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Der Kapitalismus und die Freiheiten

Richard Sturn*

Abstract: Is a capitalist market economy superior to any other feasible


arrangement with regard to the freedom of choice? Can we assume a
symbiotic relationship with institutions realizing political freedom? Or is
it an economic environment inimical to political freedom? Is the apparent
degree of the freedom of choice a chimera in the shadow of various coer-
cive tendencies operating behind the back of the individuals? The pros
and cons with regard to the controversial claims addressing those ques-
tions are sketched and discussed on the basis of a co-evolutionary under-
standing of private and public sectors, taking into account tensions occa-
sioned by the status of pluralism and the pervasive role of “collective
choices” in modern societies.

Keywords: Benjamin Constant, Milton Friedman, freedom, political


economy, democracy, Joseph Schumpeter.

JEL-Klassifikation: B15, O1, P00, Q01.

1. Kapitalismus als Architektur von Freiheit und Zwang

Mit Blick auf die Freiheit diagnostizierte Benjamin Constant vor


zweihundert Jahren (1819) eine grundlegende Differenz zwischen der
Moderne und der Antike. In einer berühmten Rede (De la liberté des
anciens comparée à celle des modernes, 1819) stellte er fest: „Das, was
die Alten erstrebten, war die Verteilung der staatlichen Gewalt unter die
*
Prof. Dr. Richard Sturn, Universität Graz, Institut für Finanzwissenschaft und
Öffentliche Wirtschaft, Universitätsstraße 15, A-8010 Graz • [richard.sturn@uni-
graz.at].

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Bürger des Landes: Das war es, was sie Freiheit nannten. Die Modernen
erstreben Sicherheit im privaten Genuss; sie bezeichnen als Freiheit die
Rechtsgarantien, die die Institutionen diesem Genuss gewähren.“ Und in
der Tat: Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass
Menschen privat-individuelle Freiräume haben, die in dieser Form in
anderen Gesellschaften nicht bekannt waren. Auch über die „Sicherheit
im privaten Genuss“ (der nicht auf Konsum reduziert ist, sondern
Erwerbsfreiheit und Unternehmertum als materiellen Kulminationspunkt
der klassischen bürgerlichen Freiheiten einschließt) hinaus schafft die
Kombination von Rechtsstaat und Marktgesellschaft Freiräume, die
einerseits den Horizont individuellen Handelns prägen, deren Struktur
andererseits aber auch die unintended consequences dieses Handelns
bestimmt: Denn die Struktur von Freiräumen und Beschränkungen (Wer
„darf“ im Rahmen der Rechtsordnung was tun? Wem werden welche
Kosten des Handelns angelastet?) und deren Wandel bestimmen die Art
der Wechselwirkungen, welche sich in unintended consequences
unterschiedlicher Art, Qualität und Reichweite verdichten. Letztlich
hängt also die auch sozio-ökonomische Dynamik des Kapitalismus
insgesamt (inklusive ihrer „Nebenfolgen“) mit diesen Freiräumen und
ihrer Struktur zusammen. Die Institutionen des „Hochkapitalismus“ à la
Schumpeter ermöglichen in diesem Sinn unternehmerische
Innovationsdynamik bis hin zur „schöpferischen Zerstörung“. Dies setzt
voraus, dass traditionelle Bindungen durch Norm, Sitte, Gemeinschaft
bzw. Stakeholder-Interessen zuvor soweit abgeschwächt wurden, dass
der Kreditgeber bzw. Financier zum einzigen Vetospieler wird, der
innovative Projekte wirksam „verhindern“ kann, indem er fallweise dem
Möchtegern-Innovator den Zugang zu jenen Krediten verweigert, die er
für die praktische Umsetzung seiner Innovationen braucht (vgl.
Schumpeter 1912, Kurz/Sturn 2012: S 111ff). Komplementär dazu
wurden soziale Normensysteme innovationsfreundlicher: Die von John
Stuart Mill ausdrücklich als Teil liberaler Gesellschaftsdynamik
befürworteten „experiments in living“ (Anderson 1991) illustrieren dies,
aber auch die Dynamik von Avantgarden und Sezessionen auf dem
Gebiet der Kunst. Das „Wirtschaftswachstum“ reflektiert jenen
Teilaspekt des umfassenden sozio-ökonomischen Wandlungsprozesses,
der sich mit einer eindimensionalen preisförmigen Metrik abbilden lässt,
die den Markt bzw. marktanaloge Bewertungsmodi voraussetzen.

