Sie sind auf Seite 1von 12

Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in


der Phänomenologie Edmund Husserls*
von Rudolf Süsske

I. Auftakt
II. Phänomenologische Grundbegriffe
III. "Die Krisis der europäischen Wissenschaften"
IV. Zum Problem der historischen Rückfrage
V. Die Lebenswelt
VI. Perspektiven der Kritik
Anmerkungen, Literatur

"Reflexion ist nur wahrhaft Reflexion, wenn sie sich nicht über
sich selbst erhebt, vielmehr sich selbst als Reflexion-auf-Unreflektiertes
erkennt,und folglich als Wandlung der Struktur unserer Existenz."
MERLEAU-PONTY

I. Auftakt esse gilt den Grundregeln ("basic rules") dieses Pro-


"Lebenswelt", "Alltagswelt" oder "Common-Sense- zesses. Es ist der Versuch, auf empirischem Wege
WorId" sind seit einiger Zeit zum Thema und manch- der transzendentalphilosophischen Frage nach den
mal zur Modeerscheinung avanciert. Dies geschah Bedingungen der Möglichkeit von Realitätserkenntnis
weniger in der Philosophie als in den Soziawissen- und -konstitution nachzugehen. Konsequenterweise
schaften, der Psychologie und der sozial-historisch muß die Untersuchungsmethode bei diesen Ansätzen
orientierten Geschichtswissenschaft. 1 ebenfalls verändert werden. Der quantitativen, mit
von außen gesetzten Variablen arbeitenden Sozial-
Die Thematisierung dieser Begriffe verdankt sich aber
forschung sind damit Grenzen gezogen. Der Prozeß
nicht der zufälligen Entdeckung eines neuen, unbear-
der Quantifizierung und Operationalisierung, die
beiteten "Gegenstandes", sondern dem vielfachen
Subjekt-Objekt-Relation werden neu reflektiert und
Ungenügen der bisherigen theoretischen und metho-
durch "qualitative Verfahren" ersetzt.5 Die Beispiele
dischen Ansätze. So ist z.B. der Symbolische Inter-
ließen sich beliebig fortsetzen 6, was aber nicht
aktionismus 2 und die Entwicklung der Ethnometho-
darüberhinwegtäuschen sollte, daß auf der "anderen
dologie3 als Gegenbewegung zum Struktur-Funktio-
Seite" die Tendenz zu immer abstrakteren Konzepten
nalismus zu verstehen; oder, wenngleich in viel
und methodisch-statistischen Verfeinerungen weiter-
artifiziellerer Form, die Naive Verhaltenstheorie und
geht 7. Bezeichnenderweise wird das Thema gerade
die Selbstkonzeptforschung 4 in der Psychologie aus
dann aktuell, wenn von anderer Seite die Destruktion
den vereinseitigungen von Eigenschaftstheorien und
der Lebenswelt und der Individuen beschrieben oder
Behaviorismus hervorgegangen, was jedoch kein
gar die Abdankung des Subjekts gefeiert wird. Nicht
mechanisches Determinationsverhältnis unterstellen
das erste Mal tritt die Eule der Minerva ihren Flug am
soll. Allen Ansätzen gemeinsam ist die Hinwendung
Abend an.
zum Subjekt, zum Individuum in seinen alltäglichen
Handlungs- und kommunikationszusammenhängen, Sofern wir uns von solchen Totalverurteilungen nicht
wobei die Interpretatiansmuster des Individuums blind machen lassen, wird unser Blick frei für die
selbst von Interesse sind. Ambivalenz, die in diesem Thema von Lebenswelt
und Alltag steckt: einerseits fungiert der Alltag als
So geraten vormalige Selbstverständlichkeiten der
kritische Instanz gegen theoretisch-wissenschaftliche
Theoriebildung und Methodik erst in den Blick. Im
Konstrukte und institutionelle Überfremdungen des
Symbolischen Interaktionismus werden so z.B.
Lebens; andererseits wird der Alltag selbst zum
eindeutige kulturelle Deutungsmuster in einer pro-
Gegenstand der Kritik, seine Selbstverständlichkeiten
zessoralen Sichtmeise aufgelöst: "Vielmehr müssen
gerade in Frage gestellt.
Situationsdefinitionen und Handlungen angesehen
werden als Interpretationen, die von den an der Im Folgenden werde ich jedoch diese sozialwissen-
Interaktion Beteiligten an den einzelnen 'Ereignis- schafflichen und psychologischen Ansätze nur strei-
stellen' der Interaktion getroffen werden, und die in fen. Mein Interesse gilt eher den philosophischen
der Abfolge von ' Ereignisstellen' der Überarbeitung Wurzeln, denen diese fachwissenschaftliche Be-
und Neuformulierung unterworfen sind. " (WILSON, trachtungsweise entstammt. Und auch hier werde ich
1960 , S.61 ) Die Ethnomethodologen gehen noch mich auf den phänomenologischen Strang beschrän-
weiter. Wissenschaft und Alltagshandeln sind für sie ken, denn Edmund Husserl und sein soziologischer
gleichermaßen Methoden, Wirklichkeit herzustellen. Interpret Alfred Schütz sind nicht die einzigen Quel-
Wiederholbarkeit, Regelmäßigkeit und Stabilität der len, aus denen die alltagstheoretischen Ansätze
sozialen Realität existieren nicht an sich, sondern schöpfen konnten: neben Mead und dem Pragmatis-
sind fragiles Produkt der Alltagshandelnden. Ihr Inter- mus, wären da noch die sprachtheoretischen Überle-

internet: www.text-galerie.de 1
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

gungen in der Nachfolge des späten Wittgenstein zu noch den "Schein". "Nur sofern etwas überhaupt sei-
nennen. 8 Die Einschränkung ist mehrfach motiviert: ner Struktur nach prätendiert, sich zu zeigen, d.h.
zum einen geht es in diesem Referat auch um eine Phänomen zu sein, kann es sich zeigen als etwas,
Einführung in die Phänomenologie, zum anderen hat was es nicht ist, kann es 'nur so aussehen wie
Husserl den Begriff der Lebenswelt nicht nur als ...'"(ebd. S.29) 9. Wird unter dem Sichzeigenden das
Sonderproblem einer Wissenschaft geprägt, sondern Seiende, das durch empirische Anschauung Zugäng-
sie zum philosophischen Universalproblem erklärt. liche verstanden, wie es die positiven Wissenschaften
Mit dem Rückgang auf die Lebenswelt und korrelativ thematisieren, so bewegen wir uns im Raum des
auf die lebensweltliche Anschauung will er den, dem vulgären Phänomenologiebegriffs. Demgegenüber
"Objektivismus" verfallenen neuzeitlichen Wissen- sind Phänomene der Phänomenologie gerade solche,
schaften nicht nur ihre Lebensbedeutsamkeit zurück- die an den vulgär verstandenen Erscheinungen
geben - denn gerade das Vergessen der Lebenswelt unthematisch, aber vor- und mitgängig bleiben: z.B.
als dem Boden und Horizont, von dem jede wissen- bei der Wahrnehmung eines Dinges sind wir immer
schaftliche Konstruktion ausgeht und auf den sie schon beim "Ding", ohne zu "sehen", wie es uns im
zurückweist, ist ihm für die Krise der neuzeitlichen Akt der Wahrnehmung gegeben ist und sich als
Wissenschaften verantwortlich. Es geht ihm darü- Identisches durch die Mannigfaltigkeit von Perspekti-
berhinaus um die Rehabilitierung der Philosophie als ven durchhält. Wir kommen darauf zurück.
universaler Vernunftwissenschaft, die in der Be-
Logos heißt in seiner Grundbedeutung: Rede, wurde
schreibung einer Ontologie der Lebenswelt, den
später jedoch vielfältig ausgelegt als Vernunft, Urteil,
Wissenschaften erst ihre Ermöglichung als spezifi-
Begriff, Denken, Grund, Verhältnis (vgl. ebd. S.32).
sche menschliche Zweckgebilde freilegt und auch
Logos besagt als Rede, "offenbar machen das,
allen historisch-relativen Lebenswelten ihre invariante
wovon in der Rede 'die Rede" ist" (ebd.). weil die
Struktur vorhält. Sein Programm findet in dem Ver-
Funktion des Logos im Sehenlassen von etwas liegt,
such, diese letzte Vorgegebenheit der Lebenswelt,
kann er die ursprüngliche Struktur der Synthesis
selbst noch einmal als eine konstitutive Leistung der
vorstellen: etwas in seinem Beisammen mit etwas,
transzendentalen Subjektivität zu begreifen, seinen
etwas als etwas sehen lassen" (ebd. S.33).
Höhepunkt.
Wahrheit, bzw. bei Husserl Evidenz in seiner allge-
Das Folgende wird sich auf eine Explikation dieser
meinsten Bedeutung, heißt in diesem Zusammen-
Andeutung, der Freilegung einiger Aporien und
hang, das Seiende, wovon die Rede ist aus seiner
alternativer Denkmöglichkeiten beschränken.
Verborgenheit herausnehmen und es als Unverbor-
genes sehen lassen, entdecken; womit Falschsein als
II. Phänomenologische Grundbegriffe Täuschung, Verdeckung bestimmt ist: etwas vor
Die Phänomenologie ist wesentlich eine bestimmte etwas stellen und es damit ausgeben als etwas, was
Art des Fragens, zeigt primär einen Methodenbegriff es nicht ist.
an. Mit der Parole: "zurück zu den Sachen selbst!" In der Skizzierung des formalen Phänomenologiebe-
wollte Husserl um 1900 die Verkrustungen und griffs sollte deutlich geworden sein, daß mit Phäno-
Engführungen des philosophischen Fragens aufbre- men nicht so sehr der thematische Gegenstand als
chen. "Das gilt einmal für die positivistische Verkür- solcher, vielmehr seine Begegnisart und seine Gege-
zung der Erfahrung, die in elementaren Sinnesdaten benheitsmodi von Interesse sind. Der Logos der
einen sicheren Anhalt zu finden hoffte; das gilt ferner Phänomenologie bestimmt, 'wie' die Sache durch
für die intellektuellen Konstruktionen, vor allem die direkte Auf- oder Ausweisung untersucht werden soll.
des Neukantianismus, die sich wie ein 'Ideenkleid'
über die Dinge legten; das gilt schließlich für die Nun geht es darum, durch Bestimmung dessen, was
historische Entmachtung der Vernunft" (Waldenfels, in der phänomenologisch verfahrenen Philosophie
1979, S.11). So ist die Phanomenologie nicht eine Husserls verhandelt wird, den eingeführten Phäno-
Angelegenheit des Entwerfens oder Beherrschens, menologiebegriff zu ent- formalisieren.10 Der themati-
sondern das Vermögen des Vernehmens. "Vernünftig sche Gegenstand Husserls ist das Bewußtsein mit
oder wissenschaftlich über Sachen urteilen, das heißt seinen Akten und Erlebnisweisen und demjenigen,
(...), sich nach den Sachen selbst richten, bzw. von was in diesen Bewußtseins-Akten gegenständlich
den Reden und Meinungen auf die Sachen selbst bewußt ist. Akt und Gegenstand stehen aber nicht
zurückgehen, sie in ihrer Selbstgegebenheit befragen zufälligerweise als zwei Themen nebeneinander,
und alle sachfremden Vorurteile beiseitetun." (Hus- sondern sind notwendig aufeinander bezogen. Be-
serl, Ideenl, S.35) wußtsein ist immer Bewußtsein von etwas, ist intenti-
onal auf einen Sinn gerichtet. Intentionalität heißt,
Der Ausdruck "Phänomenologie" hat zwei Be- daß all unsere Erlebnisakte in sich selbst auf wieder-
standstücke: Phänomen und Logos. An ihnen kann holbare Sinngestalten bezogen sind. Es steht uns
der formale Phänomenologie-Begriff gewonnen wer- keine fertige Welt gegenüber, die der Geist lediglich
den. Phänomen (griech. phainomenon) heißt: "das reproduziert. Im "welterfahrenen Leben" vereinigen
Sich-an-ihm-Selbstzeigende, das Offenbare" (Hei- sich Welt und Bewußtsein zu einem konstitutiven
degger, SZ, S.26). Das Sichzeigende fundiert auch Geschehen. In der "natürlichen Einstellung" bin ich

