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Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 07.10.21


Medien und Literatur
• Literatur und ihre Medien (Drewitz, 1972)
• Ausgangspunkt: Krise der Literatur (Stichwort
„Leseunlust“)
• „Kursbuch 15“ – „Tod der Literatur“ (Enzensberger)
• Medien der Literatur (Mecke, 2011)
• Ausgangsunkt: Kritische Debatte darüber welchen
Einfluss Medien (andere als Bücher) auf Lese- und
Denkfähigkeit haben.
• Fakten: Menschen lesen weniger, sehen mehr fern,
gehen öfter ins Kino oder beschäftigen sich mit
Video- und Computerspielen.

Dr. Susanne Hochreiter 2


Medien, Literatur, Geschichte

1. Medien im Sinne von Medien, in denen


Literatur produziert, verbreitet und rezipiert
wird.
➢ Dies schließt den Aspekt der Materialität
literarischer Kommunikation als historisch
wandelbare Voraussetzung mit ein!
2. Medien als Objekt der Literatur – also Medien,
die in literarischen Texten thematisiert
werden.
3. Geschichtsbegriff und verschiedene Zugänge
zu Medien- und Literaturgeschichte
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Medien und Literatur
• Verbundenheit? Konkurrenz?
• Populärkultur, Hochkultur?
Beziehungen • Bedeutung des Konnex
Technologie, Kommunikation,
Wahrnehmung

• literarische Medienkritik,
Erzählformen, Digitale Literatur, Hypertext
Themen • „Autorschaft“? „Werk“?

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Medien in der Literatur
Literarische Reflexion • Georg Oswald Party-Boy. Eine
von Medienwirklichkeit Karriere
Medien als Motive
der Literatur
• Julie Zeh Adler und Engel (Radio)

• Georg Klein Die Sonne scheint uns


Filmische Schreibweisen
(Horrorfilm)
Medien als • Eva Demski Das Narrenhaus
Strukturprinzip (Elemente d. TV-Serie)
Collage als Medienkritik
mit Medientexten
• Walter Kempowski Bloomsday 97

Crossmediales
Storytelling
• William Gibsons Pattern Recognition
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Sibylle Berg: GRM. Brainfuck
Es war nicht gut gewesen.
Für die Gehirne der Menschen. Die wunderbare
Digitalisierung. Wie verändert sich das Hirn im Offline-Modus,
wenn das Dasein zunehmend virtuell stattfindet, die Musik in
Clouds und Streaming-Diensten, die Filme, die Bücher, die
Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer
Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist. Was
passiert denn mit der 1.0-Welt, mit der Feuchtausstattung,
die man durch den Winter tragen muss, in einer
Menschengeschwindigkeit, die so langsam ist […] Irgendein
Spacko kommentiert, was irgendein Star, der auch nur online
existiert, sagt oder tut. Irgendein gefälschtes Deep-Fake-
Video von irgendwas geht viral. Und – die Medien greifen es
auf. […]
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Welche Medien nützen Sie?

Bitte loggen Sie


sich ein:
www.menti.com

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Medien/Diskurs

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Medien/Diskurs

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Social Media
Nutzung in Österreich

Quelle: artworx 2020

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Medien/Kultur
Information, Kommunikation, Konsum,
Partizipation
• Kommentierung (Postings, „Bewertungen“…)
• Interaktivität (Spiele, TV/Film-Formate,
Diskussionen…)
• und individuelle Auswahl von „News“, FilmeFlexible
Nutzung n, Serien, … (z.B. Netflix)
• Aktive Gestaltung von Beiträgen (von YouTube-Videos
bis zu Fan-Fiction)
• Erweiterung und Begrenzung von Öffentlichkeit
(Stichwort „Facebook“)
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B. Pörksen: Medienmündigkeit
Befund:
- angespannte Grundbefindlichkeit des zeitgenössischen
Menschen durch permanenten medialen Beschuss
- Fortschritt und seine negativen Begleiterscheinungen
(Cyber-Kriminalität, Fake News, Trolle, Shitstorms,
Mobbing usw.) → potentiell fatale Entwicklungen für die
liberale Demokratie
Forderungen:
• Medienmündigkeit als Existenzfrage der Demokratie
• Prinzipien verantwortungsvollen Journalismus
• Plädoyer für die „redaktionelle Gesellschaft“:
Stimme = Verantwortung
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Medien und Literatur
Lesen und Schreiben im
digitalen Zeitalter
• Mit welchen Medien wird Literatur
heute produziert und vermittelt?
(Schlagworte: Aktualität der
Handschrift, Computersprachen,
Online-Editionen, Internet, E-Book-
Reader)
• Wie verändert sich Literatur – als
Konzept und in ihren konkreten
Formen?

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(Wie) Hat das Internet die
Literatur verändert?
Bitte loggen Sie sich ein: kahoot.it
Fragen:
• Welche Auswirkungen haben digitale Schreibwerkzeuge
auf (Buch)Literatur?
• Wie hat sich der Status von Literatur verändert?
Thesen:
• „Authentizität ist der König“ (U. Draesner):
medienabhängiger Literaturbetrieb setzt auf auratisches
Moment realer Präsenz des Körpers
• „Unser Leben ist radikales Sampling“ (W. Grond): „die
Frage ist, wie können wir in einer Welt, in der sich alles
so sehr vermischt, durchnavigieren.“
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Unsere Vorlesung
Medienbegriff Mediengeschichte
• Was ist ein „Medium“? Was • Welche Entwicklungen/
sind „Medien“? Entwicklung Veränderungen werden wie
des Medienbegriffs beschrieben / erzählt?

Aspekte
Medientheorien Medien und Literatur
• Konzeption und Analyse von • Produktion, Vermittlung,
Medien und medialen Rezeption: Welche Literatur
Prozessen machen Medien?

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Semesterprogramm
Termin Thema
7.10.21 Einführung + Medienbegriff
14.10. Mediengeschichte, Medientheorien
21. 10. entfällt
28.10. Mediengeschichte, Medientheorien
4. 11. Mündlichkeit, Schriftlichkeit
16.30-18.00 ZOOM
11.11. Mündlichkeit, Schriftlichkeit
18. 11. Friedrich Kittler Aufschreibesysteme
25. 11. „Flipped Classroom“ Friedrich Kittler
2.12. Bild und Text
12.00-13.30 ZOOM
9.12.: VIDEO Bild und Text
16.12. „Flipped Classroom“ Vilém Flusser
13.1. 22 Literatur und Film
20.1. Digital Humanities
27.1. Schlussklausur

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Unsere Vorlesung: Arbeitsweisen

Jede Vorlesungseinheit
• Zeit für Fragen und Diskussion
• Murmelphasen und andere Interaktionsmöglichkeiten

Angebote Lernplattform
• Lektüreordner (Pflichtlektüre, Fachliteratur)
• Lernpfade, Videos
• Foren (für Fragen zur Vorlesung und für Diskussion)

Flipped Classroom: Lernen zu Hause


• Texte und Materialien
• Lernpfad
• Vertiefung in der Präsenzeinheit
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Was sind Medien?
Alltagsverständnis: Medien vermitteln etwas, stehen
sozusagen vermittelnd zwischen Welt und Personen

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Vielfalt des Medienbegriffs
Als Medien gelten unterschiedlichste Phänomene:
Geld, Liebe, Mode, Geisterseher_innen,
- Träger physikalischer Vorgänge wie Luft, Wasser,
Metall;
- aber auch Kommunikationsmittel wie Sprache,
Schrift, Symbole, Gebärden,
- Technologien der Informationsübermittlung wie
Rundfunk, Druck, Fernsehen,
- sowie Nutzungsformen wie Buch oder Zeitung
- oder Institutionen wie Kino und Fernsehen.
(Garncarz 2016, 13)

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Medium, Medien. Begriff
„Medium (lat.), Mitte, Mittel; bei den Spiritisten die vermittelnde
Person (Mehrzahl Medien), s. Spiritismus und Tischrücken. - In der
Grammatik ist M. der Ausdruck für eins der sog. genera verbi (Activum,
Passivum, Medium).“
(Brockhaus, 14. Auflage, 1894-1896)

„[1] Geschichte: das historische Reich der Meder [2] Geografie: eine
Landschaft im Iran“ (Wiktionary)

„1. […] das, Plural Medien, allgemein: Mittel, vermittelndes Element


2. […] das, Plural Medien, Kommunikationswissenschaft: jedes Mittel
der Publizistik und Kommunikation (→ Medien)
3. Physik: Träger physikalischer oder chemischer Vorgänge;
insbesondere im Sinne der Vermittlung von Wirkungen (z. B. Luft als
Träger von Schallwellen) […]
4. Parapsychologie: ein Mensch mit paranormalen Fähigkeiten […]“
(Meyers Lexikon online, 2008)

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„medium“
„medium“ als lateinische Übersetzung von griechisch
„metaxu“ aus der Aristotelischen Aisthesislehre „De Anima“.

Aristoteles

Es braucht ein „Drittes“, das sich


zwischen Auge und Gegenstand schiebt,
um überhaupt etwas sehen oder
wahrnehmen zu können: das
„Durchscheinende“ – Diaphane.

Susanne Hochreiter 21
Begriffsgeschichte: „medium“

„Es gibt Medien, weil es Alterität gibt.“


(Dieter Mersch, 9)
• Ein „Anderes“, das eines Dritten bedarf, seiner
Vermittlung, Symbolisierung, Aufbewahrung,
Übertragung, Kommunizierung

„Boten“: im Zwischenraum der


Differenzen (Sybille Krämer)
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Bedeutungswandel
▪ Wahrnehmungstheoretischer Medienbegriff
▪ Antike Aisthesislehre (gr. „meson“)
▪ Medienbegriff in der frühen Optik und Akustik
▪ 15./16. Jh.: Bedeutung opt. Medien (Bsp.: camera
obscura); 17. J.: akustische Kommunikations-
systeme (Athanasius Kircher)
▪ naturphilosophischer Medienbegriff
▪ raumfüllende Medien - sogenannte Fluida wie Luft,
Wasser und der Äther
▪ Bedeutungsverengung des Medienbegriffs im 19.
Jahrhundert

Dr. Susanne Hochreiter 23


Medien und Literatur
Mediale Bedingtheit der Literatur
• Friedrich Nietzsche: das Schreibzeug
arbeitet an unseren Gedanken mit
• Schreib- und Printmedien (Handschrift,
gedrucktes Buch, Flugblatt, Zeitschrift) →
lange Zeit Monopolstellung
• Medienreflexion Teil der Literatur (Bsp:
Cervantes‘ „Don Quijote“)

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Dr. Susanne Hochreiter 25
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 14.10.21


Semesterprogramm
Termin Thema
7.10.21 Einführung + Medienbegriff
14.10. Mediengeschichte, Medientheorien
21. 10. entfällt
28.10. Mediengeschichte, Medientheorien
4. 11. Mündlichkeit, Schriftlichkeit
16.30-18.00 ZOOM
11.11. Mündlichkeit, Schriftlichkeit
18. 11. Friedrich Kittler Aufschreibesysteme
25. 11. „Flipped Classroom“ Friedrich Kittler
2.12. Bild und Text
12.00-13.30 ZOOM
9.12.: VIDEO Bild und Text
16.12. „Flipped Classroom“ Vilém Flusser
13.1. 22 Literatur und Film
20.1. Digital Humanities
27.1. Schlussklausur

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Medien und Literatur
Medien in ihrem Wirken sehen und verstehen
• Niklas Luhmann: mediale Bedingtheit von
Literatur schwierig zu erkennen, da
Kommunikationsmedien als „lockere
Koppelung von Elementen“ nie an und für
sich beobachtet werden könnten
• Verknüpfte Elemente: Formen
• Mündlichkeit ist ein Medium für die Form
der Sprache; durch weitere Regeln kann
sich daraus die Form der Erzählung
herausbilden.

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Medien und Literatur
Formen können Medien für neue Formen werden
→ Unsichtbarkeit der Medien
→ Vagheit des Medienbegriffs, der sich auf Formen wie
auf Medien beziehen kann. (z.B. Film, Foto)
Begriff „Literatur“
• Etymologisch: aus litterae (für Buchstaben,
Geschriebenes, Brief)
• → „Literatur“ = das Alphabet als Medium, dann
der materielle Träger der Schrift und schließlich
Literatur im engeren Sinn – in verschiedenen
ästhetischen Formen: vom Gedicht bis zum
Roman.
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Die Rückseite des Bildes
Städel Museum:
„Vice Versa“:
Kehrseiten der
Malerei. (2015)
Was Rückseiten
und Inschriften
erzählen …

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„medium“
Wesentliche Linie des Medienbegriffs (in Naturphilosophie und
klassische Physik): Verbindung zwischen einem ebenso Stofflichen wie
Konstituierenden, dessen Materialität fraglich bleibt.