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Constants Pointierung der „Freiheit der Modernen“ ist ohne Zweifel


nicht aus der Luft gegriffen1. Thema der folgenden Abhandlung sind
indes die komplexen Probleme, die es unmöglich machen, bei einer
ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema „Kapitalismus und
Freiheiten“ dabei stehen zu bleiben. Zum einen werden in
verschiedenartigen Diskussionen Zwangsmechanismen benannt, welche
die private Freiheit faktisch kompromittieren oder entwerten;
Zwangsmechanismen, die auch, aber nicht nur mit der ungleichen
Verteilung von Handlungsoptionen verknüpft sind. Zum anderen wäre es
verfehlt, aus Constants zuspitzender Argumentation zur Freiheit der
Modernen zu folgern, dass die Frage nach der politischen
Freiheit/Selbstbestimmung in der Moderne erledigt sei – gerade auch
Constants weiteres politisches Denken weist vielmehr auf spezifische
Probleme, Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten hin, die sich
für die Gestaltung der öffentlichen Sphäre in der Moderne auftun.2
Die zahlreichen Diskussionsstränge, die sich jeweils mit den
Herausforderungen für die eine oder andere der beiden Freiheiten befasst
haben, unterscheiden sich auch darin, dass die einen primär spezifisch
auf die Herausforderungen der kapitalistischen Moderne abzielen,
1
Für unsere Zwecke ist es unerheblich, in welchem Maße Constants Stilisierung
„der Antike“ (die ihm in erster Linie als Kontrastfolie diente) historische Fakten in
angemessener Proportionierung wiedergibt. Anhaltspunkte für eine gewisse
Relevanz dieser Kontrastfolie ist die bis heute für viele faszinierende
philosophische Perspektive auf Politik als höhere Lebensform in der griechischen
Polis sowie möglicherweise das negative Verständnis von privatus (als das von der
res publica Abgesonderte) in der römischen Tradition.
2
Isaiah Berlins kritische Auseinandersetzung mit der von ihm so genannten
„positiven“ Freiheit (Selbstbestimmung), die der negativen Freiheit (entspricht
weitgehend Constants „moderner Freiheit“) gegenübergestellt wird, bearbeitet
indirekt einige dieser Probleme. Für das Folgende ist es aber nicht zweckmäßig,
derart philosophisch anspruchsvolle Konzeptionen von Selbstbestimmung wie
Berlins positive Freiheit vorauszusetzen oder gar auf Aristoteles‘ emphatisches
Verständnis von Politik zurückzugehen. Ich will mich auch nicht mit der Frage
auseinandersetzen, ob „freedom as anti-power“, die von Philipp Pettit (1997) im
Kontext der Neubelebung des „republicanism“ ins Spiel gebracht wurde und auf
Nicht-Fremdbestimmung abstellt, besser geeignet wäre. Wenn im Folgenden von
politischer Freiheit die Rede ist, beziehe ich mich auf faktische Verbreitung
demokratieförmiger Partizipationsformen in den Verfassungen und den normativen
Diskursen der Gegenwart.

