Sie sind auf Seite 1von 110

www.psychotherapeutenjournal.de | ISSN 1611-0773 | D 60843 | 14. Jahrgang | 18.

 März 2015

Psychotherapeuten
journal

■■Spannungsregulation und
Achtsamkeitsförderung – zentrale
psychotherapeutische Kompetenzen

■■Mentalisieren in der Psychotherapie

■■Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im


derzeitigen Psychologiestudium – eine
Online-Umfrage

■■Aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen


Beirats Psychotherapie zu EMDR

■■Autismus-Spektrum-Störungen –
Forschungsstand und Behandlung

PTJ 1/2015
  (S. 1 – 106)
w w.psych o t herapeuten
w jo urn
al.
de
Editorial
Liebe Kolleginnen Holger Kirsch in ihrer Arbeit zum „Men­
talisierungskonzept“ als einem Konzept,
und Kollegen, das sich als besonders hilfreich erweist
in der Behandlung psychisch schwer Er­
krankter. Brockmann und Kirsch zeigen
diese erste Ausgabe im neuen Jahr zeigt auf, dass das Mentalisierungskonzept
sich im neuen Gewand. Sie können es einerseits zunehmend an Bedeutung
sich wahrscheinlich vorstellen: Eine Grup­ gewinnt als ein psychoanalytisches
pe wie die unsrige, die wir uns viermal Behandlungskonzept, aus dem heraus
im Jahr in schöner Vielfalt als Redaktion eine neue Behandlungstechnik entwi­
und Redaktionsbeirat bei der Heftplanung ckelt wurde. Andererseits zeigen das Anne Springer (Berlin),
die Köpfe heiß reden, tut sich nicht leicht, Konzept und seine Anwendungen inte­ Mitglied des Redaktionsbeirates
wenn es darum geht zu entscheiden, wie ressante Überschneidungen mit ande­
wir Ihnen das PTJ in Zukunft präsentieren ren Psychotherapierichtungen und de­ wie die Ausführungen von Kevin Hilbert
wollen. Alles in allem verlief der Prozess ren Behandlungstechnik(en). in unserer ständigen Rubrik „Aktuelles
mit Unterbrechungen und immer neuen aus der Forschung“ dar:
Anläufen über Jahre. Hilfreich waren ver­ Dialog ist auch ein wichtiges Stichwort zur
lagsseitig Frau Annette Kerstein und der folgenden Arbeit von Cord Benecke und Kamp-Becker und Quaschner referie­
Grafiker Andreas Becker, denen sehr zu Rhea Eschstruth über „Verfahrensvielfalt ren zum Thema „Autismus“, wobei sie
danken ist für ihr Engagement! Am Ende und Praxisbezug im derzeitigen Psy­ behandlungstechnische Konzepte aus
stand eine Einigung mit Kompromissen, chologiestudium“ anhand einer Online- der Verhaltenstherapie als besonders
die wir alle mittragen können – und nun Umfrage unter Studierenden. Dieser Text geeignet für die Behandlung dieser
sind wir gespannt auf Ihre Rückmeldun­ sei allen empfohlen, die zur Zeit über eine schweren Störungen halten und dies
gen! Reform des Psychotherapeutengeset­ auch sehr nachvollziehbar und kennt­
zes (PsychThG) bzw. der Psychothera­ nisreich begründen. Sie berichten über
Und weil wir gerade beim Danksagen peutenausbildung und entsprechender neuere Forschungsergebnisse zur Diag­
sind – auch in diesem Prozess der gra­ Veränderungen der Hochschulstudien­ nostik und Therapie autistischer Störun­
phischen Neugestaltung und überhaupt gänge nachdenken. Die Umfrage richtete gen und stellen fest: „Verhaltensthera­
bei der gesamten Redaktionsarbeit ist sich an Studierende in psychologischen peutische Interventionen sind indiziert“.
ganz besonders Frau Nina Rehbach zu Masterstudiengängen insbesondere vor Der Redaktionsbeirat beabsichtigt, zum
danken. Sie betreut und begleitet als bzw. kurz nach Beendigung des Studi­ Thema „Autismus“ in der Folge Arbei­
hauptamtliche Redakteurin mit großem ums. Im Ergebnis berichten Benecke und ten zu veröffentlichen, die das Thema
Einsatz fachkundig, kollegial und mit Eschstruth über eine sehr stark kognitiv- aus anderen theoretischen und behand­
Taktgefühl unsere Autorinnen und Au­ behaviorale Ausrichtung des Studiums lungstechnischen Perspektiven bear­
toren und unsere Arbeit im Redaktions­ mit einem geringen Anteil an adäquater beiten, um so eine fruchtbare Ausein­
beirat und in der Redaktion! Vermittlung anderer Verfahren und Stö­ andersetzung auf den Weg zu bringen.
rungsmodelle in Forschung und Lehre so­
Dieses aktuelle Heft startet mit einem wie über Rahmenbedingungen, die diese Gespannt sind wir auch auf Ihre Rück­
Beitrag im Rahmen einer Reihe von Arti­ Schieflage mit herbei geführt haben. meldungen zum Bericht von Hilbert zu
keln zum Thema „Psychotherapeutische „Aktuellem(s) aus der Forschung“: Vor­
Kernkompetenzen“: Björn Husmann und Auch im Kontext einer angestrebten Re­ gestellt werden Studien mit dem Ziel
Oliver Nass referieren über „Spannungs­ form des PsychThG ist der Beschluss der Entwicklung biologischer Marker
regulation und Achtsamkeitsförderung“ des Wissenschaftlichen Beirats Psy­ im Kontext psychischer Erkrankungen
als „zentrale psychotherapeutische chotherapie (WBP) zur Psychotherapi­ unter Anwendung neurowissenschaft­
Kompetenzen“. Die Autoren werben in emethode Eye Movement Desensitiza­ licher Methoden. Entsprechende Bio­
diesem Zusammenhang für ein integrati­ tion and Reprocessing (EMDR), der in marker könnten zum Beispiel prognos­
ves Verständnis auf der Ebene von The­ diesem Heft referiert wird, von erhebli­ tische Einschätzungen begründen. Es
orie und Behandlungstechnik. cher Relevanz! liegt sehr nahe, hierzu eine Diskussion
zu ethischen Fragen zu führen!
Ein integratives Verständnis – und damit Aufforderungen zum Dialog stellen
auch eine Einladung zum Dialog – for­ auch die folgende Arbeit von Inge Wir hoffen, Ihnen wieder gute Anregun­
mulieren auch Josef Brockmann und Kamp-Becker und Kurt Quaschner so­ gen zu vermitteln!

1/2015 Psychotherapeutenjournal 1
Inhalt
Inhalt
Originalia 4 Björn Husmann & Oliver Nass
Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung sind zentrale psycho-
therapeutische Kompetenzen
Der Artikel bietet einen Überblick zu zwei grundlegenden Kompetenzen in Präven-
tion, Psychotherapie und Rehabilitation sowie zu Entspannungs- und achtsamkeits-
basierten Verfahren und deren salutogener Potenz aus integrativer Perspektive.

13 Josef Brockmann & Holger Kirsch


Mentalisieren in der Psychotherapie
Über die Behandlung von Borderline-Störungen hinaus gewinnt das Mentalisie-
rungskonzept zunehmende Bedeutung in der Psychotherapie. Die Arbeitsgruppe
um P. Fonagy greift mit dem Mentalisierungskonzept Ergebnisse der Bindungsfor-
schung und empirischen Forschung auf. Das Konzept verbindet psychoanalytische
Theorien mit Behandlungstechniken der Verhaltenstherapie (DBT), der systemi-
schen und klientenzentrierten Therapie unter einem neuen Fokus: Mentalisierung.

23 Cord Benecke & Rhea Eschstruth


Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im derzeitigen Psychologiestudium.
Eine Online-Umfrage unter Studierenden
Im Rahmen einer bundesweiten Umfrage unter Studierenden im Masterstudien-
gang für Psychologie wurde untersucht, wie die „klinische Lehre“ im derzeitigen
Psychologiestudium aus Sicht der Studierenden gestaltet ist, insbesondere in Be-
zug auf die Vermittlung verschiedener Störungsmodelle und psychotherapeutischer
Ansätze sowie praktischer Kompetenzen. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf
die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung diskutiert.

30 Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie


Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode (Eye-
Movement-Desensitization and Reprocessing) zur Behandlung von Anpas-
sungs- und Belastungsstörungen sowie zur Behandlung der Posttraumatischen
Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen
Bekanntmachung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie nach § 11
PsychThG mit einer redaktionellen Vorbemerkung von Rainer Richter, Mitglied des
Redaktionsbeirats

34 Inge Kamp-Becker & Kurt Quaschner


Autismus-Spektrum-Störungen. Eine Übersicht zum aktuellen Forschungs-
stand und zum verhaltenstherapeutischen Behandlungsvorgehen
In diesem Beitrag werden neuere Forschungserkenntnisse bezüglich der Diagnos-
tik und der therapeutischen Möglichkeiten von autistischen Störungen dargestellt.
Die Diagnostik stellt hohe Ansprüche an Klinikerinnen und Kliniker, da sich hinter
dem Begriff Autismus“ eine Vielzahl von Symptomen verbirgt, deren Abgrenzung
zu anderen Störungen im klinischen Alltag häufig schwierig ist. Verhaltenstherapeu-
tische Interventionen sind indiziert.

2 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Aktuelles aus der 42 Kevin Hilbert
Forschung Sind neurowissenschaftlich fundierte Biomarker im Rahmen der Behand-
lung psychischer Störungen denkbar?

Buchrezension 47 Psychopharmakologie und die Minimierung des Subjekts


Eine Rezension von Jürgen Karres: Balz, V. (2010). Zwischen Wirkung und Erfah-
rung – eine Geschichte der Psychopharmaka. Neuroleptika in der Bundesrepublik
Deutschland 1950-1980. Bielefeld: transcript Verlag.

Mitteilungen der 50 Bundespsychothera- 81 Niedersachsen


peutenkammer
Psychotherapeuten- 85 Nordrhein-Westfalen
54 Baden-Württemberg
kammern 89 Ostdeutsche Psycho­thera-
58 Bayern peutenkammer
64 Berlin 94 Rheinland-Pfalz
68 Bremen 98 Saarland
72 Hamburg 102 Schleswig-Holstein
76 Hessen

1 Editorial

48 Leserbriefe

106 Impressum Psychotherapeutenjournal

A1 Stellen- und Praxismarkt des medhochzwei Verlages

A21 Impressum Stellen- und Praxismarkt des medhochzwei Verlages

Hinweise:

Alle Beiträge können Sie auch als PDF-Dokument von der Internetseite
www.psychotherapeutenjournal.de herunterladen.

Der Teilausgabe Nordrhein-Westfalen sind in dieser Ausgabe wichtige


Unterlagen beigeheftet:
Beitragsordnung der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen
in der Fassung vom 29.08.2014

1/2015 Psychotherapeutenjournal 3
Spannungsregulation und Achtsamkeits­
förderung sind zentrale psychotherapeutische
Kompetenzen
Björn Husmann & Oliver Nass

Zusammenfassung: Rainer Richter und Dietrich Munz haben im Psychotherapeutenjournal 2/2014 eingeladen, über psy-
chotherapeutische Kernkompetenzen zu diskutieren. Darauf nehmen wir Bezug und möchten zwei miteinander verwo-
bene „key skills“ in den Fokus rücken: Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung. Es handelt es sich um zentrale
psychotherapeutische Kompetenzen, die sowohl bezüglich des Faktenwissens als auch der Handlungskompetenzen und
der professionellen Haltung einzuordnen sind.1 Gleichermaßen geht es uns um die damit verbundenen Entspannungs-
und achtsamkeitsbasierten Verfahren,2 deren hohe salutogene Potenz in Therapie, Prävention und Rehabilitation über-
zeugend nachgewiesen ist. Durch einen Überblick zu diesen Verfahren und den spezifischen Fähigkeiten, die durch sie
entwickelt und gefördert werden, möchten wir darauf aufmerksam machen, welche Bedeutung ihnen in Studium sowie
Aus- und Weiterbildung, aber auch bei berufspolitischen Diskussionen zukommen müsste. Darüber hinaus möchten wir
für ein integratives Verständnis von Achtsamkeitsförderung und Spannungsregulation werben, die ansonsten in Fach-
diskussionen oft getrennt behandelt werden.

Spannungsregulation Als Wirkmechanismus wird die Ideoplasie angenommen. Danach


führt alleine die Vorstellung einer Körperbewegung zur Innervation

W
ir sprechen hier von Spannungsregulation, weil diese entsprechender Muskelgruppen (Krampen, 2013). Die mentale Antizi-
Kompetenz darüber hinausgeht, Tiefenentspannung pation von „(Bett-)Schwere“ bewirkt deshalb eine Tonus-Verminderung
zu induzieren. Vielmehr geht es um eigenverant­ in der Skelettmuskulatur, die von „Wärme“ Vasodilatation usw. Diese
wortliche, flexible und situationsangemessene Selbstregu­ Effekte lassen sich über das Spiegelneuronen-System gut erklären (z.
lation auf einem Kontinuum zwischen den Polen „Entspan­ B. Beutel, 2009; Mende, 2013).
nung: Regeneration, innere Versenkung“ und „Anspannung:
Aktivierung, erhöhte Vigilanz“ (vgl. Mathesius, 2014). Im An­ Dabei wird die trophotrope Reaktion durch diese Verfahren
gesicht der häufigen Überbetonung des „Leistungspols“ im nicht künstlich erzeugt, sondern ist ein allgemeines mensch­
Alltag vieler Menschen kommt dem „Entspannungspol“ aller­ liches Potenzial, sozusagen psychosomatische „Hardware“,
dings besondere Bedeutung innerhalb der Psychotherapie zu, die durch Training „nur“ aktiviert, (weiter-)entwickelt und
da Patientinnen und Patienten3 über Fähigkeiten zur aktiven kultiviert wird. Dazu schulen diese Übungssysteme mehr
Entspannung oftmals (nicht mehr) verfügen oder sie nicht in oder weniger systematisch die Habituierung der ergotrop-
hinreichendem Maße nutzen können. trophotropen Umschaltung sowie das Balancieren zwischen
körperlich-seelischen Relaxationsprozessen und wachem
Übungssysteme aus der Gruppe der Entspannungsverfahren Gewahrsein (was dem meditativen Zustand entspricht, wie
helfen, die Fähigkeit zur Spannungsregulation freizulegen, unter Achtsamkeitsförderung beschrieben). Die Praktizieren­
weil sie die willentlich-bewusste Selbstinduktion und -steu­ den lernen folglich das Einpendeln zwischen Ich-geleiteter
erung der trophotropen Reaktion (siehe Abbildung) schulen, Aktivität und völliger Passivität („innere Ruhe“), die Wahr­
wobei Auswirkungen dieser Reaktion zugleich auch methodi­ nehmung und „absichtslose Beeinflussung“ von Organfunk­
sche Ansatzpunkte sind:
1 z. B. im Entwurf der AG des Länderrates und BPtK-Vorstandes „Kompe­
„„ Der Tonus der Skelettmuskulatur wird herabgesetzt, dient tenzen für den Psychotherapeutenberuf in Studium und Aus-/Weiterbildung“
z.  B. bei der Progressiven Relaxation (PR) aber auch als (Fassung vom 06.05.14 unter http://0cn.de/7dg9, Zugriff: 15.07.14).
2 Wir sprechen hier von Entspannungs- und achtsamkeitsbasierten Verfah­
„Zugang“ zu Tiefenentspannung. ren, weil diese Übungssysteme zwei miteinander verwandte Verfahrens­
gruppen bilden (vgl. Krampen, 2013, S. 25ff), nicht, weil wir auf Richtlini­
„„ Die Hautdurchblutung erhöht sich, dient aber auch der enverfahren anspielen oder andeuten wollen, sie hätten einen gleichen
Herbeiführung z. B. bei der Wärme-Übung des Autogenen Rang. Innerhalb einer verhaltenstherapeutischen oder psychodynamischen
Trainings (AT). Psychotherapieplanung können sie zwar den Rang von Interventionsmetho­
den haben, für sich genommen gehen sie aber bzgl. Störungsverständnis,
„„ Die Atmung wird ruhiger und gleichmäßiger, dieser Teil der Gesundheitsmodellvorstellung usw. darüber hinaus.
3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht durch­
„Entspannungsantwort“ ist gleichzeitig der „Einstieg“ gehend beide Geschlechtsformen genannt. Selbstverständlich sind jedoch
z. B. bei vielen Meditationsformen. Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.

4 Psychotherapeutenjournal 1/2015
B. Husmann & O. Nass

tionen sowie eine entsprechen­ Vegetatives Nervensystem: vermehrte


Steigerung von Wahrnehmung und
den Konzentrationsfähigkeit. Sensibilität für körperlich-seelische parasympathische Aktivität

Alle Effekte können sich bei Sensationen (Interozeption)

regelmäßigem Training in den Senkung des arteriellen Blutdrucks


Alltag hinein generalisieren und Speichelfluss (geringfügige) Absenkung der Herz-
Rate in Richtung Ruhepuls
unterstützen eine gelassenere
Lebenshaltung. Senkung des Sauerstoffverbrauchs
Abnahme der Atemfrequenz
Tonus-Verringerung in der
Abflachung des Atemzugvolumens
Skelettmuskulatur
Egalisierung der Atemzyklen
neuromuskuläre Veränderungen in
Zunahme der abdominalen gegenüber
Achtsamkeits­ der thorakalen Atmung
Verängerung der Einatmung gegenüber
bestimmten Muskelpartien mit
Annäherung an das

förderung
elektromyographische Null-Niveau
der Ausatmung

Übungssysteme aus der Grup­ periphere Gefäßerweiterung der Haut


pe der achtsamkeitsbasierten (Vasodilatation)
Verdauungstätigkeit Abnahme der Hautleitfähigkeit
Verfahren schulen eine spezi­
fische Form der Aufmerksam­ Abbildung: Die Entspannungsreaktion (trophotrope Reaktion)
keitslenkung. Kern ist ein gelas­ (eigene Darstellung; Grafik: AOK, 1991, S. 9)
senes, abwartendes Verweilen
im wachen Beobachten aller Aspekte der dahinfließenden samere Lebenshaltung, das heißt „eine grundlegende Weise
inneren und äußeren Gegenwart (Präsenz). Wird diese spe­ des In-der-Welt-Seins“, als Voraussetzung dafür, „... dass wir
zifische Form des Gewahrseins (mindfullness) eine Zeit lang die Wirklichkeit umfassend erfahren und die Fülle unserer exis­
praktiziert und werden derweil Erwartungen, Bewertungen, tenziellen Möglichkeiten entfalten“ (Hofmann, 2002, S. 315).
Beurteilungen usw. in der Schwebe gehalten, führt dies zu
einem meditativen Bewusstseinszustand, bei dem die Wahr­ Hinweise auf den Wirkmechanismus geben neurowissenschaftliche
nehmung gleichermaßen nach innen und außen auf die Ent­ Forschungen, die in diesem Zusammenhang vom „default mode“
faltung von Erfahrung gerichtet ist, ohne eingreifen zu wol­ sprechen: Wenn die Umwelt gerade keine konkreten Anforderungen
len. Auch diese Form der Achtsamkeitsarbeit ist nicht nur im stellt oder wenn nur Routinehandlungen notwendig sind, werden ko-
passiven Bereich angesiedelt oder einzig mit regressiven Pro­ gnitive Ressourcen darauf verwendet, Vergangenes zu verarbeiten,
zessen verbunden. Der Körper soll zwar zur Ruhe kommen Zukünftiges zu antizipieren, sich in andere Personen hineinzuversetzen
und der Geist zur Stille finden (was eine trophotrope Reakti­ oder Situationen „durchzuspielen“ („Gedanken wandern“, Tagtraum).
on unterstützt, wie unter Spannungsregulation beschrieben), Es gibt Hinweise darauf, dass durch regelmäßige Achtsamkeitsübun-
gleichzeitig sind aber eine spezifische Form höchster Konzen­ gen gelernt wird, den Default-Modus zu hemmen (Ott, 2010).
tration und erhebliche Übungsdisziplin vonnöten, um in der
„Kunst der Achtsamkeit“ voranzukommen.

Häufiges und regelmäßiges Trainieren dieses besonderen Über welche (Übungs-)Systeme


Gewahrseins bewirkt, dass Praktizierende aus dem inneren
Gleichgewichtszustand eines geistig-emotionalen „Equili­
sprechen wir konkret?
briums“ zwar auf innere und äußere Reize bezogen sind, Zu den sicherlich am besten untersuchten systematischen
sie sprechen aber nicht quasi-reflexhaft („reaktiv“) auf sie Entspannungsverfahren im engeren Sinne gehören die AT-
an. Insofern wird eine (selbst-)reflexive Meta-Bewusstheit Grundstufe (Schultz) und PR (Jacobson), dazu kommen
trainiert, aus der heraus wahrnehmbar wird, wie der leib- „relaxation response“ (Benson), Weitzmann-Training (Fran­
seelische Organismus seine Gelüste bzw. Nöte selbst her­ ke & Witte, 2009) u. a. m. Darüber hinaus gibt es noch ein
vorbringt (Wahrnehmung von Autopoesie; Selbstreferenz). großes Methodenspektrum, das in signifikantem Umfang
Die Fähigkeit zu solch „reflexive[r] Beobachtung der eigenen Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung nutzt (Hus­
kognitiv-emotionalen Prozesse“ wäre „die conditio sine qua mann, 2010a, b; Krampen, 2013; Petermann & Vaitl, 2014),
none jedweder therapeutischen Veränderung“ (Marcowitz in siehe Tabelle 1, S. 6:
Anderssen-Reuster (Hrsg.), 2007, S. V), das heißt, sie hat ggf.
weitreichende Effekte wie etwa die Loslösung von Gemeinsamkeiten
„„ neurotischen Fixierungen,
Dieser Strauß von Übungssystemen ist in vielerlei Hinsicht
„„ süchtigem Verhalten oder heterogen, hat aber einen charakteristischen methodischen
Kern (Benson, 1993; Husmann, 2011):
„„ dysfunktionalen Beziehungsmustern.
1. Allen Übungssystemen ist eine spezifische Form der
Wenn sich diese spezifische Form der Aufmerksamkeit in den Aufmerksamkeitsteilung in ein sich in der Gegenwart
Alltag hinein generalisiert, unterstützt dies eine insgesamt acht­ bewusst beobachtendes Subjekt und ein beobachtetes

1/2015 Psychotherapeutenjournal 5
Spannungsregulation und Achtsamkeits­förderung sind zentrale psychotherapeutische Kompetenzen

psychotherapeutischer Bereich körper(psycho) „östliche“ aktives


therapeutischer Bereich Übungssysteme Stressmanagement

„„ Hypnose „„ funktionelle Entspannung „„ Yoga „„ Multimodale Stresskompetenz/


(Fuchs) MMSK (Mathesius & Scholz,
„„ AT-Fortgeschrittenenstufe „„ Taijiquan/Qigong 2014)
(Autogene Modifikation) „„ konzentrative Bewegungsthera-
pie (Stolze) „„ „aktive“ und „stille“ Medita- „„ achtsamkeitsbasierte Stress-
„„ AT-Oberstufe (Autogene Medi- tionen (z. B. Kundalini, Zen, reduktion (MBSR, Kabat-Zinn,
tation, Brenner, 2010) „„ Atemarbeit (Middendorf) Vipassana) 2009)
„„ verschiedene Formen der Visu- „„ Eutonie (G. Alexander) „„ HEDE-Training (Franke & Witte,
alisierung 2009)
„„ Alexander-Technik
„„ aktive Imagination (Jung) „„ Stressbewältigung (Kaluza)
„„ Feldenkrais
„„ Katathymes Bilderleben (Leuner) „„ „Stressimpfung“
„„ Psychotonik (Glaser)
„„ Focusing (Gendlin) (Meichenbaum)
„„ Hakomie (Kurtz)
„„ Mentales Training
„„ Biofeedback
Tabelle 1: Weitere Beispiele für Methoden, die Entspannungs- und Achtsamkeitselemente nutzen

Objekt zu eigen, die mit einer gewährenden, nicht wer­ Die Fokus-Abfolge ist in ein Ritual gekleidet, dessen Anfangs­
tenden konzentrativen Grundhaltung praktiziert wird. Denn phase durch vorbereitende Handlungen gekennzeichnet ist:
während ein allzu Ich-geleitetes „Entspannung-“ bzw.
„Achtsamkeit-Machen“ eher zu Leistungsreaktionen führt „„ sozialer Rückzug (abgeschiedener Ort),
und damit ein „Sich-Fallen-Lassen“ blockiert, mündet ein „„ Einnehmen einer verfahrensspezifischen Körperhaltung,
Geschehen-Lassen – „Erreichen durch Nicht-Erreichen-
Wollen“ (Weiss & Harrer, 2010) – via organismischer „„ psychischer Rückzug (z. B. Augenschluss),
Selbstregulation aus sich selbst heraus, das heißt autogen „„ Einstimmung („Reinigung vom Alltag“, z. B. sich Bewusst­
in Relaxationsprozessen. Voraussetzung dazu ist, dass die werden von „Resten“ als Vorbereitung auf vertiefte Innen­
Praktizierenden die Aufmerksamkeitslenkung ausreichend schau).
trainieren. Nur so gelingt es, sich zuverlässig aus der All­
tagskonzentration zu lösen und nicht dem regressiven Im Hauptteil werden dann die eigentlichen Übungen durch­
Sog der Entspannung zu verfallen und z. B. einzuschlafen. geführt, die oftmals trophotrope Färbung haben, zu denen
Übende sollen deshalb mit passivisierter, aber wacher aber immer auch aktivierende, ergotrope Elemente ge­
Konzentration alle leib-seelischen Vorgänge kontinuierlich hören, um die Konzentration ausreichend wach zu halten.
und „gleich-gültig“ wahrnehmen, ohne an Störungen oder Diese „Entspannungsbremsen“ finden sich vor allem in der
Gedanken zu verhaften und sich ablenken zu lassen. Ein­ Schlussphase des jeweiligen Rituals, wenn es darum geht,
übung, Verfeinerung sowie Generalisierung dieser spezifi­ wieder zum Alltag hinzuführen und auf zu bewältigende Auf­
schen Aufmerksamkeit bzw. Konzentration sind ein zentra­ gaben vorzubereiten.
les Ziel der Aufmerksamkeitsförderung und Spannungsre­
gulation. Neben methodischen lassen sich auch didaktische Gemein-
2. Alle Übungssysteme gebieten, die Aufmerksamkeit auf ei­ samkeiten finden, z.  B., dass die Einführung, Unterstützung
ne in der Regel wiederkehrende Fokus-Abfolge bzw. auf und Korrektur durch im jeweiligen Übungssystem (selbst-)er­
spezifische Wahrnehmungszonen zu richten: In der AT- fahrene, fundiert ausgebildete Lehrer sinnvoll und empfehlens­
Grundstufe die sechs Grundübungen, in der PR das sanf­ wert sind. Notwendig und ohne Alternative ist bei allen Ent­
te Anspannen und aktive Loslassen verschiedener Mus­ spannungs- und achtsamkeitsbasierten Verfahren nachhaltige
kelgruppen, in der Vipassana-Meditation das Gewahrsein Disziplin zum regelmäßigen, eigenständigen Praktizieren (Erich
des Atems, im Taijiquan bestimmte, sehr langsam durch­ Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“). Dies dürf­
geführte Bewegungsabfolgen. Um den jeweiligen Fokus te allerdings auch die prominenteste „Achillesferse“ dieser
wahrzunehmen, ist zumeist Entschleunigung, eine gewisse Übungssysteme sein: Sie erfordern (und fördern) die konkrete
Monotonisierung und die oben genannte passivisierte, aber Übernahme von aktiver und nachhaltiger Selbstverantwortung.
konzentrierte Grundhaltung erforderlich, was zusammen für
Trance-Effekte sorgt und die trophotrope Reaktion unter­ Unterschiede
stützt. Gleichzeitig sorgen die vorgegebenen „alternativen
Wahrnehmungsziele“ dafür, umherwandernde Gedanken Wie schon angesprochen gibt es hinsichtlich der aufgezähl­
einzudämmen und Ablenkungen in den Hintergrund treten ten Übungssysteme eine ganze Reihe von Unterschieden, die
zu lassen, um ganz bei der Sache zu sein. hier aber nur angerissen werden können. Es beginnt damit,

6 Psychotherapeutenjournal 1/2015
B. Husmann & O. Nass

welche Meta-Theorien und -Philosophien den jeweiligen Effekte von Entspannungs- und acht­
Übungssystemen zugrunde liegen: Sind es empirisch belegte
Modelle der Psychologie, Medizin und Pädagogik oder scha­
samkeitsbasierten Verfahren: Übersicht
manische bzw. klösterliche Konzepte, die ihre Wurzeln im Eine Übersicht über häufige Effekte7 gibt Tabelle 2.
Buddhismus oder anderen Religionen haben? Hinzu wäre zu nennen, dass in tiefer „Versenkung“ mit erhöh­
ter Wahrscheinlichkeit hypnagogene Phänomene auftreten
Das bedingt, ob Achtsamkeitsförderung bzw. Spannungsre­ können, das heißt traumähnliche, pseudohalluzinatorische Er­
gulation überhaupt primäre Zielsetzungen sind. Bei säku­ lebnisse, meist visueller, manchmal aber auch akustischer Art
larisierten Übungssystemen wie AT, PR oder auch achtsam­ (Petermann & Vaitl, 2014), die zum Teil als spirituelle Zeichen
keitsbasierter Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress gedeutet werden. Mittelfristig sind aber auch Veränderungen
Reduction/MBSR) steht Selbstbeeinflussung im Mittelpunkt. von Gehirnfunktionen feststellbar (Ott, 2010).
Hier geht es um psychotherapeutische Anliegen wie Förde­
rung von Selbstregulation, Salutogenese, Selbstfürsorge und Weil Entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren häufig
Stärkung von Autonomie („Hilfe zur Selbsthilfe“). Bei vielen in Gruppen angeboten werden, erleben Teilnehmer hier außer­
Meditationsformen geht es dagegen darum, in jeder Hinsicht dem eine besondere Gruppenkultur, geprägt von Akzeptanz,
präsent zu sein, um Selbst- oder Seinserfahrungen zu sam­ Respekt und wechselseitiger Verbundenheit (soziale Interde­
meln sowie spirituelles Wachstum zu ermöglichen.4 pendenz). Insofern ergeben sich mittelbar unter Umständen
wichtige neue Beziehungserfahrungen wie Ermutigung und
Aufgrund der unterschiedlichen theoretischen und kulturel­ Wertschätzung, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. 8
len Hintergründe kann es ebenso erheblich schwanken, was
als Ritual verstanden wird und nach welcher Systematik die­ 4 Insofern stellt sich auch die prinzipielle Frage, ob sich aus spirituellen
Gebieten stammende Praktiken auf komplexe Formen der Konzentrations­
ses strukturiert ist. Das setzt sich auch auf der didaktischen schulung reduzieren und in einen klinischen Kontext „umsiedeln“ lassen,
Ebene fort, wenn z. B. bei „authentischen“ Taijiquan-Kursen ohne dabei ihre charakteristischen Wesenszüge zu verlieren.
das pädagogische Prinzip v. a. lautet: „Nachmachen, was der 5 Bevor daraus eine generelle Wertung abgeleitet wird, sollte bedacht
werden, dass eine autoritär strukturierte Arzt-Patienten-Beziehung bis vor
Meister vormacht!“ (Lernen am Modell). In westlich orien­ wenigen Jahrzehnten in den sog. Industrieländern genauso üblich war wie in
tierten Kursen werden dagegen von empirischer Forschung Asien oder Indien eine hierarchische Meister-Schüler-Beziehung.
untermauerte Konzepte gefordert wie systematischer Unter­ 6 Richt- und Leitlinien zu AT, PR, klinischer Hypnose, Yoga und Multimodaler
Stresskompetenz (MMSK) der Deutschen Gesellschaft für Entspannungsver­
richts-/Übungsaufbau, konsequente Unterstützung der Gene­ fahren (DG-E) unter www.dg-e.domainfactory-kunde.de/index.php?id=67;
ralisierung in den Alltag und ausreichend Raum zur Bespre­ vgl. auch die Curricula zu AT und Hypnose der DGÄHAT unter www.dgaehat.
chung der individuellen Erlebnisverläufe bei partnerschaftlich- de/?page_id=8
7 Wobei zu berücksichtigen ist, dass nicht jedes Übungssystem alle Effekte
demokratischem Grundverständnis. Eine Didaktik „von der in der gleichen Stärke hervorbringt.
Kanzel herab“ mit dem Credo „nur der Meister kennt den 8 Hinzu kommt, dass einige Teilnehmer entsprechende Kurse als ein
wahren Weg zur Heilung (oder Erleuchtung)“ wäre hierzulan­ niedrigschwelliges Therapieangebot nutzen, weswegen nicht nur die
Notwendigkeit verfahrensspezifischer Qualifikation besteht. Es sind darüber
de5 u. U. sogar juristisch problematisch, in jedem Fall aber hinaus auch psychodiagnostische Kenntnisse usw. erforderlich, um solche
nicht leitliniengerecht.6 Teilnehmer zu erkennen und – entsprechende Indikation vorausgesetzt – die
Weichen zu weiteren Angeboten zu stellen.

Unterstützung, Förderung und Differenzierung von ...


kurz-/mittelfristig mittel-/langfristig langfristig

„„ Spannungsregulation/Entspannungsfähigkeit „„ Verminderung der sympathoadrenergen „„ Regenerationsfähigkeit


(körperlich, emotional, geistig) Erregungsbereitschaft sowie der Reflextä-
tigkeit, Resonanzdämpfung, Stressresistenz/ „„ Gesundheitsförderung/-erhaltung, Saluto-
„„ Achtsamkeit/Konzentrationsfähigkeit Stressresilienz genese
(Aufmerksamkeitsteilung, Fokussierung,
Kontemplation, Zentrierung) „„ Ökonomisierung des körperlich-seelischen „„ Selbstfürsorge
Krafteinsatzes bei Alltagsaufgaben „„ Selbstmanagement
„„ Selbstberuhigungsfähigkeit, Affektregulati- „„ Selbstwirksamkeitserleben (Selbstkontrolle)
on, Depolarisation
„„ Bewusstheit („metacognitive awareness“)
„„ Selbst-/Fremdwahrnehmung, Intro­spektion,
Gewahrsein „„ Eigenverantwortlichkeit (Selbstreferenz)
„„ Gegenwärtigkeit „„ Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Entschleu-
nigung
„„ Akzeptanz
„„ Abgrenzungs-/Distanzierungsfähigkeit,
Disidentifikation, Nicht-Verhaftung
Tabelle 2: Wichtige Effekte7 von Entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren

1/2015 Psychotherapeutenjournal 7
Spannungsregulation und Achtsamkeits­förderung sind zentrale psychotherapeutische Kompetenzen

Indikationen und Kontraindikationen Darüber hinaus wäre noch die Schaffung einer ungünstigen
Übertragungssituation bei psychoanalytischen Therapien pro­
Im Angesicht des breiten Wirkungsspektrums von Entspan­ blematisch, weswegen die gegenwärtigen Psychotherapie-
nungs- und achtsamkeitsbasierten Verfahren gelten als Ein- Richtlinien die Kombination mit AT, PR oder Hypnose unter­
satzgebiete neben Gesundheitsförderung, Prävention, Psy­ sagen.
chotherapie und Rehabilitation auch allgemeine Persönlich­
keits- und Potenzialentwicklung.
Wirksamkeitsnachweise und
Als therapeutische Hauptindikationen lassen sich „nervö­
se“, auf Disstress basierende Beschwerden (z. B. vegetative
Forschungsergebnisse
und emotionale Dysregulation, Erschöpfungszustände, nicht Effekte und Wirksamkeit von Autogenem Training und Pro-
organisch bedingte Schlafstörungen, psychosomatische Be­ gessiver Relaxation sind für die Anwendung in Prävention,
schwerden) sowie Dysphorie und Ängste ausmachen, wie sie Therapie und Rehabilitation sowie für die oben genannten
als zentrales oder begleitendes Thema bei vielen seelischen Indikationsbereiche hinreichend belegt9 und häufig repliziert
und körperlichen Störungen vorkommen. worden (Krampen, 2013; Petermann & Vaitl, 2014; Doubra­
wa, 2006; Kraft, 2004). Weiterentwicklungen werden voran­
Als Modul eines therapeutischen Behandlungsplanes getrieben:
sind sie indiziert z. B. bei Angststörungen, depressiven Stö­
„„ spezifische Evaluationsbögen (AT-EVA, Krampen, 1996)
rungen, Neurasthenie, somatoformen Störungen, Schmerz­
oder entsprechende Fragebögen zur Erfassung von Ent­
syndromen und Abhängigkeitserkrankungen, aber auch bei
spannungserleben, Wohlbefinden, Beschwerden und Pro­
organischen Beschwerden, deren Entstehung, Aufrechterhal­
blembelastung (ASS-SYM, Krampen, 2006) wurden erar­
tung und/oder Heilungsverlauf seelisch mit beeinflusst wird.
beitet,
In modifizierter Form werden sie außerdem als Therapie er-
gänzende Maßnahmen mit umschriebener Zielsetzung ein­ „„ Differentialindikationen AT vs. PR werden diskutiert (Kram­
gesetzt u. a. bei Persönlichkeitsstörungen (z.  B. im Kontext pen, 2013),
der Dialektisch-Behavioralen Therapie/DBT nach Linehan),
PTBS (z. B. im Rahmen von imaginativen Verfahren bei Red­
„„ die systematische Integration in therapeutische Settings
wird erforscht (z. B. Effekte des Einsatzes von AT und PR
demann) sowie hinsichtlich der Linderung von Beschwerden
ergänzend zur Verhaltenstherapie bei Angststörungen,
bei einigen körperlich-geistigen Behinderungen (z. B. Spasti­
Krampen, 2014),
zität).
„„ zuletzt wurde eine Modifikation der AT-Fortgeschrittenen­
Als absolute Kontraindikationen gelten: stufe mit Elementen der Achtsamkeitsförderung erarbeitet
(Autogenes Achtsamkeitstraining, Husmann, 2013).
„„ Verlust der Selbstverfügbarkeit (akute oder subakute Psy­
chosen, starke Dissoziationsneigung, schwere depressive
Auch für den Bereich Hypnose sind viele Wirksamkeitsnach­
Episoden, akute Krisen, schwere Schmerzzustände) und
weise erbracht und immer wieder repliziert worden (Kaiser-
„„ fehlende intellektuelle Voraussetzungen (demenzielle Er­ Rekkas, 1998; Bongartz & Bongartz, 1998); darauf verweist
krankungen, verminderter IQ). auch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für
Psychotherapie vom März 2006. Die Dynamik der Weiterent­
Sind diese Symptomatiken weniger gravierend ausgeprägt wicklung zeigen aktualisierte Manuale zum Einsatz der Hyp­
bzw. nicht akut, können (Teil-)Anwendungen durch beson­ nose in der Psychotherapie (z. B. Revenstorf & Peter (Hrsg.),
ders spezialisierte Therapeuten ohne den Anspruch auf regel­ 2009).
mäßiges, eigenständiges Praktizieren der Patienten allerdings
durchaus lindernde Wirkung haben. Im Bereich Meditation zeigt sich seit 2000 ein starker An­
stieg der Forschungsaktivität und Publikationen besonders in­
Als relative Kontraindikationen, bei denen unter Umstän­ nerhalb der Neurowissenschaften (Ott, 2010). Gleiches lässt
den andere Interventionen vorzuschalten wären, gelten: sich über den Bereich Yoga sagen, wo die systematische
Erforschung an privaten Zentren und Universitäten vorange­
„„ unzureichende Motivation zur regelmäßigen Anwendung trieben wird (Ott, 2013). Interessant sind auch die Ansätze,
(z. B. bei Bedrohung des sekundären Krankheitsgewinns), die Verknüpfungen mit klinischen Bereichen herstellen (z. B.
Mitzinger, 2013; Weiser & Dunemann, 2010). Im Bereich Tai-
„„ verminderte Bereitschaft, sich auf „Entspannung“ bzw.
jiquan gibt es ebenfalls Bestrebungen, Forschungsbefunde
„Achtsamkeit“ einzulassen (z.  B. anankastische Persön­
zu systematisieren (z.  B. Moegling (Hrsg.), 2009) und erste
lichkeitsstruktur) und
Ansätze, dieses bewegungsmeditative Verfahren mit klini­
„„ altersgemäße, psychische oder körperliche Grenzen (d. h.
Kinder, Alte oder Menschen mit Handicap brauchen spezi­ 9 Anderslautende Zweifel, wie Mitte der 1990er-Jahre von Grawe geäußert,
fische Konzepte bzw. Settings). gelten heute als unbegründet (vgl. Krampen, 2013, S. 40ff).

8 Psychotherapeutenjournal 1/2015
B. Husmann & O. Nass

scher Psychologie zu verknüpfen (z. B. Scholz, 2003). Im an­ Techniken11 mit lediglich begrenzten Effekten innerhalb
grenzenden Bereich des Qigong zeigen Forschungen erste der psychosomatischen Grundversorgung angesehen.
Ergebnisse zum Einsatz zur Burn-out-Prophylaxe (Bölts et Innerhalb der Verhaltenstherapie wird darüber hinaus die
al., 2013), aber auch bei der neurowissenschaftlichen Erfor­ antagonistische Wirkung Entspannungs- vs. Angstreaktion
schung des Bewusstseins (Belschner, Bölts & Fischer, 2008). betont, weswegen (Tiefen-)Entspannung etwa im Rahmen
Insgesamt legen die Befunde nahe, dass durch den Einsatz der Dekonditionierung genutzt wird. Später erweiterte
dieser Verfahren wahrscheinlich signifikante Verbesserung sich das Wirkungsverständnis in Richtung kognitive Neu­
von Achtsamkeitsförderung und Spannungsregulation auch bewertung, Förderung der Selbstwirksamkeit usw. und
im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung möglich führte zur Integration von systematischen Entspannungs­
sind.10 verfahren in viele verhaltenstherapeutische Manuale. Auch
psychodynamisch orientierte Psychotherapieansätze inte­
Im „Achtsamkeitsbereich“ sind ebenfalls viele Forschungs­ grieren oder nutzen (Tiefen-)Entspannung etwa zur Anre­
aktivitäten zu verzeichnen, die die Wirksamkeit von MBSR, gung „freier“ innerer Bilder (z. B. Katathymes Bilderleben,
achtsamkeitsbasierter Kognitiver Therapie (MBCT) oder Ak­ analytische AT-Oberstufe). Dass es etwa in Österreich ein
zeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) z. B. bei schweren eigenständiges Verfahren „Autogene Psychotherapie“
und chronifizierten Depressionen zeigen (Segal, Teasdale & (Kraft, 2004) gibt, ist aber oft genauso wenig bekannt wie
Williams, 2004; Heidenreich, Junghans-Royack & Michalak, aktuelle Forschungsbefunde und Weiterentwicklungen.
2007; Eisendrath et al., 2008; Williams et al., 2008; Heiden­
„„ Das Verständnis von achtsamkeitsbasierten Verfahren
reich & Michalak, 2004, 2013). Auch bei einer nicht-klinischen
ist heterogener und noch stärker von den jeweils vorherr­
Population lässt sich z.  B. eine Verbesserung der generel­
schenden psychotherapeutischen und gesellschaftlichen
len Lebensqualität nachweisen (Kaviani, Javaheri & Hatami,
Auffassungen geprägt:12 Am Fin de Siècle dominierte die
2011). In diesem Bereich ist ebenfalls eine hohe Dynamik der
Ansicht, Yoga basiere v. a. auf Suggestionseffekten. Hinzu
Weiterentwicklung zu verzeichnen:
trat die psychotechnische Auffassung, es handele sich um
„„ neue Behandlungs- und Anwendungsmanuale für die klini­ exotische Formen des Willens- und Konzentrationstrainings.
sche Praxis (Eifert, 2011), Aus analytischer Sicht dominierte die Annahme, Yoga oder
Meditation wären methodische Regression. Jung entwi­
„„ Adaptation der MBSR für helfende Berufe (MBHP, Zar­
ckelte dieses Verständnis weiter und verstand Yoga als
bock, Ammann & Ringer, 2012) und
Arsenal natürlicher Introversionsvorgänge, das sich sukzes­
„„ Ausbau des Forschungsinstrumentariums (Heidenreich et siv zu einem Übungssystem entwickelte und im Kern die
al., 2007). Loslösung von Objekt- und Subjektverhaftungen unterstüt­
zen soll. Neumann entwickelte daraus den Ansatz der Zen­
troversion: Im Yoga braucht es große Übungsdisziplin und
Insgesamt zeigen sich auch hier sehr vielversprechende Er­
Hingabe, um abgespaltene bzw. unbewusste (Körper- und
gebnisse hinsichtlich der klinischen Wirksamkeit. Allerdings
Seelen-)Bereiche der Wahrnehmung und Selbstregulation
ist auch in Bezug auf den „Achtsamkeitsbereich“ darauf zu
(wieder) zugänglich zu machen, ohne sie lediglich dem Ego
verweisen, dass es auf Psychotherapeutenseite eine hohe
zu unterwerfen. Durch Hinwendung „zur Mitte des Selbst“,
Qualifikation hinsichtlich der Kompetenzen Achtsamkeitsför­
von wo aus die Übenden ihre individuelle Ganzheit zulas­
derung und Spannungsregulation braucht, um entsprechende
sen, kann dann Individuation in Zentroversion übergehen
Effekte bei Patienten zu ermöglichen.
(Baier, 1998). Ab den 1970er-Jahren prägte der Boom der
humanistischen Verfahren das Verständnis:13 Zen, Sufismus
oder indische Konzepte gewannen an Einfluss, das Ideal
Hohe Bekanntheit, gute Wirksamkeit des umfassend gegenwärtigen und in seinem lebendigen
und trotzdem Schattendasein? Ausdruck nicht blockierten Menschen bekam Auftrieb und
mit ihm Selbstverwirklichung bzw. die Suche nach dem au­
Zur gegenwärtigen Situation von thentischen Sein im „Hier & Jetzt“. Insofern wurde viel me­
ditiert und dergleichen. Ab den 1980er-Jahren bekam das
Entspannungs- und achtsamkeitsbasierten
Thema „Achtsamkeit“ seinen heutigen Namen und erhielt
Verfahren
10 Eine grundsätzliche Schwierigkeit dieser Forschungsbereiche liegt
Ausgehend von der Zahl der Veröffentlichungen und Diskus­ darin, dass andere kulturelle Wurzeln zu berücksichtigen sind, sodass das
sionsbeiträge kann angenommen werden, dass die Situati­ Erfassen des Spezifischen dieser Verfahren mit akademisch-empirischen
Methoden eine Herausforderung darstellt. Eine andere Schwierigkeit bildet
on hinsichtlich Rezeption in der Fachöffentlichkeit an sich
die Komplexität dieser Verfahren, von denen es vor dem Hintergrund ihrer
nicht schlecht sein dürfte. Weil eine integrative Perspektive über 2.000-jährigen Geschichte viele Varianten gibt. Deswegen lassen sich
hier jedoch selten ist, muss differenziert werden: Befunde über eine Variante nicht verallgemeinern.
11 Symptomatisch steht dafür die Terminologie des Wissenschaftlichen
Beirates für Psychotherapie, der AT, PR und Hypnose seit einigen Jahren als
„„ Spannungsregulation resp. systematische Entspannungs­ „übende und suggestive Techniken“ charakterisiert.
verfahren werden öfter noch als „zudeckende“ (Psycho-) 12 ausführlicher bei Husmann, 2010a

1/2015 Psychotherapeutenjournal 9
Spannungsregulation und Achtsamkeits­förderung sind zentrale psychotherapeutische Kompetenzen

durch Kabat-Zinn wichtige Impulse, der mit empirischen zeitliche Umfang unzulänglich oder die Generalisierung der
Instrumenten dessen klinische Wirksamkeit untermauerte. Übungen in den Alltag zu „niedrigschwellig“ gehalten sind
Darauf aufbauend machten verbesserte Forschungsinstru­ („Schnupperkurs“). Das sorgt bei Teilnehmern nicht selten für
mente und bildgebende Verfahren die salutogenen Wirkun­ Enttäuschung und Frustration, weswegen fachgerecht durch­
gen der Achtsamkeit auch für das „westliche Forscherau­ geführte Kurse6 solchen „Rumpf-Angeboten“ vorzuziehen
ge“ deutlich sichtbar und Verfahren wie MBCT (Williams, sind, um mittel- und langfristige salutogene Wirkungen auch
Teasdale und Segal), Akzeptanz- und Commitment-Therapie tatsächlich erzielen zu können.
(Hayes u. a.) oder Dialektisch-Behaviorale Therapie konn­
ten empirisch belegte Erfolge vorweisen. Daraus entwickel­ In der ambulanten GKV-Versorgung haben AT, PR und
te sich eine Flut von forschungstheoretischen und anwen­ Hypnose zwar einen festen Platz (andere Entspannungs- und
dungsbezogenen Publikationen. achtsamkeitsbasierte Verfahren sind hier bisher nicht zuge­
Hinsichtlich der Aus-, Fort- und Weiterbildungssituation ist lassen), die Honorierung ist aber seit Jahren insuffizient: Für
v. a. festzustellen, dass sie wenig geregelt ist: eine 25-minütige AT- oder PR-Einzelsitzung zuzüglich standar­
disierter Dokumentation gibt es aktuell 23,83 Euro, die regio­
„„ Bzgl. AT, PR oder Hypnose macht die BPtK-Musterweiter­
nal häufig nur anteilig ausgezahlt werden (z. B. im 1. Quartal
bildungsordnung keine Vorgaben, Ländervorgaben bzgl.
2014 in Bremen nur zu 64%). Auch deswegen werden diese
psychotherapeutischer Ausbildung (PP, KJP) sind unter­
Verfahren im ambulanten psychotherapeutischen Bereich
schiedlich. Die ärztliche Weiterbildungsordnung für die
immer weniger abgerechnet und es werden immer weniger
„Psy-Fächer“ gibt zweimal acht Doppelstunden innerhalb
entsprechende Abrechnungsgenehmigungen beantrag (Hus­
von mindestens sechs Monaten bei einem für das entspre­
mann, 2009a).
chende Übungssystem per Weiterbildungsbefugnis legiti­
mierten Anbieter vor. Selbiges wird auch von den Kassen­
Im Bereich der stationären Versorgung tauchen Verfahren
ärztlichen Vereinigungen für eine entsprechende Abrech­
zur Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung erfreu­
nungsgenehmigung gefordert. Bewährte Curricula von
licherweise in fast jedem Konzept von (Psychotherapie- oder
Fachgesellschaften gehen hinsichtlich zeitlichem Umfang
Reha-)Kliniken auf. Auch hier ist die Honorierung allerdings
und inhaltlichen Anforderungen etwas darüber hinaus.6
verbesserungswürdig. Darüber hinaus ist bedauerlich, dass
„„ Bzgl. Yoga oder Multimodaler Stresskompetenz (MMSK) die Durchführung manchmal an bzgl. Entspannungs- und
gibt es Curricula von Fachgesellschaften und für MBSR/ achtsamkeitsbasierter Verfahren weniger fachkompetentes
MBCT, Taijiquan sowie einige andere der hier aufgeführten Personal delegiert wird oder gleich mit einer CD im unbeglei­
Verfahren Empfehlungen von Dachverbänden (Husmann, teten Selbstversuch erfolgt.

Bei berufspolitischen Diskus-


sionen tauchen die psycho­
Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung sind therapeutischen Kompetenzen
zentrale und komplexe, bei sehr vielen Indikationsgebieten Spannungsregulation und Acht­
hochwirksame und empirisch gut erforschte psychotherapeutische samkeitsförderung selten auf,
Kompetenzen. Entspannungs- und achtsam­
keitsbasierte Verfahren fallen oft
in den „toten Winkel“. Bei Hono­
rarverhandlungen wird der Kampf
2010a). Es variiert aber sehr, inwieweit sich verbindliche um andere EBM-, DRG- oder OPS-Positionen fast immer hö­
Qualitätsstandards hinsichtlich zeitlichem und inhaltlichem her priorisiert. Ähnliches gilt in Bezug auf die Diskussionen
Umfang durchgesetzt haben. Ebenso differiert, welche einer zukünftigen psychotherapeutischen Ausbildung oder
berufliche Grundqualifikation14 gefordert wird oder welche hinsichtlich der Reform der psychotherapeutischen Versor­
Eignung Dozenten haben müssen. Der „freie“ Weiterbil­ gung. Eine Diskussion, bei welchen Indikationen Entspan­
dungsmarkt reicht entsprechend von „Diplom-Experte für nungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren als Basis(psycho)
…“ bis zu seriösen Qualifikationen. therapeutika stärker zu berücksichtigen wären usw., wird zum
Beispiel bisher kaum geführt.
Entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren erfreuen
sich großer Bekanntheit in der Bevölkerung, nicht zuletzt
weil die Presse z. B. vor dem Hintergrund der gesamtgesell­
schaftlichen Stressproblematik und ihrer malignen Auswir­
kungen oft darüber berichtet. Entsprechende Angebote im 13 Wobei Achtsamkeit damals oft anderes genannt wurde (in der Gestalt­
Präventionsbereich sind gut besucht. Manchmal schränken therapie z. B. awareness, Gewahrsein).
hier allerdings PR- und Marketing-Interessen eine fachge­ 14 Die europäische Entwicklung, dass u. a. Physio- oder Ergotherapie akade­
mische Berufe werden, wird diesbzgl. zukünftig noch für viel Diskussionsbe­
rechte Durchführung ein, weil unrealistische Erwartungen darf sorgen, nicht nur aber auch bezogen auf Entspannungs- und achtsam­
geweckt werden („Tiefenentspannung in Minuten“), der keitsbasierte Verfahren.

10 Psychotherapeutenjournal 1/2015
B. Husmann & O. Nass

Was ist zu tun? systematischer Entspannungsverfahren und tiefenpsycholo­


gisch fundierter Psychotherapie15 kritisch überprüft und auf­
Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung sind zent­ gehoben wird (vgl. Krampen, 2013, S. 37). Ebenso stellen
rale und komplexe, bei sehr vielen Indikationsgebieten hoch­ wir uns vor, dass es in absehbarer Zeit eine wohlwollende
wirksame und empirisch gut erforschte psychotherapeuti­ Initiative gibt, das Spektrum der übenden Verfahren für die
sche Kompetenzen, die sich wechselseitig bedingen und GKV-Versorgung zu erweitern. Infrage kämen dafür u. a. Yo­
durchdringen. Systematische Entspannungs- und achtsam­ ga und MBSR, weil diese Methoden im stationären und im
keitsbasierte Verfahren sollten deshalb als Basis(psycho-) Präventionsbereich schon länger mit nachweislichem Erfolg
therapeutika begriffen werden, für deren fachgerechte praktiziert werden.
Anwendung ein jeweils spezifisches Wissen und Können
notwendig ist. Aus den dargelegten Gründen sollten Kam­ Literatur
mern und berufspolitische Verbände Spannungsregulation Anderssen-Reuster, U. (Hrsg.) (2007). Achtsamkeit in Psychotherapie und
und Achtsamkeitsförderung ausdrücklich berücksichtigen Psychosomatik. Haltung und Methode. Stuttgart: Schattauer.

und die sie vermittelnden Verfahren als wichtige Bestandteile AOK (1991). Aktiv entspannen. Frankfurt a.M.

des psychotherapeutischen Kompetenzerwerbs definieren. Baier, K. (1998). Yoga auf dem Weg nach Westen. Würzburg: Königshausen
& Neumann.
„„ Fundierte theoretische und erste praktische Kenntnisse in Belschner, W., Bölts, J. & Fischer, P. (2008). Authentisch und achtsam wer­
Spannungsregulation und Achtsamkeitsförderung sollten den – Qigong als Methode der Bewusstseinsforschung. Die Rezeption des
Qigong als Behandlungstechnik, als Methode der Gesundheitsförderung und
deshalb schon im Studium vermittelt und in der weite­ als spiritueller Weg. Oldenburg: BIS-Verlag.
ren Psychotherapeutenausbildung erweitert und vertieft Benson, H. (1993). Den alltäglichen Fluß der Gedanken unterbrechen. Psycho­
werden. Für einige Übungssysteme sind bindende Stan­ logie Heute, 2, 22-29.
dards bzgl. Kompetenzerwerb noch zu definieren. Für AT, Beutel, M. E. (2009). Vom Nutzen der bisherigen neurobiologischen For­
schung für die Praxis der Psychotherapie. Psychotherapeutenjournal, 8 (4),
PR, Hypnose usw. sollten die von Fachgesellschaften und
384-392.
-verbänden entwickelten Qualitätsstandards6 hinsichtlich
Bölts, J., Kröcher, U., Kosuch, B., Dehrmann, J. & Kalkmann, J. (2013). Evalu­
Kompetenzerwerb verbindlich berücksichtigt werden, so­ ationsstudie „BurnOn – Fit für eine starke Führung“ Training zur personalen
dass fundierte Kenntnisse in Theorie, Methodik/Didaktik und organisationalen Erschöpfungsprophylaxe. Oldenburg: Center für lebens­
langes Lernen an der Carl von Ossietzky Universität.
und ein ausreichendes Maß an Selbsterfahrung bei ver­
Bongartz, B. & Bongartz, W. (1998). Hypnosetherapie. Göttingen: Hogrefe.
fahrensspezifisch qualifizierten Dozenten erworben und
Brenner, H. (2010). Autogenes Training Oberstufe. Wege in die Meditation.
zunächst unter Supervision angewandt werden können.
Die Grund-, Fortgeschrittenen- und Oberstufe des Autogenen Trainings mit
Wie das praktisch umgesetzt werden kann, zeigt z. B. die meditativen Weiterführungen. Lengerich: Pabst Science Publishers.
Implementierung von AT bzw. PR in psychologische Ba­ Doubrawa, R. (2006). Progressive Relaxation – Neuere Forschungsergebnisse
chelor- und Masterstudiengänge an der Universität Trier, zur klinischen Wirksamkeit. Entspannungsverfahren Nr. 23, 6-18.
wo neben einem hohen Maß an verfahrensspezifischen Eifert, G. H. (2011). Acceptance and Commitment Therapie (ACT). Göttingen:
Hogrefe.
Kenntnissen gleichzeitig auch weitere psychotherapeuti­
Eisendrath, S. J., Delucchi, K., Bitner, R., Fenimore, P., Smit, M. & McLane,
sche Kompetenzen vermitteln werden (Krampen, Beitin­ M. (2008). Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Treatment-Resistant
ger & Munz, 2014). Grundlage sind hier die entsprechen­ Depression: A Pilot Study. Psychotherapy and Psychosomatic, 77, 319-320.
den Richt- und Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Franke, A. & Witte, M. (2009). Das HEDE-Training ®. Manual zur Gesundheits­
Entspannungsverfahren.6 förderung auf Basis der Salutogenese. Bern: Huber.
Heidenreich, T., Junghanns-Royack, K. & Michalak, J. (2007). Achtsamkeits­
„„ Wir appellieren auch dafür, für eine qualifizierte Durchfüh­ basierte Therapieansätze: Stand der empirischen Forschung. In U. Anders­
rung entsprechend der angesprochenen Qualitätsstan­ sen-Reuster (Hrsg.), Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik. Hal­
tung und Methode (S. 202-216). Stuttgart: Schattauer.
dards in Ambulanzen, sozialpädiatrischen Zentren und
Heidenreich, T. & Michalak, J. (Hrsg.) (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in
Kliniken zu sorgen, was aber nicht unabhängig von finan­ der Psychotherapie. Ein Handbuch. Tübingen: DGVT-Verlag.
zieller Aufwertung gesehen werden kann. Dass es auch Heidenreich, T. & Michalak, J. (Hrsg.) (2013). Die „Dritte Welle“ der Verhal­
um eine Verbesserung der Honorarsituation gehen muss tenstherapie. Grundlagen und Praxis. Weinheim: Beltz-Verlag.
(Prävention, EBM, DRG/OPS), die den Zeitaufwand sowie Hofmann, C. (2002). Achtsamkeit. Anleitung für ein sinnvolles Leben. Stutt­
die eingebrachten psychotherapeutischen Kompetenzen gart: Klett-Cotta.

angemessenen widerspiegelt, soll hier nur in Erinnerung Husmann, B. (2009a). Übende Verfahren: Schattendasein trotz guter Wirk­
samkeit? Bremer Ärzte-Journal, 11, 14-15.
gebracht werden.
Husmann, B. (2009b). Besser als nur rumsitzen und nichts tun? Über Acht­
samkeitsarbeit, Autogenes Training und Salutogenese. Entspannungsverfah­
Ziel all dieser Aktivitäten sollte sein, das volle präventive und ren Nr. 26, 36-91.
psychotherapeutische Potenzial der hier geschilderten zentra­ Husmann, B. (2010a). Entspannung ist einfach – man muss sich bloß richtig
len Kompetenzen bzw. Verfahren zukünftig auch tatsächlich anstrengen! Plädoyer für eine integrative „Deutsche Gesellschaft für Entspan­
nungsverfahren (DG-E e. V.)“. Entspannungsverfahren Nr. 27, 10-46.
auszuschöpfen.
Husmann, B. (2010b). Erheblich mehr, als ‚nur’ die Seele baumeln zu lassen –
systematische Entspannungsverfahren im Überblick. Psychotherapie Aktuell,
Zum Schluss noch etwas „idealistische Zukunftsmusik“: Wir 2 (1), 16-20.
regen an, dass aufgrund der geschilderten Forschungen und
Weiterentwicklungen das Kombinationsverbot hinsichtlich 15 §21b (1) PT-Richtlinien

1/2015 Psychotherapeutenjournal 11
Spannungsregulation und Achtsamkeits­förderung sind zentrale psychotherapeutische Kompetenzen

Husmann, B. (2011). Entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Verfahren Scholz, W.-U. (2003). Tai Chi und Klinische Psychologie. Eine rational-emotive
– gelassene Konzentration zur (Re-)Balancierung, Selbsterkenntnis, Persön­ kognitiv-verhaltenstherapeutische Perspektive. In Arbeitskreis Klinische Psy­
lichkeitsentwicklung und Seinserfahrung. Verfügbar unter: http://www.dg-e. chologie in der Rehabilitation BDP (Hrsg.), Berufliche Belastungen und beruf­
domainfactory-kunde.de/index.php?id=80 [31.01.2015]. liche Reintegration – Herausforderung für die Reha-Psychologie (S. 184-218).
Husmann, B. (2013). Autogenes Achtsamkeitstraining: „Alles, was kommt, ist Bonn: DPV.
gleichwertig – Ruhe und Gleichmut jederzeit möglich“. Entspannungsverfah­ Segal, Z. V., Teasdale, J. D. & Williams, J. M. G. (2004). Mindfulness-based
ren Nr. 30, 74-119. cognitive therapy: Theoretical rationale and empirical status. Mindfulness and
Kabat-Zinn, J. (2009). Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbst­ acceptance: Expanding the cognitive-behavioral tradition. In S. Hayes, V. M.
heilung. Das grundlegende Übungsprogramm zur Entspannung, Stressreduk­ Follette & M. M. Linehan (Hrsg.) (2004), Mindfulness-Based Cognitive Thera­
tion und Aktivierung des Immunsystems. Frankfurt a.M.: Fischer. py: Theoretical Rationale and Empirical Status (S. 45-65). New York, NY, US:
Guilford Press, xvi.
Kaiser-Rekkas, A. (1998). Klinische Hypnose und Hypnotherapie. Praxisbezo­
genes Lehrbuch für die Ausbildung. Heidelberg: Carl Auer. Weiser, R. & Dunemann, A. (2010). Yoga in der Traumatherapie. Stuttgart:
Klett-Cotta.
Kaviani, H., Javaheri, F. & Hatami, N. (2011). Mindfulness-based Cognitive
Therapy (MBCT) Reduces Depression and Anxiety Induced by Real Stress­ Weiss, H. & Harrer, M. E. (2010). Achtsamkeit in der Psychotherapie. Verän­
ful Setting in Non-clinical Population. International Journal of Psychology and dern durch „Nicht-Verändern-Wollen“ – ein Paradigmenwechsel? Psychothe­
Psychological Therapy, 11 (2), 285-296. rapeutenjournal, 9 (1), 14-24.

Kraft, H. (2004). Autogenes Training. Handbuch für die Praxis (4. Aufl.). Köln: Williams, J. M. G., Alatig, Y., Barnhofer, T., Fennell, M.J. V., Duggan, D. S.,
DÄV. Hepburn, S. & Goodwin, G. M. (2008). Mindfulness-based Cognitive Therapy
(MBCT) in bipolar disorder: Preliminary evaluation of immediate effects on be­
Krampen, G. (1996). Diagnostisches und evaluatives Instrument zum Autoge­ tween-episode functioning. Journal of Affective Disorders, 107 (1-3), 275-279
nen Training (AT-EVA). Göttingen: Hogrefe.
Zarbock, G., Ammann, H. & Ringer, S. (2012). Achtsamkeit für Psychothera­
Krampen, G. (2006). Änderungssensitive Symptomliste zu Entspannungs­ peuten und Berater. Weinheim/Basel: Beltz.
erleben, Wohlbefinden, Beschwerden- und Problembelastungen (ASS-SYM).
Göttingen: Hogrefe.
Krampen, G. (2013). Entspannungsverfahren in Therapie und Prävention (3.
überarbeitete und erw. Auflage). Göttingen: Hogrefe.
Krampen, G. (2014). Ergänzung der Eingangsphase von Einzelpsychotherapien Dipl.-Psych. Björn Husmann
bei Angststörungen durch Gruppeneinführungen in die Progressive Relaxation
vs. in das Autogene Training – Befunde einer randomisiert-kontrollierten Stu­ Möckernstr. 48
die mit Zwei-Jahres-Katamnese. Entspannungsverfahren Nr. 31, 14-39.
28201 Bremen
Krampen, G., Beitinger, A. & Munz, H. (2014). Autogenes Training und Pro­
gressive Relaxation in universitären Master- und Bachelor of Science-Haupt­ praxis@bjoern-husmann.de
fachstudiengängen der Psychologie. Entspannungsverfahren Nr. 31, 58-79.
Mathesius, R. & Scholz, W.-U. (2014). Multimodale Stresskompetenz
(MMSK). Handbuch. Konzept. Didaktik/Methodik. Übungsmaterial. Lengerich:
Pabst Science Publishers.
Mende, M. (2013). Neurowissenschaften und Rapport: die hypnotische Be­
ziehung in neuem Licht (unveröffentlichtes Handout zum Vortrag auf der 18. Niedergelassener Psychotherapeut (TP) und Gestaltthera­
Tagung der DGÄHAT, Nürnberg 21.-23.06.13). peut in Bremen sowie erster Vorsitzender der Deutschen Ge­
Mitzinger, D. (2013). Yoga in Prävention und Therapie. Ein Manual für Yogaleh­ sellschaft für Entspannungsverfahren (DG-E).
rer, Therapeuten und Trainer. Köln: DÄV.
Moegling, K. (Hrsg.) (2009). Tai Chi im Test der Wissenschaft. Internationale
biomedizinische Studien zur Gesundheitswirkung des Tai Chi Chuan (Taiji­ Dipl.-Psych. Oliver Nass
quan). Reihe Bewegungslehre und Bewegungsforschung Band 28. Immen­
hausen: Prolog. o.nass@dg-e.de
Ott, U. (2010). Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den
Weg zum Selbst. München: O.W. Barth.
Ott, U. (2013). Yoga für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt die uralte
Weisheitslehre. München: O.W. Barth.
Petermann, F. & Vaitl, D. (Hrsg.) (2014). Entspannungsverfahren. Das Praxis­
handbuch. Weinheim, Basel: Beltz PUV.
Revenstorf, D. & Peter, B. (Hrsg.) (2009). Hypnose in Psychotherapie, Psycho­
somatik und Medizin. Manual für die Praxis (2. Aufl.). Berlin: Springer. Angestellter Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeut (VT)
Richter, R. & Munz, D. (2014). Kompetenz von Psychotherapeuten – Grundla­ in einer Fuldaer Fachklinik und Vorstandsmitglied der Deut­
ge einer Reform der Psychotherapeutenausbildung. Psychotherapeutenjour­
schen Gesellschaft für Entspannungsverfahren (DG-E).
nal, 13 (2), 146-147.

12 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Mentalisieren
in der Psychotherapie
Josef Brockmann & Holger Kirsch

Zusammenfassung: Mentalisieren heißt sich selbst von außen und die andere oder den anderen1 von innen zu sehen.
Mentalisierung ist eine psychische Fähigkeit, insbesondere des Wahrnehmens und des Interpretierens von menschli-
chem Verhalten auf der Basis intentionaler Aspekte (z. B. Gefühle, Wünsche, Begehren, Ziele, Überzeugungen, Gründe,
Vorhaben). Das Mentalisierungskonzept der Arbeitsgruppe um die Psychoanalytiker P. Fonagy, J. Allen, A. Bateman und
M. Target verbindet das Mentalisierungskonzept mit den Ergebnissen der Bindungsforschung, Annahmen zur interper-
sonalen Entwicklung der Affektregulation, der interpersonalen Entwicklung des Selbst und Untersuchungen zum episte-
mischen Vertrauen. Ein daraus abgeleitetes Therapiekonzept wurde für die teilstationäre und ambulante Psychotherapie
von Borderline-Persönlichkeitsstörungen erfolgreich evaluiert. Therapieansätze zu weiteren Störungen werden zurzeit
von verschiedenen Forschergruppen evaluiert. Das Mentalisierungskonzept beansprucht allgemeine Bedeutung für die
Psychotherapie von strukturellen Störungen, ist aber keine neue Psychotherapierichtung. Das Mentalisierungskonzept
ist ein psychoanalytisches Konzept, neu ist jedoch die Behandlungstechnik.

I
n der amerikanischen Krimiserie „The Mentalist“ begeis­ Das Mentalisierungskonzept von Allen, Bateman, Fonagy und
tert Simon Baker als FBI-Berater die Zuschauer durch sei­ Kollegen enthält vieles, was als Fundus erfolgreicher thera­
ne Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, die Motive, Ge­ peutischer Interventionen bekannt ist. Die Autoren haben
danken und Ziele der Mörder genau zu analysieren. Dieses nicht den Anspruch, eine neue Psychotherapierichtung er­
Erfolgsrezept, die Inszenierung der psychischen Welt aus schaffen zu wollen. Sie gehen davon aus, dass Behandlungen
Motiven, Achtsamkeit und Empathie, fesselte bisher mehr im Spektrum von Psychoanalyse bis kognitiver Verhaltensthe­
als 16 Millionen Zuschauer über insgesamt sieben Staffeln. rapie und systemischer Therapie die Mentalisierungsfähigkeit
Das Thema Mentalisieren beschäftigt nicht nur die Filmindu­ fördern – solange sie den generellen und situativen Mentali­
strie, auch in der Fachöffentlichkeit nimmt das Interesse am sierungsfähigkeiten des Patienten angepasst sind.
Thema Mentalisierung zu. Aber vieles daran ist nicht neu.
Neu ist aber das Konzept: Es nimmt Einflüsse aus verschiede­
„Wir behaupten kühn, dass das Mentalisieren – die aufmerk- nen Psychotherapierichtungen auf und verbindet Erkenntnis­
same Beachtung und Reflexion des eigenen psychischen Zu- se aus Neurobiologie, Entwicklungspsychologie, Psychoana­
stands und der psychischen Verfassung anderer Menschen lyse und Psychotherapieforschung.
– der grundlegende gemeinsame Faktor psychotherapeuti-
scher Behandlung ist. (…) Wir räumen ein, dass wir mit dieser Verbindung zu anderen Therapiekonzepten:
These weniger auf etwas Neues abheben als vielmehr auf
„„ zur Klientenzentrierten Therapie z. B. über die Aspekte Em­
das, was wichtig ist.“ (Allen, Fonagy & Bateman, 2011, S. 21)
pathie, Experiencing und aktive Haltung des Psychothera­
peuten,
Was heißt Mentalisieren?
„„ zur Kognitiven Verhaltenstherapie, der Dialektisch Beha­
Mentalisierung ist eine imaginative Tätigkeit, insbesondere das Wahr- vioralen Therapie (DBT) sowie den empirischen Ansätzen
nehmen und Interpretieren von menschlichem Verhalten auf der Basis der italienischen Kognitivisten,
intentionaler Aspekte (z. B. Gefühle, Wünsche, Begehren, Ziele, Über-
„„ zur Systemischen Therapie,
zeugungen, Gründe, Vorhaben).
„„ zu den Achtsamkeitsbasierten Ansätzen (Mindfulness).
Wir mentalisieren, wenn wir uns bemühen:

„„ uns bewusst zu machen, was in einem anderen Menschen vor sich Verbindungen des Mentalisierungskonzepts zur Klientenzen-
geht oder was in uns vor sich geht, trierten Therapie bestehen über die herausragende Bedeu­
tung von Empathie einerseits, von Experiencing andererseits.
„„ den anderen von außen und uns selbst von innen zu sehen, Experiencing wird von Gendlin (1961) und Klein, Mathieu-
„„ Missverständnisse zu verstehen, 1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht durch­
gängig beide Geschlechtsformen genannt, selbstverständlich sind jedoch
„„ ein kohärentes Bild von uns selbst und anderen zu entwickeln. immer Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 13
Mentalisieren in der Psychotherapie

Coughlan und Kiesler (1986), verstanden als ein Prozess des die Achtsamkeit für mentale Zustände.“ (Allen, Fonagy & Ba­
In-sich-Hineinschauens, der Wahrnehmung und Differenzie­ teman, 2011, S. 86).
rung des Selbsterlebens. Wie der Begründer der Klienten­
zentrierten Psychotherapie Carl Rogers betont das Mentali­
sierungskonzept den Prozess innerhalb der Psychotherapie Bindung
stärker als die Inhalte.
Besonders in Stress- oder Belastungssituationen ist unsere
Als Vertreter der kognitiven Verhaltenstherapie beschrei­ Mentalisierungsfähigkeit eingeschränkt. Aus Missverständ­
ben Björgvinsson und Hart (2009) sowie als Vertreter der Dia- nissen entsteht dann rasch Konfusion. Sich falsch verstanden
lektischen Verhaltenstherapie Lewis (2009) Verbindungen fühlen generiert oft heftige Gefühle, die zu Rückzug, Feindse­
zum Mentalisierungskonzept in Allen und Fonagy (2009). Die ligkeit oder kontrollierendem Verhalten führen.
Gemeinsamkeiten finden sich vor allem auf der Ebene der Be­
handlungstechnik, z. B. im „Sokratischen Dialog“. Ebenso hat Die Verbindung des Mentalisierungskonzepts zu verschiede­
die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) bei Borderline- nen Wissenschaftsgebieten (siehe Abbildung 1) wird im Fol­
Störungen (Bateman & Fonagy, 2007) Gemeinsamkeiten mit genden insbesondere an der Bindungstheorie und der Psy­
der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) nach M. Linehan chotherapieforschung gezeigt.
(Bohus, 2013). Sie bestehen insbesondere in strukturellen
Aspekten der Behandlung und bei Interventionen, z.  B. der
„Validierung“ des Erlebens des Patienten. Eine weitere Ver­
bindung besteht über die italienischen Kognitivisten, die
die kognitiven Aspekte der Mentalisierung betonen und, als
Erweiterung des Mentalisierungskonzeptes, Interesse dafür
zeigen, ob Mentalisieren auch zur Problemlösung erfolgreich
genutzt werden kann – operationalisiert in der „Metacogniti­
ve Assessment Scale“ (MAS) (Semerari et al., 2003; Carcione
et al., 2008).

