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Tilman 

Köllisch 

Vom Dunkelfeld ins Hellfeld 
 Anzeigeverhalten und Polizeikontakte bei 
Jugenddelinquenz 
Vom Dunkelfeld ins Hellfeld. Anzeigeverhalten und Polizeikontakte
bei Jugenddelinquenz.

Inaugural-Dissertation
zur
Erlangung der Doktorwürde
der Philosophischen Fakultät
der Albert-Ludwigs-Universität
Freiburg im Breisgau

vorgelegt von
Tilman Christoph Jürgen Köllisch
aus Böblingen

WS 2003/2004
Eingereicht am 18. Februar 2004 unter dem Titel: Anzeigeverhalten
und die polizeiliche Registrierung von Jugenddelinquenz. Ein
theoretisches Modell und empirische Untersuchungen zu sozialen und
sozialökologischen Determinanten des Opferverhaltens.

Erstgutachter: PD Dr. Baldo Blinkert

Zweitgutachter: Prof. Dr. Hans-Jörg Albrecht

Vorsitzende des Promotionsausschusses


der gemeinsamen Kommission der Philologischen,
Philosophischen und Wirtschafts-
und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät:
Prof. Dr. Elisabeth Cheauré

Datum der Disputation: 28. Juni 2004


Für Ruth 
VII

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2003 an der Philosophi-


schen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg als Dissertation
angenommen. Wie wohl alle Arbeiten ihrer Art, verdankt auch diese ihre
Entstehung der Unterstützung durch eine Reihe von Menschen. Im Folgen-
den möchte ich daher kurz und chronologisch allen Personen danken, die
einen Beitrag zu deren Zustandekommen geleistet haben und hoffe, dabei
niemanden zu vergessen. In erster Linie sind hier meine Eltern Johanna und
Peter Köllisch zu nennen, die es mir ermöglicht haben, meinen eigenen
Weg zu gehen, der zu dieser Dissertation geführt hat. Meinem Vater danke
ich darüber hinaus sehr herzlich für die Gestaltung des Titelbildes.
Das Interesse für empirische Fragestellungen und deren Bearbeitung hat
PD Dr. Bernd Martens während meines Studiums der Soziologie an der
Universität Tübingen in mir geweckt. Ihm danke für interessante Diskussi-
onen und Anregungen, die nicht zuletzt meine Zweifel hinsichtlich der
Studierbarkeit des Faches Soziologie ausräumten. Erste Wissenschaftsluft
in der empirischen Kriminologie konnte ich unter der Leitung von Prof. Dr.
Hans-Jürgen Kerner als studentische Hilfskraft am Kriminologischen Insti-
tut der Universität Tübingen schnuppern. Zahlreiche Diskussionen mit den
Mitarbeitern des Instituts trugen in dieser Zeit dazu bei, mein Interesse für
kriminologische Problemstellungen zu wecken.
Zu Form und Inhalt der vorliegenden Arbeit im engeren Sinn trugen
Diskussionen in der Projektgruppe „Jugenddelinquenz im Sozialökologi-
schen Kontext“ insbesondere mit dem Projektleiter Dr. Dietrich Oberwittler
und auch meinem Kollegen Dipl.-Soz. Thomas Naplava bei. Meinem Erst-
gutachter PD Dr. Baldo Blinkert verdanke ich wichtige Weichenstellungen
und kritische Anmerkungen zur Anlage dieser Arbeit. Auch meinem
Zweitgutachter Prof. Dr. Hans-Jörg Albrecht möchte ich insbesondere da-
für danken, dass er mir bei der Anlage dieser Arbeit freie Hand gelassen
hat. Darüber hinaus danke ich meinen Kollegen Dr. Sven Höfer und Dr.
Volker Grundies vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internati-
onales Strafrecht in Freiburg/Breisgau für inhaltliche Anregungen und
methodische Ratschläge.
VIII

Besonders bedanken möchte ich mich auch bei Prof. Dr. Susanne Karstedt.
Sie hat es mir ermöglicht, im Rahmen eines siebenmonatigen Marie-Curie-
Stipendiums der Europäischen Union wesentliche Teile dieser Arbeit am
Department of Criminology an der Keele University in England zu erstel-
len. Den Diskussionen mit ihr und den Mitarbeitern des Departments ver-
danke ich wichtige und interessante Einblicke zur Problematik des Sozial-
kapitals sowie in kriminologische Problemstellungen auch über den engen
Zusammenhang der Dissertation hinaus.
Vor der Abgabe haben Martin Groß M.A., Dr. Marion Laging, Dipl.
Rpfl. Christina Schneider und Dr. Wolfgang Stelly Teile der Arbeit auf
Schreibfehler und logische Unstimmigkeiten durchgesehen. Ich danke ih-
nen allen für diese mühsame aber unverzichtbare Außenansicht.
Schließlich möchte ich mich bei den ehemaligen studentischen Hilfskräf-
ten des DFG-Projektes, Arno Schiffert M.A., Marc Wiesenhütter M.A.,
Mark Enters M.A. und Dominic Kaltenbach M.A. für die Unterstützung im
Daten- und Literaturmanagement sowie bei der Erstellung der Karten be-
danken.

Tübingen, im Februar 2005


IX

Inhaltsverzeichnis

Vorwort .................................................................................................... VII


Inhaltsverzeichnis......................................................................................IX
Tabellenverzeichnis................................................................................. XV
Abbildungsverzeichnis ...........................................................................XIX
1 Einleitung ........................................................................................... 1
2 Empirische Befunde zu Determinanten des Anzeigeverhaltens... 7
2.1 Anzeigeverhalten nach Eigenschaften und Umständen der
Deliktsituation ..................................................................................... 7
2.1.1 Art des erlittenen Deliktes .......................................................... 9
2.1.2 Schwere des Schadens beim Opfer........................................... 10
2.1.3 Ort der Tat................................................................................. 13
2.1.4 Zeit der Tat................................................................................ 13
2.1.5 Anzahl der Täter ....................................................................... 14
2.1.6 Institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen ................. 14
2.2 Eigenschaften und Einstellungen des Opfers.................................... 15
2.2.1 Die Filterwirkung des Opfers bei der Anzeige ......................... 15
2.2.2 Soziale Eigenschaften des Opfers............................................. 17
2.2.2.1 Alter des Opfers............................................................... 17
2.2.2.2 Geschlecht des Opfers ..................................................... 18
2.2.2.3 Ethnie des Opfers............................................................. 19
2.2.2.4 Sozioökonomischer Status des Opfers ............................ 21
2.2.3 Einstellungen und Erfahrungen des Opfers .............................. 23
2.3 Eigenschaften und Einstellungen des Täters .................................... 24
2.3.1 Alter des Täters ......................................................................... 24
2.3.2 Geschlecht des Täters ............................................................... 25
2.3.3 Ethnie des Täters....................................................................... 26
2.3.4 Sozialprestige des Täters........................................................... 29
2.3.5 Delinquente Vorbelastung des Täters ....................................... 29
2.4 Eigenschaften der Täter-Opfer-Beziehung ....................................... 29
2.4.1 Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer................................. 30
2.4.2 Homoethnische versus heteroethnische Täter-Opfer
Konstellationen ......................................................................... 31
X

2.4.3 Gleichgeschlechtliche versus gegengeschlechtliche Täter-Opfer-


Konstellation ............................................................................. 33
2.5 Sozialökologische Einflüsse ............................................................. 33
2.5.1 Regionale Unterschiede ............................................................ 34
2.5.2 Stadt-Land-Gefälle.................................................................... 35
2.5.3 Intraurbane Unterschiede .......................................................... 36
2.5.4 Polizeiliche Registrierung und sozialräumliche
Kontexteffekte……................................................................... 40
2.6 Qualitative Befunde zur Konfliktverarbeitung ................................. 42
2.6.1 Informelle Sozialkontrolle: Alternativen der
Konfliktregulierung................................................................... 43
2.6.2 Informelle Sozialkontrolle durch Kriminalität ......................... 46
2.6.3 Informelle Sozialkontrolle durch einvernehmliche
Konfliktregelung ....................................................................... 47
2.7 Quantitative Befunde zu Alternativen zur Anzeigeerstattung .......... 49
3 Ansätze zu einer Theorie der Kriminalisierung und des
Anzeigeverhaltens ........................................................................... 55
3.1 Sozialpsychologische Erklärung des Umgangs mit Viktimisierung 56
3.2 Theorie sozialer Konflikte ................................................................ 58
3.3 Soziale Variation von formeller Sozialkontrolle .............................. 60
3.4 Soziale Kohäsion und soziale Ordnung ............................................ 63
3.4.1 Soziales Kapital ........................................................................ 64
3.4.2 Soziale Kontrolle ...................................................................... 66
4 Überlegungen zu einer Theorie des Anzeigeverhaltens aus
individueller und sozialökologischer Perspektive........................ 70
4.1 Entdeckung und Bewertung delinquenten Verhaltens: Definition von
Situationen......................................................................................... 71
4.1.1 Dunkelfeld, Hellfeld, Verhaltens- und Sanktionsgeltung einer
Norm ......................................................................................... 72
4.1.2 Entdeckung von Taten .............................................................. 74
4.1.3 Entdeckung von Tätern ............................................................. 75
4.1.4 Bewertung von Handlungen ..................................................... 78
4.2 Bewältigung von Konflikten und Opfersituationen.......................... 84
4.2.1 Anzeige ..................................................................................... 86
4.2.2 Informelle Einigung .................................................................. 89
4.2.3 Selbstjustiz ................................................................................ 91
4.3 Sozialökologische Betrachtung......................................................... 91
XI

4.3.1 Deliktschwereeinschätzung nach Merkmalen des sozialen


Kontextes .................................................................................. 92
4.3.2 Konfliktbewältigung nach Merkmalen des sozialen Kontextes93
4.3.2.1 Direkte Effekte von Eigenschaften sozialräumlicher
Aggregate.............................................................................. 93
4.3.2.2 Indirekte Effekte von Eigenschaften sozialräumlicher
Aggregate.............................................................................. 96
4.3.2.3 Informelle Sozialkontrolle als Schutz von Tätern ........... 97
4.3.2.4 Erklärung von Hell-Dunkelfeld-Unterschieden auf
Aggregatebene ...................................................................... 97
5 Datenbasis der Untersuchung ...................................................... 100
5.1 Datengrundlage der empirischen Analysen .................................... 100
5.1.1 Individualdaten I: Dunkelfelddaten aus der „MPI
Schulbefragung 1999/2000“ ................................................... 103
5.1.2 Individualdaten II: Dunkelfelddaten aus der „MPI/FIFAS
Jugendbefragung 2000“ .......................................................... 105
5.1.3 Hellfelddaten: Prozessgenerierte Polizeidaten ....................... 106
5.1.4 Aggregatdaten I: Bewohnerbefragung.................................... 107
5.1.5 Aggregatdaten II: Sozialdaten ................................................ 108
5.2 Datentransformationen und Skalenbildung .................................... 109
5.2.1 Schülerbefragung: Tatort ........................................................ 109
5.2.2 Schülerbefragung: Angaben zum Konfliktlösungsverhalten.. 109
5.2.3 Amtliche Sozialdaten: Klassifikation von Stadtvierteln und
Gemeinden .............................................................................. 111
5.3 Validität von Angaben zu Viktimisierung, Anzeigeverhalten und
Anzeigemotiven .............................................................................. 116
5.4 Validität von Skalen selbstberichteter Delinquenz......................... 118
5.4.1 Inhaltsvalidität von SRD-Skalen ............................................ 119
5.4.2 Kriteriumsvalidität von SRD-Skalen ...................................... 122
5.4.2.1 Informantenbefragungen ............................................... 123
5.4.2.2 Rekord Checks............................................................... 123
5.4.3 Differentielle Validität von SRD-Skalen................................ 128
5.4.4 Konstruktvalidität von SRD-Skalen ....................................... 136
5.4.5 Zusammenfassung................................................................... 138
5.4.6 Schlussfolgerungen für Hell-Dunkelfeld-Vergleiche ............. 140
6 Empirische Befunde zur Bewertung von und Umgang mit
Gewalt aus der Opferperspektive................................................ 142
6.1 Korrelate der Gewaltviktimisierung ............................................... 142
XII

6.1.1 Eigenschaften der Situation .................................................... 143


6.1.2 Eigenschaften von Opfern und Tätern .................................... 144
6.1.3 Bekanntschaft von Tätern und Opfern.................................... 149
6.1.4 Mehrfachviktimisierung.......................................................... 152
6.1.5 Räumliche Verteilung der Viktimisierung.............................. 153
6.1.6 Zusammenfassung: Viktimisierung in der MPI Jugendbefragung
1999/2000................................................................................ 155
6.2 Viktimisierungen und Anzeigebereitschaft nach Deliktart............. 156
6.3 Anzeige- und Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaften der
Tatsituation...................................................................................... 159
6.3.1 Deliktart .................................................................................. 160
6.3.2 Deliktschwere.......................................................................... 161
6.3.3 Tatzeit und Tatort.................................................................... 163
6.3.4 Anzahl der Täter ..................................................................... 166
6.4 Anzeige- und Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaften des
Opfers .............................................................................................. 167
6.4.1 Alter des Opfers ...................................................................... 167
6.4.2 Geschlecht des Opfers............................................................. 168
6.4.3 Ethnische Herkunft des Opfers ............................................... 169
6.4.4 Berufsprestige der Eltern des Opfers ...................................... 171
6.4.5 Soziale Benachteiligung der Eltern des Opfers ...................... 172
6.4.6 Soziales Kapital des Opfers .................................................... 174
6.4.7 Vorerfahrungen des Opfers mit delinquentem Verhalten....... 178
6.4.7.1 Eigene Viktimisierung vor dem letzten Delikt.............. 178
6.4.7.2 Anzeigen vor dem letzten Delikt ................................... 179
6.4.7.3 Mitgliedschaft in einer delinquenten Clique ................. 180
6.4.7.4 Delinquentes Verhalten des Opfers ............................... 181
6.4.8 Einstellungen des Opfers ........................................................ 182
6.4.8.1 Ablehnung von Gewalt .................................................. 182
6.4.8.2 Sicherheitsgefühl im Stadtviertel................................... 183
6.5 Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaften des Täters .............. 184
6.5.1 Geschlecht des Täters ............................................................. 184
6.5.2 Ethnische Herkunft des Täters ................................................ 185
6.6 Konfliktlösungsverhalten nach der Täter-Opfer-Beziehung .......... 186
6.6.1 Grad der Bekanntschaft zwischen Tätern und Opfer............. 187
6.6.2 Homoethnische versus heteroethnische Täter-Opfer-
Konstellation ........................................................................... 188
XIII

6.6.3 Gleichgeschlechtliche versus gegengeschlechtliche Täter-Opfer-


Konstellation ........................................................................... 191
6.6.4 Altersverhältnis von Tätern und Opfer ................................... 193
6.7 Multivariate Befunde zur Konfliktbewältigung I: Individuelle und
strukturelle Determinanten.............................................................. 194
6.7.1 Determinanten der Deliktschwereeinschätzung ..................... 196
6.7.2 Determinanten der aktiven Konfliktbewältigung ................... 198
6.8 Zusammenfassung........................................................................... 203
7 Empirische Befunde zum Registrierungsrisiko aus der
Täterperspektive ........................................................................... 206
7.1 Selbstberichtete Delinquenz............................................................ 207
7.2 Basisrisiko des Übergangs vom Dunkelfeld ins Hellfeld ............... 214
7.2.1 Norm- und Verhaltensgeltung bei Gewaltdelikten im Vergleich
zur Opferperspektive............................................................... 214
7.2.2 Norm- und Verhaltensgeltung bei 14 Delikten....................... 217
7.3 Risiken des Übergangs vom Dunkelfeld ins Hellfeld nach
Tätermerkmalen .............................................................................. 227
7.3.1 Registrierungsrisiko nach Geschlecht, ethnischer Herkunft und
Alter ........................................................................................ 227
7.3.2 Registrierungsrisiko nach sozialem Status ............................. 231
7.3.3 Registrierungsrisiko nach dem Freizeitverhalten und
delinquenten Freunden............................................................ 237
7.4 Multivariate Befunde zum Registrierungsrisiko I: Individuelle und
strukturelle Effekte.......................................................................... 243
7.5 Zusammenfassung........................................................................... 256
8 Empirische Befunde zur Hell- Dunkelfeldrelation auf
Aggregatebene ............................................................................... 259
8.1 Sozialräumliche Variation des Konfliktlösungsverhaltens............. 259
8.1.1 Bivariate Befunde ................................................................... 260
8.1.1.1 Urbanität ........................................................................ 260
8.1.1.2 Beobachtete Gewalt im Stadtviertel .............................. 262
8.1.1.3 Normen und Einstellung zur Konfliktregulierung......... 263
8.1.1.4 Soziales Kapital ............................................................. 265
8.1.2 Interaktionseffekte zwischen Raumeigenschaften und
individuellen Eigenschaften.................................................... 267
8.1.2.1 Berufsprestige der Eltern ............................................... 267
8.1.2.2 Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer...................... 268
8.1.2.3 Sozialkapital des Jugendlichen...................................... 271
XIV

8.1.2.4 Täter-Opfer-Ethnie ........................................................ 272


8.1.3 Multivariate Befunde zur Konfliktbewältigung II:
Sozialökologische Determinanten .......................................... 272
8.2 Sozialräumliche Variation des Registrierungsrisikos ..................... 275
8.2.1 Bivariate Befunde ................................................................... 275
8.2.1.1 Kollektive soziale Benachteiligung ............................... 276
8.2.1.2 Urbanität des Wohnviertels ........................................... 277
8.2.1.3 Normen und Einstellungen auf Aggregatebene............. 279
8.2.2 Interaktionseffekt zwischen Raumeigenschaften und
individuellen Eigenschaften.................................................... 282
8.2.3 Multivariate Befunde zum Registrierungsrisiko II:
Sozialökologische Effekte ...................................................... 282
8.3 Übereinstimmungen und Unterschiede von Täter- und
Opferperspektive bei Gewaltdelikten ............................................. 286
8.4 Hell-Dunkelfeldrelation auf Aggregatebene................................... 288
8.4.1 Hell-Dunkelfeldrelation in den drei Erhebungsgebieten ........ 289
8.4.2 Multivariate Regressionen auf der Aggregatebene von
Stadtvierteln ............................................................................ 294
8.5 Zusammenfassung........................................................................... 305
9 Zusammenfassung der Studie und Ausblick .............................. 308
9.1 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse .............................. 308
9.2 Bedeutung der Ergebnisse für die weitere Erforschung der
Jugendkriminalität........................................................................... 313
Literaturverzeichnis................................................................................ 319
XV

Tabellenverzeichnis

Tabelle 5.1: Ausschöpfungsraten der Schulbefragungen (8. bis 10. Klassen)


............................................................................................. 103
Tabelle 5.2: Ausschöpfung der Schulbefragungen (8. bis 10. Klassen) für
Analysen auf Z2-Ebene ...................................................... 104
Tabelle 5.3: Anzahl der Befragten nach Befragungsgebiet und
Fragebogentyp..................................................................... 104
Tabelle 5.4: Ausschöpfungsraten der Bewohnerbefragung ...................... 108
Tabelle 5.5: Zusammenfassung der Items von Nichtanzeigegründen ...... 110
Tabelle 6.1: Opfererlebnisse in Abhängigkeit von der Anzahl der Täter
beim letzten Delikt.............................................................. 143
Tabelle 6.2: Viktimisierungsrisiko nach individueller sozialer
Benachteiligung des Probanden.......................................... 148
Tabelle 6.3: Anteil der Viktimisierungen mit bekanntem Täter an allen
Viktimisierungen nach Urbanitätsgrad des Opferwohnortes
und Vertrautheit mit dem Tatort ......................................... 149
Tabelle 6.4: Anteil der Viktimisierungen mit bekanntem Täter an allen
Viktimisierungen nach Grad der Benachteiligung des
Opferwohnortes und Vertrautheit mit dem Tatort.............. 150
Tabelle 6.5: Zusammenhänge zwischen sozialem Kapital und
Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer an
unterschiedlichen Tatorten.................................................. 151
Tabelle 6.6: Konzentration von Opfererlebnissen: Anzahl und Anteil der
Opfer sowie Anzahl und Anteil der Viktimisierungen....... 152
Tabelle 6.7: Viktimisierungsrisiko nach Pendlerstatus der Befragten...... 154
Tabelle 6.8: Verteilung der Antworten des Items „Hat Polizei davon
erfahren?“............................................................................ 157
Tabelle 6.9: Prävalenz und Inzidenz selbstberichteter Viktimisierung
(SRV) und selbstberichteter Anzeigehäufigkeiten ............. 158
Tabelle 6.10: Konfliktlösungsverhalten nach Deliktart ............................ 160
Tabelle 6.11: Konfliktlösungsverhalten nach Wert des Gegenstandes bei
Raub und Erpressung .......................................................... 161
XVI

Tabelle 6.12: Konfliktlösungsverhalten nach Schwere der Verletzung bei


Köperverletzung und Raub ................................................. 162
Tabelle 6.13: Konfliktlösungsverhalten nach dem Zeitpunkt der
Viktimisierung .................................................................... 163
Tabelle 6.14: Konfliktlösungsverhalten nach dem Tatort......................... 164
Tabelle 6.15: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der Täter ......... 167
Tabelle 6.16: Konfliktlösungsverhalten nach dem Geschlecht des Opfers
............................................................................................. 168
Tabelle 6.17: Konfliktlösungsverhalten nach der ethnischen Herkunft des
Opfers.................................................................................. 170
Tabelle 6.18: Konfliktlösungsverhalten nach sozialer Benachteiligung der
Eltern des Opfers ................................................................ 172
Tabelle 6.19: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der vor dem
letzten Delikt erlittenen Viktimisierungen......................... 179
Tabelle 6.21: Konfliktlösungsverhalten nach der Mitgliedschaft des Opfers
in einer delinquenten Clique ............................................... 181
Tabelle 6.22: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der selbst
begangenen Gewaltdelikte des Opfers................................ 182
Tabelle 6.23: Konfliktlösungsverhalten nach dem Sicherheitsgefühl des
Opfers in der eigenen Wohngegend ................................... 184
Tabelle 6.24: Konfliktlösungsverhalten nach dem Geschlecht des Täters185
Tabelle 6.25: Konfliktlösungsverhalten nach der Herkunft der beteiligten
Täter .................................................................................... 186
Tabelle 6.26: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der Bekanntschaft
zwischen Täter und Opfer................................................... 187
Tabelle 6.27: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der gemeinsamen
ethnischen Herkunft von Opfer und Tätern ........................ 189
Tabelle 6.28: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der gemeinsamen
ethnischen Herkunft von Opfer und Täter(n) ..................... 190
Tabelle 6.29: Konfliktlösungsverhalten nach Gleich-
/Gegengeschlechtlichkeit von Täter und Opfer .................. 192
Tabelle 6.30: Konfliktlösungsverhalten nach dem Altersverhältnis von
Opfer und Täter................................................................... 193
Tabelle 6.31: Multivariate logistische Regression zur Erklärung der
Einschätzung der Deliktschwere (Bagatellisierung)........... 197
Tabelle 6.32: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung der
aktiven Konfliktbewältigung .............................................. 200
XVII

Tabelle 7.1: Prävalenz und Inzidenz selbstberichteter Delinquenz (SRD)


und selbstberichteter Anzeigehäufigkeiten (SRP) -
Täterperspektive.................................................................. 214
Tabelle 7.2: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der ethnischen
Herkunft der Eltern des Täters............................................ 228
Tabelle 7.3: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Alter des Täters 230
Tabelle 7.4: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Berufsprestige der
Eltern des Täters ................................................................. 232
Tabelle 7.5: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der besuchten
Schulart des Täters.............................................................. 233
Tabelle 7.6: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der individuellen
sozialen Benachteiligung der Eltern des Täters.................. 235
Tabelle 7.7: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der
Familiensituation des Täters ............................................... 237
Tabelle 7.8: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Freizeitverhalten
der Täter: Ausprägung der Dimension „Unterhaltung &
Action“................................................................................ 238
Tabelle 7.9: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der Mitgliedschaft
des Täters in einer delinquenten (gewaltbereiten) Clique .. 239
Tabelle 7.10: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der Anzahl von
Freunden des Täters, die bereits mindestens ein Mal
Polizeikontakt hatten........................................................... 240
Tabelle 7.11: Bivariate Korrelationen der Prädiktorvariablen.................. 244
Tabelle 7.12: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des
Registrierungsrisikos aus der Täterperspektive für
Diebstahlsdelikte................................................................. 246
Tabelle 7.13: Registrierungsrisiko von Extremgruppen bei Ladendiebstahl
............................................................................................. 248
Tabelle 7.14: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des
Registrierungsrisikos aus der Täterperspektive für Drogen-
und schwere Diebstahlsdelikte............................................ 252
Tabelle 7.15: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des
Registrierungsrisikos aus der Täterperspektive für
Gewaltdelikte ...................................................................... 255
Tabelle 8.1: Konfliktlösungsverhalten nach Urbanitätsgrad des
Opferwohnortes................................................................... 260
XVIII

Tabelle 8.2: Konfliktlösungsverhalten nach dem Ausmaß der sozialen


Kohäsion/des sozialen Kapitals in der Nachbarschaft des
Opfers.................................................................................. 266
Tabelle 8.3: Aufklärungsquoten nach sozialräumlichem Kontext des
Opferwohnortes................................................................... 270
Tabelle 8.4: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung der
aktiven Konfliktbewältigung nach Urbanitätsgrad............. 274
Tabelle 8.5: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der kollektiven
sozialen Benachteiligung im Wohnviertel des Täters ........ 277
Tabelle 8.6: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Urbanitätsgrad des
Wohnviertels des Täters...................................................... 278
Tabelle 8.7: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Ausmaß des
Sicherheitsgefühls der Stadtviertelbewohner ..................... 279
Tabelle 8.8: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von Normen der
Konfliktregulierung durch die Bewohner........................... 280
Tabelle 8.9: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Ausmaß der
sozialen Kohäsion in der Nachbarschaft............................. 281
Tabelle 8.10: Registrierungsrisiko (in Prozent) in Abhängigkeit vom
Ausmaß der intergenerationalen Geschlossenheit im
Stadtviertel .......................................................................... 281
Tabelle 8.11: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des
Registrierungsrisikos aus der Täterperspektive.................. 284
Tabelle 8.12: Mittelwerte von Hellfeldanteilen selbstberichteter Delinquenz
auf Z2-Ebene für 13-16 jährige Täter ................................. 291
Tabelle 8.13: Bivariate Korrelationen der Prädiktoren mit drei Indikatoren
des Hellfeldanteils von Delinquenz auf Z2-Ebene ............. 300
Tabelle 8.14: Bivariate Interkorrelationen der Prädiktoren auf Z2-Ebene301
Tabelle 8.15: Multivariate Regressionen zur Erklärung des Hellfeldanteils
von Delinquenz deutscher Jungen auf Z2-Ebene .............. 302
Tabelle 8.16: Multivariate Regressionen zur Erklärung des Hellfeldanteils
von Delinquenz deutscher Jungen auf Z2-Ebene ............... 304
XIX

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 4.1: Determinanten des Entdeckungsrisikos von Tätern .......... 78


Abbildung 4.2: Determinanten der Deliktschwereeinschätzung ................ 84
Abbildung 4.3: Determinanten des Anzeigeverhaltens bzw. der Lösung von
Konflikten durch informelle Einigung ............................. 90
Abbildung 4.4: Determinanten der Anzeigerate von (Gewalt-)delikten auf
der Ebene sozialräumlicher Aggregate............................. 98
Abbildung 5.1: Überblick über die in der Arbeit verwendeten Datenquellen
......................................................................................... 102
Abbildung 5.2: Karte mit der Zuordnung der Urbanität Freiburger
Stadtviertel und der Umlandgemeinden auf Z2 Ebene... 114
Abbildung 5.3: Karte mit der Zuordnung der Urbanität Kölner Stadtviertel
auf Z2 Ebene ................................................................... 115
Abbildung 6.1: Prävalenz der Viktimisierung nach ethnischer Herkunft der
Opfer ............................................................................... 146
Abbildung 6.2: Anteil der Opfererlebnisse mit heteroethnischen und
homoethnischen Täter-Opfer Konstellationen bei
deutschen und nichtdeutschen Opfern ............................ 147
Abbildung 6.3: Viktimisierungsrisiko nach Urbanität der Wohngegend und
Aufenthaltshäufigkeit des Opfers ................................... 153
Abbildung 6.4: Viktimisierungsrisiko nach Urbanität und sozialer
Benachteiligung der Wohngegend des Opfers ............... 155
Abbildung 6.5: Interaktionseffekte bei vier Konfliktlösungen zwischen
Tatzeit und Vertrautheit mit dem Tatort......................... 165
Abbildung 6.6: Interaktionseffekte zwischen Opferethnie und sozialer
Benachteiligung .............................................................. 173
Abbildung 6.7: Anzeigeraten nach individuellem Sozialkapital des Opfers
......................................................................................... 175
Abbildung 6.8: Interaktionseffekte bei vier Konfliktlösungen zwischen
Bekanntschaft von Täter und Opfer und individuellem
Sozialkapital.................................................................... 176
Abbildung 7.1: Anzahl der Täter und Anzahl der Taten .......................... 208
XX

Abbildung 7.2: Prävalenzraten der selbstberichteten Delinquenz nach


ethnischer Herkunft der Eltern........................................ 209
Abbildung 7.3: Prävalenzraten der selbstberichteten Delinquenz nach dem
elterlichen Berufsprestige ............................................... 211
Abbildung 7.4: Prävalenzraten der Delinquenz nach sozialer
Benachteiligung der Eltern ............................................. 212
Abbildung 7.5: Prävalenzraten der Delinquenz nach Mitgliedschaft in einer
delinquenten (gewaltbereiten) Clique............................. 213
Abbildung 7.6: Zusammenhang zwischen Sanktionsgeltung und
Verhaltensgeltung bei 14 Items aus der Täterperspektive
......................................................................................... 218
Abbildung 7.7: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung in Abhängigkeit
von der Häufigkeit abweichenden Verhaltens nach
Delikttyp ......................................................................... 221
Abbildung 7.8: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung bei
Diebstahlsdelikten in Abhängigkeit von der Häufigkeit
abweichenden Verhaltens nach Delikttyp ...................... 223
Abbildung 7.9: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung in Abhängigkeit
von einer zusätzlichen Registrierung des Täters ............ 226
Abbildung 7.10: Interaktionseffekte im Registrierungsrisiko zwischen
individueller sozialer Benachteiligung und ethnischer
Herkunft der Eltern des Täters........................................ 236
Abbildung 8.1: Interaktionseffekte zwischen Urbanität und kollektiver
sozialer Benachteiligung in K und FR............................ 261
Abbildung 8.2: Anzeigeraten nach dem Ausmaß des Sicherheitsgefühls der
Bewohner im Stadtviertel des Opfers............................. 263
Abbildung 8.3: Anzeigeraten nach der Bereitschaft der Bewohner im
Stadtviertel des Opfers, Konflikte selbst zu regeln ........ 264
Abbildung 8.4: Anzeigeraten nach der intergenerationalen Geschlossenheit
im Stadtviertel................................................................. 267
Abbildung 8.5: Interaktionseffekte zwischen Berufsprestige und kollektiver
sozialer Benachteiligung................................................. 268
Abbildung 8.6: Interaktionseffekte zwischen Urbanitätsgrad des
Opferwohnortes und Bekanntschaft zwischen Täter und
Opfer ............................................................................... 269
Abbildung 8.7: Interaktionseffekte beim Anzeigeverhalten zwischen
Wohnort des Opfers und individuellem Sozialkapital.... 271
XXI

Abbildung 8.8: Interaktionseffekte beim Registrierungsrisiko zwischen


individueller und kollektiver sozialer Benachteiligung des
Täters............................................................................... 277
Abbildung 8.9: Interaktionseffekte beim Registrierungsrisiko zwischen
Urbanitätsgrad und ethnischer Herkunft des Täters ....... 282
Abbildung 8.10: Hellfeldanteile Kölner Stadtteile auf Z2-Ebene ............ 295
Abbildung 8.11: Hellfeldanteile Freiburger Stadtteile und der
Umlandgemeinden auf Z2-Ebene ................................... 296
Abbildung 8.12: Zusammenhang zwischen Sozialhilferate und
Hellfeldanteil von Delinquenz (OPK) in Köln und
Freiburg/Umland............................................................. 303
1

1 Einleitung

Welche Beziehung besteht zwischen der „Kriminalitätswirklichkeit“, die


Jugendliche als Täter erzeugen und als Opfer erleben einerseits, und den
Angaben in der polizeilichen Kriminalstatistik als Ergebnis der sozialen
„Erzeugung“ von Tätern und Opfern andererseits? Haben jugendliche Täter
mit bestimmten sozialen Merkmalen ein größeres „Risiko“, als Täter den
Behörden bekannt zu werden und welche Merkmale jugendlicher Opfer
bestimmen deren Chancen, ein Opfererlebnis durch eine Anzeige zu bewäl-
tigen? Bereits Popitz (1968: 18) äußert die Vermutung, dass der Geltungs-
charakter einer Norm selbst davon abhängig ist, welche sozialen Eigen-
schaften, insbesondere welchen sozialen Status diejenigen Täter haben, die
von Sanktionen betroffen sind. Geht man davon aus, dass viele soziale
Normen, auch strafrechtlich bewehrte, nur eine geringe Verhaltensgeltung
aufweisen, also von vielen Menschen im Lauf eines Jahres gebrochen wer-
den, so stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien diejenigen „Normbre-
cher“ ausgewählt werden, deren Verhalten zur Verdeutlichung der Norm
sanktioniert wird (Brusten 1971).
Auch in den Anfängen der kriminologischen Forschung wurde nicht ver-
kannt, dass es eine „Kriminalitätswirklichkeit“ jenseits der von der Polizei
erfassten Fälle gibt. Unter dem Einfluss von Quetelet (1835) ging man
jedoch im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts davon aus, dass die Be-
ziehung zwischen Dunkelfeld und den polizeibekannten Taten konstant ist
(Heinz 1990: 11). Demnach wäre das Dunkelfeld für empirische Untersu-
chungen und theoretische Überlegungen irrelevant, da sich dessen Täterpo-
pulation verhältnisgetreu im Hellfeld wieder findet. Dieses Vorurteil hielt
sich, bis in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Paradigmenwechsel
eintrat und in den USA erste empirische Dunkelfeldforschungen durchge-
führt wurden (Short & Nye 1957). Da sich das Dunkelfeld bei den zahlen-
mäßig häufigsten Delikttypen durch unterlassene Anzeigen ergibt, rückte
das Opfer als zentrale Filterinstanz von Kriminalitätsereignissen in den
Vordergrund der Betrachtungen. In mehreren Studien wurde ab Ende der
60er Jahre auch in Deutschland versucht zu erklären, welche Opfer auf eine
Anzeige verzichten, bzw. welche Motive einer Anzeige zugrunde liegen
(Blankenburg 1969; Heinz 1972). Allerdings wurde das Opfer dabei immer
2

noch als eine passive Registrierungsinstanz von Kriminalität verstanden,


deren Unterlassung einer Anzeige als Normabweichung erklärungsbedürf-
tig war (Hanak & Stehr 1991: 900). Erst die Idee von Macnaughton-Smith
(1974: 220) gab neue Impulse: Will man das Anzeigeverhalten der Bevöl-
kerung adäquat verstehen, so muss zunächst untersucht werden, welche
Ereignisse und Situationen von welchen Opfern als anzeigewürdig betrach-
tet werden. Damit war ein Perspektivwechsel des Forschers verbunden:
Alltägliche und weniger alltägliche Handlungen und Konflikte wurden
nicht mehr durch die Brille der Justiz betrachtet, sondern aus der Sichtwei-
se der beteiligten Akteure, die letztlich darüber entscheiden, ob die formel-
le Sozialkontrolle überhaupt Kenntnis von diesen Vorgängen erhält. Diese
Überlegungen wurden von Rosellen (1980) in einem Forschungsprojekt am
Freiburger Max-Planck-Institut weiterverfolgt, dessen Ergebnisse auf-
schlussreich, jedoch nur lückenhaft dokumentiert sind. Ausführliche empi-
rische Ergebnisse berichten dagegen die amerikanische Forschergruppe um
Black (1984) und Baumgartner (1984) sowie die österreichisch-deutsche
Gruppe um Hanak (1984), Pilgram (Hanak & Pilgram 1991) und Stehr
(1988). Potentiell kriminalisierbare Situationen und Ereignisse werden hier
als Alltagsprobleme und Konflikte beschrieben, zu denen sich die beteilig-
ten Akteure verhalten müssen. Neben Merkmalen der Handlungen selbst
haben normative Orientierungen und die sozialstrukturelle Verortung der
Akteure erheblichen Einfluss darauf, ob ein „Alltagserlebnis“ als kriminelle
Handlung definiert wird und ob es darüber hinaus ein Opfer gibt, welches
eine Anzeige als die seinem Erlebnis angemessene Reaktion betrachtet.
Der Übergang vom Dunkelfeld der offiziell nicht bekannt werdenden Ju-
genddelinquenz ins Hellfeld der offiziellen Sozialkontrolle wird vor allem
durch zwei Gruppen von Informanten gespeist (vgl. Abschnitt 2.2). Zum
einen durch Anzeigen der betroffenen Opfer oder deren Angehörigen, zum
anderen durch direkte Beobachtung von Mitgliedern der semiformellen
Sozialkontrolle (z.B. Ladendetektive) und der Polizei. Der Anteil dieser
beiden Arten von Informationsquellen am Gesamtaufkommen der Hell-
feldkriminalität variiert dabei stark nach unterschiedlichen Delikttypen.
Dabei soll unter Dunkelfeldkriminalität in dieser Arbeit verstanden wer-
den: Sämtliche abweichenden Verhaltensweisen (von Jugendlichen), die
potentiell strafbare Delikte darstellen. Die Untersuchung der Hellfeldkri-
minalität beschränkt sich dagegen auf den Anteil der Delikte, die der Poli-
zei bekannt und dort registriert werden. Die weitere Verfolgung der „Hell-
feldkarriere“ eines Verdächtigen durch die Praxis der Staatsanwaltschaft,
3

Gerichte und den Strafvollzug ist nicht Thema dieser Arbeit. Diese Ein-
schränkung ist neben pragmatischen Gründen auch durch die Überlegung
gerechtfertigt, dass Diskriminierung sich am ehesten in einer selektiven
Anzeigepraxis durch die Bevölkerung bzw. einem selektiven Verdacht-
schöpfen durch die Polizei manifestiert.1
Problematisch an vielen der bisherigen Untersuchungen zu Unterschie-
den im Verhältnis von Dunkelfeld- und Hellfelddelinquenz nach sozialen
Merkmalen von Tätern ist, dass häufig ein ergebnisorientiertes Modell zu
Grunde gelegt wird. Zwar können dabei Unterschiede beziehungsweise
Diskriminierung im Übergang vom Dunkelfeld zum Hellfeld empirisch
belegt werden. Allerdings werden die kausalen Mechanismen, die zu diesen
Unterschieden führen, höchstens als post hoc Erklärungen eingeführt und
sind selbst nicht Gegenstand der Untersuchung.2 Ähnlich verfahren auch
die meisten der Studien, die die Selektion von Tatverdächtigen im weiteren
Verlauf der formellen Sozialkontrolle untersuchen, also die Entscheidung
zur Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft und die Aburteilungen
und Verurteilungen durch die Gerichte (Ludwig-Mayerhofer & Niemann
1997).
Erste Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es daher, ein prozessorientier-
tes Modell der Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anzeigeerstattung
zu entwickeln. Dieses soll nicht nur feststellen, dass es zu systematischen
Verzerrungen zwischen Hell- und Dunkelfelddelinquenz kommt, sondern
auch erklären, weshalb diese entstehen und wodurch sie verursacht werden.
Ziel ist es, ein Erklärungsmodell zu entwickeln, welches durch sozialpsy-
chologische, soziale und sozialökologische Faktoren erklärt, weshalb es
überhaupt zu einer Anzeige kommt und aus dem sich daher auch ergibt,
weshalb bestimmte Gruppen jugendlicher Täter einem höheren Risiko der
polizeilichen Registrierung als Tatverdächtige ausgesetzt sind. Es soll er-
kennbar werden, was in der „black box“ geschieht, in jener Zeitspanne, die
zwischen der Tatbegehung und der polizeilichen Registrierung des Täters
verstreicht. Dabei werden zwei Schwerpunkte gelegt. Zum einen sollen

1
Dagegen gibt es gute Gründe für die Annahme, dass die Diskriminierung von Aus-
ländern auf dieser ersten Stufe des Hellfeldes durch nachgeordnete Instanzen und Ver-
fahrensweisen zumindest teilweise wieder ausgeglichen wird (Mansel 1988b; Pfeiffer
u.a. 1998).
2
Beispiele dafür sind die Untersuchungen von Karstedt-Henke & Crasmöller (1991)
und Geißler & Marißen (1988), aber auch Mansel (1988). Eine der wenigen Ausnahmen
ist die qualitative Studie von Mansel (1990).
4

quantitative und qualitative Ergebnisse theoretisch integriert werden. Zum


anderen soll geklärt werden, was die Einbeziehung einer sozialökologi-
schen Betrachtungsweise zur Empirie und Theorie des Anzeigeverhaltens
beitragen kann.
Bevor jedoch dieses Modell in Kapitel 4 dieser Arbeit entwickelt wird,
soll in Kapitel 2 eine systematische Bestandsaufnahme empirischer Befun-
de zum Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko aufzeigen, bei welchen
Tat- und Tätermerkmalen überhaupt mit Diskriminierung bzw. selektiver
Kriminalisierung zu rechnen ist, und wie vor diesem Hintergrund die Aus-
sagen bereits vorhandener Theorein zu bewerten sind. In Kapitel 3 werden
die Theorien vorgestellt, die sich explizit oder implizit mit der Erklärung
von Mechanismen des Übergangs von Tätern zur formellen Soziakontrolle
beschäftigen.
In Kapitel 5 werden zunächst die der Studie zugrunde liegenden Daten
vorgestellt. Diese wurden gemeinschaftlich von den Mitarbeitern des am
Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht ange-
siedelten Projektes „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialöko-
logischen Kontext“ erhoben bzw. zusammengetragen.3 Es stehen Daten auf
zwei Aggregatebenen zur Verfügung, die aus unterschiedlichen Quellen
gewonnen wurden. Zentral für die hier vorliegende Untersuchung sind
Angaben aus einer schriftlichen Schülerbefragung zu selbstberichteter De-
linquenz und selbstberichteter Viktimisierung, die in Freiburg und Köln
(jeweils 1999) sowie in Gemeinden des Freiburger Umlandes (2000)
durchgeführt wurden. Daneben wurden in einer Bewohnerbefragung Stich-
proben von Erwachsenen derjenigen Stadtviertel und Gemeinden befragt,
die durch die Schülerbefragung ausreichend abgedeckt waren. Des Weite-
ren stehen auf der Ebene von Stadtvierteln amtliche statistische Daten zur
Bevölkerungsstruktur und sozialen Benachteiligung zur Verfügung. Abge-
rundet wird der Datenpool schließlich durch Angaben zu polizeilichen
Registrierungen Jugendlicher, die ebenfalls auf Stadtviertelebene zur Ver-
fügung stehen. Beim Gegenüberstellen von Dunkelfelddaten (die in der
Regel durch Selbstauskünfte von Tätern und/oder Opfern gewonnen wer-
den) und Hellfeldregistrierungen tritt das Problem auf, dass beide Quellen
mit unterschiedlichen Messfehlern behaftet sind. Polizeiliche Register kön-
nen aufgrund von Überlastung oder „Schlampigkeit“ der Bearbeiter unvoll-

3
Das Projekt stand unter der Leitung von Dr. Dietrich Oberwittler und wurde aus
Mitteln der DFG gefördert (Ob 134/3-1 und -2).
5

ständig sein. Bei Selbstauskünften über das eigene delinquente Verhalten


ist dagegen zunächst einmal Misstrauen gegenüber der Ehrlichkeit der
Probanden angebracht. Welchen Grund sollte ein Jugendlicher haben, der
ein schweres, bisher nicht entdecktes Delikt begangen hat, dieses in einer
Befragung anzugeben? Während also einerseits davon ausgegangen werden
kann, dass viele Jugendliche ihre tatsächlich begangenen Delikte ver-
schweigen, gibt es andererseits Befürchtungen, dass eher harmlose Jugend-
liche Taten erfinden oder aufplustern, um anzugeben. Die zweite Aufgabe
der Arbeit umfasst daher im vierten Abschnitt von Kapitel 5 eine ausführli-
che Diskussion der Validität von Dunkelfelddaten auf Individualebene.
Diese erfolgt zum einen anhand bisheriger Forschungsresultate, zum ande-
ren aufgrund eigener empirischer Ergebnisse aus einem Abgleich von
selbstberichteten und offiziellen Polizeiregistrierungen.
Dritte und umfangreichste Aufgabe der Arbeit schließlich ist die empiri-
sche Prüfung der Hypothesen zum Anzeigeverhalten und Registrierungsri-
siko auf Individual- und Aggregatebene. In Kapitel 6 werden aus der Op-
ferperspektive einzelne Aspekte der prozessorientierten Betrachtung des
Anzeigeverhaltens und der Wahl von Alternativen zu einer formellen Re-
gulierung von Opfererfahrungen zunächst in bivariaten Analysen unter-
sucht. Die Erkenntnisse werden mit den bisher vorliegenden empirischen
Befunden verglichen und anschließend in einem multivariaten logistischen
Regressionsmodell der Einfluss von Merkmalen der Tatsituation, des Op-
fers sowie der Täter-Opfer-Relation auf die Bewertung des Deliktes durch
das Opfer ermittelt. Weitere logistische Modelle sollen klären, in welchen
Fällen sich das Opfer zu einer Anzeige entscheidet und in welchen eine
informelle Konfliktregulierung mit dem Täter gefunden werden kann.
Im siebten Kapitel findet ein Wechsel der Perspektive statt. Hier werden
nicht mehr die Angaben der Jugendlichen zu ihren Opfererlebnissen und
wie diese bewältigt wurden, betrachtet. Vielmehr werden die Angaben der
Schüler zu den von ihnen begangenen Delikten und den Polizeikontakten,
die sie in diesem Zusammenhang hatten, analysiert. Aufgrund der Frage-
stellung im Erhebungsinstrument und der Ergebnisse der Validitätsuntersu-
chung können nicht alle dieser selbstberichteten Polizeikontakte als forma-
le Anzeige des Täters interpretiert werden. Dennoch kann das Verhältnis
der selbstberichteten Polizeikontakte zu den selbstberichteten Delikten als
Risiko des Jugendlichen, polizeilich auffällig zu werden, aufgefasst wer-
den. Dabei können die Prozesse, die zu einem solchen Polizeikontakt füh-
ren, nicht mehr direkt analysiert, sondern nur noch indirekt erschlossen
6

werden. Es werden eine Reihe von Analysen durchgeführt, die Aspekte des
Basisrisikos einer polizeilichen Registrierung untersuchen, wie die Art,
Schwere und Anzahl der Delikte sowie die vorherige polizeiliche Registrie-
rung eines Täters. Im weiteren Verlauf des Kapitels werden Aspekte des
relativen Risikos untersucht, die sich (in Ermangelung von Angaben über
das Opfer) auf Merkmale des Täters beschränken.
Mit Kapitel 8 werden die empirischen Analysen abgeschlossen. In die-
sem Kapitel werden Oper- und Täterperspektive zusammengeführt. Dabei
werden zunächst nochmals getrennt für Opfer- und Täterperspektive Ein-
flüsse des sozialen Kontextes der Jugendlichen auf deren Anzeigeverhalten
und Registrierungsrisiko analysiert. Ferner werden Interaktionseffekte
zwischen Individualeigenschaften und Kontexteigenschaften betrachtet.
Aufgrund der sehr geringen Fallzahlen von Jugendlichen, die eine Anzeige
erstatten bzw. einen Polizeikontakt angeben, können Analysen auf klein-
räumigen Einheiten des sozialen Kontextes wie Stadtvierteln und Gemein-
den nicht durchgeführt werden, statt dessen beschränkt sich die Untersu-
chung auf Unterschiede zwischen den Kontexten von Stadt, Vorstadt und
Land sowie zwischen Gebieten mit einem hohen Anteil sozial benachteilig-
ter Bewohner gegenüber solchen mit einem geringen Anteil. Im dritten
Abschnitt dieses Kapitels werden schließlich Analysen auf der Aggregat-
ebene von Stadtvierteln durchgeführt. Ziel ist es zum einen, die Angaben
der selbstberichteten Polizeikontakte mit denjenigen der offiziell registrier-
ten Delinquenz auf Aggregatebene zu validieren. Schließlich wird ein Reg-
ressionsmodell formuliert, mit dem auf der Ebene von Stadtvierteln der
Hellfeldanteil der Delinquenz erklärt werden kann.
Als letztes Kapitel enthält die Zusammenfassung der Arbeit neben einem
Fazit des Erreichten Vorschläge für weitere Forschungsarbeiten, die nach
den gewonnenen Erkenntnissen viel versprechend erscheinen.
7

2 Empirische Befunde zu Determinanten des Anzeige-


verhaltens

In diesem Kapitel werde ich einen Überblick geben über bisherige Befunde
zu Determinanten des Anzeigeverhaltens. Diese Befunde wurden aus einer
Vielzahl aus- und inländischer Studien zusammengetragen, die jeweils bei
ihrer ersten Nennung knapp vorgestellt werden. In den meisten Fällen sind
diese Studien sehr empiristisch orientiert, d.h. es werden zwar Zusammen-
hänge berichtet, diese jedoch weder systematisiert noch in den Kontext
theoretischer Erklärungsansätze gestellt. Die Determinanten wurden daher
zunächst wie folgt systematisiert. Zuerst werden Einflüsse von Eigenschaf-
ten der Deliktsituation dargestellt. Es folgen Eigenschaften des Opfers,
Eigenschaften des Täters, sowie schließlich Eigenschaften der Relation
zwischen Täter und Opfer. Wenn in den folgenden Abschnitten auch empi-
rische Ergebnisse insbesondere aus dem englischsprachigen Ausland be-
richtet werden, so sind diese jedoch immer mit Vorsicht zu betrachten, da
nicht ausgeschlossen werden kann, dass Merkmale wie beispielsweise die
ethnische Herkunft von Täter oder Opfer in unterschiedlichen kulturellen
Kontexten die gleiche Bedeutung haben. Zudem sind viele der dargestellten
Ergebnisse durch Opferbefragungen gewonnen worden, die im besten Fall
auf einem repräsentativen Sample der Bevölkerung, häufig jedoch der er-
wachsenen Bevölkerung beruhen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass
sich das Anzeigeverhalten mit zunehmendem Alter der Opfer ändert (vgl.
Abschnitt 2.3.1.1). Da sich außerdem mit veränderten Lebenslagen auf-
grund des Übergangs ins Arbeitsleben auch die typische Deliktstruktur bei
Viktimisierungen ändert, kann man auch nicht von einer problemlosen
Übertragbarkeit von Determinanten der Anzeigebereitschaft von Bevölke-
rungsbefragungen auf Jugendbefragungen ausgehen.

2.1 Anzeigeverhalten nach Eigenschaften und Umständen der


Deliktsituation
Unter „Eigenschaften und Umständen“ der Deliktsituation werden im Fol-
genden eine Reihe von Variablen zusammengefasst, die sich mit dem De-
8

likt inhärenten Eigenschaften wie der Art des Deliktes sowie dem Ausmaß
des entstandenen Schadens beschäftigen. Bereits Popitz (1968) weist darauf
hin, dass unterschiedliche Delikte eine unterschiedliche Anzeigerate auf-
weisen. Diese Beobachtung wurde in zahlreichen Untersuchungen bestä-
tigt. Die Deliktart kann in mehrfacher Hinsicht Einfluss auf das Anzeige-
verhalten nehmen. So variiert mit dem Typ eines Deliktes zugleich auch
dessen Schwere. Allerdings ist es schwierig, Skalen zu bilden, die intersub-
jektiv und interkulturell valide sind und die unterschiedliche Delikttypen
auf einer metrischen Skala abbilden (Heinz 1972: 84; Walter & Fischer
1991).4 Ähnliche Delikte können daher von verschiedenen Opfern unter-
schiedlich schwer beurteilt werden. Schließlich bedingen auch rechtliche
Rahmenbedingungen das Anzeigeverhalten der Opfer. Dies ist immer dann
der Fall, wenn Versicherungsbestimmungen eine Anzeige zur Vorausset-
zung von Schadensersatzleistungen machen und wenn Kaufhäuser eine
Politik des „jeder erwischte Dieb wird angezeigt“ verfolgen. Unter den
Umständen der Deliktsituation werden Faktoren wie Ort und Zeitpunkt der
Tatbegehung subsumiert, die jedoch nur selten in den Studien analysiert
werden.
Vor allem in sozialpsychologisch orientierten Untersuchungen wurde
darüber hinaus auch der Einfluss von Zeugen auf den Anzeigeprozess un-
tersucht (Greenberg u.a. 1982). Die Befunde dazu werden jedoch nicht
weiter ausgeführt, da der Einfluss von Zeugen mit den vorhandenen Daten
nicht untersucht werden kann. Wichtig ist im Zusammenhang der vorlie-
genden Arbeit jedoch eine Beobachtung von Busch u.a. (1990: 57). Diesen
fiel auf, dass Gewaltdelikte gegen Personen, die sich innerhalb öffentlicher
Institutionen wie Schulen und Krankenhäusern, aber auch in privaten Be-
trieben abspielten, nur in wenigen Fällen von Vertretern dieser Institutio-
nen zur Anzeige gebracht wurden. Dies interpretieren sie als Anzeichen
dafür, dass in diesen Institutionen informelle Formen der Konfliktregulie-
rung bevorzugt werden. Interviews mit Lehrern ergaben weiterhin, dass
diese aufgrund ihres pädagogischen Selbstverständnisses in der Regel ver-
meiden, die Polizei hinzuzuziehen. Darüber hinaus haben Jugendliche bei
Konflikten in der Schule explizit die Möglichkeit, Lehrer als semiformelle
Beschwerdeinstanz beizuziehen, was häufig eine Anzeige erübrigt (Busch
& Werkentin 1992: 78).

4
Einen Versuch dazu stellt die Skala von Wolfgang & Sellin (1964) dar (vgl. Fußno-
te 9).
9

Auch der Gebrauch von Waffen bei Gewaltdelikten beeinflusst das An-
zeigeverhalten. Neuere Befunde hierzu finden sich bei Eisner u.a. (2000:
52) sowie Shah & Pease (1992: 196). Detaillierte Befunde für die USA
finden sich bei Green (1981: 125). Der Gebrauch von Waffen, insbesonde-
re von Schusswaffen, spielt jedoch in Deutschland im Vergleich zu US-
amerikanischen Untersuchungen sicherlich eine geringere Rolle. In der
MPI Schülerbefragung 1999/2000, deren Daten für die eigenen empiri-
schen Analysen herangezogen werden, wurden jedoch weder Täter noch
Opfer nach dem Gebrauch von Hieb- und Stichwaffen gefragt, so dass der
Einfluss eines eventuellen Waffeneinsatzes nicht weiter untersucht werden
kann.

2.1.1 Art des erlittenen Deliktes


Pfeiffer u.a. (1998: 66) stellten in der KFN-Schülerbefragung für Jugendli-
che zwischen 14 und 18 Jahren große Unterschiede in der Anzeigerate nach
Deliktart fest. Während 23,7% aller Fälle von Raub und 16,7% der erlitte-
nen Erpressungen angezeigt wurden, wurden Fälle von schwerer Körper-
verletzung nur zu 8,3% und von Körperverletzungen mit Waffe zu 13,5%
angezeigt. Befragt man die Opfer detailliert nach dem letzten Delikt, so
steigt die Anzeigehäufigkeit um nahezu das doppelte an; an der Rangfolge
zwischen den einzelnen Delikten verändert sich jedoch nichts. In der Züri-
cher Schülerbefragung von Eisner u.a. (2000: 52) fanden sich ebenfalls die
höchsten Anzeigeraten für Raubdelikte (26,4%). Erpressungen wurden
dagegen nur zu 3,7% angezeigt, ebenso Körperverletzungen ohne Waffen
und Körperverletzungen mit Waffen nur von 6,1% der Opfer.
Im Rahmen des DFG-Projektes „Konfliktregulierung bei Straftaten“
wurden von Mansel & Albrecht (2003) Daten an einer repräsentativen
Stichprobe erwachsener Bundesbürger erhoben. Nach den Angaben der
Opfer wurden Eigentumsdelikte erheblich häufiger zur Anzeige gebracht
als Gewaltdelikte. So wurden Wohnungseinbrüche in 87% aller Fälle ange-
zeigt, Raub zu 73,7% und Diebstahl zu 56%. Körperverletzungen wurden
nur in 38,7% der Fälle angezeigt und Bedrohungen nur zu 16,2% (Mansel
& Albrecht 2003: 352). Heinz (1997: 121) berichtet im Rahmen des Be-
gleitforschungsprojektes „Kommunale Kriminalprävention in Baden-
Württemberg“ für die Gemeinden Ravensburg/Weingarten die höchsten
Anzeigeraten für den Diebstahl von Pkws und Motorrädern (100%). Fahr-
raddiebstähle und Diebstähle aus Pkws wurden noch zu über 50% ange-
10

zeigt, Wohnungseinbrüche noch von knapp der Hälfte der Befragten.


Grundlage war eine postalische Befragung einer repräsentativen Stichprobe
der Einwohner.
Mayhew (1993: 150) berichtet in einer Analyse des British Crime Survey
(BCS) die höchsten Anzeigeraten (unabhängig vom Alter der Opfer) für
Autodiebstahl (95%), Wohnungseinbruch (63%) und Fahrraddiebstahl
(62%). Dies sind Delikte, die am häufigsten von Versicherungen der Opfer
gedeckt sind und außerdem meist mit hohen finanziellen Verlusten einher-
gehen. Sachbeschädigung (24%) und Diebstahl (34%) weisen dagegen sehr
geringe Anzeigeraten auf, während von Gewaltdelikten wie Raub (44%)
und Körperverletzung (43%) immerhin fast die Hälfte der Fälle angezeigt
wurden. Im National Crime Victimization Survey (NCVS), einer jährlich
durchgeführten Opferbefragung in den USA, zeigten die 12-19 Jährigen in
den Jahren 1995 und 2000 Raubdelikte zu 35% an und Körperverletzungen
zu 28% (1995) bzw. 35% (2000). Dagegen wurden Einbrüche zu 50,7%
angezeigt und vollendete Kfz-Diebstähle sogar zu 90,7% (US Department
of Justice 2000: Table 91; letztere Angaben beziehen sich auf alle Befrag-
ten). Über alle Delikte betrachtet ergeben sich jedoch höhere Anzeigeraten
für Gewalt- als für Eigentumsdelikte.
Die Ergebnisse lassen auch für Jugendliche aus der Opferperspektive
höhere Anzeigeraten für Raubdelikte, bzw. allgemein für Delikte mit
schweren Vermögensschäden erwarten, als für Körperverletzungsdelikte.
Allerdings kann daraus noch keine Aussage für das Registrierungsrisiko
aus der Täterperspektive abgeleitet werden, da insbesondere bei Eigen-
tumsdelikten die Aufklärungsraten eher gering sind.

2.1.2 Schwere des Schadens beim Opfer


Mansel & Albrecht (2003: 353) zeigen auf, dass die Anzeigeneigung bei
Delikten mit Vermögensschäden mit der Schadenhöhe zunimmt. Während
bei Schäden unter 50 DM nur 32,5% der Opfer Anzeige erstatteten, stieg
dieser Anteil auf 79% bei Schäden zwischen 500 und 1000 DM, um für
noch höhere Schäden nur noch geringfügig zuzunehmen. Auch bei Gewalt-
delikte bestimmt das Ausmaß der Beeinträchtigung der Gesundheit die
Anzeigeneigung der Opfer. Während nur 36,6% der Befragten, die mit dem
Schrecken davon kamen Anzeige erstatteten, stieg dieser Anteil auf 62,9%
bei denjenigen, die sich in ärztliche Behandlung begeben mussten. Opfer
die infolge der Viktimisierung krankgeschrieben werden mussten oder
11

einen Krankenhausaufenthalt verordnet bekamen, zeigten mit 65,1% am


meisten Fälle an. In ihrer Vergleichsstudie der Viktimisierung in den alten
und neuen Bundesländern analysierten Kury u.a. (1999) das Anzeigever-
halten mittels multivariater logistischer Regressionen. Dabei zeigte sich,
dass sowohl bei Diebstahls- als auch bei Körperverletzungsdelikten aus-
schließlich die Schwere des erlittenen Schadens die Anzeige determinierte.
Auch bei Raubdelikten war außer dem Wert des geraubten Gutes nur das
Alter des Opfers ein signifikanter Prädiktor für die Anzeige (Kury u.a.
1999: 144). Schwind u.a. (1989: 261) fanden in der Bochum II Opferstudie
eine mit der Schadenshöhe bei Diebstählen stark ansteigende Anzeigenei-
gung. Wurden Delikte mit einer Schadenssumme unter 25 DM nur von
14,3% der Opfer angezeigt, so stieg dieser Anteil auf über 67,2% bei Scha-
denssummen zwischen 100 und 1000 DM und auf eine Anzeigequote von
92,6% bei Schäden über 1000 DM. Killias & Berruex (1999) schließlich
fanden in multiplen logistischen Regressionen signifikante Einflüsse auf
die Anzeigebereitschaft des Opfers durch die Schadenshöhe bei Eigen-
tumsdelikten und die Schwere der Tatfolgen bei Gewaltdelikten. Grundlage
der Untersuchung war ein Viktimisierungssurvey von Schweizer Bürgern,
die telefonisch befragt wurden.
In einer grundlegenden Studie unterscheidet Skogan (1976: 544) vier
Dimensionen des Schadens beim Opfer, die sich als Eigenschaften des
Deliktes verstehen lassen: Den Wert eines gestohlenen oder zerstörten
Gegenstandes, das Ausmaß einer Verletzung des Opfers, den Gebrauch
einer Waffe, mit der eine Todesdrohung einhergeht und schließlich das
Ausmaß, in dem der Täter in die Privatsphäre des Opfers eindringt. Er fin-
det deutliche Unterschiede; bei Diebstahlsdelikten nach dem Wert eines
gestohlenen Gegenstandes und bei Raubdelikten nach dem Ausmaß der
ausgeübten Gewalt. Während bei unbewaffneten erfolglosen Raubdelikten
nur 22,6% der Opfer Anzeige erstatteten, zeigten 71,6% der Opfer von
bewaffneten, „erfolgreichen“ Rauberlebnissen mit schweren Körperverlet-
zungen den Täter an. In ähnlicher Weise wurden nur 6,6% der Taten ange-
zeigt, bei denen dem Opfer weniger als 10$ gestohlen wurden, während
72,8% der Taten mit einem Verlust von über 1000$ der Polizei gemeldet
wurden.
Gegen eine solche absolute Betrachtung der Schadenshöhe lässt sich ein-
wenden, dass vielmehr der subjektive Wertverlust bzw. die subjektive
Schadensempfindung das Anzeigeverhalten erklären sollte (Kilchling
1995). Während gut verdienende Mittelschichtangehörige auch einen höhe-
12

ren materiellen Verlust problemlos kompensieren können, kann dies für


weniger Verdienende durchaus ein ernstes Problem sein. Eine Analyse-
möglichkeit könnte daher darin bestehen, den erlittenen Verlust am Ein-
kommen des Opfers zu relativieren. Empirische Befunde dazu liegen je-
doch bisher nicht vor. Eine andere Möglichkeit ist, die Opfer direkt nach
der subjektiv empfundenen Schwere des Schadens zu befragen. Schwind
u.a. (2001: 189) berichten bei Diebstahlsdelikten eine Korrelation von
r=0,32 zwischen der subjektiven Deliktschwereeinschätzung5 und der An-
zeigebereitschaft. Bei Köperverletzungen war dieser Zusammenhang mit
r=0,49 sogar noch stärker. Verglichen mit einer objektiven Skala der De-
liktschwere war der Zusammenhang zwischen subjektiver Deliktschwere-
einschätzung und Anzeigeneigung geringer, während bei Körperverlet-
zungsdelikten überhaupt kein Zusammenhang zwischen objektiver Delikt-
schwere und Anzeigeneigung bestand (Schwind u.a. 2001: 190). Während
also bei Diebstahlsdelikten eher die tatsächliche Schadenshöhe und weni-
ger der empfundene Verlust über eine Anzeige entscheidet, determiniert bei
Körperverletzungen nur der subjektive Eindruck der Deliktschwere den
Gang zur Polizei. Darüber hinaus konnten die Autoren in einer multiplen
Regression zeigen, dass die subjektive Schwereeinschätzung bei Diebstahl
wesentlich von der objektiven Höhe der Schadenssumme determiniert wird
(Schwind u.a. 2001: 192).
Im multivariaten logistischen Modell von Mansel u.a. (2001: 297) hatte
dagegen die Schadenshöhe (körperlich und materiell) keinen signifikanten
Einfluss mehr auf die Anzeigeneigung, einzig die „persönliche Bedeutung“
des erlittenen Schadens blieb ein aussagefähiger Prädiktor. Allerdings ist es
meines Erachtens plausibel anzunehmen, dass die Einschätzung der persön-
lichen Bedeutung des Schadens auch in dieser Studie erheblich von der
materiellen und physischen Schadenshöhe determiniert wird. Dagegen
zeigte sich in den bivariaten Analysen von Green (1981), dass vor allem
objektive Schadensgrößen das Anzeigeverhalten determinieren. Die subjek-
tive Einschätzung der Deliktschwere beeinflusste nur bei Diebstahlsdelik-
ten die Entscheidung über eine Anzeige, während bei Gewaltdelikten kein
Zusammenhang nachweisbar war.
Die Schwere des Schadens kann demnach als Basiswahrscheinlichkeit
der Anzeige betrachtet werden. Unabhängig von allen anderen Faktoren ist

5
Die Einschätzung der Deliktschwere wurde auf einer vierstufigen Skala von „über-
haupt nicht schwer“ bis „sehr schwer“ gemessen.
13

davon auszugehen, dass auch Jugendliche um so eher zu einer Anzeige,


mindestens jedoch zu einer aktiven Anstrengung um Schadensersatz bereit
sind, je schwerer der durch das Delikt zugefügte Verlust wiegt. Weiterhin
sind die Befunde zum Zusammenhang zwischen Reaktion des Opfers ei-
nerseits und der subjektiven und objektiven Verlusthöhe andererseits nicht
eindeutig. Ursache dafür könnte sein, dass bei Eigentumsdelikten eine ob-
jektive Verlustgröße häufig leicht operationalisierbar ist, während dies bei
Verletzungen bzw. Gewaltdelikten allgemein eher schwierig ist, insbeson-
dere dann, wenn bei Delikten wie Nötigung oder Erpressung zum objekti-
ven Verlust subjektive, psychische Verluste wie Angst hinzukommen. Bei
Gewaltdelikten kann daher zwischen objektivem und subjektiv empfunde-
nem Schaden analytisch nur schwer getrennt werden.

2.1.3 Ort der Tat


Für Diebstahls- und Einbruchsdelikte stellt Skogan (1976: 545) fest, dass
35% der Taten angezeigt werden, die im eigenen Haus oder in dessen un-
mittelbarer Umgebung geschehen, dagegen nur 20,3% der Delikte, die
Opfer an anderen Orten erleben. Er interpretiert dies als Ausdruck dafür,
dass Opfer den Eingriff in die Persönlichkeitssphäre im eigenen Heim am
schwerwiegendsten beurteilen. Auch Green (1981: 69) konnte in einer
Reanalyse von Daten der US-amerikanischen Opferstudie National Crime
Survey 1977 (NCS) zeigen, dass persönliche Viktimisierungen, die zu Hau-
se stattfinden, häufiger angezeigt werden als solche, die woanders erlebt
wurden.6 Unter Kontrolle der Deliktschwere trat dieser Unterschied bei
Taten des höchsten Schweregerades allerdings nicht mehr auf. Allerdings
kontrollierte Green nicht, ob die zu Hause viktimisierten Opfer den Täter
auch jeweils kannten. Aus diesem Ergebnis kann daher nicht gefolgert
werden, dass bekannte Täter ein höheres Anzeigerisiko tragen.

2.1.4 Zeit der Tat


In der Studie von Green (1981: 69) findet sich als einziger auch eine detail-
lierte Untersuchung des Anzeigeverhaltens im Hinblick auf die Tatzeit.

6
Persönliche Viktimisierungen umfassen alle Delikte gegen Personen, also Gewalt-
delikte einschließlich Raub und Vergewaltigung sowie Eigentumsdelikte wie Diebstahl,
Einbruch und Pkw-Diebstahl (Green 1981: 63).
14

Dabei konnte er einen Interaktionseffekt von Tatort- und Zeit feststellen.


Während bei häuslichen Viktimisierungen der Zeitpunkt der Tat keinen
Einfluss auf die Häufigkeit einer Anzeige hatte, wurden Taten außerhalb
des Hauses häufiger angezeigt, wenn sie zwischen 6 Uhr abends und 6 Uhr
morgens erlitten wurden, als wenn die Viktimisierung tagsüber stattfand.

2.1.5 Anzahl der Täter


In der bereits erwähnten Studie von Shah & Pease (1992: 197) wird gene-
rell eine höhere Anzeigeneigung von Opfern berichtet, die sich mehreren
Tätern gegenüber sahen. Insbesondere bei Gewaltdelikten, die zu einer
Verletzung des Opfers führten, haben nichtweiße Gruppentäter darüber
hinaus ein erheblich höheres Anzeigerisiko als weiße Gruppentäter.
Gottfredson & Hindelang (1979: 13) finden nur bei mittleren und schweren
Delikten einen Einfluss der Täteranzahl (einer versus mehrere) auf das
Anzeigeverhalten. Während bei diesen Delikten Tätergruppen mit einem
höheren Anzeigerisiko rechnen müssen, trat der Effekt bei leichten und
sehr schweren Delikten nicht auf.
Insgesamt kann man also davon ausgehen, dass Täter ein höheres Anzei-
gerisiko tragen, wenn sie ihre Delikte in Gruppen begehen, als Einzeltäter.

2.1.6 Institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen


Bei Vermögensschäden, die durch Einbruch, Autoaufbruch oder Laden-
diebstahl entstehen, liegen häufig rechtliche Rahmenbedingungen vor, die
dem Geschädigten keine Wahl zwischen Anzeige oder Nichtanzeige lassen.
So verfolgen die meisten größeren Kaufhäuser mittlerweile jeden ertappten
Ladendieb mit rechtlichen Schritten, eine Taktik, die in Einzelfällen sogar
von Verkehrsbetrieben gegenüber Schwarzfahrern angewandt wird (Steu-
ernagel 2002). Auch Versicherungsbestimmungen können ähnlich wirken,
wenn auch die Anzeige hier nicht wie beim Ladendiebstahl gleich einen
Tatverdächtigen mitliefert, sondern eher den Charakter einer Schadensmel-
dung hat.
So konnten Schwind u.a. (1989: 260) zeigen, dass gegen Diebstahl versi-
cherte Opfer erheblich stärker dazu neigen ein Diebstahlsdelikt anzuzeigen
(76%) als nicht versicherte Opfer (28%; p<0,001). In einer Analyse der
subjektiv wahrgenommenen Anzeigemotive bei Diebstahlsopfern gaben
58,4% der versicherten Opfer an, „die Anzeige [wäre] notwendig, um
15

Schadensersatz von der Versicherung zu erhalten“. Dieses Motiv ist damit


das in dieser Gruppe bei weitem am häufigsten angegebene. Dagegen ga-
ben 50% der nicht versicherten Opfer an, Anzeige erstattet zu haben, „um
das […] Gut zurückzuerhalten/um Schadensersatz vom Täter zu erhalten“
(Schwind u.a. 1989: 255). In der Replikation der Bochumer Opferstudie
meldeten sogar 89,9% derjenigen Diebstahlsopfer, die eine Versiche-
rungsmeldung machten, das Delikt der Polizei. Dagegen zeigten nur 17,9%
derjenigen, die keine Versicherung in Anspruch nahmen, das Delikt an
(Schwind u.a. 2001: 187). Über den Vergleichszeitraum der drei Studien
(Bochum I bis III) von 25 Jahren ist damit eine deutliche Zunahme der
Anzeigebereitschaft von Eigentumsdelikten bei versicherten Opfern aus-
zumachen, während die Anzeigebereitschaft bei nicht versicherten Opfern
eher rückläufig ist (Schwind u.a. 2001: 188).

2.2 Eigenschaften und Einstellungen des Opfers


Da in vorliegender Arbeit der Umgang mit Viktimisierungen durch indivi-
duelle Opfer, die selbst noch Jugendliche sind, im Vordergrund steht, wird
an dieser Stelle nicht näher auf die Verarbeitung von Viktimisierungen
durch Kollektive wie Unternehmen, Behörden, Kommunen eingegangen.
Einen ersten Überblick über eine Reihe von organisationsabhängigen De-
terminanten des Anzeigevorgangs bei Ladendiebstählen bietet die mittler-
weile schon recht alte Studie von Minger (1974). Ansonsten scheint jedoch
von solchen kollektiven Akteuren nur bei konkreten Hinweisen auf einen
Tatverdächtigen eine Anzeige erstattet zu werden (Busch u.a. 1990: 54).
Auch Determinanten der Anzeigeerstattung, die ausschließlich bei erwach-
senen Opfern auftreten können - wie beispielsweise Einkommen oder Fa-
milienstand - werden hier nicht betrachtet. Eine ausführliche Analyse die-
ser Faktoren findet sich bei Green (1981).

2.2.1 Die Filterwirkung des Opfers bei der Anzeige


Das Opfer ist der wichtigste Filter bei der Anzeige von Delikten, sofern es
sich nicht wie bei Drogendelikten um „opferlose“ Delikte handelt (Rosellen
1980: 801). Da dies die Grundannahme der vorliegenden Arbeit ist, sollen
an dieser Stelle nochmals die empirischen Befunde dafür betrachtet wer-
den. Alle Untersuchungen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, kommen
zu dem Ergebnis, dass in der Mehrzahl aller Anzeigen die Initiative vom
16

Opfer ausging. So berichtet Mayhew (1993: 150) in einer Analyse des Bri-
tish Crime Survey, dass in 55% der Viktimisierungen über alle abgefragten
Delikttypen die Anzeige vom Opfer ausging und bei 39% von anderen
Personen, die die Interessen des Opfers wahrnahmen (Freunde, Angehöri-
ge). Das bedeutet, dass in 94% aller Fälle die Polizei direkt oder indirekt
durch das Opfer von der Tat erfährt. Nur in 3% der Fälle wird eine Anzeige
durch die Polizei selbst vorgenommen und in weiteren 3% der Fälle kommt
es aufgrund von Meldungen Dritter zur Anzeige.
Eine direkte Anzeige aufgrund eines Einsatzes der Polizei ist dabei nur
bei Körperverletzungen (10%) und Sachbeschädigungen (6%) nennens-
wert, bei allen anderen Delikten liegt dieser Anteil unter 3%.7 Ähnlich
verhält es sich bei den Anzeigen von Seiten Unbeteiligter, die nur bei Kör-
perverletzung (8%) und Autodiebstahl (5%) den durchschnittlichen Anteil
von 3% übersteigen.8 Damit sind Körperverletzungen, die sich zu einem
großen Anteil in öffentlichen Räumen abspielen, bei denen potentielle
Zeugen eingreifen können, zu einem höheren Anteil der Entscheidung des
Opfers über eine Anzeige entzogen als andere Delikte. Auch die direkte
Frage, ob man als Zeuge bereits Delikte bei der Polizei anzeigte, ergab
nach Mayhew (1993: 153) nur geringe Raten. So gaben zwar 19% der Be-
fragten an, innerhalb von 5 Jahren eine ernsthafte Körperverletzung beo-
bachtet zu haben, aber nur 8% dieser Zeugen machte eine Meldung darüber
an die Polizei. Dagegen gaben von den 3% der Befragten, die einen Auto-
aufbruch beobachteten, immerhin 29% an, diesen auch der Polizei gemel-
det zu haben. Auch in der Untersuchung von Rosellen (1983: 808) zeigte
sich, dass Anzeigen fast ausschließlich durch Opfer bzw. Personen, die im
weiteren Sinn durch eine Tat betroffen waren, erstattet wurden.
In der Stuttgarter Opferbefragung von Stephan (1976: 198), in der
Haushaltsvorstände sowie Familienangehörige über 14 Jahren befragt wur-

7
Der hohe Anteil direkter Polizeikenntnis bei Sachbeschädigungen kommt vermut-
lich dadurch zustande, dass diese Delikte insgesamt nur zu einem sehr geringen Anteil
angezeigt werden (vgl. Abschnitt 2.1.1). Außerdem spielen sich Sachbeschädigungen
fast immer in öffentlichen Räumen ab, die prinzipiell der formellen Sozialkontrolle
unterliegen.
8
Autodiebstahl ist ein Delikt, das eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und auffällig
sein kann, da es sich meist in solchen öffentlichen Räumen abspielt. Aufgrund des
hohen Werts des Diebesgutes liegt es auch für Unbeteiligten nahe, eine Anzeige zu
machen. Ausserdem sind nicht wie häufig bei Ladendiebstählen anonyme Besitzer
betroffen, sondern Autobesitzer, mit denen sich der Zeuge identifizieren kann (auch sein
Auto könnte gestohlen werden, dagegen nicht sein Geschäft ausgeraubt).
17

den, lag die Anzeigerate im Durchschnitt aller Delikte durch Zeugen mit
36% erheblich unter derjenigen durch direkt betroffene Opfer mit 46%.
Allerdings gaben nur 6% der Befragten an, Zeugen einer Viktimisierung
geworden zu sein, während 48% der befragten Haushalte ein Opfererlebnis
im vergangenen Jahr berichten konnten. Zeugen nehmen also erheblich
weniger Delikte wahr als direkt Betroffene und neigen zusätzlich dazu, ihre
Beobachtungen seltener der Polizei mitzuteilen. Auch Busch & Werkentin
(1992: 73) berichten in ihrer Studie zum Anzeigeverhalten bei Gewaltdelik-
ten in zwei Berliner Stadtbezirken, dass 64% der Fälle durch das Opfer
selbst angezeigt wurden und 8,3% durch die Polizei. Familienmitglieder
dagegen waren nur in 3,4% der Fälle Urheber der Anzeige.

2.2.2 Soziale Eigenschaften des Opfers

2.2.2.1 Alter des Opfers


Schwind u.a. (1989: 256) berichten von einer signifikant geringeren Anzei-
geneigung sowohl von jungen (unter 21-jährigen) Befragten, als auch von
über 61-jährigen. Während in diesen beiden Altersklassen die Anzeigerate
jeweils ca. 25% betrug, lag sie bei Befragten zwischen 21 und 60 Jahren
bei über 50%. In der Replikationsstudie Bochum III lag die Anzeigenei-
gung bei jüngeren Opfern mit 22,2% sogar noch niedriger, während bei den
über 61-Jährigen kein Abfall in der Anzeigeneigung mehr beobachtet wer-
den konnte (Schwind u.a. 2001: 196). Reuband (1981: 219) berichtet für
unter 30-Jährige eine Korrelation von 0,7 zwischen Alter und Anzeigebe-
reitschaft, während für ältere Personen keine weitere Zunahme erkennbar
ist und daher kein Zusammenhang mehr besteht. Dieser Zusammenhang
blieb auch unter Kontrolle von Schadenshöhe und Deliktstruktur stabil
(Reuband 1981: 221). Eine unterschiedliche Qualität von Taten gegenüber
Jugendlichen und Erwachsenen scheint also nicht für die beobachteten
Unterschiede im Anzeigeverhalten verantwortlich zu sein. Auch Mansel
u.a. (2001: 297) berichten von einer geringeren Anzeigeneigung von Op-
fern unter 21 Jahren versus älteren Befragten (r=0,11); der Effekt bleibt
auch in multivariaten logistischen Regressionen stabil). Ebenso fanden
Schwind & Zwenger (1992: 118) in der Göttinger Dunkelfeldstudie eine
Zunahme der Anzeigeneigung von 14,5% bei 14- bis 30-jährigen Opfern
auf 21,3% bei 31- bis 50-jährigen. Interessanterweise sinkt die Anzeigenei-
gung bei noch älteren Befragten auf 11,9% ab.
18

Bei der Analyse einer telefonischen Haushaltsbefragung in der Schweiz


finden Killias & Berruex (1999) in multiplen logistischen Regressionen bei
Gewaltdelikten, dass Opfer, die älter als 35 Jahre sind, signifikant häufiger
anzeigen.
Auch in der amerikanischen Studie von Green (1981: 76) erstatteten ju-
gendliche Opfer im Alter von 12 bis 19 Jahren mit 36% erheblich seltener
Anzeige als jungerwachsene Opfer zwischen 20 und 24 Jahren (42%) oder
Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren (56%). Für alle noch älteren Opfer
stabilisiert sich die Anzeigerate bei 50%. Eine frühe, umfassende Analyse
objektiver Determinanten des Anzeigeverhaltens liegt von Skogan (1976)
vor. Dieser berichtet in der Auswertung einer Zufallsstichprobe amerikani-
scher Haushalte von 1973 starke Unterschiede in der Anzeigeneigung nach
dem Alter der Befragten. Während nur 31,5% der Delikte gegen 12- bis 19-
Jährige angezeigt wurden, steigt dieser Anteil auf 49,2% in der Altersgrup-
pe der 20-bis 34-Jährigen und beträgt bei noch Älteren ungefähr 55%
(Skogan 1976: 539). Green (1981: 169) konnte nachweisen, dass Opfer im
Alter zwischen 18 und 24 Jahren Gewaltdelikte als weniger gravierend
einschätzen als Opfer zwischen 25 und 49 Jahren, während bei noch älteren
Opfern wiederum ein Rückgang in der Deliktschwereeinschätzung beo-
bachtet werden konnte. Ein Grund für den oben beschriebenen kurvenför-
migen Verlauf der Anzeigeraten mit dem Alter könnte daher der Altersver-
lauf der Deliktschwereeinschätzung sein.
Insgesamt sprechen die Befunde dafür, dass jugendliche und heranwach-
sende Opfer die Täter seltener anzeigen als erwachsene Opfer und dass
zumindest in Deutschland der Anteil angezeigter Delikte bei Erwachsenen
im Rentenalter wieder abnimmt. Die Befunde lassen jedoch keine bedeut-
samen Altersunterschiede im Anzeigeverhalten bei Jugendlichen zwischen
13 und 16 Jahren erwarten, die Gegenstand der vorliegenden Untersuchung
sind.

2.2.2.2 Geschlecht des Opfers


Schwind u.a. (2001: 196) fanden bei Körperverletzungsdelikten eine höhe-
re Anzeigeneigung bei weiblichen Opfern (41,2%) als bei männlichen
(28%); die Differenz ist jedoch aufgrund geringer Fallzahlen nicht signifi-
kant. Auch Reuband (1981: 219) fand nur einen geringen Zusammenhang
(r=0,09) mit dem Geschlecht des Opfers – Frauen hatten auch hier eine
leicht stärkere Anzeigeneigung als Männer.
Gegenteilige Befunde berichten dagegen Pfeiffer u.a. (1998: 67) für ihre
19

Schülerbefragung in vier deutschen Großstädten. Während die Mädchen


10,1% der Delikte anzeigten, war dieser Anteil bei den Jungen mit 14,6%
immerhin fast ein Drittel höher.
Der NCVS 2000 (Table 91b) zeigt, dass ein Unterschied in der Anzeige-
neigung zwischen Frauen und Männern vor allem bei Gewaltdelikten be-
steht. Während 54,5% der Frauen Gewaltdelikte anzeigen, beträgt dieser
Anteil bei den Männern nur 42,9%. Bei Eigentumsdelikten weisen dagegen
lediglich schwarze Frauen eine leicht höhere Anzeigequote von 37,6% auf,
während weiße Frauen und alle Männer Anzeigequoten von ca. 35% haben.
In der Untersuchung des NCS 1977 durch Green (1981: 77) zeigte sich
dagegen noch ein deutlicher Interaktionseffekt zwischen der Ethnie und
dem Geschlecht des Opfers. Nichtweiße weibliche Opfer wiesen in allen
Deliktschwerekategorien ein signifikant höheres Anzeigerisiko auf als
weiße Frauen, während die Ethnie bei männlichen Opfern keinen Einfluss
auf das Anzeigerisiko ausübte.
Skogan (1976: 540) stellt einen Unterschied von 5% in der Anzeigebe-
reitschaft nach dem Geschlecht des Opfers fest, kontrolliert aber nicht die
ethnische Zugehörigkeit der Frauen. Dass Frauen eine höhere Anzeigenei-
gung aufweisen als Männer führt der Autor auf die allgemein höhere
Normkonformität von Frauen zurück. Dies würde jedoch voraussetzen,
dass es eine Norm gibt, nach der ein Opfererlebnis mit einer Anzeige be-
antwortet werden muss, was jedoch in dieser Allgemeinheit m.E. nicht
aufrechterhalten werden kann. Es könnte ebenso gut möglich sein, dass
Frauen weniger Möglichkeiten haben, Konflikte auf anderen Wegen beizu-
legen, weil ihnen die Droh- bzw. Aushandlungsmittel dazu fehlen.
Insgesamt scheint die Anzeigebereitschaft nach Geschlecht also sowohl
vom Alter als auch vom Delikttyp abzuhängen. Die von Skogan (1976),
Reuband (1981), Schwind u.a. (2001) durchgeführten Befragungen sowie
der NCVS 2000 beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung. Diese Studien
sprechen daher dafür, dass erwachsene Frauen bei einigen Delikten häufi-
ger zur Anzeige „greifen“ als erwachsene Männer. Die Ergebnisse der
Schülerbefragung von Pfeiffer u.a. (1998) legen dagegen nahe, dass bei
jugendlichen Opfern Mädchen seltener anzeigen als Jungen.

2.2.2.3 Ethnie des Opfers


Pfeiffer u.a. (1998: 69) finden in der KFN-Schülerbefragung bei Gewaltde-
likten eine geringere Anzeigeneigung bei deutschen Opfern (13,9%) als bei
deren türkischen Altersgenossen (21,1%). Jugendliche aus Süd- oder Süd-
20

osteuropa weisen dagegen in etwa gleich hohe Anzeigeraten auf wie deut-
sche, während Aussiedler aus Staaten der GUS mit 5,9% eine erheblich
niedriger liegende Anzeigeneigung haben. Auch die Anzeigeraten von
Aussiedlern aus anderen Herkunftsländern (8,5%) sowie von eingebürger-
ten fremdethnischen Jugendlichen (6,7%) liegen unter denjenigen ihrer
deutschen Altersgenossen. Die Autoren können zeigen, dass diese Verhält-
nisse auch bei Betrachtung einzelner Delikte stabil bleiben und daher die
Vermutung zurückweisen, dass die Anzeigeraten auf unterschiedliche De-
liktstrukturen in den einzelnen Ethnien zurückführbar sein könnten.
Schwind u.a. (2001: 198) berichten für Diebstahlsdelikte eine signifikant
niedrigere Anzeigerate bei nichtdeutschen Opfern (19,4%) als bei deut-
schen (40,7%). Sie führen dies vor allem auf das unterschiedliche Ausmaß
der Versicherung unter den Opfern zurück. Deutsche Opfer waren nahezu
dreimal häufiger versichert als ausländische Opfer, so dass sich bei alleini-
ger Betrachtung der nicht versicherten Opfer keinerlei Unterschiede in der
Anzeigeneigung mehr zeigten. In der Untersuchung von Mansel & Alb-
recht (2003) wurde das Anzeigeverhalten nicht nach der Ethnie des Opfers
analysiert. Die angegebenen Daten erlauben es jedoch, nachträglich fol-
genden Unterschied zu berechnen: Während deutsche Opfer zu 45% An-
zeige erstatteten, war dies bei ausländischen Opfern nur bei 35,9% der Fall.
Der Unterschied ist allerdings aufgrund der geringen Fallzahl ausländischer
Befragter nicht signifikant.
Aus dem NCVS 2000 (Table 91b) geht eine leicht höhere Anzeigenei-
gung von schwarzen gegenüber weißen Amerikanern hervor. Während die
Hälfte der schwarzen Opfer von Gewaltdelikten diese der Polizei meldet,
beträgt der Anteil bei weißen Opfern nur 47,5%. Deutlichere Unterschiede
findet dagegen Green (1981: 81), insbesondere bei jugendlichen Opfern.
Während 34,6% der weißen 12- bis 19-Jährigen eine Viktimisierung durch
Anzeige bewältigen, liegt dieser Anteil bei Nichtweißen derselben Alter-
klasse in allen Deliktschwerekategorien deutlich darüber und beträgt
durchschnittlich 45,8%. Auch in dieser Altersklasse kann der Effekt bereits
ausschließlich auf die höhere Anzeigebereitschaft nichtweißer Mädchen
zurückgeführt werden (Green 1981: 84). In der bereits erwähnten Studie
von Skogan (1976: 539) findet sich kein bedeutsamer Unterschied in der
Anzeigehäufigkeit von Raub- und Gewaltdelikten zwischen schwarzen und
weißen Befragten. Falls überhaupt Unterschiede beobachtbar waren, so
neigten (erwartungswidrig) Schwarze eher zur Anzeige als Weiße. Skogan
war davon ausgegangen, dass Schwarze aufgrund der im Allgemeinen eher
21

negativen Erfahrungen dieser Bevölkerungsgruppe mit der Polizei eine


geringere Anzeigeneigung haben sollten als weiße Amerikaner.
Da für die vorliegende Untersuchung die Jugendlichen nicht nach Vikti-
misierungen im Eigentumsbereich befragt wurden, lassen sich hinsichtlich
der in vorliegender Studie zu erwartenden Befunde wieder einmal am ehes-
ten die Ergebnisse von Pfeiffer u.a. (1998) heranziehen.

2.2.2.4 Sozioökonomischer Status des Opfers


Schwind & Zwenger (1992: 118) konnten in der Göttinger Dunkelfeldstu-
die signifikante Unterschiede im Anzeigeverhalten nach der Schichtzuge-
hörigkeit der Befragten nachweisen. So gaben nur 5% der Unterschichtan-
gehörigen an, Eigentumsdelikte angezeigt zu haben, während Mittel-
schichtangehörige dies in 16,7% der Fälle angaben und die obere Mittel-
schicht sogar in 20,2% der Fälle Anzeige erstattete. Einen Zusammenhang
von r=0,21 zwischen der Schichtzugehörigkeit (gemessen durch den
Scheuch-Schichtindex) des Opfers und dessen Anzeigebereitschaft fand
Reuband (1981: 218) in einer bundesweiten Haushaltsbefragung. Er ging
weiterhin der Vermutung nach, der Effekt aufgrund der Schichtzugehörig-
keit des Opfers könnte durch die Schadenshöhe bedingt sein, da Angehöri-
ge höherer Schichten aufgrund größeren Besitzes auch mehr verlieren
könnten. Es ergab sich jedoch kein Zusammenhang zwischen Schadenshö-
he und Schichtzugehörigkeit des Opfers (Reuband 1981: 219). Dagegen
fand der Autor einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Schicht-
zugehörigkeit und der Struktur der Delikte, von denen die Opfer betroffen
waren. Der Zusammenhang zwischen Anzeigebereitschaft und Schichtzu-
gehörigkeit lässt sich also zumindest teilweise darauf zurückführen, dass
Angehörige der oberen Schichten sehr stark von PKW-Diebstählen betrof-
fen sind, die die höchsten Anzeigeraten von allen Delikten aufweisen (vgl.
auch Heinz 1997).
Gottfredson & Hindelang (1979: 7) sowie Green (1981: 92) fanden in ei-
ner Analyse des amerikanischen National Crime Survey bei mittelschweren
bis schweren Delikten steigende Anzeigeraten mit zunehmendem Haus-
haltseinkommen des Opfers (Gamma=0,08 bzw. 0,11), bei leichten Delik-
22

ten dagegen war kein eindeutiger Trend auszumachen.9 Unabhängig von


der Deliktschwere stellten sie dagegen einen negativen Zusammenhang
(Gamma=-0,10) zwischen Anzeigehäufigkeit und Haushaltseinkommen
fest, falls der Täter dem Opfer bekannt war, während bei unbekannten Tä-
tern ein leicht U-förmiger Verlauf der Anzeigerate mit der höchsten Quote
in den mittleren Einkommensschichten beobachtet wurde (Gottfredson &
Hindelang 1979: 8). Dagegen fanden die Autoren über alle vier Delikt-
schwereklassen einen positiven Zusammenhang zwischen der Bildung des
Opfers und der Anzeigerate (Gamma=0,11). Während beispielsweise nur
29% der Opfer ohne High-School-Abschluss leichte Delikte zur Anzeige
brachten, waren dies bei den Collegeabsolventen 42% (Gottfredson & Hin-
delang 1979: 12).10 Ähnliche Ergebnisse aus einer Opferbefragung in Haifa
(Israel) berichtet Fishman (1979: 151). Hier wurde das Wohnviertel des
Opfers als Indikator für dessen sozialen Status herangezogen: Während
Opfer aus „guten“ Vierteln eine Anzeigerate von 54% bei Gewaltdelikten
und 64% bei Eigentumsdelikten berichteten, betrugen die entsprechenden
Werte bei Opfern aus „schlechten“ Vierteln nur 40% bzw. 59%. Allerdings
waren diese Unterschiede aufgrund der geringen Fallzahl nicht signifi-
kant.11
Zusammenfassend kann man sagen, dass die bisherigen Befunde bei er-
wachsenen Opfern von Eigentumsdelikten auf eine höhere Anzeigeneigung
mit ansteigendem sozioökonomischem Status hinweisen. Allerdings kön-
nen daraus keine Schlüsse auf erwartbare Differenzen im Anzeigeverhalten
nach dem sozioökonomischen Status von Jugendlichen bei Gewaltdelikten
gezogen werden.

9
Die Delikte wurden in vier Kategorien nach der Deliktschweredefinition von Wolf-
gang & Sellin (1964) überführt. Delikte der Klasse 0 und 1 dieser Skala, die Werte von
0 bis 26 aufweist, wurden von Gottfredson & Hindelang (1979: 6) als „leichte Delikte“
kategorisiert. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um Bagatelldelikte. Als „schwe-
re“ Delikte wurden solche mit Werten von 4 oder 5, als „schwerste“ solche mit einem
Wert von 6 und mehr auf der Wolfgang-Sellin-Skala kategorisiert.
10
Des Weiteren berichten die Autoren niedrigere Anzeigeraten bei arbeitslosen Op-
fern im Vergleich zu denjenigen, die einer Beschäftigung nachgehen (Gottfredson &
Hindelang 1979: 11). Diese Beobachtung macht sich auch MacDonald (2001) zunutze,
um eine Beziehung zwischen Anzeigeraten und der makroökonomischen Situation einer
Gesellschaft nachzuweisen.
11
Problematisch ist natürlich auch die Verwendung einer Aggregateigenschaft („Gü-
te“ des Wohnviertels) als Indikator für eine Individualeigenschaft (sozioökonomischer
Status des Opfers). Aggregat- und individuelle Effekte werden verwischt.
23

2.2.3 Einstellungen und Erfahrungen des Opfers


Sowohl allgemeine Einstellungen des Opfers als auch solche, die aus Er-
fahrungen hinsichtlich eigener Delinquenz sowie früheren Polizeikontakten
als Verdächtiger oder Opfer resultieren, können sich auf dessen Anzeigebe-
reitschaft auswirken. Es gibt bisher allerdings nur wenige Studien, die diese
Aspekte untersuchen. Neben den unten dargestellten Befunden haben so-
wohl Rosellen (1983: 816) als auch Ammer (1990: 162) die Einstellung der
Opfer gegenüber der Polizei untersucht, dabei jedoch keinen Zusammen-
hang mit dem Anzeigeverhalten gefunden.
Mansel u.a. (2001: 297) finden einen signifikanten Einfluss der Krimina-
litätsfurcht auf das Anzeigeverhalten: Je größer die Kriminalitätsfurcht des
Opfers, desto ausgeprägter dessen Anzeigebereitschaft. In der Hauptstudie
konnte dieser Effekt in multivariaten logistischen Regressionsmodellen
jedoch nicht mehr bestätigt werden (Mansel & Albrecht 2003: 360). Auch
eine Reihe weiterer Persönlichkeitseigenschaften wie Konfliktfähigkeit,
Selbstwirksamkeit, Selbstwertgefühl, und Rückzugsverhalten zeigten in
diesem Modell keinerlei Einfluss auf die Anzeigewahrscheinlichkeit. Auch
Ammer (1990: 160) fand keine Bestätigung des Zusammenhangs zwischen
Kriminalitätsfurcht und Anzeigeneigung. Er kommt in seiner Gemeinde-
studie der Stadt Landau im Gegenteil zum Schluss, dass Kriminalitäts-
furcht bei Anzeigeerstattern eher geringer zu sein scheint als bei Nichtan-
zeigern.
In der Studie von Ingram (1995: 146) zu hypothetischem Konfliktlö-
sungsverhalten zeigte sich, dass konflikterfahrene Befragte, die in der Ver-
gangenheit bereits ähnliche Situationen zu bewältigen hatten, signifikant
häufiger durch aktives Konfliktlösungsverhalten reagierten als Befragte,
die noch nicht in einer solchen Situation waren. Für diesen wichtigen Ein-
flussfaktor gibt es erstaunlich wenige empirische Befunde. Dabei spricht
viel für die Annahme, dass Jugendliche, die wiederholt Opfer von Delin-
quenz werden, anders mit der Erfahrung einer erneuten Viktimisierung
umgehen als Jugendliche, die zum ersten Mal Opfer eines Gewaltdeliktes
werden.
Sparks u.a. (1977) stellten in einer Opferbefragung in der Londoner In-
nenstadt fest, dass Opfer, die selbst delinquent waren, weniger zu einer
Konfliktregulierung durch Anzeige neigten als Opfer, die eine „reine Wes-
te“ hatten. Block (1974: 562) konnte zeigen, dass Opfer von Körperverlet-
zungen, die während der Tat betrunken waren, seltener Anzeige erstatteten
24

als Opfer, die nicht betrunken waren. Skogan (1984) und Schwind u.a.
(2001: 162) verweisen darauf, dass dies auf zwei Ursachen zurückführbar
sein könnte. Demnach könnte zum einen das Opfer am konkreten Delikt
selbst beteiligt gewesen sein, insbesondere bei Gewaltdelikten wie Wirts-
hausschlägereien und daher eine gewisse Mitschuld für die Tat empfinden.
Andererseits könnten Täter, die selbst angezeigt wurden und die nun zu
Opfern wurden, generell zu einer größeren Distanz gegenüber der Polizei
neigen und deshalb eher auf eine Anzeige verzichten.

2.3 Eigenschaften und Einstellungen des Täters


Wichtigste Determinanten des Anzeigerisikos aus der Täterperspektive sind
mit Sicherheit Charakteristika der begangenen Tat. Diese Aspekte des Ba-
sisrisikos wie Deliktart und Deliktschwere haben einen entscheidenden
Einfluss auf die Entscheidung des Opfers über eine Anzeige sowie über die
Entdeckungswahrscheinlichkeit eines Täters. (Karstedt-Henke & Crasmöl-
ler 1991: 35; Mayhew 1993: 146). Wenn im Folgenden über den Einfluss
von Tätermerkmalen auf das Anzeigeverhalten berichtet wird, so stellt sich
zunächst immer die Frage, ob die Ergebnisse unter Kontrolle von Delikttyp
und Deliktschwere zustande gekommen sind. Auch dann bleiben immer
noch mehrere kausale Mechanismen denkbar, die zu einer selektiven An-
zeige von Tätern mit bestimmten sozialen Merkmalen führen können, wie
eine differentielle Wahrnehmung, Einschätzung und Bewältigung der Vik-
timisierung durch das Opfer. Sofern das Anzeigerisiko von Gewaltdelikten
aus der Opferperspektive analysiert wird, kann jedoch ausgeschlossen wer-
den, dass es sich dabei um Merkmale handelt, die das Entdeckungsrisiko
des Täters bestimmen, da bei Gewaltdelikten der Täter vom Opfer immer
entdeckt wird. Vielmehr sollten die Tätermerkmale die Bewertung der
Situation durch das Opfer beeinflussen sowie dessen Umgang mit dem
Viktimisierungserlebnis.

2.3.1 Alter des Täters


Blankenburg (1969: 823) berichtet für Ladendiebstahlsdelikte, dass Kinder
und Jugendliche ein geringeres Anzeigerisiko haben als Erwachsene. Ähn-
liche Befunde berichten Mansel u.a. (2001: 294) für unter 21-Jährige ge-
genüber älteren Tätern bei Gewaltdelikten. In der Hauptstudie konnten
Mansel & Albrecht (2003: 350) zeigen, dass zwischen Alter des Täters und
25

der Anzeigeneigung des Opfers der Grad der Bekanntschaft zwischen Op-
fer und Täter interveniert. Während unbekannte Täter über 21 Jahre
(64,4%) nach Aussagen der Opfer häufiger angezeigt wurden als unbe-
kannte Täter unter 21 Jahren (49,3%), wurden dem Opfer bekannte Täter
häufiger angezeigt, wenn sie unter 21 Jahren waren, als ältere bekannte
Täter.
Minger (1974: 113) kommt zu dem Schluss, dass Kinder und jugendliche
Ladendiebe bei geringen Schadensbeträgen ein höheres Anzeigerisiko ha-
ben als Erwachsene, während es für höhere Beträge niedriger liegt als bei
Erwachsenen. In der Analyse des amerikanischen NCS 1977 berichtet
Green (1981: 100) einen deutlichen Anstieg in der Anzeigewahrscheinlich-
keit mit dem Alter der Täter. Während bei persönlichen Delikten nur 17,2%
angezeigt wurden, wenn der Täter im Alter von 12 bis 14 Jahren war, stieg
dieser Anteil auf 37,5% bei 15- bis 17-jährigen Tätern und auf 44,6% bei
18 bis 20 Jahre alten Tätern.
Insgesamt lassen die empirischen Befunde für eine Varianz im Anzeige-
risiko innerhalb der Altersgruppe der Jugendlichen keine Voraussage zu.
Es könnte allerdings sein, dass mit dem Einsetzen der Strafmündigkeit im
Alter von 14 Jahren das Anzeigerisiko zunimmt, dass also insbesondere 13-
Jährige ein geringeres Risiko formeller Sozialkontrolle aufweisen als 14-
Jährige und noch ältere Jugendliche. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass
insbesondere bei Gewaltdelikten wegen des hohen Anteils der Delikte, die
sich innerhalb der Altersgruppe der Jugendlichen abspielen, das Anzeigeri-
siko der jugendlichen Täter nicht wegen ihres eigenen Alters geringer sein
könnte, sondern wegen des jugendlichen Alters der Opfer. Wie in Ab-
schnitt 2.2.1.1 gezeigt werden konnte, erstatten jüngere Opfer seltener An-
zeige als ältere.

2.3.2 Geschlecht des Täters


Mansel u.a. (2001: 297) berichten eine nicht signifikante Korrelation (r=-
0,08) zwischen dem Geschlecht des Täters und der Anzeigeneigung des
Opfers. Weibliche Täter werden demnach seltener angezeigt als männliche.
Die Hauptuntersuchung zeigte jedoch auch in diesem Fall einen intervenie-
renden Einfluss der Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer auf. Während
unbekannte Täterinnen ein höheres Anzeigerisiko trugen als Täter, liegt
dieses für dem Opfer irgendwie bekannte Täterinnen stets niedriger als bei
bekannten Tätern (Mansel & Albrecht 2003: 350). Allerdings verschwindet
26

dieser Zusammenhang in multiplen logistischen Regressionen. Auch Green


(1981: 100) kann mit den Daten des NCS 1977 insgesamt keine Unter-
schiede in der Anzeigeneigung nach dem (vom Opfer wahrgenommenen)
Geschlecht des Täters feststellten. Allerdings werden Frauen, die Delikte
der leichtesten Kategorie begehen, signifikant seltener angezeigt als Män-
ner. Dagegen werden rein weibliche Tätergruppen signifikant seltener an-
gezeigt als Gruppen mit männlichen Tätern oder gemischgeschlechtliche
Tätergruppen. Dieser Unterschied ist zwar interessant, jedoch treten rein
weibliche Tätergruppen empirisch relativ selten auf – in weniger als 10%
aller Fälle, in denen mehrere Täter involviert waren.

2.3.3 Ethnie des Täters


Blankenburg (1969) untersuchte 398 Ladendiebstähle in zwei Kaufhäusern
in Freiburg und konnte feststellen, dass von den gestellten Dieben 77%
derjenigen mit ausländischer Herkunft (N=30) angezeigt wurden gegenüber
nur 55% der Deutschen. Dieser Unterschied blieb auch bestehen, wenn nur
leichte Delikte berücksichtigt wurden. Grundlage dieser Untersuchung
waren die von den Kaufhäusern geführten Statistiken aller gestellten Diebe.
Minger (1974: 126) fand dagegen keine höhere Anzeigeneigung gegenüber
Ausländern: Während von 919 gestellten deutschen Tätern 73,3% ange-
zeigt wurden, wurden von 153 gestellten Ausländern nur 66,7% angezeigt.
In die Analyse gingen die Fälle von 30 Ladendetektiven in sieben großen
Kaufhäusern in Erlangen, Hannover, Köln und Nürnberg innerhalb eines
Jahres ein (Minger 1974: 27). Allerdings steckt hinter diesem Ergebnis ein
Interaktionseffekt. Unterteilt Minger die ausländischen Täter in solche, die
von Deutschen eher positiv und solche, die eher negativ beurteilt werden
(und in der Regel aus einem ferneren Kulturkreis stammen), dann zeigt sich
Folgendes: Während Ausländer mit einem schlechteren Image bei kleinen
Schadenssummen (geringer als 5 DM) signifikant seltener angezeigt wur-
den als deutsche Täter, besteht bei Delikten mit größerem Schaden kein
Unterschied mehr. Dagegen werden „sympathischere“ Ausländer bei
schwerwiegenderen Delikten signifikant seltener angezeigt als deutsche
Täter (Minger 1974: 136).
Killias (1988: 162) berichtet dagegen in einer Analyse von Angaben aus
der nationalen Opferbefragung in der Schweiz kein diskriminierendes An-
zeigeverhalten von Schweizern gegenüber Ausländern. In dieser für die
deutsche und italienische Schweiz repräsentativen Bevölkerungsbefragung
27

wurden insgesamt 116 durch Schweizer und 56 durch Ausländer begangene


Gewalttaten berichtet. Dieser Befund bleibt auch stabil, wenn die Bekannt-
schaft des Opfers mit dem Täter kontrolliert wird (Killias 1988: 163). Da-
gegen konnten Killias & Berruex (1999) in multiplen logistischen Regres-
sionen von Determinanten der Anzeigebereitschaft bei Gewaltdelikten
einen schwach signifikanten Einfluss der Täterethnie feststellen (Exp(B) =
2,0). Killias (2001: 331) führt diesen Befund aus der Schweizerischen Op-
ferbefragung 1998 vor allem auf das Verhalten jüngerer Opfer zurück.12
Shah & Pease (1992: 194) fanden in einer Analyse von drei Wellen des
British Crime Survey einen Interaktionseffekt von Ethnie des Täters und
Schwere der Verletzung hinsichtlich der Anzeigebereitschaft des Opfers.
Während bei Gewalttaten ohne Verletzung des Opfers (also weitgehend
versuchte Delikte) nichtweiße Täter mit 36% signifikant häufiger angezeigt
wurden als weiße (25%), wurden in Fällen mit leichten bis schweren Ver-
letzungen weiße Täter tendenziell häufiger angezeigt. Dieser Befund lässt
sich nach weitergehenden Analysen der Autoren nicht auf systematische
Unterschiede in der Tatbegehung nach der Täterethnie reduzieren (Shah &
Pease 1992: 197).
In ihrer umfassenden Schülerbefragung stellten Pfeiffer u.a. (1998: 75)
fest, dass Opfer dazu neigen, ausländische Täter häufiger anzuzeigen als
deutsche. Während Täter mit (vom Opfer vermuteter) osteuropäischer Her-
kunft ein Anzeigerisiko von 32,1% trugen, betrug dies bei türkischen Tä-
tern 30,3% und bei deutschen Tätern nur 25,4% (Angaben zum letzten
erlebten Delikt des Opfers). Auch Mansel u.a. (2001: 294) fanden eine
deutliche - aufgrund der geringen Fallzahl in dieser Studie mit Pilotcharak-
ter allerdings nicht signifikante - Erhöhung des Anzeigerisikos, wenn der
Täter vom Opfer als nicht-deutsch eingeschätzt wird. Während bei deut-
schen Tätern unter 21 Jahren nur 7,1% der Opfer Anzeige erstatteten, wa-
ren dies bei ausländischen Tätern immerhin 28,6%. Dagegen war das An-
zeigerisiko für erwachsene deutsche Täter in dieser Studie erheblich höher
(19,4%), während bei erwachsenen Ausländern mit 31,6% kaum noch eine
Steigerung des Risikos gegenüber jugendlichen Tätern beobachtet wurde.
In der Hauptstudie untersuchten Mansel & Albrecht (2003: 350) auch
Interaktionseffekte hinsichtlich der Bekanntschaft zwischen den Konflikt-

12
Die Veränderung in den Befunden der beiden Opferbefragungen (1987 und 1998)
hinsichtlich der Relevanz des Tätermerkmals „Herkunftsethnie“ führt Killias (2001:
332) zum einen auf verbesserte Analysemethoden und zum anderen auf eine andere
Zusammensetzung der ausländischen Tatverdächtigen nach ihrer Herkunft zurück.
28

beteiligten. Es zeigte sich, dass Täter mit nichtdeutschem Migrationshin-


tergrund in jedem Fall ein höheres Anzeigerisiko trugen. Während deutsche
Opfer unbekannte deutsche Täter in 48,2% der Fälle anzeigten, wurden
unbekannte Täter mit Migrationshintergrund zu 68,7% angezeigt. Auch bei
unterschiedlichen Graden von Bekanntschaft lag die Anzeigerate ausländi-
scher Täter mindestens 10% über derjenigen für deutsche Täter.
Schwind u.a. (2001: 200) fanden eine leichte Diskriminierung im Anzei-
geverhalten von Tätern mit (vermuteter) ausländischer Nationalität (34,2%
angezeigt) versus deutschen Tätern (29,8% angezeigt) durch deutsche Op-
fer, die allerdings nicht signifikant ist. Auch die alleinige Betrachtung nicht
versicherter Schadensfälle liefert ein ähnliches Ergebnis.13 Green (1981:
101) berichtet, dass zwar nichtweiße Einzeltäter mit 49,6% ein leicht höhe-
res Anzeigerisiko haben als weiße (45,8%), allerdings haben rein nichtwei-
ße Tätergruppen mit 39% ein erheblich geringeres Anzeigerisiko als rein
weiße Tätergruppen mit 48,6%.
Neben dem empirischen Ansatz, einen direkten Zusammenhang zwi-
schen Ethnie (Nationalität) und Anzeigerisiko herzustellen, wurde auch
versucht, diesen indirekt durch Schlussfolgerungen aufzuzeigen. So gehen
Geißler & Marißen (1990: 673) davon aus, dass ein erheblicher Teil der
Höherbelastung von Ausländern im Polizeiregister, der Polizeilichen Kri-
minalstatistik (PKS), verschwindet, wenn man die Fälle betrachtet, die
schließlich noch von der Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht werden.
Dieser Schwund wird allgemein als Korrektur des Anzeigeverhaltens von
Bevölkerung und Polizei durch die Staatsanwaltschaft interpretiert, die bei
Bagatelldelikten keine Anklage erhebt. Andere Erklärungen wie erhöhte
Geständnisbereitschaft durch Ausländer, größere Verständigungsschwie-
rigkeiten oder eine spezifische, die Einstellung begünstigende Deliktstruk-
tur der Ausländer werden dagegen ausgeschlossen (Geißler & Marißen
1990: 675).
Die berichteten Befunde von Pfeiffer u.a. (1998) sowie Mansel u.a.
(2001) legen es nahe, für Deutschland von einem erhöhten Anzeigerisiko
13
Allerdings ist dadurch noch längst nicht die Schlussfolgerung der Autoren ge-
deckt, dass die Höherbelastung von Ausländern in der Polizeilichen Kriminalstatistik
(PKS) eher nicht auf ein höheres Anzeigerisiko von Ausländern zurückführbar sein
kann (Schwind u.a. 2001: 201). Vielmehr muss den Autoren ihr eigener Befund einer
erheblich niedrigeren Anzeigeneigung von Ausländern gegenüber deutschen Tätern
entgegengehalten werden. Eine „Überrepräsentation“ von Ausländern in der PKS könn-
te nämlich auch (zusätzlich) Folge einer relativen „Unterrepräsentation“ von deutschen
Tätern im Hellfeld sein.
29

ausländischer Jugendlicher gegenüber deutschen Jugendlichen bei Gewalt-


taten auszugehen.