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wohingegen die anderen die Herausforderungen der Moderne insgesamt


im Visier haben. Beide Gruppen von Diskussionssträngen haben
relevante Heuristiken und Blickwinkel zum Thema entwickelt. Folglich
werde ich beide in die Analyse einbeziehen, zumal eine solche
Zusammenschau ideologische Engführungen zu vermeiden hilft.
Es reicht jedenfalls nicht aus, die unstrittig weit ausgreifende
Bedeutung „moderner Freiheit“ (die im entrepreneurialen Kapitalismus
weit über den „privaten Genuss“ hinausgeht – und auch als regulative
Idee für die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens in großen,
dynamischen Gesellschaften in Betracht zu ziehen ist) auf der Basis von
Konzepten und Einsichten der Ökonomik auszuarbeiten. Milton
Friedmans Millionen-Seller „Kapitalismus und Freiheit“ (1962) legt in
einer solchen Ausarbeitung dar, wie die „Freiheit der Modernen“ mit
Marktförmigkeit zusammenhängt; auch, indem er illustriert, wie durch
weitere Privatisierung und Marktförmigkeit möglichst vieler Aktivitäten
die „moderne Freiheit“ erweitert werden könnte und sollte. Der
Kapitalismus sei überdies am besten geeignet, kulturelle Vielfalt und
auch die politische Freiheit zu fördern. Denn aufgrund seiner privat-
dezentralen Entscheidungsstrukturen ermögliche er allen,
abweichende/neue politische Ideen zu vergleichsweise überschaubaren
Kosten unters Volk zu bringen: Wer eine politische Idee hat, müsse nur
einen Financier zur Verbreitung derselben finden, was sogar Marx in der
Person des Kapitalisten Engels gelungen sei. Überhaupt seien in einem
privatwirtschaftlich-kapitalistischen System existierende Kosten
(=Hindernisse) für die effektive Verbreitung neuer politischer Ideen
gesamtgesellschaftlich vorteilhaft: sie seien weder zu hoch noch zu
niedrig. Denn wären sie gleich Null, dann drohten erhebliche Gefahren:
Der Markt für politische Ideen würde von zahlreichen
sendungsbewussten Spinnern überflutet, weswegen es für das Publikum
kaum mehr möglich wäre, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wären sie
(etwa wegen der Schwierigkeit der Erlangung einer Papierzuteilung für
eine oppositionelle Zeitung in einem zentralisiert-hierarchischen System)
prohibitiv hoch, dann würden die politischen Ideen des herrschenden
politisch-ökonomischen Establishments eine dauerhafte Monopolstellung
genießen.
Dieser Argumentation ist weder eine gewisse Pfiffigkeit noch
spezifische Relevanz für bestimmte Kontexte abzusprechen. Aber auch

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wenn man von ihrer geradezu modelltheoretischen Überspitzung absieht,


spiegelt sie im Unterschied zu Hayek (1960) eine erschütternd
vollständige Verkennung jener grundlegenden Spannungszonen wider,
die mit der notwendigen Institutionalisierung eines öffentlichen Bereichs
in individualistisch-pluralistischen modernen Gesellschaften (also auch
dem Kapitalismus) verbunden ist. Ich komme im letzten Abschnitt (4.)
ausführlich darauf zurück. Zuvor entfalte ich jedoch (von Kapitalismus-
Kritikern oft nicht ausreichend gewürdigte) Argumente, die für eine Art
Interdependenz der Ordnungen sprechen, in deren Horizont die simultane
Realisierung politischer und ökonomischer Freiheit steht (Abschnitt 3).
Im folgenden 2. Abschnitt resümiere ich aber zunächst einige
Problemstellungen, welche sich kritisch auf eine allzu optimistische Sicht
der „modernen Freiheit“ im Kapitalismus, aber auch der Moderne im
weiteren Sinn beziehen.

