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Der Mann, der zweimal in die NSDAP eintrat - Nachrichten Vermischtes - WELT ON...

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26. Januar 2008, 15:54 Uhr VON KARSTEN KAMMHOLZ

HERBERT VON KARAJAN

Der Mann, der zweimal in die NSDAP eintrat


Zu Lebzeiten wollte sich der Stardirigent nie der Tatsache stellen, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.
Bis heute gilt er vielen als bloßer Mitläufer. Dabei zeigen historische Dokumente: Gleich zwei Mal trat er
in die Partei ein und nutzte sie bewusst für seine Karriere.

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Foto: Bundesarchiv

Herbert von Karajans NSDAP-Ausweis: Der Dirigent ist sogar zweimal in die eingetreten. Das erste Mal geschah
dies ...

Drei Minuten Sendezeit schenkten kürzlich Talkmaster Reinhold Beckmann und sein Gast, die Dirigenten-Witwe Eliette
von Karajan, diesem unliebsamen Thema. Nein, über die Nazi-Zeit habe sie mit Herbert nie gesprochen, sagte Eliette
knapp. Dann wurde Helmut Schmidt eingeblendet: „Karajan war natürlich kein Nazi. Ein Mitläufer war er.“ Mit dem
Machtwort des Altkanzlers war das Thema schon wieder vom Tisch.
Er war offensichtlich kein politischer Mensch, der vielleicht größte Dirigent des 20. Jahrhunderts. Es ist bis heute
trotzdem ein Rätsel, ob Herbert von Karajan ein Nazi war oder ob er einfach nur von den Nazis profitierte. Karajan, der
am 8. April 100 Jahre alt geworden wäre, wollte sich nie öffentlich erinnern.
Es ist belegt, dass der Dirigent 1933 in Salzburg in die NSDAP eintrat und dass seine einzigartige Karriere ohne das
Wohlwollen von Parteispitzen wahrscheinlich nie so ihren Lauf genommen hätte.

Das Wunder Karajan

Als Karajans großer Durchbruch gilt bis heute der 21. Oktober 1938. Auf Einladung der Berliner Staatsoper dirigierte
der 30-Jährige in der Hauptstadt Wagners „Tristan und Isolde“. In der "BZ" schrieb der Journalist und Musikkritiker
Edwin von der Nüll darauf jene berühmte Schlagzeile: „Das Wunder Karajan“. Die Kritik erhob den jungen Österreicher
zum ebenbürtigen Antipoden Wilhelm Furtwänglers. Es gibt Indizien dafür, dass der Artikel über Karajan eine politisch
gelenkte Auftragsarbeit war.
Preußens Ministerpräsident Hermann Göring hatte höchstpersönlich die Aufsicht über die Staatsoper Berlin inne.
Joseph Goebbels als Chef der Reichskulturkammer beaufsichtichtigte Furtwängler, den machtbewussten und

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unbequemen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Vermutlich hatten beide, Göring und Goebbels, ein Interesse
daran, Karajan aufzubauen. Er passte gut in ihr Weltbild. Karajan war jung, sah blendend aus, ein Perfektionist, ein
Ästhet, sein Zugriff auf die Musik von technischer Natur. Peter Uehling, dessen Buch „Karajan“ (Rowohlt, 2006) die
aktuellste unter den fast ein Dutzend Biographien über den Dirigenten ist, sagt: „All das machte ihn attraktiv für das
Reich.“ Göring soll stolz gewesen sein, mit Karajan einen neuen Stern am Dirigentenhimmel zu haben.
Für Misha Aster, der sich in seinem Buch „Das Reichsorchester: Die Berliner Philharmoniker und der
Nationalsozialismus“ (Siedler-Verlag, 2007) mit der Geschichte der Berliner Philharmoniker und mit Karajan intensiv
auseinandersetzt, ist der Fall klar: „Karajan hat die politischen Umstände seiner Zeit für sich genutzt.“ Aber ein Nazi sei
er nicht gewesen.
Peter Uehling bekräftigt: „Karajans Eintritt in die NSDAP war eine opportunistische Tat, keine aus Überzeugung.“ Man
könne ihm den Parteibeitritt natürlich vorwerfen, „auch wenn Karajan ein unpolitischer Mensch war“, so Uehling. Ein
Kollege wie Günter Wand etwa, vier Jahre jünger als Karajan und ab 1939 Erster Kapellmeister der Kölner Oper, sah es
nie als notwendig an, der NSDAP beizutreten.