→ Beispiel:
Äther oder Fluidum
Bis ins 19. Jh. zentrale Denkfigur:
Erscheinen im Verschwinden
und Verschwinden im Erscheinen

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Murmelphase
Bedeutungsdimensionen des Medienbegriffs:
➢ Welche sind neu für mich?
➢ Wie verknüpfen sich diese mit meinem
Verständnis von „Medien“?

Dr. Susanne Hochreiter 7


Marshall McLuhan
Herbert Marshall McLuhan
1911 – 1980
Kanadischer Anglist und
Medienphilosoph

• The Gutenberg Galaxis: The


Making of Typographic Man
Wahrnehmung ist dasjenige, (1962)
das überhaupt erst durch • Understanding Media (1964)
mediale Prozesse konstituiert • The Medium is the Massage:
wird. Medien beeinflussen auch An Inventory of Effects
die sozialen Bezieh-ungen, ja (1967)
sogar die kulturelle Identität.

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Was tun Medien?
Medien erzeugen Wirklichkeiten.
Marshall McLuhan: „The medium is the message.“
o Das Medium formt den
Inhalt.
o Medien prägen
Gesellschaften elementar.
o Medien sind Extensionen
des Menschen, seiner Sinne
und seines Machtbereichs.
o Aufhebung von Raum und
Zeit, Beschleunigung: Die
Welt wird zum „globalen
Dorf“.
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Marshall McLuhan:
Das Medium als Botschaft
menschliche Wahrnehmung
abhängig von kulturell
realisierter medialer
Technizität
→ soziale und physische
Effekte
→ Transformation von
Grenzen und Formen der
Kultur
→ Kein Medium ist nur
„Inhalt“: Seine eigentliche
Botschaft ist die
Veränderung der
Sinnesorganisation
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McLuhan:
„heiße“ und „kühle“ Medien
Fokus auf die Wirkung, die ein Medium auf ein
kulturelles Umfeld hat: „klimatische Effekte“

Heiße Medien (Buch, Fotografie, Radio): detailreich, viele


unterschiedliche Daten; sprechen hauptsächlich einen
Sinn an, sie hypnotisieren

Kühle Medien (z.B. Fernsehen): quantitativ und qualitativ


weniger Informationen, Rezipient*innen sind daher aktiver
beteiligt, schließen eigene sinnliche Wahrnehmung ein

Dr. Susanne Hochreiter 11


Marshall McLuhan
Das Medium als Botschaft
- Menschen verstehen Mechanis-
men, die der Technik zugrunde
liegen, nicht
- Technologie sei aus der Behandlung
von Materie-Form-Problemen
ausgeklammert worden
- Qualitative Veränderung dieses
Problems: Geschwindigkeit der
elektronischen Information

→ magische Kanäle, die Kommunikation prägen


und den Informationsprozess bedingen
Susanne Hochreiter 12
Medienbegriff nach J. Garncarz
Medien: „technische Verbreitungsmittel von Informationen von
Mensch zu Mensch, ihre Nutzungsformen sowie die Institutionen,
die sie verwenden bzw. hervorbringen.“ (Garncarz, S. 17)
• Technische Mittel: von Menschen gemachte, aus Werkstoffen
bestehende Systeme (Druckerpresse, Filmkamera, Computer)
• Medientechnologien: alle technischen Mittel, die zur Über-
mittlung von Informationen zwischen Menschen dienen.
• Mediennutzungsformen: kulturell definierte Verwendungs-
weisen von Medientechnologien. („Druck“ → Zeitung, Buch)
• Medieninstitutionen sind gesellschaftliche Einrichtungen wie
Kino, Fernsehen oder Internet, die Verwendungsweisen der
Medientechnologie wie Nutzungs- und Programmformen
definieren.
Susanne Hochreiter 13
Modell nach Garncarz:
Funktionen von Medien*
• Information, Wissen: Sachebene
Kommunikation • Kontakt, Zuwendung: Beziehungsebene
• soziale und kulturelle Differenzierung

• zeitlich, räumlich, sozial, psychisch


Orientierung • durch Wissen und Erfahrung
• Speicherung von Information

Unterhaltung • Spannung, Komik, Information

Susanne Hochreiter 14
Mediengeschichte
Geschichte der Medien
• Erfindung, Etablierung, Verbreitung, Differenzierung
neuer Medien
• Etablierung von Medieninstitutionen und
Nutzungsformen
Geschichte der Diskurse über Medien
• Wie wird über neue Medien geschrieben,
gesprochen?
• Welche Rolle spielen Diskurse für die Etablierung
neuer Medien?
Susanne Hochreiter 15
Mediengeschichte
Literaturwissenschaftlich orientierte
Mediengeschichte ist eher Diskursgeschichte;
stärkeres Interesse an Mediennutzungsformen
• Bsp.: Analyse des frühen Kinos mit Blick auf Äußerungen
von Schriftsteller_innen und Kinoreformern statt auf die
Frage, wie Kino etabliert wurde

Kommunikationswissenschaft: Analyse der


Medien selbst, Fokus auf Mediennutzung und -
wirkung; stärker empirisch orientiert
Susanne Hochreiter 16
Dr. Susanne Hochreiter 17
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 28.10.21


Medienbegriff nach J. Garncarz
Medien: „technische Verbreitungsmittel von Informationen von
Mensch zu Mensch, ihre Nutzungsformen sowie die Institutionen,
die sie verwenden bzw. hervorbringen.“ (Garncarz, S. 17)
• Technische Mittel: von Menschen gemachte, aus Werkstoffen
bestehende Systeme (Druckerpresse, Filmkamera, Computer)
• Medientechnologien: alle technischen Mittel, die zur Über-
mittlung von Informationen zwischen Menschen dienen.
• Mediennutzungsformen: kulturell definierte Verwendungs-
weisen von Medientechnologien. („Druck“ → Zeitung, Buch)
• Medieninstitutionen sind gesellschaftliche Einrichtungen wie
Kino, Fernsehen oder Internet, die Verwendungsweisen der
Medientechnologie wie Nutzungs- und Programmformen
definieren.
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Modell nach Garncarz:
Funktionen von Medien*
• Information, Wissen: Sachebene
Kommunikation • Kontakt, Zuwendung: Beziehungsebene
• soziale und kulturelle Differenzierung

• zeitlich, räumlich, sozial, psychisch


Orientierung • durch Wissen und Erfahrung
• Speicherung von Information

Unterhaltung • Spannung, Komik, Information

Susanne Hochreiter 3
Mediengeschichte
Geschichte der Medien
• Erfindung, Etablierung, Verbreitung, Differenzierung
neuer Medien
• Etablierung von Medieninstitutionen und
Nutzungsformen
Geschichte der Diskurse über Medien
• Wie wird über neue Medien geschrieben,
gesprochen?
• Welche Rolle spielen Diskurse für die Etablierung
neuer Medien?
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Mediengeschichte
Literaturwissenschaftlich orientierte
Mediengeschichte ist eher Diskursgeschichte;
stärkeres Interesse an Mediennutzungsformen
• Bsp.: Analyse des frühen Kinos mit Blick auf Äußerungen
von Schriftsteller_innen und Kinoreformern statt auf die
Frage, wie Kino etabliert wurde

Kommunikationswissenschaft: Analyse der


Medien selbst, Fokus auf Mediennutzung und -
wirkung; stärker empirisch orientiert
Susanne Hochreiter 5
Mediengeschichte
Beispiel: Werner Faulstich
Begriff:
„Medien sind komplexe, etablierte Vermittlungs-
einrichtungen, die Kommunikation organisieren
und regulieren, sie nach unterschiedlichen
Gesetzmäßigkeiten und konkreten Sinnvorgaben
beeinflussen und permanenter Veränderung
unterliegen, also entstehen, sich verändern und
auch wieder verschwinden.“
(Faulstich, Mediengeschichte I, S. 8; meine Hervorhebung)

Susanne Hochreiter 6
Mediengeschichte nach Faulstich

Susanne Hochreiter 7
Mediengeschichte nach Faulstich

8
Modell des Medienwandels
Verbreitung
Erfindung Etablierung Differenzierung
• Zeit • Übernahme von • Standardisierte
• Orte Inhalten/Formen Verwendung
• gesellschaftlich- älterer Medien • Quantitative
kultureller • medienspezifische Zunahme der
Kontext Inhalte und Nutzung
• Ziel/Zweck Programmformen • Verbilligung
• gesellschaftliche
Regulierungen
(z.B. Gesetze)
• Krise als Teil der
Etablierungsphase

Susanne Hochreiter 9
Medienwissenschaften -
Medientheorien
Techniktheorien

Ökonomische
Systemtheorie Theorien

Konstruktivistische Kritische
Theorien Medientheorien

Feministische Postmoderne
Theorien Theorien
Susanne Hochreiter 10
Mediengeschichten – im
Spiegel verschiedener Disziplinen

z.B. Gender • Transdisziplinäres Forschungsfeld


Media • Themen und Fragestellungen:
• Identitäten, Körper, Repräsentationen
Studies • Privatheit, Öffentlichkeit, Gesellschaft
(Margret • Medienproduktion (Journalismus, PR)
Lünenborg/ • Medientexte (Inhalte, Diskurse)
Tanja Maier • Medienhandeln (Nutzung, Rezeption,
Aneignung)
2013)

Susanne Hochreiter 11
Aktuelle Forschung

Fokus der Diskussion heute: Aktuelle Forschung:


• Es geht nicht um „understanding • prozesshafter Medienbegriff
media“, sondern „understanding life“: • „Remediatisierung“
Medien strukturieren unser Leben • Mikropolitik der Medien
• Apparate sind nicht das Andere von
uns.

Dr. Susanne Hochreiter 12


Quiz

kahoot.it

Dr. Susanne Hochreiter 13


Oralität
Orale Kultur:
• Kultur ohne Schrift
• Informationen mündlich und durch direkte
Kontakte
• mündliche Überlieferung, Tradition und
Brauchtum als Verbindung von
Vergangenheit und Gegenwart
Kommunikation in oralen Kulturen
→ Sprache, Klang, Mimik, Gestik, Gebärden,
Zeichen, Symbole, Rituale
Susanne Hochreiter 14
Charakteristika oraler Kultur

Beschränktes Kulturelle
kulturelles Homöostase
Gedächtnis (Was nicht gebraucht wird,
wird vergessen.)

Tradiert wird
eine Version Dichter* („oral poet“)
der als Medium der
Vergangenheit Überlieferung

Susanne Hochreiter Gestaltung dieser Folie: PD Dr. G. Stocker


Forschung zu oralem Denken
und oraler Kommunikation
Sprach-Speicher ist demnach nur das Gedächtnis
▪ Mnemotechniken: Reimformen, Rhythmen,
musikalische Raster
▪ Orales Denken sei situativ und würde „kreiseln“
▪ Abstraktes sei nur mit Bezug auf Handlungen denkbar
▪ Was außerhalb der Erfahrungswelt liegt, sei kaum
kommunizierbar
▪ orale Erzählkulturen gelten als „verbomotorisch“:
Sprechakte sind handlungsorientiert strukturiert,
rhythmische Sprechmuster, symmetrische Strukturen
und dichotome Muster von Standard-Erzählungen
(K. Wolschner, 2014)
Susanne Hochreiter 16
Oralität - Literalität
„Erst die Schrift hat die
kognitiven Instrumente
geschaffen, mittels derer
sich Dinge per se klassi-
fizieren und auflisten
lassen; eine orale Kultur
zieht narrative Struk-
turen vor, die Wissen
einprägsam vermitteln.“
(Schrott/Jacobs, Geist und Gedicht,
2012)

Sumerische Schrift (in diesem Stadium: Piktographie). Nach Ch. Lehmann.


Susanne Hochreiter 17
Dr. Susanne Hochreiter 18
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 04.11.21


Oralität - Literalität
„Erst die Schrift hat die
kognitiven Instrumente
geschaffen, mittels derer
sich Dinge per se klassi-
fizieren und auflisten
lassen; eine orale Kultur
zieht narrative Struk-
turen vor, die Wissen
einprägsam vermitteln.“
(Schrott/Jacobs, Geist und Gedicht,
2012)

Sumerische Schrift (in diesem Stadium: Piktographie). Nach Ch. Lehmann.