2. Moderne Freiheit, moderner Zwang

Die erwähnten Herausforderungen für politische Partizipation als


Realisierung (oder Ausdruck) von Selbstbestimmung überlagern sich mit
Verdachtsmomenten, welche die von Constant für moderne, große
Gesellschaften ins Zentrum gerückte Freiheit im Privaten
kompromittieren. Jene Verdachtsmomente wurden schon früh in der
Entwicklung des Kapitalismus laut und trübten die ebenfalls schon lange
bekannte optimistische Version der Erzählung von Kapitalismus und
Freiheit (von Friedman, 1962, brillant aufgegriffen) gehörig ein. Diese
Verdachtsmomente, mögen sie aus konservativ-reaktionärer, progressiv-
reformistischer oder marxistischer Perspektive geäußert worden sein,
können in fünf Gruppen eingeteilt werden, denen teils unterschiedliche,
teils überlappende Hypothesen über die Funktionsweise kapitalistischer
Marktwirtschaften zugrunde liegen.
(1) Reale „moderne Freiheit“ bietet nicht für alle, sondern nur für
manche attraktive Aussichten, da der Alternativenraum für
manche Akteure oder Klassen von Akteuren faktisch so eng
begrenzt ist, dass für sie der freiheitsstiftende Wert des
„principles of free contracts“ (der privaten Freiheit des Hinein-

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und Hinaus-Optierens) zur Farce wird. Dies ist nicht einfach der
Laune des Zufalls oder den Wechselfällen des Markts geschuldet:
die gezielte Durchsetzung bestimmter optionszerstörender
Spielregeln hat für die kapitalistische Moderne systemrelevante
Bedeutung, nicht nur durch die Zerstörung
subsistenzwirtschaftlicher Strukturen in der Anfangsphase 3. In
Karl Polanyis (1944) Sicht löst die solcherart entstehende,
faktisch unwiderstehliche Sogwirkung von Märkten protective
countermovements aus, die unterschiedliche Ansätze von
Sozialpolitik einschließen, teils aber auch freiheitgefährdende
Reaktionen wie den Faschismus.
(2) Markt, Wettbewerb und Wachstumsdynamik erzeugen anonyme
Zwänge hinter dem Rücken der Akteure. Diese Zwänge
beschränken sogar politisches Handeln (Hammond 1987),
betreffen alle und wirken vielfach „bei Strafe des Untergangs“,
wobei die negativen Aspekte auf jene konzentriert sind, die in
puncto moderne Freiheit sowieso Verlierer sind. Derartige
Zusammenhänge werden nicht nur von kapitalismuskritischen
Autoren entwickelt. Das „energische Handeln“ des Unternehmers
ist laut Schumpeter (1912; S. 180) „Grundprinzip“
kapitalistischer Entwicklung: „Die statisch-hedonisch disponierte
Majorität wird nicht zur Kooperation überredet oder sonst für
dieselbe gewonnen. Niemand fragt sie um ihre Ansicht. Sie wird
dazu gezwungen.“ (1912; S. 184). Kapitalistische Entwicklung ist
nicht harmonisch. Der Unternehmer „befiehlt“ und die Majorität
„muss gehorchen“. Auch die moderne Wirtschaft kennt „Herren
und Knechte, nur dass das äußerlich nicht so hervortritt.“ (1912;
S. 185 und 188)
(3) Die „carot-and-stick“ Anreizmechanismen des Kapitalismus
sowie scharfer Wettbewerb haben eine spezifische Art von
Nebeneffekten, die im Hinblick auf die Freiheit ambivalent sind:
Sie können Crowding-in, aber auch Crowding-out (vgl. Bowles
1998 und Röpkes Diktum vom Wettbewerb als Moralzehrer) von
3
Einseitige Machtverteilung ist in Bargaining-Situationen und bei unvollständigen
Verträgen ein systematischer Aspekt von institutionellen Arrangements, welche
entsprechende Probleme adressieren (als „Macht“ der kurzen Seite des Markts bzw.
als Macht zu take-it-or-leave-it offers; vgl. z.B. Bowles 2004).

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„Tugend“ bewirken. Marktaffine Tugenden werden aufgebaut,


