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Departement

Erdwissenschaften

Grundzüge der Geologie & Petrographie


Christoph Heinrich & Simon Löw

Kapitel 14
Erdbeben

P&S Kapitel 13 (&14)

Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax?

Wichtige Links: http://earthquake.usgs.gov/ http://www.seismo.ethz.ch

Ch. Heinrich & S. Löw GZ Geologie & Petrographie I 14 – Erdbeben – 1


Canterbury, Neuseeland, 2010

New Zealand 2010 http://blogs.agu.org/landslideblog/2010/11/02/the-canterbury-earthquake-images-of-the-distorted-railway-line/

Erdbeben:
unsere
schlimmsten
Naturkatastrophen

http://earthquake.usgs.gov/earthquakes/eqarchives/

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Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax?

Globale Verteilung von Erdbeben

Vor allem • an Plattengrenzen (N.B. Tiefenverteilung !)


• im Inneren von Kontinenten

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Erdbeben
= Aktive Bruch-Deformation entlang ‚Störungen‘
Extensionsbrüche, z. B. Riftzonen

Seitliche
Verschiebungen;
Transversalbrüche

…und an Subduktionszonen

Aufschiebungen in
überfahrender Lithosphäre

Extensionsbrüche
± Phasenübergänge im tiefen absinkenden Slab

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Erdbeben: der mechanische Vorgang
am Beispiel eines
Transversalbruchs Eine bestehende
Bruchfläche….
(Blattverschiebung)

..wird die Kruste durch


Scherspannung zuerst
elastisch deformiert

…bis zum Grenzpunkt


der Reibung auf der
Bruchfläche…

…wenn sich fast


schlagartig die
Spannung durch
Verschiebung abbaut

Der Bruchvorgang breitet sich innert Sekunden


über die Bruchfläche aus

Die elastische
Spannungsenergie
wird (neben Reibungswärme)
als Erdbebenwellen
abgestrahlt

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Erdbeben an aktiven Störungen haben daher eine
typische ‚Wiederkehr-Häufigkeit‘, aber keine strikte Periodizität

• Begrenzter Bruchbereich auf ausgedehnteren Bruchflächen


• Störungen nicht planar, nicht einzelne Flächen sondern Bruchzonen
• Reibungswiderstand und Zeitpunkt der Auslösung abhängig von
— Unregelmässigkeiten auf Bruchfläche erhöht Widerstand
— Fluid-Druck verringert Reibung (cf. Kapitel Massenbewegungen!)

Hypozentrum = Erdbebenherd
Epizentrum = Oberflächenpunkt vertikal darüber

Beispiel: Abschiebung (Extension)

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Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax?

Bruchfortpflanzung und Wellenausbreitung


Simulation konkreter Geologie am Hayward Fault, San Francisco
(1868 M6.9, ~ 140 J. durchschnittliche Wiederkehrzeit (!))

San Andreas Fault


http://earthquake.usgs.gov/regional/nca/simulations/hayward/M6.8.php

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Elastische Deformation eines Gesteinsblockes
3 Haupttypen von Wellen
1. P-Wellen = Longitudinalwellen = Kompressionswellen

Bewegung auf der Störung

P-Wellen =
KomPressionswellen
Ausbreitungsgeschwindigkeit
in festen Gesteinen ca. 5 km/s

2. S-Wellen = Transversalwellen = Scherwellen

Ausbreitungsgeschwindigkeit
in festen Gesteinen ca. 2.5 km/s

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3.  Oberflächenwellen
‚Rollende‘ und ‚transversale‘ Bewegung der obersten xoo m - x km

Rayleigh-Wellen

Love-Wellen

Oberflächenwellen verursachen die grössten Schäden!

Tsunami
Durch seismischen Bruchvorgang erzeugte Wasserwellen
Wirkung eines Tsunami beim Auflaufen an einer Küste

600-900 km/h Geschwindigkeit verlangsamt —>


Ausbreitungsgeschwindigkeit grosse Wellenhöhe

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Tsunami vor Sumatra, Dezember 2004

Zerstörung von
Malaysia bis
Indien, Sri Lanka,
E-Afrika

Eines der
fatalsten
Seebebens der
Menschheits-
geschichte, unter
den 4 stärksten
seismografisch
gemessenen
Erdbeben

Tsunami ‘Schutz’-Mauer in Japan (Tohoku Seebeben vom Mai 2011)

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Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax?