Susanne Hochreiter 2
Mündlichkeit - Schriftlichkeit

• Älteste Zeugnisse einer Schriftkultur


im Zweistromland und in Ägypten
• Vor ca. 5000 Jahren: die sumerische
Keilschrift aus Mesopotamien
• 3300 v. Chr.: altägyptische Hieroglyphen
aus dem Königsfriedhof von Abydos
(3320–3150 v. Chr.)
• 5300 v. Chr.: erste Schriftsysteme in
Europa: Zeichen der prähistorischen
Vinča-Kultur in Südosteuropa.

Dr. Susanne Hochreiter 3


Entwicklung zum Alphabet
Übernahme und Ausbau der Sumerischen Silbenschrift
Wichtige Entwicklung: Schrift der Phönizier.
→ entwickelten ein System von 22 Zeichen, jedes Zeichen
steht für einen Laut.
→ Zusammengesetzt ergaben diese Laute ein Wort: Die erste
Buchstabenschrift war entstanden.
→ Die Schriftzeichen der phönizischen Schrift wurden in der
Folge auch von den Griechen übernommen
→ Die Griechen entwickelten das phönizische Alphabet weiter
und ergänzten Zeichen für Vokale

Dr. Susanne Hochreiter 4


Die Schrift im Mittelalter

Ende Christentum als 8. Jh. Urkunden:


Schreibpraxis
Weströmisches Buchreligion "merowingische
der Mönche
Reich → Klöster wichtige Rolle in Minuskel"
nicht auf
als kulturelle der Bewahrung danach
Lesbarkeit
(Schrift-) und Verbreitung "karolingische
ausgerichtet
Zentren von Schrift. Minuskel"

Dr. Susanne Hochreiter 5


Entwicklung dtspr. Literatur
Konnex: Schrift, Literatur, Sprachvereinheitlichung
Literarische Anfänge: Mundarten (Alemannen, Bayern,
Hessen, Thüringer, Friesen, Sachsen, Franken)
Germanische Kultur vor karolingischer Zeit: schriftlos
• durch Kulturkontakt: Begegnung mit lat. Schrift
• Germanen als Gegenstand von römischen Schriften
• Verschriftlichung von mündlich Tradiertem
• 7.-9. Jh. Missionsbewegungen (Mönche: lat.
Schriftkultur)
• Poetische Texte als Aufzeichnung mündl. Dichtung
ab dem 9. Jh. → oral poetry weiterhin bis in d.
Neuzeit
Susanne Hochreiter 6
Ahd. Textüberlieferungen

Dr. Susanne Hochreiter 7


Mündlichkeit - Schriftlichkeit

3 medientheoretische Ausprägungen

• A: politische Ökonomie der Schriftentstehung (Lévi-Strauss,


1955)
• B: kognitive und ästhetische Überlegenheit mündlicher
Kommunikation (Toronto-Schule: Carpenter/McLuhan, 1960)
• C: kognitive Überlegenheit von Schriftkulturen
• ‚Mündlichkeit‘ = Synonym für traditionelle Gesellschaften
und statische kulturelle Techniken
• die Entfaltung von ‚Schriftlichkeit‘mit der Dynamik eines
„cognitive modernism“ identifiziert (Parry 1985)

Dr. Susanne Hochreiter 8


Mündlichkeit- Schriftlichkeit
Dichotomie historisch fragwürdig und methodisch nicht einlösbar
• ‚cognitive modernism‘ der Schriftkulturen: für die längste Zeit nur in
Ausnahmen nachweisbar; eher als „restriction of literacy“
(Goody/Watt 1963, S. 313) bzw. ‚restricted literacy‘ aufgefasst.
• Medienhistorisch bis zur Moderne gültig: Lesefähigkeit und
Schreibfähigkeit bildeten keine Einheit. Schreiben blieb Privileg einer
Elite; ein Telos der Schriftlichkeit für alle war nicht zu erkennen.
Schriftlichkeit blieb an die delegierten mündlichen Handlungen von
Schreibern, Rednern, Vorlesern und Rezitatoren gebunden.
(Schüttpelz, S. 29)
• Mündliche Sprache weist eine Fülle ‚metasprachlicher‘ Handlungen
und logischer Subtilitäten auf (Jäger 2004). Beispiel: Sanskrit (Staal,
1986)

Dr. Susanne Hochreiter 9


Oralität - Literalität
Erste Medienreflexion: Konflikt zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Platons Schriftkritik in Phaidron und in seinem
Siebten Brief (4. Jh. v. Chr.):
➢ Schrift als „pharmakon“: Die Dosis macht das
„Gift“
➢ Schrift als téchnē (Kunstfertigkeit, Technik)
➢ Platon kontrastiert die Performativität
der Rede (Dialog, Gegenrede, Argument)
und die (schweigende) Schrift und ihre
Gedächtnisleistung
Susanne Hochreiter 10
Oralität und Dichtung
Diskussion über Homer
o Homers Werk nicht nach modernen poetologischen
Prinzipien zu beurteilen, sondern im Sinne einer
„Poetik der mündlichen Dichtung“ (Parry 1971:
„oral poetics“)
o Homer steht zugleich am Anfang der Schriftlichkeit
o Forschung: lange Zeit Fokus auf Produktion
o Jüngerer Zugang: „mündliche“ Rezeption
o Kollektiv, homogen
o Klang, Rhythmus
o Vertrautheit und Trance; „Einhören“

Susanne Hochreiter 11
Exkurs I: Schrift und Stimme

8. Jh. v. Chr. Alphabetschrift dringt in die gr. Zivilisation ein


= kulturelles Umfeld oraler Tradition.
• das gesprochene Wort „an der Macht“
• hohe Bedeutung des Klangs der Rede

Hypothese: Die orale Kultur Griechenlands gebrauchte


das geschriebene Wort in der ihr eigenen Perspektive;
nicht um die epische Tradition zu bewahren […],
sondern um den Klang kraftvoller, das Sprechen
effektvoller und den Ruhm klangvoller zu machen.
(J. Svenbro, S. 56)

Susanne Hochreiter 12
Exkurs I: Schrift und Stimme
Einsame_r Leser_in: schlägt einen
akustischen „Umweg«“ ein, um die
Bedeutung des Geschriebenen zu
erschließen.
→ mühsame Entzifferung des Texts
materielle Erscheinungsweise des
geschriebenen Wortes: ohne Spatium,
das die Wörter trennt (Svenbro 1988, S.
58f.).
Kompetenz der Lesers_innen: verinnerlichte Stimme im
„Erkennen“ des visuellen Textes (dieselbe Autonomie wie
der gehörte Bühnentext)

Susanne Hochreiter 13
Exkurs II: Schrift und Kultur
Alphabetschrift
Alle semitischen Sprachen:
Aleph/Alpha = Stier (Ochse)
Der erste Buchstabe ist zugleich der wichtigste →
Hierarchie der Zeichen (Akrokratie)
Entwicklung:

Proto-semitischer
Phönizisches Aleph Griechisches Alpha
Ochsenkopf
Susanne Hochreiter 14
Exkurs II: Schrift und Kultur
Buchstabe Alpha:
➢ Stier → männliche Fruchtbarkeit
➢ Haupt/Krone → geistige Kräfte und Bedeutungen

Zeichen des Stiers bis heute:


Geldzeichen, Börse

Logo digitaler Kommunikationssysteme: @


Susanne Hochreiter 15
Oralität in der Schriftkultur
Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Koch/Oesterreicher (1994): Unterscheidung von medialer und konzeptueller


Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit
Susanne Hochreiter 16
Oralität in der Schriftkultur

Beispiele für Oralität in modernen Gesellschaften: Konzerte,


Clubbing, Demos, Sport-Events, Poetry Slams

• These: Kommunikation, Körperlichkeit, Sinnlichkeit und


Emotionalität spielen in oraler Kommunikation eine größere
Rolle. →Formen vorwiegend sinnlicher Vergemeinschaftung
(Alkemeyer, 2000, S. 193).

Die „Wiederkehr“ bzw. Betonung von Oralität in modernen literalen


Gesellschaften kann als Reaktion auf die (körper-) distanzierenden
Folgen von Schriftkulturen interpretiert werden. (Alkemeyer, ebd.)

Susanne Hochreiter 17
Erzählen in einer mündlich
geprägten Kultur
Griots:
Geschichtenerzähler*innen
https://www.youtube.com/w
atch?v=twexbBIq5K4
Historisch: Ahnen und deren
Taten wurden besungen und
vor dem Vergessen bewahrt.
Beispiel: Soundjata-Epos (13.
Jh.)

Dr. Susanne Hochreiter 18


Orale Leseförderung
Projekt (2015-2016) HdM Stuttgart und Universität Félix-
Houphouët-Boigny in Abidjan/Elfenbeinküste: Oralität
und Literalität: Optionen der Leseförderung in mündlich
geprägten Kulturen
• Frage, wie eine Brücke zwischen den Informationssystemen
Oralität und Schriftkultur gebildet werden kann
• Hypothese: Leseförderung in oral geprägten Kulturen kann zu
besseren Ergebnissen führen, wenn beide
Informationssysteme, die Schriftlichkeit und die
Mündlichkeit, gleichberechtigt betrachtet werden und die
Förderung des Lesens und Schreibens an die Mündlichkeit
geknüpft wird.
Dr. Susanne Hochreiter 19
Dr. Susanne Hochreiter 20
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 11.11.21


Oralität in der Schriftkultur

Beispiele für Oralität in modernen Gesellschaften: Konzerte,


Clubbing, Demos, Sport-Events, Poetry Slams

• These: Kommunikation, Körperlichkeit, Sinnlichkeit und


Emotionalität spielen in oraler Kommunikation eine größere
Rolle. →Formen vorwiegend sinnlicher Vergemeinschaftung
(Alkemeyer, 2000, S. 193).

Die „Wiederkehr“ bzw. Betonung von Oralität in modernen literalen


Gesellschaften kann als Reaktion auf die (körper-) distanzierenden
Folgen von Schriftkulturen interpretiert werden. (Alkemeyer, ebd.)

Susanne Hochreiter 2
Erzählen in einer mündlich
geprägten Kultur
Griots:
Geschichtenerzähler*innen
https://www.youtube.com/w
atch?v=twexbBIq5K4
Historisch: Ahnen und deren
Taten wurden besungen und
vor dem Vergessen bewahrt.
Beispiel: Soundjata-Epos (13.
Jh.)

Dr. Susanne Hochreiter 3


Orale Leseförderung
Projekt (2015-2016) HdM Stuttgart und Universität Félix-
Houphouët-Boigny in Abidjan/Elfenbeinküste: Oralität
und Literalität: Optionen der Leseförderung in mündlich
geprägten Kulturen
• Frage, wie eine Brücke zwischen den Informationssystemen
Oralität und Schriftkultur gebildet werden kann
• Hypothese: Leseförderung in oral geprägten Kulturen kann zu
besseren Ergebnissen führen, wenn beide
Informationssysteme, die Schriftlichkeit und die
Mündlichkeit, gleichberechtigt betrachtet werden und die
Förderung des Lesens und Schreibens an die Mündlichkeit
geknüpft wird.
Dr. Susanne Hochreiter 4
Poetry Slam
„Poetryslam ist Begeisterung, ist Herz, ist Adrenalin pur, ist
der 100 Meter Sprint der Literatur (© Elwood Loud).“
(poetryslam.at)

slam: zuschlagen, zuknallen, verreißen, kritisieren,


heruntermachen …

Susanne Hochreiter 5
Poetry Slam – Slam Poetry
Yasmin Hafedh: Wo kommst du her?

https://www.youtube.com/watch?v=9Zl3fNQmiCo
Dr. Susanne Hochreiter 6
Fragen zur Reflexion

• Was sind die Elemente von Mündlichkeit und


Schriftlichkeit in dieser Performance?
• Mit welchen Textgestaltungselementen arbeitet
die Künstlerin?
• Welche stimmlich-körperlichen
Gestaltungselemente können Sie beobachten?
• Wie gestaltet sich die Kommunikation zwischen
Performerin und Publikum?

