
15 kenntnishandlungen. Von bloß Vorgestelltem zu bloß Vorgestelltem
übergehen, wie etwa eine Reihe von Wahrnehmungs- oder Erin-
nerungsgegenständen durchlaufen, ohne dabei sich „Gedanken“ zu
machen, ohne Begriff und prädikatives Urteil zu konzipieren, ist eben
noch kein Denken.
20 Denken ist die spezifische Betätigung des Logos. Aber das „logi-
sche“ Bewusstsein ist nicht volles Erkennen, es gehört dazu notwen-
dig auch als Unterstufe das vorstellende. Dieses aber, das Vorstel-
len, kann ein volles und leeres, ein mehr oder minder anschauliches
oder ein unanschauliches sein. Ich sagte „das Vorstellen“, also z. B.
25 eine Erinnerung kann eine anschauliche sein oder eine völlig unan-
schauliche, wie wenn ein so genanntes Erinnerungsbild auftaucht,
aber rasch abklingt, in völliges Dunkel versinkt, um eventuell wieder
aufzutauchen. In der Zwischenpause ist der Gegenstand unanschau-
lich, und doch ist der Vorstellende darauf gerichtet. Es ist aber sehr
30 wohl möglich, längere Zeit unanschaulich vorzustellen. So weckt eine
Zeitung, die wir flüchtig und in Müdigkeit durchfliegen, eine außer-
ordentliche Mannigfaltigkeit von Vorstellungen bzw. von Gegenstän-
den im Modus schlichten Vorgestelltseins, allerdings auch beständig
in gedankliche Formungen, in Begriffe gefasst, hVorstellungeni, die
35 Bauglieder von Aussagen, darunter von Urteilen, sind. Aber fast alle
diese Vorstellungen sind unanschauliche; sie sind „leer“, obschon
bestimmt, auf bestimmte Gegenstände bewusstseinsmäßig gerichtet.
Schon zu den bloßen Vorstellungen gehört der Unterschied zwischen
156 vorstellen, denken und handeln

selbstgebenden oder evidenten und nicht selbstgebenden Vorstel-


lungen. Offenbar ist jede Wahrnehmung, im Modus der Gewissheit
vollzogen, in sich charakterisiert als selbstgebend, und zwar für ihr
als gegenwärtig daseiend gegebenes Objekt; ebenso ist jede normale
5 Erinnerung selbstgebend für das vergangene Objekt als vergange-
nes. Die vergangene Gegenwart ist nicht selbstgegeben, und insofern
ist das vergangene Objekt jetzt nicht bewusstseinsmäßig da, nicht
Gegenwart; aber das Gegenwärtig-gewesen-Sein und Gegenwärtig-
gewesen-Sein gerade dieses Objekts ist selbstgegeben. Darin drückt
10 sich also schon aus, dass diese Vorstellungen Normcharakter haben,
zunächst für Leervorstellungen und dann für lückenhaft anschauliche
Gegenwarts- und Vergangenheitsvorstellungen.
XII. DAS ALLGEMEINE DES STREBENS
UND SEINE VERSCHIEDENEN RICHTUNGEN1

ha) Erkenntnisstreben und wertendes Genussstrebeni

h§ 1. Das wertende Verhalten in der Erkenntnis und das


5 wertende Verhalten im Begehren. Sind objektivierendes
und wertendes Bewusstsein gegensätzliche Aktklassen?i

Leben ist Streben.2


I. Mo di d es St r e be ns n a ch I nt e nt i on un d E r fü l l un g. Leer-
intention – Erfüllungsgestalten. a) Annäherung in vermittelnder Er-
10 füllung, Durchlaufen eines Weges dahin, der Weg ist noch nicht der
Wert (die Sache selbst in ihrer Wertheit). b) Erzielungsprozess selbst,
Eintreten der Sache selbst und genießend-wertendes Dabeisein bei
der Sache selbst. Aber das ist ein Prozess mit einem Anfangspunkt.
Und nun kann die genießende Erfüllung eine unvollkommene sein
15 und immer vollkommener werden, immer satter erfüllend, der Ge-
nuss ist immer weniger beschwert mit unerfüllter Intention, die, so-
lange der Wert nicht satt (das Genießen nicht sattes Genießen) ist,
durch das Gegebene hindurchgeht. Eigentlicher Genuss oder viel-
mehr vollendeter Genuss, reine Befriedigung = reine Lust, reine
20 genießende Hingabe an die Sache, in der Sache terminierend als
einem Endwert.
II. Mo di de r Ve r h üll un g u nd En th ü l l u n g : i n sti n k ti ve s
St re ben u nd z i e l be wus s t es St r e be n b z w . zi el - u n d w e gb e -
wu sste s.

1 Wohl 1923. – Anm. der Hrsg.


2 Die Rede ist hier von begehrendem Streben. – Vorbetrachtung. hDasi war die erste
dieser Kette hvon Überlegungeni, vortastend, aber einiges wohl brauchbar.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 157


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_12
158 das allgemeine des strebens

III. a) E r kennendes Streben, durch objektivierendes Bewusst-


sein hindurchgehendes Streben auf Kenntnis und Erkenntnis des
gegenständlichen „Selbst“ und auf Modi jeder Art von gegenständ-
lichen „Selbst“ gerichtet: auf wahres Sein, Wahrheit jeder Form.
5 Streben zur Kenntnis zu nehmen, in Kenntnis aufzunehmen, Streben,
betrachtend, explizierend, näherbestimmend, in Beziehung setzend
etc. allseitig kennenzulernen. Streben nach Wissen, nach Gewissheit,
im Bewusstsein, jederzeit es ausweisen zu können, jederzeit die ge-
meinte Sache, den gemeinten Sachverhalt etc. in seiner Selbstheit
10 wieder erfassen zu können. b) Wertendes Streben, Streben nach
Genuss von Gegenständen. Aber ist nicht, könnte man einwenden,
jedes Streben (positiv oder negativ) Streben zu etwas hin – also zum
Genuss eines Gegenstandes als positiver Genuss oder von ihm weg
halsi Befreiung von ihm und seinem schmerzlichen Unwert?
15 Überlegen wir. Wir unterscheiden das objektivierende und das
darin fundierte wertende Bewusstsein (das wir auch halsi strebendes
in mannigfachen Modi bezeichnen können, wie Aristoteles den
allgemeinen Titel ρεξισ hat). Wir können das objektivierende Be-
wusstsein unter Abstraktion von allem Werten, Streben betrachten.
20 Alles Bewusstsein kann die Form von Ichakten haben, es kann aber
auch Untergrundbewusstsein sein.
Bewusstsein und „Intention“. 1) Objektivierendes Bewusstsein
ist Bewusstsein von einem Gegenständlichen. Nehmen wir einen
sinnlich-schlichten Gegenstand, der dann expliziert wird, mit ande-
25 ren kolligiert, zu anderen in Beziehung gesetzt etc. Wir beschränken
uns auf positionales Bewusstsein bzw. positionale Akte. Wir haben
dann die Leerf orm des objektivierenden Bewusstseins, der Vorstel-
lung als positionaler in verschiedenen Glaubensmodalitäten, und die
Füllefor m, das anschaulich vorstellende Bewusstsein, das Wahrneh-
30 men als original gebendes, das wiedererinnernde als selbstvergegen-
wärtigendes. Das mittelbare Bewusstsein durch Anzeige, selbstge-
bendes hinsichtlich eines A, aber meinend das dadurch angezeigte B,
wobei B aber leer bewusst ist. Veranschaulichung durch Bilder, durch
Vorveranschaulichung, Verbildlichung.
35 Jedes unmittelbare Anschauen, zunächst Wahrnehmen, hat seine
Phase der Urimpression, der satten Selbstgebung und seine Proten-
tion und Retention, Leerintention, aber im Begriff sich zu erfüllen
und in stetiger Erfüllung begriffen. Bei Dingvorstellungen haben wir
das allgemeine des strebens 159

Leervorstellungen von Nichtgegenwärtigem und anschaulich verge-


genwärtigende Vorstellungen mit einem leer vorstelligen Weg dahin
im Ausgang von dem wahrnehmungsmäßig Gegebenen. Im Hingehen
wird der Weg in satter Wahrnehmung verwirklicht und der End-
5 gegenstand selbst, das „Ziel“ der vorstellenden Intention, im Akt
das gemeinte Objekt, der gemeinte Vorgang satt gegenwärtig. Die
Gradualität der Annäherung an das Ziel. Die Verwirklichung des
Zieles „selbst“ in seiner satten Selbstgegebenheit.
Die Erwartung als Zustand des Sich-Realisierens des Gegenstan-
10 des auf einem sich realisierenden Weg. Ich werde gefahren und
komme auf einem wahrnehmungsmäßig sich realisierenden Weg zum
„Ziel“ selbst. Ich bin wahrnehmend bei ihm. Die vorgerichtete Er-
wartung in ihrer Entspannung, genommen rein als Erwartung und
nicht als strebend Begehren dahin oder Widerstreben. Also Aus-
15 schluss des Wertens. Die Erwartung gewinnt eine Art Erfüllung.
Darin der Anfang der Sättigung mit Beginn der Wahrnehmung, darin
Steigerung der Sättigung im Näherkommen, in fortschreitender
„Klarheit und Deutlichkeit“.
2) Parallel damit können wir dann wertende Intentionen haben
20 mit wertender Entspannung, Erfüllung, vorerfüllender Annäherung,
dann eigentlicher Erfüllung in Sättigung. Dabei aber die grundver-
schiedenen Gegenfälle der positiven und negativen begehrenden
Strebungen, also hier hoffende Erwartung, hoffende Erfüllung, be-
friedigende Freude und (angstvolle) fürchtende Erwartung, peinli-
25 che Erfüllung, Unfreude, sattes Widerstreben.1 Beide Bewusstseins-
arten sind im Erlebnisstrom immer da, immer vereint. Das wer-
tende Bewusstsein ist als Bewusstsein von vermeinten und selbst-
gegebenen Werten nicht nur hinsichtlich des fundierenden Objekt-
bewusstseins, sondern auch hhinsichtlichi des Wertes objektivierend,
30 so dass es fraglich ist, ob m an obj ekti vi erendes und wertendes
B ew us s ts ein als Klas sengegensätze anerkennen kann. Es
gibt Objekte, die wertfremde sind, d. i., unter Absehen vom Wert
und im Wechsel der Wertcharaktere sind sie bewusst und haben
ihre Art, sich auszuweisen. Das Werten ist ein Wertkonstituieren,
35 ein Objektivieren höherer Stufe. Was befriedigt hier nicht?

1 Es gibt natürlich auch Mischungen: partielle Lust, partielle Unlust.


160 das allgemeine des strebens

a) Das wertende Verhalten in der Erkenntnis: das theoretische


I nter es s e, das theoretische Streben, die theoretische Freude an
der gewonnenen Erkenntnis, die Freude an der Kenntnisnahme an
neuen Gegenständen im Wahrnehmen derselben, an der erfahrenden
5 Kenntnisnahme neuer Pflanzen, Tiere etc., auch an der Wiederkennt-
nisnahme, die alte Kenntnis bereichert, vertieft, auffrischt etc. Das
fortgehende Streben darin. Die Gegenstände sind von Interesse, aber
sie sind nicht nach ihrem Was selbst gewertet, sondern es ist Freude
„am Bemerken“, besser am Wahr-nehmen (im Wahrnehmen). Wahr-
10 nehmen ist hier Zur-Kenntnis-Nehmen, und das Korrelat histi das
Hier- und Jetztsein, das Sosein nach Eigenschaften, das Sosein in
Beziehung auf anderes, Umstände, das Sich-Verändern gemäß den
Umständen – lauter Seinsbestimmungen.
b) Das wertende Verhalten als Begehren nach Gegenständen,
15 sie zu genießen, sich an ihnen zu freuen; weiter das sie praktisch
E r s tr eben, im Bewusstsein des Ich-kann, des realisierenden Stre-
bens in der Handlung, das erzi el ende Freudenbewusstsein,
Freude selbst – alles als Ichakte.
Die Erkenntnis von Gegenständen ist selbst ein gewerteter Ge-
20 genstand? Werteigenschaften von Gegenständen und Wertlichkeit
von ihnen; dass sie schön oder hässlich sind, hsindi selbst wieder
gegenständliche Prädikate und ihre Erkenntnis wieder Erkenntnis
und Streben nach dieser Erkenntnis wieder Streben, also eine Freude
höherer Stufe, die in der Erzielung nicht von Werten, sondern Wert-
25 erkenntnissen hbestehti.
In der Ichaktion der Erkenntnis, z. B. fortschreitender Wahrneh-
mung, „neugieriges“ Sich-Umschauen, ist die „Triebkraft“ eben der
Erkenntnistrieb und die sich befriedigende Neugier. Instinktive
Wahrnehmungsfreude, den Einheiten der Erfahrung nachgehen, sie
30 fortgesetzt näher, allseitiger, reicher erkennen und bestimmen. Das
wertende Verhalten zu einem Gegenstand, das instinktive Suchen
nach einem Gegenstand des Genusses, nach dem, was im Wahr-
nehmen Genuss bringen und an einem Gegenstand von Wert mit
Befriedigung haften könnte.
35 Strebend bin ich auf etwas gerichtet; ich terminiere im Erfüllungs-
prozess in der Freude des Genusses. Strebend bin ich auf Kennt-
nisnahme von etwas gerichtet, es zu erfahren, zu erfahren, wie es
ist, in welchen Beziehungen es zu anderem steht, unter welchen
das allgemeine des strebens 161

Bedingungen es sich ändert etc. Strebend bin ich eventuell auf den
Wertgegenstand als Wertgegenstand gerichtet: nicht den Wert zu
genießen, sondern Kenntnis nehmend, erkennend, unter welchen
Umständen, unter welchen Änderungen seiner Eigenschaften der
5 Gegenstand Wert annimmt, Werteigenschaften verliert, seinen Wert
oder den seiner Eigenschaften steigert oder mindert oder in Unwerte
wandelt. Hier bin ich nicht strebend auf den Gegenstand gerichtet
und will nicht im Genuss leben, im satten Genuss verweilen, den
Unwert widerwillig ertragen, mich von ihm möglichst entfernen etc.,
10 sondern ich will erkennen.

h§ 2. Affektion durch den Wert. Das


theoretische Interesse und der Eigenwert der
Erkenntnis. Die zwei Strebenssysteme. Streben
nach Erkenntnis und Streben nach Realisierung
15 des Gegenstandes um seines Wertes willeni

Das passive Sich-Konstituieren von Gegenständen. Ebenso viel


besagt das Bewusstsein vor der Ichbeteiligung. Immerfort ist es Be-
wusstsein von etwas, steht es in Zusammenhängen der Synthese, die
zur Einheit bringt in stetigen oder diskreten „Deckungen“. So schon
20 im inneren Bewusstsein: Empfindungsdaten als Einheiten, Bildung
von Assoziationen und Apperzeptionen. Die Gegenstände und Zu-
sammenhänge führen Gefühle mit sich, sinnliche Gefühle. Die Ge-
fühle treten auf und verschwinden für einzelne Gegenstände je nach
Zusammenhängen und Gegebenheitsweisen; bei gewissen sind sie
25 immer wieder da. Gleiche Gegenstände unter gleichen Umständen
lassen gleiche Gefühle erwarten. So in der Passivität, eventuell im
Wechsel mit der Aktivität.
Das Wachwerden des Ich. Affiziert in verschiedenen Graden wen-
det es sich schließlich zu: betrachtend, explizierend, beziehend, ver-
30 knüpfend. Affektive Kraft eines Wertmoments. Ein schöner Ton zieht
an, ich vertiefe mich in den Ton, ich lebe im Genuss und Gefühl seiner
Schönheit, während ich ihm zugewendet bin. Er entfernt sich, ich
gehe ihm nach, mit satterem Hören habe ich wieder satteren Genuss,
ich genieße. Ich bin in ästhetisch wertender Einstellung. Ich bin auf
35 den Ton gerichtet, ihn kennenzulernen. Ein schönes Ding betrach-
162 das allgemeine des strebens

ten und seine Schönheit genießen. Betrachten, es kennenzulernen,


wie es ist, eintreten in seinen Einheitszusammenhang; genießen, an
seiner Gegebenheitsweise haften, die das zu genießende Gefühl mit
sich führt, im „Ich habe Genuss“ sattes Gefallen. Vom Ich her eine
5 Affektion durch das Identische und ein ihm Nachgehen und eine
Affektion durch den Wert, Eingehen in den Genuss, in dem der Wert
sich entfaltet, aber nicht Eingehen in die objektiven Zusammenhänge,
in die der Wert als Gegenstand führen würde.
Das Wegstreben, Flucht. Realisierung im Wegstreben, nicht „Rea-
10 lisierung“ des Wegstrebens, oder hes entsteht eini Doppelsinn. Bin
ich schon dabei erfahrend, so erfahre ich die Unlust, den negati-
ven Wert. Die Freude ist Genuss, das Erfahren im hingebenden
reinen Genuss, in satter Erfüllung des Strebens, das nichts mehr
von Unerfülltheit in sich schließt. Das Erfahren im negativen Ge-
15 nuss, in negativer Erfüllung des Strebens. Streben als leeres Streben,
Streben mit Fülle des Wertes oder Unwertes. „Lust“ und Unlust.
Aber Lust ist noch als unerfülltes Streben möglich (unvollkommene
Lust), noch leer. Leeres Streben ist Gefühlsantizipation, Vor-langen,
Haben und noch über das Gehabte Hinauslangen, durch es hin-
20 durch.
Str eben und Vors t el l en. Lust (Freude) und Erfahrung, Freude
und Glaube (Antizipation). Grundunterschied: Wahrnehmen, Verge-
genwärtigen, leer Vorstellen, Gemisch von Antizipation und Wahr-
nehmung, Gemisch von leer Vorglauben und schon Haben.
25 Alles ohne „Erkenntnisstreben“. Das Streben „nach Lust, das
Fliehen der Unlust“. Das instinktive Tun als unmittelbarhesi im „Ich
kann“ Realisieren, realisierendes Erfüllen eines Lustbringenden. Un-
mittelbares Realisieren.
Hier habe ich noch zu erwägen das Tun von Lustvollem, das aber
30 nicht nur unvollkommen befriedigend ist, sondern auch den Charak-
ter des Durchganges hat zu einem anderen, das eigentlich gewollt
ist, erstrebt ist. Erfüllungsprozess also 1) das Herangehen, das Sich-
Nähern; 2) das Dabeisein beim leibhaftigen Selbst, aber noch unvoll-
kommen. Wertleibhaftigkeit und Wertannäherung, Wertsättigung bis
35 zum vollendeten Haben (Genießen) des Wertes selbst.
Das Vorstellen, das Gegenstandsbewusstsein, objektivierender
Akt. Seine Modi. Soll en wi r sagen: A priori ist das Leben
Str eben und i n dies em doppel ten Sinn? Der Modus der ob-
das allgemeine des strebens 163

jektivierenden Fülle (Wahrnehmung, modifiziert klare Erinnerung,


in gewisser Weise auch klare Phantasie) hat einen ursprünglichen
Gefühlston: Freude an der Wahrnehmung. Das objektivierende Be-
wusstsein ist ursprünglich eine Sphäre des Strebens? Oder ist nur ein
5 ursprünglicher Zusammenhang? Das Ekelhafte, das Schrille, Über-
laute, das Hässliche, in irgendeinem Sinn Widerwärtige. Die Angst vor
dem Feindlichen, Antizipation, das Ausmalen in der Vorstellung bei
Fürchterlichem, Gefahrdrohendem als unwillkürliches Anschaulich-
werden. Ist das ein Hinstreben und als das ein Werten? Ist es ein Mittel
10 der Vergegenwärtigung, um leichter Wege zu finden, das Gefahr-
drohende zu fliehen oder es ursprünglich instinktiv und andererseits
eventuell bewusst geradezu aufzusuchen, um es zu bekämpfen und in
seiner Gefahr bringenden Eigenschaft zu ändern, zu vernichten, als
was es war, als böses Tier, dessen Tötung einen Leichnam gibt, der
15 nicht mehr schaden kann, oder bei einem Brand das Brennende zu
zertreten etc.?
Wir haben also die Frage: Ist ursprünglich das Vorstellen keine
Wertsphäre, sondern nur eine Sphäre von möglichen Wegen, um
Wertinteressen anderweitiger Art zu fördern? Wie dann das „theore-
20 tische Interesse“? Halten wir am Eigenwert der Erkenntnis fest, dann
muss nicht alle Gegenständlichkeit als solche einen Selbstwert haben,
aber alle gegenständliche Kenntnis und Erkenntnis. Wir haben dann
zwei Strebenssysteme?
Überlegen wir: Die Vorstellungen, Empfindungen, Farben, Töne,
25 Geschmäcke werden gewertet – die Freude an der Sinnlichkeit, aber
auch die Unlust an Sinnlichem, ursprünglich.
Was ist der Unterschied des „theoretischen Interesses“ an
einem Geruch und der U nl ust, die ihn widerwärtig macht? Ihn ken-
nenlernen, einordnen in die Ordnung der Gerüche, die Geruchswelt
30 studieren. Ich betrachte, unterscheide, vergleiche. Die Freude der
habituellen Kenntnis, des Wiedererkennens als dasselbe, seine ganzen
Verlaufsformen, seine Änderung unter den wechselnden Umständen
etc. Jede Gegenständlichkeit hat ihre Umstände, ihre wechselnden
Verhältnisse und Verhaltungsweisen, ihre wechselnd hervortretenden
35 Teile, Eigenschaften etc.: das im Voraus kennen und es kennenlernen,
also nicht das Erleben des Datums selbst, sondern das Erkennen des
Gegenstandes und der Gegenstandswelten in allen Zusammenhän-
gen.
164 das allgemeine des strebens

Habe ich schon Gegenstände, so können sie mir wert sein; wert
nicht hinsichtlich ihrer Kenntnis und Erkenntnis, sondern hinsichtlich
der Art, wie sie Freude „machen“, Lust „gewähren“ etc.
1) Streben nach Kenntnis und Erkenntnis. 2) Streben nach Reali-
5 sierung des Gegenstandes um seines Wertes willen. Freude am Dasein
und der im Dasein gewährten Lust; Freude am Glauben als Antizi-
pation für die zu verschaffende Freude.

hb) Das Erkenntnisinteresse gegenüber dem


wertenden Interesse. Bewertung als erkennender
10 Akt gegenüber Wertung als genießender
Akt. Die Grundeigenschaften des Lebensi

Objektivierendes Bewusstsein – der Strom des subjektiven Le-


bens ist als Bewusstseinsleben ein Strom, in dem sich aus Bewusst-
sein immer wieder Bewusstsein aufbaut, und durch diesen Strom
15 gehen die Verflechtungen der Synthesis der Einheitsdeckung, der
identifizierenden Anknüpfung, der Konstitution einer einheitlichen
Gegenständlichkeit oder vielmehr mannigfaltiger Gegenständlich-
keiten, die selbst zur umfassenden Einheit einer Gegenständlichkeit
sich zusammenschließen. D urch di esen Strom gehen beständig
20 Str ebungen hi ndurc h.1
„Einheiten“ eines Bewusstseins (und immer haben wir Bewusst-
sein und immer Einheit des Bewusstseins), „Gegenstände“ affizieren
das Ich, dieses wird zur Einheit hingezogen, wird hineingezogen in
ihre eventuell schon entwickelten Horizonte, sie zu eröffnen, den
25 Gegenstand zu explizieren, näher zu bestimmen, ihn in sich näher
kennenzulernen, zu anderen ebenso bestimmten in Beziehung zu
setzen etc.2
Man kann vielleicht sagen: D i eses Streben ist ein Urstreben
in der „ Monade “ al s sol cher. Jedes Streben geht in der Erfüllung
30 über in Befriedigung; also das Sich-Ausleben in Kenntnisnahme und
Erkenntnis eines Gegenstandes ist „befriedigend“, und der Gegen-

1 Das affektive Streben (aber kein solches im gewöhnlichen Sinn, kein Begehren).
2 Aber die Gegenstandskonstitution schreitet fort in fortschreitender Assoziation
unter Neubildung von Apperzeptionen.
das allgemeine des strebens 165

stand selbst ist bewusst in dem Charakter des Interessanten, Inter-


essierenden.1 Freilich affizieren neue Gegenstände übermächtig, und
diese Befriedigung wird unterbrochen. Die Störung in der Auswir-
kung des ersten Interesses hemmt die Annehmlichkeit, aber das neue
5 Interesse kann stark sein; nachdem es sich eine Weile ausgewirkt und
sich geschwächt hat, kann das alte Interesse wieder vorankommen
etc. Diese Mannigfaltigkeit des Interesses, die Wiederanknüpfungen
im Wiedererkennen, die Konstitution von Zusammenhängen, von
Gegenständlichkeiten höherer Stufe und die höheren Erkenntnis-
10 nahmen und Erkenntnisse – all das ist ein Spiel von immer reicheren
Strebungen und immer weiter reichenden, immer reicheren Befrie-
digungen. Ist das nicht die ursprüngl i che Neugier? Danach hat
jeder Gegenstand sein Interesse als Gegenstand möglicher Erkennt-
nis. A ber darum hat e r sel bst noch keinen Wert.
15 Ist ein Gegenstand schon zur Kenntnis gekommen, ist eine Bestim-
mung in der Erfahrung schon hervorgetreten, hat sich ein darauf be-
zogenes Intendieren des Triebes zur Kenntnis nehmenden Erfassung,
zur Herausstellung in der Wahrnehmung und dgl. hschon eingestellti,
so kann es sein, dass er nicht nur für mich selbst-da ist, sondern
20 mit dem Bestimmungsgehalt oder der einzelnen Bestimmung, die da
herausgetreten ist, eine Lust erregt oder eine Unlust.2 Und nun ist
diese Lust nicht sozusagen „formale“ Lust an der Herausstellung
und dem sich Herausstellenden als solchen, sondern Lust, die in
besonderer Weise zu dem betreffenden Merkmal und dem Gegen-
25 stand als dem dieses Merkmals gehört. Muss man nun nicht sagen,
das ist ein neuer Charakter, nicht ein Merkmal, sondern etwas am
Mer kmal, und nun af f i zi ert di eses Moment der „ Lust “ und
z ieht in bes onderer Wei se an zu „ genießen “, nicht in der
Kenntnis nahm e des G egenstandes weiterzugehen, sondern
30 in der Erhaltung der wahrnehmenden Erfassung das neue Moment

1 Erfüllung des affektiven Strebens – Interesse. Es ist aber keine Lustbefriedigung

(Genuss), cf. 2- h= S. 166,25–168,28i. Es gibt da kein negatives Streben (Fliehen)! Darf


man bei diesem Urstreben also von „Streben“ sprechen, „Intendieren“? Indessen, ist
das vermeidlich? Cf. dort.
2 Es kann aber auch sein, dass schon vor der Kenntnisnahme der auseinandergehen-

den Urteilstätigkeit, vor aller sachlichen Zuwendung, der Gegenstand mein Gemüt
berührt, also im Gefühl bewusster ist, und zwar als dieser Gegenstand, oder durch den
gegenständlichen Sinn des unterliegenden Bewusstseins bestimmt histi.
166 das allgemeine des strebens

zu erhalten; eventuell im Durchlaufen gewisser Erscheinungswei-


sen des Gegenstandes, gewisser Seiten, in gewissen Stellungen den
Lustwert immer wieder herzustellen, der an diesen Abläufen und
ihrer konstitutiven Einheit, der „Seite“, ersteht. Ein neuartiges
5 Str eben er wäc hst , das spezi fi sch wertende und auf Genuss
aus gehende Str eben, ein Streben, das im Genießen terminiert,
in dem das Lustobjekt besessen wird als genossenes, als solches, an
dem sich, an dessen Lustcharakter sich das Ich befriedigt, genießend
hingibt.1
10 Die ursprünglichen Gegenstände erhalten durch die Erfahrung,
dass sie unter gewissen Erkenntnisumständen Lust gewähren kön-
nen, in der Latenz neue Eigenschaften, die des Wertes, die als Ei-
genschaften nur gegeben sein können, wenn mit der betreffenden
Erfahrung der hdiei Lust fundierenden Merkmale die Lust eintritt
15 und in Befriedigung genossen wird. Ich kann dann einen Gegenstand
auch urteilsmäßig „auffassen“ als Wertträger, und er kann einen
unbestimmten Werthorizont haben. Ich kann ihn in dieser Hinsicht
kennenlernen wollen. Er wird eventuell als Wertgegenstand Gegen-
stand eines „theoretischen Interesses“, in dem das Genießen nur
20 Durchgang für die Kenntnisnahme ist, während, wenn ich „nach dem
Gegenstand begehre“, ich auf Genießen gerichtet bin, ich hbeii ihm,
seinem Lust gebenden, Lust erregenden Merkmal halten und die Lust
genießen will, mit all dem, was dazu gehört; eventuell Steigerung der
Lust etc.
25 Danach kann wohl das Erkenntni si nteresse im Gegensatz zum
w er tenden I nt eres se so charakterisiert werden: 1) Das Streben
nach Kenntnisnahme und Erkenntnis ist ursprünglich zum Be-
wusstseinsleben gehörig. Es ist im eigentlichen Sinn nicht auf Lust
(auf Erfüllung durch Lust in dem Sinn eines Strebens nach Lust) ge-
30 richtet, w ie es ja auc h kei nen G egenpart hat, das Widerstre-
ben. Es ist also ei gentl i ch ni cht vom Charakter eines Wün-
s chens , eines Begehr ens, ei nes Wol l ens oder gar eines Fürch-
tens, eines Fliehens etc. Es hat allerdings mit ihnen ein Gemeinsames,
eben das Allgemeine des Strebens. Jedes sich vollendende Streben,

1 Ohne dass das Lustmoment selbst als gegenständliches erfasst würde und bestimmt
würde oder hdazui dienen würde, den Gegenstand als Wert habend relationell zu
bestimmen.
das allgemeine des strebens 167

Tendieren, hat in seiner Entspannung und Vollendung (Erzielung)


den Charakter der Befriedigung, der dem Weg und Ende einen Lust-
charakter, einen allgemeinen, auflegt. Dieses ursprüngliche Streben
führt ursprünglich ein u rsprüngl i ches „ Realisieren “ mit sich,
5 aber dann auch Hemmungsgestalten des Strebens, in denen es halsi
ein Vorlangen, ein unerfülltes, unerfüllt bleibendes Streben in Span-
nung verbleibt.
Indem diese aus wiederholter und immer neuer Auswirkung sol-
chen Strebens hervortretende Endlust (aber auch die Lust an gelin-
10 gender Realisierung „überhaupt“) bewusst wird und selbst affizie-
rend wird, erwäc hst aus dem ursprünglich blinden Streben
das Str eben nach dem erkennenden Realisieren, nach Pro-
zessen der Realisierung von Kenntnissen, nach Kennenlernen der
Welt, nach höherer Erkenntnis der Welt in dem Erzeugen von Theo-
15 rien und von Wahrheiten, die in ihnen resultieren als theoretisch
begründet hervortretende. Jetzt haben wir eine besondere Art
des w er tenden Str ebens, Begierde und Freude an der Erkenntnis
(gerichtet auf den Genuss der Befriedigungslust in durchgehender
Weltbetrachtung und Welterkenntnis).
20 Es wäre aber verkehrt zu sagen, dass alles durch Wahrnehmen,
durch Erkennen hindurchgehende Streben von dem „Erkenntnis-
wert“, der Freude an der Erkenntnis als Ziel, der Unlust am Irrtum
als negativem Ziel geleitet wäre. Das U rstreben und das immer
wieder durch das Leben hindurchgehende Streben nach Objektivie-
25 rung, nach Herausstellung der Gegenstände selbst, nach ihrer Nä-
herbestimmung usw. ist kei n wertendes Streben, nämlich nicht
von Werten bewusst geleitet und nicht etwa in dem Sinn unbewusst
geleitet, dass Leervorstellungen von zu ergreifenden Werten einge-
schlossen wären im Streben. Das wertende Erkenntnisstreben, also
30 auc h das er kennende H andel n, i st ei n Produkt der Genesis.
2) Betrachten wir nun das wertende Interesse und das wertende
Streben, so ist letzteres a l l gem ei n dadurch charakterisiert, dass die
Lust und Unlust vorangeht, und zwar eventuell als selbst „objektiv“
gewordene, an einem schon thematisch erfassten Gegenständlichen
35 als Wert „vorstellige“ Lust (affektive).1

1 Doch nicht immer müssen die Lust und der Wert objektiv, thematisch urteilsmäßig

geworden sein; aber Lustaffektion hat statt.


168 das allgemeine des strebens

Das begehrende Streben und Wirken, Wollen, setzt voraus


das objektivierende Streben und strebende Realisieren („Urteilen“),
wodurch die synthetische Einheit bewusst geworden und als Ausweis-
bares bewusst realisierbar geworden ist. Hat sich das ursprüngliche
5 Streben betätigt, so werden Gegenstände für mich als Gegenstände
thematisch bewusst, ich kann sie antizipierend mir anschaulich ma-
chen, ich kann sie erfahrend oder sonst wie ausweisend herstellen und
so innerlich als Einheiten der Erfüllung ausweisend erzeugen. Und
so tue ich immerfort (ohne dass ein „Wert“ mich leitet, ohne dass
10 ich wie erst in höherer Stufe von eigentlich theoretischem Interesse
bewegt wäre).
Habe ich aber schon Erfahrungseinheiten, habe ich durch dieses
(wertunbewusst) ohne Wertbezug vollzogene Streben und Realisie-
ren gegenständliche Apperzeptionen, und erfahre ich nun einen Ge-
15 genstand, nehme ich ihn wahr nach diesen und jenen Bestimmungen
und stellen sich dabei solche heraus, die durch ihre Besonderheit Lust
erregen oder Unlust, so erfahre ich damit, dass er in dieser Hinsicht
einen Wert hat oder Unwert.1 Die Lust „am“ betreffenden Merkmal
erregt und erfüllt ein Begehren, ein sich darin erfüllendes Hinstreben
20 und Haben im Genuss; die Unlust am betreffenden Merkmal erregt
und erfüllt ein Wi ders treben, ein Streben davon weg, wie man
sofort sagen wird. Doch ist Widerstreben zunächst nicht etwa ein
Hinstreben auf ein anderes, das weit weg vom Schuss ist, sondern im
Urpunkt negati ver Ge nuss – statt genießender Hingabe Ekel –
25 woran sich hinsichtlich des Erwarteten der Fortdauer als noch Uner-
fülltes, aber Erwartetes äußerstes Widerstreben noch anschließt. Aus
der Erfahrung (befördert durch instinktive Reaktionen) erwächst
dann die Vorstellung von möglichen Zielen positiven Strebens, deren
Realisierung, Hinlaufen nach B als Weglaufen von A, woraus die Lust
30 der Entspannung und Entleerung des Widerstrebens, der Beseitigung
der Unlust, erwächst, die selbst als Lust gewertet werden und bewusst
leitend werden kann.
Das W er tnehm en ist also G eni eßen einer am original be-
wussten Gegenstand hinsichtlich originaler gegebener Bestimmun-

1 „Erfahrung“ des Wertes ist Genuss, der in latenter Weise gegenständlich konstitu-
iert ist; ich kann nun „urteilend“ auf Gegenstand der Lust und haufi Lust selbst (Wert)
achten hundi beziehend urteilen.
das allgemeine des strebens 169

gen affizierenden Lust, und eigentliches Werterfahren, Wert-Wahr-


nehmen ist Erfassen dieser Lust als dem Gegenstand vermöge seines
Merkmals hzukommenderi, nämlich als darin fundierter Charakter.
Nach Gegenständen beg ehren, das ist letztlich nach der Verwirkli-
5 chung ihrer „vorgestellten Werte“1 im Genuss begehren, nicht diese
Gegenstände sich überhaupt zur Kenntnis zu bringen (als ob es sich
um ihre Erkenntniswerte handelte, siehe oben), sondern sie zum
Genuss bringen.
Das objekti vier ende Streben kann auf die Kenntnis-
10 nahme und Erkennt ni s des G egenstandes als Wertgegen-
s tandes geri chtet sei n, was voraussetzt, dass der Wert als fundierte
Eigenschaft des Gegenstandes, als seine Bestimmung, erkenntnisthe-
matisch geworden ist. Das begehrende Streben will aber zum Genuss
kommen und im eigentlichen Sinn genießen, d. i. im Genuss verwei-
15 len, das Luststreben fortgesetzt erfüllen, solange es eben Luststreben
ist (das nicht durch ein anderes überwogen wird oder sich nicht in
sich gewandelt hat in Gleichgültigkeit oder Unlust). Das bloße
Genießen is t kein Bewe rten, Für-wert-Halten, obschon
in gew is s e r W eis e h ei n i D en-Wert-originaliter-Haben; es
20 ist noch nicht den Wert „wahrnehmen“, wahrnehmend erfassen, den
Gegenstand „urteilend“, konstatierend bewerten.
Da gibt es freilich Verschiebungen, die leicht eines ins andere über-
gehen lassen. Das ist vielleicht noch nicht deutlich. 1) Ich kann von
einer Wertbeschaffenheit als solcher ursprünglich Kenntnis nehmen,
25 den W er t konst ati ere n. 2) Ich kann eben den Wert genießen.
Genießen ist in der begehrenden Erfüllung leben, die Lust als Er-
füllung des beständig geweckten Hinstrebens auf sie in ihren neuen
Phasen durchleben. Dann erlebe ich nicht bloß Lust, sondern ich lebe
im Streben zur Lust hin im Modus der steten Erfüllung, und das ist
30 Genießen.
Dagegen im Wahrnehmen leben, das ist im objektivierenden Stre-
ben leben, betrachtend, fortgehend Kenntnis nehmend, konstatie-
rend etc. Das wären primitive Stufen. In höherer Stufe kann ich
objektivierend, urteilend von Ungewissheit, von Zweifel, Frage, zur

1 Was heißt hier „vorgestellte Werte“? Sie sind natürlich antizipiert, nämlich anti-
zipiert ist der mögliche Genuss; aber dieses „vorgestellt“ besagt nicht, dass Lust und
Genießen in der Erkenntniseinstellung (urteilend) gegenständlich wären.
170 das allgemeine des strebens

Entscheidung übergehen, ein Wissen gewinnen, dass z. B. ein Ereignis


eingetreten ist, das für mich Genüsse zur Folge haben kann. Darüber
freue ich mich. Der in Gewissheit herausgestellte Sachverhalt ist
erfreulich um jener Beziehungen zu möglicher und zu erhoffender
5 Lust willen. Ich kann wieder in der Freude leben, und ich kann
die Erfreulichkeit konstatieren. Dem Sachverhalt als in Gewissheit
geglaubtem kommt die Erfreulichkeit zu, für mich mit Beziehung
auf diese Möglichkeiten meines Genusses, eventuell auch für andere.
Auch hier geht durch das Objektivieren ein objektivierendes Streben,
10 und an eine gewisse Stufe, an Ergebnisse der objektivierenden Stufe
knüpft sich ein Gefühl, das Genuss begründet oder begründen kann.
Die Gewissheit des Sachverhalts ist für mich von Wert, und das kann
wieder objektivierend gefasst und konstatiert, erkannt werden.1
Also in welchem Sinn muss für ein wertendes Streben, oder sa-
15 gen wir für ein begehrendes, handelndes, sich freuendes etc., der
Wert gegenständlich konstituiert sein? Eine Gegenständlichkeit muss
schon urteilsmäßig konstituiert sein als Substrat, das, was Wert hat
und die Eigenheit, die Lust bringt, oder die Beziehung, in der Lust
sich überträgt, der Wert mittelbar Wert wird. Was mich da leitet, ist
20 die „Vorstellung“ eines Lustbringenden, Lusterweckenden und des
Genusses, aber der Gegenstand als genossener, nicht als wahrgenom-
mener etc., nicht in Erkenntniseinstellung, sondern in genießender
Einstellung. Also nicht Erkenntnis des Wertes, nicht Bewertung als
erkennender Akt, sondern Wertung als genießender Akt.
25 Was sind die G runde i genschaften des Lebens?
1) Bewusstsein, dazu gehört Synthesi s.
2) Str eben dur ch di e Synthese hindurch auf Einheit,
E r kenntniss tr eben.
3) B efr iedigung des Strebens ist Lust, auch die des Erkennt-
30 nisstrebens.

1 „Hemmungen“ des objektivierenden Strebens als Modalisierungen: durch ge-

hemmtes Streben geht die strebende Intention auf Ungehemmtes, auf objektivierende
Gewissheit. Innerhalb der Gewissheit ist das antizipierend-leere Bewusstsein nicht
gehemmt, aber unerfüllt und sich erfüllend in Erfahrungsgewissheit. Unerfüllt ist zu-
gleich unbefriedigt; unbefriedigt ist auch jedes gehemmte objektivierende Streben. Das
„erfüllt“ besagt einen Modus der „Gegebenheitsweise“, analog wie für vorstellendes
(urteilendes) Streben auch für wertendes und seine Hemmungen – Gefühlsgewissheit,
Gefühlszweifel.
das allgemeine des strebens 171

4) Synthetische Einheiten jeder Art; Gegenstände als Träger der


Lust und Unlust, und ursprüngliches Streben nach Lust fundiert also
in synthetischem Streben; Streben auf Genuss hin. Es scheidet sich
objektivierendes Streben und Luststreben oder wertendes Streben.
5 5) Die Synthese übergreift auch die Lust; erkennende Objekti-
vierung als gegenständlichen Wert; Wertgegenständlichkeit als Ge-
genständlichkeit und das Werterkennen eventuell als leitend für das
Handeln. Handeln: realisierende Gestaltung von Gegenständen um
ihres positiven Wertes willen, der bewusst leitend ist. Das theoretische
10 Forschen ist Handeln, die theoretischen Gebilde sind Erzeugnisse
aus vorangegangenen Gegenständen, nach Wertnahmen gestaltete
Gegenstände. Theorie wird als „wahr“ gewertet, sie ist Ziel als zu
Genießendes in der Erkenntnisfreude.
XIII. ZUR LEHRE VON DER
INTENTIONALITÄT IM HINBLICK AUF DIE
GENESIS DER WELTKONSTITUTION. DER
STREBENSCHARAKTER DES AKTLEBENS1

5 h§ 1. Das nicht durch einen Glauben motivierte,


uninteressierte Gefallen am Schönen gegenüber
dem Gefallen am Wesen als Seiendeni

Ver schied en e „ Wa hr h e i t e n “: Seinswahrheiten, Gefallens-


wahrheiten, im gewöhnlichen Sinn praktische Wahrheiten, praktische
10 Wahrheiten überhaupt.
Das strebende Leben: I. Das „ urt e i l e n de “ L e b e n, das Urtei-
lend-auf-Seiendes-Gerichtetsein, auf wahrhaft Seiendes, II. das g ut -
wert en de L e b en, auf Gutes Gerichtetsein (Gefallendes, Schönes),
III. das h an d e l nd e , z w ec ktä t ig e L e be n, das auf praktische Güter
15 gerichtete.
Alles Aktleben ist strebendes, gerichtet auf Habe, histi erfahren-
des, urteilendes, auf Urteile, Sätze, dann auf wirkliches Sein und
Sosein gerichtetes Streben, auf Schönes oder Gutes gerichtet, auf
praktisch Gutes (frei zu verwirklichendes). Das Seiende, das Erfahr-
20 bare, Beurteilbare umspannt das Schöne als schön seiend, das Gute
als gut seiend. Und so in allen Modalitäten.
Das Streben geht überall auf Erfüllung, das Streben der Urteils-
sphäre auf Selbstgegebenheit, Kenntnis, Erkenntnishabe in Form er-
füllender Erfahrung, das Streben der Gefallenssphäre auf Erfüllung
25 des Gefallens im Genuss, das der praktischen Sphäre auf Erzielung
des Zweckes im verwirklichenden Handeln, entsprechend dreierlei
„Einstellungen“.

1 23.2.1931.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 173


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7_13
174 intentionalität und genesis der weltkonstitution

Klarheit, was all das besagt, erfordert es, weiter zurückzugehen.


Das Sein, das sozusagen explizierte (das urteilsmäßige, doxische, aber
explizierte), das der „seinssetzenden“ Wahrnehmung und Erfahrung,
hat hinter sich das implizite, das „Vorsei n“; bzw. dem aktiven Seins-
5 setzen (dem urteilenden Glauben, etwa wahrnehmend) geht voran
das, was ich die „pas si ve D oxa“ nannte.
Wir haben ein Vorsein in der „U rdoxa“ (Vor-Doxa), wir haben
ebenso ein Vor-Gefallen in der Weise des Urfühlens, des passiven,
das kein eigentliches Schönwerten ist, und des Urstrebens und ur-
10 tümlichen Tuns, das keine eigentliche Aktivität ist, kein eigentliches
Wollen und Handeln.
1) Die Urdoxa und d as Vorsei n – natürlich von uns konstatiert
durch ein nachkommend enthüllendes Erfahren und sonstiges Urtei-
len – der in der passiven, rein assoziativen Wesensgesetzmäßigkeit des
15 Lebens sich vollziehenden Konstitution von „Einheiten“, vor allem
der Einheiten des ursprünglichen Zeitbewusstseins, der Einheiten
aus immanenter Zeitigung. Diese ursprüngliche Einheitskonstitution
führt (durch Abbau) auf ihr Kernstück, die Konstitution der
Hyle. 2) Das passiv ihr zugehörige Gefühl und 3) hdasi Streben.
20 Das Streben ist aber instinktives, und instinktiv, also zunächst unent-
hüllt „gerichtet“ auf die sich „künftig“ erst enthüllt konstituierenden
weltlichen Einheiten.
Damit hängt zusammen, dass die passiv verlaufenden, die unwill-
kürlichen kinästhetisch-subjektiven Bewegungen, zusammen verlau-
25 fend und sich asshoziierendi mit den zugeordneten hyletischen Daten,
zur genetisch einzel-subjektiven Konstitution von Erscheinungs-
einheiten führen können als sich in den Gruppen zugeordneter
hyletischer Daten „darstellenden“, „abschattenden“. Nämlich op-
tisch ist das Gefälligste immer das Optimhumi – einerseits das der
30 Ausbreitung (Steigerung der „Färbung“ mit der Ausbreitung), was
für „Drehung“ und „Entfernung“ seine Rolle spielt, andererseits
Helligkeit und Dunkelheit, was schon in die kausale Betrachtung
führt (das Ding ans Licht bringen) etc. D i e individuelle Genesis
findet die W ege, die I nsti nkte der Weltlichkeit zu erfüllen,
35 und dafür müssen Bedingungen schon erfüllt sein und sind erfüllt.
Die ersten instinktiven Erfüllungen sind noch nicht die Ender-
füllungen der Instinkte (abgesehen von den Instinkten des Saugens
an der Mutterbrust, überhaupt geruchsmäßige, wärmemäßige In-
intentionalität und genesis der weltkonstitution 175

stinkte mit Kinästhesen des Näherseins bei der Mutter etc.). Die
instinktive Freude am Sehen ist ein Prozess instinktiver Intentionen
und Erfüllungen, und die Erfüllungen lassen immer noch etwas of-
fen; der Instinkthorizont geht weiter. Indem sich weltliche Einheiten
5 konstituieren als habituelle Zugangseinheiten von demselben und
auch das Menschsein, die „Anderen“ und man selbst als seiender
Mensch sich konstituieren und immerfort konstituieren, bekommen
die ins tinkt iven Str ebenshori zonte immer neue Vorzeich-
nung, eben dadurch, dass immer neue Erfahrung (die neu konstitu-
10 ierende) neue Erfüllung bringt für das, was noch Unerfülltheit war.1
Fast möchte man sagen „Ahnung“, aber das Wort hat schon den
Sinn einer, wenn auch unklaren Vorzeichnung. Das neugeborene
Kind hat schon im Verborgenen die „Anlage“ in immer höheren
Stufen seines Entwicklungsganges die Welt und schließlich die Welt
15 der vollen Menschheit zu verstehen, aber – im Sinn der gewöhn-
lichen Rede – noch „ahnungslos“ blickt es „in die Welt“ hinein,
so sehr, dass es noch nicht die primitivsten Vorzeichnungen für die
Welt hat, geschweige denn wirkliche Erfahrung. Jede neue Stufe hat
ihre Fühlungen und Gefühlscharaktere, diese Charaktere haben ihre
20 Steigerungsreihen, und ihnen ordnen sich zu „Kinästhesen“ höhe-
rer Stufe und ihnen folgende Strebungen, ausgebildete Zwecke und
Handlungen. Die konstitutive Praxis bildet sich zunächst aus unter
Leitung der „sinnlichen Gefühle“, in höherer Stufe hunter deri der
Objektwerte etc.
25 Jede ausgebildete Stufe wandelt sich in ihren immer mehr diffe-
renzierten und organisierten Einzelzielungen und Einzeltätigkeiten
in eine neue Pas si vit ät um, in ein gewohnheitsmäßiges Tun (die
dann „Mechanisierung“ in einem schlechten Gleichnis genannt wird
oder auch Dressierung). Es ist die Passivität der Gewohnheit aus
30 Übung, in der selbst der Einsatzwille auf das Ziel hhini (durch den
Weg hindurch bzw. seine Mittel hindurch und die Zwischenwege) in
assoziativer Passivität die Form „bloßer Auslösung“ hat.
Jede höhere Stufe beginnt mit dem Versuch, das Bessere, das
durch ein „Ich kann tun“ im „Vermögen“ liegt (zunächst natürlich
35 ein leibliches „Ich kann mich dahin bewegen“ oder „Ich könnte

1 Vgl. Beilage I: Seiendes als erworbene Habe und Korrelat einer habituellen Zugangs-

praxis (S. 185). – Anm. der Hrsg.


176 intentionalität und genesis der weltkonstitution

stoßen, schieben, drücken, hämmern etc. und in Folge davon würde


ich haben, würde ich es entsprechend umwandeln“), zu verwirkli-
chen. Aber das Bessere hat in der Erfahrung wieder Besseres, es
bilden sich „Spielräume“ praktischer Möglichkeiten aus und hdiei
5 Wahl des Besten, es zu verwirklichen.
Es wiederholt sich aus der engsten Sphäre in allen Stufen die
Möglichkeit der M odal i si erung, das Unstimmigwerden, das
Schweben zwischen Sein und Schein, in der höheren der bewusste
W ille z ur Ei nst i mm ig kei t, zur Einheit eines „wirklichen“ Seins
10 im Rahmen einer wirklichen „Welt“, die wirklich ist in der präsumier-
ten und auszuweisenden bzw. in der Erkenntnis zu verwirklichenden
Wirklichkeit.
Es ist nun aber Folgendes zu bedenken. Nicht nur hyletische
Daten konstituieren sich als Einheiten, auch das konstituierende
15 Leben, auch die Kinästhesen, die Akte des Ich, kurz alles und jedes,
was zum Bewusstseinsleben gehört, konstituiert sich vermöge der
immerfort wirkenden Assoziationen als Einheit. Aber wir müssen
unterscheiden: heinerseitsi Einheiten, die affizieren, an und für sich,
sich entgegenheben – Interesse erwecken – dem aktiven Ich (was eine
20 Tautologie ist, das Ich ist das Ich korrelativer Affektivität und Ak-
tivität), und andererseits Einheiten (als Abgehobenheiten mögliche
Vorbedingungen der Affektion liefernd), die nicht affizieren. Was auf
niederer Stufe nicht affektiv ist, also das Interesse noch nicht berührt,
kann es auf höherer Stufe tun.
25 Die konst it uti ve G enesi s i st für jedes einzelne Ich die
s eine, in ihr muss sich ge l ei tet von den Instinkten – wir könnten
sagen, geleitet von dem uni versal en Instinkt, der alle Sonderin-
stinkte synthetisch vereinheitlicht – korrelativ hdasi Ich als mensch-
liche Person und Welt für dieses Ich konstituieren. Das geschieht
30 aber, wie wir schon wissen, als Welt für das Wir dieses Ich, als Welt,
die Menschen in sich hat und zugleich Welt für diese Menschen ist.
Darin liegt, sie konstituiert sich als gemeinsame für eine kommuni-
zierende Menschheit, und diese Konstitution ist selbst eine Einheit
der „Entwicklung“, ist immerfort auf dem Weg zwischen δàναµισ
35 und ‰ντελÛχεια. In seinem Urinstinkt trägt jedes einzelne Subjekt
diese ganze Entwicklung als nicht seine solipsistische, sondern als
Menschheitsentwicklung – als Entwicklung der transzendentalen All-
gemeinschaft, der der transzendentalen Subjekte – in sich, also es
intentionalität und genesis der weltkonstitution 177

trägt „implizite“ alle anderen, die ihm entgegentreten können, und


alle ihrer Leistungen, die gesamte Welt als humanisierte, als Kultur-
welt in sich. Natürlich nur der Form nach. Schon die untersten und
nächsten Instinkte, die der ursprünglichsten Sphäre der „Praxis“ (das
5 Streben vor dem eigentlichen Wollen und somit noch vor dem Ich als
seiner selbst bewusstem menschlichem Ich), sind zwar gerichtet, aber
mit unbestimmtem und vorzeichnungslosem Horizont, so der Nah-
rungstrieb und der Geschlechtstrieb und der auf Dinge konstituierend
gerichtete.

10 h§ 2. Werte als im fühlend-wertenden Bewusstsein


konstituierte Einheiten. Der Wert als Seinsthemai

Die genetische Richtung auf Weltkonstitution wird nur verständ-


lich durch die systematische, sozusagen ästhetische Auslegung der
Konstitution der „fertigen“ Welt, auf der konstitutiven Stufe, die
15 sie für uns, die forschend Auslegenden, hat. Diese Welt ist immer
schon Güterwelt und immerzu Feld der Praxis, die ihrerseits auf
mögliche weltliche Güter gerichtet ist. Ihre beständige und wesens-
mäßige Unterschicht ist bloße Natur, die aber in der konstitutiven
Entwicklung auch eigenes interessierendes Thema wird, Thema des
20 Naturgefallens und somit als Naturschönheit Thema der Erkenntnis
der puren Natur, Thema der praktisch-handelnden Umgestaltung im
Sinn der Steigerung der Schönheit ihrer Erscheinungsweise.
In der Welt sind mannigfaltige Güter, Güter für Einzelne, Gü-
ter für die menschliche Gemeinschaft als darin für „jedermann“ zu
25 genießen, immer wieder für jedermann sich daran zu freuen, und
eventuell Güter für jedermann in unbedingter Universalität – sofern
sie für ihn nach Sinn und wirklichem Dasein in diesem Sinn zugänglich
sind.1 „Güter“ sind Gegenstände des Wohlgefallens, Gegenstände,
die weltlich schon da sind, sei es auch in der Weise idealer Güter,
30 wie mathematische Theorien, die schon um ihrer „eleganten“ Be-
weisform willen, aber auch als eine bedeutsame Stufe der wissen-
schaftlichen Erkenntnis den Forscher und Leser entzücken können.

1 Aber „Güter für jedermann“ setzt voraus eine Willensharmonie – eine Willensor-

ganisation. Gegen Streit und Zerstörung – ideale Güter.


