You are on page 1of 6

1

„Ich kann sie doch nicht erschießen“


Unsicherheitsregime im Neoliberalismus

Von Niklas Reese

D
as kapitalistische Akkumulationsregime stößt des kapitalistischen Systems zu gefährden.1 Der Staat
an seine Grenzen: Die Grenzen des Wachs- wird dabei nicht zu einem Nachtwächterstaat abge-
tums sind erreicht, die Märkte zunehmend baut, sondern erhält im Neoliberalismus eine neue
gesättigt und auch aus ökologischen Gründen gibt es Aufgabe: eine Gesellschaft nach Gusto der Gewinner
nicht genug „for everybodies greed“. Die Wunderfor- zu schaffen, die (Noch-)Brauchbaren zu ‚aktivieren’
mel „trickle down“, die allen etwas vom immer größe- und die Überflüssigen zu kontrollieren und sie
ren Kuchen abzugeben versprach, ohne dass die Privi- zugleich zu Tätern ihres eigenen Ausschlusses zu ma-
legierten von ihren Stücken etwas abzugeben haben, chen. Dabei gilt es, drei Aufgaben zu lösen:
erweist sich als immer unrealistischer. 1. Die „Modernisierungsgewinner“ (der Arbeitssozio-
Seit zu Beginn des Industriezeitalters mittels Fabrik- loge Robert Castel nennt sie „die Integrierten“) sollen
disziplin und Arbeitshäusern den niederen Klassen die ihre Privilegien ohne Gewissensbisse genießen kön-
bürgerliche Arbeitsmoral anerzogen wurde, ist Arbeit nen – und das möglichst ungestört durch jene, denen
mehr und mehr zu einem Modus der Generalinklusion der Zugang in den Tanzsalons des Bootes, das als voll
der Bevölkerung geworden. Im fordistischen Klassen- gilt, verwehrt wird.
kompromiss fungierten expandierende Arbeitsmärkte, Gravierende soziale Ungleichheit soll erträglich ge-
und wohlfahrtsstaatliche Absicherungen als Integrati- macht werden; die Modernisierungsgewinner lernen,
onsmaschine, der durch die Steigerung der Massen- "was sie vor zwei Jahrzehnten nur im Auslandsurlaub
kaufkraft möglich gewordene Massenkonsum stellte können mußten, nämlich: im Angesicht der Armut
Normalisierung und soziale Disziplin sicher. Da aller- anderer den eigenen Wohlstand leben."2
dings immer mehr überflüssig werden, macht es kei- 2. Wer noch gebraucht wird, muss nicht nur bei der
nen Sinn, sie zu (re)integrieren. Stange gehalten werden, sondern soll – möglichst aus
Solange man dem Kapitalismus nicht wirksam in die freien Stücken - dem verschärften Mobilisierungsbe-
Speichen fällt, wird sich die Spaltung der Gesellschaft fehl Folge leisten (Castel nennt diese Gruppe[n]„die
fortsetzen, in einen Hochleistungsbereich einerseits Verwundbaren“)
und Dienstboten mit nach unten offenen Lohnskala 3. Die Überflüssigen (bzw. „die Ausgeschlossenen“ -
andererseits, in einen weltmarkttauglichen Hochkom- Castel) hingegen müssen in Schach gehalten zu wer-
petenzbereich und Menschen mit rationalisierungsge- den, damit sie die Spielfiguren nicht einfach um-
fährdeten Arbeitsplätzen; in Workaholics und Über- schmeißen.3
flüssige.
1
Tony Evans: The Politics of Human Rights, London, 2001
„Regierung der Zukunft“ 2 Friedhelm Hengsbach / Matthias Möhring-Hesse: Solidarität in der
Krise -IN: Dies.: Eure Armut kotzt uns an, Frankfurt, 1995, S. 7 - 19.,
So bedarf es einer neuen „Gouvernementalität“, um S. 9.
die Gesellschaften weiter regierbar zu machen. Es wird 3
An dieser Stelle müsste auch eine Antwort auf die delikate und dif-
- so der britische Politologe Tony Evans - zu einer der fizile Frage gefunden werden, wie realistisch die Angst vor (bzw. auf
zentralen Gestaltungsaufgaben des Staates, den Aus- linker Seite die Hoffnung auf) den „Aufstand der Verdammten“ ist.
schluss eines wachsenden Teils der Bevölkerung aus Gleiches gilt für die damit zusammenhängende Frage, für wie nütz-
lich für die Festigung der Gesellschaft die Konstruktion eines ‚inne-
der formellen Ökonomie und ihre Abdrängung in die
ren Feindes’ in Form ‚gefährlicher Klassen’ gehalten wird, die virtu-
Informalität (Unsicherheit und Marginalisierung) oder ell die soziale Ordnung angreifen und gegen die es ‚die Gesellschaft’
die Arbeitslosigkeit (Überflüssigsein bzw. Bereithalten (mit der sich das Bürgertum schon immer gerne gleichgesetzt hat)
als Reservearmee) zu möglichst geringen gesellschaft- zu verteidigen gilt.
lichen Kosten zu bewerkstelligen, ohne die Stabilität

