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Departement

Erdwissenschaften

Grundzüge der Geologie & Petrographie

Christoph Heinrich & Simon Löw

Kapitel 10
Geologische Massenbewegungen –
Rutschungen und Bergstürze
P&S Kapitel 16

Road Map Kapitel 10

Einleitung
Kritische Gebirgseigenschaften
Auslösende Faktoren
Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz
Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

Ch. Heinrich & S. Löw GZ Geologie & Petrographie I 10 Massenbewegungen 1


Road Map Kapitel 10

Einleitung
Kritische Gebirgseigenschaften
Auslösende Faktoren
Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz
Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

Häufigkeit grösserer
geologischer
Massenbewegungen
in den Alpen

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Volumen und
Häufigkeit grosser
historischer und
prähistorischer
Massenbewegungen

Road Map Kapitel 10

Einleitung
Kritische Gebirgseigenschaften
Auslösende Faktoren
Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz
Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

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Kritische Gebirgseigenschaften: Wo finden
geologische Massenbewegungen statt?

Geologie
Lockergesteine: Korngrössen, Lagerungsdichte
(Konsolidation)
Festgesteine: Gesteinstyp, Schichtung,
Verwitterungsgrad, spröde Bruchflächen (Klüfte,
Brüche)
Lagerungsverhältnisse, Struktur-Orientierung
Hangneigung und Exposition
Wassergehalt und Wasserdruck

Rutschungen in Lockergesteinen
Trockener Sand

Quick Clay (Ton)

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Böschungswinkel von Lockergesteinen

Böschungswinkel in Abhängigkeit Böschungswinkel in Abhängigkeit


von Korngrösse und Kornform vom Wassergehalt

Der Böschungswinkel in groben Lockergesteinen


ist eine Funktion der Reibung an Korn-Kontakten

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Rutschungen in Festgesteinen (Fels):
Bsp. Molassesedimente am Rossberg bei Arth-Goldau mit
prädestinierter Schichtlage für wiederholte Rutschungen

1) Letztes Ereignis: Bergsturz


von Arth-Goldau 1806
457 Menschen, 111 Häuser

2) Vorletztes Ereignis:
historisch?
3) Prähistorische
Ereignisse
Schuttmassen

Rossberg: Sedimentschichtung und schwache Ton-


Silt-Steine in ungünstiger Raumstellung

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Bergsturz von April/Mai 1991
bei Randa im Mattertal

Klüfte und Brüche in Anrissgebiet des


„Bergsturzes“ von Randa 1991

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Der Reibungswinkel von Klüften ist eine
Funktion der Rauhigkeit und Füllung

Amonton’s Gesetz

= tan b
Scher- Normal- Reibungs-
spannung spannung winkel

b
Priest 1993

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Einleitung
Kritische Gebirgseigenschaften
Auslösende Faktoren
Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz
Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

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Wann finden Hangbewegungen statt? Natürliche Ursachen

Zeitabhängige durch Verwitterung, Erosion & Entlastung,


Entfestigung zyklische Temperaturschwankungen

Tektonische z.B. bei jungen Faltengebirgen (kompressiv)


Gefügeauflockerung oder in Dehnungsgebieten (Abschiebungen)

durch Erosion und Übersteilung der Hänge bzw.


Talvertiefung
Unterspülung des Hangfusses

Rückgang des durch Klimaerwärmung und Schmelzen von Eis


Permafrostes in höheren, bisher stabilen Bergregionen

Veränderung der durch starke Niederschläge (Starkregen-


Wasserverhältnisse ereignisse) oder Schmelzwässer

Dynamische
Durch starke Erdbeben
Belastung

Beispiel: Hangrutsch Hellbüchel, Lutzenberg, AR

Trigger: Starkniederschläge 35 Meter breit, 200 Meter langes Abrissgebiet


(200 mm in 3 Tagen)
Hangneigung: ca. 20° (15° ... 25°)
Situation: ca. 20°einfallende Abrissbreich
Geländekante
Wechselfolge von mergeligen
Sandsteinen und Tonsiltsteinen mit
Verwitterungsbildungen
Sehr typische Situation in der
Molasse der Schweiz

beschädigte Häuser

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Auslösendes Ereignis Hellbüchel
Aufzeichnung der täglichen Regenmengen der Station Eggen, St. Gallen
mit dem Starkregenereignis am 31. August 2002 von 171 mm in 24
Stunden (Quelle: MeteoSchweiz).

