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Kapitel 6

Über die Veränderung der Medienwelt

Jan-Bernd Meyer

Inhalt

Veränderung der Medienwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44


Die Intelligenten bespielen alle Kanäle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Medien verlieren die Bedeutungshoheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Wikileaks: Alte Medien sind düpiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Brechts Medientheorie nimmt das Internet voraus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
An vorderster Front des Wandels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Der Leser als Informationslieferant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Wie Zeitungen soziale Medien nutzen können . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
„Ich seh schon Tote“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Twitter oder die Informationslawine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Twitter-Bomben und andere Manipulationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Kleinere Realitätsbeschönigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Blogger contra Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Kleine Liste der Informationsquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Wie ignorant dürfen Journalisten sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

Der 6. August ist ein Tag mit Ereignissen, die sich im historischen Bewusstsein
weiter Teile der Menschheit eingebrannt haben dürften. An einem 6. August im
Jahr 1890 wurde der erste Mensch, der Mörder William Kemmler, in Auburn im
US-Bundesstaat New York auf einem elektrischen Stuhl hingerichtet. Ebenfalls an
diesem Tag im Jahr 1806 legte Franz II. den Titel Kaiser des Heiligen Römischen
Reichs deutscher Nation ab. Damit endete die Existenz des Reichs nach immerhin
844 Jahren.
Natürlich wird der 6. August 1945 immer im Gedächtnis verhaftet bleiben als
der Tag, an dem die erste gegen Menschen eingesetzte Atombombe in einem Krieg

J.-B. Meyer (B)


Computerwoche, München, Deutschland
e-mail: jmeyer@computerwoche.de

R. Leinemann (ed.), IT-Berater und soziale Medien, Xpert.press, 43


DOI 10.1007/978-3-642-18410-9_6,  C Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
44 J.-B. Meyer

gezündet wurde. In Hiroshima starben bis zu 200.000 Menschen, nachdem der US-
Bomberpilot Paul Tibbets „Little Boy“ über der japanischen Großstadt abwarf.
Ein 6. August – nämlich 1991 – ist auch der Tag, als das World Wide Web
(WWW) zur allgemeinen Nutzung freigegeben wurde.
Das klingt zunächst nicht spektakulär. Spätere Generationen werden aber mög-
licherweise diesem Ereignis größtmögliche Bedeutung beimessen. Denn keine
kulturelle Schöpfung seit der Keilschrift der Sumer, keine technische Entwicklung
seit Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, dürfte die Verbreitung und Ver-
arbeitung von Informationen so fundamental verändert haben wie das weltweite
Netz.
Die Möglichkeit, sich als Individuum in Sekundenschnelle mit Ansichten, Ein-
sichten, Meinungen und Nachrichten an ein Weltpublikum zu richten, verändert die
Kommunikation der Menschheit elementar und unumkehrbar.
Diese Tatsache hat vielfältige Auswirkungen auf unterschiedlichste Bereiche des
privaten und öffentlichen Lebens, auf die Kernbereiche der Gewaltenteilung, auf das
soziale Verhalten, auf Wirtschaft, Kultur, Politik. Die Effekte, die das WWW auf die
Entwicklung der Menschheit hat, sind multidimensional.
Man kann zudem sagen, dass die Menschen durch die „Erfindung“ des welt-
weiten Netzes erst am Beginn einer digitalen Entwicklung stehen, deren Folgen
bislang nur ansatzweise zu erkennen sind. So viel lässt sich allerdings schon fest-
halten: Auf die Medien, im Wesentlichen die bisherigen Träger und Multiplikatoren
von Informationen, hat das WWW bereits heute grundsätzliche Auswirkungen.
Solche zu diskutieren, versucht dieser Beitrag.

Veränderung der Medienwelt

Will man beschreiben, welchen Herausforderungen sich die Medien ausgesetzt


sehen, kann man sich der Aussagen derer bedienen, die von den Medienvertre-
tern teils mit Argwohn, teils mit Arroganz, teils mit Angst beäugt werden: der
Blogger, Twitterer, Forenbetreiber – Teilnehmer an sozialen Netzen mithin. Bei-
spielhaft für die Veränderungen, mit denen sich die Medien konfrontiert sehen,
und als pars pro toto mögen die Erklärungen der Bloggerin Lena Reinhard gelten.
Lena – die persönliche Anrede sei mir gestattet, Blogger duzen sich grundsätz-
lich, wie an anderer Stelle in diesem Buch bestätigt wird – Lena also unterhält
den Blog wunder.schoenaberselten. In einem Eintrag im Sommer 2010 liest sie der
Medienbranche die Leviten. Sie tut dies mit guten Argumenten.
Sie eröffnet den Diskurs mit der Frage: „Wofür sind Journalisten eigentlich
noch gut?“ Die Antwort gibt sie sich gleich selbst. Journalisten seien einmal
dafür da gewesen, Informationen zu filtern nach der Überlegung, welche Nachrich-
ten für Leser von Interesse sein könnten. Diese Einschätzung deckt zwar nur zu
Teilen ab, was das Berufsbild eines Journalisten ausmacht. Sie bezeichnet aber ein
wesentliches Charakteristikum der journalistischen Tätigkeit: Das der Auswahl von
Informationen, des Sortierens, des Weglassens. Diesen Job will Lena nun selbst in
6 Über die Veränderung der Medienwelt 45

