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KAFKA, FREUD, HUSSERL: PROBLEME EINER GENERATION

Author(s): PETER DEMETZ


Source: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Vol. 7, No. 1 (1955), pp. 59-69
Published by: Brill
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/23894761
Accessed: 02-06-2017 13:28 UTC

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Kafka, Freud, Husserl: Probleme einer Generation 59

KAFKA, FREUD, HUSSERL:


PROBLEME EINER GENERATION
PETER DEMETZ

In der neuesten Kritik und Geschichtsschreibung der deutsche


ratur hat sich die problematische Sitte eingebürgert, Franz Ka
unerklärlichen Meteor zu beschreiben. Weißglühend in schöpfe
Intensität, geheimnisvoll wie eine chiffrierte Botschaft aus einer
baren Welt, unmenschlich in seiner Dichte und Fremdheit biet
seine Leistung den staunenden Astronomen der Literatur da
Ahasver bis Kierkegaard sind alle Analogien der Einsamkeit, de
lassenheit, der allzu oft zitierten Geworfenheit aufgeboten, um
unfaßbar-einmalige Paradox seiner Arbeit darzustellen. So r
existentielle Interpretation das Werk Kafkas als Symbol mensc
Verlorenheit dargestellt hat, so wenig Gerechtigkeit hat sie dem
ter Kafka widerfahren lassen. Sie hat ihn aus Raum und Traditio
deutschen Sprache herausgehoben; sie hat den radikal Anderen
Wachstum der europäischen Literatur getrennt; sie hat die mo
Geistesgeschichte eines entscheidenden Elementes beraubt. War
auch Kafka ein Geschöpf der Tradition, ein Genosse seiner Gener
Ist nicht auch sein Werk der Ort, wo das dialektische Wechselsp
Geschichte und individuellem Geist faßbar hervortritt? Und, so
wir weiter, wäre eine abermalige Einordnung seiner Existen
Arbeit in Tradition und besonderen historischen Augenblick
fruchtbar für die Deutung übergreifender kulturmorphologisch
sammenhänge?
Franz Kafkas Namen führt unmittelbar in die Traditionen sein
Herkunft. In den Augen der deutschen und tschechischen Einw
Böhmens und Mährens waren die Juden jahrhundertelang Wesen
Namen; erst das kaiserliche Dekret von 1788 ordnete zum Nutzen
aufgeklärten Staates an, alle jüdischen Familienväter hätten
Namen zu wählen und die alten Bezeichnungen „hebräisch oder
dem Ort, wo einer wohnte"1' aufzugeben. Einer der Vorfahren
Kafkas wählte ein tschechisches Wort. Hatte er k a ν k a (tschec
le) als Schimpfruf aus dem Munde jener tschechischen Nachbar
hört, denen sich das Bild der einförmigen schwarzen Judentracht un
geßlich eingeprägt haben mußte? Diese Namenlosen, die ers
Josefinismus zu Personen erhob, zählten zu den Alteingesessen
Landes. Im Jahre 903 erklärte die Raffelstädter Urkunde
et ceteri mercatores steuerpflichtig8'; schon 997, unter
0 Adolf Stern: Geschichte der Juden in Böhmen, Brünn 1904, 106.
s) A. S t e r η, a. a. Ο., 3.

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60 PETER DEMETZ

Spytihnëv II., einem der toler


errichtete man die erste S
Kafka noch nach fast einem
fragen würde. Durch die Sc
wege nach dem Orient und d
Route3', wurde Prag, ähnlich
schen Handels zwischen Persi
wurde das Dasein der jüdisc
durch die gleichen Elemente
rungen formten die intelle
meinden in Prag, Brünn, Olm
setze, die gleichen Verfolgu
Clans über das Land verzwe
Was die königlichen Privileg
gen. Premysl Otokar ließ
ren; Karl IV. die erweiterte Magna Chartajudaeorum, die
die servi camerae unter besonderen Schutz des königlichen
Hofes stellte. Aber schon um die Mitte des 11. Jahrhunderts verwies die
erste Verfolgung die Juden ihrer Gemeinden; das Zeitalter der Kreuz
züge und des schwarzen Todes steigerte den Terror, der sich erst im
Zeitalter des Barock für wenige Jahrzehnte beruhigte. Noch einmal,
unter Maria Theresia, wurden die Juden des Landes verwiesen; erst
Maria Theresias Sohn, in logisch-kühler Applikation aufklärerischer
Ideen, erklärte die Juden zu Bürgern und Subjekten der österreichi
schen Bürokratie.

