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EDMUND HUSSERL

STUDIEN ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS

TEILBAND II

GEFÜHL UND WERT

TEXTE AUS DEM NACHLASS

(1896-1925)

HERAUSGEGEBEN VON

ULLRICH MELLE
UND

THOMAS VONGEHR
STUDIEN ZUR STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS
TEILBAND II
GEFÜHL UND WERT
HUSSERLIANA
EDMUND HUSSERL
GESAMMELTE WERKE

BAND XLIII/2

STUDIEN
ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS

TEILBAND II
GEFÜHL UND WERT

Texte aus dem Nachlass


(1896–1925)

AUF GRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICHT VOM


HUSSERL-ARCHIV (LEUVEN) UNTER LEITUNG VON

ULLRICH MELLE
EDMUND HUSSERL

STUDIEN
ZUR
STRUKTUR DES BEWUSSTSEINS
TEILBAND II
GEFÜHL UND WERT

Texte aus dem Nachlass


(1896–1925)

HERAUSGEGEBEN
VON

ULLRICH MELLE
UND
THOMAS VONGEHR

123
Edmund Husserl†

Hrsg.
Ullrich Melle Thomas Vongehr
Husserl Archives Husserl Archives
Leuven, Belgien Leuven, Belgien

Husserliana: Edmund Husserl – Gesammelte Werke


ISBN 978-3-030-35925-6 ISBN 978-3-030-35926-3 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3

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INHALT

i
werten und wert. zur wertlehre

§ 1. Sachbestimmtheiten und Wertbestimmtheiten . . . . . . 1


§ 2. Empirische Apperzeption und Gemütsapperzeption. Stehen
Glauben und Gefallen auf einer Stufe? . . . . . . . . . 3
§ 3. Wollen ist keine Wertapperzeption. Die Bewertbarkeit des
Wollens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
§ 4. Gemütsmotivation im Unterschied zur empirisch-assoziati-
ven Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
§ 5. Werten als im Wahrnehmen fundierter Akt. Erfüllung der
Wertmeinung. Unmittelbare und mittelbare Werte . . . . 22
§ 6. Empfinden und apperzeptive Objektivation in Akten des
Wahrnehmens und Gefallens . . . . . . . . . . . . . . 32
§ 7. Das Verhältnis von Freude, Wunsch und Wollen zum Werten.
Die Fundierung des Wollens im Wünschen . . . . . . . . 40

Beilage I. Die Fundierung der Gemütsakte als Gemütsapperzeption


und Gemütsmeinung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

Beilage II. Gibt es spontane Gemütsakte als eine von den theoretisch
bestimmenden Denkakten unterschiedene Klasse von Vernunft-
akten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Beilage III. Das sinnliche Gefühl als immanente Zeiteinheit ist kein
auf den Empfindungsinhalt bezogener Akt . . . . . . . . . . 50
vi inhalt

ii
die von gegenständen ausgehende erregung
von gefühlen gegenüber der auf die
gegenstände hinzielenden wertung. die frage
nach dem gefühlscharakter des wertens

§ 1. Die Intensitätsunterschiede im affizierten Gefühl und im


Gefühlslicht gegenüber den Unterschieden des Wertes. Die
Erregung von Gefühlsakten durch wertcharakterisierte Ob-
jekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
§ 2. Sinnliche Gefühle als Gefühle, deren Erregung kein Wer-
ten des Objekts zugrunde liegt. Ist das Werten ein erregtes
Fühlen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
§ 3. Die Verschmelzung des Empfindungsgefühls mit dem Emp-
findungsinhalt. Der Gefühlston. Die Unterscheidung zwi-
schen der Geschmackslust und der dadurch motivierten
Freude am Haben der Geschmackslust. Der Übergang der
Freude in die frohe Stimmung . . . . . . . . . . . . . 59
§ 4. Das Schwelgen in der Phantasie – die Freude an wissen-
schaftlicher Forschung: Erlebnislust als Voraussetzung der
Freude als wertendes Gefallen. Das wertende Gefallen als
Gefühlsapprehension . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

Beilage IV. Empfindungsgefühl und Gegenstandsgefühl . . . . . 70

iii
die analogie zwischen denkakten und
axiologischen akten. rezeptivität und
spontaneität bei der konstitution
von seins- und wertobjektivitäten

§ 1. Affektion, Auffassung, Zuwendung und schöpferischer Ver-


standesakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
§ 2. Theoretische Zuwendung und Gemütszuwendung . . . . 85
§ 3. Zuwendung als Modus der Lebendigkeit, Erfassung und
Denksetzung. Die Konstitution empirischer und axiologi-
scher Abhängigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
§ 4. Gefühlssinnlichkeit und Intentionalität . . . . . . . . . 92
inhalt vii

iv
die arten der gemütsintentionalität

§ 1. Ding- und Wertapperzeption. Gefühls-, Begehrungs- und


Willenseigenschaften als objektive, apperzipierte Eigen-
schaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
§ 2. Wertapperzeption und Gefühlsapperzeption. Die Frage nach
der Intentionalität der Stimmung . . . . . . . . . . . . 101
§ 3. Das Begehren des Schlechten. Objektiver Wert und hedoni-
scher Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
§ 4. Die Intentionalität des Gefühlsaffekts. Gefühlsausbreitung
und miterregte Gefühle. Objektive und übertragene Gefühle 108

Beilage V. Die Unterscheidung zwischen Affekten und ihren Aus-


strahlungen einerseits und der größeren oder geringeren Leben-
digkeit und Hingabe bei den Gemütsakten andererseits . . . . 115

v
die konstitution der gemütscharaktere

§ 1. Freude aufgrund von Anschauungen und aufgrund von Ur-


teilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
§ 2. Schlichte Wertapperzeption und Stellungnahmen des Ge-
müts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
§ 3. Gefühlszuwendung und Erregungsstrom. Die Gegebenheit
der Gemütscharaktere im Gemütsakt und in der setzenden
Erfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
§ 4. Gemütscharaktere als ontische Charaktere . . . . . . . . 131
§ 5. Subjektive Richtung-auf und Stellungnahme bei den Er-
scheinungen und bei den Gemütscharakteren . . . . . . 134
§ 6. Empirische Apperzeption und Wertapperzeption . . . . . 136
§ 7. Die Empfindungsunterlage der Sondergefühle und der Ein-
heitsform der Gefühle . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
viii inhalt

vi
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von
gefühlen. gefühl als akt und als zustand

§ 1. Über die Beobachtung von Gefühlen. Lektüre von und


Kommentar zu Moritz Geigers Abhandlung in der Lipps-
Festschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
§ 2. Meinendes Vorstellen und meinendes Fühlen . . . . . . 150
§ 3. Thema, Aufmerksamkeit und Interesse in der Sphäre der
Vorstellungen und Gemütsakte . . . . . . . . . . . . . 157
§ 4. Gefallen als Akt und der Affekt der Freude als Zustand . . 165
§ 5. Sinnliche Lust, Genuss, Stimmung und intentionale Wertge-
fühle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
§ 6. Unterschiede und Zusammenhang zwischen Wertbewusst-
sein und intentionalem Freudegefühl . . . . . . . . . . 177

Beilage VI. Wertbewusstsein und Genuss . . . . . . . . . . . . 183

Beilage VII. Das Sich-Aufdrängen eines Objekts als Reiz zur Zu-
wendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188

vii
passivität und aktivität in intellekt und gemüt

§ 1. Das aktive Wahrnehmen . . . . . . . . . . . . . . . . 191


§ 2. Urdoxa und Modalisierung. Die Ichbeteiligung bei der Mo-
dalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
§ 3. Latente Intentionalität, das Wachwerden des Ich und die
Leistung des aktiven Ich . . . . . . . . . . . . . . . . 198
§ 4. Passive Lust und aktives Gefallen. Lust als Gegenstand und
Lust als Wert. Die Aktrichtungen der Intellektion und Emo-
tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
§ 5. Der Bewusstseinsstrom ist durch und durch Objektivation
und Synthesis. Die konstitutive Funktion der Lust . . . . 207

Beilage VIII. Objektivation und wertendes Gefühl . . . . . . . . 210


inhalt ix

Beilage IX. Die notwendige Vorstellungsgrundlage eines Gemüts-


akts. Fundierte Qualifizierungen: Sinnesstrukturen und entspre-
chende Aktschichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214

Beilage X. Die in verschiedenen Stufen gegebenen Vorgegebenhei-


ten für das Werten. Wertung in der Möglichkeit als eine Modalität
des Wertens. Explikation des Wertes in den Gemütsakten . . . 216

Beilage XI. Sachliche und axiotische Affektion. Die Scheidung zwi-


schen Empfindungsdaten und Gefühlsempfindungen in der Sphäre
ursprünglicher Affektion. Wie verhalten sich sinnliche Gefühle
zum Gefallen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218

Beilage XII. Sachen und Werte. Gefühlsbewusstsein als doxisches


Bewusstsein von einem Wert und als Gemütsverhalten zu einem
in einem doxischen Akt gegebenen Gegenstand . . . . . . . . 220

viii
reine werte gegenüber praktischen
werten. die frage nach der
absoluten willenswahrheit

§ 1. Reine Werte und ihre Rangordnungen. Werten als das Erle-


ben reiner Freude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
§ 2. Begehrungswerte als existenziale Werte. Auf reine Schönhei-
ten im rein wertenden Erschauen gerichtete Begehrungen 228
§ 3. Wertung von Wertobjekten als mögliche Begehrungsziele.
Wertung des Wertgenusses. Praktische Werte als Schönheits-
werte einer neuen Stufe. Die Frage nach einer von der Schön-
heitswertung noch zu unterscheidenden Willenswahrheit 231
§ 4. Formale Wertlehre und formale Praxis. Reine absolute Werte
gegenüber individuell relativen praktischen Werten. Der uni-
versale kategorische Wille als ein praktisches Gut . . . . . 233

Beilage XIII. Die Willensrichtigkeit als Schönheitswert. Muss jedes


Wollen auf einen Wert gehen? . . . . . . . . . . . . . . . . 237

Beilage XIV. Hat der Wille im Gerichtetsein auf das praktisch Gute
seine eigene Richtigkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
x inhalt

Beilage XV. Lust und Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240

Beilage XVI. Freude als Modus des Genusses. Freude an der reinen
Idee. Ideenschönheit. Auf Schönes gerichtetes Wollen und Begeh-
ren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241

Beilage XVII. Das Reich der reinen Schönheitswerte als Reich des
Genusses gegenüber den absoluten Gewissenswerten. Das Ver-
nunftgesetz der Wahl des Besten unter dem Erreichbaren gilt nur
für die hedonischen Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242

Beilage XVIII. Ist jede Freude ein Für-wert-Halten und ist jedes
Werten ein positives Gefühl? Ist Werten eine eigene Art der
Stellungnahme? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245

ix
das gefallen am schönen
und der schönheitswert

§ 1. Das nicht durch einen Glauben motivierte, uninteressierte


Gefallen am Schönen gegenüber dem Gefallen am Wesen
als Seienden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
§ 2. Das Schön-Gefallen als inhaltliches Gefallen. Inwieweit ist
ein Glauben Motivationsgrundlage für ein Schön-Gefallen?
Das Gefallen an einem Ding wegen seiner schönen Erschei-
nungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
§ 3. Das Gefallen am Schönen als Gefallen an der Erscheinung
und das Missfallen am Hässlichen als qualitativer Gegensatz.
Schönheitswert als Wert der Erscheinung gegenüber Güter-
wert als Wert des Erscheinenden als Seiendem. Gibt es bloße
Begehrungswerte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

Beilage XIX. Die Selbstgegebenheit des Guten in der Freude am


Dasein gegenüber der Selbstgegebenheit des Schönen in der Freu-
de an der bloßen Erscheinung. Das Schöne, um seiner Schönheit
willen begehrt, wird zum reinen Guten . . . . . . . . . . . . 256
inhalt xi

Beilage XX. Die Selbstgegebenheit eines Schönheitswertes in der


Anschauung des Eigenwesens eines Gegenstandes. Die Fundie-
rung eines Gutwertes in einer Seinsmodalität. Gegenstandswesen
und Erscheinungswesen als das Reich des spezifisch Ästhetischen.
Freude an der Selbsthabe eines Gegenstandes . . . . . . . . . 257

ERGÄNZENDE TEXTE

a
wert und billigung

Nr. 1. Billigung, Wert und Evidenz . . . . . . . . . . . . . . 261

Nr. 2. Wertnehmung und Billigung . . . . . . . . . . . . . . 269


§ 1. Die Frage nach der Konstitution und Erfassung des Wertes 269
§ 2. Durchführung der Analogie zwischen intellektiver und Ge-
mütssphäre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
§ 3. Zwei Arten von Billigungen . . . . . . . . . . . . . . 272
§ 4. Der Doppelsinn des Bewertens . . . . . . . . . . . . . 273

Nr. 3. Das wertkonstituierende Gefühl als zum Gegenstand ge-


hörendes, in seinem Wesen gründendes Gefühl. Die Klarheit
des Gefühls als Analogon der Evidenz . . . . . . . . . . 276

Nr. 4. Erfüllt sich der Wunsch in der Freude? Das doppelte


Gerichtetsein des Wunsches auf Befriedigung und auf ein
wahrhaft Gutes. Der Doppelsinn von Erfüllung: Auswertung
und Befriedigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287

Nr. 5. Konvenienz der Gemütsakte . . . . . . . . . . . . . . 293

Nr. 6. Ästhetische Wertung: Schönheit aufgrund des perzeptio-


nalen Inhalts und Schönheit aufgrund der Darstellung . . 297

Nr. 7. Wertverhalte und die Objektivität der Werturteile . . . 307

Nr. 8. Billigung als sekundäres Gefühl auf Richtigkeit gehend.


Doppelsinn des Billigens und Wertens . . . . . . . . . . . 313
xii inhalt

b
intellekt und gemüt. sind gemütsakte
objektivierende akte? – gemütsakte
und ihre beziehung auf objekte

Nr. 9. Die verschiedenen Bewusstseinssphären und die allgemei-


nen, alle Sphären betreffenden Bewusstseinsformen . . . . 321

Nr. 10. Wunsch und Wunschverhalt. Wunschaussagen als unmit-


telbarer Ausdruck von Wünschen. Freude, Lust und Wün-
schen in ihrem Verhältnis zum Werten. Wert und Sollen . . 324

Nr. 11. Das Gefallen (Freude) als Zustand. Seine Erregung


durch ein phantasiertes Objekt oder eine Tatsache. Doxische
Prädikate der propositionalen Materie gegenüber Gemütsprä-
dikaten als Prädikaten von Tatsachen . . . . . . . . . . . 330

Nr. 12. Intellektive und emotionale Akte: Unterschiede in der


Art der Intentionalität und der Fundierung. Sinnengegen-
stände und Gefühlsgegenstände . . . . . . . . . . . . . . 332

Nr. 13. Haben Gefühlsprädikate bloß subjektive Geltung, indem


die Gefühlsakte objektiviert und dem erscheinenden Gegen-
stand zugedeutet werden? . . . . . . . . . . . . . . . . . 339

Nr. 14. Die wesentliche Verschiedenheit zwischen Gemütsakten


und objektivierenden Akten in der Weise der gegenständli-
chen Beziehung. Meinen als Doxa und Meinen als Hinwen-
dung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341

Nr. 15. Gefühlscharakter und Wertprädikat. Entspricht jeder


Aktart eine bestimmte Charakterisierung ihrer Gegenstände? 346

Nr. 16. Seinsobjektivation und Wertobjektivation. Gehören


Wertprädikate zum Wesen des Dinges? . . . . . . . . . . . 350

Nr. 17. Die Rede von Färbung bei Gemüts- und Wunschakten. Ist
die gegenständliche Beziehung der Gemüts- und Wunschakte
keine echte Objektivation? . . . . . . . . . . . . . . . . . 361
inhalt xiii

Nr. 18. Die Unterschiede in der Fundierung von prädikativen Ak-


ten und von Gemütsakten . . . . . . . . . . . . . . . . . 365

Nr. 19. In welchem Sinn alle Akte eine Vorstellung zur Grund-
lage haben. Seinswertungen und Gemütswertungen. Nochma-
liges Überdenken der Darstellung in den Logischen Unter-
suchungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369

Nr. 20. Sinnliches und wertendes Bewusstsein gegenüber dem


Verstand als logisches Vermögen . . . . . . . . . . . . . 378

Nr. 21. Intellekt und Gemüt. Die Unterscheidung zwischen nie-


deren und höheren Bewusstseinsstufen. Empirische Funktion
und Wertungsfunktion. Das Meinen als das eigentliche Ob-
jektivieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380

Beilage XXI. Die Vieldeutigkeit des Begriffs Meinung . . . . . . 387

Beilage XXII. Affektion, blinde Funktion und Spontaneität in Ver-


stand, Gemüt und Wille . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388

Nr. 22. Resultate: Vorstellungsapperzeption und Gemütsapper-


zeption. Verstandesobjektivation und Gemütsobjektivation 392

c
zur phänomenologie des fühlens,
begehrens und wünschens

Nr. 23. Einige Grundpunkte zur Lehre vom Gefühl. Empfin-


dungslust und Gefallensapperzeption. Direktes und indirek-
tes Gefallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395

Nr. 24. Sachanschaulichkeit und Wertanschaulichkeit . . . . . 406


§ 1. Das Sich-Sättigen einer mittelbaren in einer unmittelbaren
Lust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406
§ 2. Die Unterscheidung zwischen urteilender Werterkenntnis
und fühlendem Werthalten . . . . . . . . . . . . . . . 407
§ 3. Die Sättigungsunterschiede in der emprischen Wahrneh-
mung und in der Wertnehmung . . . . . . . . . . . . . 408
xiv inhalt

§ 4. Die Bedeutung der Sättigung für das Wünschen und Begeh-


ren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414

Nr. 25. Willenswerte, die nicht durch bloße Gefallenswerte be-


stimmt sind: Der höhere Wert des Wollens des fremden Gutes 417

Nr. 26. Die Frage nach der Vorstellungsgrundlage des Wun-


sches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419

Nr. 27. Die mit der dinglichen Apperzeption Hand in Hand ge-
hende Gefühlsapperzeption: Es bedarf keiner von den Emp-
findungen unterschiedenen Gefühlsempfindungen . . . . . 420

Nr. 28. Das Genießen als Wahrnehmung des Gefallenswertes.


Der Unterschied zwischen direktem und indirektem Gefal-
len. Mängel der Fülle in der Freude als Anlass für Wünsche 421

Nr. 29. Worin besteht der Unterschied zwischen existenzialen


und nicht-existenzialen Gefühlen? . . . . . . . . . . . . 423

Nr. 30. Die Bestimmung der Gefühlsmodi durch die Modi des im-
pressionalen Aktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425

Nr. 31. Der Unterschied zwischen Empfindungsgefühl, Inhalts-


gefühl und Gegenstandsgefühl . . . . . . . . . . . . . . 427

Nr. 32. Die Fundierung eines Gefallens in der Materie der Vor-
stellung. Die Bestimmung des Charakters des Gefallens und
Begehrens durch die Setzungscharaktere . . . . . . . . . 433

Nr. 33. Vollkommenheitsgrade der Sättigung eines Wunsches


und die der unterschiedlichen Höhe des Genusswertes ent-
sprechenden Grade der erfüllenden Freude . . . . . . . . 436

Nr. 34. Unterschiede der Reinheit und Unreinheit der Gefühle.


Der Charakter der Gefühle fundiert in den Gewissheitsmodi
und den Modi der Anschaulichkeit der unterliegenden Vor-
stellung. Die Wesensbeziehung von Wunsch und Freude . . 439
inhalt xv

Nr. 35. Wertsteigerung, Bevorzugung und Intensitätsunter-


schiede bei Lust und Unlust . . . . . . . . . . . . . . . . 443

Nr. 36. Das Gefallen des Besseren. Das Vorziehen als Gefallen
zweiter Stufe. Sinnliche und ästhetische Werte . . . . . . 445

Nr. 37. Das Vorziehen als ein in Gefallensakten fundierter be-


ziehender Akt. Ist das Vorziehen ein Gemütsakt? . . . . . . 448

Nr. 38. Eigentliche und uneigentliche Gefühle. Das Vorziehen


aufgrund uneigentlicher Vorstellung und Wertung. Vorzie-
hen im Gefallen und Wünschen. Das Problem der als richtig
charakterisierten Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449

Nr. 39. Freude an eigenem und fremdem Schmerz. Neid als


Schmerz über die Freuden eines anderen . . . . . . . . . . 461

Nr. 40. Das Gefallen in der Phantasie und unter Assumtion. Das
ästhetische Gefallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463

Nr. 41. Wirkliche Gemütserlebnisse in der Phantasie. Freude an


der Phantasie. Phantasiewirklichkeit als Einheit der Kon-
sequenz von Verstandes- und Gemütsapperzeptionen in der
Phantasie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 468

Nr. 42. Die Frage nach der Entstehung des Unlustgefühls des
Mangels in Auseinandersetzung mit Hermann Schwarz . . . 474

Nr. 43. Gründet sich das Wünschen auf ein assumtives Gefallen? 478

Nr. 44. Triebgefühl, Gefühl des Mangels, Begehren und


Wunsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482

Nr. 45. Wünschen und Begehren. Die fundierenden Akte des


Wünschens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491
§ 1. Die notwendigen Zusammenhänge zwischen intellektiven
Stellungnahmen, Gemütsakten und dem Wünschen . . . . 491
§ 2. Die Bezogenheit des Wunsches auf eine aktuelle Glückslage 495
§ 3. Wünschen als Vermissen und als Begehren . . . . . . . . 500
xvi inhalt

d
schönwert und gutwert.
wertkonstitution und gefühl

Nr. 46. Das Sich-Verlieben als innere Entscheidung aus den Tie-
fen des Ich. Aktives Gefallen und Wertapperzeption. Die Ent-
scheidung für einen Vernunftwert . . . . . . . . . . . . . 507

Nr. 47. Genuss und Habe. Sinnliche und geistige Werte und Gü-
ter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513
§ 1. Sinnliche Lust und Genuss an lustbringenden Gegenständen.
Die Verfügungsfreiheit über einen Gegenstand hinsichtlich
der Realisierung seiner Lusteigenschaft. Gemeingüter . . 513
§ 2. Die kallistische Apperzeption. Die Eröffnung einer Region
von Sonderschönheiten durch ein künstlerisches Problem.
Das Verlangen nach neuen Problemen und neuen Typen
von Schönheit. Schönheit als eine Idee ist eine Sphäre der
Vernunft und des schöpferischen Handelns . . . . . . . . 516

Nr. 48. Schönheit als der allgemeine Wertbegriff. Wahrheit als


eine Sphäre von Schönheiten. Das von der Wissensfreude ge-
leitete Vernunftstreben gegenüber der bloßen Tendenz auf
Erfüllung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520

Nr. 49. Das wertende Gefallen als Wertapperzeption gegenüber


der durch den gewerteten Gegenstand erregten sinnlichen
Lust und ihrer sinnlichen Resonanz . . . . . . . . . . . . 522

Nr. 50. Der doppelte Sinn, in dem Gegenstand Wert hat: als Wert
in sich habend und als mittelbaren Wert habend wegen der
möglichen Realisierung der wertgründenden Momente. Gut
und Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 524

Nr. 51. Werten, Fühlen und Begehren. Schönwerten und Gut-


werten. Gutwerten, ohne sich am Gut zu freuen . . . . . . 527

Nr. 52. Werterfassung trotz Hemmung des Gefühls . . . . . . 530


inhalt xvii

Nr. 53. Die originale Konstitution des Wertes im originalen Akt


des Wertnehmens. Originalbewusstsein und Evidenz. Die Ver-
gegenwärtigungsmodifikation der Wertimpression als origina-
ler Grund für die Erfassung der Möglichkeit eines konkreten
Wertes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 532

Nr. 54. Das Schöne als ideal identischer „Schein“ in Impression


und Phantasie. Die realisierende Objektivierung des Schönen
macht es zu einem geistig bedeutsamen Realen . . . . . . . 534

Nr. 55. Freude in ihrem Verhältnis zu Wunsch und Wille. Die


Frage nach den Aktklassen und ihrer Einheit . . . . . . . 536

Nr. 56. Zu den Äquivokationen des Wortes Wert . . . . . . . . 538

Nr. 57. Gefühl und Wertkonstitution. Das Problem der Ge-


fühlsqualitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 540
§ 1. Das Genießen als originäre Wertgegebenheit und seine Mo-
dalitäten. Antizipationen des Gefühls: das Fühlen als Be-
wusstsein-von. Ist der konkrete Wert ein reines Vorstellungs-
gebilde und ist das Ich nur als gewahrendes aktiv? . . . . 540
§ 2. Die Frage nach den Gefühlsqualitäten . . . . . . . . . . 544

Nr. 58. Die Wertapperzeption als Konstitution des vorgegebenen


Wertgegenstandes. Das Verhältnis von Aktivität und Passivi-
tät bei der Wertkonstitution. Unterschiedliche Wertschich-
ten. Das Auswerten als Leistung des Intellekts gegenüber
den Gefühlsbegründungen . . . . . . . . . . . . . . . . 547

Nr. 59. Sachliche und axiologische Eigenschaften . . . . . . . 550

Nr. 60. Wertprädikate als nicht-relationelle Prädikate. Der


Unterschied der Wertprädikate von den doxischen Modali-
täten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551
I. WERTEN UND WERT. ZUR WERTLEHRE1

h§ 1. Sachbestimmtheiten und Wertbestimmtheiteni

Sind im Wert en die Werte G egens tände? Wie z. B. im Ge-


fallen: Ist im Gefallen selbst der Wert, das Gefällige als solches, nicht
5 Gegenstand? Man wird sagen: Das Gefallen selbst objektiviert nicht,
nur Vorstellungen und Urteile, die objektivierenden Akte, objekti-
vieren.2 Nun gut, eine Objektivation muss zugrunde liegen, und das
anderweitig schon Objektivierte (das, was gefällt) steht im Gefallen
als gefällig da, steht als schön und gut da. Aber im Gefallen allein?
10 Was sind „schön“ und „gut“? Prädikate! Muss da also nicht weitere
Objektivation konkurrieren?
Was besagen diese Prädikate? Etwa: „Das Gefallen gehört
zur Sache“? Aber ist das Objekt, das als schön dasteht, damit auf
das Gefallen bezogen? Wenn das Objekt als schön dasteht, so hat es
15 damit doch nicht die relative Eigenschaft, es sei etwas mir Gefallendes
(mir oder irgendjemand) oder Gefallen-Sollendes. Wenn ein roter
Gegenstand dasteht, so steht er eben als rot da und nicht etwa als der
Gegenstand, der von mir oder irgendjemand als rot aufgefasst und
beurteilt werden soll.
20 Andererseits, wenn wir sagen, die Röte ist eine Eigenschaft des
Objekts, und wieder, die Schönheit sei eine Eigenschaft des Objekts,
so ist doch klar, dass das grundversc hiedene „ Eigenschaften “
sind. Man wird etwa sagen, die eine gehöre zu den theoretischen

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2 Das kann nur heißen, nur Erfassen, prädikativ Setzen, als Subjekt Setzen etc.
„objektiviert“. Das ist natürlich kein Gefallen. Bin ich nun gefallend einem Gegen-
stand „zugewendet“ – was heißt das? Der Gegenstand ist objektiviert in dem Sinn
von gesetzt (Objekt der Zuwendung und Setzung), und vermöge des Gefallens ist ein
Neues am Gegenstand konstituiert, aber nicht erfasst, gesetzt. Es bedarf einer neuen
Zuwendung. Das Gefallen konstituiert, aber setzt nicht.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 1


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_1
2 werten und wert. zur wertlehre

E igens c haft en (rein sachliche, reale im weitesten Sinn), die andere


zu den W er tei gensc haften.1
Was klärt aber diesen Begriff von „theoretisch“? Wir nennen ein
Ding schön, aber auch eine Theorie schön, das Verhalten eines Men-
5 schen, seine Gefühle, seine Entschlüsse etc. schön, gut etc. „Schön“,
„gut“ ist ein Gegenstand. Der Gegenstand aber „ist, was er ist“,
zunächst unabhängig vom Schönsein, Gutsein etc. Das Wertprädikat
setzt einen Gegenstand, einen vollen Gegenstand voraus. Auch vom
Werten können wir sagen, es setze schon den Gegenstand voraus,
10 auf den es sich beziehe, das heißt, es ist fundiert in einem Vorstellen,
in einem anderweitigen, einem „objektivierenden“ Akt.2 Eventu-
ell kann in diesem unterliegenden Objektivieren schon ein Werten
beteiligt sein. Dann setzt dieses wieder ein anderes unterliegendes
Objektivieren voraus. Zuletzt kommen wir notwendig auf „bloße
15 Objektivationen“3 als fundierende Akte, die nichts von Wertungen
in sich schließen. Als Beispiele könnten etwa bevorzugende Akte die-
nen bzw. Bevorzugungsprädikate. Das Prädikat „besser“, „schöner
als“, setzt schon hdasi als schön und gut Gewertete voraus. Dies sind
aber zunächst, abgesehen von dem Wert, Gegenstände.
20 Jedenfalls also: Erst ein Gegenstand und dann ein Gefallen daran
und mit diesem erst sich konstituierend das Prädikat gefällig, Wert
des Gegenstandes. Dieser Wert ist nicht etwas für sich, vielmehr
„durch“ das Gefallen konstituiert sich ein erweiterter Gegenstand,
der Gegenstand, der nun das Wertprädikat hat, in sich schließt. Mit
25 Beziehung auf ein neues Werten hat er dann wieder neue Prädikate
etc. Wir unterscheiden Eigenschaften eines Gegenstandes, die ihm
„von vornherein“ zukommen, und solche, die ihm „erst durch das
Werten“ zukommen, erst vermöge des Gemüts zuwachsen.
Aber was soll diese Unterscheidung, da doch die Werte dem Ge-
30 genstand objektiv zukommen sollen, ob ich oder jemand ihn wertet
oder nicht?

1 Dieser Gegensatz kann aber nicht parallel laufen dem von Intellekt und Gemüt.

Denn offenbar stehen Prädikate wie „wahr“, „wahrscheinlich“, „fraglich“ etc. den
Prädikaten „gut“, „schön“ vollkommen parallel.
2 hFundiert ini einem sachvorstellenden Akt, besser hini einer Apperzeption. Ob-

jektivierender Akt ist zweideutig.


3 Bloße empirische Apperzeptionen.
werten und wert. zur wertlehre 3

Es kann hier also nichts weiter gesagt sein als eben dies: Wert-
prädikate sind prinzipiell verschieden von allen anderen Prädikaten.
Was Gegenstände si nd (an und für sich oder in Relation zu anderen
Gegenständen) und was Gegenstände wert sind (welche Wertprädi-
5 kate ihnen zukommen), das ist zweierlei: Sein der Gegenstände und
W er ts ein der Gegenstände.1
Gegenstände konstituieren sich als das, was sie sind und „vor“
allem Wertsein sind, durch den Verstand. Sie konstituieren sich hin-
sichtlich ihrer Wertbestimmtheiten durch das Gemüt. Wert kann
10 nichts sein, das nicht schon abgesehen vom Wert ist. Ein Gegenstand
hat seine Natur, und erst durch diese Natur hat er Wert. Was liegt nun
hinter all dem, und wie histi es tiefer zu klären?

h§ 2. Empirische Apperzeption und Gemütsapperzeption.


Stehen Glauben und Gefallen auf einer Stufe?i

15 Auf Gegenstände überhaupt, auf Gegenstände, sofern sie über-


haupt sind und irgendwelche Prädikate haben, bezieht sich in reiner
Allgemeinheit die formale Logik als formale Gegenstandslehre (bzw.
Geltungslehre von Bedeutungen).
Betrachten wir nun individuelle Gegenstände. Individuelle Ge-
20 genstände können (I) ousiologisch bestimmt werden, sie sind ousio-
logische Einheiten und haben als solche in einem allerweitesten Sinn
eine Natur, ein Sein im Sinn einer οŽσÝα. Andererseits (II) können
sie axiologisch bestimmt werden und haben als so bestimmte einen
Wert.2 Dabei ist in gewisser Weise der Wert in der Natur und nicht
25 die Natur im Wert fundiert.
I) Betrachten wir die Konstitution der Gegenstände hinsichtlich
ihrer Natur oder die Gegenstände als Naturgegenstände im weitesten
Sinn, in Abstraktion von dem auf ihre Natur erst bezogenen Wert, so
heißen die Naturgegenstände Gegenstände der Erfahrung, Gegen-
30 stände der „sinnlichen Wahrnehmung“, der Erinnerung, der Erwar-

1 Das alles ist richtig, und doch sind es gefährliche Reden.


2 Das ist 1) eine relative Unterscheidung, 2) eine absolute. Im letzteren Fall schließen
wir unter dem Titel Natur alle Wertbestimmungen aus.
4 werten und wert. zur wertlehre

tung, der immanenten oder transienten. Als Erfahrungsgegenstände


haben sie ihre Zeit, nämlich ihre Dauer, verändern sich oder bleiben
unverändert, und die Gegenstände als zeitliche konstituieren sich
in der „ursprünglichen Assoziation“. Wofern sie transiente Gegen-
5 stände sind, konstituieren hsiei sich durch andersartige assoziative
Intentionen und assoziative Motivationszusammenhänge zwischen
ihnen. Darauf gründet sich das bestimmende Denken, das die Ge-
genstände zu Gegenständen der Natur im engeren Sinn mit der
objektiven Naturzeit, dem Raum, den kausalen Eigenschaften etc.
10 objektiviert. Die Einheit der Naturgegenstände im speziellen Sinn
hält sich durch in zusammenhängender Wahrnehmung, indem die in-
tentionalen Komponenten der Wahrnehmung sich im Fortgang kon-
tinuierlicher Wahrnehmung erfüllen, bestätigen, bekräftigen, immer-
fort in schlichter vereinheitlichender Weise. Das zu erforschen ist
15 Sache der Theorie der Erfahrung als Theorie der Konstitution der
Erfahrungseinheiten und der Bestimmung dieser Einheiten in Form
der Naturwissenschaft (der physischen und psychophysischen).
II) Was die Konstitution der axiologischen Gegenstände, der axio-
logischen Bestimmtheiten erfahrungsmäßig konstituierter Gegen-
20 stände anlangt, so entspricht der Erfahrung nun die Erwertung;
wie in der sinnlich schlichten Erfahrung der Gegenstand als Natur-
objekt erscheint, so erscheint in der Erwertung der Wert, bzw. es
erscheint in der sich auf Erfahrung phanseologisch bauenden Wer-
tung der natürliche Gegenstand in seinem Wert. Wir könnten auch
25 sagen, der W ahrnehm ung entspricht die Wertnehmung als der
unmittelbar konstituierende und gleichsam gebende Akt.
Die „Werterscheinung“ ist nicht Erscheinung im empirischen Sinn
der „sinnlichen“ Erscheinung. Die Einheit der sinnlichen Intentio-
nen in der empirischen Erscheinung und die Einheit der empiri-
30 schen Erscheinung im empirischen Wahrnehmungszusammenhang
ist charakterisiert als „assoziativer“ Motivationszusammenhang, die
Intentionen sind assoziative Intentionen und erfahren die ihnen ei-
gentümliche Sättigung.
Wenn aufgrund einer Erscheinung (einer empirischen, sensatio-
35 nellen), in der das empirische Objekt „dasteht“, sich ein Wertsein
konstituiert, so ist das Konstituierende und Einheitgebende für den
Wert keine sensationelle, empirische Apperzeption, keine „assozia-
tive“ Auffassung. Wir haben hier nicht bloß Komplexe von Erfah-
werten und wert. zur wertlehre 5

rungsintentionen mit „Hin- und Rückweisen“ und heini sich im Sinn


dieser Intentionen Sättigen, sättigende Vereinheitlichungen etc., son-
dern hier treten eigene Wertapperzeptionen auf. Den empirischen
Empfindungen entsprechen Gefühlsempfindungen.
5 Man darf sich die Sache aber nicht so denken, dass den empirischen
Empfindungen nur Gefühlsempfindungen entsprechen, die ihrerseits
eine analoge intentionale Einheit gewinnen wie jene ersteren. Etwa
so, als ob zu den empirischen Empfindungen gewisse Gefühlstöne ge-
hören, entsprechend zu den empirischen Einheiten Gefühlseinheiten:
10 Die sinnlichen Empfindungsabschattungen der erscheinenden dingli-
chen Merkmale sind sozusagen belegt mit verschmolzenen Gefühls-
einheiten, und diese tragen nun dem empirischen Zusammenhang der
Abschattungen entsprechende Intentionen, die auf eine bevorzugte
Abschattung (bzw. eine ausgezeichnete Stellung und Orientierung
15 des Objekts) Beziehung haben, in denen der Gefühlseindruck der
„günstigste“ wäre. In einem solchen Fall wäre die den Gefühlen
zugehörige Intention eine empirische, im Wesen nicht unterschieden
von der äußeren Dingauffassung als Erfahrungsauffassung. Durch
die motivierenden okulomotorischen und sonstigen Umstände wären
20 dann die Gefühlsmomente wie sonstige sinnliche Momente mitmoti-
viert, die durch sie konstituierten Bestimmtheiten gehörten genauso
zum Gegenstand wie Farbe und Wärme.
Auch nicht so kann es sein wie bei der Konstitution anhängender
Bestimmtheiten und von Wirkungsbestimmtheiten. Freilich in dieser
25 Weise wird der Wohlgeschmack einer Speise auch apperzipiert, näm-
lich in ähnlicher Weise wie das Tönen eines Dinges, einer Glocke,
die angeschlagen wird. Es konstituieren sich also auch Wirkungsbe-
stimmtheiten, die aus der empirischen Apperzeption (der assoziati-
ven) von Gefühlsempfindungen und Gefühlskomplexen (aktuellen
30 Gefühlsempfindungen und empirischen Intentionen auf solche) er-
wachsen, sofern eben Gefühle aufgefasst werden als erregt durch die
Gegenstände.
Also, es gibt empirische Gemütseigenschaften als anhängende;
genauso wie ein Ding bald warm, bald kalt ist, bald ertönt und nicht
35 tönt, so ist es bald angenehm, bald unangenehm, bald lusterregend
und bald nicht. Aber von diesen Erfahrungsapperzeptionen, in de-
nen Gefühlsempfindungen als empirische Empfindungen fungieren
(empirische Empfindungen, das heißt ja nicht bloß Farbenempfin-
6 werten und wert. zur wertlehre

dung etc., sondern auch jedes beliebige Erlebnis, das in empirischer


Funktion, etwa als „innere Sinnlichkeit“ fungiert), sind scharf zu
unterscheiden die Wer tu ngsapperze pti onen. Die Empfindungen
„Lust“ und „Unlust“ sind Empfindungen wie andere Empfindungen.
5 Erst die Akte des Gefallens oder Missfallens bringen das Wesentliche
für die Wertapperzeption. (Das schließt aber nicht aus, dass auch diese
Akte empirisch fungieren können, in empirischer Apperzeption als
empirische „Repräsentanten“ oder Empfindungen, so ja psycholo-
gisch und psychophysisch.)
10 Nun mögen aber die zu den untersten empirischen Empfindun-
gen (den primären Inhalten, denen der „äußeren Sinnlichkeit“) ge-
hörigen Gefühlsfärbungen, empirisch einheitlich appherzipierti, ein
Gefallen oder Missfallen am Gegenstand begründen, oder es mag
der Gegenstand mit Rücksicht auf die ihm in gewissen Erfahrungszu-
15 sammenhängen zuwachsenden Gefühlsbestimmtheiten Gefallen er-
regen. Auch kann sich das Gefallen gründen auf bestimmte Seiten,
auf bestimmte „Ansichten“ vom Objekt oder auf bestimmte Arten
des Ablaufs von gewissen Erscheinungen aus seiner umfassenden
Erscheinungsmannigfaltigkeit, also sich nicht auf das Objekt selbst
20 und primär, sondern auf solche Ansichten desselben beziehen.
Unmittelbare Gegebenheit eines Selbstwertes, unmittelbare Ge-
gebenheit eines Mittelwertes als solchen, Wertmeinung, Wertinten-
tionen und Werterfüllungen. Was soll das heißen: Wertintentionen?
Glaubensintentionen, die auf Wertsein gerichtet sind? Nein. Man
25 darf nicht unmodifizierte Intentionen (Impressionen) und Glaube
verwechseln.1
Wir haben Anschauung, und zwar a) empirische Anschauung
(sinnliche Anschauung im gewöhnlichen Sinn), z. B. empirische Wahr-
nehmung und Erinnerung; b) Wertanschauung. Beiderseits unter-
30 scheiden wir immanente und transiente Anschauung. Wir sprechen

1 Nota: Wertapperzeption ist auch eine Apperzeption, und das ist nichts spezifisch

zum „Gemüt“ Gehöriges, ebenso wenig als zum „Verstand“, wenn wir diesem die
empirische Sphäre zuordnen (Natur). Andererseits ist Apperzeption die Wurzel alles
Logischen; es macht das Vorstellen in einem gewissen Sinn aus. Wenn wir das echte
Verstandesmäßige als das Denken nehmen, so ist es die Unterlage für alles Denken: das,
woraus das Denken alle Gegenständlichkeit herausarbeitet. Der Unterschied zwischen
empirischer Apperzeption und Wertapperzeption ist aber ein fundamentaler innerhalb
der Apperzeption.
werten und wert. zur wertlehre 7

von immanenter Wahrnehmung und Erinnerung: gerichtet auf Im-


manentes, auf primäre Inhalte etc. Alles Immanente kann empirische
Auffassung erfahren und darin als „Empfindung“ fungieren. Der
sinnlichen Anschauung, der schlichten, steht gegenüber die „kate-
5 goriale Anschauung“ im Sinn meiner Logischen Untersuchungen. Sie
ist Sache des Denkens; die kategorialen Gegebenheiten sind Denk-
gegebenheiten, und Denken kann sich natürlich auf empirisch Gege-
benes sowie auf axiologisch Gegebenes in gleicher Weise beziehen.
Urteilen wir aufgrund sinnlicher Anschauung, so mögen wir etwa
10 das Bewusstsein haben: „S ist P!“ Da können wir dann wieder einen
Gegenstand-worüber entnehmen, den Sachverhalt zum Subjekt neu-
er Prädikationen, Bestimmungen machen.
Steht mir nun urteilend das „S ist P!“ da, so kann ich mich dabei
freuen. Ich kann dann aber wieder denkend objektivieren, ich kann
15 aussagen: „Dass S P ist, ist erfreulich.“ Der Sachverhalt bekommt
ein Gemütsprädikat und eventuell ist das ein objektiv gültiges Wert-
prädikat. Verleiht das Urteil dieses Prädikat dem Sachverhalt oder
der Gemütsakt? Wer objektiviert? Nun, das Denken, das Urteilen, ist
von sich aus nicht schöpferisch, sofern es „Vorgestelltes“ voraussetzt,
20 das es denkend fasst und formt. Die Form der Prädikation und das
Prädikat als solches stammen aus dem Denken, aber nicht der Inhalt
des Prädikats. Freilich, der Gegenstand im eigentlichen Sinn, als das,
was ist und mit sich identisch sowohl dies als jenes ist, und einmal
dies und das andere Mal jenes ist, ist Sache des Denkens, aber des
25 Denkens aufgrund eines vorgegebenen Vorstellens (bzw. in Bezug
auf ein vorgegeben Vorgestelltes). Aber Vorstellen, was sagt das?
Doch nicht bloß Sinnliches. Ist es nicht das Gemüt, das auf dem
Grund anderweitiger sinnlicher Vorstellung Wertnehmung, schlichte
Wertgemeintheit schafft und so die Unterlage für das denkende Ob-
30 jektivieren herstellt?
Vom Glaubensakt sagen wir, dass er Beziehung auf Gegenständli-
ches habe. Auch vom Gemütsakt sagen wir das. Gilt die Rede beider-
seits in gleichem Sinn? Was soll Glaubensakt besagen? Das Urteilen,
und zwar hinsichtlich seines Gewissseins? Aber der bloße Glaube
35 objektivier t ni cht, er „ setzt “ den bedeuteten Sachverhalt.1

1 Glaube bedarf einer „Erscheinung“.


8 werten und wert. zur wertlehre

Im Fall der Wahrnehmung sprechen wir auch vom Modus des Glau-
bens. Auch hier objektiviert der Glaube nicht als dieses Moment,
sondern er „setzt“ das Objekt, und das Objekt-Setzen bedarf der
„Materie“, der Apperzeption. So ist es auch mit dem Gemütsakt, das
5 heißt hier mit dem Gemütscharakter, der das Pendant und Analogon
des Glaubens ist. Er verleiht die „Gemütsfärbung“, die Gefallensfär-
bung einem Vorgestellten. In der Gemütsapperzeption ist das sinnlich
apperzipierte oder kategoriale Objekt mit dem Gemütsprädikat be-
kleidet oder erscheint, steht da in solcher Charakterisierung, und im
10 nachkommenden Urteil wird ihm das Prädikat „schön“, „gut“ etc.
prädikativ zugemessen.
Aber das kann ich nicht recht verstehen. Das Wahrgenommene
steht als wirklich (selbstgegenwärtig impressional) und als wahrhaft
seiend da. Es gefällt mir. Ist dieses Gefallen auf gleicher Stufe zu
15 behandeln mit dem Glauben als Bewusstsein des Wahrhaftseins (des
Seins im Sinn der Wahrheit)? Oder ist, wenn ich urteile „S ist P!“
(„Das Wetter ist stürmisch“) und wünsche „Es möge S P sein“, der
Charakter des Wahrhaftseins auf der einen und der des Wunsches auf
der anderen hSeitei ganz gleichstehend?
20 Urteilend „S ist P!“ kann ich eine Umwandlung vollziehen, die
den Seinscharakter sozusagen in ein Prädikat verwandelt: „Dass S P
ist, ist wirklich so“ bzw. auch: „Das Urteil ist wahr“. Wünsche ich, S
möge P sein, so kann ich nun sagen: „Dass S P sei, ist wünschenswert“,
aber auch sagen: „Dass S P sein möge, das ist recht so“ bzw. „Der
25 ‚Wunsch‘ ist berechtigt“. Dass die Richtigkeit hier und dort (Rich-
tigkeit des Wunsches, Richtigkeit des Urteils) sich genau entspricht,
das ist zweifellos. Anders aber steht es doch mit dem Entsprechen
des „Glaubens“ mit dem Wünschen etc.
Parallelisieren wir empirische Apperzeption und Gemütsapper-
30 zeption, so konstituiert die erstere der Materie nach die Seinsprä-
dikate (den noch nicht denkmäßig gefassten Seinsgehalt des Ge-
genstandes), die Gemütsapperzeption den noch nicht denkmäßig
gefassten Wertgehalt des Gegenstandes, seine Werteigenschaften.
Was ist dann empirische Apperzeption? Es ist da doch gar nichts als
35 der ganze Gehalt der empirischen Anschauung (der Wahrnehmung
oder Erinnerung) und überhaupt der empirischen Vorstellung, bloß
abgesehen vom Modus des Glaubens, des Zweifelns etc. Und so ist
dann natürlich auch die Gemütsapperzeption der Gemütsakt selbst
werten und wert. zur wertlehre 9

(so wie er in seiner Konkretion auf empirische Apperzeption und em-


pirisches Denken gebaut ist), nur abgesehen von seinem Modus, und
es gibt doch hier parallele Modi: Wunschgewissheit, Wunschneigung
etc. Nun hieß es oben, der empirische Gegenstand, der Sachverhalt
5 erhalte eine Gemütsfärbung. Der Gegenstand steht da als erfreulich
oder unerfreulich. Der gedachte Sachverhalt steht da als seinsollen-
der.
Andererseits, der G l aube „ färbt “ nicht. Die Farbe färbt,
die Farbe ist Bestimmung des Gegenständlichen, gehört zu seinem
10 Inhalt, die Farbenmeinung oder -erscheinung ist Bestandstück der
Gegenstandsapperzeption. Der Glaube oder Unglaube ist ein bloßer
„Modus“. Muss man also sagen: Gefallen und Glauben stehen nicht
auf einer Stufe? Die Gemütsprädikate entspringen dadurch, dass
eine neue Apperzeption die Gemütsfärbung des Objekts konstituiert.
15 Aber freilich bleiben da Zweifel übrig. Das „Wirklichsein“ steht
nicht auf einer Stufe mit „erfreul i ch“. Aber stehen nicht Sein
und Seins oll en auf e i ner Stufe? Ist Gefallen und Wünschen
also nicht zu sondern? Oder Gefallen als Werten und Gefallen als
Annehmlichkeit erfahren, Sich-Freuen etc.?
20 Es gibt Objektivationen mit den Modi des Glaubens, und Objekti-
vation setzt irgendeinen Modus voraus und ein Was, eine „Materie“.
hAufi dieses Was, das wir Apperzeption nennen (Auffassung), bezie-
hen sich nun fundamentale Unterschiede:
1) die Unterschiede der empirisch-sinnlichen, „theoretischen“,
25 und der „Gemüts-“Apperzeptionen;1
2) die Unterschiede der „Anschaulichkeit“ (anschauliche, unvoll-
kommen anschauliche, nicht anschauliche leere Apperzeptionen);
3) innerhalb der Anschauung die Unterschiede zwischen schlich-
ten und nicht schlichten. Schlichte: empirische Anschauungen (sinnli-
30 che im gewöhnlichen Sinn), empirische Empfindungen mit den even-
tuell sich transient darauf bauenden empirischen Deutungen, Sät-
tigungen dieser Deutungen etc. entsprechend den Unterschieden
der Immanenz und Transzendenz. Andererseits Gemütsanschauun-
gen, Gemütsempfindungen und Gemütsdeutungen, die einen als im-
35 manente Färbungen der sinnlichen Empfindungen, die anderen als

1 Cf. unten.
10 werten und wert. zur wertlehre

transiente Gemütsfärbungen. Nicht schlichte: kategoriale empirische


Anschauungen. Gemütssynthesis des Vorziehens? Kategoriale Ge-
bilde bezogen auf sinnliche oder Gemütsanschauung. Sinnlich-em-
pirische, „theoretische“ Prädikate – Gemütsprädikate.
5 4) Unterschiede der immanenten und transienten Apperzeption.
Was sind das, t heore ti sche Apperzeptionen? Liegt das spe-
zifisch Theoretische nicht im apophantisch Kategorialen, also in den
Funktionen der Synthesis (Meinung und ihre kategorialen Gestaltun-
gen)? Das ist vielleicht der richtigste Sinn von theoretisch. Dann hät-
10 ten wir zu unterscheiden (nicht „theoretische“, sondern) sinnliche
oder empiri sc he Apperzepti o nen und Gemütsapperzep-
tionen.1 Beim Wort „sinnlich“ ist an innere ebenso wie an äußere
Sinnlichkeit zu denken. Hierher gehört alles immanent Fassbare in
der phänomenologischen Zeitlichkeit, das dann als empirische Emp-
15 findung fungieren kann für transiente Intention (Deutung) gemäß der
empirischen Motivation, der „assoziativen“, und auf diesem Grund
allerlei kategoriale Gebilde.
Wir haben daher sorgfältig zu unterscheiden das schlichte imma-
nente Gefallensmoment und überhaupt das „empfundene“ Gefallen,
20 das sinnliche Apperzeption erfahren kann – z. B. bei der Bildung der
empirischen Prädikate von Objekten hwiei „Gefallen weckend“, „in
uns Gefallen erregend“ und in diesem Sinn reizend, gefällig – und
die wirkliche Wertapperzeption. Der „Wert“ bezieht sich notwen-
dig auf Zusammenhänge der Wertmotivation. Er „konstituiert“ sich
25 erst.
Gemütsapperzeptionen setzen notwendig empirisch sinnliche vor-
aus, sind in ihnen fundiert. Die empirische Gegenständlichkeit er-
hält „Färbungen“, wird gemütsmäßig (aber nicht wieder empirisch)
aufgefasst. Hier ist nun das Gebiet der Gemütsmotivationen. Die
30 assoziative Motivation liegt als zum empirischen Gegenstand gehörig
bei der Wertung dieses Gegenstandes zugrunde. Aber wenn auf ihr
auch die Gemütsapperzeption ruht und wenn sie diese auch bestimmt,
so sind doch die Gemütsmotivationen nicht auf empirisch-assoziative
zu reduzieren. (Dem entspricht die Unterscheidung der Ontologien.

1 Bloße Apperzeption enthält also noch nichts von Meinung, obwohl Bemerken das

oder jenes schon abheben kann.


werten und wert. zur wertlehre 11

Abgesehen von der Ontologie des Immanenten haben wir die Onto-
logie des „realen“ Seins, des Seins im engeren Sinn der ουσÝα, und
die Ontologie des Wertseins.)

h§ 3. Wollen ist keine Wertapperzeption.


5 Die Bewertbarkeit des Wollensi

Es fragt sich, ob nun hier der Wille untergebracht werden kann.


Der Wille ist keine Apperzeption, ebenso wenig wie der „Glaube“
und seine Modi. Wertend sehe ich den Gegenstand als wert, und
wollend (nur dann kann ich wollen) steht ein Vorgestelltes als wert
10 da. Aber das Wollen gibt ihm kein Prädikat. Oder sollen wir sagen, es
gäbe ihm das Prädikat des Gesolltseins oder besser: des Seinsollens?
Also vielmehr, dass der Gegenstand ist (der als nichtseiend vorgestellt
oder gedacht ist), das ist ein Gesolltes. Dass der Gegenstand sei, ist
hier der Wert, das, was „schön wäre“. Aber das Wollen gibt ihm nicht
15 die „Färbung“, sondern das Werten.
Allerdings wird auch das Wollen in Apperzeptionen hineingezo-
gen werden können; so in der Wahrnehmung der Handlung. Aber die
Handlung ist nicht etwa eine Objektivität, die dem „Wert“ gleich-
steht. Die Handlung ist zunächst ein gewisser (z. B. in der Wahr-
20 nehmung ablaufender) Vorgang der Natur. Aber sie ist mehr. Der
Vorgang läuft „willentlich“ im durchgehenden fiat ab. Es konstituiert
sich gegenüber dem bloßen Vorgang, dem bloßen Werden im empi-
rischen Sinn, das „Wirken“, das schöpferische Werden, d. i. eben die
Handlung und ihr Endergebnis, das Werk. Das ist eine eigenartige
25 Objektität, so wie die zugehörige Apperzeption eine eigenartige Ap-
perzeption ist. Aber es ist keine Wertapperzeption. Sie kann einer
Wertapperzeption und Wertbeurteilung zugrunde liegen so wie die
bloße empirische Apperzeption und empirische Dingsetzung. Aber
die Frage „Ist das eine Tat, ist das eine Handlung, ein Werk?“ ist
30 eine andere als „Ist das Ding gut, wert, ist die Tat eine gute etc.?“
Wir sehen, neben der Dinggegenständlichkeit, die sich in empirischer
Apperzeption konstituiert, konstituieren sich noch andere Gegen-
ständlichkeiten (und zwar in empirischer Apperzeption mitgründend,
aber nicht durch sie) und darunter die Wertgegenständlichkeit. Aus
35 der „Gemüts“-Sphäre entspringen neue transiente Prädikate von
12 werten und wert. zur wertlehre

vorgegebenen (vorkonstituierten) Gegenständen, die eine Transienz


eines eigenen Typus darstellen.
Wollen als solches, sagte ich oben, ist nicht Werten, d. i. hnichti
wertkonstituierend. Ist Wollen also ein Modus der wertenden Apper-
5 zeption? Aber soll sich der Wille nebenordnen zu den Modi, in denen
Apperzeptionen jeweils zur Konkretion ausgestattet sein müssen,
den Glaubensmodi? Das geht nicht. In diese Reihe gehört der Wille
offenbar nicht. Dagegen gehört er in eine Reihe mit dem Wünschen,
Begehren, Fliehen, ebenso gesättigte Freude und ihr Gegenteil, die
10 Trauer.
Aber liegt nicht in der Freude ein Gefallen, ein Werten vor? Und
ebenso überall: im Wünschen, im Fliehen? Gewiss, aber der Wunsch
als solcher bringt ein Neues herein. Im Wunsch ist das Erwünschte
nicht „gefärbt“, es ist nicht in einer Wunschfärbung „wahrgenom-
15 men“ bzw. wahrzunehmen. In diesem Sinn „wahrzunehmen“ als Wert
ist das Erwünschte, wenn dasselbe, die erwünschte Sache, gegeben
wäre „in“ seinem Wert bzw. dastehend in seiner auswertenden Wer-
tung. Sollen wir also sagen: Wunsch und Wille und ebenso Freude
gehören zusammen, und sie ordnen sich neben den Komplex der
20 Glaubensmodi? Aber wie sollen wir das durchführen?
Der1 Wille kann beurteilt werden als gut und schön, er selbst
unterliegt der Wertung. Auch der Glaube kann als Wert beurteilt
werden: Er ist wertvoll oder wertlos. Der Glaube ist zu bestätigen als
richtig, sofern er sich auf Wahrheit richtet. Ist nicht Glaube, der die
25 Wahrheit trifft, ein Wert? (Nicht ist die Wahrheit selbst, als solche,
d. h. der seiende Sachverhalt, ein Wert.) Ein bestimmter Sachverhalt
kann Wert sein, aber nicht seiender Sachverhalt als solcher. Wohl
aber das evidente Gegebenhaben des Sachverhalts und das in solches
Schauen überzuführende, das richtige Urteilen.
30 Der Wille, der einen Wert trifft, ist selbst ein Wert. Eine Persön-
lichkeit, deren Wollen habituell auf Werte gerichtet ist im Sinn des
„höchsten praktischen Gutes“, ist ein Wert. Alle menschlichen Wol-
lungen können einem Willenssystem eingeordnet werden, in dem sich

1 An den Rand des folgenden Textes (bis etwa S. 13,12) hat Husserl eine Null
geschrieben und notiert: „Keine Fortführung. Keine zusammenhängende Behandlung
mehr!“ – Anm. der Hrsg.
werten und wert. zur wertlehre 13

als Ganzem das in einer menschlichen Gemeinschaft Bestmögliche,


Wertvollste realisiert.
Dahingestelltseinlassen, Zweifeln, Vermuten dachte ich hier ge-
fasst unter den Titel „Glaubensmodi“. Natürlich auch das Fragen.
5 Wie steht es mit Anerkennen und Verwerfen, Billigen und Miss-
billigen, „als wahr und falsch, als gut und schlecht Bewerten“? Eine
Handlung bewerte ich als gut. Sei es, dass ich sie „sehe“, sei es, dass
ich sie „in der Vorstellung werte“. Ich „sehe“, dass sie „richtige“
Handlung ist, vernünftige, und werte hsiei als vernünftig und wie jede
10 vernünftige als gut. Ebenso werte ich ein Urteil als wahr. Ich urteile
dabei, das Urteil sei richtig und werte es als ein Gut (jedes „richtig“
gilt mir da als gut).

h§ 4. Gemütsmotivation im Unterschied
zur empirisch-assoziativen Motivationi1

15 „Akte“ (Meinungen, intentionale Akte) beziehen sich (richten


sich) auf Gegenstände. Man zählt da auf: Glauben, Vermuten, Zwei-
feln, Fragen, Gefallen, Sich-Freuen, Wünschen, Wollen und ihre even-
tuellen Negativa. Was Wahrnehmen, Erinnern etc. anlangt und an-
dererseits Urteilen als Prädizieren, prädikativ Fragen, Vermuten etc.,
20 so gehört das in die erste Reihe: Es ist dem allgemeinen Modus nach
Glaube etc. Nur ist die „Materie“ eine andere.
Gegenstände erscheinen, sind vorgestellt, gedacht. Sie können
„theoretisch“ betrachtet, bestimmt, nach Wesen oder Wirklichsein
bestimmt, wissenschaftlich erklärt werden.2 Das Gemütsverhalten
25 zu vorstelligen (erscheinenden, gedachten) Gegenständlichkeiten im
weitesten Sinn: ob das Gegenständliche sich aufgrund einer empiri-
schen Apperzeption oder einer Gemütsapperzeption konstituiert, das
ist hierbei gleichgültig. Da werden die Gegenstände nicht bestimmt;
es ist, wofern hnichti willentliches Verhalten wie im Erkennen leitend

1 Vgl. Beilage II: Gibt es spontane Gemütsakte als eine von den theoretisch bestim-

menden Denkakten unterschiedene Klasse von Vernunftakten? (S. 49). – Anm. der Hrsg.
2 Also durch eine Apperzeption hindurch geht eine aussondernde Herausmeinung,

Synthesis, Prädikation.
14 werten und wert. zur wertlehre

ist, nicht auf Wahrheit, auf richtiges Urteilen, Begründen abgese-


hen. (Mit anderen Worten: Im willkürlichen Erkennen ist der Wille
gerichtet auf den Wert richtigen und begründeten Urteilens; aber
das ist eben nicht der einzige Wert.) Vielmehr: Die Gegenstände
5 gefallen oder missfallen, sei es in sich oder um eines anderen willen.
Sie gefallen, wenn sie an sich selbst gefallen, um dieser oder jener
eigenen objektiven Bestimmung willen oder um ihrer Erscheinungs-
weise willen oder auch darum, weil sie zu dieser primär gefälligen
Erscheinungsweise gebracht werden können. Gegenstände sind Ob-
10 jekte der Freude: Sie ist Freude über das Sein von Gegenständen,
über den Bestand von Sachverhalten etc. Auf Gegenständlichkeiten
„gehen“ Wünsche. Wünsche richten sich auf das Sein etwa von Din-
gen, auf das Eintreten von Vorgängen, auf das Sich-Herausstellen
von Erkenntnissen, darauf, dass sich im theoretischen Denken eine
15 Theorie gerade der Form als wahr ergeben möge etc. Wollungen
gehen auf Realisierung: auf Erzeugung von Dingen aus Dingen, auf
den Vollzug von Leibesbewegungen etc.
Die fundamentalen Akte, so genannt, weil alle anderen Akte sie
als „Fundamente“ voraussetzen: Apperzeptionen, vollzogen im Mo-
20 dus des Glaubens oder in einem der verschiedenen gleichstehenden
Modi hwiei Unglaube, Zweifel etc. Was die sonstigen „Akte“ anlangt,
Gefühle, Begehrungen und Wollungen, so können sie in Erfahrungs-
apperzeptionen hineingezogen werden. In gewisser Weise kann das
natürlich jeder Akt, auch Wahrnehmen, Urteilen, wie wenn ich sage,
25 ich nehme wahr, ich urteile, dass …
Nun meinte ich, glaubend steht mir das Geglaubte nicht in einer
„Glaubensfärbung“ da, es steht da im Sinn der betreffenden gegen-
ständlichen Apperzeption. Man könnte freilich sagen: Die Fiktion
steht anders da, „erscheint mir anders“ als ein für wirklich gehaltenes
30 Objekt, etwa der Rohns.1 Indessen, eigentlich gesprochen erscheint
der Gegenstand nicht in verschiedenen Bestimmungen, in verschie-
denen gegenständlichen Charakteren, die ja dann als Prädikate von
ihm erschienen.
Gefällt mir ein Objekt, betrachte ich es mit Wohlgefallen, so hat es
35 die angenehme Gefühlsfärbung. Das Gefallen ist auf das Objekt be-

1 „Der Rohns“ war ein beliebter Gasthof auf dem Hainberg bei Göttingen. – Anm.

der Hrsg.
werten und wert. zur wertlehre 15

zogen, es hat darin seine „Intentionalität“. Es ist nicht ein beliebiges,


neu auftretendes Bewusstseinsmoment, sondern es ist auf das doch
transiente Objekt bezogen, das als gefallend dasteht. Zum Beispiel
ein edles Pferd gefällt mir, die Gestalt dieses Pferdes in ihren schönen
5 Linien, der Ausdruck der Energie im Auge, die Anmut und Kraft der
Bewegungen. Von dem Erfahrungsobjekt und auch den betreffenden
Erfahrungsbestimmungen, die für die Schätzung grundlegend sind, ist
nur Weniges gegeben und nicht adäquat gegeben, aber alles ist empi-
risch apperzipiert und darauf gründen sich die Gefühlsmomente und
10 Gefühlsintentionen, die in ihrem Zusammenhang, in ihrer harmoni-
schen Einheit das Gefallen fundieren. Es würden diese Intentionen
bei passendem Ablauf der empirischen Erscheinungen des Pferdes
sich harmonisch erfüllen, soweit sie sich im partiellen wirklichen Ab-
lauf der Wahrnehmungen, die ich vom Pferd bewusst habe, nicht wirk-
15 lich erfüllen. Hier haben wir einerseits Erfahrungszusammenhänge
(assoziative) und Erfahrungsmotivationen. Aber nicht bloß solche.
Neben den Motivationen, die zur Konstitution des Dinges gehören
(zunächst zu den inneren raumfüllenden, das Ding primär konstitu-
ierenden Eigenschaften; dann zu den anhängenden, den Wirkungs-
20 eigenschaften), haben wir die „Gefühlscharaktere“. Ich meine nicht
die „Gefühlswirkungen“ des Objekts. Soweit ich sie auffasse, und ich
kann ja jederzeit diese Wirkungsapperzeption vollziehen, habe ich
nichts Neues, oder vielmehr ich habe damit nur ein Sekundäres.
Das Ding erregt in mir Wärme, es erregt in mir Lust etc. Es
25 handelt sich auch nicht bloß darum, dass neben den aktuellen Ge-
fühlen, die Erlebnisse sind, noch Erinnerungen an Gefühle geweckt
werden, dass Anzeichen da sind für Gefühle, die aktuell eintreten
würden, wenn die und die Erscheinungsänderungen vor sich gin-
gen. Das wären „erregte Assoziationen“, das wären Erfahrungsin-
30 tentionen, und wenn sie und soweit sie in der Gesamtapperzeption
auftreten, konstituieren sie sinnliche Eigenschaften, empirische
Gefühls eigensc haft en al s Wi rkungseigenschaften. Insoweit
wären G efühl e da in Funkti on von empirischen Empfin-
dungen (sinnliche Repräsentanten). So können Gefühle fungieren,
35 aber das ist nicht ihre Funktion, wenn wir im Gefallen leben. Sie
können, sagte ich, so fungieren. Sie tun es zum Beispiel, wenn ich
die verschiedenen Situationen des Gegenständlichen verfolge, auf
die verschiedenen Erscheinungen achte und die unter diesen Situa-
16 werten und wert. zur wertlehre

tionen zu erhoffenden Gefühlswirkungen als Wirkungseigenschaften


des Dinges anspreche.
Das Mienenspiel des Pferdes ist Anzeichen für seine Energie,
die ich ihm einfühle. Diese Energie ist die Bedingung für bewertete
5 Leistungen, im Wettlauf zum Beispiel. Aber das Mienenspiel wirkt
nicht bloß als Anzeichen für ein anderweitig Gefallendes, oder besser:
Im Mienenspiel sehe ich nicht bloß die Energie, und die Energie
„erinnert“ nicht nur an Leistungen, die, wenn sie vorhanden wä-
ren, gefallen würden. Vielmehr das Mienenspiel und die Energie
10 gefallen auch selbst um dieses Erinnerungszusammenhangs willen.
Die schlanken Beine und die ganzen Proportionen des Baus gefal-
len als Anzeichen der Schnelligkeit. Die Schnelligkeit werte ich, die
gefällt mir als aktuelle Leistung. Aber das Anzeichen für mögliche
Schnelligkeit gefällt selbst und als solches. Das ganze Tier, so wie es
15 mir da erscheint, ist ein System von Anzeichen für allerlei mögliche
Gefälligkeiten, aber auch selbst gefällig um dessentwillen. Und das
einzelne Gefällige motiviert in diesem System, das eine „Harmonie“
ist, ein höheres Gefallen. D as i st ni cht ei ne bloße Assoziation,
s onder n hier t ri tt ein e neue Moti vation auf.
20 Nun kann man sagen: Im Gefallen lebend erscheint das Objekt,
das Pferd, und es gefällt. Das heißt nicht, es wird ein System von
Gefallensmotivationen irgendwie gegenständlich. Gewiss: Indem mir
das Pferd gefällt, sind die verschiedenen Linien empirischer Assozia-
tion erregt, die Tendenzen auf die Erscheinungsmannigfaltigkeiten,
25 welche so und so geartetes Gefallen erwecken würden. Und mit den
empirischen Tendenzen, den empirischen Intentionen, sind verfloch-
ten Gefallensintentionen. Aber das ist doch nicht so zu verstehen, dass
ich Vorstellungen von Erscheinungen habe, die ich nicht habe, son-
dern eventuell haben würde. Ich habe jetzt die und die Wahrnehmung
30 oder Wahrnehmungskontinuität. Das Pferd steht da von der und der
Seite, und allmählich von den und den geänderten Seiten. Und darin
stecken mannigfaltige „Erfahrungsintentionen“. Nun, ebenso habe
ich aufgrund dieser Wahrnehmung ein aktuelles Gefühl, das aktuelle
Gefallen, und in ihm stecken mannigfaltige Gefallensintentionen.
35 W ie die Wahr nehmu ng, so h at auch das Gefallen seine
Tr ans z endenz. Wie die in der aktuellen Wahrnehmung vereinig-
ten Wahrnehmungsintentionen, so „weisen“ auch die im aktuellen
Gefallen geeinigten Gefallensintentionen auf mögliche Erfüllungen
werten und wert. zur wertlehre 17

hin und beiderseits nicht bloß die einzelnen, sondern in ihren harmo-
nischen Verwebungen die Komplexe, und all das gemäß der Weise
des Zusammenhangs und des Ablaufs. Die Erfüllungen sind neue
Akte und sind bloße Aktmöglichkeiten. Sie sind nicht vorgestellt.
5 Vorgestellt ist einfach das Pferd. Eventuell mag eine reproduktive
Vorstellung von dem Pferd in den und den Situationen, im Wettlauf
etc., auftauchen. An diese vorgestellten Situationen knüpft sich „ein
Gefallen in der Vorstellung“, das heißt aber, sie stehen ähnlich als
gefällig da, wie das jetzt aktuell wahrgenommene Pferd als gefällig
10 dasteht: Hier wie dort ist nicht das Gefallen als solches gegenständ-
lich, so wenig als das Wahrnehmen als solches, die empirischen Akte,
gegenständlich sind. Beiderseits aber stehen reproduzierte Erschei-
nung oder verbildlichende mögliche Erscheinung (Pferd im Wettlauf)
und entsprechende Gefühlsfärbung nicht isoliert da, ohne Zusam-
15 menhang mit der aktuellen Pferderscheinung in der Wahrnehmung
und ihrem Gefühlscharakter. Es sind motivierte Erscheinungen, sie
gehören zu dem Objekt, das so eben wahrgenommenes Objekt ist.
Auch die Gefallenscharaktere gehören zu diesem Objekt, sie gehören
zu dem „Pferd im Wettlauf“, dem Objekt in dieser Situation. Aber das
20 ist „dasselbe“ Pferd, das ich jetzt wahrnehme, nur in einer möglichen
und motivierten Situation gedacht.
Die Gefallenscharaktere sind zwar Gefallenscharaktere „in der
Phantasie“, und die Gefallensakte sind Gefallensakte modifizierter
Art. Andererseits ist es nicht so, als ob ich mir dächte, es gefiele mir et-
25 was, und zwar das phantasiemäßig Vorgestellte (hdasi durch illustrie-
rende Vergegenwärtigung Aktuelle), das mir aber in „Wahrheit“ gar
nicht gefällt. Es gibt da also ein In-Wahrheit-Gefallen in der Phanta-
sie. Das Gefallen ist wirklich und eigentlich auf das Phantasievorstel-
len gegründet, bezieht sich „eigentlich“ auf das Phantasieobjekt: Und
30 nun ist das Phantasieobjekt nicht „bloß Phantasieprodukt“, sondern
es stellt mir das jetzt Wahrgenommene in einer möglichen Situation
vor, die als reale Möglichkeit motiviert ist, wobei das Gefallen, das zu
ihr gehört, seinerseits „begründende“, motivierende Beziehung hat
zu dem aktuellen Gefallen aufgrund der Wahrnehmung.
35 Wenn mir aber das Objekt gefällt, steht es nicht als gefälliges,
als schönes, angenehmes ohne weiteres da? Bedarf es da erst einer
neuen Apperzeption? Ist es nicht so, dass nicht nur das Objekt,
welches gefällt, mir vor Augen steht, sondern ohne weiteres auch
18 werten und wert. zur wertlehre

das Objekt als gefällig? Es ist sozusagen mit einem Gefälligkeitscha-


rakter bekleidet, und zwar speziell nach Seiten der und der gefal-
lenden Momente. Indessen, worin soll hier der Zweifel bestehen?
Ich bedarf nicht eines neuen „objektivierenden“ Aktes und mit ihm
5 neuer objektivierender Auffassung, wie wenn ich etwa von der bloßen
Wahrnehmung übergehe zur Auffassung: „Ich sehe“ das Objekt und
ich sehe es gerade in dieser Erscheinungsweise etc., und ich fühle
Gefallen und das Objekt erregt hini mir Gefallen. Aber im schlichten
empirischen Wahrnehmen und Gefallen habe ich schon die doppelte
10 Apperzeption.
Man könnte allenfalls sagen: Mag es vorkommen oder auch nur
denkbar sein (was der einzige Zweifelspunkt ist), dass ein Fühlen
statthat, ohne dass schon solche Beziehung auf das anderweitig er-
scheinende Objekt hergestellt sei, welche ihm Gefälligkeitscharakter
15 verleihe1 (und mag dann noch ein verständlicher Sinn der Beziehung
auf den Gegenstand für das Gefühl übrig bleiben wie etwa bloß
sofern, als man feststellen könnte, dass solch ein Gefühl notwendig
fundiert sein müsste in Vorstellungen, was alles Punkte des Zweifels
sind) – ich wiederhole, mag es sich damit wie immer verhalten, eins
20 ist sicher, dass, wo immer wir von Werten sprechen und wo immer
wir bestimmt sprechen von Freude-über, von Trauer-über, da haben
wir das erscheinende oder sonst vorgestellte Objekt in einem be-
treffenden Charakter da.2 Das Objekt steht da als angenehm, nett,
reizend, hübsch etc. oder als widerwärtig, langweilig, unschön, ein
25 Sachverhalt als erfreulich oder unerfreulich etc. (Allerdings bei der
Freude und Trauer wie bei Wunsch und Willen ist dieses Erscheinen
wohl anders zu verstehen.) Da scheint doch bei all solchem „Werten“
eine neue Apperzeption hereinzukommen,3 nämlich gemäß einer
neuen Motivation, der Gemütsmotivation, zu der das „umwillen“
30 gehört. Nicht weist in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und

1 Das kann doch nur den Sinn haben, dass ein Fühlen statthat, aber kein sich des

gefälligen Objekts bemächtigendes Meinen, ein in dem fundierten Gefallen lebendes.


2 Also im Gemütsakt lebt ein Meinen, oder vielmehr, es ist nicht nur ein G e m ü t s -

„ Zustand “, sondern ein wirklicher „Akt“, wofern wir zum Akt als wesentlich das
Meinen rechnen.
3 Das Gemütserlebnis als Gefallen etc., das ist die neue „Apperzeption“, und nur

das ist besonders wichtig, dass sie neuartig ist gegenüber der empirischen und dass sie
ihre Transzendenz haben kann etc.
werten und wert. zur wertlehre 19

innerhalb der Momente jeder Erscheinung eines auf das andere bloß
empirisch (assoziativ) hin, sondern eine neue Motivation tritt auf,
und Motivation ist es auch, welche jedes Gefallensmoment mit seiner
gegenständlichen Unterlage verknüpft.
5 Der Gefühlscharakter gehört nicht zu seinem Gegenständlichen
wie warm zum warmen Körper oder wie Ton zum tönenden Ge-
genstand bloß empirisch, sondern gehört zu ihm durch eine eigene
Beziehung der Begründung, phanseologisch durch eine eigene Moti-
vation. Die Vorstellungsunterlage motiviert das Gefühl ganz anders
10 wie es eine andere Vorstellung motiviert. Und ebenso ist es etwas
völlig Neues, diese eigentümliche Art, wie im Ablauf der sinnli-
chen Erscheinungen durch eine gewisse Schicht derselben ein Ge-
fühlsablauf motiviert ist und sich eine Gefühlseinheit konstituiert.
Das Objekt hat seinen Wert, sofern es etwa in gewisse wirkliche
15 oder mögliche Erfahrungszusammenhänge hineingehört und sofern
zu den diese konstituierenden Erscheinungsmannigfaltigkeiten wie-
der gewisse ausgezeichnete Erscheinungsmöglichkeiten gehören, die
bestimmte gefühlsmäßige Einheiten konstituieren. Betrachte ich das
Objekt, wie es ist, so bewege ich mich in den zusammengehörigen
20 Erscheinungen, ich meine bald dies, bald jenes gegenständliche Mo-
ment heraus und folge seiner Einheit im Erscheinungsablauf. Und
abgesehen von den aktuellen Erscheinungen kann ich der Einheit
in möglichen motivierten (assoziativen) Erscheinungen nachgehen
und dann weiterdenkend das Moment als Merkmal, als Eigenschaft
25 bestimmen und so das Objekt in verschiedener Richtung bestimmen.
Lebe ich aber im Werten, so sind damit gewisse Erscheinungszu-
sammenhänge und Erscheinungsmöglichkeiten und entsprechende
Denkmöglichkeiten ausgezeichnet, nur in ihnen bewege ich mich
meinend, um die Einheit des Gefühlscharakters bzw. Einheit des
30 Wertprädikats zur Gegebenheit zu bringen. Es kommt jetzt nicht
überhaupt auf die Einheit des Objekts an, auf seine Merkmale und die
Bestimmung dieser Merkmale, sondern nur auf das, was fundierend
ist für das Wertmäßige und soweit es das ist.
Jedenfalls also ist das Wertprädikat nichts im empirischen Zusam-
35 menhang als solchem sich Konstituierendes und auch nichts sinnlich
naturhaft Gewirktes (als ein psychischer in mir gewirkter Zustand,
der eine ganz andere Einheit hat als die Werteinheit, die ja vielmehr
eine durch vielfältige mögliche Gefühlszustände hindurchgehende
20 werten und wert. zur wertlehre

und in ihr sich bloß bekundende Einheit histi). Vielmehr ist die Sache
die, dass sich auf einem empirischen Gegenstandsbewusstsein ein
gewisses wertendes Bewusstsein gründet, das mit jenem nicht geei-
nigt ist wie empirisches Gegenstandsbewusstsein mit empirischem
5 Gegenstandsbewusstsein, vielmehr in völlig neuer Weise. Und dieses
wertende und im Empirischen fundierte Bewusstsein trägt in sich eine
neue Einheit, die auf das empirische Objekt bezogen werden kann
als ein neuartiges Prädikat, das wir Wert nennen. Zum Objekt gehört
der Wert: Das empirische Objektbewusstsein fundiert eben ein Wert-
10 bewusstsein, das seine intentionale Erfüllung finden kann, und zwar
so, dass eine bestimmte Entfaltung des Objektbewusstseins stetiges
Fundament ist für einen bestimmt motivierten Zusammenhang eines
Einheit gebenden Wertbewusstseins, das die ursprünglich fundierte
Gefühlsintention erfüllt. Diese Erfüllung ist Gemütserfüllung, Erfül-
15 lung im Werten.
In der logischen Apperzeption, der prädikativen Synthesis und
verbalen Konzeption, welche den Wert zum Prädikat einer Aussage
macht, fungiert die Erfüllung zugleich als Bestätigung. Nämlich auf
die Gemütserfüllung „richtet“ sich mit die logische Intention. Tritt
20 die Erfüllung ein, so bewahrheitet sich die gegenständliche Wertin-
tention.
Fragt man: „Wie macht die logisch-prädikative Intention den Wert
zum Prädikat?“, so lautet die Antwort: Zunächst wird auf den Wert
geachtet. So gut ich auf die Form eines Gegenstandes achten kann, so
25 gut auch auf die Schönheit, die ihm aufgrund der Form und anderer
Bestimmtheiten zukommt. Die gesamte empirisch-axiologische Ap-
perzeption in ihrer Komplikation kann in verschiedener Weise von ei-
nem Meinen beseelt sein; das Aufmerken, Achten und Herausmeinen
kann sich da in verschiedener Richtung betätigen, wie sie das ja schon
30 in der Unterschicht der bloß empirischen Apperzeption tun kann.1 Ich

1 Also dieses Meinen ist das überall eigentlich objektivierende, und zwar sowohl in
der empirischen als in der nicht-empirischen Sphäre. Die bloß dingliche Apperzeption
ist noch keine Objektivation und steht völlig gleich der axiologischen Apperzeption.
Das Meinen kann schlichtes oder synthetisches sein, und alle Formen der Synthesis
gehören zu ihm, während aus den Apperzeptionen die Materie stammt und danach
die besonderen Relationen, empirische Relationen und Wertrelation und Relation
zwischen empirischem Gegenstand und Wert. (Das „Meinen“ ist ein Setzen, ein
werten und wert. zur wertlehre 21

kann verschiedene Eigenschaften (vor ihrer begrifflichen Fassung)


bevorzugen. Das Ganze ist in gewisser Weise natürlich gemeint, aber
darin das betreffende gegenständliche Moment. Ebenso wenn wir die
axiologische Apperzeption hinzunehmen. Gemeint ist das ganze em-
5 pirische Objekt oder vielmehr das gleichsam empirisch-axiologische
Objekt, aber durch das Meinen bevorzugt sind nun die Apperzepti-
onsschichten, die Sache der Wertung sind, die empirischen, die der
Wertung zugrunde liegen, und zwar in besonderem Sinn zugrunde
liegen, und die wertende Apperzeption selbst. Und damit ist der
10 Wert des Objekts, das um der und der Momente oder empirischen
Zusammenhänge willen wert ist, das Gemeinte. Mehr ist also hier
nicht zu sagen, so wenig wie bei den bloß empirischen Apperzep-
tionen. Übrigens, was die Rede von bloß empirischer Apperzeption
anlangt, so ist zu bemerken, dass, auch wenn Axiologisches mitspielt,
15 die „Betrachtung“ und logische Bestimmung eine bloß empirische ist,
wenn Meinung und Bestimmung eben sich in der bloß empirischen
Apperzeptionsschicht bewegen.1
Sicher ist danach: Nur in Gemütsakten kann der Sinn der Wertprä-
dikate gefunden werden, aber Gemütsakte allein objektivieren nicht.
20 (Das kann doch nur heißen, zum Objektivieren gehört das Meinen
und das denkende Bestimmen.) Gegeben und urteilsmäßig gesetzt
ist ein Wert in einer Evidenz, und diese ist nicht als Evidenz, son-
dern vermöge ihres Gehalts, ihres Sinnes, verschieden von anderen
Evidenzen, von nicht-axiologischen. Evidenz ist, abgesehen vom Ur-
25 teil, Gegebenheitsbewusstsein, und G egebenheitsbewusstsein
is t über all gatt ungsm äßi g dassel be.
Wir können auch sagen, ein Wert wird angeschaut, wird wahrge-
nommen. (Im Allgemeinen ist Wert ein transzendentes Prädikat und
bezieht sich als solches auf empirische Dinglichkeiten. Doch ist auch
30 immanente Wertung möglich, z. B. Wertung einer schönen Tonfolge:
Sie ist schön.)

„Glauben“, hesi gehört also in eine eigenartige Reihe. – Nachträgliche Bemerkung


hvoni 1910.)
1 Zur Frage des Vermeinens als Objektivieren cf. auch αα in Ph h= Text Nr. 23i und

weiter unten p. 25 h= S. 35,25–37,25i.


22 werten und wert. zur wertlehre

h§ 5. Werten als im Wahrnehmen fundierter Akt. Erfüllung


der Wertmeinung. Unmittelbare und mittelbare Wertei1

Überlegen wir noch einmal: Was sind das, Gemütsakte? Sollen


wir nicht sagen, es sind Gemütsapperzeptionen? Analysieren wir
5 die Gefallensakte. Ich vollziehe ein Gefallen an einer Zigarre. Ich
„versenke“ mich darein und mache mir, über das einfache Gefal-
len daran hinausgehend, klar, was mir daran eigentlich gefällt und
„warum“ es mir gefällt. Ich stelle mir vor, dass ich die Zigarre rauche.
Ich empfinde gleichsam den Geruch und Geschmack, eine gewisse
10 Anregung meines Gedankenverlaufs und meiner Stimmung. Und
nicht nur das nehme ich „gleichsam“ wahr, sondern auch den edlen
Geruch, den schönen Geschmack, das Wohlgefühl der freien heiteren
Stimmung etc. Das gehört zur Zigarre (so wie ich sie da auffasse),
dass sie zum Rauchen geeignet ist, dass sie unter den Umständen
15 eines wirklichen Rauchens die und die Geschmackseigenschaften hat
und gefühlsmäßig so und so charakterisierte. Und nun „gefällt“ mir
die Zigarre um dessentwillen, oder besser: um dessentwillen ist sie
mir wert, ist sie eine schöne, eine gute Sache. Sie ist es um solcher
realen Möglichkeiten willen. Das aktuelle Gefallen, mit dem ich sie
20 jetzt betrachte, und das aktuelle empirische Wahrnehmen, das ich von
ihr habe, enthält jetzt nichts von all dem. Aber so, wie im sinnlichen
Wahrnehmen beschlossen sind mannigfache „Intentionen“, die auf
„Wahrnehmungsmöglichkeiten“ „hinweisen“, so sind im sinnlichen
und gefühlsmäßigen Apperzipieren zusammen auch beschlossen ge-
25 wisse Gefühlsmöglichkeiten: Es sind „Hinweise“ da auf die und die
empirisch-sinnlichen Erscheinungszusammenhänge und auf die in
ihnen fundierten Gefühle und Gefühlszusammenhänge. Jetzt erlebe
ich die sinnliche Wahrnehmung: das sinnliche Empfindungsmaterial
in dem Komplex von teils eigentlich perzeptiven, teils uneigentli-
30 chen Intentionen. In unserem Beispiel entfallen Gefühle, die am
eigentlich perzeptiven Gehalt hängen. Gefühlsintentionen gehören
zu den uneigentlichen Intentionen und so, dass die Realisierung (Er-
füllung) auf Erscheinungsreihen führt, die in gewisser Weise Träger
von phansischen Gefühlen sind, die übrigens wieder ihre intentionale

1 Grundlegend. Zur Lehre von der Konstitution von realen „empirischen“ Werten

durch transiente Werterscheinungen.


werten und wert. zur wertlehre 23

Vereinheitlichung haben. Aber jetzt habe ich nicht bloß die Wahr-
nehmung mit all diesen sensuellen und gefühlsmäßigen intentionalen
Komponenten – das heißt, ich habe nicht bloß die Wahrnehmungsap-
perzeption, die die Zigarre zugleich als das Raumding und als das zum
5 Rauchen befähigte und so und so riechende, schmeckende, sondern
auch als das wohlschmeckende etc. vorstellt –, vielmehr habe ich ein
Werten der Zigarre als so wahrgenommener, als so apperzipierter.
Dieses Werten ist ein im Wahrnehmen fundierter neuer Akt (eine
Aktimpression), worin diese Zigarre als ein Wert „dasteht“, genauer:
10 als ein Wert vermeint ist. Ich werte sie, ich schätze sie, ich vollziehe
eine Wertschätzung aufgrund jener sinnlich gefühlsmäßigen Apper-
zeption, und zwar Wahrnehmung.
Ich vollziehe eine Wertschätzung: Die Zigarre gefällt mir, ein Ge-
fallensakt wird vollzogen auf dem Grund jener Apperzeption. Aber
15 die Zigarre steht nun als eine werte da. Das Gefallen ist als Gefallen-
an ein Wertvermeinen, und so steht das Objekt nicht nur als dasjenige
da, als das es in der bloßen Wahrnehmung erscheint und gesetzt ist
(und zwar der Wahrnehmung im weiteren Sinn, der Gemütseigen-
schaften miterfasst, Wohlgeschmack etc.), sondern es steht vermöge
20 des aktuellen Gefallens als wert da (aktuelles Gefallen-Haben ist
nichts anderes als Bewusstsein von einem Gefälligen). Dieses Daste-
hen ist aber nicht wieder ein Wahrnehmen, nicht ein Wahrnehmen
zweiter Stufe. Der Wert ist ja nicht „gegeben“ und in keiner Weise
gegeben; es ist nicht so wie beim Wahrnehmen, wo das Objekt, wenn
25 auch nur unvollkommen, einseitig und etwa nur nach visuellen Raum-
bestimmtheiten der einen Seite gegeben ist. Und das betrifft sowohl
das Objekt selbst als irgendwelche Bestimmtheit des Objekts.
Man darf nicht sagen: Das Objekt ist ja das Wahrgenommene,
das ist es, das Wert hat; den Wert selbst habe ich nicht gegeben,
30 er ist nur uneigentlich mitwahrgenommen, wie so viele sonstige Be-
stimmtheiten des Objekts mitgemeint, aber nicht eigentlich wahrge-
nommen sind. Denn man muss beachten: Mitgemeinte, uneigentlich
mithwahrigenommene Momente des Wahrgenommenen als solchen
kommen in neuen Wahrnehmungen, welche in die Erfüllungsreihe
35 der erst vollzogenen Wahrnehmung gehören, zur Gegebenheit. Aber
der Wert der Zigarre kommt nicht perzeptiv zur Gegebenheit.1

1 Ja, nicht „perzeptiv“, nicht durch sinnliche Empfindungsdarstellung. Auch nicht


24 werten und wert. zur wertlehre

Wenn ich von Erscheinung zu Erscheinung wahrnehmungsmä-


ßig übergehe, so komme ich nicht zu einer Erscheinung, die den
Wert bringt; vielmehr, das Gefallen, das ich vollziehe, das Wert-
schätzen, weist sich im Übergang von Erscheinung zu Erscheinung
5 aus, nämlich bei passender Auswahl der zum Objekt gehörigen Er-
scheinungen, bei Realisierung derjenigen Erscheinungen, welche die
fundierenden (sozusagen motivierenden) Gefühlseigenschaften des
Objekts zur Gegebenheit bringen. So erweist sich das Wertschätzen
als „berechtigt“ und das Objekt hat wirklich den Wert. Es hat nicht
10 nur wirklich die betreffenden Eigenschaften Wohlgeschmack etc. –
die sind seinen Wert begründende, aber nicht selbst sein Wert –,
sondern das Gefallen an ihm (die besondere Gefälligkeit, die ihm in
dem jetzt nachzuprüfenden Wertschätzen zugemeint wird) ist, weil sie
sich als vorhanden ausweisen, seinerseits ausgewiesen als berechtigt;
15 der Wert kommt ihm wirklich zu, weil er die Eigenschaften hat, die
wertgründend sein sollen. Der Wert ist nachgewiesen, das Wertschät-
zen ist ein berechtigtes und „evident“ berechtigtes. Aber es hat nicht
den Charakter eines Wahrnehmens, ja eines Dingwahrnehmens! Es
ist ein Akt höherer Stufe.1
20 Die einfachsten Gefallensakte sind natürlich die immanenten. Ich
sehe etwa eine immanente Rotausbreitung von einer Qualität, die
ein Wohlgefallen begründet. Dieses Rot in sich selbst „ist schön“.
Das ist ein schlichtes Gefallen und ein solches, das den Charakter
eines Empfindens und „Wahrnehmens“ hat. Das Rot ist mir gege-
25 ben, sinnlich gegeben, und seine Wohlgefälligkeit, seine Schönheit
ist mir ebenso schlicht gegeben, und alles in allem steht es einfach
als wohlgefälliges Rot da. Die Sache liegt nicht mehr so einfach,
wenn ich ein okulomotorisches Rot nehme. Es ist schon eine empi-
rische Einheit und dem entspricht eine empirische Gefühlseinheit:

so wie physikalische Eigenschaften. Nicht als dingkonstituierend für das ruhende


Ding und das Ding in seinen möglichen Veränderungen, den darin hervortreten-
den physikalischen Beschaffenheiten. Aber andererseits doch perzeptiv, sofern die
Hinzunahme der Gemütsmotivation eine fundierte Objektität konstituiert, die ihre
„Wahrnehmung“ hat.
1 Müssen wir nicht fundamental scheiden: 1) Wahrnehmen = Gegebenheitsbewusst-

sein in einer sinnlichen Apperzeption; 2) Wahrnehmen h=i Gegebenheitsbewusstsein


überhaupt, z. B. in einer Gefühlsapperzeption? Siehe schon richtig unten.
werten und wert. zur wertlehre 25

Das wohlgefällige Rot weist sich hier aus im okulomotorischen Pro-


zess des Herumschauens, in dem alle sinnlichen und gefühlsmäßigen
Intentionen sich zugleich erfüllen und ineinander einheitlich, Ein-
heit konstituierend, übergehen. Da haben wir schon eine transiente
5 (wenn auch voll anschauliche) sinnliche und zugleich gefühlsmäßige
Wahrnehmung. Das Neue, was das höhere Gefallen (das wir hier
immer als Wertschätzen, Werten bezeichnet haben) mit sich bringt,
ist das etwas anderes als ein Werten des Objekts um der immanenten
oder sonstwie unmittelbaren Schönheiten willen, die zu gewissen
10 seiner Eigenschaften gehören? (Sei es primär konstituierender, sei es
anhängender, oder Dispositionen, Fähigkeiten, zumindestens Eigen-
schaften, die als ihm zukommend so erfasst werden, dass das Objekt
unter hypothetischer Annahme solche haben würde.)
Genieße ich die Zigarre, so ist der edle Havannageschmack schön,
15 „edel“ in sich selbst, und das ist unmittelbar wahrgenommen. Die
Zigarre selbst ist dabei, wenn ich sie nun schätze (sie selbst als
gut bezeichne, wenn ich es ausdrücke), nicht bloß als gut vermeint,
sondern ich „sehe“ gleichsam, dass sie als den edlen Geschmack
habende gut ist, und dieses „Sehen“ erfüllt das Schätzen der Zigarre
20 als gut, wenn ich sie nicht wirklich genieße. Aber die Art, wie diese
mittelbare Gefälligkeit, dieses mittelbare Schönsein um der Schön-
heit der Eigenschaft willen, dem Ding zukommt, ist offenbar eine
wesentlich andere als diejenige, die der Eigenschaft selbst zukommt.
Und hier haben wir eben nicht eine Eigenschaft „wert“ am Gegen-
25 stand „wahrgenommen“, nämlich als eine eigentliche Eigenschaft,
als so etwas wie rot usw. In diesem Sinn ist der Wohlgeschmack
eine Eigenschaft; und gehört die Schönheit des Geschmacks auch
nicht zum Gegenstand so wie eine selbständige Eigenschaft, so doch
als Komponente einer Eigenschaft komplexer Art. Doch ist auch
30 das nicht genau. Eigentlich wohl wird man nur sagen können, dass
wahrgenommen der Geschmack ist1 und direkt daraufhin gegeben,
als in ihm fundiert, die Gefälligkeit des Geschmacks und nun das
Objekt selbst in neuer Weise, in höherer Stufe, in der Motivation des
Umwillen halsi „gut“.2

1 Ja, eben „sinnlich“ wahrgenommen als dingliche Eigenschaft.


2 Das ist eben wertgenommen in einer Wertwahrnehmung.
26 werten und wert. zur wertlehre

Wenn ich aber ein Objekt aktuell werte, ohne die Eigenschaften,
um derenhtwilleni es wert ist, in ihrer Schönheit gegeben zu haben
und ohne so die eigentliche Wertbegründung zu erschauen: Verhält
sich da das aktuelle Werten, das ich vollziehe, zu demjenigen aktuellen
5 Werten, das sich in eigentlicher Weise auf den Wertungsgründen in
ihrer Gegebenheit aufbaut, nicht doch ganz analog wie ein wahrneh-
mendes Meinen hinsichtlich der nicht-erscheinenden Bestimmtheiten
zu dem erfüllenden, in dem die bloß mitgemeinten Bestimmtheiten
wirklich wahrnehmungsmäßig gegeben sind?
10 Ja und Nein, wie man es nimmt. Zunächst macht sich dringend
ein Bedürfnis geltend, scharf zu unterscheiden zwischen Mitgemeint-
heiten, die man wesentlich zur transzendenten Dingwahrnehmung
rechnen muss, ohne die eben der Dinggegenstand nicht als gegeben
dastehen könnte, und sonstigen Mitgemeintheiten, die darum aber
15 nicht etwa den Charakter von Denkgemeintheiten, von Gedanken
haben sollen.1
Wahrnehmen im eigentlichen Sinn ist ein selbsterfassendes, ver-
meintlich selbsterfassendes Meinen, und zwar eines individuellen
zeitlichen Gegenstandes und hinsichtlich seiner zeitlichen Fülle. Also
20 ein vermeintliches Erfassen einer Selbstgegenwart. Die Fähigkeit ei-
nes empirischen Gegenstandes, eines physischen Dinges etwa, unter
gewissen Umständen gewisse Leistungen vollführen zu können, kann
ich in eins mit der Wahrnehmung des Gegenstandes mitmeinen, aber
dieses Mitmeinen gehört nicht selbst in das Wahrnehmen. Was heißt
25 Fähigkeit, was heißt allgemein „unter gewissen Umständen vollfüh-
ren zu können“? Darin liegt: Die und die Umstände angenommen,
„muss“ oder wird der und der Erfolg, die und die „Leistung“ eintre-
ten.
Ich nehme die Zigarre wahr und daran schließt sich alsbald die
30 Vorstellung „Ich zünde sie an“, und dies angenommen, unter dieser
Annahme, wird sie brennen und wenn ich rauche, den bekannten
Geschmack entwickeln etc. Das alles aber so, dass ich gar kein begriff-
liches Denken vollziehen müsste, und im Allgemeinen wird das auch
gar nicht vorhanden sein. Dieses Ganze kann „anschaulich“ ablaufen;

1 Mitmeinung von Eigenschaften der Art der Fähigkeiten bei einer Wahrnehmung:

solche Mitmeinung histi nicht selbst eigentlicher Wahrnehmungsbestand.


werten und wert. zur wertlehre 27

es kann aber auch nur Einzelnes klar werden, und doch ist das die
Meinung. Und diese Fähigkeit der Zigarre, rauchbar und schmeckbar
zu sein, gehört zu ihr, sie ist eine Bestimmtheit der Zigarre und etwas
eventuell bei ihrem Anblick Mitgemeintes. Aber Annahme und Fol-
5 gesetzung sind keine Bestandstücke von Wahrnehmungen. Und das
Anschauen, das hier stattfindet, ist kein bloß sinnliches Anschauen
schlichter Art, sondern schon ein Akt höherer Stufe, auf der Linie
zum Kategorialen (dem eigentlich synthetischen „Denken“) liegend.
Wenn ich nun die Zigarre sehend, sie als so und so schmeckend
10 auffasse, z. B. eine Sumatra als so, als von leichtem und flüchtigem
Aroma, eine Havanna als „schwer“, so ist diese Auffassung nicht
mehr Sache der Wahrnehmung. Und wenn sie sich zunächst in der
klaren Vereigentlichung aufgrund der Anschauung (eine Art Erin-
nerung) und dann durch wirkliches Rauchen bestätigt, so ist der
15 bestätigende Akt keine Wahrnehmung, sondern ein auf Wahrneh-
mung sich gründender Akt höherer Stufe. Wahrnehmen kann ich,
wie gesagt, nur das Anzünden, Rauchen und Schmecken, nicht, dass
unter Annahme des Anzündens und „Ziehens“ Rauch entwickelt
und Geschmack der und der Art eintreten werde (muss).1
20 Man wird sagen wollen, das sind aufgrund der Anschauung bzw.
Wahrnehmung vollzogene „Denkakte“. Indessen, wenn wir begriff-
liche Akte darunter verstehen, so glaube ich doch, dass all das ohne
eigentliche Begrifflichkeiten vollziehbar ist.
Nun, das überträgt sich natürlich auch auf das Wertmeinen, das
25 sich an die Wahrnehmung der Zigarre und die Mitmeinung ihrer Fä-
higkeit zur Entwicklung eines gewissen Wohlgeschmacks anschließt.
Hier tritt ein Gefallen an dem „unter Umständen zu entwickelnden
Geschmack“ in die Mitmeinung ein, und zwar als Gefallen unter
den Umständen und ihrer Assumtion, und selbstverständlich gehört

1 Ja, so könnte man sagen; aber das ist nur als Aporie brauchbar. Die ganze Be-

trachtung ist umzukehren. Jede Dingwahrnehmung und Wahrnehmungsausweisung


führt zurück auf „Annahme und Folgesetzung“. Sind nicht Wirkungseigenschaften,
physikalische Eigenschaften, etwas einem Ding Wesentliches, und könnte ich von
Dingwahrnehmung sprechen, wenn ich ihre Ausweisung nicht mehr Wahrnehmung
nennen dürfte? Freilich hat Dingwahrnehmung ihre Stufen, und wir werden in der Tat
auf Akte höherer Stufe geführt. Und es ist immer zu sagen: Es ist zu unterscheiden
die Dingwahrnehmung (Sachwahrnehmung) mit ihren verschiedenen Stufen und die
Wahrnehmung der höheren Objektivität: Dingwert, Gut, Gebrauchsobjekt etc.
28 werten und wert. zur wertlehre

ebenso wenig wie dieses „unter Assumtion“ und wie jede Eigenschaft
von der Art der Fähigkeiten und erst recht der Wert nicht zu den
Wahrnehmbarkeiten im eigentlichen Sinn (etwa den Dingwahrneh-
mungen).1
5 So ist es überall, z. B. wenn ich eine Geige werte, an ihr die Bauart,
die schöne Form etc. als Anzeichen für den edlen Ton hwertei, den
sie im Spielen (falls sie gespielt und von einem Geiger gespielt wird)
entwickeln würde. Die Wertmeinung als aktuelle Für-wert-Haltung
bestätigt sich im wirklichen Spielen. Aber dieses Sich-Bestätigen,
10 Sich-Erfüllen, ist etwas ganz anderes als das bloße Sich-Erfüllen einer
schlichten empirischen Intention. Zunächst bestätigt sich die Setzung
unter Annahme; unter Annahme des Spielens erfolgt wirklich das
Tönen bekannter Art, und es ist wirklich ein „edler Ton“. Es bestä-
tigt sich, dass unter dieser Annahme nicht nur die empirische Folge
15 eintritt, sondern auch das in ihm fundierte Gefallen. Das letztere
freilich anders als das erstere, insofern, als es anders mitgesetzt ist:
Die empirische Folge ist das Erste. Aber das Gefallen ist fundiert
in dem Wahrnehmen von Toneigentümlichkeiten gewisser Art, das
als Wahrnehmen eines solchen Inhalts (immanenten) ein Gefallen,
20 ein Schönfinden eigentlich und wirklich fundiert. Dieses ist nicht
selbst eine empirische Folge, sondern eine notwendige Mitfolge. Aber
freilich, indem es eins ist mit dem Empirischen, ist es auch empi-
risch mitmotiviert: Der schöne Ton ist unter Annahme gesetzt und
bestätigt sich im Fall der Realisierung dieser Annahme als wirklich
25 eintretend.
Und nun bestätigt sich auch die Wertsetzung, nur eben in einer
Wertnehmung als Wertwahrnehmung. Die Geige als wirklich mit der
Eigenschaft begabt, diesen Ton zu erzeugen (diese Begabung hat sich
ja bestätigt), ist wirklich wert. Das wertende Gefallen ist dabei zwar
30 ein momentaner Akt, aber der Wert gehört zum Objekt; nämlich

1 All die vorstehenden wichtigen Ausführungen zeigen, dass sich transiente Werte
durch transiente Apperzeptionen konstituieren, analog wie sich Dingrealitäten (reales
Sein) durch Dingapperzeptionen konstituieren. Und dass dabei die Konstitution des
transzendenten Wertes nicht etwa so erfolgt, dass jeder Dingerscheinung ein Wer-
tungsmoment im Wertbewusstsein zugeordnet ist, so dass es sich in der Tat um eine
neuartige, rein im Werten sich konstituierende Einheit auf dem Grund der Dingeinheit
handelt.
werten und wert. zur wertlehre 29

zum Wesen der ganzen Sachlage, an der das Objekt als so geartetes
beteiligt ist und um derentwillen es die und die wertbegründenden
empirisch-axiologischen Eigenschaften hat, gehört das Wertprädikat,
bzw. zu den konstituierenden Akten des und des Wesens (in dem
5 sich wesensmäßig solche Eigenschaften konstituieren) gehört wieder
wesensmäßig die Möglichkeit solchen eigentlich zu vollziehenden Ge-
fallens. Und wieder: Das an die „uneigentliche“ Vorstellung, an die
Objektvorstellung und uneigentliche „Mitmeinung“, angeschlossene
Gefallen ist „richtig“, wenn diese Meinungen von solchem Wesen
10 und solcher faktischen Anordnung sind, dass Erfüllbarkeit besteht.
Das Gefallen, d. h. das Werthalten des Gegenstandes als Träger
solcher empirischen und axiologischen Bestimmtheiten: Es ist noch
kein Beurteilen als wert im prädikativ-begrifflichen Sinn. Es ist ein in
der Gemütssphäre wurzelnder Akt fundierter Apperzeption. Solche
15 noch nicht begrifflich fundierten Apperzeptionen, die nichts mit dem
Gemüt zu tun haben, finden wir in der Sphäre des „Intellekts“ genug.1
Ich erkenne ein Bild als edel, das ich in den Uffizien gesehen habe.
Ich sehe ein Bild, und es steht in der Erinnerung ein anderes da,
das ihm ähnlich ist, und ich erfasse die Ähnlichkeit usw. Die ganze
20 Schicht des Kategorialen – und doch, wie es scheint, noch unabhängig
von Begriff und Wort. Das Erkennen des Bildes als ein Bild, der
Ähnlichkeit als Ähnlichkeit etc. ist nicht erfordert. (Aber schließlich,
gehört nicht auch das begriffliche Denken in die gleiche Linie? Doch
nicht, sofern es allen schlichten Apperzeptionen, auch fundierten,
25 gegenübersteht.)
In den bisherigen Betrachtungen haben wir die komplizierten
Fälle im Auge gehabt, wo Dinge um gewisser Fähigkeiten, Vermögen
zu den oder jenen Leistungen, gewertet werden. Konkrete Dinge
können aber auch werte sein auf einfacher Grundlage: Zum Bei-
30 spiel, ein Ding ist wert um seiner schönen Form willen, ein Haus ist
wert um seiner schönen Fassade willen und dgl. Der Wert des Din-
ges kann bestimmt sein durch die oder jene Erscheinungsmomente,

1 Intellekt und Gemüt scheiden sich also durch die Apperzeption, und es stehen
gleich: sinnliche Auffassung und Gefühlsauffassung, sinnliche Dingerscheinung und
sinnliche Werterscheinung. – Das alles spricht aber nicht dagegen, sondern dafür, dass
jeder Apperzeptionsart eine Wahrnehmungsart entspricht und überall Wahrnehmung
etwas Gemeinsames ist.
30 werten und wert. zur wertlehre

durch wahrnehmbare Momente, an die sich eine Schönheitswertung


anknüpft. Die Momente gefallen unmittelbar, sie sind unmittelbar
und durch ihr eigenes Wesen schön. Aber sie sind bloß Momente
an dem Ding, und dieses hat Wert um der schönen Momente willen,
5 die es in der Erscheinung darbieten kann. Die Schönheit der Form
wird natürlich nicht bloß zu einem einzigen Anblick derselben ge-
hören, sondern mannigfaltige schöne Anblicke können in der Art
des Ablaufs eine höhere Schönheit begründen, die einheitlich als
Schönheit „der“ Form aufgefasst wird. Ebenso, die Färbung eines
10 Stoffes kann prächtig sein in einzelnen Faltenbildungen, aber auch
jede Wendung des Anblicks kann neue Schönheitsmomente abgeben
für die einheitliche Schönheitswertung, die all diese Momente zur
Einheit einer Schönheit vereinigt. Der Gegenstand ist aber konkreter
Wert um dieser Eigenschaft willen, dieser schönen Eigenschaft.
15 Jedes Ding, jeder konkrete Gegenstand wird gewertet und ist ein
Wert um gewisser ihm zugehöriger Eigenschaften oder Erscheinungs-
weisen willen, und zuletzt werden wir auf immanente Wertungen von
anschaulichen Momenten und auf Einheitswertungen von intuitiven
Einheiten kontinuierlich ineinander übergehender, stetig verbunde-
20 ner Momente zurückgeführt.
Damit haben wir einen bestimmten Begriff von Wert, der sich in
der Wertung von konkreten transienten Gegenständen (wahrnehm-
baren Gegenständen) konstituiert, studiert.1 In ihm steckt wesentlich
eine axiologische Motivation der Art des Umwillen. Er setzt also
25 einen anderen Wertbegriff voraus. Primäre Werte sind immanente
Werte, Werte, die Immanentem unmittelbar anhängen. Ebenso Ein-
heitswerte, das sind Werte, die als Werteinheiten sich aufgrund von
schlichten Einheiten (die als solche in schlichter Anschauung zur Ent-
faltung kommen können) konstituieren. Auch das als unmittelbare
30 Werte. Schon das sind zweite Werte, aber nicht mittelbare Werte.
Mittelbare Werte. Konkrete hWertei, Werte von transienten Din-
gen um gewisser Werteinheiten willen, die sich an irgendeine Ei-
genschaftseinheit anschließen, sowie Werte von Dingen um gewis-

1 Eben korrelativ dazu, dass Dingerscheinungen (= sinnlich transiente Erscheinun-


gen aufgrund primärer Inhalte) sinnliche Werterscheinungen parallel laufen als sinnlich
transiente Erscheinungen aufgrund primärer Gefühle.
werten und wert. zur wertlehre 31

ser Fähigkeiten willen. (Güterwerte führen schon ins Willensgebiet,


von dem hier noch keine Rede ist.) In den Vorlesungen1 sprach ich
von Schönheitswerten, aber es fehlt mir noch an passenden Na-
men. „Konkrete Dingwerte“ – demgegenüber kann ich nicht von
5 „Eigenschaftswerten“ sprechen, sofern nicht Eigenschaft als solche
in Frage kommt, sondern der Inhalt der Eigenschaft. Sollen wir sagen
„Inhaltswert“? Oder einfach: schlichte Werte und fundierte Werte?
Primitive und abgeleitete?2
Jedenfalls scheidet sich ab: Dinge als Werte und das axiologische
10 Prädikat, hdasi Prädikat Wertsein von Dingen und nicht zu verwech-
seln mit dem, was man natürlicherweise auch als Wertprädikat be-
zeichnen wird: nämlich die bestimmten Prädikate des Dinges, die
den Wert des Dinges begründen, um derentwillen er Wert ist. Bei
diesen wieder, im Fall der Ausweisungsmöglichkeit, zurückgeführt
15 auf immanente und Einheitswerte, die grundlegend sind für alle Mit-
telbarkeit in der Werthaltung.
Zum Werten gehört unmittelbar das Bevorzugen. Es gefällt mir
A (ich werte A), es gefällt mir B: A gefällt mir besser. Die bei-
den Wertmeinungen fundieren eine Bevorzugung, deren Korrelat
20 der relative Vorzug ist des A gegenüber dem B. Dabei können die
unterliegenden Gefallensakte „evident“ sein oder nicht. Sie können
der Auswertung bedürftig sein oder nicht. Und dasselbe gilt, und eini-
germaßen dementsprechend, für das Bevorzugen. Nach Brentano
ist der Akt der Bevorzugung ein Gemütsakt. Natürlich gehört das
25 Bevorzugen zur Gemütssphäre insofern, als es ja ein einheitliches
Meinen ist, das in den schlichten Gefallensakten fundiert ist, und
zwar notwendig, also im strengen Sinn. Soll das Zur-Gemütssphäre-
Gehören noch mehr besagen? Natürlich, ein Wahrnehmungsakt, der
sich auf die beiden Wertakte richtet, vereinigt sie ganz anders, ver-
30 einigt primär die Wahrnehmungen von ihnen und ist nicht in ihnen

1 Gemeint ist wohl die Ethik-Vorlesung aus dem Wintersemester 1908/09 (vgl. Hus-
serliana XXVIII). – Anm. der Hrsg.
2 Empirische Werte gegenüber empirischen Realitäten, Dingen. Alle diese Erschei-

nungen gehören in die Sphäre der Rezeptivität, und es ist nicht entschieden, ob es nun
eine eigene Gemütsspontaneität gibt. Wichtig ist aber auch das, dass wir hier gar keine
Gleichstellung von Gefühl und Trieb finden. Es gibt doch keine „Trieberscheinungen“.
Oder wo sind sie? Sinnliche Güter (Begehrungserscheinung).
32 werten und wert. zur wertlehre

prinzipiell fundiert. Prinzipiell ist das Wahrnehmen zweier Akte über-


all dasselbe, nicht bloß zweier Wertungsakte. Aber ist andererseits
nicht das Bevorzugen einer Wahrscheinlichkeit prinzipiell dasselbe
Bevorzugen wie dieses Vorziehen des Gemüts? Ist es nicht schließlich
5 ein Steigerungsverhältnis, das erfasst wird, hier zwischen Werten, so
dort zwischen Wahrscheinlichkeiten? Aber freilich, das Erfassen setzt
einmal das Leben in Wahrnehmungen, das andere Mal das Leben in
Vermutungen, das dritte Mal Leben in Gefallensakten voraus! Und
das macht wesentliche Unterschiede?