internet: www.text-galerie.de 2
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

mir einer Welt bewußt: "ich finde sie unmittelbar so wie sie in direkter Ausweisung meinem Bewußt-
anschaulich vor, ich erfahre sie. Durch Sehen, Tas- sein gegeben sind. Dies hat nichts mit Skeptizismus
ten, Hären usw.., in den verschiedenen Weisen oder Agnostizismus zu tun. Durch die Epoché wird im
sinnlicher Wahrnehmung sind körperliche Dinge (...) Gegenteil der Blick frei für die Reflexion auf die
für mich einfach da." (Husserl, Ideen I. S.48) Das Selbstverständlichkeiten, die in der natürlichen Welt-
wache Bewußtsein befindet sich allzeit, und ohne es einstellung unthematisch bleiben. "Es ist hierbei zu
ändern zu können, "in Beziehung auf eine und selbe, beachten: So wie das reduzierte Ich kein Stück der
obschon dem inhaltlichen Bestande nach wechselnde Welt ist, so ist umgekehrt die Welt und jedes weltliche
Welt" (ebd.S. 50) Objekt nicht ein Stück meines Ich, nicht in meinem
Bewußtseinsleben als dessen reeller Teil (im Gegen-
Doch im natürlichen Bewußtseinsvollzug lebe ich so
satz zu Erlebnissen - R.S.), als Komplex von Empfin-
in meinen Akten, daß ich sie unthematisch durchlebe.
dungsdaten oder Akten reell vorfindlich. Zum eigenen
Erst durch eine Reflexion erkenne ich, jeder "Ge-
Sinn alles weltlichen gehört diese Transzendenz,
genstand" weist zurück auf einen ihm gemäßen Akt:
obschon es den gesamten es bestimmenden Sinn,
das wahrgenommene Haus als leibhaft anwesendes,
und mit seiner Seinsgeltung, nur aus meinem Erfah-
auf den gegenwärtigenden Akt der Wahrnehmung;
ren, meinem jeweiligen Vorstellen, Denken, Werten,
die Person, mit der ich gestern sprach, ist mir als
Tun gewinnt und gewinnen kann." (Husserl, CM,
vormalig Gegenwärtig-Gewesene im Modus der
S.27f) 11
Wiedererinnerung gegeben.
Nun erst haben wir, so Husserl, den Raum absoluter
Diese korrelative Bewußtseinsanalyse geht über den
Voraussetzungslosigkeit erlangt: das ego cogito und
o.g. vulgären Phänomenologiebegriff hinaus, sie
seine intentionalen Gegenstände sind zweifelsfrei
bleibt nicht versunken bei den Sachen, sondern
gewiß, haben apodiktische Evidenz. Hiervon zu
thematisiert ihre Gegebenheitsmodi und ihre We-
unterscheiden ist die adäquate Evidenz. In der vor-
sensstrukturen. Durch letztere gewinnt die Vielfalt der
wissenschaftlichen Erfahrung haben wir unvollkom-
Phänomene, die - wie Husserl sagt - einen Heraklitei-
mene Evidenzen, das "besagt dabei in der Regel
schen Fluß darstellt, ihre relative Festigkeit und legt
Unvollständigkeit, Einseitigkeit, relative Unklarheit in
unserer Erfahrung typische Regelungen auf. Gewon-
der Selbstgegebenheit der Sachen oder Sachver-
nen werden sie in einem Verfahren der "eidetischen
halte, also Behaftung der Erfahrung mit Komponen-
Variation?; von einem anschaulichen, individuellen
ten unerfüllter Vormeinungen und Mitmeinungen.
Gegenstand ausgehend, wird dieser in immer neuen
Vervollkommnung vollzieht sich dann als syntheti-
Varianten abgehandelt, bis sich die invariante Struk-
scher Fortgang einstimmiger Erfahrungen, in der
tur aufzeigen läßt, die sich durch alle phantasierten
diese Mitmeinungen zur erfüllenden wirklichen Erfah-
Möglichkeiten durchhält. Wir werden später sehen,
rung kommen" (ebd. S.16). Die Idee der Vervoll-
wie Husserl mit diesem Verfahren die invariante,
kommnung, die z.B. bei der Dingwahrnehmung
apriorische Struktur der Lebenswelt gewinnen will, in
prinzipiell im Unendlichen liegt, wäre die der adä-
der alle historisch-konkreten Lebenswelten als Mög-
quaten Evidenz.
lichkeiten eingezeichnet sind.
Untersuchen wir einmal die "äußere Wahrnehmung" :
Bisher haben wir etwas sehr wesentliches und viel-
Einen Gegenstand sehen heißt, ihn entweder margi-
leicht auch irritierenden Moment der Husserlschen
nal im Gesichtsfeld haben oder ihn zu fixieren. Doch
Phänomenologie außer Acht gelassen. Um wirklich
das "Ruhen" des Blicks ist nur eine Modalität seiner
Philosophie, in radikaler Selbstbesinnung und -ver-
Bewegung: "das Forschen des Blicks, der eben alle
antwortung treiben zu können, benötige ich einen
Gegenstände überflog, setzt sich nunmehr innerhalb
unbezweifelbaren Ausgangspunkt. Dieses funda-
des einen Gegenstandes fort; in ein und derselben
mentum inconcussum findet Husserl im ego cogito.
Bewegung erschließt sich der Gegenstand und
Das bedeutet einen Bruch mit der "Generalthesis der
verschließt sich seine Umgebung.(...) Genauer
natürlichen Welteinstellung" , die immer schon eine
gesprochen kann der Innenhorizont eines Gegen-
daseiende Welt voraussetzt. In jedem Akt der Form,
standes nur selbst Gegenstand werden, indem die
daß etwas so oder so ist, artikuliere ich ein Urteil über
umgebenden Gegenstände zum Horizont werden."
die Existenz dieses etwas. In einem methodischen
(Merleau-Ponty PdW, S.92) 12 Da der Erlebnisstrom
Zweifel, durchaus in cartesianischer Tradition, setze
nie nur aus Aktualitäten bestehen kann, ist er durch-
ich diese Existenzbehauptung außer Geltung, ich
setzt von unthematischen Hintergrundannahmen. Die
"klammere" sie ein. Doch ist von dieser Epoché oder
Struktur von Entbergung-Verbergung bewirkt, daß mir
Reduktion, wie Husserl diesen Vorgang nennt, nicht
ein Wahrnehmungsding nur in Abschaltungen gege-
nur dieser oder jener Gegenstand betroffen, sondern
ben ist.
die Welt als Ganzes. Damit verschwinden nicht meine
Urteile, meine Wahrnehmungen und deren "Ge- Nehme ich das Sehen eines Hauses zum Thema der
genstände", ich enthalte mich nur der Aussage über Beschreibung, so erkenne ich in der Reflexion, daß
Sein oder Nichtsein dieser Dinge und betrachte sie ich dieses Haus durch eine vielgestaltige wandelbare
als Elemente innerhalb meines strömenden Bewußt- Mannigfaltigkeit bestimmt zugehöriger Erschei-
seinslebens. Es bleiben "intentionale Gegenstände", nungsweisen als eine kontinuierliche gegenständliche

internet: www.text-galerie.de 3
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