Mit dem Erwachen des österreichischen Liberalismus, der die Refor


men des Josefinismus vollendete, begann die Auflösung der religiös
patriarchalischen Landgemeinden in Böhmen und Mähren. Die Revo
lution öffnete das Ghetto; der staatsrechtliche Ausgleich von 1867 mit
dem folgenden Staatsgrundgesetz, der die Bürger der Doppelmonar
chie vor dem Gesetz gleichstellte, vollendete die soziale Emanzipation.4'
Wohl fanden sich die einstigen Bewohner der engen Judengassen
erlöst von jahrhundertealter Erniedrigung; dennoch aber brachte die
neue Freiheit neue unerwartete Probleme mit sich. An Stelle der küm
merlichen Geborgenheit innerhalb der Traditionen des Ghettos trat
eine emanzipierte, aber zerspaltene, eine freie, aber von traditionellen
Werten abgelöste Existenz. Der neue Bürger, der aus dem Ghetto
trat, hatte eine dreifache Entscheidung zu treffen: Sollte er mit dem

3) Uriah Zewi Engelmann : The Rise of the Jew in the Western World,
New York 1944.
4) Herrmann Münch: Böhmische Tragödie, Braunschweig 1949.

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Kafka, Freud, Husserl: Probleme einer Generation 61

Ghetto die alte patriarchalische Welt strenger Religionsübung, in


Geist und Ritus, verlassen und sich der neuen saekulären Welt völlig
anvertrauen? Sollte er, dem Zug des industriellen Jahrhunderts fol
gend, der kleinen Landgemeinde entfliehen und sich in den Zentren
merkantiler Aktivität ansiedeln? Sollte er sich für die deutsche oder
für die tschechische Kultur entscheiden?
An der Grenze zwischen den beiden Völkern der böhmischen Kron
länder fand sich das Judentum mit dem Erwachen des modernen
Nationalismus zwischen zwei Fronten gestellt, deren Haß sich bis zu
den selbstmörderischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts stetig stei
gerte. In früheren Jahrhunderten war der Pöbel in die Ghettos einge
fallen, um, wie es hieß, Hostienschändung zu rächen; nun setzte der
chauvinistische Pöbel beider Nationen an Stelle der Hostienschändung
das modernere Delikt der Sprachschändung. Der erste Streik der tsche
chischen Arbeiter (1844) hatte durchaus antisemitisch-nationale Fär
bung; die Kattundrucker revoltierten nicht nur gegen die Fabrikherren,
sondern gegen Juden deutscher Zunge. Woher die Neigung zur deut
schen Sprache in einem Land zweier Kulturen? Emanzipation und
Deutschtum schienen den Judengemeinden für zwei Jahrhunderte zu
sammen gewirkt zu haben.5' Josef II. hatte zugleich den Gebrauch der
deutschen Sprache und die religiöse Emanzipation diktiert; deutsch
war die Sprache der Gesetze und Kundgebungen des österreichischen
Liberalismus. Dennoch war diese Allianz von kurzer Dauer: Mit dem
Ministerium Taaffe war die kurze Periode des österreichischen Libe
ralismus für immer zu Ende. Der explosive deutsche Nationalismus
antislawischer und antijüdischer Prägung, die Lehren Schönerers, ge
wannen an Einfluß. Unter den Juden begann sich bald die Zahl jener
zu mehren, die sich der tschechischen Majorität des Landes, der anti
feudalen Opposition, anzuvertrauen begannen. So fanden sich die ein
stigen Bewohner des anationalen Ghettos bald in eine deutsche und in
eine tschechische Gruppe gespalten; die einstige einheitliche und autoch
thone jüdische Welt war plötzlich in ein Chaos nationaler Fragen, reli
giöser Entscheidungen, sozialer Probleme verwandelt.
Der Auflösungsprozeß des Ghettos, die fundamentale Erschütterung
des jüdischen Gemeindelebens fand seine Spiegelung sowohl in der
deutschen als auch in der tschechischen Literatur der böhmischen Län
der. Die beiden Literaturen, die das gleiche Thema wiedergaben,
wirkten wie eine Reihe von Doppelspiegeln: das zurückgeworfene Bild
erschien nicht nur in einfacher Kontur, sondern in unendlich mannig
5) Robert Κ a η η : German Speaking Jewry during Austria-Hungary's Consti
tutiona] Era, in Jewish Social Studies, New York 194S, Η. X, 239-256.