10 h§ 6. Empfinden und apperzeptive Objektivation


in Akten des Wahrnehmens und Gefallensi

Objektivier ende Akte.1 Objektivieren auch Gemütsakte? Ob-


jekt, das Seiende, das mit sich Identische: identisch im „Vorstellungs-
bewusstsein“. Es steht nämlich als das Eine da, als das eine Ding z. B.
15 in der Mannigfaltigkeit sich „vereinigender“ Erscheinungen, auch im
Übergang von Anschauungen verschiedener Art, Wahrnehmungen,
Erinnerungen, Phantasien etc.
Das stetig Eine wird dann zum synthetisch, im diskursiven und
begrifflichen Denken Identifizierten. Also Vorstellungsbewusstsein
20 kann verstanden werden als Einheitsbewusstsein in dem doppelten
Sinn: als kontinuierliches Einheitsbewusstsein und als sich absetzend
synthetisches Bewusstsein des Identischen; doch wird das wohl nicht
ohne weiteres schon als begrifflich prädizierendes anzusehen sein, so
dass das noch ein Neues wäre.
25 V or s tellung i m we i testen Si nn h isti der Akt,2 der, wie
immer, intentionale Ein hei t konstituiert, die als identische und an-
deren gegenüber unterschiedene im logischen Denken bestimmbar
ist. Vorstellung hat ihr Korrelat im Objekt; jedes Objekt konstituiert
sich in Vorstellungen und seiner Kategorie nach in Vorstellungen
30 entsprechender Vorstellungskategorie.

1 Cf. K 46 ff. h= S. 324,6 ff.i.


2 Der Akt?! Aber ist dann nicht jeder Akt, da sich in jedem etwas bewusst macht,
was zum Gegenstand-worüber werden kann, eine Vorstellung?
werten und wert. zur wertlehre 33

Wie steht es nun mit der Wertobj ektivation? Zu ihr gehö-


ren Bestimmungen wie „gefällig, angenehm, schön, wertvoll“.1 1)
Zugrunde liegende Objektivation des Objekts, das gefällt; 2) das
Gefallen daran mit seiner „neuen intentionalen Beziehungsweise“.
5 Nun meinte ich aber (in den Originalblättern): „Im Gefallen lebend
objektiviere ich nichts.“ Da habe ich nur eine Objektität, die des Ge-
genstandes. Es käme allererst eine neue Objektivation hinzu, welche
den Gegenstand als, sei es gefallenden oder als gefälligen, werten
auffasse. Das eine Mal wird das Gefallen auf das Subjekt bezogen,
10 das andere Mal erschiene der Gegenstand selbst als Träger des Ge-
fallenscharakters. Dieser Charakter sei nichts sich in der empirischen
Mannigfaltigkeit als Einheit (empirische Einheit) Konstituierendes,
er sei also keine dingliche Eigenschaft (keine empirische) des empi-
rischen Gegenstandes. Erst das empirische Objekt, fertig vorliegend
15 sozusagen, und dieses ist dann gefällig. Es hat einen Gemütscharakter,
eine „anhängende“ Bestimmtheit, aber nicht eine physische wie das
Tönen des Objekts.
Ich sprach dann noch davon, dass das Objekt einmal unter solchen
Umständen gegeben ist, dass das Gefälligkeitsprädikat ihm aktuell
20 oder direkt zukommt, z. B. der Apfel im Essen, das andere Mal
indirekt: der Apfel als mögliches Objekt des Essens und dadurch
einen Gefallenscharakter tragend.
Fasse ich das Gefallen als mein Gefallen auf, als meinen Zustand,
so sage ich, das Objekt ist Objekt meines Gefallens, bzw. es gefällt mir,
25 es übt auf mich einen Gefallensreiz hausi. Bleibt die Beziehung auf
mein Ich außer Spiel, so steht das Objekt selbst als gefällig, angenehm,
schön da. Aber es steht als das nicht da bloß aufgrund des Gefallens,
sondern vermöge eines Betrachtens, Wahrnehmens, Schauens. Das
seien objekt ivi erende Akte, die sich auf den Gemütsakt bauen,
30 und erst sie bezögen das Gefühl in das Gegenstandsbewusstsein hin-
ein, als seinen Stoff, und konstituierten den gefallenden Gegenstand.
Der in der unterliegenden bloßen Vorstellung vorgestellte (wahrge-
nommene) Gegenstand wird als diese Gefallenseigenschaft habend
aufgefasst. Nur so könne sich der Wert konstituieren, eben als Wert

1 Und diese stehen parallel zu „wirklich und wahrseiend“, wenn man wertende Akte

und Urteilsakte (seinssetzende Akte) parallel stellt.


34 werten und wert. zur wertlehre

des Gegenstandes, als Prädikat desselben und dabei nicht als das
bloße Prädikat „gefallend zu sein“.
Diese Auffassung erfordert aber immer neue Überlegung.1 Was
soll eigentlich die „intentionale Beziehung“ des Gefallens auf das
5 vorgestellte Objekt besagen, wenn nicht das, dass im Gefallen als
einem Bewusstsein das Objekt als gefällig „vermeint“ ist? Aber was
sagt da „meinen“ und was „Bewusstsein“? Freilich haben wir die Un-
terschiede in der Richtung des Herausmeinens. Eine echte Havanna
oder eine schöne alte Geige kann ich mit entsprechender Ehrfurcht
10 betrachten, es kann mich aber inzwischen irgendeine Struktur des
Holzes interessieren – was das da ist, dieser Streifen etc. –, und
während ich noch Gefallen habe, kann ich speziell in der unter dem
Gefallen liegenden Objektivation leben und ein Besonderes am Ob-
jekt als empirisches Objekt herausmeinen. So wie nun aber das ganze
15 Objekt „dasteht“, aber gerade dieses Moment des Gegenstandes,
diese Struktur dieses Teiles der Oberfläche, das speziell Gemeinte ist,
so steht noch das Wertstück als solches da, die edle Geige, obschon ich
nicht im Wertbewusstsein lebe und, was dasselbe ist, auf das Wertsein
achte. Natürlich kann ich nun bald auf das Wertsein des Gegenstandes
20 achten, bald darauf, dass er mir gefällt oder dass der Gegenstand mich
zum Werten reizt. Schließlich kann ich auch sagen, der Gegenstand
nötige mich zum Urteil, und ebenso sagen wir ja auch, der Gegenstand
errege in uns gerade die Erscheinung.
Wenn wir den Akt auf das Ich beziehen und zwischen Akt und
25 Gegenstand und Ich eine Beziehung herstellen, so ist der „Akt“
in Beziehung auf den Gegenstand schon vorausgesetzt, das heißt,
dass der Gegenstand als so und so bestimmter dasteht, ist Voraus-

1 Es hieß oben, erst das „Betrachten“, „Wahrnehmen“ konstituiere den gefallenden

Gegenstand. Aber Wahrnehmen als Hinsehen-auf ist Hinsehen auf einen schon kon-
stituierten Gegenstand. Schon das Reden vom Wahrnehmen ist zweideutig: Einmal
nimmt man die Apperzeption hinzu, nimmt also das volle konkrete Phänomen, insbe-
sondere im Fall der empirischen Wahrnehmung, das andere Mal nur das Hinsehen, das
Hingerichtetsein für sich. Natürlich, das Gemüt konstituiert den Gegenstand schon
vor dem Hinsehen und sehend Erfassen, Setzen. Aber Gegen-stand, Objekt eben der
Setzung, ist er erst in der Setzung. Und danach ist auch Objektivation zweideutig: 1)
das, was Voraussetzung dafür ist, dass wir etwas setzen können, als seiend nehmen und
zum Worüber machen können: die Apperzeption; 2) das Zum-Objekt-Machen, das
Als-seiend-Nehmen selbst.
werten und wert. zur wertlehre 35

setzung; ebenso wenn wir das Gefallen des Gegenstandes auf das
Subjekt beziehen, so ist vorausgesetzt, dass der Gegenstand als ge-
fällig dasteht. In der phänomenologischen Reflexion haben wir dann
Gegenstandserscheinung und das plus des Gefallens, das sich auf die
5 Gegenstandserscheinung baut. Und wie Gegenstandserscheinung in
sich auf den Gegenstand bezogen ist, sofern es der bestimmte Wechsel
der „Stellung“ ist, der den Hinblick auf die Erscheinung aus dem Er-
scheinungsbewusstsein selbst hervorgehen lässt, so ist das Gefallen in
sich „Bewusstsein“ vom Gefälligen als solchen, und derselbe Wechsel
10 der Stellung, der reflektierende Blick auf das Gefallen, macht dieses
zum Gegenstand, während vorher nicht ein besonderer Blick auf das
Gefällige erforderlich war, weil eben das Gefallen selbst Bewusstsein
vom Gefälligen ist.1 Die Reflexion ist Wahrnehmung, es bedarf einer
eigenen Wahrnehmung, humi das, was nicht bewusst war, im spezifi-
15 schen Sinn zum Bewusstsein zu machen (wofern eben Erscheinung
wirklich nicht bewusst ist).
Vielleicht ist es klarer, so zu sagen: Meinen in einem ganz spe-
zifischen Sinn als Es-abgesehen-Haben, Darauf-Hinsehen, Heraus-
meinen, ist etwas, was sich mit verschiedenem „Bewusstsein“ ver-
20 bindet und in ihm verschiedene Gliederungen, Bevorzugungen etc.
hervorruft. Nennen wir das Meinen in diesem Sinn Objektivieren
(= Aufmerken), dann ist es überall ein und dasselbe und hat viel-
leicht nur verschiedene Modi.2 Die Unterschiede der „Akte“ beste-
hen dann aber in dem, was das spezifische Meinen voraussetzt: im
25 „Bewusstsein“, in ver sc hi edener „ Apperzeption “.3 Also das
immanente Apperzipieren, die Linie des phanseologischen Flusses, in
dem sich unabhängig vom spezifischen Meinen die Einheit des Tones
konstituiert, die aber Objekt im eigentlichen Sinn erst ist, wenn das
Meinen sich in diesen Fluss einlebt und der Ton nun das Gemeinte ist.
30 Oder die Dingwahrnehmung in ihren Abflüssen von ineinander über-
gehenden Erscheinungen: Das Ding steht da als selbstgegenwärtig.

1 Ja, da ist aber die Frage: Ist die Gefallenszuwendung schon Gegenstandsset-

zung? Schon Gewahrung in dem Sinn der Seinsnehmung? Demnach ist das Folgende
zweideutig.
2 Vergleiche aber das nächste Blatt h= S. 35,25–37,25i. Objektivieren im eigentlichen

Sinn ist mehr, ist denkendes Objektivieren.


3 Das Wort „Apperzeption“ ist unsinnig.
36 werten und wert. zur wertlehre

Aber Gegenstand im eigentlichen Sinn ist es erst, wenn das Mei-


nen in diesem Abfluss lebt. Der Gegenstand ist Gemeintes. Ebenso
mein Gefallen. Das Meinen muss im Gefallen leben und dann ist das
Gefällige als solches nicht nur bewusst, sondern gemeint.1
5 Es bleibt aber zu erforschen übrig,2 ob das Identifizieren und Un-
terscheiden und alles darauf gebaute Prädizieren (auch das begriff-
liche Erkennen) in die Sphäre des spezifischen Meinens als solchen
gehöre, also Modi des Meinens sind, Modi der Objektivierung in
einem aus gezei chneten Si nn.3 Das Dies-Meinen, das Als-ein-
10 A-Meinen, das Meinen, A sei b etc. Aber liegt im Begreifen und
Denken nicht ein Sich-Konstituieren neuer Gegenständlichkeiten
vor, die wieder herausgemeint werden können? Das bloße Heraus-
meinen ist doch kein Apperzipieren. Das synthetische Zusammen-
fassen, Begreifen, Prädizieren ist aber Apperzipieren; da liegt die
15 Schwierigkeit.4
Das ist natürlich richtig, dass Objektivieren im eigentlichen Sinn
(des seinssetzenden Zum-Objekt-Machen) voraussetzt ein Meinen,
und ein denkendes Meinen, ein bestimmendes und begründendes
Meinen. Das wahre Objekt ist das Objekt, das seine Identität durch-
20 zuhalten vermag, oder das erscheinende Objekt, das in solcher Weise
bestimmt gedacht wird, dass das so bestimmte unter allen Erkennt-
nisumständen, in jeder Erkenntnislage als dieses selbe so bestimmte
erhalten bleiben kann. Das gilt auch vom werten Objekt; es muss sich
als Wert ausweisen und seine Identität als wertes ausweisen.
25 Die Objektivierung vollzieht sich überall zuhöchst durch das iden-
tifizierende und bestimmende Denken und Theoretisieren. Also na-

1 Muss man aber nicht scheiden: Vordergrundgefallen und Hintergrundgefallen,

einerseits ein Gefallensmeinen, eine Zuwendung, und andererseits das Den-Gefallens-


wert-Setzen, Seinssetzung-des-Wertes-Vollziehen?
2 Cf. αα S. 4 h= S. 400,18–402,12i in Ph und B und oben p. 16 f. h= S. 20,19 f.i.
I
3 Vielleicht ist das so: Meinen ist kein Denken, kein Urteilen niederster Stufe,

aber jedem Meinen entspricht ein mögliches Denken bzw. jedem Akt, der Meinung
in sich aufgenommen hat. – Indessen, genau besehen ist es doch evident, dass das
„Setzen“, das z. B. im Wahrnehmen (im vollen gewöhnlichen Sinn) liegt, zwar noch
kein Begreifen, aber doch etwas mit dem Urteilen Verwandtes ist. Das schlichte Setzen
ist Objektivieren durch seine Unterlage: auch das synthetische Setzen ist durch seine
Unterlage und seine Formen (die intellektive Form) ein Objektivieren. Das Setzen
macht aber Gegenstände in einem anderen Sinn.
4 Es ist schöpferisches „Apperzipieren“.
werten und wert. zur wertlehre 37

türlich muss Denken zum Gefallen (Wertnehmen) so hinzutreten wie


zum bloßen Wahrnehmen (überhaupt hzumi sinnlichen Vorstellen).1
Sind also die Gemütsakte, speziell die Wertungs-, Gefallensakte, vor-
stellende hAktei? Umfasst also der Titel „Vorstellen“ am Ende alle
5 Akte?
Natürlich soll der Unterschied zwischen Vorstellen in einem präg-
nanten Sinn und Gefallen nicht verwischt werden. Das Vorstellen
macht Nicht-Werte zu Gegenständen oder ist die apperzeptive Quelle
von wertfreien Gegenständen (Gegenständen, die wert sein können,
10 aber nicht Wert enthalten können), oder Vorstellen konstituiert als
Quelle Gegenstände hinsichtlich nicht-axiologischer Prädikate. Das
Werten konstituiert aufgrund des Vorstellens die axiologischen Prä-
dikate. Vorstellen geht auf „bloße Sachen“, Gemüt geht auf Wertsein
von Sachen, Wertsachen, Gemüt ist Anteilnahme an Sachen. Kurzum,
15 wir haben verschiedene Klassen und Schichten von Objektivitäten
mit verschiedenen Ursprungsquellen.
Objektivierende Akte im Gegensatz zu wertenden Akten? Da
bliebe nur übrig: Objektivationen, die keine Gemütsstellung bzw.
Apperzeption voraussetzen, und solche, die es tun. Die Verbindung
20 zwischen Vorstellen im engeren Sinn (sachkonstituierender Akt) und
Denken (setzendem) müsste gelöst werden. Das Sachstellen (Sachap-
perzeption) und das Werten (Wertapperzeption) wären gleichberech-
tigt, nur dass jedes Wertstellen ein Sachstellen voraussetzt. Und zu
beidem stände das Denken in gleicher Beziehung, auf alle bloß sach-
25 liche oder höher fundierte Objektität in gleicher Weise bezüglich.2
Gehen wir auf tiefste Grundlagen der vor allem Denken liegenden
Akte (Apperzeptionen, aber ursprüngliche, unmodifizierte) zurück,3
so kämen wir etwa zurück a) auf die sinnlichen Empfindungen, Emp-
findungen im gewöhnlichen Sinn; b) haufi die schlichtesten sinnlichen
30 Gefühle (Gefühlsempfindungen).4 Die letzteren in den ersteren fun-
diert. Man darf vielleicht wagen zu sagen, dass schon die primitivsten
Gefühle wirkliche Gefühlsakte sind, also in der Weise von sonstigen

1 Aber das Wahrnehmen ist schon ein Seinssetzen, das Gefallen bedarf erst eines
darin fundierten Seinssetzens.
2 Das ist doch nicht völlig korrekt, aber im Wesen richtig gemeint.
3 Rekapitulation.
4 Aber wohl auch c) Triebempfindungen.
38 werten und wert. zur wertlehre

Gefühlsakten fundiert, nämlich fundiert in den Empfindungen, was


freilich wieder voraussetzt, dass Empfindungen auch schon „Akte“
sind, schon Bewusstsein-von. Freilich, die „Intentionalität im vollen
Sinn“ vollendet sich erst durch das spezifische Meinen, das in gewisser
5 Art eigentliche Objektivieren.
Die sinnlichen Empfindungsinhalte sind Einheiten des Bewusst-
seins, in denen sich, wenn das Meinen darin lebt, der dauernde Emp-
findungsinhalt als Objekt Gemeintes konstituiert (das Immanente).
Dasselbe gilt nun aber auch von allen Akten: Nämlich sie wären nach
10 dieser Auffassung konstituierte Einheiten, d. h. Empfundenheiten,
empfundene Inhalte, und „Reflexion“ auf sie wäre nichts anderes
als ein sich am „Empfundenen“ betätigendes Meinen, durch das die
Akte (Gefallen etc.) zum Objekt würden. Aber gegenüber den pri-
mären, sinnlichen Empfindungsinhalten hätten diese Aktempfunden-
15 heiten das Eigene, dass sie nicht nur bewusst, sondern Bewusstsein-
von sind, und dass sie somit nicht nur gemeint sein können, sondern
dass in ihnen auch ein Meinen leben und sich auf das in ihnen bewusste
Objekt richten kann. So das Erscheinen als immanenter Gegenstand
und der erscheinende Gegenstand als im Erscheinen erscheinender.
20 Empfindungen (bzw. einheitliche Empfindungsinhalte) bilden den
„rohen Stoff“ der empirischen Apperzeptionen, vor allem der em-
pirischen Wahrnehmungen, der sinnlichen. Bildlich: Empfindungsin-
halte, sei es Inhalte der äußeren oder auch inneren Sinnlichkeit, wer-
den „gedeutet“. Es handelt sich also um gewisse Akte, die sich auf-
25 grund von Empfindungen aufbauen in bestimmt zu beschreibender
Art. Dabei aber so, dass in diese Apperzeptionen (abgesehen von der
„Empfindungsunterlage“, wo sie als psychologisierte Gefühle etwa
auftreten mögen) keine Gemütsakte eintreten. Sie konstituieren Sein,
nicht Wert. Das ist also eine eigene Gruppe von Apperzeptionen (das
30 sind also fundierte Bewusstseinsarten, nicht bloß „Empfindungen“),
und diese machen einen besti m m ten Begriff von Verstand.
Eine andere Gruppe von Apperzeptionen sind die Gefühlsap-
per zeptionen (die Wertungen). Sie treten in primitivster Form
schon auf als sinnliche Gefühle: Das sind nicht bloß Empfindun-
35 gen (das sind sie auch, sofern sie ja bewusst sind), sondern schon
Bewusstsein-von, und zwar Gefühlsbewusstsein-von, Wertung pri-
mitivster Art, nämlich Wertungen von Empfindungsinhalten. Dann
haben wir wie Wertung von Empfindungsinhalten, so auch Wertung
werten und wert. zur wertlehre 39

von „Verstandesobjekten“, d. i. von realen Gegenständen, von psy-


chischen und physischen Vorkommnissen (von Natur). Das ist eine
neue Apperzeption, bei der die primitiven Gefühle (die sinnlichen
Gefühle) eine analoge Rolle spielen (bis zu einem gewissen Grad)
5 wie die Empfindungen für die Verstandesapperzeption.
Jetzt haben wir noch die Frage, ob Gefühlsapperzeption nun zu
ergänzen ist durch prinzipiell ebenso eigenartige Gruppen hvoni Be-
geh r ungs - und W oll ungsapperzepti onen, und ob allen diesen
Gruppen dann gleichwertig und in gewisser Weise überlegen gegen-
10 übertritt die logische Apperzeption, die der spezifisch theoretischen
Vernunft.
Es hat mich unendliche Mühe gekostet, diese Auffassung durch-
führen zu können: Seit den neunziger Jahren, wo ich bei allen Akten
das „Erscheinen-von“ bemerkte, versuchte ich es immer hwiederi,
15 und da ich keine Möglichkeit sah, konnte ich mit diesem Erscheinen,
Bewusstsein-von bei allen Akten nicht fertig werden.
I s t die Dur chführ ung nun wi rkl i ch geglückt? Es sträubt
sich ja sozusagen alles in mir dagegen, dies dahinzugeben: Wenn
ich ein Haus wahrnehme, so habe ich einen intellektiven Akt, einen
20 Wahrnehmungsakt. Ich kann aber ebenso wahrnehmen ein Gefühl,
ein Wahrnehmen, einen immanenten Rotinhalt, einen Willen etc.,
und ebenso kann ich all das denken, und das Denken scheint eben
Anschauungen, Vorstellungen näher zu stehen als den Gemütsakten:
Beide zusammen hatte ich als objektivierend gefasst. Gemütsakte,
25 meinte ich, seien Materialien für Objektivierungen, aber nicht selbst
Objektivierungen. (Beziehung der Gemütsakte auf das Subjekt im
psychologischen Sinn und dgl.) U nd nun im Gegensatz: Das
Wesen des Bewusstseins ist gerade „Vorstellen“, Objektivieren, we-
nigstens in gewissem Sinn.1 Die Modifikationen in Phantasie etc.
30 kann jedes Bewusstsein erfahren. Schon die primitive Empfindung
ist Bewusstsein-von, und jeder Akt Bewusstsein-von etc.!
Früher sagte ich: Die Handlung ist eine Objektität, die letztlich
durch „Vorstellung“ zustande kommt als den objektivierenden Akt.
Ich brauchte ja eine eigene Objektivation. Also h1)i zunächst die
35 empirische Apperzeption: Vorgang; 2) der Wille: der Vorgang ist

1 Ja.
40 werten und wert. zur wertlehre

„willentlich“, vom Willen getragen; 3) Apperzeption als Objektiva-


tion, welche den Vorgang als aus dem Willen „hervorgehend“, von
ihm getragenen setzt.
I n der ander en A u ffassung aber: Auf einer sinnlichen empi-
5 rischen Apperzeption, durch die der Vorgang sich konstituiert, baut
sich das Bewusstsein schöpferischen Wirkens, das den Vorgang wil-
lentlich beseelt. Und dieses Bewusstsein ist Bewusstsein von Hand-
lung, Tat. Ich brauche keine neue Objektivation. (Darin liegt eben
eine neue Apperzeption, Gegenstand konstituierend.) Das Meinen
10 lebt darin, und das genügt, um dann in logischer Apperzeption anzu-
heben: „Dies ist eine Handlung“, oder sonst wie zu prädizieren.1 Die
Theorie mag mir noch so sehr wider den Strich gehen, ich werde
s ie annehmen müs sen.
Zu jeder Apperzeption gehört dann eine eigene Richtigkeit, eine
15 eigene Evidenz, nämlich (das Wort „Evidenz“ lasse ich besser für
das logische Gebiet) eine eigene Erfüllung. Die Erkenntnis erkennt
dann und formuliert Bedingungen der Möglichkeit der Erfüllung der
Dingapperzeption bzw. Bedingungen der Möglichkeit der Durchhal-
tung der Dingsetzung, Bedingung der Möglichkeit der Erfüllung bzw.
20 Durchhaltung der Wertintentionen etc.
Die Erkenntnis auf sich selbst (auf die logische Sphäre) bezogen
erkennt und formuliert auch Bedingungen der Möglichkeit der Be-
währung, der Bestätigung der Denkapperzeptionen überhaupt (Lo-
gik).

25 h§ 7. Das Verhältnis von Freude, Wunsch und Wollen zum


Werten. Die Fundierung des Wollens im Wünscheni

Es ist nun die Frage, wie sich das Werten zum Wünschen und Wol-
len verhält. Ich habe umfassende Betrachtungen angestellt, in denen
mir schien, dass man den Begriff des Wertens so weit fassen könne,
30 dass er Wünschen und Wollen umfasst. Ein allgemeiner Begriff von
Gemütsakt und Gemütsapperzeption schien sich abzuheben, ohne

1 Aber ein seinssetzendes Meinen muss sich etablieren, um eben das Konstituierte

zum Gegenstand der Erfassung und des Denkens darüber zu machen.


werten und wert. zur wertlehre 41

dass seine scharfe Begrenzung gelang. Andererseits war in den letzten


Betrachtungen offenbar von einem engeren Wertbegriff die Rede,
und es kommt natürlich sehr viel darauf an, hier überall die scharfen
Grenzen zu finden und zu sichern. Die Idee (die leider noch unklare)
5 von Gemüt hat einen Gegenpart in der Idee Intellekt: Denken als
Urteilen; aber auch Fragen und Vermuten scheinen sich an Urteilen
eng zu attachieren. Und die Sphäre der Dinglichkeit, der Natur?
Nun, da hätten wir zu sagen, dass die alte Vermögenseinteilung Welt
als Vorgegebenheit nimmt und fragt, wie kann sich Bewusstsein zu
10 ihr verhalten: vorstellend, denkend, im Gemüt Anteil nehmend und
praktisch wollend. Dabei aber besteht die Neigung, statt dieser Vier-
teilung eine Zweiteilung zu vollziehen, oder es besteht die Neigung,
Vorstellen und Denken als Intellekt und Anteilnehmen als Werten
und Begehren, Wollen als Gemüt wieder in eins zu nehmen (νουσ,
15 ρεξισ).
Das Vorstellen angesehen als verworrenes Denken, oder, wie man
auch sagt: Vorstellen enthält schon unklar eingewobene Denkele-
mente. Und dann wohl analog das Anteilnehmen, das Gefallen,
Sich-Freuen, Werten irgendwie eine niedere Stufe für das Wünschen
20 und Wollen.
Wille geht auf Realisierung von Werten. Auch der Wunsch richtet
sich auf Wertgehaltenes, auf etwas, das ihm als Wert gegenüber-
steht, und richtet sich darauf, dass dieses Werte sei. Wie ist dieses
Ric hten auf Wer te un d auf das Sei n des Werten zu verste-
25 hen?
Das Urteilen richtet sich auf Wahrheit; die Erfüllung in der Evi-
denz ist sozusagen sein Ziel. Aber im Urteilen steckt nichts von
der erfüllenden Evidenz oder von einem Gedanken daran. Urteilen
heißt „für wahr halten“, aber es ist nichts weiter als eben Urteilen,
30 als eine gewisse Art des Vermeinens. So ist auch das Wünschen ein
gewisses Vermeinen, ein gewisses Bewusstsein-von. Das Urteil kann
sich auf leeren Vorstellungen aufbauen, oder auch auf vollen. Auch
der Wunsch kann sich auf leeren und kann sich auf vollen Vorstellun-
gen aufbauen. (Auch der Unterschied der wirklichen Anschauung
35 vom Beurteilten, Erwünschten und von indirekt hilfreichen Sug-
gestivvorstellungen, die der Deutlichkeit der leeren Vorstellungen
dienen, eventuell durch einige Analogisierungen, die das Beurteilte
oder Erwünschte vorstellen, gegenüber den ohne solche Suggerierung
42 werten und wert. zur wertlehre

auftretenden leeren Vorstellungen ist zu erwähnen.) Beiderseits sind


auch Unterschiede der Lebhaftigkeit zu erwähnen, auf der einen Seite
ein lebhaftes Überzeugtsein, auf der anderen Seite die Lebhaftigkeit
des Wunsches.
5 Habe ich eine Anschauung vom Geurteilten, so ist es ein Problem,
wie da Anschauung eigentlich fungiert, z. B. wenn ich sage „Auf dem
Hainberg steht der so genannte Rohnsgasthof“ etc. Jedenfalls habe
ich da eine Anschauung, die Unterlage einer prädikativen Gliede-
rung ist: Ich urteile „gleichsam“ (als ob ich ein Wahrnehmungsurteil
10 fällte: Und das ist ein Phantasieurteilen), aber ich urteile andererseits
wirklich. Habe ich hier zweierlei? Doch nicht. Ich kann die Ein-
stellung des Gleichsam-Urteilens haben, ich habe aber die Einstel-
lung des Wirklich-Urteilens. Beim Wunsch, wenn ich mir anschaulich
vorstelle, ich machte einen Lotteriegewinn, während ich wünsche,
15 dass ich ihn machen möge, kann ich mich doppelt einstellen: Das
„möge“ ist dieser Wunsch, das andere ist die Phantasiefreude über
diesen Gewinn. Ist diese Quasi-Freude wirklich vollzogen, so wäre das
der Phantasieprädikation entsprechend. Steckt aber irgendwie eine
Phantasieprädikation (als Gleichsam-Prädikation) in dem Urteil, das
20 seinen Sachverhalt anschaulich vergegenwärtigt? Und wieder, steckt
irgendwie die Freude als Phantasiefreude im anschaulichen Wunsch?
Sicherlich ist es ein großer Unterschied: Sich einerseits hinein-
träumen in einen großen Lotteriegewinn und in diesem Träumen die
Freude daran genießen (Phantasiegenießen) und andererseits nicht in
25 der Phantasie genießen, sondern aufgrund der Phantasie des Gewin-
nes „ihn“ entbehren, d. i. die Freude eben nicht genießen, sondern
in einem gegenteiligen (das Genießen nicht etwa vorstellenden) Be-
wusstsein den „Mangel“ empfinden und wieder, denn das ist etwas
Neues, wünschen, begehren. Kann man da nun im Wünschen eine
30 eigene Komponente finden wie „Werten“, und zwar als etwas vom
Wünschen zu Unterscheidendes?1
Ähnlich kann man bei der Freude fragen: Die Freude ist Freude
darüber, dass A ist. Die Trauer ist Trauer darüber, dass A nicht ist.
Freuen kann ich mich aber nicht nur nicht, ohne für wirklich zu halten,
35 ich kann mich auch nicht freuen, ohne dass das A, das als wahrhaft

1 Werten im Wünschen und Sich-Freuen.


werten und wert. zur wertlehre 43

seiend vermeint ist, mir als A wert ist. Steckt in der Freude also ein
Werten des A und dazu eine Komponente, die auf das Sein des A
bezüglich ist? Wie verteilt sich das Sich-Freuen auf den „Inhalt“ und
wie auf das Moment der „Wirklichkeit“? Steckt in ihm ein von der
5 Frage nach Wirklichkeit unabhängiges Werten?
Und wie steht es mit dem Willen? So wie wir von Freude und
Trauer sagen, dass sie einerseits auf Wahrhaftsein, auf „Wirklichkeit“
gehen und andererseits ein Werten dessen, was da ist oder nicht ist,
voraussetzen, und wie wir eben dasselbe vom Wünschen sagen, so
10 auch vom Willen. Er ist, wird man sagen, nicht selbst Werthalten,
aber setzt ein solches voraus. Aber bringt der Wille nicht bei all dem
ein Neues?
Die Freude ist „genießend“ gerichtet auf das Werte und wertvoll
Seiende, auf das Gute (nicht gerade real Seiendes, sondern Existie-
15 rendes). Der Wunsch ist begehrend gerichtet auf das Gute (in der
Weise des Seinsollens-Bewusstseins, also gerichtet in konstitutiver
Weise auf Seinsollendes, das, wenn es wäre, gut wäre). Wie der Wille?
Ist er in ähnlichem Sinn nur gerichtet? Etwa so, dass er nicht nur auf
Sein, sondern auf das Seinwerden gerichtet ist?1 Aber was heißt das?
20 Ich will, dass das Werk, das mir vorschwebt, sei. Ich will es ausführen!2
Zunächst möchte man sagen: Da liegt ein Wünschen zugrunde und
nicht ein bloßes Werten. Was ich will, das ist mir erwünscht. Und
Wille geht im fiat auf das machende, „schöpferische“ Verwirklichen
des Gewünschten und somit auch des Guten. Der Wille ist gerichtet
25 nicht nur auf das Gute, sondern auf das Werk, auf die Tat, und auf
die Tat durch das Medium der „Handlung“.
Der bloße „Entschluss“ ist „leere Willensintention“? Aber was
soll diese Rede hier bedeuten? Ich kann den Entschluss bei klarer
Vorstellung des zu Realisierenden haben, und ist der Entschluss ganz
30 klar, so habe ich die klare Vorstellung einer Handlung, die in dem
Ziel terminiert. Darin liegt ein fiat als Ansatzpunkt und so alles Wei-
tere, was Handlung und Tat charakterisiert: nur „vorstellungsmäßig“.
Aber jetzt habe ich ein wirkliches fiat, ein wirkliches „Ich will“. Das

1 Aber Seinwerden steht doch nicht dem Guten gleich. Seinwerden konstituiert sich
ohne Wille!
2 Das Werk ist ein Seinsollendes, und es ist ein Gutes. Realisierung von Gutem.
44 werten und wert. zur wertlehre

ist sehr ähnlich dem oben erwähnten Fall des Urteils, das sich nicht
auf Wahrnehmung aufbaut, sondern auf Erinnerung oder sonstige
aktuelle Vergegenwärtigung. Einerseits stelle ich den Sachverhalt vor
und vollziehe ein Gleichsam-Urteilen in der Vergegenwärtigung, und
5 andererseits urteile ich jetzt und wirklich und gewissermaßen durch
das Vergegenwärtigungsurteil hindurch, so wie ich im Entschluss
wirklich und jetzt will und gleichsam durch das Phantasiewollen und
Phantasiehandeln hhindurchi.1
Andererseits: Entspricht dem ausführenden Wollen auf der Ur-
10 teilsseite irgendetwas? Offenbar nicht. Das Urteil kann berechtigt
oder unberechtigt sein; es kann dem bloßen Urteil gegenüberge-
stellt werden ein begründendes Urteil (es ist zu beachten, dass ich
bei dieser vergleichenden Betrachtung immer Erfahrungsurteile und
Wollungen parallelisiere, nicht etwa mathematische und überhaupt
15 Wesensurteile, bei denen ja all das nicht gilt), aber auch der Ent-
schluss kann berechtigt und unberechtigt sein, und ich kann mir ihn
nicht bloß klar, sondern mir auch seine Rechtsgründe klar machen.2
Aber Verwirklichung ist etwas anderes als Rechtsausweisung. Der
Entschluss wird „ausgeführt“, und die Handlung ist charakterisiert
20 als Ausführung des Entschlusses.
Liegt nun wirklich im Wol l en das Wünschen? Im Entschluss
bin ich gerichtet auf das Ziel (dass A sei), aber darauf gerichtet durch
die vorgestellte (mehr oder minder bestimmt vorgestellte) Handlung.
Es ist eine Willenslinie, die da durchgeht durch diesen vorgestellten
25 Vorgang. Der dem Willen entsprechende Wunsch ging auf das A-
Sein. (Natürlich kann ich auch ein Handeln wünschen: Ich wünschte,
dass ich das täte, dass ich das Werk ausführte. Selbst während der
Ausführung kann ich wünschen, dass sie wirklich zu Ende käme, dass
ich es zustande brächte: also hinsichtlich des noch nicht Ausgeführten,
30 obschon „ins Werk Gesetzten“.) Also wie sind hier die Verhältnisse?

1 Und beiderseits kann man fragen: Liegt nicht in jenem Urteil ein Zustimmen zu
dem im vergegenwärtigten Urteil Geurteilten und ebenso im Entschlusswillen eine
Willenszustimmung zu dem vergegenwärtigten Willen?
2 Dagegen kann man sagen: Das Urteil der Zustimmung findet Ausweisung, indem

ich den Rohns wahrnehme, ihn so finde, wie ich ihn geurteilt hhabei. Der Entschluss-
wille kommt aber nicht zu seinem Recht durch Handlung und nur nach seiner Wert-
komponente durch Wertausweisung. Also wir haben keine richtige Analogie.
werten und wert. zur wertlehre 45

Wünsche ich, „einen Spaziergang zu machen“, also eine Hand-


lung, so brauche ich ihn darum noch nicht wirklich zu machen, ob-
schon ich „weiß, dass er ausführbar ist“; ich habe das Bewusstsein
5 „Ich kann“. Wie wird der Wunsch zum Willen? Natürlich abgesehen
von Erwägungen von Motiven, von der Erkenntnis, dass hdasi, was
dawider ist, „nicht in Betrachtung kommt“ und dgl. Nun einfach:
Ich will und tue. Ich „entschließe mich“ etwa, erst das und das
fertig zu machen und dann zu gehen, oder ich tue einfach: Das
10 fiat inszeniert die Handlung. Da steckt doch nicht noch einmal der
Wunsch darin, sondern Wunsch ist einfach durch Wille abgelöst in
seinen stetigen Modifikationen, so wie sie zur Handlung als fiat usw.
gehören.1
Doch das war vielleicht etwas voreilig oder vielmehr ungenau.
15 Ich wünschte die Handlung, das Spazierengehen, das Theater oder
den Freund zu besuchen etc. Ich handle nun. Dann erfülle ich durch
sie den Wunsch. Soweit die Handlung noch nicht ausgeführt ist, ist
der Wunsch noch lebendig. Ich ziehe mich schon an: Das liegt noch
vor der Handlung, die ich eigentlich wünschte, und dient zu ihrer
20 „Inszenierung“. Es ist sozusagen die Handlung, die ich vollziehen
muss, um die Handlung, die ich wünsche, ausführen zu können. Wäh-
rend des Anziehens habe ich also noch den unerfüllten Wunsch. Nun
gehe ich schon spazieren und habe das Behagen der Erfüllung, aber
zugleich wünsche ich noch weiter spazierenzugehen. Es kann aber
25 auch sein, dass ich ausgehen will, um einen lieben Besuch zu machen:
Während des Gehens habe ich Vorerfüllung, sofern ich ja Erreichung
erhoffe und insofern Befriedigung. Andererseits noch lebendigen
Wunsch in Hinsicht auf den Besuch selbst, der ja noch nicht wirklich
erfüllt ist.
30 Muss nicht so in jedem Willen Wunsch des Zieles und des noch
nicht realisierten Weges als Weges zum Ziel enthalten sein? Und
ebenso immer etwas von Freude: Denn Freude ist wirkliche und
antizipatorische Wunscherfüllung, wie ich öfters mir zurechtzulegen

1 Natürlich wird die Sache zweideutig, wenn wir eben nicht scheiden: den „bloßen
Wunsch“ und dasjenige Langen, Streben, das als ungesättigter Wunsch z. B. in aller
Handlung oder im bloßen Entschluss vorliegt.
46 werten und wert. zur wertlehre

versuchte.1 Und Willensaktion, ausführende Handlung, ist immer


schon Wunscherfüllung.
Die Sache ist nicht anders, wenn ich nur ein A-Sein vorstelle und
wünsche, derart, dass der Wunsch keinen Gedanken an eine Hand-
5 lung, die in A-Sein terminiert, mit sich führt. Tritt der Gedanke dann
ein und führe ich aus, so empfinde ich Vorfreude, Freudeantizipation
(Hoffnungsfreude) und dabei immerfort noch „Wunsch“, auf das
Ziel gerichtet. Die Vorfreude wächst, je mehr ich mich handelnd dem
Ziel annähere. Wir hätten hinsichtlich der Verhältnisse von Freude
10 und Wunsch also gleichsam: Freude = gesättigter Wunsch. Wunsch =
ungesättigte Freude.2 Darüber noch nähere andere Untersuchungen,
doch kann ich das hier nicht weiter erwägen.
Also kann man sagen, der Wille sei Wunsch im Modus des
fiat? Das wird nicht gehen, wenn man „Wunsch“ im gewöhnlichen
15 Sinn versteht, weil ja dann „Wunsch“ keine Realisierung zum Ziel hin
vorstellt. Nimmt man aber „Wunsch“ allgemein als begehrendes Stre-
ben, und scheidet man bloßen Wunsch und Wille, wobei das Begehren
modifiziert ist durch das fundierende „Ich kann“ und dadurch, dass
es das „Ich will“, das fiat in sich aufgenommen hat – wie dann? Die
20 Antwort wird lauten: D er Wi l l e i st al so im Wunsch fundiert,
und dur ch dies e n geh t er auf ei n für gut Gehal tenes. Und er
geht darauf in der Weise des Machens. Das Gute als Ziel des Machens
= das praktisch Gute, das gute Werk, die gute Tat.3
Das fiat als solches „erfüllt“ sich im Handeln und endet, sich
25 erfüllend, im Werk, im Willensziel, dem als gut Vermeinten.4 Die
Wunschunterlage „erfüllt“ sich in Freude. Diese ist reine Freude,
wenn sie in sich nichts mehr zu wünschen übrig lässt. Dann ist das

1 Wunscherfüllung, das ist voreilig. Aber doch liegt wohl ein Gutes darin: Jedes

in Funktion der Erfüllung stehende Phänomen ist eine Sattheit zu dem, was auf
Seiten bloßer Intention steht. Aber das satte Phänomen braucht nicht immer in einem
Erfüllungsübergang aufzutreten. So würden Freude und Wunsch so zusammengehören
wie einsichtiges Urteil und uneinsichtiges, wie klare Anschauung und Leervorstellung.
2 Wunsch müsste aber sein völlig ungesättigte Freude, analog der Leervorstellung

und nicht der unvollkommenen Anschauung.


3 Aber dann wäre zu sagen: Das „Ich will“ ist keine bloße Modalität des Wunsches,

mag auch der Wunsch im Willen seinen Basischarakter haben, sondern ein völlig Neues
und in sich kein „Vermeinen“.
4 Doppelsinn von Erfüllung.
beilage i 47

Gute gegeben. Der Wille geht allerdings in der Weise der Realisierung
nur auf sein Ziel. Aber der Wille richtet sich auch in einem anderen
Sinn auf das Gute: Nämlich sofern er (das pure Willensmoment des
fiat) ein Unselbständiges ist, fundiert in der beschriebenen Unter-
5 lage. Jedenfalls das konkrete Erlebnis Wille (und „Ich will“) ist ein
„intentionales Erlebnis“ mit der praktischen Intention auf ein zu
erzielendes Gutes. Das Problem ist dann aber, inwieweit das Akt-
moment des fiat selbst als intentional auf Gutes gerichtet bezeichnet
werden kann. Offenbar ist die Sachlage keineswegs dieselbe wie für
10 die Intentionalität einer Vorstellung oder auch eines Wunsches, einer
Freude. Und man wird vielleicht doch sagen müssen, es ist keine
eigentliche Intentionalität, sondern eine akquirierte, nämlich doch so,
dass konkrete Phänomene als Konkretes eine Intentionalität sicher
haben, die nicht bloß die von Komponenten ist. Er „vermeint“ –
15 indem er sich auslebt, indem er realisiert –, ein Gutes zu realisie-
ren. Der Wille ist richtig, ist reiner Wille, wenn das vermeinte Gute
wirklich gut ist. Jeder Wille ist „Intention“ auf eine gute Tat. Er will
gleichsam guter Wille sein. Aber das betrifft ihn als „Vermeinen“ und
betrifft ihn analog wie jedes Vermeinen. Die „Richtung-auf“, die in
20 der Realisierung liegt, obschon Richtung auf ein für gut Vermeintes,
ist doch zu unterscheiden von der „Richtung auf das wahrhaft Gute“,
die besteht, wenn das Gute eben wahrhaft gut ist. Die ungebrochen
ablaufende Handlung erreicht wirklich ihr Ziel; das Ziel, das der Wille
sich gesetzt hhati oder dessen Erzielung ihn ausmacht, ist am Ende
25 der Handlung Wirklichkeit. Aber in dem anderen Sinn hat sich seine
Meinung, ein Gutes zu realisieren, nicht auch erfüllt (wenn nämlich
das Ziel nicht wahrhaft gut ist etc.).

Beilage I
hDie Fundierung der Gemütsakte als
30 Gemütsapperzeption und Gemütsmeinungi1

Fundi er te Appe rzep t i o n e n und f u n d i e r t e A k t e a l s M e i n u n g e n


sind zu unterscheiden. Nämlich, wir unterscheiden das Erfahren als ein Sich-

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


48 werten und wert. zur wertlehre

erfahrend-Verhalten vom erfahrenden Meinen, d. i. vom Wahrnehmen, Erin-


nern etc., in dem Bemerksamkeit und A u f m e r k s a m k e i t a l s H i n s e h e n -
auf waltet. Ebenso das Gemütsverhalten und das wertende Meinen. Das
(seinssetzende!) Meinen glaube ich ansehen zu dürfen als die eigentlich
5 theoretische Grundfunktion. Zum Meinen gehören die verschiedenen For-
men der Synthesis, die in ihrer Reinheit in der formalen Logik ihre Ge-
setzmäßigkeit entfalten. Aber zur vollen theoretischen Funktion gehört das
Bedeuten (Konzipieren, das eigentliche Bedeuten, das den Wortsinn macht).
Dadurch kommt es zur Prädikation. Wenn es nun von jedem Gemütsakt
10 (Gefallen, Wünschen, Wollen) heißt, dass er fundiert ist, so ist die Frage, ob
die Fundierung statthat als Fundierung von Apperzeption durch Apperzep-
tion, oder auch (denn die erste Fundierung ist unerlässlich) von Akt durch
Akt hinsichtlich der Meinung. Ich kann in einer empirischen Apperzeption
leben, hier Meinen üben, den Gegenstand wahrnehmen (Seinssetzung also)
15 und an ihm das oder jenes als zu ihm gehörig wahrnehmen etc. und kann
bei all dem Wohlgefallen haben, ohne im Wohlgefallen meinend zu leben.1
Dann steht das Objekt nicht als gefällig für mich da; ich sehe das Objekt,
meine es aber nicht als gefällig. In der Freude freue ich mich darüber, dass A
α ist. Hier meine ich das, und zugleich ist der Gemütszustand und, wenn ich
20 meine, die Gemütsmeinung fundiert in dem Urteil (in der identifizierenden
Synthese).
Es ist zu untersuchen, ob wir unterscheiden müssen das bloße Hinsehen-
auf und das Zum-Dies-worüber-einer-(prädikativen, adjizierenden)-Synthe-
sis-Machen. Es scheint mir, dass das nicht zu trennen histi und dass im
25 Hinsehen-auf schon die „Das-“ oder „Dies“-Setzung vorliegt, nur natürlich
vor dem konzeptiven Ausdruck. Was die eigentliche Dies-Setzung auszeich-
net, ist, dass das Dies schon zum Subjekt und dgl., zum Nominale einer
prädikativen Synthese, geworden ist, während freilich ein Hinsehen, ein Zum-
Gegenstand-Haben möglich ist vor all dem. So, wenn ich auf den Wunsch
30 hinsehe oder auf die Freude, ohne über sie zu prädizieren.
Systematisch und in Aporien untersuchen, was das „Meinen“ ist, wenn
ich wahrnehmend, urteilend, mich freuend etc. dem Wahrgenommenen zu-
gewendet bin, dem Sachverhalt zugewendet bin bzw. dem „So ist es!“, dem
Erfreulichsein zugewendet bin etc. Inwiefern man alles Meinen dem Erfassen
35 gleichsetzen kann oder nicht. Ob nicht vielmehr jede Stellungnahme selbst
das Meinen ist und davon zu unterscheiden das seinsfassende, seinssetzende
Meinen ihres Korrelats (Wertes).

1 Im Gefallen meinend leben, das ist nicht Seinssetzung des gefälligen Objekts.
beilage ii 49

Beilage II
hGibt es spontane Gemütsakte als eine von
den theoretisch bestimmenden Denkakten
unterschiedene Klasse von Vernunftakten?i1

5 Hier2 kommt die Problematik nicht zu klarer Abhebung. 1) Akte „richten


sich“. Zunächst: Theoretische Akte des bestimmenden Denkens „richten
sich“ auf Gegenstände bzw. auf Sachverhalte.
Schon da die Frage: Ist das Sich-Richten auf Gegenstände, die da bestimmt
werden, und auf die Sachverhalte ein Richten im gleichen Sinn? Sind dem
10 Bestimmen nicht Gegenstände „vorgegeben“ durch „vorstellende“ Akte
bzw. durch vorstellende Apperzeptionen, durch die ein Strahl des Meinens
hindurchgeht, der ihre Gegenstände für das bestimmende Denken zunächst
zur Objektivation bringt, und konstituieren sich dann nicht durch das theo-
retisch bestimmende Meinen selbst neue Gegenständlichkeiten, derart, dass
15 dann neue Erfassungen und theoretische Bestimmungen eben diese neuen
Gegenständlichkeiten betreffen können?
Das geht nun die bloß theoretischen Akte an. Die Frage ist dann aber
weiter, ob den theoretischen (bestimmenden, logischen etc.) Akten paral-
lel laufen Gemütsakte, die sich analog wie diese auf Gegenständlichkeiten
20 „richten“, in analogem Sinn wie sie Spontaneitäten sind, die neuartige (prä-
dikative) Gegenständlichkeiten konstituieren.
2) Die erfassenden und bestimmenden Akte richten sich auf ihnen vorge-
gebene Gegenstände und zuletzt auf schlicht vorgegebene, z. B. auf Wahrneh-
mungsgegenstände. Dem entsprechen die schon vor der Zuwendung mögli-
25 chen, bloß sinnlichen Vorstellungen (Apperzeptionen). Die Spontaneität des
Bestimmens setzt eine Rezeptivität voraus.
Nun finden wir aber in der Sphäre der Rezeptivität den fundamenta-
len Unterschied der Seinsapperzeptionen (der Dinglichkeitsapperzeptionen)
und der „Gemüts“-Apperzeptionen. Wir haben wie eine sachkonstituierende
30 so eine wertkonstituierende Sinnlichkeit.
Sind nun etwa die spontanen, sich im prägnanten Sinn „richtenden“
Gemütsakte nichts anderes als bloße Zuwendungen zu dem in solchen Ge-
mütsapperzeptionen Vorgegebenen, im Voraus Konstituierten und hdeni
eventuell darauf bezüglichen theoretischen Meinungen? Besteht wirklich
35 eine Analogie zwischen theoretisch bestimmendem Denken (als einem Titel
für „Verstandesakte“) und eigenen Vernunftakten verschiedener weiterer

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


2 Vgl. Haupttext I, § 4 (oben S. 13). – Anm. der Hrsg.
50 werten und wert. zur wertlehre

Klassen, die wir als praktische, ästhetische etc. Vernunft bezeichnen? Oder
gibt es im Grunde nur eine Vernunft, nämlich die theoretische, so dass aller
Unterschied in den schlichten Apperzeptionen läge? Doch könnten Kom-
plexionen und Synthesen in der Gemütssphäre wohl auftreten, aber so, dass
5 doch keine Analogie und Parallelität mit der Synthesis der Verstandessphäre
bestände.
3) Wie versteht sich, wenn wir von Akten der emothionaleni und volhiti-
veni Vernunft sprechen, die besondere Beziehung auf Apperzeptionen, die
wir als Wertapperzeptionen und dgl. bezeichnen? Hat theoretische Vernunft
10 eine besondere Affinität zu den primären Apperzeptionen, den sinnlichen im
engeren Sinn, als ob das „theoretische Apperzeptionen“ wären? Und hhati
ebenso jeder andere Vernunftakt eine besondere Affinität zu Apperzeptio-
nen einer besonderen Gruppe? Wir stoßen immer wieder auf das Problem
von sinnlichem Gefühl und Gefühlsakt in besonderem Sinn usw.
15 Im Weiteren ist nur klar gemacht, dass es gegenüber den Dingapper-
zeptionen parallel laufende eigentümliche Wertapperzeptionen (als Wert-
erscheinungen, und zwar rezeptiven) gebe, und das ist freilich sehr wich-
tig.

Beilage III
20 hDas sinnliche Gefühl als immanente Zeiteinheit ist
kein auf den Empfindungsinhalt bezogener Akti1

Das sinnliche Gefühl ist bezeichnet als Akt, als Wertung bezogen auf den
Empfindungsinhalt, im einfachsten Fall auf den primären Inhalt. Wie konsti-
tuiert sich demnach das sinnliche Gefühl? Der primäre Inhalt als immanente
25 Zeiteinheit konstituiert sich im inneren Zeitbewusstsein, das sinnliche Gefühl
hkonstituiert sichi offenbar als höhere Schicht über diesem den primären
Inhalt konstituierenden Bewusstsein. Es konstituiert sich dabei offenbar
selbst als Empfindungsinhalt, aber als unselbständiger, der eben den primären
Inhalt voraussetzt. Beide Schichten zusammen – die relativ selbständige fun-
30 dierende (wenn sie wirklich selbständig ist!) und die fundierte – konstituieren
den sozusagen gefühlvollen primären Inhalt. Das sinnliche Empfinden und
in gleicher Weise das darauf gebaute sinnliche Fühlen ist also nichts anderes
als inneres Bewusstsein (Zeitliches konstituierendes) und hat darin seine
Intentionalität (die innere).

1 Wohl 1911. – Anm. der Hrsg.


beilage iii 51

Hat es aber nun Sinn, hier noch von einer zweiten Intentionalität zu
sprechen, nämlich derjenigen, welche der konstituierte Gefühlsinhalt in Be-
zug auf den primären Inhalt haben soll? Intentionalität vor dem Erfassen,
Meinen, Sich-Zuwenden besagt nichts anderes als ein „Bewusstsein-von“,
5 das mögliche Unterlage für ein Meinen abgeben kann. Und so hat es offenbar
keinen Sinn, von einer solchen zweiten Intentionalität zu sprechen. Ich kann
natürlich die beiden Komponenten aufeinander beziehen, aber das ist Sache
des prädikativen Beziehens. Gründet sich ein Apperzipieren auf die Sinn-
lichkeit, so bringt sie freilich eine neue Intentionalität hinein, sie konstituiert
10 eben ein neues Objekt, das seinerseits mit den primären Inhalten und dgl. in
Beziehung zu setzen ist, was wieder Sache der prädikativen Akte ist.
Solche gegenständlichen Beziehungen sind nicht zu vermengen mit den
intentionalen Beziehungen von „Akten“ auf Gegenstände. Also das sinnliche
Gefühl als konstituierte Zeiteinheit ist kein „Akt“, so wenig wie der primäre
15 sinnliche Inhalt ein Akt ist. Ganz anders die „Gefühlsapperzeptionen“, die
konstituiert sind als Zeiteinheiten und zugleich „Bewusstsein-von“ sind.
Nicht das sinnliche Gefühl, sondern das sinnliche Fühlen (allgemeiner:
nicht Empfindung als Inhalt, sondern Empfindung als Empfinden) ist ein
Akt.1

1 Das ist aber immer wieder zu überlegen! Vergleiche dieselbe Stellungnahme in den
nächsten Blättern hwohl Haupttext III, § 4, S. 92i, wo sich zeigt, dass dann die Analogie
mit „Trieben“ verloren geht!
II. DIE VON GEGENSTÄNDEN AUSGEHENDE
ERREGUNG VON GEFÜHLEN GEGENÜBER DER
AUF DIE GEGENSTÄNDE HINZIELENDEN
WERTUNG. DIE FRAGE NACH DEM
5 GEFÜHLSCHARAKTER DES WERTENS1

h§ 1. Die Intensitätsunterschiede im affizierten


Gefühl und im Gefühlslicht gegenüber den
Unterschieden des Wertes. Die Erregung von
Gefühlsakten durch wertcharakterisierte Objektei

10 Was ich Akt des Gef allens in meinen älteren und neueren Ma-
nuskripten zu bezeichnen pflegte – ist das das „vom Ich ausgehende“
spontane Für-wert-Halten, Wertnehmen oder Wertsetzen? Dem steht
gegenüber das „vom Objekt ausgehende“, „durch das Objekt“ Affi-
ziertwerden, der Affekt der Lust oder Freude, das eigentliche Gefühl,
15 das genossen bzw. erlitten wird.2 Wie beides zueinander steht, ob es
sich dabei um zwei „Seiten“ einer und derselben Sache oder um
trennbare, wenn auch – sei es faktisch oder notwendig – miteinander
verbundene Sachen3 (eventuell beiderseitig oder einseitig ablösbar)
handelt, darüber ist nichts gesagt.
20 Das affizierte Gefühl ist bei mir und hat Beziehung auf den Ge-
genstand: Es ist von ihm erregtes Gefühl. Was das „bei mir“ jeweils
besagt, ob dasselbe oder Verschiedenes bei sinnlichen und geistigen
Gefühlen, das ist erst zu überlegen. Und ebenso, was das „Erregtsein
vom Objekt“, „vom Objekt ausgehen“ besagt.

1 Meditation. Anfang September 1911.


2 Ja, was sind da für Fälle leitend? Doch nur der Fall eines Affekts, der als erregt durch
eine in der Wahrnehmungsanschauung oder Erinnerungsanschauung gegenwärtige
Gegenständlichkeit bewusst ist. Oder nicht? – Das Bild einer schönen Frau: Ich sehe
auf sie hin, sie gefällt mir als schöne Frau und „in mir“ wird eine Lust erregt. Und im
Denken? Erregt der gedachte Gegenstand die Freude?
3 Ob mit jedem Werten eine aktuelle „Lust an“, derart wie die Freude, gegeben ist.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 53


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_2
54 die von gegenständen ausgehende erregung

Der Gegenstand erscheint im „Gefühlscharakter“, im rosigen


Licht, in trüber Gestalt, verschattet.1 Es ist wieder zu fragen, ob
dieses „Licht“ oder diese Dunkelheit, diese Verschattung, mit dem
erscheinenden oder vermeinten (ist das dasselbe?) Wertcharakter
5 zusammenfällt oder nicht. Dabei fällt aber gleich auf: Das affizierte
Gefühl und ebenso das Gefühlslicht am Gegenstand kann lebhafter
und minder lebhaft sein, intensivere Lust, brennenderer Schmerz, ro-
sigeres, strahlenderes Licht, minder rosig, tieferer, dunklerer Schatten
und minder dunkler. Wie hsteht esi aber mit den Unterschieden
10 des W er tes als des Korrelats der Werthaltung?
Wir sprechen von höher wert und minder wert. Das läuft, wird man
sagen, gar nicht parallel jenen Intensitätsunterschieden im Gefühl
und im Gefühlslicht. Man mag da sogleich sagen: Wert, Unwert, das
gehört in besonderer Weise zum Objekt. Das Werten bezieht sich auf
15 bestimmte Momente des Objekts, auf bestimmte Wertgründe über-
haupt, die zum Objekt „gehören“; das Gefühl gehört nicht so zum
Objekt, es gehört zum großen Bassi n der Erlebnisse, zum
„ B ew us s ts eins st rom “, i n dem al l e Gefühle in eine Einheit
tr eten, in einen Gefühlsstrom, und hin demi jedes neu erregte Gefühl
20 das Gesamtniveau verändert und die Art der Beziehung, die hervor-
tretende Gefühle zu ihren Erregungsobjekten haben, mitbestimmt.
Das Gefühl ist nicht bestimmt dadurch, dass es in der oder jener Weise
(durch die und jene Motivation „vermittelt“) Gefühl „an“ dem Ob-
jekt ist, von ihm „erregt“ etc., und das Gefühlslicht am Objekt ist nicht
25 bestimmt durch Objekt und Werten des Objekts etc., sondern all das
histi auch bestimmt durch das Gefühlsbassin: Eine gewaltige Freude,
ein starker positiver Affekt erhöht alle positiven Lichter und drückt
alle Schatten herab (nämlich erhellt sie) und mutatis mutandis ebenso
ein negativer hAffekti. Natürlich entsprechend auch jeder geringere
30 Affekt. So ist in der Sphäre der Affektion alles in beständigem Fluss,
alles relativ, ein πρÞσ τι.
Es ist da weiter so manches problematisch und zu überlegen. Wir
haben, möchte man sagen, in der Freude, sofern sie Freude an etwas

1 Der erscheinende Gegenstand des Gefallens hat den rosigen Schimmer. Ist der
Gegenstand, etwa die Geliebte, gedacht, verbal, so hat das Wort den rosigen Schimmer:
der Name der Geliebten.
die von gegenständen ausgehende erregung 55

ist, öfters ein Sich-Freuen „um eines Wertes willen“. Die Freude
geht auf das Objekt, das al s Wert dasteht. Ist es nicht so bei der
Freude an der Überwindung einer mich beschäftigenden theoreti-
schen Schwierigkeit? Die Problemlösung werte ich, und habe ich sie,
5 so freue ich mich. Hier handelt es sich um Erfüllung einer Wunschin-
tention. Ich trauere über den Tod einer edlen Frau (Frau-Objekt),
ihr Nichtsein als Unwert, sie steht (abgesehen von dem Gedanken
an Sein) als „Schönes“ da, als Wertobjekt, und dass sie nicht mehr
ist, betrübt mich, „erfüllt“ mit, erregt Trauer. Nun gehört dazu die
10 Frage, ob nic ht Fr eude und Trauer, i hrem normalen Begriff
nac h, über all i n di eser Wei se auf Wertung fundiert sind:
Die so genannten Gefühlsakte beziehen sich auf ihre Objekte in der
Weise eben von Gefühlen, als von ihnen erregt, aber erregt um der
Objektwerte willen, dadurch „motiviert“, begründet.
15 „Gegenstände erregen Freude“. Aber das ist ungenau, wird man
sagen. Das Sein von Gegenständen, dass der Gegenstand ist oder
nicht ist, kann Freude und Trauer erregen. Ich freue mich an der
geliebten Person: an ihrem Dasein, an ihrem Mir-gegenwärtig-Sein-
und-mir-Liebes-Bezeugen, an der Art, wie sie sich aktuell hier und
20 jetzt gibt. Ich freue oder betrübe mich über Tatsachen, darüber, dass
das oder jenes eingetreten ist, dass der oder jener mathematische
Satz wirklich gilt (so dass meine Vermutung bestätigt ist, die in „erster
Linie“ mir am Herzen liegt und mir nun Freude machen kann) etc. Im
Fall der Existenz von Gegenständen ist zwar das Gefühl in gewisser
25 Weise doch auf den Gegenstand bezogen, der da als seiend gesetzt ist,
aber „eigentlich“ ist es Gefühl der Freude über das Sein. Ebenso,
wenn ich mich über das Tun und Lassen der Geliebten freue, so
habe ich Freude „an der Geliebten“. Der Wertquell ist die Ge-
liebte, ihre Eigenschaften der „Schönheit“, ihre Werteigenschaften.
30 Und nun können sich Übertragungen auf äußeres Tun und Lassen
herausstellen und fundierend wirken. Es ist aber auch umgekehrt
so, dass Werteigenschaften der Person Wert geben und nun Freude
über sie fundieren mögen. Eine positive Wert„tatsache“ hat ihre
Termini, ihre Gegenstände-worüber, und soweit sie Wertquellen oder
35 Wertableitungen sind, geht auch auf sie der Freudencharakter hüberi
bzw. geht von ihnen Freudenerregung aus.
Ist nun Freude Fr eude über di e Tatsache, so kann gemeint sein
Freude über den Sachverhalt oder Freude über die Sachlage. In
56 die von gegenständen ausgehende erregung

gewisser Weise beides, doch in eigentlicherem Sinn Letzteres: Durch


die Sachverhaltsetzung hindurch geht die Freudenerregung (wie die
Wertung), aber der Wert ist derselbe bei unmittelbar äquivalenten
Sachverhalten und ebenso ist das „Objekt“ der Freude dasselbe.
5 In gewisser Weise „bezieht sich“ und richtet sich die Freude auf
die Sachlage und in gewisser Weise auf ihre Termini: Gegenstände
und gegenständliche Existenzen. Wieder in anderer Weise auf die
Wertlage (wertvolle Sachlage) und auf die Gegenstände, sofern sie
wertgründende sind. Das gibt der Rede von Erregung einen verschie-
10 denen Sinn. Die Erregung geht von den Gegenständen aus, aber von
den Gegenständen, sofern sie wertcharakterisiert sind, und eventuell
eigentlicher von den (wohl dadurch begründeten, motivierten) Sach-
lagen, sofern sie Wertlagen sind.
Danach haben wir bei den Erlebnissen der Freude und Trauer
15 im spezifischen Sinn wohl deutlich unterschieden – und sich wirklich
abhebend – eine auf das „Objekt“ zielende, gegen das „ Objekt “
hingehende W ert ung1 (mit all dem, was sie voraussetzt) und die
gegen das Subjekt hin gehende G efühlserregung, nämlich die
Freude und Trauer selbst, die einerseits das Objekt als erfreulich bzw.
20 traurig charakterisiert, aber zugleich beim Subjekt angreift als: Ich bin
traurig, ich bin erfreut. Wir haben aber noch nichts gesagt über Trenn-
barkeit oder Nichttrennbarkeit, ob die Wertung möglich ist ohne die
Erregung und gar die Erregung ohne Wertung (dieselbe Freude, aber
nicht Freude am Werten). In letzterer Hinsicht: Könnte nicht ein
25 Objekt ein „Gefühl“ erregen, ohne dass das Gefühl seinen „Grund“,
sein „Motiv“ hat in einer Wertnehmung, einer Wertsetzung? Könnte
nicht Letzteres zunächst sein und ein andermal dasselbe Objekt das-
selbe Gefühl erregen, aber ohne Wertobjekt zu sein? Insofern wäre
das Gefühl keine Freude (trotz desselben qualitativen Inhalts), als
30 eben das Gesamtphänomen ein anderes wäre: Die Erregung ginge
nicht bloß vom Objekt, sondern vom Wertobjekt aus, nicht von der
Sachlage, sondern hvon deri Wertlage.

1 Das ist nicht deutlich. Das „Objekt“ steht einfach als wert da. Die Reflexion findet

das Werten.
die von gegenständen ausgehende erregung 57

h§ 2. Sinnliche Gefühle als Gefühle, deren


Erregung kein Werten des Objekts zugrunde
liegt. Ist das Werten ein erregtes Fühlen?i

Nun, zunächst sehen wir von der Frage der eventuellen Qualitäts-
5 gleichheit des erregten Gefühls und der Frage überhaupt in der Form,
wie sie zuletzt gestellt ist, ab und stellen allgemein das Problem so:
Ist ein Gefühl, ein positives oder negatives, eine Lust oder Unlust,
durch ein Objekt erregbar, ohne dass der Erregung „zugrunde liegt“
ein Werten des Objekts? Und wir werden noch allgemeiner fragen
10 müssen: Müssen G ef ühl e überhaupt erregt sein, das heißt,
gehört es zum Wesen jedes Gefühls eine Erregungsrichtung und
(wofern das Auf-Objekte-Bezogensein bei Gefühlen den Charakter
des Vom-Objekt-Erregtseins haben soll) somit ein Objekt, von
dem es err egt i st, hzu habeni? Gibt es unerregte Gefühle? Man
15 könnte selbst die Frage aufwerfen: H aben Gefühle ihrem Wesen
nac h nur die eine Ar t der G egenstandsbeziehung, die wir
„ E r r egung von ihnen “ nennen? Wir halten uns zunächst an das
Problem.
Man wird sagen: Gewiss können Objekte Gefühle erregen ohne
20 fundierendes Werten. Beispiele in beliebiger Zahl bietet das Feld
der s innlic hen G efüh l e. Wir haben freilich unter diesem Titel
Verschiedenes zu unterscheiden: das Wohlgefühl im „Genuss“ einer
Speise als sinnliches Gefühl am Geschmack, der Geschmacksempfin-
dung; das Gefühl an der gegenständlichen Speise, die einem „Bissen“
25 nach im Mund zerkaut wird: das auf den Bissen bezogene Gefühl und
das auf den Rest der Speise auf dem Teller bezogene Gefühl. Wieder
etwas anderes ist das Gefallen im Anblick des Kuchens, der auf den
Tisch gestellt ist, wobei ich die Erwartung habe, etwas abzubekom-
men; wieder anderes, wenn ich satt bin und nichts mitessen will. In der
30 letzteren Hinsicht ähnlich: Gefallen am Kuchen, der im Schaufenster
des Kuchenladens ausgestellt ist. Ebenso die Lust an einer schönen
visuellen Form oder einer schönen Farbe, aber „so, wie sie sich gerade
darstellt“; das Gefallen an der Farbeigenschaft des Gegenstandes
oder an der Formeigenschaft des Gegenstandes sowie am Gegenstand
35 selbst, sofern er diese Eigenschaften hat. Das Wohlgefühl im Befassen
des Samtes und das Gefallen am Samt selbst, sofern er so befasst
dieses Wohlgefühl erregt, und wesentlich „dasselbe“ Gefallen, das
58 die von gegenständen ausgehende erregung

ich am Sehen des Samtes „mit Beziehung darauf“ habe. Das Gefallen
an der Amati-Geige um ihres schönen Tones willen (den ich eventuell
nicht hören kann, sie wird nicht gespielt), das Gefallen am schönen
Ton selbst und in sich selbst.
5 Genauer besehen scheiden sich: I.hai Gefühle „ am “ Empfin-
dungsinhal t (Lust am Wohlgeschmack, „am“, „im“); hbi Gefühle
am appr ehh endi ert en i G egenstand (Wahrnehmungsgegen-
stand) – Lust am, Gefallen am Kuchen –, und zwar am Wahrneh-
mungsgegenstand selbst, am Gegenstand vermöge gewisser Folgen
10 etc.
II. Gefühle am Phantasie- und Erinnerungsinhalt, am phantasier-
ten oder erinnerten (vergegenwärtigten) Gegenstand, und zwar an
ihm selbst und an ihm vermöge seiner Beziehungen zu anderen etc.
Die Vergegenwärtigungen hsindi volle oder leere.
15 Bei II. fragt es sich, ob die Gefühle „wirkliche“ Gefühle sind
oder Vergegenwärtigungen von Gefühlen oder beides etc.: sich jetzt
von wirklicher Lust berührt fühlen oder sich einer sinnlichen Lust
erinnern und eventuell auch jetzt in der Erinnerung, aufgrund der
Erinnerung an gehabte Lust sich freuen etc.
20 III. Statt apprehhendierteri Gegenstände nehmen wir Gegenstän-
de überhaupt, gedachte und im Denken gesetzte oder gedankenhaft
bloß gedachte Gegenstände, Sachverhalte etc.
Das sind aber bloß Anfänge. Und dazu gehören dann weitere
Probleme: Ob das „ Werten “ auch ei n Fühlen ist, nur ein
25 appr ehens iv verm it te l tes oder durch Vergegenwärtigung
vermitteltes, ob, wenn zwischen Wer ten und dem erregten (wei-
teren) Fühlen unterschieden wird, eben nicht Gefühle höherer
Stufe in Frage sind oder hob es sichi nicht (eventuell auch) um
sinnliche Gefühle, die sich weiter anknüpfen, oder um angeknüpfte
30 Gefühle mit dunkler Sachunterlage etc. hhandelti.
die von gegenständen ausgehende erregung 59

h§ 3. Die Verschmelzung des Empfindungsgefühls mit dem


Empfindungsinhalt. Der Gefühlston. Die Unterscheidung
zwischen der Geschmackslust und der dadurch
motivierten Freude am Haben der Geschmackslust.
5 Der Übergang der Freude in die frohe Stimmungi

Beschränken wir uns auf das „Primitivste“, auf Empfindungs-


lus t, auf E mpf indungs gefühl e, so ist klar, dass der Empfindungs-
inhalt es ist, der die Lust trägt (oder den Schmerz), rein in sich
s elbs t und ganz unmi ttel bar. Das Gefühl ist insofern grundlos,
10 als es kein eigent li ches „ Moti v “ hat, es sei denn, dass man den
Empfindungsinhalt selbst als Motiv bezeichnen wollte. Man könnte
sagen: Aber der Empfindungsinhalt „erregt“ Lust nicht um irgendet-
was willen (was doch auf etwas anderes zurückweist), sondern „durch
sich selbst“. In ihm selbst liegt der „Grund“ der Lusterregung, und sie
15 geht nicht nur von ihm aus, sondern sie ist rein in ihm selbst verankert
oder verwurzelt oder hat in ihm selbst die eine und einzige und letzte
Quelle.
Darauf wäre aber zu erwidern: Ist das phänomenologisch gespro-
chen, dass die Geschmackslust, die Lust i m Wohlgeschmack und „an“
20 der Geschmacksempfindung, von dieser Empfindung „ausgeht“ als
eine von da auslaufende „Erregung“, dass aus der Empfindung als ei-
ner „Quelle“ das Gefühl hervorgeht und dass sie „Grund“, „Motiv“
der Lust sei? Wie kommt es, dass es mir mitunter scheint, so wäre es,
und manchmal wieder das entschiedene Gegenteil? Bei Gerüchen
25 kommt es vor, dass sie zuerst und momentan gefallen und dann
missfallen, und hzwari ganz entschieden, und dann scheint es nicht,
dass sie sich darin ändern, dass sie „süß“, lustbetont etc. sind, wie sie
es waren. Ebenso „bestechende“ Melodien. Hängt es nicht davon ab,
ob wir in die Empfindung den Wohlgeschmack etc. hineinsehen und
30 seine Gefühlsempfindungsbetonung herausheben oder ob wir vom
Gefallen oder Missfallen sprechen, das in diesem Empfindungsgefühl
sehr wohl seine Quelle haben kann?
Man könnte unterscheiden: 1) Ein Gefühl ist auf einen Gegenstand
bezogen, auf irgendetwas, und geht vom Gegenstand aus, von etwas
35 aus, sofern er das ist, was Lust m acht. Und 2) Ein Gefühl hat
in irgendetwas seine Q uel l e; dann kann es in einem anderen seine
Quelle und hini einem anderen sein O bj ekt haben. Quelle wäre das
60 die von gegenständen ausgehende erregung

Gründende oder auch der Grund, und es wären unmittelbare Gründe


(„in sich selbst“) und mittelbare zu unterscheiden.
Aber die Empfindungslust ist „erregt“ durch den Empfindungs-
inhalt, ob dieser vergegenständlicht und beachtet ist oder nicht. Ob
5 die Lust am Empfindungsinhalt verschwindet oder sich modifiziert,
wenn dieser Inhalt als darstellender für einen Wahrnehmungsgegen-
stand figuriert, ist ein Problem.1 Es gehört nicht zum „erregten“
Gefühl im eigentlichen Sinn, dass sein Erreger als „Gegenstand be-
wusst ist“, also auch nichts von einer bewussten Motivation, von
10 einer notwendigen Gründung des Gefühls in einer Wertnehmung,
heineri Für-wert-Haltung eines in irgendeinem Sinn „vorstelligen“
Gegenstandes. „Gegenstand“ soll nicht nur heißen Aufgemerktes,
worauf sich ein Blick richtet, ein Hinmeinen und Erfassen, sondern
hsolli auch heißen „Aufgefasstes“, Apprehendiertes.2 Es können Ap-
15 prehhensioneni im Hintergrund erlebt sein und ihre Gefühle tra-
gen (die apprehendierten Gegenstände „erregen“ Gefühle), ohne
dass Strahlen des Hinmeinens, des Aufmerkens hindurchgehen.3 Ge-
schieht es nachträglich, so heißt es: Gefühle sind Erlebnisse gewesen,
und die Gefühle „bezogen sich“ auf die apprehendierten Gegen-
20 stände, waren von ihnen „erregt“, aber potenziell ist die Beziehung
des Erregens insofern, als keine eigene Linie oder Richtung von
dem Gegenstand hin zum Gefühl „bewusst“ ist. Übrigens, was heißt
apprehendierte Gegenstände? Apparierende? Anschauliche?
Es können aber auch leer vorstellige, sozusagen leer apprehen-
25 dierte Gegenstände ihr Gefühl erregen. Mein Freund ist im Zimmer,
ich spreche mit meinem Nachbarn, bin meinem Freund nicht zuge-
wendet, und doch verlässt mich nicht das Hintergrundbewusstsein

1 Siehe folgendes Blatt h= S. 61,16–63,16i. Es besteht keine phänomenologische

„Erregungs“-Beziehung zwischen Empfindungsinhalt und Empfindungslust.


2 Cf. die Beilage und darin die Verbesserung h= Beilage IV: Empfindungsgefühl und

Gegenstandsgefühl (S. 70)i.


3 Alles Aufgemerkte ist ein Gegenständliches im vollen Sinn, und selbst wenn der

Gegenstand sich nicht in einer Apprhehensioni konstituiert, ist doch eine „Auffas-
sung“, ein Objektbewusstsein da, ein Einheitsbewusstsein. Blicke ich auf ein Empfin-
dungsmoment hin, so steht es als Einheit da, als Dauerndes, Identisches etc. Dieses
Einheitsbewusstsein ist die Auffassung, und es ist auch da der Unterschied: auf das
Einheitliche, Identische, das Objekt aufmerkend hinsehen oder hdavoni wegsehen,
hesi nicht bemerken etc.
die von gegenständen ausgehende erregung 61

von seiner Gegenwart, und damit ist ein beständiges Gefühl erregt
und hdiesesi bestimmt den ganzen „Gefühlsstrom“.
Soweit Empfindungsinhalte, die gerade Erlebnisse sind, ihre ap-
prehhendierendeni Auffassungen haben, fragt es sich, ob die Emp-
5 findungsgefühle notwendig Grundlagen sind von Gefühlen an den
apprhehendierteni Gegenständen bzw. ob sie sich notwendig, der
Apprehhensioni entsprechend, in solche Gefühle „umwandeln“. Das
Wort „umwandeln“ soll andeuten, dass die Empfindungsgefühle
eventuell nicht bloß neue Gefühle erwecken, sondern sich mit solchen
10 entweder verschmelzen oder durch die zu den apprehhendierteni
Inhalten (Vergegenwärtigung oder Ähnliches) gehörigen Gefühls-
tendenzen eine Umänderung erfahren, ein Neues ergeben, das die
Empfindungsgefühle nicht bloß enthält. Ebenso mit Beziehung auf
die Gefühlstendenzen, die zu erregten „gegenständlichen Zusam-
15 menhängen“ gehören, zu den erregten Vorstellungsreihen etc.
Wie steht es nun, wenn ich mich dem „Inhalt“ (Empfindungsin-
halt) speziell zuwende, aufmerkend den Blick darauf richte? Ich hatte
während des Essens mit den Kindern gesprochen und war zugewendet
(bemerkend, thematisch) ihren Erzählungen. Ich genieße darum doch
20 das Essen mit Lust, und die Lust bezog sich teils auf die aktuellen
Sinnesempfindungen, teils auf das Gegenständliche, den Bissen im
Mund, die Speise auf dem Teller etc. Nun achte ich auf die Sinnesin-
halte, die freilich fortfahren, apprhehendierendi zu fungieren, auf den
Bissen „bezogen“ zu sein etc. Ich finde dann auch das Lustgefühl eins
25 mit dem Inhalt. Ich kann wohl auf den Inhalt besonders achten, aber
das Gefühl ist damit eins. Ich scheide dabei eventuell das Gefühl, das
an ihm speziell hängt, und weitere Gefühlsflüsse, die dadurch erregt
werden (eventuell Seligkeit des Genießens, eventuell Freude an der
Lust selbst etc.).
30 Hält man sich an das erstere, so hat man nicht den Eindruck, als
ob hier zweierlei wäre: 1) das Erregende, der Empfindungsinhalt;
2) bei „mir“ das durch ihn erregte Gefühl. Diese Unterscheidung
wird man nur machen bezüglich jener weiteren Gefühle. Das zum
Empfindungsinhalt selbst gehörige direkte Gefühl ist mit ihm ver-
35 schmolzen, es folgt allen Wendungen und Verschiebungen dieses
Inhalts, liegt auf ihm. Hier kann man nichts finden von einem Er-
regen, von einer Beziehung, von einem Gegenüber zwischen Erre-
gen und Erregtem. Davon kann gesprochen werden, wenn ich vom
62 die von gegenständen ausgehende erregung

Empfindungsinhalt übergehe zum (eventuell apprehhendierteni) Ge-


genstand.1 Die Speise, eventuell der Bissen erregt im Mund dadurch,
dass er gekaut etc. wird, das Wohlgefühl, er erregt den Geschmack
und mit dem Geschmack das Gefühl. In „mir“, in meinem leiblichen
5 Ich, erregt er Geschmack und Gefühl: beides an derselben „Stelle“.
„Tiefer in mir“ sind die mittelbar erregten Gefühle, und habe ich
an dem Wohlgeschmack und am Essen mit dem ganzen Rhythmus
sinnlicher Empfindungen und mit ihnen untrennbar einiger (oder
vielmehr ungetrennt einiger) sinnlicher Gefühle meine „Freude“, so
10 ist diese Freude Freude des zentralen Ich, wenn sie auch nicht aus
dem „Innersten“ kommen mag.2
Hier kommt sogleich das Problem: Ist die Empfindungslust und die
eigentlich erregte Lust von einer Gattung? Jede „erregte“ sinnliche
Lust gewiss, aber da fragt es sich wieder, ob diese „Erregung“ dieselbe
15 ist wie bei geistiger Lust (Freude). Erregung kann sagen ein „Im-Ich-
bewirkt-Werden“, so wie ein Licht in mir die Empfindung der Blen-
dung und das mit ihm einige unangenehme Blendungsgefühl bewirkt
oder wie die Speise in mir die Geschmacksempfindungen und die
Geschmackslust bewirkt usw. Das Erregte, die Empfindung, das Ge-
20 fühl, hat seine „Ursache“ in dem Erregenden, dieses ist ein „Reiz“,
der auf das Ich ausgeübt wird. Dagegen, wenn der Wohlgeschmack
Freude in mir erregt, so hat diese Freude ihren „Grund“ im Wohl-

1 Hinter diesen Satz hat Husserl später ein Frage- und ein Ausrufungszeichen gesetzt;

dazu seine Randbemerkung: „Das ist schief. Denn mit dem sinnlichen Gegenstands-
gefühl steht es genauso wie mit dem Empfindungsgefühl. Beides kann aber Gefallen
erregen.“ – Anm. der Hrsg.
2 Ist da nicht übersehen, dass in der Tat in der Hinwendung auf den „Wohlge-

schmack“ auch eine immanente Objektivierung statthat und dass ich nun auch „erreg-
te“, begründete „Lust“, „Gefallen“ oder auch Missfallen haben kann? In der Tat: Ein
süßes Backwerk gefällt mir im ersten Moment, aber es wandelt sich dann das Gefallen
in Missfallen. Und zwar rein im Essen und hohnei Hinwendung auf die Empfindung.
Bleibt da nicht trotz der Umwendung von Gefallen in Missfallen die Empfindungslust
dieselbe? Es „schmeckt“, und doch, ich habe kein Gefallen an dem „süßen Zeug“.
Aber freilich, das bedarf der Analyse und die Frage ist die hnachi der genaueren
Deutung. Sind Momente starker Empfindungslust mit Momenten der Unlust gemengt
oder ist das Ganze, das Empfindungsgefühl, seinem Gesamtcharakter nach sinnliche
Unlust, obschon im Einzelnen sinnliche Lust da ist? Oder muss man nicht vielmehr
sagen: Jawohl, das Empfindungsgefühl hat seine Gestaltqualität, aber diese fundiert
erst das Gefallen oder Missfallen? Das Widerwärtige der Süßigkeit, das ich nachher
fühle, gibt sich nicht als eins in und mit der Empfindung. Aber erregter Ekel?
die von gegenständen ausgehende erregung 63

geschmack, und zwar in der Schicht der sinnlichen Empfindungs-


„lust“, und wieder kommt als „gründend“ oder motivierend in Frage
das Jetzt-Haben oder -Genießen der sinnlichen Empfindungslust und
die Fakta, die es voraussetzt. D i e Em pfindungslust hat keine
5 „ Gr ünde “, keine Mo ti ve. D i e Em pfindungslust hat keine
„ Gegens tände “, kei ne Sachl age, auf die sie sich bezieht.1
W as w ir aber Freude nennen, hat G ründe, Motive. Das Ge-
fallen, die Freude, die „geistige Lust“ hat ihre Gegenstände, bezieht
sich auf Sachverhalte etc. (Doch ist das Wort „geistige Lust“ hier
10 irreführend. Der schöne Kuchen im Schaufenster gefällt: Das wäre
auch „geistige Lust“.)
Damit zusammenhängend: Bei der Empfindungslust hat es keinen
Sinn, von Vernunft und Unvernunft zu sprechen, hier konstituiert
sich keine eigenartige axiologische Objektität.2 Andererseits, jede
15 „geistige“ Lust, jedes Gefallen, steht unter Vernunftnormen und
konstituiert eigenartige Wertobjektitäten.
Empfindung und Empfindungsgefühl sind eins. Das Gefühl ist
keine vom Empfindungsinhalt abtrennbare Schicht, eigentlich kann
man gar nicht von einer „Schicht“ sprechen. Das Empfindungsgefühl
20 ist ein „Gefühlston“, ein „sinnlicher Charakter“, der gattungsmäßig
ein gleichartiger ist bei allen lustbetonten Inhalten und wieder bei
allen schmerzbetonten.3 Dieser Charakter differenziert sich aber, eine
Geschmackslust ist eine andere als eine Augenlust etc. Ich kann die
Charaktere aber nicht eigentlich abheben, sondern nur durch Gegen-
25 überstellung von lust- und unlustbetonten oder von lustbetonten und
gleichgültigen Geschmacksinhalten oder visuellen Inhalten etc. das
Moment der Gefühlsbetonung abstrahieren.

1 Das gilt aber nicht bloß von der Empfindungslust, sondern auch von der „sinnlichen

Lust am Gegenstand“, hdemi Wohlgeschmack.


2 Die apperzhipiertei Empfindungslust steht unter der apperzheptiveni Vernunft,

nicht unter einer eigenen Vernunftart.


3 In der Einheit eines Empfindungsverlaufs können die Gefühlstöne wechseln, sich

verändern, nach Intensität sich abstufen etc. Wie steht es nun mit der Einheit des
Gefühls, die zum Gesamtrhythmus gehört? Es scheint mir, dass das nicht wieder eine
Empfindungslust ist, als ob sie zum Empfindungsgehalt als Gefühlston gehörte, sondern
dass sie schon ein „Gefallen“ ist, das zur Einheit der lustbetonten oder mit diesem
Lustrhythmus überdeckten Empfindung „intentional“ gehört. Aber freilich, das hat
seine Schwierigkeiten!
64 die von gegenständen ausgehende erregung

Freilich ist die Frage, ob der Gleichgültigkeit eine eigene Betonung


entspricht und ob hesi somit zum Wesen jedes sinnlichen Inhalts
gehört, einen Gefühlston zu haben. Sicher ist, dass durch solche
Vergleichungen und Analysen die Unterscheidung von Empfindungs-
5 inhalt und Gefühlsmoment möglich ist in vielen Fällen, während
gleichwohl beides völlig einig ist, analog wie die unterscheidbaren
Momente im Empfindungsgehalt selbst. (Womit aber nicht gesagt ist,
dass nicht der „Ton“ eine eigene Stellung im Komplex hat: das hat
aber auch Qualität, Intensität etc.) Man sieht auch, dass der Gefühls-
10 ton eine wechselnde Intensität hat, aber eine Intensität, die eben zu
ihm und nicht zum Empfindungsinhalt gehört (Intensität der Tonlust
und Intensität des Tones im gewöhnlichen Sinn). Was die Qualität
anlangt, so scheint das Gefühlsmoment sich als Lust und Schmerz
und eventuell halsi Mischung zu qualifizieren. Doch liegen auch da
15 Probleme.
Erregt ein Gegenstand Gefallen (sei es ein Empfindungsgegen-
stand vermöge seines Gefühlstones, sei es ein Ding vermöge des
dinglichen Gefühlstones), so steht er als gefällig da; erscheint er,
so erscheint er umflossen von einem „rosigen Licht“. Der Empfin-
20 dungsinhalt hat kein rosiges Licht, keinen rosigen Schimmer. Beim
Essen hat die Speise, die noch auf dem Teller ist, das rosige Licht,
nicht der Bissen, der im Mund ist, bzw. nicht der Geschmacksinhalt.1
Der Bissen übrigens wohl darum nicht, weil wir ihn nicht eigentlich
während des Kauens und Den-Wohlgeschmack-Empfindens als Ob-
25 jekt, als Gegenstand konstituiert haben. Es ist nicht so, wie wenn wir
einen Knopf im Mund habend seine Objektität konstituieren, etwa
uns überlegen, ob wir ihn als Knopf erkennen würden, wenn wir ihn
nicht gesehen hätten etc.
Bei den „Akten des Gefallens“, bei den Affekten der „Freude“
30 ist übrigens zu bemerken, dass der rosige Schimmer entweder den
Charakter der Gegenstandszugehörigkeit hat, als die im Gegenstand
durch das, was er ist oder was zu ihm gehört, fundierte Aureole, oder
dass er den C harakt er des erborgten Abglanzes hat. Jederlei
Sache hat ihren rosigen Schimmer, wenn ich in froher Stimmung bin,
35 aber nicht als Eigenschimmer. Andererseits, der eigene Schimmer

1 Immer derselbe Irrtum, als ob es auf Apprehhensioni ankäme.


die von gegenständen ausgehende erregung 65

kann seine besondere primäre Zugehörigkeit zum Inhalt des Gegen-


standes, den oder jenen Inhaltsmomenten, etc. haben oder ihm zu-
kommen um der Beziehung zu anderem willen. Doch ist da die Frage,
w ie der r os ige Schim m er zur erschei nenden Erfreulichkeit
5 s teht.
Ein Gesicht sieht lieb aus: Entweder es wird die Person direkt
apprehendiert als liebenswürdig, gut, edel etc., und das Gesicht drückt
das aus, dann gefällt das Gesicht als Ausdruck, und zwar als wirkliche
Anzeige davon. Eventuell aber „mahnt“ das Gesicht daran, es ähnelt
10 einem solchen Ausdruck, ich bin aber nicht sicher, ob wirklich, ich
apprehendiere es nicht ohne weiteres so, nicht ernstlich, ich verhalte
mich ähnlich wie bei einem Satz, den ich höre und verstehe, aber ohne
Stellung zu nehmen. Eventuell vermute ich, dass das Gesicht das aus-
drückt etc. Natürlich nicht verbal, sondern rein der Apprehhensioni
15 gemäß (wie bei der gewöhnlichen Wahrnehmung: Wahr-nehmung,
Anmutung, Zweifel etc.).
Wir genießen essend: Wir empfinden den Wohlgeschmack. In dem
Sinn genießen wir nicht im Gefallen, in der Freude etc. Wir genießen
die sinnliche Lust, das kann einfach heißen, wir empfinden den Wohl-
20 geschmack; wir können aber auch Freude am Haben der Geschmacks-
lust bzw. am Empfinden des Wohlgeschmacks haben. Dann haben wir
eine Freude, ein Gefallen, das seinen Grund (sein Motiv) besitzt in
dem Wohlgeschmack und offenbar näher und eigentlicher in dessen
Lust-(Gefühls-)Charakter. In dieser Weise genießend (uns freuend)
25 werden wir im Allgemeinen auf den Wohlgeschmack hinsehen, ihn
„zum Gegenstand machen“ bzw. die Speise, das Essen hinführend
zu diesem „Genuss“, diesem Wohlgeschmack. Doch freuen wir uns
eventuell noch, wenn wir nicht aufmerkend darauf hinsehen, das
heißt, die Freudezuwendung geht nach der Abwendung über in frohe
30 Stimmung. Man kann zunächst sagen, dass die Objektivation in den
Hintergrund tritt, aber noch da ist, und ebenso erfährt die Freude eine
Hintergrundwendung, die sie darum nicht aufhebt. Im Hintergrund
bin ich mir meiner Kaubewegungen etc. und der im Gaumen lokali-
sierten Geschmackslust „bewusst“; ich empfinde nicht nur, ich habe
35 natürlich auch gewisse Apprehhensioneni dabei, gewisse Heraushe-
bungen, die doch kein Aufmerken sind, der Geschmack ist intensiv,
in gewisser Weise ausgezeichnet, betont (gegenüber dem Druck und
Zug meiner Kleider und dgl.), ebenso hlaufeni gewisse Linien vom
66 die von gegenständen ausgehende erregung

„Essen“ zu diesem Geschmack. Und nicht nur ist der Geschmack


ein Lustgeschmack, sondern er macht auch lustig, auf ihn ist ein
Wohlgefallen bezogen, obschon nicht eine Hinwendung, Hinmeinung
gerichtet, und von da aus breitet sich eine heitere Stimmung, ein Ge-
5 fühlsstrom: Der ganze Gefühlsstrom des Hintergrunds, des „inneren
Lebens“, hat einen eventuell gewaltigen Zufluss bekommen. Nicht
nur werde ich an Freudiges erinnert, sondern das so Erregte erhält
einen Zuwachs an Freude, und schließlich alles und jedes erhält einen
rosigen Schimmer, einen Freudigkeitscharakter. (Natürlich können
10 wir uns auch wieder der Freudenstimmung zuwenden und uns auch
an ihr freuen.)
Das Problem bleibt aber noch übrig, ob denn bei den angege-
benen und wohl noch zu vermehrenden Unterschieden doch etwas
davon übrig bleiben kann, dass Gefühl als Empfindungsgefühl und
15 Gefühl als Freude, als Gefallen, als wertkonstituierender Akt, eben
beides „Gefühle“ seien, Erlebnisse einer und derselben wesentlichen
Gattung.

h§ 4. Das Schwelgen in der Phantasie – die Freude an


wissenschaftlicher Forschung: Erlebnislust als
20 Voraussetzung der Freude als wertendes Gefallen.
Das wertende Gefallen als Gefühlsapprehensioni

Vielleicht wäre es gut, vorher noch ein anderes Problem aufzuwer-


fen: Ob denn, wie Empfindungen Träger von Gefühlen sind, d. h. Ge-
fühlsbetonung haben, nicht auch andere „Erlebnisse“ oder im Zeit-
25 strom des konstituierten seelischen Seins auftretende Vorkommnisse
Gefühlsbetonung haben. (Davon abgesehen, dass natürlich Phan-
tasmen als Vergegenwärtigungsmodifikationen von Empfindungen
ihre Gefühlsmodifikationen als Vergegenwärtigungsmodifikationen
haben.) Wie ist es z. B. beim „Schwel gen i n der Phantasie“? Lust-
30 volle Phantasien bzw. Freuden in der Phantasie, etwa aufgrund von
Phantasielust, sind „eingebildet“. Es ist aber „süß“, solchen Phanta-
siefreuden hingegeben zu sein. Erlebnisse sind die Phantasien, dar-
unter die Gefühlsphantasien: die Phantasien selbst, nicht das Phanta-
sierte. Knüpfen sich an die Phantasien, an die Erlebnisse der Lustver-
35 gegenwärtigung mit all ihren Unterlagen, Gefühlsbetonungen?
die von gegenständen ausgehende erregung 67

Oder handelt es sich um G efal l ensakte, Freudenakte? Ist dieses


Schwelgen (ein aktuelles Erlebnis) analog dem Geschmacksschwel-
gen, d. i. dem Erleben des sinnlichen Wohlgeschmacks? Natürlich,
wenn ich diesem mich aufmerkend und objektivierend (subjektivie-
5 rend) zuwende, freue ich mich über ihn. Ebenso: Ich schwelge phan-
tasierend. Wende ich mich dem Phantasieren als solchen und dem
Lustgefühl zu, so mag ich daran wieder mein „Vergnügen“ haben, es
kann mir gefallen. Es kann mir auch missfallen: Phantasieschwelgerei
lähmt die Tatkraft etc. Ebenso kann ich im Wohlgeschmack, statt
10 mich zu freuen (mich ihm in Freude hinzugeben), mich abwenden: in
Missfallen. Es ist jetzt vielleicht nicht an der Zeit, sinnliche Freude
zu genießen etc. Habe ich Gefallen am Phantasieren um der Lust
willen, die ihm selbst (vermöge seines Gehalts) als Erlebnislust, als
Gefühlston anhängt? Ebenso, habe ich Missfallen am Phantasieren
15 von Hässlichem um der Erlebnisunlust hwilleni, die ihm als solchem
anhaftet?
Wieder kann man überlegen: Wie steht es mit der Freude an
w iss ens c haft li cher F orschung, am Fortschreiten theoretischer
Erkenntnis? In der wissenschaftlichen Forschung lebend bin ich ih-
20 ren Problemen und Sachen zugewendet. Aber mein Gefühl ist in
Anspruch genommen. Haben die Erlebnisse der theoretischen For-
schung dabei eine Erlebnislust, die prinzipiell derselben Gattung
ist wie eine Empfindungslust? Ich kann mich dann in der Refle-
xion diesen Erlebnissen zuwenden. Kann ich nun nicht in hderi Zu-
25 wendung zu ihrer Gefühlsbetonung wissenschaftliche Forschung in
ähnlicher Weise genießen, wie ich mein Essen und die Essenslust
genieße, wenn ich hungrig bin: also mich dieser Lust freuen? Doch
wohl.
Ist aber, wird man weiter überlegen, Freude an der Erlebnislust
30 Freude an der wissenschaftlichen Forschung selbst? In der ersteren
bin ich der Lust des Erlebnisses, des Forschens zugewendet, und sie
ist mein Freudenmotiv (Freudengrund) und Objekt zugleich. In der
Freude an der wissenschaftlichen Forschung: Ist diese mein Objekt
und ist sie es „um der daran geknüpften Lust willen“? Etwa in dem
35 Sinn, dass ich mich an der Forschung freue, weil ich mich eigentlich
an der Lust der Forschung freue. Kann ich mich am Ende primär nur
an der Lust freuen (sie genießen) und ist alles andere nur erfreulich
um der Lust willen? Um des Genusses der Lust willen? Des mög-
68 die von gegenständen ausgehende erregung

lichen Genusses, wenn ich ja nicht wirklich genieße (mich freuend


zuwende)?
Man möchte sagen: Eines ist sicher, dass Freude und Lust
untr ennbar zusam men hängen. Aber zu unterscheiden ist erleb-
5 te Lus t, empfundene (also Empfindungslust und Erlebnislust ir-
gendwelcher Art), und Freude al s G efallen, die Lust zwar
vorauss etz t, aber nic ht Lust i st. Analog wie eine Wahrnehmung
Empfindung voraussetzt, aber nicht Empfindung ist.
Jedes Gefallen1 an einem Objekt setzt voraus, dass das Erlebnis, in
10 dem das Objekt bewusst ist, eine Erlebnislust trägt. Gefallen an einer
Phantasie setzt voraus Erlebnislust des Phantasierens, Gefallen an
einer Erscheinung Erlebnislust am Erscheinen, Gefallen an wissen-
schaftlicher Forschung Erlebnislust hani der wissenschaftlichen For-
schung, Gefallen an einer Speise Erlebnislust der Speisenwahrneh-
15 mung oder sonstigen „Vorstellung“.2 Und die Speisenwahrnehmung
hat Erlebnislust nach dem Gesetz, dass, wenn sich an ein Wahrneh-
mungsobjekt bekannterweise unter gewissen Umständen „bewirkte“
Lust anknüpft, dass dann sein Wahrnehmen Erlebnislust trägt.
Wie aber beim Wahrnehmen des Wohlgeschmacks selbst, nämlich
20 der aufmerkenden und objektivierenden Zuwendung zu dieser Ge-
schmackslust? Wir müssten sagen: Dieses wahrnehmende Hinblicken
trägt wie jedes Objektivieren eines Gefühls selbst ein Gefühl. Und ge-
nauer: Jede Objektivation, die gerichtet ist auf ein komplexes Ganzes,
in dem ein Gefühlsfaktor auftritt, der in die Objektivation einbezogen
25 ist, ist selbst Träger eines Gefühls. Also sowie ich auf eine sinnliche
Lust hinblicke, hat dieses Hinblicken einen Lustcharakter. Aber auch
wenn ich auf eine Freude hinblicke (die ja eine Lustkomponente hat),
hat dieses Hinblicken Lustcharakter.3
Und nun würde man weiter sagen: Diese Erlebnislust ist eben
30 Erlebnislust und ist noch kein Gefallen. Aber es ist sozusagen Ge-

1 Der Text von „Jedes Gefallen“ bis „sicher unrichtig.“ (S. 69,4) von Husserl spä-
ter zwischen eckige Klammern gesetzt, dazu seine Randbemerkung: „Das alles ist
Konstruktion und falsch.“ – Anm. der Hrsg.
2 Eigentlich „Erscheinung“, Zuwendung ist nicht nötig.
3 Soweit sich der Wohlgeschmack etc. als Einheit konstituiert hat, wirklich konsti-

tuiert auch ohne Hinblicken, soweit trägt er auch eine in der Objektivation fundierte
Lust.
die von gegenständen ausgehende erregung 69

fühlsrepräsentant für das auf das Gegenständliche bezogene Gefallen


oder vielmehr für den Wertcharakter, der sich darin konstituiert.
Aber freilich, wo sind die phänomenologischen Ausweise für diese
Konstruktion? Sie ist so, wie sie da steht, sicher unrichtig.
5 Eines steht außer Zweifel: Wo immer Gefallen, Für-wert-Halten,
Sich-Freuen etc., da auch Gefühle, und zwar Gefühle, die als solche
zu derselben Gattung gehören wie die Empfindungsgefühle. Und hes
isti zweifellos, dass bloße Gefühle nicht mehr und nicht in besserem
und anderem Sinn „Intentionalität“ haben denn Empfindung. Also
10 sie sind Erlebniseinheiten, erlebnismäßig dauernde etc., aber nicht
„intentionale Erlebnisse“, d. h. Erlebnisse, die „gegenständliche
Richtung-auf“ haben in irgendeinem Sinn (Erlebnisse immer als Zeit-
einheiten des „Bewusstseins“).1 G efühl e gehören also wesent-
lic h z um B est and al l er wertenden Akte und zunächst derje-
15 nigen, in denen Wertobjekte als solche „erscheinen“, gegeben sind.
Ebenso wie Empfindungen da sein müssen, damit Seinsobjekte gege-
ben sind, zunächst erscheinen. Die erlebten Empfindungen gehen in
Apprehensionen ein. Darin liegt das „Intentionale“ im eigentümli-
chen Sinn.
20 Irgendwie gehen die erlebten Gefühle, damit ein Gefallen, ein
Werten (als Wertnehmen) und dgl. Erlebnis werden kann, ebenfalls
in so etwas wie Apprehensionen ein. Und diese Apprehensionen
sind so wenig selbst Gefühle, als die objektivierenden Apprehen-
sionen, die Seinsapprehensionen im engeren Sinn, Empfindungen
25 sind.
So freilich geht es nicht, dass man einfach sagt, die Seinsobjekti-
vationen, die die „Grundlage“ bilden, tragen irgendwelche Gefühls-
charaktere. Beim sinnlichen Geschmack haben wir in der Regel einen
Komplex von Momenten, von denen gewisse in ihrer Folge und Ge-
30 stalt eine Folge und einen Rhythmus von Gefühlen tragen. Schon
das weist darauf hin, dass die Gesamtobjektivation ihre Kompo-
nenten haben wird und dass speziell auf diese das Gefühl aufge-
legt sein wird. Aber das erklärt nicht die „Beziehung auf“ die ent-

1 Erlebnis kann auch einen anderen Sinn haben. In dem jetzigen sind es „Einheiten“
des Bewusstseins, sich als solche konstituierend in Erlebnissen im anderen Sinn, die
keine solchen Einheiten sind.
70 die von gegenständen ausgehende erregung

sprechenden Gegenständlichkeitsmomente, und es fragt sich, ob es


da etwas weiter zu erklären gibt, nämlich ob man eben nicht ant-
worten muss (und sinngemäß nichts anderes verlangen kann als zu
sagen): Eine eigentümliche Apprehension, ein eigentümliches Wer-
5 ten, Gefallens-„Bewusstsein“, eine eigentümliche „Intentionalität“
beseelt die „Gefühlsempfindung“.
Die Empfindungen sind Zuständlichkeiten? Das wird man nicht
sagen. Empfindungen sind Objekte in einer ungewöhnlichen Empfin-
dungsreflexion, und wenn der Blick auf sie sich richtet, so nimmt er sie
10 doch nicht als Ichzustände. Allerdings bei den Gemeingefühlen kann
man zweifelhaft werden. Wie steht es mit den Gefühlen? Die Emp-
findungsgefühle finden wir auch „äußerlich“ eigentlich doch nicht als
Zustände, nämlich Ichzustände.