Einheit vermeine: ich sehe die Vorderfront und mein Wir haben uns bislang auf die Akte der Wahrneh-
Blick wird gleichsam fortgezogen, "motiviert", auch mung, der Gegenwärtigung beschränkt. Dies ge-
die Seiten und die Hinterfront zu betrachten. Jeweils schah nicht zufällig, denn die Wahrnehmung gilt
ist in meiner Intention mehr mitgemeint als in der ak- Husserl als der Urmodus aller Erkenntnis. Die
tuellen Wahrnehmung zur Erfüllung kommt, und doch schlichte Wahrnehmung fundiert alle höherstufigen
hält sich dieses Eine, in den wechselnden Modi des Akte, wie Denken, Wollen usw. Doch sind die Akte
da und dort, durch. Das absolute Hier, dem sich diese nicht die letzten Einheiten im Bewußtseinstrom: der
Verweisungsganzheit "zustellt", nimmt meine leibge- aktiven Genese von intentionalen Gegenständen liegt
bunden Perspektive ein. eine passive Genesis zugrunde, durch die sich Akte
als Einheiten in zeitlicher Dauer überhaupt erst
"Einen Gegenstand anblicken, heißt in ihm heimisch
konstituieren. In der Analyse des inneren Zeitbewußt-
werden und von ihm aus alle anderen Dinge nach
seins zeigt Husserl die ursprünglichste und tiefstlie-
ihren ihm zugewandten Seiten erblicken" (ebd.) So
gende Leistung des Bewußtseins auf: die Zeitbildung.
wird der Außenhorizont thematisch: das Haus "blickt"
"Jede Messung von Zeit setzt das ursprüngliche
nach vorn auf die Straße, seitwärts auf angrenzende
Bewußtsein von zeitlichem Nacheinander, von zeitli-
Gemäuer und hinten hinaus auf triste Eisenbahn-
cher Dauer, Erstreckung schon voraus" (Landgrebe,
gleise. Der Horizont ist offen und motiviert den Blick
1939, S.24) wenn die "absolute Subjektivität" in
weiter, sobald ich den Horizont vergegenständliche,
seinem Abfließen überhaupt erst Zeit bildet und damit
eröffnet sich ein neuer." So vermag ich einen Ge-
die Möglichkeit jeglichen Erfassens eines vorgegebe-
genstand zu sehen, insofern die Gegenstände ein
nen Nacheinander; andererseits jedes Seiende in
System, eine Welt bilden und ein jeder, gleichsam als
irgendeinem Bezug zur Zeit steht, "dann ist es nur
Zuschauer seiner verborgenen Anblicke und als
konsequent, daß auch jegliches Seiende nicht anders
Bürgen ihres beständigen Daseins, andere um sich
als in seinem Ursprung aus Leistungen des Bewußt-
versammeln" (ebd.S.92f)
seins verstanden werden kann" (ebd.S.26)
Was zur räumlichen Perspektive gesagt wurde, ließe
Halten wir hier inne: diese tour d'horizont sollte nur
sich auch auf die zeitliche übertragen. Ich betrachte
einige wichtige Stichworte der Phänomenologie,
das Haus, es ist dasselbe das es gestern war, nur
dieser "unabschließbaren Arbeits-Philosophie",
einen Tag älter. Auch wenn es morgen zusammen-
vorstellen. In ihrer bisher etwa 8o-ig jährigen Ge-
stürzte, bliebe es wahr für immer, daß es heute
schichte hat sie viel Kritik und Veränderungen aus
gewesen ist.
den eigenen Reihen erfahren. Gerade ihr Selbstver-
"Jede Gegenwart gründet ein für allemal einen Zeit- ständnis als transzendentale Phänomenologie, die
punkt, der die Anerkenntnis aller anderen fordert" "Einklammerung" (Epoche) der ganzen Welt und des
(ebd.S.93). So wie das Jetzt durch das nachfolgende empirischen Ichs, der Rückgang auf ein prämunda-
Jetzt nicht vernichtet wird, so ist es auch nicht als nes Ur-Ego ist von vielen Nachfolgern nicht mitvoll-
dimensionsloser Punkt zu begreifen. Jede Gegenwart zogen worden. Wie weit man auch mitgehen vermag:
hält das soeben Vergangene noch an sich (Reten- als Theorie der Erfahrung, die aus der Erfahrung
tion), und da dieses selbst ihr Vergangenes festhält, schöpft, in steten Schritten der "Rückfrage" Selbst-
eröffnet sich ein unendlicher Vergangenheitshorizont, verständlichkeiten unseres Zur-Welt-seins aufdeckt,
wie umgekehrt jede Gegenwart eine unmittelbare hat sie den Boden unseres "welterfahrenen Lebens"
Zukunft vorzeichnet (Protention), die ihrerseits ihren nicht verlassen. Die Welt, wie sie sich uns in der
offenen Horizont des noch Bevorstehenden hat. Vielfalt der Erlebnisweisen zuwendet, ist die Welt
Unterschieden sind jedoch die Modi der Gegeben- nach deren Sinngenese die Phänomenologie fragt,
heitsweise: das Vergangene ist mir als Wiedererinne- und auf der alle wissenschaftlichen Konstruktionen
rung bewußt, das Zukünftige als Antizipation. Damit aufruhen.
sind sie aber nicht gleichermaßen evident. Gemessen
an der aktuellen Wahrnehmung des leibhaft Gegen- III. "Die Krisis der europäischen Wissenschaften"
wärtigen, können sie sich als Täuschung oder Ver-
"Ich versuche zu führen, nicht zu belehren,
kennung herausstellen. Die Synthese der aufeinan- nur aufzuweisen, zu beschreiben, was ich sehe."
derfolgenden Akte verbürgt keine Apodiktizität. Edmund HUSSERL

Die Horizonte, ob zeitlich oder räumlich, sind vorge- Wenn alles verantwortliche philosophische und
zeichnete Potentialitäten. "Die Vorzeichnung selbst wissenschaftliche Forschen seinen Ausgang nehmen
ist zwar unvolkommen, aber in ihrer Unbestimmtheit muß von der unvoreingenommenen Erfahrung, so
doch von einer Struktur der Bestimmtheit" (Husserl, gewinnt die "natürliche Welteinstellung", die Doxa,
CM, S.47). Das wahrgenommene Haus mag viele eine bedeutsame Umbewertung: "Als wirklich seiend
Perspektiven offenlassen, aber es ist schon im vor- gilt im Leben, also in dieser Welt, was sich durch
aus als "Haus", in seiner Wesensstruktur mit Wän- Erfahrung bezeugt" (K 463). Das intentionale Korrelat
den, Dach usw. intendiert, wobei jede dieser Bestim- der natürlichen Erfahrung ist die "Lebenswelt". Sie ist
mungen stets noch Besonderheiten offen läßt. der Horizont für alle bestimmten Zwecksetzungen der
Menschen, ständig in einer Bewegung der Geltungs-
relativität und Bezogenheit auf die miteinander Le-

internet: www.text-galerie.de 4
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

benden. So scheint sie, nur relative Wahrheiten zu Identität und ihre Eigenschaften angeht, im Schwan-
beinhalten, dem Subjektivismus zu verfallen; demge- ken des bloß Typischen. "Praktisch gibt es (...) hier
genüber die Wissenschaften die "wirkliche Welt" ein Vollkommenes schlechthin in dem Sinne, daß das
beschreiben und so absolut, objektive Wahrheiten spezifisch praktische Interesse dabei eben voll be-
verbürgen. Doch wie kommt diese Wissenschaft zu friedigt ist" (ebd.).
ihren "an sich seienden Wahrheiten", wenn der
Was wir so erhalten sind nicht die Möglichkeiten des
primäre Ort der Wahrheit sich dem Subjekt in originä-
idealen Raumes: "reine" Geraden, "reine" Ebenen,
rer Anschauung enthüllt ?
"reine" Figuren. Diese sind nur denkbar in einem
Dies ist eins der Probleme, denen Husserl in seinen offenen Horizont immer weiter zu treibender Vervoll-
Prager Vorträgen von 1935 nachging. 13 Der in An- kommnung. Das freie Eindringen in diese Horizonte
spruch genommene Rückgang auf die Lebenswelt zeichnet Limes-Gestalten vor, "auf die hin, als invari-
verdankt sich bereits einer aktiven Leistung: "Wollen ante und nie zu erreichende Pole, die jeweilige
wir also auf eine Erfahrung in dem von uns gesuchten Vervollkommnungsreihe hinausläuft" (K 23). Anstelle
letztursprünglichen Sinne zurückgehen, so kann es der realen Praxis haben wir jetzt eine ideale Praxis
nur die ursprüngliche lebensweltliche Erfahrung sein des "reinen" Denkens, das sich ausschließlich im
(...) Und dieser Rückgang ist kein solcher, der einfach "Reiche reiner Limesgestalten" hält. Im mathemati-
die Welt unserer Erfahrung hinnimmt, sondern er schen Zugang erreichen wir, was uns in der empiri-
verfolgt die in ihr bereits niedergeschlagene Ge- schen Praxis versagt ist: Exaktheit - Dinge, in abso-
schichtlichkeit auf ihren Ursprung zurück". (Husserl, luter Identität zu bestimmen. Identität, nicht nur im
EU, S.43f) numerischen Sinne: etwas als dasselbe identifizieren;
sondern im qualitativen Sinne: die Selbigkeit der
Der Anlaß zu dieser Fragestellung lag für Husserl in
Bestimmtheiten, der Eigenschaften. "Exakte Objekti-
der "Krisis der europäischen Wissenschaften". Diese
vität ist Leistung der Methode, geübt von den Men-
hätten ihre einheitliche Zielbestimmung, ihr inneres
schen überhaupt in der Welt der Erfahrung (der
Band und somit ihre Lebensbedeutsamkeit verloren.
'Sinnenwelt'), geübt nicht als handelnde Praxis, als
Es mangelte ihr an einem begründeten Selbstver-
Technik der Neu- und Umgestaltung von vorgegebe-
ständnis. Durch das Vergessen ihrer eigenen Vor-
nen Dingen der Erfahrung, sondern als eine Praxis, in
aussetzungen, der Lebenswelt als Boden und Hori-
der jene unvollkommen bestimmten Dingvorstellun-
zont ihrer Gebilde, haben sie ihre "Ursprungsecht-
gen das Material bilden, und zwar in einer allgemei-
heit", ihren Sinn eingebüßt, verfielen dem Objektivis-
nen Denkeinstellung, in welcher von einem exempla-
mus. Nicht von ungefähr nimmt Husserl Galilei zum
rischen Einzelding als Exempel für 'irgendein Ding
Ausgangspunkt seiner Analysen. Zwar haben die
überhaupt' die offen endlose Mannigfaltigkeit seiner
Griechen, in einer "Urstiftung", die Idee der Wissen-
immer unvollkommenen aber zu vervollkommnenden
schaft von der Allheit des Seienden, die Idee der
subjektiven Vorstellungen als durchlaufen gedacht
zweckfreien, theoretischen Einstellung (theoria) und
wird, und zwar in der Betätigung der Vermöglichkeit,
der Wahrheit intendiert, aber in der Neuzeit entwi-
von jeder (Vorstellung) aus stetig die Linien möglicher
ckelte sich etwas "unerhört Neues":
Vervollkommnung einzuschlagen." (K 359)
"Die Konzeption (der) Idee eines rationalen unendli-
Das Vermögen, diese unendliche Vervollkommnungs-
chen Seinsalls mit einer systematisch es beherr-
reihe fortzuführen ist beschränkt: in der "äußeren
schenden Wissenschaft" (K 19). Maßstäblich hierfür
Wahrnehmung", sofern sie nicht durch bestimmte
war die Mathematik, die zu einer Umbildung der
Zwecksetzungen ein implizites Abbruchkriterium
Naturwissenschaften führte, zur "Mathematisierung
enthält, ist uns ein Ding mit offenen Innen- und
der Natur". Was ist deren Sinn? In der alltäglichen
Außenhorizonten gegeben, somit eine Unendlichkeit
Anschauung ist uns die Welt subjektiv-relativ gege-
von Perspektiven. Zudem ist das "Forschen des
ben. Uns gelten die Erscheinungen als das wirklich
Blicks" ein zeitlich strukturiertes Aktgefüge, durch die
Seiende. Die Diskrepanz der Seinsgeltungen erfah-
Endlichkeit des Subjekts beschränkt. Hier setzt die
ren mir im lebendigen Umgang mit Anderen. Doch
Idealisierung ein: die Konzeption des "immer wieder",
glauben wir notwendig an die eine Welt mit densel-
nur gedacht in Richtung auf den leeren Vorentwurf
ben, uns nur verschieden erscheinenden Dingen.
der Reihe, gedacht aber als Erfüllung dieser Inten-
Haben wir nicht so, zumindest eine leere Idee von an
tion. Diese Verendlichung eines unendlichen Prozes-
sich seienden, objektiven Dingen?
ses transzendiert die anschauliche Erfahrung, gleicht
Sehen wir genauer: In der anschaulichen Umwelt einem Sprung in die "Idee".
erfahren wir, einmal abgesehen von ihren kulturellen
Blicken wir noch einmal zurück: Die Methodik der
Bedeutungen, die Dinge als raumzeitliche Körper. Wir
operativen Bestimmung von "idealen Gestalten" weist
können sie in der Phantasie variieren, doch "die
zurück auf die "schon in der vorwissenschaftlichen
Phantasie kann sinnliche Gestalten nur wieder in
Welt geübten Praxis des messenden Bestimmens.
sinnliche Gestalten verwandeln. Und dergleichen
Aus ihr wurden elementare Grundgestalten "ideali-
Gestalten (...) sind nur denkbar in Gradualitäten: des
siert" (Gerade, Kreise usw..), aus denen wieder
mehr oder minder Geraden, Ebenen, Kreisförmi-
komplexere Bestimmungen abgeleitet werden konn-
gen."(K 22) Die Dinge stehen überhaupt, was ihre