Dr. Susanne Hochreiter 7


Literatur ist tot –
es lebe „popular poetry“!
✓ Bewegung USA seit Mitte der 1980er – entstanden
in den weißen Arbeiterbezirken Chicagos
✓ Konnex mediengeschichtlich: „Ende der Printkultur“
(Dana Gioia, 2004)
Thesen und Diskussionsfelder
▪ “popular poetry” in Form von Rap, Cowboy Poetry,
und Poetry Slams als orales Phänomen (Gioia, 2004)
▪ Slam poetry vs. „high art“ (als Antwort auf „elitäre“
literarische Formen, Orte und Autoritäten)
▪ Slam poetry wird oft als Volksliteratur behauptet
(formal streng: Reim/Assonanz, Rhythmus, Versmaß)
Susanne Hochreiter 8
Poetry Slam: Charakteristika
Oralität und Performativität
▪ Beziehung zwischen slam poets und ihrem
Publikum: → „identity performances“
▪ Identitäten und politische Werte werden
öffentlich refiguriert und zwischen Poeten und
Publikum ausgetauscht.
▪ performative Aspekte: vokale und physische
Dynamik, Erscheinung, Setting, Re/Aktion des
Publikums → Slams als theatrale Ereignisse
▪ Im Zentrum steht die performative
Verkörperung von Versen (Somers-Willett,
2009)
Susanne Hochreiter 9
Slam Poetry
Autorschaft
▪ Orale Tradition: schwache Autorschaft (Autor*in ist
nicht wichtig – eher werden Vorbilder zitiert)
▪ Slam Poetry hingegen zeigt starke Autorschaft;
wichtig ist die Rolle der Autor_innen und deren
Identität (z.B. ermöglichen Poetry Slams eine
Öffentlichkeit für minorisierte Gruppen)
Beziehung zum Text:
▪ z.T. eine Behauptung von Oralität, tatsächlich meist
schriftliche Konzeption
▪ Spontaneität, Improvisationscharakter sind eher
inszeniert
Susanne Hochreiter 10
Schrift und Literatur
Einführung der Schrift = Veränderung der
Existenzbedingung von mündlicher Dichtung
Schriftliche Literatur:
▪ unabhängiger von Ohr und Körper
▪ abhängiger vom lesenden Auge
▪ Verlorene Sinnlichkeit wird durch höhere
semantische u. strukturelle Komplexität ersetzt
Übergang von mündlicher zu schriftlicher Kultur
gleitend: Rezitationskultur
Das handgeschriebene Buch ist in die Welt des
Oralen integriert.
Susanne Hochreiter 11
Schrift und Literatur
Spätantike: Verlagerung
des Schrift- und Bildungs-
wesens von der Elite des
römischen Reiches in die
Einrichtungen der Kirche.
Klöster und Bischofssitze:
➢ Skriptorien und
Bibliotheken
➢ Zentren des Schreibens
und Wissens
Weißenauer Passional, fol. 244r. Detail: Initiale R mit
Selbstportrait d. Illuminators Fr. Rufillus (~ 1170 - 1200)
Susanne Hochreiter 12
Schrift und Literatur
Handschriftenkultur
▪ Schreiber und Kopisten: Reinschriften und
Kopien von Texten
▪ Figur des Kopisten findet sich auch in
literarischen Texten (eine Reminiszenz in
Melvilles „Bartleby“)
Stichwort: Autorschaft
• In Zeiten starker Traditionsbindung: schwache
Autorschaft
• Autoritäten = tote Autoren: abschreiben,
kompilieren, kommentieren
Susanne Hochreiter 13
Schrift und Literatur
Buchdruck mit beweglichen Lettern
(Gutenberg 1450)
→ ungeahnte Verbreitung schriftlicher Texte und
erleichterter Zugang zum geschriebenen Wort.
→ Ausweitung der Themen, Vergrößerung der
Datensammlung
→ Zusammenhang: Literatur und Wirtschaftsform
→ Quasi-Gattung: so genannte „Volksbücher“

Für kanonische Texte (Bibel) aufgrund des kontinuierlichen


kulturellen Wandels eine Hermeneutik und zahlreiche
kommentierende Schriften nötig, um die Verstehenslücke
zwischen den zwei Kulturzuständen überbrücken.
Susanne Hochreiter 14
Medien und Literatur
Beispiel Buchmedien
• Buch ist nicht gleich Buch.
• Begriff „Buch“ oft mit „Buchdruck“
gleichgesetzt: reduziert das Medium
auf eine frühneuzeitliche
Herstellungstechnologie
• Es gilt, verschiedene Erscheinungsformen
biblionomer, d. h. an das Buch, seine
Formen und Gattungen, gebundener
Medien der Literatur zu unterscheiden.
(Rautenberg 2013)

Dr. Susanne Hochreiter 15


Medien und Literatur
• Wichtigste Buchformen:
• Rolle
• handschriftlicher oder gedruckter Codex
• elektronisches Buch
• „Die Leistungen dieser einzelnen Buchformen
für die Speicherung und Verbreitung von
Literatur sind zunächst eng an das
Trägermaterial, also den Beschreib- oder
Bedruckstoff gebunden.“ (Rautenberg, S. 236)
• „Die Medientechnik des Zeichenträgers Buch
bestimmt grundlegend die Anordnung von
Schrift und Bild sowie die Organisation, d. h. die
Gliederung und Erschließung der Texte“ (ebd.)
Dr. Susanne Hochreiter 16
Dr. Susanne Hochreiter 17
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 18.11.21


Druck und Literatur

Johannes Gutenberg
(1400-1468)
Seine Erfindung löste den bis dahin
gängigen Blockdruck ab
Idee einzelner Lettern aus Metall
Handgießverfahren für normierte Lettern

Dr. Susanne Hochreiter 2


Druck und Literatur
Renaissance-Humanismus
Bildungsbewegung im 15./16. Jh (Hl. Röm.
Reich) → grundlegende Neuorientierung in
Wissenschaft, Lehre und Kultur durch
Hinwendung zur Antike
Folgen des Buchdrucks mit beweglichen
Lettern:
• rasche Verbreitung humanist. Literatur
• Wiederentdeckung antiker und
mittelalterlicher Autoren Kaiser
• Herausgabe von Werken in textkritisch Maximilian I.
„gereinigter“ Form (1459-1519)
→ lebenszugewandte Grundsätze im
Gegensatz zur scholastischen
Bildungstradition und Jenseitsorientierung
Dr. Susanne Hochreiter 3
Druck und Literatur
Universität Wien:
• Kaiser Maximilian I
• Bedeutender Förderer des
Humanismus und Gründer
wichtiger Lehrstühle an der Uni
Wien
• Konrad Celtis
• Lat. Ode auf Gutenbergs
Erfindung, die es erlaube, „fest
Typen aus Erz zu formen und die
Kunst zu lehren, mit Celtis: 1459–1508
umgekehrten Buchstaben zu
schreiben“

Dr. Susanne Hochreiter 4


Wand - Papier - Screen
Technische Medientheorie
setzt bei jenen Voraus-
setzungen (Speicher, Schaltun-
gen, Datenträger) an, die den
medialen Inhalt stets mitbe-
stimmen und überformen:
Das Medium ist die Botschaft.
Fotografie, Film, Computer:
Mechanismen zur Herstellung
sekundärer Wirklichkeiten oder
Medienwirklichkeiten
Susanne Hochreiter 5
Pergament - Bildschirm
→ mündliche Überlieferung (inkorporiert)
→ schriftliche Überlieferung (exkorporiert):
materielle Träger von Wissen, die Fixierung,
Konservierung, Kritik und Deutung erlauben
→ Glaubwürdigkeit der Schrift jedoch erhöht
dadurch, dass das Buch selbst als Corpus mit
Kopf, Rücken und Füßen (Kapitel, Buchrücken,
Fußnoten) verstanden werden kann
→ Wechselseitige Modifikation von Buch und
Körper in zahlreichen Allegorien und
Metaphern des späten Mittelalters sichtbar
Susanne Hochreiter 6
Pergament - Bildschirm
Abwesenheit des Körpers in HS durch
Bilder in Manuskripten „entschärft“:
Miniaturen, Initialen
→ Schmuck und Merkhilfe
Schrift:
Umkodierung von Bildern in Zeichen
Initiale:
▪ Etablierung des Bildes im Text
▪ Sie ist Eikon (Icon) und
Schriftzeichen zugleich: bewahrt
Linearität der Schrift und hebt sie
zugleich auf
Susanne Hochreiter 7
Pergament - Bildschirm
Initiale zeigt Christus, der
aus dem Grab steigt.

→ das Bild als Öffnung


(Tor/Fenster) im Text

Susanne Hochreiter 8
Pergament - Bildschirm
Albrecht Dürer: Underweysung
der Messung, mit dem Zirckel
und Richtscheyt, in Linien,
Ebenen unnd gantzen corporen.
Nürnberg 1525

Einleitende Initiale zum siebenten


Kapitel eines Romans über Walther
von der Vogelweide: Wächter auf
der Zinne, der die Ankunft seines
Herrn ankündigt

Susanne Hochreiter 9
Pergament - Bildschirm

Digitale Initialen
Rationalität der
digitalen Icons:
schnell wieder-
zuerkennende,
kollektive,
universelle
Symbole

Susanne Hochreiter 10
Prothesentheorien
Aus älteren Theorien in heutige tech-
nische Mediendiskussion eingeflossen:
Medien als Instrumente der Wirklich-
keitserzeugung und damit als Mittel
menschlicher Selbsterfahrung
Cassirer: Technik als symbolische Form
Freud: telematisch agierender Mensch
als „Prothesengott“
McLuhan: „Extensions of Man“
Feministische Kritik: „Männlichkeit“ als
technisierte Allmachtfantasie

Susanne Hochreiter Bild oben: Ernst Cassirer 1929/30 als Rektor der Universität 11
Hamburg mit Amtskette. Foto: UHH/Archiv
Sandmann
Er ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschen-
perspektiv und sah, um es zu prüfen, durch das Fenster.
Noch im Leben war ihm kein Glas vorgekommen, das die
Gegenstände so rein, scharf und deutlich dicht vor die
Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis
Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen
Tisch, die Arme darauf gelegt, die Hände gefaltet. –
Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschön
geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar
seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und
Illustration: Veit Schmitt
schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in
Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien,
als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer
lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.
Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort
und fort die himmlisch-schöne Olimpia betrachtend.

Susanne Hochreiter 12
Apparate und Androiden
E. T. A. Kontext: rasante
Hoffmann: Der Entwicklung von
Sandmann Naturwissenschaft
(1817) en und Technik seit
dem 17. Jh. →
Rationalität,
Aufklärung
Romantik: Gegenbewegung
zu Technikbegeisterung und
Androide Fortschrittsglaube; Kritik an
Automaten: Nützlichkeitsdenken → Motiv
Motiv vom bei Rousseau: „Zurück zur
Clara: klare Natur“.
Augen, perfekten
ironisches Menschen
Lächeln

Susanne Hochreiter 13
Friedrich Kittler
1943-2011

• Studium der Germanistik,


Romanistik und Philosophie
(Freiburg im Breisgau)
• 1986 bis 1990 war Kittler Leiter des
DFG-Projekts „Literatur und
Medienanalyse“ in Kassel.
• 1987 Professor für Neugermanistik,
Friedrich Kittler,
Ruhr-Universität Bochum Literaturwissenschaftler
• 1993 Lehrstuhl für Ästhetik und und Medientheoretiker
Geschichte der Medien der
Humboldt-Universität zu Berlin
Dr. Susanne Hochreiter 14
Friedrich Kittler

Zugänge seiner Forschung:


• Ausgehend von der Technik, die unsere Wahrnehmung
und soziale Kommunikation prägt.
• Einfluss des französischen Poststrukturalismus: v.a.
Jacques Lacan, Jacques Derrida und Michel Foucault

Kittler steht für einen medientheoretischen


Ansatz, der die Materialität von Kommunikation
zum Ausgangspunkt nimmt.
Dr. Susanne Hochreiter 15
Kittler: Aufschreibesysteme

• Eine „Revolution“ der


Literaturwissenschaft.
• Fokus: Entstehung der
kulturellen Moderne in
zwei spezifischen Schüben
im 19. und 20. Jahrhundert:
1. Aufschreibesystem 1800
2. Aufschreibesystem 1900

Dr. Susanne Hochreiter 16


Aufschreibesysteme

▪ kulturelle Erscheinungsformen (Kunst,


Literatur, Wissenschaft) sind an
bestimmte Kulturtechniken gebunden
▪ Es gibt immer eine materielle
Verfasstheit (auch wenn diese nicht
sichtbar wird), z.B.: Literatur und
Buchdruck
Definition Aufschreibesystem: das
Netzwerk von Techniken und Institutionen,
„die einer gegebenen Kultur die Entnahme,
Speicherung und Verarbeitung relevanter
Daten erlauben“ (Kittler 1987, Nachwort)
Susanne Hochreiter 17
„Medienarchäologie“
→ fragt nach den → „Es gibt keine von
Effekten medialer technischen
Technik unter den Bedingungen
Bedingungen steigender abgetrennte soziale
Komplexität Sinnkommunikation.“

