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Hausarbeit

im Hauptstudium
des Hauptfachs Philosophie
des M.A.-Studiengangs
der FernUniversität in Hagen

Betreuerin: Prof. Dr. Annemarie Gethmann-Siefert

Norbert O. Puschmann

„Husserls Begriff der


phänomenologischen Reduktion“

Kamen 2008

Norbert O. Puschmann
Abgabetermin: 10.02.2008
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ........................................................................................................1

2 Psychologismuskritik ......................................................................................2

3 Intentionalität des Bewusstseins .....................................................................3

4 Eidetik ............................................................................................................5

5 Apriorische Bedingungen der Erkenntnis ........................................................6

6 Cartesianische Inspiration ..............................................................................8

7 Epoché und Reduktion ...................................................................................9


7.1 Natürliche Einstellung und Epoché ...............................................................10
7.2 Epoché als methodischer Zweifel .................................................................11
7.3 Bewusstsein und Welt, Ansichsein und Erscheinen ......................................13

8 Schlussbetrachtung ......................................................................................16

Literaturverzeichnis ......................................................................................19
-1-

1 Einleitung

Husserls phänomenologisches Programm verfolgt, wie Held aufzeigt, ein altes


philosophisches Ideal: das der radikal vorurteilsfreien Erkenntnis.1 Im Rahmen dieses
Programms sind „Phänomene ; nichts anderes als das in der Welt ‚an sich’ Seiende, aber
rein so, wie es sich in der subjektiven Jeweiligkeit des subjektiven ‚Für-mich’ zeigt.“2 Diese
Charakterisierung des Phänomenbegriffs deutet aber auch schon den Rahmen an, in dem
sich die Philosophie Husserls aufspannt. Husserls Streben besteht darin, einer ‚strengen
Wissenschaft’ einen Boden zu bereiten, der durch Dauerhaftigkeit, Objektivität und
Vorurteilslosigkeit gekennzeichnet ist, dies aber auf der Grundlage zunächst subjektiver
Erlebnissituationen.3 Hier zeigt sich eine Nähe Husserls zu der erkenntnistheoretischen
Grundposition Kants, die dieser mit seinem bekannten Hinweis „Begriffe ohne Anschauung
sind leer“4 auf den Punkt brachte. Auf dem Wege, der uns hier zu einer näheren Betrachtung
des Husserlschen Begriffs der phänomenologischen Reduktion führen soll, werden neben
Kant auch Brentano und Descartes kurz als Ideengeber zu betrachten sein. Auch die
Husserls Eidetik bestimmende eidetische Reduktion ist als Ergänzung bzw. Abgrenzung für
die Darstellung der Methode der phänomenologischen Reduktion in die Überlegungen zu
integrieren. Hierbei gilt es auch, den sich hinter dem Begriff der phänomenologischen
Reduktion verbergenden, methodischen Aspekt aufzuzeigen, und dessen Bedeutung für
Husserls Werk zu bestimmen.5

Zum Aufbau der folgenden Ausführungen: Wir nähern uns Husserls methodischem Ansatz,
in dem wir mit Husserls Psychologismuskritik aufzeigen, dass die Auflösung der
Subjektposition nicht adäquat im Rahmen einer Psychologie abgearbeitet werden kann.
Ohne die Berücksichtigung des Konzepts von der Intentionalität des Bewusstseins, welches
Husserl von seinem akademischen Lehrer Brentano übernommen hat, wäre die Methode der

1
Vgl. Klaus Held: Einleitung zu Edmund Husserl: „Die phänomenologische Methode – Ausgewählte
Texte I“; Stuttgart: Reclam, 1998, S. 13
2
Klaus Held: a. a. O, S. 16 – Bei den im Folgenden erscheinenden Zitaten sind teils stillschweigende
Veränderungen vorgenommen worden: So erfolgten, weniger aus Überzeugung, denn aus
Kapitulation vor den Fehlerhinweisen der Textverarbeitung, Anpassungen an neuere
Rechtschreibregeln (z. B.: dass statt daß, muss statt muß etc.). Auch wurden Sperr- und Kursivschrift
nicht durchgängig übernommen. Die im Original in griechischer Sprache mitgeführten Worte werden in
lateinischer Schreibweise wiedergegeben (konkret: Epoché statt έποχή).
3
Vgl. Klaus Held: a. a. O, S. 14
4
KrV B 75 – hier und im Folgenden zitiert nach: Immanuel Kant: „Kritik der reinen Vernunft“; Hamburg:
Meiner, 1998
5
Auf die besondere Bedeutung seines philosophischen Programms als Methode verweist auch
Husserl selbst: „Phänomenologie: das bezeichnet eine Wissenschaft, einen Zusammenhang von
wissenschaftlichen Disziplinen; Phänomenologie bezeichnet aber zugleich und vor allem eine
Methode und Denkhaltung: die spezifisch philosophische Denkhaltung, die spezifisch philosophische
Methode.“ Edmund Husserl: „Die Idee der Phänomenologie: 5 Vorlesungen“; Hamburg: Meiner, 1986,
– im Folgenden zitiert als ‚Hua II’ – S. 23
-2-

phänomenologischen Reduktion ohne ihre wesentliche Grundposition dargestellt. „Das


Bemühen um eine radikale Begründung des Wissens hatte Husserl zur formalen Eidetik
geführt ; .“6 Die kurze Darstellung des Ansatzes der eidetischen Reduktion darf daher in
diesen Ausführungen nicht fehlen. Aber Lyotards Hinweis führt uns noch weiter: „Die
Radikalität des Eidos setzt eine noch grundlegendere Radikalität voraus.“7 Wie kann
Husserls die erforderliche radikalere Grundlegung gewinnen? Hierzu werden die
apriorischen Bedingungen der Erkenntnis über eine knappe Betrachtung der
Verbindungsstellen der diesbezüglichen Positionen von Kant und Husserl in die
Untersuchung einbezogen. Und in den logischen Meditationen der cartesischen Philosophie
findet Husserl eine Inspiration, die ihn das Programm der Reduktion weiter bringen lässt. Auf
die Betrachtung des sich an Descartes anlehnenden methodischen Zweifels kommen wir
auch im Rahmen der Diskussionen des Hauptteils, der Darstellung von Epoché und
phänomenologischer Reduktion, zurück. Die Ausführungen enden mit einer
zusammenfassenden Würdigung in der Schlussbetrachtung.

2 Psychologismuskritik

„Unter der Bezeichnung ‚Psychologismus’ hat man jene Auffassung zu verstehen, die die
Psychologie zur Grundwissenschaft erheben will, da sich alle Erkenntnisleistungen nur
psychologisch erklären ließen. Das hat zur Konsequenz, dass man objektive Sachverhalte
auf die psychischen Vorgänge zurückführt, durch die diese konstituiert werden. Ebenso wie
Denken und Erkennen werden auch die gedachten und erkannten Sachverhalte als
Psychisches aufgefasst.“8 Husserl problematisiert diese Position durch deren Implikation auf
die Logik.9 Während, so Prechtl, die Betrachtung von Denkvorgängen bestenfalls dazu führt,
beobachten zu können, wie das Denken unter spezifischen Bedingungen vor sich geht, zielt
die Logik auf die Normen des Denkens überhaupt ab.10 Damit ergeben sich aber auch
grundlegende Unterschiede bezüglich der Tragweite der Theoriebildung dieser Disziplinen:
So entwickelt die Psychologie empirische Gesetze aus induktiven Verallgemeinerungen, die
aus einzelnen Tatsachen der Erfahrung resultieren bzw. Verallgemeinerungen von
beobachteten Regelmäßigkeiten darstellen. Die Gesetze der Logik hingegen beanspruchen
eine unbedingte Gültigkeit.11 „Die rein logischen Prinzipien lassen sich nicht aus zufälligen
Tatsachen ableiten. Zu diesen Zufälligkeiten rechnet Husserl auch die Konstitution des

6
Jean-François Lyotard: „Die Phänomenologie“; Hamburg: Junius, 1993, S. 27
7
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 28 – Weiter: Dies ergibt sich daraus, dass „mir der logische
Gegenstand selbst verworren und dunkel gegeben sein kann, weil ich von solchen Gesetzen, solchen
logischen Beziehungen ‚eine bloße Vorstellung’ haben kann, die leer, formal und operativ ist.“
8
Peter Prechtl: „Edmund Husserl zur Einführung“; Hamburg: Junius, 4. Aufl., 2006, S. 30
9
Siehe Edmund Husserl: „Prolegomena zur reinen Logik“, LU Bd. 1, Hua XVIII
10
Siehe Peter Prechtl: a. a. O., S. 30
11
Siehe Peter Prechtl: a. a. O., S. 31
-3-