Verbindungen zur Systemischen Therapie bestehen ins­


besondere in der Mentalisierungsbasierten Familientherapie
(MBT-F) (Asen & Fonagy, 2012, 2015). Mentalisieren wird hier
nicht alleine als intrapsychische Fähigkeit gesehen, sondern
vor allem als eine interaktionelle Fähigkeit (Luyten, Fonagy,
Lowyck & Vermote, 2012) bzw. als die Fähigkeit eines Sys­
tems, wie etwa einer Familie oder Organisation (Döring in
Schultz-Venrath, 2013).

Achtsamkeit (Mindfulness) verstanden als „Aufmerksamkeit


und Bewusstheit von momentanen Vorgängen und Erfahrun­
gen“ (Brown & Ryan, 2003) wird ebenso von den Autoren Abbildung 1: Mentalisieren als neues Konzept in der Psychotherapie
des Mentalisierungskonzepts diskutiert – mit Bemühungen,
beiden Konzepten gerecht zu werden: „Seinen buddhisti- Die entwicklungspsychologischen Grundlagen des Mentali­
schen Wurzeln entsprechend, konnotiert der Begriff Acht- sierungskonzepts von Fonagy und Kollegen sind eng verbun­
samkeit bisweilen ein relativ distanziertes Gewahrsein; in den mit den Erkenntnissen Bowlbys, der Bindungsmuster
der mentalisierungsfokussierten Therapie hingegen setzen und ihre Bedeutung für die weitere Entwicklung erforschte
(Bowlby, 1973, 1982).

Zu den Ergebnissen der Bin­


Besonders in Stress- oder Belastungssituationen ist unsere Men- dungsforschung gehört, dass ei­
talisierungsfähigkeit eingeschränkt. Aus Missverständnissen entsteht ne standardisierte Beobachtungs­
dann rasch Konfusion. technik, der „Fremde-Situation“-
Test, bereits in den ersten zwölf
bis achtzehn Lebensmonaten
Rückschlüsse auf die Qualität der
wir einen Preis aus für das Mentalisieren in der Hitze emoti- Erfahrungen des Kindes mit seinen Bezugspersonen erlaubt
onaler Zustände. Ungeachtet dieser Diskrepanzen ist der Be- (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978). Abhängig von den
griff „Achtsamkeit“ an sich außerordentlich nützlich; zudem Interaktionserfahrungen mit den primären Bezugspersonen
erfasst er den Aufmerksamkeitsaspekt des Mentalisierens: entwickeln sich verschiedene Bindungsstile. Ist das Verhal­

14 Psychotherapeutenjournal 1/2015
J. Brockmann & H. Kirsch

ten der Bezugsperson vorhersagbar und angemessen, so Quelle der Angst werden. Bleibt das Spiegeln aus oder ver­
entsteht ein sicheres Bindungsmuster. Unsichere Bindungen mischt sich die Angst mit massiver Angst der Mutter, dann
können weiter differenziert werden in unsicher-vermeidende kann die Entwicklung der Affektregulation tiefgreifend ge­
Bindungsmuster, in unsicher-ambivalente Bindungsmuster stört werden (Fonagy & Target, 2002).
und in desorientierte, desorganisierte Bindungen, in denen es
kein durchgängiges Muster im Umgang mit Stress gibt (Ains­ Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit
worth et al., 1978; Main, 1991).
Gegen Ende des ersten Lebensjahres beginnen Kinder,
Die Befundlage zur Stabilität des Bindungsmusters ist jedoch menschliches Handeln im zielgerichteten, dem „teleologi­
nicht eindeutig und wird kontrovers diskutiert. Die Messung schen Modus“ zu verstehen. Es ist der Beginn eines eigenen
der mütterlichen Feinfühligkeit alleine hatte die Entstehung Selbst, in dem sich das Kind als zielgerichteter Urheber erlebt.
einer sicheren Bindung beim Kind nicht zufriedenstellend Das Kind kann Aktionen nach seinem Ergebnis unterscheiden
vorhersagen können. Die Bindungssicherheit entsteht of­ und eine Urheberschaft wahrnehmen. Das Kind kann aus
fensichtlich nicht allein durch prompte Feinfühligkeit. Sie mehreren Möglichkeiten den besten Weg auswählen, um
entsteht eher durch die Fähigkeit der Mutter, anhand der mi­ dem Ziel näherzukommen (Csibra & Gergely, 1998).
mischen und vokalen Äußerungen des Kindes die zum Aus­
druck kommenden Intentionen und Gefühle zu verstehen und Etwa mit Beginn des zweiten Lebensjahres und dem größe­
zu verbalisieren. Noch wichtiger als mütterliche Feinfühligkeit ren Aktionsradius des Kindes gewinnt neben der Affektspie­
erscheinen Mentalisierung und reflexive Kompetenz der El­ gelung das „Spiel mit der Realität“ an Bedeutung. Gedanken
tern (Mertens, 2012). und Gefühle werden in zwei Modalitäten erlebt: im „psychi­
schen Äquivalenzmodus“ und im „Als-Ob-Modus“. Das Kind
Mütter, die im Erwachsenen-Bindungsinterview (Adult At- oszilliert zwischen beiden parallel existierenden Modi bis zur
tachment Interview, AAI; Main & Goldwyn,1996) besseren Integration mit etwa vier Jahren im reflektierenden Modus.
Zugang zur eigenen inneren Welt hatten, hatten mit höherer Fonagy und Target (2006) vertreten die These, dass Säuglin­
Wahrscheinlichkeit sicher gebundene Kinder (Fonagy, Steele, ge und Kleinkinder zunächst die innere Welt mit der äußeren
Moran, Steele & Higgit, 1993). Eine Überarbeitung der Bin­ Welt gleichsetzen (psychischer Äquivalenzmodus). Kinder
dungstheorie, so wie sie Fonagy, Target und Kollegen unter­ in diesem Alter nehmen Gedanken als Realität und nicht als
nahmen, führt zu komplexeren Annahmen über die Entwick­ Darstellungen oder Perspektiven wahr. Die Gedanken haben
lung des Selbst und der inneren Repräsentanzen. Sie schließt einen ähnlichen Effekt wie wirkliche Ereignisse – wenn das
Phantasien, Motive, Emotionen explizit mit ein und nähert Kind beispielsweise die Augen verdeckt, ist es überzeugt,
sich so den klinischen psychoanalytischen Konzepten. Aus dass andere es nicht sehen können. Der Umgang der Be­
dem Blickwinkel des Mentalisierungskonzeptes wird Bindung zugspersonen mit den überrealen Gedanken fördert oder
nicht nur als angeborenes Verhaltenssystem betrachtet, son­ behindert dabei die Entwicklung von Symbolisierung und
dern dient als Rahmen der Entwicklung eines inneren Reprä­ Repräsentation. Die einfühlsame Erfahrung des affektregulie­
sentationssystems, welches für die Entwicklung des Selbst, renden Spielens hilft dem Kind zu lernen, dass sich Gefühle
für die Regulierung von Affekten und für das Gelingen von nicht automatisch über die ganze Welt verteilen. Die psychi­
sozialen Beziehungen wesentlich ist (Taubner, 2008). sche Gleichsetzung, ein Modus der Wahrnehmung der inne­
ren Welt, kann zu schmerzhaften Erfahrungen Anlass geben,
Affektspiegelung als soziales Feedback weil projizierte Phantasien große Angst auslösen. Der Erwerb
des Als-Ob-Modus ist daher ein entscheidender Fortschritt.
In der Säuglingsforschung besteht Einigkeit darin, dass Affek­
te interaktionell moduliert werden, das heißt, z. B. Angst wird Ein Vorherrschen des Äquivalenzmodus über dieses Alter hi­
von der Mutter einfühlsam reguliert. Später wird diese Fähig­ naus gilt als Indiz für eine Pathologie, da die Unmittelbarkeit
keit internalisiert. Eltern reagieren auf den Emotionsausdruck des Erlebens auf ein Fehlen von sekundären Repräsentanzen
des Säuglings, z.  B. auf Angst. Sie „markieren“ dabei ihren zurückzuführen ist. Eigene Gedanken können nicht als eigene
spiegelnden Emotionsausdruck, z. B. indem sie etwas abmil­ Gedanken gesehen werden (konkretistisches Denken). Me­
dern oder einen anderen Affekt beimischen. Dies ermöglicht taphern, Symbole und Bedeutungen werden nicht erkannt,
dem Säugling zu erkennen, dass die Mutter auf seinen Aus­ der Mensch erscheint „alexithym“. Selbstbezogene negative
druck reagiert und es nicht der Ausdruck der Mutter ist. Der Emotionen werden als real empfunden und alternative Sicht­
spiegelnde Ausdruck der Mutter entschärft die Angst des weisen können nicht toleriert werden.
Kindes. Später wird das primäre Gefühl (z. B. Angst) zusam­
men mit der Reaktion der Mutter als Gedächtnisspur bzw. als Im Als-Ob-Modus, wie im Spiel, wird die innere Befindlich­
(sekundäre) Repräsentanz aufbewahrt (Dornes, 2004). Dabei keit von der Realität getrennt. Das Spiel stellt den Alltag nach,
spielen Phantasien darüber, wie die Mutter das Kind sieht, modifiziert und entkoppelt ihn. Die Realität wird im Als-Ob-
eine bedeutende Rolle. Meldet die Mutter nur zurück, was sie Modus suspendiert. Dabei nimmt man an, dass das Kind von
beim Kind sieht, dann verliert der Spiegelungsprozess sein Beginn an ein Ahnungsbewusstsein vom fiktiven Charakter
symbolisches Potenzial und die Spiegelung kann selbst zur des Spiels hat: Intuitiv unterscheidet es zwischen Realität

1/2015 Psychotherapeutenjournal 15
Mentalisieren in der Psychotherapie

und Spiel (Stock ist gleich/ungleich einem Gewehr). Die Re­


aktion des Erwachsenen darauf hilft dem Kind, eine externe
Darstellung seiner inneren Zustände zu schaffen. Nicht mehr
das elterliche Gesicht, sondern die Spielfigur ist eine externe
Darstellung der eigenen Gefühle und Gedanken. Reagieren
die Eltern auf Spielangebote im Als-Ob-Modus angemessen
und spielerisch, wird dem Kind signalisiert, dass eigene Im­
pulse und Wünsche von der Wirklichkeit getrennt sind und
keine Auswirkungen haben. Im Spiel werden Gedanken und
Gefühle von der Wirklichkeit abgekoppelt und sind daher irre­
al. Im Äquivalenzmodus sind sie „überreal“.
Abbildung 2: Entwicklung des fremden Selbst. Internalisierung eines
nicht koningenten mentalen Zustandes als Teil des kindlichen Selbst
Im reflexiven Modus (ab dem vierten bis fünften Lebensjahr)
(modifiziert nach Bateman & Fonagy 2007).
werden Äquivalenz- und Als-Ob-Modus integriert, dies er­
möglicht ein Nachdenken über das eigene Selbst und über das
vermutete Innenleben anderer Menschen. Unterschiedliche Selbstanteile, die nicht zum Selbst gehören, erlebt. Dabei
Perspektiven werden anerkannt und falsche Überzeugungen treten Gefühle von Leere und unerträglicher Missstimmung
werden bei sich und anderen erkannt. Einige faszinierende auf. Erfahrungen aus der äußeren Welt sind von dem Erle­
Experimente machen die Säuglings- und Kleinkindforschung ben der inneren Welt nicht klar getrennt, weil sie unmarkiert
auch für Nichtexperten lesenswert und interessant. So zum oder inakkurat markiert nicht unterschieden werden können.
Beispiel der „Falsche-Überzeugung“-Test, siehe Kasten. In diesem unerträglichen Zustand der Konfusion werden in
Notlagen die eigenen Gefühle in die äußere Welt projiziert.
Der „Falsche-Überzeugung“-Test Dies wird nicht nur ausgelöst von Konflikten oder Schuld­
gefühlen, sondern aus unerträglichen inneren Spannungen
Maxi bekommt die bekannte bunte „Smarties-Schachtel“ gezeigt. Sie
und dem Bedürfnis, eine Kongruenz im Selbsterleben auf­
wird gefragt: „Was glaubst Du, was ist wohl in der Schachtel?“
rechtzuerhalten.
Maxi antwortet plausiblerweise: „Smarties!“ Die Schachtel wird ge-
öffnet, aber es sind Buntstifte darin.
Epistemisches Vertrauen
Anschließend wird Maxi gefragt: „Draußen wartet dein Freund Peter.
Epistemisches Vertrauen ist das basale Vertrauen in eine
Wenn wir ihn hereinholen und ihm die geschlossene Smarties-Schach-
Bezugsperson als sichere Informationsquelle (Sperber et al.,
tel zeigen und ihn fragen: ,Was ist in der Schachtel?‘, was meinst Du,
2010; Wilson & Sperber, 2012). Die Grundlagenforschung
was wird Peter antworten?“
von Csibra und Gergerly (2009, 2011) zeigt, wie Blickkon­
Dreijährige Kinder antworten „Bleistifte“, vierjährige antworten takt, geteilte Aufmerksamkeit und „Ammensprache“ Kom­
„Smarties“. munikationskanäle öffnen, die die Aufmerksamkeit lenken
und das Vertrauen des Kindes in die Bedeutung und Ge­
Das dreijährige Kind kann sich nicht vorstellen, dass das andere Kind
neralisierbarkeit der Aussagen ihrer Bezugsperson verbes­
eine falsche Überzeugung hat.
sert. Epistemisches Vertrauen entsteht auch dann, wenn
(nach Perner, Leekham & Wimmer, 1987) das Kind über diese Kommunikationskanäle die Erfahrung
macht, dass die Bezugsperson versucht, die Welt mit den
Augen des Kindes zu sehen. Corriveau et al. (2009) konnten
darüber hinaus in einer Studie zeigen, dass das epistemi­
Störungen der Entwicklung
sche Vertrauen eines Kindes in Zusammenhang mit Bindung
In unsicher-ambivalenten und desorganisierten Bindungen steht (siehe Kasten).
wird die Nähe zur Bezugsperson auf Kosten der Reflexionsfä­
higkeit aufrechterhalten. Das Kind passt sich der Welt der Be­ Diese Ergebnisse der Grundlagenforschung werden von Fo­
zugsperson an und übernimmt fremde Anteile als Teile seiner nagy und Allison (2014) mit einer Theorie von Therapie als
inneren Welt. Wenn die Affektspiegelung unangemessen mar­ einem dreifachen Kommunikationssystem (s. u.) verbunden.
kiert ist, werden das eigene Erleben (primäre Repräsentanz) Patienten mit Persönlichkeitsstörungen haben oft ein epis­
und die Spiegelung (sekundäre Repräsentanz des Erlebens) temisches Misstrauen. Sie können sich nicht auf die eigene
falsch verknüpft. In diesem Fall repräsentieren sich im Selbst Wahrnehmung verlassen und können Bezugspersonen (z. B.
des Kindes die Haltung und Botschaften der Bezugsperson. Es Psychotherapeuten) nicht trauen. Sie werden damit einsam,
bildet sich ein fremdes Selbst („alien self“) (siehe Abbildung 2). isoliert und von sozialen Lernprozessen abgeschnitten. Men­
talisierung, die Fähigkeit zur Reflexion, kann die therapeuti­
Patienten mit einem fremden Selbst berichten z.  B., dass sche Beziehung verbessern und öffnet damit einen „episte-
sie den Eindruck haben, Attacken gegen das eigene Selbst mischen Super-Highway“ (Fonagy & Allison, 2014) für sozia­
kämen von innen. Vorstellungen und Gefühle werden als les Lernen und Veränderungen.

16 Psychotherapeutenjournal 1/2015
J. Brockmann & H. Kirsch

Epistemisches Vertrauen und Bindung tachment Interviews (AAI; Main & Goldwyn, 1996), speziell
aus den Antworten zu den sogenannten Demand- Fragen,
Kinder von ca. 5-6 Jahren sollen entscheiden, ob ein Phantasietier (z. B. erfasst. Diese Fragen fordern explizit zur Reflexion auf (z. B.:
75% Pferd und 25% Kuh) ein Pferd oder eine Kuh ist. Die Mutter und ei- „Denken Sie, dass Ihre Kindheitserfahrungen einen Einfluss
ne fremde Person benennen nun das Objekt unterschiedlich. Die Mutter darauf gehabt haben, wie Sie heute sind?“). Die spontanen
nennt es z. B. eine Kuh, die fremde Person ein Pferd. Antworten eines Probanden können von intensiv geschul­
ten Ratern auf einer Skala reliabel eingeschätzt werden (von
Die Studie geht der Frage nach, welche Entscheidung das Kind trifft,
-1: negative reflexive Funktion bis 9: außergewöhnlich hohe
beeinflusst vom Kommentar der Mutter bzw. der Bezugsperson. Es
reflexive Funktion). In einer Studie fanden Müller, Kaufhold,
zeigt sich, dass die Bindungserfahrungen des Kindes mit seiner Mutter
Overbeck und Grabhorn (2006) Zusammenhänge zwischen
einen starken Effekt auf die Entscheidungen des Kindes haben. Kin-
dem Niveau der RF-Skala und dem Strukturniveau, erfasst
der, die sicher gebunden sind, antworten flexibel. Sie bevorzugen die
über die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik
Aussage der Mutter, aber trauen der eigenen Wahrnehmung, wenn die
(OPD). Aufgrund des hohen Aufwandes wird die RF-Skala
Aussage der Mutter vom objektiven Bild  abweicht. Unsicher vermei-
überwiegend in Forschungszusammenhängen angewendet.
dende Kinder trauen eher dem Urteil der fremden Person als dem der
Mutter und unsicher-ambivalent gebundene Kinder trauen eher dem
Zur Einschätzung verschiedener Aspekte der Mentalisie­
Urteil der Mutter als dem des Fremden, auch wenn das offensichtlich
rungsfähigkeit liegt eine Vielzahl weiterer Instrumente vor
falsch ist. Unsicher gebundene Kinder trauen insgesamt der eigenen
(Luyten et al., 2012). Populär ist der „Reading the mind in
Wahrnehmung weniger als sicher gebundene Kinder. Besonders unsi-
the eye“-Test (Baron-Cohen, Wheelwright & Hill, 2001), der
cher-desorganisiert gebundene Kinder geraten in eine epistemische,
für Selbstversuche im Internet zu finden ist.2 In dem Test
angstgesteuerte, intensive Wachsamkeit („epistemic hypervigi-
wird eine Reihe von Augenpaaren gezeigt. Dabei wird zur
lance“), da sie weder sich selbst noch den anderen (Mutter, fremde
Einschätzung über den Gefühlszustand der fremden Person
Person) vertrauen können.
aufgefordert.
(nach Corriveau et al., 2009)
Zur Einschätzung der Mentalisierung eines Patienten in der
Psychotherapie haben Semerari et al. (2003) eine Metacog-
Untersuchung der Mentalisierungs­ nitive Assessment Scale (MAS) entwickelt (Carcione et al.,
2008). Darin wird Mentalisierung differenziert in:
fähigkeit und der Mentalisierungs­
störungen 1. Reflexion über die eigenen Kognitionen,

2. Reflexion über die Kognitionen des anderen,


In neueren Arbeiten wird vorgeschlagen, die Mentalisierungs­
3. metakognitive Meisterung/Bewältigungsstrategien.
fähigkeit mehrdimensional zu erfassen. Dabei werden Zusam­
menhänge zwischen Mentalisierung, Stress und Aktivierung
von Bindungsstrategien differenziert.
Mentalisierungsbasierte Therapie und
Ein individuelles Mentalisierungsprofil ergibt sich aus den fol­
genden Aspekten (Luyten et al., 2012):
seine Derivate
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) bezeichnet eine
„„ Beziehungsdimension, zusammen mit den aktuellen Be­
18-monatige manualisierte und empirisch validierte Lang­
ziehungspersonen, der Bindungsgeschichte und dem Ge­
zeittherapie für Erwachsene mit Borderline-Störungen (MBT)
brauch sicherer versus hyperaktivierender und deaktivie­
oder für Jugendliche mit strukturellen Störungen (MBT-A).
render Strategien,

„„ Fähigkeit, trotz Stress und intensiven Emotionen die Men­ Ausgangspunkt ist die Annahme, dass durch die therapeuti­
talisierung aufrechtzuerhalten oder dorthin zurückzukeh­ sche Beziehung dem (leidenden und Hilfe suchenden) Pati­
ren, enten ein bedeutendes Beziehungsangebot gemacht wird, in
dem epistemisches Vertrauen gefördert werden kann.
„„ allgemeine Mentalisierungsfähigkeit, d.  h. die Mentalisie­
rung über verschiedene Kontexte und Beziehungen hin­
Das MBT-Konzept wird dabei in einem 18-monatigen teilstati­
weg,
onären Setting in Einzel- und Gruppentherapie, Informations­
„„ Vorkommen und Art prämentalisierender Modi. gruppen, Ausdruck- und Gestaltungsgruppen sowie in der
Stationsorganisation implementiert. Der strukturelle Rahmen
Das am häufigsten verwendete Instrument zur Operationali­ wird für die Patienten möglichst transparent gestaltet. Dieser
sierung der Mentalisierungsfähigkeit ist die Reflective Func- haltende Rahmen soll helfen, Affekte zu regulieren, über die
tioning Scale (RF-Skala; Fonagy, Target, Steele & Steele, Arbeit an einer hilfreichen therapeutischen Beziehung stress­
1998; Steele & Steele, 2008; deutsch: Daudert, 2001, 2002).
Die reflexive Fähigkeit wird aus den Narrativen des Adult At- 2 www.asperger-forum.ch/selbsttests/reading_mind_in_the_eyes/test.html

1/2015 Psychotherapeutenjournal 17
Mentalisieren in der Psychotherapie

volle Situationen (mit aktiviertem Bindungssystem) zu bewäl­ schen Arbeitsgruppe um Verheugt-Pleiter (Verheugt-Pleiter,
tigen und Mentalisierung zu fördern. Die MBT hat eine Reihe Zevalkink & Schmeets, 2008; Zevalkink, Verheugt-Pleiter &
Fonagy, 2012). Über Mentaliza-
tion-Based Family Therapy wur­
de von Asen und Fonagy (2012,
Nahezu alle bekannten Behandlungstechniken, 2015) publiziert. Im deutschspra­
ver­haltenstherapeutische ebenso wie psychodynamische, chigen Raum beschreibt Zemke
sind dann erfolgreich, wenn sie den Prozess des Mentalisierens (2013) die Anwendung des men­
fördern. talisierungsbasierten Konzeptes
in der ambulanten Kinderpsy­
chotherapie. Eine Übersicht über
Geschichtenergänzungsverfahren
von Gemeinsamkeiten mit der dialektisch behavioralen The­ als klinische Mentalisierungsdiagnostik bei Kindern gibt Juen
rapie (DBT). So haben beide ein transparentes, strukturiertes (2014).
und kohärentes Behandlungsprogramm und sind erfolgreich
evaluiert. Für den stationären Bereich und die Gruppentherapie bietet
Schultz-Venrath (2013) eine gute Übersicht. Außerhalb klini­
Nahezu alle bekannten Behandlungstechniken, verhaltensthe­ scher Settings haben sich bindungs- und mentalisierungsför­
rapeutische ebenso wie psychodynamische, sind dann erfolg­ dernde Interventionen in verschiedenen Kontexten als erfolg­
reich, wenn sie den Prozess des Mentalisierens fördern. Dies reich erwiesen, z. B. in der Erziehungsberatung und Gewalt­
legen auch die Ergebnisse der Psychotherapieforschung nahe. prävention an Schulen (Übersicht bei Kirsch, 2014).
Wird aber in einer Behandlung, etwa in der Trauma-Konfron­
tation, das emotionale „arousal“ zu hoch, so wird der Prozess
des Mentalisierens erschwert oder unmöglich gemacht. Ein Das Mentalisierungskonzept als neues
strukturiertes Vorgehen hat dabei den Vorteil, dem Patienten
ausreichend Sicherheit zu geben und ihn nicht zu weit weg und
Paradigma für die Psychotherapie
nicht zu nah „am Feuer“, den heftigen Affekten, zu halten. Ausgangspunkt der Überlegungen von Fonagy und Allison
(2014) ist die therapeutische Beziehung. Die Ergebnisse der
Die für Borderline-Störungen manualisierte teilstationäre Therapieforschung weisen auf die therapeutische Bezie­
MBT wurde in mehreren randomisierten kontrollierten Studi­ hung als einen wichtigen Mediator des Therapieerfolgs hin.
en (RCT-Studien) mit strukturierter psychiatrischer Betreuung Die therapeutische Beziehung öffnet einen sozialen Lern­
verglichen und evaluiert (Bateman & Fonagy, 1999, 2001, prozess, von dem der Patient zwischen den Behandlungs­
2008). Die Behandlungsgruppe zeigte signifikant bessere Er­ stunden profitiert. Mentalisierung fördert dabei die Sicht
gebnisse in den Bereichen Suizidalität, diagnostischer Status, des Patienten als eigenständige Person, die für sich selbst
Inanspruchnahme stationärer Behandlungen, Medikation, all­ gültige Erfahrungen macht. Wenn der Psychotherapeut sich
gemeines Funktionsniveau und Berufstätigkeit gegenüber der in die Gedanken, Intentionen und Affekte des Patienten hin­
Kontrollgruppe. In einer weiteren Studie (Bateman & Fonagy, eindenkt und einfühlt, fördert er im Patienten ein Gefühl von
2009) mit ambulantem Setting zeigte die Behandlungsgruppe Sicherheit, um etwas Neues zu wagen und mit dem Psycho­
signifikant bessere Ergebnisse in den Selbsteinschätzungen therapeuten zu kooperieren. Mentalisieren fördert epistemi­
und in den primären Erfolgsmaßen Suizidversuche und statio­ sches Vertrauen.
näre Einweisungen. Ebenso evaluierten Russow und Fonagy
(2012) in einer RCT-Studie erfolgreich den mentalisierungs­ Psychotherapie als dreifaches
basierten Ansatz für Jugendliche mit schweren strukturellen
Störungen (MBT-A).
Kommunikationssystem
1. Die Therapietheorie des Psychotherapeuten: Patienten
Weitere am Mentalisierungskonzept lernen implizit oder explizit eine spezifische Therapietheorie,
wenn sie eine Verhaltenstherapie, eine Psychoanalyse oder
orientierte Behandlungsformen eine Gesprächstherapie machen. Alle evidenzbasierten Psy­
Weitere störungsspezifische Behandlungskonzepte wurden chotherapieformen liefern dem Patienten ein Verständnis
unter Mitwirkung verschiedener Forschergruppen um Fona­ über sich, seinen Verstand und seine Seele. Sie liefern ein
gy und Bateman in England und den USA entwickelt und pu­ Verständnis über seine Störungen und wie Veränderungen
bliziert. Dazu zählen Behandlungen von Depression (Lemma, in der Psychotherapie verstanden werden können. Diese
Target & Fonagy, 2011a, 2011b), Sucht und Essstörungen (Ba­ manchmal impliziten, manchmal expliziten Erklärungen des
teman & Fonagy, 2015). Psychotherapeuten wirken als wichtige persönlich relevante
Botschaften des Psychotherapeuten. Sie schaffen epistemi­
In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gibt es men­ sches Vertrauen bzw. reduzieren die epistemische Alarmbe­
talisierungsbasierte Behandlungsansätze von der niederländi­ reitschaft.

18 Psychotherapeutenjournal 1/2015
J. Brockmann & H. Kirsch

2. Erweiterung oder Wiedererlangen von Mentalisierung: Innerhalb dieses Rahmens hat der Psychotherapeut die
Die Förderung von Mentalisierung in der Psychotherapie ist Aufgabe, die Begrenzung der Fähigkeit zur Mentalisierung
nicht ein Therapieziel für sich selbst, aber sie ist ein Weg, beim Patienten abzuschätzen und auf dieser Basis mit dem
Affekte besser modulieren zu können, zentrale Beziehungs­ Patienten die Mentalisierungsfähigkeiten zu erweitern. Je
konflikte zu verstehen und zu regulieren. Die Förderung von fragiler die Fähigkeiten zur Mentalisierung sind, desto einfa­
Mentalisierung verbessert dabei die Selbstkontrolle und das cher, kürzer und basaler sollten die psychotherapeutischen
Empfinden von Selbstkohärenz. Interventionen sein. Neben der Einschätzung der generellen
Mentalisierungsfähigkeit ist zu berücksichtigen, dass sich die
3. Wiederherstellen von sozialem Lernen: Die Förderung Mentalisierungsfähigkeit auch innerhalb und zwischen den
der Mentalisierungsfähigkeit geht einher mit der Schaffung Therapiestunden, abhängig von Stress und emotionaler In­
von epistemischem Vertrauen. Dies ermöglicht es, Neues tensität, ändern kann.
und Anderes über die soziale Welt
zu erfahren sowie alte Überzeu­
gungen infrage zu stellen. Die
Wiederherstellung der Mentalisie­
Je fragiler die Fähigkeiten zur Mentalisierung sind, desto
rungsfähigkeit holt den Patienten einfacher, kürzer und basaler sollten die psychothera­peutischen
aus seiner durch das epistemi­ Interventionen sein.
sche Misstrauen bedingten Iso­
lation heraus. Die epistemische
Alarmbereitschaft lieferte dem
Patienten eine eingeengte Sichtweise seiner Erfahrungen. „Mentalisieren ist eher eine Einstellung als eine Fertigkeit,
Patienten müssen neue Erfahrungen machen, um sich zu eine forschende Haltung ...“ (Fearon et al., 2009). Mentalisie­
verändern. Psychotherapeuten wiegen sich zwar oft in dem ren fördern bedeutet die Exploration der eigenen Innenwelt,
Glauben, dass innerhalb der Psychotherapie die entscheiden­ die einfühlsame Erforschung der Welt des anderen und der
den Veränderungen passieren, jedoch passieren häufig wich­ gemeinsamen Beziehung. Die Mentalisierungsfähigkeit des
tige Veränderungen zwischen den Stunden, im sozialen Feld Patienten wird dabei am besten gefördert, wenn der Psy­
außerhalb der Psychotherapie. Dies legt zumindest die Thera­ chotherapeut sich selbst und dem Patienten gegenüber eine
pieforschung nahe (Bohart & Wade, 2013, S. 243). mentalisierende Haltung einnimmt: Es gibt keinen besseren
Weg der Förderung des Mentalisierens, als es selbst zu tun.
Mentalisierungsbasierte Interventionen Dabei kann es hilfreich sein, wenn der Psychotherapeut einen
„Standpunkt des Nichtwissens“ einnimmt – dies heißt, neu­
Das Mentalisierungskonzept ist eine moderne psychoanalyti­ gierig zu bleiben. Der Standpunkt des Nichtwissens ermög­
sche Theorie, entfernt sich aber von der klassischen psycho­ licht dem Psychotherapeuten und dem Patienten ein gemein­
analytischen Technik. Ausgehend von der Annahme, dass durch sames Erforschen der äußeren und inneren Welt. Es ist eine
die Aufnahme einer Psychotherapie das Bindungssystem stark Haltung, die der Detektiv Columbo in seinen Kriminalfilmen
aktiviert wird, stellt sich in der Psychotherapie die Aufgabe, meisterhaft und kreativ darstellte: rhetorisch tiefstapeln und
das Bindungssystem des Patienten zu beruhigen, ein mittleres sich nicht scheuen (scheinbar) dumme Fragen zu stellen. Ein
Arousal zu erreichen, um so günstige Voraussetzungen für die Standpunkt des Nichtwissens schützt davor, dem Patienten
Mentalisierungsfähigkeit zu schaffen. Ein geschützter, sicherer die eigene Sichtweise aufzudrängen. Wenn der Psychothera­
Rahmen sowie eine mittlere emoti­
onale Distanz in der Beziehung, die
Etablierung klarer Strukturen (z.  B.
Absprachen) und größtmögliche Die Mentalisierungsfähigkeit des Patienten wird am besten
Transparenz sind deshalb hilfreich. gefördert, wenn der Psychotherapeut sich selbst und dem
Bei traumatisierten Patienten oder Patienten gegenüber eine mentalisierende Haltung einnimmt:
bei Borderline-Patienten z.  B. ist Es gibt keinen besseren Weg der Förderung des Mentalisierens, als
häufig eine Intensivierung der Über­
tragungsbeziehung ungünstig, z. B.
es selbst zu tun.
durch längere Schweigephasen
oder wenig strukturierte Sitzungen.
Eine aktive, nachfragende Haltung des Psychotherapeuten ist peut darauf beharrt, dass er es besser weiß als der Patient, ist
hingegen günstig. Die mentalisierende Exploration schließt ein, der Prozess des Mentalisierens meist zu Ende.
dass der Psychotherapeut seine eigene Reflexion (auch die sei­
ner eigenen inneren Welt in Bezug auf das, was im Hier und Zum Beispiel (siehe Kasten): Der Ärger wird erst einmal so,
Jetzt passiert) dem Patienten in geeigneter Form mitteilen kann. wie vom Patienten erlebt, vom Psychotherapeuten angenom­
Dies ermöglicht es dem Patienten, an einem Modell zu lernen men. Ob berechtigt oder nicht, der Patient hat die Situation
und sich selbst in diesem Prozess (wieder) zu finden. so erlebt. Diese interpersonale Erfahrung wird als wichtiges

1/2015 Psychotherapeutenjournal 19
Mentalisieren in der Psychotherapie

Beispiel hervorgehoben und weiter exploriert. Die Interpre­ „„ Beschäftigung mit Spiegelungsprozessen, in denen zeit­
tation des Psychotherapeuten wird dann vom Patienten als nah und verständnisvoll die „markierten“ Emotionen, die
„therapeutische Floskel“ zurückgewiesen. Der Psychothera­ den „mental state“ des Patienten repräsentieren, zurück­
peut bleibt empathisch interessiert und bereit zur Perspek­ gemeldet werden,
tivenübernahme. Er kann so auch in Belastungssituationen
„„ versuchen, Interventionen zu machen, die einfach, kurz
mentalisierend dem Patienten antworten.
und prägnant sind,
Mentalisierende Haltung – ein Beispiel: „„ den Patienten dazu gewinnen, Interaktionen und eigene
Erfahrungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrach­
Ein Patient drückt in der Stunde seinen Ärger aus.
ten,
Psychotherapeut (Ther.): Was macht Sie jetzt ärgerlich?
Patient (Pat.): Sie waren letzte Stunde von mir gelangweilt! „„ Förderung einer mittleren Intensität emotionaler Beteili­
Ther.: Das muss Sie stark gekränkt haben. Was hatten Sie wahrge- gung, die weder zu „kalt“ noch zu „heiß“ ist.
nommen?
Pat.: Sie waren völlig unkonzentriert.
Karterud et al. (2013) evaluierten insgesamt 17 Items einer
Ther.: Ja, das kann sein. Dafür muss ich mich entschuldigen. Sie haben
MBT-Adherence and Competence Scale. Die Items beschrei­
mein Verhalten auf sich bezogen. Ist es so?
ben Interventionen, die für mentalisierungsbasierte Therapie
Pat.: Fragen Sie doch nicht so blöd!
als spezifisch gelten. Die als zentral für mentalisierungsför­
Ther.: Was ist es, was Sie jetzt ärgerlich macht?
dernde Behandlungen geltenden Items waren:
Pat.: Das klang nach einer therapeutischen Floskel.
Ther.: Das kann sein, wie hätte ich es aus Ihrer Sicht besser machen „„ Exploration, Neugier und Standpunkt des Nichtwissens,
sollen?
Pat.: Na ja, einfach ist das nicht, mit mir darüber zu reden, das weiß „„ Stimulierung des Mentalisierens im Prozess,
ich schon ... „„ Affektfokussierung,
„„ Verknüpfung von Affekt und interpersonalen Ereignissen.
Das Beibehalten einer mentalisierenden Haltung über die
Behandlung hinweg klingt einfach. Unglücklicherweise ist Die Wirkung von mentalisierungsfördernden Interventionen
es aber so, dass gerade dann, wenn die Mentalisierungsfä­ haben wir zusammen mit einer Forschungsgruppe in einer
higkeit im Patienten versagt oder sich verschlechtert, z. B. Einzelfallstudie untersucht. Bei zwei von drei Patienten in
in Momenten von hoher Affektivität oder heftiger Aggres­ psychoanalytischer Behandlung konnte die Wirksamkeit der
sion, auch die Mentalisierungsfähigkeit des Psychothera­ mentalisierungsfördernden Interventionen gezeigt werden
peuten gefährdet ist beziehungsweise unterminiert wird. (Brockmann et al., zur Publikation eingereicht).
In einem zunächst normal erscheinenden Prozess und aus
einem bekannten psychotherapeutischen Vorgehen (z.  B.
dem empathischen Verstehen) entstehen dann Hindernis­ Kritik am Mentalisierungskonzept
se.
Das Mentalisierungskonzept wird innerhalb der Psychoanaly­
In Momenten hoher affektiver Erregung oder beim Zusam­ se kritisch diskutiert, so wie üblich bei neuen Konzepten in
menbruch der Mentalisierung ist es für den Psychothera­ einer Therapierichtung. Britton (2000), ein ehemaliger Lehrer
peuten ratsam, den „Pausenknopf zu drücken“. Hierdurch von Fonagy, sieht nicht die Notwendigkeit, die traditionellen
wird dem Patienten und dem Psychotherapeuten Zeit ge­ psychoanalytischen Interventionstechniken von Deutung und
geben, zurückzugehen zu dem (Zeit-)Punkt in der Therapie­ Übertragung in der mentalisierungsbasierten Therapie aufzu­
stunde, an dem die Mentalisierungsfähigkeit noch stabiler geben (White, 2009).
war oder strukturelle Rahmenbedingungen noch gemein­
sam akzeptiert und präsent waren. Von dort aus besteht Diamond und Kernberg (2008) kritisieren, dass die Mentali­
die Möglichkeit, die Entwicklung dann noch einmal zu be­ sierungstheorie zu stark auf den Prozess fokussiere und die
trachten. Inhalte (von Träumen etc.) vernachlässige. Ebenso merken
sie an, dass die RF-Skala so konzeptualisiert sei, dass sie an
Interventionen zur Förderung von Mentalisierung bestimmte Aufgaben und Situationen gebunden ist. Mentali­
sierungsfähigkeiten bzw. die reflexive Funktion seien jedoch
„„ Auf die gegenwärtigen Gedanken, Wahrnehmungen und
generelle Kapazitäten, die mit der RF-Skala nur ausschnitthaft
Gefühle fokussieren,
erfasst werden. Deshalb wird in Zukunft von Bedeutung sein,
„„ alternative Erklärungsweisen anbieten, ob auch mit anderen Erhebungsinstrumenten die Mentalisie­
rungsfähigkeiten erfasst werden können.
„„ weitere Explorationen anregen; Bereitstellen von Erfahrun­
gen einer sicheren Basis, die dem Patienten die Explorati­ Außerhalb der Psychoanalyse wird das Mentalisierungskon­
on der inneren Zustände erleichtert, zept interessiert aufgenommen. Es ermöglicht den Anschluss

20 Psychotherapeutenjournal 1/2015
J. Brockmann & H. Kirsch

der Psychoanalyse an die aktuellen Diskurse der Nachbarwis­ Borderline Personality Disorder. American Journal of Psychiatry,166, 1355-
1364.
senschaften (z.  B. Entwicklungspsychologie, Neurowissen­
Bateman, A. & Fonagy, P. (Hrsg.). (2015). Handbuch Mentalisieren. Gießen:
schaften) und der Psychotherapieforschung. Die empirische Psychosozial Verlag. (Englische Version: Bateman, A. & Fonagy, P. (Eds.).
Fundierung der Grundlagen und der Behandlungstechniken (2012). Handbook of Mentalizing in Mental Health Practice. Washington, D.C.:
ermöglicht dabei die Überprüfung, Widerlegung und Weiter­ American Psychiatric Publishing.)

entwicklung einzelner Aspekte der Psychoanalyse. Björgvinsson, T. & Hart, J. (2009). Kognitive Verhaltenstherapie. In J. Allen &
P. Fonagy (Hrsg.), Mentalisierungsgestützte Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Bohart, A. & Wade, A. (2013). The Client in Psychotherapy. In M. Lambert
(ed.), Handbook of Psychotherapy and Behavior Change (6th ed.) (Chapter 7, p.
Fazit 219-257). Hoboken/New Jersey: Wiley & Sons.
Bohus, M. (2013). Behandlung der Borderline Störung. Ein audiovisuelles Kur­
Das Mentalisierungskonzept und seine Anwendung ist eine sprogramm mit CME-Fragen. Stuttgart: Schattauer.

vielversprechende Perspektive auf die Entstehung schwerer Bowlby, J. (1982). Attachment and Loss (Vol. I: Attachment, 2nd. Edition).
New York: Basic Books.
psychischer Störungen und deren Behandlung. Fonagy ver­
Bowlby, J. (1973). Attachment and Loss (Vol. II: Seperation). New York: Basic
knüpfte das Mentalisierungskonzept mit der Bindungsthe­ Books.
orie, der Entwicklung des Selbst und der Entwicklung epi­ Brockmann, J., Silberschatz, G., Dembler, K., König, K., de Vries, I., Zabolitzki,
stemischen Vertrauens. Für Borderline-Störungen ist MBT M. & Kirsch, H. (Manuskript eingereicht). Effects of Interventions Promoting
erfolgreich evaluiert und als evidence based anerkannt. Das Mentalization and Interventions Disconfirming Pathogenic Beliefs – A Time
Series Analysis of 3 Patients in Long-Term Therapy.
Mentalisierungskonzept gewinnt zunehmend Bedeutung
Brown, K. & Ryan, R. (2003). The Benefits of Being Present: Mindfulness
als psychoanalytisches Behandlungskonzept, vorzugsweise and Its Role in Psychological Well-Being. Journal of Personality and Social
bei strukturellen Störungen. Basierend auf den Ergebnissen Psychology, 84 (4), 822-848.
der Therapieforschung zeigt es viele Überschneidungen mit Britton, R. (2000). The Nettle. Paper presented at the Annual Research Lec­
anderen Psychotherapierichtungen. Eine aktive therapeu­ ture of The British Psychoanalytical Society.
Carcione, A., Dimaggio, G., Fiore, D., Nicolo, G., Procacci, M., Semerari, A.
tische Haltung, ein Standpunkt des Nichtwissens und des
& Pedone, R. (2008). An intensive case analysis of client metacognition in a
Nachfragens werden für diese Patientengruppe als genauso good-outcome psychotherapy: Lisa’s case. Psychotherapy Research,18 (6),
wichtig erachtet wie Klarheit, Sicherheit und Transparenz der 667-676.
Rahmenbedingungen. Zu intensive Affekte hemmen die Fä­ Corriveau, K., Harris, P., Meins, E., Fernyhough, C., Arnott, B., Elliott, L., Lid­
dle, B., Hearn, A., Vittorini, L., de Rosnay, M. (2009). Young Children’s Trust in
higkeit des Patienten, über sich nachzudenken und zu reflek­
their mother’s claims: Longitudinal links with attachment security in infancy.
tieren. Die Förderung der Mentalisierung durch den Psycho­ Child Development, 80, 750-761.
therapeuten wird eher als therapeutische Haltung denn als Csibra, G. & Gergely, G. (1998). The teleological origins of mentalistic action
Psychotherapietechnik verstanden. explanations: a developmental hypothesis. Developmental Science, 1, 255-
259.
Literatur Csibra, G. & Gergely, G. (2009). Natural pedagogy. Trends in Cognitive Sci­
ences, 13, 148-153.
Ainsworth, M., Blehar, M., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of attach­
Csibra, G. & Gergely, G. (2001). Natural pedagogy as evolutionary adaption.
ment: A psychological study of the strange situation. Hillsdale, New York:
Philosophical Transactions of the Royal Society of London Series B. Biological
Erlbaum.
Sciences, 366, 317-328.
Allen, J. & Fonagy, P. (Hrsg). (2009). Mentalisierungsgestützte Therapie.
Daudert, E. (2001). Selbstreflexivität, Bindung und Psychopathologie. Zusam­
Stuttgart: Klett-Cotta.
menhänge bei stationären Gruppenpsychotherapie-Patienten. Hamburg: Ko­
Allen, J., Fonagy, P. & Bateman, A. (2011). Mentalisieren in der psychothera­ vac.
peutischen Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.
Daudert, E. (2002). Die Reflective Self Functionig Scale. In B. Strauß, A. Buch­
Asen, E. & Fonagy, P. (2012). Mentalization-based Therapeutic Interventions heim & H. Kächele (Hrsg.), Klinische Bindungsforschung (S. 54-67). Stuttgart:
for Families. Journal of Family Therapy, 34 (4), 347-370. Schattauer.
Asen, E. & Fonagy, P. (2015). Mentalisierungsbasierte Familientherapie. In A. Diamond, D. & Kernberg, O. (2008). In F. N. Busch (Ed.), Mentalization Theo­
Bateman & P. Fonagy (Hrsg.), Handbuch Mentalisieren. Gießen: Psychosozial- retical Considerations, Research Findings and Clinical Implications. New York
Verlag. : The Analytic Press Taylor & Francis Group.
Baron-Cohen, S., Wheelwright, S. & Hill, J. (2001). The ‚Reading the mind in Döring, P. (2013). Mentalisierungsbasiertes Management. In U. Schultz-Ven­
the eyes‘ test revised version: A study with normal adults, and adults with rath (Hrsg.), Lehrbuch Mentalisieren – Psychotherapien wirksam gestalten.
Asperger Syndrome or High-Functioning autism. Journal of Child Psychology Stuttgart: Klett-Cotta.
and Psychiatry, 42, 241-252.
Dornes (2004). Über Mentalisierung, Affektregulierung und die Entwicklung
Bateman, A. & Fonagy, P. (1999). The effectiveness of partial hospitalization des Selbst. Forum Psychoanalyse, 20, 175-199.
in the treatment of borderline personality disorder – a randomised controlled
Fearon, P., Target, M., Sargent, J., Williams, L., McGregor, J., Bleiberg, E. &
trial. American Journal of Psychiatry, 158, 1563-1569.
Fonagy, P. (2009). Mentalisierungs- und beziehungsorientierte Kurzzeitthera­
Bateman, A. & Fonagy, P. (2001). Treatment of borderline personality disorder pie (SMART): Eine Integrative Familientherapie für Kinder und Jugendliche.
with psychoanalytically oriented partial hospitalisation: an 18-month follow- In J. Allen, P. Fonagy (Hrsg.), Mentalisierungsgestützte Therapie: Das MBT
up. American Journal of Psychiatry, 156, 36-42. Handbuch Konzepte und Praxis (S. 285-313). Stuttgart: Klett-Cotta.
Bateman, A. & Fonagy, P. (2007). Psychotherapie der Borderline Persöhnlich­ Fonagy, P., Steele, M., Moran, G., Steele, H. & Higgit, A. (1993). Measuring
keitsstörung. Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Gießen: the ghost in the nursery: An empirical study of the relation between parents’
Psychosozial-Verlag. mental representations of childhood experiences and their infants’ security
Bateman, A. & Fonagy, P. (2008). 8 years follow up of patients treated for bor­ of attachment. Journal of the American Psychoanalytic Association, 41, 957-
derline personality disorder: mentalization-based treatment versus treatment 989.
as usual. American Journal of Psychiatry,165, 631-638. Fonagy, P., Target, M., Steele, H. & Steele, M. (1998). Reflective-Functioning
Bateman, A. & Fonagy, P. (2009). Randomized Controlled Trial of Outpatient Manual (Version 5.0 for Application to Adult Attachment Interviews). London:
Mentalization-Based Treatment Versus Structured Clinical Mangement for University College.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 21
Mentalisieren in der Psychotherapie

Fonagy, P. & Target, M. (2002). Neubewertung der Entwicklung des Affektre­ Sperber, D., Clement, F., Heintz, C., Mascaro, O., Mercier, H., Origgi, G. &
gulation vor dem Hintergrund von Winnicotts Konzept des ‚falschen‘ Selbst. Wilson, D. (2010). Epistemic Vigilance. Mind & Language, 25 (4), 359-393.
PSYCHE – Zeitschrift für Psychoanalyse, 56, 839-862. Steele, H. & Steele, M. (2008). On the Origins of Reflective Functioning. In F.
Fonagy, P. & Target, M. (2006). Psychoanalyse und die Psychopathologie der Busch (Ed.). (2008), Mentalization Theoretical Considerations, Research Find­
Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta. ings and Clinical Implications. The Analytic Press Taylor & Francis Group New
Fonagy, P. & Allison, E. (2014). The Role of Mentalizing and Epistemic Trust in York, 133-158.
the Therapeutic Relationship. Psychotherapy, 51 (3), 372-380. Taubner, S. (2008). Einsicht in Gewalt. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Gendlin, E. T. (1961). Experiencing: A Variable in the Process of Psychothera­ Verheugt-Pleiter, A. J. E., Zevalkink, J. & Schmeets, M. G. J. (2008). Mentali­
peutic Change. American Journal of Psychotherapy, 15, 233 ff. zing in Child Therapy. London Karnac.
Juen, F. (2014). Aspekte der Mentalisierungsdiagnostik bei Kindern. Praxis der White, C. (2009). Symbolisierung und Mentalisierung – Kongruenzen und
Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 63, 723-729. Divergenzen mit Ronald Britton und Peter Fonagy. PSYCHE – Zeitschrift für
Karterud, S., Pedersen, G., Engen, M., Johansen, M., Johannsson, P., Schlü­ Psychoanalyse, 63, 1165-1169.
ter, C., Urnes, O., Wilber, T. & Bateman, A. (2013). The MBT Adherence and Wilson, D. & Sperber, D. (2012). Meaning and relevance. Cambridge, UK:
Competence Scale (MBT-ACS): Development, structure and reliability. Psy­ Cambridge University Press.
chotherapy Research, 23 (6), 705-717. Zemke, B. (2013). Mentalisieren in der Psychotherapie mit Kindern. Zeitschrift
Kirsch, H. (Hrsg.). (2014). Das Mentalisierungskonzept in der Sozialen Arbeit. für Individualpsychologie, 38, 268-284.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Zevalkink, J., Verheugt-Pleiter, A. & Fonagy, P. (2012). Mentalization-Informed
Klein, M. H., Mathieu-Coughlan, P. L. & Kiesler, D. J. (1986). The Experiencing Child Psychoanalytic Psychotherapy. In A. Bateman, P. Fonagy, Handbook of
Scales. In L. S. Greenberg, & W. M. Pinshof (Eds.), The Psychotherapeutic Mentalizing in Mental Health Practice (S. 129-158). Washington: APA.
Process: A Research Handbook (S. 21-71). NY: Guilford Press.
Lemma, A., Target, M. & Fonagy, P. (2011a). Brief Dynamic Interpersonal Ther­
apy: A Clinician’s Guide. Oxford: University Press.
Lemma, A., Target, M. & Fonagy, P. (2011b). The development of a brief psy­
chodynamic intervention (dynamic interpersonal therapy) and its application to
depression: a pilot study. Psychiatry, 74 (1), 41-48.
Lewis, L. (2009). Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit durch das Fer­ Dr. phil. Josef Brockmann
tigkeitstraining der dialektischen Verhaltenstherapie und durch positive Psy­
chologie. In J. Allen & P. Fonagy (Hrsg.), Mentalisierungsgestützte Therapie. Egenolffstr. 29
Stuttgart: Klett-Cotta. 60316 Frankfurt
Luyten, P., Fonagy, P., Lowyck, B. & Vermote, R. (2012). Assessment of Men­ praxis@dr-brockmann.net
talization. In A. Bateman & P. Fonagy, Handbook of Mentalizing in Mental
Health Practice. Washington, D.C.: American Psychiatric Publishing. (Deut­
sche Version: Bateman, A. Fonagy, P. (Hrsg.). (2015). Handbuch Mentalisie­
ren. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Main, M. (1991). Metacognitive knowledge, metacognitive monitoring, and
singular (coherent) vs. multiple (incoherent) model of attachment: Findings
and directions for future research. In C. M. Parkes, J. Stevenson-Hinde & P. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut und Psycho­
Marris (eds.), Attachment across the life cycle. London: Tavistock/Routledge. analytiker in eigener Praxis, mehrjährige Arbeit in Psychothe­
Main, M. & Goldwyn, R. (1996). Adult Attachment Classification System. rapieforschungsprojekten und Fortbildungen zum Mentalisie­
Unveröff. Manuskript. University of California, Department of Psychology, rungskonzept.
Berkeley.
Mertens, W. (2012). Psychoanalytische Schulen im Gespräch. Band 3: Psy­
choanalytische Bindungstheorie und moderne Kleinkindforschung. Bern: Hu­
Prof. Dr. Holger Kirsch
ber.
Müller, C., Kaufhold, J., Overbeck, G. & Grabhorn, R. (2006). The importance Kasteler Str. 17
of reflective functioning to the diagnosis of psychic structure. Psychology and 65474 Bischofsheim
Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 79, 485-494.
kontakt@mentalisierung.net
Perner, J., Leekham, S. & Wimmer, H. (1987). Three-years-olds’differences
with false belief:the case for a conceptual deficit. British Journal of Develop­
mental Psychology, 5, 125-137.
Rossouw, T. & Fonagy, P. (2012). Mentalization-Based Treatment for Self-
Harm in Adolescents: A Randomized Controlled Trial. Journal American Acad­
emy Child & Adolescent Psychiatry, 51 (12), 1304-1313.
Dr. med., Arzt für Psychosomatische Medizin und Psycho­
Semerari, A., Carcione, A., Dimaggio, G., Falcone, M., Nicolo, G., Procacci,
M. & Alleva, G. (2003). How to Evaluate Metacognitive Functioning in Psycho­ therapie, Psychoanalyse, Sozialmedizin, Professor an der
therapy? The Metacognition Assessment Scale and its Applications. Clinical Evangelischen Hochschule Darmstadt, Lehranalytiker (DGIP,
Psychology & Psychotherapy, 10, 238-261.
DGPT). Forschung und Fortbildungen zum Mentalisierungs­
Schultz-Venrath, U. (2013). Lehrbuch Mentalisieren – Psychotherapien wirk­
konzept.
sam gestalten. Stuttgart: Klett-Cotta.

22 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im
derzeitigen Psychologiestudium
Eine Online-Umfrage unter Studierenden
Cord Benecke & Rhea Eschstruth

Zusammenfassung: Angesichts der geplanten Reform der Psychotherapeutenausbildung und der möglichen Einfüh-
rung eines sogenannten Direktstudiums wurde untersucht, wie die Wissens- und Kompetenzvermittlung im Bereich
Klinische Psychologie und Psychotherapie an den öffentlichen Universitäten in Deutschland zurzeit beschaffen ist. Zu
diesem Zweck nahmen im Sommersemester 2014 430 Studierende eines Masterstudiengangs Psychologie an einer
bundesweiten Online-Befragung teil. Die Studierenden beantworteten Fragen zur Vermittlung von unterschiedlichen
Störungsmodellen und psychotherapeutischen Ansätzen sowie zur Vermittlung praktischer Kompetenzen im Studium.
Zudem konnten sie am Ende des Fragebogens in einem Freitext Gedanken und Wünsche zur Lehre im Bereich Klinische
Psychologie und Psychotherapie äußern. Aus Sicht der Studierenden hat die derzeitige klinische Lehre eine sehr stark
kognitiv-behaviorale und wenig praxisnahe Ausrichtung. Veränderungsbedarfe bezüglich der Lehre im Falle der Einfüh-
rung von „Direktstudiengängen“ innerhalb der Psychologie werden diskutiert.

F
ür die geplante Reform der Psychotherapeutenausbil­ aussetzungen für die Implementierung als prinzipiell günstig
dung wurden verschiedene Modelle diskutiert. Eine erachtet werden (z. B. Benecke, 2013; Fydrich, Abele-Brehm,
Variante ist das sogenannte Direktstudium, bei dem Margraf, Rief, Schneider & Schulte, 2013; Rief, Abele-Brehm,
etliche Teile der jetzigen postgradualen Psychotherapeuten­ Fydrich, Schneider & Schulte, 2014). Allerdings gibt es auch
ausbildung schon im Studium absolviert würden. Das Studi­ Kritik, da die Lehre im Psychologiestudium als nicht sehr
um würde dann mit der Approbation abschließen (analog ei­ ausgewogen in Bezug auf die wissenschaftlich anerkannten
nem Medizinstudium). Anschließend wäre eine mehrjährige Psychotherapieverfahren gilt und die Praxisanteile als nicht
vertiefende und spezialisierende Weiterbildung (analog der ausreichend vermutet werden (z. B. Benecke, 2013; Lubisch,
Facharztweiterbildung) vorgesehen. 2013), sodass auch ganz andere Ausbildungsstrukturen vor­
geschlagen wurden (z. B. Gleiniger, 2013; Körner, 2013).
Der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) hat sich im No­
vember 2014 mit großer Mehrheit für eine „zweiphasige wis­ Um abschätzen zu können, wie groß der Veränderungsbedarf
senschaftliche und berufspraktische Qualifizierung von Psy­ bezüglich der Lehre in den psychologischen Studiengängen
chotherapeutinnen und Psychotherapeuten“ ausgesprochen. bei Einführung der Qualifizierungsphase I (Direktstudium) wä­
Die beiden Phasen sind folgendermaßen benannt:1 re, führten wir im Sommersemester 2014 eine bundesweite
Online-Befragung über die Wissens- und Kompetenzvermitt­
1. Im wissenschaftlichen Hochschulstudium (Qualifizierungs­
lung im Bereich Klinische Psychologie und Psychotherapie
phase I bis einschließlich Masterniveau) erstreckt sich die
im Psychologiestudium durch. Ziel dieser Befragung war
Qualifizierung über die gesamte Altersspanne (Kinder, Ju­
es herauszufinden, wie die „klinische Lehre“ aus Sicht der
gendliche und Erwachsene). In dieser Phase sind die vier
Studierenden zurzeit an den bundesdeutschen Instituten für
Grundorientierungen der Psychotherapie (verhaltensthe­
Psychologie inhaltlich gestaltet ist, insbesondere in Bezug auf
rapeutisch, psychodynamisch, systemisch und humanis­
die Vermittlung von unterschiedlichen Störungsmodellen und
tisch) mit Strukturqualität zu vermitteln.
psychotherapeutischen Ansätzen sowie in Bezug auf die Pra­
2. In der anschließenden Weiterbildung (Qualifizierungspha­ xisanteile. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, evtl. bestehen­
se II) sind Vertiefungen in wissenschaftlichen Psychothe­ de Lücken im Lehrangebot im Bereich der Klinischen Psycho­
rapieverfahren und -methoden sowie Schwerpunktsetzun­ logie und Psychotherapie zu identifizieren und entsprechende
gen mit vertiefter Qualifizierung für die psychotherapeuti­ Verbesserungen ausarbeiten zu können.
sche Behandlung von Kindern und Jugendlichen bzw. von
Erwachsenen einzurichten.

Die Qualifizierungsphase I (das sogenannte Direktstudium)


wird mit hoher Wahrscheinlichkeit vornehmlich an den Ins­
tituten für Psychologie angesiedelt werden, da hier die Vor­ 1 DPT-Beschluss vom 15.11.2014

1/2015 Psychotherapeutenjournal 23
Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im derzeitigen Psychologiestudium

Die Online-Umfrage nehmenden war noch nicht am Ende des Masterstudiums,


sodass das „gesamte Studium“ evtl. noch nicht überblickt
Die Umfrage richtete sich an Studierende in einem psycho­ wurde. Die Items der Online-Umfrage wurden ad hoc ge­
logischen Masterstudiengang, insbesondere kurz vor Been­ bildet, sodass keine Testgütekriterien oder Vergleichswerte
digung ihres Studiums, und auch an solche, die ihr Studium vorliegen; eine inhaltliche Bedeutung der aufgeführten Mittel­
kürzlich beendet hatten. werte ist also nicht präzise anzugeben; allerdings ist anhand
der Konfidenzintervalle klar ersichtlich, dass es sich bei den
Der Link zur Online-Befragung wurde per E-Mail an die Fach­ in den Tabellen aufgeführten Mittelwertsunterschieden zwi­
schaften von 51 Instituten für Psychologie an öffentlichen schen kognitiv-behavioralen Inhalten und denen der anderen
deutschen Universitäten verschickt mit der Bitte um Weiter­ „Schulen“ um signifikante Unterschiede handelt. Schließlich
leitung an die Studierenden in den psychologischen Master­ ist zu beachten, dass unsere Daten keine Aussagen über die
studiengängen. Zudem wurden auch die Fachschaften zweier allgemeine Zufriedenheit mit dem Psychologiestudium erlau­
Privatuniversitäten angeschrieben. Da Letztere allerdings we­ ben. Es wurde lediglich nach einigen spezifischen inhaltlichen
nig repräsentativ für das Psychologiestudium in Deutschland Aspekten der Lehre im Bereich Klinische Psychologie und
sind, beschränken wir uns hier auf die Darstellung der Ant­ Psychotherapie gefragt (und auch hier nicht danach, wie „zu­
worten der Studierenden an öffentlichen Universitäten. frieden“ die Studierenden sind).

Es nahmen 430 Studierende eines Masterstudiengangs Psy­ Die Fragen bezogen sich auf zwei Bereiche: Wissensver-
chologie an einer öffentlichen Universität in Deutschland mittlung (Erklärungsmodelle für psychische Störungen, Psy­
(43 Institute) teil, davon 59 Männer (13.7%) und 369 Frauen chotherapieverfahren, Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit
(85.8%) sowie zwei Personen ohne Angabe des Geschlechts. der Psychotherapieverfahren) und Kompetenzvermittlung
Das mittlere Alter lag bei 26.4 Jahren (SD = 4.64; 1 Person (Testdiagnostik, klassifikatorische Diagnostik, Fallkonzepti­
ohne Angabe). 51 hatten ihr Studium bereits abgeschlossen on, Indikationsentscheidungen, Durchführung diagnostischer
(die meisten davon, 29.4%, im Wintersemester 2013/2014), Gespräche, praktisch-therapeutisches Vorgehen). Zusätzlich
379 studierten noch (von diesen planten 23.7% ihren Ab­ wurde die Möglichkeit gegeben, im Freitextformat Lob, Kritik
schluss im Sommersemester 2014, 18.1% im Wintersemes­ und Wünsche in Bezug auf die klinische Lehre zu formulie­
ter 2014/2015 und 36.7% im Sommersemester 2015, die ren.2
restlichen Studierenden planten ihren Abschluss zu späterer
Zeit), zwei Teilnehmende machten hierzu keine Angaben. Es sollen hier die aus unserer Sicht wichtigsten Ergebnisse
in knapper Form wiedergegeben und anschließend diskutiert
Die Ergebnisse unserer Online-Umfrage unterliegen einer werden. Bei der Berechnung der Mittelwerte und Standard­
Reihe von Limitationen, die hier vorab genannt werden sollen: fehler der einzelnen Items wurden die 43 Institute für Psycho­
So ist die Repräsentativität der Stichprobe zweifelhaft: An­ logie als Zufallskoeffizient modelliert (Nezlek et al., 2006). Auf
gesichts von im Sommersemester 2014 (Erhebungszeitraum) diese Weise wurde statistisch berücksichtigt, dass die Ant­
ca. 2.800 im vierten Fachsemester eingeschriebenen Mas­ worten von Studierenden am gleichen Institut nicht unabhän­
ter-Studierenden ist die Rücklaufquote mit ca. 15% relativ gig voneinander sind. Unterschiede zwischen den Angaben
gering (andere Online-Befragungen unter Studierenden be­ der Studierenden aus verschiedenen Instituten werden in den
richten von Rücklaufquoten um 19%). Streng genommen ist Ergebnistabellen angegeben (p-Wert, jeweils letzte Spalte).
die Rücklaufquote sogar noch geringer, da manche Teilneh­
mende ihr Studium bereits abgeschlossen hatten, während
sich andere in niedrigeren Fachsemestern befanden. Von acht Ergebnisse im Bereich der
Instituten antwortete niemand (evtl. wurde der Link zur Stu­
die dort gar nicht weitergeleitet; an drei Instituten liefen noch
Wissensvermittlung
Diplomstudiengänge, sodass sich die Studierenden evtl. nicht Aus Tabelle 1 ist ersichtlich, dass fast ausschließlich kognitiv-
angesprochen fühlten), von anderen hingegen nahmen über­ behaviorale und biologische Erklärungsmodelle psychischer
durchschnittlich viele Studierende teil (die Daten zu einzelnen Störungen vermittelt werden. Psychodynamische, humanis­
Standorten berichten wir bewusst nicht, weil es hier nicht tische und systemische Modelle finden nur in sehr geringem
darum geht, einzelne Institute „anzuprangern“ oder heraus­ Ausmaß Berücksichtigung – etliche Studierende gaben an,
zuheben). Der geringe Anteil derjenigen Teilnehmenden, die dass ihnen diese Modelle „gar nicht“ vermittelt wurden (psy­
definitiv keine Psychotherapeutenausbildung beginnen wol­ chodynamische 25.2%, humanistische 28.8%, systemische
len, spricht dafür, dass vornehmlich die klinisch besonders In­ 28.7%).
teressierten teilgenommen haben, die unter Umständen ein
besonders kritisches Auge auf das Angebot im Bereich der Ähnlich verhält es sich bei der Wissensvermittlung bezüglich
Klinischen Psychologie und Psychotherapie werfen. Der Link Psychotherapieverfahren, wie aus Tabelle 2 hervorgeht.
zur Online-Umfrage hieß „Klinische Vielfalt“, sodass es nicht
auszuschließen ist, dass mehr Unzufriedene als Zufriedene 2 Der Originalfragebogen findet sich auf der Homepage des Psychothera­
teilgenommen haben. Ein nicht unerheblicher Teil  der Teil­ peutenjournals unter www.psychotherapeutenjournal.de.

24 Psychotherapeutenjournal 1/2015
C. Benecke & R. Eschstruth

Frage Auswahl M SE CI p
Die Lehre in meinem gesamten Psychologiestu- kognitiv-behaviorale Modelle 3.44 0.06 3.33-3.55 .019
dium vermittelte mir Wissen über die folgenden
Modelle zur Erklärung psychischer Störungen: psychoanalytische/ 1.15 0.10 0.94-1.35 .002
psychodynamische Modelle
humanistische Modelle 1.17 0.08 1.01-1.34 .005
systemische Modelle 1.14 0.09 0.96-1.33 .003
biologische Modelle 2.54 0.08 2.38-2.70 .022

Tabelle 1: Im Studium vermitteltes Wissen über Störungsmodelle


Anmerkungen: M = Mittelwert, SE = Standardfehler, CI = 95%-Konfidenzintervall, p = p-Wert für Signifikanztest der Mittelwertsunterschiede
zwischen den Instituten. Skala von 0 = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich.

Frage Auswahl M SE CI p
Die Lehre in meinem gesamten Psychologiestu- kognitiv-behaviorale Behandlungs­ansätze 3.42 0.05 3.33-3.52 .126
dium vermittelte mir Wissen über das bzw. die
folgende(n) Psychotherapieverfahren: psychoanalytische/psychodynamische Behand- 1.02 0.10 0.81-1.22 .002
lungsansätze
humanistische Behandlungsansätze 1.02 0.08 0.86-1.18 .002
systemische Behandlungsansätze 1.04 0.10 0.84-1.23 .002

Tabelle 2: Im Studium vermitteltes Wissen über Psychotherapieverfahren


Anmerkungen: M = Mittelwert, SE = Standardfehler, CI = 95%-Konfidenzintervall, p = p-Wert für Signifikanztest der Mittelwertsunterschiede
zwischen den Instituten. Skala von 0 = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich.

Es wird überwiegend Wissen über kognitiv-behaviorale Behand­ fast ausschließlich Studien mit „eher positiven Ergebnissen“
lungsansätze vermittelt, während andere Behandlungsansätze (99.7%). Zu den anderen wissenschaftlich anerkannten Ver­
nach Aussage der Studierenden eher wenig gelehrt werden. fahren werden kaum empirische Wirksamkeitsstudien behan­
Wie bei der vorherigen Frage gaben etliche Studierende an, dass delt (Mittelwerte zwischen 0.91 und 1.19 auf der Skala von 0
ihnen keinerlei Wissen über die anderen wissenschaftlich aner­ = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich), falls doch, überwiegen
kannten Verfahren vermittelt wurde (psychoanalytisch/psycho­ bei der Gesprächstherapie (GT) und der Systemischen Thera­
dynamische 34%, humanistische 32.4%, systemische 33.4%). pie (ST) ebenfalls Studien mit „eher positiven Ergebnissen“
(GT = 75.6%; ST = 83.9%), bei der Analytischen Psychothe­
Die Wissensvermittlung in Bezug auf Erklärungsmodelle für rapie (AP) sowie bei der Tiefenpsychologisch fundierten Psy­
psychische Störungen und Behandlungsansätze bezieht sich chotherapie (TP) hingegen werden überwiegend Studien mit
überwiegend auf Erwachsene: bei den Störungsmodellen zu „eher negativen Ergebnissen“ dargestellt (AP = 76.7%; TP =
14.4% „ausschließlich“ und zu 70.5% „überwiegend“ auf 56.8%). Process-Outcome-Studien werden selten behandelt
Erwachsene; bei den Behandlungsansätzen zu 21% „aus­ („kaum“ 29%, „nein“ 40.1%).
schließlich“ und zu 64.7% „überwiegend“ auf Erwachsene.
Gruppenpsychotherapeutische Ansätze werden selten ver­
mittelt („kaum“ 47.1%, „nein“ 40.5%). Ergebnisse im Bereich der
Die Kognitive Verhaltenstherapie wird übereinstimmend als
Kompetenzvermittlung
„sehr wissenschaftlich fundiert“ dargestellt, während aus Die Studierenden geben an, dass ihnen die Kompetenz zur
Sicht der Studierenden vermittelt wird, dass Analytische Psy­ eigenständigen Durchführung klinisch-psychologischer Test­
chotherapie und Tiefenpsychologisch fundierte Psychothera­ diagnostik gut vermittelt wurde (M = 1.98, SE = 0.06, Skala
pie eher „nicht wissenschaftlich fundiert“ sind; Gesprächs­ von 0 = trifft überhaupt nicht zu bis 3 = trifft voll und ganz zu).
therapie und Systemische Therapie rangieren diesbezüglich Innerhalb des Studiums wurden allerdings im Mittel lediglich
im Mittelfeld (siehe Tabelle 3). 2.2 Patientinnen und Patienten3 testdiagnostisch untersucht,
innerhalb der Pflichtpraktika immerhin gut 18 Patienten.
Empirische Studien zur Wirksamkeit von Kognitiver Verhal­
3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht immer
tenstherapie werden ausführlich dargestellt (M = 3.50, SE = beide Formen genannt – selbstverständlich sind jedoch immer Männer und
0.07, Skala von 0 = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich), und zwar Frauen gleichermaßen gemeint.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 25
Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im derzeitigen Psychologiestudium

Frage Auswahl M SE CI p
In meinem Studium wurde mir insgesamt Kognitive Verhaltenstherapie 3.79 0.04 3.71-3.86 .667
vermittelt, dass ...
Analytische Psychotherapie 0.99 0.08 0.82-1.16 .010
Psychodynamische (tiefen-psychologisch 1.51 0.08 1.35-1.68 .030
fundierte) Psychotherapie
Gesprächspsychotherapie 2.03 0.07 1.88-2.18 .088
Systemische Therapie 2.04 0.07 1.90-2.19 .169

Tabelle 3: Wissensvermittlung zur Wissenschaftlichkeit der Psychotherapieverfahren


Anmerkungen: M = Mittelwert, SE = Standardfehler, CI = 95%-Konfidenzintervall, p = p-Wert für Signifikanztest der Mittelwertsunterschiede
zwischen den Instituten. Skala von 0 = nicht wissenschaftlich fundiert ist bis 4 = sehr wissenschaftlich fundiert ist.