Dem Dirigenten ging es einzig und allein um die Karriere

Wie muss man sich Karajans politische Haltung also vorstellen? Vermutlich hatte er gar keine. Aster und Uehling sind
sich einig: Dem Dirigenten ging es einzig und allein um die Karriere. Dagegen spricht jedoch Karajans früher Eintritt in
die Partei in in Salzburg zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht weit von der Macht in Österreich war. Die NSDAP-
Mitgliedschaft hätte ihm da aber noch gar keinen Vorteil verschafft. Karajans Eintritt kann man so gesehen als einen
bewussten politischen Schritt deuten.
Zeit seines Lebens behauptete der Dirigent, er habe aufgrund seiner Ernennung zum Generalmusikdirektor in Aachen
der Partei beitreten müssen. Dass es so einen Automatismus gab, bezweifelt Biograph Uehling. Er kritisiert, dass der
Dirigent sich mehrmals die Chance entgehen ließ, zumindest den politischen Opportunismus offen einzugestehen. Der
Dirigent hüllte sich dazu aber stets in Schweigen.
Autor Misha Aster: „Es wäre besser gewesen, hätte Karajan einfach die Wahrheit gesagt.“ Die Wahrheit ist: Karajan ist
genau genommen sogar zweimal in die NSDAP eingetreten. Das erste Mal geschah dies am 8. April 1933 in Salzburg.
Er zahlte die Aufnahmegebühr, erhielt die Mitgliedsnummer 1607525 und zog nach Ulm. Es heißt, dieser Beitritt sei
formell nie vollzogen worden. Fest steht auch, dass Karajan im März 1935 in Aachen noch einmal in die NSDAP eintrat,
dieses Mal erhielt er die Mitgliedsnummer 3430914. Nach der Annexion Österreichs entdeckte die zuständige
Reichsschatzmeisterei der NSDAP in München Karajans doppelte Mitgliedschaft und erklärte den ersten Beitritt für
ungültig. Den zweiten datierte sie rückwirkend auf den 1. Mai 1933.
Um des Erfolgs Willen vermied der Dirigent zu hinterfragen, wie und warum man ihn zur Lichtgestalt aufbaute. Solange
sich die Erfolge in scheinbarer Selbstverständlichkeit aneinander reihten, sah er keinen Grund, seinen Aufstieg durch
eine angreifbare politische Haltung zu gefährden.

"Er hätte noch ganz andere Dinge getan, um dirigieren zu können"

Bis zu besagter „Wunder“-Kritik hatte Karajans Karriere erst einmal in der Provinz ihren Lauf genommen: Am Ulmer
Stadttheater und Philharmonischen Orchester wurde Karajan 1930 Erster Kapellmeister, 1935 wechselte er als
Generalmusikdirektor nach Aachen. Da war er gerade einmal 27 Jahre alt. Uehling sagt: „Karajan wollte in Ruhe
arbeiten. Deswegen vermied er es, sich an der Führung zu reiben. Er hätte noch ganz andere Dinge getan, um
dirigieren zu können.“
Weder Karajan noch der damals einflussreichste Dirigent Furtwängler stritten um Hitlers Gunst. Der Führer hatte auch
ursprünglich einen anderen zu seinem Liebling am Dirigentenpult auserkoren. Fritz Busch sollte eigentlich der Vorzeige-
Dirigent des Dritten Reichs werden. Busch zog es vor, 1933 nach England zu emigrieren.
Karajan dagegen dirigierte 1935 zu Hitlers Geburtstag Wagners „Tannhäuser“ und ließ mehrmals während seiner
Karriere das Horst-Wessel-Lied spielen, die offizielle Parteihymne der NSDAP.

Hitler soll Karajan nicht gemocht haben

„Es gibt Erzählungen, wonach Hitler trotz allem Karajan nicht leiden konnte“, sagt Misha Aster. Hitler soll es als

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Unverschämtheit aufgenommen haben, dass Karajan in der Berliner Staatsoper vor den Augen des Führers Wagners
„Meistersinger“ auswendig ohne Partitur dirigierte. Hitler soll nach dem Konzert gesagt haben, er werde die Staatsoper
nicht mehr betreten, wenn Karajan dirigiere.
Karajan blieb weiterhin in Aachen, bis er als Generalmusikdirektor in der Spielzeit 1941/1942 abgesetzt wurde. Für
Aachener Ansprüche war der umtriebige Karajan zu häufig auf Europatourneen unterwegs gewesen. Von seiner
Entmachtung erfuhr der Dirigent in Rom während eines Gastspiels mit der Berliner Staatsoper. Die neu gewonnene Zeit
nutzte Karajan, um sich dem Regime auf andere Weise anzudienen. Der Dirigent zeigte Interesse an der Luftwaffe und
wollte sich zum Kampfpiloten ausbilden lassen. Sein bereits zu hohes Alter machte den Plan zunichte. Karajan trat
weiter auf, bis das Kriegsende seine Karriere jäh unterbrach.
Mit der Wahrheit um seine Rolle in der NS-Zeit hatte Karajan danach so seine Schwierigkeiten: „Nach seiner
Erinnerung soll er 1942 aus der Partei ausgeschlossen worden sein, weil er mit Anita Gütermann eine Halbjüdin
geheiratet hatte“, sagt Misha Aster und ergänzt: „Aber beide Aussagen stimmen nicht. Er wurde nicht aus der Partei
ausgeschlossen, und Anita Gütermann war nach den Nürnberger Rassegesetzen eine Vierteljüdin. Es war rechtlich
erlaubt, eine Vierteljüdin zu heiraten.“ Karajan glaubte, dass seine Ehe mit Anita Gütermann Beleg genug war, um ihn
als Nicht-Nazi auszuweisen. „Damit hat er sich unglaubwürdig gemacht“, sagt Aster. Zudem gibt es für einen etwaigen
Parteiausschluss keinen Aktenbeweis.