178 intentionalität und genesis der weltkonstitution

Das Gefallen hat seine Vollkommenheitsgrade; es ist eine Form


des Strebens, und zwar der Ichaktivität und hdesi Sich-Erfüllens;
es ist eine Art der Intention auf etwas hin, die sich erfüllend eine
habituelle Wertüberzeugung (also eine über den actus hinaus ver-
5 harrende) begründet, aber nachträglich aktualisiert kann es doch ein
plus-ultra fühlbar machen, wie z. B. wenn verwandte höhere Werte
sichtbar geworden sind. Nicht hat das Gefallen als Erlebnisdatum
(das analog wie ein Ton betrachtet wird) seine Intensität, sondern es
hat als I ntent ion- auf oft ei ne G radualität ihm möglicher
10 E r füllung, und das ergibt den Unterschied zwischen größeren oder
geringeren Werten. Die Größe besagt hier aber bloß Unterschiede
der Steigerung, die eben das Analogon von sinnlicher Intensität ist.
Aber dies ist eben nur eine besondere Art der Steigerung.
Das Werten des Gemüts, das fühlende Werten, ist also zu verstehen
15 als eine „Einstellung“ des Ich, in der es „im Gefühl lebt“, und dieses
Leben kann Fühlen in der Weise des Vor-Fühlens, der Gefühlsantizi-
pation sein, ein bloßes Wertvermeinen, und es kann die Form haben
oder im Erfüllungsübergang annehmen, in der der Wert ursprüng-
lich als er selbst „verwirklicht“, konstituiert ist – das terminierende
20 Genießen in der Weise des Selbst-als-fühlendes-Ich-beim-Wert-Sein.
Doch muss man von dem Wort „Genießen“ alle sinnliche und gar
abschätzige Färbung wegnehmen. Auch der erhabendste Kunstge-
nuss oder Genuss an der „Schönheit“ der Erkenntnis (ihres Wertes
im Gemüt) ist eben Genuss. Genossen wird im „Gemüt“, nicht im
25 „Verstand“ (auch nicht im Willen). Im „Verstand“ wird nicht der
Wert „Thema“, so wie er im Gemüt „Thema“ ist, das heißt, er ist nicht
Zielpunkt und Erfüllungspunkt einer urteilenden Intention. Aber der
Wert kann auch Seinsthema, Thema des Verstandes werden, und
nur sofern er das ist oder geworden ist, hat er die eigentliche, die
30 explizite Form „seiend“ angenommen, nur so ist er anzusprechen
als Subjekt von Prädikaten, ist er zu beschreiben usw. Der Wert ist
zwar schon da, nämlich im puren (nicht von Urteil und selbst von
Wahrnehmung, Erfahrung im Urteilssinn begleiteten) Genießen; im
ästhetischen Wohlgefallen einem Kunstwerk hingegeben – nicht als
35 „Gebildete“ oder als Kunsthistoriker auf Feststellungen absehend,
also auch keine feststellende, seinssetzende Erfahrung vollziehend –
sind wir in der puren ästhetischen Seligkeit, wir leben im Gemüt.
Ein ganz anderes ist hesi, dass erfahrende Auffassung, Gedanken,
intentionalität und genesis der weltkonstitution 179

Urteile zugrunde liegen mögen, die aber als solche Grundlagen in


der Gemütseinstellung eine wesentliche Modifikation der Gegeben-
heitsweise annehmen.
Die Freude an einem „eleganten“ Beweis kann zunächst als
5 begleitendes Fühlen das verstandesmäßige Beweisen begleiten,
aber die nachkommende G efühl sei nstellung und Wertung als
schön ist ein Neues und fundiert. Wie sie nun im verstandesmäßigen
Tun ist, ist sie selbst nicht mehr ein verstandesmäßiges Tun, sondern
ist gefühlsmäßiges Sich-Freuen am Beweisen, und darin histi bewusst
10 Wert des Beweises.
Andererseits ist jeder Wert implizite seiender, als vermeinter Wert
ein vermeintlicher, als selbsterwerteter Wert (im „Wertnehmen“,
wie ich es seit Jahrzehnten in Vorlesungen nannte, als Analogon
des Wahrnehmens gedacht) ein wirklich seiender. Das sagt: Wert
15 konstituiert sich im Werten als habituell verharrende Einheit, die im
wiederholten Werten des Gemüts sich einigend deckt. Aber diese
passiv-assoziativ sich vollziehende Einigung und Konstitution von
Einheit ist nicht Identifikation als Akt des „Verstandes“, dessen
Funktionen (die Urteilsfunktionen im weitesten Sinn) auch bezeich-
20 net werden als die innig zusammenhängenden, ineinander notwendig
übergehenden Modi der aktiven Identifizierung und Konstitution
von Identitäts-Einheiten als immer wieder selbst zugänglichen, als
originäre Wiederherstellbarkeiten des Identischen in der originalen
Identifizierung.
25 Bleibende Sachen (des Verstandes) und ebenso bleibende Werte
(des Gemüts) als Erwerbe des Ich setzen immer schon voraus, dass
Einheit konstituiert ist, sei es aus ursprünglichster Passivität, sei es
aufgrund von Akten, die alsbald assoziativ-fungierende Einheiten
neuer Art begründen. So ist es, wenn Werte im wertenden (fühlend-
30 wertenden) Bewusstsein, also, wenn man will, im „Gemüt“ als erwor-
bene Einheiten konstituiert sind. Diese, wie alle und jede Einheiten,
können das Ich affizieren und im Besonderen das Verstandes-Ich, das
für Seiendes, für „Tatsächliches“ interessierte.1
Das Interesse am Sein lebt sich aus im erfahrenden Erfassen als
35 ein „dies da“, weiterhin auch halsi ein Streben, es identifizierend in

1 Probleme: a) Uraffektion von „ichlos“ konstituierten Einheiten, b) Affektion von

Tatsachen und Werten als erworbene des Ich, also aus Akten.
180 intentionalität und genesis der weltkonstitution

alle Zukunft immer wieder erkennen hzui wollen, darin liegt, darauf
gerichtet hzui sein, es sich zu merken, zunächst das, was es „im Ein-
zelnen“ ist, das, wie beschaffen es ist, hsichi merken hzui wollen, es
explizierend in seine zu merkenden, immer wieder zu erkennenden,
5 identifizierbare Beschaffenheiten, als denjenigen, worin sein totales
Sein sich auslegt in seine Sonderheiten. In der Erfassung als „dies da,
das so und so ist“ liegt selbstverständlich also eine Zueignung dieses
Seins und Soseins als bleibender Besitz, das man als Gekanntes und
Erkanntes hat, nämlich auf das man, einmal erfasst, immer wieder
10 zurückkommen kann, es als es selbst als identisch wieder konstitu-
ierend. Das sind also die Funktionen des Ein-zunächst-ungeschiede-
nes-Etwas-als-identisches-Substrat-identifizierbarer-Bestimmungen-
Identifizierens und hdesi Auf-habituellen-Erwerb-des-Identischen-
als-immer-wieder-Identifizierbaren-Gerichtetseins; in letzter Hin-
15 sicht hgerichteti auf praktisches Fixieren durch die sprachlichen Zei-
chen.
Auf die Funktionen der Kenntnisnahme gründet sich, mit dem
Einsetzen der Sprache anhebend, das prädikative Urteilen mit seinen
höherstufigen Funktionen der kathegorialeni Identifizierung, der be-
20 greifenden, mit den Formen des Allgemeinheits- und Einzelheitsbe-
wusstseins. Dazu die Modalisierung, die damit zusammenhängenden
Funktionen der Kritik (und kritischen Logik), wobei die Erschei-
nungen, die Sätze als Meinungen, zu Gegenständen werden mit den
neuen Prädikaten „wahr“ und „falsch“, und überhaupt modalen
25 Prädikaten.
So sind auch Werte „etwas“, Seiendes, d. i. identifizierbar, als
„dies da“ zu setzen, auszulegen, begrifflich zu fassen, prädikativ zu
beurteilen, im eigens auf sie einzeln oder auf die Werte im Allgemei-
nen gerichteten Seinsinteresse zu thematisieren, einem Interesse, das,
30 wenn es in habitueller Konsequenz auf derartiges Seiendes und even-
tuell universale Kenntnis eines Seinsgebiets gerichtet bleiben mag,
„theoretisches“ Interesse heißt. Potenziell gesprochen „sind“ Werte
schon vor aller erfahrend-urteilenden Einstellung „da“, ursprünglich
da im aktuellen und erfüllten Wohlgefallen (Unwerte natürlich im
35 Missfallen).1 Aber eigentlich als seiend sind sie für uns da im Wechsel

1 In gewisser Weise sind sie im Genuss „erfahren“.


intentionalität und genesis der weltkonstitution 181

der Einstellung und hin deri Ausübung der Funktionen des Urtei-
lens, unter denen die „schlichte“ Kenntnisnahme des „Merkens-auf“
und des auslegenden Merkens auf das, wie es ist (es, dasselbe). Die
niederste ist die Erfahrung im gewöhnlichen Sinn wissenschaftlicher
5 Rede. Man sieht da, der „Verstand“, das Vermögen des Urteils
im weitesten Sinn, ist nicht etwas neben dem „Gemüt“ und dem
„Willen“.

§ 3. hStellungnehmende Akte als eigentliche Ichakte


und ihre passiven Vorformen. Das erfahrend
10 Gerichtetsein als eine Strebenstendenz gerichtet
auf die Realisierung des Seienden in seinem
Seinsgehalt. Der Willensmodus des Urteilensi

Aber muss man nicht evidenterweise scheiden, wie es so oft ge-


schehen ist, zwischen Sei endem und Seinsollendem, zwischen
15 dem Reich bloßen Seins und dem Reich der Werte? Ist nicht die
Natur, die physische und psycho-physische ein Reich bloß wertfreien
Daseins? Und histi nicht die Zahlenwelt, diese Welt der Idealität, eine
Welt puren Seins, wertfrei wie die Natur? Ist das Seiende Korrelat
des Verstandes und Wert ein Korrelat des Gemüts, mag man nun
20 unter Gemüt ein Vermögen bloßen Fühlens verstehen oder auch des
Willens, oder mag man scheidend dem Gefühl die spezifischen Werte,
dem Willen das Sollen (die Gesolltheiten) zuschreiben? Jedenfalls ist
Natur, ist ideale Zahlenwelt, ist das ideal Mathematische „wertfrei“
bzw. gemäß jener Unterscheidung sollensfrei. Aber was soll diese
25 Fr eiheit bes agen? Sprechen wir allgemein von Seiendem, so ste-
hen wir natürlich in der Verstandessphäre, das heißt, wir sprechen
von Identifiziertem bzw. zu Identifizierendem in Anmessung an im-
mer wieder herstellbare Ausweisung letztlich durch Erfahrung, wir
sprechen also von Erfahrenem oder Erfahrbarem, von Substraten
30 prädikativer Urteile in prädikativen Identifikationen, wirklichen oder
möglichen, vermeintlich ausweisbar durch Einsichten usw.
Aber allgemein sprechend haben wir nicht gesagt, woher, aus wel-
cher Sphäre die Identifikation ihren Inhalt bezieht. Je nachdem kann
er ein sehr verschiedener sein, von sehr verschiedenem konstitutivem
35 Ursprung. Das Identifizieren, oder besser: die Einstellung auf Seien-
182 intentionalität und genesis der weltkonstitution

des als Identisches und Identifizierbares, ist eine Funktion, die völlig
unselbständig ist. Was sie leistet, leistet sie auf einer schon vorausge-
setzten Unterlage. Dasselbe gilt freilich für die Einstellung auf Werte,
d. i. für das wertende Verhalten, und wiederum für das Streben und
5 insbesondere das Willentlich-auf-etwas-Gerichtetsein, und zwar in
allen Modalitäten, die für diese Verhaltungsweisen bestehen können.
Einstellung besagt hier Stellungnahme, aus der die bleibende Stellung
hervorgeht, in der dann Seiendes da ist oder „gilt“, in der Wertes in
seiner Weise gilt, aber nicht als Seiendes zur Geltung kommen muss,
10 und ebenso für Gesolltes, auf das Wollen hinauswill. Die betreffenden
Akte, in denen aktuell Stellung genommen, innegehabt hwirdi und
hdiei dann auch nach dem Akt als „Überzeugung“ (auch Wertüber-
zeugung, Willensüberzeugung) verbleibt, können fundiert sein, wie
wenn die fühlend-wertende Einstellung auf eine Person fundiert ist
15 in Urteilen über das, was sie getan oder unterlassen hat, oder die
Willensentscheidung fundiert ist in Urteilen über die Situation, über
Dinge, Menschen, politische Verhältnisse etc.
Doch damit ist nicht alles gesagt. Wir müssen die eigentlichen
I chakte, die Urteilsakte, die fühlend-wertenden und Willensakte
20 auf ihre passiven Vorformen von Bewusstseinserlebnissen zurück-
beziehen, wie wir dann unter dem Titel „intentionale Erlebnisse“
sie alle befassen, obschon nicht alle Intentionen im prägnanten Sinn
sind. Diese letzteren sind alle charakterisiert als Gerichtethseini ei-
nes Ich auf etwas, während die Nicht-Akte zwar Bewusstsein von
25 etwas sind und die aktive Gestalt des Gerichtetseins-auf annehmen
können, aber sie eben nicht angenommen haben. Das wache Ich ist
als solches aktives Ich, aber auf dem Grund eines weiterreichenden
Bewussthabens von etwas, für das es nicht im Besonderen wach ist
oder in dem es nicht wach ist, nicht sich speziell richtet auf dieses
30 Was.
Es zeigt sich, dass in jedem konkret genommenen Akt und eigent-
lich aller Weisen aktiven Verhaltens alle diese Modi ihre Rolle spie-
len: passive Doxa, passives Gefühl, passives Streben, wobei „passiv“
hier die Bezeichnung ist für das Unwachsein des Ich, für sein In-
35 dem-Bewusstsein-nicht-aktiv-Gerichtetsein. Jedes passiv herauszu-
hebende Bewusstsein in seiner relativen Konkretion hat diese drei
Momente, aber auch in Richtung auf Aktivitäten jedes aktive. Als
Gerichtetsein des Ich ist es ein Streben, ein sei es frei, sei es gehemmt
intentionalität und genesis der weltkonstitution 183

strebendes (im ersteren Fall sich ausstrebend bis an sein „Ende“, das
aber selbst ein relativer Anfang bzw. Durchgang sein kann).
Erfahrend Gerichtetsein ist erfahrend Streben, von Erfahren zu
Erfahren geht kontinuierlich oder durch das Abbrechen hindurch
5 hgehti eine Strebenstendenz, und das Ich, durch diese Aktkontinuität
oder durch die abgehobenen Akte hindurch strebend, ist auf das Er-
fahrene gerichtet, auf das eine erfahrene Ding, das sich im wandelba-
ren Erfahren von immer neuen Seiten bietet und im Besonderen auf
diese und durch diese Seiten bzw. auf die und durch die Sondermerk-
10 male hindurch zu den neuen und wieder neuen. Es ist ein Abzielen
und Ziele Erreichen, relative Zwischenziele und Endziele, die aber
bei anderen Interessenrichtungen selbst nur Zwischenziele wären. Es
ist also ein Pr ozess des i ch-wachen Strebens, hier, mit anderen
Worten, ein Willensprozess, des Näheren ein Prozess fortschreiten-
15 der Realisierung. Was da real i si ert wi rd, ist das Seiende in
s einem Seins gehalt „ sel bst “, in dem es, als was es identisch ist,
im Modus des „original da“ Verwirklichtes ist, und so gemerkt zur
Kenntnis genommen, als bleibende Seinshabe ursprünglich erworben
oder als schon Bekanntes wiedererkannt wird. Die Apperzeption als
20 seiendes Ding, auch des unbekannten Dinges, ist Apperzeption, das
ist Antizipation nicht nur des Jetzt-so-und-so-erfahren-Könnens, die
kinästhetischen Abläufe und die entsprechenden Erscheinungen und
Erscheinungseinheiten konstituieren hzui können, sondern auch des
Das-immer-wieder-später-Könnens und den Erwerb somit als Seins-
25 habe buchen zu können. Die Urteilsaktion als Aktion, als Willensmo-
dus hat ihre Formen, die Formen der immer höherstufigen Identitäts-
gebilde; sie sind das jeweilige Urteilswerk, in der niedersten Stufe das
noch vorprädikativ, bloß zur Erfahrungskenntnis genommene Wahr-
nehmungsobjekt als Substrat seiner Explikate (seiner ausgelegten
30 Sondermomente). Was da als Substrat erfahren ist, was mit anderen
Substraten kollektiv, vergleichend etc. zusammengenommen und in
diesen und immer neuen Funktionen der Urteilssphäre Urteilser-
zeugnisse liefert, das ist natürlich sehr Verschiedenes und sozusagen
eventuell alles und jedes. Es kann ein neues Objekt sein, ein Wert
35 sein, aber auch wieder ein Urteilsgebilde sein, oder ein Entwurf mit
Zweck und Mitteln sein, oder die Handlung als Handlung sein.
Ich sagte „auch ein Urteilsgebilde“ – denn zum Wesen der Akte
gehört die Iterierbarkeit, und so ist auch das Urteilen iterierbar und
184 intentionalität und genesis der weltkonstitution

in verschiedenen Hinsichten. Im Urteilen auf Kenntnis, auf immer


weiter reichende Erkenntnis abzielend, erwachsen Gebilde immer
höherer Stufe, die nicht selbst Ziele sind, sondern die Handlungen,
worin sie als erzielt auftreten. Sie sind aber jeweils da – vor ihrer
5 Erfassung als seiend und gewiss vor ihrer Beurteilung. Sie sind selbst
also erfahrbar (wenn jedes Zum-Seinsthema-Machen, zum Substrat
niederster Stufe, Erfahren heißt) und können zu Gegenständen der
fortschreitenden Erkenntnis werden. Vor der thematisierenden ur-
teilsmäßigen Erfahrung liegt hier jenes Urteilen und sein Urteilsin-
10 halt, der unthematisch aufgetreten und erst bei einem neu gerichteten
Interesse thematisch und zunächst als „Erfahrung“ wird. Jenes unthe-
matische Auftreten macht die Vor-Erfahrung aus, auf die eigentliche
Erfahrung zurückweist und ohne die sie nicht ihren Inhalt hätte.
Was ist die Vor-Erfahrung (dieses weiteren Sinnes), wenn ein ge-
15 nossener Wert zum Seinsthema wird, zum Substrat für Urteilstätigkei-
ten? Natürlich das Werten, im ursprünglichen Modus das genießende.
Und wie steht es mit der gewöhnlichen naturalen („sinnlichen“)
Erfahrung? Aber auch hier muss das jeweilige Objekt, das Ding, die
Gruppe, der Vorgang usw. schon „da sein“, um erfahren werden zu
20 können, humi im urteilsmäßigen Sinn thematisches Substrat sein zu
können. „Schon da sein“ – nicht als objektive Wirklichkeit, die uns
erst da ist durch Erfahrung und erfahrungsgegründete Erkenntnis.
Auch wenn sich herausstellen sollte, dass das „da seiend“ ein Schein
sei, kann Erfahrung als Erfahrung „dieses Dinges da“ statthaben
25 und auch dann natürlich setzt sie voraus, dass es im Voraus schon in
unserem Bewusstseinsfeld da ist (im unbeachteten Naturhintergrund,
der immer schon bewusster ist), damit sie sich eben darauf erfassend,
bestimmend richten kann.1

1 Abgebrochen. – Wie sieht der letzte Ursprung aber aus?


beilage i 185

Beilage I
hSeiendes als erworbene Habe und
Korrelat einer habituellen Zugangspraxisi1

Die instinktive Affektion führt auf Zuwendung und Erfassung, das ist
5 noch nicht Konstitution von Seiendem. Seiendes ist erworbene Habe, das ist
hdasi, wozu ich immer wieder Zugang habe als etwas, das bleibend für mich da
ist. Das Seiende konstituiert sich also in eins mit dem „Ich kann beliebig das
in Wahrnehmungsgegenwart Gegebene allseitig betrachten und im durchlau-
fenden Wiederkehren desselben Moments dasselbe als dasselbe identifizieren
10 und so das Wahrgenommene als verharrendes Identisches identischer Be-
stimmungen in wiederholend-fortgesetzter Wahrnehmung wiedererkennen.“
(Später aber auch, ich kann Verharrendes auch nach der Wahrnehmung in
Erneuerung durch getrennte Wahrnehmung erkennen, ich kann dabei auch
auf die vergangenen Veränderungsmodi durch Erinnerung zurückkommen –
15 wie dann in der Wahrnehmung ja Wiedererinnerung für das Wiedererkennen
schon eine Rolle spielt. Und so kann ich auch durch Wiedererinnerung auf
das früher Wahrgenommene zurückkommen etc. Das alles aber geht nicht
mit einem Schlage.)
Und zieht nun ein Neues mich an, so ist schon die Apperzeption begrün-
20 det: Es ist für mich nicht nur erfasst, sondern aufgefasst (später als immer
wieder zu Erkennendes) – zunächst als Wunschintention, und dann lerne
ich es, und schließlich kann ich es überall, ich gewinne die Seienden in ihrer
apperzeptiven Typik, jeder Typus hat seine Weise des „Ich kann“, seine Weise
der Zugangspraxis. Das ist also eine Art „Handeln“. Für die erste Konsti-
25 tution von erscheinend Seiendem (Raumding bzw. Mutter) das sich ausbil-
dende Vermögen, durch „könnende“ In-Spiel-Setzung der Kinästhesen (die
schließlich zu einem beherrschbaren System geworden und als das bewusst-
seinsmäßig zur Konstitution gekommen sind halsi systematisches Einheitsfeld
meiner Herrschaft im „Ich bewege“) die assoziierten Erscheinungsreihen
30 zum Ablauf bringen zu können, in der Weise, welche eine „Kenntnis“ des
Gegenstandes, in dem, was sein eigenes Sein ausmacht, schafft, als bleibende
Kenntnis, als immer wieder realisierbares Identisches. Seiendes ist Korre-
lat also einer habituellen Zugangspraxis, die nicht im gewöhnlichen Sinn
„handeln“ heißt, da dieses Wort bezogen ist schon auf ein Reich von weltlich
35 Seiendem. Dies ist schon vorhanden, die handelnde Praxis geht auf das, was
noch nicht vorhanden ist, nicht da ist als ruhendes Sein oder als bewegtes
bzw. als Bewegung, hwasi da ist als so bestimmt, aber nicht bestimmt so,

1 Wohl Februar 1931. – Anm. der Hrsg.


186 intentionalität und genesis der weltkonstitution

wie ich es wünsche. Es geht also darauf, die vorhandene Welt, sie im weitesten
Sinn zu verändern, und zwar durch Tätigkeit zu verändern, von mir her, aus
meinem Wollen, meinem Entwerfen und Tun.

Beilage II
5 hWahres Sein und wahrer Wert. Wert und Stimmung.
Die auf die ganze Lebenszukunft bezogene
Stimmung: Lebensgefühl und Lebenssorgei1

Seinswahrheiten, Wertwahrheiten, praktische Wahrheiten.


1) Wahres Sein in seiner Relativität – Urteilsaktivität, Potenzialität theo-
10 retischer Erkenntnis ins Unendliche, Potenzialität der Welterkenntnis, des
Fortschritts der Menschheiten bzw. transzendentale Subjektivitätsentwick-
lung zur universalen absoluten Wissenschaft, und diese selbst in infinitum. Na-
turwissenschaft – Geisteswissenschaft – als ra t i o n a l e in die Unendlichkeiten
übergehende – transzendental, Überwindung aller Relativität des Seins, uni-
15 versale Teleologie des sich konstituierenden Seins in der transzendentalen
Subjektivität, auch als sich selbst als wahrhaft seiend konstituierende; alles
relativ Seiende nur seiend als potenzielles Gebilde in der transzendentalen
Subjektivität, aber in der sich selbst zum wahren Sein fortentwickelnden, also
in der Konstituierung des Relativen in sich die Potenzialitäten als Habituali-
20 täten ausbildende.
2) Wahrer Wert – das „Schöne“. Alles Schöne ist relativ schön; schön
in seiner Eigenheit, die aber nicht „in der Luft steht“: die Schönheit einer
Blume, eines Kunstwerkes, die Schönheit der deutschen Natur, die Schön-
heit der Natur ist univhersali, die Schönheit der Gotik, die Schönheit der
25 arabischen Kunst, die Schönheit der konkreten anschaulichen Welt – der
schöne Mensch, der schöne Staat, die schöne Ehe, die schöne Geselligkeit.
Eine schöne Menschheit als in einer schönen Welt lebend, sie von sich aus
zu Schönheit gestaltend – so weit es an ihr liegt. Die Schönheit bestimmt
durch den puren Inhalt: die „Ideenschönheit“, die des Inhalts als Idee, die
30 Schönheit des Seienden durch Methexis an der Idee. Die primitiven Daten
und ihre Schönheit, einzeln und zusammen – oder Hässlichkeit (Unstim-
migkeit der ursprünglichen Gefühlseinigung, der Einigung der fundierten
„Werte“), reine Schönheit, Steigerungen (plus-minus). Die Schönheiten der
sich weltlich durch darstellende Erscheinungen konstituierenden Realitäten,

1 Wohl auch Februar 1931.


beilage ii 187

und zwar der lebensweltlichen. Das konstituierte Reale und seine Stim-
mungsbedeutsamkeit oder Gegenstände mit Stimmungswerthaftigkeit.
„Wert“ halsi allgemeines Wort für das Gefühlshaftige des jeweiligen
„Vorstellungsinhalts“ des individuell Seienden – eines einzelnen, eines Kom-
5 plexes. Es kann sein: relative Einheit der Erscheinungen (Optimum einer
gewissen Nähe). Es kann sein: eine einzelne Erscheinungsweise oder be-
schränkte Kontinuität der Erscheinungen wie Aussicht – Land als Land im
Wie der Erscheinungsweise, als „Landschaft“. Das ist „Landschaftsschön-
heit“, dieses nicht bloß im Wie, sondern in der Stimmungshaftigkeit. Also
10 nicht nur, was da durch diesen „Inhalt“ fundiert ist, als zur Einheit der
Gegenständlichkeit als Realität gehörig und als Einheit von Eigenschaften,
die ihm aus der Praxis zugewachsen sind – was das schon ist und wie es von hier
aussieht –, sondern was diese Seiende im Aussehen f ü r m i c h b e d e u t e t, mir
gefühlsmäßig wert ist. Dieser Wert kann selbst praktische Bedeutung haben.
15 Man erzeugt Landschaft nach Wertideen (m a c h t Stimmung), man erzeugt
Gegenstände in Zierform, hum siei im Stimmungscharakter für jedermann
fühlbar zu machen, sie werden also auch „objektiv“.
Die Heimwelt und ihr Wertcharakter, das Heimelige, Vertraute. Einstel-
lung der reinen Wertung, Ausschluss aller praktischen Einstellung, zuhöchst
20 derjenigen, die auf diese Wertung selbst geht. „Interesseloses Wohlgefallen“
(oder Missfallen), Einheit in der Mannigfaltigkeit der „ästhetischen“ Werte,
abwechslungsreiche Landschaft auf der Wanderung, einförmig-langweilige,
heroische, großartige, liebliche.
Subjektive Wohlstimmung und Missstimmung – der Ort, wo ich lebe, in
25 einer schicksalsvollen Zeit, die allgemeine Stimmungsfärbung, die n i c h t im
Einzelnen motiviert ist durch den Inhalt und wiederkehrt, so oft ich den Ort
besuche. Im Unglück habe ich kein Auge für das Liebliche, Heimelige der
Landschaft, für die Schönheit eines Baues etc. Diese subjektive Stimmung
gehört dem „Interesse“ (als Gegensatz zur Uninteressiertheit) an: Ich bin
30 im Beruf gescheitert, ich habe als Kaufmann Misserfolg, ich bin in einer
Unternehmung plötzlich gehemmt und weiß nicht weiter etc. Wertung ist
nicht Stimmung in diesem gewöhnlichen Sinn, ist Gefühl des Gelingens
und Misslingens, aber nicht so im Einzelnen. Menschliches Streben als uni-
versales Lebensstreben, in der Einheit, die alles Sonderstreben im Voraus
35 reagiert. Es misslingt nicht bloß die einzelne Handlung, es misslingt auch
mein „ganzes Leben“, es ist nun missraten. Es kann auch sein, dass mein
künftiger Lebensweg nicht wesentlich betroffen ist, ein bloß momentanes
Missraten hier und jetzt, das für den kommenden Morgen nichts mehr be-
deutet.
40 Dann ist also der Ausdruck „Stimmung“ für Wertung zu meiden oder
scharf zu scheiden: heinerseitsi die Stimmung, die ich jeweils als praktisches
188 intentionalität und genesis der weltkonstitution

Ich aus meiner Praxis her gewinne und habe, die singuläre Befriedigung
oder Unbefriedigung und die sonst wie zum begrenzten Ganzen der engeren
und weiteren Gegenwart gehörige Gesamtstimmung; andererseits die auf die
ganze Lebenszukunft (auch da nach einer Berufsseite oder schließlich ganz
5 und gar nach allen Seiten) bezogene Stimmung.
Allerdings jede „gute“ Gegenwart hebt mich in meinem gesamten
„Lebensgefühl“, sofern die Gegenwart zur Einheit einer (Berufs-)Zukunft
gehört, die mit gekräftigt wird. Aber da ist eben der Unterschied, dass in der
Gegenwartsstrecke Gelingen und Misslingen so sein kann, dass das Gelingen
10 zwar erfreulich ist, aber nicht wesentlich die Zukunft fördert, so wie das
Misslingen sie noch nicht schädigen muss. Es ist also gleich zu beachten, dass
das menschliche Leben (in seiner Form der ausgezeichneten Bezogenheit
auf eine weite Zukunft und schließlich für den vollen Menschen auf das
ganze Leben) immerfort in der Schwebe von Gelingen und Misslingen, also
15 immerfort in Gefahr und Sorge verbleibt, und insofern rechtfertigt es sich,
das Leben hinsichtlich seiner Stimmung als ein Leben in der L e b e n s s o r g e
zu bezeichnen. „Sorge“ ist überhaupt ein Ausdruck, der in der Regel oder
oft in seinem Sinn vordeutet auf das Ganze des Lebens. Die „Sorge“ um
einen Kranken, ob er davon kommt oder nicht – der Ausdruck besagt schon,
20 dass dieser Mensch in seinem Dasein für unser Leben und nicht bloß für den
Moment etwas bedeutet. In jeder echten Nächstenliebe liegt innerer Anteil an
seiner praktischen Lebensbefriedigung, aber auch, von dem Moment an, wo
diese Liebe als aktuelle für die Person erwacht ist, ist seine Sorge unsere Sorge
(Mitsorge ist eigene Sorge), unser Für-ihn-besorgt-Sein gehört mit zu unserer
25 eigenen Lebenssorge, unser Zukunftsleben rechnet auf ihn, umschließt das
Mitleben mit ihm.
Aber ist da nicht die Rede von Gelingen und Misslingen, das doch auf
unsere Praxis als Lebenspraxis geht, zu eng? Allerdings. Es kommt nicht
auf eine wirklich in Gang befindliche Praxis an, und auch nicht auf einen
30 bestimmten Plan, einen Vorsatz, der missrät, der gegenstandslos wird, sei-
ner praktischen Möglichkeit nach entwurzelt, wenn die Voraussetzungen
der praktischen Möglichkeit aufgehoben sind durch den Gang der Umwelt,
durch eigene Krankheit und dgl. Zum praktischen Dasein gehört das ge-
samte Praktische, das beschließt die praktischen Möglichkeiten, den ganzen
35 Untergrund, der jeweils die Entschlüsse und Handlungen möglich macht
und wenn auch nicht ausdrücklich, hsoi doch als verstandene praktische
Situation zum Sinn des praktischen Lebens gehört und darin in einem Modus
praktischer Apperzeption bewusst ist. Mit Lebenssorge ist nicht bloß die
meines egologisch abgeschlossenen Lebens, sondern Sorge für andere und
40 Mit-Sorgen mit ihrem Sorgen, von ihnen aus gesehen eventuell aber auch
in ihr Sorgen mit Eingehen hgemeinti. Aber „ S o r g e n “ i s t z w e i d e u t i g:
beilage ii 189

einerseits praktisches Bestrebtsein und praktisches Tätigsein, andererseits


um sie sorgen im Gefühl.
Als Gefühlskorrelat des praktischen „Es stimmt oder stimmt nicht“ hät-
ten wir Freudenstimmung (Sich-gehoben-Fühlen) und Trauerstimmung, die
5 herabgedrückte Wohlstimmung (Missstimmung allgemein gesprochen), in
verschiedenen Modi und Zwischenmodi auf Einzelnes bezogen. Die prak-
tischen Umstände stellen sich günstig dar oder im Einzelnen ungünstig,
genauer, sie entwurzeln praktische Möglichkeiten, eventuell sind sie un-
günstige Möglichkeiten, schwer zu überwindende, oder „eventuell“ und
10 wahrscheinlich Misserfolge bedingende usw. Die praktische Gewissheit mo-
dalisiert sich in praktische Möglichkeit, praktische Unwahrscheinlichkeit und
Wahrscheinlichkeit, und danach haben die zugehörigen Situationsmomente
korrelativ praktische Modalisierungen. Hinsichtlich des Gefühls hätten oder
haben wir Freude als Erfüllungsfreude, Freude als Vorfreude (Freudenge-
15 wissheit) = frohe Hoffnung, Freudenzweifel = Sorge in der Zwiespältigkeit,
aber Gleichheit der Möglichkeiten, bei überwiegender Wahrscheinlichkeit
des Misslingens Sorge als Furcht, schließlich Misslingen als Negat der Freude,
als Unfreude (Trauer klingt zu prätentiös, Bedauern).
Dabei aber hatten wir Einzelheiten im Auge. Selbstverständlich würde
20 auch ein Leben in der Vereinzelung Gesamtstimmungen ergeben, für welche
eben der Status der Gegenwart und „endlichen“ Zukunft allein in Frage
kommen würde. Nach Art tierischen Daseins. (Auch beim Menschen sind
die Instinkte für die Lebensbedürfnisse ursprünglich bestimmend und je-
denfalls mitbestimmend, dann als selbstverständliche Unterlage.) Wenn die
25 Mahlzeit nicht eingenommen werden kann, so wird die ganze Stimmung
herabgedrückt. Aber der Mensch hat mindestens eine weitreichende Ge-
samtgegenwart und Lebenszukunft in der Einheit eines praktischen Inter-
esses und hat so eine besondere Stimmungseinheit, die vom Ganzen her
bestimmt ist, für das alle Einzelheiten irgendwie Funktion haben. Und erst
30 recht, wenn er ein „voller“ Mensch ist. Also da „spiegelte“ das Gefühl die
Struktur der Praxis nach Gelingen, Misslingen, Hemmung und Förderung
in den Umständen etc. Diese Stimmung bestimmt dann die Lebensenergie,
die Hoffnung beschwingt, die Sorge mag lähmen – die Willenskräfte. Der
Wille hat Unterschiede der Kraft und Kraftanspannung, unwillkürliche oder
35 willkürliche; Anspannung ist selbst eventuell willensmäßig ins Spiel zu setzen.
Kraft hat aber auch von vornherein eine Größe (als Schwungkraft, je nach
dem Schwung größer oder hgeringeri), oder sie ist schwach, „gelähmt“. Aber
Verzweiflung kann erst recht hdiei Kraft erhöhen etc.!
190 intentionalität und genesis der weltkonstitution

Beilage III
hDie Vorfreude als eine Gefühlsantizipation und ihre
Erfüllung im Genuss. Der im Genuss selbsterfühlte Werti1

Wir müssen unterscheiden: die Ist-Funktionen, die der identifizierenden


5 „Ineinssetzung“, und die Funktionen der Bewährung, die Erfüllungsfunk-
tionen (Adäquhationi). Beide sind innig verflochten. Wenn ich, sei es auch
in der Erfahrung identifiziere, so ist es doch demgegenüber ein Besonderes,
dass ich identifizierend bewähre, hdass ichi das Wahrsein zum Ziel habe und
darauf aus bin, es in seiner Wahrheit mir zuzueignen, als seiend zu merken.
10 Wie ist es im Werten – fühlend Werten? Ich lebe in meinen Gefühlen, sa-
gen wir Passivitäten, eventuell genieße ich, und der Genuss birgt Intentionen
zu immer neuem Genuss. Strebend gehe ich darin fort.
In der sinnlichen Erfahrung, Wahrnehmung intendiere ich, ich strebe
fort von Erfahrenem zu Erfahrenem, dabei erfüllen sich die erfahrenden
15 Vorintentionen. Ist es ein gleicher Fall? Erfahre ich dort den Wert im Genuss?
Die Blume hat ihren Geruch, ich lerne ihn als Bestimmung kennen – ich ge-
nieße die „Schönheit“, die Lieblichkeit etc., die des Geruchs; ich gehe dieser
Geruchsausströmung nach, die sich im Raum verbreitet, ihn durchstrahlt
und genieße immer vollkommener.2 Und je mehr ich befriedigt werde, umso
20 höher „schätze“ ich den Wert. So auch bei Farbe, Gestalt. Es kommt dabei
auf die Gegebenheitsweise an, eine gewisse Distanz von mir usw.3 Scheide
ich da nicht die Bl ume se l b st, ihre Gestalt etc., ihre Ausstrahlung, und wie
sie bei passender Stellung zu ihr und der Gegebenheitsweise für mich a u f
mi c h wi r kt? Die Art der Wirkung auf mich ist eine gewisse Lust, ist das
25 nicht ein Erfahrungsmerkmal, obschon ein relatives?
Wenn ich Lust genieße, als Ich darauf gerichtet, was da lustig ist, im
Wohlgefallen lebend, ist das nicht eine Art Bejahung, der gegenüber steht
die Unlust als eine Verneinung, eine Ablehnung?
Wenn ich einen antizipierenden Glauben habe in einer antizipierenden
30 „Vorstellung“ als Erwartung, so ist es ein Seinsglaube. So ist auch jedes nicht
vorerwartende Urteil, aber etwa ein „symbolisches“ Urteil, ein Glaube, der
nicht „Seinsgenuss“ ist, möglicherweise aber in einen solchen bewährend-
erfüllenden überzuführen ist. Antizipation von einem Selbst-da in möglicher
Erfahrung ist Glaube, und in Erfahrung selbst liegt Antizipation, Glaube und

1 Wohl Februar 1931. – Anm. der Hrsg.


2 Ich erfahre selbstvergessen – aber ich freue mich, das Ding erfreut mich.
3 Ein Haus in seiner Architektur – nur in einer Distanz tritt die Schönheit hervor.
beilage iii 191

ursprüngliche Bewährung als Erfüllung, ebenso ein sonstiger nicht erwarten-


der „leerer“ Glaube.
Ein Gefühl kann auch Vorerwartung des Genusses sein. Vorerwartung
des Genusses ist zugleich Vorfreude, ist eine Gefühlsantizipation und selbst
5 Gefühl. Die Erfüllung im Genuss ist „Bewährung“, aber nicht Bewährung,
dass das Gefühl selbst eintreten wird als seiend, sondern hdasi Analogon
davon: Die Gefühlsmeinung, das Gefühl selbst der Vorfreude wird berechtigt
oder wird „entrechtigt“. Die Vorfreude von vorhin hört nicht – im letzteren
Fall – auf, mein vergangenes Gefühl zu sein, so wie mein vergangenes Urteil,
10 das ich wiedererinnernd doch jetzt ablehne, nicht aufhört, mein vergangenes
zu sein. Aber es verliert seine „Geltung“, ich stehe nicht zu ihm. Aber die
Erfüllungen und Enttäuschungen, also die Bewährungen und Entbehrungen
sind nicht dieselben beiderseits. Die Antizipation des Geruchs stimmt, aber
das Gefallen tritt nicht ein (ich bejahe jetzt nicht als Fühlender), sondern
15 Missfallen; das Bild erkenne ich wieder, aber heute mit geläutertem Ge-
schmack werte und urteile ich kritisch. Früher genoss ich den Wert (den
positiven), jetzt lehne ich ihn als vermeinten Wert ab.
Die Vorfreude ist Freude darüber, dass künftig ein Erfreuliches eintreten
wird. Darin liegt, dass das bewusst statthabende „künftige Eintreten“ in
20 Freude aufgenommen sein wird. Ist aber Vorfreude, Freude darüber, dass
künftig das und das (etwa A) sein wird, dasselbe wie Freude am Seinwerden
einer Freude über A? Das künftige Eintreten der Freude ist selbst ein künftig
Seiendes. Wäre dies das, worauf die Vorfreude gerichtet ist, worin sie sich
erfüllt, so kämen wir auf einen unendlichen Regress. Offenbar ist die Freude
25 am eintretenden A selbst der Erfüllungsmodus der Vorfreude daran, dass A
eintreten wird, aber gerichtet ist die Vorfreude auf das Seinwerden von A
und nicht auf das Seinwerden der Erfüllungsfreude.
Würde man beides verwechseln, so wäre es ebenso, wie wenn man einen
gegenwärtigen Vorglauben ansehen wollte als Glauben, dass künftig der
30 erfüllende Glaube (der der Gewissheit, dass nun gegenwärtige Wirklichkeit
geworden sei, was vorgeglaubt war) eintreten wird. Der Zukunftsglaube ist
auf das künftig Seiende gerichtet und nicht auf die Glaubensgewissheit, in
der es sich erfüllt. Sonst unendlicher Regress.
Trotzdem ist noch nicht alles klar. Freude ist doppelsinnig als mein Mich-
35 Freuen und als das Erfreuliche, als das Schöne, Liebliche des Seienden.
Das Sich-Freuen als eine Gemütsintentionalität hat ihre eigene Synthese,
fundiert in einer Doxa und doxischen Synthesis des und des Inhalts. Das
Sich-Freuen ist nicht gerichtet auf Seiendes als solches, es erfüllt sich nicht
als Seinsglaube in Form des Erfahrungsglaubens und ist in der Erfüllung also
40 nicht Bewusstsein vom Seienden selbst in seiner Seinswahrheit. Es erfüllt sich
als genießendes Sich-Freuen, und in diesem ist im Modus des Selbst (dem
192 intentionalität und genesis der weltkonstitution

parallelen Gemütsmodus) erfühlt bewusst der Wert. Sich-Freuen ist auf den
Wert gerichtet, Sich-Freuen am Künftigen wie auch an Vergangenem und
Gegenwärtigem (aber im Allgemeinen nicht am genossenen Gegenwärtigen
und Vergangenen) ist auf den Wert gerichtet, der im Modus selbst-erfühlter
5 bewusst ist, in dem ursprünglichen Genuss, im gegenwärtigen Genießen oder
im „Wiedergenuss“, dem Nachgenuss der Wiedererinnerung. So wie die Ab-
wandlungen der Originalität der Erfahrungsgewissheit doch Abwandlungen
der Doxa sind und selbst Doxa, sofern sie umzuwenden sind in Selbstgewiss-
heiten, so sind die Gefühlsabwandlungen zur Gattung Gefühl gehörig und
10 selbst abzuwandeln in Gefühlsgewissheiten (genießende). Die Vorfreude in
Form der expliziten Betätigung des Gefühls an der explizit anschaulichen Vor-
gewissheit ist ein Modus der Freudengewissheit und in Einstellungsänderung
des Gefühls selbstgegenwärtige Freude, die Wiederfreude der Erinnerung
wird auch gegenwärtige Freude durch Einstellungsänderung.
ERGÄNZENDE TEXTE
A. NEIGUNG, VERMUTUNG, ANMUTUNG,
ZWEIFEL IM URTEILSGEBIET UND
IN DER SPHÄRE DES GEMÜTS

Nr. 1

5 Ve rnunf t und Ne i g un g . Ur t e i l sn e i gu n g1

Im Urteilsgebiet:2 A) naiv urteilen, der Urteilsneigung folgen,


ohne nach Recht und Unrecht, nach Vernunft und Unvernunft zu
fragen.
Ich nehme wahr und drücke aus, was ich wahrnehme. Ich gehe
10 aber über den Bereich des primär und eigentlich Wahrgenomme-
nen hinaus, ich folge dem „Zug“ der sekundären Intentionen, die
mich über den Bereich des primär Wahrgenommenen hinausführen.
Ich folge diesem Zug: Die Ergänzungsintention i s t n i c h t b l o ß
V orst ellu ng , s o n de rn N ei gu ng, und dieser Neigung gebe ich
15 nach. Ich fühle mitunter die Neigung noch v o r dem Urteil: „So
dürfte es weiter gehen, so ist es.“ Je uneigentlicher das Denken und
denkende Ansetzen, Urteilen und Urteilen-Wollen, umso deutlicher
der Unterschied von Urteilsneigung und Urteil.
Die Urteilsneigung, ist sie nicht Vermutung, Für-wahrscheinlich-
20 Halten? Ist das Wahrscheinliche das, was ich geneigt bin, anzuneh-
men? Natürlich nicht das objektiv Wahrscheinliche, d. i. das, was
wieder berechtigte Neigung auszeichnet, das, was zu vermuten ich
(unter gegebener Sachlage) „Gründe habe“ (Vernunftvermutung).3
Ist das richtig (das zu urteilen, habe ich momentan die „Neigung“,
25 und das ist „mir“ jetzt überwiegend wahrscheinlich, das vermute

1 Wohl 1907. – Anm. der Hrsg.


2 Der Ausgang der Überlegung war die parallele Frage hnachi Vernunft und Neigung
im Willensgebiet.
3 Neigung zunächst gleich A n m u t u n g, zu unterscheiden von V e r m u t u n g, welches

eine Entscheid u n g i m S i n n d e r A n m u t u n g, eventuell im Sinn dieser Anmutung


gegenüber and e r e n A n m u t u n g e n ist, deren Gewicht geringer angeschlagen wird.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 195


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7
196 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

ich jetzt), dann hätten wir anzusetzen: Urteilsneigung gleich


Ur teils dr ang glei ch Verm utung (es ist mir so zumute, es scheint
mir so, als ob), und zu unterscheiden: begründete Vermutungen,
vernünftige, berechtigte und unbegründete etc., hundi Vermutungen,
5 von denen es heißt, sie seien vernünftig berechtigt (oder schlechthin
vernünftig), und die, bei denen das nicht der Fall ist.
Ferner, einer Anmutung kann man „nachgeben“, der Urteils-
neigung kann man folgen, in doppeltem Sinn: a) Man hält sie als
Vermutung fest, um ihrer Vernünftigkeit willen; b) man geht zum
10 Urteil über.
Aber heißt es nicht oft, eben wenn die Rechtsfrage gestellt, wenn
die Rechtfertigung als nötig empfunden wird: Ich bin geneigt, zu
ver muten? Haben wir also nicht auch Vermutungsneigungen
gegenüber den naiven Vermutungen? Aber heißt das nicht vielmehr:
15 I ch bin genei gt, es fü r wahrschei nl i ch zu halten; ich bin ge-
neigt, zu urteilen, dass meine Vermutung berechtigt ist, einen Rechts-
grund habe?
Wenn ich Urteilsneigung, Vermutung habe, kann ich wieder ver-
muten, dass sich diese Vermutung als berechtigt herausstellen wird,
20 und kann wieder dieser Vermutung nachgeben in dem Sinn, dass ich
das glaube, dass ich schon glaubend nur die Gründe suche, die ich
damit gesetzt habe, aber erst finden muss. Die zweite Vermutung
kann wieder berechtigt, vernünftig gerechtfertigt sein etc.1
Wir hätten also: A) nai v urtei l en, sei es, dass eine eigentliche Ur-
25 teilsneigung vorhergeht (eine Anmutung, Vermutung), die zum Urteil
tendiert und darin übergeht, oder auch nicht, wenn man nicht etwa
sagen muss, dass jedes akthuellei Urteil Erfüllung (= Befriedigung)
einer Urteilstendenz (einer Urteilsneigung) ist. Dann hätten wir
Erfüllung in doppelt em Si nn: Das Urteil erfüllt sich in der Adäqua-
30 tion, im „Gegebensein“ der Sachlage selbst, die Urteilstendenz
er füllt s ich im Ur tei l (befriedigt sich).
Das Erfüllen ist beiderseits etwas wesentlich Verschiedenes. Im
z w eiten Sinn haben wi r ei n Phänomen der Klasse der

1 Steckt da nicht ein wesensgesetzlicher (logischer) Zusammenhang? Vermute ich,


dass A ist, so „muss“ ich auch vermuten (oder glauben?), dass sich diese Vermutung
als vernünftig herausstellen lassen muss.
text nr. 1 197

Tendenz en, als Wün sche, Begi e rden, Triebe und dgl. Die
Tendenz geht auf Entscheidung, auf das Urteil als Akt, auf das Urteils-
Tun. Ich folge der Urteilsneigung, ich gebe nach und tue, ich urteile.
Im ersten Fall stehe ich aber nicht in der Sphäre der Wünsche, Wol-
5 lungen, hderi Tendenzen als Neigungen, sondern in der Sphäre der
berechtigenden Evidenz.
Nun könnte man aber sagen: Die Neigung zum Urteilen ist eine
Neigung zur Urteilstätigkeit, die Neigung zu einer Handlung; der
Urteilstrieb befriedigt sich, indem ich ihm nachgebe. Ich urteile, das
10 heißt, ich vollziehe das Urteil. Also nicht ist die Neigung eine Neigung
zum Urteil, sondern zum Vollziehen, Tun des Urteils? Natürlich ist
da leicht zu antworten: Jede Willenstendenz ist Neigung zum Vollzug
einer Handlung und Neigung zur Handlung. Neigung zum Vollzug
des Essens und Neigung zum Essen ist dasselbe: Nämlich Essen ist
15 nicht die Ereignisfolge ohne Willenscharakterisierung (zu der bloßen
Ereignisfolge habe ich keine Neigung – das hat keinen Sinn), sondern
mit der Willenscharakterisierung. Dann ist es Handlung; der Vollzug
des Essens, willentliches Essen ist hesi, worin sich die Willensneigung
erfüllt.1
20 Ich begann mit A): nai v urtei l en, der Urteilsneigung fol-
gen, ohne nac h Rech t und U nrecht, nach Vernunft und
Unver nunf t z u fr agen. Ich geriet dabei auf die Frage, was das sei:
„ Ur teils neigung “ und „ei ner U rtei lsneigung folgen“. Ich
fühle den Zug, die Sache mutet sich als seiend oder so seiend an, und
25 darin bzw. in dem „Gewicht“ der Sache liegt meine Vermutung oder
Urteilsmotiv. hB)i Aber das Urteil kann vernünftig oder unvernünftig
motiviert sein. J edes U rtei l i st phä nom enologisch motiviert,
s ofer n ic h urt eil end notwendi g ei ner Neigung folge, einer
„ A uffor der ung der S ache “, ihrem Gewicht, dem Gewicht, das
30 einen Z ug auf m ein U rtei l en (mich „urteilend entscheiden“)
übt.2

1 Essen-Wünschen, Tendenz auf Essen. Essen-Wollen = Essens-Entschluss: künftig

hEssen-Wolleni. Essen-Wollen = akthuellesi Essen, Erfüllung jener Tendenz.