Menschen. Denn das führte zu der Denkmöglichkeit, dass diese Gesetze auch anders oder
überhaupt nicht sein könnten. Eine Position, die diese logischen Gesetze nur relativ zu ihren
Tatsachen gelten ließe, hält er für inakzeptabel.“12 Dafür, dass dem Psychologismus ein
solches Unterfangen angelastet werden kann, steht eine „Verwechslung bzw. fehlende
Differenzierung der Psychologiegesetze ; : Sie Unterscheiden nicht das Urteilen als
Verlaufsform von dem Urteilsinhalt, also dem Gedankeninhalt.“13 „Im Grunde fällt der
Psychologismus einem Doppelsinn des Begriffs ‚Gedanke’ zum Opfer. Das Allgemeine der
unser Denken normierenden logischen Gesetze ist Gedanke – ‚Gedanke’ verstanden als
dasjenige, was im Vollzug des Denkens gedacht wird. Unter ‚Gedanke’ kann man aber auch
einen Denkvollzug als psychischen Vorgang verstehen. Der Psychologismus reduziert das
Sein des gedachten Allgemeinen auf die faktischen Bewusstseinsabläufe des Denkens.“14
Die logischen Gesetze zeichnen sich jedoch durch ihre Unabhängigkeit von einer aktuellen
gedanklich Abarbeitung aus.15
„Husserl wollte ‚zu den Sachen selbst’. Doch, was ‚die Sachen selbst’ sind, kommt originär
nur in subjektiven Vollzügen anschaulicher Selbstgebung zum Vorschein. Diese Vollzüge
aber sind beheimatet im menschlichen Bewusstsein.“16 Um hier im Rahmen des
phänomenologischen Programms nicht auch in die Gefahr zu geraten zu psychologisieren,
muss Husserls Warnung das Geschäft des Phänomenologen laufend begleiten: „Vor der
fundamentalen Verwechslung zwischen dem reinen Phänomen im Sinne der
Phänomenologie und dem psychologischen Phänomen, ; muss man sich hüten.“17

3 Intentionalität des Bewusstseins

Das Konzept der Intentionalität des Bewusstseins ist grundlegend für Husserls
Phänomenologie. Husserl ist hierbei deutlich von Brentano inspiriert. So ist auch die
Aussage, dass das Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas sein muss charakterisierend
für Brentanos Psychologie.18 Bei der Definition dessen, was denn den
Bewusstseinsvorgängen zuzurechnen ist, lehnt sich Husserl an Descartes Vollziehen der
‚cogitationes’ an.19 Das Bewusstsein ist dabei gerichtet, es existiert überhaupt nur in seiner
Bezüglichkeit; aber um „überhaupt Bewusstsein-von-etwas sein zu können, muss das

12
Peter Prechtl: a. a. O., S. 33
13
Peter Prechtl: a. a. O., S. 32
14
Klaus Held: a. a. O., S. 20
15
Held formuliert es so: „Das Allgemeine, das unser Denken normiert, ist unabhängig vom faktischen,
empirisch erfassbaren Wechsel der subjektiven Erkenntnissituationen gültig, es hat ´objektiv´, ‚an sich’
Bestand.“ Klaus Held: a. a. O., S. 21f.
16
Klaus Held: a. a. O., S. 22
17
Edmund Husserl: Hua II, S. 43
18
Vgl. Edmund Husserl: „Logische Untersuchungen“, LU Bd. 2, Hua XIX/1, B1, S. 364; siehe auch
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 27
19
Vgl. Edmund Husserl: Hua II, S. 30
-4-

Bewusstsein von seiner eigenen ; ‚Vermöglichkeit’ ; wissen, sich das betreffende ‚Etwas’
anschaulich erscheinen zu lassen.“20 Es liegt ein Korrelationsapriori vor: „Da die Akte nichts
sind ohne die Gegenstände, wovon sie Bewusstsein sind, kann man sagen: Das intentionale
Bewusstsein trägt den Gegenstandsbezug in sich selbst.“21 Indem der intentionale Akt
(Noesis, ‚cogitatio’) sich auf ein intentioniertes Objekt (Noema, ‚cogitatum’) bezieht, wird
diesem damit Sinn verliehen. „Man kann also mit Husserl davon sprechen, dass die Welt im
Bewusstsein enthalten ist, weil das Bewusstsein nicht nur der Ich-Pol (Noesis) der
Intentionlität ist, sondern auch der Das-Pol (Noema); aber es ist zu präzisieren, dass dieses
Enthalten sein nicht real ist ; , sondern intentional ; .“22 Daher bedeutet das Konzept von
der Intentionalität des Bewusstseins auch keine Rückkehr zum Psychologismus.23 Jedoch
bringt es dieses „intentionale Enthaltensein ; mit sich, dass die Beziehung des
Bewusstseins auf seinen Gegenstand nicht die von zwei unabhängigen, äußeren
Wirklichkeiten ist.“24 Dem äußeren Gegenstand ist kein Sinn ‚an sich’ zu entlocken, das
sinnstiftende Moment liegt immer in der Leistung von Bewusstsein. „Alle realen Einheiten
sind ‚Einheiten des Sinnes’. Sinneseinheiten setzten ; sinngebendes Bewusstsein voraus,
das seinerseits absolut und nicht selbst wieder durch Sinngebung ist.“25 Nach
phänomenologischer Sichtweise ist daher die Rede von Dinglichem nur unter Bezugnahme
auf die entsprechende Bewusstseinsweise sinnvoll möglich. „Gegenständlichkeit“, so
Lyotard, „existiert ; nur als Pol eines intentionalen Gerichtetseins, das ihm seine objektive
Bedeutung verleiht.“26 Vor diesem Hintergrund lassen wir uns zur Eidetik weiterleiten:
„Überträgt man dieses Motiv auf das Niveau des Eidetischen, ergibt sich, dass jeder
allgemeine Gegenstand, das Eidos selbst, das Ding, der Begriff usw. Gegenstand für ein
Bewusstsein ist, so dass ich jetzt den Modus meiner Gegenstandserkenntnis und der Art,
wie er mir gegeben ist, beschreiben muss.“27

20
Klaus Held: a. a. O., S. 24
21
Klaus Held: a. a. O., S. 25 – Held verweist zudem darauf, dass sich so „mit dem Begriff der
Intentionalität ; im Prinzip das klassische Problem der neuzeitlichen ‚Erkenntnistheorie’, wie ein
zunächst weltloses Bewusstsein die Beziehung zu einer jenseits seiner liegenden ‚Außenwelt’
aufnehmen könne“ erledigt.
22
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 45 – Zu “Noesis” und “Noema” siehe: Edmund Husserl: „Ideen
zu einer reinen Phänomenologie“, Buch 1, Hua III, zitiert nach der Meiner Werkausgabe Band 5;
Hamburg: Meiner, 1992 – im Folgenden zitiert als Ideen I – S. 179ff.; die Angabe von Seitenzahlen zu
Ideen I bezieht sich auf die Originalausgabe.
23
Vgl. Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 27 – Vielmehr bekräftig Lyotard die grundlegende
Bedeutung der Intentionalität für die phänomenologische Philosophie überhaupt. So hält er dann auch
fest: „Die Intentionalität ist in der Tat nicht nur eine psychologische Gegebenheit, ; sie macht auch
die Epoché selbst erst möglich.“ Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 44
24
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 45f.
25
Edmund Husserl: Ideen I, S. 106
26
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 47
27
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 27
-5-