Kittlers Forschung:
Rekonstruktion der
Moderne unter den
Bedingungen der medialen
Diskurse, die sie ermöglicht
haben.
Susanne Hochreiter 18
Dr. Susanne Hochreiter 19
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 02.12.21


Friedrich Kittler
1943-2011

• Studium der Germanistik,


Romanistik und Philosophie
(Freiburg im Breisgau)
• 1986 bis 1990 war Kittler Leiter des
DFG-Projekts „Literatur und
Medienanalyse“ in Kassel.
• 1987 Professor für Neugermanistik,
Friedrich Kittler,
Ruhr-Universität Bochum Literaturwissenschaftler
• 1993 Lehrstuhl für Ästhetik und und Medientheoretiker
Geschichte der Medien der
Humboldt-Universität zu Berlin
Dr. Susanne Hochreiter 2
Friedrich Kittler

Zugänge seiner Forschung:


• Ausgehend von der Technik, die unsere Wahrnehmung
und soziale Kommunikation prägt.
• Einfluss des französischen Poststrukturalismus: v.a.
Jacques Lacan, Jacques Derrida und Michel Foucault

Kittler steht für einen medientheoretischen


Ansatz, der die Materialität von Kommunikation
zum Ausgangspunkt nimmt.
Dr. Susanne Hochreiter 3
Kittler: Aufschreibesysteme

• Eine „Revolution“ der


Literaturwissenschaft.
• Fokus: Entstehung der
kulturellen Moderne in
zwei spezifischen Schüben
im 19. und 20. Jahrhundert:
1. Aufschreibesystem 1800
2. Aufschreibesystem 1900

Dr. Susanne Hochreiter 4


Aufschreibesysteme

▪ kulturelle Erscheinungsformen (Kunst,


Literatur, Wissenschaft) sind an
bestimmte Kulturtechniken gebunden
▪ Es gibt immer eine materielle
Verfasstheit (auch wenn diese nicht
sichtbar wird), z.B.: Literatur und
Buchdruck
Definition Aufschreibesystem: das
Netzwerk von Techniken und Institutionen,
„die einer gegebenen Kultur die Entnahme,
Speicherung und Verarbeitung relevanter
Daten erlauben“ (Kittler 1987, Nachwort)
Susanne Hochreiter 5
„Medienarchäologie“
→ fragt nach den → „Es gibt keine von
Effekten medialer technischen
Technik unter den Bedingungen
Bedingungen steigender abgetrennte soziale
Komplexität Sinnkommunikation.“

Kittlers Forschung:
Rekonstruktion der
Moderne unter den
Bedingungen der medialen
Diskurse, die sie ermöglicht
haben.
Susanne Hochreiter 6
Kittler: Aufschreibesysteme

Aufschreibesystem 1800
• Epochenschwelle um 1800: die allgemeine
Alphabetisierung setzt ein
• Mutter als Teil des Bildungssystems im Bereich des
Lesenlernens, Schrifterwerbs (Alphabetisierung,
Lesefibeln)
• → „Revolution des europäischen Alphabets“:
Stimme statt Schrift

Susanne Hochreiter 7
Aufschreibesystem 1800
Neue Spracherwerbs- und -produktionspraktiken:
• Mutter-Stimme: Vorlesen, Lautieren
• Schreib-Übungen
• Ziel dieses neuen Lesen- und Schreibenlernens:
Laut, Schrift und Bedeutung in ein philosophisch
verbrämtes System aus gleitenden Übergängen
verwandeln: Kontinuität ist hier im Zentrum
(Schreib- und Lesefluss ebenso wie Denkbewegung)
Aufschreibesystem 1800: analysiert den
Zusammenhang von Alphabetisierungskampagnen,
drucktechnischer Innovationen und eingreifenden
Veränderungen im Leseverhalten.
Susanne Hochreiter 8
Lesen_Lernen um 1800

in: Die Königin Luise in


50 Bildern für Jung und
Alt . Hg. von Paul Kittel,
Berlin [1896]

Dr. Susanne Hochreiter 9


Lesenlernen um 1800
• Positivität mütterlicher Unterweisung als
Input elementarer Kulturtechniken
• Um 1800 neue Büchersorte: legt
Verantwortung für Erziehung und
Alphabetisierung in die Hände der Mütter
• Davor gab es keine „von Natur her
legitimierte Zentralstelle für Kulturisation“,
sondern mehrere Instanzen
➢ z.B.: F. W. Wedag: „Handbuch über die frühe
sittliche Erziehung zunächst zum Gebrauch der
Mütter in Briefen abgefaßt“ (1795)
➢ Samuel Hahnemann: „Handbuch für Mütter, oder
Grundsätze der ersten Erziehung der Kinder“ (1796)

Dr. Susanne Hochreiter 10


„Lesenlernen um 1800“
Einsetzung von Müttern an den Diskursursprung als
Produktionsbedingung der klassisch-romantischen Dichtung
• „Es geht nicht um biographische Mütter mit ihren Komödien und
Tragödien, sondern um Mütter und Wehmütter eines ganz neuen
Abc-Buches; [es geht um die Transformation] einer
Aufschreibetechnik, die Schreiben schlechthin bestimmt.“ (Kittler,
Aufschreibesysteme, S. 38)
Fibeln von 1800: Auswendiglernen hat dem Verstehen zu
weichen → Mütter an „strategisch entscheidenden Posten“
• Naturalisierung des Alphabets: Buchstaben seien in der
menschlichen Natur gegründet (K. Ph. Moritz)

Dr. Susanne Hochreiter 11


„Lesenlernen um 1800“

Heinrich Stephani:
Lautiermethode

„Der Muttermund erlöst


also die Kinder vom Buch. • 1802 „Handfibel oder
Eine Stimme ersetzt ihnen Elementarbuch zum
Lesenlernen nach der
Buchstaben durch Laute Lautiermethode.“
[…]“ (Kittler, S. 45) • 1817 bereits 100 000
Exemplare verkauft.
• Bis 1868 102 Auflagen.

Dr. Susanne Hochreiter 12


„Lesenlernen um 1800“

Dr. Susanne Hochreiter 13


Aufschreibesystem und Literatur

„Mütter werden im wörtlichen Sinne zur tonangebenden


Instanz kindlicher Primärsozialisation, der es obliegt,
Säuglinge in Individuen zu verwandeln, indem sie ihnen –
und [...] das ist teilweise wörtlich zu verstehen – eine
Seele einhauchen.“ (Winthrop-Young, S. 23f.)
→ Illusion einer ,Präsenz von Sinn’ (nach Derrida)
→ „Rückkopplungsschleife“ besteht darin, „dass die
späteren Schriftsteller und Philosophen dieses
Aufschreibesystems in ihren Schriften und Dichtungen
einzuholen versuchen würden, was ihnen ,Mutter-
münder‘ einst, beim Lesenlernen zugeflüstert haben.“
(Weinberger, S. 34)
→ Die liebevolle Mutterstimme, die „bedeutungslose
Silbengeräusche und bedeutungsvolle Seelenlaute“
ineinander übergehen lässt, werde auch beim Dichten
innerlich vernommen. = die Urszene deutscher Klassik
Dr. Susanne Hochreiter 14
Friedrich Kittler:
Aufschreibesystem 1800
Märchen aus der neuen Zeit, erzählt in
zwölf Vigilien, ein „Wirklichkeitsmärchen“
o realistische und märchenhafte
Elemente stoßen aufeinander:
Sphären der Realität und solche des
Wunderbaren
o verkörpert durch die Spießbürger
Dresdens mit und eine Märchenwelt,
in der sich verfeindete
Elementargeister gegenüberstehen.
Zwischen die Fronten gerät Anselmus, ein
linkischer und verträumter Student
→ Weg vom Kopisten zum Poeten

Dr. Susanne Hochreiter 15


Hoffmanns Märchen und die
Romantik

Zentral ist der strukturelle Bezug auf die


romantische Dichtungstheorie.
• Hoffmann erzählt die Initiationsgeschichte eines Dichters
• Anselmus Einweihung in die Kunst hängt von intuitiver
Erkenntnis ab.
• Poetische Aussagekraft generell beruht auf Intuition
→ „Programmatik einer transzendentalen
Selbstreflexion“ (auch in Novalis‘ Heinrich von
Ofterdingen)

Dr. Susanne Hochreiter 16


Kittler konkret
Der goldne Topf - ein literarisches Umspringbild

»Ein Märchen aus der neuen Zeit« verkündet der Untertitel, und als
solches weist sich die Erzählung schon durch ihren Inhalt aus: Von einem
Magier wird da berichtet und von seiner Feindin, einer Hexe; von
Verwünschungen, wunderbaren Verwandlungen und Verzauberungen ist
die Rede, von Salamandern und Erdgeistern, von verführerischen
Schlangen und einem sprechenden Türklopfer, einem Zaubergarten und
natürlich von einem goldenen Topf. Und am Schluss löst sich alles in einem
Happy End auf, wie es sich für ein Märchen eben gehört.
Oder doch nicht? Muss man die ganze Geschichte wirklich ernst nehmen?
Ist das, was den Figuren widerfahren ist, in Wirklichkeit nur Einbildung
gewesen?“ (Martin Neubauer)

Dr. Susanne Hochreiter 17


Kittler konkret
Kittler beginnt mit Anselmus, Student der
philosophischen Fakultät, den es zum Dichterberuf
drängt – schließlich schreibt er sehr genau …
Unter einem Holunderbusch erfährt er seine Initiation:
– „Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und es war, als
ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen.
Anselmus horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst
nicht wie, das Gelispel und Geflüster und Geklingel zu
leisen halbverwehten Worten: ,,Zwischen durch - zwischen
ein - zwischen Zweigen, zwischen schwellenden Blüten,
schwingen, schlängeln, schlingen wir uns - Schwesterlein -
Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer - schnell,
schnell herauf - herab - Abendsonne schießt Strahlen,
zischelt der Abendwind […]“
Dr. Susanne Hochreiter 18
Hoffmann – weiter im Text
So ging es fort in Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus
dachte: »Das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit
ordentlich verständlichen Worten flüstert.« – Aber in dem
Augenblick ertönte es über seinem Haupte wie ein Dreiklang heller
Kristallglocken; er schaute hinauf und erblickte drei in grünem Gold
erglänzende Schlänglein, die sich um die Zweige gewickelt hatten
und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. Da flüsterte
und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein
schlüpften und kos'ten auf und nieder durch die Blätter und Zweige,
und wie sie sich so schnell rührten, da war es, als streue der
Holunderbusch tausend funkelnde Smaragde durch seine dunklen
Blätter. »Das ist die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch
spielt«, dachte der Student Anselmus, aber da ertönten die Glocken
wieder, und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr Köpfchen nach ihm
herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein elektrischer
Schlag, er erbebte im Innersten – er starrte hinauf, und ein paar
herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher
Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit
und des tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte.
(E. T. A. Hoffmann „Der Goldne Topf“, Erste Vigilie, S. 281)
Dr. Susanne Hochreiter 19
Kittler konkret

„Mit Gelispel, Geflüster, Geklingel fängt


Naturpoesie an.“

• „Was die namenlosen Schwestern singen – […] mutet an


wie eine der Alphabetisierungsetüden Stephanis […]
• Anselmus hat keine Ahnung, wie aus Lauten bedeutsame
Worte werden können und worauf ihrer aller Bedeutng
referiert. Wen das ,,wir“ und die ,,Schwestern“
bezeichnen, verrät Naturpoesie nicht mehr.