Frage Auswahl M SE CI p
Mein Studium vermittelte mir die Kompetenz verhaltenstherapeutischen Fallkonzeptionen 2.46 0.11 2.25-2.68 .011
zur Erstellung von individuellen Fallkonzepti-
onen (Anwendung von Störungsmodellen auf analytischen/psychodynamischen Fallkonzep- 0.34 0.06 0.22-0.46 .002
individuelle Patienten, z. B. Bedingungsanalyse, tionen
Psychodynamik etc.), und zwar ...
gesprächstherapeutischen Fallkonzeptionen 0.42 0.08 0.27-0.58 .003
systemischen Fallkonzeptionen 0.49 0.07 0.34-0.63 .002

Tabelle 4: Im Studium vermittelte Kompetenz zur Erstellung von Fallkonzeptionen


Anmerkungen: M = Mittelwert, SE = Standardfehler, CI = 95%-Konfidenzintervall, p = p-Wert für Signifikanztest der Mittelwertsunterschiede
zwischen den Instituten. Skala von 0 = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich.

Frage Auswahl M SE CI p
Ich habe in meinem Studium (ohne Praktika) behavioraler Methoden 2.06 0.09 1.87-2.25 .028
Kompetenzen im praktisch-therapeutischen
Vorgehen erworben, in Form von Übungen ... kognitiver Methoden 2.09 0.09 1.91-2.27 .034
psychodynamischer Methoden 0.29 0.06 0.18-0.41 .005
gesprächstherapeutischer Methoden 1.00 0.11 0.80-1.22 .004
systemischer Methoden 0.61 0.10 0.41-0.81 .001

Tabelle 5: Im Studium vermittelte Kompetenz zum praktisch-therapeutischen Vorgehen


Anmerkungen: M = Mittelwert, SE = Standardfehler, CI = 95%-Konfidenzintervall, p = p-Wert für Signifikanztest der Mittelwertsunterschiede
zwischen den Instituten. Skala von 0 = gar nicht bis 4 = sehr ausführlich.

Die Kompetenz zur klassifikatorischen Diagnostik wird aus 3 = trifft voll und ganz zu). Innerhalb des Studiums führten
Sicht der Studierenden insgesamt ebenfalls gut vermittelt (M 49.6% der Studierenden kein einziges diagnostisches Ge­
= 2.22, SE = 0.04, Skala von 0 = trifft überhaupt nicht zu bis spräch selbst durch; im Mittel wurden nur knapp zwei diag­
3 = trifft voll und ganz zu); die Kompetenz zur Erstellung von nostische Gespräche eigenständig geführt und es wurde fünf
individuellen Fallkonzeptionen (Anwendung von Störungsmo­ Gesprächen beigewohnt (z. B. per Video oder Einwegschei­
dellen auf individuelle Patienten) hingegen deutlich weniger, be). Innerhalb der Pflichtpraktika wurden im Mittel knapp
wie Tabelle 4 zeigt. sieben diagnostische Gespräche eigenständig geführt und
gut 16 Gesprächen beigewohnt, aber 44.9% der Studieren­
Wie aus Tabelle 4 hervorgeht, wird am ehesten eine Kompetenz den führten auch im Praktikum kein einziges diagnostisches
zur Erstellung von verhaltenstherapeutischen Fallkonzeptionen Gespräch. 25.2% der Studierenden führte weder im Studium
vermittelt. Die Erstellung von Fallkonzeptionen auf Grundlage noch im Praktikum ein diagnostisches Gespräch. Während
der anderen Psychotherapieverfahren wird fast gar nicht gelehrt. die im Praktikum durchgeführten diagnostischen Gespräche
knapp hinreichend mit einer Betreuungsperson nachbespro­
Die Kompetenz zur eigenständigen Durchführung von diag­ chen/reflektiert wurden (M = 1.75, SE = 0.06, Skala von 0 =
nostischen Gesprächen wurde eher nicht gut vermittelt (M trifft überhaupt nicht zu bis 3 = trifft voll und ganz zu), war dies
= 1.28, SE = 0.07, Skala von 0 = trifft überhaupt nicht zu bis für die Gespräche im Studium eher nicht der Fall (M = 1.20,

26 Psychotherapeutenjournal 1/2015
C. Benecke & R. Eschstruth

SE = 0.10, Skala von 0 = trifft überhaupt nicht zu bis 3 = trifft (59.3%) zu einer Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie,
voll und ganz zu). gefolgt von Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie
(25.8%), Systemischer Therapie (20.9%), Gesprächstherapie
Innerhalb des Studiums (ohne Praktika) wurden Kompeten­ (10.7%) und Analytischer Psychotherapie (7.9%) (hier waren
zen im praktisch-therapeutischen Vorgehen hauptsächlich in Mehrfachankreuzungen möglich). Unter der (fiktiven) Annah­
Form von Übungen behavioraler sowie kognitiver Methoden me, dass alle Verfahren gleichermaßen sozialrechtlich (als
vermittelt, allerdings auch diese nicht sonderlich ausführlich; „Kassenverfahren“) anerkannt wären, ergab sich ein ande­
Übungen in psychodynamischen Methoden fanden so gut res Bild: Nur noch 20.5% der Studierenden würde in diesem
wie gar nicht statt (siehe Tabelle 5). Fall eine Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie begin­
nen, 11.2% in Tiefenpsychologisch fundierter Psychothera­
Innerhalb des Studiums (ohne Praktika) wurden nur von sehr pie und 5.8% in Analytischer Psychotherapie, während die
wenigen Studierenden eigene therapeutische Gespräche Gesprächstherapie (nun 19.3%) und insbesondere die Syste­
mit Patienten durchgeführt (20.5 % aller Studierenden), und mische Therapie (nun 37.2%) deutliche Zugewinne erleben
diese orientierten sich überwiegend entweder an Kognitiver würden. Die Präferenz für „sonstige“ Verfahren (z. B. Körper­
Verhaltenstherapie (bei 9.3% aller Studienteilnehmenden), an therapie, Gestalttherapie etc.) ist unter beiden Bedingungen
der Gesprächspsychotherapie (8.8%) oder an keinem speziel­ in etwa gleich (3.7% vs. 4.0%).
len Verfahren (5%); psychodynamisch orientierte Gespräche
wurden von drei Studierenden (0.7%) durchgeführt, syste­
misch orientierte Gespräche von zehn Studierenden (2.3%). Lob und Tadel für die klinische Lehre
Im Mittel wurden 1.02 therapeutische Gespräche im Studium
(ohne Praktika) durchgeführt. Optional konnten die Teilnehmenden am Ende des Frage­
bogens im Freitext auf zwei Fragen antworten. Diese Ant­
Innerhalb der Pflichtpraktika konnten mehr Studierende ei­ worten umfassen mehr als 22.000 Wörter und wurden bis­
gene therapeutische Gespräche mit Patienten durchführen her nicht systematisch analysiert. Es sollen hier aber einige
(46.5  % aller Studierenden), diese Gespräche orientierten subjektiv ausgewählte Beispiele angeführt werden, die aus
sich überwiegend an Kognitiver Verhaltenstherapie (bei unserer Sicht das Spektrum der Antworten gut wiedergeben
28.1% aller Studienteilnehmenden) oder an keinem speziellen und die oben aufgeführten quantitativen Daten etwas veran­
Verfahren (bei 15.1%). An der Gesprächstherapie orientierte schaulichen.
Gespräche wurden von 7.4% der Studierenden durchgeführt,
an Psychodynamischer Psychotherapie orientierte von 7% Was denken Sie über die Lehre im Fach
und an der Systemischen Therapie orientierte Gespräche von
4.7% der Studierenden. Im Mittel wurden knapp sechs thera­
Klinische Psychologie und Psychotherapie
peutische Gespräche im Praktikum durchgeführt. in Ihrem Studium?
„„ „Sehr wissenschaftlich fundiert, was für das Studium auch
Während die im Praktikum durchgeführten eigenen therapeu­ okay ist. Falls es zu einer Umstrukturierung kommen soll­
tischen Gespräche knapp hinreichend mit einer Betreuungs­ te, sollten dabei auch die praktischen Anteile im Studium
person nachbesprochen/reflektiert wurden (M = 1.70, SE = stark erhöht werden. Derzeit ist die praktische Ausbildung
0.08, Skala von 0 = trifft überhaupt nicht zu bis 3 = trifft voll an meiner Universität praktisch nicht existent.“
und ganz zu), war dies für die Gespräche im Studium eher
nicht der Fall (M = 1.02, SE = 0.13). „„ „Sehr gut! Viele Übungen, sehr interessante Vorlesung.
Außerdem sehr gute Forschung und Betreuung. Leider
Insgesamt geben die Studierenden am Ende ihres Psycholo­ sehr verhaltenstherapeutisch orientiert, sodass man außer
giestudiums an, nicht besonders gut auf eine praktisch-thera­ kurzen Einführungen in andere Richtungen kaum Einblick
peutische Tätigkeit vorbereitet zu sein (M = 1.58, SE = 0.07, in deren Behandlungskonzepte hat. Weiterhin wird von
Skala von 0 = überhaupt nicht bis 4 = sehr gut). den anderen Ansätzen eher negativ berichtet. Das finde
ich nicht gut!“

„„ „Sehr spannendes Gebiet, was ausreichend durch mehre­


Verfahrenspräferenz für re Semester vermittelt wurde und gut auf die Praxis vor­
Psychotherapieausbildung bereitet.“

Die Mehrzahl der Teilnehmenden möchte eine Psychothera­


peutenausbildung beginnen (60.5%), 7.5% haben bereits eine
Was würden Sie sich für die Lehre im Fach
begonnen und 27.9% sind noch nicht entschlossen. Nur 4% Klinische Psychologie und Psychotherapie
wollen keine Psychotherapeutenausbildung beginnen. wünschen?

Von den Studierenden, die eine Psychotherapeutenaus­ „„ „Unter den derzeitigen Bedingungen finde ich die Lehre
bildung nicht ausschließen, tendiert eine große Mehrheit vollkommen okay. Das Studium der Psychologie ist noch

1/2015 Psychotherapeutenjournal 27
Verfahrensvielfalt und Praxisbezug im derzeitigen Psychologiestudium

nicht auf die praktische Ausbildung ausgelegt, daher ist es peutischen Methoden deuten auf klare Begrenzungen im
nicht weiter negativ zu betrachten, dass es keine prakti­ jetzigen Psychologiestudium hin. Eine gute und umfängliche
schen Anteile gibt. Wenn eine Umstrukturierung erfolgt, Vermittlung praktischer Kompetenzen scheint es wiederum
was ich begrüßen würde, sollten dementsprechend auch allenfalls vereinzelt zu geben: Die quantitativen Daten zeigen,
praktischen Kompetenzen innerhalb des Studiums erwor­ dass die Vermittlung praktischer Kompetenzen im Mittel nicht
ben werden.“ sehr ausgeprägt ist (am ehesten noch in Form von Übungen
kognitiv-behavioraler Methoden). Auch in den Freitextant­
„„ „mehr praktische Übungen“,
worten wurde das Fehlen bzw. das zu geringe Ausmaß an
„„ „mehr mit und an richtigen Fällen arbeiten“, praktischen Anteilen kritisiert. Es scheint, dass sich die große
Mehrheit der Studierenden am Ende ihres Psychologiestudi­
„„ „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“, ums zurzeit als nicht gut auf eine praktisch-therapeutische
„„ „mehr über andere Verfahren als VT zu lernen“. Tätigkeit vorbereitet erlebt. Allerdings muss hierbei bedacht
werden, dass das aktuelle Studium der Psychologie gar nicht
Insgesamt wird häufig die einseitige Ausrichtung der klini­ den Anspruch hat, eine praxisorientierte Berufsausbildung im
schen Lehre auf Kognitive Verhaltenstherapie (und teilweise klinischen Bereich anzubieten, sondern dass es sich um ein
die entwertende Haltung gegenüber anderen Verfahren) so­ wissenschaftliches Studium handelt. Die Schwierigkeit, bei­
wie der mangelnde Praxisbezug kritisiert, und entsprechend de Aspekte, nämlich die „wissenschaftliche Grundausbildung
werden diesbezügliche Veränderungen gewünscht.4 und Einübung in praktische Tätigkeiten unter Aufsicht“, zu
vereinen, wird schon seit Langem diskutiert (Kornadt, 1985).
Um einem „Direktstudium Psychotherapie“ mit anschließen­
Zusammenfassung und Diskussion der Approbation gerecht zu werden, bedarf es aber wohl an
vielen Standorten deutlicher Veränderungen.
Insgesamt hat die klinische Lehre in den psychologischen Stu­
diengängen an den öffentlichen Universitäten eine sehr stark Trotz der in der Einleitung erwähnten Einschränkungen die­
kognitiv-behaviorale Ausrichtung. Sowohl in Bezug auf die ser Online-Befragung denken wir, dass die Ergebnisse der
Vermittlung von Störungsmodellen als auch von Psychothera­ Umfrage die erfragten Aspekte der Lehre im Bereich Klini­
pieverfahren spielen andere Ansätze nur eine untergeordnete sche Psychologie und Psychotherapie in einem Großteil der
Rolle und werden als nicht sonderlich wissenschaftlich fun­ psychologischen Studiengänge in Deutschland einigermaßen
diert dargestellt. Lehre in Bezug auf Störungen und Behand­ zutreffend widerspiegeln (vgl. Grubitzsch, 1993; Glaesmer,
lungsansätze bei Kindern und Jugendlichen wird zurzeit eher Spangenberg, Sonntag, Brähler & Strauß, 2010; Plischke,
vernachlässigt. Bei fast allen Fragen finden sich allerdings si­ 2014). Insofern lassen sich aus den Ergebnissen unseres Er­
gnifikante Unterschiede zwischen den Psychologieinstituten, achtens mehrere Verbesserungsvorschläge im Falle der Ein­
das heißt, dass es beispielsweise durchaus einzelne Institu­ führung von „Direktstudiengängen“ innerhalb der Psycholo­
te gibt, an denen die Lehre verfahrensausgewogener ist. Es gie ableiten:
muss dabei bedacht werden, dass das bisherige Studium der
„„ stärkere Verfahrensausgewogenheit der Lehre in Bezug
Psychologie nicht die Aufgabe hat, alle Psychotherapiever­
auf Störungsmodelle und Behandlungsansätze,
fahren gleichwertig zu lehren, sondern sich im Wesentlichen
an der Befundlage empirischer Forschung orientiert – und „„ stärkere Berücksichtigung von Besonderheiten bezüglich
hier überwiegen Studien zu Aspekten kognitiv-behavioraler Störungen und Behandlungen bei Kindern und Jugendli­
Störungsmodelle ebenso wie zu kognitiv-behavioralen Psy­ chen,
chotherapien. In unseren Ergebnissen spiegeln sich insofern
auch Versäumnisse der anderen „Schulen“ wider, die sich
„„ stärkere Vermittlung praktischer Kompetenzen, inklusive
Erfahrungen mit „echten“ Patienten.
in weitaus geringerem Maße bemüht haben, ihre klinischen
Konzepte und Behandlungsmethoden empirisch zu überprü­
fen. Dies mag zu einer Eigendynamik beigetragen haben, der­ Diese drei Aspekte wurden in den vergangenen zwei Jahren
gestalt, dass Vertreter anderer Verfahren kaum wissenschaft­ intensiv in der AG „Psychologie und Psychotherapie“ der
liche Laufbahnen anvisierten und sich daher seltener um eine Deutschen Gesellschaft für Pychologie und mit weiteren Per­
weiterführende wissenschaftliche Qualifikation bemühten, sonen diskutiert und es wurde nach Lösungen gesucht, um
was wiederum dazu geführt haben mag, dass empirische ein Direktstudium zu konzipieren, das diese Desiderate erfüllt.
Forschung überwiegend von Vertretern eines Verfahrens re­ Mittlerweile liegt ein entsprechendes Papier zur „Struktur Di­
alisiert wurde, welches der naturwissenschaftlichen Ausrich­ rektstudium Psychotherapie“5 vor, das in allen drei Aspekten
tung der Psychologie am nächsten steht usw.; wobei diese deutliche Verbesserungen vorsieht.
Ausrichtung der Psychologie immer wieder auch kritisch ge­
sehen wird (z. B. Kriz, 2010). 4 Die vollständigen (anonymisierten) Freitextantworten finden sich auf der
Homepage des Psychotherapeutenjournals unter www.psychotherapeuten­
journal.de.
Die Angaben zur Vermittlung praktischer Kompetenzen im 5 Abrufbar unter www2.ptk-hamburg.de/uploads/strukturbeschreibung_di­
Bereich der Diagnostik, Fallkonzeption sowie psychothera­ rektstudium.pdf

28 Psychotherapeutenjournal 1/2015
C. Benecke & R. Eschstruth

Wir danken allen Teilnehmenden senschaftsverständnis und Veränderungswünsche. Diplomarbeit. Universität


Konstanz.
sowie insbesondere auch
Rief, W., Abele-Brehm, A., Fydrich, T., Schneider, S. & Schulte, D. (2014).
Prof. Dr. Winfried Rief Praxisanteile im Direktstudium Psychotherapie. Auf welche Lehr-Erfahrungen
für seine kritischen Kommentare, kann aufgebaut werden? Welche Inhalte und Kompetenzen sollten vermittelt
die sehr zur Verbesserung dieses werden? Psychotherapeutenjournal, 13 (1), 31-36.

Artikels beigetragen haben.

Literatur Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych.


Cord Benecke
Benecke, C. (2013). Direktstudium Psychotherapie – Warum überhaupt und
wenn ja, wie? Psychotherapeutenjournal, 12 (4), 356-357.
Universität Kassel
Fydrich, T., Abele-Brehm, A., Margraf, J., Rief, W., Schneider, S. & Schulte, D.
(2013). Universitäres Direktstudium und anschließende Weiterbildung sichern
Institut für Psychologie
Qualität und Zukunft des Berufs. Psychotherapeutenjournal, 12 (4), 358-359. Holländische Straße 36-38
Glaesmer, H., Spangenberg, L., Sonntag, A., Brähler, E. & Strauß, B. (2010). 34127 Kassel
Zukünftige Psychotherapeuten? Eine Befragung deutscher Psychologiestu­ benecke@uni-kassel.de
dierender zu ihren beruflichen Plänen und der Motivation zur Berufswahl Psy­
chotherapeut. Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie, Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, ist Lehr­
60, 462-468.
stuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an
Gleiniger, J. W. (2013). Plädoyer gegen eine basale und für eine duale Di­
rektausbildung. Psychotherapeutenjournal, 12 (4), 360-361.
der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte sind
Grubitzsch, S. (1993). Das wirkliche Leben pulsiert woanders. Gedanken zum
Klinische Emotionsforschung und Psychotherapieforschung.
Theorie-Praxis-Problem in der PsychologInnen-Ausbildung. Journal für Psy-
chologie, 1, 15-26.
Rhea Eschstruth, B. Sc.
Kornadt, H. (1985). Zur Lage der Psychologie. Psychologische Rundschau, 18,
1-15. r.eschstruth@gmail.com
Körner, J. (2013). Plädoyer für eine Ausbildung zum Psychotherapeuten „von
der Profession her“. Psychotherapeutenjournal, 12 (4), 364-365.
Kriz, J. (2010). Was leistet das Psychologiestudium und was fehlt ihm im Hin­
blick auf eine psychotherapeutische Ausbildung und Tätigkeit? Psychothera-
peutenjournal, 9 (2), 130-140.
Lubisch, B. (2013). Stabilität, Sicherheit und Klarheit: Approbationsstudium
und Fachweiterbildung. Psychotherapeutenjournal, 12 (4), 366-367.
Nezlek, J. B., Schröder-Abé, M. & Schütz, A. (2006). Mehrebenenanalysen in Studentische Hilfskraft in der Arbeitsgruppe Klinische Psy­
der psychologischen Forschung. Psychologische Rundschau, 57 (4), 213-223.
chologie und Psychotherapie am Institut für Psychologie der
Plischke, E. (2014). Das Fach (Klinische) Psychologie an deutschsprachigen
Hochschulen – eine Onlinestudie unter Psychologiestudierenden zu den Universität Kassel. Sie arbeitet in Projekten zu Einflussfakto­
Themen Studienzufriedenheit, Repräsentation der Therapieverfahren, Wis- ren auf die Personenbeurteilung.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 29
Aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen
Beirats Psychotherapie zu EMDR
Redaktionelle Vorbemerkung senschaftlich anerkannt gelten kann. Zugleich stellte der WBP für die
Anwendung der EMDR-Methode bei Kindern und Jugendlichen fest,
Die Aufgabe des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) be- dass es zwar Hinweise auf die Wirksamkeit bei Posttraumatischen Be-
steht nach § 11 Psychotherapeutengesetz in der gutachterlichen Bera- lastungsstörungen gebe, die Evidenz aber insgesamt nicht ausreiche, um
tung von Behörden zur Frage der wissenschaftlichen Anerkennung von eine wissenschaftliche Anerkennung festzustellen.
einzelnen psychotherapeutischen Verfahren. Da die Gutachten des WBP
nach einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. April Vor dem Hintergrund des Gutachtens des WBP aus dem Jahr 2006 be-
2009 einem antizipierten Sachverständigengutachten gleichkommen, schloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) 2011 eine Prüfung von
haben sie einen maßgeblichen Einfluss auf die staatliche Anerkennung Nutzen, medizinischer Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit der EMDR-
von Ausbildungsstätten und die Psychotherapieverfahren, in denen die Methode bei Erwachsenen für die Indikation der Posttraumatischen Be-
vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten bzw. zum lastungsstörungen. Dieses Bewertungsverfahren mündete im Oktober
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erfolgt. Darüber hinaus sol- 2014 in dem Beschluss des G-BA zur Anerkennung der EMDR für die
len im Rahmen der theoretischen Ausbildung alle wissenschaftlich aner- Behandlung von Erwachsenen mit Posttraumatischen Belastungsstörun-
kannten Psychotherapieverfahren und Psychotherapiemethoden gelehrt gen im Rahmen eines umfassenden Behandlungskonzepts eines Richt-
werden. linienverfahrens. Im nächsten Schritt verabschiedeten die Partner der
Bundesmantelverträge eine Regelung der Qualifikationsanforderungen
Der WBP wird gemeinsam von der Bundespsychotherapeutenkammer für die Erbringung der EMDR bei dieser Indikation in den Psychotherapie-
(BPtK) und der Bundesärztekammer (BÄK) getragen. In der aktuellen vier- Vereinbarungen, die zum 15. Januar 2015 in Kraft trat.
ten Amtsperiode des WBP von 2014 bis 2018 ist dessen Geschäftsstelle
bei der BPtK angesiedelt. Als alternierende Vorsitzende hat der WBP in Parallel zum Prüfverfahren beim G-BA stellte die Fachgesellschaft EMD-
dieser Amtsperiode Prof. Dr. Manfred Cierpka und Prof. Dr. Günter Esser RIA Deutschland e. V. im Mai 2013 einen Neuantrag auf wissenschaftli-
gewählt. che Anerkennung von EMDR als Methode zur Behandlung der Posttrau-
matischen Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen. Dieser An-
Am 6. Juli 2006 hat der WBP erstmals ein Gutachten zur wissenschaftli- trag wurde vom WBP entsprechend seines Methodenpapiers 2.8 geprüft
chen Anerkennung der EMDR-Methode (Eye-Movement-Desensitization und mündete in das im Folgenden abgedruckte Gutachten des WBP vom
and Reprocessing) zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungs- 1. Dezember 2014.
störung verabschiedet. Hierin stellte der WBP fest, dass EMDR als
Methode zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Rainer Richter
Erwachsenen aufgrund der vorliegenden empirischen Evidenz als wis- für den Redaktionsbeirat

Bekanntmachung
Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie nach § 11 PsychThG

Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode (Eye-Movement-Desensitization and


Reprocessing) zur Behandlung von Anpassungs- und Belastungsstörungen sowie zur Behandlung der
Post­traumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen:

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie verabschiedete 1. Grundlagen der Begutachtung


in der Sitzung vom 01.12.2014 das folgende Gutachten zur
wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode (Eye- Das Gutachten stützt sich auf folgende Unterlagen:
Movement-Desensitization and Reprocessing) zur Behand-
lung von Anpassungs- und Belastungsstörungen sowie zur a. Ein Gutachtenantrag, der durch die EMDRIA Deutsch­
Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung bei land e. V. (Fachgesellschaft für EMDR in Deutschland) im
Kindern und Jugendlichen: Mai 2013 eingereicht wurde,

30 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bekanntmachung

b. ergänzt durch insgesamt sieben Originalstudien zu EMDR chender interner Validität entsprechend der Kriterien zu II.4.3
bei Kindern und Jugendlichen, die im Antrag als kontrol­ sowie mindestens zwei mit mind. ausreichender externer
liert und randomisiert ausgewiesen wurden, sowie eine Validität entsprechend der Kriterien zu II.4.4 des Methoden­
nichtrandomisierte kontrollierte Originalstudie. Der Antrag papiers) die Wirksamkeit bei Störungen aus diesem Bereich
wurde erweitert durch eine Meta-Analyse zur Wirkung nachgewiesen ist und mindestens eine (entsprechend den
von EMDR bei Kindern und Jugendlichen, die in einer Zeit­ Kriterien zu II.4.3 und II.4.4 des Methodenpapiers) metho­
schrift mit Peer-Review-Verfahren veröffentlicht wurde. disch adäquate und valide Studie eine Katamneseuntersu­
chung einschließt, die den Therapieerfolg auch noch mindes­
c. Mit Hilfe einer systematischen Literaturrecherche wur­
tens sechs Monate nach Therapieende nachweist. Ferner
den Publikationen zum derzeit gesicherten psychothera­
dürfen keine Hinweise auf erhebliche schädliche Effekte der
peutisch-wissenschaftlichen Stand der Erkenntnisse zur
Methode vorliegen (i. d. R. der Fall, wenn mind. 10% der Stu­
Methode EMDR identifiziert. Ziel der systematischen Li­
dien schädliche Effekte nachweist).
teraturrecherche war insbesondere die Identifikation von
randomisierten und nichtrandomisierten kontrollierten Stu­
Hingegen kann der Wirksamkeitsnachweis für ein Störungs-
dien, in denen EMDR bei Kindern und Jugendlichen mit
bild in der Regel dann als gegeben gelten, wenn in mindes-
einer Posttraumatischen Belastungsstörung zur Anwen­
tens zwei unabhängigen methodisch adäquaten und validen
dung kam. Über die von den Antragsstellern eingereich­
Studien (davon mindestens eine mit mind. ausreichender in­
ten Studien hinaus konnten hierdurch anhand von a priori
terner Validität entsprechend der Kriterien zu II.4.3 und min­
definierten Selektionskriterien in zwei Filterprozessen eine
destens eine mit mind. ausreichender externer Validität ent­
weitere randomisiert kontrollierte Studie und eine weitere
sprechend der Kriterien zu II.4.4 des Methodenpapiers) die
nichtrandomisierte kontrollierte Studie zu EMDR bei Kin­
Wirksamkeit bei Störungen aus diesem Bereich nachgewie­
dern und Jugendlichen identifiziert werden.
sen ist und mindestens eine (entsprechend der Kriterien zu
2. Gutachtenauftrag/Fragestellung II.4.3 und II.4.4 des Methodenpapiers) methodisch adäquate
und valide Studie eine Katamneseuntersuchung einschließt,
Gemäß dem Gutachtenantrag wird von der Fachgesellschaft die den Therapieerfolg auch noch mindestens sechs Monate
EMDRIA-Deutschland  e. V. der Antrag gestellt, die EMDR- nach Therapieende nachweist. Ferner dürfen keine Hinwei­
Methode als wissenschaftlich begründete Methode anzu­ se auf erhebliche schädliche Effekte der Methode vorliegen
erkennen. Hinsichtlich der Begrenzung der Anwendung der (i.  d.  R. der Fall, wenn mind. 10 % der Studien schädliche
EMDR-Methode ist der Antrag widersprüchlich: Eingangs (S. Effekte nachweisen).
3) nennen die Antragsteller die „Anwendungsbereiche An­
passungs- und Belastungsstörungen (F43) bei Kindern und Die üblicherweise in einem zweiten Schritt vorgenommene
Jugendlichen im Einzelsetting“. Unter dem Punkt „Indikation“ Prüfung, ob eine Empfehlung zur Zulassung als Verfahren zur
(S. 9) beantragen sie die Anerkennung von EMDR für „die In­ vertieften Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsycho­
dikation einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS, therapeuten entsprechend § 1 Abs. 1 der Ausbildungs- und
ICD-10: F43.1) bei Kindern und Jugendlichen“. Letzteres deckt Prüfungsverordnung für Kinder- und Jugendlichenpsychothe­
sich mit der Formulierung auf dem Titelblatt („Antrag auf wis­ rapeuten ausgesprochen werden kann, entfällt im Falle des
senschaftliche Anerkennung von EMDR als Methode zur Be­ hier begutachteten Antrags, da sich dieser ausschließlich auf
handlung der PTBS bei Kindern und Jugendlichen“). Somit ist die wissenschaftliche Anerkennung für ein Störungsbild bzw.
unklar, ob die Anerkennung für das Störungsbild PTBS (ICD-10: für einen Anwendungsbereich der Psychotherapie bei Kin­
F43.1) oder für den Anwendungsbereich 6 (Anpassungs- und dern und Jugendlichen bezieht.
Belastungsstörungen, F43) beantragt wurde.
3. Definition
Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie nach §  11
PsychThG hat mit Beschluss vom 15.09.2003 festgelegt, Gemäß dem Gutachtenantrag ist EMDR „eine psychothera­
dass er für die Entscheidung, ob ein Verfahren oder eine Me­ peutische Methode, bei der durch bilaterale Stimulation die
thode die Kriterien für eine wissenschaftliche Anerkennung Verarbeitung traumatisch erlebter Erfahrungen ermöglicht
erfüllt, die Wirksamkeitsnachweise für definierte Anwen­ wird. EMDR folgt einem achtphasigen Behandlungskonzept,
dungsbereiche der Psychotherapie bei Erwachsenen bzw. dessen Kernstück ein Prozess ist, bei dem der Patient sich
bei Kindern und Jugendlichen prüft. Hierfür sind je nach Aus­ auf bestimmte Anteile seiner traumatischen Erinnerung kon­
legung des Antrags gemäß dem Methodenpapier 2.8 vom zentriert und gleichzeitig den Fingerbewegungen des Thera­
20.09.2010 des Wissenschaftlichen Beirats unterschiedliche peuten folgend die Augen bewegt.“
Kriterien gültig.
Der Verarbeitungsprozess kann laut Antragsteller auch durch
Der Wirksamkeitsnachweis für einen Anwendungsbereich andere Formen der „bilateralen Stimulation“ wie dem rhyth­
kann danach in der Regel dann als gegeben gelten, wenn in mischen Berühren beider Hände oder der wechselseitigen
mindestens drei unabhängigen, methodisch adäquaten und Beschallung beider Ohren induziert werden. Vertreter der
validen Studien (davon mindestens zwei mit mind. ausrei­ Methode gehen davon aus, dass dadurch ein „meist mit

1/2015 Psychotherapeutenjournal 31
Aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zu EMDR

einer zügigen Entlastung verbundener assoziativer Verarbei­ induktion über die bilaterale Stimulierung – so die Theorie – zu
tungsprozess ausgelöst“ wird, in dem durch spontane Ver­ einer beschleunigten Dekonditionierung kommen. Hypothe­
bindungen von Erinnerungsbruchstücken aus dem trauma­ sen zur Wirksamkeit der EMDR-Methode stützen sich in die­
tisierenden Ereignis mit Elementen aus dem biografischen sem Kontext auf psychophysiologische Befunde zur Orientie­
Gedächtnis („Kontextualisierung“) oder einfaches Verblassen rungsreaktion bei der Konfrontation mit neuen Reizen. Die für
der traumatischen Erinnerung für viele Patienten eine affekti­ die EMDR-Methode spezifische bilaterale Stimulation soll zu
ve Entlastung spürbar wird. einer länger ausgeprägten Orientierungsreaktion verbunden
mit einer parasympathischen Stimulierung führen, wodurch
4. Von den Antragstellern genannte Indikation der aversive Reiz der traumatischen Erinnerung dann an einen
nicht-aggressiven Entspannungsreiz gekoppelt würde. Ein
Die primäre Indikation für die Anwendung der EMDR ist laut drittes Modell geht davon aus, dass durch repetitive parasym­
Gutachtenantrag die Behandlung der Posttraumatischen Be­ pathische Stimulation eine Beschleunigung der Informations­
lastungsstörung (PTBS) sowie die Behandlung von Teilsyn­ verarbeitung erfolgt. Die wiederholten sakkadischen Augen­
dromen der PTBS im Einzelsetting. bewegungen im Zusammenhang mit der EMDR-Behandlung
sollen zu einer Vagusstimulierung führen, die durch einen re­
Als Kontraindikationen gelten laut Gutachtenantrag insbeson­ ziproken Mechanismus einen Verarbeitungsmodus anstößt,
dere „akute Psychosen“. Darüber hinaus werden im Gutach­ der dem REM-Schlaf ähnlich ist.
tenantrag folgende weitere relative Kontraindikationen ge­
nannt: „fehlende soziale Sicherheit, insbesondere anhaltende 6. Diagnostik
Traumaeinwirkung oder anhaltender Täterkontakt; unzurei­
chende Stabilität im körperlichen, sozialen und psychischen Neben einer sorgfältigen allgemeinen Diagnostik, die in der
Bereich; akute körperliche Erkrankungen; akute psychiatri­ Psychotherapie generell üblich ist (biografische Anamnese,
sche Störungen; dekompensierte Angsterkrankung, schwere Sozialanamnese, aktueller psychopathologischer Befund,
Depressionen mit akuter Suizidalität und aktiver Substanz­ allgemeinmedizinisch-neurologische Untersuchung) halten
missbrauch.“ die Antragsteller eine Diagnostik der Art der Traumatisierung
und deren Bewältigung bzw. Konsequenzen, die Diagnostik
5. Theorie von Komorbiditäten sowie eine störungsspezifische Diagnos­
tik für notwendig, die eine reliable und valide Diagnose einer
Die Theorie der EMDR stützt sich laut Gutachtenantrag auf PTBS oder eines Teilsyndroms der PTBS zum Inhalt hat. Als
ätiologische Modelle der Entstehung posttraumatischer Sym­ Hauptgegenstände einer Prozessdiagnostik werden folgende
ptome. Diese gehen davon aus, dass traumatische Ereignisse Aspekte genannt: Sicherheit in körperlicher und sozialer Hin­
mit dem Erleben extremer Hilflosigkeit und Ohnmacht ein­ sicht und Funktionalität des familiären Systems, psychische
hergehen, die daraus resultierende Belastung führt zu einer Stabilität, Stabilität des Arbeitsbündnisses, Ausprägung von
Überforderung der psychischen Bewältigungs- und Verarbei­ Übertragungsmanifestationen (unbeabsichtigtes Wiederho­
tungsmechanismen. Den Antragstellern zufolge dominieren len dysfunktionaler Beziehungsmuster) und Neigung zu inter­
zwei empirisch abgesicherte Modelle, die sich gegenseitig personellem Ausagieren konflikthafter Verhaltensmuster. Als
ergänzen. Das verhaltenstherapeutische Modell der Angst­ besonders bedeutsam für eine EMDR-Behandlung wird die
konditionierung beschreibt eine generalisierte Angstreaktion kontinuierliche Prüfung der Stabilität und äußeren Sicherheit
bei Konfrontation mit Stimuli, die mit dem Trauma assoziiert des Patienten (unter Einbezug der Bezugspersonen) postu­
sind, und ein damit verbundenes Vermeidungsverhalten. Das liert.
zurzeit in der neurobiologischen Forschungsliteratur favori­
sierte Erklärungsmodell geht von einer gestörten Informati­ 7. Wirksamkeitsnachweise bei Kindern und Jugendlichen
onsverarbeitung infolge traumatischer Erlebnisse aus. Hier­
bei erreichen Erinnerungen eine traumatische Qualität, wenn Von den insgesamt identifizierten zehn kontrollierten Studi­
ihre Integration in das semantische Gedächtnis fehlschlägt. en,1 die sich auf den Anwendungsbereich Anpassungs- und
Daraus folgen separat registrierte, sensorische Elemente der Belastungsstörungen (F43) bzw. das Störungsbild PTBS (ICD-
Erfahrung, die unabhängig von dem Kontext, dem sie angehö­ 10: F43.1) bei Kindern und Jugendlichen beziehen, können
ren, aktiviert werden können. zwei nicht als Wirksamkeitsnachweise einbezogen werden,
da keine randomisierte oder parallelisierte Gruppenzuwei­
Modelle zur Wirksamkeit der EMDR-Methode stützen sich sung durchgeführt worden war (Nr. 9 und 10).
auf drei unterschiedliche Konzepte: Zum einen wird vermu­
tet, dass die EMDR-Behandlung zu einer Dekonditionierung Von den acht unabhängigen randomisiert kontrollierten Stu­
wirksamer Auslösereize beiträgt durch wiederholte imaginäre dien können fünf (Nr. 3, 4, 6, 7 und 8) nicht anerkannt wer­
Exposition mit der belastenden Erinnerung, die im Rahmen
der EMDR-Behandlung wiederholt und kontrolliert erfolgt. 1 Eine Übersicht zu den eingereichten und den zusätzlich durch die syste­
matische Literaturrecherche identifizierten Studien zu EMDR bei Kindern
Des Weiteren werden in der Behandlung dysfunktionale Kog­ und Jugendlichen sowie deren Bewertung findet sich auf der Homepage des
nitionen bearbeitet. Zweitens soll es durch die Entspannungs­ WBP (www.wbpsychotherapie.de).

32 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bekanntmachung

den, da entweder keine Effekte nachweisbar waren oder In keiner der geprüften Studien wurden unerwünschte Wir­
andere Einschränkungen der methodischen Studienqualität kungen erfasst. Bei der Literaturrecherche des Wissenschaft­
festzustellen waren (v. a. Patienten ohne festgestellte Anpas­ lichen Beirats wurden jedoch keine Studien identifiziert, die
sungs-/Belastungsstörung mit Krankheitswert, keine adäqua­ unerwünschte Wirkungen der EMDR-Methode nachweisen.
te Diagnosestellung, keine reliable und valide Messung der
Zielkriterien). Die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit Peer-Review-
Verfahren veröffentlichte Meta-Analyse (Nr.  11) zeigte, dass
Die Untersuchung von Scheck, Schaeffer und Gillette (1998, die EMDR-Methode sowohl im Vergleich zu unbehandelten
Nr.  1) kann nicht als Wirksamkeitsnachweis herangezogen Kontrollgruppen und nicht-etablierten Traumabehandlungen
werden, da der Altersbereich der Probanden (16-25 Jahre, M als auch im Vergleich zur kognitiv-behavioralen Traumathera­
= 20,9 Jahre) zu einem größeren Teil  nicht in dem Anwen­ pie (CBT) wirksam ist. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass
dungsbereich der Behandlung von Kindern und Jugendlichen in dieser Meta-Analyse größtenteils Studien mit Stichproben
lag und die Altersgruppen nicht differenziert wurden. ohne (diagnostisch valide) gestellte PTBS-Diagnose eingin­
gen und die Analyse auf lediglich sieben Studien (mit je klei­
Die Studie von Jaberghaderi, Greenwald, Rubin, Zand und nen Stichproben) beruht. Darüber hinaus fiel die Effektstärke
Dolatabadi (2004, Nr.  4) wurde zwar in das Gutachten zur für den Vergleich zu CBT (n  =  2 Studien) gering aus. Keine
EMDR-Behandlung vom 06. Juli 2006 einbezogen, sie erfüllt der in der Meta-Analyse berücksichtigten Studien wurde im
jedoch nicht die Kriterien des Methodenpapiers 2.8, weil kei­ Rahmen dieses Gutachtens anerkannt. Aus diesen Gründen
ne valide Diagnosestellung erfolgte und unklar bleibt, ob bei liefert die Metaanalyse keine zusätzlichen Informationen.
den Probanden eine PTBS mit Krankheitswert vorlag (Kriteri­
en A2 und C1). Daher muss diese Studie für den vorliegenden Damit sind gemäß Methodenpapier 2.8 weder die vom Wis­
Antrag negativ bewertet werden. senschaftlichen Beirat festgelegten Kriterien für die Anerken­
nung von EMDR für das Störungsbild PTBS (ICD-10: F43.1)
Die zwei übrigen randomisiert kontrollierten Studien unter­ noch die Kriterien für die Anerkennung von EMDR für den
suchten die Wirksamkeit von EMDR bei PTBS bei Kindern Anwendungsbereich 6 (Anpassungs- und Belastungsstörun­
und Jugendlichen im Alter von 6-12 (Nr. 2) bzw. 6-16 (Nr. 5) gen, F43) erfüllt.
Jahren im Vergleich zu einer Warte-Kontrollgruppe. Jedoch
können beide nicht als Wirksamkeitsnachweise für EMDR an­ 8. Zusammenfassende Stellungnahme
erkannt werden.
Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie stellt zusam­
Bei der Untersuchung von Ahmad, Larsson und Sundelin- menfassend fest, dass die EMDR-Methode bei Kindern und
Wahlsten (2007, Nr.  5) bestehen Hinweise auf fehlerhafte Jugendlichen als Methode zur Behandlung der Posttrauma­
Analysen (Unstimmigkeiten zwischen Mittelwerten und tischen Belastungsstörung nicht als wissenschaftlich aner­
Standardabweichungen in den Tabellen und den im Text be­ kannt gelten kann.
richteten Ergebnissen der Kovarianz-Analysen hinsichtlich
der primären Zielkriterien). Die vom WBP befragten Autoren Ebenso kann EMDR bei Kindern und Jugendlichen nicht als
sahen sich außer Stande, diese widersprüchlichen Angaben wissenschaftlich anerkannte Methode für den Anwendungs­
aufzuklären. Weiterhin wurde in dieser Studie eine relativ ho­ bereich 6 (Anpassungs- und Belastungsstörungen, F43) gel­
he Anzahl an potenziellen Teilnehmern mit der Begründung ten, da hierfür keine ausreichende Anzahl unabhängiger, me­
ausgeschlossen, dass eine andere Behandlungsform not­ thodisch adäquater und valider Studien vorliegt.
wendig gewesen sei. Hierfür wurden jedoch keine Entschei­
dungskriterien genannt und es wurde keine Vergleichsanaly­ Berlin, den 01.12.2014
se der eingeschlossenen vs. ausgeschlossenen Probanden Prof. Dr. phil. Günter Esser
durchgeführt. (Vorsitzender)
Prof. Dr. med. Manfred Cierpka
Bei der Studie von Chemtob, Nakashima und Carlson (2002, (Stellvertretender Vorsitzender)
Nr.  2) fehlt eine statistische Interaktionsüberprüfung zwi­
Korrespondenzadressen
schen Wartekontrollbedingung und Treatmentbedingung. Ein
Warteeffekt wurde mittels t-Test für zwei sekundäre, nicht Bundespsychotherapeutenkammer
jedoch für das primäre Zielkriterium überprüft (dieses wurde Klosterstraße 64
nicht zu beiden Messzeitpunkten der Wartezeit erhoben). 10179 Berlin
Auch werden keine Rohwerte zur Wartezeit angegeben. In (Geschäftsführung des WBP der vierten Amtsperiode)
die nachfolgenden Varianzanalysen werden beide Untersu­
chungsgruppen als Interventionsgruppen eingeschlossen. Bundesärztekammer
Dieses Vorgehen entspricht nicht der für eine kontrollierte Herbert-Lewin-Platz 1
Studie notwendigen Ergebnisauswertung. 10623 Berlin

1/2015 Psychotherapeutenjournal 33
Autismus-Spektrum-Störungen
Eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand und zum verhaltens­
therapeutischen Behandlungsvorgehen
Inge Kamp-Becker & Kurt Quaschner

Zusammenfassung: Autismus-Spektrum-Störungen gehören zu den neuronalen Entwicklungsstörungen, die durch ein


charakteristisches Muster von sozialen und kommunikativen Defiziten in Kombination mit deutlich stereotypen, repeti-
tiven Verhaltensweisen gekennzeichnet sind. Die Störung besteht von Kindheit an und persistiert bis ins hohe Erwach-
senenalter. Insbesondere in den letzten Jahren sind diese Störungen bekannter und „populärer“ geworden, was sich
einerseits in einem erhöhten Forschungsbemühen und verbesserten diagnostischen Methoden, andererseits auch in
veränderten Prävalenzraten niederschlägt. Trotzdem stellen Diagnostik und Therapie dieses Störungsbildes hohe An-
sprüche an Klinikerinnen und Kliniker,1 da sich hinter dem Begriff „Autismus-Spektrum-Störungen“ eine Vielzahl von
Symptomen verbirgt, deren Abgrenzung zu anderen Störungen im klinischen Alltag häufig schwierig erscheint und
deren Behandlung eine Herausforderung darstellt. Es liegt eindeutige Evidenz dafür vor, dass verhaltenstherapeutische
Ansätze indiziert sind.

I
m ICD-10 zählen Autismus-Spektrum-Störungen (engl. au-
Redaktionelle Vorbemerkung: Autismus und
tism spectrum disorder, ASD) zu den tiefgreifenden Ent­
Psychotherapie
wicklungsstörungen, worunter eine Gruppe von Störun­
Durch die Initiative einer betroffenen Kollegin wurde der Redaktions- gen zusammengefasst wird, die durch drei charakteristische
beirat auf (Asperger-) Autismus bei Erwachsenen als einem interes- Merkmale gekennzeichnet sind: qualitative Beeinträchtigun­
santen Thema für das Psychotherapeutenjournal aufmerksam. Schnell gen in der zwischenmenschlichen Interaktion, qualitative Auf­
standen viele Fragen im Raum: Wie kann diese Störung diagnostiziert fälligkeiten in der Kommunikation und ein eingeschränktes,
werden? Welche ätiologischen Erklärungsansätze gibt es? Welche stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen
Möglichkeiten für Psychotherapie gibt es? Auf diese Fragen gibt es in und Aktivitäten. Zentral für die Diagnose ist, dass diese quali­
der Profession unterschiedliche Antworten. Wir möchten zu dem The- tativen Auffälligkeiten in allen Situationen ein grundlegendes
men Autismus bei Kindern und Jugendlichen und bei Erwachsenen im Funktionsmerkmal der Person darstellen, jedoch im Ausprä­
Psychotherapeutenjournal Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher gungsgrad variieren können. Die Auffälligkeiten bestehen von
wissenschaftlicher und psychotherapeutischer Ansätze zu Wort kom- frühester Kindheit an und manifestieren sich in den ersten
men lassen, um den interessierten Leserinnen und Lesern die Möglich- fünf Lebensjahren. Ein wesentliches Charakteristikum be­
keit zu geben, sich ein Bild machen zu können. steht auch darin, dass sie persistieren und durch therapeu­
tische Interventionen zwar bedeutend gebessert, nicht aber
Wir beginnen in diesem Heft mit einem Beitrag von Inge Kamp-Becker,
geheilt werden können (Fein et al., 2013; Steinhausen, 2013).
die als Hochschullehrerin an der Universität Marburg zu diesem Thema
forscht, und ihrem Kollegen Kurt Quascher. Sie stellen aus ihrer Sicht
Im DSM-5 wird der Begriff der ASD erstmals als eigenstän­
den aktuellen Forschungsstand zu Autismus-Spektrum-Störungen, zur
dige Klassifikation aufgeführt. Damit wird ein dimensionaler
Diagnostik und einer verhaltenstherapeutischen Herangehensweise
Ansatz vertreten, der den frühkindlichen Autismus, das As­
dar.
perger-Syndrom, die desintegrative Störung sowie die „per-
Für das nächste Heft sind zwei weitere Beiträge von einer Kollegin und vasive developmental disorder – not otherwise specified“
einem Kollegen angefragt, die das Thema stärker vor dem Hintergrund (PDD-NOS) unter dem Begriff der ASD subsumiert. Die Ent­
ihrer psychotherapeutischen Praxis bearbeiten werden. Hier wird es scheidung, die verschiedenen Subgruppen unter dem Begriff
vor allem um die psychotherapeutische Arbeit mit Erwachsenen gehen, zusammenzufassen, basierte insbesondere auf Untersuchun­
und diese Erfahrungen werden vor dem Hintergrund anderer thera- gen, die nachweisen, dass eine Unterscheidung zwischen
peutischer Verfahren reflektiert. Weitere Beiträge sollen diese Artikel den Subgruppen weder im klinischen Kontext (Lord & Jones,
ergänzen. 2012; Lord et al., 2012; Lord et al., 2006) noch durch empiri­
sche Untersuchungen valide möglich ist (für eine Übersicht
Hans Schindler
siehe: Kamp-Becker et al., 2010). Die Studien weisen jedoch
für den Redaktionsbeirat
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide
Geschlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch
immer Männer und Frauen gleichermaßen gemeint.

34 Psychotherapeutenjournal 1/2015
I. Kamp-Becker & K. Quaschner

ICD-10 DSM-5

1. Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen A Klinisch relevante, durchgängige Defizite im Bereich der sozialen
(z. B. unangemessene Einschätzung sozialer und emotionaler Signale, Kommunikation und Interaktion. Folgende Auffälligkeiten müssen
Unfähigkeit Blickkontakt, Mimik, Gestik zur Regulation sozialer Interak- vorhanden sein:
tion zu verwenden; Unfähigkeit Beziehungen aufzunehmen) a) Markante Defizite in der nonverbalen und verbalen Kommunikation,
die für die soziale Interaktion relevant sind;
2. Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation (z. B. Verspätung b) Mangel an sozioemotionaler Gegenseitigkeit
oder Fehlen der gesprochenen Sprache; Unfähigkeit zur wechselseiti- c) Unfähigkeit Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und aufrecht
gen Kommunikation; stereotyper Sprachgebrauch; kein Phantasiespiel) zu erhalten in einer für das geistige Alter angemessenen Art und
Weise

3. Begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und B Begrenzte, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten,
Aktivitäten (z. B. stereotype Interessen, zwanghafte Anhänglichkeit an mindestens zwei der nachfolgenden Symptome:
spezifische, nicht funktionale Handlungen; Manierismen, vorherrschen- a) Stereotype motorische oder verbale Verhaltensweisen oder unge-
de Beschäftigung mit Teilobjekten) wöhnliche sensorische Interessen;
b) Exzessives Festhalten an Routinen oder ritualisierte Verhaltenswei-
sen;
c) Restriktive, intensive Interessen

4. Besteht von frühester Kindheit an. C Die Symptome müssen seit frühester Kindheit an bestehen (können
jedoch erst dann deutlich offensichtlich werden, wenn die sozialen
Anforderungen ansteigen).

5. Gestörte Funktionsfähigkeit in den drei psychopathologischen Berei- D Die Symptome müssen zu einer klinisch bedeutsamen Behinderung
chen. in sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen Alltagsbereichen
führen.

Tabelle 1: Diagnostische Kriterien nach ICD-10 und DSM-5 (gekürzt und sinngemäß)

auch darauf hin, dass eine Abgrenzung zu anderen Störun­ von 121 auf 10.000 (Baird et al., 2006) oder sogar von 1 auf 88
gen hingegen kategorial möglich, sinnvoll und notwendig ist Kindern mit einer ASD (Hughes, 2012) ausgehen. Es besteht
(Coghill & Sonuga-Barke, 2012; Frazier et al., 2010; 2012). Die Konsensus darüber, dass der Anstieg der Prävalenz durch die
individuelle Ausprägung wird durch die Angabe von klinisch Ausweitung der diagnostischen Kriterien im Laufe der Jahre,
relevanten Spezifizierungen (z.  B. Schweregrad, verbale Fä­ eine vermehrte Wahrnehmung von Autismus in der Öffent­
higkeiten) sowie assoziierter Merkmale (z. B. bekannte gene­ lichkeit, verbesserte diagnostische Methoden sowie auch
tische Syndrome, Epilepsie, Intelligenzminderung) gekenn­ durch das verbesserte therapeutische Angebot erklärt wer­
zeichnet. In Tabelle 1 werden die diagnostischen Kriterien von den kann (Duchan & Patel, 2012; Matson et al., 2012; Nygren
ICD-10 und DSM-5 überblicksartig zusammengefasst. et al., 2012; Posserud et al., 2010; Steiman et al., 2010; Wil­
liams et al., 2014). Es liegen auch Hinweise dafür vor, dass
Das Störungsbild ASD ist aktuell bekannter und „populärer“ die Diagnose (insbesondere high functioning ASD) in Fami­
geworden (Kamp-Becker, 2013), was sich einerseits in einem lien mit einem höheren sozioökonomischen Status häufiger
erhöhten Forschungsbemühen, verbesserten diagnostischen und früher gestellt wird als in Familien mit einem niedrigeren
Methoden und andererseits auch in veränderten Prävalenzra­ sozioökonomischen Status (Durkin et al., 2010; Fountain et
ten niederschlägt. Damit einhergehend hat sich der Bedarf an al., 2011; Liu et al., 2010; Catherine Lord, 2013; Peacock &
diagnostischen Abklärungen und spezifischen Behandlungen Lin, 2012; Thomas et al., 2012). Ob dies alleine durch bessere
enorm erhöht. Zwar gibt es immer noch Fälle von betroffenen Vorinformationen bzw. Kenntnis der Diagnose, eine bessere
Personen, die zunächst andere Diagnosen („falsch negativ“) Akzeptanz dieser Diagnose oder andere Umweltfaktoren er­
erhalten haben, jedoch weisen aktuelle Zahlen aus speziali­ klärbar ist, bleibt aktuell unklar. Auch die Nähe von therapeuti­
sierten Einrichtungen darauf hin, dass bei 50% bis 70% der schen Angeboten erhöht die Prävalenzraten (Elsabbagh et al.,
vorgestellten Patienten, bei denen der Verdacht auf Vorliegen 2012) ebenso wie die rechtliche Voraussetzung der Diagnose
einer ASD besteht, diese Diagnose nicht bestätigt werden ASD für den Zugang zu therapeutischen/pädagogischen För­
kann (Kamp-Becker et al., 2013; Lehnhardt et al., 2012; Mol­ derungen (z.  B. Fördermaßnahmen in der Schule, Integrati­
loy et al., 2013; Murphy et al., 2011; Strunz et al., 2014). onsmaßnahmen in der Schule oder am Arbeitsplatz) (Gurney
et al., 2003; Mandell & Lecavalier, 2014).

Die Häufigkeit von Autismus-Spektrum- Daneben sind die aktuell diskutierten extrem hohen Präva­
lenzangaben insbesondere auch auf einen enormen Anstieg
Störungen einer Subgruppe, der „pervasive developmental disorder –
Während man 1970 noch von einer Prävalenz von 0,7 auf not otherwise specified“ (PDD-NOS), zurückzuführen (Baird
10.000 ausging, gibt es neuere Studien, die eine Prävalenz et al., 2006; Kim et al., 2011). Die diagnostische Kategorie

1/2015 Psychotherapeutenjournal 35
Autismus-Spektrum-Störungen

Fallbeispiel 1 – Felix
Schwangerschaft und Geburt seien ohne Komplikationen verlaufen. Die schnell aus der Fassung, es sei zu viel, es dauere zu lang – dabei sind
motorische sowie auch die Sauberkeitsentwicklung seien zeitgerecht und die Aufgaben kein Problem für ihn, sobald er mal richtig damit anfängt.
unauffällig verlaufen. Auffällig seien schon im Kleinkindalter eine deutli- Am Wochenende will er nicht aus dem Haus gehen, obwohl er zu Hause
che motorische Unruhe und ein auffälliges Schlafverhalten gewesen. Die wenige Beschäftigungsmöglichkeiten hat. Veränderungen im Zeitablauf
Sprachentwicklung habe deutlich verzögert eingesetzt (erste Worte im oder eine veränderte Wegstrecke beim Autofahren machen ihn aggressiv
dritten Lebensjahr). Felix habe Frühförderung aufgrund der sprachlichen und panisch. Er hat alle Spielsachen in seinem früher überfüllten Zimmer
und motorischen Entwicklungsauffälligkeiten erhalten. Im Kindergarten verbannt, außer einer Playmobil-Eisenbahn, mit der er aber nicht wirklich
habe Felix keine Kontakte zu anderen Kindern aufgenommen. Er habe spielt, und seinem Computer, mit dem er sich beschäftigt. Hauptsächlich
sich aggressiv verhalten, wenn andere Kinder sich ihm genähert hätten. studiert er die Playmobil-Homepage oder spielt „Pushy“ – ein Spiel zur
Er habe Logopädie erhalten und er sei zunächst vom Schulbesuch zurück- Förderung der Wahrnehmung, das auch in der Schule verwendet wird.
gestellt worden. Vor der Einschulung habe er ein Jahr lang einen Son- Hierin ist er fast „Experte“, spielt stereotyp immer die gleichen Spiele.
derschulkindergarten mit Förderschwerpunkt Sprache besucht, auch hier Die Eisenbahn ist aufgebaut und darf keinen Millimeter verschoben wer-
seien deutliche Integrationsprobleme aufgefallen. Es sei ein sonderpäda- den – das merkt er sofort. Im Zimmer darf immer nur eine Person außer
gogisches Gutachten erstellt worden. In diesem heißt es: „Felix‘ Sprache ihm sein, sonst ist es zu voll. Seinen Computer soll möglichst niemand
ist immer noch gekennzeichnet von einer Sprachentwicklungsverzöge- berühren, weil dann alles nach Mama oder Papa riecht. In seinem Zimmer
rung im Sinne einer Dyspraxie, einer partiellen Dyslalie, Dygrammatis- wischt er morgens um 5:45 Uhr Staub, der Vorhang ist fast immer zugezo-
mus und einer Aufmerksamkeitsstörung. Die Kommunikationsfähigkeit gen, andauernd wird gelüftet. Das Bett frisch überzuziehen oder gar Vor-
ist eingeschränkt.“ Es wurde außerdem eine Intelligenzdiagnostik durch- hangwaschen bedarf längerer Vorgespräche. Körperliche Berührungen
geführt (HAWIK-III: Verbal-IQ 78, Handlung-IQ 89, Gesamt-IQ 81). Er sei oder gar Küsse, die früher möglich waren, werden von ihm abgelehnt. Er
dann in eine Sprachheilschule eingeschult worden. In einem Bericht der beklagt sich oft, dass wir so komisch riechen (Seife, Creme, Shampoo,
Schule werden folgende Stärken und Schwächen von Felix beschrieben: ...). Er hat Panik, wenn Fliegen, Mücken im Haus sind – im Sommer nahm
„Seine Stärken sind seine gute visuelle Wahrnehmung, sein Gedächt- das Thema „Fliegen“ viel Raum ein, besonders, wenn Fremde bei uns im
nis, das Zahlenverständnis und Rechenfertigkeit, seine Ehrlichkeit, er Haus sind und natürlich ungeniert zur Tür rein- und rausgehen. Er spricht
ist begabt und originell im Basteln, Malen und Zeichnen. Er übernimmt viel und wiederholt sich ständig, spricht meist viel zu laut, die Sprach-
Pflichten und Dienste, hält sich sehr genau an Regeln. Seine Schwächen melodie und Betonung sind seltsam, er stellt immer wieder die gleichen
sind seine auditive Wahrnehmung, sein Leseverständnis, der mündliche Fragen, deren Antwort er bereits kennt. Er wiederholt mechanisch Sätze
und schriftliche Ausdruck, Schönschreiben, motorische Unruhe, er sucht und Erzählungen, die nicht zu stoppen sind. Er gibt nicht immer Antwort
keinen Kontakt zu Gleichaltrigen, große Probleme hat er mit taktilen, ol- – ein richtiges Gespräch kommt nicht in Gang. Bei den von ihm favori-
faktorischen Reizen, es fällt ihm sehr schwer, Wesentliches von Details sierten Themen, über die er sich ständig wiederholend spricht, braucht
zu trennen, Felix mag alles nicht, was andere Kinder mögen (Veranstal- er nur einen Zuhörer, keinen Gesprächspartner. Trotz seiner großen Zu-
tungen, Kino, Schwimmen, Radfahren, Ausflüge, Zoobesuche, Karneval, rückgezogenheit spricht Felix, wenn er mal draußen ist, vorbeigehende
Pausen).“ Bei der Vorstellung in der spezialisierten Klinik für Kinder- und fremde Leute in unangemessener Distanzlosigkeit an und erzählt von
Jugendpsychiatrie im Alter von acht Jahren berichtet die Mutter: „Felix seinen Lieblingsthemen.“
wacht jeden Morgen um vier Uhr auf, geht abends um 19 Uhr schlafen
Zunächst wurde die deutlich vorhandene Aufmerksamkeitsstörung me-
und besteht darauf, dass das so bleibt. Er möchte morgens früh aufste-
dikamentös behandelt. Dies zeigte einen mäßigen Erfolg hinsichtlich der
hen, um endlich einmal Zeit zu haben. Er ist abends nicht wachzuhalten
motorischen Unruhe und Aufmerksamkeitsstörung. Im weiteren Verlauf
oder mit Unternehmungen vom Bett fernzuhalten. Er weckt morgens mit
wurde die Diagnose High-functioning Autismus (F84.0 nach ICD-10) so-
seinen Verrichtungen und seinem Lautieren alle auf. Er will alleine früh-
wie eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0) ge-
stücken und genug Zeit haben vor der Schule. Er gerät dauernd in Not,
stellt und eine intensive verhaltenstherapeutische Behandlung eingelei-
nicht genug Zeit für alles zu haben, ist aber immer zu früh dran und hat
tet. Unter diesen Maßnahmen gelang es Felix, einen Schulabschluss zu
eigentlich nichts zu tun und nie etwas vor. Er gerät bei Hausaufgaben
absolvieren und er besucht nun eine berufsvorbereitende Maßnahme.

der PDD-NOS stellte im DSM-IV eine Subgruppe dar, deren die differentialdiagnostische Abgrenzung zu anderen Störun­
Kriterien sehr ungenau definiert waren (American Psychiat­ gen und damit die Spezifität der Diagnose deutlich erhöht,
ric Association, 1994). Die Mindestanzahl an Symptomen, wie auch erste Untersuchungen belegen (Frazier et al., 2012;
die gezeigt werden sollten, wurde nicht benannt. Die Inter- McPartland et al., 2012). Eine neuere Metaanalyse (Kulage et
Rater-Reliabilität bezüglich der Diagnose PDD-NOS ist äu­ al., 2014) weist eindeutig nach, dass die Prävalenzraten nach
ßert gering (Mandy et al., 2011) und die Diagnose weist eine DSM-5 deutlich reduziert werden. Der deutlichste Rückgang
sehr geringe Spezifität (Luteijn et al., 2000; Volkmar et al., ist für die im DSM-IV beschriebene Subgruppe der PDD-NOS
2000; Walker et al., 2004) sowie auch eine geringe Stabilität zu verzeichnen.
über die Zeit auf (van Daalen et al., 2009). Im DSM-5 wer­
den die Kriterien genauer definiert, als dies im DSM-IV für Zusammenfassend kann in Bezug auf die Prävalenz von ASD
die Subgruppe PDD-NOS der Fall war. Durch diese neuen gesagt werden, dass die aktuell kursierenden Zahlen durch­
Kriterien wird die Stabilität der Diagnose ASD über die Zeit, aus kritisch zu sehen sind und konservative Schätzungen,

36 Psychotherapeutenjournal 1/2015
I. Kamp-Becker & K. Quaschner

die die oben genannten Faktoren berücksichtigen, von einer


Prävalenz von 50 bis 70 auf 10.000 ausgehen, wobei das As­
perger-Syndrom definitiv seltener ist als andere Subgruppen
(Elsabbagh et al., 2012; Fisch, 2013; Wan et al., 2013). Eines
der bemerkenswerten Merkmale von ASD ist das Verhältnis
von männlichen zu weiblichen Betroffenen, welches im Mittel
bei 4-5 : 1 liegt. Bei autistischen Störungen ohne deutliche
kognitive Beeinträchtigung, insbesondere dem Asperger-
Syndrom, beträgt das Verhältnis sogar 10 : 1. Entgegen weit
verbreiteter Annahmen weist die Mehrzahl der Betroffenen
(62% bis 83%) eine unterdurchschnittliche Intelligenz (IQ <
85) auf, ca. 45% eine intellektuelle Behinderung und nur eine
sehr kleine Minderheit (3%) verfügt über überdurchschnittli­
che kognitive Fähigkeiten (IQ > 115) (Charman et al., 2011; Lai
et al., 2014).
Abbildung 1: Relevante Differentialdiagnosen von Autismus-
Spektrum-Störungen

Diagnostik von Autismus-Spektrum- zend sind eine Entwicklungs-, Intelligenz- und neuropsycholo­
gische Diagnostik notwendig. Insbesondere bei Kindern mit
Störungen Intelligenzminderung, motorischen Auffälligkeiten und/oder
Den ASD ist zwar eine grundlegende Beeinträchtigung in sonstigen Hinweisen auf eine organische Beeinträchtigung
den genannten Bereichen gemeinsam, jedoch stellen sie sind körperliche, humangenetische und apparative Untersu­
ein heterogenes Störungsbild dar und sind von einer hohen chungen (z. B. EEG) sinnvoll (Kamp-Becker et al., 2010). Bei
Variabilität hinsichtlich des Grades der Beeinträchtigung der bis zu 70% bis 80% der Betroffenen liegt mindestens eine
kognitiven, verbalen, motorischen, sozialen sowie adaptiven weitere psychiatrische Störung vor (Gjevik et al., 2011; Lugne­
Fähigkeiten gekennzeichnet (Georgiades et al., 2013; Kjell­ gard et al., 2011; Mattila et al., 2010; for review: Mazzone et
mer et al., 2012). Das Spektrum reicht von schwerwiegenden al., 2012; Mukaddes et al., 2010; Simonoff et al., 2008), die
ASD mit geistiger Behinderung und fehlendem Sprachvermö­ den weiteren Entwicklungsverlauf und das Funktionsniveau
gen (sogenannter „low functioning“-ASD) bis zu ASD ohne erheblich beeinflusst. Im Kindes- und Jugendalter sind dies
Intelligenzminderung und guten Sprachfertigkeiten („high neben der Intelligenzminderung häufig Aufmerksamkeitsstö­
functioning“ – ASD). Es stehen verschiedene Screening- rungen, emotionale und Angststörungen, im Erwachsenenal­
Verfahren zur Verfügung: beispielsweise der M-CHAT (über ter Depressionen und Angststörungen. Diese müssen eben­
Internet verfügbar); Fragebogen zur sozialen Kommunikation falls diagnostisch untersucht und eingeschätzt werden. Die
(Bölte & Poustka, 2006); Marburger Beurteilungsskala zum komorbiden Störungen erschweren aber auch die differenzi­
Asperger-Syndrom (Remschmidt & Kamp-Becker, 2006). aldiagnostische Abgrenzung zu anderen Störungen. Differen­
Diese können jedoch lediglich dazu dienen, die Indikation zialdiagnostisch ist eine Reihe von Störungen in Betracht zu
für eine ausführliche diagnostische Abklärung zu beurteilen. ziehen, die ebenfalls mit Auffälligkeiten im Bereich der sozia­
Der ebenfalls im Internet verfügbare „Autismus-Quotient“ len Interaktion, Kommunikation oder repetitiven, stereotypen
(AQ) ist zum Screening ungeeignet, da die Gefahr von falsch Verhaltensweisen assoziiert sind. In Abbildung 1 sind relevan­
positiven Ergebnissen sehr hoch ist (Lehnhardt et al., 2013). te Differenzialdiagnosen und deren Überschneidung mit ASD
Um die Diagnose einer ASD zu stellen, ist eine umfassen­ abgebildet.
de (kinder- und jugend)psychiatrische Abklärung notwendig,
die eine ausführliche autismusspezifische Anamnese, eine Eine diagnostische Einschätzung muss daher einerseits die
Verhaltensbeobachtung, Intelligenzdiagnostik, körperlich- Kernsymptome von ASD erfassen, aber auch deren differenzi­
neurologische Untersuchung und neuropsychologische Un­ aldiagnostische Abgrenzung zu anderen Störungen beachten.
tersuchung umfasst. Eine multidisziplinäre Diagnostik unter In vielen Fällen ist es daher erforderlich, dass z. B. eine ausge­
Einschluss der Befunde aus (Neuro-)Pädiatrie, Pädaudiologie, prägte Hyperaktivität, Impulsivität und mangelnde Konzentra­
Kindergarten, Schule, ggf. Logopädie und Ergotherapie, Früh­ tionsfähigkeit, oppositionelles Verhalten, Angstsymptomatik
förderung, früherer diagnostischer Untersuchungen/Befunde oder andere Störungen zunächst behandelt werden, bevor
ist hierzu notwendig. Für die anamnestische Befragung sowie diagnostisch eingeschätzt werden kann, ob diese komorbid
die Verhaltensbeobachtung stehen standardisierte Verfahren zur ASD vorliegen oder ob die „autistischen Symptome“ im
zur Verfügung (Bölte et al., 2006; Rühl et al., 2004), die jedoch Rahmen einer anderen Störung bestehen. So liegt beispiels­
eine Schulung sowie kinder- und jugendpsychiatrische Aus­ weise ein reduzierter Blickkontakt, Mimik und Gestik auch bei
bildung erfordern. Dabei handelt es sich um gut untersuchte vielen anderen Störungen vor (Schizophrenie, Depression,
und valide Verfahren, deren Objektivität und Spezifität jedoch Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung/ADHS). Auf­
nicht uneingeschränkt zufriedenstellend ist (de Bildt et al., fälligkeiten in der gegenseitigen sozialen Interaktionsfähigkeit
2009; Kamp-Becker et al., 2013; Molloy et al., 2013). Ergän­ kommen bei den allermeisten (kinder- und jugend)psychiatri­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 37
Autismus-Spektrum-Störungen