wohingegen andere (möglicherweise solche, welche die
Befähigung zum Agieren im öffentlichen Raum der Polis
betreffen) abgebaut werden. Aber selbst marktaffine
protestantische Tugenden wie Selbstkontrolle und
Selbstdisziplinierung werden unter Freiheitsaspekten kritisch
diskutiert und verschiedentlich mit Konformismus-Tendenzen der
Moderne in Zusammenhang gebracht.
(4) Die großartigen (geplanten und ungeplanten) gesellschaftlichen
und technischen Artefakte der Moderne (die vielschichtigen
Institutionen und Organisationen zur Koordination, die
marktförmige Globalisierung und Wachstumsdynamik, die
digitalen Technologien; vgl. Roos in diesem Band) wachsen ihren
Bewohnern über den Kopf. Der Einzelne ist ihnen auf Gedeih und
Verderb ausgeliefert, kann nicht aus ihnen hinausoptieren. Sie
sind auch kollektiv weder beherrsch- noch gestaltbar, weil
kollektive Institutionen mit einer hierfür notwendigen Reichweite
nicht absehbar sind. Objektiver Hintergrund sind u.a. Netzwerk-
und Lock-in-Effekte, deren Wirkungsweise derzeit durch die
digitalen Monopole illustriert wird und die dafür sorgen, dass in
großem Stil implizite Kollektiventscheidungen (d.h.
Entscheidungen, mit denen alle leben müssen, die aber nicht auf
der Basis eines sie legitimierenden Kollektiv-Wahlmechanismus
zustande kommen) getroffen werden.
(5) Insofern die stabile soziale Institutionalisierung von Freiheit auf
praktikable Modi der Zurechnung von Handlungsfolgen, von
kritischer Prüfung, Rückkopplung und Lernen sowie auf
Mechanismen der Rechenschaft, Verantwortung und Haftung
angewiesen ist, werfen einige Tendenzen der Moderne Probleme
auf. So (i) die Grenzen der Zurechenbarkeit bei kumulativer
Verursachung4 oder „komplexen Systemen“, (ii) lernfeindliche
Phänomene der Beschleunigung (vgl. Reheis in diesem Band zur
4
Bowles 2004, S. 11-13, fasst diese Phänomene unter dem Begriff generalized
increasing returns zusammen. Die von Braun (in diesem Band) diskutierten
Haftungsbeschränkungen sind ebenso wie ihre zwiespältige Behandlung in diversen
Traditionen des Wirtschaftsliberalismus ein Reflex des hier angedeuteten
Dilemmas.

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Rolle der Zeit), (iii) institutionalisierte Haftungsbegrenzungen


(vgl. Braun in diesem Band), oder (iv) die ubiquitäre Ausbreitung
(im Kernbereich der kapitalistischen Wirtschaft bewährter)
preisförmig operierender Mechanismen von Accountability auf
Bereiche, in denen entsprechende Indikatoren u.a. wegen der
irreduziblen Vieldimensionalität der interessierenden Güter
schlecht funktionieren, jedoch die Beteiligten einem mitunter
destruktiven und freiheitszerstörenden Kontrollkorsett aussetzen
(vgl. u.a. Onora O’Neill 2005 und Crouch 2008).
Jeder dieser Verdachtsmomente weist auf Problemkomplexe, die in der
Gestaltung des Ordnungsrahmens kapitalistischer Markwirtschaften auf
taugliche Art ausbalanciert werden müssen, da ansonsten die
Freiheitsversprechen und die institutionelle Stabilität der
marktwirtschaftlich-kapitalistischen Moderne auf dem Spiel stehen.
Angesichts der in dieser Kurzdarstellung gemachten Andeutungen sollte
klar sein, dass bei jedem dieser fünf Punkte eine sorgfältige Analyse der
sozialtheoretisch-politökonomischen Hintergründe und Implikationen
vonnöten ist, um Formen und Perspektiven einer solchen Balance
abzuschätzen. Dies kann in einem kurzen Aufsatz nicht geleistet werden5.
Ebenso wenig können hier die (überaus instruktiven)
theoriegeschichtlichen und politischen Kontexte skizziert werden, in
denen die fünf Problemkomplexe in den Jahrhunderten moderner
Entwicklung erörtert wurden. Jeder dieser fünf Problemkomplexe wurde
schon herangezogen, um Fundamentalkritik und Untergangsszenarien
hinsichtlich des Kapitalismus oder/und der Moderne in einer Weise zu
entwickeln, die zu kurz greift, weil jeweils nur ein Ausschnitt der
relevanten Spannungsfelder und Dynamiken betrachtet wird.