die Hand nehmen. Sie möchte nämlich „freier, unabhängiger sein als das mit einer
einzigen Zeitung möglich ist.“
Wie sie das macht, erklärt sie auch. Sie führt dabei das Argument ins Feld, das für
Journalisten wie Verlagsmanager zum medialen Beelzebub geworden ist: Google.
„Hallo! Wir sind die Generation Google. Und ich bin ein Teil von ihr. Mit neun die
erste E-Mail-Adresse, bald die erste eigene Homepage, und bei Matheproblemen
half mir schon früher das Netz weiter.“ Das ist die Generation, mit der sich die
Medienwelt und deren Protagonisten auseinandersetzen müssen.
Den Meinungsmachern helfen dabei keine Ausflüchte, wonach ein großer
Anteil etwa der Nutzer von sozialen Netzen als Meinungsträger unberücksich-
tigt bleiben könnte. Sie würden nämlich nur über eine geringe Bildung verfügen.
Das zumindest scheinen Untersuchungen des Data-Driven-Blogs (http://datadriven.
de/blog/demografie-sozialer-netzwerke-in-deutschland-mit-10-grafiken/) nahezu-
legen. Hier wurden Ergebnisse der Studien AGOF Internet Facts 2010 und der
ARD-ZDF-Online Studie 2000-2010 verglichen. Der Mediendienst Meedia inter-
pretiert die Resultate so, dass „User von Social Networks überwiegend schlecht
gebildet“ sind. Bei den Lokalisten etwa hätten 35,7 % keinen Schulabschluss
oder einen Hauptschulabschluss, 33,8 % besuchen eine weiterführende Schule.
Nutzer, die das Netzwerk Wer-kennt-wen.de frequentieren, würden zu 40 % über
keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschulabschluss verfügen. Lediglich bei
den VZ-Netzwerken seien die Verhältnisse „verständlicherweise“ anders gelagert:
30,3 % besitzen keinen Schul- oder lediglich einen Hauptschulabschluss, 37,6 %
gehen auf eine weiterführende Schule. Immerhin 32 % weisen Abitur, Fachabitur
oder einen Fach- bzw. Hochschulabschluss auf.

Die Intelligenten bespielen alle Kanäle

Diese Fakten besagen jedoch nichts über den fundamentalen Wandel, der sich,
befeuert durch das Internet, bei den Konsumenten von Medien abspielt. Sie sagen
nichts über die Bedeutung dieses Wandels. Möglicherweise geben diese Daten
einen Hinweis auf den so genannten Digital Divide. Gemeint ist, dass sich durch
die intelligente Nutzung des Internet und seiner Kommunikationskanäle die Unter-
schiede in der Informiertheit und der Bildung von Menschen noch verstärken.
Die Klugen unter den Konsumenten nutzen demnach die ihnen zu Gebote ste-
henden Informationsquellen im Web besonders effizient, die intellektuell weniger
Ambitionierten stagnieren möglicherweise in bedeutungsfreien Chatrooms. Mehr
sagen diese Ergebnisse nicht. An den Optionen, die die neue Informations- und
Kommunikationsplattform Internet bietet, ändert es nichts (vgl. Abb. 6.1).
Dass es sich bei Internet-Nutzern dabei um sozial nicht vermittelbare, verhal-
tensauffällige Einzelgänger mit umso weniger auffälliger Intelligenz handeln würde,
ist ein ebenso gern gepflegtes Vorurteil wie längst entlarvtes Märchen. Am 15.
November 2010 berichtete Spiegel online von den Ergebnissen einer Untersuchung
der Ifo-Wissenschaftler Ludger Wößmann, Stefan Bauernschuster und Oliver Falck
(http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,729118,00.html).
46 J.-B. Meyer

Abb. 6.1 Das Social-Media-Angebot ist vielfältig. Unzählige Plattformen mit unterschiedlichsten
thematischen Ausrichtungen bevölkern mittlerweile das Internet. Und praktisch täglich kommen
neue Plattformen hinzu. Bildquelle: Ethority (Abdruck mit freundlicher Genehmigung)

Danach führt der „Internetzugang unter anderem dazu, dass Menschen sich
politisch und ehrenamtlich mehr engagieren, mehr Freunde haben und messbar
häufiger Theater, Kino, Konzerte, Bars und Sportveranstaltungen besuchen“, zitiert
der Spiegel die Autoren. Diese betonen, was für Web-Nutzer immer schon eine
Binsenweisheit ist: Onliner seien vernetzter und oft auch informierter – „und sie
sind Kommunikationsjunkies.“
Diese Aussage hätte auch ein „Kommunikationsjunkie“ wie Lena treffen können.
Wie vorteilhaft und zeitökonomisch heute Wissen aus dem Internet eingesammelt
werden kann, beschreibt sie in ihrem Blog: Ihre Informationen beschafft sie sich
täglich via Feedreader. Das sind Softwareprogramme, die aus vom Benutzer zu
bestimmenden Quellen (etwa von Nachrichtenseiten, Blogs, Foren) Schlagzeilen zu
ebenfalls vorgewählten Themen zusammensuchen mit einem Link (Online-Verweis)
6 Über die Veränderung der Medienwelt 47

auf den Originalartikel. Lenas Informationsaggregator füttert sie aus 69 Quellen mit
Neuigkeiten. Die Themen sind weit gestreut von „Wirtschafts- und Politikthemen
bis zu Medienkritik, Meinungen und Kultur“. Nicht alles liest sie komplett, manches
überfliegt sie. „Gegebenenfalls kommentiere“ sie Einträge.
Lenas Streitpose mag manchen Old-School-Medien in Maßen selbstgefällig
erscheinen. Sie ist in der Substanz aber wichtig. Denn sie beleuchtet das Informa-
tionsverhalten einer Generation, die selbstbewusst von sich sagt: „Vergesst nicht:
Leutchen wie ich sind eure (Nicht)Leser der Zukunft.“