Fallbeispiel 2 – Konrad
Konrad wurde per Vakuumextraktion bei drohender Hypoxie geboren, Sohnes folgendermaßen: „Konrad ist heute noch extrem unselbstständig
da eine Nabelschnurumschlingung vorgelegen habe. Postpartal hätten (Essen und Trinken, Kleidung, Hygiene, Planung von Arbeiten und Termi-
keine weiteren Komplikationen vorgelegen. Die statomotorische Ent- nen). Sein Zeitgefühl ist kaum entwickelt. Im Denken ist er oft langsam
wicklung sei mäßig verzögert gewesen (freies Laufen mit 15 Monaten, und begriffsstutzig und sehr naiv. Seine Interessen sind ganz eng umris-
Dreiradfahren erst mit vier Jahren, erste Ballspiele mit ca. sechs Jahren). sen: Circa seit seinem zweiten Lebensjahr interessiert er sich für Rohre,
Die Sprachentwicklung habe relativ früh eingesetzt, auffällig sei eine ge- Gulli-Deckel, für alles, durch das Wasser fließt. Er sammelte Dichtungen
wählte, gestelzte Sprache gewesen, die nicht kindgerecht gewirkt habe. und kannte im Alter von vier Jahren alle Fachausdrücke für diese. Von
Sein Sprachverständnis sei sehr konkretistisch gewesen, Redewendun- seinem ersten Taschengeld hat er sich ein altes Waschbecken gekauft.
gen, Ironie könne er bis heute nicht richtig verstehen. Die Sauberkeits- Als Gute-Nacht-Lektüre diente ihm ein Katalog von Heizungsbauern. Er
entwicklung sei erst mit sechs Jahren tagsüber und mit 13 Jahren nachts hat zu dieser Zeit auch immer ein Rohr bei sich gehabt und ist mit diesem
gelungen. Mit zwei Jahren erfolgte der Besuch der Kinderkrippe, hier abends eingeschlafen. Er konnte sich stundenlang damit beschäftigen,
habe Konrad keinen Spielkontakt zu anderen Kindern aufgenommen, mit Wasser durch Rohre laufen zu lassen. Dann hat er seine Interessen in
drei Jahren sei der Versuch, ihn in den Kindergarten einzugliedern, ab- den Bereich Chemie verlagert und sein Wissen immer mehr erweitert. Zu
gebrochen worden. Nach einem weiteren Eingewöhnungsversuch habe interessieren ist er für nichts anderes, den anderen Schulstoff müssen
Konrad den Kindergarten regelmäßig besucht. Er sei jedoch während der wir ihm meist mühsam „eintrichtern“, da er kaum Eigeninitiative hierfür
gesamten Zeit ein Außenseiter gewesen, der sich mehr für den Sani- entwickelt – weder im Unterricht noch bei den Hausaufgaben. Er hat
tärbereich des Kindergartens interessiert habe als für das Spielen mit Probleme damit, den Inhalt von gelesenen Texten zu verstehen und er
anderen Kindern. Er sei im Rahmen der Frühförderung untersucht worden liest nur unter Zwang, wenn die Themen nicht sein Interesse streifen. Im
und habe hierbei ein durchschnittliches Ergebnis hinsichtlich der kogniti- Umgang mit Gleichaltrigen ist er sehr unbeholfen; Freundschaften hat er
ven Begabung gezeigt (K-ABC: Gesamt-IQ 92, Fertigkeitenskala 115). Im keine, er akzeptiert nur Kinder als „Freunde“, wenn sie seine Interessen
Frostig Entwicklungstest habe er ein Ergebnis im unteren Durchschnitts- teilen und auf seine Vorstellungen eingehen. Seine Freizeitgestaltung ist
bereich erreicht. Der Kinderarzt beschreibt ihn bei der U8 als motorisch sehr einseitig: Er beschäftigt sich mit seinen Themen, wenn er jemanden
ungeschickt und ängstlich, außerdem werden Finger-Manierismen beob- findet, der ihm zuhört, ist er zufrieden, wenn nicht, dann ist das auch in
achtet. Mit sechs Jahren erfolgte die Einschulung in die Regelgrundschu- Ordnung. Hat er nichts zu tun, verfällt er in weitgehend sinnlose Stereo-
le. In den Zeugnissen der ersten beiden Jahre wird Konrad als ruhiger typien (Kataloge ordnen und umordnen, Listen erstellen von chemischen
und verträumter Schüler beschrieben, der meist passiv dem Unterrichts- Stoffen etc.).“
geschehen folge. Er wird als „Eigenbrötler“ bezeichnet, der wenig Kon-
In der Intelligenzdiagnostik zeigt er ein sehr disharmonisches Profil
takt suche. Nach der Grundschule erfolgt der Wechsel auf eine private
(HAWIK-III-Gesamt-Wert 123, Verbal-IQ 146, Handlungs-IQ 89). Mittels
Schule, um ihm eine kleine Klassengröße zu ermöglichen. Hier kommt es
einer ausführlichen, standardisierten Diagnostik und nach Behandlung
zu massiven Problemen: Konrad zeigt kein Interesse an den schulischen
der vorliegenden Angstsymptomatik wurde im Verlauf die Diagnose As-
Aufgaben, widmet sich intensiv seinen eigenen Interessen. Es kommt
perger-Syndrom gestellt und eine verhaltenstherapeutische Behandlung
zu massiven Problemen im Kontakt mit anderen Kindern, Konrad wird
eingeleitet. Aktuell konnte Konrad seine intensiven Interessen und sein
gehänselt, aufgrund seiner „Naivität“ eigne er sich hierzu besonders.
Wissen nutzen und hat ein Chemie-Studium begonnen. Allerdings entwi-
Er zeige multiple Ängste vor Dunkelheit, U-Bahnen und Aufzügen. Mit
ckelte er im Laufe der Adoleszenz zunehmend depressive Symptome, die
elf Jahren wird Konrad in einer spezialisierten Klinik für Kinder- und Ju-
zwischenzeitlich eine stationäre Behandlung notwendig machten.
gendpsychiatrie vorgestellt. Die Eltern beschreiben die Probleme ihres

schen Störungsbildern (im Verlauf) vor und sind daher nicht teren Störungsbildern (Hoertnagl & Hofer, 2014; Korkmaz,
spezifisch für ASD. Zwischen ASD und ADHS gibt es viele 2011). Auch das Vorliegen von Sonderinteressen ist nicht spe­
Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede hinsichtlich des zifisch für ASD, sondern kommt auch bei gesunden Personen
genetischen Hintergrundes, der sozialen Kognitionen, der Fä­ oder Personen mit anderen Störungsbildern vor, ebenso wie
higkeit zur sozialen Interaktion und der neuronalen Korrelate sensorische Auffälligkeiten. Repetitive, stereotype Verhal­
(Banaschewski et al., 2011). Defizite in der Fähigkeit, Emotio­ tensweisen sind bei Menschen mit kognitiver Beeinträchti­
nen zu erkennen und richtig zu interpretieren, liegen ebenfalls gung häufig vorzufinden. Bemerkenswert ist auch das Ergeb­
bei vielen psychiatrischen Störungsbildern vor, beispielswei­ nis einer neueren Studie, die eine erhebliche Überlappung in
se bei ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen, der Symptomatik von erwachsenen Menschen mit Asperger-
Lese- und Rechtschreibstörungen, Sprachentwicklungsstö­ Syndrom und Persönlichkeitsstörungen fand (Lugnegard et
rungen und bei einer sozialen Phobie (Collin et al., 2013). De­ al., 2012), die eine Unterscheidung der beiden Störungsbil­
fizite in der Empathiefähigkeit und in der Fähigkeit zur Theory der im Erwachsenenalter fraglich macht, insbesondere dann,
of Mind (Fähigkeit die Absichten, Gedanken, Emotionen bei wenn nicht genügend fremdanamnestische Angaben über
anderen zu erkennen und richtig einzuschätzen) sind ebenfalls die Kindheit vorliegen. Wichtigstes Instrument ist daher die
bei vielen Störungsbildern vorzufinden: bei Sprachstörungen, frühkindliche Anamnese sowie fremdanamnestische Anga­
ADHS, Schizophrenie, neurologischen Störungen, Störungen ben, die zum Beispiel durch Berichte aus Kindergarten, Schu­
des Sozialverhaltens, Persönlichkeitsstörungen sowie wei­ le oder anderen diagnostischen Untersuchungen vorliegen

38 Psychotherapeutenjournal 1/2015
I. Kamp-Becker & K. Quaschner

milienstudien, chromosomale

¨ ¨ ¨
1. Verdacht 2. Screening 3. Umfassende und spezialiserte
Aberrationen sowie molekular­
Diagnostik
genetische Befunde sprechen
„„ Eltern „„ Beobachtung „„ Eigen-, Fremd- und Familienana- (Geschwind, 2011). Trotz der
mnese hohen Heritabilitätsschätzun­
„„ Familienmitglieder „„ Checklisten
„ „ Standardisierte Diagnostikverfah- gen (70% bis 90  %) konnten
„„ Person selbst „„ Fragebögen
ren (ADOS, ADI-R) bislang jedoch keine geneti­
„„ Erzieher/Padagogen „„ Home-Videos
„ „ Entwicklungs-/Intelligenzdiag- schen Variationen identifiziert
„„ Kinder-/Hausarzt Keine Diagnose möglich anhand von
nostik werden, die die Mehrzahl der
„„ Andere Fachleute Screening-Verfahren!
„„ Neuropsychologische Untersu- ASD-Fälle erklärt. Bezüglich
chung struktureller Besonderheiten
„„ Körperliche, humangenetische & der Gehirne von Menschen
apparative Untersuchungen mit ASD konnte eine reduzierte
„„ Abklärung Komorbiditäten Dichte der grauen und weißen
Substanz in einigen Regionen

¨ ¨
4. Differentialdiagnostik 5. Mutiaxiale Diagnostik 6. Behandlungsindikation gefunden werden (Anagnos­
tou & Taylor, 2011; Stigler et
al., 2011). Bildgebende Studi­
„„ Intensive Abklärung, ob die „„ Psychiatrische Störung „„ Aufklärung, Beratung und Psycho-
Symptomatik im Rahmen einer edukation en konnten eine Hypoaktivie­
„„ Entwicklungsstörung
anderen psychiatrischen Störung rung während der Bearbeitung
„„ Intelligenzniveau „„ Frühförderung
erklärbar ist: von sozialrelevanten Aufgaben
„„ Körperliche Symptomatik „„ Verhaltenstherapie
„„ ADHS, Angststörungen, soziale nachweisen. Außerdem gibt es
Phobie, emotionale Störungen, In- „„ Assoziierte abnorme psychosoziale „„
Pädagogische Förderung
Hinweise auf eine abweichen­
telligenzminderung, Sprachstörun- Umstände „„ Krisenintervention de fronto-striatale Aktivierung
gen, Störung des Sozialverhaltens, „„ Beurteilung des psychosozialen „„ Medikation
Perönlichkeitsstörungen, Zwangs-
während der Bearbeitungen
Funktionsniveaus unter Einbezug des gesamten Umfeldes
störungen, Ticstörungen … von Aufgaben mit kognitiver
des Betroffenen
Kontrolle, die relevant für ste­
reotypes, repetitives Verhal­
Abbildung 2: Sechs Schritte in der Diagnostik und Differentialdiagnostik von Autismus-Spektrum- ten und Interessen sind. Auch
Störungen (ADOS = Autism Diagnostic Observation Schedule; ADI-R = Autism Diagnostic Interview
fanden sich Unterschiede in
– Revised). Abbildung modifiziert nach Remschmidt & Kamp-Becker (2006).
der Lateralisierung und Akti­
und eine klinisch relevante Beeinträchtigung in den für ASD vierung von Sprachprozessen
relevanten Bereichen bereits seit der Kindheit belegen. und Sprachproduktion bei kommunikativen Aufgaben sowie
abnorme mesolimbische Reaktionen in Bezug auf soziale
Zusammenfassend ist zur Diagnostik von ASD zu sagen, dass und nonsoziale Belohnungen. Zurzeit wird ein Modell unzu­
es sich um genetisch bedingte, neurobiologisch verankerte reichender neuronaler Vernetzung diverser cerebraler Areale
Entwicklungsstörungen handelt, für die bis heute jedoch kein von vielen Forschern diskutiert (Dichter, 2012). Eine aufga­
biologischer/genetischer Marker vorliegt, welcher ein valides, benbezogene Hypokonnektivität für weit auseinanderliegen­
objektives und reliables Ergebnis erbringen könnte. Zwar de und eine Hyperkonnektivität für nah beieinanderliegende
sind die diagnostischen Kriterien in den aktuell vorliegenden Hirnareale wurde gefunden sowie eine reduzierte anteriore-
Klassifikationssystemen definiert, jedoch kommen die darin posteriore funktionelle Konnektivität während sogenannter
beschriebenen Verhaltensweisen und Beeinträchtigungen in „Resting-State“- Untersuchungen (Lai et al., 2014). Aufgrund
vielfältigen Ausformungen vor. Die diagnostische Einschät­ dieses ätiologischen Hintergrundes ergibt sich, dass die Be­
zung sollte in einer spezialisierten (kinder- und jugend)psych­ handlung von ASD unterstützender und symptomatischer Art
iatrischen Einrichtung erfolgen, die über vielfältige Erfahrung ist und die jeweilige Altersstufe, den Entwicklungsstand und
bezüglich des gesamten Spektrums von ASD verfügt. In Ab­ die individuellen Gegebenheiten des Einzelfalls berücksichti­
bildung 2 sind die diagnostischen Schritte zusammenfassend gen muss. Als Leitlinien für die Therapie lassen sich folgende
dargestellt. Prinzipien formulieren, die sich in vielen Studien als bedeut­
sam erwiesen haben (Kamp-Becker & Bölte, 2011; Kamp-
Becker et al., 2010; Poustka et al., 2012):
Ätiologischer Hintergrund und
Folgerungen für die Therapie von ASD „„ Indiziert sind stärker verhaltensorientierte, direkte und
strukturierte Behandlungsmethoden. Insgesamt gibt es
Zwar ist die Ätiologie der ASD noch nicht hinreichend geklärt, eindeutige Evidenz dafür, dass verhaltenstherapeutische
jedoch ist unstrittig, dass genetische und hirnorganische Fak­ Ansätze indiziert sind (Lai et al., 2014; Maglione et al.,
toren ausschlaggebend sind. Ein beträchtlicher Einfluss ge­ 2012; Tonge et al., 2014; Weinmann et al., 2009; Weitlauf
netischer Faktoren ist unbestritten, wofür Zwillings- und Fa­ et al., 2014). Dies wird auch in allen internationalen Leitlini­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 39
Autismus-Spektrum-Störungen

en entsprechend empfohlen (z. B. NICE Clinical Guidelines „„ Motivationsförderung,


for Children, Adults). Die derzeit vorliegenden Metaanaly­
sen weisen nach, dass mittels intensiver, früh beginnen­
„„ Diskriminationstraining bzgl. der Unterscheidung zwischen
wichtigen und unwichtigen Dingen, insbesondere in sozia­
der, verhaltenstherapeutischer Interventionen Fortschritte
len Zusammenhängen,
sowohl hinsichtlich der kognitiven, sprachlichen als auch
sozialen Entwicklung erreicht werden können. „„ Training sozialer und kommunikativer Fähigkeiten,
„„ Die Umgebung von Kindern mit der Diagnose ASD sollte „„ Emotionsregulation, z. B. Angstbewältigung,
gut strukturiert und organisiert sein (Virues-Ortega et al.,
2013). „„ generelle sowie spezifische (bzgl. besonderer, individuell
kritischer Situationen) Problemlöse-Strategien im Sinne
„„ Jede Behandlung muss vom individuellen Entwicklungs­ von Coping-Strategien,
profil des Kindes ausgehen und gezielt einzelne Bereiche
in die Behandlung einbeziehen. „„ Selbstmanagement, Self-Monitoring, Training der Selbst-
Kontrolle,
„„ Alle therapeutischen Vorgehensweisen sollten in ein Ge­
samtkonzept eingeordnet werden, welches an einem über­ „„ Generalisierungsfähigkeit,
geordneten Therapieziel ausgerichtet ist. Als übergeord­ „„ Förderung der lebenspraktischen Fähigkeiten (z. B. persön­
netes Therapieziel ist in vielen Fällen eine größtmögliche liche Hygiene, hauswirtschaftliche Fähigkeiten, Verhalten
Selbstständigkeit und Autonomie im Alltag zu nennen. im Straßenverkehr, Umgang mit dem Telefon und Geld
usw.).
„„ Individuell und in Absprache mit allen Beteiligten sollten
konkrete Therapieziele besprochen und festgelegt wer­ Bei den Interventionen können sämtliche operante Techniken
den. Die einzelnen Therapieziele sollten in einer Hierarchie vom operanten Konditionieren, unter Nutzung von Verstär­
angeordnet werden und dann in kleine Schritte und Zwi­ kern, über Prompting, Shaping und Fading bis zu Imitation
schenziele gegliedert werden. Hoch strukturierte Abläufe und Modelllernen zum Einsatz kommen. Schwierigkeiten er­
mit vielen Wiederholungen in verschiedenen situativen geben sich meist durch das nur geringe Bedürfnis nach sozi­
Kontexten sind häufig notwendig. alen Verstärkern (z. B. Lob, Freude und Stolz der Bezugsper­
sonen). Daher werden besonders bei Kindern und zu Beginn
„„ Die Grenzen des Erreichbaren bzw. Möglichen sollten
der Psychotherapie materielle, primäre Verstärker eingesetzt,
thematisiert werden. Diese konstituieren sich durch die
die jedoch im Laufe der Zeit von sozialen oder Handlungsver­
vorhandenen sprachlichen und kognitiven Einschränkun­
stärkern abgelöst werden sollten. Wichtig ist dabei, dass das
gen, begrenzte Aufmerksamkeitskapazitäten, begrenzte
Kind oder der Jugendliche die Belohnung auch tatsächlich als
Flexibilität sowie Abstraktions- und Generalisierungsfähig­
solche erlebt. Dies bedeutet, dass z. B. auch stereotype Inte­
keit (Anderson et al., 2014; Howlin et al., 2009; Howlin &
ressen oder Verhaltensweisen (etwa das Drehen eines Krei­
Moss, 2012).
sels; besonderes Interesse an Fahrplänen, Daten usw.) oder
„„ Entwicklungsaufgaben und -herausforderungen sind zu begehrte Objekte (z.  B. Murmeln, Fahrpläne, Wetterkarten)
berücksichtigen. So sind in der Adoleszenz z. B. besondere als Verstärker eingesetzt werden sollten. Diese Verstärker
entwicklungstypische Problemkreise zu berücksichtigen. werden zu Beginn zeitlich unmittelbar nach dem Auftreten
Hier spielen Stimmungsschwankungen, aggressive Ver­ des gewünschten Verhaltens und kontinuierlich eingesetzt.
haltensweisen, sexuelle Impulse, manchmal auch selbst­ Im Verlauf dann zeitlich verzögerter und intermittierend. Auch
verletzendes Verhalten, Epilepsien oder auch akute Krisen Verstärkerverträge und Verstärkersysteme können bei Kin­
eine wichtige Rolle. dern/Jugendlichen mit Autismus zur Anwendung kommen
und sind bei diesen häufig sehr beliebt, da sie ihrem Wunsch
Das Vorgehen der Verhaltenstherapie bei ASD ist nicht grund­ nach „zählbaren“ Ergebnissen und Struktur entgegenkom­
sätzlich anders als bei anderen Störungsbildern. Nach aus­ men.
führlicher Verhaltens- und Problemanalyse wird ein individuell
angepasster Interventionsplan entworfen, der sowohl den Die Generalisierung des gelernten Verhaltens muss explizit
Betroffenen selbst, Eltern, Geschwister als auch das weitere geübt, trainiert und begleitet werden. Dies macht es zum
Umfeld einbezieht (Oono et al., 2013). Bei dem Betroffenen einen notwendig, das Gelernte oft zu wiederholen, zum an­
selbst stehen meist Interventionen zum Abbau von uner­ deren, das Verhalten in vielen verschiedenen, auch weniger
wünschtem und Aufbau von erwünschtem Verhalten im Vor­ strukturierten Situationen zu üben und zu verstärken. Die
dergrund. Des Weiteren steht das Erfassen, Trainieren und Reihenfolge dieser Lernschritte muss genau geplant werden,
Umstrukturieren von Kognitionen, die Integration von Kogni­ damit der Übergang von gut strukturierten Situationen zu un­
tionen und Emotionen im Mittelpunkt. Der Fokus dabei liegt strukturierten Situationen in verschiedenen Kontexten (z.  B.
auf dem Erlernen folgender Fertigkeiten: Therapieraum, Zuhause, Schule) sinnvoll gestaltet werden
kann. Auch um die Generalisierungseffekte weiter auszubau­
„„ Aufbau von neuen Verhaltensweisen und Abbau von uner­ en, sind die Eltern, Erzieher, Lehrer, Schulbegleiter eng in die
wünschtem Verhalten, Psychotherapie mit einzubeziehen.

40 Psychotherapeutenjournal 1/2015
I. Kamp-Becker & K. Quaschner

Ebenso relevant sind die Methoden der kognitiven Verhal­ lität der Betroffenen sowie der Familienangehörigen durch
tenstherapie insbesondere bei Personen mit hochfunktiona­ verhaltenstherapeutische Interventionen deutlich verbessert
len ASD (beispielsweise systematische Desensibilisierung, werden.
kognitives Umstrukturieren, Training sozialer Kompetenzen
usw.). Bei Jugendlichen und erwachsenen Personen mit ASD Literatur
ist ein Training sozial-kommuniaktiver Fertigkeiten indiziert Die Literaturangaben zu diesem Artikel finden Sie auf der Internetseite der
und von den Betroffenen auch gewünscht (Gawronski et al., Zeitschrift unter www.psychotherapeutenjournal.de.

2011). Hierzu liegen manualisierte Programme vor (Gawron­


ski et al., 2012; Herbrecht & Poustka, 2007). Empirische Stu­
dien konnten nachweisen, dass diese Trainings die sozialen
Kompetenzen verbessern und das Gefühl des Alleinseins re­
duzieren (Reichow et al., 2012). Allerdings zeigten sich keine
generalisierten Effekte auf die Fähigkeit, Emotionen richtig
zu erkennen bzw. auf Theory-of-Mind-Fähigkeiten (Fletcher-
Prof. Dr. Inge Kamp-Becker
Watson et al., 2014). Dies macht deutlich, wie grundlegend
und biologisch verankert (s. o.) diese Defizite bei Personen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
mit ASD sind (Krach et al., submitted). Jedoch sind kognitiv- Psychosomatik und Psychotherapie
behaviorale Interventionen insgesamt sowohl hinsichtlich der Universitätsklinikum Gießen und
Kernsympotmatik als auch bezüglich komorbider Störungen Marburg GmbH, Standort Marburg
(Depressionen, Angststörungen) indiziert und effektiv (McGil­ Hans-Sachs-Str. 6, 35039 Marburg
livray & Evert, 2014; Weitlauf et al., 2014). Zwar ist die Kern­ kampbeck@med.uni-marburg.de
symptomatik (Störung der sozialen Kommunikations- und
Interaktionsfähigkeit, stereotype Verhaltensweisen) pharma­ Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, W2
kologisch nicht behandelbar, aber häufig assoziierte Begleit­ Professur für Autismus-Spektrum-Störungen der Klinik für
symptome und -störungen (Hyperaktivität, Aufmerksam­ Kinder- und Jugendpsychiatrie, -Psychosomatik und -Psycho­
keitsstörungen, massive Angstsymptome, Auto-/aggressives therapie am Universitätsklinikum Marburg und Gießen, Stand­
Verhalten usw.) sind durch eine Medikation positiv beeinfluss­ ort Marburg. Forschungsschwerpunkte: Autismus-Spektrum-
bar. So konnte beispielsweise die positive Wirkung von aty­ Störungen, psychische Störungen im Kleinkindalter.
pischen Neuroleptika (in einer sehr geringen Dosierung und
unter Abwägung von Wirkung und [langfristiger] Nebenwir­
Dr. rer. nat. Kurt Quaschner
kung) auf Aggressivität, Reizbarkeit, Erregungszustände und
repetitive Verhaltensweisen in vielen Studien nachgewiesen Anschrift wie
werden (Übersicht Poustka et al., 2011; Kamp-Becker et al., Prof. Dr. Inge Kamp-Becker, s.o.
2010). Die pharmakologische Behandlung von begleitenden quaschne@med.uni-marburg.de
Auffälligkeiten kann als ergänzende Maßnahme das Anspre­
chen auf pädagogische Förderung und psychotherapeutische
Maßnahmen verbessern (Frazier et al., 2012). Besonders
Auto- und Fremdaggressionen, Depressionen, Stereotypien
und Hyperaktivität lassen sich medikamentös behandeln und Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychothera­
verbessern den Erfolg von verhaltenstherapeutischen Maß­ peut, Psychologischer Psychotherapeut, Leitender Psycho­
nahmen. loge der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiat­
rie Marburg, Leiter des Institiuts für Verhaltenstherapie und
Zusammenfassend besteht eindeutige Evidenz dafür, dass Verhaltensmedizin an der Philipp-Universität Marburg (IVV).
für Personen mit ASD eine Verhaltenstherapie indiziert ist. Schwerpunkte: Psychotherapeutische Aus- und Weiterbil­
Wenngleich ASD nicht heilbar sind, so kann die Lebensqua­ dung, Supervision, Selbsterfahrung.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 41
Aktuelles aus der Forschung
Sind neurowissenschaftlich fundierte Biomarker
im Rahmen der Behandlung psychischer
Störungen denkbar?
Kevin Hilbert

In den letzten beiden Dekaden haben Daten potenziell Aussagen über einzel­ gnostik und des Verlaufs beforscht (z.B.
die Neurowissenschaften einen bemer­ ne Individuen statt nur über Gruppen bei Morbus Alzheimer; Orrù, Petters­
kenswerten Aufschwung erlebt und sind zulässt. Vereinfacht gesagt ist es dabei son-Yeo, Marquand, Sartori & Mechelli,
zu einer stark beforschten wie medial so, dass zuerst neurowissenschaftliche 2012). Inzwischen findet sich aber auch
präsenten Wissenschaftsdisziplin ge­ Daten (beispielsweise anatomische eine stetig anwachsende Zahl von Stu­
reift. Da sie sich ebenfalls mit geistigen Aufnahmen des Gehirns aus dem Mag­ dien zu psychischen Störungen. Wich­
Prozessen wie mentalen Zuständen im netresonanztomographen) von Grup­ tig ist dabei, dass es grundsätzlich keine
gesunden und klinischen Kontext befas­ pen von Personen benötigt werden, Rolle spielt, welcher Art von Gruppe ein
sen, liegen gemeinsame Interessen mit die sich hinsichtlich interessierender Individuum zugeordnet werden soll: Die
der Psychologie und auch Psychothera­ Parameter voneinander unterscheiden. Klassifikation von Patienten im Sinne
pie nahe. Allerdings wird die Bilanz der Dies könnte zum Beispiel das Vorliegen der Zuordnung zu bestimmten Diagno­
Neurowissenschaften für diese beiden einer bestimmten Diagnose X sein. Nun segruppen wie oben geschildert läge
Disziplinen durchaus ambivalent beur­ wird nach einem Muster charakteristi­ natürlich nahe, wäre aber nur eine po­
teilt: Während einerseits herausgestellt scher Auffälligkeiten in den Daten ge­ tenzielle Anwendung. Ebenso wäre es
wird, dass die Neurowissenschaften sucht, das Personen mit der Diagnose z.B. denkbar, nach Mustern in Daten
unser Verständnis allgemeiner psychi­ X gemein ist, aber bei Personen ohne von Personen mit und ohne Therapie­
scher Prozesse wie auch psychopatho­ Diagnose X nicht vorliegt. Dieses Mus­ erfolg, mit und ohne erfolgtem Rezidiv
logischer Mechanismen deutlich vertieft ter kann dabei durchaus sehr subtil sein usw. zu schauen. Falls sich auf diesem
hätten, wird andererseits bemängelt, und muss für sich genommen nicht Wege also tatsächlich neurobiologische
dass diese Erkenntnisse bisher nicht in zwangsläufig sinnvoll interpretiert wer­ Marker für Prädiktion und Prognose
konkreten Nutzen für die individuelle Pa­ den können. Basierend auf diesen Un­ entwickeln lassen, wären auch für kli­
tientin oder den individuellen Patienten1 terschieden lässt sich nun ein Entschei­ nisch arbeitende Psychologen und Psy­
mit einer psychischen Störung oder auch dungsalgorithmus entwickeln (ein so­ chotherapeuten interessante Fragestel­
für den psychotherapeutischen Prozess genannter Classifier), der die einzelnen lungen hypothetisch untersuchbar, wie
umgesetzt werden konnten (z.  B. Bull­ Personen anhand ihrer anatomischen etwa: Welches Störungsbild liegt den
more, 2012; Lueken, Hilbert, Wittchen, Daten ihrer jeweiligen Gruppen zuord­ klinisch beobachteten Symptombildern
Reif & Hahn, 2015). In den letzten Jahren nen kann. Anschließend ist es möglich, zugrunde? Welche Mitglieder einer Risi­
sind daher unter anderem Forschungsan­ diesen Algorithmus auf beliebige Indivi­ kogruppe werden eine psychische Stö­
sätze in das Zentrum des Interesses ge­ duen der gleichen oder aber auch einer rung entwickeln? Bei welchen meiner
rückt, die neurowissenschaftliche Daten anderen, neuen Stichprobe anzuwen­ Patienten wird Psychotherapie wirken,
zu Biomarkern für klinisch-psychologi­ den und diese Individuen anhand ihrer und wie gut? Im Folgenden sollen da­
sche Fragestellungen weiterentwickeln spezifischen Muster wiederum der ei­ her drei aktuelle Studien aus diesem
möchten, nicht unähnlich zu Labortests nen oder anderen Gruppe zuzuordnen Bereich vorgestellt und ein erster Ein­
für verschiedenste Fragestellungen im (für eine ausführlichere Darstellung sie­ blick in dieses sich entwickelnde For­
Bereich der somatischen Medizin. he auch Klöppel et al., 2012). schungsfeld gegeben werden.

Teil  dieser Entwicklung ist auch, dass Im klinischen Kontext wurden diese 1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden
die Anwendung verschiedener Ansät­ Ansätze ursprünglich insbesondere im im Folgenden nicht durchgängig beide Ge­
schlechtsformen genannt. Selbstverständlich sind
ze aus dem Bereich des maschinellen Bereich der neurodegenerativen Erkran­ jedoch immer Frauen und Männer gleichermaßen
Lernens auf neurowissenschaftliche kungen für Fragestellungen der Frühdia­ gemeint.

42 Psychotherapeutenjournal 1/2015
K. Hilbert

Könnten per MRT abgeleitete Biomarker bei schwierigen, aber wichtigen


diagnostischen Entscheidungen hilfreich sein?

Grotegerd, D. et al. (2013). Discrimina- Personen in die Analyse, wurde der Zu­ Untersuchungen vergleichbarer Frage­
ting unipolar and bipolar depression by ordnungsprozess insgesamt offenbar stellungen rar und explizite Replikatio­
means of fMRI and pattern classifica- schwieriger, trotzdem konnten weiter­ nen kaum verfügbar. Dies erschwert
tion: a pilot study. European Archives of hin viele Personen richtig zugeordnet es zum jetzigen Zeitpunkt noch, die
Psychiatry and Clinical Neuroscience, werden (bis zu 85% Genauigkeit für die Reliabilität und Validität solcher Klas­
263, 119-131. DOI 10.1007/s00406-012- Unterscheidung von unipolar depressi­ sifikationsansätze einzuschätzen. Zu­
0329-4. ven Patienten von gesunden Personen dem wurde der in dieser Studie aus
und bis zu 80% Genauigkeit für die Un­ den Daten entwickelte Algorithmus zur
In dieser Studie untersuchen die Autoren terscheidung von bipolar depressiven Bestimmung seiner Güte auf den glei­
die Frage, ob bei einer akuten depressi­ Patienten von gesunden Personen). chen Datensatz angewendet statt auf
ven Episode per funktioneller Magnetre­ eine unabhängige Stichprobe. Für eine
sonanztomographie (fMRT) bestimmt Kommentar „Proof-of-Concept“-Studie wie diese
werden kann, ob es sich insgesamt um ist das ein gängiges Vorgehen, für das
eine unipolare oder bipolare Erkrankung Die Studie von Grotegerd et al. (2013) Langzeit-Ziel der Anwendung in der Pra­
handelt. Zu diesem Zweck wurden zehn soll vor allem an das Thema heranfüh­ xis müsste aber natürlich die Generali­
Patienten mit einer unipolaren depres­ ren und den potentiellen Nutzen hypo­ sierbarkeit des Markers auf neue und
siven Erkrankung sowie zehn Patienten thetischer neurobiologischer Marker für unabhängige Stichproben gezeigt wer­
mit einer bipolaren Störung untersucht, die Diagnostik psychischer Störungen den. Siehe dazu auch die weiter unten
wobei aktuell bei allen Patienten eine de­ an einer interessanten und klinisch re­ besprochene Studie von Siegle et al.
pressive Episode vorlag. Hinsichtlich der levanten Fragestellung andeuten. Wie (2012). Zudem ist die Verwendung einer
Anzahl bisheriger depressiver Episoden die Autoren selbst herausstellen, ist die Aufgabe (hier: Betrachtung emotionaler
sowie der aktuellen depressiven Symp­ Zuordnung einer depressiven Episode Gesichter) zur Gewinnung der neuralen
tomschwere waren beide Gruppen von zu einer dahinter liegenden unipolaren Daten nicht ganz unproblematisch, da in
Patienten vergleichbar. Zur Klassifikation oder bipolaren Störung eine diagnos­ der neurowissenschaftlichen wie in der
der Patienten wurden die per fMRT ge­ tische Fragestellung von Relevanz, da psychologischen Forschung eine große
messenen Aktivierungsmuster während Intervention und Prognose sich in Ab­ Menge von teils sehr ähnlichen, aber in
der Betrachtung emotionaler Gesichter hängigkeit von der Antwort deutlich Details subtil veränderten Aufgaben im
genutzt. unterscheiden können. Die „Königsdis­ Umlauf ist. Diese subtilen Veränderun­
ziplin“, die für einen echten praktischen gen könnten sich allerdings durchaus
Die Ergebnisse lagen deutlich über Zusatznutzen erfolgreich gemeistert deutlich auf die neuralen Muster aus­
dem durch Zufall erwartbaren Niveau. werden müsste, wäre dabei sicherlich wirken, die dem Klassifikationsprozess
Bei Verwendung des besten Classifiers die Voraussage des zukünftigen Ver­ zu Grunde liegen. Langfristig ist daher
wurden insgesamt nur zwei Patienten laufs, etwa zum Zeitpunkt einer erstma­ vermutlich eher die Verwendung aufga­
falsch zugeordnet: jeweils ein Patient lig auftretenden depressiven Episode. benfreier (beispielsweise anatomischer)
mit einer unipolaren Depression in die An erster Stelle steht bis dahin die Re­ Daten günstig, oder die für diese Zwe­
Gruppe der bipolar Erkrankten und plikation und Erweiterung der bisheri­ cke verwendeten Paradigmen müssten
umgekehrt. Es ergibt sich also eine gen Befunde auf größere Stichproben. in einem weit größeren Maße als bisher
Genauigkeit von 90%. Bei Einbezug ei­ Da es sich bei Studien dieser Art wie standardisiert verwendet werden, um
ner zusätzlich mit derselben Methode bereits geschildert um vergleichsweise die Reliabilität der abgeleiteten Marker
untersuchten Gruppe von gesunden neue Herangehensweisen handelt, sind zu gewährleisten.

Sind Biomarker im Bereich der Identifikation von Hochrisikogruppen mit


dem Ziel der Prävention psychischer Störungen denkbar?

Gong, Q. et al. (2014). Using structural Die zweite hier vorgestellte Studie be­ untersucht, ob Personen, die ein extrem
neuroanatomy to identify trauma sur- schäftigt sich mit der Frage, welche belastendes Ereignis erlebt haben und in
vivors with and without post-traumatic Mitglieder einer Risikogruppe eine psy­ der Folge eine psychische Störung ent­
stress disorder at the individual level. chische Störung entwickeln und daher wickelten, sich grundsätzlich von Perso­
Psychological Medicine, 44, 195-203. beispielsweise von präventiven Maß­ nen abgrenzen lassen, die zwar eben­
DOI 10.1017/S0033291713000561. nahmen profitieren würden. In einem falls unter einem extrem belastenden
ersten Schritt wurde dabei retrospektiv Ereignis litten, aber in der Folge gesund

1/2015 Psychotherapeutenjournal 43
Aktuelles aus der Forschung

blieben. Dies könnte langfristig in der Überlebenden ohne eine PTBS und Hinweise darauf, dass neurobiologische
Entwicklung eines Biomarkers für die gesunden Personen ohne diese trau­ Marker möglicherweise zur Beantwor­
Prognose eines ungünstigen Verlaufs matische Erfahrung besser anhand der tung dieser Frage wertvoll sein könn­
münden. Zu diesem Zweck untersuch­ weißen Substanz (mit einer Genauigkeit ten. Neben der obligatorischen Replika­
ten die Autoren 100 Überlebende eines von 85% im Vergleich zu 76% bei der tion der Befunde wäre hier besonders
schweren Erdbebens, von denen 50 grauen Substanz). Hinsichtlich der in­ eine prospektive Folgestudie interes­
eine Posttraumatische Belastungsstö­ teressantesten Fragestellung, wie gut sant, die nicht erst im Intervall von 263
rung (PTBS) entwickelten und 50 nicht. Personen mit einer Traumatisierung bis 468 Tagen nach der Traumatisierung
Zudem wurden 40 gesunde Personen und einer PTBS von Personen mit einer eine MRT-Untersuchung durchführt,
ohne dieses traumatische Erlebnis un­ Traumatisierung aber ohne PTBS unter­ sondern beispielsweise in der darauffol­
tersucht. Zur Klassifikation der Patienten schieden werden können, zeigte sich ei­ genden Woche, und so möglicherweise
wurden anatomische Aufnahmen des ne geringere Genauigkeit von nur noch eine echte Vorhersage einer PTBS-Ent­
Gehirns genutzt, angefertigt mittels Ma­ 67%, die aber immer noch signifikant wicklung erlaubt. Dies kann die vorlie­
gnetresonanztomographie (MRT). Dabei besser als eine zufällige Zuordnung war. gende Arbeit nicht leisten. Methodisch
erfolgte die Gruppenzuordnung anhand Allerdings war hier nur das Verteilungs­ interessant ist neben dem Vorliegen grö­
der Verteilung der grauen Substanz, der muster der grauen Substanz brauchbar. ßerer Stichproben hier die Verwendung
weißen Substanz oder beider Gewebe­ anatomischer Daten, was im Vergleich
typen in Kombination. Kommentar zur Verwendung einer Aufgabe wie im
Falle der Studie von Grotegerd et al.
Interessanterweise zeigten die beiden Die Studie von Gong et al. (2014) ist (2013) möglicherweise vorteilhaft sein
Gewebetypen unterschiedliche Stärken in zweierlei Hinsicht interessant: Zum könnte. Schließlich deutet die aktuelle
in der Klassifikation der Probanden, je einen gibt sie einen Ausblick auf den Arbeit darauf hin, dass verschiedene
nach zugrundeliegender Fragestellung. potenziellen Nutzen neurowissen­ Klassifikationsansätze, wie etwa die
So gelang beispielsweise die Unter­ schaftlich fundierter Biomarker für die Verwendung von Mustern der grauen,
scheidung von überlebenden Personen Prognose und Risikoabschätzung von weißen oder beider Substanzen, mit
mit einer PTBS von gesunden Personen gefährdeten Personen, zum anderen spezifischen Vor- und Nachteilen ein­
ohne diese traumatische Erfahrung ge­ liefert sie Lösungsansätze für einige herzugehen scheinen. In der Folge gibt
nerell sehr gut (mit einer Genauigkeit der methodischen Probleme der zuerst es also vermutlich keine „besten“ Algo­
von 91%), allerdings war die Klassifi­ vorgestellten Arbeit von Grotegerd et rithmen, die für jede oder zumindest ei­
kation mittels des Verteilungsmusters al. (2013), siehe oben. Inhaltlich ist die ne Vielzahl von Fragestellungen geeig­
der weißen Substanz sensitiver, aber Frage, ob eine Unterscheidung möglich net sind, sondern potenzielle Biomarker
gleichzeitig weniger spezifisch als die ist zwischen Personen, die ein trauma­ müssten spezifisch für die jeweiligen
Klassifikation mittels der grauen Subs­ tisches Ereignis erlebt haben und in Fragestellungen optimiert werden. Dies
tanz – es wurden also mehr Personen der Folge eine PTBS entwickeln, und macht die Suche nach potenziell praxis­
mit einer PTBS korrekt als klinische Pro­ denen, die trotzdem gesund bleiben, geeigneten Markern natürlich noch he­
banden erkannt, allerdings wurden auch hochspannend und beispielsweise für rausfordernder. Genauer zu ermitteln,
mehr gesunde Personen fälschlicher­ eine frühzeitige Intervention im Rah­ welche Daten und Algorithmen sich für
weise in die PTBS-Gruppe eingeordnet. men der Notfallpsychologie relevant. welche Fragestellungen eignen, wäre
Ebenso gelang die Unterscheidung von Die vorliegenden Daten liefern erste eine Aufgabe für zukünftige Studien.

Ist eine Prognose denkbar, welche Patienten wie stark von unserer
Psychotherapie profitieren werden?

Siegle, G. et al. (2012). Toward Clinically Vorhersage des Therapieoutcomes an­ gesunde Kontrollprobanden. Die zweite
Useful Neuroimaging in Depression hand funktioneller Aktivierungsmuster, Stichprobe umfasste 23 Patienten mit
Treatment: Prognostic Utility of Sub- über verschiedene Settings (beispiels­ einer rezidivierenden Major Depression
genual Cingulate Activity for Determi- weise Stichproben, Psychotherapeuten und neun Patienten mit einer erstmalig
ning Depression Outcome in Cognitive etc.) hinweg. Dazu wurden Stichproben auftretenden Episode einer Major De­
Therapy Across Studies, Scanners, aus zwei verschiedenen klinischen Stu­ pression sowie zusätzlich 20 gesunde
and Patient Characteristics. Archives dien untersucht. Die erste Stichprobe Kontrollprobanden. Diese wurden von
of General Psychiatry, 69 (9), 913-924. umfasste 17 Patienten mit einer rezidi­ einer heterogeneren Gruppe von Psy­
vierenden Major Depression, die von chotherapeuten behandelt, die sich
Siegle et al. (2012) nehmen in ihrer Ar­ einer kleinen Gruppe von Studienthe­ sowohl hinsichtlich ihrer Ausbildung
beit den eigentlichen Therapieverlauf in rapeuten unter wöchentlicher Videosu­ als auch ihrer Erfahrung deutlich unter­
den Fokus und versuchen sich an einer pervision behandelt wurden, sowie 15 schieden. Zudem wurde diese Gruppe

44 Psychotherapeutenjournal 1/2015
K. Hilbert

von Psychotherapeuten weniger inten­ werden sowie Remission mit einer Ge­ scheidung zugunsten oder gegen ein
siv supervidiert. Alle Patienten beider nauigkeit von 72%. Dabei war auffällig, bestimmtes Therapierational, für die Be­
Stichproben wurden mit kognitiver Psy­ dass die Klassifikation in beiden Fällen rücksichtigung zusätzlicher Therapiean­
chotherapie behandelt. Anhand funktio­ wenig sensitiv, aber hoch spezifisch war gebote wie Boostersessions oder aber
neller MRT-Daten in Reaktion auf nega­ (beispielsweise lag die Sensitivität bei auch eine begleitende medikamentöse
tive Stimuli wurde nun der Therapieer­ der Vorhersage von Therapieresponse Behandlung. Neben den natürlich auch
folg, gemessen anhand des Vergleiches nur bei 50%, die Spezifität allerdings bei hier noch fehlenden Replikations- und
der Prä- und Posttherapiewerte im 96%). Zudem konnte durch die Übertra­ Validierungsstudien ist vor allem die re­
Beck-Depressions-Inventar (BDI) und in gung des Klassifikationsalgorithmus von lativ kleine und recht selektive Stichpro­
der Hamilton Rating Skala für Depressi­ einer Stichprobe auf die zweite gezeigt be eine Schwäche der Untersuchung.
on (HRSD), vorausgesagt. Dabei wurde werden, dass der Klassifikationsprozess So nahm beispielsweise keiner der
zwischen Nonresponse, Response und prinzipiell über verschiedene Settings untersuchen Patienten gleichzeitig Psy­
Remission unterschieden. Für Respon­ (Stichproben, Psychotherapeuten, aber chopharmaka gegen seine depressiven
se musste sich der initiale BDI- oder auch verschiedene MRT-Geräte) gene­ Symptome ein, was die Generalisierbar­
HRSD-Wert um mindestens 50% bis ralisierbar ist. Dabei blieb die Genau­ keit der Befunde auf die Gesamtheit de­
zum Therapieende verringern, während igkeit der Vorhersage mit 74% für die pressiver Patienten einschränkt. Zudem
für Remission sogar ein BDI-Wert von Response bzw. 78% für die Remission schwankten Sensitivität und Spezifität
weniger als 10 bzw. ein HRSD-Wert recht gut, allerdings sank in diesem Fall mitunter recht stark, was es bei einem
von weniger als 7 (in beiden Fällen in­ die Spezifität der Prognose ab, während hypothetischen praktischen Einsatz der
terpretiert als keine klinisch relevante die Sensitivität hoch war. Methode noch schwieriger machen
Depression) am Ende der Psychothera­ würde, die Sicherheit der erzeugten
pie erreicht werden musste. Es zeigte Kommentar Prognose einzuschätzen. Methodisch
sich, dass die gewählte Klassifikations­ interessant ist dagegen grundsätzlich
methode für beide Stichproben jeweils Siegle et al. (2012) untersuchen in ih­ die Verwendung verschiedener Patien­
einzeln als auch kombiniert vergleich­ rer Arbeit den möglichen Nutzen des ten- sowie auch Psychotherapeuten­
bare Ergebnisse erzielte. Dabei gelang vorgestellten Klassifikationsansatzes für gruppen. Damit liefern die Ergebnisse
die Vorhersage basierend auf den BDI- Themen psychotherapeutischer Arbeit von Siegle et al. (2012) erste Hinweise
Werten tendenziell etwas besser als die jenseits diagnostischer Fragen. So darauf, dass die an einer Stichprobe
Vorhersage basierend auf den HRSD- könnte eine Erfolgsprognose, wie hier gewonnenen Marker tatsächlich auf an­
Werten. So konnte Therapieresponse durchgeführt, für eine ganze Reihe von dere Settings generalisiert werden kön­
für beide Stichproben zusammen mit ei­ therapeutischen Entscheidungen hilf­ nen – eine Grundvoraussetzung für die
ner Genauigkeit von 79% vorhergesagt reich sein, beispielsweise für die Ent­ praktische Anwendbarkeit.

Diskussion und Ausblick


Die hier vorgestellten Studien zeigen Probleme durch verschiedenste unter dass ein zweiter wesentlicher Schritt
beispielhaft die Anwendung neuer realen Bedingungen auftretende Stör­ die Optimierung der Verfahren sein
Verfahren aus dem Bereich des ma­ faktoren sorgfältig evaluiert werden, muss, um die Genauigkeit der Vorher­
schinellen Lernens mit dem letztlichen dazu gehören beispielsweise der Ein­ sagen zu verbessern. Ob diese dann
Ziel der Entwicklung von neurowissen­ fluss komorbider Störungen, neurologi­ tatsächlich das für einen praktischen
schaftlichen Biomarkern für klinisch- scher Erkrankungen oder psychotroper Einsatz erforderliche Niveau erreichen,
psychologisch bzw. psychotherapeu­ Substanzen. Ähnlich wie in der Unter­ ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht abseh­
tisch relevante Fragestellungen. Dabei suchung von Siegle et al. (2012) und bar. Auch muss berücksichtigt werden,
ist es bis zur letztendlichen Verfügbar­ vielleicht noch in stärkerem Ausmaß dass unter Umständen nicht die globale
keit dieser Marker noch ein weiter Weg. wird sich dabei vermutlich zeigen, dass Genauigkeit ausschlaggebend für den
Zunächst ist die mehrfache Replikation die Genauigkeit der Verfahren bei der Mehrwert und die Akzeptanz der Ver­
und Validierung bisheriger Befunde mit Übertragung auf eine zweite Stichprobe fahren relevant wäre, sondern je nach
möglichst umfangreichen und hete­ abnimmt. Zudem zeigen bereits aktuell den eintretenden Folgen die Sensitivität
rogenen Stichproben wichtig. Beson­ verfügbare Studien, dass die Genauig­ oder Spezifität der Zuordnung maxi­
deres Augenmerk sollte dabei auf der keit der erzeugten Classifier in Abhän­ miert werden muss. Dementsprechend
Generalisierbarkeit der Befunde von gigkeit von den verwendeten Daten, bestünde ein wichtiges Ziel in der Er­
einer Stichprobe auf die nächste liegen, aber auch von der untersuchten Frage mittlung von optimalen Algorithmen für
wie bereits exemplarisch von Siegle et stark schwankt (siehe auch die entspre­ spezifische Fragestellungen. Aus prak­
al. (2012) durchgeführt. Im Sinne einer chende Diskussion im Kommentar zur tischer Sicht wäre dabei vermutlich die
hypothetischen Anwendbarkeit in der Studie von Gong et al., 2014). Berück­ Verwendung aufgabenfreier Daten sinn­
Praxis müssen dabei auch eventuelle sichtigt man diese Faktoren, wird klar, voll, da hier leichter ein hoher Standar­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 45
Aktuelles aus der Forschung

disierungsgrad erreichbar scheint und dass Prognosen grundsätzlich zum be­ fen. Sollten diese aber von zukünftigen
derartige Messungen zudem häufig ruflichen Alltag von Psychologen, Psy­ Arbeiten überzeugend beantwortet wer­
schneller und damit letztendlich auch chotherapeuten wie auch Medizinern den, könnten sich die so entwickelten
preiswerter wären. gehören und bereits jetzt deutliche ne­ Biomarker letztlich zu einer wertvollen
gative Folgen für ein Individuum haben Hilfe und weiteren Informationsquelle
Neben einer ausführlichen Evaluation, können. Falls entsprechende Biomarker für Psychotherapeuten bzw. Kliniker ent­
ob die hier vorgestellten Verfahren die also je zur Verfügung stehen, müssten wickeln.
für einen potenziellen Praxiseinsatz nö­ die Grenzen dieser Informationsquelle
tige Reliabilität und Validität aufweisen, durchaus diskutiert und hinsichtlich der
sind auch eine Reihe praktischer sowie Vereinbarkeit mit Prinzipien wie Fair­ Literatur
ethischer Fragen vor einem hypotheti­ ness und Ausgewogenheit, aber auch Bullmore, E. (2012). The future of functional MRI
schen Einsatz in der Praxis offen (siehe beispielsweise Datensicherheit über­ in clinical medicine. Neuroimage, 62, 1267-1271.
Gong, Q., Li, L., Tognin, S., Wu, Q., Pettersson-
dazu auch Gong et al., 2014; Orrù et al., prüft werden. Yeo, W., Lui, S., Huang, X., Marquand, A. F. &
2012). Praktisch bedeutsam wäre neben Mechelli, A. (2014). Using structural neuroanato­
der reinen wissenschaftlichen Güte der Bei den hier vorgestellten Studien mit my to identify trauma survivors with and without
post-traumatic stress disorder at the individual
Verfahren auch die Frage, ob der tat­ dem Ziel der Entwicklung biologischer level. Psychological Medicine, 44, 195-203.
sächliche additive Wert solcher Biomar­ Marker handelt es sich also um die Grotegerd, D., Suslow, T., Bauer, J., Ohrmann, P.,
ker über bereits bestehende Informati­ Anwendung von vergleichsweise neu­ Arolt, V., Stuhrmann, A., Heindel, W., Kugel, H. &
onsquellen hinaus die Kosten der Verfah­ en Analysetechniken auf neurowissen­ Dannlowski, U. (2013). Discriminating unipolar and
bipolar depression by means of fMRI and pattern
ren rechtfertigt und ob es gelingt, den schaftliche Daten, die prinzipiell das classification: a pilot study. European Archives of
Automatisierungsgrad der jeweiligen Ableiten von Schlussfolgerungen für Psychiatry and Clinical Neuroscience, 263, 119-
Datenauswertung soweit zu erhöhen, einen Einzelfall erlauben und somit auch 131.

dass die Verfahren auch jenseits hoch für psychotherapeutische Fragestellun­ Klöppel, S., Abdulkadir, A., Jack, C. R., Koutsoul­
eris, N., Mourao-Miranda, J. & Vemuri, P. (2012).
spezialisierter Forschungseinrichtungen gen interessant sein könnten. Dabei geht Diagnostic neuroimaging across diseases. Neuro-
angewandt werden können. Letzteres es nicht um die „Verbiologisierung“ des image, 61, 457-463.
erscheint lösbar, während Ersteres ver­ psychotherapeutischen Handels oder Lueken, U., Hilbert, K., Wittchen, H. U., Reif, A. &
mutlich vor allem vom prognostischen die Anwendung neurowissenschaftli­ Hahn, T. (2015). Diagnostic classification of spe­
cific phobia subtypes using structural MRI data:
Wert der gewonnenen Information, z. B. cher Methoden um ihrer selbst willen, a machine-learning approach. Journal of Neural
für die Entwicklung oder den Verlauf sondern um die Erhöhung der Zuver­ Transmission 122, 123-134.
einer psychischen Störung, abhängen lässigkeit und Sicherheit diagnostischer Orrù, G., Pettersson-Yeo, W., Marquand, A. F.,
würde. und insbesondere prognostischer Infor­ Sartori, G. & Mechelli, A. (2012). Using Support
Vector Machine to identify imaging biomarkers
mation sowie eine bessere Feststellung of neurological and psychiatric disease: A critical
Zuletzt sind auch einige ethische As­ des individuellen Bedarfs im Sinne der review. Neuroscience and Biobehavioral Reviews,
pekte bedenkenswert. Wie Orrù et al. „personalisierten“ Behandlung psychi­ 36, 1140-1152.

(2012) ausführen, könnte eine ungüns­ scher Störungen. Bisherige Studien sind Siegle, G. J., Thompson, W. K., Collier, A., Ber­
man, S. R., Feldmiller, J., Thase, M. E. & Friedman,
tige Prognose (beispielsweise hinsicht­ eindeutig noch im Bereich der Grundla­ E. S. (2012). Toward clinically useful neuroimaging
lich des Auftretens einer psychischen genforschung anzusiedeln, zeigen aber in depression treatment: prognostic utility of sub­
Störung in der Zukunft) zu einer deutli­ erste interessante Ergebnisse. Dabei genual cingulate activity for determining depres­
sion outcome in cognitive therapy across studies,
chen Belastung für ein Individuum füh­ sind viele methodische, praktische und scanners, and patient characteristics. Archives of
ren. Ein zweiter häufiger Einwand ist, nicht zuletzt ethische Fragen noch of­ General Psychiatry, 69, 913-924.
dass andere Personen oder Institutio­
nen aufgrund einer Prognose ihr Verhal­
ten gegenüber dem Individuum ändern Dipl.-Psych. Kevin Hilbert
und beispielsweise bestimmte Leis­ Technische Universität Dresden
tungen wie eine psychotherapeutische Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie
Behandlung nicht mehr gewähren, da Professur für Behaviorale Epidemiologie
diese laut Prognose vermutlich sowieso Chemnitzer Str. 46
nicht wirksam wäre. Dabei wäre sogar 01187 Dresden
irrelevant, ob die Prognose tatsächlich Kevin.Hilbert@tu-dresden.de
genügend große Sicherheit für eine sol­
che Schlussfolgerung bietet, solange Wissenschaftlicher Mitarbeiter seit 2012 am Institut für Klinische Psychologie und
sie von den Beteiligten als ausreichend Psychotherapie der Technischen Universität Dresden. Er forscht dort zu den neu­
sicher angenommen wird. Obwohl robiologischen Grundlagen von Angststörungen und Depressionen. Ebenfalls seit
dieses Risiko besteht, muss auf der 2012 befindet er sich in der Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeu­
anderen Seite auch bedacht werden, ten (Schwerpunkt Verhaltenstherapie).

46 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Buchrezension
Psychopharmakologie und die Minimierung des Subjekts

Balz, Viola (2010). Zwischen Wirkung Balz verfolgt anhand von Krankenakten geschilderten Umstrukturierungen völlig
und Erfahrung – eine Geschichte der minutiös medikamentöse Forschungs­ entmachtet, d. h. zu einem Objekt redu­
Psychopharmaka. Neuroleptika in der reihen, die von 1953 bis 1957 an der ziert, auf das die wissenschaftlichen Er­
Bundesrepublik Deutschland 1950- Heidelberger Psychiatrie durchgeführt kenntnisse anzuwenden waren.
1980. Bielefeld: transcript Verlag, 577 wurden. Sie sollten dem Nachweis ei­
Seiten, 36,80 € nes „antipsychotischen Effekts“ von Man kann diese hier nur knapp geschil­
Chlorpromazin dienen, konnten jedoch derten Ergebnisse (Zusammenfassung
Jeder Psychotherapeut und jede Psy­ zunächst keinen stabilen psychotropen Teil  II) nun rein historisch rezipieren
chotherapeutin kennt die Schnittstelle Effekt hervorbringen. So wechselte man oder aber die Frage stellen, was sie für
zu unserer Nachbardisziplin, der Psy­ schließlich das Versuchsdesign: Nicht die heutige Praxis bedeuten. Ich meine
chiatrie. Und die Schwierigkeit, deren mehr den von Patienten geschilderten zweierlei:
Haupthandwerkszeug, die Psychophar­ Erfahrungen bei der Einnahme und den 1. Man muss – Balz historischer Mikro­
makologie, angemessen zu beurteilen. von Ärzten angestellten Beobachtungen analyse folgend – konstatieren, dass
Daher wäre es sinnvoll, ein historisches wollte man nun vertrauen, sondern ei­ bis heute ein schlussendlicher Wirk­
Grundlagenwerk zur Wirksamkeit von nem (noch zu schaffenden) „kontrollier­ samkeitsbeweis für Neuroleptika
Psychopharmaka, geschrieben von ei­ ten klinischen Versuch“. Damit erfolgte nicht existiert;
ner Vertreterin unseres Berufsstandes, ab etwa 1965 die „Experimentalisie­ 2. dass „der Patient […] in der psychia­
zu kennen. rung“ des Wirksamkeitsbegriffes in der trischen Praxis einem Wirksamkeits­
BRD. begriff gegenübersteht, der seine
Das Buch stellt die gekürzte Fassung ,gelebten Psychopharmakaerfahrun­
eines Forschungsprojektes von Dr. Vi­ Dies aber bedeutete nicht weniger als gen´ nicht (mehr) abbildet“.
ola Balz dar, Professorin für Klinische eine neue Form der Wissensgene­
Psychologie an der Evangelischen rierung. Nicht mehr der zuvor so be­ Damit aber geht ausgerechnet der see-
Hochschule Dresden. Thematisch geht deutsame „klinische Eindruck“ zählte, lisch Kranke der medizinischen Wissen­
es um die Etablierung der ersten Neu­ sondern das Ergebnis eines an die Na­ schaft verloren! Weil er, der doch das
roleptika in der BRD in den 1950er-Jah­ turwissenschaften angelehnten Expe­ Zentrum des Rapports darstellen sollte,
ren. Und um den schillernden Begriff riments. Subjektivität – egal, ob vom in seinen Wahrnehmungen und Erfah­
der „Wirksamkeit“. (v. a. Teil Einfüh­ als unzuverlässig geltenden Patienten rungen systematisch nicht mehr ernst
rung). Ursprünglich vertraute die deut­ kommend oder vom beobachtenden genommen wird. Das ist die eigentliche
sche Psychiatrie nämlich nur den sog. Arzt – sollte dabei als Störvariable sys­ Krux des Paradigmenwechsels: eine
Schock- und Krampftherapien, während tematisch kontrolliert bzw. eliminiert Psychiatrie, die die Stimme des Patien­
die Effektivität von pharmakologischen werden. Nur so hoffte man, die „reine“ ten nicht mehr hört, sondern verblindet
Verfahren höchst umstritten war. Das Wirkung der verordneten Substanz auf ihren experimentellen Erkenntnissen
änderte sich, als 1951 der Stoff „Chlor­ die Krankheit erfassen zu können. über die Krankheit folgt.
promazin“ synthetisiert wurde. Wie
aber kann man – und das ist die zentrale Das frühere Konzept eines durch Zeu­ Aber zweifelsohne sollte eine Psychia­
Frage des Buches – die therapeutische genschaft gewonnenen Wirksamkeits­ trie, die humane Seelenheilkunde und
Wirksamkeit einer chemischen Subs­ begriffs war damit obsolet geworden. nicht nur angewandte Neurowissen­
tanz feststellen? Und für die Patienten bedeutete dies, schaft sein will, das Subjekt, seine un­
dass ihre bei der Einnahme von Psycho­ ersetzbare Zeugenschaft und die ganz­
Grundsätzlich existieren hierzu zwei pharmaka gemachten Erfahrungen nicht heitliche Sicht auf den Patienten zu­
Wege, welche die Autorin dann in den mehr zählten! Wissenschaftlich gese­ rückgewinnen. Die so anders gestrickte
beiden Hauptteilen (Teil I und II) ihres Bu­ hen waren sie irrelevant geworden und psychologische Psychotherapie, die auf
ches aufzeigt: den einen, wo Wirksam­ zu vernachlässigen, denn es stand ih­ den kranken Menschen und nicht die
keit als „Zeugenschaft“ definiert wird, nen jetzt das (angeblich) gesicherte und verobjektivierte Krankheit fokussiert,
und den anderen der „im Experiment“ höherwertige „objektive“ Wissen aus könnte ihr hier durchaus Vorbild sein.
nachgewiesenen Wirksamkeit, der der modernen medizinisch-naturwis­
schließlich die moderne wissenschaftli­ senschaftlichen Forschung gegenüber. Dipl.-Psych. Jürgen Karres,
che Psychiatrie begründen sollte. Letztlich wurde der Patient im Zuge der Landsberg am Lech

1/2015 Psychotherapeutenjournal 47
Leserbriefe

Schlüsselrolle Körperebene unter Beachtung einer Orientierung im


Liebe Leserinnen und Leser,
Hier und Jetzt und im Rahmen der the­
Zu O. Schubbe: EMDR, Brainspot- rapeutischen Beziehung. die Redaktion begrüßt es sehr, wenn sich
ting und Somatic Experiencing in der Leserinnen und Leser in Leserbriefen und
Behandlung von Traumafolgestörun- Susanne Kloser,
Diskussionsbeiträgen zu den Themen der
gen. Psychotherapeutenjournal 2/2014, Wien
Zeitschrift äußern – ganz herzlichen Dank!
S. 156-163.
Gleichzeitig müssen wir darauf hinweisen,
Vor dem Hintergrund allgemeiner, schu­ Neun Zeilen … dass wir uns – gerade angesichts der er-
lenübergreifender Grundsätze für eine
freulich zunehmenden Zahl von Zuschriften
wirksame, schonende Traumatherapie Zu H. Preß & M. Gmelch: Die „thera-
– vorbehalten, eine Auswahl zu treffen oder
wird im Artikel von Oliver Schubbe auf peutische Haltung“ – Vorschlag eines
gegebenenfalls Zuschriften auch zu kürzen.
die Notwendigkeit hingewiesen, meh­ Arbeitsbegriffes und einer klienteno-
rere traumatherapeutische Techniken rientierten Variante. Psychotherapeu- Als Leserinnen und Leser beachten Sie bitte,
zu kennen. Nach meiner Erfahrung in tenjournal 4/2014, S. 358-366. dass die Diskussionsbeiträge die Meinung
der Praxis kann ich das aus dem indi­ Anstelle eines neunseitigen Fachvor­ der Absender und nicht unbedingt die der
viduellen Ansprechen auf spezifische schlags zum Arbeitsbegriff der thera­ Redaktion wiedergeben.
Interventionen je nach der individuellen peutischen Haltung der neunzeilige Vor­
Therapiesituation, der Person der Pati­ schlag eines Patienten:
entinnen und Patienten, ihrer Geschich­
te, ihrer Verarbeitungskapazitäten und Schau mich an Präzise und wichtig
der therapeutischen Beziehung nur hör mir zu
bestätigen. Des Weiteren führt dieser sei da Zu R. Nübling et al.: Versorgung
Weg zu einer ständigen Verfeinerung und psychisch kranker Erwachsener in
und qualitativen Weiterentwicklung der Deutschland. Bedarf und Inanspruch-
Traumatherapie insgesamt. ich nahme sowie Effektivität und Effizienz
Besonders erfreulich ist der Hinweis wachse von Psychotherapie. Psychotherapeu-
auf die Schlüsselrolle der Körperebene aus Wurzeln tenjournal 4/2014, S.389-397.
in der traumatherapeutischen Arbeit. zu Blüte und Frucht Lieber Herr Nübling,
Ich möchte hinzufügen, dass der Körper habe lange nicht mehr einen so präzisen
Bernhard Winter,
nicht nur als Ort von Symptomen und und dennoch kurzen wichtigen Aufsatz
Markt Schwaben
Ressourcen, sondern des seelischen mit so viel wichtiger Information gele­
Geschehens insgesamt zu begreifen sen wie gerade im Psychotherapeuten­
ist. Wird über die Körperebene trau­ journal. Ganz prima.
matisches Material aktiviert, so wird Her mit der Männerquote! Herzlicher Gruß
gleichzeitig unser damaliges Selbst-
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Jochen Jordan,
und Beziehungserleben samt der Kon­ Zu W. Dorrmann et al.: Der jährlich
Bad Nauheim
sequenzen für die Ausprägung unseres stattfindende Boys` Day – Eine Mög-
Selbstbildes und unserer Beziehungs­ lichkeit, den Beruf des Psychothera-
repräsentanzen mit aktiviert und so peuten mehr in die Öffentlichkeit zu
der Bearbeitung zugänglich. Dies be­ bringen. Psychotherapeutenjournal
trifft auch Erfahrungen aus impliziten 4/2014, S. 384-388.
Gedächtnisinhalten, die vor Ausreifung Eine Männerquote von 30% für die Zu­
der assoziativen Großhirnrinde geprägt lassung zum Psychologiestudium …
wurden. wäre mindestens so wichtig wie eine
Damit bietet die Körperebene nicht nur Frauenquote von 30% in Dax-Aufsichts­
einen niederschwelligen Zugang zur räten!
Spannungsregulation dort, wo die ko­ Mit freundlichen Grüßen
gnitive Erfassung (noch) nicht möglich
Dr. Dipl.-Psych. Hubert Hermes,
ist. Sie erlaubt darüber hinaus eine Ver­
Soest
änderung auf der strukturellen Ebene

48 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Kontaktdaten der Psychotherapeutenkammern
Baden-Württemberg Hamburg Ostdeutsche Psychothera-
Jägerstraße 40 Hallerstraße 61 peutenkammer
70174 Stuttgart 20146 Hamburg Kickerlingsberg 16
Tel. 0711/674470-0 Tel. 040/226 226 060 04105 Leipzig
Fax 0711/674470-15 Fax 040/226 226 089 Tel. 0341/462432-0
Mo – Do 9.00 – 12.00, Mo – Do 9.00 – 16.00 Uhr Fax 0341/462432-19
13.00 – 15.30 Uhr Fr 9.00 – 14.00 Uhr Mo, 9.00 – 12.30 Uhr und
Fr 9.00 – 12.00 Uhr info@ptk-hh.de 13.00 – 16.00 Uhr
info@lpk-bw.de www.ptk-hh.de Die 9.00 – 12.30 Uhr
www.lpk-bw.de Mi, Do 13.00 – 16.00 Uhr
Fr 9.00 – 12.00 Uhr
info@opk-info.de
www.opk-info.de

Bayern Hessen Rheinland-Pfalz


Birketweg 30 Gutenbergplatz 1 Wilhelm-Theodor-Römheld-Str. 30
80639 München 65187 Wiesbaden 55130 Mainz
(Post: Postfach 151506 Tel. 0611/53168-0 Tel. 06131/93055-0
80049 München) Fax 0611/53168-29 Fax 06131/93055-20
Tel. 089/515555-0 Mo 10.00 – 13.00 Uhr Mo – Fr 10.00 – 12.30 Uhr
Fax 089/515555-25 Di – Do 9.00 – 13.00 Uhr Di und Do 14.00 – 16.00 Uhr
Mo – Do 9.00 – 15.30 Uhr post@ptk-hessen.de service@lpk-rlp.de
Fr 9.00 – 13.00 Uhr www.ptk-hessen.de www.lpk-rlp.de
info@ptk-bayern.de
www.ptk-bayern.de

Berlin Niedersachsen Saarland


Kurfürstendamm 184 Roscherstraße 12 Scheidterstraße 124
10707 Berlin 30161 Hannover 66123 Saarbrücken
Tel. 030/887140-0, Fax -40 Tel. 0511/850304-30 Tel. 0681/9545556
Mo, Mi – Fr 9.00 – 14.00 Uhr Fax 0511/850304-44 Fax 0681/9545558
Di 14.00 – 19.00 Uhr Mo, Mi, Do, Fr 9.00 – 11.30 Uhr Mo, Di, Do 8.00 – 13.00 Uhr
info@psychotherapeutenkammer-berlin.de Mo, Di, Mi, Do 13.30 – 15.00 Uhr kontakt@ptk-saar.de
www.psychotherapeutenkammer-berlin.de Beitragsangelegenheiten: www.ptk-saar.de
Mo, Mi – Fr 9.00 – 11.30 Uhr
Mo – Do 13.30 – 15.00 Uhr
info@pknds.de
www.pknds.de

Bremen Nordrhein-Westfalen Schleswig-Holstein


Hollerallee 22 Willstätterstraße 10 Alter Markt 1-2 / Jacobsen-Haus
28209 Bremen 40549 Düsseldorf 24103 Kiel
Tel. 0421/27 72 000 Tel. 0211/522847-0 Tel. 0431/661199-0
Fax 0421/27 72 002 Fax 0211/522847-15 Fax 0431/661199-5
Mo, Di, Do, Fr 10.00 – 14.00 Uhr Mo – Do 8.00 – 16.30 Uhr Mo – Fr 9.00 – 12.00 Uhr
Mi 13.00 – 17.00 Uhr Fr 8.30 – 14.00 Uhr Do 13.00 – 16.00 Uhr
Sprechzeit des Präsidenten: info@ptk-nrw.de info@pksh.de
Di 12.30 – 13.30 Uhr www.ptk-nrw.de www.pksh.de
verwaltung@pk-hb.de
www.pk-hb.de

1/2015 Psychotherapeutenjournal 49
BPtK

Mitteilungen der
Bundespsychotherapeutenkammer

Reform des Psychotherapeutengesetzes – Projekt Transition


Die dringend notwendige Reform des zess seien die Zugangsvoraussetzungen Vorschlag von der Deutschen Gesell­
Psychotherapeutengesetzes nimmt end­ zu den heutigen Ausbildungen nicht schaft für Psychologie (DGPs) und der Ar­
lich Fahrt auf. Wie von CDU, CSU und mehr angemessen geregelt. Die finanzi­ beitsgruppe psychodynamischer Hoch­
SPD in ihrem Koalitionsvertrag verein­ elle und rechtliche Lage der Psychothe­ schullehrer vorgestellt und diskutiert. In
bart, plant das Bundesministerium für rapeuten in Ausbildung (PiA) sei prekär. der anschließenden Diskussion machte
Gesundheit (BMG) noch in dieser Le­ Und nicht zuletzt sei eine Ausbildung in der überwiegende Teil der Gesprächsteil­
gislaturperiode ein Gesetzgebungsver­ wissenschaftlich anerkannten Verfah­ nehmer deutlich, dass er die Klärung der
fahren. In einem ersten Schritt hatte ren, die keine Richtlinienverfahren sind, Reformdetails unter Federführung des
das BMG am 5. Februar 2015 die an der faktisch kaum möglich. Nach Jahren er­ BMG konstruktiv begleiten wolle.
Ausbildung beteiligten Organisationen folgloser Versuche, einzelne Probleme
und Gruppierungen sowie die Vertreter isoliert zu lösen, beruhe der DPT-Be­ „Projekt Transition“ der BPtK
der Gesundheits- und Kultusministeri­ schluss auf der Erkenntnis, dass der Pro­
en der Länder nach Bonn zu einer Ge­ blemkomplex als Ganzes und damit sys­ Die BPtK hat unter dem Titel „Transi­
sprächsrunde eingeladen. Das am 15. tematisch anzugehen sei. Prof. Richter tion“ ein Projekt gestartet, damit die
November 2014 mit Zweidrittelmehr­ erinnerte auch an die Ergebnisse des Psychotherapeutenschaft in einem ge­
heit abgegebene Votum des 25. Deut­ strukturierten Dialoges der BPtK unter regelten und transparenten Verfahren
schen Psychotherapeutentages (DPT) Beteiligung von Ausbildungsstätten, an den Vorarbeiten des BMG und dem
für eine Reform, die eine Approbation Ausbildungsteilnehmern, psychothera­ sich anschließenden Gesetzgebungs­
nach einem wissenschaftlichen Hoch­ peutischen Berufs- und Fachverbände verfahren mitwirken kann. Das Projekt­
schulstudium auf Masterniveau mit sowie Organisationen von Hochschul­ format wurde wegen des hohen Koor­
anschließender Weiterbildung vorsieht, lehrern. Das explizit formulierte Berufs­ dinierungs- und Abstimmungsbedarfs
und die Eckpunkte dieses Beschlusses bild, das das implizite Berufsbild des gewählt. Es wird darum gehen, vonei­
waren das zentrale Thema. Für das Psychotherapeutengesetzes abgelöst nander abhängige Reformmodule bzw.
BMG war der DPT-Beschluss der kon­ habe und das daraus abgeleitete Kompe­ in der künftigen Qualifizierungsstruktur
krete Anlass und die Voraussetzung, tenzprofil seien Grundlagen der Ent­ aufeinander folgende Qualifizierungs­
nun in den Diskussionsprozess für eine scheidung des DPT für die präferierte abschnitte parallel zu bearbeiten. So
Reform einzutreten. Qualifizierungsstruktur und gleichzeitig ist beispielsweise die Gestaltung einer
wichtige Vorarbeiten der nun anstehen­ Weiterbildungsordnung davon abhän­
Auftakt im BMG den Klärung der Reformdetails. gig, mit welchen Kompetenzen ein
Studium mit Approbation abschließen
Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident Als zweiter inhaltlicher Impuls wurde in soll. Parallel zur Klärung der Details ei­
der Bundespsychotherapeutenkammer der Gesprächsrunde der gemeinsame ner umfassenden Reform koordiniert
(BPtK), erläuterte den Gesprächsteilneh­
mern auf Wunsch des BMG den DPT- GKV-Versorgungsstärkungsgesetz – Bundesrat sucht Lösungen für psychothe-
Beschluss. Das Psychotherapeutenge­ rapeutische Unterversorgung
setz sei Initialzündung für die Professio­
Am 6. Februar 2015 verabschiedete der Bundesrat seine Stellungnahme zum Entwurf eines Ge-
nalisierung der Psychotherapeutenberu­
setzes zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG). Der
fe in Deutschland und die Verbesserung
Bundesrat stellte fest, dass die Vorgaben der Bedarfsplanung für die psychotherapeutische
der ambulanten psychotherapeutischen
Versorgung den tatsächlichen Versorgungsbedarf in keiner Weise widerspiegeln. Der Bundesrat
Versorgung gewesen. Doch seien inzwi­
forderte deshalb einerseits, dass der Gemeinsame Bundesausschuss damit beauftragt wird, Ver-
schen Schwächen deutlicher geworden
hältniszahlen zu entwickeln, die sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf orientieren. Er sprach
und neue Probleme hinzugetreten. Heu­
sich außerdem dafür aus, für die Arztgruppe der Psychotherapeuten die Anwendung der Aufkauf-
te gebe es neue Herausforderungen,
regelung für Praxen in angeblich überversorgten Planungsbereichen für mindestens zwei Jahre
weil Psychotherapie essentieller Be­
auszusetzen und in der Zwischenzeit Neuregelungen zur Bedarfsplanung im Bereich der Psycho-
standteil in der ambulanten, stationären
therapie zu entwickeln. Dies ist für psychisch kranke Menschen eine gute Nachricht.
und komplementären Versorgung sei.
Dies verlange eine Qualifizierung der Es gibt Hoffnung, dass die Gesundheitspolitik die Versorgungslage psychisch kranker Menschen
Psychotherapeuten für breiter gefächer­ mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz zum Besseren wenden will, indem sie die Weichen
te Tätigkeitsfelder. Mit dem Bolognapro­ dafür stellt, dass es ausreichende Versorgungskapazitäten gibt.