4 Eidetik

Der „Charakter der Bewusstseinsvollzüge“ soll aber „nicht von den zufällig angetroffenen
empirischen Gegebenheiten abhängig“ sein, „sondern vom ‚Wesen’, d. h. der allgemeinen
Bestimmtheit der Arten von Gegenständlichkeit.“28 Husserl spricht dann von ‚Seinsregionen’,
die sich durch die Eigentümlichkeit ihres Wesens, ihres ‚Eidos’, unterscheiden.29 „Der
eidetische Gegenstandsbestimmtheit korrespondiert jeweils gemäß dem Korrelationsapriori
eine allgemeine, eidetische Verfassung der intentionalen Akte, die auf die betreffende
Gegenständlichkeit bezogen sind.“30 Wie aber erfolgt die eidetische Charakterisierung? Das
zugehörige Stichwort lautet zunächst: ‚eidetische Variation’. „Darin zeigt sich der Charakter
des Wesens. In Urteilen sind ; Grenzen unseres Vorstellungsvermögens enthalten, die uns
durch die beurteilten Dinge ; vorgegeben werden“. Das Verfahren der Variation besteht in
fortgesetzter und wiederholter, aber eben in variierender Anschauung. Damit ist aber auch
ausgesagt: zur „Dingwahrnehmung gehört ; , und auch das ist eine Wesensnotwendigkeit,
eine gewisse Inadäquatheit. Ein Ding kann prinzipiell nur ‚einseitig’ gegeben sein, und das
sagt nicht nur unvollständig, nur unvollkommen in einem beliebigen Sinne, sondern eben
das, was die Darstellung durch Abschattung vorschreibt.“31 „Das Wesen oder das Eidos des
Objekts wird von dem Beständigen gebildet, das sich durch die Variationen hindurch erhält.“
Es „enthüllt sich also durch eine unmittelbare Intuition“.32 Dies ist aber tatsächlich nur eine
Enthüllung – freilich der ‚Sache selbst’, in ihrem „originären Gegebensein“ – , es ist damit
aber keine, die „Existenz des Wesens“ behauptende, ontologische Aussage verbunden.33
„Die Zurückführung der faktischen Eigenschaften der intentionalen Erlebnisse und ihrer
Gegenstände auf die eidetische Bestimmtheit, die ihnen zugrunde liegt und für die die
faktischen Eigenschaften nur auswechselbare Beispiele sind, nennt Husserl eidetische
Reduktion.“34 Diese Betrachtung führt uns wieder zur Bestimmung des Korrelationsapriori:
„Weil die Akte und ihre Gegenständlichkeiten sich unabhängig von den empirisch
feststellbaren Tatsachen eidetisch charakterisieren lassen, ist ihre Korrelation ; ein Apriori;
die Mannigfaltigkeit der Gegenstandsarten und ihrer Gegebenheitsweisen bietet sich der
philosophischen Forschung als ein Feld erfahrungsvorgängiger Erkenntnis dar.“35

28
Klaus Held: a. a. O., S. 25
29
Siehe Klaus Held: a. a. O., S. 25
30
Klaus Held: a. a. O., S. 25
31
Edmund Husserl: Ideen I, S. 80
32
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 21 – Zur Beachtung: Die „Phänomenologie“ macht dabei aber
eben „nicht die Tatsachen, die bei einzelnen Menschen empirisch feststellbaren Einzelfälle
intentionalen Erlebens und seiner Gegenständlichkeit zum Thema.“ Vielmehr „abstrahiert“ sie „von
den zufälligen, faktischen Bewusstseinsabläufen und Gegenständen und richtet ihren Blick auf die
Wesensgesetze, die den Aufbau der Akte und der in ihnen erscheinenden Seinsregionen bestimmen.“
Klaus Held: a. a. O., S. 26
33
Siehe Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 21f.
34
Klaus Held: a. a. O., S. 26
35
Klaus Held: a. a. O., S. 25
-6-

Der Weg der ‚eidetischen Reduktion’ nimmt seinen Ausgang „von der kontingenten Faktizität
des Gegenstands“ und geht von hieraus über „zu seinem intelligiblen Gehalt“. In Anbetracht
ihrer Ausgangsposition kann die eidetische Reduktion „noch ‚weltlich’ genannt werden.“36
Von daher erweist es sich zwar über die eidetische Reduktion als möglich, Ungewissheiten
der Wissenschaften37 entgegenzuwirken, die Radikalisierung der Grundlegung der
Wissenschaften durch die Eidetik verweist Husserl aber darauf, dass die „Radikalität des
Eidos ; eine noch grundlegendere Radikalität“38 voraussetzt: es stellt sich die Frage nach
der Erkenntnismöglichkeit überhaupt. Damit berührt die Phänomenologie die
Transzendentalphilosophie.

5 Apriorische Bedingungen der Erkenntnis

„Objektivität“ läuft „für Husserl wie für Kant auf das Ganze der apriorischen Bedingungen“
hinaus, „und dass das große Problem der Phänomenologie das der Kritik ist. Wie ist
Gegebenes möglich?“39 Damit hat Kants kritisches Programm „die Frage nach den
Bedingungen der Möglichkeit einer für mich gegebenen Welt“ gestellt. Kant setzt auf das
transzendentale Subjekt: „Zum Grunde derselben können wir aber nichts anderes legen, als
die einfache und für sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: Ich; von der man nicht
einmal sagen kann, dass sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewusstsein, das alle
Begriffe begleitet. Durch dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denkt, wird nun
nichts weiter als ein transzendentales Subjekt der Gedanken vorgestellt = X, welches nur
durch die Gedanken, die seine Prädikate sind, erkannt wird und wovon wir, abgesondert,
niemals den mindesten Begriff haben können ; ."40 Diesen Ansatz aber stellt Lyotard in
Frage. Ihm ist am „Kritizismus ; generell unverständlich, dass das System der Bedingungen
a priori ; das transzendentale Subjekt“ sein soll. „In Wirklichkeit ist das wahrnehmende
Subjekt auch dasjenige, welches die Welt konstituiert, in der es durch die Wahrnehmung
ist.“41 Damit aber sind bei Kant die „Bedingungen“ der Erkenntnis, wie Lyotard weiter urteilt,
„selbst weltlich, und die ganze kantische Analyse bleibt auf der Ebene des Eidetischen, bleibt

36
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 25
37
Vgl. Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 23 – Lyotard verortet den Ursprung für die Ungewissheiten
der Wissenschaften in deren blindem Vertrauen in Experimente. Er kritisiert: „Bevor man Physik
betreibt, muss man untersuchen, was eine physikalische Tatsache, was ihr Wesen ist;
Entsprechendes gilt für die anderen Disziplinen.“ – Damit wird die Phänomenologie als „Philosophie
des 20. Jahrhunderts“ charakterisiert, „die diesem Jahrhundert wieder zu seiner wissenschaftlichen
Aufgabe verhelfen möchte, indem sie die Voraussetzungen ihrer Wissenschaft neu begründen.“ Dabei
ist und bleibt klar, „dass sich das Wissen in einer konkreten oder ‚empirischen’ Wissenschaft
verkörpert“. Die Phänomenologie fragt dann danach, „worauf sich diese wissenschaftliche Erkenntnis
stützt.“ Und das ist die Frage nach „den unmittelbaren Gegebenheiten von Erkenntnis.“ Jean-François
Lyotard: a. a. O., S. 9
38
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 28
39
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 41
40
KrV B 404
-7-

weltlich.“42 Hiermit jedoch ist die radikale Basis, die Husserl für die phänomenologische
Reduktion benötigt noch nicht erreicht. Aber mit seinem ‚Prinzip der Prinzipien’ hält Husserl
jedenfalls doch noch an dem oben bereits zitierten Diktum Kants, dass ‚Begriffe ohne
Anschauung leer seien’, fest. Die Formulierung Husserls lautet: „Am Prinzip aller Prinzipien:
dass jede originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, dass alles,
was sich uns in der ‚Intuition’ originär, (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet,
einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es
sich gibt, kann uns keine erdenklich Theorie irre machen. Sehen wir doch ein, dass eine jede
ihre Wahrheit selber wieder nur aus den originären Gegebenheiten schöpfen könnte.“43
Wenn auch die Setzung eines transzendentale Subjekts abzulehnen ist, so bleibt doch die
Idee des ‚bloßen Bewusstseins, das alle Begriffe begleitet’ erhalten. Damit sollte es Husserl
auch nicht sehr schwer gefallen sein, auf Kant Bezug zu nehmen: „In jedem aktuellen cogito
lebt“ das reine Ich „sich in besonderem Sinn aus“. Verbunden und mit
44
„Hintergrunderlebnissen“ verwoben, müssen sie sich, „als zu dem einen Erlebnisstrom
gehörig, ; in aktuelle cogitationes verwandeln oder in solche immanent einbeziehen lassen;
in Kantischer Sprache:“45 „Das ‚ich denke’ muss alle meine Vorstellungen begleiten
können.“46
„Die Aufgabe der Erkenntnistheorie oder Kritik der theoretischen Vernunft ist zunächst eine
kritische. Sie hat die Verkehrtheiten, in welche die natürliche Reflexion über das Verhältnis
von Erkenntnis, Erkenntnissinn und Erkenntnisobjekt fast unvermeidlich gerät, zu
brandmarken, also die offenen oder versteckten skeptischen Theorien über das Wesen der
Erkenntnis durch Nachweisung ihres Widersinns zu widerlegen.“47 Diese hehre
Selbstverpflichtung muss auch ihre Gültigkeit behalten, wenn sie sich gegen Aspekte der
kantischen Erkenntnistheorie zu richten hat. Lyotard zeigt die Problematik auf, aufgrund der
Kant letztlich für Husserls Problemstellung keinen Ausweg aufzeigt: „Die transzendentale
‚Subjektivität’ Kants ist einfach das Ganze der Bedingungen, die die Erkenntnis jedes
überhaupt möglichen Gegenstandes bestimmen, das konkrete Ich wird als Gegenstand auf
die Ebene des Sinnlichen verwiesen ; und die Frage bleibt ohne Antwort, wie die reale
Erfahrung tatsächlich in den apriorischen Bereich jeden möglichen Wissens eintritt ; .“48
Aber die Husserlsche selbstverpflichtende Definition der Aufgabenstellung ist weiter zu