Medien verlieren die Bedeutungshoheit

Die Aussagen der Bloggerin bergen auch insofern Sprengstoff, als sie – „gegebenen-
falls kommentiere ich“ – mittelfristig die Deutungshoheit von den angestammten
Meinungsträgern weg auf eine Gesamtheit von Sprechern im Internet verlagern
dürfte. Diese Abwanderungsbewegung hinaus aus den Redaktionsbüros hinein ins
Web und von dort in die Wohnungen zigtausender und Millionen von Privatperso-
nen bedeutet für die herkömmlichen Medien schlicht einen Macht- und damit
möglicherweise auch Bedeutungsverlust.
Hierin könnte ein Grund zu sehen sein, warum Medienmacher übelgelaunt auf
die Kommunikationsoffensive der – wie Internetpionier Jaron Lanier sie nennt –
Schwarmintelligenz der Blogger, Twitterer und Forenbetreiber reagieren. Es kön-
nte sich aber rächen, wenn Verleger sich eine Meinung zueigen machen, wie
sie der Schweizer Michael Ringier (Blick, Cicero) auf den im November 2010
abgehaltenen Zeitschriftentagen in Berlin zum Besten gab: Er halte von originären
Internet-Inhalten nichts. Eine Schwarmintelligenz gebe es nicht, sondern lediglich
den „digitalen Mob“.
Diese Einschätzung dürfte sich als fataler Fehler erweisen. Es ist kein Gerin-
gerer als die Reporterlegende Seymour Hersh, der das Hohe Lied auf das Internet
singt, auf Blogs und Twitter etc. als Recherchewerkzeug. Der Pulitzerpreisträger
wurde berühmt wegen seiner Enthüllungen der Massaker im vietnamesischen My
Lai (1969), er veröffentlichte den Skandal um die Folterungen im irakischen Abu-
Ghuraib-Gefängnis (2004). Ausgerechnet dieses journalistische Urgestein erweist
sich als vehementer Befürworter der neuen Informations- und Kommunikations-
welt.
Auf dem 1. Leipziger Medienkongress sagte Hersh der Presseagentur dpa, die
Explosion der Medien sei kompliziert, aber gut. Für investigative Journalisten sei
das Internet, seien Plattformen wie Twitter oder Blogs eine große Errungenschaft.
„Je mehr du über eine Sache weißt, desto besser kannst du dir eine Meinung bilden“,
sagte er. Hersh verhehlt nicht, dass das Internet für Medienvertreter auch eine große
Gefahr birgt. Journalisten könnten heutzutage „viel mehr Informationen erhalten,
die sie in die Irre führen.“ Hier stellen sich ganz neue Herausforderungen für Journa-
listen. Recherchen, so der Doyen der Reportergilde, werden durch das Internet nicht
leichter. Der große Vorteil aber sei, dass das Web – zumindest heute noch – frei ist
und von niemandem kontrolliert wird.
48 J.-B. Meyer

Wikileaks: Alte Medien sind düpiert


Genau in diesem unkontrollierten Freiraum sieht der langjährige Autor für die
New York Times auch einen wesentlichen Vorteil für die Internetplattform Wiki-
Leaks. Die Enthüllungs-Website sorgt als Träger von Informationen fernab der
herkömmlichen Medienwelt seit geraumer Zeit für hohe öffentliche Aufmerk-
samkeit. Die sukzessive Publikation von rund 250.000 als geheim eingestuften
US-Diplomatendepeschen ab Ende November 2010 bedeutet eine neue Dimension
in der Offenlegung von Informationen. Bislang waren derlei Sensationsgeschichten
das Geschäft der angestammten Medien. Das ändert sich mit WikiLeaks geradezu
dramatisch.
Wer verfolgt hat, wie bereits Tage vor der tatsächlichen Veröffentlichung der
ersten Serie von geheimen Dokumenten die gesamte Medienlandschaft heftig
spekulierte über die anzunehmenden brisanten Inhalte, der kann ermessen, welche
internationale Bedeutung die Whistleblower-Plattform mittlerweile erlangt hat –
vorbei an den herkömmlichen Medien. Entsprechend humorlos reagierten die auf
den Scoop. Fast schon beleidigt hörte sich der Kommentar der Süddeutschen Zei-
tung an. Sie konzedierte zwar, es sei „richtig, sich der Geheimniskrämerei von
Behörden zu widersetzen. Wenn Medien dies tun, können sie filtern, einordnen,
Persönlichkeitsrechte schützen. Wenn WikiLeaks Rohmaterial in diesen Mengen
ins Internet stellt, fehlen solche Garantien.“
Wenig entspannt reagierte auch die Frankfurter Rundschau. Die Offenlegung
eines Geheimnisses sei „kein Wert an sich“. O-Ton der sonst gegenüber den Mäch-
tigen der Gesellschaft nicht so zimperlichen Frankfurter Gazette: „Das Siegel der
Verschwiegenheit bricht WikiLeaks offenbar auch bei Korrespondenzen, die aus
nachvollziehbarem Grund geheim bleiben sollten.“ Es gebe, so die FR, Dinge, „die
der Geheimhaltung unterliegen müssen.“ Dieser Schulterschluss eines unabhän-
gigen Mediums mit politischen Organen kannte man bis dato eher nicht.
Dabei kooperierten die Plattformbetreiber bei der Veröffentlichung der Doku-
mente mit den weltweit angesehenen Publikationsorganen New York Times, dem
Londoner Guardian, der Pariser Le Monde, dem Madrider El País und dem Spie-
gel. Sie ließen also sehr wohl journalistische Experten filtern und einordnen. Die
Reaktion zeigt, wie irritiert hergebrachte Medien auf den Verlust von Deutungs-
hoheit und (Ein-)Ordnungsmacht reagieren.