50 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Mitteilungen der Bundespsychotherapeutenkammer

BPtK
das Projekt die Initiativen der Psycho­ Das Projekt wird vom Vorstand der hört. Dem DPT wird kontinuierlich zur
therapeutenkammern auf Bundes- und BPtK koordiniert und gesteuert, für Projekt­
arbeit berichtet. Für die breite
Landesebene, die darauf hinwirken, die Abstimmung zwischen Bundes- Diskussion in der Profession wird die
dass bis zu einer solchen Reform die und Landesebene wird kammersei­ Expertise der relevanten Gremien und
Zugangsvoraussetzungen zu den heu­ tig eine „Bund-Länder-Arbeitsgruppe Gruppierungen frühzeitig und fortwäh­
tigen postgradualen Ausbildungen zum Transition“ eingerichtet. Mitglieder der rend in das Projekt einbezogen. Dazu
Psychologischen Psychotherapeuten Arbeitsgruppe sind die Präsidenten gehören insbesondere die Bundesar­
und zum Kinder- und Jugendlichenpsy­ der Landespsychotherapeutenkammern. beitsgemeinschaft der Verbände staat­
chotherapeuten bundeseinheitlich auf Fortlaufend werden BPtK-Ausschüsse lich anerkannter Ausbildungsinstitute,
einem im Sinne des Patientenschutzes und Kommissionen in den Diskussi­ der Gesprächskreis II der psychothe­
sachgerechten Niveau geregelt wer­ onsprozess einbezogen und zu konkre­ rapeutischen Berufs- und Fachverbän­
den. ten Fragestellungen Experten ange­ de, der Wissenschaftliche Beirat Psy­

Beschluss des 25. Deutschen Psychotherapeutentages zur Reform der Psychotherapeutenausbildung


Der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) fordert von der Politik, die für die Weiterentwicklung von zukunftsfähigen Versorgungsstrukturen not-
wendige umfassende Reform des Psychotherapeutengesetzes in dieser Legislaturperiode in Angriff zu nehmen. Vor diesem Hintergrund und auf der
Grundlage von Berufsbild, Kompetenzprofil und Kernforderungen werden die nachfolgenden Eckpunkte beschlossen und der Vorstand beauftragt, bei
den zuständigen Stellen die Rahmenbedingungen für die Möglichkeiten der Realisierung für eine solche Reform inklusive der Finanzierung zu klären.
Die Delegierten des DPT sind darüber zeitnah zu informieren.

„„ Ziel ist die zweiphasige wissenschaftliche und berufspraktische Qualifizierung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als Angehörige
eines akademischen Heilberufs durch den Erwerb professioneller Kompetenzen, wie sie im Kompetenzprofil für die Berufsausübung im ambulanten
und stationären Bereich sowie in Institutionen der komplementären Versorgung beschrieben wurden.

„„ Im wissenschaftlichen Hochschulstudium (Qualifizierungsphase I bis einschließlich Masterniveau) erstreckt sich die Qualifizierung über die gesam-
te Altersspanne (Kinder, Jugendliche und Erwachsene). In dieser Phase sind die vier Grundorientierungen der Psychotherapie (verhaltenstherapeu-
tisch, psychodynamisch, systemisch und humanistisch) mit Strukturqualität zu vermitteln.

„„ In der anschließenden Weiterbildung (Qualifizierungsphase II) sind Vertiefungen in wissenschaftlichen Psychotherapieverfahren und -methoden
sowie Schwerpunktsetzungen mit vertiefter Qualifizierung für die psychotherapeutische Behandlung von Kindern und Jugendlichen bzw. von
Erwachsenen einzurichten.

„„ Hochschulstudium und zweite Qualifizierungsphase sind aufeinander zu beziehen. Nach dem Studium ist ein Staatsexamen mit Approbation vor-
zusehen. Die Approbation berechtigt zu Weiterbildungen, deren Abschlüsse insbesondere die Voraussetzung für die eigenständige Behandlung
gesetzlich Krankenversicherter (Fachkunde) im ambulanten und im stationären Bereich darstellen.

„„ In der Weiterbildung werden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im ambulanten, teilstationären, stationären und komplementären
Bereich für eine verbesserte und differenzierte psychotherapeutische Versorgung aller Patientengruppen qualifiziert.

„„ Die Weiterbildungsgänge werden über die gesamte Weiterbildungszeit von Weiterbildungsstätten koordiniert und organisiert einschließlich der
Theorieanteile, Supervision und Lehrtherapien. Die derzeitigen staatlich anerkannten Ausbildungsstätten werden zu Weiterbildungsstätten über-
geleitet, wenn sie die Anforderungen der Weiterbildungsordnung erfüllen. Dabei ist dafür zu sorgen, dass eine ausreichende Zahl an Plätzen zur
Sicherung eines hinreichenden psychotherapeutischen Nachwuchses zur Verfügung gestellt wird.

„„ Die Weiterbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist so gestaltet, dass Beruf und Familie vereinbar sind.
„„ Es werden angemessene finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen für die Vergütung der Versorgungsleistungen von Weiterbildungsteilneh-
merinnen und -teilnehmern sowie für die von Weiterbildungsstätten beziehungsweise die in den Einrichtungen zur Weiterbildung Befugten er-
brachten Versorgungs- und Qualifizierungsleistungen.

„„ Angemessene Übergangsfristen sind für diejenigen vorzusehen, die Studium bzw. Ausbildung nach den derzeitigen Regelungen begonnen haben.
Bis zu einer umfassenden Novellierung des Psychotherapeutengesetzes wird als erster Schritt mit einer Sofortlösung geregelt, dass Studiengänge
den Zugang zu den postgradualen Psychotherapieausbildungen nur dann ermöglichen, wenn sie mit einem Diplom oder auf Masterniveau abge-
schlossen wurden.

„„ Mit der Reform des Psychotherapeutengesetzes wird ein Aufgaben- und Versorgungsprofil der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
erreicht, das unter anderem durch eine bundeseinheitliche Approbationsordnung, durch eine angemessene Legaldefinition der psychotherapeuti-
schen Tätigkeit von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und durch eine fachlich angemessene Festlegung der heilberuflichen Befugnis-
se gekennzeichnet ist.

Der Beschluss wurde durch die Delegierten des 25. DPT mit 86 Ja-Stimmen, 38 Nein-Stimmen und 4 Enthaltungen angenommen.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 51
Mitteilungen der Bundespsychotherapeutenkammer
BPtK

chotherapie, die Bundeskonferenz PiA Projektbeteiligten zu Vorstellungen über Anhörungen sowie bilateralen Gesprä­
sowie die für das Hochschulstudium zentrale Details einer Approbations­ chen, Positionen zu Reformeckpunkten
relevanten Organisationen der Hoch­ ordnung- und einer Muster-Weiterbil­ entwickelt. Mit Blick auf das Projekt
schullehrer. dungsordnung (MWBO). Abhängig vom Transition konnte Prof. Richter dem
weiteren Arbeitsplan des BMG werden BMG in der Gesprächsrunde Anfang
Aktuell läuft in dem Projekt eine schrift­ dann in geeigneten Diskursformaten, Februar die volle Unterstützung und
liche Befragung der professionsinternen wie z.  B. schriftlichen und mündlichen fachliche Expertise der BPtK zusichern.

Standortbestimmung PEPP – Round-Table-Gespräch am 15. Januar 2015


Das pauschalierende Entgeltsystem für Weiterentwicklung des Operationen- Aktueller Stand des PEPP
Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) und Prozedurenschlüssels (OPS) von Einen Überblick über den aktuellen
wird nach wie vor kontrovers diskutiert. unschätzbarem Wert seien. Das bestä­ Stand der PEPP-Entwicklung gab Jo­
Die BPtK hat im Januar 2015 (leitende) tigte Dr. Dietrich Munz, Vizepräsident chen Vaillant von der Deutschen Kran­
Psychotherapeuten aus Einrichtungen der BPtK, noch einmal ausdrücklich, kenhausgesellschaft (DKG). Im PEPP-
der Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsy­ als er die derzeitige Positionierung der Entgeltkatalog 2015 sei es gelungen,
chiatrie sowie Psychosomatik zu einem BPtK zum PEPP zusammenfasste und zentrale Kritikpunkte aufzugreifen und
Round-Table-Gespräch eingeladen, um deutlich machte, welche Aufgaben im an zwei Stellen wesentliche Änderun­
sich mit diesen über die aktuellen Ent­ Zusammenhang mit der PEPP-Entwick­ gen vorzunehmen. Zum einen wurde
wicklungen und die Positionierung der lung in nächster Zeit für die BPtK anste­ die Degression stark abgeschwächt.
BPtK auszutauschen. Prof. Dr. Rainer hen. Dabei sei vor allem die Entwicklung Die massiv kritisierten Vergütungs­
Richter, Präsident der BPtK, freute sich von Personalstandards für Psychiatrie sprünge seien abgeschafft worden, die
deshalb in seiner Begrüßung, dass der und Psychosomatik durch den Gemein­ Relativgewichte sänken nun kontinuier­
Einladung so viele Kolleginnen und Kol­ samen Bundesausschuss (G-BA) von lich im Verlauf. Zum anderen wurden
legen gefolgt waren. Der Austausch mit großer Bedeutung, da sie die Chance sogenannte ergänzende Tagesentgelte
den Kollegen vor Ort sei auch deshalb so für eine bessere Verankerung der Berufe eingeführt. Dadurch könne ein kurz­
wichtig, weil sie es seien, die das PEPP des Psychologischen Psychotherapeu­ zeitig entstehender höherer Aufwand
letztlich umsetzen müssten und ihre ten und Kinder- und Jugendlichenpsy­ im Verlauf, z.  B. eine tagesbezogene
Erfahrungen u. a. bei der anstehenden chotherapeuten im Krankenhaus bieten. Intensivbehandlung aufgrund einer sui­
zidalen Krise, abgerechnet werden. Da­
Präventionsgesetz: Prävention ohne Psychotherapeuten? rüber hinaus führe die neu eingeführte
Die BPtK begrüßt die Initiative der Bundesregierung zu einem Gesetz zur Stärkung der Gesund- Abrechenbarkeit des Entlassungstags
heitsförderung und der Prävention (BR-Drs. 640/14), übt zugleich aber deutliche Kritik, weil psy- zusätzlich zu einer Aufwertung der
chotherapeutischer Sachverstand überhaupt nicht berücksichtigt werden soll. einzelnen PEPP. Das allein reiche aber
noch nicht aus. Perspektivisch sei zu
Die BPtK fordert, psychische Erkrankungen als Volkskrankheiten des 21. Jahrhunderts im Rahmen klären, ob es sich beim PEPP wirklich
des Gesetzgebungsverfahrens stärker in den Fokus zu nehmen. Ziel sollte im Sinne von „Health in um ein Finanzierungssystem handele,
all Policies“ die Implementation eines „Nationalen Aktionsprogrammes Psychische Gesundheit“ oder ob es sich nicht eher für die Bud­
sein. Der Gesetzentwurf benennt zwar den Wandel des Krankheitsspektrums und verweist auf getfindung eigne. Auch könnten nur
die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt als Probleme, für die mit dem Präventionsge- dann verbindliche Personalstandards
setz Lösungen vorgeschlagen werden. Dennoch werden Psychotherapeuten von Gesundheitsun- eingeführt werden, wenn den Kranken­
tersuchungen und Empfehlungen von Präventionsangeboten ausgeschlossen. Dabei müssten Prä- häusern auch die entsprechenden Mit­
ventionsleistungen zu den essenziellen Leistungen einer psychotherapeutischen Sprechstunde tel zur Erfüllung dieser Standards zur
gehören können, wie sie die Bundesregierung im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz plant. Verfügung gestellt würden. Diese Po­
Auch bei Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen gehören psychische sition vertritt auch die BPtK und wurde
Erkrankungen in den Fokus. Zeigen Kinder und Jugendliche in den U1- bis J2-Untersuchungen durch die Rückmeldungen der Kollegen
Auffälligkeiten, sollte in der Sprechstunde von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ab- aus den Krankenhäusern darin noch ein­
geklärt werden, ob bereits eine behandlungsbedürftige Erkrankung vorliegt oder eine Präventi- mal sehr bestärkt.
onsempfehlung gegeben werden kann. Daneben sollte psychotherapeutischer Sachverstand auch
zur Veränderung gesundheitsschädlicher Lebensstile genutzt werden. Psychotherapeuten sind Chance – Mindestanforderungen
dafür aufgrund ihrer Ausbildung die Spezialisten. an die Personalausstattung
Aus Sicht der BPtK ist es nicht sachgerecht, bei Prävention und Gesundheitsförderung auf die Die in Psychiatrie und Psychosomatik
Kompetenz der über 40.000 Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten so- tätigen Psychotherapeuten plädierten
wie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten in Deutschland zu gegenüber dem Vorstand der BPtK
verzichten. sehr dafür, Ressourcen in die Erarbei­

52 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Mitteilungen der Bundespsychotherapeutenkammer

BPtK
tung der Empfehlungen für die Per­ terventionen bis hin zu längeren Ein­ Wichtige Punkte, die von den Teilneh­
sonalausstattung in Psychiatrie und zel- und Gruppentherapien umfassen mern genannt wurden, betreffen ei­
Psychosomatik zu investieren und sich könne. Entscheidend könne mitunter ne getrennte Leistungserfassung von
dafür stark zu machen, dass zukünftig auch „nur“ ein psychotherapeutisches Psychologen und Psychotherapeuten
zwischen Psychologen und Psycho­ Krankheits- und Fallverständnis im sowie die Möglichkeit zur Behandlungs­
therapeuten hinsichtlich Behandlungs­ Team sein, das die Behandlung und führung durch Psychotherapeuten.
verantwortung und Leistungen un­ Arbeitsweise des gesamten therapeu­ Einen Vorschlag, die Leistungen von
terschieden wird. Auf der Grundlage tischen Teams wesentlich verändere. Psychologen und Psychotherapeuten
von Leitlinienempfehlungen müsse es Diesen Punkt griff Prof. Richter noch getrennt zu erfassen hatte die BPtK
gelingen, Psychotherapeuten in allen einmal auf und ergänzte, dass man dies bereits im Vorschlagsverfahren für den
Bereichen der Psychiatrie zu etablie­ aus seiner Sicht auch gut unter dem Be­ OPS 2015 eingereicht. Aufgrund der
ren und die überholte Unterscheidung griff „Psychotherapeutische Haltung“ Rückmeldung der Teilnehmer wird sie
zwischen „Psychotherapiepatienten“ fassen könne, die (optimalerweise) das diesen Vorschlag dieses Jahr nun er­
und „anderen Patienten“, wie sie noch gesamte Behandlungsteam teile. neut einreichen. Weitere wertvolle An­
in der Psychiatrie-Personalverordnung regungen gaben die eingeladenen Psy­
gilt, aufzugeben. Dabei wurde von den Weiterentwicklung des OPS chotherapeuten zur getrennten Erfas­
Teilnehmern betont, dass Psychothera­ sung von Einzel- und Gruppentherapie
pie in der Psychiatrie in Abhängigkeit Die Verankerung von Strukturanforde­ sowie zur Verankerung einer höheren
von der Krankheitsphase des Patien­ rungen ist auch bei der Weiterentwick­ Strukturqualität in den Psychotherapie-
ten ein weites Spektrum von Kurzin­ lung des OPS ein zentrales Thema. Codes.

Psychoonkologische Versorgung von Krebspatientinnen verbessert –


G-BA beschließt Richtlinie zur ASV bei gynäkologischen Tumoren

Patientinnen mit gynäkologischen Tu­ im erforderlichen Umfang erbringen hinzuzuziehenden Fachärzten. Hierzu
moren, die im Rahmen der ambulanten können, war die Einführung einer neu­ muss eine entsprechende Vereinbarung
spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) en Leistungsziffer für PP notwendig. geschlossen werden. ASV-Teams kön­
behandelt werden, können zukünftig Nach dem Einheitlichen Bewertungs­ nen sich ambulant, aber auch am Kran­
besser psychotherapeutisch beraten maßstab können PP im Gegensatz zu kenhaus bilden. Die Teamleitung liegt in
und behandelt werden. Der G-BA hat in ihren ärztlichen Kollegen antragsfreie der Hand eines Facharztes für Frauen­
seiner Sitzung am 22. Januar 2015 die psychotherapeutische Einzelgespräche heilkunde und Geburtshilfe mit Schwer­
entsprechende Richtlinie zur ASV bei nur im Umfang von 150 Minuten pro punkt Gynäkologische Onkologie oder
gynäkologischen Tumoren beschlossen. Quartal und keine psychotherapeuti­ für Innere Medizin und Hämatologie
Damit ist er der Forderung der BPtK ge­ schen Gruppengespräche anbieten. und Onkologie oder Strahlentherapie.
folgt, dass Patientinnen mit einer hohen Hier besteht eine Ungleichbehandlung Psychotherapeuten, die sich für die
psychischen Belastung – die aber keine zwischen den Berufsgruppen, die Versorgung innerhalb der ASV interes­
psychische Erkrankung haben – im Rah­ wenigstens im Rahmen der ASV nun sieren, sollten regional nachfragen, wo
men der ASV die erforderlichen psycho­ teilweise aufgehoben ist. Der G-BA hat sich an einem Krankenhaus oder einer
therapeutischen Leistungen erhalten. in den Leistungskatalog der ASV gynä­ onkologischen Praxis ein ASV-Team bil­
Patientinnen mit komorbiden psychi­ kologische Tumore psychotherapeu­ ti­ det, um ihre Mitarbeit anzubieten.
schen Erkrankungen werden weiter­ sche Einzelgespräche mehr als 15-Mal
hin außerhalb der ASV im Rahmen der pro Quartal für PP aufgenommen, aber
Richtlinien-Psychotherapie behandelt. noch keine Ziffer für Gruppengesprä­
Um dies zu ermöglichen, mussten die che. Hier besteht weiterhin Anpas­ Geschäftsstelle
antragsfreien psychotherapeutischen sungsbedarf, auch im Hinblick auf eine
Leistungen in den Leistungskatalog angemessene Vergütung der Leistun­ Klosterstraße 64
der ASV aufgenommen werden. Damit gen. PP, die Patientinnen mit gynäkolo­ 10179 Berlin
auch Psychologische Psychotherapeu­ gischen Tumoren im Rahmen der ASV Tel. 030/278785-0
ten (PP) – wie die Fachärzte für Psych­ behandeln möchten, müssen Teil  des Fax 030/278785-44
iatrie oder Psychosomatik – psychothe­ spezialfachärztlichen Teams sein und info@bptk.de
rapeutische Einzelgespräche individuell zählen zu den im Rahmen der ASV www.bptk.de

1/2015 Psychotherapeutenjournal 53
BW

Mitteilungen der Landespsychotherapeutenkammer


Baden-Württemberg

angenommen und sucht bzw. motiviert Kolleginnen und Kollegen, sich


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
zu engagieren und diesem wichtigen Personenkreis einen guten Zugang
die gute Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist zur für sie notwendigen Psychotherapie anzubieten. Dass die Zielsetzung
eines der wichtigsten Ziele und Aufgaben von Psychotherapeuten. Somit des LPK-Vorstands ein sehr wichtiges Themenfeld trifft, zeigt sich durch
ist es auch Auftrag der Psychotherapeutenkammer, zu überprüfen und den sehr guten Besuch der dazu durchgeführten Kammerfortbildungen.
mit Ihnen zu diskutieren, wo konkret Änderungsbedarfe und Potenziale Ein erster Meilenstein, der hier durch die Kammer erreicht wurde, ist die
bestehen. Diesen Diskurs möchten wir bei unserem Landespsychothera- Anlage einer Liste von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten,
peutentag am 27. Juni gemeinsam mit Ihnen führen und laden Sie bereits die verstärkt für und mit Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten.
heute dazu ein. Hilfesuchende können somit über die Kammer Ansprechpartner schneller
und zielgenauer finden.
Die Auseinandersetzung um die Verschärfung der Umsetzung der Be-
darfsplanung im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) geht Zwischenzeitlich wird ein neuer zusätzlicher Bedarf erkennbar: Unter
weiter. Sollte dieses Gesetz wie geplant verabschiedet werden, könnten den vielen Flüchtlingen aus den verschiedenen Kriegsregionen der Welt
– wie wir schon berichteten – allein in Baden-Württemberg mehr als 900 sind sehr viele, teils sehr schwer traumatisierte Kinder, Frauen und Män-
Praxissitze bei einer Praxisweitergabe u. U. nicht wieder besetzt wer- ner. Hier ist Hilfe dringend nötig. Behandlungszentren für traumatisierte
den. Der Gesetzesentwurf ist zwischenzeitlich in der parlamentarischen Flüchtlinge leisten hierbei mit viel Engagement frühzeitige psychothera-
Beratung und es ist dringend erforderlich, dass wir den Bundestagsab- peutische Hilfe und Unterstützung für die Betroffenen. Es ist jedoch nach
geordneten verdeutlichen, dass angesichts der schon derzeit bestehen- Klärung des Aufenthaltsrechts oft eine weiterführende Behandlung am
den Wartezeit auf einen Behandlungsplatz Menschen mit psychischen neuen Wohnort der Betroffenen erforderlich. Dieses Aufgabenfeld hat
Erkrankungen die Leidtragenden sein werden. Der Vorstand der LPK BW der LPK-Vorstand erkannt und ist über geplante Fortbildungen (ähnlich
hat u. a. hierzu Briefe an alle Bundestagsabgeordneten geschickt und auf wie bei der Zielgruppe „Menschen mit (geistiger) Behinderung“) auf der
allen Ebenen Gespräche mit Politik und Entscheidern im Gesundheitswe- aktiven Suche nach Kolleginnen und Kollegen, die sich verstärkt der Be-
sen geführt. handlung von Flüchtlingen annehmen. Mit den Fortbildungen soll über
die Besonderheiten der Behandlung und die verschiedenen sozialen
Eine weitere Schwerpunktsetzung durch den Vorstand der LPK BW ist
Hilfsmöglichkeiten für traumatisierte Asylanten informiert werden.
die Hinwirkung auf die Verbesserung der psychotherapeutischen Ver-
sorgung von Schülerinnen und Schülern. In der von der LPK BW mitini- Wir freuen uns auf die Bearbeitung der gemeinsamen Themen mit allen
tiierten Veranstaltung mit Schulpsychologen und Beratungslehrern des Kammermitgliedern. Wir verbleiben mit den besten Wünschen für die
Rems-Murr-Kreises wurde deutlich, dass der Übergang von Schülern in kommenden Ostertage und das anstehende Frühjahr.
notwendige Psychotherapie verbessert werden muss. Bei der Frage nach
der Versorgung von Menschen mit (geistiger) Behinderung zeigt sich Ihr Kammervorstand,
ebenfalls, dass es für Betroffene schwer ist, einen Psychotherapieplatz Dietrich Munz, Martin Klett,
bzw. einen geeigneten PP/KJP zu finden. Dieser Aufgabenstellung hat Kristiane Göpel, Birgitt Lackus-Reitter,
sich der Vorstand der LPK BW sowie ein hierfür gebildeter Arbeitskreis Roland Straub

Gemeinsamer LPK-Workshop mit der Schulpsychologischen Beratungsstelle


Backnang

Insgesamt ca. 50 Schulpsychologin­ der LPK Baden-Württemberg gemein­ den?“ am 10. Dezember 2014 in Win­
nen und -psychologen, Beratungsleh­ sam organisierten Workshop „Kinder nenden teil.
rerinnen und -lehrer und Psychothe­ und Jugendliche zwischen Unterricht
rapeutinnen und Psychotherapeuten und Therapie – wie kann die Koope­ Kammerpräsident Dr. Dietrich Munz
nahmen am von der Schulpsychologi­ ration zwischen System Schule und gab eine Einführung zur Tätigkeit der
schen Beratungsstelle Backnang und Psychotherapeuten gestaltet wer­ niedergelassenen Psychotherapeuten.

54 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Baden-Württemberg

Er führte aus, dass die Versorgungssi­ „„ Informationsbedarf der Schule,


tuation in Baden-Württemberg hinsicht­ z. B. zu psychischen Störungen und
lich psychotherapeutischer Behand­ Erkrankungen,
lungsplätze für Kinder und Jugendliche

BW
„„ Formen der Kooperation bzw. des
nicht ausreichend sei. Es gebe derzeit
Austauschs: runde Tische zwischen
etwa 600 niedergelassene Kinder- und
Psychotherapie und Schulpsycholo­
Jugendlichenpsychotherapeuten und die
gie, auch unter Einbindung weiterer
Wartezeiten auf einen Therapieplatz
Professionen,
seien lang, insbesondere in ländlichen
Gebieten. Die Psychotherapeutenkam­ „„ Fragen der Schweigepflicht bzw.
mer weise landes- und auch bundes­ der Schweigepflichtsentbindung
weit immer wieder auf diesen Mangel zwischen Schule und Therapeut,
hin, was aber bislang nicht zu wesent­
„„ Therapiezeiten sollten in den Ganz-
lichen Verbesserungen geführt habe.
tagsrhythmus der Schulen integriert,
Hier müssten deutliche gesundheitspo­
die Psychotherapie näher an oder so­
litische Signale gesetzt werden, wozu
gar in die Schulen gebracht werden,
diese Veranstaltung auch einen Beitrag
leisten könne. „„ oft unzureichende regionale psy-
chotherapeutische Versorgung –
Dipl.-Psychologinnen Annette Maier­ hier sollten langfristig mehr ambulan­
hofer und Daniela Schwitzer von der Dr. Dietrich Munz
te Möglichkeiten geschaffen werden,
Schulpsychologischen Beratungsstelle
Backnang informierten über die Schul­ Projektmanagement, Entwicklung und
„„ Wiedereingliederung in die Schu-
le nach Klinikaufenthalt und Abstim­
psychologie in Baden-Württemberg. Evaluation, Konfliktmanagement und
mungen während einer ambulanten
Die Versorgungssituation der Schul­ auch Krisenintervention.
Psychotherapie,
psychologie sei insbesondere nach
dem Amoklauf in Winnenden deutlich Realschullehrerin Maria Linzbach stellte „„ „übergeordnete“ konzeptuelle
verbessert worden. War Baden-Würt­ die Rolle der Beratungslehrer vor. Ne­ Überlegungen: Notwendigkeit der
temberg 2008 mit ca. 17.000 Schülern ben Beratungen von Schülern, Eltern Entwicklung neuer Konzepte z.  B.
auf einen Schulpsychologen noch an und Kollegen seien die Beratungslehrer für schulnahe psychotherapeutische
drittletzter Stelle im Vergleich der Bun­ Mitglieder des schulischen Krisenteams Versorgungsmöglichkeiten.
desländer, habe sich die Relation auf ca. und beim Aufbau von Kooperationen
1 : 8000 halbiert – im Vergleich zu den (z.  B. Schulsozialarbeit, Erziehungsbe­ Ermutigt durch die sehr positive Reso­
anderen Bundesländern nun im Mittel­ ratungsstelle) bzw. mit Projekten zu nanz sind weitere Veranstaltungen für
feld. Landesweit gebe es aktuell ca. unterschiedlichen Themen (z. B. Schul­ 2015 bereits in Planung/Vorbereitung.
250-300 Schulpsychologen. Das Tätig­ absentismus) aktiv. Einen ausführlicheren Bericht sowie die
keitsfeld der Schulpsychologen umfas­ gezeigten Folien der Referate finden Sie
se Beratung, Fortbildung und Qualifizie­ In der Diskussion ergaben sich span­ auf der Internetseite der LPK BW www.
rung, Supervision und Coaching, Schul­ nende und inhaltlich vielseitige The­ lpk-bw.de unter Aktuelles vom 20. Ja­
entwicklung und Prozessbegleitung, men: nuar 2015.

Psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen


Die Zahl von Asyl suchenden Flüchtlin­ haben wir auf Initiative der Kassenärzt­ bestehenden Behandlungszentren für
gen aus afrikanischen und arabischen lichen Vereinigung Baden-Württemberg Flüchtlinge und Folteropfer eine gute
Ländern steigt extrem an. Allein die (KVBW) zusammen mit dieser zu einem erste Anlaufstelle für die Asylsuchen­
Umstände ihrer Flucht sind oft trauma­ runden Tisch mit in der Traumaarbeit den, wobei festgestellt wurde, dass
tisierend, viele von ihnen sind Opfer mit Flüchtlingen erfahrenen Psycho­ solche Zentren in Nord- und Südbaden
schwerer Gewalt und Folter in ihrer therapeuten in die LPK-Geschäftsstelle fehlen und dort eingerichtet werden
Heimat, die sie verlassen mussten, um eingeladen. Es bestand rasch Einigkeit, sollten.
nicht weiterer Gewalt ausgesetzt zu dass die Betroffenen zunächst Unter­
sein. Erfahrungen in den Aufnahmela­ stützung zur Alltagsbewältigung und Die Kammer hat angeboten, nach Kol­
gern als auch nach Anerkennung des psychischen Stabilisierung benötigen leginnen und Kollegen für die Weiterbe­
Anspruchs auf Asyl verdeutlichen, dass und erst später eine Richtlinientherapie handlung zu suchen und Fortbildungen
diese Menschen sozialer und psycho­ mit Trauma bezogenen Behandlungs­ zu Behandlungsproblemen sowie Infor­
therapeutischer Hilfe bedürfen. Deshalb methoden hilfreich ist. So sind die fünf mationen über die sozialen Hilfsange­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 55
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

bote und rechtlichen Hintergründe nach ten. Sowohl für die psychotherapeuti­ tief sitzenden Ängsten durch Gewalter­
Gewährung des Asyls durchzuführen. sche Behandlung als auch zur Hilfe für fahrung und Trauma ausgesetzt sind.
Die KVBW wird Hausärzte und Kinder­ die Alltagsbewältigung sind wegen der Es sollte deshalb eine möglichst rasche
ärzte über Qualitätszirkel ansprechen sprachlichen Verständigungsprobleme Entscheidung über den Aufenthaltssta­
BW

und fortbilden. Dolmetscher unerlässlich und bessere tus getroffen werden, der dann über
Regelungen für die Kostenübernahme einen längeren Zeitraum stabil bleiben
Einigkeit bestand auch, dass den vielen erforderlich. muss, damit die Betroffenen oder Fami­
ehrenamtlichen Helfern in den Auffang­ lienangehörige nicht kontinuierlich der
lagern durch KV und Kammer Fortbil­ Die Sicherheit des Aufenthalts ist Vor­ Angst ausgesetzt sind, in ihre Heimat
dungen zum Umgang mit traumatisier­ aussetzung für eine wirksame psycho­ abgeschoben und somit oft erneut dro­
ten Flüchtlingen angeboten werden soll- therapeutische Arbeit mit Patienten, die hender Gewalt ausgeliefert zu werden.

LPK-Veranstaltung mit Dieter Best zum Abrechnungsrecht


Die Kammer-Fortbildung zur „Einfüh­
rung in die Abrechnung als Vertragspsy­
chotherapeut nach dem Einheitlichen
Bewertungsmaßstab (EBM) und in die
Privatabrechnung nach der Gebühren­
ordnung für Psychotherapeuten (GOP)“
am 13. Februar 2015 mit Dieter Best
war mit 30 Teilnehmern komplett aus­
gebucht und sowohl aus Sicht der Teil­
nehmer als auch der Veranstalter ein
voller Erfolg.

Die Fortbildungsveranstaltung richtete


sich an Kammermitglieder mit und ohne
Vorkenntnisse im Abrechnungsrecht,
die sich erst kürzlich niedergelassen ha­
ben oder sich bald niederlassen wollen.
Neben der Vermittlung von Grundlagen
der Abrechnung nach EBM und GOP
wurden Rahmenbedingungen psycho­ Dr. Dietrich Munz (li.), Referent Dieter Best
therapeutischer Abrechnungen, die der Vorstand mit Dieter Best einen der Psychotherapie und Mitglied der Ver­
rechtliche Struktur des EBM und der führenden Experten zu diesem Thema treterversammlung der KBV. Darüber
GOP sowie Inhalte der wichtigsten Ge­ in Deutschland gewinnen konnte. Die­ hinaus ist er u. a. Gebührenordnungs­
bührenordnungspositionen vorgestellt. ter Best ist Psychologischer Psychothe­ beauftragter der BPtK sowie Autor des
rapeut und Kinder- und Jugendlichen­ Kommentars zur GOP und Mitautor des
Kammerpräsident Dr. Dietrich Munz psychotherapeut sowie Vorsitzender Kölner Kommentars zum EBM.
hob in seiner Eröffnung hervor, dass des Beratenden Fachausschusses für

Fachtag Rechtsfragen für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten


Am 25. Juli 2015 wird der KJP-Aus­ der LPK eingegangene Beschwerdefäl­ eintreffen, erinnern immer wieder daran,
schuss gemeinsam mit dem LPK-Vor­ le. Kammeranwalt Manfred Seeburger wie kompliziert für KJP das Thema Auf­
stand einen Fachtag in Stuttgart durch­ wird mit der Justitiarin der Kammer, klärung am Anfang eines Patientenkon­
führen, der sich mit Rechtsfragen in der Stephanie Tessmer, für die Diskussion taktes ist und welche Gratwanderung
Praxis von Kinder- und Jugendlichenpsy­ zur Verfügung stehen. Neue gesetzli­ das Thema Sorgerecht beinhalten kann.
chotherapeuten beschäftigen soll. Für ei­ che Vorgaben, z.  B. durch das Patien­ Das Einhalten der Schweigepflicht in ei­
nen Einführungsvortrag konnte Prof. Dr. tenrechtegesetz, gaben den Anstoß für nem Kontext von mehreren Personen,
Stellpflug, Justitiar der BPtK, gewonnen diesen Rechtstag. Sie sorgen für Ver­ mit denen KJP in der therapeutischen
werden. Im Anschluss berichten die Mit­ unsicherung im Umgang mit Patienten Situation arbeiten, ist ebenfalls sehr sen­
glieder des Ausschusses über aktuelle z. B. hinsichtlich Dokumentationspflicht. sibel. Bitte vermerken Sie schon jetzt
Fälle aus ihren Praxen, ergänzt durch bei Beschwerdefälle, die bei der Kammer diesen Termin in Ihrem Kalender.

56 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Baden-Württemberg

Psychotherapie für Menschen mit geistiger Behinderung –


weitere LPK-Veranstaltungsreihe

BW
Initiiert vom LPK-Vorstand sowie dem mit Erwachsenen und Kindern/Jugend­ Liste umfasst derzeit ca. 60 Psychothe­
Kammer-Arbeitskreis „Psychotherapie lichen engagiert diskutierten, stand in rapeuten und wir würden uns freuen,
für Menschen mit geistiger Behinde­ der kleineren Runde in Reutlingen die wenn diese durch weitere Nennungen/
rung“ fanden im November 2014 erneut Erläuterung der FAQ-Broschüre im Vor­ Einverständniserklärungen laufend er­
vier regionale Veranstaltungen zur psy­ dergrund, aber vor allem auch die Grün­ weitert werden könnte.
chotherapeutischen Versorgung geistig dung eines Qualitätszirkels. In allen re­
Behinderter statt. In den von den Mit­ gionalen Veranstaltungen waren auch Weitere Fortbildungen sollen stattfin­
gliedern/Experten des Arbeitskreises Vertreter anderer Berufsgruppen aus den, wobei im Herbst eine zentrale Ver­
selbst organisierten und mit hohem En­ unterschiedlichen Arbeitsbereichen der anstaltung gemeinsam mit der Landes­
gagement gestalteten Veranstaltungen Behindertenarbeit wie Heimen, kom­ ärztekammer geplant ist.
wurde die vom Arbeitskreis erstellte munalen Behörden, Gesundheitsamt
und den Teilnehmern überreichte Bro­ und überregionaler Hilfeeinrichtungen Die Geschäftsstelle und der Vorstand
schüre präsentiert und erläutert. Die­ (Pro Familia, Migrationshilfe usw.), An­ begleiten und koordinieren die durch die
ses im Sinne eines FAQ auf Fragen und gehörige sowie Ausbildungskandidaten Aktivitäten und Veranstaltungen des Ar­
Unsicherheiten eingehende Paper, das und auch Studenten der Heilpädagogik beitskreises zunehmende Aktivität und
auch auf der Kammerhomepage abge­ dabei. Diese brachten, ganz im Sinne die Anfragen zum Thema Psychothera­
rufen werden kann,1 soll vor allem hin­ der bei dieser psychotherapeutischen pie bei geistiger Behinderung. Die Koor­
sichtlich psychotherapeutischer Arbeit Arbeit wichtigen Einbeziehung und er­ dination übernimmt Vorstandsmitglied
mit Menschen mit geistiger Behinde­ forderlichen Kenntnis der vernetzten Dr. Roland Straub, der auch in den Bei­
rung ermutigen, informieren und Orien­ Hilfestrukturen vor Ort, wertvolle er­ rat des Projektes „Barrierefrei Gesund“
tierung geben. gänzende Beiträge in die Diskussion ein der Caritas Stuttgart berufen wurde
und waren dankbar für das Arbeitspa­ und die Kammer in der Landeskommis­
Die Schwerpunkte der vier Veran­ pier. sion für Hörbehinderung vertreten hat.
staltungen waren unterschiedlich, in Zur kontinuierlichen Wahrnehmung der
Abhängigkeit von der regionalen Or­ Wie bei den ersten regionalen Veran­ zunehmenden Aufgaben und Anfragen
ganisation und den dortigen Gegeben­ staltungen wurden Teilnehmer, die sich an die Kammer wurde Dr. Straub vom
heiten. Während in Freiburg wieder damit einverstanden erklärten, in eine Vorstand zum Ansprechpartner und
zahlreiche Kolleginnen und Kollegen Adressliste für Anfragen an die LPK Vorstandsbeauftragten für die Belange
erschienen waren und die beiden gut bzgl. eines Psychotherapieplatzes für von Menschen mit Behinderungen er­
aufgenommenen Vorträge zur Arbeit geistig Behinderte aufgenommen. Die nannt.

Termine – Veranstaltungen
Landespsychotherapeutentag „Ver- Berufs- und strafrechtliche Prob- Geschäftsstelle
sorgung von Menschen mit psychi- lemstellungen im psychotherapeu-
scher Erkrankung“ am 27. Juni 2015 tischen Praxisalltag LPK-Fortbildung Jägerstraße 40
in Stuttgart. Ein wichtiges Anliegen der am 20. Februar 2015 in Ulm und am 70174 Stuttgart
Psychotherapeutenkammern ist die gu­ 12. Juni 2015 in Karlsruhe. Mo – Do 9.00 – 12.00, 13.00 – 15.30 Uhr
te Versorgung von Menschen mit psy­ Freitag 9.00 – 12.00 Uhr
chischer Erkrankung. Wartezeiten sind „Neuropsychologie psychischer Stö- Tel. 0711/674470 – 0
ein Hinweis auf Versorgungslücken und rungen“ LPK-Fortbildung mit Dr. Stef- Fax 0711/674470 – 15
verdeutlichen die Notwendigkeit, diese fen Aschenbrenner am 15. März 2015 info@lpk-bw.de; www.lpk-bw.de
zu verbessern. Wir wollen mit Ihnen An­ in Stuttgart.
sätze für eine bessere Versorgung aus
fachlich psychotherapeutischer Sicht „Aspekte der Zwangsbehandlung
und aus der Perspektive der Kranken­ von psychisch Kranken“ LPK/LÄK-
kassen diskutieren. Dazu laden wir Sie Fortbildung am 18. April 2015 in Frei­
herzlich ein und bitten Sie, sich den burg.
Termin vorzumerken. Ein ausführliches 1 www.lpk-bw.de/archiv/news2014/141209_regi­
Programm werden Sie noch erhalten. Ausführliche Infos auf www-lpk-bw.de. onale_fortbildungen_pt_geist_beh.html

1/2015 Psychotherapeutenjournal 57
Mitteilungen der Bayerischen
Landeskammer der
Psycho­logischen Psychothera­
peuten und der Kinder- und
Jugend­lichenpsychotherapeuten
BY

25. Delegiertenversammlung: Bericht des Vorstandes, Haushaltsplan,


Beitragsordnung und Gebührensatzung verabschiedet, Weiterbildungsordnung
und Anpassung der Berufsordnung beschlossen

Im ersten Hauptteil des Vorstandsbe­ den und gemeinsam Verbesserungen


richts ging Kammerpräsident Nikolaus zu erreichen.
Melcop auf den Kabinettsentwurf
zum Versorgungsstärkungsgesetz Hinsichtlich des geplanten Präventi-
(GKV-VSG) ein. Der Entwurf sehe u. a. onsgesetzes seien keine entscheiden­
vor, die bisherige „Kann“-Regelung, den Schritte zu erkennen hin zu einer
nach der die Zulassungsausschüsse flächendeckenden und wissenschaft­
den Antrag auf Nachbesetzung eines lich fundierten Präventionssystematik,
Vertragsarztsitzes bzw. Psychothera­ die an die großen Risikofaktoren wie
peutensitzes in einem überversorgten niedriger Bildungsstand und geringes
Planungsbereich ablehnen können, Einkommen heranreichen. Auch psy­
wenn eine Nachbesetzung aus Versor­ chotherapeutischer Sachverstand werde
gungsgründen nicht erforderlich ist, in im Gesetzentwurf nicht angemessen
Kammerpräsident Nikolaus Melcop eröff-
eine „Soll“-Regelung umzuwandeln. Er berücksichtigt. Bei der Neufassung des
nete den Vorstandsbericht zur 25. DV mit
kritisierte, dass damit die psychothe- einleitenden Gedanken zu den öffentlichen bayerischen Maßregelvollzugsgeset-
rapeutische Versorgung mittelfristig Reaktionen auf die Flüchtlingsproblematik, zes seien unsere Berufsgruppen für die
erheblich reduziert werden könnte, zum vorweihnachtlichen Kaufgeschehen Übernahme von Leitungsfunktionen und
da bundesweit rund 7.500 psycho- und zum Hunger nach Ideen für eine besse- bei der Erstellung von Gutachten nicht
re Zukunft. (Foto: Johannes Schuster)
therapeutische Praxen vom Abbau angemessen berücksichtigt worden. Die
bedroht seien, in Bayern 1.258 Sitze. Befugniseinschränkungen für Psycho­ Kammer habe eine entsprechende Stel­
Gute Ansätze, deren Umsetzung jedoch therapeut/innen und Regelungen zur lungnahme der Politik zugeleitet und be­
noch offen sei, lägen in den Vorgaben Honorargerechtigkeit. In der kommen­ treibe hierfür intensive Lobbyarbeit.
zur Änderung der Psychotherapie- den Zeit werden Kammern und Verbän­
Richtlinie, die der Gemeinsame Bun­ de Anstrengungen unternehmen, um Melcop ging auch auf Planungen in un­
desausschuss (G-BA) im Rahmen des noch Veränderungen des Gesetzent­ terschiedlichen Gremien zur Verbesse­
GKV-VSG bis 30.06.2016 umzusetzen wurfes zu erreichen. rung der Krisenversorgung in Bayern
habe. Hierbei gehe es in erster Linie ein. Hierbei sei die Kammer u. a. in der
um Regelungen zur Flexibilisierung des Melcop erläuterte weitere Regelun­ AG Krisenversorgung im Bayerischen
Therapieangebotes, insbesondere zur gen des G-BA, so u. a. den Beschluss, Gesundheitsministerium involviert. In
Einrichtung psychotherapeutischer Psychiatrische Institutsambulanzen der AG „Versorgungssituation bei
Sprechstunden, Förderung von (PIA) pauschal mit einem Faktor von psychischen Erkrankungen“ im Bay­
Gruppentherapien sowie zur Verein- 0,5 auf die Bedarfsplanungsgruppe der erischen Gesundheitsministerium sei
fachung des Antrags- und Gutach- Psychotherapeut/innen anzurechnen. die starke Zunahme der psychosomati­
terverfahrens. Positiv zu bewerten An dieser unsinnigen und schädlichen schen Betten (47 Prozent in fünf Jahren)
sei auch, dass rein psychotherapeuti­ Regelung werde deutlich, dass der ein zentrales Thema zusammen mit den
sche Medizinische Versorgungszent­ Abstimmungsbedarf und eine Zusam­ damit verbundenen Kostensteigerun­
ren (MVZ) möglich seien und die Job- menarbeit zwischen dem ambulanten gen für die Krankenkassen.
Sharing-Regelungen gelockert werden und stationären Bereich sehr wichtig
sollen. Nicht in den Kabinettsentwurf seien, um Schäden für die Versorgung Darüber hinaus informierte Melcop auch
aufgenommen sei die Aufhebung der psychisch kranker Menschen abzuwen­ über den Austausch mit den Spre-

58 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bayern

chern der Direktoren psychiatrischer Bayerische Weiterbildungs­ Landes- oder Bundesebene werden
Kliniken. In Bezug auf den Kampf für ordnung beschlossen immer wichtiger und es werden Fortbil­
gerechte Honorare im KV-System Vizepräsident Bruno Waldvogel stellte dungsveranstaltungen zu Kernthemen
hob Melcop die relativ hohe Beteiligung den Delegierten einen Entwurf für eine der psychotherapeutischen Versorgung
von bayerischen Kammermitgliedern an Weiterbildungsordnung vor, der vom für Mitglieder durchgeführt. Beratung
der Demonstration Ende September in Vorstand der Kammer auf der Grundlage und Schlichtung im Bereich Berufsord­
Berlin hervor. Hinsichtlich der angestell- von Vorschlägen des Ausschusses für nung ist ein wichtiges Aufgabenfeld
ten Kolleg/innen stellte er die Fehlein- Weiterbildung und der im Oktober 2014 geworden. Die Presse- und Medien­
gruppierung und die Unterbezahlung vom Deutschen Psychotherapeutentag arbeit trägt maßgeblich mit dazu bei,

BY
im Tarifvertrag für den öffentlichen novellierten Muster-Weiterbildungsord­ dass die Anliegen des Berufsstandes
Dienst dar, insbesondere im Vergleich nung erstellt wurde. Nach breiter Dis­ in der Öffentlichkeit wahrgenommen
zur Eingruppierung der ärztlichen Kol­ kussion beschlossen die Delegierten werden. Hinzu kommen Kostenstei­
leg/innen im Rahmen der Tarife des die bayerische Weiterbildungsordnung gerungen bei den Personalkosten und
Marburger Bunds. Er appellierte an die mit kleinen Änderungen mehrheitlich. im Geschäftsbetrieb, die sich aus der
institutionell tätigen Kolleg/innen, sich Sie ermöglicht Weiterbildungen in den kumulierten Inflationsrate in Höhe von
hier deutlich mehr im Rahmen gewerk­ Bereichen Klinische Neuropsychologie, 14,8% für die vergangenen sieben Jah­
schaftlicher Aktivitäten zu engagieren. Systemische Therapie und Gesprächs­ re ergeben. Trotz dieser fortlaufend ge­
psychotherapie. wachsenen auch finanziellen Belastun­
Am Ende des Vorstandsberichts ging gen konnten die Mitgliedsbeiträge seit
Melcop auf den Beschluss zur Reform Haushaltsplan und Änderungen 2007 unverändert gehalten werden.
der Psychotherapeutenausbildung der Beitrags- und Gebührenord- Ab 2015 ist jedoch eine Erhöhung der
auf dem 25. Deutschen Psychothe­ nung verabschiedet Regelbeitragssätze um je 45,– € sowie
rapeutentag (DPT) am 15.11.2014 in des Mindestbeitrags um 20,– € not­
München ein. Die Bundesdelegierten wendig und unumgänglich. Angestrebt
beschlossen mit 86 Ja-Stimmen (38 wird, die Mitgliedsbeiträge wieder für
Nein-Stimmen und 4 Enthaltungen) das einige Jahre in der nun verabschiede­
Modell „Studium mit Approbation und ten Höhe belassen zu können. Ände­
anschließender Weiterbildung“. Die rungen der Gebührensatzung wurden
ersten Reaktionen auf den Beschluss u.  a. auch durch die Verabschiedung
seien meistens differenziert und über­ der Weiterbildungsordnung der PTK
wiegend positiv gewesen. Bayern erforderlich. Der Haushaltplan
für das Jahr 2015, die vorgeschlagenen
Weitere Berichte Änderungen zur Beitragsordnung und
Nach dem Vorstandsbericht wurde aus zur Gebührensatzung sind vom Finanz­
den Ausschüssen der Kammer für Peter Lehndorfer zeigte die Kennzahlen des ausschuss geprüft und als richtig und
Fortbildung (Thomas Stadler), psy- Haushaltsplans 2015 auf. notwendig eingestuft worden. Nach
(Foto: Johannes Schuster)
chotherapeutische Versorgung von gründlicher Diskussion hat die Delegier­
Kindern und Jugendlichen (Peter tenversammlung die Änderungen der
Drißl) sowie aus der Kommission für Vizepräsident Peter Lehndorfer erläu­ Beitragsordnung und der Gebührensat­
Psychotherapie in Institutionen (Dr. terte den Delegierten ausführlich den zung und den Haushaltplan mit großer
Christian Hartl) berichtet. Herbert Üh­ Haushaltsplan 2015 und stellte zusätz­ Mehrheit angenommen.
lein nahm für den Ausschuss für Wei- lich eine Prognose für die Jahre 2014
terbildungsordnung zu der auf der 25. bis 2019 vor, um die Entwicklung der Novellierung der Berufsordnung
DV zu beschließenden Weiterbildungs­ möglichen Haushaltsbilanzen trans­ nach redaktionellen Anpassun-
ordnung Stellung. Rudolf Bittner emp­ parent zu machen. Neben den allge­ gen endgültig verabschiedet
fahl für den Finanzausschuss die Ver­ meinen Aufgaben der Kammer auf Die neu gefasste Berufsordnung gilt
abschiedung des Haushaltsplans 2015 Landes- und auf Bundesebene sind seit 01.10.2014. Sie regelt die wesent­
sowie die Änderung der Beitragsord­ in den vergangenen Jahren die Akti­ lichen Berufspflichten der Psychothera­
nung und der Gebührensatzung. Da­ vitäten zur politischen Vertretung der peut/innen und orientiert sich dabei an
nach informierten die satzungsgemä- Belange sowohl der in Institutionen der Musterberufsordnung. Auf der 25.
ßen Vertreter/innen der Hochschu- tätigen als auch der in eigener Praxis DV wurden ergänzend nun noch einige
len (Prof. Angelika Weber), der Ausbil- niedergelassenen Psychotherapeut/in­ wenige redaktionelle Anpassungen vor­
dungsstätten (Dr. Christoph Kröger) nen erheblich gestiegen, deutlich mehr genommen. Die neue Berufsordnung
sowie der Ausbildungsteilnehmer/in- Mitglieder wenden sich mit Fragen an ist auf unserer Website in der Rubrik
nen Psychotherapie (Ariane Heeper) die Kammer, fachliche Stellungnah­ „Berufsordnung & Berufsaufsicht“ als
über ihre Tätigkeit. men z.  B. zu Gesetzesentwürfen auf pdf-Datei hinterlegt.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 59
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Vizepräsident Waldvogel informiert Wissenschafts-Staatsekretär Bernd Sibler über


die Beschlüsse des 25. Deutschen Psychotherapeutentages zur Ausbildungsreform

chotherapeutentages (DPT) zur Reform


der Psychotherapeutenausbildung und
erläuterte ihm die Hintergründe.

Waldvogel überreichte Sibler und Hör­


BY

lein den Text des Beschlusses des 25.


DPT. Bernd Sibler zeigte sich im Ge­
spräch über die langen Wartezeiten
insbesondere bei Kinder- und Jugend­
lichenpsychotherapeut/innen in ländli­
chen Regionen informiert und bestätig­
Treffen im Bayerischen Landtag am 02.12.2014 (v. l.): Bernd Sibler, Staatssekretär im Bayeri- te die Notwendigkeit, Maßnahmen zur
schen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, Dr. Fritz Kempter, Verbesserung der psychotherapeuti­
Präsident des VFB, Bruno Waldvogel, Vizepräsident des VFB und der PTK Bayern, Rüdiger schen Versorgung zu ergreifen. Er sagte
von Esebeck, Vizepräsident VFB, Dr. Klaus Ottmann, Vizepräsident VFB und Ulrich Hörlein, zu, sich an einer Reform der Psychothe­
Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft
und Kunst. (Foto: VFB)
rapeutenausbildung zu beteiligen, wenn
das BMG auf die Wissenschaftsminis­
Am 2. Dezember 2014 trafen sich Mit­ Wissenschaft und Kunst und Ulrich Hör­ terien der Länder zugehe. Das Angebot
glieder des Präsidiums des Verbandes lein, Ministerialdirigent im gleichnamigen und Wunsch der Kammer, sich im wei­
Freier Berufe in Bayern (VFB) mit Bernd Ministerium. Kammervizepräsident Dr. teren Fortgang des Reformvorhabens
Sibler, Staatssekretär im Bayerischen Bruno Waldvogel informierte Sibler über darüber wechselseitig auszutauschen,
Staatsministerium für Bildung und Kultus, den Beschluss des 25. Deutschen Psy­ wurde von Sibler positiv erwidert.

Einsatz der Kammer beim GKV-Versorgungsstärkungsgesetz


Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsge­ Menschen und die Nachfrage nach Psy­ in Bezug auf die Honorierung von Psy­
setz (GKV-VSG) sind auch weitreichende chotherapie nicht ab. Außerdem sollten chotherapeut/innen. Diese sind seit vie­
Veränderungen der Gesundheitsversor­ Zulassungsausschüsse auch weiterhin len Jahren in Bezug auf ihre Verdienst­
gung psychisch und psychosomatisch unkompliziert die Möglichkeit erhalten, möglichkeiten erheblich benachteiligt.
kranker Menschen und der Arbeitsbe­ Nachbesetzung von frei werdenden Pra­
dingungen von Psychotherapeut/innen xen vorzunehmen. In der Stellungnahme sind zudem Re­
geplant (s. a. Bericht von der 25. Dele­ gelungen gefordert, die insbesondere
giertenversammlung). Einige vorgesehe­ Um unserem Berufsstand zu ermögli­ den Bedürfnissen psychisch kranker
nen Neuregelungen gefährden jedoch die chen, seine Expertise angemessen und Menschen beim Entlassmanagement,
Versorgung ganz erheblich und gleichzei­ zur deutlichen Effizienzsteigerung von bei der Beratung von Versicherten mit
tig sind einige dringend erforderliche ge­ Versorgungsprozessen einbringen zu Krankengeldbezug, bei den neuen Me­
setzliche Änderungen bisher nicht oder können, müssen endlich auch die als dizinischen Behandlungszentren sowie
trotz zu begrüßender Ansätze nur unvoll­ reine Übergangslösung vom Gesetz­ bei der Frage der Transparenz bei Sys­
ständig in dem Gesetzentwurf enthalten. geber vorgesehenen und fachfremden temversagen Rechnung tragen.
Einschränkungen der Befugnisse mit
Zu diesem Gesetzesentwurf des GKV- Ausnahme der Verordnung von Medika­ Die Kammer hat sich sowohl an die bay­
VSG hat die PTK Bayern in Zusammenar­ menten entfallen. Der G-BA sollte daher erische Gesundheitsministerin Melanie
beit mit der Bundespsychotherapeuten­ beauftragt werden, in seinen Richtlinien Huml als auch an die bayerischen Abge­
kammer eine umfangreiche Stellungnah­ dazu das Nähere festzulegen. Weiterhin ordneten, die für den Gesundheitsaus­
me erstellt, die zahlreiche Änderungs­ sollten Leistungen der Früherkennung schuss im Deutschen Bundestag tätig
vorschläge enthält. Die Kammer fordert und präventive psychotherapeutische sind, mit der Bitte gewandt, sich für
eine Korrektur der Bedarfsplanung bei Leistungen im SGB V zukünftig zum die in der Stellungnahme dargelegten
Psychotherapeut/innen. Die derzeitigen Leistungsspektrum der Psychothera­ Änderungen einzusetzen. U. a. wurden
Versorgungsgrade, die in der Mehrzahl peut/innen gehören. mit Sabine Dittmar, MdB, SPD, und Ste­
eine vermeintliche „Überversorgung“ phan Stracke, MdB, CSU, persönliche
ausweisen, bilden den tatsächlichen Die PTK Bayern fordert in ihrer Stellung­ Gesprächstermine vereinbart, die nach
Versorgungsbedarf psychisch kranker nahme auch eine Klarstellung im Gesetz Redaktionsschluss stattfanden.

60 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bayern

Beratungsprogramm „Kinder kranker Eltern“: Ein Gemeinschaftsprojekt der


PTK Bayern, der AOK Bayern und der Siemens-Betriebskrankenkasse

Wenn Eltern die Diagnose erhalten, an ICD 10 gegeben werden. Den Eltern, Behandlungsangebot wird eine Pau­
Krebs, AIDS, psychischen Störungen ihren Kindern und Angehörigen stehen schale in Höhe von 100,– € pro Sitzung
oder einer anderen schweren Krank­ insgesamt bis zu acht Gesprächstermi­ à 60 Minuten gezahlt (GOP 97006B).
heit zu leiden, führt dies zumeist zu ne zur Verfügung, um Fragen zu klären, Neben den Leistungen nach 97006A
einer enormen Belastung für die gan­ Sorgen und Ängste zu äußern und sich und 97006B können am selben Tag

BY
ze Familie. Das gilt auch für Kinder, die beim Ordnen und Ausdruck ihrer Ge­ für den Versicherten keine Leistungen
häufig intuitiv spüren, dass etwas nicht fühle begleiten zu lassen. Die Leistung des EBM und parallel zur Behandlung
stimmt. Wichtig ist, dass die betroffe­ wird vorerst nur für Mitglieder der AOK keine Leistungen im Rahmen der Sozi­
nen Eltern das Gespräch mit ihrem Kind und SBK gezahlt. alpsychiatrievereinbarung abgerechnet
suchen. Um Familien mit einem schwer werden. Es ist nicht möglich, bei meh­
kranken Elternteil bei der Kommunika­ Die Beratungsleistung gilt für alle Kin­ reren Kindern in einer Familie auch öfter
tion mit ihren Kindern zu unterstützen, der- und Jugendlichenpsychotherapeut/ abzurechnen. Grundsätzlich kann nur
wurde 2011 das Beratungsprogramm innen mit KV-Zulassung sowie Psycho­ einmal pro Familie abgerechnet wer­
„Kinder kranker Eltern“ ins Leben geru­ logische Psychotherapeut/innen, die ei­ den. Die Altersobergrenze der Kinder
fen. Kooperationspartner des Gemein­ ne Abrechnungsgenehmigung zur psy­ liegt bei 18 Jahren. Ausnahmen hiervon
schaftsprojektes sind neben der PTK chotherapeutischen Behandlung von gibt es, wenn mehrere Kinder in einem
Bayern die AOK Bayern, die Kassenärzt­ Kindern und Jugendlichen haben. Seit Haushalt leben, von denen mindestens
liche Vereinigung Bayerns (KVB) sowie 1. Juli 2011 können auch Kinder- und Ju­ eines die Altersobergrenze noch nicht
seit Anfang 2014 auch die Siemens-Be­ gendpsychiater/innen sowie Kinder- überschritten hat.
triebskrankenkasse (SBK). Wir möchten und Jugendärzt/innen mit Abrech­
Sie an dieser Stelle noch einmal über nungsgenehmigung Psychotherapie die Kammermitglieder, die sich an diesem
dieses Projekt informieren und ggf. Ihre Beratungen durchführen. Ermächtigte Beratungsprojekt beteiligen, müssen
Mitwirkung anregen. Ärzt/innen und Psychotherapeut/innen die Beratung bzw. Behandlung doku­
sind nicht zur Teilnahme berechtigt. mentieren. Darüber hinaus sind auch
Ziel des Beratungsprogramms ist die die Eltern gebeten, einen entsprechen­
Prävention von psychischen Störungen Die Abrechnung erfolgt über die Versi­ den anonymisierten Fragebogen auszu­
bei Kindern und Jugendlichen, in de­ chertenkarte des Kindes. Die Diagno­ füllen und direkt an die KVB zurückzu­
ren Familien durch das Auftreten einer se des erkrankten Elternteils muss im schicken.
schweren Erkrankung eines Elternteils Kommentarfeld (5009) der Abrechnung
ein hohes Risikopotenzial besteht. El­ angegeben sein, da sonst keine Ab­ Weitere Informationen zum Beratungs­
tern, die bei diesen beiden Kranken­ rechnung erfolgen kann. Für die erste programm „Kinder kranker Eltern“ fin­
kassen versichert sind, können bei Kin­ Beratung der Familie in maximal zwei den Sie auf der Website der KVB unter
der- und Jugendlichenpsychotherapeut/ Einzelsitzungen à 60 Minuten wird eine www.kvb.de/kinderkrankereltern. Auf
innen ein Beratungsangebot wahrneh­ Pauschale in Höhe von 95,– € pro Sit­ dieser Seite sind auch der Dokumenta­
men, das sie bei den Gesprächen mit zung gezahlt (GOP 97006A). Sollte sich tionsbogen, der Fragebogen für die El­
ihren Kindern unterstützt. Den Kindern ein weiterer Beratungsbedarf ergeben, tern, ein Merkblatt sowie die Broschüre
oder Jugendlichen muss dabei keine können weitere sechs Beratungen ab­ „Warum ist Mama krank?“ zum Herun­
krankheitswertige Diagnose nach der gerechnet werden. Für dieses flexible terladen hinterlegt.

Psychotherapie mit Straftäter/innen: Der Bedarf ist nach wie vor hoch
und ungedeckt

Aufgrund des weiterhin hohen und Ausgehend von der Fortbildungsver­ vor Entlassung eines Inhaftierten) und
ungedeckten Bedarfes an psychothe­ anstaltung „Psychotherapie mit (Se­ während der Haftzeit vereinbart wer­
rapeutischen Behandlungsplätzen für xual-)Straftätern“, die im März 2012 den. Darüber hinaus wurde verabredet,
Straftäter/innen möchten wir Sie noch in Kooperation mit dem bayerischen Kammermitglieder in weiteren Vertie­
einmal über unsere Initiativen in diesem Justizministerium ausgerichtet wurde, fungsseminaren zu den Besonderhei­
Bereich informieren und erneut um In­ konnten mit dem Ministerium Rege­ ten der Behandlung von Straftäter/in­
teresse für diese Arbeit bei Ihnen wer­ lungen zur Vergütung psychotherapeu­ nen aufzuklären und über die konkrete
ben. tischer Sitzungen im Rahmen des sog. Arbeit mit diesem Personenkreis zu in­
„Übergangsmanagements“ (in der Zeit formieren. Im Oktober 2013 fand hierzu

1/2015 Psychotherapeutenjournal 61
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

in Zusammenarbeit mit dem Oberlan­ zu ihren Erfahrungen in der Umsetzung dazu beitragen, erneute Straftaten zu
desgericht München und den Justizvoll­ der mit dem Ministerium vereinbarten verhindern. Die Kammer bittet alle Kol­
zugsanstalten Amberg und München Regelungen befragt. Über die Ergebnis­ leg/innen daher, die psychotherapeuti­
eine Veranstaltung statt, in der u. a. se werden wir Sie demnächst informie­ sche Arbeit auch mit Straftäter/innen in
über juristische Rahmenbedingungen, ren. Erwägung zu ziehen. Die bereits beste­
die Zusammenarbeit mit der Bewäh­ hende Behandlungskette in den sozial­
rungshilfe und die konkrete Umsetzung Der bayerische Justizminister Prof. Dr. therapeutischen Stationen innerhalb der
psychotherapeutischer Schritte in der Winfried Bausback hat Vertreter der Justizvollzugsanstalten und den JVA-
Niederlassung informiert wurde. Das Kammer in einem Gespräch im März Fachambulanzen in München, Nürnberg
BY

Justizministerium hat im Zuge dieser 2014 darüber informiert, dass trotz der und Würzburg für Sexual- und Gewalt­
Vereinbarungen die Kammer gebeten, beiden Fortbildungsveranstaltungen und straftäter/innen könnte in Ihren Praxen
ihre Mitglieder zu fragen, wer sich be­ der Liste ein erheblicher Bedarf an nie­ fortgesetzt und ausgebaut werden. Da­
reit erklärt, Straftäter/innen zu behan­ dergelassenen Psychotherapeut/innen für bitten wir Sie um Unterstützung.
deln. Aus der Umfrage, welche die für die Behandlung von Straftäter/innen
Kammer im Oktober 2012 durchgeführt bestehe. Der Kammer ist bewusst, dass Falls Sie psychisch kranke Straftäter/
hat, ist eine Liste entstanden, die zwi­ sich viele Kolleg/innen vor der psycho­ innen behandeln wollen, würde sich
schenzeitlich an das Justizministerium therapeutischen Arbeit mit Sexual- und die Geschäftsstelle über eine E-Mail an
und an die Bewährungshilfe weiterge­ Gewaltstraftäter/innen scheuen, oft info@ptk-bayern.de oder einen Anruf
geben wurde. Die Liste enthält derzeit auch deshalb, weil spezifische Fach­ freuen. Wir würden Ihre Kontaktdaten
die Kontaktdaten von nur 31 Kammer­ kenntnisse fehlen. Dabei können psy­ dann auf die o. g. Liste setzen und an
mitgliedern. Diese wurden Ende 2014 chotherapeutische Behandlungen mit das Justizministerium weiterleiten.

Förderung der Niederlassung im ländlichen Raum auch für Psychotherapeut/innen


Die Bayerische Staatsregierung hat ihr Hinweis: Der Landesausschuss für Ärzte
Planungsbereich Versor-
Förderprogramm zum Erhalt und zur Ver­ und Krankenkassen in Bayern aktualisiert
gungs-
und veröffentlicht die Planungsblätter alle
besserung der ärztlichen Versorgung im grad in
sechs Monate. Die Versorgungsgrade
ländlichen Raum zwischenzeitlich u. a. Prozent
können sich daher entsprechend verändern,
auch auf Psychotherapeut/innen erwei­ was dazu führt, dass Niederlassungen in KR Ansbach 109,6
tert. Die PTK Bayern begrüßt diese Er­ bestimmten Planungsbereichen nicht mehr
weiterung und möchte Kolleg/innen mo­ gefördert werden, wenn diese einen Ver- LK Cham 93,7
sorgungsgrad von 110 Prozent und darüber
tivieren, sich ggf. für eine Niederlassung LK Dillingen 97,0
erreichen sollten.
oder Filialbildung in einem der geförder­
LK Dingolfing-Landau 106,2
ten Gebiete zu entscheiden. Die Höhe für Ärzte und Krankenkassen in Bayern
der Zuwendung für eine Niederlassung keine Zulassungsbeschränkungen an­ LK Donau-Ries 97,5
beträgt für Psychotherapeut/innen in ei­ geordnet sind. Nach den derzeit gülti- KR Hof 89,0
nem der geförderten Gebiete 20.000 € gen Planungsblättern des Landesaus­
und bei Bildung einer Filiale 5.000 €. schusses (Stand 05.09.2014) betrifft LK Kronach 87,8
die Förderung in Bayern 14 Planungsbe­ LK Kulmbach 99,2
Der Freistaat Bayern fördert die Nie­ reiche (siehe Tabelle).
LK Neuburg-Schrobenhausen 95,7
derlassung von Hausärzt/innen, von
Frauenärzt/innen, Kinderärzt/innen, Psy- Die Förderung setzt des Weiteren vor­ LK Regen 93,5
chotherapeut/innen sowie von Kin­ aus, dass sich Psychotherapeut/innen
KR Schweinfurt 109,9
der- und Jugendpsychiater/innen im oder Ärzt/innen in einer bayerischen
ländlichen Raum, um auch in Zukunft Gemeinde mit höchstens 20.000 Ein­ LK Tirschenreuth 70,7
eine flächendeckende und möglichst wohnern niederlassen oder dort eine KR Weiden i. d. Opf./ Neustadt a. 101,2
wohnortnahe medizinische Versorgung Filiale bilden. Die Zuwendungsempfän­ d. Waldnaab
auf qualitativ hohem Niveau gewährleis­ ger verpflichten sich dazu, die Nieder­
LK Wunsiedel i. Fichtelgebirge 84,2
ten zu können. Bei besonderer Bedeu­ lassung bzw. die Filiale für mindestens
tung für den ländlichen Raum kann auch fünf Jahre auszuüben. Die Förderung Die Förderrichtlinie und das Antragsfor­
die Filialbildung gefördert werden. För­ setzt voraus, dass mit der Niederlas­ mular für das Förderprogramm finden
dergebiet ist jeder Planungsbereich in sung bzw. Filialbildung vor der Bewilli­ Sie in unserer Homepagemeldung vom
Bayern, für den vom Landesausschuss gung nicht begonnen worden ist. 26.01.2015 zum Herunterladen.