2 Ich habe inzwischen zu unterscheiden versucht zwischen Motiv der Neigung zum

Urteil und der Neigung selbst. Das eine histi eine besondere intellektive Intention (und
jede Aktart hätte ihre besonderen Intentionen) und das andere eine Tendenz, die zum
Willensgebiet gehört.
198 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Nicht jedes Urteil ist andererseits logisch motiviert, d. h. jetzt:


s achlich begründet. Die Sache erscheint als fordernd, aber in
Wahrheit braucht es nicht zur Sache zu gehören, dass sie so zu beurtei-
len sei. Vielleicht kann man sagen: Jedes Motiv gibt zwar einen
5 Gr und ab, aber es gi bt wesentl i ch verschied ene Gründe.
Eine mathematische Sachlage, wie sie sich mir zunächst im Ansatz
darstellt, mutet sich als so und so zu entscheiden an, etwa vermöge
ihrer äußerlichen Analogie mit einer anderen, welche eine Lösung
gewisser Form zuließ. Weiß ich sonst nichts, so hat diese Anmutung
10 ihr Recht. Sehe ich mir aber die Sachen an, dann erkenne ich, dass
die Analogie eine bloß äußerliche ist (Ähnlichkeit, äußerliche, der
Ansatzformen „pflegt“ Ähnlichkeit in den Lösungsformen mit sich
zu bringen, die innere Ähnlichkeit wird sich ja umgekehrt in der äu-
ßeren widerspiegeln), dass das Motiv der Ähnlichkeit hier also nichts
15 bedeuten darf, dass es hier als Null anzurechnen ist. Die Ähnlichkeit
hat ihre Anmutung, und damit scheint das Urteil (Anmutung) „S sei
p“ ein „Gewicht“ zu haben. Solange nichts sonst bekannt ist, besteht
das Gewicht mit Recht. Es treten hier aber Motive auf, welche das
Gewicht annullieren, und zwar nicht nur de facto, sondern in der
20 Vernunft.
Wir werden zu unterscheiden haben innere und äußere
Motive. I nner e glei ch ei gentl i ch sachliche; äußere h gleich i
analogis che, empi ri s che. Das ist noch ganz vage. Die Sachen, so
wie sie sind (nämlich im Sinn der Vermutungen, Urteile, ja in hypothe-
25 tischer Behandlung der Annahmen, die ich vollzogen habe und mit
denen die Sachen als seiend und so und so bestimmte angesetzt sind),
fordern so und so gedacht zu werden. Das schon Gesetzte fordert
Weiteres, motiviert neue Vermutungen oder Urteile. Unterschiede
von for maler und m ateri al er Moti vierung. Äußere Motive:
30 Motive der As soz iat i on.
Bei aller Vernunftabmessung liegt zugrunde der Unterschied der
E igentlic hkeit und U nei gentl i chkeit. Eigentliches Gegeben-
sein des Sachverhaltes, uneigentliches Gegebensein oder bloßes Mei-
nen. Ich sehe die Sache, ich lege sie auseinander in der Wahrneh-
35 mungsreihe. Ich sehe sie in Verbindung mit anderen etc. Ich vollziehe
das Sc hauen des m athe m ati schen G esetzes – ich denke es unei-
gentlich. Ebenso bei äußeren Motivationen. Ich fühle den Drang
z u ur teilen, ich fühle die Neigung, ich frage nach dem Grund. Was
text nr. 1 199

is t da das M oti vier ende und woran hängt die Motivation? Was
ist da das „Eigentliche“, das heißt, nehme ich hier ein Gewicht selbst
wahr, oder lege ich bloß vermeinend ein Gewicht unter? Was ist
der eigentli che Sinn der G ewi chts-Supposition? Rückgang
5 auf diesen eigentlichen Sinn, worin sich die Meinung dieser Supposi-
tion auseinanderlegt und aufklärt (erfüllt). Oder auch Widerstreit.
Das Motiv ist hier ein verkehrtes, die Motivation genauer betrachtet
ist eine Supposition, der in Wahrheit kein Gewicht entspricht, oder
falsche Schätzung des Gewichtes. Lauter Probleme.
Nr. 2

hA nmutung al s Nei gung zu Vermutung oder


Glaube. Ur tei ls ne i gung und U rteilshandlung i1

Wir müssen scheiden: Anm utung und Vermutung.2 Die An-


5 mutung ist Neigung, Glaubensneigung; deutlicher unterschieden:
Neigung, zu vermuten oder in Gewissheit zu glauben, dass A sei.
Es können verschiedene Anmutungen miteinander konkurrieren,
und das ist überall der Fall, wo von den verschiedenen „Möglichkei-
ten“ beim Wahrscheinlichkeitsansatz die Rede ist. Jede solche Mög-
10 lichkeit hat ihre Anmutung und muss sie haben. Und jeder ent-
spricht in objektiver Rede ein „Wahrscheinlichkeitsgrad“. Jede Mög-
lichkeit, jeder der hini Seinsfrage stehenden Sachverhalte hat sein
Gewicht, bzw. er hat seine Anmutung, das heißt, es „erscheint“
in ihr ein Gewicht. Und di e v ergl ei chende Betrachtung der
15 ver s c hiedenen Mögl i chkei ten nach ihren Gewichten er-
gibt eventuell das „Phänom en ei nes Ü bergewichtes“ für die
eine. Dieser einen folgt die „Entscheidung“, für sie entscheide ich
mich; das kann heißen: Dies vermute ich, dies halte ich nun für
wahrscheinlich. Für-wahrscheinlich-Halten heißt hier also mehr als
20 eine Anmutung haben. Ich kann eine Anmutung haben, ohne zu
vermuten, während ich natürlich nur vermuten kann, was sich anmu-
tet.
Was oben Wahrscheinlichkeitsgrad hieß, müsste besser heißen: ein
A nmutungs gewic ht haben. Von Wahrscheinlichkeit im zweiten
25 und echten Sinn ist da keine Rede.
Die E ntsc heidung i m Si nn ei ner Anmutung kann sein ent-
weder, wie jetzt die Rede war, eine Vermutung oder ein gewisser
(besser: entschiedener) G l aube. Ich lasse vielleicht die konkurrie-
renden Anmutungen nicht „zu Wort kommen“, ich sehe von ihnen
30 ab oder vielmehr gar nicht auf sie hin (durch sie hindurch auf ihre
Gewichte, lebe nicht in ihnen), ich ziehe sie gar nicht oder mit ganz
geringem Gewicht in Rechnung und vollziehe vielleicht zunächst

1 Wohl 1907. – Anm. der Hrsg.


2 Gut, obschon im Wesentlichen in den vorigen Blättern h= Text Nr. 1i schon
enthalten.
text nr. 2 201

eine Entscheidung im Sinn einer Vermutung, die in festen Glauben


alsbald übergeht: Die Gegenmöglichkeiten gelten mir als quhantitéi
négligeable.
Es gilt allgemein, dass eine Vermutung umso leichter hin Gewiss-
5 heiti übergeht, umso mehr „Neigung“ hat, in Gewissheit überzu-
gehen, je geringer das Gewicht der entgegenstehenden Möglichkei-
ten erscheint, je „schwächer“ die Anmutungen sind; anders ausge-
drückt: Die Vermutung geht umso leichter in entschiedenen Glauben
über; und umgekehrt: Umso schwerer wird Vermutung festgehalten
10 und der Glaube vermieden. Es besteht eine fühlbare Tendenz vom
Vermutungsakt zum Gewissheitsurteil, und diese hat ihre „Kraft“,
ihre „Intensität“, die umso größer ist etc. Also nicht bloß um eine
objektive Tatsache handelt es sich, dass der Glaube in diesen Fäl-
len faktisch einzutreffen pflege, hdass eri umso sicherer die Ver-
15 mutung ablöse, umso häufiger (bildlich: umso leichter), je geringer
die Anmutungsgewichte sind, sondern es handelt sich um ein
Phänomenologi sc hes, um eine fühl bare Tendenzgröße und
um den Charakter der „Leichtigkeit“ der Tendenz-Erfüllung, des
widerstandslosen Überganges, der – je kleiner die Gegenanmutun-
20 gen sind – hini umso größeren Widerstand sich verwandelt, wenn
die Willenstendenz sich darauf richtet, das Gewissheitsurteil nicht
zu vollziehen und das bloße Vermutungsurteil beizubehalten. Der
Wille braucht umso größere „Energie“ dergleichen durchzusetzen,
die Willens-„Anstrengung“ muss umso größer sein, je „kleiner“ die
25 Gegenanmutungen sind.1
Jede Vermutung führt eine U rtei l s- (Gewissheits-)neigung
mit s ich, eine Tendenz zum U rtei l en, einen Urteilsdrang. Das
tut schon nach dem Obigen jede Anmutung. Diese tendiert zur Ver-
mutung, und weiter zum entschiedenen Glauben. Nicht jede An-
30 mutung ist in eine Disjunktion von unterschiedenen Möglichkeiten
eingespannt. Mitunter habe ich bloß eine Anmutung. Man könnte
sagen, die Gegenmöglichkeiten sind unbestimmt. A mutet sich mir
an, als ob es zum Beispiel α wäre, es könnte auch anders sein, ohne
dass ich andere Möglichkeiten bestimmt vorstelle. So gehört es zum

1 In der Vermutung gründet also etwas Neues, eine „Tendenz“, die nicht selbst
die Vermutung ist und eine Funktion der Stärke der Vermutung ist. Auch schon die
Anmutung.
202 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Wesen der Vermutung, dass andere hMöglichkeiteni offen bleiben.


Diese brauchen nicht abgehoben vorgestellt hzui sein, selbst hnichti
in ganz unbestimmter Weise, demgemäß auch nicht abgewogen. Ich
blicke bloß auf das α-Sein hin, fühle die Anmutung. Ich vermute
5 nicht. Noch weniger glaube ich. Die Kraft der Anmutung ist schwach.
Mitunter ist sie stark, ich vermute, mitunter so stark, dass ich sogleich
glaube, ich werde sogleich gewonnen. Ich entscheide mich für sie, ich
vermute und (muss das immer vermitteln?) ich glaube. Die Sache
„leuchtet mir ein“, ich fühle die Glaubenstendenz und wie ich ihr
10 „willenlos“ nachgebe (ohne Gegenstreben, ohne vernünftige und
freie Überlegung).
Ur teils neigung: Tendenz auf das Urteil als Glaube, dass S p
ist. Ur teils handl ung: Ich urteile, S ist p. Und dieses Urteil, das ja
sich in einigen Schritten aufbaut, ist nun ein zeitlicher Prozess, der
15 in jedem Schritt, in jeder Zeitphase, als Handlung charakterisiert ist,
als E r füllung der Ur tei l sn ei gung. Zu unterscheiden hätten wir
wie beim Essen das Urteil als Tatsache, als Ereignis, und das Urteil
als w illentlic h charak teri si ert, wodurch es erst Handlung ist.
Jede Handlung ist Erfüllung einer Wunschneigung, einer Tendenz,
20 aber hauchi mehr als solche Erfüllung, nämlich der Erfüllungsablauf
getragen durch das fiat, durch den Charakter, der das Spezifische
des „Ich tue“ hausmachti, es geschieht nicht nur, was und wie es er-
wünscht ist, sondern es geschieht willentlich, „vermöge“ des Willens,
als von mir gewollt. Ich handle, ich wirke, tue.
Nr. 3

h Anm utung und Vermutung.


B linde und durch G ewi cht verleihende
Mot ive b egründete Annahmeni1

5 Im Urteil habe ich das Bewusstsein: „Es ist so!“, „S ist p!“, in
der mehr oder minder „starken“ Vermutung das Bewusstsein: „Es
dürfte so sein, es scheint so zu sein, es mag so sein, es ist einigermaßen
wahrscheinlich, ziemlich wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, dass es
so ist.“ Eventuell heißt es: „Es hat einiges oder viel für sich, dass
10 es so ist. Es spricht etwas dafür.“ Doch ist so auch eventuell die
Rede, wo keine Vermutung vorliegt, und andererseits können wir
vage vermuten und keineswegs ein deutliches Bewusstsein haben von
etwas, was dafür spricht und hesi wahrscheinlich macht.
W ir unters cheiden von den Vermutungen die bloßen
15 A nmutungen. Verm utungen si nd deutliche oder vage „ Be-
vor zugungen “ auf gru nd von entgegengesetzt tendierten
A nmutungen, deutliche oder vage „Entscheidungen“ für eine
„stärkere“ Anmutung gegenüber einer schwächeren. In der bloßen
Anmutung heißt es nicht (für das Bewusstsein): „Es dürfte so sein“,
20 allenfalls: „Es hat einen Anschein.“ D i e bloße Anmutung ist das
B ew us s ts ein „ r ealer Mögl i chkei t “ für das Bestehen eines Sach-
verhalts. Reale Möglichkeit muss dabei in einem weiten Sinn genom-
men sein, hdenni es kann auch eine reale Möglichkeit bewusst sein,
dass ein mathematischer Sachverhalt besteht. Es handelt sich hier um
25 die Möglic hkeit en im Si nn der Wahrscheinlichkeitslehre.
Was ist eine reale Möglichkeit? Nun, eine Möglichkeit, für die
etwas spricht, im Gegensatz zu einer leeren, bloß logischen Mög-
lichkeit. (Und das ist leicht noch näher zu charakterisieren: in sich
verträglich, vorstellbar, ohne inneren Widerspruch, zunächst ohne
30 formal-analytischen, eventuell aber auch ohne materialen Wider-
spruch, wobei das kontradiktorische Gegenteil ebenso möglich ist,
im selben Sinn. Andererseits, für das eine spricht etwas, es ist Objekt
einer vernünftigen Anmutung.)

1 1909/10. – Anm. der Hrsg.


204 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

In der Anmutung besteht also das (gleichgültig, hobi vernünf-


tige oder unvernünftige) Bewusstsein der Möglichkeit, für die et-
was spricht. In der Vermutung hbestehti aber ein Bewusstsein
bevor zugender Ent schei dun g für eine Anmutung, was
5 Gegen-A nmutungen voraussetzt. Es könnte zwar scheinen, als
ob eine Anmutung, gegen die nichts spricht, eo ipso Vermutung sei.
Indessen, es kommen einzelne Anmutungen vor, die keine Vermu-
tungen sind, z. B.: „Es ist so, als ob es regnen wollte“, „Es sieht so
aus, mutet sich so an“, ohne dass Anzeichen, die dagegen sprächen,
10 vorhanden wären, etwa ein Wind, der „so aussieht“, als ob er die
Wolken vertreiben könnte. Ich gehe nicht zur Vermutung über. Ich
kann es, ich kann mich für die Anmutung entscheiden. Das setzt aber
voraus, dass das Nicht-Regnen als reale Möglichkeit konstituiert histi
und derjenigen des Regnens gegenübersteht. Das Nicht-Regnen ist
15 dann keine leer e logi sche Mög l i chkeit. Aber ich denke etwa,
dass in solchen Fällen einer positiven Anmutung für Regen – positive
Anzeichen, die dafür sprechen – öfters doch kein Regen eingetreten
ist, und nun bevorzuge ich gleichwohl die erstere Möglichkeit, ich
ver mute.
20 Indessen, es bedarf hier einer ergänzenden Feststellung. Wenn ich
Vermutungen „Bevorzugungen“ aufgrund entgegengesetzt tendier-
ter Anmutungen nenne, „Entscheidungen“ für eine jeweils „stär-
kere“ Anmutung, so darf nicht gemeint sein, dass es sich um expli-
z ite ar tikul ier te Akte bevorzugenden Entscheidens han-
25 deln muss – was in der Tat nicht die Regel ist.
Ich blicke hinaus und sage ohne Erwägung der verschiedenen
Möglichkeiten: „Es wird wohl Regen geben“, im Sinn von „Es dürfte
Regen geben“. Sollen wir sagen, weder blicke ich besonders hin auf
die Möglichkeit, dass es nicht Regen gäbe (ich denke gar nicht an das
30 „nicht“), geschweige denn, dass ich explizit an Fälle denken würde,
wo „der Regen vorüberging“ bei gleichen oder ähnlichen Anzeichen,
noch habe ich überhaupt ein Bewusstsein der Gegenmöglichkeit?
Müssen wir nicht sagen, das Bewusstsein der einen Möglichkeit und
gar der Vollzug in ihrem Sinn setze voraus das Bewusstsein an-
35 derer Möglichkeiten und ein Übergewicht der ersteren? Also, wir
s pr ec hen nic ht von e i nem Vernunftbewusstsein, von Fällen
abgewogener Motivation, sondern von dem bli nden und noch so
blinden Verm uten un d Anm uten.
text nr. 3 205

Auch für das bloße Anmuten, für das bloße Bewusstsein „Es sieht
so aus, als ob es regnen wollte“ gilt dasselbe. Setzt nicht Anmutung als
Bewusstsein einer realen Möglichkeit implicite ein gewisses Bewusst-
sein von entgegengesetzten Möglichkeiten voraus, das hieße also, ein
5 gewisses Anmutungsbewusstsein für sie? Nun kann dieses nicht in
derselben Weise vollzogen sein, das ist selbstverständlich. Konkret
gesprochen haben wir die Anmutung „Es sieht nach Regen aus“, es
mutet sich wie „Regnen-Werden“ an, und nicht die Anmutung „Es
sieht nicht nach Regen aus“; das wäre in der Tat nicht richtig.
10 Einerseits natürlich kann das verstanden werden und würde das
verstanden in dem ausgeschlossenen Sinn, als ob keine Anzeichen für
Regen da seien, während sie ja da sind. Andererseits brauchen ja auch
keine anderen Anzeichen mitvorhanden zu sein, die positiv für schö-
nes Wetter sprechen, was ebenfalls gemeint sein könnte. Es genügte
15 das Bewusstsein: „Es braucht darum nicht Regen zu geben“; Wolken-
und Luftverhältnisse dieser Art führen öfters zu Regen, mitunter aber
auch zu Nicht-Regen. Auch das letztere hBewusstseini ist motiviert.
Keine Anzeichen für Nicht-Regen sind diese Verhältnisse, eben weil
„Anzeichen“ schon die „prävalierende“ Motivation andeutet, zum
20 Mindestheni eine „starke“ Motivation. Wind bei Wolken und solcher
Luftbeschaffenheit hat eine starke Motivation gegen Regen, Wol-
ken von gewisser Art für sich hhabeni eine starke Motivation für
Regen.
Nun ist aber fortzuführen, was ich oben anfing: Ich folge der
25 s tär ker en Mot ivat ion , i ch vol l zi ehe die betreffende Anmutung
und vollziehe ni cht die Gegenanmutungen, die Anzeichen für das
Gegenteil sind, seien sie starke oder solche, die es nicht sind. Und doch
„gehören“ solche Anmutungen mit dazu; die Anmutung, in der mir
eine reale Möglichkeit bewusst ist, „Es ist so, als ob“, „impliziert“ ir-
30 gendhwiei das Bewusstsein anderer Möglichkeiten. Müssen wir nicht
sagen: Z um W esen ei ner Anm utu ng gehört die Möglichkeit,
entgegengeset zte Anm utungen zu vollziehen, zum Wesen
der Ver mutung die Möglichkeit, entgegengesetzte Anmutung zu
vollziehen und das Vermutete als das Bevorzugte, als Anmutung von
35 größerem Gewicht zu finden?
Freilich ist das nicht sehr klar. Anm utung ist ein „ Akt “,
es is t meinendes Bewusstsei n. Ni cht alle Motivationen
s ind aktgem äß besee l t von G em ei ntheiten. Gegenmotiva-
206 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

tion gehört zum Bewusstsein reell, aber ist nicht selbst Meinung,
sondern Voraussetzung für jene Meinung, die die Gegenmotivation
auszeichnet (nicht bevorzugt im Sinn einer Entscheidung). Auch bei
der Vermutung haben wir keine Bevorzugung im Sinn eines Ak-
5 tes der Entscheidung, vielmehr Bewusstsein einer überwiegenden
Möglichkeit (ohne deutliches, meinendes Bewusstsein von hderi Ge-
genmöglichkeit). Haben wir nur Urteil, wo das Bewusstsein einer
Gegenmöglichkeit fehlt, das heißt, geht gleichsam „Möglichkeit“ in
„Wahrheit“ (für das Bewusstsein) über, wenn die Gegenmöglichkei-
10 ten auf Null reduziert, etwa aufgehoben werden oder solche gar nicht
bewusst werden? Wir können aber mitunter Möglichkeiten erwägen
und ohne „ r echten G rund “ uns für die eine entscheiden,
und zwar nicht bloß in der Weise der Abwägung, die das größere
Gewicht als solches anerkennt, ohne das schwächere für nichts zu
15 erachten.
Ich denke so: Es können Gegenmotive annulliert werden, nicht
bloß durch positive Motive, die für das A-Sein etwa sprechen, über-
wogen hwerdeni. Es können in der Motivation Tatsachen eine Rolle
spielen, die selbst wieder nur vermutliche sind und gegen die wieder
20 andere sprechen, und Affekte können die Motivationskraft einzel-
ner verstärken, ihnen auf „unehrliche“ Weise ein stärkeres Gewicht
geben (das als solches wirklich stärker „empfunden“ wird). Wir
haben also eine Abwägung, in der entgegengesetzte Möglichkeiten
dastehen – die eine erscheint als die stärkere, die andere weist in
25 entgegengesetzte Richtung –, aber hier finden wir Motive, welche
die Motivationskraft dieser Möglichkeiten (die solange als Möglich-
keiten nur fungieren, als sie für sich und ohne jene neuen Motive
betrachtet werden) schwächen und ganz aufheben. Wir verwerfen
diese Möglichkeiten, eventuell helfen wir durch Affekte und ihre
30 Gewicht verfälschende Kraft nach. Wir sagen: „Das kommt nicht in
Betracht“, und so wird aus dem Bewusstsein „Wahrscheinlich wird
das sein“, „Vermutlich wird diese Möglichkeit realisiert werden“ das
Bewusstsein „Sie wird sein“, „Dies ist die einzige Möglichkeit, es ist
Wirklichkeit“.
35 Subjektiv können wir oft sagen: Ich habe die Neigung anzuneh-
men. Eventuell: Ich fühle mich gedrängt, hsoi zu urteilen. Doch wer-
den wir sehen, dass der Urteilsdrang, die Urteilsneigung eigentlich
gesprochen, etwas anders ist als die Anmutung und Vermutung.
text nr. 3 207

Man kann mich nun fragen: Was begründet deine Neigung, was
macht dich geneigt? Und daraufhin kann ich versuchen, der va-
gen Neigung, Anmutung, Vermutung nachzugehen, sie mir klarer
zu machen hinsichtlich ihrer motivierenden Momente. Und ich kann
5 zum Ergebnis kommen: Das und das veranlasste mich, machte mich
geneigt, ließ es so scheinen, machte es anmutlich, etwa die und die
Analogie, jene Erfahrungen etc. Und ich kann mir so klar machen,
dass diese der Annahme „Es sei so“ ein positives „Gewicht“ verlei-
hen, sie berechtigen.
10 In anderen Fällen wieder mag es sein, dass sich das Gegenteil
einstelle, es war eine vielleicht nur äußerliche Analogie, eine au-
ßerwesentliche, die die Neigung, Vermutung, Anmutung motivierte
oder, objektiv gesprochen, die Annahme (das „Es dürfte so sein“)
motivierte, und ich mag zur Überzeugung kommen, dass solch eine
15 äußerliche Analogie, etwa gar der ähnliche Klang der Rede mit einer
anderen erfahrungsmäßig begründeten, nichts motiviere (nämlich mit
Recht motiviere) und dgl. Es scheint, dass jede Neigung irgendwelche
Motivation mit sich führt, dass aber sich herausstellen kann, dass sie
keine wahre Motivationskraft hat, womit die „geklärte“ Neigung in
20 sich aufgehoben wäre.1
Eine und dieselbe Neigung (Anmutung und Vermutung) kann
verschiedene Motivationen in sich fassen; es können auch in der
Überlegung neue Motive für die Annahme, es sei so, auftreten. Ver-
schiedene Motive geben der „Annahme“ ein verschiedenes Gewicht,
25 entgegengesetzte Motive (Motive teils dafür, dass S p sei, teils, dass
es nicht sei) hemmen sich im Gewicht oder ihre Gewichte sind von
verschiedenem „Vorzeichen“, während gleichsinnige Gewichte sich
verstärken, ein größeres Gesamtgewicht summatorisch ergeben.
In der Klarlegung und evidenten Rechtfertigung, die sonach Nei-
30 gungen (Anmutungen) erfahren können, erlebe ich, erfasse ich „mit
Evidenz“ das Gegebensein des Gewichtes. Natürlich gehen dabei
phänomenologische Veränderungen vor. Das Gemeinsame ist „Nei-
gung (Anmutung) des Inhalts ‚S ist p‘ “. Aber einmal habe ich viel-

1 In all diesen Ausführungen kann „Neigung“ auch verstanden werden als An-

mutung oder Vermutung. Später scheide ich aber deutlich zwischen diesen und den
Neigungen zu urteilen im eigentlichen Sinn, als Urteilstendenz, analog wie es Wil-
lenstendenzen, Wertungstendenzen gibt und dgl.
208 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

leicht eine ganz leere Vorstellung von „S ist p“ und ohne deutlich sich
abhebende Motive. Ich habe die Neigung (Anmutung, Vermutung)
und „weiß“ zunächst gar nicht, was mich motiviert, und ein anderes
Mal habe ich „dieselbe“ Neigung (Anmutung, Vermutung), aber bei
5 klarerer Vorstellung der Sachlage, und das heißt hier hauptsächlich
der Motivationslage, in der ich hdas,i was für die Annahme, es sei
so, spricht, gegeben habe. Ich erinnere mich etwa, so war es schon
einmal, so war es schon wiederholt und dgl., und darin finde ich das
Motiv oder ein Motiv für die Annahme, es sei S p.
10 Was heißt hier diese Rede: Moti v für die „ Annahme “? Einer-
seits phansisch gesprochen: Es ist die Erinnerung und dgl. ein Motiv
z u glauben, es sei S p. Das Motiv wäre Motiv für ein Annehmen im
Sinn von Glauben oder dem Wortsinn entsprechend hein Motiv, umi
zuzustimmen, anzuerkennen. Nun ist hier aber von einem aktuellen
15 Glauben und Anerkennen offenbar keine Rede, als ob hier geurteilt
würde und das Urteilen außerdem verbunden wäre mit einem moti-
vierenden Akt. Soll nun ein „Glaube in der Vorstellung“ oder eine
Anerkennung in der Vorstellung vorliegen?
Es handelt sich uns um das Bewusstsein der Anmutung,
20 das Bewusstsein, es dürfte S p sein, sei es als vages und nicht
expliz ier tes Bewusstsein, sei es als einigermaßen explizites
B ew us s ts ein, wo ich auf ein Motiv, das in abgehobener Weise
bewusst ist, gleichsam hinblicke, oder es mindestens eben in abge-
hobener Weise bewusst habe.
25 Was soll da nun als „Glauben in der Vorstellung“ fungieren? Also
soll ein phantasiemäßiges Glauben, Urteilen, Annehmen (gar als
Anerkennen) hier ernstlich fungieren? Die Analyse des Phänomens
zeigt davon nichts. Wir finden nichts anders als ein gegenüber dem
wirklichen Urteilen, dem Bewusstsein hdesi „Es ist so!“, modifiziertes
30 Bewusstsein, das der Neigung, Anmutung desselben Inhalts „S ist
p“, und dazu eventuell den sich abhebenden und auf diesen Akt
bezogenen (besser, mit ihm verflochtenen) motivierenden Akt, und
eventuell so, dass ich mit Evidenz entnehmen kann: Das „Es dürfte
so sein“ habe seinen „Grund“ in der und der Erinnerung etc. Ich
35 kann auch sagen: Für die Vermutung, dass es so ist, spricht das und
das, oder für die Annahme, nämlich nicht hfüri das Urteil, sondern
hfüri das „problematische Urteil“, nicht für die Annahme im eigent-
lichen Sinn, sondern hfüri die problematische Annahme. Und das
text nr. 3 209

ist eben das „Es dürfte so sein“ bzw. in phansischer Richtung das
Anmutungsbewusstsein. Das Vermuten, sagen wir, ist berechtigt und
gründet in der (ist motiviert durch die) Erinnerung, hgründet in deri
früheren Erfahrung etc. Ontisch aber entspricht dem Vermuten als
5 „problematischen“ Annehmen (was freilich ein irreführender Aus-
druck ist, man muss sich direkt an die Phänomene halten, um nicht
in hdiei Irre geführt zu werden) die „Annahme“ selbst, das ist der
„Ver mutungs inhal t“, das „S dürfte p sein“, und dieser hat nicht
seine Vermutungsgründe, sondern Wahrscheinlichkeitsgründe, seine
10 Vermutungsgewichte. Es fehlen uns die rechten Worte.
Freilich sagen wir und das macht Schwierigkeiten: Dafür, dass A
ist, dass S p ist, dafür, dass diese Tatsache besteht, spricht das und
jenes. Ebenso wie wir korrelativ sagen können: Für die Meinung,
für den Glauben, dass S p ist, spricht das und jenes. Aber überlegen
15 wir Fälle, wo wirklich Urteile vollzogen und in bewusster Weise auf
Urteilsmotive hin vollzogen sind. In Hinblick auf Urteilsgründe, die
selbst Urteile sein mögen, urteilen wir: S ist p. Da ist es natürlich
zweierlei, so hzui urteilen und auszusagen: Dafür, dass S p ist, dass
diese Tatsache besteht, spricht die und die Tatsache. Oder korrela-
20 tiv: Für das Urteil (die Meinung im aktuellen Sinn oder spezifisch
für das Urteilen) spricht das und jenes, dafür, dass man den hSatz
desi Pythagoras annehme, sprechen die und die gültigen Urteile.
Indem wir urteilen, steht uns das „S ist p!“ da und zugleich stehen in
dem Motivat ions zusa m m enhang mit den anderen Urteilsakten,
25 in dem wir leben, die motivierenden Gründe da. Und wir können
nachher aussagen: Die und die Sachverhalte sind die Gründe für
„S ist p“. Doch wird man hier eine Unklarheit finden. Was ist das
Begründete und was das Begründende? Sachverhalte? In welchem
Sinn? Weil G ist, ist S p. Das p-Sein des S, dieses Sein folgt aus
30 dem G-Sein. Noetisch aber heißt es: Das Urteilen, das Meinen, es
sei G, motiviert das Urteilen, S sei p. Und würde ich hypothetisch
annehmen, es sei G, so „müsste“ ich als „Folge“ annehmen, es sei S
p.
Gehen wir nun zu unserem Ausgangsfall zurück. Zunächst liegt
35 einfach das Vermuten oder das Anmuten vor „S dürfte p sein“,
eventuell in Hinblick auf das Motivierende, das letztlich nicht immer
wieder ein Vermuten sein kann, sondern wohl ein Glauben. (Es ist
eine besondere Aufgabe, zu studieren, was für heinei Motivation das
210 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Anmuten als solches fordert.) Kann ich nun ernstlich, indem ich auf-
grund dieser Sachlage urteile, aussagen: Dafür, dass A ist, spricht die
und die erfahrungsmäßige Tatsache? Und kann ich wirklich aussagen:
Für die Meinung, für den Glauben, es sei S p, spricht das und jenes?
5 Eine wirkliche Meinung, ein Glaube liegt doch hier nicht vor. Und ein
vorgestellter Glaube oder ein phantasiemäßig modifizierter Quasi-
Glaube ist es doch auch nicht, was hier Motivation, Begründung
finden kann.
Man kann wohl das sagen, dass Vermutungen öfters in Gewisshei-
10 ten, in Urteilsentschiedenheiten übergehen und dass das Urteil dann
in der Vermutung und seinen motivierenden Akten sein Urteilsmotiv
auch finden kann, obschon kein berechtigtes. Denn wo bloße Vermu-
tung berechtigt ist, ist noch nicht Urteil berechtigt. (Wobei freilich
dafür Sorge zu tragen ist, dass wir nicht zu weit gehen und in einen
15 extremen Probabilismus verfallen.) Wenn nun aber einzelne Anmu-
tungen und „bloße“ Vermutungen noch keine Urteile begründen
können, so kann es doch sein, dass ihre Motivationskraft, ihr Gewicht,
durch Sukkurs wiederum einzeln unzureichender solcher Motivatio-
nen soweit voll wird, dass es zureicht für eine Überzeugung, für eine
20 „praktische“ Gewissheit. Stelle ich mir diese Möglichkeit vor, oder
lasse ich mich von ihr, wenn auch unklar, in der Ausdrucksweise leiten,
so werde ich sagen können: Für die Annahme, für die Überzeugung,
es sei S p, spricht das G. Genauer: Unter Voraussetzung, dass sich noch
ein passender Sukkurs finden ließe, so wäre G ein Motivationsgrund
25 für eine Überzeugung solchen Inhalts.
A ber das änd er t ni chts daran, dass wir Anmutungen
und Ver mutungen s ondern m üssen von Überzeugungen
und eventuel l fes ten G ewi sshei ten, die nichts of fen lassen
w ollen und event uell ni chts offen l assen, und dass eine An-
30 mutung in sich motiviert sein kann, wie korrelativ ein „Es dürfte so
sein“ sich als vermeintlich oder wirklich berechtigt klären kann.
Zu beachten wäre auch noch Folgendes: Ich kann einfach die An-
mutung haben und wieder kann ich mir in solchem Fall jederzeit bloß
denken „S sei p“ und dann mich diesem Quasi-Urteil annehmend
35 „zuneigen“. Ich kann urteilend im vollen Sinn zustimmen, nämlich
zu einem vorstellungsmäßigen „S ist p!“. Ich kann auch in der Weise
der Hinneigung zustimmen, etwas vom Ja liegt schon darin: das an-
mutende Ja, ich „nehme an“. Dieses Annehmen (das natürlich gar
text nr. 3 211

nichts Hypothetisches hat, worauf bei dem Doppelsinn des Wortes zu


achten ist) ist eben das in der Vorstellung Dargebotene anhzuineh-
men, aber ein Annehmen – oder Zustimmen, wie wir besser sagen –
in der Weise bloßer Anmutung, Zuneigung gegenüber der echten
5 und vollen Zustimmung, der vollen Annahme in Form des gewissen
Urteils.
Ferner, wir haben auch hier wie sonst gegenüber dem Phansischen
ein Ontisches als Korrelat. So wie wir gegenüber dem „S ist p!“
haben das „S möge p sein“, das „Ist S p?“, haben wir dem „S ist p!“
10 gegenüber das „S dürfte p sein“ (auch das „S muss p sein“, wenn „S
ist p!“ in der Weise der notwendigen Folge charakterisiert dasteht).
In diesen und ähnlichen Fällen können wir abstraktiv ausscheiden das
„S ist p“ und sagen: Dass S p ist, das ist wahr, das ist wahrscheinlich,
vermutlich, möglich (= anmutlich), es ist fraglich, das ist erwünscht
15 usw. Die Art, wie dieser intentionale Sachverhalt als solcher darin
steckt, das „S ist p“, das kein wirkliches Urteilskorrelat, kein Sach-
verhalt, aber Urteilsverhalt, ebenso identisch derselbe Frageverhalt,
Vermutensverhalt ist, das ist überall dasselbe Problem.
Also wenn von Anna hm e die Rede war, so waren es eigentlich
20 A nmutlic hkeit en – „Es möchte sein“ –, es sind „ Möglichkei-
ten “, nicht l eere M ögl i chke i ten, sondern eben Anmu-
tungs ver halt e, für di e, wo Recht besteht, in der Tat etwas
s pr icht; in der empirischen Sphäre: die jederzeit den Gedanken bei
sich führen, dass sie eventuell einen geltenden Sachverhalt begründen
25 könnten. Darum ja Ann ahm e. Die Annahmen, von denen in der
W ahr s cheinl ic hkeit s rechnung die Rede ist, ebenso die Hypo-
thesen der Naturforscher sind immer auch Annahmen in unserem
Sinn (eine leer e Vora ussetzung – ich kann alles Beliebige in
Voraussetzung stellen, wofür nicht das Mindeste spricht – ist keine
30 A nnahme).
Nach diesen Überlegungen werden wir doch auch sagen müssen,
das s A nnahm en bli nd sei n können, dass sie andererseits auch
begr ündet werden können, dass sie bestätigt werden können,
nämlich durch Nachweisung von motivierenden Erkenntnisgründen.
35 Durch Nachweisung immer neuer Motive kann eine immer weiter
gehende Bekräftigung vollzogen werden, welche die Kraft der An-
nahme wachsen lässt (ihr Gewicht). Es war also verkehrt, oben zu sa-
gen, dass Neigungen nicht Begründung fordern und erfahren können.
212 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Z u den N eigungen ge hören ferner als mögliche Gegen-


s tüc ke die E nts cheidu ngen. Si e si nd freilich nicht einfache
B evor zugungen des sen, was i n einer Disjunktion als
gew ichtiger ers chein t. Im intellektuellen Gebiet: Schwanke ich
5 in meinen Urteilsneigungen zwischen A und A’ (in der Überzeugung,
dass A oder A’ gelte), so entscheide ich mich für A’, wenn ich ihm
mehr Gewicht beimesse?1 Der Ausweis der Entscheidung, Bevorzu-
gung liegt in der Erkenntnis (der Gewissheit, die zur Beurteilung
gehört, welche sich in der Begründung vollzieht), dass gewichtigere
10 Gründe für A’ sprechen als für A. Dahinter steht eine gewisse Mög-
lichkeit, objektiv über Gewichte zu urteilen und apriorische Sätze
für Gewichte auszusprechen. Das führt auf Wahrscheinlichkeits-
lehr e und W ahrs chei nl i chkei tspri nzipien.
Schwanke ich wünschend zwischen A und A’ in Wunschneigungen,
15 so entscheide ich mich für das, was mir als Besseres erscheint. Ich ent-
scheide mich?2 Ebenso bei konkurrierenden Willensneigungen; aber
ich kann verschiedene Willensneigungen haben, die sich ausschließen
und von denen die eine ihren Vorzug hat (und ich übe Bevorzugung),
ohne dass ich mich gerade entscheiden müsste. Wann ist nicht nur
20 Bevorzugung, sondern Entscheidung vernünftig gefordert?

1 Aber wenn die Neigungen nur „leise“ Neigungen sind? Ich b e v o r z u g e die An-

nahme, dass A ist gegenüber den anderen Annahmen, a b e r i c h e n t s c h e i d e m i c h


darum nicht. „Ich halte für wahrscheinlich“, aber ich gehe nicht zur Gewissheit über.
2 Wann tue ich das? Das ist ein Hauptproblem der Theorie der Erfahrung.
Nr. 4

Ur teils neigung und Verm utung, Frage, Zweifel1

Ich habe eine Zeit lang versucht, innerhalb der Impressionen ge-
genüberzustellen:
5 1) die A kte i m enge ren Si nn hwiei Urteil, Freude, Wille;
2) die A kt -Neigung en, die Regungen hwiei Geneigtsein zu ur-
teilen, sich zu freuen, zu wollen;
3) die A kt- Enthal tu ngen.
Indessen zeigt die genauere Analyse, dass, wenn wir das Wort
10 Neigung im eigentlichen Sinn verstehen als Neigung zum Urteilen,
sich dazu hingezogen fühlen, danach gleichsam langen (und ebenso
überall), es si ch um P hänom ene eben des Langens, des
Tendier ens , des St reb ens i m w ei teren Sinn handelt, und erst
recht ist das klar für die Aktenthaltungen, wo es sich um Willensakte
15 handelt, die auf Akte als Handlungen, auf Urteile als Handlungen
gerichtet sind bzw. auf Nicht-Vollzug solcher Akte.
Unter dem Titel Neig ung kann in der Rede aber a uch etwas
ander es gemei nt sei n. Statt „Ich bin geneigt zu glauben, dass es
regnen wird“ kann ich auch sagen „Es dürfte Regen geben“, und
20 umgekehrt. Wenn ich Anmutungsbewusstsein habe, so möchte man
dieses beschreibend auch sagen: Nun, dann habe ich die Neigung
zu glauben. Indessen trenne ich das Hinneigen im eigentlichen Sinn,
das Sich-zum-Urteil-gedrängt-Fühlen (Urteilsdrang, ebenso Willens-
drang, geneigt sein sich zu entschließen, eine Pflicht zu übernehmen
25 etc.), und das Bewusstsein, das ich Anmutung und Vermutung nenne,
das Bewusstsein der „Möglichkeit“, dass A eintreten möge, „Es
könnte Regen geben“, des deutlichen oder vagen „Es hat etwas für
sich“, „Es spricht was dafür“ oder als Vermutung des „Es dürfte
Regen geben“, „Vermutlich, wahrscheinlich wird es das geben“.
30 Diese Unterscheidungen sind auch relevant für die Phänomene
des Z w eifels und der Frage.
Ich bin geneigt zu urteilen, A wird eintreten, und wieder, es wird
ein es ausschließendes B eintreten. Durch die Anzeichen motiviert,

1 1909.
214 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

bin ich geneigt zu meinen, es wird regnen, und dann durch andere
Anzeichen motiviert, es wird der Wind die Wolken vertreiben und es
wird schönes Wetter werden.
Ich zweifle. Ich schwanke nicht zwischen zwei Urteilen. Natürlich,
5 auch das kann vorkommen. Ich urteile jetzt entschieden „Es wird
regnen“, dann wieder entschieden „Es wird schönes Wetter geben“.
Ich schwanke und falle bald auf die Seite, bald auf die. Aber das
ist kein Zweifel. Schwanke ich aber in den Neigungen, so ist das
ein einheitlicher Akt und nicht bloß ein Übergehen von Neigung in
10 Neigung, ein Sich-Ablösen der Neigungen, vielmehr ein in Neigungen
fundierter Akt, eine disjunktive Neigung. Indessen, das ist nicht
ein Z w eife l im natü rl i chen theoretischen Sinn, haberi es
ist auch ein Zweifel. Es gibt auch Wunschzweifel, Willenszweifel
usw., und das hier ist ein Neigungs-Zweifel, gehörig in die Sphäre
15 eben der Neigungen, der Tendenzen, die nächstverwandt sind mit
Begehrungen, Wünschen etc.
Wenn wir andererseits von Zwei fel i n theoretischem Sinn
sprechen, so liegen ihm n i cht zugrunde Neigungen, sondern Anmu-
tungen (und eventuell haben wir in Rücksicht zu ziehen die Verände-
20 rung, die in den Gewichten erfolgen und verschiedene Vermutungen
begründen kann, zwischen denen ich auch zweifelnd mich bewege).
Beides ist sehr oft verflochten, muss aber begrifflich und sachlich
gesondert werden.
Wir haben das disjunktive Bewusstsein: A könnte sein, B könnte
25 sein. Aber nicht bloß das. Darauf gegründet zweifle ich, ob A oder B
ist. Und man kann wohl sagen, dass dies das rein Theoretische
der Fr age ist, das „ob A oder B ist“, während bei der vollen Frage
allerdings ein Langen hinzutritt: Ich wünsche zu wissen, ob A oder B
ist. Darin liegt natürlich nicht bloß: Ich weiß nicht, dass A ist, ich weiß
30 nicht, dass B ist (die bloße Privation). Ob A ist, ob A ist oder B ist, das
sind „theoretische“ Fragen. Und wieder, es sind theoretische Zweifel
oder können es sein, nämlich wenn was für das A-Sein und gegen das
A-Sein spricht, sich aufhebt, besteht Zweifel. Der Zweifel, ob A ist,
ist ja gleichwertig mit dem, ob A ist oder nicht ist. Von Schwanken
35 braucht gar keine Rede zu sein, weil vielleicht nichts Ordentliches für
das eine und andere spricht, obschon es reale Möglichkeiten sind.
Ich komme bei der Wanderung an einen Fluss: Ob hier in der
Nähe eine Brücke hinüberführt? Ich bin zwischen beidem „völlig“
text nr. 4 215

unentschieden; ich vermute weder für die eine noch für die andere
Seite, geschweige denn, dass ich Urteilsneigung empfinde. Ebenso:
Ob der Freund diesen Weg oder jenen und welchen Weg überhaupt
er herkommen oder am Ende gar nicht herkommen wird? Ich bin
5 in völligem Zweifel. Es ist völlig zweifelhaft, es ist völlig fraglich.
Ich kann auch „einigermaßen“ zweifelhaft sein, ob A sein wird
oder gerade dieser Weg eingeschlagen wird etc., nämlich sofern zwar
mehr dafür spricht, oder ich mehr schon „geneigt“ bin, für diese
Seite lebhaftere Anmutung empfinde, aber nicht Unachtliches für
10 die andere Seite spricht. Ich kann also vermuten, dass A sein wird
und dabei zweifelhaft sein – nur darf das Übergewicht auf Seite der
Vermutungschancen nicht sehr groß sein gegenüber den Chancen der
anderen Seite –, insbesonders wenn die Gewichte selbst unbeständig
sind oder die „Kraft“ der Anmutungen für die beiden Seiten.
15 Eigentlich, wird man sagen, ist Vermutung ein Vorzug für die
stärkeren Chancen, ein in der stärkeren Anmutung leben und die
schwächere dahinstehen lassen oder als schwächer zurückstellen. Im
Zweifel, in der Frage, stelle ich mich nicht auf den Boden der einen
Anmutung, nehme nicht für sie Partei. hEs isti ein Von-dem-einen-
20 zum-anderen-Übergehen. Aber freilich eine gewisse Richtung hat
auch die Frage für eine Seite. Sonst wären die Fragen „Ist A?“ und
„Ist A nicht?“ identische Fragen, während sie nur korrelativ zusam-
mengehören. (Daher die Antworten beiderseits nicht dieselben sind.)
Auch zweifelnd sage ich: Ist A? Ich zweifle, ob A ist. Und ein anderes
25 Mal hsage ichi: Ich zweifle, ob A nicht ist. Einmal steht voran und ist
Materie die Möglichkeit „A ist“ und das andere Mal die Möglichkeit
„A ist nicht“.
Nicht übersehen darf man, dass man doch wohl bei Anmutun-
gen von gewi ss erm aßen posi ti ven und negativen Qualitä-
30 ten s pr echen kann. Ich erlebe die Möglichkeit, dass A sei, aber
zugleich stößt mich etwas davon ab, ein Nein, ein Hemmendes. Es ist
ein Unterschied, von einem das A-Sein ausschließenden B angemutet
zu werden (Eintritt von Regen – Vorübergehen der Wolken, Aus-
schluss des Regens) und auf dieser Grundlage von dem „A ist nicht“
35 angemutet zu werden, und andererseits von dem „A ist“ abgestoßen
zu werden; und so können Anziehung und Abstoßung, positive An-
mutung und Wider-Anmutung sich neutralisieren oder vielmehr ein
Bewusstsein der Zweifelhaftigkeit, der Fraglichkeit herstellen.
216 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Kann man aber nicht fragen, wo gar nichts von Anmutungen, sei
es positiven oder negativen, vorliegt? Und nicht zweifeln? Kann ich
nicht alles und jedes fragen, was ich nicht schon weiß (d. i. wirklich
für fraglich halten, als fraglich, zweifelhaft finden)? Gibt es auf dem
5 Neptun nicht Menschen mit zwei Köpfen?
Wir werden wohl sagen müssen: Ernstlich zweifeln und fragen
kann ich nur, wo in der Tat reale Möglichkeiten vorliegen, also
Anmutungen, und ich kann es nicht, wo eine große und gar un-
geheure Wahrscheinlichkeit gegen die eine Möglichkeit spricht. In
10 gewisser Weise kann ich auch, was ich schon für gewiss halte, in Frage
stellen. Ich nehme an, ich weiß es noch nicht, ich mache von der
Gewissheit keinen Gebrauch; ich nehme an, es fehlte noch an einer
sicheren Entscheidung zwischen dem, was dafür und dagegen spricht.
Es handle sich darum, die Vernunftmotive herauszustellen und nach
15 ihrem Wert abzuwägen. Ich versetze mich also in das Fragen und
erwäge die Frage, erwäge, was ihr zugrunde liegt, was sie zur ver-
nünftigen macht, ich sammle Gründe zur Entscheidung und ziele auf
Entscheidung. Und Fragen, das ist in der Regel nicht nur theoretisch
„fraglich finden“, sondern hesi abgesehen haben auf Entscheidung.
20 Und soviel ich sehe, liegt hier allein in solchen sekundären Momenten
der Unterschied zwischen Frage und Zweifel. Bei der Frage denkt
man nicht an ein Schwanken, beim Zweifel im Gegenteil vorwiegend
an ein Schwanken zwischen „fraglichen“ Möglichkeiten. Umgekehrt:
bei der „Frage“, nicht aber beim „Zweifel“ weist die Rede (eben von
25 Frage und Zweifel) auf Wunsch und Absicht, auf Herbeiführung einer
Entscheidung hin.
Die Entscheidung erfolgt nun öfters durch (vernünftige oder un-
vernünftige, einsichtige oder blinde) Erwägung, Abwägen der Ge-
wichte. Die Gewichte sind bewusst als Bestimmungen der Möglich-
30 keiten im Anmutungsbewusstsein derselben bzw. im Einheitsbe-
wusstsein, das „positiv“ und „negativ“ oder Anmutungen für das
A und die für das „oder B“ in Einheit setzt.
Erwägen ist aber nicht bloß das Bewusstsein der verschiedenen
Möglichkeiten und ihrer Stärken hzui haben, sondern ist verglei-
35 chendes und damit auf Entscheidung eines Vorzugs gerichtetes und
weiter aber auf überwiegende Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit
gerichtetes Bewusstsein. Nämlich, es ist normalerweise ein Prozess,
in dem den Motiven nachgegangen wird, immer neue Motive für
text nr. 4 217

und gegen herangezogen werden, in der Hoffnung, dadurch zu einer


Entschiedenheit kommen zu können. Also da spielen Hoffnungen,
Wünsche, Wollungen eine wesentliche Rolle als Bestandstücke.
Die Entscheidung des Zweifels bzw. seine Lösung besteht darin,
5 dass die Verflechtung der sich aufhebenden positiven und negati-
ven Anmutungen „gelöst“ und durch den Sukkurs überwiegender
Anmutungen bzw. ihrer Gewichte für die eine oder durch Entwer-
tung der Gegengewichte (Aufhebung derselben in irgendeiner Weise)
zu„gunsten“ der einen Anmutung entschieden wird: analog wie bei
10 der Waage; die Waagschale senkt sich. Wir gebrauchen dieses Bild,
das sehr passend ist, gerne. Wir sprechen von einem Grund als ent-
scheidendem Übergewicht etc.
Ich meinte nun weiter: Si nd al l e einschlägigen Unter-
s chiede nic ht bei Akten al l er Kl assen zu machen? Gibt
15 es nicht W uns chanmu tungen , G efal l ensanmutungen, Wil-
lens anmutungen?
Die Gefallensanmutungen sind sicherlich analog den Urteilsan-
mutungen. In ihnen ist eine Gegenständlichkeit nicht als Möglich-
keit, aber als Wertlichkeit sozusagen bewusst. Etwas „mutet“ sich
20 „bloß“ als gefällig an. Eine „Regung“ des Gefallens ist da, aber
kein wirkliches Gefallen; und da spielen wieder die (axhiologischeni)
Motivationen und Gegenmotivationen ihre Rolle.
Ebenso, statt einfach zu wünschen, es möge A sein, regt sich bloß
ein Wunsch, es mutet sich das A-Sein sozusagen als wünschlich an
25 und „erscheint“ doch nicht als erwünscht. Wieder, ich will nicht und
doch bin ich mit meinem Willensvermögen dabei. Ohne mich zu
entscheiden, mutet sich willentlich eine praktische Möglichkeit an,
als praktisch Gesolltes.
Und überall sind auch Zweifel möglich. Zwischen verschiedenen
30 Möglichkeiten? Es mutet sich etwas in gewisser Hinsicht als gefällig
an, aber in anderer Hinsicht auch als missfällig. Der Gegenstand selbst
ist nun mit beiderlei Wertanmutungen behaftet, die sich widerstreiten.
Aber sind die widerstreitenden verschiedene Möglichkeiten? Der Fall
ist insofern doch verschieden, als hier keine Entscheidung möglich
35 sein muss. Gehe ich zur „Auswertung“ über, überlege ich, gehe ich
den Motiven nach, so ende ich vielleicht mit dem: Der Gegenstand hat
kein einstimmiges Wertprädikat; er ist in der Hinsicht schön, in der
hässlich, und absolut genommen weder das eine noch das andere, weil
218 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

keine Seite überwiegt. Aber ist der Gefühlszustand nicht zwiespältig,


analog wie beim theoretischen Zweifel? Und haben wir nicht Fälle,
wo das Übergewicht für eine Seite sich herausstellt: Alles in allem
ist der Gegenstand gefällig, sofern die Vorzüge über die Mängel
5 überwiegen? (Freilich, „schön“ würden wir nur sagen, wenn sich das
Missfällige auflösen würde in eine höhere Schönheit des Ganzen.)
Hier gehen aber mehrere Verhältnisse ineinander, die man schei-
den muss. Etwas mutet sich als gefällig und zugleich in verworrener
Weise als missfällig an. Jemand hält eine schöne Rede und ich bin
10 geneigt, ihn zu bewundern. Aber es sperrt sich etwas dagegen, ich
habe Vorurteile gegen ihn, er hat mir öfters missfallen etc. Ohne
dass das alles jetzt explizit vorstellig ist, so empfinde ich die darauf
zurückgehende negative Anmutung.
Habe ich so ein Bewusstsein, das zwiespältig den Gegenstand nicht
15 wirklich wertet, sondern mit entgegengesetzten anmutlichen Werten
behaftet, so kann ich zur „Auswertung“, zur Entfaltung der Motiva-
tionen und zur Erwägung übergehen. Und nun entscheidet sich: Das
ist wirklich ein Vorzug von ihm und das ist wirklich ein Mangel an ihm.
Und dann entscheide ich mich etwa: Der Mangel ist „verzeihlich“,
20 alles in allem ist er von überwiegendem Wert. Ich entscheide mich für
ihn wertend. Einerseits das Klären und Begründen der Anmutungen
bzw. der Wertprädikate, die miteinander in Spannung stehen (die
Bestimmung und gewissermaßen Entscheidung ihres Wertes), und
andererseits die Entscheidung für den Gesamtwert, die vom Verhält-
25 nis der Gewichte abhängt.
Aber ist das alles nicht genauso in der theoretischen Sphäre?
Natürlich auch „theoretisch“, nämlich urteilend, stelle ich hier fest,
aber aufgrund der parallelen Vorkommnisse in der Gemütssphäre.
Ebenso bei Wunsch und Willen. Ich vollziehe keinen Wunsch, ich
30 bin wünschend zwiespältig. A erscheint mir erwünscht, in anderer
Hinsicht unerwünscht. Ich kann mich entscheiden, ich wünsche, dem
Übergewicht des vermeinten Wertes folgend. Ich kann auch im Wol-
len zwiespältig sein. Jede der praktischen Möglichkeiten mutet sich
als seinsollend an und doch steht keine als die gesollte da (nicht im
35 ethischen Sinn, sie steht nicht da als vermeintlich gute). Es kann aber
auch sein, dass der Zweifel sich entscheidet etc.
Somit haben wir, wie es scheint, bei allen Aktgattungen zu unter-
scheiden:
text nr. 4 219

1hai) A nmutungen und 1b) Zwei fel (als unentschiedene


A kte);
2) E nts c heidungen (in der Urteilssphäre sind das die Behaup-
tungen) oder besser Ents chi edenhei ten, entschiedene Ak-
5 te.
Die Entschiedenheiten können den Charakter von Gewisshei-
ten haben (Urteilsgewissheit, Wunschgewissheit, Willensgewissheit),
nämlich dann, wenn ihnen keine oder keine merklichen, erheblichen
Gegenanmutungen einwohnen. Ist das aber der Fall, so hätten wir
10 das Analogon von Vermutungen im Urteilsgebiet. Aber freilich, von
Wunschvermutung, Willensvermutung kann man nicht gut sprechen.
Es fehlen Namen.
Noch eins. Kann ich nicht in der Urteilssphäre (oder nicht besser,
Sphäre der Vorstellungsakte) ein Übergewicht auf Seiten einer der
15 Anmutungen finden und doch noch nicht in ihrem Sinn entscheiden
und zum entschiedenen „Wahrscheinlichkeitsurteil“, zum entschie-
denen Vermuten übergehen? Ebenso mag sich etwas als einigerma-
ßen überwiegend gefällig zeigen und ich hwerdei doch nicht zum
entschiedenen, wenn auch nicht reinen Gefallen übergehen. Wieder,
20 etwas erscheint mir praktisch als besser, ich entschließe mich aber
noch nicht, ich fälle keine Willensentscheidung.
Kann man in Ermangelung eines passenden Ausdrucks auch auf
Seiten der ents chied enen Akte unterscheiden zwischen rein
und unr ein? Aber so richtig es ist, dass auf der einen Seite Akte
25 stehen des „Urteils“ (der Vorstellung), die nichts von Gegenanmu-
tungen (die ja zur selben Aktklasse gehören) enthalten, und auf der
anderen unreine, nämlich verunreinigt durch Gegenanmutungen, so
spricht doch gegen diese Terminologie die Unreinheit, die in den
Gemischen von Hoffnung und Furcht vorliegt.
30 Aber warum soll es dagegen sprechen? Ich wünsche, mein Werk
glücklich zu vollenden, es erscheint mir nicht nur als möglich, son-
dern als überwiegend wahrscheinlich. Aber zugleich empfinde ich
die immerhin nicht verachtlichen Möglichkeiten, dass Hinderungen
dazwischen treten, dass ich sterbe und die Arbeit so vieler Jahre
35 verloren ist etc. Haben wir hier nicht einen Freudenzweifel? Die
Freude an der Wahrscheinlichkeit, dass W sein wird, ist verunreinigt
durch die Unfreude an der nicht ungewichtigen Möglichkeit, dass
W nicht sein wird. Die Freude über die künftige Vollendung des
220 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Werkes ist gehemmt durch die Möglichkeit, dass es nicht vollendet


wird. „Freudengewissheit“ habe ich in der zweifellosen Überzeu-
gung, dass ich es zustande bringe, den Freudenzweifel (den zwiespäl-
tigen Zustand) bei Änderung der Vermutungsunterlage. Und ebenso
5 die Freudenentscheidung mit Beimengung von Verunreinigung.
N atür lich gehör en zu al l en Akten einerseits die Über-
gangs - und Zus amm enhangsphänomene der Erwägung,
B egr ündung und andererseits der Entscheidung als Übergang
von Anmutung und Zweifel (Unentschiedenheit) zu Entschiedenheit.
10 Die ersteren Vorkommnisse, die der Erwägung und Begründung,
gehören zu allen Akten, zu Unentschiedenheiten und Entschieden-
heiten; überall untersteht der Akt der Rechtsfrage, der Frage nach
Vernünftigkeit oder Unvernünftigkeit. Die Entscheidungen und Be-
gründungen (abgesehen von den Willenskomponenten, die mitspie-
15 len) gehören den Aktklassen an, in welche sich die zu begründenden,
die Entscheidung erfahrenden Akte einordnen. Ebenso gehören die
Zusammenhänge der Motivation, z. B. die expliziten Motivationen,
die die Begründungen aufzubauen haben, natürlich den entsprechen-
den Aktklassen an.1

1 Wie steht es mit den A n n a h me n a l s a l l g e m e i n e M o d i f i k a t i o n e n f ü r

alle Aktklassen? Sollen wir sagen, jeder Entschiedenheit entspricht eine mögliche
Annahme? Es gibt auch Wunsch- und Willensannahme. Ich versetze mich in das
Wünschen hinein. Aber nicht nur ich träume mich hinein, ich phantasiere, sondern
ich versetze mich hinein und habe dann das Bewusstsein von Wunschfolgen. Ebenso,
ich versetze mich in ein Wollen hinein und habe dann das Bewusstsein „Dann würde
ich das und das wollen“, oder „Dann wäre das und das zu wollen (objektiv)“. Ich
hätte also überall: 1) Entscheidungen und Unentschiedenheiten in Form der Neigung
etc., und zwar unbed ingt e. 2) B e d i n g t e Entscheidungen und Unentschiedenheiten
aufgrund „bedingender Annahmen“, und wir hätten unter dem Titel Annahme eine
Modifikation, die jeder Akt erfahren kann.
Nr. 5

h B egründung i n der Sphäre der emot ionalen


A kte. Schwanken und Entscheidung . Die mit
dem U rt eil verbundene Wertintention
5 und ihr e Er fül l ung durch die Einsichti1

Wunschregung oder Wunschneigung, sie ist noch nicht Wunsch. Es


erscheint mir etwas als „wünschlich“, aber ich entscheide mich noch
nicht im Wünschen, im Begehren. Oder auch, ich schwanke in den
Wunschregungen und deren Entscheidung. Es mutet sich etwas als
10 gut und schön, als begehrenswert an, ich schätze aber nicht wirklich
und begehre nicht wirklich. Ich bin genei gt zu wünschen. Ich weiß
vielleicht nicht, ob nicht der Wunsch eine Sünde wäre, ich hege so
etwas wie einen Aberglauben, dass der Wunsch schon eine Kraft der
Realisierung haben könnte.2
15 Schwankend zweifle ich: Was soll ich nun wünschen (Wunsch-
z w eifel)? Zum Beispiel bei der Stichwahl zwischen den Sozihal-
demokrateni und den Schwarzen. Die Sozi? Das stößt mich ab. Die
Schwarzen? Wieder. Aber „eines wäre doch das kleinere Übel“. Das
erscheint also als das nun doch zu Wünschende. Der Wunschzwei-
20 fel löst sich, indem ich mich nun i m Wunsch entscheide. Eben
damit erscheint das Erwählte (Bevorzugte, im Wunsch Erwählte,
W uns c hw ahl) als das Wünschenswerte unter den gegebenen Um-
ständen.
Ebenso bei der Fre ude „Regungen“ der Freude, Anmutungen
25 zur Freude. Schwanken und Entscheidung. Ist die Entscheidung er-
folgt, so haben wir den Akt im eigentlichen Sinn, die Stellung-
nahme des Wunsches, der Freude, die Wunschentschiedenheit etc.
und das Sich-Entscheiden halsi ein Übergangsphänomen. Beim
W illen ebenso: Willensregung, Willensneigung, Willenszweifel, Wil-
30 lensentscheidung, Wahl, Wi l l enserwägung, Wille als eigentlicher
(entschiedener) Willensakt.