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus


2

genseitige Verpflichtungen“ (wie dem ‚Eingliede-


Selber schuld rungsvertrag’) vorsehen. 6
Sozialpolitik wird nun (gerade in Kombination mit ei-
Weil sich „aus Sicht des Liberalismus die direkte Be-
ner inhaltlichen Ausrichtung von Bildung am Markt
herrschung der Subjekte als unproduktiv er-
und der Begrenzung von Gesundheitsdienstleistungen
weist“(Sven Opitz), sondern sich die politischen Ziele
auf „das Wesentliche“) als “Sprungbrett” verstanden. 7
durch individuelle Selbstverwirklichung bzw. Selbst-
Während das fordistische Regime auf die Kontinuität
ausbeutung ökonomischer und effizienter realisieren
der Lebensläufe und Statussicherung der Individuen
lassen, ist es für neoliberale Regierungsweise zentral,
ausgerichtet war, zielt die Idee des aktivierenden Staa-
die Verantwortung und Zuständigkeit von formeller,
tes auf eine Regulation der Diskontinuitäten und Brü-
staatlicher Regierung an individuelle Subjekte zu dele-
che (Modulation).
gieren (Responsibilisierung). Regieren bedeutet nun
Aktivierung von Engagement (Mobilisierung) und der
1. Wellness der Gewinner
Entscheidungsbereitschaft des Einzelnen (Empower-
ment) unter dem Signum von Eigenverantwortung, Wer bezahlt, bestimmt! Wo nicht in erster Linie Rech-
Eigenständigkeit und Eigeninitiative. Die Figur des ak- te, sondern die Kaufkraft über Bedürfnisbefriedigung
tiven Selbstunternehmers, der ein „Projekt aus sich entscheidet, sind es die „Modernisierungsgewinner“,
selbst” macht, wird zum Vor- oder Leitbild der neoli- an deren Interessen, an deren Nachfrage sich Gesell-
beralen Subjektivierung bzw. zum Persönlichkeitsmo- schaft und Warenproduktion zu orientieren haben.
dell des Neoliberalismus. (Dieses selbstverantwortliche Es gilt die „Lebensqualität jener Gruppen, die am
Subjekt kann auch ein kollektives Subjekt sein - com- durchsetzungsfähigsten sind“ (Holger Ziegler)8 zu
munities, wie zum Beispiel Familien, Nachbarschaften verbessern. Ob mensch ein gutes Leben führen kann
und alle möglichen Initiativen.) 4 (bzw. es überhaupt leben darf) wird wieder expliziter
Rahmenbedingungen werden als unveränderlich aus- mit den Kosten-Nutzen-Kalkülen der Kaufkräftigen
gegeben und auch so wahrgenommen. Statt soziale begründet. Bis in linke Kreise hinein wird mit „unse-
Probleme zu lösen, geht es darum, persönliche Prob- rem wohlverstandenen Eigeninteresse“ argumentiert,
leme erfolgreich zu managen und produktiv zu nut- dass sich die Risiken von ‚Menschenfluten’ und ‚Ar-
zen. Der Fokus ist völlig von Mangelzuständen weg mutsterrorismus’ nur dann vermeiden liessen, wenn es
(deren Behebung erhebliche Umverteilung erfordert) zu einer gerechteren und ökologischeren Weltord-
hin auf Hindernisse (die beseitigt werden können, oh- nung komme –.statt diese mit den Eigenrechten von
ne dass Dritte Opfer bringen müssen) verschoben wor- Menschen und Natur zu begründen.
den. Überdies behauptet neoliberale ‚Regierung’, dass eine
Empowerment und „Blame the victim“ sind zwei Sei- die Modernisierungsgewinner privilegierende Politik
ten derselben Medaille. Eigenes Leben, eigener Erfolg, im Interesse aller sei. Allerdings wird nicht mehr wie
eigenes Scheitern. „Exklusion wird als Ergebnis eines noch beim „trickle down“ versprochen, dass schließ-
sozialen Selbstmordes, nicht einer sozialen Hinrich- lich „Wohlstand für alle“ folge, sondern, dass die ‚leis-
tung präsentiert.“ (Zygmunt Bauman) Die Armen und tungsfähige Elite’, die ‚Kompetenzintensivsten’, „alle
Fremden werden nicht nur kriminalisiert und patho-
logisiert, sondern ebenso moralisiert.5 6 Zum Paradigmenwechsel von “entitlement to obligation” siehe
Statt von unbedingten Bürger- und Menschenrechten Yvonne Hartmann: In Bed with Enemy - Some Ideas on the Con-
wird verstärkt von „Sozialpflichten“ sowie bedingten nection between Neoliberalism and the Welfare State, Current Soci-
ology, January 2005, S. 57-73.
und widerruflichen "Kundenrechten" ausgegangen, die
7
Ziegler weist daraufhin, dass von dieser Aktivierung v.a. die ohne-
als Vertragsleistung verstanden werden und daher „ge-
hin Privilegierten profitieren: „Der Zynismus des ‚aktivierenden
Staates‘ (…)besteht darin, die Freiheit der Freien zu vergrößern, die
4
Siehe dazu: Niklas Reese: Subjektivitäten ins Zentrum stellen, 2005 Aktiven, die am wenigsten der Hilfe bedürfen, zu unterstützen. und
– unter: http://dialektik-ohne- die, die Hilfe bräuchten, zu marginalisieren und zu bestrafen.“ (S.36)
hektik.blogspot.com/2006/03/subjektivitaeten-ins-zentrum- Näheres zum Konzept des neoliberalen Sozial- und Entwicklungs-
stellen.html staates: Niklas Reese: Human Security, Livelihood und Responsibili-
5 Die Verlierer/innen werden allerdings, darauf weist Michel hin, sierung, 2005 – unter: asienhaus.de/public/archiv/SP-
„innerhalb der gegenwärtigen Projekte wie Agenda 2010 und Hartz Soziale%20Sicherung-allgemein.pdf
nicht mehr nur als „‘Täterinnen‘, die potenziell den Sozialstaat 8 Siehe ders.: Drei Mann in einem Boot, Widersprüche Heft
betrügen [verstanden]. Sie werden zusätzlich als ‘Opfer‘“ einer ent- 82(2001), S. 25-38.
mächtigenden staatlichen Vorsorgepolitik dargestellt.“ (a.a.O., 71)