Dr. Susanne Hochreiter 20


Kittler konkret
„Die Konsonantenverbindung schl ist also für ringende Schlangen
genauso autonym wie ma für sprechenmachende Mamas. Und wie
die Reformationsfibeln bei den Buchstaben s und sch das Tiervorbild
Schlange beschworen haben, während das neue Lautieren alle
Aussprachekomplikationen einem gereinigten Muttermund zumutet,
so oszillieren die Schlänglein anfangs zwischen Naturgeräuschen und
Töchtern einer matrilinearen Familie. Anselmus schwankt, ob nur
,,der Abendwind“ für einmal ,,mit ordentlich verständlichen Worten
flüstert" oder ob ihm die Wunschmädchen eines Familienfests
begegnen. Daß der erklingende Dreiklang die Schwestern sichtbar,
aus akustischer Halluzination also Anschauung macht, bringt die
erste Klärung.
Mit dem Dreiklang tritt im namenlosen, undifferenzierten Reigen der
Schwestern eine Eine hervor. Aus Frauen im Plural wird - der
epochemachende Traum von der Blauen Blume hat es
vorprogrammiert - Die Frau.“ (Kittler, S. 97)
Dr. Susanne Hochreiter 21
Kittler konkret
Ein Zwischenergebnis:
• Spätestens dieser halluzinatorisch erblickte Blick
macht das Rätsel unterm Holunder zur Reprise von
Schlegels Brief Über die Philosophie.
• Stimme und Blick, akustische und optische Präsenz:
Aus dem uranfänglichen Spiel zwischen Lauten und
Reden erwächst die Figur einer Idealgeliebten.
• Wer das Lesen an ellenlangen Bibelnamen gelernt
hat, weiß keine Brücke zwischen Zeichen und
Empfindungen. Wen der Muttermund von vorn-
herein mit Sinnwörtern alphabetisiert, der ist immer
schon in einer bestimmten Szene, die ihn und Die
Frau umfängt.
(Kittler, S. 98)
Dr. Susanne Hochreiter 22
Kittler: Aufschreibesysteme
Aufschreibesystem 1900
• neue Formen der Datenspeicherung
• Veränderte Auffassung von „Sinn“
• Es geht nicht mehr zuerst um Bedeutungsfragen, sondern um die
Materialität von Texten und um Medientechnologien;
Diskursanalyse reicht für die Erforschung nicht aus.

Die Frage ist, „was Wörter leisten und was sie nicht
leisten, nach welchen Regeln sie aufgeschrieben und
gespeichert werden, nach welchen Regeln gelesen und
ausgelegt“.
Susanne Hochreiter 23
Grammophon, Film, Typewriter
(1986)
• Grundlegende Zäsur: Das Weltbild
um 1800 wird mit dem
Aufschreibesystem 1900 zerrüttet.
• Das Aufschreibesystem 1800 wird
ab ca. 1900 bis ca. 2000 durch das
Aufkommen technischer
Analogmedien wie Grammophon,
Film und Schreibmaschine ersetzt.
• Statusverlust der Schrift bzw. des
Buchs als Universalmedium.
Dichtung ist nicht mehr die
zentrale Kunstform.
Dr. Susanne Hochreiter 24
Aufschreibesystem 1900
Handicaps, Unfälle und kriegsbedingte Verletzungen:
→ „die Forschung braucht die eingetretenen Störungen nur zu
durchmessen, um einzelne Subroutinen der Sprache sauber zu
scheiden: Worttaubheit (beim Hören), Aphasie (beim Sprechen),
Agraphie (beim Schreiben) bringen im Gehirn lauter Maschinen zu
Tage“. (Kittler: Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1986)

• kognitive Fähigkeiten sind bestimmten Hirnregionen


zugeordnet
• Instanzen wie Geist, Seele oder Bewusstsein der Philosophie
(um 1800) geraten ins Wanken
• neue Erkenntnis: Wahrnehmungsapparat zerfällt in
quantifizierbare, hirnanatomisch lokalisierbare Subroutinen

Susanne Hochreiter 25
Aufschreibesystem 1900
„Informations Erst durch Medien
Kittler maschine erhalten wir
widerspricht Mensch“ vom Aufschluss über unser
Organprojektions Standpunkt Wahrnehmungssystem
these: der Medien
und
Medien und Maschinen
Maschinen sind denken:
NICHT
Erweiterungen
Kamera ≠
des Menschen nachgebautes
Auge

Film ≠
erweitertes
Sehen
Susanne Hochreiter 26
Aufschreibesystem 1900
Medien, Lesen und Literatur
→ Auseinanderfallen des Geistes in kognitive
Subroutinen wird zu technischem Ereignis
→ folgenreich für die auf Schrift angewiesene
philosophisch überhöhte Dichtung:
„Um 1900 wird die Ersatzsinnlichkeit Dichtung ersetzbar,
natürlich nicht durch irgendeine Natur, sondern durch
Technik. Das Grammophon entleert die Wörter, indem es
ihr Imaginäres (Signifikate) auf Reales (Stimmphysiologie)
hin unterläuft. […] Der Film entwertet die Wörter, indem
er ihre Referenten […] einfach vor Augen stellt.“
(Aufschreibesysteme, S. 297)
Susanne Hochreiter 27
Mensch und Medien
▪ Die Wahrnehmungsfähigkeit ist historisch
und kulturell veränderlich.
▪ sinnesphysiologische
Wahrnehmungsschwächen
▪ „Unzulänglichkeit“ menschlicher Sinnesorgane
(= Grundlage für mediale Wahrnehmung, z.B.
TV, Film)
Friedrich Kittler:
➢ Nicht der Mensch ist das Maß der Dinge,
sondern die Medien.
➢ Medien schleifen ihre Normen und
Standards in „Leute oder Sinnesorgane“ ein

Susanne Hochreiter 28
Dr. Susanne Hochreiter 29
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 09.12.21


„Aufschreibesystem 2000“

Digitalkultur von Maschinen und Programmen


• Computer kombiniert alle 3 Operationen:
Datenspeicherung, -übertragung und –verarbeitung
• Nivellierung aller Unterschiede zwischen Medien, da
alles berechenbar wird und standardisiert
• „ein totaler Medienverbund auf Digitalbasis wird den
Begriff Medium selbst kassieren“ (Kittler, 1986)
• Alles Menschliche tritt hinter die Technik - totale
Programmierbarkeit der Menschen durch Medien.
„Der Computer übernimmt alle Funktionen
vorhergehender Medien wie Radio, Fernsehen, Video,
Telefon etc. Daten werden ausschließlich in Zahlen
ausgedrückt.“ (Sonja Yeh, Medientheorien, S. 159)

Dr. Susanne Hochreiter 2


Resümee: Aufschreibesysteme
Texte sind durch die Art bestimmt, in der sie
technisch hergestellt sind.
• Wie werden Diskurse durch den Wandel von Technologien
und Medien verändert?
• Aufschreibesysteme: die zu einem „bestimmten Zeitpunkt
nachweisbaren Formationen des Diskurses“ (J. Vogt)
• „Aufschreibesystem“: Netzwerk von Techniken und
Institutionen, die einer gegebenen Kultur die „Adressierung,
Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben“
(Kittler, 1985, S. 501)
• Forderung nach einem Paradigmenwechsel: hin zu einer
Wissenschaft von den technischen Bedingungen der
Informationsspeichersysteme
Susanne Hochreiter 3
Kritik an Friedrich Kittler
Kittler polarisiert und ist umstritten: das liegt auch daran, dass
er „Anstößiges auf anstößige Weise“ schreibt (Winthrop-
Young)

o Im Zentrum des inhaltlich „Anstößigen“: ein „harter“


oder „kalter“ Antihumanismus (12), um eine rigoros
vorangetriebene Auflösung von Verabschiedung eines
traditionellen Subjektbegriffs mit allen daran geknüpften
Vorstellungen von Ermächtigungen und Emanzipations-
projekten sowie Kritik an allen Kommunikationsutopien
o berüchtigte „Unmenschlichkeit“ in seinen Ausführungen
o Polemiker, ironisch … Bewunderung für Militär und
Leistungen der deutschen Wehrmacht (S. 11)
o Moment der Provokation; Außenseiterposition
o Kritik am Kittler-Deutsch: Ironie, Polemik, Techno-Sprech
o Kritik an der „Kittler-Leere“, in der Kulturwissenschaft zum
„Entertainment“ verkomme.

Dr. Susanne Hochreiter 4


Kritik an Kittler
Frank Hartmann: Ist die Behauptung, dass es allein
die technischen Standards sind, die letztlich alles
Menschliche bestimmen, haltbar?
• Einerseits darf der Einfluss der Technik auf den
Geist keinen Kurzschluss zwischen diesen beiden
bedeuten. Schließlich sind die Zeichen-systeme
einer Kultur weder Geist selbst, sondern dessen
Auslagerung, noch Technik im engeren Sinne,
sondern Hilfsmittel und Verstärker für
Sinnesfunktionen (z.B. für Gedächtnis)
• Es gibt Denkvoraussetzungen abstrakter
(Wünsche, Begehren) und materieller Natur.
• Die symbolische Welt geht nicht restlos in der
Welt der Medientechnik auf.
Dennoch ist die Technik nach wie vor der blinde
Fleck einer auf Sinnverstehen und Inhalten
aufbauenden Medientheorie.
Dr. Susanne Hochreiter 5
Aufschreibesysteme und
LiteraturWissenschaft

Beziehung von Medialität und Literatur

• In „Aufschreibesysteme 1800 1900“ explizit


ausgearbeitet
• Einflussreiches neues methodisches Paradigma
für Germanistik und Medienwissenschaften
• „Gründungstext einer neuen
Medienwissenschaft“ (Niebisch, Süess)

Susanne Hochreiter 6
Aufschreibesysteme und
LiteraturWissenschaft

Historisierung:
•geprägt von → Durch
Was ist
Diskursanalyse historische
Literatur?
•Blick aus historischer Frageperspektive
Distanz Wie ist mit
neue Räume zur
•gegen Geschichts- Literatur
Entwicklung der
vergessenheit des Fachs umzugehen?
Germanistik

Susanne Hochreiter 7
kahoot.it

Dr. Susanne Hochreiter 8


Bild

Susanne Hochreiter 9
Analoge optische Medien /
Drucktechniken

Camera obscura Bis zur zweiten


Hälfte des 19. Jh.: Vervielfältigung
= historisch älteste 17.-20. Jh.: seit Beginn des 19.
Malerei- und
Form der Laterna Jh.: Lithographie: Fotografie
Drucktechniken:
Vermittlung (nicht magica: erster Höhepunkt
Holzschnitt,
Speicherung) von Projektion einer „Bilderflut“
Kupferstich,
Bildern Radierung

Susanne Hochreiter 10
Visualisierungsschübe
Bilderbogen, Blatt, Ansichtskarte, Plakat
19. Jh.: „Bildhunger“, „Sehsucht“
Bilderbogen: Zwischenmedium (ca. 1830-
1880er): Unterhaltung, Belehrung,
Information für Unter- und Mittelschichten
o handkolorierte Einblattdrucke
o Bilddominanz bei der Text-Bild-Verknüpfung
o narrative Reihung von Bildern
o verschiedene „Genres“: humoristischer,
Aktualitäten- oder Kinderbogen

Blatt: Flugblatt, Andachtsbilder, Beichtzettel, Diplome,


Reklamekarten …
Bildpostkarte/Ansichtskarte: ab 1875
Plakat: Wand → Litfaßsäulen; politisch, kommerziell
Susanne Hochreiter 11
Zeitung
Bürgerliches Zeitalter
Aufstieg des Mediums Zeitung im 18. Jh.
➢ zunehmender Umfang, häufigere
Erscheinungsweise
➢ zunehmende Zahl der Zeitungsunternehmen
und -leserInnen
Ausdifferenzierung in
verschiedene Zeitungstypen:
▪ politische Zeitungen
▪ Anzeigenblätter
▪ Wochenzeitungen
Susanne Hochreiter 12
Zeitung im 18. Jh.