62 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bayern

Kurznachrichten
Neujahrsempfang des Bayeri- und langer Wartezeiten auf eine psy­
6. Bayerischer
schen Ministerpräsidenten chotherapeutische Behandlung gespro­
Landespsychotherapeutentag:
Der Neujahrsempfang am 09.01.2015 chen. Im Zusammenhang mit der Ein­
in der Münchner Residenz stand dieses führung der psychotherapeutischen Titel: Psychotherapie und Internet … zwei
Mal ganz unter den Eindrücken der Ter­ Sprechstunde und der Notwendigkeit kompatible Systeme?
roranschläge in Frankreich. Mit Bezug der Aufhebung der Befugniseinschrän­
Termin: 09.05.2015 in München, Alte Kon-
auf die Ereignisse strich Seehofer in kungen für Psychologische Psychothe­

BY
gresshalle, Theresienhöhe 15.
seiner Rede unter anderem die außen­ rapeut/innen und Kinder- und Jugendli­
politische Bedeutung Bayern heraus chenpsychotherapeut/innen wurde ge­ Alle Kammermitglieder sind herzlich eingela-
und initiierte eine Schweigeminute für meinsam erörtert, ob und wie ggf. die­ den!
die Opfer. Nikolaus Melcop richtete Mi­ se für die Patientenversorgung innovati­
nisterpräsident Horst Seehofer die Neu­ ven Elemente in der Praxis umgesetzt
jahrswünsche der bayerischen Psycho­ könnten. anstaltung der PTK Bayern und der KVB.
therapeut/innen aus. Termin: 23.05.2015 in München. Hin­
Weitere Aktivitäten der Kammer weis: Hier hat sich der Veranstaltungs­
Großes Interesse am 13. Suchtfo- Einige der weiteren Veranstaltungen ort geändert; die Veranstaltung findet in
rum in Nürnberg und Aktivitäten, an denen Kammer­ München statt, nicht in Nürnberg.
Die Kooperationspartner des 13. Sucht­ vertreter/innen teilgenommen haben:
forum hatten sich 2014 auf das Thema 2. Sitzung der AG „Versorgungssituati­ Palliativmedizin bei Kindern, Ju-
„Familie und Sucht – Schicksal Familie on bei psychischen Erkrankungen“ im gendlichen und Erwachsenen – He-
oder Familien-Schicksal?“ verständigt. Expertenkreis Psychiatrie des StMGP rausforderungen und Möglichkeiten
Die Veranstaltung am 05.12.2014 in am 13.11.2014; Mitgliederversamm­ für Psychotherapeut/innen: Eine Fort­
Nürnberg war mit über 250 Teilneh­ lung Gesundheitsbeirat am 03.12.2014; bildungsveranstaltung der PTK Bayern
mer/innen ausgebucht. Wie auch in der 2. Weiterbildungskonferenz der Lan­ und der KVB. Termin: 12.09.2015 in
ersten Veranstaltung am 02.04.2014 in despsychotherapeutenkammern am Nürnberg.
München wurde in Nürnberg für die Ak­ 04.12.2014; StMGP-Jahresschwer­
teure im Gesundheitswesen das Signal punkt Kindergesundheit 2015 am Psychotherapie bei körperlichen Er-
gesetzt, den Systemcharakter süchti­ 16.12.2014; Mitgliederversammlung krankungen I – Psychokardiologie
ger Störungen in der Familie zu erken­ der Bayerischen Krankenhausgesell­ und Diabetologie: Eine Fortbildungs­
nen und ihre Beratungen und Interven­ schaft am 19.12.2014; 1. Sitzung der veranstaltung der PTK Bayern und der
tionen dementsprechend auszurichten. „Bund-Länder AG Transition“ der BPtK KVB. Termin: 19.12.2015 in München.
Vorstandsmitglied Heiner Vogel beton­ zu Reform des Psychotherapeuten­
te in seinen Schlussworten, dass die gesetzes am 22.01.2015; Klausurta­ Nähere Informationen und Programme
Thematik mustergültig deutlich mache, gung Berufsrecht am 23./24.01.2015; zu den Veranstaltungen sowie Anmel­
dass eine umfassende, frühe und nach­ Staatsempfang des Bayerischen Ver­ deformulare finden Sie zeitnah auf un­
haltige Behandlung besonders wirksam sorgungswerkes am 28.01.2015; Bay­ serer Homepage: www.ptk-bayern.de
sein könne, dass solch ein Ansatz aber erischer BKK-Tag „Körper, Seele und
in den gegebenen Gliederungsstruktu­ Gesundheit“ am 09.02.2015.
ren des Versorgungssystems häufig nur Vorstand der Kammer
schwer oder mit besonderem Aufwand Bevorstehende Veranstaltungen
zu realisieren sei. 14. Suchtforum mit dem Titel „Zwi­ Nikolaus Melcop, Peter Lehndorfer,
schen Genuss, Frust und Kontrollver­ Bruno Waldvogel, Birgit Gorgas,
Gespräch mit der AOK Bayern lust – Essstörungen als ‘gewichtige‘ Anke Pielsticker, Heiner Vogel,
Mit leitenden Mitarbeitern der AOK Herausforderung einer Konsumge­ Benedikt Waldherr.
Bayern trafen sich am 04.02.2015 Ver­ sellschaft?!“ in Kooperation mit der
treter/innen der PTK Bayern (Nikolaus Bayerischen Akademie für Sucht- und
Melcop, Peter Lehndorfer vom Vor­ Gesundheitsfragen (BAS), der Baye­
Geschäftsstelle
stand und Désirée Aichert von der Ge­ rischen Landesärztekammer und der
schäftsstelle) zu einem intensiven Ge­ Bayerischen Landesapothekerkammer. Birketweg 30, 80639 München
dankenaustausch. Es wurde insbeson­ 1. Termin: 22.04.2015 in München. Post: Postfach 151506,
dere über Möglichkeiten der Verbesse­ 2. Termin: 04.12.2015 in Nürnberg. 80049 München
rung der psychotherapeutischen Ver­ Tel. 089/51 55 55-0, Fax -25
sorgung vor dem Hintergrund der hohen Schmerzpsychotherapie: Update und Mo–Fr 9.00–13.00,
Erkennungsrate psychischer Erkrankun­ Perspektiven bei Rheuma und Rü- Di–Do 14.00–15.30 Uhr
gen, langer Arbeitsunfähigkeitszeiten ckenschmerzen: Eine Fortbildungsver­ info@ptk-bayern.de, www.ptk-bayern.de

1/2015 Psychotherapeutenjournal 63
Mitteilungen der
Psychotherapeutenkammer Berlin

Liebe Kolleginnen und Kollegen, kammern und der BPtK an der Erarbeitung
und Präzisierung unserer berufspolitischen
zu Beginn des neuen Jahres 2015 hat sich der Vorstand den gesundheits- und fachlichen Vorstellungen.
politischen und fachlichen Herausforderungen gestellt, die auf uns Psy-
chotherapeuten zukommen und die Zukunft unseres Berufsstandes nicht Die hier lediglich kursorisch genannten Her-
nur beeinflussen, sondern zu erheblichen Veränderungen führen können ausforderungen sollen im Laufe des Jahres
– bis in die täglichen unmittelbaren Ausübungen unserer psychothera- mit Ihnen in unterschiedlichen Kammerver-
BE

peutischen Tätigkeit. anstaltungen erläutert und vertieft werden:

Im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das höchste, entscheidende Eine curriculare Fortbildung zur Be-
Gremium der Selbstverwaltung, ist zurzeit eine „Akut-Sprechstunde“ handlung von erkrankten Patienten Michael Krenz,
Beschlusslage, die als neue Leistung die Richtlinien-Psychotherapie nied- des psychotischen Formenkreises und Präsident PTK Berlin
rigschwellig erweitern wird. Damit verändert sich die Rolle des Psychothe- Persönlichkeitsstörungen wird entwickelt und Ihnen in einem ersten
rapeuten – wie auch seit Neuestem die Möglichkeit für die sozialrechtlich Schritt zur Diskussion vorgestellt werden.
zugelassenen Kolleginnen und Kollegen, akut-psychotisch Erkrankte psy- Auf dem nächsten Landespsychotherapeutentag im September
chotherapeutisch zu behandeln. werden wir unter anderem die – nicht nur geplante, sondern beschlos-
Das von der Bundesregierung eingebrachte Versorgungsstärkungsgesetz sene – Änderung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
befindet sich in der Abstimmung mit dem Bundesrat, der z. B. „Krisen- in ihrer möglichen Bedeutung für unser Handeln erläutern und kritisch
intervention in der Akut-Versorgung und Gruppenpsychotherapie“ den diskutieren.
Psychotherapeuten gesetzlich vorgeben will. Seit Beginn der Legislaturperiode der Kammer (Ende 2013) entwickel-
Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen regelmäßig überprüfen, wie te der Vorstand Positionen zu dringenden Fragen der psychotherapeu-
wir unserem „Versorgungsauftrag“ nachkommen. Bezugsgröße soll die ge- tischen Versorgung, insbesondere in Berlin. Diese gehen in ein bereits
setzlich festzulegende „Vollzeit-Tätigkeit“ sein. Diese soll mindestens 75% veröffentlichtes Modell und Positionen ein, die ständig im Austausch mit
der durchschnittlichen Fallzahl der jeweiligen Fachgruppe entsprechen und Kolleginnen und Kollegen der Politik und der Selbstverwaltung auf Län-
auf vier Quartale der jeweiligen kassenärztlichen Vereinigung bezogen der- und Bundesebene weiterentwickelt werden.
werden. Eine mögliche Veränderung der Berechnung der Bedarfsplanung Wir als Kammer nehmen diese Herausforderungen an, sind gut positi-
sei nur am Rande erwähnt. oniert und versuchen sie im Sinne des Patientenwohls und unseres Be-
Das BMG hat die Beschlüsse des 25. Deutschen Psychotherapeutenta- rufsstandes zu gestalten.
ges im November zur Ausbildungsreform nicht nur zur Kenntnis genom- Ihr
men, sondern wird in nächster Zeit einen ersten Entwurf einer Approba-
tionsordnung, und, geplant Ende des Jahres 2015, einen ersten Referen-
Michael Krenz,
tenentwurf zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes vorlegen.
Präsident der PTK Berlin
Wir beteiligen uns als Berliner Kammer intensiv mit den anderen Länder-

Berliner Krisendienst als Schnittstelle zur psychotherapeutischen Versorgung


Der Gesamtberliner Krisendienst ist ei­ lierten Institutionalisierung im Berliner einer Krisenversorgung zur psychothera­
ne netzwerkorientierte Einrichtung, die Haushalt sinnvoll sein lassen. peutischen Versorgung. Für Psychothe­
in dieser Form einzigartig ist. Die Not­ rapeuten ist das auch heute noch ein
wendigkeit seiner Existenz in den letz­ In den Anfängen war K. U. B Schöne­ wichtiges Thema. Durch den schluss­
ten 15 Jahren ist mehrfach belegt. Es berg – heute Abteilung Südwest des Ge­ endlichen Ausbau als Gesamtberliner
wäre wichtig, den Krisendienst in sei­ samtberliner Krisendienstes – eine Ein­ Krisendienst – durch Zusammenschluss
ner jetzigen, regionalisierten Struktur zu richtung verschiedener Berliner Psycho­ der sechs regionalen Träger im Rahmen
einer in die weite Zukunft gesicherten therapievereine. Die Therapeuten stell­ der Berliner Psychiatrieplanung – ließ
Institution zu machen. Das würde das ten persönlich sowohl die Finanzierung sich der Gedanke eines Netzwerkes der
Weggehen von der zuwendungsorien­ wie auch das Personal. Hier zeigte sich gemeindepsychiatrischen Versorgung
tierten Finanzierung zu einer festetab­ damals schon ein enger Zusammenhang als Träger eines berlinweit, aber regional

64 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Berlin

organisierten Krisendienstes rund um Als niedergelassener Psychotherapeut einer krisenhaften Zuspitzung zu inter­
die Uhr verwirklichen. Dies sichert auch kann man bei krisenhaften Zuspitzun­ venieren und damit Veränderungen der
die enge Verknüpfung zur Erfahrung in gen am Abend, in der Nacht, am Wo­ Einstellung, des Erlebens und des Ver­
der Gemeinde und zum Einsatz der in chenende oder an Feiertagen diesen haltens zu erreichen, sodass sich eine
diesem Bereich Erfahrenen. Er wird so­ Krisendienst nutzen. Diese Hilfestellung Krise nicht zu einer Störung mit Krank­
mit zur Schnittstelle vieler psychosozia­ greift auch für Urlaubssituationen der heitswert ausweiten muss.
ler Felder, auch zu dem der Polizei und Psychologischen Psychotherapeuten
der Feuerwehr. (PP) und bei suizidalen Zuspitzungen. Durch gezielte Vermittlung und Motiva­
tion lassen sich frühzeitig (psychothera­
Gut, dass der Berliner Krisendienst in Wichtige Funktionen des Berliner peutische) Hilfen einleiten.
seiner primären Haltung auf die Hilfe­ Krisendienstes „am Rande“ der Psy-
stellung und Unterstützung für Klienten chotherapie: Rückfälle, Symptomverschlechterun­
ausgerichtet ist und nicht als reiner psy­ gen, oder auch Einweisungen können
„„ für manche Klientengruppen niedri­

BE
chiatrischer Notdienst mittels bloßer verhindert werden.
gere Schwelle als PT selbst,
Not- und Weitervermittlung in andere
psychiatrische Hilfsangebote fungiert. „„ Sondierung erforderlicher psycho­ Suizidprophylaxe ist ein wichtiges Feld.
therapeutischer Behandlung,
Ähnlich einer Feuerwehr ist es wichtig, Der Krisendienst ermöglicht eine ef-
dass es den Dienst gibt: Rund um die
„„ Brückenfunktion zur Psychotherapie fektive, schnelle Kriseninterventi-
im Krisenfall, wenn Behandlung er­
Uhr steht den Klienten ein Fachdienst on angesichts zunehmend begrenz­
folgen muss, aber ein Therapieplatz
zur Verfügung. Im Notfall verrichtet al­ ter Ressourcen durch den Abbau rein
nicht sofort zu finden ist,
so nicht einfach – wie in vielen anderen psychiatrischer Praxen und sehr hoher
Städten oder Bundesländern oft, wenn „„ Motivationsbearbeitung zur Psycho­ Wartezeiten für ambulante Psychothe­
gar nichts mehr geht – die Polizei den therapie, rapie.
Job. Auch steht dann nicht nur die sta­
tionär-psychiatrische Versorgung der je­
weiligen Krankenhäuser zu Verfügung,
sondern ein Setting, das vom Rahmen
und der Interventionsform her eher auf
kurzfristigen Gesprächen fußt und den
Nutzer als zu Beratenden, nicht als Pati­
enten behandelt.

Das Recht, rund um die Uhr einen am­


bulanten, gemeindenahen, gut vernetz­
ten und niedrigschwelligen Fachdienst
zu erreichen, nehmen nicht nur die frü­
heren Klinikpatienten mit in die Gemein­
de, es ermöglicht auch die Ent- bzw.
Nichthospitalisierung psychisch er­
krankter Menschen wie auch von Men­
schen mit einer geistigen Behinderung.

Aufgrund der UN-Behindertenkonventi­


on wird jetzt auch eine Novellierung des Krisenintervention ist hier auch ein mul­
PSYCHKG erforderlich. Hier werden „„ Notfunktion, Back-up beim Auslau­ tiprofessionelles Geschehen. Die Prob­
fen einer Psychotherapie,
stärker die ambulanten und ambulant- lematiken gehen häufig weit über rein
institutionellen Alternativen in den Vor­ „„ qualifizierte Schnittstelle zu den ver­ psychotherapeutische Möglichkeiten hi­
dergrund gerückt. Hierzu gehört in her­ schiedenen Angeboten des psychia­ naus. Hier hilft das Vernetzungswissen:
vorragender Weise der Gesamtberliner trischen Hilfesystems. Das Wissen der Vernetzten im psycho­
Krisendienst. sozialen, psychiatrischen Bereich und
Krisenintervention ist wichtig in seiner das multiprofessionelle Handeln durch
Er hat eine wichtige Back-up-Funktion Funktion als primäre, sekundäre oder Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und
für Psychotherapeuten, insbesondere auch tertiäre Prävention. Psychiatriekrankenpfleger.
dann, wenn diese mit schwierigerem
psychiatrischen Klientel psychothera­ Der niedrigschwellige Zugang er­ Krisenintervention wirkt gelegentlich
peutisch arbeiten. möglicht es kurzfristig und zeitnah, bei als eine Form von Kurzzeittherapie. Der

1/2015 Psychotherapeutenjournal 65
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

größte Teil  der festangestellten Mitar­ 2) in Bezug auf die therapeutischen Hal­ Vielmehr ist die netzwerkbezogene Ein­
beiter verfügt über eine therapeutische tungen: beziehung der integrierten Versorgung,
Zusatzausbildung. Es gibt ein kurzfristi­ „„ ressourcenorientiert, lösungsorien­ des Rehabereichs und aller themabezo­
ges Angebot von Folgegesprächen. tiert, systemisch, konfliktzentriert, genen anderen „SGBs“, wie z.  B. das
traumatherapeutisch, verhaltensthe­ SGB VIII für den Kinder-und Jugendli­
Krisenintervention wird hier als me- rapeutisch, ... chenbereich oder des SGB XII oder IX
thodenübergreifender Ansatz ver- usw., unbedingt erforderlich. Hierfür
standen Zurzeit ist auch im Rahmen des Entwur­ hat die Kammer auch einen Vorschlag
1) in Bezug auf das Setting: fes für ein Versorgungsstrukturgesetz entwickelt, den sie bereits mit einer
„„ telefonische Beratung, viel die Rede von Versorgungsmodellen Reihe anderer Player in diesem Bereich
für den psychotherapeutischen Bereich. in Netzwerkgesprächen diskutiert. Da­
„„ persönliche Gespräche, Hier geht es viel um Schnittstellen zu gehört auch der Gesamtberliner Kri­
„„ aufsuchende Arbeit vor Ort bei aku­ zwischen den verschiedenen Versor­ sendienst, der ja selbst eine effektive
BE

ten Problemlagen, gungsfeldern, auch um die Frage von Schnittstelle zu all diesen Bereichen ist.
Lotsenfunktionen. Die Berliner Kammer Deshalb wünscht sich die Kammer eine
„„ Einbeziehung von Angehörigen, Be­ ist hier der Meinung, dass eine Eng­ weitere enge Zusammenarbeit.
zugspersonen und Professionellen.
stellung auf den Richtlinienbereich des Heinrich Bertram ( PTK Berlin) auf der
SGB V nicht zielführend und nicht alle Festveranstaltung 15 Jahre Berliner
Versorgungsbereiche abdeckend ist. Krisendienst

Psychotherapie mit Älteren – Ein neues Betätigungsfeld für


Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

ventionen für die Arbeit mit dieser Ziel­ Was ist das Besondere an
gruppe. Psychotherapie mit dieser Alters-
gruppe?
Die Welt der Zahlen:
Die grundsätzlichen Krankheitsbil­
Die Gruppe der über 65-Jährigen in der unterscheiden sich nicht von den
Berlin wird deutlich anwachsen (von Krankheiten in anderen Altersgruppen
664.200 im Jahr 2011 auf ca. 858.000 der Bevölkerung. Allerdings müssen
im Jahr 2030). (Kurzfassung Bevölke- PsychotherapeutInnen, die mit älteren
rungsprognose für Berlin und die Be- Menschen arbeiten, berücksichtigen,
zirke 2011–2030 Senatsverwaltung für dass es körperliche Einschränkungen
Brigitte Kemper-Bürger
Stadtentwicklung und Umwelt Ref. I A geben kann. Bei Menschen über 70 lei­
– Berlin, Oktober 2012) den mehr als 80% an zwei oder mehr
Die Berliner Psychotherapeutenkam­ chronischen Erkrankungen (Alterssurvey
mer hat sich in den letzten drei Jahren Folgende Annahmen gelten aus heuti­ 2002). Entgegen früherer Vorurteile ist
mit einem relativ neuen Berufsfeld der ger Sicht: heute aber allgemein anerkannt, dass
PsychotherapeutInnen beschäftigt. War auch Menschen mit einer leichten De­
„„ ca. 25% der Älteren sind psychisch
vor einigen Jahren das Interesse so­ menz gut auf Psychotherapie anspre­
krank; davon haben ca. 9% depres­
wohl der älteren PatientInnen als auch chen. Die Themen einer Therapie sind
sive Störungen und ca. 17% Demen­
der behandelnden PsychotherapeutIn­ bei dieser Patientengruppe genauso viel­
zen,
nen an einer Therapie im Alter eher ge­ fältig wie in anderen Behandlungen auch.
ring, so hat sich dies langsam verän­ „„ ca. 67% der alten Menschen in Allerdings berichten fast alle Behandle­
dert. Die heutige Generation 60+ hat Heimen haben psychische Erkran­ rInnen (s. Symposium: Psychotherapie
nicht mehr die Vorurteile ihrer Eltern­ kungen: 30%–75% Demenzen, bis im Pflegeheim, Berlin PTK 2015), dass
generation gegenüber psychischen Er­ zu 50% depressive Symptome und das Ende des Lebens, die Rückschau
krankungen und erkennt eher die 15%–20% schwere Depressionen, auf das bisherige Erlebte, offene Le-
Chancen, die in einer Behandlung für bensfragen u. a. eine besondere Rolle
den Rest der Lebenszeit liegen kön­
„„ „untypische“ Depressionen treten spielen. Dies bedeutet, dass sich auch
im Alter gehäuft auf.
nen. Auch die PsychotherapeutInnen PsychotherapeutInnen, mehr noch als in
haben mögliche fachliche Vorbehalte anderen Behandlungskontexten mit der
revidiert und arbeiten an neuen Forma­ (RKI Themenheft 51, 2010, FOGS Endlichkeit des Lebens, Krankheit,
ten und psychotherapeutischen Inter­ Studie 2005, Prognos Studie 2010) Tod und nicht erreichten Lebenszielen in

66 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Berlin

Selbstreflexionen beschäftigen müssen, die Ansätze für die Behandlung dieser bar zur kommunikativen Vermittlung
um diesen Patientinnen und Patienten Personengruppe. Außerdem erfordert zwischen den beteiligten Gruppen bei.
angemessen begegnen zu können. die Arbeit in einem Pflegeheim Kennt­
nisse und Erfahrung im Umgang mit Alle diese möglichen psychotherapeu­
Institutionen und die Bereitschaft, sich tischen Angebote haben ihre Vor- und
auf einen neuen Kontext mit seinen Be­ Nachteile und spezifischen Herausfor­
sonderheiten einzulassen. derungen und werden zurzeit in ver­
schiedenen Projektsettings erprobt.
Was qualifiziert insbesondere Damit die Betroffenen ihr Recht auf
PsychotherapeutInnen für die Psychotherapie unabhängig von Wohn­
Arbeit in Heimen? form, Alter und Mobilität wahrnehmen
können, gilt es, kreativ und flexibel ad­
Doreen Röseler, zuständiges Vor­ äquate Behandlungsangebote regelmä­

BE
standsmitglied der PTK Berlin, hat die ßig zur Verfügung zu stellen.
Prof. Meinolf Peters, Doreen Röseler verschiedenen Rollen der Psychothe­
rapeutInnen bei der Behandlung älterer
Prof. Meinolf Peters vom Institut für PatientInnen in Heimen herausgearbei­
Alterspsychotherapie und Angewand­ tet. Der oder die aufsuchende Psycho­
te Gerontologie in Heidelberg bietet in therapeutIn oder der/die Psychothe­
Kooperation mit der PTK Berlin die 3. rapeutIn mit eigener Praxis im Heim
Curriculare Fortbildungsreihe für die Psy­ könnte ein regelmäßiges und flexibles
chotherapie mit Älteren an. Gerontologi­ Behandlungsangebot zur Verfügung
sche Kenntnisse, Wissen über die bio­ stellen. Der/die PsychotherapeutIn als
grafischen Hintergründe, schulenüber­ SupervisorIn für das Mitarbeiterteam
greifendes Denken, Selbsterfahrung im Pflegeheim kann unmittelbar kom­
und Arbeit an konkreten Fällen sind die munikative Prozesse gestalten und Das Ziel der PTK Berlin für die nächs­
Schwerpunkte dieser Fortbildung. Das Konfliktlösungen begleiten. In der Su­ ten Monate wird sein, das Profil der
erste Modul hat Mitte Februar 2015 in pervision wird psychotherapeutisches Psychotherapie und die möglichen Rol­
den Räumen der PTK Berlin begonnen. Fachwissen zur Verfügung gestellt, um len der PsychotherapeutInnen bei der
MitarbeiterInnen, BewohnerInnen und Behandlung dieser Patientengruppe
Psychotherapie im Pflegeheim – Angehörige direkt und indirekt zu un­ noch stärker herauszuarbeiten und ge­
ein neues Setting? terstützen. Diese Arbeit repräsentiert meinsam mit den anderen Berufen eine
ein mittlerweile schon bewährtes Pro­ gute, angemessene und wirksame Be­
Eine besondere Herausforderung stellt zedere in Pflegeheimen. Anders ver­ handlung von psychisch kranken älteren
sich in der Arbeit mit hochaltrigen und hält es sich beim Modell des angestell­ Menschen zu entwickeln. Angesichts
pflegebedürftigen psychisch kranken ten Psychotherapeuten im Heimkon­ der demografischen Entwicklung ist
PatientInnen. Fr. PD Dr. Eva-Marie text. Hierzu wurde schon in der letzten dies eine lohnende und gesellschaftlich
Kessler (Universität Heidelberg) hat in Legislatur ein innovatives Modell vor­ notwendige Aufgabe.
einem von der Robert Bosch Stiftung geschlagen, das bisher aus finanziel­ B. Kemper-Bürger, Geschäftsführerin
finanzierten Projekt in Kooperation mit len Gründen nicht umgesetzt werden der PTK Berlin
der DGVT gezeigt, dass Behandlungen konnte. Es soll in dieser Legislaturperi­
in diesem Kontext durchgeführt werden ode weiter entwickelt, neu durchdacht
können, und in einem Symposium An­ und diskutiert werden. Die angestell­ Geschäftsstelle
fang Januar ihre Ergebnisse detailliert ten PsychotherapeutInnen könnten ein
vorgestellt. (Sie wird in einem eigenen komplexes Behandlungsmodell anbie­ Kurfürstendamm 184
Beitrag im nächsten Kammerbrief über ten, welches Diagnostik, Einzelbehand­ 10707 Berlin
das Projekt berichten). lung unterschiedlicher Störungsbilder, Tel. 030/887140-0; Fax -40
psychotherapeutische Gruppen sowie info@psychotherapeutenkammer-
Aufsuchende Psychotherapie, kürzere Angehörigen- und Paargespräche um­ berlin.de
Behandlungszeiten, Einbezug der Ange­ fasst. Auch in dieser Berufsrolle tragen www. psychotherapeutenkammer-
hörigen und des Pflegepersonals sind die dort tätigen KollegInnen unmittel­ berlin.de

1/2015 Psychotherapeutenjournal 67
Mitteilungen der
Psychotherapeutenkammer
Bremen
Vierte Amtsperiode des Kammervorstandes neigt sich dem Ende
Engagierte Mitglieder für den neuen Vorstand gesucht

Die 4. Amtsperiode des Vorstandes der Deutschen Psychotherapeutentag am ausscheiden, in eine „Soll“-Regelung
Bremer Psychotherapeutenkammer nä­ 15. November 2014 in München als Di­ umzuwandeln. Damit droht der Verlust
hert sich dem Ende. In seiner letzten rektausbildung beschlossen worden ist, von bis zu 130 Kassen-Praxen in Bre­
Sitzung konstatierte der Vorstand in einen großen Teil  der Arbeit des künf­ men und neun Sitzen in Bremerhaven.
großer Einmütigkeit, dass in der zurück­ tigen Kammervorstandes ausmachen. Dem paritätisch mit Vertretern der Kran­
liegenden Arbeitsperiode viele Themen Insbesondere die Entwicklung von kenkassen und der Kassenärztlichen
erfolgreich bewegt werden konnten. Weiterbildungsregelungen für die ver­ Vereinigung in Bremen besetzten Zulas­
HB

Der Prozess wurde als intensiv und an­ fahrens- und altersbezogenen Schwer­ sungsausschuss, der über die Weiter­
fordernd erlebt, zugleich habe die part­ punktsetzungen im Rahmen des neuen gabe von Sitzen entscheidet, wird da­
nerschaftliche Zusammenarbeit allen Konzeptes wird die Kammer sehr for­ mit der Ermessensspielraum erheblich
Beteiligten viel Freude gemacht. Am dern. eingeschränkt. Erneut hat der Vorstand
16. Juni 2015 stehen auf der Kammer­ in zahlreichen Gesprächen mit Politi­
versammlung Neuwahlen des Vorstan­ Der amtierende Vorstand hat sich in kern und anderen Verantwortlichen im
des an. Die drei Beisitzer im Vorstand – den zurückliegenden fünf Jahren inten­ Gesundheitswesen seine Bedenken
Dr. Sylvia Helbig-Lang, Helga Loest und siv mit dem Thema Psychotherapeute­ erläutert, aber auch konstruktive Vor­
Axel Janzen – haben bereits angekün­ nausbildung beschäftigt und dabei in schläge eingebracht. Zudem unterstrich
digt, aus gesundheitlichen, berufsbe­ zahlreichen Ausschüssen mitgearbei­ er immer wieder die dringend not­
zogenen und familiären Gründen nicht tet, politische Gespräche geführt und wendige Reform der Bedarfsplanung
erneut zu kandidieren. Der Vorstand ist Fachdiskussionen in der Mitgliedschaft psychotherapeutischer Kassenpraxen,
sich einig in der Einschätzung, dass in initiiert. Am Ende dieser Auseinander­ die auf fehlerhaften Bedarfszahlen aus
den kommenden Jahren ein Generati­ setzung hat sich die Bremer Psychothe­ dem Jahr 1999 fußt.
onswechsel in der Führung der Psycho­ rapeutenschaft auf ihrer 31. Kammer­
therapeutenkammer eingeleitet werden versammlung am 11. November 2014 Vorausschauend hat der Vorstand schon
muss. Karl Heinz Schrömgens und Hans mit großer Mehrheit für eine umfassen­ im Herbst 2011 ein Modell zur Wertbe­
Schindler haben sich bereit erklärt, die­ de Reform der Psychotherapeutenaus­ stimmung psychotherapeutischer Pra­
sen Übergang zu begleiten und erneut bildung in Form einer Direktausbildung xen, das von einer Arbeitsgruppe des
zu kandidieren, damit am Ende der fünf­ ausgesprochen. Länderrates der BPtK erarbeitet wor­
ten Amtsperiode auch die Ämter des den war, verabschiedet. Das sogenann­
Präsidenten und Vizepräsidenten gut in In den Jahren seit 2011 hat die Beschäf­ te modifizierte Ertragswertmodell stellt
neue Hände gelegt werden können. tigung mit Gesundheitsreformgesetzen eine anerkannte betriebswirtschaftliche
großen Raum eingenommen. Das „Ver­ Berechnungsmethode dar. Damit soll­
Die neue Vorstandsperiode dürfte für die sorgungsstrukturgesetz“ von 2012 und ten Versuche verhindert werden, dass
Bremer Psychotherapeutenschaft eine die Überarbeitung der Bedarfsplanungs­ im Rahmen des Aufkaufes von Praxis­
sehr wichtige werden. Es geht in den richtlinie band viele Ressourcen. Im zu­ sitzen durch die Kassenärztlichen Ver­
nächsten Jahren einmal mehr darum, rückliegenden Jahr bildete zudem die einigungen der Praxiswert gegen Null
Vorstellungen zur Verbesserung der Ver­ Auseinandersetzung mit dem geplanten gerechnet werden kann.
sorgung psychisch kranker Menschen „Versorgungsstärkungsgesetz“, das zu
zu entwickeln und umzusetzen. Dies er­ erheblichen Änderungen der Regelun­ Ein weiteres herausragendes Thema
fordert auch die Erhaltung und bedarfs­ gen zur Gesetzlichen Krankenversiche­ der zurückliegenden Arbeitsperiode
gerechte Sicherstellung der ambulanten rung führen wird, eine wichtige Rolle. war die Beschäftigung mit dem Rechts­
psychotherapeutischen Versorgung. Der Der Entwurf sieht u. a. vor, die bishe­ status angestellter Psychotherapeuten
gegenwärtig betriebene Abbau von Pra­ rige Regelung, wonach in sogenannten in Krankenhäusern und Kliniken. Eine
xissitzen in Bremen steht dem entgegen. überversorgten Gebieten die Weiterga­ entsprechende Stellungnahme, die eine
be von Praxissitzen verweigert werden vom Vorstand eingesetzte Arbeitsgrup­
Zudem wird die Reform der Psychothe­ „kann“, wenn die bisherigen Inhaber pe unter Mitarbeit des renommierten
rapeutenausbildung, wie sie auf dem aus Alters- oder Krankheitsgründen Medizinrechtlers Professor Dr. Robert

68 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bremen

Francke erarbeitet hatte, wurde im De­ trägt die Kammer dazu bei, die Mitglie­ Der Vorstand beschäftigte sich im ver­
zember 2011 veröffentlicht und sorgte der für die Arbeit mit diesen Patienten­ gangenen Jahr überdies intensiv mit
nicht nur in Bremen für große Beach­ gruppen stärker zu qualifizieren. Auch dem Wissenschaftsplan 2020, der vom
tung. die Einrichtung von Traumaambulanzen Wissenschaftsressort aufgestellt wor­
im Land Bremen wurden vom Vorstand den ist und einen Prüfantrag enthielt,
Mit der Verabschiedung des Landes­ fachlich begleitet. ob der Studiengang Psychologie ge­
psychiatrieplanes wurde seit dem Jahr schlossen werden sollte. Hintergrund
2011 im Land Bremen eine breit ange­ Darüber hinaus brachte der Vorstand sind die Einsparnotwendigkeiten, die
legte Diskussion darüber angestoßen, in der laufenden Amtsperiode auch der Bremer Senat als Haushaltsnot­
wie die Versorgung von psychisch eine Neufassung der Berufsordnung lageland auch im Hochschulbereich
kranken Menschen mit komplexem der Psychotherapeutenkammer Bre­ sieht. In zahlreichen Gesprächen mit
Hilfebedarf neu aufgestellt werden men auf den Weg. Diese wurde in Vertretern aus Politik, Universität, Stu­
kann. Mitglieder des Vorstandes betei­ einem Ausschuss erarbeitet. Anlass dentenschaft. Medien und Einrichtun­
ligten sich aktiv an den verschiedenen für die Neufassung war das in 2013 in gen des Gesundheitswesens hat sich
Arbeitsgruppen in diesem Zusammen­ Kraft getretene Patientenrechtegesetz. der Vorstand mit großem Engagement
hang. In Bremerhaven läuft unter Be­ Gleichzeitig konnte damit die bremische für den Erhalt des Studiengangs einge­
teiligung des Vorstandsbeauftragen Berufsordnung an die Musterberufsord­ setzt. Der Einsatz scheint sich gelohnt
Uwe Klein eine Umsetzungsplanung, nung angelehnt werden. Diese lag bei zu haben. Wenn auch die Gefahr einer

HB
wie über regionale Budgets neue Steu­ der Erarbeitung der Bremer Berufsord­ Schließung noch nicht ganz vom Tisch
erungen von Leistungen gestaltet wer­ nung noch nicht vor, weil das Land Bre­ ist, so stehen die Zeichen für den Erhalt
den können. Mit Fortbildungen u. a. zur men seinerzeit die erste Psychothera­ des Studiengangs Psychologie derzeit
Psychosen-Psychotherapie trug und peutenkammer gegründet hat. gut.

Staatsrat sichert Unterstützung zu


Zu Beginn des neuen Jahres, am 9. Ja­ wenn sie noch keine endgültige „Lö­
nuar, trafen sich der Präsident sowie der sung“ darstellt, als Erfolg der Gespräche
Vizepräsident der Bremer Psychothera­ werten, die auch Vorstandskolleginnen
peutenkammer mit dem Gesundheits­ anderer Kammern mit Politikerinnen zu
staatsrat Dr. Peter Härtl zu einem Mei­ diesem Thema geführt haben.
nungsaustausch über anstehende ge­
sundheitspolitische und ausbildungsbe­ In diesem Zusammenhang stieß die
zogene Themen. Es bestand Einigkeit in Information auf großes Interesse, dass
der Bewertung, dass die in §  103 des es wieder zu einer Ausweitung der Diskutierten Fragen der Gesundheitspolitik:
geplanten Versorgungsstärkungsgeset­ „Erstattungspsychotherapie“ in Bre­ Gesundheitsstaatsrat Dr. Peter Härtl (Mitte),
Kammerpräsident Karl Heinz Schrömgens
zes vorgenommene Veränderung in Be­ men komme. Dies ist als eindeutiges
(rechts) und Vizepräsident Hans Schindler.
zug auf die Ausschreibung von psycho­ „Systemversagen“ zu werten, wenn
therapeutischen Kassensitzungen von die Krankenkassen ihren Mitgliedern
einer „Kann“- zu einer „Soll“-Regelung Erstattungstherapie genehmigen und einer angemessenen, z.  B. empirisch
zum Abbau von notwendiger Versor­ gleichzeitig im Zulassungsausschuss ermittelten Bedarfsplanung kommen
gung in Bremen führen würde. In soge­ dafür stimmen, dass ganze Sitze nur müsse.
nannten überversorgten Gebieten, nicht halb oder gar nicht ausgeschrieben
gemessen am realen Bedarf, sondern an werden, wenn die abgebenden Kolle­ Der Beschluss des letzten DPT zur
den willkürlich fixierten Zahlen von 1999, ginnen in letzter Zeit nur in einem redu­ Ausbildungsreform wurde von Dr.
sollen – wenn das Gesetz so verabschie­ zierten Umfang gearbeitet haben. Dis­ Härtl ausdrücklich begrüßt. Die Bitte
det wird – keine frei werdenden Psycho­ kutiert wurde, welche Verantwortung des Kammervorstandes um die Un­
therapeuten- und andere Arztsitze mehr hier die Selbstverwaltung (KV, G-BA terstützung einer zwischenzeitlich län­
ausgeschrieben werden. In dem seit An­ etc.) hat und wo die politisch Verant­ derübergreifenden einheitlichen Ver­
fang Februar vorliegenden Änderungs­ wortlichen durch gesetzliche Vorgaben waltungsvorschrift zur Zulassung von
antrag des Bundesrates zum § 103 sol­ Entscheidungen treffen müssen, weil Ausbildungsteilnehmerinnen nur mit
len die Psychologischen Psychothera­ die Selbstverwaltung aufgrund der Masterabschlüssen wurde zugesichert.
peutinnen und Kinder- und Jugendli­ vielstimmigen Interessen überfordert Abschließend wies Dr. Härtl darauf hin,
chenpsychotherapeutinnen von dieser ist. Kammerseitig wurde die Meinung dass er nach den Bürgerschaftswahlen
Regel bis 2018 ausgenommen werden. vertreten, der Gesetzgeber müsse ge­ im Mai die Aufgabe eines Staatsrates
Der Kammervorstand kann diese Ände­ rade für den Bereich der Psychothe­ aus Altersgründen nicht wieder über­
rungsforderung des Bundesrates, auch rapie Vorgaben machen, dass es zu nehmen werde.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 69
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

„In der Psychoonkologie arbeiten wir ressourcenorientiert“


Die Bremer Krebsgesellschaft bietet ein in dem alle Veranstaltungen aufgelistet Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit
breit gefächertes Hilfsangebot für an sind und das gern bei uns angefordert Bremer Psychotherapeutinnen und
Krebs erkrankte Menschen und deren werden kann. Natürlich finden Sie uns -therapeuten?
Angehörige. Helga Loest vom Kammer­ auch im Internet. Wir verfügen über viel­ Insgesamt ist die Zusammenarbeit gut
vorstand sprach mit der Psychoonkolo­ fältiges Informationsmaterial zu Krebser­ – aber sicher auch noch ausbaufähig.
gin Dr. Antje Müller über ihre Arbeit und krankungen und erstellen auch bei Be­ Immer wieder vermitteln wir den Pa­
den Qualitätszirkel Psychoonkologie, darf eigene Broschüren. Wir finanzieren tientinnen und Patienten psychothera­
der noch weitere Mitglieder aufnimmt. uns komplett aus Spendengeldern und peutische Angebote. Natürlich drängt
erhalten keine öffentliche Förderung. hier oft die Zeit, die Not ist groß und die
H. Loest: Frau Dr. Müller, Sie ar-
Warteschlangen sind lang. Deshalb sind
beiten als Psychoonkologin in der Das ist ein sehr großes Aufgaben-
wir auf wohlwollende Angebote oder
Beratungsstelle der Bremer Krebs- spektrum. Welche Aufgaben haben
Signale der Psychotherapeuten aus
gesellschaft. Seit wann gibt es die Sie dabei als Psychoonkologin?
Bremen und dem Umland angewiesen
Beratungsstelle und welche Angebo-
Als Psychoonkologin biete ich Beratun­ und freuen uns über jedes Angebot. Ein
te gibt es?
gen für an Krebs erkrankte Menschen Drittel unserer ratsuchenden Besuche­
A. Müller: Die und Angehörige an. Wir bemühen uns, rinnen und Besucher kommt übrigens
HB

Beratungsstel­ sehr zeitnah zu beraten, da die Belas­ aus dem niedersächsischen Umland.
le der Bremer tung durch das Wissen über die Erkran­
Sie organisieren den Qualitätszir-
K re b s g e s e ll ­ kung und die psychischen und körperli­
kel Psychoonkologie. Wie sieht die
schaft existiert chen Folgen oft sehr hoch ist. Oft füh­
Arbeit aus und welche Professionen
bereits länger len sich die Patienten auch gedrängt,
sind vertreten?
als 30 Jahre. schnell handeln zu müssen.
Wir arbeiten Im Qualitätszirkel Psychoonkologie tref­
niedrigschwel­ Themen, die häufig eine Rolle spielen, fen wir uns jeden dritten Montag im
lig, bei uns sind alle Betroffenen und sind Angst und Hilflosigkeit, Umgang mit Monat. Jeweils um 20 Uhr. Psychothe­
Interessierten von Montag bis Freitag körperlichen Veränderungen wie Haar­ rapeuten, Psychoonkologen, niederge­
willkommen. Wir bieten Vorträge, Pati­ ausfall, verminderte Leistungsfähigkeit, lassen oder aus Einrichtungen, sowie
entenseminare sowie soziale und psy­ Fatigue; Verstehen und Akzeptanz der ein onkologisch tätiger Arzt stellen Fäl­
chologische Beratung an. Über 2.500 Erkrankung, Therapieentscheidungen, le vor und diskutieren berufspolitische
Beratungen pro Jahr finden in unseren Schuld, Reaktionen der Mitmenschen, Themen. Neue Teilnehmer sind übri­
Beratungsstellen in Bremen-Mitte, Huch­ Zurechtfinden im Gesundheitssystem gens willkommen. Die Mitarbeit kann
ting und Vegesack statt. Unter unserem und medizinische Behandlung. Aber auch sporadisch – je nach aktueller
Dach arbeiten auch Musiktherapeutin­ auch Themen wie Berufstätigkeit, Versi­ Fragestellung – stattfinden. Die Ärzte­
nen mit Kindern und Jugendlichen, de­ cherungen, Finanzen, Armut, Auseinan­ kammer vergibt für die Teilnahme drei
ren nahe Angehörige an Krebs erkrankt dersetzung mit Tod und Sterben spielen Fortbildungspunkte.
sind. Dieses Projekt heißt Pegasus. Wir eine Rolle. Und natürlich Themen, die
Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit
arbeiten auch präventiv, z. B. zum The­ im Laufe der eigenen Biografie wichtig
der psychotherapeutischen Versor-
ma Sonnenbelastung im Kindergarten­ geworden sind und deshalb von den Be­
gung krebskranker Menschen in
bereich. Weil das Wissen um die hohe troffenen in einen Zusammenhang mit
Bremen?
Bedeutung der körperlichen Bewegung der Erkrankung und ihrer Bewältigung
in der Krankheitsbewältigung immer gebracht werden. Sehr viele Krebskranke, die sich aktiv
größer wird, vermittelt unsere „Sport­ auf die Suche nach Psychotherapeuten
lotsin“ den Kontakt zwischen Patientin­ In der Psychoonkologie arbeiten wir machen, scheitern an langen Warte­
nen und Patienten und Rehasport-An­ ressourcenorientiert, wir bemühen uns, zeiten. Einige erleben auch Zurückwei­
geboten. die erkrankten Menschen zu stärken sung, weil die körperliche Erkrankung
und den Umgang mit der Erkrankung zu nicht in die Therapie mit einbezogen
Die meisten unserer Angebote sind erleichtern. Je nach Fragestellung kom­ wird oder werden kann. Das ist dann
kostenlos. Um uns auch bei ganz „nor­ men die Patientinnen und Patienten ein­ besonders schmerzhaft. In vielen Kran­
malen“ Menschen bekannt zu machen, mal oder öfter in die Beratung, nehmen kenhäusern arbeiten Psychoonkologin­
bieten wir unsere Räume und Wände an unseren Selbsthilfegruppen teil, be­ nen. Bei den kurzen Liegezeiten und
Künstlerinnen und Künstlern an und suchen Patientenschulungen, singen in um Operationen herum können die
organisieren etwa viermal pro Jahr ent­ unserem Chor mit oder engagieren sich Patientinnen und Patienten von diesem
sprechende Ausstellungen. Unsere An­ ehrenamtlich. Manche kommen immer Angebot profitieren, aber es ist zeitlich
gebote veröffentlichen wir alle sechs mal wieder, weil sich im Laufe der The­ stark begrenzt. Und manchmal fehlt es
Monate in einem Halbjahresprogramm, rapie neue Fragestellungen entwickeln. auch ganz.

70 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Bremen

Meine Vermutung: Der Bedarf an psy­ Umgang mit Folgeerscheinungen der gung mit psychotherapeutischen Ange­
chotherapeutischer Versorgung ist deut­ Krankheit und Therapie, Bewältigung boten zu verbessern.
lich höher als die tatsächliche Nachfra­ von Ängsten und Depression. Insofern
ge. Das betrifft Kriseninterventionen, gibt es noch viel zu tun, um die Versor­

Neuer Qualitätszirkel tagt erstmals im April


Mitte Oktober 2014 hat der Gemeinsa­ peutenkammer Bremen zwei jeweils handlungsbedarf besser versorgt wer­
me Bundesausschuss (G-BA) die Psy­ eintägige Fortbildungsveranstaltungen den können, insbesondere bezogen auf
chotherapie-Richtlinie dem aktuellen zur Psychotherapie mit Menschen mit die lebensweltbezogene Koordination
Forschungsstand angepasst: Psycho­ psychotischen Erkrankungen durch. der verschiedenen Unterstützungsleis­
therapie ist zukünftig bei einer Schizo­ Zum einen wurde Einblick in die kogni­ tungen. Auch hierin muss Psychothera­
phrenie, schizotypen oder wahnhaften tiv-verhaltenstherapeutische, zum ande­ pie ein integraler Bestandteil sein.
Störungen sowie bei einer bipolaren ren in die psychodynamische Arbeits­
affektiven Störung uneingeschränkt in­ weise vermittelt. Darin zeigte sich: Psy­ Diese Diskussionszusammenhänge führ­
diziert. chotherapie ist ein unerlässlicher Be­ ten nun dazu, dass in Bremen die Bil­
standteil der evidenzbasierten Versor­ dung eines Qualitätszirkels „Psycho­

HB
Damit können psychotische Störungen gung einer Schizophrenie. Internationa­ sen-Psychotherapie“ kurz vor der Grün­
von jetzt an ambulant und in allen Pha­ le und deutsche Leitlinien empfehlen dung steht. Der Qualitätszirkel soll der
sen der Erkrankung psychotherapeu­ uneingeschränkt, dass diesen Patienten Fortbildung, dem Erfahrungsaustausch,
tisch behandelt werden. Da es sich bei in allen Phasen der Erkrankung, auch in der Fallbesprechung und der Diskussi­
psychotischen Erkrankungen meist um der akuten Phase, Psychotherapie an­ on neuer Versorgungskonzepte dienen.
besonders schwere Störungen handelt, geboten werden soll. Zahlreiche klini­ 13 Kolleginnen und Kollegen aus der
die mit erheblichen psychosozialen Be­ sche Studien konnten die Wirksamkeit ambulanten und stationären Versor­
einträchtigungen verbunden sind, ist der Psychotherapie auch in der akuten gung psychisch kranker Menschen er­
eine Verbesserung der ambulanten psy­ Phase der Erkrankung und bei andau­ klärten ihre Bereitschaft zur Mitarbeit.
chotherapeutischen Versorgung drin­ ernden („persistierenden“) psychoti­
gend geboten, zumal auch im stationä­ schen Symptomen belegen. Die erste Sitzung des Qualitätszirkels
ren Bereich die psychotherapeutische findet am Montag, 27. April 2015, um
Versorgung oft unzureichend ist. Zugleich entwickelt sich im Land Bre­ 20 Uhr im Sitzungsraum der PK Bre­
men die Diskussion, wie psychisch men, Hollerallee 22, statt. Interessierte
Anfang 2014 führte die Psychothera­ kranke Menschen mit komplexem Be­ sind willkommen.

Empfang der Heilberufe in neuem Format


Den traditionell zum Jahresbeginn begrüßt und erfolgte anschließend eine
Redaktion
stattfindenden Empfang der Heilberu­ Ansprache des Gesundheitssenators,
fekammern und der Kassenärztlichen so ist künftig nur noch ein Redebeitrag An diesen Seiten arbeiteten mit:
Vereinigungen im Gebäude der Kassen­ geplant, und zwar der eines auswärti­ Helga Loest, Karl Heinz Schrömgens
ärztlichen Vereinigung an der Schwach­ gen Referenten. So wird am 29. April und Hans Schindler.
hauser Heerstraße wird es in der Form Dr. Wolfgang Klitzsch zum Thema „Der
nicht mehr geben. Stattdessen laden Freie Beruf – Ideologie oder Ideal“ spre­ Geschäftsstelle
die Vorstände der Ärztekammer, der chen. Klitzsch ist Soziologe und ehema­
Zahnärztekammer, der Psychotherapeu­ liger Geschäftsführer der Ärztekammer Hollerallee 22
tenkammer und der Kassenärztlichen Nordrhein Westfalens. Nach dem Vor­ 28209 Bremen
Vereinigung sowie der Kassenzahnärzt­ trag gibt es Gespräche und Kanapees. Fon: 0421 – 27 72 000
lichen Vereinigung in diesem Jahr erst­ Fax: 0421 – 27 72 002
mals zu einem „Empfang der Heilberu­ Verwaltung@pk-hb.de
fe“ am 29. April von 17 bis 20 Uhr in die www.pk-hb.de
Kunsthalle (Am Wall 207) ein. Auch der Geschäftszeiten:
Ablauf wird anders sein. Wurden die Mo, Di, Do, Fr 10.00 – 14.00 Uhr
Gäste zuvor stets von einem der Kam­ Mi 13.00 – 17.00 Uhr
merpräsidenten beziehungsweise der Sprechzeit des Präsidenten:
KV-Vorsitzenden in einer längeren Rede Di 12.30 – 13.30 Uhr

1/2015 Psychotherapeutenjournal 71
Mitteilungen der

Soldaten in der Bundeswehr – Dienst, Einsatz und Belastungen


Am 2. Dezember 2014 fand die Fort­ rufes. Dabei erläuterte er die Neuaus­ gab einen Einblick in die Einsatznachbe­
bildungsveranstaltung „Soldaten in der richtung der Bundeswehr, die sich in reitungsseminare.
Bundeswehr – Dienst, Einsatz und Be­ den letzten Jahren unter anderem auch
lastungen“ in der Clausewitz-Kaserne durch die Änderung des Wehrpflicht­ Regierungsdirektorin Dipl.-Psych. Alliger-
in Hamburg statt. gesetzes ergeben hat. Ebenfalls von Horn, leitende Psychologin am Bundes­
großer Bedeutung für die Soldatinnen wehrkrankenhaus in Berlin, stellte unter
Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der und Soldaten seien die Auslandseinsät­ anderem die Ergebnisse der „Dunkelzif­
PTK Hamburg begrüßte gemeinsam mit ze, die mit einer hohen Flexibilität der fer-Studie“ vor, in welcher die Umstände
Dipl.-Psych. Stefan Schanze, Komman­ Menschen einhergehen und persönli­ untersucht wurden, die zu einer Posttrau­
do Sanitätsdienst der Bundeswehr, die che Herausforderungen darstellen. Zur matischen Belastungsstörung (PTBS)
fast 200 Gäste der Veranstaltung. Entlastung der Mitarbeiter und nicht nach einem Auslandseinsatz führen
zuletzt auch zur Gewinnung weiterer können. Hierbei ging sie auch auf die Be­
Prof. Dr. Richter leitete die Veranstal­ qualifizierter Mitarbeiter würden ver­ handlung der psychischen Erkrankungen
tung mit einer kurzen Erläuterung zu der schiedene Arbeitszeitmodelle, wie zum in den Bundeswehrkrankenhäusern ein.
HH

Vereinbarung zwischen dem Bundesmi­ Beispiel Möglichkeiten der Kinderbe­


nisterium der Verteidigung (BMVg) und treuung, Teilarbeiterzeit sowie Heimar­ Regierungsdirektor Dipl.-Psych. Schan­
der BPtK ein, die beinhaltet, dass seit beit angestrebt. ze beschrieb in seinem Vortrag die Maß­
dem 16. September 2013 Psychothe­ nahmen zum Erhalt und zur Steigerung
rapeuten, die nicht zur vertragspsycho­ Oberregierungsrat Dipl.-Psych. Varn der psychischen Fitness bei Soldaten
therapeutischen Versorgung zugelas­ stellte im anschließenden Vortrag die und gab einen Einblick in die psychoso­
sen sind, Soldaten*) behandeln können. aktuellen Einsatzgebiete der Beschäf­ ziale Unterstützung und das psychoso­
tigten dar und beschrieb die Einsatzsi­ ziale Netzwerk der Bundeswehr.
Oberstleutnant Starosta ging zu Beginn tuationen sowie die Arbeit der Truppen­
des ersten Vortrags auf die Struktur und psychologen im Einsatz. Hierbei ging er Zum Ende der Veranstaltung erläuter­
die Organisation der Bundeswehr ein verstärkt auf die speziellen Belastungen te Oberfeldarzt Dr. Bernd Röhrich den
und erklärte in diesem Zusammenhang der Soldaten ein, erläuterte die präven­ Prozess der Beantragung, Verlängerung
die Besonderheiten des Soldatenbe­ tiven Maßnahmen vor dem Einsatz und und Abrechnung der Heilbehandlung für
die Bundeswehrsoldaten. Im Nachgang
zur Veranstaltung stellen wir Ihnen auf
unserer Homepage diesen Vortrag zum
Thema „Heilbehandlung für die Bun­
deswehr: Beantragung – Verlängerung
– Abrechnung“ von Dr. Röhrich zum
Download bereit: www.ptk-hamburg.
de/aktuelles/nachrichten/8152124.html

Auf der Veranstaltung wurde zudem


über die Arbeit der Truppenärzte der
Bundeswehr berichtet. Unter www.
sanitaetsdienst-bundeswehr.de kön­
nen Sie jederzeit die aktuelle Liste der
Truppenärzte in Deutschland finden
und sich bei Bedarf mit dem jeweiligen
Truppenarzt in Verbindung setzen. Die
Liste ist unter der Rubrik „Finde Deinen
Truppenarzt“ nach PLZ sortiert.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung „Soldaten in der Bundeswehr“ Birte Westermann

72 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Hamburg

13. Allgemeine Kammerversammlung


Am 26. November 2014 fand die jähr­ Versorgung psychisch kranker Men­ Überlegungen, die Psychotherapiericht­
liche allgemeine Versammlung der schen verbessern!“, stellte der Kam­ linie insofern zu erweitern, als mehr the­
Hamburger Kammermitglieder statt. mervorstand Vorschläge zur Weiter­ rapeutische Behandlungsangebote zur
Im Bericht des Kammervorstandes entwicklung der ambulanten und (teil-) Akutbehandlung sowie zur Erhaltungs­
über die Aktivitäten im Jahr 2014 stellte stationären psychotherapeutischen Ver­ therapie und Rezidivprophylaxe mög­
Vorstandsmitglied Heike Peper in einer sorgung zur Diskussion. Anhand eines lich wären, wurden hingegen begrüßt,
Präsentation eine kursorische Übersicht differenzierten Versorgungsmodells der ebenso die Erleichterung der Rahmen­
über die zahlreichen Veranstaltungen, Bundespsychotherapeutenkammer und bedingungen für Gruppentherapie so­
Fortbildungen, Klausurtagungen, Ar­ der darin enthaltenen Vorschläge disku­ wie die Kombination von Einzel- und
beitskreise sowie über die Öffentlich­ tierten die anwesenden Mitglieder über Gruppentherapie.
keits-, Vernetzungs- und Lobbyarbeit Möglichkeiten, wie in den verschiede­
vor. Sie berichtete auch über Verände­ nen Sektoren flexiblere und den Bedar­ Auch waren sich die meisten der nie­
rungen in der Geschäftsstelle und über fen angepasste psychotherapeutische dergelassenen Mitglieder einig, dass
den Wechsel in der Geschäftsführung. Behandlungsangebote aussehen könn­ das Gutachterverfahren, das für viele
Der neue Geschäftsführer Christoph ten. Für den ambulanten Bereich wur­ einen erheblichen Bürokratie- und Zeit­
Düring war auf der Versammlung anwe­ den in Bezug auf die Einführung einer aufwand bedeutet, in Zusammenhang
send und stellte sich den anwesenden psychotherapeutischen Sprechstunde mit Überlegungen zu einer verbesserten
Mitgliedern vor. unterschiedliche Auffassungen deut­ Versorgung wesentlich schlanker und
lich. Einige Mitglieder begrüßten eine unaufwändiger gestaltet werden müsse.
Interessierte Nachfragen einiger Mit­ solche Sprechstunde als eine niedrig­
glieder in Bezug auf die Hintergründe schwellige Möglichkeit, Patientinnen Schließlich wurde eine engere Verzah­

HH
der personellen Veränderungen in der und Patienten frühzeitig zu sehen und nung und Kooperation zwischen dem
Geschäftsstelle konnte der Vorstand ihnen Beratung und orientierende Hil­ stationären und ambulanten Sektor ein­
aus Verschwiegenheitsgründen nur ein­ fen geben zu können. Andere Kollegin­ hellig für notwendig erachtet. Vernetzte
geschränkt beantworten und bat dafür nen und Kollegen konnten sich das An­ Strukturen, eine enge Kooperation zwi­
um Verständnis. gebot einer Sprechstunde im Rahmen schen den beteiligten Behandlerinnen
ihrer jetzigen Praxisorganisation nicht und Behandlern, eine angemessene
Vorstandsmitglied Torsten Michels refe­ vorstellen und hatten Sorge, dass sie Vergütung für Koordinationsleistungen
rierte über die Entwicklung der Diskus­ in der Sprechstunde sehr unter Druck und die Befugnis zur Einweisung ins
sion zur Reform der Psychotherapie­ kommen könnten, eine weiterführen­ Krankenhaus sind dafür wesentliche
ausbildung seit der letzten Kammerver­ de Behandlung anbieten zu müssen. Voraussetzungen.
sammlung und stellte den Beschluss, Kritisch wurde auch angemerkt, dass
der auf dem Deutschen Psychothera­ durch die Einführung einer psycho­ Kammerpräsident Prof. Rainer Richter
peutentag am 15. November 2014 ge­ therapeutischen Sprechstunde nicht schloss die Versammlung mit einem
fasst wurde, dar. mehr Therapieplätze entstünden. Dies Dank für die rege Diskussion und die
wurde vom Kammervorstand auch so vielen Anregungen sowie mit dem Hin­
Im Mittelpunkt der Versammlung stand gesehen, weshalb weiterhin eine Ände­ weis auf die im Frühjahr 2015 anstehen­
schließlich die Diskussion über das in rung der Bedarfsplanungsrichtlinie auf de Kammerwahl.
der Einladung angekündigte Schwer­ Grundlage einer empirisch fundierten
Dipl.-Psych. Heike Peper
punktthema. Unter dem Titel „Die Berechnung gefordert wird.

Begrüßung Dipl.-Psych. Ursula Meier-Kolcu im Vorstand


Das Jahr 2015 hält für die Psychothe­ stärkt. Frau Meier-Kolcu ist seit 1991 glied im Beratenden Fachausschuss
rapeutenkammer einige Aufgaben, He­ als Psychologische Psychotherapeutin der KV-Hamburg und der Vertreterver­
rausforderungen und Veränderungen (VT) niedergelassen und praktiziert seit sammlung. Seit 2011 ist sie Mitglied der
bereit. 1993 in einer Praxis in Altona. Ihre Pati­ Delegiertenversammlung der Psycho­
enten*) sind zu ca. 85% Menschen mit therapeutenkammer Hamburg.
Wir begrüßen daher herzlich Frau Dipl.- einem Migrationshintergrund. Seit 2004
Psych. Ursula Meier-Kolcu, die seit dem ist sie Vorsitzende im Berufsverband Frau Meier-Kolcu tritt in der Vorstands­
21. Januar 2015 den Vorstand der Psy­ der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) arbeit für ein faires Miteinander, für
chotherapeutenkammer Hamburg ver­ Hamburg sowie stellvertretendes Mit­ demokratische Grundprinzipien, für die

1/2015 Psychotherapeutenjournal 73
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Übernahme von Verantwortung, für


Aufrechterhaltung des Dialogs auch in
Konfliktsituationen und für aufgabenori­
entiertes Zusammenarbeiten ein.

Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Zu­


sammenarbeit!

Der Vorstand der Psychotherapeutenkam-


mer Hamburg: v. l. n. r.: Dipl.-Psych. Torsten
Michels, Dipl.-Psych. Ursula Meier-Kolcu,
Dipl.-Psych. Heike Peper, Prof. Dr. Rainer
Richter, Gabriele Küll

Informationsveranstaltung Postgraduale Ausbildung Psychologische Psycho­


therapie/Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der Universität Hamburg
HH

Am 29. Januar 2015 lud die Universi­


tät Hamburg gemeinsam mit der PTK
Hamburg zu einer Informationsveran­
staltung über die Ausbildung zum Beruf
der Psychologischen Psychotherapie/
Kinder- und Jugendlichenpsychothera­
pie ein. Rund 60 Studierende der Uni
Hamburg folgten dieser Einladung.

Dipl.-Psych. Heike Peper, Vorstands­


mitglied der PTK Hamburg, stellte zu
Beginn der Veranstaltung die Organisa­
tion und die Aufgaben der Psychothera­
peutenkammer Hamburg vor. Anschlie­
ßend erläuterte sie den Begriff der
Psychotherapie und gab einen Einblick
in die Tätigkeitsfelder der berufstätigen
Psychotherapeuten*) in Hamburg.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung „Postgraduale Ausbildung PP/KJP“

Die Rahmenbedingungen und die In­


halte der Ausbildung zu diesem Beruf Wie schwierig ist es, einen Platz in der und wies darauf hin, dass Art und Güte
stellte Dr. Dipl.-Psych. Annegret Boll- Klinik zu bekommen? Arbeitet man in der Ausbildung, Betreuung, Organisa­
Klatt vor und ging unter anderem auf diesem Beruf mehr mit Säuglingen, tion, Kosten der Ausbildung wichtige
die gesetzlichen Vorgaben, die Ausbil­ Kindern oder Jugendlichen? Diese und Kriterien sind, die bei der Wahl des In­
dungsdauer und die Zulassung zur Aus­ andere Fragen wurden im Fachvortrag stituts berücksichtigt werden sollten.
bildung ein. diskutiert. Dabei sollten die Bewerber nicht auf die
bloßen Kosten für die Kursgebühr ach­
Frau Dipl.-Psych. Nadine Christina Auch die Wahl des Ausbildungsinsti­ ten, sondern auch vergleichen, welche
Bradtke stellte gesondert die Ausbil­ tuts sollte gründlich überlegt werden, Angebote in den Gebühren enthalten
dung zum Kinder- und Jugendlichen­ so Frau Dr. Dipl.-Psych. Sylvia Helbig- sind und welche Kosten zusätzlich an­
psychotherapeuten vor. Wie lassen sich Lang. Sie erläuterte die unterschiedli­ fallen werden.
Ausbildung und Theorie vereinbaren? chen Rahmenbedingungen der Institute

74 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Hamburg

Abschließend berichtete Frau Dipl.- gen zur Wahl des passenden Instituts veranstaltung machten deutlich, dass an
Psych. Ricarda Müller, selbst noch in für die Ausbildung. der Ausbildung nach wie vor ein hohes In­
Ausbildung zur Psychologischen Psy­ teresse unter den Studierenden besteht.
chotherapeutin, von ihren eigenen Er­ Die vielen Fragen der rund 60 Anwesen­ Birte Westermann
fahrungen und gab Tipps und Anregun­ den am Ende der zweistündigen Abend­

Kammerwahl 2015
Im April 2015 wird erneut die Delegier­ Die Delegiertenversammlung, die al­ stimmberechtigten Mitgliedern der PTK
tenversammlung der Psychotherapeu­ le vier Jahre neu gewählt wird, ist das Hamburg bis zum 20. März 2015 zuge­
tenkammer Hamburg gewählt. Bis zum höchste Organ der Kammer. Sie be­ sandt.
10. April 2015, 18:00 Uhr, haben Sie als schließt über alle Angelegenheiten
stimmberechtigtes Mitglied der PTK der Kammer von grundsätzlicher Be­ Wir rufen alle Mitglieder der PTK Ham­
Hamburg die Gelegenheit, Ihre Stimme deutung, soweit sie sich nicht nur auf burg auf, Ihr Wahlrecht wahrzunehmen
abzugeben und somit Einfluss auf die die laufende Geschäftsführung bezie­ und damit die Selbstverwaltung unse­
Wahl der Delegiertenversammlung zu hen. Die Wahlunterlagen werden allen res Berufsstandes zu stärken.
nehmen.

Information über die Änderung der Berufsordnung


Die Psychotherapeutenkammer Ham­ der Berufsordnung beschlossen. Die Forschung). Der Beschluss liegt derzeit

HH
burg hat in ihrer Delegiertenversamm­ Änderungen beziehen sich auf § 15 (Ein­ der Behörde für Gesundheit und Ver­
lung am 21. Januar 2015 eine Änderung sichtnahme) sowie § 23 (Tätigkeit in der braucherschutz zur Genehmigung vor.

Anerkennung von Weiterbildungsstätten


Der Prüfungsausschuss für den Weiter­ zum einen einer Klinik für Geriatrie und Geschäftsstelle
bildungsbereich „Neuropsychologische Gerontologie die Anerkennung als Wei­
Tätigkeit“ der Psychotherapeutenkam­ terbildungsstätte erteilt und zum ande­ Hallerstraße 61
mer Hamburg konnte zwei positive Be­ ren wurde eine neuropsychologische 20146 Hamburg
scheide für eine Anerkennung als Wei­ Praxis als Weiterbildungsstätte aner­ Tel. 040/226 226 060
terbildungsstätte ausstellen: So wurde kannt. Fax 040/226 226 089
www.ptk-hh.de
info@ptk-hamburg.de

*) Zugunsten der besseren Lesbarkeit wurde


in den mit *) gekennzeichneten Artikeln darauf
verzichtet, die männliche und die weibliche
Schriftform anzuführen, obwohl die Aussagen
selbstverständlich für beide Geschlechter gelten.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 75
Mitteilungen der
Psychotherapeutenkammer Hessen

Der Weg zu einer neuen gesetzlichen Grundlage, mit der auch der Zugang
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
zum Psychotherapeutenberuf auf Master-Niveau gesichert werden soll,
Transition – Übergang heißt das neue Wort, ist mit offenen fachlichen, juristischen und finanziellen Fragen gepflas-
mit dem der Veränderungsprozess der Psy- tert. Deshalb hat der Kammervorstand eine Arbeitsgruppe gebildet, in
chotherapeutenausbildung bezeichnet wird. der auch reformkritische Stimmen vertreten sind. Denn der Übergang
Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet verdient seinen Namen nur, wenn er mit Umsicht geführt wird. Ein
an einem Referentenentwurf für ein neues schnelles Festklopfen von Positionen durch Mehrheitsbeschlüsse wird
Psychotherapeutengesetz. Vorausgegangen der grundsätzlichen Bedeutung des Reformvorhabens nicht gerecht. Da-
ist ein Beschluss des Deutschen Psychothe- mit aus dem Übergang kein Übergehen oder Überspringen abweichender
rapeutentages, künftig nach der Hochschul- Meinungen wird, muss Raum für die Auseinandersetzung bleiben.
ausbildung mit nachfolgender Approbation
eine Weiterbildung anzuschließen. In dieser Es grüßt Sie herzlich
Weiterbildung sollen die Verfahrensvertie-
Alfred Krieger fung und die Spezialisierung auf Altersberei- Alfred Krieger
che (Kinder und Jugendliche und/oder Erwachsene) erfolgen. Kammerpräsident

Reformprozess der Psychotherapieausbildung – Modell für einen neuen


Studiengang
HE

Im November Bundesministerium für Gesundheit auf 2. Methoden wissenschaftlicher For-


2014 beschloss Zustimmung gestoßen und es ist ge­ schung (55 ECTS aus Studium, 30
der Deutsche Psy­ plant, bis zum Ende des Jahres einen ECTS Abschlussarbeit): Methodische
chotherapeuten­ Referentenentwurf für ein neues Gesetz Kompetenz, wissenschaftliche Befunde
tag (DPT) mit zu erarbeiten. Erste Reaktionen auf Stu­ zu bewerten und Handlungsentschei­
Zweidrittelmehr­ dieninhalte und -strukturen aus Wissen­ dungen abzuleiten.
heit, dass die schaftsministerien fielen vorsichtig zu­
psychotherapeu­ stimmend aus. Was beinhaltet das neue 3. Störungslehre: Psychische Störungen
tische Berufsaus­ Studium? Die Absolventen sollen am und psychische Faktoren körperlicher Er­
bildung künftig Ende des Studiums ausreichend theore­ krankungen (mind. 24 ECTS, zusätzliche
eine Approbati­ tische und praktische Kompetenzen ha­ Lehre aus anderen Bereichen), Kenntnis­
Dr. Heike Winter on nach einem ben, um die entsprechenden Erkrankun­ se psychischer, somatopsychischer und
wissenschaftlichen Hochschulstudium gen zu kennen und unter Supervision in neuropsychologischer Störungen sowie
mit anschließender Weiterbildung bein­ der Weiterbildungsphase behandeln zu psychischer Faktoren bei körperlichen
halten soll. Beeindruckend ist neben der können. In einem Vorschlag für ein Studi­ Erkrankungen, Berücksichtigung theore­
Eindeutigkeit des Beschlusses die Ein­ um werden sieben Bereiche definiert. tischer Modellannahmen verschiedener
beziehung aller relevanten Experten, Die Bereiche wurden aus dem Kompe­ wissenschaftlich anerkannter Verfahren.
Praktiker wie Wissenschaftler: Kam­ tenzprofil einer AG des Bundeskammer­
mern, Verbände, Bundearbeitsgemein­ vorstands mit den Landeskammern 4. Diagnostik und Begutachtung
schaft der Verbände der Ausbildungsins­ übernommen. (mind. 29 ECTS): Kompetenz zur Diag­
titute, Psychotherapeuten in Ausbildung, nostik psychischer, psychosomatischer
Fachbereichstag Soziale Arbeit, Deut­ 1. Menschliches Erleben und dessen Störungen und psychischer Merkmale
sche Gesellschaft für Erziehungswissen­ Entwicklung (mind. 67 ECTS): Psy­ bei körperlichen Krankheiten; Erstellung
schaften, Deutschen Gesellschaft für chologische, biopsychologische, neu­ von Gutachten.
Psychologie und die Arbeitsgemein­ rowissenschaftliche, erziehungs- und
schaft der psychodynamischen Hoch­ sozialwissenschaftliche sowie medizini­ 5. Psychotherapeutische Methoden
schullehrer. Das Votum des DPT ist im sche Grundlagen. und Verfahren der Behandlung, Prä-

76 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Hessen

vention und Rehabilitation (mind. 7. Reflexion/Selbsterfahrung (unbe- dert. In über der Hälfte aller Bundeslän­
53 ECTS): Kenntnis aller (durch den notet): Wissen um den Einfluss der der reicht zudem der sechssemestrige
Wissenschaftlichen Beirat Psychothe­ eigenen Person auf therapeutisches Bachelor in den pädagogischen Studien­
rapie) wissenschaftlich anerkannten Handeln. Fähigkeit, eigene Interessen, gängen als Ausbildungszugang für den
psychotherapeutischen Verfahren und Affekte und Impulse während des psy­ Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsy­
Methoden und Erwerb praktischer Fer­ chotherapeutischen Prozesses zu er­ chotherapeuten. Der vorgeschlagene
tigkeiten und Erfahrungen in mindes­ kennen und zu regulieren. Möglichkeit, Studiengang würde in hervorragender
tens drei verschiedenen Verfahren. Bei Selbsterfahrungsseminare durch exter­ Weise auf die Weiterbildung vorberei­
mindestens zwei dieser Therapieansät­ ne Selbsterfahrungsleiter durchzufüh­ ten, die dann in einem arbeits- und sozi­
ze muss es sich um unterschiedliche ren. alversicherungsrechtlich klaren Verhält­
wissenschaftlich und sozialrechtlich an­ nis absolviert werden könnte. Viele der
erkannte psychotherapeutische Verfah­ Durchlässigkeit des Studiengangs: gravierenden Probleme in der jetzigen
ren handeln. Die Vermittlung der prak­ Quereinstieg durch andere Studiengän­ Ausbildung der Psychologischen und
tischen Erfahrungen und Fertigkeiten ge (z.  B. Pädagogik, Sozialpädagogik, Kinder- und Jugendlichen Psychothe­
erfolgt unter Anleitung entsprechend EU-Studiengängen) sowie Möglichkei­ rapeuten lassen sich damit nachhaltig
qualifizierter Psychotherapeuten und ten zur Nachqualifikation sollen möglich lösen. Auch wenn die einen oder ande­
auch in der praktischen Arbeit mit Pa­ sein. ren inhaltlichen Aspekte eines solchen
tienten. Studiums kontinuierlich Gegenstand
Zusammenfassend lässt sich feststel­ von Diskussionen sein werden, geht
6. Institutionelle, gesetzliche und len, dass das vorliegende Strukturmo­ es nun darum, einen strukturell guten
ethische Rahmenbedingungen (mind. dell eines Direktstudiums eine große Startpunkt für eine dynamische Wei­
15 ECTS): Theorien, Konzepte und wis­ Verbesserung in der Ausbildung von terentwicklung der Aus- und Weiterbil­
senschaftliche Befunde zu Lebenswelt, Psychotherapeutinnen und Psychothe­ dung von Psychotherapeutinnen und
Lebenslage, Milieu und Kultur und de­ rapeuten darstellt. Für den Studiengang Psychotherapeuten herzustellen.
ren Relevanz für psychische Störungen. Psychologie werden derzeit in Abhän­
Rechtliche und organisatorische Rah­ gigkeit vom jeweiligen Bundesland le­ Dr. Heike Winter
menbedingungen des Gesundheits­ diglich neun bis zölf ECTS für klinisch Vizepräsidentin
systems, der Sozialsysteme und des psychologisch/psychotherapeutische

HE
Bildungswesens. Behandlungsmög­ Inhalte gefordert, für die Studiengän­
lichkeiten in stationären, teilstationären ge der Pädagogik und Sozialpädagogik
und ambulanten sowie (sozial-)pädago­ werden keine klinisch psychologisch-
gischen und anderen Settings. psychotherapeutischen Inhalte gefor­

Spannungsfeld Psychotherapie – Psychopharmakotherapie:


Entschärfung von Antagonismen
Unter dem Titel „Spannungsfeld Psy­ Der Freitagabend: Das Span- Bohleber ADHS als frühe Affektregu­
chotherapie Psychopharmakotherapie“ nungsfeld am Beispiel des ADHS lationsstörung, die durch eine medika­
veranstalteten die Psychotherapeuten­ mentöse Behandlung nicht nachhaltig
kammer Hessen (LPPKJP) und die Lan­ Hauptvortragende des Eröffnungs­ verändert werden könne. Fazit: Bei der
desärztekammer Hessen (LÄKH) am 5. abends waren Prof. Dr. Michael Huss, Behandlungsindikation ist eine individu­
und 6. Dezember vergangenen Jahres Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatri­ elle Nutzen- und Risikoabwägung vorzu­
ihre im zweijährigen Turnus stattfinden­ schen Universitätsklinik Mainz und Prof. nehmen, bei der mögliche Einflüsse auf
de gemeinsame Fachtagung. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, die Persönlichkeitsentwicklung sowie
Psychoanalytikerin und geschäftsführen­ die zur Verfügung stehenden psychothe­
Jochen Klauenflügel, ärztlicher Vor­ de Direktorin des Sigmund-Freud-Insti­ rapeutischen Ressourcen berücksichtigt
sitzender des Gemeinsamen Beirats, tuts in Frankfurt, die das Spannungsfeld werden sollten.
eröffnete die Veranstaltung. Monika anhand der Frage nach der richtigen Be­
Buchalik, Vizepräsidentin der LÄKH, handlung von ADHS beleuchteten. Huss, Der Samstag: Fachvorträge zu
stellte in ihrem Grußwort bestehende der sich als „mutierter Ritalingegner“ Angststörungen, Depression und
Spannungen als wertvollen Energiege­ bezeichnete, betonte die Bedeutung bio­ ADHS und vertiefende Work-
nerator mit Verbesserungspotenzial für logischer Parameter und veranschaulich­ shops
Behandlungen dar. te anhand eines Videofallbeispiels eine
eindrucksvolle Symptomverbesserung Der Samstag wurde eröffnet durch
durch den Einsatz von Psychopharmaka. Dipl.-Psych. Martin Franke, psycho­
Dagegen konzeptualisierte Leuzinger- therapeutischer Vorsitzender des Ge­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 77
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

meinsamen Beirats. Dipl.-Psych. Alf- Prof. Dr. Frank Dammasch veranschau­ Die Veranstaltung war trotz der unter­
red Krieger, Präsident der Psychothe­ lichten mit eindrücklichen Fallbeispielen schiedlichen beruflichen Sozialisation
rapeutenkammer Hessen, erklärte, eine die Behandlung eines depressiven bzw. von Ärzten und Psychologischen Psy­
Erweiterung der Befugnisse von Psy­ eines ADHS-Patienten. Die Psychothe­ chotherapeuten bzw. Kinder- und Ju­
chologischen und Kinder- und Jugendli­ rapie sollte bei der Behandlung die Me­ gendlichenpsychotherapeuten von einer
chenpsychotherapeuten um Medika­ thode der Wahl sein. Psychopharmaka konstruktiven und dialogischen Atmo­
mentenverordnung sei definitiv nicht seien indiziert, wenn eine Depression sphäre geprägt. Dies zeigte sich auch in
angestrebt. mit hohem Schweregrad vorliege. Trotz den sehr guten Evaluationsergebnissen,
gut fundierter Leitlinien gebe es Defizite in denen die Berufsgruppe der Ärzte den
Prof. Dr. Manfred Beutel, Leiter der Ab­ in der Diagnostik und Behandlung psy­ Erkenntnisgewinn und die praktische
teilung für Psychotherapie und Psycho­ chischer Störungen, die zu chronischen Relevanz der Veranstaltung sogar noch
somatik der Universitätsklinik Mainz und Verläufen führen können. höher einschätzte als die der Psychologi­
Prof. Dr. Henning Schauenburg, Klinik schen Psychotherapeuten bzw. Kinder-
für Allgemeine Innere Medizin und Psy­ In Workshops konnten die Teilnehmer und Jugendlichenpsychotherapeuten.
chosomatik der Universitätsklinik Heidel­ am Nachmittag ihr Wissen zur Interakti­ Dr. Wiebke Broicher
berg stellten im Anschluss die neuesten on von Psychotherapie und psychophar­ wiss. Referentin
Standards und Leitlinien in der Behand­ makologischer Behandlung, ADHS und
lung von Angst und Depression vor. zu Medikation aus psychoanalytischer
Prof. Dr. Ursula Luka-Krausgrill und Sicht vertiefen.