3. Kapitalismus und Demokratie: Eine Symbiose?

Die eingangs skizzierten Ausführungen Friedmans (1962) zu den


„Beziehungen zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit“ (ihnen
5
Genauere Hinweise hierfür finden sich u.a. in früheren Jahrgängen dieses
Jahrbuchs, so in jenen über Reputation und Vertrauen (JBNIGÖ 4), Macht
(JBNIGÖ 7) oder Konsumentensouveränität (JBNIGÖ 12).

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ist das ganze erste Kapitel von „Kapitalismus und Freiheit“ gewidmet)
bringen eines zum Ausdruck: Trotz der von Constant herausgearbeiteten
Akzentverschiebungen ist die Frage nach der politischen Freiheit nicht in
dem Sinn abzuhaken, dass „die Modernen“ kein Interesse an politischer
Partizipation hätten. Zwar wurden seit Constant immer wieder
Tendenzen politischer Abstinenz bestimmter sozialer Schichten oder
generelle „Politikmüdigkeit“ diagnostiziert, desgleichen Tendenzen zur
Neutralisierung von Politik unter technokratischen Sachzwang-Parolen
und ökonomischen Imperativen (vgl. dazu kritisch Klüh in diesem Band).
Indes sind diese Tendenzen auf drei Ebenen zu relativieren: (1) In für
manche überraschenden Formen (und sei es als rabiat-partikularistische
Anti-Globalisierungsreaktion, die an Polanyi‘sche Befürchtungen
gemahnt) meldet sich „das Politische“ mitunter gerade in Konstellationen
zurück, wo ein breiter Mainstream (ganz im Sinne von Constants oben
zitiertem Diktum) längere Zeit davon ausgeht, „die Bürger“ hätten so gut
gelernt, dem Markt zu vertrauen und ihre Ziele im Rahmen der
Marktwirtschaft zu verfolgen, dass das sinkende Interesse an Politik ganz
natürlich sei (vgl. Russel Hardin 2000). (2) Aber auch abgesehen von
derart überschießenden Konjunkturen des Politischen (deren momentane
Aktualität allerdings so manches andere zum Luxusproblem macht), ist
die mehr oder minder allgemeine Möglichkeit von politischer
Partizipation im normativen Diskurs der Moderne fest verankert und
faktisch wirkmächtig, nicht zuletzt unter ökonomisch prosperierenden
Mittelschichten. (3) Es gibt theoretische und historisch-empirische
Anhaltspunkte, dass die ökonomische Innovationsdynamik
kapitalistischer Systeme ohne geeignete Formen sozio-politischer
Offenheit bzw. der Verhinderung geschlossener Herrschaftsstrukturen
sowie monopolistischer Machtstrukturen, die ein Aggregat von
Privilegien befestigen, nicht wirklich gedeiht, im Gegensatz zu
imitationsbasierter Entwicklung. In diese Richtung deuten
Argumentationen im Bezug auf „inklusive Institutionen“ bei
Acemoglu/Robinson (2012) bzw. „open access orders“ bei North/Wal-
lis/Weingast (2009) sowie meine theoretisch ähnlich motivierte Kritik an
einer politisch naiven Fokussierung auf private Eigentumsrechte im Rah-
men postsowjetischer Privatisierungsdiskussionen, deren Implikationen
wie folgt lauten: „Competitive politics is a necessary condition for pre-
venting the degeneration of the privatization process into a rent-seeking