internet: www.text-galerie.de 5
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

ten. Nehmen wir das Beispiel einer Mauer: es ist eine lität und entsprechender Maßeinheiten, konnte die
gerade Mauer, aber könnte nie so genau sein wie die Geometrie "praktisch" werden. Die Messung hat den
Idee einer "Strecke" im mathematischen Sinne. "Sinn einer Approximation auf einen zwar unerreich-
Nehmen wir sie dennoch als "Strecke", so gewinnt sie baren, aber ideal-identischen Pol, nämlich auf eine
durch ihre Ungenauigkeiten - gemessen am Ideal - bestimmte der mathematischen Idealitäten bzw.. des
des Charakter des Defizitären. Vermessen wir diese ihnen zugehörigen Zahlengebilde" (K 40). Die Ma-
Mauer, und dies ist der Prozeß, in dem Idee und thematisierung der Welt ergibt Zahlenformeln, die
Anschauung in Verbindung treten, so benötigen wir allgemeine kausale Zusammenhänge, Gesetze realer
"Maßeinheiten". Die "Mauer abschreiten" konstituiert Abhängigkeiten in Form von "funktionalen" Abhängig-
vage, subjektabhängige Messungen. Mit einem keiten zahlenmäßig ausdrücken.
Stock, dessen Länge wir als Meter definieren, gewin-
Die Struktur des "immer wieder", der unabschließba-
nen wir schon eine gewisse Unabhängigkeit. Im
ren Approximation und Entsubjektivierung überträgt
Idealisierungsprozeß wird uns dieser Stab zum
sich auf die Theoriebildung selbst: Die "Gesetze" der
Exempel des "Meters an sich". Auch das "Urmeter"
Physik bleiben Hypothesen in einem unendlichen
ist gemessen an der Idee des "Meters" nur ein unex-
Fortgang van Bewährungen und Modifikationen,
aktes Exemplar, wir machen uns eine Zeichnung der
gedacht als historischer, unvollendbarer Annähe-
Mauer bzw.. des Gebäudes, eine Bauzeichnung mit
rungsprozeß an die "an sich seiende Natur". Aber
den "Strecken" und den "Maßzahlen" und erhalten
auch intern geht der Idealisierungsprozeß weiter: Die
ein sinnliches Modell eines ideellen Konstruktes.
"reinen Gestalten" der Geometrie werden in Zahlen-
Hieran können wir weitere Bestimmungen vorneh-
Formeln "transformiert". Wir hatten oben ein extrem
men: z.B., daß die gegenüberliegende Mauer gleich
einfaches Beispiel der Proportionsbildung (l/2 A=H).
lang ist, A=A; oder, daß das Haus halb so hoch ist
Die "Arithmetisierung der Geometrie führt wie von
wie die Mauer lang, 1/2A=H usw.. In diesem Prozeß
selbst in gewisser Weise zur Entleerung ihres Sin-
liegt eine doppelte Abstraktion: zum einen wird das
nes.(...) Man rechnet, sich erst am Schluß erinnernd,
messende Subjekt gleich-gültig und andererseits wird
daß die Zahlen Größen bedeuten sollten" (K 44). In
die Meßhandlung zu einer mentalen Operation. (vgl.
der formalen Logik und Logistik wird die Sinngestalt
Sokolowski, 1979) Durch die Konstruktion elementa-
des "Etwas überhaupt" konstruiert, die höchste Ab-
rer Grundgestalten und Maßeinheiten eröffnet sich
straktionsstufe eines Formalisierungsprozesses.
die Möglichkeit, "alle überhaupt erdenklichen idealen
Gestalten in einer apriorischen, allumfassenden In der "Technisierung" (techne: bei Husserl als
systematischen Methode konstruktiv eindeutig zu "Kunstlehre") der Methode wird sie zur "bloßen Kunst,
erzeugen" (K 24). Die Geometrie idealisiert aber durch eine rechnerische Technik nach technologi-
lediglich die "Formen" (raum-zeitliche Anordnung), in schen Regeln Ergebnisse zu gewinnen, deren wirkli-
der uns konkrete Dinge begegnen. Diese zeichnen cher Wahrheitssinn" verloren geht.(K 46) Das wich-
sich ebenso durch ihre "sinnliche Fülle" aus, das was tigste Charakteristikum an diesem Idealisierungs- und
sich in den spezifischen Sinnesqualitäten, Farbe, Formalisierungsprozeß ist die Unterschiebung dieser
Ton, Geruch u.a. darstellt. Zudem haben Dinge der so gewonnenen "an sich seienden Welt" unter die
anschaulichen Welt ihre "Gewohnheiten", sich unter wirklich erfahrene anschauliche Lebenswelt. Husserl
ähnlichen Umständen ähnlich zu verhalten. Dieser spricht auch von der Substruktion des Logischen
"universale Kausalstil" macht Induktionen, Voraussa- unter die Anschauung. Der Lebenswelt wird gleich-
gen möglich, bleibt aber im vorwissenschaftlichen sam ein "Ideenkleid", das der sogenannten objektiv-
Leben ebenfalls im Ungefähren, Typischen. Was wir wissenschaftlichen Wahrheiten, überworfen. Damit
hier als Farben, Töne, Wärme, als Schwere an den werden natürlich die Ergebnisse dieser Wissen-
Dingen selbst erfahren/erleben, kausal als Wärme- schaften nicht "falsch". Es geht Husserl gerade
strahlung eines Körpers, der die umgebenden Körper darum, daß sie trotz ihrer Wirkmächtigkeit ihren
warm macht, das zeigt sich "physikalisch" als Ton- Lebenssinn verloren haben. Wir werden noch darauf
schwingungen, Wärmeschwingungen, also "reine" zurückkommen, deshalb nur die Anmerkung, daß
Vorkommnisse der Gestaltwelt. Die spezifischen Husserl für seine Untersuchungen die Konstrukte und
Sinnesqualitäten, die "sinnlichen Füllen", verweisen Seinssetzungen der Naturwissenschaften "einklam-
als Indizes auf bestimmt zugehörige Gestaltkonstella- mert", Epoché im o.g. Sinne übt. Nur so kann er ihre
tionen und Geschehnisse. Dh. die spezifisch qualita- "Sinngenesis" aufzeigen.
tiven Vorkommnisse werden "indirekt mitmathemati-
Die Naturwissenschaften in der Nachfolge Galileis
siert". So wurde auch die je typische "Gewohnheit"
verloren ihr Selbstverständnis als spezifisches
der Dinge idealisiert. Doch nicht durch je individuelle
Zweckgebilde der Menschen, hervorgewachsen aus
Analyse des anschaulich Gegebenen, sondern durch
dem vorwissenschaftlichen Leben und seiner Umwelt,
den Vorentwurf einer alles regelnden, universalen
dem sie von Anfang an dienen sollten. Diese Zweck-
Kausalität, die durch die eindeutige Bestimmung der
setzung liegt doch im Horizont dieser Lebenswelt, sie
Dinge ebenfalls als exakt definiert werden kann.
ermöglicht es erst Zwecke zu setzen. "Der in dieser
Durch Bestimmung idealer Gestalten und Eigen- Welt lebende Mensch, darunter der naturforschende,
schaften, geregelt nach dem Gesetzt exakter Kausa- konnte alle seine praktischen und theoretischen Fra-

internet: www.text-galerie.de 6
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