2.3.4 Sozialprestige des Täters


In einer experimentellen Studie zur Anzeigebereitschaft von Ladendieben
durch erwachsene Kunden variierten Steffensmeier & Terry (1999: 236)
systematisch das äußere Erscheinungsbild des „Diebes“. Unabhängig vom
Geschlecht von „Täter“ und Beobachter zeigten letztere bei „Dieben“ mit
einem ungepflegten Erscheinungsbild („Hippies“) eine signifikant höhere
Anzeigebereitschaft (r=0,47) als bei „Dieben“ mit gepflegtem Äußeren.
Die Autoren erklären dies mit der wahrnehmungs- und folglich verhaltens-
leitenden Funktion des Stigmas „Hippie“ in der amerikanischen Mittel-
schicht (Steffensmeier & Terry 1999: 241). Reuband (1983: 222) berichtet
in einer Gegenüberstellung von Dunkelfeldergebnissen mit polizeilich
registrierten Hamburger Schülern für Ladendiebstähle ein geringeres Re-
gistrierungsrisiko für Gymnasiasten als für Hauptschüler. Er vermutet, dass
dies auf eine bessere Verhandlungskompetenz der Schüler im Fall einer
Entdeckung oder auf eine bessere Kompetenz, der Entdeckung zu entge-
hen, zurückführbar sein könnte.

2.3.5 Delinquente Vorbelastung des Täters


Minger (1974: 157) kann für die Behandlung von Ladendieben durch De-
tektive zeigen, dass bereits mindestens einmal zuvor gestellte Täter mit
94% ein signifikant höheres Anzeigerisiko haben als erstmalig (vom selben
Detektiv) gestellte Täter (72%). Darüber hinaus gibt es zu dieser Frage
keine mir bekannten empirischen Befunde. Dabei ist die Frage sehr interes-
sant, ob Jugendliche, die bereits einmal Polizeikontakt hatten, ein höheres
Risiko einer weiteren Anzeige aufweisen. Dies könnte auf Stigmatisie-
rungsprozesse seitens der Bevölkerung aber auch seitens der Polizei zu-
rückzuführen sein, die Täter eher unter den „üblichen Verdächtigen“ su-
chen könnte als unter bisher unbelasteten Jugendlichen.

2.4 Eigenschaften der Täter-Opfer-Beziehung


Während sich die bisherigen Befunde auf Eigenschaften der Opfersituation,
des Opfers und des Täters bezogen, sollen im nächsten Abschnitt die Be-
ziehungen zwischen Täter und Opfer betrachtet werden. Hierbei handelt es
30

sich nicht mehr um einstellige Merkmale der Art „Opfer ist deutsch“, son-
dern um relationale Eigenschaften der Art „Opfer kennt Täter“. Um solche
Merkmale zu erfassen sind immer Informationen über Täter und Opfer
zugleich notwendig, die in der Regel und so auch in dieser Arbeit über
Opferbefragungen eingeholt werden. Sowohl die Angaben zum Opfer als
auch die zum Täter sind also durch die Wahrnehmung und Erinnerung des
Opfers gefiltert (Wetzels 1996: 11). Im Folgenden werden empirische Er-
gebnisse zu den Relationen „Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer“,
„Täter und Opfer gehören zur selben Ethnie“ sowie „Täter und Opfer haben
das selbe Geschlecht“ berichtet. Empirische Befunde zum Anzeigeverhal-
ten nach dem Altersverhältnis von Täter und Opfer, das insbesondere bei
Jugendlichen eine Rolle spielen könnte, liegen dagegen bisher nicht vor.

2.4.1 Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer


Die meisten empirischen Studien berichten einen Zusammenhang zwischen
der Bekanntschaft zwischen Opfer und Täter und dem Anzeigeverhalten
des Opfers. Mansel & Albrecht (2003: 350) konnten für deutsche Opfer
feststellen, dass die Anzeigerate für unbekannte Täter mit 59,3% am höchs-
ten ist, für vom Sehen bzw. namentlich bekannten Tätern ca. 42% beträgt,
und für befreundete (31,4%) bzw. verwandte Täter (25%) noch weiter zu-
rückgeht. Killias (1988) stellte fest, dass Opfer eher von einer Anzeige des
Täters absehen, wenn sie diesen kennen. Schwind u.a. (2001: 195) konnten
dagegen keine Hinweise für eine Abhängigkeit der Anzeigebereitschaft von
der Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer finden. Die Autoren führten
dies auf die zu geringe Anzahl von mit dem Opfer bekannten Tätern in
ihrem Sample zurück. Auch Skogan (1976: 543) findet keine Unterschiede
in der Anzeigehäufigkeit zwischen dem Opfer (aus der Familie oder der
Nachbarschaft) bekannten und fremden Tätern und zwar sowohl bei Kör-
perverletzungsdelikten als auch bei Diebstahlsdelikten.
Die Daten des NCVS (2000: Table 93) ergeben ein differenzierteres Bild.
Bei vollendeten Gewaltdelikten wurden 60,9% der dem Opfer fremden
Täter angezeigt. Dagegen lag dieser Anteil bei dem Opfer bekannten Tätern
nur bei 55,9%. Dieser Rückgang der Anzeigebereitschaft ist jedoch aus-
schließlich auf die verringerte Anzeigeneigung von männlichen Opfern
zurückzuführen, während eine Bekanntschaft mit dem Täter das Anzeige-
verhalten von Frauen nicht beeinflusst. Bei Raubdelikten kann man sowohl
bei Frauen (von 73,9% auf 67,8%) als auch bei Männern (von 50,3% auf
31

41,3%) einen Rückgang der Anzeigeneigung bei bekanntem Täter feststel-


len. Dagegen zeigt eine Betrachtung nach der Ethnie des Opfers bei Ge-
waltdelikten, dass die Anzeigeneigung bei bekanntem Täter ansteigt
(53,9% auf 64,2%), wenn das Opfer schwarz ist, während sie bei weißen
Opfern abfällt (von 62,6% auf 55,4%; NCVS 2000: Table 94). Im Unter-
schied dazu berichtet Green (1981: 113) keinerlei bedeutsame Unterschiede
in der Anzeigewahrscheinlichkeit zwischen dem Opfer fremden Tätern
(46,4%) und dem Opfer bekannten Tätern (45%).
Insgesamt liegen also keineswegs eindeutige empirische Befunde vor.
Allerdings sind diejenigen Studien, die keinen Zusammenhang zwischen
der Bekanntschaft von Täter und Opfer und dem Anzeigeverhalten finden,
entweder älteren Datums wie die von Green, der Daten aus dem Jahr 1977
benutzt. Oder aber das Sample der Befragung ist zu gering wie bei der
Untersuchung von Schwind u.a. (2001). Dies lässt es zu, für die eigene
Untersuchung einen Zusammenhang dieses Merkmals der Täter-Opfer-
Relation mit der Anzeigeneigung zu erwarten.

2.4.2 Homoethnische versus heteroethnische Täter-Opfer Kons-


tellationen
Zusätzlich zu den unabhängigen Einflüssen der ethnischen Herkunft von
Tätern bzw. Opfern auf das Anzeigeverhalten können Interaktionseffekte
auftreten, indem Opfer bei gleichethnischen Täter-Opfer-Konstellationen
ein anderes Anzeigeverhalten aufweisen als bei fremdethnischen Viktimi-
sierungen. Dies kann sowohl für die dominante Ethnie (deutsche Jugendli-
che) als auch für Jugendliche aus ethnischen Minderheiten (Gastarbeiter-
nachfahren, Flüchtlinge sowie Aussiedler) gelten.
So konnten Pfeiffer u.a. (1998: 76) zeigen, dass tatsächlich ein solcher
Interaktionseffekt vorliegt. Während deutsche Jugendliche eher dazu neig-
ten, Täter mit vermuteter ausländischer Herkunft anzuzeigen als deutsche
(Anzeigerate 21,5% versus 31,4%), haben nichtdeutsche Jugendliche eher
deutsche Täter angezeigt als nichtdeutsche (Anzeigerate 21,7% versus
27,4%).14 Enzmann & Wetzels (2000: 150) konnten darüber hinaus zeigen,
dass dies nicht nur für die dichotome Betrachtung deutscher versus nicht-

14
Auf die von Mueller (2000: 137) geäußerte Kritik an der Vorgehensweise von
Pfeiffer u.a. (1998) braucht hier nicht näher eingegangen zu werden. Die entscheiden-
den Argumente zu ihrer Rechtfertigung wurden bereits von Enzmann & Wetzels (2000)
gegeben und sind meines Erachtens stichhaltig.
32

deutscher Täter-Opfer- Konstellationen gilt, sondern auch für einzelne


ausländische Ethnien zutrifft, so dass beispielsweise eine Konstellation, bei
der Täter und Opfer beide türkischer Herkunft sind, eine geringere Anzei-
gequote aufweist als eine Konstellation mit türkischem Opfer und deut-
schem Täter.
Die repräsentative Studie von Mansel & Albrecht (2003) untersucht zwar
für deutsche Opfer das Anzeigeverhalten in Abhängigkeit von der Ethnie
des Täters, nicht aber für Opfer mit Migrationshintergrund. Es zeigt sich,
dass deutsche Opfer signifikant häufiger anzeigen, wenn der Täter auslän-
discher Herkunft ist (56,4%), als wenn dieser deutsch ist (38,3%). Die um-
gekehrte Konstellation für fremdethnische Opfer wird dagegen nicht analy-
sier, lässt sich aber anhand der berichteten Zahlen berechnen. Demnach
zeigen fremdethnische Opfer Täter einer (anderen) fremden Ethnie in
31,6% der Fälle an, deutsche Täter dagegen in 41,9% der Fälle. Dieser
Unterschied ist aufgrund der geringen Fallzahlen jedoch nicht signifikant,
zudem werden alle fremdethnischen Opfer in einer Gruppe betrachtet. Es
zeigt sich jedoch die Tendenz, dass sowohl von deutschen als auch von
nichtdeutschen Opfern ein Unterschied in der Anzeigebereitschaft gemacht
wird, der von der Ethnie des Täters bestimmt wird. Dieser Unterschied
bleibt jedoch (für deutsche Opfer) in multivariaten Modellen nicht signifi-
kant (Mansel & Albrecht 2003: 361).
Killias (2001: 331) konnte dagegen in einer für die Gesamtbevölkerung
repräsentativen Befragung nur unbedeutende Unterschiede zwischen ho-
moethnischen und heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen ausma-
chen. Auch die Analyse des NCS durch Green (1981: 120) ergab andere
Befunde. So zeigten zwar nichtweiße Opfer häufiger an, falls der Täter
weiß war (73,8%) als wenn dieser nichtweiß war (59,7%). Allerdings trat
der reziproke Effekt bei weißen Opfern nicht auf. Nichtweiße Täter
(43,7%) und weiße Täter (44,8%) wurden gleich häufig angezeigt.
Zunächst scheinen also wieder einmal keine einheitlichen empirischen
Befunde vorzuliegen. Die negativen Befunde von Killias (2001) könnten
jedoch darauf zurückzuführen sein, dass der Effekt der ethnischen Relation
von Täter und Opfer nur beim Anzeigeverhalten jugendlicher Opfer auftritt
und sich in allgemeinen Bevölkerungsumfragen wie der Schweizerischen
Opferbefragung nicht niederschlägt, da dort Erwachsene die große Mehr-
heit der Befragten stellen. Dies gilt auch für die Analysen Greens (1981),
die zudem vermuten lassen, dass die ethnische Herkunft in den USA eine
andere Bedeutung haben könnte als in Deutschland. Am ehesten ist also für
33

die eigene Analyse der MPI Schülerbefragung 1999/2000 damit zu rech-


nen, dass die Befunde von Pfeiffer u.a. (1998) repliziert werden können.

2.4.3 Gleichgeschlechtliche versus gegengeschlechtliche Täter-


Opfer-Konstellation
In der bereits erwähnten Studie zum Ladendiebstahl fanden Steffensmeier
& Terry (1999: 238) einen signifikanten Interaktionseffekt zwischen Ge-
schlecht des Zeugen und Geschlecht des „Diebes“. In Konstellationen mit
gleichgeschlechtlichem Zeugen hatte der „Täter“ ein geringeres Anzeigeri-
siko als bei Konstellationen mit gegengeschlechtlichem Zeugen. Die Auto-
ren vermuten, dass bei gleichgeschlechtlichen Konstellationen mehr Ver-
ständnis für den Dieb aufgebracht wird, während bei gegengeschlechtlichen
Konstellationen eine geringere Furcht vor Reaktionen des „Täters“ gegen-
über dem Zeugen vorhanden sein könnte (Steffensmeier & Terry 1999:
241). Felson u.a. (1999: 939) fanden in einer Analyse von Daten des Natio-
nal Crime Victimization Survey, dass Opfersituationen mit Täterinnen häu-
figer angezeigt wurden, und zwar unabhängig davon, ob das Opfer eben-
falls weiblich war oder männlich. Am größten war jedoch die Anzeige-
wahrscheinlichkeit für Konstellationen mit einem männlichen Täter und
weiblichen Opfer (Referenzgruppe war jeweils die Konstellation männli-
cher Täter und männliches Opfer). Dagegen haben in der auf 20 Jahre älte-
ren Daten basierenden Untersuchung von Green (1981: 117) weibliche
Täter, deren Opfer männlich ist, das höchste Anzeigerisiko (64%); von
einem weiblichen Opfer werden weibliche Täter allerdings nur zu 38,9%
angezeigt. Im Gegensatz dazu haben männliche Täter bei weiblichen Op-
fern ein höheres Anzeigerisiko (52,3%) als bei männlichen Opfern
(43,6%).
Die Relation des Geschlechtes von Täter und Opfer scheint also zumin-
dest einen Einfluss auf das Anzeigeverhalten auszuüben, auch wenn dieser
nicht konsistent ist. Inwiefern solche Resultate auch auf Täter-Opfer-
Konstellationen unter Jugendlichen übertragen werden können, muss aller-
dings zunächst dahingestellt bleiben.

2.5 Sozialökologische Einflüsse


Sozialökologische Effekte auf das Anzeigeverhalten und die Registrierung
von Kriminalität sind in mehrfacher Hinsicht vorstellbar. So kann zum
34

einen nach Unterschieden auf der Ebene ganzer Nationen bzw. Regionen
innerhalb dieser Länder gesucht werden. Während es jedoch schwierig sein
dürfte, hier zu befriedigenden Erklärungen für die gefundenen Unterschie-
de zu gelangen – u.a. weil es nur sehr wenige Untersuchungen gibt, die
hierzu vergleichbare Daten bereitstellen – können für Stadt-Land-
Vergleiche Erklärungsansätze gefunden werden. Schließlich können im
Rahmen der im letzten Jahrzehnt vor allem im angelsächsischen Sprach-
raum intensiv beforschten Theorie sozialen Kapitals von Gemeinschaften
und sozialer Desorganisation von Wohngebieten auch Unterschiede im
Anzeigeverhalten innerhalb einer Stadt untersucht und theoretisch erklärt
werden.

2.5.1 Regionale Unterschiede


Pfeiffer u.a. (1998: 70) konnten deutliche Unterschiede in der Anzeigerate
von Gewaltdelikten bei Schülern aus dem Norden und Osten Deutschlands
einerseits und dem Süden (Stuttgart) andererseits feststellen. Während in
Hamburg insgesamt 14,3% aller Gewaltdelikte angezeigt wurden, lag die-
ser Anteil in Stuttgart nur bei 9,1%. Die Autoren vermuten, dass durch
diese stärker ausgeprägte Anzeigeneigung zumindest teilweise die Höher-
belastung des bundesrepublikanischen Nordens in der PKS erklärt werden
könnte.
Bilsky u.a. (1995: 93) konnten mit einer 1991 durchgeführten Opferbe-
fragung zeigen, dass in den Neuen Bundesländern nach der Wiedervereini-
gung der Dunkelfeldanteil der Kriminalität erheblich größer war als in den
alten Bundesländern. Allerdings unterlassen es die Autoren in dieser Stu-
die, Vermutungen darüber anzustellen, ob solche Unterschiede im Anzei-
geverhalten auf eine unterschiedliche Kultur des Polizeizugangs und der
unterschiedlichen Bedeutung der Polizei zurückführbar sein könnten. Es
liegt meines Erachtens nahe, diese Unterschiede zumindest teilweise damit
zu erklären, dass die Polizei im Westen in den 80er Jahren sich verstärkt als
Service- und Problemlösungsinstanz dargestellt hat („Polizei dein Freund
und Helfer“), während in der ehemaligen DDR vermutlich eine Wahrneh-
mung der Polizei als „Büttel der Obrigkeit“ vorherrschte. Kury u.a. (1999:
138) dagegen legen dar, dass die geringere Anzeigehäufigkeit in den neuen
Bundesländern im Vergleich zu den alten Bundesländern auf signifikante
Unterschiede bei der Anzeigerate von Autoaufbrüchen und Sachbeschädi-
gungen zurückführbar ist. In dieser 1990 nach der Wiedervereinigung
35

durchgeführten Vergleichsuntersuchung wurden Viktimisierungen im Zeit-


raum der vorhergehenden vier Jahre erfasst.
Zusammenfassend lassen diese Befunde jedoch keine signifikanten Un-
terschiede zwischen den Städten Köln und Freiburg im Anzeigeverhalten
der Jugendlichen vermuten.

2.5.2 Stadt-Land-Gefälle
Killias & Berruex (1999) stellen in multivariaten logistischen Regressionen
fest, dass Einbrüche in Kleinstädten und Dörfern in der Schweiz eine höhe-
re Anzeigewahrscheinlichkeit aufweisen als in Großstädten (Exp(B)=1,7;
p=0,04). Im Gegensatz dazu fand Reuband (1981: 219) in einer bundesweit
durchgeführten Opferstudie zunächst keinen Zusammenhang der Anzeige-
wahrscheinlichkeit mit der Einwohnerzahl des Wohnortes der Befragten.
Allerdings ergab sich nach Ausschluss von Selbständigen aus der Analyse
ein leichter Zusammenhang (r=0,08), der darauf hindeutet, dass in kleine-
ren Gemeinden seltener Anzeigen erstattet werden als in größeren Städten.
Weiterhin berichtet er von einer 1973 durchgeführten Pilotstudie, in der die
Anzeigerate von Eigentums- und Gewaltdelikten in Orten unter 100.000
Einwohnern bei 52%, in größeren Städten bei 62% lag (Reuband 1981:
218).
Gottfredson & Hindelang (1979: 10) beobachteten abnehmende Anzei-
geraten mit zunehmender Einwohnerzahl. Insbesondere bei leichten Delik-
ten ging der Anteil der angezeigten Opfererlebnisse von 44% in Orten unter
10.000 Einwohnern auf 32% in Großstädten über 1 Million Einwohnern
zurück (Gamma=-0,11), während bei schweren Delikten ein Rückgang von
82% auf 72% beobachtet wurde (Gamma=-0,10). Laub (1981: 424) berich-
tet in einer weiteren Analyse desselben Datensatzes allerdings interessante
Unterschiede in der subjektiven Begründung für die Nichtanzeige zwischen
Stadt- und Landbewohnern. Generell zeigten Landbewohner eine stärkere
Tendenz als Stadtbewohner, Konflikte als Privatsache zu betrachten und
deshalb keine Anzeige zu erstatten. Während beispielsweise bei Raub nur
10% der Stadtbewohner angaben, es handele sich um eine Privatangele-
genheit, waren dies von den nicht anzeigenden Landbewohnern immerhin
20%. Bei schwerer Körperverletzung betrug dieses Verhältnis 22% zu 33%
und bei Diebstahl 3% zu 10%. Umgekehrt gingen in der Stadt erheblich
mehr Opfer als in ländlichen Regionen davon aus, dass „man nichts ma-
chen kann“ und verzichteten aus diesem Grund auf eine Anzeige (Laub
36

1981: 426). Duhart (2000: 11) dagegen fand in einer Analyse des US-
amerikanischen National Crime Victimization Survey keine bedeutsamen
Unterschiede im Anteil der angezeigten Delikte nach städtischen, suburba-
nen und ländlichen Siedlungsformen. Raubdelikte wurden von Bewohnern
suburbaner Gegenden zu 54% angezeigt und damit etwas seltener als von
Stadt- und Landbewohnern (jeweils 58%). Leichte und schwere Körperver-
letzungen wurden sogar von Landbewohnern häufiger angezeigt als von
Vorort- und Stadtbewohnern. Dagegen wurden Diebstähle persönlichen
Eigentums in ländlichen Gebieten (32%) etwas seltener als in der Stadt
(35%) angezeigt, am seltensten allerdings mit 32% in den Vorstädten.
Die Befunde lassen also nicht auf einen eindeutigen Trend schließen,
insbesondere geht auch nicht daraus hervor, wie sich der Umgang mit Ju-
gendkriminalität in Stadt und Land unterscheiden könnte. Es ist auch denk-
bar, dass die niedrigeren Anzeigehäufigkeiten in ländlichen Gegenden, die
in Analysen Ende der 70er Jahre gewonnen wurden, 20 Jahre später nicht
mehr reproduzierbar sind, da sich ländliche und städtische Kulturen der
Kriminalitätsbewältigung zwischenzeitlich aneinander angeglichen haben.

2.5.3 Intraurbane Unterschiede


Karstedt u.a. (2004: 59) untersuchen den Zusammenhang zwischen sozialer
Benachteiligung, sozialem Kapital (Verbindungskapital) und dem Verhält-
nis von Anrufen bei der Polizei (Notrufen) sowie der registrierten Krimina-
lität auf der Ebene englischer Stadtviertel bzw. Gemeinden (wards). Sie
gehen dabei von der Annahme aus, dass es einen umso größeren Über-
schuss an Notrufen gegenüber den tatsächlichen Registrierungen geben
sollte, je geringer die Toleranz der Bewohner gegenüber Alltagsstörungen
ist. In Gebieten mit geringer Toleranz sollten bereits Kleinigkeiten zu ei-
nem Anruf führen, der sich dann nicht in einem Polizeiregister findet, da
offiziell keine Anzeige erstattet wurde. In Gebieten mit hoher Kriminali-
tätstoleranz sollte dagegen der Überschuss der Anrufe gegenüber den Re-
gistrierungen geringer sein. Tatsächlich fanden die Autoren in einem Kau-
salmodell einen derartigen Zusammenhang. Des Weiteren konnten sie zei-
gen, dass das soziale Verbindungskapital keinen Einfluss auf das Verhält-
nis der registrierten Anrufe mehr ausübt, sobald die ethnische Heterogenität
innerhalb eines Stadtviertels als Variable in das Modell aufgenommen
wird. Karstedt u.a. (2004: 62) deuten dies als Hinweis darauf, dass die eth-
nische Heterogenität im Stadtviertel die Toleranzschwelle gegenüber All-
37

tagsstörungen senkt, d.h. Stadtviertel, die „nur“ durch soziale Problemlagen


charakterisiert sind, vergrößern die Toleranz gegenüber Abweichungen,
während in zusätzlich ethnisch heterogenen Gegenden die Bewohner eine
geringere Toleranz haben. Problematisch ist allerdings, dass aufgrund der
Anlage der Studie als reiner Aggregatanalyse keine Schlüsse über Ursachen
dieses Phänomens auf Individualebene gezogen werden dürften. Insbeson-
dere kann nicht geprüft werden, ob der Überschuss an Notrufen in Gebieten
mit hoher ethnischer Heterogenität dadurch zustande kommt, dass hier
besonders häufig heteroethnische Täter-Opfer-Konstellationen vorliegen,
bei denen Anzeigen erheblich wahrscheinlicher sind als bei homoethni-
schen Täter-Opfer-Konstellationen (vgl. Abschnitt 2.4.2).
Auch Busch u.a. (1990) berichten aufgrund von Interviews mit Polizei-
beamten und Sozialarbeitern in ihrem Vergleich zweier Berliner Stadtbe-
zirke, dass in Gropiusstadt Handlungen als gewalttätig wahrgenommen und
angezeigt werden, die in Neukölln als normal betrachtet werden.
Davis & Henderson (2003: 576) weisen in multivariaten Analysen einen
starken Einfluss des sozialen Verbindungskapitals (community empower-
ment) sowie der kollektiven Selbstwirksamkeit (community efficacy) auf
das in hypothetischen Fallbeispielen abgefragte Anzeigeverhalten nach. Je
ausgeprägter diese Faktoren in den einzelnen ethnischen Gemeinschaften
eines New Yorker Einwandererviertels vorhanden sind, desto eher sind die
Bewohner bereit, Delikte der Polizei zu melden. Befragt wurden erwachse-
ne Einwanderer aus Afrika, Ecuador, Kolumbien, der Dominikanischen
Republik und Italien in einer Mischung aus Telefoninterviews und Haus-
türbefragung. Baumer (2002: 596) konnte mit Daten des NCVS bei einfa-
chen Körperverletzungsdelikten einen nichtlinearen Zusammenhang zwi-
schen Anzeigewahrscheinlichkeit und sozialer Benachteiligung auf der
Ebene von US-amerikanischen Volkszählungseinheiten (census tracts)
feststellen. Während über die ersten neun Perzentile des Benachteiligungs-
indexes ein Anstieg der Anzeigeneigung von 20% auf 35% aller Delikte
stattfand, fiel diese im letzten, stark benachteiligten Perzentil wieder auf
den Wert der wenig benachteiligten Viertel von 20% ab. Bei Raub- und
schweren Körperverletzungsdelikten fand dagegen im letzten Perzentil ein
leichter Anstieg der Anzeigewahrscheinlichkeit von 45% auf 50% statt.
Kontrolliert wurden bei den multivariaten logistischen Regressionen eine
Reihe von individuellen Determinanten des Anzeigeverhaltens, Eigenschaf-
ten von Opfer und Täter (Ethnie, Alter, sozioökonomischer Status) sowie
der Tatsituation.
38

Ingram (1995) untersuchte das Konfliktlösungsverhalten in neun hypo-


thetischen Konfliktsituationen. Untersuchungseinheiten waren die Bewoh-
ner zweier Vorstädte sowie eines Innenstadtbezirks von Houston, Texas.
Dabei zeigte sich, dass moral minimalism, also eine Konfliktlösung durch
Ignorieren oder Ausstehen bei schweren Delikten wie Raub und Einbruch
durch Aspekte des sozialen Kapitals bedingt war (Ingram 1995: 141). Sozi-
ale Netzwerke über die Familie (beta=-0,10) und Freunde (beta=-0,14)
vergrößerten die Wahrscheinlichkeit einer aktiven Konfliktbewältigung bei
Einbruchsdelikten, während Nachbarschaftsnetzwerke diese verringerten
(beta=0,21). Auch bei Raubdelikten verringerten Freundschaftsnetzwerke
moralischen Minimalismus (beta=-0,23). Bei leichteren Konflikten wie
Auseinandersetzungen mit einem Verkäufer oder mit Nachbarn, welche
ausgeliehene Gegenstände nicht zurückbrachten, war dagegen nur noch die
Eingebundenheit in Freundschaftsnetzwerke ein signifikanter Prädiktor für
moralischen Minimalismus. Bei leichter Delinquenz wie Sachbeschädigung
und vermissten Gegenständen gab es hingegen keine signifikanten Zusam-
menhänge mit dem sozialen Kapital der Befragten. In einem weiteren mul-
tivariaten Regressionsmodell untersuchte Ingram (1995: 143) den Einfluss
von geografischen Aggregateigenschaften auf den moralischen Minimalis-
mus. Bei schweren Delikten konnte nur bei Raub ein hypothesenkonformer
Einfluss festgestellt werden. Je größer die Hausdichte und damit die geo-
grafische Nähe der Bewohner untereinander, desto weniger wurde morali-
scher Minimalismus als Konfliktlösung angegeben. Interessanterweise trat
dieser Zusammenhang auch bei insgesamt vier der leichteren Konflikte auf.
In einem empirischen Vergleich der Theorie sozialer Desorganisation
und der Konflikttheorie (vgl. Abschnitt 3.2 und Abschnitt 3.4) untersuchte
Warner (1989) das Anzeigeverhalten bei Raub-, Körperverletzungs- und
Einbruchsdelikten mittels Daten des National Crime Survey auf zwei ver-
schiedenen Aggregatebenen. Auf der Ebene von 26 US-amerikanischen
Städten konnte sie mittels multipler Regressionsmodelle zeigen, dass die
Anzeigeneigung bei Raub- und Einbruchsdelikten umso größer ist, je grö-
ßer der Anteil nichtweißer Einwohner einer Stadt ist (Warner 1989: 99).
Dies galt jedoch nicht für Körperverletzungsdelikte. Interessanterweise trat
dieser Effekt sowohl bei weißen als auch bei schwarzen Bewohnern auf,
d.h. auch Schwarze neigen bei Einbruch und Raub eher zu einer Anzeige,
wenn der Anteil Schwarzer in ihrer Stadt höher ist. In einigen Modellen
übte ferner das Ausmaß der Ungleichheit der Einkommensverteilung einen
signifikanten negativen Einfluss auf das Anzeigeverhalten aus. Im Einzel-
39

nen neigten Personen mit mittleren und höheren Einkommen bei Raub
sowie Personen mit geringem Einkommen bei Einbrüchen und Körperver-
letzungen mit zunehmender Ungleichverteilung der Einkommen seltener zu
einer Anzeige. In nahezu alle Modelle gingen dagegen die mitgeführten
Kontrollvariablen, die das Gesamtausmaß an Kriminalität in der Stadt rep-
räsentierten, als negativer Koeffizient ein. Je größer das Gesamtausmaß an
persönlicher Viktimisierung, desto geringer die Anzeigeneigung - dies
könnte ein Hinweis auf eine unterschiedliche Bewertung von Delinquenz
durch Bewohner von stark mit Kriminalität belasteter Städte versus weni-
ger stark belasteter Gegenden sein. In Regressionsmodellen zur Prüfung
von Annahmen der Theorie sozialer Desorganisation ging nur bei Körper-
verletzungsdelikten ein positiver Einfluss von der Bevölkerungsdichte auf
die Anzeigeneigung aus. Warner (1989: 115) interpretierte dies als Hinweis
auf eine verminderte Selbstregulierungsfähigkeit in dicht bevölkerten Städ-
ten, wobei informelle durch formelle Sozialkontrolle ersetzt werden muss.
Dass diese Effekte bei Einbruch und Raub nicht auftreten, kann meines
Erachtens so interpretiert werden, dass bei diesen Delikten entweder kein
Interesse von Täterseite (Raub) oder keine Möglichkeit von Opferseite
(Einbruch) zu einer informellen Regelung vorhanden sind. In kein Modell
gingen dagegen signifikante Effekte der Bevölkerungsheterogenität oder
des mittleren Bildungsstands der Bewohner ein, während die Kontrollvari-
ablen der Viktimisierungsrate wiederum die bereits berichteten Effekte
aufwiesen.
Auf der Aggregatebene von Nachbarschaftsbezirken konnte die Autorin
mittels multipler logistischer Regressionen folgende Zusammenhänge auf-
zeigen. Betroffene von Einbruchsdelikten mit niedrigem Einkommen neig-
ten desto eher zur Anzeige, je höher der Anteil von nichtweißen Bewoh-
nern in ihrer Wohngegend war (Warner 1989: 132). Außerdem zeigten
weiße Bewohner Körperverletzungsdelikte umso häufiger an, je größer der
Anteil nichtweißer Einwohner war, Schwarze dagegen zeigten seltener an,
wenn der Anteil von Bewohnern ihrer eigenen Ethnie stieg. Die Koeffizien-
ten der Modelle für Raubdelikte dagegen bestätigten weder im Fall der
Konflikttheorie noch der Theorie sozialer Desorganisation die Erwartun-
gen. Während auch im Modell für Einbruchsdelikte im Desorganisations-
modell keine signifikanten Effekte auftraten, wurde das Anzeigeverhalten
bei Körperverletzungsdelikten von der Armut in der Nachbarschaft beein-
flusst. Während Warner (1989: 146) dies als Bestätigung der Theorie sozia-
ler Desorganisation deutet, ist die Aussagefähigkeit der Studie insgesamt
40

auf dieser zweiten Aggregatebene sehr gering. Für die zuerst besprochene
Ebene ganzer Städte kann man zusammenfassend sagen, dass Bestätigun-
gen der Konflikttheorie seltener auftreten und weniger Varianz erklären als
solche der Desorganisationstheorie, so dass erstere weniger empirische
Unterstützung erfährt als letztere (Warner 1989: 123).
Der von Gottfredson & Hindelang auf Individualebene ausgemachte Ein-
fluss des sozialen Status findet sich auch auf der Aggregatebene der Wohn-
viertel. So konnten die Autoren feststellen, dass bei schweren und schwers-
ten Delikten die Anzeigerate abnimmt, je größer der Anteil von Haushalten
mit einem Einkommen unter 5000$ in einem Wohnviertel war. Bei leichten
und mittelschweren Delikten trat jedoch ein umgekehrter Zusammenhang
auf (Gottfredson & Hindelang 1979: 9). Dagegen traten hinsichtlich der
Bildung der Opfer über alle Deliktschwereklassen konsistente Ergebnisse
auf (Gamma zwischen -0,12 und -0,06). Je größer der Anteil der Viertel-
bewohner, die mindestens den Abschluss eines Colleges aufweisen konn-
ten, desto geringer die Anzeigerate (Gottfredson & Hindelang 1979: 12).15
Mittels einer postalischen Befragung verglich Reuband (1999: 517) das
Anzeigeverhalten in drei ostdeutschen Städten mit unterschiedlich hoher
Kriminalitätsbelastung. Ein scheinbarer Anstieg der Anzeigeneigung mit
höherer Gesamtkriminalitätsbelastung der betrachteten Stadt (Leipzig)
gegenüber der Stadt mit dem geringsten Kriminalitätsaufkommen (Chem-
nitz) konnte dabei auf wenige Deliktarten zurückgeführt werden (Autoein-
bruch und -diebstahl). Insgesamt kann also auf der Ebene des Vergleichs
von ganzen Städten kein Effekt der Kriminalitätsbelastung auf das Anzei-
geverhalten nachgewiesen werden. Dies schließt jedoch nicht aus, dass auf
kleinräumiger Ebene z.B. von Stadtvierteln solche Zusammenhänge auftre-
ten könnten.

2.5.4 Polizeiliche Registrierung und sozialräumliche Kontextef-


fekte
Sampson (1986) untersuchte den Einfluss individueller und Kontextfakto-

15
Kontrastiert man diese Beobachtung mit den Ergebnissen auf Individualebene, die
einen positiven Zusammenhang zwischen Bildung und Anzeigerate ergeben (siehe
Abschnitt 2.1.1.4), so erhält man ein anschauliches Beispiel für die Gefährlichkeit eines
ökologischen Fehlschlusses. Während die Aggregatdaten einen negativen Zusammen-
hang zwischen Bildung und Anzeigeverhalten nahe legen, ist auf Indidvidualebene
genau das Gegenteil der Fall.
41

ren auf das Risiko einer polizeilichen Registrierung von delinquenten Ju-
gendlichen. Dem sozioökonomischen Status der Jugendlichen wird dabei
eine doppelte Funktion zugeschrieben. Zum einen ist dieser nach der Labe-
ling-Theorie ein Merkmal, welches die Definition eines Täters als kriminell
durch die formelle Sozialkontrolle leitet. Zum anderen könnten jedoch
ganze Wohnviertel mit Bewohnern mit überwiegend geringem sozialem
Status von der Polizei als Problemzonen definiert werden. Dies könnte sich
zum einen durch verändertes Kontrollverhalten der Polizisten in diesem
„Problemviertel“ gegenüber Wohngegenden der Mittelklasse auswirken.
Zum anderen könnte ein ökologischer Effekt durch unterschiedliche Zu-
weisung von Polizeiressourcen zu den einzelnen Gegenden auftreten
(Sampson 1986: 877). Eine Konsequenz dieses Standpunktes ist, dass Sta-
tusunterschiede im Anzeigerisiko Scheinkorrelationen sein könnten, da die
Varianz auf der Ebene des sozialen Kontextes erklärt werden müsste. Es
könnte sein, dass die Polizei Täter unabhängig von ihrem individuellen
sozioökonomischen Status gleich behandelt, das Entdeckungsrisiko für
Jugendliche in Gegenden mit vielen sozial benachteiligten Bewohnern
jedoch größer ist als in „guten“ Wohngegenden. Schließlich haben Jugend-
liche aus der Unterschicht ein street life, nutzen also in ihrem Freizeitver-
halten in stärkerem Maße öffentliche Räume, die informeller und formeller
Sozialkontrolle unterstehen, als Jugendliche aus der Mittelschicht.
Sampson (1986: 881) konnte in einem logistischen Regressionsmodell mit
sozioökonomischem Status auf individueller Ebene und auf Kontextebene
zeigen, dass Effekte auf das Registrierungsrisiko ausschließlich von der
Benachteiligung auf Kontextebene ausgehen, während der individuelle
sozioökonomische Status (SES) nicht signifikant war.
Während in der Studie von Sampson (1986) das Polizeiverhalten nur in-
direkt erschlossen wurde und beispielsweise keine Effekte des Anzeigever-
haltens kontrolliert wurden, untersuchte Warner (1997) direkt den Anteil
von Notrufen, die zu einer polizeilichen Registrierung führten. Für zwei
Delikte (Einbruch und Körperverletzung) wurden diese Anteile auf der
Ebene Bostoner Nachbarschaftsviertel hauptsächlich durch einen Armuts-
index, Fluktuation der Bewohner und dem Anteil von Einwanderern in
OLS-Regressionen erklärt. Während dieses Regressionsmodell bei Ein-
bruchsdelikten eine mittlere bis gute Erklärungskraft aufweist, wird bei
Körperverletzungen nur ein geringer Varianzanteil erklärt. Es zeigt sich
insbesondere, dass die Armutsrate signifikant positiv auf die Nichtregistrie-
rung wirkt, d.h. je ärmer ein Stadtteil, desto größer der Anteil der nicht
42

registrierten Einbruchsmeldungen. Negativ wirkten sich dagegen die Fluk-


tuationsrate sowie der Emigrantenanteil im Stadtviertel aus. Viele Gegen-
den mit geringer Fluktuation werden dabei als Quartiere betrachtet, in die
niemand mehr hinzieht und niemand wegziehen kann, als letzte Möglich-
keit; dagegen sind Wohngegenden mit hoher Fluktuation lebendige, belieb-
te Orte (Warner 1997: 641). Dass bei Körperverletzungsdelikten nur der
Emigrantenanteil im Stadtteil einen signifikanten negativen Effekt hatte,
verbietet allerdings die Generalisierbarkeit der Befunde. Selektive Regist-
rierung von Kriminalität durch die Polizei tritt demnach nicht bei allen
Delikten auf und es kann meines Erachtens vermutet werden, dass insbe-
sondere in ärmeren Gegenden der durch Einbrüche entstandene Schaden
geringer ist und keine Versicherungsabdeckung vorliegt, so dass eine Re-
gistrierung durch die Polizei bei den meist anonymen Tätern als sinnlos
betrachtet wird.

2.6 Qualitative Befunde zur Konfliktverarbeitung


Wurden in den bisherigen Abschnitten explizit Determinanten des Anzei-
geverhaltens aus der Opferperspektive bzw. des Registrierungsrisikos aus
der Täterperspektive betrachtet, so wird diese Perspektive in den folgenden
beiden Abschnitten erweitert. Dabei wird zum einen näher untersucht,
welche Alternativen zu einer Anzeige Opfern zur Verfügung stehen und
welche Faktoren die Wahl dieser Alternativen bestimmen. Über quantitati-
ve empirische Ergebnisse dazu wird in Abschnitt 2.7 berichtet. Zunächst
werden jedoch in diesem Abschnitt einige qualitative ethnographische Un-
tersuchungen zum Konfliktlösungsverhalten dargestellt, die seit den 1970er
Jahren durchgeführt wurden.16 Für diesen Zugang stehen die Arbeiten von
Baumgartner (1984), Engel (1984) und Merry (1979) sowie im deutsch-
sprachigen Raum diejenigen von Hanak u.a (1989). Kriminalität wird dabei
in Schadensfälle (mit unbekanntem Täter) und Konflikte unterteilt. Kon-
flikte und Kriminalität unterscheiden sich jedoch in wichtigen Gesichts-
punkten: Nicht jeder Konflikt ist ein Verbrechen, sondern nur solche Aus-
einandersetzungen, die auf eine gesetzeswidrige Handlung einer Konflikt-
partei zurückgehen oder eine solche Handlung in einem Set von Aktionen
einschließen. Konflikte können auch rein zivilrechtlich behandelt werden.
Weiterhin hat der Konflikt eine länger andauernde Qualität, während kri-
16
Einen Überblick über die ethnographische und ethnologische Forschung zum Kon-
fliktlösungsverhalten der 1970er Jahre gibt der Sammelband von Nader & Todd (1978).
43

minalisierbare Handlungen, zumindest wie sie von Jugendlichen üblicher-


weise begangen werden, relativ kurze Ereignisse darstellen. Allerdings
können die Folgen eines solchen Ereignisses zumindest dann als Konflikt
bezeichnet werden, wenn das Opfer dabei einen persönlichen Kontakt zum
Täter (bei Gewalttaten) bzw. einen konkreten Verdacht über den Täter (bei
Eigentumsdelikten) hatte.

2.6.1 Informelle Sozialkontrolle: Alternativen der Konfliktregulie-


rung
In einem in Frankfurt durchgeführten Forschungsprojekt befragten Hanak
u.a. (1989) 234 Personen nach den Verläufen von Schädigungen und Kon-
flikten. Insgesamt wurden von den Befragten 1100 Fälle solchen „alltägli-
chen Umgangs mit Kriminalität“ berichtet. Die Autoren haben diese an-
hand von drei Dimensionen klassifiziert:
Nach der Schwere bzw. dem Ausmaß des Konfliktes,
nach der Strategie des Umgangs der Betroffenen / Geschädigten mit dem
Konflikt
sowie nach dem Ergebnis der Konfliktverarbeitung.
Ereignisse, die potentiell kriminalisierbar sind, werden von Stehr (1988:
215) zunächst als Störungen von Routinen der Lebensführung bezeichnet.
Eine solche Routinestörung kann Ausmaße zwischen einem bloßen Ärger-
nis und einer „Lebenskatastrophe“ annehmen, wobei die Autoren zu dem
Schluss kommen, dass sich in der Teilmenge derjenigen Konflikte, die
potentiell kriminalisierbar sind, nur ein geringer Teil der insgesamt berich-
teten Lebenskatastrophen befinden. „Kriminelle Ereignisse“ bleiben ferner
meist relativ folgenlos und können von den Geschädigten problemlos ver-
arbeitet werden. Die Lebenskatastrophen dagegen werden überwiegend
nicht durch punktuelle Störungen der Routine ausgelöst, sondern durch
„komplexe Konfliktlagen“ im sozialen Nahraum der Betroffenen (Stehr
1988: 216). Bedingungen dafür, dass „kriminellen Situationen“ größere
Bedeutung zukommt, sind: Ohnmachterfahrungen des Opfers, Ausbleiben
von Unterstützung durch das soziale Umfeld sowie eine mangelnde Inter-
ventionsbereitschaft von Seiten Dritter.
Interessant sind nun die ermittelten Strategien der Konfliktbewältigung,
die sich in informelle und formelle Regelungen unterteilen lassen. Dabei
machen die informellen Strategien im Sample der Autoren den Löwenanteil
des Aufkommens auf; nur in 20% der Fälle wurde die Polizei hinzugezogen
44

(Hanak & Stehr 1991: 905). Ganz ähnliche Kategorien fand Baumgartner
(1984) in ihrer Studie des Umgangs mit Konflikten in amerikanischen Vor-
städten.
Hanak u.a. (1989: 22-31) geben einen Überblick über mögliche alterna-
tive Konfliktlösungsszenarien. Diese können hinsichtlich der daran betei-
ligten Personen und Institutionen in drei Typen unterteilt werden, deren
wichtigste Ausprägungen die Folgenden sind:
Der Konflikt wird nicht ausgetragen. Das Opfer kann dabei:
Den Konflikt umdefinieren als Problem, Zwischenfall, usw. - als ein Er-
eignis, das nicht sanktionsfähig ist.
Resignieren, indem es keine Möglichkeit sieht, dass der Täter durch Po-
lizeimaßnahmen ermittelt werden kann, oder die Erfolgswirksamkeit sol-
cher Maßnahmen generell anzweifelt.
Den Konflikt bagatellisieren als einen zwar ärgerlichen und potentiell
sanktionierbaren Zwischenfall, der jedoch nicht weiter schlimm war.
Den Konfliktgegner meiden, um diesem einerseits eine Sanktionshaltung
zu demonstrieren und andererseits weiteren potentiellen Schwierigkeiten
aus dem Weg zu gehen. Die demonstrative Meidung kann nach Hanak
(1987: 20) dann praktiziert werden, wenn zwischen Täter und Opfer eine
mittlere soziale Distanz besteht, wie dies z.B. zwischen Nachbarn oder
Kollegen der Fall ist.
Mehrere Verhaltensweisen eines Täters bilanzieren, indem normkonfor-
mes und abweichendes Verhalten gegeneinander abgewogen wird. Bei
dieser vor allem in (Jugendlichen-) Gruppen bzw. zwischen Personen mit
einer kontinuierlichen Beziehung praktizierbaren Reaktionsweise wird ein
Verhalten erst dann sanktioniert, wenn der Täter über einen längeren Zeit-
raum eine „negative“ Bilanz aufweist.
Der Konflikt wird zwischen Täter und Opfer ausgetragen. Wiederum
gibt es mehrere vorstellbare Möglichkeiten.
Das Opfer kann zur Selbsthilfe greifen und sich entweder gestohlene Gü-
ter wiederholen oder Rache für erlittene Gewalt üben (Black 1983). Die
Selbsthilfe kann dabei, wie Hanak u.a. (1989: 116) am Beispiel einer (Ü-
ber-) Reaktion auf sexuelle Belästigung anschaulich berichten, ebenfalls
die Grenzen legalen Handelns überschreiten – und dennoch von den sozia-
len Kontrollinstanzen gutgeheißen werden. Selbsthilfe kommt vor allem an
den beiden Enden des Beziehungskontinuums zum Einsatz. Im sozialen
Nahraum und in anonymen Situationen werden Gewaltdelikte mit Gegen-
gewalt informell sanktioniert, auch weil hier oft Ehrverletzungen eine Rolle
45

spielen (Hanak 1987: 20).


Das Opfer kann eine informelle Konfliktregelung mit dem Täter errei-
chen, indem dieser sich verpflichtet, auf eine dem Opfer angemessen er-
scheinende Weise Wiedergutmachung zu leisten. Diese Art der Konfliktlö-
sung ist vor allem bei kleineren bis mittleren Streitwerten erfolgreich, bei
denen Interessenskonflikte im Vordergrund stehen und eine mittlere soziale
Distanz zwischen den Beteiligten vorhanden ist. Außerdem sollte keine
Gewalt und keine Verletzung des Ehrgefühls aufgetreten sein (Hanak 1987:
21). Auch die Mobilisierung Dritter muss dabei nicht zwangsläufig eine
Benachrichtigung der Polizei bedeuten. Vielmehr werden häufig „Verbün-
dete“ mobilisiert, Vertrauenspersonen aus dem sozialen Nahraum des Op-
fers. Weniger oft und meist erfolglos ist dagegen die Strategie, „Autoritäten
in der Situation“ wie beispielsweise Passanten zu mobilisieren (Stehr 1988:
219).
Sind die Voraussetzungen für eine informelle Konfliktlösung auf diesen
Wegen nicht erfüllt, so bleiben die formellen Regelungsmöglichkeiten der
Polizei und des Privatrechts.
Es ist allerdings zu beachten, dass Anzeigen mit unterschiedlichen Er-
wartungshaltungen der anzeigenden Opfer verbunden sind. Nach Ansicht
von Hanak & Pilgram (1991: 242) treten nämlich die wenigsten Opfer mit
dem Wunsch nach Bestrafung des Täters an die Polizei, was sich schon
allein an der großen Zahl an Anzeigen gegen unbekannt bei „Schadensfäl-
len“ zeige. Vielmehr stehe ein diffuser Wunsch nach Wiedergutmachung
im Vordergrund, die Polizei werde als Dienstleister und Vermittler bei der
Regulierung des „Schadensfalles“ (Einbruchs, Diebstahls) in Anspruch
genommen. Nach den Beobachtungen der Autoren wird die Polizei sogar
überwiegend nur dann eingeschaltet, wenn der Täter dem Opfer nicht be-
kannt ist, während Eigentumsdelikte mit bekanntem Täter meist informell
geregelt werden. Auch bei Gewaltdelikten stellt die Polizei nur dann einen
Nutzen dar, wenn bei fremden Tätern punktuelle Schädigungen oder Kon-
flikte geregelt werden müssen (Stehr 1988: 220). Im Unterschied zu Delik-
ten, die durch fremde Täter begangen werden, müssen sich bekannte Opfer
und Täter auch nach einer Anzeige in irgendeiner Form zueinander verhal-
ten. Weiterhin gibt der Autor zu bedenken, dass die Handhabung von Or-
ganen der formellen Sozialkontrolle durch die Anzeigeerstatter selbst alles
andere als einfach ist. Insbesondere Akteure aus benachteiligten sozialen
Gruppen können aufgrund ihres geringen Prestiges und geringer Be-
schwerdemacht weniger Gebrauch von Polizei und Recht machen. Als für
46

den Anzeigeerstatter sogar problematisch erachtet Stehr (1988: 222), dass


gerade Personen mit geringer Konfliktfähigkeit verstärkt auf die formelle
Sozialkontrolle rekurrieren. Da sich jedoch gerade das Ausmaß an indivi-
dueller Konfliktfähigkeit als kritischer Faktor erweist, der über den Erfolg
der Beschwerde für das Opfer entscheidet, gelangt gerade diese Gruppe
von Anzeigeerstattern durch die Anzeige oft nicht zu einer befriedigenden
Konfliktlösung.
Wie bei Todd (1978) und Anderson (1999) wurden auch in dem Frank-
furter Projekt soziale Räume und Kategorien ausgemacht, in denen bereits
die Drohung mit der Aktivierung formeller Sozialkontrolle ein Zeichen
moralischer Niederlage sein kann (Stehr 1999: 223). In diesen settings (in
Deutschland Männerkulturen in Gastwirtschaften, in den USA die Straßen
der Ghettos) gilt eine Norm, nach der Konflikte durch die Beteiligten selbst
geregelt werden müssen, andernfalls drohen Ausschluss und Ächtung. Es
ist leicht vorstellbar, dass auch unter deutschen Jugendlichen mit ausge-
prägtem Straßenleben solche Normen verbreitet sind.

2.6.2 Informelle Sozialkontrolle durch Kriminalität


Black (1983: 36) formulierte die These, dass ein hoher Anteil des Gesamt-
umfangs von Verbrechen dazu dient, (informelle) Sozialkontrolle auszu-
üben. Gewalt gegen Personen (insbesondere Mord) und gegen Sachen, aber
auch Diebstahlsdelikte werden oft motiviert durch Unrecht, das dem Täter
zuvor durch das Opfer angetan wurde. Dies bedeutet, dass die von der offi-
ziellen Sozialkontrolle vorgenommene Trennung in Täter und Opfer in
diesen Fällen unangebracht ist. Gelangt schließlich doch ein Fall an die
offizielle Sozialkontrolle, so kann es willkürlich sein, welche der Parteien
Täter und welche Opfer eines Deliktes ist. Dabei ist jedoch zu beachten,
dass die Norm- und Strafvorstellungen der informellen und der formellen
Sozialkontrolle stark abweichen können, wenn etwa Ehrverletzungen von
deutschen Gerichten kaum oder gar nicht verfolgt werden (Steffen 1986:
99), der street code von US-amerikanischen Ghettojugendlichen es jedoch
nahe legt, den Beleidiger sogar mit dem Tod zu bestrafen (Anderson 1999:
92). Auch Black (1983: 41) geht davon aus, dass Selbstjustiz immer dann
auftaucht, wenn das Recht, also die formelle Sozialkontrolle, für die „Op-
fer“ nicht zugänglich ist, beispielsweise bei jugendlichen Opfern von er-
wachsenen Tätern, delinquenten Opfern, Opfern mit niedrigerem sozioöko-
nomischen Status. Er klärt jedoch nicht das Verhältnis von Selbstjustiz
47

sowie informeller Einigung zwischen den Konfliktparteien.


Anderson (1999) untersuchte den „Code of the Street“ in einigen Ghetto-
Nachbarschaften Philadelphias. Dabei betrachtet er den Zusammenhang
zwischen sozioökonomischen Rahmenbedingungen, Normen und Zielen
der Bewohner und deren Umgang mit Delinquenz. Er konnte drei Mecha-
nismen aufzeigen, die ein geringes Interesse der Ghettobewohner an for-
meller Konfliktregelung erklären. Demnach bedingen die schwierigen öko-
nomischen und sozialen Rahmenbedingungen (hohe Arbeitslosigkeit, we-
nige intakte Familienstrukturen) ein Gefühl der Entfremdung der (meist
schwarzen) Ghettojugendlichen von der Gesellschaft (Anderson 1999: 34).
Die Jugendlichen haben resigniert und kein Vertrauen in den Willen und
die Fähigkeit der offiziellen Sozialkontrolle, Konflikte zu lösen. Auch als
Folge davon entwickelt sich ein Straßenkodex, der beschreibt, wie solche
Konflikte „richtig“ gelöst werden. Dieser Kodex schreibt den Jugendlichen
vor, selbst Verantwortung für ihre Sicherheit zu übernehmen und stempelt
das Einschalten der Polizei als Feigheit oder persönliches Versagen ab, sich
selbst um seine Angelegenheiten kümmern zu können (Anderson 1999:
307). Konflikte werden demnach durch informelle Einigungen oder durch
Rache gelöst. Schließlich macht es die eigene Involvierung in Delinquenz
den Jugendlichen oft unmöglich, sich im Falle einer Viktimisierung an
Instanzen der offiziellen Sozialkontrolle zu wenden.

2.6.3 Informelle Sozialkontrolle durch einvernehmliche Konflikt-


regelung
In einer ethnographischen Studie hat Todd (1978: 107) Konfliktlösungsme-
chanismen in dem kleinen bayerischen Dorf „Gottfrieding“ untersucht. Er
konnte im Dorf eine starke Norm feststellen, Konflikte nicht bis zu den
Instanzen formeller Sozialkontrolle (Polizei und Amtsgericht) eskalieren zu
lassen. In diesem Dorf existierte ein institutionalisiertes informelles Kon-
fliktregelungsmodell, bei dem sich die zur Dorfgemeinschaft zählenden
Insider im Gastzimmer trafen und versuchten, Konflikte bzw. die Folgen
von Unrecht untereinander zu lösen.
Baumgartner (1984) stellte fest, dass Opfer von Delinquenz in „Subur-
bia“, einem New Yorker Vorort, verstärkt dazu neigen, Konflikte nicht
auszutragen, also durch Bagatellisierung bzw. Resignation zu „lösen“.
Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten, Meidung von „Tätern“ oder
informelle Regelungen werden bei weitem der formellen Sozialkontrolle
48

vorgezogen. Falls diese dennoch zum Tragen kommt, greifen die Opfer
nicht selten zum Mittel einer anonymen Anzeige (Baumgartner 1984: 88).
Anders als Todd (1978) konnte die Autorin auch keinerlei institutionalisier-
te Konfliktlösungsmechanismen beobachten. Allerdings zeigte sich, dass
insbesondere Jugendliche aus der Arbeiterschicht dazu neigten, Konflikte
offen auszutragen. Sowohl informelle Regelungen (Selbstjustiz) als auch
formelle Beschwerden (Anzeigen) traten bei Jugendlichen aus der Unter-
schicht häufiger auf als bei jeder anderen Bevölkerungsgruppe. Das Ver-
meiden von Konflikten ist daher in erster Linie charakteristisch für erwach-
sene Angehörige der Mittelschicht (Baumgartner 1984: 92). Zur Erklärung
greift die Autorin auf die Morphologie der sozialen Beziehungen von Vor-
stadtbewohnern aus der Mittelschicht zurück. Aufgrund der hohen Mobili-
tät haben sie wenig Bekannte und Verwandte in unmittelbarer Umgebung
des Wohnortes und ihr soziales Netzwerk besteht aus schwachen, uniple-
xen Beziehungen (Granovetter 1973). Die Struktur der sozialen Netzwerke
dieser Bewohner von Vorstädten begünstigt insofern das Nichtaustragen
von Konflikten, als es relativ wahrscheinlich ist, dass einer der beiden
Kontrahenten im Lauf der Zeit wegziehen wird und sich die Sache so von
selbst erledigt. Allerdings kann dies zunächst nur für länger andauernde,
persönliche Konflikte gelten, nicht aber für punktuelle Störungen. Uniple-
xe Beziehungen sind dadurch charakterisiert, dass Akteure nur wenig Zeit
miteinander verbringen, da sie ihre unterschiedlichen Rollen auch räumlich
getrennt ausüben, z.B. am Arbeitsplatz, Verein, im Haus. Dies bedeutet
jedoch auch, dass wenig Vertrauen entstehen kann, welches für eine infor-
melle Konfliktregelung notwendig ist (Baumgartner 1984: 94). Weiterhin
macht es die mobile Lebensweise und die Flüchtigkeit von Beziehungen
schwierig, Informationen über Täter im Sinne eines Labels anzusammeln
und über den Klatsch der Bewohner auszutauschen. Für die Opfer ist es
daher schwierig zu entscheiden, ob es sich bei der konkreten Tat um einen
„Ausrutscher“ handelt, oder ob sie es mit einem Intensivtäter zu tun haben.
Schließlich können die Mittelschichtangehörigen über ihre uniplexen
Netzwerke erheblich weniger Unterstützung zur Konfliktaustragung mobi-
lisieren.
Merry (1979) konnte in einer qualitativen Studie zeigen, dass das Zu-
sammenwohnen von unterschiedlichen Ethnien in einem amerikanischen
Stadtviertel, zwischen denen kaum soziale Beziehungen bestanden und die
große Unterschiede in ihren Normen und Verhaltensweisen aufwiesen,
negative Auswirkungen auf die informelle soziale Kontrolle im Stadtviertel
49

hat. Dies macht es auch schwierig, Konflikte endgültig zu lösen, vielmehr


wenden die Bewohner Strategien an, die auf eine Bewältigung aktueller
Vorkommnisse zielen. Dazu zählen in erster Linie Klatsch und Tratsch
innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, bei Jugendlichen die Selbstjustiz
(Merry 1979: 900). Neben dem Einschalten Dritter wie Polizei und Gericht
schließlich bleiben viele Konflikte ungelöst, die Bewohner resignieren.
Konflikte schließlich, die durch kriminelle Akte entstehen, wurden zu 50%
durch Resignation des Opfers „gelöst“; die übrigen 50% der Konflikte
wurden ungefähr zur Hälfte durch Selbstjustiz und die formelle Sozialkon-
trolle geregelt (Merry 1979: 905). Wenn diese Zahlen aufgrund des qualita-
tiven Charakters der Studie und der geringen Anzahl von zehn Fällen auch
nicht repräsentativ ist, so zeigt sich doch deutlich, dass einvernehmliche
informelle Konfliktregelungen in dem von der Autorin untersuchten Quar-
tier nur selten vorkommen.

2.7 Quantitative Befunde zu Alternativen zur Anzeigeerstat-


tung
Die in Abschnitt 2.6.1 ausgemachten alternativen Konfliktlösungsmecha-
nismen zu einer Anzeige können mit einer Reihe von Motiven identifiziert
werden, die in Opferbefragungen typischerweise als Begründung für das
Unterlassen einer Anzeige genannt werden. Im Folgenden werden daher
einige neuere Befunde zu Motiven für das Unterlassen einer Anzeige be-
richtet. Diese werden jedoch in aller Regel von den jeweiligen Autoren nur
deskriptiv berichtet, ohne sie einer weiteren Analyse zu unterziehen. Eine
solche Analyse nach sozialen Zusammenhängen und Erklärungen für eine
alternative Bewältigung von Opfererlebnissen soll daher in umfassender
Weise in vorliegender Arbeit geleistet werden.
In der Schülerbefragung zu Gewaltdelikten von Eisner u.a. (2000: 54) ist
die Bagatellisierung mit 58% der Opfer die häufigste Form der Konflikt-
verarbeitung.17 Immerhin noch 41,6% der Jugendlichen gaben eine infor-
melle Einigung als Nichtanzeigegrund an („wollte es selbst regeln“), wäh-
rend Hinweise auf Selbstjustiz („kann mich alleine wehren“) von 31,5%
der Befragten gegeben wurden. Resignation zeigten 39,4% der Befragten
(„Polizei kann nichts bewirken“), 23,5% („will mit Polizei nichts zu tun

17
Hier wurden die Nichtanzeigegründe durch Mehrfachantwortmöglichkeiten abge-
fragt, was die insgesamt höhere Nennungshäufigkeit erklärt.
50

haben“) und 11% gaben an, Angst vor dem Täter zu haben.
Schwind u.a. (2001: 207) können mit ihrer Repräsentativuntersuchung in
Bochum zu drei Messzeitpunkten (1975, 1986, 1998) keine bedeutsamen
Veränderungen in der Gewichtung einzelner Nichtanzeigemotive ausma-
chen. Auch in dieser Untersuchung ist die Bagatellisierung des Schadens
das dominante Motiv für einen Verzicht auf eine Anzeige, allerdings zeigt
sich über die drei Befragungszeitpunkte ein leichter Rückgang der Angaben
in dieser Kategorie von 46,8% auf 40,1%. Dagegen steigt der Anteil der
resignierenden Nichtanzeiger von 17,4% 1975 auf 26,2% 1998. Eine Kate-
gorie, die sich sonst in keiner der hier besprochenen Untersuchungen findet
und die Schwind u.a. (2001: 208) aus drei Einzelkategorien zusammenfas-
sen, nennt sich „Rücksicht auf den Täter“. Diese Kategorie wird im Verlauf
der drei Studien seltener angegeben, der Anteil der Nichtanzeiger mit die-
sem Motiv sinkt von 9,1% auf 6,4%. Dagegen steigt der Anteil derjenigen,
die resignieren von 22,2% im Jahr 1975 auf 32,6% in 1998. Die weiteren
von den Autoren gebildeten Kategorien „Abneigung gegen die Behörden“
und „befürchtete persönliche Nachteile des Opfers“ sind mit jeweils unter
5% der Nennungen über alle Jahre unbedeutend.
Etwas andere Befunde berichtet Heinz (1997: 124) für die Gemeinden
Ravensburg und Weingarten in Baden-Württemberg. Hier war der häufigs-
te Grund für eine Nichtanzeige die Resignation. So gaben 51,6% an, auf
eine Anzeige verzichtet zu haben, weil „die Polizei nichts hätte machen
können“ und 21,5% weil „die Polizei nichts getan hätte“. Die Bagatellisie-
rung der Viktimisierung als „nicht schwerwiegend“ war dagegen nur für
47,2% ein Grund, keine Anzeige zu erstatten. Immerhin 7,4% gaben an, die
Sache „selbst geregelt“ zu haben.
In der repräsentativen Befragung von Killias & Berruex (1999) macht
dagegen bei Eigentumsdelikten (44,5%) und bei Delikten gegen die Person
(41,6%) die Bagatellisierung durch den Befragten („Tat war nicht schwer-
wiegend genug“) das Hauptmotiv für das Unterlassen einer Anzeige aus.
Den zweiten Rang nehmen Motive ein, die als Resignation bezeichnet wer-
den können: 20,5% der Opfer von Eigentumsdelikten und 18,6% der Ge-
waltopfer gaben an, dass die Polizei nichts hätte tun können, nichts ge-
macht hätte oder dass dies kein Fall für die Polizei wäre. Nur bei Gewaltde-
likten wichtig war auch die Resignation aufgrund der Angst vor den Folgen
einer Anzeige, immerhin 6,5% der Befragten gaben an, aus Furcht vor der
Polizei oder vor Repressalien des Täters auf die Anzeige verzichtet zu ha-
ben. Die dritte gewichtige Kategorie nehmen wiederum für beide Deliktar-
51

ten eine aktive (informelle) Konfliktregelung durch den Geschädigten oder


dessen Angehörige ein (zusammen 18% bzw. 16%).
Schwarzenegger (1991: 87) berichtet aus der Züricher Opferbefragung
deutliche Unterschiede in den Alternativen zu einer Anzeige nach Delikt-
typ.18 Während bei Eigentumsdelikten nur 27,2% der Befragten das Opfer-
erlebnis bagatellisierten, lag dieser Anteil bei Gewaltdelikten mit 48,8%
fast doppelt so hoch. Dagegen wurden informelle Regelungen fast nur bei
Gewaltdelikten (22% gegenüber 1,5% bei Eigentumsdelikten) getroffen.
Resignation war dagegen deutlich häufiger bei Eigentumsdelikten als bei
Gewaltdelikten die Motivation für den Verzicht auf eine Anzeige. Während
insgesamt 32,8% der Befragten bei Eigentumsdelikten angaben, dass sie
keine Aussicht auf Erfolg gesehen hätten, die Polizei ineffizient oder unfä-
hig sei oder sie keine Beweise hätten, betrug dieser Anteil bei Gewaltdelik-
ten mit 14,6% nur rund die Hälfte.
Es gibt nur wenige Arbeiten, die sich mit einer systematischen Analyse
der sozialen Kovariaten für unterlassene Anzeigen befassen. Eine Ausnah-
me bildet die ausführliche Reanalyse der Göttinger und Bochumer Dunkel-
feldbefragung durch Schwind & Zwenger (1992), in der allerdings nur
Nichtanzeigegründe von Diebstahlsdelikten betrachtet wurden. In der Göt-
tinger Studie zeigte sich, dass der Nichtanzeigegrund „Antipathie gegen-
über Behörden“ mit dem sozioökonomischen Status der Befragten korre-
lierte. 15% der Opfer mit niedrigem Status gaben diesen Grund an, dagegen
nur 0,9% der Opfer aus der gehobenen Mittelklasse. Unterschichtangehöri-
ge ließen mit 37,5% der Opfer eine geringere Neigung zur Bagatellisierung
erkennen als Befragte aus der unteren Mittelschicht (50%) und der oberen
Mittelschicht (45,6%). Im Unterschied dazu fanden sich bei der Einschät-
zung der „Effizienz der Polizei“ und der Befürchtung „persönlicher
Nachteile“ durch eine Anzeige keine bedeutsamen Unterschiede nach der
Schichtzugehörigkeit. Bedeutsame Unterschiede nach dem Alter der Be-
fragten fanden Schwind & Zwenger (1992: 118) vor allem bei der Bagatel-
lisierung. 14- bis 30-Jährige gaben zu 52,4% an, dass der Schaden nicht so
groß gewesen sei, während dies in der Altersgruppe der 31- bis 50-Jährigen
nur zu 41,6% genannt wurde und bei noch älteren Befragten nur zu 38,1%.
In der Studie wurde allerdings nicht die absolute Schadenshöhe kontrol-
liert, so dass sich nicht sagen lässt, ob dieser Zusammenhang auf einer

18
Die Angaben beziehen sich auf nachträglich verkodete Antworten auf eine offene
Fragestellung. Die deutlichen Unterschiede in den Häufigkeiten sollten allerdings nicht
überbewertet werden, da den Gewaltdelikten nur 41 Fälle zugrunde lagen.
52

erhöhten Neigung junger Opfer zum Bagatellisieren des Schadens beruht,


oder ob der Schaden bei jüngeren Opfern objektiv geringer ist als bei älte-
ren. Da es sich bei dem untersuchten Delikt um einfache Diebstähle han-
delt, ist die letztere Erklärung meines Erachtens recht plausibel. Darüber
hinaus geht aus Plate & Schneider (1989: 177) hervor, dass Jugendliche
dasselbe Gewaltdelikt (abgefragt über hypothetische Situationen) als weni-
ger schwerwiegend beurteilen als heranwachsende oder erwachsene Be-
fragte.
In einer früheren Studie konnte Schwind (1983: 178) zeigen, dass Opfer,
die bereits Erfahrungen mit Anzeigen gesammelt hatten, mit 39,5% eher
zur Resignation neigten als anzeigeunerfahrene Opfer (14,3%). Weiterhin
zeigte sich in der Folgeuntersuchung Bochum III, dass anzeigeerfahrene
Opfer, die mit dem Umgang der Polizei mit ihrer Anzeige zufrieden waren,
für zukünftige Fälle eine höhere Anzeigebereitschaft aufwiesen als unzu-
friedene Anzeiger (Schwind u.a. 2001: 205). Außerdem konnten Schwind
u.a. (2001: 209) nachweisen, dass sich die Motive für das Unterlassen einer
Anzeige zwischen Diebstahls- und Körperverletzungsdelikten signifikant
unterscheiden. So gaben bei Eigentumsdelikten nur 1,7% als Motiv „Angst
vor dem Täter“ an, während dieses von 11,8% der Körperverletzungsopfer
genannt wurde. In der gleichen Größenordnung aber unter umgekehrten
Vorzeichen gaben Opfer von Körperverletzungen häufiger an, dass „bei
Gericht nichts herauskommt“, während dies von Diebstahlsopfern kaum
genannt wurde.
In seiner umfangreichen Studie des Anzeigeverhaltens untersucht Green
(1981: 141) den Zusammenhang von Nichtanzeigegründen mit der Delikt-
schwere. Dabei zeigte sich, dass mit zunehmender Deliktschwere der An-
teil resignierender Opfer stark abnahm. Bei Delikten der leichtesten Delikt-
kategorie gaben 44,8% der Opfer an, dass nichts getan werden konnte, bei
Delikten der schwersten Kategorie waren dies nur noch 27,8% der Opfer.
Erwartungsgemäß ging auch der Anteil der Opfer zurück, die das Delikt als
nicht schwerwiegend genug bewerteten (von 31,1% auf 8,5%). Dagegen
stieg mit zunehmender Deliktschwere der Anteil derjenigen Opfer stark an,
die behaupteten, es handele sich dabei um eine Privatangelegenheit (von
3,4% auf 20,9%). Auch die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen durch die
Täter war bei schwereren Delikten mit 2,1% häufiger ein Grund für die
Nichtanzeige als bei leichteren Delikten (0,2%). Dagegen wurden keine
Unterschiede in der Einschätzung der polizeilichen Reaktion auf die An-
zeige gefunden, d.h. das Opfer war auch bei leichten Delikten nicht seltener
53

der Meinung, dass dies kein Fall für die Polizei wäre oder diese nichts un-
ternehmen würde als bei schwereren Delikten.
In der bereits erwähnten Studie hypothetischer Konfliktlösungen bot Ing-
ram (1995: 140) den Befragten sieben mögliche Reaktionen in neun Kon-
fliktsituationen an. Resignierende Reaktionen waren das Ausstehen des
Konfliktes (nichts tun; 25,3%) sowie die Meidung des Konfliktgegners
(24,9%). Aktive Bewältigungen reichten von heimlicher Beschwerde bei
Nachbarn und Freunden (Klatsch; 48,8%) über informelle Mediation
(70,1%) und direkter Konfrontation des Konfliktgegners (42,2%) bis zur
Einschaltung der formellen Sozialkontrolle (48,1%). Selbstjustiz (self help)
trat über alle Konflikte mit einer Häufigkeit von 31,7% auf. Es zeigte sich,
dass einerseits der Einbezug formeller Sozialkontrolle, andererseits aber
auch heimliche Beschwerden - insgesamt also eine aktive Konfliktbewälti-
gung - mit zunehmender Deliktschwere wahrscheinlicher wurden (Ingram
1995: 127). Die Nichtaustragung des Konfliktes hing dagegen eher von der
Möglichkeit zur Meidung des Konfliktgegners ab. So wies der Ärger über
nachbarliche Haustiere die höchste Wahrscheinlichkeit von Resignation
auf, während bei innerhäuslichen Auseinandersetzungen über Fragen der
Haushaltsführung gleich nach Einbruchsdelikten am seltensten resigniert
wurde. Des Weiteren berichtet Ingram (1995: 130) einen Einfluss des Ge-
schlechts der Befragten auf deren Neigung zu moralischem Minimalismus.
Insgesamt zeigten Frauen eine größere Tendenz zur Resignation als Män-
ner, allerdings nicht bei leichteren Konflikten über häusliche Probleme und
Auseinandersetzungen in der Nachbarschaft. Schließlich konnten Zusam-
menhänge zwischen sozialem Status und moralischem Minimalismus beo-
bachtet werden. Bei Raubdelikten zeigten Befragte mit höherem Einkom-
men eine geringere Tendenz zur Resignation (beta=-0,13), während höher
Gebildete (beta=0,10) eine stärkere Tendenz aufwiesen (Ingram 1995:
142). Moralischer Minimalismus bei Einbruchsdelikten ist dagegen (neben
dem Geschlecht) von der Ethnie und Alter des Befragten abhängig. So
neigten weiße Amerikaner seltener zu Resignation (beta=-0,10), während
dies bei älteren Befragten wahrscheinlicher war als bei jüngeren (be-
ta=0,10). Ingram (1995: 150) fand jedoch keine signifikanten und konsi-
stenten Unterschiede im moralischen Minimalismus zwischen suburbanen
und urbanen Wohngegenden. Damit konnte die qualitativen Befunde von
Baumgartner (1984), über die bereits in Abschnitt 2.6.3 berichtet wurde,
nicht bestätigt werden. Allerdings wurden in der Studie von Ingram nur
zwei suburbane und ein urbanes Wohnviertel verglichen.
54
55

3 Ansätze zu einer Theorie der Kriminalisierung und


des Anzeigeverhaltens

Die meisten der im vorhergehenden Kapitel wiedergegebenen Befunde,


insbesondere aus der deutschsprachigen Literatur, sind aus empiristisch
orientierten Darstellungen entnommen. Das bedeutet, dass abgesehen von
ad hoc Interpretationen kaum theoretische Gerüste zur Erklärung der empi-
risch gefundenen Zusammenhänge angeboten werden. Dennoch gibt es
bereits Theorien zu Erklärung von Unterschieden zwischen Hell- und Dun-
kelfeld auf der Ebene sozialräumlicher Aggregate, auf die insbesondere
Warner (1989) ihre in Abschnitt 2.5.3 berichteten Analysen bezog. So wur-
den einige der Ergebnisse von mir zunächst einmal ihrer theoretischen
Interpretation entkleidet, um in die in Kapitel zwei angewandte Systenatik
der Darstellung empirischer Zusammenhänge eingepasst werden zu kön-
nen. Dies betraf im Wesentlichen die sozialökologischen Arbeiten von
Warner (1989), Baumer (2002) sowie Karstedt u.a. (2004), während
Gottfredson & Hindelang (1979) sich ohnehin darauf beschränkten, mit
ihren Befunden die Theorie Blacks (1976) zu testen. Im folgenden Ab-
schnitt werden nun theoretische Erklärungen dargestellt, die sich explizit
oder implizit mit der sozialpsychologischen, soziologischen und sozialöko-
logischen Erklärung von Prozessen beschäftigen, die zu einer Anzeige
führen. Ausgangspunkt meiner Überlegungen sind Prozesse der Bewertung
der Viktimisierungserfahrung durch das Opfer, die sich vor allem sozial-
psychologisch erklären lassen. Treten während der Viktimisierung selbst
oder in deren Folge soziale Interaktionen zwischen Opfer und Täter auf, so
können dafür soziologische Erklärungen gefunden werden. Schließlich
agieren Opfer und Täter in einem sozialen Umfeld, welches durch Bezie-
hungsstrukturen und Normen Verhalten im Falle einer Viktimisierung re-
guliert und durch Theorien auf sozialökologischer Ebene beschrieben wer-
den kann. Im Anschluss an die Darstellung dieser Theorien sowie kriti-
scher Punkte werden die empirischen Befunde aus Abschnitt 2 integriert
und Ansätze zu einer umfassenden Theorie des Anzeigeverhaltens darge-
stellt.
56

3.1 Sozialpsychologische Erklärungen des Umgangs mit Vik-


timisierung
Ruback u.a. (1984: 55) haben ein dreistufiges sozialpsychologisches Mo-
dell vorgeschlagen, welches die Entscheidungsfindung eines Opfers über
den Umgang mit der Opfersituation erklären soll. Auf die Entdeckung eines
Ereignisses durch das Opfer muss dieses Ereignis oder Erlebnis zunächst
als kriminell definiert werden. Die Definition eines Ereignisses als krimi-
nell wird dabei bestimmt von den persönlichen Vorstellungen des Opfers
davon, was ein Verbrechen ist und davon, wie gut das aktuelle Erlebnis mit
dieser Vorstellung übereinstimmt. Wird das Ereignis nicht als kriminell
bewertet, so findet keine Aktion statt. Ist die Definition dagegen positiv, so
führt das Opfer auf Stufe zwei des Modells eine Bewertung der Schwere
des kriminellen Erlebnisses durch. Auf der dritten Stufe schließlich trifft
das Opfer eine Entscheidung über eine Reaktion. Die möglichen Hand-
lungskonsequenzen auf die Viktimisierung reichen dabei von „gar nichts
tun“ über eine Neudefinition der Situation bis zu informellen und formellen
Konfliktlösungen (vgl. Abschnitt 2.6.1). Kidd & Chayet (1984: 40) postu-
lieren, dass es das Ziel jeder Reaktion des Opfers sei, das mit der Viktimi-
sierung verbundene Leiden (Angst, materielle Verluste und Schmerzen,
aber auch die Furcht vor zukünftiger Viktimisierung) zu verringern. Insbe-
sondere schwere Gewalterfahrungen führen beim Opfer zu Stress, Angst
und Hilflosigkeitsgefühlen, die sich auch auf die weitere Verarbeitung der
Viktimisierung durch die Polizei beziehen. So kann die empfundene Hilflo-
sigkeit auch auf die Polizei übertragen werden und zu der (durchaus realis-
tischen) Einschätzung des Opfers führen, dass auch von der Polizei nichts
getan werden kann. Auch die vom Opfer vermuteten Verluste an Zeit und
Geld sowie die emotionalen Kosten einer Anzeige können dazu führen,
dass das Opfer resigniert und von einer Anzeige des Täters absieht (Kidd &
Chayet 1984: 47). Diese Theorie einer rationalen Verlustminimierung hat
zwar eine hohe Erklärungskraft, unterliegt jedoch wie alle Modelle, die auf
einem rational choice Ansatz beruhen, der Gefahr, sich gegen empirische
Kritik zu immunisieren.
Zwar beziehen Ruback u.a. (1984) in ihr Modell den sozialen Einfluss,
der über die Kommunikation des Opfers mit Dritten ausgeübt wird, sowie
situative Faktoren ein. Allerdings wird nicht weiter ausgeführt, wie und ob
Entdeckung, Bewertung und Reaktion auf Delinquenz durch das Opfer von
sozialen Eigenschaften des Opfers, Täters und der Täter-Opfer-Beziehung
57

abhängen. Dies soll im Folgenden anhand der oben berichteten empirischen


Ergebnisse geleistet werden.
Die von Festinger (1957) erstmals formulierte Theorie der kognitiven
Dissonanz ist eine allgemeine sozialpsychologische Theorie, die mentale
und Verhaltensreaktionen auf nicht erwartungsgemäße Wahrnehmungen
erklärt. Stimmt die Wahrnehmung eines Akteurs mit dessen Erwartungen
nicht überein, so können entweder
die Erwartungen (in Form einer Hypothese oder Norm) angepasst wer-
den,
das erwartungswidrige Ereignis ignoriert werden,
zusätzliche Kognitionen (Erinnerungen, Wahrnehmungen, Bestätigung
durch Dritte) herangezogen werden, die die bisherige Erwartungshaltung
bestätigen,
oder die Erwartungen (Hypothesen, Normen) selbst so angepasst wer-
den, dass die ursprünglich erwartungswidrige Annahme damit konform
geht.
Killias (1980) regt an, die Theorie der kognitiven Dissonanz auf die Be-
wältigung von Viktimisierungserlebnissen und insbesondere auf die Be-
wertung der Deliktschwere anzuwenden. Ein Akteur, der Opfer eines
Deliktes wird, hat die Kognition eines erwartungswidrigen Verhaltens
durch den Täter. Diese Dissonanz ist umso stärker, je weniger das Opfer
mit der normverletzenden Handlung gerechnet hat und umso geringer, je
geringer die Erwartung des Opfers an ein normkonformes Verhalten des
Täters war. Nach Killias (1980: 38) gibt es für das Opfer folgende Mög-
lichkeiten, die aus der Viktimisierung resultierende Dissonanz zu reduzie-
ren:
Die bisherige normative Erwartung kann insgesamt revidiert werden; al-
lerdings ist diese Art der Dissonanzreduktion aufgrund der weitreichenden
Geltung von Normen sehr unwahrscheinlich. Wetzels (1996) bezeichnet
dies als Bewältigung durch Akkomodation.
Die konkrete normwidrige Handlung kann „übersehen“ oder umdefiniert
werden als „nicht normwidrig“ oder „nicht so schwerwiegend“. Diesem
Punkt entspricht die Bewältigung durch Bagatellisierung in den Studien
von Hanak u.a. (1989) und die Immunisierungsstrategie bei Wetzels
(1996).
Das Opfer ändert seine Erwartungen an den Täter oder an die soziale
Gruppe, der dieser angehört. Diese Form der Bewältigung kann zu dem von
Hanak u.a. (1989) als „Meidung des Täters“ bezeichneten Verhalten füh-
58

ren.
Schließlich können weitere Kognitionen (vergangene Erfahrungen mit
der Person des Täters) herangezogen werden, mit denen die erwartungs-
widrige Wahrnehmung neu bewertet wird. Bei Hanak u.a. (1989) entspricht
dies der „Bilanzierung“ des Täterverhaltens.
Insbesondere Jugendliche finden sich häufig in Opfersituationen, in de-
nen sie den Täter kennen, eine Bewältigung durch Meidung des Täters
jedoch nicht möglich ist. Dies ist immer dann der Fall, wenn der Täter an
derselben Schule oder gar Klasse wie das Opfer ist, Mitglied im selben
Verein oder derselben Clique ist oder in der Nachbarschaft des Opfers
wohnt. Bei jugendlichen Opfern kann man daher davon ausgehen, dass eine
Dissonanzreduktion neben der Bilanzierung durch Bagatellisierung erreicht
wird. Allerdings weist Wetzels (1996: 15) darauf hin, dass solche „Anpas-
sungen der Realität“ eher in Situationen auftreten sollten, die das Opfer als
selten auftretend und für die weitere Lebensführung nicht weiter relevant
einschätzt. Eine häufige Anwendung der Immunisierung führt nämlich zu
einer Verringerung der Realitätsangemessenheit der Auffassungen, die eine
Person von sich selbst hat. Auf Dauer kann dies die Fähigkeit der Person
zur Planung situationsangemessener Handlungen vermindern. Je weniger
das Opfer damit rechnet, mit einer Normübertretung konfrontiert zu werden
und desto größer daher das Ausmaß an kognitiver Dissonanz ist, desto eher
wird das Opfer dazu neigen, die Viktimisierung zu bagatellisieren, also als
weniger schwer zu bewerten. Eine weniger schwere Bewertung wird je-
doch auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu einer Anzeige durch das
Opfer führen.
Problematisch ist, dass mit den dieser Arbeit zugrunde liegenden Daten
ein strenger empirischer Test der aus der Dissonanztheorie abgeleiteten
Thesen nicht durchführbar ist. Es wurde weder gemessen, ob ein Viktimi-
sierungserlebnis zu kognitiver Dissonanz führte, noch, ob diese durch Ba-
gatellisierung reduziert wurde. Die hier und im folgenden Kapitel im An-
schluss an Killias (1980) angestellten Überlegungen sollten daher eher als
forschungsleitende Heuristik denn als im strengen Sinn prüfbare Hypothe-
sen verstanden werden.

3.2 Theorie sozialer Konflikte


Mit der Theorie sozialer Konflikte (im Folgenden Konflikttheorie genannt)
wird die sozialpsychologische Erklärungsebene zugunsten einer makroso-
59

ziologischen verlassen. Grundannahme der Konflikttheorie ist ein Modell


der Gesellschaft, bei dem unterschiedliche soziale Gruppen um Einfluss
ringen. Diese Gruppen haben unterschiedliche Interessen und Werte. Ziel
der jeweils herrschenden Gruppe ist es daher, ein System sozialer Kontrolle
zu errichten, welches ihren eigenen Interessen dient und diejenigen der
beherrschten Gruppe kontrolliert (Turk 1969). Soziale Kontrolle dient
demnach der Aufrechterhaltung von Herrschaft (Chambliss 1999: 131).
Diese Überlegungen, die in Deutschland auch Eingang in den labeling
approach gefunden haben, sollen erklären, weshalb unterschiedliche sozia-
le Gruppen (nach Ethnie, Alter, sozioökonomischem Status) unterschied-
lich hohe Kriminalitätsraten bzw. unterschiedliche Hell-
Dunkelfeldrelationen aufweisen. Der Schwerpunkt empirischer Analysen
lag dabei auf der Arbeit der Polizei, von der angenommen wurde, dass sie
durch diskriminierendes Sanktionsverhalten für die Selektion verantwort-
lich wäre (Warner 1989: 20). Dies ist jedoch weder in Deutschland noch in
den USA in einem größeren Ausmaß der Fall, da die Polizei in der über-
wiegenden Mehrheit der Fälle (80-85%) reaktiv tätig wird (Busch & Wer-
kentien 1992). Wenn überhaupt, dann kann eine selektive Registrierung
aufgrund von Polizeihandeln entweder im Verlauf des Anzeigeprozesses
zustande kommen, indem bestimmte Gruppen von Opfern über eine gerin-
gere „Beschwerdemacht“ bei der Polizei verfügen, sich also von dieser
leichter „abwimmeln lassen“ oder bestimmte Deliktarten eher von der Poli-
zei registriert werden (Feest & Blankenburg 1972). So konnte Kürzinger
(1978:159) zeigen, dass Anzeigen von Gewaltdelikten gegen Personen zu
70% von den Polizisten abgelehnt wurden, bei Eigentumsdelikten betrug
dieser Anteil nur 3%. Zum anderen kann auch eine direkte Diskriminierung
bei Drogendelikten auftreten, die vorwiegend aufgrund aktiven Polizeihan-
delns verfolgt werden.
Aufgrund der Einwände gegen die Annahme einer direkten selektiven
Registrierung von Tätern durch die Polizei schlägt Warner (1989: 33) vor,
diese Theorie für Aggregate sozialer Gruppen wie folgt zu modifizieren:
Wenn Angehörige einer etablierten sozialen Gruppe (in den USA: weiße
Mittelschicht) in einer Gegend mit hohen Einkommensunterschieden und
einem hohen Anteil ethnischer oder kultureller Minderheiten wohnen, so
fühlen sie sich von diesen bedroht und verstärken die formelle Sozialkon-
trolle, die Anzeigerate sollte steigen. Ähnlich argumentiert auch Mansel
(2001: 315). Demnach fühlt sich die deutsche Mehrheitsbevölkerung durch
die Darstellung von Ausländerkriminalität in den Medien bedroht und neigt
60

dazu, Delikte von Ausländern strenger zu bewerten und in der Folge auch
häufiger anzuzeigen als Delikte, die von deutschen Jugendlichen begangen
werden. Während nach der Konflikttheorie insbesondere Konflikte um die
Verteilung von Ressourcen zu einer Furcht vor der Unterschicht führen und
das Bedürfnis nach formeller Sozialkontrolle dieses Bevölkerungsanteils
steigern, so ist es bei Mansel (2001) speziell die Furcht vor der (angeblich
höheren) Kriminalität von Ausländern, die die deutsche Bevölkerung in
stärkerem Maße zur Anzeige als Mittel der Konfliktlösung greifen lässt.
Dem konflikttheoretischen Ansatz stehen meines Erachtens jedoch Ein-
wände gegenüber, die theorieimmanent nicht gelöst werden können. Zum
einen kann auch der durch Warner modifizierte Ansatz nicht befriedigend
erklären, weshalb zur Abwendung der wahrgenommenen Bedrohung eine
Steigerung der formellen Sozialkontrolle notwendig ist. Es wäre ebenso gut
vorstellbar, dass Bewohner verstärkt auf informelle Sozialkontrolle zu-
rückgreifen, wenn sie die soziale Ordnung gefährdet sehen. Die spezielle
Ausprägung bei Mansel (2001) wiederum kann nicht die von Pfeiffer u.a.
(1998) berichteten Befunde erklären, nach denen nicht nur das Anzeigever-
halten gegenüber Ausländern erhöht ist, sondern umgekehrt auch das An-
zeigeverhalten von ausländischen Jugendlichen gegenüber deutschen. Bei-
den (Mansel und Pfeiffer u.a.) gemeinsam ist jedoch vorzuhalten, dass sie
sich einseitig auf nur einen Aspekt der Täter-Opfer-Relation beschränken
(Unterschiede versus Ähnlichkeiten im sozioökonomischen Status bzw. in
der Ethnie) und damit andere beobachtbare Einflüsse dieser Relation aus-
blenden (z.B. Unterschiede im Bekanntheitsgrad und Geschlecht von Täter
und Opfer).
Die von Warner (1989) modifizierte Konflikttheorie insgesamt in Frage
stellt dagegen, dass die in Abschnitt 2.3.1.4 berichteten empirischen Ergeb-
nisse des Anzeigeverhaltens nach sozialem Status des Opfers keineswegs
eindeutig sind. Global betrachtet scheinen zwar Angehörige höherer sozia-
ler Schichten etwas häufiger Delikte anzuzeigen. Allerdings wird dieser
Zusammenhang relativiert, wenn unterschiedliche Deliktstruktur, unter-
schiedlicher Versicherungsumfang bei Diebstahlsdelikten und eine schicht-
spezifische Bewertung von Delinquenz unabhängig von der sozialen
Schichtzugehörigkeit des Täters berücksichtigt werden.

3.3 Soziale Variation von formeller Sozialkontrolle


Donald Black stellte 1976 die These auf, dass das Ausmaß des Rechts an
61

unterschiedlichen Orten, Zeiten und Individuen variiert. Mit „Recht“ meint


Black (1976: 2) nichts anderes als die formelle Sozialkontrolle. Recht als
soziale Kontrolle variiert nach Black in vier sozialen Dimensionen: Soziale
Schichtung (stratification), soziale Beziehungen (morphology), Kultur und
Organisation. Im Folgenden sollen insbesondere die Thesen Blacks zur
Variation formeller Sozialkontrolle nach sozialer Schichtung und sozialen
Beziehungen näher betrachtet werden.
Black (1967: 21) postuliert bezüglich der Verteilung sozialer Kontrolle
über die Schichtung einer sozialen Einheit, dass die formelle soziale Kon-
trolle über Personen mit einem höheren sozioökonomischen Status (rank)
geringer ist als diejenige über Personen mit einem niedrigeren Status. Diese
These wird sogar noch verstärkt durch das Postulat, dass „abwärts gerichte-
te“ Sozialkontrolle, also Kontrolle, die durch statushöhere Personen über
statusgeringere ausgeübt wird, umso größer ist, je größer der Statusabstand
zwischen den Beteiligten – und umgekehrt ist „aufwärts gerichtete“ formel-
le Sozialkontrolle umso geringer, je größer der Abstand ist (Black 1976:
25). Dieses Postulat stimmt mit den Überlegungen der Konflikttheorie
überein (vgl. den vorangegangenen Abschnitt), ohne allerdings eine Theo-
rie dafür zu beinhalten, die erklären könnte, weshalb soziale Schichtung
und soziale Kontrolle in dieser Weise verbunden sein sollten.
Soziale Distanz strukturiert ebenfalls das Ausmaß von formeller Sozial-
kontrolle. Black (1976: 41) postuliert eine umgekehrt u-förmige Beziehung
zwischen der sozialen Distanz zwischen zwei Personen und dem Ausmaß
formeller Sozialkontrolle. Während bei maximaler und minimaler Distanz
nahezu keine rechtliche Struktur in der Beziehung vorhanden ist, nimmt
diese zu einer mittleren sozialen Distanz hin zu. Die soziale Distanz zwi-
schen zwei Akteuren ist ein Begriff aus der Netzwerkanalyse. Black (1976:
41) bestimmt diesen durch die Anzahl von Knoten, also anderen Akteuren,
die zwischen den betrachteten liegen, sowie der Multiplexität der Bezie-
hung, also der Anzahl unterschiedlicher Austauschverhältnisse zwischen
den beiden Akteuren.
Ein Aspekt der sozialen Beziehungen ist für Black die Integration eines
Akteurs ins Zentrum einer Gesellschaft. Integration bedeutet für Black
(1976: 48) das Ausmaß der Beteiligung an sozialen Funktionen wie Pro-
duktion, Konsumption, Freizeit und sozialem Leben. Wiederum postuliert
Black, dass formelle Sozialkontrolle in Richtung weniger integrierter Ak-
teure zunimmt, während sie in Richtung gut integrierter Akteure abnimmt.
Unter Kultur versteht Black (1976: 61) die symbolischen Aspekte des
62

Sozialen. Damit sind Theorien, Ideen, Vorstellungen wissenschaftlicher


und vor allem alltäglicher Art gemeint, die sowohl beschreibend als auch
normativ oder praktisch sein können. Die formelle Sozialkontrolle hat wie-
derum eine Richtung: Von Akteuren mit hoher kultureller Partizipation
wird über Akteure mit geringer kultureller Partizipation stärkere formelle
Sozialkontrolle ausgeübt als umgekehrt. Je größer die kulturelle Distanz
zwischen den Akteuren ist, desto größer ist der Unterschied im Ausmaß
formeller Sozialkontrolle (Black 1976: 65).
Nach Black sollten die beschriebenen Zusammenhänge nicht nur für in-
dividuelle Akteure gelten, sondern auch für Aggregate wie Kommunen,
Nachbarschaften, Organisationen.
Ein letztes Axiom, welches im Zusammenhang vorliegender Arbeit inte-
ressant ist, könnte als Komplementärregel bezeichnet werden. Demnach
variiert die formelle Sozialkontrolle invers mit anderen Formen sozialer
Kontrolle (Black 1976: 107). Das bedeutet insbesondere: Je geringer die
informelle Sozialkontrolle, desto stärker die formelle und umgekehrt.
Problematisch an den Postulaten Blacks ist meines Erachtens ihr axioma-
tischer Charakter. Zwar gelingt es Black, über eine Reihe von historisch
und interkulturell vergleichenden Beispielen seine Hypothesen einleuch-
tend zu begründen, allerdings werden diese nicht in umfassendere Theorien
eingebettet, die erklären könnten, warum beispielsweise die Quantität und
Qualität von Recht mit dem sozioökonomischen Status variieren sollte.
Black bleibt es schuldig, hier kausale Mechanismen zu benennen, die empi-
risch überprüfbar wären und die den Zusammenhang erklären könnten. In
seiner Theorie fehlt weiterhin eine erklärende Verbindung zwischen der
soziologischen Makroebene und der Mikroebene sozialen Handelns. Des
Weiteren scheinen die von ihm benannten Dimensionen nicht unabhängig
voneinander zu sein. So könnten Integration und Kultur letztlich auch als
Teilaspekte sozialer Schichtung betrachtet werden, keinesfalls sind sie
jedoch davon unabhängige Faktoren. Sieht man von diesen (allerdings
grundlegenden) Problemen ab, so bietet die Theorie Blacks einen reichen
Fundus an Hypothesen für individuelle und soziale Determinanten des
Anzeigeverhaltens.
Allerdings liegt bisher nur wenig empirische Bestätigung für die Theorie
63

vor.19 Die in Abschnitt 2.2.1.4 berichteten empirischen Befunde zur Ab-


hängigkeit der Anzeigeneigung vom sozioökonomischen Status des Opfers
sind, wie schon bei der Kritik der Konflikttheorie angemerkt, nicht sehr
überzeugend. Allerdings umfasst der soziale Status eines Akteurs nicht nur
dessen ökonomische Situation, sondern wird auch durch Faktoren wie eth-
nische Herkunft, Geschlecht und Alter festgelegt. In Abschnitt 2.2.1.1 wur-
de über eine Reihe von empirischen Befunden berichtet, die die Annahme
bestätigen, dass ältere Personen auch unter Kontrolle der Schadenshöhe
häufiger zum Mittel der Anzeige greifen. Dagegen legen es die berichteten
empirischen Ergebnisse eher nahe, dass Jugendliche mit fremder ethnischer
Herkunft häufiger anzeigen als deutsche Jugendliche. Keine empirische
Bestätigung fand sich bisher auch für Blacks These, dass Unterschichtan-
gehörige gegenüber Oberschichtangehörigen weniger formelle Sozialkon-
trolle ausüben können und Angehörige der Oberschicht umso mehr formel-
le Sozialkontrolle ausüben, je größer der Abstand in der sozialen Statushie-
rarchie zum Täter ist. Weder wird in Opferbefragungen der soziale Status
des Täters, noch in Täterbefragungen der Sozialstatus des Opfers ermittelt.
Hinweise auf eine empirische Bestätigung liegen dagegen für die Thesen
Blacks hinsichtlich der sozialen Distanz zwischen Täter und Opfer vor (vgl.
Abschnitt 2.4) und zwar sowohl hinsichtlich der Bekanntschaft zwischen
Täter und Opfer, als auch für die soziale Ähnlichkeit nach Geschlecht und
ethnischer Herkunft der Konfliktbeteiligten.

3.4 Soziale Kohäsion und soziale Ordnung


Einen Ansatz zur Lösung offener Probleme der Konflikttheorie auf der
Ebene sozialer Aggregate wie Nachbarschaftsviertel liefert die Theorie
sozialer Desorganisation, die in ihrem Kern auf die Studie von Shaw &
McKay (1942) zurückgeht. Dabei wurden Faktoren wie Armut, hohe Mobi-
lität und ethnische Heterogenität der Einwohner von Stadtvierteln identifi-
ziert, die deren Fähigkeit beeinflussen sollten, sich auf gemeinsame Ziele
zu einigen und diese zu verfolgen. Dies schwäche soziale Institutionen wie
19
Einen direkten Test der Theorie von Black unternahmen neben Gottfredson &
Hindelang (1979) auch Copes u.a. (2001). Allerdings wurde in dieser Studie nur das
Anzeigeverhalten von erwachsenen Opfern von Betrugsdelikten untersucht. Dieses
Delikt wird üblicherweise bei Jugendbefragungen weder aus der Opfer- noch aus der
Täterperspektive abgefragt und ist daher auch im dieser Studie zugrunde liegenden
Datensatz nicht enthalten. Aus diesem Grund wird auf die – keineswegs eindeutigen –
Befunde von Copes u.a. (2001) nicht näher eingegangen.
64

Schule, Familie, Kirchengemeinden und führe zu geringerer informeller


Sozialkontrolle. Mittlerweile geht das Modell von den im Folgenden be-
schriebenen ökologischen Einflussfaktoren auf die Ausübung sozialer Kon-
trolle aus.