1 1909. – Anm. der Hrsg.


2 Ich bin in der Wertungsunterlage vielleicht nicht sicher. Es mutet sich als Wert an,
ich habe in dieser Hinsicht eine Neigung und dann vielleicht auch eine Wunschneigung.
222 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Zu den Stellungnahmen (besser: entschiedenen Akten), und nur


zu ihnen,1 gehört das Übergangs-, Einheitsphänomen der Begrün-
dung, Bestätigung, Bekräftigung.2 Doch haben wir dabei eher von
Urteilen gesprochen. Wir werden noch in den anderen Gebieten das
5 Parallele suchen müssen. Fügen wir zunächst noch ein Wort bei für
die Urteile. Ein Urteilsakt (Urteilsstellungnahme, -entschiedenheit)
kann trotz seiner Entschiedenheit unbegründet sein. Es wird begrün-
det durch Rückgang „auf das, was gemeint ist“, auf das gemeinte
„Wesen“, wenn das Urteil ein Wesensurteil ist (oder aus Wesens-
10 gründen einleuchtend zu machen ist); ist es ein Erfahrungsurteil, ein
„Tatsachenurteil“, so bedarf es der Erfahrung.
Was entspricht dem nun in der Sphäre der emothionaleni Akte?
Man kann auch von der Begründung eines Wunsches, einer Freude,
eines Willens sprechen, verstanden als eigentliche Akte. Eine bloße
15 Regung, Neigung kann nicht begründet werden.3
Nehmen wir einen Wunschakt. Er sei zunächst unbegründet. Er
wird dann begründet. Das geschieht durch Rückgang auf die An-
schauung der Sachen (Sachverhalte) und ihre Werte (offenbar nicht
Wahrnehmung und nicht Urteilsintuition, denn zum Wesen des
20 Wunsches gehört, dass die Überzeugung fehlt, dass das Gewünschte
in Wahrheit sei). Oder es gehört dazu das Analogon des Beweises:
Rückgang auf die mittelbaren Wertmotivationen und Wunschmoti-
vationen, bei denen dann aber wieder die Frage nach der Begründung
aufgeworfen werden kann. Schließlich werden wir notwendig zurück-
25 geführt auf unmittelbar erschaubare Werte und unmittelbar evident
motivierte Wunsch-Verhalte, bei denen ein weiteres „Fragen“ und
„Zweifeln“ „keinen Sinn hat“.
Ich habe bei den Urteilen von „Intention und Erfüllung“ ge-
sprochen. Das ist eine Ausdrucksweise, die in gewisser Weise passt
30 (Verhältnis zwischen dem leeren Akt, der Fülle erhält, und dem Wert
der Fülle, der nun als das gleichsam angesehen wird, wonach der leere
Akt strebt und das er in der Evidenz nun „besitzt“, ähnlich wie der
„leere“ Wunsch in der Freude sich die Fülle des Erwünschten und

1 Nein.
2 Begründung von Stellungnahmen und nur zu Stellungnahmen gehörig. – Nein!
3 Nein!
text nr. 5 223

nun Seienden zueignet), aber wiederum in anderer Weise nicht passt.


Ich stellte das Verhältnis der Begründung, denn darum handelt es
sich doch, in eine nic ht gute Parallele mit dem Verhältnis von
W uns c hintenti on und Wunscherfül l ung, Wunsch und Freude,
5 und W illensi ntent ion und Wi l l enserfüllung, Befriedigung der
Willensintention, Willensentschluss – Realisierung (Handlung) bis
zur vollendeten Tat. D ie se l etzteren Verhältnisse haben ihre
Par allelen i n der Er wartung, ni cht i m Urteil überhaupt.
Wir stellen gegenüber Erwartung und Erfüllung der Erwar-
10 tung. W unsc h, W il le oder Erwartung spielen ihre Rolle
in jeder B egründung. Wir sind oft erwartungsmäßig darauf ge-
richtet, es „wirklich“ so zu finden und als begründet zu finden (als
bestätigt in der begründenden Anschauung oder Erfahrung oder in
der Schlussfolgerung), genau so, wie wir es „gemeint“ hatten. Damit
15 verflicht sich wohl auch öfter der Wunsch, es so zu finden (doch
kann es mir wieder Wunsch auch sein, wenn ich für das Gegenteil
interessiert wäre). Im Zusammenhang der Begründung – mag es sich
um Begründung eines Urteils handeln, das wir entschieden haben,
oder hum Begründungi einer schon problematisch sich anmutenden
20 „Annahme“, die wir hypothetisch setzen und nun zusehen, ob sie
nicht zu begründen sei – spielen aber Willensakte ihre beständige
Rolle. Der Wille ist auf das „Herstellen“ der Gründe, das Beibringen
der Gründe gerichtet, der Gründe für das zu begründende Urteil (und
im weiteren Gang für die vermittelnden), das sich in der Begründung
25 bestätigen „soll“. Es selbst ist gleichsam auf Erfüllung „gerichtet“.
Dieser Wille als Wille zum Begründen, als Wille zur Erkenntnis,
richtet sich auf die Erkenntnis, er will Recht des Urteils ausweisen,
von dem wir in sich selbst sagen, dass es „Recht beansprucht“. Aber
in sich denkt Letzteres an kein Recht und ist auf kein Recht gerichtet.
30 Es „beansprucht“ ein Recht, das heißt nichts anderes als: Wir werten
Urteile, nämlich als wertvoll und wertlos, und als positiv wert gilt
uns ein Urteil, das „seinen Rechtsgrund ausweisen“ kann, das sich in
Evidenz überführen lässt.
Die nor mi erende Logi k heftet j edem Urteil eine „ Inten-
35 tion “ auf Begr ündung an, ei nen Sol l enscharakter, den, dass
es begründbar („begründet“) sein soll. Phänomenologisch hat das
Urteil in sich keinen solchen Charakter (das Urteil als Urteil des und
des Sachverhalts). Unser „Erkenntni si nt eresse“ gibt ihm diesen
224 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Charakter, den des Sollens. Wir wünschen, dass jedes Urteil, das wir
fällen, ein gutes sei, ein begründbares. Sollen wir überhaupt ein Urteil
als Ur teil schätzen können, so muss es dieser Bedingung genügen:
Wir schätzen es positiv, wenn es das tut, negativ, wenn nicht. Es soll
5 begründbar sein (wie überhaupt, es soll etwas a sein), das heißt ja
nichts anderes als: Es hängt von der Erfüllung der Bedingung a oder
von der Herausstellung der Beschaffenheit a ab, ob es als wert
geschätzt werden kann oder nicht.
Vielleicht muss man aber sagen, dass, wo das der Fall ist, der
10 Sache (hier dem Urteil) ein eigener emhotionaleri Charakter oder
objektiv ein eigener Wertungscharakter, der Sollenscharakter, an-
hängt und unter diesen Umständen wesentlich zugehört. Wir haben
dann von einer Wer tu ngsi ntenti on zu sprechen (die nicht mit
Wunschintention zusammenfällt, aber ihr ganz nahe verwandt ist).
15 Das Urteil ist dann nicht in sich selbst, in seinem eigenen Wesen ein
mit W e r tcharakt er b egabtes, sondern es ist ein Wertobjekt,
das heißt, es ist das Urteil – oder vielmehr die Urteilsgegebenheit,
die Wahrnehmung des Urteils oder Vorstellung des Urteils – Grund-
lage eines Wertungsaktes, in dem sich vermeinter und in der Er-
20 füllung wirklicher Wert „konstituiert“. Der Wertungsakt ist Wert-
meinen, und dieses erfüllt sich in der Begründung: Sie endet mit
der Wertgegebenheit, der Werterfüllung. Die Einsicht ist das, was
dem Urteil den Charakter des Begründetseins gibt, die Erschauung
seines Gegründetseins. U nd m i t der Ei nsicht verflicht sich die
25 E r füllung der Wer ti ntenti on, in der der Wert gegeben ist. Das
Begründete als solches ist ni cht in sich der gegebene Wert, son-
dern als das die Wertintention Erfüllende ist es Wert und gegebener
Wert.
Hier wurde nun Werten, Schätzen eingeführt. Aber ist Werten
30 in s ic h s elbs t eine „ I ntenti on “? Doch so wenig wie das Urteil.
Das Sollens erl ebnis, die spezifische Wertintention, ist eine Inten-
tion: die Forder ung. Die Wertintention erscheint hier parallelisiert
mit der Wunschintention, die sich in der Freude erfüllt: Forderung
und Wunsch sind nächste Verwandte. Die Wertintention hat ihre
35 Werterfüllung. Ist das etwas der Freude Analoges? Es ist das satte
Werten, das den Wert selbst Erleben und Gegebenhaben, und zwar
als entsprechend dem Sollen, dieser Forderung. Die Wertintention,
was ist das hier?
text nr. 5 225

Urteilend vermisse ich die Klarheit, die Begründung, die Einsicht;


für diese interessiere ich mich theoretisch, und die vermissend be-
gehre ich. Objektiv steht aber das Urteil als unklares, unbegründetes,
mangelhaft da und andererseits das klare, begründete etc. als das „So
5 ist hesi, wie es sein soll“. Der Charakter der Einsicht als ein Wertcha-
rakter, als seinsollender. Ebenso, im Voraus uneinsichtig urteilend
vermisse ich eben Einsicht und bin gerichtet auf Einsicht, die das
Ersehnte, Seinsollende ist. Somit haben wir es hier mit nichts prin-
zipiell Neuem zu tun. Das Vermissen und Langen, das Bewusstsein
10 des Seinsollens und Gerichtetseins auf Seinsollendes ist überall das-
selbe. Nur dass wir hier in der Sphäre der „theoretischen Interessen“
und theoretischen Werte stehen, die ein eigenes Wertsystem bilden.
Natürlich ist das Gefallen an der Erkenntnis, am einsichtigen Urteil
und das Gefallen am Begründen, am Gewinnen einsichtiger Urteile,
15 ein anderes als das Gefallen am Sinnlichen, weil eben Urteile keine
sinnlichen Gegenstände sind usw.
Nr. 6

hAkt mot iva ti on, Nei gung und Tendenz.


D as Wi ll entl i che i n al l en Akteni1

Pr oblem: Si nd Nei gungen ni cht Tendenzen und als sol-


5 c he in das Gebiet des H andel ns, des Bege hrens und Wol-
lens gehör ig?
Ein Urteilsdrang ist eben ein Drang, eine Tendenz zum Urteilen,
ebenso ein Willensdrang, ein Wunschdrang. Aber ist ein Wunsch nicht
selbst ein Drang, z. B. der Wunsch, eine schöne Frühjahrsreise zu
10 machen, eben ein Drang, die Reise zu machen, also eine Tendenz
zu wollen (zu tun)? Der Wille selbst ist kein Drang, obschon in der
Handlung auch zugleich ein Drang lebt, eine sich stetig „erfüllende“
Tendenz.
Aber habe ich oben nicht Beispiele für Wunschneigung gegeben
15 und entsprechend für Wunschzweifel? Es sei bei einer Wahl: „Soll ich
wünschen“, dass der Sozialdemokrat (etwa gegenüber einem Polen)
siegt? Ich stelle mir allerhleii günstige Folgen davon vor – Mängel,
die sehr empfindlich sind, würden etwa beseitigt etc. –, und sowie
ich das hmiri vorstelle, wünsche ich. Aber damit verbinden sich die
20 und die ungünstigen Folgen (und das weiß ich von vornherein), und
die können nicht in Kauf genommen werden. Ich wünsche also nicht
wirklich, dass die Sozi siegen mögen. In der Beziehung a wäre es
gut, wäre es zu wünschen, in der Beziehung b wäre es negativ zu
wünschen. Käme b nicht in Betracht – beständen diese schlimmen
25 Folgen nicht –, so wäre es erwünscht. Blicke ich auf a hin und ab-
strahiere von b oder mache mir b nicht deutlich, so fühle ich den
Wunsch, aber „gehemmt“ durch die Gegentendenz, die von b trotz
seines Zurücktretens ausgeht. Sagt man: Ich habe hier einen hypothe-
tischen Wunsch, nämlich vorausgesetzt, dass b nicht ist, wünsche ich,
30 dass die Sozi siegen. Aber das reicht nicht aus. Vorausgesetzt, dass
b nicht wäre, würde ich wünschen, und objektiv: wäre es erwünscht.
So kann ich in der Tat aussagen. Aber diesen Gedanken brauche
ich nicht zu haben. In Hinblick auf die guten Folgen erscheint die

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


text nr. 6 227

Sache als erwünscht, in der anderen Hinsicht als unerwünscht. Alles


in allem wünsche ich, aber nicht sozusagen thetisch. Ich wünsche,
dass A sei, das heißt, A steht „schlechthin“ als erwünscht da. Nicht
A „erscheint“ in der Hinsicht als erwünscht, in der als unerwünscht.
5 Nur wenn ich die unerwünschten Folgen „in den Kauf nehme“ und
das A-Sein „alles in allem“ besser finde, wünsche ich wirklich, es soll
sein.
Wir haben diese Sachlage schon beim Gefallen. Gefällt A in der
Hinsicht a und missfällt es in der Hinsicht b, so kann ich und werde
10 ich im Allgemeinen nicht sagen und schlechthin sagen „A ist schön“
oder „A ist unschön“, und subjektiv „A gefällt mir!“ etc., sondern
hich werde dasi nur hsageni, wenn die Schönheit in der einen Hinsicht
die in der anderen überwiegt, oder die Unschönheit gar selbst schön
ist um der Erzielung einer hohen Gesamtschönheit willen. Wo aber
15 keine Bevorzugung einen höheren Wert für eine Seite herausstellt,
einen Überschuss sozusagen, da kann ich nur sagen: A würde mir
gefallen, wenn b nicht wäre, oder würde mir missfallen, wenn a nicht
wäre, und im Übrigen, in der einen Hinsicht ist es wirklich gefällig, in
der anderen wirklich missfällig. Aber mit dieser „Hinsicht“ ist eine
20 Einschränkung gegeben. Denn wenn auch das a selbst ein Gefälliges
ist, so ist das A als das a habend zwar „insofern“ gefällig, aber dieses
Gefälligsein ist „gehemmt“ durch das Missfälligsein hinsichtlich b.
Die Wertung des A ist keine Summe zusammenhangloser, auf die Ei-
genschaften des A bezogener Wertungen, sondern eine Einheit. Der
25 Wert des A ist Eins, und er ist Null, wenn die positiv wertgebenden
Charaktere durch die negativen wertgebenden gehemmt, aufgehoben
werden und umgekehrt.
Und so ist auch das „erwünscht“ ein einheitlicher „Wert“ (wenn
wir hier dasselbe Wort gebrauchen wollen, wir könnten sagen: das-
30 selbe Gut), und darin müssen, wenn dieser Wert (wie wir das Wort
„erwünscht“ normalerweise verstehen) hbestehti, alle negativen
Wunschmotive so aufgehoben sein, dass in der Bevorzugung ein
positiver Vorzug („Überschuss“) übrig bleibt. Bleibt ein negativer,
so haben wir das „unerwünscht“. Stellt sich kein positiver oder ne-
35 gativer Vorzug heraus, so haben wir die Wunschunentschiedenheit,
obschon nicht das adiaphoron in wünschlicher Beziehung. Es ist ein
bestimmter Zustand der Wunschsphäre und ontisch das zu dieser
Sphäre eigentümlich gehörige Neutrale (genauso wie zur Gefallens-
228 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

sphäre der neutrale Punkt hgehörti, an dem positive und negative


Wertgewichte sich die Waage halten). Das entspricht dem Zweifel in
theoretischem Gebiet, wo alles, was positiv für und was negativ gegen
eine „Annahme“ spricht, sich aufhebt. Insoweit ist alles in Ordnung
5 und die Betrachtung, die wir angestellt haben, von Nutzen gewesen.
Wir steht es aber mit der Rede von Neigungen, Tendenzen?
Ich achte auf eine Gruppe von „Motiven“, sagen wir Urteilsmoti-
ven, und „bin geneigt“ zuzustimmen; ich achte dann auf andere und
bin nun geneigt, dagegen zu stimmen. Müssen wir da nicht unterschei-
10 den: „das Für- das- ei ne-Sti m m en, -Sprechen“ der Motive
s elbs t und di e Neigun g zu dem zusti mmenden Urteilen?
Ebenso: Ich blicke auf die Momente des Gegenstandes, sie sind
angenehm, und damit habe ich hinsichtlich des Gegenstandes Motive
für seine Gefälligkeit. Ich bin in dieser Richtung blickend geneigt
15 zum Gefallen am Gegenstand. Ich blicke in eine andere Richtung,
die Missfälliges bietet, und nun fühle ich Motive, die für „missfällig“
stimmen, ich bin nun geneigt zum Missfallen am Gegenstand. Haben
wir nicht wieder zu unterscheiden die Gefallens- oder Missfallensmo-
tive und die Neigung zum Gefallen, zum Missfallen?
20 Ebenso beim Wunsch. Ich bin des A-Seins nicht gewiss, denke
an die und die schönen Folgen des A-Seins und sie stimmen für
„erwünscht“. Ich bin geneigt, dass A-Sein als erwünscht zu finden,
also zu wünschen, A möge sein. Ich blicke auf die anderen Motive,
unschöne Eigenschaften des A oder unangenehme Folgen desselben,
25 sie stimmen für „unerwünscht“, ich bin geneigt, negativ zu wünschen.
Haben wir nicht abermals Unterschiede zwischen den Motiven und
der Neigung?
Am meisten und sprachlich ursprünglich redet man beim Willen
von Motiven. Nehmen wir etwa den Fall einer Erwägung von Hand-
30 lungsmöglichkeiten: Sie haben den Charakter freier Handlungen,
freier Bewegungen und dgl. Die betreffenden Ereignisse realisieren –
sei es als Ereignisse in sich selbst, sei es durch ihre Folgen – bald Gutes,
bald Schlechtes. Je nachdem sind sie anders charakterisiert. Die einen
stimmen für erwünscht oder vielmehr für praktisch seinsollend (als
35 „Erreichbarkeiten“), die anderen dagegen bzw. für praktisch nicht-
seinsollend. Lebe hichi in diesen Motiven, so bin ich geneigt zu wollen,
wenn in den anderen, zu fliehen. Also wieder sind sie Motive, auf die
sich Neigung gründet, und Motiv und Neigung ist zweierlei.
text nr. 6 229

In allen Fällen sind die Motive das, was „geneigt macht“. Sie sind
Motive nicht für wirkliches Urteilen, aber eventuell doch für wirk-
liches Urteilen. Die Neigung mag in wirkliches Urteilen übergehen
und dann ist dieses, so wie vorher die Neigung, motiviert. Und ebenso
5 überall.
W as s ind nun die M oti ve? In phansischer Hinsicht sind sie die
zu den betreffenden Aktklassen eigentümlich gehörigen motivie-
r enden A kt e; also in den Fällen expliziter Motivation, die wir im
Auge hatten, etwa beim Urteil, Erinnerungen an vergangene Erfah-
10 rungen, beim Gefallen die Gefühlsakte, die sich auf Momente oder
Teile beziehen usw.
Von diesen motivierenden Akten haben wir den Charakter der
Motivation zu unterscheiden innerhalb der Einheit der Motivation,
der den motivierten Akt kennzeichnet. Ist das die Neigung? Über-
15 legen wir. Die Erinnerung an frühere Erfahrungen oder, sagen wir
einfacher und besser, ein bestimmtes oder allgemeines Erinnerungs-
bewusstsein motiviert deutlich die Anmutung (Vermutung) des Ein-
tritts eines Ereignisses, etwa eines Gewitters: „Es dürfte Gewitter
geben.“ Ich spreche es in Form des „problematischen Urteils“
20 aus, aber nur dann, wenn ich den eventuellen Gegenmotiven kein
mindestens ebenso großes Gewicht beimesse. Dort auf der Seite sieht
es ganz hell aus, der vorherrschende Wind kommt von der Seite etc.
„Dass es Gewitter geben wird“, ist in Hinblick auf jene Motive in der
Einheit der vorliegenden Motivation charakterisiert als „motivierte
25 Möglichkeit“, als ein „Es mutet sich so an“, und in Hinblick auf die
anderen Motive ist „Dass es kein Gewitter geben wird“ ebenfalls
motivierte Möglichkeit.
Diese Akte, deren ontische Korrelate diese „Möglichkeiten“ sind,
sind die zur intellektiven Sphäre gehörigen Anmutungen. Ande-
30 rerseits, sofern wir die „Tendenz“ empfinden zu urteilen „Es wird
Gewitter geben“ und zum Urteilen dann wirklich übergehend eben
das charakterishtischei Erlebnis haben, einer Tendenz nachgegeben
zu haben, sprechen wir von Urteilstendenzen und hvoni der Entspan-
nung von Urteilstendenzen, dem „Nachgeben“, das im Urteilen sich
35 vollendet.
Also scheint es sich hier herauszustellen, dass wir ein drittes Glied
haben. Wir haben einen motivierenden Akt, den motivierten (die
A nmutung) und drittens die Tendenz zum entschiedenen Akt, even-
230 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

tuell mit einem neuen Übergangsphänomen, dem der Tendenzent-


spannung.
Das Problem ist hier, wie das Bewusstsein der „Möglichkeit“, der
Anmutung, sich zur Tendenz verhält. Ist die intellektive Anmutung
5 durch sich selbst Tendenz? Aber was heißt das „durch sich selbst“? Es
kann heißen, „Tendenz“ ist etwas, was zu jederlei Aktsphäre wesent-
lich gehört als eine zu ihr zu rechnende Möglichkeit, als ein modaler
Unterschied, der sich in allen Aktklassen findet. Oder demgegenüber
könnte es heißen: Tendenz sei etwas, das nur zu einer bestimmten
10 Aktklasse, nur zu den „Gemütsakten“ gehört und sich nur mit den
intellektiven Akten verbindet.
Es ist hier aber sogleich noch einiges anzumerken. Natürlich über-
trägt sich, was wir unterschieden, auch auf die anderen „Anmutun-
gen“ in den anderen Klassen. Dabei aber braucht die Modifikation
15 keineswegs explizit vorzuliegen. Es kann sein, dass ich aufgrund deut-
licher Erfahrungsmotive sage: Es dürfte Gewitter geben. Es kann
aber auch sein, dass ich es sage und nicht mehr die Erfahrungsmotive
gegenwärtig habe oder deutlich abgehoben habe. Es kann sich mir
ein Satz im Charakter der Anmutung darbieten, ohne dass ich recht
20 weiß, was mich da motiviert. Vielleicht bin ich auch ganz unfähig, es
selbst bei Nachdenken anzugeben, und finde ich dann motivierende
„Gründe“, so werde ich vielleicht außerstande sein zu sagen: Die
waren es, die die Anmutung begründeten. Ebenso mag es auch bei
mehrfältigen und miteinander streitenden Anmutungen sein. Sie ha-
25 ben ihre „Stärke“, so etwas wie eine größere und geringere Intensität,
und daraufhin bevorzuge ich, ohne einsichtige „Gründe“.
Müssen wir sagen, es stecke im Gesamtbewusstsein jeder Anmu-
tung notwendig implicite eine Motivation, wenn sie auch nicht explizit
darzulegen sei? Es ist dieselbe Frage, ob in jedem Urteil notwendig
30 (nämlich in dem Gesamtbewusstsein, aus dem das Urteil hervortritt)
irgendwelche Motivationen liegen, wenn auch verworrene. Es ist auch
die Frage, was hier Implikation bedeutet.
Man könnte sagen, bei jeder solchen Motivation ist der moti-
vierte Akt eine Tendenz, und das ist analog wie eine Kraft. Sie hat
35 eine Richtung-auf, aber auch einen Ursprungspunkt. Die Ursprungs-
punkte sind die motivierenden Akte, und diese können vollzogen
sein, ohne dass in ihnen das Meinen lebt, sie sind bewusst, aber
eventuell in dunkler Weise, nicht nur leer, sondern auch „unbewusst“.
text nr. 6 231

Im Zusammenhang damit könnte man die Ansicht vertreten, dass


alles „ blinde U rt eil en “ U rtei l en aus bloßer Neigung sei.
Solche Urteile sind sozusagen ungehemmte Wege, blinde Neigungen.
Hemmen sich „im Unbewussten“ entgegengesetzt tendierte Neigun-
5 gen mit Überschuss hauf der einen Seitei, so verbleibt eine Anmutung.
Anmutungen können reine sein, sofern sie motiviert sind ohne Ge-
genmotive. Aber dann sind sie nicht mehr Anmutungen, sie sind eo
ipso Entschiedenheiten. Wo aber Anmutung gehemmt wird, da ist es
anders. Oder vielleicht besser: Von motivierenden Punkten aus strah-
10 len Tendenzen. Fehlt es an Gegentendenzen, so fand ein Nachgeben
statt, und wir haben entschiedenes Urteil. Wo aber entgegengesetzte
Tendenzen streiten, da verbleibt in „mechanischer“ Bevorzugung
eine Tendenz, aber als herabgesetzte. Sie kann bei entsprechender
Stärkedifferenz in Urteilsentschiedenheit übergehen, aber es ist ein
15 Urteil mit „einigermaßen schlechtem Gewissen“, keine reine Gewiss-
heit. Besteht eine reine Gewissheit und werden nachträglich Gegen-
tendenzen wirksam, so wird sie unrein und eventuell von der reinen
Gewissheit weit entfernt, hdann erhält sie deni Charakter bloßer Ver-
mutung, ja bei Übergewicht der Gegentendenz hden Charakteri der
20 negativen Vermutung und in positiver Hinsicht hdeni bloß schwacher
Möglichkeit. Das Probl em i st dann wei ter, wie all das wieder
abhängt von den entsprechend en Vorkommnissen in der
s chlichten Vors tel lun gssphäre.
Jede Dingwahrnehmung, meinte ich, ist ein „Komplex von inten-
25 tionalen Strahlen“, das wäre ein Komplex von „Tendenzen“, unter-
schieden durch ihren „Sinn“, ihre Richtung, und je nachdem voll
oder leer. Sie verschmelzen zu Einheiten, in denen Einheit des Sin-
nes, der gegenständlichen Richtung waltet. Sind sie alle einig, tre-
ten nicht Gegentendenzen auf, die miteinander unverträglich einen
30 Streit in der gegenständlichen Richtung begründen, so sind sie alle
Gewissheiten und begründen Einheit der Gewissheit, d. i. Einheit der
normalen Wahrnehmung (ebenso in der Erinnerung und Erwartung).
Andernfalls begründen sie Zweifel, Vermutung für die eine Auffas-
sung oder Entscheidung für sie mit Schwächung der Überzeugung,
35 eventuell aber feste Gewissheit trotz des Widerstreits, sofern diese
Gegentendenzen durch weitere neutralisiert werden. Der Zweifel
geht eventuell über in Überzeugung: Man „überzeugt sich“, dass es
so und so ist, sofern man eben Zeugen hat, die dafür aussagen und die
232 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Gegenzeugen Lügen strafen. Grade der Überzeugung in diesem Sinn:


abhängig von dem Grad des Übergewichts der positiven Beziehungen
etc.
Wir sehen auch, wie das Phänomen der Bevorzugung in dieser
5 Sphäre des noch blinden Urteilens und Vorstellens auftritt. Man
folgt der größeren, stärkeren Tendenz uneinsichtig, eventuell nach
vorgängigem Schwanken zwischen den verschiedenen Neigungen,
nach vorgängigem Bewusstsein des Zweifels. Schließlich tritt etwa
Entscheidung ein, entweder als Vermutung (also ohne Gewissheit)
10 oder, indem der Neigung, die da als Vermutung bevorzugt ist, ih-
rerseits nachgegeben wird, Gewissheit, unter „Zurückdrängung“ der
Gegenmotive. Das problematische Urteil drückt normalerweise eine
Vermutung als solche Bevorzugung aus. Man stellt sich in der Be-
vorzugung auf den Boden der einen Neigung; diese ihrerseits führt
15 eine Tendenz zur Gewissheit mit sich und der wird nachgegeben, was
offenbar ein anderes Nachgeben ist als das in der Bevorzugung. Hier
wird ja nicht bevorzugt.
Mit all dem ist unser obiges Problem nicht gelöst, wie sich die
„Tendenzen“ zu jenen motivierten „Neigungen“ verhalten, nämlich
20 ob die motivierten Intentionen in sich Tendenzen sind oder so et-
was wie Gemütstendenzen tragen, um derentwillen sie Neigungen zu
Urteilen, zu Wünschen etc. sind.
Infolge der letzten Betrachtungen spreche ich von Intentionen,
Vor s tellungs int enti on, prädi kati ve Intention, Willensin-
25 tention, W uns chint enti on. Das kommt ja davon her, dass alle
die Mot ivati onskom pl exe, di e wi r analysieren, auf Moti-
vations s tr ahl en zurü ckführen, di e sich voneinander unab-
hängig zeigen, nämlich durch den Zusammenhang sich miteinander
einigen oder gegeneinander motivieren und so das Fundament
30 für Z w eifel, Verm utu ng (ei ne Bevorzugung) und für Ge-
w is s heiten werden und für die Analoga in den Gemütsgebie-
ten.
Nun möchte man sagen: Haben nicht im Allgemeinen Akte jeder
A r t den C har akter vo n H andl ungen oder möglichen freien
35 Handlungen? Zeigt sich das nicht darin, dass ich Akte suspen-
dier en (wie ich sonst Handlungen suspendieren) und wieder
ihnen nac hgeben kan n? Si nd si e ni cht Spontane itäten? Und
können demnach nicht auf sie Tendenzen bezüglich sein, die eben den
text nr. 6 233

Charakter von Willenstendenzen haben? Doch damit wird man sich


nicht leic ht z ufr ieden geben können.
Überlegen wir. Tendenzen haben wir im Vorstellungsverlauf, den
wir einen assoziativen nennen. Eben vom Schlaf erwacht, sind meine
5 Gedanken in einem lebhaften Fluss. Ich will arbeiten, aber die Ge-
danken haben die Tendenz, in jenem erregten assoziativen Zusam-
menhang fortzulaufen. Ich kann diesen Tendenzen nachgeben oder,
wenn auch mit Mühe, eine Zeit lang oder dauernd widerstehen und
eine andere Gedankenbahn willkürlich einschlagen. Wiederholt geht
10 es nicht, widerwillig gebe ich jenen Neigungen nach. Ich fühle mich
dann unfrei.
Fehlte der Arbeitswille, so würde ich mich im Fluss und Ablauf
der Assoziationen gar nicht unfrei, sondern im Gegenteil frei füh-
len. Der Gedankenreihe haftet nichts von einem „muss“ an. Es ist
15 nicht so wie bei einer kausalen Reihe, die sich mir als kausal intuitiv
präsentiert und hbei deri ich das Bewusstsein habe: Jetzt ist das, nun
muss das kommen. Ich bin ja auch nicht den Gedanken, den Akten
zugewendet, sondern lebe in ihnen, und in den Sachen finde ich eben
nichts von Notwendigkeit. Ich träume und lebe im Traum. Ich spaziere
20 in Berlin auf der Friedrichstraße, jetzt sehe ich die Menschen, dann
jene, ein Wagen rollt vorbei, Zeitungsträger rufen aus usw. Ich erlebe
das und jenes Abenteuer. Das ist alles Quasi-Faktum, es hat nichts
von notwendiger Folge. Und reflektiere ich auf die Phantasien selbst,
so mag ich „wissen“, dass da Regelungen bestehen, aber ich sehe
25 ihnen selbst keine Notwendigkeit an. Und hat da nicht der Wille
Einfluss? Ich träume, ich gehe durch die Friedrichstrasse. Sie steht als
eine Erinnerungseinheit vor mir, wenigstens dem Allgemeinen nach.
Ich kann weitergehen in der Phantasie, ich entschließe mich jetzt
zu phantasieren, da an der Marienstraßenecke einzumünden, dann
30 wieder umzukehren usw. Da, jemanden will ich ansprechen, ich gehe
mit ihm, ich mache einen Luftsprung usw. Das kann ich alles.
Jetzt habe ich nicht nur Wollungen, die selbst zum freien Abfluss
der Phantasie gehören, als Phantasiewollungen und Handlungen, die
phantasierte sind, sondern ich habe aktuelle Wollungen, die auf die
35 Phantasien, auf die Direktion der Phantasiemodifikationen von all
diesen (phantasierten) Wahrnehmungen, Gefühlen, Wollungen ge-
richtet sind. Mag die Einheit solcher Abflüsse unter welchen Re-
geln immer stehen, mag es psychische Kausation geben: Es verhält
234 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

sich hier so wie bei meinen Leibesbewegungen. Physiologisch und


physikalisch stehen sie unter Gesetzen, aber ich kann sie dirigieren,
meine Leibesbewegungen: meine „willkürlichen“. In den Wahrneh-
mungsreihen, in denen sie sich mir darstellen und nur mir, und in den
5 Empfindungsmannigfaltigkeiten, in denen sie nur für mich bewusst
sein können, haben sie den Charakter von freien Handlungen, und
ich kann sie frei im Voraus vorstellen und dann realisieren, ich kann
sie mannigfach frei verändern, die Hand nach oben, unten, rechts,
links bewegen usw.1 Genauso meine Phantasieerlebnisse. Sie mögen
10 einmal von selbst ablaufen, das andere Mal kann ich dirigieren, mir
willkürlich einbilden, dass das und das geschieht, dass ich das und das
dabei denke und tue etc. Beiderseits haben wir einen Rahmen der
Freiheit. Im einen Fall die Natur, in der meine Leibesbewegungen
statthaben und darin Wirkungen setzen und der mein Leib selbst als
15 Stück angehört, und andernfalls die ganz andere Existenz, welche die
Phantasien nach „Assoziationen“ haben.
Das eine Mal „wirkt“ der Wille in den Wahrnehmungszusam-
menhang ein, das andere Mal in den Phantasiezusammenhang. Und
beide sind geregelt, und doch ist der erstere an gewissen Stellen (mein
20 Leib), der letztere in weiterem Kreis nach Ablauf „frei“. Ich bevor-
zuge willkürlich von den sich erzeugenden Assoziationsreihen die
eine. Ich halte willkürlich ein Glied fest, und es schließen nun neue
Assoziationsreihen daran an. Ich bin aufmerksam in der Phantasie
und nicht nur das, ich vollziehe den Willen, in der Phantasie hier
25 aufmerksam zu sein. Und das spielt eine besondere Rolle, denn alle
andere Wirkung des Willens ist durch diese auf das Phantasieaufmer-
ken wohl vermittelt.
In der Phantasie scheidet sich wieder Phantasie-Wirklichkeit und
Phantasie-Phantasie. Ich phantasiere und lebe so gleichsam in dem
30 „Spaziergang unter den Linden“, nun kommt mir der Einfall eines
Luftsprunges, den ich aber doch nicht „mache“, sondern mir erst
einbilde, und nun sage ich mir jetzt: Den will ich in der Phantasie
„wirklich“ machen, und schon mache ich ihn in der Phantasie und
phantasiere dann weiter in der schlichten Reihe, phantasiere mir etwa
35 die Folgen etc. Es ist oft so, dass ein Phantasiertes zweiter Stufe ohne

1 Doch kann hesi auch sein, dass ich reflexmäßig bewege, ohne meinen Willen.
text nr. 6 235

weiteres in ein solches erster Stufe übergeht. Hier aber mache ich es
willkürlich. Ich kann auch die Willensneigung haben, so zu verfahren,
und eine andere kann dagegen auftreten, und ich entscheide mich für
ein anderes, ich folge der anderen Regung: Das wäre hübscher, ich
5 tanze lieber etc.
Betrachten wir nun die weiteste Sphäre der Akte, der wirklichen
Akte. Der Wille hat auf sie Einfluss. Auf Wahrnehmungen: Ich kann
den Lauf der visuellen Wahrnehmungen bestimmen, ich blicke weg,
drehe den Kopf herum etc. Ich kann damit allerdings nicht ma-
10 chen, dass ich beliebige Wahrnehmungen habe, aber den Lauf der
Wahrnehmungen kann ich ändern. In ganz anderer Weise, wenn ich
Hände und Füße etc. bewege, stoße etc. und damit nicht nur visu-
elle Änderungen, sondern „Wirkungen in der Außenwelt“ erzeuge.
Jede willkürliche Bewegung, auch die des Auges, ändert etwas in der
15 Außenwelt: Die Lage der Leibesglieder ist eine andere geworden,
ihre Form etc. – aber es ist ein Unterschied in phänomenologischer
Beziehung zwischen Augenbewegungen etwa und Handbewegungen
– und dazu die „Wirkungen“, die damit weiter geübt werden. Ebenso
hdiei Direktion der Erinnerungen. Die Erinnerungswelt ist eine im
20 Ganzen feste. Aber ich kann den Lauf der Erinnerungen dirigieren.
Sie bilden eine Sphäre der Freiheit, eine Sphäre von willkürlichen
Handlungen, von möglichen, denn nicht immer greift das Wollen ein.
Ich kann willkürlich aussagen, willkürlich prädizieren, schon willkür-
lich die den Prädikationen zugrundezulegenden Synthesen bilden.
25 Zunächst hätte ich etwas sagen müssen über willkürliche Aufmerk-
samkeit. Die Aufmerksamkeit spielt für den Willen überall ihre Rolle.
Ich kann freilich im sekundären Bewusstsein Wollungen vollziehen.
Ich denke jetzt nach, die Brille sitzt nicht gut auf der Nase, ich setze
sie zurecht – willkürlich. Aber meine Aufmerksamkeit im speziel-
30 len Sinn, mein Interesse, meine thematische Beschäftigung liegt in
wissenschaftlicher Richtung. Bemerkt ist das störende Gefühl in den
Augen oder auf der Nase wohl worden. Bemerken ist da überall
vorausgesetzt.
Was ist nun wi ll kürl i che Aufm erksamkeit? In der themati-
35 schen Zuwendung kann ich leben ohne Willen, ich kann aber auch
thematische Zuwendung mit Willen üben; der Wille mag welche Mo-
tive immer haben, außerhalb der betrachteten Sachen liegende, ich
kann das Zuwenden wollen, und zwar als dauerndes Zuwenden, als
236 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

Festhalten des Objekts im Aufmerken, als Festhaltung des Themas


(des gemeinten Objekts als solchen). Dieses Thema kann ein in der
Phantasie Vorgestelltes oder leer Gedachtes sein.
Ich kann nun dadurch den Gedankenlauf der Erinnerung dirigie-
5 ren, ich kann auch mit der willkürlichen thematischen Zuwendung
und mit willkürlicher Beziehung auf die Einheit eines Gesamtthemas
willkürlich das zum Subjekt, das zum Prädikat machen, die und die
Beziehungen speziell ins Auge fassen und dabei willkürlich eben das
Beziehen üben etc. Ich kann nicht beliebig machen, dass mir ein S,
10 das ich wahrnehme und hdasi in der prädikativen Gliederung als p
dasteht, nicht als p dasteht, es sei denn, dass ich es verändere in
willkürlicher Handlung. Aber ich kann willkürlich diese prädikative
Gliederung vollziehen und willkürlich das Aussagen selbst mit seinem
begrifflich Fassen. Ich brauche nicht auszusagen aufgrund der Wahr-
15 nehmung, und habe ich die Wahrnehmungen, so kann ich willkürlich
aufgrund dessen Verschiedenes aussagen, obschon nicht Beliebiges.
Natürlich nicht immer prädiziere ich im Bewusstsein eines wirklichen
Handelns, und nicht immer ist es wirkliches Handeln. Aber darum ist
doch das Urteilen eine Sphäre der Freiheit.
20 Wie steht es nun mit den Urteilsenthaltungen? Würde man dar-
unter verstehen, dass ich nicht prädikativ zu gliedern, unter Begriffe
zu bringen, auszusagen brauche, so ist das richtig, dass dergleichen in
weitem Maße möglich ist. Ebenso, dass ich, statt das Urteil zu fällen
oder nachdem ich es eben gefällt habe, mich willkürlich anderem
25 zuwenden, das und jenes wahrnehmen, andere Urteile fällen kann etc.
Aber das sind nicht Urteilsenthaltungen im normalen Sinn. Darunter
versteht man das Dahingestelltseinlassen. Kann ich, wo ich, etwa
aufgrund einer Wahrnehmung, aufgrund einer Beweisevidenz, Ge-
wissheit habe, beliebig es machen, dass mir der Sachverhalt wirklich
30 als nicht entschiedener dastehe? Ich kann willkürlich mich auf den
Boden der Unentschiedenheit stellen; nämlich ich kann annehmen, es
sei nicht entschieden, dass S p sei. Lassen wir zunächst dahingestellt,
ob S p sei, und erwägen wir, was dafür sprechen mag. Oder lassen wir
es dahingestellt, machen wir davon keinen Gebrauch für das Weitere,
35 wie wenn ich z. B. in der ganzen Phänomenologie die Existenz der
empirischen Welt dahingestellt sein lasse. Was liegt da vor? Der Wille,
in den betreffenden Zusammenhängen das entschiedene Urteil nicht
zu fällen und jedenfalls, wenn ich es tue, es auszuschalten bzw. nicht
text nr. 6 237

eintreten zu lassen in die Einheiten von Begründungszusammenhän-


gen, auf die ich es abgesehen habe. Das Urteil hzui fällen und von dem
darin gesetzten Sachverhalt als einer Wahrheit im Zusammenhang
„Gebrauch zu machen“, ist zweierlei. Der Sachverhalt ist nicht un-
5 entschieden und steht nicht als zweifelhaft da, aber hichi behandle ihn
insofern als unentschieden (ohne dass ich das hypothetisch annehmen
müsste), als ich willkürlich von der Entscheidung keinen Gebrauch
mache.
Wie ist es, wenn ich einer Neigung oder dem Vorwiegen einer
10 Neigung, d. h. einer Vermutung folge? Zunächst, wenn mir von zwei
Anmutungen die eine als kräftiger erscheint, als solche dasteht, dann
hat sie ihren Vorzug, und daran kann ich zunächst nichts ändern.
Ich kann aber wieder „die Sache unentschieden lassen“, mich „der
Entscheidung enthalten“, nämlich in dem Sinn, dass ich das objektive
15 Urteil über die Wahrscheinlichkeit etwa nicht fälle, davon keinen
Gebrauch mache und mir die Begründungsverhältnisse näher ansehe.
Ich bin vielleicht schon so weit gegangen, dass ich der Neigung zum
behauptenden, gewissen Urteil nachgebe. Nun ziehe ich zurück: Ich
denke etwa an die logischen Folgen solcher leichtfertigen Urteils-
20 weise. Damit sind neue Motive hereingezogen, infolge deren ich das
eben gefällte Urteil preisgebe. Der Wille hat hier Einfluss insbe-
sondere in der vagen Urteilssphäre, indem die Aufmerksamkeit auf
das Begünstigende gelenkt und das die entgegengesetzten Tendenzen
Bevorzugende missachtet wird. Und so kann ich mit einiger Willkür
25 einer Neigung nachgeben (zumal wenn sie ihre Gemütsvorzüge hat,
die es eben bewirken, dass die eine Seite „mehr zu Wort kommt“
und hdassi die Aufmerksamkeit auf die andere Seite und das sie
Begründende und sonst wie Stärkende abgestoßen wird). Ebenso
kann ich willkürlich die vollzogene Entscheidung wieder aufheben,
30 die Gegenmotive stärker hervortreten lassen.
Doch vielleicht kann man wirklich sagen: In der vagen Sphäre
kann ich ein Urteil wir kl i ch suspendieren, ich kann jede Sachlage
„in Frage stellen“. Das Suspendieren, der Charakter der Urteilsauf-
hebung, ist dann der Gegensatz zur Urteilshandlung. So wie ich sonst
35 eine Handlung vollziehen und eine Handlung suspendieren kann
(und damit den Handlungswillen suspendieren), so hier das Urtei-
len und den Urteilswillen. Aber allerdings ist nicht jedes Urteilen
Urteilen-Wollen und eigentliches Handeln. Aber ich kann ja auch
238 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

eine unwillkürliche Bewegung hemmen. So hemme ich das Urteilen.


Ich mag freilich schon geurteilt haben, aber ich blicke wieder auf
die Sachlage hin, und obschon sie gerade die prädikativen Gliede-
rungen und Aussagen „fordert“, so folge ich der Forderung nicht.
5 Warum sollte das eine Schwierigkeit machen? Insoweit hat ja der
Wille Macht, ich übe Urteilssuspension, was natürlich ein Willensakt
ist, Hemmen einer Handlungstendenz, einer Urteilstendenz als Ten-
denz zum Übergang in das Urteilen. Diese Tendenz ist wohl nicht
die Anmutung selbst, die etwas Intellektives ist, sondern etwas von
10 dieser Ausgehendes, eine Tendenz zum Übergang in das Urteilen.
Natürlich kann man auch Schätzungen suspendieren, wenigstens
öfters, hauchi Wünsche und Wollungen. Soweit die Freiheitssphäre
(Machtsphäre) des Willens eben reicht, soweit kann man ablaufende
Vorgänge aufhalten, oder, wenn sie als Handlungen ablaufen, die
15 Handlungen eben hemmen, unterbrechen, suspendieren. Folglich
gehör en die Phänom ene der Aktenthaltungen nicht als
s pezifis che Eigent üm l i chkei ten i n die besonderen Aktgat-
tungen hinei n.
A nder s verhäl t es si ch m i t den Motivationen, mit den Mo-
20 tiven, die von sich „Tendenzen“ ausstrahlen lassen, mit den Inten-
tionen, die wir Anmu tungen, Verm utungen nennen. Dage-
gen die eigent li chen Nei gungen zu Urteilen, Wertungen,
W ollungen s ind wied er ni chts Ei gentümliches in den ver-
s chiedenen G att ungen. Das Geneigtsein und in der Neigung sich
25 hingezogen fühlen und eventuell der Neigung nachgeben, das ist ein
überall Gleiches. Es handelt sich da doch wohl um Phänomene des
Begehrungsgebietes. Freilich um eine merkwürdige Art.
Sind es etwa Begehrungen? Auf Lustvolles gerichtet? Natürlich
nichts Wunschartiges, hier handelt es sich um Prozesse, Übergänge,
30 die fr eie s ind. Hemmungslos geht oder mit geringem Widerstand
geht Langen in „ Tun “ über. Es ist ein Tun? Aber von einem
fiat is t hier ni chts z u bem erken. Das ist aber wohl auch sonst
bei der „Handlung“, in bl oßem Nachgeben einer Meinung der
Fall. Hungrig trete ich ins Zimmer, und es steht auf dem Tisch ein
35 Brötchen; die Neigung ist alsbald da und geht ohne fiat in Essen
über. Es scheint, dass ich das bei m ei nen Willensanalysen nicht
gehör ig berüc ksi chti gt habe! Unwillkürlich greife ich nach dem
Brötchen. Ich sehe eine prächtige Blume und unwillkürlich trete ich
text nr. 6 239

heran, sie zu betrachten. Es kann eine Hemmung dazwischen treten


und ich dann willkürlich tun, das fiat setzt dann ein. Ich verderbe mir
den Appetit, gleichwohl: fiat. Ist di e Nei gung, aus der hier das
Tun her vorgeht und das hi er di e Rolle des Willens spielt,
5 s elbs t ein Modus des Wi l l ens?
Ferner, die Neigung geht auf Lustbringendes, Gefälliges. Wie ist
es in unserem Fall? Sollen wir sagen, ich fühle mich zu dem Urteilen
gedrängt, es zieht mich dahin, dieses Urteilen hat einen Charakter
der Schönheit, der Gefälligkeit etc.? In gewissen Fällen wohl. Wo ich
10 wünsche, dass etwas sei, da mag das Urteil selbst und wird es einen
angenehmen Charakter haben. Aber wie ist es bei der Unmasse von
vagen Urteilen, wo ich einfach der Neigung gemäß urteile?
Man wird etwa sagen: Ausschalten müssen wir die Fälle, wo einfach
geurteilt wird im Sinn der mannigfachen und unbestrittenen Urteils-
15 intentionen. Da haben wir zwar Intenti onen, aber wir haben nicht
er s t N eigungen, denen nun erst Folge geleistet wird. Ebenso bei
Wünschen, Wertungen, Wollungen.
A nder s , wenn wir kl i che Nei gungen zu Urteilen voran-
gehen, gerichtet auf mehr oder minder deutlich vorgestelltes Urtei-
20 len (ebenso Wünschen, Werten etc.), und denen nun Folge geleistet
oder nicht Folge geleistet wird. Da kann man wohl die Ansicht ver-
treten, dass hier Gefühle maßgebend sind wie bei jedem Langen und
Wollen. Es hängt ja auch von der vorherrschenden Gemütsstimmung
ab, wie ich mich in solchen Fällen verhalte, falls nicht etwa ein be-
25 sonderes Interesse an den Sachen sein Gefühl auf die Beurteilung
ausstrahlen lässt. „Es wird Gewitter geben!“ „Das passt mir gerade,
ich bin ohnehin zu dem Ausflug nicht geneigt, den ich anderen zuliebe
mitmachen wollte!“ Oder, es wird Gewitter geben, ich bin gerade in
schlechter Stimmung und bin geneigt, alles, was sie nährt, zu be-
30 vorzugen. Und das alles aufgrund von einigen Anzeichen, die sonst
eine schwache Neigung zur Annahme, aber keine wirkliche Annahme
(kein Folgeleisten dieser Neigung) mit sich bringen würden.
Nr. 7

h Di e Wi ll ensri chtung auf Wahrheit.