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62 PETER DEMETZ

faltiger Wiederholung.6' Nic


gleiche Figur: eine Fülle von
jüdische Autor sein eigenes Sch
in Ablehnung oder Sympath
erste Gruppe jüdischer Autore
der deutschen Sprache bedien
19. Jahrhunderts an.7' Von jen
Jeiteles, der sich Justus Frey n
im „Abituriententag") bis zu
Kuranda (° 1812) und Isidor He
steller ursprünglich Studenten
Möglichkeit öffnete, ihre inte
zuzuwenden. Noch war die Th
begrenzt: jüdisches Leben wur
führt oder aber man verschrie
ralismus. In den Arbeiten
die Auflösung des Ghettos un
zum ersten Male nicht nur als bl
der Zukunft des Judentums b
stalten keinesfalls, um der zag
interessante Figuren eines jüdi
Figuren sind Probleme; er ste
der neuen Bindungslosigkeit,
mit der Freiheit tun? Es ist ei
ihr Abbild findet: neben dem Rabbi des Ghettos steht schon der
moderne Großkaufmann, neben dem alteingesessenen Branntwein
händler der visionäre Palästinafahrer, neben dem wandernden Bettler
der städtische Intellektuelle. Kompert hat seine Anregungen sicherlich
von Auerbach empfangen; über Auerbach aber geht er hinaus in seiner
bohrenden Konzentration auf Fragen, die zwei Generationen später
die Theoretiker des Zionismus beschäftigen werden. Kompert ist kon
servativ aus religiöser Uberzeugung; die neue Freiheit soll, seiner
Meinung nach, den Juden wieder in jene früheste Zeit zurückführen,
da es ihm erlaubt war, ein Handwerk zu betreiben und Grund und

·) Eine Anthologie relevanter Literaturproben in Oskar Donath, Zidé a


zidovstvi ν ceské literature 19. stoleti, Brno 1923, und Derselbe: Böhmische Dorf
juden, Brünn 1926.
7) Details in Rudolf W ο 1 k a η : Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen
und in den Sudetenländern, Augsburg 1926, 57 ff. und in Pavel Ε i s η e r :
Némeckâ literatura na pudë Ceskoslovenska in Ceskoslovenskâ vlastivëda, Praha
1936.
8) P. A m a η η : Leopold Komperts literarische Anfänge in Prager Deutsche
Studien, Bd. 5 (1907).