41
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 42f.
42
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 42
43
Edmund Husserl: Ideen I, S. 43f.
44
„Jede Dingwahrnehmung hat so einen Hof von Hintergrundsanschauung ; , und auch das ist ein
‚Bewusstseinserlebnis’ ; , und zwar ‚von’ all dem, was in der Tat in dem mitgeschauten
gegenständlichen ‚Hintergrund’ liegt.“ Edmund Husserl: Ideen I, S. 62
45
Edmund Husserl: Ideen I, S. 109
46
KrV B 131 – Der Originaltext „Das: I c h d e n k e, muß ;“ wurde, den veränderten Schreib- und
Lesegewohnheiten entsprechend angepasst.
47
Edmund Husserl: Hua II, S. 22
48
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 29f.
-8-

lesen: „Andrerseits ist es ihre positive Aufgabe, durch Erforschung des Wesens der
Erkenntnis die zur Korrelation von Erkenntnis, Erkenntnissinn und Erkenntnisobjekt
gehörigen Probleme zur Lösung zu bringen.“49 In diesem Sinne kann Husserl teilweise auf
Kant aufbauen und – wobei Kant ja auch hier als hervorragender Tippgeber angesehen
werden kann – an weitere Quellen anschließen: „Husserl bewahrt also das Prinzip einer
Wahrheit, die sich auf das erkennende Subjekt gründet, aber er weist das
Auseinanderreißen von erkennendem und konkretem Subjekt zurück; an diesem Punkt
entdeckt er das Denken Descartes’.“50

6 Cartesianische Inspiration

„Schon Kant suchte nach den apriorischen Bedingungen von Erkenntnis, aber dieses Apriori
präjudizierte die Lösung. Die Phänomenologie will selbst diese Hypostasierung vermeiden.“51
Der Weg zur Epoché führt, dem Rechnung tragend, bei Husserl über den cartesischen
methodischen Zweifel.52 Lyotard geht dann auch so weit, der Phänomenologie Ähnlichkeit
mit dem Cartesianismus zu bescheinigen, er bestätigt für die Phänomenologie auch die
Möglichkeit den cartesischen Weg zu gehen53; und das bedeutet, den Zweifel methodisch
anzuwenden. Der Zweifel bewirkt, so Descartes, dass aller bisherigen Überzeugung so
tiefgehend die Zustimmung versagt wird, bis das Unbezweifelbare und somit etwas
Gewisses zu Tage tritt.54 Methodisch ist der cartesische Zweifel auch in der Hinsicht, als
dass er sich nicht an kontingenten Einzelereignisse oder Dingen abarbeitet, sondern auf
Prinzipien fokussiert.55 Wenn Husserl gleichsam an den bisherigen, natürlichen Gründen und

49
Edmund Husserl: Hua II, S. 22
50
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 30
51
Und weiter: „Daher ihr fragendes Vorgehen, ihre Radikalität, ihre wesentliche
Unabgeschlossenheit.“ Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 9
52
So zumindest in den Ideen I. Vgl. auch Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 31 – Im Rahmen des
Gesamtwerkes ist dies nur einer der möglichen und begangenen Wege. Vgl. Antonio Aguirre:
„Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie
(1913); in: „Hauptwerke der Philosophie. 20. Jahrhundert“; Stuttgart: Reclam, 1992, S. 47. Für den
frühen und mittleren Werkabschnitt Husserls und damit für die Begründung der ‚phänomenologischen
Reduktion’ ist der Weg des Descartes, wenn er auch von Seiten Husserls durchaus kritisch betrachtet
wird, der Weg der Wahl. – Zur näheren Bestimmung der „Epoché“ sei hier auf den Gliederungspunkt 7
dieser Ausführungen verwiesen.
53
Vgl. Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 8
54
„; und so sehe ich mich endlich gezwungen, zuzugestehen, dass an allem, was ich früher für wahr
hielt, zu zweifeln möglich ist und ... dass ich folglich auch diesem allen ... fortan meine Zustimmung
aufs vorsichtigste versagen muss, wenn ich zu etwas Gewissem gelangen will.“ René Descartes:
„Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“, übersetzt von Arthur Buchenau 1915; Hamburg:
Meiner, 1994, S. 15
55
„; so will ich denn endlich ... zu diesem allgemeinen Umsturz meiner bisherigen Meinung
schreiten. Dazu wird indessen nicht nötig sein, sie alle als falsch aufzuzeigen, ... sondern ... sie alle
zurückzuweisen, wenn ich in einer jeden irgendeinen Grund zum Zweifeln antreffe. Auch wird es dazu
nicht unumgänglich notwendig sein, sie alle einzeln durchzugehen, ... sondern“ „ich“ „werde“ „den
Angriff sogleich auf eben die Prinzipien richten, auf die sich ... meine ... Meinungen stützen.“ René
Descartes: a. a. O., S. 11f.
-9-

Prinzipien der Erkenntnismöglichkeiten zweifelt, betont er nochmals den „methodischen


Behelf“ der Zweifelsversuche.56 Es geht, dies kann als Abgrenzung zu Descartes gelesen
werden57, Husserl jedoch nicht darum eine spezifische Seinsanmutung zu negieren, sondern
er ist daran interessiert, dass der Zweifel bezüglich der „Generalthesis der natürlichen
Einstellung“58 „eine gewisse Aufhebung der Thesis bedingt“; „wir ‚schalten sie aus’, wir
‚klammern sie ein’“, „wir machen von ihr ; ‚keinen Gebrauch’“.59 „Mit dieser Operation will
Husserl das in der Epoché bereits enthaltene Moment der Urteilsenthaltung über Sein oder
Nichtsein des Erfahrenen, das schon die antike Skepsis eingeführt hatte, angemessener
aufnehmen, als es im cartesischen Zweifel geschieht. Durch die Urteilsenthaltung“ – und
hiermit greifen wir schon auf die sich anschließenden Ausführungen des nachfolgenden
Gliederungspunktes vor – „wird die Welt vom Seinsvorurteil befreit und bleibt doch weiterhin
für uns da, d. h. sie erhält den Charakter des uns Erscheinenden, des Phänomens.“60
Gleichzeitig gelingt es Husserl damit, die „Absolutheit des Bewusstseins zu verdeutlichen“:
„Weil die mundanen Gegenstände subjekt-relativ gegeben sind, kann es jederzeit zur
Durchstreichung ihrer Seinsgeltung kommen; Subjektrelativismus bedeutet Möglichkeit der
Täuschung. Prinzipiell wäre es wegen unserer Täuschbarkeit denkbar, dass der ganze
Weltglaube zusammenbricht. Die Seinsgeltung des Bewusstseins hingegen ist wegen ihrer
absoluten Gegebenheit undurchstreichbar und insofern absolut.“61

7 Epoché und Reduktion

Mittels der Epoché wird die natürliche Einstellung überwunden. Die Epoché bedient sich
dabei der philosophischen Reflexion und radikalisiert sich mittels der Übertragung der
cartesischen Zweifelsmethode zur phänomenologischen Reduktion.62 Hierbei ist zu zeigen,