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus


3

anderen mitziehen“ (Merkel in ihrer Regierungserklä- Das Problem: Die Verlierer/innen lassen sich zwar in
rung 2005). den Theorien ausblenden, in realiter stellen sie aber
Zur ‚Standortsicherung’ und ‚Verbesserung des Investi- sozialen Sprengstoff für die Zukunftsgesellschaft der
tionsklimas’ gehört nicht allein die Sicherstellung ka- Modernisierungsgewinner dar. „Die Gesellschaft“ (mit
pitalfreundliche Rahmenbedingungen. Auch Sicher- der sich das Bürgertum und die Modernisierungsge-
heit und ‚Lebensqualität’ werden zu ‚weichen Stand- winner seit jeher gerne gleichsetzen) muss sich etwas
ortfaktoren. einfallen lassen, wie sie mit einer stetig steigenden
Immer öfter ist zu hören, dass „man die Ängste der Zahl von Freigesetzten und der wachsenden Sockelar-
Bürger ernst nehmen muss“. Doch geht es nicht nur beitslosigkeit, die sie für unvermeidbar hält, umgeht.
darum, auf die zunehmend gefühlte Bedrohung der In einer Reaktion auf eine Beschwerde über die 'ge-
persönlichen Sicherheit zu reagieren (die nicht mit schäftsschädigende Wirkung' von Obdachlosen brach-
tatsächlich zugenommener Unsicherheit korreliert). te 1996 die damalige Hanauer Oberbürgermeisterin
„Als Prestigesymbol“, so der Städteforscher Mike Davis das Dilemma der Modernisierungsgewinner auf den
(nach Michel), „hat ‘Sicherheit‘ weniger mit der per- Punkt: "Ich kann die Leute doch nicht erschießen."
sönlichen Sicherheit zu tun als damit, inwieweit man
beim Wohnen, bei der Arbeit, beim Konsum und beim 2. Disziplinieren
Reisen persönlich von ‘abstoßenden‘ Menschen (…)
Der Neoliberalismus führt nicht – anders als vielfach
abgeschirmt ist.“ Was ‚man’ nicht sehen will, wird ab-
scheinbar postuliert – zur Allgegenwart der Kontroll-
geschoben, eingesperrt, in bestimmten Häusern (Dro-
gesellschaft (siehe Kasten). Nicht jede/r gilt nun als
gencafés oder die armenspeisenden „Tafeln“) konzent-
potentielles Risiko, das es vorzubeugen und abzuweh-
riert. Es gilt, all das unsichtbar zu machen, was poten-
ren gelte. Die Zugehörigkeit zu ‚Risikopopulationen’
tielle Investoren und den Blick der Faneure und Tou-
und der Aufenthalt an gefährlichen Orten bleibt ein
ristinnen (Bauman) unästhetisch finden. Die deutsche
wichtiges Kriterium von Überwachung, Vertreibung
Bahn nennt ihre repressiven Hausordnungen gegen-
und Bestrafung. Es kommt seltenst zu verdachtsunab-
über Randgruppen folgerichtig auch „unser Wohl-
hängigen Jedermannskontrollen, Kontrollen sind stark
fühlprogramm“.
von Rasse, Klasse (und Geschlecht) bestimmt.
Zugleich kommt es zu einer selektiven Vergemein-
Zugleich bedeutet Neoliberalismus auch nicht das En-
schaftung: Die zunehmende Abschottung der Gewin-
de der Disziplinargesellschaft. Wer nur irgendwie sei-
ner in exklusiven Räumen (von Clubs, Einkaufspassa-
ne Haut zu Markte tragen kann, muss dies tun; über
gen, [Hochbegabten-]Schulen bis hin zu ganzen Stadt-
Arbeitsbedingungen und Sinnhaftigkeit der Arbeit re-
teilen), die meist über die sanfte Form der höheren
det man dabei nicht mehr, über Löhne dürfen nur die-
Kaufkraft geschieht, findet in gated communities nur
jenigen reden, die noch zu den halbwegs gesichert Be-
ihren deutlichsten Ausdruck. Bei der vielbeschwore-
schäftigten gehören.
nen Wiederentdeckung des Gemeinsinns und dem
Unsichere Beschäftigungsverhältnisse drohen auch
verstärkten Bürgerengagement werden die Milieu-
zunehmend denen, die sich noch auf der sicheren Seite
schranken selten überwunden, um eine Gegenbewe-
wähnen. Stammbelegschaften haben die Arbeitsreali-
gung zur neoliberalen Spaltung der Gesellschaft han-
tät der Leiharbeiterinnen und Projektmitarbeiter, der
delt es sich kaum.
Aushilfskräfte und abhängig Selbständigen stets vor
Aus den Augen, aus dem Sinn – nur so lässt sich die
Augen. Das wirkt disziplinierend – ähnlich wie das,
Fiktion der Gleichen weiterhin aufrechterhalten, die
was die ‚Regierung’ mit denen macht, die raus gefallen
der ökonomischen Theorie zugrunde liegt. Gleiche
sind und schließlich als „Case“ von der ARGE gema-
Tausch- und Verhandlungspartner werden hier vor-
nagt werden.
ausgesetzt, die Marginalisierten, die als unmittelbare
Den Prekarisierten wiederum versucht man einzure-
Interaktionspartner wenig Attraktivität besitzen, da-
den, eine Rückkehr in die „Zone der Integration“ sei
gegen ausgeblendet. So kann der Ex-Präsident des BDI,
möglich - was nur für einzelne „Glückliche“ auch zu-
Hans-Olaf Henkel scheinbar unschuldig dazu auffor-
trifft. Du kannst es schaffen, wenn du dich nur richtig
dern „auf die Straße zu gehen und (sie zu) suchen, die
bemühst, so der appellative Duktus. Jedem Erfolgsver-
Armen, ich finde sie nicht“ (Obdachlosenzeitschrift
sprechen folgt allerdings eine Drohung: Wenn du dich
stra/z im Dezember 2000).9

wird, muss auch nicht begegnet werden.“ (Jan Wehrheim: Raum-


9 „Mit dem Verschwinden der Armen verschwinden auch Themen kontrolle – in: Widersprüche, Heft 86 (2002), S. 21-37, S. 25; S. 33f.)
aus der Öffentlichkeit. (…)Einer Armut, die nicht wahrgenommen