3.4.1 Soziales Kapital


Voraussetzung von informeller Sozialkontrolle auf Aggregatebene (meist
Nachbarschaftsviertel) ist soziale Kohäsion. Soziale Kohäsion, also Soli-
darität und Vertrauen der Bewohner untereinander, entsteht dann, wenn die
Bewohner dichte und starke soziale Netzwerke innerhalb ihrer Nachbar-
schaft unterhalten (Browning u.a. 2000: 6). Ausdruck und Indikatoren sozi-
aler Kohäsion sind die Beteiligung von Einwohnern an Vereinen und Initia-
tiven, aktives Interesse für die Belange der eigenen Wohngegend, häufige
Nachbarschaftskontakte und ein hoher Anteil von Freunden, die im eigenen
Quartier leben. Mit Coleman (1988) können soziale Netzwerke auch als
soziales Kapital bezeichnet werden. Coleman (1988: 101) unterscheidet
drei Aspekte dieses Kapitals:
Verpflichtungen, Erwartungen und Glaubwürdigkeit zwischen den Ak-
teuren, die durch Beziehungsnetze begründet werden,
Informationsaustausch im Netzwerk,
Normen und effektive Sanktionen.
Das Ausmaß aller drei Formen des sozialen Kapitals, welches einem Ak-
teur zur Verfügung steht, ist durch Eigenschaften des Beziehungsnetzwer-
kes determiniert, dem dieser angehört. Soziales Kapital ist bei Coleman
also keine individuelle Eigenschaft oder Besitz, sondern Eigenschaft der
sozialen Struktur. Wechselseitige Verpflichtungen, Informationsaustausch
und Normen sind von den Eigenschaften des Beziehungsnetzwerkes ab-
hängig. Während geschlossene Netzwerke Transparenz in den Verpflich-
tungen, Informationsfluss und effektive Normdurchsetzung ermöglichen,
wird dies in offenen Netzwerken erschwert. Unter der Geschlossenheit
eines Netzwerkes versteht Coleman (1988: 106) die möglichst direkte Er-
reichbarkeit aller Akteure untereinander, also eine möglichst geringe
durchschnittliche Pfaddistanz im Netzwerk. Für das soziale Kapital von
Jugendlichen ist dabei zusätzlich der Aspekt der intergenerationalen Ge-
schlossenheit (intergenerational closure) wichtig. Damit ist gemeint, dass
Beziehungen sowohl zwischen Eltern und Jugendlichen („vertikal“) als
auch „horizontal“ zwischen Eltern verschiedener Jugendlicher und zwi-
65

schen verschiedenen Jugendlichen bestehen (Sampson u.a. 1999). Sowohl


eine informelle Konfliktregelung als auch die informelle Sanktionierung
von Tätern sind auf geschlossene Netzwerke angewiesen. Informelle Kon-
fliktregelungen benötigen Kommunikationskanäle. Wenn die Eltern als
„Vermittler“ eingeschaltet werden, so ist zusätzlich die intergenerationale
Geschlossenheit erforderlich. Auch eine Bewältigung durch demonstrative
Meidung bzw. das „Schneiden“ von Tätern setzt ein hohes Maß an Infor-
mationstransparenz voraus.
Im Gegensatz zu Coleman betrachtet Bourdieu (1983: 190) soziales Ka-
pital als individuelle Eigenschaft oder Besitz, welches durch das persönli-
che Beziehungsnetzwerk eines Akteurs entsteht, und über das dieser verfü-
gen kann. Damit wird der ambivalente Charakter von sozialem Kapital als
Ressource deutlich: Während es einerseits keine reine Individualeigen-
schaft ist (wie der Begriff sozial bereits impliziert), der Beziehungszusam-
menhang also nicht beliebig mit dem Individuum in Raum oder Zeit trans-
feriert werden kann, ist es andererseits auch keine reine Eigenschaft sozia-
ler Aggregate wie Gruppen oder Gesellschaften, da die Beziehungsstruktu-
ren von konkreten, nicht beliebig austauschbaren Akteuren abhängen. Den-
noch kann das Sozialkapital einer sozialen Einheit größer sein als die
Summe des individuellen Sozialkapitals und somit echte Emergenz auftre-
ten. Dies ist immer dann der Fall, wenn Akteure auf Beziehungen im
Netzwerk zurückgreifen können, um über bereits bekannte dritte Akteure
zu erreichen, zu denen vorher keine unmittelbare Bekanntschaft bestanden
hat.
Bei Karstedt (2004) findet sich eine Typisierung von Sozialkapital, die
sowohl die Akteursperspektive von Bourdieu als auch die Kollektivper-
spektive von Coleman zu integrieren versucht. Dabei wird zwischen bon-
ding, bridging und linking Kapital unterschieden. Bindungskapital ist das
Kapital individueller Akteure innerhalb von Gruppen, das aufgrund dichter
Netzwerke zwischen den Gruppenmitgliedern entsteht. Brückenkapital ist
das Kapital, das aus den schwachen Beziehungen zwischen Gruppen resul-
tiert (Granovetter 1973). Es verbindet horizontal soziale Gruppen, kann
jedoch auch vertikal verschiedene soziale Schichten oder hierarchische
Ebenen integrieren. Es beruht in erster Linie auch auf den Beziehungen
individueller Akteure, kommt jedoch der ganzen Gruppe zugute und hat
daher einen weniger individuellen Charakter als das Bindungskapital. Ver-
bindungskapital (linking) schließlich ist das Kapital, welches aufgrund der
Verbindungen einzelner Akteure zu sozialen Institutionen gebildet wird.
66

3.4.2 Soziale Kontrolle


Soziale Kohäsion und soziales Kapital ermöglichen die Ausübung von
sozialer Kontrolle in einer Nachbarschaft. Soziale Kontrolle kann nach
Bursik & Grasmick (1993:15) definiert werden als Gesamtheit der Aktio-
nen einer Nachbarschaft, die darauf abzielen, ihre eigenen Belange sowie
das Verhalten von Bewohnern und Besuchern zu regulieren. Diese Regulie-
rung geschieht zum einen durch die Sozialisation der Jugendlichen, zum
anderen durch die Überwachung ihres Verhaltens durch die Bewohner
(Bursik 1988). Dabei kann zwischen informeller, semiformeller und for-
meller Sozialkontrolle unterschieden werden (Hunter 1985). Während in-
formelle Sozialkontrolle von den Bewohnern selbst ausgeht, wird semi-
formelle Sozialkontrolle durch Angehörige von Institutionen wie Schule,
Kirche, Kindergarten aber auch von Kaufhäusern ausgeübt. Dagegen geht
formelle Sozialkontrolle von Angehörigen staatlicher Institutionen aus,
die zu diesem Zweck geschaffen wurden, also in erster Linie Polizei und
Justizwesen. Nachbarschaften mit hoher sozialer Desorganisation zeich-
nen sich dadurch aus, dass sie nicht in der Lage sind, das Verhalten ihrer
Bewohner durch informelle oder formelle Sozialkontrolle zu steuern (Bur-
sik 1988). Dieses systemische Modell sozialer Desorganisation lieferte
also ursprünglich eine ätiologische Theorie der Delinquenzentstehung,
indem es Eigenschaften der Aggregatebene zur Erklärung individuellen
abweichenden Verhaltens heranzieht. Bereits Warner (1989) greift jedoch
auf das systemische Modell zur Erklärung von unterschiedlich hohen An-
zeigequoten auf Aggregatebene zurück. Demnach sollten in Nachbarschaf-
ten mit hoher sozialer Desorganisation mehr Delikte durch Anzeigen gere-
gelt werden als in Quartieren mit geringer Desorganisation. Im Unterschied
zur Konflikttheorie sollten dabei alle sozialen Gruppen innerhalb eines
sozial desorganisierten Viertels Delinquenz verstärkt durch Anzeigen re-
geln und nicht nur eine Mehrheitsgruppe, die sich durch ethnische und
soziale Minderheiten bedroht fühlt. Warner (1989) konnte für diese Sicht-
weise empirische Belege aufzeigen, über die bereits in Abschnitt 2.5.3
berichtet wurde. Die These, dass schwächere informelle Sozialkontrolle
den Bedarf an formeller Sozialkontrolle erhöht, wird auch von Black
(1976) und Laub (1980) vertreten. Umgekehrt vermuten dagegen Bursik &
Grasmik (1993), dass eine höhere Desorganisation nicht nur die informelle
Sozialkontrolle verringern, sondern auch den Zugang zu formeller Sozial-
kontrolle erschweren könnte. Bewohner desorganisierter Viertel wären
67

dementsprechend doppelt benachteiligt und sollten hinsichtlich der Rege-


lung von Delinquenz eher in Resignation verfallen bzw. zur Bagatellisie-
rung ihrer Delikte neigen. Schließlich ist jedoch auch eine Verbindung
beider Ansätze denkbar. Es könnte sein, dass zunächst mit zunehmender
Desorganisation die formelle Sozialkontrolle stärker bemüht wird und
schließlich bei einem sehr hohen Grad von Desorganisation auch der Zu-
gang zur formellen Sozialkontrolle zusammenbricht. Es ist allerdings nicht
damit zu rechnen, dass ein solch hohes Ausmaß an Desorganisation in
deutschen Städten auftritt, so dass für die Hypothesenbildung eher auf das
Modell der Ersetzung von informeller durch formelle Sozialkontrolle zu-
rückgegriffen wird.
An der Annahme eines einfachen Kausalzusammenhangs zwischen sozi-
alem Kapital und sozialer Kontrolle wurde in mehrfacher Hinsicht Kritik
geäußert. So stellten Rountree & Warner (1999: 803) in einer Studie auf
der Aggregatebene von 100 Stadtvierteln Seattles fest, dass nur das Bin-
dungskapital der weiblichen Bewohner einen signifikanten Prädiktor für
Gewalt im Stadtviertel darstellt. Die Vermutung, dass für die informelle
soziale Kontrolle im Stadtviertel vor allem das Bindungskapital von Frauen
ausschlaggebend ist, kann allerdings damit nicht bestätigt werden, da Indi-
katoren für das Ausmaß informeller Sozialkontrolle in das Regressionsmo-
dell der Autorinnen nicht eingegangen sind. Patillo (1998: 763) stellte in
einer qualitativen Studie im Rahmen der Comparative Neighborhood Study
in einem Stadtviertel Chicagos fest, dass dichte Netzwerke (Bindungskapi-
tal) auch dazu führen können, dass Bewohner davon abgehalten werden,
die formelle Sozialkontrolle zu beanspruchen. In diesem Stadtviertel be-
stand zwar ein hohes Ausmaß informeller Sozialkontrolle, aufgrund des
Bindungskapitals wurden jedoch Gangmitglieder aus dem eigenen Stadt-
viertel nicht angezeigt, da sie entweder direkt oder über ihre Angehörigen
Teil des Netzwerkes waren und die Bewohner somit eine moralische Ver-
pflichtung gegenüber den Delinquenten empfanden.20 Carr (2003: 1258)
untersuchte ebenfalls im Rahmen der Comparative Neighborhood Study ein
(anderes) Stadtviertel Chicagos („Beltway“), das er jedoch im Gegensatz
zu dem von Patillo (1998) untersuchten, vornehmlich von schwarzen Ame-
rikanern bewohnten Arbeiterschichtviertel („Groveland“) als ein von wei-
ßen Amerikanern bewohntes Arbeiterschichtviertel bezeichnet. Qualitative

20
Eine anschauliche Schilderung solchen „negativen“ Sozialkapitals für einen Vor-
ort von Machester, Großbritannien, gelingt Molitor (2001).
68

Untersuchungen zeigten, dass aufgrund schwacher Beziehungsnetzwerke


nur wenig informelle Kontrolle im Stadtviertel ausgeübt wurde. Auch zeig-
te sich, dass Erwachsene häufig Angst hatten, jugendliches Fehlverhalten
selbst zu kontrollieren und statt dessen lieber die Polizei riefen (Carr 2003:
1266). Dagegen verfügten die Bewohner über ein hohes Ausmaß an Ver-
bindungskapital und Brückenkapital, welches es ihnen ermöglichte, semi-
formelle und informelle Institutionen der Konfliktregulierung (Nachbar-
schaftsvereinigungen und die Polizei) effektiv zur Ausübung sozialer Kon-
trolle zu mobilisieren.
Eine grundlegendere Kritik am systemischen Modell ist mit den Unter-
suchungen von Sampson u.a. (1997) verbunden. Demnach sind soziale
Netzwerke und das damit verbundene soziale Kapital zwar notwendige,
aber keine hinreichende Bedingungen für die tatsächliche Ausübung sozia-
ler Kontrolle. Vielmehr müssen die Bewohner eines Stadtviertels den Wil-
len haben, aktiv zu werden. Das Auftreten dieser kollektiven Wirksamkeit
(collective efficacy) hängt wiederum davon ab, wie sehr sich die Nachbarn
gegenseitig vertrauen und glauben, sich aufeinander verlassen zu können.
Ähnlich wie die Konflikttheorie liefert auch die Theorie sozialer Desor-
ganisation ein Modell zur Erklärung individuellen Verhaltens mittels Ag-
gregateigenschaften. Da sich jedoch aufgrund der allgemeinen Fassung der
Theorie hinsichtlich des Anzeigeverhaltens von Bewohnern desorganisier-
ter Viertel sowohl eine höhere als auch eine geringere Anzeigeneigung
ableiten lassen, sind daraus keine Hypothesen hinsichtlich der zu erwarten-
den empirischen Ergebnisse ableitbar.
Es ist fraglich, ob die weitgehend in der amerikanischen Kriminologie
entwickelten Überlegungen der Theorie sozialer Kohäsion und sozialer
Ordnung auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind. Zumindest sollte dies
jedoch nicht ohne einige kritische Bemerkungen vorgenommen werden.
Zum einen wurden die empirischen Ergebnisse, welche die Theorien stüt-
zen, weitgehend in den USA gewonnen und zum anderen ist das Design der
Theorien weitgehend auf die Erklärung amerikanischer Verhältnisse ausge-
legt.
So ist unklar, ob „Suburbanität“ und „Ruralität“ in den USA und in
Deutschland dieselbe Bedeutung haben. Während es in Deutschland, zu-
mindest im Untersuchungsgebiet dieser Studie, kaum mehr „echte“, ge-
wachsene Dörfer gibt, die nur wenig Zugezogene aufweisen und nicht als
„Schlafdörfer“ durch umgebende Städte beeinflusst sind, ist dies in dünn
besiedelten amerikanischen Gegenden eher vorstellbar. Andererseits dürfte
69

die durchschnittliche residentielle Stabilität – also die Verweildauer der


Bewohner an ihrem Wohnort - in amerikanischen Vorstädten unter derjeni-
gen in deutschen Vorstädten liegen, so dass hinsichtlich des Faktors Bevöl-
kerungsmobilität in Deutschland eine geringere Varianz als in den USA
auftreten sollte. Auch der Faktor der Bebauung und das daraus resultieren-
de Maß relativer Anonymität und Individualität der Bewohner könnte eine
Rolle spielen. So sind amerikanische Vorstädte weitgehend als Einfamili-
en-Eigenheimsiedlungen konzipiert, während in deutschen Vorstädten auch
eine dichtere Bebauung zu finden ist.
Suburbane und urbane Viertel sind in den USA in weit höherem Maße
segregiert als in Deutschland. Das bedeutet, dass zum einen in den meisten
Stadtvierteln die innere Homogenität der Bevölkerung höher ist als in
Deutschland und dass zum anderen auch extremere Ausprägungen des
Mangels an Sozialkapital und sozialer Desorganisation auf der Aggregat-
ebene von Stadtvierteln auftreten als in Deutschland. Für Untersuchungen
in Deutschland können daher nur geringe Effekte auf der Ebene von Stadt-
vierteln erwartet werden.
Die meisten amerikanischen Städte zeichnen sich durch die völlige Ab-
wesenheit öffentlicher Verkehrsmittel aus. Das bedeutet für die Jugendli-
chen, dass diese (abgesehen von eventuellen Fahrten mit dem Schulbus) in
erheblich stärkerem Maße ihre Freizeit in ihrem eigenen Stadtviertel
verbringen und dort vermutlich auch ihre Delikte begehen (Carr 2003:
1267). Dagegen dürfte im Alter von ungefähr 16 Jahren mit dem Führer-
scheinerwerb der Anteil mobiler delinquenter Jugendlicher in der Mittel-
schicht sprunghaft ansteigen. Im Gegensatz dazu steht in den hier unter-
suchten deutschen Städten Freiburg und Köln den Jugendlichen ein gut
ausgebautes Netz des öffentlichen Nahverkehrs zur Verfügung. Dieses
ermöglicht es nicht nur, dass die Jugendlichen häufig weit von ihrem
Wohnviertel entfernte Schulen besuchen (Oberwittler & Blank 2003: 11),
sondern auch ein mobiles Freizeitverhalten, bei dem viele Aktivitäten au-
ßerhalb des Stadtviertels stattfinden. Auch aus diesem Grund dürften sich
in den USA zumindest für Jugendliche unter 16 Jahren Kontexteffekte
empirisch deutlicher nachweisen lassen als in Deutschland.
Schließlich könnten auch kulturelle und politische Unterschiede (z.B. der
Kommunalverfassung, der Bedeutung von Vereinen und Freiwilligenorga-
nisationen) eine Rolle spielen, denen jedoch an dieser Stelle nicht weiter
nachgegangen werden soll.
70

4 Überlegungen zu einer Theorie des Anzeigeverhal-


tens aus individueller und sozialökologischer Per-
spektive

Ziel dieser Arbeit ist die theoretische Erklärung und empirische Untersu-
chung von Ursachen für systematische Unterschiede von jugendlichen
Tätergruppen im Hellfeld und im Dunkelfeld der Kriminalität. Haben be-
stimmte Taten, vor allem aber bestimmte Täter eine größere Wahrschein-
lichkeit als andere, den Instanzen der formellen Sozialkontrolle bekannt zu
werden? In den bisherigen beiden Kapiteln wurden zum einen empirische
Befunde aus anderen Studien vorgestellt und systematisiert, die sich vor
allem auf die Filterfunktion des Opfers zurückführen lassen. Zum anderen
wurden Ansätze zu einer theoretischen Erklärung der Faktoren und Eigen-
schaften von Opfern und Tätern, die über das Anzeigeverhalten und damit
das Registrierungsrisiko der Täter bestimmen, vorgestellt. Diese stehen
jedoch bisher isoliert nebeneinander. Dies bezieht sich zum einen auf die
Erklärungen auf Individualebene. Hier wurden sozialpsychologische Theo-
rien vorgestellt, von denen die Dissonanztheorie die Bewertung der Situati-
on durch das Opfer erklären soll, während das Modell von Ruback (1984)
den psychologischen Prozess der Entscheidung über den Umgang mit der
Opfersituation erklärt. Die rein soziologisch ausgerichtete Theorie von
Black wiederum leistet weder einen Brückenschlag zur Mikroebene sozia-
len Handelns, noch eine Anbindung an quantitative empirische Befunde.
Die Theorien, die sich mit Zusammenhängen auf der Ebene sozialräumli-
cher Aggregate beschäftigen, sind noch am weitesten entwickelt, auch
wenn die Hypothesen bezüglich der Erklärung von Hell-
Dunkelfeldunterschieden hier oft nur implizit enthalten sind.
Aus diesen Ausführungen ergibt sich für das aktuelle Kapitel die Aufga-
be, eine Integration der vorgestellten Theorien und empirischen Befunde zu
unternehmen und diese zur Formulierung von Hypothesen für die eigene
Untersuchung zu nutzen. Die Gliederung folgt dabei der zeitlichen Abfol-
ge, von der Begehung einer delinquenten Handlung über deren Entdeckung
und Bewertung durch Opfer oder Dritte bis zur deren Entscheidung über
mögliche Arten der Reaktion auf das Delikt. Die nähere Untersuchung der
71

Mechanismen, die zur Entdeckung von Tätern führen, bietet sich dort an,
wo mit einer Entdeckung auch mit großer Wahrscheinlichkeit eine Anzeige
einhergeht, wo also zwischen Entdeckung und Anzeige nur noch ein gerin-
ger Bewertungsspielraum vorhanden ist. Man kann davon ausgehen, dass
dies insbesondere bei Ladendiebstahlsdelikten, die von Ladendetektiven
aufgedeckt werden, sowie bei Drogendelikten, die direkt durch die Polizei
aufgedeckt werden, der Fall ist. Bei diesen Delikten verspricht auch die
ergebnisorientierte Betrachtung des Registrierungsrisikos die am besten
interpretierbaren Resultate, da davon ausgegangen werden kann, dass nicht
zu viele – und bei dieser Betrachtungsweise unerklärte – Filter zwischen
Tatbegehung und Anzeige liegen.
In einem zweiten Schritt sollen für ein prozessorientiertes Modell der
Entscheidung von Jugendlichen über den Umgang mit ihren Opfererlebnis-
sen die empirischen Befunde und sozialpsychologischen Theorien zu einem
Modell der Beurteilung der Schwere von Viktimisierung durch Opfer integ-
riert werden. Ein letzter Schritt dient schließlich dazu, Bedingungen und
Faktoren zu bestimmen, die über die Art der Reaktion der Jugendlichen
entscheiden. Sowohl bei der Beurteilung der Schwere von Delikten als
auch bei der Reaktion von Opfern kann zwischen einer Betrachtung von
Einflüssen auf der Ebene individueller Akteure und auf der Ebene sozial-
räumlicher Aggregate unterschieden werden.

4.1 Entdeckung und Bewertung delinquenten Verhaltens:


Definition von Situationen
Die Handlung des Täters muss zunächst einmal überhaupt bemerkt werden,
bevor eine Kriminalisierung denkbar ist. Dies kann entweder direkt ge-
schehen, indem das Opfer selbst von der Handlung betroffen ist (z.B. bei
Gewaltakten) oder Zeuge der Tat wird (bei Diebstählen etc.). Auch von der
Handlung nicht unmittelbar Betroffene können Zeugen sein, z.B. Freunde,
Eltern, Bekannte, Lehrer des Opfers oder völlig Unbekannte. Des Weiteren
kann eine Handlung indirekt an ihren Auswirkungen bemerkt werden, ohne
dass jemand Zeuge des Ablaufs war. Diebstähle oder Sachbeschädigungen
führen zu materiellen Verlusten, die von den Opfern anhand fehlender oder
beschädigter Objekte registriert werden können. Solange jedoch eine Hand-
lung von niemandem bemerkt wird, entfällt jeglicher Grund nur auch nur
anzunehmen, einem Delikt zum Opfer gefallen zu sein. Insbesondere Dieb-
stähle oder Beschädigungen weniger wertvoller Gegenstände bei Jugendli-
72

chen oder Erwachsenen werden möglicherweise von den Opfern entweder


gar nicht bemerkt oder aber mental als Verlust bzw. Unfall „verbucht“.
Wird die Handlung oder deren Folgen bemerkt, so muss das Geschehen
weiterhin interpretiert und bewertet werden. Wie jedoch Heinz (1972: 34)
bemerkt, sind die Wahrnehmung und Bewertung einer Handlung nicht
immer analytisch zu trennen. Liegt im konkreten Fall eine abweichende
Handlung vor? Wurde eine Norm verletzt? Die Handlung muss also durch
das Opfer oder Zeugen definiert und evaluiert werden.

4.1.1 Dunkelfeld, Hellfeld, Verhaltens- und Sanktionsgeltung ei-


ner Norm
Im Folgenden soll das Dunkelfeld definiert werden als Summe aller Ver-
haltensweisen, welche potentiell kriminalisierbar wären. Dabei schwingt
bereits mit, dass Akteure (Opfer, Täter, Zeugen, Organe der Sozialkontrol-
le) eine Definitionsleistung erbringen müssen. Bei dieser Definition gibt es
sicherlich eine gewisse individuelle Variationsmöglichkeit in der Einord-
nung eines konkreten Erlebnisses, jedoch stehen hier wie in jedem anderen
Bereich sozialen Handelns und Erlebens Definitionsnormen und kognitive
Schemata bereit, welche für ein hohes Maß an Übereinstimmung in der
Handlungsbeurteilung zwischen unterschiedlichen Akteuren sorgen. Aller-
dings ist damit keineswegs bereits eine Handlungskonsequenz für den defi-
nierenden Akteur festgelegt.
Eine wichtige, gleichwohl triviale Schlussfolgerung aus den Erkenntnis-
sen des Definitionsansatzes ist daher, dass ein Dunkelfeld von Kriminalität
als solches nicht existiert. Kriminalität entsteht erst in dem Moment, in dem
Verhaltensweisen von Akteuren als abweichend und kriminell definiert
werden. Das Dunkelfeld umfasst nicht potentiell kriminalisierbare, sondern
nur als kriminell definierte Verhaltensweisen. Allerdings wird ein großer
Teil dieser Definitionen durch erlernte Schemata quasi automatisch geleis-
tet, so dass hier nur mit wenig interindividueller Varianz zu rechnen ist
(vgl. Abschnitt 4.1.4). Das Dunkelfeld umfasst demnach nur solche Hand-
lungen, welche von mindestens einem der Beteiligten (Täter, Opfer, Zeu-
gen, Mitwisser) als kriminell bewertet, jedoch nicht der Polizei gemeldet
wurden.
Dieser Betrachtungsweise steht ein objektivierender Zugang gegenüber,
welcher das Dunkelfeld als potentiell kriminalisierbare Verhaltensweisen
betrachtet – unabhängig davon, ob irgendein Beteiligter diese Definitions-
73

leistung tatsächlich erbringt. In der Regel wird bei Dunkelfeldstudien (Tä-


ter-, Opfer-, oder Informantenbefragungen) darauf verzichtet, diese Unter-
scheidung abzufragen. Es werden potentiell kriminalisierbare Verhaltens-
weisen erfasst (z.B. durch Items wie „hast Du im letzten Jahr jemanden
blutig geschlagen…“) ohne zu berücksichtigen, unter welchen Umständen
dies geschah und welchen subjektiven Sinn die Akteure dieser Handlung
unterlegt haben. Man kann daher der „Dunkelfeldforschung“ den Vorwurf
machen, dass sie „über das Ziel hinaus schießt“ und zusätzlich zum Dun-
kelfeld ein „Schwarzfeld“ von Handlungen untersucht, die zwar potentiell
kriminalisierbar sind, aber von keinem der Beteiligten als kriminalisierbar
erlebt wurden. Aus dem Zusammenspiel von Definition und Anzeigever-
halten ergeben sich daher folgende denkbare Möglichkeiten für den Um-
gang mit Handlungen, die potentiell kriminalisierbar wären:
Verhalten vom Opfer oder Dritten nicht bemerkt, vom Täter nicht als de-
linquent definiert: „Schwarzfeld von Täterbefragungen“.
Verhalten (oder Verhaltenskonsequenzen) vom Opfer (oder Dritten) ent-
deckt, jedoch nicht als delinquent definiert: „Schwarzfeld von Opferbe-
fragungen“.
Verhalten vom Opfer entdeckt und als delinquent definiert, jedoch keine
Anzeige erstattet: „Dunkelfeld“.
Verhalten vom Opfer entdeckt, Anzeige erstattet, jedoch keine Aufnah-
me in die offizielle Statistik: „Graufeld“ (Kürzinger 1978; Schäfer 1999:
806).
Verhalten vom Opfer entdeckt, Anzeige erstattet, jedoch kein Täter be-
kannt: nicht aufgeklärte Fälle; „Hellfeld der Taten“.
Verhalten vom Opfer entdeckt, Anzeige erstattet, Täter bekannt, Auf-
nahme in die offizielle Statistik: Aufgeklärte Fälle; „Hellfeld der Täter“.
Dunkelfeld und Schwarzfeld werden also bei Täter- und Opferbefragungen
immer zusammen abgefragt und sind nachträglich analytisch nicht mehr zu
74

trennen.21
Setzt man den Anteil der so charakterisierten Täter in Relation zur
Grundgesamtheit der Jugendlichen, so gelangt man zum Schema von Po-
pitz (1968: 10) zur Quantifizierung der Geltungsstruktur von Normen. Die
Verhaltensgeltung einer Norm gibt demnach das Ausmaß des normkon-
formen Verhaltens an. Streng betrachtet müsste also die Verhaltensgeltung
als Verhältnis der Anzahl normkonformer Handlungen zu abweichenden
Handlungen gebildet werden. Da jedoch normkonforme Handlungen
höchstens unter experimentellen Bedingungen erfasst werden können, kön-
nen in der Regel nicht normkonforme Handlungen, sondern nur normkon-
forme Individuen in Relation zu den abweichenden betrachtet werden.
Wichtig ist ferner, dass ein Zeitraum spezifiziert wird, über den abwei-
chendes Verhalten auftritt- oder auch nicht. Üblicherweise bezieht man
sich dabei sowohl bei Hellfeldstatistiken als auch bei Dunkelfeldbefragun-
gen auf das Verhalten innerhalb eines Jahres. Die Sanktionsgeltung be-
zeichnet dagegen den Anteil der Normbrüche, die tatsächlich sanktioniert
werden. Im Folgenden wird ein Polizeikontakt bzw. eine Anzeige mit einer
Sanktion gleichgesetzt - was im juristischen Sinne falsch, im soziologi-
schen jedoch zulässig ist. Dann kann die Sanktionsgeltung mit dem Hell-
feldanteil der Delinquenz gleichgesetzt werden und gibt den Anteil derjeni-
gen Täter an, die tatsächlich „sanktioniert“ werden.

4.1.2 Entdeckung von Taten


Die Entdeckung einer Handlung durch den Geschädigten oder dritte Perso-
nen hängt vor allem von Eigenschaften der Handlung selbst ab. Vorausset-
zung ist zunächst, dass durch die Tat überhaupt ein Opfer geschädigt wur-
de. Bei so genannten opferlosen Delikten wie Drogendelikten oder Ge-
schwindigkeitsüberschreitungen im Verkehr ist die Entdeckung weitgehend

21
Darüber hinaus haben Karstedt-Henke & Crasmöller (1988: 712) untersucht, wie
häufig Delikte der informellen (Eltern, Freunde) bzw. der semiformellen Sozialkontrolle
(Lehrer) bekannt wurden. Während es mittlerweile zum Standard der Erhebung von
Jugenddelinquenz zählt, die Jugendlichen nach der Delinquenz von Freunden zu befra-
gen, wird der „Kontrollradius“ – die Ausbreitung der Kenntnis des Deliktes bei infor-
meller und semiformeller Sozialkontrolle – kaum beachtet. Dabei könnten daraus auch
Hinweise auf die Möglichkeit zu einer informellen Einigung und Zugang zu sozialem
Kapital durch die Jugendlichen gewonnen werden. Um eine informelle Einigung unter
Nutzung elterlichen Sozialkapitals zu erreichen, müssen diese selbstverständlich zu-
nächst einmal über die Delikte ihrer Kinder informiert sein.
75

vom Zufall bzw. von den Mechanismen selektiven Verdachts und selekti-
ver Kontrolle bei der Polizei bestimmt. Die Handlungen der formellen
Sozialkontrolle (der Polizei) bei solchen Kontrolldelikten werden daher
auch als proaktiv bezeichnet, um auszudrücken, dass die Polizei aus eige-
ner Initiative bzw. aufgrund eigenen Verdachts hin aktiv wird. Delikte mit
Opfern kann man unterscheiden in diejenigen, bei welchen das Opfer nahe-
zu zwangsläufig das Delikt „entdeckt“. Dazu zählen alle Formen von Ge-
waltdelikten, also Raub, Körperverletzung, Nötigung. Bei Gewaltdelikten
ist definitionsgemäß die Person des Opfers involviert und es ist kaum vor-
stellbar, dass hier Handlungen eines Täters unbemerkt bleiben könnten.
Dagegen können bei Eigentumsdelikten wie Diebstahl, Einbruch, Betrug,
Sachbeschädigung oder Brandstiftung zum einen Taten unentdeckt bleiben,
zum anderen vom Opfer anders definiert werden, da Täter und Opfer in der
Tatsituation nicht zwangsläufig zusammentreffen müssen (Ruback u.a.
1984: 63). Sowohl Definition als auch Entdeckung der Handlung dürften
vor allem von der Deliktschwere abhängen. Während einfache Diebstähle
mit geringem Schaden vom Opfer noch einfach als Verlust „gebucht“ wer-
den können oder gar nicht auffallen, ist diese Ambivalenz bei Einbruchsde-
likten in der Regel nicht mehr gegeben.

4.1.3 Entdeckung von Tätern


Für die Entdeckung der Täter muss ebenfalls nach Deliktarten getrennt
werden. Delikte, die überwiegend durch proaktives Polizeihandeln entdeckt
werden, liefern in der Regel den Täter gleich mit. Auch Ladendiebstähle
werden nur angezeigt, wenn ein Tatverdächtiger vorhanden ist, alle übrigen
Verluste werden von den betroffenen Geschäften als „Schwund“ verbucht.
Im Moment der Entdeckung der Handlung wird auch der Täter entdeckt.
Bei diesen Delikten werden daher auch sehr hohe Aufklärungsquoten er-
reicht (z.B. BTM-Delikte 96%).22 Auch bei Gewaltdelikten sind Täter und
Handlung für das Opfer unmittelbar präsent. Kann das Opfer den Täter
hinreichend genau beschreiben und ist dieser womöglich bereits polizeibe-
kannt, so hat der Täter ein hohes Entdeckungsrisiko. Das Entdeckungsrisi-
ko bei Gewalttätern wird also umso höher, je mehr Taten sie bereits began-
gen haben und je eher sie dem Opfer vor der Tat bekannt waren. Auch bei

22
Die Aufklärungsquoten wurden als langjährige Durchschnitte der PKS Baden-
Württemberg (1973-2000) berechnet.
76

Gewaltdelikten untermauern hohe Aufklärungsraten (Körperverletzung


91%, Gewalt insgesamt 76%) diesen Zusammenhang. Dagegen legen be-
reits die niedrigen Aufklärungsraten von Diebstahls- und Sachbeschädi-
gungsdelikten (35% bzw. 23%) nahe, dass hier kein enger Zusammenhang
zwischen Entdeckung der Tat und Entdeckung des Täters besteht. Wie in
Abschnitt 2.3 aufgezeigt, erhält die Polizei sowohl von Gewalt- als auch
von Eigentumsdelikten in aller Regel nicht aufgrund eigener Anstrengun-
gen Kenntnis, sondern aufgrund der Anzeigen von Opfern bzw. deren An-
gehörigen. Die Arbeit der formellen Sozialkontrolle mit diesen auch als
Bringkriminalität bezeichneten Delikten wird daher durch die Entschei-
dung des Opfers über seinen Umgang mit der Schädigung bestimmt. Das
Agieren der Polizei hat reaktiven Charakter, insofern es eine Reaktion der
Polizei auf die Anzeige des Opfers darstellt und die Polizei ohne die Mel-
dung des Opfers nicht tätig geworden wäre.
Mit Karstedt-Henke & Crasmöller (1991: 35) soll das Entdeckungsrisiko
eines Täters aufgrund von Eigenschaften des Delikts (Deliktart) und der
Häufigkeit der Tatbegehung (Inzidenz) im Folgenden als Basisrisiko der
Entdeckung bezeichnet werden. Betrachtet man das Entdeckungsrisiko
nicht über alle von einem Täter begangenen Delikte insgesamt, sondern
verengt die Betrachtungsweise auf einzelne Deliktarten, so tritt ein weiterer
Aspekt des Basisrisikos auf. Während zunächst nach dem Risiko einer
Entdeckung eines Jugendlichen als Täter irgendeines Deliktes gefragt wird
und damit nach der Wahrscheinlichkeit, dass ein Täter eine Anzeige be-
kommt, soll im zweiten Fall nach dem Risiko der Entdeckung eines be-
stimmten Deliktes gefragt werden. Damit wird die aus unterschiedlichen
Delikttypen resultierende Varianz im Basisrisiko des Täters kontrolliert.
Allerdings tritt sogleich ein weiterer Aspekt des Basisrisikos auf. Ein Ju-
gendlicher nämlich, der wegen eines Delikt x bereits polizeilich registriert
ist, hat aufgrund dieser Registrierung eine höhere Chance, auch wegen
anderer Delikte verdächtigt und damit letztlich ebenfalls angezeigt zu wer-
den. Dieses Phänomen ist sicherlich als Grenzfall des Basisrisikos zu be-
trachten, da es nicht mehr einem reinen Zufallsprozess zugeschrieben wer-
den kann, sondern aus einer Polizeistrategie resultiert, die die „üblichen
Verdächtigen“ einer stärkeren Kontrolle unterwirft. Daraus ergibt sich eine
erste Hypothese:
Je mehr Anzeigen ein Täter bereits wegen anderer Delikte (anderen Deliktar-
ten) aufweist, desto größer ist sein Risiko, wegen eines zusätzlichen Deliktes poli-
zeilich registriert zu werden.
77

Soziale und individuelle Merkmale von Tätern wie Alter, Geschlecht,


Ethnie, aber auch Geschicklichkeit determinieren dagegen das relative
Risiko der Entdeckung. So vermutet Mansel (1988: 169), dass Ausländern
von der deutschen Mehrheitsbevölkerung mit größerem Misstrauen begeg-
net wird als einheimischen Jugendlichen und dass dementsprechend Norm-
abweichungen eher entdeckt werden.
Während es für Gewaltdelikte sehr schwierig ist, den Einfluss von Ent-
deckung, Bewertung und Reaktion auf das Delikt durch das Opfer zu tren-
nen (vgl. die folgenden Abschnitte), kann man davon ausgehen, dass dies
bei Drogen- und Ladendiebstahlsdelikten einfacher ist, wie die folgenden
Überlegungen zeigen sollen.
Drogendelikte werden zu einem sehr hohen Anteil durch proaktives Po-
lizeihandeln entdeckt. Geht man davon aus, dass hier die Entdeckung von
Tätern aufgrund des Legalitätsprinzips in der Regel auch zu einer Anzeige
führt, so gilt für BTM-Delikte, dass das Anzeigerisiko weitgehend mit dem
Entdeckungsrisiko identisch ist. Eine Varianz im Anzeigerisiko nach sozia-
len Merkmalen der Täter spiegelt daher implizite Theorien über Täter wie-
der, nach denen Polizisten ihre Aufmerksamkeit selektiv auf bestimmte
Personengruppen richten (Eisenbach-Stangl 2004: 68). Diese könnten sich
ähnlich wie im Fall von Ladendiebstahlsdelikten auf das äußerliche Er-
scheinungsbild des Jugendlichen beziehen, welches wiederum durch dessen
sozialen Status und der ethnischen Herkunft geprägt sein könnte (Brusten
1971: 60). Feest (1971: 72) stellte kognitive Schemata der Verdachtschöp-
fung bei Streifenpolizisten fest, die sich an den Kriterien „verdächtige Ge-
gend“, „verdächtiges Aussehen“, „verdächtige Tageszeit“ sowie „verdäch-
tiges Benehmen“ festmachen lassen.
Je niedriger der soziale Status eines BTM-Täters, desto größer dessen Entde-
ckungsrisiko.

BTM-Täter nichtdeutscher Herkunft haben ein größeres Entdeckungsrisiko als


BTM-Täter deutscher Herkunft.
Auch die Aufmerksamkeit des Verkaufspersonals bzw. von Ladendetekti-
ven ist zwangsläufig selektiv und von impliziten Theorien über den Täter-
kreis von Ladendieben geleitet. Da auch hier aufgrund der Strategie der
Kaufhäuser davon auszugehen ist, dass nahezu jeder Dieb auch angezeigt
wird, sollte die Variation in der Anzeigehäufigkeit nach sozialen Merkma-
len relativ zuverlässig das Entdeckungsrisiko des Täters widerspiegeln.
Auch hier ist aufgrund der empirischen Befunde davon auszugehen, dass
78

insbesondere die ethnische Zugehörigkeit und der soziale Status des Täters,
die mit Merkmalen seines äußeren Erscheinungsbildes korrespondieren, die
Aufmerksamkeit fokussieren und zu einem erhöhten Entdeckungsrisiko des
Täters führen.
Je niedriger der soziale Status eines Ladendiebs, desto größer dessen Entde-
ckungsrisiko.

Ladendiebe nichtdeutscher Herkunft haben ein größeres Entdeckungsrisiko als


Ladendiebe deutscher Herkunft.
Die folgende Abbildung gibt die besprochenen Hypothesen über die De-
terminanten des Entdeckungsrisikos im Überblick wieder.

Abbildung 4.1: Determinanten des Entdeckungsrisikos von Tätern

4.1.4 Bewertung von Handlungen


Wie bereits dieses Kapitel einleitend bemerkt wurde, sind die Situationsde-
finition und die Bewertung dieser Situation durch das Opfer analytisch nur
79

schwer zu trennen. Daher sollen diese beiden Aspekte hier auch summa-
risch unter „Bewertung der Handlung“ beschrieben werden.
Um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich einleitend darauf hin,
dass im Folgenden mit „Definition“ ausschließlich die Definition einer
Situation gemeint ist und nicht die Definition einer Person als delinquent,
wie dieser Begriff von den Vertretern des labeling approach üblicherweise
verwendet wird (Sack 1972; Peters 1996). Dies erscheint umso mehr ge-
rechtfertigt, als die Vertreter der Theorie der Sekundären Devianz ur-
sprünglich davon ausgingen, dass die Definition von delinquenten Hand-
lungen (acts) der Definition einer Person als delinquentem Akteur (actor)
vorausgeht (Tannenbaum 1938; Lemert 1951). Das „Labeln“ eines Jugend-
lichen als bad boy setzt demnach eine Reihe von Handlungen voraus, die
von seiner sozialen Umwelt als delinquent definiert werden und die
schließlich die sozialen Erwartungen an das Verhalten des stigmatisierten
Jugendlichen ändern. Dies umfasst auch, dass der Jugendliche das Label
„delinquent“ in sein Selbstbild übernimmt und sich den Erwartungen ge-
mäß delinquent verhält. Umgekehrt kann jedoch in eine Situationsdefiniti-
on auch die Definition einer Person als delinquent eingehen. Unter der
Voraussetzung, dass der Täter dem Opfer bereits vor der Tat bekannt war
und der Täter ein Label als bad boy trägt, kann die daraus resultierende
Erwartungshaltung des Opfers dessen Definition der Situation beeinflussen.
Nach dem Definitionsansatz hat eine delinquente Handlung zunächst ein-
mal keinen „objektiv kriminellen“ Handlungskern, sondern sie wird durch
die Definition der Betroffenen (Opfer, Täter und Dritte wie Zeugen, Mit-
wisser der Tat) erst zu einer solchen gemacht (Menzel & Peters 1998: 562;
Hess & Scheerer 1997: 118). Eine Körperverletzung wie auch ein Autoein-
bruch tragen also nicht ein Etikett „dies ist eine strafbare Handlung“ mit
sich, sondern dieses Etikett wird dem Vorgang erst nach kognitiven Verar-
beitungsprozessen durch die Beteiligten oder Mitwisser angeheftet. Diese
Einsicht ist zunächst einmal trivial, da es keine Handlung gibt, die per se
ein Label „ich bin eine ‚So-und-so Handlung’“ mit sich trägt. Jede Hand-
lung muss erst interpretiert und als „So-und-so Handlung“ definiert wer-
den, bevor man sich dazu irgendwie verhalten kann. Dazu kann der Inter-
pret unterschiedliche Merkmale heranziehen:23
Merkmale der Handlung: Was ist überhaupt geschehen, was wurde durch

23
Es gibt vermutlich eine mentale Prioritätenliste nach der diese Kriterien zur Hand-
lungsbewertung herangezogen werden. Hierzu liegen jedoch bisher keine empirischen
Erkenntnisse vor.
80

die Handlung an den Gegenständen oder Personen verändert? Welcher


Schaden entstand und wird dem Täter eine Absicht unterstellt?
Welche Voraussetzungen und welche Folgen hatte die Handlung, welche
anderen Handlungen sind vorausgegangen und gefolgt?
Welche Merkmale tragen die beteiligten Personen?
In welchem räumlichen und zeitlichen Kontext hat die Handlung stattge-
funden?
Jeder Akteur ist also mit Wissen über soziale Situationen ausgestattet, das
nicht unbedingt auf eigener Erfahrung beruhen muss, sondern auch von
anderen Akteuren übernommen werden kann. Dieses Wissen bzw. die Vor-
urteile erlauben es dem Akteur, Handlungen oder Spuren von Handlungen
einzuordnen und zu deuten. Allerdings - und hier irrt der radikale Definiti-
onsansatz - sind diese Deutungsmuster nicht beliebig, und die soziale Wirk-
lichkeit einer delinquenten Handlung wird auch nicht erst durch eine indi-
viduelle Deutung als solche erzeugt (Fischer 2001: 107). Insbesondere die
Normen, die zu einer interindividuell übereinstimmenden moralischen
Bewertung von (delinquenten) Handlungen oder Situationen führen, sind
bereits bei Kindern ausgeprägt. So fand Nunner-Winkler (1998: 592), dass
4- bis 5-Jährige zu 96% der Meinung waren, dass man nicht stehlen darf.
Die zur Beurteilung einer konkreten Situation herangezogenen Schemata
benötigen unbedingt ein gewisses Maß an Korrelation mit faktischen sozia-
len Bedingungen und Prozessen, um sinnhaftes Handeln zu ermöglichen,
können jedoch auch zu unterschiedlichen Anteilen von Vorurteilen geprägt
sein. So weist Heinz (1972: 91) darauf hin, dass Handlungen umso eher
aufgrund von Wissen (des Opfers oder von Dritten) beurteilt werden kön-
nen, je enger der Kontakt zwischen Täter und Opfer ist. In der Idealform
einer dörflichen Gemeinschaft, bei der aufgrund hoher Informationstrans-
parenz Verhaltensweisen der Akteure gegenseitig bekannt sind, sollten
diese vorrangig aufgrund dieses Wissens beurteilt werden. Insbesondere
sollte es leichter fallen, Verhalten als „Trotteligkeit“ oder „dummen
Streich“ zu bagatellisieren. Allerdings dürfte der Umfang der auf diese
Weise als Streich definierten Delinquenz nur gering sein. In anonymeren
sozialen Kontexten sollte dagegen für eine Bewertung des Verhaltens eher
auf Vorurteile oder Stereotypen zurückgegriffen werden, da dem Opfer nur
selten Informationen über das Verhalten des Täters vorliegen.
Weiterhin sind Situationen zwar für unbeteiligte Dritte oft mehrdeutig
und lassen verschiedene Definitionsspielräume offen. Dies könnte – neben
der Verantwortungsdiffusion aufgrund von „Bystandereffekten“ - ein
81

Grund dafür sein, dass unbeteiligte Zeugen eher selten eine Anzeige erstat-
ten (vgl. Abschnitt 2.3). Dagegen haben die Betroffenen diese Interpretati-
onsspielräume nicht, wenn sie dem Täter unmittelbar in der Situation ge-
genüber stehen, wie bei Gewaltdelikten. Für die unmittelbar Tatbeteiligten
wird daher in der Regel nicht die Frage im Vordergrund stehen, ob ein
bestimmtes Verhalten als normabweichend beurteilt wird, sondern wie
schwerwiegend die Normverletzung durch das Opfer eingeschätzt wird. Ein
Jugendlicher, der bei einer Schlägerei eine schmerzhafte Platzwunde be-
kommt, wird dies selten als „normal“ bezeichnen. Er/sie (oder die Eltern
oder Freunde) kann es jedoch auf einem breiten Spektrum von Schwereein-
schätzungen zwischen Bagatelle und „Fall für eine Anzeige“ einordnen –
und nach dem Ergebnis dieser Einordnung über den weiteren Umgang mit
der Konfliktsituation entscheiden. Die Varianz dieser Bewertung der De-
liktschwere kann durch die aus der Theorie kognitiver Dissonanz abgeleite-
te Hypothese erklärt werden, wonach eine Bagatellisierung und damit eine
weniger schwere Deliktbewertung um so eher auftritt, je weniger das Opfer
mit einem normwidrigen Verhalten gerechnet hat. Je größer die kognitive
Dissonanz, desto größer die Neigung zur Bagatellisierung und zu einer
weniger schweren Deliktbewertung. Eine Varianz in der Definition der
Schwere von Gewalthandlungen könnte demnach hinsichtlich mehrerer
Dimensionen auftreten, von denen im Folgenden Merkmale der Situation,
des Opfers, des Täters sowie der Täter-Opfer-Relation näher betrachtet
werden.
Nach den in Abschnitt 2.1.4 und 2.1.5 berichteten Befunden werden De-
likte, die außerhalb der gewohnten Umgebung und am Abend oder in der
Nacht auftreten, häufiger angezeigt. Dies könnte auf eine unterschiedliche
Bewertung der Delikte durch die Opfer zurückführbar sein. Sowohl an
Orten, die Jugendlichen nicht vertraut sind, als auch zu ungewöhnlichen
Tageszeiten (insbesondere in der Nacht) fühlen sie sich weniger sicher. Sie
sollten also eher mit delinquentem Verhalten anderer rechnen und es tritt
im Fall einer tatsächlichen Viktimisierung kaum kognitive Dissonanz auf,
die eine Bagatellisierung wahrscheinlich machen würde.
Je weniger das Opfer mit Ort und Zeitpunkt vertraut ist, desto schwerwiegen-
der sollte die Handlung eingeschätzt werden.
Nach der Theorie von Ruback u.a. (1984) sollte es einem Opfer mit zu-
nehmender Anzahl von Viktimisierungen schwerer fallen, diese zu bagatel-
lisieren oder zu resignieren, da die Furcht davor, erneut zum Opfer zu wer-
82

den wächst und die Schäden mit jeder (nicht aktiv bewältigten) Viktimisie-
rung größer werden. Auch die Vorhersage aufgrund der Dissonanztheorie
geht mit dieser Hypothese konform. Je häufiger ein Opfer bereits viktimi-
siert wurde, desto weniger sollte es von einer erneuten Viktimisierung ü-
berrascht sein und desto weniger besteht Bedarf, Dissonanz durch Bagatel-
lisierung abzubauen. Auch die Überlegungen Wetzels (1996) zur Immuni-
sierung von Viktimisierungserlebnissen legen nahe, dass solche Strategien
nur bei selten auftretenden Erlebnissen zum Zuge kommen. Schließlich
deutet auch der in Abschnitt 2.2.2 berichtete empirische Befund darauf hin,
dass vergangene Viktimisierungen eine aktive Konfliktverarbeitung be-
günstigen.
Je größer die Anzahl der Viktimisierungen vor dem aktuellen Opfererlebnis,
desto schwerwiegender wird die Handlung eingeschätzt.
Die in Abschnitt 2.2.2 berichteten empirischen Befunde weisen ferner dar-
auf hin, dass auch normabweichende Handlungen, die vom Opfer selbst in
der Vergangenheit oder gar im Zusammenhang mit dem betrachteten Op-
fererlebnis begangen wurden, dessen Bewertung beeinflussen könnten.
Eigene Delinquenz könnte zu einer Übernahme delinquenter Normen füh-
ren, nach der Devise „wer austeilt, muss auch einstecken können“.
Je größer das Ausmaß eigener Involvierung in Delinquenz, desto weniger
schwerwiegend sollte eine Viktimisierung beurteilt werden.
Eine entgegengesetzte Vorhersage macht dagegen die Theorie kognitiver
Dissonanz. Delinquente Jugendliche sollten demnach bei eigener Viktimi-
sierung weniger Dissonanz empfinden, da sie durch eine Viktimisierung-
serfahrung weniger überrascht werden und daher ein geringeres Bedürfnis
verspüren sollten, das Erlebnis zu bagatellisieren.
Je größer das Ausmaß eigener Involvierung in Delinquenz, desto schwerwie-
gender sollte eine Viktimisierung beurteilt werden.
Schließlich könnte auch das Geschlecht des Opfers dessen Definitionsver-
halten beeinflussen. Während eine Viktimisierung von Jungen eher als
„normal“ betrachtet werden könnte (da sie häufiger auftritt), könnte diese
von Mädchen als schwerwiegender eingeschätzt werden.
Mädchen sollten Viktimisierungen schwerwiegender beurteilen als Jungen.
Wiederum ergibt sich aus der Dissonanztheorie eine Alternativhypothese.
Da Jungen häufiger als Mädchen Opfer werden, könnte es sein, dass ihre
83

Erwartung im Fall einer konkreten Viktimisierung nicht im selben Ausmaß


enttäuscht wird wie bei Mädchen und demnach geringerer Bedarf an Baga-
tellisierung besteht.
Jungen sollten Viktimisierungen als schwerer beurteilen als Mädchen.
Die in Abschnitt 2.3.2 berichteten empirischen Befunde legen einen Ein-
fluss der Anzahl der Täter auf die Bewertung der Situation durch das Opfer
nahe. Eine Viktimisierungssituation mit nur einem Täter erzeugt ein hohes
Maß an kognitiver Dissonanz, da es weniger vorhersehbar ist, von einer
Einzelperson beraubt oder verletzt zu werden, als wenn mehrere Angreifer
vorhanden sind. Gegen eine „Übermacht“ an Tätern kann man sich erheb-
lich schlechter verteidigen, eine solche Situation ist eindeutig „unfair“.
Je mehr Täter beteiligt sind, desto schwerwiegender sollte die Tat bewertet
werden.
Nach Black (1976) sollten soziale Distanz bzw. soziale Ähnlichkeit von
Opfer und Täter einen starken Einfluss auf die Bewertung einer Handlung
haben. Auch Felson u.a. (1999: 943) vermuten, dass die Bekanntschaft
zwischen Täter und Opfer die Definition von Delikten beeinflusst. Schließ-
lich wurde in westlichen Gesellschaften insbesondere Gewalt im sozialen
Nahraum in jüngster Vergangenheit überhaupt erst strafbar und damit auch
durch die formelle Sozialkontrolle als Delikt anerkannt (von Hofer 2004).
Die Theorie kognitiver Dissonanz bietet im Fall aller Einflüsse, die von
der Beziehung zwischen Täter und Opfer ausgehen, ohne eine genauere
Bestimmung von Randbedingungen keine Erklärungsmöglichkeit. Es ist
schwierig, a priori zu beurteilen, ob Delikte von dem Opfer bekannten
Tätern immer überraschend kommen. Schließlich kann die Bekanntschaft
es mit sich bringen, dass das Opfer über eine delinquente „Vorgeschichte“
des Täters gut informiert ist und gerade deshalb einen delinquenten Akt
erwartet hat. Ist der Täter dagegen nicht als delinquent bekannt, so könnte
das Opfer eher zur Bagatellisierung neigen. Ohne Kenntnis des „Rufs“ des
Täters ist daher eine Hypothese zur Deliktschwerebewertung des Opfers
nach der sozialen Distanz nicht möglich. Dagegen könnte für Täter-Opfer-
Konstellationen, bei denen sich Täter und Opfer nicht kennen, folgende
Überlegung zutreffen. Es ist davon auszugehen, dass Opfer aufgrund von
Stereotypen die Tat eines Täters anderer ethnischer Herkunft eher erwarten
und daher weniger zur Bagatellisierung neigen. Ähnlich dürften auch Jun-
gen weniger mit einer Viktimisierung durch Mädchen rechnen und umge-
kehrt und diese entsprechend schwerer bewerten als eine Viktimisierung
84

durch das eigene Geschlecht. Schließlich sollten ältere Opfer eine Viktimi-
sierung durch jüngere Täter als schwerwiegender beurteilen.
Je geringer die soziale Ähnlichkeit zwischen Täter und Opfer, desto schwerwie-
gender sollte die Handlung bewertet werden.
Beispiele für soziale Ähnlichkeit sind Gleichaltrigkeit, Gleichgeschlecht-
lichkeit und gleiche soziale Herkunft (Ethnie und sozioökonomischer Sta-
tus) von Täter und Opfer.
Die folgende Abbildung soll die besprochenen Einflussfaktoren auf die
Deliktschwerebewertung nochmals zusammenfassend wiedergeben.

Abbildung 4.2: Determinanten der Deliktschwereeinschätzung

4.2 Bewältigung von Konflikten und Opfersituationen


Ist vom Opfer eine Situationsdefinition geleistet, so muss es sich entschei-
den, wie es mit dem Konflikt umgehen soll und welche Bewältigungsstra-
tegien gewählt werden.
Das Opfer kann entweder
85

resignieren und nicht reagieren,


versuchen, sich informell bzw. durch Selbstjustiz mit dem Täter zu eini-
gen, oder
Instanzen der formellen Sozialkontrolle einschalten.
Da der Bewältigungsvorgang immer auch mit Kosten verbunden ist (Zeit-
aufwand, Wege, emotionaler Stress), muss das Opfer eine Kosten-Nutzen
Kalkulation erstellen. Je größer der Schaden ist, desto größer wird die
Wahrscheinlichkeit sein, dass das Opfer überhaupt Maßnahmen zur Scha-
densbewältigung ergreift. Das Ausmaß des erlittenen Schadens bestimmt
daher die Basiswahrscheinlichkeit, dass vom Opfer eine aktive Bewälti-
gung gewählt wird.
Je größer der erlittene Schaden, desto größer die Basiswahrscheinlichkeit einer
aktiven Bewältigung durch das Opfer.
Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass eine aktive (informelle oder
formelle) Bewältigung von Konflikten zum einen durch Ressourcen und
zum anderen durch Normen der Konfliktbewältigung gesteuert wird. Be-
trachtet man nur die Ressourcen, über die ein Opfer verfügt, so wird es mit
zunehmenden Ressourcen schwieriger, aufgrund dieses Indikators das Ver-
halten vorherzusagen, da die Ressourcen unterschiedliche Möglichkeiten
der Konfliktbewältigung eröffnen. Man muss daher zusätzlich den norma-
tiven „Überbau“ betrachten, an dem sich die Akteure in einer Konfliktsitua-
tion orientieren. Es geht dann nicht mehr um die Frage, wie man sich einer
Schädigung gegenüber verhalten kann, sondern wie man handeln sollte.
Wie die empirischen Befunde gezeigt haben, gibt es auch hier eine gewisse
Varianz. So hat Stinchcombe (1963) in amerikanischen Vorstädten eine
Norm des Wegschauens, des Nichtbeachtens des Verhaltens anderer aus-
gemacht, die nach Ansicht von Baumgartner (1984) auch dazu führt, dass
Opfer von Delinquenz in „Suburbia“ ihre Konflikte eher durch Meidung
regeln und seltener zu direkter Konfrontation und Konfliktaustragung nei-
gen. Allerdings konnte dies durch die empirischen Untersuchungen Ing-
rams (1995; vgl. Abschnitt 2.5.3) für den Vergleich mit Stadtbewohnern
nicht bestätigt werden. Dagegen werden normative Orientierungen der
Selbsthilfe eher in delinquenten Subkulturen (Black 1983; Anderson 1999),
bzw. in spezifischen Milieus wie Kneipenszenen vorkommen (Hanak
1987; Todd 1979).
86

4.2.1 Anzeige
Opfer können mit einer Anzeige unterschiedliche Motive verfolgen. In den
meisten empirischen Studien, die explizit Motive für eine Anzeige abfra-
gen, zeigt sich, dass das Bedürfnis des Opfers nach Restitution (Wieder-
gutmachung) und Bestrafung des Täters ausschlaggebend ist (Schwind u.a.
2001, Killias 1980). Die insbesondere bei Eigentumsdelikten wichtige Rol-
le von Versicherungsbestimmungen für die Anzeigebereitschaft kann eben-
falls als Spezialfall der Restitution betrachtet werden, da eine Versiche-
rungsmeldung letztlich dem Ziel dient, Schadenersatz zu erhalten. Darüber
hinaus werden sowohl bei Eigentums-, häufiger jedoch bei Gewaltdelikten,
altruistische Motive des Opfers für eine Anzeige beobachtet (Schwind u.a.
2001: 176). Altruistische Motive entspringen z.B. der Einstellung des Op-
fers, dass es eine staatsbürgerliche Pflicht gebe, Delikte zu melden, sowie
spezial- und generalpräventiven Überlegungen des Opfers, nach denen
Täter durch die Anzeige von weiteren Straftaten abgeschreckt werden
könnten (Skogan 1984).
Entsprechend klassifizieren Hanak & Pilgram (1991) Anzeigen in
„Schadensfälle“, bei denen das Opfer vor allem an einer Restitution inte-
ressiert ist und bei denen der Täter unbekannt ist, sowie in „Konfliktfälle“,
also Gewalt- und Eigentumsdelikte, bei denen der Täter dem Opfer bekannt
ist. Hier können sowohl Motive der Schadensregulierung als auch der Be-
strafung des Täters wirksam sein.
Zwei Gründe sprechen jedoch gegen die Annahme, dass das Vorliegen
der Hauptmotive Restitution und Bestrafung schon hinreichend ist, um das
Opfer automatisch zu einer Anzeige zu veranlassen. So ist es zum einen
höchst fraglich, ob es eine Norm gibt, nach der Delikte angezeigt werden
müssen. Zwar wird in den meisten Viktimisierungsuntersuchungen und
rechtssoziologischen Studien implizit davon ausgegangen, dass eine soziale
Norm existiert, nach der Viktimisierungen anzuzeigen sind. Man kann
jedoch allein aufgrund der niedrigen Anzeigequoten, die in Opferbefragun-
gen genannt werden, demonstrieren dass dies zumindest für jugendliche
Opfer nicht gilt (vgl. Abschnitt 2.1.1). Bedenkt man also, dass je nach De-
liktschwere der überwiegende Teil der Straftaten im Dunkelfeld verbleiben,
so ist die Anzeige auch empirisch nicht der Normalfall im Handlungsreper-
toire der Akteure (Hanak u.a. 1988: 17). Auch Pilgram (2004) geht davon
aus, dass es normgerechte und normverletzende Anzeigen gibt.
Zum anderen ist es keineswegs ausgemacht, dass eine Anzeige das ge-
87

eignete Mittel ist oder als solches wahrgenommen wird, um die Ziele der
Opfer zu erreichen.24 Wiedergutmachung ist schneller und für den Jugend-
lichen befriedigender durch eine informelle Einigung erzielbar, sofern bei-
de Parteien bereit sind, diesen Weg zu wählen. Auch die Bestrafung des
Täters ist sicherlich durch Selbstjustiz (Rache) des Jugendlichen effizienter
und schneller durchgeführt als über den Weg der offiziellen Sozialkontrolle
(Polizei und Justiz), der zu einer „Enteignung“ des Konfliktes führt und auf
dessen Verlauf und Ausgang das Opfer keinen Einfluss mehr ausüben kann
(Umbreit 1998). Insbesondere ist zu bedenken, dass formelle Konfliktrege-
lungen zusätzlich noch in den Alltag von Täter und Opfer integriert werden
müssen, vor allem dann, wenn diese sich bereits vor der Tat gekannt haben.
Kommen beispielsweise Opfer und Täter aus derselben Schulklasse oder
Nachbarschaft, so ist es durchaus fraglich, ob der Konflikt, der sich aus der
Tat ergibt, durch eine Anzeige bei der Polizei oder gar eine gerichtliche
Verwarnung des Täters bereits beigelegt ist (Hanak u.a. 1989).
Unter der Voraussetzung, dass der Täter dem Opfer bekannt ist und Tä-
ter sowie Opfer über ausreichend Ressourcen für eine informelle Konflikt-
verarbeitung verfügen, kann man davon ausgehen, dass eine Anzeige vom
Opfer als letztes Mittel angesehen wird, zu dem vor allem bei Tätern ge-
griffen wird, die nicht zu informellen Regelungen bereit sind. Hinweise
darauf ergeben sich aus der Untersuchung von Anzeigemotiven durch Voß
(1989). Dort wurde auch die Bereitschaft der Betroffenen erfragt, sich an
einer informellen Konfliktregelung nach einer Anzeige zu beteiligen
(TOA). Dabei waren signifikant weniger Opfer zu informellen Regelungen
bereit, wenn diese den Täter bereits vor der Anzeigeerstattung kannten.
Daraus kann meines Erachtens geschlossen werden, dass unter Bekannten
häufig bereits vor dem Anzeigevorgang ein informeller Konfliktlösungs-
prozess angestrebt wird. Wenn dieser nicht erfolgreich ist und es zur An-
zeige kommt, ist dementsprechend die Bereitschaft zur Teilnahme an einer
Mediation geringer. Weiterhin ist eine Anzeige mit hohen zusätzlichen
Investitionen des Opfers an Zeit und emotionalem Stress verbunden, bei
24
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Ausführungen zu informellen
Konfliktregelungen keinerlei Norm oder Wertung implizieren sollen. Ich möchte also
weder nahe legen, dass Konflikte informell (oder durch Selbstjustiz) geregelt werden
sollen, noch das es besser ist, Konflikte informell als formell zu regeln. Dieser Hinweis
scheint auch im Hinblick auf die Auseinandersetzung über Projekte der sogenannten
restorative justice (in Deutschland als Täter-Opfer-Ausgleich bezeichnet) notwendig zu
sein, die jedoch eine formelle Konfliktregelung darstellt, im Unterschied beispielsweise
zu sogenannten Community Mediation Programmen (Peper & Spierings 1999).
88

einem höchst zweifelhaften Ausgang. Informelle Regelung und eine for-


melle Regelung durch eine Anzeige sollten also in einem komplementären
Verhältnis zueinander stehen.
Je eher eine informelle Konfliktregulierung möglich ist, desto geringer ist die
Neigung des Opfers zu einer Formalisierung des Konflikts und damit zu einer
Anzeige.
Die soziale Ähnlichkeit und soziale Distanz zwischen Opfer und Täter
sollten nicht nur die Bewertung einer Viktimisierung, sondern vor allem
auch die Reaktion des Opfers darauf bestimmen. So kann davon ausgegan-
gen werden, dass soziale Normen die Anzeige von Tätern mit geringer
sozialer Distanz zum bzw. großer sozialer Ähnlichkeit mit dem Opfer eher
verhindern als Anzeigen gegen Täter mit geringer sozialer Ähnlichkeit
bzw. großer sozialer Distanz. Die in Abschnitt 2.4 berichteten empirischen
Ergebnisse sprechen für eine solche Sichtweise, auch wenn bei diesen Stu-
dien nicht analysiert wurde, ob die Merkmale der Täter-Opfer Relation die
Bewältigungsweise direkt beeinflussen, oder ob eine indirekte Beeinflus-
sung über die Bewertung der Tat durch das Opfer vorliegt.
Je größer die soziale Distanz und je geringer die soziale Ähnlichkeit, desto eher
sollten soziale Normen eine Formalisierung des Konfliktes erlauben und eine An-
zeige erfolgen.
Es ist weiterhin wichtig, eine Anzeige nicht als isolierten Vorgang zu be-
trachten, sondern als Element in einem sozialen Prozess. Insbesondere kann
eine Anzeige eine Reihe von Folgen nach sich ziehen, die vom Opfer anti-
zipiert werden können und wiederum in die Entscheidungsfindung Eingang
finden. Diese Folgen können für das Opfer um so gravierender sein kön-
nen, je geringer die soziale Distanz zwischen Täter und Opfer ist. Bekann-
ten aus der direkten Nachbarschaft oder Klassenkameraden begegnet man
ständig, diese haben also viele Gelegenheiten, sich für die Anzeige eines
Konfliktes durch das Opfer zu „rächen“.
Je größer die soziale Ähnlichkeit und je geringer die soziale Distanz, desto
schwerwiegender sollten mögliche negative Konsequenzen aus einer Anzeige durch
das Opfer eingeschätzt werden und desto weniger sollten Konflikte durch Anzei-
gen bewältigt werden.
89

4.2.2 Informelle Einigung


Notwendige Ressource für eine informelle Einigung ist insbesondere das
soziale Kapital des Opfers. Je dichter das Beziehungsnetzwerk des Opfers,
desto größer die Chance, Kontakt mit dem Täter aufzunehmen und eine
informelle Einigung zu erzielen. Auch ein hohes Maß an intergenerationa-
ler Geschlossenheit des Beziehungsnetzwerkes sollte informelle Regelun-
gen erleichtern, da Eltern als Vermittlungsagenten tätig werden können.
Soziales Kapital ist jedoch nicht nur Eigenschaft von Individuen, sondern
auch eine Aggregateigenschaft. Insbesondere nützt es einem Opfer wenig,
über ein hohes Maß an sozialem Kapital zu verfügen, falls der Täter nicht
ebenfalls darüber verfügt. Legt man die These zugrunde, dass ein größeres
Ausmaß an sozialer Ähnlichkeit und ein geringeres Ausmaß an sozialer
Distanz zwischen zwei Akteuren auf ein größeres Ausmaß an sozialem
Kapital schließen lassen, so kann man für die informelle Regelung eines
Konfliktes folgende Hypothese formulieren:
Je größer das Ausmaß sozialer Ähnlichkeit und je geringer die soziale Distanz
zwischen Täter und Opfer, desto eher besteht die Möglichkeit einer informellen
Regelung des Konfliktes.
In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Frage klären, ob Opfer mit
einem selektiven Anzeigeverhalten eine Diskriminierung der Täter anstre-
ben. Ist beispielsweise das erhöhte Registrierungsrisiko von Tätern, die
einer anderen Ethnie angehören, darauf zurückzuführen, dass die jugendli-
chen Opfer oder deren Eltern gegenüber fremdethnischen Tätern ein erhöh-
tes Straf- oder Rachebedürfnis haben? Dies würde eine manifeste Diskri-
minierung bedeuten, also eine bewusste Instrumentalisierung der Polizei,
um fremdenfeindliche Einstellungen auszuagieren. Die in Abschnitt 2.4.2
berichteten Befunde, nach denen auch nichtdeutsche Opfer deutsche Täter
eher anzeigen, sprechen gegen eine solche Sichtweise. Im Folgenden soll
davon ausgegangen werden, dass eine manifeste, also vom Opfer beabsich-
tigte Diskriminierung der Täter dann vorliegt, wenn der Regelungsbedarf
bei heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen insgesamt höher ist als
bei homoethnischen Konstellationen. Erst wenn die Summe der aktiven
Konfliktbewältigungen aus Anzeige, informeller Einigung und Selbstjustiz
bei heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen diejenige bei homoethni-
schen Konstellationen deutlich übersteigt, ist davon auszugehen, dass Op-
fer gegenüber fremdethnischen Tätern einen erhöhten Bedarf der Konflikt-
regulierung aufgrund der ethnischen Differenz sehen. Ist der Unterschied
90

im Anzeigeverhalten allein darauf zurückzuführen, dass bei heteroethni-


schen Täter-Opfer-Konstellationen weniger Gelegenheiten zu einer infor-
mellen Einigung bestehen, so sollte der Anteil aktiv bewältigter Opfersitua-
tionen insgesamt gleich bleiben und der Anteil informeller Einigungen im
gleichen Ausmaß zurückgehen, wie der Anteil angezeigter Täter ansteigt.
Manifeste Diskriminierung drückt sich in einem Anstieg aktiv bewältigter Vik-
timisierungen heteroethnischer gegenüber homoethnischer Täter-Opfer-
Konstellationen aus, latente Diskriminierung drückt sich bereits in einem Anstieg
der Anzeigerate aus.
In Abbildung 4.3 werden nochmals die vermuteten Zusammenhänge zum
Anzeigeverhalten bzw. zur Lösung von Konflikten durch informelle Eini-
gung dargestellt.

Abbildung 4.3: Determinanten des Anzeigeverhaltens bzw. der Lösung von Kon-
flikten durch informelle Einigung

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird davon ausgegangen, dass informelle


Einigung und Anzeige komplementäre Konfliktlösungsmuster sind. Wenn
sich Opfer zu einer aktiven Konfliktbewältigung entschieden haben, sollten
91

vor allem ihre Ressourcen aus sozialem Kapital und die normativen Vor-
stellungen über eine „angemessene“ Konfliktbewältigung darüber ent-
scheiden, ob eine informelle Regelung oder eine formelle Anzeige gewählt
wird.

4.2.3 Selbstjustiz
Nach den Befunden der ethnographischen Untersuchungen zur Konfliktre-
gulierung in Subkulturen (Anderson 1999) dürfte Selbstjustiz vor allem bei
Jugendlichen auftauchen, die einer delinquenten Subkultur angehören.
Diese Jugendlichen sollten geringere Chancen auf Zugang zu formeller
Sozialkontrolle haben. Selbstjustiz verdrängt hier also in einem gewissen
Umfang die offizielle Sozialkontrolle. Das Ausmaß an informeller einver-
nehmlicher Konfliktregulierung sollte dagegen nicht von der Zugehörigkeit
zu einer delinquenten Subkultur abhängen. Wie in Abschnitt 3.4.2 gezeigt
wurde, kann auch in sozial benachteiligten Wohngegenden mit einem ho-
hen Anteil Jugendlicher in delinquenten Subkulturen diesen ein dichtes
soziales Netzwerk und damit ein hohes Maß an Sozialkapital zur Verfü-
gung stehen. Eine wichtige Ressource für Konfliktregulierungen durch
Selbstjustiz sind dagegen delinquente Freunde, die durch aktives Handeln
und normative Bestätigung unterstützend mitwirken können.
Je stärker die Involvierung eines Jugendlichen in eine delinquente Subkultur,
desto eher wird die Selbstjustiz einer Formalisierung des Konfliktes vorgezogen
werden.

4.3 Sozialökologische Betrachtung


Sozialökologische Einflüsse, also Wirkungen der sozialen Umgebung der
Jugendlichen auf die Verarbeitung von Delinquenz und Viktimisierung,
sind in mehrfacher Hinsicht denkbar. So kann zum einen bereits die Ein-
schätzung und Bewertung von delinquenten Handlungen, insbesondere von
Gewaltdelikten, in Abhängigkeit vom Ausmaß der Gewaltbelastung einer
Umgebung variieren. Des Weiteren stellen Aggregateigenschaften Res-
sourcen für Täter und für Opfer dar, die eine informelle Einigung ermögli-
chen und damit die Anzeigewahrscheinlichkeit bzw. das Registrierungsri-
siko der Täter verringern können. Mit Aggregateigenschaften sind dabei im
Folgenden immer soziale Eigenschaften räumlicher Aggregate gemeint.
Grundlage der Analyse sind also nicht bauliche Eigenheiten, sondern sozia-
92

le Eigenschaften von Räumen wie Stadtvierteln. Wichtig ist dabei die Vor-
stellung, das sich über die Konzentration von individuellen Akteuren mit
bestimmten Merkmalen wie Delinquenz, soziale Benachteiligung, soziales
Kapital emergente Eigenschaften der Aggregate ergeben, die auf die Nor-
men und Handlungen der Individuen zurückwirken. Zusätzlich zu den kau-
salen Wirkmechanismen sollte bei Aggregateigenschaften also auch immer
der Mechanismus spezifiziert werden, durch den die Emergenz zustande
kommt.

4.3.1 Deliktschwereeinschätzung nach Merkmalen des sozialen


Kontextes
Opfer mit spezifischen Normen (Subkultur der Gewalt) könnten Gewalt-
handlungen als weniger schwerwiegend empfinden, als Opfer mit „norma-
len“ Normorientierungen. Ein gewisses Maß an Gewalt (und Delinquenz)
könnte so als „normal“ im Umgang von Jugendlichen untereinander be-
trachtet werden (Anderson 1999).
Opfer aus sozial benachteiligten Wohngebieten haben häufiger selbst delinquen-
te Normorientierungen und bewerten Normverletzungen daher als weniger
schwerwiegend wie Opfer aus nicht benachteiligten Gegenden.
Zum anderen könnte es sozialräumliche Effekte geben, indem Opfer, die
sich oft in Gegenden mit einer höheren Gewaltbelastung aufhalten, diese
anders bewerten als Opfer, die selten von Gewalthandlungen erfahren.
Dabei gibt es zwei alternative Mechanismen der Emergenz, die Gewöh-
nungs- und die Reaktionsthese. Nach der Gewöhnungsthese kommt es in
benachteiligten Gegenden zu einer Gewöhnung an Normverletzungen, was
zur Folge hat, dass diese als nicht so schwerwiegend bewertet werden wie
in weniger benachteiligten Gegenden.
In Gegenden mit hoher sozialer Benachteiligung sollten sich Bewohner an De-
linquenz gewöhnen und daher Normverletzungen als nicht so schwerwiegend
betrachten wie Bewohner aus nicht benachteiligten Gegenden.
Die Reaktionshypothese stellt alternativ dazu die Vermutung auf, dass
gerade in sozial benachteiligten Gegenden mit hoher Delinquenzbelastung
die Toleranz gegenüber Normverletzungen geringer ist und diese daher als
schwerwiegender bewertet werden.
93

4.3.2 Konfliktbewältigung nach Merkmalen des sozialen Kontex-


tes
Die Betrachtung des Raumes kann zur Erklärung des Anzeigeverhaltens in
forschungspragmatischer und in theoretischer Hinsicht wichtige Beiträge
leisten.
In pragmatischer Hinsicht könnte eine Betrachtung von selbstberichteten
Polizeikontakten und selbstberichteter Delinquenz auf Aggregatebene er-
heblich valider sein als auf Individualebene, so dass ein Hell-Dunkelfeld-
Vergleich auf der Ebene von Stadtvierteln genauer sein kann als die Be-
trachtung individueller Anzeigerisiken. Köllisch & Oberwittler (2004b:
723) konnten zeigen, dass vor allem von Jugendlichen der Unterschicht
sowie aus ethnischen Minderheiten einige dazu neigen, Delikte in erhebli-
chem Ausmaß unterzuberichten, während andere Befragte erheblich über-
berichteten. Eine Betrachtung von Selbstberichten auf der räumlichen Ag-
gregatebene könnte dazu beitragen, dass sich Unter- und Überberichte
neutralisieren (vgl. Abschnitt 6. ++).
Hinsichtlich der theoretischen Annahmen zur kausalen Wirkungsweise
des Raumes muss zwischen direkten und indirekten Aggregateffekten un-
terschieden werden. Alle empirischen Analysen, die ausschließlich auf der
auf der Aggregatebene durchgeführt werden, unterliegen jedoch der Gefahr
eines ökologischen Fehlschlusses (Oberwittler 1999), so dass kausale Zu-
schreibungen nur vorsichtig und oft unter Vorbehalten vorgenommen wer-
den können.

4.3.2.1 Direkte Effekte von Eigenschaften sozialräumlicher Aggre-


gate
Direkte Aggregat- oder Kontexteffekte des Anzeigeverhaltens könnten
entstehen, wenn Akteure auf Ressourcen wie soziales Bindungs- und Brü-
ckenkapital zurückgreifen können, die über unterschiedliche Räume variie-
ren. Konkret bedeutet dies, dass Konflikte in Räumen mit hohem sozialem
Bindungs- und Brückenkapital eher informell gelöst werden können, wenn
Täter und Opfer gemeinsam diesem Raum angehören und wenn sie die
Ressource soziales Kapital aktivieren können (vgl. Abschnitt 3.4.1). Ob-
wohl sich die Konfliktbeteiligten zuvor nicht kannten, können sie auf das
soziale Netzwerk des Stadtviertels zurückgreifen und haben somit tenden-
ziell eher die Voraussetzungen für eine informelle Lösung des Konfliktes.
Je größer das aggregierte soziale Bindungs- und Brückenkapital in einem räum-
94

lichen sozialen Kontext, desto mehr Möglichkeiten zur informellen Regelung sind
gegeben. Je mehr Möglichkeiten zu informellen Einigungen bestehen, desto weni-
ger Opfer sollten eine Anzeige als notwendiges Mittel zur Konfliktlösung betrach-
ten.
Unter Hell-Dunkelfeld-Relation oder Hellfeldanteil soll im Folgenden
verstanden werden der Anteil der Täter bzw. der Taten aus dem Dunkel-
feld, die der Polizei bekannt werden. Das soziale Kapital allein freilich ist
kein hinreichender Prädiktor zur Erklärung der Variation der Hell-
Dunkelfeld-Relation auf der Ebene räumlicher Aggregate. Dazu müssen
vielmehr noch die jeweiligen Normen der Konfliktbewältigung betrachtet
werden. Nach den in Abschnitt 2.6.3 dargestellten Befunden sollten in
ländlichen, aber auch in suburbanen Gebieten die normative Erwartung
insbesondere an jugendliche Akteure vorhanden sein, Konflikte informell
zu lösen, bzw. zu bagatellisieren.
Je größer das Ausmaß von sozialem Bindungs- und Brückenkapital, das in ei-
nem sozialen Kontext vorhanden ist und je ausgeprägter eine Norm zur informel-
len Konfliktregelung ist, desto höher die Hell-Dunkelfeld-Relation auf Aggregat-
ebene.
Die Entstehung solcher Normen zur informellen Konfliktregulierung ist
aufgrund der Eigenschaft des sozialen Kapitals als Währung „gegenseitiger
Verpflichtung“ (vgl. Abschnitt 3.4.1) gut nachzuvollziehen. Je mehr sozia-
les Kapital in einer Dorf- oder Stadtviertelgemeinschaft vorhanden ist,
desto eher bestehen gegenseitige Verpflichtungen und Vertrauensbezie-
hungen, die durch das Einschalten formeller Sozialkontrolle gestört wür-
den.
Gemeinschaften ohne Normen zur informellen Konfliktregelung, die ü-
ber ein hohes Ausmaß an sozialem Verbindungskapital verfügen, werden
dagegen ihren besseren Zugang zu Institutionen der formellen Sozialkon-
trolle nutzen und Konflikte eher durch Anzeigeerstattung regeln. Soziales
Kapital ist also ein zweischneidiges Schwert. Beziehungsnetzwerke zu-
sammen mit gegenseitigem Vertrauen und Normen der informellen Rege-
lung reduzieren die Anzeigeneigung. Ohne diese Verpflichtungen und
Normen dagegen erleichtert das soziale Kapital die Formalisierung von
Konflikten.
Je größer das Ausmaß des sozialen Verbindungskapitals ist und je weniger eine
Norm der informellen Konfliktregulierung gilt, desto höher sollte die Anzeigerate
sein.
95

Dabei stehen Räume wie Stadtviertel meist für eine Vielzahl gewachsener
sozialer Strukturen. Die Verteilung des sozialen Kapitals der Bewohner
kann über die einzelnen Stadtviertel sehr unterschiedlich sein und gleich-
zeitig können Stadtviertel Grenzen für die Beziehungsnetzwerke der Be-
wohner und damit für deren Sozialkapital darstellen. Eine Einheit des
Raumes kann daher sowohl ein Indikator für die Kumulation bzw. Depriva-
tion von Ressourcen darstellen und er ist zugleich ein Anhaltspunkt für die
Reichweite dieser Ressourcen.
Eine Variation des Hellfeldanteils von Delinquenz sowohl hinsichtlich
des Ausmaßes von sozialem Kapital als auch der Normen zur Konfliktregu-
lierung sollte sowohl in kleinräumiger Verteilung innerhalb von Städten,
als auch hinsichtlich größerer räumlichen Einheiten auftreten. Ländliche
Gemeinden sowie Vorstädte und Innenstadtviertel weisen jeweils unter-
schiedliche Sozialstrukturen auf, die sich durch einen unterschiedlichen
Anteil sozial benachteiligter Bewohner, durch Unterschiede im Sozialkapi-
tal und infolgedessen auch durch andere Normen zur Konfliktbewältigung
auszeichnen.
Die Variation im Hellfeldanteil von Jugenddelinquenz nach der Urbanität er-
klärt sich weitgehend durch die charakteristische Zusammensetzung der Bevölke-
rung und der unterschiedlichen Verfügung über soziales Bindungskapital sowie
unterschiedliche normative Orientierungen.
Ländliche Gemeinschaften sollten demnach über ein hohes Maß an Bin-
dungskapital verfügen, welches eine Regelung von Konflikten durch in-
formelle Sozialkontrolle ermöglicht. Diese Sichtweise wird durch die quan-
titativen Befunde von Gottfredson & Hindelang (1979) und Reuband
(1981) unterstützt, die eine geringere Anzeigerate bei kleineren Gemeinden
berichten (vgl. Abschnitt 2.5.3). Die strukturellen Grundlagen, also Form
und Ausmaß des sozialen Kapitals, über das die Akteure verfügen, unter-
stützen auch die normative Orientierung zu einer informellen Konfliktregu-
lierung und eine Meidung formeller Sozialkontrolle, wie sie sich in den
Befunden von Laub (1981) und Todd (1979) findet. Allerdings gilt dies nur
für Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Aufgrund der geringeren Toleranz
gegenüber Fremden und der stärkeren Betonung von Gruppendifferenzen
sollte daher in ländlichen Gegenden die Differenz in der Anzeigeneigung
gegenüber Nichtmitgliedern der Dorfgemeinschaft erheblich größer sein als
in suburbanen Gegenden. Für einen solchen Interaktionseffekt zwischen
diskriminierendem Anzeigeverhalten und dem sozialräumlichen Kontext
96

liegen allerdings bisher keine empirischen Ergebnisse vor.


Der Hellfeldanteil von Jugenddelinquenz in ländlichen Gemeinden ist niedriger
als in Vorstädten oder Städten. Die Anzeigeneigung gegenüber Mitgliedern der
Dorfgemeinschaft ist geringer als in der Stadt, nicht aber diejenige gegenüber
Fremden.
Die Bewohner suburbaner Wohngegenden zeichnen sich dagegen durch ein
geringeres Ausmaß an Bindungskapital, dafür jedoch ein höheres Maß an
Brücken- und Verbindungskapital aus. Zusammen mit einer höheren Tole-
ranz gegenüber delinquentem Verhalten sollte dies zu einem Rückgang des
Konfliktregelungsbedarfs insgesamt führen, andererseits jedoch auch zu
einem Rückgang an informellen Einigungen und zu einer Zunahme von
Regelungen durch die formelle Sozialkontrolle. Gestützt werden diese
Überlegungen durch die qualitativen Befunde Baumgartners (vgl. Ab-
schnitt 3.7.3) zum Konfliktlösungsverhalten in Vorstädten.
Der Hellfeldanteil von Jugenddelinquenz in Vorstadtgegenden ist niedriger als
in Städten, jedoch höher als in ländlichen Gemeinden.

4.3.2.2 Indirekte Effekte von Eigenschaften sozialräumlicher Aggre-


gate
Indirekte Aggregateffekte entstehen immer dann, wenn Zusammenhänge
auf der Ebene des sozialen Kontextes auf Zusammenhänge der Individual-
ebene zurückgeführt werden können. So könnten Zusammenhänge zwi-
schen sozialem Kapital und der Anzeigerate bzw. Registrierungsrisiko auf
der Ebene des sozialen Kontextes (Stadtviertel) auftreten, die nicht auf
Eigenschaften des Raumes (soziale Netzwerke bzw. soziales Kapital), son-
dern auf individuelle Eigenschaften bzw. auf die Täter-Opfer-Relation
zurückzuführen sind. In sozialen Kontexten mit hohem Sozialkapital könn-
te eine geringere Anzeigeneigung nicht (nur) aufgrund der Aktivierung von
Sozialkontakten zustande kommen, die es auch zuvor untereinander nicht
bekannten Tätern und Opfern ermöglichen würde, eine informelle Einigung
zu finden. Vielmehr wäre der Zusammenhang auf der Aggregatebene dar-
auf zurückzuführen, dass sich Opfer und Täter in Stadtvierteln mit hohem
Sozialkapital bereits vor der Tat häufiger kennen und daher auch eher zu
informellen Einigungen gelangen können. Die sozialen Eigenschaften des
Raumes tragen dann unmittelbar nichts zur Art der Konfliktlösung bei, sie
können jedoch Ursache dafür sein, dass es vor der Tat dazu kommt, dass
sich Täter und Opfer kennen lernen.
97

Je größer das Ausmaß des sozialen Kapitals im Stadtviertel, desto eher kennen
sich Täter und Opfer und können daher eine informelle Konfliktlösung finden.

4.3.2.3 Informelle Sozialkontrolle als Schutz von Tätern


Wie bereits im Hinblick auf die Bedeutung der Täter-Opfer-Relation deut-
lich geworden ist, hängt die informelle Bewältigung eines Konfliktes nicht
nur von den Ressourcen des Opfers ab, sondern auch von Eigenschaften
und Ressourcen des Täters. Über die bereits erwähnten sozialen und indivi-
duellen Eigenschaften des Täters hinaus soll hier die Funktion der infor-
mellen Sozialkontrolle erörtert werden. Während Hirschi (1969) in der
klassischen Kontrolltheorie davon ausgeht, dass die informelle Sozialkon-
trolle normabweichende Handlungen Jugendlicher verhindert, so kann
dieser Ansatz dahingehend erweitert werden, dass durch informelle Sozial-
kontrolle auch die Formalisierung von (bereits entdeckten) Normabwei-
chungen verhindert werden kann (Albrecht 2003: 101; Mansel 1988a: 168).
Wenn ein jugendlicher Täter intensiver informeller Sozialkontrolle unter-
liegt, so stellt diese auch eine Ressource dar, die zu einer informellen Rege-
lung des Konfliktes genutzt werden kann. Insbesondere enge und gute Be-
ziehungen zu Eltern und Freunden ermöglichen es, auf diese als informelle
Mediatoren des Konfliktes zurückzugreifen.
Je größer das Ausmaß an informeller Sozialkontrolle, dem der Täter unterliegt,
desto geringer das Anzeigerisiko.
Demnach sollte eine Verringerung von informeller sozialer Kontrolle auf
Aggregatebene (Nachbarschaften) nicht nur einen Anstieg von Delinquenz,
sondern auch den Anstieg der Hell-Dunkelfeld-Relation zur Folge haben
(Karstedt-Henke & Crasmöller 1991: 34).

4.3.2.4 Erklärung von Hell-Dunkelfeld-Unterschieden auf Aggre-


gatebene
In Abbildung 4.4 sind die bisher besprochenen Zusammenhänge zur Hell-
Dunkelfeld-Relation auf Aggregatebene nochmals zusammengefasst darge-
stellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Effekte der Urbanität des
Stadtviertels bzw. der Gemeinde auf deren soziale Zusammensetzung hin-
sichtlich des Anteils sozial benachteiligter Bewohner sowie der ethnischen
Heterogenität zurückführen lassen. Nach dem systemischen Modell der
sozialen Desorganisation (vgl. Abschnitt 3.4.2) wirken sich diese beiden
Faktoren auch auf die Kriminalitätsrate der Dunkelfeldkriminalität im
98

Stadtviertel aus, die hier jedoch nicht als zu erklärende Variable, sondern
als weiterer Prädiktor im Modell betrachtet wird. Die Kriminalitätsrate im
Stadtviertel sollte nach der Toleranzhypothese zu einer höheren Toleranz
abweichenden Verhaltens führen und damit zu einer weniger schwerwie-
genden Beurteilung von Delikten durch die Opfer (vgl. Abschnitt 2.5.3). Je
schwerer schließlich die Delikte von den Opfern beurteilt werden, desto
größer sollten die Anzeigewahrscheinlichkeit und damit auch das Registrie-
rungsrisiko von Tätern sein.

Abbildung 4.4: Determinanten der Anzeigerate von (Gewalt-)delikten auf der


Ebene sozialräumlicher Aggregate

Je größer die Kriminalitätsrate im Stadtviertel, desto eher kann von der


Existenz einer delinquenten Subkultur unter den Jugendlichen gesprochen
werden, die eine Norm der Selbstjustiz etablieren kann. Und desto größer
sollte schließlich das Ausmaß von Selbstjustiz in dieser Gegend sein.
Sowohl die ethnische Heterogenität als auch die kollektive soziale Be-
nachteiligung sind Indikatoren der sozialen Desorganisation und wirken
sich negativ auf das soziale Kapital der Bewohner sowie die intergenerati-
99

onale Geschlossenheit aus. Das soziale Kapital schließlich ist eine Voraus-
setzung dafür, dass sich im Stadtviertel eine Norm der informellen Kon-
fliktbewältigung, eine kollektive Wirksamkeit der Bewohner herausbilden
kann (vgl. Abschnitt 3.4.2). Die Normen zur Konfliktbewältigung, das
soziale Kapital sowie die intergenerationale Geschlossenheit sind Voraus-
setzungen dafür, dass Konflikte informell gelöst werden können. Dagegen
ist offen, ob soziales Kapital und intergenerationale Geschlossenheit un-
abhängig von der Norm zur informellen Einigung die Anzeigerate erhöhen
oder verringern. Das soziale Kapital ist hier ein zweischneidiges Schwert,
indem es einerseits den Anteil von Täter-Opfer-Konstellationen erhöht, bei
denen sich die Tatbeteiligten kennen und daher leichter eine informelle
Einigung erreichen können. Ist jedoch die Norm zur informellen Einigung
nicht gegeben, so könnte das soziale Kapital aus demselben Grund die
Erfolgswahrscheinlichkeit von Anzeigen und damit das Registrierungsrisi-
ko von Tätern erhöhen.
100

5 Datenbasis der Untersuchung

Dieses Kapitel soll einen Überblick über die Daten und Datentransformati-
onen geben, die den empirischen Analysen meiner Arbeit zugrunde liegen.
Im ersten Abschnitt werden die Datenquellen und Erhebungen vorgestellt,
die alle im Rahmen des Projekts „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz
im sozialökologischen Kontext“ am Max-Planck-Institut für ausländisches
und internationales Strafrecht in Freiburg zusammengetragen wurden. Im
zweiten Abschnitt werden grundlegende Datentransformationen vorgestellt,
die spezifisch für Fragestellungen meiner Arbeit vorgenommen wurden
und daher nicht bereits an anderer Stelle dokumentiert worden sind.
Je größer der systematische Fehler einer Messung, desto geringer ist de-
ren Validität. Für die Problematik der Hell-Dunkelfeldrelation sind vor
allem Aspekte der Validität eines Instrumentes relevant. Insbesondere wäre
es fatal, wenn Befragte mit solchen Merkmalen systematisch falsche Ant-
worten geben würden, welche in Erklärungsmodellen als ursächlich für das
Registrierungsrisiko der Jugendlichen betrachtet werden. Um die Aussage-
und Tragfähigkeit der empirischen Ergebnisse einschätzen zu können, wer-
den daher in Abschnitt drei Ergebnisse von Untersuchungen zur Validität
von Opferbefragungen dargestellt. In Abschnitt vier schließlich werden
Analysen zur Validität selbstberichteter Delinquenz vorgestellt.25

5.1 Datengrundlage der empirischen Analysen


Die Datengrundlage des Projekts „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz
im sozialökologischen Kontext“ lässt sich auf drei Ebenen beschreiben.
Zunächst auf der Ebene der drei Erhebungsgebiete Köln, Freiburg und
Freiburger Umland. Sodann auf der Ebene ihrer sozialräumlichen Unter-
gliederungen in Stadtviertel, Stadtteile und zusammengefasste Einheiten.
Schließlich auf der Ebene der befragten Jugendlichen.

25
Die ursprüngliche Fassung dieser Arbeit enthielt ein Kapitel, in dem eigene Unter-
suchungen zur Validität selbstberichteter Delinquenz vorgestellt wurden. Diese sind
inzwischen anderweitig veröffentlicht (Köllisch 2002; Köllisch & Oberwittler 2004b),
und werden daher nur noch zusammenfassend in die entsprechenden Abschnitte einbe-
zogen.
101

Die Auswahl der Städte Freiburg und Köln hatte neben den pragmatischen
Gründen des guten Datenzugangs und des Vorliegens älterer Studien das
Ziel, zwei sowohl hinsichtlich der Einwohnerzahl als auch hinsichtlich der
Sozialstruktur unterschiedliche westdeutsche Großstädte zu erfassen.26 Auf
der Ebene räumlicher sozialer Aggregate wurden in der Stadt Köln Stadt-
viertel ausgewählt, die zum einen ein zusammenhängendes Gebiet und zum
anderen einen Querschnitt aller Kölner Stadtteile nach Merkmalen wie
Bevölkerungsstruktur, soziale Benachteiligung, etc. repräsentieren sollten.
In Freiburg konnten nahezu alle Stadtviertel erfasst werden, die Untersu-
chung kann hier hinsichtlich der Stadtviertel als Vollerhebung betrachte
werden. Im Umland Freiburgs schließlich wurden zum einen solche Ge-
meinden ausgewählt, die nördlich und südlich direkt an das Freiburger
Stadtgebiet angrenzen und aus denen viele Schüler bereits als „Einpendler“
während der Befragung Freiburger Schulen (vor allem Gymnasien und
Realschulen) erfasst wurden. Zum anderen wurden weiter südlich gelegene
Gemeinden ausgewählt, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass
der urbane Einfluss Freiburgs geringer ausgeprägt ist. Im Anschluss an die
Schülerbefragungen (vgl. den folgenden Abschnitt) wurden sowohl in Frei-
burg und Köln sowie in einem Fall auch bei drei Umlandgemeinden durch
Zusammenlegung mehrerer Stadtviertel künstliche Gebietseinheiten ge-
schaffen, die sogenannte Z2-Ebene. Stadtviertel, die eine zu geringe Aus-
schöpfung an Jugendlichen aufwiesen, wurden dann zusammengefasst,
wenn sie räumlich aneinander grenzten und eine ähnliche Sozialstruktur
aufwiesen (Oberwittler & Blank 2003: 8). Insgesamt wurden so 61 Ge-
bietseinheiten erzeugt, von denen 34 in Köln, 16 in Freiburg und 11 im
Freiburger Umland liegen.27
Im Rahmen des Projekts wurden Daten aus insgesamt fünf verschieden
Arten von Quellen zusammengeführt. Einen ersten Überblick darüber bietet
Abbildung 5.1. Amtliche Sozialdaten erlauben auf Stadtviertel- bzw. Ge-
meindeebene Aussagen über soziale Benachteiligung (z.B. Sozialhilfera-
ten), Bevölkerungsstabilität, Urbanität etc. Eintragungen in Polizeiregister
(„polizeiliche Registrierung“) ermöglichen zum einen Hell-

26 Eine genauere Beschreibung der Gebietsauswahl findet sich in Oberwittler &


Blank (2003: 7), so dass an dieser Stelle auf die Wiedergabe weiterer Details verzichtet
werden kann.
27 Der Prozess der Gebietszusammenlegung und die Validität der Daten aus Schul-
und Bewohnerbefragung auf der Aggregatsebene wurde von Oberwittler (2003a) doku-
mentiert.
102

Dunkelfeldvergleiche auf Stadtviertelebene, zum anderen im Fall von Frei-


burg den individuellen Abgleich mit Angaben aus der Face-to-Face Befra-
gung und damit die Validierung der Angaben in Dunkelfeldstudien. Die
Face-to-Face Befragung (MPI/FIFAS Jugendbefragung 2000) liefert An-
gaben zum Dunkelfeld selbstberichteter Delinquenz sowie zu selbstberich-
teten Polizeikontakten einer repräsentativen Stichprobe von ca. 500 Frei-
burger Jugendlichen. Über diese Selbstauskünfte zu Delinquenz und Poli-
zeikontakten hinaus können der MPI Schulbefragung 1999/2000 auch An-
gaben der Jugendlichen zur eigenen Opferwerdung und zu näheren Um-
ständen sowie der Bewältigung des letzten erlittenen Opfererlebnisses ent-
nommen werden.

Abbildung 5.1: Überblick über die in der Arbeit verwendeten Datenquellen

Die Bewohnerbefragung schließlich liefert Informationen auf der Ebene


von Stadtvierteln, beispielsweise zum sozialen Kapital der Bewohner, aber
auch zu (hypothetischen) Reaktionen der Bewohner auf Konflikte und
ihren Umgang mit Jugenddelinquenz.
103

5.1.1 Individualdaten I: Dunkelfelddaten aus der „MPI Schulbe-


fragung 1999/2000“
Grundlage der Analysen zu Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko sind
die im Rahmen der MPI Schulbefragung 1999/2000 im Herbst 1999 in
Köln und Freiburg sowie im Herbst 2000 im Freiburger Umland erhobenen
Daten. Ein ausführlicher Methodenbericht zur Befragung findet sich bei
Oberwittler & Blank (2003). Dieser Datensatz hat einen Umfang von 6476
Befragten aus Sonder-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien, Wal-
dorfschulen und einer Freiburger Gesamtschule befragt und in Köln
„Schulschwänzerprojekte“, in denen nicht beschulbare Jugendliche unter-
gebracht sind. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Aus-
schöpfungsrate der Schulbefragungen.

Tabelle 5.1: Ausschöpfungsraten der Schulbefragungen (8. bis 10. Klassen)


Köln Freiburg Freiburg Insgesamt
Stadt Umland
Netto Stichprobe (N) 3483 1884 1109 6476
Ausschöpfung Schulen 82% 83% 100% 85%
Ausschöpfung Schüler 85% 86% 87% 86%

Während im Freiburger Umland alle Schulen für eine Teilnahme gewonnen


werden konnten, liegen die Verweigerungsquoten in Köln erheblich höher.
Auch auf der Ebene der befragten Schüler ist die Ausschöpfungsrate im
Umland am besten, differiert jedoch nur geringfügig von derjenigen Kölns.
Es zeigt sich, dass Schulbefragungen eine sehr effektive Befragungsmetho-
de sind, um möglichst hohe Teilnahmequoten zu erreichen.
Insgesamt 802 der befragten Schüler wurden für die folgenden Analysen
ausgeschlossen. Von diesen wohnten 127 außerhalb des Stadtgebietes von
Köln und pendelten zur Schule in die Stadt ein. Weitere 268 Jugendliche
waren im Freiburger Umland außerhalb des definierten Erhebungsgebietes
ansässig und pendelten zum Unterricht nach Freiburg oder in eine Schule
innerhalb des Erhebungsgebietes „Freiburger Umland“ ein. Aufgrund der
Tatsache, dass diese Einpendler vor allem Gymnasien und Realschulen
besuchen, könnten Selektionseffekte auftreten. Schließlich wurden 407
SchülerInnen ausgeschlossen, die zum Befragungszeitpunkt 17 Jahre oder
älter waren. Da es sich hier vor allem um Schüler handelt, die mindestens
ein Schuljahr wiederholten, könnten sich Verzerrungen gegenüber einer
104

Stichprobe ergeben, welche 17 und 18 jährige Schüler insgesamt umfasst.


Betrachtet man bei Analysen auf Aggregatsebene nur diejenigen Schüler,
die in einem Gebiet mit Z2-Zuordnung wohnen, so ergibt sich eine weitere
Einschränkung der Fallzahl. Tabelle 5.2 zeigt, wie sich die Schüler auf die
verbleibenden Gebietseinheiten verteilen.

Tabelle 5.2: Ausschöpfung der Schulbefragungen (8. bis 10. Klassen) für Analy-
sen auf Z2-Ebene
Köln Freiburg Freiburg Insgesamt
Stadt Umland
Gebietseinheiten (Z2) 34 16 11 61
Befragte Schüler 2429 1330 1062 4821
Durchschnitt Schü-
71 83 97 79
ler/Z2

Eine weitere Einschränkung in der Fallzahl bei Analysen aus der Opferper-
spektive ergibt sich aufgrund des benutzten Fragebogensplittings (Ober-
wittler & Blank 2003). Nur 47,6% der Schüler der verbleibenden Netto-
stichprobe von 5774 Befragten haben einen Fragebogen ausgefüllt, der ein
detailliertes Opfer-Follow-Up enthielt, welches es erlaubt, Analysen zum
Anzeigeverhalten durchzuführen. Tabelle 5.3 gibt einen Überblick über die
Anzahl der den folgenden Analysen zugrunde liegenden Befragten.

Tabelle 5.3: Anzahl der Befragten nach Befragungsgebiet und Fragebogentyp


Erhebungsgebiet Typ A Typ B (mit Opfer- Insgesamt
Follow-Up)
Köln 1702 1486 3188
Freiburg 647 553 1200
FR Umland 678 708 1386
Gesamt 3027 2747 5774

Die für die folgenden Analysen verwendeten Skalen zur Dunkelfelddelin-


quenz wurden von Oberwittler u.a. (2002b) dokumentiert. Die im Rahmen
der Dunkelfelderhebung mit erhobenen Skalen zu Einstellungen und Korre-
laten von Delinquenz sind von Blank u.a. (2003) analysiert worden und
werden in dieser Arbeit nur kurz bei ihrem jeweiligen erstmaligen Auftau-
chen in Datenanalysen beschrieben.
105

5.1.2 Individualdaten II: Dunkelfelddaten aus der „MPI/FIFAS


Jugendbefragung 2000“
Für die Analysen zur Validität von Dunkelfeldbefragungen werden die
Individualdaten aus der MPI/FIFAS Jugendbefragung 2000 herangezogen.
Die neben der Dunkelfeldskala (Oberwittler u.a. 2002) verwendeten Skalen
entsprechen weitgehend denjenigen, die bereits in der MPI Schulbefragung
1999/2000 erhoben wurden und sind von Blank u.a. (2003) dokumentiert
worden. Die Datenerhebung fand im Mai und Juni 2000 statt und wurde als
mündliches face-to-face Interview im Rahmen einer Jugendstudie zu Ursa-
chen und Korrelaten von selbstberichteter Delinquenz (SRD) durchgeführt.
Die Interviewer waren geschulte studentische Hilfskräfte, die Organisation
und Durchführung der Befragung wurde durch das Freiburger Sozialfor-
schungsinstitut FIFAS verantwortet. Die Fragen zu selbstberichteter Delin-
quenz und selbstberichteten Polizeikontakten (SRP) wurden von den Be-
fragten während des Interviews selbst ausgefüllt und anschließend dem
Interviewer übergeben.28 Zum Abschluss des Interviews wurde der Jugend-
liche gebeten, seine Zustimmung zu einem Datenabgleich seiner Angaben
mit den Registrierungen in der Personenauskunftsdatei der Polizei (PAD)
zu geben.29 Falls der Befragte zustimmte, wurden anschließend noch des-
sen Eltern um Zustimmung gebeten. Es konnten aus datenschutzrechtlichen
Gründen nur solche Interviews abgeglichen werden, bei denen Jugendliche
und Eltern einverstanden waren; für ein solches Interview mit vollständiger
Zustimmung wurde dem Interviewer eine Prämie bezahlt.
Grundgesamtheit waren alle am Tag der Stichprobenziehung im Ein-
wohnermeldeamt gemeldeten männlichen Jugendlichen, die am Stichtag
zwischen 14 und 17 Jahre alt waren. Aufgrund einer Panne bei der Stich-
probenziehung und konzeptioneller Überlegungen wurden die 14-Jährigen
allerdings für die Validitätsanalysen ausgeschlossen.
Insgesamt wurden 498 vollständige Interviews realisiert, davon 114 bei
Befragten ohne und 384 bei Jugendlichen mit deutscher Staatsangehörig-

28
Für die Dokumentation der Skala siehe Oberwittler u.a. (2002b).
29
Die Personenauskunftsdatei dient der Fallbearbeitung bei der Polizei. Aus ihr wer-
den die Angaben der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) auf Länderebene extrahiert.
Die personenbezogenen Einträge für Jugendliche, die eine Identifizierung einzelner
Täter und damit das mehrfache Auftauchen in der PAD erlauben, werden in der PAD
alle drei Monate gelöscht. Diese mussten daher vierteljährlich abgezogen und nachträg-
lich wieder zusammengefügt werden.
106

keit. Bei der Stichprobenplanung wurde für die ausländischen Jugendlichen


ein Oversampling von ca. 100% festgelegt, da diese einen geringeren An-
teil an der Bevölkerung stellen und zusätzlich eine höhere Ausfallrate er-
wartet wurde. Die Ausschöpfungsquote lag erwartungsgemäß bei deut-
schen Befragten (57%) höher als bei ausländischen (42%). Nichtdeutsche
Jugendliche waren seltener zu Hause anzutreffen als deutsche, ferner war
deren Adresse häufiger nicht aufzufinden als bei deutschen Jugendlichen.

5.1.3 Hellfelddaten: Prozessgenerierte Polizeidaten


Auskunft über das Hellfeld der Delinquenz geben neben den selbstberichte-
ten Polizeikontakten der Jugendlichen auch Daten der Polizei. Jede Anzei-
ge, die von der Polizei bearbeitet wird, wird nach dem Abschluss des Ver-
fahrens in Datenbanken erfasst. Diese Datenbanken sind jedoch in keiner
Weise mit der darauffolgenden Arbeit von Staatsanwaltschaft oder Justiz
verbunden. Sie geben nur Auskunft über Fälle, die von der Polizei bearbei-
tet wurden und die entweder mit oder ohne die Ermittlung eines Tatver-
dächtigen abgeschlossen wurden.30 Insbesondere kann keine Auskunft
darüber erlangt werden, für wie schwerwiegend und damit sanktionswürdig
sowohl Staatsanwaltschaften als auch Gerichte die in der Statistik erfassten
Taten halten. Aufgrund der föderalistischen Aufteilung der Zuständigkeit
für das Polizeiwesen gibt es jedoch in den einzelnen Bundesländern unter-
schiedliche Regelungen für diese Polizeiregister. Daher musste für Köln
einerseits und für Freiburg und das Freiburger Umland andererseits auf
jeweils unterschiedliche Datenquellen zurückgegriffen werden.
Das Register des Polizeipräsidiums Köln nennt sich „Automatisierte
Vorgangsverwaltung“ (AVV). Dieses ist nur im Kölner Stadtgebiet vor-
handen und deckt daher nicht diejenigen Taten ab, die von Kölner Jugend-
lichen außerhalb der Stadt begangen werden.
Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, wurde in Freiburg auf die
Polizeiregister PAD sowie MOD (Modus-operandi-Datei) der Polizeidirek-
tion Freiburg zugegriffen. Während die PAD Angaben zu bekannten Tätern
enthält, werden in der MOD Fälle abgelegt, zu denen kein Täter ermittelt

30
Mit diesen Daten werden auch die Aufklärungsquoten berechnet: Die Aufklä-
rungsquote ist der Anteil der Fälle, die von der Polizei mit der Ermittlung eines Tatver-
dächtigen abgeschlossen werden, am Gesamtaufkommen aller Fälle. Aufklärungsquoten
können daher nur nach Deliktseigenschaften getrennt betrachtet werden, nicht aber nach
Eigenschaften der Täter wie Geschlecht, Nationalität, Alter etc.
107

werden konnte. Beide Dateien sind prinzipiell für ganz Baden-


Württemberg verfügbar und bilden ebenso wie die AVV in Köln die
Grundlage für die Erstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS).
Auch für Freiburg fehlen jedoch diejenigen Tatverdächtigen im Register,
die in Freiburg wohnen und Delikte außerhalb des Stadtgebietes begangen
haben. Da die Zuständigkeit der Polizei nach dem Tatörtlichkeitsprinzip
geregelt ist, werden die Jugendlichen an dem Ort registriert, an dem sie ein
Delikt begangen haben und nicht dort, wo sie wohnen. Vergleiche mit den
Registrierungen in der PKS zeigen, dass dies ungefähr 10% des Gesamtum-
fangs der registrierten Taten betrifft. Da es jedoch recht unwahrscheinlich
ist, dass Täter in Freiburg wohnen und ausschließlich im Freiburger Um-
land als Tatverdächtige registriert werden, sollte dies bei der Betrachtung
von Prävalenzraten, also von Tatverdächtigenraten, zu einer deutlich gerin-
geren Unterschätzung führen.
Da das Freiburg Umland erst nachträglich in die Analyse einbezogen
wurde, konnten für die dort wohnenden Jugendlichen keine PAD-Einträge
mehr gesammelt werden. Stattdessen wurde für die Analysen von Tatver-
dächtigen der Umlandgemeinden auf die PKS-Datenbank des Landeskri-
minalamtes Baden-Württemberg zurückgegriffen.
Die auf (anonymisierter) Einzelfallebene vorliegenden Daten wurden für
den Gebrauch im Projekt auf die räumliche Ebene von Stadtvierteln bzw.
Z2-Ebene aggregiert, so dass Raten von polizeilich registrierten Jugendli-
chen (Prävalenzrate polizeilicher Registrierung) bzw. von registrierten
Fällen (Inzidenzrate polizeilicher Registrierung) entstanden.

5.1.4 Aggregatdaten I: Bewohnerbefragung


Die Befragung von Bewohnern wurde in den im Vorfeld identifizierten Z2-
Gebieten in Köln, Freiburg und im Freiburger Umland im Mai und Juni
2001 durchgeführt. Aus der Grundgesamtheit von 25 bis 79 Jahre alten
Bewohnern wurde aus den Einwohnermelderegistern eine repräsentative
Stichprobe gezogen (Oberwittler & Naplava 2002: 6). Die folgende Tabelle
gibt die Ausschöpfungsraten der Bewohnerbefragung für die befragten
Gebiete wieder. Es zeigt sich, dass in Freiburg und den umliegenden Ge-
meinden deutlich höhere Rücklaufquoten erzielt wurden als in Köln, trotz
zweier Mahnwellen und des Versands zusätzlicher Fragebögen in Kölner
Gebieten mit sehr geringem Rücklauf. Dies ist vor allem auf Unterschiede
in der Sozialstruktur und der damit einhergehenden Antwortbereitschaft
108

zurückzuführen.

Tabelle 5.4: Ausschöpfungsraten der Bewohnerbefragung


Köln Freiburg Freiburg Insgesamt
Stadt Umland
Nettostichprobe 1386 715 429 2505
Ausschöpfungsrate 42,9% 60,1% 59,1% 49,1%
Durchschnitt Befragte/ Z2 41 45 41 42

Die Bewohnerbefragung sollte vor allem kollektive Wahrnehmungen und


Verhaltensweisen auf Stadtviertelebene erfassen. Dafür kamen Skalen zur
Messung der Verbundenheit mit dem Stadtviertel, der Wahrnehmung der
Probleme des Stadtviertels, des sozialen Kapitals der Bewohner und der
Jugendlichen sowie des Freizeitverhaltens der Bewohner zum Einsatz.
Ferner wurden Skalen zur Messung der informellen Sozialkontrolle durch
die Bewohner im Stadtviertel entwickelt (Oberwittler & Naplava 2002: 3).
Eine ausführliche Dokumentation der eingesetzten Skalen findet sich bei
Oberwittler (2003).