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Kafka, Freud, Husserl: Probleme einer Generation 63

Boden zu erwerben. Er sieht das jüdische Verhängnis in der zerebralen


Isolation; solange der Jude keine Kommunikation mit der Welt der
einfachen Arbeit, mit Pflug, Spaten und Hammer besitzt, wird er der
outsider bleiben. In Komperts Roman „Am Pflug" ist der Held
der ehemalige Textilhäusierer Rebb Schlome, der ein Stück Acker ge
kauft hat und unter den tschechischen Bauern seines Heimatdorfes
seßhaft geworden ist; in „Böhmische Juden" der Schlosser Trenderl,
der sich durch seiner Hände Arbeit eine Welt erschlossen hat, die
seinen Glaubensgenossen fremd geblieben ist. Komperts Antipathien
gelten jenen Juden, die die Auflösung des Ghettos nur egoistisch ge
braucht haben, um sich von der patriarchalischen Sitte zu lösen, Land
und Landgemeinden zu verlassen, um in der Stadt ihre historische
Isolierung noch durch die Vereinzelung ihrer intellektuellen Energien
zu steigern. Ohne Zweifel ist Kompert hier ein jüdischer Blut- und
Bodenautor, -der manchen Zug mit dem anti-intellektuellen Antisemi
tismus späterer Zeit gemeinsam hat. In der Figur des städtischen Intel
lektuellen Julius Arnsteiner hat Kompert eine Figur entworfen, die
mit den bitteren Karikaturen jüdischer Intellektueller im Werke Karl
Gutzkows zusammenklingt. Es war das Verhängnis Komperts, daß er
unveränderlich an der Vergangenheit der Landgemeinden festhielt.
Am Ende der Epoche des österreichischen Liberalismus war an Stelle
der Landgemeinden schon das zerebrale Ghetto der städtischen Intel
lektuellen getreten; die Welt des jüdischen Bauern war Utopie, die
Welt Franz Kafkas Realität.

Den gleichen Bezirk, den Kompert in deutscher Sprache beschreibt,


umreißt V ο j t ë ch R a k ο u s in seinen tschechischen Erzählungen und
Novellen9'. Rakous, der einer jüngeren Generation angehört, besitzt
weder Komperts Konzentration auf theoretische Probleme noch seinen
historischen Weitblick; er ist vielmehr Darsteller des Details, der leben
digen Gestalt, des charakteristischen Tonfalls der Sprache. Rakous
zeichnet seine Schicksale mit einem behäbig-volkstümlichen Humor,
der mehr als einmal an Jaroslav Hasek's „Abenteuer des Soldaten
Schweik" erinnert. Rakous ist eine Art Hans Sachs des tschechischen
Landjudentums; seine regelmäßig erschienenen Skizzen erfreuten sich
einer ungewöhnlichen Popularität auch unter christlichen Lesern. Seine
Hauptgestalten, der bescheidene Landjude Modehe und seine Ehefrau
Resi, sind — fast ebenso wie Schweik — sprichwörtlich geworden; eine
Generation von böhmischen Landjuden sah zu Modehe und Resi als zu
den eigenen, dichterisch und humorvoll verklärten Abbildern auf.

*) Miroslav Hysek: „Vojtëdi Rakous" in Cesko-zidovsky kalendâr, Praha


1933/34, v. 10.