Porenwasser verändert Oberflächenspannung,


Kapillarkräfte und Auftrieb - und dadurch die Reibung
in Lockergesteinen

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Wann finden Hangbewegungen statt? Künstliche Ursachen

Hangversteilung durch Strasseneinschnitte im Hang

Bergbau Entfestigung des Gebirges

Auftrieb z.B. Aufstauen eines Stausees


Veränderung der Änderung des Porenwasserdrucks
Bergwasserverhältnisse
Bruch von Wasserleitungen

Beispiel Vajont 1963: Aufstau löst grosse und


schnelle Rutschung aus -> Flutwelle

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Die Katastrophe von Vajont 1963
Rutschung in Stausee

Die Katastrophe von Vajont 1963: Simulierte


Höhe, Abfluss & Geschwindigkeit der Flutwelle

R. VACONDIO, S. PAGANI, P. MIGNOSA & R. GENEVOIS 2013

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Die Katastrophe von Vajont 1963
Zerstörungen in Longarone vom 9. Oktober

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Kritische Gebirgseigenschaften
Auslösende Faktoren
Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
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Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

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Grundformen von Massenbewegungen und ihre
charakteristischen Geschwindigkeitsbereiche

Kriechende Massenbewegungen
Bodenkriechen

Bodenkriechen

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Bodenkriechen

Hakenwurf – Kippen von Blöcken/Schichten


Hoek and Bray 1981

Forward rotation and overturning of individual rock columns or blocks


(one or many) separated by steeply-dipping fractures and flatter cross
joints. The rock is relatively massive and rotation occurs on basal
discontinuities. Movement may begin slowly, but the last stage of failure
is extremely rapid. Occurs at all scales.

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Hakenwurf in Schiefern
Intschi Zone (Aarmassiv, Reusstal)

Rutschende Massenbewegungen
Mit einfacher planarer Gleitfläche

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Beispiel Rossberg (Goldau)

1) Letztes Ereignis: Bergsturz


von Arth-Goldau 1806
457 Menschen, 111 Häuser

2) Voretztes Ereignis:
historisch?
3) Prähistorische
Ereignisse

Schuttmassen

Blick vom Anriss Rossberg


in Richtung Goldau

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Geologischer Schnitt mit Gleitfläche Rossberg (Goldau)

Thuro et al., 2006

Komplexe Rutschung mit sekundären Bruchflächen

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Komplexe Rutschung mit sekundären Bruchflächen
Agliardi et al. 2001
(Beispiel Sackung Val Furva, Bormio)

Fliessende Massenbewegungen

Sturzströme („Bergstürze“ 
>1‘000‘000 m3)

Murgänge und
Schuttströme

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Fliessende Massenbewegungen: Murgänge
Erosion im Oberlauf

Ablagerung eines Murgangs


(Brienz, August 2005)

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Murgang Brienz, Glyssibach August 2005

Schuttstrom La Conchita (Kaliforien):


Ausgangslage sind reaktivierte Rutschungen . . . .

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…zu einem fliessenden Schuttstrom:
La Conchita (4. März 1995)

QuickTime™ and a
decompressor
are needed to see this picture.

La Conchita, CA, Bild 2005

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Sturzstrom (Alaska, 2002): grosse Volumen und Reichweite

Sturzstrom (Val Pola: 40 Mio m3 28. Juli 1987): sehr schnell

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Sturzstrom (Thurwieser Sept. 2004, 2.2 mio m3)

Überfliesst
topografische
Hindernisse:
Luftkissen ?

Stürzende Massenbewegungen
Steinschlag, Blockschlag, Felssturz

‚Bergsturz‘ 
allgemeine Bezeichnung
falls >1´000‘000 m3 Gestein

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Stein- und Blockschlag: Viele Einzelereignisse bilden
Trockenschutthalden & Schuttkegel mit ~35 Grad Gefälle

Felssturz (x100´000 m3)


(„Chapf“, Innertkirchen: Sprengung 150´000 m3 am 4.10.2001)

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Zusammenfassung geologscher
Massenbewegungen
Langfristig verlaufende, im allgemeinen
kontinuierliche Bewegung
oft ohne ausgeprägte Gleitflächen BODENKRIECHEN
Kriechen HAKENWURF
Kriechvorgänge führen immer zu einer
Auflockerung des Gebirges
Geschwindigkeiten: 0,001 mm bis einige dm/Jahr
Rascher verlaufende Bewegungen meist auf
ausgeprägten Gleitflächen
verbunden mit einer weitreichenden
Gefügeauflockerung
Rutschen Rutschung
bis hin zu einer völligen Zerstörung des
Sackung
ursprünglichen Gefüges
Geschwindigkeiten: Mehrere cm/Stunde bis hin zu
mehr als 100 km/Stunde