Beilage IV
15 hEmpfindungsgefühl und Gegenstandsgefühli1

Es scheint, dass man unterscheiden muss: das Empfindungsgefühl, das


„an und in“ der Empfindung selbst liegt (der „Gefühlston“), und das Ge-
genstandsgefühl, d. i. das Gefallen.
Auch der „Empfindungsinhalt“, die Empfindung als Einheit, ist ein „Ge-
20 genstand“. Ich kann darauf hinsehen und ihn eben als Gegenstand in seiner
Einheit erfassen. Dann finde ich an ihm selbst den Gefühlston, und dieser
ist dann „Motiv“ des Gefallens oder Missfallens: um dessentwillen gefällt
er mir. Keineswegs ist eine transiente Apprehension nötig und damit ein
transienter Gegenstand. Sind solche da, so gehört zu ihnen ebenfalls ein
25 Gefallen oder Missfallen, und eventuell von ganz anderen Vorzeichen. Das
Empfindungsgefühl, der Gefühlston, kann sich seinem Charakter nach (wenn
etwa auch nicht der Zeiterstreckung, eventuell der Intensität und den In-
tensitätsgesamtcharakteren nach) erhalten, und das Gefallen, die fühlende
Stellungnahme, kann sich ändern, ihr „Vorzeichen“ umkehren.
30 Ich esse ein süßes Backwerk, es schmeckt vortrefflich, nach einer Weile
werde ich seiner überdrüssig, es fängt mir an zu ekeln, es wird mir widerwärtig.
Der Geschmack hat sich nicht wesentlich geändert, aber auch der Gefühlston
am und im „Wohlgeschmack“ ist nicht umgeschlagen, er ist vielleicht nicht
mehr so intensiv, dem Gefühlston nach, vor allem mag es sein, dass mir das

1 Wohl September 1911. – Anm. der Hrsg.


beilage iv 71

ewige Süßes-Essen „langweilig“ wird, es gefällt mir nicht mehr trotz seines
positiven Gefühlstones.
Das Abstumpfen besteht hier doch nicht darin, dass der Geschmack selbst
den positiven Gefühlston verloren haben müsste. Natürlich wird man auch
5 scheiden bei einer süßlichen Melodie, die mir zunächst sehr wohl gefällt,
während mir nachher ihre Trivialität zum Bewusstsein kommt und sie mir zu
missfallen beginnt: den immerfort süßen Charakter der Melodie und das darin
gründende Gefallen, und nachher das in der Trivialität gründende Missfallen.
Aber freilich, die Melodie ist nicht ein bloßer Empfindungsgegenstand. 1
10 Wenn wir uns der Empfindungseinheit zuwenden, so hat sie an sich jenen
Gefühlston, und um dieses willen gefällt sie oder missfällt sie „unmittelbar“.
Das ist die einfachste unmittelbarste Art der Begründung von Gefühlsakten.
Die Empfindung gefällt oder missfällt da „um ihrer selbst willen“, und das
heißt, der Grund der Gemütsakte liegt rein im Gegenstand, immanent.
15 Die Empfindungseinheit „konstituiert“ sich und in und mit ihr die Ein-
heit des Gefühlsrhythmus. Sie konstituiert sich, d. i., ein Einheitsbewusst-
sein ist Erlebnis, gleichgültig, ob ein Strahl der Aufmerksamkeit und der
Gegenstandssetzung hindurchgeht oder nicht. Dieses „Einheitsbewusstsein“
(„Auffassung“ von Einheit) ist nun selbst Träger eines Gefühls, das „Bezie-
20 hung“ hat auf das Identische, die Einheit, die aufgefasst ist.

1 Man darf nicht etwa meinen, dass im Fortgang des Essens sich „Gestaltqualitäten
der Lust und Unlust“ bilden, derart, dass stark hervortretende Lustmomente doch ein
starkes Unlustmoment bezogen auf das Ganze fundieren. Die Unlust am Ganzen ist
Missfallen des Ganzen und keineswegs ein Empfindungsgefühl, das zu ihm gehört als
Gestalteinheit der Partialgefühle. Wir können dieser Gestalteinheit uns zuwenden, sie
ist ein Rhythmus von Gefühlen, einheitlich, aber nicht eine Lust oder eine Unlust.
Dagegen, diese Einheit kann gefallen oder missfallen.
III. DIE ANALOGIE ZWISCHEN DENKAKTEN UND
AXIOLOGISCHEN AKTEN. REZEPTIVITÄT
UND SPONTANEITÄT BEI DER KONSTITUTION
VON SEINS- UND WERTOBJEKTIVITÄTEN1

5 h§ 1. Affektion, Auffassung, Zuwendung


und schöpferischer Verstandesakti

Es wurde oft gegenübergestellt Se insmotivation und Wert-


motivation. Seinsmotivation ist empirische Motivation, sinnliche,
Empfindungsmotivation und hat vom Standpunkt des allgemeinen
10 Bewusstseins darin ihre volle Universalität, dass jedes Erlebnis auch
als „Empfindung“ fungiert und konstitutiv ist für empirisches „Sein“,
für Natur. Was ist da aber der Gegensatz? Doch nicht das auf „Natur“
jeweils bezogene Werten. Oder Werten überhaupt? Ob das nun im-
mer auf Natur bezogen ist oder nicht, und was es daneben sonst auch
15 geben mag, soviel ist klar, dass, wenn Werten zum Fühlen in Bezie-
hung gesetzt ist, wir zwar mögen sagen können: So wie durch Empfin-
dungen (primäre Empfindungen) sich räumlich-zeitliches Sein konsti-
tuiert und mit solchem Sein zusammenhängende Auffassungsweisen,
so konstituiere sich durch die mit den Empfindungen verflochtenen,
20 in ihnen fundierten Gefühle etwas, nämlich Werte.
Ich sage, so mögen wir sagen können, aber es ist klar, dass wir
nicht alles umspannen: nicht das „Denken“, das doch konstitutiv
ist als „schöpferisches“ Bewusstsein für Klassen von Gegenständ-
lichkeiten, nicht das spontane Werten, nicht das schöpferische Be-
25 wusstsein, in dem „synthetische“ Gegenständlichkeiten erwachsen,
das „umwillen“, das „infolge“ und so weiter, hnichti die Begehrungs-
und Willensobjektitäten.

1 Wohl Anfang November 1911. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 73


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_3
74 denkakte und axiologische akte

Wir haben doch


1) Rezeptivität – Sinnlichkeit:
a) Da ist das Feld der Empfindungen (was eine Funktion andeutet),
der Assoziationen, der blinden Motivation, die „konstitutiv“ ist für
5 Natur, physische und psychophysische Natur;
b) das Feld der ursprünglichen Gefühls- und Triebpassivitäten;
und
c) der zu ihnen gehörigen blinden Motivationen, die konstitutiv
sind für Objektitäten höherer Stufe, für die wir keine zusammenfas-
10 senden Namen haben: Objekte der Liebe, Wertobjekte, Taten, Schöp-
fungen, alles blind, z. B. instinktive Liebe der Kinder und Eltern,
Nesterbau etc.
2) Spontaneität – Verstand:
a) die schöpferische Funktion des Denkens und die Verstandes-
15 motivationen des Denkens;
b) die schöpferische Funktion des Wertens;
c) weiter die des Wünschens und Wollens mit all ihren sponta-
nen Motivationen. Das Spontane liegt in der Ichaktivität in einem
besonderen Sinn. Spontaneität setzt Rezeptivität voraus.1
20 Es ist aber zu beachten, dass wir unterscheiden müssen:
I. die urquellende Spontaneität, die Akte selbst, die Aktsetzungen,
die Verstandesakte;
II. die verströmende, nachlebende Spontaneität, die Übergänge in
Passivität, die Übergänge in Zuständlichkeit;
25 III. der Niederschlag der Verstandesakte in Form von sekundärer
Sinnlichkeit, das dunkel Gewordene, das einmal hell war, das passiv
Gewordene, das einmal aktiv war – dem gegenüber sind wir rezeptiv:
Wir haben eine ursprüngliche Rezeptivität und eine in Rezeptivität
übergegangene Spontaneität.
30 Sind hier nun nicht noch ernste Schwierigkeiten übrig?2 Im Den-
ken, im Werten, Wollen, kurzum in jedem spontanen Bewusstsein,

1 Das Wort „Spontaneität“ rechtfertigt sich durch Beziehung auf das Ich, es besagt
also Ichspontaneität, es betrifft also die aus dem Ich hervorquellenden eigentlichen
Akte. Aber die Affektionen?
2 Im Folgenden versuchte ich, die Auffassungsfunktionen den Denkfunktionen des

Verstandes möglichst anzunähern, und versuchte zuerst, das „setzende“, im Erfassen,


Aufmerken, Durchlaufen, Explizieren sich vollziehende Auffassen als „Vollzug“ der
Auffassung anzusehen gegenüber dem Hintergrundauffassen. Es stellt sich aber heraus,
denkakte und axiologische akte 75

haben wir ein „sehendes“ Bewusstsein-von, nicht ein blindes. Aber


macht die Spontaneität das Sehen und die Rezeptivität die Blindheit?
Wird das blinde Bewusstsein, das wir „Haben einer Erscheinung“,
einer Gegenwärtigung, einer Vergegenwärtigung etc. nennen, nicht
5 zum sehenden durch schlichte Zuwendung? Und was ist diese
s chlichte Z uwendung? Ist sie einer der spontanen Akte, ist sie
denkende Zuwendung, ist sie Seinssetzung? Aber wie, wenn ich mich
einem Phantasieobjekt zuwende? Ich müsste dann sagen, dass sie eine
„Quasi-Zuwendung“ histi, und wenn ich sie nicht so vollziehe, d. i.
10 dabei „in der Phantasiewelt lebe“, so ist es eine aktuelle Zuwendung
und dann Setzung des Phantasierten als solchen, eine objektivierende
Setzung.
Es ist aber hier vieles zu klären und zu scheiden. In meiner Lehre
von den attentionalen Wandlungen ist hervorgetreten, dass Zuwen-
15 dung zum Gegenstand einer sinnlichen Erscheinung, die vordem
ohne Zuwendung bewusst war, nicht besagt die Hineinsendung eines
Aufmerksamkeitsstrahles in eine „Erscheinung“, die genau hsoi, wie
sie war, nun einen Strahl in sich aufgenommen hat. Wir müssen zwar
von einem Strahl der Zuwendung sprechen und von einer Zuwendung
20 des Ich, aber müssen wir andererseits nicht sagen: Die Zuwendung
ist nicht (dem Gleichnis entsprechend) bloße Zuwendung, sondern
das ganze Phänomen – und vor allem wohl die Auffassung – hat
„Aktivierung“ erfahren, sie ist vollzogene Auffassung, während wir
freilich hinsichtlich der Empfindung weiter sagen müssen, sie kon-
25 stituiere sich passiv; das Zeitbewusstsein wird nicht „vollzogen“.
Jedenfalls ist in dieser Richtung die beseelende Aktivität nicht in
gleicher Weise vom Charakter der spontanen Gestaltung. Aber ist es
bei der Dingerscheinung viel besser?
Ist nun diese vollzogene Auffassung gegenüber der passiv gehab-
30 ten, sozusagen erlittenen, nicht eine Spontaneität, und zwar eine
Spontaneität der Setzung gewisser „Materie“? Freilich eine „unvoll-
kommene“ Spontaneität, die nach Reihen vollzogener neuer Auffas-
sungen drängt und nach Reihen von Explikationen und beziehenden
spontanen Akten. Ist doch schon ein gewaltiger Unterschied zwischen

dass ein kardinaler Unterschied ist zwischen dem Vollzug der Verstandesakte und
dem aktuellen Erfassen, zwischen Erfassungsfunktionen und synthetischen (schöpfe-
rischen) Verstandesfunktionen. Gleichwohl ist die Lektüre des Weiteren lehrreich.
76 denkakte und axiologische akte

der Schicht der zum Phantom gehörigen Apparenz und der Schicht
des substanzial-kausalen Dinges, das doch in wirklich vollziehender
Weise nur bewusst werden kann in beziehenden Akten, in denen zwar
immerfort schon das reale Ding als Ding aufgefasst ist, aber als das nur
5 „gesehen“ ist in vollziehender Weise, wenn ein „wenn und so“ oder
ein „weil und so“ in der Abhängigkeit kausaler „Erscheinungen“
erfasst wird.
Werden wir also nicht darauf zurückgeführt, dass hdasi, was wir zu-
nächst als Rezeptivität ansetzen, eine notwendige Scheidung fordert?
10 Dass wir, genauer gesprochen, unterscheiden müssen zwischen
1) der Schicht der blo ßen Affektionen (die nichts von Funktion
enthalten), die Schicht, innerhalb welcher sich die primären Inhalte
(als immanente Zeitlichkeiten natürlich) konstituieren. Hier haben
wir eine ursprüngliche und apriorische Form, die Form aller imma-
15 nenten Erlebnisse, die immanente Zeit.1
2) Den Affektionen stehen gegenüber die Funktionen; dahin ge-
hören alle sinnlichen Auffassungsfunktionen, durch welche das Be-
wusstsein eines Dinges erwächst, aber auch alle sinnlichen Gefühls-
funktionen (Gefühlsauffassung), durch welche das Bewusstsein eines
20 empirischen Wertes erwächst, und was in gleicher Stufe noch hdazui
gehören mag.
Jede Funktion lässt nun, und ebenso das durch Funktion Gebil-
dete, eine doppelte Erlebnisweise zu. (Wobei hätte vorausgeschickt
werden müssen, dass jede Funktion fundiert ist wesentlich in Affek-
25 tion und mit ihr die Einheit eines funktionellen konkreten Ganzen
des Erlebnisses herstellt. Solche Konkreta haben wir jetzt im Auge,
eventuell unter bloßem Hinblick auf die Momente der Affektion.)
Eine doppelte Erlebnisweise, sagte ich: Eine Funktion kann voll-
zogene, von Spontaneität beseelte, „lebendige“ Funktion sein, und
30 sie kann nicht-vollzogene, nicht-spontane, unlebendige sein, erstarrte
Funktion sein. In diesem Sinn scheiden wir Rezeptivität unlebendiger,
inspontaner Funktionen von der Spontaneität vollzogener Funktio-
nen, und in diesem Sinn mengen wir nicht durcheinander (müssen
wir sorgfältig gesondert erhalten) Rezeptivität und Affektivität
35 (Rezeption und Affektion).

1 Aber das Konstituieren vollzieht sich doch durch Intentionalität, aber nicht durch

eigentliche Akte.
denkakte und axiologische akte 77

Damit ist aber noch nicht allem Genüge getan. Denn nun bedarf
es einer Grundunterscheidung innerhalb der Funktionen, die wir bei
dem Parallelismus zwischen rezeptiven und spontanen Funktionen
innerhalb einer Sphäre, etwa der der Spontaneität, allein verfolgen
5 können.
„Zuwendung“ – knüpfen wir daran an. Der Ausdruck „Rezep-
tion“, und demgemäß hder Ausdrucki „Rezeptivität“, ist zweideu-
tig. Die unlebendige Funktion (die Funktion im Status der Erstar-
rung, der Unlebendigkeit eben) kann in Lebendigkeit übergehen und
10 lebendige Funktion in erstarrte. Aber nicht jede lebendige Funktion
ist Wiederbelebung einer erstarrten, nicht jede erstarrte erstarrt ge-
wordene, nicht jede ist Erstarrung einer vordem lebendigen. Diese
Verhältnisse heißt es hzui studieren.
Das Lebendigwerden kann ein bloßes Sich-Einleben, ein bloßes
15 Sich-Zuwenden sein. So in der ganzen Sphäre der Affektion. Ja, es
ist im erweiterten Sinn von einer Affektion im Gesamtrahmen des
Zeitbewusstseins zu sprechen, das heißt, jedes immanent-einheitliche
Erlebnis „affiziert“, sofern es Objekt möglicher bloßer Zuwendung
und setzender Erfassung sein kann. Es affiziert den „inneren Sinn“,
20 heißt nichts anderes als: Ein Blick „innerer Wahrnehmung“, ein
schlichter Hinblick darauf, der erfasst und setzt, was anderweitig
konstituiert ist, findet statt oder kann stattfinden. Die Sphäre bloßer
Affektion, die Sphäre bloßer Sinnlichkeit besagt: Es gibt eine Sphäre
von Erlebnissen, von immanenten zeitlichen Inhalten, die keine an-
25 dere Belebung erfahren können als diejenige als zeitlich-immanente
Inhalte, keine andere als die schlichte Zuwendung zu ihnen in der
„inneren Wahrnehmung“, d. h. in der schlichten immanenten Refle-
xion.
Hierbei ist zu beachten: Sie heißt Wahrnehmung, weil das imma-
30 nente Zeitbewusstsein selbstgegenwärtigendes ist. Einfache Zuwen-
dung, schlicht setzende, thetische Erfassung eines als selbstgegenwär-
tige Wirklichkeit Bewussten charakterisiert Wahrnehmung; und ist
die Gegenwärtigung die des zeitkonstituierenden Bewusstseins, so
ist die Wahrnehmung „innere“ Wahrnehmung. Sie hat ihre paralle-
35 len immanenten Reflexionsarten in der inneren Erinnerung, inneren
Phantasie usw.
Diese Zuwendung der inneren Reflexion ist zwar schon ein actus
der Freiheit, eine Spontaneität, aber eine solche, die durchaus ge-
78 denkakte und axiologische akte

bunden ist an die „Vorgegebenheiten“ des inneren Bewusstseins, an


das anderweitig Konstituierte, das nach dem ursprünglichsten Gesetz
des Bewusstseins seine notwendige apriorische Form der immanenten
Zeit erhält. Hinter dieser Gruppe von inneren Erfassungen liegt übri-
5 gens noch eine Klasse von schlichten Zuwendungen: die Reflexionen
auf das Bewusstsein selbst, das die immanenten Inhalte konstituiert.
Verbleiben wir aber im Rahmen des immanenten Zeitbewusst-
seins! Wir haben dann in dem bloßen Sich-Zuwenden ein Erfassen,
ein Entnehmen, ein schlichtes Hinsehen-auf, das zugleich Herausse-
10 hen, Herausgreifen ist. Denn, was immer da ergriffen ist, hat seinen
Horizont, seine Umgebung.
3) Ähnliches gilt, wenn wir von den sinnlichen Empfindungen
zu den Auffassungen bzw. zu den Erscheinungen übergehen. Die
äußere Erscheinung ist Inhalt des inneren Bewusstseins und lässt als
15 das eine innere Zuwendung zu, und sofern sie als dieser einheitliche
immanente Inhalt Schichten, Teile hat, lässt sie verschiedene „innere“
Wahrnehmungen zu. Andererseits, sofern sie eine Einheit der Funk-
tion ist, hat sie den Charakter eines intentionalen Erlebnisses und
lässt, wenn sie unlebendige funktionelle Einheit war, einen beleben-
20 den Strahl schlichter Zuwendung zu, einer setzenden, erfassenden
Zuwendung, wodurch aktive Wahrnehmung, äußere Wahrnehmung
erwächst (ebenso die Parallelen: Erinnerung etc.). Das Sehen ist
nichts anderes als die Lebendigkeit der Auffassungsfunktion als per-
zeptiver (ebenso der Erinnerungsfunktion: Quasi-Setzen, Lebendig-
25 keit der modifizierten Funktion).
An die bloße Zuwendung kann sich, während sie immer lebendige
Aktivität, lebendige Funktion verbleibt, anschließen das Durchlau-
fen im freien Ablauf der Motivationszusammenhänge verschiedener
Schichten, das wir onthischi bezeichnen als über den Gegenstand
30 hinsehen, ihn mit dem Blick durchlaufen, ihn von allen Seiten anse-
hen usw. Dabei expliziert sich der Gegenstand. Die Gesamtfunktion
„impliziert“ Teilfunktionen, „intentionale Strahlen“, die ihrerseits
„hinweisen“ auf Reihen von neuen intentionalen Komplexen bzw.
auf Reihen neuer intentionaler Strahlen in diesen usw. Die Intentio-
35 nen gehen in dem Fluss der funktionalen Komplexe einig ineinander
über; und was in der vorangehenden hReihei „unerfüllte“ Intention
ist, ist in der folgenden erfüllte usw. Dabei aber auch das zu be-
schreibende Spiel von „Näherbestimmungen“, nämlich dessen, was
denkakte und axiologische akte 79

vordem nur unbestimmter intendiert war; aber auch „Andersbestim-


mungen“, immer im Rahmen der Bewusstseinseinheit, in der im-
merfort der eine Gegenstand dasteht. Ferner gehört hierher der
Unterschied des freien Durchlaufens einer Gruppe zusammengehöri-
5 ger Wahrnehmungen (etwa in freien Augenbewegungen), wobei sich
der Gegenstand, wahrnehmungsmäßig immer neue Seiten bietend,
zeigt, und des ganz andersartigen Durchlaufens der Explikation, der
Einzelzuwendung zu dem in einer und derselben Erscheinung Er-
scheinenden und der Einzelbelebung von Teilintentionen, die hierbei
10 zugleich nähere Bestimmung erfahren können, sofern die Intention
auch ohne neuen Zuzug von Wahrnehmungen (von Erscheinungsma-
terial) reicher, bestimmter werden kann.
Ferner auch dies, dass bei unveränderter Erhaltung des Erschei-
nungsbestandes ein vergegenwärtigendes Verfahren möglich ist, wo-
15 nach die aktuellen Erscheinungen übergeführt werden in Reihen von
Erscheinungs-Vergegenwärtigungen und hwiri in ihnen eine, wenn
auch unvollkommene Erfüllung durch erinnernde Vergegenwärti-
gung erfahren können.
Ferner der Unterschied der intentionalen Zusammenhänge, die
20 zur Konstitution des Raum-Phantoms und zur Konstitution der realen
Prädikate des realen Subjekts, überhaupt des realen Dinges, gehö-
ren. Wie zur schlichten Explikation des durch Phantome Gegebenen
das kathegorischei Urteil, die kategorische identifizierende Synthesis
steht, so hstehti zur explikativen Entfaltung der zum verworrenen
25 Auffassen gehörigen Realitätsintentionen, zu welcher Entfaltung die
Modifikation des belief zum „Annehmen“ und Darauf-Hinnehmen
gehört, das hypothetische und kausale Urteil.1 Das sagt, dass Expli-
kation eine Unterstufe ist zur Urteilssynthese, und zwar zur Urteils-
synthese, die hier „analytisch“ erfasst, was im erscheinenden Ding
30 „liegt“, intendiert ist.
In dieser Sphäre der dingkonstituierenden Funktionen haben wir
also eine ganz andere Situation als in der Sphäre der Affektion, des
inneren Bewusstseins. Bei dieser besteht Lebendigkeit bzw. Verle-
bendigung bloß darin, dass sich als erste „Zuwendung“ ein verleben-

1 Dieser Satz wurde später in eckige Klammern gesetzt, dazu am Rand ein Fragezei-

chen. – Anm. der Hrsg.


80 denkakte und axiologische akte

digender Strahl innerer Wahrnehmung auf das immanente Erlebnis


richtet, und die Belebung besteht in nichts als in dem Hinsehen auf
das Konstituierte oder sich weiter Konstituierende. Was weiter noch
möglich ist, ist Explikation, ein Achten auf Teile und Momente.
5 Im Übrigen ist das innerlich Wahrgenommene „im Voraus da“ –
ebenso da in der Wahrnehmung wie vor ihr. Dagegen haben wir
in der Sphäre der dingkonstituierenden Funktionen zwar auch eine
gewisse Vorgegebenheit – immerfort und von vornherein steht das
Ding da und ihm kann ich mich schlicht zuwenden –, aber es ist
10 „da“ durch das Medium des unendlich vielgestaltigen Spiels von
„Intentionen“, von wirklichen und angezeigten. Es erscheint, und
die bloße Zuwendun g und bl oße Explikation leistet hier
nicht alles, ist nicht alle „Verlebendigung“. Die Belebung macht
aktive Meinung, verwandelt die latente in patente, in wirkliche Mei-
15 nung, und die Entfaltung der Meinung kann besagen: heinerseitsi
Entfaltung des in ihr r eel l Enthal tenen, andererseits die Expli-
kation des Vermeinten als solchen, wie es gerade gemeint ist. Es
kann hbeisagen: die Entfaltung des Seins, wie es im Sinn der Mei-
nung ist, bestimmtes ist, soweit die Meinung bestimmt ist, eventuell,
20 wie es möglicherweise ist und wie es sich eventuell im Fortgang
neuer und neuer Erscheinungen „herausstellen“ würde und eventuell
wirklich herausstellt. Meinung weist hin auf neue Meinungen, und
in dem Ablaufen der wirklichen Erscheinungen bestätigt sich die
Meinung, bestimmt sie sich näher, widerlegt sie sich usf. Was alles
25 passend zu verstehen ist, da noch keine Prädikation vollzogen sein
soll. Also innerhalb dieser Funktionen treten völlig neue Vorkomm-
nisse auf.
Aber welcher Art ist hier die Spontaneität des Vollziehens?
Ich habe nicht mehr bloße Zuwendung und Festhaltung, sondern
30 Mehrfältigkeit der Zuwendungen, Durchlaufen und Durchhalten der
Einheit in der Abhängigkeit, Durchhalten nicht nur der Einheit des
Phantom-Erscheinenden durch den Fluss der Phantom-Erscheinung-
en, sondern der Einheit des Realen, die den Hinblick auf Umgebungs-
änderungen und die Abhängigkeiten fordert, oder Durchlaufen hypo-
35 thetischer Erscheinungsreihen in der Vergegenwärtigung unter Hin-
blick auf die hypothetisch abhängigen Reihen, unter Durchhaltung
der Einheit des erscheinenden Realen durch diese hypothetischen
Reihen hindurch.
denkakte und axiologische akte 81

Aber vorgegeben ist auch hier der Gegenstand. Er ist es, der
immerfort einheitlich erscheint, er ist es, der sich in kontinuierli-
cher Durchhaltung nach seinen Eigenschaften expliziert usw. Es wird
durch die Spontaneität des Durchlaufens, des Durchlaufens der hdiei
5 Raumgestalt konstituierenden Erscheinungsreihen, der die Realität
konstituierenden Abhängigkeitserscheinungen etc. keine neue Ge-
genständlichkeit konstituiert. Alles ist gebunden durch die aktuel-
len Erscheinungen und ihren Bestand an Auffassungsfunktionen.
Wir stellen nun gegenüber: solche Auffassungsfunktionen und die-
10 jenigen Funktionen als Verstandesfunktionen, welche Sachverhalte,
Subjekte, Prädikate etc. konstituieren. Die „Zuwendung“ erfasst das
schon anderweitig Konstituierte; überhaupt die „Anschauung“,
empirische Vorstellung, ist entweder schlichte Erfassung oder Über-
gang von erster Zuwendung zu immer fortgesetzter Erfassung dessen,
15 was stetig, kontinuierlich gegeben erscheint. Die Spontaneitäten des
Sich-Zuwendens, Durchlaufens etc. ermöglichen die Erfassung des
einen, aber s ie kon s ti tui eren ni cht einen neuen, sondern sie
durchlaufen nur den einen und denselben Gegenstand, der schon
immer vorgegeben war. Die eigentlich schöpferischen Akte, die Ver-
20 standesakte, konstituieren auf dem Grund von Vorgegebenheiten
neue Gegenständlichkeiten; in der prädikativen Synthese erzeugt sich
die auf sie gerichtete lebendige Meinung und erzeugt sich spontan,
schöpferisch. Wir sind rezeptiv hinsichtlich der Grundlagen dieser
Akte, aber wir sind aktiv hinsichtlich der Konstitution der Verstan-
25 desobjekte. Es ist kein „Auffassen“, sondern Auffassung ist etwas
uns passiv Zukommendes, etwas uns Befallendes. Wir haben eben
die Erscheinung, und wechselt die Auffassungsweise, so springt Er-
scheinung in Erscheinung um. Spontaneität heißt aber nicht
W illkür lichkeit. Wir können ja willkürlich Dinge gestalten, wir
30 können auch willkürlich unter Umständen zweideutige Erscheinun-
gen in der einen und anderen Weise vollziehen etc., aber es ist ein
freies Gestalten, ein Konstituieren von neuartigen Gegenständlich-
keiten, bei denen hdiei Gegebenheit der „Wahrnehmung“ nur in
dieser Lebendigkeit der Aktivität bestehen kann und nicht vorher
35 bestehen kann in einer unlebendigen Gegebenheitsform.
Aufrichtig gesagt, bin ich mit all diesen Beschreibungen noch lange
nicht zufrieden. Klar ist nur eins: Die Sphäre der Verstandesakte ist
eine wesentlich neue gegenüber der Sphäre der Funktionen bloßen
82 denkakte und axiologische akte

Erscheinens, ebenso wie diese eine wesentlich neue ist gegenüber der
Sphäre der bloß primären Inhalte.
Es ist auch klar, dass das bloße äußere und innere Wahrnehmen
und die gleichstehenden Akte der klaren und dunklen „Vorstellung“
5 (Anschauung etc.) schon die verschiedenen Modi des belief und, wie
wir sehen, auch die des Annehmens und Darauf-Hinsetzens haben
und dass die bloße Zuwendung, die hier als Aufmerksamkeit auftritt,
zwar „belebt“, aber noch nicht ein Modus der höheren Verstandes-
sphäre ist. Das bloße Erfassen ist noch nicht Synthesis. Es ist die
10 schlichte Thesis. Das Allgemeine allen Zuwendens bzw. Zugewen-
detseins ist der Modus des „Lebens“, der Belebung der Funktion
bzw. der von dem Strahl der Aktivität beseelten Auffassungsfunk-
tion – mag übrigens Erfassung als Seinssetzung vollzogen sein oder
hypothetische Setzung etc. Ich lebe in der schlichten Wahrnehmung,
15 ich sehe das Ding, ich lebe in der Explikation des „schwer“, wobei
ich mir das Ding etwa gehoben „denke“ und wuchtig auf die Hand
drückend etc. Auf das Ding bin ich hingewendet in diesen hypotheti-
schen Veränderungsweisen etc.
In der Urteilssynthese aber vollziehe ich formende Synthesen,
20 Subjektformung, Beziehung des Prädikats auf das Subjekt etc. Sofern
ich in all dem lebe, bin ich mit dem Sachverhalt „beschäftigt“. Er ist
mein Gegenstand, aber nicht in der Weise schlichter Zuwendung
oder der kontinuierlichen Einheit einer Auffassung. Ich kann auch
sagen, ich bin dem Sachverhalt zugewendet, aber es ist nicht so, als
25 ob ich einem Vorgegebenen zugewendet wäre, das mir schon vor
der Zuwendung „erscheinen“ könnte. Freilich, einem auftauchenden
Gedanken, Urteilsgedanken kann ich mich nachträglich zuwenden.
Aber das ist kein aktives, vollziehendes Denken.
Das alles ist noch nicht genug durchgearbeitet, diese verschiede-
30 nen Zuwendungen, diese verschiedenen Arten, wie Objekte eigent-
lich und nicht eigentlich konstituiert, gegeben und nicht gegeben etc.
sind. Man muss wohl sagen: Das Urteil wird „gefällt“, vollzogen. Ist
es richtig, auch bei der Auffassung von einem Vollziehen zu sprechen?
Nein, sie ist einfach da, ich habe die Erscheinung. Ich habe nicht das
35 Urteil, ic h ur tei le, ich vollziehe ein Subjizieren, Prädizieren. Im
Urteilsvollzug bin ich mir des Sachverhalts bewusst, bin ich mit ihm
beschäftigt, aber nicht so, als ob er voraus konstituiert wäre und ich
mich ihm bloß zuwendete. Allerdings: Nachdem ich geurteilt habe,
denkakte und axiologische akte 83

sinkt das Urteilserlebnis zurück, ich kann mich nun dem Geurteilten,
dem schon Konstituierten, konstituiert Gewesenen zuwenden. Aber
das ist kein vollziehendes Urteilen. Das originäre Bewusstsein vom
Sachverhalt ist aber das aktive, das Urteilsfällen. Das Zurückwenden
5 zu dem Geurteilten ist schon eine sekundäre Modifikation. Ich bedarf
ihrer freilich für neue Urteilsbildungen, wie z. B. „daraus folgt“, aber
dann ist das neue Urteilen als vollziehendes und in seinem Vollzug
fundiert in dem modifizierten früheren Urteil, in seinem Vollzogen-
Haben, dann aber nicht mehr Vollzogen-Sein. Erst muss ich ein Urteil
10 etabliert haben, dann kann ich darauf „hinsehen“ und daraufhin neue
Urteile vollziehen. Das originäre Bewusstsein vom Ding verliert aber
nicht die Originarität, wenn ich mich einem anderen zuwende, und es
verdankt nicht die Originarität dem Aufmerken etc.
Aus den vorstehenden Ausführungen ist zu lernen, dass wir die
15 „Funktionen“, die Erscheinungen konstituieren, grundwesentlich
unterscheiden müssen von den eigentlichen aktiven (spontanen) Ver-
standesfunktionen; die einen sind die Funktionen der niederen „Syn-
thesis“, die anderen die Funktionen der höheren, der logischen Syn-
thesis. Kant, wo er von Synthesis spricht, hat wohl gerade die nie-
20 deren Funktionen (Synthesis der Einbildungskraft) im Auge, in der
höheren Stufe spricht er von analytischer Einheit. Diese setzt jene
voraus. Jene erscheint ihm als die eigentlich schöpferische: eben weil
diese nur auseinanderlegt, was jene „unbewusst“ geschaffen.
Indessen, wenn wir von „schöpferisch“ sprechen, so meinen wir
25 das schöpferische Konstituieren, das in der Spontaneität als solcher
liegt, während die niedere Synthesis nicht schöpferisch ist, insofern,
als die Erscheinung einfach etwas Gehabtes ist und wir keine Fragen
haben, wie Einbildungskraft aus Empfindung Erscheinung „mache“.
Sie macht gar nichts, sofern sie Rezeptivität ist. Psychologisch und
30 phänomenologisch-genetisch mag man von Produzieren sprechen,
phänomenologisch-statisch kann man nur die Komponenten der Er-
scheinung und sie selbst ihrem Wesen nach analysieren. Phänomeno-
logisch-statisch finden wir aber den Wesensunterschied vor zwischen
Auffassung und logisch verknüpfender Funktion, von logisch man-
35 nigfach formender.
Wir dürfen, wie aus den obigen Darstellungen hervorgeht, das
B eleben, das vonstatten geht, wenn der Strahl der Aufmerksamkeit
in einem Empfinden oder Auffassen lebt oder dahinein sich lebt,
84 denkakte und axiologische akte

wenn er vordem darin nicht war, nicht auf eine Stufe stellen mit dem
Leben der formenden, von sich aus konstituierenden Spontaneität
des logischen Verstandes.1 Die Aktivität des spontanen Denkens
kann in Unlebendigkeit zurücksinken, das sagt hier, der Denkakt,
5 der vollzogen war, hat sich verwandelt in einen unlebendigen, erstor-
benen Denkakt, der nun kein vollziehendes Denken mehr ist, aber
in ein wiedervollziehendes zu verwandeln ist. Dieser Unterschied
von Vollzug und ers t orbener Akti vi tät des Nichtvollzugs,
die r eaktivier bar is t, i st ei n wesentlich anderer als der
10 Unters c hied z wis chen aufm erkendem, aktiv setzendem
A uffas s en und ni cht- set zendem.
Freilich ist immer wieder zu überlegen, ob nicht ein Gemeinsames
übrig bleibt, ob also, wie wir das vollziehende Denken in gewissem
Sinn ursprünglicher nennen als das nicht-vollziehende, so wir das set-
15 zende Auffassen als das ursprünglichere ansehen müssen gegenüber
dem nicht-setzenden. Das Setzen wäre die Aktivierung des belief-
Moments und ähnlicher Momente, und das scheint sich ja gut anzulas-
sen. Oder noch besser: Die ganze Auffassung gewinnt Leben und ver-
liert Leben, und das betrifft natürlich vor allem auch den Modus des
20 Bewusstseins (die Modalitäten). Richtig ist jedenfalls auch, was ich in
anderen Manuskripten auszuführen suchte, dass dem synthetischen
Akt, dem logisch vollzogenen, gegenübersteht der unvollzogene, der
durch den Strahl der Zuwendung, den er jetzt zulässt, keineswegs
zum vollzogenen wird. Jeder Verstandesakt lässt eine Modifikation
25 zu in eine bloße „Vorstellung“, in dem Sinn, dass Vorstellung ein
Akt schlichter Zuwendung, Erfassung ist. Das Urteil ist synthetische
Erfassung, die nominale Setzung setzt schlicht, genau so, wie eine
Anschauungssetzung schlicht setzt (cf. Logische Untersuchungen).
In der synthetischen „Erfassung“ erfasse ich aber eigentlich nicht
30 den Sachverhalt, das tue ich in der nachkommenden einstrahligen
Erfassung.

1 Das ist wesenhaft eine Genese.


denkakte und axiologische akte 85

h§ 2. Theoretische Zuwendung und Gemütszuwendungi

4) Wir sprachen bisher von der theoretischen Verstandessphäre,


der logischen, und von den niederen Verstandesfunktionen, den
Funktionen der empirischen Auffassung. Gehen wir jetzt in die par-
5 allelen Gebiete über. Die Zuwendung, schlichte Erfassung, Setzung,
von der wir bisher sprachen, sei es die auf sinnlich Erscheinendes
bezogene, sei es auf Vorstellung im kategorialen Gebiet (nominale
Vorstellung von Sachverhalten etc.), war Seinserfassung, Seinsset-
zung. Aufmerksamkeit heißt hier im Wesentlichen dasselbe (eventuell
10 mit Hinzunahme der Modifikationen).
W ir ver suc hen nu n, den Aufbau der wertenden und
pr aktis c hen Vernunf t genau anal og anzusehen. Dem emp-
fundenen primären Inhalt entspricht dann das „sinnliche“ Gefühl,
dem sinnlich primären Empfinden das Gefühlsempfinden; dem Auf-
15 fassen als ein Ding (Gebiet der Empfindungsfunktionen) das Auf-
fassen von empirischen Werten, das Gebiet der unteren, der „em-
pirischen“ Gemütsfunktionen. Entspricht nun der schlichten The-
s is der theoret is chen Zuwen dung eine schlichte Thesis
der Gemüts zuwendung, dem schlichten Hinsehen, Hinmerken
20 ein schlichtes Hinfühlen, ein schlichtes Hinbegehren und Wol-
len?
Das Gefühlsempfinden ist fundiert im primären Empfinden, im
Empfinden sinnlicher Inhalte, das empirische Werten in einem empi-
rischen Auffassen. Ist das Im-Gefühl-sich-Zuwenden, das Im-Gefühl-
25 „Fassen“, fundiert in einem „verstandesmäßigen“ (in einem weiteren
Sinn verstandesmäßigen) Erfassen (einem Seinssetzen bzw. seinen
Modifikationen)? Und ist dann weiter die höhere Vernunftfunk-
tion des Gem üts fund i ert i n der höheren Vernunftfunktion
des Ver s tandes (der logischen)? Das sind sich aufdrängende Fra-
30 gen.
So wie das nicht-setzende und setzende empirische Auffassen von
einer Gattung sind und hbeidei wieder in einer Gattung sind mit
dem logischen Urteilsverknüpfen und -formen, so würde das Sich-
im-Gefühl-Zuwenden ein Gefühlsleben sein, das nicht einen neuar-
35 tigen Akt hinzubrächte zum Fühlen, das keine Zuwendung enthält,
und wieder wäre von derselben Gattung das Fühlen der Verstan-
desstufe. Wir hätten eben überall die niedere Stufe (Rezeptivität)
86 denkakte und axiologische akte

und die höhere (Spontaneität), nur dass in den neuen Gebieten


alles in dem primären Gebiet, dem seinskonstituierenden, fundiert
wäre.
Ich habe also z. B. eine Empfindung und wende mich dem Emp-
5 findungsinhalt zu, einem primären Inhalt wie etwa einem Ton. Er ist
angenehm, sinnlich angenehm, er gefällt mir, ich lebe im Gefallen, bin
im Gefallen dem Ton zugewendet. Ich sehe eine schöne alte Geige,
ich vollziehe das Anschauen, lebe im Anschauen, ich sehe sie mir an.
Aber das empirische Dingauffassen fundiert ein Wertauffassen, ein
10 empirisches Werten. In diesem lebe ich, ich habe Wohlgefallen an
der Sache, bin ihr im Wohlgefallen zugewendet. Die Zuwendung ist
eine anschauende Zuwendung, sie ist aber vermöge der Fundierung
zugleich gefallende Zuwendung. Nun kann sich aber ein Seinssetzen
nicht nur richten auf die Geige, sondern auch auf die Gefälligkeit, auf
15 das Wertprädikat. Und da liegt nun der Haken. Da zeigt sich doch
das Unzureichende der versuchten Theorie.
Entweder wir t renn en das theoreti sche Sich-Zuwenden,
das E rfass en, Denk- Setzen von de m empirischen Dingauf-
fas s en, fassen es ni cht als einen bloßen Modus desselben, sondern
20 als einen eigenen St ra hl der Akti vi tät, der zum h Dingi auf-
fas s en keine bes ondere Affi ni tät hat, sondern auch zum Ge-
mütsauffassen sich gesellen, in es hineinleuchten, aus ihm entneh-
men kann, und in gleicher Weise. Jeder Akt, so würde man
dann s agen, voll zieht ei n spontanes oder nicht-spontanes
25 „ A uffas s en “, und i n j edes Auffassen kann ein Erfassen
eintr eten, ei n Str ahl der Zuwendung bzw. Entnehmung
kann sich zugesellen. Und ist es ein synthetischer Akt, so kann (wenn
er nicht von vornherein theoretischer Akt ist, der in jedem Schritt
theoretischer, eben setzender, erfassender ist) parallel mit den Akt-
30 schritten ein Erfassen statthaben, ein Hinsehen auf das in diesem
Akt synthetisch zur „Apperzeption“, zur Konstitution Kommende.
So etwa, wenn ich mir den bewussten Ausdruck eines Fragens oder
Wünschens so deute: S möge p sein – ich sehe auf die Wunschform
hin, sehe auf das „möge“ hin und drücke es aus; dieses Ausdrücken
35 fordere das „Hinsehen“, das ein Erfassen sei. Und wie ich theoretisch
hinsehen kann, kann ich dann weitere Funktionen des Verstandes
vollziehen: Das ist gefällig, dass S p sei, hesi ist zu wünschen, es möge
sein (prädikativ) etc.
denkakte und axiologische akte 87

Oder wir geben die Parallelität zwischen Gemütszuwendung und


theoretischer Zuwendung auf und ebenso weiter zwischen theore-
tischem Verstand und emotionalem Verstand und praktischer Ver-
nunft.

5 h§ 3. Zuwendung als Modus der Lebendigkeit,


Erfassung und Denksetzung. Die Konstitution
empirischer und axiologischer Abhängigkeiteni

hInhalt:i Die Grundschwierigkeit. Eine Gemütsapperzeption: Ge-


mütsakte objektivieren, fungieren als „Erscheinungen“, und diese ha-
10 ben wie alle Erscheinungen Modi der „Setzung“, modale Unterschiede.

Scheiden wir:
1) Glaube als Denksetzung;1 2) verborgener „Glaube“ (Denk-
setzung), der gar kein Glaube ist, als Modus der ursprünglichen
Aktualität. A priori entspricht jeder ursprünglichen Aktualität eine
15 Möglichkeit der Denksetzung, eines Entnehmens, Subjektsetzens etc.
Denksetzung ist dabei immer gebunden an Vorgegebenheit, an
zugrunde liegende „Auffassung“, an zugrunde liegende Akte, de-
nen sie entnimmt. Wenn wir dazunehmen, dass jeder Akt (und im
Grund sagt das „Akt“ selbst) als Bewusstsein-von Substrat möglicher
20 Denksetzung sein kann, also auch der Denkakt selbst in seiner vollen
Konkretion, da er ein neues Bewusstsein-von herstellt, wo immer er
eine Denksynthesis ist, so kann dann Denken sich wieder auf Denken
als Substrat begründen usw. Und das stimmt auch.
Ist damit ausges chl ossen, dass das empirische Dingauffassen,
25 das Haben einer Dingerscheinung, nicht selbst ein Denken sei, ein
verworrenes Denken, das in der Zuwendung übergeht in den Modus
der Klarheit? Mindestens ein niederer Modus, eine niedere Stufe des
Denkens, etwas gattungsmäßig mit Denken Verwandtes?2

1 „als“ verändert in „und“; dazu die Bemerkung: „Ich sagte ‚Glaube als Denk-

setzung‘: Gewöhnlich werden ja Glaube und Denken identifiziert: Das ist aber sehr
gefährlich.“ – Anm. der Hrsg.
2 Es zeigt sich, dass diese Frage zu bejahen ist.
88 denkakte und axiologische akte

Das zunächst ist ausgeschlossen, dass das seinserfassende Sich-


Zuwenden nichts anderes sei als die Wiederaktualisierung eines
dunklen Denkens: etwa so, wie ein Urteil, eine Überzeugung, aus
dem Dunkel emportaucht und dann von neuem vollzogen wird. Wir
5 sind im Neuvollzug dem Sachverhalt (schrittweise, in seinem Sich-
Aufbauen) zugewendet; im sich „regenden“ Gedanken fehlt die Zu-
wendung zu den Sachen. Man muss ja schon bei diesem Fall unter-
scheiden die schlichte Zuwendung zu dem auftauchenden Gedanken
(Gedachten) und die Erneuerung des Vollzugs. Reaktivierung eines
10 Gemütsaktes ist doch nicht die Zuwendung zu dem in ihm konstitu-
ierten Gegenstand, nicht seine Erfassung – wenn wir Erfassung als
eine Seinssetzung mit Zuwendung identifizieren!
Müssen wir aber nicht sagen: Jeder Akt hat seinen Modus der
Lebendigkeit (= Zuwendung) und seinen hModusi der Unleben-
15 digkeit (Hintergrund). I m l ebendi g vol lzogenen Akt sind wir
dem Gegenst ändli chen, das er konstituiert, zugewendet:
Wir leben eben im Bewusstsein, das in seiner Weise Bewusstsein-
„von“ ist; also j edes l ebendi ge Bewusstsein ist in seiner
B ew us s ts einsar t Zu wendung. Lebendiges Anschauen (An-
20 schauen, in dem ich lebe) ist anschauende Zuwendung; lebendiges
Fühlen, Werten ist fühlende, wertende Zuwendung; lebendiges Be-
gehren und Wollen ist begehrende Zuwendung usw. Jedes lebendige
Bewusstsein kann aber Substrat einer Denksetzung sein; und dann ist
einmal das Angeschaute, das Ding, Denksubjekt, das andere Mal ist
25 das Gefällige Denksubjekt, und dieses, wenn es ein Dinggefallendes
ist, hat unter seinen Prädikaten die Gefälligkeit, und das Denken
kann dieses Prädikat vom Ding aussagen, das Prädikat kann im
Subjekt gefunden und gesetzt werden. Die ideale Möglichkeit der
Denksetzung, der prädikativen, macht es, dass jeder Akt Bewusstsein
30 von einem Gegenstand heißt, denn der Gegenstand ist eigentlich
erst „Gegenstand“ im Denken, nur da ist er Seiendes (wenn wir
Gegenstand Seiendes nennen), das ist und so und so beschaffen
ist.
Andererseits, jeder Akt als Bewusstsein-von ist „Erscheinung“ im
35 weitesten Sinn von Gegenständlichem, der Akt gibt den Gegenstand,
der Akt ist die Vor-Gegebenheit des Gegenstandes, die zu eigentlichs-
ter Gegebenheit im Denken wird. Insbesondere aber heißen gebende
hAktei die Anschauungen, wobei die Frage ist, wie der Begriff der
denkakte und axiologische akte 89

Anschauung zu erweitern ist über die sinnliche Sphäre, über die


Sphäre der primären Inhalte und der erscheinenden Dinglichkeiten.
Jeder Akt als konkretes Ganze genommen ist mögliches Substrat:
Der Denkakt, in dem das Denksubjekt, in dem überhaupt die Denk-
5 objekte im spezifischen Sinn (die „Worüber“) vergegenständlicht
sind, konstituiert als Ganzes einen neuen Gegenstand, der in einem
neuen Denken zum Worüber werden kann usw. Fassen wir die Sache
so, dann tritt das Denken aus der Reihe der Akte durch besondere
Funktion heraus, während es als Akt doch wieder in sie hineingehört
10 (womit zugleich die Rückbezüglichkeit des Denkens auf sich selbst
zusammenhängt).
Scharf geschieden haben sich uns die Zuwendung, die hdiei
Lebendigkeit in der Sphäre jedes Aktes ist, jeder Aktartung, und
die Denksetzung. Bleibt aber jetzt noch etwas von hderi Analogie
15 übrig zwischen Denkakten und Gemütsakten, Willensakten?
Wir müssen Zuwendung als das Allgemeinere unterscheiden von
der s chlichten Thesi s der Erfassung, wie sie z. B. hervortritt im
auswählenden Zusammenfassen, Kolligieren. Wir können innerhalb
einer Mehrheit von lebendigen Anschauungen, deren Gegenständen
20 wir aufmerksam (bemerksam) zugewendet sind, in einem Griff zwei
Gegenstände ergreifen oder auch einen Gegenstand, der nun ein
Dies ist. Ebenso können wir, wo uns mehreres gefällt, ein Gefallen
auf A und B richten, ebenso eine Einheit der Willenssetzung, einer
Sollenssetzung, die in eins A und B als Seinsollendes setzt. Das ist
25 etwas anderes, als A und B kollektiv erfassen und dabei Lust an A
und Lust an B haben etc. Ich kann annehmen, es sei A; ich kann
A annehmend setzen und daraufhin steht B als Folge da, und nun
gefällt B, aber unter Annahme, in der Weise der Freude. Es gefällt
in der Weise „unter Voraussetzung, dass B ist“, nicht in der Weise
30 „Ich freue mich“, sondern „Ich würde mich freuen“. Ebenso, dass A
sei, das wäre erfreulich um des daran geknüpften Erfreulichen (das
erfreulich sein würde) willen. Das mag als Beispiel dienen. Das wäre
also zu studieren.
Ich sehe ein Ding, ich habe die Anschauung: Das Ding sieht
35 „schwer“ aus. So geartet ist diese Anschauung, dass ich daran knüp-
fen kann ein annehmendes Vorstellen, ein annehmendes Überführen
der Anschauung und Erfassung des Dinges in Phantasiemodifika-
tionen des Inhalts: Wenn ich das Ding da heben würde, so würde
90 denkakte und axiologische akte

ich einen großen Druck empfinden; wenn das Ding geworfen würde,
würde es die und die Dinge zertrümmern etc. Das sind empirische
Abhängigkeiten, die hier intuitiv zu Bewusstsein kommen, Abhän-
gigkeiten in der dinglichen Seinssphäre, Abhängigkeiten zwischen
5 „Ursache“ und „Wirkung“, zwischen Vorgang am Ding und Folgen
desselben als Vorgang gerade an diesem real so beschaffenen Ding,
oder zwischen Vorgang in der Annahme und Vorgang in der Folge
unter Annahme.
Wir haben aber auch Abhängi gkei ten in Hinsicht auf Wert-
10 bes timmthei ten, in Bezug auf axiologische Prädikate von Dingen,
Personen, Sachverhalten etc. Gesetzt, dass das Ding so und so gefärbt
würde, dann würde es schön sein. Gesetzt, die Engländer würden zum
Krieg übergehen, so würde das traurig sein. Gesetzt, dass das und das
einträte, dann müsste das getan werden, dann müsste das geschehen,
15 dann müsste eins von beiden geschehen, dann wäre eins von beiden
erfreulich etc., das eine, wenn das wäre, das andere, wenn das wäre
usf.
W ir finden al so Anal ogi en, aber sind es bloße Analo-
gien? Hypothetische Seinszusammenhänge, Zusammenhänge realer
20 Veränderung, wie konstituieren sie sich? Sie konstituieren sich in den
Dingauffassungen und deren Zusammenhängen: So geartet ist die
Auffassung von A und die von B und ihre Verbindung, dass die
Auffassung der Veränderung von A eine Einheit des Bewusstseins
mit der Veränderung von B zeigt, charakterisiert dadurch, dass die
25 Veränderung von B als „notwendige Folge“ erscheint. Das schon
vor der Prädikation: So wie in der Setzung des Zusammen A und
B als zusammenseiend bewusst sind (etwa real als zugleich seiend),
ehe noch eine Prädikation der Gleichzeitigkeit statthat, die aber in
diesem Einheitsbewusstsein ihre Unterlage hat (beziehend sage ich
30 dann aus, eben Beziehung „herstellend“: A ist zugleich mit B oder
B zugleich mit A), so ist das bloße Nacheinander eine ebensolche
Einheit und dann aber auch das „infolge“ (Eintreten infolge davon).
Das konstituiert sich durch eine eigene Einheit des Bewusstseins,
d. i. durch eine eigene Form der Auffassung höherer Stufe. Und erst
35 nachher mag Explikation und Prädikation eintreten, und ich bilde:
Wenn A sich so und so verändert, verändert sich notwendig, verän-
dert sich infolge davon B so und so. Das gilt für eigentlich kausale
Zusammenhänge, aber auch für die räumlichen. Die Auffassung ei-
denkakte und axiologische akte 91

nes Dinges ist eine solche, die das Ding im Raumzusammenhang


erscheinen lässt. Zu ihrem Wesen gehört, dass, wenn die Raumform
sich ändert, diese Änderungen an die Gesetze der Geometrie ge-
bunden sind. Das ist aber ein logischer Ausdruck. Zum Wesen des
5 Raumerscheinenden als solchen gehören gewisse Notwendigkeiten
des Zusammenseins und die dadurch bestimmten Abhängigkeiten,
Notwendigkeiten der möglichen Veränderung, und sofern jedes ding-
lich Reale zunächst räumlich Geformtes ist, gehören diese Notwen-
digkeiten zu ihm.
10 Dabei ist noch zu sagen: Ich habe die „Auffassung“ der Gleichzei-
tigkeit, die Anschauung davon, wenn ich kollektiv das Gleichzeitige
in seinem Zusammendauern erfasse – vor der Explikation und Prä-
dikation. Diese setzt solches „zusammen“ voraus. Ebenso, ich habe
die „Anschauung“ der kausalen Abhängigkeit, wenn ich A erfasse
15 und B erfasse und dieses im Charakter des „infolge“ ablaufen sehe.
Im Übergang von A zu B finde ich an B diesen Charakter, ohne dass
ich aber schon ein Relationsurteil (eine relationelle Synthese) bilde:
B ist die Wirkung, A ist die Ursache. Jeder anschaulichen Relation
gehört solch ein Übergangsbewusstsein zu als Fundament für eine
20 Relationsprädikation.
Gehen wir nun zu den axi ol ogi schen Auffassungen über.1
Auch da finden wir natürlich relativ „schlichte“ axiologische Auf-
fassungen und Einheiten solcher Auffassungen in Verbindung mit
und fundiert in schlichten sinnlichen (dinglichen) Auffassungen. Ich
25 betrachte A, B, C – aber eine Einheit der Betrachtung umspannt das
alles in eins und schließt anderes aus. Ebenso, ich freue mich an A,
B, C – eine Einheit der Freude geht auf das Gesamte (wie z. B., wenn
ich einer interessanten Disputation folge). Ich freue mich an A um
des B willen. Ich freue mich am schönen Gedanken und gehe über
30 zur Person, die ihn äußert, und sie hat den Charakter der Schönheit,
des Wertvollen und des Wertvollen infolge, mit Beziehung auf … Das
kommt dann zur prädikativen Synthese und zur Aussage in einem
beziehenden Urteil.
A xiologis che Akt e bauen si ch aber auch auf Denkakte.
35 Ich weiß, dass A B sein wird, ich höre es. Und nun denke ich, dass,

1 Hier heißt jeder Akt „Auffassung“.


92 denkakte und axiologische akte

wenn A B ist, C D sein muss. C D! Das ist erfreulich. Nun freue ich
mich, dass A B sein wird. Überhaupt entsprechen den unprädikativ
fundierten axiologischen Akten die prädikativ fundierten. Ich drücke
aus, ich prädiziere, was ich vordem hatte: Wenn A B sein würde, so
5 wäre es schön; das „A ist B!“ steht als Schönes da, wenn A B aufge-
fasst ist und als Gefallendes dasteht etc. Die Freude, das Werten geht
auf die erfreuliche Sachlage, und die ist gesetzt durch das Medium
des Satzes; nicht auf den Satz kommt es an, der ist nicht das Objekt
der Freude, sondern die Sachl age sel bst, und dabei wieder auf die
10 erfreuliche Sachlage als solche: Es kommt nur auf die Bestimmung
an, die Trägerin des Gefallens ist.
W or in s oll nu n di e Anal ogi e zwi schen Denkakten und
axiologis c hen Akt en bestehen? Eine Analogie, die wohl zu-
gleich die zwischen wahr (seiend), schön, gut sein soll?

15 h§ 4.i Gefühlssinnlichkeit und Intentionalität1

Die tiefstliegende Intentionalität liegt im inneren Bewusstsein,


dem die Einheit im immanenten Zeitfluss konstituierenden; darin
konstituiert sich also das einheitliche, dauernde, entstehende und
vergehende Erlebnis, z. B. das Erlebnis der im engeren Sinn sinnlichen
20 Empfindung (die Einheit des primären Inhalts).
Wie steht es nun mit dem sinnlichen Gefühl? Ein Gefühl kann
sich als reine Zuständlichkeit anknüpfen an einen dauernden Ton,
und zwar rein seinem Inhalt nach, unabhängig von der eventuel-
len Apprehension, in die er verflochten ist; ebenso an eine Farbe,
25 aber nicht als Gegenstandsfarbe, sondern als reiner Inhalt (Farbe
gerade so, wie sie jetzt erscheint). Die immanente Zeiteinheit dieses
Gefühls konstituiert sich im inneren Bewusstsein. Es ist offenbar,
dass die Bezogenheit des Gefühls auf den immanenten primären
Inhalt zugleich besagt eine Einheit des Gefühls mit dem Inhalt im
30 inneren Bewusstsein; sie bilden zusammen die Einheit eines imma-
nenten Erlebnisses, das sich im inneren Bewusstsein so konstituiert,
dass sich die inneren Konstituentien des primären Inhalts und des

1 Anfang November 1911.


denkakte und axiologische akte 93

Gefühls im inneren Zeitbewusstsein decken, nämlich dass sich die


Erlebniseinheit konstituiert durch stetige Einheit der beiderseitigen
Konstituentien (jede konstituierende Gefühlskomponente ist Gefühl
an einer bestimmten Inhaltskomponente).
5 Geht das Gefühl auf ein Ding, das in einer Erscheinungskontinui-
tät bewusst ist – sagen wir der Einfachheit halber, es läge eine unver-
änderte Erscheinung als zuständliches Erlebnis zugrunde –, dann ver-
eint sich jede Gefühlskomponente (jedes immanente Konstituens des
Gefühls im inneren Bewusstsein) mit einem bestimmten Konstituens
10 der einheitlichen Erscheinung. Jeder Augenblick (jeder im inneren
Bewusstsein konstituierte) ist Erscheinungsaugenblick und Gefühls-
augenblick zugleich. Und die Konstituentien des Augenblicks, die zu
dem Gefühlsaugenblick und Erscheinungsaugenblick gehören, müs-
sen sich decken. Aber das Gefühl richtet sich auf das erscheinende
15 Ding und vielleicht gar nicht hinsichtlich seiner Farbe etc. Das Gefühl
kann Gefühl an der Erscheinung selbst sein im Gegensatz dazu, dass
sie als andere Möglichkeit Gefühl am erscheinenden Ding ist. Im
ersteren Fall ist es genau so, wie wenn das Gefühl Gefühl an einem
primären Inhalt ist. (Im weiteren Sinn sind primäre Inhalte Emp-
20 fundenheiten, aber ebenso alle Erlebnisse als Einheiten des inneren
Bewusstseins.)
Wie klärt sich dieser Unterschied auf? Das ist natürlich eine Sa-
che von fundamentaler Bedeutung. Der primäre Inhalt, die sinnli-
che Empfindung, hat Einheit im inneren Bewusstsein, und dieses
25 hat Intentionalität, nicht aber die sinnliche Empfindung als konsti-
tuierte Einheit. Das primäre Gefühl ist das dem primären Inhalt
unmittelbar zugehörige, und dieses hat ebenfalls keine Intentiona-
lität. Der nicht-intentionale primäre Inhalt erfährt eine Auffassung,
er wird zur intentionalen Erscheinung, einer Zuständlichkeit, aber
30 einer Intentionalität der theoretischen Sphäre. Ebenso erfährt das
primäre Gefühl eine „Gefühlsauffassung“, es wird zum intentionalen
Gefühl, das in der sinnlich-theoretischen Erscheinung fundiert ist
und eine Erscheinung höherer Stufe möglich macht: sozusagen die
Gefühlserscheinung. Die Auffassung besteht in der unteren Stufe
35 aus theoretischen „intentionalen Strahlen“, aus dem, was im Spiel
theoretischer Motivationen steht, was sich mit anderem seiner Art
zur Einstimmigkeit verbindet, was einstimmige Erfüllung oder wi-
derstimmige Aufhebung erfahren kann usw.
94 denkakte und axiologische akte

Die Gefühlsauffassung besteht ebenso aus emotionalen „intentio-


nalen Strahlen“ und Strahlenkomplexen, fundiert durch die unterlie-
genden, eine Einheit theoretischer Erscheinung bildenden Strahlen-
komplexe. Intentionalitäten haben ihre eigene Weise sich zu vereinen,
5 sich zu „decken“, miteinander einheitlich zu verschmelzen, und dabei
kann ein Teil der theoretischen Strahlen ungedeckt bleiben.
Allerdings ist die Frage, ob schon in der zuständlichen Sphäre der
Gefühlsübertragung Rechnung getragen ist, ob schon da neben der
bestimmt fundierten (speziell auf Färbung, Gestalt und dgl. gerichte-
10 ten) Gefühlsintentionalität noch eine übertragene zu unterscheiden
ist: Die ganze Erscheinung nach ihrem ganzen Gehalt trägt Gefühl
und intentionales Gefühl, aber nur gewisse ihrer konstituierenden
Intentionen haben die Auszeichnung, dass die Gefühlsintentionalität
auf ihre Gegenständlichkeit „speziell“ geht. Doch kommt hmani
15 hierbei ins Gedränge mit den Fällen, wo in Hinsicht auf gewisse
Komponenten des Erscheinenden ein positives, in Bezug auf andere
ein negatives Gefühl ursprünglich zuständlich vorhanden ist. Hier ist
überhaupt vieles zu studieren.
Nun erhebt sich aber natürlich die Frage: Ist, wie die theore-
20 tische Erscheinung intentionale Auffassung eines primären Inhalts
ist, auch die Gefühlserscheinung hinsichtlich ihrer Gefühlsseite in-
tentionale „Auffassung“ eines primären Gefühls? Wir bewegen uns
hier durchaus in der ursprünglich-sinnlichen Sphäre, in der Sphäre
der ursprünglichen Zuständlichkeiten, und halten wir das im Auge,
25 dann wird wohl gesagt werden müssen, dass primäre Gefühle der
Gefühlsintentionalität notwendig zugrunde liegen müssen, nämlich
solche, die in der primären Sphäre einig sind mit den primären Inhal-
ten. Indem der Komplex primärer Inhalte gemäß seinen doppelten
„Repräsentanten“ eine doppelte Intentionalität trägt, ist diese so
30 einig, dass einheitlich die Gefühlsgegenständlichkeit erscheint, und
nun kann der Blick der Zuwendung einmal durch die gründende
hSchichti gehen und gerichtet sein auf den erscheinenden theoreti-
schen Gegenstand, oder auf das Begründete, das Neue, gehen und,
gerichtet auf den Gefühlscharakter, auch in eins nehmen das Ganze,
35 oder eins auf das andere, das Gefühlsprädikat auf das Ding beziehen.
Vielleicht muss man aber sagen, dass es im Wesen der theoretischen
Zuwendung liegt, dass sie in einem Strahl eigentlich nur durch eine
Schicht gehen kann. Was ernstlich durchzudenken ist.
denkakte und axiologische akte 95

Ebenso wie mit den emotionalen primären Inhalten und Appre-


hensionen muss es sich verhalten mit den primären Triebinhalten und
ihren Apprehensionen. Was wäre da exemplarisch anzuführen? Nun,
etwa der Trieb, der auf die Forterhaltung eines angenehmen Tones,
5 eines angenehmen Geschmacks etc. „gerichtet“ ist. Und ebenso das
Widerstreben dem Unangenehmen. Aber hier wird man sofort den
Einwand erheben, dass sei schon Intentionalität, es bestehe ja eine
Richtung-auf, die strebende Intention erfülle sich, finde Befriedigung
oder Missbefriedigung.1

1 Fortsetzung in Ax etc. h= VI. Gefühlsbewusstsein – Bewusstsein von Gefühlen.

Gefühl als Akt und als Zustand (S. 143)i.


IV. DIE ARTEN DER GEMÜTSINTENTIONALITÄT1

h§ 1. Ding- und Wertapperzeption. Gefühls-,


Begehrungs- und Willenseigenschaften als
objektive, apperzipierte Eigenschafteni

5 hInhalt:i 1) Werten, Wertapperzeption, Wertvermeinung und even-


tuell Werterfassung. 2) Akte, die „auf Werte gerichtet“ sind oder viel-
mehr, die gegen Werte oder Unwerte reagieren. Die Liebe und Begeis-
terung, die auf ein als Wert Dastehendes gerichtet ist, mit der ich, mit
der mein Gemüt auf ein Wertsein reagiert.

10 Auf „Werte“ gerichtet sein, was kann das sagen? Etwas Schönes
steht mir vor Augen. Ich kann es sehen und als Schönes finden, ohne
dass ich mich daran freute, ohne dass ich in Erregung käme, entzückt
wäre, ohne dass ich genösse, mich dem Schönen hingäbe etc. (Ich lasse
offen, ob das Ausdrücke für dasselbe oder wesentlich dasselbe sind
15 oder nicht.) Aber ich habe nicht bloß die Wahrnehmung des Objekts,
sondern auch die „Wertung“, sofern ich Wertapperzeption vollziehe.
Was das ist, habe ich vor einigen Jahren genau studiert und dabei
gleichgeordnet: das D ingauffassen, das Wahrnehmen (Wahrneh-
mungserscheinung mit oder ohne Zuwendung), und das Dingwertauf-
20 fassen, und so überhaupt das transzendierende „Auffassen“ hundi
das Wertapp erzipiere n; ebenso wie parallel gehen primäre
Empfindun g und Gef ühlsem pfindung.
Es ist offenbar, dass die Freude über das Schöne, die Begeisterung,
die es erregt, nicht Freude ist am bloßen Sein des Objekts, sondern
25 Freude am Sein des Wertobjekts. Wir haben hier eine Spontaneität
der Zuwendung des Gemüts, die fundiert ist in einer Rezeptivität
des bloßen Wertbewusstseins. Ebenso kann ich mit Entzücken ein

1 Anfang Dezember 1911.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 97


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_4
98 die arten der gemütsintentionalität

„Bild“ betrachten, nicht mit Freude am Dasein des Marktobjekts


Bild, sondern hmiti Entzücken an der „schönen Erscheinung“. Ich
kann eventuell in der Phantasie eine herrliche Gestalt „sehen“ und
an dem schönen Gebilde der Phantasie, an der schönen Erscheinung
5 mein Entzücken haben. Hier ist keine Existenzialsetzung vollzogen,
aber auch hier hfindet sichi der Unterschied zwischen Rezeptivität
(Phantasiebewusstsein, in dem ein Wertobjekt erscheint, nämlich eine
Erscheinung, eine Quasi-Erscheinung, bewusst ist, während Existenz
des erscheinenden Objekts „außer Frage“ ist, und diese Erscheinung
10 steht als Schönes da) und darauf gebauter Spontaneität: Das Schöne
entzückt.
Die Wertapperzeption ist Apperzeption. Es konstituiert sich eine
Objektität, es ist eine fundierte Apperzeption. Eine Unterschicht:
das bloße Ding. Ich kann durch diese Unterschicht hindurch einen
15 Strahl der Erfassung richten: Ich nehme das Ding und nur das Ding
wahr, ich erfasse es. Ich kann das Ganze erfassen, der ganze Wert ist
wahrgenommen. Ich kann auch durch die unselbständige Oberschicht
den Strahl senden und kann vom Ding zu seinem Wertprädikat mich
wenden, explikativ und prädikativ: Das Ding ist schön. Es ist eine
20 „aufmerkende“ Zuwendung, ein geistiges Hinsehen, ein Erfassen.
Es ist überall vom selben Charakter. Es ist „Wahrnehmen“, wenn ich
eine Wahrnehmungserscheinung als Unterschicht habe, hundi wahr-
genommen ist das Ding, das Ding mit seinem Wert. Das Wertobjekt
hat Einordnung in die räumlich-zeitliche Welt: Freilich seine Wert-
25 prädikate, obschon sie dieses reale Objekt hat, gehören nicht konsti-
tutiv zum räumlich-zeitlichen Dasein, sie sind diesem außerwesent-
lich. Aber das Wahrnehmen als schlichtes „Erfassen“ des Räumlich-
Zeitlichen und das Erfassen des Räumlich-zeitlich-Wertlichen (Ding
in seinem Wertcharakter) sind nicht wesentlich verschiedene Sachen.
30 Rezeptivität weist auf Rezipieren (Akzipieren) hin und das ist immer
dasselbe.
Das Akzipieren selbst ist aber eine Form der Spontaneität und
leitet über in Explikation, Prädikation, ins Begreifen, kurz, in die
theoretische Sphäre. Für diese macht es keinen Unterschied aus, ob
35 die Rezeptivität diejenige der Unterschicht ist, in der sich Natur kon-
stituiert, oder eine Oberschicht, die Naturkonstitution voraussetzt.
Also in der Art, wie schlichte explikative Urteile (Wahrnehmungs-
urteile und ihre Verwandten) zustande kommen, bestehen keine
die arten der gemütsintentionalität 99

wesentlichen Unterschiede; solche liegen nur in den Unterlagen,


die rezeptiv gegeben sind (vorgegeben). Die Sache ist offenbar eine
andere, wenn hdasi Urteil sich nicht auf bloße Rezeptivität, sondern
auf Spontaneität zurückbezieht.
5 Es ist nun aber zu überlegen, wie weit die Rede von „Gefühlsap-
perzeption“ oder, wie ich geradezu sagte, „Wertapperzeption“ reicht
und ob, was hier gesagt worden histi, wie es da steht, wirklich haltbar
ist. In der Dingapperzeption haben wir keine Positivität und Negativi-
tät. Was aber die Gefühle anlangt, so sind sie positiv oder negativ.
10 Man wird daher geneigt sein zu sagen: Positive oder negative Wertung
richtet sich auf den Gegenstand oder seine Beschaffenheiten, und je
nach dem Übergewicht der positiv oder negativ wertenden Gefühle
wird der Gegenstand als positiv- oder negativ-wert charakterisiert
sein. Wo ist da eine „Apperzeption“?
15 Wenn ich einen Gegenstand im Durchlaufen wahrnehme, so kon-
stituiert sich im Ablauf der mannigfaltigen Empfindungsabschattun-
gen und Empfindungsausbreitungen in der Motivation dieser Phä-
nomene durch die Ablaufs-„Umstände“ (nämlich durch die entspre-
chenden motivierenden Empfindungen) die Einheit des erscheinen-
20 den Gegenstandes, der sich in jenen Abschattungen „darstellt“ nach
den und den Seiten, Momenten. Wenn nun ein Gefühl, etwa eine
gewisse Lustfärbung, ihrem Lustinhalt nach bestimmt durch den In-
halt, auf den sie „geht“, an solchen Empfindungsausbreitungen hängt
und wenn nun im motivierenden Ablauf der Umstände nicht nur
25 Empfindungsabschattungen in bestimmt motivierter Weise ablaufen,
sondern auch die durch sie bestimmten Gefühle, dann konstituiert
sich mit dem erscheinenden Gegenstand zugleich ein objektiver
Gefühls c harakt er als Beschaffenheit am Gegenstand. Genauer
gesprochen: Ein bloß farbiges Phantom hat eine Schicht objektiver
30 Gefühlscharakteristik, und es gehört zum Wesen solcher Gefühlscha-
rakteristik, dass sie oft in die Einheit eines Gefühls zusammengeht,
das als Ganzes positiv oder negativ oder indifferent ist – oft, aber
nicht immer. Ein Gegenstand sieht auf der einen Seite schön gefärbt,
auf der anderen Seite gleichgültig oder unschön aus. Die vagen Worte
35 müssen aber so interpretiert werden: Eine Einheit des Gefühls gehört
zu dieser oder jener Fläche oder Flächengruppierung, eine andere
Einheit des Gefühls (eines indifferenten) zu einer anderen, wieder
eine andere Einheit des Missfälligen zu einer dritten etc.
100 die arten der gemütsintentionalität

Nun gehen wir vom Phantom zum realen Ding über. Neben der
Konstitution der realen Eigenschaften, die zum raum-zeitlichen Ding
und Dingzusammenhang gehören, haben wir da auch eine Konsti-
tution von Wertcharakteren: Unter den und den realen Umständen
5 geht vom Objekt ein Klang aus, der sich so und so kausal verändert
mit Änderung der realen Umstände, unter gleichen Umständen der
gleiche Klang hbleibti etc. Aber der Klang ist ein „schöner“, und die
kausal so und so bestimmte Klangordnung – Intensität, Rhythmus
usw. – fundiert ein Wohlgefallen. Oder das Ding ist ein Hammer.
10 Wenn es unter Leitung eines Willens von einer Hand geschwungen
wird etc., so können erwünschte und erstrebte Erfolge eintreten: Das
Eintretende erfreut als den Willen erfüllend, es hat den Wert eines
Willenszieles etc.
Also, das Ding kann nicht nur als Ding apperzipiert werden,
15 sondern auch als Subjekt von realen Eigenschaften, realen Erfol-
gen, als Glied realer Zusammenhänge, die gefühlsmäßig charakte-
risiert sind, aber auch als Subjekt von möglichen realen Erfolgen
(von solchen, die real möglich sind, die unter gewissen Umständen
eintreten würden etc.). Und ohne dass an diese klar und deutlich
20 gedacht würde, kann das Ding als Subjekt möglicher oder wirklicher
angenehmer Erfolge, als mögliches Mittel des Willens einen Wertcha-
rakter haben, Wertbeschaffenheiten annehmen und unmittelbar in
diesen apperzipiert sein. Ebenso hkann esi den Charakter eines Gutes,
den Charakter eines Nützlichen, eines Werkzeugs, einer Lampe etc.
25 hannehmeni.
Nun ist aber zu unterscheiden: Wie die realen Eigenschaften, die
ich mitapperzipiere in der Dingapperzeption, allgemein zu reden,
Leerintentionen sind, deren Klärung uns auf einen „hypothetischen“
Zusammenhang der Anschauung führt (wenn das angeschlagen wird,
30 so tönt es, hat es einen „metallischen Klang“, wenn hesi beleuchtet
wird, so blitzt es glänzend etc.) und deren wirkliche Erfüllung auf
kausale Zusammenhänge der Impression zurückgeht (ich schlage
an – es tönt, und weil ich angeschlagen habe, tönt es etc.), so sind
die Gefühlsapperzeptionen leere Gefühlsintentionen, deren Klärung
35 auf hypothetische Gefühle, aber motivierte zurückführt: Wenn in
gewisser Weise angeschlagen wird, so entsteht ein Ton, ein gefälliger;
wenn ich die Anschauung des Tones habe, so habe ich auch die
hypothetische Gefälligkeit; aber dass die Gefälligkeit hypothetisch
die arten der gemütsintentionalität 101

zu dem Gegenstand gehört, das setzt die akustisch-reale Eigenschaft


des möglichen Tönens bei Anschlag etc. voraus.
Der Gegenstand hat neben seinen realen Eigenschaften (zu denen
wesentlich hypothetische Zusammenhänge gehören) auch Gefühls-,
5 Begehrungs-, Willenseigenschaften. Es gehört objektiv zu ihm (das
liegt in der Apperzeption), unter Umständen, bei passender Ände-
rung der realen Umstände, das Gefühl, das ästhetische Gefühl, das
seinsschätzende Sich-Freuen etc., das Begehren, das Wollen so und
so zu bestimmen, und das Gefühl ist dann ein inhaltlich so und so
10 bestimmtes. Diese appherzeptiveni Eigenschaften setzen das Ding in
Beziehung zu einem wertenden Subjekt, so wie die reinen Dingei-
genschaften es beziehen auf ein empfindendes Subjekt. Ob sich ver-
schiedene Subjekte dabei gleich verhalten oder nicht, ist beiderseits
eine Sache, die nicht die Apperzeption selbst angeht.
15 Wir haben nun hinzuzufügen, dass das Objekt, das da in der leben-
digen Anschauung, sagen wir in einer bestimmten Wahrnehmungs-
erscheinung und Wahrnehmung, selbst vor Augen steht, nach gewis-
sen in die Erscheinung fallenden Momenten ein aktuelles Gefühl
erregt und dass es zugleich in der Gefühlsapperzeption nach vielerlei
20 möglichen Gefühlswirkungen apperzipiert sein kann und sein wird
und dass das aktuelle Gefühl in ähnlicher Weise als Erfüllung einer
Gefühlsintention, die zur gesamten Apperzeption gehört, dasteht, wie
das aktuell Gesehene der erscheinenden Dingseite jeweils zugleich
als Erfüllung der Gesamtapperzeption in dinglicher Hinsicht dasteht.
25 (Alles Übrige ist bloß gemeint, bloß intendiert, dieses aber ist zugleich
gemeint und Meinung erfüllend.)

h§ 2. Wertapperzeption und Gefühlsapperzeption.


Die Frage nach der Intentionalität der Stimmungi

Wir haben aber weiter zu sagen: Insoweit Apperzeption Apper-


30 zeption ist, und Gefühlsbeschaffenheiten und Gefühlsauffassungen
Beschaffenheiten bzw. Auffassungen wie sonst sind, hesi besteht doch
ein w es entli cher U nterschi ed. Man kann etwa sagen: Wertap-
perzeptionen sind eben Apperzeptionen. Ich kann aber einmal in der
Apperzeption leben, in welcher der Gegenstand mit seinen Wertei-
35 genschaften konstituiert histi, das andere Mal lebe ich in der Ge-
102 die arten der gemütsintentionalität

fühlsstellungnahme, in der Gefühlsspontaneität. Aber wie ist diese


Unterscheidung zu verstehen, zu klären oder näher zu bestimmen?
Ich sehe eine schöne Frauengestalt. Einmal bin ich entzückt, das
andere Mal lässt sie mich kalt, obwohl ich sie gleich schön finde.
5 Dasselbe gute Essen, je nachdem ich satt oder hungrig bin, entzückt
mich oder lässt mich kalt. Ich vermisste es, und ich schätze es als
ebenso „wert“, als ebenso gut. Das Fühlen als Werterfassen ist zu
scheiden vom Genießen, von der höheren Gemütsreaktion. In der
Sphäre der höheren Gemütsakte: Ein Wertgehaltenes erfreut mich.
10 Ich kann aber etwas erfreulich finden, ohne dass ich mich der Freude
hingebe, ohne dass ich mich voll lebendig freue. Ebenso, ich kann
etwas wünschenswert finden („erwünscht“), ohne dass ich lebendig
wünsche, und ich kann, wenn ich das tue, mehr oder minder innig
wünschen. Ich kann entschlossen sein und der Entschluss steht vor
15 mir. Ich kann aber auch wollen, aktiv, lebendig, und mit „allen Kräf-
ten der Seele“ wollen, leidenschaftlich oder minder leidenschaftlich
wollen. Wie sollen wir derartigen Unterscheidungen gerecht wer-
den?
Es ist da auch Folgendes zu überlegen. Ich spreche mit einer
20 lieben Person. Sie steht in ihrer „Lieblichkeit“ da, meine Aufmerk-
samkeit gehört dem Gespräch, in dem sich die seelische Art der
Person bekundet, und dabei sehe ich sie an, ihr Mienenspiel ist die
Brücke des Verständnisses, ich höre die Worte, mit dem warmen
Klang ihrer Stimme etc. Das alles hat seine Gefühlsfärbungen, seine
25 Gefühlsapperzeptionen. In immer steigendem Maß werde ich von
Freude erfüllt, die Freudenerregung steigt an. Ich bin aber nicht
der Freude, auch nicht der Erfreulichkeit als solcher zugewendet,
sondern dem Gesprochenen, dem Anschauen der Person in ihrem
Schönheitshabitus etc. Die Freude kann noch lange nachklingen. Ich
30 bin noch in gehobener Stimmung, wenn ich mich anderen Personen
zuwende etc. Wenn ich an das Gespräch zurückdenke, so steht es als
schön, als Träger der Freude, als freudenerregend und erfreulich da.
Oder die Schönheit dieser Seele, die Anmut ihrer geistigen Art, das
neckische Spiel ihres Witzes oder Humors etc. ist das Erfreuliche, ist
35 das, was Freude weckte und meine nachträgliche gute Stimmung. Ich
scheide da mein körperliches Wohlgefühl. Ich sage etwa: Infolge der
Erfassung dieser Schönheiten gerate ich in steigende Freudenaffekte
und zu ihnen gehört auch ein erregtes körperliches Lustgefühl. Aber
die arten der gemütsintentionalität 103

die körperliche Lust, das Wohlsein in der Brust etc., ist nicht die
Freude selbst, sondern die Freude ist Freude über die Schönheit, und
wenn ich jetzt nicht an die Schönheit denke, so ist darum doch die
Freude eben Freude über die Schönheit (ja infolge hder Schönheiti).
5 Weist man darauf hin, dass Freude sich überträgt, dass eine gute
Stimmung alles in schönem Licht erscheinen lässt, geneigt macht,
überall Erfreuliches zu finden, so wäre zu sagen: Ist einmal durch ein
als Wert erfasstes Objekt A eine Freudenreaktion eingetreten, so be-
steht die Tendenz dafür, dass andere Wertobjekte mich auch in Freude
10 versetzen, diese Freudenreaktion hervorrufen, dagegen für Unfreu-
denobjekte, dass sie keine Freude hervorrufen etc. Überall finden
wir ja positive und negative Wertmomente, aber nicht alle heben wir
heraus und nicht alle erfassten wecken hingebende Freude, wecken
Affekte, spontane Gemütszuwendungen oder Abwendungen. Hat
15 eine solche aber stattgefunden, und insbesondere in höherem Maße,
dann sind gleichartige dadurch gefordert; es besteht die Tendenz auf
ähnliche Zuwendungen.
Bin ich nun in guter Stimmung, so pflanzt sie sich also leicht fort
(solange sie nicht durchbrochen wird durch die Gegentendenz, durch
20 entgegengesetzte Affekte). Bin ich nun in guter Stimmung, so kann
das heißen, ich merke, dass ich nicht nur mich an dem oder jenem
Bestimmten freue, sondern dass ich in einem Rhythmus der Freude
lebe: Freude schließt sich an Freude. (Dazu kommt, dass Freude sich
überträgt auf alles im Zusammenhang Stehende.) Dabei behält aber
25 die Stimmung immer eine „Intentionalität“.
Ich unterscheide gut zwischen dem Gegebenen, seinen Wertcha-
rakteren und dem, was von ihnen aus motivierend fungiert für meine
Stimmung. Diese ist ja eine Gefühlseinheit, die allem Erscheinenden
eine Farbe verleiht, aber eine einheitliche, einen einheitlichen Schim-
30 mer der Freude, eine einheitliche dunkle Färbung der Trauer. Ich
kann nun zurückgehen, ich kann fragen: „Worüber bist du so schlecht
gestimmt?“, „Was macht dich so heiter?“ Aber sagt das anderes, als
dass die Freude motiviert ist? Ist sie, diese heitere Stimmung, selbst in-
tentional gerichtet? Jedenfalls doch nicht auf das Motivierende. Und
35 da ist nicht die Rede von einer psychologischen Wirkung, sondern
von einer Motivation. Die Freude geht von dem und dem Wertobjekt
aus, sie kann von ihm auch ausgehen, wenn das Wertobjekt jetzt
nicht wirklich vorstellig ist. Sie ist eine „dunkle Wertintention“; eine
104 die arten der gemütsintentionalität

dunkle Seinssetzung und Wertung histi da, welche die Stimmung


motivier t. (Aber die Stimmung ist nicht ein Gefühl, das auf das
Wertobjekt gerichtet ist.) Aber eine hWertungi? Es können auch
mehrere sein. Es kann eine Einheit der Stimmung motiviert sein
5 durch sehr verschiedene Wertungen und Wertreaktionen. Es sind
verschiedene Ströme von froher Stimmung, die in die Einheit einer
frohen Stimmung zusammengehen.
Aber muss Stimmung immer motiviert sein? Dass Stimmung oft
so geartet ist, dass wir nachforschen können nach ihren Motiven,
10 dass wir ihr ansehen können, sie habe „Gründe“, Gründe, die wir
aus dem Bewusstseinshintergrund hervorholen können, ist sicher.
Und Stimmung kann verschiedene Grade haben, sie kann eine so
arge Verdunklung besagen, dass nichts mich mehr freut und alle
Antriebe der Handlung, alle Antriebe zur Freude und zum Wunsch
15 etc. entfallen. Ich bin „wie gelähmt“, ich bin unter dem Druck eines
großen Unglücks, das eben als ein einzig Niederdrückendes wirkt,
als eine „Stimmung“ der Lähmung. (Was soll man für Stimmung
sagen? Zustand des Trübsinns, Melancholie?) Oft ist es schwer, klar
zu sehen, was es eigentlich ist, das hier Motiv ist. Dass es das ist, zeigt
20 sich hdarani, dass, wenn es aufgeklärt und dann eventuell in seiner
Nichtigkeit aufgewiesen ist (was es voraussetzt, besteht gar nicht),
dass dann der Trübsinn mit einem Mal entwurzelt ist.
Aber fordert jeder solche Gemütszustand sein Motiv? Kann nicht
grundlos alles mich betrüben, alles in schwarzer Farbe dastehen?
25 Aber das hieße, dass ich der Tendenz unterläge, grundlos überall
nur auf das Unschöne und die negativen Wertseiten durch negative
Affekte zu reagieren, aber nicht auf positiv Wertes durch positive, und
dass, wo nichts Unschönes gerade da ist, das eine aktuelle Reaktion
des Missfallens erregt, von den beständigen negativen Reaktionen
30 eine Stimmung zurückbleibt, die dann eben ihr Motiv hat in der
beständigen Erfahrung von „Unglück“. Vielleicht freue ich mich
im Einzelnen; ich bin nicht ganz unfähig, das Schöne zu sehen und
mich zu freuen, aber ich kann mich nicht der Freude hingeben. Es
bleibt eine wenig lebhafte Freude; viel stärker und heftiger reagiere
35 ich gegen Negatives durch Unfreude und so wirkt nur diese auf die
Stimmung nachhaltig ein.
Also jedenfalls hsindi zu scheiden: die Gefühlsakte, die einzelnen
Gefühlsreaktionen und die Einheit der Stimmung als die Einheit der
die arten der gemütsintentionalität 105

Gefühlsfärbung, die der gesamte Bewusstseinsbestand, die gesamte


Sphäre des Erscheinenden als solchen, durch Übertragung erhält, der
allgemeine Strom des Gefühls, in dem wir schwimmen.
1) Die Intentionalität des Wertens als hdiei der Wertapperzeption.
5 2) Die Intentionalität der Gefühlsreaktion, des Gefallens, die auf
das Gefallende und als Wert Dastehende gerichtet ist, des Sich-
Freuens-Über, des Sich-am-Schönen-Freuens, des Sich-am-Guten-
Freuens, des Begehrens nach etwas, des aktuellen Wollens, Sich-
Entschließens, Tuns.
10 3) Die Intentionalität des Gemütszustandes, der festen Entschlos-
senheit als Habitus, in dem ich durch das Leben gehe und, während
ich dies und jenes denke, fühle, tue, immer im Hintergrund mein Ziel
habe, meinen festen Zusammenschluss, oder die hIntentionalität deri
heiter zuversichtlichen Stimmung, oder die hderi beständigen Trauer
15 etc.

h§ 3. Das Begehren des Schlechten.


Objektiver Wert und hedonischer Werti

Beispiele: Jemand weiß, dass äußere Ehre, Anerkennung, hohe


Orden etc., eigentlich etwas Wertloses sei, aber er hat nun einmal
20 eine Leidenschaft dafür. Er will es, und der Wille kann so leidenschaft-
lich sein, dass er nicht vor Verbrechen zurückschreckt. Ebenso hderi
W ille z ur M acht. Ich frage gar nicht danach, ob Macht an sich etwas
Wertes ist. Jemand nimmt Macht, Geld etc. so sehr als Endziel, dass
ihm völlig gleich ist, ob es etwas Wertes ist oder nicht. Vor die Frage
25 gestellt, ob dieses oder jenes Mittel oder der Zweck selbst nicht etwas
Schlechtes sei, kann der vom verbrecherischen (oder nicht ethisch
gerichteten) Willen Beseelte sehr wohl erkennen, dass es schlecht
sei, und innerlich wirklich die negative Wertung vollziehen. Aber der
Unwert bewegt nicht sein Gemüt, bestimmt nicht seinen Willen. Er
30 reagiert darauf mit Gleichgültigkeit.
Ja noch mehr. Jemand kann sehen, dass das Schlechte schlecht
ist, und doch, er begehrt danach und will es. Er richtet, humi es zu
erreichen, Menschen zugrunde, ihre Seelen; er tritt alle Werte mit
Füßen und reagiert darauf sogar mit Freude. Natürlich, er reagiert
35 darauf nicht direkt mit Freude, das heißt, wenn ein positiver Wert
106 die arten der gemütsintentionalität

direkt motiviert (Motiv ist, um „seiner selbst willen“ zu reagieren), so


kann er nur einen positiven Affekt motivieren und ein negativer einen
negativen. Aber um Machtbewusstsein zu erlangen, gerade um der
Leidenschaft an der Machtbetätigung zu frönen, kann es jemandem
5 Freude machen, Werte – und Werte jeder Art – mit Füßen zu treten
(Luzifer). Schrankenlose Willkür, das ist es, was Freude weckt, Lust
an der Schrankenlosigkeit, an der Möglichkeit, „frei“ jeder Laune zu
folgen, nach Belieben „Gutes“ und „Böses“ zu tun etc. (nämlich
in sich positiv Wertes zu realisieren oder positiv Unwertes: aber
10 nicht um des Wertes willen, sondern um die Macht zu erweisen etc.).
Der Taumel der politischen Macht: Menschen und Völker regieren
und unterzwingen, jeden Widerstand brechen, einen nach dem ande-
ren. Immer Neues ersinnen, um das Bewusstsein der schrankenlosen
Macht zu aktivieren, das Lebendigmachen des Bewusstseins: Ich kann
15 alles, was ich will. – Ich bin allmächtig: Cäsarenwahnsinn.
Nun wird man aber sagen können: Im Willen zur Macht ist eben
die Macht gewer tet, im Willen zum Geld eben das Geld etc. Das
Begehrte, das Gewollte muss Gewertetes sein: Indem es zu eigentli-
cher Vorstellung gebracht ist, steht es als „Lustvolles“, Erfreuliches
20 da. Macht muss meine Lust, meine Freude sein, damit ich nach Macht
streben kann. Ist Macht mein Endziel, erstrebe ich es als das Einzige,
also nicht um eines anderen willen, so muss Macht als solche für mich
in der Vorstellung charakterisiert sein als etwas in sich Lustvolles, in
sich Erfreuliches.
25 Darum kann aber, wird man weiter sagen, das Endziel doch als
„unwert“ dastehen können. Endziel bzw. Für-sich-Erfreuliches, Für-
sich-„Lusterweckendes“ ist darum noch nicht Wertes. Und ich kann
diesen Unterschied machen und eventuell sehen, dass etwas unwert
ist, während es gleichwohl als Erfreuliches, als Freudebringendes
30 dasteht und als Endziel meines Willens gesetzt wird.
Die Geg enans ic ht wäre die: Es sei zu unterscheiden, hnämlichi
„Es steht etwas als an sich erfreulich da“ könne heißen: 1) Es freut
mich aktuell, und ich bin mir dabei keiner Mittelbarkeit bewusst,
keines Erfreulichseins-Umwillen. 2) Es besteht wahrhaft und wirklich
35 keine Mittelbarkeit – nämlich es kann eine Freude eine verborgene
Intentionalität haben, die zurückweist auf Motive, ohne dass ich mir
das deutlich mache. Zum Beispiel: Ich war in kleinen Verhältnissen,
musste mich ducken, wurde überall oder öfters zurückgesetzt; ich tat
die arten der gemütsintentionalität 107

Schönes, es wurde aber nicht anerkannt, und im Guttun, im Leisten


guter Werke, wurde ich durch Missgunst, Zurücksetzung beständig
gehemmt. Das Gute, das ich wirken wollte, konnte ich nicht wirken,
meine Macht war gehemmt. Und nun erwächst eine leidenschaftliche
5 Begierde nach Ehre und Macht. Zunächst um des Guten willen. Aber
sie extendiert sich, sie wird zur Macht- und Ehrliebe überhaupt. Ich
beneide jeden, der Macht hat, der, was er will, durchsetzen kann.
Auch wenn es etwas Schlechtes ist, was er tut, ich beneide ihn, dass er
es tun kann, dass er die Macht hat. Aber kann ich nachher noch sagen:
10 Eigentlich will ich, liebe, begehre ich Macht um des Guten willen, das
ich durch sie realisieren könnte? Kann ich sagen, ich strebe zunächst
nach Macht, aber eigentlich nur um des Guten willen? Nein. Nachdem
der Übertragungsprozess vollzogen ist, kann ich zwar allenfalls noch
einsehen: Macht ist nicht an sich ein Gutes, sondern nur als Mittel für
15 die Realisierung von Gütern. Aber das ändert nichts daran, dass ich
nun Macht absolut will, dass ich Macht absolut setze. Dass es mir ab-
solute Freude macht. Vielleicht sage ich: Objektiv mag es ohne Wert
sein, aber für mich ist es der absolute Wert: das absolut Erfreuliche
und Gewollte. Es tritt also der Doppelsinn hervor zwischen Wert als
20 an sich erfreuend, als etwas, worauf ich schlechthin (nicht als Mittel)
„Wert lege“, hdas ichi als erfreulich mir setze, und Wert als an sich
wert, als objektiv wert – wie immer das nun zu bestimmen sei. Doch
man muss hier sehr sorgsam überlegen.
Ich liebe Macht oder Geld nicht mehr um des Guten willen, wozu
25 es Mittel ist, sondern „selbst“. Die Liebe zum Guten ist vielleicht in
mir erstorben oder kommt nicht mehr zur Geltung und Entfaltung.
Solange ich Gutes anerkannte und liebte, ging es mir schlecht, ich
wurde verfolgt etc., und so bekam das Gute selbst in meiner Vorstel-
lung den Charakter eines Leidbringenden, ja Verhassten.1 Nachdem
30 ich beständig entbehren musste, habe ich einen wahnsinnigen Hunger
nach Genuss bekommen, so wie der Hungernde schließlich einen lei-
denschaftlichen Hungerwahn bekommt: Speise ist für ihn das Höchste

1 Das Gute, in sich Werte und als Wert Erkannte fordert Opfer von mir, Opfer an

leidenschaftlich Begehrtem (Nicht-Wertem), und ich will diese Opfer nicht bringen.
Ich begehre es nicht, sondern seine Vernichtung. Freilich, kann man das Gute und als
gut Erkannte an sich hassen?
108 die arten der gemütsintentionalität

und müsste er morden und sich am Fleisch des Nebenmenschen


sättigen. Leidenschaftliche Gier im Wünschen, Streben, aber auch
im Genießen. Demgegenüber die nicht-existenziale Freude, in der
gar nichts von Begehren und Genießen des Seins steckt. Die reine
5 Inhaltsfreude, rein durch den Inhalt bestimmt und gar nicht von der
Existenz. Das καλÞν und dann diejenige Freude am Sein, die Freude
ist am Sein eines καλÞν und rein durch dieses bestimmt ist?1
Das macht die Freude am Wert aus. Objektiv wert ist, was
rein durch seinen Inhalt, rein durch sein Wesen „Lust“ bestimmt.
10 Hedonis ch wer t ist, was Lust erweckt, die nicht aus dem Inhalt
selbst stammt, zu ihm wesentlich gehört, durch ihn ausschließlich
motiviert ist (scil. wir beschränken uns auf Selbstwerte im Gegensatz
zu Mittelwerten). Dunkle Motivation kann sein eine solche, die, wenn
man ihr nachgeht, zu einer Inhaltsmotivation sich expliziert. Sie kann
15 aber auch zu anderem führen: zu Motivationen des „Instinkts“, die
indirekt wert sein können, soweit sie durch Inhaltsmotivationen äqui-
valent zu begründen sind, die aber nicht selbst Wertmotivationen in
sich schließen.

h§ 4. Die Intentionalität des Gefühlsaffekts.


20 Gefühlsausbreitung und miterregte Gefühle.
Objektive und übertragene Gefühlei

Weiter: Wie scheiden wir Werten und Hingabe an Werte? Ich kann
in einem inhaltsbestimmten Fühlen leben und kann den Gegenstand
als Wert erfassen und beurteilen. Ist das Letztere nicht eine Modifi-
25 kation des Gefühls, die ihm schon ein ursprüngliches Leben raubt?
Das ist doch nicht notwendig. Wenn ich ein Schönes sehend genieße
und dann mir denkend zum Bewusstsein bringe: „Das ist schön“, so
kühlt das nicht ab. Aber ist es nicht doch eine Ruhepause des Gefühls,

1 Wir haben hier also Leidenschaft (Neigung) und Vernunft gegenübergestellt. Zu-

nächst stellen wir gegenüber: 1) die begehrende Freude und 2) die nicht-begehrende
(nicht am Sein hängende). Man kann aber auch gegenüberstellen: 1) die Freude, das
Gefallen an einem reinen Inhalt; 2) die Freude am Sein oder Nichtsein: a) bestimmt
rein durch den Inhalt, durch das Schöne; b) durch anderes bestimmt oder unrein auch
durch anderes bestimmt. Und ebenso Begierde und Wille.
die arten der gemütsintentionalität 109

eine momentane Abkühlung, die sozusagen ein Atemholen hvori


erneuerter und wieder frischer Hingabe ist? Ich kann mich nun leb-
hafter hingeben etc.
Man könnte fragen: Ist Hingabe an Werte wirklich etwas Zweites
5 und nicht vielmehr ein fortgesetztes Einleben in das Werten? Es sei
das Eigentümliche des wertenden Fühlens, dass es eine Steigerung
des Einlebens, die Steigerung zum Affekt zulasse. Indessen, da ist
immer wieder dieselbe Antwort zu geben: Es ist zu unterscheiden
zwischen der Schönheit, die im Objekt selbst liegt, dem Leben in
10 dem Schönheitsbewusstsein, andererseits der reaktiven Freude, mit
der mich die Schönheit erfüllt. Ein Freudenstrom wird durch diese
erregt, in ihm finden wir auch sinnliche Momente, wie das sinnliche
Wohlgefühl, das als „Schauer“ meinen Körper durchströmt, das Ge-
fühl der Seligkeit, das ich in der Brust fühle als ein Wohlgefühl, das
15 dort lokalisiert ist. Damit ist aber der Unterschied noch nicht geklärt.
Das Werten: Ist denn das zu verstehen nur als ein „Inhaltswerten“
und nicht als jederlei Gefühl? Und finden wir nicht den Unterschied
zwischen Hingabe und Nicht-Hingabe bei allen Gemütsakten? Ich
werte ein schönes Weib, ich werte ein gutes Essen, ich werte einen
20 Sachverhalt. Ich denke mir etwa: Deutschland, es blühte, an der Spitze
einen zweiten Bismarck etc. Das wäre schön! Denke ich mir, dass es
ist, so steht es in Gedanken als erfreulich da: Wie würde es mich
freuen! Dass es faktisch nicht ist, das ist bedauerlich: Ich bedauere es.
Ich begehre, dass es ist: Es steht als Seinsollendes da. Haben wir nicht
25 überall das Phänomen des Gemütsaktes, in dem etwas als erfreulich,
bedauerlich (als wünschenswert, als seinsollend) etc. „dasteht“ und
demgegenüber die Hingabe, die mehr oder minder lebendige Freude,
Trauer, Wunsch etc.? Indessen, das sind nicht reaktive Gemütsbewe-
gungen oder nicht alle.
30 Primär habe ich ein Werten als ein Gefallen am Inhalt eines Ob-
jekts bzw. vermöge des Inhalts am Sein des Objekts, ein Gefallen an
einem Sachverhalt, daran, dass das und jenes ist, und, bestimmt durch
den Inhalt, ein primäres Gefallen am Sein des Sachverhalts. Oder ist
schon das durch das „Sein“ bestimmte Gefühl reaktiv? Das pure
35 Gefallen am Inhalt, am schönen Ton, ist das das Werten, das seine
Intentionalität eben darin hat, dass es seinem Wesen nach ein Gefühl
ist, das auf den Ton geht? Aber haben wir da nicht das Reaktive:
die Freude, die durch dieses Gefühl erregt wird? Ich gerate in ein
110 die arten der gemütsintentionalität

Entzücken, eine heitere Stimmung etc., die dann nicht mehr bloßes
Gefallen am Ton ist, sondern eine Folge dieses Gefallens, dadurch
motiviert. Ich bin entzückt von der Schönheit des Tones, das Gefallen,
das Schönheitswerten liegt zugrunde, ist Ausgang und Anregung.
5 In der Apperzeption wird dann der Ton als schöner und seine
Schönheit als entzückende Schönheit aufgefasst. Mittelbar heißt das
Ding dann selbst ein Entzückendes: Es hat Momente an sich oder Ei-
genschaften, die das Gefühl berühren, die gefallen, und das Gefallen
erregt Affekte, erregt heitere Stimmung etc. Wie steht es also mit der
10 I ntentionalit ät der Freude?
Verstehen wir unter Freude den Affekt, die Freudenerregung, die
von dem Wertobjekt als solchem ausströmt, so ist offenbar die In-
tentionalität dieses Af fe kts eine andere als die des Werthaltens:
Nämlich die „intentionale“ Beziehung des Freudenaffekts auf das,
15 worüber ich mich freue, histi eine andere als die des Wohlgefallens an
der Sache. Das Werthalten ist Richtung auf das wertgehaltene Objekt,
im Gefallen bin ich dem Gegenstand zugewendet, und jedenfalls
(wenn Aufmerksamkeit nicht nötig ist), solange das Gefallen da ist,
Bewusstsein ist, ist auch ein fundierendes Gegenstandsbewusstsein
20 da. Dagegen histi die affizierte Freudenerregung nicht Richtungsbe-
wusstsein auf das erregende Wertobjekt. Sie ist Beziehung auf dieses
Objekt als erregendes, als motivierendes. Sie kommt von einem ge-
fallenden Objekt her, sie selbst richtet sich aber nicht auf das Objekt,
das sie erregte. Was besagt demnach die Apperzeption des Objekts
25 als erfreulich? Es ist so beschaffen, dass es Eignung hat, Freude
zu erregen, in Freudenerregung zu versetzen, und das durch seinen
„Wert“, dadurch, dass es gefällig ist.
Aber ist, wird man fragen, nicht auch das wertende Gefallen ein
durch das Objekt bzw. durch das Gegenstandsbewusstsein erreg-
30 tes? Und scheidet sich, wenn ich in den Affekt der Freude, in das
Entzücken, in die Seligkeit geraten bin, dann noch das wertende
Gefallen und das Entzücken? Und weiter: Solange noch das Objekt
wirklich bewusst ist, erscheint es da nicht als entzückend und das
Entzücken auf das Objekt bezogen? Verdunkelt sich das Objektbe-
35 wusstsein oder wende ich mich anderem zu, so verdunkelt sich auch
das auf das Objekt bezogene Entzücken, nämlich es klingt ab, ich
lebe nicht mehr in ihm. Andererseits setzt es sich fort, eventuell in
einer heiteren Stimmung, die etwas Nachgewirktes ist, ein sich über
die arten der gemütsintentionalität 111

den Bewusstseinsinhalt verbreitendes Gefühl, mit seinem Licht alle


Objekte färbend und zugleich für jedwede Lustreize empfänglich ma-
chend (andererseits unempfänglich für Unlustreize). Hat nicht dieses
wie jedes Gefühl seine Intentionalität, wenn auch eine verworrene?
5 Wir haben wie einen Vorstellungshintergrund, die Einheit der Hinter-
grundapperzeption, so einen verworrenen Gefühlshintergrund: Sind
wir heiter gestimmt, so sieht sich dies oder jenes, worauf unser Blick
fällt, freundlich, rosig, lieblich an. Wir können aber reflektieren und
die Einheit der Stimmung als heiter erfassen, halsi eine Einheit un-
10 bestimmt verbreiteten Gefühls, in welches auch mancherlei sinnlich
körperliche Gefühle einfließen, das seine Einheitsfärbung hat und
dadurch charakterisiert ist, dass es sich über Objekte verbreitet, die
nicht von sich aus durch ihren Inhalt ein Gefallen fundieren (bzw. ein
„gefällig“).
15 Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ein Gefühlscharakter sich
über Objekte verbreitet, sie färbt, oder ob er durch ihren Inhalt
„gefordert“ ist, durch das Objekt als so geartetes bestimmt und er-
weckt. Wir kommen über diesen Unterschied nicht hinaus. Ein Objekt
ist darum nicht schon erfreulich und steht nicht schon darum als er-
20 freulich da, weil eine heitere Stimmung ihm Licht verleiht. Disponiert
sie dazu, dass Erfreuliches zu seinem Recht kommen hkanni, dass
Erfreulichkeitsmomente hervortreten und gewertet werden können,
so ist sie selbst es nicht, die Erfreulichkeit konstituiert.
Aber das scheint wieder zu weit gegangen. Die Dinge stehen wirk-
25 lich als erfreulich, als schön da. Wenn ich heiter gestimmt bin, finde
ich da nicht die ganze Welt herrlich? Sie ist es nicht an sich, nicht
an und für sich ist alles schön und gut – das Licht ist ein erborgtes
Licht. Aber immerhin, es ist ein Licht. Und wenn ich der Motivation
nachgehe und das Motivierende rechtfertige, kann ich ja auch sagen:
30 Alles schön finden, wenn man so viele Freudengründe hat, ist schon
recht, nur darf man diese Schönheit der Übertragung nicht verwech-
seln mit originärer Schönheit. Müssen wir also nicht sagen: Gewiss
ist zu unterscheiden zwischen Gefühlen, die wertend auf ein Objekt
bezogen sind, hdiei so im Objektbewusstsein fundiert hsindi, dass
35 sie auf das Objekt nach seinem Inhalt gehen (wenn auch vielleicht
bloß vermeintlich durch den Inhalt bestimmt), und Gefühlen, die
als Erregungen von anderweitigen Gefühlen ausströmen, Affekten,
die als Gefühlsströme mannigfache Komponenten haben und anneh-
112 die arten der gemütsintentionalität

men können, darunter sinnlich körperliche Gefühle, missbehagliches


Gemeingefühl, Wohlgefühl, das den Körper durchströmt usw., und
darüber hinaus dem Charakter der Motivation, der zurückweist auf
das vielleicht dunkel Motivierende?
5 Andererseits müssen wir sagen: Wenn der Affekt mit dem
err egenden Gef ühls o bj ekt bewusst ist, so erscheint er in-
tentional auf dies es bezogen, und dieses erscheint dann als
erfreulich, entzückend, süß, beseligend. Schwierig ist die volle Klarle-
gung solcher Intentionalitäten wie der Gemütsintentionalitäten über-
10 haupt.1
Und wie ist es dann mit Wunsch und Willen? Das Gegenständli-
che steht „in der Vorstellung“ als beseligend, entzückend da (gesetzt,
dass es wäre). Es ist nicht. Ich vermisse es, ich begehre danach:
je nach der Höhe der prätendierten Beseligung mehr oder minder
15 leidenschaftlich. Und ebenso kann der Wille ein mehr oder minder
leidenschaftlicher sein. Der Wille kann bestimmt sein durch den Wert
einer Sache: Die Sache selbst durch das, was sie ist, bestimmt den Wert
(im Wertvermeinen), und der Wert als seiend gedacht motiviert eine
hypothetische Freude, und zwar eine rein durch den Wert motivierte
20 Freude. Ebenso kann das Bedauern des Nichtseins durch den Wert
motiviert sein und schließlich auch der Wille. Der Wille ist reiner
Wille nur dann, wenn, was er will, rein um des Wertes willen gewollt
ist. Nicht die Freude am Wert ist das Motivierende, sondern der Wert
selbst, der die Freude seinerseits motiviert als rechte Freude.
25 Nicht immer ist aber der Wille durch den Sachwert selbst moti-
viert. Es gibt noch andere Bestimmungsgründe des Willens: blinde
Affekte, blinde Leidenschaften. Aber auch die Affekte gehen, sagten
wir, auf die Sachen. Da ist zu sagen: Es scheiden sich eben Gefühle,
die nicht nur überhaupt auf Sachen gehen, sondern auf den Inhalt
30 der Sachen als Wertnehmungen bezogen sind, als eigentümlich durch
die Sachgehalte gegründet, und Affekte, die durch solche Wertungen
motiviert und rein durch sie motiviert sind. Andererseits hhaben wiri
Gefühlsmeinungen, die nicht „erfüllbar“ sind durch reine Wertneh-
mungen. Somit kommen wir wieder darauf zurück: Muss man nicht
35 echte Intentionalität in der Gemütssphäre anerkennen, und muss

1 Cf. nähere Ausführung nächstes Blatt, A, 2. Seite h= ab S. 113,5i.


die arten der gemütsintentionalität 113

man nicht auch anerkennen, dass jeder Gemütsakt in gewisser Weise


Gemütsmeinung ist, die ihrem Sinn nach auf Wertung bezogen ist?
Da ist von neuem das Machtbewusstsein, die bewusste Bosheit etc.
zu erwägen.
5 Wenn1 ich in der Wut, im Zorn bin und auf den Erreger des Zorns
hinblicke (z. B. auf den Menschen, der mich geärgert hat), so erscheint
er als intentionales Objekt des Affekts. Jemand redet gemeine Dinge,
bekundet gemeine Gesinnung, ich werde von einem Affekt des Ekels
befallen. Mit Ekel blicke ich auf den Menschen hin. Jemand gefällt
10 mir, er äußert schöne Gesinnungen, sein geistiger Habitus ist schön
und immer wieder schön in seinen Bekundungen, ich werde „warm“,
ein Affekt liebender Zuwendung erfüllt mich und verbreitet sich.
Liebend bin ich ihm zugewendet.
Wir haben hier ein Kerngefühl, das sich erweitert und verbreitert
15 und nicht nur sich steigert nach „Lebendigkeit“. Die Einheit der Per-
son ist nicht nur Einheit als Gegenstand, sondern die verschiedenen
Akte des Gefallens gewinnen Einheit, Gefühlseinheit; sie gehen zwar
dahin, sie laufen ja zeitlich ab, aber sie verlieren sich nicht spurlos (ich
rede nicht von unbewussten Dispositionen). Die Person gefällt und
20 momentan „hinsichtlich“ der jetzigen Bekundung einer Charakter-
seite, aber wie sie die Einheit ist, die sich soeben nach den und jenen
Seiten gezeigt, dies und jenes geäußert hat oder hat ahnen lassen,
so ist sie Einheit des Gefallens, das seinem Gesamtcharakter nach
bestimmt ist durch die abgelaufenen Gefallensakte. Das einheitliche
25 Gefallen ist Gefallen an der Person, die hsichi und sofern sie sich
so und so bekundet hat, und zugleich, in Besonderung, explizites
Gefallen an ihr hinsichtlich der jetzigen aktuellen Äußerung.
Aber das ist noch nicht der Affekt: Das Gefühl gewinnt eine Aus-
breitung noch anderer Art. Neben den durch das Objekt, durch die
30 Person und ihre seelischen Bekundungen, erweckten Gefühle, welche
intentional auf das Objekt gerichtet und rein von ihm aus bestimmt
sind (und hvoni seinen eventuellen Zusammenhängen), haben wir
noch einen erregten Gefühlsstrom, einen Strom körperlicher Wohl-
gefühle, aber auch anderweitige Gefühle, ein erhöhtes Bewusstsein
35 des eigenen Wertes oder der Erhöhung der eigenen Persönlichkeit

1 hDas Folgende isti Zusatz und nähere Ausführung zu A hsiehe oben, S. 112,

Anm. 1i. – Wichtig.