Brechts Medientheorie nimmt das Internet voraus

Geschickter argumentierte da die Tageszeitung. WikiLeaks habe erkannt, „dass es


dem interessierten Zeitgenossen wenig hilft, wenn er oder sie mehrere hundert-
tausend Dokumente vorgesetzt bekommt.“ Erst die Auswahl und Aufbereitung
der Papiere mache diese auch lesbar. Dann kommt die Volte: „Erst die Arbeit
6 Über die Veränderung der Medienwelt 49

von Journalisten macht damit auch den Erfolg von WikiLeaks aus. So viel zum
angeblichen Bedeutungsverlust der Presse im Zeitalter des Internets.“
Aufmerksame Medienkonsumenten werden hier allerdings auch die teils beck-
messernde Art der Berichterstattung in der Causa WikiLeaks zur Kenntnis nehmen.
So hatte sich etwa die Süddeutsche Zeitung in einem Beitrag über die Veröf-
fentlichungspraxis des "Spiegel" darüber verbreitet, wie das Politmagazin die
Depesche zum deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel behandelte. Das Origi-
nalzitat „odd choice“ hätte die Hamburger Gazette falsch mit „schräge Wahl“
übersetzt. Der Internet-Übersetzungsdienst Leo biete für „odd“ deutsche Entspre-
chungen wie „seltsam“, „skurril“, „sonderbar“, aber jedenfalls nicht „schräg“ an.
Man kann sich fragen, ob die SZ sich und den Medien einen Bärendienst erwiesen
hat. Denn sie stellt mit dieser Schelte genau die Kompetenz der Medien in Frage,
die der vierten Gewalt im Staat ja zugute gehalten wird: Unvoreingenommene, neu-
trale Sichtung und Gewichtung der Informationen, die den Lesern die Welt erklären
sollen. Vor diesem Hintergrund kann man Blogger wie Lena verstehen, die das
Auslese- und Sortierverfahren von Informationen nun selbst in die Hand nehmen
wollen.
Tatsache ist jedenfalls, dass keine der etablierten Print-, Fernseh- oder Rund-
funkmedien die Enthüllungen – über deren teils boulevardesken Charakter man
sicher streiten kann – selbst aufdeckten. Vielmehr war es ein Gewächs des Internet-
Zeitalters, das (noch) im „unkontrollierten Freiraum“ agieren kann und sich kaum
Gedanken um Parteibücher, Proporzdenken und die Abhängigkeit von Anzeigen-
kunden machen muss. Die polnische Gazeta Wyborcza, die der Spiegel Online
zitiert, brachte es denn auch auf den Punkt: „WikiLeaks hat innerhalb eines Tages
mehr erreicht als alle radikallinken und pazifistischen oder einfach systemfeind-
lichen US-Organisationen zusammen in den vergangenen 50 Jahren.“
Interessanterweise hat bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts Bertolt
Brecht in seinen Radiotheorien (unter anderem etwa in „Der Rundfunk als Kommu-
nikationsapparat“ in Gesammelte Werke in 20 Bänden, Band 18, Seite 127-134)
ein Kommunikationsverständnis für das Medium Radio entwickelt, das sich auf die
heutigen Verhältnisse des Internet nahtlos übertragen lässt. Brecht räsoniert: „Der
Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu
verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsappa-
rat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es,
wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also
den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu
isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“
Brechts Überlegungen lesen sich wie eine Ohrfeige an damalige und heutige
Medienmacher. Nicht nur senden bei der Nachrichten- und Wissensverbreitung,
sondern vielmehr auch hinhören, was die versammelte Intelligenz im Web an
Informationen beizusteuern hat, und diese zusätzlichen Erkenntnisse in die Bericht-
erstattung einfließen zu lassen – das wäre die Aufgabe, die heutige Medienvertreter
zu leisten haben.
50 J.-B. Meyer