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus


4

übung von Selbstkontrolle der Integrierten und nach


Zahlreiche Autor/innen gehen davon aus, dass es Integration Strebenden.11
kennzeichnend für den Neoliberalismus sei, dass Zugleich plagt die Verwundbaren die Angst vor An-
aus einem konkreten auf potentielle Täter gerichte- steckung: Die Individualisierung der Schuld am sozia-
ten Verdacht ein allgemeiner Verdacht abweichen- len Ausschluss ist sozialpsychologisch gerade eine
den Verhaltens - und damit eine Tatorientierung - Strategie der (Noch-)Arbeitsplatzbesitzer. Durch eine
geworden sei. Dabei wird auf den rational-choice- Betonung einer Unähnlichkeit zwischen Arbeitslosen
Ansatz zurückgegriffen, der konstitutiv für das neo- und ihrer eigener Lage, versuchen sie, die Illusion der
liberale Menschenbild ist, und in dem Abweichung Kontrolle des eigenen Arbeitsplatzrisikos mittels
und Straftat nur als Frage des Preises bzw. des mög- Wohlverhaltens aufrechtzuerhalten - und zugleich die
lichen Gewinns betrachtet wird. Die Tat werde eigene günstigere Situation zu legitimieren.12
nicht mehr als Symptom für ein tieferliegendes
Problem gesehen, sondern als das eigentliche Prob- 3. Abspeisung, Kontrolle, Repression
lem. Statt Probleme zu lösen würden diese nun
durch Kontrolle verwaltet. Zum einen aber sollte Was aber mit jenen Menschen tun, die nicht mehr ge-
ein solcher Präventionsansatz nicht verabsolutiert braucht und als "Abfall von der Moderne produziert"
werden, zum anderen steckte er auch schon hinter (Zygmunt Bauman) werden, für dessen ‚Produktion’
Praktiken wie „Schutzhaft“, „Vorbeugehaft“, dem der Kapitalismus aber keine Verantwortung mehr ü-
„Bewahrungsansatz“ und schließlich auch in der bernehmen möchte? Es genügt nicht, durch das Be-
Vernichtung von „Gemeinschaftsfremden“. schwören von Konkurrenz, durch Rassismus und Ar-
Zurecht verweisen Tilman Lutz und Katja Thane dar- mutsverachtung ihre soziale Ausschließung zu legiti-
auf hin, dass wir es nicht mit dem bloßen Übergang mieren oder durch eine billige moralische Anpreisung
von Disziplinargesellschaft (mit ihrem Fokus auf Mo- von Verzicht, Bescheidenheit und Gemeinsinn soziale
ralisierung und Normalisierung, Dressur, Bestrafung Reparaturmechanismen anzurufen, die im Laufe des
und Besserung) zu Kontrollgesellschaft (mit ihrer Fo- Kapitalismus funktionsuntüchtig gemacht wurden.
kussierung auf Herstellung von Sicherheit, Präventi- Man könnte 'Versorgungsklassen' (Rainer Lepsius) ei-
on, Exklusion und dem Management ‚gefährlicher nen "Abfindungspreis fürs Mitspielen" anbieten. Der
Gruppen’) zu tun haben – eine These, die sich bürgerliche Wohlfahrtsstaat baut jedoch auf der „vor-