gen nur an sie stellen, theoretisch nur sie in ihren "Uns gilt es, die Teleologie in dem geschichtlichen
offen unendlichen Unbekanntheitshorizont betreffen" Werden der Philosophie, insonderheit der neuzeitli-
(K 50). "Das Ideenkleid macht es, daß wir für wahres chen, verständlich zu machen" und "die Einheit, die in
Sein nehmen, was eine Methode ist." (K 52) Die allen historischen Zielstellungen, im Gegeneinander
Folgen dieses Vergessens der Lebenswelt zeigen und Miteinander ihrer Verwandlungen waltet, heraus-
sich besonders im naiven "Objektivismus" der nach- zuverstehen und in einer beständigen Kritik,(...)
folgenden Entwicklung. In der Reduktion der Welt auf schließlich die historische Aufgabe zu erschauen, die
pure Körperlichkeit wurde von den Subjekten als wir als die einzige uns persönlich eigene anerkennen
Personen, "von allem in jedem Sinne Geistigen, von können" (K 71f). Diese Aufgabe ergibt sich nicht aus
allen in der menschlichen Praxis den Dingen zu- der Kritik gegenwärtiger Philosophie, sondern nur aus
wachsenden Kultureigenschaften" (K 60) abstrahiert. dem Verständnis der Gesamteinheit unserer Ge-
Das Komplement zur Natur als in sich abgeschlosse- schichte. Ihre Einheit hat sie aus der Triebkraft der
ner Körperwelt war eine "weltlose Seele". Natur und Aufgabe: "ein Ringen der in geistiger Gemeinschaft
seelische Welt sind im cartesiamischen Dualismus lebenden und fortlebenden Philosophengenerationen,
von "res extensa" und "res cogitans" durch einen (...) im ständigen Ringen der 'erwachten' Vernunft zu
Hiatus getrennt. Die intentionale Struktur des Be- sich selbst, zu ihrem Selbstverständnis zu kom-
wußtseins bricht auseinander und das Thema der men"(K 273).
Erkennbarkeit der "äußeren Realität" wird zu einem
Der Logos, der hier waltet, durch Stufen der Unklar-
philosophischen "Dauerbrenner". Alsbald geriet
heit sich zur vollkommenen Einsichtigkeit durchar-
jedoch auch die "Seele" ins Netz der physikalisti-
beitet, ist kein überpersonales Wesen, kein "objekti-
schen Naturkonzeption. Die "Naturalisierung der
ver Geist", sondern verdankt sich personaler "Zweck-
Seele" findet sich von Hobbes, über Locke, ausge-
setzung", einer "Urstiftung", deren teleologischer
hend bis zum "szientifischen Selbstmißverständnis
Anfang in der griechischen Philosophie liegt und in
der Psychoanalyse" (Habermas). Auch die "kognitive
der Neuzeit, durch Galilei und Descartes, nachhaltig
Wende" in der akademischen Psychologie wechselt
erneuert wurde.
nur vom mechanischen ins systemtheoretische
Interpretationsparadigma. Das Psychische, das Doch diese sich entbergende Vernunft war stets auch
Personale bleibt eingereiht unter die Ordnung der eine sich verbergende. Intention und Erfüllung kamen
Dinge. Mit zunehmender Erkenntnis der "Natur" nie zur Deckung. Schaut man genau hin, so liegt hier
gewinnt der Mensch auch zunehmend Herrschaft eine merkwürdige Doppelung der Struktur Intention-
über seine praktische Umwelt, über andere Men- Erfüllung vor. Die Intention selbst wird nochmals
schen und sich selbst. "Der Mensch ist so wirklich aufgespannt in der Frage, inwiefern sich die Intention
Ebenbild Gottes." (K 67) als Intention erfüllt.15 "Solche Art der Rückfrage auf
die Weisen, wie fortlebende Ziele immer wieder
Doch bereits im Skeptizismus Humes und mehr noch
neuversuchte Erzielungen mit sich führen und immer
in der "kopernikanischen Wende" Kants sieht Husserl
wieder durch Unbefriedigung die Nötigung, sie zu
Anstöße das "objektivistische Vorurteil" der neuzeitli-
klären, zu bessern (...), umzugestalten - das ist (...)
chen Philosophie und Wissenschaft aufzubrechen
echte Selbstbesinnung des Philosophen", zugleich
und den Blick zurückzuwenden auf die fundierenden
Weiterführung der Selbstbesinnung der "Altvorde-
Leistungen der Subjektivität.14
ren"(K 73). Daß alle Selbstverständlichkeiten, philo-
sophischer oder wissenschaftlicher Art, Vorurteile
IV. Zum Problem der historischen Rückfrage sind, erwachsen aus Unklarheiten traditioneller
Erinnern wir noch einmal: Wahrheit heißt bei Husserl, Sedimentierungen, gilt es für den "Selbstdenker", den
etwas in evidenter Weise zur Selbstgegebenheit "autonomen Philosophen" zu erkennen. Worauf die
kommen lassen. Die Anschauung ist das Letztfundie- Vernunft als das Spezifische des Menschen hinaus-
rende der Erkenntnis. Die Sinnentleerung der moder- will ist die Idee der Autonomie, die Selbstregierung.
nen Wissenschaften liegt darin, daß sie nicht mehr Dem dient die Selbstbesinnung. Das Erkennen
auf den "Ursprungssinn" all ihrer Konstrukte zurück- dieses letzten Selbstverständnisses hat "keine an-
fragt. Das Vergessen ihrer lebensweltlichen Voraus- dere Gestalt (...) als Selbstverständnis nach apriori-
setzung, der Objektivismus der Wissenschaften schen Prinzipien,(...) in Form der Philosophie"(K 276).
führte zu einer Sinnsedimentierung, zu Verwerfungen "Die universal apodiktisch begründete und begrün-
und Verschiebungen. Dieses Miteinander von ur- dende Wissenschaft entspringt nun als notwendig
sprünglicher Sinnbildung und Sinnsedimentierung höchste Menschheitsfunktion, die der Ermöglichung
ergibt die Notwendigkeit der historischen Betrach- ihrer Entwicklung zu einer personalen und zu einer
tung. "Das Problem der echten historischen Erklärung allumspannenden menschheitlichen Autonomie" (K
fällt bei den Wissenschaften mit der 'erkenntnistheo- 273). In diesem Sinne war die bisherige Philosophie
retischen' Begründung oder Aufklärung zusammen." ein Weg zur "Transzendentalen Phänomenologie" -
(K 381) Der Bezug auf die Geschichte ist das eigent- ein Gedanke, der zumindest formal dem Hegelschen
lich Neue im Husserlschen Spätwerk. In ihr sieht er recht ähnlich ist. So ist auch zu verstehen, daß
eine einheitliche Entwicklung angezeigt: Husserl seine historischen Analysen nicht als Ideen-
geschichte oder als historistische Tatsachensamm-

internet: www.text-galerie.de 7
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

lung versteht. Auch die Selbstinterpretationen der der in wissenschaftlicher Tätigkeit vergemeinschafte-
Philosophen und Naturforscher sind nicht frei von ten Subjekte. Befreien wir uns vom "Objektivismus",
Verzerrungen, stehen im Bann tradierter Sinnver- so erkennen wir die "objektiven Wissenschaften als
schiebungen. Das bloß Spätere ist auch nicht schon subjektive Gebilde "(K 132).
das Wahrere. So befinden wir uns in einer Art "Zirkel"
Wird damit Wissenschaft nicht eine "Lebenswelt"
,"relative Klärung auf der einen Seite bringt einige
neben anderen? Jedes Individuum hätte dann seine
Erhellung auf der anderen" (K 59). Die historische
eigene "Sonderwelt", seine Welt des Berufes, der
Besinnung ist nicht nur Vergegenwärtigung , sondern
Freundschaften oder der Politik, wenn er aktiv daran
"Geschichtskritik". "Wesensmäßig aber gehört zu
teilnimmt. Hier stoßen wir auf ein Problem, das im
jeder Urstiftung eine dem historischen Prozeß aufge-
Teil III unausgesprochen mitschwang: Was unter-
gebene Endstiftung. Diese ist vollzogen, wenn die
scheidet " lebensweltliche Typiken" von wissen-
Aufgabe zur vollendeten Klarheit gekommen ist, und
schaftlichen Idealisierungen"? Husserl gibt so gut wie
damit zu einer apodiktischen Methode, die in jedem
keine Beschreibungen lebensweltlicher Typiken,
Schritte der Erzielung der ständige Durchgang ist für
sondern kennzeichnet sie meist formal als defizitäre
neue Schritte, die den Charakter von absolut gelin-
Modi "exakter" Gebilde. Er spricht vom Schwanken
genden haben"(K 73). Nur eine Wissenschaft, die
der Identität, von unvollkommenen Geraden usw..
dies für sich in Anspruch nehmen kann enthüllt das
Doch was heißt es, eine Vorstellungsreihe bis zur
wahre Sein, womit ihr auch ihre Lebensbedeutsam-
Limes-Gestalt zu vervollkommnen ? Woher nimmt der
keit zurückgegeben ist. Wissenschaft begreifen heißt
Geometer sein "Ideal", auf das hin er sich die an-
nicht, sie als fertiges Erbe in Form dokumentierter
schauliche Gestalt als exakt vollendet "denkt"?
Sätze nehmen, es bedarf einer Aktivität der Wieder-
Andererseits erwachsen die idealen Gestalten aus
erinnerung, "in der das vergangene Erleben guasi
der alltäglichen Praxis des messenden Bestimmens.
neu und aktiv durchlebt wird." (K 370) Wenn Husserl
Da Husserl nie auf die Idee gekommen ist von kon-
so der "Sinngenesis" wissenschaftlicher und philoso-
kurrierenden Strukturbildungen auszugehen, Diffe-
phischer Theoriebildung nachgeht, sich zurückarbei-
renzen immer als Sinnverschiebungen vorurteilskri-
tet durch die Sinnschichten, dann kann er die Seins-
tisch aufzulösen suchte, müssen für ihn die apriori-
setzungen der Wissenschaft nicht als geltend hin-
schen Strukturen der Wissenschaft schon in einem
nehmen. Er befragt sie ja gerade und muß demnach
"Apriori der Lebenswelt verankert sein. Die Lebens-
Epoché üben oder, wie Habermas es neudeutsch
welt in ihrer Vielfalt von subjektiv-relativen Gegeben-
ausdrücken würde, er virtualisiert ihre Geltungsan-
heiten, die Unzahl von "Sonderwelten" löst sich nicht
sprüche. Was Husserl demgemäß treibt ist "Intentio-
in einem zufälligen Nebeneinander oder gar in Diffu-
nalitätshistorie" (vgl. Ströker, 1979,S.112ff). Auch hier
sität auf, sondern hat "in allen Relativitäten ihre
waltet das "universale Korrelationsapriori". Was
allgemeine Struktur, an die alles relativ Seiende
Husserl als historische Sinngebilde und -strukturie-
gebunden ist.(...) Die Welt als Lebenswelt hat schon
rungen enthüllt, hat sein Gegenüber in der transzen-
vorwissenschaftlich die 'gleichen' Strukturen (...),
dentalen Geschichte der Subjektivität, insofern sie
welche die objektiven Wissenschaften (...) als apriori-
ihre Genesis gar nicht anders hat, denn als Werden
sche Strukturen voraussetzen und systematisch (...)
kraft ihrer sinnstiftenden Leistungen (vgl.ebd. S. 113).
entfalten"(K 142). In der Lebenswelt gibt es bereits
raum-zeitliche Körper, Kausalität, nur nicht als "ex-
V. Die Lebenswelt akte". Der einzige Vorwurf, den Husserl somit den
Alle Fragen, die die Wissenschaft stellt und beant- Wissenschaften machen kann, ist daß sie ihre Er-
wortet, sind Fragen auf dem Boden der vorgegebe- gebnisse nicht als "idealisierende Leistung" verste-
nen Welt - der Lebenswelt. Jegliche Zwecksetzung hen, sondern das "Produkt" als fertig gegeben hin-
hat hierin ihren Horizont, womit die Lebenswelt selbst nehmen. Es ist damit nichts anderes gesagt als, daß
kein Zweckgebilde ist. die Wissenschaften ihren Ausgang von der verach-
Wissenschaft, wie vorwissenschaftliches Leben the- teten doxischen Anschauung nehmen muß; ihre
matisieren - in je besonderer Weise – Aspekte dieses Resultate, zumindest die der Naturwissenschaften,
offenen Horizontes. "Nur, daß eben ein in Griechen- der Logik und Mathematik, bleiben unangetastet. Mit
land entspringendes neues Menschentum (das philo- Bezug auf die Logik schreibt er z.B.. "Darin soll
sophische, das wissenschaftliche Menschentum) sich keinerlei Abwertung der exakten Erkenntnis liegen
veranlaßt sah, die Zweckidee 'Erkenntnis' und 'Wahr- (...) Es bedeutet nur eine Erhellung des Weges, auf
heit' des natürlichen Daseins umzubilden und der dem zu höheren Evidenzen zu gelangen ist, und der
neugebildeten Idee 'objektiver Wahrheit' die höhere verborgenen Voraussetzungen, auf denen sie beru-
Dignität, die einer Norm für alle Erkenntnisse zuzu- hen, und die ihren Sinn bestimmen und begrenzen.
messen" (K 124). Dem vorwissenschaftlichen Leben Sie selbst werden ihrem Inhalte nach dadurch nicht in
genügt die Bekanntheit der Welt in Form von Typiken, Frage gestellt."(EU, S.44f) Husserl ist kein "Technik-
ein "Bereich guter Bewährung" (K 128). Hier sind uns Kritiker", ihn beschäftigte nicht die Frage, ob das
die Dinge nur subjektiv-relativ, dh. perspektivisch Eindringen des wissenschaftlichen Denkens zu einer
vorgegeben. Doch auch die Leistungen der Wissen- Zerstörung der lebensweltlichen Erfahrung führen
schaft gehören der Lebenswelt an, sind Leistungen könnte. Lediglich seine Kritik der Psychologie, den