114 die arten der gemütsintentionalität

und so manches miterregte Gefühl, das sich in seinem Charakter der


Gefühlslage anpasst. Und dieser ganze Strom ist eine Einheit, hat
einen einheitlichen Gefühlscharakter (in anderen Fällen Einheit und
dabei doch Unstimmigkeit, widerspruchsvolle Stimmung, Schwanken
5 zwischen Leid und Lust usw.), und all diese Gefühle sind nicht ge-
sondert von denjenigen, die ihre besondere Richtung auf das Objekt
haben und die nun den Kern eines Gesamtgefühls, eines Affekts
ausmachen. Sie haben alle die Motivationseinheit der Erregung: Das
Gefühlsganze ist, so wie es ist, charakterisiert als affiziertes durch das
10 Objekt und seine Sondergefühle. Wir können das Objekt als Erreger
dieses ganzen Affektes apperzipieren. Leben wir aber im Affekt, so
ist er als ganzer intentional auf das Objekt gerichtet, der Kern richtet
sich speziell auf ihn, aber die affektive Ausbreitung ist nicht vom
Kern getrennt und von der Intentionalität auf dasselbe getrennt. Das
15 ändert nichts daran, dass die Ausbreitung ihre Komponenten hat, die
ihre Intentionalität auf andere Objekte haben. Ich bin etwa in einem
Affekt der Liebe, sagen wir leidenschaftlicher Liebe, dem Objekt
zugewendet: Dann sind die liebende Zuwendung und das Leiden-
schaftliche nicht hinsichtlich der Intentionalität getrennt, obschon
20 der den Kern der Gefallenszuwendung erweiternde Erregungsstrom
in sich sinnliche Objekte und sonstige andere Objekte hat.
Man kann das vergleichen mit der Art, wie eine äußere Wahrneh-
mung sich auf ein Wahrgenommenes bezieht. Ich sehe das Haus, und
das steht in einer Objektumgebung da. Die Gesamtwahrnehmung ist
25 gerichtet auf das Objekt: nach einem Kern, nach der Wahrnehmungs-
erscheinung, die speziell zu diesem Objekt in sich gehört, und hnachi
einem Strahl der besonderen Zuwendung, der hier hindurchgeht.
Aber die Umgebung ist nicht durch eine Reihe getrennter Erschei-
nungen und Zuwendungen wahrgenommen – Zuwendungen gehen
30 durch sie gar keine hindurch –; das ganze Hintergrundbewusstsein
ist eins und ist eins mit dem Bewusstsein von dem Haus, und es hat
auch in Bezug auf dieses seine Intentionalität, sofern eben dadurch
das Haus das vollbestimmte meiner Wahrnehmung ist, als welches es
gerade diesem Zusammenhang perzeptiv angehört.
35 Freilich, ob diese Analogie eine vollkommene ist, kann gefragt
werden. Der Affekt ist eine Einheit mannigfaltigen Gefühls. Darin
hat der Kern, das Wohlgefallen, eine besondere Intentionalität, durch
sie vor allem geht das Sich-Zuwenden vonstatten. Aber wenn es
beilage v 115

mich mit allen Sinnen der Geliebten entgegendrängt, so sind doch


alle leidenschaftlichen Erregungen, so sehr sie zu betrachten sind
als Erregungen eben, als Ausstrahlungen, doch mitbeteiligt an der
Zuwendung. Das Ich weitet sich gewissermaßen, indem es in diesem
5 Gefühlsstrom lebt, aus, soweit er reicht, und richtet sich durch ihn auf
das Objekt.

Beilage V
hDie Unterscheidung zwischen Affekten
und ihren Ausstrahlungen einerseits und der
10 größeren oder geringeren Lebendigkeit und
Hingabe bei den Gemütsakten andererseitsi1

Zu unterscheiden 1) reaktive Gefühle, Affekte, die erregte Freude, der


erregte, „bewirkte“ Affekt, der erregte Zorn, Wut, die erregte Furcht, die
innere Geschlossenheit, der zuversichtliche Habitus (der Affekt) usw. Es
15 gibt auch da ein Recht. Ich habe ein Recht, fröhlich, fröhlicher Stimmung,
in fröhlicher Erregung zu sein, denn … Jemand hat Recht, zornig, in der
Erregung der Indignation zu sein usw.
Es ist dabei auch wieder zu unterscheiden: a) die Freude über die emp-
fangene gute Nachricht, die Besorgnis über das drohende Unheil, das Gefühl
20 des umutig Abgestoßenseins von der erfahrenen Beleidigung etc.;
b) der Affekt der Freude, die gesamte ausgestrahlte Freude, die frohe
Stille heiterer Stimmung oder aufgeregte Lustigkeit mit den mannigfaltig
sich einflechtenden sinnlichen Komponenten: Wohlgefühl im körperlichen
Habitus, eine erregte sinnliche Regsamkeit mit lebendigen sinnlichen Ge-
25 fühlskomponenten.
a) und b) sind miteinander verschmolzen, ja es fragt sich, ob zu trennen
ist. Aber bei a) haben wir den Akt, der gerichtet ist auf die empfangene
schöne Nachricht, umflossen von einem sich verbreitenden Erregungsstrom
der Lust, der heiteren Stimmung etc. Bei b) nehmen wir den Erregungsstrom
30 selbst eventuell mit dem Akt, der ein meinendes Sichrichten-auf ist. Und
wenn dieser vorübergegangen ist, fließt von ihm eine Komponente ein: das
noch lebendige Gefühl. Im Erregungsstrom, der bleibenden Zuständlichkeit,
bleibt diese Komponente wohl nicht dauernd erhalten, aber als dieser Strom
weist er zurück auf seinen Ursprung, und in ihm liegt auch seine Motivation.

1 Wohl Anfang Dezember 1911. – Anm. der Hrsg.


116 die arten der gemütsintentionalität

Es ist Heiterkeit, Freudigkeit wegen der Nachricht und heißt noch Freudig-
keit über sie, solange noch der Ursprung ihre Färbung bestimmt und wohl
noch eine Komponente eben eine Färbung ihr verleiht.
2) Wir haben bei den Gemütsakten größere oder geringere „Lebendig-
5 keit“, die intensitätsartigen Unterschiede. Ich freue mich mehr oder weniger,
ich liebe heißer oder minder heiß. Im Zusammenhang damit steht, aber davon
zu unterscheiden ist die Ichferne und das Mit-dem-Herzen-dabei-Sein, die
Hingabe. Ich bin in gewisser Weise von der Freude berührt, die Sache steht
als erfreulich da, aber ich lebe nicht in der Freude, bin in ihr der erfreulichen
10 Sache nicht hingegeben (bzw. nicht der Freude hingegeben). Im Allgemeinen
wird dann kein Freudenstrom (der Affekt) von dem Erfreulichen ausstrahlen,
obschon auch das schon sein kann. Es strahlt schon Freude aus, sie beginnt
mich zu umfangen und doch verbleibt sie noch „außer“ mir, ich schwimme
nicht im freudigen Strom, lebe nicht darin. Ebenso, ein Ärger berührt mich,
15 etwas steht als ärgerlich da, vielleicht beginnt schon von da aus ein sichtbarer
Strom des Ärgerns auszustrahlen, aber ich gebe mich ihm nicht hin. Das
kann so erfolgen, dass ich hmichi dem mich zu sich Hinziehenden gegenüber
ablehnend verhalte, mich zurückhalte: durch eine Gegentendenz oder einen
Willen. Es kann aber auch sein, dass ohne solchen Willen, ohne Abwehr
20 und Zurückhaltung ich den Ärger außerhalb meiner habe. Freilich wenn
der Strom des Affektes anschwillt, dann beginnt er mich, wie ein erregtes
Meer, zu umspülen und dann muss ich entweder mich dagegen stemmen
und geradehalten oder mich hingeben, oder wenn ich keinen Widerstand
versuche und leiste, sinke ich passiv unter und lebe im Affekt des Zornes
25 bzw. Ärgers (Zorn enthält eine Affektivität, die in Wollungen ausstrahlt).
V. DIE KONSTITUTION DER
GEMÜTSCHARAKTERE1

h§ 1. Freude aufgrund von Anschauungen


und aufgrund von Urteileni

5 F reude, dass etw as ist. 1) Es kann eine Wahrnehmung oder


„Erinnerung“ zugrunde liegen, und ich kann Gefallen (existenziales
Gefallen) am daseienden oder als seiend erinnerungsmäßig bewuss-
ten Objekt haben. Ich freue mich an einer Sache, die ich „habe“: a)
im Genießen genießende Freude; b) im Antizipieren des Genusses
10 Freude an der Sache als Quelle möglicher Genüsse.
2) hFreudei aufgrund eines prädikativen Urteils: Die Buren haben
gesiegt. Die Hausfrau freut sich, dass die Speise wohlschmeckend,
wohlgeraten ist. a) Explikation (anschaulich): das Essen, wohlschme-
ckend. Explikation mit beziehender Setzung (Einheitsbewusstsein).
15 Es braucht keine Prädikation vollzogen zu sein, keine Aussage, keine
begriffliche Fassung. b) Prädikation: Gegebenheit des Sachverhalts
in der anschaulichen Explikation, oder vielmehr in der beziehenden
Setzung. Zur Freude bedarf es nicht der begrifflichen Fassung, der
Denkmeinung als begreifender Urteilsmeinung. Wie ist es aber in
20 der Freude an der Speise, wobei ich den Ausdruck mitvollziehe?
Nun, Freude ist Freude am Sein oder am Sosein etc. Sachverhalte sind
thetisch oder synthetisch. – Die Speise, das ist ein Sachverhalt? Das
ist doch ein Gegenstand. Nun, Gegenstand in diesem Sinn (der doch
der eigentliche ist) ist das Korrelat einer gültigen thetischen Setzung,
25 sonst hätte ich nicht Gegenstand schlechthin, sondern „Gegenstand“
in Anführungszeichen. D em G attungsc harakter nach ist aber
das Gefallen am G egenstand (existenzial), das Sich-an-ihm-,
-mit-ihm-Freuen, thetisch, schlechthin, nicht verschieden von

1 Dezember 1911.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 117


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_5
118 die konstitution der gemütscharaktere

der Fr eude am „ bezi ehenden “ Sachverhalt. Im Übrigen ist


überall das Kategoriale und das Gegenständliche, das ist, was es ist,
ob es begriffen wird oder nicht, zu unterscheiden.
Ähnliches für Wünsche, Fragen etc. Ich hverimisse A, es ist als
5 nichtseiend bewusst: Dazu gehört eben das Bewusstsein des „nicht“,
aber nicht ein prädikatives Urteil. Negative Setzung. Wunsch und
Freude als reaktive Akte. Ich freue mich am Genuss: Der Gegenstand
schmeckt und das freut mich, der Gegenstand als wohlschmeckend
angeschaut, gedacht etc., hich freue michi an ihm, als wirklich ange-
10 nehm, gut. Also eigentlich: Ich freue mich, dass A schön, gut, wert
ist? Natürlich ist das eine Verschiebung des Ausdrucks.

h§ 2. Schlichte Wertapperzeption
und Stellungnahmen des Gemütsi

1) Wertapperzeption.
15 2) Reaktion des Gemüts auf die apperzipierten Wertlichkeiten, als
Freude, als Wunsch etc.
Das Wesen der Wertapperzeption: das „Erfassen“, „Anschauen“
von Werten. Wertgegebenheit im Wertnehmen als Analogon des
Anschauens von Nichtwerten im Wahrnehmen. Die Wahrnehmungs-
20 auffassung, die Wahrnehmungserscheinung mit ihrem Empfindungs-
material. Die Wertauffassung, Werterscheinung mit ihrem Material
an „Wert-Empfindungen“. Aber wie steht es da mit dem Unterschied
zwischen Positivität und Negativität? „Reagiert“ nicht das „Gemüt“
auf sinnliche Empfindung durch positive oder negative Wertempfin-
25 dung, durch positive oder negative „Gefühle“? Haben wir da nicht
unterste „Reaktionen“? Nun, in ihnen hätten wir dann „passive“
Reaktionen, nicht aktive.1

1 Aber da ist das erste Problem. Und näher wäre zu überlegen, ob nicht Doppeltes

vorliegt: 1) aufgrund der primären Empfindungen mannigfaltige, und zwar qualita-


tiv mannigfaltige „Gefühlsempfindungen“, Gefühlscharaktere, wobei der qualitative
Unterschied nichts mit Positivität und Negativität zu tun hat; 2) passive Reaktionen
des Wohlbehagens und Missbehagens – also hier die Positivität und Negativität –,
Zuständlichkeiten, nicht spontanes Gefallen oder Missfallen. Ich rauche eine Zigarre
mit Wohlbehagen, aber zugewendet bin ich wissenschaftlichen Gedanken. Eventuell
rauche ich die Zigarre ohne rechten Genuss, oder sie schmeckt negativ. – Aber sind die
die konstitution der gemütscharaktere 119

Ferner, diese Gefühle sind „Repräsentanten“ für Auffassungen,


für Auffassungsschichten, die auf den Auffassungen der primären
Sinnlichkeit gebaut sind und neue „Prädikate“ konstituieren: „ange-
nehm“, „schön“ etc. Wie beschreiben sich diese Auffassungsschich-
5 ten gegenüber den primären? Nun hat jede Dingauffassung ihre
Schichten, warum nehmen wir diese alle zusammen und nicht dazu
die Wertauffassungsschichten? Man könnte auch fragen: Warum ist
nicht „Phantom“ eine eigene Kategorie gegenüber Ding? Warum
stellen wir Dinge und Werte gegenüber? Ist das überhaupt richtig?
10 Warum sollen wir Gegenstände, individuelle Gegenstände (als Nicht-
Sachverhalte), nicht in Kategorien sondern wie Phantome, Dinge,
Werte? Aber Werte, sind die eben einfach als Gegenstände anzuset-
zen?
Schlichte G efühl e. Ein Ton, mild, rein, in edler Klangfarbe
15 anschwellend und wieder abschwellend, das Gefühl folgt als ein Wohl-
gefallen dem Fluss der Töne. Aber ist das Wohlgefallen nicht schon
reaktive Gefühlszuwendung, ein Sich-Freuen-an, und hängen nicht
an dem stetig oder diskret wechselnden Empfindungsmaterial Ge-
fühlsmomente eigenen Gehalts, die eine Gefühlseinheit schaffen,
20 welche ihrerseits das Gefallen-an, das Sich-Freuen fundiert? So wie
der Wohlgeschmack einer Speise und so überhaupt das im Geschmack
liegende Gefühl eine Gefühlseinheit eigener Art ausmacht, auf die
sich erst das Wohlgefallen an der Speise gründet. Dieses Wohlgefallen
kann lebhafter oder minder lebhaft sein, kann mich kaum berühren,
25 es kann ausbleiben, während ich doch „empfinde“, und zwar auch
dem sinnlichen Gefühl nach. Die Lebhaftigkeit des Wohlgefallens ist
aber etwas anderes als die Intensität, die in der Sinnlichkeit liegt.
Der Ton hat seine Intensität, aber der Ton hat auch seine größere
oder geringere Milde, Lieblichkeit, er ist edler oder weniger edel
30 etc. Die graduellen Abstufungen dieses Edelseins sind ein anderes
als die Lebhaftigkeit, mit der ich mich daran freue. Hier liegt die
Lebhaftigkeit in mir, in meiner „Betätigung“ des Gefallens, dort liegt
sie nicht in „mir“, sondern an der Sache selbst und ihrem Charakter.
Soviel steht also fest.

Gefühle ohne Vorzeichen nicht Konstruktion? Es sind eben die Empfindungen, und
die qualitativen Unterschiede gehören zu ihnen, und zum Gefühl als solchen gehört
nur Positivität und Negativität.
120 die konstitution der gemütscharaktere

Danach habe ich in früheren Jahren verwechselt: 1) schlichte


Wertapperzeption, zur Gruppe der schlichten Apperzeptionen über-
haupt gehörig bzw. Werten als Vollziehen einer solchen Apperzep-
tion; 2) Werten als heini im höheren Gemütsgebiet Reagieren gegen
5 Wertlichkeiten, also aufgrund von Wertapperzeptionen.
I. Apperzeption als schlichtes, Gegenstände konstituierendes Be-
wusstsein. Oder weiter gefasst Perzeption: Empfindung (immanente
empirische und axiologische Sinnlichkeit) und schlichte Auffassung,
Auffassung als Phantom, als Ding, als Ding mit Wertcharakter. Dabei
10 apprehensive und direkt prehensive Momente dieser Gegenständ-
lichkeiten. Dazu Unterschiede der „Dunkelheit“. Das kann nun die
Modifikationen haben, die wir Aufmerksamkeit nennen; ich achte auf
den Empfindungsinhalt, auf den Gefühlsinhalt, auf das Ding, auf den
Wert. Ferner, das kann die Unterschiede der Modalität haben. Und
15 wieder: Ich kann Setzung vollziehen, Explikation, Prädikation, mit
begrifflicher Fassung. Und das Dingsein kann sich ausweisen, ebenso
das Wertsein. Wir stehen ja in Gegenstandssphären: korrelativ in
der Sphäre des Urteils über die oder jene Gegenstände. Und was
Sein und Wahrheit hier besagt, das kann nur aus dem Wesen der
20 Korrelation dieser Gegenständlichkeiten und ihrer Erkenntnis, ihres
Gegebenhabens und des darauf gegründeten Urteilens, entnommen
werden. (Das Urteilen ist dabei freilich eine allgemeine Schicht mit
allgemeinen Eigentümlichkeiten.)
II. Die Stellungnahmen des Gemüts. Ich vollziehe aufgrund von
25 Akten (intentionalen Erlebnissen) der ersten großen Gruppe natür-
lich Urteile darüber etc., eingerechnet ein Wünschen, ein Wohlge-
fallen, ein Betrübtsein, ein Begeistertsein, ein Empörtsein etc. Lebe
ich darin, so ist auf der einen Seite für das Bewusstsein das ange-
schaute, dunkel vorstellige, gedachte Objekt (die Objektität) mit
30 seinen objektiven Bestimmtheiten im Sinn seiner Apperzeptionen,
auf der anderen Seite die eigentümlichen Reaktionsweisen mit ihren
qualitativen Charakteren. Diese geben dem Objekt nichts ab. Das
Entzücken ist bei mir, ist Charakter des Stellungnehmens, des Ge-
mütsbewusstseins; die Schönheit, über die ich entzückt bin, ist beim
35 Objekt.1 Die Reflexion lehrt mich, dass sie das „Motiv“ ist für meine

1 Cf. 8 h= S. 123,5–124,30i.
die konstitution der gemütscharaktere 121

Gemütsstellungnahme, dass vom Ich die Gemütszuwendung gegen


das Objekt, und zwar gegen das schöne, geht und dass das Objekt
die Begeisterung „erregt“, eventuell ein Mich-zu-ihm-Hinziehen des
Objekts zu konstatieren ist etc. Da ist für die verschiedenen Fälle
5 näher zu beschreiben, wie die Linien vom „Subjekt“ zum Objekt und
umgekehrt laufen; was durchaus doch Linien sind, die zum Charakter
des Stellungnehmens mit seinem Inhalt gehören. h…i1

h§ 3. Gefühlszuwendung und Erregungsstrom.


Die Gegebenheit der Gemütscharaktere im
10 Gemütsakt und in der setzenden Erfassungi2

1) W er tapperz epti o n, Wertauffassung, Wertnehmung.


Ein Bild steht als schönes Bild da. Eine Geige steht als schöne,
wertvolle Geige da, ein Ton klingt edel.
2) A ffekte und G em ütsstel l ungnahmen. Von dem edlen Ton
15 bin ich entzückt, oder ich wende mich ihm mit Wohlgefallen zu. Ich bin
Liebhaber alter Instrumente: Ich bin begeistert von dem herrlichen
Bau der Geige. Ich bin empört über das Verhalten der Engländer. Ich
sehe eine Tierquälerei und bin entrüstet.
Wir haben in solchen Fällen, wird man sagen,
20 a) ein erregendes Objekt, das einen positiven oder negativen Wert-
charakter hat; von dem Objekt geht das Erregen aus: Die Geige
„versetzt“ mich ins Entzücken, die Tierquälerei versetzt mich in
Empörung, der „Gedanke“ an die Geliebte erregt in mir Sehnsucht
(und dabei hat das Vorgestellte als solches den Charakter des die
25 Sehnsucht Erregens).
b) Wir drücken uns auch so aus: Die Schönheit des Bildes versetzt
mich in Entzücken oder erweckt ein lebhaftes Gefallen. Und zugleich:
Ich bin von dem Bild entzückt, weil es schön ist. Es gefällt mir um
seiner Schönheit willen. Ich bin von der Schönheit der Geige, von
30 ihrer edlen Form, von ihrem edlen Ton entzückt, begeistert. Ich bin

1 Ein hier anschließender Text ist in Husserliana XX/2 als Beilage LV: Das ausdrück-

liche Wünschen in der Redeform mit „möge“ und der Ausdruck des Wunsches (S. 428)
veröffentlicht. – Anm. der Hrsg.
2 Zweite Überlegung. Mit vielem Neuen.
122 die konstitution der gemütscharaktere

empört von der Tierquälerei, mich empört die Gemeinheit solcher


Handlung etc.
Dürfen wir der Sprache nachgehen, so haben wir zu scheiden
1) zwischen dem Objekt selbst, 2) seinem positiven oder negativen
5 Wertcharakter oder hdemi Komplex von Bestimmtheiten, die wert-
charakterisiert sind, und dann erst 3) die Gemütsstellungnahme bzw.
den Affekt, der in verschiedener Weise bezogen ist, gerichtet ist auf
das Objekt selbst und auf seinen Wertcharakter bzw. auf das Objekt
in seinem Wertcharakter. Die Gemütsstellungnahme geht auf das
10 Objekt in seinem Wertcharakter und geht auf das Objekt „um seines
Wertcharakters willen“. Dieses „umwillen“ ist ein bestimmtes und
nicht mit anderem zu verwechselndes: nämlich wenn ich den Hand-
schuh der Geliebten mit Entzücken betrachte um der Beziehung zur
Geliebten willen. Das ist ein ganz anderes „umwillen“, eine Mit-
15 telbarkeit des Gefallens, während im unmittelbaren Gefallen jenes
erstere „umwillen“ schon vorausgesetzt ist. Das Gefallen geht auf
das Objekt durch die Wertapperzeption hindurch; oder in gewisser
Weise: Es geht auf das Objekt durch seinen Wert. Primär zieht die
Schönheit mich an, das Objekt aber als Träger der Schönheit, das
20 Gefallen am schönen Objekt geht durch seine Schönheit hindurch.
c) Während das Objekt Gefallen erregt (durch seinen Wert), rich-
tet sich das Gefallen auf das Objekt. Die Stellungnahme hat eine
„Richtung“, sie ist aber entweder Richtung-zu als positive Zuwen-
dung oder Richtung-gegen als Abwendung (entsprechend der dop-
25 pelten Erregungsweise von Seiten des Objekts, der anziehenden und
abstoßenden).
d) Das Gefallen, das Sich-Freuen, Wünschen etc. kann ruhiges
(unerregtes), stilles Gefallen etc. sein und kann erregtes, bewegtes
sein. Stille Freude und erregte Freude, ein ruhiger Wunsch und ein
30 leidenschaftlicher, brennender Wunsch. Das Wollen kann ein ruhiger
Entschluss oder ein leidenschaftlicher Wille sein. (Da ist die Frage,
ob die Erregung, hobi der Affekt und wie er zum Gefallen selbst etc.
gehört.)
Die Reflexion lässt uns unterscheiden: 1) das gefallende, liebende
35 etc. Zugewendetsein und 2) den Strom der Erregung, in den diese
Zuwendung eingeschmolzen ist, der sie in sich hegt und trägt. Einer-
seits möchte man so sprechen und auch sagen, das ruhige Gefallen
„steigere sich“ zur Begeisterung, zum erregten Entzücken, anderer-
die konstitution der gemütscharaktere 123

seits wieder, es breite sich ein Strom der Erregung von ihm aus, aber
allerdings ein Strom, in dem das Gefallen selbst eine Verbreitung
gewinnt: Das Ganze ist eins, ist leidenschaftliches Gefallen, ist Be-
geisterung.
5 Wir scheiden auch die gefallende Zuwendung, das entzückte Zuge-
wendetsein, und den Erregungsstrom, dem wir uns zuwenden können,
während wir uns vom Objekt abwenden und nicht mehr Gefallens-
zuwendung üben. Wir finden dann einen Strom sinnlicher, körperlich
lokalisierter Gefühle, der noch verbleiben kann und normalerweise
10 verbleibt (ja, eine Zeit verbleiben muss), auch wenn eine andere
Stellungnahme gerichtet auf andere Objekte oder eine auf andere
Objekte gerichtete theoretische Betrachtung einsetzt.
Nun besteht aber die leidenschaftlich-liebende Zuwendung oder
das leidenschaftliche Begehren, das leidenschaftliche Sich-Freuen etc.
15 nicht in einer Gefallenszuwendung etc. plus einem Strom sinnlicher
Erregung. Indem sich das Entzücken auf das Objekt richtet, das
inbrünstige Begehren auf das Vermisste etc., gehört zu dem Sich-
Richtenden eben der sinnliche Strom mit, der aber seinerseits als
bloß sinnlicher Strom gar keine solche Richtung hat. Es ist also
20 ein phänomenologisch Eigenartiges da; eine gewisse Verbreiterung,
einen gewissen ausstrahlenden Erregungsstrom von Gefühlen finden
wir um den Akt, durch den er aber nicht eine bloße Umgebung erhält,
sondern die ihn selbst eigenartig verbreitert und modifiziert. Der
Strom ist ein mit ihm einiges Erlebnis, aber so, dass er in entfernter
25 Analogie für das intentionale Erlebnis eine solche Rolle spielt wie
Empfindung in der gegenständlichen Wahrnehmung. Das Entzücken,
und nicht ein erregungsloses Gefallen, richtet sich auf das Objekt, und
das Objekt steht nicht bloß als gefällig, sondern (der Modifikation des
Aktes entsprechend) als entzückend da.
30 Sowie die gefallende Zuwendung fortfällt, verliert der Erregungs-
strom diese intentionale Funktion. Er ist sinnlicher Strom, der nur im
Strom des Zeitbewusstseins zurückweist auf das Entzücken, in dem
er jene Funktion hatte. Und vermöge dieser Einheit heißt es weiter
von ihm: Das selige Gefühl in der Brust etc. „stammt“ von jenem
35 Objekt her, ist dadurch erregt. Erregt war das Entzücken mit dem
sinnlichen Bestand in der Zuwendung. Und reflektieren wir auf das
Erlebnis des Entzückens, so erscheint darin das Gefallen und auch
das rein sinnliche als „erweckt“ und in diesem Sinn erregt.
124 die konstitution der gemütscharaktere

Es1 ist zu beobachten, dass das Entzücken (das, von dem es heißt,
dass es sich richte auf das Objekt und von ihm erregt sei im ersten
Sinn) im eigentlichen Sinn nicht die sinnlichen Gefühle in sich hat,
ebenso wenig wie die Wahrnehmungserscheinung die Empfindungs-
5 inhalte in sich hat, oder wie die Empfindungen nicht zur Aussage
gehören. Man wird da bedenklich sein. Ist das Entzücken, ist der
leidenschaftliche Wunsch, der Affekt der Liebe, nicht ebenso wie
der Willensentschluss usw. ein „psychisches Phänomen“, zu dessen
Bestand die sinnlichen Gefühle selbstverständlich gehören? Wohin
10 denn sonst, da sie nicht zum Objekt gehören?
Man kann versuchen, darauf zu antworten: Bin ich im Gefallen
dem Objekt zugewendet, in der Liebe, im Entzücken etc., so habe
ich ein Phänomen, das je nach den Auffassungsrichtungen, die ein-
geschlagen werden können, verschiedene Modifikationen erfahren
15 kann, die alle wesentlich zusammengehören. Lebe ich im Gefallen,
im Entzücken, im Wunsch, darin dem Objekt zugewendet, so ist eben
das Objekt Objekt für mich, nämlich sofern es erscheint, gedacht
ist usw. Aber das Objekt ist nicht bloßes Anschauungs-, Phantasie-,
Denkobjekt. Es steht da als entzückend, möchte man sagen, es steht
20 da als „Geliebte“, als Ersehnte; ein als künftig vorstelliger Vorgang in
der Sphäre, die charakterisiert ist als die praktische „Freiheit“, steht
da als gesollt (Korrelat des „gewollt“), oder ein Geschehen steht da
als erwünscht etc.
Aber wie steht es „als“ das da? Das ist nun schwer zu beschreiben.
25 Denn das ist sicher, dass hdasi „geliebt“, „gefällig“, „erwünscht“ etc.
nicht im oder am Objekt ist wie eine es konstituierende Beschaf-
fenheit, wie ein Bestandstück, auch nicht wie eine Relation, eine
relative Bestimmtheit. Wir können das Lieben auf das Geliebte im
beziehenden Betrachten und Setzen beziehen, aber davon soll hier ja
30 nicht die Rede sein.
Es ist ganz und gar nicht so, wie im prädikativen Urteilen der geur-
teilte Sachverhalt als „bestehend“ dasteht oder in der Wahrnehmung
des Gegenstandes dieser als „seiend“. In der Gegenstandsapperzep-
tion ist Einheit der Auffassung vollzogen und damit erscheint der

1 Von „Es“ bis „darauf zu antworten“ (S. 124,11) später zwischen Klammern gesetzt,

dazu die Randbemerkung: „Das ist alles unklar.“ – Anm. der Hrsg.
die konstitution der gemütscharaktere 125

Gegenstand mit seinem gegenständlichen Inhalt, in der Erfassung


ist er erfasst. Die Gemütsprädikate „erfreulich“, „entzückend“ etc.
können zur Einheit einer Apperzeption gehören, aber wenn ein Ding,
eine Person Entzücken „erregen“ und ich im Vollzug der Freude
5 lebe, dann ist nichts vom Entzücken (oder braucht nichts zu sein)
in die Apperzeption des Gegenstandes hineingezogen. Ich kann den
Wunsch haben, es möge S p sein, aber ich brauche keine Einheit
der Auffassung zu haben, die den vorstelligen Sachverhalt und den
Wunschcharakter, den des „möge“, in eins fasst und so eine Einheit
10 des Wunsches „Es möge S p sein“ konstituiert.
Freilich liegen da große Schwierigkeiten. Was heißt: zur Einheit
einer Apperzeption? Ich kann ein Bild als entzückend auffassen, ohne
dass ich jetzt aktuell Entzücken erlebe. Ich sehe schon das Bild, es
hat bei mir früher und öfters vielleicht Entzücken erregt, und nun
15 fasse ich es als das auf. (Ich habe gehört, dass das Bild von Raffael
ist, auch das kann vergleichend herangezogen werden. Jetzt sehe ich
es und fasse es sogleich als „von Raffael“ auf, ehe ich wirklich
urteile. Durch das Urteil hat sich die gegenständliche Auffassung
bereichert und kann nun wieder zum Urteil durch Auseinanderlegung
20 führen.) Dieses Als-etwas-Auffassen ist das empirische Auffassen als
Apprehendieren. Dergleichen liegt mit in allem Dingauffassen. Aber
was ich vom Gegenstand anschaulich erfasse, was mir von seinem
Inhalt „gegeben“ ist, das ist nicht bloß apprehendiert. Wenn ich jetzt
wieder das Entzücken empfinde, so apprehendiere ich nicht nur das
25 Entzückende, sondern ich habe es gegeben. Aber ist da nicht wieder
zu unterscheiden und zu überlegen?
In der Dingauffassung habe ich das Gegebene als Erscheinendes;
es liegt Gegebenes und Nichtgegebenes im Rahmen der einheitli-
chen Auffassung. Wenn ich auf dem Grund einer Dinganschauung
30 aber Entzücken erlebe, besteht da auch in einem analogen Sinn eine
Einheit der Auffassung, welche die Dingauffassung (die empirische
Erscheinung) übergreift und ein Gegenständliches konstituiert, das
neben dem Inhalt der spezifischen Dingerscheinung auch die Be-
stimmtheit „entzückend“ enthält?
35 Ich kann das Ding als entzückend aufgefasst haben und nun auch
das Entzücken erleben und das „entzückend“ als Inhaltsbestimmt-
heit gegeben haben: also als apperzipierten Inhalt und als gegeben.
Man wird aber sagen müssen, dass Entzücken erlebt sein kann, ohne
126 die konstitution der gemütscharaktere

in dieser Weise in apperzeptiver Funktion zu stehen. Das ist offenbar


vorausgesetzt, damit sich empirische Apperzeptionen fraglicher Art
„bilden“ können. Aber worin besteht das „Empirische“ der Apper-
zeption? Nur darin, dass eine Erinnerung des Gegenstandes und sei-
5 ner Inhaltsbestimmtheiten, die fundierend für das Entzücken waren,
und dieses Entzücken selbst in seiner Beziehung darauf auftaucht
und, in eins gesetzt mit dem jetzt erscheinenden Gegenstand (dessen
Wertbestimmtheiten noch nicht hervortreten etc.), eine Mitsetzung
des „entzückend“ erzeugt. Sind die Bestimmtheiten angeschaut und
10 findet freie Hingabe an ihre Werte statt, so gehört dazu das Ent-
zücken.
Ich kann aber zum ersten Mal das Entzücken erleben. Ich kann
darin leben, ohne das Objekt als entzückend „aufzufassen“. Aber
steht es nicht doch als das da? Und kann ich nicht darauf achten?
15 Tue ich das, so brauche ich nicht das Objekt auf mich, auf das Subjekt
zu beziehen. Ich achte auf das „wundervoll“, auf das „herrlich“ und
drücke es aus, wie ich sonst anschaulich Gegebenes an einem Objekt
ausdrücke. Und das Wundervolle ist nicht bloß zusammengenom-
men mit dem Vorgestellten, es ist auch nicht kausal bezogen auf das
20 Entzücken: so wie der Stich und Schmerz auf die stechende Nadel.
Ich kann zwar die Auffassung vollziehen: Der Gegenstand erregt
in mir Entzücken, Freude, Gefallen, oder schlechthin: hEri erregt
Gefallen (zu supponieren ist: bei irgendjemandem oder allgemein).
Aber ich kann eben auch anders auffassen: Herrlich, entzückend ist
25 der Gegenstand. Entzückend heißt zwar Entzücken erregend, aber
es ist unverkennbar, dass das Wort auch und zumeist gebraucht wird,
um den Charakter des Gegenstandes zu bezeichnen, ohne Gedanken
an die Erregungsbeziehung gegen mich hin. Ein strahlendes Licht
liegt auf dem G egenstand, färbt ihn, gibt ihm einen Charakter.
30 Es ist gleichsam das Entzückendsein ein Lichtstrom, der auf dem
Objekt liegt. Auf seinen Lichtcharakter kann ich achten. Aber steht
dabei nicht das Objekt als das Lichtausstrahlende da? Es steht in der
Tat in strahlender Schönheit da, wie wir hesi ja von der Geliebten,
von einer schönen Person etc. wirklich sagen. Es ist nicht so, dass
35 das Entzücken, das außerhalb des Objekts im Subjekt liegt, auf das
Objekt ein Licht wirft. Erlebe ich Entzücken, so erlebe ich das Ge-
genstandsbewusstsein des Objekts mit dem Entzücken in eins, derart,
dass das Gegenständliche nicht nur in der Weise bewusst ist, wie es
die konstitution der gemütscharaktere 127

im Gegenstandsbewusstsein sinnlich apperzipiert ist oder eventuell


gedacht ist, sondern es ist bewusst im Charakter der strahlenden
Schönheit etc. Ich kann dabei erfassend dem Objekt zugewendet sein
und nicht seiner strahlenden Schönheit. Das ist schwierig. Was soll
5 das besagen? Ich betrachte das Objekt nach seinen inneren Eigen-
schaften, nach seinen Relationen, so wie sie im Objektbewusstsein
konstituiert sind, ich denke über das Objekt hnachi, ich beschäftige
mich damit theoretisch etc. Es kann dabei ein Gefallen am Objekt
vorhanden sein, auch ein sehr lebhaftes Gefallen. Ist es nun anders,
10 wie wenn ich eben nach gewissen Bestimmtheiten dem Objekt zuge-
wendet bin, sie ausschließlich heraushebe und erfasse? Ich habe die
Gegenstandsapperzeption, lebe aber (mit meiner Aufmerksamkeit)
bald in der, bald in jener Schicht und gründe darauf Explikation und
Prädikation.
15 Nun gehört der Lichtcharakter nicht zur Gegenstandsapperzep-
tion, nicht zur Schicht der Empfindungsauffassungen. Er gehört in
eine andere Dimension. Er gehört ursprünglich zum Objekt, d. i.,
im Entzücken, das fundiert ist durch die Gegenstandsapperzeption,
konstituiert sich dieser Charakter ursprünglich als Charakter des Ob-
20 jekts. (Ich könnte sagen: Ebenso wie ein sinnliches Gefühl auf einem
sinnlichen Empfindungsbewusstsein sich baut und Gefühlscharakter
am Gegenstand, am Empfindungsinhalt ist.) Müssen wir also nicht
sagen: Es handelt sich hier nicht um eine empirische Apperzeption,
um eine solche, die einem Gegenstand empirische Einheit gibt (ihn
25 als das konstituiert), aber wenn wir den Ausdruck „Apperzeption“
erweitern, eben auch um eine Apperzeption. Ich kann in ihr wie hini
der empirischen Apperzeption „leben“, dann bin ich dem, was sich
in ihr speziell konstituiert, speziell zugewendet.
Lebe ich in der Wahrnehmung (der äußeren Wahrnehmung), dann
30 sehe ich auf den Gegenstand hin, und je nach den Schichten, in
denen ich aufmerkend lebe, sehe ich speziell diese oder jene Mo-
mente des Gegenstandes speziell. Dieses bloße Aufmerken ist noch
nicht Theoretisch-mit-dem-Gegenstand-beschäftigt-Sein, noch nicht
Urteilen und dabei Von-der-Willenstendenz-auf-theoretische-Wahr-
35 heit-Beherrschtsein.
Lebe ich im Entzücken über das schöne Bild, über den liebenswür-
digen Menschen etc., so bin ich dem Licht, der strahlenden Schönheit,
dem Gemütscharakter zugewendet. Es bedarf keines besonderen
128 die konstitution der gemütscharaktere

Erfassens. Ein sinnlicher Gegenstand kann schon im Hintergrund


als unbeachteter Umgebungsgegenstand erscheinen: Ich wende mich
ihm zu, ich erfasse ihn, der vorher nicht erfasst war. Es kann auch
das Gefallen erregt sein, ich wende mich aber nicht dem Gefällig-
5 sein zu, sondern erst dem Gegenstand und beschäftige mich mit ihm
„theoretisch“ oder betrachte ihn nach seinem empirischen Bestand,
dann aber wende ich mich der Schönheit, der Herrlichkeit zu. Ich
lebe mich in das Entzücken ein: Aufmerksamkeit wie sonst jedes
Bewusstsein kann Unterlage eines Aufmerkens sein, in jedem kann
10 ich zugewendet sein.
Was wir soeben ausgeführt haben, das gilt offenbar von Gemüts-
charakteren erster wie von solchen höherer Stufe. Ich kann ein Ob-
jekt als in der oder jener Hinsicht angenehm, wohlschmeckend etc.
apperzipieren, ich brauche dabei gar nichts zu fühlen, ich habe eine
15 erweiterte Apperzeption gegenüber derjenigen, die das Objekt ohne
die Gemütsbeschaffenheiten apperzipiert. Wenn das Objekt aber zum
ersten Mal und originär als Gefühlsobjekt bewusst ist, so haben wir
keine empirische Apperzeption, sondern eine Gemütsfärbung des
Objekts; das Objekt steht als so gefärbt da und ist als das ange-
20 schaut, wahrgenommen, wenn wir den Blick darauf richten. In der
Regel sind aber (wie wenn wir eine neue Melodie hören) empiri-
sche Apperzeptionen im Spiel. Zugleich aber werden entzückende
Gefühle erregt, die ihrerseits aktuelle Gefühle neu fundieren mögen.
In der genießenden Einstellung: Die Gefühlsverläufe aufgrund der
25 Tonempfindungsfolgen und der mitapperzipierten Gedanken erleben
und in den Gefühlen leben, wäre also Anschauen der Melodie in ihrer
Schönheit, in ihren Gefühlsbestimmtheiten.
Nun erhebt sich dabei aber die Frage: Was unterscheidet das
Genießen der Mel odi e, in dem wir der Schönheit doch zugewen-
30 det sind, vom theor eti s chen Beobachten? Ebenso überall. Wenn
ich zornig bin, wenn ich über die Abscheulichkeit der Handlungsweise
eines Menschen leidenschaftlich erregt bin, so soll das Sehen dieser
Abscheulichkeit eben bestehen in den Gefühlserregungen selbst und
in dem durch sie hindurchgehenden Strahl der Aufmerksamkeit (Zu-
35 wendung). Indem ich dem zugewendet bin, es sehe, „urteile“ ich
auch darüber, ich drücke es aus, ich sage etwa: „Das ist abscheu-
lich!“ Aber ich bin nicht in theoretischer Einstellung. Ich beobachte
nicht und mache keine theoretische Feststellung. Sollen wir sagen,
die konstitution der gemütscharaktere 129

zum Theoretischen gehört das theoretische Interesse, das Streben,


die Tendenz, die auf objektive Begründung gerichtet ist? Wie ist es
aber, wenn ich im Ärger zugleich die Gründe der Abscheulichkeit
auseinanderlege? „Das war schlecht von Dir, denn usw.“ Das tun wir
5 doch oft. Dergleichen kommt unserer Erregung entgegen, nährt sie
in diesem Fall, und alles, was sie nährt, das bleibt in ihrem Zug, gehört
mit zu ihr und ist nicht „theoretische Erwägung, theoretische Beschäf-
tigung“ und dgl. Als Psychologen mögen wir im Zorn innerlich kühl
notieren: „Das ist eine interessante Eigentümlichkeit des Zornes,
10 so ist seine Verlaufsart etc.“ Wir notieren es zu Zwecken wissen-
schaftlicher Feststellungen, die in einer ganz anderen Linie liegen als
die Zornerregung selbst und was sie an Wahrnehmungen, Urteilen,
Feststellungen etc. umschließt. Wie kann man solche Unterschiede
beschreiben; das Genießen, das Im-Affekt-Leben, das Im-ruhigen-
15 Gefühl-Leben etc. und das Betrachten, Wahrnehmen, Beobachten,
theoretische Feststellen?
Ich erinnere mich eines ärgerlichen Auftritts: Ich vergegenwär-
tige mir die Situation, und der Ärger steht „wieder“ in mir auf, das
Ärgerliche steht wieder ärgerlich vor mir, abscheulich, hässlich etc.,
20 ich sehe es. Und nun ändere ich doch meine Einstellung, wenn ich
wie ein „unbeteiligter Zuschauer“ betrachte, analysiere, theoretisch
beschreibe, fixiere und daraufhin Feststellungen mache, die meine
theoretische Erkenntnis erweitern.1
Versuchen wir zu unterscheiden:
25 1) Ein Gemütsakt aufgrund eines sachkonstituierenden Aktes ist
Erlebnis. Weder dem Objekt, der Sache, noch dem Gemütscharakter
sind wir zugewendet.
2) Zuwendung zum Objekt in der Weise etwa einer Wahrnehmung.
Es ist also Erfassung oder Quasi-Erfassung, Aufmerksamkeit-auf.
30 3) Wir „leben im“ Gemütsakt. Kann da noch ein Unterschied
gemacht werden zwischen Aufmerksamkeit auf das Gemütsprädikat
(während wir zugleich der Sache, wenn auch nicht primär zugewen-
det sind) und dem bloßen Leben im Gemütsakt? Wenn die Sache

1 Das alles ist gut. Ich muss nur unterscheiden rein theoretisches Interesse, als auf

gegenständliche Bestimmung, Sein und Sosein gerichtetes und darin terminierendes


Interesse. Und andererseits ein Interesse am Sein, Sosein, an Gründen und Folgen im
Dienst des Gemüts.
130 die konstitution der gemütscharaktere

anschaulich vor uns steht und dabei auch die das Gemütsprädikat be-
gründenden Sachbestimmtheiten, so ist die Frage: Ist das Im-Gefühl-
Leben Anschauung, eventuell Wahrnehmung von dem Objekt in
seinem Gefühlscharakter? Wenn aber eine „leere“ Vorstellung oder
5 ein Gedanke vorschwebt und dabei lebendig gefühlt wird, so steht
uns doch, wenn auch in leerer Weise, gedanklich das Objekt da und
charakterisiert durch das Gefühl.
Ist nun zu unterscheiden die Zuwendung im Gefühl und eine
setzende Erfassung bzw. Aufmerksamkeit? Eine Sachlage, die mir
10 vorschwebt, erfüllt mich mit Trauer, sie steht als traurig da. In der
Trauer lebend bin ich auf das Traurige gerichtet. Ist dieses Gerich-
tetsein zu unterscheiden von der Aufmerksamkeit auf hdiei Trauer?
Ich vollziehe Erfassung und beziehende Betrachtung, wenn ich das
„Dastehende“ expliziere, und vollziehe Erkennung, wenn ich aus-
15 drücke: Die Sache ist traurig. Aber haben wir hier nicht genau das-
selbe, wie wenn ich eine empirische Anschauung, eine Dinganschau-
ung oder einen „Gedanken“ expliziere und darüber dann prädiziere?
Freilich, ein Gegenstand, der nicht angeschaut ist, hat für mich
kein Prädikat, das anschaulich da ist. Wenn ich aber aufgrund eines
20 „leeren“ Vorstellens ein Gefühl wirklich vollziehe, habe ich doch
ein merkwürdiges „Als-erfreulich-, Als-traurig-etc.-Dastehen“. Die
Freude, die Trauer sind ja aktuell bewusst, der Gegenstand ist im
Dunkel und nicht gegeben. In der Einstellung auf den Gegenstand
bezieht sich die Trauer, die Freude auf ihn, sie gehört zu ihm, aber sie
25 gehört zu ihm nicht als ihn konstituierend, sondern in eigener Weise.
Subjektiv sage ich „Ich habe Freude“ und auch: „Ich habe den Ge-
danken an den Sachverhalt“, „Ich habe die Überzeugung von seinem
Bestehen“, „Ich habe das Bewusstsein davon, dass er ist.“ Aber ich
sage nicht bloß: „Die Freude ist verknüpft mit diesem Bewusstsein“,
30 sondern: „Die Freude ist Freude über die Sache“ und „Die Sache ist
erfreulich.“ Dabei bin ich auf die Sache „aufmerksam“ und auf die
Erfreulichkeit und haufi die Beziehung zur Sache, auf das Erfreuliche.
Lebe ich in der Freude, so ist die Einheit des Bewusstseins vorhanden,
und es ruht der „Blick“ auf der Sache in ihrer Erfreulichkeit, ohne
35 Explikation und Prädikation. So können wir auch, wenn das Gefühl
sich auf die Gegebenheit des Gegenstandes und der wertgründenden
Prädikate aufbaut, keinen Unterschied finden zwischen der Zuwen-
dung im Gefühl und dem Im-Gefühl-Leben und der Anschauung des
die konstitution der gemütscharaktere 131

Gegenstandes in seiner Gefühlsbestimmtheit, in der Aufmerksam-


keit auf sie. Das Phänomen fungiert ebenso wie das Phänomen der
sinnlichen Anschauung als Grundlage für die Prädikation, für die
Subjekterfassung, Prädikaterfassung etc.
5 4) Wie ist nun theoretische Betrachtung, das Zum-theoretischen-
Thema-Machen, das Beobachten und theoretische Feststellen zu be-
schreiben?

h§ 4. Gemütscharaktere als ontische Charakterei

Aber nun ist die Frage: Der Lichtcharakter, das Strahlende (bzw.
10 das Dunkle, Traurige), ist am Gegenstand; wie steht es mit dem
Gefallen, dem Entzücktsein, dem Betrübtsein, Trauern etc.? Was
macht den Unterschied zwischen dem einen und anderen, und wie
ist ihr phänomenologisches Verhältnis? Und ebenso beim Wünschen,
Begehren, Wollen.
15 Wir können auf den „Akt“ des Wünschens reflektieren und kon-
statieren: Ich wünsche. Und was wünsche ich? Dass ein Ereignis
eintrete, dass ein Objekt mein Eigen wird etc. Ich kann aber auch
sagen: Ich wünsche – was? Den Wunsch „S möge p sein!“ Das ist es,
was ich wünsche. Oder mich freuend freue ich mich im Akt der Freude
20 über das Objekt. Ich kann aber auch sagen: In ihm steht da das Er-
freuliche in seiner Erfreulichkeit, die Geliebte eben als die Geliebte.
Wünschen, das heißt, die und die Wunschakte vollziehen in Bezug
auf ein Vorstelliges. Und es heißt, das Vorgestellte im Charakter des
„möge“ bewusst haben, also bewusst haben das „S möge p sein!“ Im
25 Lieben haben wir das Bewusstsein der Geliebten als solchen usw. Es
ist nicht anders, wie wenn ich urteile, hundi ich das Bewusstsein habe:
„S ist p!“ Es handelt sich bei Urteilen und Urteil (Geurteiltes als
solches), bei Wünschen und Gewünschtem als solchem (Wunsch) etc.
um „zwei Seiten einer und derselben Sache“. Überall gilt: Nicht ein
30 subjektives Erlebnis des Wünschens, irgendein subjektives Gefühls-
datum, ist verknüpft mit dem vorstellenden Bewusstsein (dem vom
erwünschten Objekt), sondern das „möge“ ist ein Charakter, der im
wünschenden Bewusstsein, so wie es fundiert ist im Sachbewusstsein,
zur Sache gehört. Wir können nicht wünschen, ohne dass in ihm dieses
35 „möge“ bewusst und in Bezug auf die bewusste Sache bewusst ist, in
132 die konstitution der gemütscharaktere

eigentümlicher Einheit mit ihr; und blicken wir schlicht auf die Sache
hin, so können wir, wie ihre eigenen Prädikate, mit denen sie etwa
angeschaut ist, so das im Wunschbewusstsein sich konstituierende
„möge“ erfassen: Es ist da eins mit der Sache, obschon nicht sie als
5 Sache konstituierend.
Wir können nicht lieben, ohne dass darin die Sache im Charakter
der „geliebten“ dasteht; dieser Charakter eigentümlich einig mit
den Charakteren, die die Sache konstituieren und die innerlichen
Bestimmtheiten der Sache als Sache ausmachen. Das ist eben das
10 Bewusstsein des Liebens, dass sich in ihm ein Neues, das „geliebt“,
konstituiert, und das besagt nicht, dass Liebe ein subjektives Gefühl
ist, das auf der einen Seite steht und der gedachte oder angeschaute
Gegenstand auf der anderen, nur so, dass irgendwie das Gefühl eins
ist mit dem Anschauen oder Denken der Sache. Vielmehr, wie im
15 Sachbewusstsein eben die Sache mit ihren Bestimmungen bewusst
ist, so ist im Bewusstsein der Liebe, so wie es einig ist mit dem
Sachbewusstsein, ein neuer Charakter bewusst und als Charakter
der Sache, eben das „geliebt“, der Charakter des „lieb“, der nicht
das Lieben ist, so wenig wie das „möge“ das Wünschen ist und das
20 Angeschaute das Anschauen ist, das Urteilen das Geurteilte ist.
Diese Objektitäten höherer Stufe können nun zu Themen der
Urteilsbehandlung werden, der Wunsch zu einem Dies, oder es kön-
nen innerhalb der Einheit des Wunsches Unterschiede gemacht, es
kann das Gegenständliche, das Erwünschte, zu einem Dies und Sub-
25 jekt gemacht werden und darauf das Prädikat bezogen werden: „er-
wünscht“. Dabei scheidet sich Vermeintes und Wirkliches. Es ist
bewusst „S möge p sein!“ Aber der vermeinte Wunschverhalt braucht
nicht „wahrer“ Wunschverhalt zu sein: Das Urteil, dass S p sei, sei
erwünscht, kann wahr und falsch sein, obschon ich wirklich Wunsch-
30 bewusstsein habe und das Erwünschte als erwünscht „dasteht“.
So wie in der Wahrnehmung, in der Erinnerung, in der Erwartung
usw. ein Dasein bewusst ist, aber vermeinendes und gültiges Bewusst-
sein zu unterscheiden ist, so gilt das für jederlei Bewusstsein-von,
auch für das Wunschbewusstsein, und zum Wesen jedes Bewusstseins
35 gehört die Möglichkeit der Ausweisung oder Abweisung, der Begrün-
dung oder Entgründung und der Konstituierung von Urteilen und
Urteilsbegründungen, in denen sich eins und das andere in Formen
urteilenden Denkens vollzieht.
die konstitution der gemütscharaktere 133

Nun heißt es, Gefallen, Liebe etc. ist etwas Subjektives. Die Liebe
breitet sich über das Objekt aus, von meiner Subjektivität geht etwas
auf das Objekt über, gefallend wende ich mich dem Objekt zu. Das
Sehnen ist bei mir, und die Sehnsucht breitet sich über das Objekt und
5 zieht es zum Subjekt hin usw. Aber das Subjektive als Erlebnis kann
sich nicht ernstlich über das nur Intentionale, etwa nur Gedachte,
leer vorstellige Gegenständliche ergießen, kann nicht ernstlich damit
sich verbinden und eins werden – es sei denn in der Weise eines
beide umspannenden kolligierenden oder beziehenden Bewusstseins,
10 in dem freilich alles und jedes „eins“ werden kann.
Einheit hat das Gemütsbewusstsein und das fundierende Gegen-
standsbewusstsein, und so geartet ist die Einheit, dass sich in ihr on-
tisch konstituiert der Gegenstand als Träger eines Gemütsprädikats.
Beziehe ich aber das Objekt auf das Erlebnis der Liebe, das zur Sub-
15 jektivität in dem besonderen Sinn gehört, die alle Gemütserlebnisse
teilen, so erscheint das Objekt als Zielpunkt liebender Zuwendung
und die Liebe als durch das Objekt erregt, der Geliebtheitscharakter
des Objekts als durch die Liebe bedingt, von da ausstrahlend usw.,
aber auch die Lieblichkeit des Objekts als Quelle der Liebe.
20 Zweifellos müssen wir aber unterscheiden den konstituierten onti-
schen Charakter des „möge“, des „fraglich“, des „gefällig“ etc. vom
„subjektiven“ Wünschen, Fragen etc. Wir dürfen nicht so sprechen,
als ob der subjektive Charakter selbst objektiv wäre oder sich dem
Objekt auflegte etc. Die leidenschaftliche Erregung, in der ich mich
25 befinde, die ich als so und so geartete Erregung, als phansisches
Phänomen betrachten kann, ist nicht objektiviert und auf den Gegen-
stand irgendwie objektiv bezogen, wenn ich in der leidenschaftlichen
Bewegung begriffen dem Objekt zugewendet bin. In ihr konstituiert
sich ein objektiver Gemütscharakter. Es ist freilich nicht so, wie ich,
30 eine Wahrnehmungserscheinung erlebend, des Objekts, das erscheint,
bewusst bin, wo ich ja auch nicht die Erscheinung (das phansische
Phänomen) nehme und auf das Objekt beziehe. Die Erscheinung
erlebend habe ich allererst Bewusstsein vom gegenwärtigen Objekt.
Hier fungieren die Empfindungen in eigener Weise, wir sprechen von
35 Repräsentation, wir können nachträglich den Gehalt der Erscheinung
auf das Erscheinende beziehen, empfundene Farbeninhalte auf ob-
jektive Farbe etc. Die „subjektiven“ Erregungen können wir analog
auch auf das leidenschaftlich begehrte Objekt beziehen, aber in ihnen
134 die konstitution der gemütscharaktere

stellt sich nichts dar. Und doch konstituiert sich in einer völlig eigen-
tümlichen Weise ebenfalls ein Ontisches, das „möge“. Mehr Analogie
finden wir mit der Weise, wie sich im Vermuten das „vermutlich“, im
problematischen Anmutungsbewusstsein das „möglich“ konstituiert.

5 h§ 5. Subjektive Richtung-auf und Stellungnahme bei


den Erscheinungen und bei den Gemütscharaktereni

1) Erscheinung, empirische Auffassung, einfach Bewusstsein-von,


aber keine „Stellungnahme“. Modi: Gewissheit (Wirklichkeit), Ne-
gation (Schein), Anmutung (Möglichkeit) etc.
10 2) Das Erfassen, Setzen. Ich kann sagen, dieser Gegenstand ist
erfasst gewesen, jener war bewusst, aber nicht erfasst; aber es kon-
stituiert sich dabei kein gegenständlicher Charakter, abgesehen von
diesem eigentümlichen relativen Charakter (der übrigens seine Merk-
würdigkeit hat).
15 3) Das „Beziehen“ – konstituierend für A in B, A hat b – vor der
ausdrücklichen Fassung. Auch: Gesetzt, dass A in B ist, ist C. Freies
Konstituieren von Gegenständen neuerer Stufe. Das „Übergehen“
von A zu B und umgekehrt. Das Auffassen der Formen und der
geformten Gebilde (Erfassen?), das Erkennen derselben im Aus-
20 drücken. Das alles ist nicht Stellungnehmen. Modi wie beim schlich-
ten Auffassen. 3a) Das denkende Meinen, das nicht erkennend, aus-
drückend ist, sich nicht nach Vorgegebenem richtet.
4) Es sind hier allerlei Reflexionen möglich; das Erfassen kann sich
verschieden wenden, auf Unterschiede zwischen Inhalt und Charak-
25 ter, von Empfindung und Auffassung usw. Hat beziehende Setzung
stattgefunden, so kann das Erfassen sich zuwenden dem Gesamtinhalt
und Gesamtcharakter etc. Nun das Stellungnehmen.
5) Das Stellungnehmen. Wie ist es mit dem Billigen und Miss-
billigen? Mit dem Sich-auf-den-Boden-einer-Ansicht-Stellen etc.? Es
30 mutet sich etwas als so seiend an. Ich stimme zu, ich stelle mich hauf
den Boden der Anmutungi, ich ergreife Partei, indem ich zustimmend
urteile, es ist so.
Etwas anderes ist das „Stellungnehmen“ des Gemüts, aber auch
des Verstandes. Ich bin entzückt, ich blicke liebend auf ein Objekt.
35 Ich wünsche, dass S p sei. Ich will. Ich fasse einen Entschluss. Ich
die konstitution der gemütscharaktere 135

handle. – Steht sich das alles gleich? Nehmen wir Stellungnahmen des
Gefühls und Affekts. In empirischer Auffassung kann ich Objekt und
Ich aufeinander beziehen. Das kann ich auch bei der Wahrnehmung,
der Phantasie, der Erinnerung, beim Denken tun. Ich nehme das Ob-
5 jekt wahr, ich erinnere mich der Person, ich denke den Sachverhalt,
ich urteile ihn. Ebenso, ich liebe die Person, ich bin von dem Bild
entzückt etc. Aber wir merken den großen Unterschied. Das Haben
der Wahrnehmung (der Phantasie), der Erinnerung ist etwas ganz
anderes als das Haben der Liebe, der Empörung, der Begeisterung,
10 der Freude …
Wahrnehmend habe ich Empfindungen und Auffassungen. Und
indem ich das erlebe, ist das Ding „da“, jetzt gegenwärtige Wirklich-
keit, Zielpunkt des „geistigen Blickes“. In den Empfindungsinhalten
stellt sich vom Gegenstand ein Inhalt dar, in der Empfindungsaus-
15 breitung eine Fläche und überhaupt eine „Seite“ des Phantoms,
und so, dass ich ein „Sehding“ erfassen kann, eine „perspektivisch
verkürzte Seitenfläche“, die dieselbe ist im Wechsel des Blickes etc.
Beschreiben kann ich das „Wahrnehmen“ nur durch solche gegen-
ständlichen Beziehungen. Und was ich da erfasse, ist „Darstellung“
20 des Gegenstandes, Darstellung verschiedener Dignität und Stufe,
und hsiei gehört zum Gegenstand phänomenologisch so, dass das
Bewusstsein vom Gegenstand eben hier nichts ist als das Bewusst-
haben der Darstellung, und durch sie hindurch habe ich den Gegen-
stand, nämlich hdurch sie hindurchi erscheint er und kann er erfasst
25 sein.
Nennen wir die Darstellungen zur Subjektivität gehörige, subjek-
tive Erscheinungen gegenüber dem Erscheinenden, subjektive Re-
präsentanten gegenüber dem Repräsentierten, so ist dieses Subjek-
tivsein etwas total anderes als das Subjektivsein der Liebe, der Empö-
30 rung etc. E ine gewi ss e Verwandtscha ft hat das Letztere mit
dem E r f as s en, dem b ezi ehende n und schlichten Erfassen,
nämlich als subjektives Sich-Richten-auf, aber nicht mit dem Emp-
finden, dem Auffassen, das, indem es ein Objekt erscheinen lässt,
gewissermaßen selbst objektiv ist, im Objekt liegt und nicht Subjek-
35 tivitätscharakter hat wie das Lieben, das Wünschen etc. Und selbst
das Beziehen: Ist es nicht dem Ich äußerlich, sofern es Beziehungs-
auffassung ist? Und zum „Ich“ gehört nur der Strahl der Aktivität,
das Erfassen, Festhalten, das Zusammenhalten (Kolligieren).
136 die konstitution der gemütscharaktere

Dabei ist nicht an das empirische Ich zu denken, sondern im


Phänomen liegt ein gewisses Sich-Richten-auf, auf dessen einer Seite
Empfindung, Erscheinung, Ding liegt oder auch beziehende Auffas-
sung (Beziehungserscheinung, möchte man sagen), durch die hin-
5 durch der Sachverhalt gegeben ist, während auf der anderen Seite
nichts zu fassen ist. Richtung-auf ist nicht Richtung eines als Ich
zu fassenden Ausgangsdinges oder Ausgangspunktes, sondern eben
Richtung-auf bzw. Richtung durch Erscheinung, durch Darstellung
etc. Und das „durch“ sagt wieder nur etwas, was man nur an dem Dar-
10 stellen selbst, so wie es im Gerichtetsein fungiert, verstehen kann: Die
Reflexion zeigt uns die Darstellung, die nun in sich Ziel der Richtung-
auf ist. Und wo Richtung-auf eine Richtung auf rein Immanentes ist,
wie eine Empfindung, finden wir überhaupt nur dieses Einfältige, z. B.
Rotinhalt, Ton. Aber freilich, wenn wir ins Zeitbewusstsein eintreten,
15 sehen wir, dass die Richtung-auf ein Strahl ist, der seine Kontinuität
der Breite hat: selbst eine Einheit, sich im Zeitbewusstsein konstitu-
ierend.
Wenn wir andererseits die Liebe, Empörung etc. und alle ähnlichen
„subjektiven“ Akte hnehmeni, so haben wir auch eine Richtung-auf.
20 Genauer, wir haben irgendeine objektivierende Richtung-auf mit all
dem, was sie an Darstellungsstufen in sich schließen mag, aber wir
haben andererseits auch die liebende Richtung-auf, die empörende
Richtung-auf etc. Wie man sieht, hat jede eine eigene Qualität, und
zu jeder Qualitätsart gehört eine Positivität und eine Negativität.
25 Positivität und Negativität treten nicht auf in der Erfassung (in der
theoretischen Zuwendung), aber sie treten auf in der „Auffassung“,
im beziehenden Bewusstsein, sofern es Gegenständlichkeit konstitu-
ierend ist (Seinsmodus). Wir haben in der Bewusstseinssphäre zwei-
erlei Akte (zu denen Positivität und Negativität gehören), die einen
30 sind objektivierend, die anderen nicht-objektivierend, die letzteren
liegen in besonderem Sinn auf der subjektiven Seite.

h§ 6. Empirische Apperzeption und Wertapperzeptioni

Wenn ich öfters Gefallen an etwas gefunden habe, so fasse ich


es im neuen Fall von vornherein als schön, als entzückend etc. auf,
35 ehe ich noch das aktuelle Entzücken wirklich erlebe. Ich sehe von
die konstitution der gemütscharaktere 137

weiter Ferne eine berühmte Madonna von Raffael und fasse sie als
das berühmte und „schöne“ Werk auf. So fasse ich ein Nützliches
als nützlich auf, ohne den Nutzen zu aktualisieren, die Speise als
wohlschmeckend, ohne sie wirklich zu schmecken etc. Ebenso eine
5 Geige als vermutlich herrlich tönend. (Ich sehe ihren Charakter als
echte Amati.) Ebenso aber auch: Ich sehe einen Gegenstand als Ham-
mer, als Werkzeug. Ich sehe einen Gegenstand und erfasse mit die
Rückseite. Und schließlich: Die Vorderseite, und zwar die Farbe etc.,
sehe ich „wirklich“, aber in diesem Sehen liegt auch ein Auffassen.
10 Man wird hier geneigt sein, von Erkennen zu sprechen. Ich er-
fasse ein Ding als Ding, das ist ein Erkennen. Ich erkenne aufgrund
der aktuellen Empfindungserlebnisse unter gegebenen Umständen
einen farbigen, runden Gegenstand, eine Einheit von Eigenschaften
und gerade von diesen Eigenschaften, die mir fortgesetzt gegeben
15 wären in einer zusammenhängenden Einheit der Erkenntnis. Auch
das eigentlich Wahrgenommene ist erkannt, und das uneigentlich
Mitgefasste ist miterkannt. Nun, dann ist Erkennen ebenso viel wie
empirisches Auffassen und wohl zu scheiden vom Erkennen des Ge-
genstandes als Gegenstand eines „Begriffs“, als Subjekt eines Prädi-
20 kats. Begriffe gehören in die Sphäre des Denkens, und Denken setzt
hier, als unter Begriffe bringen, ein „Anschauen“, ein „Auffassen“
voraus. A pper zepti on al s em pi ri sche Auffassung, in der ein
empir is cher Gegens tand erschei nt als Ding und in seinem
empir is chen Wer t, i st ei n festum grenzter Begriff.1

1 Jeder Akt ist also Bewusstsein von etwas, nämlich nicht nur jeder „stellungnehmen-

de“ Akt des Gemüts, sondern jeder spontan sich zuwendende Akt, wozu auch das
Urteilen zu rechnen ist. Bewusstsein in diesem Sinn ist nicht identisch mit Erfassung,
mit Betrachtung und darauf gegründeter Prädikation. Denn das sind nur Einzelfälle
solchen Bewusstseins. Aber jedes Bewusstsein kann Grundlage eines erfassenden
Bewusstseins sein, und das erfasst dann, je nach der „Richtung“ des erfassenden
Aktes, das Bewusste, das Urteil, den Wunsch etc. und macht es in der Erfassung zum
Objekt, eventuell zum Explikanden, expliziert seine Teile, hebt seine „Charaktere“
hervor, bezieht diese auf das Subjekt hoder esi analysiert, was Sache des „Aktes“ ist,
Sache der Modi ist, in denen dasselbe Kategoriale, Optionale etc. gegeben ist.
Ein Bewusstsein ist Bewusstsein-von, das heißt eben, es ist eine Reflexion möglich,
die 1) evident macht, es war etwas, das nicht erfasst war, und dieses war Bewusstsein
von etwas; 2) aus diesem lässt sich „nachträglich“ in der Reflexion eben entnehmen
das Was etc. Bewusstsein-von, das ist das „intentionale“ Bewusstsein. Es gibt so viele
Grundarten, so viele Grundarten von Gegenständlichkeiten es gibt. Bewusstsein-von
138 die konstitution der gemütscharaktere

Wie weit reicht Apperzeption? Ein Ding erscheint und erscheint


mit den und den inneren Bestimmtheiten und den und jenen äußeren,
das und das bewirkend, die und jene Einflüsse erfahrend usw. Und
dabei ist mancherlei uneigentlich erscheinend, mitaufgefasst in der
5 einen oder anderen Richtung, etwa was sich auseinanderlegt mit den
Worten: Wenn das Ding so behandelt wird, dann tritt das und das ein,
es hat die Fähigkeit, so und so zu wirken und zu leiden. Ein Mensch
histi ein Gegenstand, der „leiblich“ die und die Eigenschaften hat und
der zugleich erlebt, Bewusstsein hat, die und die wirklichen Akte, die
10 und die Eigenschaften geistiger Art, Fähigkeiten etc. hat.
Zur Apperzeption, in welcher ein empirischer Gegenstand sich
konstituiert, gehört wesentlich das Ineinander von „motivierenden
Umständen“ und „Motivaten“, das „wenn und so“, „weil und so“,
das Zueinander-„gehören“, womit gegeben ist, dass, wenn die „Um-
15 stände“ in Fluss kommen, sich die Zugehörigkeiten entsprechend än-
dern usw. Die Konstituentien des Gegenstandes, die Teile, Momente,
die Eigenschaften, Fähigkeiten, gehören zusammen, sie konstituie-
ren in der Einheit der Zusammengehörigkeit den Gegenstand als
etwas, das das und das ist, und sie gehören zusammen in dieser Form
20 des „weil – so“ und „wenn – so“, die hinweist auf den möglichen
Fluss der Phänomene. Kommen die Phänomene in Fluss, so muss,
da sich das darstellt, sich dann jenes darstellen etc. Es muss das
und das kommen. Es ist eine identische substanzial-kausale Einheit
untergelegt, eine Einheit des Phantoms, die ihre eigenen Formen
25 hat, auch ein Identisches histi, das sich durchhält durch einen Fluss
von Erscheinungen, und von Erscheinungen, die den Typus haben:
Wenn das Einheitliche unter den Umständen so ist, so muss es bei
Änderung der Umstände so sein; da es als dieses Identische sich jetzt
so darstellt, muss es sich im Fortgang der Erscheinungen so darstellen
30 etc. Das Substanzial-Kausale liegt aber in der höheren Schicht, die
schon Phantome voraussetzt und Weil-so-Beziehungen, die schon zu
Phantomen gehören, neu einführt.

ist nicht so viel wie Erleben. Erleben ist das immanente Zeitbewusstsein, auch das
ist Bewusstsein, aber der radikalsten Tiefe. Aber noch eins ist zu erörtern: Hat denn
Bewusstsein-von Intensitäten? Ich liebe, begehre heißer und minder heiß. Ich bin mehr
oder weniger entrüstet.
die konstitution der gemütscharaktere 139

Gibt es nicht noch andere Zusammengehörigkeiten? Und ent-


springen aus diesen nicht andererseits wieder empirische Zusam-
mengehörigkeiten? Nämlich wenn ich einen edlen Ton höre: Ich höre
den Ton und er gefällt. Es ist hier die Schwierigkeit zu entscheiden,
5 ob das „edel“ bloßes Korrelat des Gefallens ist oder ob zum Ton
ein sinnliches Gefühl gehört, während das Gefallen ein Neues, ein
stellungnehmender Akt des Gemüts ist. Muss man nicht sagen, so
wie Empfindung einmal ohne Zuwendung statthat, das andere Mal
mit Zuwendung (erfassender Setzung), so auch das an den Empfin-
10 dungsinhalt geknüpfte Gefühl (oder das auf Empfindungsbewusstsein
gegründete Gefühlsbewusstsein), nur dass wir hier eine doppelte Art
der Zuwendung haben: einmal die erfassende, die den Gefühlsinhalt
eben erfasst, und die andere die Gefallenszuwendung. Aber ist das
eben anderes als das Stellungnehmen zu dem Gefühl und ein zweites
15 dem hGefühli gegenüber?
Jedenfalls, blicke ich mit Gefallen auf das Objekt hin, auf den Ton,
so hat der edle Ton seine Gefälligkeit, es ist das Gefällige bewusst,
der Ton im Charakter der Gefälligkeit. Und dieser Charakter gehört
zum Ton und näher zu ihm vermöge der und der Momente (der und
20 der Wertcharaktere). Diese Zugehörigkeit ist eine ganz andere als
die der Zugehörigkeit innerhalb einer empirischen Apperzeption. Sie
ist durch den Akt des Gefallens originär „gestiftet“.
Man kann versuchen zu sagen: Die empirische Apperzeption ist
passive Apperzeption. In der Zuwendung, die hier bloße Erfassung
25 ist, verhalten wir uns entnehmend, und entnehmend, ohne dass wir
vorher gegeben haben in einer Aktivität. Die empirische Anschauung
gibt, und wir haben nur zu nehmen, um das Gegebene zu erfassen.
Das Geben ist ein passives Haben, kein aktives Geben. Hier aber
im Gefallen haben wir eine Aktivität, die sich auf der Passivität
30 des gebenden Bewusstseins aufbaut; das Gemüt nimmt Stellung zum
Gegebenen, und indem es das tut, ist ein Neues gegeben, wir können
nun wieder erfassen.1
Nun stiftet sich aber im Bewusstseinszusammenhang immer wie-
der neu empirische Apperzeption. Ich kann ein Objekt als entzückend

1 Vgl. aber Aπ 7 = 65 h= S. 65,17–67,8i. Gefallen ohne Zuwendung. Heiterkeit, die


sich von der Geschmackslust ausbreitet, während ich nicht im Gefallen der Speise als
gefällig zugewendet, sondern mit anderen Dingen beschäftigt bin.
140 die konstitution der gemütscharaktere

(empirisch) apperzipieren, ohne ein aktuelles Gefallen zu vollzie-


hen, ohne also das „gefällig“ originär zu konstituieren und dann
das Konstituierte am Objekt als seinen Charakter zu erfassen. Man
wird etwa sagen: Ich habe bei dergleichen Entzücken erlebt und das
5 Entzückendsein erfasst, und nun, ohne wirklich das Entzücken zu er-
leben, apperzipiere ich das Objekt als entzückend. Nun habe ich eine
Apperzeption wie eine andere, und sie kann nun Aussagen fundieren
wie „Dies ist entzückend“, „Dass dies geschehe, ist zu wünschen, ist
wünschenswert“ etc. Aufgrund dieser Apperzeption kann dann ein
10 neues Gefallen statthaben.
Eine Geige apperzipiere ich als herrlich. Sie „hat“ einen ent-
zückenden Ton und entzückt um dessentwillen selbst: Aktuell ent-
zückte früher vielleicht der Ton der wirklich gespielten Geige und sie
selbst um dieses Tones willen, aber dann, wenn ich sie nur sehe, wo sie
15 nicht gespielt wird, gefällt sie. Wir haben ein sozusagen apprehensives
Gefallen, ein Gefallen an der Geige um dessentwillen, dass, wenn
sie gespielt wird, sie einen herrlichen Ton gibt, einen schönen Ton
und einen entzückenden Ton. Die Geige ist als das apperzipiert,
und diese apperzeptiven Charaktere sind die Motive („Quellen“)
20 des Gefallens. (Der Ausdruck „apprehensives Gefallen“ ist wohl
unbrauchbar.)1
Wie ist es, wenn ich einen Sachverhalt denke und ich sage aus,
er sei wünschenswert, ohne dass ich wünsche? Ruht das auch auf
empirischer Apperzeption? Habe ich dergleichen auch bei Gedach-
25 tem? Habe ich wirklich gewünscht, dass S p ist, so mag der Gedanke,
dass S p ist, Träger einer Apperzeption sein: Dass S p ist, steht als
wünschenswert da, es hat den apperzeptiven Charakter. Aber wie
ist das zu denken? Anstelle des aktuellen Wünschens steht eine
Modifikation, es ist kein lebendiger2 Akt, aber ein „totes“ Wünschen.
30 Ebenso, wenn etwas als gefällig, entzückend apperzipiert wird, tritt,
wird man sagen, für das lebendige Gefallen ein totes, passives ein.
Und nun kann ich mich auch hier dem Charakter zuwenden, kann
die Objektität als erfreulich, erwünscht etc. setzen und erfassen.

1 Es ist ein auf Wertung als Wertapperzeption gegründetes Gefallen.


2 Statt „lebendiger“ hatte Husserl ursprünglich „spontaner Akt“ geschrieben und
dann dazu am Rand bemerkt: „Spontan ist zweideutig. Es handelt sich nicht um
Zuwendung, sondern um ursprüngliches Leben.“ – Anm. der Hrsg.
die konstitution der gemütscharaktere 141

Werden wir also nicht zurückgeführt auf die Unterschiede zwi-


schen „ lebendigen “ Akten und „ toten “ (Passivitäten, in die
Aktivitäten übergehen können)? Und wie weit das zurückzuführen
ist, ist für mich immer fraglich gewesen: Ob dann nicht auch sinnlich-
5 dingliche Apperzeption zurückführt auf ursprüngliche Aktivitäten,
auf wirkliche Akte des aufgrund gewisser Motivationszusammen-
hänge des Empfindens sich haufibauenden Einheitsbewusstseins, Ge-
genstandsbewusstseins? Die schon konstituierte Einheit kann Träger
neuer Prädikate werden: Neue Schichten von Motivationen verflech-
10 ten sich mit den alten und hdarunteri solche, wo neue Akte, die
Gemütsakte, fungieren, die in den Akten der Unterschichten fun-
diert sind. Wir hätten dann Dingmotivationen, damit verflochten
Wertmotivationen der Schicht der sinnlichen Gefühle, dann Gefal-
lensmotivationen: Unter den und den Umständen nimmt das Objekt
15 Werteigenschaften an, und dann knüpft sich daran Gefallen, das
zu diesen Eigenschaften als Werteigenschaften gehört. Es fundiert
dann einen Sachverhalt, der Freude erregt, oder das Nichtsein des
angesetzten Sachverhalts fundiert einen Wunsch und das Angesetzte
ist erwünscht etc.
20 Das Objekt gefällt, es hat eine Beschaffenheit, die angeschaut
lebendiges Gefallen erregt. Das Objekt im Charakter des Gefallens,
das ist noch nicht das Objekt in der Gefallensbeschaffenheit. Aber
eins hängt mit dem anderen zusammen: Das Erfassen erfasst das
Objekt und die Gefälligkeit an ihm. Sie ist, wenn das Wertmoment
25 anschaulich gegeben ist, selbst „anschaulich“ mitgegeben und so das
Objekt als das angeschaute.

h§ 7. Die Empfindungsunterlage der Sondergefühle


und der Einheitsform der Gefühlei

Die sinnlichen Gefühle, positive oder negative, Gefühle der An-


30 nehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, des Wohlseins oder Unwohl-
seins: Sie haben neben Positivität und Negativität nur uneigentliche
Qualitäten, sofern sie Einheitsformen von Gefühlen sind, die durch
die Empfindungsunterlage bestimmt sind. Wenn man will, haben sie
Qualitäten: Die Lust an einem Ton und die Lust an einer Farbe sind
35 verschieden, eben weil die Lust fundiert ist in Verschiedenem und
142 die konstitution der gemütscharaktere

durch diese Fundierung, in der sie mit dem Fundierenden auch eins
ist, ihre konkrete Bestimmtheit erhält und somit auch ihren Zusam-
menhangscharakter. So ist auch sonst Fundiertes bestimmt, so z. B. die
Wahrnehmung, je nachdem sie Wahrnehmung von dem und jenem ist.
5 Es ist nun offenbar, dass zu den verschiedenen sinnlichen Elemen-
ten in sich Gefühle gehören und dass dabei die Einheitsformen der
Gefühle Eigenheiten haben, weil Gefühle durch Gefühle vielleicht
gesteigert oder herabgesetzt werden können und weil andererseits
auch – und das jedenfalls – die Einheitsformen der sinnlichen Empfin-
10 dungen ihrerseits die Gefühle ändern, die zu den Elementen gehören:
Jeder Ton einzeln gefällt, ist sinnlich angenehm, in ihrem Zusammen
können sie aber missfallen oder sich in besonderer Weise hinsichtlich
ihrer Annehmlichkeit steigern etc. Wir finden an Ganzen aus Emp-
findungselementen ein einheitliches Gefühl, und dieses einheitliche
15 Gefühl ist nicht nur Gefühl am Ganzen, sondern wir finden, dass es
sich auch in bestimmter Weise verteilt, dass Sondergefühle zu den
oder jenen Teilen gehören und gewissermaßen Glieder ausmachen
in einem Gefühlsmilieu, in einer Gefühlssauce, die über das Ganze
der Empfindungen ausgegossen ist. Aber diese Verbindungsart macht
20 es doch, dass das Gefühlsganze, das einheitliche Gefühl, unterschei-
den lässt die einheitliche Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit
oder Gleichgültigkeit und die Gefühle, die zu den einzelnen Teilen
gehören, an ihnen hängen. Aber wenn ich hinweise auf Musik: Ist
es da nicht klar, dass wir nicht alles auf Positivität oder Negativität
25 reduzieren können und haufi Mischungen bzw. Einheitsformen aus
Gefühlen, die nur diese beiden Qualitäten haben?
VI. GEFÜHLSBEWUSSTSEIN –
BEWUSSTSEIN VON GEFÜHLEN.
GEFÜHL ALS AKT UND ALS ZUSTAND1

h§ 1. Über die Beobachtung von Gefühlen.i


5 Lektüre von hund Kommentar zu Moritzi
Geigers Abhandlung in der Lipps-Festschrift2

hGeiger meint, diei analysierende Beobachtung von emo-


tionalen Gefühlen hseii unmöglich, weil Gefühle während des „Erle-
bens“ nicht zum Objekt gemacht, nicht vergegenständlicht werden
10 können (hS.i 136). hS.i 135: Eine „teilende Gliederung des Gefühls“
sei nur möglich, wenn das Gefühl gegenständlich geworden ist. Dann
muss es jedoch seine „Erlebnisstellung“ aufgeben, es hört auf, „un-
mittelbar erlebt zu sein“. Es ist wohl möglich eine „nachträgliche
Analyse des Gefühls“, wenn das Gefühl vergangen ist und ich darauf
15 hinblicken kann, nicht aber eine „Analyse während des Erlebens“.
Ich kann dem nicht beistimmen, da ich keine reine Bestätigung
finde. – Ich war eben „schlecht disponiert“. Nun überkommt mich
meine ganze Situation, die ihre Trübnis hat. Wie kann ich mein Le-
ben vollenden, wie meine übergroßen Lebensaufgaben erfüllen? Die
20 Wissenschaft schreitet vorwärts, meinen langjährigen Bemühungen
scheint der Abschluss versagt zu sein, und andere Vorwärtsdrängende
entdecken von neuem, was ich schon längst gefunden hhabei. Es
überkommt mich das Gefühl der Vergeblichkeit meiner Arbeit. Und
während ich diese Stimmung erlebe, blicke ich auf sie hin. Nun meint
25 Geiger, das sei Beachtung, nicht Beobachtung. Nun will ich aber
beobachten. Ich wiederhole die Motivation, ich lebe wiederholt diese

1 1911. – Anm. der Hrsg.


2 Husserl zitiert im Folgenden aus Moritz Geiger, „Das Bewusstsein von Gefühlen“,
in: Münchener Philosophische Abhandlungen, Theodor Lipps zu seinem sechzigsten
Geburtstag gewidmet von früheren Schülern, hrsg. von A. Pfänder, Leipzig 1911, S. 125–
162. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 143


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_6
144 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

traurige Stimmung, d. h. in ihrer Beziehung auf die Motive, und zu-


gleich beobachte ich Teile und Seiten. Freilich, die frische Erinnerung
spielt dabei ihre Rolle, aber die Stimmung, die ich analysiere, ist nicht
die vergangene, sondern die immerfort lebendige, die Einheit, die
5 durch diesen Ablauf hindurchgeht, die Art, wie sie ihre explizite und
nach Ablauf der Motivationsvorstellungen implizite Beziehung auf
die Motive hat etc.
Die Schwierigkeiten sind hier im Allgemeinen dieselben, wie wenn
ich das Wesen der Apperzeption studieren will, das Wesen eines
10 „Erlebnisses“, einer Phansis beliebiger Art. Ich muss Reflexion üben.
Freilich, das theoretische Interesse, die Intention forschender Be-
tätigung, hat seinen Einfluss. Die „Höhe“, der „Grad“ der Gefühls-
lebendigkeit wird geändert. Bin ich niedergeschlagen, traurig, übel
gestimmt, so wird das theoretische Interesse den Lebendigkeitsgrad
15 der Traurigkeit herabsetzen, obschon sie nicht sogleich verschwinden
wird. Das Gefühl wird heller, dünner, weniger satt, schließlich ganz
dünn. Es mag sein, dass, sowie das forschende Interesse zurücktritt
und seinerseits an Lebendigkeit einbüßt, die alten Motive wieder ihre
Kraft gewinnen, die Trauer wird satter. Es kann aber auch sein, dass
20 die Stimmung „verfliegt“. Indessen, wenn ich analysieren will, kann
ich eben „wiederholen“, die Motive mir von neuem vergegenwär-
tigen, und wenigstens einen Teil ihrer Kraft werden sie von neuem
entfalten, und so kann ich allgemeine Wesensfeststellungen machen.
Ja, nun wird man aber sagen: Das Gefühl, das ich analysieren und
25 beobachten wollte, ist es nicht mehr, das ist abgelaufen und hat nicht
standgehalten.
Aber macht das so prinzipielle Unterschiede gegenüber äußeren
Vorgängen? Auch die laufen ab, und wenn ich sie beobachten will, so
kann ich nur das Neue analysieren und in frischer Erinnerung der Ein-
30 heit der neuen Phasen und der alten nachgehen. Das wesentlich Neue
ist nur die Reflexion, und überall, wo ich Reflexion hgeibrauche, habe
ich heinei andere Beobachtungsweise. Ferner der unleugbare Einfluss
des theoretisch beobachtenden Interesses auf andere Gefühle.
Nachträglich sagt aber G ei ger hauf S.i136, dass der Satz, dass die
35 Beobachtung der Gefühle „im vollen Erleben“ ausgeschlossen sei,
nur für eine bestimmte Art der Beobachtung gelte, die mit der Art
verwandt sei, wie wir Gegenstände zu beobachten pflegen. Nämlich
dann, wenn ein einheitliches Ich seine Gefühle, die es erlebt, gleich-
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 145

zeitig mit Aufmerksamkeit zu erfassen sucht. Es soll aber andersartige


Bewusstseinszustände des Beobachtens von Gefühlen geben, nämlich
die Fälle, w o man i n vol l em Si nn sei n eig ener Zuschauer ist.
Man ist dann in ein beobachtendes und ein erlebendes Ich
5 ges palten. Man beobachtet, wie man gefühlsmäßig auf bestimmte
Erlebnisse reagiert, wie Freude und Angst sich bilden, wie Hass und
Liebe entstehen, wie man mitleidig oder grausam ist, wie man in
Wut ausbricht. Und während das „eine Ich“ all das erlebt, sieht das
andere Ich dem ruhig zu, nimmt Stellung dazu, ist erstaunt darüber
10 oder erfreut – oder fragt sich, was wohl andere bei solch einem
Gefühlsausbruch denken mögen.
Hier haben wir also ein erlebendes, fühlendes, begehrendes, han-
delndes, auch nachdenkendes etc. Ich und ein beobachtendes, das all
dem sich zuwendet, aber auch mehr: Das Ich erlebt Gefühle, es fühlt,
15 und es nimmt fühlend Stellung zu diesen Gefühlen, es hat Gefallen
daran etc., oder es missbilligt etc. Das Ich kann beobachten und
andererseits zusehen, dass es beobachtet und somit sein Beobachten
beobachten – oder nicht? Wo ist hier bei dieser Rede von „Spaltung“
die Grenze? Die ganze Sache ist mir nicht recht klar.
20 Geiger sucht den U nterschi ed zwi schen der Beobachtung
in der Spaltung und d er ungespal t enen Beobachtung (nicht
seine Ausdrucksweise!) so zu verdeutlichen: „Im ersteren Fall teilt
sich das Ich für mein Erleben: Das eine Ich erlebt, während das
andere beobachtet.“ hS. 137i
25 Kann man nicht auch sagen: Das Ich hat allerlei Erlebnisse und zu-
dem das Icherlebnis des auf dieses Erlebnis bezogenen Beobachtens,
nämlich es „hat“ jene Erlebnisse nicht nur, sondern hat sie in der
Weise der Objekte eines Aufmerkens? Ebenso aber hat es einerseits
gewisse Erlebnisse, andererseits neue Erlebnisse des auf jene bezoge-
30 nen Billigens oder Missbilligens, Sich-Freuens oder hSich-iBetrübens,
des Sie-auf-ein-Urteilen-anderer-Menschen-Beziehens etc.
„Nicht sind“, heißt es weiter, „wie in den früheren Fällen der Be-
obachtung von Gefühlen, zwei Strahlen eines einheitlichen Bewusst-
seins-Ich vorhanden, von denen der eine im Gefühl auf die Gegen-
35 stände geht, der andere das Gefühl beachtet, sondern das Ich selbst
teilt sich.“
Was sind das für frühere Fälle? hS.i 133: Wir sind ungeduldig und
bemerken das. Wir ärgern uns und bemerken es. Die Gefühle sind
146 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

dabei nicht gegenständlich, meint G ei ger. „Sie bleiben in Erlebnis-


stellung.“ hS. 137i Demgegenüber kann analysierende Beobachtung
eintreten, die Gefühle hören dann auf, Erlebnis zu sein und werden
zu Gegenständen: in der Erinnerung.
5 Die Frage ist, ob es sich hier wirklich um radikale Unterschiede
handelt. Es gibt sicherlich Fälle einer Spaltung des Ich in dem Sinn,
dass ich als Subjekt zu mir selbst (ich als Objekt) wahrnehmend
(beobachtend), urteilend, fühlend, wollend Stellung nehme. So zum
Beispiel: Ich fühle, dass ich jetzt in einer vertrackten Situation bin,
10 ich weiß und fühle mich von Freunden bedrängt, in meinem Streben
verkannt etc. Ich ordne mich der leiblichen und sozialen Welt ein,
einer gesellschaftlichen Gruppe, einer Familie etc. Ich stelle mich
vor als Familienvater, als Mitglied einer Fakultät, als Freund ge-
genüber Freunden etc. „Ich“, der Vater etc., bin, indem ich „mich“
15 vorstelle, über mich urteile etc., Objekt wie jemand sonst. Anderer-
seits: Reflektierend finde ich mich, den Vorstellenden, Urteilenden,
oder „mein“ Vorstellen, mein begriffliches Fassen und Urteilen, mein
Fühlen, Billigen etc. bezogen auf mich als Objekt. Und nun rückt all
das in Objektstellung, oder das erlebende Ich, das stellungnehmende
20 gegenüber dem soeben objektivierten, wird selbst zum Objekt und
wird doch mit diesem „identifiziert“, und alsbald steht dahinter als
ideale Möglichkeit einer neuen Reflexion das erlebende und nicht
objektivierte Ich. Das alles ist unzweifelhaft und seine nähere We-
senserörterung ist eine besondere Aufgabe.
25 Nun kann man allenfalls so unterscheiden: 1) Ich sage etwa in
innerem Sprechen: Ich bin neugierig, wie ich mich aus dieser Situation
herauswickeln werde. Werde ich stark genug sein etc.? Ich sage etwa
zu mir mit Goet he: Nutze deine jungen Tage etc., sei ein Held! Du
hast keine andere Wahl! Hier bin ich Objekt, und ein Objekt, das
30 ein Ich ist, das hsichi auf sich selbst richtet, zu sich selbst spricht,
sich Lehren gibt, sich über sich betrübt oder freut etc. Und Reflexion
übend kann ich dann sagen, es sei zu unterscheiden zwischen dem
nicht objektivierten, erlebenden Ich als einer gewissen Schicht von
Erlebnissen und zwei objektivierten und miteinander identifizierten
35 Ich-Schichten, ein Ich auf sich „selbst“ gerichtet.
2) Ich bin traurig gestimmt, und in dieser Stimmung lebend mag
ein beachtender Blick auf sie gehen, ohne dass ich mich als „Ich bin
traurig gestimmt“ objektiviert setzte. Ich bin lustig und blicke auf
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 147

die Lustigkeit hin, eventuell freue ich mich auch der Lustigkeit, ohne
dass ich mir sagte und mich objektiv setzte: Ich bin lustig, und ich
freue mich darüber.
Es ist allerdings die Frage, ob nicht, wie allzeit Dinge „da“ sind, so
5 auch gegenüber den Dingen ein Ich, heini einfaches Ich, bewusst ist,
wenn auch nicht wörtlich und begrifflich gesetzt. Und weiter, wenn
die Verstimmung beachtet ist, ob sie nicht als Verstimmung des Ich
bewusst ist und gesetzt ist. Dann aber kann ich mich ärgern, dass ich
verstimmt bin und kann den Ärger bemerken. Muss ich dann den
10 Ärger selbst wieder als „Ich ärgere mich“ objektivieren? Oder ich
bin heiter und bemerke die Heiterkeit und freue mich der Heiterkeit,
ich bin der Heiterkeit zugewendet und in der Weise der Beachtung
und wieder der Freude, ich bemerke auch die Freude. Muss sie wieder
als „Ich freue mich über meine Heiterkeit“ objektiviert sein? Muss
15 jedes beachtete Gefühl als „Ich fühle“ objektiviert sein?
Jedenfalls könnte man aber einen Unterschied darin finden: Ein-
mal erlebe ich Stimmungen, Affekte etc., und objektiviert steht da:
ich, der ich in diesen Stimmungen befindlich bin, und diese selbst
als meine Stimmungen etc. Zugleich aber steht sozusagen dahinter
20 „ich“, der das beobachtet, der im Hintergrund neugierig ist, wie ich
mich nun verhalten werde, der Urteile abgibt und dgl. (insbesondere
Werturteile). Ein anderes Mal fühle ich das und jenes, urteile ich so
oder so, handle ich, bemerke all das, aber ich stehe dabei nicht hinter
all dem als stellungnehmendes Ich, das sich sich gegenüberstellt
25 und dabei von hint en her Stellung nimmt, sondern ich tue es von
vor ne her, sozusagen offen, nicht als ein gleichsam Zweiter, als wie
ein Fremder, aber als eine sozusagen fremde Person, die zugleich
ich bin, als ob ich mich in einen anderen hineingesteckt hätte, der
mir gegenübersteht und über mich urteilt, sondern ohne aus mir
30 hinauszugehen, nehme ich Stellung, urteile ich etc.
Das hat wohl G eige r gemeint. Er sagt ja: „Hier teilt sich das
Ich für mein Erleben. Das eine Ich erlebt, das andere hIchi be-
obachtet“ (ist neugierig, ist erstaunt, was das Ich für Dummheiten
macht, wie unvorsichtig es sich gehen lässt etc.). Nicht sind „zwei
35 Strahlen eines einheitlichen Bewusstseins-Ichs vorhanden, von de-
nen der eine im Gefühl auf die Gegenstände geht, der andere das
Gefühl beachtet, sondern das Ich teilt sich selbst“ (S. 137). Wieder
sagt er (S. 137 unten): „Bei der Beobachtung der Gefühle in der
148 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Ichspaltung ist es nur indirekt das Gefühl selbst, das beobachtet


wird, es ist vielmehr das erlebende Ich in seiner Gesamtheit mit den
zugehörigen Gefühlen, dem sich ein anderes beobachtendes (und
sonst stellungnehmendes) gegenüberstellt.“ Das Hinter-Ich, das mir
5 selbst gewissermaßen entfremdete, der Beobachter, der unbestechli-
che Zuschauer in der Gewissensbeurteilung etc., ist gerichtet auf das
„erlebende“ Ich, auf das lebendige, eigentliche Vordergrund-Ich; es
beobachtet aber, indem es beobachtet, wie ich fühle, denke etc., eben
auch dieses Fühlen als Zustand, als meinen „lebendigen“ Zustand
10 etc.
Ich verstehe nicht recht, warum diese Beobachtung von Gefühlen
so radikal verschieden sein soll und warum sie eigentlich von Geiger
ausgeschlossen wird. Die Apperzeptionsweise ist verschieden, aber
„indirekt“ ist die Beobachtung des Gefühls doch nicht. Nur dass das
15 Gefühl apperzipiert ist als Gefühl des „lebendigen“ Ich (es fehlt ein
Wort!), und es ist nicht abzusehen, warum in der Ichteilung Beob-
achtung des Gefühls möglich sein soll und ohne Ichteilung nicht. Da
bleibt doch sehr viel Ungeklärtes übrig.
S. 138: Un t ers chied zwi schen ni cht erfassten Gefühlen
20 ( nic ht mit A ufm erks am kei t erfasst) und n icht beachteten
„ gegens tändli chen Erl ebni ssen “.
1) Ich gehe bei einer Farbe von Nichtbeachtung zu Beachtung
über.
2) Ich gehe bei einem Gefühl von Nichtbeachtung zu Beachtung
25 über.
ad 1) Erst war ich anderen Gegenständen, etwa der Gestalt des
Blattes zugewendet, dann der Farbe. Eine Gegenstandseinstellung
geht in die andere über: Auf die Gegenstandsseite des Bewusstseins
bin ich dabei immer eingestellt.
30 ad 2) Ein Gemälde anschauen und genießen. Dann beachte ich
die Gefühle, das Erlebnis des Genusses, des Gefallens am Bild. „Die
gesamte Einstellung ist geändert“, einmal lebe ich im Gefühl, ich
bin ganz darin. Dabei achte ich auf das Bild. Wenn ich aber auf das
Gefühl achte, ist nicht ein neuer Gegenstand, Gefühl genannt, für
35 meine Aufmerksamkeit an die Stelle eines anderen getreten, sondern
die ganze Bewusstseinsanordnung ist verschoben.
Das ist richtig. Aber das gilt nicht nur für Gefühle, sondern für den
ganzen Bereich der (nicht objektivierten) Erlebnisse, für alles, was
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 149

„Bewusstsein“ ist und überhaupt nicht „gegenständlich“ ist, aber in


einer „Reflexion“ zum Gegenstand werden kann. Einmal bewege
ich mich in einem apperzheptiveni Feld: im Feld „erscheinender“
oder sonstwie „bewusster“, „vorgestellter“ Gegenstände. Das an-
5 dere Mal überschreite ich dieses Feld und „mache“ zum Gegen-
stand, was vordem nicht gegenständlich war, nicht etwa bloß un-
bemerkter, aber vorstelliger Gegenstand war. Das ist das Entschei-
dende.
hS.i 139: Die I ntent i onal i tät der Gefühle. Brentano und
10 seine Schüler (ebenso die Grazer psychologische Schule) behaup-
ten den „intentionalen Charakter der Gefühle“. Ähnlich wie in den
Akten des Meinens das Gemeinte erfasst wird, wie in den Vorstel-
lungsakten das Vorgestellte, so wird auch in einer Freude irgend-
ein Gegenständliches erfasst. G ei ger vermeint damit auch meine
15 Stellung zu bezeichnen, aber das ist verkehrt (vgl. Logische Unter-
suchungen). Das habe ich nie gesagt, dass die Freude „erfasst“, wie
eine Vorstellung erfasst. Wohl spreche ich von einem gegenständlich
Gerichtetsein, etwa, dass Gefallen seinem spezifischen Wesen nach
die Beziehung auf ein Gefallendes fordere. Aber es fragt sich, was
20 Gerichtetsein und Beziehung-auf für ein Gefühl und für jeden Akt,
der nicht Vorstellung ist, besagen soll.
Geiger reproduziert wesentlich meine Ansicht, wenn er sagt, dass
der erfreuliche Gegenstand ni cht so (hS.i 140) in dem Erlebnis
der Freude gegeben sei wie der gemeinte Gegenstand im Meinen,
25 der wahrgenommene im Wahrnehmen. Aber dennoch seien wir im
Zweifel (den er als Gefühl fasst) gerichtet auf das Bezweifelte, in
der Freude auf das Erfreuliche: Wir beziehen uns in der Freude
auf den Sachverhalt. Das ist, wie gesagt, meine Lehre in den Logi-
schen Untersuchungen und weicht also wesentlich ab von der Lehre,
30 die vorher hS.i 139 als die Brentanos und seiner Schüler (dar-
unter werde ich selbst durch ein Zitat befasst) bezeichnet worden
histi.
Geiger findet es nicht glücklich, die Beziehung der Freude auf
den Sachverhalt (er selbst gebraucht jetzt denselben unvermeidlichen
35 Ausdruck wie ich) als intentionale zu bezeichnen. Es sei zweckmäßi-
ger, von intentionaler Beziehung nur da zu reden, wo ein Gegenständ-
liches im Akt wirklich erfasst wird. Er spricht von „Gegenstandsrich-
tung“, ein Ausdruck, den ich doch auch oft verwende. Also nach
150 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Geiger (das gesteht er zu) haben Gefühle „Gegenstandsrichtung“,


wenn wir fühlend auf die Gegenstände der Gefühle eingestellt sind
(hS.i 141).
Es ist unvermeidlich, von Gegenständen der Gefühle öfter zu
5 sprechen und wohl immer. Und damit ist eben auch die Rede von
„Beziehung“ auf Gegenstände, von Richtung auf sie als unvermeid-
lich dargelegt.
„Wie aber ist die Beziehung von Gefühl und Gegenstand be-
schaffen, wenn wir innerlich nicht auf die Gegenstände, sondern auf
10 das Gefühl selbst eingestellt sind?“ Wenn wir das Gefühl beachten,
während wir es erleben?
Geiger unterscheidet Beachtung von Gefühlen und als allgemei-
neren Fall Einstellung auf Gefühle (es gibt Einstellung-auf, die nicht
Beachtung ist). Beispiel: ästhetische Landschaftsschilderungen, die
15 Einstellung rein auf Gegenstände fordern (hS.i 142). Es muss auf
die Gegenstände hingeblickt werden. Im Erfassen des Gegenstandes
baut sich hier das Gefühl auf (realistische Landschaftskunst). An-
dere Kunstwerke dagegen (Richtungen der Lyrik) wollen weniger
im Erfassen des Gegenstandes genossen sein, sondern darauf kommt
20 es ihnen an, eine „Stimmung zu erregen“. Bei unzähligen lyrischen
Gedichten ist es nicht sehr wesentlich, die innere Einstellung zu
richten auf die Worte und ihren Sinn, sondern die Worte wollen
eine bestimmte Stimmung in mir anklingen lassen. „Die Einstellung
richtet sich dann auf die Stimmung – der Gegenstand ist gleichsam
25 außerhalb der Einstellung.“ Wir seien auf die Stimmung eingestellt,
ohne das Gefühl zu beachten.

h§ 2. Meinendes Vorstellen und meinendes Fühleni

E in Gefühl beachten ist sicherlich etwas ganz anderes als in


einem Gefühl leben und, des näheren, darin in bevorzugendem
30 Sinn „leben“. Es kommen hier verschiedene Differenzen in Betracht.
Bei Gefühlen wie bei allen anderen Erlebnissen haben wir den Un-
terschied des Im-Vordergrund-Stehens und Im-Hintergrund-Stehens,
und das in verschiedenem Sinn. G ei ger spricht von „Einstellung“
auf ein Gefühl, auf eine Stimmung, und stellt das gegenüber der
35 Einstellung auf einen Gegenstand. Das scheint mir schief. Insbeson-
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 151

ders wenn es heißt, bei der Einstellung auf das Gefühl verbliebe
der Gegenstand des Gefühls „außerhalb der Einstellung“: als ob
Einstellung beiderseits dasselbe besagte.
Wir können in einem analogen Sinn sehr wohl sagen, wir lebten
5 in der Vorstellung des Gegenstandes, wir seien vorstellend auf den
Gegenstand „meinend“ oder bloß bemerkend gerichtet, auf ihn zielte
ein thematisches Meinen, auf ihn zielte ein bloßer Blickstrahl, ein
Strahl der Aufmerksamkeit, und andererseits, wir lebten im Gefühl,
wir seien fühlend auf den Gegenstand und seinen Wert gerichtet,
10 und dabei entweder in der Weise des thematisch auf das Gefühlte
Gerichtetseins oder hdesi nicht-thematisch und bloß nebenbei (neben
dem Thema), im Vorübergehen etc. darauf fühlsmäßig Gerichtetseins.
Sprechen wir hier von Einstellung auf das Gefühl, so müssten wir
dort von Einstellung auf die Vorstellung sprechen, sprechen wir hier
15 hingegen von der Einstellung auf das Gefühlte (auf den Objektwert),
so dort von der Einstellung auf den (Vorstellungs-)Gegenstand. Da
liegen die Analogien.
Zu bemerken ist aber, dass wir hier besser nicht von Unterschieden
des Im-Vordergrund-und-Hintergrund-Stehens sprechen. Das Bild ist
20 vieldeutig. Das wird sich im Weiteren zeigen, und näher wird sich zei-
gen, dass wir bei allen „Akten“ unterscheiden müssen die Fälle des im
spezifischen Sinn Gerichtetseins-auf, Abzielens, Hingewendetseins-
auf, von Fällen, wo das nicht statthat, und wieder in der ersteren
Sphäre die Fälle, wo die Hinwendung einem theoretischen oder Ge-
25 mütsthema gilt (das sich in dieser Hinwendungsweise konstituiert)
und wo sie einem gilt, das außerhalb des Themas steht, wofern über-
haupt ein Thema konstituiert ist.
Damit sind aber nicht zu verwechseln die Unterschiede der „Be-
w us s ts eins höhe“, der Aufdri ngl i chkeit, der Lebendigkeit, die
30 sich mit den eben genannten kreuzen, also z. B. sich finden innerhalb
der Akte, in denen wir kein Abzielen-auf und kein thematisches Mei-
nen im Besonderen vollziehen. Nämlich Vorstellungen können mehr
oder minder gehoben sein, sich mehr oder minder aufdrängen
(aufdringlich sein), größere Lebendigkeit haben oder geringere. Hier
35 bestehen graduelle Unterschiede, die es aber nicht hindern, dass doch
von V ors tellungs hint ergründen gesprochen werden kann, die
das unterste Niveau bezeichnen, von dem aus ein Abheben statt-
hat, gewissermaßen ein diskreter Lebendigkeitsunterschied, der Dif-
152 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

ferenz schafft gegenüber dem Niveau.1 Ebensolche Unterschiede


bestehen in der Gemütssphäre. Ein vager Gefühlshintergrund,
der nichts von Hinwendung-auf, Hingerichtetsein-auf konstituiert
hat, und davon abgehoben lebendige Gefühle derselben Art. Und
5 natürlich auch in der spezifischen „Bewusstseins“-Sphäre (der der
spezifischen Intentionalität) eben dasselbe.
Etwas anderes ist es aber, wenn wir die Rede von Vordergrund
und Hintergrund auf Unterschiede zwischen thematisch und nicht-
thematis ch beziehen. Zum Beispiel, ich bin in niedergedrückter
10 Stimmung und lese ein G oethe’sches Gedicht, und zwar ästhetisch.
Das ästhetische Erlebnis steht im Vordergrund, das heißt, darin voll-
ziehe ich ein thematisches Bewusstsein, das bestimmte Erlebnisrei-
hen zentriert und verknüpft und erhöht. Die trübe Stimmung steht
im Hintergrund, sie ist nicht verschwunden, sie hat ihre Aufdring-
15 lichkeit und ihre Lebendigkeit. Sie hat ihre Abhebung gegenüber
anderen Gefühlen. Wieder kann es sein, dass dazwischen manche
Vorstellungen und Gefühle etc. außerhalb des Themas auftauchen
und, sofern sie Richtung-auf haben, im „Vordergrund“ stehen. Nun
heißt V order grund alles, was Bewusstsein im spezifischen Sinn
20 ist, spezifische Richtung-auf. Und dieser Vordergrund teilt sich wie-
der: der Kreis dessen, was im Vordergrund des „ Interesses “
steht, dessen, was zur Ei nhei t des Themas (des theoretischen
oder axiologischen oder praktischen) gehört, und das, was zurück-
steht.
25 Das alles bedarf also hier hderi Überlegung. Sorgsamste Begrün-
dung ist nötig, um die zweierlei (bzw. dreierlei) sich kreuzenden
Unterschiede zur Klarheit zu bringen.
Also 1) Empfindungen, sinnliche Apperzeptionen, Gefühle etc.
können Unterschiede der Aufdri ngl i ch keit (Tendenz, zu größerer
30 Lebendigkeit aufzusteigen, wieder Tendenz, zu Hinwendungen zu
werden) und Unterschiede der Lebendigkeit, der Deutlichkeit der
Abhebung, der Reinlichkeit in der Ausbildung, Ausgestaltung bei
Erhaltung ihres Sinnes, der Klarheit und Unklarheit zeigen. Da ist

1Es muss unterschieden werden zwischen der A u f d r i n g l i c h k e i t als einer Ten-


denz (ein phänomenologischer Charakter) und der L e b e n d i g k e i t, der Höhe im
„Bewusstseinsniveau“.
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 153

offenbar noch zu gruppieren und Unterschiede dieser jetzt zusam-


mengefassten Gruppe hsindi sorgsam zu fixieren.1
2) Auf der anderen Seite stehen die Meinungen und ihre Un-
terschiede. Eine Vorstellung (Objektivation) kann meinende sein,
5 einen Meinungsstrahl enthalten oder auch nicht. Meinung zunächst
allgemein: Hinwendung-auf, Ichrichtung-auf.
hE s i s ei nun di e Vorstel l ung „ G rundlage “ für ein Füh-
len: Das Vorgestellte gefällt, stimmt traurig (sofern es an Trauriges
erinnert und diese Traurigkeit „weckt“) etc. Dann ist zweierlei mög-
10 lich (so könnte man deuten): a) D as Mei nen lebt ausschließlich
im Vor s tellen, es ist die Spontaneität des den Gegenstand Fassens
und Setzens, an ihm das oder jenes an Teilen, Momenten Erfas-
sens, Beziehens, Identifizierens, Unterscheidens etc., das Heer der
„theoretischen“, „logischen“ Akte. Das Vorgestellte berührt das
15 Gemüt, aber im Gefallen etc. lebt kein „Meinen“, keine Sponta-
neität. Es ist pass ives Fühl en.2 b) Das Fühlen kann auch ein
„ meinendes “ Fü hl en sein, ein aktives, spontanes Gefallen. Das
Ding da gefällt, und in der Beziehung in sich selbst, in der anderen
Beziehung um des oder jenes willen. Spontan verbinden und sondern
20 sich die Gefallensakte, Akte als Spontaneitäten. Meinen besagt da,
wie es scheint, Spontaneität, Aktivität gegenüber Passivität,3 und da
kämen in Betracht die Unterschiede zwischen Vorstellungsakten als
spontanen Setzungen, Erfassungen etc. und Vorstellungen, die dieser
Eigentümlichkeit entbehren.
25 Der Kontrast tritt hervor, wenn Spontaneität sich in Passivität
verwandelt, wenn das spontane Vorstellen in den nicht-aktiven Mo-
dus zurücksinkt, auch bei höheren Formen der Objektivierung. Ich
urteile und wende mich heinemi neuem Sachverhalt zu: Ich urteile
neu, und das alte Urteil sinkt zurück, es ist nicht mehr Akt, es
30 verwandelt sich in eine Passivität. Wenn so jede Spontaneität sich
wandeln kann in Passivität, so ist es klar, dass unterschieden werden
muss: urs pr üngli che P assi vi tät, die noch nicht Aktivität war, das

1 Über Aufdringlichkeit liegen 2 Blätter in PPP zu Anfang h= Beilage VII: Das

Sich-Aufdrängen eines Objekts als Reiz zur Zuwendung (S. 188)i.