56
Siehe Edmund Husserl: Ideen I, S. 54
57
Der Verzicht auf Seinsnegation einerseits, sowie anderseits auch der Verzicht das Ich, die Seele,
die „res cogitans“ als quasi-dinglich zu setzen, bewahrt Husserl letztlich auch davor, sich in die Arme
eines Gottes flüchten zu müssen.
58
Vgl. Edmund Husserl: Ideen I, S. 52ff. – Siehe auch die Ausführungen zur ‚natürlichen Einstellung’
unter dem nachfolgenden Gliederungspunkt.
59
Siehe Edmund Husserl: Ideen I, S. 54
60
Antonio Aguirre: a. a. O., S. 49
61
Klaus Held: a. a. O., S. 45
62
Hierzu Held: „Der natürlichen Einstellung kommt es allein auf das bewusstseinsunabhängige,
subjekt-irrelative Ansichsein und nicht auf sein subjekt-relatives Gegebensein an.“ „Demgegenüber
bezieht der phänomenologische Korrelationsforscher jenes vermeintlich nicht subjekt-relative,
bewusstseinsunbezügliche Sein auf das subjekt-relative Erscheinen. Und mehr noch: er führt jenes
Sein auf dieses Erscheinen zurück.“ „Diese Zurückführung nennt Husserl die phänomenologische
Reduktion. Sie ist nichts anderes als die radikale Universalisierung der Epoché. Das in der universalen
Epoché seiner Geltung beraubte Sein der Welt enthüllt sich als Erscheinen-für-das-Bewusstsein. Mit
dieser Reduktion wird die phänomenologische Methode transzendental im Sinne der durch Kant
gestifteten Tradition.“ „In der eidetischen Korrelationsforschung wurden die Gegenstände zwar schon
im Wie ihres Erscheinens für das Bewusstsein betrachtet, aber es konnte noch offen bleiben, was es
mit ihrem Sein auf sich hatte.“ „Nun erst wird das Sein der Gegenstände als Bewusst-Sein erklärt.
Sofern die phänomenologische Reduktion als radikal universalisierte Epoché verstanden wird und auf
- 10 -

dass die Gegenstände der dinglichen Welt einen anderen ontologischen Status haben und
auch haben müssen, als das Bewusstsein. Weiterhin, und das ist der Reduktionsschritt im
engeren Sinne, ist aufzuzeigen, dass das Ansichsein der Dinge auf deren Erscheinen im
Bewusstsein zurückzuführen ist.63

7.1 Natürliche Einstellung und Epoché

„Es gibt immer etwas Präreflexives, ein Ungedachtes, ein Vorprädikatives, auf das sich die
Reflexion, die Wissenschaft stützt, und das sie immer unterschlägt, wenn sie über sich
Rechenschaft ablegen will.“64 Dieses Etwas ist dasjenige, was Husserl unter dem Begriff der
„natürlichen Einstellung“ bzw. „Geisteshaltung“ zu fassen sucht. „Für die natürliche
Geisteshaltung ist Erkenntnis etwas, das durch die Eigenschaft der ‚Triftigkeit’, der ‚Giltigkeit’
für Objekte gekennzeichnet ist. Objekte aber sind nicht in der Erkenntnis gegeben, sondern
transzendent ‚hinausgemeint’.“65 „Natürliche Geisteshaltung ist um Erkenntniskritik noch
unbekümmert. In der natürlichen Geisteshaltung sind wir anschauend und denkend den
Sachen zugewandt, die uns jeweils gegeben ; sind, wenn auch in verschiedener Weise und
in verschiedenen Seinsarten ; .“66 Auf die uns über die natürliche Geisteshaltung gegebene
Welt beziehen sich zunächst unsere Urteile.67 Dies schließt die Urteile der ‚natürlich
wissenschaftlichen Erkenntnis’ ein: „In jedem Schritt der natürlich wissenschaftlichen
Erkenntnis ergeben und lösen sich Schwierigkeiten, und sie tun es rein logisch oder sachlich,
auf Grund der Antriebe oder Denkmotive, die eben in den Sachen liegen, gleichsam von
ihnen auszugehen scheinen als Forderungen, die sie, diese Gegebenheiten, an die
Erkenntnis stellen.“68

eine idealistische Position hinausläuft, nennt Husserl sie in seinen späteren Notizen zu den Ideen I
und in seinen Entwürfen der zwanziger Jahre transzendental-phänomenologisch.“ Klaus Held:
a. a. O., S. 39f.
63
Vgl. Klaus Held: a. a. O., S. 41f – „Diesen Weg zur Reduktion hat Husserl in der
‚Fundamentalbetrachtung’ der Ideen I so konzipiert, dass er über den ersten Nachweis führt.“
Allerdings: „ Mit diesem Nachweis war Husserl aber später nicht mehr zufrieden. Deshalb suchte er
seit den zwanziger Jahren in intensivem Nachdenken nach einem überzeugenderem Weg zur
Reduktion.“ Klaus Held: a. a. O., S. 42
64
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 10
65
Paul Janssen: Einleitung zu: Edmund Husserl: Die Idee der Phänomenologie: 5 Vorlesungen,
Hamburg: Meiner, 1986, S. XIX
66
Edmund Husserl: Hua II, S. 17
67
„In der natürlichen Einstellung vollziehen wir schlechthin all die Akte, durch welche die Welt für uns
da ist. Wir leben naiv im Wahrnehmen und Erfahren, in diesen thetischen Akten, in denen uns
Dingeinheiten erscheinen, und nicht nur erscheinen, sondern im Charakter des ‚vorhanden’, des
‚wirklich’ gegeben sind. Naturwissenschaft treibend, vollziehen wir erfahrungslogisch geordnete
Denkakte, in denen diese, wie gegebenen, so hingenommenen Wirklichkeiten denkmäßig bestimmt
werden, in denen auch auf Grund solcher direkt erfahrenen und bestimmten Transzendenzen auf
neue geschlossen wird.“ Edmund Husserl: Ideen I, S. 94
68
Edmund Husserl: Hua II, S. 18
- 11 -

Die Phänomenologie will jedoch über diese vorphilosophische, unreflektierte Haltung


hinauswachsen. Hierzu bedient sie sich der Epoché. Dies geschieht zunächst in zweierlei
Formen: Die Epoché grenzt zum einen das Bewusstsein ein, um hierauf aufbauend eine
eidetische, d. h. noch auf der natürlichen Einstellung beruhende, Bewusstseinsanalyse zu
ermöglichen. Zum anderen leitet sich die Epoché in die phänomenologische Reduktion über,
die das Bewusstsein als grundlegend für unbezweifelbare Erkenntnis herausstellt. Das
Bewusstsein wird dann „in seinem absoluten Eigensein“ als reines Bewusstsein betrachtet.
Dies ist es, was übrig bleibt, obwohl „die ganze Welt mit allen Dingen, Lebewesen,
Menschen, uns selbst inbegriffen, ausgeschaltet“ wurde: „das gesuchte phänomenologische
Residuum“. Damit, so Husserl, ist „nichts verloren, aber das gesamte absolute Sein
gewonnen, das, recht verstanden, alle weltlichen Transzendenzen in sich birgt, sie in sich
‚konstituiert’.“69 Lyotard fasst den Weg noch einmal wie folgt zusammen: „Von der
eidetischen Radikalität lässt ; uns“ die phänomenologische Reduktion „zurückgehen zu
einer transzendentalen Radikalität, das heißt zu einer Radikalität, durch die jede
Transzendenz begründet wird.“ Ihm Rahmen der Eidetik wurde das „Wesen“ in seinem
„originären Gegebensein erfasst.“ Das Nachdenken über dieses Gegebensein,
„insbesondere über das originäre Gegebensein der Dinge (Wahrnehmung)“ führt uns dazu,
„jenseits der Haltung, durch die wir bei den Dingen sind, ein Bewusstsein“ zu entdecken,
„dessen Wesen sich zu allem heterogen verhält, von dem es Bewusstsein ist ; und durch
das der Sinn des Transzendenten selbst gestiftet wird. Das ist die wirkliche Bedeutung der
Einklammerung: Sie lenkt den Blick des Bewusstseins auf dieses selbst, sie verändert die
Blickrichtung und hebt, indem sie die Welt aufhebt, den Schleier, der dem Ich seine eigene
Wahrheit verbarg.“70

7.2 Epoché als methodischer Zweifel

Die „Erkenntnisse, mit denen die Erkenntniskritik anheben muss, dürfen nichts von
Fraglichkeit und Zweifelhaftigkeit enthalten ; .“ Was uns aber „in den nächstliegenden
Reflexionen in Verlegenheit bringt, ; ist ; ihre Transzendenz.“ „Alle natürliche Erkenntnis,
die vorwissenschaftliche und erst recht die wissenschaftliche, ist transzendent
objektivierende Erkenntnis; sie setzt Objekte als seiend, erhebt den Anspruch, Sachverhalte
erkennend zu treffen, die in ihr nicht ‚im wahren Sinne gegeben’ sind, ihr nicht ‚immanent’
sind.“71
„Die philosophische Epoché, die wir uns vornehmen, soll ; darin bestehen, dass wir uns
hinsichtlich des Lehrgehaltes aller vorgegebenen Philosophie vollkommen des Urteils