durch die Gouvernementalitätsliteratur zieht. (Dies.: rangigen Pflicht des einzelnen, durch Arbeit, Eigen-
Alles Risiko oder was? – Sicherheitsdiskurse zwi- tum oder Familie für sich selbst zu sorgen“13, auf. Die-
schen Rationalität und Moral – in: Widersprüche,
Heft 86 (2002), S. 9-20.) 11
Die Allgegenwart des Panoptikums in heutigen betrieblichen
Führungstechniken skizziert Opitz, 126ff.
12 Siehe: Thomas Kieselbach: Arbeitslosigkeit als psychologisches
nicht bemühst, dann wirst du scheitern und selber
Problem - auf individueller und gesellschaftlicher Ebene -IN: Leo
schuld sein. Montada (Hrsg.): Arbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit, Frank-
Den Anschluss an die „Zone der Normalität“ noch furt, 1994, S. 233-263.
immer vor Augen, müssen sie alle Energien mobilisie- 13 Christoph Sachße und Florian Tennstedt bringen in ihrer Ge-
ren und zu allem bereit sein, um den Sprung ‚nach o- schichte der Armenfürsorge das Grundprinzip der bürgerlichen Ge-
ben’ vielleicht doch noch zu schaffen. Gleichzeitig sellschaft so auf den Punkt:„Die bürgerliche Gesellschaft und der
sind permanente Anstrengungen nötig, um einen dau- von ihr entwickelte Wohlfahrtsstaat basieren auf dem Vorrang der
privaten Reproduktion, d.h. der vorrangigen Pflicht des einzelnen,
erhaften sozialen Abstieg zu vermeiden.10 Im Kern er- durch Arbeit, Eigentum oder Familie für sich selbst zu sorgen. Nur
weist sich die veheißene Selbstverantwortung für die wo dies aus gesellschaftlich anerkannten Gründen nicht geschehen
Betroffenen als Zumutung. kann, erfahrt der Einzelne öffentliche Unterstützung. Jedes System
Kontrolltechnologien dienen daher möglicherweise der Fürsorge in der bürgerlichen Gesellschaft muß daher sicherstel-
weniger der Kontrolle der als gefährlich etikettierte len, daß das Individuum nur aus solchen anerkannten Gründen Un-
terstützung erfährt. Die Fürsorge muß die würdigen von den un-
Gruppen (von denen viele längst Strategien gefunden
würdigen Armen unterscheiden, die würdigen werden unterstutzt,
haben, die Kontrolle zu umgehen), sondern der Ein- die unwürdigen ausgegrenzt. (…) Die als würdig unterstützten Ar-
men bleiben Objekte hoheitlichen Zwanges: Arbeitszwang, Ein-
10
Siehe Klaus Dörre und Tatjana Fuchs: Prekarität und soziale (Des- schränkung von Freizügigkeit, Verlust des Wahlrechts und der bür-
)Integration in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 16.9.2005 - gerlichen Ehrenrechte.“ (Band III, Stuttgart, 1992, S.261) Ergänzend
unter: linksnet.de/artikel.php?id=1940 zitieren sie in Band II (S. 255) den Sozialpolitiker Karl Flach: „ausge-
führt: »Unsere Gesellschaft beruht auf Arbeitsvertrag und Familie,
nicht auf der Armenpflege. Jede Art der Armenpflege, die es erleich-