Denke n al s ei ne Tätigkeiti1

Im Denken geht der Wille durch Wahrnehmungen, Vorstellungen,


5 Ausdrücke etc. hindurch. Das Denken terminiert in seinem Erfolg, in
dem gesuchten „So ist es“ oder „Also, so ist es“. Sind die Wahrneh-
mungen, Vorstellungen etc. die Mittel?
Wenn ich einen Besuch machen will, so stehe ich auf, ich hole
mir den Hut und Stock usw. Das sind in der ausführenden Handlung
10 die Mittelhandlungen. Wenn ich eine strittige Theorie entscheiden
will, so erkenne ich als geeignetes Mittel ein gewisses Experiment.
Seine Ausführung ist also eine Mittelhandlung. Hierbei vollziehe
ich Wahrnehmungen, Phantasievorstellungen, Denkakte etc. Sind sie
Mittel? Es sind objektivierende Akte. Blicke ich auf diese objekti-
15 vierenden Akte hin oder lebe ich nicht vielmehr in ihnen? Sind die
objektivierenden Akte Handlungen in dem Sinn wie die Vorgänge
des Hutergreifens und dgl. im anderen Fall? Natürlich, jedes Wollen,
Handeln beruht auf objektivierenden Akten. Aber beim Besuch-
Wollen und so bei jeder äußeren Handlung blicke ich nicht auf diese
20 Akte hin (ich vollziehe keine Reflexion), sondern auf Vorgänge, die
die Handlungen ausmachen.
Ich will wissen, wie die Sache wirklich ist. Ich will die Sache er-
kennen. Also das Erkennen ist das, worauf der Wille gerichtet ist,
und auf den Denkprozess als Handlung bin ich gerichtet, zuletzt und
25 durch die ganze Handlung hindurch auf den Erfolg, die Erkenntnis.
Nun scheint es, dass wir im Denken, z. B. im Beweisen des hSatzes
desi Pythagor as, nicht reflektiv gerichtet sind auf intellektive Akte,
sondern sachlich hgerichtet sindi. Wir beweisen und leben im Be-
weisen. Voraussetzung: ein rechtwinkliges Dreieck sei gegeben, ein
30 beliebiges rechtwinkliges Dreieck, über dessen Seiten Quadrate er-
richtet sind. Angenommen, es sei A, B, C ein rechtwinkliges Dreieck,

1 hWohl 1909/10.i – Gut. Nur lösen sich alle Schwierigkeiten, wenn ich anerkenne,
dass jedem Akt sein ontisches Korrelat entspricht und so dem Akt der Evidenz die
Selbstgegebenheit als solche.
text nr. 7 241

über dessen Seiten etc., dann können die Verbindungslinien m, n, p


gezogen werden, es entstehen die und die Dreiecke, es bestehen dann
die und die Kongruenzen zwischen den Dreiecken. Und nun folgt S1
und S2 und daraus S3 und schließlich: Also muss das Quadrat über
5 der Hypotenuse …
Bin ich da nicht durchaus objektiv gerichtet? Ich sage und schreibe
„Es ist das und das gegeben, dann ist das“ und schließe: „Also ist
das Quadrat über etc.“ Wo reflektiere ich da auf die Urteile als
Akte? Ebenso beim Experiment. Ich lebe in den Wahrnehmungen,
10 in den Vorstellungen, Urteilen etc. Ich achte dabei auf die äußeren
Hantierungen, auf die Waage und mein Abwägen etc., und schließlich
hsage ichi „So und so ist es, das widerspricht der Theorie, also sie ist
falsch“. Und mein Ziel ist erreicht.
Ganz sicher, ich bin objektiv gerichtet im Beweis. Sähe ich nicht
15 auf die Bedeutungen, Sachverhalte, Gründe und Folgen hin, so würde
ich ihre Zusammenhänge nicht verfolgen können. So wie ich, wenn
ich gehe, wenn ich eine Bergspitze erreichen will, doch beständig
auf den Weg und das Ziel hin gerichtet sein muss, darauf sehen
muss. Andererseits will ich nicht den Weg und das Ziel, sondern
20 ich will das Ziel erreichen, ich will den Weg gehen. Primär achte ich
durchaus auf den Weg und nicht auf mein Muskelanspannen etc. So
ist der Bedeutungszusammenhang und Sachverhaltszusammenhang
mein Erkenntnisweg. Ich gehe diesen Weg und erreiche mein Ziel,
indem willentlich die Wahrnehmungen, Vorstellungen, Urteile etc.
25 ablaufen, in denen dieser Weg zur Gegebenheit kommt.
Aber habe ich dort nicht den Unterschied zwischen Weg und mei-
nem physischen Gehen, Gliederbewegen? In der Einheit der äußeren
Erscheinung habe ich den Weg als im Gehen durchlaufenen, das Ziel,
dem ich mich im Gehen annähere. Das ist die einheitliche Handlung;
30 darin bevorzugt der Weg als das Schritt für Schritt „zu Betretende“,
das, worauf ich meine Schritte neu und neu setze und wodurch ich
im Raum in der bestimmten Wegrichtung weiterkomme. Aber die
Füße, das Sich-Bewegen der Füße, das Aufsetzen derselben auf den
Boden, das ist alles mit in der Wahrnehmung, ist Wahrgenommenes.
35 Dementsprechend hätte ich im anderen Beispiel das Ablaufen des
Beweises: „Das ist und somit ist das usw.“ Das ist eine zeitliche
Reihe. Sind aber die Bedeutungen, die geurteilten Sachverhalte, nicht
unzeitliche Einheiten? Und weiter: Wenn ich diesen Erkenntnisweg
242 neigung, vermutung, anmutung, zweifel

gehe, ihn betrete, was ist hier das Gehen, das Betreten? Das Erzeugen
der Sprachlaute, der Schriftzeichen und dgl.? Aber das reicht doch
nicht hin. Zu den Sätzen gehören auch die Ausdrücke und beide wer-
den, wenn von „dem“ Satz gesprochen wird, in idealer Objektivität
5 genommen.
Betrachten wir noch einmal das Beispiel des willkürlichen Gehens.
Ich sehe vielleicht die lange Straße vor mir, den ganzen Weg. Ich will
aber den Weg erst „machen“. Nämlich jetzt bin ich hier, aber ich
will der Reihe nach an immer neuen Wegpunkten sein, und schließ-
10 lich – dazu dient das Gehen, das Immer-wieder-an-neuen-Punkten-
willentlich-der-Reihe-nach-Sein (-Seinwerden), als Mittel – will ich
„am Ziel sein“, also enden mit dem „Gottlob, nun bin ich da, wo ich
sein wollte“.
Was entspricht dem im anderen Fall? Ist es ein gelernter Beweis,
15 den ich nur neu führen soll, so habe ich die voraufgehende Vorstel-
lung dieses „Weges“. Das „da sein“ ist der volle eigentliche Vollzug
des betreffenden Urteils, des betreffenden Beweisschrittes, und am
Ende des Weges bin ich in der Einsicht: Also muss Z sein. Ich habe
gewissermaßen Sehnsucht. Wenn ich Sehnsucht habe nach meiner
20 Vaterstadt, so erfüllt sich diese Sehnsucht, wenn ich hinreise und sie
sehe. Aber sehend bin ich da doch der Vaterstadt zugewendet, und
sehend freue ich mich, habe ich mein Willensziel erreicht.
Ich strebe aber auf den „Schlusssatz“ hin. So, wie wenn ich mich
interessiere für eine Landschaft oder eine Straße in einer fremden
25 Stadt: Ich will sie kennenlernen. Ich gehe Schritt für Schritt weiter,
verfolge mit den Augen die Gegenstände in ihrer Reihe und will im-
mer weiter, immer Neues kennenlernen. Ich bin hier nicht „gerichtet“
auf die „Phänomene“, sondern haufi die Sachen.
Der Pythagorei sc he Lehrsatz ist etwas Objektives und ist nicht
30 das, was ich will. Er unterliegt keinem Willen, ebenso hnichti der
ganze Beweis, verstanden als ein Zusammenhang von Gründen und
Folgen. Der besteht, ob ihn irgendwer denkt und erkennt oder nicht.
Aber der Beweis kann mir gegeben sein, und ihn zur Gegebenheit
hzui bringen, Schritt für Schritt, das ist meine Willenshandlung.
35 Aller Wille geht auf Realisierung, also in gewisser Weise ist jeder
darauf gerichtet, zur Gegebenheit zu bringen. Ja, in gewisser Weise!
Will ich jemandem eine Ohrfeige geben, so fordert die Realisierung
des Willens als Endglied: Wahrnehmung der vollzogenen Ohrfeige.
text nr. 7 243

Aber der Wille ist nicht auf die Wahrnehmung als Willensziel gerichtet
(sie fundiert die Willenserfüllung, mit der das Ziel erreicht ist, ist
aber nicht selbst das Ziel). Das Ziel ist Hauen der Ohrfeige. Dagegen
handelt es sich in unserem Fall gerade darum, dass die Gegebenheit
5 das Willensziel ist, das Evidenzbewusstsein, das Bewusstsein, in dem
der Beweis vollzogen ist oder das „Vollziehen“ des Beweises (in
evidenter Weise).
Das zu Überlegende dabei ist aber, dass das Gegebensein nichts
ist, was ich konstatieren muss durch „Reflexion“. Oder was soll
10 Reflexion besagen? Nun, das Sehen vollziehend, weiß ich, dass ich
sehe, und dass ich sehe, darauf kommt es an. Das Erlebnis „S ist P!“
ist als Evidenz anders charakterisiert als ein beliebiges „S ist P!“1
Wiederhole ich den Beweis, so habe ich wiederholte hErlebnissei
„S ist P! Also ist Q R etc.“. Einmal sage ich, ich habe immer neue
15 Erlebnisse, und dann, die Sätze sind dieselben, der Beweis ist ein und
derselbe etc.

1 Die Evidenz hat eben ontisch ein anderes Korrelat als die bloße Meinung, das

„Selbstgegebene als solches“.


B. ZUR PHÄNOMENOLOGIE DES
WOLLENS UND DER HANDLUNG

Nr. 8

h Ana ly se n zur T r i e bha n d l u ng ,


5 zu u nte rschi e dl i c he n Fä l l e n d e s
e in em T ri e b F ol g e l e i s t en s s o w i e
zu m fre i e n un d unf r e i e n W o l l eni1

Ideomotorische Handlungen, reagierende, und Triebhandlungen:


keine „eigentlichen“ Willenshandlungen. Bei ihnen sei „keine Span-
10 nung eines Willensbewusstseins“ vorhanden.2 Und ebenso bei den
unmittelbaren „Tri e bh a n dl u ng e n“. Hier sei es das Begehren, das
die Handlung auslöse (nicht wie bei den ideomotorischen Handlun-
gen eine Vorstellung). Ein Begehren liegt vor, das sich ohne vor-
gängige Absicht, die im Bewusstsein nachweisbar wäre, befriedigt.
15 Eine Triebhandlung: Müde und durstig kommt der Wanderer an eine
Quelle; ohne weiteres geht er infolge des Triebes hin und trinkt.
Id eo m o t ori s ch: Tanzen nach dem Takt, Schreiben nach Diktat
etc., Klavierspielen. Unmittelbare Triebhandlungen sind also charak-
terisiert durch das Moment des Begehrens.
20 N u n k önn e n me h re r e Be g ehru ng e n m i te in a n de r s t re i-
t e n. Eines erweist sich als das stärkere, und es kann die Handlung
„ohne weiteres“ im Sinn des momentan stärksten Begehrens (Trie-
bes) erfolgen, ohne dass ein neues Bewusstseinsmoment eintritt. Es
gibt dann aber auch Fälle, wo zwar ein stärkstes Begehren vorhanden
25 ist und uns bewusst histi, und wir ihm doch nicht folgen, sondern ihm
widerstehen. Wir „wollen“ ihm nicht folgen.

1Wohl Anfang 1910. – Anm. der Hrsg.


2Else Wentscher, Der Wille. hVersuch einer psychologischen Analyse, Leipzig und
Berlin, 1910.i

© Springer Nature Switzerland AG 2020 245


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7
246 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Lotz e wird hvon Wen tscheri zitiert: „Was wir Trieb nennen, ist
nicht ein Wollen, durch welches wir den Körper lenken, sondern
eine Wahrnehmung seines Leidens und der unwillkürlich in ihm
entstehenden Bewegungen. h…i Nur da sind wir überzeugt, es mit
5 einer Tat des Willens zu tun zu haben, wo in deutlichem Bewusstsein
jene Triebe, die zu einer Handlung drängen, wahrgenommen werden,
die Entscheidung darüber jedoch, ob ihnen gefolgt werden soll oder
nicht, erst gesucht und nicht der eigenen Gewalt dieser drängenden
Motive, sondern der bestimmenden freien Wahl des von ihnen nicht
10 abhängigen Geistes überlassen wird. … In dieser Entscheidung über
einen gegebenen Tatbestand besteht allein die wahre Wirksamkeit
des Willens.“1
Ich hatte das „Wollen“ so weit verstanden, dass es jederlei Hand-
lungen, auch die „Triebhandlungen“, die ideomotorischen, um-
15 spannt. Ich meinte, dass auch jede Triebhandlung ihren Einsatz als
„fiat“ hat und dass im Verlauf der Handlung nicht nur das Begehren
sich befriedigt, sondern dass ein Willensmoment da ist, dem das „Ich
folge“ entstammt. Denn nicht nur überhaupt entspannt sich das Be-
gehren, befriedigt es sich, sondern es ist eine Handlung, ich „folge“
20 dem Begehren, gebe ihm nach, und ich tue es, ich begehre es nicht
nur, sondern tue es, und d. i., ich will es, und „daran liegt es“, dass es
geschieht.
Ich dachte mir das Verhältnis zwischen diesem schlichtesten Wol-
len und dem Sich-Entschließen in einer Wahl analog wie zwischen
25 dem schlichtesten Glauben und dem Sich-glaubend-Entscheiden,
etwa aufgrund einer wissenschaftlichen Erwägung, die Grund für uns
gibt. Freilich die Parallele zwischen Urteil (Glaube) und Wille war
für mich ein Problem. Und zu erörtern ist dabei, ob ein urteilendes
Entscheiden nicht, wie es D escartes ja wohl meinte, eigentlich ein
30 willentliches ist und dgl.
Nun kommen aber weitere Fragen. Wenn ich im unmittelbaren
Wollen (im schlichten Erfüllen einer Begehrung, eines „Triebes“)
lebe, so fühle ich mich in diesem Wollen, das unmittelbares Tun ist,
frei. Andererseits sage ich: Ich folge dem Trieb widerstandslos. Der

1
Hermann Lotze, Mikrokosmus. Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der
Menschheit. Versuch einer Anthropologie, Erster Band, Leipzig 1884 (4. Aufl.), S. 287 f. –
Anm. der Hrsg.
text nr. 8 247

Trieb übt eine Kraft, der ich nicht widerstehe. Diese Rede weist auf
mögliche andere Fälle zurück. Ich fühle den Trieb, den Drang, das
Begehren, und ein anderes Begehren drängt mich nach einer anderen
Richtung. Dem einen folge ich, aber „unfrei“, er zwingt mich, „wider
5 Willen“.
Etwas Schreckliches, Abscheuliches sehe ich. Ich muss hinsehen,
ich kann nicht wegsehen. Ich möchte wegsehen, es stößt mich ab,
drängt mich weg, und doch es zieht mich zugleich an und so stark,
dass ich nicht anders kann. Ich fühle mich unfrei. Ich trinke den Wein,
10 sein edler Geschmack lockt mich, es zieht mich an, ich folge. Aber ich
fühle zugleich, eine innere Stimme sagt es mir, dass er mir schaden
wird, ich fühle das „Ich soll nicht“, ein Drang zieht mich weg, stößt
mich zurück. Aber ich folge ihm nicht; der anziehenden Kraft des
Weines, seinem „Reiz“ kann ich nicht widerstehen.
15 Solche Fälle sind zu unterscheiden von dem sonstigen „Kampf“
zwischen Trieben. Nämlich: Eine Gruppe von Fällen ist dadurch cha-
rakterisiert, dass mehrere Begehrungen, von denen die eine auf a, die
andere auf b, die dritte auf c gerichtet ist und die nicht in kollektive
Begehrung a und b etc. übergehen können, miteinander ringen. Ich
20 bin zu Gast geladen und ein reich besetztes Buffet steht da. Ich soll
jetzt essen, und ich will. Gegenmotive seien nicht da. Und nun kann
ich jetzt nur eines essen, wenn auch nacheinander mehreres. Welches
wähle ich? Ich durchlaufe die verschiedenen „Möglichkeiten“. Der
Kaviar übt den stärksten Reiz auf mich. Ich folge ihm. Ich fühle
25 mich darin nicht unfrei. Es ist kein Bewusstsein da des „Ich muss“
gegenüber einem abweisenden „Tue nicht!“.
In den anderen Fällen aber liegt es so, dass ich dem Trieb „nach-
gebe“ mit „schlechtem Gewissen“ gegenüber einem „Tue das
nicht!“. Jedenfalls liegt darin ein Unterschied: Dem Von-dem-Be-
30 gehrten-als-Objekt-eines-positiv-Begehrenden-Angezogenwerden
steht einmal gegenüber ein Davon-Abgezogenwerden in Form ei-
nes Hingezogenwerdens zu einem anderen Begehrungsobjekt. Das
andere Mal steht dem gegenüber ein auf dasselbe Begehrungsobjekt
Bezogenes Abgestoßenwerden. Das Schreckliche übt einen Bann auf
35 mich, nämlich es drängt mich, hinzusehen. Andererseits ist ein Trieb
da, ihm zu entfliehen. Der edle Wein lockt mich, ihn zu genießen.
Ein dunkler Trieb (die „innere Stimme“, er wird mir schaden und die
Besorgnis davor) sagt Nein und sucht mich vom Genuss abzuziehen.
248 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Das ist aber nur ein Anfang der Analyse. Denn fühle ich mich in
jedem Fall unfrei, wenn ich einem „Gegenmotiv“ zu Trotz dem ande-
ren Motiv „nachgebe“? Man könnte sagen: Wenn ich den Wein doch
trinke, obschon ich „weiß“, dass sich unangenehme Folgen einstellen
5 werden, so verschwindet der Charakter der Unfreiheit, wenn ich dem
Weintrinken Folge leiste, sowie ich daran etwa denke, dass morgen ein
freier Tag ist und dass freie Betätigung der Persönlichkeit, die schöne
und heitere Geselligkeit, die der Wein fördert, Werte mit sich bringt,
die höher zu schätzen sind als die üble Folge des Katzenjammers.
10 Oder: das Hässliche, das ich betrachte, bringt eine Erweiterung
meiner Erkenntnis mit sich, die ich als höherwertig ansehe denn die
Peinlichkeit der negativen Gefühle, die ich da in Kauf nehme.
Ich komme wandernd an einen schlechten Steg, der über das Was-
ser führt. Es zieht mich hinüber, und der bedenkliche Steg ruft sein
15 Nein. Aber das Wasser ist seicht, höchstens werde ich ein bisschen
nass, drüben ist es ja so hübsch, und ich gehe hinüber.
In all diesen Fällen habe ich aber nicht mehr einfach ein Begehren,
das mich zieht, demgemäß zu tun, und ein Fliehen, das von demselben
Tun zurückstößt, und hauchi nicht einfach ein „Nachgeben“ dem ers-
20 teren: Hier sprechen wir von willenloser Hingabe an einen Trieb dem
Gegentrieb zu Trotz. Vielmehr tritt jetzt als Neues eine „Überlegung“
ein und eine klare Bevorzugung aufgrund neuer Motive, welche den
negativen Drang paralysieren. Anstatt dass Trieb und Gegentrieb
verbunden da sind und nichts weiter erfolgt, als dass dem Trieb „Folge
25 geleistet“ wird, unterbleibt jedes solches Folgeleisten. Der Trieb und
Gegentrieb werden ihrem „Sinn“ nach auseinandergelegt und neue
Motive tauchen etwa auf, das heißt, die Vorstellungen und Gefühle
werden vereigentlicht, gewisse an die Realisierung sich knüpfende
Folgen werden neu vorgestellt und bringen neue Begehrungen mit
30 sich, und nun folgt die Bevorzugung entweder im Sinn des Trie-
bes oder des Gegentriebes. Jetzt entscheide ich mich, aufgrund der
„Überlegung“.
Aber hat sich die Sache wesentlich geändert? Habe ich jetzt nicht
nur einen komplizierteren Fall? Es sind mehrere Triebe auf den Plan
35 getreten, und im Übrigen ist die Entscheidung als Bevorzugung wie-
der nichts anderes, als dass einem der Triebe, jetzt etwa einem aus
Trieben komplizierten, „Folge geleistet“ wird. Ich sage einfach mein
fiat und darin liegt nichts weiter als „Ich folge dem da“.
text nr. 8 249

Andererseits wird man antworten können: Einmal entscheide ich


blind und das andere Mal sehend. Ich entscheide vernünftig, ich folge
dem, was sich als das Bessere herausstellt. Die Gewichte pro und
contra werden objektiv herausgestellt (was in Wahrheit für das eine
5 und hwasi für das andere spricht) und objektiv abgewogen.
Indessen, nicht jede Wahl ist eine vernünftige Wahl, mag es auch
an sich schon vernünftiger sein, aufgrund einer Wahl zu entschei-
den, als willenlos dem Zug des einen Motivs und ohne Überlegung
nachzufolgen. Der wirkliche Unterschied liegt erst dann vor, wenn
10 wir gegenüberstellen: einsichtig Entscheiden, einsichtig Wollen, und
uneinsichtig Entscheiden, d. i. blind Wollen. Und ebenso haben wir
den Unterschied einmal zwischen frei Wollen in dem Sinn des keinen
Widerstand-, kein Nein-Fühlens, und unfrei Wollen, das ist Wollen
und Tun gegenüber einem negativen Motiv (einem dagegen spre-
15 chenden Gefühls- und Begehrungs-Nein); andererseits frei Wollen
im Sinn von klar, einsichtig Wollen und unfrei Wollen im Sinn eines
uneinsichtigen Wollens. Das Ja, die Entscheidung ist dann eine ver-
nünftige Entscheidung und an sich ein Schönes. Das Nein aber, das
in Form von Gegenmotiven vorliegen mag, ist nun charakterisiert
20 als unvernünftiges Nein. Im Übrigen gibt es verschiedene Stufen
relativer Einsicht. Statt völlig blind zuzugreifen, lege ich mir meine
Motive auseinander, ziehe neue Motive heran etc. Gehe ich darin
auch nicht bis zum Letzten, zur wirklichen und letzten Auswertung,
so ist schon ein partielles Begründen eben ein Begründen und gibt
25 der Wahl den Vorzug einer gewissen Vernünftigkeit.
Eine Frage: Ist schon das Festhalten eines Gegenstandes in der
meinenden Vorstellung, das Aufmerken, das Meinen, sind all das
schon Handlungen, nämlich geht von dem Vorgestellten (vor dem
Aufmerken und Meinen) ein Reiz aus, ein Interesse, das einem Zu-
30 wendungstrieb Richtung gibt, so dass überall zugleich ein schlichtes
Wollen zugrunde liegt als überall waltende ursprüngliche Spontanei-
tät? Und wir unterscheiden „theoretisches Interesse“ und anderes
Interesse. Wie weit erstreckt sich die Sphäre niedersten Wollens und
die der ursprünglichen Spontaneität?
35 Wieder eine Frage: Man unterscheidet „ohne weiteres“ befriedi-
gendes, entspannendes Begehren, den sich befriedigenden Trieb der
schlichten „Triebhandlung“ gegenüber dem bloßen Begehren, blo-
ßen Wünschen. Ist etwa jedes bloße Wünschen ein durch Gegenmo-
250 zur phänomenologie des wollens und der handlung

tive gehemmtes Tun, gehemmtes Begehren, gehemmt in seinem Sich-


Entspannen? Aber was soll das für das Bewusstsein selbst besagen?
Natürlich kommt es da auf die phänomenologischen Unterschiede
an, und da ist es eines, dass im Begehren ein Werden des Begehrten
5 vorstellig ist, das als „freies“ dasteht etc. Natürlich haben wir den
Unterschied des bloßen Wünschens vom sich erfüllenden und sich
willentlich in Folge des Wollens erfüllenden. In der Erfüllung, „die
ohne mein Zutun erfolgt“, haben wir auch eine Entspannung des
Begehrens, aber keine Handlung. Also, es ist schon klar, das geht
10 nicht.
Ferner, von „Triebhandlung“ ist es besser zu sprechen, wo ein
Trieb im eigentlichen Sinn, wie bei Hunger etc., vorliegt. Ist jede
schlichte Handlung eine Triebhandlung? In diesem Sinn? Es klingelt
und der Diener steht ohne weiteres auf und geht, die Türe hzui öffnen.
15 Es ruft jemand hinter mir und ich drehe mich ohne weiteres um. Ich
erkenne den Rufenden als A und bin mit ihm böse. Ich drehe mich
nicht um. Der Trieb (das allgemein Einem-Ruf-Folge-zu-Leisten) ist
da, aber gehemmt durch das „Ich will nicht“. Sollen wir so weit von
Triebhandlungen und Triebhemmungen sprechen?
Nr. 9

Z us amm enst el l ung der U nterscheidungen


h bei der Anal yse der H andlungi1

1) Die Handlung al s wi rkl i cher Vorgang der Natur. Eine


5 Person vollzieht eine Handlung: einen psychophysischen Vorgang,
der seine psychische Seite hat im Fühlen und Wollen des Handeln-
den und eine physische Seite im Naturvorgang, in der physischen
Bewegung und Veränderung, die durch das Wollen „erzeugt“ wird.
So bei physischen Handlungen, hbeii Handlungen in der äußeren
10 Natur. Auch bei psychischen haben wir diese Doppelseitigkeit: näm-
lich einerseits das Wollen des Handelnden, andererseits das psychi-
sche Ereignis, das Psychische überhaupt, das er durch seinen Willen
„erzeugt“. Eventuell haben wir auf Seiten des Erzeugten, auf Sei-
ten der Tat, Physisches und Psychisches, wie wenn eine psychische
15 Wirkung auf andere und in ihnen geübt wird.
2) Die Handl ung nach i hrem phänomenologischen Be-
s tand.
I. In phansischer Richtung:
A) das Voluntäre im Handeln, die Willensform;
20 B) das Gefühlsmäßige, Gemütsmäßige im Handeln, die Motivati-
onsform;
C) die voluntäre Materie, die Vorstellungsunterlage, oder besser
die intellektive, die Wahrnehmung und sonstige setzende Vorstellung.
II. In ontischer Richtung:
25 hA)i die voluntäre ontische Form der Handlung (im ontischen
Sinn): Erzeugtwerden, schöpferisches Werden in der ganzen Vertei-
lung;
hB)i ihr motivierender Wert;
hC)i die Materie der Handlung: der Vorgang. Das im Bewusstsein
30 des Handelnden sich phänomenal konstituierende Faktum des äuße-
ren Vorgangs z. B., welcher im Wollen erzeugt wird, abgesehen vom
Charakter der Erzeugung.

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


252 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Jede Handlung ist ein Werdensprozess, in dem sich das Handlungs-


ziel verwirklicht. Für die populäre Darstellung wäre auszuführen, es
sei zu unterscheiden:
1) die Verwirklichung des Zieles als ein objektiver faktischer Pro-
5 zess der Natur;
2) die Verwirklichung als im Bewusstsein des Handelnden sich
phänomenierendes Faktum, z. B. bei der Handlung des Essens, das
Essen als phänomenal sich konstituierendes, wahrnehmungsmäßig
so und so erscheinendes Faktum;
10 3) das, was dieser Verwirklichung den Charakter der Handlung
verleiht, nicht bloß Werden, sondern „schöpferisches“, willkürliches
Werden zu sein.
Unterscheidungen, die sich auf die Begriffe Weg und Ziel bezie-
hen, so wie Zweck, Mittel.
15 Bei einfachen Handlungen haben wir die zwei Fälle:
Entweder 1) in der Tat ist kein Unterschied zwischen Weg und
Ziel: Die Tat ganz und gar, das volle Korrelat des Handelns, ist Zweck,
Selbstzweck.
hOderi 2) es unterscheidet sich in der vollen Handlung, dem vollen
20 Korrelat des Handelns, ein Werk und das Übrige der Handlung, die
zu ihm in dienender Beziehung steht. Zum Beispiel ich mache eine
Zeichnung: Die Bewegung, die ich vollziehe, erzeugt in jeder Phase
die Zeichnung. Die volle Handlung ist diese objektive Bewegung und
zugleich Zeichnung (Sich-Zeichnen). Hier deckt sich das Werden des
25 Werkes und die volle Handlung; das Werk wird im Handeln stetig
erzeugt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass das Werk am
Ende der Handlung, die keine es stetig aufbauende ist, steht und dass
sich überhaupt das Ziel von dem bloßen Weg scheidet.
Nr. 10

hDas G efal l en aufgrund der


Vors tel lung a l s G rundl age des Wunsches.
Das Verhäl tni s von Wunsch und Wille i1

5 Ich will spazierengehen, ich will zu Mittag essen, ich will an meine
Aufgabe, ich will, was mir als gut erscheint, was mir gefällt. Der Spa-
ziergang erscheint mir als ein „Befriedigendes“. Stelle ich wollend
die E r füllung des W ol l ens, wünschend die Erf üllung des
W uns c hes vor ? Stelle ich etwa vor, dass der Spaziergang zur Wirk-
10 lichkeit wird, etwa gar infolge meines Willens, und dass infolge davon
Befriedigung desselben eintreten wird? Natürlich nicht. Da kommt
ja mehrfach der Wille, und immer der Wille zum Spazierengehen
vor. So wie in der Vorstellung nicht das künftige Wahrnehmen oder
ein mögliches entsprechendes Wahrnehmen oder ein Wahrgenom-
15 menes als solches vorgestellt wird, so wird im Wunsch und himi
Willen nicht das Befriedigende als solches vorgestellt, es ist somit
nicht als solches gewünscht und gewollt. Die Willensintention hat
ihr Korrelat in der Willenserfüllung, in der Befriedigung. Ganz so
wie die Vorstellungsintention in der Wahrnehmung. Im Wunsch ist
20 keine Befriedigung vorgestellt, aber ihm liegt zugrunde ein Gefallen,
und zwar ein G efal len aufgrund der Vorstellung, dass dies
und jenes s ei. Es ist nicht ein Quasi-Gefallen, wie wenn ich einen
anderen als Gefallenden vorstelle, während ich selbst dieses Gefallen
nicht teile, sondern es ist ein Gefallen (ein wirkliches), das sich aber
25 aufgrund der Vorstellung, dass die Sache sei, genauso gründet, wie
sich aufgrund einer Wahrnehmung oder einer sonstigen setzenden
Vorstellung, einer Überzeugung, Vermutung, dass S sei und so sei,
die Freude gründet. In diesem Akt wird das Vorgestellte nicht als
gefallend oder gefällig bloß vorgestellt – das wäre möglich auch in
30 bloß symbolischer Form: Die Chinesen lieben gebratene Ratten. Es
wäre wohl auch möglich in intuitiver Form: Ich stelle intuitiv ein-
heitlich mit der vorgestellten Sache ein Gefallen an ihr vor, das ich
aber nicht selbst teile, sondern ich habe jetzt wirklich ein Gefallen,

1 Abschrift eines Bleistiftblattes (1902).


254 zur phänomenologie des wollens und der handlung

die Sache gefällt mir wirklich, die ich da vorstelle, oder vielmehr,
die als seiend assumierte (gedachte) Sache. Oder dass die als sei-
end assumierte Sache so sei, diese Vorstellung begründet wirklich
ein Gefallen, ein Gefallen auf dem Vorstellungs- oder Assumtions-
5 grund.
Ein vorgestelltes Objekt kann gefallen und missfallen. Eine vorge-
stellte Tatsache, ein Sachverhalt, kann aktuelles Gefallen und Miss-
fallen begründen. Ein bloß vorgestelltes, unanschaulich der Sache
anhängendes Gefallen ist nicht ein aktuelles Gefallen. Erinnere ich
10 mich eines früheren Gefallens, so brauche ich nicht dieses Gefallen
jetzt zu haben, das Vorgestellte kann mir jetzt in sich als missfällig
gelten. Allerdings haben wir hier eine Erinnerungssetzung, aber es
ist klar, dass von dieser auch abgesehen werden kann. Auch in set-
zungslosen Akten werden doch Gegenständlichkeiten anschaulich als
15 gefällig vorgestellt werden können, ohne selbst als gefällig zu gelten.
Der W unsc h geht a uf Sei n: Ich wünsche, dass A sei oder dass
das als seiend gesetzte A B sei. Und dass es sei oder das Seiende
so sei, das steht mir „in der Vorstellung“ als gefällig da.1 Der Wille
geht auf Verwirklichung von A; sein Endziel ist, dass A sei, auf dem
20 Verwirklichungsweg WA: Ein Werden kulminiert im Sein. Es ist aber
nicht nur das Sein und das Sein-Werden gewünscht, es ist dasselbe
auch nicht gewollt (wenigstens ist das keine klare Ausdrucksweise),
sondern gewollt ist die Verwirklichung des A auf dem Weg WA, die
Erfüllung der Willensintention auf Verwirklichung in hderi Handlung
25 und nicht etwa der objektive Eintritt des Seins und Sein-Werdens auf
diesem Weg, oder auch die Wahrnehmung oder Überzeugung, dass A
eintritt und in der und der Weise zur Wirklichkeit kommt: „Vermöge
des Willens“ muss es dazu kommen, d. i. in der willentlichen Erfül-
lung.
30 Natürlich kann auch die Handlung gewünscht werden und damit
die Wollung gewünscht werden. Aber dieser Wunsch ist nicht der
Wille selbst und geht ihm nicht notwendig voraus, geht nicht not-
wendig in ihn ein. Auch zum Willen gehört das Gefallen daran, dass
A sei und dass es werde. Aber ist der Wunsch darum Bestandstück
35 des Willens? I st der Wi l l e ni cht ei ne Art Setzung, die dem

1 Kontrastgefallen.
text nr. 10 255

W uns c h ent spr ic ht, aber i hn ni cht einschließt? So wie


bloße Vor s tel lung (Vorschweben) und Urteil, so Wunsch
und W ille.1
Also hdasi Problem, das parallele Problem, ob jedem Willen ein
5 Wunsch einwohnt. Nichts kann ich wollen, was ich nicht wünsche.
Muss das besagen, dass zum Phänomen des Willens der Wunsch
wesentlich gehört?2

1 Der Punkt wurde später in ein Fragezeichen verändert und der Satz zwischen
eckige Klammern gesetzt; zusätzlich am Rand ein Fragezeichen. – Anm. der Hrsg.
2 Nein.
Nr. 11

h D ie paral l el e U nterscheidung
zwis chen Anm utung, U rteilsneigung
und U rt ei l sentsche i dung einerseits
5 sowi e Wun s ch, Wi l l ensneigung und
W il lens entschei dung andererseitsi1

Wie verhält sich Wollen und Wünschen? Man sagt, wo ich nicht
wünsche, kann ich nicht wollen; dem Wollen liege ein Wünschen
zugrunde. Wie steht es hdamiti und was ist dieses „zugrunde liegen“?
10 Ferner, man spricht beiderseits von Intensität, von Stärke, Lebhaf-
tigkeit des Wünschens und ebenso von Lebhaftigkeit (Leidenschaft-
lichkeit) des Wollens. Ist diese Intensität beiderseits dieselbe, und
zwar für den Willen nichts anderes als die Intensität des in ihm ein-
geschlossenen, zugrunde liegenden Begehrens? Bestehen nicht auch
15 hinsichtlich der Intensität Analogien mit dem Urteilsgebiet?
Wir sagen zunächst: Dem Wollen als praktischem Entscheiden
entspricht das Urteilen als theoreti sches Entscheiden. Auf der
einen Seite Folgeleistung einer Begehrung, einem „Willensdrang“,2
einer Willensneigung. Auf der anderen Seite Folgeleistung einem
20 Urteilsdrang, einer Urteilsneigung. Oder auf der einen Seite: in der
Wahl das gesammelte Gewicht und Übergewicht von Begehrungsmo-
tiven. Auf der anderen Seite: hein Übergewichti von Urteilsmotiven.
Anmutungen bzw. Vermutungen mehr oder minder lebhafter Art,
die einen auf Ja, die anderen auf Nein gerichtet; das spricht dafür,
25 das andere dagegen: dann das Urteilen in der Entscheidung für
das Übergewicht. Das Urteilen selbst (die Urteilsentschiedenheit,
die eventuell als Entscheidung einer Wahl auftritt) hat keine Inten-
sität, wohl aber der Urteilsdrang, das theoretische Angemutetwer-
den oder Abgestoßenwerden. (Beiderseits entspricht der positiven
30 Neigung als Zuneigung eine Abneigung und so dem positiven Ent-
scheiden und Zustimmen, Folgeleisten, das Ablehnen, das Absage-
Erteilen.)

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2 Cf. p. 2 h= S. 257,29–259,10i.
text nr. 11 257

Urteilsdrang oder Urteilsneigung kann Erlebnis sein, ohne dass


geurteilt wird, es kann aber auch geurteilt werden mit und im Drang.
Dann hat das konkrete volle Urteil Intensität, aber nicht eigent-
lich selbst als Urteil, sondern vermöge seiner Neigungskomponente.
5 Es gibt aber ein Urteilen (auch Sich-urteilend-Entscheiden) ohne
Drang, mindestens ohne merklichen Drang. Ein schlichtes Setzen:
Ich sehe, so ist es, und sage aus, so ist es. Ebenso oft bei gewohn-
heitsmäßigen Urteilen. Ebenso haben wir einen Wollensdrang, einen
Drang des Strebens, ein bloßes Begehren auf der einen Seite, auf
10 der anderen ein Wollen, in dem Begehren, mehr oder minder leb-
haftes, lebt. Es gibt aber auch ein Wollen (ein wollendes Entschie-
densein) ohne Drang, zum Mindesten ohne merklichen Drang. Die
Feder entbehrt der Tinte: Ich tauche ein. Ich merke, dass das Fens-
ter nicht fest geschlossen ist: Ich stehe auf und schließe es bes-
15 ser.
Bei all dem ist zu bemerken, dass die Fragen der theoretischen
und praktischen Vernunft hier ganz aus dem Spiel bleiben. Wenn
wir oben von Entscheidung sprachen, so nahmen wir Fälle eines
Dranges, z. B. eine Anmutung oder eine überwiegende Vermutung.
20 Es stellt sich zunächst in der Sphäre der Anmutungen heraus,
dass mehrere gewissermaßen gleichsinnige Anmutungen im Sinn
des „Es ist A“ sich zu einer Anmutungskraft summieren und ebenso
eine andere Gruppe im entgegengesetzten Sinn des „Es ist nicht
A“. Die eine summatorische Kraft hat das Übergewicht. Ich kann
25 dann bei der Vermutung stehen bleiben und eventuell ihr urteils-
mäßig Ausdruck geben als Wahrscheinlichkeitsurteil oder mich im
Sinn der größeren Kraft entscheiden, ich folge dem Drang, ich ur-
teile („A ist!“ und nicht „Es ist überwiegend wahrscheinlich“ etc.).
Ebenso kann ich ein Begehren, das ich hier versuchsweise als
30 Willensdrang ansetze, empfinden und ihm nun Folge leisten; die
Frage nach der Vernunft der Entscheidung liegt in einer anderen
Linie.
Nun ist die Frage, ob die Gleichstellung berechtigt ist. Damit,
dass eine Urteilsneigung in Urteilsentscheidung übergeht, sind von
35 Seiten der Neigung, wie es scheint, nicht besondere Bedingungen zu
erfüllen, es sei denn, dass nicht stärkere Neigungen für das Gegenteil
daneben stehen. Dagegen, nicht jeder Wunsch kann in einen Willen
übergehen. Es muss das Bewusstsein der „Freiheit“ da sein.
258 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Ferner, ist nicht der Begriff des Urteilsdranges und der des Wil-
lensdranges zweideutig?1
1) Eine Sachlage schwebt mir vor in der Weise der Anmutung des
„Es dürfte sein“. Sie hat im weiteren Sinn die Vermutlichkeitscharak-
5 terisierung. Das wäre Urteilsdrang im einen Sinn. Eine Wunschlage
schwebt mir in der Weise des Wünschens als erwünscht vor, sie hat
den Charakter „Es möge sein“. Das wäre Urteilsdrang, Wunsch als
Willensdrang im einen Sinn. Hier wird doch niemand von Willens-
drang sprechen. Und man fühlt eigentlich auch einen Widerstand, im
10 anderen Fall von Urteilsdrang anstatt eben von Anmutung, Vermu-
tung zu sprechen.
2) Ich kann angesichts einer anmutlichen Sachlage mich urteilend
entscheiden, ich kann aber auch vorher die Neigung empfinden, mich
zu entscheiden. Einmal ist die Entscheidung ungehemmt, das andere
15 Mal gehemmt: Und dann besteht eine Tendenz zur Entscheidung.
Die Hemmung hält nicht vor, und dann findet die Entscheidung statt,
die Tendenz setzt sich durch. Ebenso beim Willen. Ein Wunsch liegt
vor, das Erwünschte ist im Freiheitsbewusstsein als praktisch möglich
charakterisiert. Nun mag „ohne weiteres“ die Wollung eintreten.
20 Es kann aber auch sein, dass zunächst eine bloße Willenstendenz
da ist, eine Neigung sich zu entscheiden, eine Neigung zu wollen,
zu tun. Es können auch entgegengesetzte Willenstendenzen da sein:
Nicht tun! Fliehe das! Oder Willenstendenzen auf anderes gerichtet,
die der in Rede stehenden im Wege stehen und im Streit mit ihr
25 eine Hemmungstendenz entfalten: Wir haben dann die Tendenz auf
Wollung des A und auf diese bezogen einen Modus der Hemmung,
ein „Halt!“, ein „Nicht!“.
An all dem ist kein Zweifel, und somit haben wir prinzipiell zu
unterscheiden: die theoretischen Anmutungen, Vermutungen und
30 die Urteilsneigungen, Urteilstendenzen. Die praktischen Anmutun-
gen: Das wären die Wünsche mit Bewusstsein praktischer Möglich-
keit. Aber da ist nun die Frage, ob sie und ob die Wünsche über-
haupt gleich zu stellen sind. Oder sollen wir von den Wünschen
die B egehr ungen unterscheiden, dadurch charakterisiert, dass bei

1 Scheidung zwischen Anmutung und Drang zum Urteilen, zwischen Begehren

(Wünschen) und Drang zum Wollen (Willensneigung).


text nr. 11 259

ihnen schon das Moment des Strebens auftritt? Aber es scheint doch
nur ein gradueller Unterschied vorzuliegen. Jedenfalls haben wir von
den Wünschen, Begierden (als Akten) zu unterscheiden die Willens-
neigungen, die auf Wollungen gerichteten Tendenzen, die Strebungen
5 und Gegenstrebungen.
Ich komme doch wieder darauf zurück, dass Begierde im spezifi-
schen Sinn unterschieden von Wunsch wohl bedeutet ein mit Wün-
schen oder im Wünschen gegebenes lebhaftes Streben.1 Aber ist
das nicht etwas ganz anderes als hdasi, was oben als Tendenz zur
10 W ollung beschrieben wurde?
Man könnte hFolgendesi versuchen: Unsere Beschreibung war
vorhin keine tief genug gehende. Zum Wollen gehört Streben, und
das Streben kann im Freiheitsbewusstsein ungehemmt und schlicht
in Handlung oder Entschluss übergehen.2 Nun mögen Hemmungen
15 auftreten, oder es mögen mit dem Streben, dem Begehren, hdasi
auf A gerichtet histi, verbunden sein die voreilende Vorstellung und
Erwartung des Entschlusses mit seinen Folgen, die fatal sind. Oder
ein Begehren geht auf das A und dagegen streitet ein anderes, und
nun erwachsen Tendenzen auf den A realisierenden Entschluss und
20 Gegentendenzen, Hemmungen. Neigungen gerichtet auf den vorge-
stellten Entschluss und Abneigungen; die Entscheidung dieser Nei-
gungen ist Zustimmung bzw. Verwerfung.

1 Eine gewisse Erreichbarkeit ist dabei mitvorgestellt. Erreichbar: Nur bestehen die

oder jene Schranken, die mitunter überwunden worden sind, von denen ich aber nicht
weiß, hobi ich sie überwinden mag etc.
2 Zunächst scheint Begehren, wenn auch natürlich nicht überhaupt, so im Fall, in

dem Handlungen in Frage sind, Willensneigung zu sein. Ich stelle mir als Möglichkeit
eine Reise nach dem Süden vor, ich begehre das. Ich spüre die Willensneigung. Aber
genauer: Nicht Begehren überhaupt ist hier die Willensneigung. Ich kann die Reise
auch bloß wünschen, sie mag mir in der Vorstellung als ein Schönes dastehen, ein
Schönes, das ich vermisse, ohne dass ich irgendeine Willensneigung empfinde.
Dagegen, sowie ich die natürlich setzende Vorstellung der Ausführbarkeit dieser
Handlung habe, verwandelt sich das Begehren in eine Willensneigung. Mit einem Mal
bin ich „aktiv“ tendiert. Also ein Begehren liegt vor, das auf eine Handlung gerichtet
ist, die als ausführbar bewusst ist in Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit und dgl. Oft
genügt eine leise „Möglichkeit“, es mögen auch starke Gegentendenzen da sein in
Form von Gegen-Willensneigungen. Eine Delikatesse im Schaufenster, die sehr teuer
ist. Ich habe gar kein überflüssiges Geld oder gar keines. Ich kann es nicht kaufen. Sowie
ich mir aber sage: Ich könnte den Ring versetzen, ich könnte mein anderweitig nötigeres
Geld dafür hergeben, sowie ich die Handlung als mögliche mir vergegenwärtige, habe
ich schon mehr als Begehren, nämlich Willensdrang.
260 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Die bloße Begi erd e ist das schl i chte Streben nach A-Sein:
Das ist keine W il lens tendenz im Sinne einer Tendenz gerichtet
auf Wollen bzw. auf Handlung. Die Willensneigung ist eine auf Wollen
gerichtete Neigung – das Wollen dabei vorgestellt –, und ihr steht
5 gegenüber die Willensentscheidung, die Entscheidung im Sinne dieser
Neigung. Ebenso beim Urteil. Ich empfinde eine Anmutung. Ich bin
im Begriff, mich zu entscheiden, das heißt, deutlicher gesprochen, ein-
fach im Sinne der Anmutung zu urteilen. Gegentendenzen hemmen
das. Die vorauseilende Vorstellung dieses Urteilens (das schon erwar-
10 tungsmäßig charakterisiert sein könnte, aber im Allgemeinen nicht
sein muss) vermittelt nun eventuell eine Urteilssuspension, wenn ich
nämlich schon im Begriff war zu urteilen oder gar schon geurteilt
hatte, oder nicht. Dann besteht eine auf dieses Urteil gerichtete Ten-
denz, eventuell auch Gegentendenzen und eventuell zum Abschluss
15 eine positive oder negative Entscheidung im Sinne dieser Tendenzen.
Freilich: Sind nicht alle Tendenzen überhaupt Willensphänomene im
weitesten Sinn, Strebensphänomene?
Noch eins. Ich urteile schlicht, ich entscheide mich urteilend für
oder gegen, zustimmend oder ablehnend: sei es zu einem vollen pro-
20 ponierten Urteil, sozusagen zu einem vorgeschlagenen (erwogenen),
oder ich entscheide mich aufgrund einer Untersetzung zustimmend
oder ablehnend gegenüber einer Prädikatsetzung oder aufgrund einer
Voraussetzung für oder gegen eine Folgesetzung.1 In jedem Fall ur-
teile ich. In den beiden letzteren Fällen habe ich Urteilsvorkommnisse
25 modifizierter Art, aber doch Urteilsvorkommnisse, und das Ganze,
das Unter-Voraussetzung-Folgesetzung-Üben etc., ist ein Urteil. Frei-
lich haben wir dabei zu unterscheiden das, was vor dem Prädizieren
(Ausdrücken) liegt und was mit ihm selbst statthat. Es gibt zwar
innerhalb des Urteils, wie wir sahen, Vorkommnisse des positiven
30 und negativen Urteilens, nämlich als Bejahung und Verneinung, Zu-
stimmung, Ablehnung, aber nicht steht jedem Urteil als Positivum
ein Negativum gegenüber.2

1 Schlichtes Urteil. Affirmation, Negation etc. Schlichtes Wollen, affirmierendes,

ablehnendes Wollen. Nicht jedes Urteil, nicht jedes Wollen hat von vornherein ein
Negativum. – Cf. M h= Haupttext II: Das Wesen des schlichten Handelns (S. 23)i.
2 Das habe ich inzwischen wieder aufgegeben.
text nr. 11 261

Wie ist es beim Wollen? Selbstverständlich, dem Streben steht


gegenüber das Gegenstreben, Widerstreben (auch dem „Streben“
in Form der Tendenz zu einem erwogenen Urteil steht gegenüber
die Tendenz gegen dasselbe). Aber Streben ist nicht Wollen, wofern
5 wir Streben eben als Begehren und analog verstehen. Wir haben
ein schlichtes Wollen. Wir entscheiden uns wollend auch für oder
gegen, zustimmend oder ablehnend, sei es zu einem praktischen
„Vorschlag“, zu einem „erwogenen Wollen“, oder wir entscheiden
uns aufgrund der Voraussetzung einer Sachlage (einer theoretischen
10 Voraussetzung) für oder gegen. Wir entscheiden uns auch aufgrund
eines Wollens für ein anderes oder aufgrund einer Willensvoraus-
setzung (gesetzt, dass ich das will) für eine weitere Willensfolge. In
jedem Fall wollen wir. Und das jeweilige Ganze ist ein Wille (alles
wie oben, cf. dort).
15 Müssen wir auch hier nun sagen: Es gibt zwar innerhalb des Wol-
lens zustimmendes und ablehnendes Wollen, aber nicht gehört zu
jedem schlichten Wollen etwa ein Widerwollen, ein Fliehen? Ist jedes
negative Wollen ein Nein (so wie jedes negative Urteilen), das den
Gedanken an ein Wollen schon voraussetzt? Ich denke doch!
Nr. 12

hI nwiewei t das fi at di e Vorstellung


der H andl ung voraussetzt i1

Wie richtet sich die „Willensintention“ des fiat auf das Ziel und
5 wie auf den Weg, der zum Ziel führt? Manchmal trennen sich Ziel
und Weg, oder ist das Ziel das „Ende“ des Weges, manchmal ist Weg
und Ziel eins, sofern mit jeder Phase des Weges sich das aufbaut und
stetig aufbaut, was die „Absicht“ des Willens ist. Wie wenn ich mit
der Feder einen Kreis beschreibe und ihn eben und nichts anderes
10 beschreiben will.
Man wird nun vielleicht sagen: Der ansetzende Wille, das fiat, muss
der Handlung vorausgehen, und humi das fiat zu sprechen, muss ich
doch vorstellen, was ich will, ich muss die Handlung, die zu realisieren
ist, im Voraus vorstellen, wenn auch nicht gerade anschaulich. Und
15 ich muss dabei nicht bloß den äußeren Vorgang vorstellen, vielmehr
hmuss ichi ihn als Handlung, als willentlichen Vorgang vorstellen.
Es scheint also, dass wir das Bewusstsein des fiat verknüpft denken
müssen mit der Vorstellung der Handlung. Zur wirklichen Handlung
kommt es also dann so, dass das fiat dieser Vorstellung die praktische
20 Zustimmung verleiht.
Indessen, man könnte sagen: Diese Auffassung führte auf einen
grundverkehrten Regress in infinitum. Ist aktuelle Handlung, fiat,
gegründet in der Vorstellung der Handlung, so wäre die Vorstellung
der Handlung wieder eine Vorstellung von der Vorstellung eines fiat
25 und der Vorstellung einer Handlung und so in infinitum. Das ist aber
falsch argumentiert. Die Vorstellung von der Handlung ist, wenn es
anschauliche Vorstellung ist, eine Phantasiemodifikation des fiat und
der ganzen im Willen ablaufenden Handlungserscheinung und weiter
nichts. Es darf nicht verwechselt werden die Vorstellungsmodifikation
30 des Handelns und die Vorstellung der Handlung.
Die Vorstellung braucht aber nicht anschauliche Vorstellung zu
sein. Zuerst steht das aktuelle fiat und ihm liegt zugrunde die Vor-
stellung der Handlung. Die Vorstellung der Handlung ist die Vorstel-

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


text nr. 12 263

lungsmodifikation der Handlung selbst im phanseologischen Sinn, d. i.


des Handelns: also „fiat und Vorgangserlebnis im Wollensbewusst-
sein“. Ontisch: „Das soll sein“ – Vorgang im Charakter der Handlung.
Phansisch führt das modifizierte Bewusstsein des „Ich will“ oder
5 das Bewusstsein des Seinsollens nicht mit sich das Bewusstsein eines
neuen „Ich will“. Die ganze Betrachtung scheint also schief zu sein.1
Bestehen aber sonst Unzuträglichkeiten darin, dass bei jeder ak-
tuellen Handlung ein fiat vorhergeht, verbunden mit der Vorstellung
der Handlung? Der Psychologe wird sagen: Eine aktuelle Handlung
10 könnte nie entstehen, ohne dass schon Handlungen vorangegangen
wären. Die Vorstellung einer Handlung setzt voraus, dass irgendeine
aktuelle Handlung schon gewesen ist. Könnte aber nie eine Vorstel-
lung einer Handlung entstehen, so auch nicht eine aktuelle Handlung.
Irgendetwas Wahres wird doch wohl in dieser Argumentation lie-
15 gen. So wie eine Wahrnehmung nicht voraussetzen kann die Vorstel-
lung der Wahrnehmung, so nicht ein Wille die Willensvorstellung (das
ist hier die Modifikation). Das schließt natürlich nicht aus, dass ich
zunächst wie in aller praktischen Erwägung Handlung vorstelle und
dann mich für ein Handeln im Sinn dieser Vorstellung entscheide.
20 In diesem Fall stimme ich praktisch zu, genauso wie ich bei einer
theoretischen Erwägung erst eine Urteilsmodifikation vollziehe und
dann mich in ihrem Sinn entscheide. Ich stimme zu: So ist es.