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Aber auch Rakous entging, t


vielfältige Konflikt nicht, de
landes bestimmte. In seine
polni" (1910; Die Wojkowitzer
mal — zu seiner Zeit, da der
Juden der Landgemeinde dem
über; kein Zweifel, daß in Ra
jude Moses Mendl aus dem t
über die Ränke des Fleischermeisters Lichtenstem aus dem Städtchen
Wojkowitz davontragen mußte.
Komperts und Rakous' Arbeiten sind keinesfalls bloße Darstellungen
interessanter Typen aus dem Totenkabinett früher jüdischer Literatur;
es sind realistische Chroniken einer entscheidenden religiösen und
gesellschaftlichen Umschichtung des Judentums, wie sie nicht nur auf
das Gebiet Österreich-Ungarns beschränkt war. Die Doppelmonarchie
war auch hier in ihrer Entwicklung verspätet; in Westdeutschland
hatte sich der analoge Prozeß fast vier Jahrzehnte früher vollzogen.
Im Westen des deutschen Sprachgebietes war die Erschütterung der
Ghettowelt noch plötzlicher und gewaltsamer. Im Osten konnte sich
die liberale Reform in den feudalen Ländern in einem Augenblick
durchsetzen, da sich Thron und Altar in Bedrängnis fanden; im Westen
war das Vordringen des Liberalismus für mehr als ein entscheidendes
Jahrzehnt mit der Offensive der französischen Revolutionsarmeen und
dem administrativen Diktat Napoleons verbunden. An den einzelnen
Bewohner des Ghettos, der in plötzlicher Erschütterung aus der alten
Welt hinaustrat, waren noch schmerzlichere Anforderungen gestellt als
an seinen Glaubensgenossen im Osten. Hier trat der Jude aus der
Welt des Talmud unmittelbar in eine Atmosphäre, die krampfhaft
erschüttert war von Revolution und Reaktion, von Kant und Hegel,
Goethe und der Romantik.10' Der plötzliche Bruch der Tradition,
der zu höchster Konzentration der intellektuellen Energien auf
reizte, erwies sich im Westen in den Arbeiten von Heinrich
Heine, Karl Marx und Ludwig Börne. Der Dichter, der
Theoretiker, der Kritiker hatten die neue Perspektive gemeinsam,
durch die sie, die noch Fremden und doch schon Entfremdeten,
in die saekuläre Welt blickten. Aber noch ein weiterer Zug zeichnet
die Entwicklung im Westen, der im Osten fehlt. Am Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts, zwischen Revolution und dem Eingreifen
der Heiligen Allianz nach dem Wiener Kongreß, spielte die Frage
.10) Eine übersichtliche Darstellung in Arthur Ε 1 ο e s s e r : Vom Ghetto nach
Europa, Berlin 1936.

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Kafka, Freud, Husserl: Probleme einer Generation 65

nach der formalen Religionszugehörigkeit eine entscheidende Rolle


im Leben der emanzipierten Juden. Für Marx löste das Problem
schon sein Vater, ein erfolgreicher Trierer Rechtsanwalt, der zum
Protestantismus übertrat und seinen Sohn bindungslos in das Stu
dium Hegels entließ; Heine und Börne hatten die Frage für sich
selbst zu beantworten. Heine schwankte zwischen ästhetischer Koket
terie und Gewissensbissen; Börne traf seine Entscheidung mit der
pragmatischen Radikalität des republikanischen Tribunen, dem der
politische Konflikt jeden anderen verdeckt. Für Kafka und seine Gene
ration war der gleiche Konflikt kaum mehr in gleicher Schärfe akut; im
Zeitalter der Industrie und des Chauvinismus war die grundsätzliche
Entscheidung nicht mehr zwischen zwei traditionellen Religionsformen
zu treffen.

Was von jenen Gestalten galt, die kurz nach dem Fall des westdeut
schen Ghettos hervortraten, gilt unter der Wirkung analoger histo
rischer Impulse, im Osten des deutschen Sprachgebietes, von Franz
Kafka, Sigmund Freud und Edmund Husserl. Der
Dichter, der Wissenschaftler und der Metaphysiker gehören zeitlich
und örtlich der gleichen Generation an. Kafka entstammt der Juden
gemeinde Prags, Freud und Husserl wurden in kleinen dörflichen
Gemeinden Mährens geboren, kaum daß ihre Väter den entschei
denden Schritt aus dem Ghetto getan hatten. Edmund Husserl
entstammt der Judengemeinde des mittelmährischen Marktfleckens
Proßnitz, ungefähr halben Weges zwischen der alten Hauptstadt
des Landes und der österreichischen Grenze. Die Proßnitzer Juden
gemeinde11', urkundlich seit 1201 belegt, entwickelte sich dank der
Toleranz ihrer tschechischen Herren, vor allem Jiriz Kravare, zu
einem Asyl des religiösen Nonkonformismus. Zugleich mit flüch
tigen Hussiten fanden hier Juden aus Österreich und Schlesien Auf
nahme, nachdem sie aus ihren Heimatgemeinden vertrieben wor
den waren. Über die Grenzen Mährens war die Judengemeinde be
rühmt durch ihre alte Talmudhochschule, die Rabbinatschüler aus den
umliegenden Provinzen anzog und in strenger theologischer Disziplin
schulte. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde hier die Kabbala eifrig
studiert; die Schule selbst wurde zu einem Sammelpunkt der Anhänger
Sabbatai Zewis. Edmund Husserl steht durch seine Heimatgemeinde
in einer vielfachen theologischen und philosophischen Tradition; den
noch ist es symbolisch für seine Art zu denken, daß er in seinen Wer
ken und Briefen keine Erinnerung an die Traditionen seiner Herkunft
u) J. F r e i m a η η : Geschichte der Judengemeinde in Prossnitz in Jahr
bücher der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft Bd XV, Frankfurt a. M. 1923, 26-58.