69
Edmund Husserl: Ideen I, S. 94
70
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 38f.
71
Edmund Husserl: Hua II, S. 34f.
- 12 -

enthalten und alle unsere Nachweisungen im Rahmen dieser Enthaltung vollziehen.“72 Das
„in Zweifel ziehen“ der „Gegebenheiten der natürlichen Welt“ „begründet die Überlegenheit
des wissenschaftlichen Wissens über das Wahrnehmen, aber in diesem Wissen erhält sich
die wahre Thesis der natürlichen Einstellung, weil es keine Wissenschaft gibt, die nicht die
Existenz der wirklichen Welt behauptet, von der sie Wissenschaft ist.“73
Aber auch „der cartesianische Zweifel bleibt, wenn er sich auf ein natürliches Ding erstreckt
; , eine weltliche Haltung, er ist nur eine Modifikation dieser Haltung, er entspricht also nicht
der nachdrücklichen Forderung nach Radikalität.“74 „Die Enthaltung von jeglicher
Seinsstellungnahme, die Neutralität gegenüber allen ihren möglichen Modifikationen nennt
Husserl ; Epoché.“ „Die Haltung der Epoché ist die gesucht neue Haltung zur Welt, durch
die sich die Philosophie von der natürlichen Einstellung unterscheidet.“75
In den Fünf Vorlesungen war die Ideen der Epoché noch sehr stark mit der eidetischen
Reduktion verwoben, wenngleich sie auch hier schon als Vorstufe zur phänomenologischen
Reduktion in das Blickfeld gerät.76 Eidetische und phänomenologische Reduktion stehen in
keinem direkten Abhängigkeitsverhältnis. Die Eidetik ist aus dem transzendental-
philosophischen Programm der phänomenologischen Reduktion, nicht jedoch aus dessen
Umfeld, auszuschließen. Die Natur dieser Differenziertheit lässt sich jedoch über die
unterschiedliche Zielrichtung und Radikalität der Methode der Epoché beleuchten. So
bestätigt Held dann auch: „Im Sinne Husserls muss man die phänomenologische von der
eidetischen Reduktion streng unterscheiden; denn die phänomenologische Reduktion ist die
Konsequenz aus der Haltung der Epoché, d. h. der Enthaltung von jeglicher
Seinsstellungnahme, und diese Haltung kann ich auch gegenüber faktischen
Einzelerlebnissen einnehmen, ohne sie auf ihre eidetischen Strukturen zu befragen. Die
Reduktion der Gegenständlichkeit überhaupt auf mein sie zum Erscheinen bringendes
Bewusstsein ist etwas ganz anderes als die Reduktion der Fakten auf ihr Wesen.“77 „So
ermöglicht erst die Epoché die Überführung der Phänomenologie der Wesensschau in eine
streng vorurteilsfrei philosophische Methode.“78 Dem Subjekt wird dabei aber die natürliche

72
Edmund Husserl: Ideen I, S. 33
73
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 32
74
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 33
75
Klaus Held: a. a. O., S. 36
76
Vgl. Edmund Husserl: Hua II, S. 44
77
Klaus Held: a. a. O., S. 40f.
78
Klaus Held: a. a. O., S. 36 – Wobei Held ergänzt: „Die phänomenologische Reduktion ist keine
‚reduktionistische’ Verkürzung. Den Glauben der natürlichen Einstellung an die
Bewusstseinsunabhängigkeit des Seins der Gegenstände nicht mitmachen bedeutet nicht: den
Gegenständen keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Im Gegenteil: nur durch Reflexion lässt sich der
Gehalt der Gegenstände so analysieren, wie er sich unverkürzt originär dem Bewusstsein darbietet,
und erst durch Epoché und phänomenologische Reduktion öffnet sich die Reflexion vorbehaltlos der
Analyse der originären Gegebenheitsweisen. Die transzendentale Phänomenologie sieht nicht von der
Welt ab zugunsten des Bewusstseins, sondern ihr Interesse gilt gerade in der Durchleuchtung der
Bewusstseinsphänomene der Welt. Letztlich interessiert den Transzendentalphänomenologen das
Bewusstsein nur als Ort des Erscheinens der Welt.“ Klaus Held: a. a. O., S. 41
- 13 -

Einstellung nicht entfremdet. „Und doch erfährt sie eine Modifikation – während sie in sich
verbleibt, was sie ist, setzen wir sie gleichsam ‚außer Aktion’, wir ‚schalten sie aus’, wir
‚klammern sie ein’. Sie ist weiter noch da, wie das Eingeklammerte in der Klammer, wie das
Ausgeschaltete außerhalb des Zusammenhanges der Schaltung. Wir können auch sagen:
Die Thesis ist Erlebnis, wir machen von ihr aber ‚keinen Gebrauch’ ; .“79 So durch die
Epoché reduziert „ist die Außenwelt nicht mehr nur daseiend, sondern ‚Daseinsphänomen’
; .“80

7.3 Bewusstsein und Welt, Ansichsein und Erscheinen

Ziel der radikalisierten, der universalen Epoché ist es, sich von der ‚Generalthesis’ der
natürlichen Einstellung zu enthalten. Damit wird die Seinsgeltung der Welt neutralisiert. Als
Wissenschaft braucht die Phänomenologie dennoch einen von der universalen Epoché
ausgenommenen Bereich, über den sie ihre Aussagen fundieren kann. Wenn die Epoché
radikal alle Seinsanmutungen ausklammert und die Phänomenologie ihre Aussagen auf die
intentionalen Akten des Bewusstsein Bezug nehmen lässt, so bedarf es, bei Beibehaltung
des Universalitätsanspruchs der Epoché, der Darlegung, dass das Bewusstsein einer
anderen ontologischen Kategorie zuzuordnen ist, als die dingliche Welt.81 Für Husserl zeigt
sich hier „ein grundwesentlicher Unterschied ; zwischen Sein als Erlebnis und Sein als
Ding“, zwischen „Immanenz“ von Bewusstsein und „Transzendenz“ von Welt.82
Die Seinsarten zeigen sich, gemäß dem Korrelationsapriori, entsprechend ihrer originären
Erscheinung. Dies gilt gleichermaßen für Dinge wie für Bewusstsein. „Das Bewusstsein ist
das Ganze aller intentionalen Erlebnisse. Diese Erlebnisse bestehen konkret aus dem
Vollzug der Gegebenheitsweisen, in denen der Gegenstand dem Bewusstsein erscheint“.
Bei „der Wahrnehmung eines Dings sind das die Abschattungen, in denen das Ding zur
Gegebenheit kommt. Diese für die natürliche Einstellung unthematischen Abschattungen
machen wir in der Reflexion zum Thema; in ihr können wir uns die Abschattungen originär,
anschaulich gegenwärtig machen und in diesem Sinne unser Bewusstsein innerlich
‚wahrnehmen’. Durch einen Vergleich der äußeren Wahrnehmung des Dings mit der
reflexiven, inneren Wahrnehmung seiner unthematischen Abschattungen muss der
Unterschied zwischen der Seinsart des Bewusstseins und der der mundanen Gegenstände
herausspringen. Der Vergleich ergibt: Während das Ding nur durch Abschattungen zur
Gegebenheit kommt, gilt dies für die reflexiv wahrgenommenen Abschattungen ihrerseits
nicht. Die unthematisch vollzogenen Gegebenheitsweisen sind in der Reflexion nicht