5.1.5 Aggregatdaten II: Sozialdaten


Die amtlichen Sozialdaten stammen aus einer Reihe unterschiedlicher
Quellen. Für Köln sind dies unter anderem das Kölner Amt für Statistik für
die Daten zur Bevölkerungs- und Bebauungsstruktur, das Sozialamt für
Angaben über Hilfe zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe). Analog wurden
vom Freiburger Amt für Statistik Daten bezogen. Für das Umland schließ-
lich wurde auf Angaben des Landesamts für Statistik sowie auf die Bevöl-
kerungsfortschreibung der Volkszählungsergebnisse 1987 durch die Ge-
meinden zurückgegriffen. Angaben zur Hilfe zum Lebensunterhalt wurden
von Kreissozialamt zur Verfügung gestellt. Des Weiteren wurden Infra-
strukturdaten wie Arztpraxen, Geschäfte, Gaststätten etc. aus dem D-Info
System extrahiert und auf Stadtviertelebene aggregiert. Aus diesen Daten
wurden auf der Ebene der Gebietseinheiten sowohl bevölkerungsabhängige
Raten als auch in einzelnen Fällen gebietsabhängige Raten gebildet, bei-
spielsweise die Anzahl von Geschäften pro Quadratkilometer.
109

5.2 Datentransformationen und Skalenbildung

5.2.1 Schülerbefragung: Tatort


Die Variable zur Kennzeichnung des Tatortes wurde aus einer zweistufigen
Frage gebildet (Oberwittler & Blank 2003: 178). Dabei wurden die Jugend-
lichen zunächst gefragt, ob das Opfererlebnis in der Schule oder auf dem
Schulweg stattgefunden habe und falls nicht, ob zu Hause oder woanders.
Diese zwei kategorialen Subskalen wurden zusammengeführt und als ordi-
nale Variable interpretiert. Mit dem Ordnungsprinzip „Vertrautheit des
Opfers mit dem Tatort“ wurde folgende Rangordnung a priori festgelegt:
„in der Schule“, „im Stadtviertel“ „auf dem Schulweg“ und schließlich die
Restkategorie „woanders“. Es scheint plausibel, die Schule für die Mehr-
zahl der befragten Schüler als Ort der größten Vertrautheit zu betrachten,
da sie hier einen großen Teil ihrer Zeit verbringen. Im eigenen Stadtviertel
wiederum verbringen viele Jugendliche einen großen Teil ihrer Freizeit,
allerdings nicht alle und insgesamt ist der Anteil der dort verbrachten Zeit
geringer als der in der Schule verbrachte.

5.2.2 Schülerbefragung: Angaben zum Konfliktlösungsverhalten


Das Konfliktlösungsverhalten der Jugendlichen wurde im Opfer-Follow-
Up detailliert in zwei Frageblöcken erfasst. Im ersten wurde erfragt, ob die
Polizei von der Viktimisierung erfahren hatte und wenn ja, von wem. Dabei
wird im Folgenden implizit davon ausgegangen, dass „die Polizei hat da-
von erfahren“ gleichbedeutend mit „es wurde eine Anzeige gemacht“ ist.
Im zweiten Frageblock wurden die Opfer, die keine Anzeige erstatteten
nach den Gründen für diese Unterlassung gefragt. Dieser Fragenblock um-
fasste neun Items sowie ein Freitextfeld und ließ Mehrfachantworten zu.
Die Angaben im Freitextfeld konnten einerseits den bereits vorhandenen
Antwortvorgaben zugeordnet werden, zum anderen wurden sie in zwei
weitere Dimensionen „Selbstjustiz“ und „Ehre“ kodiert. In die Dimension
Selbstjustiz fielen dabei Angaben wie „Meine Freunde und ich haben den
Täter verprügelt“, während eine typische Antwort der Dimension Ehre
lautete „Ich verpfeife niemanden bei der Polizei“. In einer Faktorenanalyse
wurden aus den vorliegenden elf Antwortkategorien fünf Dimensionen von
110

Konfliktlösungsalternativen zur Anzeige extrahiert.31 Das Ergebnis dieser


Zusammenfassung gibt Tabelle 5.5 wieder. Was bringen nun diese Dimen-
sionen zum Ausdruck?

Tabelle 5.5: Zusammenfassung der Items von Nichtanzeigegründen


Wenn die Polizei nichts davon erfahren hat, warum nicht? (Mehrfachantworten
möglich)
Nr. Item Dimension
6 ...ich/meine Eltern haben die Sache selbst geregelt informelle Eini-
7 ...die Schule hat die Sache ohne Polizei geregelt gung (evtl. unter
8 ...Täter hat sich entschuldigt/haben uns vertragen Einbezug Dritter)
11 ...Rache geübt/Täter selbst bestraft Selbstjustiz
3 ...die Polizei hätte doch nichts getan kein Vertrauen (in
9 ...ich will nichts mit der Polizei zu tun haben Polizei)
2 ...meine Eltern waren dagegen Angst vor Folgen
4 ...Täter hat mit Rache gedroht, falls Polizei erfährt (einer Anzeige)
5 ...war mir peinlich, habe mich nicht getraut
12 ...Frage der Ehre, nicht anzuzeigen
1 ...die Sache war nicht so schlimm Bagatellisierung

In die Dimension „informelle Einigung“ fallen (einvernehmliche) Regelun-


gen des Konflikts, bei denen auch Dritte (Eltern, Lehrer) vorhanden sein
und vermitteln können. Die Dimension „Selbstjustiz“ könnte man auch als
„Rache“, „Vergeltung“ oder Selbsthilfe. bezeichnen. Darunter fallen Akti-
onen, die ebenfalls informelle Regelungen darstellen, die jedoch sicherlich
nicht als einvernehmlich bezeichnet werden können.32 Die Dimension
„kein Vertrauen“ drückt mangelndes Vertrauen des Opfers in die Lösungs-

31
Aufgrund des Charakters der Items als Mehrfachantworten, der naturgemäß nur
wenige Zellen mit übereinstimmender Zustimmung des Befragten aufweist, wurde zur
Bestätigung eine Analyse latenter Klassen durchgeführt. Diese erlaubte eine weitgehend
übereinstimmende Zuordnung der Items zu Dimensionen.
32
Problematisch bei diesem Item könnte sein, dass einige Opfer Verhaltensweisen
von Selbstjustiz unter Item Nr.6 (Sache selbst geregelt) subsumiert haben könnten. Da
die Dimension „Selbstjustiz“ durch den kodierten Freitext zustande gekommen ist, ist
davon auszugehen, dass nicht jedes Opfer daran gedacht hat, Vergeltung oder Rache
auch explizit aufzuschreiben. Allerdings rechtfertigt es m.E. die relativ große Anzahl
von Befragten, die einen Freitext dieser Kategorie lieferten, sowie die Tatsache, dass
dieser auch über alle Schulformen verteilt auftaucht, die Dimension beizubehalten.
111

willigkeit und Lösungsfähigkeit der Polizei bei einem Konflikt aus. Der
Befragte glaubt, dass die Polizei im konkreten Fall nichts tun kann oder
nichts tun möchte, um zu helfen (Item Nr. 3) oder dass durch eine Anzeige
die Schwierigkeiten möglicherweise noch größer werden (Item Nr. 9). Die
Dimension „Angst vor Folgen“ fasst Items zusammen, die direkt (Item Nr.
4 und 5) oder indirekt (Item Nr. 12) eine Angst des Opfers vor den Folgen
einer Anzeige zum Ausdruck bringen. Das Item Nr. 2 (Eltern waren dage-
gen) ist hier eine etwas problematische Ausnahme, da aus der Antwort
natürlich nicht hervorgeht, weshalb die Eltern gegen eine Anzeige waren.33
Des Weiteren können sich diese Dimensionen unter drei übergeordnete
Kategorien Konfliktbewältigung subsumieren lassen und damit weiter re-
duziert werden. In enger Anlehnung an die in Abschnitt 2.6.1 vorgestellte
Typisierung können die Dimensionen „Anzeige“, „informelle Regelung“
und „Selbstjustiz“ dem Typ einer aktiven Konfliktbewältigung zugeordnet
werden. Die Dimensionen „kein Vertrauen“ und „Angst vor Folgen“ dage-
gen können als „Resignation“ zusammengefasst werden. Die „Bagatellisie-
rung“ schließlich bildet auch nach dieser neuerlichen Klassifizierung einen
eigenen Typ der Konfliktbewältigung.
Die Dimensionen „informelle Einigung“ und „Bagatellisierung“ wurden
wie folgt rekodiert: Probanden mit der Ausprägung „ja“ in beiden Dimen-
sionen „informelle Einigung“ und „Selbstjustiz“ wurden auf die Ausprä-
gung „nein“ in der Dimension „informelle Einigung“ rekodiert. Diese Ka-
tegorien schließen einander aus, und wenn eine informelle Einigung den
Charakter von Selbstjustiz trägt, so handelt es sich nicht mehr um eine
einvernehmliche Regelung.

5.2.3 Amtliche Sozialdaten: Klassifikation von Stadtvierteln und


Gemeinden
Die Stadt Freiburg setzt sich sehr heterogen aus unterschiedlichen Stadt-
vierteln zusammen. Urbanen Gegenden nahe dem Zentrum stehen eine
Reihe von früher selbständigen Gemeinden entgegen, die teilweise mehr
als fünf Kilometer von der zusammenhängenden Bebauung der Stadt ent-
fernt liegen (insbesondere die Stadtteile westlich der Autobahn A5). Wäh-

33
Die Ergebnisse der multivariaten Analysen ließen im Übrigen auch einen Spiel-
raum, dieses Item der Dimension „informelle Einigung“ zuzuordnen. Da es jedoch nur
von 12 Befragten gewählt wurde, sollten kaum Verzerrungen aufgrund der Ambiguität
auftreten.
112

rend letztere eindeutig einen ländlichen Charakter aufweisen, gibt es um-


gekehrt selbständige Gemeinden in unmittelbarer Umgebung der Stadt
(Merzhausen), welche eher als suburban bezeichnet werden müssen, insbe-
sondere da keine Trennung in der Bebauung zwischen der Gemeinde und
der Stadt vorliegt. Des Weiteren umfasst das untersuchte Gebiet das Unter-
zentrum Bad Krozingen, welches aus einem Kernort sowie umliegenden
eingemeindeten Dörfern besteht.
Die bisher aus der Anschauung gewonnenen Überlegungen werden im
Folgenden anhand von Kriterien zur Abgrenzung des ländlichen Raumes
rechnerisch nachvollzogen. Aus den von Schmidt & Steinweg (2002: 5)
insgesamt acht vorgeschlagenen Kriterien zur Abgrenzung des ländlichen
Raumes standen für die folgenden vier Kriterien aus den amtlichen Sozial-
daten zur Verfügung:
Siedlungsstruktur, operationalisiert durch folgende Indikatoren: „Bevöl-
kerungsdichte“ (Einwohner pro Km2), „Anteil der Wohnungen in 1- und 2-
Familienhäusern“ sowie „Infrastruktureinrichtungen pro Km2“ (Ärzte, Be-
kleidungsgeschäfte und Reisebüros).
Erreichbarkeit, operationalisiert durch den Indikator „Entfernung zum
Stadtzentrum“.
Landwirtschaft, operationalisiert durch den Indikator „Anteil der Sied-
lungsfläche an der Gesamtfläche“.
Bevölkerungsdynamik, operationalisiert durch den Indikator „Gesamtvo-
lumen aller Zu- und Fortzüge pro 1000 Einwohner“.
Mittels einer explorativen Faktoranalyse auf Stadtviertelebene wurde fest-
gestellt, dass das durch die Indikatoren operationalisierte Konstrukt „Urba-
nität“ in Köln und Freiburg eindimensional ist.34 Um eine Abgrenzung
zwischen urbanen, suburbanen und ländlichen Gebietseinheiten zu finden,
wurde für die Kölner und Freiburger Stadtviertel getrennt je eine hierarchi-
sche Clusteranalyse berechnet. Gerechnet wurde mit standardisierten Wer-
ten, quadrierter Euklidischer Distanz sowie dem Ward-Algorithmus. In
Köln wurden dabei zunächst vier Cluster identifiziert, von denen sich je-
doch zwei nicht sinnvoll auf der Urbanitätsskala einordnen ließen. Die
insgesamt 49 Stadtviertel, bei denen es sich vor allem um Industrie- und
Hafenanlagen handelt, wurden aus der Analyse ausgeschlossen und eine

34
Freiburg: Maximale Indikator-Interkorrelation r=-0,71; KMO=0,87 (p<0,001); ers-
ter Faktor erklärt 62,4% der Varianz; Eigenwert des 2. Faktors = 0,87;
Köln: Maximale Indikator-Interkorrelation r=-0,52; KMO=0,80 (p<0,001); erster
Faktor erklärt 47,3% der Varianz; Eigenwert des 2. Faktors = 0,88
113

erneute Clusteranalyse durchgeführt. Dabei konnten 160 urbane und 161


suburbane Stadtviertel identifiziert werden. In Freiburg wurde eine Eintei-
lung von drei Clustern gewählt, die als „ländlich“, „urban“ und „suburban“
interpretiert werden konnten.35 Allerdings wurden die außerhalb Freiburgs
gelegenen Gemeinden „Merzhausen“ und „Bad Krozingen“ aufgrund ihres
Charakters und der Faktorwerte aus der Hauptkomponentenanalyse als
suburban klassifiziert. Wichtig ist ferner, dass die Cluster „suburban“ und
„urban“ als zweitletzte vereinigt werden, also vor der letzten Vereinigung
dieser beiden Cluster mit der Menge der ländlichen Gemeinden. Das be-
deutet, dass für eine dichotome Stadt-Land Analyse urbane und suburbane
Gegenden zusammengefasst werden könnten.
Die endgültige Zuordnung zeigen Abbildung 5.2 für Köln und Abbil-
dung 5.3 für Freiburg und die Umlandgemeinden. Mittelwertsvergleiche
ergaben signifikante Unterschiede in den zur Clusteranalyse verwendeten
Variablen zwischen den Siedlungstypen. So beträgt in Freiburg die mittle-
re Bevölkerungsdichte in städtischen (urbanen) Gegenden ca. 6000 Ein-
wohner pro Km2 Siedlungs- und Verkehrsfläche, der Anteil 1- und 2-
Familienhäuser liegt infolgedessen nur bei durchschnittlich 10%. Es liegt
eine sehr dichte Bebauung vor, der Anteil der Siedlungsfläche an der Ge-
samtfläche liegt im Durchschnitt bei 81%. Suburbane Stadtviertel zeichnen
sich demgegenüber durch eine nur halb so hohe Bevölkerungsdichte aus,
einen mittleren Anteil von 1- und 2-Familenhäuser von 35% sowie eine
deutlich aufgelockertere Bebauung - nur noch durchschnittlich 29% der
Fläche dient als Siedlungsfläche. Es gibt deutlich weniger Infrastruktur
(Bekleidungsgeschäfte) als in städtischen und auch als in urbanen Gegen-
den. Die residentielle Stabilität ist in urbanen Vierteln mit ca. 170 Zu- und
Wegzügen pro 1000 Einwohner nur geringfügig höher als in Innenstadtge-
bieten (mit 200 Umgezogenen pro 1000 Einwohner im Jahr).

35
Die Bezeichnung „suburban“ steht im Folgenden für Wohnviertel mit Vorstadt-
charakter, „rural“ für ländliche Gemeinden und „urban“ für Gebiete mit Innenstadtcha-
rakter.
114

Abbildung 5.2: Karte mit der Zuordnung der Urbanität Freiburger Stadtviertel
und der Umlandgemeinden auf Z2 Ebene

u r bUrban
an
s uSubur-
b u rb a n
lban
ä n d lic h
dli h

Ländliche Gebiete weisen dagegen mit einer Wanderungsbewegung von


nur 33 Zu- und Wegzügen auf 1000 Einwohner eine sehr hohe residentielle
Stabilität auf. Diese Wohngebiete zeichnen sich ferner durch eine nochmals
geringere Siedlungsdichte als Vorstädte aus (durchschnittlich 2500 Ein-
wohner pro Km2 Siedlungsfläche), bedingt vor allem durch den deutlich
höheren Anteil 1- und 2-Familienhäuser von 57%. Dagegen ist die Infra-
115

struktur bezüglich der Ladengeschäfte zwar erheblich geringer als in Innen-


stadtvierteln, aber deutlich höher als in suburbanen Wohngebieten.

Abbildung 5.3: Karte mit der Zuordnung der Urbanität Kölner Stadtviertel auf
Z2 Ebene

u rUrban
ba n
s uSubur-
bur

Die Befunde aus der Analyse Freiburgs lassen sich tendenziell auch auf die
Stadt Köln übertragen. Es fällt jedoch auf, dass die Einwohnerdichte für die
städtischen Viertel in Köln mit durchschnittlich 11000 Einwohnern pro
Km2 den Wert für die Freiburger Innenstadt um mehr als das Doppelte
übertrifft, während dieser Indikator für Kölner Vorstädte mit durchschnitt-
lich 3950 Einwohnern pro Km2 den Wert der Freiburger Vorstädte mit
3150 Einwohner pro Km2 nur leicht übersteigt. Dennoch ist eine Bebauung
116

mit 1- und 2-Familienhäusern in Kölner Vorstädten (48%) häufiger anzu-


treffen als im suburbanen Freiburg, während der Anteil in der Kölner In-
nenstadt mit dem Freiburger identisch ist - jeweils 9% der Gebäude in den
Innenstädten entfallen auf diesen Haustyp. Schließlich fällt noch auf, dass
die residentielle Stabilität sowohl in urbanen als auch suburbanen Kölner
Stadtvierteln jeweils doppelt so hoch ist als in Freiburg.

5.3 Validität von Angaben zu Viktimisierung, Anzeigeverhal-


ten und Anzeigemotiven
Prinzipiell müssen hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Befragtenangaben
über eigene Viktimisierungserlebnisse, sowie deren Bewältigung und die
explizit angegebenen Begründungen für die Art der Bewältigung (Anzeige
bzw. Nichtanzeigemotive) dieselben Fragen gestellt werden wie hinsicht-
lich der Validität von Angaben zur selbstberichteten Delinquenz. Welche
Gründe können vorliegen, die dazu führen, dass der Befragte nicht korrekt
über Art und Anzahl seiner Viktimisierungserlebnisse berichten kann oder
will. Im Unterschied zu der bemerkenswert hohen Anzahl von Arbeiten vor
allem im angelsächsischen Sprachraum, die sich mit der Validität von SRD
Skalen beschäftigen, sind jedoch die Untersuchungen zur Validität von
Opferangaben sehr übersichtlich geblieben. Schwind u.a. (2001: 115) füh-
ren nach der Sichtung empirischer Studien als Erklärung für das unbeab-
sichtigte Verschweigen von Opfersituationen vor allem die Definition des
Opfers, sowie Vergessens- und Teleskopingeffekte an (Schwind 1983: 178).
Absichtliches Verschweigen ist analog zu SRD Befragungen durch Pein-
lichkeitsempfinden des Opfers bzw. den Glauben, an der Viktimisierung
mitschuldig zu sein (z.B. durch leichtsinniges Verhalten bei Diebstahl)
motiviert. Darüber hinaus können unvalide Angaben zum Bewältigungs-
verhalten gemacht werden, je nachdem, ob Opfer eine Anzeige oder deren
Unterlassung als sozial (oder in der Interviewsituation) erwünscht betrach-
ten und sich in ihrem Antwortverhalten an dieser Erwünschtheit orientie-
ren.
Eine verbreitete Methode um detaillierte Informationen über Anzeige-
verhalten, Täter und Tatumstände zu erhalten besteht darin, nach einer
summarischen Abfrage der insgesamt erlittenen Viktimisierungen nach
dem kürzest zurück liegenden Opfererlebnis zu fragen und auf dieses eine
Reihe von Detailfragen zu beziehen, beispielsweise nach Tatort und –zeit,
Tätermerkmalen und dem Bewältigungsstil des Opfers. Dabei können Ver-
117

zerrungen entstehen, indem Opfererlebnisse zeitlich anders eingeordnet


werden oder von den Befragten systematisch nicht das letzte, sondern das
letzte schwere und deshalb überhaupt erinnerte Opfererlebnis ausgewählt
wird (Pfeiffer u.a. 1998: 71). Probleme bereiten ferner nicht nur falsch
negative Angaben, also verschwiegene Opfererlebnisse durch die Befrag-
ten, sondern auch falsch positive Auskünfte, also Übertreibungen. So be-
richtet Skogan (1984: 118) von zwei Studien, bei denen die angeblichen
Anzeigen der Opfer mit Polizeiakten verglichen wurden. Dabei stellte sich
heraus, dass nur zwischen der Hälfte (bei einer amerikanischen Studie) und
weniger als zwei Prozent der Befragtenangaben (in Schweden) auch in den
Polizeiakten aufgefunden werden konnten. Wetzels (1996: 9) weist darauf
hin, dass mit konventionellen Opferbefragungen, die auf haushaltsbasierten
Stichproben beruhen, nur ein Teil der tatsächlichen Kriminalität und nur
Viktimisierungen gegen Personen erfasst werden können.
Problematischer ist nach Ansicht Wetzels (1996: 12) jedoch die Annah-
me des „naiven Realismus“, der hinter den meisten Opferbefragungen
steckt und die seiner Meinung nach nicht beachtet, dass Erinnerungen kei-
nen Abbildcharakter von Ereignissen liefern, sondern einem aktiven Pro-
zess unterliegen. Das bedeutet, das Opfererlebnis unterliegt auch zum Zeit-
punkt der Befragung der subjektiven Bewertung, sinngebenden Interpreta-
tion und selektiven Erinnerung beim Opfer. Diesen Prozess können insbe-
sondere auch nach dem abgefragten Erlebnis gemachte Erfahrungen beein-
flussen. Schließlich vermutet Wetzels (1996: 15), dass Opfer sich durch
einen typischen Bewältigungsstil voneinander unterschieden. So geht er
davon aus, dass beispielsweise Immunisierungsstrategien, die zu einer
Neubewertung und Umdefinition des Viktimisierungserlebnisses führen,
als Persönlichkeitsmerkmal aufgefasst werden können und daher zu syste-
matischen Verzerrungen bei Befragungen führen. Allerdings zeigen seine
empirischen Untersuchungen nur sehr geringe Zusammenhänge zwischen
dem Bewältigungsstil der Immunisierung und soziodemographischen
Merkmalen, die als Risikofaktoren einer Viktimisierung gelten. Auch die
Prävalenzraten der Viktimisierung zwischen den Extremgruppen (erstes
und letztes Quartil der Immunisierungsskala) der niedrig versus hoch im-
munisierenden Befragten unterscheiden sich zwar signifikant, jedoch nicht
bei allen Delikten in die gleiche Richtung und sind auch nicht sehr ausge-
prägt. Auch wurde diese Kritik in den von Wetzels mitverantworteten
Schülerbefragungen (z.B. Pfeiffer u.a. 1998) selbst nicht in andere - und
erheblich aufwendigere - Befragungsinstrumente umgesetzt. Unter gewis-
118

sen Vorbehalten scheint daher die Analyse von Viktimisierungen mittels


„traditioneller“ Erhebungsinstrumente auch für vorliegende Arbeit gerecht-
fertigt. Es sollte jedoch nicht unbeachtet bleiben, dass auch Anzeigeraten
durch die Schwierigkeiten bei der Erinnerung von Viktimisierungen ver-
zerrt werden können. Dies ist der Fall, wenn selektiv solche Viktimisierun-
gen erinnert werden, bei denen eine aktive Bewältigung z.B. durch eine
Anzeige stattfand und andere, bei denen vom Opfer eine Immunisierungs-
strategie gewählt wurde verschwiegen werden.
Eine weitere Schwierigkeit, auf die bereits Heinz (1972: 130) hinweist,
ist mit der Validität von verbalisierten Gründen und Motiven für die An-
zeige bzw. das Unterlassen der Anzeige verbunden. Diese Problematik
kann jedoch mittels Mehrfachantwortmöglichkeiten zumindest teilweise
beseitigt werden, da den Opfern dadurch Gelegenheit gegeben wird, eine
möglicherweise komplexe Motivationslage angemessen wiedergeben zu
können. Heinz (1972: 143) empfiehlt statt der expliziten Erhebung von
Anzeige- bzw. Anzeigeunterlassungsmotiven, Faktoren zu ermitteln, die in
einem statistischen Zusammenhang mit der Anzeigeerstattung stehen.

5.4 Validität von Skalen selbstberichteter Delinquenz


Nur in seltenen Fällen kann in sozialwissenschaftliche Untersuchungen der
„wahre Wert“, an den sich die Ergebnisse eines Messinstrumentes annä-
hern sollen, tatsächlich bestimmt werden. Eine direkte Bestimmung der
Validität eines Instrumentes im Sinne der klassischen Testtheorie ist daher
in der Regel unmöglich.36 Aus diesem Grund wurde eine Reihe von Krite-
rien eingeführt, die eine indirekte Validierung ermöglichen sollen.
Die Validität eines Messinstrumentes kann in vier Aspekte untergliedert
werden: Die Inhalts-, Kriteriums- und Konstruktvalidität sowie differentiel-
le Validität.
Inhaltsvalidität hat zwei Gesichtspunkte, die sich jedoch in der Regel
nicht quantitativ erfassen lassen. Ein Instrument hat face-validity, wenn
man davon ausgehen kann, dass die Bedeutung der Items das zu messende

36
Dies trifft insbesondere für Einstellungsskalen zu, bei denen das zu messende
Konstrukt nicht beobachtbar ist. Bei Verhaltensskalen kann dagegen ein Verhalten
unabhängig von den Messergebnissen eines Fragebogens erfasst werden und der Fehler-
term kann auf systematische Abweichungen hin untersucht werden. Beispiele für eine
entsprechende Vorgehensweise für SRD Skalen finden sich bei Wyner (1979) und
Junger (1989), siehe auch Abschnitt 6.2.3.
119

Konstrukt adäquat erfasst. Ein Instrument hat sampling validity, wenn die
Items des Fragebogens eine repräsentative Stichprobe aller möglichen I-
tems bilden, mit denen eine Einstellung oder Verhalten operationalisiert
werden können.
Ein Instrument ist kriteriumsvalide, wenn eine starke Korrelation zwi-
schen den Ergebnissen des Instrumentes und denen eines zur Validierung
benutzten Kriteriums besteht. Man unterscheidet dabei die Übereinstim-
mungsvalidität (concurrent valididty) von der Vorhersagevalidität (pre-
dictive validity). Zur Messung der Übereinstimmungsvalidität werden die
zu validierende Skala sowie das zur Validierung benutzte Kriterium gleich-
zeitig erhoben, während bei der Vorhersagevalidität die Skala zeitlich vor
dem Kriterium erhoben und zu dessen Vorhersage benutzt wird.
Konstruktvalide ist ein Instrument, wenn das dadurch gemessene theo-
retische Konstrukt in einem theoretisch begründbaren Zusammenhang mit
möglichst vielen anderen Konstrukten steht und sich dieser Zusammenhang
empirisch durch Korrelationen nachweisen lässt (Diekmann 1995: 224).
Zur Messung der Konstruktvalidität wurden mehrere Strategien entwickelt.
Im Zusammenhang mit der Validierung von SRD-Skalen sind vor allem
der theoretische begründete korrelative Zusammenhang mit anderen Skalen
(convergent validity) und der Unterschied zu nicht verwandten Konstruk-
ten (discriminant validity) zu erwähnen. Weiterhin ist das Verfahren der
known groups validity bedeutsam, bei dem Messungen mit demselben
Instrument an solchen Gruppen verglichen werden, bei denen aufgrund
theoretischer Überlegungen Unterschiede in den Messergebnissen vermutet
werden können.
Die differentielle Validität eines Instrumentes ist das Ausmaß, in dem
dieses für einzelne, theoretisch bedeutsame Subgruppen der befragten Po-
pulation gleichermaßen valide ist. Sind beispielsweise die Delinquenzan-
gaben von Jugendlichen aus ethnischen Minderheiten erheblich unzuverläs-
siger als die deutscher Jugendlicher, so ist jedes Erklärungsmodell in
Schwierigkeiten, welches zur Erklärung selbstberichteter Delinquenz die
ethnische Herkunft der Jugendlichern heranzieht. Die differentielle Validi-
tät kann für jede der drei vorangehenden Typen von Validität bestimmt
werden.

5.4.1 Inhaltsvalidität von SRD-Skalen


Ein beliebter Kritikpunkt an SRD-Skalen ist deren angeblich mangelnde
120

face-validity. So bemängeln Huizinga & Elliott (1986: 309), ohne aller-


dings ein Beispiel zu geben, dass in viele Summenindizes eine Reihe von
sehr trivialen (abweichende) Verhaltensweisen eingehen, die niemals eine
offizielle Sanktionierung erfahren würden. Des Weiteren wird kritisiert,
dass bei der Datenanalyse oft unkritisch davon ausgegangen wird, dass die
Befragten tatsächlich genau diejenigen Vorfälle unter die Items subsumie-
ren, die sich der Entwickler des Instrumentes vorstellte. So wurde bei einer
Analyse des American Youth Survey festgestellt, dass durchschnittlich im-
merhin 36% der Angaben entweder zu trivial waren oder Fehlklassifikatio-
nen von Verhaltensweisen (Huizinga & Elliott 1986: 310). Am häufigsten
wurden dabei triviale Fälle von Körperverletzung berichtet. In einem Pre-
test zur Verständlichkeit von Deliktsdefinitionen haben Villmow & Ste-
phan (1983: 59) Probanden zu insgesamt zwölf Delikten jeweils acht Fall-
beispiele vorgelegt; unter diesen mussten vom Befragten die beiden auf das
jeweilige Delikt zutreffenden Fälle ausgesucht werden. Zwar werten die
Autoren es als Erfolg, dass 94% der Befragten mehr als 50% der Fallbei-
spiele richtig erkannt haben. Allerdings zeigt dieses Ergebnis auch, dass es
erheblichen Spielraum bei der Fehlklassifikation oder dem unbeabsichtig-
ten Verschweigen von Delikten gibt. Dies ist umso wichtiger, als die Auto-
ren einen positiven Zusammenhang von r=0,36 zwischen besuchter Schul-
art und Erfolg beim Zuordnungstest berichten (Villmow & Stephan 1983:
60). In einem weiteren Test sollten andere Befragte zu den Deliktsdefiniti-
onen sich selbst Fallbeispiele überlegen. Hier waren je nach Deliktstyp
zwischen 60% und 90% der Befragten in der Lage, richtige Beispiele anzu-
führen. Auch dies lässt berechtigten Zweifel an der inhaltlichen Gültigkeit
von Deliktsdefinitionen zurück.
Menzel und Peters (1998: 561) kritisieren, dass insbesondere bei Zeit-
vergleichen, aber auch hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale der Be-
fragten eine Variation im Verständnis der Begriffe vorhanden sein könnte,
die sich auf die Messergebnisse niederschlägt. Abgesehen davon, dass sie
keinerlei empirische Belege für ihre Behauptungen beibringen, schießen sie
übers Ziel hinaus, wenn sie davon generell die Unbrauchbarkeit von
Selbstberichten ableiten. Immerhin gelingt es jedem Sprecher einer
Sprachgemeinschaft, alltagssprachliche Formulierungen mit anderen Spre-
chern so auszutauschen, dass eine (meist) missverständnisfreie Kommuni-
121

kation entsteht.37 Doch auch wenn man davon ausgeht, dass das Verständ-
nis des Fragebogens prinzipiell allen (sprachkompetenten) Interviewten
möglich sein sollte, bleiben natürlich Nuancen, die zu einer Korrelation der
Fehlerterme mit sozialstrukturellen Merkmalen der Befragten führen kön-
nen. So wurde beispielsweise von Hindelang u.a. (1981) festgestellt, dass
Personen, die Opfer von schwerer Delinquenz wurden, weniger Taten mit
geringen Schäden berichten als Personen, die nur Opfer von leichter Delin-
quenz wurden. Hier sind die Fehlerterme der Opferereignisse untereinander
nicht unkorreliert und so entsteht eine Scheinkorrelation des Unterberich-
tens leichter Delinquenz mit sozialstrukturellen Merkmalen, da Viktimisie-
rung durch schwere Delinquenz vom sozialen Status abhängt. Allerdings ist
nicht nachgewiesen, ob dies auf Gedächtniseffekte oder auf Definitionsef-
fekte von Situationen durch die Befragten zurückzuführen ist. Auch Kreu-
zer (1983: 243) berichtet von unterschiedlichem Definitionsverhalten nach
sozialem Status. Während Studenten in Befragungen nach Schlägereien vor
allem an Schulhofrangeleien denken, so assoziierten junge Strafgefangene
damit schwerste Misshandlungen fremder Personen. Wir haben es hier also
mit einem Aspekt von differentieller Inhaltsvalidität zu tun.
Auch die Sampling Validität vieler Studien wird von Huizinga & Elliott
(1986: 311) in Frage gestellt. In vorliegender Arbeit soll Jugenddelin-
quenz daher definiert werden als „abweichendes Verhalten Jugendlicher,
welches strafrechtlichen Sanktionen unterworfen ist“ (Oberwittler u.a.
2002). Diese axiomatische Definition erleichtert es, die Verhaltensweisen
zu identifizieren, die das Konstrukt ausmachen und deshalb letztlich im
Fragebogen operationalisiert werden müssen. Es sind genau diejenigen
Handlungen, die unter im StGB aufgeführten Tatbeständen subsumiert
werden können. Da das ins Hellfeld gelangende Verhalten sogar sehr gut
dokumentiert ist (in der polizeilichen Kriminalstatistik), ist es darüber hin-
aus möglich, Ranglisten mit der Wichtigkeit einzelner Items zu formulie-
ren. Je nach Anteil eines Tatbestandes an der gesamten Hellfelddelinquenz
kann ein diesen Tatbestand operationalisierendes Item als mehr oder weni-
ger bedeutsam für das theoretische Konstrukt „Jugenddelinquenz“ betrach-
tet werden. Allerdings ist dadurch erst die Dimension der Häufigkeit des
Vorkommens eines Deliktes erfasst. Gerade schwere Delikte kommen je-
doch eher seltener vor, so dass sich eine Skala, welche besonders schwere

37
Eine Kritik des radikalen Definitionsansatzes, so wie er auch in dem Beitrag von
Menzel & Peters (1998) durchscheint, findet sich in Abschnitt 4.1.3 dieser Arbeit.
122

(und damit besonders heikel abzufragende) Delikte auslässt dem Vorwurf


aussetzt, nicht das gesamte Itemuniversum repräsentativ abzubilden.

5.4.2 Kriteriumsvalidität von SRD-Skalen


Bei der Suche nach einem geeigneten Kriterium für die Validierung von
Skalen zur Messung strafbaren abweichenden Verhaltens treten eine Reihe
von Problemen auf. Abweichende Verhaltensweisen sind selten und es liegt
in ihrer Natur, dass sie nur schwer direkt beobachtbar sind. Eine alternative
Erfassung von delinquentem Verhalten Jugendlicher durch den Forscher,
z.B. durch teilnehmende Beobachtung oder andere Verfahren, die eine
direkte Verifizierung der Angaben der Jugendlichen erlauben, scheidet
daher zur Validierung in der Regel aus. Eine Ausnahme stellt die Studie
von Erickson & Smith (1972) dar. Bei einer Klausur wurde 50 männlichen
und 68 weiblichen College Studenten die Chance gegeben, ihre Ergebnisse
zu verbessern, ohne dass diese wussten, dass diese bereits bewertet worden
waren. Nach zehn Tagen wurde bei einer nur scheinbar anonymen Befra-
gung zu Delinquenz auch danach gefragt, ob man bei der letzten Klausur
betrogen hatte. Von den 27 männlichen Jugendlichen, die bei der Klausur
betrogen hatten, gaben 30% dies auch in der Befragung zu, während von
den 24 Betrügerinnen dies nur 17% bekannten. Während also nur knapp ein
Viertel der Delinquenten ihr Delikt zugaben und somit ein massives under-
reporting vorliegt, gab es keinen einzigen Fall von overreporting, es gab
also keinen ehrlichen Studenten, der von sich behauptet hätte zu betrügen.
Dies könnte m. E. zweierlei Ursachen haben. Zum einen könnte es sein,
dass es vor 30 Jahren „uncool“ war und nicht in das Selbstbild von Heran-
wachsenden passte, bei Prüfungen zu betrügen. Zum anderen könnte es
jedoch auch mit den erwarteten strengen Sanktionen im Fall der Entde-
ckung zu tun haben, die die Befragten kein unnötiges Risiko eingehen lie-
ßen.
Mit Hindelang u.a. (1981: 98) kann man drei weitere Maße von Delin-
quenz unterschieden, die zur Validierung der selbstberichteten Delikte
herangezogen wurden.
Erstens können so genannte Informanten befragt werden, bei denen da-
von auszugehen ist, dass sie Kenntnisse über das delinquente Verhalten des
jugendlichen Täters haben.
Zweitens können Registrierungen der formellen Sozialkontrolle wie po-
lizeiliche Registrierungen, Anklageerhebungen, Ab- und Verurteilungen
123

herangezogen werden.
Schließlich können Angaben der Befragten nicht nur zum Dunkelfeld,
sondern auch zur eigenen Wahrnehmung ihrer offiziellen Registrierung
erhoben werden.

5.4.2.1 Informantenbefragungen
Als Informanten wurden in bisherigen Studien Instanzen der informellen
Sozialkontrolle wie Freunde, Eltern und Lehrer der Jugendlichen herange-
zogen. So hat Gold (1970: 20) ungefähr 40 Jugendliche nach dem Delin-
quenten Verhalten ihrer Mitschüler befragt und diese Angaben mit der im
Anschluss erhobenen SRD von 125 Schülern vergleichen, die von den
Informanten als Täter bezeichnet wurden. Von diesen konnten 72% als
ehrlich und 17% als Leugner klassifiziert werden, 11% konnte kein Status
zugeordnet werden, da diese Jugendlichen zwar Delikte zugaben, jedoch
nicht dieselben, die ihnen durch die Informanten zugeschrieben wurden.
Allerdings können mit dieser Methode keine Übertreiber ausfindig gemacht
werden, da ein Delikt, von dem niemand außer dem Täter Kenntnis hat,
auch einfach dem klassischen Dunkelfeld zuzurechnen sein könnte. Gold
(1970: 22) schätzt jedoch den Anteil der Übertreiber als gering ein, da der
detaillierte Fragebogen es den Befragten erschwert hätte, in der Interview-
situation Delikte zu erfinden. Allerdings wurden wohl in einigen Fällen
geringfügige Vorkommnisse von den Jugendlichen zu schweren Delikten
„aufgeblasen“. Geht man jedoch wie Gold (1970: 23) davon aus, dass nur
wenige Delikte von „einsamen“ Jugendlichen Tätern begangen werden und
sich in der Regel die meisten Taten im Freundeskreis herumsprechen, so ist
diese Validierungsmethode sehr wirksam.38

5.4.2.2 Rekord Checks


Am häufigsten werden jedoch Angaben der formellen Sozialkontrolle wie
polizeiliche Registrierungen, Anklageerhebungen, Ab- und Verurteilungen
herangezogen, um Dunkelfeldangaben zu validieren. Wie gut eignen sich

38
Die Validierung mittels Informantenbefragungen ist nicht zu verwechseln mit an-
deren Informantenbefragungen, wie sie beispielsweise von Villmow & Stephan (1983:
223) oder (Karstedt-Henke & Crasmöller (1991: 39) durchgeführt wurden. Bei diesen
Studien soll das „Graufeld“ erfasst werden, dazu wird aus der Täter- oder Opferperspek-
tive danach gefragt, wer über die (selbst begangene oder erlittene) Tat informiert ist. Es
wird jedoch nicht wie in Validierungsansätzen üblich das Wissen über die Taten be-
stimmter Personen erfragt.
124

Dunkelfelddaten als Prädiktoren des Kriteriums „Hellfelddaten“? Darf man


Angaben über selbstberichtete Delinquenz oder selbstberichtete Polizeikon-
takte überhaupt dazu heranziehen, um offizielle Polizeiregistrierungen
vorherzusagen bzw. damit zu korrelieren? Es gibt zwei Einwände gegen
eine allzu leichtfertige Anwendung des Kriteriums der offiziellen Registrie-
rung. Zum einen gibt es systematische Verzerrungen zwischen Hell- und
Dunkelfeld. Zwei Wirkmechanismen bestimmen hauptsächlich, ob eine Tat
über den sozialen Nahraum des Täters hinaus auch der Polizei bekannt
wird: das Anzeigeverhalten der Betroffenen sowie das aktive und reaktive
Polizeihandeln. Dennoch kann man davon ausgehen, dass es ein „Basisrisi-
ko“ der Registrierung für einen Täter gibt, der häufig und/oder schwere
Delikte begeht (Karstedt-Henke & Crasmöller 1991: 39). Das Problem ist
jedoch, dass über ein solches Basisrisiko keine unabhängigen Angaben
vorhanden sind, sondern dieses erst mit der zu validierenden Untersuchung
berechnet werden kann. Und damit ist auch bereits die zweite Problematik
bei der Validierung von Dunkelfelddaten mit offiziellen Registrierungen
angesprochen. Man kann zwar die Angaben derjenigen Jugendlichen über-
prüfen, die eine Registrierung aufweisen – diese sollten dann in der Regel
auch Angaben im Dunkelfeld machen. Sind jedoch auch die Angaben der-
jenigen Befragten valide, die keine Hellfeldregistrierungen aufweisen? Auf
diese Weise lässt sich also nichts über diejenigen nicht Registrierten aussa-
gen, die im Dunkelfeld keine Angaben machen (und ihre Taten vielleicht
verschweigen). Ebenso ist nicht sicher, wie schwerwiegend die von den
nicht Registrierten angegebenen Delikte tatsächlich sind (Bowling 1990:
484).
Die von Hindelang u.a. (1981: 101) vorgeschlagene Validierung von
selbstberichteter Delinquenz mittels selbstberichteter Polizeikontakte ist
meines Erachtens keine sehr fruchtbare Vorgehensweise. Jemand, der eige-
ne delinquente Handlungen verschweigt oder übertreibt, kann genauso
Polizeikontakte verschweigen oder übertreiben und umgekehrt. Es ist also
kein starkes Argument für die Validität einer SRD Skala, wenn hohe Kor-
relationen mit einer im selben Instrument gemessenen Polizeikontaktskala
festgestellt werden. Dies kann auch bedeuten, dass Leugner relativ konsi-
stent in ihren Lügen sind.
Interessant ist dagegen die zweite von Hindelang u.a. (1981: 103) vorge-
schlagene Validierungsstrategie, der Vergleich von selbstberichteten Poli-
zeikontakten und Aburteilungen mit den vorhandenen Einträgen der Ju-
gendlichen in Polizei- und Gerichtsregistern. In ihrer aufschlussreichen
125

Analyse der Angaben von 862 Jungen einer Schülerbefragung gingen Hardt
& Peterson-Hardt (1977) unter anderem der Frage nach, wie viele Schüler
jemals einen (registrierten) Polizeikontakt hatten und wie viele dies anga-
ben. Die record checks, bei denen auf Individualebene die Angaben der
Jugendlichen mit den Einträgen im Register abgeglichen werden, ergaben
folgendes: 6,5% des Samples konnten als „Übertreiber“ klassifiziert wer-
den, die einen nicht vorhandenen Polizeikontakt angaben, während 4,5%
als „Leugner“ einen Polizeikontakt nicht zugaben. Insgesamt gaben 77%
der Jungen mit Polizeikontakt auch in der Befragung einen solchen an, was
zu einem engen Zusammenhang von γ=0,95 zwischen selbstberichteten und
offiziellen Polizeikontakten führt (Hardt & Peterson-Hardt 1977: 251). In
dieser Untersuchung wurde ferner eine „Lügenskala“ eingesetzt, die einen
Anteil von 17% bzw. 18% Jugendlichen mit hohen Werten sozialer Er-
wünschtheit in der Gruppe der richtig negativen bzw. der richtig positiven
Angaben zum Polizeikontakt erbrachte. Ausgehend von dieser Basisrate
wies die Gruppe der „Übertreiber“ einen Anteil von 29%, die der „Leug-
ner“ von 39% Jungen mit hohen Werten sozialer Erwünschtheit auf.
Hindelang u.a. (1981: 104) berichten ebenfalls enge Zusammenhänge
zwischen selbstberichteten und registrierten Kontakten mit der formellen
Sozialkontrolle. Für die Jungen in ihrem Sample konnten sie Zusammen-
hangswerte zwischen γ=0,73 für alle offiziellen Kontakte (Polizei- und
Gerichtsregistrierungen) sowie γ=0,82 für Anklagen vor Gericht ermitteln.
Für den Zusammenhang zwischen selbstberichteten Polizeikontakten in
der mündlichen „MPI/FIFAS Jugendbefragung 2000“ und offiziellen Re-
gistrierungen in der PAD, berichten Köllisch & Oberwittler (2004b: 721)
ein γ=0,89.39 Die unstandardisierte Odds-Ratio betrug 16,4, die standardi-
sierte 2,7.40 Von den 309 am Datenabgleich teilnehmenden Jungen gaben
immerhin 14 sämtliche PAD-Einträge als Polizeikontakte korrekt an, drei
weitere Befragte einen Teil der Einträge. Dagegen gaben zehn Befragte
keinen einzigen Polizeikontakt zu, ein Junge mit PAD-Eintrag gab einen
Polizeikontakt zu einem anderen Delikt als demjenigen an, wegen dem er

39
Dieser und alle weiteren Berichte von eigenen Validitätsuntersuchungen beziehen
sich auf das Teilsample derjenigen 15- bis 17-jährigen Jungen aus der mündlichen
Befragung, die einem Abgleich ihrer Angaben zu eigenen Polizeikontakten mit den
PAD-Einträgen zustimmten (vgl. Abschnitt 5.1.2). Ein Vergleich der Abgleichszustim-
mer mit den Verweigerern hinsichtlich der Merkmale „selbstberichtete Delinquenz“,
„soziale Schicht“ und „ethnische Herkunft“ findet sich bei Köllisch (2002: 4).
40
Zur Standardisierung von Odds-Ratios vgl. Andreß u.a. (1997: 271).
126

registriert wurde.
Neben dem Vergleich von selbstberichteten Polizeikontakten mit offi-
ziellen Polizeikontakten wurden auch SRD Angaben durch offizielle Poli-
zeikontakte oder gerichtliche Verurteilungen „validiert“. In der in Ab-
schnitt 6.2.4 ausführlicher besprochenen Studie von Erickson & Empey
(1963: 466) konnte eine signifikante Korrelation von r=0,51 zwischen ei-
nem SRD-Summenindex sowie der Häufigkeit gerichtlicher Verurteilungen
von 15- bis 17-jährigen US-amerikanischen Jungen festgestellt werden.
Gould (1969: 331) fand einen relativ geringen Zusammenhang von γ= 0,16
zwischen selbstberichteter Delinquenz einerseits und sowohl offiziellen
Polizeikontakten als auch Einträgen in Gerichtsregister andererseits. Ver-
gleichen wurde hierbei ein Summen-Index von SRD bei 374 männlichen
Siebtklässlern in Seattle mit dichotomen Angaben u.a. zur offiziellen Re-
gistrierung; es fand also im Gegensatz zur im Folgenden besprochenen
Arbeit von Gibson u.a. (1970) kein Abgleich der Angaben auf der Ebene
einzelner Delikte statt. Diese stellen in einer Forschungsnotiz fest, dass von
36 14-bis 15-jährigen Jungen aus der britischen Unterschicht mit Einträgen
im Jugendgerichtsregister 83% alle Delikte zugaben, wegen derer sie verur-
teilt wurden. Weitere 9% gaben ihre Taten mindestens teilweise an, wäh-
rend nur 8% Leugner keines der Delikte als SRD angaben, wegen dem sie
verurteilt worden waren (Gibson u.a. 1970: 279). Farrington (1973) und
Blackmore (1974) haben dieselbe Gruppe von Jugendlichen zu einem spä-
teren Zeitpunkt untersucht. (Farrington (1973: 104) fand eine Korrelation
von r=0,58 (p<0,001) zwischen einer SRD Skala der Deliktsbreite (Summe
der unterschiedlichen begangenen Delikte) und der gerichtlichen Verurtei-
lung eines Jugendlichen. Korrelationen von r=0,3 erhielt Hirschi (1969: 63)
beim Vergleich unterschiedlicher SRD-Indizes mit offiziellen polizeilichen
Registrierungen. Probanden dieser Untersuchung waren männliche weiße
Jugendliche des Richmond Youth Projekts.
Elliott und Voss (1974: 72) konnten auf der Ebene von Vergleichen von
einzelnen Delikten bei zwei Befragungswellen von Jugendlichen der neun-
ten und zwölften Klasse feststellen, dass die Schüler in der neunten Klasse
78% der Delikte im SRD Fragebogen angaben, für die eine polizeiliche
Registrierung vorlag. In der zwölften Klasse gaben dieselben Schüler sogar
83% von insgesamt 406 Registereinträgen zu. Ob hier ein Alterseffekt
vorliegt, der die Annahme einer differentiellen Validität hinsichtlich des
Alters nahe legen würde, kann jedoch m. E. nicht eindeutig aus diesen
Befunden gefolgert werden. Schließlich haben die (ehrlicheren) Zwölft-
127

klässler bereits Erfahrungen mit der Befragung dreieinhalb Jahre zuvor


gesammelt und wissen, dass ehrliche Angaben nicht bestraft werden.
Hindelang u.a. (1981: 108) berichten Korrelationen zwischen γ=0,55 für
männliche Jugendliche und polizeiliche Registrierungen sowie γ=0,63 für
weibliche Jugendliche und registrierte Anklageerhebungen. Als Maß für
die SRD wird dabei ein „ever variety“ Index benutzt, der die Angabe von
insgesamt 63 Einzeldelikten über das bisherige Leben des Täters reflektiert.
Ähnliche Ergebnisse wurden erzielt, wenn nur schwere Delikte in den SRD
Index eingingen; auch finden sich keine Angaben darüber, dass die Ge-
schlechterunterschiede signifikant sind. Dagegen verweisen die Autoren
darauf, dass der Deliktbreiteindex über alle Delikte die besten Zusammen-
hangsergebnisse mit der offiziellen Registrierung liefert, im Unterschied
beispielsweise zu Subskalen wie Drogendelinquenz (γ= 0,42 für den Zu-
sammenhang mit Polizeiregistrierungen bei Jungen) sowie Familien- und
Schuldelikten (γ=0,47). Dies muss meines Erachtens jedoch nicht unbe-
dingt zum Nachteil der SRD-Subskalen interpretiert werden. Vielmehr liegt
hier ein Hinweis auf deliktspezifische Entdeckungsraten vor, die bei Dro-
gendelikten und Taten im Schul- und Familienumfeld niedriger liegen als
bei Delikten im „ungeschützten“ öffentlichen Raum.
Auch in der eigenen Validitätsstudie wurden Angaben zur selbstberichte-
ten Delinquenz mittels Polizeikontakten validiert (Köllisch & Oberwittler
2004b: 721). Es zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen selbstberich-
teter Dunkelfelddelinquenz und polizeilich erfasster Hellfeldauffälligkeit
umso enger ist, je stärker die Jungen in delinquentes Verhalten involviert
sind. Während für den Index „Jemals delinquent“ nur ein nichtsignifikantes
γ=0,25 gemessen werden konnte, stieg dieser Wert für die dichotome Skala
„Delinquent im letzten Jahr“ auf γ=0,39 (p<0,05) und erreichte beim „In-
tensivtäterindex“ mit γ=0,81 (p<0,05) nahezu den gleichen Wert wie das
Gamma für den Zusammenhang zwischen selbstberichteter und offiziell
registrierter Dunkelfelddelinquenz (γ=0,89; p<0,001).
Im Unterschied zu den bisher vorgestellten Studien untersuchten Far-
rington (1973) sowie Farrington u.a. (1996) nicht nur die Übereinstim-
mungsvalidität von SRD Angaben (concurrent validity), sondern auch
deren Eignung als Prädiktor zukünftiger offizieller Registrierungen von
bisher unregistrierten jugendlichen Tätern. Im Rahmen der Pittsburgh Y-
outh Study haben Farrington u.a. (1996) zwei Kohorten von Jugendlichen
sowie Informanten (Mütter und Lehrer) zu zwei Zeitpunkten nach Delin-
quenz befragt. Kriterium der Vorhersagevalidität waren Anklagen vor dem
128

Jugendgericht, als Maß für die Delinquenz wurden Indizes aus den Anga-
ben zu Häufigkeit und Schwere des Delikts gebildet. Es zeigte sich, dass
Jugendliche, die aufgrund der SRD Angaben zur höchsten Risikogruppe
gehörten, eine signifikant größere Wahrscheinlichkeit eines Eintrags im
Jugendgerichtsregister aufwiesen als die übrigen Jugendlichen. Die Odds-
Ratio betrug im Sample der ältesten Jugendlichen 2,7 für die Vorhersage-
validität. Für diese Befragten, von denen zum Zeitpunkt der ersten Befra-
gung bereits eine hinlänglich große Anzahl registriert war, wurde auch die
Übereinstimmungsvalidität berechnet, die mit einer Odds-Ratio von 3,3
erwartungsgemäß höher als die Vorhersagevalidität lag (Farrington u.a.
1996: 503). In einer weiteren Analyse wurde ein hybrider Delinquenzindex
gebildet, der nicht nur die eigenen Angaben der Jugendlichen zu ihrer De-
linquenz einbezog, sondern auch die Angaben der Informanten. Interessant
ist nun m. E., dass bei Verwendung des hybriden Delinquenz-Indexes in
beiden Samples die Vorhersagevalidität gegenüber dem einfachen Index, in
den nur die eigene SRD eingeht, ansteigt (Odds-Ratios von 5,0 bzw. 3,7),
während die Übereinstimmungsvalidität gleich bleibt (Odds-Ratio von 3,0).
Für diese Beobachtung, die Farrington u.a. (1996: 506) zwar berichten,
aber nicht weiter interpretieren, bietet sich m. E. nach folgende Erklärung
an: Erfährt die formelle Sozialkontrolle (hier das Gericht) von Taten des
Jugendlichen, so haben auch sein soziales Umfeld (hier die Mutter und
Lehrer) davon Kenntnis. Für den Jugendlichen gibt es keinen Grund mehr,
Taten bei der Befragung zu verheimlichen. Dagegen hat ein Jugendlicher
gute Gründe dafür, Taten, die formellen Instanzen noch nicht bekannt sind,
auch im Interview zu verschweigen, so dass erst das informierte Umfeld
des Täters herangezogen werden muss, um einen valideren SRD-Index zu
erhalten. Dies würde jedoch bedeuten, dass das zur Validierung herangezo-
gene Kriterium nicht unabhängig von der zu validierenden Skala wäre: Die
Tatsache, dass ein Jugendlicher bereits verurteilt wurde (oder allgemeiner,
bereits Kontakt zu einer Instanz der offiziellen Sozialkontrolle hatte) hätte
einen direkten Einfluss auf seine Bereitschaft, über sein delinquentes Ver-
halten zu berichten.

5.4.3 Differentielle Validität von SRD-Skalen


Während bisher die Frage nach der Validität von Skalen selbstberichteter
Delinquenz und selbstberichteten offiziellen Registrierungen generell un-
tersucht wurde, werde ich mich nun der differentiellen Validität dieser
129

Maße zwischen verschiedenen Gruppen zuwenden. Hinter dieser Vorge-


hensweise steht die Vermutung, dass die Ehrlichkeit bzw. Auskunftsbereit-
schaft der Befragten hinsichtlich eigener Delikte oder Polizeikontakte sys-
tematisch mit persönlichkeits- und sozialstrukturellen Merkmalen variiert.
So fanden Hardt & Peterson-Hardt (1977: 255) bei weißen Jungen aus
amerikanischen Mittelschichtswohnvierteln eine größere Bereitschaft, Poli-
zeikontakte zuzugeben (88% der Registrierten hatten mindestens ein Delikt
angegeben) als bei weißen und schwarzen Jungen aus Unterschichtwohn-
vierteln (72% bzw. 73% der Registrierten gaben dies zu). Während in die-
ser Studie die unterschiedliche Ehrlichkeit der Befragten ein Effekt der
sozialen Klassenzugehörigkeit, wenn nicht sogar ein sozialökologischer
Effekt zu sein scheint, hat Gould (1969: 334) nur auf Unterschiede nach der
„Rasse“ der Jugendlichen untersucht. Während er bei weißen Jugendlichen
einen Zusammenhang von γ=0,34 zwischen selbst berichteter und offiziell
registrierter Delinquenz fand, war dieser bei Jugendlichen afrikanischer
und asiatischer Herkunft mit γ=0,09 bzw. γ=0,07 nahezu nicht existent.
Auch Hindelang u.a. (1981: 109) berichten unterschiedliche Gamma Koef-
fizienten für schwarze und weiße Jugendliche. Allerdings machen sie dar-
auf aufmerksam, dass es sich dabei um einen Interaktionseffekt mit dem
Geschlecht des Befragten handelt: Während weiße Jungen bei nahezu allen
verglichenen Maßen signifikant ehrlicher waren als schwarze, gab es sol-
che Unterschiede bei den Mädchen nicht! Für die Probanden des National
Youth Survey (NYS), einem repräsentativen Sample amerikanischer Ju-
gendlicher, berichten Huizinga & Elliott (1986: 318) eine unterschiedliche
Validität der Polizeikontakte für schwarze und weiße Befragte. Allerdings
konnten sie keine Unterschiede nach dem Geschlecht ausmachen und nur
eine leichte Tendenz zu mehr Ehrlichkeit bei Probanden mit mittlerem bis
höherem sozioökonomischen Status (die Autoren geben keine Signifikanz-
werte für ihre Ergebnisse an).
Auch Maxfield u.a. (2000: 101) gingen nicht der Frage nach einem In-
teraktionseffekt zwischen Geschlecht und Ethnie der Befragten nach. Die
Autoren unterscheiden die Befragten, die im Erwachsenenalter retrospektiv
nach ihren Polizeikontakten gefragt wurden, nach dem Alter beim Polizei-
kontakt in drei Gruppen. Männer waren signifikant ehrlicher als Frauen:
64,3% versus 49% der nach dem 15. Lebensjahr Registrierten sowie 70,5%
versus 48,1% der vor und nach dem 15. Lebensjahr registrierten gaben
Kontakte zu. Für die ausschließlich nach dem 15. Lebensjahr Registrierten,
die mit 417 Befragten die größte Gruppe stellten, konnten auch signifikante
130

Unterschiede nach der Ethnie festgestellt werden: Während nur 48,5% der
nach dem 15. Lebensjahr registrierten Schwarzen dies im Interview anga-
ben, waren es bei den weißen immerhin 65,8% (p<0,001). Bemerkenswert-
erweise verschwindet die differentielle Validität nach Ethnie, wenn man
nur noch die Verurteilten betrachtet, während die Unterschiede nach Ge-
schlecht signifikant bleiben; das gleiche gilt für die Gruppe derjenigen, die
mehr als fünf Polizeikontakte aufwiesen (Maxfield u.a. 2000: 103). Das
eigentliche Ziel dieser Studie lag jedoch in der Untersuchung der differen-
tiellen Validität von missbrauchten versus nicht missbrauchten Jugendli-
chen. Die Autoren vermuteten, dass missbrauchte Kinder bereits in frühem
Alter Kontakt zu offiziellen Instanzen der Sozialkontrolle haben werden
und bei Auffälligkeiten auch eher mit einer Anzeige zu rechnen haben. Der
größere Umfang an (negativen) Erfahrungen mit Behörden könnte dazu
führen, dass missbrauchte Jugendliche Polizeikontakte eher verschweigen
(Maxfield u.a. 2000: 92). Zwar konnte diese Vermutung nicht bestätigt
werden, es zeigte sich jedoch, dass missbrauchte Jugendliche signifikant
häufiger als die Kontrollgruppe zum übertreiben nicht vorhandener Poli-
zeikontakte neigten (Maxfield u.a. 2000: 100).
Da in der eigenen Studie nur Jungen befragt wurden, konnten Köllisch &
Oberwittler (2004b: 722) die differentielle Validität nur für die Merkmale
„soziale Schichtzugehörigkeit“, ethnische Herkunft und Alter der Befragten
betrachten.41 Übereinstimmend mit den Befunden aus den US-
amerikanischen Studien wiesen die Angaben der Jungen mit mindestens
einem nichtdeutschen Elternteil (γ=0,72; p<0,01) eine geringere Validität
auf als die der Jungen mit zwei deutschen Eltern (γ=0,95; p<0,001). Die
beiden Indikatoren für den sozioökonomischen Status der Befragten, näm-
lich das elterliche Berufsprestige nach Wegener und die besuchte Schulart,
wiesen übereinstimmend die Angaben von Befragten mit geringerem Status
als weniger valide aus. Weiterführende Analysen (Köllisch & Oberwittler
2004b: 724) zeigten jedoch, dass Jungen mit geringem Sozialstatus nicht
nur am meisten Polizeikontakte verschweigen, sondern auch am meisten
falsch positive Polizeikontakte angeben. Eine Betrachtung von Selbstbe-
richten auf der Ebene räumlicher Aggregate könnte daher erheblich valider

41
Es wurden nur Jungen befragt, da aufgrund von deren erheblich höheren Registrie-
rungsraten mit wesentlich mehr „Treffern“ in der PAD gerechnet werden konnte. Um
eine hinreichende Anzahl Mädchen mit Polizeikontakten zu erhalten, hätte der Umfang
der Stichprobe der mündlichen Befragung mindestens vervierfacht werden müssen, was
aufgrund der knappen Mittel nicht durchführbar war.
131

sein, da sich die Effekte der verschwiegenen (falsch negativen) und über-
triebenen (falsch positiven) Angaben zu Polizeikontakten und Delinquenz
wechselseitig aufheben.42 Mit zunehmendem Alter der Jungen wurden
dagegen nicht nur weniger falsch negative Angaben gemacht (γ=0,83;
p<0,05 für die 15-jährigen gegenüber γ=0,95; p<0,01 für die 17-jährigen),
sondern auch mehr falsch positive Angaben. Je älter die Jungen sind, desto
eher übertreiben sie ihre Polizeikontakte, und desto seltener untertreiben sie
diese.
Einige Autoren führen einen Abgleich zwischen Selbstberichten und offi-
ziellen Registrierungen nicht auf der individuellen Ebene der Befragten,
sondern gleich auf der Ebene von Aggregaten durch, hinsichtlich derer eine
differenzielle Validität vermutet wird. Dieses Vorgehen hat den Vorteil,
dass Vergleiche auf Aggregatebene mit geringem Aufwand und ohne Ein-
willigung der Befragten durchführbar sind. Allerdings kann hier nicht mehr
zwischen „Leugnern“, die Angaben verschweigen und „Übertreibern“, die
zu viele Kontakte angeben, unterschieden werden. Im Extremfall bedeutet
dies, dass auf Aggregatebene eine perfekte Übereinstimmung zwischen den
Selbstauskünften und offizieller Registrierung bestehen kann und dennoch
hat keiner der Befragten die Wahrheit gesagt. So berichtet Figlio (1994) für
aggregierte Altersgruppen der Philadelphia Birth Cohort Study starke Un-
terschiede in den Altersverlaufskurven der Delinquenz, je nachdem, ob
offizielle Angaben oder die Selbstberichten offizieller Angaben betrachtet
werden. Für die Altersgruppe der 12-18 Jährigen konnte jedoch über alle
Delikte hinweg eine erhebliche Tendenz zum Verschweigen von Polizei-
kontakten festgestellt werden. Die Registrierungsrate aufgrund der Befrag-
tenangaben betrug mit 80 pro Tausend Befragten nur 43% der offiziellen
Rate von 184 pro Tausend Befragten. Lab & Allen (1984) berichten über
den Aggregatabgleich nach Geschlecht, „Rasse“ und sozioökonomischem
Status einer Kohorte von 1949 in Racine (Wisconsin, USA) geborenen
Jugendlichen. Die Probanden wurden im Alter von 25 Jahren retrospektiv
nach ihren bisherigen Delinquenzerfahrungen und Polizeikontakten befragt
(Lab & Allen 1984: 446). Dabei zeigten sich unterschiedliche Effekte für
leichte und schwere Delikte.43 Während weibliche sowie weiße Befragte

42
Problematisch ist, dass aufgrund der geringen Fallzahlen die Einflüsse von ethni-
scher Herkunft und Schichtzugehörigkeit auf die Validität nicht getrennt werden konn-
ten.
43
Leider geht aus dem Aufsatz nicht hervor, welche Tatbestände zur Definition von
leichten und schweren Delikten herangezogen wurden.
132

bei leichten Delikten (misdemeanor) übertriebene Angaben machen, geben


männliche eine der offiziellen Rate entsprechende Registrierungshäufigkeit
an; nichtweiße Befragte dagegen verschweigen nahezu die Hälfte ihrer
Polizeikontakte. Ein anderes Bild ergibt sich dagegen bei den schweren
Delikten (felony). Hier neigen alle Aggregate gleichermaßen zum Ver-
schweigen von Delikten; allerdings ist diese Tendenz bei nichtweißen Pro-
banden noch stärker ausgeprägt als bei weißen (Lab & Allen 1984: 450).
Auch die drei Aggregate des sozialen Status (nach Einkommen, Bildung
und Wohngegend) weisen eine differentielle Validität für leichte, nicht aber
für schwere Delikte auf. Während Befragte in mittleren und hohen Ein-
kommensgruppen, mittleren und hohen Bildungsabschlüssen sowie mittle-
ren und guten Wohnlagen Polizeikontakte bei leichten Delikten überberich-
ten, werden diese in der jeweils untersten Statusgruppe unterberichtet (Lab
& Allen 1984: 451). Für die schweren Delikte zeigte sich wiederum eine
von der Statuszugehörigkeit unabhängige Tendenz zum Unterberichten der
Polizeikontakte.
Auch Köllisch & Oberwittler (2004b: 727) verglichen selbstberichtete
Polizeikontakte aus zwei Befragungen (MPI-FIFAS Jugendbefragung 2000
sowie MPI-Schulbefragung 1999/2000) auf der räumlichen Aggregatebene
(der Stadt Freiburg). Für die Delikte „einfacher Diebstahl“ (10,4%) und
„Sachbeschädigung“ (5,0%) wurden in der (schriftlichen) Schulbefragung
Prävalenzraten von Polizeikontakten berichtet, bei denen die untere Grenze
des 95% Konfidenzintervalls erheblich über der Prävalenzrate der polizeili-
chen Registrierung in der PAD lagen. Dagegen stimmten die Angaben für
Gewaltdelikte und schweren Diebstahl innerhalb des 95% Konfidenzinter-
valls mit den Raten der offiziellen Registrierung überein. Während auf der
Aggregatebene - wie bereits oben vermutet - die Angaben aus der mündli-
chen Befragung über alle Delikte mit den offiziellen Registrierungsraten
übereinstimmten, deckt diese Betrachtungsweise bei der schriftlichen
Schulbefragung für die leichten Delikte signifikantes overreporting auf.
Köllisch & Oberwittler (2004b: 728) führen dies darauf zurück, dass auf-
grund der unterschiedlichen Zusammensetzung der beiden Stichproben in
der schriftlichen Befragung erheblich mehr Jugendliche mit informellen
Polizeikontakten erreicht wurden. Dabei handelt es sich typischerweise um
geringfügige Delikte, die der Polizei aufgrund ihrer Straßenarbeit zwar
bekannt werden, von ihr jedoch, auch aufgrund mangels anzeigender Op-
133

fer, nicht formell verfolgt werden.44


Die bisher erwähnten Studien zeigen ein relativ konsistentes Bild von
differentieller Validität nach wichtigen sozialstrukturellen Merkmalen -
Geschlecht, Ethnie, sozioökonomischer Status. Auch gibt es Hinweise auf
unterschiedliche Validität nach dem Alter (Köllisch & Oberwittler 2004b:
722; Maxfield 2000: 101; Blackmore 1974: 174). Es finden sich jedoch
erstaunlich wenige Erklärungsansätze dafür, weshalb diese Unterschiede
auftreten. Zur Erklärung ethnischer Unterschiede bei schwarzen und wei-
ßen amerikanischen Jugendlichen greift Gould (1969: 335) auf den Labe-
lingansatz nach Becker (1963) zurück. Wird ein Jugendlicher durch seine
soziale Umwelt als delinquent stigmatisiert, so internalisiert er dieses Label
und sieht sich selbst in der Rolle des Delinquenten. Da das Labeling maß-
geblich durch die offizielle Reaktion auf Verhalten beeinflusst wird, wer-
den jugendliche Straftäter sich selbst als delinquent wahrnehmen und in der
Folge auch eher bereit sein, eigene Delinquenz und Polizeikontakte zu-
zugeben. Da nun für weiße Jugendliche keine kulturelle Verhaltenserwar-
tung und auch kein generelles Labeling („alle weißen sind Delinquent“)
vorliegt, wird das spezifische Labeling zu einem delinquenten Selbstbild
und damit zur Zugabebereitschaft führen. Dagegen werden schwarze Ju-
gendliche generell als „troublemaker“ stigmatisiert; delinquent zu sein ist
die Verhaltenserwartung an sie schlechthin. Polizeikontakte können also
nichts zum (delinquenten) Selbstbild beitragen. Dagegen argumentieren
Maxfield u.a. (2000: 91) genau umgekehrt, um das häufigere Verschweigen
von Polizeikontakten durch Mädchen zu erklären. Sie gehen nämlich davon
aus, dass Mädchen Polizeikontakte eher verschweigen, weil solche Erfah-
rungen nicht zu deren Rollenstereotypen zählen - im Gegensatz zu Jungen.
Auch Huizinga & Elliott (1986: 321) präsentieren eine Reihe von Ver-
mutungen zur Erklärung der differentiellen Validität von schwarzen und
weißen Jugendlichen. So gibt es aufgrund von Analysen fehlender Anga-
ben Hinweise darauf, dass schwarze Jugendliche häufiger Angaben absicht-
lich verschweigen könnten. Eine weitere Ursache könnte in der unter-
schiedlichen Kompetenz im Umgang mit selbst (schriftlich) auszufüllenden
Fragebögen liegen. Hindelang u.a. (1981) fanden, dass die Differenz in der
Validität bei mündlichen Interviews geringer ausfiel als bei selbst auszufül-
lenden Fragebögen. Schließlich könnten schwarze Jugendliche aufgrund
von Diskriminierung häufiger zu Unrecht von der Polizei verdächtigt und

44
Interview mit KHK Beck, Polizeidirektion Freiburg, 14.6.2002
134

registriert werden (Huizinga & Elliott 1986: 322). Allerdings sollte ein
ehrlicher Befragter auch solche grundlosen Registrierungen angeben, wenn
er danach befragt wird.
Insbesondere der Verdacht, dass zentrale Indikatoren der Theorie sozia-
ler Bindungen, wie sie erstmals von Hirschi (1969) formuliert wurde, mit
dem Fehlerterm von Angaben zur selbstberichteten Delinquenz und selbst-
berichteten Polizeikontakten korrelieren könnten, leitet eine wichtige Ana-
lyse von Junger (1989). Sie fand in einer Untersuchung niederländischer
männlicher Jungen, dass türkische Immigranten sowohl gegenüber Einhei-
mischen Jugendlichen als auch gegenüber „schwarzen“ Jugendlichen aus
Surinam (mit niederländischer Staatsbürgerschaft und guten Sprachkennt-
nissen) erheblich stärker zum Verheimlichen von Polizeikontakten tendie-
ren (Junger 1989: 278). In einem multivariaten Modell zur Vorhersage des
Fehlerterms wurden u.a. Variabeln zur Messung von „Einstellung zu kon-
ventionellem Verhalten“, „Angst vor Ausweisung durch die Polizei“ sowie
die „Anzahl der offiziellen Polizeikontakte“ eingeführt.45 Es zeigte sich,
dass nach der Aufnahme dieser (signifikanten) Prädiktoren in die Regressi-
onsgleichung die Variable „ethnische Gruppenzugehörigkeit“ keine Bedeu-
tung für die Varianzaufklärung des Fehlerterms mehr hatte. Junger zieht
daraus folgende, für die Validität von SRD-Skalen allgemein bedeutsame
Schlüsse: Jugendliche, die sich stärker an konventionellen, Delinquenz
verurteilenden Normen orientieren, haben eine geringere Bereitschaft, ei-
gene Polizeikontakte (und auch eigene Dunkelfeldtaten) zuzugeben. Die
Ursache für eine differentielle Validität liegt weniger in der ethnischen als
vielmehr in der kulturellen Zugehörigkeit (islamisch versus nicht-

45
Ich berichte hier nur die signifikanten Prädiktoren. Obwohl die Studie von Junger
einen wichtigen Beitrag zur Frage der Validität von SRD Skalen im allgemeinen und
zur differentiellen Validität über ethnische Gruppen im besonderen darstellt, bleiben m.
E. einige methodische Mängel, die auch durch die Kritik von Bowling (1990) nicht
vollständig erfasst werden. Abgesehen von der methodisch unzulässigen Anwendung
einer linearen hierarchischen Regression mit einer dichtomen abhängigen Variablen
(Fehlerterm weicht ab: ja/nein), ist m. E. vor allem der Prädiktor „Angst vor Auswei-
sung“ problematisch, da er vermutlich eine sehr hohe Korrelation mit der Staatsangehö-
rigkeit und damit der Ethnie der Befragten aufweisen dürfte. Jugendliche mit niederlän-
discher Staatsangehörigkeit (Niederländer und Surinamesen) dürften schon rein logisch
keine Angst vor Ausweisung haben, da sie gar nicht ausgewiesen werden können. Zu-
dem wird der Prädiktor Staatsangehörigkeit als letzter in die Regression eingeführt und
kann somit nur noch die nach dem Prädiktor „Ausweisungsangst“ verbleibende Restva-
rianz erklären. Es wäre jedoch interessant zu erfahren, welcher der Prädiktoren die
Varianzerklärung der „ethnischen Gruppenzugehörigkeit“ am stärksten verdrängt.
135

islamisch) und Sprachkompetenz der Befragten begründet (Junger 1989:


281). Diese Befunde haben weitreichende Konsequenzen. Zum einen
scheint es unangebracht, auf Selbstberichte zurückzugreifen, wenn unter-
schiedliche kulturelle Gruppen verglichen werden sollen. Zum anderen
scheinen die empirischen Ergebnisse der Bonding-Theorie auf einem Me-
thodenartefakt zu beruhen: Jugendliche mit starken konventionellen Bin-
dungen begehen nicht weniger Taten, sondern sie geben nur weniger Delik-
te zu. Sollten sich diese Befunde erhärten, so würde dies bedeuten, dass
bisherige Erklärungsmodelle von Jugenddelinquenz auf Messfehlern beru-
hen. Der Messfehler der abhängigen Variablen (Delinquenz) wäre abhängig
von den exogenen Variablen, die als Ursachen von Delinquenz in das Mo-
dell eingehen.
Köllisch und Oberwittler (2004b: 723) zogen dagegen zur Erklärung dif-
ferentieller Validität nach Ethnie und sozialer Schicht die Annahmen Es-
sers (1990) zur Strukturierung von Befragungssituationen durch die Be-
fragten heran. Demnach werden Interviewsituationen durch die Befragten
unterschiedlich gerahmt (framing). Je nachdem, ob der Frame „guter Be-
fragter“ dominiert, treten die sozialen Kosten des Zugebens delinquenter
Handlungen und von Polizeikontakten in den Hintergrund. Die Befragten
der MPI/FIFAS Jugendbefragung 2000 lassen sich daraufhin drei Antwort-
typen zuordnen. Jungen des ersten Typs sehen sich als ehrliche Befragte
und geben daher auch sämtliche Polizeikontakte (sowie vermutlich auch
die Dunkelfelddelinquenz) zu. Diesem Typ gehören vor allem Gymnasias-
ten an, die ehrlicher waren als Real- und Hauptschüler, obwohl es ihnen im
Durchschnitt peinlicher war, falls andere von ihrer Delinquenz erfahren
würden (wie die Messung durch eine „Peinlichkeitsskala“ ergab). Der
zweite Typ, der sich vor allem bei Jugendlichen fremdethnischer Herkunft
finden dürfte, schätzt die sozialen Kosten höher ein, die eine Zugabe von
Delinquenz gegenüber Fremden entstehen würden. Sei es, dass diese als
vom Interviewer sozial unerwünscht eingeschätzt wird, sei es, dass eine
spezifische „Kultur der Ehre“ oder der „Cleverness“ (Miller 1979) dies
erfordern. Bei Befragten des dritten Typs schließlich, der sich vor allem aus
deutschen Unterschichtsjungen zusammensetzen dürfte, wurde vermutet,
dass ein delinquentes Selbstbild vorliegt. Diese Befragten haben kein Prob-
lem damit, delinquent zu sein oder von der Polizei erwischt zu werden, und
geben derartige Erlebnisse daher auch im Interview zu (Köllisch & Ober-
wittler 2004b: 720).
136

5.4.4 Konstruktvalidität von SRD-Skalen


Diskriminante und Konvergente Validität von SRD-Skalen werden in der
Literatur eher selten beschrieben, was sicher auch durch den nicht geringen
Erhebungsaufwand begründet ist, der mit einer solchen Messung verbun-
den wäre.
Zur Messung der Konstruktvalidität wird daher häufig auf das Prinzip
der „bekannten Gruppen“ (known groups) zurückgegriffen. Dabei werden
die Befragten a priori zu solchen Gruppen zusammengefasst, bei denen
man aufgrund theoretischer Überlegungen davon ausgehen kann, dass sich
die Delinquenz-Niveaus unterscheiden.
Erickson & Empey (1963) untersuchten mit mündlichen Interviews vier
Zufallstichproben von 15-17 jährigen Jungen, von denen die der ersten
Gruppe nicht polizeiauffällig waren, die der zweiten dagegen bereits eine
Verurteilung hinter sich hatten. Die Jungen der dritten Gruppe waren Mehr-
fachtäter auf Bewährung (community probation), die der vierten Gruppe
saßen im Gefängnis ein. Es wurden Unterschiede auf der Ebene von Items
zwischen den Befragten der ersten beiden Gruppen und der letzten beiden
Gruppen untersucht, die jeweils zusammengefasst wurden. Dabei zeigten
sich in 18 von 22 Items sehr signifikante Unterschiede: Einmal und niemals
Verurteilte gaben also erheblich weniger Dunkelfeldtaten an als Mehrfach-
täter und verurteilte Jugendliche (Erickson & Empey 1963: 465).
Auch Gibson u.a. (1970: 278) konnten in der bereits erwähnten Studie
feststellen, dass Jugendliche, die bereits verurteilt wurden, eine signifikant
höhere Deliktbreite aufwiesen als Jugendliche, deren Vergangenheit noch
nicht durch Jugendgerichtsbeschlüsse beschwert war. Während von den
Verurteilten 53% eine Deliktbreite von 16 und mehr Items in der SRD-
Skala aufwiesen, waren dies bei den nicht Verurteilten nur 11% (χ2=64,2; p
< 0,001). Die von den Autoren nicht explizit gemachte theoretische An-
nahme ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Verurteilungen und
Dunkelfelddelinquenz gibt, der für Jugendliche, die in vielen Deliktsberei-
chen (und damit auch insgesamt häufig) delinquent werden, ein höheres
Verurteilungsrisiko erzeugt. Von der gleichen impliziten Hypothese gehen
auch Hindelang u.a. (1981: 95) aus. Sie vergleichen ebenfalls die Delikts-
breite von offiziell nichtdelinquenten, Polizeiregistrierten und Verurteilten
Jugendlichen und finden zwischen den drei Gruppen jeweils sehr signifi-
kante (p<0,001) Unterschiede in der erwarteten Richtung. Diese Studie ist
auch eine der wenigen, die Mädchen mit einbezieht und demonstrieren
137

kann, dass die Unterschiede in der Dunkelfeldbelastung hier ebenfalls in


der vorhergesagten Richtung auftreten. Ähnliche Ergebnisse finden sich
auch bei Hardt & Peterson-Hardt (1977: 253). Hier war das Gruppierungs-
kriterium nicht eine Sanktionsverschärfung durch verschiedene Instanzen,
sondern durch die Anzahl der Sanktionen innerhalb einer Instanz definiert.
Konkret wurden der Anteil der Befragten mit einem hohen (sechs bis elf
Items), mittleren (drei bis fünf Items) sowie niedrigen (null bis zwei) De-
liktbreiteindex in den Gruppen „keine“, „eine“ sowie „zwei und mehr poli-
zeiliche Verwarnungen“ verglichen. Auch hier fanden sich wie erwartet
größere Anteile mit hoher Deliktbreite in der Gruppe mit zwei und mehr
Verwarnungen sowie mit niedriger Deliktbreite in der Gruppe mit keiner
Verwarnung.
Durch eine Befragung erwachsener männlicher Strafgefangener, konnte
dagegen Amelang (1971) eine Variation in der logischen Möglichkeit zur
Begehung von Delikten sicherstellen. Dazu wurden die Haftinsassen in je
eine Gruppe von lang Einsitzenden (2,7 bis 4,6 Jahre) und kurz Einsitzen-
den (bis 2,6 Jahre) aufgeteilt, und diesen Fragen zur Dunkelfelddelinquenz
während der vergangenen fünf Jahre gestellt. Wenn man voraussetzt, dass
die Täter beider Gruppen vor ihrer Inhaftierung ein gleiches Ausmaß an
Dunkelfelddelikten aufwies, so sollten die lang Einsitzenden aufgrund
mangelnder Gelegenheiten hinter Gittern geringere Prävalenz- und Inzi-
denzraten aufweisen als die kurz Einsitzenden.46 Zwar wiesen die Unter-
schiede sowohl bei der Inzidenz als auch bei der Prävalenz in die vermutete
Richtung, es konnten jedoch nur auf der Ebene einzelner Items signifikante
hypothesenkonforme Unterschiede ermittelt werden (Amelang 1971: 103).
In Köllisch (2002: 17) werden Maße der known-groups-validity für die
MPI/FIFAS-Jugendbefragung 2000 angegeben. Die bekannten Gruppen
werden dabei durch die dichotome Prädiktorvariable „PAD-Eintrag im
letzten Jahr“ definiert. Die beiden dadurch gebildeten Gruppen unterschei-
den sich bei der Inzidenz sowohl hinsichtlich der selbstberichteten Delin-
quenz (5,8 versus 14,9; eta2=0,02; p<0,01) als auch hinsichtlich der selbst-
berichteten Polizeikontakte (0,3 versus 2,2; eta2=0,14; p<0,001). Das be-
deutet, Jungen mit einer PAD-Registrierung geben signifikant mehr Delin-
quenz und auch signifikant mehr Polizeikontakte an als Jungen ohne PAD-
Eintrag. Die Analyse der Prävalenzraten zeigte folgende Unterschiede zwi-

46
Diese Voraussetzung ist annäherungsweise gegeben, da zwar die lang Einsitzen-
den auch durchschnittlich längere Haftstrafen zu verbüßen haben als die bisher erst kurz
Einsitzenden, der Unterschied ist allerdings nicht signifikant.
138

schen der Gruppe von Jungen mit einem PAD-Eintrag und Jungen ohne
einen solchen Eintrag: Für die Kriterien „schwere Delinquenz“ (15,9%
versus 40%; eta2 =0,03; p<0,01) und „selbstberichtete Polizeikontakte“
(11,7 versus 55%; eta2=0,10; p<0,001) konnten signifikante Unterschiede
berechnet werden. Dagegen zeigten sich für die Prävalenzraten der Ge-
samtdelinquenz im letzten Jahr sowie der Gesamtdelinquenz im Leben
keine signifikanten Unterschiede zwischen diesen Gruppen.
Außer den offiziellen Registrierungen von Jugendlichen wurden in wei-
teren Studien eine ganze Reihe anderer Kriterien zur Gruppierung herange-
zogen, bei denen die theoretisch begründete Vermutung bestand, dass sie
Jugendliche mit unterschiedlicher Dunkelfeldbelastung differenzieren wür-
den. Beispiele dafür sind Gruppierungen aufgrund von Einschätzungen der
Delinquenz von Jugendlichen durch Lehrer, Freunde und Eltern. Da diese
Maße in unserer Studie jedoch nicht erhoben wurden, werde ich hier nicht
näher darauf eingehen. Ein Überblick über die im Wesentlichen hypothe-
senkonformen Ergebnisse solcher Studien findet sich bei Huizinga & Elli-
ott (1986: 312).

5.4.5 Zusammenfassung
Eine zusammenfassende Bewertung der unterschiedlichen Validie-
rungsstrategien fällt auch angesichts der in den einzelnen Studien auftre-
tenden Methodenvielfalt schwer. Zunächst kann festgehalten werden, dass
die Einbeziehung von Informantenangaben sowohl in das Kriterium wie in
der Studie von Gold (1970) als auch in ein hybrides Delinquenzmaß wie
bei Farrington (1996) einen erheblichen Nutzen darstellt, allerdings auf-
grund des größeren Erhebungsaufwandes fast immer darauf verzichtet
wird. Die am häufigsten angewandte Validierungsmethode ist daher indi-
rekter Natur: Die Validität von selbstberichteten Dunkelfelddelikten wird
mittels der Validität von Hellfelddelikten geschätzt. Hauptkritikpunkt die-
ser Verfahrensweise ist der Einwand von Bowling (1990), nachdem nicht
auszuschließen ist, dass zwischen der Population der Hellfeldtäter und
derjenigen der nicht registrierten systematische Unterschiede auftreten
können, die sich auf das Zugabebereitschaft auswirken. Insbesondere ist
nicht auszuschließen, dass die Tatsache einer polizeilichen Registrierung
selbst das Berichtsverhalten der Befragten beeinflusst.
Weiterhin können Dunkelfeldberichte auch direkt mit Hellfeldangaben
vergleichen werden, wobei sich hier notwendigerweise geringere Zusam-
139

menhänge finden lassen. Ein Maß für den Zusammenhang zwischen Krite-
rium und Befragtenangaben, das relativ häufig verwendet wird, ist Gamma
(γ). Dieses nimmt beim Vergleich selbstberichteter Delinquenz mit offiziel-
len Polizeikontakten Werte zwischen 0,16 und 0,55 an. Beim Vergleich
von eigenen Angaben von Kontakten mit der formellen Sozialkontrolle und
offiziellen Registrierungen steigen diese auf 0,73 bis 0,95.
Die besprochenen Studien deuten weiterhin auf eine ausgeprägte diffe-
rentielle Validität nach wichtigen soziodemographischen und Persönlich-
keitseigenschaften hin. Die (im Wesentlichen US-amerikanischen) Befunde
sprechen für ehrlichere Angaben bei Jungen weißer als bei denjenigen
schwarzer Hautfarbe. Paradigmatisch für die Situation in Deutschland ist
jedoch eher die Untersuchung von Junger (1989), die eine differentielle
Validität nach der kulturellen Herkunft (islamisch versus nicht-islamisch)
von Jungen feststellt. Aufgrund der geringen Anzahl Jugendlicher mit
fremdethnischer Herkunft im Sample konnte dieser Befund in der Untersu-
chung von Köllisch & Oberwittler (2004b) nicht repliziert werden. Es zeig-
te sich allerdings, dass die Angaben fremdethnischer Jugendlicher insge-
samt unzuverlässiger sind als die Angaben von Jugendlichen mit zwei
deutschen Elternteilen. Des Weiteren sprechen die besprochenen Befunde
dafür, dass Jungen ehrlicher sind als Mädchen, Angehörige höherer Schich-
ten ehrlicher als solche der unteren Schichten. Auch scheinen nach man-
chen Studien jüngere Befragte ehrlicher zu sein als Ältere, während die
eigene Untersuchung zum gegenteiligen Schluss gelangte.
Während es nun eine ganze Anzahl von Studien gibt, die eine differen-
tielle Validität von selbstberichteter Delinquenz feststellen, versuchen nur
wenige eine konsistente Erklärung dieses Phänomens. Die wichtigsten
Erklärungsansätze gehen einerseits von einer unterschiedlichen Kompetenz
im Umgang mit (selbst auszufüllenden) Fragebögen und unterschiedlicher
Sprachkompetenz (Junger 1989) aus; andererseits werden unterschiedliche
generelle und spezifische Verhaltenserwartungen (Labeling) herangezogen.
Schließlich wird die Bonding Theorie, die ursprünglich zur Erklärung von
Delinquenz diente, herangezogen, um die Varianz in der Bereitschaft, De-
linquenz zuzugeben zu erklären.
Die Konstruktvalidität von Skalen selbstberichteter Delinquenz schließ-
lich wird häufig mittels der Methode der known groups gemessen. Dabei
werden Gruppen von Befragten verglichen, deren durchschnittliche Dun-
kelfelddelinquenz aufgrund ihrer unterschiedlichen Fortschritte in einer
Sanktionskarriere als unterschiedlich ausgeprägt eingeschätzt werden kann.
140

Diese Vorgehensweise setzt allerdings die Annahme voraus, dass zumin-


dest auf der Aggregatebene dieser Gruppen ein Zusammenhang zwischen
Hell- und Dunkelfelddelinquenz besteht. Die Ergebnisse der Validie-
rungsstudien mittels bekannter Gruppen zeigen durchwegs eine hohe Vali-
dität der Dunkelfeldinstrumente auf, allerdings sollte diese aufgrund des
groben Verfahrens nicht überbewertet werden.

5.4.6 Schlussfolgerungen für Hell-Dunkelfeld-Vergleiche


Dieses Kapitel sollte auch die Frage klären, ob Selbstauskünfte von Ju-
gendlichen zur Dunkelfelddelinquenz hinreichend valide sind, um damit
einen Vergleich mit dem Hellfeld durchführen zu können. Allerdings unter-
liegt diese Frage gewissen Einschränkungen, die ich zunächst thematisieren
werde. Die Validierung der eigenen Daten nämlich wurde anhand eines
Teildatensatzes (derjenigen Probanden, die dem Abgleich zugestimmt ha-
ben) einer mündlichen Befragung in Face-to-face Situationen durchgeführt
(Köllisch 2002; Köllisch & Oberwittler 2004b). Der Hell-Dunkelfeld-
Vergleich basiert dagegen auf Daten, die in schriftlichen Klassenbefragun-
gen gewonnen wurden. Wie Oberwittler & Naplava (2002) berichten, be-
stehen zwischen diesen beiden Datensätzen systematische Unterschiede.
Das kann auch bedeuten, dass die Validität der Daten unterschiedlich ist.
Aufgrund der anonymeren Befragungssituation im Klassenkontext könnte
es durchaus sein, dass die Schüler ehrlichere Angaben gemacht haben als
die zu Hause aufgesuchten Jugendlichen.
Prinzipiell werfen die oben berichteten Ergebnisse jedoch ernsthafte
Probleme für einen Hell-Dunkelfeldvergleich mittels selbstberichteter De-
linquenzdaten auf Individualebene auf, jedoch nicht zwangsläufig auch für
die Betrachtung des Anzeigeverhaltens durch Daten zur selbstberichteten
Viktimisierung. Sollte die differentielle Validität nach soziodemographi-
schen Merkmalen wie Status, Ethnie, Alter auch in den Daten der Schüler-
befragung vorliegen, so könnten Aussagen über ein selektives Verfahren
der Sozialkontrolle auf Individualebene mit erheblichen Fehlern behaftet
sein. Gerade diese Individualeigenschaften stehen jedoch im Zentrum der-
artiger Untersuchungen (Karstedt-Henke & Crasmöller 1991; Mansel
1988b). Aus Köllisch & Oberwittler (2004b: 725) geht nun hervor, dass die
falsch negativen Antworter nicht nur ihre Hellfelddelinquenz, sondern auch
ihre Dunkelfelddelinquenz verschweigen. Diese Beobachtung ist auch
plausibel, wenn man davon ausgeht, dass Jugendliche vor allem auf Grund
141

von Angst vor Entdeckung bzw. Peinlichkeit Delikte verschweigen, was


durch die Untersuchung nahe gelegt wird. Im Fall der Entdeckung eines
bisher nicht bekannten Deliktes aus dem Dunkelfeld hat ein Jugendlicher
schließlich mehr zu befürchten als im Fall des Bekanntwerdens eines Poli-
zeikontaktes. Wird jedoch systematisch nicht nur Hellfelddelinquenz (Poli-
zeikontakte), sondern auch Dunkelfelddelinquenz verschwiegen, so weist
der Quotient aus selbstberichteten Polizeikontakten dividiert durch selbst-
berichtete Delinquenz in Zähler und Nenner denselben Fehler auf. Folglich
wird das Registrierungsrisiko auch für diese Gruppen richtig eingeschätzt.
Jugendliche, die Polizeikontakte verschweigen, werden auch dazu neigen,
Dunkelfelddelinquenz zu verschweigen.
142

6 Empirische Befunde zur Bewertung von und Um-


gang mit Gewalt aus der Opferperspektive

In diesem Kapitel werden eigene empirische Befunde zum Umgang von


Opfern mit Gewalterfahrungen dargestellt. Analysiert werden die drei in
der MPI-Schülerbefragung 1999/2000 aus der Opferperspektive erhobenen
Delikte „Raub“, „Körperverletzung“ sowie „Nötigung, Bedrohung, Erpres-
sung“. Je nach Fragestellung werden dabei die Delikte einzeln betrachtet
oder aber als Gesamtindex „Gewaltviktimisierung“. Zunächst wird ein
kurzer Überblick über Umfang und einige Zusammenhänge der Häufigkeit
von Viktimisierungserfahrungen mit Merkmalen des sozialen Status und
des Verhaltens des Opfers gegeben. Vor diesem Hintergrund wird dann in
den folgenden Unterabschnitten ausführlich dargestellt, welche situativen
Merkmale, Eigenschaften des Opfers, des Täters und der Täter-
Opferkonstellation zum einen die Bewertung des Deliktes sowie zum ande-
ren die Art der Konfliktlösung durch das Opfer bestimmen. Der Schwer-
punkt der Untersuchung liegt dabei auf der Fragestellung, ob ein Opferer-
lebnis durch eine Anzeige bewältigt und damit die formelle Sozialkontrolle
eingeschaltet wird, oder eine informelle Einigung zwischen Opfer und
Täter gefunden wird. Es wird auch betrachtet, welche Faktoren eine Resig-
nation des Opfers bestimmen. Im letzten Abschnitt werden die aufgrund
bivariater Analysen ausgemachten wichtigsten Determinanten multivariate
Modelle eingeführt, um ihren unabhängigen Einfluss zu prüfen.

6.1 Korrelate der Gewaltviktimisierung


In Oberwittler u.a. (2001: 29) sowie Oberwittler u.a. (2002a: 16) wurden
bereits grundlegende Analysen zur Viktimisierung und deren Korrelaten
berichtet, auf die im Folgenden nur zusammenfassend eingegangen wird.
Hauptsächlich werden weiterführende Analysen dargestellt, die insbeson-
dere im Hinblick auf die differenzielle Bewältigung von bzw. den Umgang
mit Opfererlebnissen durchgeführt wurden.
143

6.1.1 Eigenschaften der Situation


Für einen Überblick über die Viktimisierung in Abhängigkeit von Eigen-
schaften der Situation wird auf die Folgefragen zum letzten Delikt rekur-
riert (vgl. Abschnitt 5.2.2). Basis dieser Auswertung sind also nicht alle
Opfererlebnisse, die von den Befragten berichtet werden, sondern nur noch
das zuletzt geschehene, zu dem detaillierte Angaben vorliegen.
Betrachtet man zunächst die Viktimisierung der drei Delikte insgesamt
nach Tatort und Zeit, so zeigt sich, dass 66,9% aller Delikte tagsüber erlit-
ten werden. Ferner finden 23,1% der Viktimisierungen am Abend und 10%
in der Nacht statt. Dabei ergeben sich keine bedeutsamen Unterschiede
hinsichtlich der einzelnen Delikte. Auch die Verteilung der Tatorte zeigt
keine auffälligen Unterschiede bei den einzelnen Delikten (vgl. Abschnitt
5.2.1). Während 20,4% aller Delikte in der Schule stattfanden, wurden
29,8% der Viktimisierungen von den Jugendlichen in ihrer Wohngegend
erlebt. In weiteren 20,3% der Fälle war der Schulweg Tatort und in 29,5%
der Fälle fand die Tat an einem anderen Ort statt. Insgesamt findet sich also
eine bemerkenswerte Gleichverteilung der Tatorte über die vier Kategorien.
Tabelle 6.1 gibt die Verteilung der Opferdelikte nach Deliktart und An-
zahl der involvierten Täter wieder.

Tabelle 6.1: Opfererlebnisse in Abhängigkeit von der Anzahl der Täter beim
letzten Delikt
Raub Erpressung & Körperverlet- Gesamt
Bedrohung zung
1 Täter 34,5 35,3 53,1 42,8
2-3 Täter 41,1 36,4 25,0 32,6
4 u. mehr Täter 24,4 28,3 21,9 24,7
N 168 258 320 746
Angaben in Prozent der Opfer

Hier treten signifikante Unterschiede (chi2 = 27,0; p<0,001) zwischen den


einzelnen Delikten auf. Während Körperverletzungsdelikte in mehr als der
Hälfte der Fälle von Einzeltätern begangen werden, beträgt dieser Anteil
bei Raub, Nötigung & Erpressung nur ungefähr ein Drittel. Dies kann als
Hinweis darauf betrachtet werden, dass bereits ein Täter ausreichend ist,
um einem Jugendlichen Verletzungen zuzufügen, während zu einer erfolg-
reichen gewaltsamen Wegnahme von Gegenständen sowie Bedrohung und
144

Nötigung mehrere Täter erforderlich sind.


Die Schwere des Deliktes kann für Körperverletzungen über das Ausmaß
der Verletzung, für Raub- und Erpressungsdelikte über den Wert des ge-
raubten Gutes erfasst werden. Wie bereits in Oberwittler u.a. (2001: 30)
berichtet, sind viele der Delikte Bagatellen. Jeweils mehr als zwei Drittel
der Opfer gaben an, dass der Wert des beim letzten Raubdelikt gestohlenen
Gegenstandes bis zu 25 DM betragen habe, bzw. dass die Verletzung nicht
so schlimm gewesen sei. Allerdings gaben immerhin 11,1% der Raubopfer
einen Verlust von über 100 DM an und 10,2% der Verletzten mussten ei-
nen Arzt oder Sanitäter aufsuchen. Eine genauere Analyse zeigt ferner,
dass Opfer, welche selbst delinquent sind, sowohl bei Raub als auch bei
Verletzungen signifikant größere Schäden angeben als nicht delinquente
Opfer. Bei Raub- und Erpressungsdelikten geben Mädchen signifikant
häufiger geringere Schäden als Jungen an, nicht jedoch bei Körperverlet-
zungsdelikten. Dies scheint zunächst dafür zu sprechen, dass Mädchen,
wenn sie Opfer von Raubdelikten werden, geringere Schäden, jedoch nicht
leichtere Verletzungen erleiden als Jungen. Diese Beobachtung könnte aber
auch darauf zurückzuführen sein, dass zwar das Maß für den Schaden bei
Raubdelikten relativ objektiv ist, indem Schadenssummen zu Grunde ge-
legt werden, nicht jedoch das Maß für Verletzungen, bei dem nach dem
subjektiven Empfinden der Verletzungsschwere gefragt wurde.47 Mögli-
cherweise werden Mädchen bereits mit geringeren Verletzungen zum Arzt
geschickt als gleichaltrige Jungen.
Weitere Untersuchungen ergaben keine Abhängigkeit der Deliktschwere
vom Alter und von der ethnischen Herkunft der Jugendlichen. Ältere Opfer
erleiden also keine schwereren Verluste als jüngere und Opfer fremdethni-
scher Herkunft werden nicht leichter oder schwerer verletzt als Jugendliche
mit deutschen Eltern.

6.1.2 Eigenschaften von Opfern und Tätern


Die Prävalenzrate der Viktimisierung von Jungen und Mädchen unter-
scheidet sich sehr signifikant. Während bei den Jungen mit einem Viktimi-
sierungsrisiko von 31,1% nahezu jeder dritte Befragte innerhalb eines Jah-
res Opfer eines Deliktes wurde, ist dieses Risiko für Mädchen (Prävalenz-
rate 15,6%) nur halb so groß. Die Richtung dieses Unterschiedes ist über
47
Die Schwereskala bei Körperverletzungen reicht von „war nicht so schlimm“ über
„noch drei Tage Schmerzen“ bis „musste Arzt aufsuchen“.
145

alle drei abgefragten Delikte gleich, allerdings variiert dessen Ausmaß.


Während nur 3,8% aller Mädchen in Jahresfrist Opfer eines Raubes wur-
den, beträgt dieser Anteil bei den Jungen mit 11,5% nahezu das Dreifache.
Dagegen ist der Unterschied bei Nötigung und Erpressungsdelikten mit
9,5% viktimisierten Mädchen und 15,5% Jungen erheblich geringer. Einen
mittleren Platz nehmen Körperverletzungsdelikte ein, bei denen das Vikti-
misierungsrisiko der Mädchen (7,6%) ungefähr halb so hoch ist wie das der
Jungen (16,4%). Dagegen gibt es hinsichtlich der Inzidenzraten keinerlei
Unterschiede nach Geschlecht. Mädchen haben demnach zwar ein geringe-
res Risiko, überhaupt Opfer eines Gewaltdeliktes zu werden. Falls sie je-
doch viktimisiert werden, so sind sie eher häufiger betroffen als Jungen.
Diese Beobachtung spricht meines Erachtens dafür, dass die Unterschie-
de im Viktimisierungsrisiko nach Geschlecht eher im Risikoverhalten der
(potentiellen) Opferpopulation als in der Opferauswahl durch die Täter zu
suchen sind. Mädchen scheinen Verhaltensweisen und Situationen, die mit
einem Viktimisierungsrisiko verbunden sind, eher zu meiden als Jungen.
Begeben sich Mädchen dennoch in solche Situationen, so werden sie gleich
oft Opfer wie ihre männlichen Altersgenossen. Dies zeigt sich beispiels-
weise auch am Anteil der Täter-Opfer. Während bei den Jungen knapp
80% aller Opfer mindestens ein Delikt als Täter begehen, beträgt dieser
Anteil bei den Mädchen immerhin noch 66,8%. Dem gegenüber sind von
den nicht viktimisierten Jungen nur 58,1% delinquent, während dieser An-
teil bei den Mädchen nur bei 37,3% liegt. Relativ zur Gesamtprävalenz
konzentrieren sich die Opfer bei Mädchen also noch stärker in der Popula-
tion der delinquenten Jugendlichen als dies bei den Jungen der Fall ist.48
Innerhalb der Altersstufe der 13- bis 16-Jährigen gibt es keine Unter-
schiede im Viktimisierungsrisiko nach dem Alter der Befragten. 13-Jährige
haben also eine nahezu gleich hohe Viktimisierungsprävalenz wie 16-
Jährige. Bei der Inzidenz kann ein leichter Anstieg von 2,3 (für die 13-
Jährigen) auf 3,0 bis zum 16. Lebensjahr berichtet werden. Das bedeutet,
dass jugendliche Opfer mit 13 Jahren etwas mehr als 2 mal pro Jahr diese
Erfahrung machen, während von 16-jährigen Opfern immerhin schon 3
Fälle pro Jahr berichtet werden.

48
Als Täter-Opfer werden im Folgenden Befragte bezeichnet, die in innerhalb eines
Jahres sowohl Täter als auch Opfer eines Deliktes wurden. Ausführliche theoretische
Überlegungen und empirische Befunde zu Jugendlichen als Tätern und Opfern von
Delinquenz finden sich bei Schindler (2001).
146

Abbildung 6.1: Prävalenz der Viktimisierung nach ethnischer Herkunft der Opfer

7.5
Körperverletzung 15.4
11.8
6.7
Erpressung 16.6
13
4.4
Raub 8.1
7.8

0 5 10 15 20 25
Deutsche Aussiedler Türkei/Balkan

Angaben in Prozent der Befragten

Erhebliche Unterschiede in der Opferwerdung lassen sich dagegen für die


drei hauptsächlich in der Schülerbefragung vertretenen ethnischen Gruppen
aufzeigen (vgl. Abbildung 6.1). Während jugendliche Aussiedler für alle
drei Deliktarten die höchsten Viktimisierungsprävalenzen berichten, liegen
die Angaben von Jugendlichen türkischer bzw. exjugoslawischer Herkunft
durchweg am niedrigsten. Dieser Effekt bleibt auch unter Kontrolle des
Geschlechts des Befragten erhalten, so dass ausgeschlossen werden kann,
dass eine eventuell niedrigere Viktimisierungsprävalenz speziell bei türki-
schen Mädchen hinter diesen Differenzen steht. Allerdings ist nicht sicher,
ob insbesondere die Angaben der männlichen türkischen Jugendlichen
durch eine geringere Validität verzerrt sind. Da der Interaktionseffekt zwi-
schen Opfer- und Täterethnie eine wichtige Rolle für die Argumentation
beim Anzeigeverhalten spielt, soll im Folgenden auch die Häufigkeit der
Viktimisierung in Abhängigkeit von der Ethnie von Täter und Opfer be-
trachtet werden.49 Dazu wird auf die Folgefragen zum letzten Delikt rekur-
riert (vgl. Abschnitt 5.1.1). Es zeigt sich, dass deutsche Opfer bei Erpres-
sungs- und Raubdelikten nahezu ebenso häufig durch fremdethnische Täter
bzw. Tätergruppen viktimisiert werden, wie durch ausschließlich deutsche

49
Als Jugendliche mit deutscher ethnischer Herkunft werden im Folgenden, falls
nicht anders erwähnt, alle diejenigen Jugendlichen bezeichnet, deren Eltern beide aus
Deutschland stammen. Ethnische Zugehörigkeit ist eine kulturelle Kategorie, d.h. es
wird versucht, Verhalten durch eine Prägung aufgrund der Sozialisation zu erklären.
Auch wenn Spätaussiedler rechtlich deutschen Jugendlichen gleichgestellt sind, haben
sie eine andere kulturelle Prägung erfahren, so dass eine Zuordnung zur Ethnie der
Deutschen Unterschiede verwischen würde.
147

Täter oder Tätergruppen, bei denen neben fremdethnischen Tätern auch


deutsche Täter beteiligt sind (Abbildung 6.2). Bei Körperverletzungsdelik-
ten ist der Anteil an heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen dagegen
geringer. Bei nichtdeutschen Opfern dagegen beträgt nur bei Erpressungs-
delikten der Anteil an Tätern, die mindestens teilweise derselben ethni-
schen Herkunft sind, ungefähr die Hälfte. Im Unterschied dazu sind bei
Körperverletzungen und Raubdelikten in nahezu zwei Drittel der Fälle
Täter beteiligt, die nicht der Ethnie des Opfers angehören. Dies können
sowohl deutsche Täter sein, als auch Täter aus einer der anderen ethnischen
Minderheiten. Legt man die Relation von fremdethnischen gegenüber deut-
schen Jugendlichen in der Bevölkerung zugrunde, so kann man feststellen,
dass deutsche Opfer häufiger von nichtdeutschen als von deutschen Tätern
viktimisiert werden, während bei fremdethnischen Opfern ein recht hoher
Anteil von innerethnischen Konflikten vorliegt.

Abbildung 6.2: Anteil der Opfererlebnisse mit heteroethnischen und homoethnischen


Täter-Opfer Konstellationen bei deutschen und nichtdeutschen Opfern
Opfer deutsch Opfer nicht deutsch

38,3 65.8
Körperverletzung Körperverletzung
61,7 34.2

46,7 50.9
Erpressung Erpressung
53,3 49.1

47,6 64.9
Raub Raub
52,4 35.1

0 25 50 75 0 25 50 75
Täter andere ethnische Herkunft Täter andere ethnische Herkunft
Täter (teilw.) selbe ethnische Herkunft Täter (teilw.) selbe ethnische Herkunft

Angaben in Prozent der Befragten

Als Indikator für den sozioökonomischen Status der Eltern des Befragten
wird im Folgenden eine kategorisierte Skala des elterlichen Berufsprestiges
nach Wegener herangezogen. Eine Beschreibung der Transformation der
kontinuierlichen Werte dieser Skala in vier Kategorien findet sich in Ober-
wittler & Blank (2003: 12). Hinsichtlich dieses Berufsprestiges konnten
keine signifikanten Unterschiede in Prävalenz und Inzidenz von Viktimi-
sierung festgestellt werden. Dagegen kann ein leichter Zusammenhang (r=-
0,05; p<0,01) der Viktimisierungshäufigkeit mit dem Schulstatus des Ju-
gendlichen bei Körperverletzungen beobachtet werden: Während Gymna-
148

siasten nur zu 10,1% im letzten Jahr Opfer einer Körperverletzung wurden,


trifft dies bei Haupt- und Sonderschülern immerhin auf 14,3% der Befrag-
ten zu.
Dagegen besteht zwischen dem Ausmaß individueller sozialer Benach-
teiligung des Probanden und dessen Viktimisierungsrisiko ein sehr starker
Zusammenhang (vgl. Tabelle 6.2).