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66 PETER DEMETZ

hinterlassen hat. Ein Denken,


änderlichen Gesetzmäßigkeit g
Geschichte.

Uber seine früheste Jugend in


Freiberg (tschechisch: Pribor)
Freud vielerlei Zeugnisse hint
heit elementar zugewandt; F
Gestalten und Erinnerungen i
ten eingefügt. Die Familieng
ristisch für die Migration der
glaubte daran, daß seine Vorfa
provinz nach Litauen und Gali
der großen Westwendung der
nach Mähren einzuwandern.
liensituation vieles mit der
Prag wie in Freiberg entstamm
sierern, die auf dem Lande Felle und Wolle von den Bauern einhan
delten und erst nach der liberalen Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts
ihre bürgerlichen Textilgeschäfte aufbauten; hier wie dort stammt die
Mutter aus den Gelehrtenfamilien berühmter Rabbis, die strenge
intellektuelle Disziplin in die Familienphysiognomie einströmen las
sen. Sigmund Freuds Vater Jakob kannte die bedrängte Situation
deutschsprachiger Juden inmitten des slawischen Gebietes aus eigener
Erfahrung. Die örtliche tschechische Einwohnerschaft, meistens Weber,
war ihm ungünstig gesinnt; zuletzt wurde der soziale Konflikt durch
die Sprachenfrage so gesteigert, daß sich Jakob Freud entschließen
mußte, das national gemischte Mähren zu verlassen und sich in Wien
anzusiedeln. Wie Franz Kafka, so hat auch Sigmund Freud frühen
Kontakt mit der tschechischen Sprache; in seinen Erinnerungen lebt
eine tschechische Amme ebenso lebendig fort wie Barbara in der
Imagination Franz Werfeis. Tiefer wirkte das Erbteil der mährischen
Judengemeinde: Eine spätere wissenschaftliche Arbeit beschäftigte sich
mit der Gestalt Moses, eine andere mit Börne. In der Beschäftigung
Freuds mit Ludwig Börne schließt sich der Kreis der Emanzipation
westdeutscher und ostdeutscher Judenschaft; das kritische Talent, das
seine volle Kraft im Augenblick der Auflösung des westdeutschen
Ghettos fand, wirkt als Inspiration in der Forschung eines jungen Me
zinstudenten, dessen Vater noch im östlichen Ghetto aufwuchs

12) Ernest Jones: The Life and Work of Sigmund Freud, New York 1953,
I, 2 ff.

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Kafka, Freud, Husserl: Probleme einer Generation 67

