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China scheitert an der Wahrheit

Ein Fragment

Markus Semm

Chinese philosophy has no concept of truth. So lautet der wiederholt


vorgetragene Satz in der von Chad Hansen veröffentlichten Studie
‘Chinese Language, Chinese Philosophy, and "Truth"’ (1985)1. Das
Wort Truth wird in Anführungszeichen gesetzt – und das mit Bedacht.
Denn die Chinesen haben kein Wort oder Zeichen das unserem Wort
für Wahrheit entspricht. Darauf entbrannte eine heftige Debatte (hotly
debate, Brons 20162). Das verwundert nicht: Denn wenn eine ganze
Sprache oder ein Zeichensystem in den Nebel des Undurchsichtigen
gestossen und des Fehlens einer wahr/falsch Dichotomie bezichtigt wird,
hat das ein hohes Empörungspotential. Aber die Debatte endete
aporetisch. So konstatiert Brons nach dreissig Jahren: In case of ancient
Chinese philosophy, several candidates for ·truth· have been suggested in the
literature. Most prominent are 真 zhen, 實 shi, 是 shi, 然 ran, 當 dang,
and perhaps 可 ke. Das heisst: Es gibt Kandidaten, aber keinen Treffer.
Kein Zufall ist, dass Brons als erstes Zeichen 真(zhen) auflistet und
damit favorisiert. Gibt man 真 (zhen) in den uns allen zugänglichen
Google Übersetzer ein, gibt er ‘réel’ (fr. ohne Auswahl), ‘Real’ (dt. ohne
Auswahl) und für Englisch das an:

1
https://www.researchgate.net/publication/259374356_Chinese_Language_Chinese_Philosophy_and_Truth
2
http://www.lajosbrons.net/wp/TruthChina.pdf

[1]
Die Übersetzung genuine gibt den Hinweis: Die chinesische
Umgangsprache kennt – wie unsere – die Wendungen ‘echtes,
wirkliches, wahres Gold’ (ist man Chinesin, darf Gold gern auch durch
Gucci ersetzt werden), – auch Wendungen wie: 你真漂亮 (nǐ zhēn piào
liang) ‘Du bist wirklich schön’, oder 真價 (zhēn jià) ‘realer Preis’ deuten
auf diese umgangssprachlichen Bedeutungen hin.
Aber: Das Chinesische bringt es nicht zu einer Korrespondenztheorie der
Wahrheit, in der ein Satz als wahr gilt, wenn er sich an einen Sachverhalt
anmisst und ihn korrekt wiedergibt 3. Die veritas, die Forderung der
adaequatio intellectus ad rem, die das westliche Denken charakterisiert, ist
der chinesischen Kultur fremd.
Wer nach einem Überbleibsel dieser unserer westlichen Tradition sucht,
findet es leicht in der – allseits beliebten – Figur des Faktencheckers
unserer Medien. In China gibt es keine Faktenchecker.
3
Die Nicht-Existenz einer copula im Chinesischen wird nicht als Begründung dieses Fehls akzeptiert.

[2]
Man kennt Äsops Fabel vom Fuchs und den (sauren) Trauben. Ähnlich
schlau geht nun ein neuerer Text zur Etymologie von 真 (zhēn) vor.
Statt das Zeichen als möglichen Kandidaten für die abendländische
veritas zu inszenieren, wird es mit dem griechischen Wort Ἀλήθεια
(Alḗtheia, dt. Wahrheit) parallelisiert. Der Titel des Aufsatzes lautet: The
beginning of the Eastern truth: The cultural elucidation [Erhellung] of the
truth 真 zhen (Youngsam Ha, 2019 4). Darin macht der Autor zunächst
zwei Dinge klar: Es gibt eine ‘mainstream Western philosophy’ die die
Korrespondenztheorie der Wahrheit favorisiere und mit dieser gehe eine
‘Denigration’ [Verunglimpfung] des östlichen Denkens einher. Wörtlich
heisst es, bezugnehmend auf Heidegger und die etymologische Analyse
vorwegnehmend: This [贞 zheēn] is no different from aletheia, meaning
‘truth’ in Greek – that is, unconcealment (Unverborgenheit) revealing
something concealed (letheia). Der Autor führt die griechische Ἀλήθεια
(Unverborgenheit) als Konkurrentin und Vorläuferin der veritas ins Feld
– ähnlich wie das vor ihm bereits postmoderne Denker getan hätten, die
den Ursprung der Wahrheit eher in der aletheia rather than veritas
gesucht hätten wenn sie die Moderne kritisierten (criticized modern
times). Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass dieser Vorgang durch
den Eintritt Chinas in die Geschichte grundiert sei. Und er nennt
Namen (namedropping): Derrida, Foucault, Barthes, Lacan, Kristeva.

Für seine etymologischen Recherchen geht der Autor zurück zur


chinesischen Shang-Dynastie (ca. 16. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) – und
dort widmet er sich vor allem der Praxis der Divinisationsrituale mit
Schildkrötenpanzern. Diese wurden gereinigt, aufwändig präpariert und
mit Löchern versehen. Dann stellte der Meister (meist der Kaiser selbst)
seine Frage und die Beteiligten hielten glühende Holzstäbe in die Löcher
bis unter lautem Krachen Sprünge im Panzer entstanden. Diese Sprünge

4
https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/2513850218814406

[3]
und deren Formen waren die Zeichen, die die Frage beantworteten: Man
las also aus ihnen. So kann der Autor sagen, dass the text revealed by
tortoise shells – und: Ancient Chinese people considered truth as a revealing
process of the concealed world as a text […] truth as aletheia is the way the
world encounters us and that way is expressed in the act of reading the text.
Schliesslich nimmt er die Ausgangsfrage wieder auf und und verknüpft
seinen etymologisch hergeleiteten Fund (贞 zhēn) mit dem nachmaligen
(真 zhēn) so: And 贞 zhēn, which is the original form of 真 zhēn, is
aletheia, meaning ‘truth’ in Greek, and is no different from (a/ means
without) [besser: ἀ-privativum] (letheia/ means concealment) [besser:
λήθη].

Die deutsche Sprache hat einen treffenden Ausdruck für diese Deutung
von Wahrheit, sie nennt es Wahrsagen.

+++ Im Moment als ich das schreibe, kommt die Meldung herein, dass
die Erinnerungsskulpur (Tian’anmen-Massaker) der Hongkonger
Universität von chinesischen Bauarbeitern zerstört und abtransportiert
wurde +++ Es besteht kein Grund mehr, sich intellektuell mit China zu
befassen +++

***

Ich klage China an. Das Land kennt keine Wahrheit. Es übt sich im
Verdrehen, Vertuschen, Verleumden, im Erfinden von nicht-Seiendem
(Wilson Edwards 5) und im Vergessen-machen von Geschehenem
(Tian’anmen). Das Land, das keine Gnade kennt, hat den unterirdischen
Fluss des Vergessens, die λήθη, ins Ungeheure anwachsen lassen und
verdient so selbst keine Gnade.

© markus.semm@gmail.com

5
https://www.srf.ch/news/international/fake-news-aus-china-china-macht-propaganda-mit-schweizer-biologen-den-
es-nicht-gibt

[4]

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