An vorderster Front des Wandels


Einige der prominentesten Medienverantwortlichen haben die Zeichen der Zeit
allerdings erkannt. Nicht von ungefähr rät die Präsidentin und Vorstandsvorsitzende
der New York Times Company, Janet Robinson, dazu, die neuen Kommunika-
tionsplattformen des Internet intensiv zu nutzen. In einem Interview mit der
Süddeutschen Zeitung vom 14. Oktober 2010 sagt die oberste Chefin des US-
Medienkonzerns: „Ich lese Blogs und nutze Twitter, Facebook und Foursquare. Ich
bin der Meinung, dass jeder, der in der Medienbranche aktiv ist, ganz egal, ob in
einer Redaktion oder auf betriebswirtschaftlicher Seite, gut daran tut, sich an der
vordersten Front des Wandels zu bewegen.“
Mit News.me, einem Nachrichtenangebot, das Lesern auf deren Interessen
zugeschnittene personalisierte Informationen anbietet, will die New York Times
in Kooperation mit Betaworks seinen Kunden eine andere News-Offerte machen.
Hierzu analysiert das Medienhaus, so Robinson im SZ-Gespräch, „die Interessen,
Kontakte und das Verhalten der Nutzer“. Das solchermaßen individuell zugeschnit-
tene Nachrichtenangebot für Leser soll „intuitiv ihre Vorlieben abbilden“. News.me
wird seinen Lesern also genau das bieten, was Bloggerin Lena auf ihrer Homepage
fordert: „Wie wäre es mit einer individualisierten Zeitung?“

Der Leser als Informationslieferant

Die Veränderung der Medienwelt wird es fast zwangsläufig auch mit sich bringen,
dass die Medienunternehmen nicht nur individualisierte Inhalte für ihre Leser anbi-
eten. Vielmehr werden sie diese auch in den Prozess der Gewinnung von Inhalten
einbinden. Das Konzept der Leserjournalisten ist dabei mittlerweile nicht mehr neu.
Und es stößt – zumindest heute noch – an Grenzen. So dürften nur die allerwenigs-
ten Blogger trotz der Lobos und Niggemeiers dieser Welt schon eine Stellung im
Medienbetrieb haben – und den Apparat und das Renommee eines Medienhauses
nutzen können –, um gegenüber den Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft
oder Kultur antreten zu können.
Noch besitzt die überwiegende Mehrheit der Forenbetreiber, Twitterer oder Blog-
ger nicht die Visibilität und Glaubwürdigkeit zumindest solcher Journalisten, die
ein starkes Rückgrat haben sollten, weil sie als Repräsentanten etablierter Quali-
tätsmedien auftreten können. Unbeirrte Interviews, wie sie beispielsweise Jeremy
Paxman führt, scheinen – zumindest heute noch – nur denkbar, wenn ein Redak-
teur eine Medienfestung wie die BBC als Stütze besitzt. Paxman hatte 1997 ein
journalistisches Lehrstück abgeliefert, als er den konservativen britischen Innen-
minister Michael Howard in der BBC-Fernsehsendung „Newsnight“ in knapp zwei
Minuten zwölf Mal mit exakt der gleichen Frage anging („Did you threaten to over-
rule him?“). Howard antwortete zwölf Mal wachsweich nicht. Angeblich sollen
sich Politiker in der Folge mit professionellen Coaches auf Interviews mit Paxman
vorbereitet haben.
6 Über die Veränderung der Medienwelt 51

Dieses Beispiel ist auch insofern von Interesse, weil es die Möglichkeiten des
WWW als umfassende Recherchemöglichkeit aufzeigt – ein Beleg für die These
von Hersh. So bietet Google beispielsweise unter dem Stichwort Jeremy Paxman
rund 154.000 Treffer an. Auf Wikipedia kann sich der Leser über den britischen
Journalisten informieren. Im Web werden einem Tausende von Links angeboten, die
flankierende Informationen zu der Person des BBC-Manns liefern. Auf der Internet-
Videoplattform Youtube, die heutzutage völlig selbstverständlich von jedermann
als Recherche- wie Unterhaltungsmedium genutzt wird, kann der Paxman-Howard-
Schlagabtausch auch nach 13 Jahren noch verfolgt werden (http://www.youtube.
com/watch?v=Uwlsd8RAoqI).

Wie Zeitungen soziale Medien nutzen können

Nun kann man mit Fug und Recht sagen, dass nicht nur Blogger oder Twitterer, son-
dern auch die allermeisten Journalisten nicht die Persönlichkeit und Standfestigkeit
besitzen, eine Person des öffentlichen Interesses dermaßen zu grillen. Auch ist es
wohl denkbar, dass sich mittelfristig besonders prononcierte Teilnehmer in sozialen
Netzen eine prominente Stellung im Medienbetrieb erarbeiten, deretwegen sie auch
von einer breiteren und auch Offline-Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Gilt es aber, über die Bedeutung der Schwarmintelligenz-Beiträge für etablierte
Medien zu diskutieren, sind diese Überlegungen nicht so wesentlich. Deren Bei-
trag zur schönen neuen Medienwelt weiß die Autorin Lauren Fisher auf „The Next
Web“ zu erklären. The Next Web ist eine Newssite, die Autoren von überall in
der Welt versammelt, und die ihre Technikblogs bezeichnenderweise als „glocal“
(einem Kunstwort aus global und local) definieren. In ihrem Beitrag erörtert die
Autorin, wie Zeitungen soziale Medien nutzen sollten.
Publikationen, die in unterschiedlichen Regionen eines Landes ein Netz von
Bloggern aufbauen würden, könnten so große Potenziale ausschöpfen. Dieses
Heer von Autoren sei nämlich in der Lage, in Echtzeit vielfältigste Informationen
über lokale Ereignisse zu generieren. Auf diese Weise würden sich zwei Aspekte
ergänzen, die wesentlich für die Gewinnung von Informationen sind: Unter dem
Schirm einerseits einer anerkannten Institution – der Online-Präsenz einer glaub-
würdigen Zeitung – erhalten andererseits Autoren vor Ort einen Kanal für ihre
aktuellen Geschichten. Traditionell operierende Medien, die sich lediglich auf ihr
Netz von Journalisten verlassen, riskieren mit dieser Beschränkung auf Dauer,
nicht mehr schnell genug aktuelle Informationen veröffentlichen zu können, glaubt
Fisher.