Beständiger und tiefer als Sigmund Freud hat sich Franz Kafka mit
der Konstellation seiner Familie beschäftigt. Sie hat für ihn metaphy
sische Gültigkeit. Die menschlichen Beziehungen zwischen Vater und
Sohn wachsen zu Korrespondenzen jenseitiger Relationen; unter dem
Gesicht des Textilhändlers Hermann Kafka leuchtet in gewitterhaften
Augenblicken das unerklärliche Antlitz des stürmischen Jahve auf. Wer
war der Mann, dem Franz Kafka so oft die Züge Gottes aufprägte? In
seiner Jugend hatte Hermann Kafka völlig jener beschränkten Welt
angehört, die Leopold Kompert in seinen Geschichten „Aus dem
Ghetto" geschildert hatte. Hermann Kafka war einer jener Hausierer
gewesen, die ihre Lasten eine Woche lang durch die tschechischen
Dörfer trugen, um am Freitagnachmittag — dem religiösen Gebot
folgend — in ihre Heimatgemeinden zurückzukehren. Der Volksmund
nannte diese Hausierer — das Gespött der Dorfjungen und der Gen
darmen — Pinkeljuden. Hermann Kafka war sich noch als erfolg
reicher Textilkaufmann wohl bewußt, welchen Aufstieg der Pinkeljude
aus der Gemeinde Vosek bei Strakonice in Südböhmen genommen
hatte. Allzu oft sprach er, wie Franz Kafka später vorwurfsvoll berich
tete, von den „offenen Wunden an seinen Beinen", von der Tatsache,
„daß er oft gehungert hatte, und daß er schon mit zehn Jahren ein
Wägelchen im Winter und sehr früh am Morgen durch die Dörfer
schieben mußte."13'

Allein Franz Kafka sah in dem Mann des Erfolges nicht nur ein
Symbol der Stärke und Unzerstörbarkeit. Für ihn war der Vater nicht
weniger ein lebendiges Sinnbild religiösen Niedergangs. Der Vater
verkörperte für Franz Kafka die ältere Generation, die sich durch die
Wanderung in die Städte in einer verdünnten religiösen Atmosphäre
befand, in der der Geist des Glaubens zum inhaltlosen Ritus verdorrt
war. In seinem berühmten Brief an den Vater stellt Kafka selbst sein
kompliziertes Verhältnis zu diesem Problem dar. Er selbst sagt aus,
sein Verhältnis hätte eine dreifache Entwicklung durchlaufen: von
der naiven Anerkennung des Kindes, dem Vater und Religionsform
identisch erschienen waren, über den Haß des jungen Menschen, dem
sich die väterliche Religion als leer entblößt hatte, bis zu jener spä
teren, menschlicheren Perspektive, die selbst die leere Religion sich
liebend zu verstehen bemühte. Der junge Kafka hat die Formen der
väterlichen Religion mit dem Eifer und der Reizbarkeit eines moder
nen Propheten verurteilt. „Diese Religion", schrieb Franz Kafka, „war
ja wirklich, soweit ich sehen konnte, ein Nichts, ein Spaß, nicht einmal
ein Spaß. Im Tempel durfte ich mich herumdrücken, wie ich wollte . ..
ls) Max Β r ο d : Franz Kafka, New York 1946, 39.
5*