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus


5

se „Pflicht“ fungiert als Disziplinierungsinstrument für ten sollen. Die Dialektik von Hilfe und Kontrolle, von
die „Verwundbaren“, sie kann daher nicht aufgegeben moralischer Erziehung zwecks Reintegration und Ü-
werden, selbst wenn sie immer weniger einlösbar ist. berwachung, die seit jeher Sozialpolitik und Sozialar-
Ein „Abfindungspreis“ darf höchstens am Existenzmi- beit geprägt hat, wird neu justiert: Immer weniger Hil-
nimum liegen – und muss mit „Beschäftigungsmaß- fe für die ‚gefährlichen Klassen’, immer mehr Kontrol-
nahmen“ à la Ein-Euro-Jobs einhergehen. Als „absolu- le der ‚gefährlichen Klassen’.
te Arme“ können nur die auf ein Gnadenbrot hoffen, Die ‚überflüssige Bevölkerung’ wird ghettoisiert – und
die als „würdige Arme“ betrachtet werden: Alte, Kran- kriminalisiert. Kriminalisiert, um ihre Anliegen gesell-
ke, Tsunamiopfer oder andere zweifelsfrei „Arbeitsun- schaftlich zu delegitimieren und ihnen selber ihr sub-
fähige“. jektives Unrechtsgefühl auszureden – ghettoisiert, um
Sicherheitsproduktion und Repression setzen dort ein, sie zu kontrollieren und zugleich den Modernisie-
wo Selbstführung nicht hergestellt werden kann. ‚Ak- rungsgewinnern ihre Präsenz nicht zuzumuten. Zero-
tivierungsresistente’ Individuen verkörpern eine Be- Tolerance-Rudy Giuliani sprach einst von „Delikten
drohung des Sozialen. Wer nicht spurt, indem er sich gegen die Lebensqualität“, gegen die mit Null Toleranz
‚Beschäftigungsverhältnissen’ unterwirft, die „keinen vorgegangen werden müsse.
Raum für Unfug lassen“ (Zygmunt Baumann) oder sich Fast alles ist erlaubt, um die „gefährlichen Überflüssi-
den Empowerment-Strategien verweigert, wird durch gen“ abzuwehren. Verschärfte Gesetze, höhere Ge-
Leistungsentzug und den Druck der Behörden daran fängnisstrafen, mehr Kompetenzen für die Sicher-
erinnert, dass auch Fremdführung zum Bestandteil heitsorgane, Lager und Rechtsverweigerung für
neoliberaler Regierungstechniken gehört. Wer sich Migrant/innen, der Ausbau der ‚Festung Europa, Be-
nicht mit dem Devianzvertrag aus Fördern (Armenfür- tretungsverbote, Zero Tolerance, die Verpolizeili-
sorge) und Fordern (Armenkontrolle) zufrieden gibt, chung von Militärinterventionen oder die Einschrän-
wird zu einer potentiellen öffentlichen Gefahr. kung des Datenschutzes. Besonders aus dem bürgerli-
Wo die herrschende „Sicht der Dinge“ nicht mehr ak- chen Lager werden die Rufe nach Videoüberwachung
zeptiert wird und die Beherrschten "sich (nicht mehr) und mehr Polizei immer lauter. Präventiv gilt es alles