79
Edmund Husserl: Ideen I, S. 54
80
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 33
81
Vgl. Klaus Held: a. a. O., S. 38
82
Siehe Edmund Husserl: Ideen I, S. 76
- 14 -

wiederum durch unthematische Gegebenheitsweisen gegeben; sie erscheinen dem


reflektierenden Bewusstsein nicht subjekt-relativ in Abschattungen, sondern absolut. Das
Bewusstsein ist sich selbst also in der Reflexion abschattungsfrei gegeben.“83 So lässt sich,
dem Korrelationsapriori folgend, auf das absolute Sein im Falle des Bewusstseins und, im
Gegensatz dazu, auf das subjekt-relative Sein der Gegenstände in der Welt schließen.84
Husserl: „So ist denn in jeder Weise klar, dass alles, was in der Dingwelt für mich da ist,
prinzipiell nur präsumptive Wirklichkeit ist; dass hingegen ich selbst, ; bzw. dass meine
Erlebnisaktualität absolute Wirklichkeit ist ; .“85 Mit den Unterschieden bezüglich der
Seinsartenzuordnung ist gleichsam festzuhalten, „dass die Reduktion die Welt als
Gesamtheit der Dinge einerseits und das Bewusstsein als Subjekt der Reduktion anderseits
auf den ersten Blick vollkommen voneinander trennt.“86 „Zwischen Bewusstsein und Realität
gähnt ein wahrer Abgrund des Sinnes. Hier ein sich abschattendes, nie absolut zu gebendes
bloß zufälliges und relatives Sein; dort ein notwendiges und absolutes Sein, prinzipiell nicht
durch Abschattung und Erscheinung zu geben.“87 Dem Bewusstsein, und damit radikalisiert
Husserl den cartesischen Ansatz, ist dann auch jegliches dingliche Sein abzusprechen.88
Dies sollte aber nicht dazu verleiten, eine Existenznegation zu vermuten. Eher ist das
Gegenteil der Fall: Denken „wir also an die im Wesen jeder dinglichen Transzendenz
liegende Möglichkeit des Nichtseins: dann leuchtet es ein, dass das Sein des Bewusstseins,
jedes Erlebnisstromes überhaupt, durch eine Vernichtung der Dingwelt zwar notwendig
modifiziert, aber in seiner eigenen Existenz nicht berührt würde.“89 „Andererseits ist die

83
Klaus Held: a. a. O., S. 44f.
84
Vgl. Klaus Held: a. a. O., S. 45
85
Edmund Husserl: Ideen I, S. 86 – Dies darf jedoch nicht soweit interpretiert warden, dass eine
Negation der Welt abgeleitet werden könnte. Husserl stellt klar: „Die Welt ist nicht zweifelhaft in dem
Sinne, als ob Vernunftmotive vorlägen, die gegen die ungeheure Kraft der einstimmigen Erfahrungen
in Betracht kämen, aber in dem Sinne, dass ein Zweifel denkbar ist, und das ist er, weil die Möglichkeit
des Nichtseins, als prinzipielle, niemals ausgeschlossen ist. Jede noch so große Erfahrungskraft kann
allmählich aufgewogen und überwogen erden. Am absoluten Sein der Erlebnisse ist dadurch nichts
geändert, ja sie bleiben immer zu all dem vorausgesetzt.“ Edmund Husserl: Ideen I, S. 87
86
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 34
87
Edmund Husserl: Ideen I, S. 93
88
Eben dies sagt Husserl indem er darlegt: „Das Wesentliche ist für uns die Evidenz, dass die
phänomenologische Reduktion als Ausschaltung der natürlichen Einstellung, bzw. ihrer generalen
Thesis, möglich ist, und dass nach ihrem Vollzuge das absolute oder transzendental reine
Bewusstsein als Residuum verbleibt, dem noch Realität zuzumuten, Widersinn ist.“ Edmund Husserl:
Ideen I, S. 108
89
Edmund Husserl: Ideen I, S. 91 – Hier will Husserl ganz deutlich sein: „Also kein reales Sein, kein
solches, das sich bewusstseinsmäßig durch Erscheinungen darstellt und ausweist, ist für das Sein des
Bewusstseins selbst ; notwendig.“ Edmund Husserl: Ideen I, S. 92 – Und: „Also wird es klar, dass
trotz aller in ihrem Sinne sicherlich wohlbegründeten Rede von einem realen Sein des menschlichen
Ich und seiner Bewusstseinserlebnisse in der Welt und vor allem, was irgend dazu gehört in Hinsicht
auf ‚psychophysische’ Zusammenhänge – dass trotz alledem Bewusstsein, in ‚Reinheit’ betrachtet, als
ein für sich geschlossener Seinszusammenhang zu gelten hat, als ein Zusammenhang absoluten
Seins, in den nichts hineindringen und aus dem nichts entschlüpfen kann; der kein räumlich-zeitliches
Draußen hat und in keinem räumlich-zeitlichen Zusammenhange darinnen sein kann, der von keinem
Dinge Kausalität erfahren und auf kein Ding Kausalität üben kann – vorausgesetzt, dass Kausalität
den normalen Sinn natürlicher Kausalität hat, als einer Abhängigkeitsbeziehung zwischen Realitäten.“
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ganze räumlich-zeitliche Welt, der sich Mensch und menschliches Ich als untergeordnete
Einzelrealitäten zurechnen, ihrem Sinne nach bloßes intentionales Sein, also ein solches,
das den bloßen sekundären, relativen Sinn eines Seins für ein Bewusstsein hat. Es ist ein
Sein, das das Bewusstsein in seinen Erfahrungen setzt, das prinzipiell nur als Identisches
von motivierten Erscheinungsmannigfaltigkeiten anschaubar und bestimmbar – darüber
hinaus aber ein Nichts ist.“90
Nochmals: So „wie mir das Ding in der Wahrnehmung gegeben ist, ist es immer offen in
Richtung auf einen Horizont von Unbestimmtheit“91, „sie deutet vor auf mögliche
Wahrnehmungsmannigfaltigkeiten, die, kontinuierlich ineinander übergehend, sich zur
Einheit einer Wahrnehmung zusammenschließen“92. „So kann mir das Ding niemals als ein
absolutes gegeben sein:“93 Die phänomenologische Reduktion „besagt: alles Transzendente
(mir nicht immanent Gegebene) ist mit dem Index der Nullität zu versehen, d. h. seine
Existenz, seine Geltung ist nicht als solche anzusetzen, sondern höchstens als
Geltungsphänomen.“94 „Das Phänomen in diesem Sinne verfällt dem Gesetz, dem wir uns in
der Erkenntniskritik unterwerfen müssen, dem der Epoché in Betreff alles Transzendenten.“95
Methodisch bedeutet dies wieder, die Operationen des Erlebnisstroms durch wiederholte
Durchführung von ‚Ausschaltung’ und ‚Einklammerung’ zu zerlegen, und so schrittweise zu
reduzieren.96 „Die Ausschaltung der Natur war für uns das methodische Mittel, um die
Blickwendung auf das transzendental reine Bewusstsein überhaupt zu ermöglichen.“97
Insofern behält die eidetische Perspektive der ursprünglichen bloßen „Ausschaltung der
natürlichen Welt und der auf sie bezüglichen Wissenschaften“ weiterhin, auch im Rahmen
der phänomenologischen Reduktion, ihre „grundlegende Bedeutung“.98 Die
programmatischen Aussagen Husserls deuten aber weiter: Die Methode der
phänomenologischen, bzw. in diesem Sinne auch transzendentalen Reduktion, da sie
intendiert „die zum Wesen aller natürlicher Forschungsweise gehörigen
Erkenntnisschranken“ zu „beseitigen“, will den „freien Horizont der ‚transzendental’
gereinigten Phänomene“ gewinnen. Erst damit, so Husserl, haben wir „das Feld der

Edmund Husserl: Ideen I, S. 93 – Siehe hierzu zusammenfassend auch Jean-François Lyotard:


a. a. O., S. 37
90
Edmund Husserl: Ideen I, S. 93
91
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 35
92
Edmund Husserl: Ideen I, S. 80
93
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 35
94
Edmund Husserl: Hua II, S. 6
95
Edmund Husserl: Hua II, S. 44
96
„Um dessentwillen werden wir ; von phänomenologischer Reduktionen (bzw. auch einheitlich
hinsichtlich ihrer Gesamteinheit von der phänomenologischen Reduktion) sprechen, ; unter
erkenntnistheoretischem Gesichtspunkte auch von transzendentalen Reduktionen.“ Edmund Husserl:
Ideen I, S. 59f.
97
Edmund Husserl: Ideen I, S. 108
98
Vgl. Edmund Husserl: Ideen I, S. 115
- 16 -