Tabelle 6.2: Viktimisierungsrisiko nach individueller sozialer Benachteiligung


des Probanden
Raub Erpressung Körperverl. Gesamt
Prävalenzrate (in Prozent)
nicht benachteiligt 7,7 11,7 10,8 21,6
benachteiligt 8,2 15,6 15,4 29,4
a
Korrelation (Tau-b) 0,03n.s. 0,20* 0,20* 0,20**
Inzidenz (in Viktimisierungen pro Opfer)
nicht benachteiligt 2,0 1,9 2,1 2,7
benachteiligt 3,4 2,3 3,3 3,8
a
F-Wert 9,6** 0,9n.s. 5,2* 6,4*
a
Signifikanz: n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01

Jugendliche, deren Eltern Arbeitslosenhilfe und/oder Sozialhilfe beziehen,


sind demnach häufiger Opfer von Erpressung und Körperverletzungen.
Diese Beziehung bleibt auch erhalten, wenn in multivariaten logistischen
Regressionen die eigene Delinquenz des Opfers kontrolliert wird, kann also
nicht auf eine etwaige höhere Opferbelastung aufgrund höherer eigener
Delinquenz von sozial Benachteiligten zurückgeführt werden. Allerdings
bleibt zunächst offen, wie sich diese Beobachtung erklären lässt. Nach dem
von Cohen & Felson (1979) entwickelten routine activity Ansatz könnten
sozial benachteiligte Opfer von den Tätern eher als geeignete Opfer (sui-
table targets) angesehen werden, weil sozial marginalisierte Jugendliche
als weniger geschützt wahrgenommen werden. Mit der Theorie des lifesty-
le-exposure Ansatzes (Hindelang u.a. 1978) könnte das erhöhte Viktimisie-
rungsrisiko durch Alltagsgewohnheiten der Betroffenen erklärt werden, u.a.
mit einer erhöhten Aufenthaltshäufigkeit in stark kriminalitätsbelasteten
Wohngegenden.
149

6.1.3 Bekanntschaft von Tätern und Opfern


Eine zentrale These dieser Arbeit ist, dass Täter und Opfer eher zu einer
informellen Einigung gelangen können, wenn sie untereinander bekannt
sind und daher in solchen Täter-Opfer-Konstellationen die Anzeigeneigung
abnimmt. Im Folgenden wird daher untersucht, wie sich die Anteile von
Täter-Opfer-Konstellationen mit bekannten Tätern nach sozialräumlichen
Kriterien unterscheiden. Dabei soll zum einen nach Merkmalen des Opfer-
wohnortes unterschieden werden, zum anderen nach Merkmalen des Tator-
tes des letzten Deliktes.

Tabelle 6.3: Anteil der Viktimisierungen mit bekanntem Täter an allen Viktimi-
sierungen nach Urbanitätsgrad des Opferwohnortes und Vertrautheit mit dem
Tatort
urban suburb. ländlich Korrelationa
Tatort vertraut (Schule, Stadtviertel) 71,6% 78,0% 79,5% 0,08n.s.
N Gesamt 190 100 73
Tatort weniger vertrautb 42,3% 49,5% 64,7% 0,16**
N Gesamt 189 109 68
a
Signifikanz (Kontingenzkoeffizient): n.s.: nicht signifikant; **: p<0,01
b
Zusammengefasst sind Tatorte wie Schulweg, Wald, Park, Freizeitgelände, Jugend-
zentrum, Sportgelände, Bus, U-Bahn, Zug, Haltestellen, Disco, Kneipe, Spielhalle

Aus Tabelle 6.3 geht hervor, dass Opfer mit einem urbanen Wohnort insbe-
sondere an weniger vertrauten Tatorten die Täter seltener kennen als Opfer,
die in ländlichen Gegenden wohnen, aber auch als Opfer aus suburbanen
Quartieren. Während Opfer aus städtischen Wohngegenden an weniger
vertrauten Tatorten nur in 42% der Fälle den oder die Täter kannten, ist
dieser den Opfern in ländlichen Gemeinden in 65% der Fälle vertraut. Die-
ser Zusammenhang deutet sich auch bei Delikten an, die an vertrauten Or-
ten stattfinden, ist hier aber nicht signifikant. Aus der Tabelle ergibt sich
weiterhin, dass Opfer insgesamt an Orten wie dem eigenen Stadtviertel und
der Schule, mit denen sie besser vertraut sind, auch eher auf Täter treffen,
die ihnen bekannt sind. Opfer aus urbanen und suburbanen Wohngebieten
treffen an weniger vertrauten Orten häufiger auf unbekannte Täter, wäh-
rend Jugendliche aus dem ländlichen Raum auch an weniger vertrauten
Orten noch häufig mit dem Täter bekannt sind. Dies hat zur Folge, dass
sich für die Landjugendlichen erheblich günstigere Möglichkeiten bieten,
Konflikte informell zu regeln. Zum anderen jedoch bietet sich für Jugendli-
150

che auf dem Land auch eine bessere Möglichkeit, Täter der offiziellen So-
zialkontrolle (Polizei) gegenüber zu identifizieren und infolgedessen eine
höhere Erfolgswahrscheinlichkeit im Falle einer Anzeige.
Betrachtet man die Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer nach dem
Grad der sozialen Benachteiligung des Opferwohnortes (Tabelle 6.4), so
zeigt sich, dass insbesondere an unbekannten Orten die Opfer aus nicht
benachteiligten Quartieren ihre Täter häufiger kennen als die Opfer aus
benachteiligten Wohngegenden.
Betrachtet man nur diejenigen Delikte, die sich im Stadtviertel des Op-
fers oder in der Innenstadt zugetragen haben, so zeigt sich folgendes (ohne
Tabelle): Jugendliche, die sich in ihrer Freizeit oft im eigenen Stadtviertel
aufhalten, kennen die Täter nicht signifikant häufiger als solche Jugendli-
che, die sich seltener im eigenen Wohngebiet aufhalten. Auch Opfer, die
sich in ihrer Freizeit oft in der Innenstadt aufhalten, kennen die Täter nicht
signifikant häufiger als Jugendliche, die sich selten dort befinden. Allein
der häufige Aufenthalt in einer Gegend führt also noch nicht dazu, dass
sich Täter und Opfer eher kennen und folglich eher in der Lage sind, in-
formelle Einigungen herbeizuführen.

Tabelle 6.4: Anteil der Viktimisierungen mit bekanntem Täter an allen Viktimi-
sierungen nach Grad der Benachteiligung des Opferwohnortes und Vertrautheit
mit dem Tatort
geringe hohe Korrelationa
Benachteilig. Benachteilig.
Tatort vertraut (Schule, Stadtviertel) 77,1% 73,1% -0,05n.s.
N Gesamt 166 197
Tatort weniger vertrautb 53,5% 43,6% -0,10+
N Gesamt 185 181
a
Signifikanz (Tau-B):n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1
b
Zusammengefasst sind Tatorte wie Schulweg, Wald, Park, Freizeitgelände, Jugend-
zentrum, Sportgelände, Bus, U-Bahn, Zug, Haltestellen, Disco, Kneipe, Spielhalle

Dagegen besteht ein sehr signifikanter Zusammenhang (r=0,17; p<0,01)


zwischen der Anzahl der Nachbarn, die einen Jugendlichen kennen und der
Wahrscheinlichkeit für das Opfer, den Täter zu kennen. Während 82% aller
Jugendlichen, die allen Nachbarn mit Vornamen bekannt sind, den oder die
Täter kennen, trifft dies nur bei 59% der Opfer zu, die keinem oder nur
wenigen Nachbarn mit Vornamen bekannt sind. Erwartungsgemäß tritt
151

dieser Zusammenhang nur bei Delikten auf, die sich im Wohnviertel des
Opfers abgespielt haben, während der Bekanntheitsgrad in der Nachbar-
schaft an anderen Tatorten keinen Einfluss auf die Bekanntschaft zwischen
Tätern und Opfer hat.
Die Chance, dass das Opfer den Täter bereits vor der Tat kennt, ist also
umso größer, je mehr soziales Kapital in Form von Nachbarschaftskontak-
ten (intergenerational closure) das Opfer angesammelt hat. Allerdings
wirkt sich diese Art des sozialen Kapitals nur auf Delikte aus, die sich in-
nerhalb des eigenen Stadtviertels abspielen. Nachbarschaftskontakte stellen
damit eine „immobile“ Ressource dar, die für Opfer außerhalb ihres Stadt-
viertels die Wahrscheinlichkeit, auf einen bekannten Täter zu treffen, nicht
vergrößert. Um zu prüfen, ob andere Formen sozialen Kapitals die Be-
kanntschaft von Täter und Opfer fördern, wurde untersucht, inwiefern die
Variablen „Mitgliedschaft des Opfers in einer Clique von Jugendlichen“,
„Mitgliedschaft in einem Verein“, sowie „Anteil der Freunde, die im eige-
nen Stadtviertel wohnen“, als Ressource betrachtet werden können.

Tabelle 6.5: Zusammenhänge zwischen sozialem Kapital und Bekanntschaft


zwischen Täter und Opfer an unterschiedlichen Tatorten
Schule Stadtviertel Schulweg woandersb
Anteil Freunde nicht im SV 0,18** -0,03n.s. -0,01n.s. 0,00n.s.
Bekanntschaft Nachbarn -0,07n.s. 0,17** 0,04n.s. 0,06n.s.
Mitgliedschaft in Verein 0,01n.s. 0,01n.s. 0,19** 0,03n.s.
Mitgliedschaft in Clique 0,05n.s. -0,04n.s. -0,07n.s. 0,16**
a
Signifikanz (Tau-B):n.s.: nicht signifikant; **: p<0,01
b
Zusammengefasst sind Tatorte wie Wald, Park, Freizeitgelände, Jugendzentrum,
Sportgelände, Bus, U-Bahn, Zug, Haltestellen, Disco, Kneipe, Spielhalle

Tabelle 6.5 gibt den Zusammenhang zwischen der Bekanntschaft von Op-
fer und Täter vor der Tat in Abhängigkeit von unterschiedlichen Ressour-
cen des Opfers, getrennt nach unterschiedlichen Tatorten, wieder. Damit
soll die Frage beantwortet werden, ob soziales Kapital kontextabhängig ist,
also unterschiedliche Formen sozialen Kapitals an unterschiedlichen Tator-
ten jeweils einen Nutzen entfalten können. Dies scheint in der Tat der Fall
zu sein. Je größer der Anteil der Freunde des Opfers, die nicht im eigenen
Stadtviertel wohnen, desto größer die Chance, dass das Opfer den Täter bei
152

Konflikten in der Schule kennt.50 Die Ressource „Anteil der Freunde au-
ßerhalb des Stadtteils“ erleichtert jedoch ausschließlich die Täter-Opfer-
Bekanntschaft bei Delikten im Schulkontext, an allen übrigen Tatorten hat
sie keinen Einfluss auf diese Relation. Ähnliches gilt für die weiteren Res-
sourcen. Während sich hinsichtlich der Bekanntheit des Opfers in der
Nachbarschaft die bereits ausführlich besprochenen Zusammenhänge erge-
ben, vergrößert die Mitgliedschaft in einem Verein die Chance des Opfers,
den Täter bei Delikten auf dem Schulweg zu kennen. Opfer, die einer Cli-
que von Jugendlichen angehören, haben schließlich eine höhere Chance,
Täter an Tatorten außerhalb des Schul- und Stadtviertelkontextes zu ken-
nen. Das bedeutet, dass das soziale Kapital eines Opfers, das diesem eine
Bekanntschaft mit dem Täter ermöglicht, sich aus mehreren Ressourcen
zusammensetzt, deren Nutzen sich jeweils auf den spezifischen Personen-
kreis beschränkt, der an bestimmten Tatorten am häufigsten auftritt.

6.1.4 Mehrfachviktimisierung
Eine Reihe von Opferbefragungen hat gezeigt, dass analog zum Phänomen
der Mehrfach- oder Intensivtäter auch Mehrfachopfer existieren. Das be-
deutet, dass ein sehr geringer Anteil der Gesamtbevölkerung in weit über-
durchschnittlichem Maße durch Viktimisierungen betroffen ist (Hope u.a.
2001).

Tabelle 6.6: Konzentration von Opfererlebnissen: Anzahl und Anteil der Opfer
sowie Anzahl und Anteil der Viktimisierungen
Opfer Viktimisierungen
N % N %
Erste Viktimisierung 384 51,7 384 18,0
1 vorherige Viktimisierung 142 19,1 284 13,3
2-5 vorherige Viktimisierungen 156 21,0 627 29,3
6 und mehr vorherige Viktimisierungen 61 8,2 844 39,5

Tabelle 6.6 gibt die Anzahl der Opfer und den Anteil jeder Kategorie an
der Gesamtzahl der Opfer wieder, sowie den Anteil aller Viktimisierungen,
den diese auf sich vereinigen. Es zeigt sich, dass über die Hälfte (51,7%)

50
Dies lässt es zu, den Kehrwert des Indikators "Anteil der Freunde im Stadtviertel"
als Indikator für "Anteil der Freunde in der Schule" zu betrachten.
153

aller Opfer nur ein einziges Opfererlebnis innerhalb eines Jahres berichten.
Dennoch machen diese Opfererlebnisse nur 18% aller insgesamt berichte-
ten Opfererlebnisse aus. Dagegen vereinigen die 156 Opfer (21% aller
Opfer), die zusätzlich zu ihrem letzten Opfererlebnis bis zu fünf weitere
berichten, 29,3% aller Viktimisierungen auf sich. Die Gruppe der 8,2%
intensiv Viktimisierten schließlich, die sechs und mehr Viktimisierungen
zusätzlich zum letzten Opfererlebnis berichten, ist von 39,5% des Gesamt-
umfangs der Viktimisierung betroffen. Das bedeutet, dass 1,9% aller be-
fragten Jugendlichen 39,5% aller berichteten Opererlebnisse auf sich verei-
nigen. Auch in der in dieser Arbeit betrachteten Population von Jugendli-
chen gibt es demnach eine Subgruppe von Mehrfachopfern, die in besonde-
res starkem Maß von Viktimisierungen betroffen ist.

6.1.5 Räumliche Verteilung der Viktimisierung


In Abbildung 6.3 ist das Viktimisierungsrisiko der Probanden in Abhän-
gigkeit von räumlichen Eigenschaften des Stadtviertels bzw. der Gemeinde
des Opfers dargestellt.

Abbildung 6.3: Viktimisierungsrisiko nach Urbanität der Wohngegend und Aufent-


haltshäufigkeit des Opfers
Wohngegend

ländlich 21.6
16.5

suburban 27.2
25.5

urban 26
23.5

0 5 10 15 20 25 30

Aufenthalt in der Freizeit oft: Stadtviertel City

Weiterhin wurde unterschieden ob sich das Opfer in seiner Freizeit häufig


im eigenen Stadtviertel oder aber in der Innenstadt von Köln (bzw. Frei-
burg) aufhält. Die Vorhersagen des lifestyle-exposure Ansatzes von Hinde-
lang u.a. (1978) lassen sich dabei recht eindrücklich demonstrieren. Wäh-
rend ländliche Opfer, die sich in ihrer Freizeit meist in ihren ländlichen
Gemeinden aufhalten, das niedrigste Viktimisierungsrisiko tragen (16,5%
Prävalenzrate), steigt dieses für diejenigen an, die ihre Freizeit lieber in der
Freiburger Innenstadt verbringen. Dagegen liegt das Opferrisiko für Stadt-
154

jugendliche sowohl aus urbanen als auch aus suburbanen Wohngegenden


deutlich darüber. Doch auch bei diesen Probanden erhöht sich das Viktimi-
sierungsrisiko noch, falls Jugendliche ihre Freizeit an stark kriminalitätsbe-
lasteten Orten wie der Innenstadt verbringen.

Tabelle 6.7: Viktimisierungsrisiko nach Pendlerstatus der Befragten


Freiburg Einpendler Umland Signifikanza
Prävalenzrate 27,8% 21,9% 17,6% ***
n.s.
Inzidenz 2,9 3,4 3,0
Werte nur für Schüler aus Freiburg und dem Freiburger Umland
a
Prävalenz: Kontingenzkoeffizient; Inzidenz: F-Wert: n.s.: nicht signifikant; ***:
p<0,001

Ähnlich sind die Befunde, wenn man die Gruppe derjenigen Freiburger
Schüler betrachtet, die täglich vom Umland aus in eine Schule im Gebiet
der Freiburger Innenstadt einpendeln (vgl. Tabelle 6.7). Es zeigt sich, dass
die Umlandschüler, die auch auf dem Land zur Schule gehen, ein erheblich
geringeres Viktimisierungsrisiko tragen als Umlandschüler, die täglich in
die Stadt zur Schule pendeln. Letztere wiederum haben ein geringeres Risi-
ko als in der Stadt wohnende Schüler. Dieses beim Viktimisierungsindex
über alle drei Delikte beobachtbare Muster tritt in der gleichen Weise auf,
wenn man die einzelnen Delikte betrachtet. Interessant ist, dass die Inzi-
denz sich in keiner der drei Gruppen signifikant unterscheidet. Das bedeu-
tet, dass zwar in ländlichen Kontexten die Risikogruppe (population at
risk) derjenigen Jugendlichen, die überhaupt zum Opfer werden, kleiner ist
als in städtischen Wohngebieten, allerdings werden die ländlichen Opfer
nicht seltener viktimisiert als die städtischen oder die Einpendler.
Dagegen hat das Ausmaß der (kollektiven) sozialen Benachteiligung der
Wohngegend des Befragten keinen verstärkenden Einfluss auf dessen Vik-
timisierungsrisiko, wie aus Abbildung 6.4 hervorgeht. Die kollektive Be-
nachteiligung wurde als Index aus der Sozialhilferate und dem Anteil aus-
ländischer Bewohner des jeweiligen Stadtviertels aufgrund der amtlichen
Sozialdaten gebildet und den Individualdaten der befragten Jugendlichen
hinzugefügt. In urbanen Stadtviertelkontexten scheint die durch den sozia-
len Kontext gegebene soziale Benachteiligung das Viktimisierungsrisiko
sogar zu reduzieren (r=-0,05; p=0,12). Dies bedeutet jedoch für den Befund
des erhöhten Viktimisierungsrisikos bei individueller sozialer Benachteili-
gung, dass dies keineswegs auf das Wohnen in sozial benachteiligten Ge-
155

genden zurückgeführt werden kann (und damit auf kollektive soziale Be-
nachteiligung).51 Hier scheint also der routine-activity Ansatz eine bessere
Erklärung zu liefern, auch wenn dies nicht direkt geprüft werden kann.

Abbildung 6.4: Viktimisierungsrisiko nach Urbanität und sozialer Benachteiligung


der Wohngegend des Opfers
Wohngegend

ländlich 16,9

suburban 23,9
24,8

urban 21,7
27,7

0 5 10 15 20 25 30
Soziale Benachteiligung SV: niedrig hoch

Nur Probanden, die sich in ihrer Freizeit oft im eigenen Stadtviertel aufhalten; Angaben
in Prozent

6.1.6 Zusammenfassung: Viktimisierung in der MPI Jugendbefra-


gung 1999/2000
Viele der oben beschriebenen Befunde sind typisch für die Opfererfahrun-
gen von Jugendlichen und unterscheiden sich daher von den Erfahrungen
erwachsener Opfer. Man kann davon ausgehen, dass der überwiegende
Anteil der Fälle von Gewaltviktimisierung Bagatellen mit geringen Verlet-
zungen beim Opfer bzw. mit geringem Wert der Raubgüter sind. Dies zeigt
auch ein Blick auf die offene Abfrage nach der Art des geraubten Gegens-
tandes. In nahezu der Hälfte der Fälle wurden Geldbeträge entwendet.
Deutlich größere materielle Verluste durch den Raub von Kleidungsstü-
cken (10,2%) oder Sportartikeln und Fahrrädern (8,5%) kommen dagegen
seltener vor (Oberwittler u.a. 2001: 30). Die weitaus meisten Viktimisie-
rungen finden des Weiteren tagsüber statt und auch der Tatort ist den Schü-
lern in der Regel kein unbekannter Ort, sondern in 70% der Fälle im Schul-
oder Stadtviertelkontext oder aber auf dem Weg zwischen diesen zu finden.
Nicht überraschend sind Mädchen weitaus seltener Opfer von Gewaltdelik-

51
Es ist ebenfalls nicht der Fall, dass sich benachteiligte Jugendliche häufiger in der
Innenstadt aufhalten, so dass auch dieses Risikoverhalten ausgeschlossen werden kann.
156

ten als Jungen.


Auffällig ist ferner, dass Jugendliche mit einem Migrationshintergrund
aus Südosteuropa (Türkei und ehemaliges Jugoslawien) erheblich seltener
Opfer von Gewalttaten werden, dagegen deutlich häufiger als ihre deut-
schen Altersgenossen als Täter in Erscheinung treten (vgl. Abschnitt 7.1).
Dies könnte zum einen auf eine größere Unwilligkeit des Zugebens von
Opfererlebnissen hindeuten, bedingt durch (sub-) kulturelle Männlichkeits-
normen. Es könnte jedoch auch Ausdruck eines realen Trends in der ju-
gendlichen Gewaltkultur sein, nach dem vor allem Türkische Täter sich
gerade aufgrund ihrer gefürchteten Gewalttätigkeit erheblich besser vor
eigener Viktimisierung schützen können (Kirbach 2003). Ein sehr hoher
Anteil der Gewalttaten spielt sich jedenfalls zwischen Jugendlichen unter-
schiedlicher ethnischer Herkunft ab. Jugendliche, die sich in ihrer Freizeit
häufig in der jeweiligen Innenstadt Freiburgs bzw. Kölns aufhalten, haben
ein deutlich höheres Viktimisierungsrisiko als Jugendliche, die sich in der
Nähe ihrer Wohnung aufhalten. Dies zeigt sich auch beim Vergleich der
Freiburger Schüler mit den Kontrastgruppen der Umlandschüler sowie der
Einpendler. Es zeigt sich ferner, dass Schüler aus urbanen Wohnorten vor
allem an nicht vertrauten Tatorten den Täter viel häufiger kennen, als dies
bei Jugendlichen mit urbanen oder suburbanen Wohnorten der Fall ist. Es
konnte allerdings kein eindeutiger Zusammenhang zwischen einzelnen
Indikatoren des sozialen Bindungskapitals der Jugendlichen sowie der Be-
kanntschaft zwischen Opfer und Täter nachgewiesen werden. Vielmehr
scheinen je nach Tatort unterschiedliche Aspekte der Beziehungsnetzwerke
die Chance des Jugendlichen, auf einen bekannten Täter zu treffen, zu ver-
mitteln.

6.2 Viktimisierungen und Anzeigebereitschaft nach Deliktart


Die folgenden Analysen geben einen Überblick über den Umfang von Vik-
timisierung sowie der Sanktionierung durch eine Anzeige. In Tabelle 6.8 ist
die Häufigkeit einer Anzeige in Abhängigkeit von der Person des Anzeige-
erstatters dargestellt. Grundlage sind wiederum die ausführlichen Angaben
der Opfer zum jeweils letzten erlebten Delikt.
Es zeigt sich, dass nur auf 16,5% der Viktimisierungen entweder vom
Opfer selbst oder durch Dritte mit einer Anzeige reagiert wurde. Im Unter-
schied zur Untersuchung von Elsner u.a. (1998: 154) fällt der relativ hohe
Anteil von Jugendlichen in unserer Untersuchung auf, bei denen die Anzei-
157

ge durch die Eltern erstattet wurde (38% gegenüber 9%).52 Fasst man je-
doch die durch das Opfer selbst oder dessen Eltern erstatteten Anzeigen
zusammen, so gelangt man zu einer „Selbstanzeigequote“ von 85%, die
sich sowohl mit der Untersuchung ähnlicher Jugendpopulationen durch
Elsner u.a. (88,7%), als auch von Erwachsenen durch Busch u.a. (1990)
deckt. Auch bei Jugendlichen kann daher davon ausgegangen werden, dass
der wichtigste Filter beim Übergang von Taten und Tätern aus dem Dun-
kelfeld ins Hellfeld das Anzeigeverhalten des Opfers ist.

Tabelle 6.8: Verteilung der Antworten des Items „Hat Polizei davon erfahren?“
Insgesamt Nur anzeigende Opfer
nein 82,9% -
ja, von mir 7,4% 45,3%
ja, von Eltern 6,4% 39,1%
ja, von anderen 2,6% 15,6%
weiss nicht 0,8% -
N 782 128
Zusammenfassung von Raub, Erpressung und Körperverletzung

Tabelle 6.9 zeigt das Ausmaß der Viktimisierung und die Anzeigeneigung
in der Stichprobe nach Deliktart. Die beobachteten Prävalenzraten der Vik-
timisierung bei den einzelnen Delikten liegen im Rahmen der Ergebnisse
aus anderen Schülerbefragungen (z.B. Pfeiffer u.a. 1998: 61; Mansel &
Hurrelmann 1998), allerdings liegen die Angaben zur Erpressung deutlich
über den in diesen Studien berichteten Raten.53 Dies mag nicht zuletzt da-
mit zusammenhängen, dass in vorliegender Studie unter das Delikt der
Erpressung auch Nötigungsakte subsumiert wurden, kann aber auch auf
einer realen Zunahme oder lokalen Konzentration dieses Deliktes in unse-
rer Stichprobe beruhen.

52
Allerdings ist unklar, ob sich die hier gebrauchten Kategorien mit denjenigen bei
Elsner u.a. (1998: 154) decken. Die jugendlichen Opfer, die dort selbst Anzeige erstatte-
ten, waren nämlich „teilweise in Begleitung der Eltern“. Es ist gut möglich, dass einige
unserer Befragten eine solche Situation als „Anzeige durch die Eltern“ interpretiert
haben.
53
Es sei noch angemerkt, dass sich in vorliegender Studie, im Unterschied zur Un-
tersuchung von Pfeiffer u.a. (1998: 71) keine dramatischen Abweichungen zwischen
den Anzeigeraten insgesamt und derjenigen des letzten Deliktes (im Opfer Follow-Up)
zeigen.
158

Während ein Viertel der Probanden mindestens ein Opfererlebnis berichte-


te, haben von diesen Viktimisierten ein Fünftel mindestens ein Mal Anzei-
ge erstattet. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Anzeigera-
ten bei dem Delikt mit der niedrigsten Prävalenz und Inzidenz (Raub) am
höchsten sind, während die beiden Delikte mit der höheren Prävalenzrate
und Inzidenz (Erpressung und Körperverletzung) erheblich niedrigere An-
zeigeraten aufweisen. Das bedeutet für die Hell-Dunkelfeld-Relation, also
den Anteil der Delikte, die aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld gelangen, dass
das Hellfeld Delikte umso stärker unterschätzt, je häufiger diese Delikte
begangen werden. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass es einen Zusam-
menhang zwischen faktischer und kognitiver Geltungsstruktur von Normen
gibt, d.h. die Jugendlichen zeigen diejenigen Normverstöße seltener an, die
häufiger vorkommen, weil aufgrund des häufigeren Vorkommens die
Norm als „weicher“ wahrgenommen wird als eine Norm, welche seltener
auftretendes Verhalten reguliert. Eine andere Möglichkeit wäre, dass je
nach Delikt unterschiedliche Möglichkeiten der Konfliktregulierung offen
stehen; darauf wird im Folgenden noch näher eingegangen. In jedem Fall
jedoch zeigt dieses Ergebnis, dass selbst unter der Haltung eines naiven
Positivismus gegenüber Delinquenz (also der Annahme, dass Taten als
solche außerhalb von juristischen Konstruktionen existieren) ein konstantes
Verhältnis zwischen Hell- und Dunkelfeld nicht postuliert werden kann.

Tabelle 6.9: Prävalenz und Inzidenz selbstberichteter Viktimisierung (SRV) und


selbstberichteter Anzeigehäufigkeiten
Raub Erpressung KV Gesamt
Prävalenzrate SRV (in %) 7,5 11,6 10,3 24,0
Anzeigerate (% der Opfer)a 31,7 19,5 16,3 21,0
Anzeigerate (% der Opfer)b 25,3 13,2 14,9 17,1
Inzidenz Viktimisierung 471 683 712 1866
Inzidenz Anzeigen 96 74 56 226
Anzeigerate (% der Fälle) 20,4 10,8 7,9 12,1
a
Anteil der Opfer mit mindestens einer Anzeige; alle Delikte
b
Anteil der Opfer mit mind. einer Anzeige; nur letztes Delikt

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden Anzeigeraten nach Täter- und Op-
ferperspektive sowie nach Prävalenz und Inzidenz unterschieden. Aus der
Täterperspektive soll dabei von Registrierungsraten, aus der Opferperspek-
tive von Anzeigeraten gesprochen werden. Die Registrierungsratep gibt
159

an, wie hoch der Anteil der Jugendlichen, an den Tätern ist, die eine poli-
zeiliche Registrierung selbst angeben. Die Registrierungsratei gibt den
Anteil der Fälle von Delinquenz an, die der Polizei bekannt werden und
denen ein Täter zugeordnet werden kann. Die Anzeigeratep gibt an, wie
hoch der Anteil der Befragten an den Opfern ist, der Anzeige erstattet hat.
Die Anzeigeratei gibt an, wie hoch der Anteil der Fälle von Viktimisierun-
gen ist, in denen Anzeige erstattet wurde. Die Inzidenzen von Anzeigenei-
gung (aus der Opferperspektive) und Registrierungsrisiko (aus der Täter-
perspektive) wurden wie folgt berechnet. Zunächst wurden die Summen
der Polizeikontakte durch die Summen der selbstberichteten Viktimisierun-
gen bzw. der selbstberichteten Delinquenz dividiert und mit 100 multipli-
ziert. Dieser Indikator gibt den prozentualen Anteil der Hellfelddelinquenz
an der Delinquenz bzw. Viktimisierung überhaupt an. Allerdings wird da-
bei noch nicht berücksichtigt, dass demselben Verhältnis unterschiedliche
Häufigkeiten zugrunde liegen können. Beispielsweise führt die Entdeckung
von 10 von 100 Taten zum selben Wert auf der Skala der Hell-
Dunkelfeldrelation wie die Entdeckung von 1 von 10 Taten. Aus diesem
Grund wurde bei sämtlichen Berechnungen der Indikator mit der Anzahl
der zugrundeliegenden selbstberichteten Viktimisierungen bzw. der selbst-
berichteten Delinquenz gewichtet.

6.3 Anzeige- und Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaf-


ten der Tatsituation
Die folgenden Tabellen zeigen Ergebnisse des Konfliktlösungsverhaltens
nach unterschiedlichen Einflussgrößen, die im theoretischen Teil dieser
Arbeit identifiziert wurden. Dabei wird wiederum das Anzeigeverhalten
aus der Opferperspektive betrachtet und zwar ausführlich für das letzte
vom Opfer berichtete Delikt, für welches die Follow-Up-Fragen vorliegen.
Sämtliche Informationen über den Täter stammen also in der Regel eben-
falls von Angaben des Opfers. Methodisch wurde wie folgt vorgegangen:
Die Prozentangaben wurden durch Kreuztabellierung einer kategorialen
Variable „Lösungsverhalten“ mit den Ausprägungen „Anzeige“, „Selbst-
justiz“ usw. und den damit zusammenhängenden Variablen gewonnen. Für
die Signifikanzangaben dagegen habe ich auf sechs Dummyvariablen zu-
rückgegriffen, die jeweils die Information „Lösungsverhalten gewählt ja
oder nein“ enthielten. Die Signifikanzen beziehen sich also auf den Test
eines Konfliktlösungsverhaltens gegenüber allen anderen zusammen und
160

nicht auf den Test eines Verhaltens im Kontext der einzelnen übrigen. Dies
ist methodisch nicht korrekt, lässt sich aber meines Erachtens damit recht-
fertigen, dass hier ja noch keine strengen Hypothesentests durchgeführt,
sondern zunächst einmal Eindrücke und Hinweise für multivariate Analy-
sen gewonnen werden sollen.

6.3.1 Deliktart
Betrachtet man die Ergebnisse für das Konfliktlösungsverhalten beim letz-
ten Delikt (Tabelle 6.10), so stellt man fest, dass die Delikte mit einer eher
niedrigeren Anzeigerate (Erpressung und Körperverletzung) relativ hohe
Angaben für die informelle Einigung aufweisen, während diese Lösung
von Raubopfern eher seltener gewählt wird. Anzeige und informelle Eini-
gung verhalten sich in diesem Fall also komplementär zueinander.

Tabelle 6.10: Konfliktlösungsverhalten nach Deliktart


Raub Erpres- Körper- Gesamt Korrelationa
sung verletzg.
Anzeige 25,4 13,5 15,0 16,9 0,13***
informelle Einigung 14,7 19,2 22,1 19,4 0,07n.s.
Selbstjustiz 5,1 1,5 6,2 4,4 0,10*
Aktion 45,2 34,2 43,3 40,6 0,10*
kein Vertrauen Polizei 29,9 25,0 31,5 28,9 0,06n.s.
Angst vor Folgen 11,3 14,6 13,1 13,2 0,04n.s.
Resignation 34,5 33,1 38,0 35,5 0,05n.s.
Bagatellisierung 46,9 60,4 56,4 55,5 0,10*
N 177 260 321 758
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Kontingenzkoeffizienten;n.s.: nicht signifikant; *: p<0,01; ***
p<0,001

Betrachtet man den Anteil der aktiven Konfliktbewältigung zusammen, so


zeigt sich, dass dieser bei Nötigungs- und Erpressungsdelikten erheblich
niedriger liegt als bei Köperverletzungs- und Gewaltdelikten. Dies könnte
daran liegen, dass bei Raub- und Körperverletzungen tatsächlich Gewalt
ausgeübt wurde und ein Schaden entstanden ist, während bei Nötigungs-
und Erpressungsdelikten der Täter zunächst nur damit droht, Gewalt anzu-
wenden. Ist jedoch keine Gewalt ausgeübt worden, so könnte der entstan-
161

dene Schaden als geringer einschätzt werden, was sich auch am sehr hohen
Ausmaß der Bagatellisierung bei Erpressungsdelikten zeigen lässt.

6.3.2 Deliktschwere
Wie in den bisher durchgeführten Studien (vgl. Abschnitt 2.1.2) tritt erwar-
tungsgemäß auch in der MPI Schülerbefragung 1999/2000 ein deutlicher
Zusammenhang zwischen Deliktschwere und Anzeigeneigung auf. Dieser
ist jedoch nur bei Raubdelikten linear (vgl. Tabelle 6.11), während bei
Körperverletzungen kein eindeutiger Trend erkennbar ist (vgl. Tabelle
6.12).

Tabelle 6.11: Konfliktlösungsverhalten nach Wert des Gegenstandes bei Raub


und Erpressung
unter 20 20-50 50-100 über 100 Korrelationa
DM DM DM DM
Anzeige 13,0 25,0 27,3 32,7 0,19***
informelle Einigung 19,3 14,1 15,2 12,7 -0,07n.s.
Selbstjustiz 2,1 1,6 9,1 5,5 0,08n.s.
Aktion 34,4 40,6 51,5 50,9 0,13**
kein Vertrauen Polizei 24,6 32,8 33,3 29,1 0,07n.s.
Angst vor Folgen 11,2 12,5 15,2 23,6 0,09+
Resignation 30,2 39,1 39,4 41,8 0,10*
Bagatellisierung 65,3 42,2 39,4 25,5 -0,28***
N 285 64 33 55
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b;n.s.: nicht signifikant; +: p<0,10; *: p<0,05; **: p<0,01;
***: p<0,001

Eine Lösung durch informelle Einigung scheint bei Raubdelikten tenden-


ziell eher möglich zu sein, falls der Wert des Gegenstandes geringer ist,
während die Deliktschwere bei Körperverletzungen keinen Einfluss auf
diese Lösung hat. Dagegen ist in beiden Fällen ein deutlicher Anstieg der
Selbstjustiz mit zunehmender Deliktschwere feststellbar. Vor allem bei
Körperverletzungen, schwächer ausgeprägt bei Raubdelikten ist mit zu-
nehmender Deliktschwere ein Anstieg der aktiven Konfliktbewältigung
verbunden. Da mit zunehmender Deliktschwere eine Bagatellisierung im-
mer schwieriger wird, bleibt den Jugendlichen mit passiven Konfliktlö-
162

sungsstrategien nur die Resignation. Entsprechend steigt sowohl beim


Raub, vor allem jedoch bei Körperverletzungen der Anteil derjenigen Op-
fer, die aufgrund mangelnden Vertrauens in die polizeiliche Lösungskom-
petenz oder aus Angst vor Folgen auf eine Anzeige verzichtet haben. Es ist
jedoch auffällig, dass sowohl bei Raub als auch bei Körperverletzungen in
der schwersten Deliktkategorie immerhin noch ein Drittel der Befragten zu
Bagatellisierungen neigen und behaupten, das Delikt sei nicht so schlimm
gewesen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die subjektive Einschätzung der
Deliktschwere eben nicht nur von der objektiven Schadenshöhe, sondern
auch durch andere soziale Faktoren beeinflusst wird.

Tabelle 6.12: Konfliktlösungsverhalten nach Schwere der Verletzung bei Köper-


verletzung und Raub
nicht so 3 Tage Arzt erfor- Korrelationa
schlimm Schmerzen derlich
Anzeige 17,9 14,0 33,3 0,05n.s.
informelle Einigung 17,6 24,8 17,5 0,05n.s.
Selbstjustiz 3,8 8,5 10,5 0,11*
Aktion 39,4 47,3 61,4 0,13**
kein Vertrauen Polizei 25,3 44,2 31,6 0,13**
Angst vor Folgen 9,3 19,4 14,0 0,11*
Resignation 30,4 51,2 38,6 0,14***
Bagatellisierung 63,8 41,9 19,3 -0,29***
N 312 129 57
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b: n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***:
p<0,001

Weder bei Raubdelikten noch bei Körperverletzungen konnten dagegen


signifikante Zusammenhänge zwischen der Bagatellisierung und der sozia-
len Benachteiligung der Eltern beobachtet werden. Wenn Jugendliche tat-
sächlich den Schaden nach der relativen Schwere beurteilen würden, also
nach dem Verlust in Relation zu ihrer Fähigkeit, diesen wieder problemlos
ersetzen zu können, so sollten Jugendliche aus sozial benachteiligten Fami-
lien vor allem bei schweren Vermögensschäden dazu neigen, diese weniger
zu bagatellisieren als Jugendliche aus nicht benachteiligten Familien. Auch
hinsichtlich der anderen Konfliktlösungsstrategien konnten keine Interakti-
onseffekte nachgewiesen werden, insbesondere zeigten sozial benachteilig-
163

te Jugendliche schwere Schäden nicht häufiger an als nicht benachteiligte


Jugendliche.

6.3.3 Tatzeit und Tatort


In Abschnitt 4.1.3 wurde vermutet, dass Zeitpunkt und Ort der Viktimisie-
rung vor allem auf die Definition eines Konfliktes Einfluss ausüben. Dies
ist aus Tabelle 6.13 nicht unmittelbar ersichtlich. Deutliche Hinweise dar-
auf gibt jedoch die Beobachtung, dass die Anzeigerate bei Delikten, die
sich nachts ereignen, signifikant zunimmt, während die Bewältigung durch
Bagatellisierung signifikant abnimmt. Ebenso wie die Vertrautheit des
Ortes (vgl. Tabelle 6.14) könnte also die Tatzeit die Definition des Deliktes
als „schwerwiegend“ und „anzeigewürdig“ beeinflussen. Dies zeigt sich
insbesondere auch in der signifikanten Abnahme der Bagatellisierungsnei-
gung bei nächtlichen Viktimisierungserlebnissen gegenüber solchen, die
tagsüber geschehen.

Tabelle 6.13: Konfliktlösungsverhalten nach dem Zeitpunkt der Viktimisierung


tagsüber abends nachts Korrelationa
Anzeige 14,8 21,2 23,9 0,09*
informelle Einigung 21,7 14,7 11,3 -0,10**
Selbstjustiz 2,7 6,5 11,3 0,13**
Aktion 39,1 42,4 46,5 0,04n.s.
kein Vertrauen Polizei 23,8 41,2 33,8 0,14***
Angst vor Folgen 12,7 12,9 16,9 0,02n.s.
Resignation 31,1 45,3 40,8 0,12**
Bagatellisierung 59,8 52,4 33,8 -0,14***
N 488 170 71
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b:n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01;
***: p<0,001

Dagegen findet in Anhängigkeit von der Tatzeit nur eine geringe Zunahme
der aktiven Bewältigung statt (von 39,1% tagsüber auf 46,5% nachts), un-
bekanntere Tatorte dagegen können die aktive Bewältigung überhaupt nicht
ausweiten. Eine signifikante Zunahme in der Anzeigeneigung (und Selbst-
justiz) wird also durch den ebenso signifikanten Rückgang in der Bewälti-
gung durch informelle Einigung kompensiert. Dass die Viktimisierungen
164

an unbekannten Orten und zu nächtlicher Zeit nicht zu einem noch stärke-


ren Anstieg in der Anzeigeneigung führen, liegt an der Vermutung der
Opfer, die Polizei könne doch nichts unternehmen.
Nun könnte jedoch der Effekt der Tatzeit auf den des Tatortes zurück-
führbar sein: Es ist immerhin sehr unwahrscheinlich, dass Jugendliche
nachts in der Schule oder auf dem Schulweg, also an eher vertrauten Orten
viktimisiert werden. In der Tat besteht ein sehr signifikanter Zusammen-
hang zwischen Tatzeit und Vertrautheit des Tatortes. Während tagsüber
54% aller Viktimisierungen im Stadtviertel oder in der Schule passieren,
sinkt dieser Anteil auf 25% in der Nacht.

Tabelle 6.14: Konfliktlösungsverhalten nach dem Tatort


Schule Stadtviertel Schulweg woanders Korrelationa
Anzeige 7,5 17,1 16,9 23,0 0,12***
informelle Einigung 32,2 19,5 17,6 11,3 -0,16***
Selbstjustiz 2,1 6,2 3,5 5,2 0,03n.s.
Aktion 41,8 42,9 38,0 39,4 -0,02n.s.
Kein Vertrauen Pol. 21,2 32,4 28,9 31,9 0,06+
Angst vor Folgen 11,0 12,9 16,9 10,8 0,00n.s.
Resignation 25,3 38,1 37,3 38,0 0,07*
Bagatellisierung 66,4 55,2 53,5 50,2 -0,10**
N 146 210 142 213
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b: n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01;
***: p<0,001

Eine dreidimensionale Tabelle des Konfliktlösungsverhaltens unter Be-


rücksichtigung von Tatort und -zeit zeigt auf, dass hier Interaktionseffekte
vorliegen. Während die Tatzeit an eher unvertrauten Orten (Schulweg und
andere Orte) für das Konfliktlösungsverhalten keine Rolle spielt, nimmt an
vertrauten Orten die Anzeigeneigung sehr signifikant (r=0,20) zu, je später
am Abend das Delikt geschieht, während informelle Lösungen sehr signifi-
kant (r=-0,15) abnehmen (vgl. Abbildung 6.5). Die Neigung zur Selbstjus-
tiz steigt dagegen unabhängig vom Tatort an, je später der Tatzeitpunkt
liegt.
165

Abbildung 6.5: Interaktionseffekte bei vier Konfliktlösungen zwischen Tatzeit und


Vertrautheit mit dem Tatort
Anzeige informelle Einigung
40 30
25
30
20
20 15
10
10
5
0 0
tagsüber am Abend nachts tagsüber am Abend nachts
Tatort vertraut: ja nein Tatort vertraut: ja nein

Selbstjustiz Bagatellisierung
15 70
60
10 50
40
30
5 20
10
0 0
tagsüber am Abend nachts tagsüber am Abend nachts
Tatort vertraut: ja nein Tatort vertraut: ja nein

Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich

Eine weitere mögliche Erklärung für den Zusammenhang der Konfliktlö-


sungsstrategien mit der Tageszeit könnte sein, dass Abends und nachts vor
allem Viktimisierungen durch dem Opfer fremde Täter stattfinden und
daher informelle Strategien weniger Erfolg haben. Es besteht tatsächlich
ein sehr signifikanter Zusammenhang zwischen der Tatzeit und der Be-
kanntschaft zwischen Täter und Opfer (r=-0,21). Geben von den tagsüber
Viktimisierten immerhin 79,8% an, den Täter mindestens vom Sehen ge-
kannt zu haben, so sinkt dieser Anteil auf 55,6% der nachts Viktimisierten.
Betrachtet man jedoch das Konfliktlösungsverhalten nach der Tatzeit und
Bekanntschaft mit dem Täter (ohne Tabelle), so zeigt sich, dass die Anzei-
gerate bei Delikten, die nachts an vertrauten Orten passieren erheblich
ansteigt – unabhängig davon, ob sich Täter und Opfer kennen. Einzig bei
Delikten an weniger vertrauten Orten sinkt die Anzeigerate zwischen be-
kannten Konfliktbeteiligten. Konsistenter verhält sich dagegen der Zusam-
menhang zwischen informeller Einigung und Tatzeit. Sowohl an vertrauten
als auch an unvertrauten Orten sinkt der Anteil der informellen Einigung an
den Konfliktlösungen ab, je später die Tatzeit ist – während Tatzeit und
166

Tatort bei unbekannten Tätern die ohnehin schon sehr niedrige Anzahl
informeller Einigungen nicht weiter vermindern können.
Die häufigere Konfliktbewältigung mittels Selbstjustiz bei nächtlichen
Opfererlebnissen kann auch darauf zurückgeführt werden, dass nachts in
größerem Ausmaß Jugendliche viktimisiert werden, die in delinquenten
Cliquen unterwegs sind und aus diesem Grund eher zur Selbstjustiz neigen
(vgl. Tabelle 6.21). Während tagsüber nur 23,2% aller Opfer Mitglied in
einer delinquenten Clique sind, beträgt dieser Anteil bei nachts viktimisier-
ten über die Hälfte (r=0,19; p<0,001).
Auch die Abnahme des Vertrauens in die polizeiliche Lösungskompe-
tenz bei nächtlichen Delikten und bei Opfererlebnissen an unbekannten
Orten könnte Ausdruck dessen sein, dass die Opfer relativ gut wissen, dass
die Polizei in Konstellationen mit einem unbekannten Täter keine Hand-
lungsmöglichkeiten hat.
Eine getrennte Betrachtung der beiden Erhebungsgebiete Freiburg und
Köln erbrachte keinerlei signifikante Unterschiede in den Zusammenhän-
gen, was die Robustheit der Ergebnisse untermauert.

6.3.4 Anzahl der Täter


Viktimisierungen, bei denen mehr als 3 Täter beteiligt sind, sind häufig auf
jugendliche Banden zurückzuführen. Ersichtlich ist dies daraus, dass von
den Opfern, die nur von einem Täter viktimisiert wurden, nur 35,6% eine
Jugendgang in ihrem Stadtviertel kennen, während eine solche bei 4 und
mehr Tätern immerhin 55,8% der Opfer bekannt ist (r=0,15; p<0,001).
Analog zu Tatzeit und –ort beeinflusst auch die Anzahl der Täter das
Konfliktlösungsverhalten und damit mutmaßlich die Situationsdefinition
durch das Opfer (vgl. Tabelle 6.15). Sind vier oder mehr Täter beteiligt, so
steigen Anzeige- und Selbstjustizrate auf mehr als das Doppelte gegenüber
Fällen mit nur einem Täter an. Zugleich sinkt jedoch die Bewältigung
durch informelle Einigung nur unwesentlich ab. Je mehr Täter an einem
Delikt beteiligt sind, desto schwerwiegender scheint das Opfer dies einzu-
schätzen; dies drückt sich auch in der stark abnehmenden Bagatellisie-
rungsneigung aus. Zugleich nimmt jedoch mit der Täteranzahl auch die
Resignation beim Opfer zu. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass viele
Täter ein größeres Drohpotential entfalten und damit beim Opfer Angst vor
den Folgen einer Anzeige hervorrufen können als ein einzelner Täter.
167

Tabelle 6.15: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der Täter


einer 2-3 4 und mehr Korrelationa
Anzeige 10,7 19,8 23,2 0,13***
informelle Einigung 22,8 17,7 18,6 -0,05n.s.
Selbstjustiz 2,9 5,6 6,2 0,06+
Aktion 36,5 43,1 48,0 0,09*
kein Vertrauen Polizei 23,5 30,2 34,5 0,10**
Angst vor Folgen 10,1 11,6 20,3 0,10**
Resignation 30,3 36,6 41,8 0,09**
Bagatellisierung 68,7 50,0 40,7 -0,22***
N 307 232 177
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b: n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01;
***: p<0,001

6.4 Anzeige- und Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaf-


ten des Opfers
Zusammenhänge des Anzeigeverhaltens mit Eigenschaften des Opfer kön-
nen nicht nur für das letzte berichtete Delikt, für das detaillierte Informati-
onen abgefragt wurden berichtet werden, sondern auch für die Skala der
Viktimisierung insgesamt. Die folgende Betrachtung von Zusammenhän-
gen des Anzeigeverhaltens mit Opfereigenschaften beschränkt sich daher
nicht nur auf eine Analyse der jeweils letzten erfahrenen Delikte, sondern
zieht auch Anzeigerateni und Anzeigeratenp aufgrund aller berichteten Vik-
timisierungen heran.

6.4.1 Alter des Opfers


Es konnten keine signifikanten Unterschiede im Anzeige- und Konfliktlö-
sungsverhalten nach dem Alter der Jugendlichen gefunden werden. Dies ist
jedoch nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich im Sam-
ple Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren befinden, während die
bisher gefundenen Altersunterschiede in der Regel zwischen den Alters-
gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen auftreten, nicht jedoch wäh-
rend kurzer Altersspannen innerhalb der Jugend (vgl. Abschnitt 2.2.1.1).
168

Einzig der Nichtanzeigegrund der „Angst vor den Folgen einer Anzeige“
nimmt mit zunehmendem Alter der Pobanden signifikant von 18,5% bei 13
Jährigen auf 10,5% bei 16 Jährigen ab (r=-0,07; p<0,05).

6.4.2 Geschlecht des Opfers


Betrachtet man zunächst die Prävalenz und Inzidenzraten der Anzeigehäu-
figkeit insgesamt, so zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen männ-
lichen und weiblichen Opfern. Während 22,4% aller Jungen bei einer Vik-
timisierung im vergangenen Jahr Anzeige erstattet haben, sind dies bei den
Mädchen nur 14,3% (r=0,1; p<0,01). Auch die Inzidenz liegt mit 14,4% bei
den Jungen deutlich über derjenigen von 6,1% bei den Mädchen.

Tabelle 6.16: Konfliktlösungsverhalten nach dem Geschlecht des Opfers


Junge Mädchen Korrelationa
Anzeige 18,6 13,7 0,06+
informelle Einigung 16,3 25,1 0,11**
Selbstjustiz 6,6 0,4 0,14***
Aktion 41,5 39,1 0,03n.s.
Kein Vertrauen 28,7 29,2 0,01n.s.
Angst vor Folgen 11,4 16,6 0,07*
Resignation 34,7 36,9 0,02n.s.
Bagatellisierung 53,3 59,8 0,06n.s.
N 484 271
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Kontingenzkoeffizienten;n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001

In der MPI-Schülerbefragung 1999/2000 treten also vergleichbare Unter-


schiede nach Geschlecht auf wie bei den KFN-Befragungen von jugendli-
chen Opfern (vgl. Abschnitt 2.2.2.2). Nicht bestätigt werden konnte dage-
gen die von verschiedenen anderen Studien festgestellte höhere Anzeige-
neigung von Frauen bei Gewaltdelikten, wobei dies wohl darauf zurück-
führbar ist, dass dieser Effekt erst bei erwachsenen Frauen auftritt.
Betrachtet man die Zusammenhänge in Tabelle 6.16 genauer, so zeigt
sich ein signifikanter Zusammenhang auch bei den Konfliktlösungsstrate-
gien „informeller Einigung“ und „Selbstjustiz“. Während Jungen deutlich
seltener zu einer einvernehmlichen Regelung der Viktimisierung gelangen
169

als Mädchen, greifen letztere fast nie zum Mittel der Selbsthilfe. Dies
könnte ein Hinweis auf geschlechtsspezifische Ressourcen wie einerseits
Macht zur Selbsthilfe und andererseits soziale Netzwerke zur informellen
Regelung sein. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Jungen im selben
Umfang über soziales Kapital verfügen als Mädchen, dies jedoch nicht im
gleichen Umfang zur Bewältigung der Opererfahrung nutzen, da ihnen
zusätzlich die Selbstjustiz als direktes Vergeltungsmittel zur Verfügung
steht. Addiert man Anzeige und Selbstjustiz, so wird jedoch offensichtlich,
dass Jungen eher zu den Täter schädigenden Lösungen neigen (25,2% ge-
genüber 14,1% bei Mädchen). Insgesamt jedoch greifen Jungen und Mäd-
chen gleich oft zu einer aktiven Bewältigung des Konfliktes, bei der nur
das „Wie“ geschlechtspezifisch ausfällt. Die Angaben zur Bagatellisierung
deuten darauf hin, dass Jungen Delikte tendenziell schwerwiegender beur-
teilen als Mädchen, was jedoch darauf zurückzuführen sein könnte, dass
Delikte gegenüber Jungen mit mehr Gewalt verbunden sind als solche ge-
genüber Mädchen.

6.4.3 Ethnische Herkunft des Opfers


Hinsichtlich der ethnischen Herkunft des Opfers zeigt sich eine gewisse
Inkonsistenz in den Anzeigeraten, je nachdem, ob die Raten für das letzte
Delikt oder das letzte Jahr insgesamt betrachtet werden. Während die Prä-
valenzraten im Jahreszeitraum für fremdethnische Opfer (11,4%) gut mit
den Angaben für das letzte Delikt übereinstimmen, liegt der Jahreswert für
deutsche (21%) und Aussiedlerjugendliche mit 15,8% leicht über bzw.
unter den Angaben für das letzte Delikt (vgl. Tabelle 6.17). Dagegen liegt
die Inzidenzrate im Jahreszeitraum bei ausländischen Jugendlichen am
höchsten (18,9%), während sie bei den Aussiedlern am niedrigsten ist
(7,7%) und die deutschen Jugendlichen einen mittleren Platz einnehmen
(12,3%). Das bedeutet, dass bei Jugendlichen, deren ethnische Wurzeln in
der Türkei oder auf dem Balkan liegen, ein geringer Teil der Population
sehr häufig Anzeige erstattet. Umgekehrt sind Aussiedler grundsätzlich
eher bereit, Konflikte durch Anzeigen zu regeln, doch sie tun dies nur in
einem geringen Teil der Fälle. Diese Ergebnisse unterschieden sich von den
Befunden Pfeiffers u.a. (1998). Während in den Untersuchungen des KFN
türkischstämmige Jugendliche eine höhere Anzeigerate als deutsche auf-
wiesen, bestätigen die hier vorgestellten Ergebnisse diejenigen von
Schwind u.a. (2001), die für die Gesamtbevölkerung eine niedrigere An-
170

zeigerate bei Ausländern feststellten (vgl. Abschnitt 2.2.1.3).


Auffällig ist jedoch, dass türkische und jugoslawische Jugendliche in er-
heblich stärkerem Maße zur Selbstjustiz greifen als Aussiedler oder Ju-
gendliche mit deutschen Eltern. Ferner geben nichtdeutsche Jugendliche als
Grund für die Nichtanzeige überraschend seltener mangelndes Vertrauen in
die Lösungsfähigkeiten und Möglichkeiten der Polizei an als deutsche Ju-
gendliche.54 Dies spricht dagegen, dass die wiederholt postulierte Diskri-
minierung von ausländischen Jugendlichen durch die formelle Sozialkon-
trolle von den Jugendlichen als solche wahrgenommen wird (vgl. Mansel
1988b).

Tabelle 6.17: Konfliktlösungsverhalten nach der ethnischen Herkunft des Opfers


Deutsch- Aussiedler Türkei & Korrelationa
land Balkan
Anzeige 16,7 19,7 10,5 0,05n.s.
informelle Einigung 19,6 13,1 15,8 0,05n.s.
Selbstjustiz 3,8 4,9 15,8 0,13**
Aktion 40,1 37,7 42,1 0,02n.s.
kein Vertrauen Polizei 28,6 34,4 15,8 0,08n.s.
Angst vor Folgen 12,7 16,4 15,8 0,04n.s.
Resignation 35,5 41,0 28,9 0,05n.s.
Bagatellisierung 56,0 52,5 52,6 0,01n.s.
N 521 61 38
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Kontingenzkoeffizienten: n.s.: nicht signifikant; **: p<0,01

Eine eventuell vorhandene Diskriminierung von ausländischen Tätern hin-


dert also ausländische Opfer nicht am Zugang zur formellen Sozialkontrol-
le. Da sich die Jugendlichen unterschiedlicher Ethnie auch hinsichtlich der
informellen Konfliktregelung nicht voneinander unterscheiden, könnte der
Hauptgrund für die geringere Anzeigeneigung der türkischen und jugosla-
wischen Jugendlichen darin liegen, dass die Konflikte anderweitig (durch
Selbstjustiz) zur Zufriedenstellung des Opfers gelöst wurden.

54
Aufgrund der geringen Fallzahl der ausländischen Jugendlichen sind auch hohe
Prozentsatzdifferenzen wie im Fall des Vertrauens in die Polizei nicht signifikant.
171

6.4.4 Berufsprestige der Eltern des Opfers


Hinsichtlich des Berufsprestiges der Eltern des Opfers konnten keine signi-
fikanten Unterschiede im Anzeigeverhalten festgestellt werden. Weder bei
den Prävalenzraten noch bei den Inzidenzraten im Jahreszeitraum konnten
die in Abschnitt 2.2.1.4 berichteten Zusammenhänge nachvollzogen wer-
den.
Auch für das letzte erlittene Delikt ergab sich keine signifikante Tendenz
zu einer höheren Anzeigerate für Opfer aus Elternhäusern mit hohem oder
sehr hohem Berufsprestige (ohne Tabelle). Betrachtet man allerdings die
Angaben für die Stadt Freiburg getrennt, so erhält man eine signifikante
Steigerung der Anzeigerate mit dem Berufsprestige des Opfers. Umge-
kehrt, jedoch ebenfalls nicht signifikant ist der Zusammenhang von Selbst-
justiz und Berufsprestige der Eltern. Während 5,4% der Jugendlichen mit
dem niedrigsten Wegener-Prestige-Score angaben, das letzte Delikt durch
Selbstjustiz geregelt zu haben, gaben dies von den Jugendlichen aus der
höchsten Prestige-Klasse nur 2,6% an. Auch hinsichtlich der Bewältigung
durch Resignation oder Bagatellisierung weisen die Prestigegruppen keine
bedeutsamen Unterschiede auf.
Betrachtet man das Konfliktlösungsverhalten nach der besuchten Schul-
art als Indikator für das soziale Prestige des Opfers, so treten die Zusam-
menhänge etwas deutlicher hervor, werden jedoch ebenfalls meist nicht
signifikant.55 Selbstjustiz ist vor allem für Jugendliche aus Haupt- und
Sonderschulen ein Mittel der Konfliktbewältigung (6,5% gegenüber 2,7%
bei Gymnasiasten; p<0,05). Wie der vorige Abschnitt zeigte, ist Selbstjus-
tiz vor allem bei Jugendlichen fremdethnischer Herkunft ein häufig ange-
wandtes Konfliktbewältigungsmittel, diese finden sich jedoch wiederum
überdurchschnittlich häufig auf Hauptschulen. Die Bagatellisierung dage-
gen nimmt mit zunehmendem Sozialstatus leicht zu (von 52,1% bei Haupt-
schülern auf 59,1% bei Gymnasiasten).

55
Das Berufsprestige der Eltern ist nicht mit dem sozialen Prestige des jugendlichen
Opfers identisch. Es gibt jedoch insbesondere in Deutschland einen relativ engen Zu-
sammenhang zwischen Elternstatus und Bildung ihrer Kinder (Baumert u.a. 2001).
Andererseits klaffen diese jedoch auch mit zunehmendem Alter weiter auseinander
(Albrecht & Howe 1992). Das elterliche Berufsprestige kann insofern als Erklärung für
Handlungen der Jugendlichen herangezogen werden, als es einerseits den Schulstatus
der Jugendlichen determiniert und andererseits Einfluss auf deren Sozialisation genom-
men hat.
172

6.4.5 Soziale Benachteiligung der Eltern des Opfers


Der Index „individuelle soziale Benachteiligung“ wurde aus den Angaben
der Jugendlichen zum elterlichen Bezug von Sozialhilfe bzw. elterlicher
Arbeitslosigkeit gebildet (Oberwittler & Blank 2003: 151). Er zeigt im
Unterschied zur kollektiven Benachteiligung, die sich auf die soziale Be-
nachteiligung des Stadtviertels des Befragten bezieht, die unmittelbare
finanzielle Benachteiligung der Familie des Jugendlichen an. Während sich
bei den Prävalenzraten der Anzeige im Jahreszeitraum ähnlich wie beim
letzten Delikt keine bedeutsamen Unterschiede hinsichtlich der sozialen
Benachteiligung des Opfers zeigen, treten signifikante Unterschiede bei der
Inzidenz auf. Während Opfer ohne soziale Benachteiligung 12,1% aller
Fälle zur Anzeige bringen, zeigen benachteiligte Opfer nur 8% aller Vikti-
misierungen an. Über das im Abschnitt 6.1.2 festgestellte höhere Viktimi-
sierungsrisiko bei sozial marginalisierten Jugendlichen hinaus zeigen diese
zusätzlich weniger Delikte an als nicht benachteiligte Altersgenossen und
haben damit einen schlechteren Zugang zur formellen Sozialkontrolle.

Tabelle 6.18: Konfliktlösungsverhalten nach sozialer Benachteiligung der Eltern


des Opfers
weder AL noch AL und/oder Korrelationa
Sozialhilfe Sozialhilfe
Anzeige 17,0 15,7 -0,01n.s.
informelle Einigung 19,9 21,3 0,01n.s.
Selbstjustiz 5,0 1,6 -0,07*
Aktion 41,9 38,6 -0,02n.s.
kein Vertrauen Pol. 27,8 37,8 0,09*
Angst vor Folgen 13,3 14,2 0,01n.s.
Resignation 34,2 43,3 0,08+
Bagatellisierung 55,8 48,8 -0,06n.s.
N 482 127
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b;n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1

Interessant ist, dass sozial benachteiligte Jugendliche in signifikant geringe-


rem Umfang zur Selbsthilfe greifen als solche, deren Eltern keine Sozialhil-
fe beziehen und nicht arbeitslos sind. Sie haben zudem signifikant weniger
Vertrauen in die Lösungskompetenz der Polizei, was durch ein allgemein
173

größeres Misstrauen in staatliche Institutionen in den marginalisierten Be-


völkerungsteilen begründet sein könnte (Anderson 1999).
Allerdings ergeben sich bei einer Betrachtung nach einzelnen Ethnien
bedeutende Unterschiede im Anzeigeverhalten von individuell benachtei-
ligten versus nicht benachteiligten Jugendlichen. Betrachtet man zunächst
die Angaben zum Jahreszeitraum, so liegt die Anzeigerate (Prävalenz) bei
deutschen Jugendlichen, die nicht benachteiligt sind, mit 22% in etwa
gleich mit derjenigen von benachteiligten deutschen Jugendlichen (24,2%).
Auch die Inzidenzrate der angezeigten Delikte unterscheidet sich bei deut-
schen Jugendlichen nicht signifikant zwischen Jugendlichen ohne (12,9%)
und mit sozialer Benachteiligung (11,8%).

Abbildung 6.6: Interaktionseffekte zwischen Opferethnie und sozialer Benachtei-


ligung
Anzeige informelle Einigung
30 40

30
20
20
10
10

0 0
Benachtlg.: nein ja Benachtlg.: nein ja
deutsch Aussiedler deutsch Aussiedler
Balk./Türk. Balk./Türk.

Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich

Analog dazu ist der Befund beim letzten begangenen Delikt (vgl. Abbil-
dung 6.6). Dagegen ist bei Aussiedlern, vor allem aber bei Jugendlichen
türkischer und jugoslawischer Herkunft die Anzeigeneigung stark verrin-
gert, wenn deren Eltern sozial benachteiligt sind. Bei den Prävalenzraten
im Jahreszeitraum geht die Anzeigerate bei Aussiedlern von 16,7% (nicht
benachteiligte Eltern) auf 6,7% (benachteiligte Eltern) zurück; bei türki-
schen und jugoslawischen Jugendlichen zeigen 15,4% der nicht benachtei-
ligten Opfer ein Delikt an, während bei den benachteiligten Ausländerju-
gendlichen kein einziges Delikt der Polizei gemeldet wurde.56 Entspre-
chend geht die Anzeigeratei der Aussiedler von 9,1% bei nicht benachtei-

56
Die berichteten Unterschiede sind aufgrund der geringen Fallzahlen nicht signifi-
kant.
174

ligten auf 1,7% bei benachteiligten zurück (p<0,05) und bei türkischen
Jugendlichen von 13,9% auf 0% (p<0,001). Bei den Angaben zum letzten
Delikt ist bei Aussiedlern dieser starke Rückgang der Anzeigeneigung mit
der individuellen Benachteiligung nicht erkennbar, während bei Jugendli-
chen mit türkischem oder jugoslawischem Migrationshintergrund auch hier
mit der Benachteiligung der Eltern die Anzeigeneigung deutlich reduziert
wird (vgl. Abbildung 6.6). Die soziale Benachteiligung bei Jugendlichen
mit südosteuropäischem Migrationshintergrund führt dazu, dass Konflikte
nur noch über informelle Einigungen geregelt werden können (tau-b=0,33;
p=0,14). Bei Aussiedlern und deutschen Jugendlichen ist dies dagegen
nicht der Fall. In allen Gruppen steigt dagegen tendenziell mit der sozialen
Benachteiligung die Resignation aufgrund von mangelndem Vertrauen in
die Lösungskompetenz der Polizei an. Am stärksten ist dieser Anstieg bei
türkischen und jugoslawischen Jugendlichen (von 7,7% auf 33,3%) sowie
bei den Aussiedlerjugendlichen (von 31% auf 53,3%) ausgeprägt.

6.4.6 Soziales Kapital des Opfers


Voraussetzung für eine informelle Konfliktregelung ist eine (direkte oder
indirekte) Bekanntschafts-Beziehung zwischen Täter und Opfer. Fördert
das soziale Kapital des Opfers dessen soziale Beziehungen und erhöht da-
mit die Chance, dass sich Täter und Opfer kennen – und eine informelle
Einigung erzielen können? Betrachtet man die Viktimisierungen, die sich
im Wohngebiet des Probanden ereigneten, so kann dies deutlich nachge-
wiesen werden. Während der Täter einem Opfer mit vielen Nachbar-
schaftskontakten in 82,4% der Viktimisierungen bekannt ist, kennen nur
62,5% der Opfer ohne Nachbarschaftskontakte ihre Täter (r=0,17; p<0,01).
Des Weiteren kennen Opfer aus urbanen Stadtvierteln seltener die Täter
als Opfer aus suburbanen oder ländlichen Wohngegenden.
Aufgrund der Befunde in Abschnitt 6.1.3 wurden folgende Indizes zur
Erfassung des Ausmaßes des sozialen Kapitals der Jugendlichen gebildet.
Für die Betrachtung über alle Viktimisierungserlebnisse (Inzidenz und
Prävalenz) wurde ein Summenindikator aus den dichotomen Variablen
„Nachbarschaftsbekanntschaft“, „Mitglied in Verein“, „Mitglied in Cli-
que“, „Anteil Freunde nicht im Stadtviertel“ berechnet.57 Der Summenindi-
kator nimmt Werte zwischen 0 (kein Merkmal trifft zu) und 4 (alle Merk-
57
Eine nähere Beschreibung der Eigenschaften der einzelnen Skalen findet sich in
Blank u.a (2003).
175

male treffen zu) und ist annähernd normal verteilt. Zur näheren Betrach-
tung des letzten erlittenen Opfererlebnisses wurde eine weitere Variable
gebildet, die das Vorhandensein situationsspezifischen Sozialkapitals di-
chotom abbildet.58
Betrachtet man zunächst die Ergebnisse für die Prävalenz und Inzidenz
der Anzeigeneigung nach dem individuellen Sozialkapital, so deutet sich
bei der Prävalenz ein kurvenförmiger Verlauf an (vgl. Abbildung 6.7).

Abbildung 6.7: Anzeigeraten nach individuellem Sozialkapital des Opfers


Anzeigeraten
25
20
15
10
5
0
sehr gering individuelles Sozialkapital sehr hoch

Prävalenz Inzidenz

Angaben in Prozent der Opfer (Prävalenz) und in Prozent der Fälle (Inzidenz), die
angezeigt wurden

Während Opfer mit dem geringsten Sozialkapital zu 13,9% Viktimisierun-


gen mittels einer Anzeige regelten und Opfer mit dem meisten Sozialkapi-
tal zu 12,1% zu diesem Mittel griffen, betrug dieser Wert für die Opfer mit
niedrigem bis mittlerem Ausmaß an Sozialkapital (Zusammenfassung drei-
er Kategorien) durchschnittlich 20,3%. Allerdings ist weder der Anstieg
noch der Abfall der Anzeigerate statistisch signifikant. Ähnlich verhält es
sich mit den Inzidenzraten der Anzeigeneigung. Opfer mit dem geringsten
Sozialkapital zeigen am wenigsten Viktimisierungen an; von Opfern ohne
Sozialkapital werden nur 4,2% ihrer Opfererlebnisse angezeigt. Bei Opfern
mit wenig Sozialkapital steigt dieser Wert sprunghaft auf 17,8% der Vikti-
misierungen an (p<0,05), um anschließend wieder langsam abzufallen auf
9,3% der Opfererlebnisse bei Jugendlichen mit dem meisten Sozialkapital.

58
Das bedeutet, der Indikator nimmt immer dann den Wert 1 an (und gibt damit das
Vorhandensein von individuellem Sozialkapital wieder), wenn das letzte Opfererlebnis
im Stadtviertel stattfand und das Opfer ein hohes Maß an Nachbarschaftsbekanntschaft
aufweist, oder wenn das Delikt sich auf dem Schulweg ereignete und das Opfer Mit-
glied in einem Verein ist, etc. Dieser Indikators ist jedoch wenig theoriegeleitet erstellt
worde, und daher sollten diese Ergebnisse nicht überbewertet werden.
176

Betrachtet man die Ergebnisse zum letzten Opfererlebnis, so ergeben sich


keinerlei signifikante Unterschiede zwischen Opfern mit wenig und sol-
chen mit viel Sozialkapital hinsichtlich der Art der Konfliktbewältigung.
Allerdings treten wiederum Interaktionseffekte auf. Abbildung 6.8 gibt die
Unterschiede in der Konfliktbewältigung zwischen Opfern mit wenig und
viel individuellem Sozialkapital wieder, getrennt für Konstellationen mit
bekanntem Täter versus unbekanntem Täter.

Abbildung 6.8: Interaktionseffekte bei vier Konfliktlösungen zwischen Bekannt-


schaft von Täter und Opfer und individuellem Sozialkapital
Anzeige informelle Einigung
40 30

30
20
20
10
10

0 0
wenig Soz.Kap. viel Soz.Kap wenig Soz.Kap. viel Soz.Kap
Täter: bekannt unbekannt Täter: bekannt unbekannt

Angst vor Folgen Bagatellisierung


20 70
60
50
40
10
30
20
10
0 0
wenig Soz.Kap. viel Soz.Kap wenig Soz.Kap. viel Soz.Kap
Täter: bekannt unbekannt Täter: bekannt unbekannt

Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich

Während sich die Anzeigerate bei bekanntem Täter zwischen Opfern mit
wenig und viel Sozialkapital nicht unterschiedet, neigen Opfer mit viel
Sozialkapital bei unbekanntem Täter signifikant häufiger zu einer Anzeige
als Opfer mit wenig Sozialkapital (p<0,05). Das bedeutet, dass soziales
Kapital bei unbekannten Tätern als Ressource für das Opfer dient, die den
Zugang zu Institutionen der formellen Konfliktregelung erleichtert. Diese
Ressource steht natürlich prinzipiell auch bei Delikten mit bekanntem Täter
zur Verfügung. Dass sie in diesem Fall nicht genutzt wird (und Opfer mit
viel Sozialkapital bekannte Täter nicht häufiger anzeigen als Opfer mit
177

wenig Sozialkapital) könnte wie in Abschnitt 4.2.1 vermutet an einer Norm


liegen, die das Anzeigen von bekannten Personen verbietet, es jedoch nicht
gebietet, im Konfliktfall mit unbekannten Personen zu einer informellen
Regelung zu gelangen. In der Tat erreichen Opfer mit hohem Sozialkapital
bei unbekannten Tätern nicht nur die höchste Anzeigerate insgesamt, son-
dern auch den höchsten Anteil aktiv bewältigter Konflikte, während dieser
bei Opfern mit geringem Sozialkapital und unbekanntem Täter am nied-
rigsten ist. Wichtig ist jedoch ebenfalls, dass der Anteil der Konfliktrege-
lungen durch eine informelle Einigung durch den Besitz von Sozialem
Kapital nicht vergrößert wird. Informelle Regelungen scheinen daher stark
an Gelegenheiten zur Konfliktregulierung gebunden zu sein. Ist der Täter
bekannt und eine Norm vorhanden, die eine Anzeige eher verbietet, so wird
die Gelegenheit zur informellen Lösung gesucht. Ist dagegen die Gelegen-
heit nicht offensichtlich, da der Täter unbekannt ist, so steht einer Anzeige
auch keine Norm entgegen und ob eine solche zu Stande kommt ist vor
allem eine Frage der Ressourcen im Umgang mit formellen Regulierungs-
institutionen.
Opfer mit viel Sozialkapital können diese Ressource auch zur Reduktion
von Dissonanz bei unbekannten Tätern nutzen und sind signifikant weniger
gezwungen, diese durch Bagatellisierung abzubauen (vgl. Abbildung 6.8).
Während Opfer mit wenig Sozialkapital auch bei unbekannten Tätern die
Viktimisierung umdefinieren, sind Opfer mit hohem Maß an sozialer Un-
terstützung erheblich seltener zu dieser Art der Bewältigung gezwungen.
Dieser Befund unterstützt die Ergebnisse von Ruback u.a. (1984) zur Rolle
von Dritten bei der Bewältigung von Viktimisierungen.
Ein weiterer Aspekt des Sozialkapitals stellt die (numerische) Vollstän-
digkeit der Familie des Jugendlichen dar. Für die folgenden Untersuchun-
gen wurden die Angaben der Jugendlichen zu ihren Eltern dichotomisiert.
Vollständige Familien sind solche, bei denen beide biologischen Eltern des
Befragten mit diesem zusammen leben, unvollständige Familien sind alle
weiteren Familienformen, von Alleinerziehenden über Stiefeltern bis zu
Pflegefamilien. Die Erhebung des Familientyps ist in Oberwittler & Blank
(2003: 149) dokumentiert. Jugendliche in Eineltern-Familien verfügen über
weniger Ressourcen und potentielle soziale Beziehungen als Jugendliche
aus vollständigen Familien. Ausgehend von dieser Überlegung wurden
jedoch keine Zusammenhänge zwischen der Familiensituation und des
Umgangs mit Konflikten gefunden.
Auch ein Umzug des Opfers könnte zu einer Entwertung seiner sozialen
178

Beziehungen zu anderen Jugendlichen und damit zu einer Verminderung


des Sozialkapitals führen. Betrachtet man die Konfliktlösungsmuster ge-
trennt nach Jugendlichen, die innerhalb der letzten drei Jahre umgezogen
sind und solchen, die innerhalb dieses Zeitraums eine residentielle Stabili-
tät aufweisen, so ergeben sich jedoch keinerlei bedeutsame Unterschiede.

6.4.7 Vorerfahrungen des Opfers mit delinquentem Verhalten


Wie in Abschnitt 6.1.4 gezeigt werden konnte, ist ein kleiner Anteil der
Befragten in besonders starkem Maße wiederholten Viktimisierungen aus-
gesetzt. Es gibt daher gute Gründe für die Annahme, dass Opfer, die bereits
Erfahrung mit anderen eigenen Viktimisierungen, Polizeikontakten oder
eigener Delinquenz sammeln konnten, sich in ihrem Umgang mit einer
erneuten Viktimisierung von denjenigen unterscheiden, die diesen Erfah-
rung seltener ausgesetzt waren.

6.4.7.1 Eigene Viktimisierung vor dem letzten Delikt


Aus Tabelle 6.19 geht hervor, dass Jugendliche, die bereits mehrfach Opfer
eines Deliktes wurden, nicht signifikant häufiger oder seltener als Jugendli-
che, die zum ersten Mal Opfer wurden, das letzte Viktimisierungserlebnis
aktiv bewältigen. Interessant ist jedoch, dass mit zunehmender Anzahl von
Viktimisierungen die Resignation der Opfer signifikant zunimmt. Jugendli-
che, die wiederholt Opfer eines Gewaltdeliktes wurden, haben ein geringe-
res Vertrauen in die Konfliktregelungskompetenz der formellen Sozialkon-
trolle und auch zunehmend mehr Angst vor den Folgen, die eine Anzeige
nach sich ziehen könnte. Obwohl jedoch Mehrfachopfer zunehmend resig-
nieren, geht der Anteil der Anzeigeerstatter dennoch nicht zurück. Erwar-
tungsgemäß sinkt schließlich das Ausmaß der Bagatellisierung mit zuneh-
mender Mehrfachviktimisierung ab. Opfer, die bereits häufiger viktimisiert
wurden, rechnen eher damit, erneut Opfer zu werden und haben daher we-
niger Dissonanz zu reduzieren als Opfer, die diese Erfahrung zum ersten
Mal machen.
Interaktionseffekte mit dem sozialen Kontext konnten hinsichtlich der
Konfliktbewältigung von Mehrfachviktimisierungen nicht beobachtet wer-
den; weder traten Stadt-Land Unterschiede auf, noch solche zwischen den
Jugendlichen aus Köln und Freiburg. Dies spricht für die Robustheit der
berichteten Ergebnisse.
179

Tabelle 6.19: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der vor dem letzten
Delikt erlittenen Viktimisierungen
keine eine 2-5 mehr als 5 Korrelationa
Anzeige 16,0 15,5 22,2 16,7 0,03n.s.
informelle Einigung 19,7 17,2 18,8 22,9 -0,01n.s.
Selbstjustiz 3,6 6,0 4,3 8,3 0,05n.s.
Aktion 39,3 38,8 45,3 47,9 0,04n.s.
kein Vertrauen Polizei 25,0 35,3 31,6 45,8 0,11**
Angst vor Folgen 9,9 12,9 21,4 27,1 0,14***
Resignation 30,5 39,7 45,3 52,1 0,14***
Bagatellisierung 63,0 50,9 41,9 25,0 -0,20***
N 476 116 117 48

Die Anzahl der Opfererlebnisse vor dem zuletzt erlebten bezieht sich auf den Zeitraum
von einem Jahr
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

6.4.7.2 Anzeigen vor dem letzten Delikt


Analog zur Mehrfachbelastung mit Opfererlebnissen könnten auch vorheri-
ge Erfahrungen der Opfer mit einer Anzeige deren Umgang mit einer er-
neuten Viktimisierung beeinflussen. Tabelle 6.20 zeigt, dass Opfer, die
bereits mindestens einmal Anzeige erstattet hatten, beim letzten vorgefalle-
nen Delikt signifikant häufiger dazu neigen, wiederum Anzeige zu erstat-
ten, als Opfer, die noch nie zuvor Anzeige erstattet haben. Während dies
einerseits zu einer Zunahme der aktiven Konfliktbewältigung insgesamt
führt, werden andererseits informelle Konfliktsregelungen signifikant sel-
tener. Man kann daher vermuten, dass Jugendliche mit Anzeigeerfahrung
dazu neigen, nicht mehr über alternative aktive Bewältigungsformen der
Viktimisierung nachzudenken. Ist die Hemmschwelle zur Einschaltung der
staatlichen Sozialkontrolle einmal überschritten, so fällt es zukünftig leich-
ter, diese erneut zu aktivieren. Dennoch führt Anzeigeerfahrung nicht zu
einem signifikanten Rückgang der Resignation, d.h. auch anzeigeerfahrene
Jugendliche versprechen sich nicht mehr (aber auch nicht weniger) von
einer Anzeige als solche, die innerhalb des vergangenen Jahres keine Vik-
timisierung mittels einer Anzeige bewältigt haben.
180

Tabelle 6.20: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der vom Opfer vor dem
letzten Delikt bereits erstatteten Anzeigen
keine eine 2 und mehr Korrelationa
Anzeige 14,3 50,0 58,8 0,25***
informelle Einigung 20,2 11,8 5,9 -0,07*
Selbstjustiz 4,4 5,9 0,0 -0,00n.s.
Aktion 38,9 67,6 64,7 0,14***
kein Vertrauen Polizei 29,4 20,6 29,4 -0,03n.s.
Angst vor Folgen 12,9 11,8 17,6 0,00n.s.
Resignation 35,8 26,5 35,3 -0,03n.s.
Bagatellisierung 58,1 23,5 17,6 -0,18***
N 704 34 17
Die Anzahl der Anzeigeerstattungen vor der zuletzt erlebten Viktimisierung bezieht sich
auf den Zeitraum von einem Jahr
Angaben in Prozent; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; ***: p<0,001

6.4.7.3 Mitgliedschaft in einer delinquenten Clique


Die Mitgliedschaft der Jugendlichen in einer delinquenten Clique wurde
über zwei Skalen abgefragt (Blank u.a. 2003: 48). Dabei wurde zunächst
nach der Mitgliedschaft in einer Clique allgemein und im Anschluss daran
die Neigung der Cliquenmitglieder zu aggressivem und gewalttätigem Ver-
halten erfragt. Während die Mitgliedschaft des Opfers in einer delinquenten
Clique keinen Einfluss auf dessen Anzeigebereitschaft hat (auch nicht bei
den Jahresprävalenz- und Inzidenzraten), profitiert insbesondere die Fähig-
keit zur informellen Einigung von den delinquenten sozialen Netzwerken in
der Clique des Opfers (vgl. Tabelle 6.21). Dies zeigt der Vergleich mit der
Konfliktbewältigung nach den Polizeikontakten der Freunde (ohne Tabel-
le). Demnach sind delinquente Freunde, falls diese sich nicht in einer Cli-
que befinden, eher hinderlich für die Möglichkeit, eine informelle Einigung
zu erreichen. Delinquente Cliquen stellen also soziales Kapital dar, welches
zur informellen Konfliktlösung genutzt werden kann. Des Weiteren kann
eine delinquente Clique auch Ressource und normativer Rahmen für eine
Regelung des Konfliktes durch Selbstjustiz sein.
181

Tabelle 6.21: Konfliktlösungsverhalten nach der Mitgliedschaft des Opfers in


einer delinquenten Clique
nicht delinq. Clique Delinq. Clique Korrelationa
Anzeige 17,7 15,7 -0,03n.s.
informelle Einigung 17,1 25,0 0,09+
Selbstjustiz 2,7 13,6 0,21***
Aktion 37,5 54,3 0,15**
kein Vertrauen Polizei 29,1 39,3 0,10*
Angst vor Folgen 14,4 13,6 -0,01n.s.
Resignation 36,6 45,7 0,09+
Bagatellisierung 56,2 47,9 -0,08+
N 333 140
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; +:p<0,10; *: p<0,05; **: p<0,01; ***:
p<0,001

6.4.7.4 Delinquentes Verhalten des Opfers


Nach den in Abschnitt 2.2.3 dargestellten Befunden sollten Opfer, die
selbst delinquent geworden sind, weniger zur Anzeige neigen und eher
Selbstjustiz üben als Opfer, welche eine „reine Weste“ haben. Betrachtet
man zunächst das Anzeigeverhalten im Jahreszeitraum, so ergibt sich bei
der Anzeigeratep kein signifikanter Zusammenhang, während die Anzeige-
ratei eine schwach signifikante Abnahme der angezeigten Fälle mit zuneh-
mender eigener Gewaltdelinquenz des Opfers andeutet (p=0,05). Das be-
deutet, delinquente Jugendliche werden nicht von der Anzeige abge-
schreckt, aber sie zeigen weniger Fälle von Opferwerdung an. Diese Be-
funde werden auch durch die Angaben zum letzten Delikt bestätigt (vgl.
Tabelle 6.22). Dabei zeigt sich ferner eindrücklich, dass Selbstjustiz umso
eher verbreitet ist, je delinquenter das Opfer selbst ist (r=0,27; p<0,001).
Während die eigene Delinquenz informelle Einigungen weder behindert,
noch erleichtert, nimmt allein aufgrund des Anwachsens der Selbstjustiz
auch eine aktive Konfliktbewältigung der Opfer mit steigender eigener
Delinquenz signifikant zu. Delinquente Opfer neigen also stärker dazu,
Konflikte durch Vergeltung zu bewältigen und vertrauen weniger in die
Lösungskompetenz der offiziellen Soziakontrolle.
182

Tabelle 6.22: Konfliktlösungsverhalten nach der Anzahl der selbst begangenen


Gewaltdelikte des Opfers
keines eines 2-5 mehr als 5 Korrelationa
Anzeige 18,0 14,5 16,3 13,3 -0,04n.s.
informelle Einigung 19,6 21,7 19,6 16,0 -0,01n.s.
Selbstjustiz ,8 4,8 8,7 22,7 0,27***
Aktion 38,3 41,0 44,6 52,0 0,07*
kein Vertrauen Polizei 25,7 32,5 37,0 36,0 0,10**
Angst vor Folgen 13,6 10,8 13,0 13,3 -0,01n.s.
Resignation 32,2 38,6 42,4 45,3 0,10**
Bagatellisierung 56,9 54,2 60,9 40,0 -0,06+
N 506 83 92 75
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; +:p<0,10; *: p<0,05; **: p<0,01; ***:
p<0,001

Nahezu identische Zusammenhänge ergeben sich auch, wenn anstelle der


eigenen Delinquenz die Polizeikontakte der Opfer (aufgrund eigener Taten)
betrachtet werden (ohne Tabelle).
Die in Abschnitt 2.2.3 berichteten Befunde aus anderen Studien konnten
mit den vorliegenden Analysen also nicht bestätigt werden. Delinquente
Opfer sind nicht generell zurückhaltender gegenüber dem Einschalten for-
meller Sozialkontrolle als nicht delinquente Opfer, scheinen jedoch gering-
fügig seltener Gebrauch davon zu machen, also in nicht so vielen Fällen
die Polizei einzuschalten.

6.4.8 Einstellungen des Opfers

6.4.8.1 Ablehnung von Gewalt


Das Ausmaß der individuellen Einstellung zu bzw. die Ablehnung des
Einsatzes von Gewalt zur Lösung von Konflikten wurde mittels einer Skala
von drei Items zur Ablehnung von Gewalt im Stadtviertel erfragt (Blank
u.a. 2003: 61). Für den Jahreszeitraum ergeben sich hinsichtlich der Anzei-
geratep keinerlei Unterschiede zwischen Jugendlichen, welche Gewalt
schlimm finden und solchen, die dies nicht tun. Die Inzidenzrate ist dage-
gen bei Jugendlichen mit Gewalt ablehnender Einstellung höher als bei
Jugendlichen, welche Gewalt befürworten (12,1% versus 9%) und weist
183

damit in die selbe Richtung wie die Prävalenzrate beim letzten Delikt (ohne
Tabelle). Einvernehmliche Regelungen werden von Jugendlichen mit Ge-
walt ablehnender Haltung tendenziell häufiger gesucht als von Jugendli-
chen mit hoher Gewaltbefürwortung, dieser Zusammenhang ist jedoch
ebenfalls nicht signifikant. Nicht weiter überraschend ist auch, dass Gewalt
befürwortende Jugendliche sehr signifikant häufiger angeben, Viktimisie-
rungen durch Selbstjustiz geregelt zu haben (12,6%), als Jugendliche, die
keine Gewalt befürwortende Einstellung haben (3,1%). Insgesamt lösen
jedoch beide Gruppen ungefähr 40% aller Opfererlebnisse aktiv, d.h. die
Einstellung zu Gewalt beeinflusst nur, wie ein Konflikt gelöst wird und
nicht, ob er überhaupt aktiv bewältigt wird. Ähnlich wie bereits im Fall der
delinquenten Opfer trauen unter den Gewalt befürwortenden Jugendlichen
signifikant mehr offiziellen Sozialkontrolle eine befriedigende Regelung
nicht zu (38,8% gegenüber 27,4%).

6.4.8.2 Sicherheitsgefühl im Stadtviertel


Das Ausmaß der Kriminalitätsfurcht wurde über ein Item erfasst, welches
die gefühlte Sicherheit im Stadtviertel erfragte, unabhängig von einer be-
stimmten Tageszeit (Oberwittler & Blank, 2003). Die subjektiv empfunde-
ne Sicherheit im Stadtviertel kovariiert weder mit der Anzeigeratep im Jah-
reszeitraum noch mit derjenigen für das jeweils letzte Delikt (vgl. Tabelle
6.23). Allerdings ergeben sich bei der Anzeigeratei signifikante Unter-
schiede: Während Jugendliche, welche sich in ihrem Wohngebiet eher
sicher fühlen, nur 10% aller Opfererlebnisse zur Anzeige brachten, so steigt
dieser Wert auf 17% bei Jugendlichen, welche sich eher unsicher fühlen an.
Betrachtet man das letzte Delikt, so treten ebenfalls keine Zusammen-
hänge zwischen Kriminalitätsfurcht und Anzeigeverhalten auf. Damit
konnten die Befunde von Mansel u.a. (2001) nicht bestätigt werden. Aller-
dings neigen Opfer die sich unsicher fühlen tendenziell weniger zu einer
aktiven Bewältigung der Viktimisierung, vor allem erheblich seltener zu
einer informellen Einigung als Opfer, die weniger Kriminalitätsfurcht ha-
ben. Opfer mit mehr Kriminalitätsfurcht neigen stattdessen verstärkt zur
Resignation, vor allem aufgrund ihrer Furcht vor den Folgen einer Anzeige.
Opfer mit hoher Kriminalitätsfurcht fühlen sich also nicht nur in ihrem
Stadtviertel weniger sicher, sondern sie fürchten auch stärker die potentiel-
len negativen Konsequenzen einer Anzeige. Grund dafür könnte auch sein,
dass durch Messungen mit sehr allgemein formulierten Items („wie sicher
fühlst Du Dich, wenn Du ein Deinem Stadtviertel unterwegs bist“) nicht
184

nur Furcht vor Kriminalität, sondern Ängste ganz allgemein erfasst werden
(Boers 1993). Opfer mit hoher Kriminalitätsfurcht leben zudem mit einer
größeren Erwartung, Opfer eines Deliktes zu werden als Opfer mit wenig
Kriminalitätsfurcht. Daher haben Jugendliche mit wenig Kriminalitäts-
furcht im Fall einer Viktimisierung auch ein höheres Maß an Dissonanz zu
reduzieren und neigen tendenziell stärker zur Bagatellisierung als Opfer mit
hoher Kriminalitätsfurcht.

Tabelle 6.23: Konfliktlösungsverhalten nach dem Sicherheitsgefühl des Opfers in


der eigenen Wohngegend
s.sicher/sicher unsicher/s.uns. Korrelationa
Anzeige 16,7 17,7 0,01n.s.
informelle Einigung 20,8 13,5 -0,07*
Selbstjustiz 4,6 3,5 -0,02n.s.
Aktion 42,1 34,8 -0,06+
kein Vertrauen Polizei 28,0 33,3 0,05n.s.
Angst vor Folgen 11,6 18,4 0,08+
Resignation 33,4 43,3 0,08*
Bagatellisierung 56,9 49,6 -0,06+
N 610 141
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; +:p<0,10; *: p<0,05

6.5 Konfliktlösungsverhalten nach Eigenschaften des Täters


Den folgenden Auswertungen liegen die Angaben der Opfer über den Täter
des letzten Deliktes zugrunde. Es können daher keine Anzeigerateni oder
Anzeigeratenp für das letzte Jahr mehr angegeben werden. Der Betrachtung
des Registrierungsrisikos aus der Täterperspektive ist Kapitel 8 dieser Ar-
beit gewidmet.

6.5.1 Geschlecht des Täters


Weibliche Täter haben ein signifikant niedrigeres Anzeigerisiko als männ-
liche Täter und sie sind deutlich häufiger in der Lage, eine informelle Eini-
gung mit dem Opfer zu erzielen (vgl. Tabelle 6.24). Dies deckt sich mit den
in Abschnitt 2.3.2 berichteten Befunden der Studie von Mansel u.a. (2001).
Dagegen sind männliche Täter weit häufiger Ziel von Selbstjustiz, so dass
185

schließlich der Anteil der aktiv bewältigten Viktimisierungen sich nicht


nach dem Geschlecht der Täter unterscheidet. Die Opfer haben auch bei
weiblichen Tätern eher Angst vor den Folgen einer Anzeige als bei männli-
chen Tätern, es ist ihnen also erheblich peinlicher, Viktimisierungen zu
berichten, die von weiblichen Tätern ausgeführt wurden. Das tendenziell
größere Ausmaß der Bagatellisierung bei weiblichen Tätern schließlich
kann wiederum als Bestätigung für die Überlegungen aufgrund der Disso-
nanztheorie gewertet werden. Eine Viktimisierung durch weibliche Täter
verletzt erheblich stärker die Erwartungshaltung des Opfers, was zu einem
höheren Ausmaß an zu reduzierender Dissonanz führt. Voraussetzung dafür
ist allerdings, dass Täterinnen nicht generell leichtere Delikte begehen als
Täter, was natürlich ohne Kontrolle der Deliktschwere nicht ausgeschlos-
sen werden kann.

Tabelle 6.24: Konfliktlösungsverhalten nach dem Geschlecht des Täters


männlich weiblich Korrelationa
Anzeige 17,6 9,6 0,08*
informelle Einigung 18,0 29,6 0,11**
Selbstjustiz 5,8 0,9 0,09*
Aktion 41,5 40,0 0,01n.s.
kein Vertrauen Polizei 27,5 29,6 0,02n.s.
Angst vor Folgen 11,1 19,1 0,09*
Resignation 33,6 36,5 0,02n.s.
Bagatellisierung 54,7 66,1 0,07+
N 577 118
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Kontingenzkoeffizient):n.s.: nicht signifikant; +:p<0,10; *: p<0,05; **:
p<0,01

6.5.2 Ethnische Herkunft des Täters


Die Befunde zum Konfliktlösungsverhalten nach der ethnischen Herkunft
des Täters bestätigen die in Abschnitt 2.3.3 berichteten Ergebnisse früherer
Erhebungen auch für Gewaltdelikte.
Demnach tragen (Gruppen von) deutschen Tätern ein erheblich geringe-
res Anzeigerisiko als (Gruppen) ausländischer Täter, wobei gemischtethni-
sche Tätergruppen dasselbe Anzeigerisiko tragen wie Tätergruppen, die nur
aus Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft bestehen. Dagegen haben so-
186

wohl deutsche Täter als auch gemischtethnische Tätergruppen mit deut-


schen Jugendlichen eine signifikant höhere Chance auf eine informelle
Konfliktregelung als Täter mit fremdethnischer Herkunft. Schließlich sind
auch fremdethnische Tätergruppen signifikant häufiger der Selbstjustiz
durch die Opfer ausgeliefert als deutsche oder gemischtethnische Täter-
gruppen.

Tabelle 6.25: Konfliktlösungsverhalten nach der Herkunft der beteiligten Täter


nur Deutsche Dt. & Ausl. nur Ausländ. Korrelationa
Anzeige 8,2 21,2 22,2 0,17***
informelle Einigung 27,9 25,7 13,4 0,17***
Selbstjustiz 1,8 1,8 8,8 0,16***
Aktion 37,9 48,7 44,4 0,08n.s.
kein Vertrauen Poli- 24,2 37,2 30,6 0,10*
zei
Angst vor Folgen 12,8 16,8 13,4 0,04n.s.
Resignation 32,4 42,5 36,3 0,07n.s.
Bagatellisierung 68,9 46,0 45,4 0,22***
N 219 113 284
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
Signifikanz (Kontingenzkoeffizient):n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001

Auffällig sind auch die sehr signifikanten Unterschiede bei der Bagatelli-
sierung des Opfererlebnisses. Jugendliche ausländischer Herkunft haben
ein - auch durch die Medien verbreitetes - Image erhöhter Gewaltbereit-
schaft. Aufgrund der Überlegungen zur Dissonanzreduktion kann daher
angenommen werden, dass Jugendliche (aufgrund von Stereotypen) einen
Angriff durch fremdethnische Täter eher erwarten und weniger Bedürfnis
nach Dissonanzreduktion auftritt, als bei deutschen Tätern.

6.6 Konfliktlösungsverhalten nach der Täter-Opfer-


Beziehung
Die folgenden Analysen können ebenfalls nur hinsichtlich der Anzeigerate
des letzten Deliktes bzw. allgemein nach der Art der Bewältigung dieses
Deliktes durchgeführt werden. Dabei werden nun Täter-Opfer Beziehungen
betrachtet und nicht mehr Merkmale von Opfern oder Tätern getrennt.
187

6.6.1 Grad der Bekanntschaft zwischen Tätern und Opfer


Die Variable zur Messung des Bekanntschaftsgrades zwischen Täter und
Opfer wurde aus mehrfachen Antwortmöglichkeiten auf die Frage „kann-
test Du den oder einen der Täter“ gebildet (vgl. Oberwittler & Blank 2003:
179). Dabei wurden die Antwortmöglichkeiten „Familie“, „Freundeskreis,
Clique“ sowie „Sportverein / Jugendgruppe“ zusammengefasst. Eine weite-
re Kategorie der Bekanntschaft mit dem Täter wurde aus den Antwortmög-
lichkeiten „andere Clique“, „Schule“ sowie „Nachbarschaft“ gebildet. Die
Kategorien „nein“ und „ja, nur von Sehen“ wurden dagegen unverändert
übernommen. Diese Zusammenfassung war notwendig, um Kategorien mit
einer ausreichenden Anzahl von Fällen zu erhalten. Im Anschluss an die
Kategorisierung wurden die Items in eine Rangfolge nach der Stärke der
Beziehung zwischen Täter und Opfer gebracht und zu einer Skala zusam-
mengefasst.
Wie aufgrund der in Abschnitt 2.4.1 dargestellten Befunde erwartet,
nimmt die Anzeigeneigung mit dem Grad der Bekanntschaft zwischen
Täter und Opfer ab, während im gleichen Ausmaß informelle Regelungen
des Konfliktes zunehmen (vgl. Tabelle 6.26).

Tabelle 6.26: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der Bekanntschaft zwischen


Täter und Opfer
unbekannt vom Se- Schule, Familie, Korrela-
hen Nachbarn Clique, tiona
Verein
Anzeige 28,7 11,1 10,2 8,7 -0,20***
informelle Einigung 8,4 16,7 26,9 32,0 0,22***
Selbstjustiz 4,0 4,6 4,5 4,9 0,01n.s.
Aktion 41,1 32,4 41,7 45,6 0,02n.s.
kein Vertrauen Pol. 27,3 31,5 30,7 25,2 0,01n.s.
Angst vor Folgen 8,4 13,9 15,2 18,4 0,10**
Resignation 32,0 37,0 37,9 35,9 0,04n.s.
Bagatellisierung 48,7 59,3 56,4 68,9 0,11**
N 275 108 264 103
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b):n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Regelungen durch Selbstjustiz sind dagegen von der Bekanntschaft zwi-


188

schen Täter und Opfer unbeeinflusst, so dass insgesamt die aktive Bewälti-
gung des Konfliktes in keinem Zusammenhang mit dem Grad der Bekannt-
schaft steht. Das bedeutet, dass Opfer keinesfalls das Bedürfnis haben,
unbekannte Täter stärker zur Rechenschaft zu ziehen oder Rache zu üben.
Auch wird eine aktive Konfliktregelung in sehr engen Täter-Opfer-
Beziehungen nicht verhindert, sondern nur auf eine andere Weise bewäl-
tigt. Allerdings wird hier nicht die Vermutung von Black (1976) bestätigt,
nach der das Regelungsbedürfnis der Opfer einen umgekehrt u-förmigen
Zusammenhang mit der sozialen Distanz zum Täter aufweist (vgl. Ab-
schnitt 3.3). Demnach müsste die Anzeigerate bei Tätern, die flüchtige
Bekannte der Opfer sind, am höchsten liegen, während die Rate bei unbe-
kannten Tätern wieder sinken sollte.
Dagegen haben Opfer erwartungsgemäß umso mehr Angst vor den Fol-
gen einer Anzeige, je besser sie den Täter kennen. Je enger die Beziehung
zwischen Täter und Opfer vor einer potentiellen Anzeige ist, desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Täter und Opfer auch danach nicht
einfach ausweichen können, sondern sich mit den Konsequenzen der Straf-
anzeige beschäftigen müssen.
Auch der sehr signifikante Zusammenhang zwischen der Bagatellisie-
rung und der Täter-Opfer Bekanntschaft folgt den Erwartungen. Während
eine Viktimisierung durch Unbekannte noch am ehesten den Erwartungen
und Vorstellungen von Kriminalität entsprechen, wird umso mehr Disso-
nanz aufgebaut und durch Bagatellisierung reduziert, je geringer die soziale
Distanz zwischen Täter und Opfer ist. Hier würde man bei einer einfachen
Bewertung der Deliktschwere erwarten, dass Jugendliche Gewalt umso
schlimmer empfinden und daher umso weniger zur Bagatellisierung neigen,
je besser sie mit dem Täter bekannt sind. Diese Alternativhypothese lässt
sich jedoch mit den vorliegenden Daten sicherlich nicht stützen.

6.6.2 Homoethnische versus heteroethnische Täter-Opfer-


Konstellation
Eine weitere relationale Variable ist die Gemeinsamkeit der ethnischen
Herkunft von Opfern und (Teilen) einer Tätergruppe. In Abschnitt 6.4.3
wurden zunächst das Konfliktlösungsverhalten nach der Ethnie des Opfers
und in Abschnitt 6.5.2 dasjenige nach Täterethnie unabhängig voneinander
untersucht. Dabei zeigte sich, dass zum einen Opfer türkischer oder exju-
goslawischer Herkunft eine geringere Anzeigeneigung aufweisen als deut-
189

sche oder Aussiedlerjugendliche. Zum anderen werden fremdethnische


Täter jedoch als Täter zumindest nach den Angaben der Opfer häufiger
angezeigt. Mit diesen Analysen lässt sich jedoch zunächst nicht bestimmen,
ob dieser Effekt nur von deutschen Opfern gegenüber fremdethnischen
Tätern auftritt, oder ob Jugendliche aller Ethnien gleichermaßen dazu ten-
dieren, fremdethnische Täter häufiger anzuzeigen. Um dies zu untersuchen,
wurde eine relationale Variable „Grad der gemeinsamen ethnischen Her-
kunft“ von Täter und Opfer gebildet, die angibt, ob Opfer und alle Täter,
ein Teil der Täter (bei Gruppentaten) oder keiner der Täter dieselbe ethni-
sche Herkunft haben. Über alle Jugendlichen betrachtet ergeben sich sehr
signifikante Unterschiede im Konfliktlösungsverhalten.

Tabelle 6.27: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der gemeinsamen ethnischen


Herkunft von Opfer und Tätern
selbe Ethnie teilw. selbe andere Korrelatio-
Ethnie Ethnie na
Anzeige 7,7 19,2 24,1 0,19***
informelle Einigung 28,8 26,3 13,1 0,18***
Selbstjustiz 3,4 1,0 8,0 0,13**
Aktion 39,9 46,5 45,3 0,05n.s.
kein Vertrauen Poli- 23,6 39,4 30,3 0,12*
zei
Angst vor Folgen 14,9 19,2 11,7 0,08n.s.
Resignation 33,7 45,5 35,0 0,09n.s.
Bagatellisierung 66,8 48,5 44,2 0,20***
N 208 99 274
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Kontingenzkoeffizient): n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001

Jugendliche tendieren dazu, Täter mit einem fremdethnischen Familienhin-


tergrund häufiger anzuzeigen als Jugendliche der eigenen Ethnie und auch
gemischethnische Tätergruppen werden noch häufiger angezeigt als Täter
der eigenen Ethnie (Tabelle 6.27). Betrachtet man Tabelle 6.28, so zeigt
sich, dass dieses diskriminierende Anzeigeverhalten sowohl bei fremdeth-
nischen Opfern als auch bei deutschen Opfern in gleicher Weise auftritt.
Damit können die Befunde von Pfeiffer u.a. (1998; vgl. Abschnitt 2.4.2)
bestätigt werden. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings,
190

dass der Anteil der informellen Einigungen stark abnimmt, so dass insge-
samt der Anteil der aktiv bewältigten Konfliktsituationen nach der ethni-
schen Herkunft von Täter und Opfer nicht signifikant variiert. Dies lässt
eigentlich nur den Schluss zu, dass das Regelungsbedürfnis insgesamt ge-
genüber fremdethnischen Tätern nicht größer ist als gegenüber Tätern der
eigenen Ethnie und dass das diskriminierende Anzeigeverhalten nicht mit
einem erhöhten Strafbedürfnis der Jugendlichen gegenüber fremdethni-
schen Täter erklärt werden kann oder gar als bewusste Diskriminierung
oder Rassismus. Vielmehr scheint die erhöhte Anzeigewahrscheinlichkeit
gegenüber fremdethnischen Tätern daher zu rühren, dass mit diesen Tätern
eine informelle Regelung nur selten getroffen werden kann und daher,
wenn eine aktive Bewältigung gewünscht wird, nur das Mittel der Selbst-
justiz oder der Anzeige übrig bleiben. So ist es auch nicht verwunderlich,
dass die Rate der Konfliktbewältigungen durch Selbstjustiz bei heteroethni-
schen Täter-Opferkonstellationen signifikant höher ist als bei homoethni-
schen Konstellationen, wobei dies allein auf die höhere Selbstjustizrate
deutscher Opfer gegenüber ausländischen Tätern zurückzuführen ist (vgl.
Tabelle 6.28).

Tabelle 6.28: Konfliktlösungsverhalten nach Grad der gemeinsamen ethnischen


Herkunft von Opfer und Täter(n)
Opfer ist fremdethni- Vater und Mutter des Opfers sind
scher Herkunft deutsch
Täter hat (teilw.) unter- selbe teilweise unter-
selbe schiedli- Ethnie selbe schiedl.
Ethnie che Ethnie Ethnie Ethnie
Anzeige 7,8 25,8 9,1 19,2 23,2
informelle Einigung 31,3 14,0 29,1 23,1 12,7
Selbstjustiz 6,3 6,5 1,8 1,3 8,8
Aktion 45,3 46,2 40,0 43,6 44,8
kein Vertrauen Pol. 26,6 32,3 22,4 43,6 29,3
Angst vor Folgen 17,2 11,8 13,9 20,5 11,6
Resignation 34,4 35,5 32,7 50,0 34,8
Bagatellisierung 57,8 48,4 68,5 47,4 42,0
N 64 93 165 78 181
Darstellung getrennt für Jugendliche deutscher und ausländischer Herkunft
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
191

Während deutsche Opfer fast nur gegenüber fremdethnischen Tätern zur


Selbsthilfe greifen, wenden ausländische Jugendliche diese gleichermaßen
in homoethnischen und heteroethnischen Konfliktsituationen an. Dem Ste-
reotyp und damit auch der Erwartung der meisten Jugendlichen dürfte es
entsprechen, dass Ausländer eher zu Kriminalität neigen als Deutsche (vgl.
für derartige Befunde für die Gesamtbevölkerung Mansel & Albrecht 2003:
340). Aufgrund dessen führt ein konkretes Opfererlebnis, das fremdethni-
sche Täter involviert, zu erheblich weniger Dissonanz und zu signifikant
weniger Bagatellisierungsbedarf als wenn der Täter der eigenen Ethnie
angehört. Interessant ist, dass dieser Effekt tendenziell auch bei ausländi-
schen Opfern auftritt (vgl. Tabelle 6.28). Dies könnte bedeuten, dass auch
Jugendliche mit nichtdeutscher Herkunft ein mentales Schema haben, nach
dem die „anderen“, also deutsche oder Jugendliche einer dritten Ethnie eher
zu Kriminalität neigen als Angehörige der eigenen Ethnie. In die in Ab-
schnitt 4.1.4 formulierten Erwartungen passt sich aber auch dieser Befund
nicht richtig ein, da der Effekt der geringeren Bagatellisierung bei hetero-
ethnischen Täter-Opfer-Konstellationen sowohl bei bekannten als auch bei
unbekannten Tätern auftritt.

6.6.3 Gleichgeschlechtliche versus gegengeschlechtliche Täter-


Opfer-Konstellation
Auch das Geschlecht von Tätern und Opfern lässt sich als relationale Vari-
able der Täter-Opfer-Beziehung darstellen. Ähnlich wie bei der ethnischen
Herkunft steht dahinter die Überlegung, dass das Konfliktlösungsverhalten
weniger vom Geschlecht des Opfers oder der Täter an sich, sondern vor
allem vom Geschlechterverhältnis determiniert wird.
Es ist davon auszugehen, dass andere Situationsbewertungen und Kon-
fliktbewältigungen gesucht werden, wenn ein Mädchen Opfer eines oder
mehrerer Jungen wird, als wenn Mädchen die Täter sind und Jungen Opfer.
Die Ergebnisse nach dem Geschlechterverhältnis werden daher getrennt für
Jungen und Mädchen betrachtet. Aufgrund der geringen Fallzahl insgesamt
und insbesondere in der Fallkonstellation eines männlichen Opfers mit
weiblichen Tätern (N=29) sind allerdings nur wenige der Ergebnisse statis-
tisch signifikant. Tendenziell lässt sich jedoch sagen, dass Jungen bei
gleichgeschlechtlichen Täter-Opferverhältnissen eher zu einer Anzeige
neigen als Mädchen.
Die Vermutung, dass die soziale Distanz aufgrund des Geschlechtes zu
192

einem höheren Ausmaß an formeller Konfliktregulierung führt, kann somit


tendenziell nur für weibliche Opfer bestätigt werden. Sowohl Jungen als
auch Mädchen sind jedoch bei gleichgeschlechtlichen Tätern eher in der
Lage, informelle Einigungen zu erzielen, wobei Mädchen dies insgesamt
deutlich häufiger als Jungen erreichen.