Anzeigen- und
Politische Zeitungen Wochenblätter
Intelligenzblätter
• rund 3 Mio. • Such-, Auktions-, • Bauern- und
Leser_innen im späten Stellen-, Dorfzeitungen mit
18. Jh. Werbeanzeigen usw. beschränkter
• Berichte über • Funktion: Reichweite
militärisch-politische Wirtschaftsinteressen; • teils in volkstümlicher
Themen herrschafts-konforme Sprache; belehrend-
• „Säkularisation des Information durch die unterhaltend
Politischen“ fürs Behörden
Bürgertum: keine Aura
höherer Lenkung

Susanne Hochreiter 13
Zeitung im 19. Jahrhundert
Ausdifferenzierung Konsolidierung
•quantitative Ausweitung • Medienübergreifendes System
•Politisierung der Nachrichtenbericht-
•zunehmender Umfang (Anzeigen, erstattung
Beilagen …) • Massen- und Boulevard-
•Ökonomisierung: Schnellpresse, presse: kommerzialisierte
Rotationsdruck → profitabler Scheinöffentlichkeit
Druck • Pressekonzentration
•qualitativ: Aufmachung (Schlag- • Professionalisierung:
zeilen, Seitengliederung, Sparten,
eigenständige Handlungsrolle
Ressorts, Genres)
und Beruf „Journalist*in“
•Kapitalisierung: Finanzierung
durch Anzeigen

Susanne Hochreiter 14
Zeitschrift

Zeitschrift als Schlüsselmedium Rolle der Zeitschrift wandelt


bürgerlicher Gesellschaft: sich im 19. Jh.:
• „Medium der Aufklärung“ • quantitativ bedeutsam:
• Neues heterogenes Medium Rundschau-, Fach-,
im 18. Jh. Familienzeitschriften,
• Elemente/Funktionen von Illustriere, Witzblätter
Brief, Heft, Zeitung, Buch, • Beispiel: „Die Gartenlaube“
Flugblatt übernommen (1853-1944)
(universelle Themen, • Erfolg beförderte den Trend
begrenzter Umfang, zur Illustrierung
periodische Kontinuität in • → ein Drittel bis zur Hälfte des
größeren Abständen, Tendenz Umfangs: Bilder
zur Visualisierung)

Susanne Hochreiter 15
Zeitschrift und Illustration
ganz links: erster
illustrierter
Heftumschlag (ab 1860)
links: Ausgabe aus dem
Jahr 1908
unten links: 1932
unten rechts: 1938

Susanne Hochreiter 16
Text und Bild
(historisch) vertraute Nähe von
Wort und Bild zeigt sich in der
Illustration.
Hilfe beim Lesen:
o motivierendes,
o veranschaulichendes,
o präzisierendes Mittel für
Leser/innen

Beispiel: Darstellung des Jüngsten


Gerichts aus dem katalanischen
Messbuch der heiligen Eulalia (um 1400)

Susanne Hochreiter 17
Text und Bild
Verbesserte Reproduktions-
techniken und wachsende
Literarisierung der Bevölkerung:
→ Verbindung von Text und
Illustration bedeutsamer
Im 14. Jh. löst der Holztafeldruck/
Blockdruck den Zeugdruck ab: in
Blockbüchern können Text und
Bild gemeinsam in den Holzblock
geschnitten werden

Susanne Hochreiter 18
Fotografie

18. Jh.: erste


Experimente, Bilder
aus der Realität mit
technischen und
chemischen Mitteln
festzuhalten
• Joseph Nicéphore Nièpce:
1822/23: dauerhafter Abdruck eines
Bildes aus der camera
Beginn der obscura (Heliografie)
• Louis Jacques M. Daguerre:
Geschichte der Fixierung von Bildern aus
der Realität (Unikate)
„klassischen“ • Reproduktion erstmals 1839:
Henry Fox Talbot produziert
Fotografie: Abzüge von einem
Fotonegativ
Susanne Hochreiter 19
Fotografie
1888: George Eastman trennt
den mechanischen Vorgang
des Fotografierens von
chemischen Verfahren:
einfachere Handhabung:
→ 1895 Kodak-Boxkamera
(für 25 Dollar);
Entwicklung der Filme
übernimmt Eastmans
Firma
→ Beschäftigung für eine
breite Masse an
Amateur_innen
Susanne Hochreiter 20
„Medium des Kleinbürgers“

medienhistorisch: Zentral sind die kulturellen und


sozialen Funktionen der Fotografie und deren
Wandel in der Gesellschaft des 19. Jh.

produktionsorientierte Faszination: Werkzeug


schien quasi aus sich selbst heraus zu wirken –
„nur“ durch Licht, selbständig: scheinbar
autonome Vermittlung

Diskussion: Fotografie als Kunst?


• reproduktiv?
• originär?

Susanne Hochreiter 21
Visuelle Inszenierung

Susanne Hochreiter 22
Visuelle Inszenierung
Familienporträt
Biedermeier
Clemens Bewer
Aachener
Kanzleirat und
Mitglied des
Stadtrates
Johann Wilhelm
Janssen (1799-
1868) und seine
Familie.
125 x 155 cm Öl
auf Leinwand,
1843

Dr. Susanne Hochreiter 23


Susan Sontag: On Photography
1933-2004
Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin,
Regisseurin
• Notes on 'Camp’ (1964)
• Against Interpretation (1966)
• Illness as Metaphor (1978)
• Fiktionale Werke: The Way We Live Now
(1986), The Volcano Lover (1992), In
America (1999)

Die Essays über Fotografie erschienen zuerst


in einer Reihe in der New York Review of
Books zwischen 1973 und 1977.

Dr. Susanne Hochreiter 24


Susan Sontag
• „Fotografien erklären nicht: sie bestätigen“.
• „Das Realismus-Programm der Fotografie
basiert letztlich auf nichts anderem als
dem Glauben, daß die Wirklichkeit
verborgen ist. Und da sie verborgen ist,
muss sie enthüllt werden. Alles, was die
Kamera protokolliert, ist Enthüllung.“
(Sontag 2003, 116)
• „Fotografieren heißt sich das fotografierte
Objekt aneignen.“ (2003, 10)
• „Alles, was man fotografiert, wird dadurch
schön. Das ist die fotografische Lüge.“
Susanne Hochreiter 25
Susan Sontag: „Über Fotografie“

– Fotos fördern die Nostalgie


– „Jede Fotografie ist eine Art memento
mori“ (2003, 21)
– „Fotos liefern Beweismaterial. Etwas,
wovon wir gehört haben, woran wir aber
zweifeln, scheint ,bestätigt‘, wenn man
uns eine Fotografie davon zeigt.“ (2003,
158)
– Aneignung der Welt
– Durch das Fotografieren wird alles zum
Ereignis

Susanne Hochreiter 26
Fotografie

Roland Barthes
• „Le chambre claire“ (Die helle
Kammer), 1980
• Philosoph, Kultur- und
Literaturtheoretiker
• Mitbegründer der Semiotik

Dr. Susanne Hochreiter 27


Barthes: Die helle Kammer

Auseinandersetzung mit dem Wesen der Fotografie

Was ist die Fotografie „an


Frage nach Bildwerdung und
sich“ und was unterscheidet
Wirkung sie von anderen Bildern?

systematische „photographisches Paradox“:


Beobachtungen und das Foto ist „weder Bild noch
persönliche Gedanken Wirklichkeit“.

Dr. Susanne Hochreiter 28


Barthes: studium, punctum

studium punctum

Das Interesse der Das „Element selbst schießt


Betrachter*innen an der wie ein Pfeil aus seinem
Fotografie: Hingabe an eine Zusammenhang hervor, um
Sache, das Gefallen, eine mich zu durchbohren“ –
Art allgemeiner Beteiligung punctum: Stich, kleines Loch

Susanne Hochreiter 29
Susan Sontag: „Über Fotografie“
Roland Barthes: „Die helle Kammer“

Sontag: Barthes: Paradox der


Fotos fördern die Nostalgie Fotografiebetrachtung
•„Jede Fotografie ist eine Art •„Ich lese gleichzeitig: das wird
memento mori“ (2003, 21) sein und das ist gewesen; mit
•„Fotos liefern Beweismaterial.“ Schrecken gewahre ich eine
Dinge/Ereignisse erscheinen als vollendete Zukunft, deren Einsatz
,bestätigt‘, wenn man uns eine der Tod ist.“ (1989, 106)
Fotografie davon zeigt. (2003, •„Das Kinderphoto meiner Mutter
158) vor Augen, sage ich mir: sie wird
• Aneignung der Welt sterben: ich erschauere […] vor
• alles wird zum Ereignis einer Katastrophe, die bereits
stattgefunden hat.“
• fotografische Lüge

Susanne Hochreiter 30
Dr. Susanne Hochreiter 31
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 16.12.21


kahoot.it

Dr. Susanne Hochreiter 2


Susan Sontag: „Über Fotografie“
Roland Barthes: „Die helle Kammer“

Sontag: Barthes: Paradox der


Fotos fördern die Nostalgie Fotografiebetrachtung
•„Jede Fotografie ist eine Art •„Ich lese gleichzeitig: das wird
memento mori“ (2003, 21) sein und das ist gewesen; mit
•„Fotos liefern Beweismaterial.“ Schrecken gewahre ich eine
Dinge/Ereignisse erscheinen als vollendete Zukunft, deren Einsatz
,bestätigt‘, wenn man uns eine der Tod ist.“ (1989, 106)
Fotografie davon zeigt. (2003, •„Das Kinderphoto meiner Mutter
158) vor Augen, sage ich mir: sie wird
• Aneignung der Welt sterben: ich erschauere […] vor
• alles wird zum Ereignis einer Katastrophe, die bereits
stattgefunden hat.“
• fotografische Lüge

Susanne Hochreiter 3
World Press Photo of the Year 2020

Susanne Hochreiter 4
Walter Benjamin
Autor, Philosoph (1892-1940)
• Studium der Philosophie, Germanistik und
Kunstgeschichte
• Promotion über den "Begriff der Kunstkritik in
der deutschen Romantik" in Bern
• Habilitationsschrift über das deutsche Barock-
Trauerspiel abgelehnt – veröffentlich unter
dem Titel "Ursprung des deutschen
Trauerspiels“
• 1933 Emgration nach Paris; mat.
Unterstützung durch Mitarbeit an Max
Horkheimers „Zeitschrift für Sozialforschung“
• Freundschaften mit Gershom Sholem,
Theodor Adorno, Bertolt Brecht

Dr. Susanne Hochreiter 5


Walter Benjamin: Fotografie
Kunst und ihre Rezeption sind
durch mediale Entwicklungen
einem Wandel unterworfen
• Ausstellungswert drängt
Kultwert zurück
• letzter Moment der Aura: im
Porträt
„Im Kult der Erinnerung an die fernen oder die abgestorbenen
Lieben hat der Kultwert des Bildes die letzte Zuflucht. Im flüchtigen
Ausdruck eines Menschengesichts winkt aus den frühen
Photographien die Aura zum letzten Mal.“
(Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1936)

Dr. Susanne Hochreiter 6


Walter Benjamin: Fotografie
neue Art der Abbildung der Wirklichkeit und
veränderte kollektive Wahrnehmung

• Verlust der „Aura“ verändert soziale Funktion der (Bild)Medien.


• Kunst löst sich von ihrem Ursprung, der im religiösen Ritual und
der sich beständig wandelnden Tradition liegt. Kunstwerke waren
in ihrem Ursprung und in ihrer Geschichte Bestandteil und
Ausdruck kultischer Veranstaltungen. Auch im Wandel der
Säkularisierung behielten sie ihren „Kultwert“.

„Wahrnehmungsschock“
• Die Kamera macht in der Erfahrungswelt ein Optisch-Unbewusstes
erfahrbar, sie bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern durchdringt sie
(Benjamin: Kleine Geschichte der Philosophie, 1931)
Dr. Susanne Hochreiter 7
Walter Benjamin: Film

Walter Benjamin: Film verändert die künstlerische


Produktion und Rezeption stärker als Fotografie und
Schallplatte.

„Bei den Filmwerken ist die technische


Reproduzierbarkeit des Produkts nicht wie zum
Beispiel bei den Werken der Literatur oder der
Malerei eine von außen her sich einfindende
Bedingung ihrer massenhaften Verbreitung. Die
technische Reproduzierbarkeit der Filmwerke ist
unmittelbar in der Technik ihrer Produktion
begründet.“ (Benjamin, 2003)

Dr. Susanne Hochreiter 8


Walter Benjamin: Film

Das illusionäre Natur [des Films] ist eine Natur zweiten


Grades.