internet: www.text-galerie.de 8
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

Menschen rein als "Körperding" zu nehmen, ermög- zuunterst gegeben in schlichter Erfahrung, als Welt
licht ein radikaleres Weiterfragen(vgl. Merleau-Ponty, schlicht sinnlich erfaßbarer Substrate."(EU, S.54) Das
PdW). Husserl interessieren auch nicht spezifische Seiende dieser universalen Erfahrung ist die All-
Lebenswelten, er beschreibt sie nicht detailliert in Natur, die Naturkörper. Da diese Natur passiv gege-
ihrem Dahinströmen, im status nascendi. Sein Ziel ben ist, liegt sie allen kulturellen Überlagerungen
war viel weiter gesteckt. Die "Wissenschaft von der verschiedendster Lebenswelten zugrunde. Zu ihr hat
Lebenswelt" will die invarianten Strukturen aller nur jeder Mensch gleichermaßen einen evidenten Zu-
denkmöglichen "Lebenswelten" aufzeigen. "Alle gang, womit strengste intersubjektive Gültigkeit
möglichen Welten sind Varianten der uns geltenden, angezeigt ist. "Ihr steht gegenüber die Wahrnehmung
sofern wir ihre apriorische Wesensform erfaßt haben" des durch Verstehen von Ausdruck allein Wahr-
(K 500). Die Struktur der Geschichte selbst geht auf nehmbare, nie das Verstehen eines Werkzeuges in
in der Entfaltung der Idee einer Welt. Die Weltge- seiner verweisenden 'Erinnerung' an Menschen (...);
schichte mit Vergangenheit und Zukunft kann nur und dann wieder, unmittelbar der Ausdruck eines
verstanden werden "als die Geschichte der uns, von körperlichen Leibes als der eines menschlichen.
mir aus, geltenden Welt"(K 501). Das Apriori der Beides setzt voraus eine sinnliche Wahrnehmung des
Lebenszeit ist eine im Unendlichen liegende Idee, da den Ausdruck fundierenden körperlichen"(EU, S.55).
jede endliche, uns geltende Umwelt "mit einer Unbe- Demnach muß die "Lebenswelt" differenziert werden:
stimmtheit behaftet (ist), die in der Horizonthaftigkeit Sie taucht auf
liegt"(K 500). Um dieses "konkrete Apriori" in den a) als "konkrete Lebenswelt", die universal alle
Blick zu heben, müssen wir die Seinsgeltung der uns Zweckgebilde umfaßt, als "Totalhorizont";
gegebenen Welt außer Kraft setzen, transzendentale b) als "relative Sonderwelt", bestimmte Kulturwelt und
Epoché üben, um in "völliger Freiheit unser mensch- c) als "abstrakt herauszupräparierender Weltkern" (K
lich historisches Dasein und, was sich dabei als seine 136).
Lebenswelt auslegt, umdenken, umphantasieren (...)
Als dieser ist sie die raumzeitliche Welt der Dinge,
In diesem Variieren und Durchlaufen der lebenswelt-
der Natur, vor aller kulturellen Interpretation, damit
lichen Erdenklichkeiten tritt in apodiktischer Evidenz
"jedermann gleich zugäglich"(K 142). Nur in der letz-
hervor ein wesensallgemeiner Bestand, der durch alle
ten Form kann sie als Fundament der "objektiven
Varianten hindurchgeht"(K 383). Haben wir diese
Wissenschaften" dienen. "In ihrer steten Vorgegeben-
Welt-Struktur bestimmt, in der "Krisis-Schrift" bleibt
heit bildet sie dabei die Grundstufe aller höheren
sie nur Programm, dann können wir auch zeigen, in
Sinnbildungen; in ihrer universalen S t r u k t u r i e r t
welchem Horizont wissenschaftliche Sonderaufgaben
h e i t bleibt sie invariabel in bezug auf alle auftreten-
zu leisten sind. In Bestimmung der Regionalontolo-
den Relativitäten." (Waldenfels, 1979a, S. 126)
gien können mir auch genau trennen zwischen der
Konzeption einer Natur von raum-zeitlichen Körpern Die drei Bestimmungen der Lebenswelt deuten ein
und den personalen Objektivationsmöglichkeiten in ungelöstes Problem an: Wenn uns die Welt vorwis-
Kultur und Geschichte. senschaftlich horizonthaft bewußt ist, als "konkrete,
geschichtlich-kulturelle Universalität" gefaßt ist, so
Der Begriff der Lebenswelt bleibt aber immer noch
kann diese Universalität nicht den Sinn einer "Allheit
unscharf. Zum einen ist er definiert als Horizont, der
des Seienden" haben. Von daher kann es auch keine
alle Sonderwelten einschließt. Dinge, Menschen,
Ontologie geben. Da Husserls Interesse über die
jegliches Seiende ist somit Objekt 'im' Welthorizont.
Beschreibung der Lebenswelt i.S. einer Ontologie
Diese Thematisierung liegt dem natürlichen Leben
hinausgeht, er deren Konstitution durch die transzen-
auch näher, zeigt Offenheit und Begrenzung zugleich
dentale Subjektivität aufzeigen will, bleibt in dieser
an. Als philosophischer Begriff ist er der transzen-
programmatischen Absicht der Begriff der "Lebens-
dentale Gesichtspunkt, der die Korrelation von Le-
welt" ein "ontologisch-transzendentaler Zwitterbegriff"
benswelt und lebensweltlicher Erfahrung aufzeigt.
(Claesges, 1972, S.97). Husserls letzte Frage gilt der
Welt ist darin kein Gegenstand, wie ein Ding, ob-
"Weltkonstitution". Dabei stößt er auf eine Paradoxie:
gleich sich jede Erfahrung auf Gegenstände in der
Wir Menschen sind Subjekte innerhalb der Welt,
Welt bezieht. Weltbewußtsein zeigt sich in der Mög-
leben, lieben und arbeiten dort in kommunikativen
lichkeit des "immer weiter" innerhalb eines offenen
Zusammenhängen und gleichzeitig ist die Welt für
Horizontes.
mein Bewußtsein subjektiv gegeben. Wir sind: "Sub-
Auf dieser Folie läßt sich aber keine "Ontologie" ent- jektivität 'in' der Welt als Objekte und zugleich 'für' die
wickeln. Diese versteht die Welt als "All des Seien- Welt Bewußtseinssubjekt"(K 184). Die Paradoxie läßt
den". "Somit läge hier die Aufgabe einer lebens- sich nach Husserl nur auflösen, indem ich mich selbst
weltlichen Ontotogie, verstanden als einer konkret als empirisches, leibliches Wesen und "alle anderen
allgemeinen Wesenslehre dieser Onta"(K 145). Auf Menschen mit ihrem ganzen Aktleben in das Welt-
diesem Hintergrund kann Husserl vom Bestand der phänomen (einbeziehe), das in meiner Epoché
Welt sprechen. Er unterscheidet dabei eine unterste ausschließlich das meine ist. Die Epoché schafft eine
Schicht, die "pure Natur", die der "schlichten An- einzigartige philosophische Einsamkeit, die das
schauung" gegeben ist. "Die Welt, wie sie in passiver methodische Grunderfordernis ist für eine wirklich
Doxa als Ganzes immer schon vorgegeben ist, (...) ist radikale Philosophie"(K 187f). Dieses so aufgefun-

internet: www.text-galerie.de 9
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