Tabelle 6.29: Konfliktlösungsverhalten nach Gleich-/Gegengeschlechtlichkeit


von Täter und Opfer
Opfer ist ein Junge Opfer ist ein Mädchen
Täter ist gleich gegen Korr.a gleich gegen Korr.a
Anzeige 18,3 13,8 0,03n.s. 10,0 14,3 0,06n.s.
informelle Einigung 16,7 10,3 0,04n.s. 30,9 21,1 0,11+
Selbstjustiz 7,2 0,0 0,07n.s. 0,9 0,0 0,07n.s.
Aktion 42,3 24,1 0,09+ 41,8 35,4 0,06n.s.
kein Vertrauen Pol. 27,6 44,8 0,09* 29,1 29,9 0,01n.s.
Angst vor Folgen 10,2 27,6 0,13** 16,4 16,3 0,00n.s.
Resignation 33,3 58,6 0,13** 34,5 39,5 0,05n.s.
Bagatellisierung 53,8 51,7 0,01n.s. 64,5 57,8 0,05n.s.
N 442 29 110 147
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Kontingenzkoeffizient): n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01

Selbstjustiz schließlich ist - wenig überraschend - ein Phänomen, das in


männlichen Jugendsubkulturen auftritt. Diese Art der Konfliktregelung
wird fast ausschließlich von Jungen gegenüber Jungen eingesetzt, Mädchen
sind hier nicht „satisfaktionsfähig“ und sie haben auch nicht die Ressour-
cen um gegenüber männlichen Tätern zur Selbsthilfe zu greifen. Insgesamt
führt dies dazu, dass männliche Opfer Konfliktkonstellationen mit gleich-
geschlechtlichen Tätern tendenziell aktiver bewältigen als solche mit ge-
gengeschlechtlichen Tätern und bei letzteren auch signifikant häufiger
resignieren. Es ist in der Tat plausibel, dass es Jungen peinlich ist, wenn sie
von Mädchen viktimisiert werden und dass sie sich von der Polizei in die-
sen Fällen wenig Hilfe erhoffen. Bei Mädchen dagegen ist keinerlei Unter-
schied in der Häufigkeit von Resignation bei gleich- oder gegengeschlecht-
lichen Tätern zu beobachten. Bemerkenswert ist allerdings der geringe
Unterschied in der Bagatellisierungsneigung bei männlichen Opfern. Hier
wäre nach den Annahmen der Dissonanztheorie ein erheblich höheres Maß
193

bei gegengeschlechtlichen Täterinnen als bei gleichgeschlechtlichen Tätern


zu erwarten gewesen. Dieser Unterschied wird auch nicht größer, wenn nur
Situationen mit unbekannten Täterinnen betrachtet werden.

6.6.4 Altersverhältnis von Tätern und Opfer


Das Alter des Täters/der Täter wurde bereits im Erhebungsinstrument als
relationale Variable abgefragt (Oberwittler & Blank 2003: 179). Auch das
Altersverhältnis drückt eine soziale Distanz zwischen Tätern und Opfer
aus, die Distanz ist umso größer, je größer der Altersunterschied ist.
Hier zeigt sich deutlich, dass Delinquenz unter gleichaltrigen Jugendli-
chen den größten Anteil aller Viktimisierungen ausmacht und aus diesem
Grund auch am ehesten als „normal“ betrachtet wird: Während Taten von
gleich alten oder gar jüngeren Tätern nur zu 13% angezeigt werden, steigt
die Anzeigerate auf mehr als das doppelte (29,6%) bei Tätern, die älter als
das Opfer sind.

Tabelle 6.30: Konfliktlösungsverhalten nach dem Altersverhältnis von Opfer und


Täter
Täter ist jünger gleich gemischt älter Korrelationa
Anzeige 12,5 13,0 28,3 29,6 0,17***
informelle Einigung 25,0 22,2 11,1 12,2 -0,11***
Selbstjustiz 0,0 3,5 6,1 10,2 0,11**
Aktion 37,5 38,7 45,5 52,0 0,09*
kein Vertrauen Polizei 18,8 28,5 34,3 28,6 0,04n.s.
Angst vor Folgen 9,4 13,4 13,1 13,3 0,01n.s.
Resignation 25,0 35,6 40,4 32,7 0,02n.s.
Bagatellisierung 56,3 63,1 36,4 38,8 -0,19***
N 32 463 99 98
Angaben in Prozent der Opfer; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanz (Tau-b): n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Trotz des signifikanten Rückgangs informeller Einigungen mit älteren Tä-


tern steigt auch die aktive Bewältigung der Viktimisierung insgesamt signi-
fikant an, was als Hinweis auf eine stärker punitive Haltung gegenüber
Tätern mit größerer sozialer Distanz zum Opfer interpretiert werden kann.
Dies zeigt sich nicht zuletzt auch im signifikanten Anwachsen der Selbst-
justiz mit zunehmendem Altersabstand. Insgesamt entsteht so das Bild
194

eines mit dem Altersabstand wachsenden Bedürfnisses nach aktiver Bewäl-


tigung durch das Opfer, das jedoch nicht in informellen Regelungen durch-
gesetzt werden kann und daher sowohl verstärkt durch Selbstjustiz als auch
die formelle Sozialkontrolle gestillt werden muss.
Als Ursache für die zunehmende aktive Bewältigung kann auch in Be-
tracht kommen, dass Delikte von älteren Tätern gegenüber jüngeren Opfern
als schwerwiegender eingeschätzt werden als Taten gleichaltriger Opfer.
Dabei konnte jedoch kein Unterschied zwischen Delikten mit bekanntem
Täter und Delikten mit unbekanntem Täter festgestellt werden, wie in Ab-
schnitt 4.1.4 vermutet wurde. Die Bewertung einer Viktimisierung durch
einen älteren Täter als schwerwiegender ist also nicht davon abhängig, ob
das Opfer bereits vorher Informationen über diesen hatte.

6.7 Multivariate Befunde zur Konfliktbewältigung I: Indivi-


duelle und strukturelle Determinanten
Zur Überprüfung der in Kapitel 4 formulierten Hypothesen bezüglich des
Einflusses von Merkmalen des Opfers, des Täters und der Täter-Opfer-
Relation auf die Wahrnehmung der Schwere von Konflikten sowie auf die
Art der Konfliktbewältigung wurden multivariate logistische Regressionen
berechnet. Dabei wurde wie folgt verfahren. Zunächst wurden für die ein-
zelnen Delikte diejenigen Prädiktoren ausgewählt, die auf bivariater Analy-
seebene einen signifikanten Einfluss auf den Modus der Konfliktbewälti-
gung ausübten und für deren Wirkung in Kapitel 4 Hypothesen formuliert
wurden. Im Anschluss daran wurden, einer Empfehlung von Field (2000:
201) folgend, mittels linearer Regression die Multikollinearität der identi-
fizierten Prädiktoren überprüft. Nach den üblichen Heuristiken konnte
entschieden werden, dass keiner der Prädiktoren von Multikollinearität
betroffen ist. Danach wurden die Prädiktoren in zwei Blöcken mit dem
Kriterium „enter“ in das Modell aufgenommen. Im ersten Block wurden
nur die Kontrollvariablen in die Analyse eingeführt. Die Kontrollvariablen
umfassen bei allen Modellen Art des Deliktes (Raub oder Erpressung, Re-
ferenzgruppe ist Körperverletzung), Schwere des Schadens, sowie die Vor-
erfahrung des Opfers hinsichtlich vorhergehender Viktimisierung bzw.
vorhergehenden Anzeigen. Im Fall der informellen Einigung wurde zusätz-
lich die subjektive Deliktschwereeinschätzung als Kehrwert der Bagatelli-
sierung aufgenommen. Die subjektive Deliktschwereeinschätzung wird im
Modell der Entscheidungsfindung des Opfers als einer Handlung vorgela-
195

gert betrachtet und kann daher in das empirische Modell aufgenommen


werden, obwohl die Abfrage logisch auf gleicher Ebene mit einer Konflikt-
regulierung durch informelle Einigung erfolgte (vgl. Abschnitt 5.2.2). Da
sich diese Abfrage jedoch nur auf die Alternativen zu einer Anzeige bezog,
kann die subjektive Einschätzung der Deliktschwere nicht in das Modell
zur Erklärung des Anzeigeverhaltens einbezogen werden (vgl. Oberwittler
& Blank 2003: 180). Im zweiten Block wurden Eigenschaften des Opfers
und der Täter-Opfer-Relation als Prädiktoren des Konfliktlösungsverhal-
tens aufgenommen.
Zur Beurteilung der Güte eines multiplen logistischen Regressionsmo-
dells können verschiedene Kennzahlen herangezogen werden. Das Pseudo-
R2 kann in Analogie zum linearen Regressionsmodell als Anteil der durch
die Prädiktoren erklärten Varianz der dichotomen abhängigen Variable
interpretiert werden. Andreß u.a. (1997: 288) geben als Faustregel an, dass
Werte des Pseudo-R2 unter 5% (0,05) auf geringe Zusammenhänge, solche
über 20% (0,2) auf sehr starke Zusammenhänge hindeuten, während ein
Pseudo-R2 über 40% nur selten vorkommt. Das Hosmer/Lemeshow chi2 ist
ein Test der Nullhypothese, dass die Modellparameter adäquat an die
zugrundeliegenden Daten angepasst sind. Signifikante chi2-Werte zeigen
an, dass keine adäquate Anpassung vorliegt. Das Block chi2 schließlich
zeigt an, ob durch die Aufnahme des jeweiligen Blocks von Prädiktorvari-
ablen die abhängige Variable besser vorhergesagt wird als vorher (Field
2000: 179). Signifikante Werte des Block chi2 zeigen an, dass die Aufnah-
me des gesamten Blocks der Prädiktoren die Vorhersagekraft des Modells
signifikant verbessert. Für den ersten Block bedeutet dies, dass das Block
chi2 die Verbesserung von Modell 1 gegenüber dem Nullmodell, in welches
nur die Konstante eingeht, beschreibt. Das Block chi2 des zweiten Modells
gibt die Verbesserung nach der Aufnahme des zweiten Prädiktorenblocks
gegenüber Modell 1 an. Die Signifikanz einzelner Prädiktoren wurde an-
hand der Wald-Statistik ermittelt. Die Effekte der Prädiktorvariablen wer-
den als standardisierte Exp.(B)-Koeffizienten berichtet. Diese Koeffizien-
ten erhält man nach Andreß u.a. (1997: 271) unter Berücksichtigung der
Standardabweichungen der Prädiktorvariablen. Die standardisierten Logits
oder Exp.(B)-Koeffizienten nehmen positive Werte an, wobei Werte unter
1 eine Verringerung der Wahrscheinlichkeit des Auftretens der abhängigen
Variablen, solche über 1 eine Vergrößerung der Wahrscheinlichkeit ange-
ben. Genauer geben sie bei dichtomen unabhängigen Variablen an, um wie
viel wahrscheinlicher das Vorliegen des Merkmals bei einem Befragten die
196

Ausprägung des Merkmals der abhängigen Variable macht. Bei kontinuier-


lichen unabhängigen Variablen geben die Logits an, wie stark die Wahr-
scheinlichkeit des Auftretens der abhängigen Variablen ansteigt, wenn die
unabhängige Variable um 1 erhöht wird.

6.7.1 Determinanten der Deliktschwereeinschätzung


Tabelle 6.31 gibt die Zusammenhänge für die Einschätzung der Delikt-
schwere wieder. Die abhängige Variable „Bagatellisierung“ wurde dabei
zur Erleichterung der Interpretation umgepolt, der Wert 1 steht daher für
„keine Bagatellisierung“, also dafür, dass das Delikt als schwerwiegend
bewertet wird, während der Wert 0 für Bagatellisierung steht, also dafür,
dass das Delikt als weniger schwerwiegend eingeschätzt wird.
Betrachtet man zunächst im ersten Modell die Koeffizienten zur Modell-
anpassung, so zeigt sich, dass mit N=480 Fällen knapp über 60% der insge-
samt 782 Fälle mit Detailangaben zum letzten Delikt, bei denen keine An-
zeige erstattet wurde, in das Modell eingehen. Grund dafür ist der listen-
weise Ausschluss von Fällen mit fehlenden Angaben. Das Pseudo-R2 nach
Nagelkerke deutet mit 0,24 bereits auf einen starken Zusammenhang zwi-
schen den Kontrollvariablen und der Deliktschwereeinschätzung hin. Dar-
auf weist auch das sehr geringe Hosmer/Lemeshow chi2 von 1,6 hin.
Die kategoriale Kontrollvariable „Delikttyp“ hat keinen signifikanten
Einfluss, zeigt allerdings an, dass Raubdelikte tendenziell schwerer als
Körperverletzungen bewertet werden. Dagegen bleibt wie bereits in den
bivariaten Befunden auch im multivariaten Modell die absolute Schadens-
höhe ein sehr signifikanter Prädiktor für die Deliktschwerebeurteilung. Je
wertvoller der geraubte Gegenstand (Exp.(B)=1,63; p<0,001) und je
schlimmer die Verletzung (Exp.(B)= 1,95; p<0,001), als desto schwerwie-
gender wird das Ereignis durch die Opfer betrachtet. Dabei ist zu beachten,
dass die Verringerung in der Wahrscheinlichkeit einer Bagatellisierung
zwar stärker durch die Schwere von Köperverletzungsdelikten beeinflusst
wird als durch Raubdelikte. Da jedoch die Skala der Schwere von Körper-
verletzungen nur aus drei Kategorien besteht, die der Deliktschwere beim
Raub dagegen aus vier Kategorien, vergrößert eine Körperverletzung mit
der größten „objektiven“ Deliktschwere („Arztbesuch notwendig“) die
Schwerebeurteilung in gleicher Weise wie ein Raub der größten materiellen
Schadensklasse („Wert über 100 DM“). Sowohl eine vorherige Viktimisie-
rung des Opfers als auch dessen Erfahrung mit weiteren Anzeigen führen
197

zu einer schwereren Beurteilung der aktuellen Viktimisierung.


Die Aufnahme der Variablen, die den Einfluss der Tatsituation und der
Täter-Opfer-Relation beschreiben, führt zu einer signifikanten Verbesse-
rung der Vorhersagekraft des Modells 2 gegenüber Modell 1. Das Pseudo-
R2 verbessert sich signifikant (Block chi2= 36,0; p<0,001) von 0,24 auf
0,32. Die im ersten Modell eingeführten Kontrollvariablen bleiben sämtlich
signifikant und in ihrer Einflussgröße konstant, was insgesamt für die Sta-
bilität des Modells spricht.

Tabelle 6.31: Multivariate logistische Regression zur Erklärung der Einschät-


zung der Deliktschwere (Bagatellisierung)
Modell 1 Modell 2
Kontrollvariablen
Raub (ref. Körperverletzung) 1,20n.s. 1,09n.s.
Erpressung & Bedrohung (ref. KV) 1,10n.s. 1,07n.s.
Wert Gegenstand 1,63*** 1,65***
Schwere Verletzung 1,95*** 1,99***
Anzahl vorheriger Viktimisierun- 1,34** 1,31*
gen
Anzahl vorheriger Anzeigen 1,45* 1,37*
Situation
Anzahl Täter - 1,39***
Ort wenig vertraut - 1,12n.s.
Tageszeit - 1,18n.s.
Täter-Opfer Relation
Täter bekannt (ref.: nein) - 0,84n.s.
Täter gleichethnisch (ref.: ja) - 1,16n.s.
Täter älter (ref.: nein) - 1,19n.s.
Konstante 0,00n.s. 0,00*
Modellanpassung
N 480 480
2
Pseudo-R 0,24 0,32
2
Hosmer/Lemeshow chi 1,6n.s. 12,5n.s.
Block chi2 92,5*** 36,0***
standardisierte Exp.(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: *: p<0,05; **: p<0,01; ***:
p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Von den Variablen, die den Einfluss der Situation auf die Bewertung durch
198

das Oper beschreiben, bliebt im multivariaten Modell nur die Anzahl der
Täter signifikant (Exp.(B)= 1,39). Auch alle Variablen, die die Täter-
Opfer-Relation beschreiben, sind im multivariaten Modell nicht mehr signi-
fikant.
Das bedeutet, die Bewertung der Situation durch das Opfer (hier gemes-
sen als Kehrwert der Bagatellisierung) wird bestimmt
durch die objektive Schwere des entstandenen Schadens,
durch die Erfahrung des Opfers bezüglich früherer Viktimisierungen und
Anzeigen
sowie durch Merkmale der Tatsituation
Die Vermutung, nach der die Opfersituation auch in Abhängigkeit von
der Täter-Opfer-Relation bewertet werden könnte, konnte damit nicht bes-
tätigt werden. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der Abbau von Dis-
sonanz sich hinsichtlich der Täter-Opfer-Beziehung nicht durch eine Neu-
bewertung der Situation, sondern eher durch eine Veränderung der Erwar-
tungshaltungen der Opfer vollzieht. Da weder das Auftreten von Disso-
nanz, noch deren Reduktion mit den vorliegenden Daten gemessen werden
können, ist der Status der Dissonanztheorie hier nicht als Erklärung im
strengen Sinn aufzufassen, sondern als eine Heuristik. Mit den multivaria-
ten Modellen kann demnach weder ein Hinweis auf das tatsächliche Auf-
treten von Dissonanzreduktion durch Neubewertung der Situation im Ge-
folge von Viktimisierungen, noch auf deren ausbleiben oder andere Formen
der Reduktion erbracht werden. Es kann daher an dieser Stelle nur darüber
spekuliert werden, dass Opfersituationen mit bekannten, gleich alten oder
der gleichen Ethnie angehörenden Tätern, entweder beim Opfer erst gar
keine Dissonanz erzeugen, oder diese auf andere Art abgebaut wird, bei-
spielsweise durch Bilanzierung bei bekannten Tätern.

6.7.2 Determinanten der aktiven Konfliktbewältigung


Eine aktive Konfliktbewältigung kann entweder durch eine Formalisierung
des Konfliktes, also eine Anzeige, durch eine informelle Einigung von
jugendlichem Täter und Opfer untereinander oder durch Selbstjustiz des
Opfers erfolgen. Da die Kategorie „Selbstjustiz“ in der ursprünglichen
Abfrage der Anzeigenalternativen nicht enthalten war, konnten nur relativ
wenige Opfer identifiziert werden, die dieses Verhalten in einer offenen
Antwortmöglichkeit angegeben hatten. Aus diesem Grund kann eine multi-
variate Analyse der Merkmale, die Selbstjustiz befördern, nicht erfolgen.
199

Ähnlich wie bei der Analyse der Konfliktbewertung wurden auch für An-
zeige und informelle Einigung jeweils zwei Modelle berechnet (vgl. Tabel-
le 6.32). Modell 1 enthält jeweils die Kontrollvariablen sowie den Einfluss
der Tatsituation, von der vermutet wurde, dass sie eher die Bewertung der
Tat durch das Opfer und weniger direkt dessen Handlungsoptionen
bestimmen würden.
Modell 1 zur Erklärung des Anzeigeverhaltens erreicht bereits ein Pseu-
do-R2 von 0,17; das Modell weicht signifikant vom Nullmodell ab (Block
chi2 = 52,2; p<0,001) und weist eine gute Anpassung an die Daten auf
(Hosmer/Lemeshow chi2 = 12,1). Die Kontrollvariablen der Deliktart haben
keinen signifikanten Einfluss auf die Anzeigeneigung, dagegen ist die ob-
jektive Tatschwere, der Verlust in DM bei Raubdelikten, ein schwach sig-
nifikanter Prädiktor.59
Dagegen zeigt sich die Häufigkeit vorheriger Anzeigen als sehr signifi-
kanter Prädiktor. Jugendliche scheinen insgesamt recht gute Erfahrungen
mit der Regelung von Konflikten durch Anzeigen zu machen, jedenfalls
erhöht eine vorherige Anzeige die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige beim
letzten Delikt um 48%. Von den Variablen, die die Tatsituation beschrei-
ben, bleibt der Interaktionseffekt von Tatort und Tatzeit signifikant
(Exp.(B)=1,54; p<0,05). Nur schwach signifikant ist der Einfluss der An-
zahl der Täter.
Das zweite Modell, in das die eigentlich das Anzeigeverhalten erklären-
den Variablen eingeführt werden, verbessert signifikant die Erklärungskraft
(Block chi2 = 22,0). Auch das Pseudo-R2 steigt deutlich an und das Hos-
mer/Lemeshow chi2 bleibt im nicht signifikanten Bereich. Es zeigt sich,
dass wie erwartet die Erklärungskraft der Situationsvariablen zurückgeht,
wenn die Eigenschaften der Täter-Opfer-Relation ins Regressionsmodell
aufgenommen werden. Allein die Interaktion von Tatzeit und Tatort bleibt
schwach signifikant. Dagegen hat die Variable „Täter bekannt“ einen signi-
fikanten Einfluss auf das Anzeigeverhalten: Dem Opfer bekannte Täter
haben ein um 34% geringeres Anzeigerisiko als Täter, die das Opfer vor
der Tat nicht kannte. Zusätzlich neigen Opfer in heteroethnischen Täter-

59
Da die Deliktschwere bei Körperverletzungsdelikten in den bivariaten Analysen
weder auf das Anzeigeverhalten noch auf das Erreichen einer informellen Einigung
Einfluss ausübte, wurde diese Variable im Sinne des „sparsamen“ Einsatzes erklärender
Variablen nicht in die multivariaten Modelle aufgenommen. Der Wert des geraubten
Gegenstandes hatte darüber hinaus keinen Einfluss auf eine informelle Einigung, so
dass dieser Prädiktor nur beim Anzeigeverhalten eingeführt wurde.
200

Opfer-Konstellationen eher zur Anzeige als in homoethnischen Konstella-


tionen. Die Altersgleichheit von Opfer und Täter hat dagegen keinen zu-
sätzlichen signifikanten Einfluss mehr auf die Anzeigeneigung des Opfers.

Tabelle 6.32: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung der aktiven


Konfliktbewältigung
Anzeige Informelle Einigung
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Kontrollvariablen
Raub (ref.: Körperverletzung) 0,97n.s. 0,89n.s. 0,73* 0,75+
Erpressung & Bedrohung (ref.: KV) 0,78n.s. 0,77n.s. 0,93n.s. 0,91n.s.
Wert Gegenstand 1,30+ 1,39* - -
Subjektive Schwere (ref.: Bagatel- - - 0,85n.s. 0,75*
lis.)
Anzahl vorheriger Anzeigen 1,48*** 1,44*** 0,70+ 0,75n.s.
Situation
Ort wenig vertraut 1,18n.s. 1,06n.s. 0,75+ 0,83n.s.
Tageszeit 0,86n.s. 0,83n.s. 1,04n.s. 1,12n.s.
Interaktion Ort w. vertraut * Zeit 1,54* 1,45+ 0,70+ 0,72n.s.
spät
Anzahl Täter 1,26+ 1,10n.s. - -
Opfereigenschaften
Geschlecht (ref.: weiblich) - - - 0,82+
Täter-Opfer Relation
Täter bekannt (ref.: nein) - 0,66** - 1,39*
Täter gleichethnisch (ref.: ja) - 1,35* - 0,68**
Täter älter (ref.: nein) - 1,22n.s. - 0,80n.s.
Konstante 0,00* 0,00* 1,01n.s. 2,39n.s.
Modellanpassung
N 490 490 484 484
2
Pseudo-R 0,17 0,23 0,11 0,19
2
Hosmer/Lemeshow chi 12,1n.s. 13,0n.s. 6,7n.s. 8,9n.s.
Block chi2 52,2*** 22,0*** 35,3*** 28,3***
standardisierte Exp(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: n.s.: nicht signifikant; +:
p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Auch das erste Modell zur Vorhersage der informellen Einigung zwischen
Täter und Opfer weist eine gute Anpassung an die zugrunde liegenden
201

Daten auf, das Hosmer/Lemeshow chi2 ist nicht signifikant. Die Kontroll-
variablen tragen signifikant zur Verbesserung der Vorhersagegüte gegen-
über dem Nullmodell bei. Von diesen verringert insbesondere das Vorlie-
gen eines Raubdeliktes gegenüber Körperverletzungen die Fähigkeit der
Konfliktbeteiligten zu informellen Einigungen. Dagegen hat die subjektive
Deliktschwereeinschätzung als Kehrwert der Bagatellisierung zunächst
keinen signifikanten Einfluss. Auch der Effekt vorheriger Anzeigen ist nur
schwach signifikant, allerdings kann der Exp.(B)-Koeffizient von 0,70
(p<0,10) durchaus so interpretiert werden, dass Jugendliche mit vorherge-
henden Anzeigen weniger dazu neigen, einen aktuellen Konflikt informell
zu regeln. Auch die Tatsituation hat nur einen schwachen Einfluss auf das
Erreichen einer informellen Einigung. Schwach signifikante Einflüsse zei-
gen sowohl eine dem Opfer wenig vertraute Umgebung bei der Tatbege-
hung, als auch der Interaktionseffekt zwischen Tatort und Tatzeit.
Betrachtet man nun das Modell 2 zur Vorhersage der Konfliktlösung
durch eine informelle Einigung, so zeigen sich beim Einfluss der Täter-
Opfer-Relation die erwarteten Parallelen unter umgekehrten Vorzeichen
wie beim Anzeigeverhalten. Bekannte Täter haben eine größere Chance,
eine informelle Einigung mit dem Opfer zu erzielen, als Täter, die das Op-
fer vor der Tat nicht kannte. Die Heteroethnizität der Täter-Opfer-
Konstellation dagegen erschwert eine informelle Einigung und verringert
deren Wahrscheinlichkeit um 32% gegenüber homoethnischen Konstellati-
onen.
Die Täter-Opfer-Relation beeinflusst sowohl das Anzeigeverhalten als
auch die Wahrscheinlichkeit einer informellen Einigung. Dass dagegen bei
der Bewertung des Deliktes (Bagatellisierung) der Einfluss dieser Relation
erheblich geringer ist, deutet darauf hin, dass die Wirkung der Täter-Opfer-
Relation auf die Anzeigewahrscheinlichkeit direkt über die Variation in der
Möglichkeit zu einer informellen Einigung verläuft, und nicht über die
(zeitlich vorangehende) Bewertung des Konfliktes durch das Opfer. Kon-
flikte zwischen Bekannten oder gleichethnischen Jugendlichen werden also
nicht deshalb seltener durch Anzeigen verarbeitet, weil sie als schwerwie-
gender eingeschätzt werden, sondern weil eher eine informelle Konfliktlö-
sung gefunden werden kann.
Dagegen hat das Altersverhältnis zwischen Täter und Opfer ähnlich wie
beim Anzeigeverhalten keinen signifikanten Einfluss mehr auf das Errei-
chen einer informellen Einigung. Darüber hinaus zeigen sich schwach sig-
nifikante Unterschiede nach dem Geschlecht des Opfers. Auch im multiva-
202

riaten Modell haben Mädchen größere Chancen, eine informelle Einigung


zu erreichen als Jungen. Wie in Abschnitt 6.4.2 deutlich wurde, ist dies vor
allem das Resultat der bei Jungen weit verbreiteten Neigung zu Selbstjus-
tiz, während diese bei Mädchen kaum vorkommt. Mädchen sind daher eher
auf eine einvernehmliche informelle Regelung angewiesen, während Jun-
gen tendenziell auch über die Ressourcen verfügen, eine einseitige infor-
melle Regelung zu finden.
Die Aufnahme dieser zusätzlichen Prädiktoren führt im zweiten Modell
zu einer signifikant besseren Vorhersage der informellen Einigung (Block
chi2 =28,3). Mit dem Pseudo-R2 von 0,19 erreicht das Modell eine gute
Erklärung der abhängigen Variablen und weist mit dem nicht signifikanten
Hosmer/Lemeshow chi2 von 8,9 eine gute Anpassung an die Daten auf. Die
als Kontrollvariablen eingeführten Prädiktoren der Delikteigenschaften und
der Eigenschaften der Tatsituation verlieren dagegen großenteils ihre im
Basismodell ohnehin nur schwach signifikante Vorhersagekraft. Einzig die
subjektive Schwereeinschätzung als Kehrwert der Bagatellisierung wird
signifikant und deutet auf einen Zusammenhang zwischen der Beurteilung
der Situation durch das Opfer und dessen Bereitschaft zu einer informellen
Einigung hin.
Da sich die Prädiktoren der Täter-Opfer-Relation bei der informellen Ei-
nigung in den gleichen Größenordnungen wie beim Anzeigeverhalten be-
wegen, spricht vieles für die Vermutung, dass sich Anzeigeverhalten und
informelle Einigung komplementär zueinander verhalten. Die selben Fakto-
ren des Täter-Opfer-Verhältnisses, die eine informelle Einigung wahr-
scheinlicher machen, wirken sich hemmend gegenüber der Anzeigebereit-
schaft aus und umgekehrt. Wie bereits aufgrund der bivariaten Befunde
vermutet, stehen Anzeige und informelle Einigung in einem Verdrän-
gungsverhältnis zueinander und nicht in einem Ergänzungsverhältnis. Das
bedeutet, dass für die jugendlichen Opfer die Alternative nicht lautet, ent-
weder gar keine Konfliktbewältigung oder eine Anzeige zu erstatten, son-
dern dass die Entscheidungsfindung eher nach folgendem Modell ablaufen
dürfte: Demnach entsteht zunächst das Bedürfnis nach einer aktiven Verar-
beitung der Viktimisierung, der Modus dieser Verarbeitung, also eine For-
malisierung, informelle Regelung oder Selbstjustiz hängt dann von den
individuellen Eigenschaften des Opfers und der Täter-Opfer-Relation ab.
Diese Befunde können daher auch als eindrücklicher Nachweis von Blacks
(1976) Postulat des Gleichgewichts von formeller und informeller Sozia-
kontrolle betrachtet werden (vgl. Abschnitt 3.3).
203

6.8 Zusammenfassung
Nur 17% der von den befragten Jugendlichen berichteten Opfersituationen
werden von diesen oder ihren Eltern angezeigt. Dass nur eine solch geringe
Anzahl von Delikten der formellen Soziakontrolle bekannt wird, weist
darauf hin, dass der Anzeigevorgang selbst nicht als normkonformes Ver-
halten betrachtet werden kann. Es werden allerdings bei Raubdelikten mit
zunehmendem Wert des geraubten Gegenstandes erheblich mehr Anzeigen
erstattet, während bei Körperverletzungen ein solcher Zusammenhang mit
der Schwere der Verletzung nicht festgestellt werden konnte. Mit zuneh-
mender Schadensschwere scheint also bei Gewaltdelikten, die sich vor
allem zwischen Jugendlichen derselben Altergruppe abspielen, die Ein-
schaltung der formellen Sozialkontrolle als normaler angesehen zu werden.
Es konnte ebenfalls bestätigt werden, dass bei Gewaltdelikten die jugendli-
chen Opfer bzw. deren Eltern zu 84% selbst die Anzeige erstatten und da-
mit dem Opfer eine kritische Filterfunktion zukommt. Das in Kapitel vier
entwickelte Modell zum Anzeigeverhalten steht damit auf einem soliden
Grund.
Ausgehend von diesen Annahmen konnte für das letzte vom Opfer erleb-
te Delikt gezeigt werden, dass die subjektive Schwerebeurteilung der De-
likte erheblich durch die objektive Schwere des dem Opfer entstandenen
Schadens bzw. der erlittenen Verletzung bestimmt wird. In Ermangelung
eines anderen Indikators wurde dabei als subjektive Schwereeinschätzung
der Kehrwert der Bagatellisierung benutzt, der jedoch nur für die Bewälti-
gung durch Anzeigealternativen, nicht aber für die Anzeige selbst zur Ver-
fügung stand. Neben dem objektiven Schweregrad bestimmen jedoch auch
psychologische Faktoren wie das Ausmaß, in dem das Opfer über vorherige
Erfahrungen mit Anzeigevorgängen bzw. über vorherige Viktimisierungen
verfügt, die Bagatellisierungsneigung. Des Weiteren ist die Einschätzung
abhängig vom situativen Merkmal der Anzahl der Täter. Im multivariaten
Modell ging dagegen kein Einfluss mehr von den Eigenschaften von Tatort
und Zeit, von Eigenschaften des Täters und von Eigenschaften der Täter-
Opferrelation auf die Deliktschwerebewertung mehr aus. In Abschnitt 4.1.3
wurde vorgeschlagen, die Theorie der kognitiven Dissonanz als Heuristik
zur Erklärung der Bagatellisierung heranzuziehen. Eine Erklärung durch
diese Theorie im strengen Sinn konnte nicht angestrebt werden, da weder
das Vorliegen von Dissonanz noch deren Reduktion gemessen worden war.
Dennoch lassen sich die Ergebnisse zur Deliktschwereeinschätzung plausi-
204

bel durch diese bewährte sozialpsychologische Theorie erklären. Es hatte


sich jedoch bereits bei der Formulierung der Thesen anhand der Dissonanz-
theorie gezeigt, dass insbesondere hinsichtlich der Eigenschaften der Täter-
Opferbeziehung nur schwerlich eindeutige Vermutungen über Art und
Ausmaß eines Zusammenhangs dieser Einflussfaktoren auf die Bewertung
formuliert werden konnten.
Die Analysen zu den drei Alternativen aktiver Konfliktlösung durch das
Opfer konnten eine Reihe der in Abschnitt 4.2 dieser Arbeit formulierten
Hypothesen bestätigen, führten jedoch auch zu neuen Erkenntnissen hin-
sichtlich der Wirkungsweise des Sozialkapitals der Jugendlichen.
Aufgrund der nachträglichen Kodierung der Bewältigungsalternative
„Selbstjustiz“ aus offenen Angaben und weil infolge dessen auch nur we-
nige Opfer diese Alternative angegeben hatten, wurde auf die Prüfung der
hier gefundenen Zusammenhänge mit multivariaten Modellen verzichtet.
Die bivariaten Befunde lassen jedoch den Schluss zu, dass ähnlich wie bei
Anzeige und informeller Einigung die Ausübung von Selbstjustiz durch die
Jugendlichen in Abhängigkeit von Merkmalen des Delikts, des Opfers und
der Täter-Opfer-Relation variiert. Selbstjustiz wird fast ausschließlich von
Jungen gegen Jungen, sowie bedeutend häufiger von Jungen aus der Tür-
kei und dem ehemaligen Jugoslawien ausgeübt. Ferner geben Jugendliche,
die selbst delinquent sind bzw. einer gewaltbereiten Clique angehören häu-
figer an, „Rache geübt“ zu haben. Schließlich unterliegen auch Täter nicht-
deutscher Herkunft nach den Opferangaben häufiger der Selbstjustiz als
deutsche Täter. All dies kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass wie
in Abschnitt 4.2.3 vermutet, Selbstjustiz als Mittel der Konfliktverarbeitung
vor allem in „delinquenten Subkulturen“ von Jugendlichen auftritt.
Die Wahrscheinlichkeit einer Konfliktverarbeitung durch Anzeigeerstat-
tung unterscheidet sich im multivariaten Modell nicht mehr signifikant
nach den drei abgefragten Arten von Gewaltdelikten. Die objektive Schwe-
re determiniert über den Wert des geraubten Gegenstandes die Entschei-
dung des Opfers. Auch die Erfahrung, die das Opfer mit früheren Anzeigen
gemacht hat, vergrößert die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Anzeige.
Diejenigen Opfer, die bereits angezeigt haben, bewerten nicht nur Delin-
quenz schwerer, sondern sind wohl auch mit der formellen Sozialkontrolle
als Konfliktlösungsinstanz zufrieden. Jedenfalls tendieren sie auch seltener
dazu, Konflikte informell zu regeln.
Das soziale Kapital der Jugendlichen, gemessen durch ihr Beziehungs-
netz, hatte beim letzten Delikt weder einen positiven Einfluss auf die
205

Wahrscheinlichkeit einer informellen Einigung, noch einen negativen auf


die der Anzeigeerstattung. Dafür kommen mehrere Erklärungen in Frage.
Es könnte sein, dass nicht das Sozialkapital der Jugendlichen entscheidend
ist, sondern das ihrer Eltern. Untersuchungen dazu können jedoch nicht auf
der Individualebene durchgeführt werden, sondern nur auf der Aggregat-
ebene (vgl. Kapitel 9). Es konnte gezeigt werden, dass das soziale Kapital
der Jugendlichen einen indirekten Effekt auf die Reduktion von Anzeige-
wahrscheinlichkeiten und parallel dazu der Steigerung informeller Kon-
fliktlösungen hat, indem es die Chance vergrößert, dass sich Opfer und
Täter vor der Tat bereits kennen und daher eher eine informelle Einigung
erzielen können. Es ist daher gut möglich, dass das soziale Kapital des
Opfers von diesem nicht aktiviert wird, um zusätzliche informelle Einigun-
gen zu erzielen. Aufgrund der Tatsache, dass die meisten Delikte eher Ba-
gatellfälle sind, könnte eine Aktivierung von Sozialkapital in solchen Fäl-
len als zu aufwändig betrachtet, und bei ernsthaften Delikten der formellen
Regelung der Vorzug gegeben werden.
206

7 Empirische Befunde zum Registrierungsrisiko aus


der Täterperspektive

Diesem Kapitel liegt gegenüber den empirischen Befunden zum Anzeige-


verhalten ein Perspektivenwechsel zugrunde. Während im vorangegange-
nen Kapital über das Anzeigeverhalten aus der Opferperspektive berichtet
wurde, soll nun das Registrierungsrisiko eines Jugendlichen aus der Täter-
perspektive analysiert werden. Dabei treten Unterschiede in der Methode
und in den Daten auf, die einleitend thematisiert werden.
Während für die Opferperspektive nur die drei Items zu Gewaltdelikten
zur Verfügung standen, können für die Täterperspektive alle 14 Items der
selbstberichteten Delinquenz ausgewertet werden. Aus pragmatischen
Gründen wird jedoch auf die Betrachtung der Sachbeschädigungsdelikte in
der Regel verzichtet.
Die Täterperspektive ist, wie bereits in der Einleitung erwähnt, eine er-
gebnisorientierte Betrachtung, während die Opferperspektive sich zumin-
dest ansatzweise als prozessorientierte Betrachtung auffassen lässt. Aus der
Opferperspektive können diejenigen Mechanismen untersucht werden, die
eine Entscheidung des Opfers über eine Anzeige bestimmen, nicht jedoch
diejenigen Mechanismen, die zu einer polizeilichen Entdeckung bei unbe-
kannten Tätern führen, oder diejenigen, die über eine polizeiliche Anzei-
genaufnahme versus „Abwimmelns“ des Anzeigenden führen. Hierfür ist
eine dritte Perspektive, nämlich die der Polizei notwendig, für deren Unter-
suchung im Rahmen dieser Arbeit keine Daten zur Verfügung standen, die
daher auch empirisch nicht bearbeitet werden konnte und theoretisch nur
am Rand erörtert wurde. Die Täterperspektive erlaubt also nur indirekte
Schlussfolgerungen über die Mechanismen, die von der Tatbegehung und
damit dem Dunkelfeld zu einer polizeilichen Registrierung und damit dem
Hellfeld führen und insbesondere über diejenigen Mechanismen, die zu
einer selektiven Registrierung von Jugendlichen mit bestimmten Eigen-
schaften führen.
Analog zur Vorgehensweise bei der Untersuchung des Anzeigeverhaltens
aus der Opferperspektive sollen den nun folgenden Analysen zunächst
einige Auswertungen der Delinquenz des Samples der eigentlichen Unter-
207

suchung des Registrierungsrisikos vorangestellt werden. Im Anschluss


daran werden Analysen des Basisrisikos aufzeigen, welchen Einfluss De-
liktart, Häufigkeit der Deliktbegehung und eine vorhergehende Anzeige auf
das Risiko einer polizeilichen Registrierung eines delinquenten Jugendli-
chen haben. Schließlich werden einige soziodemographische Faktoren des
relativen Risikos wie sozialer Status, Geschlecht, soziale Benachteiligung
des Jugendlichen betrachtet.

7.1 Selbstberichtete Delinquenz


In diesem Abschnitt sollen einige grundlegende Aspekte delinquenten Ver-
haltens Jugendlicher beleuchtet werden, die sich in den Daten der MPI
Schülerbefragung 1999/2000 finden. Eine Dokumentation der Skala zur
selbstberichteten Delinquenz wurde von Oberwittler u.a. (2002) veröffent-
licht. An anderer Stelle wurde bereits ein Überblick über delinquentes Ver-
halten in Freiburg und Köln (Oberwittler u.a. 2001) sowie im Freiburger
Umland (Oberwittler u.a. 2002a) gegeben. Neben einem generellen Über-
blick über Ausmaß und Verteilung von Delinquenz finden sich dort vertie-
fende Betrachtungen zum Einfluss von Familien- und sozialer Situation
sowie von Freunden und Freizeitverhalten von Jugendlichen auf deren
Delinquenz. Des Weiteren wird die Verteilung von Delinquenz über die
sozialen Kontexte von Schulen und Wohnvierteln der Jugendlichen darge-
stellt. Dabei zeigte sich neben dem mittlerweile selbstverständlichen Be-
fund der Ubiquität von Jugenddelinquenz - 70% der Jungen und 50% der
Mädchen hatten mindestens eines der abgefragten Delikte in ihrem bisheri-
gen Leben begangen - auch, dass die Mehrzahl der Delikte dem Bagatellbe-
reich zuzuordnen ist. Andererseits zeigen die Befunde auch eine Konzent-
ration der Delikte bei wenigen Jugendlichen auf. Bei Jungen sind 9% der
Täter, bei Mädchen sogar nur 5% der Täterinnen für jeweils 50% der be-
gangenen Taten verantwortlich.
Aus einer etwas anderen Betrachtungsweise geht diese Konzentration
von Taten auf wenige Täter auch aus Abbildung 7.1 hervor. Diese zeigt die
Anzahl der Jugendlichen, die bei fünf Deliktgruppen als Täter in Erschei-
nung treten, in Abhängigkeit von der (kategorisierten) Anzahl von Taten,
die sie innerhalb eines Jahres in dieser Deliktgruppe begehen. Einfache
Diebstahlsdelikte wie Ladendiebstahl, Fahrraddiebstahl und das Stehlen
von Geld oder Gegenständen wurden von nahezu 600 Jugendlichen inner-
halb eines Jahres ein Mal begangen. 325 Jugendliche gaben 2 derartige
208

Delikte an und immerhin noch 50 Befragte nannten 75 Diebstähle für das


vergangene Jahr. Auch Sachbeschädigungsdelikte werden von vielen Ju-
gendlichen begangen, allerdings liegt die Anzahl derer, die diese Delikte
besonders häufig begehen, deutlich unter derjenigen bei Diebstahlsdelikten.
Einen ähnlichen Verlauf weist auch die Verteilung der Gewaltdelikte auf.

Abbildung 7.1: Anzahl der Täter und Anzahl der Taten


600

550

500

450

400

350

300

250 Sachbeschädigung
Anzahl der Täter

200
Gewalt
150
Einbruch
100
Diebstahl
50
0 BTM
1 3 5 20 40 100
2 4 10 30 50 200

Anzahl der Taten

Die Angaben sind kategorisierte Häufigkeiten (für den Zeitraum des letzten Jahres)
Aufgrund von fehlenden Angaben liegt den Betrachtungen bei einzelnen Deliktgruppen
eine unterschiedliche Anzahl von Probanden zu Grunde: Sachbeschädigung N = 5755;
Gewalt N= 5745; Einbruch N = 5769; Diebstahl N = 5766; Betäubungsmitteldelikte
(BTM) N = 5738

Den habituellen Charakter des Drogengebrauchs zeichnet die Kurve der


BTM-Delikte nach. Einem mit anderen Delikten verglichen relativ gerin-
gen Anteil von Jugendlichen, die eher selten Drogen nehmen bzw. verkau-
fen, steht mit Ausnahme der einfachen Diebstahlsdelikte die höchste Rate
von Jugendlichen gegenüber, die dieses Delikt sehr häufig – regelmäßig –
begehen. Erwartungsgemäß verläuft auch die Kurve der schweren Eigen-
tumsdelikte wie Einbruch in Autos und Wohnungen, bzw. der Diebstahl
von Autos oder Motorrädern. Während immerhin noch rund 150 Befragte
209

zugaben, im letzten Jahr mindestens ein Delikt dieser Kategorie begangen


zu haben, sind ab der Kategorie von 11 und mehr Delikten jeweils weniger
als 30 Befragte zu finden.
Neben Vielfachtätern wurde eine Gruppe von ca. 5% des Samples als In-
tensivtäter ausgemacht, die besonders häufig in schwere Delikte wie Ein-
bruch, Drogenhandel und Gewaltdelikte verwickelt sind (Oberwittler u.a.
2001: 28).
Einen Überblick über die Prävalenzraten selbstberichteter Delinquenz
nach der ethnischen Herkunft liefert Abbildung 7.2 für die drei größten
Herkunftsgruppen im Sample.

Abbildung 7.2: Prävalenzraten der selbstberichteten Delinquenz nach ethnischer


Herkunft der Eltern

27
Körperverl. 17.9
13.6
14.9
Raub 9
7.9
8.4
Einbruch 9.2
5.4
24.8
Ladendiebst. 35.6
29.2
22.6
Diebstahl 22.7
17.4
13
BTM 25.7
20.6

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50

Deutsch Aussiedler Balkan/Türkei

Angaben in Prozent, nur die drei größten ethnischen Gruppen im Sample wurden be-
rücksichtigt.
Alle Delikte weisen einen signifikanten Kontingenzkoeffizienten auf.

Jugendliche mit einem türkischen bzw. exjugoslawischen Migrationshin-


tergrund neigen demnach doppelt so häufig zu Gewaltdelinquenz (Raub
und Körperverletzungen) als Jugendliche mit deutschen Eltern und immer
210

noch deutlich häufiger als jugendliche Aussiedler.60 Letztere weisen dage-


gen von allen drei Gruppen die höchste Prävalenzrate bei Einbruchsdelik-
ten, insbesondere jedoch bei Ladendiebstählen und beim Drogengebrauch
auf. Türkische Jugendliche wiederum sind bei Ladendiebstählen und Dro-
gendelikten gegenüber den anderen beiden Gruppen unterrepräsentiert.
Zusammenfassend kann man also konstatieren, dass Jugendliche aus Süd-
osteuropa überdurchschnittlich häufig zu Gewalttaten neigen, Aussiedler-
jugendliche häufiger Eigentumsdelikte begehen und deutsche Jugendliche
ohne Migrationshintergrund häufiger Drogendelikte sowie einfache Laden-
diebstähle begehen.
Bei Naplava (2003) findet sich eine vertiefende Betrachtung der Delin-
quenz von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft im Vergleich zu deut-
schen Jugendlichen und Aussiedlern; zudem werden die Ergebnisse der
MPI Schülerbefragung 1999/2000 mit denen anderer Schülerbefragungen
der letzten Jahre verglichen. So findet sich in der MPI Schülerbefragung
1999/2000 eine signifikant höhere Belastung von Aussiedlerjugendlichen
bei Ladendiebstahl und Ein- bzw. Autoaufbrüchen (Naplava 2002: 15).
Jugendliche mit einem elterlichen „Gastarbeiter“ Migrationshintergrund
weisen dagegen signifikant höhere Prävalenzraten bei den Gewaltdelikten
„Körperverletzung“ und „Erpressung“ auf, die bei den Aussiedlerjugendli-
chen wiederum nicht über den Werten „einheimischer“ Jugendlicher liegen.
Deutsche Jugendliche schließlich weisen gegenüber solchen fremdethni-
scher Herkunft deutlich höhere Prävalenzraten bei Drogengebrauch auf
(Naplava 2002: 18).
Die folgende Abbildung 7.3 zeigt die Prävalenzraten der selbstberichte-
ten Delinquenz in Abhängigkeit vom (höchsten) Berufsprestige (eines El-
ternteils) der Befragten. Bei allen betrachteten Delikten mit Ausnahme der
Drogendelikte ist ein signifikanter negativer Zusammengang mit dem Be-
rufsprestige der Eltern beobachtbar, während bei Drogendelikten ein posi-
tiver Zusammenhang besteht. Damit kann die Beobachtung von Geißler
(1997: 185) bestätigt werden, wonach Jugendliche mit geringerem familiä-

60
Für alle Deliktsgruppen konnten signifikante Kontingenzkoeffizienten berechnet
werden. Diese erlauben allerdings nur eine Aussage über signifikante Unterschiede
zwischen allen drei betrachteten Gruppen, sagen dagegen nichts über Unterschiede
zwischen den einzelnen Gruppen aus. Da die folgenden Betrachtungen jedoch eher
Überblicks- und Einführungscharakter haben, wurde auf eine differenziertere Berech-
nung verzichtet.
211

rem Sozialstatus zumindest bei schweren Delikten häufiger delinquent


werden als Jugendliche mit hohem familiären Sozialstatus.

Abbildung 7.3: Prävalenzraten der selbstberichteten Delinquenz nach dem elter-


lichen Berufsprestige

11,1
Körperverl. 12,2
15,9
23,9
4,9
Raub 8,7
10,1
12,4
4,6
Einbruch 5,2
6,9
9,3
29,3
Ladendiebst. 28,1
31,4
33,3
15,3
Diebstahl 16,7
20
24
24,5
BTM 23,2
20,9
17,1

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50

Elterliches Berufsprestige: gering mittel hoch sehr hoch

Angaben in Prozent
Alle Delikte weisen ein signifikantes Tau-b auf.

Es ist jedoch zu beachten, dass hier keine multivariaten Analysen durchge-


führt wurden, die beobachteten Unterschiede also nur unter Vorbehalt kau-
sal auf die erklärenden Variablen zurückgeführt werden können. Derartige
multivariate Analysen wurden von Oberwittler u.a. (2001: 86) berichtet,
allerdings mit einem anderen Zuschnitt des Samples und ohne die Variable
des „Elterlichen Berufstatus“. Zur Erklärung der Befunde bei den Gewalt-
delikten bietet es sich an, die stärkere Verbreitung traditionaler Verhal-
tensweisen sowohl bei Emigrantenjugendlichen als auch bei Unterschichts-
jugendlichen heranzuziehen. Dagegen könnte deren Überrepräsentation
insbesondere bei schweren Diebstahlsdelikten mit Pfeiffer & Wetzels
(1999: 6) durch den Effekt einer Gewinnerkultur erklärt werden, welche
sozial marginalisierte Jugendliche dazu nötigt, Konsumwünsche und damit
Statuserwerb mit illegalen Mitteln zu befriedigen. Interessant ist schließlich
die Umkehrung des Zusammenhangs bei Drogendelikten, der insbesondere
auf einen häufigeren Gebrauch von Drogen bei Deutschen und Jugendli-
chen aus höheren sozialen Schichten schließen lässt. Mit Laging (2004)
212

kann Drogenkonsum daher weithin als Ausdruck erlebnisrationalen Han-


delns in der „Spaßgesellschaft“ interpretiert werden, welches sich bei eher
traditional eingestellten Bevölkerungsteilen bisher weniger stark durchsetz-
ten konnte.

Abbildung 7.4: Prävalenzraten der Delinquenz nach sozialer Benachteiligung


der Eltern

22.3
Körperverl. 14.3

13.6
Raub
8.4

10.1
Einbruch 6

38.9
Ladendiebst. 28.4

26
Diebstahl 17.7

27.1
BTM
20

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50

weder Arbeitslosigkeit noch Sozialhilfe Arbeitslosigkeit und / oder Sozialhilfe

Angaben in Prozent
Alle Delikte weisen ein signifikantes Tau-b auf.

Dass Drogenkonsum jedoch auch ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer


sozialen Problemgruppe sein kann, zeigt Abbildung 7.4. Hieraus geht her-
vor, dass Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, deren Eltern
arbeitslos waren oder Sozialhilfe bezogen haben, bei allen hier betrachteten
Delikten häufiger delinquent werden als ihre nicht benachteiligten Alters-
genossen. Es sind jedoch nicht nur finanzielle familiäre Ressourcen, die mit
der Delinquenz der Jugendlichen korrelieren, sondern auch soziales Kapital
und informelle Sozialkontrolle, die vollständige Familien in größerem Um-
fang bieten und ausüben können als Familien, bei denen entweder eines
oder beide biologischen Elternteile nicht vorhanden sind (ohne Abbildung).
Die letzte Abbildung (7.5) beschreibt die Prävalenzraten selbstberichte-
ter Delinquenz nach Verhaltensorientierungen von Jugendlichen, die als
„gewaltorientiertes Gruppenverhalten“ bezeichnet werden können.
Jugendliche, die Mitglied in einer gewaltorientierten Jugendclique sind,
213

haben bei schweren Delikten wie Raub, Körperverletzung und Einbruch


eine sechs bis acht Mal höhere Prävalenzrate als Jugendliche, die nicht
Mitglied einer solchen Clique sind. Doch auch bei leichteren Delikten wie
Ladendiebstahl, sonstigen Diebstählen und Drogendelikten betragen die
Unterschiede in den Prävalenzraten immer noch mindestens das doppelte
gegenüber Jugendlichen, die nicht einer gewaltorientierten Clique angehö-
ren. Es wurde bewusst darauf verzichtet, die Angaben der Jugendlichen zu
direkten Fragen nach der Delinquenz ihrer Freunde hier als Prädiktoren der
eigenen Delinquenz darzustellen, da sich der Status dieser Angaben meines
Erachtens theoretisch und empirisch bisher nicht eindeutig bestimmen lässt.

Abbildung 7.5: Prävalenzraten der Delinquenz nach Mitgliedschaft in einer


delinquenten (gewaltbereiten) Clique

54.9
Körperverl. 10.8

35.1
Raub
6

29.7
Einbruch 3.5

63
Ladendiebst. 25.6

53.4
Diebstahl 14.5

45.9
BTM
17.3

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75

keine delinquente Clique delinquente Clique

Angaben in Prozent
Alle Delikte weisen ein signifikantes Tau-b auf.

Die Skala des „actionorientierten Freizeitverhaltens“ schließlich bezieht


sich auf das „Streetlife“ bzw. das abendliche Ausgehen von Jugendlichen
und ist dokumentiert in Blank u.a. (2003: 34). Es zeigt sich, das Jugendli-
che mit einem stark auf „Streetlife“, „Spaß haben“ und „Ausgehen“ ausge-
richtetem Freizeitverhalten in allen Delikten erheblich höhere Prävalenzra-
ten aufweisen als Jugendliche, bei denen diese Komponenten der Freizeit-
gestaltung weniger stark ausgeprägt sind (ohne Abbildung). Besonders
groß sind die Differenzen bei Drogendelikten, was wiederum deren Stel-
214

lenwert in der „Spaßkultur“ bestätigt.

7.2 Basisrisiko des Übergangs vom Dunkelfeld ins Hellfeld


Nach den in Abschnitt 4.1.3 angestellten Überlegungen können zwei Arten
des Basisrisikos der polizeilichen Registrierung eines Deliktes unterschie-
den werden. Das Basisrisiko ist zum einen deliktspezifisch und zum ande-
ren abhängig von der Anzahl der insgesamt begangenen Taten. Zunächst
sollen die in Abschnitt 6.2 aus der Opferperspektive geführten Überlegun-
gen zum Verhältnis von Sanktionsgeltung (Rate der sanktionierten Norm-
verstöße) und Verhaltensgeltung (Rate der Jugendlichen, die die Verhal-
tensnorm beachten) aus der Täterperspektive weiterverfolgt werden.

7.2.1 Norm- und Verhaltensgeltung bei Gewaltdelikten im Ver-


gleich zur Opferperspektive
Auf den ersten Blick widersprüchlich zur Opferperspektive sieht das Ver-
hältnis von Verhaltens- und Sanktionsgeltung aus der Täterperspektive aus
(vgl. Tabelle 7.1). Hier scheint ein positiver Zusammenhang zwischen
Delikthäufigkeit und der Anzeigerate von Tätern bzw. Taten zu bestehen.

Tabelle 7.1: Prävalenz und Inzidenz selbstberichteter Delinquenz (SRD) und


selbstberichteter Anzeigehäufigkeiten (SRP) - Täterperspektive
Raub Erpressung KV Gesamt
Probanden mit Fragebogen Typ A und Typ B (N=5774)
Prävalenzrate SRD (in %) 6,0 6,2 16,3 20,2
a
Anzeigerate (% der Täter) 8,6 11,7 18,5 14,4
nur Probanden mit Fragebogen Typ B (N=2747)
Prävalenzrate SRD (in %) 6,1 6,1 16,8 20,6
a
Anzeigerate (% der Täter) 7,2 8,4 14,5 11,7
Inzidenz Delinquenz 967 780 2942 4689
Inzidenz Anzeigen 19 19 127 165
Anzeigerate (% der Fälle) 2,0 2,4 4,3 3,5
a
Anteil der Täter die mindestens einmal angezeigt worden sind

Betrachtet man zunächst nur die Angaben der Täter mit Fragebogen Typ B
in den letzten fünf Zeilen der Tabelle, so ist ersichtlich, dass diese bei Kör-
perverletzungsdelikten nicht nur die höchste Prävalenzrate aufweisen, son-
215

dern auch die höchste Registrierungsratep (14,5%). Auch die Registrie-


rungsratei, also die Rate registrierter delinquenter Handlungen, ist bei den
Körperverletzungen mit 4,2% erheblich höher als bei Raub (2%).
Das bedeutet also, dass Opfer angeben, sie würden Raubtäter häufiger
anzeigen als Täter von Körperverletzungsdelikten, während die Täter ange-
ben, für Raubdelikte seltener von der Polizei belangt zu werden als für
Körperverletzungen. Eine teilweise Auflösung dieses Widerspruches kann
gelingen, indem drei bisher stillschweigend vorausgesetzte Prämissen hin-
terfragt werden.
Täter und Opfer gehören derselben Population von Jugendlichen an
Täter von Raub und Körperverletzung haben dasselbe Entdeckungsrisiko
(oder: diese Delikte haben dieselbe Aufklärungsrate)
Die Taten werden von derselben Anzahl von Tätern begangen
Aus empirischen Studien geht hervor, dass jugendliche Täter und Opfer in
der Regel aus derselben Population stammen, das bedeutet, dass jugendli-
che Täter seltener Kinder oder Erwachsene viktimisieren als vielmehr ihre
eigenen Altersgenossen (Höfer 2000). Es könnte jedoch sein, dass dies für
unterschiedliche Delikte in unterschiedlichem Maße zutrifft. Tatsächlich
zeigt sich bei der Nachfrage nach dem letzten Delikt, dass die Opfer von
Raubtaten mit 35,6% signifikant häufiger angeben, dass der Täter älter war
als sie selbst, während dies bei Körperverletzungsdelikten nur bei 26,7%
der Fall ist (r=0,09; p<0,05). Unterstützt wird dieser Befund durch eine
Analyse der Täteraussagen zu dem von ihnen verursachten Schaden durch
Raub. Während 13-jährige Raubtäter zu 60,4% Bagatelldelikte mit weniger
als 20 DM Schadenshöhe berichteten, sank dieser Wert bei 16-Jährigen auf
29,4%. Von letzteren gab dagegen die Hälfte an, Schäden mit mehr als 100
DM Schaden verursacht zu haben – gegenüber 16,7% in der Altersgruppe
der 13- Jährigen (r=0,20; p<0,001). Geht man davon aus, dass die Scha-
denshöhe einer der wichtigsten Faktoren ist, die über eine Anzeige ent-
scheiden, so sollten also ältere Raubtäter ein erheblich größeres Anzeigeri-
siko haben als jüngere. Dies kann jedoch anhand der selbstberichteten De-
linquenz nicht bestätigt werden und kann daher als Erklärung ausgeschie-
den werden. Zwar haben 13-jährige Raubtäter ein erheblich kleineres An-
zeigerisiko als 16-jährige, doch bei Körperverletzungsdelikten zeigt sich
derselbe Zusammenhang. Eine zusätzliche Erklärungsmöglichkeit ergibt
sich, wenn die zweite Hypothese in Frage gestellt wird. Die Anzeigerate
aus Täter- und Opferperspektive gibt nämlich nicht dasselbe wieder. Wäh-
rend die Opfer sämtliche erstatteten Anzeigen angeben können, kann der
216

Täter nur solche Fälle angeben, in denen das Opfer Anzeige erstattet und
die Polizei den Täter ermittelt hat. Es könnte nun sein, dass Raubdelikte
eine geringere Aufklärungsrate aufweisen als Körperverletzungen und
daher die Täter seltener ermittelt werden können. Betrachtet man wiederum
die Opferangaben zum letzten Delikt, so zeigt sich, dass Raubtäter tatsäch-
lich dem Opfer etwas (nicht signifikant) seltener bekannt sind als Täter von
Körperverletzungen. Da jedoch die Polizei in der Regel nur dann den Täter
ermitteln kann, wenn er vom Opfer quasi mitgeliefert wird, wirkt sich die
Bekanntschaft von Täter und Opfer auch direkt auf die Aufklärungsquote
aus (Hanak & Pilgram 1991).
Schließlich könnten Unterschiede in der Anzahl der beteiligten Täter ei-
ne Erklärung für die nach Delikten unterschiedlichen Anzeigeraten liefern.
Es zeigt sich, dass Raubdelikte mit 65,5% signifikant häufiger (r=0,18;
p<0,001) von mehr als einem Täter begangen werden als Körperverletzun-
gen (mit 46,9% Gruppentätern). Setzt man voraus, dass ein Opfer nicht alle
an einer Tat beteiligten Täter anzeigt, so bedeutet dies für Raubtäter, dass
ihr individuelles Anzeigerisiko geringer ist, obwohl Raubtaten häufiger als
Körperverletzungen der Polizei gemeldet werden.
Diese Untersuchungen zeigen zwar, dass es nach Deliktart unterschiedli-
che Verzerrungen von Anzeigewahrscheinlichkeit (Opferperspektive) und
Registrierungsrisiko (Täterperspektive) gibt. Es ist allerdings fraglich, ob
die gefundenen Effekte eine hinreichende Erklärung darstellen oder ob
weitere Einflüsse wie eine unterschiedliche Validität der Angaben nach
Deliktart sowie Fragebogeneffekte hier noch zusätzlich wirken.
Ein weiteres Problem stellen unterschiedliche Anzeigeraten nach dem
Fragebogentyp dar. Während die Anzeigeraten in der zweiten Zeile von
Tabelle 7.1 sich auf alle Fragebögen beziehen (die selbstberichtete Delin-
quenz wurde bei allen Probanden abgefragt) gibt die vierte Zeile die An-
zeigeraten der Splittinggruppe mit dem Fragebogen Typ B wieder.
Es zeigt sich, dass die Täter mit Fragebögen vom Typ A signifikant hö-
here Anzeigeraten angeben als diejenigen mit Fragebögen vom Typ B.
Dieses Phänomen kann nicht weiter erklärt werden, folgende Effekte kön-
nen jedoch ausgeschlossen werden:
Stichprobeneffekte: Der Fragebogentyp wurde den Befragten klassen-
weise zufällig zugewiesen.
Fragebogeneffekte: Bis zur Delinquenz-/Polizeikontaktskala waren beide
Fragebogentype nahezu identisch, der Split begann erst danach.
Verzerrungen durch Ort oder Schultyp: Auch in einer Subgruppenanaly-
217

se nach Ort der Befragung (Köln/Freiburg/Land) und Schultyp bleiben die


Unterschiede bestehen. Die selbstberichtete Delinquenz dagegen weist
keine solche Verzerrung nach Fragebogentyp auf, wie die erste und dritte
Datenzeile von Tabelle 8.1 zeigen.
Zufällige Effekte: Die Unterschiede in den selbstberichteten Registrie-
rungsraten sind signifikant. Ferner treten diese Unterschiede auch bei wei-
teren Items zu selbstberichteten Polizeikontakten auf.
In die weitere Analyse mit selbstberichteten Registrierungsraten muss da-
her eine Dummyvariable „Fragebogentyp“ aufgenommen werden.

7.2.2 Norm- und Verhaltensgeltung bei 14 Delikten


Es zeigt sich, dass die Erweiterung des Deliktspektrums auf die insgesamt
14 abgefragten Items der selbstberichteten Delinquenz die Befunde aus der
Opferperspektive bestätigen. Zwischen der Sanktionsgeltung und der Ver-
haltensgeltung einer Norm besteht ein umgekehrter Zusammenhang, so
dass gilt: Je größer der Anteil der Normabweichler (der Jugendlichen, die
Delikte begehen), desto geringer der Anteil der Sanktionierten (der Jugend-
lichen, deren Verhalten im Hellfeld auftaucht).61 Abbildung 7.6 macht
deutlich, dass über verschiedene Delikte hinweg betrachtet die Annahme
eines konstanten Hell-Dunkelfeldverhältnisses bei Jugendkriminalität nicht
aufrechtzuerhalten ist, vielmehr ergibt sich über eine Kurvenanpassung ein
exponentieller Zusammenhang zwischen Sanktionsgeltung und Verhaltens-
geltung.62
Die Items können grob in drei Deliktgruppen und zwei Ausreißeritems
gruppiert werden. Die erste Deliktgruppe mit geringer Verhaltensgeltung
(75% bis 90%) und geringer Sanktionsgeltung (weniger als 10% der Täter
hatten wegen diesen Delikten Polizeikontakt) wird durch die fünf Items
„Drogengebrauch“, „Beschädigung öffentlichen Eigentums“, „Graffiti“,
„Fahrraddiebstahl“ und das „Bestehlen von Personen“ gebildet.

61
Dies gilt jedoch nur auf der Aggregatsebene der einzelnen Items. Auf der Indivi-
dualebene einzelner Täter ist vielmehr davon auszugehen, dass das Entdeckungsrisiko
umso größer wird, je häufiger ein Jugendlicher ein Delikt begangen hat (vgl. Abschnitt
4.1.2).
62
Die Kennwerte der angepassten Regressionskurve lauten: R2adjustiert = 0,27; p<0,05;
B = 0,06*; Konstante = 0,03n.s.. Das Ausreißeritem „Ladendiebstahl“ wurde von der
Kurvenberechnung ausgeschlossen.
218

Abbildung 7.6: Zusammenhang zwischen Sanktionsgeltung und Verhaltensgel-


tung bei 14 Items aus der Täterperspektive
30
Autodiebstahl

25 Ladendiebstahl

Autoaufbruch
20
Sanktionsgeltung in % der Täter

Körperverletzung
Auto-Beschädigung
Einbruch
15
Deliktsart
Erpressung Sachbeschädigung
Beschädigung
10
Raub Gewalt
Graffiti
BTM Verkauf Einbruch
Fahrraddiebstahl
5
BTM Gebrauch
Diebstahl

0 BTM
65 70 75 80 85 90 95 100

Verhaltensgeltung in % der Befragten

Die Grafik ist wie folgt zu lesen: Eine Verhaltensgeltung von 90 bedeutet, dass 90% der
Jugendlichen angegeben haben, gegen die dem Item zugrundeliegende Norm im ver-
gangenen Jahr nicht verstoßen zu haben. Eine Sanktionsgeltung von 10 bedeutet, dass
10% der gegen die Norm verstoßenden Jugendlichen angaben, deswegen Polizeikontakt
gehabt zu haben.

Die Gewaltdelikte „Erpressung“ und „Raub“ weisen zusammen mit „Dro-


genverkauf“ eine hohe Verhaltensgeltung (über 90% der Befragten haben
diese Delikte im letzten Jahr nicht begangen) bei einer ebenfalls eher ge-
ringen Sanktionsgeltung zwischen 5% und 10% auf. Die dritte Gruppe
schließlich besteht aus den Delikten „Einbruch“, „Autoaufbruch“, „-
diebstahl“, sowie „Beschädigung von Autos“. Alle diese Delikte haben eine
sehr hohe Verhaltensgeltung (über 95%) und von allen abgefragten Delik-
ten die höchste Sanktionsgeltung (zwischen 15% und 25%). Darüber hin-
aus hat das Delikt „Ladendiebstahl“ mit nahezu der höchsten Sanktionsgel-
tung (23,6% der jugendlichen Ladendiebe hatten deshalb mindestens ein
Mal im letzten Jahr Polizeikontakt) gleichzeitig mit nur 69,6% die gerings-
te Verhaltensgeltung. Ähnlich hat die „Körperverletzung“ mit einer recht
hohen Sanktionsgeltung von 17,9% eine geringe Verhaltensgeltung
(83,7%).Wichtig für die weiteren Auswertungen ist die Erkenntnis, dass die
219

a priori gebildeten Deliktgruppen (BTM-Delikte, Diebstahl, Einbruch,


Gewalt und Sachbeschädigung) nur zum Teil in Gruppen mit ähnlichem
Verhältnis von Verhaltens- und Sanktionsgeltung abgebildet werden kön-
nen. Von den drei a priori zusammengefassten Gewaltdelikten fallen im-
merhin noch die Items „Erpressung“ und „Raub“ in ein Cluster, auch bei
Sachbeschädigungs- und Diebstahlsdelikten haben jeweils zwei von drei
Items vergleichbare Verhältnisse von Sanktions- und Verhaltensgeltung.
Dies macht es zum einen erforderlich, bei den weiteren Auswertungen die
Art des begangenen Deliktes in multivariaten Modellen zu kontrollieren.
Des Weiteren besteht die Hoffnung, dass eine separate Betrachtung der
Items „Ladendiebstahl“ und „Körperverletzung“ zu weiteren Erkenntnissen
hinsichtlich der Sanktionierung durch die offizielle Sozialkontrolle führt.
Der in Abbildung 7.6 dargestellte Zusammenhang zwischen Verhaltens-
geltung und Normgeltung wirft jedoch über rein forschungspragmatische
Überlegungen hinaus grundlegende Fragen nach der theoretischen Interpre-
tation dieser Befunde auf. Zum einen könnten sich Vertreter einer general-
präventiven Argumentation bestätigt sehen und hier einen Repressionsef-
fekt vermuten, nach dem Motto „je größer das Entdeckungsrisiko bei einem
Delikt, desto weniger Jugendliche werden es begehen, weil sie durch die
potentielle Entdeckung davon abgeschreckt werden“. Dies ist jedoch mei-
nes Erachtens eine eindimensionale Sichtweise, die dem beobachteten Zu-
sammenhang schon allein deshalb nicht angemessen ist, weil Jugendliche
in der Regel weder eine realistische Vorstellung von den mit Delinquenz
verbundenen Entdeckungsrisiken noch von der Sanktionshöhe haben
(Schumann u.a. 1987). Auch zeigt sich am Beispiel des Items „Ladendieb-
stahl“, dass keineswegs ein hohes Entdeckungsrisiko zu einer hohen Ver-
haltensgeltung führt. Und gerade bei diesem Item kann davon ausgegangen
werden, dass hinter der von den Geschädigten häufig verfolgten Strategie,
jeden entdeckten Diebstahl auch bei der Polizei anzuzeigen, explizit solche
generalpräventive Überlegungen stehen. Dass dennoch der Abschreckungs-
effekt ausbleibt und dieses Delikt am häufigsten von den Jugendlichen
begangen wird, ist ein Hinweis auf die Richtigkeit der Überlegungen von
Popitz (1969: 17), nach denen ein „Sanktionsexzess“ nicht mehr vor Delin-
quenz abschreckt, sondern dazu führt, dass die Wirkung einer Sanktionie-
rung beim Täter ausbleibt oder sich zumindest abschwächt.
Meines Erachtens spielt jedoch in diesem Zusammenhang die Deliktschwe-
re eine entscheidende Rolle als erklärende Drittvariable. Die Deliktschwere
steuert zum einen die Verhaltensgeltung, indem beispielsweise schwere
220

Delikte wie Einbrüche ein gewisses Training voraussetzen, das nicht jeder
Jugendliche erwirbt. Dies lässt sich sehr gut am Beispiel des Ladendieb-
stahls versus Autoaufbruch demonstrieren. Während es kaum „handwerkli-
ches Können“ voraussetzt, Dinge in einem Geschäft „mitgehen zu lassen“,
ist ein erhebliches Training nötig, um in ein Auto einzubrechen und z.B.
das Radio auszubauen. Dementsprechend hat der Autoaufbruch unter den
Jugendlichen die höchste Verhaltensgeltung und der Ladendiebstahl die
geringste, während die Sanktionsgeltung ungefähr auf gleichem Niveau
liegt. Die Deliktschwere steuert jedoch auch die Sanktionsgeltung, indem
schwere Delikte häufiger der formellen Sozialkontrolle (Polizei) mitgeteilt
werden und von dieser auch mit größerem Ressourceneinsatz bearbeitet
werden. Man kann daher auch umgekehrt folgern, dass die Sanktionsgel-
tung einzelner Delikte nur deshalb so hoch sein kann, wie sie empirisch ist,
weil die Verhaltensgeltung dieser Delikte ebenfalls hoch ist. Wäre die Ver-
haltensgeltung geringer, so wäre die formelle Sozialkontrolle überlastet und
damit nicht mehr handlungsfähig.
Neben dem Delikttyp stellt die Häufigkeit der Deliktbegehung den zwei-
ten Aspekt des Basisrisikos dar. Je häufiger ein Jugendlicher ein bestimm-
tes Delikt begeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, wegen mindes-
tens einer Tat angezeigt zu werden. Abbildung 7.7 gibt das Registrierungs-
risiko in Prozent in Abhängigkeit von der Häufigkeit der begangenen De-
likte für vier Delikttypen wieder. Dazu wurden logistische Regressionen
mit den Angaben zur selbstberichteten Delinquenz als unabhängiger Vari-
able und den selbstberichteten Angaben zu Polizeikontakten (dichotom) als
abhängiger Variablen berechnet. Im Anschluss wurde die Ausgabe der
beobachteten Wahrscheinlichkeiten graphisch aufbereitet.63

63
Um den Verlauf des Risikos in Abhängigkeit von der individuellen Inzidenz zu
beschreiben, können die in Abbildung 8.9 eingezeichneten Kurven angepasst werden.
221

Abbildung 7.7: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung in Abhängigkeit von


der Häufigkeit abweichenden Verhaltens nach Delikttyp
100

80

60
Registrierungsrisiko in %

40

Sachbeschädigung

20 Gewalt

Einbruch

0 BTM
1 3 5 20 40 100
2 4 10 30 50 200

Anzahl der Delikte (Inzidenz), logarithmische Darstellung

Das Registrierungsrisiko gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Jugendlicher bei
einer bestimmten Anzahl begangener Delikte mindestens einen Polizeikontakt aufweist.

Die Skalierung der „Anzahl der Delikte“ gibt für jeden eingetragenen
Punkt die untere Grenze der Kategorie der unabhängigen Variablen an.64 Es
zeigt sich, dass insbesondere für die schwereren Deliktgruppen „Einbruch“
und „Gewalt“ ab ca. 30 bzw. 100 begangenen Delikten pro Jahr für die
Täter ein hundertprozentiges Risiko für einen Polizeikontakt besteht. Das
bedeutet, dass faktisch jeder Jugendliche, der sehr häufig schwere Eigen-
tumsdelikte oder Gewaltdelikte begeht, der Polizei bekannt wird bzw. eine
Anzeige erhält. Wie aus Abbildung 7.1 hervorgeht, sind in dieser Häufig-
keitskategorie jedoch nur noch sehr wenige Täter anzutreffen. Dabei haben
Täter von Einbruchsdelikten mit einem „Einstiegsrisiko“ von 20% die

64
Das bedeutet beispielsweise für einen Jugendlichen, der nach eigenen Angaben
zwischen 11 und 15 Drogendelikten im letzten Jahr begangen hat, mit einer Wahr-
scheinlichkeit von p = 0,019 von der Polizei gefasst zu werden. Es haben also 2 von 100
Jugendlichen, die Drogendelikte dieser Häufigkeit begehen, Kontakt zur Polizei. Dage-
gen berichten 71 von 100 Jugendlichen einen Polizeikontakt, die mit derselben Häufig-
keit im letzten Jahr schwere Eigentumsdelikte verübt haben.
222

größte Chance, bereits beim ersten Delikt der formellen Sozialkontrolle


aufzufallen, während dieses Risiko für alle übrigen Deliktgruppen unter
10% beträgt. Dagegen erreichen Täter selbst bei einer Inzidenz von über
100 selbstberichteten Delikten nur ein Registrierungsrisiko von ungefähr
25% bei Drogendelikten und 50% bei Sachbeschädigungsdelikten. Auf-
grund der relativ hohen Täterzahlen in den oberen Häufigkeitskategorien
von Drogendelikten (vgl. Abbildung 7.1) bringt dieses zunächst niedrig
erscheinende Risiko dennoch einem größeren Umfang von Jugendlichen
Polizeikontakte ein. Auch beim Vergleich mit Aufklärungsstatistiken
scheint das Basisrisiko der polizeilichen Entdeckung gerade bei schweren
Eigentumsdelikten sehr gering zu sein. Dabei sollte allerdings beachtet
werden, dass selbst Wohnungseinbrüche in Opferbefragungen nur Anzei-
gequoten zwischen 40% und 60% aufweisen und die Aufklärungsquote bei
Diebstählen insgesamt nur bei ca. 30% liegt (vgl. Abschnitt 8.1.2.2). Delik-
te aus dem Dunkelfeld, die nicht angezeigt wurden, können jedoch in der
Regel auch nicht aufgeklärt werden. Zum anderen beziehen sich die Regist-
rierungsrisiken auf Jahreszeiträume. Gerade bei schweren Eigentumsdelik-
ten ist es jedoch gut vorstellbar, dass auch Delikte, die länger zurückliegen,
noch aufgeklärt werden können, falls der Täter wegen eines anderen Delik-
tes gefasst werden konnte. Dies könnte bedeuten, dass schwere Delikte, die
im Alter zwischen 14 und 16 Jahren begangen wurden, erst zu einem späte-
ren Zeitpunkt ins Hellfeld formeller Sozialkontrolle gelangen.
In Abbildung 7.8 werden die Kurvenverläufe detaillierter für die einzel-
nen Items der Diebstahlsdelikte betrachtet. Dabei fällt auf, dass auch hier
ein charakteristischer Anstieg des Registrierungsrisikos in Abhängigkeit
von der Begehungshäufigkeit der Delikte durch einen Täter feststellbar ist,
der jedoch niemals über 50% steigt. Das bedeutet, dass auch von gewohn-
heitsmäßigen jugendlichen Ladendieben nur jeder zweite der Polizei be-
kannt wird. Im Unterschied zu den im vorherigen Abschnitt dargestellten
Zusammenhängen ist hier jedoch insbesondere bei den Items „Fahrraddieb-
stahl“ und „Diebstahl persönlicher Gegenstände bzw. Geld“ ab ca. 30 be-
gangenen Delikten pro Jahr ein Abfall der Kurve auszumachen, das bedeu-
tet, dass ab dieser Menge zusätzlich begangene Delikte das Risiko einer
Registrierung nicht mehr weiter erhöhen. Dies könnte man als Trainingsef-
fekt deuten, nach dem geübte delinquente Jugendliche in der Lage sind,
ihrer Entdeckung bei leichten Eigentumsdelikten relativ gesehen besser zu
entgehen als Jugendliche, die aufgrund der seltenen Ausführung keine Ü-
bung bei der Begehung dieser Delikte haben.
223

Insgesamt kann also ein deutlicher Zusammenhang des Basisrisikos mit der
Häufigkeit der Deliktbegehung nachgewiesen werden.

Abbildung 7.8: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung bei Diebstahlsdelikten


in Abhängigkeit von der Häufigkeit abweichenden Verhaltens nach Delikttyp
100

80

60
Registrierungsrisiko in %

40

Fahrraddiebstahl

20 Ladendiebstahl

Diebstahl Geld
0 oder Sache
1 3 5 20 40 100
2 4 10 30 50 200

Anzahl der Delikte (Inzidenz), logarithmische Darstellung

Das Registrierungsrisiko gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Jugendlicher bei
einer bestimmten Anzahl begangener Delikte mindestens einen Polizeikontakt aufweist.

Eine dritte Variable, die das Basisrisiko determiniert, ist die Deliktschwere
jedes einzelnen Deliktes. Dies ist offensichtlich, da die Deliktschwere eine
wesentliche Determinante des Anzeigeverhaltens ist (vgl. Abschnitt 6.3.2).
Da in der Erhebung jedoch nur für zwei Delikte (Diebstahl von Geld bzw.
Sachen und Raub) eine Deliktschwere abgefragt wurde, kann der Einfluss
der Deliktschwere auf das Basisrisiko der polizeilichen Registrierung nur
für diese beiden Delikte bestimmt werden. Dazu wurde jeweils eine logisti-
sche Regression mit der dichotomen abhängigen Variable „Registrierung
im letzten Jahr“ und den Prädiktoren „Delikthäufigkeit im letzten Jahr“ und
„Deliktschwere des letzten Delikts“ berechnet.65 Für die Zusammenhänge

65
Die Deliktschwere beim letzten Delikt wurde dabei implizit als Indikator für die
Deliktschwere aller Delikte herangezogen. Dies ist nicht ganz unproblematisch, stellte
jedoch die einzige Möglichkeit dar, diesen Aspekt des Basisrisikos zu untersuchen.
224

beim „Diebstahl von Geld oder Sachen“ zeigt sich, dass sich der Einfluss
der Delikthäufigkeit auf das Basisrisiko verringert, wenn die Deliktschwere
des letzten Deliktes als zusätzlicher Prädiktor in die Gleichung aufgenom-
men wird. Die Schwere des verursachten Schadens entscheidet also zusätz-
lich über das Basisrisiko einer polizeilichen Registrierung bei Diebstählen
von persönlichen Gegenständen oder Geld und ist ein erheblich gewichtige-
rer Einflussfaktor, wie sich an den höheren Exp.(B)-Werten ablesen lässt.
Aufgrund der erheblich geringeren Anzahl von Angaben zum Wert bei
Raubdelikten und der insgesamt geringeren Prävalenz dieses Deliktes
konnte hier kein Einfluss der Deliktschwere auf das Registrierungsrisiko
nachgewiesen werden. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich weiterhin, dass
die beiden Basisrisiken „Deliktschwere“ und „Delikthäufigkeit“ nicht un-
abhängig voneinander sind. Beim Diebstahlsitem korrelieren Schwere und
Begehungshäufigkeit mit rtau-b=0,14 (p<0,001), beim Raubitem konnten
immerhin noch rtau-b=0,09 (p<0,10) festgestellt werden. Das bedeutet, dass
Täter, die Delikte mit einem größeren Schaden innerhalb einer Deliktgrup-
pe begehen, tendenziell auch dazu neigen, öfter ein Delikt aus dieser De-
liktgruppe zu begehen. Insofern sind zumindest Teile des Basisrisikos „De-
liktschwere“ auch durch das Basisrisiko „Delikthäufigkeit“ erfasst.
Ein letzter Aspekt des Basisrisikos ist die Anzahl vorheriger Registrie-
rungen bei der Polizei. Es ist fraglich, ob eine (erste) Registrierung bei der
Polizei das Risiko eines Jugendlichen vergrößert, eine weitere Registrie-
rung zu erhalten. Während Grundies u.a. (2002) und Karstedt-Henke &
Crasmöller (1991) davon ausgehen, dass einzelne Registrierungen als von-
einander unabhängige Prozesse betrachtet werden können, spricht meines
Erachtens einiges gegen diese (empirisch nicht fundierte) Annahme. So-
wohl von Seiten der Opfer als auch von Seiten der Polizei könnte die
Hemmschwelle für eine Anzeige niedriger liegen, wenn vom Täter bekannt
ist, das er bereits einmal Polizeikontakt hatte, als bei Tätern, die noch nie-
mals angezeigt wurden. Die erneute Kriminalisierung könnte leichter fallen
als eine erste Kriminalisierung. Diese Annahme ist mit den vorliegenden
Daten nur schwer zu prüfen, da keine Information über den zeitlichen Ver-
lauf der einzelnen Kriminalisierungen vorliegt. Ansatzweise kann man sich
jedoch wie folgt behelfen: Zunächst wurde auf Individualdatenebene ein
Indikator gebildet, der die Anzahl der Registrierungen, vermindert um eine
225

Registrierung, angibt.66 Im Anschluss daran wurde analog zur obigen Vor-


gehensweise das Basisrisiko der Registrierung für die beiden Gruppen
berechnet, also für die Gruppe derjenigen Täter, die nur eine Anzeige hat-
ten sowie für die Gruppe derjenigen Täter, die mehr als eine Anzeige auf-
weisen. Referenz für die registrierten Täter war im ersten Fall die Gruppe
der unregistrierten Täter, im zweiten Fall die der bereits einmal registrier-
ten Täter, so dass mit dieser Vorgehensweise das Risiko eines Täters, einen
ersten Polizeikontakt zu haben, vom Risiko eines bereits erstmalig regist-
rierten Täters, einen weiteren Polizeikontakt zu haben, getrennt werden
kann. Abbildung 7.9 gibt die beobachteten Wahrscheinlichkeiten für eine
Registrierung in Abhängigkeit von der (klassierten) Häufigkeit von Delin-
quenz wieder.
Betrachtet man zunächst den Verlauf des Registrierungsrisikos (also das
Risiko, ein erstes Mal bei der Polizei registriert zu werden) für Jugendliche
ohne vorherige Registrierung, so zeigt sich, dass dieses mit zunehmender
Delikthäufigkeit nur langsam ansteigt und auch bei 50 oder mehr Delikten
nur ca. 30% beträgt. Dagegen weist die Kurve der Registrierungswahr-
scheinlichkeit unter der Bedingung, dass bereits eine Registrierung vor-
liegt, einen erheblich steileren Verlauf auf. Während hier bei einem Delikt
die Registrierungswahrscheinlichkeit notwendigerweise gleich Null ist
(weil man für ein Delikt nicht zwei mal registriert werden kann), so ist
bereits die Registrierungswahrscheinlichkeit bei drei begangenen Delikten
ca. dreifach so hoch wie für Jugendliche ohne die Vorbelastung eines Poli-
zeikontaktes.
Für Häufigkeiten zwischen 10 und 50 begangenen Delikten nähern sich
die Kurven zwar an, allerdings haben auch hier Jugendliche mit polizeili-
cher Vorerfahrung ein deutlich höheres Registrierungsrisiko als Jugendli-
che, die bisher keinen Polizeikontakt aufweisen. Im weiteren Verlauf ent-
zerrt sich der Verlauf der Kurven wieder, so dass bei größeren Delikthäu-
figkeiten das Risiko einer Rekriminalisierung wieder deutlich höher liegt
als das Risiko einer erstmaligen Kriminalisierung (bei gleicher Delikthäu-
figkeit).
Problematisch bei dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass die Deliktart

66
Befragte, die nur eine polizeiliche Registrierung angaben, haben auf diesem Indi-
kator also die Ausprägung 0, Befragte mit keiner Registrierung ebenfalls und Befragte
mit 2 Registrierungen die Ausprägung 1 usw. Dieser Indikator wurde weiterhin dicho-
tomisiert, so dass die Ausprägung 1 auf dem dichotomen Indikator angibt, dass bei
diesem Jugendlichen mindestens zwei Registrierungen vorliegen.
226

nicht kontrolliert wird. In einer weiteren Analyse wurde daher eine multiple
logistische Regression berechnet, bei der als Prädiktoren sowohl Häufigkeit
und Art der Delikte auf Itemebene, als auch das Vorliegen einer weiteren
Anzeige eingingen. Abhängige Variable war das Berichten mindestens
einer Anzeige durch den Jugendlichen. Es zeigte sich, dass auch unter Ein-
bezug der Kontrollvariablen Delikthäufigkeit und Deliktart ein Polizeikon-
takt 4,5-mal wahrscheinlicher war, wenn der Jugendliche mindestens einen
weiteren Polizeikontakt aufwies, als wenn dies nicht der Fall war. Dieses
Ergebnis erlaubt es, berechtigte Zweifel an der Annahme eines Zufallspro-
zesses der polizeilichen Registrierung zu äußern und zwar für den Fall,
dass der Täter bereits einmal registriert wurde. Einzelne polizeiliche Re-
gistrierungen desselben Täters sind möglicherweise nicht voneinander
unabhängig.

Abbildung 7.9: Basisrisiko der polizeilichen Registrierung in Abhängigkeit von


einer zusätzlichen Registrierung des Täters
100

80

60
Registrierungsrisiko in %

40

20 mit mind. 1 weiteren


Anzeige

0 ohne Anzeige
1 3 5 20 40 100
2 4 10 30 50 200

Anzahl begangener Delikte (Inzidenz), logarithmische Darstellung

Das Registrierungsrisiko gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Jugendlicher bei
einer bestimmten Anzahl begangener Delikte mindestens einen Polizeikontakt aufweist.

Diese Beobachtung hat auch Folgen für die kriminalpolitische Diskussion


227

um sogenannte Vielfachtäter oder Mehrfachregistrierte.67 Die Befunde der


MPI-Schülerbefragung, nach denen 5,4% der befragten Grundgesamtheit
der Schüler zu den Intensivtätern zu rechnen sind, machen dies deutlich
(vgl. Oberwittler u.a. 2001: 28). Allerdings ist es auf Grund der Clusterung
von Registrierungen fraglich, ob diese Intensivtäter mit den bei der Polizei
registrierten Mehrfachtätern identisch sind, bzw. ob die Mehrfachtäter der
Polizei nicht aufgrund intrinsischer Entdeckungsrisiken produziert werden.
Betrachtet man die Intensivtäter nach der Anzahl der von ihnen selbst an-
gegebenen Polizeikontakte, so zeigt sich jedoch, dass 50% von diesen zwei
oder mehr Polizeikontakte aufweisen. Bei den nicht zu den Intensivtätern
zählenden Tätern beträgt dieser Anteil nur 5%. Dagegen haben nur 35%
aller Intensivtäter im letzten Jahr keinen Polizeikontakt gehabt, während
dies für 83% der übrigen Täter zutraf. Das bedeutet also, dass trotz der
Clusterung von Registrierungen aufgrund vorheriger Polizeikontakte die
„Zielgruppe“ der Intensivtäter durch die formelle Sozialkontrolle recht gut
erreicht wird.

7.3 Risiken des Übergangs vom Dunkelfeld ins Hellfeld nach


Tätermerkmalen
In den folgenden Tabellen und Abbildungen werden analog zur Vorge-
hensweise aus der Opferperspektive Merkmale von Tätern präsentiert, die
das Risiko einer polizeilichen Registrierung beeinflussen. Dabei werden in
den Tabellen zunächst die Rohwerte der Registrierung berichtet, während
sich die Signifikanzangaben auf logistische Regressionen beziehen, bei
denen die Delikthäufigkeit auf Itemebene als Kontrollvariable einbezogen
wurde. Das bedeutet, dass auch ursprünglich bedeutsam aussehende Unter-
schiede bzw. Zusammenhänge im Registrierungsrisiko aufgrund sehr un-
terschiedlicher Deliktshäufigkeiten oder unterschiedlicher Häufigkeit in der
Angabe einzelner Items sich als nicht signifikant herausstellen können.

7.3.1 Registrierungsrisiko nach Geschlecht, ethnischer Herkunft


und Alter
Jungen und Mädchen haben bei keiner der betrachteten Deliktarten ein
unterschiedliches Registrierungsrisiko, wenn die Häufigkeit der Tatbege-
67
Zu einer ausführlichen Diskussion der Problematik von Intensivtätern oder „chro-
nischen“ Täter siehe auch Albrecht (1998: 390).
228

hung berücksichtigt wird. Während es bei den Deliktgruppen „Drogende-


likte“ und „Diebstahldelikte“ den Anschein hat, als ob Mädchen einem
geringeren Registrierungsrisiko ausgesetzt sind als Jungen, verschwinden
diese Unterschiede nach Kontrolle der Delikthäufigkeit und -
zusammensetzung völlig. Der häufig beobachtete und diskutierte „Frauen-
bonus“ beim Übergang in die formelle Sozialkontrolle kann hier also nicht
bestätigt werden (vgl. Abschnitt 2.3.2). Keine signifikanten Unterschiede
ergaben sich auch bei der Betrachtung der Gewaltitems („Raub & Erpres-
sung“ und „Körperverletzung“).
In die Berechung des Registrierungsrisikos nach der ethnischen Herkunft
des Täters wurde die ethnische Herkunft der drei größten im Sample vertre-
tenen Gruppen als kategoriale Variable mit der Referenzgruppe „Vater und
Mutter sind deutsch“ eingeführt. Die Signifikanzangaben beziehen sich
also auf bedeutsame Unterschiede zwischen deutschen Jugendlichen einer-
seits und Aussiedlerjugendlichen bzw. Jugendlichen aus Balkanländern
(Albanien, Ex-Jugoslawien) und der Türkei andererseits.

Tabelle 7.2: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der ethnischen Herkunft


der Eltern des Täters
Deutsch (ref.) Aussiedler Balkan/Türkei
BTM 3,0 3,7n.s. 7,6*
Diebstahl 5,1 5,4n.s. 9,2*
Ladendiebstahl 18,7 25,0+ 34,5***
Einbruch 23,2 15,8n.s. 26,7n.s.
Raub & Erpressung 8,5 0,0n.b. 10,7n.s.
Körperverletzung 15,2 18,8n.s. 19,6n.s.
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.b.: Signifikanz nicht berechenbar; n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05;
**: p<0,01; ***: p<0,001

Über alle Delikte betrachtet, haben Aussiedler gegenüber deutschen Ju-


gendlichen ein erhöhtes Registrierungsrisiko, das jedoch unter Einschluss
der Kontrollvariablen „Deliktshäufigkeit“ nicht signifikant ist, während
sich die Gruppe mit dem höchsten Registrierungsrisiko (Jugendliche süd-
osteuropäischer Herkunft) schwach signifikant von den Deutschen unter-
229

scheidet (vgl. Tabelle 7.2).68 Auf der Ebene von Deliktgruppen zeigen sich
bei „Diebstahl“ und „Drogen“ aufschlussreiche Unterschiede. So haben bei
Drogendelikten nur die Jugendlichen südosteuropäischer Herkunft gegen-
über deutschen und Aussiedlern ein signifikant erhöhtes Registrierungsrisi-
ko, das aufgrund des proaktiven Charakters dieses Deliktes vor allem auf
eine selektive Aufmerksamkeit durch die Polizei zurückgeführt werden
kann. Dagegen kann das erheblich höhere Registrierungsrisiko der Jugend-
lichen südosteuropäischer Herkunft bei Diebstahlsdelikten, das bei Laden-
diebstählen fast doppelt so hoch ist wie das der deutschen Jugendlichen,
wohl vor allem auf die selektive Aufmerksamkeit des Kaufhauspersonals
bzw. allgemeiner der geschädigten Bevölkerung zurückgeführt werden.
Dies gilt umso mehr dann, wenn Kaufhäuser tatsächlich die Strategie ver-
folgen, jeden gestellten Ladendieb der Polizei zu übergeben. Nicht auszu-
schließen ist jedoch auch, dass deutsche Jugendliche aufgrund geschickte-
rer Argumentation und umfangreicherer Ressourcen nach der Entdeckung
durch das Kaufhauspersonal eine Anzeige eher verhindern können als Aus-
siedlerjugendliche oder Jugendliche südosteuropäischer Herkunft. Auch bei
Gewaltdelikten sind die Registrierungsraten nichtdeutscher Jugendlicher
leicht höher als die der Deutschen. Insbesondere bei Körperverletzungsde-
likten werden jugendliche Migranten öfter angezeigt als ihre deutschen
Altersgenossen, allerdings ist dieser Unterschied nach der Kontrolle der
Delikthäufigkeit nicht mehr signifikant. Dies bestätigt die multivariaten
Befunde aus der Opferperspektive (vgl. Abschnitt 6.7.2), nach denen das
erhöhte Anzeigerisiko von ethnischen Minderheiten bei einer Betrachtung
von weiteren Kontrollvariablen verschwindet. Das nullprozentige Regist-
rierungsrisiko der Aussiedler bei Raub- und Erpressungsdelikten sollte
aufgrund der dahinter stehenden geringen Fallzahl als statistischer Ausrei-
ßer betrachtet werden, es dürfte sich ebenfalls nicht signifikant von demje-
nigen der deutschen und ausländischen Jugendlichen unterscheiden.
Interessant ist auch, dass bei Delikten mit hohem materiellem Schaden
wie Ein- bzw. Aufbrüchen keine Unterschiede zwischen den ethnischen

68
Ein Registrierungsrisiko von 5% bedeutet, dass 5% aller Täter einen Polizeikon-
takt berichten. Um die Tabelle nicht zu überfrachten, wurde bei dieser und allen folgen-
den auf die Angabe der zugrundeliegenden Fallzahl der Täter verzichtet. Es hätte sonst
für jede Zelle der Tabelle ein N angegeben werden müssen, da ja sowohl jedes Delikt
von einer unterschiedlichen Anzahl von Tätern begangen wird, als auch die Gruppen
der unabhängigen Variablen unterschiedlich stark besetzt sind. Schließlich weisen die
Variablen auch eine unterschiedliche Anzahl von fehlenden Werten auf.
230

Gruppen beobachtbar sind. Aufgrund ihres Charakters als „Schadensmel-


dungen“ ohne dass das Opfer die Täter kennt und der Intention des Anzei-
genden, vor allem seinen (meist beträchtlichen) Schaden durch Versiche-
rungen ersetzt zu bekommen, ist hier kaum selektives Anzeigeverhalten zu
erwarten. Das Registrierungsrisiko dürfte daher weitgehend mit dem Ent-
deckungsrisiko der Täter übereinstimmen.
Die Betrachtung der Altersabhängigkeit des Registrierungsrisikos zeigt,
dass zwischen dem 13. und 14. Lebensjahr bei den meisten Delikten eine
sprunghafte Zunahme im Registrierungsrisiko festgestellt werden kann
(vgl. Tabelle 7.3).

Tabelle 7.3: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Alter des Täters


13 Jahre 14 Jahre 15 Jahre 16 Jahre Signifi-
kanz
n.s.
BTM 5,2 2,4 4,5 3,5
n.s.
Diebstahl 1,4 7,6 6,4 5,8
Ladendiebstahl 16,0 23,0 24,5 28,3 **
n.s.
Einbruch 27,6 20,0 25,3 24,8
n.s.
Raub & Erpressung 5,3 10,4 10,1 8,4
Körperverletzung 7,2 17,2 19,3 25,9 ***
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.s.: nicht signifikant; **: p<0,01; ***: p<0,001

Insbesondere bei Delikten mit eher geringen Schäden wie Ladendiebstahl,


aber auch bei Delikten, bei denen vom Anzeigeerstatter explizit eine Be-
strafung des Täters intendiert ist, wird der Aufwand einer Anzeige vom
Opfer wohl in der Regel als sinnlos betrachtet, wenn der Täter das 14. Le-
bensjahr noch nicht vollendet hat. Bei Anzeigen aufgrund von schweren
Delikten wie Einbrüchen oder aufgrund von proaktivem Polizeihandeln wie
bei Drogendelikten hingegen ist dieser Altersverlauf nicht zu beobachten.
Polizeibeamte sind vermutlich nicht der Ansicht, dass Drogendelikte bei
strafunmündigen Jugendlichen besonders nachsichtig behandelt werden
sollten und zeigen daher auch in dieser Altersgruppe jeden Tatverdächtigen
an. Auch bei Einbruchsdiebstählen, bei denen der Täter dem Opfer tenden-
ziell nicht bekannt ist, und schon deshalb keine Differenzierung nach dem
Alter vorgenommen werden kann, ist kein positiver Zusammenhang zwi-
schen Registrierungsrisiko und Alter zu beobachten. Insbesondere ist hier
231

davon auszugehen, dass Delikte relativ unabhängig von der Wahrnehmung


des Täters durch den Geschädigten angezeigt werden, um Versicherungs-
bestimmungen zu erfüllen. Bei Gewaltdelikten, insbesondere Körperverlet-
zungsdelikten, ist zwar auch ein Sprung im Registrierungsrisiko und damit
in der Anzeigeneigung mit dem Erreichen der Strafmündigkeit zu beobach-
ten. Allerdings wächst auch danach das Registrierungsrisiko weiter steil an.
Dies kann als Hinweis auf weitere Faktoren gedeutet werden, die das Re-
gistrierungsrisiko in diesem Bereich der interpersonellen Delinquenz
bestimmen. Neben dem Motiv einer Bestrafung des Täters tritt hier eine
Entwicklung in der Bewertung von Handlungen, bei denen das Opfer umso
weniger zu Bagatellisierungen neigt, je älter der Täter ist. Damit steigt das
Registrierungsrisiko auch für Jugendliche jenseits der Strafmündigkeits-
schwelle mit zunehmendem Alter weiter an.

7.3.2 Registrierungsrisiko nach sozialem Status


Bei der Bestimmung von Risikofaktoren der polizeilichen Registrierung
kann man feststellen, dass der soziale Status des Jugendlichen gemessen
über die besuchte Schulart bessere Vorhersagen erlaubt als derjenige, der
über das elterliche Berufsprestige erfasst wird (vgl. Albrecht & Howe
1992). Betrachtet man die durch das Entdeckungsrisiko aufgrund proakti-
ven Polizeihandelns geprägten Drogendelikte, so zeigt sich, dass hier nur
der Schulstatus des Jugendlichen das Registrierungsrisiko beeinflusst, nicht
jedoch das elterliche Berufsprestige (vgl. Tabellen 7.4 und 7.5). Da jedoch
der soziale Status der Jugendlichen, operationalisiert durch den besuchten
Schultyp, immer auch eine räumliche Komponente enthält, ist bei der biva-
riaten Betrachtung nicht auszuschließen, dass dieses Ergebnis auch auf eine
räumliche Konzentration des polizeilichen Verdachtes zurückzuführen ist,
also auf eine Konzentration der Überwachung auf Hauptschulen und auf
hauptsächlich von Hauptschülern besuchten Freizeiteinrichtungen. Diese
Vermutung liegt auch deshalb nahe, da hinsichtlich des Berufsprestiges der
Eltern keinerlei Zusammenhang mit dem Registrierungsrisiko festgestellt
werden kann. Dagegen zeigen bei Diebstahlsdelikten und insbesondere
beim Ladendiebstahl beide Indikatoren für die soziale Position des Jugend-
lichen eine erhebliche Zunahme des Registrierungsrisikos je niedriger diese
soziale Position ist. Insbesondere bei Ladendiebstählen ist daher davon
auszugehen, dass die semiformelle Sozialkontrolle (Verkaufspersonal und
Ladendetektive) ihre Aufmerksamkeit vor allem solchen Jugendlichen
232

zuwendet, die aufgrund äußerlicher Kennzeichen als potentielle Diebe


betrachtet werden und diese dann im Fall der tatsächlichen Begehung eines
Deliktes signifikant häufiger erwischt werden als ihre als weniger delin-
quent eingeschätzten Altersgenossen höherer sozialer Schichten. Auffällig
ist, dass zwar auch beim Einbruchsdiebstahl ein negativer Zusammenhang
zwischen Sozialstatus und Registrierungsrisiko besteht. Dieser ist aller-
dings unter Kontrolle der Delikthäufigkeiten bei Betrachtung des Berufs-
prestiges der Eltern (p<0,10) und des Schulstatus des Jugendlichen
(p<0,05) nur noch schwach signifikant, was wiederum als Hinweis auf das
von Tätermerkmalen relativ unbeeinflusste Anzeigeverhalten bei diesen
Schadensdelikten betrachtet werden kann.

Tabelle 7.4: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Berufsprestige der Eltern


des Täters
sehr eher eher hoch sehr hoch Signifi-
gering gering kanz
n.s.
BTM 3,3 5,3 2,9 3,8
Diebstahl 8,4 4,9 4,0 2,5 *
Ladendiebstahl 30,3 24,1 18,2 17,4 ***
Einbruch 26,9 25,9 18,4 13,9 +
Raub & Erpressung 11,9 9,8 5,6 5,4 *
Körperverletzung 24,9 16,7 14,5 9,3 ***
Angaben in Prozent; kategorisierte Prestige-Skala nach Wegener
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.s.: nicht signifikant; +: p<0,10; *: p<0,05; ***: p<0,001

Dagegen ist bei Körperverletzungsdelikten das Registrierungsrisiko für


Jugendliche von Eltern mit dem niedrigsten Berufsprestige mit 24,9% mehr
als doppelt so hoch wie für Jugendliche, deren Eltern der höchsten Presti-
gegruppe angehören (9,3%), dieser Abstand vergrößert sich sogar noch auf
mehr als das Vierfache, wenn man die besuchte Schulart heranzieht. Auch
unter Berücksichtigung der Delikthäufigkeit als Kontrollvariable bleiben
diese Unterschiede sehr signifikant. Ähnlich gravierend sind die Unter-
schiede im Registrierungsrisiko nach Sozialstatus bei den Gewaltdelikten
„Raub & Erpressung“.
233

Tabelle 7.5: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der besuchten Schulart des


Täters
Sonder-/ Realschule Gymnasium/ Signifikanz
Hauptschule Waldorfschl.
BTM 5,6 4,0 2,4 **
Diebstahl 10,1 4,2 1,5 ***
Ladendiebstahl 34,2 18,3 16,8 ***
Einbruch 28,2 22,4 10,5 *
Raub & Erpressung 16,6 4,9 2,1 ***
Körperverletzung 27,1 13,8 6,2 ***
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Es ist jedoch möglich, dass diese erheblichen Unterschiede im Registrie-


rungsrisiko von Gewaltdelikten nach besuchter Schulart mindestens teil-
weise auch auf eine unterschiedliche Intensität bzw. Schwere der von Ju-
gendlichen der jeweiligen Statusgruppe ausgeübten Gewalt zurückführbar
sind (Kirbach 2003). Ob dies tatsächlich so ist, kann mit den vorliegenden
Daten nicht entschieden werden, da aus der Täterperspektive nur bei Raub-
und Diebstahlsdelikten nach der Deliktschwere des letzten Deliktes gefragt
wurde. Eine Auswertung dieser beiden Delikte nach Berufsprestige der
Eltern bzw. Schulstatus der Jugendlichen ergibt jedoch erste Hinweise für
die Richtigkeit dieser Vermutung. So besteht bei Diebstahlsdelikten ein
Zusammenhang von rtau-b=-0,27 zwischen dem Wert des zuletzt gestohle-
nen Gegenstandes und der besuchten Schulart, während dieser Zusammen-
hang bei Betrachtung des Berufsprestiges der Eltern nur noch rtau-b=-0,12
beträgt (beide Zusammenhänge sind sehr signifikant). Bei Raub- und Er-
pressungsdelikten dagegen fällt der Zusammenhang zwischen der Schwere
des letzten Deliktes und der Schulart von rtau-b=-0,27 (p<0,001) auf rtau-b=-
0,04 (nicht signifikant), wenn man das Berufsprestige der Eltern betrachtet.
Das bedeutet, dass bei beiden Deliktarten, vor allem jedoch bei Raub- und
Erpressungsdelikten, Hauptschüler erheblich mehr Schaden verursachen als
Realschüler oder Gymnasiasten. So sagen beispielsweise 62,7% der Gym-
nasiasten, die Raubdelikte begangen haben, dass der geraubte oder erpress-
te Gegenstand weniger als 20 DM wert war, während dies bei nur 26,8%
der Täter aus Haupt- oder Sonderschulen und 34,7% der Realschüler der
Fall war. Dagegen war das geraubte Gut bei 47,3% aller Haupt- und Son-
234

derschüler und bei 43,1% aller Realschüler mehr als 100 DM wert, wäh-
rend nur 11,9% aller Gymnasiasten derart wertvolle Gegenstände raubten.
Bedeutsam ist weiterhin der starke Rückgang des Zusammenhangs zwi-
schen Deliktschwere und Status, wenn man statt der besuchten Schulart die
Prestigewerte der Eltern betrachtet. Dies erklärt, weshalb der Zusammen-
hang zwischen Registrierungsrisiko und Status ebenfalls zurückgeht, wenn
statt der besuchten Schulart das elterliche Prestige betrachtet wird.
Die unterschiedlichen Zusammenhänge beim Registrierungsrisiko von
Drogendelikten erklären sich dagegen vor allem durch ein unterschiedli-
ches Verhalten beim Item Drogenverkauf. Während hinsichtlich des Be-
rufsprestiges der Eltern kein Zusammenhang mit dem Drogenverkauf auf-
tritt, neigen Gymnasiasten signifikant weniger als Haupt- und Sonderschü-
ler, aber auch Realschüler dazu, Drogen zu verkaufen (rtau-b=-0,05;
p<0,001). Dagegen besteht zwischen der Einnahme von Drogen und dem
Prestige der Eltern ein signifikanter positiver Zusammenhang (rtau-b=0,06;
p<0,001), während kein Zusammenhang zwischen Drogengebrauch und der
besuchten Schulart besteht. Da insgesamt jedoch der Verkauf von Drogen
das Registrierungsrisiko stärker determiniert als der bloße Gebrauch, be-
stimmt die besuchte Schulart auch stärker das Registrierungsrisiko beim
Delikttyp „BTM“, in den die beiden Items „Drogengebrauch“ und „Dro-
genverkauf“ eingehen.
Insgesamt betrachtet gibt es einige Hinweise, dass die starken Unter-
schiede im Registrierungsrisiko nach der besuchten Schulart zu erheblichen
Teilen durch ein unterschiedliches Ausmaß der durchschnittlichen Delikt-
schwere der begangenen Taten zustande kommen. Auch die Beobachtung,
dass Intensivtäter vor allem in Haupt- und Sonderschulen anzutreffen sind,
spricht für diese Vermutung (vgl. Oberwittler u.a. 2001: 28). Es sind also
nicht nur Faktoren wie die Diskriminierung von Unterschichtangehörigen
oder unterschiedliche Ressourcen bei der Konfliktbewältigung, die zu einer
höheren Belastung dieser Jugendlichen mit Kontakten zur formellen Sozi-
alkontrolle führen, sondern auch die unterschiedliche Qualität der begange-
nen Delikte, die das Basisrisiko der Entdeckung determiniert.
Ein weiteres Problem stellt die mögliche differentielle Validität der An-
gaben nach Schultyp in der MPI-Schulbefragung 1999/2000 dar. Die von
Köllisch & Oberwittler (2004b) berichteten Befunde legen nahe, dass
Gymnasiasten bei einfachen Diebstahlsdelikten, Sachbeschädigungen und
Gewaltdelikten eher dazu neigen, Polizeikontakte zu verschweigen, als
Schüler anderer Schularten. Dies sind zugleich auch die Deliktarten mit den
235

größten Unterschieden im Registrierungsrisiko nach Schulart (vgl. Tabelle


7.5). Es besteht daher der begründete Verdacht, dass das geringere Regist-
rierungsrisiko für Gymnasiasten zumindest teilweise auf die geringere Zu-
gabebereitschaft von Polizeikontakten bei Gymnasiasten in der MPI-
Schulbefragung 1999/2000 zurückzuführen ist. Aufgrund der vielfältigen
Probleme, die mit dem Indikator „besuchter Schulart“ zusammenhängen,
soll dieser in die multivariaten Analysen in Abschnitt 7.4 und 7.5 dieser
Arbeit nicht aufgenommen werden.
Eine Betrachtung des Registrierungsrisikos nach dem Ausmaß der indi-
viduellen sozialen Benachteiligung der Eltern des Täters (gemessen am
Bezug von Sozialhilfe oder Arbeitslosenhilfe im letzten Jahr) liefert ähnli-
che Ergebnisse wie die Analyse der Indikatoren zum Berufsprestige. So
haben insbesondere bei Kontaktdelikten wie einfachen Diebstählen, La-
dendiebstahl und Körperverletzung sozial benachteiligte Jugendliche ein
signifikant höheres Registrierungsrisiko als ihre nicht benachteiligten Al-
tersgenossen. Dagegen zeigen sich hinsichtlich der durch proaktive polizei-
liche Überwachung produzierten Anzeigen wegen Drogendelikten hier
keinerlei Unterschiede mehr und auch die „Schadensmeldungen“ wegen
Einbruchsdelikten, bei denen die Täter in der Regel zunächst unbekannt
sind, führen nicht zu einer Diskriminierung von sozial benachteiligten Ju-
gendlichen.