„Tier und Mensch“ – Gemeinsame Veranstaltung mit der Landestierärztekammer


Landestierärztekammer und Landes­ Im ersten Vortrag gab Tierarzt Prof. Dr. Butzbach, ging in seinem Vortrag dem
psychotherapeutenkammer, beide Mit­ Dr. Johann Schäffer von der Tierärztli­ Thema „Tieren beim Sterben helfen“
glieder des Hessischen Bündnisses chen Hochschule Hannover in einer un­ nach und stellte auf sehr mitfühlende
„Heilen und Helfen“, dem alle Heilberu­ terhaltsamen tour d’horizont einen Weise den für alle Beteiligten oft sehr
fekammern Hessens angehören, stell­ Überblick über die Mensch-Tier-Bezie­ schmerzlichen Prozess des Abschieds
HE

ten bei verschiedenen Anlässen fest: hung in Geschichte und Gegenwart. dar. Er begründete auch die Beibehal­
„Die Gemeinsamkeiten sind größer als Vom Nutztier zum Partnerersatz, so tung des Begriffs „Euthanasie“ trotz
gedacht“. Warum also nicht eine ge­ lässt sich die Entwicklung charakterisie­ dessen Missbrauchs durch die Natio­
meinsame Fortbildungsveranstaltung ren. Sozialwissenschaftler Prof. Dr. nalsozialisten. Den Abschluss bildete
zum Thema „Tier und Mensch“ durch­ Frank Nestmann von der Technischen der Vortrag von Psychotherapeut Prof.
führen, um diese thematischen Über­ Universität Dresden stellte die gesund­ Dr. Alexander Noyon, Hochschule
schneidungen zu vertiefen. heitsförderliche Tier-Mensch-Beziehung Mannheim, „Umgang mit Tod und Trau­
in Alltag und Therapie in den Mittel­ er bei Tierhaltern“. Hier zeigte sich ein­
Die beiden Kammern luden ihre Mit­ punkt seines Referates. Dabei ging er mal mehr die Nähe der beiden Kam­
glieder am 21. November nach Frank­ auf aktuelle Befunde ein, dass z. B. alte mern: In der Trauer um ein geliebtes
furt ein und über 180 Mitglieder und Menschen bezogen auf ihre psychische Wesen – sei es Mensch oder Tier – un­
einige wenige Hunde folgten der Einla­ und körperliche Gesundheit profitieren, terscheiden wir uns nicht. Als Fazit der
dung. Tierärztekammerpräsident Ingo wenn sie sich um einen Wellensittich gelungenen Veranstaltung lässt sich
Stammberger eröffnete die Veranstal­ kümmern konnten. Auch aus dem Be­ festhalten, dass es lohnt, über den eige­
tung gemeinsam mit Kammerpräsident reich der Psychotherapie zitierte er er­ nen Tellerrand zu schauen. Eine Fort­
Alfred Krieger, der das Auditorium mutigende Befunde zur tiergestützten setzung der interprofessionellen Zu­
mit einem Zitat von Schopenhauer ein­ Therapie, die aber in Deutschland leider sammenarbeit ist angestrebt.
stimmte: „Wer nie einen Hund gehabt viel zu wenig beforscht werde. Tierarzt Dr. Heike Winter
hat, weiß nicht was lieben und geliebt Dr. Hendrik Hofmann, Tierarztpraxis Vizepräsidentin
werden heißt.“

78 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Hessen

Änderung der Berufsordnung

Am 8. November 2014 hat die Delegiertenversammlung der Landeskammer für Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten und
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten die folgenden Änderungen der Berufsordnung (zuletzt geändert am 25.
April 2009) beschlossen:
1. § 8 erhält folgende neue Fassung: entenakte dokumentiert worden sind, unter­ handlungsverhältnisse verpflichtet und
liegen grundsätzlich dem Einsichtsrecht der über das, was ihnen im Zusammenhang
§ 8 Dokumentations- und Aufbewahrungs­ Patientin oder des Patienten. mit ihrer beruflichen Tätigkeit durch und
pflicht über Patienten und Dritte anvertraut und
(2) Psychotherapeutinnen und Psychothera­ bekannt geworden ist.
(1) Psychotherapeutinnen und Psychothera­ peuten können die Einsicht ganz oder teilwei­
peuten sind verpflichtet, zum Zweck der se nur verweigern, wenn der Einsichtnahme Dies gilt – unter Berücksichtigung von §  9
Dokumentation in unmittelbarem zeitli­ erhebliche therapeutische Gründe oder sons­ Absatz 5 – auch über den Tod der betreffen­
chem Zusammenhang mit der Behandlung tige erhebliche Rechte Dritter entgegenste­ den Personen hinaus.
oder Beratung eine Patientenakte in Papier­ hen. Nimmt die Psychotherapeutin oder der
form oder elektronisch zu führen. Berichti­ Psychotherapeut ausnahmsweise einzelne 4. § 11 Abs. 5 erhält folgende neue Fas-
gungen und Änderungen von Eintragungen Aufzeichnungen von der Einsichtnahme aus, sung:
in der Patientenakte sind nur zulässig, weil diese Einblick in ihre oder seine Persön­
wenn neben dem ursprünglichen Inhalt er­ (5) Psychotherapeutinnen und Psychothera­
lichkeit geben und deren Offenlegung ihr peuten sind schweigepflichtig sowohl ge­
kennbar bleibt, wann sie vorgenommen oder sein Persönlichkeitsrecht berührt, stellt
worden sind. Dies ist auch für elektronisch genüber einsichtsfähigen Patientinnen oder
dies keinen Verstoß gegen diese Berufsord­ Patienten als auch gegebenenfalls gegen­
geführte Patientenakten sicherzustellen. nung dar, wenn und soweit in diesem Fall das über den am therapeutischen Prozess teil­
(2) Psychotherapeutinnen und Psychothera­ Interesse der Psychotherapeutin oder des nehmenden Bezugspersonen hinsichtlich
peuten sind verpflichtet, in der Patientenak­ Psychotherapeuten am Schutz ihres oder sei­ der von den jeweiligen Personen anvertrau­
te sämtliche aus fachlicher Sicht für die der­ nes Persönlichkeitsrechts in der Abwägung ten Mitteilungen. Soweit minderjährige Pa­
zeitige und künftige Behandlung wesentli­ das Interesse der Patientin oder des Patien­ tientinnen und Patienten über die Einsichts­
chen Maßnahmen und deren Ergebnisse ten an der Einsichtnahme überwiegt. Eine fähigkeit nach §14 Abs. 2 verfügen, bedarf
aufzuzeichnen, insbesondere die Anamne­ Einsichtsverweigerung gemäß Satz  1 oder eine Einsichtnahme durch Sorgeberechtig­
se, Diagnosen, Untersuchungen, Untersu­ Satz 2 ist gegenüber der Patientin oder dem te in die Patientenakte der Einwilligung
chungsergebnisse, Befunde, Therapien und Patienten zu begründen. Die Kammer kann durch die Patientin oder den Patienten.
ihre Wirkungen, Eingriffe und ihre Wirkun­ zur Überprüfung der Voraussetzungen nach
Satz 1 oder Satz 2 die Offenlegung der Auf­ 5. § 12 erhält folgende neue Fassung:

HE
gen, Einwilligungen und Aufklärungen. Arzt­
briefe sind in die Patientenakte aufzuneh­ zeichnungen ihr gegenüber verlangen. Die
§ 12 Aufklärung
men. Regelung des § 11 Absatz 5 Satz 2 bleibt un­
berührt. (1) Jede psychotherapeutische Behandlung
(3) Psychotherapien in Verbindung mit juris­ bedarf der Einwilligung und setzt eine
tischen Auflagen, wie z.  B. in psychiatri­ (3) Bei Psychotherapien unter juristischen
mündliche Aufklärung durch die Psychothe­
schen Kliniken oder im Maßregelvollzug, Auflagen ist das umfassendere Einsichts­
rapeutin oder den Psychotherapeuten oder
berühren in besonderer Weise die Grund­ recht von Patientinnen und Patienten zu be­
durch eine Person voraus, die über die zur
rechte der Menschenwürde und Selbstbe­ rücksichtigen.
Durchführung der Maßnahme notwendige
stimmung von Patientinnen und Patienten. (4) Soweit das Einsichtsrecht reicht, haben Qualifikation verfügt. Anders lautende ge­
Hier ist bei der Dokumentation eine beson­ Psychotherapeutinnen und Psychotherapeu­ setzliche Bestimmungen bleiben davon un­
dere Sorgfalt im Hinblick auf Transparenz für ten auf Verlangen der Patientin oder des Pati­ berührt.
die Patientinnen und Patienten und gegebe­ enten dieser oder diesem Kopien und elekt­
nenfalls deren juristische Vertreter zu ge­ (2) Psychotherapeutinnen und Psychothera­
ronische Abschriften aus der Dokumentation
währleisten. peuten unterliegen einer Aufklärungspflicht
zu überlassen. Psychotherapeutinnen und
gegenüber Patientinnen und Patienten über
(4) Die psychotherapeutischen Dokumenta­ Psychotherapeuten können die Erstattung
Art, Umfang, Durchführung, zu erwartende
tionen nach Abs.  1 sind mindestens zehn entstandener Kosten fordern.
Folgen und Risiken der Maßnahme sowie
Jahre nach Abschluss der Behandlung auf­ (5) Im Fall des Todes der Patientin oder des Notwendigkeit, Dringlichkeit, Eignung und
zubewahren, soweit sich nicht aus anderen Patienten stehen die Rechte aus Absatz 1 zur Heilungschancen im Hinblick auf die Diag­
Vorschriften eine andere Aufbewahrungs­ nose oder die Therapie. Bei der Aufklärung
dauer ergibt. Wahrnehmung der vermögensrechtlichen In­ ist auch auf Alternativen zur Maßnahme
teressen ihren oder seinen Erben zu. hinzuweisen. Die Aufklärungspflicht um­
2. § 9 erhält folgende neue Fassung:
Gleiches gilt für die nächsten Angehörigen fasst weiterhin die Klärung der Rahmenbe­
§ 9 Einsicht der Patientinnen und Patienten der Patientin oder des Patienten, soweit sie dingungen der Behandlung, z.  B. Honorar­
in die Patientenakte, Auskünfte an Patien­ immaterielle Interessen geltend machen. Die regelungen, Sitzungsdauer und Sitzungs­
tinnen und Patienten Rechte sind ausgeschlossen, soweit der Ein­ frequenz und die voraussichtliche Gesamt­
sichtnahme der ausdrückliche oder mutmaß­ dauer der Behandlung.
(1) Patientinnen und Patienten ist auch nach
Abschluss der Behandlung auf ihr Verlangen liche Wille der Patientin oder des Patienten (3) Die Aufklärung hat vor Beginn einer Be­
hin unverzüglich Einsicht in die sie betref­ entgegensteht. handlung in einer auf die Befindlichkeit und
fende Patientenakte zu gewähren, die nach 3. §  11 Abs.  1 erhält folgende neue Fas- Aufnahmefähigkeit der Patientin oder des
§ 8 Absatz 1 zu erstellen ist. Auch persönli­ sung: Patienten abgestimmte Form und so recht­
che Eindrücke und subjektive Wahrnehmun­ zeitig zu erfolgen, dass die Patientin oder
gen der Psychotherapeutin oder des Psy­ (1) Psychotherapeutinnen und Psychothera­ der Patient die Entscheidung über die Ein­
chotherapeuten, die gemäß § 8 in der Pati­ peuten sind zur Verschwiegenheit über Be­ willigung wohlüberlegt treffen kann. Treten

1/2015 Psychotherapeutenjournal 79
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Änderungen im Behandlungsverlauf auf dingungen sowie über die Zuständigkeitsbe­ und Jugendlichenpsychotherapeutinnen
oder sind erhebliche Änderungen des Vor­ reiche weiterer, an der Behandlung beteilig­ und -therapeuten am 8. November 2014
gehens erforderlich, sind Patientinnen und ter Personen zu informieren. beschlossene Änderung der Berufsordnung
Patienten auch während der Behandlung wird von mir gemäß § 17 Abs. 2 des Heilbe­
darüber aufzuklären. 6. §  16 Abs.  3 erhält folgende neue Fas- rufsgesetzes genehmigt.
sung:
(4) Patientinnen und Patienten sind Ab­ Wiesbaden, den 4. Dezember 2014
schriften von Unterlagen, die sie im Zusam­ (3) Honorarfragen sind zu Beginn der Leis­
menhang mit der Aufklärung oder Einwilli­ tungserbringung zu klären. Abweichungen Im Auftrag
gung unterzeichnet haben, auszuhändigen. von den gesetzlichen Gebühren (Honorarver­ gez. Dr. Stephan Hölz
einbarungen) und Behandlungskosten, die
(5) Entscheidet sich die Psychotherapeutin nicht durch einen Dritten gesichert sind, sind Die vorstehende, von der Delegiertenver­
oder der Psychotherapeut im Rahmen der schriftlich zu vereinbaren. sammlung der Psychotherapeutenkammer
probatorischen Sitzungen dafür, die Psycho­ Hessen am 8. November 2014 beschlosse­
therapie nicht durchzuführen, so ist dies der Wiesbaden, den 25. November 2014 ne Änderung der Berufsordnung, vom Hes­
Patientin oder dem Patienten angemessen sischen Ministerium für Soziales und Integ­
gez. Alfred Krieger ration genehmigt am 4. Dezember 2014,
zu erläutern. Präsident Geschäftszeichen V2B – 18b 2420-
(6) In Institutionen, Kooperationsgemein­ Hessisches Ministerium für 0003/2008/ 003, wird hiermit ausgefertigt
schaften und sonstigen Organisationen ar­ Soziales und Integration und im Psychotherapeutenjournal öffentlich
beitende Psychotherapeutinnen und Psy­ V2B-18b2420-0003/2008/003 bekannt gemacht.
chotherapeuten haben darüber hinaus ihre
Patientinnen und Patienten in angemesse­ Die von der Delegiertenversammlung der Wiesbaden, den 7. Januar 2014
ner Form über Untersuchungs- und Be­ Landeskammer für Psychologische Psycho­ gez. Alfred Krieger
handlungsmethoden, über den Ablauf der therapeutinnen und -therapeuten und Kinder- Präsident
Behandlung, über besondere Rahmenbe­

Veranstaltungen der Kammer


8. Hessischer Psychotherapeuten- „„ Prof. Dr. Jürgen Kriz: „Die zuneh- Datensicherheit
tag: Psychotherapie wirkt! mend integrative Sicht unterschiedli-
Das große Interesse an diesem The­
cher therapeutischer Ausrichtungen:
Freitagabend: Festvortrag menfeld zeigte sich bereits in der Ver­
HE

Zu den Gemeinsamkeiten und Unter-


„„ Prof. Dr. Mark Solms: „What is the anstaltung vom 24. Mai 2014 zu „Da­
schieden moderner Psychotherapie“
psychotherapist trying to do to the tenschutz in der Praxis“. Nun sollen
brain?“ zum einen die Implikationen durch das
Samstagnachmittag: vertiefende e-Health Gesetz hinsichtlich der Daten­
Samstagvormittag: Workshops schutzrichtlinien im Gesundheitswesen
Hauptvorträge 17. und 18. April 2015, Johann Wolf­ beleuchtet werden als auch grundle­
„„ Prof. Dr. Marianne Leuzinger Bohle­ gang Goethe-Universität, Casinogebäu­ gende technische Umsetzungen für die
ber: „Psychoanalytische Langzeitthe- de, Frankfurt; Freitag: kostenfrei, Tages­ Praxis. Ein Referent der KV wird zum
rapie: Dinosaurier oder Zukunftsmu- karte Samstag: 90,– €; PiA/Studierende Stand des KV SafeNet berichten.
sik? Diskutiert am Beispiel der LAC- kostenfrei
Depressionsstudie“ Freitag, 12. Juni 2015 18-21 Uhr, KV-
Sie können sich für alle Veranstaltungen Hessen in Frankfurt, 20,– €, PiA/Studie­
„„ Prof. Dr. Jürgen Hoyer: „Psychothe- online auf der Website der Kammer an­ rende kostenfrei
rapie wirkt! Auch in der Routinepra-
melden.
xis?“

Gedenken

Wir gedenken unserer


verstorbenen Kollegen: Geschäftsstelle

Frank Eßer, Frankfurt Gutenbergplatz 1


Jesko Baumann, Kronberg 65187 Wiesbaden
Prof. Dr. Hans Müller-Braunschweig, Redaktion Tel.: 0611/53168-0
Wettenberg Fax: 0611/53168-29
Ulrich Obermüller, Kassel Alfred Krieger, Dr. Heike Winter, post@ptk-hessen.de
Christina Fey, Linsengericht Yvonne Winter, Dr. Wiebke Broicher www.ptk-hessen.de

80 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Mitteilungen der Psychotherapeuten-
kammer Niedersachsen

Gespräch der PKN mit der Landesgeschäftsstelle der Barmer GEK


Niedersachsen/Bremen am 17. Dezember 2014

Das Gespräch mit Frau Heike Sander, Ausführlich diskutiert wurde die lange in Niedersachsen abgeschlossen. Für
Landesgeschäftsführerin der Barmer Dauer der Wartezeiten auf ein psycho­ 2015 ist geplant, diesen Vertrag um
GEK, fand in einer freundlichen, aufge­ therapeutisches Erstgespräch in Nie­ den Bereich psychotherapeutische Ver­
schlossenen und interessierten Atmo­ dersachsen und Möglichkeiten deren sorgung von Versicherten, die krank­
sphäre statt. Verkürzung. Hierbei räumten die Vertre­ geschrieben sind und Krankengeld
ter der Krankenkasse ein, dass durchaus beziehen, zu erweitern.  Die nähere
Zunächst stellten die Vertreter der PKN in Einzelfällen auch Kostenerstattung in Ausgestaltung war zum Zeitpunkt des
die Arbeit der Kammer dar. Im zweiten Anspruch genommen wird. Die Vertre­ Gesprächs offen. Im Jahr 2015 soll
Schritt folgte eine breite inhaltliche Dis­ ter der PKN stellten das Modell einer über Verträge zur besseren Versorgung
kussion zu aktuellen gesundheitspoliti­ niedrigschwelligen Versorgung dar und psychisch kranker Menschen diskutiert
schen Themen. erläuterten, dass hier eine deutlich bes­ werden. Die Barmer GEK wird hierzu
sere Bezahlung für Diagnostik und Pro­ den Kontakt zur Kammer aufnehmen.
Die Barmer GEK zeigte großes Interes­ batorik notwendig ist, um so eine noch
se an Präventionsprojekten und stand bessere und schnellere Erstversorgung Die PKN bot außerdem an, bei konkre­
Ideen einer psychologischen Vorsorge­ der Patienten zu sichern. Auf diesem ten Projekten in den Gesundheitsregio­
untersuchung, der Unterstützung von Wege könnte frühzeitig die richtige Indi­ nen als Ansprechpartner zur Verfügung
Kindern psychisch kranker Eltern und kation für Psychotherapie bzw. ein alter­ zu stehen. So können unter anderem
der Förderung von Mutter/Kind-Psycho­ natives Beratungs- oder Behandlungs­ Informationen an Kammermitglieder
therapie sehr positiv gegenüber. angebot gestellt werden. Sie baten ihre weitergetragen werden, die Interesse
Gesprächspartner um Unterstützung an einer Zusammenarbeit in der Region
Auch über bessere Betreuung von Kin­ dieses Anliegens auf Bundesebene. haben.

NI
dern in der Schule, flächendeckendes
Elterntraining und Angebote im Bereich Angesprochen wurden auch Lösungs­ Das Gespräch schloss mit dem erfreu­
Bewegung und Gesundheitserziehung wege im Rahmen der integrierten Ver­ lichen Ergebnis, künftig enger zusam­
wurde gesprochen. Von beiden Seiten sorgung durch Selektivverträge. Die menarbeiten zu wollen.
würde hier eine Zusammenarbeit mit Barmer GEK hat bereits einen Hausärz­ Dr. Josef Könning
dem Nds. Kultusministerium begrüßt. tevertrag mit dem Hausärzteverband Vizepräsident

Gute Praxis Psychotherapie – Teil 1


In der Berufsordnung (BO) der PKN ist geben nur Anhaltspunkte für einige der Schweigepflicht und Schweige-
u. a. geregelt, wie ein Psychotherapeut1 häufigsten Probleme. Jede Situation pflichtentbindung (§ 8 BO)
arbeiten soll, was er nicht machen darf muss im Einzelfall rechtlich bewertet Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes
und wie mit Verstößen gegen die Be­ und geprüft werden. Im Zweifelsfalle ruft an und fragt nach, ob ein Kind, das
rufsordnung umgegangen wird. In dem sollte immer rechtkundiger Rat einge­ sie in Obhut genommen habe, schon
hier vorgelegten Text sollen nun pra­ holt werden. Da im Bereich der Behand­ bei mir in psychotherapeutischer Be­
xisnah und leicht verständlich einzelne lung von Kindern und Jugendlichen handlung war und ob ich es wieder neh­
Fallstricke aus der täglichen Arbeit dar­ häufig Unsicherheit besteht, wird be­ men könnte. Ich würde doch wissen,
gestellt werden. Dabei wird zur Orien­ sonders auf die berufsrechtlichen Prob­ dass die Eltern getrennt seien und der
tierung auf die entsprechenden §§  der leme bei der Behandlung dieser Patien­ Vater aufgrund psychischer Auffällig­
niedersächsischen Berufsordnung hin­ tengruppe eingegangen. Dennoch sind keiten als nicht erziehungsfähig gelten
gewiesen. die in loser Reihenfolge dargestellten könnte.
Themen vielfach auch für die Kollegen
Diese Ausführungen erheben keinen von Interesse, die nur Erwachsene be­ Nur mit einer gültigen Schweigepflicht­
Anspruch auf Vollständigkeit, sondern handeln. entbindung darf ein Psychotherapeut

1/2015 Psychotherapeutenjournal 81
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

sich Dritten gegenüber äußern, soweit keine Auskunft erteilen. Da muss auf Probleme mit der Einwilligung geben,
nicht eine gesetzliche Erlaubnis oder einen entsprechenden Facharzt verwie­ kann das Jugendamt bzw. das Familien­
Pflicht zur Auskunfterteilung besteht. sen werden. gericht eingeschaltet werden, wodurch
Diese sollte möglichst schriftlich einge­ die Zustimmung zur Psychotherapie er­
holt werden, und genau auf den Emp­ Einwilligung in die Behandlung satzweise gegeben werden kann. Erst
fänger und den genauen Gegenstand (§ 12 BO) danach darf der Psychotherapeut das
bezogen sein, wofür sie gedacht ist. Ein Vater beschwert sich bei der PKN, Kind erstmals einbestellen. Ähnlich ver­
Immer hat der Psychotherapeut die weil der Kinder- und Jugendlichenpsy­ hält es sich bei Kindern, die in Pflegefa­
Pflicht, die Auswirkungen einer even­ chotherapeut eine Behandlung seines milien untergebracht sind. Da muss der
tuellen Aussage zu überdenken und ggf. minderjährigen Kindes ohne seine Ein­ gesetzliche Vertreter in die Behandlung
den Patienten oder den gesetzlichen willigung begonnen hat. einwilligen. Dies gilt auch für erwach­
Vertreter darüber aufzuklären. Er darf sene eingeschränkt einwilligungsfähige
dem Patienten, auch bei vorliegender Der Psychotherapeut verteidigt sich Patienten, die einen gesetzlichen Be­
gültiger Entbindung von der Schweige­ damit, dass die Mutter des Kindes (es treuer haben (§ 13 BO).
pflicht, keinen Schaden zufügen. ist sieben Jahre alt) gesagt hatte, dass
der geschiedene Vater kein Interesse an Achtung: Ein Erstgespräch mit nur
Eine dem Jugendamt gegenüber abge­ dem Kind habe. Außerdem sei das Kind einem Elternteil verstößt nicht gegen
gebene generelle, allgemeine Schwei­ ja selbst einsichtsfähig genug. Er habe die Berufsordnung. Es ist allerdings nur
gepflichtentbindung (für die Schule, den aber nun nach Eingang der Beschwer­ dann unproblematisch, wenn das Kind
Kindergarten, die Ärzte usw.) ist nicht de die Psychotherapie sofort beendet. nicht gleich mitgekommen ist.
gültig. Es wurde vom Vorstand der PKN eine
Rüge mit einer empfindlich hohen Geld­ Einsichtsfähigkeit bei Jugendli-
Psychotherapeuten sind zur Neutralität strafe verhängt, wobei der plötzliche chen (§ 12 BO)
verpflichtet und dürfen keine einseiti­ Abbruch der psychotherapeutischen Ein Vater hat dem Psychotherapeuten
gen Stellungnahmen abgeben. Ohne Beziehung erschwerend hinzukam. verboten, die Behandlung seines inzwi­
wirksame Schweigepflichtentbindung schen 17-jährigen Kindes fortzusetzen
von Vater, Mutter und einsichtsfähigem Wenn zum Erstgespräch nur ein Eltern­ und sich geweigert, die privaten Rech­
Patienten darf der Psychotherapeut kei­ teil eines noch nicht einsichtsfähigen (in nungen weiter zu bezahlen.
ne Auskunft erteilen. der Regel jünger als 15 Jahre) Kindes
kommt, ist es wichtig zu klären, ob der Ein einsichtsfähiger Jugendlicher (i. d. R.
In diesem Fall könnte bei der Mitarbei­ andere Elternteil ebenfalls sorgeberech­ 15 Jahre, ggf. auch schon jünger) kann
terin des Jugendamtes einfach nachge­ tigt ist. Es bietet sich an, zu Beginn des alleine über die Aufnahme, die zeitliche
NI

fragt werden, ob es sich hier um eine Erstgespräches die Angaben über alle Gestaltung und die Beendigung einer
Neuanmeldung handelt, womit dann Familienmitglieder mit Geburtsdatum, Psychotherapie entscheiden. Die Be­
die Sorgerechtsfrage geklärt werden Wohnort und Beruf/Schule abzufragen. urteilung der Einsichtsfähigkeit obliegt
muss. Es muss in diesem Fall auf die „Wer gehört alles zur Familie?“, ggf. dem Psychotherapeuten. Sie sollte be­
gültige Schweigepflichtentbindung ge­ „Wer hat das Sorgerecht?“ usw. Falls gründet sein und schriftlich dokumentiert
wartet werden. Das Kind ist ja in Obhut das Sorgerecht nicht alleine beim vor­ werden. Den Antrag an die gesetzlichen
genommen, sodass davon ausgegan­ stellenden Elternteil liegt, muss mit der Krankenkassen auf Kostenübernahme für
gen werden kann, dass keine unmit­ Probatorik mit dem Kind solange ge­ die Psychotherapie darf der einsichtsfähi­
telbare Gefährdung vorliegt. Darüber, wartet werden, bis vom anderen Eltern­ ge Jugendliche ohne Wissen und ohne
ob der Vater psychisch krank ist, kann teil die Zustimmung zur Psychotherapie Zustimmung der Eltern unterschreiben,
ein Kinderpsychotherapeut in der Regel am besten schriftlich vorliegt. Sollte es da er die „versicherte Person“ ist.

Bekanntmachung gemäß § 26 Abs. 1 des Nds. Kammergesetzes für die Heilberufe
Feststellung des Haushaltsplans des Niedersächsischen Zweckverbands zur Approbationserteilung für das Haushaltsjahr 2015
Die Verbandsversammlung des Niedersächsischen Zweckverbands zur Approbationserteilung hat in der Sitzung vom 15.12.2014 den Haus­
haltsentwurf für das Jahr 2015 genehmigt.

Die Feststellung des Haushaltsplans wird hiermit gemäß § 26 Abs. 1 des Kammergesetzes für die Heilberufe (HKG) in der Fassung vom
08.12.2000 (Nds. GVBl. S. 301), zuletzt geändert durch Gesetz vom 12.12.2012 (Nds. GVBl. S. 591), i. V. m. § 25 Nr. 7 HKG i. V. m. § 9 Abs. 4
S. 2 HKG i. V. m. dem Vertrag über den Zusammenschluss zum Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung (NiZzA) vom
22.12.2005 (niedersächsisches ärzteblatt 2/2006 S. 68 ff., Einhefter für Niedersachsen im Psychotherapeutenjournal 1/2006 S. 7 f., ZKN Mit­
teilungen 2/2006 S. 126 f.), zuletzt geändert am 21.10.2014 (niedersächsisches ärzteblatt 12/2014 S. 34, Psychotherapeutenjournal 4/2014,
Einhefter S. 3, ZKN Mitteilungen 11/2014 S. 512), bekannt gemacht.

Hannover, den 07.01.2015 Dr. med. Martina Wenker


– Vorsitzende der Verbandsversammlung –

82 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Niedersachsen

Lediglich bei den privaten Versicherun­ entbindung dem anderen Elternteil und die Jugendliche war so lange fest
gen gibt es eine Einschränkung. Der Mitteilung über einen einseitigen „Ab­ zu halten, bis sie in die Obhut der Eltern
Jugendliche darf nicht über das Porte­ bruch“ und die Zahlungsverweigerung gegeben werden konnte. Das heißt al­
monnaie der Eltern entscheiden. Somit in Bezug auf die Behandlung machen. so, dass in solchen Fällen die Beweg­
können die Rechnungen zwar an den gründe des Psychotherapeuten, die Ein­
Jugendlichen geschickt werden, für die Umgang mit hochstrittigen schätzung der konkreten in der Zukunft
Bezahlung sind die Eltern bis zur Volljäh­ Eltern (§ 12 BO) liegende Gefahr und die Unmöglichkeit
rigkeit zuständig. Insoweit geht es bei Auch wenn die Eltern eines Kindes zer­ von alternativen Interventionen schrift­
Privatpatienten nicht, ohne dass die stritten sind: Es ist möglicherweise ein lich dokumentiert werden sollten.
Eltern mit einbezogen werden, wenn Behandlungsfehler, wenn nicht zumin­
die Bezahlung gesichert werden soll. dest versucht wird, beide Eltern über Häufig werden Psychotherapeuten mit
Besonders problematisch ist es, wenn die geplante Psychotherapie aufzuklä­ der Frage konfrontiert, ob sie bei ei­
die Eltern getrennt leben bzw. geschie­ ren und sie möglichst beide im Verlauf ner vermeintlichen Gefährdung ohne
den sind und die Krankenversicherung der Psychotherapie mit einzubeziehen. Schweigepflichtentbindung von den
der Kinder zum Zankapfel geworden ist. Es ist ja möglich, getrennte Termine Eltern oder dem einsichtsfähigen Pati­
Es empfiehlt sich folgendes Vorgehen: mit ihnen zu machen. Psychothera­ enten tätig werden müssen. So hat ein
peuten sind zur Neutralität verpflichtet. Psychotherapeut sowohl dem Jugend­
Lassen Sie sich von dem Vater bzw. Und die Kinder haben zwei Elternteile, amt, dem Richter vom Amtsgericht
von der Mutter vorab eine schriftliche auch wenn es keinen Kontakt mit dem als auch dem Kindergarten ausführlich
Zusage unterschreiben, dass sie für die getrennt lebenden oder geschiedenen geschrieben, dass er durch seine Beob­
termingerechte Bezahlung Ihrer Rech­ Elternteil gibt. Wenn ein Patient aus­ achtungen einer kleinen Patientin und
nung aufkommen. Sonst könnte es pas­ drücklich nicht will, dass die Eltern bzw. durch die Gespräche mit der Mutter
sieren, dass der Elternteil, über den das ein Elternteil einbezogen wird, ist dies des vierjährigen Mädchens den Ein­
Kind bzw. die Jugendliche privat (ggf. zu berücksichtigen, weil nur der Patient druck bekommen habe, dass der Vater
mit Beihilfeanspruch) versichert ist, die Sie von der Schweigepflicht wirksam das Kind sexuell missbraucht hat. Die
von Ihnen in Rechnung gestellten Leis­ entbinden kann. Diese Entscheidung Mutter ist entsetzt und sagt dem Psy­
tungen bei der Versicherung/Beihilfe kann ein jüngeres Kind aus gegebe­ chotherapeuten, dass er sich ganz be­
zwar einreicht, die Erstattung aber ein­ nem Anlass u. U. auch alleine treffen. stimmt irre. Sie erlaubt dem getrennt
behält und nicht an Sie auszahlt. Noch (Siehe Homepage der PKN: www. lebenden Vater weiterhin, das Kind zu
besser wäre es, wenn der Elternteil, pknds.de-Fragen zur Berufsordnung) den Besuchswochenenden abzuholen.
über den die Versicherung abgeschlos­ Der Psychotherapeut meint nun, dass
sen wurde, eine Abtretungserklärung Rechtfertigender Notstand er das Kind schützen muss und insofern
unterschreibt. Dann könnte das Kind/ (§ 8, 4 BO) von der Schweigepflicht entbunden sei.

NI
der Jugendliche bzw. der andere Eltern­ Die Eltern einer 15-Jährigen beschwe­ Sowohl der Vater als auch die Mutter
teil die Erstattung in Empfang nehmen ren sich, weil die Psychoherapeutin beschweren sich bei der PKN und be­
und an Sie überweisen. das Mädchen am Verlassen der Praxis kommen Recht. Der Psychotherapeut
gehindert und sie dabei sogar festge­ hätte sich bei einem solchen Verdachts­
Wenn also ein bisher sorgeberechtigter halten hatte. Diese sogenannte „Frei­
Elternteil von einem inzwischen ein­ heitsberaubung“ wurde von der Psy­
sichtsfähigen Jugendlichen Ihnen mit­ choherapeutin damit begründet, dass
teilt, dass er die Behandlung abbricht die Patienten glaubhaft angedroht hat­
(was er juristisch gesehen gar nicht te, sich beim Verlassen der Praxis zu
kann) und nicht mehr zahlen wird (was suizidieren. Aus Sicht der Kammer hat
er im Prinzip kann), gibt es ein weite­ sich die Kollegin korrekt verhalten.
res Problem. Wenn die Behandlung
weitergeführt werden soll, sollte die Nur beim rechtfertigenden Notstand
Versicherungsfrage geklärt werden ist eine solche Handlungsweise er­
und ggf. der andere Elternteil, bei dem laubt, dem sind aber sehr enge Gren­
der Patient i. d. R. auch wohnt, die Ver­ zen gesetzt: Es muss sich um eine
sicherung übernehmen. Bei jüngeren in der Zukunft liegende erhebliche
Kindern kann in einem solchen Fall die Gefahr für das Leben des Patienten
elterliche Sorge zumindest für den Be­ oder Dritter handeln. Und es muss Bertke Reiffen-Züger
reich der gesundheitlichen Fürsorge per klar sein, dass es keine anderen wirk­
Gerichtsbeschluss eingeschränkt wer­ samen Möglichkeiten gibt, die Gefahr 1 Der Begriff „Psychotherapeut“ wird der Ein­
fachheit halber verwendet. Gemeint sind sowohl
den. Ist der Patient bereits einsichtsfä­ abzuwenden. In einem solchen Fall Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen
hig, darf der Psychotherapeut allerdings wäre z. B. ein Anruf bei den Eltern ein und -psychotherapeuten als auch Psychologische
nur mit seiner gültigen Schweigepflicht­ erlaubter Bruch der Schweigepflicht, Psychotherapeutinnen und -therapeuten.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 83
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

fall an eine „insoweit erfahrene Fach­ dürfen. Im Verfahren vor dem Berufsge­ In der nächsten Ausgabe werden wir
kraft“ wenden müssen und hätte auf richt wurde der Kollege mit einer Geld­ Sie über weitere Fälle aus der Praxis
keinen Fall seinen Verdacht so vielen buße bestraft und bekam zusätzliche informieren.
verschiedenen Adressaten offenbaren Auflagen zur Nachqualifizierung. Bertke Reiffen-Züger
Vorstandsmitglied

Im Gespräch mit Claudia Sieb: Die Weiterbildung befindet sich in einem


Entwicklungsprozess
Wie sieht Ihr Aufgabenbereich in der Und ist das möglich?
In unserer Reihe kurzer Interviews mit
PKN denn aus?
den Mitarbeiterinnen der Geschäfts­ Prinzipiell ja. Man sollte nur beachten,
stelle stellen wir Ihnen heute Claudia Meine Aufgaben liegen im Bereich Qua­ dass die räumliche Distanz nicht zu groß
Sieb vor, die seit Juni 2014 in der Ge­ litätsmanagement und Weiterbildung. ist, damit es kein praktisches Problem
schäftsstelle der PKN tätig ist. Darüber hinaus unterstütze ich die wird, wenn vor Ort Dinge zu klären sind.
Kommissionen im Bereich der Forensik,
Frau Sieb, welche Eindrücke haben Gibt es etwas, was Sie den Mitglie-
der Palliativversorgung und der Sexual­
Sie von Ihrer Tätigkeit in der PKN ge- dern auf diesem Wege gern mitteilen
therapie sowie die länderübergreifende
wonnen, nachdem die ersten sechs würden?
Arbeitsgruppe, die sich mit der Quali­
Monate hinter Ihnen liegen? Sind Sie
tätssicherung befasst. Im Bereich des Spontan hätte ich eine Bitte an die Mit­
gut angekommen oder noch in der
Qualitätsmanagement unterstütze ich glieder, die in eigener Praxis tätig sind.
Phase der Orientierung?
die Arbeitsprozesse in der PKN. Das Aus unserer Sicht ist die Beauftragung
Meine Eindrücke sind sehr positiv. Ich Thema Weiterbildung ist ja noch relativ im Verhinderungsfall ein wichtiges The­
bin hier mit gut strukturierten Abläufen neu für die Kammer und befindet sich ma, das vielleicht mitunter in seiner Be­
konfrontiert und würde sagen, dass zurzeit in einem Entwicklungsprozess. deutung noch nicht ganz erkannt, son­
ich zum Teil  schon gut angekommen Das erleichtert es, in den Bereich hin­ dern eher als Belastung erlebt wird.
bin, vor allem bezogen auf meine Kern­ einzufinden und es ist eine interessante
Es ist so wie bei einer Versicherung:
arbeitsbereiche. Hinsichtlich der viel­ Herausforderung, diesen Prozess von
Man muss sich damit beschäftigen,
fältigen Aufgaben und Themen ist mir Anfang an mitzugestalten. Hier geht es
hofft, dass man sie nicht braucht und
sicherlich noch nicht alles vertraut. im Moment zum Beispiel um die Zulas­
im Ernstfall ist es wichtig, dass man
sung von Weiterbildungsstätten und die
War Ihnen die PKN als Institution vor sie hat?
Anerkennung von Weiterbildungsbe­
NI

Ihrer Arbeitsaufnahme überhaupt


fugten im Bereich der Klinischen Neu­ Ja. Mit der Benennung eines Beauf­
schon bekannt?
ropsychologie. tragten im Verhinderungsfall wird ein
Nein. Ich habe wichtiger Beitrag zur eigenen Qualitäts­
Mit welchen Anliegen der Mitglie-
erst durch mei­ sicherung geleistet und das im Sinne
der sind Sie konfrontiert? Gibt es
ne Bewerbung der eigenen Patienten.
Schwerpunkte?
bzw. durch die
Ausschreibung Da gibt es vor allem Fragen zum Quali­
Bitte beachten Sie auch unsere Bekanntma-
der Stelle erfah­ tätsmanagement, die dann telefonisch
chung auf S. 82.
ren, dass die an mich gerichtet werden und sich zum
Psychothera ­ größten Teil auf das Thema Beauftrag­
peuten in einer ter/Ansprechpartner im Verhinderungs­ Geschäftsstelle
eigenen Kam­ fall beziehen. Aber es werden auch
mer organisiert Fragen zu den Gutachter- und Behand­ Roscherstr. 12
sind. Daher sind die Themen zum ler-Listen gestellt, z. B. hinsichtlich der 30161 Hannover
Teil auch Neuland für mich. Auch die be­ Kriterien, die zu erfüllen sind, der Gül­ Tel.: 0511/850304-30
rufspolitische Dimension der Arbeit ist tigkeit von Übergangsvorschriften und Fax: 0511/850304-44
für mich etwas Neues, aber gleichzeitig der zu erbringenden Nachweise. Beim Sprechzeiten:
auch sehr spannend. Meine bisherigen Thema Beauftragter/Ansprechpartner Mo, Di, Do, Fr 09.00 – 11.30 Uhr
Praxiserfahrungen resultieren aus dem im Verhinderungsfall gibt es öfter die Mo, Di, Mi, Do 13.30 – 15.00 Uhr
Praxissemester im Rahmen meines Frage, ob Vertreter aus anderen Bun­ Mail-Anschrift: info@pknds.de
Sozialmanagement-Studiums, welches desländern kommen dürfen. Mail-Anschrift „Fragen zur Akkreditie­
ich im Qualitätsmanagement eines rung“: Akkreditierung@pknds.de
Krankenhauses absolviert habe. www.pknds.de

84 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Mitteilungen der Psychotherapeuten-
kammer Nordrhein-Westfalen

Kammerversammlung am 6. Dezember 2014 in Düsseldorf


In seiner Einleitung zum Bericht aus therapeutenschaft in angemessener berichtet Gerd Höhner zur vorliegenden
dem Vorstand hob Präsident Gerd Form weiterzudenken. Auf Vorschlag Koalitionsvereinbarung zwischen den
Höhner aktuelle gesundheitspolitische der Bundespsychotherapeutenkammer Fraktionen Analytiker, Bündnis KJP,
Themen hervor. Insbesondere ging er werde hierzu eine Kerngruppe aus dem DGVT, Kooperative Liste und QdM –
auf die Reform der Psychotherapeute­ Kreis des Länderrats gebildet, um bin­ Qualität durch Methodenvielfalt. Es sei
nausbildung vor dem Hintergrund der dende Beschlüsse fassen zu können. ihm ein persönliches Anliegen, nochmal
Resolution des 25. Deutschen Psycho­ Dies bedeute für NRW, die Beschlüsse zu betonen, dass es in der Kammerver­
therapeutentages ein, wonach die Pro­ in Vorstand und Kammerversammlung sammlung Mehrheiten und Minder­
fession mehrheitlich eine Approbation vorzubereiten, um Wind unter die Flü­ heiten, aber keine Verlierer gebe. Es
nach einem wissenschaftlichen Hoch­ gel zu bekommen. gehe um die Vielfalt der Positionen; es
schulstudium auf Masterniveau mit an­ gäbe nicht nur eine richtige Lösung.
schließender Weiterbildung fordert. Darüber hinaus skizzierte Präsident Höh­ Ohne diese offene Diskussion werde
ner Aktivitäten der Bundesregierung der Weg nicht zu beschreiten sein, den
zum GKV-Versorgungsstärkungsgesetz die Reform der Psychotherapeutenaus­
(VSG), wonach es in vorliegender Form bildung mit einer sich verändernden
zu einem erheblichen Abbau von psy­ Ausbildungslandschaft mit sich bringe.
chotherapeutischen Praxen kommen Dies auf Bundes- wie Landesebene
würde. Grundlage des vorliegenden mitzutragen, sei eine Hauptaufgabe der
Referentenentwurfs sei die Bedarfspla­ Kammer in den nächsten Jahren.
nung mit eingefrorenem IST-Zustand
von 1999 als SOLL-Zustand psychothe­ Mit Dankesworten und einem persön­
rapeutischer Praxen, kritisierte Höhner. lichen Präsent wandte sich Präsident
Diese Konsequenz, die dem vermehrten Höhner im Namen der Kammerver­
Versorgungsbedarf zuwider läuft, sei sammlung an die zur aktuellen Legis­
direkte Folge der 1999 erfolgten Festle­ laturperiode ausgeschiedenen Vor­
gung, wonach der damalige Bestand an standsmitglieder Johannes Broil und Dr.
psychotherapeutischen Praxen als be­ Wolfgang Groeger, indem er insbeson­
darfsangemessen definiert wurde. Die dere auf die weitere gute Zusammen­
psychotherapeutischen Leistungen aus arbeit in der Kammerversammlung hin­

NRW
der Kostenerstattung seien einfach un­ wies. Mit Blick auf die Verabschiedung
ter den Tisch gefallen. Der Bezug auf die der seit Gründungsbeginn amtierenden
damalige IST-Zahl setze diesen Mangel und zur aktuellen Legislaturperiode als
einfach fort. Der Referentenentwurf se­ Präsidentin aus dem Amt gegangenen
Präsident Gerd Höhner he darüber hinaus die Einführung einer Monika Konitzer sei eine weitere Form
psychotherapeutischen Sprechstunde der Ehrung in der Vorbereitung. Geplant
Die Resonanz auf dieses eindeutige vor. Die Gesundheitsministerin NRWs werde eine berufspolitisch ausgestalte­
Signal der deutschen Psychotherapeu­ hat ein Erprobungsprojekt in zwei Re­ te Veranstaltung zur Frage der Entwick­
tenschaft sei nicht nur in den eigenen gionen initiiert, und zwar zum einen im
Reihen überwiegend positiv aufgenom­ Ruhrgebiet und zum anderen in einer
men worden, so Höhner, sondern auch eher ländlichen Region. Mit Beginn des
seitens der anderen Heilberufskam­ kommenden Jahres würden die Regio­
mern, wie etwa der Bundesärztekam­ nen bzw. Städte der Erprobung bekannt
mer, sei zustimmende Anerkennung gegeben. Die PTK NRW ist als beraten­
gegenüber der erfolgten Weichenstel­ des Mitglied im vorbereitenden Gremi­
lung verlautbart worden. Nun sei relativ um vertreten und wird über die Aktivitä­
schnell mit einer Reaktion der Bundes­ ten berichten.
regierung zu rechnen. Es sei dringend
an der Zeit, die ordnungspolitische Di­ Mit Blick auf die weitere Vorstandsar­ Dr. Wolfgang Johannes Broil
mension dieses Themas für die Psycho­ beit zur vierten Legislatur der PTK NRW Groeger

1/2015 Psychotherapeutenjournal 85
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

lung des Psychotherapeutengesetzes NRW insgesamt rund 1.740 Praxen von Bis heute gilt: Wir brauchen nicht we­
im Aus- und Rückblick. Schließungen bedroht. Das entspricht niger, sondern mehr psychotherapeuti­
mehr als einem Drittel des ambulanten sche Praxen.
Die 2. Sitzung der neuen Kammerver­ Versorgungsangebotes!
sammlung stand des Weiteren ganz im Der geplante Abbau von psychothera­
Zeichen der Ausschusswahlen und Re­ Angesichts langer Wartezeiten auf ei­ peutischen Behandlungskapazitäten auf
solutionen. Gewählt wurden mit ihren ne psychotherapeutische Behandlung der Basis einer systematisch verzerrten
jeweiligen MitgliederInnen und Stell­ sowie der Notwendigkeit, das Versor­ Bedarfsplanung ist unverantwortlich.
vertreterInnen der Ausschüsse Satzung gungsangebot flexibler zu gestalten, In vielen Regionen von NRW, insbe­
und Berufsordnung, Fort- und Weiterbil­ geht diese gesetzliche Initiative völlig sondere im Ruhrgebiet, besteht eine
dung, Psychotherapie in der ambulan­ am Ziel einer guten psychotherapeuti­ reale psychotherapeutische Unterver­
ten Versorgung, Psychotherapeutische schen Versorgung in NRW vorbei. Im sorgung, die nicht nur zu viel zu langen
Versorgung von Kindern und Jugendli­ Gegenteil: es ist eine drastische Ver­ Wartezeiten, sondern auch zu Fehl- und
chen, Psychotherapie in Krankenhaus schlechterung der Versorgung v.  a. im Nichtbehandlungen führt.
und Rehabilitation sowie Reform der ländlichen Bereich und im Ruhrgebiet
Psychotherapeutenausbildung/Zukunft zu befürchten. Nicht der Abbau von psychotherapeu­
des Berufes. tischen Behandlungskapazitäten, son­
Die „Sonderregion Ruhrgebiet“ ist be­ dern deren Ausbau und Weiterentwick­
Neben der vertieften Aussprache zur sonders stark betroffen: Bereits jetzt lung muss das Interesse einer verant­
Reform des Psychotherapeutengeset­ sind die Menschen, die dort psychothe­ wortlichen Gesundheitspolitik sein.
zes fand die Wahl einer weiteren De­ rapeutischer Behandlung bedürfen, im
legierten zum Deutschen Psychothera­ Vergleich zu den übrigen Landesteilen Resolution zur psychotherapeuti-
peutentag aus der Fraktion Kooperation schlechter gestellt – nur 11,4 statt 32,5 schen Versorgung von Flüchtlin-
starke Kammer statt. Monika Konitzer Psychotherapeutinnen und Psychothe­ gen
wurde einstimmig gewählt. rapeuten pro 100.000 Einwohnerinnen Eine angemessene gesundheitliche
und Einwohner sind dort für die psy­ Versorgung von Flüchtlingen ist nicht
Die Kammerversammlung verabschie­ chotherapeutische Versorgung vorge­ sichergestellt. Immer wieder erhalten
dete am 6. Dezember 2014 die folgen­ sehen. Bei einer Umsetzung des VSG Flüchtlinge keine leitliniengerechte Be­
den vier Resolutionen: sind 378 von 1.008 Sitzen bedroht – ei­ handlung ihrer schweren psychischen
ne gravierende Verschlechterung der Erkrankungen. Grund hierfür sind die
„„ Resolution zum GKV-VSG „Versor­
Versorgungslage wäre die Folge! Regelungen im Asylbewerberleistungs­
gung stärken – Psychotherapie si­
gesetz. Das Gesetz legt zwar fest, dass
chern und ausbauen“
Die Landesregierung NRW wird gebe­ Flüchtlinge einen Anspruch auf die
„„ Resolution zur psychotherapeuti­ ten, sich weiterhin für den Erhalt der Behandlung akuter Erkrankungen und
schen Versorgung von Flüchtlingen psychotherapeutischen Praxissitze in Schmerzzustände haben. Die Behand­
NRW und damit für eine gesicherte lung von chronischen Erkrankungen
„„ Resolution „Dolmetscher und mut­ psychotherapeutische Versorgung der und Traumafolgestörungen wird ihnen
NRW

tersprachliche Psychotherapie für


Bürgerinnen und Bürger in NRW einzu­ jedoch nur im Einzelfall gewährt. Ob ein
Migranten ermöglichen“
setzen. psychisch kranker Flüchtling eine Psy­
„„ Resolution zur Reform der Psycho­ chotherapie erhält, darüber entscheiden
therapeutenausbildung Der Sachverständigenrat weist auf die im Einzelfall die zuständigen Amtsärzte
Unzuverlässigkeit der Datengrundlage und Sachbearbeiter in den Sozialämtern
Resolution zum GKV-VSG „Ver- für die aktuell geltende Bedarfsplanung bzw. Landesbehörden. Diesen fehlt je­
sorgung stärken – Psychothera- hin: „Die Fachgruppe der Psychothera­ doch häufig die Qualifikation, um einen
pie sichern und ausbauen“ peuten bedarf im Hinblick auf z. T. noch psychotherapeutischen Behandlungs­
Die Kammerversammlung der Psy­ zu entwickelnde Kriterien für eine an­ bedarf und seine Dringlichkeit einschät­
chotherapeutenkammer NRW fordert gemessene Bedarfsplanung noch wei­ zen zu können. Darüber hinaus sind die
die Bundesregierung und die Bundes­ terer Untersuchungen und einer geson­ kommunalen Unterschiede – ob einer
tagsfraktionen auf, den geplanten Ab­ derten Betrachtung.“ Eine Überprüfung psychotherapeutischen Behandlung zu­
bau von Praxissitzen in sogenannten der Bedarfsplanung Psychotherapie ist gestimmt wird oder nicht – beträchtlich
„überversorgten“ Regionen bei den deshalb unbedingt vorzusehen. und sachlich nicht vertretbar.
Psychotherapeuten auszusetzen, die
Bedarfsplanung zu reformieren und an Wir fordern alle politisch Verantwortli­ Anträge auf Psychotherapie werden
den tatsächlichen Bedarf an psychothe­ chen in NRW auf, entschieden für den deshalb häufig abgelehnt – nicht sel­
rapeutischen Behandlungsplätzen anzu­ Erhalt der Psychotherapeutensitze ein­ ten ohne inhaltliche Begründung oder
passen. Bei der Umsetzung des GKV- zutreten. mit dem Verweis auf eine vermeintlich
Versorgungsstärkungsgesetzes sind in ausreichende psychopharmakologische

86 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Nordrhein-Westfalen

Behandlung. Entgegen den aktuel­ regelt sind, entsprechen. Dies betrifft Die Kammerversammlung der PTK
len wissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem die psychotherapeutische NRW fordert darüber hinaus, mehr mut­
werden psychisch kranke Flüchtlinge Qualifikation des Entscheiders und die tersprachliche Psychotherapeuten in
daher meist ausschließlich mit Psy­ Einhaltung von Fristen zur Bewilligung. den Kommunen von NRW zuzulassen,
chopharmaka behandelt. Flüchtlinge Außerdem ist ausdrücklich die Mög­ in denen besonders viele Menschen
leiden jedoch häufig unter den Folgen lichkeit vorzusehen, einen Dolmetscher mit Migrationshintergrund leben. Diese
von erlittenen Traumata, vor allem unter hinzuzuziehen. Die Kostenübernahme Zulassungen sollten im Rahmen der Be­
Posttraumatischen Belastungsstörun­ für Dolmetschereinsätze wird bisher darfsplanungs-Richtlinie als zusätzlicher
gen und schweren Depressionen. Bei von den Leistungsträgern, insbesonde­ Bedarf ermöglicht werden.
diesen Erkrankungen empfehlen wis­ re von der gesetzlichen Krankenversi­
senschaftliche Leitlinien eine psycho­ cherung, oft nicht bewilligt. Resolution zur Reform der
therapeutische Behandlung. Darüber Psychotherapeutenausbildung
hinaus sind die Bearbeitungszeiten der Resolution „Dolmetscher und Der 25. Deutsche Psychotherapeuten­
Anträge auf Psychotherapie in den Be­ muttersprachliche Psychothera- tag hat am 15. November 2014 in Mün­
hörden meist unzumutbar lang, sodass pie für Migranten ermöglichen“ chen zur Reform der Psychotherapeute­
die psychischen Störungen chronifizie­ Sprachliche Hürden führen in Deutsch­ nausbildung u. a. beschlossen:
ren oder kostenintensive stationäre Be­ land dazu, dass Menschen mit Migrati­
handlungen notwendig werden können. onshintergrund schlechter psychothera­ Auf der Grundlage von Berufsbild, Kom­
peutisch versorgt sind. Rund jeder fünf­ petenzprofil und Kernforderungen soll
Die Kammerversammlung der PTK te Migrant spricht nicht ausreichend eine zweiphasige wissenschaftliche
NRW fordert die Bundesregierung auf Deutsch, um einem Psychotherapeuten und berufspraktische Qualifizierung von
sicherzustellen, dass Flüchtlinge in seine Beschwerden verständlich mitzu­ Psychotherapeutinnen und Psychothe­
NRW und bundesweit notwendige Ge­ teilen. Sie sind damit auf einen Dolmet­ rapeuten als Angehörige eines akade­
sundheitsleistungen erhalten. Diese Ge­ scher oder muttersprachlichen Psycho­ mischen Heilberufs im ambulanten und
sundheitsleistungen sollten denen von therapeuten angewiesen. stationären Bereich, sowie in Instituti­
regulär Krankenversicherten entspre­ onen der komplementären Versorgung
chen. Das schließt ein, dass Flüchtlinge Dolmetscher werden jedoch von der verwirklicht werden. Qualifizierungs­
regelhaft eine Behandlung von chroni­ gesetzlichen Krankenversicherung nicht phase I umfasst ein wissenschaftliches
schen und psychischen Erkrankungen bezahlt. Eine Regelung über die Finan­ Hochschulstudium auf Masterniveau
beanspruchen können. Die bisherigen zierung solcher Leistungen im SGB V und schließt mit Staatsexamen und
Einschränkungen im Asylbewerberleis­ fehlt. Nach höchstrichterlicher Recht­ Approbation ab. Darauf folgt in Quali­
tungsgesetz sind aufzuheben. sprechung reichen die bisherigen ge­ fizierungsphase II eine Weiterbildung
setzlichen Regelungen dafür nicht aus. mit Vertiefungen in wissenschaftlichen
Außerdem bedarf es einer bundes­ Psychotherapie ist jedoch besonders Therapieverfahren und Schwerpunkt­
einheitlichen Regelung, wie über Ge­ darauf angewiesen, dass der Patient setzung im Hinblick auf die Behandlung
sundheitsleistungen für Flüchtlinge sich möglichst unmittelbar und ver­ von Kindern und Jugendlichen oder Er­
entschieden wird. Es kann nicht bei den ständlich ausdrücken kann. wachsenen. Als Sofortlösung bis zu ei­

NRW
sehr unterschiedlichen Entscheidungen ner umfassenden Novellierung des Psy­
der Landesbehörden bleiben, wie es Die Kammerversammlung der PTK chotherapeutengesetzes soll in einem
die Bundesregierung mit ihrem Verweis NRW fordert daher, dass die gesetzli­ ersten Schritt geregelt werden, dass
auf deren Zuständigkeiten empfiehlt che Krankenversicherung die Kosten der Zugang zu den postgradualen psy­
(Antwort auf eine Kleine Anfrage der für einen Dolmetscher bei psychischen chotherapeutischen Ausbildungen nur
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Erkrankungen übernimmt, wenn der über ein Diplom-Studium bzw. ein auf
BT-Drs. 18/2184). Die Kammerver­ Versicherte nicht ausreichend Deutsch Masterniveau abgeschlossenes Studi­
sammlung der PTK NRW fordert die spricht und auch kein Psychotherapeut um möglich ist. Die Kammerversamm­
Bundesregierung auf, im Asylbewer­ verfügbar ist, der die Muttersprache lung der Psychotherapeutenkammer
berleistungsgesetz bundesweit eine des Versicherten beherrscht. Die Kam­ NRW fordert den Vorstand auf, unver­
einheitliche Regelung zu schaffen, auf merversammlung der PTK NRW unter­ züglich Gespräche mit den zuständigen
welche Weise qualifiziert über einen stützt ausdrücklich die Forderung der Abteilungen des MGEPA und des Wis­
Behandlungsbedarf bei psychisch kran­ Migrationsbeauftragten der Bundesre­ senschaftsministeriums NRW aufzu­
ken Flüchtlingen zu entscheiden ist. gierung, Staatsministerin Aydan Özo- nehmen, mit dem Ziel, die dringliche
Diese Regelung sollte den Anforderun­ guz, die gesetzliche Krankenversiche­ Klärung des Zuganges im PTG noch in
gen an das Genehmigungsverfahren, rung dazu zu verpflichten, ausreichende dieser Legislaturperiode von Bund und
die in der Psychotherapie-Richtlinie und Leistungen auch für ihre Mitglieder mit Land zu erreichen.
der Psychotherapie-Vereinbarung ge­ Mi­grationshintergrund zu finanzieren.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 87
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Plenum 2. Sitzung der 4. Kammerversammlung

Einkommensabhängige Beitragsordnung
In ihrer Sitzung am 13. Dezember 2013, Psychotherapeutenjournals als Einhefter Geschäftsstelle
mit Änderungen durch Beschluss der entnehmen. Die am 1. Januar 2015 in
Kammerversammlung vom 29. August Kraft getretene einkommensabhängi­ Willstätterstr. 10
2014, hat die Kammerversammlung der ge Beitragsordnung können Sie auf der 40549 Düsseldorf
NRW

Psychotherapeutenkammer NRW eine Homepage der Psychotherapeutenkam­ Tel. 0211/52 28 47-0


neue einkommensabhängige Beitrags­ mer NRW einsehen oder herunterladen Fax 0211/52 28 47-15
ordnung beschlossen. Den Wortlaut der (Rubrik „Recht“, Unterrubrik „Satzun­ info@ptk-nrw.de
amtlichen Bekanntgabe der Beitragsord­ gen und Verwaltungsvorschriften der
nung können Sie dieser Ausgabe des Psychotherapeutenkammer NRW“).

Beratung am Telefon
Berufsrechtliche Mitgliederberatung Anfragen
Beratung durch einen Juristen durch den Vorstand Mitgliederverwaltung
Mo: 12.00-13.00 Uhr Di: 13.00-14.00 Uhr Mo–Do: 14.00-15.00 Uhr
Di: 14.00-15.00 Uhr Fr: 11.00-12.00 Uhr Anfangsbuchstaben des Nachnamens:
Mi: 14.00-15.00 Uhr 13.30-14.00 Uhr A bis K
Do: 14.00-15.00 Uhr Telefon 0211/52 28 47 27 Telefon 0211/52 28 47 14
Telefon 0211/52 28 47 53 L bis Z
Telefon 0211/52 28 47 17
Anfragen Anfragen Beratung
Fortbildungsakkreditierung Fortbildungskonto zur Sachverständigentätigkeit
Mo–Do: 13.00-15.00 Uhr Mo–Do: 13.00-15.00 Uhr Di & Fr 12.30-13.30 Uhr
Telefon 0211/52 28 47 30 Telefon 0211/52 28 47 31 Telefon 0211/52 28 47 32

88 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Brandenburg
Mitteilungen der Ostdeutschen
Mecklenburg-Vorpommern
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Psychotherapeutenkammer
Thüringen

Ostdeutsche
Psychotherapeutenkammer

EMDR: OPK bietet hierfür curriculare Fortbildung im Bereich


der Traumatherapie an

Durch Beschluss des Gemeinsamen therapeutInnen in Ostdeutschland ha­ lum sieht dabei eine vertiefte Auseinan­
Bundesauschusses vom 16. Oktober ben seither die theoretischen und prakti­ dersetzung mit mehreren wirksamen
2014 wurde Eye Movement Desensi­ schen Befähigungen nachgewiesen, die Methoden und Techniken zur Behand­
tization and Reprocessing (EMDR) als sie zum Führen ihres Titels mit dem Zu­ lung von PTBS vor, zu welchen auch
Behandlungsmethode bei Erwachse­ satz „Psychotraumatherapie OPK“ be­ EMDR zählt. Die praktische Befähigung
nen mit der Diagnose Posttraumatische rechtigen. Mit ihrer curricularen Fortbil­ wird durch den Nachweis von behan­
Belastungsstörung (PTBS) innerhalb ei­ dung setzt die OPK als Berufsaufsicht delten Fällen von Patienten mit PTBS
nes Richtlinienverfahrens in die Psycho­ der PsychotherapeutInnen hohe Stan­ nachgewiesen.
therapie-Richtlinie aufgenommen und dards, spezielle weiterführende Kennt­
als Folge dessen entsprechende Qua­ nisse auf Grundlage der aktuell­sten wis­
lifikationsnachweise im Bundesmantel­ sensc h af tlic hen
vertrag festgeschrieben. Standards in der
Behandlung von
Bereits vor dem Beschluss des Ge­ traumatisierten Pa­
meinsamen Bundesausschusses wur­ tientInnen zu er­
den EMDR-Behandlungen in der psy­ werben und diese
chotherapeutischen Versorgung qualifi­ auch in praktischer
ziert eingesetzt. Eine generelle Wirk­ Tätigkeit nachzu­
samkeit der EMDR-Methode kann weisen.
dabei als belegt gelten, eine Überlegen­
heit gegenüber anderen spezifischen Dafür müssen al­
Methoden jedoch nicht. Viele Psycho­ leine 100 theoreti­
therapeutinnen hatten sich in Psycho­ sche Stunden in
traumatherapie und EMDR-Behandlung Modulen abgeleis­
fortgebildet. Die Ostdeutsche Psycho­ tet werden, die so­
therapeutenkammer (OPK) hat hierfür wohl theoretische
eine curriculare Fortbildung im Bereich Grundlagen und Di­
der Psychotraumatherapie erlassen. Die agnostik von PTBS
erfolgreich absolvierte curriculare Fort­ als auch die Inter­

OPK
bildung kann als Nachweis der Befähi­ vention bei akuten
gung zur qualifizierten Durchführung ­Traumatisierungen,
von EMDR für eine Behandlung von komplexer und non-
Posttraumatischen Belastungsstörun­ komplexer PTBS
gen (PTBS) dienen. in den Fokus neh­
men. Auch Tech­ni­
OPK setzt hohe Standards für die ken und ­Methoden
Traumabehandlung der Stabilisierung
und Erhaltungs­
Die OPK setzt sich bereits seit Jahren für therapie werden
die intensive Fortbildung ihrer Mitglieder vertieft ­behandelt,
auch im Bereich der Psychotraumathera­ ebenso wie zusätz­
pie ein. Daher wurde bereits im Jahre liche zehn Stun­
2011 eine Richtlinie erlassen, die deren den Selbsterfah­ Posttraumatische Belastungsstörung: EMDR ist als Behandlungs-
Weiterqualifizierung durch eine curricula­ rung vorausge­ methode innerhalb eines Richtlinienverfahrens in die Psychothera-
re Fortbildung regelt. Zahlreiche Psycho­ setzt. Das Curricu­ pie-Richtlinie aufgenommen.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 89
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Der Wissenschaftliche Beirat Psycho­ rats. Demnach kann die EMDR-Methode Belastungsstörung sei es zentral, dass
therapie gelangte in seinem Gutachten als wirksam angesehen werden, d.  h., das für jeden Patienten das passende,
vom 6. Juli 2006 zu dem Beschluss, sie ist im Vergleich zur Nichtbehandlung prognostisch für diesen Menschen mit
dass EMDR bei Erwachsenen als eine (Warteliste) oder anderen unspezifischen dieser Biografie und dieser Traumati­
Methode zur Behandlung der Posttrau­ Behandlungen wirksamer bei der PTBS- sierung wirksamste traumaspezifische
matischen Belastungsstörung (PTBS) Symptomreduzierung. Darüber hinaus Verfahren gewählt wird.
als wissenschaftlich anerkannt gelten zeigt dieser Bericht eine Überlegenheit
kann. Im selben Gutachten kann bei der EMDR-Methode im Vergleich zu ei­ Da die OPK die fachliche Qualifikation
Kindern und Jugendlichen für keinen ner Gruppe von anderen Behandlungs­ und die Fortbildungsnachweise ihrer
Anwendungsbereich der Psychothera­ verfahren (die vergleichend zusammen­ Mitglieder sowohl fordert, als auch
pie die wissenschaftliche Anerkennung gefasst werden) in der Selbsteinschät­ überprüft und sie dabei die Qualifizie­
der EMDR-Methode festgestellt wer­ zung der Symptome. Einschränkend sei rung auf dem Gebiet der Psychotrau­
den, da es an empirischen Wirksam­ angemerkt, dass alle einbezogenen Stu­ matherapie bereits seit Jahren auf fach­
keitsbelegen bei der Anwendung bei dien erhebliche methodische (z. B. Stich­ lichen Standards basierend betreibt,
Kindern und Jugendlichen mangelt. probengröße, Randomisierung, Beschrei­ liegt es nahe, die Zusatzbezeichnung
bung der verwendeten Instrumente), als „Psychotraumatherapie OPK“ auch als
Festschreibung theoretischer und auch inhaltliche (z.  B. Beschränkung auf Nachweis der Befähigung zur Durchfüh­
praktischer Qualifikationen eine Traumaursache) Limitationen auf­ rung einer EMDR Behandlung im Rah­
wiesen. Da die methodischen Einschrän­ men eines Richtlinienenverfahrens bei
Der G-BA nahm EMDR am 16. Okto­ kungen der herangezogenen Studien und der Behandlung von PTBS anerkannt
ber 2014 als Behandlungsmethode bei ihre Vergleichbarkeit doch als erheblich werden kann. Den kontinuierlich fortge­
PTBS bei Erwachsenen innerhalb eines bezeichnet werden können, kommt auch bildeten Psychotherapeuten obliegt es
Richtlinienverfahrens in die Psychothe­ der Abschlussbericht des G-BA zu dem dabei, aufgrund ihrer Expertise die Fall­
rapie-Richtlinie auf. Durch eine Einigung Schluss, dass eine generelle Wirksam­ konzeptualiserung auszuarbeiten und
der Parteien des Bundesmantelvertra­ keit der EMDR-Methode als belegt gel­ die Behandlung entsprechend zu pla­
ges ist die Methode nunmehr seit dem ten kann, eine Überlegenheit gegenüber nen und durchzuführen. Dabei werden
3. Januar 2015 in der gesetzlichen Kran­ anderen spezifischen Methoden jedoch gemäß den berufsrechtlich gebotenen
kenversicherung anerkannt. Hiermit nicht. Hier ist noch weitere Forschung Sorgfaltspflichten die passenden Me­
wurden auch bestimmte theoretische nötig, insbesondere auch, um die wirk­ thoden und Techniken zur Behandlung
und praktische Qualifikationen festge­ samen Bestandteile der EMDR-Methode der PatientInnen ausgewählt und ange­
schrieben, damit PsychotherapeutIn­ zu spezifizieren. wendet. Die Behandlung der PTBS bil­
nen EMDR innerhalb der Behandlung det hier keine Ausnahme, wobei EMDR
von Patientinnen und Patienten mit der TherapeutInnen entscheiden dabei nur eine von mehreren zur Verfü­
Diagnose einer Posttraumatischen Be­ selbst, wie die Behandlung gung stehenden Methoden/Techniken
lastungsstörung einsetzen können. aussieht ist, die zur Behandlung herangezogen
werden können.
Der Abschlussbericht des G-BA, dem Konsequenterweise stellt der G-BA
Quellen:
aufgrund mangelnder metaanalytischer dann auch zusammenfassend fest,
Datenlage ausreichender Qualität eine ei­ dass EMDR ein wirksames Verfah­ Wissenschaftlicher Beirat (2006): www.wbpsy­
chotherapie.de/page.asp?his=0.113.114.115
gene Metaanalyse zugrunde liegt, kommt ren aus einer ganzen Reihe wirksamer
G-BA (2015): www.g-ba.de/downloads/40-268-29
zu einem ähnlichen Ergebnis wie das Verfahren sei. Bei der Behandlung von 87/2014-10-16_PT-RL_EMDR_Umstrukturierung-
OPK

Gutachten des wissenschaftlichen Bei­ Patienten mit einer Posttraumatischen Anlage1_ZD.pdf

Fortbildungsveranstaltungen der OPK 2015 – nachgedreht und vorausgeblickt


Bei der Gestaltung der OPK-Fortbil­ Fallstricke und aktuelle Entwick­ dass die Götter vor die Behandlung die
dungsveranstaltungen sollen Angebote lungen des Diagnostizierens Diagnose gestellt haben, so gibt es
für die Mitglieder initiiert werden, die Genau hierum handelte es sich bei der doch vergleichsweise wenig Veranstal­
aus fachlicher, aber auch berufspoli­ ersten zweitägigen OPK-Veranstaltung tungen, die sich vertieft mit der The­
tischer Sicht eine große und aktuelle des neuen Jahres „Wie wichtig ist rich­ matik, ihren Fallstricken und aktuellen
Bedeutung für den Berufsstand ha­ tiges Diagnostizieren?“, die von Profes­ Entwicklungen auseinandersetzen. Und
ben. Das wird auch insbesondere dann sorin Karin Tritt vom 23. bis 24. Januar das, obwohl man in den Lebenswissen­
wichtig, wenn es sich um ein Thema 2015 in Leipzig angeboten wurde. Denn schaften weit davon entfernt ist, den
handelt, das von den kommerziellen auch wenn es ein oft angebrachtes Goldstandard des Diagnostizierens be­
Anbietern eher selten in den Fokus ge­ geflügeltes Wort in der akademischen reits in Händen zu halten.
nommen wird. und postgradualen Ausbildung darstellt,

90 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer

Das wurde auch sehr deutlich bei der zum Beispiel den Krankenkassen – der dern und Schulkindern“, die sich mit
kurzen historischen Verortung der gän­ Schluss gezogen, dass Psychologische Möglichkeiten und Herausforderungen
gigen Klassifikationssysteme DSM und PsychotherapeutInnen und Kinder- und von Psychotherapie mit Babys und
ICD. Denn eine reliable und valide Diag­ JugendlichenpsychotherapeutInnen Kleinkindern auseinandersetzte und
noseerstellung erfüllt mehrere wichtige eher leichte Störungen behandeln, sich vom 6. bis 7. Februar 2015 in Halle statt­
Zwecke. Sie soll psychische Störungen Diagnosen regional und verfahrensspe­ fand. Den TeilnehmerInnen wurden so­
qualitativ und quantitativ beschreiben zifisch häufen und die Indikation nicht wohl theoretisches Hintergrundwissen
und sie zum Zwecke der Indikation Klas­ mit der Therapiedauer zusammen­ als auch praktische Kompetenzen für
sen zuordnen. Schlussendlich sollte sie hängt. Diese ungünstigen Interpretatio­ die tägliche psychotherapeutische Pra­
aber auch ihre Entstehungsgeschichte nen kommen u. a. durch die Datenlange xis in der Arbeit mit Eltern und deren Ba­
und die Bedingungen ihres Auftretens zustande, dass PsychotherapeutInnen bys und Kleinkindern vermittelt. Denn
erklären und sich für Prognose und Eva­ besonders oft Anpassungsstörungen gerade diese Eltern sind oft durch die
luation eignen. Allen diesen Aufgaben und generell unspezifische Diagnosen mit der Elternschaft einhergehenden
gerecht zu werden, davon sind die der­ vergeben. Während die Ursachen für Veränderungen der Lebensumstände
zeit gängigen klassifikatorischen Syste­ diese Datenlage sicherlich vielfältig sind und der Paarbeziehung belastet. Aber
me noch weit entfernt. „Richtiges Dia­ und negative Interpretationen oft weni­ auch die von außen an sie herangetra­
gnostizieren“ hat also immer auch mit ger mit der Datenlage als mit mehr oder genen Erwartungen können zu Überfor­
Abwägungen zu tun, dem sich die Psy­ weniger offensichtlichen Hintergedan­ derung beitragen. Aufseiten der Eltern
chotherapeutInnen immer wieder aufs ken zu tun haben, so gibt es doch einen können diese vielfältigen Belastungen
Neue stellen müssen. Hierbei geht es in Punkt an dem die Berufsgruppe aktiv und Umbrüche zu einer verminderten
erster Linie um Entscheidungsprozesse, selbst mitwirken kann – und das ist in Erziehungsfähigkeit und auch zur Aus­
die unter Zuhilfenahme verschiedener dem Bemühen um eine valide Einzelfall­ bildung eigener psychischer Proble­
Informationsquellen als Ergebnis zu ei­ diagnostik up to date. All diese Punkte me führen. Aufseiten der Babys und
ner möglichst validen Einzelfalldiagnos­ wurden von einer bunt gemischten Kleinkinder kann es dadurch zu ersten
tik führen. Da das ICD aus mehr als 850 Gruppe aus KJP und PP verschiedener Störungen im Entwicklungsverlauf und
verschiedenen F-Diagnosen besteht ist Verfahren in der zweitägigen Veranstal­ Regulationsstörungen kommen. Frühe
es oft hilfreich, standardisierte Tests tung engagiert besprochen, reflektiert Prävention und Intervention sind hier
einzusetzen. Professorin Tritt gab einen und vertieft. besonders wichtig, um einen sich ver­
Einblick in die Anwendung des ICD 10 festigenden Störungsverlauf und wei­
Symptom Ratings (ISR) und ISR+, bei Fortbildung zu Psychotherapie tere Entwicklungsbeeinträchtigungen
dessen Entwicklung sie auch maßgeb­ mit Babys und Kleinkindern zu verhindern. Am ersten Tag beschäf­
lich beteiligt war. Die Tests eignen sich tigten sich die Referentinnen Frau Pro­
auch insbesondere, um Komorbiditäten Großen Anklang fand auch die erste fessor Dr. Henning und Frau Professor
nicht zu übersehen und Anhaltspunkte Veranstaltung der Veranstaltungsreihe Dr. Ludwig-Körner sowohl theoretisch
zu gewinnen, an welchen Stellen eine „Psychotherapie mit Babys, Kleinkin­ als auch praktisch mit dem Thema aus
vertiefte diagnostische Abklärung er­
forderlich ist. Die eigene Entscheidung
und ein sorgfältiges Zusammentragen
und Auswerten aller zusammengetra­
genen Informationen kann jedoch kein
Testverfahren ersetzen. Auch die OPD

OPK
wurde als hilfreiches Diagnose-Instru­
ment vertieft behandelt, das auch An­
haltspunkte für die Therapieplanung ge­
ben kann. Die vorgestellten Instrumen­
te dienen als Grundlage sowohl für eine
korrekte Indikationsstellung, wie für in­
dividuelle Fallkonzeption als auch für die
Abrechnung mit den Krankenkassen.