„Ich seh schon Tote“


Fishers Ansicht ist nachvollziehbar. Dies lässt sich an einem Beispiel aus
Deutschland aufzeigen: Als im Vorfeld der Duisburger Loveparade das Internet-
Nachrichtenportal „DerWesten“ am 21. Juli 2010 über die Beschaffenheit des
52 J.-B. Meyer

Veranstaltungsgeländes und dessen Zugangswege berichtete („Bloß nicht in


Flip-Flops zur Loveparade“), meldeten sich umgehend diverse ortskundige Blogger
zu Wort. So schrieb ein erster Kommentator: „Ich bin kein Nörgler, eigentlich, aber
was sich Veranstalter und Stadt hier erlauben ist eine gefährliche Frechheit. Eine
Örtlichkeit zur Verfügung zu stellen, die maximal 350.000 Leute aufnehmen kann
obwohl man ahnt, dass ca. 800.000 Leute kommen werden, wird die Stimmung
kippen lassen.“ Weiter postete er: „Man stelle sich bitte 400.000 Menschen vor,
die rund um den Gelben Bogen vergeblich Einlass begehren. Wahnsinn. Ich tippe
auf eine krasse Eskalation mit gesperrten Gleisen, Menschen auf der Autobahn,
verwüstete Gärten und Häuser etc.“ Nur wenige Stunden später meldete sich ein
„Klotsche“ zu Wort: „Sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 Million Menschen
über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 klei-
nen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also in meinen
Augen ist das ne Falle.“ Sein weiterer Kommentar sollte sich später auf fürchterliche
Weise bewahrheiten: „Ich seh schon Tote wenn nach der Abschlusskundgebung Alle
auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen.“
Zynisch könnte man ins Feld führen, dass das Nachrichtenportal „DerWes-
ten“ nach eigenem Bekunden selten solchen Zulauf (Page Impressions) hatte wie
seinerzeit im Juli. Das tragische Beispiel zeigt, wie Medienhäuser heute die ver-
sammelte Präsenz und Intelligenz der Internet-Bevölkerung nutzen könnten, um
Informationen zu recherchieren, zu prüfen und zu gewinnen.

Twitter oder die Informationslawine


Medienvertreter, die die neuen Informationskanäle des Internet als nachrichten-
ferne und medial nicht ernstzunehmende Plattformen einschätzen, sind auf dem
Holzweg, sagt auch der Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, den der Medien-
dienst „Meedia“ zitiert. Rusbridger erörtert in seinem Blog, warum Verlage und
Zeitungshäuser beispielsweise ein soziales Medium wie Twitter unbedingt nutzen
sollten.
Für Rusbridger ist der Microblogging-Dienst ein hervorragendes Vehikel, um
Ideen und Inhalte schnell zu verbreiten. Wer die Nase rümpft über die maximal
140 Zeichen kurzen Bonsai-Informationen, der verkenne, dass viele Tweets deshalb
so gut sind, weil sie zwar lediglich aus Links bestehen, die aber auf inhaltsreiche
Seiten verweisen. Als Tweet bezeichnet man eine Botschaft, die der Twitterer über
den Nachrichtendienst sendet.
Der Guardian-Chefredakteur erklärt, viele Ereignisse in der Welt würden allein
deshalb als erste via Twitter bekannt, weil Abermillionen von Menschen ständig
jedes Gerücht aufgreifen und sofort ventilieren. Als Chesley B. Sullenberger, der
Pilot des Airbus 320 der amerikanischen Fluglinie US Airways, Flug 1549, am 15.
Januar 2009 zwei Minuten nach dem Start in New York auf dem Hudson notlandete,
war es ein Twittereintrag samt Foto, der von dem „Wunder vom Hudson River“
(CNN) als erster berichtete.
Rusbridger sagt, viele der besten Reporter nutzten Twitter, um Informationen
zu sammeln. So würden professionelle Journalisten den Microblogging-Dienst
6 Über die Veränderung der Medienwelt 53