Tabelle 7.6: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der individuellen sozialen


Benachteiligung der Eltern des Täters
Benachteilg. niedrig Benachteilg. hoch Signifikanz
n.s.
BTM 3,6 5,5
n.s.
Diebstahl 5,1 8,1
Ladendiebstahl 19,4 34,4 ***
n.s.
Einbruch 19,6 26,5
Raub & Erpressung 6,9 15,7 **
Körperverletzung 16,0 22,8 +
Die individuelle soziale Benachteiligung wurde durch den Bezug von Arbeitslosenhilfe
bzw. Sozialhilfe der Eltern des Täters gemessen
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; +: p<0,10; **: p<0,01; ***: p<0,001

Betrachtet man zusätzlich die Überlagerung von sozialer Benachteiligung


236

und ethnischer Herkunft des Täters, so zeigen sich interessante Interakti-


onseffekte (vgl. Abbildung 7.10). Bei Ladendiebstahlsdelikten besteht für
Jugendliche aus sozial benachteiligten Haushalten kein signifikanter Unter-
schied im Registrierungsrisiko nach Ethnie. Alle Jugendlichen aus solchen
benachteiligten Haushalten haben unabhängig von ihrer ethnischen Her-
kunft ein höheres Registrierungsrisiko als Jugendliche aus nicht benachtei-
ligten Haushalten. Betrachtet man dagegen Jugendliche aus nicht benach-
teiligten Familien, so bestehen zwischen den ethnischen Gruppen signifi-
kante Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit eines Polizeikontaktes.

Abbildung 7.10: Interaktionseffekte im Registrierungsrisiko zwischen individueller


sozialer Benachteiligung und ethnischer Herkunft der Eltern des Täters
Ladendiebstahl Körperverletzung
40 25
35
20
30
25 15
20
15 10
10 5
5
0 0
Benachtlg.: niedrig hoch Benachtlg.: niedrig hoch
nichtdeutsch deutsch nichtdeutsch deutsch

Angaben in Prozent

Ein ähnlicher Effekt kann auch bei Gewaltdelikten, insbesondere dem Item
„Körperverletzung“, beobachtet werden. Auch hier unterschieden sich die
Gruppen der nichtdeutschen Jugendlichen und der benachteiligten deut-
schen Jugendlichen nicht mehr in ihrem Registrierungsrisiko, während die
nicht sozial benachteiligten Jugendlichen deutscher Herkunft ein signifi-
kant geringeres Registrierungsrisiko aufweisen.
Eine Betrachtung des Registrierungsrisikos nach dem individuellen So-
zialkapital des Täters, gemessen wie in Abschnitt 6.4.6 als Beziehungs-
netzwerk des Jugendlichen, ergibt keine signifikanten Zusammenhänge.
Eine Betrachtung des Sozialkapitals der Eltern des Täters sowie der inter-
generationalen Geschlossenheit findet sich in Abschnitt 8.2.1.
Eine weitere Ressource für Jugendliche ist das soziale Kapital, das eine
vollständige Familie mit zwei Elternteilen bieten kann. Wie aus Tabelle 7.7
hervorgeht, haben Jugendliche, die in Eineltern- oder Stiefelternfamilien
leben, gegenüber ihren Altersgenossen in vollständigen Familien ein erheb-
lich höheres Registrierungsrisiko. Dies tritt nicht nur bei einer informellen
237

Regelung eher zugänglichen Gewaltdelikten auf, sondern gerade auch bei


Ladendiebstählen und Einbruchsdelikten. Dies kann als Hinweis darauf
gewertet werden, dass auch bei diesen Meldedelikten Eltern als Ressourcen
informeller Sozialkontrolle fungieren können, die Jugendliche vor einer
formellen Sanktionierung schützen. Aufgrund der hohen Korrelation der
„Familiensituation“ mit anderen Variablen sozialer Benachteiligung wie
„Sozialhilfebezug“ und „elterliches Berufsprestige“ wird sich allerdings
erst in multivariaten Modellen der Einfluss der elterlichen Ressourcen ge-
nauer bestimmen lassen.

Tabelle 7.7: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der Familiensituation des


Täters
2 biologische Eltern 1/keine biol. Eltern Signifikanz
n.s.
BTM 3,2 4,8
Diebstahl 4,4 8,7 *
Ladendiebstahl 21,4 28,2 **
Einbruch 19,0 32,2 **
n.s.
Raub & Erpressung 7,6 12,4
Körperverletzung 15,7 24,6 *
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01

7.3.3 Registrierungsrisiko nach dem Freizeitverhalten und delin-


quenten Freunden
Schüler, die ihre Freizeit überwiegend im eigenen Stadtviertel verbringen,
haben ein signifikant niedrigeres Registrierungsrisiko bei Drogendelikten
als Schüler, die ihre Freizeit überwiegend in der Innenstadt verbringen
(ohne Tabelle). Dieser Effekt tritt jedoch nur bei BTM-Delikten auf und
kann als Hinweis auf eine erhöhte Dichte der formellen Sozialkontrolle in
den Innenstädten (z.B. in Discos, Kneipen und anderen öffentlichen Orten)
betrachtet werden. Durch den bloßen Aufenthalt in der Innenstadt ist je-
doch noch nichts darüber ausgesagt, was die Jugendlichen dort unterneh-
men und insbesondere in welchem Ausmaß sie dabei informeller Sozial-
kontrolle unterliegen. So sollte es einen erheblichen Unterschied machen,
ob Jugendliche sich vor allem in der Innenstadt aufhalten, um beispielswei-
238

se Musikunterricht zu erhalten, oder ob sie sich dort mit anderen Jugendli-


chen treffen und sich vor allem in öffentlichen Räumen aufhalten. Einen
besseren Indikator sollte daher die Dimension „Unterhaltung und Action“
der Skala „Freizeitverhalten“ darstellen (Blank u.a. 2003: 35). Diese Di-
mension gibt an, in welchem Ausmaß Jugendliche in ihrer Freizeit „action-
reiches“ Verhalten bevorzugen, insbesondere Verhalten, das sich in öffent-
lichen Räumen abspielt und daher stark der formellen Sozialkontrolle aus-
gesetzt ist. Wie erwartet zeigen sich bei allen Delikten starke Prozentsatz-
unterschiede, wenn man die eigentlich kontinuierliche Skala an der mittle-
ren Ausprägung dichotomisiert (vgl. Tabelle 7.8).69

Tabelle 7.8: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Freizeitverhalten der


Täter: Ausprägung der Dimension „Unterhaltung & Action“
Action niedrig Action hoch Signifikanz
n.s.
BTM 0,0 4,2
Diebstahl 2,5 6,3 **
Ladendiebstahl 22,1 28,0 **
n.s.
Einbruch 12,5 27,1
Raub & Erpressung 6,3 12,6 *
Körperverletzung 5,3 27,7 ***
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Unter Berücksichtigung des Basisrisikos (Delikthäufigkeit) und bei Be-


trachtung der kontinuierlichen Skala verbleiben bei den Diebstahls- und
Gewaltdelikten signifikante Unterschiede. Interessanterweise sind die Un-
terschiede bei Körperverletzungsdelikten am stärksten ausgeprägt, Jugend-
liche mit einem ausgeprägten Actionverhalten haben dabei mit 27,7% ein
fünfmal höheres Registrierungsrisiko als Jugendliche mit geringem Risiko-
verhalten (5,3%). Dagegen ist der Unterschied im Registrierungsrisiko bei
Ladendiebstahlsdelikten zwar ebenfalls signifikant, jedoch ist die Pro-
zentsatzdifferenz von allen betrachteten Delikten am geringsten. Jugendli-
che mit „actionorientiertem“ Freizeitverhalten (28%) haben hier nur ein um
ein Drittel erhöhtes Registrierungsrisiko als Jugendliche mit „actionar-

69
Da das Freizeitverhalten nur im Split-A Fragebogen abgefragt wurde, kann diese
Variable nicht in die multivariaten Modelle im Anschluss an diese Betrachtungen auf-
genommen werden, da sonst die Fallzahlen zu sehr reduziert würden.
239

mem“ Freizeitverhalten (22,1%). Dies ist nach den theoretischen Annah-


men auch erwartbar, da das Registrierungsrisiko bei Ladendiebstählen
weitgehend durch das Entdeckungsrisiko determiniert wird und das Entde-
ckungsrisiko ist bei diesem Delikt nicht davon abhängig, wo der Jugendli-
che sonst seine Freizeit verbringt (Ladendiebstähle können definitionsge-
mäß nur in Läden durchgeführt werden).

Tabelle 7.9: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der Mitgliedschaft des


Täters in einer delinquenten (gewaltbereiten) Clique
Clique nein Clique ja Signifikanz
n.s.
BTM 3,5 4,8
Diebstahl 3,4 10,5 ***
Ladendiebstahl 20,7 31,3 ***
n.s.
Einbruch 19,8 26,4
n.s.
Raub & Erpressung 7,7 11,3
Körperverletzung 13,1 25,1 **
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; **: p<0,01; ***: p<0,001

Im Unterschied zur umfangreichen Literatur über den Einfluss delinquenter


Freunde auf die eigene Delinquenz eines Jugendlichen gibt es keine Unter-
suchungen, die sich mit dem Einfluss delinquenter Freunde auf das Regist-
rierungsrisiko eines Jugendlichen befassen. Dabei sind prinzipiell zwei
Wirkungsrichtungen der Freundesdelinquenz auf das eigene Registrie-
rungsrisiko des Befragten denkbar. Zum einen stigmatisiert die Zugehörig-
keit zu einer delinquenten Clique die Gruppenmitglieder, Opfer können
sich z.B. leichter merken, wer alles an einer Tat beteiligt war („die Jungs
von der xy-Bande“). Dies könnte im Fall einer Anzeige auch zu einer
Clusterung der Tatverdächtigten führen, indem bei jeder einzelnen zur
Anzeige gebrachten Tat gleich mehrere Verdächtige vorhanden sind. Ne-
ben dieser Stigmatisierung gegenüber Opfern und allgemeiner der infor-
mellen Sozialkontrolle kann jedoch auch eine Stigmatisierung gegenüber
der Polizei auftreten, wenn Jugendliche vor allem solche Freunde haben,
die bereits als Tatverdächtige (von anderen Delikten) der Polizei bekannt
geworden sind. Insbesondere bei gemeinschaftlich begangenen Delikten
stellen so die vorherigen Polizeikontakte der Mittäter ebenfalls ein Cluster-
risiko für die Entdeckung dar, indem einer der üblichen Verdächtigen bei
240

der Polizei vernommen wird und Informationen über weitere Tatbeteiligte


weitergibt.
Tabelle 7.9 zeigt, dass die Zugehörigkeit zu einer delinquenten Clique,
bei der in der Befragung vor allem auf die Gewaltbereitschaft abgehoben
wurde, bei Diebstahls- und Körperverletzungsdelikten das Risiko einer
Anzeige erheblich vergrößert, nicht jedoch bei BTM-Delikten. Dies legt die
Vermutung nahe, dass eine Stigmatisierung aufgrund der Cliquenzugehö-
rigkeit vor allem durch die Opfer vorgenommen wird, die ja auch am ehes-
ten Informationen über eine solche Clique haben. Dagegen erklärt dieses
Modell weniger gut die Risikovergrößerung bei Ladendiebstählen und es
sollte sich im multivariaten Modell zeigen, ob die Cliquenzugehörigkeit
durch andere Einflussfaktoren verdrängt wird.
Dagegen ergeben sich bei der expliziten Frage nach den Polizeikontakten
der Freunde bei allen betrachteten Deliktarten signifikante Zusammenhän-
ge (vgl. Tabelle 7.10).

Tabelle 7.10: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der Anzahl von Freun-


den des Täters, die bereits mindestens ein Mal Polizeikontakt hatten
weiß nicht / mehrere / alle Signifikanz
keiner / einer
BTM 0,6 5,2 *
Diebstahl 2,5 7,6 **
Ladendiebstahl 13,9 30,6 ***
Einbruch 7,5 25,9 *
Raub & Erpressung 3,5 12,0 **
Körperverletzung 8,2 23,0 ***
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Delinquente Freunde eines Jugendlichen werden seit 35 Jahren als empi-


risch sehr fruchtbarer Erklärungsansatz für dessen Delinquenz gebraucht
(vgl. Hirschi 1969). Allerdings ist bis heute nicht geklärt, ob diese Zusam-
menhänge kausal interpretiert werden dürfen und wenn ja, in welche Rich-
tung diese Kausalität verläuft. Mit Elliott & Menard (1996) kann man diese
Standpunkte wie folgt zusammenfassen.
Die Angaben des Befragten zur eigenen Delinquenz und zur Delinquenz
von Freunden sind zwei Maße, die eigentlich dasselbe messen, nämlich ein
241

"kriminelles Potential" des Jugendlichen. Es wird keine Kausalwirkung


zwischen den beiden Indikatoren angenommen.
Lerntheoretische Ansätze gehen davon aus, dass Jugendliche, die delin-
quente Freunde haben, durch Imitation, Konditionierung und durch Über-
nahme von Rollenvorbildern deren Verhalten übernehmen und selbst de-
linquent werden. Delinquente Freunde sind also ein Antezedens der eige-
nen Delinquenz (Kühnel 1995).
Die Kontrolltheorie in der Tradition Hirschis (1969) geht dagegen davon
aus, dass Delinquenz zunächst relativ unbeeinflusst vom Vorhandensein
delinquenter Freunde auftritt und sich Jugendliche erst aufgrund eines ge-
wissen Umfanges eigener delinquenter Verhaltensweisen, die zu einer Ent-
fremdung von Freunden mit konventionellen Normen führen, delinquente
Freunde suchen (Agnew 1991).
Auch ist nicht nur die Richtung einer eventuellen Kausalwirkung ungeklärt,
sondern auch der Mechanismus, über den die Wirkung übertragen werden
soll (Thornberry u.a. 1993; Warr & Stafford, 1991). Schließlich ist auch
ungeklärt, wie die Jugendlichen von der Delinquenz (oder der polizeilichen
Registrierung) der Freunde erfahren. Hier können sechs Vorschläge unter-
schieden werden.
Der Befragte und seine Freunde sind in dieselben Taten verstrickt bzw.
werden zugleich angezeigt.
Beobachtungen von delinquenten Handlungen oder polizeilichen Regist-
rierungen der Freunde, ohne selbst daran beteiligt zu sein.
Berichte des Freundes oder anderer Beteiligter über die Tat oder die Re-
gistrierung.
Die Freunde haben einen entsprechenden „Ruf“.
Der Begriff „Freundschaft“ wird auf solche Personen angewandt, die ei-
nem selbst im Verhalten ähneln.
Das eigene Verhalten wird auf die Freunde übertragen.
Im Folgenden sollen diese Überlegungen auf den Zusammenhang zwischen
der polizeilichen Registrierung von Freunden und der eigenen Registrie-
rung des Befragten übertragen werden. Zunächst ist fraglich, wie die Ju-
gendlichen überhaupt von den Polizeikontakten bzw. der Anzeige ihrer
Freunde erfahren. Dabei stellt sich aufgrund der Ergebnisse der Validität-
suntersuchung auch die Frage, wie zuverlässig die Angaben der Jugendli-
chen zu ihrer eigenen Delinquenz und zu ihren eigenen Polizeikontakten in
Abhängigkeit von der Delinquenz der Freunde bzw. von deren Polizeikon-
takten sind.
242

Wie Oberwittler & Köllisch (2004b: 725) gezeigt haben, tendieren Schü-
ler eher dazu eigene Polizeikontakte zu berichten, wenn auch ihre Freunde
delinquent sind, als Schüler, die keine delinquenten Freunde haben. Es
zeigte sich jedoch auch, dass falsch positive Befragte (deren angegebener
Polizeikontakt nicht verifiziert werden konnte) fast ebenso häufig angaben,
delinquente Freunde zu haben, wie Befragte, die einen tatsächlich vorlie-
genden Polizeikontakt zugegeben haben (richtig positive). Da Angaben
über die Delinquenz und die Polizeikontakte der Freunde für den Befragten
weniger heikel sind und weniger potentielle negative Konsequenzen nach
sich ziehen können, kann man einerseits davon ausgehen, dass diese Anga-
ben valider sind als diejenigen über die eigene Delinquenz. Andererseits ist
es sehr wahrscheinlich, dass insbesondere Jugendliche ohne ein delinquen-
tes Selbstkonzept eher dazu tendieren, ihren Freunden Polizeikontakte zu
verschweigen (Köllisch & Oberwittler 2004b). Geht man davon aus, dass
delinquente Selbstkonzepte eher bei Jugendlichen mit geringem Sozialsta-
tus zu finden sind, so ist es nicht überraschend, dass nicht nur das Ausmaß
der eigenen Polizeikontakte vom elterlichen Berufsprestige abhängt, son-
dern auch das Ausmaß, in dem die Freunde eines Jugendlichen Polizeikon-
takte hatten. Der Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus des Befragten
und dem Ausmaß der polizeilichen Registrierung seiner Freunde beträgt
rtau-b=-0,07 und ist sehr signifikant. So geben nur 45,7% aller Befragten der
niedrigsten Prestigekategorie an, dass noch keiner ihrer Freunde mit der
Polizei zu tun hatte, während dies bei den Befragten der höchsten Prestige-
kategorie immerhin 55,8% behaupten konnten. Umgekehrt gaben von die-
sen Befragten nur 3,7% an, dass alle Freunde einen Polizeikontakt hatten,
während dies bei 6% der Befragten mit dem geringsten elterlichen Berufs-
prestige zutraf. Die Frage, wie die Befragten von der Registrierung ihrer
Freunde erfahren, kann daher wie folgt beantwortet werden:
Aufgrund der Befunde von Oberwittler & Köllisch (2004b) und Köllisch
(2002) scheint es zweifelhaft, dass eigenes Verhalten auf das der Freunde
übertragen wird. Immerhin haben die Jugendlichen mit verschwiegenen
eigenen Polizeikontakten (falsch negative) in dieser Untersuchung keine
Delinquenz für ihre Freunde angegeben, obwohl dies die Übertragung von
Verhalten nahe legen würde. Auch die Anwendung des Begriffs auf Perso-
nen, die einem Befragten im Verhalten ähneln, scheint in diesem Zusam-
menhang nicht sehr überzeugend, schließlich handelt es sich bei einem
Polizeikontakt bei den allermeisten Jugendlichen nicht um einen häufigen
Vorgang, geschweige denn ein Verhaltensmuster. Sowohl Berichte von
243

Freunden als auch ein entsprechender „Ruf“ sind sehr wahrscheinlich ver-
zerrt, so dass man davon ausgehen kann, dass Jugendliche unterschiedlich
gut über die Polizeikontakte ihrer Freunde informiert sind. Beobachtungen
von Registrierungen ohne eigene Beteiligung des Befragten sind ebenfalls
denkbar, sehr wahrscheinlich werden jedoch in vielen Fällen die Befragten
und ihre Freunde zugleich registriert werden, insbesondere bei „Gemein-
schaftsdelikten“ wie Gewaltdelikten und Einbruch. Diese Ausführungen
legen es nahe, die polizeiliche Registrierung von Freunden als verzerrten
Indikator zu betrachten, der weniger kausal als vielmehr nur korrelativ mit
den Polizeikontakten der Befragten verknüpft ist. In multivariate Analysen
sollte dieser daher nicht eingehen.

7.4 Multivariate Befunde zum Registrierungsrisiko I: Indivi-


duelle und strukturelle Effekte
Um den unabhängigen Einfluss der im vorherigen Abschnitt identifizierten
Determinanten der polizeilichen Registrierung zu analysieren, wurden mul-
tiple logistische Regressionen berechnet. Dabei wurde wie folgt verfahren:
Zunächst wurden für die einzelnen Delikte diejenigen Prädiktoren ausge-
wählt, die auf bivariater Analyseebene unter Kontrolle der Delikthäufigkeit
signifikanten Einfluss auf das Registrierungsrisiko ausübten (vgl. den vo-
rangegangenen Abschnitt 7.3). Im Anschluss daran wurde mittels linearer
Regression die Multikollinearität der identifizierten Prädiktoren überprüft.
Nach den üblichen Heuristiken konnte entschieden werden, dass keiner der
Prädiktoren von Multikollinearität betroffen ist. Im Anschluss daran wur-
den die Prädiktoren in zwei Blöcken in das Modell aufgenommen. Im ers-
ten Block wurden nur die Kontrollvariablen (Delikthäufigkeiten für einzel-
ne Items) in die Analyse eingeführt, im zweiten Schritt wurden alle weite-
ren Prädiktoren aufgenommen. In den Block der Kontrollvariablen wurde
aufgrund der Befunde in Abschnitt 7.2.2 auch die Dummyvariable „Frage-
bogentyp“ mit den Ausprägungen „A“ und „B“ aufgenommen, da bei ein-
zelnen Items offensichtlich Unterschiede im Registrierungsrisiko nach dem
Fragebogentyp bestanden. Die Prädiktorvariablen umfassen die Familien-
struktur und die Zugehörigkeit zu einer delinquenten Clique, die Variable
„actionorientiertes Freizeitverhalten“ wurde, obwohl bei einigen Deliktar-
ten ein signifikanter Zusammenhang auftrat, nicht in die Gleichungen auf-
genommen. Diese Variable wurde nur in der Split-A Version des Fragebo-
gens erhoben und hätte die Fallzahl somit halbiert. Weiterhin wurden die
244

sozialstrukturellen „Hintergrundvariablen“ wie die ethnische Herkunft und


das Berufsprestige der Eltern, deren individuelle soziale Benachteiligung
sowie das Alter des Jugendlichen in die Regression aufgenommen. Aller-
dings ist in einigen Fällen a priori und ohne Längsschnittdaten nicht zu
klären, in welchem Kausalverhältnis die Prädiktoren zueinander stehen, so
dass auf eine blockweise Aufnahme einzelner Prädiktorvariablen in die
Gleichung verzichtet wurde. Ein-Elternfamilien beispielsweise sind auf der
Ebene individueller Betrachtung deutlich häufiger benachteiligt, d.h. von
Sozial- oder Arbeitslosenhilfe abhängig (r=0,23; p<0,001). Allerdings ist
sowohl vorstellbar, dass partnerschaftliche Bindungen gelöst werden, weil
die Familie sozial benachteiligt ist, als auch, dass soziale Benachteiligung
insbesondere von allein erziehenden Frauen als Folge einer Scheidung
auftritt. Unvollständige Familien treten ferner häufiger mit zunehmendem
Alter der Jugendlichen auf (r=0,08; p<0,001). Auch hier ist schwer zu ent-
scheiden, ob der Familienzusammenhalt mit zunehmendem Alter der Ju-
gendlichen - und damit zunehmenden Konfliktsituationen innerhalb der
Familie - stärker gefährdet ist, oder ob sich hier das „Basisrisiko“ des Zer-
falls einer Lebensgemeinschaft ausdrückt.

Tabelle 7.11: Bivariate Korrelationen der Prädiktorvariablen


Berufspresti-

Benachteilg.

Delinquente
Familientyp

Freizeit Ac-
soziale

Clique
Alter

tion
ge

Ethnie ,24*** -,05*** -,19*** ,05*** -,15*** -,01n.s.


Berufsprestige -,03* -,15*** -,01n.s. -,14*** -,04*
Alter ,04** ,08*** ,01n.s. ,17***
soz. Benachteili- ,23*** ,08*** ,02n.s.
gung
Familientyp ,05** ,05***
Delinquente Clique ,26***
Signifikanzangaben: n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Eine Variable mit unbestrittenem Kausalcharakter dürfte dagegen das Be-


rufsprestige der Eltern der Befragten sein, auch wenn damit noch nichts
über die jeweiligen Kausalmechanismen ausgesagt ist. So haben Eltern
nichtdeutscher Herkunft ein deutlich geringeres Berufsprestige als Eltern
deutscher Jugendlicher. Auch dass ein höheres Berufsprestige mit einem
245

geringeren Risiko der Arbeitslosigkeit oder des Sozialhilfebezuges einher-


geht, dürfte kaum überraschen. Dass Kinder von Eltern mit hohem Berufs-
prestige schließlich seltener einer delinquenten Clique angehören, könnte
zum einen auf eine höhere Gewaltresistenz in höheren sozialen Schichten
zurückführbar sein, sowie auf das geringere Risiko sozialer Benachteili-
gung (r=-0,15; p<0,001) und damit einhergehender Neigung zum An-
schluss an gewaltbereite Cliquen.
Die Mitgliedschaft in einer gewaltbereiten Clique ist ebenfalls vom Be-
rufsprestige beeinflusst, Jugendliche aus Familien mit wenig Prestige sind
signifikant häufiger Mitglied einer solchen gewaltbereiten Clique als Ju-
gendliche aus der Bildungsschicht (r=0,08; p<0,001). Auch soziale Benach-
teiligung und der Familientyp bestimmen über die Cliquenmitgliedschaft.
Zur Skalierung der Variablen in den multivariaten Modellen ist folgen-
des zu bemerken: Die abhängigen Variablen „Registrierungsrisiko“ sind
jeweils dichotom, wobei der Eintrag „0“ bedeutet, dass der Jugendliche ein
Delikt berichtet hat, aber keinen Polizeikontakt und „1“, dass beides be-
richtet wurde. Grundlage der Analysen ist also nur die Teilpopulation der
Täter der jeweiligen Delikte. Die Skalierung der Prädiktorvariablen sollte
dagegen aus den bivariaten Tabellen in Abschnitt 7.3 hervorgehen.
Für Ladendiebstahlsdelikte wurde vermutet, dass das Risiko der Jugend-
lichen, eine Anzeige und damit eine polizeiliche Registrierung zu erhalten,
weitgehend mit dem Entdeckungsrisiko der Jugendlichen identisch ist. Da
Ladendetektive bestrebt sind, jeden Diebstahl zur Anzeige zu bringen, kann
aufgrund eines erhöhten Registrierungsrisikos nach individuellen Täter-
merkmalen auf die Verdachtsschemata der Detektive geschlossen werden.
Betrachtet man zunächst die Gütekriterien des ersten Modells zur Erklä-
rung des Anzeigerisikos für Ladendiebstahlsdelikte (Tabelle 7.13), so zeigt
sich, dass das Modell nur unter Aufnahme der und Kontrollvariablen nicht
adäquat an die Daten angepasst ist. Das Hosmer/Lemeshow chi2 (15,0) ist
signifikant, d.h. die Nullhypothese dass das Modell eine gute Anpassung an
die Daten liefert muss verworfen werden.70 Auch die durch Modell 1 er-
klärte Varianz ist gleich Null. Die Kontrollvariable „Fragebogentyp“ weist
darauf hin, dass Jugendliche mit Fragebogen „B“ ein ca. 20% niedrigres
Registrierungsrisiko aufweisen als Jugendliche mit dem Typ „A“. Wie
bereits aufgrund der vorherigen Untersuchungen vermutet, ist beim Laden-

70
Zur Erläuterung der Koeffizienten einer multiplen logistischen Regression siehe
auch Abschnitt 7.7.1 dieser Arbeit.
246

diebstahl das von der Begehungshäufigkeit abhängige Basisrisiko nur


schwach ausgeprägt. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ent-
deckung mit zunehmender Häufigkeit, mit der Jugendliche einen Laden-
diebstahl begehen, nur unwesentlich zunimmt, umgekehrt jedoch auch
schon beim wenigen begangenen Delikten relativ hoch liegt (vgl. Abbil-
dung 7.9). Bei diesem Delikt kann also nicht von einem Zufallsprozess
ausgegangen werden, der dazu führt, dass häufigeres Begehen eines Delik-
tes auch die Wahrscheinlichkeit von Entdeckung und Registrierung beein-
flusst.

Tabelle 7.12: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des Registrie-


rungsrisikos aus der Täterperspektive für Diebstahlsdelikte
Ladendiebstahl Diebstahl
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Basisrisiko
Fragebogentyp (ref.: A) 0,81** 0,82* 1,24n.s. 1,24n.s.
Häufigkeit (Inzidenz) 1,14* 1,04n.s. 1,46***a 1,37**a
Häufigkeit (Inzidenz) - - 1,30**b 1,28*.b
Relatives Risiko
Ethnische Herkunft Eltern (ref.: dt.) - 1,35*** - 0,93n.s.
Berufsprestige nach Wegener - 0,82* - 0,70+
Alter - 1,19* - 1,15n.s.
Soz. Benachteiligung (ref.: keine) - 1,20* - 1,05n.s.
Familientyp (ref.: 2 Elternteile) - 1,17* - 1,33+
Delinquente Clique (ref.: keine) - 1,27*** - 1,52*
Konstante 0,49*** 0,03*** 0,01*** 0,00*
Modellanpassung
N 1106 1106 780 780
2
Pseudo-R 0,02 0,11 0,08 0,14
2
Hosmer/Lemeshow chi 15,0* 8,5n.s. 16,7* 8,1n.s.
2
Chi Block 3,0+ 68,2*** 20,3*** 16,9*
a
Fahrraddiebstahl
b
Sache oder Geld gestohlen
standardisierte Exp.(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Die Gütekriterien des zweiten Modells weisen darauf hin, dass dieses er-
heblich besser an die Daten angepasst ist als das Nullmodell, da das Hos-
247

mer/Lemeshow chi2 (8,5) nicht mehr signifikant ist. Die Aufnahme des
Blocks der Prädiktorvariablen trägt signifikant zu dieser Steigerung der
Modellgüte bei (chi2 Block = 68,2; p<0,001). Allerdings liegt die durch
dieses Modell multivariat aufgeklärte Varianz des Entdeckungsrisikos beim
Ladendiebstahl, ablesbar am Pseudo-R2 von 0,12, eher im unteren Bereich.
Es zeigt sich jedoch ein deutlicher Einfluss aller in die Gleichung aufge-
nommener Prädiktorvariablen, auch wenn die Mehrzahl der Einflussgrößen
gerade noch die Signifikanzgrenze von 0,05 erreicht. Die ethnische Her-
kunft der Eltern des Jugendlichen hat mit einem Exp.(B) von 1,35
(p<0,001) den größten Einfluss auf das Entdeckungsrisiko der Jugendli-
chen. Jugendliche ausländischer Herkunft haben also gegenüber deutschen
Jugendlichen ein um 35% größeres Risiko, bei einem Ladendiebstahl er-
wischt zu werden.71 Vermutlich ist das Risiko dabei für Jugendliche mit
eindeutig fremdländischem Aussehen noch höher. Ein hohes elterliches
Berufsprestige schützt dagegen zumindest vor einer Anzeige, könnte je-
doch über Unterschiede im Habitus der Jugendlichen auch das Verdachts-
schema der Detektiven und des Verkaufspersonals beeinflussen. Ein Wech-
sel von einer Klasse der vierstufigen Berufsprestigeskala in die nächsthöhe-
re geht durchschnittlich mit einer Verringerung des Registrierungsrisikos
von 17% einher. Auch das Alter der Jugendlichen spielt im multivariaten
Model eine Rolle. Aus Tabelle 7.3 ging bereits hervor, dass dies vor allem
auf den Schritt der Altersstufe von 13 bis 14 Jahren zurückzuführen ist. Es
könnte also durchaus sein, dass auch jüngere Ladendiebe häufiger erwischt
werden, die Detektive jedoch bei diesen auf eine Anzeige verzichten. Ähn-
lich der ethnischen Herkunft könnte auch die Zugehörigkeit der Jugendli-
chen zu einer gewaltbereiten Clique einen Einfluss auf deren Habitus und
damit auf die Aufmerksamkeit der Ladendetektive haben. Dieser Prädiktor
ist jedenfalls mit einem Exp.(B) von 1,28 (p<0,001) am zweitstärksten im
Modell, die Cliquenzugehörigkeit vergrößert also das Anzeigerisiko um
28% gegenüber Nichtmitgliedern einer Clique. Schließlich bleibt auch der
Einfluss der Familienstruktur im multivariaten Modell signifikant. Jugend-
liche aus vollständigen Familien haben ein 16% geringeres Registrierungs-
risiko bei Ladendiebstählen als Jugendliche aus Familien, in denen mindes-
tens ein Elternteil fehlt. Zur Verdeutlichung dieser Ergebnisse wurden an-
hand der vier wichtigsten Indikatoren der multiplen Regression zwei Ex-

71
Die in den folgenden multivariaten logistischen Modellen berichteten Exp.(B)-
Koeffizienten wurden standardisiert und sind daher sowohl innerhalb eines Modells als
auch zwischen verschiedenen Modellen vergleichbar.
248

tremgruppen gebildet. In die Gruppe „geringstes Risiko“ wurden Täter mit


deutschen Eltern, die der höchsten Berufsprestigeklasse angehören und
keine soziale Benachteiligung im Sinn von Arbeitslosigkeit oder Sozialhil-
febezug aufweisen, aufgenommen. Ferner gehörten die Jugendlichen nicht
einer delinquenten Clique an. In die Extremgruppe „höchstes Registrie-
rungsrisiko“ wurden Täter aufgenommen, die nichtdeutscher Herkunft sind,
deren Eltern das geringste Berufsprestige haben sowie sozial benachteiligt
sind. Die Täter gehörten ferner einer delinquenten Clique an. Tabelle 7.12
gibt das Registrierungsrisiko der beiden Extremgruppen in Abhängigkeit
von der Delikthäufigkeit wieder.

Tabelle 7.13: Registrierungsrisiko von Extremgruppen bei Ladendiebstahl


1 Delikt 2-10 Delikte
N % Tau-b N % Tau-b
a
Geringstes Risiko 24 12,5 0,18n.s. 48 12,5 0,60***
Höchstes Risikob 7 28,6 13 76,9
a
Herkunft deutsch, höchstes Berufsprestige, keine soziale Benachteiligung Eltern, keine
delinquente Clique
b
Herkunft nicht-deutsch, niedrigstes Berufsprestige, soziale Benachteiligung Eltern,
delinquente Clique
Signifikanzangaben: n.s.: nicht signifikant; ***: p<0,001

Es zeigt sich, dass das relative Risiko für Einmaltäter bei der Hochrisiko-
gruppe doppelt so hoch ist wie bei der Niedrigrisikogruppe. Während 29%
der Täter mit hohem Entdeckungsrisiko beim ersten Delikt erwischt wer-
den, trifft dies nur für 13% der Täter mit niedrigem Entdeckungsrisiko zu.
Bei jugendlichen Mehrfachtätern steigert sich der Unterschied im Entde-
ckungsrisiko noch erheblich. So werden über drei Viertel aller Täter aus
der Hochrisikogruppe, die zwischen zwei und zehn Ladendiebstähle be-
gangen haben, mindestens ein mal entdeckt, während das Risiko für die
andere Extremgruppe mit der Delikthäufigkeit nicht über die Entdeckung
von einem Achtel der Täter ansteigt.
Auch wenn diese Befunde weitgehend als Bestätigung der Hypothesen
eines selektiven Verdachtes und damit eines selektiven Entdeckungsrisikos
betrachtet werden dürfen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass darüber
hinaus auch andere kausale Mechanismen über diese Indikatoren wirken.
So kann man zum einen vermuten, dass ein Teil der Prädiktoren auch mit
der Geschicklichkeit in Verbindung stehen, mit der die Täter vorgehen und
249

damit ihr Entdeckungsrisiko beeinflussen. Weiterhin könnte Redegewandt-


heit, Auftreten gegenüber dem Ladendetektiv bzw. dem Verkaufspersonal
nach einer Entdeckung zu einer Verringerung des Anzeigerisikos mit Indi-
katoren wie dem elterlichen Berufsprestige, der ethnischen Herkunft und
der sozialen Benachteiligung verbunden sein.
Insgesamt reihen sich die Befunde damit nicht nur recht gut in die theo-
retischen Erwartungen, sondern auch in die bisherigen empirischen Befun-
de ein, über die in Abschnitt 2.4 berichtet wurde. Sowohl der Befund eines
höheren Anzeigerisikos von Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund
als auch die Beobachtung, dass das Geschlecht der Täter keinen Einfluss
auf das Anzeigerisiko ausübt, konnten nachvollzogen werden. Auch das
Sozialprestige der Schüler, das in hohem Maße durch das elterliche Berufs-
prestige determiniert sein dürfte, hat einen signifikanten negativen Einfluss
auf das Anzeigerisiko von Ladendieben.
Es bleibt schließlich noch als abschließende Überlegung zu erörtern, ob
der selektive Verdacht bzw. die selektive Aufmerksamkeit der Ladendetek-
tive funktional sind und damit zumindest aus der Handlungslogik der Ak-
teure der semiformellen Sozialkontrolle heraus begründbar. Dabei soll
vorausgesetzt werden, dass der selektive Verdacht auf eine Gruppe von
Jugendlichen aus der Perspektive der Detektive immer dann adäquat ist,
wenn die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung eines Täters in dieser Gruppe
größer ist als in anderen Gruppen, weil sich in dieser Gruppe tatsächlich
mehr Täter befinden. Die in Abschnitt 7.2 dargestellten Befunde weisen für
Aussiedlerjugendliche, nicht aber Jugendliche mit fremdethnischer Her-
kunft im Allgemeinen, eine höhere Prävalenzrate auf als für deutsche Ju-
gendliche. Das bedeutet, dass das höhere Registrierungsrisiko ausländi-
scher Jugendlicher nicht rational mit einem höheren Täteranteil in dieser
Gruppe begründet werden kann. Geht deren erhöhtes Registrierungsrisiko
tatsächlich auf die Selektivität des Verdachtes von Geschäftspersonal zu-
rück, so ist dieses den Verdacht leitende Schema letztlich dysfunktional,
abgesehen davon, dass es zu einer Diskriminierung von Jugendlichen
fremdethnischer Herkunft führt. Auch hinsichtlich des elterlichen Berufs-
prestiges gibt es bei Ladendiebstahlsdelikten nur sehr geringe Unterschiede
in den Prävalenzraten, die den deutlichen Einfluss dieser Variablen auf das
Registrierungsrisiko nicht rechtfertigen. Deutlichere Unterschiede hinsicht-
lich der selbstberichteten Delinquenz liegen dagegen bei den Merkmalen
„soziale Benachteiligung“ und „Familienstruktur“ vor (vgl. Abschnitt 7.1).
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Verdachtschöpfung
250

des Ladenpersonals auf zuvor bereits marginalisierte Gruppen von Jugend-


lichen einer Ökonomisierung der Wahrnehmung entspringt, jedoch für das
Ziel des Aufgreifens und der Abschreckung möglichst vieler Täter dys-
funktional ist, da das Entdeckungsrisiko der nicht marginalisierten Jugend-
lichen im Gegenzug erheblich geringer ist.
Nach der ausführlichen Besprechung des Registrierungsrisikos bei La-
dendiebstahlsdelikten soll nun noch dasjenige für die übrigen Diebstahlsde-
likte betrachtet werden (vgl. Tabelle 7.13, Spalten 3 u. 4). Da sich diese
Delikte jedoch nicht in einem solch eng eingrenzbaren Setting wie die La-
dendiebstähle abspielen, sind hier die Einflüsse interpretierende Zuschrei-
bungen zu Selektionsmechanismen nur andeutungsweise möglich.
Die Kennwerte der Modellanpassung des ersten Modells zu leichten
Diebstählen zeigen, dass dieses eine bessere Anpassung an die Daten bietet
als das Nullmodell, in welches nur die Konstante eingeht. Das Hos-
mer/Lemeshow chi2 (16,7) ist signifikant, allerdings deutet das sehr signifi-
kante Block chi2 von 20,3 eine erhebliche Verbesserung der Modellgüte
aufgrund der Determinanten des Basisrisikos an. Beide Kontrollvariablen
der Delikthäufigkeit sind signifikante Prädiktoren im Modell. Die Aufnah-
me von Determinanten des relativen Registrierungsrisikos im zweiten Mo-
dell führt zu einer Verbesserung der Modellanpassung. Die erklärte Vari-
anz steigt von 0,08 auf 0,14 an. Allerdings bleiben nur wenige der in den
bivariaten Untersuchungen ausgemachten Prädiktoren signifikant. Wie
schon im Modell der Ladendiebstahlsdelikte ist auch bei den übrigen Dieb-
stahlsdelikten das relative Registrierungsrisiko erheblich erhöht, wenn der
Täter einer delinquenten Clique angehört (Exp.(B)=1,52; p<0,05). Der
Einfluss dieses Faktors ist sogar noch stärker als im Modell der Ladendieb-
stähle. Alle weiteren Faktoren sind dagegen nur schwach signifikant
(p<0,1) oder völlig bedeutungslos. Es könnte sein, dass insbesondere beim
Item „Sache oder Geld gestohlen“ von den Befragten eine Reihe unter-
schiedlicher Tatsituationen subsummiert werden, auf die sich die Determi-
nanten des relativen Risikos erratisch auswirken und daher die Zusammen-
hänge verwischen.
Nach den Determinanten des Registrierungsrisikos bei Ladendiebstählen
und bei den sonstigen Diebstahlsdelikten werden in der folgenden Tabelle
7.14 diejenigen von Drogendelikten und schweren Eigentumsdelikten dar-
gestellt.
Das erste Modell zur Erklärung des Basisrisikos der polizeilichen Regist-
rierung bei Drogendelikten weist eine gute Modellanpassung auf und die
251

Aufnahme der Prädiktoren des Basisrisikos liefert eine signifikante Verbes-


serung der Erklärungskraft gegenüber dem Nullmodell.
Ähnlich dem Ladendiebstahl wurde bei Drogendelikten postuliert, dass
das Entdeckungs- und Registrierungsrisiko weitgehend identisch sein soll-
ten, da eine Anzeige in der Regel durch die Polizei vorgenommen wird und
eine Entdeckung des Jugendlichen durch die Polizei damit automatisch
einem Polizeikotakt entspricht. Wie aus dem Vergleich von selbstberichte-
ten Polizeikontakten mit offiziellen Registrierungen auf Aggregatebene
hervorgeht (vgl. Abschnitt 8.3.1), muss jedoch davon ausgegangen werden,
dass die allermeisten Polizeikontakte in diesem Deliktbereich nicht zu einer
Anzeige führen. Es ist anzunehmen, dass insbesondere jene Polizeikontakte
für die Jugendlichen folgenlos sind, die mit dem Besitz geringer Mengen
von Drogen zum Eigengebrauch verbunden sind. Das bedeutet, dass zwar
das Entdeckungsrisiko mit dem Risiko eines Polizeikontaktes gleichzuset-
zen ist, dass jedoch nur ein sehr loser Zusammenhang zwischen Polizeikon-
takten und Registrierungen besteht. Bei BTM-Delikten scheint daher ein
hoher Ermessensspielraum der Polizei bestehen, welche Taten und damit
auch welche Täter zur Anzeige gebracht werden. Dies eröffnet Möglichkei-
ten zu selektivem Anzeigeverhalten, das jedoch mit den selbstberichteten
Polizeikontakten gerade nicht erfasst werden kann. Die folgenden Ergeb-
nisse stehen daher unter dem Vorbehalt, dass vor allem etwas über Unter-
schiede im Entdeckungsrisiko, jedoch wenig über solche im Registrie-
rungsrisiko gesagt werden kann.
Es zeigt sich, dass sowohl die Häufigkeit des Konsums von Drogen
(Exp.(B)= 1,53; p<0,01) als auch diejenige des Handelns mit Drogen
(Exp.(B)=1,67; p<0,001) einen signifikanten Einfluss auf das Entdeckungs-
risiko durch die Polizei ausüben (vgl. Tabelle 7.14).
Erwartungsgemäß vergrößert der Handel mit Substanzen, die unter das
Betäubungsmittelgesetz fallen, das Registrierungsrisiko stärker als der
bloße Konsum dieser Mittel, allerdings nicht in erheblichem Ausmaß. Das
bedeutet für die Jugendlichen, dass bereits der Konsum von Drogen zum
Risiko eines Polizeikontakts erheblich beiträgt, allerdings bleibt dieses
absolut betrachtet immer noch sehr gering (vgl. Abbildung 8.9).
Die einzige Variable des relativen Risikos der polizeilichen Registrie-
rung, die sich nach den bivariaten Analysen als möglicher Prädiktor anbot,
war die ethnische Herkunft der Eltern des Täters. Führt man diese wie in
den anderen Modellen als dichotome Variable ein, so ist eine leichte, je-
doch nicht mehr signifikante Erhöhung des Entdeckungsrisikos zu konsta-
252

tieren. Vergleicht man dies mit dem Ergebnis in Tabelle 8.2, wo ebenfalls
das Basisrisiko kontrolliert wurde und dennoch ein signifikanter Zusam-
menhang festgestellt werden konnte, so zeigt sich, dass dort nur Jugendli-
che türkischer bzw. exjugoslawischer Herkunft ein erhöhtes Risiko aufwie-
sen. Über alle fremdethnischen Jugendlichen zusammen ergibt sich dage-
gen kein erhöhtes Risiko der polizeilichen Entdeckung mehr.

Tabelle 7.14: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des Registrie-


rungsrisikos aus der Täterperspektive für Drogen- und schwere Diebstahlsdelikte
Drogendelikte Einbruchsdelikte
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Basisrisiko
Fragebogentyp (ref.: A) 1,05n.s. 1,05n.s. 0,93n.s. 0,92n.s.
Häufigkeit (Inzidenz) 1,53** a 1,55** a 1,67* c 1,59+c
Häufigkeit (Inzidenz) 1,66*** b 1,64*** b 1,90** d 1,79** d
Häufigkeit (Inzidenz) - - 1,22n.s. e 1,19n.s. e
Relatives Risiko
Ethnische Herk. Eltern (ref.: dt.) - 1,26n.s. - -
Berufsprestige nach Wegener - - - 0,82n.s.
Familientyp (ref.: 2 Elternteile) - - - 1,27+
Konstante 0,01*** 0,01*** 0,23*** 0,31*
Modellanpassung
N 1101 1101 339 339
Pseudo-R2 0,18 0,18 0,12 0,14
Hosmer/Lemeshow chi2 6,2n.s. 7,4n.s. 13,8+ 5,3n.s.
Chi2 Block 53,8*** 2,0n.s. 27,3*** 5,2+
a
Drogen genommen
b
Drogen verkauft
c
Auto aufgebrochen
d
Auto, Motorrad, etc. gestohlen
e
in Haus, Keller, Laden eingebrochen um etwas zu stehlen
standardisierte Exp.(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Ganz im Gegensatz zu den Befunden beim Ladendiebstahl kann man bei


Betäubungsmitteldelikten davon ausgehen, dass Polizeibeamte keine
Schemata über Täter haben, die zu selektiven Verdächtigungen führen. Sie
scheinen sich über die soziale Zusammensetzung ihrer „Kundschaft“ im
253

Klaren zu sein und gleichmäßig in allen sozialen Gruppen nach Tätern zu


suchen. Ob allerdings auch die tatsächlichen Anzeigen dieser Gleichbe-
handlung folgen, kann aufgrund des eingangs bemerkten erheblichen Un-
terschieds zwischen Polizeikontakten und polizeilicher Registrierung nicht
gefolgert werden.
Das erste Modell zur Erklärung des Registrierungsrisikos bei schweren
Eigentumsdelikten (Einbrüche in Autos, Autodiebstähle sowie Einbrüche
in Gebäude aller Art) liefert mit einem Pseudo-R2 von 0,18 bereits eine
recht gute Varianzaufklärung. Das Hosmer/Lemeshow chi2 ist mit 13,8
gerade noch außerhalb der Signifikanzgrenze und das sehr signifikante
Block chi2 von 27,3 weist darauf hin, dass das Modell eine gegenüber dem
Nullmodell erheblich bessere Anpassung an die Daten aufweist. Die Kon-
trollvariable weist auch diesmal auf keine signifikanten Unterschiede im
Registrierungsrisiko nach dem verwendeten Fragebogentyp hin. Betrachtet
man die Exp.(B) Koeffizienten der Inzidenzen, so fällt auf, dass der Dieb-
stahl von Kraftfahrzeugen aller Art den stärksten Einfluss auf das Basisri-
siko eines Täters hat, gefolgt vom Aufbruch von Kraftfahrzeugen. Dagegen
steigert der Einbruch in Häuser oder Geschäfte kaum das Basisrisiko einer
Anzeige in der Deliktgruppe „Schwere Eigentumsdelikte“. Dies kann als
Hinweis auf ein höheres Entdeckungsrisiko bei der Tatausführung von
Autoaufbrüchen und -diebstählen gedeutet werden. Immerhin sind Kraft-
fahrzeuge in der Regel öffentlich zugänglich abgestellt, so dass jugendliche
Autoknacker zum einen gezwungen sind relativ spontan zu agieren und
zum anderen einem größeren Entdeckungsrisiko ausgesetzt sind als jugend-
liche Einbrecher, die vor der Tatausführung Risiken in gewissem Umfang
ausschalten und die Tat planen können.
Die Aufnahme der beiden einzigen Variablen, die aufgrund der bivaria-
ten Analysen einen Beitrag zur Erklärung des relativen Registrierungsrisi-
kos erwarten ließen, führt im Modell 2 nicht zu einer signifikanten Verbes-
serung der Modellgüte (Block chi2 = 5,1). Keiner der beiden Prädiktoren ist
signifikant, so dass auch bei Einbruchsdelikten, wie schon bei den Drogen-
delikten, davon ausgegangen werden kann, dass die Komponente des rela-
tiven Risikos nicht sehr ausgeprägt ist. Problematisch ist jedoch auch die
geringe Fallzahl, nur 339 Jugendliche aus dem Sample haben überhaupt
Einbruchsdelikte angegeben.
Für Einbruchsdelikte kann daher das Fazit gezogen werden, dass Täter
außer einem erheblichen Basisrisiko (vgl. Abbildung 7.8) im Vergleich zu
allen anderen Delikten (außer den „opferlosen“ BTM Delikten) dem ge-
254

ringsten relativen Risiko unterliegen. Dies ist sehr plausibel, wenn man
bedenkt, dass es sich dabei in den wenigsten Fällen um Bagatelldelikte
handeln dürfte, sondern in der Regel ein erheblicher Schaden entsteht und
schon aus diesem Grund eine hohe Anzeigerate unabhängig von Eigen-
schaften des Täters vorliegen dürfte. Äußerst selten entdeckt das Opfer den
Täter selbst, so dass sich selbst eine vorhandene selektive Anzeigeneigung
kaum auswirken dürfte. Das Zufallsmodell des Registrierungsrisikos ist
daher bei schweren Eigentumsdelikten noch am ehesten anwendbar.
Betrachtet man das erste Modell für das Registrierungsrisiko bei Raub-
und Erpressungsdelikten, so zeigt sich, das dieses bereits recht gut an die
Daten angepasst ist (Hosmer/Lemeshow chi2 nicht signifikant). Während
die Kontrollvariable „Fragebogentyp“ wiederum einen starken, allerdings
aufgrund der geringen Fallzahl nicht signifikanten Einfluss auf die Anga-
ben zum Registrierungsrisiko ausübt, hat die Häufigkeit der Items „Raub“
sowie „Erpressung, Nötigung oder Bedrohung“ im multivariaten Modell
keinen signifikanten Einfluss auf das Registrierungsrisiko mehr.
Im zweiten Modell steigt die erklärte Varianz an (Pseudo-R2 = 0,14).
Auch zeigt das signifikante Block chi2 an, dass die Aufnahme der Prädikto-
ren des relativen Registrierungsrisikos zu einer bedeutsamen Verbesserung
der Erklärungskraft des Modells führt. Aufgrund der geringen Fallzahl von
nur 364 Raub- und Erpressungstätern sind jedoch auch aussagefähige Wer-
te wie der Koeffizient des Berufsprestiges (Exp.(B)=0,72) nicht signifikant.
Die einzig signifikanten Prädiktoren des relativen Registrierungsrisikos bei
dieser Deliktgruppe sind daher der Familientyp und in schwachem Maß die
soziale Benachteiligung der Eltern. Jugendliche, die nicht in biologisch
vollständigen Familien leben, haben ein 46% höheres Registrierungsrisiko
als Jugendliche, die bei beiden biologischen Eltern leben. Jugendliche,
deren Eltern von Sozialhilfe lebten oder arbeitslos waren, haben ein 40%
höheres Registrierungsrisiko. Beide Faktoren können als Aspekte der Res-
sourcen der Jugendlichen gedeutet werden, die zu einer alternativen Kon-
fliktlösung nicht zur Verfügung stehen. Es ist auffällig, dass die ethnische
Herkunft im multivariaten Modell keinerlei Bedeutung mehr für das Re-
gistrierungsrisiko hat.
Als letztes Modell soll schließlich noch das Registrierungsrisiko beim
Gewaltdelikt Körperverletzung betrachtet werden. Das erste Modell zur
Bestimmung des Basisrisikos weist keine befriedigende Anpassung an die
Daten auf. Wiederum deutet die Kontrollvariable darauf hin, dass signifi-
kante Unterschiede nach dem verwendeten Fragebogen bestehen, auch
255

wenn weiterhin offen bleiben muss, weshalb Jugendliche mit dem „A“
Fragebogen ein höheres Registrierungsrisiko berichten. Im Unterschied zu
Raub- und Erpressungsdelikten ist auch die Inzidenz wieder ein signifikan-
ter und bedeutsamer Prädiktor des Basisrisikos (Exp.(B)=1,44).

Tabelle 7.15: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des Registrie-


rungsrisikos aus der Täterperspektive für Gewaltdelikte
Raub & Erpressung Körperverletzung
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Basisrisiko
Fragebogentyp (ref.: A) 0,76n.s. 0,76n.s. 0,77* 0,78*
Häufigkeit (Inzidenz) 1,20n.s.a 1,17n.s.a 1,44*** 1,38***
Häufigkeit (Inzidenz) 1,03n.s.b 1,08n.s.b - -
Relatives Risiko
Ethnische Herk. Eltern (ref.: dt.) - 1,04n.s. - 1,14n.s.
Berufsprestige nach Wegener - 0,71n.s. - 0,85n.s.
Alter - 0,98n.s. - 1,31*
Soz. Benachteiligung (ref.: keine) - 1,40+ - 1,03n.s.
Familientyp (ref.: 2 Elternteile) - 1,46* - 1,29*
Delinquente Clique (ref.: keine) - - - 1,39**
Konstante 0,18*** 0,24n.s. 0,37** 0,00***
Modellanpassung
N 364 364 547 547
Pseudo-R2 0,04 0,12 0,06 0,12
Hosmer/Lemeshow chi2 7,6n.s. 11,0n.s. 23,5** 7,6n.s.
Chi2 Block 6,4+ 13,9* 19,8*** 24,6***
a
Raub
b
Erpressung, Nötigung und Bedrohung
standardisierte Exp.(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Modell 2, welches die Prädiktoren des relativen Registrierungsrisikos ein-


schließt, weist mit einem nicht signifikanten Hosmer/Lemeshow chi2 von
7,6 eine gute Anpassung an die vorliegenden Daten auf. Die Aufnahme der
zusätzlichen Prädiktoren führt zu einer signifikanten Verbesserung der
erklärten Varianz (Chi2 Block = 24,6), die mit einem Pseudo-R2 von 0,12
auch einen akzeptablen Wert aufweist. Wie bei Raubdelikten geht auch bei
Körperverletzungen das relative Risiko aufgrund der ethnischen Herkunft
256

und des Berufsprestiges der Eltern auf nicht mehr signifikante Werte zu-
rück. Das bedeutet, dass die beiden zentralen Variablen in der Debatte um
ein selektives Registrierungsrisiko bei Gewaltdelikten in diesen Modellen
keine Bedeutung haben (vgl. Abschnitt 2.4.1). Anders als bei Raubdelikten
hat bei Körperverletzungen auch die soziale Benachteiligung der Eltern des
Täters keinen Effekt auf dessen Registrierungsrisiko. Signifikant bleibt
dagegen der Einfluss des Alters des Täters (Exp.(B)=1,35). Schließlich
haben auch die Zugehörigkeit zu einer delinquenten Clique und der Famili-
entyp einen signifikanten Einfluss auf das Registrierungsrisiko.

7.5 Zusammenfassung
Das Risiko eines delinquenten Jugendlichen, polizeilich registriert zu
werden, wurde in Basisrisiko und relatives Risiko getrennt. Die Analysen
zum Basisrisiko zeigten, dass dieses von der Art des begangenen Deliktes,
von der Häufigkeit sowie von vorherigen polizeilichen Registrierungen
abhängt.
Die Abhängigkeit von der Deliktart kann auf Eigenschaften der Ausfüh-
rung des Deliktes sowie auf die damit verbundenen Reaktionen der Opfer
zurückgeführt werden. Die Prämisse des Kapitels war, dass bei Drogende-
likten Verdachtsschöpfung und Entdeckung des Täters zu einem sehr hohen
Anteil direkt auf Organe der formellen Sozialkontrolle zurückgehen und
dass zwischen Entdeckung und Anzeige nur ein geringer Ermessensspiel-
raum besteht. Damit wurde das Registrierungsrisiko bei Drogendelikten
weitgehend mit dem Entdeckungsrisiko gleichgesetzt. Ähnlich wurde der
Mechanismus bei Ladendiebstählen beschrieben, wo Verdachtschöpfung,
Entdeckung und Anzeige weitgehend durch Ladendetektive, also die semi-
formelle Sozialkontrolle erfolgt. Bei interpersonellen Gewaltdelikten ist
dagegen eine Entdeckung des Täters per definitionem sichergestellt. Hier
entscheidet das Opfer anhand der Mechanismen, die in Kapitel sieben ana-
lysiert wurden, über die Art der Bewältigung und damit darüber, ob die
Täter der Polizei angezeigt werden. Dagegen ist es schwierig, für Eigen-
tum- und Sachbeschädigungdelikte plausible Vermutungen für den Zu-
sammenhang zwischen Entdeckung und Anzeige zu formulieren. Da das
relative Registrierungsrisiko für Einbruchdelikte jedoch fast nicht vorhan-
den ist, liegt die Vermutung nahe, dass auch hier Anzeige- und Entde-
ckungsrisiko zusammenfallen. Entdeckte Täter haben dann kaum einen
Spielraum für Verhandlungen, die je nach sozialen Eigenschaften von Täter
257

bzw. Täter-Opfer-Relation unterschiedlich verlaufen könnten.


Mit der Deliktart verbunden ist auch die Schwere des vom Täter verur-
sachten Schadens. Je schwerer der Vermögensschaden, der mit dem Delikt
verursacht wird, desto größer das Risiko des Täters, mindestens ein Mal
innerhalb eines Jahres deshalb anzeigt zu werden. Dies weist auf Kosten-
Nutzen-Abwägungen der Opfer hin, die jedoch bei Ladediebstählen außer
Kraft gesetzt sind. Das zweithöchste Basisrisiko der polizeilichen Regist-
rierung, das fast so hoch wie beim Autodiebstahl liegt, steht hier in keinem
Verhältnis zum vom Opfer verursachten Schaden. In den multivariaten
Modellen zeigte sich, dass die Anzahl der Delikte das Basisrisiko beim
Landediebstahl kaum beeinflusst. Daraus folgt also, dass die hohe Sankti-
onsgeltung bei diesen Bagatelldelikten der Rationalität einer semiformellen
Kontrollinstanz, dem Ladendetektiv, folgt. Im Unterschied zu sonstigen
Opfern ist es für ihn kein Mehraufwand an Zeit und mit sonstigen Unan-
nehmlichkeiten verbunden, eine Anzeige zu erstatten, sondern dies ist sein
Job, er muss daher keine Nutzenabwägung vornehmen.
Auch die Häufigkeit, mit der ein Delikt innerhalb eines Jahres begangen
wird, beeinflusst als zweiter Faktor das Basisrisiko. Je nach Art des Delik-
tes ist dieser Einfluss sehr gering wie bei Ladendiebstahlsdelikten, oder
sehr stark wie bei Einbruch- und Gewaltdelikten. Im Zeitraum von einem
Jahr werden daher fast die Hälfte aller jugendlichen Intensivtäter, die häu-
fig schwere Delikte begehen, der Polizei bekannt. Darüber hinaus wurden
auch Hinweise dafür gefunden, dass Jugendliche, die bereits einmal ange-
zeigt wurden, ein höheres Risiko einer „Rekriminalisierung“ tragen als
Jugendliche, die – zumindest im Befragungszeitraum – noch nicht ange-
zeigt wurden. Auch hier sind aufgrund fehlender Angaben aus der Prozess-
perspektive nur Vermutungen über den dahinter stehenden Mechanismus
möglich. Ein Stigmatisierungseffekt könnte dafür sorgen, dass es Opfern
leichter fällt, bereits „offiziell“ als delinquent bekannte Jugendliche leichter
der formellen Sozialkontrolle zu übergeben als bisher nicht angezeigte.
Aufschluss könnten hier vertiefende Untersuchungen aus der Opferper-
spektive liefern.
Stärker als das Basisrisiko variiert das relative Risiko der polizeilichen
Registrierung nach der Art des begangenen Deliktes. Während bei Drogen-
und Einbruchsdelikten kein nennenswertes relatives Risiko vorliegt, beein-
flussen Tätermerkmale das Registrierungsrisiko sehr stark beim Ladendieb-
stahl sowie bei Körperverletzungen, weniger stark dagegen bei sonstigen
Diebstahldelikten und bei Raub- und Erpressungsdelikten. Gerade diese
258

Variation des relativen Risikos über unterschiedliche Delikte, die sehr gut
mit den Erwartungen übereinstimmt und sich sehr gut mit den oben be-
schriebenen Mechanismen erklären lässt, kann auch als starker Hinweis auf
die Validität der Angaben betrachtet werden. Eine geringe Zuverlässigkeit
der Angaben hätte erwarten lassen, dass sich die Jugendlichen beim relati-
ven Risiko nicht unterschieden, wenn ihre Angaben zu Polizeikontakten
und zur Delinquenz eher willkürlich wären. So konnte jedoch gezeigt wer-
den, dass bei Ladendiebstahl eine Reihe von Indikatoren für die soziale
Marginalisierung des Jugendlichen (ethnische Herkunft, Berufsprestige der
Eltern, soziale Benachteiligung und Familientyp) das Risiko einer polizeili-
chen Registrierung und damit das erschlossene Entdeckungsrisiko zu sei-
nen Ungunsten beeinflussen.
259

8 Empirische Befunde zur Hell- Dunkelfeldrelation


auf Aggregatebene

In diesem Kapitel werden empirische Befunde zum Anzeigeverhalten und


zum Registrierungsrisiko auf der Aggregatebene berichtet. Dabei werden
zwei unterschiedliche Analsysestränge verfolgt. Zum einen werden Ver-
bindungen von individuellen Faktoren und Eigenschaften des sozialen
Kontextes aus der Opfer- und der Täterperspektive untersucht. Im Zentrum
steht dabei die Frage, wie sich die soziale Zusammensetzung der Bewohner
einer abgrenzbaren räumlichen Einheit (wie eines Stadtviertels oder einer
Gemeinde) sowie die aus dieser Zusammensetzung resultierenden normati-
ven Orientierungen und soziale Netzwerke auf das Konfliktlösungsverhal-
ten der jugendlichen Opfer einerseits und das Registrierungsrisiko der ju-
gendlichen Täter andererseits auswirken. Zum anderen befasst sich ein
letzter empirischer Abschnitt der Arbeit mit Hell-Dunkelfeldrelationen auf
der Ebene sozialer Aggregate. Aus der Täterperspektive wird hier zum
einen untersucht, ob der Anteil der der Polizei bekannt werdenden Täter in
unterschiedlichen räumlichen Kontexten variiert und ob diese Variation
durch soziale Eigenschaften wie normative Orientierungen und soziales
Kapital der Bewohner erklärt werden kann.

8.1 Sozialräumliche Variation des Konfliktlösungsverhaltens

In den folgenden Abschnitten sollen Einflüsse des sozialen Kontextes auf


das Konfliktlösungsverhalten der Jugendlichen aus der Opferperspektive
untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Faktoren der Urbanität
sowie der Normen der Bewohner und deren Ressourcen aufgrund sozialen
Kapitals auf räumlicher Aggregatebene. Ziel ist es zu zeigen, dass der Um-
gang mit Gewalterlebnissen bei Jugendlichen in diesen unterschiedlichen
sozialen Kontexten variiert, und dass sich die Variation zwischen Innen-
stadt, Vorstadt und ländlicher Gemeinde auf die unterschiedliche Ausstat-
tung der Bewohner mit sozialem Kapital sowie unterschiedliche normati-
ven Orientierungen zurückführen lässt. Analog zur Vorgehensweise in
Kapitel 6 werden zunächst bivariate Befunde des Einflusses der Kontextva-
260

riablen sowie Interaktionseffekte zwischen Aggregatseffekten und indivi-


duellen Eigenschaften der Opfer präsentiert. Im Anschluss werden diese
Befunde in multiplen logistischen Regressionen zusammen mit den bereits
in Kapitel 6.7 identifizierten individuellen Einflussfaktoren getestet.

8.1.1 Bivariate Befunde

8.1.1.1 Urbanität
Betrachtet man zunächst die Anzeigeratenp im Jahreszeitraum, so zeigt sich
vor allem in Köln ein signifikanter (r=0,11) Unterschied zwischen subur-
banen Räumen (30,5%) und städtischen Wohngebieten (20,6%). Dieser
Unterschied tritt in Freiburg nicht auf, was darauf schließen lässt, dass
„Suburbanität“ eines Wohngebietes in Köln etwas anderes bedeutet als in
Freiburg und unterschiedliche Handlungskonsequenzen für die Bewohner
mit sich bringt. Die Jugendlichen in ländlichen Gebieten um Freiburg
schließlich weisen mit 12,3% eine noch geringere Anzeigeratep auf als die
Freiburger Stadtjugendlichen mit 17,9%.

Tabelle 8.1: Konfliktlösungsverhalten nach Urbanitätsgrad des Opferwohnortes


urban suburban ländlich Korrelationa
Anzeige 17,1 22,1 9,6 0,11**
informelle Einigung 19,6 15,2 23,7 0,08n.s.
Selbstjustiz 5,1 3,4 3,2 0,04n.s.
Aktion 41,8 40,7 36,5 0,04n.s.
kein Vertrauen Polizei 29,8 24,5 32,7 0,07n.s.
Angst vor Folgen 13,5 11,8 14,7 0,02n.s.
Resignation 36,5 30,4 40,4 0,07n.s.
Bagatellisierung 52,3 58,8 60,3 0,07n.s.
N 392 204 156
Angaben in Prozent; Mehrfachantworten möglich
Köln, Freiburg und Freiburger Umland
a
Signifikanzangaben für Kontingenzkoeffizienten: n.s: nicht signifikant; **: p<0,01

Vergleichbare Differenzen treten auch bei den Anzeigerateni auf. Während


in Köln in suburbanen Wohngebieten mehr Fälle angezeigt werden als in
urbanen (21,6% versus 14,3%), werden in städtischen Quartieren in Frei-
burg 10,4% der Fälle gegenüber 6,8% in suburbanen Wohngegenden poli-
261

zeibekannt. Die niedrigste Anzeigequotei weist wiederum das Freiburger


Umland mit 5,1% der Viktimisierungen auf.
Auch die Anzeigeratenp für das letzte Opfererlebnis weisen dieselben
Unterschiede nach der Wohnumgebung der Viktimisierten auf (vgl. Tabelle
8.1). Darüber hinaus ist interessant, dass eine informelle Einigung am häu-
figsten in ländlichen Gebieten auftritt, während diese in suburbanen Räu-
men am seltensten als Konfliktlösungsstrategie gewählt wird. Damit kön-
nen die qualitativen Befunde von Baumgartner (vgl. Abschnitt 2.6.3) nur
teilweise bestätigt werden.

Abbildung 8.1: Interaktionseffekte zwischen Urbanität und kollektiver sozialer


Benachteiligung in K und FR
Anzeige informelle Einigung
30 30

20 20

10 10

0 0
urban suburban urban suburban

Benachteiligung: niedrig hoch Benachteiligung: niedrig hoch

Angaben in Prozent

Die Beobachtung, dass in ländlichen Gebieten das Misstrauen gegenüber


Organen der formellen Sozialkotrolle am stärksten ausgeprägt ist (siehe
Tabelle 8.1), stimmt mit den Befunden von Laub (vgl. Abschnitt 2.5.2)
überein. Jugendliche Bewohner ländlicher Gegenden zeigen weniger Delik-
te an, weil sie einerseits häufiger mit dem Täter eine informelle Einigung
erzielen und weil sie andererseits weniger der Konfliktlösungskompetenz
der Polizei trauen.
Um zu prüfen, ob die Unterschiede im Anzeigeverhalten nach Urbani-
tätsgrad auf Unterschiede in der Konzentration sozialer Benachteiligung
zurückzuführen sein könnten, sollen die Interaktionseffekte zwischen (kol-
lektiver) sozialer Benachteiligung und Urbanitätsgrad des Opferwohnortes
näher betrachtet werden. Während sich bei niedriger kollektiver Benachtei-
ligung die Anzeigeratep zwischen urbanen und suburbanen Wohngebieten
nicht unterschiedet, liegt diese in benachteiligten suburbanen Vierteln
(33,3%) signifikant über derjenigen von benachteiligten urbanen Quartie-
ren (19,4%). Auch beim letzten Delikt (vgl. Abbildung 8.1) ergibt sich
262

dieses Muster. Wie aus dieser Abbildung weiter hervorgeht, könnte ein
Grund dafür sein, dass in benachteiligten suburbanen Vierteln weniger
informelle Regelungen erzielt werden können, während die Benachteili-
gung in urbanen Wohngebieten sich nicht negativ auf die Möglichkeit in-
formeller Sozialkontrolle auswirkt.

8.1.1.2 Beobachtete Gewalt im Stadtviertel


Die beobachtete Gewalt im Stadtviertel wurde sowohl in der Bewohnerbe-
fragung (Oberwittler 2003b) als auch in der MPI-Schulbefragung
1999/2000 (Oberwittler & Blank 2003) erfragt. Während bei der Be-
wohnerbefragung die Anwohner nach der Beobachtung von Schlägereien
zwischen Jugendlichen befragt wurden, wurde in der Schulbefragung eine
umfangreichere Skala zur Gewaltbeobachtung durch die Schüler in ihrem
Stadtviertel eingesetzt. Weil hier der Einfluss der Kontextmerkmale auf die
Konfliktverarbeitung der Jugendlichen untersucht werden soll, wurde für
die folgenden Analysen die Gewaltwahrnehmung durch die Jugendlichen
zugrunde gelegt.
Sowohl im Jahreszeitraum als auch beim letzten Viktimisierungserlebnis
zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in der Anzeigeratep hinsicht-
lich der Häufigkeit, mit der Gewalttaten im Stadtviertel beobachtet wurden.
Die Inzidenzrate allerdings ist bei Jugendlichen aus gering mit Gewalt
belasteten Wohngebieten mit 13,1% signifikant höher als bei Jugendlichen
aus stark belasteten Gegenden (9,7%). Das bedeutet, dass in Wohnvierteln,
in denen häufig Gewalt angewendet wird, weniger Fälle von Gewalt zur
Anzeige gebracht werden. Diese Beobachtung bestätigt die Befunde von
Karstedt u.a. (2004), nach denen Bewohner von Gegenden, welche stärker
mit (Gewalt-) Delinquenz belastet sind, eine höhere Toleranz entwickeln
und weniger Fälle von Viktimisierungen angezeigt werden (vgl. Abschnitt
2.5.3).
Betrachtet man das letzte von den Jugendlichen berichtete Delikt, so zei-
gen sich diese Unterschiede wie auch bei der Prävalenzrate der Anzeige im
Jahreszeitraum jedoch nicht mehr (ohne Tabelle). Auch gibt es keinerlei
Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit einer informellen Einigung. Be-
merkenswert sind jedoch die weiteren Zusammenhänge. So gibt es insge-
samt ein erheblich höheres Maß an Resignation in Gegenden, in denen
Jugendliche häufig Gewalt beobachten können (44,6%) gegenüber Vier-
teln, in denen diese selten oder nie beobachtet wird (31,1%; p<0,001). Ju-
gendliche, die häufig Gewalterlebnissen ausgesetzt sind, haben ein erheb-
263

lich geringeres Zutrauen in die Kompetenz der Polizei und größere Angst
vor den Folgen einer Anzeige, als Jugendliche aus schwach mit Gewalt
belasteten Wohngegenden. Schließlich ist auch der Bedarf an Bagatellisie-
rung in stark belasteten Gebieten geringer als in schwach belasteten. Nach
den aus der Dissonanztheorie abgeleiteten Hypothesen sollten Jugendliche
aus stark belasteten Gebieten eher mit Gewalt rechnen, wenn sie selbst
Opfer eines Deliktes werden und daher weniger Grund zur Dissonanzre-
duktion und damit zur Bagatellisierung haben. Das bedeutet also, dass An-
zeigen in stark mit Gewalt belasteten Gegenden nicht deshalb unterbleiben,
weil die Opfer diese als weniger schlimm einschätzen, sondern weil sie
eher zur Resignation neigen. Die Befunde sprechen gegen die Hypothese
der Gewöhnung an Gewalt (vgl. Abschnitt 4.3.1) in dem Sinne, dass häufi-
ge Gewaltbeobachtung dazu führt, das Erleben eigener Gewalt als weniger
schlimm zu empfinden. Vielmehr führt häufige Gewaltbeobachtung zu
einem subjektiv empfundenen Kontrollverlust und damit zu einer Zunahme
der Resignation bei Opfern.

8.1.1.3 Normen und Einstellung zur Konfliktregulierung


Zur Erfassung der Kriminalitätsfurcht der (erwachsenen) Einwohner im
Wohnviertel des jugendlichen Opfers wurde die Variable „Sicherheitsge-
fühl im Stadtviertel“ herangezogen.

Abbildung 8.2: Anzeigeraten nach dem Ausmaß des Sicherheitsgefühls der Be-
wohner im Stadtviertel des Opfers
Anzeigeraten
25
20
15
10
5
0
sehr gering Sicherheitsgefühl im Stadtviertel sehr hoch

Prävalenz Inzidenz

Angaben in Prozent der Opfer (Prävalenz) und in Prozent der Fälle (Inzidenz), die
angezeigt wurden

Diese wurde in der Bewohnerbefragung erfasst, auf die Z2-Ebene aggre-


giert und dann dem Individualdatensatz der Schulbefragung zugespielt.
Eine Dokumentation dieser Variable findet sich bei Oberwittler & Naplava
264

(2002b: 57). Betrachtet man zunächst die Zusammenhänge mit den Anzei-
geraten im Jahreszeitraum, so zeigen sich sowohl bei der Prävalenz, also
der Anzahl der anzeigenden Opfer, als auch bei der Inzidenz, also der An-
zahl der angezeigten Fälle, umgekehrt u-förmige Zusammenhänge (vgl.
Abbildung 8.2). Das bedeutet, dass in Stadtvierteln mit einer sehr hohen
Unsicherheit der Bewohner von Seiten der Jugendlichen nur wenige Fälle
angezeigt werden, ab einem gewissen Schwellenwert des Sicherheitsge-
fühls jedoch die Anzeigerate sprunghaft ansteigt, um dann wieder kontinu-
ierlich zurückzugehen. Diese Zusammenhänge konnten allerdings für das
letzte von den Opfern berichtete Delikt nicht nachvollzogen werden.
Des Weiteren wurden die Bewohner befragt, wie die übrigen Anwohner
in ihrem Stadtviertel ihrer Ansicht nach auf Störungen und Delinquenz
durch Jugendliche reagieren würden. Es konnte angegeben werden, mit
welcher Sicherheit die Bewohner davon ausgingen, dass zum einen jemand
die Polizei benachrichtigen würde und zum anderen, dass einer der Bewoh-
ner selbst einschreiten würde (Oberwittler & Naplava 2002b: 60). Die Si-
cherheit eines Einschreitens durch die Bewohner wird im Folgenden als
Norm der Bewohner auf Stadtviertelebene betrachtet, wie mit Konflikten
zwischen Jugendlichen bzw. zwischen Jugendlichen und Erwachsenen
umgegangen werden soll. Ein hohes Maß an Sicherheit des Einschreitens
durch Bewohner kann dabei als starke Ausprägung einer Norm zur infor-
mellen Konfliktregulierung interpretiert werden.

Abbildung 8.3: Anzeigeraten nach der Bereitschaft der Bewohner im Stadtviertel


des Opfers, Konflikte selbst zu regeln
Anzeigeraten

einschreiten

Selbstregulierung im Stadtviertel

nicht einschreiten

0 5 10 15 20 25

Prävalenz Inzidenz

Angaben in Prozent der Opfer (Prävalenz) und in Prozent der Fälle (Inzidenz), die
angezeigt wurden

Die Prävalenz- und insbesondere die Inzidenzraten der Anzeige unterschei-


den sich dabei deutlich in der erwarteten Richtung (vgl. Abbildung 8.3).
265

Während in Stadtvierteln mit einer ausgeprägten Norm der Bewohner,


Konflikte durch Einschreiten selbst zu regeln, nur 7,4% der Fälle nach den
Opferangaben angezeigt wurden, beträgt die Inzidenz mit 17,2% mehr als
das Doppelte in Vierteln, in denen diese Norm nur schwach ausgeprägt ist
(F=24,4; p<0,001).
Die Prävalenzrate der Anzeige unterscheidet sich dagegen nur bei Kör-
perverletzungsdelikten signifikant nach der Norm des Einschreitens. Das
bedeutet, dass in Vierteln mit einer hohen gegenseitigen Erwartung der
Bewohner, Konflikte selbst zu regeln, die Anzeigebereitschaft der Jugend-
lichen und ihrer Eltern nicht sehr viel geringer ist als in Gegenden, in denen
diese Norm nicht besteht. Allerdings werden erheblich weniger Fälle der
offiziellen Sozialkontrolle gemeldet und (vermutlich) erheblich mehr Fälle
selbst geregelt. Diese Vermutung konnte allerdings anhand der Angaben
zum Konfliktlösungsverhalten beim letzten Delikt nicht bestätigt werden.
Auch die Befunde zum Anzeigeverhalten fanden sich in diesen Angaben
nicht wieder.

8.1.1.4 Soziales Kapital


Im Unterschied zur Schülerbefragung wurde in der Bewohnerbefragung
nicht nur das soziale Kapital der Jugendlichen, sondern darüber hinaus das
soziale Kapital der Bewohner, und schließlich die intergenerationale Ge-
schlossenheit, also das Netzwerk zwischen Jugendlichen und Erwachsenen
abgefragt. Die Skalen zum Sozialkapital der Bewohner und zur intergene-
rationalen Geschlossenheit im Stadtviertel sind von Oberwittler & Naplava
(2002b: 58) dokumentiert worden. Die kontinuierlichen Skalen wurden aus
Darstellungsgründen für die folgenden Analysen in vier Kategorien unter-
teilt.
Betrachtet man für das Sozialkapital der Bewohner zunächst die Anzei-
geratep und die Anzeigeratei für den Jahreszeitraum, so zeigt sich ähnlich
wie beim Sicherheitsgefühl im Stadtviertel und beim Sozialkapital der
Jugendlichen ein umgekehrt u-förmiger Zusammenhang (ohne Abbildung).
Ab einem Schwellenwert des Sozialkapitals steigt die Anzeigeratep von
10,5% der Opfer in Vierteln mit dem niedrigsten Sozialkapital auf 27% der
Opfer in Vierteln mit dem zweitniedrigsten Sozialkapital an. Danach sinkt
die Anzeigeratep wieder auf 10% der Opfer in Stadtvierteln mit dem höchs-
ten Sozialkapital.
Auch die Inzidenzrate der angezeigten Fälle steigt von 6,8% in Gegen-
den mit dem geringsten Sozialkapital auf 21,7% in Gegenden mit dem
266

zweitniedrigsten Sozialkapital an, um dann wieder auf 5% in den Vierteln


mit dem höchsten Sozialkapital der Bewohner abzusinken (ohne Abbil-
dung). Diese Befunde können auch für das letzte Delikt bestätigt werden
(vgl. Tabelle 8.2). Wider Erwarten steigt jedoch der Anteil der Opfer, die
eine informelle Einigung erzielen konnten, mit dem sozialen Kapital der
Stadtviertelbewohner nicht an. Allerdings steigt der relative Anteil der
Fälle, die durch informelle Einigung erzielt werden. Während in Gegenden
mit dem geringsten Sozialkapital der Bewohner etwa gleich viele Viktimi-
sierungen formell, informell und durch Selbstjustiz bewältigt werden, ist
der Anteil der informellen Regelungen in Stadtvierteln mit dem höchsten
Soziakapital der Bewohner drei Mal höher als der Anteil der angezeigten
Delikte. Offensichtlich nimmt das Bedürfnis der Jugendlichen, Konflikte
überhaupt aktiv zu regeln, ab einem mittleren Ausmaß von Sozialkapital
wieder ab.

Tabelle 8.2: Konfliktlösungsverhalten nach dem Ausmaß der sozialen Kohäsi-


on/des sozialen Kapitals in der Nachbarschaft des Opfers
gering hoch Korrela-
tiona
Anzeige 11,8 20,9 16,1 8,2 -0,07*
informelle Einigung 13,7 23,9 17,7 23,6 0,01n.s.
Selbstjustiz 11,8 6,1 2,0 4,5 -0,08+
kein Vertrauen Pol. 11,8 20,9 16,1 8,2 0,03n.s.
Angst vor Folgen 13,7 23,9 17,7 23,6 -0,04n.s.
Bagatellisierung 54,9 50,9 57,0 59,1 0,05n.s.
N 51 163 249 110
Angaben in Prozent; Mehrfachantworten möglich
a
Signifikanzangaben für Tau-b;n.s.: nicht signifikant; +: p<0,1; *: p<0,05; ***

Die intergenerationale Geschlossenheit im Stadtviertel kann als Indikator


für das Ausmaß der Einbindung der Jugendlichen in soziale Netzwerke der
Erwachsenen betrachtet werden (vgl. Abschnitt 3.4.1). Wie aus Abbildung
8.3 hervorgeht, treten auch hier – wie bereits beim Sozialkapital der er-
wachsenen Bewohner - umgekehrt u-förmige Zusammenhänge mit der
Anzeigeratep im Jahreszeitraum auf, während die Anzahl der angezeigten
Fälle linear mit der intergenerationalen Geschlossenheit abnimmt.
Werden in Stadtvierteln mit der geringsten intergenerationalen Geschlos-
senheit 16,4% der Viktimisierungen angezeigt, so beträgt dieser Anteil in
267

Gegenden mit der höchsten intergenerationalen Geschlossenheit mit 8,2%


nur noch die Hälfte (F=2,7; p<0,05). Der Anteil der anzeigenden Opfer
dagegen verdoppelt sich zunächst von 12,4% in Vierteln mit geringer inter-
generationalen Geschlossenheit auf 24,7% in Gegenden mit hoher Integra-
tion der Jugendlichen, um dann in den Stadtvierteln mit der höchsten inter-
generationalen Geschlossenheit wieder auf 15,5% zu sinken.

Abbildung 8.4: Anzeigeraten nach der intergenerationalen Geschlossenheit im


Stadtviertel
Anzeigeraten
25
20
15
10
5
0
gering intergenerationale Geschlossenheit im Stadtviertel hoch

Prävalenz Inzidenz

Angaben in Prozent der Opfer (Prävalenz) und in Prozent der Fälle (Inzidenz), die
angezeigt wurden

Die Befunde zum Sozialkapital, sowohl der Erwachsenen als auch der in-
tergenerationalen Geschlossenheit der Jugendlichen, zeigen deutlich den
zweischneidigen Charakter dieser Ressourcen. Während ein völliger Man-
gel an sozialem Kapital auch mit geringerem Zugang zur formellen Sozial-
kotrolle einhergeht, fördert dessen Zunahme zunächst das Anzeigeverhal-
ten und erst ein sehr hohes Ausmaß an Sozialkapital ermöglicht einen
Rückgang der Anzeigeprävalenz zugunsten informeller Regelungen.

8.1.2 Interaktionseffekte zwischen Raumeigenschaften und indivi-


duellen Eigenschaften

8.1.2.1 Berufsprestige der Eltern


Trennt man die Angaben zum Konfliktlösungsverhalten nach dem Grad der
sozialen Benachteiligung des Stadtviertels, in dem das Opfer wohnt, so
ergeben sich im Unterschied zu den Befunden in Abschnitt 6.4.4 deutliche-
re Unterschiede hinsichtlich des Berufsprestiges der Eltern (vgl. Abbildung
268

8.5). Wohnt das Opfer in einem Stadtviertel mit hoher sozialer Benachteili-
gung, so steigt die Anzeigeneigung mit zunehmendem Prestige von 10,7%
auf 27,1% an (r=0,10; p<0,05). In Gegenden mit geringer kollektiver Be-
nachteiligung ist dagegen kein Zusammenhang der Anzeigeneigung mit
dem Berufsprestige der Eltern zu beobachten. Auch die Angst vor den Fol-
gen einer Anzeige variiert je nach Grad der kollektiven Benachteiligung
unterschiedlich mit dem Berufsprestige des Probanden. Während in stark
benachteiligten Wohngegenden Opfer mit zunehmendem Berufsprestige
signifikant (r=-0,10; p<0,05) weniger angeben, aus Angst vor den Konse-
quenzen auf eine Anzeige verzichtet zu haben, besteht in weniger benach-
teiligten Gegenden wiederum kein Zusammenhang.

Abbildung 8.5: Interaktionseffekte zwischen Berufsprestige und kollektiver so-


zialer Benachteiligung
Anzeige Angst vor Folgen
30 30

20 20

10 10

0 0
sehr eher eher hoch sehr hoch sehr eher eher hoch sehr hoch
gering gering gering gering
Benachteiligung: niedrig hoch Benachteiligung: niedrig hoch

Angaben in Prozent; Mehrfachantworten möglich

8.1.2.2 Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer


In diesem Abschnitt soll geprüft werden, wie sich die Bekanntschaft zwi-
schen Täter und Opfer in unterschiedlichen räumlichen Kontexten auf das
Konfliktlösungsverhalten der Opfer auswirkt. Für das letzte Delikt ergeben
sich dabei folgende Konfliktlösungsmuster (vgl. Abbildung 8.6): Während
die Anzeigerate gegen unbekannte Täter in allen drei Kontexten gleich
hoch ist, geht die Anzeigerate bei bekanntem Täter von suburbanen Wohn-
gebieten (15,6%) über urbane Viertel (10,8%) auf ländliche Gegenden
(2,7%) signifikant zurück (r=0,15; p<0,01). Komplementär dazu lässt sich
ebenfalls nur bei bekanntem Täter ein Anstieg bei informellen Regelungen
von suburbanen bis zu ländlichen Kontexten beobachten. Zusätzlich nimmt
gerade bei Viktimisierungserlebnissen, bei denen das Opfer die Täter
269

kennt, die Resignation in ländlichen Gegenden (36,6%) gegenüber subur-


banen (24,2%) und urbanen Kontexten (29,3%) zu. Dies spricht dafür, dass
normative Orientierungen zur informellen Konfliktregulierung am stärksten
in ländlichen Gebieten verbreitet sind und sich dort nur auf Täter beziehen,
die dem Opfer bekannt sind. Insbesondere scheinen Opfer in ländlichen
Gegenden der Überzeugung zu sein, dass die Polizei bei Delikten im Be-
kanntenkreis nur wenig ausrichten kann oder dort nichts zu suchen hat.

Abbildung 8.6: Interaktionseffekte zwischen Urbanitätsgrad des Opferwohnortes


und Bekanntschaft zwischen Täter und Opfer
Anzeige informelle Einigung
40 40

30 30

20 20

10 10

0 0
urban suburban ländlich urban suburban ländlich
Täter: bekannt unbekannt Täter: bekannt unbekannt

kein Vertrauen Angst vor Folgen


40 20

30 15

20 10

10 5

0 0
urban suburban ländlich urban suburban ländlich
Täter: bekannt unbekannt Täter: bekannt unbekannt

Angaben in Prozent; Mehrfachantworten möglich

Die niedrigere Anzeigerate im Umland bei bekannten Tätern könnte weit-


reichende Folgen für die Interpretation polizeiliche Aufklärungsstatistik
haben. Da bei Anzeigen gegen unbekannte Täter die Tat in der Regel nicht
aufgeklärt wird und in ländlichen Gegenden vor allem Anzeigen gegen
unbekannte Täter aufgegeben werden, gleichzeitig jedoch das Opfer häufi-
ger mit den Tätern bekannt ist als in urbanen Räumen (vgl. Tabelle 6.3),
sollte in ländlichen Gebieten die polizeiliche Aufklärungsrate niedriger
liegen als in urbanen und suburbanen Gegenden. Tabelle 8.3 gibt die Auf-
klärungsraten im Vergleich des Freiburger Umlandes und der Stadt Frei-
270

burg wieder.72 Dabei zeigt sich, dass zwar bei Diebstahlsdelikten die Auf-
klärungsraten im Freiburger Umland geringer sind als im Stadtgebiet, je-
doch bei Gewaltdelikten der Zusammenhang sich erwartungswidrig um-
kehrt.

Tabelle 8.3: Aufklärungsquoten nach sozialräumlichem Kontext des Opferwohn-


ortes
Freiburg Stadt Freiburg Land
einfacher Diebstahl 50,5% 40,7%
Diebstahl gesamt 30,8% 25,1%
Körperverletzung 85,3% 93,3%
Gewaltdelikte gesamt 68,4% 82,9%
Die Angaben sind Mittelwerte der Jahre 1995-2002
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik Baden-Württemberg 1995 - 2002.

In den ländlichen Gebieten um Freiburg werden erheblich mehr Gewaltde-


likte aufgeklärt als in der Stadt selbst. Dies kann wie folgt erklärt werden.
Es könnte sein, dass aufgrund besserer Aufklärungsmöglichkeiten (über-
schaubarere Population, bessere Informationen der Polizei, geringere Mobi-
lität der Täter), auf dem Land mehr Anzeigen gegen unbekannte Täter auf-
geklärt werden, oder aber das Opfer selbst besser in der Lage ist, im Voraus
Informationen über die Identität bislang Unbekannter einzuholen.
Es ist möglich, dass die Angaben der Jugendlichen richtig sind und diese
tatsächlich erheblich weniger Anzeigen gegen bekannte Täter erstatten. Da
die Aufklärungsquoten sich auf alle erfassten Fälle beziehen, könnte es
sein, dass sich der Zusammenhang erst bei älteren Opfern umkehrt, dass
also heranwachsende und erwachsene Opfer auf dem Land, die ihre Täter
häufiger kennen, diese mindestens ebenso häufig anzeigen wie Opfer aus
urbanen Quartieren.
Die Opfer im Umland könnten bei der Befragung nach sozialer Er-
wünschtheit antworten und tatsächlich mehr (bekannte) Täter anzeigen, als
sie zugeben. Dies würde jedoch nahe legen, dass eine Norm existiert, der
zufolge Konflikte zwischen Bekannten informell geregelt werden sollten
und dass die Jugendlichen in Übereinstimmung mit dieser Norm antworten.

72
Aufklärungsraten können nur für die Gesamtheit aller Taten und aller Opfer be-
rechnet werden, da diese Daten von der Polizei nicht nach (vom Opfer vermuteten)
Alter oder Ethnie des Täters getrennt erfasst werden.
271

8.1.2.3 Sozialkapital des Jugendlichen


Betrachtet man die sozialräumlichen Unterschiede des Sozialkapitals der
Jugendlichen nach der Stadt-Vorstadt-Land-Einteilung, so zeigen sich wie-
derum signifikante Interaktionseffekte. Während die Anzeigeneigung bei
Opfern, die in Innenstadtvierteln wohnen, nicht in Abhängigkeit vom Aus-
maß des sozialen Kapitals variiert, führt ein hohes Maß an Sozialkapital in
den Vorstädten zu einer Erhöhung des Anteils angezeigter Delikte; auf dem
Land dagegen ist die Anzeigerate niedriger (vgl. Abbildung 8.7). Dieser
Aggregateffekt erklärt sich zum einen dadurch, dass Opfer auf dem Land
die Täter sehr viel häufiger kennen und daher seltener Fälle auftreten, in
denen der Besitz von sozialem Kapital auf die Anzeige unterstützend wir-
ken kann. Bei unbekannten Tätern zeigen jedoch in allen drei räumlichen
Kontexten die Opfer den Täter eher an, wenn sie soziales Kapital besitzen.
Ist dagegen der Täter bekannt, so neigen Opfer auf dem Land signifikant
seltener zu einer Anzeige, wenn sie soziales Kapital besitzen, als Opfer, die
über wenig Sozialkapital verfügen.

Abbildung 8.7: Interaktionseffekte beim Anzeigeverhalten zwischen Wohnort des


Opfers und individuellem Sozialkapital
Anzeige
30

20

10

0
urban suburban ländlich
Soz.Kap.: viel wenig

Angaben in % der Opfer, die diese Art der Bewältigung beim letzten Delikt gewählt
haben

In urbanen und suburbanen Kontexten dagegen wirkt sich das Sozialkapital


bei bekanntem Täter nicht Anzeigen hemmend aus. Dieser Interaktionsef-
fekt zweiter Ordnung deutet an, dass das Sozialkapital in ländlichen Kon-
texten sowohl als Ressource bei der Formalisierung des Konfliktes (bei
unbekannten Tätern) als auch als Verpflichtung gegenüber dem Täter (bei
bekannten Tätern) wirkt, während die Verpflichtung in städtischen Kontex-
ten ausschließlich über die persönliche Bekanntschaft geschaffen wird.
272

Betrachtet man nur diejenigen Delikte, die sich in der Nachbarschaft


bzw. im Wohngebiet des Jugendlichen ereignet haben, so zeigen sich Inter-
aktionseffekte mit dem sozialräumlichen Kontext der Jugendlichen (ohne
Tabelle). In suburbanen und ländlichen Wohngegenden trägt das soziale
Kapital aus Bekanntschaften in der Nachbarschaft signifikant zur informel-
len Konfliktlösung bei, während dieser Effekt in städtischen Gebieten nicht
auftritt. Dagegen treten in städtischen und ländlichen Kontexten erheblich
größere Prozentsatzdifferenzen hinsichtlich der Anzeigeneigung auf: In
diesen Gegenden unterstützen Nachbarschaftskontakte die Einschaltung
formeller Sozialkontrolle. Soziales Kapital hat damit einen Doppelcharak-
ter für die Konfliktlösung: Zum einen erleichtert es die formelle Sozialkon-
trolle der Polizei, da eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Op-
fer den Täter kennt. Zum anderen erleichtert es aus demselben Grund eine
informelle Regelung. Sozialkapital erleichtert also insgesamt eine aktive
Konfliktbewältigung.

8.1.2.4 Täter-Opfer-Ethnie
Die Unterschiede im Konfliktlösungsverhalten nach der ethnischen Bezie-
hung von Täter und Opfer verlaufen in urbanen, suburbanen und ländlichen
Räumen in dieselbe Richtung. Allerdings sind sie umso stärker ausgeprägt,
je weniger urban das Wohngebiet des Opfers ist. So zeigen beispielsweise
Opfer aus städtischen Gebieten 11,2% aller Täter mit derselben ethnischen
Herkunft an, während sie 22,7% der Täter mit unterschiedlicher Ethnie
anzeigen. Demgegenüber sinkt die Anzeigerate für homoethnische Täter-
Opfer-Konstellationen in suburbanen Gegenden auf 7,7% und auf dem
Land auf 1,9%! Dagegen werden in suburbanen 29,2% und in ländlichen
Gebieten 19,6% der Täter aus heteroethnischen Konstellationen angezeigt.
Die Täter-Opfer-Relation nach ethnischer Zugehörigkeit spielt also im
ländlichen Kontext eine stärkere Rolle für das Anzeigeverhalten als im
städtischen.

8.1.3 Multivariate Befunde zur Konfliktbewältigung II: Sozialöko-


logische Determinanten
Im Folgenden werden die Ergebnisse multivariater logistischer Regressio-
nen zur Bestimmung der Determinanten der aktiven Konfliktbewältigung
dargestellt. Im ersten Modell wurden jeweils die Kontrollvariablen aufge-
nommen, die bereits in die Modelle in Abschnitt 6.7.2 aufgenommen wur-
273

den. Zusätzlich wurde die kategoriale Variable „Urbanität“ aufgenommen.


Referenzkategorie ist „städtisch“, so dass die beiden dargestellten Katego-
rien angeben, wie sich das Anzeigeverhalten bzw. informelle Einigungen in
suburbanen und ländlichen Kontexten gegenüber dieser Kategorie verhal-
ten. Im zweiten Modell werden schließlich noch diejenigen Eigenschaften
der Opfer bzw. der Täter-Opfer-Beziehung aufgenommen, die bereits in die
Modelle in Abschnitt 6.7.2 eingeführt wurden. Damit soll untersucht wer-
den, ob die Effekte des sozialen Kontexts hinsichtlich der Stadt-Vorstadt-
Land-Unterscheidung auch dann signifikant bleiben, wenn die Opfereigen-
schaften kontrolliert werden, oder ob diese Effekte verschwinden. Es wird
angenommen, dass sich die Stadt-Land-Unterschiede im Anzeigeverhalten
auf eine unterschiedliche Zusammensetzung der Population der Jugendli-
chen zurückführen lassen. Sollten die Effekte der Raumvariable im multi-
variaten Modell verschwinden, so kann davon ausgegangen werden, dass
kein Einfluss des sozialen Kontextes besteht, der über eine veränderte Zu-
sammensetzung der Population der Opfer hinausgeht. Die Faktoren des
sozialen Kapitals sowie der Normen auf Stadtviertelebene wurden nicht in
die Modelle aufgenommen, da es sich hierbei nicht um lineare Zusammen-
hänge handelt.
Betrachtet man zunächst das erste Modell zum Anzeigeverhalten, so
weist die mit einem Hosmer/Lemeshow chi2 von 5,9 (n.s.) eine gute Anpas-
sung an die Daten auf (vgl. Tabelle 8.4). Während die Kontrollvariablen
der Deliktart nicht signifikant sind, steigert die Variable „Wert des geraub-
ten Gegenstandes“ und die Anzeigeerfahrung des Opfers signifikant dessen
Anzeigeneigung. Die Dummyvariablen des Wohnortes zeigen für Jugendli-
che aus suburbanen Stadtvierteln gegenüber solchen, die in der Innenstadt
wohnen, eine um fast 50% erhöhte Anzeigewahrscheinlichkeit an. Dagegen
ist die niedrigere Anzeigeneigung der Opfer in ländlichen Gegenden bereits
unter Einbezug der Kontrollvariablen der Basiswahrscheinlichkeit einer
Anzeige mit einem Exp.(B)=0,82 nicht mehr signifikant. Unter Aufnahme
der situativen Eigenschaften und Eigenschaften der Täter-Opfer-Relation in
Modell 2 bleibt die höhere Anzeigeneigung in suburbanen Gebieten hoch
signifikant, während der Effekt der niedrigeren Anzeigerate von Opfern in
ländlichen Gebieten völlig verschwindet. Die Exp.(B)-Koeffizienten der
übrigen Prädiktorvariablen ändern sich gegenüber dem Modell, das in Ab-
schnitt 6.7.2 berichtet wurde, nur unwesentlich. Dies spricht insgesamt für
die Stabilität des Modells unter Einbezug der Raumvariablen.
274

Tabelle 8.4: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung der aktiven


Konfliktbewältigung nach Urbanitätsgrad
Anzeige Informelle Einigung
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Kontrollvariablen
Raub (ref.: Körperverletzung) 1,03 0,91 0,57* 0,72*
Erpressung & Bedrohung (ref.: KV) 0,80 0,78 0,94 0,88
Wert Gegenstand 1,34* 1,40* - -
Subjektive Schwere (ref.: Bagatel.) - - 0,97 0,77*
Anzahl vorheriger Anzeigen 1,54*** 1,45*** 0,69+ 0,75
Raumeigenschaften
Suburban (ref.: urban) 1,49* 1,71*** 0,70+ 0,60*
Ländlich (ref: urban) 0,82 1,06 1,27 0,95
Situation
Ort wenig vertraut - 1,03 - 0,81
Tageszeit - 0,88 - 1,05
Interakt. Ort unvertraut * Zeit spät - 1,47* - 0,75
Anzahl Täter - 1,03 - -
Opfereigenschaften
Geschlecht (ref.: weiblich) - - - 0,82+
Täter-Opfer Relation
Täter bekannt (ref.: nein) - 0,66*** - 1,43*
Täter gleichethnisch (ref.: ja) - 1,37* - 0,67***
Täter älter (ref.: nein) - 1,26+ - 0,80
Konstante 0,08*** 0,03*** 0,37*** 3,01
Modellanpassung
N 484 484 478 478
Pseudo-R2 0,13 0,25 0,06 0,22
Hosmer/Lemeshow chi2 5,9 6,1 4,9 9,0
Block chi2 40,1*** 39,3*** 19,1** 52,1***
standardisierte Exp(B) Koeffizienten; Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **:
p<0,01; ***: p<0,001; -: nicht ins Modell eingeführt

Das erste logistische Modell zur Erklärung der informellen Einigung weist
mit einem Hosmer/Lemeshow chi2 von 4,9 (n.s.) eine sehr gute Anpassung
an die Daten auf. Allerdings ist das Pseudo-R2 mit 0,06 erheblich geringer
als bei Modell 1 zur Erklärung des Anzeigeverhaltens. Während sich bei
den übrigen Kontrollvariablen im Vergleich zu dem in Abschnitt 6.7.2
275

vorgestellten Modell keine nennenswerten Veränderungen ergeben, deuten


die Dummyvariablen auf eine geringere Neigung zur informellen Einigung
von Jugendlichen in suburbanen Wohngegenden und auf eine erhöhte Nei-
gung von Jugendlichen in ländlichen Gebieten hin.
Allerdings bleibt diese Tendenz für die Jugendlichen der ländlichen Ge-
biete nicht stabil, wenn in Modell 2 die Eigenschaften des Opfers und der
Täter-Opfer-Relation eingeführt werden. Die Exp.(B)-Koeffizienten der
situativen Faktoren sowie der Eigenschaften des Opfers und der Täter-
Opfer-Relation im Erklärungsmodell zur informellen Einigung ändern sich
gegenüber dem Modell ohne die räumlichen Koeffizienten in Abschnitt
6.7.2 nicht bedeutend.
Diese Befunde lassen folgenden Schluss zu: Der Anschein einer geringe-
ren Anzeigeneigung und häufigerer informeller Einigungen in ländlichen
Gebieten kann einerseits durch eine andere Zusammensetzung der jugend-
lichen Bevölkerungsstruktur und Eigenschaften der Deliktssituation erklärt
werden. Insbesondere treten auf dem Land weniger heteroethnische Täter-
Opfer-Konstellationen auf als bei Opfern, die in städtischen oder suburba-
nen Vierteln wohnen. Des Weiteren kennen Opfer auf dem Land den Täter
häufiger. Als echter Aggregateffekt kann andererseits interpretiert werden,
dass Opfer aus dem ländlichen Raum zusätzlich seltener dazu neigen, bei
bekannten Tätern anzuzeigen, als dies bei städtischen und suburbanen Op-
fern der Fall ist.73

8.2 Sozialräumliche Variation des Registrierungsrisikos

Analog zur Vorgehensweise im vorigen Abschnitt sollen im Folgenden


Einflüsse des sozialen Kontextes auf das Registrierungsrisiko der Jugendli-
chen aus der Täterperspektive untersucht werden.

8.2.1 Bivariate Befunde


In den folgenden Analysen soll der Einfluss von räumlichen Faktoren auf
das Registrierungsrisiko der Jugendlichen betrachtet werden. Abhängige

73
Um zu prüfen, ob der Effekt der geringeren Anzeigeneigung bei bekanntem Täter
in ruralen Kontexten im multivariaten Modell stabil bleibt, wurde eine weitere logisti-
sche Regression berechnet, in die eine Interaktionsvariable „Urbanität*Täter bekannt“
aufgenommen wurde. Diese zeigte für die Kategorie der ländlichen Opfer eine signifi-
kant geringere Anzeigeneigung an.
276

Variable ist das Risiko eines jugendlichen Täters für einen Polizeikontakt.
Die erklärenden Variablen wurden aus den amtlichen Sozialdaten und aus
der Bewohnerbefragung mit dem Individualdatensatz der MPI-
Schülerbefragung 1999/2000 verknüpft, indem jedem befragten Jugendli-
chen der Wert der Aggregatvariablen für sein Stadtviertel zugewiesen wur-
de. Die Zusammenhänge sind jedoch mit Vorsicht zu betrachteten, obwohl
ebenso wie bei den Analysen individueller Risikofaktoren die Deliktshäu-
figkeit kontrolliert wurde. Zum einen werden wiederum keine weiteren
Drittvariablen kontrolliert, so dass die kausale Interpretation der Befunde
nicht gesichert ist. Zum anderen ist es unzulässig, Einflüsse des sozialen
Kontextes auf individuelles Verhalten kausal zu interpretieren, ohne auch
die individuellen Einflüsse zu kontrollieren. So kann beispielsweise nicht
sichergestellt werden, dass Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadt-
vierteln aufgrund dieser sozialen Benachteiligung ein erhöhtes Anzeigerisi-
ko aufweisen und nicht aufgrund ihrer individuellen sozialen Benachteili-
gung.