dene Ur-Ego hat einen transmundanen Status und onierendes Körperding kritisiert. Doch auch hier will
besitzt eine unverletzliche Einzigkeit und Undeklinier- er "Reinheit" und unterlegt dem leibhaften, inkarnier-
barkeit. In seiner Selbstauslegung enthüllt sich ihm ten Subjekt ein "reines Ego". Demgegenüber besteht
die Konstitution seiner selbst als ichlich fungierender Merleau-Ponty auf der fundamentalen "Zweideutig-
Leib und das für es Seiende: die Welt. Auch das keit" (l'ambiguite): "Konkret genommen, ist der
Problem der Intersubjektivität wird als Konstituti- Mensch nicht Psychismus, verbunden mit einem
onsprozeß verstanden. Der Andere wird nur in einem Organismus, sondern das Kommen und Gehen der
doppelten Vermittlungsschritt zugänglich: einmal in Existenz, die bald sich körperlich sein läßt, dann
der Übertragung des eigenen Leibkörpers auf das wieder in persönlichem Handeln sich zuträgt"(PdW,
Körperding des 'nachmals' Anderen, worin das Kör- S.113). Unter all diesen Fragwürdigkeiten leidet auch
perding zu einem "beseelten" Leib wird; zum zweiten sein Begriff der "Lebenswelt". Ihre grundlegende
durch "Einfühlung" meiner eigenen präsenten psychi- Schicht, die "pure Natur", gleicht trotz aller gegenteili-
schen Bestände in den Anderen. Diese Vermittlungen gen Beteuerungen zu sehr der cartesianischen res
zeigen mir den Anderen nie in seiner Selbstgegeben- extensa, was ihm den Zugang zu einer wirklichen
heit, es bleibt eine spezifische Fremdheit. Dies ist Wissenschaftskritik verunmöglicht und mit einer
aber kein Plädoyer für den "vereinzelten Menschen", Verzerrung der "lebensweltlichen Wahrnehmung"
die Welt ist seiend für die "Menschengemeinschaft". erkauft wird. Lebenswelt und Natur ontologisch zu
Im Miteinander nehmen wir teil am Leben des Ande- fixieren, sie zudem noch transzendentalphilosaphisch
ren. zu konstituieren, greift letztlich seinen verteidigungs-
Schauen wir auf unsere skizzenhaften Erörterungen würdigen Gedanken der " Intentionalität" an und löst
zurück, so zeigte die Rückfrage auf die "Lebenswelt" Welt in Bewußtsein auf:
bei Husserl eine dreifache Zielsetzung: "Die Welt ist nicht, was ich denke, sondern das, was
a) die Fundierung der objektiven Wissenschaften in ich lebe, ich bin offen zur Welt, unzweifelhaft kommu-
der Lebenswelt und damit die Überwindung des niziere ich mit ihr, doch ist sie nicht mein Besitz, sie
Objektivismus - darin lag ihre Bodenfunktion; ist unerschöpfbar."(ebd. S.14) "Die Natur bietet der
Leiblichkeit und der Intersubjektivität lediglich eine
b) den Einstieg in die transzendentale Phänomenolo-
Gelegenheit"(Ders., AuG, S.67)
gie, worin vom subjektiv-relativen Phänomenbestand
auf die konstitutiven Leistungen der Subjektivität zu- Diese kurze Übersicht müßte erweitert und Punkt für
rückgefragt wurde - darin lag ihre Leitfadenfunktion - Punkt entfaltet werden. Dies ist besonders deshalb
und c) die Gewinnung einer geschichtlichen Gesamt- nötig, da Husserls materiale Analysen sich häufig
perspektive, sofern alle historisch-kulturellen Sonder- gegen seine eigenen Konzeptionen wenden lassen.
welten 'eine' Lebenswelt voraussetzen - darin lag ihre Dennoch möchte ich nur wenige Punkte herausgrei-
Einigungsfunktion. (vgl. Waldenfels,1979a, S.125f) fen:
Kommen wir so noch einmal auf die Lebenswelt als
VI. Perspektiven der Kritik Sinnfundament für die objektiven Wissenschaften
Die vorherigen Ausführungen mögen enttäuschend zurück. Bei der Differenzierung des Begriffs stellen
wirken für diejenigen, die eine Reflexion auf unsere, wir fest, daß nur die Welt der raumzeitlichen Körper,
je eigenen und gemeinsamen "Lebenswelten" er- der "Weltkern" diese Bodenfunktion bei Husserl
wartet haben. Doch auch ein mögliches Interesse am erfüllen kann. Die Erfahrungsform, also das intentio-
phänomenologischen Denken sieht sich vielen Frag- nale Komplement dieser "Grundschicht" von Welt, ist
würdigkeiten gegenüber. Allzusehr verteidigt Husserl eine abstraktive, da sie alle höheren Schichten ab-
in seinen programmatischen Ausführungen Thesen, bauen muß. "Wir leben nicht im Universum der
die uns gerade für die "Krisis" der Wissenschaften bloßen Sachen. Vor aller Reflexion nehmen wir in der
und der Lebenswelt als verantwortlich gelten. Sein Unterhaltung und im täglichen Leben eine 'persona-
Gedanke der Autonomie, ein "Leben in der Apodikti- listische Einstellung' ein, die der Naturalismus nicht
zität", reiht sich ein in das grandiose Selbstüber- erklären kann und in der die Sachen für uns nicht
schätzungspragramm der Neuzeit. Seine Konzeption Natur an sich, sondern 'unsere Umgebung' sind."
der Erfassung des Apriori der Geschichte stellt den (Merleau-Ponty, AuG, S.49). Diese Worte sind zwar
Horizont geschichtlicher Erfahrung zu; zudem scheint gegen den Naturalismus gesprochen und stammen
der einheitliche Sinn in der Geschichte fragwürdig. fast wörtlich von Husserl selbst (Ideen II, S.163,
Die Rückbindung des Telos der Geschichte an den zit.ebd.) jedoch was unterscheidet "lebendige Kausa-
Telos einer transzendentalen Subjektivität über- lität" oder "lebendige Raum-Zeitlichkeit" von den
springt, in einem Versuch der absoluten Selbstversi- Idealisierungen der Wissenschaft, wenn sich deren
cherung, die Uneinholbarkeit geschichtlichen Ge- Apriori in dem der Lebenswelt fundiert sieht. Die
schehens und die Endlichkeit des Individuums. Seine lebensweltliche Erfahrung soll grundlegende Erfah-
Kritik der objektiven Wissenschaften bleibt als Nach- rung sein, insofern sie allen Erlebnis- und Verhal-
vollzug der Sinngenesis ihrer Konstrukte unzuläng- tensweisen voraus ist. Wie kann aber eine partielle,
lich, enthält nur dort kritische Implikate, wo er die den Weltkern herauspräparierende Erfahrung, eine
Reduzierung der "Person" auf ein mechanisch funkti- das Ganze betreffende sein? Wenn man von ur-

internet: www.text-galerie.de 10
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

sprünglicher Erfahrung reden will, so zeigt uns diese in dem ihr jene Funktion zugeschrieben wird" (Strö-
die Natur nie "rein", sondern eingeschlossen in eine ker, 1979, S.121) . Die wissenschaftliche Welt ist
Kulturwelt. An anderer Stelle weist Husserl selbst keine zweite Welt, da ihre Sinnkonstitutionen auch in
darauf hin (vgl. CM, §58). Die Dinge unserer Umge- der Lebenswelt gelten, sich bewähren müssen. Den
bung sind primär "Zuhandenes" in einer "Be- neuen Konstrukten muß in der Lebenswelt Geltung
wandnisganzheit" und werden erst vor dem abstrakti- verschafft werden, "dazu bedarf es eigener Zurüstun-
ven, theoretischen Blick zur raumzeitlichen Körpern, gen, die, obzwar nicht 'aus' der Lebenswelt motiviert,
zur "Vorhandenheit", wie Heidegger es ausdrücken gleichwohl 'in' ihr zu treffen sind" (ebd. S.120). Die
würde. Lebenswelt als "pure Natur" und ihre entspre- experimentellen Vorkehrungen sind so gleicherma-
chend reduzierte Erfahrung kann auch nicht das ßen Teil der wissenschaftlichen Praxis: dort dienen
Fundament, eingeschränkt auf die Naturwissen- sie der Geltungsprüfung, wie der lebensweltlichen
schaften, abgeben, denn dann müßte wiederum zu- Praxis: insofern sie deren Bestand etwas Neues
rückgefragt werden, was diese Erfahrung fundiert. hinzufügt, seien es Geräte, Theorien oder Interpreta-
tionsmuster. Das Neue sickert in die lebensweltlichen
Die Schwierigkeit ist unübersehbar: "sofern die Le-
Erfahrungen ein, schichtet auf, aber strukturiert auch
benswelt konkret-geschichtlich ist, ist sie kein univer-
um. Nur in diesem Sinne kann Husserls Redeweise
sales Fundament, und insofern sie ein solches ist (als
von "Sinnstiftung", "Sinnsedimentierung" und "Sinn-
"pure Natur" -R.S.), ist sie nicht konkret-geschichtlich"
verschiebung" akzeptiert werden. Die Wissenschaft
(Waldenfels, 1979a, S.129). Nur in spezifisch gerich-
konstituiert ständig die Lebenswelt mit.
teter Weise sind uns "Dinge" als Komposition aus
Raum-, Zeitschema, sinnlicher Fülle und "lebendiger" Die Lebenswelt verliert ihre Einheitlichkeit, konkurrie-
Kausalität gegeben, sie können in der konkreten rende Strukturbildungen sind möglich. Sie verwandelt
Erfahrung keine intersubjektive Geltung beanspru- sich in ein Netz und eine Kette von Sonderwelten,
chen, was ihren Geltungsanspruch nicht relativiert, "die sich vielfach überschneiden und überlagern, die
jedoch kann hier von "passiver Genesis" nicht die sich aber (...) nicht hierarchisch anordnen und teleo-
Rede sein. logisch ausrichten lassen im Hinblick auf ein umfas-
sendes Ganzes" (Waldenfels, 1979a, S.136).
Konkret lernen wir überhaupt erst was ein "Ding" ist,
lernen zu unterscheiden zwischen Leblosem und In Husserls "universalem Korrelationsapriori" waren
Lebendigem. Piagets Studien zum "frühkindlichen Welt und Subjektivität intentional aufeinander bezo-
Animismus" sind hierfür recht lehrreich. Auch unsere gen. Verliert diese Welt ihre "Einheitlichkeit", so kann
konkrete Raumerfahrung ist nicht primär Wahrneh- die "Subjektivität", das Ego davon nicht unbetroffen
mungsschema für die Dingkonstitution. Wir wohnen bleiben. Die Evidenz der "lebendigen Selbstgegen-
gleichsam im Raume ein, Körperraum und Außen- wart" steht in Frage. Und auch hier liefert Husserl
raum zusammen bilden ein praktisches System, "in selbst die Kritikpunkte. Bewußtsein ist zunächst
dem jener der Untergrund ist, vor dem ein Gegens- Gerichtet-sein auf Anderes. "Dem Anderen verfallen,
tand sich erst abheben kann" (Merleau-Ponty, PdW, weiß es sich zunächst nicht als ausgerichtetes"
S. 126) . Diese Kritikbeispiele ließen sich weiterfüh- (Ricoeur, 1969, S.388). Die Gerichtetheit auf die
ren, aber wichtiger ist die daraus folgende Konse- Dinge mit ihren Horizonten, eingelagert in den Strom
quenz. Die Wahrnehmung selbst, "Urmodus der des unthematisch Mitgemeinten, ist der Reflexion
Erfahrung", muß thematisch werden. Wahrnehmung immer schon voraus. Nicht nur kann das Hori-
hat bei Husserl den Charakter der Präsentation, der zonthafte je zur vollen Klarheit kommen, die fungie-
Gegenwärtigung, aber damit geht in eins die Vorstel- rende Intentionalität kann von der Reflexion nicht
lung, uns seien die Dinge als dieselben nur unter fixiert werden. Das Ego weiß sich als wissendes
verschiedenen raum-zeitlichen Perspektiven gegeben immer erst im nachhinein. Vor allem aktiven Intendie-
und erst anschließend werden sie von "kulturellen ren und der Vergewisserung dieser Intention als Akt,
Prädikaten" überlagert. Auch hier gibt es eine un- liegt eine "passive Genesis des Sinnes", ein Sinn, der
terste, universale Struktur. Demgegenüber kann sich ohne mich erfüllt. Nie kann ich ihn gänzlich
nunmehr nur insofern von einer universalen Struktur aufhellen, er sedimentiert sich und konstituiert so das
gesprochen werden, daß wir immer" etwas als etwas Ego mit, das nichts anderes ist als das Werden seiner
verstehen". Welt ist uns nicht zuunterst gegeben in selbst in der Geschichte. Das Bewußtsein ist also
"schlichter Erfahrung", sondern in unserem " In-der- seiner selbst nicht sicher, kein fundamentum incon-
Welt-Sein" haben wir sie immer schon verstehend cussum, sondern kann nur thematisch werden in ei-
erschlossen (vgl. Heidegger, SZ). Was kann auf ner "Archäologie des Subjekts". Und auch die Natur
diesem Hintergrund für das Verhältnis von Wissen- entbirgt sich uns nicht ganz. Es gibt eine "Rückseite
schaft und Lebenswelt ausgesagt werden? Ein der Dinge", die uns nicht zugänglich ist; so hört, wo
stufenweiser Regress durch die wissenschaftlichen der Schatten beginnt unser Verstehen auf. Diese
Sinnschichten hindurch auf eine "unberührte" Le- Seite der Natur ist "unzivilisiert", übersteigt die Gren-
benswelt ist nunmehr nicht möglich. Lebenswelt, zen unserer Sinngebung und ist doch ständig anwe-
"sofern sie als Sinnfundament der neuzeitlichen send, wirkt auf uns ein (vgl. Merleau-Ponty, AuG,
Wissenschaft betrachtet werden soll", hört genau von S.67).
dem Augenblick an auf "vorwissenschaftlich zu sein,