Karajans Entnazifizierung ging auffällig langsam vonstatten

Sein Berufsverbot nach Kriegsende nutzte der Dirigent vor allem für lange Spaziergänge. Dabei machte er sich nach
eigener Aussage Gedanken über die Musik und ihre Interpretation. Diese Phase der Einkehr und Besinnung nutzte er
offensichtlich nicht, um sein Verhalten im Dritten Reich kritisch zu beleuchten und unter Umständen in Frage zu stellen.
Warum auch? Die Österreicher ließen den Dirigenten schon im Januar 1946 wieder auftreten.
Seine Entnazifizierung ging im besetzten Deutschland jedoch auffällig langsam vonstatten. Die Alliierten verhörten
Karajan und blieben vorerst ablehnend. Das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde hortet die entsprechenden Akten. In
ihnen steht: Noch im April 1949 wurde in einem Brief der „Zonal Offices of Information Services“ in Hamburg an das
ebenfalls in Hamburg ansässige Büro des „Cultural Relations Branch“ ausdrücklich betont, dass Karajans
Entnazifizierung in Österreich keine Gültigkeit in Deutschland besitze. Als Dirigent des Hamburger Philharmonischen
Orchesters käme Karajan somit nicht in Frage. Drei Monate nach diesem Brief wurde der Dirigent in einem
Schriftwechsel zwischen den „Zonal Offices of Information Services“ und dem amerikanischen Veteranenkomittee in
New York als „an ardent Nazi“, als ein begeisterter Nazi, dargestellt.
In Berlin kam Karajan dennoch 1950 zu seinem Comeback. Danach war er nicht mehr aufzuhalten: Er heimste ein
Engagement nach dem anderen ein: Wien, Salzburg, Mailand, London, Berlin – sie alle wurden sein künstlerisches
Zuhause.

Niemand wollte in seiner Vergangenheit wühlen

Karajan wusste, wie er sein Image im Nachkriegsdeutschland zu pflegen hatte, um makellos zu bleiben. Sporadische
Anriffe auf seine Persönlichkeit konnte er als Neidreflexe und nicht ernstzunehmende Böswilligkeiten abtun. Sich selbst
zu rechtfertigen, war unter seiner Würde. Der Künstler lebte nach dem Motto „Mein Wille geschehe“ und weigerte sich
stets, seinen karrierebedingten Opportunismus der Nazizeit zu thematisieren. Der Egozentriker Karajan konnte mit
einer historischen Aufarbeitung seiner unklaren Rolle im Dritten Reich nichts anfangen. Nicht, wie er es geschafft hatte,
interessierte ihn, sondern allein: dass er es geschafft hatte. Misha Aster sagt: „Mich wundert, dass in den 50er- und
60er-Jahren sich niemand intensiv mit Karajans Biographie beschäftigt hat. Niemand wollte in seiner Vergangenheit
wühlen.“
Vielleicht nicht in Deutschland, in den USA schon. Das bekam der Dirigent 1955 zu spüren, als sich der Chefdirigent mit
seinen Berliner Philharmonikern zu einem Amerika-Gastspiel aufmachte. Jüdische Organisationen demonstrierten
gegen Karajan und seine Begleiter vor der New Yorker Carnegie Hall. Auf ihren Plakaten stand: „They helped Hitler
murder millions“ – „Sie halfen Hitler, Millionen zu ermorden“. Karajan nahm den Protest demonstrativ desinteressiert zur
Kenntnis.
In den 60er-Jahren planten der Dirigent und seine Philharmoniker Konzerte in Israel. Doch die Israelis machten schon
vorab unmissverständlich klar: das Orchester dürfe kommen, Karajan nicht. Als der Chefdirigent Herbert von Karajan
dann 1989 starb, war der Weg frei. Die Berliner Philharmoniker traten 1990 zum ersten Mal in Israel auf.

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