Nicht übersehen werden darf auch,


dass sich die vergebenen Diagnosen
auch auf die Außenwirkung der Psycho­
therapeutenschaft als Ganzes auswir­
ken. Aus Analysen der Abrechnungsda­
ten wird teilweise von einigen Akteuren
im gesundheitspolitischen Feld – wie Bunt wie ein Kinderleben ist die Themenvielfalt des 1. KJP-Symposiums der OPK.

1/2015 Psychotherapeutenjournal 91
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Sicht des Kindes. Frau Professor Dr. einmal keine eigene Beteiligung an der mentöser Mitbehandlungen oder beim
Reck beleuchtete am nächsten Tag die Ursache oder am Aufrechterhalten des Verordnen von Kuren oder ergänzenden
Hintergründe und praktische psycho­ Problems. Das Kind macht auf seine Therapien (Ergo-, Physio-, Logopädi­
therapeutische Herangehensweisen Art deutlich, was sein Problem oder schen Therapien) zu Dissens.
aus Sicht der Eltern. So wurden auch sein Leiden ist. Dabei wissen wir, dass
die besonderen Problemlagen von Fa­ Kinder häufig Symptomträger für in­ Ein besonders heikles Thema ist die
milien beleuchtet, in welchen ein Eltern­ nerfamiliäre Konflikte oder psychische Schweigepflicht in der KJP. Die Eltern
teil psychisch erkrankt ist. Einen Aus­ Störungen bei den Eltern sind. Die KJP wollen informiert werden, wie die The­
blick auf den zweiten Teil der Veranstal­ ist in erster Linie „Anwältin“ des Kin­ rapie läuft, welche Entwicklungen ihr
tungsreihe, der sich mit Psychotherapie des, gleichzeitig muss sie versuchen, Kind macht. Gleichzeitig hat das Kind ein
bei Kindergarten- und Schulkindern die Compliance für die Therapie bei Recht auf Verschwiegenheit des Thera­
beschäftigen wird, gab zum Abschluss den Eltern zu entwickeln und Verände­ peuten, denn nur so gelingt ein thera­
Frau Dr. Annette Klein. Man darf auf die rungsbereitschaft und neues Lernen peutisches Bündnis, dessen wichtigste
Ende des Jahres geplante Fortsetzung aufzurufen. Hier wird deutlich, dass es Voraussetzung das Vertrauen ist. Bei
der Reihe gespannt sein. Zielkonflikte geben kann, die ein großes schwieriger oder gestörter Eltern-Kind-
Spannungspotential enthalten. Kommunikation ist dies ein schwieriger
1. KJP-Symposium der OPK am Balanceakt, besonders in der Behand­
12. und 13. Juni 2015 in Potsdam Weiterhin haben die Schule, auch Kin­ lung Jugendlicher. Die Schweigepflicht
dergarten und Hort, häufig große Er­ gilt natürlich gleichermaßen für die El­
Mit Kindern psychisch kranker Eltern wartungen an den Therapeuten, dass terngespräche.
wird sich auch noch einmal vertieft die sich beispielsweise das Leistungsver­
Der Gesetzgeber schreibt klare
Podiumsdiskussion im Rahmen des 1. halten oder auch die Verhaltensauffäl­
Regeln zur Mitbehandlung des Be-
Kinder- und Jugendlichenpsychothe­ ligkeiten schnell und in eine bestimmte
rapeuten-Symposiums der OPK am Richtung ändern.
12. und 13. Juni 2015 in Potsdam aus
gesundheitspolitischer Perspektive Läuft parallel zur
beschäftigen. Darüber hinaus soll das Therapie eine Ju­
Symposium Möglichkeiten zur Ver­ gendhilfemaßnah­
netzung bieten. Mit diesem Veranstal­ me und/oder Fa­
tungskonzept trägt die OPK der Tatsa­ milienhilfe, hat
che Rechnung, dass die Kinder- und das Jugendamt
Jugendlichenpsychotherapie in den mitunter große
letzten Jahren eine enorme Entwick­ Wünsche an die
lung genommen hat, sowohl in der The­rapie. Gleich­
Versorgung als auch in der Erarbeitung zeitig muss der
neuer Behandlungskonzepte. Therapeut darauf
achten, dass keine
Anna Maria Fallis ist niedergelassene die Behandlung
Kinder- und Jugendlichenpsychothera­ des Kindes betref­
peutin aus Potsdam. Sie wird am 12. fenden, gegenläu­
Juni den Workshop „Arbeit mit Eltern figen Maßnahmen
OPK

und Bezugspersonen, Eltern im Kon­ erfolgen.


flikt, Familienberatung in der KJP, El­
terngruppen in der KJP“ anbieten. Wir Die Vorstellungen
sprachen vorab mit der Referentin über der behandeln-
das Thema sowie darüber, was die Teil­ den Ärzte müssen
nehmer in ihrem Workshop erwartet. ebenfalls in die
therapeutische Ar­
In welchem Spannungsfeld bewegen
beit der KJP ein­
sich Kinder- und Jugendlichenpsy-
bezogen werden
chotherapeuten in ihrer Arbeit mit
– die ärztliche
Bezugspersonen?
Sicht ist nicht im­
Anna Maria Fallis: Die Erwartungen mer identisch mit
an eine Therapie sind bei Kindern und der psychothera­
Eltern sehr verschieden. Die Eltern wol­ peutischen. Häu­
len, dass die Störung des Kindes sich fig kommt es im Das Foto-Leitmotiv zum 1. OPK-Kinder- und Jugendlichenpsycho-
(möglichst schnell) bessert, sehen erst Rahmen medika­ therapeuten-Symposium

92 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer

zugssystems des Kindes vor, reichen „Besuchern“ in „Kunden“, wie erreiche


diese aus? Welcher Handlungsspiel- ich Compliance, was tun bei Konflikten
raum wäre wünschenswert? in der Beratung, soll der KJP Casema­
Der Gesetzgeber schreibt die Regeln nager sein? Wie ist der Umgang mit
vor: Im Verhältnis 1 : 4 sollten Eltern­ hochstrittigen Eltern?
gespräche stattfinden, bei Kurzzeitthe­
rapien in der Verhaltenstherapie bedeu­ Andererseits werden wir uns mit zu­
tet dies, dass 25 Therapiestunden plus sätzlichen Möglichkeiten in der Eltern­
sechs Elternstunden finanziert werden. beratung beschäftigen. Über die ge­
setzlichen Stunden hinaus besteht oft
Nach meiner Einschätzung ist diese der Bedarf nach intensiver Beratung zu
Regelung zu unflexibel. Eine KJP kann erzieherischen Fragen, Möglichkeiten
aufgrund ihrer profunden Kenntnisse Anna Maria Fallis einer veränderten Kommunikation in­
gerade in Bezug auf die Arbeit mit dem nerhalb des Familiensystems und Ver­
Bezugssystem des Kindes am besten Folgerichtig müssten die TherapeutIn­ besserung der Interaktion der Einzelnen
einschätzen, wieviel Stunden der ge­ nen bei bestimmten Krankheitsbildern untereinander.
samten Therapie fürs Kind und wieviel mehr Stunden zur Mitbehandlung des
für die Eltern gebraucht werden. Bezugssystems zur Verfügung haben, Der Workshop von Anna Maria Fallis
bei gleichbleibender Stundenzahl für findet am 12. Juni 2015 von 15.00 bis
Wenn ich zum Beispiel zu Beginn ei­ die Behandlung des Kindes. Auch die 16.30 Uhr statt.
ner Therapie viele Elterngespräche Aufteilung der Stunden in Elternstun­
führen muss, gleichzeitig noch Schule, den und Therapiestunden mit dem Pa­ Alle Informationen und Ihre Anmelde­
Hort und Jugendamt mit im System tienten sollten meines Erachtens in die möglichkeit zum Symposium finden Sie
sind, habe ich die sechs vorgesehenen Hand des behandelnden Therapeuten unter www.opk-info.de.
Stunden im Rahmen einer Kurzzeitthe­ gelegt werden.
rapie schon nach zwei Monaten aufge­ Geschäftsstelle
Welche Inhalte erwarten die Teilneh-
braucht. Bei Kindern psychisch kranker
mer in ihrem Workshop am 12. Juni?
Eltern ist dies häufig der Fall, aber auch Kickerlingsberg 16
bei bestimmten Krankheitsbildern, die In diesem Workshop werden wir uns 04105 Leipzig
eine multimodale Therapie erfordern, einerseits grundsätzlichen Fragen zur Tel.: 0341-462432-0
wie ADHS. Bei Langzeittherapien oder Arbeit mit dem sozialen Bezugssystem Fax: 0341-462432-19
Verlängerungen ist die Problematik die des Kindes im Rahmen der KJP wid­ Homepage: www.opk-info.de
Gleiche. men: Wie verwandele ich die Eltern von E-Mail: info@opk-info.de

OPK

1/2015 Psychotherapeutenjournal 93
LPK aktiv beim Jahresempfang der Wirtschaft 2015
Unter dem Motto „Wenn die Seele
krank wird, ist Professionalität gefragt“,
beteiligte sich die Landespsychothera­
peutenkammer Rheinland-Pfalz auch in
diesem Jahr wieder am Jahresempfang
der Wirtschaft in der Mainzer Rhein­
goldhalle.

Als Treffpunkt von Politik, Wirtschaft


und Landeskammern hat sich der Jah­
resempfang der Wirtschaft zum festen
Ereignis im Veranstaltungskalender
der rheinland-pfälzischen Landeshaupt­
stadt etabliert. Die rheinland-pfälzi­
schen Kammern vertreten insgesamt
über 100.000 Unternehmen mit mehr
als 410.000 Beschäftigten. In diesem
Jahr hielt Günther Oettinger, EU-Kom­
missar für digitale Wirtschaft und Ge­ EU-Kommissar Günther Oettinger gemeinsam mit den Präsidentinnen/Präsidenten und
Geschäftsführerinnen/Geschäftsführern der Landeskammern
sellschaft die Ansprache vor rund 5.000
geladenen Gästen aus Wirtschaft, Poli­
tik und Gesellschaft. Oettinger spricht Die Vertreter der LPK führten wichtige mografie, Sabine Bätzing-Lichtenthäler.
sich für einen europäischen Daten­ Gespräche mit der neuen Ministerin für Darin ging es vor allem um die Unter­
schutz aus, damit die Daten nicht nach Soziales, Arbeit, Gesundheit und De­ stützung der Ministerin bei den Refor­
Kalifornien wandern, dort gesammelt
und verkauft würden. Dasselbe gelte
für Datensicherheit. Oettinger will eine
europäische Cloud, um wie er sagt, „ei­
ne Cloud nach unseren Gesetzen und
mit dem Vertrauen in unsere Werte zu
installieren.“ Ein gemeinsamer Binnen­
markt im Datenschutz und der Datensi­
cherheit sichere sich Autorität. Ein Lob
des EU-Kommissars für Rheinland-
RLP

Pfalz, das, obwohl ländlich geprägt,


schon echt weit beim schnellen Inter­
net ist.

Beim Jahresempfang der Wirtschaft


trifft sich die rheinland-pfälzische Lan­
despolitik mit den Vertretern aller zwölf
rheinland-pfälzischen Kammern. Hier
werden Kontakte geknüpft, Gespräche Treffen auf dem Empfang mit Vertretern der Zahnärztekammer: mit Sabine Bätzing-Lich-
vereinbart und wichtige Themen disku­ tenthäler (Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie), Dr. Andrea Benecke
tiert. (Vizepräsidentin LPK) und Petra Regelin (Geschäftsführerin LPK)

94 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Rheinland-Pfalz

men des GKV-Versorgungsstärkungs­ gesetzes. Die Ministerin sicherte der den für die Kammer bedeutenden Re­
gesetzes und des Psychotherapeuten­ LPK die Unterstützung des Landes bei formvorhaben zu.

Die Abgabe und Übernahme von psychotherapeutischen Praxen


Zum ersten Mal organisierte die LPK Es gibt keinen
RLP eine Info-Veranstaltung für ihre Rechtsanspruch
Mitglieder zur Abgabe und Übernahme auf die Zulassung
von psychotherapeutischen Praxen. des Wunschkandi­
daten. Da es aller­
Der erste Generationenwechsel ist im dings viele gute
vollen Gange. Bei der überraschend Gründe gibt, wes­
großen Zahl der Anmeldungen konnten halb ein Praxisab­
leider nicht alle zur Veranstaltung im geber einem be­
November letzten Jahres angenommen stimmten Kandi­
werden. Überwiegend kamen poten­ daten die Praxis
zielle Praxisabgeberinnen und -abgeber übergeben möch­
und ca. 15 Mitglieder, die einen Kassen­ te, gab es zu die­
sitz suchen. sem Thema einen
intensiven Aus­ Bis auf den letzten Platz ausgebucht – volles Haus bei der LPK-
Herr Diederichs, stellvertretender Lei­ tausch. Die Über­ Fortbildung Praxisübernahme
ter der Abteilung Sicherstellung der KV nahme ist garan­
RLP, stellte die Rahmenbedingungen tiert, wenn die Praxis an einen Ehepart­ Im zweiten Teil  führte Herr Wolfgang
einer Praxisübernahme vor und beant­ ner oder ein Kind weitergegeben werden Steidl, Steuerberater mit Spezialisie­
wortete mit Geduld und Sachverstand soll oder wenn die Praxis an den Ange­ rung auf Heilberufe, durch die wesent­
die spezifischen, Einzelfall bezogenen stellten oder Praxispartner übergeben lichen Aspekte des Verkaufs und des
Fragen aus dem Publikum. Als grobe werden soll. In den anderen Fällen ist für Kaufs einer Praxis.
Linie gilt: Um eine Praxisabgabe zu or­ den Zulassungsausschuss der Fortfüh­
ganisieren muss man mindestens ein rungswille in Form der Übernahme von Die Ausgaben, bei der Übernahme ei­
halbes Jahr Zeit einrechnen. Patienten, Praxisräumlichkeiten oder In­ ner Praxis können steuerlich geltend
ventar ein wichtiges Kriterium. Für detail­ gemacht werden. Herr Steidl stellte
Folgende Schritte müssen dabei umge­ lierte Fragen bietet die KV eine Beratung eine Variante der Praxiswertermittlung
setzt werden: an, zu deren Inanspruchnahme Herr Die­ dar und machte darauf aufmerksam,
derichs ausdrücklich die Teilnehmenden dass die BPtK zurzeit an einem weite­
1. Der Praxisabgeber stellt beim Zu­
ermutigte. ren Modell arbeitet.
lassungsausschuss der KV einen
Antrag auf Ausschreibung des (hälf­
tigen) Versorgungsauftrags.

2. Der Zulassungsausschuss entschei­


det in der darauffolgenden Sitzung,
ob ein Nachbesetzungsverfahren
nach §  103 Abs.  3a SGB durchge­
führt wird.

3. Ausschreibung im Ärzteblatt RLP,


RLP

4. Eingang der Bewerbungen und ggf.


Verhandlungen zwischen Praxisab­
geber – Bewerber,

5. Entscheidung durch den Zulassungs­


ausschuss, welcher Bewerber die
Praxis übernehmen kann.

6. Anschließend braucht es noch wei­


tere vier Wochen bis zur Bestands­
kraft des Bescheides.
Olaf Diederichs im Einsatz

1/2015 Psychotherapeutenjournal 95
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

Für den Abgeber ist das Thema steuer­ Bei der Besteuerung der Praxisüber­ die Ermittlung des Verkehrswertes der
lich komplizierter. Aus steuerrechtlicher tragung wurden folgende Themen Praxis.
Sicht ist der Praxiswert die Praxisein­ erläutert: Freibetrag für den Veräuße­
richtung (materieller Praxiswert) plus rungsgewinn, den begünstigten Steuer­ Aufgrund der großen Nachfrage wird
des immateriellen Werts (Goodwill). satz für den Veräußerungsgewinn, den die LPK RLP diese Veranstaltung in
steuerlichen Einfluss einer weiteren 2015 wiederholen.
Tätigkeit nach Praxisveräußerung und

Psychotherapie für Soldaten – Fortbildung in Kooperation mit PTK NRW und PTK
des Saarlandes
Die Landespsychotherapeutenkammer
Rheinland-Pfalz veranstaltete im No­
vember letzten Jahres in der Koblenzer
Falckenstein-Kaserne gemeinsam mit
der PTK Nordrhein-Westfalen, der PTK
des Saarlandes und mit dem Komman­
do Sanitätsdienst der Bundeswehr die
Fortbildung „Soldatinnen und Soldaten
in der Bundeswehr – Dienst, Einsatz
und Belastungen“. Erstaunlich war das
außerordentlich große Interesse der
Mitglieder an dieser Veranstaltung. Die
vorhandenen 250 Plätze waren inner­
halb kürzester Zeit belegt, viele Interes­
sierte konnten leider nicht mehr teilneh­
men. Bereits im Jahr 2013 hat die BPtK
einen Vertrag mit dem Bundesministeri­
um der Verteidigung geschlossen. Psy­ „Soldaten in der Bundeswehr – Dienst, Einsatz und Belastungen“ – 250 Plätze waren kurz
chisch kranke Soldaten können danach nach Bekanntgabe der Fortbildung vergeben.
von niedergelassenen Psychologischen
Psychotherapeuten – jetzt auch in Pri­ Mit dieser Fortbildungsreihe verfolgen und deren besondere Belastungen –
vatpraxen ohne Kassenzulassung – be­ die Kammern und die Bundeswehr das zum Beispiel auch durch Auslandsein­
handelt werden. Ziel, den psychotherapeutischen Be­ sätze – zu verdeutlichen.
handlern den Arbeitsalltag der Soldaten
RLP

LPK-Präsident Alfred Kappauf Oberfeldärztin Dr. Michaela Pfeiffer

96 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Rheinland-Pfalz

Der Präsident der LPK Alfred Kappauf lung von Soldaten haben, sollten dies ih­ und auch eine Kurzzeittherapie bis zu 25
machte deutlich, dass die Kammer sich rer Landeskammer mitteilen. Sofern die Therapiestunden genehmigen. Weitere
für eine bessere psychotherapeutische Praxis in der Nähe eines Bundeswehr­ Behandlungsstunden oder Langzeit­
Versorgung von Soldatinnen und Sol­ standorts liegt, können sich interessier­ therapien werden nach einem eigenen
daten einsetzt. Dabei braucht die Psy­ te Psychotherapeuten auch direkt an bundeswehrinternen Verfahren geneh­
chotherapie jedoch einen geschützten den regional zuständigen Truppenarzt migt.
Vertrauensraum. Dieses für den Erfolg des Standortes wenden und ihre Bereit­
einer Behandlung notwendige Vertrau­ schaft – ggf. auch die Teilnahme an der Interessierte Psychotherapeuten finden
ensverhältnis müsse selbstverständlich Bw-Fortbildung – entsprechend kom­ sie unter www.sanitaetsdienst-bundes­
auch bei der Behandlung von Bundes­ munizieren. Der Truppenarzt überweist wehr.de in der Rubrik „Finde Deinen
wehrangehörigen gesichert werden den psychisch erkrankten Soldaten zum Truppenarzt“ die Kontaktdaten zu den
und werde auch geachtet. Psychothe­ niedergelassenen Psychotherapeuten. jeweiligen Truppenärzten.
rapeuten, die Interesse an der Behand­ Er kann fünf probatorische Sitzungen

Herzliches Willkommen an unsere neuen Mitglieder


Am 5. November 2014 wurden unsere
in 2014 in die Kammer eingetretenen
neuen Mitglieder begrüßt. Nach einer
kurzen Einführung in das Kammer­
wesen und seine Bedeutung für den
Berufsstand der Psychotherapeutin­
nen und Psychotherapeuten, war an­
schließend Gelegenheit, um mit den
anwesenden Vorstandsmitgliedern (A.
Kappauf, Dr. A. Benecke, G. Borgmann-
Frau Gisela Borgmann-Schäfer gibt Einbli- Neue Mitglieder im Gespräch mit Frau Dr.
cke in die Funktion der LPK. Schäfer und P. A. Staub), der Geschäfts­ Andrea Benecke und Gisela Borgmann-
führerin Frau Regelin und Mitarbeitern Schäfer
der Geschäftsstelle ins Gespräch zu
kommen. Gedenken

Am 18. April 2015 findet die nächste Wir gedenken unseres verstorbenen
Vertreterversammlung der LPK statt. Kollegen
Auch in diesem Jahr wieder!
Hierzu sind alle interessierten Mitglie­ Michael Schulz
Das Existenzgründungsseminar – Mög- der herzlich eingeladen. Wir bitten aus † November 2014
lichkeiten der freiberuflichen Tätigkeit organisatorischen Gründen um vorheri­ Wir gedenken unserer verstorbenen
ohne Kassenzulassung ge Anmeldung. Kollegin
Isolde Reich
30. Mai 2015, 10:00 – 17:30 Uhr in den Räu-
† 23. Dezember 2014
men der Kassenärztlichen Vereinigung,
Emil-Schüller-Str. 14, Koblenz

Der Fokus ist auf drei Aspekte gerichtet: Redaktion


Die rechtlichen
Rahmenbedingungen An der Gestaltung dieser Seiten wirk­
G. Borgmann-Schäfer, Mitglied des Vor- ten mit: Gisela Borgmann-Schäfer, Al­
RLP

stands LPK RLP fred Kappauf, Petra Regelin und Mari­


Die Situation in der Gesetzlichen Unfall- on Veith.
versicherung
T. Schwarz, Landesverband Mitte der Gesetzl. Geschäftsstelle
Unfallversicherung
Die steuerrechtlichen Normen Wilhelm-Theodor-Römheld-Str. 30
W. Steidl, Steuerberater 55130 Mainz
Tel.: 06131/93055-0
Das ausführliche Programm und ein Anmel-
Fax: 06131/93055-20
deformular finden Sie auf unserer Homepage
service@lpk-rlp.de
unter www.lpk-rlp.de/news/termine.
www.lpk-rlp.de

1/2015 Psychotherapeutenjournal 97
Die PKS ist dem Kooperationsverbund „Das Saarland lebt gesund!“ beigetreten
Pressemitteilung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes, der Lan-
desArbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung Saarland e. V. und der Psychotherapeutenkammer des
Saarlandes

Am 29. Januar ist die Psychothera­ Krebsvorsorge (z.  B. Darmkrebsfrüher­ ganzheitlichen Kontext bei“, so Ge­
peutenkammer des Saarlandes dem kennung) sowie Prävention von Alltags­ sundheitsministerin Monika Bachmann.
Kooperationsverbund der Präventions­ süchten (Reduzierung Konsum von Ta­ „Partner wie die Psychotherapeuten­
kampagne „Das Saarland lebt gesund!“ bak, Alkohol und Medikamente). kammer sind im Rahmen des saarland­
formal beigetreten. Bislang hat sich die weiten Netzwerkes wichtige Verbreiter
PKS schon an etlichen Veranstaltungen Bislang sind saarlandweit über 400 Ko­ von Informationen. Mit dem Beitritt der
beteiligt, war jedoch kein eingetragener operationspartner an Bord, es wurden Psychotherapeutenkammer kann eine
Projektpartner. Gesundheitsministerin mehr als 1.200 Projekte zusammen weitere Vernetzung der Kampagne mit
Monika Bachmann, Bernhard Morsch,
Präsident der Psychotherapeutenkam­
mer und Franz Gigout, Geschäftsfüh­
rer der LandesArbeitsgemeinschaft für
Gesundheitsförderung Saarland e. V.
(LAGS), unterzeichneten hierzu die Ko­
operationsvereinbarung.

Mit der im Januar 2011 gestarteten lan­


desweiten Kampagne „Das Saarland
lebt gesund!“ möchten das Ministeri­
um für Soziales, Gesundheit, Frauen
und Familie und die LAGS das Gesund­
heitsbewusstsein der Bevölkerung ver­
bessern. Inzwischen sind 29 Städte und
Gemeinden, alle Landkreise und der
Regionalverband Saarbrücken sowie
zusätzlich der Landessportverband, die
Ärztekammer des Saarlandes, die Lan­
desvereinigung Selbsthilfe, die im Saar­
land vertretenen Krankenkassen und Bernhard Morsch, Präsident PKS, Monika Bachmann, Ministerin für Soziales, Gesundheit,
-verbände und das Gesundheitszent­ Frauen und Familie, Franz Gigout, Geschäftsführer der LAGS (Foto: Ministerium für Soziales,
rum Orscholz Partner der Kampagne. Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes)

Bei den einzelnen Partnern der Kampa­ getragen, 2014 standen bereits mehr dem saarländischen Gesundheitssektor
gne werden Lenkungsgruppen gebildet; als 2.400 Termine im Terminportal. hergestellt werden. Im Kontext der Saar­
SL

diese legen die Arbeitsschwerpunkte Die Webseite www.das-saarland-lebt- ländischen Selbsthilfe ist die Psycho­
vor Ort fest und steuern die Aktivitäten. gesund.de verzeichnet derzeit über therapeutenkammer eine wichtige und
Die Partner engagieren sich schwer­ 64.000 Besucher im Monat. tragende Säule im Gesundheitssystem.“
punktmäßig auch in den Handlungsfel­
dern gesunde Ernährung, Bewegung im „Die psychische Gesundheit trägt we­ „Keine Gesundheit ohne psychische
Alltag, Kampf gegen das Komatrinken, sentlich zu einem gesunden Leben im Gesundheit“: „Dieses Zitat“, so Bern­

98 Psychotherapeutenjournal 1/2015
Saarland

hard Morsch, „steht in der europäischen den, die gleichrangige Bedeutung psy­ aktiv ein zur Förderung auch der psy­
Erklärung zur psychischen Gesundheit chischer und körperlicher Gesundheit chischen Gesundheit im Saarland. Wir
der WHO-Konferenz in Helsinki 2005. im Geiste der Erklärung von Helsinki zu sind froh, dass wir mit der Psychothera­
In der Folge wurde das Grünbuch der erkennen.“ peutenkammer jetzt auch in der Kampa­
EU herausgegeben, welches das Ziel gne ,Das Saarland lebt gesund!‘ einen
verfolgt, Strategien zur Förderung und Franz Gigout, Geschäftsführer der starken Partner an der Seite haben, der
Verbesserung der psychischen Ge­ LAGS, fügte hinzu: „Mit den Wochen uns künftig bei diesen Aktivitäten unter­
sundheit der Bevölkerung in Europa zu der seelischen Gesundheit, dem Eltern­ stützt.“
entwickeln. Die Psychotherapeuten­ programm ,Schatzsuche‘ für Kinderta­
kammer möchte mit ihrem Beitritt zum geseinrichtungen oder Aktivitäten zum Mehr Informationen zu den einzelnen
Projekt ,Das Saarland lebt gesund!‘ ein Gesundheitsmanagement in Unterneh­ Projekten finden Sie unter www.das-
klares Signal an die Bevölkerung sen­ men bringt sich die LAGS seit Jahren saarland-lebt-gesund.de.

Umgang mit Patientenakten bei Praxisübernahme


Dürfen Patientenakten übernommen werden? Darf eine (übernommene) Patientenakte von der Erwerberin
an die Patientin der Veräußererin herausgegeben werden?

Der Sachverhalt ist schnell berichtet, schlichte Übernahme der Praxisräume langen hin, unverzüglich Einsicht in die
die sich stellenden Fragen sind offen­ – in den Besitz der Praxiserwerberin ge­ sie betreffende Patientenakte zu ge-
kundig: langt ist (siehe unter 3.). währen, die nach §  9 zu erstellen ist.
Auf Verlangen des Patienten haben Psy-
Eine Psychotherapeutin hat – mit Zu­ 1. Konstellation: chotherapeutinnen und Psychothera-
stimmung der Kassenärztlichen Verei­ Herausgabe einer selbst ange- peuten diesem Kopie und elektronische
nigung (KV) – die Praxis einer anderen fertigten Patientenakte an die Abschriften aus der Dokumentation zu
Psychotherapeutin übernommen, die eigene Patientin überlassen. Dis Psychotherapeutin/der
sich zur Ruhe setzen will; in den Räum­ Psychotherapeut kann die Erstattung
lichkeiten der Praxis befinden sich die Durch das Patientenrechtegesetz vom entstandener Kosten fordern.
Patientenakten der von der Veräußere­ 20. Februar 2013 ist § 630g in das Bür­
rin behandelten Patienten. Eine (ehema­ gerliche Gesetzbuch (BGB) eingefügt (2) Psychotherapeutinnen/Psychothera-
lige) Patientin der Veräußererin verlangt worden. §  630g BGB lautet auszugs­ peuten können die Einsicht ganz oder
von Praxiserwerberin die Herausgabe weise wie folgt: teilweise nur verweigern, wenn der Ein-
ihrer Patientenakte. Darf die Erwerberin sichtnahme erhebliche therapeutische
die Patientenakte – oder zumindest ei­ § 630g BGB Einsichtnahme in die Gründe oder sonstige erhebliche Rech-
ne Kopie derselben – herausgeben? Patientenakte te Dritter entgegenstehen.

Die Antwort auf diese Frage verlangt (1) Dem Patienten ist auf Verlangen Hieraus ergibt sich, dass die Patientin
zunächst eine Antwort auf die folgende unverzüglich Einsicht in die vollständi- Einsicht in die Patientenakte nehmen darf
Frage: Dürfen im Zuge einer Praxisüber­ ge, ihn betreffende Patientenakte zu und ihr auf Verlangen Kopien oder Ab­
nahme überhaupt Patientenakten über­ gewähren, soweit der Einsichtnahme schriften auszuhändigen sind. Die (dau­
nommen werden? nicht erhebliche therapeutische Gründe erhafte) Überlassung der („Original“-)Pa­
oder sonstige erhebliche Rechte Dritter tientenakte an die Patientin ist indes un­
Zunächst soll die einfachere Konstellati­ entgegenstehen. zulässig, weil dies gegen die Aufbewah­
on betrachtet werden, dass die eigene rungspflicht (siehe unter 2.) verstieße.
Patientin die Herausgabe der von der Die Berufsordnung der Psychothera­
Therapeutin selbst erstellten Patienten­ peutenkammer des Saarlandes, zuletzt 2. Konstellation:
akte verlangt, also keine Praxisübernah­ geändert durch Beschluss vom 30. Juni Herausgabe einer von der Pra-
me vorliegt (siehe unter 1.). Anschlie­ 2014, regelt die Einsicht in die Behand­ xisveräußererin angefertigten
ßend soll die Konstellation betrachtet lungsdokumentation in §  11, der aus­ Patientenakte durch die Praxi-
werden, dass die Patientenakte im Zu­ zugsweise wie folgt lautet: serwerberin an die Patientin der
SL

ge einer Praxisübernahme mit Zustim­ Praxisveräußererin; Zustimmung


mung der Patientin an die Praxiserwer­ § 11 Einsicht in Behandlungsdokumen- der Patientin zur Übernahme der
berin übergeben worden ist (siehe unter tationen Patientenakte liegt vor
2.), bevor schließlich die Konstellation
betrachtet wird, dass die Patientenakte (1) Patientinnen/Patienten ist auch nach Ungeachtet der vorliegenden Zustim­
ohne Zustimmung der Patientin – durch Abschluss der Behandlung auf ihr Ver- mung der Patientin zur Übernahme

1/2015 Psychotherapeutenjournal 99
Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

der Patientenakte sind zwei Gesichts­ §  9 Dokumentations- und Aufbewah- 3. Konstellation:


punkte – quasi als zu meisternde Her­ rungspflicht Herausgabe einer von der Pra-
ausforderungen – zu beachten: Kann xisveräußererin angefertigten
die Praxiserwerberin die Grenzen des (3) Die Dokumentationen nach Absatz 1 Patientenakte durch die Praxi-
Einsichtnahmerechts in die ihr fremde sind zehn Jahre nach Abschluss der Be- serwerberin an die Patientin der
Patientenakte beurteilen? Wird durch handlung aufzubewahren, soweit sich Praxisveräußererin; Zustimmung
die Übernahme der Patientenakte der nicht aus gesetzlichen Vorschriften eine der Patientin zur Übernahme der
Aufbewahrungspflicht genügt? längere Aufbewahrungsfrist ergibt. Patientenakte liegt nicht vor.

Erste Herausforderung: Beurtei- Sowohl §  630f BGB als auch – vom Die Übergabe der Patientenakte im
lung der Grenzen des Einsicht- Wortlaut her weniger deutlich – § 9 der Zuge der Praxisübernahme kann eine
nahmerechts Berufsordnung gehen davon aus, dass Straftat darstellen, wenn die Patien­
Wenn die von der Praxisveräußererin be­ die Psychotherapeutin, die die Behand­ tin nicht zugestimmt hat. In Betracht
handelte (ehemalige) Patientin der Über­ lung durchgeführt hat, die Pflicht zur kommt die Verletzung von Privatge­
nahme der Patientenakte durch die Pra­ zehnjährigen Aufbewahrung der Patien­ heimnissen im Sinne des § 203 Abs. 1
xiserwerberin zugestimmt hat, stellt sich tenakte trifft. Strafgesetzbuch (StGB) durch die Pra­
die Frage, ob die Praxiserwerberin in der xisveräußererin. § 203 Abs. 1 StGB lau­
Lage ist, über die Grenzen des Einsicht­ Eine Übertragung dieser Pflicht auf die tet auszugsweise wie folgt:
nahmerechts zu entscheiden: Kann eine Praxiserwerberin durch Begründung
Psychotherapeutin im Hinblick auf eine eines Verwahrungsverhältnisses zwi­ § 203 StGB Verletzung von
ihr nicht bekannte Patientin beurteilen, ob schen Veräußererin und Erwerberin Privatgeheimnissen
erhebliche therapeutische Gründe oder mag zwar nicht nur denkbar, sondern
erhebliche Rechte Dritter der Einsicht in auch der vielfach geübten Handhabung (1) Wer unbefugt ein fremdes Geheim-
die Patientenakte entgegenstehen? dieser Pflicht durch Ärzte und Zahnärzte nis, namentlich ein zum persönlichen
entsprechen. Um einen Pflichtverstoß Lebensbereich gehörendes Geheimnis
Obwohl die Frage bejaht werden muss, zu vermeiden, kommt es jedoch nicht oder ein Betriebs- oder Geschäftsge-
gilt folgende Empfehlung: Die Praxis­ nur auf die Zustimmung des Patienten heimnis, offenbart, das ihm als
veräußererin, die die (ehemalige) Pati­ zur Übernahme der Patientenakte, son­
entin behandelt hat, und nicht die Praxi­ dern auch auf die konkrete Ausgestal­ 1. Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker
serwerberin sollte über die Gewährung tung des Verwahrungsverhältnisses an: oder Angehöriger eines anderen Heil-
der Einsichtnahme in die Patientenakte Der Praxisveräußerer muss in der Lage berufs, der für die Berufsausübung oder
entscheiden, weil die Veräußererin die sein, auf die Patientenakten zugreifen die Führung der Berufsbezeichnung eine
Grenzen des Einsichtnahmerechts im zu können. staatlich geregelte Ausbildung erfordert,
Normalfall besser beurteilen kann als
die Erwerberin.

Zweite Herausforderung: Auf­


bewahrungspflicht
Bei der Übergabe von Patientenakten
im Zuge einer Praxisübernahme ist die
in §  630f BGB und §  9 der Berufsord­
nung geregelte Aufbewahrungspflicht
zu beachten. §  630f BGB lautet aus­
zugsweise wie folgt:

§ 630f Dokumentation der Behandlung

(3) Der Behandelnde hat die Patienten-


akte für die Dauer von zehn Jahren nach
Abschluss der Behandlung aufzube-
wahren, soweit nicht nach anderen Vor-
SL

schriften andere Aufbewahrungsfristen


bestehen.

§ 9 der Berufsordnung lautet


auszugsweise wie folgt:

100 Psychotherapeutenjournal 1/2015


Saarland

2. Berufpsychologe mit staatlich aner- lediglich auf die Möglichkeit der Straf­ Praxisveräußererin ab: Liegt die Zustim­
kannter wissenschaftlicher Abschluss- barkeit hingewiesen werden soll. (Die mung vor, darf die Patientenakte an die
prüfung, […] anvertraut worden oder Strafbarkeit der Praxiserwerberin ist im Erwerberin übergeben werden. Um
sonst bekanntgeworden ist, wird mit Vergleich zur Strafbarkeit der Praxisver­ der Pflicht zur zehnjährigen Aufbewah­
Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder äußererin eher fernliegend, aber unter rung zu genügen, bedarf es jedoch der
mit Geldstrafe bestraft. […]. dem Gesichtspunkt der Anstiftung oder Vereinbarung eines – nicht einfach zu
Beihilfe nicht ausgeschlossen.) gestaltenden – Verwahrungsverhältnis­
Eine Psychotherapeutin kann als An­ ses. Über die Gewährung der Einsicht­
gehörige eines Heilberufs im Sinn des Die Schweigepflicht ist nicht nur in nahme in Patientenakten und die Her­
§ 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB oder als Berufs­ §  203 Abs.  1 StGB geregelt, sondern ausgabe von Kopien der Patientenakte
psychologin im Sinne des § 203 Abs. 1 auch in § 8 der Berufsordnung, der aus­ sollte die Veräußererin entscheiden.
Nr. 2 StGB angesehen werden. zugsweise wie folgt lautet:
Die Übergabe (Übernahme) einer Pati­
Strafbar ist die Offenbarung eines frem­ § 8 Schweigepflicht entenakte ist unzulässig, wenn die Pati­
den Geheimnisses, das dieser Person entin oder der Patient nicht zugestimmt
in ihrer Eigenschaft als Psychothera­ (1) Psychotherapeutinnen/Psychothera- hat. In diesem Fall ist eine Verwahrung
peutin anvertraut oder sonst bekannt peuten sind zur Verschwiegenheit über der Patientenakte durch die Erwerberin
geworden ist. Schon die Tatsache, dass Behandlungsverhältnisse verpflichtet und nur schwer vorstellbar. Die Gewährung
eine bestimmte Patientin bei der Praxis­ über das, was ihnen im Zusammenhang der Einsichtnahme in die Patientenakte
veräußererin in Behandlung gewesen, mit ihrer beruflichen Tätigkeit durch und und die Herausgabe von Kopien durch
ist als fremdes Privatgeheimnis im Sin­ über Patientinnen/Patienten und Dritte die Erwerberin ist unzulässig.
ne des § 203 Abs. 1 StGB anzusehen; anvertraut und bekannt geworden ist.
RA Manuel Schauer,
diese Tatsache wird durch die Überga­ Justiziar der PKS
be (oder Übernahme) der Patientenakte (2) Soweit Psychotherapeutinnen/Psy-
von der Praxisveräußererin an die Pra­ chotherapeuten zur Offenbarung nicht
xiserwerberin offenbart, ohne dass es gesetzlich verpflichtet sind, sind sie da-
darauf ankommt, ob die Erwerberin den zu nur befugt, wenn eine wirksame Ent- Redaktion
Inhalt der Patientenakte „studiert“. bindung von der Schweigepflicht vor-
liegt oder die Offenbarung zum Schutz Irmgard Jochum, Susanne Münnich-
Ob die Offenbarung „unbefugt“ ist, eines höherwertigen Rechtsgutes erfor- Hessel, Bernhard Morsch, Inge Nei­
hängt davon ab, ob die Voraussetzun­ derlich ist. ser, Maike Paritong und Michael
gen eines Rechtfertigungsgrundes vor­ Schwindling.
liegen: Wenn die Einwilligung der Pati­ Die Übergabe der Patientenakte im
enten vorliegt, ist die Offenbarung nicht Zuge der Praxisübernahme, ohne dass
unbefugt; wenn die Einwilligung oder eine Zustimmung der Patientin vorliegt,
ein anderer Rechtfertigungsgrund nicht stellt möglicherweise nicht nur ein
vorliegt, ist die Offenbarung unbefugt. strafbares, sondern auch ein berufs­
rechtswidriges Verhalten der Praxis­
Die Übergabe einer Patientenakte ist veräußererin dar, das entsprechende
strafbar, wenn sie schuldhaft erfolgt: Rechtsfolgen nach sich ziehen kann. Geschäftsstelle
Die Praxiserwerberin müsste vorsätz­
lich gehandelt haben, also wissentlich Zusammenfassung Scheidterstr. 124
und willentlich das Privatgeheimnis of­ 66123 Saarbrücken
fenbart haben. Die Beurteilung, ob dies Die Frage, ob im Zuge einer Praxisüber­ Tel. 0681. 95455 56
so ist, hängt von den Umständen des nahme Patientenakten übernommen Fax 0681. 95455 58
Einzelfalls ab, so dass bei der hier vor­ werden dürfen, hängt von der Zustim­ kontakt@ptk-saar.de
genommenen abstrakten Betrachtung mung der (ehemaligen) Patienten der www.ptk-saar.de
SL

1/2015 Psychotherapeutenjournal 101


Mitteilungen der Psychotherapeuten-
kammer Schleswig-Holstein

Liebe Kolleginnen und Kollegen, andere bei Ortswechsel) dies in ihre Entscheidung für Praxisräume
einbeziehen.
der Zugang zur Psychotherapie ist seit
dem Psychotherapeutengesetz für Pati- Die Wahl zur Kammerversammlung kündigt sich an: Erstmals wird für
entinnen und Patienten direkt möglich, fünf Jahre gewählt werden und nach neuen Regeln (siehe unten). Die
wenn man denn nach langer Wartezeit Interessen des eigenen Berufsstandes zu vertreten, demokratisch legi-
überhaupt einen Behandlungsplatz be- timiert, stellt ein besonderes Privileg dar: Ein Recht, das schützenswert
kommt. Manch einer gehandicapten Per- ist und bewusst wahrgenommen werden sollte!
son ist der Zugang im wahrsten Sinne Ich wünsche informative, anregende Lektüre,
des Wortes dennoch verwehrt, weil die
Praxis nicht barrierefrei gestaltet ist. Juliane Dürkop
Mögen die jetzt neu Zugelassenen (und Präsidentin

Kammerwahl 2015
Bereits im PTJ 3/2014 hatten wir an nachlesen. Falls noch nicht geschehen, verfasste Psychotherapeutenschaft funk­
dieser Stelle ausführlich über eine neue werden Sie darüber hinaus spätestens tioniert und lebendig ist.
Wahlverordnung in Schleswig-Hol­ bis zum 15. April 2015 das Wahlaus­
stein berichtet, die erforderlich wurde, schreiben erhalten, in dem auch genau Bis zum 5. Mai 2015 können Wahl­
nachdem die Kammerversammlung beschrieben ist, wie die Wahl ablaufen vorschläge eingereicht werden. Ein
in Schleswig-Holstein sich mit breiter wird und wie Sie sich aktiv an der Wahl Wahlvorschlag muss mindestens aus
Mehrheit für die Einführung des Ver­ beteiligen können. drei Personen bestehen, deren ge­
hältniswahlrechtes ausgesprochen hat­ schlechtsbezogene Zusammensetzung
te. Die inhaltlichen Ausführungen zur Der Vorstand der PKSH möchte Sie an die Geschlechterverteilung in der Wäh­
neuen Wahlverordnung standen jedoch dieser Stelle noch einmal ausdrücklich lerschaft abbilden muss. Wir möchten
noch unter dem Vorbehalt des formalen aufrufen, nicht nur von Ihrem aktiven an dieser Stelle noch einmal darauf
Erlasses. Zwischenzeitlich ist die neue Wahlrecht Gebrauch zu machen, son­ hinweisen, dass die PKSH über ihre Ge­
Wahlverordnung in Kraft getreten und dern auch ernsthaft eine Kandidatur zu schäftsstelle die Bildung von Wahlvor­
enthält, wie erwartet, keine weiteren prüfen. Durch eine Kandidatur können schlägen unterstützt, falls Sie als Einzel­
inhaltlichen Änderungen mehr. Sie nicht nur die Kammer mitgestalten, kandidat oder -kandidatin auf der Suche
sondern auch aktiv an der Weiterent­ nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern
Die PKSH hat auf ihrer Homepage einen wicklung unseres Berufsstandes mit­ sind. Auch hierzu finden Sie Näheres
Menüpunkt „Kammerwahlen 2015“ wirken. Jede Kandidatur ist zudem ein auf unserer Homepage.
eingerichtet. Hier können Sie alle rele­ Beitrag dazu, dass die demokratisch Vorstand der PKSH
vanten Informationen zur Kammerwahl

Anforderung von Sozialdaten und die Schweigepflicht


„Ich erhalte eine Anfrage vom MDK zu kammern immer wieder. Insbesondere ärztlichen Schweigepflicht nach §  203
einem meiner Patienten mit der Bitte Berufsanfänger in kassenpsychothera­ StGB und nach § 13 (2) der Berufsord­
um einen klinischen Befund und den peutischen Praxen plagen sich mit dem nung der PKSH auf der anderen Seite.
Verlauf der Therapie. Ist das rechtens?“ Finden der richtigen Balance zwischen
der Erfüllung der Auskunftspflicht nach §  73 Abs.  2 Nr.  9 SGB V verpflichtet
Diese und ähnliche Anfragen erhalten §§  275, 276 SGB V (Zusammenarbeit Psychotherapeutinnen und -therapeu­
die psychotherapeutischen Fachverbän­ von Krankenkassen und MDK) auf der ten wie Ärzte und Ärztinnen in der
SH

de und auch die Psychotherapeuten­ einen Seite und der Einhaltung der Kassenärztlichen Versorgung Berichte

102 Psychotherapeutenjournal 1/2015


Schleswig-Holstein

zu erstellen „…, die die Krankenkassen Die PKSH kritisiert in dieser Hinsicht
Kammermitglieder mit dem „Leucht-
oder der Medizinische Dienst (§  275) deshalb auch die Vereinbarung zwi­
turm des Nordens 2014“ ausgezeich-
zur Durchführung ihrer gesetzlichen schen der Bundespsychotherapeuten­
net
Aufgaben oder die die Versicherten kammer und der Bundesagentur für Ar­
für den Anspruch auf Fortzahlung des Mit Brigitta Oehmichen (Lübeck) und Ulrich beit vom 01. Januar 2014 als unpräzise
Arbeitsentgelts benötigen …“. Aber Kruse (Flensburg) sind am 10. Dezember 2014 und zu weitgehend. Begrüßenswerter
„Die Nummern (...) 9, soweit sich diese zwei Kammermitglieder vom Flüchtlingsrat Weise wurde endlich eine geregelte
Regelung auf die Feststellung und die Schleswig-Holstein am Internationalen Tag Vergütung zugunsten der Psychothe­
Bescheinigung von Arbeitsunfähigkeit der Menschenrechte mit dem Preis „Leucht- rapeutenschaft beschlossen. Die Form
bezieht, gelten nicht für Psychothera- turm des Nordens 2014“ gewürdigt worden. der standardisierten Anfrage suggeriert
peuten.“ Also Klartext: Von Psycho­ Die beiden erhielten die Auszeichnung für ihr jedoch einen großen Datenbedarf zur
therapeuten und -therapeutinnen wird besonderes Engagement in der Flüchtlingssoli- Beurteilung einer vorliegenden Arbeits­
keine Ausstellung des gelben Scheins darität. Sie engagieren sich seit Jahren ehren- unfähigkeit. „Bitte fügen Sie diesem
erwartet, aber ggf. die psychotherapeu­ amtlich für traumatisierte Flüchtlinge. Befundbericht alle für den Ärztlichen
tische Begründung dafür oder dagegen. Dienst relevanten, vorliegenden psy-
chotherapeutischen und ärztlichen Un-
Um die psychotherapeutische Schwei­ Befund zur Erläuterung notwendig? terlagen (sonstiger Befundbericht, Gut-
gepflicht bei entsprechenden Anfragen Braucht es Auszüge aus der Patienten­ achten, Hinweise zur AU u. ä.) als Kopie
rechtlich abgesichert „durchbrechen“ akte? Das muss der Psychotherapeut oder im Original bei.“ Hinzu kommen
zu dürfen, muss die Anfrage des Me­ aus der Anfrage herauslesen können, pauschale Abfragen nach Alkohol, Dro­
dizinischen Dienstes sehr konkret dar­ um rechtssicher handeln zu können. gen, Medikamenten und Sonstiges.
gelegt sein. Die unbegründete Anfrage
nach einem klinischen Befundbericht Die PKSH steht seit einiger Zeit in kon­ Beurteilen Sie selbst: Hilft Ihnen eine
und/oder einem Verlaufsbericht zur Psy­ struktiven Verhandlungen mit dem derartige Standardanfrage bei der Ent­
chotherapie muss also nicht bearbeitet MDK-Nord zu einem möglichst stan­ scheidung, wie Sie mit der Schweige­
werden. Geht es aber konkret um eine dardisierten Anfrageformular, welches pflicht zu einer/einem Ihrer arbeitslo­
Anfrage nach der Arbeitsfähigkeit oder den befragten Psychotherapeuten und sen Patientinnen/Patienten umgehen
um die Notwendigkeit der Gewährung -therapeutinnen klare Hinweise gibt, sollen? Welchen Einfluss hätte Ihre
von Leistungen zur Teilhabe oder die welche ihrer Daten für „die gutachter- Entscheidung auf den Fortgang der Be­
Notwendigkeit einer stationären Reha, liche Stellungnahme und Prüfung erfor- handlung?
dürfen und müssen Psychotherapeu­ derlich ist.“ (§ 276 Abs. 2 SGB V). Das
tinnen und -therapeuten dies unter psy­ sollte nach Ansicht der PKSH aufgrund Die PKSH wird sich weiter, auch bei der
chotherapeutischen Gesichtspunkten der Anfrage unschwer herauslesbar BPtK, dafür einsetzen, dass Anfragen
beurteilen. sein. Auch sollte allein schon die äußere von Medizinischen Diensten sachge­
Form der Anfrage den Psychotherapeu­ recht und unterstützend gestaltet wer­
Reicht eine kurze Stellungnahme zum tinnen und -therapeuten Datensparsam­ den.
Therapieverfahren, Diagnosen und die keit nahelegen. Dr. Klaus Thomsen
Anzahl der Sitzungen? Ist ein klinischer Vorstandsmitglied

Inzwischen schon 135 DPT-Delegierte! Die PKSH meint:


Weniger kann hier mehr sein!

2015 entsenden die Landeskammern Basisdelegierten zusätzlich für je 400 legierte auf dem DPT in einem Raum
nunmehr schon 135 Delegierte auf Kammermitglieder jeweils ein weite­ zusammenkommen, desto schwieriger
den Deutschen Psychotherapeutentag rer stimmberechtigter Delegierter im wird es, noch eine geordnete und zielo­
(DPT). Dort diskutieren bzw. entschei­ höchsten Entscheidungsgremium des rientierte Debatte zu gewährleisten und
den die gewählten Vertreterinnen und Berufsstandes zusteht. Da sich in den eine in der Regel umfangreiche Tages­
Vertreter zweimal im Jahr über für letzten Jahren die Zahl der Kammer­ ordnung innerhalb der zur Verfügung
unseren Berufstand relevante berufs-, mitglieder bundesweit um ca. 1.600 stehenden Zeit wirklich abzuarbeiten.
versorgungs- und gesundheitspoliti­ pro Jahr steigerte, erhöhte sich auch Eine größere Meinungsvielfalt oder
sche Themen. 2004 waren es einmal die Zahl der Delegierten stetig, Ten­ Repräsentanz der Basis ist gegenüber
87 Delegierte. Ihre Zahl wird sich in denz steigend. früheren DPT mit 90 bis 100 Delegier­
den nächsten Jahren weiter erhöhen. ten nach unserer Beobachtung nicht
Das liegt daran, dass jeder Landes­ Die PKSH findet es dringend an der Zeit, eingetreten. Eine solche können auch
SH

kammer satzungsgemäß neben zwei hier gegenzusteuern! Denn je mehr De­ nur die Landeskammern durch eine ent­

1/2015 Psychotherapeutenjournal 103


Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer

sprechende Auswahl ihrer Delegierten letzten fünf Minuten ohne wirkliche Er­ Satzung dahingehend eingebracht, dass
sicherstellen. örterung direkt abgestimmt (so gesche­ jede Kammer statt bislang je volle 400
hen bei der weitreichenden Verände­ Kammermitglieder zukünftig erst je volle
Durch den rasanten Anstieg der An­ rung der Musterweiterbildungsordnung 600 Kammermitglieder über die Basis­
zahl der DPT-Delegierten entstanden auf dem letzten DPT). sitze hinausgehende Delegiertensitze
zudem sowohl für die BPtK als auch auf dem DPT erhalten soll. Damit wür­
für die Landeskammern immer höhere Hinzu kommt, dass sich das bei Grün­ de nicht nur die Anzahl der Delegierten
Kosten in Verbindung mit den DPT. Au­ dung der BPtK mühevoll austarierte wieder auf ca. 100 reduziert, sondern
ßerdem wurde es immer schwieriger Stimmverhältnis zwischen kleineren auch der zukünftige Anstieg der Zahl der
für die DPT-ausrichtenden Kammern, und größeren Kammern dadurch im­ Delegierten drastisch abgebremst. Wir
ausreichend große, vom Ambiente ge­ mer stärker zu Ungunsten der kleineren sehen hierin eine Möglichkeit, nicht nur
eignete und verkehrstechnisch günstig Kammern verändert, da nur die Anzahl die Kosten zu reduzieren, sondern auch
gelegene Räumlichkeiten zu finden. der zusätzlichen Sitze steigt, nicht aber gleichzeitig die Qualität, Effizienz und Ar­
Bisweilen wurde es auf den letzten DPT die Anzahl der Basissitze. beitsfähigkeit der DPT zu steigern.
schon mal etwas eng. Wichtige Tages­ Detlef Deutschmann
ordnungspunkte mussten aus Zeitgrün­ Die PKSH hat deshalb für den nächs­ Vorstandsmitglied
den vertagt werden oder wurden in den ten DPT einen Antrag zur Änderung der

Nordkammertreffen 2015
In unregelmäßigen Abständen treffen die Kammern zuständig. Damit kommt Zusammenhang auch eine sinnvollere
sich seit vielen Jahren die Vorstände auf die Kammern eine erhebliche Mehr­ Verortung der Weiterbildung in Neuro­
der Psychotherapeutenkammern Bremen, arbeit zu und es steht zu befürchten, psychologischer Therapie gelingen.
Hamburg, Niedersachsen und Schles­ dass insbesondere kleinere Kammern
wig-Holstein. Das letzte Treffen fand am diesbezüglich in Bedrängnis kommen Konkrete Kooperation gibt es bei der
6. Februar 2015 in Kiel statt. Dem Vor­ können. Zum Zeitpunkt des Nordkam­ Aktualisierung der QM-Handbücher.
stand der PKSH ist es immer wieder ein mertreffens war noch nicht abzusehen, Hier zeichnet sich ab, dass ein hoher
großes Anliegen, mit den anderen Nord­ wann die Kammern gefordert sein wer­ Bedarf ehrenamtlich nicht abgedeckt
kammern zu sondieren, an welchen Stel­ den, mit der Schaffung der neuen Wei­ werden kann, die Kammern also mehr
len strukturelle Kooperationsmöglich­ terbildungsstrukturen zu beginnen. Die Geld in die Hand nehmen müssen, um
keiten bestehen, und für die Schaffung Nordkammern haben aber verabredet, externe Expertise einkaufen zu können.
solcher Strukturen zu werben. Wir hal­ dann nochmal zu sondieren, inwieweit Die vier Nordkammern bitten die ent­
ten es im Sinne eines wirtschaftlichen länderübergreifende Strukturen ge­ sprechende Arbeitsgruppe, diesen Be­
Ressourceneinsatzes an vielen Stellen schaffen werden können. darf zu präzisieren, damit Entscheidun­
nicht für erforderlich, dass jede kleine gen gefällt werden können. Zudem soll
Landeskammer dieselben Strukturen Auch die Weiterbildung in Neuropsycho­ parallel versucht werden, weitere Kam­
schafft, wenn in länderübergreifenden logischer Therapie war wieder Thema. mern für eine Beteiligung zu gewinnen.
Strukturen dasselbe kosteneffizienter Hier hat die PKSH, abweichend von den
geleistet werden kann. anderen Landeskammern, ein reduzier­ Auch im Bereich der Ethikkommissionen
tes Weiterbildungscurriculum erlassen, bietet sich eine länderübergreifende Zu­
Eine Reihe von Themen stand auf der insbesondere deswegen, weil die be­ sammenarbeit an. Die Psychotherapeu­
Tagesordnung am 6. Februar 2015. Ei­ stehenden Weiterbildungen bundesweit tenkammer in Hamburg hat eine solche
nigkeit herrschte darüber, dass auf die keinerlei Nachfrage bei den Leistungs­ Ethikkommission bereits eingerichtet.
Kammern eine Herkulesaufgabe zu­ erbringern anregen. Die Weiterbildung Sie ist erforderlich, da Forschungspro­
kommt, wenn die Politik den jüngsten stellt also versorgungspolitisch ein jekte vor Bewilligung auf die Einhaltung
Beschlüssen des Deutschen Psycho­ Eigentor dar. An der fehlenden Nach­ ethischer Rahmenbedingungen geprüft
therapeutentages folgt und das Psy­ frage hat sich auch in den letzten zwei werden müssen. Der Bedarf in den
chotherapeutengesetz entsprechend Jahren nichts geändert, sodass mittler­ Nordländern ist dabei unterschiedlich,
reformiert. Dann wird es zukünftig ein weile auch in anderen Landeskammern da die jeweiligen Heilberufekammerge­
Psychotherapiestudium geben, das mit darüber nachgedacht wird, die Rege­ setze unterschiedliche Bestimmungen
einer Approbation endet und die vertief­ lungen zur Weiterbildung in Neuropsy­ enthalten. Die Nordkammern bitten die
te Ausbildung in einem Verfahren wird chologischer Therapie zu hinterfragen. Ethikkommission in Hamburg um Prü­
dann Weiterbildung und endet mit dem Die Kammern sind im Zuge der Reform fung, inwieweit sie länderübergreifend
Erwerb der Fachkunde. Damit wird ein des Psychotherapeutengesetzes sowie­ tätig werden kann und will.
großer Teil der jetzigen Ausbildung Wei­ so gefordert, über Weiterbildung neu
SH

terbildung und für Weiterbildung sind nachzudenken. Dann sollte in diesem Großes Interesse fanden bei den ande­

104 Psychotherapeutenjournal 1/2015


Schleswig-Holstein

ren Nordkammern die Aktivitäten der eine Diskussion über Möglichkeiten, für de bis September 2015 neu gewählt.
PKSH im Zusammenhang mit der Be­ forensische Gutachterinnen und Gut­ Verabredet wurde, danach zeitnah ein
grenzung von Datenlieferungen an den achter gemeinsame Listen zu führen. weiteres Nordkammertreffen einzube­
MDK, es erfolgte ein Austausch über rufen, um dann auch die zukünftige Ar­
die Erfahrungen der Kammern in den In allen vier Nordkammern werden die beitsweise zu beratschlagen.
Landesgremien nach § 90a SGB V und Kammerversammlungen und Vorstän­ Vorstand der PKSH

Beschwerden in 2014
Im Verlauf des Jahres 2014 gingen bei dass der Adressat der Postkarte als mitgliedes weitere Behandlungsbedürf­
der Psychotherapeutenkammer Schles­ Psychotherapiepatient geoutet wurde. tigkeit gesehen worden sei, was die
wig-Holstein insgesamt 15 neue Be­ Landläufig würde man wohl davon aus­ Aufnahme einer Beziehung berufsrecht­
schwerden über Kammermitglieder ein. gehen, dass hier ein Verstoß gegen die lich verbieten würde (§ 14 Absatz 5 Be­
Das ist weiterhin erfreulich wenig und Schweigepflicht vorliegt. Dem ist aber rufsordnung der PKSH). Beides konnte
bewegt sich im über die Jahre üblich nicht so. Um einen Verstoß gegen die nicht belegt werden, sodass kein straf-
gewordenen Rahmen. In einem Groß­ Schweigepflicht hätte es sich nur dann und/oder berufsrechtswidriges Verhal­
teil der Beschwerden (neun) wurde gehandelt, wenn nachgewiesen wer­ ten festzustellen war.
sich über Verhaltensweisen des Kam­ den könnte, dass eine unbefugte Per­
mermitgliedes beschwert. Dies waren son tatsächlich Kenntnis von dem Inhalt Erfreulicherweise gab es in 2014 keine
beispielsweise Klagen über fehlende der Postkarte erlangt hätte, diese also einzige Beschwerde über Honorarstrei­
Erreichbarkeit oder über Bemerkungen tatsächlich gelesen hätte. Hierfür gab tigkeiten, die überhaupt seit Präzisie­
von Kammermitgliedern, die von Pa­ es aber keine Hinweise, sodass hier le­ rung der Berufsordnung zum Ausfall­
tienten als verletzend erlebt wurden. diglich ein nicht hinreichend sorgsamer honorar kaum noch vorkommen. Er­
Letzteres kommt immer wieder vor, Umgang mit schützenswerten Daten freulich auch, dass Verstöße gegen die
wenn therapeutische Prozesse un­ festgestellt werden konnte. Schweigepflicht oder Streitigkeiten um
schön verlaufen oder ungünstig enden. Akteneinsicht der Kammer in 2014 nicht
Ein berufsrechtlicher Verstoß war in kei­ Drei Beschwerden gab es wegen Ver­ bekannt geworden sind. Insbesondere
nem dieser Fälle erkennbar. stößen gegen das Abstinenzgebot. Eine Letzteres hätte man möglicherweise
Beschwerde wurde am Folgetag vom nach Inkrafttreten des Patientenrech­
In drei Fällen waren datenschutzrecht­ Beschwerdeführer wieder zurückgezo­ tegesetzes Anfang 2013 erwarten kön­
liche Bestimmungen Gegenstand der gen, eine weitere wird noch untersucht. nen.
Beschwerden. Während einer der Fälle In dem dritten Fall ging ein Kammermit­
noch untersucht wird, wurde in einem glied wenige Wochen nach Beendigung In 2014 konnten insgesamt auch 15 Be­
anderen das Verfahren gegen Zahlung der Behandlung eine Beziehung zur schwerdefälle abgeschlossen werden.
eines Geldbetrages eingestellt. Der ehemaligen Patientin ein. Dieser Sach­ Nur drei Mal wurde ein geringfügiger
Vorgang, der berufsrechtlich geahndet verhalt war unstrittig. Beschwerde leg­ berufsrechtlicher Verstoß festgestellt
wurde, war nicht uninteressant. Es te der Ehemann der Patientin ein, der und das Verfahren gegen Zahlung eines
ging um eine Kommunikation zwischen Hinweise darauf gab, dass die Bezie­ Geldbetrages eingestellt. In den ande­
Mitglied und Patient/Patientin (Inhalt hung bereits während der Behandlung ren zwölf Fällen bestätigten sich die er­
unwichtig). Das Mitglied bediente sich begonnen habe. Zudem gab es Hinwei­ hobenen Vorwürfe nicht.
in dieser Kommunikation einer Postkar­ se, dass zum Zeitpunkt der Beendigung Bernhard Schäfer, Vizepräsident
te. Der Inhalt der Postkarte war derart, der Behandlung seitens des Kammer­ Diana Will, Vorstandsmitglied

Geschäftsstelle

Gedenken Alter Markt 1 – 2,


24103 Kiel
Wir gedenken des verstorbenen Tel. 0431/66 11 990
Kollegen Fax 0431/66 11 995
Mo bis Fr: 09 – 12 Uhr
Nicolai Gert Essberger, Hamburg
zusätzlich Do: 13 – 16 Uhr
geb. 23.08.1955, verst. 15.01.2015
info@pksh.de // www.pksh.de
SH

1/2015 Psychotherapeutenjournal 105


Impressum Psychotherapeutenjournal
Das Psychotherapeutenjournal publiziert Redaktion den-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen,
Beiträge, die sich auf die Prävention, Thera- Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nord-
pie und Rehabilitation psychischer Störun- Dipl.-Psych. Nina Rehbach, Redakteurin rhein- Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland,
gen und auf psychische Aspekte somati- (V.i.S.d.P.) Schleswig- Holstein und der Ostdeutschen
scher Erkrankungen sowie auf wissen- Bayerische Landeskammer der Psycholo- Psychotherapeutenkammer enthalten.
schaftliche, gesundheitspolitische, berufs- gischen Psychotherapeuten und der Kinder-
und sozialrechtliche Aspekte der Aus-, und Jugendlichenpsychotherapeuten 14. Jahrgang, Ausgabe 1/2015
Fort- und Weiterbildung und der Berufspra- Birketweg 30
xis von Psychologischen Psychotherapeu- 80639 München Verlag
ten und Kinder- und Jugendlichenpsychothe- Tel.: 089/515555-19 medhochzwei Verlag GmbH
rapeuten beziehen. Die Zeitschrift ist der Fax: 089/515555-25 Alte Eppelheimer Str. 42/1
Methodenvielfalt in der Psychotherapie und redaktion@psychotherapeutenjournal.de 69115 Heidelberg
ihren wissenschaftlichen Grundlagendiszip- www.psychotherapeutenjournal.de
linen sowie der Heterogenität der Tätigkeits- Satz
felder der Psychotherapeuten verpflichtet. Die Verantwortlichkeiten (V.i.S.d.P.) für den Strassner ComputerSatz
Inhalt des Anzeigenteils des Verlages und 69126 Heidelberg
Das Psychotherapeutenjournal erscheint vom Verlag beigefügte Werbebeilagen erge-
viermal jährlich für die Mitglieder der Psy- ben sich aus dem gesonderten Impressum Druck
chotherapeutenkammern Baden-Württem- des Anzeigenteils bzw. der jeweiligen Beila- Vogel Druck und Medienservice GmbH
berg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, ge. 97204 Höchberg
Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfa-
len, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig- Der Bezug der Zeitschrift ist im Mitgliedsbei-
Holstein und der Ostdeutschen Psychothe- trag der Psychotherapeutenkammern Ba-
rapeutenkammer.

Herausgeberin
Bayerische Landeskammer der Manuskripte
Psychologischen Psychotherapeuten und Redaktionsschluss für Ausgabe 2/2015 ist der 16. März 2015, für Ausgabe 3/2015 der 22. Juni
der Kinder- und 2015 und für Ausgabe 4/2015 der 21. September 2015. Manuskripte sind elektronisch (CD, E-Mail)
Jugendlichenpsychotherapeuten im Word- oder rtf- Format an die Redaktion (s. o.) zu senden. Abbildungen sind jeweils zusätzlich
Birketweg 30 als Originaldatei (jpg-Format, mind. 300 dpi), Tabellen in getrennten Dateien einzureichen. Der
80639 München Umfang des Manuskripts sollte im Regelfall 35.000 Zeichen nicht überschreiten, während der
Titel des Beitrages nicht länger als 70 Zeichen sein sollte. Buchrezensionen sollten nicht mehr als
Redaktionsbeirat 4.500 Zeichen betragen (jeweils inkl. Leerzeichen).
Dr. Dietrich Munz (Baden-
Die verwendete Literatur ist nach den „Richtlinien zur Manuskriptgestaltung“, herausgegeben
Württemberg), Mareke de Brito Santos-
von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (Göttingen: Hogrefe Verlag, 1997), im Text zu zi-
Dodt (Baden-Württemberg), Dr. Nikolaus
tieren und am Schluss des Manuskripts zu einem Literaturverzeichnis zusammenzustellen. Jedem
Melcop (Bayern), Dr. Heiner Vogel (Bayern;
Manuskript ist eine Zusammenfassung von maximal 120 Worten und eine Kurzbeschreibung mit
Sprecher des Redaktionsbeirats), Anne
bis zu 50 Worten (für das Inhaltsverzeichnis) beizulegen. Die Redaktion behält sich das Recht auf
Springer (Berlin), Dr. Manfred Thielen
Kürzungen vor. Weitere Hinweise für Autorinnen und Autoren finden Sie auf www.psychothera-
(Berlin), Dr. Sylvia Helbig-Lang (Bremen),
peutenjournal. de.
Hans Schindler (Bremen), Ulrich Wirth
(Hamburg), Dr. Renate Frank (Hessen), Autoren erhalten jeweils zwei Belegexemplare der Ausgabe des Psychotherapeutenjournals, in
Dr. Ulrich Müller (Hessen), Gertrud der ihr Beitrag erschienen ist.
Corman- Bergau (Niedersachsen), Jörg
Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich ge-
Hermann (Niedersachsen), Cornelia
schützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zu-
Beeking (Nordrhein-Westfalen), Dr. Samia
stimmung der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kin-
Härtling (OPK), Andrea Mrazek (OPK), Dr.
der- und Jugendlichenpsychotherapeuten unzulässig und strafbar. Das gilt insesondere für Ver-
Andrea Dinger- Broda (Rheinland-Pfalz),
vielfältigungen, Übesetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in
Bernhard Morsch (Saarland), Juliane Dürkop
elektronischen Systemen. Alle Rechte, auch das der Übersetzung, bleiben vorbehalten. Nament-
(Schleswig-Holstein), Bernhard Schäfer
lich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeberin wieder.
(Schleswig-Holstein).

106 Psychotherapeutenjournal 1/2015


w w.psych o t herapeuten
w jo urn
al.
de

Das könnte Ihnen auch gefallen