2 Passiv im Sinn eben von nicht-meinend; aktiv = meinend = spontan.
3 Ist denn „Spontaneität“ ein klarerer Begriff als Meinen? Ich glaube jetzt, dass

es umgekehrt ist und dass man Spontaneität durch Meinen definieren kann aufgrund
passender Beispiele.
154 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

ursprüngliche Chaos, das, was nicht an sich den Charakter des caput
mortuum, des unlebendig Gewordenen hat. Dann das Modifizierte,
das unlebendig G ewordene, die verwandelte Aktivität, endlich
die A kte s elbs t. Im Fortgang der Akte finden wir einen Hinter-
5 grund des ganz Unlebendigen und den Zug der zurücksinkenden
Spontaneitäten. Wir müssen aber noch genauer sein.
Nicht nur dieses Dreierlei müssen wir ja unterscheiden – das, was
nicht den Charakter gewesener Spontaneität hat, der sich ausweist,
indem wir das Phänomen der „Reakti vierung“ vollziehen, das,
10 was ich habe, und hdasi, was aktive Spontaneität ist –, sondern wir
haben auch die m odalen U nterschi ede: Akt, herabsinkender Akt,
seine Lebendigkeit soeben einbüßend, absterbend (die Spontaneität
zieht sich da zurück), und das schon völlig Unlebendige, mag es
auch reaktivierbar sein. Ferner ist es klar, dass wir auf Seiten der
15 Spontaneität Unterschiede haben wie das spontane Einsetzen und
das Noch-Spontaneität-Sein nach dem Einsetzen. Ich urteile, setze
das Subjekt und daraufhin das Prädikat. Bei der Prädikatsetzung ist
die Subjektsetzung vorausgesetzte und noch festgehaltene Aktivität,
aber nicht mehr schöpferische, urquellende Aktivität. Ein Zurück-
20 sinken ist schon da, aber noch ein Strahl der Spontaneität. Ganz
anders, wenn ich mich einem anderen Thema zuwende, verhält es
sich mit dem ganzen „zurücksinkenden“ Urteil. Wir erkennen also
hier zw ei Komponent en in den Phänomenen, die nicht im Quell-
punkt, im schöpferischen Punkt, liegen: das Herabsinken und die
25 Spontaneit ät (das spontane Lebendigsein). Ein Herabsinkendes
kann noch Spontaneität enthalten, nämlich von einem Quellpunkt
aus kann dahin noch ein Strahl gehen, oder es kann das „Ergebnis“
der Setzung, der urquellenden Spontaneität, festgehalten sein. Ich
habe die Intention, etwas Neues daran anzuknüpfen etc. Auch wenn
30 ich Prädikatsetzung übe und von ihr aus ein Strahl der Spontaneität
zur Subjektsetzung, die herabgesunken oder vielmehr im Herabsin-
ken ist, geht, geschieht dies so, dass das Herabsinken zugleich ein
Halten des „Ergebnisses“ ist. Also Schöpfung und Erhaltung auf
der einen Seite, auf der anderen Seite kein Halten mehr und damit
35 Unlebendigkeit, alsbald stirbt das Leben ab. Das Abgestorbene aber
zeigt den Unterschied des vom Leben Herabsinkens mit dem Schein
des Lebens und den anderen des völlig toten Hintergrunds. Jenes hat
noch etwas Lebenswärme, obschon keine wirkliche Spontaneität. All
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 155

diese Unterschiede bestehen gewiss. Aber nun fragt es sich, ob wir


mit ihnen für unsere Fragen etwas machen können.
Ein vorstellendes Meinen richtet sich auf Gegenstände, „beschäf-
tigt“ sich mit ihnen, und das Gefühl „betätigt“ sich an diesen Gegen-
5 ständen; sie gefallen, missfallen, sie wecken Stimmungen und sind so
Träger von Stimmungen. Nun kann ich mich dabei in verschiedener
Weise „verhalten“: a) Ich „lebe“ im Vorstellen, im Urteilen, in der
theoretischen Spontaneität (allgemeiner in der sachkonstituieren-
den). Gefühle, die sich auf die Gegenstände beziehen, sind Erlebnisse,
10 aber ich „lebe“ in ihnen nicht. b) Ich lebe vorzugsweise im Gefühl,
in den Gefühlsakten, die sich auf die Gegenstände beziehen,1 und die
Vorstellungen, Urteile etc. vollziehe ich entweder nur „nebenbei“ in
der Weise, dass ich das und jenes an ihnen bemerke und beziehend
auffasse, ohne dass es mir „darauf ankommt“, sofern es nämlich für
15 meine Gefühlseinstellung irrelevant ist, oder ich fasse es auf, sofern es
für das Gefühl relevant ist; das gegenständliche Fassen und Urteilen
fundiert das Fühlen. Aber dieses „fundiert“ besagt auch etwas für
die Art der vorstellenden Spontaneität. Ich lebe nicht im Vorstellen
schlechthin, sondern primär im Fühlen und im Vorstellen nur als
20 „Voraussetzung“ des Fühlens. Ich betrachte eine Landschaft ästhe-
tisch, und in der Einheit des ästhetischen Gefühls ist eine gewisse
Vorstellungsunterlage Erfordernis. Das bestimmt mein Betrachten.
Daneben fällt mir außerhalb des ästhetischen Einheitsgefühls und der
dadurch bestimmten Einheit der fundierenden Betrachtung manches
25 auf: „Hier wird auch Mais gepflanzt“ und dgl. Es kann auch umge-
kehrt sein. Ich betrachte als Landwirt die Gegend und nebenbei fällt
mir eine hübsche Baumgruppe ästhetisch auf, oder eine malerische
Ruine. Offenbar sind das ganz andere Unterschiede als die vorhin
besprochenen der Spontaneität.
30 Das Vorstellen, Urteilen ist einmal die „Hauptaktion“, das an-
dere Mal ist es das Fühlen. Mein Ich „lebt in der ersten Linie“ im
Urteilen, ein andermal im Fühlen. Es kann auch im objektivieren-
den Verhalten ein Unterschied dieser Art sein. Mein Hauptthema
gruppiert gewisse Vorstellungen, Urteile zusammen, in denen bin
35 ich haupts äc hli ch da bei; dazwischen schneit dieser oder jener

1 Vorher: Ich lebe weder im Sachkonstituieren noch im Gefühl.


156 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Gedanke hinein, das oder jenes außerhalb des Themas Stehende


fällt auf. Ebenso: Die Einheit der ästhetischen Haltung bestimmt das
ästhetische Thema; was dieses durchbricht, nicht hineingehört, sei es
an Vorstellungen oder Gefühlen, das ist anders charakterisiert.
5 Aber da ist wieder der Unterschied: Die Vorstellungsunterlage,
Vorstellung als Voraussetzung, gehört mit zum ästhetischen Thema,
aber nur als Voraussetzung. Die Vorstellung konstituiert nicht selbst
das Thema, aber sie hilft dazu mit und wesentlich, primär aber das
Gefühl.
10 Also haben wir in der Tat sehr wesentlich auseinanderzuhalten:
die Unterschiede zwischen Spontaneität als einsetzenden und fest-
haltenden Akten gegenüber der Passivität und Rezeptivität und all
dem, was dazugehört, und die Unterschiede zwischen dem, was das
primäre Thema ist und was es nicht ist, worin das Ich sich primär
15 postiert hat und wo nicht.
Ferner wäre noch zum Obigen zu erwägen, dass ich auch als
Landwirt, Agronom, als Geologe etc. meine bestimmt gerichteten
„Interessen“ habe, dass da auch Gefühle lebendig sind. Ich habe
Liebe zur Wissenschaft und näher zur Geologie, ich habe Liebe zur
20 Landwirtschaft, oder Landwirtschaft ist mein Beruf, und damit hängt
es zusammen, dass ich mich für Landwirtschaftliches, auch wo es
sich nicht um meine Güter handelt, interessiere, teils, um für meine
Wirtschaft davon Nutzen zu ziehen, teils, weil es mir an sich gefällt,
zum Selbstinteresse geworden ist. Diese Gefühle bewegen mich und
25 „bestimmen“ den Gang meiner Betrachtungen, Vorstellungen, Ur-
teile, in all dem „lebe“ ich nun im besonderen Sinn, dazwischen
schneit etwas herein, gegen das Thematische.1
Ferner ist es Sache besonderer Überlegung festzustellen, was das
besagt: Das Thema liegt in der Vorstellung selbst, hnämlichi die Ge-
30 genstände, die Sachverhalte etc., und ein andermal kommt es nicht

1 Hingabe an wissenschaftliches Denken und Forschen erfreut mich. Reflektiere ich,


so finde ich diese Freude. Umgekehrt, solche Freude bestimmt meinen Willen zum wis-
senschaftlichen Forschen und bewirkt, dass ich mich in solches Denken und Forschen
gern einlebe. Im derartigen „intellektiven“ Verhalten lebe ich dann vorzugsweise, es
konstituiert mir theoretische Themata. Mit diesen hat die Freude an der Forschung
nichts zu tun, sie gibt nicht theoretische Themata. Ihr Thema ist das Forschen, wenn
sie thematische Freude wird.
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 157

auf die Sachen und Sachverhalte selbst an, sondern auf die Weise, wie
sie erscheinen, auf Stimmungen, die sie erwecken. Oder es kommt nur
auf Stimmungen an und darum nur auf die Erscheinungen oder auf die
halb unklaren, vagen Vorstellungsweisen der Gegenstände, während
5 klare Vorstellungen – und versunken in das, was die Gegenstände sind
und wie sie sind – den Stimmungsgehalt nicht zur Weckung brächten
etc.
Man darf nicht wie G ei ger gegenüberstellen Einstellung auf
das Gefühl und Eins tel l ung auf den Gegenstand (statt auf
10 das Vorstellen!), sondern: Auf der einen Seite ist Gefühl das Thema
meines Lebens, in dem ich in besonderem Sinn lebe, andererseits
Vorstellen, Urteilen, Zweifeln etc., in dem ich thematisch lebe.

h§ 3. Thema, Aufmerksamkeit und Interesse in


der Sphäre der Vorstellungen und Gemütsaktei

15 Kann man sagen: Alles, was Thema ist, ist innerhalb der Sphäre
der Objektivation, des „Vorstellens“, beachtet? Sicher kann man um-
gekehrt sagen: Beachtet, ja pri m är beachtet, kann auch etwas
s ein, das nic ht Them a ist, wie wenn mir etwas auffällt und ich
momentan mich ihm zuwende, ohne dass es darum zum Thema wird
20 (was auch ein eigener Charakter an der Sache ist). Zum Thema ge-
hört das Neugesetzte ebenso wie das Festgehaltene. Aber auch nur
Festgehaltenes, mag es auch ein „vorläufig Zurückgestelltes“ sein?
Das wird man wohl nicht in jedem Sinn sagen können.
Wenn ich zu wissenschaftlichem Zweck mehrerlei lese, so habe
25 ich neben den immer neuen Ursetzungen Festhaltungen, hundi das
Festgehaltene noch lebendig bezogen auf das Neugesetzte usw. Aber
nun gehe ich zu einer neuen Gedankenreihe über, die ich „auch“
gebrauche, und dann wieder zu neuen. Man wird vielleicht sagen
müssen, dass der Begri ff der Festhal tung ein doppelter ist.
30 Ich will ja von dem Gelesenen nichts preisgeben; indem ich es in
den Hintergrund zurücksinken lassen muss, halte ich es doch, wenn
auch in dunkler Weise, in gewisser Art fest. Kehre ich dazu zurück,
so tue ich es als zu etwas, was ich immerfort als Thema habe und
als zum Thema gehörig behalte (zurückkehren zu einem nebenher
35 Auffälligen ist etwas anderes). Aber dieses Behalten ist ein anderes
158 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

als dasjenige, das im noch Lebendigen, noch Klaren waltet, wofern


Linien der Rückbeziehung, der Synthesis durch dasselbe hindurchge-
hen. Das „Ergebnis“, an das ich Weiteres „anknüpfe“ (das gesetzte
Subjekt, das zum Träger des Prädikats wird, zum Subjektbeziehungs-
5 punkt einer zweiten beziehenden Setzung etc., oder der gesetzte Satz,
der zur Prämisse einer schließenden Setzung wird usf.), ist ausge-
zeichnet dadurch, dass Aktionsstrahlen von den neuen Quellpunkten
zu den Festgehaltenheiten laufen, also in der Modifikation hsindi
noch Strahlen der Aktivität. Wenn ich aber Neues anfange und das
10 Alte vorläufig zurückstelle, noch halte, aber eine Aktionsbeziehung
sich erst herausstellen soll, die noch nicht vorgesehen ist, noch nicht
mehr oder minder bestimmt angezeigt histi, so ist der Charakter ein
anderer. Es bleibt zurückgestellt, aber noch „gehalten“ mit einer
unbestimmten Intention, es sollte oder könnte sich Weiteres daran
15 knüpfen; es wird unlebendig. Aber eventuell wird es, wenn auch nicht
eigentlich reaktiviert, so doch emporgehoben und nun Durchgangs-
punkt eines verknüpfenden Strahles.
In der einen oder anderen Weise ist alles, was thematisch ist,
gehalten und dabei bald mehr oder minder klar, in verschiedener
20 Höhe des Zurücksinkens oder Zurückgesunkenseins bis zur vollen
Dunkelheit. Es fällt dabei außerhalb des Rahmens der Beachtung und
Beobachtung; in diesen fällt dagegen alles, durch das die Synthesis
„lebendig“ hindurchgeht.
Sprechen wir von Meinen, so ist das genau in dem erörterten Sinn
25 doppels innig: Das G em ei nte i st entweder das Gesamtreich
des Themat is chen, und das befasst als dunkel Gemeintes alles
„Gehaltene“, sei es Zurückgestellte, oder es ist der Bereich des
aktuell, des „ aufm erksam “ G em ei nten, des primär oder se-
kundär in merkender Weise Gemeinten, d. i. hdesi aktuell Gesetzten,
30 Verknüpften etc.: Lebensstrahlen der Setzung (Erfassung), Verknüp-
fung, Beziehung (klare Meinung gegenüber der dunklen). Nun dach-
ten wir uns all das auf die Sphäre des „Vorstellens“ bezogen: Meinen
als vorstellendes Meinen, und zwar vorstellende s thematisches
Meinen. Im weiteren Sinn vorstellendes Meinen (der Ausdruck passt
35 nicht mehr) wäre jederlei Bemerken und Aufmerken und seine Ver-
dunklungen, aber eigentlich „gemeint“ ist das Thematische. Nun soll
sich das in genauer Analogie übertragen auf die Gemütssphäre,
also Gefallensmeinung, ästhetische Meinung, ethische Meinung etc.,
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 159

das „lebendige“ Gemütsleben, das im besonderen Sinn aktive, in dem


eine Ichaktivität lebt. Es kann dabei sein, dass diese Gefühlsaktivität
fundiert ist in einem vorstellenden Meinen, dass also Einheit des
„Themas“ durch Vorstellen und Fühlen hindurchgeht. Es kann aber
5 auch sein, dass Vorstellen fundiert, aber nicht thematisch ist. Freilich
ist das schwierig.
Zunächst ist zu beachten, dass es sehr verschiedene Formen von
Gefühlen und sonstigen „Gemütsakten“ (auch Wollungen) gibt, die
nicht thematische Auszeichnung haben, keine Gemütsthemata kon-
10 stituieren, kein Gemütsmeinen ausmachen. Vorhin hatten wir die
Fälle betrachtet, in welchen ein theoretisches Meinen vollzogen, Er-
lebnis ist und auf das so Gemeinte „nebenbei“ auch Gefühle gehen.
Ein eigener Fall ist aber auch der eines jeden theoretischen, aber
nicht meinenden Interesses, wobei im Grunde das Wort „Interesse“
15 unpassend ist. Ich denke an die beständigen Fälle, in denen wir uns
theoretisch betätigen und dabei bald Lust, bald Unlust erleben, von
Gedanken zu Gedanken weggetrieben werden etc. Reflektieren wir,
freuen wir uns des Wissens, der Einsicht, ärgern wir uns über die Un-
klarheit, und zwar eben in der Reflexion, hinblickend-auf, dann haben
20 wir sich-hinwendende und thematische Gemütsakte. Wenn nicht, so
erleben wir die Gefühle des Ärgerns, der Freude, aber „unbewusst“.
So sind all die mannigfaltigen Lebensgefühle „unbewusster“ Art, die
den Rhythmus des Lebens begleitenden Gesamtgefühle, unthema-
tisch. Ebenso ist auch die Freude an der Willenserzielung als solcher,
25 wenn sie reflektiv bewusst ist, thematisch, sonst nicht.
Nun können wir wohl sagen: Der Satz „Ein Akt hat Richtung
auf den Gegenstand“ gilt allgemein als Wesenseigentümlichkeit aller
Akte, wenn wir das Wort „Richtung“ passend verstehen. Dieser
allgemeinen „Intentionalität“ steht gegenüber die besondere, die
30 s pezifis ch mei nende Bezi ehung auf Gegenstände. Die themati-
sche Intentionalität kommt den Akten zu, in denen wir in prägnantem
Sinn leben und auf Gegenstände und Gegenstandswerte und gegen-
ständliche Ziele als Thema gerichtet sind.1 In diesem Sinn liegt keine

1 Das ist alles nicht besonders gut. Akte sind sich-hinwendende und sich-nicht-
hinwendende, siehe unten. Und andererseits: Akte sind thematische und nicht-themati-
sche. Thematische Akte brauchen aber nicht bewusste Hinwendungen, bewusste Sich-
Richtungen hzui sein. Dann sind sie zwar thematische, aber nicht eigentliche, bewusste
„Meinungen“.
160 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Intentionalität vor, wenn wir nebenbei bemerken, nebenbei, nämlich


außerhalb des theoretischen Themas, auf das wir denkend und vor-
stellend hingerichtet sind, oder wenn wir nebenbei fühlen, außerhalb
eines fühlend Hingewendetseins, etwa in der Lust, die unser glücklich
5 fortschreitendes Forschen unreflektiert begleitet usw. – auch wenn
wir in der Betätigung des Schreibens nebenbei eine Fliege abwehren,
gehört dieser Willensakt nicht zum Willensthema usw.
Nun scheint es mir aber, als ob das noch nicht alle wesentli-
chen Unterschiede befasst. In der Vorstellungssphäre haben wir den
10 Unterschied zwischen Bem erk tem , nämlich Beachtetem, und
dem Hinter grund, etwa dem visuellen Hintergrund, von dem sich
ein Gegenständliches durch einen Strahl des heraushebenden und
pointierenden Bemerkens absondert. Aber der Hintergrund besagt
auch: Vorstellungen. Das Bem erkte, eventuell ganz scharf und fix
15 Erfasste, ist darum, wie wir wissen, kei neswegs schon Thema.
Ebenso haben wir einen G efühl svordergrund und -hinter-
gr und, und zwar ein pointierendes Gefallen mit „Richtung“ auf
einen Gegenstand und Hintergrundslust oder -unlust ohne solche
„Richtung“. Die Hinwendung, das „Sich-Richten-auf“ als ein Be-
20 sonderes! Und das wieder kreuzt sich mit dem Thematischen und
Nicht-Thematischen.
Also hätten wir zu sagen, es sei zu unterscheiden: 1) die Intentio-
nalität im wei tes ten S i nn, d. h. die allgemeine Beziehung auf Ge-
genstände. Sie besagt eine Wesensei genschaft der Phänomene,
25 die sich eigentlich expliziert durch die folgenden Unterschiede. Näm-
lich gehen wir von den besonderen Fällen aus, so kann 2) ein „Akt“
eventuell nicht nur Beziehung, sondern Hinwendung auf, Hingerich-
tetsein auf etwas zeigen, als Aufmerksamkeit (Bemerksamkeit) auf
etwas in der „theoretischen“, der Vorstellungssphäre; als Gefühls-
30 hinw endung, Hinrichtung-auf, als Wi l l ensrichtung-auf in der
Gemütssphäre. Zum Wesen jedes Aktes, der nicht diesen Modus
zeigt, gehört es, dass er sich in diesen Modus verwandeln lässt und so,
dass wir evidenterweise sagen müssen: Er hat schon in sich die und die
Beziehung auf den Gegenstand, aber sie wird erst zur „Richtung-auf“
35 in der Modifikation der Hinwendung. Das wäre die Verallgemei-
ne r ung von Aufmer ksam kei t (al s Bemerksamkeit). 3) Jeder
Akt kann den Modus des them ati schen annehmen, derart, dass
sein intentionales Korrelat den Charakter des Intendierten im be-
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 161

sondersten Sinn hat, des thematisch Gemeinten. Die Intentionalität


im allgemeinen Sinn soll sagen „Beziehung auf Gegenstände“, aber
genauer besehen ist sie immer Beziehung auf Gegenstände, in eige-
ner Art aber auch in der Gefühlssphäre Beziehung auf Wert, in der
5 Willenssphäre Beziehung auf Ziele.
Im Vorstellen leben kann sagen, dass das Vorgestellte mein Thema
ist; es kann sagen: hesi als theoretisches Thema setzen, das Objekt
erfassen, als Subjekt setzen, als Beziehungspunkt etc., und zwar im
Thema, im Hauptabsehen (denn dasselbe kann man auch außerhalb
10 des Themas). Andererseits: Das Vorstellen in seiner relativen Klar-
heit, Vagheit, Bildlichkeit etc. dient eventuell nur als Unterlage, „um“
Stimmungen zu fundieren. Das Vorgestellte ist nicht mein Thema.
Ich lebe „vorzugsweise“ in der Stimmung und in der Vorstellung nur,
sofern sie Stimmung weckt.
15 Es kann aber auch sein, dass (wie z. B. bei der Freude an einem le-
bendig sich abspielenden Vorgang) das Leben im Gefühl zugleich Le-
ben in der Vorstellung ist, bei des gl ei ch thematisch, einheitlich-
thematisch. Die Analogie scheint durchführbar zu sein. Bemerken,
Aufmerken, beobac hte nd Beschäftigtsein, das sind Vorstellungsre-
20 den. Ich beobachte es: Es ist mein Thema. Ich bemerke es nebenbei,
es ist nicht mein Thema. Also das beobachtend Beschäftigtsein, das
Aufmerken im spezifischen Sinn, weist auf thematisches Vorstellen
hin.
Das Analogon wäre Gefallen haben: nebenbei hoderi primär Ge-
25 fallen haben (Gefallenssetzung), i m G efallen thematisch leben:
inter es s ier t sei n. Theoretisch interessiert sein = theoretisch Mei-
nen, gefühlsmäßiges Interesse = Gefühlsmeinen, und zwar in der
thematischen Bevorzugung. Vom Gefühl berührt sein, während das
eigentliche Interesse in einer anderen Linie verläuft, ist nicht „interes-
30 siert“ sein. I nter -es se: Ich bin bei dem einen selbst dabei, bei dem
anderen nicht.
Unter den intentionalen Erlebnissen im weitesten Sinn (Akten
im weitesten Sinn) heben sich also heraus: 1) die Phänomene der
Zuwendung, und zwar der bloßen Zuwendung „ohne Interesse“.
35 Die Zuwendung kann primäre oder sekundäre Zuwendung sein etc.
Während ich meinen Blick auf etwas richte, fällt mir schon etwas
anderes auf, dem ich erst nachher den Blick zuwende, nämlich pri-
mär zuwende. Zugewendet, aber sekundär, bin ich ihm schon, „es
162 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

fiel mir auf“, das ist das Sich-zuwenden-aber-noch-nicht-primär-den-


Vorzugsblick-darauf-richten.
Einfältige und mehrfältige Zuwendungen, Aussonderungen eines
Kreises, außerhalb dessen etwas verbleibt, was noch immer merklich
5 ist. Also hsindi weitere Unterschiede zu machen! Modi des Aufmer-
kens bzw. Bemerkens, des Erfassens und Befassens.
2) Phänom ene des Interesses i m weitesten Sinn, des theo-
retischen und praktischen Interesses etc. Verschiedene Modi. Ein
Interesse und Akte, die außerhalb stehen, oder mehrere sich durch-
10 kreuzende, durchbrechende, störende Interessensphären. Ein Inter-
esse „entzündet“ sich, etwas „weckt“ mein Interesse, es wird zu
einem neuen Thema, während ein anderes Thema noch lebendig
ist.
Die obigen Betrachtungen haben gezeigt, dass nicht jedes Phäno-
15 men des Interesses ein Phänomen der Aufmerksamkeit, ein Phäno-
men der Zuwendung ist. Es gibt eine dunkle, außerhalb der Sphäre
des Bemerkens stehende Interessensphäre, etwas, von dem ich nicht
mehr sagen kann, dass ich es, wenn auch nebenbei, bemerke. Kein
Strahl der Hinwendung im vorigen Sinn geht dahin. Oder auch:
20 Hinwendung als Strahl des Bemerkens und Aufmerkens und Hin-
gewendetsein ohne jedes Bemerken sind zu unterscheiden. Ebenso
der Doppelsinn von Richtung. Wir könnten auch von unbewusstem
Interesse sprechen, von unbewussten Richtungen auf ein Thema:
wenn das Unbewusste die Sphäre der Unbemerksamkeit besagt.
25 Die Phänom ene d es Interesses sind Phänomene des
Meinens im engst en Si nn (aufmerkendes Meinen, merkendes
Meinen, Interesse im engsten Sinn), wenn sie eben mit Zuwendung,
Hinwendung „verbunden“ sind, wenn die Objekte (onthischei Kor-
relate) des Interesses Objekte sind, denen das Ich zugewendet ist.
30 Man wird noch die Sätze aussprechen können, 1) dass jedes „Phä-
nomen des I nter ess es“ (in dem jetzigen Sinn, also jedes im spe-
ziellen Sinn thematisch meinende Bewusstsein) entweder meinendes
Vorstellen ist oder es hat ein, wenn nicht meinendes, so zuwendendes
Vorstellen zur Grundlage.
35 2) Allgemeiner: Jedes „Bewusstsein“, und zwar jeder Akt, der den
Modus einer Zuwendung, einer Richtung-auf im speziellen Sinn hat,
ist entweder vorstellende Zuwendung oder hat eine solche vorstel-
lende Zuwendung zur Grundlage.
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 163

3) Am Allgemeinsten: Jeder Akt ist entweder Vorstellung oder


hat eine Vorstellung zur Grundlage. Die Vorstellung braucht aber
nicht merkende, erfassende oder gar meinende zu sein. Dieser letztere
Satz macht am meisten Schwierigkeiten: nämlich die Schwierigkeiten,
5 die Empfindungen und die zu ihnen gehörigen Gefühle, Tendenzen,
richtig zu interpretieren. Und das sowohl für die Empfindungen
im gewöhnlichen Sinn (sinnliche Empfindung) als auch für die Er-
lebnisse, die, ohne Objekte von Zuwendungen zu sein, doch Emp-
findungen sind, Zeiteinheiten konstituierend, aber chaotisch. Sind
10 „Empfindungen“ Grenzfälle von Vorstellungen (Vorstellungsaktua-
litäten gegenüber Nichtaktualitäten), so ständen ihnen gegenüber
transiente Vorstellungen. Deutlicher: Überall hätten wir den Un-
terschied zwischen erfassenden Vorstellungen (zuwendenden) und
nicht-erfassenden; und dieser Unterschied kreuzte sich mit dem der
15 immanenten Vorstellungen und der transienten. Erstere hsindi die
Empfindungen bzw. Wahrnehmungen immanenter Empfundenhei-
ten.
Mit Beziehung auf die Gegenüberstellung von erfassenden (all-
gemeiner: hinwendenden) und thematischen Akten ist zu erwägen,
20 ob dann unsere obige Darstellung, die einen dunklen Hintergrund
innerhalb der thematischen Sphäre nachzuweisen suchte, nicht da-
hin drängt, oder es mindestens nahelegt, anzunehmen, dass dieser
Hintergrund doch nicht völlig frei von Zuwendung ist, hund zu erwä-
gen,i ob das Im-Dunklen-Halten-und-Mitnehmen auch ein Modus
25 des Erfassens und Fassens ist.
Wir könnten etwa sagen: innerhalb der Sphäre des zuwendenden
Vorstellens (des zufassenden, noch haltenden und behaltenden) sei
eben zu scheiden:
a) Die primäre Zuwendung, das aufmerksam erfassende, das er-
30 wählende Vorstellen, der pointierende Blick richtet sich darauf, es
vor allem bevorzugend.
b) Die sekundären Zuwendungen. Neben dem Ersten ist noch
ein Zweites und Drittes oder eine Gruppe und dgl. mitgefasst, mit-
erblickt; auch das ist eine Auswahl, eine Bevorzugung, indem noch
35 anderes übrig bleibt, was vorstellig ist.
c) Ein gefasster Hintergrund, der „Hintergrund“ ist, weil er eine
niederste Stufe darstellt von gefassten Objektitäten, vor denen, die
sub b) und a) bevorzugte sind.
164 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

d) Und all dem gegenüber gibt es nun eine Fülle von Vorstel-
lungserlebnissen, durch die gar kein Blick geht, in denen nichts von
Fassung lebt, die bloße Passivität, das Chaos. Also sämtliche Empfun-
denheiten gehören in die Sphäre des Unerfassten, auch dunkel Uner-
5 fasstheni. Aber es mögen auch apperzeptive „Wahrnehmungsvorstel-
lungen“ (transiente Vorstellungen) auftauchen ohne jeden Blick-
strahl; sie machen im eigentlichen Sinn keinen Hintergrund aus, der,
wie das Bild andeutet, ein Gefasstes ist ohne jedes Fassen.
Irgendein beliebiger Akt ist „bewusst“, aber nicht Objekt einer
10 Zuwendung, weder einer primären noch entfernten Erfassung. Da-
gegen der gegenständliche Hintergrund der Wahrnehmungsfelder ist,
wenn auch dunkel, hintergrundmäßig erfasst. Vielleicht nur teilweise,
oder genauer gesprochen: Vielleicht ist die Zahl der ausgebildeten
Apperzeptionen dürftig, vielleicht hsindi nicht alle Sinnesempfindun-
15 gen in Apperzeptionen einbezogen, aber allgemein zu reden ist immer
ein Hintergrund da, von dem sich das primär und sekundär Erfasste
(das Aufgemerkte und Bemerkte) abhebt.
Wir würden also dann innerhalb der Sphäre der Erfassungen im
weitesten Sinn, der zuwendenden Vorstellungen, unterscheiden die
20 Sphäre der Klarheit (der Merksamkeit) und die Sphäre der Dun-
kelheit; und innerhalb der ersteren Sphäre das Aufgemerkte (Be-
griffene) gegenüber dem bloß Bemerkten (nebenbei Mitgefassten,
noch Gehaltenen etc.). Aufmerksamkeit und Bemerksamkeit wären
also Gebiete innerhalb der erfassenden, zuwendenden Vorstellun-
25 gen, eine Sphäre der Auswahl des Herausgeschauten gegenüber dem
„dunkel bewussten“ Hintergrund (hdemi verworren gesehenen).
Analoges würde dann gelten für alle Zuwendungen, die ja vor-
stellende voraussetzen. Ferner würden wir nun für die thematischen
Akte sagen, dass in den Rahmen des Themas nur „konstituierte“,
30 irgendhwiei gefasste, ergriffene Objektitäten hineingehören können.
In die Sphäre vorzüglicher Meinung gehören ausschließlich Objekte
elektiver Zuwendung, herausgegriffene, aufgemerkte. In die Sphäre
dunkler Meinung, des thematischen Hintergrunds, gehören Hinter-
grundobjekte, die aber konstituierte sind.
35 Also das „Fel d der kon sti tui erten Objektitäten“ (bzw.
konstituierten Werte, konstituierten Onta etc.), das Feld bewusster,
im weitesten Sinn gefasster, ist es, aus welchem das thematische
Bewusstsein ein engeres Feld auswählt: theoretische, axiologische
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 165

und praktische Themata und thematische Gruppen. Außerhalb des


thematischen und des zuwendenden Bewusstseins bleibt aber vieles.
Wir können auch sagen: Bewusstsei n im weitesten Sinn oder
A kt zerfällt in eine Sphäre von Akten, in welchen sich Onta konsti-
5 tuieren – der Kreis der Gegenstände, Werte, praktischen Ziele etc.,
mit denen Bewusstsein sich beschäftigt, die ihm als Vordergrund oder
Hintergrund gegenüberstehen etc. –, und in eine andere Sphäre von
Akten, die zwar „gegenständliche Beziehung“ haben, aber so, dass
das Bewusstsein sich hier nicht mit Gegenständen abgibt, Gegenstän-
10 den zugewendet ist, sie erfasst oder noch fasst, sich irgendhwiei damit
zu schaffen macht etc., und so für sonstige Onta.

h§ 4. Gefallen als Akt und der


Affekt der Freude als Zustandi

I) Freude als meinender Akt, also auch als Zuwendung (Gefallen-


15 an, Sich-Freuen-über).
I a) Im Akt leben und am Gegenstand den Charakter der Herr-
lichkeit finden.
II) Freude als Zustand, im Zustand der Freude leben, ohne sich
dem, worüber man sich freut, zuzuwenden, den Freudenzustand dar-
20 auf zu beziehen.
II a) Endlich kann man im Zustand der Freude leben und auf den
Gegenstand hinblicken und sich sagen, dass er es sei, um dessentwillen
man sich freue, er es sei, der uns freudig gestimmt, fröhlich mache.
hadi I) Einmal der Akt also. Sollen wir nicht sagen, der Akt, das
25 sei Wohlgefallen-an? Ich höre eine beglückende Nachricht, ich höre
sie mit Glücksgefühlen, ich höre sie mit großem Wohlgefallen, mit
großer Freude, mit Glücksgefühlen.
hadi II a) Dem Boten sage ich: Ich freue mich darüber von Herzen.
Es macht mich glücklich (es erfüllt mich mit Glück, Freude).
30 hadi I a) Ich kann auch sagen: Das ist schön, das ist herrlich. Hier
habe ich eine andere Auffassung. Der Gegenstand hat hier für mich
den Charakter der „Schönheit“, einen Wertcharakter. Den spreche
ich aus. Der Nachricht bin ich zugewendet und nicht nur vorstellend,
sondern fühlend. Die Gefühlszuwendung ist ein freudiges Gefallen.
35 Ähnlich wie ich in der Betrachtung eines Bildes (nicht des abgebil-
166 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

deten Gegenstandes schlechthin) ein ästhetisches Wohlgefallen oder


Missfallen habe. Dass das und jenes eintritt oder eingetreten ist, das
sehe oder höre ich mit Freude, mit Freudenzuwendung. Ich sehe ein
Schauturnen mit Vergnügen, diese Darbietungen männlicher Kraft,
5 Gewandtheit, Kühnheit. Das sind offenbar nicht nur Zuwendungen,
sondern thematische. Ich lebe thematisch im Gefühl. Ein Wohlgeruch,
den mir ein Lüftchen herweht, mag momentan mich berühren und
Zuwendung finden, aber nebenbei.
Wie steht es nun mit dem Zustand der Freude? Der Akt der
10 zuwendenden Freude, der Freudenmeinung, geht über in den Zustand
der Freude, Zustand des Glückes, der Seligkeit, in die andauernde
„Stimmung“, in den eventuell sehr beweglichen und inhaltlich sich
ändernden Affekt der Freude. Was ist das für ein Unterschied, den
wir hier zu fassen suchen? Betrifft er al l e Bewusstseinssphären?
15 Einige Beispiele könnte man zunächst sammeln: Zweifel als Akt,
Zweifel als Zustand (nicht mehr aktueller Vollzug des „Ist A oder
ist es nicht?“ und dgl.), Urteil als Akt: „S ist p!“, Urteil als Glau-
benszustand. Entschließen als Akt, Zustand der Entschlossenheit;
Wünschen als Akt, Wunsch als Zustand (Begehrlichkeitszustand);
20 schmerzliches Vermissen als Akt und Zustand der Entbehrung. Sehen
wir uns den Fall der Freude näher an!
Ich sehe mit Wohlgefallen das Schauturnen. Nachdem dies vorüber
ist, hatte ich Wohlgefallen, der „Akt“ ist dahin, so wie die Wahrneh-
mung und die Wahrnehmungsurteile dahin sind. Ich höre die gute
25 Nachricht mit Wohlgefallen. Nachdem ich hsiei gehört habe, ist das
Wohlgefallen daran als Akt dahin. Ebenso wie der Urteilsakt. Ich
freue mich darum aber „noch“. Ebenso wie ich noch glaube, dass
ich das und das erreicht habe etc.? Nun, eins ist sicher: Der Akt
ist zwar vorüber, aber er erfährt ja, indem er einsetzt und abläuft,
30 zugleich eine Modifikation. Es ist nicht bloße Modifikation frischer
Erinnerung. Ich habe ja „noch“ Wohlgefallen, ich urteile „noch“,
ich stehe noch auf dem Boden des Gefallens, noch auf dem Bo-
den des Urteils. Vollziehe ich Wiedererinnerung, rekapituliere ich
sozusagen, so bestätige ich die Stellungnahme und hebe sie nicht
35 auf. Das gefiel mir nicht nur, sondern es war schön, es war, aber es
war ein Wohlgefälliges, und nicht nur hatte ich Wohlgefallen gehabt.
Und die mir mitgeteilte fortwirkende oder fortbestehende Tatsache
ist noch immer erfreulich. Wir haben also mehr als Erinnerung an
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 167

die Stellungnahme, Wiedererinnerung oder retentionale Erinnerung,


sondern die Retention ist auch Retention der Stellungnahme selbst,
sie ist Festhalten als Stellungnahme.
Also das Aktbewusstsein, die aktuelle Zuwendung und Meinung,
5 verliert zwar den Charakter der Aktualität im eigentümlichen Sinn
des originären Ansetzens und Ablaufens, aber sie erhält sich in ei-
ner Modifikation, in welcher die Stellungnahme zuständlich erhal-
ten bleibt, festgehalten retiniert bleibt. Dabei findet Verdunklung
statt. Die Vorstellung, das Urteil, die eventuell darauf gebauten Akte
10 verdunkeln sich – in welchem Sinn? Nun, die Vorstellungen wer-
den aus klaren, aktuellen, deutlichen in abgeblasste Retentionen, in
verworrene Vorstellungen, in leere verwandelt. Die Urteile ebenso:
Sie werden leere Nachgebilde. Die Richtung auf Gegenstände, Sach-
verhalte, Werte und Wertverhalte ist da, aber ohne „Klarheit und
15 Deutlichkeit“.
Aber das erschöpft nicht die Sache. Wenn die beglückende Nach-
richt gehört ist, das Hören abgelaufen histi, so bin ich in einem
retentionalen Wohlgefallen der Freude noch – wenn auch in einem
Leerbewusstsein – gerichtet auf sie als Glücksnachricht, sie ist noch
20 immer mein Thema, das Worüber, auf das ich sozusagen hinziele.
Ebenso bei einem Urteil: Ich lese den Satz mit Überzeugung, und
noch nach dem Lesen bin ich auf den Sachverhalt im Glaubenszustand
gerichtet. Ich meine ihn noch. Die Deutlichkeit der Richtung (wenn
auch nicht die Klarheit) ist sicher. Aber die primäre Richtung kann
25 zur sekundären werden, ich wende mich zu einem neuen Urteil, das
alte noch haltend etc. Das haben wir schon besprochen.
Wie aber bei der Freude? Ich verbleibe im Zustand der Freude,
ohne immerfort während dieses Zustands eigentlich auf das Erfreu-
liche gerichtet zu bleiben, so wie dort beim Urteil innerhalb eines
30 umfassenden Themas neue Fäden anknüpfend, etwa erfreulichen
Folgen nachgehend, aber immerfort festhaltend. Jedenfalls, wenn
auch in gewisser Weise die Beziehung auf das Erfreuliche während
des Zustands der Freude verbleibt, scheint es doch mit der Richtung
darauf sich ganz anders zu verhalten als im Fall des Urteils. In der Tat
35 ist hier Neues zu beachten.
Das Analogon, und zwar das volle des Urteils, ist das Wohlgefallen.
Wir unterscheiden aber das Wohlgefallen und die Freude, die mich
durchschauert etc. Das Wohlgefallen, der Akt, durchschauert mich
168 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

nicht, aber er erregt Schauer der Seligkeit. Das Wohlgefallen, der


Akt im eigentlichen Sinn, die Zuwendung und „Meinung“, ist die
Quelle eines Aff ekts d er Freude, die Quelle einer Fröhlichkeit,
eines Frohmuts, einer fröhlichen Stimmung. Fast kann man sagen,
5 dass in den meisten Fällen das Wort Freude den Affekt, die Stimmung
ausdrückt und nicht den Akt. (Das Wort „Affekt“ weist auf die Erre-
gung, auf das Emporgetragenwerden zu „Wellengipfeln“ stürmischen
Gefühls oder tiefen Tälern hin, das Wort „Stimmung“ hweisti mehr
auf ein ausgeglichenes Niveau, nämlich auf gleichmäßige Regsamkeit
10 des Gefühls in dem positiven Niveau oder auf Herabstimmung –
Tiefenniveau – hin.) Anstatt „Es gefällt mir“ sagen wir allerdings
„Ich habe Freude daran“: Hier tritt mehr der Akt hervor. „Das erfüllt
mich mit Freude“: Das weist mehr auf den Affekt hin.
In manchen Beispielen können wir es uns deutlich machen, dass
15 heinei solche Unterscheidung zu machen ist und dass in der Tat der
Gefallensakt als Quelle eines Affekts anzusehen ist. Ich sehe das
Turnen und es gefällt mir, im Fortgang der Vorstellung erwächst im-
mer lebhaftere Freude, ich komme in wachsende freudige Erregung,
eventuell in einen wahren Sturm des Entzückens. (Statt Turnen auch
20 etwa ein Ballwettspiel, eine Regatta etc., und der dafür empfängliche
Zuschauer. Doch beim Wetten nehme ich Partei und bin mit meinen
Begierden, Einsätzen etc. interessiert: was zunächst wohl besser aus-
geschlossen wird.) Ich gehe von Akten des Wohlgefallens zu neuen
und neuen über. Das, was just an der Reihe ist, gefällt mir anders,
25 als wenn es bei Beginn der Darstellung gestanden wäre. Es gefällt
nicht als besser; ich werte es vielleicht weniger oder würde ihm einen
geringeren Wert beimessen, wenn ich vergliche. Und doch steigert
sich mein Wohlgefühl, ich komme in größere Erregung, die Freude
wird immer größer, ich komme immer mehr in Stimmung (also Affekt
30 und Stimmung).
Jetzt fragt es sich aber, wie die Sache zu deuten ist. Sind Akt
und A ffekt zu tr ennen? Oder haben wir etwa im selben Ge-
fallensbewusstsein zwei „ Sei ten “ zu unterscheiden: das Wohlge-
fallen als Werthaltung und eine Komponente, der die Steigerung
35 zukommt, die Komponente der Freude und Freudenerregung, die
mit der Dauer und Zahl der Wohlgefallensakte sich (im Allgemei-
nen) steigert? Eine Seite des Wertens, eine Seite des Genießens; die
letztere, die Lust als Zustand, als Passivität, die erstere, die Stel-
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 169

lungnahme der Werthaltung, als Aktivität. Aber sind Aktivität und


Passivität zwei Seiten einer und derselben Sache? Und man könnte
einwenden:
1) Zwei „Seiten“?! Können wir nicht „kalt bleiben“, unlustig,
5 unfähig zu genießen? Kann es nicht sein, dass wir Schätzung ha-
ben, in diesem Sinn Gefallen, ohne im Geringsten in Erregung zu
kommen, ohne uns zu freuen, ohne zu genießen? So z. B. auch bei
der ästhetischen Wertung: Ich gehe müde von der Reise in die Bil-
dergalerie, ich sehe vielerlei Schönes, erhabene und reizvolle Kunst-
10 werke, ich fasse ihre Schönheit auf, ich betrachte sie ästhetisch. Aber
der eigentliche „Genuss“ ist gering, ich komme nicht wie in Fällen
körperlich-seelischer Frische in einen Zustand seligen Entzückens, in
einen Strom der Freude. Es regt sich zwar allerlei, aber es kommt
nicht zur Entwicklung: Die Müdigkeit und ihre Gefühlsstimmung
15 überwiegt und hält alles nieder. So auch mit den Gefühlen in Bezug
auf meine Nebenmenschen im geselligen Verkehr. Ich spreche mit
einem neuen Kollegen. Jede seiner Äußerungen gefällt mir, in ständi-
gem Wohlgefallen steht seine ganze Persönlichkeit vor mir. Trotzdem
werde ich nicht warm. Ein anderes Mal werde ich fröhlich, ein Strom
20 der Heiterkeit, der Wärme durchfließt mich etc.
Indessen ist es doch fraglich, wie weit dieses Argument trägt. Es
ist, könnte man sagen, die Sache die, dass jedes Gefallen nach seiner
Zustandskomponente seinen Wärmegrad hat, dass mitunter, wenn
Gefallen an Gefallen sich reiht, das vorangegangene Gefallen noch
25 „nachwirksam“ ist, dass dann „durch“ diese Nachwirkung die Wär-
megrade der neuen Gefallensakte steigen. Doch kann der Ausdruck
Wärmegrad beirren. Besser: Erregungsgrad, Temperatur. Eine un-
angenehme Nachricht oder einfacher, ein unangenehmer Geruch ist
missfällig und hat seine Grade. Geniert mich immer wieder ein neuer
30 und neuer Missgeruch, so steigert sich der Erregungsgrad jedes neuen
Gefühls. In dem obigen Beispiel: Ich bleibe kalt, würde besagen: Die
Temperatur der Gefühle verbleibt auf einem niedrigen Niveau. Aber
Gefallen ist und bleibt Gefallen, Missfallen Missfallen. Einmal ist die
Komponente des Genießens bzw. Leidens (der eigentlichen Lust und
35 Unlust) gesteigert, das andere Mal nicht. Bei der anderen Auffas-
sung würde man sagen, die Temperatur kann gleich Null sein und
es handle sich nicht um Seiten, sondern nur um eine mitverbundene
Komponente.
170 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

2) Nun, aber weiter ist in Rechnung zu ziehen der Unterschied


zwischen der Temperatur der zuständlichen „Seite“ oder Kompo-
nente und der bleibenden und durchgehend einheitlichen Stimmung.
Vielleicht hat uns das Besonderes zu lehren, ebenso der bleibende
5 Erregungszustand, der Affekt. Auf der einen Seite haben wir die Ein-
heit des Aktes bzw. die Mehrheit aufeinander folgender und mitein-
ander nicht (durch verknüpfende Akte) zusammenhängender Akte:
Ich gehe in der Galerie, Kunstausstellung, von Bild zu Bild, habe
Wohlgefallen und wieder Gefallen. Auf der anderen Seite verbinden
10 sich die Lusterregungen, die Gefühlserregungen, zu der Einheit einer
Stimmung.
Ferner: Sind alle Akte dahin, so verbleibt eine gehobene oder
herabgedrückte Stimmung, ein positiver oder negativer Affekt. Die
Akte wirken nach, aber ich vollziehe sie nicht mehr, ich halte sie auch
15 nicht nach, wie wenn auf Akte, indem sie in Retention verbleiben
(indem ich sie, ihre Stellungnahme, noch festhalte), neue Akte hsichi
gründen.
Es ist hier auch an Folgendes zu erinnern: Ich spreche einen lieben
Menschen, bin ihm in Wohlgefallen zugewendet und komme in den
20 Zustand warmer, eventuell seliger Erregung. Ich kann nun fortgehen
und noch, ihm in der Erinnerung zugewendet, das Wohlgefallen,
die Freude weiterherileben. Aber auch wenn ich mich anderen Ge-
genständen zuwende, verbleibt die glückliche „Stimmung“ und die
erst allmählich abklingende freudige Erregung. Ebenso die gehobene
25 Stimmung nach dem „Genuss“ eines großen Kunstwerkes. Hier ist
also zu unterscheiden einerseits das Wohlgefallen und der Genuss
in der Zuwendung, andererseits die nachbleibende Stimmung oder
Erregung.
Weiter kann man überlegen: Ich sehe ein Kunstwerk und werte
30 es als Kunstwerk, nämlich ich „erfasse seine Schönheit“, aber nicht
„vorstellend“, sondern die Schönheit geht mir in der Wertung auf,
in der ästhetischen „Anerkennung“. Ich gerate nun in einen se-
ligen Zustand, ich genieße das Werk, ich freue mich daran. Mich
durchschauert die ästhetische Lust. Eine edle Persönlichkeit steht
35 vor mir, ich „fühle ihren Wert“ im Wertbewusstsein. Ich gerate in
eine Freudigkeit, ein Wohlgefühl durchströmt mich, eben dasselbe,
das noch nachbleibt, wenn die Wertung vorüber ist. Ich habe „an“
der Person meine Freude. Das Kunstwerk macht mir Freude, ich
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 171

genieße es. Genieße ich das Ding und erregt das meine Freude, macht
es mir als Ding Freude? Oder die edle Person, ist es ihr Dasein
und weckt die daseiende Person die Seligkeit? Natürlich kann ich
auch diese kausale Einstellung einnehmen und so sprechen. Aber
5 davon ist hier doch keine Rede. Besser kann man schon sagen: Die
Schönheit des Kunstwerks weckt und erregt meine Freude, und dieser
Freude, Lust „hingegeben“ (d. i., ohne sie etwa zu beobachten, zum
psychologischen Faktum zu objektivieren) genieße ich.1 Und weiter
kann ich sagen: Dieser Genuss hat seine Quelle in dem Schönen,
10 im Bewusstsein der Schönheit; in weiterer Folge geht er über in die
fröhliche, gehobene Stimmung, die ebenfalls ihre Quelle hat, nicht im
Schönen oder vielmehr nicht im Bewusstsein der Schönheit, in der
Zuwendung zu ihr, in ihrem Erfassen und Bewusstseinsmäßig-Haben,
sondern im Genuss.
15 Die Lust am Schönen, der Genuss ist Ausstrahlungspunkt, Quelle
einer Stimmung, er ist eventuell Erregung, jedenfalls „Lust“, und von
ihm geht weitere Erregung aus. So scheiden wir auch beim niederen
sinnlichen Genuss: Ich esse den Strudel; was ich eben im Mund habe,
schmeckt gut. Ich genieße, und zugleich geht von da aus ein Wohlge-
20 fühl als angenehme, heitere Stimmung, eventuell lange nachbleibend.
In anderen Fällen kann es sein: Der Strudel ist gut, aber ich kann nicht
recht genießen, der Genuss macht mir auch weiter keine Freude, es
geht von da nicht aus, hesi verbreitet sich von da aus nicht eine heitere
Stimmung (Magenfreude).

25 h§ 5. Sinnliche Lust, Genuss, Stimmung


und intentionale Wertgefühlei

Die Stimm ung is t m oti vi ert. In guter Stimmung befindlich,


fröhlich singend etc., erlebe ich Lust und eventuell Lust auf Lust in
mehrfältigen „Akten“. „Ich finde nun alles schön.“ Ich werde auch
30 empfänglich für wirkliche Schönheiten, wende mich ihnen zu. Ich

1 Oder ist das das Richtige, zu sagen: Die Schönheit ist Korrelat des Gefühls äs-
thetischer Freude, und diese Freude ist dann der Quell ausstrahlender Affekte, Stim-
mungen?
172 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

singe ein schönes Lied und freue mich daran. Dasselbe Lied würde
mir sonst nicht so viel Genuss bereiten, jetzt ist die Höhe der Lust-
wärme des zugehörigen Genusses eine besonders große. Alles nimmt
Farbe und Wärme von der Stimmung an, alle Lust wird gesteigert,
5 erhält einen Zufluss von Wärme, der eben nicht aus ihrem Wertobjekt
stammt, und Gleichgültiges wird fast zu einem „Schönen“ (nämlich
es erhält einen erborgten Glanz). Ich weiß das auch. Ich kann sagen:
„Ich bin glücklich, fröhlich, lustig, weil ich eine so gute Mahlzeit
eingenommen, weil ich so herrliche Kunstwerke genossen, weil ich
10 einen Erfolg errungen (die Nachricht davon empfangen) habe usw.
Alles macht mir doppelte Freude, weil …“. „Motiviert“ besagt da
nicht „berechtigt“, sondern drückt nur aus das Ausstrahlen, und
dass ich im Phänomen selbst finden kann, dass die Lust nicht aus dem
Wert des Objekts selbst stammt, sondern auf frühere Wertung und
15 Genuss zur üc kweis t als daher „kommend“. Diese Gefühlsreflexe
(erborgter Glanz) begründen keine Werte, auch nicht abgeleitete
Werte (eher Quellen der Wertirrtümer).
Wenn wir das Bewusstsein, in dem die Sache als wert bewusst
ist, und die Lust als Zustand, als Genuss, zu sondern versuchen,
20 so ist auf Seiten des Genusses von Steigerungsgraden gesprochen,
ferner von Ausbreitung, Ausstrahlung, die die Verknüpfung mit dem
aktuellen Wertschätzen verlieren kann. Halten wir die Verknüpfung
noch fest, dann bemerken wir Unterschiede wie: Ich betrachte mit
Genuss das Bild, „mich“ durchschauert eine Seligkeit. Mich: Durch
25 meinen Körper geht ein Strom der Lust, ich fühle diese Seligkeit im
Herzen, in der Brust, die Schauer breiten sich bis in die Zehen aus etc.
Das sind doch, möchte man sagen, lauter sinnliche Gefühle. Indem sie
bezogen sind auf Körperteile, sind diese doch nicht ein Worüber der
Freude, nicht Gegenstand des Genusses. Ich habe nicht Lust, Freude
30 an meinem Herzen, an meiner Brust. Das wird nicht gewertet, und
das steht nicht als Schönes da, dessen Güte und Schönheit erregt
keine Lust, sondern ich freue mich über das Kunstwerk, über das
Sehen (wertende Erfassen) des Schönen, ich freue mich über die
Güte dieses Menschen (über sie, die als wertes Schönes bewusst ist).
35 Die Verbindung zwischen Freudezustand, seligem Schauer etc.
und Leibesauffassung, Leibesgliedauffassung, ist eine wesentlich an-
dere als die Verbindung etwa der Lust an der Speise und der Spei-
senauffassung. Die Speise schmeckt, macht Lust; in gleichem Sinn
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 173

„schmeckt nicht“ meine Brust, macht sie mir nicht Lust. Anderer-
seits könnte man sagen: Es ist das Wohlgefühl, die süße Lust (der
nagende Schmerz) in der Brust, aber nicht ist ein bestimmtes Objekt
darin Objekt der Lust, vielmehr histi ein Empfindungsgehalt mit Lust
5 verwoben; so wie bei angenehmen Hautempfindungen, wo wir auch
nicht sagen, ich freue mich über meine Haut, sie macht mir Lust etc.
Muss man nicht doch sagen, es handle sich um sinnliche Lüste, nur
ausstrahlend von der Ursprungslust?
Und wie dann mit den nachkommenden Stimmungen? Soll man
10 sagen, in sich selbst sind sie sinnliche Gefühle? Ich bin „niederge-
stimmt“, in bedrückter Stimmung. Ich bin heiter gestimmt, in ge-
hobener Stimmung. Kann man sagen: Einerseits ist hier sicher ein
Empfindungsgehalt, und dieser histi Träger von unangenehmen oder
angenehmen sinnlichen Gefühlen, alles zu einer vagen Einheit ver-
15 schmolzen? Andererseits sind das Gefühle, die ihre Quelle haben:
Ich bin niedergedrückt, weil ich Schweres erlebt habe. Das steht im
Hintergrund. Aber ich denke nicht daran, es ist nicht etwa wirklich
(im Allgemeinen nicht) im Hintergrund als Vorstellung des erlebten
Unglücks. Oder ich bin in gehobener Stimmung, ich habe Herrliches
20 gesehen, ich war soeben im hPalazzoi Pitti etc., ich habe kürzlich eine
große Freude erlebt. Aber an das alles denke ich jetzt nicht, es ist nicht
wirklich im Bewusstseinshintergrund vorstellig. Es wirkt aber nach,
und die heitere oder gehobene Stimmung weist noch darauf zurück.1
Dieser Ursprungscharakter unterscheidet Stimmungen, die sonst,
25 in sich selbst, nach ihrem Gefühlsgehalt, nach ihrem Verlauf, ihrer
Einheitsform gar nicht unterschieden wären. Ebenso kann die mich
durchschauernde Seligkeit qua süßer Schauer genau dieselbe sein
beim Anblick eines hohen Kunstwerkes der Malerei, bei einer Sym-
phonie, aber auch bei einer Seligkeit im Anblick des geliebten, sich
30 hingebenden Weibes etc., eventuell auch bei religiöser Seligkeit. Es
sind A nnexe si nnli cher G efühl e, Ausweitungen, Verbreitungen,
Ausstrahlungen von Ursprungsgefühlen, dadurch jeweils charakteri-
siert und ihrem Wert nach nur bestimmt durch diesen Zusammen-
hang.

1 Aber sind das nicht dunkle Wertungen und Vorstellungen des Bewusstseinsun-
tergrunds? Natürlich nicht außerhalb der Achtsamkeitssphäre stehende anschauliche
Apperzeptionen.
174 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Man könnte hinzufügen, dass die Art, wie diese sinnlichen Annexe
ihre Rolle spielen, ethisch bedeutsam ist: Der Fromme, der sich in
jeder Weise hineinsteigert in Schauer der Seligkeit, kann zu einem
Genüssling der Religiosität werden. Statt in religiösen Wertgefühlen,
5 in Hingabe an einen Wert des Göttlichen zu leben, lebt er im Genuss
der sinnlichen Schauer, die er auch auf unechte Weise zu erregen weiß
durch bedeutungslos gewordene Zeremonien, kirchliche Formen etc.
Und ist nicht Ähnliches auch beim Ästhetizismus zu sagen? Er ist
nicht so sehr dem Wert des Schönen hingegeben, der reinen Freude
10 daran, als dem Genuss, den diese Freude verbreitet und mit sich führt,
und da können ähnliche Genüsse auch aus ästhetisch bedenklichen
Quellen stammen.1
Kann ich also Akt u nd Zustand unterscheiden? Der Akt (die
Stellungnahme) hat intentionale Richtung auf das Gute, das Schöne
15 etc., er hat Hinwendung dazu und Meinung. Während ich mich am
Schönen freue – aktiv, ihm zugewendet, es betrachtend und die Freu-
denmotive durchlaufend,2 den Wert konstituierend –, erlebe ich auch
Ausstrahlungen in Form sinnlicher Freude, Erregungen, Affekte (ich
bin affiziert, verhalte mich dabei aber passiv). Ich erlebe Wohlgefühle,
20 sinnliche Schauer etc. In dieser Hinsicht erlebe ich Zuständlichkeiten.
Ich bin da nicht dem Sinnlichen zugewendet, ich vollziehe in dieser
Hinsicht keine Akte (als Zuwendungen und Meinungen).3 Ich kann
mich ihm aber auch zuwenden, nämlich diesen Schauern, diesem
süßen Wohlbehagen, und das selbst wieder kann Objekt der Freude
25 werden, eines Genusses. Man lebt sich darin ein und macht es zum
Thema. Man stellt sich auf das Wohlgefühl ein, steigert es dadurch
etc. Das scheint wirklich nahezulegen, dass sinnliche Gefühle Empfin-
dungen gleichstehen und nicht Akte sind. Akt wäre hier das Gefallen
an dem süßen Schauer, wie Gefallen am Wohlgeschmack der Speise.
30 Ich möchte folgende Stellung einnehmen: 1) Wenn ich über den
Verlust meines Freundes trauere, so ist das ein Akt der Un-Freude

1 Shiehei 53 h= S. 176,3–177,19i.
2 Diese Freude wäre die Urquellfreude und identisch mit dem wertenden Gefallen.
3 Das alles ist gut, aber es ist nicht darauf Rücksicht genommen, dass ich in der affek-

tiven Liebe, Begeisterung etc. liebend zugewendet bin und dass man sagen muss, dass
die sinnliche Verbreitung, die Größe von Affektion selbst eine intentionale Funktion
gewinnt. Demgemäß steht das Objekt nicht nur als gefällig, sondern als herrlich da etc.
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 175

über diesen Verlust, etwas, was als Wert dastand, ist nicht, und das
Nicht-Sein des Gutes, das Nicht-mehr-Sein, erregt Schmerz. Die ge-
gen dieses Nicht-Sein gewendete Unfreude ist der Akt der Trauer.
Wenn ich mich an dem lieben Menschen und seinem Gehaben in
5 Reden und Tun, etwa in dem Gespräch mit ihm, freue, so ist das ein
Akt der Fr eudenzuwendung zu ihm, der liebenden Hinneigung. In
diesem Akt ist er und sein Gehaben mir als „lieb“ bewusst und sein
Dasein als erfreulich. Dies ist das onti sche Korrelat des Aktes
(der in der Reflexion gegenständlich bewusst werden kann), und eins
10 und das andere ist untrennbar.
2) Wie verhalten sich nun Freude und Trauer als Akt zum Zu-
s tand, zur Sti mm ung der Freude bzw. Trauer und zum Affekt der
Freude, Freudigkeit, Fröhlichkeit? Schon während ich mit dem lieben
Menschen spreche, kann die Freude in Freudenerregung, in den Af-
15 fekt übergehen. Man wird wohl auch sagen: in freudige Stimmung. Es
handelt sich zunächst in unserem Beispiel um eine Kette thematisch
zusammenhängender Akte der Freude. Jeder solche Akt und die
Einheit des eventuellen Gesamtaktes ist einerseits Wohlgefallen, in
dem ein Wertcharakter bewusst ist, und sofern in ihm Wert bewusst
20 ist, hat das Unterschiede der Werthöhe, aber nicht der Lebhaftigkeit.
Andererseits kann ich dabei mehr oder minder tief freudig bewegt,
tiefer oder weniger tief betrübt sein. Mein „Interesse“ ist nicht immer
gleich tief, ich bin bald oberflächlich, bald tiefer interessiert, mit
meinem I c h betei li gt.
25 Dies e Gr ade der Betei l i gung des Ich, des Interessiert-
s eins, des Hineinreichens des Gefühls in mein Ich und meines Ich
in das Gefühl sind wohl eine eigene Sache und nicht ohne weiteres
identisch mit größerer oder geringerer Erregung. Ich kann sehr
tief betroffen, sehr tief bewegt sein, die Freude kann eine sehr tiefe
30 sein, ohne dass sie den Charakter großer Erregung zeigte, dass sie
zu erregter, eventuell lärmender Fröhlichkeit würde. Meine Freude
kann auch mehr oder minder klar und deutlich, nach ihren Objekten
und Motivationen expliziert sein.
Mit der Fr eude als Akt der i nteressierten Zuwendung geht
35 Hand in Hand der Fr eudenerregungszustand (oder Lähmung)
und die frohe Stimmung, ebenso bei der Trauer der Lähmungszu-
s tand, eventuell hderi Erregungszustand der „leidenschaftlichen“
Betrübnis, Herabstimmung etc. Das sind sinnliche Gefühlsannexe,
176 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

eventuell intentional eins mit dem ursprünglichen Akt, gefühlsapper-


zeptiv eins: Ich bin mit Leidenschaft zugewendet oder abgewendet.
Die Schwierigkeit ist es, der Schicht gerecht zu werden, in der die
Unterschiede hzwischeni der „still beseligten“, der „stürmischen“,
5 leidenschaftlichen Freude, der Freudenüberwältigung und -überra-
schung – das Herz steht still und eine große Woge der Seligkeit
strömt in das weitgeöffnete Herz hinein, dann Aufregung oder Freu-
denschmerz, hdasi Herz droht zu zerspringen vor Freude – hundi der
ausgeglichenen sonstigen Liebe ohne Leidenschaft usw. hliegeni.
10 Oben sprachen wir vom Interessiertsein, von Graden des Hinein-
reichens des Ich in das Gefühl und des Gefühls in das Ich. Kann man
nicht sagen: In der begehrenden, verlangenden Freude (in der ein
Verlangen Erfüllung findet) geht ein Strahl aktiver Freudenrichtung
aus dem Ich auf den Gegenstand und in den Gegenstand, genauer in
15 das Geliebte, das als solches ein „Gut“ ist, als Liebeswert dasteht?
Die Liebe umfängt das Geliebte, bildlich gesprochen. Der Sammler
umarmt sein Objekt sozusagen mit dem Gefühl, gibt sich ihm hin,
von innen heraus gegen das Objekt als wertes. Die Teile und Seiten
des Objekts, die Wertteile, Wertseiten sind, werden durchlaufen, und
20 während die Wertapperzeption und Wertsetzung die Einheit des Wer-
tes „erfasst und setzt“, „realisieren“ sich die Wertkomponenten, und
mit dem realisierenden Gefallen und seinem Rhythmus verbindet
sich der Rhythmus von Gefühlen, die den Genuss ausmachen (siehe
unten). Diese genießende Zuwendung besteht in Erfüllungsgefüh-
25 len, die durch die Realisierung der Wertintentionen fundiert sind.
Nun steht dem gegenüber ein Gegenstrahl. Der Richtung gegen das
Objekt und seinen Wert hin entspricht die Gegenrichtung: von da
zurück zu den Gefühlen des Genusses und dem, was sich an sie
anknüpft.
30 Ich sagte: Diese Gefühle machen den Genuss aus. Das ist nicht
genau. Der Strom der durch die Wertintentionen erregten eigent-
lichen Freudengefühle wird zum Genuss durch die Rückwendung.
Der Sammler genießt, indem er betrachtend und auswertend sich
freut (sich also in der Freude dem Wertobjekt hingibt) und indem er
35 sich umgekehrt der Freude hingibt. Er erlebt nicht nur die Freude, das
Entzücken, lebt nicht nur in ihm in der Weise der Hinwendung auf das
Objekt, sondern er lebt auch im Entzücken in der Weise des Genusses,
welcher Genuss der Freude, Genuss des Entzückens ist. Das ist eine
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 177

Fr eude zw eit er St ufe:1 Er ist nicht nur beglückt, sondern freut sich
seines Glückes, und so bereichert sich sein Glückszustand. Ebenso
beim Genuss des Kunstliebhabers. Der Ästhet giert nach ästhetischer
Freude, und indem er Ästhetisches anschaut, sich daran freut, erfüllt
5 sich auch in der Rückwendung im Genuss der ästhetischen Freude
sein Begehren nach ihr.
Offenbar gehört aber nicht zum Wesen jeder Freude der Genuss
zweiter Stufe, was ja einen unendlichen Regress mit sich führen
würde. Also können wir diese zweite Stufe ausschalten und sagen:
10 Oft verbindet sich mit der Freude ein Genuss an der Freude. Ist die
Freude sehr lebhaft, so drängt sie sich dem reflektierenden Bewusst-
sein, nämlich dem Wertbewusstsein (dem Hinblick und der Freude im
Hinblick) auf, es bestehen also dann Tendenzen zum Genuss an einer
vorhandenen Freude und ebenso zur Trauer über eine vorhandene
15 Trauer (sich glücklich – sich unglücklich fühlen, preisen).
Es bleibt also, wenn wir diese Schicht ausschließen, zweierlei:
1) Zum Wesen des Freudebewusstseins, des expliziten, realisierten,
gehört ein Werterfassen, ein Prozess der realisierenden Entfaltung
von Werten, nämlich der Werte, worüber man sich freut.
20 2) Die Freude selbst ist das durch das werterfassende, wertneh-
mende Bewusstsein fundierte oder motivierte Gefühl.

h§ 6. Unterschiede und Zusammenhang zwischen


Wertbewusstsein und intentionalem Freudegefühli

Jetzt ist aber die Frage die nach der Art und dem Sinn der In-
25 tentionalität dieser eigentlichen Freude (und zudem ist zu beachten,
dass wir bevorzugt haben die Fälle der expliziten, „klaren und deut-
lichen“ Freude). Ist es nicht klar, dass die Intentionalität der Freude
selbst eine andere ist als die des ihr zugrunde liegenden Wertneh-
mens?
30 Man möchte allerdings sagen: Im Werten steht mir etwas als wert,
in der Freude als erfreulich da. Aber näher besehen ist die Sach-
lage doch eine wesentlich verschiedene: Das Schöne erregt nicht das

1 Cf. 51 h= S. 173,9–174,29i.
178 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Schönfinden (das Wertbewusstsein), so wenig hwiei das Ding das


Vorstellungsbewusstsein erregt, oder so wenig hwiei das praktisch
Sein-Sollende das Seinsollensbewusstsein erregt. „Zustände“ werden
erregt, in Zustände fühlen wir uns versetzt, „Akte“ werden nicht
5 erregt. Akte: dazu gehört Apperzeption, Modi der Stellungnahme
hetc.i. Die Fr eude appe rzi pi ert ni cht. Die Freude hat keine Modi
der Stellungnahme und ist keine solche. Sie ist ein Zustand, der durch
gewisse Apperzeptionen und Stellungnahmen erregt ist. Also die Art
der I ntentionali tät besteht hier darin, dass der „erscheinende“
10 oder bewusste Wert Ausstrahlungspunkt einer Erregung ist, ein Er-
reger für ein Erregtes, für den Ichzustand.
Nun mag man aber einwenden: Die Freude apperzipiert nicht,
sie ist nicht konstitutiv für ontische Bestimmtheiten. Aber erhellt
die Freude nicht, lässt sie das Erfreuliche nicht als solches, nämlich
15 in rosigem Licht erscheinen? Und verdunkelt die Trauer nicht, er-
scheint das Traurige nicht als solches, nämlich in dunklem, trübem
Licht? Trägt der Heilige nicht seinen Heiligenschein, die Geliebte
ihre Aureole etc.? Also, da hilft nichts, wir müssen sagen, auch die
Freude hat ihre „Intentionalität“, nämlich eine gewisse „Beziehung
20 auf ihren Gegenstand“. Aber doch wohl eine andere als die Wer-
tung.
Wir können die Sachlage so ausdrücken: Das Erfreuliche hat eine
„Beleuchtung“, welche von der Freude als dem Lichterquell ausgeht.
Das Werte erregt Freude, und die Freude erleuchtet das Werte. Sie
25 setzt ihm Lichter auf, aber sie ist das Lichtgebende. Die Lichter
(die Beleuchtung, der Schimmer oder Schein) kann ich beachten, ich
kann „sehen“, dass die Geliebte nicht nur schön und wert, sondern
„lieb“ ist. Sie sieht lieb aus etc. Aber damit stehe ich sogleich in der
Beziehung zwischen Beleuchtetem und Beleuchtendem. Ich brauche
30 auf das erhellende Licht der Freude nicht primär zu achten, aber es
ist dann mit zur Gebung gekommen, und ich kann dem Gang des
Lichtes nachgehen.
Worin besteht die liebende Hinwendung, die Hinwendung der
Freude an dem Objekt bzw. an seinem Dasein und Sosein? Sie besteht
35 darin, dass wertende Zuwendung Freude erregt und ein Strahlen-
bündel dieser Freude auf die betreffenden werten Teile und Seiten
des Daseins geht. In der Freude leben und in ihr zugewendet sein,
besagt, dass die Freude Erlebnis ist, aber nicht Objekt, dass aber
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 179

die Hingabe an das Objekt Hingabe1 an seinen Wert und nicht bloß
an den Wert, sondern an die von der Freude ausgehende Erleuch-
tung ist. Das Ich lebt sich sozusagen aus in der Ausstrahlung, in
der das strahlende Gebilde, das erfreuliche Objekt, das freudenhelle,
5 dasteht. Nur dass nicht ein eigenes Vorstellen und Aufmerksamsein
(vorstellendes Postieren und Setzen) auf den Wert und das Rosig-
sein, auf den Schimmer geht. Das Licht der Freude bestrahlt das
ganze Wertobjekt. Aber die spezifischen Wertmomente haben ihre
besondere Beziehung zur Freude bzw. zu dem Licht als „Gründe“,
10 als eigentliche Erregungspunkte der Freude bzw. Treffpunkte der
Freudenstrahlung.
Wir hatten bisher solche Akte der Freudenzuwendung betrachtet,
in welchen sich Wertbewusstsein und Freudenbewusstsein in expli-
kativer Weise entfalten: Fälle der Klarheit und Deutlichkeit im Freu-
15 denbewusstsein. Im Fall der Verworrenheit ist eben das vorgestellte
Objekt bzw. das seinsgesetzte in einem mehr oder minder verworre-
nen Vorstellen vorgestellt; darauf gründet sich ein verworrenes, nicht
expliziertes, nicht klares Wertbewusstsein. Die erregte Freude ist
ebenso verworren, ohne bestimmte Erregungsbeziehung zu bestimm-
20 ten Wertungskomponenten, und ebenso ist das Licht eine allgemeine
Erleuchtung ohne deutlich abgehobene Wertfundierungen.
Das Bild vom Erleuchten ist eben nicht in jeder Hinsicht pas-
send, so sehr es sich aufdrängt. Es fehlt im Bild das Analogon für
die besondere Beziehung der erleuchtenden Strahlenbündel zu den
25 deutlich konstituierten Wertseiten, die besondere Zugehörigkeit von
Lichtcharakteren zu solchen Seiten, während zu anderen Seiten diese
Beziehung fehlt. Das Objekt ist wohlgefällig, lieblich, erfreulich um
der oder jener Momente willen; die sind das eigentlich am Objekt
Erfreuliche, aber alles, das ganze Objekt, ist lichtumflossen. Und wo
30 keine Sonderung und Verdeutlichung statthat oder wo gar ein unei-
gentliches, leeres Vorstellen und Setzen das Objekt bewusst macht,
da geht in diese intentionale Richtung ein allgemeiner Schein, der
darum doch sehr lebhaft sein kann, wie auch die Unterschiede der
Lebhaftigkeit der Freude in eine andere Linie gehören. Sonst macht
35 ein besonders lebhaftes, also besonders helles Licht deutlich, aber

1 Das Wort „Hingabe“ ist für beides genommen doch bedenklich.


180 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

dieses Freudenlicht verdeutlicht nichts, und wofern es Deutlichkeit


hat, verdankt es sie anderen Quellen.
Gehen wir weiter! Nehmen wir den Fall: Ich sprach mit der Ge-
liebten und Freude an ihr erfüllte mich. Ich kann über gleichgül-
5 tige Dinge mit ihr verhandelt haben, in denen das Thema lag. Die
wertnehmenden Akte waren nicht thematisch, ich lebte nicht im
Wertfassen und nicht in thematischer Zuwendung der Freude zu ihrer
Schönheit, Güte, ihrer Anmut etc. Aber doch fehlt es nicht an einem
Bewusstsein dieser Werteigenschaften und an einer vielleicht leben-
10 digen Freude, nicht an der Verklärung, die von dieser ausgehend das
Sein der Geliebten bzw. ihr Sein in der Erscheinung umfloss. Also hier
liegt keine thematische Freudenzuwendung vor; Wertung und Freude
beziehen sich, jede in ihrer Art, auf den Gegenstand, es fehlt aber
die Eigens-Zuwendung, die meinende Zuwendung. (Die Geliebte
15 selbst ist nicht Thema. Und doch alles, was zu ihr in Beziehung steht,
wird mir leichter auffallen, und fällt es auf, so ist es in Bezug auf sie
zentriert. Dieses Zentriertsein ist verwandt mit dem Thematischsein,
als wäre die Geliebte verborgenes Thema: Aber freilich, meinende
Zuwendung fehlt.)
20 Weiter ist der Unterschied zu besprechen zwischen den Fällen,
wo die Freude sich auf aktueller Vorstellung, Setzung, Wertnehmung
aufbaut oder wo sie auf Retention sich gründet. Die Geliebte hat das
Zimmer verlassen. Ich bleibe ihr aber zugewendet. Erinnerungsbilder
von ihr, Leervorstellungen und Setzungen sind Durchgangsglieder für
25 wertende und freudige Zuwendungen. Zum Beispiel, das Schöne wird
plötzlich verdeckt, ist nicht mehr sichtbar, ich bin aber noch darauf
gerichtet. Es mag aber auch sein, dass ich im Glücksgefühl weiter-
lebe, die selige Freude fortempfinde, die mich soeben in Richtung
auf das lebensvolle Dasein und Sich-Geben der Geliebten erfüllte,
30 aber ohne dass ich den meinenden Blick auf sie und ihre Verklärung
behielte. Das geschieht etwa in der Art, dass ich nun der Seligkeit
selbst zugewendet bin und das Glück genieße, also in einem Gefühl
der Freude zweiter Stufe (dieser Fall war schon erwähnt). In diesem
wie im vorigen Fall ist immerfort eine gewisse Beziehung auf den
35 beglückenden Gegenstand lebendig, ein vorstellendes und wertendes
Bewusstsein ist noch vorhanden. (Obschon sich im letzten Fall der
Strahl des Meinens da herausgezogen hat; die spezifische Intention
geht nicht dem Licht der Ausstrahlungsrichtung der Freude nach,
gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen 181

der rosige Schimmer, das von der Freude kommende Licht, wird
verworren.)
Natürlich bestehen auch die Unterschiede, ob die wertgebenden
Momente selbstgegeben sind, dadurch, dass eine Anschauung des
5 Objekts nach seinen wertgründenden Eigenschaften vollzogen ist,
oder ob etwa von dem Objekt bloß die Rede ist: Ich höre eine
freudige Nachricht, das Freudenlicht strömt auf den Satz über, auf das
Ausgesagte als solches und dadurch auf den Sachverhalt; es mag auch
eine Betonung statthaben hinsichtlich der besonderen wertsetzenden
10 Worte und Sachen. Aber es bedarf der Klarheit. Die Gründe der
Wertung sind nicht gegeben, der Wertverhalt ist bloß denkmäßig
gesetzter, und der Wert selbst ist bloß gedanklich gesetzter etc.
Wieder ein Neues: Die Geliebte ist aus dem Zimmer gegangen,
ich bin von Glück erfüllt, aber nicht ihrem „Bild“ (Retention) zuge-
15 wendet, aber auch nicht der Seligkeit, dem Glück. Ich nehme etwa
ein Buch zur Hand, blicke im Zimmer umher: Alles hat von ihrer
Gegenwart Reiz und Wert angenommen. Hier verbleibe ich in der
thematischen Einheit, und die Akte implizieren noch Beziehungen
und Meinungen (wenn auch sekundäre), die auf die Geliebte gehen.
20 Ich freue mich an all diesen Dingen, aber um der Beziehung zur
Geliebten willen. Ihre Gegenwart hat diesen Raum geweiht, ihre
Beschäftigung mit diesen Dingen hat ihnen Wert gegeben etc. Es
brauchen dabei keine eigenen Meinungsstrahlen sich auf die Geliebte
in der Erinnerung zu richten. Gerichtet sind wir auf die Sachen, auf
25 ihre Wertcharaktere und ihre Freudenerhellung. Aber diese Freu-
den haben Zusammenhang mit der lebendigen Seligkeit, die mich
erfüllt, strahlen von ihr aus, obschon in anderer Weise als wenn sie
die Objekte der Seligkeit wären. Und erst recht, wenn hichi in die
übrige Umwelt hinausblicke: Ich freue mich des Lichtes, das auf alles
30 fällt. Wie ist die ganze Welt so schön! Alle Welt empfängt Licht von
der Geliebten etc. Im Rausch der Seligkeit bin ich ganz von dieser
„erfüllt“. Bald wende ich mich dem seligmachenden Objekt zu, bald
der Seligkeit, ihrer in Freuden innewerdend, bald äußeren Objekten,
die Reflexe an ihnen genießend. Bei all dem behält die Freude, der
35 Freudenzustand, die Seligkeit, ihre intentionale Richtung im weiteren
Sinn, wenn auch nicht das meinende Gerichtetsein. Kann nun die
erregte Freude über A die Beziehung auf das Objekt, die Beziehung
auf den erregenden A-Wert einbüßen?
182 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

Etwas macht mir Freude. Ich bin dann fröhlich, gut gestimmt. In
der fröhlichen Stimmung freue ich mich nicht mehr über A; ich mag
aber wissen, dass ich fröhlich bin, weil A mich fröhlich machte. Es
können aber auch nacheinander mehrere voneinander unabhängige
5 Erfreulichkeiten mich fröhlich gemacht haben. Auf die Frage nach
dem Grund der Fröhlichkeit kann es sein, dass ich mich des einen
oder anderen nicht mehr erinnere, nicht alle Gründe angebe und
vielleicht gar keine bestimmten Gründe anzuführen vermag.
Solche Fröhlichkeit als Stimmung kann ursprünglich Freude über
10 A oder A’ gewesen sein, sie ist es nachher nicht mehr, sie entbehrt der
bestimmten Beziehung auf diese ursprünglichen Anregungsgründe.
Es braucht auch nicht vorhergegangen zu sein ein großer Anstoß der
Erregung, aus kleinen und wiederholten Anregungen kann ein Strom
und Habitus heiterer Lebensstimmung erwachsen.
15 Freudengefühle und heitere Stimmungen können auch erwachsen
ohne Untergrund einer thematisch wertenden Intentionalität, näm-
lich ohne sich als spezifisch sich richtende Freuden auf Gewertetes
zu etablieren; so z. B. Freude an der wissenschaftlichen Forschung
oder vielmehr in ihr als Freude am Rhythmus der Problemstellun-
20 gen und Problemlösungen durch mancherlei Enttäuschungen und
Hindernisse und entsprechende Unliebsamkeiten hindurch, wobei
die thematische Intention durchaus im theoretischen Bewusstsein
sich hält. Jede Freude dieser Art hat ihre „Beziehung“ auf das sie
Fundierende und Erregende, aber keine thematische Richtung. So
25 mag auch der Rhythmus des Lebens unterer Stufe mit seinen Vor-
stellungen, Urteilen, seinen Wertungen und Strebungen eine tiefere
(oder höhere) Schicht des Gefühls im Rhythmus ohne Hinwendung
mit sich führen. Auch mancherlei im Verborgenen auftauchende Ge-
danken (Erinnerungen, Vorstellungen irgendwelcher Art), in denen
30 kein Strahl der Meinung hindurchgeht, begründen Gefühle, regen
heitere und traurige, lustige hundi unlustige Gefühle an, die in einen
einheitlichen Gefühlsstrom einmünden können, in eine Einheit der
Stimmung.
hHierihinein gehört auch der große Strom der sinnlichen Gefühle,
35 der Gemeingefühle, wobei auch zu sagen ist, dass von jeder lebhaften
Freude Ströme sinnlicher Gefühle ausgehen und die Freudenerre-
gung erweitern und verbreitern, ja dass, wie es scheint, jede Erregung
von Freude ihre sinnlichen Komponenten hat, einen breiten Gehalt
beilage vi 183

sinnlicher Lust, der aber durch die Erregungsbeziehung zu dem even-


tuell sehr geistigen Ursprung, durch den Ursprung aus ästhetischen,
wissenschaftlichen, religiösen Sphären, eine geistige Seite hat und
eventuell eine Hinwendung zum Geistigen.

5 Beilage VI
hWertbewusstsein und Genussi1

hInhalt:i Im Akt leben: als sich ausleben, H i n g a b e a n G e m ü t s a k t e


als freie Hingegebenheit. Enthaltung: Urteilsenthaltung. Freudenenthaltung
(Enthaltung im Genießen), Willensenthaltung. Wert und Genuss der werten
10 Sache.2

Ich kann etwas erfreulich finden, ohne mich daran wirklich zu freuen. Ich
bin vielleicht zu dösig, um mich zu freuen, zu stumpf. Ich ärgere mich, dass
ich mich nicht freuen kann, wo ich doch überzeugt bin, dass es schön ist,
dass der Sachverhalt so ist oder das Ereignis eingetreten ist. Ich kann sogar
15 „einsehen“, dass es erfreulich ist.
Wie ist das zu erklären? Es kann ein Konflikt der Motive vorliegen. Zum
Beispiel ich kann einsehen, dass es gut ist, dass Russland eine Niederlage
erlitten hat. Aber ich habe russische Staatspapiere und ich empfinde den
Schaden des tiefen Kursstandes, der eine Folge der Niederlage ist. Ich kann
20 mich an dem für erfreulich erachteten Sieg der Japaner nicht freuen. Oder
jemand teilt mir mit, dass ein langjähriger meiner Wünsche erfüllt ist. Ich
bin aber noch nicht in der Einstellung, mich zu freuen. Ich weiß, dass die
Sachlage, die da eingetreten ist, erfreulich ist, dass ich mich freuen sollte, aber
ich freue mich noch nicht. Oder ich bin verschlafen, ich stecke in ganz anderer
25 Sache mit meinem ganzen Denken und Fühlen. Aber ich verstehe sogleich,
dass das Ereignis ein erfreuliches ist, ehe ich mich wirklich freue. In sol-
chen Fällen habe ich gegenüberstehend g e w u ss t e , g e d a c h t e , g e u r t e i l t e
Er fr eul i c hke it und w irk l i ch e Fre u d e.
Kann ich auch die Evidenz haben, einsehen, dass etwas erfreulich ist, ohne
30 wirkliche Freude? Wie es scheint, gibt es dazu Parallelen überall: Ich kann
„sehen“, dass ein Bild „reizend“ ist, ohne dass ich fähig wäre, momentan
mich dem Reiz hinzugeben. Ich kann einen ästhetischen Wert „sehen“, ohne

1 1909.
2 Umfassende Ausführungen in HH in Q h= IV. Die Arten der Gemütsintentionalität
(S. 97)i.
184 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

ihn doch zu genießen. Den Wohlgeschmack einer Speise kann ich empfinden,
aber ich „genieße“ nicht die Speise. Ich halte etwas für erwünscht, für begeh-
renswert, ich wünsche, begehre aber nicht danach. Ich halte etwas für gut, für
wollenswert, ich will es aber nicht. Ich entscheide mich nicht praktisch dafür:
5 Alles spricht dafür, nichts dagegen. Ich denke auch nicht an die Mühe, die es
machen würde, auszuführen, was gewollt wäre. Ich bin eben rein passiv. Ich
tue nichts.
Kann man auch Fälle aus der U rt e i l ssp h ä r e heranziehen? Ich halte
eigentlich etwas für richtig, aber ich will mir es nicht eingestehen. Ich sage
10 anderes aus. Ich bleibe bei meiner Parteimeinung. Ich sage sie nicht nur
in Worten hausi, ich „glaube“ sie auch. Ich fühle das Übergewicht, das
für eine Lehre spricht, ich „lasse sie (oder es) aber nicht gelten“. Andere
Überzeugungen stehen ihr gegenüber, die ich festhalten will, an denen mein
Herz hängt, die ich gemütsmäßig bevorzuge. Ich suche nach Gründen, even-
15 tuell Scheingründen, welche das Übergewicht, sei es auch nur zum Schein,
paralysieren könnten. Was sich als wahr anmutet, wird von mir nicht als wahr
hingenommen, sondern ich nehme ablehnend Stellung dazu. Aber freilich,
kann ich wirklich sehen, dass S p ist, und dann doch dagegen „Stellung
nehmen“?
20 Man könnte auch auf das Phänomen der Urteilsenthaltung hinweisen. Ich
sehe, dass S p ist. Es steht vor mir „S ist p!“ Ich enthalte mich aber des Urteils.
Ich will jetzt nicht dafür „Stellung nehmen“, aber auch nicht dagegen. Ich
nehme die Stellung der Urteilsenthaltung.
Kann ich mich nicht auch der Freude „enthalten“? Ich sehe, dass etwas
25 erfreulich ist, es steht als erfreulich da: Ich will aber nicht in der Weise der
aktiven Freude dazu Stellung nehmen. Und freue ich mich schon, so kann ich
mich der aktiven Freude enthalten.
Kann ich mich ebenso eines Wunsches enthalten, einer Begierde ent-
halten, obschon eine Sachlage als wünschlich (wünschenswert), als ange-
30 nehm erscheint? Man kann sich einem Wunsch, einer Begierde hingeben,
und dabei ist die Rede von lebhaftem, brennendem Wunsch, je „mehr“ ich
mich ihm hingebe, umso mehr Macht gewinnt er über mich, umso lebhafter
wird er usw. I ch kann mi ch e i n e r Ü b e rze u g u n g h i n g e b e n. Und da-
mit hängt zusammen, dass eine Überzeugung lebhafter und minder lebhaft
35 ist.
Haben wir auch beim Wollen Analoga? Lebhaftigkeit des Wollens, Stärke,
„ Ener gi e “ des Wol le ns? Handelt es sich hier um i m m a n e n t e M o m e n -
te der A kte oder um Zusammenhangscharaktere? Ich lebe im Wollen, das
Wollen nimmt eine ausgezeichnete, beherrschende, andere Akte ausschlie-
40 ßende, hemmende Stellung im Bewusstseinsleben etc. heini, beherrschend
den Verlauf der Akte etc.
beilage vi 185

Ist es umgekehrt, um wieder zur Freude zurückzugehen, bei dieser eben-


so? Ist es etwa so: Ich halte nicht nur „theoretisch“ etwas für erfreulich, in
der Weise eines Wissens, dass es erfreulich ist, eventuell auch, dass Freude
daran gefordert ist etc., sondern ich „sehe“ es als erfreulich? Dazu gehört
5 auch ein Akt der Freude.1
Nun könnte man sagen, e s g i b t d a v e rsch i e d e n e E i n s t e l l u n g e n: 1)
Ich freue mich über das Ereignis. 2) Ich appherzipierei das Ereignis als er-
freulich. „Ich nehme an ihm die Erfreulichkeit, Schönheit, die rosige Färbung
wahr.“2 Der Akt hat da eine verschiedene Funktion. Aber ein Sich-Freuen-an
10 ist gewisser Weise auch im zweiten Fall da.
Aber i n de r We ise des A k t v o l l zu g e s bestehe ein weiter Unterschied.
Ich freue mich nicht nur insoweit, als ich nötig habe, um das Erfreuliche zu
konstatieren („wahrzunehmen“), ich gebe mich auch der Freude hin. Ich
lebe im Genuss und ganz ausschließlich oder nicht ganz ausschließlich. Ich
15 freue mich, aber dazwischen achte ich auch auf anderes, beschäftige mich
auch mit diesem etc. Endlich kann es sein, dass ich „keine Zeit habe, mich
zu freuen“. Ich werfe rasch Blicke darauf, Blicke der Freude, a b e r m e i n
Lebens mi tte lpunkt mu ss w o a n d e rs l i e g e n. Ich darf mich nicht in der
jetzigen Lebenslage solcher Freude hingeben. Mein Interesse, meine Kraft
20 gehört anderem. Genießen entspannt, ich muss aber in Spannung bleiben,
meine Energie gesammelt erhalten etc.
Oder ich genieße zwar, aber mit Enthaltsamkeit: Ich muss immer parat
bleiben, was die Stunde bringen kann. Wie der Soldat auf der Wache im
Genuss nicht frei ist, sich ihm n i ch t f re i hingibt, sondern beständig gewärtig
25 ist des Einfalls der Feinde. Der Akt der Freude ist da, aber in verschiedener
Weise da. Er ist entw ede r f re i e E n e rg i e o d e r g e h e m m t e E n e r g i e,
und die Hemmung kann sein Hemmung, die von anderen Akten der Freude
etc. ausgeht oder von einem hemmenden Willen, einer „Enthaltung“. Ein
willkürliches Schrankenziehen im Gegensatz zum freien, ins Unendliche sich
30 auslebenden Akt, der schrankenlosen Hingegebenheit (die unwillkürliche
oder willkürliche sein kann). Das sind natürlich phänomenologische Unter-
schiede.
Zu bemerken ist dabei: Wenn ich ein Erfreuliches als solches „s e h e“, so
ist das Moment des Freuens n i ch t ch a ra k t e ri s i e r t a l s e i n S i c h - F r e u e n
35 i m gewöhnl i c hen Sinn. Sehr gewöhnlich sind die Schwankungen: Ich halte
etwas für erfreulich, weiß, dass es das ist, gebe mich dann der Freude hin

1 Aber wie? Das ist zu erwägen.


2 Das ist: Ich vollziehe einen „Verstandesakt“, eine „Vorstellung“, theoretische
Setzung, ein Urteil.
186 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

(freue mich nun daran). Oder ich freue mich, konstatiere die Erfreulichkeit,
sehe das Objekt in seiner Erfreulichkeit, gebe mich dann der Freude doppelt
hin, da ich das sehe usw.
Gebe ich mich hin, so steht schon das Erfreuliche als erfreulich da. Das
5 Schöne steht als schön da. In der o b j e k t i v e n E i n s t e l l u n g, in der ich
zunächst bin, tritt objektiv das Schöne hervor. Ich fühle d e n R e i z , d e n e s
übt, aber ich lebe nicht im Gefühl, sondern im Objektitätsbewusstsein, und
das impliziert ein Auffassungsbewusstsein „schön“. Gebe ich mich hin, so
„gebe ich mich der Schönheit hin“, und in gewisser Weise „gebe ich mich der
10 Freude an der Schönheit, dem Genuss der Schönheit hin“. Das Schöne steht
schon halsi schön da, und ich wende mich im Gefallen der Schönheit zu. Das
schöne Objekt l ockt mi ch mit seiner Schönheit, an ihm Gefallen zu haben,
in der genießenden Freude zu leben (mich im anderen Sinn dem Genuss in
die Arme zu werfen etc.).
15 Damit braucht nicht gesagt zu sein, dass eine M e h r f ä l t i g k e i t d e s
Gefühl s vorliegt, eines, das zur Konstitution der Schönheit am Objekt
gehört, und eines, das zum Gefallen gehört. (So, um einen parallelen, obschon
andersartigen Fall heranzuziehen, wird dieselbe Tastempfindung einmal zur
Rauigkeit des Objekts und in anderer Auffassungsrichtung zur Rauigkeits-
20 empfindung in der Hand, gehörig zum Subjekt.)
Der obj ekti ve Cha rak t e r, der Charakter der Schönheit, des Wertes etc.
änder t s i c h ni cht mit der Schrankenlosigkeit der „Hingabe“ bzw. mit der
Beschränkung und Enthaltung. Die Freude mag auch in der freien Hingabe
und mit dem Maß der Ausschaltung hemmender Momente lebhafter und
25 immer lebhafter werden: Aber das ist Sache des aktiven Verhaltens, nicht
aber ändert es etwas an dem Wert der Sache, so wie er natürlich als Wert
bewusst ist. Freilich ist da ein Feld der Untersuchung.
Natürlich ändert sich der relative Wert, je nachdem in der Umgebung
höhere oder niedere Werte zur Vergleichung herangezogen werden und
30 überhaupt im Sehfeld des Bewusstseins auftreten und mitsprechen. Aber
wenn ich z. B. meine Aufmerksamkeit auf eine Speise konzentriere und ihren
Wohlgeschmack, so ist das günstig, um diesen in seiner Eigenart deutlich und
klar herauszubestimmen, herauszufassen. Und gebe ich mich dem Genuss
hin, frei, so mag der Genuss n u n l e b h a f t e r s e i n als in dem Fall, wo ich
35 abgelenkt war und dgl. Aber der lebhaftere Genuss macht nicht den Wohl-
geschmack intensiver: Er g i l t m i r als unverändert, er gehört zum Objekt.
Ich sage auch, e r komme b e sse r zu r G e l t u n g , z u s e i n e m R e c h t e t c.
Aber das impliziert dasselbe: d a s O b j e k t i v se i n d e r W e r t e i g e n s c h a f t.
Wir hätten auch so zu sagen: Es kann sein, dass eine Begierde Macht
40 und immer mehr Macht gewinnt und dass das, wonach ich begehre, sein
Wert, infolge der Begierden-Intensität ü b e rsch ä t z t w i r d. Täuschungen in
beilage vi 187

Bezug auf die Wertgrade sind möglich und sind bedingt durch die Intensität
der Hingabe des Genusses, des sich hingebenden Gefühls d e s A f f e k t s.
Aber wir sprechen eben von Täuschungen. Es liegt in der „Natur“ dieser
Verhältnisse zwischen Wert und Genießen, dass Wert etwas Objektives ist
5 und nicht bestimmt durch die wechselnde Höhe des Genusses. Doch das sind
nur Anfänge!
Zusätze: In der Urteilssphäre, zunächst bei den Urteilen im engeren
Sinn der aussagenden Akte, der behauptenden, glaubenden, unterscheiden
wir den Charakter des Urteils im logischen Sinn, und zwar phanseologisch,
10 vermöge dessen die Behauptung eben Behauptung ist, S ist P!, der Glaube
eben das glaubt usw. Demgegenüber unterscheiden wir andererseits das mehr
oder minder lebhafte Überzeugtsein, das Bewusstsein der Unehrlichkeit, der
Parteinahme, die Gegenmotive unterdrückt hat oder nicht hat aufkommen
lassen etc. Das alles bezieht sich auf die su b j e k t i v e W e i s e d e s V o l l z u g e s
15 „ des s el ben Urtei ls “.1
Hierher gehört auch ein oft hereinspielender Sinn der Rede von „Stel-
lungnahme“ (weswegen das Wort2 n i ch t brauchbar ist für Aktqualität, Ak-
tintention), wonach wir uns einer Ansicht anschließen, uns auf ihre Seite
stellen, was dem Urteil einen Modus gibt, der es als Urteil (als Glaube, dass
20 das und das sei, hinsichtlich dieses Allgemeinen, was überall die Rede von
demselben Glauben, demselben Urteil begründet) nicht ändert.
Und die Weise dieses Stellungnehmens ist dann wieder eine verschiedene,
sofern sich damit verknüpft ein ehrliches und unehrliches Parteinehmen und
dgl. Und das Gegenteil ist Nicht-Stellungnehmen (Enthaltung) und Dagegen-
25 Stellungnehmen als Nein-Bewusstsein.
Ähnliches gilt für Vermutung, Für-Wahrscheinlich-Halten, Zweifeln (un-
ehrliches Zweifeln, aus dem Parteigeist heraus) usw. Wieder sehen wir Ana-
loges in der Gemütssphäre.
Nun fragt es sich freilich, ob nicht in der Urteilssphäre es bloße Gemüts-
30 charaktere sind, Gefühle, Tendenzen, welche die Unterschiede ausmachen.
Zum Teil spielen natürlich solche mit. Aber doch wohl nicht anders als bei

1 Über diese Modalitätheni Gewissheit, Überzeugung vgl. die hBlätteri α 6 ff. in I


B
ausführlich h= Husserliana XL, Text Nr. 11: Gewissheit und Überzeugung. Wahrschein-
lichkeitsverhalt als Korrelat der Vermutung. Ob Gewissheit relevant für die Logik ist (ab
S. 243, 2)i.
2 hStellungnahmei = als Parteinahme. Partei ergreifen kann Zustimmen heißen; ich

kann aber auch Partei nehmen, mich einverstanden erklären, mich auf Seite des Urtei-
lenden stellen, für seine Ansicht Partei ergreifen, mich dafür gefühlsmäßig engagieren.
Ich kann aber auch für einen Urteilsinhalt, der mir sich entgegendrängt, interessiert
sein, ein Interesse daran haben, ihn zu übernehmen, gelten zu lassen, ihn zu urteilen.
188 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

den Gemütsakten selbst,1 wo sich mit ihnen Tendenzen verbinden können


und oft verbinden, die sich auslebend den Charakter des Gemütsaktes selbst
bestimmen, indem wir uns darin ausleben oder nicht ausleben etc.
Jedenfalls haben wir hier e i n e S p h ä re v o n M o t i v a t i o n e n , d i e d u r c h
5 di e s ämtl i c h en A ktarte n (A rt e n v o n Im p r e s s i o n e n ) h i n d u r c h g e -
hen.
Überall haben wir zu unterscheiden: 1) das, was zur betreffenden „A k t -
qual i tät“, zur Weise der Intention gehört, die einzig und allein für die
Rechtsfrage relevant ist (neben der Materie), so dass wir überall den Be-
10 griff des „intentionalen Wesens“ als Produkt der intentionalen Materie mit
intentionaler Qualität als fundamental finden; 2) und das, was zur W e i s e
des „ Vol l z ug s “ der Intention gehört und was i n t e n s i t ä t s a r t i g e Unter-
schiede mit sich führt.
Die Behauptung, das Urteil habe keine Intensitätsunterschiede: in ihrem
15 intentionalen Wesen. Was aber Gemütsakte anlangt, so haben sie darin
Intensitätsunterschiede, aber daneben noch intensitätsartige Unterschiede
in der Weise des Vollzuges, derart, dass diese dazu beitragen, dass wir in der
Wertung Verwechslungen begehen können.2

Beilage VII
20 Das Sich-Aufdrängen heines
Objekts als Reiz zur Zuwendungi3

Das Auffallende in der sinnlichen Sphäre.4 Ein Ton, ein Geräusch, eine
Farbe ist mehr oder minder aufdringlich. Aber auch ein Gedanke, der auf-
taucht, kann aufdringlich sein, ein Wunsch, eine Begierde kann mich verfol-
25 gen mit ihrer Aufdringlichkeit.
Wie ist diesem Unterschied phänomenologisch beizukommen? Dem Auf-
drängen entspricht zunächst ein sich mehr oder minder scharfes Abheben
in der sinnlichen Sphäre: Kontraste, qualitative Diskontinuitäten erhebli-
chen Abstandes und dgl. Von qualitativen Diskontinuitäten (vgl. hLogischei

1 Nicht anders? Einem Wunsch, einer Freude gebe ich mich hin, in ihr lebe ich mich
aus. Nicht im Urteilen in demselben Sinn. Motive der Hingabe sind zu scheiden von
ihr selbst und ihrer wechselnden Intensität.
2 An den Rand dieses Absatzes hat Husserl später ein Fragezeichen geschrieben. –

Anm. der Hrsg.