Phänomenologie in unserem eigentümlichen Sinne“ vor uns.99 Die „Phänomene der


transzendentalen Phänomenologie“ werden „charakterisiert ; als irreal.“ Die „spezifisch
transzendentalen“ „Reduktionen“ „‚reinigen’ die psychologischen Phänomene von dem, was
ihnen Realität und damit Einordnung in die reale ‚Welt’ verleiht. Nicht eine Wesenslehre
realer, sondern transzendental reduzierter Phänomene soll unsere Phänomenologie sein.“100
Mittels der Reduktion wird erfassbar, wie es möglich ist, dass es für uns „ein An-sich gibt, wie
die Transzendenz des Objekts in der Immanenz des Subjekts als Transzendenz gelten kann.
Die Reduktion gibt dem Subjekt seine Wahrheit zurück, nämlich Transzendenz zu
konstituieren ; .“101 „Kurz: die originäre Gestalt des Transzendenzerlebnisses ist die
Einbettung der Gegenstandserfahrung ins Horizontbewusstsein. Gegenstandstranszendenz
besteht zwar originär in einer aktuellen Bewusstseinsunbezüglichkeit, aber diese ist nur die
Kehrseite einer latenten, durch Motivation aufdeckbaren Bewusstseinsbezüglichkeit, und
‚Bewusstseinsbezüglichkeit’ besagt: situativ-subjektives Erscheinen. So erweist sich in der
Tat jegliches transzendente Sein als Erscheinen.“102
Weiterhin vollziehen wir aufgrund der Reduktion „die Einsicht, dass Bewusstsein in sich
selbst ein Eigensein hat, das in seinem absoluten Eigenwesen durch die
phänomenologische Ausschaltung nicht betroffen wird. Somit bleibt es als
103
‚phänomenologisches Residuum’ zurück ; .“

8 Schlussbetrachtung

Ziel dieser Ausführungen war es, Husserls Begriff der phänomenologischen Reduktion zu
beleuchten. Als Primär-Literatur wurden dabei im Wesentlichen die Fünf Vorlesungen von
1907104 und die Ideen I von 1913105 herangezogen. Diese Auswahl resultiert nicht daher,
dass sich Husserls Ausführungen bezüglich der phänomenologischen Reduktion etwa
hierauf beschränkt hätten. Dass dem nicht so ist, wird zum Beispiel deutlich durch die jüngst
veröffentlichten Husserliana XXXIV106, die sich der Auseinandersetzung Husserls mit der
phänomenologischen Reduktion während der Jahre von 1926 bis 1935 widmen. Mit der
ausgewählten Primärliteratur hat Husserl jedoch den Anfang gemacht. Damit hat er die
Referenz begründet, auf die hinsichtlich der phänomenologischen Reduktion in seinem Werk
sowie im Rahmen der Phänomenologie immer wieder die Bezugnahme zu erfolgen hat.

99
Edmund Husserl: Ideen I, S. 3
100
Edmund Husserl: Ideen I, S. 4
101
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 43
102
Klaus Held: a. a. O., S. 43
103
Edmund Husserl: Ideen I, S. 59
104
Edmund Husserl: Hua II
105
Edmund Husserl: Ideen I
106
Edmund Husserl: “Zur phänomenologischen Reduktion”, Hua XXXIV; Dordrecht: Kluwer, 2002
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Dem Begriff der phänomenologischen Reduktion haben wird uns angenähert, indem wir die
psychologismuskritische Position Husserls aufgenommen haben, über die die Notwendigkeit
der Suche nach einer validen Grundlage für Wissenschaft und Erkenntnis aufgezeigt wird. In
dem wir das Konzept der Intentionalität des Bewusstseins untersuchten, haben wir die
Grundlage betrachtet, aufgrund der Epoché und damit die phänomenologische Reduktion, ja
die Phänomenologie überhaupt, erst ermöglicht wird. Nachdem bei den zunächst
durchgeführten Betrachtungen der Eidetik unser Blick auf das Wesen der Dinge gerichtet
war, fanden wir, indem im Folgenden auch das Bewusstsein selber zum Gegenstand der
Untersuchung geriet, die Notwendigkeit eröffnet, auch über die Grundlagen von Erkenntnis
überhaupt nachzudenken. Daraus folgte ein Einstieg in die transzendental-philosophische
Grundlegung der Phänomenologie. Da eine erste, durch Kant gestiftet Positionierung noch
nicht als ausreichend beurteilt werden konnte, wandten wir uns, Husserl folgend, und wie er
inspiriert durch den methodischen Zweifel des Descartes, den Überlegungen zu, welches
denn die unbezweifelbare Basis der Phänomenologie als philosophischer Wissenschaft sein
könne und wie diese erreichbar wäre. Dies führte dann zu einer näheren Betrachtung der
Epoché. Den Begriff der Epoché hat Husserl der antiken Skepsis entlehnt. Die Methode der
Epoché intendiert über Reflexion und Reduktion die natürliche Einstellung zu überwinden.
Mittels der Ausklammerung präreflexiver, vorprädikativer Vorstellungen und der Enthaltung
von unausgesprochenen, ja selbst ungedachten Ontologieen wendet sich die Epoché dem
phänomenologischem Residuum, dem Bewusstsein zu, welches nach allen Ausschaltungen
verbleibt. Die in dieser Form radikalisierende Epoché geleitet uns von der ausgänglichen
Wesensschau hin zu einer vorurteilsfreien philosophischen Methode, der
phänomenologischen Reduktion. Da aber mit der nun universalen Epoché jegliche
Seinsgeltung der Welt neutralisiert wird, stellt sich die Frage, wie denn das Bewusstsein als
Residuum überhaupt verbleiben kann, das die Phänomenologie doch braucht, um sich
wissenschaftlich zu fundieren. Hierzu haben wir in der weiteren Betrachtung der
phänomenologischen Reduktion dargelegt, dass Welt und Bewusstsein unterschiedlichen
Seinsarten zuzuordnen sind. Mit der Ausklammerung des Seins der Welt, bzw. wie Husserl
sogar sagt, mit der Vernichtung der Dingwelt, wird die Existenz des Bewusstsein nicht
berührt. Hierauf aufbauend kann gezeigt werden, dass dem abschattungsfreien Bewusstsein
ein notwendiges und absolutes An-sich zugesprochen werden muss. Die Kontingenz des
lediglich über Abschattungen gegebenen Dinglichen führt zu der Erkenntnis, dass die Welt
nur als durch das Subjekt konstituierte Transzendenz verfügbar ist. Sie ist als
bewusstseinsbezügliches transzendentes Sein nur Erscheinung.
Die so skizzierte phänomenologische Reduktion stellt damit ein Kernstück der
Phänomenologie dar. Durch sie wird der Gegenstandsbereich des reinen Bewusstsein der
Phänomenologie überhaupt erst erschlossen. Die Bedeutung der Phänomenologie ist
- 18 -

letztlich kaum endgültig zu bestimmen, da es ein, wie Husserl schon alsbald wusste, „ewiger
Heraklitischer Fluss von Phänomenen“107 ist, an dem sie sich abarbeiten muss und sich
zudem verschiedenste Herausprägungen, von Heidegger über Merleau-Ponty bis Lévinas,
um nur einige Akzentuierungen herauszugreifen, finden lassen. Auch ist das Gedankengut
der Phänomenologen, man denke nur an die Soziologie des Alfred Schütz, nicht mehr nur in
der Philosophie zuhause. Aber bei allem bleibt es „eine gemeinsame phänomenologische
Methode ; ." Vor allem „diese Methode einzukreisen“ galt es in diesen Ausführungen – und
mit der Würdigung der phänomenologischen Reduktion Husserl zuzuerkennen, „was ihm
zukommt: dass er den Anfang gemacht hat.“108

107
Edmund Husserl: Hua II, S. 47
108
Jean-François Lyotard: a. a. O., S. 12f.
- 19 -

Literaturverzeichnis

Antonio Aguirre: „Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und


phänomenologischen Philosophie (1913); in: „Hauptwerke der Philosophie.
20. Jahrhundert“; Stuttgart: Reclam, 1992

René Descartes: „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“, übersetzt von Arthur
Buchenau 1915; Hamburg: Meiner, 1994

Klaus Held: Einleitung zu Edmund Husserl: „Die phänomenologische Methode –


Ausgewählte Texte I“; Stuttgart: Reclam, 1998

Edmund Husserl: „Die Idee der Phänomenologie: 5 Vorlesungen“, Hua II

Edmund Husserl: „Ideen zu einer reinen Phänomenologie“, Buch 1, Ideen I, Hua III

Edmund Husserl: „Prolegomena zur reinen Logik“, LU Bd. 1, Hua XVIII

Edmund Husserl: „Logische Untersuchungen“, LU Bd. 2, Hua XIX

Edmund Husserl: “Zur phänomenologischen Reduktion”, Hua XXXIV

Paul Janssen: Einleitung zu: Edmund Husserl: Die Idee der Phänomenologie:
5 Vorlesungen, Hamburg: Meiner, 1986

Immanuel Kant: „Kritik der reinen Vernunft“

Jean-François Lyotard: „Die Phänomenologie“; Hamburg: Junius, 1993

Peter Prechtl: „Edmund Husserl zur Einführung“; Hamburg: Junius, 4. Aufl., 2006
Norbert O. Puschmann
e-mail: norbert.puschmann@fernuni-hagen.de

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