1 Es wäre dann ja auch ein Wille überhaupt unmöglich in Form eines vorgängigen

Entschlusses gerichtet auf eine vorgestellte Handlung. Ich kann doch vorstellen und
überlegen: „Zuerst tue ich das, dann das etc.“ – alles in der Überlegung und vor der
Entscheidung –, und dann sage ich: „Ja, das will ich tun.“ Darin liegt schon: Ich stelle
Tun, Handeln vor, und dann entscheide ich mich dafür.
Nr. 13

h D as fi at al s praktische
Z ust im mun g und das Wi l l ensmoment
in der Ansatzphase der Handlung i1

5 Man könnte sagen: Wenn ich mir anschaulich einen Stoß eines
Körpers auf einen anderen vorstelle, so stelle ich eigentlich einfüh-
lungsmäßig eine Handlung, ein aktives Stoßen des einen Körpers auf
den anderen vor: so wie wenn ich mit meiner Faust gegen den Tisch
oder das Tintenfass stoße etc. Und so stellen wir alle Kraft und Kraft-
10 wirkung vor. Stelle ich also vor „Wenn i ch stoße, so geschieht das“,
so habe ich eigentlich kein besonderes plus in der Anschauung bzw.
anschaulichen Vorstellung. Der Unterschied ist nur der, dass ich hier
mein Stoßen, d. i. das nicht eingefühlte Stoßen, assumiere. Also liegt
nicht ein komplizierter Fall vor, als ob ich zur intuitiven Kausation
15 der äußeren Natur noch ein kausal bestimmendes Moment, meinen
Willen, hinzutue. Indessen m uss ich doch das kindliche Einfühlen
nicht mehr vollziehen. Und ferner ist zu beachten, dass sich all das auf
die sekundäre Handlung bezieht, d. h. auf den Erfolg als mitgewollten
einer primären Handlung, nämlich einer willkürlichen Bewegung.
20 Was heißt das nun: Wenn ich will, so kann ich? Das „Wenn ich
will“ heißt offenbar: Wenn ich (mit Hand, Finger, Fuß, Ellbogen etc.)
stoße, wenn ich gehe, wenn ich hebe, wenn ich ziehe oder drücke etc.
Das „Wenn ich will“ heißt nicht: Wenn ein „abstraktes fiat“ da ist
und mein fiat ist (ich stelle mir es in der Weise des „mein“ vor, also
25 nicht durch das Medium der Einfühlung in einen Anderen). Viel-
mehr setze ich annehmend irgendeinen „Anfang“ einer Handlung
überhaupt, d. i. irgendeiner primären Handlung, einer Willkürbewe-
gung, und zwar als meiner Handlung. D i e Rede vom fiat, die ich
von J ames übernommen habe, wi rd m i r also bedenklich. Die
30 Rede vom fiat hat ihr Recht zweifellos hinsichtlich der praktischen
Z us timmung (συγκατhÀ©εσισi), die den Entschluss, die Entschei-
dung hinsichtlich einer im Voraus vorgestellten Handlung betrifft,
das Analogon der urteilsmäßigen Entscheidung in Bezug auf eine
bloß vorgestellte Sachlage (bloße propositionale Vorstellung). Diese

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


text nr. 13 265

Zustimmung, Billigung, Entscheidung ist genauer zu analysieren:


So ist es – so soll es (willentlich) sein. Man könnte sagen: Eine
Seins motivati on, die fehlte, stellt sich ein ohne Gegenspannung,
sie lebt sich also frei aus. Oder eine Hemmung (ein Gegenantrieb
5 von Motiven) wird aufgehoben oder überwogen. In der erwägenden
Frage „Ist das so oder nicht?“ wird eventuell „Suspension“ geübt
und diese Suspension wieder aufgehoben. Doch das ist alles näher zu
studieren.
Ebenso bei der pr akti schen Moti vation. Aber setzt jede ak-
10 tuelle Handlung im Voraus ihre Vorstellung als Handlung voraus
und, um zur aktuellen Handlung zu werden, die praktische Zustim-
mung? Aber dann müsste jede vorgestellte Handlung voraussetzen
das einleitende fiat als Sich-Entscheiden und eine zurückliegende
Vorstellung der Handlung (in der Vorstellung) und so in infinitum.
15 Wir kämen also auf einen unendlichen Regress. Wir müssen also das
fiat als pr akt is che Zu sti m m ung und das Willensmoment in
der E ins atzphase der H andl ung unterscheiden. Zur Handlung
gehört der allgemeine durchgehende Willenscharakter, und nicht geht
aus dem einleitenden „Ich will“ etwas hervor, sondern aus der ein-
20 leitenden Handlungsphase in concreto die weiteren Phasen. Es ist ein
Entwerden, ein Sich-Entfalten, aber immer Handlung aus Handlung.
Nicht etwa ein abstraktes fiat, ein pures „Ich will“ noch ohne Materie,
sondern der Anfang ist schon volle Handlung.
Ist diese Argumentation aber richtig? „Die vorgestellte Handlung
25 setzt voraus“ – was heißt das? Die Vorstellung der Handlung ist
Vorstellung des ansetzenden praktischen Soll und Vorstellung des
Vorgangs in seinem onthischeni Willenscharakter. Vorstellung des
Soll ist nicht Vorstellung vom Wollen und ebenso Vorstellung des Vor-
gangs mit seinem Seinscharakter hnichti Vorstellung des setzenden
30 Seinsbewusstseins und des Wollensbewusstseins, das es „begleitet“.
Wir haben einfach die Modifikation des fiat-Bewusstseins und des
ganzen weiteren Willensbewusstseins mit seinem ganzen Gehalt, wel-
ches fundierend wäre im Fall aktueller Handlung und jetzt quasi-
fundierendes histi. Diese ganze Modifikationsreihe setzt die Modi-
35 fikation des Bewusstseins der aktuellen Handlung voraus (des ak-
tuellen Handelns mit seinem Inhalt) und eventuell eine Leermodi-
fikation als Leervorstellung der Handlung. Und voran geht nun ein
praktisches Zustimmen: fiat.
Nr. 14

Fi at und Vorsatz1

Ein Vorsatz richtet sich auf eine künftige Handlung (Tat, Werk),
und zwar sprechen wir von Vorsatz da, wo eine „unlebendige“ Zeit-
5 strecke zwischen dem bloß intendierenden und dem erfüllenden Wil-
len vermittelt.
Nehmen wir eine Handlung, die nicht aufgrund eines früher einmal
(also nicht in unmittelbar lebendiger Vergangenheit) stattgehabten
Vorsatzes erfolgt (und dann ergänzend eine Handlung, die das tut).
10 Jeder Handlung geht „u nm i ttel bar“ ein fiat, eine Willensinten-
tion vorher, die jedenfalls in dem jetzigen Fall eine unerfüllte (und
nicht selbst erfüllende) Willensintention ist. Das „unmittelbar“ be-
sagt, dass der Zeitstrecke der Handlung vorangeht eine angrenzende
Zeit, „Zeitpunkt“ oder Zeitstrecke, der leeren Willensintention. Die
15 gesamte Zeit, die des fiat und die der angrenzenden Handlung, ist
aktuelle phänomenologische Zeit.
Was das fiat anbelangt, so liegt es nahe zu sagen: Innerhalb der
phänomenologischen Zeit tritt die Vorstellung des Zieles mit irgend-
einem Weg2 auf (oft nur eine ganz vage). Diese Vorstellung ist Trä-
20 gerin eines unges ätt igt en G efal l ens, eines Wünschens, das in
einem fiat seine Wi ll ens entschei dung findet (Lipps‘ „Einschnap-
pen“?). Und dieses fiat leitet nun die Handlung ein. Es hat den Cha-
rakter eines phänomenologisch „Momentanen“, eines Grenzpunk-
tes. Es ist eine unerfüllte Intention des Willens, die charakterisiert
25 ist als ein Quellpunkt der Handlung (in statu nascendi), es ist „Ge-
burtsstätte“ der Handlung. Die unerfüllte, aber „als sich unmittelbar
erfüllend“ charakterisierte Intention, halsi „unmittelbar in Erfüllung
übergehende“ und „sich auslebende Intention“: So ist es charak-
terisiert. Die Handlung geschieht „infolge“ des fiat: Ich tue es. Es
30 gilt für jede Handlung, dass sie ein fiat voraussetzt. Findet sie als
Erfüllung eines früheren Vorsatzes statt, so fundiert die Vorstellung
der Sachlage die Ziel-Weg-Vorstellung, auf die der Vorsatz ging. Das

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2 Was heißt aber Weg?
text nr. 14 267

darin Vorgestellte ist als Vorgesetztes charakterisiert. Daran schließt


sich das fiat und die Handlung. Das fiat erfüllt die Vorsatzinten-
tion. Diese geht ja auf die Handlung, und zu ihrem Wesen gehört
das fiat. Das vorgesetzte fiat der Vorsatzintention verhält sich zum
5 aktualisierenden fiat analog wie die weiteren aktuellen Phasen der
Handlung und all die zugehörigen Intentionen zu den leeren Phasen
der Vorsatzintention, von der wir ja sagten, dass sie sich über die
„vorgestellte“ Handlung ausbreitet.
Das fiat ist willentlich der Anfang der Handlung, leitet sie notwen-
10 dig ein, gehört zu ihrem willentlichen Wesen. Es ist der „ Spring-
punkt “ der Handl ung, und ohne Springpunkt keine Hand-
lung. Der bloße Vorsatz ist das G egenbild d er Handlung, es
ist der „leere“ Entschluss, der in der wirklichen Handlung seine
Erfüllung findet und somit vor allem in dem einleitenden fiat, dem nun
15 die Handlung zu folgen hat. Läuft sie „anders“, geht sie nicht in das
Ziel aus, so enttäuscht sich die Willensintention des fiat (und dadurch
des Vorsatzes). Ich will und kann nicht, ich bringe es nicht zustande.
Andererseits, der Vorsatz erfüllt sich, sofern ich dem Vorsatz Folge
gegeben habe. Während ich ihm eventuell keine Folge gebe: Ich führe
20 den Vorsatz nicht aus, ich halte ihn nicht fest, ich entschließe mich
jetzt anders.
Der Vorsatz sagt: „Ich will“ = „Ich werde“. Das fiat hsagti: „Ich
will“ = „Ich tue es unmittelbar“. Das „Ich tue es“ ist aber das ein-
leitende „Ich will tun“, einleitend zum Tun und darin unmittelbar
25 übergehend. Davon histi zu unterscheiden das „Ich tue“ während
des Tuns, inmitten der Handlung.
Nr. 15

Aufm erksam kei t und Wille,


theor eti sc hes und prakti sches Interesse1

Die Unterschiede zwischen Zweckwollen und Mittelwollen sind


5 natürlich nicht Unterschiede bloßer Aufmerksamkeit. Oder viel-
leicht, es sind Unterschiede hderi Aufmerksamkeit oder auch nicht
Unterschiede derselben – je nachdem wir die Rede hvoni Aufmerk-
samkeit weiter oder enger fassen.
Dem Wollen liegt ein „Vorstellen“ zugrunde. Es ist ein setzender
10 (unmodifizierter) Akt, ein „Erwarten“ künftigen Seins, freilich in ei-
gener Weise, sofern das praktische Setzen und dieses Erwarten nichts
zu Trennendes sind. In diesem Vorstellen finden wir Unterschiede
des Bemerkens und Aufmerkens. Wenn wir uns entschließen, wenn
wir einen Vorsatz fassen, wenn wir handeln, so kann die Materie des
15 Handelns nicht völlig unbemerkt, sie muss gegenüber dem sonsti-
gen Vorgestellten bevorzugt sein. Eventuell sind wir, z. B. wenn es
gilt, als Schütze das Ziel zu treffen, dem Gewollten mit „lebhafter“
Aufmerksamkeit zugewendet.
„Aufmerksamkeit“, sofern sie Unterschiede der „Lebhaftigkeit“
20 hat, ist Interesse. Interesse kann sein Interesse am Vorgestellten als
solchen, Interesse an den Sachen um ihrer selbst willen oder humi ih-
rer sachlichen Zusammenhänge mit anderen willen. Dieses Interesse
ist das theoretische Interesse. Es ist nicht zu verwechseln mit Gefallen
an Sachen, um dessentwillen die Sachen Wertprädikate erhalten.
25 Ist nicht theoretisches Interesse Interesse an den Sachen, sofern
sie Subjekt der und der Prädikate, Beziehungspunkte der und der
prädikativen Zusammenhänge sind? Interesse an Sachen überhaupt
als urteilsmäßig zu bestimmenden, als was sie sind und immer wieder
weiter bestimmbar sind, ist allgemeines theoretisches Interesse. In-
30 teresse an bestimmten Sachen als Subjekten gültiger Prädikation ist
besonderes theoretisches Interesse. Das Interesse kann Sachen und
Bestimmungen um ihrer selbst willen zugewendet sein. Sie werden zu
Objekten eigener Interessen, oder sie werden zu Objekten theoreti-

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


text nr. 15 269

schen Interesses, nicht um ihrer selbst willen, sondern um ihrer Zu-


sammenhänge mit anderen Objekten willen, denen das theoretische
Interesse primär gilt. Jeweils wählt ein Interesse aus und bestimmt das
Thema des Interesses. Und alle anderen Interessen sind Interessen
5 um dieses Themas willen.
Das theoretische Interesse kann auch dienend sein. Um eines
Gefallenswertes willen wende ich mein theoretisches Interesse einer
Gegenstandsgruppe zu, um Nützlichkeiten willen etc. Darin liegt:
Das Interesse ist dann motiviert durch jenes Gefallensinteresse, aber
10 es ist und bleibt ein Interesse für sich und bleibt Grundinteresse,
thematisches, in Relation zu anderen theoretischen Interessen, die
damit „zusammenhängen“. Das theoretische Interesse ist jedenfalls
verwandt oder im Ganzen identisch mit der Neugierde, die ihrerseits
(in unechter Weise) ein Gefallen am Neuen motivieren kann. Das
15 theoretische Interesse ist nicht ein Gefallen, wie es scheint. Das Unin-
teressante, ist das ein in eigener Weise Missfälliges? Was kein theore-
tisches Interesse auf sich zieht, was kein Thema der Betrachtung und
Bestimmung ist, das ist nicht interessant. Aber darum nicht missfällig.
Aber das Langweilige? Gibt es nicht ein Abstoßen des Interesses, ein
20 negatives Interesse? Andererseits, kann ich nicht willkürlich mein
Interesse der Sache zuwenden, während sie doch uninteressant ist,
„mein Interesse nicht befriedigt“?
Das alles ist vollständig und neu zu studieren und die alten Ma-
nuskripte über Interesse1 hsindi heranzuziehen.2 Interesse an den
25 Sachen, dass da etwas so ist, oder etwas, das α ist, zugleich β ist
usw., ist theoretisches, nicht praktisches Interesse.
Was ist praktisches Interesse? Ist es der Wille selbst? Es kommt
uns jetzt ja auf den Unterschied von thematischem Interesse sozu-
sagen und sekundären Interessen des Willens an. Das eine ist das
30 Willensthema, das, was der Wille primär will. Das andere ist dienendes
Moment, es ist gewollt, es ist praktisch interessant um des primären
Interesses willen. Und wie steht es mit der Aufmerksamkeit auf den
Weg? „Wenn es darauf ankommt“, sind wir doch dem Weg gespannt

1 Husserl bezieht sich hier auf Manuskripte aus dem Jahr 1898, die in Husserliana

XXXVIII, S. 86–114 veröffentlicht sind. – Anm. der Hrsg.


2 Vgl. auch James‘ Identifikation von Interesse und Wille und meine uralten Vor-

lesungen über Psychologie hwohl aus dem Jahr 1891/92i.


270 zur phänomenologie des wollens und der handlung

zugewendet, während doch der Unterschied zwischen dem auszeich-


nenden Interesse am Ziel und hdemi am Weg bestehen bleibt. Wenn
ich den Bleistift spitze, um nachher besser schreiben zu können, so
muss ich sehr aufpassen, und ich lasse zeitweilig meinen Endzweck
5 außer Augen. Aber er bleibt doch mein Zweck.
Nr. 16

h Wi ll ensi ntenti on und i hre Erfüllung


al s Reali si erung. Verworrenheit
und Kl arhei t i m Wolleni1

5 „Leere“ Willensintention. Willensintention und Willenserfüllung


als Realisierung, verworrenes Wollen und klares, einsichtiges, eviden-
tes Wollen.
1) Das „Absehen“ des Wollens geht auf das willentliche Seinsol-
len, also auf die Handlung. Intention im Sinn dieses Absehens ist
10 befriedigte Intention (das Abzielen ist Erzielen), soweit oder wenn
Handlung abläuft. Wenn man hier von „leer“ sprechen will, so ist das
Erfüllende die Handlung nach ihren kreativen Phasen. Im Übrigen ist
das Wort Intention (Abzielen, Streben) bezeichnend genug, und man
braucht als ergänzendes Wort am besten Erzielen oder Realisieren
15 (Verwirklichen).
2) Ein Entschluss bzw. ein Vorsatz kann gefasst sein aufgrund einer
intuitiven, eigentlichen Vorstellung des Vorgangs der Handlung bzw.
der vollen Handlung (indem ich etwa mich ins Handeln einfühle und
dann entscheide).
20 Im letzteren Fall habe ich im Moment der zustimmenden Entschei-
dung eigentlich nicht mehr die anschauliche Vorstellung, sondern die
Vorstellung, die auf die anschauliche als eine gewisse merkwürdige
und näher zu beschreibende Sorte von Leervorstellungen folgt, die
keineswegs ohne weiteres als eine verworrene etc. bezeichnet werden
25 kann. Ich habe etwa soeben eine voll explizite Vorstellung einer Sach-
lage gehabt und „noch“ ist sie „lebendig“ in ihrer Explikation, und
doch habe ich kein Sehen. Demgemäß haben wir auch beim Urteil den
Unterschied: Ich urteile etwa voll explizit und einsichtig, ich beweise
voll explizit, und nachdem das abgeflossen ist, habe ich das Urteil,
30 aber nicht mehr klar, einsichtig, und doch nicht in Verworrenheit. Die
ganze Explikation des Gedankens steht „lebendig“ und doch nicht
anschaulich klar vor mir. Übrigens sagen wir hier sogar „klar“. Wir
sagen: „Ja, so ist es, ich habe es ganz klar vor Augen.“ Und dabei ist

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


272 zur phänomenologie des wollens und der handlung

die Reihe der Gedanken abgeflossen und keineswegs in eigentlicher


Weise vollzogen. In dieser Weise entscheide ich mich praktisch nach
einer Überlegung und habe die ganze Motivation noch deutlich und
lebendig, und doch nicht eigentlich. Und die ganze Vorstellungsun-
5 terlage ebenso.
Ferner: Es kann sein, dass von vornherein eine vage, unvollkom-
men anschauliche, rudimentäre anschauliche Vorstellung oder eine
ganz unanschauliche und dabei verworrene auftaucht und das Vorge-
stellte im Charakter der Freiheit, eine vage Vorstellung eines Weges
10 zu ihm hin, eines „freien“ Weges. Und dazu tritt nun das fiat des
Vorsatzes. Da haben wir einen „leeren“ Vorsatz, eine unanschauliche,
eine verworrene Wollung. Demgegenüber gibt es klare Vorsätze.
Auch Willensüberlegungen, praktische Erwägungen können voll-
zogen sein in verworrener Weise; verworrene Vorstellungen liegen
15 zugrunde, demgemäß sind die Motivationsverhältnisse verworren,
und weiter histi das Wollen in verworrener Weise begründet. Dieser
zweite Unterschied der Klarheit und Verworrenheit ist der „logische“
oder, wenn man will, der zur Vernunftsphäre gehörige, der noetische.
Er gehört zum νο†σ ποιητικÞσ, so wie der parallele Unterschied in
20 der theoretischen Sphäre eben zum theoretischen Nus gehört.
Die falschen Analogien mit dem Denken liegen auf Seiten von 1),
die echten auf Seiten von 2).
Nr. 17

h Der Unter sc hie d zwi schen G efühlsprädikaten


und dem Cha rakter der Wi l lentlichke iti1

Vorstellung einer Handlung: Vorstellung des Vorgangs, z. B. des


5 physischen, der die Materie der Handlung ausmacht. Dieser Vorgang
ist nicht eines und mein Wollen irgendwie hinstrebend zu dem Vor-
gang ein Zweites, sondern der Vorgang steht da im Charakter des
willentlichen, des willentlich werdenden. Die Handlung ist wahrge-
nommen im eigentlichen Sinn, wenn ich eben handle und dabei dem
10 Vorgang in seinem volhuntäreni Charakter zugewendet bin.
Aber wie steht es mit diesem Charakter? Bei dem physischen Vor-
gang habe ich die Unterschiede des Erscheinenden vom Erscheinen,
von den Abschattungen, von den „Erscheinungen“ des Erscheinen-
den, den „Darstellungen“ hinsichtlich der Gegenstandsseite etc. Wir
15 können da von so etwas wie Appherzeptioni sprechen.
Inwiefern können wir auch hinsichtlich der volhuntäreni Form der
Handlung parallele Unterschiede machen? Wo ist das phansische
Phänomen des Wollens im Unterschied von dem onthischeni, am er-
scheinenden Vorgang haftenden volhuntäreni Charakter? Wenn wir
20 den „Erscheinungen“ nachgehen, in denen der Vorgang erscheint,
wenn wir ein Wahrnehmungsbewusstsein annehmen, aus dem ver-
schiedene Komponenten, aber auch verschiedene immanente Ge-
genständlichkeiten zu entnehmen sind, so können wir nun fragen:
Was gehört dem Bewusstsein des Erscheinens, dem Wahrnehmungs-
25 bewusstsein, noch als ein Neues reell zu, was ist mit ihm verwoben,
wenn der Vorgang Handlung wird? Den Charakter des Willentlich
hat der erscheinende Vorgang, nicht das Wahrnehmungsbewusstsein,
das ja nicht Gegenstand ist, und ihn nimmt es auch nicht eigentlich
an, wenn wir darauf reflektieren.
30 Ist Wille ein Bewusstsein, das mit dem Wahrnehmungsbewusstsein
parallel sozusagen geeinigt ist, so dass alle Transzendenz des Wahr-
nehmungsbewusstseins nun ins Willensbewusstsein übergeht? Von
sich aus hat der Wille nicht ein eigenes Material von Art der Empfin-

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


274 zur phänomenologie des wollens und der handlung

dung und nicht ein eigenes „Auffassen“, durch das Gegenstandsbe-


wusstsein erwächst und hier ein analoges Bewusstsein erwachsen soll.
Tritt also bloß ein neues Bewusstsein auf, derart, dass es durch das
intellektive Bewusstsein hindurch seine Setzung übt, die aber doch
5 prinzipiell verwandt ist mit jenem, sofern es ebenfalls Bewusstsein ist
und somit „setzt“?
Oder vielmehr, haben wir nicht zu sagen, dass das Bewusstsein,
das wir Wahrnehmung nennen, schon zweiseitig ist: abstrakte Kom-
ponente „Erscheinung“ und abstrakte Komponente „Setzung“, die
10 das spezifisch Modale des Bewusstseins als intellektives Bewusstsein
(Glaube) ausmacht, während jedes weitere Bewusstsein nur einen
neuen modalen Charakter, eine neue Setzungsweise hereinbringt?
Wie stammen aber aus solchen Setzungsweisen „gegenständliche“
Prädikate oder Quasi-Prädikate – sprachlich als Prädikate ausge-
15 drückt: Sein, Seinsollen etc.? Wie steht es mit den Akten des Gefallens
und Missfallens? Ich erlebe nicht nur ein Gefallen und andererseits
ein Vorstellen, z. B. ein Wahrnehmen, sondern im Wahrnehmen steht
das Objekt da, und es steht zugleich da als gefällig, als angenehm, als
lieblich, widerwärtig, als schön und hässlich, als „gut“ und schlecht.
20 Aber solche Prädikate sind eben Prädikate des Objekts, das Objekt
steht da und hat sie. In Bezug auf das Subjekt sagen wir: Ich habe
Gefallen am Objekt. Es ist mir lieb und angenehm, ich hasse und
liebe es. Es zieht mich an und stößt mich ab.
Aber ich muss nicht das Subjekt heranziehen und kann doch sub-
25 jektive Prädikate aussprechen: Das Objekt ist anziehend, das heißt
dann, es ist so beschaffen, dass es gegebenenfalls unter selbstverständ-
lichen Umständen Anziehung übt, Gefallen weckt in den passend
disponierten Subjekten. Die Eignung oder Eigenheit, dann Gefallen
zu erwecken, begründet Prädikate wie reizend, angenehm, gefällig,
30 missfällig. Das Objekt hat die und die Prädikate α, und zu den α
gehört es, solche Gefühle zu wecken. Aber phänomenologisch ist das
Erste: Es erscheint der Gefühlsinhalt als zugehörig zum Prädikat,
zu dem Inhalt des Objekts, und darum selbst als ein Objektives.
Aber solche Gefühlsprädikate sind nicht konstitutive hPrädikatei
35 des Objekts, erscheinen in ganz anderer Weise als zu ihm gehörige
wie Farbe, Gestalt etc. Dabei bemerken wir zwar, dass die Prädikate
„anziehend“, „reizend“, „gefällig“ etc. öfters in subjektiver Hinsicht
gebraucht werden, also eine Beziehung auf einen mehr oder minder
text nr. 17 275

unbestimmten Menschheitskreis haben. Einen Walzer, erwarten wir,


werden die meisten – unserer Kultursphäre – reizend finden, aber
nicht Chinesen etc. Ein Bild nennen wir schön, aber hwiri erwarten
nicht, dass jeder Bauer es schön finden wird etc. Aber schließlich
5 wissen wir auch, dass es Farbenblinde gibt und dass nicht jeder die
Objekte als rot oder grün so bezeichnen wird, bei entsprechender
Beleuchtung, wie wir. Dasselbe gilt von allen Prädikaten der sinn-
lichen Anschauung, auch den räumlichen (Gestaltverzerrungen bei
gewissen Augenerkrankungen) etc. Mit Rücksicht darauf können wir
10 den Prädikaten auch subjektive Bedeutung geben. Aber das hindert
gar nicht, dass sie, und notwendig, als konstitutive Prädikate der
Objekte der schlichten Anschauung dastehen.
So können wir daran denken, dass Menschen unseres Kreises die
und die Objekte reizend, angenehm, wohlschmeckend etc. finden
15 werden, und mit Ausnahmen. Aber etwas ganz anderes ist hesi, wenn
wir fragen, wie die Objekte in der Wahrnehmung und aufgrund des
aktuellen Gefühls unabhängig von solchen Gedanken „dastehen“,
wie sie „erscheinen“, als was sie „angeschaut“ werden.
Ich sprach öfters von einer Gefühlsfärbung, sie „überkleidet“ das
20 Objekt, verleiht ihm einen rosigen Schimmer und dgl. Das ganze
Objekt steht so da, und eventuell merken wir, „näher besehen“,
dass die Gefühlsfärbung eigentlich und primär zu dem und dem
Wahrnehmungsgehalt des Gegenstandes gehört und nur „infolge der
Gefühlsübertragung“ sich über das ganze Objekt erstreckt. Indessen
25 fragt es sich, wie das wirklich zu beschreiben und inwiefern hier von
Charakteren am Objekt zu sprechen ist; sozusagen immanent an ih-
nen und doch nicht konstitutiv erscheinend. Ist es berechtigt, davon zu
sprechen, so müssen wir natürlich also ausscheiden jene relationelle
Auffassung der Gefühlsprädikate als „subjektive“, wodurch sie in
30 eine Reihe mit den Wirkungsprädikaten gerückt werden: Gewicht,
Tonwirkung zu üben etc. Übrigens ist das oben Gesagte zu ergän-
zen und zu berichtigen, insofern als Wirkungsprädikate nicht immer
Denkprädikate sind und auch hnichti die subjektive Beziehung, auf
mich z. B. eine Anziehung zu üben etc.: Es sind Relationsprädikate
35 dann, aber es bedarf nicht des ausdrückenden Denkens etc. Doch
können wir das ruhen lassen. Da liegen keine Schwierigkeiten mehr.
Also das ist die Frage. Sicher ist doch, dass wir, dem Eindruck der
Lieblichkeit, Schönheit, dem Eindruck abstoßender Hässlichkeit etc.
276 zur phänomenologie des wollens und der handlung

ganz hingegeben, diese Prädikate sozusagen am Objekt finden, und


wenn wir sie auf das Subjekt beziehen, so ist doch das Prädikat am
Objekt eins und die Beziehung auf mein Ich, der ich so urteile und
fühle, der ich mich angezogen fühle oder abgestoßen, ein Zweites.
5 Das Schöne ist wie etwas am Objekt; meine ästhetische Freude, mein
ästhetisches Werten davon ist etwas anderes. Freilich nicht etwas,
was damit nichts zu tun hätte. Ist das Verhältnis nicht ähnlich wie
mein Wahrnehmen, mein Farbensehen („Empfinden“ von Farbe)
und andererseits die Farbe selbst? Ist es nicht das Wesen des Fühlens,
10 dass es, fundiert in einem so und so beschaffenen Vorstellen, eben Be-
wusstsein ist von einem so und so vorgestellten und schönen Objekt?
Dem Objekt zugewendet brauchen wir an kein Ich hzui denken, weder
an das Vorstellen noch an das Fühlen. In der objektiven Einstellung
ist das Objekt da und schön. Nun haben wir hier das Wahrnehmen
15 (das Anschauen) und das Fühlen in Parallele gestellt. Dürfen wir
auch in eine Reihe stellen das Begreifen, das begreifende Urteilen,
das Vermuten, Fragen, weiter das Wünschen und nun schließlich das
Wollen? Das macht doch entschieden Schwierigkeiten.
Angenommen, ich tue etwas. Ich drehe meinen Stift in der Hand.
20 Die Drehung als der Naturvorgang trägt doch nicht ein neues „Merk-
mal“, so etwas wie eine „Färbung“, so etwas wie den Charakter der
Schönheit, der Lieblichkeit. Der Vorgang des Drehens ist nicht bloßer
Vorgang. Es ist Handlung. Gewiss, es ist meine Handlung. Aber wenn
ich der Handlung zugewendet bin, so handle ich zwar, aber ich bin
25 so wenig wie meinem Wahrnehmen zugewendet meinem Wollen: Ich
bin zugewendet der Handlung. Der Vorgang hat einen Charakter
der Willentlichkeit, den schöpferischen Charakter, wie ich auch zu
sagen pflege. Also auch hier haben wir den Unterschied zwischen
„Akt“, „Bewusstsein“ und dem Objektiven des Bewusstseins, das ist
30 der Charakter der Handlung. Andererseits, ist es nicht klar, dass
der Charakter der Handlung ein ganz anderer ist, in der ganzen
Art, wie er „am“ Objekt hängt, wie der Charakter der Schönheit,
Gefälligkeit etc? Und dabei finde ich auch folgende Schwierigkeit:
Rede ich von „schön“, so kann ich nach der Ausweisung fragen. Ich
35 kann schließlich bei jedem Prädikat nach Ausweisung fragen. Aber
kann ich nach Ausweisung des Charakters der Handlung fragen?
Vom Wollen heißt es, dass es gewertet werden kann als gutes
oder böses Wollen, vom Gefallen als berechtigtes oder unberechtigtes
text nr. 17 277

Gefallen, vom Fragen als vernünftiges oder unvernünftiges hFrageni.


Auch die Handlung wie jede Wollung kann gewertet werden. Aber
da werte ich die Handlung eben, ich werte das Wollen und das Ge-
wollte als solches. Der Charakter der Handlung aber kommt dem
5 Vorgang zu, wenn ich eben handle. Da ist nichts weiter zu fragen, es
sei denn, ob ich wirklich will und wirklich der Vorgang schöpferisch
oder „mittelbar“, wie wenn ich einem anderen Befehle erteile, aus
dem Wollen hervorgeht, oder ob jemand anderes wirklich handelt.
Oder etwa so: Das Wollen als solches ist kein Werten.
Nr. 18

hDas W il lens vorkom m ni s des Widerstandes


und sei ner Übe rwi ndung. G eht der Wille bei
der Lei besbe wegung ni cht primär auf die
5 Schic ht der s ubj ekti ven Em pfindungen? i1

Willensvorkommnis: Ich will die Hand von A nach B bewegen. Ich


vergreife mich und die Hand kommt nicht nach B. Die Bewegung ist
darum doch eine Handlung: willentliche.
Ich hatte eine vage Vorstellung des Weges, insbesondere der Reihe
10 von Bewegungsempfindungen und zugehörigen rein dinglichen
Handvorstellungen: vielleicht die letzteren klar, die ersteren, auf
die es speziell ankommt, unklar. Mit dem fiat findet nun Ablauf
und Bestimmtheit statt. Aber was da kommt, ist zwar vermöge des
Willens da, aber absolut genau in dieser Bestimmtheit war es im
15 fiat nicht gewollt. (So wie die Antizipation der Wahrnehmung über
das eigentlich Wahrgenommene hinausgreift; wenn dann das Ding in
neuen Wahrnehmungen bekannt wird, so heißt es, die antizipierende
Wahrnehmung hat gerade dieses schon gemeint. Aber die entfaltende
Wahrnehmung nach der bestimmten Besonderheit gibt nicht genau
20 das vorhin Gemeinte.) Es können auch Zwischen-Wollungen eingrei-
fen und regieren, die dem Sinn des fiat sich zwar einordnen, aber doch
nicht so, dass sie darin im Voraus volhuntativi antizipiert wären.
Ich will das und das tun: Es tritt ein Hindernis auf, es tritt der
Bewegung ein Widerstand entgegen, der im Voraus nicht erwartet
25 war, dessen Überwindung nicht zum Willen gehörte. Die Handlung
wird unterbrochen, und zwar etwa bei B. Daran schließt sich eventuell
„Entspannung der Energie“, „Muskelentspannung“ etc. Das ist ein
weiteres Stück Handlung, das eventuell einleitet die Überwindung
des Widerstandes. Ich will das Bein heben, es ist aber eingeschlafen,
30 nun mit aller Energie kriege ich es doch ein Stück empor. Haben
wir bei jedem Willen als Komponente ein Moment der „Energie“?
Der Widerstand liegt im Objekt, das ich bewegen will, selbst (im
leiblichen Glied selbst) oder im Objekt, das ich fassend heben will

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


text nr. 18 279

(Bleiklumpen), oder der Bewegung tritt ein Objekt entgegen: Die


Bewegung ist physisch gehemmt, unfrei.
Steckt nicht in der Willensmotivation vielerlei Empirisches? Wie
ist der Anteil davon zu bestimmen? Also zunächst zwei Schichten
5 haben wir bei den Leibesbewegungen zu unterscheiden: das, was Sa-
che des Dinges und der dinglichen Bewegung ist, und das, was Sache
des Ichleibes ist, also der Zusammenhang der Ich-Empfindungen,
der Bewegungsempfindungen und Schmerzempfindungen etc., die
im Leib lokalisiert werden, nicht aber im Dingobjekt sonst. Geht
10 der schöpferische Wille nicht primär auf dieses Subjektive? Ist das
Objektive nicht bloß faktisch damit verknüpft? Doch so darf man
nicht sagen. Das Objekt Leibesglied konstituiert sich ja mit Hilfe
dieser Empfindungen als subjektiver Leib.
Ist aber der Wille nicht näher bezogen auf die subjektiven Emp-
15 findungen? Geht er nicht in erster Linie auf Erzeugung dieser subjek-
tiven Fülle? Und mit dieser ist empirisch „assoziiert“ das, was Sache
der bloßen Erscheinung „Ding Hand“ ist. Und dieses Handbewe-
gen als physischer Vorgang ist selbst schon sekundär Gewolltes. Das
Primäre geht ausschließlich auf den Zusammenhang der Schicht des
20 „Subjektiven“ im Objekt Leib.
Ich frage auch, ob das nicht seine Rolle spielt bei der Konstitu-
tion aller äußeren Dinglichkeit. Bei der Konstitution schon der des
Raumkörpers selbst mit dieser Fülle spielen sehr wesentlich mit die
„Umstände“, die willkürlichen Empfindungsmodifikationen, die das
25 Auftreten zugehöriger Modifikationen der „nach außen zu projizie-
renden“ Inhaltsgruppen (der räumlich zu „formenden“) motivieren.
Es ist die Frage, ob der Wille in Form der willkürlichen Durchlaufung
der kinhästhetischeni Momente eine wesentliche Rolle spielt, ob es
auf das Willkürliche als solches für die Konstitution der Raumerschei-
30 nungen ankommt.
Jede Handlung hat also ein primäres Handlungsstück (zum Min-
desten), und in diesem hat der Wille seine primäre Schicht und eine
mit dieser empirisch zusammenhängende und mitmotivierte.
Negative Handlungen gibt es nicht. Es gibt ein fiat und dieses ist
35 handlungsausgehend oder auf künftige Handlung gehend. Und es
gibt Aufhebung eines fiat, Aufhebung des Entschlusses. Inhibierung
der Handlung schon während ihres Verlaufes. Endlich gibt es An-
erkennung einer Proposition als Willensproposition, als Vorschlag,
280 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Willensvermutung und Verwerfung einer Anmutung. Die Anerken-


nung ist anerkennendes fiat. Die Verwerfung ist eben das willentliche
Nein. Muss jeder Handlung vorhergehen eine Anmutung, die im fiat
ihre Willensbejahung findet? Dann wäre das Negative: Anmutung,
5 der das Willens-Nein entgegen tönte.
Nr. 19

hE mpiri sc he M oti vati on und Willensmotivation.


E r war tung al s Kom ponente des Willens i1

In Bezug auf den Willen mache ich folgende Unterscheidungen:


5 1) Vorausgesetzt ist als die Wirklichkeit, in der sich der Wille betätigt,
ein gewisser Zusammenhang von Dingen und Vorgängen: diejenigen
Teile der gesamten Naturwirklichkeit, innerhalb dessen Rahmen die
möglichen Willenshandlungen fallen. Dieser Zusammenhang lässt
mannigfache Möglichkeiten für Veränderungen offen, für sich hin-
10 einbewegende Dinge, für vielerlei neue Vorgänge und Vorgangsver-
änderungen, die in diesem Zusammenhang nicht statthaben, aber
statthaben könnten. Das sind freie Möglichkeiten, sofern sie nicht
durch den physischen Zustand des Systems geforderte sind. Jeder in
diesem Sinn mögliche Vorgang ist denkbar als Willenshandlung: Jede
15 Willenshandlung setzt voraus, dass ihre Materie eine in diesem Sinn
freie Möglichkeit darstelle.
2) Stelle ich mir einen solchen freien Vorgang als Handlung vor, so
liegt darin, dass die Willenssetzung des fiat, gerichtet auf den mit ihm
in eins vorgestellten Vorgang, diesen nach sich zieht, dass er in ihrem
20 Sinn willentlich abläuft. Genauer gesprochen: Die Willenssetzung
setzt den Vorgang in einem willentlichen Ablaufcharakter, und diese
Setzung impliziert in ihrem Wesen, immanent, eben die „Erwartung“,
die auf hdiei Zukunft gerichtete Setzung des Ablaufs in seiner zeitli-
chen Gestalt. Dass also Willenssetzung die Überzeugung vom künfti-
25 gen Eintreten des Ereignisses etc. „gemäß“ dem Willen voraussetzt,
das heißt nicht, eine beliebige psychologische Voraussetzung ist zu
erfüllen, vielmehr gehört das zum Bestand der Willenssetzung selbst.
Ich kann nicht wollen, ohne überzeugt zu sein, dass das Gewollte
„infolge“ des Wollens eintreten wird. Natürlich: Wollen ist Setzen,
30 und zwar willentlich Setzen, was einschließt als Wirklichkeit setzen,
und zwar eines unmittelbar mit dem Willen selbst oder künftig mit
einem neuen Willen anhebenden und „vom Willen getragenen“ Vor-
gangs (mit dem Willentlichkeitscharakter ausgestatteten). Erwarten

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


282 zur phänomenologie des wollens und der handlung

(als künftig ablaufend setzen), dass der Vorgang wird und im Wil-
lentlichkeitscharakter wird, und überzeugt sein, dass er nicht wird,
das schließt sich evident aus. Genauso wie sich ausschließt Freude
darüber, dass Sp sei, und Überzeugung, dass Sp nicht sei: da eben die
5 Freude die Überzeugung impliziert.
3) Sehen wir uns jene freien Möglichkeiten an! Die Schachtel steht
hier auf dem Tisch. Die Schachtel könnte sich in die Luft erheben.
Ist das eine freie Möglichkeit? Natürlich nicht, wenn dieses gesamte
physische System unverändert bleibt. Wenn in dasselbe ein neues
10 Objekt eintritt, etwa als stoßendes Objekt oder als magnetisches oder
sonst wie anziehendes, dann kann die Schachtel ihren Platz verlassen:
Sie wird angezogen, gestoßen etc. In einem geschlossenen physischen
System kann von selbst nichts statthaben: Jede Veränderung ist phy-
sikalisch motiviert, sie hat ihre Ursachen, und das sind physische
15 Ursachen. So nach der naturwissenschaftlichen Auffassung.
In natürlicher vor-naturwissenschaftlicher Auffassung ist das nicht
so. Da sitzt ein Käfer. Ohne dass ein neues physisches Vorkommnis
auftritt, verwandelt sich Ruhe in Veränderung. Der Käfer bewegt
sich „von selbst“ fort. Der Zufall und andererseits die Spontaneität
20 spielen da eine große Rolle. Warum bewegt sich der Käfer fort? Weil
er will. Er wird nicht durch den Willen bewegt, wie ein Stoßendes ein
Gestoßenes bewegt, sondern die Bewegung, die physisch betrachtet
eine ursachlose ist (kein äußeres agens), ist eine Handlung. Es gibt so
etwas wie Handlungen.
25 Ebenso die eigenen Handlungen. Meine Gliederbewegungen ste-
hen phänomenal nicht da als physisch bewirkte, hwiei wenn sie gerade
gestoßen worden sind und dgl. Wenn man mich kitzelt, so muss
ich zusammenzucken. Wenn man einen elektrischen Strom durch
meine Hand leitet, muss ich zusammenfahren etc. Das sind physische
30 Wirkungen. Objektiv kann man auch psychophysische Wirkungen
nachweisen: Lebhafte Vorstellungen von entsetzlichen Schmerzen
etc. erwecken Pulsverlangsamungen und dgl. Phänomenal stehen
aber gewisse Körperbewegungen als physisch unmotiviert da, dafür
aber charakterisiert als Handlungen, und zwar als „unmittelbare“.
35 Können solche unmittelbaren Handlungen sein, während ihre Ma-
terie, der Vorgang, phänomenal als physisch motiviert dastände, als
physisch notwendig? Doch nicht. Ich kann einen „tatsächlichen“
Vorgang nicht beliebig mit Willentlichkeit versehen, ich kann einen
text nr. 19 283

notwendigen Vorgang auch nicht als Handlung sehen: wenn er mir


phänomenal als notwendig dasteht. Der Charakter des fiat und die
übrigen Handlungscharaktere vertragen sich nicht mit dem Charak-
ter der bloßen Tatsächlichkeit und empirischen Notwendigkeit des
5 Vorgangs. Nur das verträgt sich, dass etwas den Charakter der Wil-
lentlichkeit annehme, sofern es sich um Vorgänge handelt, die an
eigentliche Handlungen sich als empirische Konsequenzen (im Phä-
nomen, für das Bewusstsein) anschließen. In diesem Fall aber ist zu
sagen, dass solch eine sekundäre Handlung eine primäre notwendig
10 voraussetzt.
Denke ich mir diesen Stein als bloß mit Farbe etc. erfüllten geome-
trischen Körper, so kann ich ihn bewegen und verändern, völlig frei.
Dazu brauche ich gar keine Hand und dgl. Doch nur so: Denkbar
wäre es, dass der Wille sein fiat setzte und die Bewegung dann als
15 Handlung erfolgte. Aber ist da ein wesentlicher Unterschied? Wäre
es nicht denkbar, dass mein Wille Berge versetzte? Ja, hier haben
wir die empirischen Motivationen, hier sagen wir, der Berg (der kein
Lebewesen ist) bewegt sich nur, wenn er gestoßen, wenn er physisch
bewegt worden ist. Schneiden wir diese Motivationen ab, nehmen wir
20 etwa nur den geometrischen Körper mit seinen primären materialisie-
renden Bestimmtheiten, schneiden wir alle Erfahrungsbeziehungen
der Kausalität durch, dann steht der Idee eines frei bewegenden
Willens nichts im Weg. Die Veränderungen sind dann freie, sofern
die Unfreiheit eben die der Kausalität ist.
25 Andererseits, würde der Körper sich bewegen? Kann ich glau-
ben, dass er sich bewegen wird? Wir sprechen von „Erwartung“ als
Komponente des Wollens. Was motiviert die Erwartung? Diese Frage
habe ich ja noch nicht aufgeworfen. Eine Erwartung kann empirisch
motiviert sein, wie wenn unter gegebenen empirischen Umständen
30 der gewohnte Erfolg eintritt. Das Erscheinen der Umstände führt den
Gedanken des Erfolgs nicht nur mit sich, sondern auch die Erwartung,
derart, dass wir das Bewusstsein haben, zu den Umständen „gehört“
der Erfolg. Nicht etwa, als ob wir frühere Erinnerungen hätten usw.
Freilich kann man nun die Frage aufwerfen: Ist die Motivation
35 eine gültige? Besteht das zu Recht, ist das mit Recht zu erwarten und
die Folge „wirklicher“ Erfolg jener empirischen Umstände? Wie sich
die Motivation ausweist, das ist eine besondere Frage und im Ganzen
doch eine andere als die nach der Existenz der Umstände und des
284 zur phänomenologie des wollens und der handlung

eintretenden Ereignisses. Auch hier haben wir Motivierendes und


Motiviertes (Substanzmotivation und was dazu gehört).
Wie steht es nun mit der „Erwartung“ im Wollen? Ich nehme dabei
primäre Handlungen, willkürliche Leibesbewegungen. Als physische
5 Vorgänge können sie nicht motiviert dastehen im Zusammenhang
der physischen Umstände. Weiß ich, dass die Hand „ohnehin“ in
Bewegung versetzt wird, dann „brauche“ ich ja nicht zu wollen.
Aber ich kann auch nicht wollen. Die empirische Motivation, ich
habe es auf der vorigen Seite schon gesagt, schließt die Möglichkeit
10 der Willensmotivation aus. Was ist das, Willensmotivation, in diesem
Zusammenhang? Nun, der Vorgang, der da gewollter ist, wird nicht
nur schlechthin sein, vielmehr wird er „infolge des Wollens“ sein, er
wird schöpferischer sein. Sein Sein wird ein Geschaffensein. Wo liegt
da die Motivation? Ein Sein kann Folge sein eines anderen Seins.
15 Oder vielmehr ein Geschehen in einem raum-dinglichen Zusammen-
hang kann Wirkung sein, kann physisch bedingt sein durch anderes
Geschehen (sich verändern und sich nicht ändern, letzteres in Bezug
auf die ruhenden Umstände). Gegenständlich sagen wir: Ursache
sein, notwendig reale Folge sein als Wirkung. Phanseologisch sagen
20 wir: Die Erwartung, dass A eintrete, ist erfahrungsmäßig motiviert
durch die Erfahrung und erfahrungsmäßige Überzeugung, dass die
und die Bedingungen erfüllt sind. Andererseits in der Willenssphäre:
Ein Geschehen kann schöpferisches Geschehen sein; was da wird,
das wird willentlich, es geht aus dem schöpferischen „Es werde!“
25 hervor. Es ist keine physische Wirkung, sondern eine Willensfolge:
Geschaffenes als solches. Scheidet sich hier auch Objektives und
Phanseologisches?
Zunächst: Liegt das „willentlich“, der Charakter des fiat, und der
ganze Handlungscharakter nicht auf objektiver Seite, das heißt, steht
30 es nicht genau in der Richtung da wie der Vorgang selbst? Jede Phase
des Vorgangs hat ihren besonderen Willenscharakter, und dieser Wil-
lenscharakter setzt ihn in eigener Weise und ist ein Charakter an ihm,
ihn nach seinem Sein „schaffend“. Wie steht es mit diesem Sein? Das
Seiende steht als Seiendes, das Werdende als Werdendes da. Auch das
35 ist etwas „Objektives“, und das Sein als Sein des jeweiligen Inhalts,
das Sein mit seinem Jetzt als Phase des Werdens und so das ganze
Werden, das ist die Unterlage für den Charakter, der aus dem Wollen
stammt, hfüri den Charakter der Schöpfung: Geschaffensein. Auch
beilage iv 285

im anderen Fall ist das Sosein Wirkung des Soseins, das Sowerden
Wirkung des Sowerdens und hdesi damit einigen Soseins.
Dem Sein etc. entspricht die Glaubenssetzung, die Seinssetzung;
dem Geschaffensein die auf Glaubenssetzung irgendwie bezogene
5 Willenssetzung (das Setzen). Diese Beziehung ist aber nicht eine
solche, als ob eine Glaubenssetzung vorangehen könnte. Ich erwarte
nicht vorher die Bewegung meiner Hand und gründe auf diese Er-
wartung meinen Willen. Vielmehr, weil ich will, erwarte ich. Weil ich
die Hand heben will (will, nicht bloß wünsche!), erwarte ich, dass sich
10 die Hand vermöge des in diesem Willen gesetzten fiat bewegen wird.

Beilage IV
hGibt es eigene Erwartungsphänomene
in der Gemüts- und Willenssphäre?i1

Problem: Sind „Erwartungen“ Modi bei allen Gattungen, also auch in der
15 Gemütssphäre? Erwartung: Antizipation des künftigen Urteils vom künfti-
gen Eintreten, zugleich selbst ein gegenwärtiges Urteilen: „Das wird eintre-
ten“.
Wunscherwartung, nämlich „freudige Erwartung.“2 Es wird das Erwün-
schte eintreten. Erwartung desselben (gewöhnliche Erwartung). Antizipation
20 der Wunscherfüllung und ihrer Freude, zugleich selbst vom Charakter eines
Wunsches und einer Wunscherfüllung, nämlich im Glauben, es wird das
Erwünschte eintreten.
Antizipatorische Erfüllung und wirkliche Erfüllung. Willenserwartung:
das frohe Bewusstsein, es wird die Handlung glücken. Antizipation der
25 Willensrealisierung, zugleich vom Charakter der Willenserfüllung, nämlich
hinsichtlich der Freude, und selbst Wille.
Aber ist das eine korrekte Analogie? Es sind doch intellektive Erwartun-
gen da und dadurch fundierte Gemütsphänomene. Sind das wirklich eigene
„Erwartungsphänomene“? Jene gespannte frohe Erwartung (und mit dem
30 Grad der Ungewissheit gedämpfte Erwartung): Es wird das Erwünschte
eintreten, oder es wird die Realisierung dem Willen gemäß sich vollziehen –
antizipatorische Befriedigung. Vielleicht doch? Nun, haben wir dann nicht
auch eine berechtigte Analogie, welche überall von Erfüllung zu reden ge-
stattet?

1 Wohl 1907. – Anm. der Hrsg.


2 Sind das Gemütsphänomene?
286 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Bei der „Wunscherwartung“ haben wir einmal eine gewöhnliche Erwar-


tung. Das Betreffende wird kommen und wir erwarten es. Das, was eintreten
wird, ist aber Gegenstand des Wunsches und war es vielleicht vor dem Wissen,
dass dergleichen kommen wird. Die Erwartung nun bringt eine Änderung
5 im Gemütszustand. Der Wunsch, dass S P sein möge, erfüllt sich mit Eintritt
der Überzeugung, dass es sei. Der Wunsch, dass es künftig sei, ist voll erfüllt
durch die sichere Überzeugung, dass es künftig sein wird, unvollkommen
herfüllti durch die Vermutung, die somit Rest von Wunsch übrig lässt. Damit
haben wir schon eine Komponente der Freude.
10 Der Wunsch, dass S P sei, und ich es erlebe, dass ich seine Herausstellung
erfahre und dass ich es damit genieße, wird natürlich durch die Überzeugung
davon, dass es eintreten wird, oder dass es jetzt sei, nicht erfüllt oder nur
nach der einen auf das Sein gehenden Seite erfüllt. Erfüllung auch nach der
anderen Seite bietet die wirkliche Herausstellung. Es wird nun im Fall der
15 Erwartung, dass es eintreten, und das heißt hier nicht bloß überhaupt eintre-
ten, sondern vor meinen Augen eintreten wird (dass es sich mir herausstellen
wird), einerseits Freude vorhanden sein, dass es sein und erlebt sein wird,
andererseits der Wunsch, gerichtet auf das Eintreten und Erleben, ist noch
nicht erfüllt. Es fehlt noch das wirkliche Erleben. Der Gemütszustand ist
20 also freudiger Wunsch auf dem Grund der Erwartung. Ein neues primitives
Phänomen Wunscherwartung ist hier also nicht anzunehmen.
Ebenso beim Willen das frohe Bewusstsein, es wird die Handlung glücken,
die Unternehmung, die inszeniert ist. Wir haben da Überzeugung, dass es
glücken wird. Eine gewisse Vermutung ist Voraussetzung des Willens. Je
25 stärker die Überzeugung ist, umso mehr Wunschfülle hat der Wille. Der
Wunsch, dass das künftig sein möge, ist ja erfüllt, wenn ich glaube, hdassi es
sein wird. Nun geht aber im Willen der Wunsch nicht nur auf das Seinwerden,
sondern auf das Tun. Die Handlung ins Werk setzend und betreibend besteht
Erwartung, vorhandener Wunsch und Willenserfüllung und andererseits un-
30 erfüllter Wunsch und Wille hinsichtlich der noch fehlenden Realisierung.
I c h gl aub e a lso, da ss m a n k e i n e i g e n e s E r w a r t u n g s p h ä n o m e n
i m W i l l ens ge bie t konst ru i e re n k a n n . U m g e k e h r t g e h t e s n i c h t
an, Er war tung a ls e ine n G e m ü t sa k t zu b e z e i c h n e n. Wir haben also
i ntel l ekti ve Inte ntione n (Spannungen und Lösungen, Entspannungen)
35 neben i ntel l ekti ve n a usg e g l i ch e n e n A k t e n, und G e m ü t s i n t e n t i o -
nen neben emotiona le n a u sg e g l i ch e n e n A k t e n. Weitere Gemeinsam-
keiten: Bi l l i gung en und M i ssb i l l i g u n g e n , B e j a h u n g e n , V e r n e i n u n -
gen, Zus ti mmunge n, A b l e h n u n g e n.1

1 Das wäre noch zu überlegen.


Nr. 20

h Anal ogien zwi scheni U rteil und Wille1

h§ 1. Der vielfache Sinn der hypothetischen


Rede und der hypothetische Willei

5 Existenzialurteil: S existiert. Kateghorisches Urteili: S ist p.


Hyphothetisches Urteili: Wenn S p ist, so ist Q r. Ebenso disjhunktives
Urteili.
Willentliches Soll (Vorsatzfiat oder Handlungsfiat etc.): S soll exis-
tieren. Thetische Willenssetzung: S soll p sein. Sp soll p’ sein. Zum
10 Beispiel, die Uhr soll wieder gehen! Die gehende Uhr soll auf den
Tisch gestellt werden!
Wenn S p sein soll, so soll Q r sein. Reflexion über diese hypo-
thetische Formel. Zunächst als Urteil. Gleichwertig kann ich dann
sagen: Wenn es wahr ist, dass S p sein soll, so ist es wahr, dass S q sein
15 soll. Aber in dem „Es soll“ steckt das „Ich will“. Die Uhr soll wieder
gehen. Willentlich heißt das: Ich will, dass die Uhr wieder gehe; so hist
esi oft, hdassi das „soll“ eine individuell bestimmte Handlung oder
eine vorgesetzte Handlung ausdrückt. Führen wir diese subjektive
Ausdrucksweise ein, so heißt es: Gesetzt, dass ich will, es soll M sein,
20 oder gesetzt, ich will das M-Sein, so muss ich das N-Sein wollen.
Zum Beispiel, gesetzt, dass ich den Zweck will, so muss ich irgendein
Mittel wollen. Doch ist es mit dem „muss“ eine eigene Sache. Gesetzt
ich fahre nach Rom, dann fahre ich nach Basel, über den Gotthard
nach Mailand, Florenz, schließlich nach Rom. Oder ich fahre nach
25 München, über Innsbruck und den Brenner etc. Gesetzt, ich tue
A, dann tue ich vorher α, dann β … Oder ich tue erst α’, dann β”
… Hier sprechen wir nicht von einem „muss“. Ich kann allerdings
sagen: Gesetzt, ich will, ich realisiere A, dann muss ich entweder in
der Reihenfolge α, β … realisieren oder die Reihenfolge α‘, β‘ …
30 realisieren.