3 Wohl 1911. – Anm. der Hrsg.
4 Cf. Πλ in X h= Husserliana XLIII/1, Text Nr. 10i.
beilage vii 189

Uhntersuchungi III) ist in der unsinnlichen Sphäre keine Rede. Gleichwohl


löst sich aus dem Gefühlshintergrund irgendein Gefühl ab, oder es bewegen
mich verschiedene dunkle Gedankenrichtungen, aber ein Gedanke, noch
vor der Zuwendung, hebt sich schon heraus, hat eine Geschlossenheit, eine
5 Emporhebung und ein Sich-dem-Ich-Entgegenheben. Wir werden doch wohl
in der sinnlichen Sphäre unterscheiden müssen jene qualitativen Diskonti-
nuitäten (oder intensiven und was immer in gleicher Linie steht), die ein
Aufdrängen „bewirken“, und die sonstigen, hdiei in ähnlicher Weise zum
Aufdrängen in der Beziehung von Bedingungen stehen (ein Aufdrängen
10 bedingend), und das Aufdrängen selbst.
Die Aufdringlichkeit hat graduelle Abstufungen, und das sich Aufdrän-
gende kommt mir dabei näher oder bleibt ferner: Sich-Aufdrängen ist Mir-
sich-Aufdrängen.
hIni der Aufdringlichkeit unterscheiden wir also das, was sich aufdrängt,
15 und das „Ich“, dem es sich aufdrängt, zu dem es vordringt und dem es
gewisser Weise näher kommt oder ferner bleibt und dem es doch äußerlich
bleibt. In gewisser Weise erreicht es das Ich in der Zuwendung, und zwar
es wird gemerkt und ist doch nicht gemeintes Objekt, nicht Objekt der
primären Zuwendung, der bevorzugenden Erfassung. Oder es „erzwingt“
20 sich diese Erfassung und wird Thema der Betrachtung, der Beurteilung
etc.
Danach möchte man sagen: Etwas, ein „Objekt“ drängt sich „mir“ auf;
es geht vom Objekt ein „Reiz“ aus, der sich auf mein Ich richtet. Die-
ser „Reiz“ ist ein Reiz zu der Ich-Spontaneität, ein Reiz, das Objekt zu
25 erfassen, mich ihm thematisch zuzuwenden oder mich ihm im Gefühl, im
Begehren zuzuwenden (sozusagen hesi zum Gefühlsthema zu machen) oder
bei „Objekten“ gewisser Art mich ihm wollend zuzuwenden, wie wenn das
Objekt eine „mögliche“ Handlung im Feld meiner „Freiheit“ ist; sie drängt
sich mir auf, und ich vollziehe nun die Willenszuwendung, ich sage Ja. Das
30 „Ich“ lebt in den Zuwendungen, Hinwendungen, in den spontanen „Akten“
im besonderen Sinn, und dem „Ich“ steht gegenüber ein Nicht-Ich.
Da ist aber zu unterscheiden: Eine Sphäre von intentionalen Erlebnissen,
denjenigen des Hintergrunds, in denen das „Ich nicht lebt“, die teils völlige
Ich-Ferne haben, bald sich mehr oder minder zur Umwandlung in Substrate
35 der Zuwendung drängen. Aber sind sie schon Substrate einer Zuwendung,
kann von ihren Objekten ein neuer Reiz ausgehen, zum Beispiel, ich sehe
erfassend einen Menschen, der zunächst sich aufgedrängt hat der wahrneh-
menden Zuwendung, und nun übt dieser Mensch „durch seine Liebenswür-
digkeit“ einen Reiz hausi auf eine Gefallenszuwendung, auf eine liebende
40 Zuwendung usw. Die Art des Menschen ist mir zunächst angenehm, seine
anmutigen Bewegungen, die neckische Art zu scherzen, die edle Gesinnung,
190 gefühlsbewusstsein – bewusstsein von gefühlen

die sie bekundet etc., und als angenehm, lieblich, anmutig steht das da. Aber
ich werde nun warm und wärmer, schließlich bin ich entzückt.
Ich kann zugewandt sein dem, was die liebe Person sagt, eine Weile
„theoretisch“ beschäftigt mit einer Frage, die sie stellt, während ich immer-
5 fort von ihrem Reiz berührt bin, sie steht als Reizende da; alsbald, sowie die
Frage beantwortet ist, wird der Reiz Übermacht, und ich lebe im Gefallen,
im Entzücken oder zugleich darin und in einem Spiel von Reden, die mir
dazu dienen, sie ihren Reiz entfalten zu lassen; eventuell aber auch lebe ich
in der Tendenz meinerseits, ihr Gefallen zu erwecken und dann doch wieder
10 ihr primär Gefallen zuzuwenden etc.
VII. PASSIVITÄT UND AKTIVITÄT
IN INTELLEKT UND GEMÜT1

h§ 1. Das aktive Wahrnehmeni

Das terminierende Meinen. Das urteilend bestimmende Aussagen,


5 gerichtet auf das „So ist es“. Das aktive Wahrnehmen, das strebende
und „handelnde“ Gerichtetsein auf das dauernd „vor Augen Ste-
hende“, in der aktiven Synthese lebend, dem, was sich da als leibhaft
gegenwärtig gibt, nachgehen, es fortgehend in aktiver Betrachtung,
in „aktiver“ Inspielsetzung von Kinästhesen: Augenbewegungen, nä-
10 her treten, seitwärts treten etc., zur aktualisierten Gegenwart brin-
gen in immer neuen Phasen seiner sich dabei im Modus „leibhaft“
herausstellenden Gehalte seiner Dauer, durch die es als einheitli-
cher Gegenstand hindurch dauert oder „ist“. Es können sich dabei
einzelne Momente des Gehalts abheben, auf dem Untergrund der
15 Gesamtwahrnehmung zu Sonderwahrnehmung als Sondererfassung
kommen, und während die Einheit der Gesamtwahrnehmung als
Wahrnehmung ihres Gegenstandes als des in fortgehender Gegen-
wart seienden, fortdauernden, identischen sich erhält, decken sich in
Einzelsynthesen als Partialsynthesen die eben so einzeln wahrgenom-
20 menen Bestimmungseinheiten. Der Gegenstand bestimmt sich als α
und wieder als β usw. Die Wahrnehmung erfasst und greift zugleich
vor in Vorerwartungen, die aber zugleich Vorgriffe sein können des-
sen, was der Gegenstand der Wahrnehmung jetzt schon, nur noch
nicht wahrgenommen, ist.
25 So aber nur bei der transzendenten Wahrnehmung. Die imma-
nente hat nur Horizonte der Erwartung bzw. hhati vor sich das „Kom-
mende“ sowie hinter sich das noch im Griff Liegende, soeben Gewe-
sene. Das räumlich Seiende ist in jeder Phase seines Seins (seiner

1 Wohl 1923. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 191


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_7
192 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Dauer) ein Extendiertes, ein kontinuierlich Ausgebreitetes in der Ko-


existenz, derart, dass von dieser Ausbreitung immerfort nur eine Seite
leibhaft wahrgenommen ist, das Übrige nur mitgenommen ist, aber
Vorgriff ist für ein künftiges wirkliches Wahrnehmen, das dasselbe in
5 einer späteren Phase seiner Dauer erfasst, aber so, dass es einen Ho-
rizont des eigenen vergangenen Seins erfasst. Es ist nicht im Vorgriff
gesetzt als schlechthin Kommendes der fortgehenden Wahrnehmung,
sondern als ein solches, das, wenn eine gewisse Kinästhese ins Spiel
gesetzt würde, zu erwarten wäre. In der Art dieses „wenn“ und „so“
10 konstituiert sich dann Ruhendes, Unverändertes und Bewegtes bzw.
zugleich qualitativ Verändertes.
Wie immer, ob wir immanente oder transzendente Gegenstände
in Betracht ziehen, das aktive Wahrnehmen setzt voraus ein schlum-
merndes, passives „intentionales Erlebnis“, „Bewusstsein“, und die-
15 ses wird zum Untergrund (in früheren Manuskripten sagte ich „Sub-
strat“) für Aktivitäten. Die passiv konstituierte Einheit der passiven
Synthese „affiziert“ das Ich und darin liegt, dass in der Gestalt aktiven
Strebens, eines aktiv Gerichtetseins, der sich verwirklichenden Ein-
heit entgegengegangen wird, sie aufgenommen, rezipiert wird. Das
20 kann „erzwungen“ sein wie im Beispiel des Pfiffes, es kann aber auch
frei sein, indem ich „gerne“, in einem wertenden Interesse „willig“
mich gerade diesem zuwende und es mir bekannt machen will. Dazu
gehören bei transzendenten Gegenständen auch passive oder frei ins
Spiel zu setzende Kinästhesen und ein Eintreten in experimentierend
25 herauszustellende Kausalzusammenhänge, heini Eingreifen in die in
kinästhetischer Vermittlung abzuwandelnden Umstände und hdiei
Beobachtung der Folgen.
Ebenso kann ich auf die Vergangenheit zurückgehen, sie mir wie-
der vergegenwärtigen, sie mir zu wiederholter Kenntnis bringen und
30 das Bewusstsein des „Ich kenne das, was etwa noch fortdauert, so
wie es war, wie es durch alle Veränderungen oder Unveränderungen
hindurch war und eventuell noch ist“. Sicher, ich habe davon ein
Wissen, das ich jederzeit „verwirklichen“, frei wieder zu aktueller
Kenntnis bringen kann. Ebenso, wenn ich von vornherein Wieder-
35 erinnerungen habe und gar keine Wahrnehmung zugleich von der
wiedererinnerten Gegenständlichkeit. Sie kann Erneuerung einer
erzwungenen rezeptiven Erfassung sein oder einer freien, es kann
auch „nachträgliches“ Erfassen in der Wiedererinnerung sein, auf-
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 193

grund einer Hintergrundwiedererinnerung, der das wache Ich fehlte.


Oder „nachträgliche“ Explikation und Urteil, und dazu kommen nun
wiederauftauchende oder analog einfallende Urteile, die als fertige
Gebilde auftauchen und als das Niederschläge implizierter Aktivität
5 sind und nun reaktiviert werden können und „dieselben“ Urteile in
reaktivierter Gestalt ergeben mögen.

h§ 2. Urdoxa und Modalisierung. Die


Ichbeteiligung bei der Modalisierungi

Wir haben das ursprüngliche Gegenstandsbewusstsein als Wahr-


10 nehmen und seine Abwandlungen in konkrete Retention, in Wieder-
erinnerung und Erwartung (konkrete Protention und anschauliche
Vorvergegenwärtigung). Wir haben die passiv und aktiv erwachsen-
den synthetischen Gebilde aufgrund dieser vorgebenden Erlebnisse
eines verschieden gewandelten „Gegenstandsbewusstseins“, endlich
15 auch die „Quasi-Akte“ als Phantasien, dann aber auch die Modalitä-
ten der Gewissheit: Ich glaube, ich zweifle, ich halte für möglich, für
wahrscheinlich, ich leugne, ich neige zum Glauben, ich inhibiere den
Glauben und stelle zur Erwägung, ich entscheide mich bejahend, ich
entscheide mich für die Wahrscheinlichkeit, ich lehne ab.
20 Was liegt da in den Ichreden? Im schlichten Glauben bin ich
auf die kontinuierliche Einheit gerichtet und „vollziehe“ stetig die
Protention, die stetige Vorerwartung, wie ich in eins damit die ste-
tige Retention vollziehe. Das heißt, stetig bin ich auf das als jetzt
Eintretende gerichtet und nehme es auf; in stetiger Richtung auf das
25 neu Eintretende, das seinen Horizont des stetig Kommenden mit sich
führt, ist stetig das Aufgenommene aufgenommen Bleibendes, Ergrif-
fenes und im Griff Bleibendes, und das ist eben Retention, in ihrer
Stetigkeit ein beständiges stetiges Kontinuum in stetem Wandel und
ins „verworrene“ Dunkel verfließend. Dieses Vollziehen, dieses mit
30 offenen Armen Aufnehmen und Behalten ist ein stetiges „Tun“, ist
sich stetig erfüllendes, vom Ich ausgehendes realisierendes Streben,
und sein Medium sozusagen ist die Intentionalität. Doch wie ist es,
wenn ich nicht in der Wahrnehmungs- (oder Wiedererinnerungs-)
Gewissheit lebe, vollziehend und stetig das Sein, das Hindauern, in
35 stetiger Erfüllung lebend, erfasse?
194 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Das ist klar, dass das „ Ich gl aube “ nicht ein Zuerteilen
eines C har akt ers der G ewi sshei t, ei n vom Ich her Zuertei-
len is t an irgendetwas, das irgend schon da ist, irgend schon vor-
stellig ist und nun demgemäß den Charakter „gewiss“ annimmt und
5 hat. Diese Intentionalität in der Strukturform stetiger Erfüllung ist
selbst Bewusstsein eines gewissen Seins, und das Gewisssein als
ur s pr üngliche Doxa ist nichts als eben das Allgemeine dieser
Strukturform, und der darin konstituierte gegenständliche Sinn hat
den Modus leibhaft seiend (selbstgegenwärtig, in der Erinnerung Re-
10 produktion der Selbstgegenwart). Oder sollen wir besser sagen: Ein
in dies e r Str uktur verl aufender i ntentionaler Prozess ist
s tetiger „ Glaube “, sofern in jeder Phase die erreichte Gesamtin-
tention und darin herausgehoben etwa die Endintention „ungebroch-
en“, „unmodalisiert“, nicht gehemmt, gespalten, durchstrichen ist?
15 Intention kann eben entweder ursprüngliche Intention sein und blei-
ben oder eine eigentümliche Art Abwandlung erfahren, und das
ist die Modalisierung. Und die nicht abgewandelte Gestalt, eben
diejenige, die Einstimmigkeit charakterisiert, und jede intentionale
Komponente innerhalb der Einstimmigkeit, das ist „Glaube“, und
20 der Sinn hat den Modus der Gewissheit.
Der gegenständliche Sinn ist eben ein Abstraktes und hat selbst
mit Rücksicht auf die bloßen Abwandlungsformen in der Reihe der
Modalisierungen eine erkennbare abstrakte Scheidung in bloßen ge-
genständlichen Sinn als „Inhalt“ und eine modale Form; darin die
25 Urform der Gewissheit und dann die Abwandlungsformen der Ge-
wissheit. Der gegenständliche Sinn ist ein abstrakt Identisches im
vollen Sinn (gegenständlicher Sinn in seiner Modalität), er bleibt
derselbe im Wandel der Modalität (Seinsmodalität). Wie ist es nun
mit dem I chtun i n der ursprüngl i chen Modalisierung?
30 Sowie die Intentionalität sich von einem Punkt aus spaltet, nämlich
sowie von einer Stelle aus mehrfache Protentionen auftreten, die sich
„hemmen“, miteinander „streiten“, bin ich in Widerstreit mit mir, bin
ich Zweifelnder und dann Fragender. Wenn ich in der Wahrnehmung
des Gegenstandes oder Vorgangs bin und sie noch im Werden ist,
35 dann besagt diese Spaltung, dass die Auffassung in eine Doppelauf-
fassung auseinandergeht, die Ichintention in eine Doppelintention,
dass ich statt eines Sinnes einen Doppelsinn habe, dass ich statt eines
Seins, Gewissseins eines seienden Dinges (Satz), zwei habe. Aber
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 195

doch wieder nicht, insofern als jeder solche Satz (jedes solche Sein)
durchlaufbar oder fortführbar histi in einer Einstimmigkeitskonti-
nuität (mit ihren Erfüllungen und Stimmungen), sowie ich eben ihm
nachgehe, tätig mich in ihn hineinlebe und dieses Gewisssein habe,
5 hichi mich haberi da nur hineinleben kann unter beständiger Hem-
mung, Bestreitung. Alles ist wie im Fall der schlichten Gewissheit,
nur dass alles „bestritten ist“ durch die Gegenintentionen. Lebe ich
mich in diese, also in die Gegenauffassung, ein, so habe ich das andere
dingliche Sein, aber wieder mit entsprechender Bestreitung. Gebe ich
10 mich dem einen hin, so gibt sich das andere als nichtig, und umgekehrt.
Was heißt das „gebe ich mich hin“? Das Bewusstsein des einen kann
die Form der Hypothese gewinnen, des „gesetzt, dass“. Lasse ich das
gelten, dann ist das andere ungültig, ich kann es dann nicht gelten
lassen; ebenso umgekehrt.
15 In der Gewi ss heit habe ich schlechthin bewusstes Sein, ich habe
den gegenständlichen Sinn in schlichter (unbestrittener) Geltung. Im
Z w eifel habe ich den gegenständlichen Sinn in bestrittener Geltung
(in bestrittener Gewissheit), und bestrittene Geltung setzt eine damit
streitende und korrelativ selbst bestrittene Geltung voraus: Stimme
20 und Gegenstimme, und jede Stimme hat etwas Geltungskraft, aber
doch nicht die Kraft der Geltung schlechthin; das Unbestrittene, ge-
gen das nichts spricht. Indem ich das eine betrachtend durchlaufe,
bin ich „geneigt“ zu glauben; in der Linie meines Fortgehens habe
ich das „Es stimmt“ und die fortgehende Erfüllung meines „Ich
25 glaube“, „Ich bin gewiss“. Aber von der anderen Seite her kommt
das „nicht“, das Streiten: Ich bin bei all dieser Neigung gehemmt zu
glauben, eben durch eine beständige Gegenneigung. Das Ich erteilt
als o w ohl nic ht einen Charakter, aber es selbst ist in der
Modalis ierung betei l i gt, betroffen. Es ist nicht so, wie wenn es
30 einmal das und das andere Mal jenes vorfände und dem nachgehe, das
hieße ja, in der Kenntnisnahme und Kenntnis erstrebend, erzielend
hzui leben, sondern ich werde in diesem Tun gehemmt, ich schwanke,
ich bin geneigt, ich lehne ab.
Ebenso in den Gestalten des explizierenden und begreifenden
35 Denkens, zunächst in der anschaulichen Sphäre und dann im sekun-
dären, unklaren und symbolischen Urteilen. Es ist ein Kreis von Modi
des „Gegenstandsbewusstseins“, aber hier von Modi der Ichaktivität
und Ichpassivität, Modi des thematischen Vollzugs von Intentionali-
196 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

tät, die als solche Einheit gegenständlichen Sinnes in kontinuierlichen


oder diskreten Synthesen der Einstimmigkeit oder Unstimmigkeit be-
wusst haben. Aber die Schwierigkeit ist, deutlich gegenüberzustellen,
was schon im Hintergrund als Einstimmigkeit und Unstimmigkeit
5 der „Intentionalität“ vor sich gehen kann und was die Wachheit
des Ich und seine Beteiligung hereinbringt. Sollen wir sagen, das
Ich erstrebt1 einstimmiges, sich fortgesetzt bestätigendes Sein als
gesetztes Sein, als Satz, und solche Sätze, die es als sicheren Besitz
behalten, auf die es zurückkommen kann, sofern es sie als seine Sätze
10 in erneuten Setzungen wieder aufnehmen kann? Soll man sagen, es ist
eben Aktivität in diesem Sinn der standhaltenden und schließlich der
sich fortgesetzt und durch Selbstgebung bewährenden Gewissheit;
und zudem das Geschehen der fortgehenden Kenntnisnahme und
Erkenntnis, in fortschreitender Erweiterung der Erkenntnis und der
15 Erweiterung der sicheren Erkenntnis, also heinerseitsi Fortschreiten
im systematischen Entfalten dessen, was der Gegenstand ist, des
systematisch urteilenden Entfaltens des gesetzten Gegenstandes und
des systematischen Herstellens der Beziehungen, in denen sich die
Beziehungsbestimmungen herausstellen usw., und andererseits der
20 systematischen Prüfung, des Infragestellens, des Abweisens der Zwei-
fel, der Herausstellung der Wahrheit selbst als Norm der Urteile, der
Norm für die Beantwortung der Fragen, der Verwandlung bloßer Ur-
teilsneigung in feste und begründete Urteile, ebenso der Verwandlung
der Fragen (Zweifelsfragen) als Überführung in die entscheidenden
25 Antworten, der Beseitigung der Ablehnungen durch Überführung in
die Positionen etc.? Dann denken wir uns das Urteilen als Urteilen in
der Konsequenz eines „theoretischen“, auf wahren Gegenstand und
wahre prädikative Sätze gerichteten Interesses.2
So ist im Grunde die Einstellung der Logik: Logische Urteile sind
30 als Urteile in solchem Zusammenhang gedacht. Aber wir können
doch dieses universale „logische Interesse“ und seine praktische
Zweckidee universaler Wahrheit und Wirklichkeit außer Spiel lassen
und doch von Urteil sprechen. Voran liegt der Seinsglaube der noch

1 In gewisser Weise allerdings „erstrebt“, aber das besagt natürlich nicht von vorn-

herein „beabsichtigt“.
2 Das wäre ein „Absehen“ haben, Absichten haben, Begierde und Willen haben in

Richtung auf wahres Sein.


passivität und aktivität in intellekt und gemüt 197

„unbestimmten“ Gegenständlichkeit, das urdoxische Bewusstsein,


das seinssetzende Vorstellen, das positionale, also nicht das bloße
Phantasieren als Quasi-Vorstellen, das schlichte ungebrochene Mei-
nen des Ich als Seinsmeinen eines gewissen, aber nicht entfalteten
5 Sinnes.1 Und dann die explizierenden Urteile (Sätze) als synthetische
Aktivitäten bzw. synthetische explikative Gebilde und ihre syntheti-
schen Einheitsformen (dann die Modalitäten und wieder die durch
sie ermöglichten höheren Urteilsweisen). Alles in der Positionalität
ist da zunächst einfach Glaube mit einfachem „unbestimmtem“ Sinn,
10 dann wieder Glaube als synthetischer Glaube, polythetischer Glaube
auf Glauben gegründet und verknüpft, das Ganze aber nicht vom Ich
her ein Glaube, sofern nicht eine Ichsetzung auf das Ganze gerichtet
ist; und ebenso einfache und synthetische Modalisierungen, Glaube
mit Glaubensabwandlung verbunden etc.
15 Aber jede Synthese konstituiert eben ein „Ganzes“. Der Satz ist
selbst ein vorgegebener Gegenstand; er ist durch die soeben voll-
zogene und abgeschlossene Synthese vorkonstituiert als vorausge-
hendes, vorgebendes Bewusstsein. Ein einstrahliger Glaubensakt,
ein thematisches Erfassen kann sich auf den Satz richten, und nun
20 kann er expliziert werden, und es ist etwas anderes, diese Explikation
zu vollziehen in neuen Urteilen, als das alte Urteil zu wiederho-
len.
Ebenso wie jede Synthesis der analytischen Form selbst einstimmi-
ger Glaube bzw. Objektivation ist und (nämlich implizite) ein aktiv zu
25 vollziehender „nominaler“ Glaube, so jede Modalität, die selbst kein
„Urteil“ bzw. keine Seinssetzung ist. Jede aktive Seinssetzung kann
dann weiter forttreiben zu Urteilen. Logisch zusammenhängend: das
System der von einer oder mehreren Seins- oder Gegenstandsset-
zungen und dann überhaupt von einem allgemeinen offenen Hori-
30 zont von möglichen und wirklichen Gegenständen ausstrahlenden

1 Das ursprüngliche „instinktive“ Wahrnehmen, dann Erinnern und diskret Künf-


tiges Erwarten, instinktives Affizieren und Zuwenden, das Zuwenden als instinktives
Streben in realisierender Erfüllung, in dieser glatt sich abwickelnden Erfüllung hsichi
„befriedigend“. (Dieses innere Streben und Erfüllung histi nicht Realisierung im
Sinn der umgestaltenden Erzeugung eines Gegenstandes, was einer anderen Stufe
angehört.) Das ursprünglich instinktive Streben erfährt dann in der Auswirkung die
verschiedenen „Hemmungen“, Modalisierungen.
198 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

synthetisch-aktiven Setzungen und Modalisierungen und dann wie-


der von Urteilen, die, durch diese Modalisierungen vermittelt, dazu
dienen, dieses Gebiet von seienden oder möglicherweise seienden
Gegenständen zu erkennen. Das Überhaupt-Urteilen – Modalitäten
5 des Überhaupt und alle Modalitäten im Überhaupt. Die Quantifika-
tion. Das Verhältnis des Urteilens und seiner Urteilsmodalitäten zu
den „Gemütsakten“ und Willensakten.

h§ 3. Latente Intentionalität, das Wachwerden


des Ich und die Leistung des aktiven Ichi

10 Die latente Intentionalität ist die Voraussetzung und Unterlage für


alle patente Intentionalität, d. i. für alle eigentlichen Ichakte. Bewusst-
sein ist absolutes Leben überhaupt, und alles Wachwerden des Ich ist
Affiziertwerden durch etwas, das schon bewusstes Etwas histi, d. i. vor
aller „Zuwendung“, Erfassung, Beurteilung, aber auch Bewertung,
15 Begehrung, Wollung, Handlung bewusstseinsmäßig konstituiert ist
als intentionale Einheit. Bewusstsein überhaupt ist in einer gewissen
Weise immerfort und unaufhebbar „objektivierendes“, in gewisser
Weise ist es immerfort und notwendig doxisch und liegt in ihm latent
und doch nicht als eine leere Möglichkeit „seiende“ Gegenständlich-
20 keit, und in gewisser Weise sind schon diesem Bewusstsein, in dem
das Ich nicht wach ist für seine Gegenständlichkeit und das sie nicht
erfasst, „setzt“ und urteilsmäßig betrachtet, bestimmend behandelt
etc., auch Modalitäten der Gewissheit bzw. Seinsmodalitäten nicht
fremd, liegen in ihm latent.1
25 Es ist dabei zu sagen, dass latente Intentionalität nicht nur bestän-
dig fließendes Leben ist, das etwa gedacht ist als dumpf-traumloser
Schlaf – oder auch, das Hintergrundleben ist jener Art, die alles wach-
aktive Leben umflutet –, sondern auch die latente Intentionalität ist
voll sozusagen von patenter. Jedes polythetische „Erzeugnis“ z. B. des
30 urteilenden Denkens ist innerhalb des wachen Lebens liegend, ist als
das in gewisser Weise in dem Lichtkreis, den die Rede vom Blickfeld
der Aufmerksamkeit bezeichnen könnte, und ist doch eine latente Ge-

1 Auch Werte und Tätigkeiten, Begehrungen und „Handlungen“.


passivität und aktivität in intellekt und gemüt 199

genständlichkeit, die einer eigenen Ichaktivität und Leistung bedarf,


um patente, um erfasste, in Kenntnis genommene Gegenständlichkeit
zu sein und dann gar weiter zum „Gegenstand worüber“, zum Sub-
strat des bestimmenden Urteilens hzu werdeni. Und nun gar, wenn
5 wir in der Erfassung und Betrachtung einer äußeren Wahrnehmung
die in ihr latenten Orientierungen, perspektivischen Erscheinungen
(Abschattungen, Aspekte) nehmen, dann weiter zurückgehend die in
Abschattungsfunktion stehenden Empfindungsdaten und endlich die
temporalen Abschattungen, die Bewusstseinskontinua des inneren
10 Zeitbewusstseins, durch welche diese selbst, aber auch alles, was
Erlebnis und Erlebnismoment im inneren Zeitbewusstsein ist, sich
als Zeiteinheit konstituiert.
Die B r ent ano’sche Lehre „Alles Bewusstsein ist Vorstellung
oder hat Vorstellung zur Unterlage“ könnte so interpretiert werden,
15 dass „Vorstellung“ soviel besagte wie latente Intentionalität. Aber
freilich zeigt sich dann, dass die „Grundklassen der Intentionalität,
roh gesprochen Intellekt und Gemüt und Wille“, und dass die zu
ihnen gehörigen Grundweisen der Abwandlung schon zum latenten
Gebiet, zum „Vorstellen“ gehören; oder, das Leben ist durch und
20 durch objektivierendes (Gegenstände konstituierendes), zugleich
aber auch wertend und strebendes und realisierendes Leben.
Das objektivierende Leben ist dabei in seiner untersten Struktur
durchgehend hyletisch objektivierendes und bietet in der Entwick-
lungsstufe des auf eine Außenwelt bezogenen Lebens die durch dieses
25 Leben hindurchgehende Unterstufe des naturerfahrenden Lebens,
das eine in sich geschlossene, von aller sonstigen Objektivierung
und von aller Wertung abstraktiv zu sondernde Unterschicht dar-
stellt, die strömende Einheit also der äußeren „wertfrei“, von al-
len Gemütszuwächsen und praktischen Bedeutungen frei gehaltenen
30 Erfahrung. In erweiterter Fassung des Begriffs der Hyle haben wir
also eine Schicht der hyletischen Objektivierung mit den hyletischen
Urteilen, dann der darin fundierten mundanen, auf Natur bezoge-
nen Wertobjektivierung und praktischen Objektivierung (Kultur),
die sich in Werturteilen, Zweck- und Mittelurteilen etc. entfaltet,
35 das histi in patenten Objektivierungen, denen des urteilenden und
erkennenden Intellekts. Aber über all das greift die fortgehende
latente Objektivierung und desgleichen die latente Wertung und
Strebung. Und zudem, das latente Gemüt, der latente Wille kann
200 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

in seiner Weise auch patent werden, ohne sich zugleich zu eröffnen


in der Weise des Urteils. Das Ich, indem es Gemütsstellungnahmen
vollzieht und sich praktisch entscheidet oder handelt, schafft dabei
so wie als urteilend aktives Ich neue Objektivierung; es konstitu-
5 iert neue Gegenständlichkeiten in latenter Form, die dann wieder
patent werden können für das urteilende Ich, und zudem das Ge-
müt bewegen, dadurch den Willen bestimmen können usw. in infini-
tum.
W as leist et das akti ve Ich? Es macht nicht die gegenständ-
10 liche Einheit, die vorkonstituiert schon bereit ist und es vor der
Zuwendung affiziert. Aber es belebt die Intentionalität in der ei-
gentümlichen Weise der Aktivierung, des aktiven Vollzugs, und wird
selbst zum vollziehenden und, was nur ein anderer Ausdruck ist, zu
dem sich zuwendenden, die Einheit erfassenden, ihr nachgehenden,
15 von ihr stetig Kenntnis nehmenden Subjektivität – das Letztere im
Falle einer „schlichten“ erfahrenden Vorstellung, die selbst nicht
schon „kategoriales Gebilde“ und somit nicht aus einer ursprüng-
lichen Aktivität hervorgegangenes Erzeugnis ist, das als solches auf
seine ursprüngliche Genesis zurückweisend zum „Nachgehen“, zur
20 „näheren Kenntnisnahme“ der „Reaktivierung“ bedarf. In jedem
Fall nimmt das Ich den Gegenstand zur Kenntnis, und der Anfang ist
die aktive R ezepti vit ät, die Aufnahme des schon Konstituierten
in die Kenntnis, und der Fortgang ist dann die eigentlich syn-thetische,
in diskreten Schritten sich vollziehende Synthesis des Urteilens, die
25 von Seiten des Bewusstseins eine Einheit des Bewusstseins ist, die
mehrfältig Thesen verknüpft und eben damit eine neue Gegenständ-
lichkeit vorkonstituiert.
Das tätige schlichte Erfahren und überhaupt das sich hinwendende
Erfassen stellt den Gegenstand in den Blick, macht ihn zum Thema
30 und eröffnet die Gegenständlichkeit zunächst im durchlaufenden
Betrachten. (Ich spreche von Reaktivierung. In gewisser Weise gilt
das schon von der Erfahrung, der äußeren, obschon da der Aus-
druck ein uneigentlicher ist, da es sich nicht um Wiederherstellung
einer ursprünglich konstituierenden Aktivität (kategoriale Erzeu-
35 gung) handelt, sondern humi „Wiederherstellung“ der Assoziatio-
nen, der solche Assoziationen urstiftenden Zusammenhänge.) Das
Urteilen eröffnet die Gegenständlichkeit, entfaltet sie bzw. die sie
gebende Intentionalität, aber das erkennende Tun eröffnet die In-
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 201

tentionalität auch, indem es ihrem unbestimmten Sinn folgend neue


Intentionalität frei herstellt, welche das Unbestimmte bestimmt. Das
ist doppeldeutig. Die Horizonte, die unerfüllten, ausfüllen durch
fortgehende Wahrnehmung desselben, sich dabei von immer neuen
5 Seiten zeigenden Gegenstandes, das ist eine Weise, ihn näher zu
bestimmen. Andererseits aber das eigentlich urteilende Bestimmen,
das ihn nach einzelnen Momenten und Teilen näher Betrachten,
ihn durch Kenntnisnahme seiner Eigenschaften und Bestandstücke
kennenlernen, in seinen Eigenschaften ihn „in Sonderheit“, in seiner
10 besonderen Bestimmtheit kennenlernen. Erst in diesen fortgehenden
Leistungen wird das Substrat, der Gegenstand selbst, zum erkann-
ten, und zu diesen Leistungen gehört auch, ihn ineins mit anderen
Substraten und in Beziehung zu ihnen kennen hzui lernen, ihn im
Zusammenhang mit ihnen durch Relationsbestimmungen hzui be-
15 stimmen.
Erst dadurch erwachsen dem erkennenden Ich „Gegenstände
der E r kennt nis“ als erkannte Objekte, im allgemeinsten Sinn ge-
sprochen als begriffene. In der Erkenntnis einen Begriff von einem
Gegenstand gewinnen heißt, ihn als in mannigfaltigen Erkenntnissen
20 erkannten, urteilsmäßig bestimmten gewinnen als einen solchen, der
von nun ab ins Bewusstsein tritt als begriffener, als Gegenstand,
an dem sich alle Prädikate attributiv niedergeschlagen haben. Doch
kommt dazu das Begreifen als unter allgemeine Begriffe stellen, als
durch allgemeine Prädikate bestimmen, ihn als Einzelnes von Allge-
25 meinheiten, in Beziehung auf Umfänge von möglichen und wirk-
lichen und dabei unbestimmt allgemein gedachten Gegenständen
hbestimmeni. Erst das erkennend urteilende Ich übt durch auswei-
sende, begründende Tätigkeit Arbeit im Dienste der Wahrheit, oder
vielmehr: Im urteilenden Denken gerät das Ich auf die unliebsame
30 Hemmung der Urteilsgewissheit, auf Modalisierungen, auf die un-
liebsame Nötigung der Preisgabe, der Verwerfung einer erworbenen
Überzeugung; es lernt den Wert der Wahrheit als Norm kennen und
der Urteile, die aus der Evidenz geschöpft jeder Negation, jedem
Zweifel, jeder Modalisierung standhalten.
35 Tiefere Analyse zeigt und bewährt, bringt zu einem immer tiefe-
ren und reineren Verständnis, dass Bewusstseinsleben, monadisches
Sein, nicht ein toter Komplex von dinglichen „Daten“ ist und von
toten, wenn auch gesetzlich geregelten Abwandlungen dieser Daten,
202 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Verbindungen, Verschmelzungen, Zusammenbildungen von Sonder-


komplexen, die selbst einander gegenüber geregelte Kausalitäten
üben – so etwas wie eine Natur, wie die in der Naivität absolut gesetzte
physische Natur. Jede solche Auffassung übersieht in ihrer Naivität
5 das Ich und hdasi erkennende Ichbewusstsein und das Bewusstseins-
leben überhaupt, durch das eine Natur und jedes ihr analog gedachte
sachliche Sein seinen Sinn erhält, und hsiei verkennt, dass dieses Sinn-
Erhalten sehr viel besagt, und vor allem hbesagt, dassi das sachliche
Sein nur ist, was es ist, als im Bewusstseinsleben sich konstituierender
10 Sinn, wirklich konstituierter oder aus schon konstituiertem durch
passiven und aktiven Fortgang des intentionalen Lebens weiter zu
konstituierender.
Ein Bewusstseinsleben konkret genommen oder eine Monade ist
ein in sich wesensmäßig geschlossener Strom der „Intentionalität“,
15 eine Totaleinheit der „Intention“, durch und durch „Bewusstsein
von“, und sofern in diesem Kreis, in dieser Totalität, irgendetwas
„ist“, ist es als synthetische Einheit von Bewusstsein. Das aber so
sehr, dass auch jeder Lebenspuls, der da Bewusstsein heißt, selbst
nur ist als synthetische Einheit, als Sinnesleistung von Bewusstsein,
20 dessen Sinnespol und Satz dieses Bewusstsein ist, und so schließlich
auch für das Sein der Totalität selbst. Si e ist, was sie ist, durch
eigene Sinngebung, durch h di e i si e sich selbst Sinn und
Sein gibt, durc h die si e nur dadurch ist und nur dadurch
s ein kann, das s si e d urch si ch sel bst und für sich selbst
25 is t. Freilich, die Ausdrücke sind, obschon bezeichnend, doch wieder
gefährlich: als ob die Monade ein schaffender Gott wäre, der Ge-
genständlichkeiten, Welten machte und dabei sich selbst „machte“.
Bewusstsein, Monade, ist durch und durch Intentionalität, und was
irgend im Bewusstsein oder an ihm zu konstatieren, zu unterscheiden,
30 gegenüberzusetzen ist, ist nur Wesensmoment der Intentionalität,
nur aus ihrem eigenen Wesen zu schöpfen und außer diesem Wesen
sinnlos.
Durch das monadische Bewusstseinsleben hindurch geht passive
Intentionalität mit passiven Verschmelzungen kontinuierlicher Syn-
35 these, in beständigem Fortströmen sich abwandelnd und dabei durch
Einheit des in der kontinuierlichen Synthese als kontinuierlicher De-
ckung verbundenen Bewusstseins. So ist immanente Zeit und der
fortgesetzt sich erweiternde Gehalt des immanenten Werdens ein
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 203

Titel für ein Werdenssystem aus konstituierten Einheiten, in ihrer


passiven Einstimmigkeit oder Deckung seiend und in der notwendi-
gen Zeitform seiend.
In der Passivität tritt dann Affi ni tät des Ähnlichen und
5 Gleichen als eine Art diskreter Synthese (intentionaler Deckung)
auf. Doch wäre wohl vorher zu nennen die Diskontinuität der
A bhebung gegenüber derjenigen Kontinuität der Verschmelzung,
die kein Sonderbewusstsein überhaupt möglich machte. Das bezeich-
nete einen Grenzfall, Nul l fal l des Lebens, von dem fraglich ist, ob
10 er zu denken ist als Null fal l i n der G enesis. Es fragt sich auch, ob
Abhebung nicht kontinuierliche Abhebung gegen einen Hintergrund
ist, also beständig kontinuierliche Diskontinuität in eins mit einer
kontinuierlichen Kontinuität im Abgehobenen.
Was die Affektion des Ähnlichen anlangt, so betrifft das Koexis-
15 tenz und Sukzession. Was Sukzession anlangt, so ist eben das verklun-
gene Bewusstsein, auch das längst verklungene (unbewusste), nicht
nichts, sondern in kontinuierlicher perspektivischer Kontraktion der
Retentionen nur latente Intentionalität, zu wecken durch eine expli-
zite Gegenwart.
20 Aktivität und Ich. Die intellektive Tätigkeit, anfangend mit der
erfassenden Zuwendung, ist Wachwerden des Ich und Eröffnung
des Reichs der Freiheit. Alle Gemütsaktion und Willensaktion setzt
intellektive Patenz schon voraus, und jede Stufe neuer Aktion schafft
Möglichkeiten neuer Intellektion und neue Möglichkeiten der Frei-
25 heit.

h§ 4. Passive Lust und aktives Gefallen. Lust


als Gegenstand und Lust als Wert. Die
Aktrichtungen der Intellektion und Emotioni

Die Aktivität des Gemüts und des Willens. Das Gemüt vor der
30 A ktivität. Das Bewusstsein in seiner passiven Intentionalität kon-
stituiert Sinn, zuunterst „ichfremden“ hyletischen Sinn in passiver
Kontinuität der Deckung unter Abhebung. Aber in dieser Passivität
fundiert die hyletische Intentionalität auch Lust oder Unlust, An-
nehmlichkeit und Peinlichkeit. Und das ergibt Schichten weiterer
35 Synthesen von wandelbaren Schichten an schon anderweitig konsti-
204 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

tuierten Gegenständen. Auch das geht in Assoziation ein, bedingt


Weckung usw.
Ferner hängt mit der Erregung assoziativer Protentionen auf An-
nehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten, auf mögliche Wandlungen
5 der Gegenstände, bei denen Angenehmes erwachsen würde und dgl.,
begehrendes Streben zusammen, als Streben nach einer Seinsgestal-
tung, nach Seinsverläufen, die Lust bringen würden (und entspre-
chend entgegengesetzt für Unlust). Aber auch instinktives Treiben,
das erst im Gang der passiven „Erfahrung“ (der latenten) sich ent-
10 hüllt und dann zum lustgerichteten Begehren wird, in sich wirklich
gerichtete Intentionen auf lustbringende Gegenstandsgestaltungen
tragend. Das unwillkürliche, passive Realisieren instinktiven Stre-
bens und dann zielgerichteten latenten Strebens.
Wie das Gemüts-Ich wach wird. Wach wird das Ich in der Zu-
15 wendung zu den Gegenständen, in der gefallenden Zuwendung zu
ihnen, und das sagt doch nicht bloß ein Erfassen und Betrachten des
„angenehm“, „lustvoll“ als eines nur fundierten hyletischen Charak-
ters (als ob es das wäre). Das Ich ist hinsichtlich einer konstituierten
Einheit intellekt iv: Es ist kenntnisnehmend, Seiendes ist als solches
20 erfasst, ist Thema, wird zum Substrat etc. Das Ich ist aber nicht
hinsichtlich der G efühl scharaktere kenntnisnehmend und bestim-
mend, obschon es auch das werden kann und oft genug auch das ist.
Es hat Gefallen an der Sache, es macht sich das vor der Zuwendung
schon Lustvolle in der Weise des Gemüts zu eigen, es genießend, im
25 Gefallen damit beschäftigt. Man könnte sagen: Wie die vorstellende
Intentionalität, die passiv nicht bleibt, was sie war, sondern die neue
Gestalt (Modus) der vom Ich aus „vollzogenen“ annimmt und das
Spiel der intellektiven Aktionen inszeniert, so nimmt die passive Lust,
passiv im Sinn der „ichlos“ erlebten Lust als einer eigenen fundierten
30 Intentionalität, den Charakter an des „Ich habe Gefallen“, nicht an
der Lust (als ob sie Gegenstand wie ein anderer wäre), sondern am
Gegenstand, der vordem schon in latenter Weise Lustgegenstand war
und nun Gegenstand des Gefallens ist, einer aktuellen Weise des
Lusthabens, der Gegenstand bewegt mich, affiziert mich in der Weise
35 des Gemüts, und ich antworte, mich ihm hingebend, in der Weise des
Gefallens.
Wie jeder intellektive Akt neue Gegenständlichkeit latent konsti-
tuiert, so auch jeder Gemütsakt und jeder Akt überhaupt: Der Ge-
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 205

genstand hat nun eine neue Schicht „gefällig“.1 Vor der Zuwendung
des fühlenden Ich ist er schon mit einer Lustschicht ausgestattet, und
wie ich in der Zuwendung ihn erfasse und von ihm weitere Kenntnis
gewinne als den, der schon vordem war, so auch kann ich ihn vorfinden
5 als den, der schon „angenehm“ war. Dieses „angenehm“ ist nicht
verloren, es hat jetzt den Modus des „gefällig“. An ihm ist weiter
das „angenehm“, aber ich habe von mir aus meine Freude daran.
Aber muss man dann nicht sagen, es ist eben hier zweierlei, das
Kenntnis nehm en der Lust und das Sich-daran-Freuen als
10 „ A ntw or tr eakti on “ des Ich? Aber heißt das dann nicht, dass
eine gewisse Sorte sinnlicher Momente, genannt sinnliche Gefühle,
die Auszeichnung hat, „im“ Ich besondere Reaktionen zu erwecken
oder gewisse Weisen der Erfassung, die Freude ist, zu erwecken?
Nicht nur: Ich nehme Kenntnis, sondern in neuer Schicht: Ich habe
15 Gefallen?2
1) R ic htung auf di e gegenständl iche Einheit – Synthese
der Identifikation, der Bestimmung, hdesi Urteilens: Antwort auf die
Seinsaffektion (at tent io nal e Affekti on – Affektion des Gegen-
standes als Einheit).
20 2) Ric htung auf den Wert, Antwort auf die Affektion der
Lust und Unlust, auf die des Gefühls: Hingabe in Form des patenten
Gefühls.3 Das Ich ist genießend und Gefühlsintention als Streben
erfüllend in der genießenden Lust, die, fundiert durch ein Merkmal,
die Gegebenheit des Merkmals voraussetzt. Gefallen haben: Ein Ich
25 hat Lust und strebt nach ihr, sie habend. Aber wodurch scheidet
sich das von der Lustwahrnehmung? Ich kann sie doch haben und
mich nicht daran freuen, nicht mit Gefallen antworten. Lust ist eben
doch etwas Eigenes. Passiver Gemütsmodus, der affizierend aktive
Gemütstätigkeit motiviert? Was sagt das aber? Es ist wie ein sinnlich

1 Ich habe neben den Gegebenheitsmodi, in denen sich der Gegenstand als Einheit

konstituiert, noch subjektive Modi des Gefühls als solche, die nicht konstitutiv sind
und doch zu ihm insofern gehören, als er in Verbindung mit gewissen seiner Gegeben-
heitsweisen, als gerade durch diese fundiert, die weitere hat, die doch nicht darstellend
ist, also nichts zur Synthese beiträgt. Wie ist es bei immanenten hyletischen Daten,
einer schönen Farbe, einem süßen Geigenton? Das Immanente ist selbst subjektiv. Ist
also hier eine solche Scheidung möglich? Das reicht hier nicht hin.
2 Nein! Die sinnlichen Gefühle vor der Zuwendung sind Hintergrundwertungen;

Zuwendung aber ist hier sinnlich genießen, wertend.


3 Was sagt patentes Gefühl?
206 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

hyletisches Erleben schon vor der Zuwendung: Dieses in der Weise


der Zeitkonstitution konstituiert das einheitliche hyletische Datum
als synthetische Einheit. Die Schicht der Hintergrundlust ist fundiert
durch das hyletische Erleben und hängt an seinem Verlauf, an der
5 Art seines gegenständlichen Sinnes und seiner Zeitgestalt. In dieser
Fundierung konstituiert die parallele Schicht eine fundierte Einheit,
d. i. die sinnliche Lust. Lust als Gegenstand affiziert zur Aufmerksam-
keit, zur Erfassung und zum Eintreten in die Identitätssynthesen und
Urteilssynthesen. Aber bedarf diese Erfassung nicht voraus erst der
10 Aktivierung des Wertens? Lust als Wert affiziert zur Gemütsaktion.
Wir hätten also Gegenstandsbewusstsein universal, Bewusstsein
überhaupt. Gegenstände können in verschiedenen „Gefühlscharak-
teren“ gegeben sein, eventuell dass der Gegenstand in irgendeiner
subjektiven Gegebenheit (und dadurch fundiert) eine Gefühlsweise
15 als zugehörige Gegebenheitsweise hat, und diese kann einerseits
selbst als Gegenständliches, zum Gegenstand der Unterlage wie eine
Gegebenheitsweise Zugehöriges, sachlich affizieren und Urteilsge-
genstand werden, andererseits aber Thema genießender Zuwendung
und sonstiger Akte des Gefallens hwerdeni.1 Dann kommen wir in die
20 eigenen synthetischen Zusammenhänge des Gemüts hinein und des
Willens. Streben und Wille gehören zum „Urteil“, zur Intellektion,
ebenso wie zur Emotion.
Immerfort haben wir Gegenstandsbewusstsein und Gegenstands-
konstitution verschiedener Stufe: latent. Andererseits, immer ist das
25 Ich affiziert, und wird es eventuell wach, das ist, es tritt auf als voll-
ziehendes Ich – Objektivation vollziehend, urteilend oder Wertung
vollziehend – und endlich halsi aktiv strebendes. Vom Ich her haben
wir dann die beiden Aktrichtungen Intel lek tion und Emotion,
dem entsprechend das Gegenstandsbewusstsein immerfort zugleich
30 Gemütsmodi der Gegebenheit hat, die nicht für die jeweiligen Gegen-
stände konstitutiv sind. Wi r haben daher schon in der Passivi-
tät der Latenz I ntel le kt und G em üt i n der Latenzstufe: Vor
der I c haktivit ät haben wir Gegenstandskonstitution und Gemüts-

1 Gegebenheitsweisen der Objektivierung sind patent nur in einer Reflexion. Setzt

nicht die Reflexion auf die gefühlsmäßige Gegebenheitsweise den Wert voraus, das ak-
tuelle Werten? Das ist erst genießende Lust, dann Lust als gegenständlicher Charakter
und objektiviert erfasst.
passivität und aktivität in intellekt und gemüt 207

oder Wertgestalt. Alles, was aber im Leben auftritt, ist selbst objekti-
viert und kann in Objektivation eintreten, auch die Akte des Ich etc.
Es ist also ein im mer währendes O bj ektivieren und Werten
und ein immerwährendes Affizieren und Reagieren gegen Affektion
5 in Formen aktiver Intellektion und Emotion. Ic h erkenne also
keine Gr undkl ass en an, oder i n we lchem Sinn soll von
Gr undklas s en gespr ochen werden?

h§ 5. Der Bewusstseinsstrom ist durch


und durch Objektivation und Synthesis.
10 Die konstitutive Funktion der Lusti

Im inneren Bewusstsein konstituiert sich all das, wovon wir hier


in der Phänomenologie sprechen, hyletische Daten, kontinuierliche
Synthesen, verschiedene „Weisen der Intentionalität“, objektivie-
rende Intentionalität und ihre Modalitäten, wertende, praktische.
15 Und das sagt: D er Bewusstsei nsstrom selbst ist durch und
dur ch Objekti vati on, immerfort als inneres Bewusstsein für das
Ich latent, und immerfort kann es patent werden, eben dadurch, dass
das Ich Affektion erfährt und aktiv reagiert. Das ist dann aber selbst
wieder im inneren Bewusstsein objektiviert-latent und so in infinitum.
20 Der tiefste strukturelle Kern sind die hyletische Objektivierung und
die Wertung in sinnlicher Lust und dazu die Urtitel der Genesis:
Assoziation hundi Apperzeption. Man könnte sagen: Bewusstsein
is t d ur c h und durc h S ynthesi s, und Ichleben ist Aktleben,
A ktivität ( Str eben u nd Wol l en), das den Urformen der
25 Sinngebung – der sac hl i chen und wertenden, die sich immer
wieder in höheren Stufen wiederholt – folgend zum aktiven Urteilen,
Werten und zum eigentlich wollenden Gestalten wird und schließlich
zum Selbstgestalten.
Das monadische Leben ist durchaus „Bewusstsein-von“. Wenn
30 Bewusstsein-von als abzuhebende Sondergestalt „intentionales Er-
lebnis“ heißt, so geschieht das darum, weil jedes einzelne Bewusstsein
entweder schon den Modus der eigentlichen, ichlichen „intentio“,
des Hin-Gerichtetseins, des strebenden Bewusstseins hat oder die-
sen Modus annehmen kann. Intention ist der Titel für einen uni-
35 versalen Modus aller Bewusstseinserlebnisse, wodurch das Ich zu
208 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

dem „Gegenstand“ des Bewusstseins „in Beziehung tritt“. Jedes


Bewusstsein ist „Gegenstandsbewusstsein“, Bewusstsein seines Ge-
genstandes – das sagt, es ist selbst Synthese und gehört in Bewusst-
seinsmannigfaltigkeiten, wirkliche und mögliche, hinein, die synthe-
5 tische Einheit haben, verknüpft sind durch Synthese „desselben“;
dieses Selbe ist Substrat eines in wechselnder „Bestimmtheit“, in
wechselndem „Sinneshorizont“ ihm zugehörigen Sinnesgehalts, der,
sich bestimmend, durch alle Bestimmungsmodi hindurch heini Selbes
ist und zum identischen Substrat als hdieiselbe Bestimmung gehört.
10 Diese legt sich auseinander und wird patent in der expliziten Objekti-
vierung, einem intentionalen Bewusstseinsmodus, in der Ichtätigkeit
des urteilenden Lebens.
Doch das ist nicht so einfach. Ein Bewusstseinserlebnis kann in
verschiedene synthetische Zusammenhänge treten und in verschie-
15 dener Weise latent werden, derart, dass in der Latenz verschiedene
Gegenstände es sind, die als in dem betreffenden Bewusstsein be-
wusste zu bezeichnen wären. Jedes Bewusstsein hat aber seinen
Gegens tand sc hlec ht hi n, und alle anderen Gegenstände, die noch
in ihm bewusste heißen können, sind es dank Bewusstseinserleb-
20 nissen, die in dieses Bewusstsein eingeflochten, für seine Einheit
konstitutiv sind und deren Gegenstand schlechthin eben der jeweilige
Gegenstand, und er allein, ist. Wie ist das zu beschreiben?1
Bewusstsein ist Medium einer Ichintention (bzw. Affektion), die
sich erfüllt in synthetischen Zusammenhängen. Es heißt Bewusstsein
25 von dem Identischen, das sich in diesen Zusammenhängen als iden-
tisch „herausstellt“, „urteilend“. Wir können dann einsehen, dass
sehr mannigfaltige Bewusstseinsweisen wesensmäßig zu diesem syn-
thetischen und begreifenden Herausstellen gehören und dass diese
Bewusstseinsweisen in „konstitutiver Funktion“ stehen und ihre Ge-
30 genständlichkeiten ihrerseits in konstitutiver Funktion stehen, z. B. als
Abschattungen-von, als Anzeichen-von, Ausdrücke, Abbildobjekte-
von usw. „Konstitutive“ Probleme – letzte Konstitution, konstitutive
Elemente, Elementarbewusstsein und Elementargegenstände. Das
B ew us s ts ein al s st ufe nwei se Ei nhei t der Gegenständlich-
35 keit kons titui erende s, aufgebaut aus Bewusstsein, das
„ kons titutive Funkti on “ hat.

1 Vgl. weiter unten hab S. 210,28i.


passivität und aktivität in intellekt und gemüt 209

Aber nun kommt das Probl em des Gemüts, der Lust- und
Unlustaffektion etc. Die Gegenstandskonstitution führt in die Syn-
thesis und in die Betrachtung der konstitutiven Funktionen für die
Synthesis. Wenn ein Gegenstand Lustgegenstand ist, so ist er frei-
5 lich als lustig bewusst, und das Lustmoment ist auch mitkonstitu-
tiert in „gegenständlicher“ Weise. Aber für den Gegenstand, der
als lustig bewusst und bald wieder bewusst ist als unlustig, haben
wir eine abgesc hlos se ne G egenstandskonstitution, und in
dies em Z usam menha ng hat di e Lust keine konstitutiven
10 Funktionen. Das gilt es deutlicher zu machen. Denn ist nicht der
Wertgegenstand auch wieder Gegenstand? Er hat Wert. Hat er Wert
als eine Eigenschaft, als etwas zu seinem eigenen Sinn Gehöriges?
Wir haben ein geschlossenes System der Bewusstseinssynthese und
in ihm den sich identisch durchhaltenden und bestimmenden Gegen-
15 stand, und wir haben in diesem Bewusstsein als Synthese fundiert
ein neues Bewusstsein, das seine eigene Synthese hat. Nun haben
wir sonst auch fundiertes Bewusstsein, Relationsbewusstsein zum
Beispiel. Aber hier im Wertbewusstsein konstituiert sich zunächst ein
Gegenstand in eigener Synthesis und aufgrund seiner Bestimmung
20 die in ihr fundierte Schicht Wert. Und sie ist nicht nur etwas, was der
Gegenstand als seine Bestimmung in sich und in seinem beziehenden
Übergang hat, sondern in der Patenz heißt es, ich genieße, ich fühle
Lust am Gegenstand, an dieser Bestimmung. Die Lust ist für den
Gegens tand nic ht ko nsti tuti v, si e ist ihm fremd, sie ist
25 „ s ubjektiv “, si e i st ei ne Wei se, wi e er sich mir gibt, wie er
„ er lebt “ is t, aber nic ht ei ne W ei se, wie er sich „ darstellt “,
kons tituiert.
Die Lus t is t auch n i cht ei n Rel ationscharakter, der dem
Gegenstand im Verhältnis zu anderen vorkonstituierten und dann
30 erfassten Gegenständen zukommt. Lustcharakter kommt dem Ge-
genstand, eventuell dem bestimmten Gegenstand, auch dem in Re-
lation bestimmten, zu. Die Objektivation liegt darunter und fundiert
in ihren synthetischen Gestalten eine darüber gelegte Schicht der
Wertung. Erst wenn diese patent wird und dann Lust gegenständlich
35 erfasst hwirdi, haben wir Relation.
210 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Beilage VIII
hObjektivation und wertendes Gefühli1

Das Ich als strebendes, realisierendes Ich: in jeder Betrachtung, im durch-


laufenden Wahrnehmen eines äußeren Gegenstandes, im Vollzug der Kin-
5 ästhesen und in dieser Vermittlung im realisierenden Ablaufen allein der
Erscheinungsweisen des Gegenstandes, seiner Seiten, seiner Orientierungen
etc., im Vollzug der Explikationen der sich „aufdrängenden“ Beziehungen,
im Vergleichen etc., so im Verlauf der urteilenden Tätigkeiten, die eben
„Tätigkeiten“ des Ich sind. Das Ich affiziert und den Affektionen „passiv“
10 folgend, bald ungehemmt, bald gehemmt in Zweifel und Frage, in passiver
Aufhebung der Hemmung wieder hemmungslos fortgehend, fortgezogen,
reagierend und nicht im prägnanten Sinn „spontan“, in echter Ichspontanei-
tät tätig.
Das passiv strebende (tendierende, intendierende) Ich in der „Enthül-
15 lung“ eines latenten „Gegenstandsbewusstseins“. Der „Gegenstand“ affi-
ziert, ein „Identisches“. Affektion in Richtung auf Synthesen der „Identifi-
zierung“. In der Passivität treten solche Affektionen auf, so sich enthüllend,
dass Gegenstände erzielt und fortschreitend sich bestimmend als Urteilsge-
genstände erzielt, zugeeignet, in Kenntnis genommen und erkannt werden.
20 Der Gegenstand ist sozusagen das Erzeugnis des objektivierenden, auf vor-
konstituierten gegenständlichen Sinn gerichteten, diesen Sinn realisierend-
entfaltenden Ich – des urteilenden. Wie steht es dann mit dem Fühlen?
Im absoluten Leben und seinem Strömen kommt immerfort Synthese,
kontinuierliche und diskrete Synthese, zustande, es ist immerfort latentes
25 „Gegenstandsbewusstsein“, immerfort eben Bewusstsein-von, nämlich im
Hintergrund. Und es ist Bewusstsein von etwas in sehr verschiedenen „Hin-
sichten“, nämlich je nach der Richtung der Synthese, die gerade im Strömen
eingeschlagen, protentional eröffnet ist. So kann ein konkretes Erlebnis als
Bestandstück des Erlebnisstromes, in dem es ein relativ für sich Konkretes
30 ist, sehr verschieden als Bewusstsein-von fungieren, und eben damit drückt
sich schon diese Relativität aus: Es ist eigentlich nur, was es ist, in seinem
universalen Erlebniszusammenhang und der synthetischen Richtung, der es
zugehört und die seine „Konkretion“ mitbestimmt. Daher die Rede von ver-
schiedenen Einstellungen, in denen z. B. bald ein äußerer Gegenstand, bald
35 seine Erscheinungsweise, seine Weise der Orientierung etc. zum Gegenstand-
worüber werden. Die synthetischen Einheiten und mit ihnen die syntheti-
schen Linien stehen in Wesenszusammenhängen, und das ergibt dann wie

1 Wohl 1923. – Anm. der Hrsg.


beilage viii 211

in diesen Fällen gerade und reflektierte Blickrichtungen und Ordnung im


Vollzug der Reflexionen.1
Im inneren Bewusstsein ist alles, was da Erlebnis heißen kann (wie sehr es
seinerseits Bewusstsein-von ist und in Deckungseinheit eintretend „Gegen-
5 stände“ konstituiert), wiederum Gegenstand, das heißt, ihm entspricht eine
strömende Bewusstseinsmannigfaltigkeit, heinei strömende und eventuell
diskrete Synthese, in der es selbst das Konstituierte, der Gegenstand, das
identische Sein ist. So ist auch jedes der Erlebnisse, die wir Gefühle nennen,
heinei Einheit, wie freilich auch jede Affektion eines Vorgegebenen (eines
10 latent Bewussten in Richtung auf eine Synthese), jede Zuwendung des Ich,
jeder Prozess des Urteilens.
Gefühle sind Momente von Erlebnissen, in denen als Bewusstsein-von
irgendwelche Gegenstände bewusst sind. Zum Beispiel, Erlebnisse äußerer
Wahrnehmung als kontinuierlich hinströmende Synthesen, deren „gegen-
15 ständliche Einheit“ ein Ding, ein dinglicher Vorgang ist, sind zugleich füh-
lende Erlebnisse, sofern der Gegenstand als lieblich, angenehm, schön, gut
bewusst ist.
Man möchte nun sagen (Widerlegung nachher): Was liegt hier anderes vor
denn eine fundierte Objektivation? Freilich, wenn es ein Ding ist, so kommt
20 die Lusteigenschaft, der Lustwert, ihm anders zu als eine Farbe, als eine spe-
zifische Dingeigenschaft. Diese kommt ihm als sein Wesen konstituierende
zu, in seiner ganzen Dauer, ob wirklich und eigentlich wahrgenommen oder
nicht. Der Gefühlscharakter, etwa der dem Ding „vermöge seiner Färbung“
zukommende, kommt ihm in der Wahrnehmung zu, aber nicht an sich. Das
25 Ding hat immerfort seine Färbung, seine wie immer sich verändernde, und
so ist jede Wesenseigenschaft in aller Veränderlichkeit immer an sich da,
ob erfahren oder nicht erfahren. Das Gefühl aber kommt ihm als zu einer
einzigen Färbung hgehörigi und nur in der aktuellen Wahrnehmung zu. Das
Ding kann als schön apperzipiert werden, ohne dass seine Schönheit selbst
30 gegeben ist; es ist dann eben in der Weise eines appherzeptiveni Horizonts
im Bewusstsein gelegen, dass ein Übergang in die betreffende Wahrneh-
mungsgegebenheit möglich ist, in dem das Gefühlsmoment hervortreten
würde. Aber dieses Hervortreten ist eben doch ein anderes als das eines
zum Gegenstand konstitutiv gehörigen Moments. Die Farbe ist da, wenn
35 der Gegenstand da ist, mag ich auf die Farbe, falls sie überhaupt in die
Wahrnehmung fällt, achten oder nicht. Die Schönheit der Farbe ist nicht
in gleichem Sinn da. Nicht immer berührt der Gegenstand und seine Farbe
mein Gefühl, und wenn ich verzweifelter Stimmung bin, wenn meine gesamte

1 Vgl. 11 h= S. 207,29–209,35i.
212 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Gefühlslage ein Lustgefühl hier nicht aufkommen lässt, so ist es auch nicht
da. Und wenn es da ist bzw. wenn der Gegenstand hinsichtlich einer ihm
eigenen Bestimmung als lustvoll charakterisiert ist, kann dieser Charakter
selbst wechseln und anders als ein eigenschaftliches Moment, handers,i als
5 ob der Gegenstand sich verändern würde.
Wie ist es bei immanenten Daten? Müssen wir hier, etwa bei einem lieb-
lichen Ton, der außerhalb aller räumlichen Objektivierung als Empfindungs-
datum genommen ist, nicht sagen, der Ton selbst und sein Gefühlscharakter
seien eins, es liege eine Zweischichtigkeit vor? Zu scheiden sei zwar, aber
10 so, dass der Gefühlscharakter fundiert sei durch den fundierenden sinnlichen
Gegenstand, so wie er in seiner Dauer qualitativ und intensiv sich extendiert
als dahinwährender, und hso wie eri dabei halsi so sich gestaltender bewusst
ist. Ich kann affiziert sein durch diese fundierende Einheit, während das
Gefühl da ist, ich kann auch auf den fundierten Gefühlscharakter achten. Er
15 ist eben auch gegenständlich bewusst und fundiert, das ist, ich muss eben auch
in der Zuwendung dem Fundierenden zugewendet sein und dann zudem dem
ihm Zugehörigen der höheren Schicht. Aber ist hier nicht zu unterscheiden
das geni eßende Zug ew e n d e t se i n d e s Ic h, das in der Lust strebend
lebt, und das Zug ew ende t se i n zu d e r B e st i m m u n g d e s W e r t e s wie
20 zu Bestimmungen überhaupt oder die urteilend-objektivierende Einstellung
und die vom Ich her fühlende?
Da liegen die Schwierigkeiten. Ich habe eine hyletische „Objektivation“
und darin fundiert eine Gefühls„objektivation“. Daran ist doch nicht zu
zweifeln. Nun kann das „Objektive“ affizieren, d. i. eine Ichtendenz auf
25 explizite Objektivation, auf Urteile hkanni statthaben. Andererseits, das
Fühlen ist nicht nur objektivierend, in synthetischen Einheiten stehend oder
hin siei einzutreten befähigt. Das Ich vollzieht das Gefühl als Gefühl, als
Bewertung des fundierenden Gegenstandes (des Gefühlssubstrats), und das
ist ein anderes als Vollzug der Wertobjektivation. Muss ich nicht sagen, zur
30 Wertobjektivation als expliziter, patent vollzogener komme ich erst dadurch,
dass ich nach Zuwendung zum fundierenden Gegenstand und der betreffen-
den fundierenden Bestimmung zunächst „genießend“ das wertende Fühlen
vollziehe, und dann erst kann ich in die Werturteilseinstellung übergehen?
Und sagt das nicht so viel wie: Das Werten ist von vornherein kein Objek-
35 tivieren, sondern schon im latenten Hintergrund ein in dem Objektivieren
Fundiertes? In der Patenz aber ist das Objektivieren zum Urteilen geworden
und das Fühlen zum aktiven Fühlen (aktuellen Werten), das aber nicht frei
steht, sondern, fundiert im objektivierenden Urteilen, zum Gefallenhaben,
Sich-Freuen an dem Gegenstand geworden ist.
40 Die Sachlage ist aber vermöge der Fundierung eine wechselnde und
schwierige: weil ich urteilen kann und das Gefühl noch immer latent sein
beilage viii 213

kann, nämlich nicht von mir vollzogenes. Ich betätige objektivierendes Inter-
esse, das ist, ich bin vollziehend urteilendes Ich, ich betätige demgegenüber
wertendes (fühlendes) Interesse, das ist, ich bin vollziehend fühlendes Ich.
Ich kann im „theoretischen“ Interesse leben, ohne im fühlenden Interesse
5 zu leben; ich bin nicht fühlend in Aktion, sondern nur urteilend. Bin ich
aber fühlend in Aktion, so ist die Urteilsaktion dienende Funktion. Endlich
kann ich nun auch von der Einstellung des fühlenden Betätigtseins (aktuelles
Werten) in die Einstellung des objektivierenden Bewertens, d. i. in die Ein-
stellung des Werturteils übergehen, in der hderi Wert zum gegenständlichen
10 Bestimmungsmoment geworden ist, zum Prädikat eventuell prädizierend-
begreifender Urteile. Tue ich das, so kann ich auch sagen: Der Gegenstand,
die Färbung, die so und so sich darstellende Gestalt des Gegenstandes erregen
mein Gefallen, sind Thema meiner Gefallenswertung oder bestimmen mich
als fühlendes Ich, ihnen mich im Gefallen zuzuwenden. Und von daher hat
15 er die Wertbestimmung. Dabei affiziert mich der Gegenstand, er bestimmt
mich als fühlendes Ich im Fühlen, und sofern er schon in der Latenz für
mich gefühlsmäßig da war, affizierte er mich in dieser Hinsicht schon vorher.
Die latente Objektivation ist Ausgang einer Affektion als objektivierender
Affektion, Affektion zum Urteilsvollzug, Affektion gerichtet auf das Ich als
20 objektivierend-urteilendes; das latente Gefühl affiziert mich nicht als Objekt,
es ist Ausgang einer Gefühlsaffektion, ich bin affiziert, motiviert zum aktiv
fühlenden, aktiv wertenden Ich zu werden. S o i s t a l s o O b j e k t i v a t i o n
( Ur tei l ) und Ge fühl (W e rt u n g ) g ru n d w e s e n t l i c h u n t e r s c h i e d e n.
Das Gefühl als Gefühl wertet aufgrund irgendwelcher Objektivation, es
25 begründet damit neue Objektivation, es ist aber nicht in sich selbst Ob-
jektivation.
Das Ich als urteilendes Ich verhält sich identifizierend-bestimmend, das
Ich als wertendes Ich aufgrund von Urteilstätigkeit bewertend. Als urtei-
lendes beurteilt es Gegenstände als wert, mittels Wertung konstituiert es
30 Wertapperzeption und Wertvergleichung, Werturteil. Wie verhält es sich aber
mit den Ur teil smodal itä t e n und wie mit der P h a n t a s i e?
In der Phantasie bin ich quasi-urteilend, quasi-wertend. Als aktuelles Ich
urteile ich aber „aufgrund“ der Phantasie wirklich und werte wirklich. Die
Phantasiewelt, der Phantasiezentaur ist für mich als aktuelles Ich, obschon
35 ein Modifikat eines wirklichen Objekts, selbst etwas Wirkliches. Und ich
kann ihn schön oder hässlich finden und dem Phantasieding diese Prädikate
urteilend zuschreiben. Ebenso gibt es Urteile und Wertungen, die zwischen
Wirklichkeit und Phantasie spielen.
Was aber die Urteilsmodalitäten anlangt, so sind es natürlich neue „Be-
40 wusstseinsweisen“ bzw. Weisen der Intentionalität des Ich. Ich bin vermuten-
des und nicht in Gewissheit urteilendes, ich bin zweifelndes, fragendes hIchi
214 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

etc. Aber hat nicht das Gemüt analoge Modalitäten: in Gewissheit werten,
zweifelnd werten, in Wertanmutung leben etc.?
Somit käme ich zu der alten Stellung zurück: Wir haben grundverschie-
dene Formen des Bewusstseins in folgendem Sinn:
5 1) Bewusstsein als positionales, als Wirklichkeitsbewusstsein und Be-
wusstsein als Phantasie – Modi der Positionalität;
2) Modi der Originalität und Nicht-Originalität, der Antizipation; auch
das Werten kann ein originales und ein antizipierendes sein;
3) Modi der Gewissheit, die in Urteilseinstellung in der Wertsphäre in
10 Modi der Urteilsgewissheit übergehen.
Demgegenüber der Unterschied, der durch alle Modalisierungen hin-
durchgeht, der, der die Grundklassen Objektivation und Gefühl (Urteilen,
Werten) bestimmt.

Beilage IX
15 hDie notwendige Vorstellungsgrundlage eines
Gemütsakts. Fundierte Qualifizierungen:
Sinnesstrukturen und entsprechende Aktschichtungeni1

Die bisher betrachteten Gruppen von Akten sind die a l l e r s c h l i c h t e s -


ten, und sie füllen einen b e st i m m t e n B e g ri f f v o n V o r s t e l l u n g. Der
20 Vorstellungsinhalt oder Sinn hat die einfachste Struktur. Die Vorstellungsge-
genstände, rein als Vorgestelltes, haben keine eigentliche Gliederung mehr
aus einer möglicherweise wechselnden Modalität des Seins: seiend schlecht-
hin oder fraglich, zweifelhaft, nichtig und dgl. Hierbei spielt das „seiend
schlechthin“ die Rolle der Urform, die sich nur abwandelt, modifiziert.
25 Dementsprechend hat das jeweilige Vorstellen selbst seinen Aufbau. Haben
wir eine normale Wahrnehmung von unserem Theater, dann wieder eine
Erinnerungsvorstellung von unserem Martinstor, so haben sie das gemein,
dass sich das Ich im einen und anderen Fall eines Seienden gewiss ist; es hält
einmal dies und einmal ein anderes für seiend. Für-seiend-Halten nennt man
30 auch „Glauben“, mindest in der philosophischen Tradition, die auf H u m e
zurückgeht, auch Position, Seinssetzung. Was aber beiderseits unterschieden
ist, histi, dass einmal der und das andere Mal der andere Gegenstand erscheint
und hdass eri beiderseits der Inhalt des Glaubens, der Seinssetzung ist, das
Thema der Thesis.

1 Wohl 1920. – Anm. der Hrsg.


beilage ix 215

Ein z wei te r Vorste ll u n g sb e g ri f f ist derjenige, der die These aus-


schließt. Verwickelter ist die Struktur schon, wenn sich ein A k t d e s G e f a l -
l ens oder Mi ssfal le ns mitrichtet auf einen vorstelligen Gegenstand, ein
Aktstrahl, eine Stellungnahme des Sich-daran-Freuens oder einer Unfreude.
5 Dann erhält der Gegenstand noch eine neue und in einer ganz anderen
Dimension liegende Qualifizierung, er steht als erfreulich oder unerfreulich
da oder auch als schön oder hässlich; das sind Qualifizierungen, die dem
„Gemüt“ zugerechnet werden, womit aber phänomenologisch eben nur die
völlig neue Dimension bezeichnet wird. Also haben wir wieder in den höhe-
10 ren Akten einen entsprechenden Sinn, der im Sinn der bloßen Vorstellung
fundiert ist.
Der konkret vollgenommene schlichte Gemütsakt, wie der der Freude an
dem schönen Ding und seinem Dasein, setzt – und das gilt für jeden ähnlichen
Gemütsakt – notwe ndig e i n e V o rst e l l u n g s u n t e r l a g e v o r a u s, also
15 schon einen Sinn mit einer Seinsqualifizierung, und dann b a u t s i c h d a r a u f
ei ne z wei te, e ine Ge mü t sq u a l i f i zi e ru n g, ein vermeinter Schönheits-
wert oder ein Hässlichkeitswert (ein Unwert, wie wir auch sagen), der als
ausschließlich zum Vorgestellten als solchen gehörig selbst ein Sinnesmoment
ist.
20 Ebenso bringt ein Begehren oder ein Wollen neue solche Momente, aber
ausschließlich neue und fundierte Qualifizierungen herein. Der vorgestellte,
in diesen Fällen nicht schon als seiend gegebene Gegenstand hat den neuen
Charakter eines seinsollenden, und in verschiedener Weise, wenn er er-
wünschter und wenn er praktisch erstrebter ist, als Ziel einer Verwirklichung
25 genommen. Im letzteren Fall ist vorausgesetzt, dass er dem Strebenden
bewusst ist, von ihm vermeint ist als nichtseiender, während im Fall des
Wunsches genügt, dass er den Charakter des Zweifelhaftseins, des Vielleicht-
Nichtseins hat. Alle diese Unterschiede liegen rein in den betreffenden in-
tentionalen Erlebnissen selbst und sie zeigen Sinnesstrukturen auf der einen
30 Seite und entsprechende Aktschichtungen auf der Gegenseite an.
Wie vielfältig diese Akte auch sein mögen, sie sind doch eingliedrige Akte,
sie können trotz ihrer Schichtung nicht in selbständige Akte zerlegt, in für
sich bestehende Akte zergliedert werden. Wenn wir ein Gebäude sehen, es
architektonisch schön finden, also in einem ästhetischen Gefallen ästhetisch
35 Stellung dazu nehmen, so haben wir zwar in gewisser Weise zwei Akte voll-
zogen, einen vorstellenden mit seiner Seinssetzung und einen wertenden mit
seiner Wertsetzung. Aber während der erstere für sich ein volles Ganzes ist,
ist der wertende nicht daneben zu legen. Er ist nur, was er ist, ineins mit der
Vorstellung, die er voraussetzt und mitumschließt. Wie „seiend“ nur denkbar
40 ist an etwas, etwa ein Vorstelliges, das seiend ist, so Wertsein nur als Wertsein
von etwas, das seinerseits in irgendeiner Seinsweise gedacht sein muss. Inten-
216 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

tionale Erlebnisse können also, ohne konkrete einfache Erlebnisse zu sein,


unzerstückbare, mehrere Positionen vollziehen, mehrere Qualifizierungen
ihrem Vorstellungsgehalt erteilen.
Ein und derselbe Inhalt (ein und derselbe Vorstellungssinn) kann oft1
5 mehrfach Thema sein, in thematischen Akten Thema eines bloßen Interesses
an seinem Sein, eines theoretischen Interesses, dazu hThemai eines ästheti-
schen Interesses, eines Begehrungsinteresses oder eines vollen praktischen
Interesses hseini. Dabei hat der Gegenstand als Sinn seinen Sinnescharakter,
seiend, schön seiend, seinsollend, in verschiedenen Nuancen.

10 Beilage X
hDie in verschiedenen Stufen gegebenen
Vorgegebenheiten für das Werten. Wertung in
der Möglichkeit als eine Modalität des Wertens.
Explikation des Wertes in den Gemütsakteni2

15 Urteile, Denkakte sind Gegenstände bestimmende, sie setzen „vorgestell-


te“, in schlichten Gegenstandssätzen gesetzte Gegenstände voraus, und die
Gegenstandsthesen setzen voraus vorgegebene Gegenstände, ursprüngliche
Empfindungssinnlichkeit und in höherer Stufe sinnliche Appherzeptioneni.
Wertungen als Akte sind Gegenstände schätzende Akte, sie setzen also
20 schon Gegenstände voraus, die für das wertende Subjekt in irgendeiner Stufe
gegeben sind, dem Werten vorgegeben. Die Vorgegebenheit besagt, sie sind
entweder in niedersten Akten der aktiven Wahrnehmung haufgrundi von
Empfindungsdaten und hihneni ähnlichen Erinnerungsakten etc. gegeben
oder in beliebig höherer Stufe: Es sind Gegenstände der Denksphäre, also
25 etwa komplexe Sachverhalte, die in einem theoretischen Denken gesetzte
sind. Ich freue mich darüber, dass A ist, dass A B ist, dass vermutlich A,
also in Folge davon B ist etc. Ich freue mich da über Sachverhalte, ich kann
mich auch über die betreffenden Erkenntnisse freuen, über die erkannten
Wahrheiten als solche und darüber, dass ich sie erkannt habe. Dann ist nur
30 der Gegenstand ein anderer, ebenso die Schönheit einer Theorie.
Auch Gebilde der Phantasie sind Gegenstände, nämlich wie Sätze, wie
auch Wahrheiten, noematische Gegenstände, identifizierbare Gegenstände:
Gegenstände der Gattung Fiktion. Nicht die Zentauren selbst sind Gegen-
stände (Seiendes), sondern die Zentaur-Fiktionen; ich kann statt in der

1 Oft sogar?
2 1920.
beilage x 217

Phantasie zu leben und mich in das Sein, das Quasi-Wahrnehmen hineinzu-


denken als aktuelles Ich, auf das Phantasierte als solches hinblicken und es
in wiederholten Akten willkürlich als dasselbe setzen. Es ist dann freilich
ein willkürliches Gebilde. Aber ich kann auch in wiederholter Erinnerung
5 auf dasselbe Phantasierte zurückkommen und es als dieses Selbe erfassen,
auch es schön finden und immer wieder mich daran freuen, wie an meinem
schönen „Araber mit der schwingenden Lanze“, der jahrelang gerne vor dem
Einschlafen erschien und mich erfreute. Das kann in der Passivität erfolgen,
und wir haben dann kein subjektives Phantasiegebilde als Wirkgebilde.
10 Ich kann aber auch mit Rücksicht auf die Seinsmodalitäten nicht nur mög-
liche Bestimmungen erwägen, also Gegenstände nicht wirklich bestimmen,
sondern „in der Möglichkeit bestimmen“, ihnen mögliche Bestimmungen
zuteilen, sondern auch Gegenständen nach diesen möglichen Bestimmun-
gen mögl i c he W erte zuw e rt e n; und wie ich mir mögliche Gegenstände
15 „denken“ kann, das Phantasiebewusstsein in ein mögliches Bewusstsein (ein
doxisch-modales, also einen wirklichen Akt des wirklichen Ich) wandeln
kann, so kann ich in der Möglichkeit werten; ich habe dann eine M o d a l i t ä t
des W er tens. Möglichkeit ist mögliche Wirklichkeit; wir kommen hier auf
das Begehren, Wünschen, Erstreben und die neue Aktsphäre, die solche
20 Möglichkeitswertungen und in der Erfüllung Wirklichkeitswertungen vor-
aussetzt.
Ur tei l e: Da haben wir das F o rm e n sy st e m d e r B e s t i m m u n g und
aller damit zusammenhängenden Verbindungsformen (kollektives, plurales
Urteilen), die Formen der Modalität etc. Bei den G e m ü t s a k t e n haben
25 wir entsprechend der Explikation des „unbestimmten“ Gegenstandes nach
seinen Bestimmungen, also Überführung in Urteile und Konstitution immer
neuer Denkinhalte, die Explikation des „unbestimmten“, „verworrenen“
Wertes (des „sinnlich“ vorgegebenen, eventuell sekundäre Sinnlichkeit), und
die Wertmomente entsprechen den wertfundierenden Sachbeschaffenheiten
30 und Relationen. Natürlich auch die entsprechenden Modalitäten, Verbin-
dungsformen, die dazugehören, sind zu erwähnen. Wie in der Urteilssphäre
die logischen Modifikationen haben wir hier die spezifischen Wertmodifika-
tionen Grund – Folge, Zweck – Mittel, Selbstwert – Mittelwert. Und so haben
wir eine Systematik der Wertungen, der Wertsätze, nicht der Werturteilssätze,
35 sondern der Wertsätze selbst und der Wunsch- und Willenssätze selbst.
Am Gegenstand oder an den Gegenständen des Urteils und für ein
„Gebiet“ an den Gegenständen des Gebiets überhaupt erzeugen sich im
fortgesetzten Bestimmen attributive Bestände, die sich im Gegenstandssinn
(im gesetzten Gegenstand als solchem) unter dem Titel Merkmalsgehalt
40 niederschlagen und insofern zum „apperzeptiven“ Bestand gehören, als sie
späterhin in der Genesis in der Weise sekundärer Sinnlichkeit gegeben sind
218 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

(Apperzeption ist hier nicht gegenständliche Konstitution durch Assoziation,


sondern hist Konstitutioni nach dem Gesetz des Niederschlags der aktiven
Bestimmung eben in sekundär sinnlich gegebenem Bestand) – g e n a u s o,
sagen wir, verhält es sich auch hinsichtlich der Wertungen und der Wert-
5 bestimmungsbestände an den Gegenständen als Werten.1 Die ursprüngliche
Verworrenheit einer Wertapperzeption ist etwas anderes als die Verworren-
heit der späteren schlichten Auffassung des Wertes, der expliziert worden ist,
und gar bei erzeugten Wertgebilden, bei Werken, die auf Werte angelegt sind
und erst studiert werden müssen. Das weist hier hin auf die Funktion der
10 Unbestimmtheit in der theoretischen wie in der axiologischen Apperzeption.

Beilage XI
hSachliche und axiotische Affektion. Die Scheidung
zwischen Empfindungsdaten und Gefühlsempfindungen
in der Sphäre ursprünglicher Affektion. Wie
15 verhalten sich sinnliche Gefühle zum Gefallen?i2

I dee ei ner bloße n A f f e k t i o n (bzw. eines bloß Affizierenden, als


immanent temporale Einheit dann zu bloßer Erfassung kommend) – vor
der Erfassung das Gefühl berührend –, was würde das sagen? Die Tendenz
geht nicht bloß auf eine erfassende Zuwendung, sondern auf eine gefallende
20 oder missfallende Zuwendung, eine axiotische neben einer bloß sachlichen
Zuwendung. Die letztere geht auf den (in sich ungeschiedenen, inexplizier-
ten) Sachgehalt, als „Seins“gehalt, die erstere auf den Wertgehalt. Das würde
sagen: Erst in der sachlichen Zuwendung haben wir Sache und Sacheinheit
des und des Gehaltes; erst in ihr geht die sachliche konkrete Einheit über
25 in explizite Sonderheiten, das eine legt sich auseinander in Prädikaten und
wird zum Gegenstand für Prädikate. Zurückblickend müssen wir aber sagen,
„implizite“ hatte das Affizierende schon seinen Sachgehalt, „ungeschieden“
die Explikate in sich bergend; es fehlt eben nur die Explikation, es fehlt die
kategoriale Struktur mit ihren Schritten. Ein anderer Ausdruck dafür ist: Es
30 ist ein rein Affizierendes da, mit reinem und ursprünglichem Empfindungs-
gehalt, mit impliziten Empfindungsdaten (Dabilien).
Di es e Ursprüng li chk e i t l i e g t v o r j e d e r A p p e r z e p t i o n. Erst in
Folge der „immer wieder“ vollzogenen Zuwendungen und Explikationen,

1 In den alten Studien habe ich auch eine empirisch-assoziative Appherzeptioni von
Werteigenschaften aufzuzeigen gesucht. Das ist zu vergleichen.
2 Wohl 1919/20. – Anm. der Hrsg.
beilage xi 219

deren Möglichkeit a priori gewährleistet ist (jedes Affizierende ist erfassbar


und explizierbar), wird auch jedes A f f i zi e re n d e a l s „ H i n t e r g r u n d o b -
j ekt “ schon vor der Erfassung als Gegenstand, das ist als Substrat möglicher
Explikate, „aufgefasst“, wir haben dann mehr als reine Affekte, wir haben
5 eben Hi nter g rundge ge n st ä n d e.
Wie steht es nun aber mit der ursprünglichen a x i o t i s c h e n A f f e k t i o n?
Kann hier etwas dem Sachgehalt Entsprechendes angenommen werden? Ist
die Lehre von den Empfindungsgefühlen haltbar? Müssen wir nicht sagen,
es ist eine höhere, durch das Sachbewusstsein (als „unvollzogenes“, unex-
10 pliziertes doxisches Bewusstsein) fundierte Bewusstseinsweise und bezogen
auf den Sachgehalt nach den oder jenen in der Explikation hervortreten-
den Komponenten? „Sinnliche Gefühle“ wären dann was? Sie sind doch
auch nach der gefallenden Zuwendung vom Gefallen unterscheidbar! So das
eventuell „leidenschaftliche“ Wohlgefühl im Genuss einer Speise.1
15 Man könnte aber geltend machen, dass die Scheidung zwischen Empfin-
dungsdaten und Gefühlsempfindung erst die Sphäre der objektiven Apper-
zeption etwas angehe, sofern eine Scheidung innerhalb der ursprünglichen
affektiven Sphäre eintrete zwischen D a t e n , d i e d a r s t e l l e n d e F u n k t i o n2
oder dar s tel l ung s-motiv i e re n d e erlangen, und Daten, d i e e s n i c h t t u n
20 und die apperzipiert werden als „Leibesempfindungen“: Wirkungen in der
ästhhesiologischeni Sphäre der Leiblichkeit und vermöge der „Zufälligkeit“
bloß subjektiv. (Der eine schmeckt so und der andere anders.) Diese „Ge-
fühlsdaten“ haben aber eventuell eine ursprüngliche Beziehung zu einem
(instinktiven?) Gefallen oder Missfallen; zu allem Gefallen gehören wesent-
25 lich solche Daten. Was gefällt, hat nicht nur einen Sachgehalt, sondern erregt
(motiviert) durch ihn „sinnliche Gefühle“ und Gefallen.3

1 Gefühlsempfindungen und Sachempfindungen?


2 Die würde also das Sachliche machen in Richtung auf Objektivität.
3 Aber „Gemeinempfindungen“? – Nachträglich sehe ich, dass K. O e s t e r r e i c h

diese Frage der Gefühlsempfindung ausführlich und gerade in der hier relevanten
Hinsicht erörtert. hVgl. Konstantin O e s t e r r e i c h, Die Phänomenologie des Ich in
ihren Grundproblemen, Leipzig 1910.i
220 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

Beilage XII
Sachen und Werte. hGefühlsbewusstsein als doxisches
Bewusstsein von einem Wert und als Gemütsverhalten zu
einem in einem doxischen Akt gegebenen Gegenstandi1

5 Sachen sind Gegenstände. Gegenstände überhaupt konstituieren sich als


Einheiten der Intentionalität. Individuelle Objekte (Natursachen) konsti-
tuieren sich durch Apperzeptionen von physischen Daten (hyletischen), der
Gegenstand „erscheint“ als Identisches von Eigenschaften, Natureigenschaf-
ten, realen.
10 Werte, werte Sachen konstituieren sich als Gegenstände. Nehmen wir
wertvolle Naturgegenstände, so konstituieren sie sich als identische Einhei-
ten von Natureigenschaften und darin fundiert als identische Einheiten von
werthaften sachlichen Eigenschaften, sie haben überhaupt eine Schicht von
Wertcharakteren über hderi der bloßen Natur.
15 Nun könnte man sagen, und ich habe früher auch in dieser Richtung
gesucht: Wir haben, könnte man sagen, danach zweierlei Apperzeptionen,
bloße Sachapperzeptionen und Wertapperzeptionen. So wie für die Apper-
zeption von Natursachen die hyletischen Daten als apperzeptives Material
fungieren, so für Apperzeptionen von Werten den hyletischen Daten analoge
20 Gefühlsdaten. Die Gefühlsdaten sind fundiert in den hyletischen Daten, die
Gefühlsapperzeptionen in den sachlichen Apperzeptionen. Über die sachli-
che Einheit breitet sich eine Gefühlseinheit aus.
Wir haben in Unterstufe bei Natursachen darstellende Intentionen, vor
allem Gefühl Intentionen auf sachliche Einheit, darauf wertende Intentio-
25 nen, Intentionen auf eine wertobjektive Einheit. Das Identische ist nicht
bloß Sache, sondern ein konkreter Wert. Doch reicht diese Auffassung nicht
aus, und die Unterscheidung zwischen hyletischen Daten (Empfindung) und
sinnlichen Gefühlen (Gefühlsempfindungen) ist unklar.
Es gibt sicherlich in der hyletischen Sphäre Unterschiede in der apper-
30 zeptiven Funktion. Aber entweder Gefühlsempfindungen sind eben Empfin-
dungen, hyletische Daten, oder sie sind den doxischen Charakteren parallele
Charaktere, und dann haben wir höchstens bei ihnen mögliche „qualitative“
Momente zu unterscheiden, die aber nicht mit hyletischen Daten zusammen-
gemengt werden dürfen. Das würde sagen, dass jedes Gefühl einerseits seine
35 Modalitäten wertender Vernunft, seine Modalitäten als wertender Akt hat,
und andererseits, dass es Unterschiede des Gefühls gibt, durch die sich ein
Gefühl in allen solchen Modalitäten von einem anderen Gefühl und seinen
entsprechenden Modalitäten unterscheidet.
1 1919.
beilage xii 221

Überlegen wir: 1) Irgendhwiei sei ein Gegenstand bewusst. Jedes Be-


wusstsein ist in gewissem Sinn „Gegenstandsbewusstsein“. Das Wort soll
also nichts weiter sagen, als dass ein Bewusstsein unter einem gewissen, bei
jedem Bewusstsein möglichen und geltenden Gesichtspunkt betrachtet wird,
5 eben den, dass jedes Bewusstsein, jedes intentionale Erlebnis, und in der
Regel in verschiedenen Weisen, mehrfach, mehrschichtig den oder jenen
Gegenstand – in der Weise des Bewussthabens – in sich „hat“, „meint“,
und in dieser Hinsicht Doxa von ihm ist und in Hinsicht auf doxische Vor-
kommnisse betrachtet werden soll. So, wenn wir sagen, ein Gegenstand
10 sei in einem Bewusstsein gegeben, als seiend erfasst und gesetzt oder in
einer der Seinsmodalitäten gesetzt, oder er sei in einem Bewusstsein vor
dem Erfassen, vor dem Darauf-aufmerksam-gerichtet-Sein schon als sei-
end in gewisser Weise bewusst, sei vorgegebene Wirklichkeit wie ein Ge-
genstand, der sich im unerfassten, nicht-aufgemerkten Hintergrund abhebt,
15 auf den hmani erst nachher aufmerksam wird, ihn erfassend und als da-
seiend „vorfindend“. Auch das rechnen wir hierzu, dass wir Gegenständli-
ches phantasieren, als quasi-daseiend gegeben oder vorgegeben haben, in
„Phantasiemodifikationen“, Neutralitäten des doxischen Bewusstseins. Also
in der Rede von Gegenstandsbewusstsein handelt es sich immer um eine
20 Einstellung unserer Betrachtung, in der wir Doxischem, wie es in jedem
Bewusstsein „liegt“, nachgehen.
Ein Gefühlsbewusstsein bezieht sich auf einen Gegenstand, aber als Ge-
fühlsbewusstsein ist es nicht Gegenstandsbewusstsein. Es kann unter dem
Gesichtspunkt eines Wertbewusstseins betrachtet werden als Bewusstsein
25 vom vermeinten Wert, vermeint in doxischem Sinn. Man kann sagen, jedes
Gefühlsbewusstsein sei eo ipso hinsichtlich des gefallenden oder missfallen-
den, lustvoll gefühlten oder unlustvoll gefühlten Gegenstandes Gegenstands-
bewusstsein, und zwar nicht nur vom Gegenstand, der dabei das Gemüt oder
vielmehr mich, das fühlende Ich, in der Weise des Gefühls berührt, sondern
30 auch in Hinsicht auf einen Gegenstandswert oder den Gegenstand als einen
konkreten Wert. Aber es ist eine wesentlich andere Einstellung, forschende
Intention, die der Beziehung des fühlenden Ich und den Modalitäten und
Qualitäten des Fühlens in Bezug auf den zu bewertenden und vermöge des
Gefühls zu bewertenden Gegenstand, ja eine gewisse Wertung erfahrenden
35 Gegenstand, nachgeht, und demgegenüber die Einstellung, die das fühlende
Bewusstsein zugleich als eine Doxa von einem konkreten Wert und darin von
einem gewerteten Gegenstand und seiner Wertcharakteristik (nach Qualität
und Modalität des Wertes) ansieht und dieses cogito „Ich fühle, ich verhalte
mich fühlend, einen Wert erfühlend“ als ein Gegenstandsbewusstsein von
40 einem Wert betrachtet.
Es ist freilich hier schwer, sich aushzuidrücken; es kommt zunächst darauf
222 passivität und aktivität in intellekt und gemüt

an, zu sehen. Das Ich lebt in seinen „Verhaltungsweisen“, das sind die
„Bewusstseinsweisen“; es verhält sich doxisch, philatisch, orektisch – das
einfachste doxische Bewusstsein, etwa ein Empfindungsbewusstsein oder ein
sinnlich-reproduktives, ist einfach das Gegebenhaben eines daseienden, dau-
5 ernden Empfindungsinhalts oder eines (nicht eigentlich daseienden, nämlich
gegenwärtigen, sondern eines) vergegegenwärtigt Seienden solchen Inhalts;
es ist Gegenstandsbewusstsein.
Ich kann auch reflektieren und das doxische Erlebnis selbst als gegen-
wärtig finden und dann als vergegenwärtigt. Ich sage dann, das „innere
10 Bewusstsein“ sei selbst doxisches Bewusstsein von dem Erlebnis. Warum
das zu keinem unendlichen Regress führt, das ist eine Sache für sich und
gehört zur Phänomenologie des „inneren“ Bewusstseins.
Natürlich kann in Freiheit Explikation einsetzen, und die Folge der „logi-
schen“ Akte, die sämtlich wiederum „Gegenstandsbewusstsein“ heißen kön-
15 nen, konstituieren die logischen Gegenständlichkeiten immer neuer Stufe.
Diese Akte (synthetische im eigentlichen Sinn, Akte der Analytik, darum
auch analytische, also mit dem entgegengesetzten Term zu benennen) schaf-
fen keine neuartigen „Verhaltungsweisen“, sondern immer wieder doxische
Akte, als synthetische Gebilde. Sie gehören also in den allgemeinen Titel
20 Doxa, Gegenstandsbewusstsein, als Tätigkeiten, die aus einem konstituierten
Gegenstand oder mehreren immer neue schaffen.
Aufgrund eines Gegenstandsbewustsein und in Bezug auf einen schon in
irgendeinem doxischen Modus vorschwebenden Gegenstand kann dann ein
Gemütsverhalten, eine Verhaltungsweise des Fühlens, Begehrens erfolgen
25 bzw. Erlebnis sein. Zum Beispiel, ein Empfindungsdatum ist konstituiert (also
schon vor dem Bewusstsein von einem Naturobjekt), und zu dem Datum, dem
Rot, der Farbenkomplexion, verhält sich das Ich fühlend: Lust, Unlust. Wie
im Gegenstandsbewusstsein haben wir hier attentionale Modifikationen und
allerlei Modalitäten der Verhaltungsweise in sich selbst, in der Bewusstseins-
30 weise im Rahmen des „Gefühls“.
Aber nun muss ich mir einwenden: Das Gefühl ist doch nicht so et-
was wie die Doxa. Im Gegenstandsbewusstsein „verhalte“ ich mich nicht
zum Gegenstand, das tue ich im Gefühl, im Wünschen, Streben. Ist dieses
dem Gegenstandsbewusstsein gleichzustellen? Durch das erstere „habe“ ich
35 überhaupt den Gegenstand, er ist für mich da, Thema oder schon vorthema-
tisch mich affizierend, um mich zuzuwenden. Im Gefühl hat er eine wech-
selnde subjektive Färbung – darin liegt, möchte man sagen, der Gegenstand
in sich selbst hat sein ichfremdes Wesen und dazu wechselnde subjektive
Momente (beiderseits vermeintlich). Aber woher dann das Analogisieren
40 von „Urteilen“, „Denken“, Fühlen, Begehren? Ein „Denken“ eines Ge-
genstandes (ein Gegenstandsbewusstsein) ist „Meinen“, ist im Allgemeinen
beilage xii 223

ein Bewusstsein, in dem der Gegenstand und seine Merkmale nicht „wirklich
gegeben“, nicht originär angeschaut sind. Das „geglaubte“ a ist wirklicher
Glaube, es sei a, aber nicht schon wirklich gegebenes a. Im Fühlen habe ich
den Gegenstand vermeint als a und den als a vermeinten bewusst als gefällig,
5 angenehm etc. Nun sagen wir auch hier, das vermeinte Prädikat sei eventuell
„bloß“ vermeint. Aber ist das Gefallen, das ich habe, ein bloßes Bewusstsein
von einem gegenständlichen Prädikat, das ich ihm zumeine, das mir aber
erst zur originären Gegebenheit kommen muss? Ist es nicht in jedem Fall so,
dass, wenn ich Gefallen habe, ich eben den gedachten Gegenstand wirklich
10 als gefällig vorfinde? Es ist doch etwas ganz anderes, wenn ich bloß denken,
urteilen würde, er sei gefällig, er würde gefallen, wenn ich mir ihn näher
brächte.
VIII. REINE WERTE GEGENÜBER
PRAKTISCHEN WERTEN. DIE FRAGE NACH
DER ABSOLUTEN WILLENSWAHRHEIT1

h§ 1. Reine Werte und ihre Rangordnungen.


5 Werten als das Erleben reiner Freudei

1) Wert als „ Schönes “, außerhalb jeder wünschenden,


begehrenden und pra ktisc hen E instellung, originale Selbstge-
gebenheit des Wertes im Sich-daran-genießend-Freuen, die subjek-
tive Verwirklichung des Wertes als genossenen Wertes. In der bloßen
10 „Phantasie“verwirklichung – d. i. in der Einstellung der Neutralität –
ist die Wertidee gegeben (nicht das Eidos, sondern die Individual-
Idee), an der das vorliegende Seiende Anteil hat, und diese Wertidee
kann selbst als der Wert, unabhängig von Verwirklichung im fakti-
schen Individuum bezeichnet werden (oder im Individuum als-ob,
15 der eigentlichen Phantasie).
Werte haben Wertgrößen, Wertstufen. Probleme des wertlichen
Mangels, der Unzulänglichkeit. Wandlung des Gegenstandes in der
Phantasie, durch die er seine „volle“, beste Schönheit gewinnen
würde.
20 In dieser Einstellung, in der es also nur auf die Idee abgestellt
ist, oder in diesem Werten, das den Wert unabhängig von Wirklich-
keit und freier Phantasie ergibt, fungiert das Ich als reines Ich des
Wertens, ähnlich wie im Urteilen und Einsehen, wenn nämlich das
Urteilen als Bewusstsein des Urteils und das Einsehen als Selbsthabe
25 des vermeinten Sachverhalts verstanden sein soll, das Ich als reines
Ich fungiert. Wir können wieder sagen, als eine Idee Ich, sofern
das zu substruierende konkrete Ich, eines konkreten Lebens näm-
lich und seiner konkreten Geschichte, frei variabel ist. Das Urteil,

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 225


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_8
226 reine werte gegenüber praktischen werten

die Wahrheit, aber auch der vermeinte und der wirkliche Wert sind
„Wesen“, die also vielen möglichen Ich identisch gemeinsam sein
können, unabhängig von der immanenten Kausation (Motivation im
weiteren Sinn) oder hderi Motivation im prägnanten Sinn, die zu
5 ihnen im Lebenszusammenhang notwendig gehören müssen.
2) Was dabei ausgeschaltet bleibt, ist also alles Triebmäßige, alles
sich an die Wertmeinung (den vermeinten Wert) und den Wert selbst
(in der Selbsthabe) anschließende, sich damit verbindende Langen,
das, wenn es eröffnet ist, Begierde ist.1 All dergleichen führt über
10 den gegebenen Inhalt oder Sachverhalt der Wertung als solcher und
den Wert als rei nen We rt hinaus (als das Schöne) und kann ausge-
schaltet werden, sei es durch Variation der Umstände, in denen das
Begehren als nicht mehr motiviert fortfällt, sei es durch „Enthaltung“
vom Begehren durch seine Außer-Kraft-Setzung, Einklammerung.
15 Ist so die „Neigung“ ausgeschaltet, so auch das von ihr geleitete, ihr
nachgebende Wollen und willentliche Realisieren.
3) Wir können sagen, wir haben dann ein rein durch den „Inhalt“,
eventuell rein durch den sinnlichen Inhalt fundiertes Fühlen; und
was da als Wert erschaubar ist in dem auf das originäre Fühlen
20 folgende Schauen, das ist wesensmäßig durch den betreffenden Inhalt
bestimmt und als das einsehbar. Sind die Substratinhalte als diesel-
ben gedacht, so muss auch der Wert derselbe sein, in notwendiger
Identität derselbe. Das würde besagen: Es gibt hier auch für sinnliche
Gefühle in Bezug auf ihre sinnlichen Unterlagen eine zweifellose
25 Evidenz, und wenn die Schönheitsurteile wechseln, so liegt es an der
Besonderheit aller Werte, Relationscharaktere des Ranges und der
relativen Wertgröße (innerhalb eines Ranges) anzunehmen, und zwar
wieder wesensmäßig. Das ist, Werten mag insofern reines Werten
sein, als es alles Begehren ausschließt. Aber es ist im Allgemeinen
30 insofern nicht rein auf seinen Inhalt bezogen, als es durch Weckung
von anderen schon erwerteten Werten und hdurchi Überschiebung
der Werte in Beziehungen verflochten wird. Wo im Bewusstseinsfeld,
im Feld des aktuellen oder auch des Unterbewusstseins, andere Werte
mitfungieren, da tritt eine gesetzmäßige Wirkung der Wertabstu-

1 Am Rand dieses Satzes ein Fragezeichen. – Anm. der Hrsg.


reine werte gegenüber praktischen werten 227

fung ein. Das Höherwertige „entwertet“ das Minderwertige (lässt es


„unter sich“), umso mehr, je größer der Wertabstand ist.1
Das Werten, kann man sagen, ist das E rleben „ reiner Freu-
de “ (aber nicht derjenigen Freude, die als sattes Begehren der Erfül-
5 lungsmodus eines Strebens, eines Begehrens ist). Diese reine Freude
ist gewissermaßen in ihrer „Größe“ verschattet durch das Übertönen
einer größeren Freude (wo diese geweckt ist).2 Doch ist diese Größe
nicht Lebhaftigkeit, die ein Wechselndes ist unabhängig von der
„Größe“. Es gibt Grade der Empfänglichkeit für Werte, Störungen
10 der Auswirkung der Freude, z. B. je nachdem ich frisch oder müde
bin, die nichts mit der „Wertgröße“ zu tun haben, und danach Grade
der Lebhaftigkeit.3
Das Werten (Schönwerten) ist so geartet, dass sich darin der Wert
in einer Größe, einer Werthöhe gibt, die aber als solche hervortritt im
15 Wertvergleich. Diese Höhe ist das Identische, das dem Wert zukommt
im Wechsel seiner relativen Charaktere des „relativ minderwertig“,
„relativ höherwertig“, des „tief“ und „hoch“ und des „weder tief
noch hoch“. So wie die sinnliche Größe einer sinnlichen Figur als
ihre absolute Größe besagt, dass sie identischer Beziehungspunkt
20 von Größenvergleichung ist und dementsprechend sinnliche Relati-
onscharaktere wechselnd annehmen kann, aber dabei doch in diesem
Wechsel das identische Größenmoment behält, so für die Rangierung
der Werte.
Oft heißt Wert = Wertgröße und „den Wert bestimmen“ = den
25 Wert einer Wertskala einordnen unter Zugrundelegung einer zuge-
hörigen Gleichheit. Und wenn nicht eines Etalons, so einer Rang-
ordnung, und in jedem Rang einer, wenn auch unmessbaren Grö-
ßenordnung, weder höher noch tiefer (so wie bei Raumgrößen weder
größer oder kleiner): „auswerten“ h=i bestimmen, ob ein Wert zu den

1 Sie treten passiv in eine Bewusstseinsverbindung, eine Synthese, in der der aktuell

selbstgegebene Wert einen neuen intentionalen Charakter erhält.


2 Stehen aber zwei beliebige Werte in einer Größenrelation?
3 1) Zu den reinen Werten gehören im möglichen Bewusstseinszusammenhang des-

selben Ich Relationen, eine Art Steigerung (Minderung) der Werthöhe. Nehmen wir
Wert und Unwert zusammen im weiteren Wertbegriff, so haben wir „± Reihe“ durch
0 vermittelt. 2) Klein und kleiner ist ein Mangel; groß, größer ein Vorzug. Wie versteht
sich das? Liegt da ein neues reines Werten vor? Das Kleinere sei relativ unwertig
gegenüber dem Größeren. – Das geht nicht.
228 reine werte gegenüber praktischen werten

niederen oder hohen gehört, unter den niederen zu den gemeinsten


oder relativ höherstehenden etc.1

h§ 2. Begehrungswerte als existenziale


Werte. Auf reine Schönheiten im rein
5 wertenden Erschauen gerichtete Begehrungeni

3a) V er flec htu ng von Werten und Begehren. Die Frage


der B egehr ungswer te. Schönheitswerte, reine Werte können dazu
dienen, Gegenständen, die an ihnen Anteil haben (die schön sind),
einen Wert in ganz anderem Sinn zu erteilen. Sie können daraufhin
10 das Begehren erregen, m. a. W. der Wert, die Schönheit des Gegen-
standes, kann das Motiv eines Begehrens und praktischen Absehens
sein, das gerichtet ist auf den Genuss des Wertes, d. i. auf seine
subjektive Verwirklichung in der reinen ursprünglichen Wertung der
reinen Freude. Es ist zu beachten, dass hier der Wert, im Modus
15 der Verwirklichung für mich, das Motiv ist bzw. das Ziel ist, also
im Begehren beschlossen ist in Form der Vergegenwärtigung, wenn
schon einer leeren. Es kann sein, dass ich dieses Ziel habe, „Genuss“
eines Kunstwerks, Freude an wissenschaftlicher Einsicht – dieses als
ein rein Schönes angestrebt.
20 Wenn ich aber hungrig bin, begierig bin zu essen, meinen Hunger
zu stillen, dann ist das Treiben, Begehren nicht gerichtet auf ein Schö-
nes, etwa auf schönen Geschmack. Auch hier bestehen zwar Mög-
lichkeiten für „schöne“ Ziele, wie beim Gourmet, der die Schmeck-
harmonie, die Feinheit des Geschmacks, die Schönheit „ästhetisch“
25 genießen will.
Im Stillen des Hungertriebes selbst ist nicht die Schönheit das Lei-
tende, obschon sie auch mit eine Rolle spielen kann. Voran geht der
„ blinde Tr ieb “, und wenn er schon einmal gestillt war und somit als
treibende, verlangende Intention, die die Vorstellung (Antizipation)
30 der Erfüllung in sich schließt, dann trägt die erfüllende Begehrungs-
lust in sich den Begehrungswert. Ein Objekt, das ein Begehren zu

1 „Besser gefallen“, minder gefallen: herausstellen eines relativen Unwertes bzw.

relativen Wertes; also Wertung zweiter Stufe?


reine werte gegenüber praktischen werten 229

erfüllen vermag, hat We rt, Begehrungswert, hier Gutwert. So-


fern artmäßig Objekte normalerweise den Menschen (empirisch) zur
Befriedigung ihrer „Bedürfnisse“ dienlich sind, haben sie allgemein
Wert (für Menschen überhaupt, für Menschen unserer modernen
5 Völker etc.).1
Für Begehrungswerte gelten wieder Absorptionsgesetze, Ge-
setze der Relativität. De r Tri eb kann besser oder minder gut
befr iedigt wer den, wobei hdarini beschlossene Schönheitswerte
mit dienlich sein können. Es gibt wieder eine Wertvergleichung und
10 eventuell sogar eine empirische Quantifizierung. Der mindere Begeh-
rungswert hat wieder ein relatives Gebrechen, ist relativ missfällig etc.
Fassen wir den Begri ff des Begehrungswertes in voller
W eite, so werden wir hdiesemi nicht nur 1) zurechnen die Klasse
der natürlichen Güter, die aus natürlichen, d. i. ursprünglich instink-
15 tiven Trieben, Bedürfnissen entspringen. 2) Aus der Erfahrung reiner
Schönheit, die ein reines Freudenbewusstsein ist, entspringen Wün-
sche, Begierden nach solchen Freuden, und so sind diese nicht nur
Werte aus dem Schönheitswerten, sondern auch aus dem Begehren.2
Allgemein gesprochen sind also Begehrungswerte nichts Ideales (nur
20 wo schon reine Schönheitswerte sie bestimmen und ausschließlich,
kann von Idealität die Rede sein).
Stelle ich mir irgendein Ich vor (mich selbst etwa frei abwandelnd),
das hungert, so liegt darin freilich analytisch die Beziehung auf Sät-
tigung durch Speise, wenn ich schon aus Erfahrung weiß, was mich
25 oder empirisch andere Menschen sättigt, und ich das antizipierend
vorstelle und dem Trieb im Voraus als Zielvorstellung beigeselle.
Aber da ist keine Wesensnotwendigkeit zu finden, und es ist kein
Wunder, dass Speisen, die dem Chinesen wert sind, mich anekeln
können und umgekehrt. Al l e Werte si nd hier empirisch.
30 Zum Wesen der Begehrungswerte gehört, dass sie existenziale
Werte sind, thematisch auf existierendes Reales und auf mich in
meiner Wirklichkeit gehen. hZum Wesen des Begehrungswerts ge-
hörti die Erfüllungsfreude als dessen Selbstgebung, also das Sich-

1 Im Allgemeinen sind Begehrungswerte durch empirische Objekte bestimmt; sie


sind nicht rein durch die Wertsubstrate ideal, wesensmäßig bestimmt.
2 Ja, welchem? Theater – mein Dasein dort, um das Schöne zu genießen.
230 reine werte gegenüber praktischen werten

„Auswirken“ des Triebes, das sich erfüllende Entspannen, am Ge-


genstand der Charakter des das Bedürfen, Begehren Befriedigenden;
und so ist auch das Theaterstück ein Begehrungswert. In der Erfül-
lungsfreude des Hörens aber bringt mich der Künstler schließlich
5 in die Einstellung der reinen Freude, in der ich selbstvergessen und
seinsvergessen und ganz in der reinen Idee und ihres reinen Wertes
lebe; nun ist eben kein Begehrungswert mehr da.
Hier haben wir das Merkwürdi ge, dass Gegenständlichkeiten
wie Theatervorstellungen Begehrungswerte sind, sofern sie ja (als
10 Kaufwerte) gemeint sind als Begehrungswerte. Sie beziehen sich auf
Bedürfnisse, die durch Hören gestillt werden sollen. Aber wenn ich
ins Theater gehe, um einen reinen Kunstgenuss zu erzielen, so besteht
die Erfüllung darin, dass ich nicht einen Begehrungswert genieße,
sondern einen reinen Schönheitswert erschaue und durchlebe.
15 Nun ist doch wirkliche Erfüllung (von real gerichteten Begierden)
da und der Kunstgenuss auch als Erfüllung erlebt. Aber da haben
wir das Eigene, dass, während ich im Stillen des Hungers in der
„Wollust“ der Trieberfüllung lebe (nota bene, im gierigen Essen),
ich in der Erfüllung meines Theaterwunsches nicht in der Wunscher-
20 füllung (des Im-Theater-sein-Wollens, des Als-dieses-Ich-dabei-sein-
Wollens) lebe (also nicht in der real gerichteten Befriedigungslust),
sondern in der Anschauung der reinen Schönheit, wobei die betref-
fende Befriedigungslust, die auf mich und das Theater thematisch
geht, in gewisser Weise eingeklammert ist. So ist auch ein Unterschied
25 im „Genuss“ eines malerischen Kunstwerks, ob es das reine Bewusst-
sein des Schönen ist (das Auskosten des Schönheitswerts) oder ob es
angeschaut ist mit den Augen des Sammlers oder Liebhabers, der die
Befriedigung genießt, es „glücklich“ erworben zu haben und als sein
Eigen zu besitzen. Beides kann sich verflechten und abwechseln, aber
30 es ist dann eine Einstellungsänderung oder in der Verflechtung eine
trübende Störung. Der Genuss ist dann unreiner, durch Begehrung
verunreinigter Genuss.1
Wir können also wohl auch in gewisser Weise scheiden: 1) Be-
gehrungen, Strebungen, Wollungen, die auf reine Schönheiten in

1 Ist es nicht vielmehr so, dass ich wie das Theater, die Schauspieler, so mich und

mein Mit-Da-Sein als sich befriedigend ausschalten muss?


reine werte gegenüber praktischen werten 231

rein wertendem Erschauen gehen und insofern selbst rein sind in


ihrer Absicht, da sie alle Beigaben der Befriedigungslust (soweit sie
selbst ein empirisch Zufälliges sind und nicht zum Schönen selbst
gehören) ausschließen, und 2) Begehrungen, die unrein sind oder
5 von vornherein nichts Reines (obschon getrübt) enthalten. Ebenso
Wünsche, reine Wünsche, gerichtet auf ein Schönes, wobei wir zum
Wünschen nicht das Langen rechnen, sondern nur das Vermissen der
reinen Schauung. Unreine Wünsche im Gegenfall.1

h§ 3. Wertung von Wertobjekten als mögliche


10 Begehrungsziele. Wertung des Wertgenusses. Praktische
Werte als Schönheitswerte einer neuen Stufe. Die
Frage nach einer von der Schönheitswertung
noch zu unterscheidenden Willenswahrheiti

4) Ich kann Werte selbst wieder werten, nicht Objekte, insofern


15 sie Wert haben, und nicht ihre Werteigenschaft ihrerseits im Sinn
einer Größenschätzung werten, als minderwertig oder hochwertig,
und so in den oder jenen Relationen der Höhe, sondern ich kann
auch Wertobjekte, und zwar in der Idee, als Objekte, die Werte (wie
ich etwa einsehe) haben oder eventuell annehmen würden durch
20 Änderung der Umstände oder eigene Änderung, werten als mögli-
che Begehrungs- und Willensziele. Begehrungsziele können wertvoll,
können wertvoller und minder wertvoll sein; das Begehren, Wollen
dieser Ziele kann ein richtiges oder unrichtiges, kann ein besseres
oder schlechteres sein.
25 Ferner: Genuss, Haben der Werte ist selbst wieder etwas Wert-
bares. Gegenstände sind Werte um ihrer Fähigkeit willen, im ge-
nießenden Fühlen als Werte genossen zu werden. Sind sie in dieser
Eigenschaft bekannt, so ist die subjektive Verwirklichung des Wertes
selbst wieder wert, sofern ich mich daran freuen kann, dass ich mich an

1 Die Pein des Begehrens löst sich in der Erfüllung, aber in der Erfüllung selbst
ist noch kontinuierliche Pein und kontinuierliche Erfüllungslust. Dagegen im reinen
Fühlen des Schönen ist gar keine Pein und Entspannung der Pein. Es ist nicht Glück,
sondern „Seligkeit“, ja Selbstvergessenheit; alle Gefühle gehören in die Idee und ihren
Wert hinein, aber das darin fundierte ästhetische Gefühl ist ein wirkliches Gefühl.
232 reine werte gegenüber praktischen werten

dem Wertobjekt erfreue. Begehrendes Streben „geht auf Genuss“; in


der erfüllenden Verwirklichung habe ich Verwirklichungsfreude, als
Freude am Genuss, Freude an der Habe des Wertes.
Streben nach Erzeugung eines Wertobjekts oder seiner Wandlung
5 im Sinn höheren Wertes ist Streben nicht nach dem Genuss des
Objekts, sondern: Das Objekt als Wertträger ist wert, die Tatsache,
dass das Objekt geeignet ist, genossen zu werden, dass es, wenn es so
und so ist, mit der freien subjektiven Möglichkeit verbunden ist, in
die Gegebenheitsweise gebracht zu werden, in der es genossen wird,
10 ist selbst ein obschon mittelbarer Wert, ist ein Erfreuliches. Doch ist
das anderes als eine subjektive Umwendung des gegenständlichen
Wertes selbst? So wie das Sein eines Dinges sein Korrelat hat in der
Tatsache seiner Erfahrbarkeit, so ist das Korrelat des Wertseins die
subjektive Möglichkeit, es als Wertes zu „erfahren,“ sich daran zu
15 freuen. Aber ist das, wenn ich diese subjektive Wendung vollziehe,
nicht selbst wieder ein Schönes?
Muss ich nicht sagen: Auch beim blinden Begehren (im instink-
tiven Trieb) hat das Begehrte im Erzielen einen Wert in sich, zu
unterscheiden von der Gierfreude als Freude in der Entspannung des
20 Triebes, in der Erfüllung, der realisierten Habe des Wertmoments?1
Dazu komme aber das Relationsmäßige, die damit zusammenhän-
gende empirisch-apperzeptive Gestaltung, z. B. bei Speisen hdiei Har-
monie der sukzessiven Geschmäcke, die nur verstanden wird, wenn
man schon einen „gebildeten Geschmack“ hat und gewisse sinnli-
25 che und gefühlsmäßige Antizipationen oder Apperzeptionen. Pure
Schönheitswertung der Genüsse als Genüsse, die reinen Freuden
gegenüber den durch Gier, durch Leidenschaft, Neigung getrübten.
Wertung der praktischen Ziele als Ziele, das Streben nach reinen
Freuden hat einen höheren Rang. Reine Werte als Ziele haben einen
30 höheren Rang als unreine Werte. Ein reines Ziel und subjektiv das
Streben nach Reinem ist selbst ein reiner Wert.2
Wertungsfeld: das Universum der Praxis einer Subjektivität. Die
„Absorption“ der niederen Werte durch höhere ist in der reinen

1Aber der Schönheitswert ist nicht ursprüngliches Motiv.