internet: www.text-galerie.de 11
Rudolf Süsske (1983) Skizzen zum Rekurs auf die „Lebenswelt“ in der Phänomenologie Edmund Husserls

Anmerkungen:
1 vgl. Hammerich/Klein (Hrsg.): Materialien zur Soziologie des 9 Heidegger grenzt hiervon noch einmal die "Erscheinung" ab.
Alltags, KZfSS Sonderheft 20/1978; Leithäuser, T.: Formen des "Erscheinen ist ein Sich-nicht-zeigen.(...) Erscheinen ist das
Alltagsbewußtseins, Frankf.1976; Hack, L.: Subjektivität im Sich-melden durch etwas, was sich zeigt"(SZ, S.29). So z.B.
Alltagsleben, Frankf.1977; Goffman, E.: Interaktionsrituale, Krankheitserscheinungen: die Krankheit zeigt sich selbst nicht,
Frankf. 1976; Leithäuser, Volmerg u.a.: Entwurf zu einer Empirie sondern was sich zeigt als Indikator sind Symptome. Wichtig ist,
des Alltagsbewußtseins, Frankf. 1977; zur sozial-historischen daß Husserl Erscheinung so nicht gebraucht, sondern den
Forschung; Lüdtke, A.: Alltagswirklichkeit. Lebensweise und Begriff mit dem Sichzeigenden, Offenbaren gleichsetzt.
Bedürfnisartikulation, in: Gesellschaft 11, 1978, S.311-35o 10 vgl. Herrmann, F-W. v. ( 1981), der von Heidegger her
2 vgl. die Arbeiten E.Goffmans, sowie den Sammelband: AG argumentierend, Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen
Bielefelder Soziologen: Alltagswissen, Interaktion und gesell- der Husserlschen Phänomenologie des Bewußtseins und
schaftliche Wirklichkeit, Reinbek 1973, zu Mead vgl. Joas: Heideggers Daseinsanalytik kurz herausarbeitet.
Praktische Subjektivität, Frankf. 1961 (eine Arbeit, die zeigt, wo 11 Autgrund der Epoché ist die intentionale Bewußtseinsanalyse
Mead auch über den SI hinausgeht). Hack, L.(s.o.) keine psychologische Fragestellung, da sich die Psychologie als
3 vgl. zur Übersicht: Weingarten, Sack, Schenkein (Hrsg.): Wissenschaft auf dem Boden der "natürlichen Welteinstellung"
Ethnomethodologie - Beiträge zu einer Soziologie des Alltags- bewegt.
handelns, Frankf.1976 12 Wir zitieren Merleau-Ponty an dieser Stelle nur insoweit er mit
4 Laucken, U.: Naive Verhaltenstheorie, Stuttg.1974, Fillipp Husserl übereinstimmt, bevorzugen jedoch seinen eher literari-
(Hrsg.): Selbstkonzept-Forschung, Stuttg.1979 schen Stil.
5 vgl. Cicourel, A.: Methode und Messung in der Soziologie, 13 Die Arbeit "Die Krisis der neuzeitlichen Wissenschaften und
Frankf.1974; Hopf/ Weingarten: Qualitative Sozialforschung, die Transzendentale Phänomenologie" besteht in ihrem Kern aus
Stuttg. 1979; Mertens, W.: Sozialpsychologie des Experiments, den Vorträgen, die Husserl 1935 in Wien und Prag gehalten hat,
Hamburg 1975 wurde von ihm ergänzt und teilweise veröffentlicht (Belgrad
6 zur Sozialpsychologie vgl. z.B. Israel/Tajfel: The context of 1936). Eine endgültige abgeschlossene Fassung konnte er nicht
social psychology, London 1972; Mertens/ Fuchs: Krise der mehr fertigstellen, so daß die Arbeit wie sie vorliegt ein Fragment
Sozialpsychologie?, München 1976 zur Sozialisationsforschung bleibt.
z.B. Edelstein/Keller (Hrsg.): Perspektivität und Interpretation, 14 Mit Kant endet auch der eher "historische" Teil und beginnt
Frankf.1982 der "systematische", der sich den Problemen der Ontologie und
7 in der Pädagogischen Psychologie geht dies soweit, daß Konstitution der Lebenswelt zuwendet. Beide Teile sind nicht
objektive Testverfahren gefunden wurden, die allen statistischen explizit aufeinander bezogen, stammen aus verschiedenen
Anforderungen genügen, aber praktisch nicht realisierbar sind. Arbeitsschritten.
vgl. zur Übersicht U.Kritik Grubitzsch/Rexilius: Testtheorie- 15 Diesen Hinweis verdanke ich Dr. Emil Angehrn (mittlerweile
Testpraxis. Reinbek 1976 Prof.), an dessen Seminar zur "Krisis" ich an der FU in Berlin WS
8 vgl. Winch, P.: Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Ver- 82/83 teilnahm.
hältnis zur Philosophie, Frankf. 1974

Literatur:
BIEMEL, U. (1979) Zur Bedeutung von Doxa und Episteme im - (1976) Der Weg der Phänomenologie, Gütersloh
Umkreis der Krisis-Thematik, in: STRÖKER (Hrsg.) 1979, S.10- MERLEAU-PONTY.M. (PdW) Phänomenologie der Wahrneh-
22 mung, Berlin 1966 (franz.Orig. 1945)
CLAESGES, U.(1972) Zweideutigkeiten in Husserls Lebens- - (AuG) Das Auge und der Geist, Reinbek 1967
weltbegriff, zit. bei LANDGREBE, L.(1977) RICOEUR, P.(1969) Die Interpretation, Frankf.
HEIDEGGER, M. (SZ) Sein und Zeit, Tübingen 1972 (O- (franz.Orig.1965)
rig.1927) SOKOLOWSKI, R.( 1979) Exact Science and the WorId in
- (1971) Was heißt Denken?, Tübingen Which We Live, in STRÖKER, E.(Hrsg.) 1979, S.92-106
HERRMANN, F.-W.v.( 1981) Der Begriff der Phänomenologie STRÖKER, E.(1979) Geschichte und Lebenswelt als Sinnfun-
bei Heidegger und Husserl, Frankf. dament der Wissenschaften in Husserls Spätwerk, in
HUSSERL, E. (1973) Ding und Raum / Vorlesung 1907, Den Dies.(Hrsg.) 1979, S.107-123
Haag STRÖKER, E. (Hrsg.) ( 1979) Lebenswelt und Wissenschaft in
- (Ideen I) Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phäno- der Philosophie Edmund Husserls, Frankf.
menologischen Philosophie, Tübingen 1980 (Orig.1913) WALDENFELS, B.( 1975) Intentionalität und Kausalität, in
- (CM) Cartesianische Meditationen, Hamburg 1977 (Orig.1931) Ders.(1960) S.98-125
- (K) Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die - (1978) Im Labyrinth des Alltags, in Ders.(Hrsg.) Phä-
transzendentale Phänomenologie, Den Haag 1962 nomenologie und Marxismus 3, Frankf.1978, S.18-44
- (EU) Erfahrung und Urteil, Hamburg 1972 (Orig. 1939) - (1979) Aktuelle Fragen der Phänomenologie, in Ders.(1980)
JANS5EN, P.(1976) Edmund Husserl, Freiburg/München S.11-28
KERN, I.(1979) Die Lebenswelt als Grundlagenproblem der - (1979a) Die Abgründigkeit des Sinns. Kritik an Husserls Idee
objektiven Wissenschaften und als universales Wahrheits- und der Grundlegung, in STRÖKER, E. (Hrsg.) 1979, S.124-142
Seinsproblem, in STRÖKER, E.(Hrsg.) 1979, S.68-78 - (1980) Der Spielraum des Verhaltens, Frankf.
LANDGREBE, L. (1939) Husserls Phänomenologie und die WILSON, P.T.(1960) Theorien der Interaktion und Modelle
Motive zu ihrer Umbildung, in Ders.(1978) S.9-40 soziologischer Erklärung, in AG Bielefelder Soziol.(Hg.) All-
- (1940) Welt als phänomenologisches Problem, in Ders.(1978) tagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit, Bd.1,
S.41-62 Reinbek 1973, S.54-79.
- (1977) Lebenswelt und Geschichtlichkeit des menschlichen
Daseins, in: WALDENFELS (Hrsg.) Phänomenologie und
Marxismus 2, Frankf.1977, 5. 13-58

* Dies ist meine erste eingehende Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Husserls; im Frühjahr 1983 dem Pro-
grammausschuß des Evangelischen Studienwerk Villigst e.V. zur Diskussion vorgestellt. Der Text bildet jedoch den Kontext,
auf den sich meine Überlegungen zu Habermas und Levinas u.a. mittelbar beziehen

internet: www.text-galerie.de 12

Das könnte Ihnen auch gefallen