heranziehen, um beispielsweise Zeugen zu finden, die ein Ereignis zur richtigen Zeit
am richtigen Ort erlebt haben. Twitter biete zudem etwas, was sonst kein Medium
der Welt schafft: Will ein Journalist auf einen Artikel hinweisen, kann er alle seine
Follower (das sind solche Leser, die die Beiträge des Twitterers abonniert haben)
darüber in Kenntnis setzen. Wenn die seine Information weitergeben (retweeten),
kann schnell eine Informationslawine losbrechen. Rusbridger kokettiert damit, er
habe „nur“ 18.500 Follower. Würde er aber von seinem Kolumnisten Charlie
Brooker geretweeted, erreiche er auf einen Schlag 200.000 Twitter-Konsumenten.
Twitter ebnet zudem Hierarchien ein. Der Guardian-Chef vertritt die These, auch
ein völlig Unbekannter schaffe es, ein großes Publikum anzusprechen. Sicher wür-
den prominente Namen anfangs Leser locken: „Aber wer nichts zu sagen hat, spricht
bald ins Leere.“ Hier weiß sich Rusbriger einig mit Bertolt Brecht, der in seiner
Medientheorie über nichts sagende Lautsprecher ätzte: „Ein Mann, der was zu sagen
hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran,
die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.“
Der neue Informationskanal ist auch ein gutes Mittel, die Relevanz von Themen
einzuschätzen. Was ein Redakteur, eine Redaktion für wichtig erachtet, muss tau-
sende Twitter-Nutzer noch lange nicht interessieren. Rusbridger: „Natürlich können
wir als Journalisten das ignorieren. Aber sollten wir das?“
Twitter ist darüber hinaus nicht einfach ein „Stream of Consciousness“. Hat
sich das Interesse einer Twittergemeinde erst einmal an einem Thema entfacht,
verfolgt es dieses noch „lange nachdem die Karawane von professionellen Journa-
listen bereits weitergezogen ist.“ Das hängt auch damit zusammen, dass sich in
dem Mikroblogging-Dienst Gemeinschaften (Communities) zusammenfinden, die
ähnliche Interessen verfolgen.

Twitter-Bomben und andere Manipulationen


Aber natürlich gibt es auch die Kehrseite der schönen neuen Medienwelt. Wie hatte
New-York-Times-Autor Seymour Hersh gesagt? Journalisten könnten heutzutage
via Internet „viel mehr Informationen erhalten, die sie in die Irre führen.“ Genau
diese Gefahr haben Forscher am Beispiel Twitter aufgezeigt. Mittels so genann-
ter Twitter-Bomben ist in den USA bereits versucht worden, Senatoren-Wahlen zu
beeinflussen.
Die Wissenschaftler Panagiotis Metaxas und Eni Mustafaraj vom Wellesley Col-
lege wiesen in ihrer Untersuchung „From Obscurity to Prominence in Minutes:
Political Speech and Real-Time Search“ vom April 2010 (http://journal.webscience.
org/317/) nach, dass im US-Bundesstaat Massachusetts Anfang 2010 bei der Wahl
des Nachfolgers für den verstorbenen Senator Edward Kennedy eine Twitter-Bombe
das Wahlergebnis manipulieren sollte. Anonym Gebliebene stellten vor der Wahl
eine Schmäh-Website gegen die demokratische Kandidatin Martha Coakley ins
Netz. Über mehrere Twitter-Konten wurden dann in kurzer Folge und automatisiert
Tweets und Retweets zu dieser Website produziert.
54 J.-B. Meyer

Der Fall brachte Wissenschaftler an der University of Indiana auf die Idee, das
Truthy-Projekt zu gründen, um solche Manipulationsversuche systematisch auf-
zudecken. Die Bezeichnung truthy stammt dabei von dem TV-Komiker Stephen
Colbert. Der meinte, in Wahlkämpfen ginge es nicht um die Wahrheit („truth“). Viel-
mehr würde es reichen, wenn sich Argumente und Behauptungen „wahr anfühlen“,
also truthy seien.
Die Twitter-Manipulationen betitelt man nach einem in den USA bekannten
Kunstrasen mit Astroturfing – einem Geläuf also, das eben kein echter Rasen ist.
Twitter-Bomben dienen analog dazu, eine angeblich vorherrschende Stimmung im
Internet vorzugaukeln.

Kleinere Realitätsbeschönigungen

Wie massiv im Internet um die Meinungshoheit gerungen wird und welche Tricks
dabei angewandt werden, derer sich Internetkonsumenten – und damit auch Journa-
listen bei der Recherche – gewahr sein müssen, belegen Beispiele aus der jüngeren
Vergangenheit.
Mit euphorischen Kommentaren auf Amazon hatte etwa Helmut Hoffer von
Ankershoffen, der mittlerweile demissionierte Geschäftsführer der WeTab GmbH,
unter zwei Pseudonymen seinen Tablet-PC über den grünen Klee gelobt. Das als
Konkurrenzprodukt zu Apples iPad gedachte Gerät fand sonst aber nur Kritiker,
was den Argwohn über die Meinungsäußerungen erst recht nährte. Es war dann der
Blogger Richard Gutjahr, der die Amazon-Besprechungen auf die Nutzerkonten des
WeTab-Chefs und seiner Frau zurückführte.
Wie man als Unternehmen seinen Ruf im Internet nachhaltig beschädigen kann,
bewies die Deutsche Bahn im Frühjahr 2010. Das Transportunternehmen beauf-
tragte Marketing-Agenturen (hier: Allendorf Media), fingierte Kundenmeinungen in
Foren und Blogs zu verfassen. Erfundene Internetnutzer gaben positive Kommentare
zur Deutschen Bahn ab. Sie formulierten Leserbriefe, auch luden sie Videos auf die
Youtube-Plattform. Zu sehen waren Straßenumfragen zum Thema Deutsche Bahn,
die nur einen Nachteil hatten: Sie waren getürkt. Die Imagekampagne schlug in ein
PR-Desaster um, als publik wurde, dass alle diese Äußerungen von der Deutschen
Bahn finanziert worden waren – immerhin mit insgesamt 1,3 Millionen Euro. Der
deutsche Rat für Public Relations rügte das ehemalige Staatsunternehmen. Es habe
Forderungen wie Transparenz und Redlichkeit in der Öffentlichkeitsarbeit gröblich
missachtet.
Die Beispiele zeigen, wie vorsichtig man sich als Medienvertreter bei der
Recherche im Internet und bei seiner Nutzung als Informationskanal bewegen muss.