8.2.1.1 Kollektive soziale Benachteiligung


Wie aus Tabelle 8.5 hervorgeht, haben Täter aus Wohngegenden mit einer
hohen kollektiven Benachteiligung wohl hauptsächlich aufgrund des höhe-
ren Verdachtsrisikos bei Ladendiebstählen ein höheres Registrierungsrisi-
ko, während bei allen übrigen Deliktsarten keine signifikanten Unterschie-
de feststellbar sind. Insbesondere bei den polizeilichen Verdachtsdelikten
(Drogenverkauf) spielen räumliche Einflüsse keine Rolle.
Allerdings zeigen sich aufschlussreiche Interaktionseffekte zwischen in-
dividueller und kollektiver Benachteiligung des Täters und dessen Regist-
rierungsrisiko (vgl. Abbildung 8.8). Sowohl bei Ladendiebstahlsdelikten
als auch bei Körperverletzungen wirkt sich eine individuelle Benachteili-
gung nur dann signifikant risikosteigernd aus, wenn auch eine hohe kollek-
tive Benachteiligung des Täters aufgrund seines Wohnortes vorliegt. Dage-
gen wirkt sich bei niedriger kollektiver Benachteiligung auch eine indivi-
duelle Benachteiligung kaum risikovergrößernd aus.
277

Tabelle 8.5: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von der kollektiven sozialen


Benachteiligung im Wohnviertel des Täters
Benachtlg. gering Benachtlg. hoch Signifikanza
n.s.
BTM 3,9 3,7
Diebstahl 4,0 7,4 *
Ladendiebstahl 18,5 27,8 ***
n.s.
Einbruch 19,2 26,6
n.s.
Raub & Erpressung 7,2 10,3
n.s.
Körperverletzung 16,8 19,6
Kollektive soziale Benachteiligung: Anteil der Arbeitslosen und ethnischer Minderhei-
ten an der Gesamteinwohnerzahl
Angaben zur sozialen Benachteiligung aus amtlichen Sozialdaten
a
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; ***: p<0,001

Abbildung 8.8: Interaktionseffekte beim Registrierungsrisiko zwischen individu-


eller und kollektiver sozialer Benachteiligung des Täters
Ladendiebstahl Körperverletzung
40 30

30
20
20
10
10

0 0
individuell: niedrig hoch individuell: niedrig hoch
kollektiv: niedrig hoch kollektiv: niedrig hoch

Angaben in Prozent

8.2.1.2 Urbanität des Wohnviertels


Signifikante Unterschiede im Registrierungsrisiko der Jugendlichen zwi-
schen urbanen und suburbanen Wohngegenden konnten nicht festgestellt
werden (vgl. Tabelle 8.6). Dagegen haben Jugendliche, die auf dem Land
leben, bei Ladendiebstahls- und bei Körperverletzungsdelikten ein signifi-
kant geringeres Registrierungsrisiko als ihre Altersgenossen in der Stadt.
Grund dafür könnte zum einen sein, dass gegenüber entdeckten Ladendie-
ben in ländlichen Gegenden eine andere Strategie angewandt wird als in
der Stadt, dass also beispielsweise nicht alle entdeckten Täter angezeigt
werden. Zum anderen könnte auch die Kontrolle in ländlichen Gebieten
278

weniger intensiv sein als in Städten.74 Bei Körperverletzungsdelikten ist


davon auszugehen, dass diese auf dem Land zum einen anders bewertet
werden als in städtischen Kontexten, dass jedoch zum anderen auch erheb-
lich mehr Möglichkeiten zu einer informellen Einigung bestehen und ande-
re Normen über eine Konfliktregulierung vorliegen als in der Stadt.

Tabelle 8.6: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Urbanitätsgrad des


Wohnviertels des Täters
urban (ref.) suburban ländlich
BTM 3,4 5,0n.s. 3,4n.s.
Diebstahl 6,1 7,6n.s. 3,9n.s.
Ladendiebstahl 26,8 24,4n.s. 16,1***
Einbruch 25,8 23,6n.s. 19,4n.s.
Raub & Erpressung 9,7 8,6n.s. 7,8n.s.
Körperverletzung 20,4 18,5n.s. 12,0*
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; ***: p<0,001

Aufschlussreich ist auch, das bei den Kontrolldelikten aus dem BTM-
Bereich sowie den Schadensfällen bei Einbrüchen Täter aus ländlichen
Gegenden ein ähnlich hohes Risiko eines Polizeikontaktes haben wie de-
linquente Jugendliche aus der Stadt. Hinsichtlich der Kontrolldelikte kann
man daher zum einen folgern, dass die Kontrolldichte der Polizei auf dem
Land nicht geringer ist als in der Stadt. Schadensdelikte wiederum, bei
denen die in der Regel (zunächst) anonymen Täter aufgrund von Versiche-
rungsbestimmungen angezeigt werden, werden sowohl in ländlichen Ge-
genden als auch in der Stadt mit einer ähnlichen Häufigkeit der Polizei
gemeldet. Dies führt dann auch beim Ermitteln von Tätern zu vergleichba-
ren Registrierungsraten.
Ein interessanter Hinweis auf die Stabilität der Befunde ist schließlich,
dass bei einem Vergleich der beiden Haupterhebungsgebiete Freiburg und
Köln keine Unterschiede im Registrierungsrisiko auftreten.

74
Vorausgesetzt wird dabei, dass die Landjugendlichen diese Ladendiebstähle auch
auf dem Land begehen. Dies kann jedoch mit den vorliegenden Daten nicht nachgeprüft
werden.
279

8.2.1.3 Normen und Einstellungen auf Aggregatebene


Die Kriminalitätsfurcht der Bewohner (gemessen durch das Sicherheitsge-
fühl im Stadtviertel) kann sich sowohl auf die Bewertung als auch auf die
Wahrnehmung von Delinquenz und schließlich auch auf die Fähigkeit zu
informeller Einigung auswirken und somit das Anzeigerisiko der Jugendli-
chen beeinflussen. Das Registrierungsrisiko bei Drogendelikten als reinen
Verfolgungsdelikten ist dagegen von diesen Zusammenhängen unabhängig
und wird in Folge dessen auch nicht von der Kriminalitätsfurcht der Be-
wohner beeinflusst. Mit Ausnahme der leichten Diebstahldelikte zeigt sich
dagegen bei allen übrigen Deliktsarten ein deutlicher Zusammenhang.
Demnach haben Jugendliche, die in Gegenden mit einem hohen Maß an
Kriminalitätsfurcht der Bewohner wohnen, ein höheres Registrierungsrisi-
ko als Jugendliche aus Vierteln mit geringer Kriminalitätsfurcht. Erstaunli-
cherweise ist dieser Zusammenhang bei Ladendiebstahldelikten genauso
stark ausgeprägt wie bei Körperverletzungen. Dies könnte entweder als
Hinweis darauf interpretiert werden, dass auch Ladendetektive in Gegen-
den mit höherer Kriminalitätsfurcht stärker kontrollieren. Es könnte sich
jedoch auch um einen bloßen Scheinzusammenhang handeln, indem Ju-
gendliche aus Gegenden mit einer hohen Kriminalitätsfurcht beispielsweise
auch eher aus sozial benachteiligten Familien stammen.

Tabelle 8.7: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Ausmaß des Sicherheits-


gefühls der Stadtviertelbewohner
hoch gering Signifikanz
n.s.
BTM 2,8 3,5 7,0 2,6
n.s.
Diebstahl 2,5 6,0 10,8 6,4
Ladendiebstahl 15,8 22,9 26,9 30,3 ***
Einbruch 18,2 17,7 23,6 35,6 +
Raub & Erpressung 8,0 8,6 9,3 12,6 *
Körperverletzung 11,2 16,3 17,5 24,3 **
Kriminalitätsfurcht: Aggregierte Werte aus der Bewohnerbefragung
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.s.: nicht signifikant; +: p<0,10; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Auch die Norm der Bewohner, wie Konflikte geregelt werden sollten, wirkt
sich auf das Registrierungsrisiko aus. Die Jugendlichen haben mit Aus-
nahme der BTM-Delikte bei allen Delikten ein niedrigeres Anzeigerisiko,
280

wenn sie in einer Gegend wohnen, in denen die Bewohner der Ansicht
sind, es würde sich jemand aus dem Viertel um Konflikte aus Jugenddelin-
quenz kümmern. Erwartungsgemäß hat diese Einstellung keinen Einfluss
auf das Registrierungsrisiko beim opferlosen Kontrolldelikt „Drogenhandel
bzw. Gebrauch“. Überraschend ist dagegen der auch hier sehr signifikante
Unterschied bei Ladendiebstahlsdelikten. Es ist zu vermuten, dass hier kein
Einfluss des sozialen Kontextes vorliegt, sondern Täter mit geringerem
individuellem Registrierungsrisiko bei Ladendiebstählen verstärkt in Ge-
genden mit Normen der informellen Konfliktregulierung wohnen.

Tabelle 8.8: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit von Normen der Konfliktregu-


lierung durch die Bewohner
Nicht selbst regeln Selbst regeln Signifikanz
n.s.
BTM 3,6 3,9
n.s.
Diebstahl 7,3 4,6
Ladendiebstahl 28,3 18,2 ***
Einbruch 30,3 15,0 *
n.s.
Raub & Erpressung 11,1 7,8
Körperverletzung 20,8 13,9 *
Normen der Konfliktregulierung: Aggregierte Werte aus der Bewohnerbefragung
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der De-
liktshäufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; ***: p<0,001

Auch die Ressourcen „soziales Kapital der Bewohner“ und „intergenerati-


onale Geschlossenheit“ auf Stadtviertelebene wirken sich vor allem auf das
Registrierungsrisiko bei den Delikten „Ladendiebstahl“ und „Körperverlet-
zung“ aus (vgl. Tabelle 8.9 und 8.10). Bei diesen Delikten gehen die Res-
sourcen mit einer signifikanten Verringerung des Anzeigerisikos einher.
Während beim Ladendiebstahl wiederum eine Konfundierung mit indivi-
duellen Faktoren vorliegen könnte, indem Jugendliche mit geringerem
individuellen Anzeigerisiko in Gegenden mit höherem Sozialkapital woh-
nen, könnte dieser Befund vor allem bei Gewalt- und schweren Eigentums-
delikten auch durch bessere Möglichkeiten zur Verhinderung der Formali-
sierung aufgrund des elterlichen Sozialkapitals erklärt werden.
281

Tabelle 8.9: Registrierungsrisiko in Abhängigkeit vom Ausmaß der sozialen


Kohäsion in der Nachbarschaft
gering hoch Signifikanz
BTM 3,8 4,7 3,5 3,2 +
n.s.
Diebstahl 7,4 7,1 5,8 3,2
Ladendiebstahl 35,1 26,2 21,5 13,8 ***
n.s.
Einbruch 32,7 26,5 19,5 14,6
n.s.
Raub & Erpressung 17,2 9,7 6,6 10,3
Körperverletzung 25,8 18,1 15,1 13,8 *
Soziale Kohäsion: Aggregierte Werte aus der Bewohnerbefragung
Angaben in Prozent
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.s.: nicht signifikant; +: p<0,10; *: p<0,05; ***: p<0,001

Die intergenerationale Geschlossenheit würde demnach als Schutz vor


polizeilicher Registrierung wirken, indem Eltern über die Taten der Ju-
gendlichen besser informiert sind und informelle Konfliktregulierungen
aushandeln könnten (Karstedt-Henke & Crasmöller 1991). Auch der Zu-
sammenhang bei den Körperverletzungsdelikten kann durch den Schutz vor
Registrierung aufgrund der Informiertheit von Eltern und Nachbarn erklärt
werden.

Tabelle 8.10: Registrierungsrisiko (in Prozent) in Abhängigkeit vom Ausmaß der


intergenerationalen Geschlossenheit im Stadtviertel
gering hoch Signifikanz
n.s.
BTM 2,7 4,9 2,6 4,5
n.s.
Diebstahl 6,7 7,6 6,2 3,5
Ladendiebstahl 30,5 26,3 24,3 14,5 ***
Einbruch 31,7 32,9 15,5 17,2 *
n.s.
Raub & Erpressung 9,8 10,4 8,5 9,6
Körperverletzung 23,6 15,8 17,6 12,8 *
Intergenerationale Geschlossenheit: Aggregierte Werte aus der Bewohnerbefragung
Signifikanzberechnungen anhand logistischer Regressionen unter Kontrolle der Delikts-
häufigkeit; n.s.: nicht signifikant; *: p<0,05; ***: p<0,001
282

8.2.2 Interaktionseffekt zwischen Raumeigenschaften und indivi-


duellen Eigenschaften
Ein aufschlussreicher Interaktionseffekt tritt bei der Betrachtung der Stadt-
Land-Unterschiede nach ethnischer Herkunft der Jugendlichen auf. Sowohl
bei Ladendiebstahlsdelikten als auch bei Körperverletzungsdelikten sinkt
das Registrierungsrisiko in suburbanen und ländlichen Gegenden nur für
deutsche Jugendliche, während es für Jugendliche fremder ethnischer Her-
kunft gleich hoch bleibt (vgl. Abbildung 8.9). Ursache dafür könnte zum
einen ein höheres Ausmaß informeller Regelungen bei deutschen Jugendli-
chen sein, während ausländische Jugendliche auf dem Land als „Outsider“
keinen Zugang zu diesen Regulierungsmechanismen haben. Bei Laden-
diebstählen könnte der Interaktionseffekt aber auch darauf zurückgeführt
werden, dass deutsche Jugendliche in innerstädtischen Wohngebieten häu-
figer sozial benachteiligt sind und aus diesem Grund ein höheres Registrie-
rungsrisiko aufweisen als deutsche Jugendliche in suburbanen oder ländli-
chen Gegenden.

Abbildung 8.9: Interaktionseffekte beim Registrierungsrisiko zwischen Urbani-


tätsgrad und ethnischer Herkunft des Täters
Ladendiebstahl Körperverletzung
40 40

30 30

20 20

10 10

0 0
urban suburban ländlich urban suburban ländlich
nichtdeutsch deutsch nichtdeutsch deutsch

Angaben in Prozent

8.2.3 Multivariate Befunde zum Registrierungsrisiko II: Sozial-


ökologische Effekte
Um zu überprüfen, ob unabhängig von den strukturellen Variablen auch
sozialräumliche Effekte auf das Registrierungsrisiko einwirken, wurden die
logistischen Modelle für Ladendiebstahls- und Körperverletzungsdelikte,
bei denen auf bivariater Ebene Zusammenhänge mit den räumlichen Eigen-
283

schaften sozialer Benachteiligung und Urbanität beobachtet werden konn-


ten, erneut berechnet. Dabei wurden jeweils in Modell 1 nach den Kon-
trollvariablen die sozialökologischen Prädiktoren aufgenommen, um die
Veränderung in den Exp.(B)-Koeffizienten in Abhängigkeit von der Auf-
nahme der sozialstrukturellen Prädiktoren beobachten zu können. Sollten
nach der Aufnahme der sozialstrukturellen Prädiktoren die Effekte der
sozialräumlichen Prädiktoren zurückgehen, so würde dies bedeuten, dass
keine echten Aggregateffekte vorliegen, sondern Unterschiede nach den
Raumeigenschaften durch Unterschiede in der Bevölkerungszusammenset-
zung erklärt werden könnten.
Betrachtet man zunächst wiederum das Registrierungsrisiko bei Laden-
diebstahlsdelikten, so erhält man hier nach Aufnahme der sozialräumlichen
Prädiktoren ein Modell, das gut an die vorliegenden Daten angepasst ist
(Hosmer/Lemeshow chi2 ist nicht signifikant) und bei dem der hohe Chi2
Wert des Blocks der sozialräumlichen Prädiktoren (64,7) sowie das Pseu-
do-R2 von 0,09 auf einen signifikanten Zuwachs an Erklärungskraft hin-
weisen. Betrachtet man die Exp.(B)-Werte der Prädiktoren. so zeigt sich,
dass Jugendliche aus Stadtvierteln mit hoher kollektiver sozialer Benachtei-
ligung mit einem Exp.(B)=1,08 kein signifikant höheres Registrierungsrisi-
ko mehr aufweisen. Allerdings bleibt der Interaktionseffekt zwischen kol-
lektiver und individueller Benachteiligung (Exp.(B)=1,26) signifikant.
Jugendliche, deren Eltern von Sozialhilfe oder Arbeitslosenhilfe leben und
die in einem Stadtviertel leben, das durch einen hohen Anteil an sozial
benachteiligten Bewohnern geprägt ist, haben ein höheres Risiko einer
polizeilichen Registrierung als benachteiligte Jugendliche, die in nicht
benachteiligten Vierteln wohnen oder Jugendliche, die in benachteiligten
Vierteln wohnen, aber deren Eltern nicht benachteiligt sind. Betrachtet man
die Siedlungsstruktur, so haben Jugendliche aus suburbanen Wohngegen-
den ein signifikant höheres Anzeigerisiko als Jugendliche, die in innerstäd-
tischen Quartieren leben (Exp.(B)=1,61); bei Jugendlichen aus ländlichen
Gemeinden ist das erhöhte Risiko nicht signifikant. Allerdings und dies
zeigt der Interaktionseffekt mit der ethnischen Herkunft der Jugendlichen,
trifft dies nur für die nichtdeutschen Jugendlichen zu. Deutsche Jugendli-
che aus suburbanen und ländlichen Wohngegenden haben dagegen ein
niedrigeres Registrierungsrisiko als ihre nichtdeutschen Altersgenossen
(vgl. Abbildung 8.9). Im Unterschied dazu gibt es für deutsche Jugendliche
aus städtischen Wohngegenden keinen Bonus bei der Registrierungswahr-
scheinlichkeit.
284

Tabelle 8.11: Multivariate logistische Regressionen zur Erklärung des Registrie-


rungsrisikos aus der Täterperspektive
Ladendiebstahl Körperverletzung
Modell 1 Modell 2 Modell 1 Modell 2
Basisrisiko
Häufigkeit (Inzidenz) 1,09 1,04 1,38*** 1,35***
Fragebogentyp (Referenzkategorie: 0,77* 0,78*
A) 0,83* 0,83*
Raumeigenschaften
Kollektive soziale Benachteiligung 1,08 1,08 0,83 0,84
Urbanität suburban (ref: urban) 1,61** 1,63** 1,01 1,07
Urbanität ländlich (ref: urban) 1,48 1,49 1,00 0,95
Interakt. Ind.*kollekt. Benachtlg. 1,26** 1,14 1,21 1,32
Interakt. urban*dt. (ref.: nichtdt.) 0,94 0,94 0,98 0,97
Interakt. suburb.*dt. (ref: nichtdt.) 0,62*** 0,63*** 0,90 0,95
Interakt. ländl.*dt. (ref.: nichtdt.) 0,58*** 0,60*** 0,59* 0,61*
Relatives Risiko
Berufsprestige nach Wegener - 0,84* - 0,86
Alter - 1,18* - 1,29*
soziale Benachteiligung Eltern - 1,03 - 0,82
Familientyp (ref.: 2 Elternteile) - 1,15+ - 1,28*
Delinquente Clique - 1,28*** - 1,41**
Konstante 0,00 0,00* 0,00 0,01***
Modellanpassung
N 1093 1093 538 538
2
Pseudo-R 0,09 0,12 0,09 0,14
2
Hosmer/Lemeshow chi 6,0 14,3+ 8,1 13,1
2
Chi Block 64,7*** 26,8*** 29,5** 19,6**
standardisierte Exp(B) Koeffizienten; +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001; -:
nicht ins Modell eingeführt

Auch Modell 2 zur Erklärung des Registrierungsrisikos bei jugendlichen


Ladendieben ist mit einem Hosmer/Lemeshow chi2 von 14,3 noch passabel
an die vorliegenden Daten angepasst. Die Zunahme in der Erklärungskraft
ist signifikant (Block Chi2 =26,8), die aufgenommenen Variablen der Indi-
vidualeigenschaften des Täters liefern also nach wie vor einen Beitrag zur
Erklärung des Registrierungsrisikos. Die Aufnahme des Prädiktors „indivi-
285

duelle soziale Benachteiligung“ in das Modell ist jedoch nicht mehr signi-
fikant und führt zu einem Rückgang der Erklärungskraft des Interaktionsef-
fektes aus „individueller und kollektiver Benachteiligung“. Die Erklä-
rungskraft der übrigen Variablen auf individueller Betrachtungsebene än-
dert sich dagegen gegenüber dem in Abschnitt 7.4 besprochenen Modell
nur geringfügig. Das wichtigste Resultat ist jedoch, dass auch die Einflüsse
der Aggregatvariablen „Urbanität“ sowie des Interaktionseffektes aus „Ur-
banität und ethnischer Herkunft“ stabil bleiben. Das bedeutet, dass deut-
sche Jugendliche, die in suburbanen Vierteln oder in ländlichen Gemeinden
wohnen, auch unter Kontrolle individueller Risikofaktoren und des Basisri-
sikos der Deliktshäufigkeit ein geringeres Registrierungsrisiko bei Laden-
diebstählen haben als ihre Altersgenossen ausländischer Herkunft.
Geht man davon aus, dass eine selektive Registrierung beim Delikt La-
dendiebstahl weitgehend eine Folge der selektiven Entdeckung und damit
der selektiven Aufmerksamkeit des Personals ist, so kann man diese Be-
funde wie folgt interpretieren: In ländlichen und auch in suburbanen Gebie-
ten scheint die Aufmerksamkeit des Personals sehr viel stärker von Stereo-
typen hinsichtlich der ethnischen Herkunft von „typischen Ladendieben“
geprägt zu sein als in städtischen Gegenden, was zu einer Fokussierung der
Aufmerksamkeit auf vermeintliche Problemgruppen und infolgedessen zu
einer Vergrößerung von deren Entdeckungsrisiko führt.
Im Folgenden soll zunächst das erste Modell zur Erklärung des Regist-
rierungsrisikos bei Köperverletzungsdelikten betrachtet werden. Das Mo-
dell ist mir einem Hosmer/Lemeshow chi2 von 29,5 noch gut an die vorlie-
genden Daten angepasst. Die Effekte des Basisrisikos zeigen, dass die Häu-
figkeit der Deliktsbegehung nach wie vor sehr signifikanten Einfluss auf
das Registrierungsrisiko ausübt, während Jugendliche mit Fragebogentyp B
eine um 20 Prozent geringere Registrierungswahrscheinlichkeit aufweisen
als solche mit dem Typ A. Die Effekte der sozialräumlichen Variablen
zeigen zunächst für die kollektive soziale Benachteiligung eine leichte,
jedoch nicht signifikante Verringerung des Registrierungsrisikos für Ju-
gendliche, die in sozial benachteiligten Gegenden wohnen gegenüber den
nicht benachteiligten an. Zusammen mit dem ebenfalls nicht signifikanten
Exp.(B)-Koeffizienten des Interaktionseffektes von individueller und kol-
lektiver sozialer Benachteiligung kann dies wie folgt interpretiert werden:
Es scheint eine Tendenz zu bestehen, dass Jugendliche aus sozial benach-
teiligten Gebieten bei Körperverletzungsdelikten seltener angezeigt werden
als ihre Altersgenossen, die in nicht benachteiligten Vierteln wohnen. Dies
286

allerdings nur, solange sie nicht aufgrund elterlichen Sozialhilfebezugs


auch individuell benachteiligt sind. Ein Effekt der Urbanität des Wohnortes
für alle Befragten ist dagegen nicht auszumachen. Sowohl für Jugendliche
aus suburbanen als auch für diejenigen aus ländlichen Gegenden besteht
kein Unterschied im Registrierungsrisiko gegenüber den Stadtjugendlichen.
Allerdings ist der Interaktionseffekt für die Jugendlichen aus ländlichen
Gemeinden und der ethnischen Herkunft wiederum signifikant. Das bedeu-
tet, deutsche Täter haben in ländlichen Gemeinden ein ca. 40 Prozent ge-
ringeres Registrierungsrisiko als solche mit fremder ethnischer Herkunft.
Die Koeffizienten in Modell 2 zeigen, dass die Einflüsse der Aggregatvari-
ablen auch unter Aufnahme der Tätereigenschaften signifikant und stabil
bleiben.
Dieser Befund kann als starke Unterstützung der Vorhersagen aus Ab-
schnitt 4.3.2.1 gedeutet werden. Landjugendliche mit deutschen Eltern
gehören tendenziell zur ingroup im Dorf. Ihre Eltern verfügen daher über
ein höheres Ausmaß an Sozialkapital, welches auf gegenseitigen Verpflich-
tungen und Vertrauen aufbaut und vor die Einschaltung formeller Sozial-
kontrolle eine hohe Hürde setzt. Allerdings kann mit dem oben dargestell-
ten Modell kein direkter Nachweis für diesen Kausalmechanismus erbracht
werden, da die Ausstattung mit Sozialkapital nicht in das Modell aufge-
nommen wurde. Dies ist jedoch bei den Betrachtungen auf Aggregatebene
im letzten Abschnitt dieses Kapitels möglich.

8.3 Übereinstimmungen und Unterschiede von Täter- und


Opferperspektive bei Gewaltdelikten

Nachdem nun mit der räumlichen Betrachtung sämtliche vermuteten Zu-


sammenhänge von Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko betrachtet
wurden, werden in diesem Abschnitt die Opfer- und die Täterperspektive
zusammengeführt. Es soll überprüft werden, ob die Ergebnisse aus den
beiden Perspektiven konsistent sind. Dies ist nur in eingeschränktem Maße
möglich. Zum einen wurden aus der Opferperspektive nur Gewaltdelikte
abgefragt. Zum anderen wurden aus der Täterperspektive keine Angaben
zum Opfer erfasst. Die Überprüfung muss sich also auf die Aspekte der
Tätereigenschaften sowie der sozialräumlichen Zusammenhänge beschrän-
ken. Schließlich beziehen sich die Betrachtungen aus der Opferperspektive,
bei denen Angaben zum Täter vorhanden sind, auf das jeweils letzte vom
287

Opfer erlebte Delikt, also auf einen Fall von Viktimisierung pro Befragtem.
Hier werden also Inzidenzen der Anzeigewahrscheinlichkeit betrachtet:
Wie wahrscheinlich ist es, dass Täter mit bestimmten Merkmalen in einem
konkreten Fall angezeigt werden. Aus der Täterperspektive wurde dagegen
die Prävalenz der Registrierungswahrscheinlichkeit betrachtet: Wie wahr-
scheinlich ist es, dass ein Täter mit bestimmten Merkmalen innerhalb eines
Jahres überhaupt angezeigt wird.
Die Betrachtung aus der Opferperspektive ergab, dass Mädchen Gewalt-
delikte seltener anzeigen, und selbst auch seltener angezeigt werden als
Jungen. Aus der Täterperspektive kann dieser Befund nur eingeschränkt
bestätigt werden. Zwar haben Mädchen ein geringeres Anzeigerisiko, je-
doch nur, solange nicht die Delikthäufigkeit kontrolliert wird. Möglicher-
weise ist also die geringere Anzeigehäufigkeit aus der Opferperspektive auf
Antworttendenzen nach der sozialen Erwünschtheit zurückzuführen.
Täter haben ein signifikant höheres Anzeigerisiko, wenn das Opfer einer
anderen Ethnie angehört (vgl. Abschnitt 6.7.2). Dieser Befund gilt für Ju-
gendliche aus ethnischen Minderheiten und deutsche gleichermaßen. Da
sich fremdethnische Opfer häufiger in Täter-Opfer-Konstellationen mit
Tätern einer anderen ethnischen Herkunft als deutsche Opfer befinden (vgl.
Abschnitt 6.1.2), sollte das Registrierungsrisiko fremdethnischer Täter
insgesamt höher liegen als das von deutschen Tätern. Dieses konnte jedoch
mit den multivariaten Betrachtungen aus der Täterperspektive nicht bestä-
tigt werden. Es ist jedoch durchaus vorstellbar, dass zwar Fälle mit hetero-
ethnischer Täter-Opfer-Kombination häufiger angezeigt werden, dass dies
jedoch nicht zu einer signifikanten Zunahme des Anteils angezeigter
fremdethnischer Täter führt. Wichtig ist jedoch, dass sich der Interaktions-
effekt zwischen Urbanitätsgrad und ethnischer Herkunft des Täters aus
beiden Perspektiven nachvollziehen lässt. Aus der Opferperspektive wird
der Unterschied in der Anzeigewahrscheinlichkeit für fremdethnische Täter
in suburbanen und vor allem den ländlichen Gebieten signifikant größer
(vgl. Abschnitt 8.1.2.4). Dies hat zur Folge, dass aus der Täterperspektive
Jugendliche mit fremdethnischer Herkunft aus dem Freiburger Umland ein
signifikant höheres Registrierungsrisiko berichten als ihre deutschen Al-
tersgenossen (vgl. Abschnitt 8.2.2). Für die Täterperspektive blieb dieser
Unterschied auch im multivariaten Modell erhalten.
Übereinstimmend aus Täter- und Opferperspektive sind auch die Befun-
de bezüglich der Normen der Bewohner im Stadtviertel der Jugendlichen.
Gegenden mit einer ausgeprägten Norm der Bewohner, bei Konflikten mit
288

Jugenddelinquenz selbst einzuschreiten, weisen geringere Anzeigeraten aus


der Opferperspektive und geringere Registrierungsraten aus der Täterper-
spektive auf. Nicht so eindeutig sind die Befunde hingegen beim Ausmaß
der Kriminalitätsfurcht im Stadtviertel. Zwar haben Täter, die in Vierteln
mit einer sehr geringen Kriminalitätsfurcht und damit einem hohen Sicher-
heitsgefühl der Bewohner leben, sowohl bei Raub und Erpressung als auch
bei Körperverletzungen das geringste Registrierungsrisiko (vgl. Abschnitt
8.2.1.3), und auch die Opfer aus diesen Vierteln zeigen am seltensten an
(vgl. Abschnitt 8.1.1.3). Allerdings erstatten Opfer aus Vierteln mit dem
geringsten Sicherheitsgefühl (und damit der höchsten Kriminalitätsfurcht)
ebenfalls deutlich seltener Anzeige als Opfer aus Gegenden mit einem
mittleren Ausmaß an Kriminalitätsfurcht, während Täter aus Vierteln mit
der höchsten Kriminalitätsfurcht auch das höchste Registrierungsrisiko
aufweisen. Ähnlich sind die Befunde auch hinsichtlich des sozialen Kapi-
tals im Stadtviertel (vgl. Abschnitt 8.1.1.4 und 8.2.1.3). Täter aus in vieler-
lei Hinsicht benachteiligten Gebieten sind demnach einem höheren Regist-
rierungsrisiko ausgesetzt, obwohl die Opfer aus diesen Gegenden weniger
häufig anzeigen. Dies deutet darauf hin, dass Täter aus diesen Stadtvierteln
häufiger außerhalb ihres Stadtviertelkontextes delinquent werden (z.B im
Schulkontext, in einem streetlife-orientierten Freizeitverhalten, und damit
nicht dem Anzeigerisiko in ihrem Stadtviertel unterliegen. Es ist jedoch
auch ein Hinweis darauf, dass die kausale Interpretation des Einflusses des
Stadtviertelkontextes nicht ohne weiteres zulässig ist. Es ist nämlich davon
auszugehen, dass in Stadtvierteln mit hoher Kriminalitätsfurcht, geringem
Sozialkapital und geringer Selbstwirksamkeit der Bewohner vor allem
solche Täter wohnen, die ein erhöhtes Registrierungsrisiko aufgrund indi-
vidueller Merkmale sozialer Benachteiligung haben.

8.4 Hell-Dunkelfeldrelation auf Aggregatebene

In Kapitel 5 wurde im Rahmen der Validität der Daten zu selbstberichteter


Delinquenz auch über die Untersuchung von Köllisch (2002) berichtet.
Dort wurden selbstberichtete Polizeikontakte mit offiziellen Polizeikontak-
ten auf der Individualebene einzelner Befragter abgeglichen. Diese Vorge-
hensweise hat vor allem den Nachteil, dass dazu das Einverständnis jedes
einzelnen Befragten eingeholt werden muss. Die Angaben zu selbstberich-
teter Delinquenz und selbstberichteten Polizeikontakten aus der
289

MPI/FIFAS-Jugendbefragung weisen gegenüber den Angaben der Schul-


befragung mindestens drei starke Verzerrungsfaktoren auf. Zum einen steht
der Befragungsart der Face-to-Face Befragung die Schülerbefragung mit
ihrer erheblich anonymeren Befragungssituation gegenüber. Zweitens wur-
den in der Schulbefragung erheblich höhere Ausschöpfungsraten realisiert
als in der Face-to-Face Befragung. Schließlich konnte in der Face-to-Face
Befragung nicht von allen Jugendlichen die Zustimmung zum Datenab-
gleich erlangt werden.
Um diesen Vergleich der Angaben auf der Individualebene durch einen
Vergleich auf Aggregatebene ergänzen zu können, wurden in vorliegendem
Abschnitt die Hell-Dunkelfeldrelationen nach zwei Methoden berechnet.75
Zum einen wurden Quotienten aus den Prävalenzraten selbstberichteter
Delinquenz und dem Anteil der Jugendlichen, welche offizielle Polizeikon-
takte in der PKS, AVV bzw. PAD aufwiesen, gebildet. Die entstehende
Maßzahl OPK gibt an, wie hoch der prozentuale Anteil der Täter mit einer
Anzeige an den Tätern im Dunkelfeld ist. Ein weiterer Quotient (SRP) gibt
auf der Aggregatebene den Anteil der Täter mit selbstberichteten Polizei-
kontakten an den Tätern im Dunkelfeld an. Aus diesen auf der Z2-Ebene
vorliegenden Werten wurden Mittelwerte gebildet. Dabei wurden die auf
der Z2-Ebene – den zusammengefassten Stadtvierteln - vorliegenden Werte
mit dem relativen Anteil der Altersgruppe der 13- bis 16-Jährigen am ge-
samten Aggregat gewichtet.76 Problematisch ist der Vergleich der Sub-
gruppen nach der Staatsangehörigkeit der Befragten. Während in den Poli-
zeiregistern Freiburgs und des Umlandes die tatsächliche Staatsangehörig-
keit erfasst ist, wurde in der MPI-Schulbefragung 1999/2000 nur die ethni-
sche Herkunft der Eltern der Jugendlichen abgefragt, nicht aber deren
Staatsangehörigkeit. Für die AVV in Köln schließlich wurde aus den Vor-
namen der registrierten Jugendlichen deren ethnische Herkunft erschlossen.

8.4.1 Hell-Dunkelfeldrelation in den drei Erhebungsgebieten


Tabelle 8.12 zeigt den Hellfeldanteil der Delinquenz getrennt für Köln,

75
Sämtliche Berechnungen wurden auf der Analyseebene der zusammengelegten
Stadtviertel, der Z2-Ebene durchgeführt.
76
Wohnen beispielsweise in einer Z2 Einheit in Köln 600 13-16 jährige Jugendliche,
dagegen in einer durchschnittlichen Z2 Einheit nur 500, so wurde diese Z2 Einheit mit
dem Faktor 1,2 gewichtet, um die Durchschnitte für Köln zu berechnen. Für die Be-
rechnungen der Aggregate der Subgruppen (deutsche und ausländische Jungen) wurden
die entsprechenden Bewohnerzahlen zugrunde gelegt.
290

Freiburg und das Freiburger Umland. Diese Darstellung der Ergebnisse


ermöglicht eine Auswertung der Tabelle in zwei Richtungen. Die vertikale
Auswertung erlaubt den Vergleich der zwei Maßzahlen untereinander und
damit die Prüfung der Validität selbstberichteter Polizeikontakte gegenüber
offiziellen Registereintragungen auf der Aggregatebene. Die horizontale
Betrachtung gestattet es, Unterschiede in der Hell-Dunkelfeldrelation nach
den jeweiligen Aggregaten zu analysieren. Es wurden jeweils Mittelwert-
vergleiche auf der Z2-Ebene mittels des F-Tests bzw. des t-Tests durchge-
führt.
Die Hellfeldanteile wurden zum einen für alle in der Befragung erfassten
Delikte gebildet (alle Delikte). Um Unterschiede zwischen deutschen und
fremdethnischen Jugendlichen analysieren zu können, wurden ferner zwei
Aggregate mit allen Delikten deutscher Jungen und ausländischer Jungen
gebildet. Die Mädchen wurden dabei ausgeschlossen, um Verzerrungen
aufgrund eines Interaktionseffektes im Registrierungsrisiko zwischen
Ethnie und Geschlecht ausschließen zu können. Schließlich wurden wieder
die Hellfeldanteile über alle Befragten für vier Deliktgruppen aggregiert.
Der Hellfeldanteil der Täter soll zunächst nach dem Aspekt der Validität
betrachtet werden. Die Frage lautet also: Wie gut stimmen die mittels
selbstberichteten und offiziellen Polizeikontakten berechneten Hellfeldan-
teile überein? Betrachtet man zunächst die Angaben für Köln, so zeigt sich
eine sehr gute Übereinstimmung der Hellfeldanteile der selbstberichteten
Delinquenz. Über alle Delikte tauchen innerhalb eines Jahres 19,3% der
Täter, die Dunkelfelddelinquenz berichten, im polizeilichen Register
(AVV) auf. Dieser Wert weicht gegenüber 20,6% der Täter, die in der Be-
fragung einen Polizeikontakt berichten, nicht signifikant ab. Mit Ausnahme
der Gewaltdelikte sowie der ausländischen Jungen berichten in Köln die
Jugendlichen in allen betrachteten Subgruppen von Delikt- und Tätergrup-
pen leicht mehr Polizeikontakte in der Befragung als sich aufgrund der
offiziellen Registrierungen berechnen lassen. Allerdings ist diese Abwei-
chung nach oben mit Ausnahme der Delikte beim einfachen Diebstahl nicht
signifikant. Bedenkt man, wie gering die Fallzahl der Befragten ausländi-
schen Jungen ist, so ist insbesondere die genaue Übereinstimmung der
Hellfeldanteile in dieser Subgruppe erstaunlich. Es zeigt sich, dass in der
Gruppe der ausländischen Jugendlichen sich der hohe Anteil falsch positi-
ver Angaben zu Polizeikontakten mit deren hohem Anteil falsch negativer
Kontakte auf der Aggregatsebene ausgleicht.
291

Tabelle 8.12: Mittelwerte von Hellfeldanteilen selbstberichteter Delinquenz auf


Z2-Ebene für 13-16 jährige Täter
OPK/SRP Köln Freiburg Freiburg F-Wert t-Wert
Umland K-F-Ua F-Ub
Alle Delikte OPK 19,3 13,5 6,0 23,1*** 4,7***
SRP 20,6 20,7 17,4 1,0 1,3
t-Wertc -0,9 -5,2*** -4,9**
Alle Delikte OPK 17,7 13,6 5,9 10,2*** 3,9***
deutsche SRP 21,7 20,2 22,2 0,1 -0,2
Jungen t-Wertc -2,0+ -4,4*** -3,7**
Alle Delikte OPK 25,9 24,4 24,4 0,2 0,2
ausländische SRP 25,6 32,6 14,0 1,8 1,8+
Jungen t-Wertc 0,1 -1,0 1,1
Drogendelikte OPK 1,7 1,7 0,3 2,9+ 2,8*
SRP 3,6 3,7 2,2 0,1 0,3
t-Wertc -2,0+ -1,7 -2,4*
Einfacher OPK 13,2 11,8 4,1 12,6*** 5,4***
Diebstahl SRP 21,0 17,8 15,9 1,8 0,9
t-Wertc -3,7** -3,8** -5,3***
Einbruch OPK 21,8 11,6 5,9 2,2 1,4
SRP 22,4 20,1 22,0 0,1 -0,1
t-Wertc -0,1 -2,3* -2,0+
Gewalt OPK 17,5 8,9 3,6 16,0*** 3,0**
SRP 13,4 15,1 9,9 1,5 1,6
t-Wertc 1,9+ -2,0+ -3,2*
N 34 16 10
OPK: Hellfeldrate anhand offizieller Polizeiregistereintragungen
SRP: Hellfeldrate anhand selbstberichteter Polizeikontakte
Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001
Die Werte wurden auf Z2-Ebene mit dem relativen Anteil der Altersgruppe gewichtet
a
F-Wert für multivariate Mittelwertsunterschiede zwischen Köln, Freiburg und Frei-
burger Umland
b
t-Wert für Mittelwertsunterschiede bei unabhängigen Stichproben zwischen Freiburg
und Freiburger Umland
c
t-Wert für Mittelwertsunterschiede bei gepaarten Stichproben zwischen Hellfeldantei-
len von offiziellen Polizeiregistrierungen und Selbstberichten
292

Bei einfachen Diebstahlsdelikten liegt sowohl in Köln als auch in Freiburg


und dessen Umland eine signifikante Mittelwertdifferenz vor. Während in
Köln mittels der Eintragungen im Polizeiregister 13,2% der Täter im Dun-
kelfeld erfasst werden, beträgt der Hellfeldanteil nach den Selbstauskünften
(SRP) 21%. Bei diesen Delikten könnte es sich häufig um Bagatelldieb-
stähle in Geschäften handeln, die nur aufgrund des Prinzips der Anzeige
jedes Deliktes der Polizei bekannt werden. Daher ist nicht auszuschließen,
dass hier ein hoher Prozentsatz der ihr prinzipiell bekannt gewordenen
Delikte von der Polizei nicht in die elektronischen Register übernommen
wird. Umgekehrt werden bei Gewaltdelikten in Köln etwas mehr Täter
nach offiziellen Angaben polizeibekannt, als der Anteil jugendlicher Ge-
walttäter nach den Selbstauskünften ist. Dieser Unterschied ist allerdings
nur schwach signifikant (p<0,10).
Im Gegensatz zu den Hellfeldanteilen für Köln, die sich insgesamt auf
der Aggregatebene als sehr valide erweisen, weisen die Angaben der Ju-
gendlichen für Freiburg und in noch stärkerem Maße für das Freiburger
Umland erhebliche Unterschiede zu den offiziellen Registereintragungen
auf. Mit Ausnahme der Drogendelikte und der Delikte ausländischer Ju-
gendlicher liegt der Anteil der Delikte, die ins Hellfeld gelangen, bei den
Selbstberichten bei allen betrachteten Subgruppen signifikant über den
Raten der offiziellen PAD bzw. PKS Angaben. Über alle Delikte betrachtet
werden in Freiburg 13,5% der Täter polizeilich registriert, nach den Selbst-
auskünften haben jedoch 20,7% der jugendlichen Täter innerhalb eines
Jahres Polizeikontakt gehabt. Der Anteil der Delikte, die zur Kenntnis der
formellen Sozialkotrolle gelangen, ist also in Freiburg nach den Selbstaus-
künften ca. 50% höher als nach den offiziellen Statistiken, für das Umland
sogar fast 200%. Diese Unterschiede könnten durch folgende Faktoren
erklärt werden:
Eine unterschiedliche Zusammensetzung der Jugendlichen in den drei
Erhebungsgebieten nach Merkmalen, von denen bekannt ist, dass sie mit
dem Übertreiben von Polizeikontakten korrelieren.
Eine unterschiedliche Zuverlässigkeit der Polizeidaten. Für die drei Er-
hebungsgebiete wurden jeweils unterschiedliche Polizeiregister verwendet.
Ein unterschiedliches Polizeiverhalten, welches im Freiburger Umland
zu einer sehr hohen Anzahl informeller Polizeikontakte der Jugendlichen
führt, die von diesen in der Befragung berichtet werden, in der Polizeista-
tistik jedoch nicht auftauchen.
Drei wichtige soziale Merkmale, die beim Individualdatenabgleich mit der
293

Übertreibung von Polizeikontakten einhergingen, waren die besuchte


Schulart der Jugendlichen, die ethnische Herkunft der Eltern sowie die
biologische Vollständigkeit der Familie (vgl. Köllisch 2002: 13). Sollte der
Überschuss an Polizeikontakten auf Aggregatebene also auf die unter-
schiedliche Zusammensetzung der Population mit übertreibenden Jugendli-
chen zurückzuführen sein, so würde man im Freiburger Umland den höchs-
ten Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aus biologisch
unvollständigen Familien sowie Haupt- und Sonderschülern erwarten. Dies
ist natürlich nicht der Fall. Während in Köln 33,5% der Stichprobe zwei
ausländische Elternteile aufweist, liegt der Anteil in Freiburg nur bei 21%
und im Umland nur bei 8,3% der Befragten.77 Zudem weisen gerade die
ausländischen Jungen im Freiburger Umland nach den Selbstberichten
niedrigere Hellfeldanteile auf als nach den offiziellen Registereintragungen
(vgl. Tabelle 8.12). Der Anteil der Jugendlichen aus unvollständigen Fami-
lien ist in Freiburg mit 33,5% am höchsten, dem stehen 19,8% im Umland
und 26,5% in Köln gegenüber. Schließlich differiert auch der Anteil der
Haupt- und Sonderschüler zwischen den drei Erhebungsgebieten kaum und
liegt in Köln bei 30%, in Freiburg und im Umland mit jeweils 27% etwas
niedriger. Die Zusammensetzung der Stichprobe mit Befragten, die unter-
schiedlich stark übertreiben, kann also nicht für die beobachteten Unter-
schiede in den Hellfeldanteilen verantwortlich gemacht werden.
Bereits in einer früheren Untersuchung haben Oberwittler & Köllisch
(2003: 151) Unterschiede in den Hellfeldanteilen zwischen Freiburg und
dessen Umland untersucht. Dabei wurde für Freiburg und das Umland auf
die Angaben in der PKS zurückgegriffen. Allerdings wurden unterschiedli-
che Altersgruppen betrachtet (15- bis 17-Jährige), so dass die Ergebnisse
nicht direkt mit den in Tabelle 8.12 berichteten vergleichbar sind. Auch
dort zeigte sich jedoch ein erheblicher Unterschied im Hellfeldanteil zwi-
schen den beiden Gebieten, wenn die offiziellen Polizeikontakte berück-
sichtigt wurden, während dieser bei den selbstberichteten Polizeikontakten
geringer ausfiel. Wenn überhaupt, so können Unterschiede in der PKS-
Erfassung von Tatverdächtigen und derjenigen in der AVV für die unter-
schiedlichen Hellfeldanteile von Freiburg und dem Umland gegenüber
Köln verantwortlich sein. Dies kann jedoch nicht die erheblichen Unter-
schiede zwischen den OPK und den SRP Hellfeldanteilen zwischen Frei-

77
Es wurde die Auswahl derjenigen Jugendlichen zugrunde gelegt, die in Abschnitt
5.1.1 beschrieben wurde.
294

burg und dessen Umland erklären.


Wie bereits im Abschnitt 5.4.3 bemerkt wurde, wird von der Freiburger
Polizei ein Konzept verfolgt, das eine weitgehend informelle Kontrolle von
jugendlichen Tätern vorsieht. Ob und mit welchem Erfolg ein solches Kon-
zept auch in Köln verfolgt wurde, ist nicht bekannt. Es kann auch nur spe-
kuliert werden, dass Informalisierungsstrategie der Polizei in der ländlichen
Umgebung Freiburgs stärker ausgeprägt ist als im Stadtgebiet. Dafür
spricht auch, dass die Differenz im Hellfeldanteil zwischen selbstberichte-
ten und offiziellen Registrierungen bei Oberwittler & Köllisch (2003: 151)
für die dort betrachteten älteren Jugendlichen geringer ausgeprägt ist als für
die in dieser Arbeit betrachteten 13- bis16-Jährigen. Während 9,3% aller
15- bis 17-jährigen Täter im Umland einen Registereintrag aufweisen, sind
dies nur 6% der 13- bis 16-jährigen Täter in der vorliegenden Analyse.
Dies würde bedeuten, dass die Informalisierungsstrategie im Umland in
stärkerem Maße gegenüber jungen Tätern angewandt wird, deren Delikte
noch häufiger als bei älteren Tätern als „Ausrutscher“ bagatellisiert werden
können. Wie aus Tabelle 8.12 hervorgeht, gilt dies jedoch nur für deutsche
Jugendliche, während bei ausländischen Jungen in Köln, Freiburg und dem
Freiburger Umland jeweils ein Viertel der Täter polizeilich registriert wird.
Die Befunde werfen jedoch auch neues Licht auf die Stadt-Land-
Unterschiede im Registrierungsrisiko der Jugendlichen. Während anhand
der t-Werte in der letzten Spalte von Tabelle 8.12 abgelesen werden kann,
dass es mit Ausnahme der schweren Eigentumsdelinquenz (und der auslän-
dischen Jungen) bei den Hellfeldanteilen der Täter anhand offizieller Poli-
zeikontakte signifikante Unterschiede zugunsten der Umlandjugendlichen
gibt, tritt ein solcher Unterschied anhand der selbstberichteten Hellfeldan-
teile in keiner Deliktgruppe auf. Das bedeutet jedoch, dass die Stadt-Land-
Unterschiede im Hellfeld der Delinquenz, die aufgrund der selbstberichte-
ten Polizeikontakte berechnet wurden, erheblich unterschätzt werden bzw.
gar nicht erst aufgedeckt werden können, da der Anteil informeller Polizei-
kontakte bei Landjugendlichen mit Ausnahme der ausländischen Jugendli-
chen signifikant höher liegt als in der Stadt Freiburg.

8.4.2 Multivariate Regressionen auf der Aggregatebene von


Stadtvierteln
Den Abschluss der empirischen Analysen bilden die folgenden Untersu-
chungen auf der Aggregatebene der zusammengelegten Stadtviertel (Z2-
Ebene).
295

Einen ersten Überblick über die räumliche Verteilung der Hellfeldanteile


geben die Abbildungen 8.10 für Köln und 8.11 für Freiburg und dessen
Umland.

Abbildung 8.10: Hellfeldanteile Kölner Stadtteile auf Z2-Ebene

An te il
5 .9 - 9 .9
9 .9 - 1 3 .9
1 3 .9 - 1 7 .2
1 7 .2 - 2 1 .9
2 1 .9 - 2 6 .3
2 6 .3 - 4 4 .3

Hellfeldanteil nach offiziellen Polizeikontakten in Prozent


296

Abbildung 8.11: Hellfeldanteile Freiburger Stadtteile und der Umlandgemeinden


auf Z2-Ebene

An te il
1.3 - 4 .2
4.2 - 6 .4
6.4 - 9 .4
9.4 - 1 2 .5
12 .5 - 1 7 .7
17 .7 - 2 6 .8

Hellfeldanteil nach offiziellen Polizeikontakten in Prozent

Im Folgenden werden die Ergebnisse multivariater Regressionen berichtet.


Mit diesen Regressionen soll ein Ausschnitt aus dem in Abschnitt 4.3.2.4
formulierten Kausalmodell zum Hellfeldanteil von Delinquenz auf der
297

Aggregatebene von Stadtvierteln getestet werden. Das gesamte theoretische


Modell konnte aus folgenden Gründen nicht geprüft werden: Zum einen
stand als abhängige Variable nur der Hellfeldanteil der selbstberichteten
Delinquenz zur Verfügung. Für ein Aggregatmodell zu Erklärung von Kon-
fliktlösungen durch informelle Einigung stehen auf der Stadtviertelebene
nicht ausreichend Fälle zur Verfügung, ebenso für die Regelung durch
Selbstjustiz. Bei den Prädiktorvariablen wurde gleichfalls eine Auswahl
getroffen, da sonst Probleme hinsichtlich Multikollinearität aufgetreten
wären. Dabei wurde entschieden, die Schwereeinschätzung auf Stadtvier-
telebene und die intergenerationale Geschlossenheit nicht in die Regressi-
onsgleichung aufzunehmen. Bei der Schwereeinschätzung wurde aufgrund
der geringen Varianz nur ein kleiner Erklärungsbeitrag erwartet.
Abhängige Variable ist damit zum einen der Hellfeldanteil der Täter ge-
messen an den offiziellen polizeilichen Registrierungen (OPK), also die
Prävalenzrate der polizeilichen Registrierung oder der Anteil der polizei-
lich registrierten Täter im Stadtviertel, die selbstberichtete Delinquenz
aufweisen. Zum anderen wurde das selbe Modell mit dem Hellfeldanteil
aufgrund der selbstberichteten Polizeikontakte (SRP) als abhängiger Vari-
ablen berechnet. Dies dient weitgehend der Prüfung des ersten Modells mit
einem anderen Indikator zur Messung der Hellfelddelinquenz.
Diese Vorgehensweise birgt mehrere Probleme. Zum einen ist es nicht
möglich, aufgrund der Zusammenhänge auf der Aggregatebene auf Zu-
sammenhänge auf der Individualebene zu schließen ohne dabei der Gefahr
eines ökologischen Fehlschlusses zu unterliegen (Oberwittler 1999). Das
bedeutet, dass das Auftreten eines Zusammenhangs auf Aggregatebene
prinzipiell mehrdeutig ist.
Ein rein methodisches Problem ist, dass recht wenige Fälle (N=60 Z2-
Einheiten) für die Regressionsrechnungen zur Verfügung standen. Auf-
grund der hohen Zufallsvariation insbesondere der offiziell registrierten
Delinquenz sind daher auch die Hellfeldanteile mit diesem Zufallsfehler
behaftet, so dass eher schwache Zusammenhänge zu erwarten sind. Dies ist
deshalb bemerkenswert, da ansonsten bei Berechnungen auf der Aggregat-
ebene eher starke Zusammenhänge auftreten, sowohl hinsichtlich des An-
teils aufgeklärter Varianz als auch der beta-Gewichte der Prädiktoren. Da
die Stadtviertel nicht zufällig ausgewählt wurden, kann von den Ergebnis-
sen streng genommen nicht auf die Grundgesamtheit geschlossen werden.
Die Ergebnisse sind also zunächst einmal nur für die ausgewählten Bezirke
Kölns, Freiburgs und des Freiburger Umlandes gültig. Die Signifikanzan-
298

gaben der Prädiktoren haben daher auch eher die Aufgabe, die Bedeutung
des einzelnen Prädiktors besser einschätzen zu können und weniger, dessen
Geltung im Rückschluss auf die Grundgesamtheit zu bestimmen. Um ei-
nerseits das Problem des Zufallsfehlers in der Variation der abhängigen
Variablen möglichst gering zu halten und andererseits eine möglichst ho-
mogene Gruppe von Tätern zu erhalten, wurde diejenige Gruppe von Tä-
tern und Taten ausgewählt, die die höchste Anzahl an Fällen polizeilicher
Registrierung aufweist. Diese wird durch die männlichen deutschen Täter
repräsentiert. Zugrunde gelegt wurden weiterhin alle im Fragebogen abge-
fragten Delikte, da bei einer (eigentlich wünschenswerten) Betrachtung
einzelner Delikte auch auf Z2-Ebene zu wenige Fälle polizeilich registrier-
ter Täter zur Verfügung stehen würden.
Ein letztes Problem wird durch eine mögliche räumliche Autokorrelation
der Z2-Einheiten aufgeworfen. Räumliche Autokorrelation entsteht, wenn
die Ausprägungen einer Variablen nicht voneinander statistisch unabhängig
sind, wie dies die Voraussetzungen der Regressionsanalyse verlangen,
sondern aneinander grenzende räumliche Einheiten die Ausprägung der
Nachbareinheit mitbestimmen (Griffith 1987).
Im Mittelpunkt der folgenden Analysen steht die Frage, ob sich der Zu-
sammenhang zwischen der Hellfeldrate und Raumeigenschaften (Urbani-
tät) durch ein unterschiedliches Ausmaß sozial benachteiligter Bevölke-
rungsanteile erklären lässt. Zweitens soll geklärt werden, inwiefern deren
Einflüsse auf die Hellfeldraten stabil bleiben, wenn die Faktoren des sozia-
len Kapitals der Bewohner und der normativen Orientierung zusätzlich in
die Gleichung aufgenommen werden. Aus den theoretischen Überlegungen
und den Befunden auf Individualebene lassen sich folgende Vermutungen
über die Zusammenhänge auf der Aggregatebene ableiten: Es hat sich ge-
zeigt (vgl. Tabelle 8.11), dass Jugendliche aus sozial benachteiligten Ge-
genden ein höheres Registrierungsrisiko aufweisen, insbesondere, wenn sie
selbst noch aus einer sozial benachteiligten Familie stammen. Es ist daher
davon auszugehen, dass sich diese Effekte auf Aggregatebene wiederfinden
und Stadtviertel mit hohem Anteil sozial benachteiligter Bewohner auch
einen höheren Hellfeldanteil von Delinquenz aufweisen. Konflikte mit
heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen haben eine höhere Anzeige-
wahrscheinlichkeit. Aus Täterperspektive konnte dies bisher noch nicht
überprüft werden, da bei Tätern keine Angaben zum Opfer abgefragt wur-
den. Dennoch sollten sich auf Aggregatebene diese Befunde widerspiegeln,
da für Täter aus Stadtvierteln mit einem hohen Anteil nichtdeutscher Ju-
299

gendlicher auch die Wahrscheinlichkeit für heteroethnische Täter-Opfer-


Konstellationen größer ist als in Stadtvierteln mit geringerem Anteil nicht-
deutscher Jugendlicher. Der Anteil der Täter in einem Stadtviertel bzw. die
Delinquenzbelastung durch Taten insgesamt könnte sich als Abstump-
fungseffekt auswirken, indem die Toleranz der (jugendlichen und erwach-
senen) Bewohner gegenüber Delinquenz erhöht wird. Es hat sich jedoch
auf der individuellen Betrachtungsebene gezeigt, dass hier nur mit schwa-
chen Effekten zu rechnen ist. Sowohl für das soziale Kapital der Bewohner
als auch für die normative Orientierung im Stadtviertel sind negative Zu-
sammenhänge mit dem Hellfeldanteil im Stadtviertel zu erwarten. Während
der Zusammenhang zwischen sozialem Kapital und Anzeigeverhalten um-
gekehrt u-förmig ist, ist dieser beim Registrierungsrisiko linear.
Für die Analysen wurden Daten aus vier Datenquellen auf der Z2-Ebene
zusammengeführt. Der Hellfeldanteil der Delinquenz wurde aufgrund der
Raten der polizeilichen Registrierungen und der Angaben der Befragten in
der MPI-Schulbefragung 1999/2000 berechnet. Der Berechnung der Rate
der offiziell registrierten Jugendlichen wurden die amtlichen Angaben zur
Anzahl der Jugendlichen in den Gebietseinheiten zu Grunde gelegt. Die
amtlichen Angaben wurden ferner zur Berechnung der Rate der Sozialhil-
feempfänger (an der Gesamtbevölkerung) sowie zum Anteil der nichtdeut-
schen Jugendlichen (an allen Jugendlichen) herangezogen. Aus der Be-
wohnerbefragung schließlich wurden die Durchschnittswerte der Norm
zum Selbsteinschreiten bei Konflikten sowie der sozialen Kohäsion bzw.
des sozialen Kapitals herangezogen. In die Modelle mit offiziellen Polizei-
kontakten wurde schließlich noch eine Dummyvariable eingeführt, die
angibt, ob das Stadtviertel in Freiburg oder dessen Umland liegt (im Ge-
gensatz zu einer Lage in Köln). Dies war aufgrund der Beobachtung im
vorangehenden Abschnitt notwendig, nach der die Raten der offiziellen
Polizeikontakte in diesen beiden Gegenden im Unterschied zu Köln erheb-
lich niedriger liegen. Die Wirkungsrichtung der unabhängigen Variablen ist
so zu verstehen, dass ein positiver Einfluss der Variable den Hellfeldanteil
der Täter (bzw. der Taten) im Stadtviertel erhöht, also der Anteil der durch
formelle Sozialkontrolle gelösten Konfliktfälle ansteigt. Negative Einflüsse
deuten auf eine Abnahme formeller Regelung und damit auf eine Zunahme
informeller Regelung bzw. Resignation hin.
In Tabelle 8.13 sind die bivariaten Korrelationen der Prädiktoren mit den
drei Kriteriumsvariablen dargestellt. Es zeigt sich, dass die Indikatoren der
sozialen Benachteiligung im Stadtviertel (Anteil der Sozialhilfeempfänger
300

und Anteil der nichtdeutschen Jugendlichen) beide hoch mit den Prävalenz-
raten des Hellfeldanteils korrelieren. Das bedeutet: Je größer der Anteil der
Sozialhilfeempfänger und je größer der Anteil der Jugendlichen nichtdeut-
scher Herkunft im Stadtviertel, desto höher der Anteil der Delikte, die der
formellen Sozialkontrolle bekannt werden.

Tabelle 8.13: Bivariate Korrelationen der Prädiktoren mit drei Indikatoren des
Hellfeldanteils von Delinquenz auf Z2-Ebene
Prävalenzan- Prävalenzan- Inzidenzanteil
teil OPKa teil SRPa OPKa
Anteil Sozialhilfeempfänger 0,59*** 0,46*** 0,56***
Anteil nichtdt. Jugendliche 0,47*** 0,36** 0,21
Anteil der Täter an Befragten -0,11 0,20 0,06
Anteil Taten an Befragten 0,03 0,20 -0,08
Soziales Kapital Nachbarschaft -0,60*** -0,33* -0,43**
Norm Einschreiten Bewohner -0,61*** -0,39** -0,44***
a
Die Raten beziehen sich auf 13- bis 16-jährige deutsche Jungen
N=60 Z2-Einheiten
Signifikanzangaben (Pearson): *: p<0,05; **: p<0,01; ***: p<0,001

Dagegen hat das Ausmaß der Delinquenzbelastung im Stadtviertel keinen


Einfluss auf die Hellfeldrate. Daraus kann jedoch nicht auf die Toleranz der
Bewohner gegenüber Delinquenz geschlossen werden, da diese zwar wirk-
sam sein, jedoch durch andere Faktoren wie einer höheren Entdeckungs-
wahrscheinlichkeit wieder neutralisiert werden könnte. Schließlich haben
sowohl das soziale Kapital als auch die Bereitschaft der Bewohner zum
Einschreiten einen starken negativen Effekt auf die Hellfeldrate.
Tabelle 8.14 zeigt die Interkorrelationen der Prädiktorvariablen. Der An-
teil nichtdeutscher Jugendlicher und der Anteil der Sozialhilfeempfänger
korrelieren wie erwartet stark positiv (r=0,66), diese wurden für andere
Berechnungen auch bereits als Index der kollektiven Benachteiligung eines
Stadtviertels zusammengeführt. Die soziale Benachteiligung korreliert stark
negativ mit dem sozialen Kapital. Stadtviertel, die sozial benachteiligt sind,
zeichnen sich auch nur durch einen losen Zusammenhalt ihrer Bewohner
aus. Geringere negative Zusammenhänge bestehen dagegen mit der Norm
zum Einschreiten (und damit informellen Konfliktlösen) durch die Bewoh-
ner. Insgesamt jedoch korrelieren das Ausmaß des sozialen Kapitals und
die Bereitschaft der Bewohner zum Einschreiten sehr stark positiv (r=0,81).
301

Diese Befunde weisen darauf hin, dass bei den Regressionsgleichungen


verstärkt darauf geachtet werden muss, ob zwischen den Prädiktorvariablen
Multikollinearität vorliegt.

Tabelle 8.14: Bivariate Interkorrelationen der Prädiktoren auf Z2-Ebene

Einschrei-
Befragten

Befragten
Jugendli-

Taten an

Soziales
Täter an
Nichtdt.

Kapital

Norm
che

ten
Anteil Sozialhilfeempf. 0,66*** 0,09 0,06 -0,82*** -0,67***
Anteil nichtdt. Jugendl. -0,03 -0,09 -0,71*** -0,55***
Anteil Täter an Befragten 0,52*** -0,03 -0,19
Taten an Befragten 0,01 -0,16
Soziales Kapital 0,81***
N=60
Signifikanzangaben (Pearson): ***: p<0,001

Betrachtet man nun die Modelle in Tabelle 8.15 mit der abhängigen Vari-
ablen „Hellfeldanteil der Täter nach offiziellen Polizeikontakten“, so zeigt
sich Folgendes: Im ersten Modell, in das nur die Kontrollvariable „Freiburg
& Umland“ sowie die Dummyvariablen „suburban“ und „ländlich“ einge-
gangen sind, können 26% der Varianz erklärt werden.
Die Lage eines Stadtviertels in Freiburg oder Umland verringert die Re-
gistrierungsrate. Ländliche Gemeinden haben eine erheblich geringere
Registrierungsrate als städtische Viertel, während die Rate der registrierten
Täter aus suburbanen Vierteln nur unwesentlich unter der Rate städtischer
Gegenden liegt.
Im Modell 2 werden die Variablen der sozialen Benachteiligung sowie
der Anteil der Täter im Stadtviertel als Indikator für das Ausmaß der De-
linquenzbelastung eines Stadtviertels in die Gleichung aufgenommen. Als
einzig bedeutsamer Prädiktor stellt sich dabei die Sozialhilferate als Indika-
tor für die soziale Benachteiligung der Bewohner heraus. Je mehr Einwoh-
ner eines Viertels Sozialhilfe beziehen, desto größer der Anteil der jugend-
lichen Täter, die der offiziellen Sozialkontrolle bekannt werden. Dagegen
hat das Ausmaß der Delinquenzbelastung kaum Einfluss auf den Hellfeld-
anteil auf Stadtviertelebene. Es gibt zwar einen negativen Einfluss, der auf
einen leichten Gewöhnungseffekt an Delinquenz schließen lässt, dieser ist
allerdings sehr gering.
302

Tabelle 8.15: Multivariate Regressionen zur Erklärung des Hellfeldanteils von


Delinquenz deutscher Jungen auf Z2-Ebene
Hellfeldanteil OPK Prävalenz Modell 1a Modell 2a Modell 3a
Kontrollvariablen
Freiburg & Umland -0,22+ 0,02 -0,10
Urbanität suburban (ref.: urban) -0,17 -0,03 -0,03
Urbanität ländlich (ref.: urban) -0,41** -0,29* -0,16
Sozialstruktur
Anteil Sozialhilfeempfänger - 0,45** 0,38*
Anteil nichtdeutsche Jugendliche - 0,07 0,04
Anteil Täter an befragten Jugendl. - -0,16 -0,18
Einstellungen und Ressourcen
Soziales Kapital Nachbarschaft - - 0,25
Norm Einschreiten Bewohner - - -0,45*
Modellanpassung
R2adjustiert 0,26 0,39 0,43
a
Standardisierte beta-Koeffizienten
N=60
Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01; -: nicht ins Modell eingeführt

Es zeigt sich ferner, dass der Einfluss der Kontrollvariablen „Freiburg und
Umland“ bei Aufnahme der Indikatoren der sozialen Benachteiligung ver-
schwindet. Freiburg, Umland und Köln unterschieden sich erheblich im
Anteil nichtdeutscher Jugendlichen an allen Jugendlichen sowie am durch-
schnittlichen Anteil der Sozialhilfeempfänger. Während die ausgewählten
Stadtteile Kölns einen durchschnittlichen Anteil von 39% nichtdeutscher
Jugendlicher sowie 8,9% Sozialhilfeempfänger aufweisen, betragen diese
Anteile für Freiburg 15% nichtdeutscher Jugendlicher sowie 5,2% Sozial-
hilfeempfänger, und für das Land um Freiburg nur 6% bzw. 2%. Dies führt
dazu, dass im Vergleich zu Köln die Konstante der bivariaten Regression
von Sozialhilferate und Hellfeldanteil in Freiburg und Umland erheblich
niedriger liegt, während die Steigung der Geraden in Köln geringer ist (vgl.
Abbildung 8.12).
Der Einfluss des Anteils nichtdeutscher Jugendlicher auf den Hellfeldan-
teil der Delinquenz geht dagegen im multivariaten Modell stark zurück.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Befunde auf Individualebene angezwei-
felt werden müssten. Es ist vielmehr so, dass ausländische Jugendliche (mit
einem höheren Anzeige- und Registrierungsrisiko auf individueller Ebene)
303

überwiegend auch in Wohngebieten mit hohen Sozialhilferaten leben und


daher der Anteil ausländischer Jugendlicher auch auf Aggregatsebene eine
hohe Korrelation mit diesem Prädiktor aufweist (r= 0,66; vgl. Tabelle
8.14).

Abbildung 8.12: Zusammenhang zwischen Sozialhilferate und Hellfeldanteil von


Delinquenz (OPK) in Köln und Freiburg/Umland
40

30

20
Hellfeldanteil in Prozent

Ort
10
Freiburg & Umland

Köln

0 Gesamt
0 10 20 30

Anteil Sozialhilfeempfänger in Prozent

Auch die Aufnahme der Indikatoren „Sozialkapital“ und „Norm zum Ein-
schreiten“ im Modell 3 führt zu einem weiteren Anstieg der erklärten Vari-
anz (R2=0,43; vgl. Tabelle 8.15). Waren in den bisherigen Modellen die
Prüfkriterien für das Vorliegen von Multikollinearität unbedenklich, so
weist in Modell 3 der Prädiktor „Sozialkapital Nachbarschaft“ nur einen
Toleranzwert von 0,13 auf, der als bedenklich gelten muss, jedoch noch
akzeptiert werden kann, so dass diese Variable nicht aus der Gleichung
ausgeschlossen wurde.
Es zeigt sich, dass das soziale Kapital der Bewohner einen sehr schwa-
chen positiven Einfluss auf den Hellfeldanteil der Delinquenz hat (be-
ta=0,25). Sehr stark und in der erwarteten Richtung ist dagegen der negati-
ve Effekt der sozialen Norm der Konfliktsaustragung im Stadtviertel. Je
eher die Bewohner der Ansicht sind, es würde sich jemand im Viertel selbst
304

um Probleme durch delinquente Jugendliche kümmern, desto geringer ist


der Hellfeldanteil der Täter. Normen zur informellen Regelung von Kon-
flikten wirken sich also auf Aggregatebene als Schutzmechanismus delin-
quenter Jugendlicher vor der formellen Sozialkontrolle aus. Dagegen weist
der positive Einfluss des Sozialkapitals darauf hin, dass dieses unter Kon-
trolle aller anderen Faktoren tendenziell zu einer Vergrößerung der Regist-
rierungsrate auf Aggregatebene führt. Darin kommt der zwiespältige Cha-
rakter des Sozialkapitals zum Ausdruck, das aufgrund besserer Informati-
onsmöglichkeiten auch zu einer höheren Entdeckungswahrscheinlichkeit
und aufgrund besserer Beziehungen der Bewohner zur formellen Sozial-
kontrolle auch zu einer höheren Anzeigewahrscheinlichkeit führt.

Tabelle 8.16: Multivariate Regressionen zur Erklärung des Hellfeldanteils von


Delinquenz deutscher Jungen auf Z2-Ebene
Hellfeldanteil SRP Prävalenz Modell 1a Modell 2a Modell 3a
Kontrollvariablen
Urbanität suburban (ref.: urban) -0,22+ 0,06 0,06
Urbanität ländlich (ref.: urban) -0,03 0,29* 0,39*
Sozialstruktur
Anteil Sozialhilfeempfänger - 0,44** 0,38+
Anteil nichtdeutsche Jugendliche - 0,20 0,20
Anteil der Täter an befragten Ju- 0,10
gendl. - 0,17
Einstellungen und Ressourcen
Soziales Kapital Nachbarschaft - - 0,25
Norm Einschreiten Bewohner - - -0,45*
Modellanpassung
R2adjustiert 0,01 0,24 0,28
a
Standardisierte beta-Koeffizienten
N=60
Signifikanzangaben: +: p<0,1; *: p<0,05; **: p<0,01; -: nicht ins Modell eingeführt

Im nächsten Modell (Tabelle 8.16) wird die Hellfeldrate aufgrund der


selbstberichteten Polizeikontakte vorhergesagt. In dieses Modell wurde die
Kontrollvariable „Freiburg & Umland“ nicht mehr aufgenommen, da hin-
sichtlich des Prädiktors „SRP“ in Tabelle 8.12 keine signifikanten Unter-
schiede zwischen den beiden Erhebungsgebieten beobachtet wurden. Es
zeigt sich auch, dass (in Modell 1) kein signifikanter Unterschied in den
305

Hellfeldraten nach der Urbanität auftritt, was nach den Befunden in Tabelle
8.12 zu erwarten war. Dagegen führt die Aufnahme der Prädiktoren zur
sozialen Benachteiligung zu einem signifikanten positiven Effekt bei der
Dummyvariablen „ländlich“. Wie auch schon bei den in Tabelle 8.11 be-
richteten Regressionen bedeutet dies, dass die Registrierungsrate in ländli-
chen Gegenden insgesamt höher wäre, wenn dieselbe Bevölkerungsstruktur
wie in städtischen Gebieten vorliegen würde. Wie auch bei den Modellen
zur Erklärung der OPK-Hellfeldanteile verschwindet dagegen der Einfluss
des Anteils ausländischer Jugendlicher im multivariaten Modell.
Auch bei diesen Regressionsgleichungen führt die Aufnahme zusätzli-
cher Variablen im Modell 3 zu einer Erhöhung des Anteils aufgeklärter
Varianz. Auch hier hat die Variable „Soziales Kapital der Bewohner“ die
geringste Toleranz (0,13), soll jedoch ebenfalls in der Gleichung belassen
werden. Es tritt wiederum der starke negative Effekt der Norm des Ein-
schreitens auf, d.h. in Stadtteilen mit einer starken Norm der Bewohner,
delinquente Vorkommnisse selbst zu regeln, gelangt auch nach den Selbst-
berichten der Jugendlichen weniger Delinquenz ins Hellfeld offizieller
Sozialkontrolle. Insgesamt finden sich also mittels des in Tabelle 8.16 be-
richteten Modells für selbstberichtete Polizeikontakte dieselben Zusam-
menhänge wie mittels des in Tabelle 8.15 dargestellten für offizielle Poli-
zeikontakte. Dies kann insgesamt als starke Bestätigung der gefundenen
Zusammenhänge gewertet werden, da als Zähler der abhängigen Variablen
„Hellfeldanteil“ einmal offizielle Polizeikontakte, zum anderen selbstbe-
richtete Polizeikontakte herangezogen wurden.

8.5 Zusammenfassung

Die Untersuchungen zum räumlichen Kontext von Anzeigeverhalten und


polizeilicher Registrierung lassen sich unterteilen in Analysen auf Indivi-
dualebene, bei denen Unterschiede nach Eigenschaften des Wohnviertels
der Jugendlichen festegestellt wurden, sowie Analysen auf Aggregatebene,
bei denen Zusammenhänge des Hellfeldanteils von Jugenddelinquenz mit
Aggregateigenschaften untersucht wurden.
Ein zentraler Befund, der sowohl aus der Opferperspektive als auch aus
der Täterperspektive bestätigt werden konnte ist folgender: Zwischen städ-
tischen und ländlichen Gegenden besteht kein Unterschied in der Anzeige-
wahrscheinlichkeit und im Registrierungsrisiko mehr, wenn die Zusam-
306

mensetzung der Opfer- und der Täterpopulation sowie der Täter-Opfer-


Beziehungen kontrolliert wird. Das höhere Ausmaß informeller Einigungen
und die geringere Anzeigeneigung in ländlichen Gebieten lässt sich zum
einen darauf zurückführen, dass sich Täter und Opfer dort häufiger ken-
nen, und dass sie seltener heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen
angehören. Zum anderen jedoch finden sich zwei Interaktionseffekte, die
auf eine unterschiedliche Ausprägung der Norm, Konflikte informell zu
regeln, schließen lassen. Sowohl bei bekannten Tätern als auch bei homo-
ethnischen Täter-Opfer-Konstellationen ist nämlich auf dem Land die An-
zeigewahrscheinlichkeit signifikant geringer als in der Stadt. Da dieser
Befund auch mit den Analysen auf Aggregatebene bestätigt werden konnte,
und sich damit bei drei unterschiedlichen Zugängen als stabil erwiesen hat,
kann er als sehr gut abgesichert gelten.
Dagegen konnten die in Abschnitt 2.6.3 dargestellten qualitativen Be-
funde Baumgartners (1984) zur Konfliktlösung in Vorstädten nicht bestä-
tigt werden. Opfer aus suburbanen Wohngegenden neigten in den bivaria-
ten Analysen nicht stärker zur Resignation und damit zur Nichtaustragung
von Konflikten, noch zu einem geringeren Umfang an aktiver Konfliktre-
gelung insgesamt. Die multivariaten Analysen aus der Opferperspektive
zeigten, dass unter Berücksichtigung der Opfereigenschaften sowie der
Täter-Opfer-Konstellationen die Anzeigewahrscheinlichkeit für Opfer aus
suburbanen Wohngegenden sogar größer ist als für Opfer aus der Stadt. Die
Berechungen aus der Täterperspektive zeigen dagegen sowohl für die Indi-
vidualebene als auch für die Aggregatebene kein erhöhtes Registrierungsri-
siko für Täter aus Vorstadtvierteln gegenüber Tätern aus urbanen Gebieten
an. Es hat sich jedoch in Abschnitt 8.3 gezeigt, dass das Auftreten solcher
Unterschiede nach den Betrachtungsperspektiven nicht als Widerspruch in
den Daten interpretiert werden muss.
Schließlich sei noch der umgekehrt u-förmige Zusammenhang des An-
zeigeverhaltens mit den Ressourcen des sozialen Kapitals der Bewohner,
der intergenerationalen Geschlossenheit und der Kriminalitätsfurcht im
Stadtviertel herausgehoben. Dieser bestätigt zunächst einmal den Befund
hinsichtlich des Sozialkapitals der Jugendlichen, für dessen Zusammen-
hang mit der Anzeigewahrscheinlichkeit derselbe Verlauf berichtet wurde
(vgl. Abschnitt 6.4.6). Soziales Kapital hat demnach keine einseitige Wirk-
richtung für das Anzeigeverhalten. Während Jugendliche mit einer sehr
geringen Ausstattung an Sozialkapital weniger häufig Anzeige erstatten,
ermöglicht mehr Sozialkapital zunächst eine Zunahme von Anzeigen und
307

erst eine Ausstattung mit sehr viel sozialem Kapital reduziert schließlich
die Anzeigewahrscheinlichkeit.
Anhand der Regressionsmodelle im letzten Abschnitt konnten einige der
Zusammenhangshypothesen auf der Aggregatebene getestet werden, die im
Abschnitt 4.3.2.4 formuliert worden sind. Dabei zeigte sich ein starker
positiver Einfluss der kollektiven sozialen Benachteiligung im Stadtviertel
auf den Hellfeldanteil an Delinquenz, der auch nach der Aufnahme der
Indikatoren für Sozialkapital und Normen zur Konfliktbewältigung stabil
blieb. Dagegen konnte kein Hinweis auf eine höhere Toleranz gegenüber
Kriminalität und damit einen „Gewöhnungseffekt“ in stark durch Krimina-
lität belasteten Stadtvierteln gefunden werden. Es zeigte sich ferner, dass
die Skepsis im Theorieteil gegenüber der Wirkung des Sozialkapitals be-
rechtigt war. Der in bivariaten Korrelationen auftretende negative Effekt
auf den Hellfeldanteil verschwindet, wenn die Normen der Bewohner im
multivariaten Modell mitbetrachtet werden. Eine zentrale Determinante der
Anzeigerate im Stadtviertel ist also die kollektive Wirksamkeit der Bewoh-
ner, der Wille, sich aktiv in die Konflikte zwischen und durch Jugendlichen
einzumischen und zu einer Lösung beizutragen. Diese Zusammenhänge
traten mit nahezu identischen Koeffizienten sowohl bei der Messung des
Hellfeldanteils durch offizielle Polizeikontakte als auch bei der Messung
durch Selbstberichte auf und können daher als sehr aussagekräftig und
stabil betrachtet werden.
308

9 Zusammenfassung der Studie und Ausblick

Ziel dieser Arbeit war es, Ursachen für Unterschiede in der Täterpopulation
im Hellfeld und Dunkelfeld von Jugenddelinquenz zu finden. Diese sehr
allgemeine Fragestellung machte es notwendig, einen eher breiten Zugang
zu diesem Thema zu wählen, sowohl was die herangezogenen Theorien
anbelangt als auch die eigenen empirischen Auswertungen. Es erschien
daher notwendig, das ergebnisorientierte Erklärungsmodell aus der Täter-
perspektive um ein prozessorientiertes Modell aus der Opferperspektive zu
ergänzen. Ersteres kann zwar Unterschiede im Übergang von Dunkelfeld
ins Hellfeld aufdecken kann, aber nicht befriedigend erklären. Bevor je-
doch das Risiko einer polizeilichen Registrierung aus der Täterperspektive
analysiert werden konnte, sollte zunächst die Grundlage dafür gelegt wer-
den, ob und wie weit solchen Selbstauskünften von Jugendlichen überhaupt
zu trauen ist, wie valide diese Daten sind.
Da jedes empirische Kapitel bereits mit einer Zusammenfassung der
wichtigsten Befunde abgeschlossen wurde, sollen an dieser Stelle nur die
allerwichtigsten Befunde wiederholt werden. Der Schwerpunkt liegt hier
zum einen auf der Integration aller Ergebnisse und zum anderen auf einem
Ausblick, mit dem die Bedeutung der Befunde auch für andere Fragestel-
lungen sichtbar gemacht werden soll.

9.1 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse

Die Validitätsuntersuchung von Polizeikontaktangaben auf Individualebene


brachte starke Hinweise darauf, dass eine einfache Gleichsetzung von Poli-
zeikontakten aus Selbstauskünften und Anzeigen aus Polizeiregistern nicht
möglich ist. Vielmehr ist für Freiburg davon auszugehen, dass es zu einer
Reihe von informellen Polizeikontakten kommt, die vor allem sozial be-
nachteiligte Jugendliche mit einem streetlife aufweisen. Es zeigte sich wei-
terhin, dass jugendliche „Leugner“ nicht nur ihre Polizeikontakte ver-
schweigen, sondern weitgehend auch ihre Dunkelfelddelinquenz. Weil also
die selbstberichteten Hellfeld- und Dunkelfeldangaben denselben Fehler in
der differentiellen Validität aufweisen, kürzt sich dieser heraus, wenn zur
309

Bestimmung des individuellen Registrierungsrisikos der Quotient aus Poli-


zeikontakten und Dunkelfelddelinquenz gebildet wird. Es ergaben sich
weiterhin starke Hinweise darauf, dass die Angaben der „Übertreiber“ kei-
ne übertriebenen Angaben im engeren Sinn sind. Die Selbstauskünfte die-
ser Befragten zum Dunkelfeld sind gleich ernst zu nehmen wie die der
„ehrlichen“ Interviewten und bei den Angaben zum Hellfeld handelt es sich
zu einem hohen Anteil um informelle Polizeikontakte. Es durfte daher
vorausgesetzt werden, dass die Ergebnisse zum differentiellen Registrie-
rungsrisiko von Jugendlichen keine gravierenden Verzerrungen aufgrund
fehlerhafter Auskünfte der Jugendlichen aufweisen.
In Abhängigkeit von Eigenschaften des begangenen Deliktes wurden un-
terschiedliche Mechanismen identifiziert, die über das Risiko jugendlicher
Täter entscheiden, für delinquente Handlungen angezeigt zu werden.
Bei Drogendelikten, die kein Opfer im eigentlichen Sinn haben, wurde
vorausgesetzt, dass von Seiten der Bevölkerung kein Interesse zu einer
Formalisierung der sozialen Kontrolle vorliegt, zumindest sollte dies für
Konsumenten sowie jugendliche Händler weicher Drogen gelten. Eine
Anzeige wird jedoch sehr wahrscheinlich oft dann erstattet, wenn die Poli-
zei einen Drogendelinquenten entdeckt. Das Registrierungsrisiko wurde
daher zunächst mit dem Entdeckungsrisiko des Täters durch die Polizei
identifiziert. Es zeigte sich jedoch anhand der großen Diskrepanz zwischen
selbstberichteten Polizeikontakten und offiziellen Polizeikontakten, dass
auch hier erhebliche Ermessensspielräume der entdeckenden Polizisten
bestehen müssen. Das relative Registrierungsrisiko von BTM-Tätern mit
türkischer bzw. exjugoslawischer Herkunft ist damit zum einen auf ein
selektives Verdachtschöpfen der Polizei zurückzuführen, könnte aber auch
auf einem unterschiedlichen Ausmaß der Informalisierung gegenüber
fremdethnischen Jugendlichen basieren. Dieses Tätermerkmal ist jedoch
die einzige Determinante des relativen Registrierungsrisikos bei Drogende-
likten, so dass Jugendliche hier weitgehend verzerrungsfrei registriert wer-
den. Es hat sich weiterhin gezeigt, dass bei Drogendelikten ein extrem
kleines Basisrisiko vorliegt, was zum einen bedeutet, dass die Wahrschein-
lichkeit einer polizeilichen Registrierung innerhalb eines Jahres die ge-
ringste von allen betrachteten Delikten ist und sich auch bei sehr häufiger
Deliktsbegehung nur langsam erhöht.
Bei jugendlichen Ladendieben konnte anhand vorliegender empirischer
Befunde vorausgesetzt werden, dass diese fast ausschließlich aufgrund des
selektiven Verdachtschöpfens von Ladendetektiven und Verkaufspersonal
310

entdeckt und damit automatisch auch angezeigt werden. Die Verdachts-


schemata der Ladendetektive führen dabei zu einer erheblichen Verzerrung
des Entdeckungsrisikos zu ungunsten sozial Benachteiligter, Jugendlichen
aus der Unterschicht, Jugendlichen mit fremdethnischer Herkunft sowie
Jugendlichen aus einer delinquenten Subkultur. Diese Indikatoren dürften
auch Auftreten und äußerlichen Anschein der Jugendlichen beeinflussen
und auf diese Weise die Verdachtsschemata der Detektive leiten. Es zeigte
sich ferner, dass jugendliche Ladendiebe ein sehr hohes Entdeckungsrisiko
haben, welches jedoch kaum von der Häufigkeit abhängt, mit der das De-
likt begangen wird. Es besteht also bereits bei der ersten tat eine sehr hohe
Entdeckungswahrscheinlichkeit für den Täter.
Bei Gewaltdelikten jugendlicher Täter sind die meist selbst jugendlichen
Opfer die Filterinstanz, die darüber entscheidet, wie der Konflikt gelöst und
ob der Täter der formellen Sozialkontrolle gemeldet wird. Wie das Opfer
den Konflikt bewertet, welche Erfahrungen es bereits vorher gesammelt hat
und in welcher Beziehung es zum Täter steht, sind entscheidende Kriterien
dafür, ob die Täter wegen des Deliktes kriminalisiert werden oder nicht.
Aufgrund der Messung konnte dabei die Deliktbewertung durch das Opfer
nur als Prädiktor für die Wahrscheinlichkeit einer informellen Einigung
herangezogen werden. Es zeigte sich, dass Opfer Delikte umso seltener
informell regeln, je weniger sie diese bagatellisieren können. Da sich je-
doch informelle Einigung und Anzeigewahrscheinlichkeit weitgehend
komplementär zueinander verhalten, kann man folgern, dass auch die
Schwereeinschätzung durch das Opfer die Anzeigewahrscheinlichkeit de-
terminiert.
Die Beobachtung, dass die Anzeigewahrscheinlichkeit sich komplemen-
tär zur Wahrscheinlichkeit einer informellen Einigung verhält, erlaubt es
auch, eine zentrale Vermutung Blacks (1976) zu bestätigen. Dieser postu-
lierte, dass der Umfang der sozialen Kontrolle immer gleich ist, und sich
nur das Verhältnis zwischen informeller und formeller Sozialkontrolle
verändert. Dies bringt jedoch eine Verlagerung bei der Erklärung des An-
zeigeverhaltens mit sich. Bei Gewaltdelikten konnten neben den Faktoren
der Basiswahrscheinlichkeit einer Anzeige wie der Deliktschwere auch
diejenigen Faktoren untersucht werden, die eine informelle Einigung ver-
hindern. Es hat sich gezeigt, dass diese Faktoren der sozialen Distanz (nach
dem Grad der Bekanntschaft) und der sozialen Ähnlichkeit (nach Ethnie
und Alter) wie von Black (1976) vermutet über das Ausmaß der formellen
Sozialkontrolle entscheiden, indem sie das Ausmaß der Verfügbarkeit in-
311

formeller Sozialkontrolle regulieren.


Der Selektionsmechanismus bei (interpersonellen) Gewaltdelikten, der
den Übergang vom Hellfeld ins Dunkelfeld reguliert, ist also das Ausmaß,
in dem Opfer Zugang zu informeller Sozialkontrolle haben und damit über
informelle Konfliktregulierungsmechanismen verfügen. Dieses ist jedoch
nicht vom Opfer allein, sondern von der Beziehung zwischen Opfer und
Täter abhängig. Diese Determinanten des relativen Risikos konnten aus der
Täterperspektive auch aufgrund methodischer Inkompatibilität nur teilwei-
se bestätigt werden.
Bei Einbruchdelikten, die sowohl Hauseinbrüche als auch Autoaufbrü-
che umfassen, konnte dagegen kein bedeutsames relatives Risiko festge-
stellt werden. Dieser Befund wurde auch als weitere Bestätigung für die
Validität der Selbstauskünfte gewertet. Die Variation im Einfluss der De-
terminanten des relativen Risikos über unterschiedliche Delikte zeigt an,
dass die Angaben der Jugendlichen zu ihren Polizeikontakten nicht willkür-
lich sind.
Als erstes Hauptergebnis der Arbeit kann also festgehalten werden, dass
bei Diebstahls- und Gewaltdelikten beim Übergang vom Dunkelfeld ins
Hellfeld eine Selektion von Tätern stattfindet. Diese wird jedoch mit Aus-
nahme der leichten Verzerrung bei Drogendelikten nicht durch Angehörige
der formellen Sozialkontrolle, also der Polizei, erzeugt. Ursache ist viel-
mehr das Anzeigeverhalten der informellen Sozialkontrolle, also der betrof-
fenen Opfer und ihrer Eltern sowie die selektive Verdachtschöpfung der
semiformellen Sozialkontrolle, der Ladendetektive.
Aus den bisherigen Ausführungen ergeben sich bereits einige Desiderate
für zukünftige Forschungen zur Kriminalisierung von Jugenddelinquenz.
So könnte eine neue Studie zur Vorgehensweise von Ladendetektiven
durch qualitative Interviews oder teilnehmende Beobachtung darüber Auf-
schluss geben, ob die Vermutungen hinsichtlich der Verdachtsschemata
und damit dem Selektionsmechanismus bei Ladendieben zutreffen. Auch
das Phänomen der informellen Polizeikontakte von jugendlichen Tätern
verdient es, näher untersucht zu werden, da über deren Charakter und
Verbreitung bisher nichts bekannt ist. Schließlich zeigen sich jedoch auch
Lücken bei der bisherigen Standardvorgehensweise von Jugendbefragun-
gen. So sollte eine ausführlichere Tatbeschreibung aus der Täterperspektive
zu mindestens einem Delikt abgefragt werden, also Eigenschaften der De-
liktsituation, des Opfers, der Täter-Opfer-Relation. Zum anderen sollten
informelle Einigung und Selbstjustiz nicht mehr als Nichtanzeigegrund
312

erfasst, sondern von Opfer und Täter als eigenständige Konfliktlösungen


angegeben werden können. Schließlich bietet es sich auch an, durch quali-
tative Untersuchungen den Charakter von informellen Einigungen und
Selbstjustiz tiefer zu ergründen.
Neben den oben beschriebenen Mechanismen der Konfliktlösung und
der Täterselektion aufgrund individueller Eigenschaften von Opfer und
Täter war die Analyse von Einflüssen des sozialen Kontextes ein zweiter
Schwerpunkt der Arbeit. Der soziale Kontext der Wohngegend der Jugend-
lichen wurde auf zwei Weisen in die Untersuchung einbezogen. Zum einen
wurde der Einfluss des sozialen Kontextes auf das Anzeigeverhalten und
das Registrierungsrisiko untersucht. Zum anderen wurde der Zusammen-
hang des Hellfeldanteils mit sozialem Kapital und kollektiver Wirksamkeit
der Bewohner auf der Ebene räumlicher Aggregate getestet.
Der Einfluss des sozialen Kontextes als zusätzlicher Determinante von
Registrierungsrisiko und Anzeigeverhalten konnte nur ansatzweise analy-
siert werden. Für detailliertere Untersuchungen hätten Mehrebenenmodelle
eingesetzt werden müssen. Dies konnte jedoch nicht durchgeführt werden,
da hierfür zu wenige Fälle von selbstberichteten Anzeigen und Polizeikon-
takten auf der räumlichen Aggregatebene der Stadtviertel und Gemeinden
vorhanden sind. Stattdessen wurden die Befragten anhand der sozialen
Benachteiligung im Stadtviertel dichotomisiert und diese Variable zusam-
men mit dem Urbanitätsgrad als Indikatoren des sozialen Kontexts in die
Analysemodelle auf Individualebene aufgenommen. Dabei konnte sowohl
aus der Täter- wie aus der Opferperspektive gezeigt werden, das der Effekt
der Urbanität zum einen auf eine unterschiedliche Zusammensetzung der
Population der Jugendlichen und damit auf eine unterschiedliche Häufig-
keit im Auftreten von Täter-Opfer-Konstellationen mit höherer Anzeige-
wahrscheinlichkeit zurückgeführt werden kann. Des Weiteren trat ein In-
teraktionseffekt auf, der zeigt, dass eine heteroethnische Täter-Opfer-
Konstellation in ländlichen Gebieten am stärksten, in städtischen dagegen
am schwächsten Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko beeinflusst.
Dagegen konnte die Hypothese im Anschluss an Baumgartner (1984), dass
in Vorstädten eher resignierende Konfliktbewältigungen dominieren, nicht
bestätigt werden. Vielmehr zeigt sich, dass die Anzeigewahrscheinlichkeit
größer ist als in der Stadt, und dieser Abstand sich noch vergrößert, wenn
die Populationszusammensetzung der Jugendlichen kontrolliert wird.
Auch die aufgrund der Theorie sozialer Desorganisation und der Sozial-
kapitaltheorie abgeleiteten Hypothesen für die Modelle auf der sozialen
313

Aggregatebene konnten nur teilweise bestätigt werden. So konnte gezeigt


werden, dass die kollektive Wirksamkeit der Bewohner nach Sampson u.a.
(1997), also die Norm, Konflikte selbst zu regeln, die Hellfeldrate im
Stadtviertel deutlich senkt. Je mehr also die Bewohner bereit sind, Konflik-
te selbst zu regeln, des geringer ist der Hellfeldanteil der Delinquenz –
vermutlich weil auch mehr Konflikte selbst geregelt werden. Dagegen zeig-
te sich bei den Aggregatregressionen auch der zweischneidige Einfluss des
sozialen Kapitals der Bewohner. Hier konnte kein von den Normen unab-
hängiger reduzierender Effekt auf den Hellfeldanteil mehr festgestellt wer-
den, vielmehr ist tendenziell damit zu rechnen, dass ohne kollektive Wirk-
samkeit im Stadtviertel das soziale Kapital der Bewohner die Anzeigeraten
steigert. Darüber hinaus konnte für das soziale Kapital auch auf Individual-
ebene kein direkter, linearer Effekt auf Anzeigewahrscheinlichkeit oder
Registrierungsrisiko nachgewiesen werden. Soziales Kapital hat jedoch
einen indirekten Effekt, indem es die Wahrscheinlichkeit vergrößert, dass
Opfer und Täter sich schon vor der Tat kennen und dadurch leichter zu
einer informellen Einigung gelangen können.

9.2 Bedeutung der Ergebnisse für die weitere Erforschung


der Jugendkriminalität

Die Erforschung der Jugendkriminalität lässt sich grob in drei Bereiche


aufteilen. Einerseits interessieren Zusammenhänge von Delinquenz mit
biologischen, psychologischen und sozialen Merkmalen der Jugendlichen.
Diese Analysen werden in der Regel auf der Ebene der Betrachtung von
Individuen durchgeführt und wollen „Ursachen“ von Delinquenz erklären.
Dagegen zeichnen sich die beiden anderen Bereiche, die eine Variation von
Jugenddelinquenz über den Raum bzw. die Zeit hinweg erklären wollen,
dadurch aus, dass meist Aggregatdaten benutzt werden.78 Gegenstand der
Analysen sind dann nicht mehr individuelle jugendliche Täter bzw. Taten,
sondern Kriminalitätsraten, also Anteil von Tätern an der Gesamtpopulati-
on der Jugendlichen.
Der Einfluss des Raumes auf Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko
wurde im Verlauf der Arbeit ausführlich thematisiert, so dass an dieser
78
Daneben gibt es selbstverständlich noch Verlaufsstudien, bei denen die Delin-
quenz von Individuen über die Zeit hinweg verfolgt wird, sowie Studien, die sich mit
dem Einfluss des sozialräumlichen Kontextes auf Individuen beschäftigen.
314

Stelle nichts mehr dazu gesagt zu werden braucht. Dagegen soll ein Aus-
blick zeigen, welchen Beitrag meine Befunde zur Lösung von Problemen
aus dem Bereich der Erforschung von „Ursachen“ von Delinquenz sowie
aus dem Bereich der Veränderung von Delinquenzraten über die Zeit hin-
weg leisten können.
Der sicherlich am intensivsten beforschte Bereich sind die Korrelationen
von Jugenddelinquenz mit biologischen, psychologischen und sozialen
Merkmalen der Jugendlichen, die häufig kausal interpretiert werden. Ziel
all dieser Ansätze ist es, zu erklären, weshalb Jugendliche delinquent sind,
weshalb sie aufhören, delinquent zu sein, und was Jugendliche davon ab-
hält, überhaupt delinquent zu werden. Eine Reihe von theoretischen Ansät-
zen identifizierte dabei zentrale Variablen wie Geschlecht, Alter, sozialer
Status, ethnische Zugehörigkeit, Familie und Freundeskreis der Jugendli-
chen, die Wahrscheinlichkeitsaussagen über deren Legalverhalten erlauben.
Bereits mit den ersten Dunkelfeldstudien von Nye u.a. (1958) stellte sich
jedoch heraus, dass der Prädiktor des sozialen Status der Jugendlichen bzw.
ihrer Eltern unterschiedliche Korrelationen mit Delinquenz aufweist, je
nachdem, ob Dunkelfelddaten oder Hellfelddaten betrachtet werden. Wäh-
rend sich im Dunkelfeld kaum Zusammenhänge zwischen sozialem Status
und Delinquenz ergaben, wurden im Hellfeld seit jeher erhebliche Zusam-
menhänge festgestellt. Zur Lösung dieses Widerspruchs wurden drei ver-
schiedene Erklärungen vorgeschlagen.
Hindelang u.a. (1979) kritisierten, dass Skalen der Hellfelddelinquenz
vor allem schwere Delikte messen, während Angaben zur Dunkelfelddelin-
quenz sich tendenziell auf Bagatelldelikte beziehen. Die Unterschiede in
den Korrelaten von Delinquenz zwischen Hellfeld und Dunkelfeld kommen
demnach zustande, indem zwei völlig unterschiedliche Konstrukte gemes-
sen werden.
Die Befunde von Junger (1989) legten dagegen nahe, dass sozial benach-
teiligte Jugendliche und diejenigen aus ethnischen Minderheiten eher dazu
neigen, Delinquenz und Polizeikontakte zu verschweigen. Unterschiedliche
Korrelate im Hell- und Dunkelfeld wären demnach auf die differentielle
Validität der Selbstauskünfte zurückzuführen. Dies gilt umso mehr dann,
wenn offizielle Hellfeldregistrierungen und Selbstberichte zum Hellfeld
vergleichen werden können, und somit der Kritik von Hindelang u.a.
(1979) entgangen werden kann.
Eine dritte Erklärungsmöglichkeit schließlich besteht in der Annahme,
dass selektives Anzeigeverhalten bzw. selektive Sanktionierung durch die
315

Polizei nach sozialen Merkmalen dazu führt, dass der Anteil fremdethni-
scher und sozial benachteiligter Jugendlicher im Hellfeld größer ist als im
Dunkelfeld (Brusten 1971; Mansel 1988b).
Im Licht meiner Ergebnisse kann zu dieser Debatte folgendes gesagt wer-
den. Ein wichtiges Ergebnis ist zunächst, dass die Validität der Angaben
und die Hell-Dunkelfeld-Unterschiede sich nach Deliktarten unterscheiden:
Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien bzw. mit fremdethni-
scher Herkunft weisen nur bei schweren Delikten, also bei Einbruch und
Gewalt, eine höhere Delinquenzbelastung im Dunkelfeld auf als deutsche
Jugendliche der Mittelschicht.
Sozial benachteiligte Jungen sowie jene mit fremdethnischer Herkunft
neigen im Unterschied zu deutschen Mittelschichtjungen eher dazu, leich-
tere Delikte im Dunkelfeld sowie Polizeikontakte zu verschweigen.
Daraus folgt, dass der Anteil sozial benachteiligter Jugendlicher im Dun-
kelfeld bei schweren Delikten aufgrund der Selbstauskünfte recht zuverläs-
sig eingeschätzt, bei leichten Delikten dagegen unterschätzt wird. Als wei-
teres Ergebnis meiner Arbeit kann festgehalten werden:
Das Registrierungsrisiko ist für Jugendliche, deren Eltern ein geringes
Berufsprestige haben oder ethnischen Minderheiten angehören, dagegen
nur bei leichten Delikten wie Ladendiebstahl und Diebstahl gegenüber den
deutschen Altersgenossen aus der Mittelschicht erhöht – diese machen
jedoch einen sehr hohen Anteil der gesamten registrierten Jugenddelin-
quenz aus.
Daraus folgt, dass bei schwerer Delinquenz kaum Verzerrungen zwischen
Hell- und Dunkelfeld hinsichtlich der Merkmale sozialer Status und ethni-
sche Herkunft auftreten, sondern nur bei leichter Delinquenz. Wegen der
wenig validen Angaben bei leichten Delikten ist jedoch davon auszugehen,
dass der Zusammenhang zwischen sozialem Status bzw. ethnischer Her-
kunft und Delinquenz im Dunkelfeld auch bei leichten Diebstahlsdelikten
auftreten würde, wenn die Jugendlichen wahrheitsgemäß antworten wür-
den. Es ist also davon auszugehen, dass sowohl im Dunkelfeld als auch im
Hellfeld ein Unterschied in der Delinquenzbelastung nach sozialem Status
und ethnischer Herkunft der Jugendlichen vorhanden ist, die jedoch durch
selektives Anzeigeverhalten bei Delikten wie Ladendiebstahl und Gewalt-
delinquenz im Hellfeld stärker erscheint als er tatsächlich ist.
Einen weiteren bedeutsamen Beitrag können die dargestellten Befunde
nicht nur zur Aufklärung von Hell-Dunkelfeld-Unterschieden in Korrelaten
von Delinquenz wie Ethnie und Sozialstatus liefern, sondern auch zur Er-
316

klärung zeitlicher Veränderungen von Kriminalitätsraten bei Jugenddelin-


quenz.
Im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern, die seit 20 Jahren
(England) bzw. 30 Jahren (USA) regelmäßig repräsentative Opferstudien
durchführen, wurde dies in Deutschland bisher versäumt (BMI & BMJ
2001: 6). Die Hellfeldrate, also der Anteil der polizeilich registrierten Ju-
gendlichen, steigt jedoch seit Mitte der 1980er Jahre dramatisch an. So
konnten Köllisch & Oberwittler (2004a: 54) zeigen, dass die Rate der we-
gen Gewaltdelikten registrierten Jugendlichen in Baden-Württemberg zwi-
schen 1975 und 2002 um 465% gestiegen ist, die der registrierten Kinder
sogar um 1191%. Das bedeutet, dass 2002 fast fünf Mal so viele Jugendli-
che wegen Gewaltdelikten registriert wurden und zwölf Mal so viele Kin-
der wie 1975, während der Anstieg bei Heranwachsenden im selben Zeit-
raum nur 100% betrug. Die Autoren führen empirische Belege dafür an,
dass dieser Anstieg zumindest teilweise auch auf Veränderungen im An-
zeigeverhalten zurückzuführen ist, dass also dem Anstieg im Hellfeld kein
ebenso starker Anstieg im Dunkelfeld zugrunde liegt. Köllisch & Oberwitt-
ler (2004a: 65) begründen diese Veränderungen mit einer allgemeinen
Tendenz zu formalerem Risikomanagement bei Kindern und Jugendlichen,
also einer allgemeinen Abnahme von informellen Regelungen bei Konflik-
ten zwischen Jugendlichen.
Es liegt jedoch nahe, dass den Veränderungen im Umgang mit Jugend-
kriminalität auch andere Faktoren zugrunde liegen können. So hat sich in
diesem Zeitraum die Zusammensetzung der Population der Jugendlichen
stark verändert, bedingt durch einen erheblichen Anstieg des Anteils
fremdethnischer Jugendlicher seit Anfang der 1980er Jahre und der Aus-
siedlerjugendlichen Anfang der 1990er Jahre. Während die Gastarbeiterju-
gendlichen die Zusammensetzung der Jugendlichen in Städten nachhaltig
veränderten, wurden aufgrund der staatlichen Ansiedlungspolitik Spätaus-
siedler und Flüchtlinge (z.B. der Balkankriege der 1990er Jahre) auch in
ländlichen Regionen heimisch. Dies dürfte zu einer erheblichen Zunahme
der heteroethnischen Täter-Opfer-Konstellationen zunächst in den Städten
und später auch in ländlichen Gebieten geführt haben. Die Heteroethnizität
von Täter-Opfer-Konstellationen konnte in dieser Arbeit als ein zentraler
Prädiktor dafür identifiziert werden, dass Jugendliche nicht informelle,
sondern formelle Konfliktlösungen suchen. Dies legt den Schluss nahe,
dass der Anstieg der Kriminalitätsrate bei Jugendlichen in der Polizeilichen
Kriminalstatistik in den letzten 30 Jahren zumindest teilweise auf eine Zu-
317

nahme der Anzeigerate aufgrund eines gestiegenen Anteils heteroethni-


scher Täter-Opfer-Konstellationen zurückzuführen sein könnte.
Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Frage, welche Rückkopplungsmecha-
nismen zwischen der zunehmenden „Sanktion“ von Jugendlichen durch
Anzeigen bei der Polizei und der Wirkung eben dieser Sanktion auf die
Jugendlichen besteht.
Die Untersuchung hat gezeigt, dass einige „Bagatelldelikte“ wie Laden-
diebstähle mit einem sehr hohen Registrierungsrisiko der Täter einherge-
hen. Beinahe sieben Prozent des Samples gaben an, innerhalb eines Jahres
deshalb Polizeikontakt gehabt zu haben. Es ist jedoch weitgehend offen,
welche Folgen solch exzessives Einschreiten der formellen Sozialkontrolle
sowohl für die Jugendlichen selbst, als auch deren Vorstellung von der
Wirkung und Wirksamkeit der Polizei hat. Zusammen mit der Vermutung
eines starken Anstiegs formeller Sanktionierung von Jugendlichen in den
vergangenen 30 Jahren stellt sich die Frage, ob man mit Popitz (1968: 17)
davon sprechen muss, dass Normen „stumpf werden“. Ist es vielleicht so-
gar „cool“ für Jugendliche, wegen eines Deliktes angezeigt zu werden?
Eine solche Sichtweise stellt auch den Tenor vieler Medien und populisti-
schen Politiker hierzulande in Frage, nach denen Jugendliche viel zu selten
sanktioniert werden. Vielleicht liegt das Problem ja gerade darin, dass die
Polizei zu häufig als Konfliktregulierungsinstanz herangezogen wird und
die Jugendlichen daher kognitiv nicht mehr in der Lage sind, ernste Norm-
verstöße von geringfügigen zu trennen. Hier würde sich ein interessantes
Projekt auch für qualitative Forschung auftun.
Die Befunde zum Registrierungsrisiko demonstrieren eindrücklich die
Auffassung von Popitz (1968), dass der Zusammenhalt der Gesellschaft
nicht nur trotz, sondern gerade wegen der unvollständigen Sanktionierung
von Normabweichungen nicht gefährdet ist. Zur Verdeutlichung der Norm
für alle genügt es, einige wenige Täter ins Hellfeld der formellen Sozial-
kontrolle zu holen. Dies wirft allerdings die Frage nach der ethischen
Rechtfertigung dieses sozialen Zustandes auf. Es ist fraglich, ob es einem
demokratischen Gleichheitsideal - und dem Selbstverständnis des Justizsys-
tems - entspricht, wenn zwar die entdeckten Täter tendenziell gleich be-
handelt werden, der Vorgang der Entdeckung selbst jedoch zum einen zu-
fällig gesteuert wird, zum anderen von Merkmalen der Täter abhängig ist,
die diese in den Augen von semiformeller und formeller Sozialkontrolle
verdächtiger machen als andere Täter. Es würde sicherlich der Diskussion
über Jugendkriminalität und Delinquenz im allgemeinen eine neue Wen-
318

dung geben, wenn sich die Bevölkerung darüber bewusst wäre, dass sich
Entdeckung und Sanktionierung von Taten zufällig und je nach Delikt zu
einem erheblichen Teil willkürlich über die Täterpopulation erstreckt. Hier
scheint ein Vergleich zu archaischen Riten wie dem „Sündenbock“ ange-
bracht. Ohne Mitleid wecken zu wollen muss jeder delinquente Jugendli-
che, der angezeigt wird, als Opfer der Gesellschaft betrachtet zu werden.
Stellvertretend für alle Täter wird an ihm die Norm verdeutlicht, die nicht
an allen Tätern verdeutlicht werden kann, aber auch nicht mehr existieren
könnte, würde sie an keinem Täter verdeutlicht.
319

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