2Ein praktischer Wert hier also = ein praktisches Ziel bzw. eine praktische Absicht
und Handlung als Wert (Schönes).
reine werte gegenüber praktischen werten 233

Wertsphäre eine unei gentl i che Absorption. Wirkliche Ab-


s or ption der prakt is chen G üte r, Werte. Das Minderwerti-
ge pr aktis c h real is ier t i st ei n prakti sch Schlechtes und nicht
bloß praktisch Minderwertiges. Sowie Schönheitswerte als praktische
5 angesehen werden, erhalten sie neue Wertbedeutung. Praktische
W er te als sol che s ind eben Schönheitswerte einer neuen
Stufe, oder Wert als Ziel, als praktisch realisiert gedacht, also im
Rahmen einer personalen Gesamtpraxis, bestimmt eine neue Wer-
tung, die Wertung von Praktischem als Praktischem; und ein posi-
10 tiver Wert (der also in sich ein Schönes, ein rein Erfreuliches ist)
wird eventuell als praktisches Ziel in willentlicher Verwirklichung
gedacht unwert. Das minder Schöne ist nicht nur minder schön und
mangelhaft, sondern minder Schönes als Ziel ist ein unwertes Ziel.
Das gilt nun ganz allgemein. Was sind nun für besondere Feststel-
15 lungen nötig? Reic ht d as für ei ne „ Theorie der praktischen
Ver nunft “ aus? Sie wäre danach eine universale Wert-
lehr e pr akti s cher W erte und würde eine universale Wertlehre
der vor-praktischen Werte voraussetzen. A) Zunächst also Interpre-
tation praktischer Vernunft als schönwertender der Praxis. B) Dem-
20 gegenüber also die Frage: Gibt es, abgesehen von einem Schönheits-
werten der Praxis, in ihrem eigenen Wesen Unterschiede zwischen
Willensmeinung und Willenshabe des Vermeinten, Selbsthabe eines
Willenswahren, womit die Schönheitswertung nur parallel läuft, wie
in der Urteilssphäre?

25 h§ 4. Formale Wertlehre und formale Praxis. Reine absolute


Werte gegenüber individuell relativen praktischen Werten.
Der universale kategorische Wille als ein praktisches Guti

5) Formale (analytische) Wertlehre. Die Lehre von der „ Konse-


quenz “ im W ert en. Werten als Wertvermeinen ohne Frage nach
30 wahren Werten; G eset ze, di e der Werterschauung nicht be-
dür fen.
For male ( analyt is che) Prakti k. Das Wollen als willentliches
Meinen, die Lehr e von den Wi l l ensmeinungen und ihrer
Kons equenz. Die formale „Willenswahrheit“. Die volle Willens-
35 meinung verwirklicht sich nicht nur in der Realisierung (ideell in
234 reine werte gegenüber praktischen werten

der phantasie-anschaulichen Verwirklichung); vermeint ist darin auch


die Erzielung des eventuell vermeinten Wertes im wirklichen und
möglichen Genuss. Aber das vor der Wertung des Willens und seines
Zielwertes selbst. Wert in dem weitesten und bedenklich weiten
5 Sinn ist Genießbares, Erfreuliches. Aber nun bedarf es der rela-
tiven Auswertung der Werte: im Sinn der Interpretation A) und
der Auswertung der Werte als praktischer und mit Beziehung auf
die jeweilige gesamte praktische Sphäre. Da ist vieles praktisch un-
wert, was in der Tat als positiv-wert genossen, positiv-wertig erfahren
10 wird.
Die E ndgült i gkeit i n der Praxi s. Idee eines Willenslebens, in
dem jeweils das bestmögliche praktische Gut gewollt wird, ein Gut,
das bleibend gebilligt werden kann als das an sich beste, das gewollt
werden konnte.1 Das Leben als Willensleben das bestmögliche, die
15 Person die beste, die sie von sich aus sein konnte, sich im besten
Wollen und Tun zu bestmöglicher entwickelnd.
Soweit ich Möglichkeiten sehe, meine praktischen Ziele zu bestim-
men und zwischen Zielen zu wählen, „muss“ ich das Bestmögliche
wählen und wollen. Muss ich? Sofern ich überhaupt als Mensch diese
20 Möglichkeit verstehe und werten kann, kann ich nicht anders, als nach
dem Bestmöglichen streben, es begehren – aber wirklich tun ist nicht
begehrend wünschen. Ich kann dem Anreiz der „Neigungen“ nach-
geben und Unwertes wählen. Ich sehe ein: Mein Leben ist unbedingt
ohne Wert, unschön, wenn ich nicht die Forderung des kategorischen
25 Imperativs anerkenne.
Die hypothetischen Vernunftforderungen: Unter Voraussetzung
der und jener Werte ist konsequenterweise das und das praktisch
wert und zu erstreben. Das Streben histi relativ gut.
Voraussetzungslos: Die Gesinnung, das erreichbar Beste zu wäh-
30 len, ist ein unbedingter Wert, und der Wille, der ihr folgt, ein absolut
guter Wille.2 Dazu brauche ich nicht hdiei formale allgemeine Formu-
lierung (des kategorischen Imperativs). Das konkret und individuell

1 Das bestmögliche praktische Gut wäre hier gleich das Schönste in der wertenden

Betrachtung der Praxis.


2 Schwierigkeit: Bei jeder Wahl habe ich außerhalb des Wahlkreises einen unendli-

chen praktischen Horizont.


reine werte gegenüber praktischen werten 235

Beste steht da als absolut Gutes der momentanen Praxis. Im nächs-


ten Moment kann freilich eine bessere Möglichkeit kommen, aber
diese offene Möglichkeit ist leer. Vorausgesehenes gehört mit zur
praktischen Gegenwartssphäre.
5 Das alles ist noch formal: Es bedarf aber noch weiterer Über-
legungen. Ein reiner Wert ist absoluter Wert und hat (trotz seiner
Relativität und in ihr) Endgültigkeit – ein reiner Schönheitswert.
Aber wir haben reine Werte, die vor der Praxis liegen, und wir haben
die praktischen Werte, die selbst reine Werte, reine Schönheiten sein
10 können, hsiei sind aber in ihr individuell relativ als von mir jetzt zu
wollende.1
Ein reiner Wert kann reiner Eigenwert sein oder reines Mittel
für einen reinen Eigenwert sein, überhaupt um des Eigenwertes
willen reinen Wert haben, ohne ihn in sich zu haben. Gibt es einen
15 absoluten und reinen praktischen Wert, d. i. ein praktisches Ziel als
einen solchen reinen Wert, und korrelativ einen absoluten und reinen
guten Willen als auf diesen gerichtet (und selbst als solcher Wert dann
charakterisiert)?
Besondere praktische Werte, etwa bestimmt durch einen reinen
20 außerpraktischen Wert, sind relativ; jeder kann je nach personalen
Umständen auch schlecht sein.2 Er ist also nicht rein durch seinen
Inhalt (seine „Materie“) bestimmt als praktisch Gutes, wenn es Gutes
ist; also nur hypothetisch Gutes, und wenn endgültig Gutes, hdanni
nur in Relation zu anderem, was Endgültigkeit bestimmt als Endgül-
25 tigkeit in dieser Relation.
Genauer: Gibt es einen absol uten Ei genwert, und zwar einen
praktischen, der endgültig und universal gültig ist, universal gültig
für jedermann, sofern er rein durch seinen allgemeinen Sinngehalt

1 Würde ich die Praxis als ein Reich der Schönheit werten und ein Schönstes darin

finden, so wäre a priori diese schönste Praxis selbst wieder ein zu Begehrendes, und
der Wille, das schönste Ziel zu verwirklichen, wäre ein Wille höherer Stufe (schon
die Entscheidung in der Wahl ist ein Wille, der auf ein mögliches Wollen bezogen
ist). A priori wäre dieser höhere Wille selbst ein rein Schönes und in eventuell neuer
Überlegung und Verwirklichung in infinitum.
2 Das ist missdeutlich. Das relativ Beste bzw. der in der Wahl beste Wille und sein

Willensziel ist hier und jetzt für mich doch ein „absoluter“ Wert in einem bestimmten
Sinn, nämlich in und mit seiner Relativität auf Ich- und Gegenwartslage. Aber e s i s t
kein absolut objek tiver W e r t f ü r j e d e r ma n n u n d f ü r m i c h i n j e d e r L a g e.
236 reine werte gegenüber praktischen werten

bestimmt ist und rein durch das Ich als praktisches Ich? Hier bie-
tet sich der kategorische Imperativ dar. Nämlich, er sagt nicht nur,
das Beste unter den praktisch möglichen Werten ist überhaupt das
einzig im gegebenen Fall praktisch Gute, sondern „Wolle das Beste
5 überhaupt“ in habitueller Gesinnung.
Betrachten wir diesen Willen: Ich will überhaupt das Beste unter
den praktisch für mich möglichen wahren Werten; darin liegt analy-
tisch, ich will überhaupt nur wahre Werte mir als Ziele stellen und
unter denen, die ich jeweils erreichen kann, allzeit das wählen, das ich
10 als das Beste erkennen kann. Es sei nun dieser Wille selbst gewertet
mit seinem allgemeinen Inhalt. Hier ist der allgemeine Normgehalt
selbst in den Willen aufgenommen, er ist ein praktisch Gewähltes,
der Wille ein endgültiges und bleibendes reines Gut. Er ist allein das
absolut invariable, eigene Gut, auf das bezogen alle praktischen Güter
15 für mich in gewisser Weise Konsequenzen sind. Freilich nicht formale
Konsequenzen; aber lebe ich konsequent gemäß dem Prinzip, so wird
mein inhaltliches Handeln immer und notwendig auf das praktisch
Beste gerichtet sein.
So könnte man sagen. Aber ist das in jeder Hinsicht richtig?
20 Dieser allgemeine Wille ist ein reiner und zweifellos ein absolutes
Gut. Und dieses allgemeine Ziel ist sicher ein solches, das hmani kein
besseres und in keiner praktischen Lage finden könnte. Es kann wohl
in jeder praktischen Lage für mich praktisch gut sein, nämlich wenn
ich davon weiß, wenn ich es eingesehen habe; habe ich das, so ist es
25 sicher unübersteiglicher praktischer Wert und sicher ist, dass, wenn
ich mich wollend für es nicht entscheide, ich fehle. Das Gegenteil
wollen, es ablehnen, ist absolut unwert. Aber auch mich des Willens
enthalten oder auch nur zögern, obschon das Unwert-Sein nicht von
gleicher Art und Rang ist. Das eine sagt, ich will es zulassen, dass ich
30 überhaupt oder gelegentlich schlecht handle, oder ich will überhaupt
oder gelegentlich schlecht handeln, und das Schlechte hzui wollen
ist radikal schlecht, und überhaupt Schlechtes ist „satanisch“. Das
andere wäre eine abschwächende Modalität davon: Analytisch liegt
in der Willensenthaltung (wenn sie nicht für absolute Werte als Mittel
35 dient, sondern absolut eigenständig sein soll), dass es unentschieden
sei, ob das „Projekt“ das beste sei. Das ist aber ein willentlicher
Widersinn, und hdas gilti ebenso vom Zögern, da ich doch Einsicht
habe.
beilage xiii 237

Habe ich aber den Willen gefasst, so ist es für immer der meine
bleibende Wille, er kann nicht aufgehoben werden durch Preisgabe;
das geschähe durch einen Gegenwillen, durch einen Willen, der den
kategorischen Imperativ negierte oder durch einen besonderen abso-
5 luten Wert, der ihm widerspräche – und das ist absoluter praktischer
Widersinn. Aber freilich kann ich den kategorischen Imperativ als
wirksames Gut in jeder praktischen Sphäre verfallen lassen. Ich kann
mich ja gegen ihn versündigen, indem ich sündhaft oder verkehrt
will. Jeder material bestimmte Wille, der auf ein absolut unwertes
10 Ziel geht, lässt sich als unwert auswerten, auf Form bringen, und
dann ist der „Widerspruch“ in forma da.
Nennen wir einen solchen Willen den „universalen katego ri-
s chen W illen“, so ist dieser ein absolut praktisches Gut und auf
ein absolut praktisches Gut gerichtet. Wir könnten sagen, er ist als
15 Wille (Entschluss, noematisch wie „Urteil“) absolute Willenswahr-
heit, absolut wahrer (richtiger) Wille. Was darin in absoluter Einsicht
gegeben ist, ist im anderen Sinn die Willenswahrheit selbst.

Beilage XIII
hDie Willensrichtigkeit als Schönheitswert.
20 Muss jedes Wollen auf einen Wert gehen?i1

Wie steht es nun mit eventuell anderen absoluten praktischen Gütern?


Einerseits Allgemeinheiten als Ziele (ideale Willensgegenstände, so wie All-
gemeines, Ideen auch Seinsgegenstände sind, und wie diese einen Seinsum-
fang haben, hsoi jene einen Umfang an konkreten Zielen), andererseits also
25 konkrete Ziele, die etwa absolute Werte sein könnten. Es gibt praktische
Güter, die in reinen Schönheiten eine Wertmaterie haben, die den Gutwert
als praktische Materie bestimmt. Aber wenn wir an den kategorischen Im-
perativ als „praktisches Gut“ denken, so werden wir doch bedenklich. Ist
das wirklich ein vorgängig Schönes? Es ist ein formal Allgemeines. Gehen
30 wir auf Einzelfälle. Jemand wählt, ohne an den kategorischen Imperativ
zu denken und ihn in seinem Willen zu wählen, das Beste als Bestes un-
ter dem Erreichbaren. Wie geht das vor hsichi? „Das wäre gut, das ist
vorzüglicher, das wäre richtig gewählt, das andere wäre ‚falsch‘ gewählt;

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.


238 reine werte gegenüber praktischen werten

hier ist noch etwas in Betracht zu ziehen – das ist noch besser, demgegenüber
wären die anderen unrichtig praktisch gewählt usw.“
Ich kann nun auch das schön finden, dass jemand die richtige Wahl trifft,
und hdasi Beste unter allem als richtig Gewähltes ist ein Schönes. Konkret
5 und als formale Allgemeinheit ist aber die richtige Wahl hier nicht schon
Richtigkeit im Willen? Und so ist auch das Allgemeine und Formale über-
haupt des Besten in der Wahl ein wahrhaft Gesolltes, ein Willenswahres und
ein Absolutes in sich, dem ein absoluter Wert parallel korrespondiert.
Es kann nun natürlich sein und kann selbst formal-allgemein erwogen
10 werden, dass der Wille sich auf vorgegebene Werte und auf absolute Werte
richtet, und so haben wir ein Reich des Willens umsteckt, das für sich seine
formalen Gesetze hat. Das praktisch Beste nämlich ist hier das Schönste,
das Wertvollste – wenn nichts weiter in Wahl steht als zu Erwägendes im
praktischen Blick.
15 Andererseits, ist es denn notwendig, dass jedes Wollen auf einen Schön-
heitswert oder -unwert (Gefühlswert), Wert in eigenem Sinn, unmittelbar
oder mittelbar, geht? Schon das fiel uns ja auf, dass die Falschheit des
Minderwertigen als praktisch Gewähltem nicht vom Gefühl vorgezeichnet
ist, ebenso hnichti die Wahrheit des Besseren als des praktisch Gesollten.
20 Das „gesollt“, die Willensrichtigkeit bringt der Wille herein. Aber wo haben
wir Fälle, in denen Werte nicht Motive des Willens sind?

Beilage XIV
hHat der Wille im Gerichtetsein auf das
praktisch Gute seine eigene Richtigkeit?i1

25 Wir scheiden Sachverhalt selbst und wahres Urteil und Einsicht, in der der
Sachverhalt gegeben histi. Davon wieder scheiden wir Wert des Sachverhalts,
Wert richtiger Urteile, Wert der Einsicht. Wie hinsichtlich der Willenssphäre?
Das praktisch Gute im absoluten Sinn. Der praktische Entscheid, der
Entschluss, der absolut richtig ist. Das richtige Wollen und endlich das richtig
30 und einsichtig auf das Gute (das praktisch Wahre) gerichtete Wollen.
Verdankt der Wille seine Wahrheit dem Werten des Wollens und Gewoll-
ten? Man kann ihn werten, wie man auch das richtige und einsichtige Urteilen
werten kann. Aber wir müssen doch scheiden, was sich im Urteilsgebiet selbst
als Adäquation und dgl. abspielt und was das Werten leistet und hier an
35 Werten herausholt. Will ich ein Minderwertiges, so ist dieser Wille unwert.

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.


beilage xiv 239

Gibt es aber eine eigene Adäquation des Willens an Willensziele, einen


Unterschied zwischen wol l e n d e m V e rm e i n e n u n d w o l l e n d e r S e l b s t -
habe des Ver mei nten – eine erfüllende Verwirklichung der W i l l e n s m e i -
nung al s s ol che r? Hier ist nicht zu übersehen, das Wollen abstrakt genom-
5 men als Verwirklichungsintention und Verwirklichung selbst geht eben auf
Verwirklichung – aber in concreto dessen, was in der Unterlage vermeint ist
und noch nicht willentlich vermeint, aber nun in den Willen aufgenommen
histi.
Man könnte sagen, Wollen geht in der Zielinhalt gebenden Unterlage auf
10 Wert, aber das im Wollen Gewollte kann vermeint sein. Die Willensmeinung
ist erst erfüllt, wenn der Wert als Wert realisiert ist. Erweist sich der vermeinte
Wert als unwert, so ist zwar vielleicht schon etwas realisiert, aber gleichwohl
der Wille seinem eigenen Sinn nach aufgehoben; es ist ein falscher Wille, er
hat statt Willenswahrheit Willensfalschheit: Er hat etwas erreicht, aber her
15 hati nicht das Ziel, das er wirklich meinte, erreicht.
Aber wenn ich in der Wahl, im Umkreis praktischer Möglichkeiten,
minder Gutes will oder gar Schlechtes? Ich folge der Versuchung und sehe
vielleicht das Bessere bzw. das Mindere und das Schlechte. H a t d a d e r
W i l l e i n s i c h e ine Unric h t i g k e i t – vor aller Frage, ob er ein wertvoller
20 ist oder nicht? Hat da in der Richtung auf einen reinen Wert und in seiner
Erschauung der Wille selbst Richtigkeit als Gerichtetheit auf das praktisch
Gute (nicht als bloß wertes, sondern) als ein eigentümlich Willenswahres?
So ist es die Lehre meiner Ideen. Es durchdringt sich die Dreieinigkeit des
Urteilswahren, des Gefühlswahren (des Schönen), des Willenswahren (Stre-
25 ben, Begehren, realisierend Wollen). In der Willenssphäre ist das Gewollte
in ähnlichem Sinn für praktisch gut gehalten (für gesollt gehalten), wie in
der Urteilssphäre das Geurteilte „Für-wahr-Gehaltenes“ ist. Was ein unei-
gentlicher Ausdruck beiderseits wäre. Jedes Urteil steht unter dem Gesetz,
dass es bewährbar ist als wahr bzw. als falsch; jeder Wille ebenso als richtig
30 oder unrichtig. Jedem Urteil entspricht Sein in Wahrheit oder Nichtsein in
Wahrheit, jedem Willen praktisch Gesolltes (praktisch Gutes) oder Nicht-
Gesolltes (praktisch Verwerfliches) – falls hier nicht noch weitere Differenzen
sind.
240 reine werte gegenüber praktischen werten

Beilage XV
hLust und Werti1

Lust am Schönen, am Genuss des Schönen ist nicht zu verwechseln mit


dem Erwerten des Schönen, in dem es als Schönes bewusst und selbstgegeben
5 ist. Sprechen wir von Lusthaben, Genießen, Sich-Freuen, so stehen wir in
der Gradualität des Sich-mehr-oder-weniger-Freuens, und diese wechselt für
dasselbe Schöne, das bewusstseinsmäßig als dasselbe in der Größe seines
Wertes erhalten bleibt. Bekanntlich stumpft sich die Lust ab, aber während
sie das tut, nimmt darum der Wert nicht ab. Die Lust, die Freude an einem
10 antizipierten, an einem bloß vermeinten Wert kann sehr lebhaft sein und ist
wirkliche, nicht bloß vermeinte Lust. Der Wert selbst ist aber nicht in der
Lust, sondern im ursprünglichen „Werten“ selbstgegeben. Aber bewegen
wir uns da nicht in gefährlichen Allgemeinheiten?
Die Vorfreude am morgigen Genuss einer Oper ist Vorfreude und zu-
15 gleich gegenwärtige wirkliche Freude. Aber ist nicht die Erwartung der
künftigen Musikaufführung mit ihrer erwarteten Freude in der Tat auch ein
vermeinter gegenwärtiger Wert, der zugleich auf einen künftigen bezogen ist?
Wertnehmen ist Sich-Freuen, ist „Lust“ oder „Unlust“ haben, aber das Sich-
Freuen kann richtig oder unrichtig sein, und der Wert kann selbstgegeben sein
20 oder nicht. Schließt er eine Beziehung auf einen nicht selbstgegebenen hWerti
mit ein, so ist er eben mit einer „Voraussetzung“ behaftet und nicht selbst-
gegeben. Man könnte also sagen, es bestehen hier zwei Dimensionen: die
Dimension der Lust-Gradualität und die Dimension der Wert-Gradualität.
Aber sind sie nur abstrakt trennbar? Ist nicht die eine Seite eben die Seite
25 des Wertens, die andere die der Lust und des Begehrens und so, dass das
Begehren völlig schweigen kann? Der Wert motiviert Lust, Wertsteigerung
hmotivierti wieder hLusti, Unwertminderung wieder. Freilich, ist Lust nur
durch Wert motiviert?
Aber ist nicht selbst auch Lust als solche und Lusterhöhung etc. wertbar,
30 und bestimmt sie nicht auch für sich das Begehren? Ich bedauere, dass ich
mich nicht mehr so lebhaft freue, ich merke die Abstumpfung, ich werde
müde.

1 Etwa 1923/24.
beilage xvi 241

Beilage XVI
hFreude als Modus des Genusses. Freude
an der reinen Idee. Ideenschönheit. Auf
Schönes gerichtetes Wollen und Begehreni1

5 Ist es nicht richtiger, so wie es schon die alten Manuskripte tun, in folgen-
der Weise zu unterscheiden:
1) Reine Freude in Allgemeinheit genommen als Modus des Genusses,
d. i. des Satthei tsmodus eines Hinstrebens, der freilich nur Einheit des
„Wertes“ als selbstgegebenen konstituiert in einem kontinuierlich synthe-
10 tischen Spiel von Intention und Erfüllung, der von Phase zur kommenden
Phase bloß intendierend, langend vorgerichtet ist, sich aber alsbald satt er-
füllt, eventuell höherstufig in der Weise einer Harmonie, mit Dissonanzen etc.
Man kann auch Lust (im Allgemeinen) sagen. U n f r e u d e, Unlust: Einheit im
kontinuierlichen Gegenstreben sich kontinuierlich so fortsetzend und Einheit
15 des Unwertes im Spiel der Vorintention und der bestätigenden Erfüllung
konstituierend.
2) Die Freude kann bloße Instinkterfüllung sein, oder sie kann reine
Inhaltsfreude sein, Freude am Was, am individuell Existierenden in Hinblick
auf sein Was, oder endlich Freude am reinen Wesen, an der reinen „Idee“, vor
20 allem hier der individuellen Idee, die in der Einstellung der puren Neutralität
sich konstituiert und darum das Gemeinsame ist der Seinserfahrung und
der Erfahrung-als-ob (und ihrer selbst), weil Neutralisierung sowohl von
der Positionalität als von der Quasi-Positionalität aus frei beliebig vollzogen
werden kann.
25 Aber schließlich, wie immer „Einheiten“ sich konstituieren, im Zusam-
menhang der konkreten konstituierenden Subjektivität berühren sie auch das
Gefühl, sie gehören in den Zusammenhang des strebenden Daseins, und so
können sie durch ihren Inhalt oder, wenn sie schon ideale Einheiten sind, als
solche Freudengehalte Werte sein. (Natürlich nicht alle Ideen konstituieren
30 sich als solche aus Neutralisierung.)
3) Begehren im gewöhnlichen Sinn ist ein auf Verwirklichung von Realem
bzw. auf Veränderung von Realem gehendes Streben. Das Kunstgebilde
(Goethes „Faust“) begehre ich also nicht in diesem Sinn, aber dass die
Aufführung im Theater es für mich verwirkliche. Es ist zu unterscheiden die
35 Freude an der guten (und schönen) Aufführung, die Freude daran, dass ich
dabei bin, und die Freude in der Hingabe an das ideale Werk selbst, in der
ich es selbst in seinem reinen Wert erfahre.

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.


242 reine werte gegenüber praktischen werten

4) Eine solche Idee ist nichts Einfaches wie etwa ein Ton (eine Tonidee),
und es können mannigfaltige ideale Elemente, in denen es sich in seiner
Ideenzeitlichkeit aufbaut, das Gefühl und Streben verschieden berühren und
bald ein harmonisches, bald disharmonisches Ganzes der „Stimmung“ erge-
5 ben. Ich lebe in der „reinen“ Phantasiewelt, im reinen „Bild“, und zudem in
der Einheit der Stimmung, die rein zur Idee gehörig ihr ideales Korrelat hat
im Wert – da aber ist bald Einstimmigkeit, bald Unstimmigkeit, Disharmonie
nicht in Einheit der Harmonie sich auflösend, und das ist Fundament für
ästhetische Freude und Unfreude (Unbefriedigung). Naturschönheit hliegti
10 nicht in der bloßen Idee.
5) Ich muss, um die inhaltliche oder reine Ideenschönheit und Unschön-
heit ursprünglich zu konstituieren und, was ich früher die „Wertapperzep-
tion“ nannte, aufgrund der elementaren Wertfunktion zu vollziehen, alles
Gefühls- bzw. Strebensverhalten, das andere Quellen hat, ausschalten. Ein
15 Möbel kann schön an und für sich sein, aber es erweckt fatale Erinnerungen.
Auch ist zu berücksichtigen ein Schönes an und für sich und ein Schönes im
Zusammenhang – das Möbel im Ganzen der Zimmermöblierung.
6) Begehren und Wollen auf Schönes gerichtet – ist Gesolltes, aber das
Wollen hat seinen praktischen Bereich.
20 Menschliches Wollen als universales auf das ganze strebend-wollende
Dasein gerichtete Wollen. Das absolute Sollen und seine Relativität. Ist das
absolut Gesollte schön? Der auf absolutes Sollen gerichtete Wille ist schön,
ist ein Wert.
Ein Menschenleben, das wir ethisch nennen, ist auch schön. Ist aber
25 sein „ethischer Wert“ ein Folgewert der Schönheit, der „Erfreulichkeit“
in Gefühlshingabe daran, oder in der Idee, vermöge der Idee? Heißt „um
der Schönheit willen etwas tun“ nicht, das Schöne realisieren und in der
Verwirklichung es anschauen und sich daran freuen wollen – wie im Theater?

Beilage XVII
30 hDas Reich der reinen Schönheitswerte als Reich des
Genusses gegenüber den absoluten Gewissenswerten.
Das Vernunftgesetz der Wahl des Besten unter dem
Erreichbaren gilt nur für die hedonischen Wertei1

Kunstwerke als Objekte des Genusses. Freude an der Wissenschaft, im


35 Nachverstehen der Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnis, an der sys-

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.


beilage xvii 243

tematischen Aufnahme des in irgendeiner Sonderwissenschaft Geleisteten.


Freund der Astronomie, Freund der Botanik gegenüber der schöpferischen
Forschung und Arbeit. Der Liebhaber „arbeitet“ nicht, so wie hderi Sports-
mann nicht arbeitet, obschon er sich sehr müht und plagt.
5 Der Dilettant in der Kunst. Die Freude am künstlerischen Gestalten
und Können. Kunst als Sport. Aber für so manche Wissenschaftler ist auch
Wissenschaft ein Sport. Zum Sport gehört der Wetteifer, nicht nur Freude
am Können, sondern am Besserkönnen, am Können des Besten, das von
anderen gekonnt und geleistet wird. Dazu eventuell und in der Regel die
10 Freude an der öffentlichen Anerkennung und Ehrung des Bestkönners.
Der berufene Wissenschaftler, Künstler geht nicht auf Genuss aus, auf Er-
zielung von ihm Erfreulichen, wie der Liebhaber, der Sportsmann. Dem be-
rufenen Forscher ist die Wissenschaft eine „ h e i l i g e “ S a c h e , G e w i s s e n s -
s ac he, Sc hi c ksal ssache, hier ist die wesentliche Stätte seiner persönlichen
15 Verantwortung. Pfli cht. Dem Liebhaber ist Wissenschaft, Kunst etc. Sache
der Erholung, der Lebensfreude etc.
Das Reich der „Genüs se“, der Verwirklichung von G e f ü h l s w e r t e n,
niedere und edle, „erhebende“ Genüsse. Dieses im weitesten Sinn „h e d o -
ni s c he“ Reich ist ein Reich rechtmäßig bestehender und miteinander ver-
20 gleichbarer Werte, der reinen Schönheitswerte, aber freilich auch Unwerte.
Es hat seine Idealität. Das gepriesene Paradies, aber auch das Reich der
Seligen um Gottes Thron wird gedacht als ein Reich reiner Freuden, obschon
das letztere nicht bloß als das. Reine „Glückseligkeit“ (reine Seligkeit)
gehört jedenfalls wesensmäßig zum Ideal eines vollkommenen personalen
25 Daseins, obschon damit noch nicht gesagt ist, dass dieses Leben als solches
bloßer Glückseligkeit und nie unterbrochen gedacht sein muss oder auch nur
gedacht sein kann. Nur muss Glückseligkeit als „reine“ Seligkeit verstanden
und bestimmt werden.
Das Reich der „Schönheits“werte hat seine gattungsmäßigen Besonde-
30 rungen, aber dieses Reich hat re g i o n a l e U m g r e n z u n g; in gewissem hSinni
sind in diesem Reich die „heterogenen“ Werte doch vergleichbar, obschon
nicht messbar. Die durch verschiedene Inhaltsarten bestimmten Genüsse
(Freuden im onthischeni Sinn) stehen in R e l a t i o n d e s h ö h e r u n d t i e f e r,
in Gradualitäten des Schönheitswertes, denen gesetzmäßig der Vernunftvor-
35 zug folgt (gegen Bre ntano), nota bene, wenn eben der Schönheitswert allein
in Willensfrage ist (als Willensmotiv in Frage).
Man kann ferner sagen: Zu jedem praktischen Feld, das jeder konkreten
Gegenwart als praktischer zugehört, gehören immer Schönheitswerte und
-unwerte, und sie gehören zum universalen Feld praktischer Vernunft. Wie sie
40 überhaupt darin letztlich zu „bewerten“ sind, steht in Frage. Man sieht schon,
dass sie nie ganz auszuschalten sind. Auch ist klar, dass sie zu den eventuell
244 reine werte gegenüber praktischen werten

andersartigen „Werten“, den a b so l u t e n W e rt e n, die oben unter dem Titel


der „Berufs“-, der Gewissenswerte genannt wurden, in Wesensbeziehung
stehen.
Der berufene, aus Berufung arbeitende Wissenschaftler und Künstler
5 wird es nicht ablehnen, wenn man ihm sagt, er arbeite doch für das Publikum,
das Schönes genießen will, und so überhaupt für den allgemeinen Nutzen,
das allgemeine Wohl. Freilich betrifft das das Reich allgemeiner und be-
rechtigter Bedürfnisse, das entsprechende der allgemeinen und berechtigten
Willensziele. Jedenfalls gehören dazu Schönheitswerte und überall, wo sie in
10 Frage sind und mindesthensi ausschließlich in Frage sind, da hat das Gesetz
des Besten unter dem Erreichbaren von Schönheitswerten – und das ist
hier: der größte Schönheitswert – seine Stelle. W o a b s o l u t e W e r t e a b e r
daneben i n Fra ge kom m e n , i st v o n e i n e m „ g r ö ß t e n G u t “ , v o n
ei nem Bes s ere n und Be st e n k e i n e R e d e.
15 Fingieren wir, dass nur Schönheitswerte in Frage kommen,1 mag es nun
sein, dass der Wertende und Handelnde in einer Lage ist, in der er einsieht,
dass es in ihr andere Werte bzw. andere Willensziele als hedonische nicht
geben kann (falls eine solche Lage überhaupt möglich ist), oder sei es so, dass
diese anderen Werte zwar da sind, aber hdass siei das Reich des Genusses
20 ganz allgemein offen zugänglich sein lassen oder hdass siei irgendwelchen,
aber noch unbestimmten Genuss fordern oder endlich so, dass er momentan
oder überhaupt noch blind ist für andersartige Werte (dass ihm das ethi-
sche Lebensziel noch gar nicht aufgegangen ist).2 Sind in dem einen und
anderen Sinn nur hedonische Werte in Frage, so ist es eine „Forderung“
25 der „Vernunft“, den größtmöglichen zu wählen. Wer anders wählt, wählt
unver nünfti g, töricht, dumm; er wählt das Mindere, wo er das Mehr, das
Bessere hätte wählen können (so natürlich, wenn die Vorzüglichkeit eine
klare, evidente ist).3
Hier ist die Stelle der Wertung der A f f e k t i o n s w e r t e. Aus närrischer
30 Verliebtheit in einen besonderen Wert, aufgrund subjektiv-psychologischer
Hemmungen, die ihn für das Bessere als besser blind hmacheni (es ihn nicht,
wie es in Wahrheit ist, rein genießen lassen), wählt er das mindere Gut.
Wie steht es nun mit den G e w i sse n sw e rt e n? Wie steht es hier mit der
Rede von praktischer Vernunft? Wie hier mit dem Verhältnis von praktischer
35 und wertender Vernunft?

1 Aber kommen sie letztlich nicht überall in Frage?


2 Freilich sagt das eben nicht, dass sie damit außer Rücksicht bleiben können – und
schon in dieser Überlegung hsind siei in Rücksicht gezogen worden.
3 Aber besteht hier wirklich eine Forderung, ein Sollen, oder muss ein solches überall

bestehen und eventuell hypothetisch vorausgesetzt bleiben?


beilage xviii 245

Hier ist also Verschiedenes zu erwägen. Setzen wir an: Genuss = Ver-
wirklichung eines Wertes. Ist das eine berechtigte Gleichung? Sich einen
Wert in seinem Eigenwesen, in seiner Möglichkeit vorstellen = sich in den
vollendeten Genuss hineindenken und quasi wirklich und voll genießen. Jede
5 Werterwägung vor der Realisierung ist Erwägung der möglichen „Werte“,
ihrer Echtheit und ihrer praktischen Möglichkeit. So also jede „Auswertung“
des „wahren“ Wertes. Was da herausgestellt wird, ist eine ideale Möglichkeit,
eine „Wertidee“, sei es auch eine individuell gebundene, und eventuell im
Vergleich solcher Ideen die „Idee“ des Besten.
10 Im rein wertenden Bewusstsein spielt das willentliche Verwirklichen und
wohl auch das strebende Gerichtetsein auf den Wert keine Rolle. Es ist hier
zu unterscheiden das Für-wert-Halten im Status „bloßer Meinung“ (Doxa),
das kein bloßer Glaubensmodus, sondern zugleich Gemütsmodus ist, und das
Für-wert-Halten, das den Wert selbst Haben und Halten ist im Genuss oder
15 vielmehr in der lebendig erfüllten Vorstellung des Genusses – da wir hier
in der Sphäre des bloßen Wertens in der Ideensphäre sind, im Rahmen der
Möglichkeit.

Beilage XVIII
hIst jede Freude ein Für-wert-Halten und
20 ist jedes Werten ein positives Gefühl? Ist
Werten eine eigene Art der Stellungnahme?i1

Beispiel: ein schöner Tempel. Ich sehe ihn und erschaue seine Schönheit,
aber dem gebe ich mich nicht hin, eröffne mich dieser Schönheit nicht,
ich durchlebe sie nicht wertfühlend. Ich bin etwa mit der Welt zerfallen,
25 ich bin aus besonderen Gründen, etwa einer ungeheuren Schande, die mir,
einem eitlen Menschen, irreparabel zu Teil geworden ist, in eine Perversion
hineingeraten, in der ich die Welt hasse. Ich hasse dieses schöne Gebilde,
statt mich daran zu freuen. Ich hasse diesen schönen Sonnenuntergang, am
liebsten würde ich ihn, würde ich die Sonne und alles Licht vernichten. Ich
30 hasse dieses Kunstwerk, gerade weil es schön ist – ich zünde es an, es zu
vernichten. Mir ist alles misslungen, ich hasse jeden Menschen, der Erfolg
hat, ich möchte ihn herabsetzen, je größer er ist, umso lieber würde ich ihn
töten. Ich bin unbedeutend, klein, meine Gedanken sind missraten und ganz
rechtmäßig verachtet. Aber das ertrage ich nicht – jedes Bessere möchte

1 Etwa 1923/24. – Anm. der Hrsg.


246 reine werte gegenüber praktischen werten

ich auslöschen, um mich nicht als klein, verächtlich anschauen zu müssen.


Ich hatte mich gewöhnt, mich immerfort an anderen zu messen und äuße-
ren Erfolg, fremdes Lob, und möglichst vielfältiges und großes, einseitig zu
schätzen, ja ganz ausschließlich. Ich habe keinen Erfolg, und nun möchte ich,
5 da ich die Menschen nicht zu Liebe zwingen kann, ihnen mit Hass vergelten.
Schönes kann gehasst werden und nicht bloß hintangesetzt hwerdeni
zugunsten eines Besseren. Hässliches, Abscheuliches kann Gegenstand der
Freude sein, d. i. rein in sich betrachtet Hässliches. Wie ist die Einheit der
Freude am Hässlichen, am Schlechten, Abscheulichen zu verstehen?
10 Ist denn jede Freude ein „Werthalten“, Wertfühlen? Nicht jedes Urteil,
jeder Glaube ist ernstlich ein Für-wahr-Halten oder gar Einsehen. Jemand
kann schadenfreudig sein und zugleich fühlen, dass die Schadenfreude ein
Schlechtes ist bzw. dass der Schaden des anderen für ihn kein Gutes sei. So
kann einer urteilen und auf seinem Urteil bestehen und zugleich doch fühlen,
15 dass es nicht so ganz in Ordnung ist und dass die Gegenargumente eine Kraft
haben. Er will aber darauf nicht achten, er möchte „sich keine Blöße geben“
oder vielmehr sie bloß nicht zugestehen und tut so, als ob er, wer weiß welche
guten Gründe noch hätte.
Ist aktuell Werten ohne weiteres sich an einem Wert freuen? Und ist das
20 Werten, in dem ein reiner Wert gegeben ist, immer ein positives Gefühl, also
eventuell Freude? Eine „edle Trauer“ sagen wir. Es ist einerseits ein Unwert,
über den wir trauern, andererseits ist das Traurige doch ein „edler“ Unwert.
Freude am Gemeinen, am Misslingen fremden Strebens, Hass des Edlen ist
auch ein Unwert. Aber ein unedler, „abscheulicher“ Unwert. Es kann sein,
25 dass ich eine edle Freude preisgeben muß, mich an einem Schönen nicht
freuen darf zugunsten einer edlen Trauer.
Edle Trauer – Trauer über Nichtsein eines echten Gutes. Ist dieses Nicht-
sein Überzeugung geworden, so ist Trauer das richtige Verhalten des Gemüts;
es ist positiver Wert. Aber „freut“ man sich an dieser Trauer? Man findet
30 sie „angemessen“. Den Unwert dieses Nichtseins erfährt man. Aber durch
was für ein Gefühl? Durch die Trauer? Oder gibt es e i n e e i g e n e A k t a r t,
Art von Stellungnehmen, „W e rt e n“, mit eigener Erfüllung und Selbsthabe
gegenüber Gefühl en a l s Pa ssi v i t ä t e n ?
IX. DAS GEFALLEN AM SCHÖNEN
UND DER SCHÖNHEITSWERT1

h§ 1. Das nicht durch einen Glauben motivierte,


uninteressierte Gefallen am Schönen gegenüber
5 dem Gefallen am Wesen als Seiendeni

Das Wohlgef allen (Sic h-Freuen) am Gegenstand auf-


grund seines E igenwesens, näher aufgrund des gesamten kon-
kreten Eigenwesens, falls der Gegenstand hinsichtlich dieses Wesens
bekannt oder gegeben ist.
10 Adäquat gegeben ist ein immanentes Datum in der immanenten
Anschauung oder ein sinnliches Phantom, eine schöne Farbe, eine
schöne Melodie rein als akustisches Phänomen, ein schönes räumli-
ches Phantom etc. Wir sagen, das ist schön (oder unschön etc.). Stelle
ich mir das gleiche Phantom im Bild dar oder phantasiere ich es,
15 so habe ich hinsichtlich des Wohlgefallens, das ich haben werde, zu
unterscheiden: 1) das Wohlgefallen in der Vorstellung, das Phantasie-
Wohlgefallen, als ob ich hdas Phantomi selbst schaute mit Augen und
Ohr; 2) das aktuelle Wohlgefallen an dem perzeptiven oder reproduk-
tiven „Bild“, aber das schwankende und bald vage, bald mehr klare
20 Bild – das histi eigentlich Bild von etwas, das im Schwanken dasselbe
ist und nur mit verschiedenen Klarheitsmodi „erscheint“. Nicht die-
ses Selbe in seiner jeweiligen Erscheinungsweise ist das schöne Bild,
sondern eben das Selbst, das „quasi“ Gesehenes, Gehörtes etc. ist.
Dem bin ich mehr oder minder fern, und danach hat mein Gefallen
25 seine Modi, es ist in gewisser Weise antizipierendes, ähnlich wie wenn
ich ein Phantom wirklich sehe, aber nicht optimal, sondern in einer
von ihm selbst abstehenden Unklarheit.
Gleichwohl, es gefällt durch sein Eigenwesen: Das Wesen ist aber
nicht vollkommen gegeben. So auch das „Bild“. Es ist aktuelles

1 Wohl 1925. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 247


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3_9
248 das gefallen am schönen und der schönheitswert

Gefallen am (nicht vollkommen gegebenen) Bild, aber an dem Bild


selbst. Das Bild und die perzeptive „Wirklichkeit“ haben das „We-
sen“ gemein. Doxisch: Wirklichkeit und Möglichkeit haben ein ge-
meinsames Wesen, als ideal-identisches.
5 Kann ich nicht im Gemüt so ei ngestel lt sein, dass mein Gefallen
als aktuelles nicht betroffen wird, ob i ch wirklich höre oder
phantas ier e – abgesehen von den Gradualitäten der Klarheit, die
einen Vorzug des wirklichen Hörens machen? Dann hätten wir also
ein Gefallen (ein ursprüngliches Erfühlen eines Schönen), das
10 nicht fundiert wär e i m Erfahren (Wahrnehmen, ursprünglich
Seinserfassen) als Erfahren, nicht im Finghiereni, Phantasieren als
Phantasieren, nicht im Für-möglich-Halten als Für-möglich-Halten,
obschon das, was da als schön gefällt, in irgendeinem dieser An-
schauungsmodi bewusst sein muss.
15 Was sagt da das Nicht-Fundiertsein? Ich, der „Wertende“ und
als solcher bin hier in einer Einstellung, in der ich keine „Stellung“
nehme für Sein oder Nichtsein oder auch nur für Möglichkeiten, kein
„Interesse“ dafür habe, keine Doxa als in dieser Hinsicht motivie-
rend „vollziehe“, obschon gegebenenfalls Wirklichkeit bewusst ist in
20 gewisser Weise, sofern ich eben das Phantom wahrnehmungsmäßig
vor mir habe, oder Fiktion, sofern es als bloßes Phantasiebild vor-
schwebt, das als solches jederzeit von mir als nichtig, als ein Nichts
beurteilt werden kann. I ch bi n doxi sch also hinsichtlich aller
Seins modali tät en ne utral, aber wohlgemerkt – hier gerate ich
25 in Zweideutigkeit – in einem gewissen Sinn neutral. Nicht als ob ich
aktive Enthaltung übte, aktiv neutralisierte; als Wertender bin ich
neutral, nicht durch Glauben motiviert. Sagt man so, dann gerät man
in die schiefe Frage: Bin ich auch hinsichtlich des Wesens „neutral“?
Ist nicht neutrales Anschauen „Selbsthabe“ des puren Wesens und ist
30 nicht dieses selbstgeschaute Wesen dasjenige, was mir gefällt? Oder
bin ich auch in dieser Hinsicht neutral? Ist es nicht richtig zu sagen,
dem Gefallen liegt auch hier ein „Gegenstand“, ein im wiederholten
Gefallen Identifizierbares zugrunde, das, worauf ich hinsehe und was
ich eben in eins setze im Übergang von Anschauung zu Anschauung
35 vom Selben, mag der doxische Modus der Anschauung wechseln.1

1 Gleichwohl kann man doch sagen, das hGefallen ami Schönen, uninteressiert
das gefallen am schönen und der schönheitswert 249

Aber habe ich dann nicht doch noch einen Glauben in dieser
Einstellung, eine Ineinssetzung, den Glauben der Selbsthabe des
konkreten Wesens als eines „idealen“ Seins, das gegen individuelle
Wirklichkeit und Möglichkeit unempfindlich ist, weil es das vom
5 Wechsel solcher Setzung, die ja neutralisiert ist, Unbetroffene bleibt,
und andererseits in der Neutralität eben selbst erst hervortritt? Aber
hier gilt es eben vorsichtig sein. Ich bin ja nicht aktiv neutral, mich
der doxischen Stellungnahme enthaltend, und nicht bilde ich aktiv
eine Ideation, ich habe also nicht das reine Wesen als doxisches
10 Thema gebildet. Das Gefallen am Schönen als uninteressiertes ist
nicht Gefallen an dem puren Wesen als Seienden. Dann wäre es
inter es s ier t. 1
Dieses pure Wesen ist, wenn das Interesse am Sein dieses Wesens
außer Frage ist, ursprünglich bewusst als schön, reiner Schönheits-
15 wert. So wie Deckung unter Neutralität individueller Doxa einen
neuen Gegenstand in neuer Doxa ergibt, der also in der Wesensschau-
ung ursprünglich gegeben ist, so ergibt die Deckung unter Neutralität
der durch individuelles Glauben fundierten Gefühlsstellungnahmen
(der interessierten) eine neue Gefühlsstellungnahme, fundiert durch
20 das Erschauen bzw. Setzen des Wesens. Das Wesen selbst, das an-
schauliche, konkrete Wesen ist ein Schönes, Gutes, und zwar Schönes
der „Idee“, des Wesens selbst.2
Aber alles, was da ausgeführt wurde, gilt nun für die Fälle, wo
ein Wesen nicht adäquat gegeben ist, wo es nur intuitiv antizipiert
25 ist, und schließlich für das bloß wertende Meinen, das überhaupt
nicht Werterschauen ist. Dazu: Der Gemütsakt des Gefallens hat
entsprechende Modalitäten, in Abhängigkeit von den fundierenden
Glaubensmodalitäten.
Überall gilt natürlich auch die Wendung von der Gemütseinstel-
30 lung, der wertenden, in die nachkommende doxische, in der der

Gefallenden, ist als uninteressiertes Gefallen Gefallen am Wesen, nur dass das Wesen
nicht gesetzt ist urteilsmäßig.
1 Aber jederzeit kann ich das Wesen aktiv doxisch konstituieren. Tue ich das, so

habe ich im Gemüt alsbald ein Wohlgefallen, das dieses Erschaute, jedenfalls gesetzte
Wesen als wertendes Thema hat. Dann ist das Wesen bewusst als eine Ideenschönheit –
oder vielmehr als ein Ideen-Gutes. Korrelativ: Freude am Sein.
2 Aber ein Schönes im eigentümlichen Sinn nur durch Neutralität im Sinn der

Uninteressiertheit.
250 das gefallen am schönen und der schönheitswert

Wert zur doxischen Setzung, also zur Seinserfassung kommt, einer


Erfassung, die je nachdem evidente und adäquate ist oder nicht.
Die Schönheiten, von denen hier die Rede war, waren reine, ei-
gentliche Schönheiten (denen konkrete Wesen entsprechen), Sein
5 von idealen Gegenständen, denen Möglichkeit, d. i. mögliche indivi-
duelle („reale“) Wirklichkeit, entspricht, wo hihneni nicht gar in der
Tat Wirklichkeit „entsprechen“ mag, die aber selbst nicht reale Wirk-
lichkeiten oder Möglichkeiten sind. Als Idealität haben sie einen Um-
fang idealer Möglichkeiten, obschon nicht immer in gleicher Weise.
10 Diese Schönheiten sind selbst, wie sich zeigte, ideale und in ihrer Art
konkrete Wesenheiten, zunächst Idealitäten konstituiert im Gemüt
und dann im „Verstand“.

h§ 2. Das Schön-Gefallen als inhaltliches Gefallen.


Inwieweit ist ein Glauben Motivationsgrundlage
15 für ein Schön-Gefallen? Das Gefallen an einem
Ding wegen seiner schönen Erscheinungeni

Gehen wir nun von den konkreten Wesen über zu wirklichen


und möglichen Realitäten (den Vereinzelungen der Ideen), so sind
diese Einzelheiten, die der doxischen Wesen, nun auch Einzelhei-
20 ten der Werte-Wesen, der idealen Werte. Sie haben „Anteil“ an
der betreffenden Idee der Schönheit, die selbst ideale Schönheit
ist.
Hier ist aber Folgendes zu beachten: Wenn ich einen Ton, den
ich höre, schön finde, so brauche ich das konkrete Eidos dieses Ton-
25 wesens natürlich nicht gebildet und diesen Ton als Einzelnes dieses
allgemeinen Wesens gedacht zu haben. Dieser Ton als dieser-da ist
wahrgenommen, also in Seinsgewissheit bewusst. Das Wohlgefallen
an ihm ist nicht Wohlgefallen an dem allgemeinen Wesen, auch nicht
an diesem da als dem als Vereinzelung des Wesens Gefassten; wie
30 danach der Schönheitswert dieses Einzelnen nicht als Vereinzelung
des allgemeinen Wertes bewusst ist.
Wir können hier offenbar nur sagen: In der Einstellung des wer-
tenden Ich, des auf Schönheit „gerichteten“, und zwar auf dieses
Schöne, verhält es sich so wie in der Einstellung des bloß anschauend-
35 glaubenden Ich, des „betrachtenden“ der Wahrnehmung, der Erin-
das gefallen am schönen und der schönheitswert 251

nerung oder des das Fiktum betrachtenden. Der „Blick“ ruht auf
dem „Inhalt“, dem in Identität sich bekundenden, aber nicht als
identisch urteilsmäßig gesetzt, dem, der fassbar, aber nicht gefasst
ist als Wesen in besonderen Akten der Ideation. Dabei ist das Ich
5 glaubend in Gewissheit oder einer Modalität bzw. „neutral“ im Glau-
ben.1
Eben dergleichen liegt notwendig dem Wohlgefallen als Schön-
Gefallen zugrunde.2 Aber nun entspricht dem inhaltlichen Betrachten
das inhaltliche Gefallen. Es ist nicht Gefallen, das auf das Wesen als
10 Eidos gerichtet ist, es ist nicht Gefallen, das seine besondere Motivati-
onsgrundlage hhati im Glauben und den Glaubensmodalitäten (oder
im Vollzug der Neutralität als Enthaltung hat), sondern das Gefallen
vollzieht sich, wie immer es sich mit diesen Modalitäten verhalten
mag, rein im Blick auf den Inhalt, in seiner „Betrachtung“. Im Wandel
15 der Glaubensstellung bzw. Neutralisierung muss dann dieser „selbe“
Inhalt in Deckung mit sich selbst bleiben – was aber nicht heißt,
dass das Eidos als solches zur gegenständlichen Setzung kommt, und
das Wohlgefallen bliebe ungeändert, nur wäre das Schöne einmal
ein als seiend Bewusstes, das andere Mal als vermutlich Seiendes,
20 das dritte Mal ein Bildfiktum und wieder ein „Phantasie-Bild“. Ein
Eidos als solches kommt erst zur Setzung, wenn ich im Bewusstsein
der Beliebigkeit der Wandlung reiner Möglichkeit und der eventuell
gegebenen Wirklichkeit in Möglichkeit das Identische als solches und
als Seiendes setze.
25 I n w elcher W eis e spi el t aber der Glaube als Stellung-
nah me h eine i f undie rend-m oti vi erende Rolle für die Ge-
müts s tellungnahme? Haben wir nicht verschiedene „Glauben“
in Betracht zu ziehen, und solche schon als Voraussetzung im Schön-
Gefallen? Das Letztere kann so gemeint sein: Betrachte ich den
30 schönen Regenbogen, der sich über das Werra-Tal spannt, so mag
ich wissen und dessen gerade auch jetzt in besonderer Weise inne
sein, dass dieser Bogen in der Landschaft selbst „nichts“ ist – aber

1 Probleme! Bloße „Betrachtung“ des „Wahrnehmungsbildes“, des „Wahrneh-


mungsinhalts“ ohne „Stellungnahme“, ohne Vollzug des Seinsglaubens (Regenbogen,
Stereoskop, Bildbetrachtung). Ihm entspricht ein Wesen (niederster Differenz), aber
ist nicht dieses „Wesen“ als Seiendes gesetzt? In „Urteils“einstellung?
2 Das ist offenbar unsauber, aber zu beachten.
252 das gefallen am schönen und der schönheitswert

schön ist nicht die Wirklichkeit, sondern diese „Erscheinung“, und


diese Erscheinung sehe ich, sie ist für mich in ihrer Art Wirklichkeit.
Ebenso ist das schöne Stereoskopbild für mich als Erscheinung Wirk-
lichkeit und die erscheinende Bild-Landschaft als solche, so wie sie
5 der Künstler hier dargestellt hat usw.
Das, worauf ich im Gefallen hinblicke und hwasi mich dabei „be-
stimmt“, ist selbst in einer Doxa gegeben als seiend, ohne weitere
Frage, wohin dieses Sein gehört, zu welchem Seinszusammenhang,
welcher Seinsart es ist usw. So entzückt mich auch der Tanz auf
10 der Bühne, „ein Bauerntanz vor der Schenke“ – als Erscheinung,
als perzeptives Phantasiebild in Bewegung. Freilich, ich habe noch
eine reale Wirklichkeit, die meiner Umwelt, mit der das Fiktum
streitet, zu der es also in Bezug steht, zu der ich es aber nicht aktiv
vollziehend in Bezug setze. Genauer gesprochen, ich neutralisiere
15 die Glaubenstendenzen, die dem Bauerntanz zugehören, ich bin in
Neutralität und habe eben darum ein reines Phantasiebild – eine
bloße Phantasie„erscheinung“.
Der Bauerntanz gehört zu einem Phantasieraum, einer Phantasie-
zeit, einer Phantasiewelt, das Glaubenssystem ist ein Glaubenssys-
20 tem-als-ob, eben Phantasieglaube. Aber auch auf diesen Glauben-
als-ob kommt es nicht an. Denn andererseits habe ich nun die Er-
scheinung als Erscheinung, die Phantasiewelt als Phantasiewelt, und
der Phantasie-Tanz als solcher ist selbst nun „Seiendes“, hat seinen
„Glauben“, und dieser fundiert mein Schönheitsgefallen.
25 So gefällt mir auch ein Schönes der Wirklichkeit aufgrund seiner
Erscheinung, etwa die schöne Gestalt und Färbung eines Dinges –
nichts anderes als dieses, keineswegs aber das Ding, sofern es exis-
tiert und was dabei in realer Wahrheit sonst ihm zukommen mag.
Freilich, das reale wirkliche Ding kann mir nun lieb sein, weil es diese
30 Erscheinung darbietet und eventuell nur in einer gewissen Stellung, in
einem gewissen Aspekt Schönheit bietet. Es ist dann um der schönen
Erscheinung willen mir lieb und heißt „schön“ als eine schöne Er-
scheinung bietend. Dann ist nicht das Ding und die Dingwirklichkeit
an sich selbst schön, sondern primär und eigentlich schön ist die
35 Erscheinung; es selbst ist schön „umwillen“, in Übertragung.
Andererseits, wo eine Wirklichkeit in mannigfaltigen Erscheinun-
gen erscheint und Wirklichkeit des Daseins sich modalisieren kann,
da erwächst auch im Gemüt eine neue Gestalt von „Wertungen“,
das gefallen am schönen und der schönheitswert 253

nämlich die sich mit den Modalisierungen selbst modalisierenden.


Allem voran ist aber zu betonen: Es handelt sich um Gemütsakte,
in denen Gl aube Mot i vati onsgrundl age ist. Das Gefallen an
einem Ding um dessen willen, dass es schöne Erscheinungen bietet,
5 ist eigentlich noch nicht ein Gefallen, das motiviert ist durch den
Glauben an die Wirklichkeit des Dinges. Denn das Ding selbst als
erscheinendes ist, solange ich in der reinen Schönheitswertung stehe,
dann selbst nur Erscheinung, nur dass diese Erscheinung schön ist in
Übertragung.

10 h§ 3. Das Gefallen am Schönen als Gefallen


an der Erscheinung und das Missfallen
am Hässlichen als qualitativer Gegensatz.
Schönheitswert als Wert der Erscheinung gegenüber
Güterwert als Wert des Erscheinenden als
15 Seiendem. Gibt es bloße Begehrungswerte?i

Das Gefallen nimmt eine wesentlich neue Gestalt aber an, wenn
der Wirklichkeitsglaube des durch Erscheinung Erscheinenden selbst
Motivationsgrund ist. Wir stehen dann im Reich des begehrenden
Gefallens. Nämlich das r ei ne Schönfi nden, am Schönen Gefallen
20 haben, ist noch nicht Freude am Dasein. Wir können auch sagen, das
Gefallen an der Erscheinung (die freilich als Erscheinung „ist“) ist
nicht Gefallen am Dasein des Erscheinenden. Dieses Gefallen, die
Das eins fr eude, is t ei n Modus des Begehrens, und zwar des
erfüllten. Änderung der Überzeugung in irgendwelchen Modalisie-
25 rungen modalisiert das Sich-Freuen (die Freudengewissheit geht über
in Freudenvermutlichkeit etc., was Gefühlsmodi der Freude sind),
und der Umschlag in Seinsnegation führt zur Freudennegation, die
„Unfreude“. Die Korrelate sind: Güter und Übel als Analoga der
Wirklichkeiten und Nichtigkeiten bzw. Wahrheiten und Unwahrhei-
30 ten.
Sind aber nicht auch Schönheiten und Hässlichkeiten Analoga?
Hier ist aber zu beachten: Schönhei ten sind die Werte, die bewusst
werden im Wohlgefallen an einer Erscheinung. Aber Missfallen
des Häs s lic hen is t ni cht fundi ert i n ein er Modalisierung
35 des Seins der Er sc hei nung und ist nicht selbst eine Modalisierung
254 das gefallen am schönen und der schönheitswert

des Als-schön-Gefallens; sol ches Al s-hässlich-Missfallen ist


nicht ein Un- Gef all en, ei ne U n-Freude.
Aber bestehen hier nicht Zusammenhänge? Wir sprechen von
Trauer, von Leid, ob es sich um Missfallen an einem Schmerz han-
5 delt oder um Trauer, Schmerz, „Unfreude“ über einen Verlust. Die
Sprache bezeichnet qualitative Gegensätze, indem sie sich auf den
Standpunkt eines Gliedes stellt, oft durch Negativa.
Oft ist es so, dass ein inhaltlich bestimmter Lebensstrom vermöge
dieses Inhalts in der einheitlichen Gefühlscharakterisierung des Be-
10 hagens verläuft, dass aber ein anderes Mal der Charakter des Missbe-
hagens sich motiviert gibt als in Folge einer peinlichen Störung, deren
Wegfall das allgemeine Behagen wiederherstellen würde. Soll man
sagen „Unlust“, „Unbehagen“, der negative Ausdruck deutet die
Störung der einstimmigen Lust an? Jeder Schmerz „stört“, insbeson-
15 ders jeder einzelne sinnliche Schmerz. Aber er ist an sich missfällig,
abgesehen von der Störung, er ist es, abgesehen davon, dass er das
sonstige Wohlgefallen in gewisser Weise hemmt, nicht zur Auswir-
kung kommen lässt. Wir haben doch ein Positives und Negatives
im Gefühl im Sinn einer qualitativen Opposition. Andererseits, das
20 qualitativ Positive der Daseinsfreude verwandelt sich in das qualitativ
Negative, wenn Dasein in Nichtsein glaubensmäßig sich wandelt; und
wenn eine Erscheinung positiv gefällt, so missfällt eben eine andere
im Sinn der Opposition negativ, nur dass hier die Gegenqualität nicht
motiviert ist durch eine Daseinsnegation.
25 Danach haben wir überall, wo Erscheinung und Erscheinendes
eine Rolle spielen bzw. wo gegenüber dem Sein der Erscheinung
ein erscheinendes Sein vermeint sein kann, zu unterscheiden: 1)
Sc hönheitswer t als Wert der Erscheinung selbst und als Übertra-
gungswert den Wert des Erscheinenden als solchen, ohne Betracht
30 aller Seinsfragen; 2) G üterwert (Begehrungswert) als Wert des
Erscheinenden als daseienden. Der Gegensatz des Schönen ist Un-
schönes. Der Gegensatz eines Gutes ist ein Schlechtes, das, dessen
Sein ein Unwert ist. Das Nichtsein eines Gutes ist ein Mangel, Fehler,
und als das ein Unwert, aber eigentlich nicht ein Schlechtes. Nur
35 sofern wir Nichtsein selbst als Sein fassen (aber nun ist es nicht
mehr erscheinendes Sein), und dieses Sein missfälliges ist, unwertiges
Sein, kann man auch hier von Schlechtem sprechen. Aber man fühlt
schon sprachlich den Unterschied: Das Schlechte ist das oppositum
das gefallen am schönen und der schönheitswert 255

des Guten, der Mangel ist ein Unwert, aber nicht in demselben Sinn
Gegensatz.1
Es ergeben sich nun weitere schwierige Probleme, zusammenhän-
gend mit der Wertverschiebung, Entwertung im Beziehungszusam-
5 menhang. Ist nicht an sich jede Instinktbefriedigung, jede Befrie-
digung eines Triebes, eines Strebens, jedes Sich-Entspannen eines
solchen ein Wert (ursprünglich anschaulich wohlgefällig), jede Hem-
mung ein Unwert? Gibt es also nicht Werte, die auf vorangehendem
Treiben, Streben beruhen, mag es auch völlig blind sein? Bedürfnis-
10 befriedigungen als solche.2
Um seiner Schönheit willen kann ein Gegenstand begehrt wer-
den und dann kann überhaupt ein habituelles Bedürfnis nach Ge-
genständen solcher Schönheit erwachsen. Dann erweckt solch ein
Gegenstand, realisiert Befriedigung, hat den Wert der Befriedigung,
15 aber auch den „höheren“ Wert der Schönheit. Die „Lust“ der Be-
friedigung ist ein „Zuwachs“. Kann es „wahre Werte“ geben, die
zur Schönheit keine Beziehung haben? Begehrungswerte, die bloße
Instinktwerte, bloße Befriedigungswerte sind und an sich gleichgültig
wären, wenn sie nicht begehrt würden, und, wie wir gleich annehmen
20 können, ihrer Art nach habituell und empirisch allgemein begehrt.
Ihre Artung bestimmt die Richtung des instinktiven Strebens. Aber
wie wohl zu beachten: Es ist kein im Wesen, an der intuitiv zu fassen-
den Artung als solcher hängender Wert bzw. ein darauf bezügliches
Gefallen da, sondern ein Trieb, der sich in dieser Artung befriedigt
25 und ein Gefallen an dem Gegenstand und seiner artmäßigen Eigen-
heiten, sofern er die Spannung des Strebens entspannt und schließlich
Befriedigungslust ergibt.

1 Aber iteriert sich nicht in gewisser Weise auch das Erscheinen, nur dass wir auf
Ur-Erscheinungen zurückkommen, die Anschauungen im ursprünglichen Sinn oder
vielmehr die Anschauungs„bilder“?
2 Aber wie stehen hdazui die „Gegenstände“ des Bedürfnisses? Sie sind wert als

bedürfnisbefriedigende. Wie steht das zu Schönheitswerten, Gütern aus Schönheit?


256 das gefallen am schönen und der schönheitswert

Beilage XIX
hDie Selbstgegebenheit des Guten in der Freude am
Dasein gegenüber der Selbstgegebenheit des Schönen in
der Freude an der bloßen Erscheinung. Das Schöne, um
5 seiner Schönheit willen begehrt, wird zum reinen Guteni1

Das „Schöne“ unterscheidet sich vom „Guten“ dadurch, dass die subjek-
tiven Erlebnisse, in denen sie als solche, als das Schöne oder als das Gute,
selbstgegeben sind, verschieden sind. Beim Guten ist es Freude am Dasein,
Befriedigung in dem Genuss seiner Wirklichkeit, bei dem Schönen ist es
10 Freude an seiner bloßen Erscheinung, hani seiner bloßen „Vorstellung“, das
ist, der Wirklichkeitsglaube, wie er in der Wahrnehmung, in der Erfahrung
liegt, ist die Gefühlsart nicht mitbestimmend.
Nennt man derartige, durch den Glauben an ein in einer Erscheinung Er-
scheinendes fundierte Gefühle (Wertungen) „interessiert“, so ist das Wohlge-
15 fallen am Schönen (das Werten) ein „uninteressiertes“. Darin liegt aber, das
Wohlgefallen wäre dasselbe, wenn zum Beispiel statt der Wahrnehmungs-
gegebenheit eines Schönen eine abbildliche Gegebenheit (im abbildlichen
Anschauen) oder stattdessen wiederum eine vollkommen klare Phantasie
gleichen Gehaltes Erlebnis wäre. Doch wird im Allgemeinen der aktuelle
20 Daseinsglaube nicht ohne Wirkung bleiben, das Schöne wird um seiner
Schönheit willen begehrt, und nun wird es zum Guten werden. Aber es bleibt
auch dann die Möglichkeit, das „Interesse“ auszuschalten und das Schöne
rein als solches zu werten, andererseits sich daran wieder interessiert zu
freuen und dabei so, dass das Interesse rein durch die Schönheit und dadurch,
25 dass das Schöne wirklich ist, bestimmt wird. In diesem Fall haben wir ein
reines Gut (ein καλοκαγα©Þν), ein solches, das begehrt und genossen wird
rein darum, weil es schön ist, erstrebt wird rein um seines Schönheitswertes
willen. Jedes Gute ist dann selbst wieder ein Schönheitswert, nämlich dass ein
Schönes um seiner Schönheit willen erstrebt oder als seiend genossen wird,
30 ist selbst wieder als „bloße Vorstellung“ wertbar und histi dann ein Schönes
und so in infinitum.
Das überträgt sich entsprechend auf die Bewusstseinsweisen des Gemüts,
welche sich auf Schönes und Gutes beziehen, ohne es in sich selbst ver-
wirklicht zu haben. Hinsichtlich des Guten (obschon dann vielleicht nur
35 vermeintlich Guten) oder Unguten haben wir dann die Modalitäten des
Begehrens (und Fliehens) als fundiert durch die Modalitäten des Seinsglau-
bens. Hinsichtlich des (vermeintlich) Schönen sind keinerlei Modalitäten des

1 1925.
beilage xx 257

Glaubens fundierend, und es kommen nur in Betracht die Abwandlungsge-


stalten der Vorstellungsgehalte, in denen, statt der Gehalte selbst, unklare
Antizipationen derselben für das uninteressierte Gefühl leitend sein mö-
gen.

5 Beilage XX
hDie Selbstgegebenheit eines Schönheitswertes in der
Anschauung des Eigenwesens eines Gegenstandes. Die
Fundierung eines Gutwertes in einer Seinsmodalität.
Gegenstandswesen und Erscheinungswesen
10 als das Reich des spezifisch Ästhetischen.
Freude an der Selbsthabe eines Gegenstandesi1

Scheiden wir deutlicher und beschreiben wir, was hier an Möglichkeiten


verständlich vorliegen kann. 1) Ästhetisch Schönes (wie immer dieses äs-
thetisch näher bestimmt werden mag), etwa Kunstschönes, bezeichnet eine
15 Gattung des Schönen übe rh a u p t (des καλÞν), das ist eines solchen, das
r ei n dur c h se in E ig en w e se n W e rt h a t, worin beschlossen ist, dass
hdasi, was außerhalb dieses Wesens liegt, nicht wertfundierend ist. D a j e d e s
Ei genwes en a ls Ide e zu f a sse n i st , so i st e i n e S c h ö n h e i t e i n i d e a l e r
W er t. Die Idee eines derart Schönen überhaupt, eines Etwas überhaupt
20 solchen Wesens, ist selbst ein Schönes höherer Stufe, und alles singulär
Schöne ist schön um der Anteilnahme willen an der Schönheit der Idee.
Das Schönheitswerten ist uninteressiert – am Daseinszusammenhang.
Andererseits ist ein Gu t w e rt dadurch charakterisiert, dass sein Wert
fundiert ist durch Wirklichsein, Möglichsein und sonstige Seinsmodalitäten.
25 Von Seiten der den Wert subjektiv verwirklichenden Erlebnisse gesprochen,
ist ein Schönheitswert als solcher selbstgegeben in einem Werten, dem ein ge-
genständliches Anschauen zugrunde liegt als ein solches, das das Eigenwesen
des Gegenstandes anschaulich macht. In der Erfassung dieses Wesens, des
Was-Gehaltes, ist das Wohlgefallen gegründet, in dem der Schönheitswert
30 selbst im Gemüt erfasst wird. Dagegen ist das Werten eines Guten fun-
diert im Daseinsglauben (und in Glaubensmodalitäten); d e r G e m ü t s a k t
hat nun den C hara kter d e s i n t e re ssi e rt e n , e i n e s i m w e i t e s t e n
Si nn begehr ende n, w o h i n d a n n a l so a u c h d i e F r e u d e a n d e m
wi r kl i c hen Dase in zu re ch n e n i st (nämlich als erfülltes Begehren).

1 Wohl 1925. – Anm. der Hrsg.


258 das gefallen am schönen und der schönheitswert

Wo ein Gutes gut ist um seiner Schönheit willen, wo also der Daseinswert
bestimmt ist durch den Schönheitswert, haben wir den Fall des καλοκαγα©Þν.
1) Fr eude a m E ig enw e se n e i n e s G e g e n s t a n d e s, am Gegenstand
um seines eigenen Wesens willen.
5 2) Fr eude am Geg en st a n d u m se i n e r E r s c h e i n u n g s w e i s e ( s e i -
ner noematische n Geg e b e n h e i t sw e i se ) w i l l e n, die ihm dauernd zu-
kommt und seine Eigenheit ist, als etwas von ihm frei Zugängliches. Sie macht
nicht sein Wesen, „gehört“ aber zum Wesen, und die Erscheinung selbst hat
ein Wesen. Ge ge nstands w e se n u n d E rsch e i n u n g s w e s e n g e h ö r e n
10 „ wes ens mäßig “ zusamm e n. Das ist d a s R e i c h d e s s p e z i f i s c h Ä s t h e -
ti s c hen. Aber ist nicht das „Selbst“ und die „bloße Meinung“ eine verschie-
dene Gegebenheitsweise? Freue ich mich an der Wahrheit ästhetisch?
3) Freude am Selbsthaben des „Gegenstandes selbst“ gegenüber dem
Vermeinten als solchem, an der „Wahrheit“ gegenüber der „Meinung“, hdie
15 „Wahrheit“i als „das Selbst“, was die Meinung bloß meint.1
4) Freude an einem Gegenstand um eines anderen willen, nicht an seinem
Eigenwesen oder aufgrund desselben, sondern etwa weil das Sein des Gegen-
standes real Grund ist (oder vermutlich es ist) für die Verwirklichung eines
anderen, an dessen Eigenwesen ich Freude haben würde, oder weil das Sein
20 des Gegenstandes Anzeichen ist dafür, dass nun das Eintreten des anderen
zu erwarten ist (Anzeichen für das Seinwerden), oder weil das Dasein dieses
Gegenstandes Erinnerungszeichen ist für an sich werte Gegenstände, mit
denen er zusammen war, oder für einen anderwertigen, z. B. ästhetisch werten
hGegenstandi.
25 ad 3) Ich freue mich genießend und selbsthabend – ich habe den Gegen-
stand selbst und den Wert selbst –, andererseits, ich freue mich, ohne den
Gegenstand selbst zu haben, ich glaube, dass er ist, und ich freue mich um
dessen willen, was er gemäß dem Sinn dieses Glaubens ist (mir gilt).
Ich freue mich der Selbsthabe als solcher, nicht am Gegenstand als dem
30 Soseienden. Hier freut mich der Gegebenheitsmodus des Gegenstandes,
während er selbst mir vielleicht gleichgültig ist.
Ich kann mich an der Erscheinungsweise eines Gegenstandes freuen,
während der Gegenstand selbst mir gleichgültig ist, oder nur wert um dieser
Erscheinungsweise willen. Kann ein Gegenstand mir auch wert sein um der
35 Erkenntnis willen, die ich von ihm gewinne? Ja, wann ist die Erkenntnis
von ihm überhaupt wert? Wo sie es ist, kann auch diese Wertübertragung
statthaben. Wird nicht dem Astronom der Sternenhimmel auch darum lieb,
weil er so viel von ihm erkannt hat?

1 Ich strebe von Meinung zu dem entsprechenden Selbst.


ERGÄNZENDE TEXTE
A. WERT UND BILLIGUNG

Nr. 1

B illigung, Wert h undi Evidenz1

Ich billige eine Freude: Du, freue dich daran, das ist recht. Es ist
5 erfreulich, dass dem deutschen Volk in Kaiser Wilhelm eine so große
und edle Persönlichkeit beschieden wurde. Das heißt nicht hnuri,
man freut sich daran, sondern auch, man hat „Grund“, sich daran zu
freuen. Es ist eine berechtigte Freude. Es liegt darin eine Billigung
der Freude. Es ist unerfreulich, es ist durchaus nicht erfreulich: Eine
10 Freude daran ist oder wäre zu missbilligen.
Dagegen: „Es ist angenehm, unangenehm, es ist schmerzlich etc.“
enthält nichts von solcher Billigung. Wir sagen zwar selten, es ist freu-
enswert, trauernswert, aber wir könnten es sagen. Im „Erfreulichen“,
im zu Betrauernden steckt es darin.
15 Wünschenswert: Hier steckt eine Billigung, Wertung des Wun-
sches. Ebenso begehrenswert, liebenswert, hassenswert. Wollenswert
sagen wir nicht, aber dafür erstrebenswert.
Was meint nun diese „Billigung“? „Ich billige deine Freude“ =
„Du hast recht daran, dich zu freuen.“ Heißt das, ich freue mich
20 darüber, es gefällt mir, dass du dich daran erfreust? Nein. Es kann
jemand meinen, der Andere habe durchaus kein Recht, sich daran
zu erfreuen, aber er kann sich freuen, dass er sich daran freut. Ich
billige einen Wunsch. Ich sage, es sei wert, dergleichen zu wünschen.
Heißt das, ich freue mich darüber, dass man dergleichen wünscht,
25 oder es sei (von der Person abgesehen, die sich freut) eine Freude?
Offenbar nicht. Und so überall. Was ist das nun: „Billigen“, Für-
richtig-, Für-wert-Halten? Ist Billigen vielleicht Gefallen, Missbilligen
= Missfallen?

1 Wohl 1896/97, mit Anmerkungen etwa aus 1908/09. – Anm. der Hrsg.

© Springer Nature Switzerland AG 2020 261


U. Melle, T. Vongehr (Hrsg.), Studien zur Struktur des Bewusstseins, Husserliana:
Edmund Husserl – Gesammelte Werke 43-II, https://doi.org/10.1007/978-3-030-35926-3
262 wert und billigung

Ein Bild gefällt, ein Buch gefällt mir oder missfällt mir. Aber
auch von einer Speise, etwa vom Wein, sagt man, er gefalle oder
missfalle. Das Bild betrachte ich mit Lust, das Buch lese ich mit
Vergnügen, die Speise esse ich mit Lust. Gefallen ist oft nichts weiter
5 als Ausdruck des Lusthabens oder Lustbegründens. „Ist hesi Ihnen
gefällig?“ = „Wünschen Sie hesi?“ Was so beschaffen ist, dass es
uns Lust bereitet, wenn wir es besitzen, das wünschen wir. Jemand
tut uns einen Gefallen = Er tut, was uns angenehm ist oder was wir
wünschen. Aber die „Billigung“ steckt in all dem nicht. Es gefällt mir,
10 dass du dich daran erfreust, es missfällt mir, dass du dieses wünschst.
Darin steckt nicht Billigung im prägnanten Sinn. Wenn wir billigen, da
gefällt uns oft das Gebilligte. Aber nicht immer, wenn wir Gefallen
haben, brauchen wir zu billigen. Ich kann ein Gefallen haben am
Genuss des Weines, aber diesen Genuss missbilligen. Jemand spricht
15 einen Wunsch aus, den ich mit Vergnügen erfüllen will, ich freue mich
darüber, dass er ihn ausspricht, er gefällt mir; darin liegt aber nichts
von einer Billigung des Wunsches. Man könnte hier freilich sagen:
Ich freue mich über den Wunsch des Anderen, sofern ich mich eben
freue, ihn erfüllen zu können. Die eine Freude begründet die andere.
20 Aber ich habe doch auch an dem Wunsch selbst eine Freude, möge
sie auch in einer anderen Freude gründen.1
Billigung ist jedenfalls ein Akt des Gefühls, Billigen ist verwandt
mit Gefallen, Sich-Freuen etc., Missbilligung ist verwandt mit Miss-
fallen, mit Unlust, Unfreude. Dieses Gefühl ist ein sekundäres. Es
25 geht auf primäre Gefühle: Billigung einer Lust, einer Freude, einer
Hoffnung, einer Furcht, eines Wunsches etc.
Ferner: Wenn wir billigen, steht uns das Gebilligte objektiv gegen-
über. Ich habe nicht einfach Lust und zugleich ein anderes Gefühl,
sondern die Billigung bezieht sich auf gegenständlich vorgestellte
30 Lust. Diese kann – muss aber nicht – wirkliche Lust sein; ich kann mir
eine Lust an dem Obszönen vorstellen und daran eine Missbilligung
knüpfen, ohne diese Lust selbst wirklich zu fühlen. Was wir billigen,
das „hat“ einen Wert (es wird für wert gehalten), es erscheint als wert.

1 Beziehen sich Gefühle auf Gegenstände, so geben sie zu objektiven Prädikaten


Anlass: Diese Speise ist angenehm (nicht nur: sie schmeckt mir gut). So begründet die
Billigung die Prädikate „gut“, „wert“.
text nr. 1 263

Billigen ist Wertschätzen. Aufgrund der Billigung erwächst das sachli-


che Prädikat „wert“. Die Billigung kann nun sein eine evidente oder
nicht-evidente. Dem entspricht der objektive und subjektive Wert.
Billigung der seligen Freude am tugendhaften Handeln, Billigung
5 einer rein ästhetischen Freude, Madonna, edle religiöse Gefühle.
Missbilligung einer niedrigen Lust.
Es fragt sich nun, worin diese Evidenz liegt und worin sie ihren
Anhalt besitzt. Sollen wir sagen, die edle Freude hat eben den Cha-
rakter des Edlen, und darum wird sie gebilligt, und zwar „evident“
10 gebilligt? Oder sollen wir sagen, die evidente Billigung lässt erst die
Freude als eine reine erscheinen?1
Versuchen wir folgende Auffassung: Eine evidente Billigung lässt
das Gebilligte als wahrhaft wertvoll erscheinen. In manchen Fällen
ist das Gebilligte als Ganzes der Begründer der Evidenz. In anderen
15 erscheint die Evidenz der Billigung motiviert durch einen gewissen
Charakterzug des Gebilligten. Das Erstere gilt von der Lust im All-
gemeinen, das Letztere von der edlen Lust.
Die edle Lust, die edle Hoffnung, ein sittlicher Wille etc. haben in
dem „Edlen“ einen eigentümlichen Charakterzug, um dessen willen
20 sie als wertvoll gebilligt werden. Erlebe ich das Edle selbst, so wird
es notwendig gebilligt, und diese Billigung ist eine eigentliche und er-
füllte gegenüber einem vagen Gefühl, das sich etwa im „Gedanken“
an Edles einstellt und bald so, bald so gerichtet ist. Die edle Lust ist
nicht bloß als Lust, sondern auch als edle Lust wert, und zwar um der
25 letzteren willen in höherem Grad wert.
Nehmen wir nun eine ästhetische Freude, eine Betätigung der
Nächstenliebe und dgl. Das sind „evidente Werte“. Wie erkennen wir
diese Werte? Die Reflexion auf2 Billigung allein würde nicht genügen,
wir müssten auch die Evidenz der Billigung als einen eigentümlichen
30 Charakterzug derselben erfassen. Nächstenliebe ist etwas wahrhaft
Gutes. Es würde dann der Satz gelten: Die evidente Billigung ist
evident wertvoller als die nicht-evidente. Wenn eine Billigung evi-
dent ist, so ist es evident, dass die entsprechende Missbilligung nicht

1 Ja, das Letztere: Auf den Charakter des Gegenstandes bezieht sich objektiv der
Wert und wird mit Evidenz als zu ihm gehörig erfasst.
2 Reflexion auf? Nein. Darin lebend konstituiert sich eine Objektität.
264 wert und billigung

evident ist. Die Missbilligung eines evident Billigen (Wertvollen) ist


evident zu missbilligen. Die Billigung eines evident Missbilligen ist
evident zu missbilligen. All diese Urteile wären zugleich im Urteils-
sinn Evidenzen. Es ist logisch unverträglich, dass dasselbe in dem-
5 selben Sinn und in demselben Akt gebilligt und missbilligt wird, und
wieder, es ist logisch unverträglich, dass etwas den Charakter des
wahren Wertes und Unwertes hat.1 Dagegen gilt nicht etwa der Satz:
Von zwei entgegengesetzten Wertungen ist eine richtig, die andere
unrichtig.
10 Läs s t s ich das nun auf U rtei l e übertragen?2 Wir unter-
schieden: ein Urteil fällen und das Urteil billigen oder missbilli-
gen. Wir billigen ein Urteil, wenn wir ihm ein Recht zuerkennen.
Wir sagen dann auch „zustimmen“. Zustimmen heißt oft soviel wie
Übereinstimmen, dasselbe urteilen, was ein anderer urteilt, oder
15 selbst ein gefälltes Urteil prüfend betrachten, sich gegenüberstellen
und es so zunächst vorstellen und dann es in gleicher Weise wie
ursprünglich fällen. Das tun wir aber aufgrund der Prüfung und der
darauf folgenden Billigung. Wir stimmen nicht bloß zu, sondern wir
billigen.
20 Entweder Gott ist gerecht oder Gott ist ungerecht. Entweder Gott
existiert oder er existiert nicht. Sollen wir hier sagen, dass die Zustim-
mung auf evidenter Billigung beruht? Erfassen wir die Evidenz der
„Anerkennung“3 davon, dass eines von beiden gilt? Oder billigen
wir das Urteil, weil es evident ist? Ist also Evidenz ein Charakterzug
25 des Urteils selbst? Wir sagen: Es leuchtet ein, dass eines von beiden
gilt. Heißt „Es leuchtet ein“ soviel wie „Es ist evident zu billigen“?
hHeißti „Es leuchtet ein, dass 3 größer als 2 ist“ hsoviel wiei „Ich
sehe es ein.“ Hier scheint doch das Urteil selbst den Charakter der
inneren Klarheit zu haben, den Charakter der Einsicht.4 Und dies ist
30 es, welches der Billigung zugrunde liegt. Um dieser Klarheit willen

1 Dieser Satz ist später wie folgt verändert worden: „Es ist logisch unverträglich,

dass dasselbe in demselben Sinn (?) mit Evidenz als ‚edel‘ gebilligt und missbilligt
wird? Nein, aber es ist unverträglich, dass etwas den Charakter des wahren Wertes und
Unwertes hat.“ – Anm. der Hrsg.
2 Das Weitere ist mangelhaft und durch meine Logischen Untersuchungen überholt.

Doch noch lesenswert.


3 = Billigung.
4 Zustimmungswürdig.
text nr. 1 265

ist das Urteil evident wertvoll; das Gegenteil evident unwert, evident
verwerflich. Zu billigen ist das Urteil, weil die Evidenz eben ein Wert
ist, zu missbilligen, weil die negative Evidenz ein Unwert ist.
Wie verhalten sich nun Evidenz und Wahrheit? Urteile ich mit
5 positiver Evidenz, so urteile ich, wie geurteilt werden soll. Ich bin
berechtigt, dem Urteil zuzustimmen. Urteilt jemand anderer dasselbe
Urteil, wenn auch nicht mit Evidenz, so bin ich doch berechtigt,
seinem Urteil zuzustimmen, weil ich die Evidenz habe. Aber seine
Urteilsweise ist doch eine mangelhafte, da er doch keine Evidenz
10 hat? Seine Urteilsweise ist mangelhaft, aber das Urteil, das er fällt,
ist wertvoll. Indem ich es vorstelle, knüpft sich daran die Einsicht,
dass dem wirklich so ist, das Urteil erhält evidente Billigung. Es ist
zweierlei: das subjektive Urteilen eines anderen beurteilen, und das
objektive Urteil, das er fällt, beurteilen. Das subjektive Urteilen ist
15 vollkommen, erfährt positive Wertschätzung, Billigung, wenn es po-
sitiv evident ist. Das objektive Urteil hingegen kann gebilligt werden,
auch wenn der Urteilende selbst keine Evidenz hat. Das objektive
Urteil wird gebilligt als wahr, wenn es übereinstimmt (identisch ist)
mit einem als positiv evident erfassten Urteil, wenn also das, was
20 der Prüfende mit Evidenz anerkennt, dasselbe ist wie das, was der
Urteilende schlechthin urteilt oder anerkennt, was er für wahr hält
ohne vollkommenes Wissen, ob es wahr ist. Immerhin besteht eine
Schwierigkeit. Wenn das Urteil Wert hat um der Evidenz willen (und
Evidenz ein innerer Charakter des Urteils selbst ist), die sich daran
25 knüpft, wie könnte das Urteil ohne darin liegende Evidenz Wert
haben? Wenn sich die Wertung auf das Urteil um der Evidenz willen
richtet, so liegt das komplexe Phänomen Evidenzurteil zugrunde.
Wenn ein Urteil identisch ist mit einem solchen, das mit positiver
Evidenz eingesehen ist, ist es wahr. Wahr ist das Urteil, es ist logisch
30 billigenswert. Aber wie kommt es zu dieser Wertung? Man kann
sagen: Dem, was der andere objektiv behauptet, dem objektiven
Urteil, z. B. „Zwei Größen einer dritten gleich sind untereinander
gleich“, stimme ich mit Evidenz zu. Das objektive Urteil ist also
wahr, obschon der andere die Wahrheit nicht erkennt.
35 Am einfachsten ist also die Sache, wenn wir die Evidenz in die
Billigung ausschließlich verlegten. Ein Urteil ist wahr, wenn es bil-
ligenswert ist. Die Erfahrung davon machen wir in der evidenten
Billigung. Ob der, hderi das Urteil fällt, selbst den Wert erlebt, ist
266 wert und billigung

gleichgültig. Ist jemand da, der ihn überhaupt erlebt oder zu erleben
fähig ist, dann ist das Urteil wahr. Die Billigung bezieht sich ja nicht
auf den subjektiven Urteilsakt, auf den Akt dieses Subjekts unter die-
sen Umständen, in diesem Zeitpunkt etc., sondern auf das objektive
5 Urteil, darauf, dass Gold gelb ist, dass 2 mal 2 4 ist usw.1
Kann man nicht ebenso in der anderen Auffassung sagen, ein
Urteil ist wahr, wenn es evident ist? Ob der Urteilende selbst die
Evidenz erlebt, ist gleichgültig; wenn nur ein idealer Intellekt diese
Evidenz erlebt und zu erleben fähig ist. Die Billigung des Wahren
10 bezieht sich dann darauf, dass dieses selbe Urteil von einem vollkom-
men logischen Wesen mit Evidenz eingesehen würde. Dem läge aber
doch zugrunde: „Ein Urteil ist wahr, wenn es evident ist, gleichgültig,
ob der Urteilende die Evidenz erlebt.“ Also müsste das Urteil auch
evident sein, wenn die Evidenz nicht erlebt würde, sonst könnte der
15 Wert nicht bestehen, der doch in der Evidenz gründet. Aber was ist
Evidenz, die nicht erlebt wird? Ist Evidenz ein positiver Charakterzug
des Urteils, der nur unmerklich bleibt? Das wird man wohl nicht
behaupten dürfen.2
Nach all dem scheint es mir, dass die andere Auffassung, die
20 zunächst minder plausibel schien, doch die bessere ist.3 Wir werden
sagen: Gewiss, Urteile werden nicht bloß gefällt, sondern mit eviden-
ter Billigung gefällt. Diese evidente Billigung ist das, was wir innere
Klarheit, Einsicht und dgl. nennen. Wir müssen natürlich auf diese
evidente Billigung reflektieren, wenn wir das Urteil als evident be-
25 zeichnen. Wir stellen dann das Urteil objektiv gegenüber, und daran
knüpft sich ein wohl geschiedener und auf es bezogener Akt der
Billigung, der einen eigentümlichen Charakter hat und dem Urteil
selbst den entsprechend relativen Charakter verleiht, eben den der
evidenten Wahrheit, der evidenten logischen Berechtigung. Die Bil-
30 ligung selbst ist dann selbst eine evident berechtigte usw. Es gilt dann
das evidente Urteil: Von zwei kontradiktorisch entgegengesetzten

1 Und die Billigung selbst als Spezies gehört zum Urteil spezifisch genommen.
2 Aber diese Schwierigkeit löst sich, wenn man Evidenz als subjektiven Ausdruck
dessen bezeichnet, was objektiv Wahrheit heißt. Diese letztere ist eine Beschaffenheit
des Urteils, aber eine solche, die nicht als inneres Moment in das Urteil eingeht, also
erlebt sein muss, wenn wir urteilen.
3 Nein, dieselben Schwierigkeiten kehren wieder zurück. Siehe folgende Seite.
text nr. 1 267

Urteilen sind nicht beide wahr und sind nicht beide falsch. In Bezug
auf ein vorgelegtes Urteil gilt: Entweder ist es wahr oder falsch.
Das Letztere macht aber Schwierigkeiten: Wir können doch nicht
sagen, dass jedes Urteil faktisch evidente Billigung oder evidente
5 Missbilligung findet.1
Es kommt oft vor, dass jemand ein Urteil fällt ohne evidente
Billigung, hdassi wir aber die evidente Billigung dafür haben. Oder
dass wir sie jetzt nicht haben und dann nachträglich gewinnen. So
erkennen wir die Berechtigung von Urteilen, die zunächst als be-
10 rechtigte nicht charakterisiert waren. Denken wir uns nun ein ideales
Wesen, das so vollkommen ist, dass es aller Evidenz fähig ist, also
jede evidente Billigung oder Missbilligung, deren irgendein Wesen
je fähig war oder fähig sein wird, hat oder haben kann in freier
Verfügung. Dann müssen wir uns denken, dass dieses Wesen über
15 jeden Sachverhalt ein evidentes affirmatives oder negatives Urteil
fällen kann. Denn hat es nicht Evidenz der Affirmation, so ist das
Urteil objektiv nicht wahr. Niemand, der dieses Urteil fällt, fällt es mit
Recht. Kann es nun auch sein, dass in Betreff des kontradiktorischen
Gegenteils dasselbe gilt? Nein, denn es ist evident, dass eins von A
20 und Nicht-A ist. Entweder Gott ist oder Gott ist nicht, das ist evident.
Eins von beiden Urteilen – Gott ist gerecht, Gott ist nicht gerecht –
gilt. Dieser zusammengesetzte Sachverhalt ist evident. Gilt also in
Wahrheit „Gott ist gerecht“ nicht, so muss das andere objektiv wahr
sein und umgekehrt. Wir können auch so sagen: Der objektive Mangel
25 an positiver Evidenz ist äquivalent mit dem Vorhandensein negativer
Evidenz und umgekehrt. Dieser Satz gilt nicht bei anderen als hbeii
logischen Billigungen und Missbilligungen.
Also Evidenz eines Urteils wäre eine gewisse Beziehung desselben
auf den „Gegenstand“, auf Anschauung, und zwar eine innere Be-
30 schaffenheit des Urteils, ein innerer Charakter, eine innere Fülle sei-
nes psychologischen Gehalts. Nun sagt man: „Ein Urteil ist richtig“,
das ist ein Werturteil: Ein Urteil ist richtig, das urteilt, was geurteilt
werden soll. Im „soll“ ist ja eine Bewertung ausgesprochen. Man
möchte hier antworten: Setzen wir uns die Erkenntnis als Zweck,
35 so ist das zweckgemäße Urteilen dasjenige, welches uns Erkenntnis
gibt; also ein Urteil, das selbst Erkenntnis ist oder das in Erkenntnis

1 Also kehren dieselben Schwierigkeiten wieder zurück.


268 wert und billigung

zu verwandeln wir disponiert sind, sei es, dass wir unmittelbare Evi-
denz herbeischaffen, indem wir fähig sind, die Sachlage zur Evidenz
zu bringen, sei es, dass wir durch einen mittelbaren Prozess, durch
einen Beweis Evidenz zu gewinnen vermögen. So wird das einsich-
5 tige Urteilen zum Maß der Richtigkeit, denn es ist das zum Zweck
gesetzte.
Man könnte hesi aber auch so versuchen: Ein Urteil ist richtig,
wenn es in gewisser Weise bewertet wird, eben als richtig. In ge-
wissen Fällen hat das Urteil den Wert wirklich, in anderen wieder
10 nicht. Was heißt das aber, es hat den Wert wirklich? Wir urteilen
nicht bloß, es hat Wert, sondern es hat ihn wirklich, wir erleben
den Wert. Und so kämen wir unter Annahme, dass es eigentümliche
intellektuelle Wertprädikate gibt, doch wieder dazu, dass Überein-
stimmung bestehen muss zwischen dem Urteilen über Wert und dem
15 Sein des Wertes, zwischen Vorstellen oder Meinen, dass ein Urteil
wert ist, und Erleben, dass es wert ist. Dieses Erleben kann nicht
etwa bedeuten das Dasein von Billigung oder Missbilligung, denn
das charakterisiert eben auch das „Meinen“, das eventuell falsche
Urteilen über Richtigkeit. Oder ist gesagt: Das Urteil U hat Wert,
20 das hieße, die Billigung des Urteils sei eine richtige? Dann kämen wir
aber ins Unendliche.
Das Urteil U ist richtig, es hat einen Wert im intellektuellen Sinn.
Dieses Urteil hat selbst wieder Wert in diesem Sinn usw. Gegen diesen
Regress wäre ja nichts einzuwenden, aber was meint das Haben von
25 Wert? Es meint doch nicht: Es wird bewertet. Bestenfalls kann es mei-
nen, in der Bewertung stecke ein eigentümlicher Charakterzug, eben
das Wertmoment. Aber soll man etwa sagen, dieses Darinstecken, das
habe keine andere Bedeutung, als dass das bezügliche Urteil selbst
wieder Wert habe usw.? Und wenn wir das bewertete Urteil selbst
30 nehmen: Ist das Sein dieses Urteils nichts anderes als der Umstand,
dass das Urteil, das darüber gefällt wird, Wert hat? Und bei diesem
wieder in infinitum?
Nr. 2

h Wer tne hm ung und Bi lligung i1

h§ 1. Die Frage nach der Konstitution


und Erfassung des Wertesi

5 Lust kann nicht identisch sein mit Wert. Denn nicht jede Lust ist
ein Gutes (auch nicht relativ), und nicht jede Unlust ein Schlechtes.
Lust an der Gemeinheit ist schlecht, Unlust an der Gemeinheit ist
gut. Die Lust wird dabei beurteilt als Lust an der Gemeinheit, die
Unlust „gehört“ zur Gemeinheit, „stimmt zu ihr“, „so soll es sein“.
10 Die Lust „gehört nicht“ zur Gemeinheit, sie „stimmt nicht“ mit ihr,
„streitet“ in gewissem Sinn mit ihr, „so soll es nicht sein“.
Liebe gehört zur Wissenschaft, zur edlen Kunst etc. So stimmt es
richtig zusammen. Und ich kann das einsehen, ich kann es einsehen,
dass zum Irrtum „als solchen“ Unlust gehört (abgesehen von der
15 „Konsequenz“, von dem, was gegebenenfalls durch Erkenntnis bzw.
Irrtum motiviert würde) und zur Erweiterung der Erkenntnis Lust.
Ich freue mich über die gewonnene Einsicht. Nun beurteile ich: So ist
es recht, diese Einsicht hat Wert. Ebenso, ich wünsche, ich strebe nach
Einsicht. Dieser Wunsch, dieses Streben, beurteile ich, hat Wert. Und
20 ich kann das wieder einsehen. Ich kann einsehen: Jede positive
Gemüts tätigkeit , di e auf ei nen W ert geht, ist selbst ein
W er t ( hat Wer t). Sie ist „richtig“, sie stimmt zu dem, was in der
Weise des Wollens, Wünschens „intendiert“ ist. Dieses ist ein Wert,
und sie „richtet sich nach dem Wert“, eben darum ist sie eine richtige.
25 Was ist das nun, „Wert“? Sollen wir sagen: Eine Lust ist es, die zu
ihrem Gegenstand gehört, die sich nach ihm richtet, oder eine Unlust,
die zu ihrem Gegenstand gehört und sich also nach ihm richtet?
Oder sollen wir sagen, auch die Lust muss notwendig schon nach
etwas sich richten, was eben ein Wert ist, z.B. die Lust ist ein Wert,
30 weil schon die Einsicht, auf die sie sich „richtet“, ein Wert ist?
Was soll aber zuletzt den Wert bestimmen, oder wie soll er sich

1 Wohl 1907/08. – Anm. der Hrsg.


270 wert und billigung

„konstituieren“? Jedenfalls, Wert ist ein Prädikat, das auf Gemütstä-


tigkeiten zurückweist, das sich in Gemütstätigkeiten konstituiert, nur
„aufgrund“ solcher gewonnen werden kann. (Ich sagte damals „in
Reflexion auf“,1 das ist aber ein schlechter Ausdruck.) Man könnte
5 hier an die „billigenden und verwerfenden“ Gemütstätigkeiten den-
ken. Es gibt Billigungen, „in“ welchen, aufgrund derer wir mit Evi-
denz Werte erfassen können, in denen Werte „gegeben“ sind, die wir
im evidenten Urteil dann als solche gegebenen Werte, halsi evidente
Werte, in Anspruch nehmen können. Die Einsicht billige ich und sehe,
10 sie ist ein Wert aufgrund dieses Billigens. Wie es ein Für-wert-Halten
gibt, so ein Wertsein, das wir einsichtig erfassen. In gewissen Fällen
des Billigens erfassen wir das einsichtige Urteil, den Wert selbst.
Man könnte nun sagen: Die Billigung ist eine richtige, weil der
Gegenstand eben ein werter ist. Wir sagen ebenso: Das Urteil ist ein
15 richtiges, weil der Gegenstand eben existierender, wahrer ist. Ähnlich
wie wir einen Gegenstand nur für wahr erkennen können, indem wir
ihn für wahr halten, so können wir einen Gegenstand nur für gut
erkennen, indem wir ihn für gut halten, billigen. In gewissen Akten
des Urteilens steht der „Gegenstand“ (Sachverhalt) so da, dass wir
20 erkennen, das Sein, die Wahrheit gehören wirklich zu ihm, er „besteht
wirklich“. In gewissen Akten des Billigens steht der Gegenstand so
da, „so mit Wert umkleidet“, dass wir erkennen, der Wert gehört ihm
in der Tat zu, er sei nicht bloß für wert gehalten, sondern sei wert.

h§ 2.i Durchführung der Analogie


25 zwischen intellektiver und Gemütssphäre

In der intell ekti ven Sphäre (Urteilssphäre) haben wir so etwas


wie Wahrnehmung, und näher reine Anschauung, adäquate Wahr-
nehmung – Wahrnehmung von Dingen und Eigenschaften, adäquate
Ideation: das Schauen von Wesen und Wesenszusammenhängen. Und
30 wir haben gedankliche Urteile, wir haben die Sphäre des symboli-
schen, des leeren, des vagen Meinens. Endlich haben wir Anpassung:
Die Gedanken richten sich nach den Wahrnehmungen und das Gese-
hene kommt zum reinen Ausdruck, und es entspringt ein Urteil, das

1 Siehe oben Text Nr. 1 und dort S. 263,28. – Anm. der Hrsg.
text nr. 2 271

richtig ist. Es ist nicht bloß gemeint und gesagt, sondern stimmt zu
dem Gegebenen, das Gemeinte ist wirklich.
Die A nal ogie der G em ütssphäre bzw. Wertsphäre würde
fordern: Werte sind gegeben. Es gibt Gemütsakte, die sich auf vorge-
5 stellte Objekte so beziehen, dass diese den Wert haben bzw. Werte
sind oder dass hier eine wirkliche und eigentliche Wertgebung, Wert-
nehmung könnten wir sagen, al s Anal ogon zur Wahrnehmung
statthat.
Diese wertnehmenden Akte sind dann die Unterlagen für wahr-
10 nehmende,1 nämlich für solche, welche rein schauend den Wert wahr-
nehmen (nicht Wert in abstracto; so wie in der Wahrnehmung das
Wahrgenommene nicht das Sein in abstracto ist, sondern der Gegen-
stand, so auch hier: das Werte in seiner Wertheit). Im ästhetischen
Gefallen und im ästhetischen Schauen und Werten lebend vollziehe
15 ich z. B. eine Wertnehmung und vollziehe doch eo ipso eine Wahrneh-
mung des Kunstwerkes, sofern ich eben nicht bloß das erscheinende
Ding mir ansehe (und eventuell beschreibe), sondern das Kunstwerk
als solches.
Die Wertnehmungen sind so wie die Wahrnehmungen adäquat
20 und inadäquat, die Wertnehmungen enthalten teils eigentliche,
teils uneigentliche Wertintentionen. Eine Wertnehmung wäre eine
eigentliche, die keine unerfüllten Wertintentionen hätte.2 Fasst man
Wertnehmungen als etwas auf individuelle Einzelheit Bezogenes
haufi, so wie Wahrnehmung, so haben wir anzureihen die auf All-
25 gemeines bezogenen wertschauenden Akte. Das Einzelne
ist schon Wertgenommenes oder Wertzunehmendes, also nicht bloß
Sein, sondern schon Wert. Das Allgemeine ist eine Wesensallge-
meinheit, ein allgemein Geschautes, auf Zusammenhänge, Fundie-
rungen von Werten oder von Gegenständen und Wertbestimmungen
30 bezüglich.3 Denn die Sachlage ist hier komplizierter, da den Gemüts-

1 Wozu erst eine angeblich auf Wertnehmung beruhende Wahrnehmung? Ist nicht

Wertnehmung Selbsterfassung des Wertes und als solche in erweitertem Sinn Wahrneh-
mung? Das zeigt doch gleich das Beispiel! Gegenüberstellen kann man nur Dingwahr-
nehmung und Wertobjekt-Wahrnehmung. Den dinglichen Intentionen entsprechen
dann Wertintentionen.
2 Es wird auch hier so etwas wie immanente Wertung geben, die rein adäquat ist:

etwa immanente Inhalte und auf sie bezogene Wertung.