Chinesischer Seismograph 132 B.C.


entwickelt von Zhang Heng während der Nach-Han-Dynastie

Original-Durchmesser
2,4 m

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Prinzip eines modernen Seismographen

träge
Masse

vertikale Bewegungen horizontale Bewegungen

Seismogramme: Auskunft über Ort und


Magnitude von Erdbeben

Oberflächenwellen zuletzt,
vor allem im Nahfeld
grösste Zerstörungskraft
(s. Hayward Fault Simulation)

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Bestimmung des Epizentrums eines Erdbebens
Laufzeitenkurven

Aus unterschiedlichen Laufzeiten an mehreren Seismographen


lässt sich das Epizentrum bestimmen

Geometrische
Konstruktion

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Messung der Magnitude eines Erdbebens
Die “nach oben offene” Richter-Skala:

Magnitude Ms = logarithmisches Mass


für freigesetzte seismische Energie
eines Erdbebens ~

Charles ~ f ( Herdfläche x Verschiebungsbetrag)


Richter
(1900 – 1985)
A d

Messung der Magnitude:


Maximalamplitude, korrigiert für Enfernung Messtation — Erdbebenherd

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Energie der seltenen stärksten Erdbeben
dominiert die globale seismische Energiefreisetzung

2 Magnitudenschritte = 1000x mehr Energie

Intensität (Modifizierte Mercalli-Skala)


= semiquantitatives Mass für lokale seismischen Effekt

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Basel 1356:
Zerstörungsgrad durch grösstes historisched Erdbeben der Schweiz

., 2002 ., 2002!

Ms ~ 6 - 6.2 aufgrund von


Archeologie & Schadensberichten:
Intensität IX in der Altstadt
Abnahme Intensität mit Distanz
zum Epizentrum =
= f (Bodenbeschaffenheit)

(Becker et al., 2002)!

Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax, Geothermie

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(1) Kenntnis über globalen Aufbau der Erde
• P, S - Wellen werden gebeugt durch Dichtezunahme mit Tiefe
• Keine Fortpflanzung von S - Wellen durch äusseren Kern —> flüssig

PS

n
elle
30

n-W
s

che
PKS

rflä
Obe
Laufzeit in Minuten

PKP
20

PP P
S
PcS PP
PS
10 PcP P

P
K
P

60 120 180
E. Kissling Epizentraldistanz in Winkel-Graden

(2) Seismische Tomographie der Lithosphäre


Enges Netz von Seismographen in einer Region —> Laufzeitunterschiede
vieler globaler Fern-Beben definieren Heterogenität der Lithosphäre

50

N S Blau = leicht erhöhte


0 Wellengeschwindigkeit VP
= kältere (absinkende bzw.
100
abgerissene) subduzierte
Lithosphäre
200

Vgl. video Duretz et al. Kap. 12 —


Km Geologie Schweiz
Tiefe

400

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(3) Reflektionsseismik
• Künstliche Explosionen an vielen, genau bekannte Orten
—> Aufzeichnung and zahlreichen Geophonen (Seismometer)
• 3D-Bilder des Untergrunds
• Wichtigstes Werkzeug (neben Bohren) in der Oel-Exploration
und anderen
Sedimentbecken

Beispiel:
Postglaziale
Sedimente am
Boden des
Vierwaldstättersees
(M. Strasser &
F. Anselmetti,
ETHZ / Eawag)

(4) Erdbeben schaffen Gesteinsdurchlässigkeit


—> Fluid-Transport und Anreicherung wertvoller Rohstoffe . . .