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68 PETER DEMETZ

so gelangweilt, glaube ich, hab


stunde. Ich suchte mich möglic
zu freuen, die es dort gab: e
wurde, was mich immer an di
man ins Schwarze traf, eine Ka
etwas Interessantes herauskam . . . und hier immer wieder die alten
Puppen ohne Köpfe." Ähnlich bitter lautet eine Tagebuchaufzeich
nung: „Alt-Neu Synagoge. Kol Nidre. Gedämpftes Börsengemurmel...
Die Familie des Bordellbesitzers."14'
Spätere Einsicht erst, die im Zusammentreffen mit galizischen Schau
spielern und Flüchtlingen an lebendigerer Schärfe des Blickes gewann,
dringt in den historischen Hintergrund des Problems ein. Am Gegen
bild der Ostjuden, „die in einer besonders reinen Form Juden sind,
weil sie nur in der Religion leben"15', wurden Kafka die tieferen
Motive klar, warum ihm die Religion seines Vaters „ein Nichts von
Judentum"16' scheinen mußte. Mit außerordentlichem soziologischem
Scharfblick legte Kafka in seinem Brief an den Vater die religiöse Kern
frage seiner eigenen Generation dar, jener Epigonen, deren Väter
sich zur Trennung von Tradition und Landgemeinde entschlossen
hatten. „Du hattest aus der kleinen ghettoartigen Dorfgemeinde",
schrieb Franz Kafka seinem Vater, „wirklich noch etwas Judentum mit
gebracht . . . Das Ganze ist ja keine vereinzelte Erscheinimg, ähnlich
verhielt es sich bei einem großen Teil dieser jüdischen Ubergangs
generation, welche vom verhältnismäßig noch frommen Land in die
Städte auswanderte; das ergab sich von selbst, nur fügte es eben unse
rem Verhältnis, das ja an Schärfen keinen Mangel hatte, noch eine
genug schmerzliche hinzu."17' Kafka selbst fühlte sich schon als Ange
höriger einer religiös „verlorenen Generatio n", als Wesen
einer verlöschenden Tradition, die sich in leere Form auflöste. Seiner
Meinung nach wußten die „Übergangsmenschen" noch nichts von dem
Verhängnis; er aber, der Nachfahre, begriff „diese an ihrem letzten
Ende angelangten religiösen Formen"18', „das letzte oder vorletzte
Judentum unserer Städte".19'
In Franz Kafkas Klage über den Hingang der väterlichen Religion
ist mehr als persönliche Bitterkeit und Schwermut hörbar. Hier spricht
das Anliegen einer Generation, die sich aus der fugenlosen Folge der
14) Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923, New York 1949, 71-72.
15) Kafka, a. a. O., 80.
1β) Β r ο d , a. a. O., 37.
") Β r ο d , a. a. O., 40.
18) Kafka, a. a. O., 205.
"I Franz Kafka: Briefe an Milena, New York 1952, 46.

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MISCELLANEA 69

Tradition, aus der heilen


der bergenden Wärme ei
neue, bindungslose, chaoti
Ordnung schon entfremdet
lich teilhaft, hatte die er
Ghettos auf eine stürmis
Augenblicks mit der intens
tät zu antworten. Arnold
puls, der hier wirkt, a
Väter, die den ersten Sch
ralismus der Städte taten
Akt selbst nahm ihnen die
waren eine Generation von
die Denker. An dieser charakteristischen Bruchstelle im Schicksal des
mitteleuropäischen Judentums wurde mit einem Male eine ungewöhn
liche Konzentration geistiger Energie sichtbar, die sich in früheren
Jahrhunderten in der mystischen Tiefe des Ghettos, in Talmud- und
Kabbalainterpretation, entladen hatte. Hier trat sie gleichsam nach
außen, entfremdete sich der theologischen Tradition, ergriff die gei
stigen Elemente einer schon saekulären Welt, sprach in einer allgemein
europäischen Sprache. In Westdeutschland trat diese gesteigerte Inten
sität intellektueller Bemühung im Werke von Heine, Marx und Börne
schon am Anfang des 19. Jahrhunderts zutage; im Osten des deutschen
Sprachgebietes, an den Grenzen der slawischen Welt, wiederholt sich
der gleiche Prozeß, dem analogen Stimulus historischer Vorgänge ant
wortend, im Werke Franz Kafkas, Sigmund Freuds und Edmund Hus
serls. In der Epoche zwischen dem Fall des Ghettos und dem Erlöschen
des österreichischen Liberalismus sind wir, innerhalb der gleichen
Landschaft, Zeugen einer Explosion geistiger Leistungen, deren
Widerschein blendender denn je über dem intellektuellen Leben der
Gegenwart schwebt.

MISCELLANEA

DER TRAUM DES MARDOCHAI1»

Am Anfang der nicht in das hebräische Alte Testament aufgenommenen, son


dern nur in der Septuaginta erhaltenen Zusätze zum Buche Esther, findet sic
ein Traum des Mardochai, der als eine Art von Midrasch aus dem alttestament
lichen hebräischen Estherbuche herausgesponnen worden ist. Die Deutung dieses

0 Vgl. Rysell, in Kautzsch I; Gregg , in Charles I;Schilden


b erger, Das B. Esther (Hl. Sehr. d. A. T. IV. 3) 1941; Stummer, Das
B. Esther (Echter Bibel), 1950.

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