1 Wohl 1910. – Anm. der Hrsg.


288 zur phänomenologie des wollens und der handlung

Das „Gesetzt, ich tue A, dann mache ich erst α …“ kann nun
auch eine rein empirische Bedeutung haben, die mit der Einheit
der Willensmotivation gar nichts zu tun hat. Wenn ich des Morgens
aufgestanden bin, mache ich einen Spaziergang und nehme dann mein
5 Frühstück. Oder von einem anderen: X hat die Gewohnheit, wenn er
A tut, dann B zu tun. Es mag dabei von seiner Seite eine Motivation
Einheit gebend zugrunde liegen. Aber das kommt hier nicht zum Aus-
druck, es ist in der Aussage nicht gemeint. Somit haben wir bei dem
Satz „Wenn ich A will, will ich B“, „Wenn irgendjemand A tut, tut
10 er auch B oder nachher B“ 1) einen empirisch-praktischen Sinn des
„wenn-so“. Der Wille bzw. die Handlung ist hier als ein Vorkommnis
der Natur genommen und wie bei anderen solchen Vorkommnissen
kann die hypothetische Redeform den Sinn haben: Im Fall, hdassi
A eintritt, tritt auch B ein. Tritt A ein, so ist zu erwarten, dass B
15 eintritt, auch, immer wenn … so … usw. 2) den Sinn der willentlichen
Motivation: Wenn ich A will, so „liegt darin“ willentlich, dass ich B
will, oder dass ich B oder B’ … will. Und in allgemeinen Fällen: Wenn
ich ein A überhaupt will, so muss ich eins davon, B, B’ … wollen.
Ergänzend muss ich noch hinzufügen, dass auch bei der Interpre-
20 tation des hypothetischen Satzes im Sinn eines empirisch-praktischen
Vorkommnisses eine Willensmotivation mitspielen kann. Angenom-
men jemand macht von hier nach Rom eine Reise, dann wird er
entweder den Weg über Basel-Gotthard oder über München-Brenner
wählen. Nämlich: Ich denke an den normalen Kulturmenschen, der
25 seine Geographie kennt, der fähig ist, das vernünftig zu erkennen
und geneigt histi, sich dadurch praktisch motivieren zu lassen. Ich
nehme aber auch an, dass er nicht mit der Reise noch andere Zwecke
verbinde, etwa zugleich ganz Oberitalien kennenlernen will und dgl.
Unter solchen Voraussetzungen kann ich aus dem Faktum, dass je-
30 mand A will, schließen, dass er dann auch B will, und ex post aus dem
Faktum, dass er die Reise nach Rom gemacht hat, schließen, dass heri
die oder die Route gewählt haben wird.
Das „wenn-so“ der Motivation sagt aber: Im Willen des A liegt
der Wille des B vernünftigerweise, oder wenn ich A will, so fordert
35 die Vernunft, dass ich B will. Zum Beispiel die Reise nach Rom: 1) In
physischer Richtung weiß ich, ein Ding, das hier ist, kann nachher an
einem anderen Ort nur sein, wenn es sich von hier dahin stetig bewegt
hat. 2) In willentlicher Richtung: Soll R realisiert werden (künftiges
text nr. 20 289

In-Rom-Sein), so muss die Handlung eine willentliche Bewegung


von Göttingen nach Rom sein. Ist eine Ortsänderung gewollt und
ist eine Ortsänderung nur möglich als stetige Bewegung, so kann
die Ortsänderung nur in der Weise einer willentlichen Bewegung
5 Materie einer Handlung sein. Oder: Ist Anderssein hinsichtlich des
Ortes gewollt, ist Anderssein hinsichtlich des Ortes nur möglich als
Anderswerden in der Zeit und dieses nur möglich in der Weise einer
stetigen Bewegung, so fordert das Wollen des Andersseins des Ortes
auch das Wollen des Anderswerdens als stetiger Bewegung und die
10 Handlung des Andersseins Handlung in Form einer Bewegungsän-
derung.
Dritter Sinn der hypothetischen Rede: Wenn A sein soll, so soll B
sein. Wenn S p sein soll, so soll Q r sein. Wenn es vernünftig ist, dass
A sein soll, so ist es vernünftig, dass B sein soll. Doch werden wir
15 dabei nicht sagen, wenn ich A will, wenn ich A tue, so will, tue ich B
oder muss ich B tun, sondern wenn ich A tun soll, so muss ich B tun
oder soll ich B tun. Soll ich, ist es gut, nach Rom hzui reisen, so ist es
auch gut, ist es auch gesollt, den passenden Weg zu wählen.
Ferner haben wir eine Art hypothetischer Aussagen, die dem
20 Wollen unter Hypothese Ausdruck geben. Unter Voraussetzung, dass
faktisch S p ist, unter Voraussetzung, dass ich Geld habe etc., dass das
Wetter günstig ist usw., will ich Q r. Das heißt nicht, unter Voraus-
setzung, dass die Tatsache „S ist p“ besteht, ist es eine Tatsache, dass
ich das will, sondern etwas ganz anderes: Ich entschließe mich zum
25 „Q ist r“ unter Voraussetzung, dass die Vorbedingung „S ist p“ sich
als erfüllt herausstellen sollte. Ich habe jetzt einen Entschluss gefasst,
ich will, aber es ist ein hypothetischer Entschluss, ein hypothetischer
Wille. Die Aussage, die ihm Ausdruck gibt, ist wahr, wenn ich mich
wirklich so entschlossen habe. Die erstere Aussage, dass im Fall jener
30 Tatsache auch die Tatsache meines Wollens des „Q ist r“ bestehe,
kann falsch sein und ist im Allgemeinen falsch. Ist gemeint das künf-
tige Wollen „Q ist r“ (künftiges thetisches Wollen), so kann ich mich
ja inzwischen anders entschlossen haben oder meinen Entschluss
vergessen haben etc.
35 Zu bemerken ist, dass ein hypothetischer Wille seine „Realisie-
rung“ findet in der Form, dass an die Entscheidung der Tatsachen-
frage im positiven Sinn sich knüpft der thetische Wille „Q sei R!“.
Diese Entscheidung in Verbindung mit diesem thetischen Willen
290 zur phänomenologie des wollens und der handlung

„realisiert“ in gewissem Sinn den Entschlusswillen. Wir haben hier


den willenslogischen Zusammenhang sozusagen. Will jemand:
„Unter Voraussetzung A will ich B“, und erkennt er, dass A in
Wahrheit ist, dann besteht die Willensfolge, dass er B wollen muss.1
5 Der hypothetische Zusammenhang, der hier auch in Form eines
hypothetischen Satzes zum Ausdruck kommen kann, ist offenbar
ein aus Motivation entspringender und in diesem willentlichen Sinn
zu verstehender, und zwar gemeint als analytischer (willensanalyti-
scher).
10 Es ist hierbei zu bemerken: Jedes Urteil ist in gewissem Sinn
kategorisch, nämlich es ist eben Urteil: U! Zu jedem Urteil U! ist aber
denkbar ein Urteil (rein bedeutungsmäßig) der Art „Wenn M ist, so
ist U!“ und „Entweder M ist oder U ist!“. Ebenso im Willensgebiet?
Zunächst überlegen wir Folgendes. Haben wir – bedeutungsmäßig
15 gesprochen – irgendeinen Willen (Vorsatz oder Handlung) W!, so
ist denkbar, zunächst in Verbindung mit beliebigen Urteilen bzw.
Sachverhalten: Wenn U ist, so W! (Wenn die Tatsache U besteht, so
sei W, so will ich W.) Und willenslogisch: Wenn U ist, dann ist W
zu wollen. Nicht aber ebenso: Entweder U ist oder W ist zu wollen;
20 entweder es besteht die Tatsache, dann will ich W, oder ich will W
und sie besteht nicht (dieses disjunktive Urteil kann nur tatsächlich
verstanden sein, nicht im willentlichen Sinn).
Aber wie ist es, wenn wir Willen mit Willen verbinden? Wenn W1
gewollt ist, dann ist W zu wollen. W ist zu wollen. Zu jedem solchen
25 Wollen ist formal zu denken ein hypothetisches: W ist zu wollen, wenn
W1 gewollt ist. Oder eins von beiden ist zu wollen.
Doch hier ist von „ist zu wollen“ geredet. Zunächst kann ich
einfach sagen: „Wenn W1, so W!“: Ich will W unter Voraussetzung,
dass ich W1 will. „Entweder W1 oder W!“: Eins von beiden will ich,
30 W oder W1, ich will W oder will W1. All das nicht in intellektivem
Sinn verstanden als Faktum. Nicht ist gemeint: Vorausgesetzt, dass in
mir ein Wille W1 besteht, hsoi besteht das „hIchi will W“. Oder Fak-
tum: Ich vollziehe entweder die oder jene Wollung; ein disjunktives
Faktum. Das Hypothetische und Disjunktive sind vielmehr Formen
35 des Wollens selbst. Und auf diese „Bedeutungsformen“ des Wollens

1 Willensschluss – das „und“ natürlich als zum Willensbewusstsein gehöriges.


text nr. 20 291

oder auf das Wollen hinsichtlich der Bedeutungsformen, hinsichtlich


der Geltung und Nichtgeltung, die in der Form wurzeln, bezieht sich
die formale Logik des Willens (die formale Willenslehre als Analogon
der formalen Urteilslehre).

5 h§ 2. Affirmation und Negation


beim Urteil und beim Willeni

Dazu der Unterschied der Affirmation und Negation. Was ist ihr
willentliches Gegenstück? Ich habe den Willen W! Ich will nicht:
W. Ich will nicht das und das (Materie). Ich urteile nicht „S ist P“.
10 Das heißt, ich glaube das nicht. Ich lehne es glaubend ab. Darin liegt,
ich stelle „S ist P“ vor und verwerfe das ganze so Vorgestellte.
Es kann auch jemand urteilen „S ist P!“. Ich negiere, ich sage Nein.
Oder ich habe soeben oder gestern geurteilt, und nachher darauf
zurückblickend, auf das Urteil, sage ich Nein. Ich wende mich aber
15 nicht eigentlich gegen das Urteilen als vielmehr gegen das „dass S P
ist“, es ist nicht so. Andererseits kann ich affirmieren, zustimmen.
Ebenso beim Willen. Ich stelle mir den Entschluss (nicht das Ent-
schließen), die Handlung (nicht das Handeln) vor und lehne es ab: im
Willen. Ebenso wie ich willentlich affirmieren kann. Ich habe also die
20 drei formalen Fälle: W!, +W!, -W!, d. h. schlichter Wille, willentliche
Zustimmung, willentliche Verwerfung.
Das zustimmende Urteil ist selbst ein Urteil: Es ist wahr, dass A
ist! Ist das zustimmende Wollen, das Zustimmen zu einem Wollen
auch ein Wollen und ein iterierbares? Doch wohl. Ich stelle mir eine
25 Handlung vor, ich entschließe mich zustimmend zu ihr. Ich stelle mir
ein wollendes Zustimmen vor – und stimme dem wieder zu, ich sage
noch einmal mein Ja. Ebenso, ich lehne ab. Ich stelle mir ein Ablehnen
zu einer proponierten Handlung vor und verhalte mich dazu wieder
ablehnend. Und das Ablehnen ablehnen, das ist gleichwertig einem
30 Zustimmen.
Es sind hier aber allerlei Schwierigkeiten. Die klare Analyse der
einschlägigen Verhältnisse ist ein großes Desiderat. Was ist das für ein
Verhalten, das Ablehnen einer vorgestellten Handlung, die Ableh-
nung eines „proponierten“ Vorsatzes und ebenso das Zustimmen zu
35 einem solchen? Ist dieses Zustimmen und Ablehnen ein Willensver-
292 zur phänomenologie des wollens und der handlung

halten? Gibt es ein Willensverhalten, das nicht den Charakter eines


Vorsatzes oder eines sich als Handeln realisierenden Wollens hat?
Stimme ich einer „proponierten“ Handlung, einem proponierten
Vorsatz zu, so „entschließe ich mich dazu“. Was liegt da vor? Fasse
5 ich bloß den Vorsatz? Das wäre der Vorsatz, das und das zu tun.
Aber ich habe schon vorher die volle Handlung, den vollen Vorsatz
vorgestellt mit dem fi at etc. Ich fühle mich vorher in den Vorsatz, in
das Handeln ein: Ich setze gleichsam vor, ich handle gleichsam. Oder
jemand sagt „Tue das!“. Und ich stelle mir dieses Tun vor. Nun tue
10 ich es. Aber ich tue es nicht bloß, ich stimme zu. Ich sage Ja. Was liegt
in diesem Ja?
Im Urteilsgebiet: Jemand sagt „S ist p“. Ich stimme zu: „So ist es
wirklich“. Wir sagen auch „Ja, es ist wahr“. Ist das ein spezifischer
Ausdruck der Zustimmung? Gebrauchen wir es nicht in der Tat so?
15 Jemand sagt „S ist p“ und wir sagen: „Ja, es ist wahr“. Besagt „Ja“
und „Es ist wahr“ dasselbe? Das Proponierte, eventuell Erwogene,
bloß Gedachte ist dasselbe wie das gleichstimmig Geurteilte, d. i. als
„wahr“ Gesetzte. Das Urteilen ist das In-der-Weise-der-Wahrheit-
Setzen. Ich sage nun von dem Vorgestellten, Erwogenen, Proponier-
20 ten, Geurteilten des anderen: „Das ist wirklich so“, das heißt, im Ur-
teil steht das Was, der Inhalt, die bloße Vorstellung im Charakter des
„wirklich“ da, und das sage ich eben aus. Freilich, dieser Charakter ist
nicht die Wahrheit selbst. Es ist „Charakter“ der Wahrheit, und dieser
weist sich aus in einer neuen Zustimmung, nämlich wenn das „wahr“
25 gegeben ist, der ganze Urteilsinhalt in diesem wahr „gegeben“ ist. Ich
bringe da zur Einheit das Urteil und die „Gegebenheit“, die wieder
Urteil ist.
Nun haben wir den Urteilsinhalt, gleichgültig ob wir ihn einem
Urteil oder einer Vorstellung meiner oder eines anderen entnehmen,
30 und das „wahr“ und eine Prädikation „Das ist wahr“, und dann haben
wir die Zustimmung oder Zusammenstimmung mit dem maßgeben-
den evidenten Urteil, dasselbe, derselbe Inhalt in der Gegebenheits-
weise der Anschauung, ja der Evidenz, das Steigerungs- und Zusam-
menstimmungsbewusstsein zwischen nicht-evidentem und evidentem
35 Urteil. Der identische Inhalt hat den Charakter der „Wirklichkeit“,
er ist gegeben als Wirklichkeit. Im Bewusstsein der Zusammenstim-
mung meines Urteilens mit einem anderen, aber proponierten oder
einem Quasi-Urteilen haben wir das Bewusstsein „ ‚S ist P‘ ist wirk-
text nr. 20 293

lich“ oder „ist!“, „ist so“, man sagt nicht „ist ja“. Im Bewusst-
sein des Widerstreits zwischen „S ist P“ und einem Gegenurteil,
das mit ihm eben streitet, haben wir das Bewusstsein „S ist P –
nein!“, es hat den Charakter der Nichtigkeit, Charakter des „nicht“.
5 Berechtigt ist dieses neue Urteil, so gut wie das schlichte Urteil,
erst, wenn es sich ausweist, wenn es Grund hat. Also in der Be-
gründung, und die hat immer selbst die Form einer Bejahung (und
in der negativen Auswertung einer Verneinung). Berechtigt ist das
Urteil, wenn es eine bejahende Begründung, unberechtigt, wenn
10 es eine verneinende Begründung zulässt (eine Entgründung). Jede
Begründung endet in einer Zustimmung, jede Entgründung in einer
Verwerfung.
Wir müssen unterscheiden das zustimmende Urteilen und das Ur-
teilen, das dem in der Zustimmung synthetisch bewusst werdenden
15 Sachverhalt Ausdruck gibt. Jemand berichtet mir und ich „über-
nehme“ sein Urteil, ich urteile mit ihm. Ich verhalte mich zustim-
mend, wie ich dann öfters mit dem Kopf nicke, Ja sage, nicht bloß
zum Zeichen, dass ich verstanden habe, sondern als Zeichen der
Zustimmung. Oder jemand sagt etwas aus, worüber ich selbst schon
20 „mein Urteil“ habe, und ich stimme zu. Bei all dem urteile ich wie
er „S ist P“ und stimme zu, aber ich urteile nicht: „Es ist wahr,
dass S P ist, es ist wirklich so.“ Das ist eine neue Prädikation auf
dem Grund der Zustimmung, in ihr kommt die in der Zustimmung
bewusste Synthese zur Setzung.
25 Ist die Zustimmung selbst ein Urteil? Ist die Verwerfung ein Ur-
teil? Es ist wohl im Wesentlichen dieselbe Frage, ob wir unter dem
Titel „Urteil“ nur jede Aussage befassen, in der eine intellektive
Synthese, eine prädikative, ihren begrifflichen „Ausdruck“ findet.
Dann urteilen wir nicht, wenn wir solche Synthesen vollziehen, aber
30 nicht begreifen und ausdrücken.
Gehen wir nun zum Willen über. Wie es ein intellektives Vorstel-
len gibt, eine intellektive Zumutung, Proposition, so eine praktische.
Ich erwäge eine Handlung, jemand mutet mir eine Handlung zu, er
bittet mich darum, er fordert es von mir etc., ich stimme zu und will
35 in Übereinstimmung mit seiner Zumutung. Was ist hier Sache des
Willens? Nun ich will, was er von mir fordert. Hier handelt es sich
nicht um eine Übereinstimmung meines Willens mit seinem Willen
in der Art, dass er will, dass A geschehe, und ich will auch, dass A
294 zur phänomenologie des wollens und der handlung

geschehe. Also zum Beispiel, er will nach Rom reisen und ich will nun
auch nach Rom reisen. Das wäre keine Zustimmung.
Indessen sehen wir genauer zu. Ist die Handlung und entsprechend
die Wollung der Materie nach identisch? Die Handlungen sind offen-
5 bar bestenfalls gleich, aber nicht ein und dieselbe. Identität zweier
Wollungen hinsichtlich der Materie ist offenbar nur möglich, wenn
ich wiederholt einen Vorsatz habe einer und derselben Materie, in der
Wiederholung sage ich: derselbe Vorsatz. Und abermals kann es sein,
dass ich und ein anderer übereinstimmen, nämlich so: Ich will, dass
10 die in seine praktische Sphäre gehörige Handlung erfolge, also dass er
H ausführe oder den Entschluss (H) fasse, und er kann nun wirklich
den Entschluss fassen und eventuell H tun. Freilich mein Wille, dass
mein Nebenmann H tue oder wolle, kann kein unmittelbarer sein und
kein einfacher. Ich muss es den anderen wissen lassen, muss zu ihm
15 sprechen und dgl., dass ich das will, und muss annehmen können, dass
dieses Wissen nun in der und der Weise Motivationen errege, die zur
Fassung des Entschlusses und eventuell des fiat der Handlung führen.
Will ich nun, dass er H wolle, und will er wirklich, so ist diese
Übereinstimmung natürlich nur ein Faktum, von dem ich auf dem
20 Weg der Verständigung erfahren kann. Wie ist es aber im anderen?
Der Bequemlichkeit der Einfühlung wegen kehren wir um: Fordert
jemand von mir, dass ich H will, so mag es ein bloßes Faktum sein,
dass ich in der Tat will. Aber wenn ich seiner Forderung bewusst
„nachkomme“, wenn ich ihr „zustimme“, was liegt da vor?
25 Ich stelle mir nicht nur ihn als Fordernden, sondern den Inhalt
seiner Forderung vor; das ist, dass ich das und das wolle: Ich stelle
damit die Wollung des Inhalts H (wo H bloße Materie bedeutet)
vor. Aus welchen Motiven immer, ich will, was er mittelbar will oder
was er von mir fordert, wünscht: Also ich fasse den Entschluss, den
30 Vorsatz. Aber nicht bloß fasse ich den Vorsatz, so wie wenn nichts
voranläge. Er wünscht doch, dass ich will, oder er will und befiehlt,
dass ich wollen soll. Ich folge. Ich sage Ja. Würde ich einfach den
Vorsatz fassen, so würde ich wollen, das und das zu tun, nämlich
H. Stattdessen ist gefordert, dass ich das wollen soll, und ich sage
35 Ja, das heißt, ich will wollen, ich will den Entschluss fassen, ich will
das H wollen, und das ist willentliches Zustimmen. Das „Ich will
H wollen“ ist aber eine unmittelbare Willenshandlung. Dieser Wille
geht nicht darauf, dass ich künftig wollen soll, sondern unmittelbar.
text nr. 20 295

Ich will den Entschluss fassen, heißt, ich will wirklich und darin liegt,
der Wille zu wollen geht unmittelbar in Realisierung über: Er geht
über eben in den Willen des Inhalts H, in den Vorsatz (H). Statt des
einfachen Vorsatzes habe ich also die Handlung, die schöpferisch den
5 Vorsatz erzeugt. Der Vorsatz ist willensmäßig erzeugter. Dass also
wäre die Willensbejahung. Ebenso die Ablehnung, die Willensver-
neinung bedeutet: Ich will den Vorsatz nicht fassen. Deutlicher: Es
ist nicht eine Privation da, als ob der Wille, den Vorsatz zu fassen,
eben nicht bestände, vielmehr wird der vorgestellte Vorsatz negiert:
10 in einer W illensnegat i on, einer Ablehnung.
Nun scheint mir aber die Darstellung inkorrekt. Ich habe nämlich
folgendes Bedenken. Der andere will, dass ich den Vorsatz fasse,
das heißt phansisch: Ich soll ein Wollen des Inhalts H haben, und
darin steht der Vorsatz thetisch da. Ich stelle nun den Vorsatz vor.
15 Stelle ich damit mein Wollen vor? Nein, ich fühle mich in das Wollen
ein und stelle den Vorsatz vor, das Vorgesetzte als solches, und das
erkenne ich praktisch an. Dieses praktische Anerkennen ist nicht
ein Wollen, das auf ein Wollen gerichtet ist, sondern ein Wollen,
das auf ein vorstellungsmäßig modifiziertes Wollen gebaut ist. Und
20 dieses Wollen im höheren Stockwerk ist entweder affirmhativesi oder
negatives, es ist Annehmen des Vorsatzes oder Ablehnen desselben.
Wir hätten dann die genaue Analogie zum Urteil. Das intellektiv
vorgestellte „S ist P“ (intellektive Vorstellung in Urteilsmodifikation)
wird anerkannt oder verworfen. Urteilslogisch betrachtet ist dann die
25 doppelte Anerkennung gleichwertig einer Anerkennung, oder es ist
die Anerkennung eines Urteilsinhalts gleichwertig dem schlichten
Urteil. Ferner, die Verwerfung einer Verwerfung ist gleichwertig dem
schlichten Urteil.
Willenslogisch betrachtet ist die Anerkennung eines Willensin-
30 halts (das wäre, eines Vorgesetzten als solchen, als Idee) gleichwertig
mit dem einfachen Wollen dieses Inhalts. Was heißt gleichwertig?
Nun, dem Wert, dem Willenswert nach gleich. Ist der Vorsatz H
gut, so ist auch die Zustimmung zu dem Vorsatz H gut. Und ist die
Zustimmung zu dem Vorsatz H gut, so ist auch der Vorsatz H selbst
35 gut. Natürlich ceteris paribus in sich gut etc. Die doppelte Negation:
Ich lehne den Vorsatz H ab, ich lehne den abgelehnten Vorsatz ab?
Was ist das Abgelehnte als solches?
C. ZUR LEHRE VON DER TENDENZ UND
IHRER AUSWIRKUNG: DIE SPANNUNG DER
ERWARTUNG UND AUFMERKSAMKEIT,
THEORETISCHES INTERESSE, TENDENZ
5 UND ERFÜLLUNG, TENDENZ UND WILLE

Nr. 21

h De r un te r sc hi e dl i che C ha ra kt e r d e r
Ersch ei nu ng s we i se n be i g e g e ben e n Di ng e n u n d
bei de r Er ze ug ung e i ne r Obj e k tv e rä n d e ru ng .
10 Au fme r ks a mke i t a uf da s Ers ch e i n e n d e u nd
Vo llz ug de r S t el l ung na hme . De r S e i n sc h a ra k te r
vo r d e r Ak tu a l i s ie r ung de r Ste l l u n g na h m ei1

Die Tendenz geht darauf, die Erscheinung, die ich vom äußeren
Objekts schon habe, in andere und wieder andere „Erscheinungen
15 vom selben Objekt“ zu verwandeln. Ich bewege mich in der ge-
schlossenen Mannigfaltigkeit „möglicher Erscheinungen“, ich „will“
gleichsam immerfort neue Erscheinungsveränderungen. Gerichtet
bin ich mit dem Blick auf das Objekt, auf das erscheinende „Etwas“,
aber die Tendenz geht darauf, das Etwas im Wie der einen Erschei-
20 nungsweise zu verwandeln in dasselbe Etwas im Wie der anderen Er-
scheinungsweise; oder die Tendenz geht auf die „Erzeugung“ neuer
Erscheinungsweisen, die Identifizierung des erscheinenden Etwas mit
sich führen (neuer hErscheinungsweiseni – innerhalb des Bewusst-
seins „dasselbe“). Jede Wahrnehmung – mir das Objekt in dieser Ori-
25 entierung darbietend – lässt die Übergänge in die anderen Erschei-
nungen desselben Objekts, und zwar in gewisse Gruppen, praktisch
offen; die Übergangsmöglichkeiten sind praktische Möglichkeiten,
und zwar unmittelbar praktische Möglichkeiten (Augenbewegungen
etc.).

1 Wohl 1913/14. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 297


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-III, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35928-7
298 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

„ E in neues O bjekt erzeugen “, d. i. sozusagen eine neue


„ Gr uppe “ erz eugen, also Erscheinungen „erzeugen“, die nicht
zum bloßen System der Augenbewegungen etc. als motivierte ge-
hören. Die Gruppe ist natürlich nicht das Objekt der Willenssetzung
5 und somit ihre Schöpfung, Erzeugung im onthischeni Sinn. Wie findet
Objekterzeugung statt? In der äußeren Erzeugung handelt es sich
immer um Objektveränderungen, um Zusammenbildungen von Ob-
jekten aus gegebenen Objekten, um Bearbeitungen von Objekten,
durch welche aus ihnen andere, unseren Zwecken entsprechende
10 Objekte werden etc. Also immer hhandelt es sich um eini Anders-
werden eines schon Seienden, in einem weitesten Sinn. Also geht die
Willensrichtung aus von schon gegebenen Objekten, sei es unverän-
derten oder selbst schon als verändert bewussten, und im Horizont
liegt eine Veränderung vor bis zu einem gewissen Veränderungsziel.
15 Dabei besagt die Pas si vi tät der Erfahrung vom gegebenen
Objekt oder der gegebenen Objektveränderungen eine gewisse Ge-
bundenheit eben an die „Gegebenheit“. Gewisse Erscheinungen
sind schon da und geben mir das Objekt und hini unvollkomme-
ner Weise, weisen aber durch den Sinn, der ihnen einwohnt, auf
20 gewisse neue Erscheinungsweisen und wieder neue hin, denen ich
frei nachgehen kann und die in aktueller Erfahrung immerfort Iden-
tifikation desselben Objekts als immerfort gegebenem resultieren
lassen.
Bei der Erzeugung einer Veränderung habe ich einer im Vorsatz
25 vorschwebenden Veränderung – die nicht gegebene, sondern vorge-
setzte ist und im Vorsatz in bestimmter Erscheinungsweise (die den
Sinn vorschreibt) vorschwebt – die Thesis des „Es werde“ erteilt, und
damit haben die in der Handlung auftretenden Erscheinungsweisen
einen neuen Charakter, eben den der aus dem Willen entquollenen
30 gemäß dem vorgesetzten Sinn. Bleibe ich im Vorsatz, so hat die
vorgestellte Veränderung die Thesis des Willens (die eine Konti-
nuität von Willensmomenten, von Willensthesen abgewandelter Art
in sich impliziert). Aus dem Vorsatzwillen entquillt eine reproduk-
tive Kontinuität von Willensreproduktionen, die den Charakter von
35 künftigen, aber eben aus dem Willen hervorgequollenen haben, dazu
für jede Phase von Vorgangsphasen – die den Charakter von aus
den künftigen Wollungsphasen hervorgegangenen haben, in der Art,
dass ihr onthischesi Korrelat „künftig Erzeugtes“ bewusstseinsmäßig
text nr. 21 299

ist – künftig Erzeugtes, aber als infolge des jetzigen Entschlusses, des
Wollens dieses Künftigen. Und damit der ganze Vorgang.
Die Art, wie hier die Erscheinungsweisen in ihrer Kontinuität,
die zur Einheit des Sinnes der Veränderung sich zusammenschließen,
5 gesetzt sind, ist wesentlich anders als die Art, wie Änderung von
Erscheinungsweisen bei gegebenen Dingen und Vorgängen statthat.
Einmal histi das Sein und Werden eines Sinnes vorgegeben, das an-
dere Mal Sein und Werden dieses Sinnes willentlich gesetzt.
Es sind hier aber noch genauere Unterschiede zu machen: Eine
10 Bewegung kann erscheinen, so dass ich auf das Erscheinende gerich-
tet bin oder auch nicht darauf gerichtet bin, genauso wie bei jedem
Erscheinenden überhaupt. Speziell etwa bei einer Wahrnehmungser-
scheinung kann ich dem Erscheinenden zugewandt sein; ist es eine Be-
wegung, so kann ich dem Sichbewegenden mit dem „geistigen Blick“
15 der Aufmerksamkeit folgen oder auch nicht. „Ich bin nicht dabei“,
ich weile mit meinem Betrachten, Stellungnehmen dieser oder jener
Art woanders. Hierbei finden wir auch den Unterschied, dass der
„aufmerkende“ Blick durch das Erscheinende hindurchgehen kann
und ihm folgen hkanni, eventuell an ihm die oder jene Teile und Mo-
20 mente herausmerkend und dabei das einheitliche Ganze festhaltend
usw., dass, sage ich, er das tun kann, ohne dass mein Glauben oder
Zweifeln oder Unglauben und sonstige derartige „Aktqualitäten“
mitbeteiligt sind, obschon sie mit da sind.
Ich betrachte ein perzeptiv Erscheinendes in der gewöhnlichen
25 äußeren Wahrnehmung; das Wahrgenommene steht als seiend da,
aber ich bin nicht in besonderer Weise auf das Sein gerichtet, ich
vollziehe nicht in ausgezeichneter Weise den Glauben, ich bin nur
auf das Erscheinende gerichtet. Genauso bei der Betrachtung eines
„Bildes“, z. B. einer gemalten Zentauren-Landschaft, die ich keinen
30 Augenblick für eine Wirklichkeit nehme, oder bei der Betrachtung
einer stereoskopisch erscheinenden Linienpyramide, die ich nicht für
eine wirkliche Sache im wirklichen Raum halte. Ich betrachte derglei-
chen erscheinende Objekte, durchlaufe sie aufmerksam nach ihren
Teilen und Momenten; die Unwirklichkeit, deren ich mir immerfort
35 in gewisser Weise bewusst bin, spielt dabei „keine Rolle“ – nicht so,
wie wenn ich betrachtend aktuell „Stellung nehme“ in einem eigenen
Bewusstsein der Ablehnung der Wirklichkeit, in einem vollzogenen
Nichtigkeitsbewusstsein, in einer vollzogenen Negation.
300 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Bei einem eigenen Stellungnehmen in Form der Position (Seins-


setzung) beobachten wir oft, dass „Gegenmotive“ gegen das Sein
sprechen, dass Charaktere der Zweifelhaftigkeit, der Unstimmigkeit
auftreten. Eventuell aber geht eine Seinsanmutung, ein modifizierter
5 Seinscharakter vorher (auch Soseinsanmutung natürlich). Es fragt
sich aber, ob das notwendig ist, und wieder: Sind das nicht schon voll-
zogene Stellungnahmen? Es ist z. B. klar, dass, wenn ich zweifelhaft
bin in Betreff eines Soseins, etwa, ob das dort im Wald ein Hund
oder ein Wildtier ist, und ich den Blick auf einen anderen sichtbaren
10 Hund wende, der einerseits ein Motiv für mich sein mag, auch das
Erstgesehene für einen Hund zu halten, als auch handererseitsi zu
vollziehen „Das ist ein Hund“, das heißt, ich habe hier nicht wie bei
vielen anderen erscheinenden Dingen den doxischen Charakter ohne
doxische Stellungnahme, sondern hier in diesem Kontrastverhältnis
15 habe ich eine Glaubensstellungnahme, ohne dass bei diesem Objekt
ein Zweifel, ein Gegenmotiv und dgl. aufgetreten wäre.
Habe ich nun eine äußere Erscheinung, so kann ich das Erschei-
nende bloß betrachten, ohne aktuell Stellung zu nehmen. Ich kann es
betrachten und zugleich Stellung nehmen, und tue ich das, so kann
20 der aufmerkende Blick auf dem Sein ruhen. Er kann? Hier ist zu
überlegen: Stellungnehmen ist das Seinssetzen, ist Auf-das-Sein-in-
der-Setzung-Gerichtetsein. Nun kann ich in gewisser Weise aber noch
Stellung nehmen und betrachtend das Erscheinende durchlaufen:
Hier rückt der Blick auf das Sein an die zweite Stelle, primär be-
25 trachte ich bloß das Erscheinende als solches, ebenso wie ich bei der
bewussten Illusion eventuell aktuell gegen das Sein Stellung nehme,
nämlich das Erscheinende verwerfe, aber es durchlaufe, seine Seiten
und Momente hervorhebe, eventuell beschreibe etc.: „Dieses Ding
da, diese rote Linienpyramide etc. ist nicht, existiert nicht.“ Hier
30 achte ich zuerst auf das in bestimmter Erscheinungsweise mit seinem
Erscheinungsgehalt Erscheinende, expliziere und deskribiere es, und
dann hachte ichi auf den ihm in der Ablehnung zuerteilten Nicht-
seinscharakter. Also auf Sein und Nichtsein achten und es beachtend
erfassen ist etwas anderes als Stellungnahme des positiven oder ab-
35 lehnenden Glaubens hzui vollziehen.
Nun sehen wir aber, dass wir bei der „Vorstellungsunterlage“, bei
dem Haben der Erscheinung, zweierlei Möglichkeit haben: Es kann
die Erscheinung erscheinen in diesem oder jenem „qualitativen“, do-
text nr. 21 301

xischen Aktcharakter. Das Erscheinende hat schon einen Charakter


des „seiend“ und dgl., aber einen toten Charakter. Andererseits hhat
das Erscheinendei nicht einen solchen hCharakteri, der selbst ein
Erscheinendes, eine Komponente des Erscheinenden (der Materie)
5 ist, etwas, worauf man bloß „hinsehen“ könnte, worauf man bloß
aufmerken könnte, vielmehr etwas, was man vollziehen muss. Und
dieses Vollziehen ist ein dem Erscheinenden so etwas wie einen
Wertcharakter zuerteilen, es in einem erweiterten Sinn „bewerten“.
In diesem Bewerten ist der Charakter originär da und konstituiert
10 sich der „Satz“, das Erscheinende als Substrat des Seinscharakters.
Und in der Reflexion heißt es dann: Schon vor der „Aktualisierung“
der Stellungnahme (dieser „Bewertung“) war die charakterisierte
Erscheinung bewusst, aber der Charakter war tote Potenzialität (die
darum keineswegs ein leeres Nichts ist), heri war dargeboten und in
15 diesem Sinn gegeben, aber nicht in aktualisierter Weise gegeben.
Also im eigentlichen Sinn vollziehen kann man nur Stellung-
nahmen; die Vorstellungsunterlage aber, die Materie, das Substrat
der Stellungnahme, kann man nicht vollziehen, sondern durch Auf-
merksamkeit beseelen, in die Form der Betrachtung bringen, die
20 den aufmerkenden Blick hineinsendet. Und das Aufmerken auf das
substruierte Erscheinende ist Voraussetzung für den Vollzug der
Stellungnahme, und es heißt, die Stellungnahme hzui modifizieren,
nämlich in den Modus sekundärer Stellungnahme bringen, wenn man
wieder ausschließlich auf das Substrat achtet und sich ausschließlich
25 darin betrachtend betätigt. Es ist nun eine sekundäre Vollzogenheit
gegenüber der bloßen Potenzialität vor jedem Vollzug. Erst wenn sich
der „Satz“ aktuell konstituiert hat als eine fundierte, auf Substrat
und produktiv aktualisierten Charakter gebaute Gegenständlichkeit,
kann hsichi ein aufmerkender Blick auf das „Sein“, auf diese Wer-
30 tungskomponente des Satzes, die den Satz zum Satz macht, richten.1

1 In den Darstellungen über Aufmerksamkeit und Vollzug vorsichtig sein und die

Ausarbeitungen Yo (Januar 1912) hvgl. Husserliana XXXVIII, Text Nr. 4: Richtungen


der Aufmerksamkeit (S. 371)i, Ms, Ax hvgl. zu diesen Signaturen den Textkritischen
Anhang, Husserliana XLIII/4, S. 364 ffi etc. beachten. In Yo tritt hervor, dass im
vollzogenen Akt zu unterscheiden ist, die Richtung des aufmerkenden Blickes auf das
Gegenständliche und die Stellungnahme zu demselben. Und es wird da gehandelt von
einem „bloßen Betrachten“, wo also der aufmerkende Blick auf den Gegenstand geht,
ohne die Stellungnahme zu vollziehen, und das gibt Anlass, den Versuch eines eigenen
302 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Aber nun ist doch zu überlegen, ob da nicht manches zu ändern ist.


Wann ist der Charakter ein bloß toter Charakter? Wann ist er unvoll-
zogener? Wenn ich in normaler Weise wahrnehmend die daseienden
Dinge betrachte, und zwar in der natürlichen explikativen Art, die
5 ich dann mit Worten und Begriffen ausdrücke, also in Aussagen hwiei
„Das Tintenfass steht auf dem Tisch“ usw., so habe ich doch beständig
die Seinsbewertung, die Daseinssetzungen (Gewissheitssetzungen)
vollzogen. Die Aufmerksamkeit und Analyse richtet sich auf das Er-
scheinende, das aber immerfort aktuell Gesetztes ist. Das Tintenfass,
10 das ist gesetzt, aber etwas anderes ist hesi, den aus der Setzung dem
Substrat Tintenfass zuerteilten Charakter in einer neuen Setzung hzui
setzen, also eine neue Objektität, die wieder als seiend bewusst ist, zu
haben und auf ihre Komponente, die Satz-Komponente, den Blick zu
richten. Und dabei ist auch das Substrat, aber nur als Substrat gesetzt.
15 Also zwei Arten der Setzung des Substrats? Einmal ist das Substrat
schlechthin gesetzt, das andere Mal „als Substrat“. Was heißt das?
Einmal setze ich: das Tintenfass! Das andere Mal „das Tintenfass“ –
existiert. Das eine Mal geht der Setzungsstrahl durch das Erschei-
nende hindurch, ohne dass dieses als Erscheinendes zum Objekt
20 wird. Die Setzung wird vollzogen, aber der Setzungswert wird nicht
selbst Objekt, was vielmehr ein neues Bewusstsein voraussetzt. Im
einen Fall aktuelle Setzung mit seinem Substrat-Bewusstsein: Setzung
auf Setzungsmaterie gebaut. Das andere Mal ist dieses Bewusstsein
selbst Unterlage eines anderen Bewusstseins, das in ihm, in seiner
25 reflektiven Modifikation, Substrate für Setzungen findet.
Das sind eben überaus schwierige Verhältnisse, von deren reinli-
cher Beschreibung so viel abhängt und die ich noch nicht voll beherr-
sche.
Wenn ich eine Illusion habe, so kann ich doch, das ist der leitende
30 Gedanke, das erscheinende Objekt betrachten, genau so, als wenn es
für mich da als Wirklichkeit wäre. Ich beschreibe, was da erscheint
und was ich ohne Glauben sehe, ich sage etwa beschreibend: „Es
erscheint, es existiert aber nicht“ oder „Ich glaube daran nicht“.
Zum Beispiel, es erscheint ein Tisch, auf dem Tisch steht ein Tin-
35 tenfass etc., genau so wie jetzt im Bewusstsein der Wirklichkeit, in

Vorstellungsbegriff zu bilden. Überhaupt ist da vieles gesehen, was ich seitdem wenig
benützt habe.
text nr. 21 303

der „normalen“ Wahrnehmung. Die Aussagen sind modifiziert, aber


sie setzen doch etwas. Sie setzen die erscheinenden Sachlagen und
Sachverhalte „als solche“. Was hier gesetzt, beschrieben, als seiend
behandelt ist, ist das „Substrat“, das seinerseits in dem Täuschungsbe-
5 wusstsein selbst als nicht-seiend bewusst, in einer Durchstreichungs-
setzung abgelehnt ist.
Nr. 22

hZ ur Abgrenz ung von Tendenz und Wille.


I s t das Tendi eren ei n Wi l l ensmodus?i1

Anspannung des Willens, Spannung eines Begehrens. (Grad: In-


5 tensität des Begehrens, des Wollens.)
Spannung des Vermutens. („Intensität“ des Vermutens? Vermu-
tende Erwartung?)
Erfüllung des Begehrens, Realisierung in der Handlung.
Spannung der Aufmerksamkeit in einer objektivierenden Inten-
10 tion (der Erwartung z. B.), Erfüllung im Durchlaufen.
Tendenz in der Sphäre der objektivierenden Akte, ferner in den
Gefühlsakten, Gefallen, In-Freude-Zugewendetsein, in den Begeh-
rungsakten, Wollungen.
Vorstellungen vor der Zuwendung, vor der Aufmerksamkeit (Ten-
15 denz, Aufmerksamkeit: Ich gerichtet auf das Objekt).
Gefühls akte vor der „ Zuwendung “ – gemeint ist hier die
Gefühlszuwendung. Die Gefühlszuwendung selbst gleich ein Modus
der Tendenz. Das Ich, „im“ Fühlen hintendierend, angezogen vom
Wertobjekt. Tendenz auf Gefühlserzielung (oder vielmehr Erzielung
20 des Werterfassens in Form der Gemütsevidenz).
B egehr ungen. Frage, ob wir nicht zu trennen haben: Gefühle, die
den Charakter von ästhetischen Gefühlen haben, der Seinscharakter
des Objekts unbeteiligt oder andererseits für das Gemütsverhalten
fundierend der doxische Charakter; die neue Axiose geht durch die-
25 sen Charakter hindurch. Durchstrichenes Sein – „Vorstellung des
Seins“, Hineindenken in Sein – Fliehen oder Begehren des Seins.
Andererseits direkt auf das Durchstrichene hgerichteti: Trauer; auf
das nicht Durchstrichene: Freude. Begehren und Freuen hsindi keine
verschiedenen Grundklassen, aber doch phänomenologisch sehr we-
30 sentlich verschieden. Das „Ich begehre“, „Ich freue mich“, „Ich
fliehe“ etc.: Tendenzen darin. Analoga der Aufmerksamkeit.
Die Haupt sc hwier i gkei t: der Wille. Das praktische Verhalten,
unwillkürlich. Ist jedes Tendieren ein Willensmodus? Und was ist der
eigentliche Wille?

1 Wohl 1913/14. – Anm. der Hrsg.


text nr. 22 305

Ich atme unwillkürlich und ohne „dabei“ zu sein. Ich kann meine
Aufmerksamkeit auf den Vorgang richten, ich atme weiter, die an-
gefangene Atembewegung geht fort. Sie vollzieht sich gemäß einer
Tendenz?
5 Wodurch unterscheidet sich das vom Fall einer „Aufmerksamkeit“
auf den Vorgang? Das ist Tendenz im Vollzug der Wahrnehmung des
Vorgangs. Atmen ist etwas anderes. Besteht hier phänomenologisch
ein Reiz und ein Dem-Reiz-Folgen? Aber ein Reiz objektivierender
Zuwendung ist das nicht. Was wäre das für ein Reiz? Ein praktischer
10 Reiz, es wäre ein unwillkürliches „Tun“, das hier vonstatten ginge.
Und geht die Zuwendung in dieses Tun hinein, wird es vom Ich
„vollzogen“,1 so hätten wir dann ein wollendes (willkürliches) Tun?2
Dann wäre das „fiat“ hier nichts anderes als der Eintritt des Ich
ins B ew us s ts ein, also die Umwandlung desselben in das cogito,
15 und genau dasselbe wie der Einsatzpunkt im Moment der Zuwen-
dung der Aufmerksamkeit auf ein Objekt, das mich zur Betrachtung
„reizt“.
Wie aber in anderen Fällen? Ein bloßes Begehren ist nie ein Wol-
len. Ist es so, dass ein bloßes „fiat“ es zum Wollen macht? Aber wenn
20 die eben beschriebene Auffassung richtig ist, dann ist das fiat nur der

1 Das heißt hier aber nur: Das Ich lebt darin.


2 Sprechen, willkürlich. Willentliche Erzeugung der Worte als bedeutsame Wort-
laute, willentliche Erzeugung derselben als Ausdruck für den mir vor Augen stehen-
den Sachverhalt oder für das von mir Gedachte. Aber auch beim Ansprechen: diese
Erzeugung in der Absicht, dass der andere erfahre, was meine Meinung ist. – Lesen,
willkürlich. Willkürliche Aufnahme der gedruckten Worte, willkürliche Hinwendung
zu den Druckzeilen, zum Verstehen (also willkürliche Blickrichtung durch die Wort-
laute zu den Bedeutungen und die eventuell belegenden Anschauungen). Ebenso
beim willentlichen Hören. – Es treten aber auch unwillkürliche Wortgebilde auf in
der inneren freien Hingabe an Gedankenverläufe. Unwillkürlich kann ich auch lesen
(mein Blick fällt zufällig auf eine Zeile, die ich verstehe) etc. Das Wortlautbewusstsein
entfaltet seine Tendenzen; un w i l l k ü r l i c h gehe ich im Sinn dieser Tendenzen fort.
Dieses Fortgehen ist nicht nur überhaupt ein Vorgang, ein Vorsichgehen, sondern ein
freies Nachgehen, frei folgend (d. h. ungehemmt folgend) der Tendenz (dieses „frei“
eben als ungehemmtes Nachgeben einer Tendenz). Im w i l l k ü r l i c h e n R e d e n u n d
Hören, Lesen ist also ein Wille da, unter dem steht als Gewolltes der Vollzug des
Wortes und Ausdrucks. Und dazu wieder gehört das „frei folgen“, das „Dem-Zug-
der-Worttendenzen-Nachgeben“, das ist hier also Gewolltes. Aber wir müssen immer
scheiden den inszenierenden Willen, der auch fehlen kann, und die Tendenzen, das
ungehemmte Abfließen der Tendenz etc.
306 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

„Vollzugsmodus“ des Willens, das Parallele beim Begehren wäre der


E ins atzpunkt i n der Vol l zugsstel l ung des Begehrens1.
Es muss also schon ein Willensmodus im weiteren Sinn da sein,
damit er die Form des fiat annehmen könnte. Was ist das für ein
5 Willensmodus? Es ist die prakti sche Ei nstellung. Entweder es ist
ein unwillkürliches Handeln, oder es ist eine unwillkürliche Willens-
tendenz, die noch nicht in Handeln übergegangen ist.
Der Wille selbst ist eine Tendenz: frei sich auslebende – oder
gehemmte, gebundene Tendenz. Wie stimmt eins und das andere
10 zusammen? Bald ist das Ich dabei, bald nicht. Auch bei den objekti-
vierenden Intentionen ist bald das Ich dabei, bald nicht. Aber erfüllen
sich objektivierende Intentionen ohne Anteil des Ich, ohne dass das
Ich Erfüllung vollziehendes ist?
Die Erfüllung einer Objektivation ist doch selbst bald eine
15 „tätige“, bald eine „leidende“. Ich betrachte das Objekt, bewege
die Augen etc., oder das Objekt selbst stellt sich mir in verschiedener
Weise dar, es bewegt sich, verändert sich etc. und zeigt mir, was es ist.
Im ersteren Fall habe ich doch selbst wieder tätige Verläufe. Ebenso
ist es in der Erfüllung einer Freude. Ich gehe allem Erfreulichen am
20 Objekt nach, das ist ein tätiger Verlauf. Und ähnlich schließlich auch
im Begehren, wenn ich es als Begehren sättige und nicht in dem
anderen Sinn erfülle, wobei das Begehren sich in entsprechender
aktueller Freude „sättigt“. Überall haben wir tätige Verläufe, die in
Willkürakte umgewandelt sein können. Kann dann also der Wille
25 allen anderen Akten gleichgestellt werden? Wie ist da durchzukom-
men?
Kann man Wollen und Tendieren identifizieren? Dann läge in
jedem Akt ein Wollen. Das Wollen hätte keinen ihm eigentümlichen
Gehalt, es wäre ein allgemeiner Bewusstseinsmodus. Aber wodurch
30 unterscheidet sich dann aktuelles Wahrnehmen vom realisierenden,
inneren oder äußeren Tun?
Auf ein Gegenständliches aufmerken, ein Ding betrachten: Ten-
denz des Übergangs von Erscheinung zu immer neuer Erscheinung,
von Erfassung zu immer neuer Erfassung innerhalb der Serie der
35 Erfüllungen der Wahrnehmung (Einheit des erscheinenden Gegen-

1 des „Ich begehre“: Vollzug ist ein schlechtes Wort.


text nr. 22 307

standes). Andererseits bei der Erzeugung eines Gegenstandes, bei ei-


ner Umwandlung eines wahrgenommenen Gegenstandes: Da liegen
zugrunde Wahrnehmungen und Änderungsvorstellungen des Wahr-
genommenen.
5 „ Vor s atz “- Vors te l l ungen: Solche liegen also in jeder Hand-
lung, mag sie „Umwandlung“ eines äußeren Objekts sein, wozu
Körper-Leib-Bewegung gehört, mag sie in bloßer Leibestätigkeit
bestehen oder in inneren Erzeugnissen.
Nr. 23

hTendenz al s „ Form “ der Akte. Die


Doppel sei ti gkei t der Intentionalität:
Tendenz und Bewusstsei n-von. Die
5 z um inner en Bewusstsei n gehörende
Tendenz gegenüber dem Begehren und
W oll en als Tendi eren auf eine Freude i1

A kt und I ntent ion – Tendenz. In jedem Aktvollzug liegt


eben ein Vollzug, eine Tendenz kommt zur Auslösung. Hat dies eine
10 Bedeutung für die Grundfrage der axiologischen Vernunft?
Jeder Vernunftakt ist eben ein „Akt“. Man möchte nun sagen: Ten-
denz ist Streben, Streben kann vernünftig oder unvernünftig sein, also
haben wir das Allgemeine der Vernunft hiermit bezeichnet. Vernunft
und strebende Vernunft ist einerlei. Urteilen geht dann auf Wahrheit,
15 ästhetisches Gefallen auf Schönheit, Seinswerten, Gutwerten auf Gut,
praktisches Werten auf Vernunfttat, Vernunfthandlung.
Aber fassen wir Streben als so etwas wie Wünschen, Wollen auf,
so gibt es nur eine Art von Werten, die ihm zugeordnet sind, die
Gutwerte. Also da sind große Unklarheiten.
20 Tendenz ist eine Form. Ichtendenzen, Akte. Grundarten von Ak-
ten, unangesehen der Form. Die Tendenz auf Erfüllung und der
Vollzug selbst. Der Vollzug ist ein Tuend-Geschehen.2 Unter allen
Umständen also „tut“ das Ich, indem es Akte vollzieht, und Tun
mag schon Modus einer Tendenz sein, die im Tun sich sättigt. Dieses
25 Tun hat seinen „Inhalt“. In dem waltet abermals eine Tendenz, die
auf Auswertung. Das Tun als Tun ist berechtigt, vernünftig gerichtet,
wenn das Ziel ein richtiges ist. Ich kann das Tun bewerten. Ich kann
es billigen, missbilligen, ich kann es praktisch arretieren, ich kann
dem praktisch beistimmen, es nicht nur vollziehen, sondern billigend
30 vollziehen; dann habe ich neue Akte, neue Tendenzen, neues Tun,
das selbst wieder zu billigen ist, zurückzuhalten, mit Beistimmung zu
vollziehen ist usw.

1 Wohl 1913/14. – Anm. der Hrsg.


2 Der Punkt nach „Geschehen“ wurde später von Husserl in ein Fragezeichen
verändert. – Anm. der Hrsg.
text nr. 23 309

Ist mein Urteil richtig, so ist mein urteilendes Tun als Tun insoweit
richtig. Ist mein Gefallen richtig, so ist mein Tätigsein im Gefallen
richtig (an und für sich betrachtet). Ist mein Wollen, Wünschen, Be-
gehren richtig, so ist das in ihm waltende Tun richtig. Ist das Letztere
5 eine Tautologie? Ich strebe nach Geld, Gut, Ehre, Sittlichkeit etc. Ich
wünsche es, ich mache es zum praktischen Ziel etc. Das Wünschen
ist ein Tendieren, aber ist es nicht selbst ein Tuend-Geschehen? Das
Wünschen geht auf Geld, das Tun geht auf im Vollzug des Wün-
schens. Ich will Geld holen. Der Wille geht auf Geldholen. Ist aber
10 der Vollzug des Willens selbst nicht ein Tuend-Geschehen? Natürlich
nicht eine Handlung, hnichti ein Wollen des Wollens, obschon es das
natürlich auch geben kann. So beim Entschluss, der vorangeht. Mit
anderen Worten, das, was wir Akt nennen, was wir dabei „Tuend-
Geschehen“ nennen, ist nicht selbst wieder ein Akt, als ob jeder
15 Akt ein Akt zweiter Stufe wäre. Und dann nicht so wieder bei die-
sem?
Oder haben wir zu sagen, es sei gegenüberzustellen das Wollen
als Entschluss und das handelnde Wollen? Bei Letzterem ist sicher
einfaches Tun, wobei nicht zu unterscheiden ist zwischen Akt als
20 Tuend-Geschehen und Akt der Handlung. Dieser ist selbst das Tuend-
Geschehen. Entschließe ich mich aber, eine Reise zu machen, so ist
das selbst ein Tuend-Geschehen und natürlich unterschieden von der
Handlung selbst. Jeder Akt, mit Ausnahme des Aktes im Handeln,
ist Tuend-Geschehen mit einem Inhalt, in dem sich ein Urteil kon-
25 stituiert, eine Freude, ein Wunsch etc., d. i. tätig erzeugt. Im Handeln
aber wiederum, nur dass eventuell das tätig Erzeugte als Äußeres
erscheint.
Wenn wir nun bei Akten die „Form“ der Tendenz haben, so ist
doch immer zwischen dem Akt selbst und der Tendenz, die sich
30 im Bewusstseinsdasein des Aktes realisiert, zu unterscheiden. Selbst
wenn in allem Bewusstsein – und notwendig – Tendenzen walten
würden, müssten wir doch unterscheiden: das Tendieren und
die A kte, der en „ In tenti onal i tät “ selbst doch nicht die
I ntentionalit ät ei ner Tendenz i st.
35 Die Idee der Intentionalität ist hier das, was der Klärung bedarf,
und die Doppels eit ig kei t, di e i n i hr auft ritt, darf nicht
ver w ir r en. Das „Intendieren“ wäre, sofern jene Form in Frage
käme, eben ein Tendieren. Dagegen das, was das Charakteristische
310 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

des vorstellenden (glaubenden), fühlenden, wollenden Bewusstseins


ausmacht, das wäre „Bewusstsein-von“.1
Gesetzt, wir dürften Tendenz und Streben identifizieren, was setzt
jedes Streben voraus? Doch eine „Vorstellung“ des Erstrebten. Die
5 Realisierung ist doch eine Erzeugung, also bewusstseinsmäßige Er-
zeugung eines bewusstseinsmäßigen Habens, einer Wahrnehmung, in
dem das Erzeugte nun Gegebenes, als seiend Ausgewiesenes ist.
Haben wir also nicht zu sagen: Wenn ich meine Aufmerksamkeit
auf eine Hintergrundwahrnehmung richte und der Tendenz folgend
10 „den Blick auf den Gegenstand richte“, so realisiere ich die Wahr-
nehmung als Erlebnis im inneren Bewusstsein? Ich erzeuge nicht das
Wahrgenommene (es ist ja schon da und schon wahrgenommen oder
hzuimindest bewusstseinsmäßig charakterisiert als in meiner Umge-
bung hseiendi). Es handelt sich jetzt um die Realisierung der Wahr-
15 nehmung, die hier das Objekt der Tendenz ist. Also in der Realisie-
rung realisierte sich eine „Wahrnehmung“ von dieser Wahrnehmung.
Das wäre hier das innere Bewusstsein von der Wahrnehmung, von
jener mir fehlenden Wahrnehmung. Offenbar gehört also die fragliche
Tendenz zum inneren Bewusstsein und zu dessen Abwandlungen,
20 also zu Vorstellungen, die im Voraus gerichtet sind auf Formen des
inneren Bewusstseins, die zu realisieren sind.
So versteht es sich, warum die Tendenz, die zum inneren Bewusst-
sein gehört, zu der Verwandlung der Erlebnisse selbst in bevorzugte
Erlebnisse, sich nicht stört damit, dass andererseits Erlebnisse selbst
25 Tendenzen sein können. So ist jedes Begehren und Wollen ein Ten-
dieren, Tendieren auf eine Freude aufgrund des Seinsbewusstseins
des Erfreulichen. In gewisser Weise sagen wir: Begehren gehe auf
Sein des Begehrten, und dieses „Gehen“ sei selbst Tendieren. Die
Tendenz geht durch eine Vorstellung, und die Vorstellung zielt hin
30 auf eine setzende Vorstellung. In gewisser Weise zielt dabei aber die
Qualität des Begehrens hin auf die Qualität der Freude.
Wir brauchen hier also eigene Ausdrücke, um das „Tendieren“,
das auf noetischer Seite zwischen der mit dem Charakter des Nicht-
seins oder Vielleicht-Nichtseins qualifizierten Vorstellung und der
35 belief-Vorstellung waltet, in höherer Stufe zwischen Begehrungsqua-

1 Aber ist diese Antwort voll ausreichend? Ja.


text nr. 23 311

lität und Freudenqualität, auszudrücken. Andererseits haben wir


phänomenologische Charaktere, welche die Noemata angehen oder
endlich die Beziehung zwischen Noesis und Noema. Das Begehren
geht auf Sein des Begehrten, strebt es an. Das Begehren ist gerichtet
5 auf das Erfreuliche als solches, auf den Freudenverhalt.
Sollen wi r das Wo rt Tendenz (i ntentio) verwenden für
die B eziehung von Noeti schem zu Noetischem, das Wort
Str eben ( L an gen, Se hnen) aber für die Bezieh ung zwi-
s chen A kt und er st re btem Sachverhalt (Freudenverhalt)?
Nr. 24

Tendenz und Aufm erksam kei t. Im Akt leben.


