Sie sind auf Seite 1von 3

Auswahl aus Phaedrus

Auswahl aus Phaedrus


1.1 Lupus et agnus (Der Wolf und das Lamm)
1.4 Canis per Fluvium Carnem Ferens (Der Hund trägt ein Stück Fleisch durch den Fluss)
3.9 Socratesad amicos (Sokrates an die Freunde)
4.24 Mons paturiens (Der kreißende Berg)
4.10 De vitiis hominum (Die Fehler und die Traube)
1.13 Vulpes et corvus (Der Fuchs und der Rabe)

1.1 Lupus et agnus (Der Wolf und das Lamm)


Ad rivum eundem lupus et agnus venerant,

siti compulsi: Superior stabat lupus,

longeque inferior agnus. Tunc fauce improba

latro incitatus iurgii causam intulit.

‚Cur‘ inquit ‚turbulentam fecisti mihi

aquam bibenti?‘ Laniger contra timens

‚Qui possum, quaeso, facere quod quereris, lupe?

Der Wolf und das Lamm waren einst, vom Durst angezogen, zum selben Fluß gekommen: Weiter
oben stand der Wolf und weit darunter unten das Schaf. Von Heißhunger angetriebene, brachte
er einen Grund für einen Streit. „Warum“, sagte er, „hast du das Wasser, das ich trinken will,
aufgewühlt?“ Der Wollträ erwiderte sich fürchtend: „Wie kann ich das bitte machen, was du da
beklagst, Wolf?

A te decurrit ad meos haustus liquor‘.

Von dir fließt das Wasser zu meiner Kehle herab.“

Repulsus ille veritatis viribus

‚Ante hos sex menses male‘ ait ‚dixisti mihi‘.

Durch die Kräfte der Wahrheit zurückgehalten, sagte er: „Vor sechs Monaten hast du mich
beleidigt.“

Respondit agnus ‚Equidem natus non eram‘.

Da antwortet das Lamm: „Da war ich noch gar nicht geboren.“

‚Pater hercle tuus‘ ille inquit ‚male dixit mihi‘;

atque ita correptum lacerat iniusta nece.

„Beim Herkules“, rief jener, „dann hat mich dein Vater beleidigt;“ So zerfleischt er das unschuldige
Lamm in ungerechtem Mord.

Haec propter illos scripta est homines fabula

qui fictis causis innocentes opprimunt.

Diese Fabel ist wegen jener Menschen geschrieben, die aus erfundenen Gründen Unschuldige
unterdrücken.
1.4 Canis per Fluvium Carnem Ferens (Der Hund
trägt ein Stück Fleisch durch den Fluss)
Amittit merito proprium qui alienum adpetit.

Es verliert zurecht sein Eigentum, wer Fremdes anstrebt.

Canis, per fluvium carnem cum ferret, natans

lympharum in speculo vidit simulacrum suum,

aliamque praedam ab altero ferri putans

eripere voluit; verum decepta aviditas

et quem tenebat ore dimisit cibum,

nec quem petebat adeo potuit tangere.

Als ein Hund Fleisch durch einen Fluss trug, sah er schwimmend im Spiegel der Wellen sei
Ebenbild, glaubte, dass von dem anderen eine andere Beute getragen wurde und wollte sie ihm
entreißen; freilich täuschte ihn die Gier, und die Speise, die er hielt, verlor er aus dem Maul und
diejenige, die er anstrebte, konnte er so nicht berühren.

3.9 Socratesad amicos (Sokrates an die Freunde)


Vulgare amici nomen sed rara est fides.

Der Name Freund ist etwas gewohnliches, doch selten ist die Echtheit (eines Freundes).

Cum parvas aedes sibi fundasset Socrates

ex populo sic nescioquis, ut fieri solet:

Nachdem Sokrates ein kleines Haus gebaut hatte, sagte einer aus jemand aus dem Volk, wie es zu
geschehen pflegt:

„Quaeso, tam angustam talis vir ponis domum?“

„Bitte, du stellst ein so kleines Haus für einen solchen Mann auf?“

„Utinam“ inquit „veris hanc amicis impleam!“

„Hoffentlich“, sagt er, „werde ich dieses mit den richtigen Freunden einfüllen!“

4.24 Mons paturiens (Der kreißende Berg)


Mons parturibat, gemitus immanes ciens,

eratque in terris maxima expectatio.

Ein Berg gebar, indem er laut und schrecklich brüllte, und groß war die Erschütterung der Erde.

At ille murem peperit. Hoc scriptum est tibi,

qui, magna cum minaris, extricas nihil.

Doch er gebar die Maus. Dies ist für dich geschrieben, der du auf Großes hoffen lässt, doch nichts
durchführst.

4.10 De vitiis hominum (Die Fehler und die Traube)


Peras imposuit Iuppiter nobis duas:

Juppiter hat uns zwei Rucksacken auferlegt:

Propriis repletam vitiis post tergum dedit, alienis ante pectus suspendit grauem.
Hinter dem Rücken gab er uns einen voll eigenen Fehlern, einen von fremden Fehlern schweren
hängte er vor unsere Brust.

Hac re uidere nostra mala non possumus;

Alii simul delinquunt, censores sumus.

Dadurch können wir unsere eigenen Fehler nicht sehen; Sobald die anderen Fehler machen, sind
wir die Richter.

1.13 Vulpes et corvus (Der Fuchs und der Rabe)


Quae se laudari gaudent verbis subdolis,

serae dant poenas turpi paenitentia.

Wer sich darüber freut, dass er mit hinterhältigen Worten gelobt wird, wird durch seine Reue spät
bestraft (Strafe zahlen).

Cum de fenestra corvus raptum caseum

comesse vellet, celsa residens arbore,

vulpes invidit, deinde sic coepit loqui:

‚O qui tuarum, corve, pinnarum est nitor!

Als ein Rabe das aus einem Fenster geraubte Stück Käse essen wollte und auf einem hohen Baum
saß, sah ihn ein Fuchs und begann daraufhin so zu sprechen: „O Rabe, welch Glanz haben deine
Federn!

Quantum decoris corpore et vultu geris!

Welch große Anmut trägst du in Gestalt und Antlitz!

Si vocem haberes, nulla prior ales foret‘.

Wenn du eine (schöne) Stimme hättest, wäre dir kein Vogel überlegen.“

At ille, dum etiam vocem vult ostendere,

lato ore emisit caseum, quem celeriter

dolosa vulpes avidis rapuit dentibus.

Aber als jener Dummkopf seine Stimme zeigen wollte, ließ er den Käse aus dem Mund fallen, den
der listige Fuchs rasch mit gierigen Zähnen packte.

Tum demum ingemuit corvi deceptus stupor.

Da schließlich seufzte der getäuschte Rabe über seine Dummheit.

Das könnte Ihnen auch gefallen