Zusammenfassung Massenbewegungen
Mechanischer Prozess – Geschwindigkeit – Wasser/Luft
Langsame oder auch rasch ablaufende
strömende Bewegung
± stark durchfeuchtete, breiartige Lockermassen
Bei hohen Geschwindigkeiten können auch
Fliessen
Rutsch- und Sturzmassen in eine fließende
Bewegung übergehen
SCHUTTSTROM (Feststoff>H2O)
Geschwindigkeiten von MURGANG (Feststoff ~Wasser)
cm/h bis m/sec STURZSTROM (+- trocken)

Zeitweiliger Verlust des Kontakts zum Untergrund,


Transport durch die Luft ± Luftkisseneffekt
Geschwindigkeiten bis XO m/sec
Stürzen
Weitere Einteilung je nach Volumen:
Stein- und Blockschlag ± kontinuierlich (<> 0.5 m)
Felssturz 1000 - 1 Mio m³ Gestein (viele Blöcke)

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Road Map Kapitel 10

Einleitung
Kritische Gebirgseigenschaften
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Grundformen von Massenbewegungen
Kriechende Massenbewegungen
Rutschende Massenbewegungen
Fliessende Massenbewegungen
Stürzende Massenbewegungen
Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz
Untersuchung: Gefahrenkarten, Monitoring
Massnahmen: Drainage, Verbauung, Sprengung

Massnahmen gegen Schäden aus


Geologischen Massenbewegungen

Verhinderung/Reduktion der Bewegung


Drainage / Oberflächenabdichtung
Abtrag im Anrissgebiet (nur bei kleinen Volumen)
Stützmassnahmen (nur bei kleinen Volumina)
Verhinderung/Reduktion des Schadens
Raumplanerische Massnahmen (Kartierung gefährdeter
Gebiete, Bauverbote)
Schutzbauwerke (Steinschlagnetze, Rückhaltedämme,..)
Einrichtung von Frühwarnsystemen
Künstliche Auslösung der Massenbewegung
Evakuation

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Stützen durch Felsanker

Verlangsamung/Stabilisierung durch Drainage

Cimalmotto Campo

QuickTime™ and a
decompressor
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Blick in eine
Drainagegallerie

Raumplanerische Massnahmen
Kartierung der Gefahrenbereiche, Bauverbote

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Erste „Gefahrenkarte“ (Kilchenstock 1930)

Evakuationsgebiet

Schutzdamm

Transportgebiet

Abbruchgebiet

antrit05.ai/shu/21.05.97

Gefahrenkarte kontinuierliche Rutschung


Braunwald GL
AGN 2004

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Schutzbauten: Steinschlagnetz

Schutzbauten: Rückhaltedamm

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Frühwarnsysteme (Kilchenstock 1930):
Verschiebungsmessungen

Verschiebungsmessungen Kilchenstock

Upper Section of Sliding Mass O


4m
with Measurement Stations S, F, G.

Lower Section with E, E1, M und O


Station Destroyed
3m

E
1. & 2. Evacuation M
2m
E1
G
1m
F

1927 1928 1929 1930 1931 1932 Year


antrit14.ai/shu/21.05.97
Data from A. Heim (1932)

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Evakuation Matt: Kilchenstock 1930

Sprengung Pian San Giacomo (Misox)

Video

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Fragen zur Wiederholung
Nennen Sie Ursachen und Auslösefaktoren von Massenbewegungen
und erläutern Sie diese!
Welche Grundformen von Massenbewegungen werden in der Geologie
nach dem Prozess unterschieden? Nennen Sie Beispiele!
Welchen Unterschied gibt es zwischen Massenbewegungen in
Lockergesteinen und in Festgesteinen? Mit Skizzen!
Welche Typen von Massenbewegungen treten in Lockergesteinen
(Festgesteinen) auf? Erläutern Sie die Prozesse! Skizzieren Sie den
Mechanismus! Nennen Sie ein aktuelles Beispiel!
Nenne zwei Typen von Massnahmen zur Gefahrenbegrenzung, mit
Beispielen

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