3 Damit wird dann zusammenhängen das Gesetz, dass die Richtigkeit allgemeiner
272 wert und billigung

tätigkeiten „objektivierende Akte“ zugrunde liegen. Doch schon in


der objektivierenden Sphäre haben wir ja bald Komplikationen, die
ihre Schwierigkeiten haben wie die „Prädikate“ seiend, wahr etc.,
auch wahrscheinlich, Notwendigkeit. Weiter das „ verworrene “
5 W er ten, das keine Anschauung von Wert bietet, das sich erfüllen
kann seinem Wesen nach in einem entsprechenden Wertnehmen,
Wertschauen und dadurch Erlebnis des „So ist es“ hwirdi, aber nur
im Gleichnis gesprochen. Denn indem die verworrene, leere Wer-
tung sich in eine volle verwandelt, Wertfülle annehmend, wird nicht
10 ein Sein erkannt, sondern ein Wert, Wertsein. Aber die Frage ist,
inwiefern? Ist nicht der Wert auch ein Sein, ein mit sich Identisches?
Der so und so vorgestellte Gegenstand erscheint als Wert, und es
stellt sich heraus, er ist wirklich wert, der Wert kommt ihm zu, gehört
zu ihm.

15 h§ 3. Zwei Arten von Billigungeni

Kann man sagen, es gibt zwei Arten von Billigungen: 1) einem


„Sachverhalt“1 die Wahrheit zubilligen, urteilend ihn als wahr aner-
kennen, 2) einem Sachverhalt einen Wert zubilligen, ihm fühlend
den Wert zufühlen. Haben wir nicht urteilsmäßige Billigung und
20 gemütsmäßige Billigung?
Man kann die Sache aber so fassen: Ein Urteil wird gebilligt, wenn
es wahr ist, richtig erfolgt etc. Hier wird das Urteil eben bewertet.
Das falsche Urteil ist ein Unwert, es wird missbilligt. Das ist wie jede
Billigung ein Gefühlsakt, der nicht das Urteil selbst ist, sondern ein
25 darauf bezogener wertender Akt, nämlich ein Spezialfall des Billigens
überhaupt.2 Andererseits ist das Werturteil „A hat einen Wert“, „Es

Wertungen Richtigkeit der Wertungen für jeden Einzelfall besagt. Oder: Werte sind
eben Prädikate, ohne das könnte Wert nicht als allgemeines Prädikat konstituiert
werden.
1 „Sachverhalt“ später verändert in „Urteilsverhalt“; dazu die Randbemerkung

„Nicht statt Sachverhalt: Bedeutungsverhalt? Satz? Wertverhalt ebenfalls als Bedeu-


tungsverhalt.“ – Anm. der Hrsg.
2 Es gibt aber noch ein Bewerten im uneigentlichen Sinn, ein Normieren als Ab-

messen, ob etwas einem Maß, einer Bedingung genügt (die eventuell gefordert und
wirklich bewertet sein kann), z. B., ob ein Urteil logisch zu begründen ist.
text nr. 2 273

ist zu billigen (billigenswert)“ eben ein Urteil, und dieses Urteil ist
wieder zu billigen, wenn A eben wirklich einen Wert hat. Also nicht
z w ei A r ten von Bi ll i gungen, aber wir haben zwei Gattungen
von Akten, objektivierende und wertende (billigende), und im Zu-
5 sammenhang damit zwei Gattungen idealer Prädikate: Urteilsinhalte
sind wahr (Sachverhalte seiend), Gegenstände existierend, Gemüts-
inhalte gut (Gemütsbedeutungen, kommt das hier auch vor?) bzw. im
konkreten Sinn hsindi ihre Gegenstände Güter.
Nun, was hat es mit dem Bi l l i gen auf sich? Ist dieser der Werte
10 konstituierende Akt und etwa etwas Besonderes neben Gefallensak-
ten, neben Wünschen, Wollungen? Und sie selbst hsindi also nicht
wertkonstituierend?

h§ 4. Der Doppelsinn des Bewertensi1

Im edlen Wünschen und Wollen zum Beispiel, im edlen Gefal-


15 len, in der edlen Trauer läge also noch nicht der Wert, im unedlen
Wünschen noch nicht der Unwert? Vielmehr bedürfte es erst des
Gefühls der Billigung oder Missbilligung? Wert und Unwert lägen in
diesen Gemütsakten also nur insofern, als sie mögliche Fundamente
gewisser billigender Akte wären.
20 Ist es aber nicht wie beim Urteil? Das Urteil mag richtig sein,
aber ich muss erst nachsehen, ob es das ist, ob es Gründe hat, ob es
begründet und damit evident gemacht werden kann. Ebenso „liegt“
im edlen Wollen der Wert in dem Sinn, dass es im Sinn eben eines
richtigen Wollens zur „begründenden“ Erfüllung gebracht werden
25 kann, und davon muss ich mich erst überzeugen, wenn ich das Wollen
als edles mit Recht bezeichnen, es als solches soll „billigen“ können,
„bewerten“ können. Das Bewerten hat einen Doppelsinn. Urteilend
bewerte ich etwas, ob es einer „Norm“ entspricht, messe ich etwas
an einem Maß (wie wir ja sogar sagen: Wie groß bewertest Du diese
30 Stange?). So bewerte ich Urteile nach ihrer Angemessenheit an die
Wahrheit oder nach ihrer Begründbarkeit. Wiederum bewerte ich
Gemütsakte nach ihrer Angemessenheit an Gemütsnormen, an die

1 Umarbeitung 1908.
274 wert und billigung

Bedingungen der „Richtigkeit“ oder der Erfüllbarkeit. Ich kann auch


sagen, ich bewerte z. B. ein Wollen nach seinem „Wert“. Aber dieser
Wert ist eben das Maß und ist hier Wert im zweiten Sinn. Beim Bewer-
ten im ersten Sinn nehme ich ein Maß und gehe der Angemessenheit
5 an dasselbe oder der Messbarkeit nach, indem ich aus irgendwelchen
Gründen Wert darauf lege, dass es diese Messbarkeit besitzt. Aber
auf diese Gründe und dieses Werten kommt es dabei nicht weiter
an. Ich kann mich auch so stellen, als ob ich hier wertete, während
ich in Wahrheit dem gar keinen Wert beimesse. So kommt es für
10 das Abmessen der Richtigkeit nicht darauf an, ob das Maß selbst in
einem echten Sinn einen Wert hat. Im zweiten Sinn ist aber gerade
das in Frage. (Wenn ich mich recht entsinne, habe ich darüber in den
Prolegomena gesprochen.)
Wie ist es nun beim evidenten Urteil und dem Analogon, dem
15 „evidenten“ Wollen, d. h. dem Wollen, das sich nicht blind auf sein
Ziel bezieht, sondern so, dass es der reinsten Erfüllung seiner Wert-
intentionen gewiss ist (soweit dergleichen überhaupt möglich histi),
einem Wollen, das sich das Willensziel nicht nur überhaupt vorstellt,
sondern auch seine Werte mitvorstellt in vollster Klarheit?
20 Nun, auch da ist es zweierlei: Evidenz haben und sich davon über-
zeugen, ob die Evidenz wirklich Evidenz ist, ob alle Intentionen wirk-
lich erfüllt und erfüllbar sind, ob in der komplexen Gesamtintention
nichts von Unerfüllbarem bzw. Unerfülltem, nichts von möglichem
Widerstreit etc. übrigbleibt. Also eine gewisse Reflexion ist nötig,
25 ein Normieren, ein Analysieren und Schritt für Schritt schauendes
Konstatieren. Also auch Evidenz fordert „Bewertung“.
Das Beispiel der Grausamkeit. Ich erfahre von einer Grausamkeit,
ich vollziehe sie am Ende selbst. Sie ist ein Unwert. Konstituiert sich
in ihr ein Unwert? Freude an den Qualen eines Lebewesens. Nun, um
30 das Urteil zu fällen (das ist schlecht, das ist ein Unwert, zu den Qualen
eines Lebewesens „gehört“ nicht Freude, sondern Mitleid, nicht ihre
Förderung, sondern ihre Milderung und Beseitigung), muss ich diese
Ungehörigkeit „empfinden“. Es muss mir missfallen. Aber Missfallen
überhaupt ist nicht Gegebenheit von Unwert (z. B. Missfallen an dem
35 Wohlsein eines anderen), Gefallen überhaupt nicht Wertempfinden,
Wertnehmen (wie grausame Freude). Sagt man aber, das Missfallen
tue es nicht, sondern Missbilligen, und ebenso sei der Wert im Billigen
gegeben, so ist das nur ein anderes Wort (wie ja faktisch Schlechtes
text nr. 2 275

gebilligt werden kann etc.). Zum Leid des Anderen „gehört eviden-
terweise“ Mitleid, und damit streitet Mitfreude, also Grausamkeit.
Und doch ist das kein Wesenszusammenhang gewöhnlicher Art, so
wie zu einem S ein P gehört und ein damit unverträgliches P’ mit P
5 streitet. Sonst könnte ja die Grausamkeit nicht eintreten, der man
doch die Anschauung vom Leid des Anderen absprechen kann. Hier
ist also das Problem.
Ist1 diese Auffassung begründet, so scheint es, dass wir in der
Tat zu scheiden haben U rtei l e und Beurteilungen; die letzteren
10 ermöglichen die Normierung. Ich kann aber gar nicht sagen, dass
ich mir schon klar bin. Beim Urteil haben wir die Anmessung an
die „Anschauung“, haben wir die Evidenz im Sinn der Adäquation.
Wir haben hier also inhaltliche Besonderheiten, die der Billigung
zugrunde liegen. Die „Erfüllung“ ist doch nicht selbst Billigung; die
15 Eigenschaft einer Meinung, erfüllbar zu sein, kann uns die Meinung
„billigen“ lassen, wir legen auf solche Meinungen Wert und nennen
andere wertlos, aber das Billigen konstituiert nicht die Wahrheit und
das Sein selbst. Also Urteilen ist Urteilen, Beurteilen ist aber kein
Urteilen neuer Art, sondern ein Schätzen und Urteilen aufgrund des
20 Schätzens.
Wie nun in der Gemütssphäre? Da bedarf es eben der Analysen.
Zunächst hinsichtlich der Über- und Unterordnung, der Einfachheit
und Komplexion. Ist nicht jedes Gemütsphänomen in gewisser Weise
ein Für-wert-Halten? Gibt es nicht zu jeder Gattung von Gemüts-
25 phänomenen „Wertnehmungen“? Und besteht das Schätzen nicht
einerseits in dem Erkennen des Wertes, in der Erkenntnis, dass zu sol-
chen Sachen der und der Wertcharakter wesentlich gehört etc.? Und
fürs Zweite das Abwägen des relativen Gewichts? Das Wort Gewicht
erinnert an die Vermutungssphäre. Im Vermuten selbst, ist da das
30 „Es dürfte sein“ erfasst? Eventuell vollzieht sich das „Annehmen“
(Analogon von Wahrnehmen), gleichsam ein Sehen. Und dann re-
lative „Wert“-Schätzungen des Gewichts. Das schlösse nicht aus,
dass sich an einen als gut erkannten Willen wieder ein berechtigtes
Gefallen knüpft, so wie an ein gut gelungenes Urteilen (Beweisen,
35 Theoretisieren) ein Gefallen, ein „Anerkennen“: Schön geurteilt, das
war vortrefflich. Aber das wären doch sekundäre Schätzungen.

1 Zusätze (1907).
Nr. 3

hDas wer tkon sti tui erende Gefühl als zum


Gegenst and gehörend es, i n seinem Wesen
gr ündendes G efühl . D i e Klarheit des
5 Gefühl s al s Anal ogon der Evidenz i1

Der Eine hat Lust an A, der Andere Unlust, der Dritte verhält sich
indifferent. Soll sich aber an A eine Lust anknüpfen etc., was billigen
wir oder missbilligen wir in solchen Fällen? Die Lust als Lust am A,
oder A als Objekt dieser Lust?2 Ebenso billigen oder missbilligen
10 wir ein Begehren oder Wollen als Begehren oder Wollen an dem
oder jenem, sei es überhaupt, sei es unter den so und so gearteten
Umständen.
Die Lust ist eine gute. Auch das Lustobjekt nennen wir ein gutes.
Die Speise ist gut. Wird die Speise gebilligt? Die Lust ist eine gute, das
15 heißt, es ist r ic hti g, sich an solcher Speise zu freuen,3 diese Speise soll
schmecken, „muss“ jedem schmecken. Das heißt doch nicht: „Der
Gedanke, dass diese Speise wohlschmecke, ist ein lustvoller.“ Aber
liegt nicht wesentlich ein Billigen, ein gewisses eigenartiges Gefallen
vor? Der Geschmack „gehört“ zur Speise. Dass diese Speise wohl-
20 schmecke, das ist einmal eine Tatsache. Im Allgemeinen wenigstens
schmeckt sie. Mir schmeckt sie. Dass man sich am Wohlgeschmack
der Speise freue, das ist zu billigen: überhaupt und allgemein. Aber
nicht ist, dass diese Speise wohlschmecke, zu billigen: die Tatsache.
Die Billigung richtet sich nicht auf die Speise und ihren Geschmack,
25 sondern auf die Freude daran, als solche.
Lust ist ein subjektiver Ausdruck, lustvoll, gut ein objektiver. Die
Speise erregt, sagen wir auch, Lust, sie ist lustvoll, sie ist gut. Das
Prädikat wird objektiv angeknüpft in der Weise eines sonstigen Prä-
dikats, etwa „rot“ und „rund“. Das ist offenbar durchaus natürlich.

1 Abschrift hwohl um 1909i eines eng beschriebenen Doppelblattes auf altem ver-

gilbtem Briefpapier. Ich glaube aber nicht, dass es älter ist als h18i97 (oder h18i96?).
2 Oder: die Freude an solcher Lust? Lust im einen Sinn: „sinnliche“ Lust, Lustemp-

findung. Andererseits: die Freude.


3 Genauer, sich am Wohlgeschmack solcher Speise zu freuen, an der sinnlichen Lust,

die zu ihr als Wohlgeschmack gehört?


text nr. 3 277

Indem sich Lust an das Objekt „knüpft“, erscheint es als Träger


eines gewissen Prädikats; die „Lust“ erscheint als Beschaffenheit des
Objekts. Erst der Widerspruch führt dahin, das Prädikat zu subjekti-
5 vieren (ähnlich auch bei Farbe und anderen „theoretischen“ Prädi-
katen). Mir erregt die Speise Lust (mir erscheint sie als „gut“, oder
wie man in Niederdeutschland sagt „schön“), dem anderen erregt sie
Unlust; mir erscheint das Objekt rötlich, der andere kann das nicht
finden: Ihm erscheint es grau.
10 Wenn wir nun objektiv urteilen „Die Speise ist gut“, so werden
wir naiverweise das Urteil des anderen „Die Speise ist eine gute“
billigen, und urteilt er, sie sei schlecht, es missbilligen. Dieses Billigen
oder Missbilligen ist aber hier ein bloß logisches. Wir werden sagen –
solange wir das Prädikat als „objektives“ nehmen –, er urteile wahr
15 bzw. falsch. Sowie wir aber dahinterkommen (oder es bedenken),
dass wirklich in Beziehung auf dieselbe Speise1 verschiedene Stel-
lungnahme möglich ist, dass wir selbst einmal so und einmal so uns
verhalten, nämlich einmal schmeckt sie uns, das andere Mal nicht, so
merken wir, dass sich das Urteil als ein objektives nicht aufrechter-
20 halten lässt, bzw. dass sich das Prädikat nicht als ein objektives fassen
lässt, da wir sonst in Widersprüche verfallen. Wir müssen es also sub-
jektivieren, d. h. seinen objektiven Wert ändern, es in Relation zum
schmeckenden und demgemäß „wertenden“ (Gefallen habenden)
Subjekt bringen (mit dieser Relation, als solches relatives Prädikat,
25 ist es dann wieder „objektiv“). Andererseits: Wenn der andere anders
in seinen Gefühlen reagiert, so missbilligen wir sein Verhalten; wenn
er ebenso reagiert, so billigen wir es, wir sympathisieren damit. Es
gefällt uns, wenn der andere sich freut, wo wir uns freuen (geteilte
Freude – doppelte Freude).
30 Was die Gründe des Widerstreits anlangt, so haben wir zu be-
achten: Das Gefallen an der Speise ist Gefallen am Geschmack der
Speise, und a) dieser Geschmack kann ein verschiedener, demgemäß
die Lustempfindung eine verschiedene sein, und demgemäß wieder

1 Dieselbe Speise: im Wesentlichen dieselbe. Und einmal der und das andere Mal je-
ner Geschmack, je nach der „Stimmung“ unseres Organismus. Und dementsprechend
einmal Gefallen, das andere Mal Missfallen. Sinnliche Lustempfindung – Gefallen.
278 wert und billigung

kann das Wohlgefallen wechseln. b) Ferner: Der Geschmack kann


im Wesen derselbe sein, aber die Geschmacksanalyse kann eine ver-
schiedene sein, die Fähigkeit, Unterscheidungen zu machen, mit de-
nen Komplexionen der fundierten sinnlichen Gefühlsempfindungen
5 zusammenhängen. Es kommt auch auf die Auffassung, Einordnung,
Rhythmisierung der unterschiedenen hEmpfindungeni an: ähnlich
wie bei der Tonfolge. Eine „feine“ Speise ist für den Gourmet eine
Symphonie, in Geschmackselementen und Gefühlsempfindungsele-
menten fundiert, die er herausanalysiert und in bestimmter Weise
10 ordnet, rhythmisiert. Der Bauer kann hier nicht unterscheiden, für
ihn fließt alles in ein Chaos zusammen, und demgemäß ist sein Ge-
schmacksurteil nicht in gleicher Weise fundiert. Daher also: Je größer
die Erziehung des „Geschmackssinnes“ (was ein unrichtiger Aus-
druck ist), umso größer die Annäherung an Einheit des Urteils, an
15 Übereinstimmung.
Nun kann man sich hierbei auch nach Autorität richten. Eben
weil man selbst anerkennt, dass mit der Verfeinerung des Sinnes
und seines Urteilslebens, und überhaupt mit der Verfeinerung der
„Kultur“ Genüsse wie Einsichten zugänglich werden, die vordem
20 nicht da waren, erkennt man auch fein erzogene Menschen als Auto-
rität an in der oder jener Hinsicht. Ehe man selbst so und so scheidet,
rhythmisiert und in eigentlicher Weise schätzt (Selbsteinsicht hat),
selbst ursprünglich und eigentlich fundiertes Urteil hat aufgrund der
wirklich gegebenen Daten der Empfindung und der Gefühlsharmo-
25 nie, richtet man sich nach dem, dem man diese Fähigkeit zumutet.
Man will an dem Gefallen empfinden, das er für gefällig, schön,
gut erklärt. Man empfindet sich ein, man redet sich das Gefühl ein,
und man findet dann wirklich Gefallen: ein uneigentliches, ein bloß
anempfundenes Gefallen, nicht ein „wirklich begründetes“, d. h. im
30 eigenen Erleben begründetes, als begründet sich ausweisendes, ein
„evidentes“ (als richtig charakterisiertes). So richtet man sich auch
nach Mode, nach dem Geschmack einer Klasse, nach dem französi-
schen Geschmack. Die anempfundenen Gefühle können dann sehr
feste werden, sich immer mehr steigern. Sie sind wirkliche Gefühle,
35 aber nicht wohlfundierte. Sie können sich aber z. B. in der Selbster-
ziehung der Kunst nach dem Urteil wirklicher, „sachverständiger“
Kunstkenner auch in echte, „richtig charakterisierte“, wohlfundierte
Gefühle (Wertschätzung und dann Werturteil) verwandeln, indem
text nr. 3 279

eben in der Erziehung des Geschmacks die Vorbedingungen für


die „eigentlich“ zugehörige und in seiner Zugehörigkeit erkannte
Wertschätzung geschaffen werden.
Haben wir nun einmal, wie immer es damit stehen mag, an etwas
5 Gefallen und halten wir dieses Gefallen im einen oder anderen Sinn
für richtig (also es selbst wertschätzend) oder auch ganz naiv, ohne
über das Gefallen zu urteilen, haben wir überhaupt unser Gefallen,
das wir aber am Gegenstand objektivieren in dem „Das ist gefällig,
das ist schön und gut“,1 so erscheint uns die Freude an diesem Ge-
10 fallen, an dieser „Lust“, in weiterer Folge der Wunsch, uns solche
„Lust“ zu verschaffen, der darauf gerichtete Wille als berechtigt, das
Gegenteil für unberechtigt, unvernünftig; oder auch: die Freude an
einem solchen Schönen und Guten, der Wunsch, solch Gutes uns zu
verschaffen, der Wille, es zu realisieren. Das alles an und für sich, das
15 heißt, solange nicht Rücksicht auf etwaige Folgen und dgl. in Frage
ist.
Was ist da beurteilt? Ich kann urteilen und beurteile zunächst: Das
ist gut. Und demgemäß für jedermann: Das Gefallen an solchem ist
richtig, sich an solchem zu freuen, ist richtig. Es wünschen, es wollen,
20 ist richtig. Was da beurteilt ist, ist nicht sinnliche Lustempfindung,
sondern Gefallen. Das Geschmacksgefallen ist ebenso ein Gefallen
wie das niedere und höhere Gefallen am Gesang, an Melodie, an der
hohen Tonkunst. Der Wunsch richtet sich auf Sein oder Realisierung
des Gefälligen, ebenso Wille auf Realisierung. Natürlich kann ich
25 auch darüber mich freuen, daran Gefallen haben, dass mir dieses
oder jenes gefällt, z. B., dass mir diese Symphonie gefällt, sofern ich
eben damit den richtigen Geschmack ausweise; und habe ich solches
Gefallen nicht, so kann ich wünschen, es zu haben, ich suche nach
Erziehung des Geschmacks, ich glaube, dass ein solches Gefallen das
30 richtige ist, und ich möchte es mir zueignen.
Wir haben also zunächst „an einer Sache Gefallen“. An was für
einer Sache? Nun, an einer Speisenharmonie, an einem „Kochkunst-
werk“, an einem Tonkunstwerk, an einer „schönen Natur“, an einem
schönen Menschenkind. Aber auch an anderem. An einem scharf-

1 Besser und einfacher: Haben wir ein Gefallen und setzen wir nur voraus, dass wir

kein Bewusstsein haben von seiner etwaigen Unrichtigkeit.


280 wert und billigung

sinnigen Beweis, an der Erkenntnis, an einer wohl begründeten Ge-


fallensweise (Gefühlsevidenz) usw. Ferner: Ein Wunsch gefällt, ich
billige ihn, er ist Wunsch, der das Sein eines „Guten“ wünscht, also
von etwas, das gefällig ist. Ebenso der Wille etc. Also da haben wir
5 Akte, die auf „Gutes“ gerichtet sind.
Wir haben natürlich zu unterscheiden: das aktuelle Gefallen an
einem Seienden, die Freude, und die Vorstellung der betreffenden
Sache und darauf bezogen das modifizierte Gefallen. Die bloß vor-
gestellte Sache ist eine Sache, die erfreulich wäre, wenn sie eben
10 wäre. Nun die Wesenssachlage: Zu einer solchen Sache als so geartet
gehört ein Gefallen, und es wird zur aktuellen Freude, wenn die Sache
wirklich ist, es wird zur Quasi-Freude (Modifikation), wenn ich mir
denke, annehme, dass sie ist. Und nehme ich nicht an, lebe ich bloß
in der Vorstellung, ohne Sein oder Nichtsein in Betracht zu ziehen,
15 so gehört zu ihr auch eine aktuelle Freude (nicht die Einfühlungs-
freude, die zur vermeinten Sache gehört, sondern eine Freude, die zur
Vorstellung gehört), eine Vorstellungsfreude, die ästhetische Freude
oder etwas Allgemeineres (καλÞν). Wunsch und Wille setzen voraus,
dass der Gegenstand als guter dasteht, das ist, es muss seine Vor-
20 stellung eine Quasi-Freude fundieren (nicht eine ästhetische). Der
Wunsch ist berechtigt, wenn diese Quasi-Freude zu dem Gegenstand
in der Tat „gehört“.1 Dann eben „gehört“ der Wunsch zu diesem
Sein oder hzumi Realisieren des Gegenstandes; der Gegenstand ist
gut, darum ist es „gut“, dass er sei, es ist wünschenswert, dass er
25 sei.
Was macht den Gegenstand zum „Guten“? Nicht das Gefallen
überhaupt, sondern dass er gefallenswert sei, dass das Gefallen zu ihm
gehöre – und zu so einem überhaupt –, dass es „vernünftiges Gefal-
len“ sei. Was macht dann den Wunsch, den Willen, die Freude etc. zu
30 einem vernünftigen Wunsch, Willen? Dass er zu seinem Gegenstand
als einem wahrhaft Guten gehöre. Der Wunsch selbst ist als Wunsch
eines wahrhaft Guten ein gefallenswerter, ein guter. Wiederum: Das
Gefallen gehört zu diesem und zu einem so gearteten Wunsch, Willen
überhaupt.

1 Aber gehört dann nicht zum vorgestellten Gegenstand als solchen eben die ästhe-

tische Freude, so dass beides übereinkommt?


text nr. 3 281

Also was ist das: Ich werte den Gegenstand, ich werte dann das
Gefallen am Gegenstand, ich werte den Wunsch, die Freude, den
Willen auf das Sein dieses Gegenstandes bezogen oder das ästhetische
Gefallen, das für hdasi Sein desselben gleichgültig, doch auf seine
5 Vorstellung bezogen ist? Ich werte den Gegenstand: Ich halte ihn für
gut. Er gefällt mir nicht nur oder gefällt anderen nicht nur, er ist gefal-
lenswert: Das Gefallen „gehört“ zu ihm. Ebenso: Ich wünsche nicht
bloß dieses oder jenes, sondern es ist wünschenswert, der Wunsch
„gehört“ zu solchem. Und wieder: Der Wunsch ist ein guter, ein
10 Gefallen gehört zu ihm (weil er richtig ist: Zum Richtigen als solchen
„gehört“ Gefallen). Di eses „ G ehören “, das ist also jetzt das
Pr oblem.
Nicht das macht also die Wertschätzung aus, dass sich überhaupt
ein gewisses „Gefühl“, eine Lust oder ein Gefallen (oder ein ganz
15 spezifisch eigenartiges Billigen), an eine Sache knüpft und darunter
auch an Gemütsakte knüpft, die „wertgeschätzt“ werden. „Gefühle“
sind freilich immer im Spiel, seien es impressionale Gefühle, seien es
Phantasiegefühle. Aber so darf man nimmer die Sache fassen, als ob
es unter dem Titel „Wertgefühle“ eine eigene Sorte von Gefühlheni
20 gibt, deren Anknüpfung Wert macht.
Wir haben den Unterschied zwischen „Es scheint so“ und „Es ist
wirklich so“, was überall und so auch hier zur Idee der Objektivität ge-
hört. Und wieder gehören zur Objektivität Wesen und Wesensgesetze.
Das Gefühl, die Fühlsweise, der Gemütsakt, gehört wesentlich zu dem
25 oder jenem Gegenständlichen, zu den oder jenen schon vorausgesetz-
ten Gemütsakten: Wesentlich, das heißt, zur Idee eines A „gehört“
das Gefühl, nicht individuell, nicht empirisch allgemein, sondern we-
sentlich. Die Freude über eine gewonnene wissenschaftliche Einsicht
ist „berechtigt“, Freude über Gewinn wissenschaftlicher Einsicht ist
30 ein Gut (allgemein gesprochen), sie ist ein Wünschenswertes. Zu
der Vorstellung solcher Freude gehört gesetzmäßig, wesentlich der
Wunsch und in sich betrachtet der Wille: so eins mit der Vorstellung,
dass er gerichtet ist auf diese vorgestellte Freude.
Der Wunsch nach Freuden solcher Art ist generell richtig, das heißt
35 nicht einfach, er wird gebilligt. Er ist billigenswert? Das heißt aber
wieder, die Billigung ist eine richtige. Macht diese Richtigkeit wieder
eine Billigung, die aber selbst wieder richtig sein muss etc.? Oder
hat die Billigung, die sich anknüpft, ein spezifisches „Wertmoment“
282 wert und billigung

gleich in sich?1 Nun, dann können wir wieder fragen, warum hat nicht
schon das einfache Gefallen an einer Musik oder das Wünschen einer
Sache, das ein Wünschenswertes wünscht, das Wertmoment in sich?
Was ist das, ein Wertmoment? Steckt das in dem Akt, der „richtig
5 charakterisiert“ ist, in dem ein Gutes nicht bloß für gut gehalten
hwirdi, sondern als gut dasteht, darin? Steckt im Erfreulichen (wahr-
haft Erfreulichen, im Wünschenswerten etc.) das Wertmoment, oder
im betreffenden Sich-Freuen, Wünschen etc.? Nein. Im Gegenstand
stecken gegenständliche Prädikate, in ihm steckt kein Wert, so wenig
10 in ihm „Sein“ steckt. Im Akt aber steckt nicht irgendein Kennzeichen,
eine Marke „Wert“: Das erklärt nicht das Gegenüber von Fürwert-
halten und Wertsein, von richtig und unrichtig Werten, von Wert-
überzeugung und Werteinsicht. Fehlt das wertanzeigende Moment,
so fehlt nicht der Wert, sondern nur die Einsicht in den Wert.
15 Analogie mit dem intellektiven Gebiet. Anschauungsleere Urteile,
unvollkommen mit Anschauung erfüllt, und vollkommene, auf An-
schauung gegründete Urteile; Urteile aufgrund der Anschauung, der
Wahrnehmung im weiteren Sinn, die den Sachverhalt selbst gibt. Im
ersteren Fall glaube ich, dass die Sache sich so und so verhält, aber
20 ich sehe es nicht. Das Urteil ist vollzogen, aber „in“ ihm ist der
Gegenstand nicht gegeben.
Ebenso bei Wertverhalten. Es gibt ein Werten, das bloßes Wert-
vermeinen ist, d. h. nicht ein Urteilen über Wert, welches begleitend
da sein kann, aber nicht da sein muss, sondern z. B. etwa einfach
25 ein Gefallen an der Sache, nichts weiter. Und andererseits kann der
vorhin nur „vermeinte“ Wertverhalt ein „gegebener“ sein. Wieder
ein Gefallen an derselben Sache, aber so, dass dieses Gefallen eben
seine „Berechtigung“ in sich trägt. Aber dabei darf nicht an irgend-
einen zufälligen Charakter oder an einen beliebigen Index gedacht
30 werden, ebenso wenig wie im Fall des Urteils. Hier ist die Sache
insofern komplizierter, als im eigentlichen Sinn ein Fürwerthalten
schon ein Vorstellen und Beurteilen ist, und ebenso der Ausdruck
„Gegebenheit“ des Wertes selbst abermals auf ein Urteilen, hier
auf ein Wahrnehmen, auf ein intuitives Erfassen und dann haufi ein
35 adäquates Aussagen hinweist.

1 „Richtig charakterisierte Gemütstätigkeit“, sagt B r e n t a n o. Besteht die in einem

Wertmoment? Eine Marke „Wert“.


text nr. 3 283

Im Fall des Urteils, eines beliebigen Urteils (nicht gerade auf


Werte gerichtet), haben wir den Gegensatz zwischen symbolischem
und intuitiv begründetem, einsichtigem, adäquatem Urteil. Vom letz-
teren heißt es, es sei in ihm die Sache selbstgegeben. Auch hier
5 müssen wir hbeiachten: Dass sie gegeben ist, dass sie nicht „bloß
vermeint“ ist, das tritt erst hervor in einem schauenden Analysieren
und Konstatieren, in „Wahrnehmungen“ und Urteilen, die auf die
vorgegebenen Urteile allererst bezogen sind: Reflexion. Die Eigenart
nun des evidenten Urteils liegt in ihm selbst, nicht als ein beliebiger
10 Index, sondern als Erfüllung in der „Anschauung“ oder als Stimmen
der Meinung mit der Anschauung, die genau gibt, was da gemeint ist.
Und besteht das, so sehen wir ein, das Urteil als solches stimmt zur
Anschauung als solcher, wesenhaft. Und so ist es eine Eigenart des
Urteils, dass es erfüllbar ist, dass es die ideale Möglichkeit der Ad-
15 äquation hat.1 Ähnlich wird es sich bei Werturteilen und zunächst bei
Wertungen vor dem Urteil verhalten. Auch hier liegt die Objektivität
in der Idealität.
Die Lust an der Erkenntnis. Denke ich mir eine Erkenntnis wahr-
haft gegeben, stelle ich sie anschaulich vor, nun knüpft sich „Lust“
20 daran, d. i. ein Gefallen. Dem Wesen nach gehört solches Gefallen zur
Einsicht. Solches? Was heißt das? Nun, es gibt ein „anempfundenes“
Gefallen, das zum Gegenstand an und für sich nicht gehört, mit ihm
nicht wahrhaft eins ist. Dieses anempfundene, anhängende Gefallen
„bezieht“ sich auf den Gegenstand und doch „gründet“ es nicht in
25 ihm, in seinem Wesen. So wie zu der Anschauung eines Gegenstan-
des die und die intellektive Fassung und Setzung „gehört“ bzw. zu
der intellektiven Sachlage – dass ich das und das weiß und jenes
nicht weiß – „die“ Vermutung gehört, so gehört „das“ Gefallen zu
dem Gegenstand bzw. zu der Wahrnehmung des Gegenstandes, zur
30 Vorstellung usw. Es ist eine innere Einheit: Im Wesen der betref-
fenden Unterlage der Wahrnehmung etc. gründet das Gefühl, und
objektiv: Der Gegenstand „fordert“ das Wertprädikat. Das wertkon-
stituierende Gefühl hat Konvenienz mit der Sache, es ist kein vages

1 „Das“ Urteil stimmt. (Das Urteil ist hier spezifisch verstanden, nicht als ein kon-
kret bestimmter Akt. Immer Idee. Die Rede von Erfüllbarkeit ist danach wohl zu
verstehen.)
284 wert und billigung

Gefühl (Analogon des verworrenen Urteils), sondern ein klares, in


der „Sache“ gründendes Gefühl. War zunächst ein „vages“ Gefühl
vorhanden, so „erfüllt“ sich diese bloße Gefühlsmeinung, wenn sie
übergeht in das entsprechende klare Gefühl, das sich der Sache selbst
5 „anmisst“. Die Fühlsweise gewinnt Kraft, sie bekräftigt sich, sie ge-
winnt Fülle der Berechtigung. Ich habe an den Gegenstand vielleicht
vage gedacht und ihn in verworrener Weise gewertet. Ich bringe mir
ihn in der rechten Weise zur Anschauung, und nun baut sich darauf
das Gefühl in neuer Weise, zu dem Gegenstand gehörig, in seinem
10 Wesen gründend, von ihm gefordert, zu ihm stimmend. Und nun
„stimmt“ das verworrene mit dem klaren Gefühl und bemächtigt
sich seines „Rechtes“. Andererseits, das Gefühl ist ohne Wert, ihm
entspricht nicht ein Wert, es ist unberechtigt, wenn die „Klärung“
ausweist, dass es zu dieser Sache nicht gehört:1 Doch freilich, es kann
15 dann noch relativ berechtigt sein durch Wertbeziehungen, Wertüber-
tragungen. Nun, dann gehört es zu dem Zusammenhang, wenn die
Voraussetzung eben, auf die es gründet, besteht oder noch besteht;
sonst ist es überhaupt nicht zu rechtfertigen. Es ist ein falsches Ge-
fühl.
20 Also wieder: Der Gemütsakt ist (und jeder Gemütsakt ist) ein
„Wertvermeinen“, ein Fürwerthalten. Ihm „entspricht“ ein wirkli-
cher Wert, wenn die ideale Möglichkeit besteht, dass auf dieselbe
Sachlage bezogen ein entsprechendes klares und, was damit schon
gesagt ist, in ihr fundiertes, zu ihr gehöriges Gefühl erlebt wird. Und
25 das sind nicht empirische, sondern ideale Verhältnisse.
Man darf also nicht einwenden: Mag sein, dass wir oder einige
unter uns so konstituiert sind, dass die Möglichkeit besteht, dass
wir mit gewissen Gegenständen bzw. mit gewissen Anschauungen,
Vorstellungen etc. klare Gefühle verbinden und so „Werte erleben“,
30 aber ebenso gut könnten solche Wertgefühle auch mit anderen Vor-
stellungen und entgegengesetzten verbunden sein, oder es könnten
mit denselben Gegenständlichkeiten verbunden sein entsprechende
negative Wertgefühle. Antwort: Wir haben die Evidenz (im Urteils-
sinn), dass das wertkonstituierende, wertausweisende Gefühl, das

1 Besser: zur Sache an und für sich gehören, zur Sache durch Übertragung gehören,

zur Sache gar nicht gehören.


text nr. 3 285

klare, nicht mit beliebigen Gegenständen verträglich ist und dass,


wenn es mit einem Gegenstand eins ist, diese Einigkeit etwas im
Wesen des Gegenstandes Gründendes ist (bzw. im Wesen des sich
anpassenden Anschauens, Vorstellens etc.). Wir haben weiter die
5 Evidenz, dass, wenn auf einer Unterlage (die zum Wesen des Gefühls
gehört) ein klares Gefühl sich gründet, mit ihr ein klares entgegenge-
setztes unverträglich ist, dass ein klares Gefühl der und der Spezies
mit gewissen Unterlagen verträglich, mit anderen unverträglich ist
etc. Und ebenso sind die Verhältnisse zwischen anempfundenem,
10 anhängendem Gefühl und entsprechendem klaren wesensgesetzlich
geregelt: dass jedes Gefühl sein Recht oder Unrecht hat, dass, wenn
eines sein Recht hat, das Negativum kein Recht hat, sondern Unrecht
usw.
Wieder ist das Analogon der Evidenz, die Klarheit des Gefühls,
15 nicht etwa ein Charakter, der als Index dem Gefühl (dem sonst unver-
änderten) anhaftet, sowenig die anschauliche Vorstellung sich von der
unanschaulichen (die klare von der verworrenen) bloß dadurch unter-
schiede, dass eine beiderseits gleiche Vorstellung, phänomenologisch
gleich, noch einen anhängenden Index trüge. Zu dem gegebenen
20 sinnlichen Material „gehört“ die und die Apperzeption, die und die
kategoriale Fassung etc. als ideale Möglichkeit. Und ebenso gehört zu
dem so und so Gefassten die und die „Gefühlsapperzeption“, die und
die „Gemütsformung“ und diese so und eigentlich vollzogene Ge-
mütsapperzeption. Das ist „Klarheit“ des Gefühls und das Maß der
25 Berechtigung. In symbolischer Weise kann ich dieselbe Gegenständ-
lichkeit vorstellen: Die Vorstellung weist sich in Gegenüberstellung
zur klaren, Evidenz gebenden als „dasselbe“ vorstellend aus: Einheit
der Identifizierung, der urteilenden Identifizierung. Und dabei ist
auch schlichte Deckung möglich: Die symbolische geht in die klare
30 über, eint sich mit ihr, nimmt Fülle an.
Auch das vage Gefühl kann sich mit dem „entsprechenden“ klaren
einen. Gefühle sind keine Vorstellungen, also die Einheit ist nicht
Einheit der Identifizierung und der Erfüllung im Sinn der identifizie-
renden, wahrmachenden. Berechtigend ist die Klarheit, sie weist das
35 Gefühl als „zugehörig“ zu der Sachlage aus.
Im Übrigen geht in all die Wesenszusammenhänge niemals das
jeweilige Gefühl in seiner Konkretion und in der Mannigfaltigkeit
seiner wechselnden Momente ein, sondern nur gewisse Momente:
286 wert und billigung

die Freude an der Einsicht etc. Das braucht wohl kaum gesagt zu
werden. Ebenso ja auch: Das Urteil des Inhalts „S ist P“ ist berechtigt
etc.
Nähere Betrachtung erfordert hier noch manches, besonders ist zu
5 achten auf die „Zugehörigkeit des Gefühls zu den Sachen“ oder hdiei
Forderung der Sachen, „Gründung“ des Gefühls in den Sachen etc.
und Begründung des Gefühls in der Vorstellungsunterlage, also in
den Anschauungen etc. Klarstellung dessen, was phänomenologisch
ist, und dessen, was den Gegenständen zugemessen wird, und warum
10 etc.1

1 Nota. Das war nicht eine bloße Abschrift heines älteren Textesi, sondern vielfach

Besserung und in einigem Vertiefung.


Nr. 4

hEr fül lt s ic h der Wunsch i n der Freude?


Das doppelt e G eri chtetsei n des Wunsches
auf Bef ri edi gung und auf ein wahrhaft
5 Gutes . Der D oppel si nn von Erfüllung:
Aus wert ung und Befri edigung i1 2

K ann man nun et wa das Verhäl tni s zwischen Freude und


W uns c h3 par all eli si eren m i t dem Verhältnis von Erfüllung
( er füllendem Akt ) u nd Intenti on auf objektivierendem
10 Gebiet?4
Bei den objektivierenden Akten ist ein evidentmachender Akt
(wie die Wahrnehmung, kathegorialei Intuition) – soweit er evident-
machender ist – Erfüllung der Intention, der Intention Fülle, Sätti-
gung verleihend im Übergangserlebnis des Sich-Erfüllens. Das Er-
15 füllende ist nicht Intention. Freilich, die Wahrnehmung, soweit sie
inadäquat ist, soweit sie unerfüllte, ungesättigte intentionale Strahlen
enthält, ist selbst noch „Intention“, sättigungsbedürftig. Aber soweit
sie im „eigentlichen“ Sinn Wahrnehmung ist, soweit sie volle, satte
Intentionen enthält, ist sie nicht bloße Intention.
20 Kann man nun so auch die Freude auffassen?5 Kann man sagen,
Freude ist immer, ist ihrem Wesen nach „erfüllender Akt“, satter
Akt, voller, zur Erfüllungsfunktion berufen (als Analogon der Evi-
dentmachung), aber hinsichtlich der Sättigung bestehen noch Grade
(Grade der Fülle), nämlich insofern, als Freude, wirkliche Freude,
25 mehr oder minder reine Freude sein kann, noch unerfüllte Kom-
ponenten in sich schließend? Analog wie die inadäquate Wahrneh-
mung? Und ist danach die der Freude entsprechende Leerintention
der Wunsch? Der Wunsch befriedige sich im Eintritt der Freude, d. i.,

1 Wichtig!
2 Wohl um 1909. – Anm. der Hrsg.
3 hDas ist dasi Thema der folgenden Blätter.
4 Oder hmiti dem Verhältnis voller und leerer Intentionen, „befriedigter“ – unbe-

friedigter. Entweder wir sprechen von Intentionen im Gegensatz zu Erfüllungen oder


von vollen und leeren, satten und unsatten und schließlich ganz leeren Akten oder
Intentionen, wobei Intention gleich Akt ist wie in den Logischen Untersuchungen.
5 Gegen den Doppelsinn von Intention hundi Erfüllung in den Logischen Untersu-

chungen und die falsche Interpretation der Erfüllung in der Gemütssphäre.


288 wert und billigung

er gewinne Fülle der Freude, d. i. die Fülle, die zu ihm als Wunsch
gehören könne: Analog wie eine leere Vorstellungsimpression (ob-
jektivierende Impression), z. B. ein leeres Urteil, Erfüllung gewinne
in dem ihm entsprechenden vollen impressionalen Akt (denn nur
5 um das Verhältnis unmodifizierter Akte handelt es sich). Indessen,
wird diese Auffassung sich durchführen lassen? Jedenfalls enthält sie
große Schwierigkeiten.
Die Erfüllung eines Wunsches, sein Sich-Erfüllen bringt Freude.
Der Wunsch, indem er Erfüllung findet, terminiert in Freude, wie
10 schon der Prozess der Erfüllung Freude ist: nun, eben weil Momente
der Wunschintention sich dabei befriedigen. Aber ist Befriedigung
dies er „ I ntent ion “, nämlich dieses begehrenden Langens, mit
dem E vident mac hen in der Urteilssphäre zu vergleichen? Wir
haben auf dem Gebiet des Gemüts auch „Evidenz“. Denken wir
15 uns den Wunsch erfüllt und denken wir uns dabei alles, was noch
uneigentliche Wertintention, uneigentliche Freude, unrealisierte histi,
realisiert, versuchen wir im Gedanken bis zur letzten Auswertung
vorzuschreiten, so stellt sich heraus, ob der Wunsch berechtigt ist oder
nicht, und mittels des objektivierenden Denkens können wir das evi-
20 dente Werturteil aufgrund der Möglichkeit der Ausweisung der Werte
fällen. Zum Wesen des Wunsches gehört es, auf Freude „gerichtet“
zu sein (die in der Erfüllung aktuelle Freude würde), nämlich auf ein
Sein gerichtet zu sein, das, wenn es wäre, Freude begründete, und
zwar gehör t es zum Si nn des Wunsches, da ss er auf reine
25 Fr eude geri chtet is t, nämlich gleichsam meint, dass diese Freude
sich als reine Freude realisieren und damit „berechtigen“ ließe. Das
kann nun vor aller aktuellen Realisierung ausgewiesen werden, sei es
die Evidenz, dass diese reine Freude zur Wunscherfüllung notwendig
gehören würde, dass sie im Fortgang der Auswertung der vorläufigen
30 Freude sich herausstellen müsste, oder hzuimindest die vernünftige
Wahrscheinlichkeit, dass sie es würde.
Ich wünsche A. Mache ich mir A klar, so steht es als erfreulich
da. Stelle ich mir A als seiend vor, so hat es den Charakter eines
Erfreulichen, sei es in sich, oder wenn A wäre, wäre B, dann C etc., und
35 schließlich wäre etwas in sich Erfreuliches. Diese Zusammenhänge
können solche der evidenten Notwendigkeit sein oder der erfah-
rungsmäßigen Gewissheit oder der erfahrungsmäßigen Wahrschein-
lichkeit. Dem nachgehend realisiere ich in der Vorstellungssphäre, in
text nr. 4 289

der Vorstellungs- und Gemüts„klärung“ den „Sinn“ des Wunsches


und sein Recht und fasse es denkmäßig als Werturteil. Dazu gehört
keine wirkliche Realisierung. Die Realisierung der Freude und des
Erfreulichen gehört nicht zur ganz andersartigen „Realisierung“ des
5 Wertes. Das Letztere entspricht dem Evidentmachen in der objekti-
vierenden Sphäre, hderi Realisierung des Sinnes und Erschauung der
Geltung in der reinen Erfüllung als Adäquation.
Es scheint zunächst, dass die Freude etwa mit der Wahrnehmung
parallelisiert werden könnte; die letztere bzw. das Wahrnehmungsur-
10 teil weist das leere Tatsachenurteil aus, aber dann muss sie sich selbst
noch ausweisen. Zunächst steht sie als genugtuender Ausweis da,
man sieht ja die Sache, aber dann erwacht das Bedürfnis nach neuer
Ausweisung (das Bedürfnis ist freilich ein Wunschakt): Die Wahrneh-
mung ist noch nicht reine Wahrnehmung. So nun beim Wunsch. Die
15 Wunschbefriedigung ist Freude und terminiert in abgeschlossener
Freude, aber die Freude braucht noch nicht die „reine“ Freude zu
sein. Die Wunschbefriedigung ist noch nicht „letzte“ Befriedigung.
Aber was heißt das, die Freude ist nicht reine Freude? Sie ist Freude,
volle und ganze Freude. Sie enthält vielleicht nicht das mindeste von
20 Wunsch, der sich unerfüllt fühlt. Ich mag ja das A, das ich wünsche,
um anderetwillen werthalten oder wertgehalten haben, z. B. das Geld
um der Güter willen, die es mir verschaffen kann. Aber im Begehren
nach Geld braucht das gar nicht mehr in Frage zu kommen. Es kann
sein, dass es das tut: Ich begehre nach Geld, um eine Reise zu machen,
25 und denke beständig daran, aber in unzähligen Fällen ist keine solche
Beziehung gewärtig. Nun, ist der Wunsch bloßer Wunsch nach Geld
und habe ich das Geld, so freue ich mich. Diese Freude ist ganz reine
Freude und doch „inadäquat“, und demgemäß ist die Wunschbefrie-
digung völlige und reine Wunschbefriedigung, letzte Befriedigung:
30 Der Wunsch ging ja gar nicht auf etwas anderes. Und ebenso der
Wille, der ja in dieser Hinsicht genauso Intention ist wie der Wunsch.
Ist der Wunsch auf A als Mittel zu B gerichtet, dann ist A wert um
des B willen; dann würde die Erfüllung von A Freude sein, aber be-
haftet mit der weitergehenden Wunschintention auf B. Zum Beispiel:
35 Ich wünsche brennend, dass die Geliebte kommen möge. Natürlich,
um mich ihrer zu freuen. Kommt sie und ist sie nicht zu sprechen,
so bin ich enttäuscht: Die Freude des Kommens ist erfüllt, aber
die weitergehende Wunschintention und die letztlich zielgebende ist
290 wert und billigung

unerfüllt. So bin ich unbefriedigt. Hier geht eben der Wunsch nicht
einfach auf A, sondern auf A um des B willen.
Etwas anderes ist es, dass zum „Sinn“ eines Wunsches (und Wil-
lens) die „Meinung“ gehört, dass das Erwünschte, sei es in sich, sei es
5 um eines anderen willen, ein Gut sei. Ich wünsche A, darauf bin ich im
Sinne des Wünschens „gerichtet“, danach lange ich, strebe, begehre
ich. Ich halte A für wert, es steht mir, wenn ich es mir vorstelle, als
freudebringend da. Tritt es ein, so erfüllt sich der Wunsch, und diese
Freude ist realisiert als Erfüllungsfreude. Aber diese Freude kann
10 eine „uneigentliche“, „unklare“ sein. Was ist es dann, was am A
erfreulich ist? Ja, da sehe ich vielleicht, dass A in sich gar nichts hat,
was Freude begründen, motivieren könnte, und dass die Freude nur
zu motivieren ist (und bei mir auch motiviert war oder im „Dunkeln“
jetzt auch motiviert ist) durch ihre Beziehungen zu B, C … Faktisch
15 ist der Wunsch nun nicht gerichtet auf das B, C …, weil die Motiva-
tion „nicht wirksam“ war, aber eigentlich ist es die „Meinung“ des
Wunsches, einen wirklichen Wert, sei es in sich oder einen Mittelwert
für einen Wert in sich, zu treffen. Freilich, aktuell bezogen ist der
Wunsch nicht auf den Wert, als ob dieser vorgestellt wäre. Vorgestellt
20 ist A. Gemütsmäßig bezogen ist der Wunsch aktuell nicht auf das
ausweisende Wertbewusstsein, sondern auf das Freudenbewusstsein
an A.1 Ich mag ja wünschen, ohne mir diese Freude vorzustellen oder
mich in diese Freude hineinzufühlen, und das ist selbstverständlich
der normale Fall, aber zum Wesen des Wunsches und hzui seinem
25 Sinn als Wunsch gehört die Möglichkeit, sich zu „verdeutlichen“:
„Wäre A, das wäre doch schön.“ Das A-Sein muss also als erfreulich
dastehen können.
Andererseits: Potenziell ist der Wunsch auch bezogen auf die Mög-
lichkeit eines ausweisenden Wertbewusstseins. Die Überzeugung
30 muss gelten, dass, wenn A wäre, etwas Schönes wäre, etwas wahrhaft
Schönes. Der Wunsch, der sich auf A richtet, hätte keinen „Sinn“,
wenn ich einsehen würde, dass A gar nichts an sich hat, was Freude
fordert, und dass A nur um anderes willen Freude fordern könnte,
das unter sonstigen Umständen wirklich Freude forderte, aber unter
35 den gegebenen es nicht mehr tun kann, ja das Gegenteil forderte.

1 Doch eigentlich auch das nicht.


text nr. 4 291

In diesem Sinn richtet sich der Wunsch auf das Gute, so wie das
Urteil auf das Wahre, und der Wunsch bezieht sich dabei (anders
gefasst) auf wertausweisende Freude als mögliche Erfüllung vermöge
der Wesensverhältnisse, die zwischen Wunsch und Freude bestehen.
5 Es ist auch zu sagen: Der Wunsch weist seine Richtigkeit aus in dem
begründenden Prozess, der auf den „evidenten“, seiner berechtigen-
den Gründe klar bewussten Wunsch führt. Zu dieser Begründung ge-
hört nicht aktuelle Freude und Freudeberechtigung, sondern poten-
zielle Freude (nicht Freude unter Assumtion, sondern hypothetische
10 Freude: Wenn das A wäre, so wäre etwas Erfreuliches). Die Freude
aber, die aktuelle, hat wieder ihre Richtigkeit und Unrichtigkeit. Auch
sie bezieht sich ihrem „Sinn“ nach auf einen Wert, ebenso wie die
potenzielle Freude es in potenzieller Weise tut. Das ist ja bei der
wesentlichen Beziehung zwischen Wunsch und Freude im Wunsch
15 schon vorausgesetzt.
Also d ie R ic htung d es Wunsches auf Erfüllung (Befriedi-
gung) is t etwas anderes al s di e „ Ri chtung “ des Wunsches
auf ein w ahr haft Gut es. Die erstere Richtung und der Begriff der
Wunschbefriedigung ist dem Wunsch eigentümlich als einem Langen,
20 Begehren. Die letztere gehört aber auch zur Freude und gehört
in analoger Weise zu allen Akten. Aber nach dem Ausgeführten
hängt dieses zweierlei Gerichtetsein nahe zusammen: nämlich beim
Wunsch und Willen, wo eben dieses Zweierlei vorhanden ist. Die
sachobjektivierende Intention, sagen wir z. B. das Urteil, richtet sich
25 auf die Sache und in korrelatem Sinn auf Begründung, Bestätigung,
Bewährung, die das Urteil als begründetes hervorgehen lässt (natür-
lich ein Doppelsinn von Gerichtetsein). In sich hat das Urteil aber
gar nichts von der Vorstellung der Begründung etc. Was vorliegt,
ist das bloße „S ist P!“, d. i. Vorstellung und näher impressionale
30 Prädikation, Überzeugung von „S ist P“ und ohne jedes Zweierlei.
Aber nun ist eben der Unterschied zwischen dem Glauben „S ist P!“
und dem „Es ist wirklich und wahrhaftig so“, wie es in dem Akt des
begründeten, des sich voll begründenden Glaubensbewusstsein ist.
Wir gebrauchen, indem wir das Denken als eine Handlung ansehen,
35 die auf den Wert der begründeten Wahrheit gerichtet ist, das Bild
von der Intention. So ist auch das Wünschen und Wollen, das Sich-
Freuen, das ästhetische Werten „gerichtet“. Aber eine Intention im
echten Sinn, ein Abgesehenhaben, haben sie nicht auf Werte oder
292 wert und billigung

auf Ausweisungen; nur analogisch, wenn ich mir denke, dass ich han-
delnd mein Sich-Freuen, mein Werten, mein Wünschen regeln will,
so dass jedes jederzeit nach dem Wert, der in seinem Sinn angelegt
ist, orientiert bleibt.
5 Demnach wird auch die Rede der Logischen Untersuchungen von
der „Erfüllung“ der Urteilsintention störend, es sei denn, dass prinzi-
piell beim Wunsch und Willen niemals von der Erfüllung, sondern nur
von der Befriedigung gesprochen wird, andererseits bei den objekti-
vierenden Intentionen niemals von Befriedigung. Erfüllung im Sinn
10 von A us w ert ung und im Sinn von Befriedigung müssen streng
geschieden werden.
Andererseits kann man zwar von der Auswertung sprechen, aber
es fehlt ein Wort für den Unterschied zwischen leeren und vollen
Intentionen. Dieser letztere Ausdruck ist gut. Aber das Vollwerden
15 der Intentionen, das ist eben Erfüllung, und da haben wir wieder
den störenden Doppelsinn. Wenn ein Ding sich dreht, so verwandeln
sich leere in volle Intentionen, sie nehmen Fülle an. Das sind doch
Ausdrücke, die nicht zu vermeiden sind. Und diese Verhältnisse habe
ich doch auch zuerst entdeckt. Soll man sagen Realisierung und
20 Entrealisierung? Aber das wäre erst recht bedenklich. Also bleibe
ich bei voll – leer, Erfüllung (oder Füllung).
Nr. 5

hKonveni enz der G em ütsaktei1

Das Ur teil s ti mm t zur Wahrnehmung. Der Satz (die Urteilsbe-


deutung) stimmt mit der Wahrnehmungserscheinung, mit der Sache,
5 so wie sie gegeben ist. Di e Freude sti m mt zur Wertwahrnehmung,
zur Lust an der Sache, zur lustvollen Sache. Die Lust gehört zur Sache
unmittelbar, die Sache ist unmittelbar und in sich lustvoll. Der Wille
s timmt: Die Handlung würde ein Erfreuliches und Erfreuenswertes
realisieren.
10 1) Freude an „S ist P“; Trauer darüber, dass M N ist; Wille, dass S
P sein soll; Wunsch, dass S P sein möge.
2) Reflexion, ob die Freude stimmt, ob die Freude eine berechtigte
ist, ob der Wille ein guter ist. Ist das eine bloß theoretische Reflexion?
Von der Freude gehe ich in die Auswertung der Freude, wie ich
15 vom Urteil (das ich in der Reflexion beurteile) in die „Auswertung“
des Urteils übergehe, in seine Begründung. Ich kann auch hier von
„Begründung“ sprechen. Ist di e Freude begründet? a) Über-
gang von der ursprünglichen Freude zu der Auswertung der Freude:
W ar um fr eue ic h m ic h? Lässt sich die Freude „aufrechterhalten“,
20 wenn man dem „Warum“ nachgeht, wenn man ihrer „Meinung“
nachgeht, ihrer „Bedeutung“? b) Urteile über dieses Verhältnis.
Konstatierung: Die Freude ist berechtigt, sie besteht zu Recht in der
Erwägung ihres Sinnes. Zum Wesen dieser Freude (solcher Freude
überhaupt) gehört es, da ihre „Voraussetzungen“ zu Recht beste-
25 hen, richtig zu sein. Die Billigung eines beliebigen Urteils: „Das
Urteil ist richtig“ – das ist ein neues Urteil. Das setzt aber voraus
die Urteilsauswertung, das ist ein intellektiver Akt, das intellektive
Erlebnis der „Billigkeit“ des Rechtsausweises. Ebenso die Billigung
eines Gemütsaktes (oder einer Gemütssetzung). Wir sprechen das
30 Billigungsurteil aus, aber zugrunde liegt die „Auswertung“, die Be-
gründung, die ein Gemütsakt ist.
Ergänzend möchte ich noch bemerken, dass die Klarlegung
der eigentüml ic hen Begründung, welche das konveniente

1 Wohl um 1909. – Anm. der Hrsg.


294 wert und billigung

und vor all em ei nsi chti ge Werten durch seine Grundlage


er fähr t, ihr e Sc hwier i gkei ten hat. Brentano behandelt diese
Frage in einem übrigens etwas anderen Zusammenhang in seiner
Schrift über den Ursprung der sittlichen Erkenntnis, S. 95.1 Unrich-
5 tige Gemütstätigkeit gilt auch ihm allgemein als Schlechtes, richtige
als Gutes. Die Lust am Schlechten ist ein Beispiel einer unrichtigen
Gemütstätigkeit, sie ist also schlecht. Andererseits meint Brentano
aber, dass jede Lust als solche ein Gut sei, und demnach läge hier ein
Fall der Mischung vor. Lust am Schlechten wäre danach nicht ein rein
10 Schlechtes.
Das ist recht anstößig, wenn wir etwa an eine Lust der Grausamkeit
denken, die doch, je mehr sie sich steigert und in Wollust ausartet,
nicht an Wert zunimmt, sondern ins Extreme der Widerwärtigkeit sich
verliert.2 Nach Br entan o sollen wir in dieser Mischung eigentlich
15 einen Akt der Bevorzugung üben, in der der Wert der Lust als solcher
positiv in die Waagschale fiele, was mir ganz unannehmbar erscheint.
Mit diesem Fall parallelisiert er das Missfallen, und zwar das
eins ichtige M is sf all en am Schl echten, z. B. der edle Schmerz
an der unterdrückten Unschuld. Hier haben wir ein richtiges und
20 einsichtiges Gemütsverhalten, vermöge dieser vollkommenen Kon-
venienz wertvoll. Andererseits wieder eine Vermischung mit einem
Unwerten, es ist ja Unlust an einem Schlechten. Es handle sich also
wieder nicht um ein reines Gut, wie es bei einer edlen Freude vorläge,
und wieder soll der Wert dieses unreinen Gutes durch Bevorzugung

1 Husserl bezieht sich hier auf Franz B r e n t a n o, Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis,

Leipzig 1889. – Anm. der Hrsg.


2 Brentano meint, dass jede Lust als solche wert sei, dass jede Lust bei der Wert-

abwägung als ein positives Gewicht in Anschlag komme, und das scheint mir sehr
zweifelhaft. Ich meine, dass einer solchen unethischen Lust wie der Lust am Gemeinen
und Schlechten auch nicht das leiseste Wertmoment einwohne, dass die Richtung
solcher Lust auf Schlechtes statt auf Gutes nicht das Schlechte mindert in der Weise
der algebraischen Summe, sondern sie erhöht. Symbolisch: nicht + L h+i – S, sondern
L × – S = – L × S. Es wäre ja sonst auch Folgendes denkbar: Wenn wir hani ein großes
Unglück wie das Erdbeben in Süditalien denken und nun fingieren, dass Millionen
Menschen sich darüber freuen, ja mit wahrer Wonne sich darüber freuen würden,
dann könnte man am Ende einen Überschuss des Guten ausrechnen: Das eine und
selbe Übel wird immer mehr in seinem Gewicht in der Sphäre der Existenzialgüter
gemindert bis zum Verschwinden durch entsprechende Fülle von darauf bezogener
Lust. – Das geht nicht. Eine Welt, wo das möglich wäre, wäre eine wahre Hölle.
text nr. 5 295

konstatiert werden. Auch diese Auffassung erscheint mir bedenklich.


Mir scheint es sicher, dass bei der Wertung eines Gefallens oder
Missfallens am Schlechten, einer bösen Lust, einer edlen Trauer, die
Wertung auf die Akte geht rein nach ihrer Harmonie oder Dishar-
5 monie mit dem, worauf sie gerichtet sind.
Das, was dem Akt Wert gibt, ist seine Richtigkeit, seine Erfüllbar-
keit und eventuell sein wirkliches Erfülltsein. Das hindert aber nicht,
dass das Schlechte, auf das der Akt gerichtet ist, eben schlecht ist und
dass, soweit die Existenz vom Schlechten als Voraussetzung für das
10 Vorhandensein eines berechtigten Abscheus vor diesem Schlechten
fungiert, es natürlich besser wäre, wenn das Schlechte gar nicht wäre,
und damit auch jener Abscheu nicht wäre. Wenn schon Schlechtes
ist, dann ist Abscheu davor das Richtige und hat vermöge seiner
Konvenienz Wert.
15 Bei der Wertung eines G efal l ens oder Missfallens am
Sc hlec ht en ist Folgendes zu beachten: Der Akt des Gefallens an
einem Schlechten ist seiner Natur nach, nämlich als inkonvenienter,
unwert, als konvenienter ist andererseits der Akt des Missfallens am
Schlechten wertvoll. So hzui werten ist eben richtig werten: Unter
20 Voraussetzung, dass ein Schlechtes ist, unter Voraussetzung, dass ein
Schlechtes vorgestellt, als wirklich erkannt ist, ist Trauer darüber das
Richtige, Freude darüber das Unrichtige. Natürlich könnte dieser
Wert, der der edlen Trauer, nicht realisiert sein, wenn nichts Schlech-
tes bzw. keine Überzeugung vom Dasein von Schlechtem wäre.
25 Also existenzial betrachtet ist die edle Trauer ein Gut, das ein
Übel als existierend voraussetzt. Vor-existenzial betrachtet können
wir sagen: Das Gefallen, das reine Werten, richtet sich bloß auf die
edle Trauer und gar nicht auf ihre Unterlage, auf das Übel. Stelle
ich mir eine edle Trauer (über ein Unglück) vor, so gefällt mir aus-
30 schließlich diese Trauer und gar nicht das Unglück. Es gefällt: Freue
ich mich über die Trauer? Das doch nicht. Ich finde es richtig, dass
da getrauert wird. Die Trauer gehört zum Unglück. Wertheni heißt
nicht Sich-Freuen. Ich sympathisiere, ich trauere mit. Über Glück
sich freuen: Ich freue mich mit. Das einsichtige Werten ist selbst
35 wert? Das heißt, das richtige Verhalten als solches ist Objekt eines
Gefallens, das unrichtige eines Missfallens. Dass jemand sich richtig
verhält, dass jemand trauert, wo ein Übel vorliegt, das ist nicht Objekt
einer Freude, aber eines gewissen Gefallens, eines gewissen Wertens.
296 wert und billigung

Wir haben zweierlei: Einmal Trauer über ein Unglück ist ein Wert
als konvenientes Verhalten, andererseits ist die Trauer selbst ein
Unglück. Dass das Unglück ist und Trauer verbreitet, das ist selbst
wieder Unglück. Unter Voraussetzung des Unglücks ist die Trauer
5 ein Wert. Das Unglück ist aber selbst ein Unwert. hMuss ich also,i
um solche Werte zu realisieren, möglichst viel Unglück in die Welt
setzen?
Nr. 6

h Äs thet is che Wertung: Schönheit


auf grund des perzepti onalen Inhalts
und Schönhei t aufgrund der Darstellungi1

5 Wertintuition und Dingintuition (Wahrnehmung) etc. Gegeben-


heit des Wertes – Gegebenheit von Wirklichkeit.
Die Wahrnehmung nimmt einen Gegenstand wahr. Wahrnehmung
ist Bewusstsein eines „Inhalts“, eines Was, des Wahrnehmungsinhalts
oder des „Wahrgenommenen als solchen“ oder des Sinnes der Wahr-
10 nehmung (Perzeptionale). Dieses Was hat wieder einen „Inhalt“, den
bloßen Sinn, der ebenso und identisch bei einer Fiktion sein kann;
dieser enthält noch nicht die „Qualität“.
Das wahrgenommene Ding ist wirkliches Ding, wahrhaft seiendes.
Das wahrgenommene Ding, das an sich in Wahrheit seiende, ob diese
15 Wahrnehmung statthat oder nicht, ist nicht der Wahrnehmungsinhalt;
der Wahrnehmungsinhalt gehört der Wahrnehmung zu, auch wenn
es kein wirkliches Objekt, das ihr entspricht, gibt. Und die Wahrneh-
mungsqualität oder vielmehr das den „Inhalt“ Qualifizierende ist ein
Charakter, das Ding selbst hat aber keinen Charakter, kein positives
20 Prädikat Existenz oder Wirklichkeit.
In der Wahrnehmung, dem Akt, lebend steht der Gegenstand da
als Wirklichkeit, das heißt, eine Wahrnehmung mit dem betreffenden
Wahrnehmungsinhalt oder mit dem betreffenden Perzeptionale (al-
les beides zusammen) in der Qualifizierung „wirklich“ ist Erlebnis.
25 Und von Wahrnehmung zu Wahrnehmung in der Kontinuität des
Wahrnehmungszusammenhangs übergehend, der zu demselben Ding
gehört, „deckt“ und erfüllt sich das Wahrnehmen in sich selbst, es
kommt immerfort das Perzeptionale zur sich bestätigenden, näher
bestimmenden Deckungseinheit. Die vielen Perzeptionalien gehören
30 zusammen, konstituieren die Einheit des Erfahrungsobjekts. Doch
fragt es sich, ob man das so sagen kann von den Perzeptionalien; es
ist noch nicht völlig deutlich, wie sich zu ihnen die Abschattungen etc.
verhalten. Ich denke doch, dass den Abschattungen als Empfindungs-

1 1909. – Zur Dingphänomenologie und Wertphänomenologie.


298 wert und billigung

inhalten im Wahrnehmungsinhalt (perzeptionalen Inhalt) die Merk-


malsabschattung etc. entspricht. Ferner ist bisher gar nicht Rücksicht
genommen auf die „Umstände“, „Umgebungen“ und die Frage, in-
wieweit zur „Bedeutung“ der Wahrnehmung Momente, Bedeutungs-
5 momente gehören, die den Umständen entsprechen. Zum Beispiel ist
es klar, dass sich darin Fiktionen (Bilder) von Wahrnehmungen un-
terscheiden, so dass ein Fiktumsbewusstsein und ein Wahrnehmungs-
bewusstsein zwar, was den Gegenstand als wahrgenommenen und
fingierten an sich anlangt, übereinstimmen können, aber nicht nach
10 ihrer vollen und ganzen Bedeutung. Jedes Wahrgenommene hat seine
Umgebung, das ist, Wahrnehmung und Wahrnehmungsbedeutung
gehören immer in einen Zusammenhang von Wahrnehmungen und
Bedeutungen, und zu diesem Zusammenhang gehören perzeptionale
Komponenten. Und es bestehen da hinsichtlich der „Inhalte“ und
15 der Qualifizierung funktionale Abhängigkeiten. Das alles klarzule-
gen, ist eben die Hauptsache bei der Ding- und dingperzeptionalen
Analyse.
Wahrnehmungen sind einfältig oder mehrfältig. „Einfältig“, wenn
sie der phänomenalen Zeitlichkeit, der Dauer, entsprechend nur in
20 Wahrnehmungen von demselben Perzeptionale zerlegt werden kön-
nen. „Mehrfältig“, wenn die Perzeptionalien in den Phasen wechseln
oder kontinuierlich sich ändern. Dabei kommen freilich wieder die
„Umgebungen“ in Frage. Es ist daher wohl notwendig, von vorn-
herein zu unterscheiden: Gesamtwahrnehmung und Wahrnehmung
25 im gewöhnlichen Sinn, die aus einer Umgebung einen Gegenstand
perzeptiv heraushebt. Die gewöhnliche Wahrnehmung kann einfältig
sein, während die Gesamtwahrnehmung mehrfältig ist. Die bloße
Wahrnehmung legt sich auseinander im diskursiven Urteil. Und dabei
treten die Urteile „an sich“, die Bedeutungen des Urteilens (Katego-
30 rialien) in Beziehung zu den Perzeptionalien. Die Urteile bestätigen,
bewähren sich in dem Fortgang der sich vervielfältigenden und den
Inhalt des Gegenstandes herausstellenden Wahrnehmungen.
Der Inhalt des Gegenstandes in seiner Dauer = die Synthese der
zu wirklicher Darstellung gehörigen perzeptionalen Inhalte. Oder
35 auch so: Jede Wahrnehmung ist teils volle Wahrnehmung, teils leere.
Der perzeptionale Inhalt enthält teils volle Stücke, teils leere Stücke.
Freilich, das Wort Stück ist nicht ganz passend, da sich Volles und
Leeres vielfach durchdringen (eigentliche und uneigentliche Erschei-
text nr. 6 299

nung). Denken wir uns alle möglichen Wahrnehmungen, die zu dem


Gegenstand in der betreffenden Dauer gehören, und alle Vollstücke
dabei zur Synthese gebracht, so hätten wir den Inhalt des Gegen-
standes. Nun kann die Wahrnehmung diese Synthese nicht leisten.
5 Im Wahrnehmungsübergang gewinnen wir schon zeitlich verschie-
dene Phasen des Gegenstandes, auch beim unveränderten Gegen-
stand kommen wir nicht über das einheitliche Bewusstsein hinaus,
in dem Leeres in Volles übergeht, aber freilich auch wieder Volles
in Leeres, das nun bloß in bestimmter leerer Meinung festgehalten
10 sein kann. Den Gegenstand aber arbeitet das Denken heraus, es
bestimmt ihn prädikativ und bestimmt ihn von Zeitpunkt zu Zeit-
punkt (idealiter gesprochen) durch die aus verschiedenen Wahrneh-
mungen entnommenen und denkmäßig fixierten und supponierten
Merkmale. Den Merkmalen entsprechen die Vollstücke des Inhalts
15 möglicher Wahrnehmungen: Was in der Wahrnehmung Einheit des
Vollen vieler wirklicher Erscheinungen ist, das bringt das Denken
zur begrifflichen Bestimmung. Vor dem Denken gibt es höchstens ein
Abheben, das die Einheit heraussondert, vor begrifflicher Bestim-
mung.
20 Im Gebiet des „Verstandes“ haben wir Wahrnehmung und Urteil.
Im Gebiet des Gemüts „Wertnehmung“ und Entfaltung des Wertes.
Zunächst liegt der Wertnehmung zugrunde ein Vorstellen. In sich ist
Wertnehmung nicht Wahrnehmung. Die Wertnehmung konstituiert
nicht das Objekt, das Wert hat. Bei einem immanenten Werten steht
25 das Objekt als Wert da und der Wert ist da immanent, zum immanen-
ten Objekt gehörig. Aber was das Ding ist, was es ausmacht, was dem
Ding in dem dinglichen Zusammenhang zukommt, ist eines, und ein
anderes ist, was für Wertprädikate ihm zukommen.
Ein Gegenstand erscheint, er wird wahrgenommen, er erscheint
30 bildmäßig oder phantasiemäßig. Damit erscheint noch kein Wert.
Ein Wert erscheint, darin liegt: Ein Gegenstand erscheint, und dieser
Gegenstand, der ist, was er ist (oder quasi ist, was er ist), ob er in
Werterwägung gezogen wird oder nicht, erfährt nun Wertung und
erscheint nun in der Wertung als werter und erscheint halsi dies nicht
35 überhaupt, sondern in gewisser Hinsicht, oder erscheint er als Wert,
so gehört dazu die vernünftige Frage des Denkens: Was ist an ihm
wert, worin liegt hder Werti, was macht den Wert? Ich analysiere
auseinanderlegend: Der Gegenstand ist α, β, γ …, und nun an ihm ist
300 wert und billigung

α das Werte. Der Gegenstand als α-seiend ist werter Gegenstand und
α ist sein wertgründendes Prädikat.
Die Wertung kann sich rein auf den perzeptionalen Inhalt grün-
den oder letztlich auf gewisse Komponenten desselben, auf gewisse
5 Merkmalsinhalte, die zum perzeptionalen Inhalt gehören. Zum Bei-
spiel, ein Gegenstand heißt schön, nicht um beliebiger Beschaffen-
heiten willen; seine atomistische Konstitution, seine physikalisch-
chemischen Eigenschaften sind gleichgültig. Er ist schön um seiner
s chönen E rs cheinung wi l l en. Er stellt sich unter gewissen nor-
10 malen Umständen so und so dar (oder kann sich so darstellen: das
Marmorgebilde bei Tage in der und der normalen Entfernung und
von der und der Seite), und in dieser „Erscheinung“ „tritt seine
Schönheit hervor“. Schön ist nicht nur die volle Erscheinung, das
Erscheinungsrelief. Es gehört zur Schönheit, dass ein ganzes Ding
15 sich darstellt. Die Wertung heftet sich an das Perzeptionale solcher
Wahrnehmung und haftet offenbar in verschiedener Weise an dem
Vollen und am Leeren dieses Perzeptionale. Der Gegenstand ist
schön, sofern er in dieser Weise sich vorstellen, in diesem perzep-
tionalen Gehalt vorgestellt werden kann. Es kommt aber nicht auf
20 das ganze Perzeptionale an. Die „Qualität“ ist gleichgültig. Es ist da-
mit gleichgültig, ob der Gegenstand existiert oder nicht existiert. Ein
Mensch ist schön, auch ein Fiktum ist schön, und das Marmorgebilde
ist auch schön, wenn es eine stereoskopische Illusion wäre. Darin
liegt: Es kommt bloß auf den perzeptionalen Inhalt an und dieser
25 kann auch in sich gewertet werden: Die „Erscheinung“ ist schön.
Das Ding aber ist schön „um seiner Erscheinung willen“. Gesetzt,
es wäre, so wäre ein Schönes, so käme ihm, dem wirklichen, auch
das Prädikat der Schönheit zu, das kein Prädikat seiner „Natur“
ist. Ist es von vornherein als Wirklichkeit gesetzt, nun, so ist es als
30 Natur gesetzt und zugleich hat es das Schönheitsprädikat, eben in
dem Sinn: Es gehört zu ihm die schöne Erscheinung, die Erschei-
nung, die primär schön ist. Die Schönheit aber gehört wieder zu
der betreffenden Erscheinung nicht als Erscheinung der jeweiligen
faktischen Wahrnehmung, sondern eben zu ihr selbst, zu diesem
35 perzeptionalen Inhalt, der ein ideales Prädikat ist, wie wir wissen.
Darum hängt auch die Schönheit nicht an der Wahrnehmung. Auch
der reproduktiv-phantastische Inhalt, der ja übereinstimmen kann
mit dem perzeptionalen, ist schön. Andererseits aber unterscheidet
text nr. 6 301

sich der phantastische Inhalt vom perzeptionalen: Was beide gemein


haben, ist das int uit ive Wesen,1 also dieses ist es, das wesentlich ist
für die Schönheitsprädikation im primären Sinn. Das intuitive Wesen
ist ein ideal Gemeinsames: Es ist natürlich nicht ein Allgemeines im
5 generellen Sinn, aber Grundlage für intuitive Generalisation.
So unterscheiden sich also Schönhei tswertung und Schön-
heits w er t von Exis ten zi al werten, bei denen neben dem perzep-
tionalen oder intuitiven Inhalt die Qualität als setzende eine Rolle
spielt. (Kann für das Werten, wenn die Qualität außer Spiel bleibt,
10 auch der Unterschied zwischen perzeptionalem und intuitivem Wert
in Frage kommen?)
Doch ist das hier Gegebene noch nicht ausreichend, da nicht alle
Seiten (nämlich nicht die phanseologischen) in Rücksicht gezogen
sind, die ästhetisch gar sehr in Frage kommen. Es ist ja zu beachten,
15 dass für die Schönheit, mindesthensi im ästhetischen Gebiet, überall
die Weise der Darstellung von Wichtigkeit, ja entscheidend ist. Die
Weise der Darstellung hängt mit dem Vollen und Leeren zusammen,
aber die darstellenden Inhalte sind zu unterscheiden von den ent-
sprechenden Momenten der intuitiven Inhalte (Perzeptionalien etc.).
20 Demgemäß kann das Haften der Wertung an der „Erscheinung“
doppelt verstanden werden, je nachdem man unter Erscheinung ver-
steht das, was ich unter den Titeln Perzeptionale, Bedeutungsmäßige2
etc. zu fassen suchte, also Gegenstände, das Gegenständliche so, wie
es bestimmt oder unbestimmt, voll und leer dasteht, oder Erschei-
25 nung als die aktuellen Empfindungen, besser Empfindungsinhalte,
die Darstellungen des Gegenständlichen in ihrer Auffassung, also
Erscheinung phanseologisch interpretiert.
Es ist da zu erwägen, wie beides in eins zu setzen ist. Spreche ich
gegenständlich, so sage ich: Diese Kupferschale steht vor mir in der
30 und der Beleuchtung. Diese inneren Teile (auf die ich den Blick ge-
richtet habe) sind im Dunkeln, dort (ich richte jetzt mein Auge an der
Oberfläche weiterschreitend darauf) ist ein Lichtreflex; da eine breite
glänzende Stelle, hier ein leuchtend prächtiges Rot, dort ein stumpfes

1 Intuitives Wesen: das müsste objektiv verstanden werden als Intuitionale.


2 „Bedeutungsmäßige“ später gestrichen. Dazu die Bemerkung: „Bedeutungsana-
log ist nicht das volle Perzeptionale, sondern nur eine Komponente.“ – Anm. der
Hrsg.
302 wert und billigung

mattes Rot mit hellrosa schimmernden Flecken etc.; der Rand scharf,
bloß eine abgegrenzte Lichtlinie, dahinten kontrastierendes Schwarz
etc. Je nach meiner Stellung zur Aschenschale wandelt sich Licht in
Dunkel, leuchtend Rot in stumpfes Rot etc.
5 Blicke ich so gleichsam ästhetisch, so sehe ich Erscheinungsfar-
ben, gewisse in sich bestimmte Abschattungen, die durchaus eine
objektive Bedeutung haben. Sie breiten sich über die Oberfläche
aus, genauer gesprochen über die „erscheinende Oberfläche“ als
solche oder Erscheinungsoberfläche. Nehmen wir der Einfachheit
10 halber an, das Objekt sei unbewegt und der ganze Hintergrund und
die Umgebung, die Beleuchtungsumstände unverändert, so habe ich
eine ganz bestimmte Gegebenheit. Allerdings merke ich, dass diese
Gegebenheit sich herausstellt gegenüber einer Kontinuität von Ver-
änderungen. Ich habe die Augen bewegt und mit dieser Bewegung
15 gingen Erscheinungsveränderungen vor: Nämlich die bei jeder Au-
genstellung „wirklich gegebenen“ Erscheinungsfarben ändern sich
und ebenso die zugehörige, wirklich gegebene Erscheinungsfläche.
Das sagt, dass hdasi, was ich vorhin als Erscheinungsfarbe und Er-
scheinungsfläche bezeichnet habe, ein Identisches ist, das sich zu
20 den Farben und Oberflächenabschattungen bei den verschiedenen
Augenstellungen verhält als hwiei Einheiten zu Mannigfaltigkeiten.
Die Erscheinungsoberfläche ist dann das Wie der Darstellung der ge-
sehenen Oberfläche des Dinges, der Dingfläche, so weit sie bei fester
Körperhaltung gesehen wird, und zwar der Darstellung bei bewegtem
25 Auge. Diese Darstellung bei bewegtem Auge ist ihrerseits Einheit, die
sich konstituiert in Erscheinungsphasen, die zu den Augenstellungen
gehören. Und das Entsprechende gilt von den Erscheinungsfarben:
Sie sind Darstellungen der „wirklichen“ Farben, nämlich derjenigen,
die die Oberfläche des Objekts bedecken und ihrerseits Einheiten
30 zu Farbendarstellungen ursprünglicher Art, nämlich denjenen, die
zu jeder der wechselnden Augenstellungen gehören und die ihrer-
seits die entsprechenden Oberflächendarstellungen unterster Stufe
„bedecken“.
Diese Schichten von Darstellungen, also von Objektitäten, liegen
35 gewissermaßen aufeinander. Denn in dem ursprünglichen Farben-
moment (das zu einer Objektstelle gehört), bei ruhendem Auge in
irgendeiner Lage, sehen wir das okulomotorische einheitliche Far-
benmoment, das die okulomotorische Oberfläche bedeckt. Und in
text nr. 6 303

diesem sehen wir das wirkliche Objektmoment. Und ebenso für jede
Raumstelle, jedes ursprüngliche Extensionsstück oder okulomotori-
sche Oberflächenstück und wirkliche Oberflächenstück. Eines sehen
wir im anderen oder durch das andere. Es sind nur verschiedene
5 „Einstellungen“, die wir vollziehen, oder vielmehr: Verschiedene
Apperzeptionen sind aufeinander gebaut und die volle Objektapper-
zeption ist immer da, ist unvermeidlich vollzogen, die all diese Schich-
ten einschließt. Aber aufmerkend und herausmeinend können wir
diese oder jene Schicht herausheben. Achte ich nun aber auf diesen
10 okulomotorischen Glanz oder auf die oder jene dunkle Stelle, so steht
er als Glanz am Ding, als dunkle Stelle der Oberfläche des Dinges
da. Und ebenso: Fixiere ich einen Punkt und achte auf Seitenteile
des „Bildes“, so gehört die oder jene vor-okulomotorische Farben-
abschattung zum Ding. Ich sage freilich nicht „Das Ding selbst ist so“,
15 sondern „Das Ding sieht unter den Umständen so aus.“ Jetzt, im in-
direkten Sehen, habe ich von der Aschenschale eine „Erscheinung“,
die kaum beschreiblich ist, etwas ganz Vages etc. Ich sage, dies so
nehmend, wie ich es habe, und auf dieses Vage in sich achtend, nicht
„Das ist die Aschenschale“, sondern „So sieht die Aschenschale aus,
20 das ist ihre Darstellung, ihre Erscheinung, ihr Bild etc.“
Die Erscheinung, die das Malerauge erfasst, ist offenbar die oku-
lomotorische Erscheinung. Aber ästhetisch wirksam ist nicht bloß sie.
Denn die okulomotorische Erscheinung ist ja nicht isoliert gegeben.
Sie ist nicht die reine okulomotorische Einheit, sondern eben Erschei-
25 nung des Objekts. Wenn wir rein dem Objekt zugewendet sind, steht
das Objekt zwar durch sie da (sie hat ihre Einheit), aber sie steht nicht
in einem prägnanten Sinn als Erscheinung des Objekts da. Nämlich
„Erscheinung des Objekts“ sein (oder „Darstellung“) kann heißen,
jenes hObjektsi „bewusst sein“, aber so, dass das Ding Gegenstand
30 (Gemeintes) ist, oder es kann heißen, wir achten auf und meinen die
okulomotorische Einheit und haben sie als Darstellung des Objekts.
Wir sind in einer Situation, dass wir das Ding in Abhebung haben
von seiner Erscheinung und die Erscheinung bezogen haben auf das
Ding. Wir sagen: „So sieht das Ding aus“ und „Ich will jetzt achten
35 auf das Aussehen von ihm, auf das Malerische davon“ etc. Offenbar
gehört die ästhetische Wertung schon zum rein Okulomotorischen,
aber nicht allein, sondern zu ihm als Darstellung der Objektität. Und
wieder nicht als Darstellung des bloßen Dinges. Das Ding Büste ist
304 wert und billigung

weiter nicht ästhetisch, sondern die Büste als Bild. Der okulomoto-
rische Bestand ist für Ding und Bild eventuell einerlei oder ziemlich
nah ähnlich (z. B. beim Porträt), aber ästhetisch kommt eventuell in
Frage das Bild, schon als solches, aber erst recht das Bild als Bild des
5 Gottes, und nun kommt die geistige Bedeutung mit hinein usw.
Was ist aus all dem zu lernen? Wenn man vom Perzeptionale
spricht, so meint man das perzipierte Objekt als solches. Zum Bei-
spiel: Das Objekt steht in der Anschauung da und steht als „das
und das“ da. Die begriffliche Beschreibung des Objekts, so wie es
10 dasteht, was von ihm eigentlich und uneigentlich angeschaut ist, hat
ihr Korrelat in dem erscheinenden, angeschauten Objekt als solchen,
und das ist das Perzeptionale. So auch bei der verworrenen, leeren
Vorstellung. Das aber darf man nicht verwechseln mit den verschiede-
nen „Erscheinungen“ oder „Darstellungen“ innerhalb der gesamten
15 Perzeption des Objekts, die für die dingliche Objektität konstitutiv
sind. Wie das, was vom Objekt in die Erscheinung fällt bzw. welche
Empfindungsinhalte, welche „Bilder“ (okulomotorische Darstellun-
gen) etc. im anschauenden Bewusstsein vom Objekt „enthalten“
(nämlich in ihm konstituiert sind) hsindi als die Medien, durch die
20 sich das Ding selbst als so und so angeschautes konstituiert.
Für die ästhetische Wertung kommen nun vom anschaulichen Ob-
jekt (das normalerweise aber noch viel mehr ist, auch Träger von
darüber hinausgehenden, mehr oder minder deutlichen oder vagen
Denkintentionen, auch Gefühlsintentionen etc., was alles ästhetisch
25 wirksam werden kann), ich sage, vom anschaulichen Objekt selbst
oder dem im anschaulichen Bewusstsein selbst reell oder intentional
vorliegenden kommt ästhetisch nicht nur in Betracht das Perzeptio-
nale, sondern auch die ontisch konstituierten Erscheinungen, und die
in besonderem Maße.
30 Demnach ist das vorhin Ausgeführte erheblich zu vertiefen und zu
verbessern oder vielmehr nach Seiten der ontischen Erscheinungen,
wie es soeben geschehen ist, zu ergänzen. Aber das bleibt überall
grundwesentlich: dass die existenziale Wertung, die Wirklichkeitsqua-
lifizierung, für die ästhetische Wertung ausgeschlossen bleibt, näm-
35 lich als den ästhetischen Wert selbst nicht begründende. Was diese
Qualifizierung anlangt, so hängt sie allen ontischen Darstellungen
an, sofern in ihnen ja das „wirkliche“ Objekt erscheint, wenn wir
wahrnehmen, und die Wirklichkeitscharakteristik ist ja nicht etwas,
text nr. 6 305

das neben all diesen Darstellungen liegt, als ob das wirkliche Ding,
das da Wahrgenommenes ist, von diesen Darstellungen getrennt läge,
statt in ihnen und durch sie zur Erscheinung zu kommen. Und jede
solche Darstellung selbst hat ihre Aktualität, sie hat ihren Inhalt und
5 ihre Qualifizierung (in der Weise eines Immanenten), und diese wie-
der geht in die Dingqualifizierung ein, sofern sie ja zu ihr wesentlich
gehört, nämlich als Voraussetzung. Wenn es heißt, dass ein Phanta-
siegebilde (z. B. eine lebendig anschauliche Gestaltung eines Apollon
in der produktiven Phantasie des Künstlers) ästhetisch wertbar ist
10 und Wert oder Unwert hat und genau denselben (ästhetisch!), den
das ausgeführte Kunstwerk hat, mit dem einzigen Unterschied, der
durch die ästhetischen Vorzüge der empfindungsmäßigen Klarheit
hereingebracht wird, so ist es klar, dass die Darstellungsqualifizierung
nicht das Wesentliche sein kann. (Doch ist zu fragen, ob eine sinnliche
15 Phantasie wirklich eine solche Klarheitsfülle je haben kann als hwiei
eine Wahrnehmung.)
Natürlich werden wir in einer allgemeinen Theorie der Konstitu-
tion der Werte der Unterscheidung der Gegenstände in immanente
und transiente Rechnung tragen müssen bzw. der Unterscheidung der
20 entsprechenden Vorstellungen. Es ist eine durchgehende Scheidung
im axiologischen Gebiet, dass die Wertung einmal rein am „Inhalt“
haftet und das andere Mal an der Wirklichkeit des Gegenstandes von
dem oder jenem Inhalt.
Inhaltswerte, Werte, die rein am Inhalt des Gegenstandes und
25 am Inhalt der ihn konstituierenden Darstellungen haften, können
wir dann scheiden: Einmal in bloße Sachschönheiten,1 bei denen
entweder Darstellung nicht in Frage ist, weil die Sachen immanente
Gegenstände sind, oder bei denen, wenn sie transiente sind, die Dar-
stellung nicht bestimmend ist oder in der betreffenden Wertung nicht
30 bestimmend ist, und andererseits in Schönheit aufgrund der Dar-
stellung. Oder wir können scheiden „Schönheit“ von immanenten
Gegenständen (scil. rein aufgrund ihres Inhalts), Schönheiten von
transzendenten Gegenständen und in letzter Hinsicht ihre Schönheit
aufgrund des gegenständlichen Inhalts (scil., so wie er gegeben ist,
35 perzeptionalen Inhalts) und ihre Schönheiten aufgrund ihrer Dar-

1 Sachschönheit: Da ist aber manche Frage. Kann ein Ding schlechthin, ein materi-

elles, physikalisches, „schön“ heißen?


306 wert und billigung

stellung. Wohl zu unterscheiden sind von den Schönheitswerten (bzw.


Wertungen) Existenzialwertungen in „bloßer Vorstellung“. Ich ver-
setze mich in der Vorstellung in eine existenziale Stellungnahme, ich
assumiere.
Nr. 7

hWe rtverhal te und die


O bjekt i vi tät der Werturteilei1

1) Gegenstände sind wert, und sie sind wert um wertbegrün-


5 den der Pr ädi kate wi l l en. Es besteht ein Wert, das heißt, ein
Gegenstand hat irgendwelche Prädikate, die Wert begründen.
2) Sachverhalte heißen wert, wenn sie Wertverhalte sind. Dass S
P ist, ist erfreulich, wünschenswert etc. Dass (wirklich) S P ist, ist
„gut“, auch „schön“ sagt man. Darauf lege ich wert, und es ist wert.
10 Dass S P ist, ist gut, ist erfreulich. Dass S P sein möge, das ist ein
Wünschenswertes.
Pr imär bez ieht s ic h das Werten auf das P, a uf die Eigen-
s chaft des S. (Es mag sein, dass mir der Gegenstand gefällt, und ich
scheide nicht, was mir daran gefällt. Aber etwas daran muss mir
15 gefallen und bestenfalls alles, was ich daran finde; das ändert nichts.)
Und S gefällt, sofern es P ist.
Das ist also ein G ru ndverhäl tni s: Eine Eigenschaft ist wert
(und zuletzt in sich wert), ein Gegenstand ist wert, sofern er die
Eigenschaft hat. Gehört gleich hierher: Ein gegenständlicher Teil
20 (Stück) ist wert – das Gegenstandsganze ist wert, sofern es den Teil
hat?
Ein Moment des Gegenstandes, eine Eigenschaft kann wert sein,
sofern sie hinweist auf eine andere (nicht unmittelbar sichtliche)
Eigenschaft des Gegenstandes, die primär wert ist. Dass der Mensch
25 so redet oder tut, ist Anzeige einer gewissen Gesinnung. Der Geruch
des Apfels hweist hini auf den Wohlgeschmack. Ein Merkmal kann
also wert sein um seiner selbst willen oder um seiner Verbindung mit
einem anderen Merkmal willen, als Anzeige (und wie im Beispiel: bei-
des zugleich). Ist dieses „umwillen“, dieses „sofern“ gleichstehend
30 mit dem, wonach der Gegenstand wert ist, sofern er ein wertgründen-
des Merkmal hat? Immerhin, der Gegenstand wird gewertet, und das
Merkmal (wenn ich speziell darauf hinsehe) wird gewertet, ebenso
wie das eine und das andere verbundene Merkmal gewertet werden.

1 Wohl 1909/10. – Anm. der Hrsg.


308 wert und billigung

Und der Gegenstand hwird gewerteti, weil das Merkmal hgewertet


wirdi, und das Merkmal, das anzeigt, um des Angezeigten willen.
Also gehört beides in das „umwillen“.
Wie steht es nun mit den Wertverhalten? Ein Wertverhalt ist
5 selbst ein Sachverhalt, in dem die Wertlage logisch gefasst wird.
hDeri Ausweis der Gültigkeit des Wertes und der Wertverhältnisse
vollzieht sich in Wertaussagen, in Werturteilen. Die Sachverhalte
der W er tur tei le könn en Wertverhal te heißen.
Wir werten, ohne dass prädikativ geurteilt werden müsste. So in
10 allen Fällen der intuitiven Wertung, der Wertung aufgrund reiner
Intuition. Essend schmeckt mir der Apfel, und der Apfel und sein
Geschmack stehen als werter da, als Gefallendes und Gefälliges.
Sowie wir aber die Rechtsfrage aufwerfen, werfen wir eben eine
Frage auf, und damit haben wir schon die logische Fassung und
15 es steht ein Sachverhalt uns vor Augen mit Subjekt, Prädikat etc.
Urteilen können wir dann subjektiv: Mir gefällt das, jenes nicht. Ich
wünsche das und jenes nicht. Und objektiv: Das ist gefällig und an ihm
die und die Eigenschaft. Das ist erwünscht, S möge die Eigenschaft P
haben (die gefällig wäre, wenn sie gegeben wäre).
20 Die Frage ist: Können diese objektiv ausgesprochenen Urteile
eine wirkliche Objektivität vertreten? Wir urteilen „Das Ding ist rot,
ist rau, es tönt etc.“ So steht es in der Wahrnehmung da. Ist die
Objektivität dies er U rtei l e zu vertreten? Zunächst scheint
die Wahrheit von Umständen abzuhängen. Das Ding erscheint als
25 rot unter den und den Umständen. Lassen sich die Umstände ob-
jektiv bestimmen in ihrem Zusammenhang mit dem Prädikat? Und
lassen sich die Prädikate der Umstände fest bestimmen? Jedenfalls:
J edes objekt iv ers chei nende Prädi kat (auch das Wertprädikat)
verlangt seine Ausweisung, und so die Urteile, die darüber ausgespro-
30 chen werden. Das ist das Problem.
Wir nennen G egenstände wert, natürlich weil sie gewisse
E igens c haft en, die eigentlich wertgebende sind, haben und so-
mit hnennen wiri auch Eigenschaften wert. Wir nennen aber auch
Sac hver halte wert. Mir gefällt ein Mensch um seiner Liebenswür-
35 digkeit willen. Mir gefällt die Liebenswürdigkeit, mir gefällt aber auch
dies: dass der Mensch liebenswürdig ist. Dass das Unterschiede
macht, w ir d m an doch ni cht l eugnen können. Andererseits,
wie Gegenstände nur wert sein können um weiterer Beschaffenheiten
text nr. 7 309

willen – wozu die Sachverhalte gehören: Diese Gegenstände sind


wert, diese Gegenstände haben die und die angenehmen Beschaf-
fenheiten, die wert sind etc. –, so si nd Sachverhalte nur wert,
w enn z uglei ch in i hnen G egenstände-worüber sind, die
5 W er t haben, und Eige nschaften, di e ihnen Wert geben.
Wie aber im Fall des existenzialen Sachverhalts und Wertverhalts:
Dass A existiert, ist wertvoll (gut, schön)? Antwort: Betrachten wir
wertgebende Prädikate, so finden wir, dass ein Wertsein ihnen selbst
anhaftet, und zwar dass das Wertsein primär zu ihren immanenten
10 I nhalten gehört (bzw. als zu ihnen gehörig jeweils erscheint). So zum
Mindesten hbeii absoluten Wertprädikaten, die Wert in sich selbst
haben wollen.
Hier nun gilt: Ist ein immanenter Inhalt wert (wie ein immanen-
ter Inhalt es sein kann: hz. B.i „schön“), so ist das Objekt, das die
15 entsprechende Eigenschaft hat dieses Inhalts, ein Schönes und als
Seiendes ein Gutes, und zugleich gilt dann, dass die Existenz eines
Gegenstandes dieses Inhalts selbst ein Wert, ein Gut ist. Umgekehrt,
wenn das Urteil gilt: „Dass A existiert, ist gut“ – wie ist es da? Wie
ist es ferner, wenn das Prädikat kein in sich selbst Gefälliges ist?
20 Man wird wohl sagen müssen: Alle primären Werte sind Inhalts-
werte. Handelt es sich um Dinggegenstände, so haben ja Dinge, ob-
schon sie sich im Wahrnehmungszusammenhang empirisch konstitu-
ieren, doch sich konstituierende Inhalte, und diese sind die primären
Wertträger.
25 Freilich, ein Ding ist eine existenziale Einheit, es gehört zu seinem
Wesen, eben individuelles Reales zu sein und in einem Dingzusam-
menhang zu sein, in einem Existenzialzusammenhang. Aber zum We-
sen der Dinginhalte und zum Wesen ihrer realen Verkettungen, die
kausale und überhaupt existenzial-reale Verkettungen sind, gehören
30 die Wertvermittlungen. Es gehört zum Wesen eines Dingwertes also,
dass das Ding Wert hat in sich oder vermöge seiner Verflechtungen
mit anderen Dingen.
Ist nun ein Ding so geartet seinem Wesen nach und nach dem
Zusammenhang, in dem es gedacht ist, dass es Wert hat (ich fingiere
35 etwa ein Ding in einem Zusammenhang), so sagt das: Zum Wesen
solcher Dinglichkeit gehört Wert. Diese Wesensbetrachtung gründet
aber in Assumtion und kann somit auch hsoi ausgesprochen werden:
Gesetzt, es wäre dieses Ding (oder ein so geartetes), dann wäre es
310 wert und billigung

Gegenstand berechtigter Freude, wäre es erfreulich, wertes. Sich ein


Ding phantasieren und es in einem Zusammenhang phantasieren, das
ist, es in seiner Identität festhalten, also assumieren (wenn ich recht
sehe). Freilich, das „Angenommen, es wäre in der Wirklichkeit (unter
5 den Dingen, die ich als Wirklichkeiten kenne, und darunter denen, die
ich jetzt sehe) ein solches Ding“, das ist etwas anderes, das darf nicht
verwechselt werden. So dass also das „Gesetzt, es wäre“ doch nicht
besagen kann „Gesetzt, es wäre in der bekannten Wirklichkeit“.
Nun wie immer, zum Wesen der Dinglichkeit und der Dinglichkeit
10 eines solchen Inhalts (in die das Vorstellungsding sich einordnet)
gehören die und die Wertprädikate. Ist das für ein solches Dingwesen
der Fall, dann gilt, dass ein solches existiere oder dass dies existiere,
wäre gut. Ist A seinem Wesen nach und als Wesen wert, so ist Existenz
des Inhalts A wert. Und umgekehrt: Ist es gut, dass ein A existiere,
15 so muss A als Wesen in sich oder in einem mitgenommenen Wesens-
zusammenhang wert sein.1
Wenn wir einen gewöhnlichen Sachverhalt (nicht Wertsachver-
halt) nehmen, so besteht er, das Urteil ist richtig, der Satz ist
w ahr , w enn er si ch au swei sen l ässt, und das wieder führt darauf
20 zurück – das ist ja die allzeite Stimme der Logik und Erkenntnis-
theorie –, dass a priori jedes Urteil dieses Sinnes, wenn wir eben
seinem Sinn nachgehen, also den Zusammenhängen, in denen z. B. das
empirische Objekt die empirischen Prädikate haben soll, notwendig
wahr ist.
25 Das Urteil ist entweder absolut, rein immanent gültig als Wesens-
urteil, oder es ist Übertragung auf den Einzelfall, und der Fall, das
„Dies-da!“, ist das Irrationale; rational aber ist, dass ich das singuläre
Urteil aus Wesensgründen zu fällen und mit empirischem Recht zu
vertreten berechtigt bin. Überall haben wir den Dies-Faktor und
30 den W es ens fakt or (bzw. Bedeutungsfaktor).
Das ist noch nicht klar genug. Aber ich weiß ja, was da gemeint ist.
A lles hat in h demi Apri ori sei ne l etzte Quelle, alle Wahrheit;
nur die singulären Dies-Setzungen empirischer Art, die Realitäts-
punkte, sind ausgeschlossen. Sie sind aber Voraussetzungen für jede

1 Sollen Wertprädikate objektiv bestehen, Werturteile objektiv gelten können, so


müssen sie Wesen sgrün de haben und bezogen sein auf das „W e s e n t l i c h e“ der
wertgebenden Subjekte und Prädikate.
text nr. 7 311

mögliche Realitätswahrheit. Sie stören auch nicht das Apriori und


dies, dass alle Wahrheit für das Dies auf apriorischem Grund ruht,
unter apriorischen Prinzipien steht.
Sind Werte objektive Prädikate der empirischen Gegenständlich-
5 keiten, so müssen sie durch die Inhalte objektiv vorgezeichnet sein
und hdurchi die Zusammenhänge der Inhalte. Werte sind keine kon-
stitutiven und keine empirischen Prädikate (zum Ding als solchen
konstitutiv gehörig oder Wirkungsprädikate: „theoretische“ Prädi-
kate), aber sie sind in diesen eigentümlich fundiert: ideale Möglich-
10 keiten des richtigen Wertens.
Ein Wertverhalt ist nun ein Sachverhalt, der die Wertlage logisch
fasst,1 der sich also darauf bezieht, dass der und der Gegenstand das
und das wertgebende Prädikat hat oder dass er werter ist um der und
der Prädikate willen oder dass Prädikate des Gegenstandes wert sind,
15 sei es in sich oder um anderer Prädikate willen und dgl. Heißt es „Dass
S P ist, ist erfreulich“, „Dass S P sein möge, ist wünschenswert“, so ist
damit gesagt, dass dem P-Sein Erfreulichkeitswert zukommt und dem
S um des P willen? Dass heute schönes Wetter ist, ist erfreulich, dass
der Kaiser sich den Wünschen der Nation gefügt hat, ist erfreulich.
20 Nun wird man doch sagen, es ist eine andere Form, ob ich sage „Ich
freue mich über den Kaiser, weil er sich etc.“, oder ob ich objektiv sage
„Der Kaiser ist Gegenstand einer berechtigten Freude, sofern …“,
oder ob ich sage „Das Sich-den-Wünschen-des-Volkes-Gefügthaben
des Kaisers ist erfreulich.“ Ich freue mich am Wohlgeschmack des
25 Apfels; ich freue mich am Apfel, sofern er schmeckt; ich freue mich,
dass der Apfel wohl schmeckt. Ich biete den Apfel einem anderen
an. Ich freue mich an seinem Wohlgeschmack (den ich selbst nicht
empfinde, von dem der andere aber Aussage macht). Den Apfel selbst
schätze ich wegen des Wohlgeschmacks, und ich freue mich, dass dem
30 anderen der Apfel wohl schmeckt. Da kommt aber etwas Neues: hIch
freue michi an seinem Erleben des Geschmacks.
Freude, dass S P i st; Freude am P-Sein des S; aber auch
Freude, dass S (das existierende S) ein S ist, das P ist; Freude am S
vermöge des Habens des P; Freude am Sein eines wertvollen S. Freude

1 Der folgende Text bis „Erleben des Geschmacks“ (unten, Zeile 31) ist im Manu-

skript mit einer vertikalen geschlängelten Linie durchgestrichen. – Anm. der Hrsg.
312 wert und billigung

setzt voraus Wahrnehmung (Gegenwart), Erinnerung (Gewesensein)


oder ein Urteil, das in Seinsweise setzt „S ist P“ etc., also ein
Wirkliches als wirklich setzt. Die Wahrnehmung berechtigt zur ur-
teilsmäßigen Seinssetzung.
Nr. 8

h B illigung al s s ekundäres G efühl auf Richtigkeit


gehend. D oppel si nn des Bi l l i gens und Wertensi1

„Es ist erfreulich, dass S P ist“, „Es ist traurig, dass S P ist“
5 (zufällig sagen wir nicht: „Es ist freudig, dass …“) histi natürlich
etwas anderes als: „Ich freue mich“, „Ich bin traurig“, obschon, wer
das hersterei aussagt, damit wohl auch seine Freude und seine Trauer
mitkundgeben wird und wird kundgeben wollen.2 Ebenso „Es ist
angenehm, schön, dass S P ist.“3
10 E s is t er f reuens wert, auch das meinen wir oft, wenn wir bloß
sagen: Es ist erfreulich, es ist trauernswert, man hat allen Grund sich
zu freuen, man muss wahrhaftig darüber trauern … Hier wird nicht
bloß das Freudig- und Traurigsein objektiv auf die Sachlage bezogen,
sondern es wird die Freude über die Sache bzw. die Trauer über die
15 Sache selbst gewertet, sie wird gebilligt. Ebenso, wenn wir sagen:
Es ist erwünscht – es ist wünschenswert, es ist begehrenswert, es ist
strebens- (wollens-)wert. Es ist beliebt, geliebt, es ist liebenswert.
W as bedeutet dies es „ wert “? Wert der Freude, des Wunsches,
der Liebe etc. Etwas ist der Freude wert, etwas ist der Liebe wert. Ein
20 Ziel ist des Willens wert. Heißt das, es ist erfreulich, dass man sich
darüber freut, dass man dergleichen wünscht, begehrt?
Da kehrt aber die Frage wieder: Soll man sagen, wir haben einmal
pr imär e Gem üts akte, hz. B.i ein Geschmack gefällt uns, er ist ein
Wohlgeschmack, er ist angenehm, lieblich etc. (objektive Prädikate),
25 eine Tatsache erweckt Freude oder Trauer, oder wir begehren nach
etwas (diese Gemütsakte können dabei schon mehr oder minder
komplex sein), dann aber gibt es gewisse wertende, billigende Akte?
Billigen sei nicht bloßes Gefallen? (Eine Speise, ein Wein gefällt,
ein Buch gefällt mir, ein Bild gefällt mir.) Ich kann dieses Gefallen
30 haben, damit billige ich nicht. Bi l l i gen setzt schon Gefallen

1 hWohl 1911i. – Durchaus fertig! – Vgl. Ax hsiehe oben, Text VIi.


2 Im Wesentlichen dasselbe: „Es ist erfreuend, hat die Eigenschaft zu erfreuen, es
ist betrübend, hat die Eigenschaft zu betrüben.“
3 Nur dass die Beziehung auf das Subjekt hier zurücktritt, auch hdiei auf unbestimmte

Subjekte.
314 wert und billigung

vor aus. Ich missbillige z. B. eine Lust, ich missbillige eine sinnliche,
eine „böse“ Lust; sie ist böse, darin liegt schon die Missbilligung.
Billigung ist verwandt mit Gefallen; Missbilligung ist verwandt mit
Missfallen, aber es ist ein sekundäres G efühl, es geht auf primäre
5 Akte und zunächst auch auf Gefühle, Gemütstätigkeiten, hesi ist
auf sie gerichtet bzw. auf ihre Gegenstände als solche. Billigung ist
Billigung einer Lust, einer Freude, einer Hoffnung, eines Wunsches
etc. oder eines Gefallensobjekts, eines Freudenobjekts, eines Erhoff-
ten, Erwünschten, Gewollten als solchen.1 Ich billige oder missbillige
10 ein Ziel, einen Gegenstand, einen Sachverhalt als Gegenstand eines
Gemütsverhaltens.
Zu beachten ist, dass nicht etwa