Im Filmatelier ist die Apparatur tief in die Wirklichkeit


eingedrungen. (Benjamin, S. 31)

Das Bild des Malers ist ein totales, das des Kameramanns ein
zerstückeltes, dessen Teile sich nach einem neuen Gesetze
zusammen finden. (Benjamin, S. 32)

Dr. Susanne Hochreiter 9


Metropolis: Am Set
Deutschland 1927
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Fritz
Lang und Thea
von Harbou

Dr. Susanne Hochreiter 10


Stefan Zweig: Schachnovelle

Hier korrigiere ich viel an der


Autobiographie, habe eine kleine
Schachnovelle entworfen, angeregt davon,
daß ich mir für die Abgeschiedenheit ein
Schachbuch gekauft habe, und täglich die
Partien der großen Meister nachspiele.
(Brief an Friderike Zweig, 29. 9. 1941)

• entstanden 1941 und 1942 im brasilianischen Exil


• Dt. Erstausgabe postum am 7. 12. 1942 in Buenos
Aires erschienen (limit. Auflage)
• 1943 im Exilverlag von Gottfried Bermann Fischer.
Dr. Susanne Hochreiter 11
Schachnovelle: Film
Regie Philipp Stölzl
aösdkfasödlkjfaöfj
Drehbuch Eldar Grigorian
Tobias Walker
Produktion Philipp Worm
Danny Krausz
Musik Ingo Ludwig Frenzel

Kamera Thomas W. Kiennast


Schnitt Sven Budelmann
Besetzung
•Oliver Masucci: Dr. Josef Bartok
•Birgit Minichmayr: Anna Bartok
•Albrecht Schuch: Franz-Josef Böhm / Mirko
Czentovic
Dr. Susanne Hochreiter 12
Schachnovelle: Film

Verfilmung 1960:
Mit Curd Jürgens und Mario
Adorf
Regie: Gerd Oswald
Ausschnitt:
https://www.kino.de/film/sc
hachnovelle-1960/

Dr. Susanne Hochreiter 13


Zweigs Text
• „klassische Novelle“ (Rahmen, unerhörte Begebenheit,
Wendepunkt, Symbole,)
• Autodiegetische Erzählinstanz, versch. Erzählinstanzen in den
Rückblenden
• Handlungsebenen:
• GEGENWART: Einleitende Darstellung vor Ablegen des Schiffes
RÜCKBLENDE Lebensgeschichte Czentovics, durch einen Erzähler vermittelt
GEGENWART Schachspiel zwischen Ich-Erzähler und dem Schotten
McConnor RÜCKBLENDE Lebensgeschichte Dr. B.s, von ihm selbst erzählt
GEGENWART Schachduell zwischen Czentovic und Dr. B.

„Ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren, dessen schmales,


scharfes Gesicht mir schon vordem auf der Deckpromenade
durch seine merkwürdige, fast kreidige Blässe aufgefallen war,
mußte in den letzten Minuten, indes wir unsere ganze Aufmerk-
samkeit dem Problem zuwandten, zu uns getreten sein.“ (S. 26)
Dr. Susanne Hochreiter 14
Schachnovelle

Auf dem großen Passagierdampfer, der um Mitternacht


von New York nach Buenos Aires abgehen sollte,
herrschte die übliche Geschäftigkeit und Bewegung der
letzten Stunde. […]
Ich stand im Gespräch mit einem Bekannten etwas
abseits von diesem Getümmel auf dem
Promenadendeck, als neben uns zwei- oder dreimal
Blitzlicht scharf aufsprühte – anscheinend war
irgendein Prominenter knapp vor der Abfahrt noch
rasch von Reportern interviewt und photographiert
worden. Mein Freund blickte hin und lächelte: „Sie
haben da einen raren Vogel an Bord, den Czentovic.“
Dr. Susanne Hochreiter 15
Film

Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=SXSJFtAmy
Q0

https://www.kinofenster.de/filme/neuimkino/sc
hachnovelle-film/

Dr. Susanne Hochreiter 16


Film

Dr. Susanne Hochreiter 17


Figuren
Text Film
Erzähler Rahmenhandlung Implizite Erzählinstanz (Kamera) –
Erzähler der Geschichte Czentovics wechselndes Geschehen:
Dr B als Erzähler seiner eigenen Vorgeschichte, Gegenwart an Bord
Geschichte (Binnenerzählung) des Schiffs
Dr. B. Dr. Josef Bartok
---- Anna Bartok
--- Franz-Josef Böhm (Gestapo-Offizier)
Mirko Czentovic Czentovic und Böhm (derselbe
Schauspieler)

Dr. Susanne Hochreiter 18


Motive
Text Film
Schachspiel selbst (64 Felder,
Figuren) – „geistiger Krieg“ (S. 51),
Kampf (Schach) – als „Schauspiel“ an
Bord; Überlebenskampf
Der Fremde / der Unbekannte Dr. B. Dr Bartok ist die erste Figur, die
auftritt (für den Film also nicht
fremd)
Wahnsinn v.a. visuell umgesetzt; „kippende“
Räume, halluzinierte Ehefrau
Homer als Bsp u.a. Dingen, die Dr. B. Homer (als Zitat mehrfach)
auswendig kann/rekonstruiert
Buch („ein Werk, das mich geistig Bücher (Bücherverbrennung)
anstrengte“, „am besten Goethe oder
Homer“
Dr. S. 47)
Susanne Hochreiter 19
Dr. Susanne Hochreiter 20
Mediengeschichte der Literatur

Mag. Dr. Susanne Hochreiter 13.01.22


Film

Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=SXSJFtAmy
Q0

https://www.kinofenster.de/filme/neuimkino/sc
hachnovelle-film/

Dr. Susanne Hochreiter 2


Figuren
Text Film
Erzähler Rahmenhandlung Implizite Erzählinstanz (Kamera) –
Erzähler der Geschichte Czentovics wechselndes Geschehen:
Dr B als Erzähler seiner eigenen Vorgeschichte, Gegenwart an Bord
Geschichte (Binnenerzählung) des Schiffs
Dr. B. Dr. Josef Bartok
---- Anna Bartok
--- Franz-Josef Böhm (Gestapo-Offizier)
Mirko Czentovic Czentovic und Böhm (derselbe
Schauspieler)

Dr. Susanne Hochreiter 3


Film

Dr. Susanne Hochreiter 4


Motive
Text Film
Schachspiel selbst (64 Felder,
Figuren) – „geistiger Krieg“ (S. 51),
Kampf (Schach) – als „Schauspiel“ an
Bord; Überlebenskampf
Der Fremde / der Unbekannte Dr. B. Dr Bartok ist die erste Figur, die
auftritt (für den Film also nicht
fremd)
Wahnsinn v.a. visuell umgesetzt; „kippende“
Räume, halluzinierte Ehefrau
Homer als Bsp u.a. Dingen, die Dr. B. Homer (als Zitat mehrfach)
auswendig kann/rekonstruiert
Buch („ein Werk, das mich geistig Bücher (Bücherverbrennung)
anstrengte“, „am besten Goethe oder
Homer“
Dr. S. 47)
Susanne Hochreiter 5
Dr. B. / Dr. Bartok
„merkwürdige Blässe des verhältnismäßig
jungen Gesichts“,„ein nervöses Zucken um
seinen rechten Mundwinkel (S. 36);
„merkwürdige Unruhe“ (S. 37)

Aber genötigt, wie ich war, Kämpfe


gegen mich selbst in einen imaginären
Raum zu projizieren, war ich gezwun-
gen, in meinem Bewusstsein die
jeweilige Stellung auf den vierund-
sechzig Feldern deutlich festzuhalten
und außerdem nicht nur die momen-
tane Figuration, sondern auch schon
die möglichen weiteren Züge von
beiden Partner mir
auszukalkulieren.[…]
Dr. Susanne Hochreiter 6
Film „lesen“

Susanne Hochreiter 7
Film - historisch
Neue Medientechnologie Film: Aufnahme und
Wiedergabe von Bewegungsabläufen
▪ seit dem 19. Jh. (Vorläufer laterna magica)
▪ primär zu Unterhaltungszwecken (z.B. auf
Jahrmärkten)
▪ mobiles Kino
▪ Kinotheater
▪ Filmgenres, Programm-
Typen, Filmpräferenzen
Susanne Hochreiter 8
Literaturverfilmung
Historisch und aktuell:
o Filmhandlung basiert oft auf literarischen
Textvorlagen
o Produktion ausgehend von einem Drehbuch
→ These (Schneider, 1980): Figuren, Handlungsverlauf,
Orte, Zeiten bilden ein semantisches Gefüge, das
dem Film eine Struktur gibt, aber auch nach dessen
medialen Möglichkeiten und Bedarfen organisiert
wird.
Seit den 1960er Jahren erste Arbeiten zum Thema
Literaturverfilmung – zur „Verwandlung“ des Textes.
Susanne Hochreiter 9
Literaturverfilmung
Lange Zeit wirksame Hierarchisierung:
„Literaturverfilmung“: Literatur zuerst, dann der Film
▪ Trivialisierung des Kunstwerks
▪ Film als „Kunst aus zweiter Hand“
▪ Literaturverfilmung als Konkurrenz zu Literatur
(Filme sehen statt lesen)
In der Forschung ab den 1980er Jahren Beziehung von
Film und Literatur verschiedentlich ausgelotet
▪ Blick auf ästhetische Gestaltung
▪ Wechselseitiger Einfluss: Erzählmuster
Perspektivierungen, Rhythmus usw. – der Stoff als
verbindendes Element ist nicht mehr so dominant.
Susanne Hochreiter 10
Literatur und Film
Wesentliche Gemeinsamkeit: Beide sind sinnstiftende Zeichensysteme
(Neuhaus 2008)

Jedoch: verschiedene Zeichensysteme

• Literatur: Schriftsprache
• Film: Kombination von Zeichensystemen: Bild, gesprochene Sprache,
nonverbale Sprache (Körper, Mimik, Gestik; Kleidung… ); weiters
Kameraführung, Beleuchtung, Musik, Schnitt
• → stärkere suggestive Kraft
• → performativ

Literatur und Film: „Ein künstlerischer Text ist komplex aufgebauter Sinn.
Alle seine Elemente sind sinntragende Elemente.“ (Jurij Lotman)

Susanne Hochreiter 11
Kamerablick
https://www.youtube.com/watch?v=Es5Snv2opiA

Dr. Susanne Hochreiter 12


Film „lesen“: Kamerablick
▪ Der Kamerablick ist dem kinematografischen Bild
eingeschrieben, ohne dass die Kamera anwesend ist.
▪ Dieser Blick wird den Zuseher_innen in der Projektion
vorgegeben – erscheint als „eigener“ Blick
▪ Zuschauer*blick und Kamerablick werden
gleichgesetzt: Zuseher_in sieht, was die Kamera sieht,
kann sich aber auch aus der Konstellation lösen.
▪ Bearbeitungsphasen des Bildes sind in der filmischen
Wahrnehmung nicht präsent
Suggestion der Realitätsabbildung entsteht dadurch, dass
die Zuseher_innen in die Konstruktion der Apparatur
begeben: Blick durch den Rahmen des Bildes „auf die
Welt“ → „schöpferische Kamera“ (Béla Balázs)
Susanne Hochreiter 13
Kamerablick
Re/Produktion von Geschlechter-Bildern

Laura Mulvey
(Filmtheoretikerin, Univ. of London)
„Visuelle Lust und narratives Kino“
→ pleasure in looking /being looked at
→ Sigmund Freud: Skopophilie
→ aktiver Blick männlich kodiert,
passiver Blick weiblich kodiert

Susanne Hochreiter 14
Gender und Visualität
Filme als Medien der Re_Produktion von Geschlecht

Visuelle Affirmation oder Subversion von (Geschlechter)Normen:


„ideale“ Weiblichkeit oder Männlichkeit
• Schönheit
• Körper
• Verhaltensnormen

Rezeptionsmodus: Wir lernen die Regeln direkt „[…] durch Bilder, die
uns mitteilen, welche Kleidung, welche Körperform, welcher
Gesichtsausdruck, welche Bewegungen und welches Verhalten verlangt
werden.“ (Bordo nach Weingarten, S. 13.)

Dr. Susanne Hochreiter 15


Vilém Flusser

• Mediengeschichte,
Medientheorie
• „Kommunikologie“
• Utopie der
telematischen
Gesellschaft

Susanne Hochreiter 16
Flusser: Kommunikologie
Kommunikologie: Flussers Theorie menschlicher Kommunikation
• → Speicherung, Verarbeitung, Weitergabe von Information sowie
deren Erzeugung
Kommunikologie beschäftigt sich mit den Formen und Codes
dieser Informationsvermittlungen
• historisch: von der Höhlenmalerei bis zum Computer

Reflexion von Machtverhältnissen in versch. Grundformen:


• Baum
• Pyramide
• Theater
• Amphitheater
Dr. Susanne Hochreiter 17
Vom Bild zur Schrift zum
Informationszeitalter
„Die Rolle der Codes für die Kultur ist nicht zu überschätzen.
Nicht nur gibt jeder Code der Welt eine ihm spezifische
Bedeutung […] sondern die Struktur der Codes strukturiert
auch das Denken, Fühlen und Wollen.“

Wechsel der Codes → „Kulturrevolution“ Geschichte als


„Medienkulturgeschichte“: nicht nach dem Muster
Oralität, Literalität und Post-Literalität

Flusser: 3 große kulturtechnische Perioden, die


bestimmten Medien korrespondieren:
Bild, Schrift, digitales Techno-Bild

Susanne Hochreiter 18
Entwicklung von Medien und
Technik: Zunehmende Abstraktion

Dr. Susanne Hochreiter 19


Dr. Susanne Hochreiter 20

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