Beispiel:
Gold-mineralisierte Brekzie
entlang einer grossen
Bruchzone
(Porgera, Neu Guinea)

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. . . und ermöglichen die Erzeugung und Charakterisierung
von tiefen geothermalen Reservoirs für die Energiegewinnung

Soultz-les-Forets
Enhanced Geothermal System
Stimulation durch Einpressen
von Wasser: mehrere 10‘000
genau lokalisierte Mikrobeben,
einige spürbar bis M 2.6
(Albert Gentner 2010)

Roadmap - Kapitel 15

!   Entstehung und globale Verteilung von Erdbeben


Bruchprozess, Seicht- und Tiefbeben, Auslöser…Fluids
!   Ausbreitung von Erdbeben-Wellen
Epizentrum, Hypozentrum, Wellenarten, Tsunami,
!   Messung der Erdbebenstärke
Energie = f(Verschiebungsbetrag x Herdfläche);
Magnitude ~ Energie <—> Intensität ~ Zerstörungskraft
!   Nützliche Information aus Erdbebenwellen
Refraktionsseismik, Reflexionsseismik, Tomographie,
Permeabilität und Energieressourcen
!   Erdbebengefährdung in der Schweiz
Verteilung, Gefährdung <—> Risiko, Mmax?

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Erdbeben-Gefährdung: Wahrscheinlichkeit
einer gewissen seismischer Beschleunigung

Gefährdungskarte Europa
Rot = Maximale
Bodenbeschleunigung
von 1 g mit einer
Wiederholungsperiode
von 475 Jahren

10% Wahrscheinlichkeit dass


es 1x alle 50 Jahre eintritt

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Plattentektonischer Kontext
Anhaltende Schubspannung, laterale
Extension der Alpen und ihres Vorlands

Erdbebengefährdungskarte Schweiz

Bodenbeschleunigung in m/s2 bei einer Frequenz von 5Hz, was etwa der
Eigenschwingung mittelgrosser Gebäude entspricht, für festen Untergrund.
Ueberschreitenswahrscheinlichkeit 1x in 50 Jahren
NB rot = 5x kleiner
als in Europa-Karte

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Erdbebenrisiko = Σ (…..
Erdbebengefährdung
+
Untergrund
+
Siedlungsdichte

+
Bautechnik

<==

Grosse Erdbeben in der Schweiz?

• Wiederholrate
von ‚Basel 1356‘ ?

• Grosse seltene Beben anderswo?

• Gibt es eine maximale Magnitude?

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ARETHUSE!
ETH’s Seeforschungsschiff!
Anselmetti & Team ETH-Z / eawag"

Chrüztrichter und Vitznaubecken: "


hochauflösende Radar-3D-Bathymetrie"

Rutschungen des 1601 AD Bebens von


Stans - Luzern (M ~ 6)!
‚historische Kalibrierung !

~2300 !
yrs. BP.!

Rutschung von!
Mehrere gleich alte
~3200 yrs. BP.!
grosse Rutschungen im
Vierwaldstättersee
(Schnellmann, Anselmetti et al., 2002)!

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Gleichzeitige multiple Rutschungen im Zürichsee und Vierwaldstättersee

Bergstürze:! Strasser et al., 2006


B. Keller, pers. comm!

Schlussfolgerung: Seltene Erdbeben bis MS ~ 7 in der


Schweiz sind möglich oder sogar wahrscheinlich
Mögliche Epizentren und Magnituden der starken prähistorischen Beben
(Grid search approach; Strasser et al., 2006)"

deep source
shallow source

Sarnen Bruch
Strasser et al. 2006;
Kastrup et al., 2004 (1601, 1964)

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Fragen zur Wiederholung

!   Erläutern Sie den mechanischen Prozess der Entstehung eines


Erdbebens! Wie lässt sich die Erdbebenentstehung und -verteilung
in die Konzepte der Plattentektonik integrieren?
!   Welche Arten von Erdbebenwellen gibt es, wie breiten sie sich aus
und welche richten den grössten Schaden an?
!   Erläutern Sie die Arbeitsweise eines Seismographen! Erläutern Sie
ein Seismogramm mit den unterschiedlichen Erdbebenwellen! Wie
lassen sich Epi- und Hypozentrum bestimmen? (Skizzen)
!   Erklären Sie wieso Erdbeben eine typische Wiederholfrequenz
haben, aber nicht strikt periodisch auftreten
!   Erklären Sie die Unterschiede zwischen der Richter-Skala und der
Mercalli-Skala! Weshalb werden zwei unterschiedliche Skalen
verwendet?
!   Was versteht man unter einem Tsunami und wie lässt sich seine
Entstehung erklären?
!   Erklären Sie die Begriffe ‚seismische Gefährdung‘ und
‚Erdbebenrisiko‘.

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