selbst beherrschen im Interesse der Herrschenden" auszuschließen, was irgend zum „Risiko“ werden
(Paolo Freire), bedarf es der offenen Anwendung von könnte. Musterfall dafür: die Figur des „Schläfers“
Zwang und Gewalt. Weniger Sozialstaat heißt mehr Noch gibt sich das System mit der Ausschließung von
Polizeistaat. 14 bestimmten Räumen zufrieden, während, dass was au-
Für die ‚Oberen’ die Freiheit, das heißt wirtschaftsli- ßerhalb dieser Kontrollräume geschieht, ohne Belang
berale Staatsabstinenz, etwa in punkto Steuererhe- bleibt. Noch wird allen ein Platz, an dem sie nicht stö-
bung; für die ‚Unteren’ Staatspräsenz und Intoleranz ren, zugestanden, die als ‚ungefährlich’ angesehen
gegenüber bestimmten öffentlichen Verhaltensweisen werden können und solche, die sich nicht “schuldig“
jener Bevölkerungsteile, die von Unterbeschäftigung machen.“( Helga Cremer-Schäfer) Die Ausmerze von
und unsicheren Arbeitsverhältnissen einerseits und “Überflüssigen“, „Minderwertigen“ und “gefährlichen“
vom Abbau der sozialen Sicherung andrerseits in die Menschen“, „Asozialen“ und „Gemeinschaftsfremden“
Zange genommen werden. die schließlich zu “Feinden“ stilisiert werden, ist noch
vorwiegend Schicksal von Straßenkindern in Rio de
Vorbeugen ist besser als Heilen Janeiro oder Davao. 15
In Zeiten des Sozialabbaus ist „Gefahrenabwehr“ eine
15 Die Diskussionen um das „Feindstrafrecht“, das der Bonner Straf-
eindämmende Reaktion auf Unruhe und kommt in
rechtsprofessor Günther Jacobs seit längerem vorantreibt, weist al-
Gestalt von Feuerwehrmaßnahmen daher, die die lerdings in eine andere Richtung: „Wer keine hinreichende Sicher-
Ausgeschlossenen zu niedrigen Preisen im Zaum hal- heit personalen Verhaltens leistet, kann nicht nur nicht erwarten,
noch als Person behandelt zu werden, sondern der Staat dort ihn
tert oder gar dazu verlockt, daß jemand die Unterhaltung der Seinen auch nicht mehr als Person behandeln, weil er ansonsten das Recht
von sich abwälzt, ist schädlich und verderblich im höchsten Grade.“ auf Sicherheit der anderen Personen verletzen würde.“ (Nach Hei-
14 ner Bielfeldt: Folter im Rechtsstaat, Blätter für deutsche und inter-
‚Sicherheit’ wird zudem zur Ersatzlegitimation eines Staates, der
nationale Politik, 8/2004, S. 954.) So haben auch die Militärdiktatu-
sich durch Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und
ren in Lateinamerika Folter und Verschwindenlassen begründet.
Weltmarktorientierung selbst kastriert hat. Auf dem Gebiet der Si-
cherheitspolitik kann der Staat noch Souveränität inszenieren, die er
auf dem Gebiet der Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik
längst aufgegeben hat.