Das I nter ess e. Vol l zug i ntenti onaler Erlebnisse1

Tendenz auf „Wahrnehmen“, auf Wahrgenommenes als solches


5 (Wahrnehmung als Erscheinung). Tendenz auf Erkenntnis, auf Prä-
dikation.
V om I c h aus gehende Tendenz: Ich vollziehe eine Prädika-
tion. Ich betrachte, ich vollziehe Wahrnehmungen für Wahrnehmun-
gen – ich betrachte das Ding allseitig etc. Ich freue mich an einem
10 Gegenstand, ich betrachte ihn mit Freude, ich durchlaufe ihn nicht
nur in der Wahrnehmung, sondern auch in der Freude: Ich durchlaufe
die Freudenmomente. Also Tendenz auf die Wahrnehmung des Ge-
genstandes besagt Tendenz auf die Seinserfassung, die Erfassung des
Gegenstandes selbst nach allen seinen ihm konstitutiv zugehörigen
15 (gemeinten) Komponenten im intuitiven Glauben.
A ufmer ks amkei t al s Tendenz: nicht nur sinnlich anschau-
liche Aufmerksamkeit, nicht nur intuitiv (im Rahmen schon voll-
zogener Intuition) sich betätigende, sondern Tendenz aufgrund der
Leervorstellung des Gegenstandes, sich erfüllend, sich entspannend
20 in der Kette von immer vollkommener veranschaulichenden Akten,
die einig sind im Identitätsbewusstsein, im Bewusstsein der Einheit
des Gegenstandes.
I n der Gef ühls sph äre: Im Gefallen leben, gefallend zugewen-
det sein, Gefallen vollziehen – Tendenz, die sich im Gefallen ent-
25 spannt, aber auch Tendenz auf neues und immer neues Gefallen als
Gefallen an diesem Gegenstand, den „Gefallensintentionen“ nach-
gehen, den Tendenzen, die von gegenständlichen Komponenten aus-
gehen, die Gefallen „erregen“, aber das Gefallen wirklich ergeben,
nur wenn ich sie zur klaren Anschauung bringe.
30 W üns chen: im Wünschen leben, der Wunsch lebt sich aus, wenn
ich die Vorstellung der erwünschten Sachlage in entsprechender
Weise zur Entfaltung bringe; und „in entsprechender Weise“ das
besagt: Es kommt zutage, was mir daran gefallen würde, wenn es

1 Wohl 1913/14. – Anm. der Hrsg.


text nr. 24 313

wäre; ich denke mich in Klarheit in das Sein ein, habe also das Ge-
genständliche klar im Charakter der supponierten Erfreulichkeit und
hdasi Bewusstsein ihres Nichtseins (oder möglicherweise Nichtseins
etc.), das Bedauern – den Wunsch, das Begehren.1
5 Endlich was das Wo l l en anbelangt: Das Wollen „richtet sich“
auf das Sein des Gegenstandes, in gewisser Weise auf das Erfreu-
liche als solches, in gewisser Weise auf das als Nichtsein bewusste
Gegenständliche, dass es sein möge, dass es praktisch sein solle etc.
W ollen und W ünsc hen. Akte des Strebens. Das Wollen in der
10 Handlung, das Wollen als unklares, das Wollen als von dem unklaren
fiat in Klarheit übergehend in das entsprechende Quasi-Handeln.
Der Übergang von Phase zu Phase im Sinn einer Tendenz. In dem
Fall der Quasi-Handlung (Anschaulichmachung des Willens): Wir
haben Reproduktivität der Handlungstendenz, aber die Folgen der
15 Reproduktionen hsindi selbst von dem Charakter der tendenziösen
Einheit.
Das sind zweier lei Tendenzen: 1) die eine, Tendenz der Klä-
rung des Entschlusses, des Zieles, des Weges etc.; 2) die andere, die
der Handlung einwohnende Form der realisierenden Tendenz, im
20 Modus der Entspannung. Aber wie innig beides verflochten!
Zu allen Akten gehörig: das Sicheinleben in den Akt, wodurch
alles in ihm leer Intendierte zur Klarheit, zu „eigentlichem“ Bewusst-
sein (Eigentlichkeit des Gefallens, Wünschens etc.) kommt. Aber
beim Wollen tritt etwas Neues auf: Einen Entschluss kann ich mir
25 klar machen, aber hauchi ausführen!
Verstehen wir das cogi t o überhaupt nur so, dass dabei der Blick
des Ich auf das Objekt des Aktes geht (ohne in ihm ein Ende haben
zu müssen), dann haben wir zu sagen: Die Form des cogito histi un-
empfindlich dafür, ob das Objekt Selbstgemeintes ist oder als bloßes
30 Zeichen Erfasstes bzw. überhaupt als bloßer Durchgang Bewusstes
ist, wie wenn ich durch eine zufällige Asshoziationi weitergeführt
werde auf ein anderes, was ich nun zum Thema mache. Überhaupt
ferner, ob ich im Vorbeigehen auf etwas achtsam werde, es bemerke,
oder ob ich es zum Thema mache, zum Worüber oder ein Worüber
35 bestimmend etc.

1 Einige Reflexionen. Zur Lehre von den Zeichen, über Tendenzen und Intentionen.
314 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Wir haben dann zu unterscheiden: Aufmerksamkeit oder thema-


tis ches Bewusstsein oder theoretisches Interesse,1 bloße Zuwendung
ohne thematisches Bewusstsein.
Ferner Zuwendung und Erfassung als bloßer Durchgang durch
5 ein anderes und Zuwendung zu einem Terminus, der darum doch kein
Thema sein muss.
1) Zuwendung – Nicht-Zuwendung;
2) Thema – Nicht-Thema (theoretisches Inter-esse: mit der Seele
dabei sein);
10 3) Erfassen eines Zeichens – Erfassen eines Bezeichneten; über-
haupt Erfassen als Mittel, um zu dem Ende, worauf eine Tendenz
geht, zu kommen.2

1 Ist theoretisches Interesse etwas anderes als Tendenz darauf, den Gegenstand der

Zuwendung immer besser zu fassen, ihm näher zu kommen, ihn allseitig zu betrach-
ten, auf ihn bezügliche Denkintentionen, Leerintentionen zu verlebendigen, ihn zu
bestimmen, im Urteilen weiter zu schreiten etc.?
2 1) Bloße Zuwendung – Nicht-Zuwendung; 2) Thema (theoretisches Interesse) –

Nicht-Thema; 3) Erfassen im Durchgang – Zeichen.


Nr. 25

hI st G lauben i n anal ogem Sinn Intention


w ie T endenz u nd Begehren? Das Verhältnis
von Bekräf t ig ung und Erfül l un g. Intention
5 al s Stel lun gnahm e und al s Tendenz i1

Urteil und Frage, Urteil (Glaube) und doxische Modalitäten; des-


gleichen auch Begehrungen, Wollungen: alles unter dem Gesichts-
punkt, ob Glaube in anal ogem Si nn Intention ist, wie Begeh-
r en, Str eben nach etwas Intenti on i st.
10 Ich bin einer Allgemeinheit gewiss, innerhalb dieser Allgemeinheit
schwebe ich aber zwischen Möglichkeiten. Ich postiere hmichi in
einer dieser Möglichkeiten. Ich „überlege“ diese Möglichkeit, ich
frage. Das ist doch: Eine „Intention“ geht durch dieses Möglich-
keitsbewusstsein, eine Tendenz, eine Spannung, die sich entspannt
15 in einer „A ntwor t“, in einer „entsprechenden“ Gewissheit. Die
Frage-Intention gehört also zu den Erkenntnisintentionen: Bedürfnis
der Klarheit bzw. Klärung, der Bestätigung von Erwartungen, der
Näherbestimmung, der Eröffnung neuer Horizonte und immer wie-
der ihre Näherbestimmung, eventuell die Andersbestimmung, die
20 Beseitigung von falschen Auffassungen etc.
I c h vollziehe ei nen G l auben, ich kann auch ein Vermuten
etc. vollziehen. Ich vollziehe Seinserfassungen auf Seinserfassungen,
kathegorialei Akte. „Objektivation“ bestimmt durch Qualität: Glau-
ben, Seinssetzung. In jedem Akt liegen implizite Objektivationen.
25 Jeder Akt lässt sich in einen objektivierenden umwenden. Und jeder
objektivierende Glaube kann eine Tendenz auf Erkenntnis (ein prak-
tisches Hingerichtetsein, heinei Strebung) aufnehmen, ein tendie-
rendes Gerichtetsein auf Erkenntnis. Zum Wesen des Bewusstseins
gehört die ideale Möglichkeit einer Verschiebung der Bewusstseins-
30 struktur, wonach die „Qualifizierungen“ Modifikationen erfahren:
Ich lebe einmal im Gefallen und dann im Glauben des „gefällig“,
einmal im Wollen und Tun, das andere Mal im glaubenden Erfassen
des „gesollt“ und des Werkes usw.

1 Wohl 1913/14. – Anm. der Hrsg.


316 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

K ann man den G la uben i n si ch selbst als eine „ Inten-


tion “ fas s en (analog wie Tendenz, das Willensstreben, den Trieb)
so wie das Gefallen, das Wünschen, das Wollen etc. und das Ableh-
nen, das Widerwollen, das Widerwünschen, das Sich-gegen-etwas-
5 Entscheiden, für das Vermutlichere, gegen das minder Vermutliche?
Wie verhält sich die einstrahlige oder mehrstrahlige Thesis des
Glaubens in der „erfüllenden“ Deckung? Im Fortgang der Thesis der
Erfahrung als Erfahrung vom Dasein eines Gegenstandes bzw. vom
daseienden Gegenstand erfährt die Erfahrungsthesis (in der Einstim-
10 migkeit) eine fortgehende „Bekräftigung“, und zwar betrifft das die
Seinsthesis des identischen Gegenstandes (= X) und die Seinsthesis
des so und so bestimmten, soweit sich die schon gesetzten Bestim-
mungen eben in dem Fortgang durchhalten und erfüllen.
Wir müssen unterscheiden die Thesi s des X und die Thesis
15 der bes timmenden M om ente. Diese können mitgeführt sein,
ohne sich zu bekräftigen, aber auch ohne Aufhebung zu erfahren;
die Seinsthesis bekräftigt sich, aber nicht dieses So-bestimmt-Sein.
Doch davon kann hier abgesehen werden.
In der vielstrahligen „analytischen Synthesis“, der Urteilseinheit:
20 B ekr äftigung durch Rückgang auf die Anschauung, etwa in Form
der Ausweisung des beschreibenden Urteils, oder die Zusammen-
stimmungen einsichtiger Art von Urteilen mit Urteilen und zuletzt
mit Anschauungen.
Wir haben hier also die Phänomene der Bekräftigung, die Steige-
25 rungen der „Erkenntniskraft“, eventuell bis zu einer festen, eventuell
bis zu einer sich verschiebenden Grenze, also eigentlich ohne Grenze.
Und diese Phänomene der Bekräftigung, der Seinsthesisbewährung,
hsindi wesentlich abhängig von Vorkommnissen im Was, in der Ma-
terie (der vollen Materie, dem Was), von den Unterschieden der
30 Fülle und eventuell hvoni manchen in ihr liegenden Steigerungen
und Bereicherungen, was wir beschreiben werden.
Wir haben ferner auch bei den Anm utungen und Vermutun-
gen, ja auch bei den freien Möglichkeiten Steigerungen der Qualität,
in derselben Linie Bekräftigungen. „Es spricht mehr dafür, die Kraft
35 ist größer.“1 Das möglichkeitssetzende Bewusstsein nimmt an Kraft

1 Hier also ganz besonders. Die Rede von Kraft, die größer und kleiner sein kann.

Andererseits Durchstreichung der Kraft, Nicht-Überwiegen.


text nr. 25 317

zu, in der Zunahme an Fülle bereichert es sich an motivierender Kraft.


Das Als-seiend-sich-Anmuten ist gleichsam ein Tendieren gegen das
Glauben hin, und diese Glaubensneigung wird immer stärker, aber
nicht als ein Wünschen, Sehnen, hnicht als eini beliebiges sonstiges
5 Sich-„Neigen“, sondern eben hstärkeri an Motivationskraft, und das
ist eine eigene „ I nten ti on “. Ebenso bei Ablehnung: Die Un-
stimmigkeit kann mehr oder minder klar hervortreten, es kann für
das „nicht“ mehr oder weniger sprechen etc.
Also die Bekräftigung ist nicht zu verwechseln mit der Tendenz
10 auf den Glauben, die im Möglichkeitsbewusstsein liegt oder liegen
mag. Es ist ebenso, wie der Glaube in der Bekräftigung eben „kräf-
tiger“ wird, aber es ist nicht „Lebhaftigkeit der Überzeugung“ im
Sinn einer Gefühlstendenz, wie wenn ich, im Glauben, im Gemüt
Partei nehmend, interessiert bin und nun eine Begehrungs- oder
15 Willenstendenz zum Glauben hin habe. Wenn ich mich vermutend
für eine Möglichkeit gegenüber anderen oder hfüri eine Gruppe von
Möglichkeiten entscheide, so hat auch diese bevorzugende Entschei-
dung eine eventuell wechselnde Kraft. Auch da hgibt esi gewisse
Steigerungsmöglichkeiten, die nichts zu tun haben mit dem Par-
20 teiergreifen des Gefühls und Begehrens und nicht zu verwechseln
hsindi mit den eventuellen „Tendenzen“, die im Phänomen wal-
ten.
Nun nehmen wir aber G em ütsakte mit ihren besonderen quali-
tativen Charakteren. Wir haben hier zu scheiden:
25 1) den Übergang eines Begehrens in die Erfüllung als Befriedi-
gung. Das Begehren als unbefriedigte „Spannung“ entspannt, be-
friedigt sich; hami Ende: Freude am Sein des Begehrten.
2) Andererseits: Auch ein Begehren „bekräftigt“ sich, nämlich ich
mache mir klar, was ich begehre, ich gehe den Begehrungsmotiven
30 nach, und es steigert sich nun etwas ganz anderes, nicht wird das
Begehren darum „leidenschaftlicher“, „heißer“.
3) Das Letztere weist auf eigene Charaktere und Steigerungen hin:
Bei gleichen Motiven und gleicher Klarheitsstufe etc. kann das Be-
gehren heißer und minder heiß sein. Das Begehren „bestätigt sich“,
35 es weist sich aus, aber es sei hier nicht an Urteilen gedacht, etwa gar
an Urteilen über das Recht, sondern an die Steigerung, die eintritt,
wenn ich im Begehren verbleibend übergehe in die Entfaltung der
vordem „verworrenen“ Motivationen, der leer bewussten und nun
318 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

klarer werdenden und dgl. Ebenso beim Sich-Entschließen, dem Sich-


willentlich-Vorsetzen.
4) Ich merke hier aber noch eine Differenz: Eine begehrte Sache
betrachte ich mit Interesse, ich durchlaufe sie betrachtend nach all
5 dem für das Begehren Relevanten und dabei sättigt sich das Be-
gehren als Begehren, es wird innerlich reicher, ohne dass es sich im
gewöhnlichen Sinn irgendwie erfüllte. Im Ganzen gehört das zu 2).
Wir haben hier also in der graduellen Kraft, Bekräftigung, eine
Art von Wesenscharakteren gradueller Art, die wir nicht nur im Glau-
10 bensgebiet finden. Nun können „Wunschintentionen“, „Willensin-
tentionen“ (d. i. Wunschtendenzen, Willenstendenzen oder einfach
praktische hTendenzeni) als Tendenzen auf Klärung, Bekräftigung,
„Auswertung“ gehen. Das ist dann ein Neues. Und wir haben dop-
pelte Steigerungen in eins, eben die der Auswertung und die der
15 Erfüllung dieser Tendenzen.
Glaube, Vermutung, aber auch Gefallen, Wünschen, Wollen sind
„Meinungen“. Intentionale Erlebnisse sind Meinungen oder Erleb-
nisse, die implizite Meinungen sind, d. h. in ein aktuelles cogito,1 in
eine aktuelle „Stellungnahme“ etc. zu verwandeln sind. Meinun-
20 gen: Dazu gehört Bekräftigung, Bewährung, Auswertung.2 Sagen
wir für Meinung „Intention“, so bekräftigt sich eben die Inten-
tion. Zu sagen für „Bekräftigung“, sie „erfüllt“ sich, das supponiert
wohl eigentlich ein Streben, ein Tendieren mithin, das freilich sehr
gewöhnlich ist als theoretisches Interesse oder als praktisch auswer-
25 tendes Interesse. Wir haben also Intenti on als Stellungnahme
und I ntention al s Ten denz, Spannung zu scheiden.
Schließlich noch: Wie steht es mit den Erwartungen? Sind das
Gemütsakte? Natürlich bestehen hier, im Voraus gesagt, auch die
bezeichneten Unterschiede: Eine Erwartung kann sich erfüllen, eine
30 Erwartung kann aber – immerfort bloße Erwartung bleibend (unge-
löste Spannung) – sich klären, dabei bekräftigen, bereichern.3

1 Bei den positionalen Akten!


2 So viele Grundarten von Meinungen (thetischen Qualitäten), so viele Arten der
Bekräftigung.
3 Die Frage ist dann: Gehört zu jedem Stellungnehmen, jedem Leben in einem

positionalen cogito (und parallel in jedem neutralen), eine Tendenz auf Ausleben,
nämlich in Richtung auf die Bekräftigungen und Bewährungen?
Nr. 26

h Die Spannu ng der Erwartung gegenüber


der Spannung der Aufm erksamkeit. Die zur
A uf mer ksam kei t gehörenden Tendenzeni1

5 E r w ar tungen, Spannung der Erwartung. Das die Erwar-


tung Erregende – die Erwartung und ihre „Spannung auf“ das Kom-
mende. Sollen wir sagen: Es ist ein Gefühl der Spannung, ein dem
Künftigen Entgegenstreben oder ein dem Wahrnehmen, Erfahren
vom Künftigen, ein dem Bewusstsein des „Jetzt ist es“, „Es ist wirk-
10 lich“ Sich-entgegen-Sehnen?
E r w ar tung eines Vergangenen. Dass ein Gewesenes eben
wirklich gewesen sei – ich vermute es, glaube es, aber ich suche die
Bestätigung, ich strebe danach, „das Wirklichsein zu konstatieren“.
Aber nicht nur das. Es ist nicht überhaupt der Wunsch, sondern es
15 ist in einem Prozess des In-die-Vergangenheit-Zurückgehens, in ei-
nem Prozess des Nachweisens sich vollziehendes Erwarten, dass sich
die Bestätigung einstellen wird. Also geht auch hier die Erwartung
auf das künftige Eintreten, hier nicht der Sache selbst, sondern der
Nachw eis ung der Sac he.
20 hIsti Erwartung auf Eintreten eines Ereignisses, z. B., dass der
Schuss die Scheibe trifft, ein dem künftigen Eintreten Entgegenlan-
gen? Im Allgemeinen weiß ich nicht und brauche ich gar nicht zu glau-
ben. Ich brauche nicht zu glauben, dass der Schuss ins Schwarze trifft.
Ich bin gespannt, ich bin in Erwartung, „ob er dahinein trifft“, also
25 eine Spannung dis jun kti ver Art. Ich weiß, dass er irgendwohin
geht; ich wünsche nicht nur überhaupt zu wissen, wohin er geht. Ich
bin bei solcher Erwartung nicht in der Einstellung der bloßen Frage,
ob er auf die Scheibe oder nicht auf die Scheibe geht (oder in dem
bloßen „Ungewissheits-, Zweifelsbewusstsein“, ob oder ob hnichti,
30 auf dem Grund des Wissens: eins von beiden). Ich bin gespannt auf
die Entscheidung des Zweifels, und zwar durch das Eintreten des
einen oder anderen.

1 Wohl Anfang 1914. – Anm. der Hrsg.


320 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Ich bin erwartungsmäßig gespannt: Das besagt also nicht bloß,


ich begehre die Entscheidung des Zweifels, der disjunktiven Unge-
wissheit. hEini Wettrennen, der Endkampf zweier Pferde: Ich nehme
für keines Partei, ich bin gespannt, welches siegen wird. Ich kann
5 auch Partei ergreifen für das eine: Ich begehre leidenschaftlich – ich
habe etwa darauf gesetzt – den Sieg des einen. Ich bin gespannt,
ob dieses siegen wird. Die Spannung steigert sich bis zum entschei-
denden Zeitpunkt. Vor dem Rennen: Ich habe schon gesetzt, ich
bin noch nicht gespannt, noch nicht in Erwartung, aber ich begehre.
10 Erst wenn das Rennen los geht, setzt die Spannung ein und steigert
sich. Ist das die Spannung des Begehrens selbst? Ist es ein Modus
des Begehrens? Was liegt vor? Das Bewusstsein, dass der Prozess im
Ablauf ist, in dessen Verlauf oder an dessen Ende sich das Begehren
„entscheidet“, entweder erfüllt oder seine negierende Abweisung
15 erfährt. In diesem Bewusstsein gründet die Spannung. Das Begehren
wird immer leidenschaftlicher.
Aber wenn ich gar nicht interessiert bin daran, dass A siegt?
Ich habe also nicht das Begehren, doch „interessiert“ mich zu er-
fahren, welches siegt, ic h bi n gespannt auf Eintritt der die
20 Ungew is s hei t lös enden Erfahrung. Eben das ist es auch, worauf
ich gespannt bin im anderen Fall, nur dass die Entscheidung, die
Beseitigung der Spannung, die mit der Ungewissheit besteht und
in der entsprechenden Gewissheit ihre Lösung findet, zugleich die
Entscheidung über Erfüllung oder Enttäuschung des Begehrens mit
25 sich führt bzw. begründet.
Ist es aber nicht offenbar ein G efühl, ein Langen – unter den
Begriff des Begehrens fallend – nach dem Eintritt des Endes, damit
nach der Entscheidung der Ungewissheit durch diesen Eintritt, sich
steigernd bis zum Ende und dann in den Modus der Entspannung
30 übergehend? Aber die Entspannung ist doch nicht Freude über das
Eintreten.
Begierde ist es also nicht. Begierde ist koordiniert mit Freude.
Jede Spannung mag irritierend sein, die Lösung bringt Beruhigung,
Erleichterung. Die Spannung der Erwartung mag lästig, unangenehm
35 sein, dann wird die Lösung als angenehm empfunden. Ich kann da-
nach begehren, dass die „unerträgliche“ Spannung endlich vorüber
sei, dass endlich die Entscheidung eintrete, und, wenn sie eintritt,
mich darüber freuen – während doch nicht das Begehrte eingetreten,
text nr. 26 321

die Entscheidung gegen mich gefallen ist. Die Spannung ist also
nicht s elbs t das Begehren, und die „Stärke“ des Begehrens, seine
Leidenschaftlichkeit, ist nicht die Spannung, die eventuell mit dem
Begehren wie in jeder Erwartung von Begehrtem verflochten ist.1
5 Spannung ist also etwas Eigenes.2 Ob man es Gefühl nennt, hängt
davon ab, was man überhaupt Gefühl nennt. Nennt man Gefühl so
etwas wie gefallendes oder missfallendes Stellungnehmen, so ist Span-
nung kein Gefühl. Es is t über haupt kein Stellungnehmen, es
hat keine Unter sc hie de der Posi ti vi tät und Negativität. Ist
10 es so etwas wie ein Zustand der Freude oder Trauer? Aber das auch
nicht. Aus demselben Grund, das sind ja zuständliche Modifikationen
von stellungnehmenden Akten.
N achtr ag: Es handelt sich beim Erwarten nicht bloß um dis-
junktive Ungewis she i ten, ein „ob oder ob hnichti“. Ich kann
15 überzeugt und ganz gewiss sein, dass A eintreten wird, und ich bin
doch in Erwartung des Eintretens. Es genügt mir eben nicht das
Überzeugtsein, ich bin (etwa in Freude oder Leid) „interessiert“
am aktuellen Haben, Erleben des Eingetretenen, es knüpfen sich
daran angenehme oder unangenehme Folgen, ich will das Eingetre-
20 tene benützen etc. Erwartungsspannung ist etwas mich von jetzt in
die Zukunft Ziehendes; die präsumtiven Gefühle, was immer es sei,
motivieren die Spannung. Gespannt bin ich, weil ich am aktuellen
Eintreten „interessiert“ bin. Also in der Gegenwart erregt etwas die
sukzessive Assoziation, weckt die Vorerinnerung mit dem zugehö-
25 rigen Glauben, eventuell mit disjunktiver Unbestimmtheit und dem
„das oder das“. Aber was die Vorerinnerung erregt, ist nicht schon
Erreger der Spannung. Es wird eine Spannung auf das Eintreten des
Vorerinnerten bzw. auf die Entscheidung des Disjunktivums erregt.
Aber was sagt da „Spannung“? Und was sagt sonst „Spannung“?

1 Nota: Ich erwarte den Anfang der Vorstellung. Ich warte dabei auf das Klingelzei-

chen, das dem Anfang vorhergeht. Die Erwartung auf K ist „Durchgang“, vermitteln-
des Stadium, aber nicht selbst zum „eigentlich“ Erwarteten gehörig.
2 Es ist ein Aktmodus, hier der Vorerinnerung. Auch Rückerinnerungen können

in der Form der Tendenz auftreten, wie wenn wir der Erinnerungskette nach bis zur
Gegenwart fortschreiten: gespannt und wartend auf das sich als Erinnerung bestimmt
Einstellende. Ebenso Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung; ebenso Tendenz bei
Gemütsakten. (Tendenz geht im inneren Bewusstsein immer auf Künftiges, auch wenn
ich in der Erinnerung zurückgehe, einer Tendenz folgend.)
322 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Man kann zunächst sagen, ein „Interesse“ am Kommenden, Ein-


tretenden, an der Entscheidung wird erregt, und Interesse kann mei-
nen: A ufmer ksam keit darauf. Ich sehe z. B. in einer gegebenen
Situation voraus, was kommen wird, und bin dem mit „Interesse“,
5 mit Aufmerksamkeit zugewendet. Kann man das schon Erwartung
nennen? In einigen Minuten wird die Sonnenfinsternis eintreten.
Aber das ist nicht ohne weiteres „warten darauf“, es „erwarten“,
dem Fluss der Zeit, etwa dem Ablauf des hinführenden Ereignisses
hingegeben, erwartend dem Kommenden sozusagen die Arme öff-
10 nen, es aufzufangen. In der Erwartung liegt ein Hintendieren auf das
Kommende bzw. auf sein Eintreten.
Das Erwarten des Freundes, sein Eintreten, das kann auch als
Beispiel dienen. Hier freue ich mich auch auf sein Eintreten. Es kann
aber auch ein unangenehmer Mensch sein, ich freue mich nicht darauf,
15 ich begehre es nicht, im Gegenteil. Und doch erwarte ich. Ich bin
aufmerksam auf jeden Schritt, aber auch erwartend tendiert, und das
ist etwas anderes. Diese Erwartung erfüllt sich mit dem Eintreten. Die
Aufmerksamkeit erfüllt sich nicht in dem Sinn wie die Erwartung.
Man spricht von ges pannter Erwartung (wobei notwendig
20 die Aufmerksamkeit auch gespannt ist) und von gespannter Auf-
mer ks amkei t.1 Die Spannung der Erwartung löst sich, nun bin ich
erst recht gespannt aufmerksam auf das Eintretende. Die Spannung
der Aufmerksamkeit: Was sagt das? Und was ist da die Entspannung?
Und was ist das Nicht-Gespanntsein? Ich kann vom Objekt angezo-
25 gen sein, ich bin angespannt, hingezogen, und fest, stark hingezogen.
Ich kann aber weniger stark hingezogen sein, mein Blick haftet nur
lose an dem Gegenstand. Ich kann zu immer neuen Einzelerfassungen
der Momente und Teile mich fortgezogen fühlen, eventuell gewaltsam
hingerissen sein, wie beim Anblick der einfahrenden und dem Hören
30 der gell pfeifenden Lokomotive. Ich vertiefe mich in den Gegenstand,
ich folge dem von ihm ausgehenden „Interesse“, es zieht mich an
immerfort, hdann:i der Zug wird schlaff. Ich bin zwar dem Objekt
zugewendet und mein Blick wird zu ihm gelenkt, aber es hat mich nur

1 Dazu die wichtige Beilage hVI: Zur Spannung und Entspannung bei Erwartung und
Aufmerksamkeit. Die Erwartung als vorerinnernde Aufmerksamkeit. Quasi-Erwartung
und Quasi-Aufmerksamkeit in der Phantasie (S. 328)i.
text nr. 26 323

flüchtig angezogen, es interessiert mich wenig und der Zug anderer


Objekte der Erscheinungssphäre überwiegt.1
V on Seiten des Ob j ekts haben wir das Sich-Aufdrängen, An-
ziehen, In-sich-Hineinziehen; von Sei ten des Ich das Dem-Zug-
5 Folgen, Sich-nicht-nur-Hinwenden, sondern Sich-dem-Zug-Hinge-
ben, Sich-Hineinziehenlassen, Sich-Hineinvertiefen. Dabei verliert
sich das Ich, verschenkt sich an das Objekt, gibt sich hin und lebt ihm
ganz hingegeben, lebt im Betrachten, Explizieren. Wie sehr es sich
hingibt, die Spannung kann immerfort dieselbe bleiben. Freilich, im
10 Nachgeben an irgendein Moment, z. B. Farbe, kann ein Stück Ent-
spannen liegen, aber das Objekt zieht weiter an, es geht der Zug über
auf andere Momente des Objekts, oder dasselbe Moment „bewahrt
seine Anziehungskraft“, es hält mich fest. Ist, wie z. B. wenn wir
einen herrlichen Ton einer Geige hören, die „Schönheit“ des Tones
15 das, was ihn „anziehend macht“, so mag es sein, dass wir uns nicht
satt hören, die Lebendigkeit des Gefühls lässt nicht nach und so auch
nicht der Zug und die Intensität der Hingabe, obschon ich schon ganz
dabei bin, schon hingegeben und nicht erst mich annähernd, von fern
herangezogen.2
20 Betrachten wir mit Interesse3 eine alte Geige, so betrachten wir
die schöne Schnecke, bis wir sie ganz aufgenommen haben, dann den
Rücken usw. Dann prävaliert wieder das Interesse an der Schnecke,
es geht von ihr ein neuer Zug aus. Was die Aufmerksamkeit erregt, ist
hier die edle Form oder der Habitus als Anzeige eines ehrwürdigen
25 Alters und dgl. Die Aufmerksamkeit selbst hat ihre Anspannung, ihre
Grade. Aber handelt es sich um wirklich Analoges mit der Spannung

1 Das sagt: Die Spannung hat Stärkegrade. Aber Stärke und Schwäche der Spannung

besagt nicht Spannung und Nicht-Spannung. Die Grade sind eben Grade der Span-
nung, einer Tendenz. Bilder sind gefährlich. Hier sind verschiedene Gradualitäten, die
das Bild der Spannung bezeichnen kann. Der Fortschritt in der Erzielung (bzw. der
Fortschritt von Noch-nicht-Erzielung zur ersten Erzielung) ist die eine Gradualität. Die
„Intensität des Interesses“, der Aufmerksamkeit, mag sie erzielend sein oder nicht,
histi die andere hGradualitäti.
2 Wir haben aber doch zwei Modi zu unterscheiden: 1) Das sich aufdrängende Objekt

zieht an und ich folge der Zuwendung. 2) Das Objekt hält mich fest; ich bin schon bei
ihm, aber es zieht weiter im Sinn des Festhaltens.
3 Eventuell mit kühlem Interesse: Die erregten Gefühle bleiben außer Spiel. Theo-

retische Tendenz, sich befriedigend im fortschreitenden Anschauen und Explizieren;


ein Fortstreben von Anschauen zu Anschauen.
324 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

der Erwartung und Erfüllung der Erwartung, hmiti Willensentschluss


und Erfüllung, Streben und Erfüllung des Strebens im Vollziehen und
dgl.?1
Man könnte sagen: Es ist ein Mehr oder Minder an Ich-
5 Hingegebenhei t; eine Tendenz auf fortgesetzte Betrachtung liege
auch vor, aber die Tendenz sei zu scheiden von dem, was Spannung der
Aufmerksamkeit soeben hieß. Von dem, was jetzt nicht Aufgemerktes
ist, aber in die Einheit des Aufmerksamkeitsthemas gehört, geht ein
„Reiz“ aus.2 Bin ich auf einen Gegenstand aufmerksam, so zieht
10 er mich zunächst in ungeschiedener Einheit an. Aber diese Einheit
geht in ihre konstituierenden Momente auseinander, sie beginnen
sich abzuheben. Während das eine hMomenti im Blickpunkt ist,
sind die anderen, als zum Gegenstand gehörig, in die intentionale
Einheit desselben thematisch hineingehörig, üben als das ihre Reize,
15 es gehen von ihnen Tendenzen aus.3 Ein vielgliedriger Vorgang oder
Gegenstand, ein lebendiges Bild, ein Gruppentanz: Das Ganze ist
das Thema, jedes Einzelne ist aber nicht im Blickpunkt, und ich kann
nicht sagen, ich bin auf den Tanz nicht aufmerksam, wo ich jetzt
momentan den bestimmten Tänzer im Blickpunkt habe.
20 E inheit des them ati schen Bewusstseins ist ein Sinn von
A ufmer ks am keit, und dazu gehört das Sich-Ausleben desselben in
vereinzelten Schritten, in denen jeweils das Aufmerken sich vollzieht,
und das Vollzogene ist dabei das im Blickpunkt Stehende und in
besonderstem Sinn Aufgemerkte.4
25 So gehören zur Aufmerksamkeit Tendenzen, Ketten von Ten-
denzen. Diese Tendenzen „entspannen“ sich (erzielen), wenn ihnen
nachgegeben wird und die Einzelheit zum Blickpunkt wird, zum
Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber damit entspannt sich nicht die
Aufmerksamkeit in Hinsicht auf ihre Intensität. Die Aufmerksamkeit
30 „lässt nach“, sie wird matt, schlaff, das Objekt zieht nicht mehr an, es

1 „Spannung“ der Aufmerksamkeit und Spannung der Erwartung, Spannung eines

Strebens.
2 So von Seiten des Gegenstandes. Von Seiten des Aktes: Eine Einheit der aufmer-

kenden Intention richtet sich auf die Einheit der Gegenständlichkeit (zwei Stadien:
Sich-ihm-Zuwenden und In-ihm-Leben).
3 Aufmerksamkeit und Explikation.
4 Das Erzielen der von der Sache ausstrahlenden Tendenz.
text nr. 26 325

reizt nicht mehr das Ich zur Hingabe.1 Nun sind all diese Ausdrücke
solche, die wieder an Tendenzen erinnern, aber wie sehr sie nahe
liegen, es handelt sich darum doch um Verschiedenes.
Demgegenüber: Man könnte sagen, zu unterscheiden sei das Auf-
5 fallen des Objekts, der Reiz, den es vor der Zuwendung übt, und
das sei eine Tendenz zum Objekt hin. Ist aber Zuwendung erfolgt,
dann gehe die Tendenz in das Objekt, das schon „erblickt“ ist, hinein.
Und nun wiederhole sich bei vielseitigen und vielgliedrigen Objekten
das Spiel: Ein Moment zieht zu ihm hin und in es hinein, andere
10 Momente fallen auf und ziehen ihrerseits zu ihnen hin. Es sei eigent-
lich eine E inhei t der Tendenz, di e si ch aber in Tendenzen
aus einander spal tet, und die Tendenzen erzielen2 nicht, wenn Zu-
wendung statthat, sondern in der Vertiefung in das Objekt. Vielleicht
ist das richtig. Aber das ist noch nicht ganz klar. Wir scheiden ab: der
15 Tendenz Folge leisten im Gegensatz zum Erleben der Tendenz und
nicht Folge leisten. Dieses Folgeleisten nun hat statt, sowohl durch
Blickzuwendung als durch Vertiefung. Nun aber kann der Prozess
der Vertiefungen mit immer neuen Blickzuwendungen hinsichtlich
der Teile und Momente durch fortgesetzten und nicht geminderten
20 „Reiz“ vom Gegenstand her auf gleichem „Interesseniveau“ bleiben,
oder es kann sich das „Interesse verlieren“ oder stetig schwächen,
sättigen. Die Tendenzen werden „schwach“. Es ist also in Wahrheit
nur zu scheiden zwischen dem Tendi eren der Aufmerksamkeit
und der I ntensi tät des Ten di erens. „Aufmerken“ ist vom Objekt
25 angezogen sein, von Seiten des Ich dem Objekt hingegeben sein =
dem Zug der Tendenz vom Objekt her folgen, und diese Tendenz ist
Tendenz der Betrachtung. Andererseits hat jedes Aufmerken seine
Gradualität: die Stärke des Zuges bzw. der Hingabe; also doch so, wie
ein Drang, ein Streben, seine Gradualität hat.
30 Man sieht, dass diese Tendenzen der Aufmerksamkeit und die Gra-
dualität ihrer Spannungen etwas anders aussehen als Erwartungs-

1 Gradualität in der Intentionalität der Aufmerksamkeit.


2 „erzielen“ ist eine Veränderung für „entspannen“, dazu die Randbemerkung:
„ ‚Entspannen‘ ist eben unklar, zweideutig.“ – Anm. der Hrsg.
326 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

intentionen.1 Erwartung ist keine Tendenz, der das Ich durch Hin-
wendung „Folge leistet“.2 Die Erwartung hat ihre Gradualität der
Spannung. Aber abgesehen von dieser Gradualität hat sie die Ei-
gentümlichkeit, dass sie sich nicht entspannt in der Weise des ihr
5 Folgeleistens (von Seiten des Ich), sondern in der Weise der eigen-
tümlichen „Erfüllung“ der Erwartung, in der Weise des Umschlagens
der Vorerinnerung im Ablauf der Zeit in ein korrelates Phänomen
(aufgrund des Eintretens in der bestimmten Zeitstelle).
So ist auch die Anspannung des Willens ein Phänomen, das seine
10 Gradualität hat. Aber abgesehen von dieser Gradualität haben wir
das Umschlagen der Willensintention in die Willenserfüllung, näm-
lich in die Handlung. Allerdings haben wir dabei ein kontinuierli-
ches Sich-Erfüllen und in jeder Handlungsphase ein Ineinander von
Erfüllung und Intention auf weitere Erfüllung. Ebenso, wenn ein
15 Begehrtes, Erwünschtes eintritt: Auf der einen Seite das Begehren
als Intention, als Spannung (und Intensität), auf der anderen Seite
Erfüllung, aber ablaufende Erfüllung, wobei jede Phase des Eintritts
sozusagen eine Phase des bloß Intendierten erfüllt.3
Geht aber nicht Analogie überall durch? Bei jeder Tendenz haben
20 wir den Modus der unerfüllten Tendenz und das Sich-Erfüllen (hier
bei der Aufmerksamkeit nicht das bloße „Folgeleisten“, hsonderni
auch hdasi Sich-den-Gegenstand-anschaulich-Machen, wenn er eben
noch nicht anschaulich, selbstgegeben ist). Die Analogie sagt aber
nicht, dass Aufmerksamkeit und so überhaupt Tendenz ein Gemüts-
25 phänomen ist. Tendenz, Tendieren, das besagt einen Modus, der bei
verschiedenen Phänomenen auftritt, und im Voraus ist es nicht unsere
Sache, Theorien zu machen, sondern sorgfältig zu beschreiben. Ist
nicht Tendenz ein M odus, der zu allen Grundarten von
A kten gehört?4

1 Falsch. Cf. Beilage zu 4 h= Beilage VI: Zur Spannung und Entspannung bei

Erwartung und Aufmerksamkeit. Die Erwartung als vorerinnernde Aufmerksamkeit.


Quasi-Erwartung und Quasi-Aufmerksamkeit in der Phantasie (S. 328)i.
2 Das besagt aber nicht, dass es etwas grundwesentlich dem obersten Gattungscha-

rakter nach Verschiedenes ist, siehe unten.


3 Wir haben in allen diesen Aktarten zwei korrelate Modi: Spannung als den Voll-

zugsmodus, Erfüllung als Endpunkt = Erzielung.


4 Aber das ist nicht bewiesen.
beilage v 327

Beilage V
hAttentionale Wandlungeni1

Ich will nun gleich die Frage anknüpfen nach den „a t t e n t i o n a l e n


W andl ungen“ im Sinn der Ideen. Wir achteten bisher auf die Eigentüm-
5 lichkeit, dass, wie die Reflexion lehrt, Objekte, die nicht Zuwendungsobjekte
sind, Aufdringlichkeit haben, das Zuwenden erzwingen oder dazu anreizen
können, dass dann das Objekt in der Zuwendung zum Thema werden kann,
dass damit organisierte Tendenzen bezeichnet sind usw. H i n g e g e b e n h e i t
des I c h – A nzie hung v o m O b j e k t, so stellt sich die Sache noematisch
10 und subjektivisch dar.
Aber nun die merkwürdigen Wandlungen der Phänomene hinsichtlich der
„inhaltlichen“ Gegebenheitsweise des Gegenstandes, je nachdem er Hinter-
grund der Bemerksa mkei t u n d A u f m e rk sa m k e i t ist, also außerhalb der
Zuwendung, und je nachdem er primäres Objekt ist, oder nachdem er pri-
15 märes Objekt war, noch festgehaltenes oder im Voraus schon bemerktes, aber
noch nicht zentrales Objekt. Auszuscheiden haben wir zunächst die Wandlun-
gen, die das Aufmerken mit sich bringt: Es ist das Wachstum an inhaltlichem
Reichtum durch Neuhereinkommen von bestimmenden Gedanken etc. Zum
Wesen der Sachlage aber gehört das Sich-Zerteilen des einen thematischen
20 Strahles in einen thematischen Strahlenbüschel, das Auseinandergehen der
Objekteinheit in die Mannigfaltigkeit der Komponenten, die einen Büschel
von Tendenzen erzeugen, allerdings im Nacheinander, Moment für Moment
sich abhebend, aussondernd und Schritt für Schritt Reize für das Aufmerken
entfaltend. Und dem folgen nun die wirklichen Aufmerksamkeitsstrahlen,
25 Strahlen der aktuellen thematischen Erfassungen.
Nun scheint mir aber, dass eben das die a t t e n t i o n a l e n W a n d l u n g e n
sind. Die Deutlichkeit halsi das Für-sich-aufgemerkt- und -bemerkt-Sein.
Schließlich ist die Rede von Strahlen ein Bild. Das Ausgrenzen, das modi-
fiziert den Gehalt des Phänomens, das thematische Auseinandergehen etc.2
30 Man hat nur verschiedene Weisen und Richtungen, was hier wesensmäßig
zusammengehörig vorliegt, zu beschreiben.
Ei nhei t ei nes The ma s – E i n h e i t e i n e r A u f m e r k s a m k e i t. Die
Einheit des Themas bestimmt das Feld der Aufmerksamkeit. Es können
dann aber auch mehrere besonderte Themen abwechseln, das Aufmerken
35 von einem in das andere überspringen: zwei thematische Erlebnisse sich
kreuzen.

1Wohl Anfang 1914. – Anm. der Hrsg.


2Im noematischen Kern zeigen sich eigentümliche Veränderungen des sachlich
Näherkommens, Deutlichwerdens, Klarwerdens.
328 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Beilage VI
hZur Spannung und Entspannung bei
Erwartung und Aufmerksamkeit. Die Erwartung als
vorerinnernde Aufmerksamkeit. Quasi-Erwartung
5 und Quasi-Aufmerksamkeit in der Phantasiei1

Da wollte ich ge spannt e E rw a rt u n g und g e s p a n n t e A u f m e r k s a m -


kei t kontrastieren und dadurch Erwartung und Aufmerksamkeit selbst.
Wir haben dabei zu unterscheiden: Eine gewisse Erwartung ist schon
erregt, eine gewisse Aufmerksamkeit ist schon „erregt“, aber die Erwar-
10 tung wird nicht „vollzogen“, die Aufmerksamkeit wird nicht vollzogen. Der
„Reiz“ des Objekts, des gedachten Sachverhalts etc. wird schon „empfun-
den“, der Zug dahin ist schon da, a b e r i ch f o l g e i h m n i c h t. Ich bin
noch durch anderes „gebunden“, ich bleibe anderem, mich noch „stärker
Anziehendem“ zugewendet.
15 Die Aufmerksamkeit bzw. die Erwartung geht nun in das Vollzugsstadium
über, oder vielmehr: Der betreffende hinblickende oder vorblickende Akt
erhält die Vollzugsform des Hinblickens, des Vorblickens. Das sagt, ich erlebe
nicht nur das perzeptive Gegenstandsbewusstsein, das Vorerinnerungsbe-
wusstsein und erlebe nicht nur Tendenzen, die sozusagen das Ich dem Gegen-
20 stand zuwenden wollen, sondern ich v o l l zi e h e das Gegenstandsbewusstsein
i m Modus de s cog it o (die Stellungnahme), und das Vollziehen bedeu-
tet eine phänomenologische Wandlung, welche sowohl das Gegenstandsbe-
wusstsein selbst als auch die in ihm lebenden Tendenz-Regungen betrifft. Die
Letzteren werden zu Tendenzen, denen „ich folge“. Ich werde so zum Subjekt
25 des cogito. Eine offene Frage ist es, o b j e d e Z u w e n d u n g d e n C h a r a k t e r
ei nes Fol gens hat, eines Folgeleistens, eines, noematisch gesprochen, vom
Objekt ausgehenden „Anziehens“ bzw. hden Charakteri der Tendenz, der
Wandlung, aus dem Modus einer an das Ich appellierenden in den Modus
der vom Ich angenommenen, es betreffenden Tendenz hüberzugeheni.
30 Wir haben also:
1) das Folgeleisten, die Verwandlung der Tendenz in eine „aktuelle In-
tention“, z. B. in einem objektivierenden Bewusstsein lebt eine Tendenz, der
ich folge;
2) die Intention (die in diesem Modus lebendige Tendenz) hat ihre ver-
35 schiedenen Grade der Spannungsstärke (wie sie solche auch schon vorher
übrigens hat);

1 Wohl Anfang 1914. – Beilage zu S. 322. – Anm. der Hrsg.


beilage vi 329

3) die Intention hat, und mit ihr das ganze Gegenstandsbewusstsein der
vollzogenen cogito, ihre Modi der Erzielung,1 und zwar
a) den Modus der Abzielung, ohne jeden Anfang der Erzielung;
b) den Modus der Erzielung, aber nur als unvollkommener, partieller, als
5 eine Erzielung, die immer noch Komponenten der Nicht-Erzielung hat. Das
betrifft die Aufmerksamkeit und die Erwartung in gleicher Weise.
Wenn es nun hieß, die Erwartung entspannt sich schon, aber die Aufmerk-
samkeit ist immerfort in Spannung – und erst recht, wenn das Erwartete
eintritt –, so kann das nur Folgendes sagen: Die Erwartung geht, ihrem
10 Gehalt nach, aus dem Modus der A b zi e l u n g in den der E r z i e l u n g über.
Aber damit ist ihre „Spannung“, genauer gesprochen, damit ist sie selbst
als Tendenz mit ihrem Modus der Hingabe, der Zuwendung, der aktuellen
Intention nicht verschwunden, und natürlich ist damit auch nicht ihre Gra-
dualität verschwunden, die eventuell gleich-intensive Hingabe, Intensität der
15 Hingabe. Vielmehr läuft ja das Ereignis erstmal ab. Und erst wenn es ganz
abgelaufen ist, ist die Erwartung voll erfüllt. Doch bleibt ein Ergebnis da, so
bleibt noch die Hingabe und Spannung etc. Und übrigens, auch wenn nichts
übrig bleibt, so ist die Spannung nicht weg, ja sie ist erst recht unerfüllte
Spannung.
20 Näher besehen ist da Er w a rt u n g gar nichts anderes als v o r e r i n n e r n d e
„ A ufmer ks amke it “. Wie ich auf Gegenwärtiges aufmerksam sein kann,
so auf Vergangenes und Künftiges. Und überall haben wir all die Phänomene,
besonders das der Erzielung, nur dass die Unterlagen wechseln. Auf ein
Ereignis, das schon losgeht, aufmerksam hzui sein, ist nichts anderes als
25 in einer erzielenden Erwartung auf ein „Kommendes“ hzui leben. Hier ist
Aufmerksamsein nicht-erzielendhesi Erwarten.
hNachtrag:i Aufmerksamkeit habe ich da mit Erwartung in eins genom-
men, derart, dass Erwartung nur einen besonderen, durch die zugrunde
liegende Materie bestimmten Fall ausmacht.
30 Er war tung geht aber auf E i n t re t e n, auf das künftige Sein. Also ist auch
Aufmerksamkeit so genommen, dass sie auf Sein geht. Ich bin aufmerksam
auf die Dinge meiner Umgebung. Ich höre mit Aufmerksamkeit auf die
Mitteilungen, die man mir macht usw.
Bin ich auch in Erwartung und bin ich aufmerksam, wenn ich p h a n t a -
35 s i er e? Ich folge dem Zug der Phantasie, nicht bloß der Aufeinanderfolge,
sondern auch im anderen Sinn ihrem Zug. Ich vollziehe Quasi-Erwartungen
und in Hinsicht auf das Phantasie-Gegenwärtige Quasi-Betrachtungen, auf-
merksame Quasi-Erfassungen.

1 Das betrifft den Gehalt des intentionalen Erlebnisses, abgesehen von der „Form“

der Tendenz.
330 zur lehre von der tendenz und ihrer auswirkung

Andererseits ist doch das Angezogensein, die Tendenz mit ihrer Stärke,
ihren verschiedenen Modi n i ch t s b l o ß P h a n t a s i e r t e s, nur dass ich eben
Phantasieerscheinungen wie auch Erinnerungserscheinungen habe. Denn bei
der Erinnerung ist es genauso. Ferner, wenn ich eine Folge von b i l d l i c h e n
5 Dar s tel l ungen, kinemahtographischeni, erlebe und aufmerksam hbini: Ich
erwarte, bin vorgerichtet aufmerksam. Einen Roman lesend bin ich voll
Erwartung, wie ich, ein wissenschaftliches Buch lesend oder eine geogra-
phische Beschreibung, voll Erwartung bin für die kommenden Mitteilungen
von Tatsachen. Erwartung geht auf Kommendes, ein Daraufwarten, Entge-
10 genlangen. Das Kommende muss aber etwas sein, hmussi in der Weise einer
Vorauserinnerung, einer im Voraus vollzogenen, mehr oder minder, eventuell
unbestimmt vollzogenen Setzung gesetzt sein und dann „eintreten“. Dazu
genügt auch Phantasie: Ich erwarte nicht, was ich frei fingiert habe, aber
ich erwarte auch da, was da wohl kommen wird „von selbst“. Im dunklen
15 Gesichtsfeld, ich erwarte die sonderbaren Schlummerbilder, betrachte das
Einzelne eventuell mit Aufmerksamkeit, interessiere mich, wie sie sich ver-
ändern werden.
Es gibt eben ein Phantasiefeld mit Gegebenheiten, Erscheinungsgege-
benheiten (Vorgestelltheiten, so wie sie da Vorgestelltheiten, Erscheinendes
20 als solches, sind), und diese laufen ab in ihrer Zeitfolge, die eine immanente
ist. In der Erinnerung ist es nicht anders, wenn ich eben nur warte, „was
da die Erinnerung bringen wird“. In der Vorerinnerung und der normalen
Erwartung erwarte ich aber, was da „in Wirklichkeit“ kommen wird. Das
Eintreten einer Wirklichkeit. Ebenso Aufmerksamkeit auf Wirkliches: das
25 aufmerksame Wahrnehmen. Aufmerksamkeit auf ficta, auf Schlummerbilder,
auf Phantasieeinfälle, da „betrachte“ ich die Gegebenheiten.
Dagegen wenn ich in der Phantasie lebe, so bin ich quasi aufmerksam,
ich nehme gleichsam wahr etc. Aber der Zug ist dann auch da. Ebenso
wenn ich wachend träume, mich hineinträume, wie ich ein Ereignis erwarte
30 etc., so ist die Spannung der Erwartung – obschon „in der Phantasie“ –
doch auch Spannung. Ist es nicht so, wie die Lust, in die ich mich leben-
dig hineinphantasiere, zwar Phantasielust ist, aber trotz der Modifikation
auch „Lust“ vom selben „Wesen“ ist? Die Quasi-Tendenzen gehören in die
Tendenzsphäre, so die Quasi-Lüste in die Gefühlssphäre. Sie sind also nicht
35 etwa nichts. Natürlich müssen wir uns nicht objektiv vorstellen: Empirisch
gesprochen werden wir wirklich „gezogen“, aber phänomenologisch ist der
Zug ein Zug in der Phantasie, zu