Blogger contra Unternehmen

Aber es gibt auch Gegenbeispiele wie das des Bloggers John Aravosis. Wenn
auch Twitterer, Forenbetreiber und Blogger sicherlich noch nicht die Prominenz
und Gewichtigkeit vom Zuschnitt eines BBC-Mannes wie Paxman haben, so
6 Über die Veränderung der Medienwelt 55

sollte man deren Einfluss und Öffentlichkeitswirkung nicht unterschätzen. Aravo-


sis deckte Bildretuschen auf, die sich der Ölkonzern BP in der Hochzeit der von
dem Unternehmen verschuldeten Ölpest im Golf von Mexiko erlaubte. Auf einem
manipulierten Foto der Schaltzentrale in Houston, von der aus die Ölpest überwacht
wurde, präsentierte BP der Öffentlichkeit Kontrollmonitore. Auf einige der Dis-
plays waren nachträglich Inhalte appliziert worden. Zum Zeitpunkt der Aufnahme
waren die Monitore nämlich gar nicht eingeschaltet. Nachdem Blogger Aravosis den
Betrug aufdeckte, musste BP-Sprecher Scott Dean einräumen, dass ein Fotograf des
Konzerns mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop nachgeholfen und Bilder
der Katastrophe vom Meeresgrund auf abgeschaltete Kontrolldisplays retuschiert
hatte. Aravosis hatte seine Analysen auf seinem Americablog (http://americablog.
com) veröffentlicht.

Kleine Liste der Informationsquellen

Blogs sind mittlerweile ein flächendeckend verbreitetes Kommunikationsmittel


auch hierzulande. Der Mediendienst Meedia hat einmal eine hilfreiche Aufstellung
der Web-Szene gemacht.
In den „Deutsche Blogcharts“ werden wöchentlich die 100 wichtigsten Blogs
in Deutschland aufgeführt. Ebenfalls eine Rangfolge erstellt das „Wikio-Blog-
Ranking“. Hier wird nach Kategorien wie Politik, Medien, Mode oder High-Tech
sortiert. Interessant ist auch „Rivva“. Rivva gewährt eine Übersicht über die
deutschsprachige Blog- und Online-Medienlandschaft. Eine Suchmaschine sam-
melt zu unterschiedlichen Themen Beiträge und stellt hiermit rund um die Uhr
eine aktuelle Nachrichtenseite zusammen. Hier kann man auch sehen, wer in den
vergangenen drei Monaten die meisten Titelgeschichten beisteuerte.
Wer sich über die Bloggerszene selbst umfassend informieren will, ist darüber
hinaus bei „Blogoscoop“ gut aufgehoben. Bloggoscoop behält den Überblick über
mehr als 10.000 registrierte Blogs und liefert hierzu vielfältiges Zahlenmaterial.
Ähnliches gilt für „Bloggingportal.eu“ auf europäischer Ebene.
Für den Microblogging-Dienst Twitter funktioniert „Topsy – A search engine
powered by tweets“ wie Google für das Internet, schreibt Meedia. Nomen est omen:
„Twitter Trends“ zeigt, welche Themen bei Zwitscherern gerade en vogue sind.
Google bietet ebenfalls mit „Google Blog-Suche“ eine auf Blogs zugeschnittene
Suchoption an.

Wie ignorant dürfen Journalisten sein?

Diese kleine Auflistung ist naturgemäß lediglich ein Auszug aus dem überbor-
denden Angebot an Such- und Informationsquellen im Internet und beschränkt auf
wenige soziale Medien. Für Journalisten sind diese Anlaufpunkte im weltweiten
Netz nichtsdestoweniger eine sprudelnde Quelle für die Recherche. Das gilt für
56 J.-B. Meyer

Google. Das trifft auf Facebook und Xing zu. Das hat seine Gültigkeit für Foren –
mehr oder weniger mithin für alle Kommunikationskanäle des Internet. Man muss
sie nur intelligent zu handhaben wissen.
Das Internet war, als es am 6. August 1991 für eine Weltöffentlichkeit aus der
Taufe gehoben wurde, sicherlich nur ein „Distributionsapparat“. Es ist längst ein
„Kommunikationsapparat“. Das Web hat wie jede Technik seine Schwächen. Derer
muss man sich – frei nach Seymour Hersh – bewusst sein. Medien, die das World
Wide Web richtig für sich nutzen, werden es zum „großartigsten Kommunikations-
apparat des öffentlichen Lebens“ umfunktionieren. Sie werden in ungeahntem
Maße, weit mehr als sich Brecht das vor über 80 Jahren vorstellen konnte, die
Medienkonsumenten „sprechen machen“, „nicht isolieren“, sondern nutzbringend
„in Beziehung setzen“. Zu sich selbst und zur Öffentlichkeit.
Wie sagte der Guardian-Chef Rusbridger: „Natürlich können wir als Journalisten
das ignorieren. Aber sollten wir das?“

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