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus


6

Tina
Neoliberale Wirtschaftspolitik muss legitimiert und durchgesetzt werden, um sie gesellschaftlich akzeptabel bzw. un-
umgänglich zu machen und das gesellschaftliche Konfliktpotential zu minimieren. Formale Demokratie - Evans nennt
sie Demokratie niedriger Intenstität (low-insensity-democracy) - ist dabei die praktischste Lösung, kann doch argu-
mentiert werden, dass die Beherrschten dieser Politik selber zugestimmt haben. Dabei greifen Politiker/innen und
Wirtschaftsbosse auf ein breiten Argumentationsfundus zurück: Menschenrechte, Entwicklung, die individuelle, poli-
tische und wirtschaftliche Freiheit, Demokratie oder aber Sicherheit und Repression.
Die Ausschlussmaschine Kapitalismus darf nicht in Frage gestellt werden. Andere Wege der Integration wie die Um-
verteilung der Arbeitszeit im Norden oder eine gerechtere Ressourcenverteilung werden weltweit undenkbar ge-
macht. „Durchregieren“ heißt die Devise. Jahrelang erklärte Gerhard Schröder nach jeder verlorenen Wahl, die Men-
schen hätten das Programm eben noch nicht verstanden. Und als das nicht fruchtete, wurden eben Neuwahlen an-
gesetzt. „Wir können uns trotz aller Wahlen kein einziges verlorenes Jahr für die Erneuerung Deutschlands mehr leis-
ten. Wir brauchen den Mut zu Initiativen, die den Weg der Erneuerung konsequent fortschreiben“, betonte Bundes-
präsident Köhler in der Begründung seiner Auflösung des Bundestages am 21.7.2005. Dabei seien auch „andere
wünschenswerte Ziele zurückzustellen“. (1) Massive Wahlenthaltungen wie jüngst bei den Landtagswahlen am 26.
März werden nicht als Resignation ob der Alternativlosigkeit gelesen sondern als Zustimmung zum System. „Die Leute
sind halt zufrieden.“ (NRW-Ministerpräsident Rüttgers)
Wo Willensbekundungen des Souveräns in die Quere kommen, werden diese für irrelevant erklärt: In Hamburg im
Februar 2004 fand ein Volksentscheid gegen Privatisierung eine Mehrheit von 76,8% (was 50% aller Abstimmungsbe-
rechtigten gewesen sind – eine bis zu doppelt so hohe Legitimation wie die mit der die meisten Landesregierungen
in der BRD regieren). Die Hamburger Bürgerschaft setzte ihren Privatisierungskurs dennoch fort – und bekam vom
Hamburger Verfassungsgericht Recht: „Entscheidungen des Volksgesetzgebers genössen keinen Vorrang vor jenen
des Parlaments“(Quelle: Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2006, S. 363)
Damit nähert sich die Regierungsweise bei uns der an, die in Länder des Südens schon lange anzutreffen ist. Neolibe-
ral ‚regierte’ Staaten, die auch auf das modernistische Entwicklungsparadigma zurückgreifen, haben in der Begrün-
dung ihrer Politik einiges mit den asiatischen Entwicklungsdiktaturen, den autoritären Verfechtern der ‘asiatischen
Werte’, gemein. Hier wie dort definieren und implementieren Experten „wissenschaftlich“ und nicht die Menschen
auf demokratischem Wege, was als Entwicklung gelten und als gesellschaftliches Ziel angestrebt werden soll. Öko-
nomisches Wachstum und der verengte Entwicklungsbegriff des Ökonomismus dienen als Rechtfertigung für die Ver-
letzung von Menschenrechten, notwendige Opfer, um den ‘großen Sprung nach vorne’, den big push, zuwege zu
bringen. Asiatische NGOs reden von „Entwicklungsaggression“, wenn mit polizeilicher und militärischer Gewalt die-
ser Weg durchgesetzt wird.. Yash Ghai sprach 1996 in Bangkok auf dem ersten ASEM-Gegengipfel von einer “unholy
alliance, consolidated around the acceptance of the `virtues of the market' and by a close identity of economic and
political interests between west and Asian states. (
(1) Die neoliberalen Denkfabriken sind sich sehr wohl über die »unerwünschten Nebenwirkungen« ihrer Politik wie „steigende Kriminalitätsraten, eine
sinkende Lebenserwartung sowie die Entstehung städtischer Armutsgebiete als Effekte einer noch stärkeren Polarisierung zwischen arm und reich“ im
Klaren. All das sei im Namen der Reform jedoch „unvermeidbar“. (aus der Bericht der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sach-
sen nach Opitz, 146)

Niklas Reese: Unsicherheitsregime im Neoliberalismus