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process for those who have privileged access to politics, to information,


and to networks facilitating collusion. As in Locke’s time to talk about
private property is to talk about the public space and the realm of poli-
tics.“ (Sturn 1993: S. 83)6.
Von Schumpeter (1918) bis Mokyr (2017) finden sich darüber hinaus
wichtige Anhaltspunkte dafür, dass sich der politische
Institutionenkomplex offener Gesellschaften ko-evolutionär sowohl mit
dem privatwirtschaftlich organisierten System ökonomischer Dynamik
als auch mit jener Sphäre entwickelte, in der neues Wissen und neue
Ideen entstehen – und die ebenfalls auf adäquate Formen von Freiheit
(bzw. geeignete Kombinationen von voice und exit) angewiesen ist. Im
Besonderen spricht einiges dafür, dass sie im Sinne der Begrenzung von
privileged access geeignete Formen von Offenheit des politischen Felds
einschließt – dass also politische Freiheit, bestimmte Formen von
Gleichheit und ein gewisser Pluralismus in der kapitalistischen
Marktwirtschaft „systemrelevant“ sein könnten.
Ob man wie im Ordoliberalismus von einer grundsätzlichen
Interdependenz der Ordnungen ausgeht oder „nur“ von einer historisch
kontingenten, aber eben in vielen Fällen relevanten Koinzidenz: Im
bisher Ausgeführten (vgl. auch die Übersicht Gerhart Wegners in diesem
Band) ergeben sich einige Anhaltspunkte für ein eher optimistisches
Bild. Verkürzt zusammengefasst: Kapitalismus maximiert tendenziell die
Freiheit im Privaten, beruht aber letztlich auf einer problemgerechten
Weiterentwicklung der Freiheit im Öffentlichen (im Politischen der res
publica) – oder ist zumindest damit vereinbar.
Allerdings deuteten sich schon in Abschnitt 2 einige Gründe dafür an,
eine allzu optimistische Interpretation der zugrundeliegenden
Interdependenzen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. In der Tat ist
es ein großer Fehler, im Hinblick auf das Schicksal der Freiheiten in
modernen Gesellschaften und speziell im Kapitalismus zu meinen, es

6
Dagegen ist bemerkenswert, dass Boycko/Shleifer/Vishny (1995), also ein
Autorenteam bestehend u.a. aus einem John-Bates-Clark-Medalist (Shleifer) und
dem damaligen Chef des Russian Privatization Center (Boycko) zwar
politökonomische Betrachtungen anstellen, die aber eher taktischer als
konstitutioneller Natur sind und ansonsten in einem Koordinatensystem
argumentieren, das von den Parolen Privatisierung und Entpolitisierung beherrscht
wird.

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handele sich dabei um Selbstläufer. Dieser Selbstläufer-Irrtum tritt in


mehreren Varianten auf. Unser Befund wird darauf hinauslaufen, dass
beide Freiheiten in der Moderne wie auch im Kapitalismus
unvermeidlich und systematisch gefährdet sind. Ansätze zum Aussteigen
aus der Moderne oder aus der kapitalistischen Dynamik sind jedoch mit
einer grundlegenden Schwierigkeit behaftet: Die problemträchtigen
Interdependenzen, Netzwerk-Technologien und kumulativen
Verursachungsketten können nicht voluntaristisch wegrevolutioniert
werden, sondern werden weiterbestehen. Allerdings kann es gelingen,
mentale Modelle und Mechanismen zu verändern und die
marktwirtschaftliche Dynamik auf eine Art zu hegen und zu regulieren,
sodass politische und private Freiheiten mit dieser Dynamik ko-
evolvieren.

4. Das Politische und die Freiheiten

Zwei miteinander verknüpfte Fragenkomplexe liegen im Anschluss an


das bisher Vorgetragene nahe, welche auf eine sozialtheoretisch-
politökonomisch fundierte Differenzierung jener Argumentationsstränge
abzielen, die entweder eine Inkompatibilität oder aber eine symbiotische
Beziehung der jeweiligen Logiken von Kapitalismus und Demokratie
behaupten.

Erstens: Wie steht es um Stellenwert und Bedeutung von Offenheit und


kompetitiver Politik? Bezieht sich letztere im Wesentlichen auf die
friedliche Ablösung des politischen Führungspersonals unter
pluralistischen Vorzeichen? Welche Formen von Offenheit sind darüber
hinaus notwendig? Insbesondere: Ist liberale „Demokratie“ für eine
kompetitive Offenheit nötig, und wenn ja, wieviel „Gleichheit“ muss sie
enthalten und in welcher Form? Unter welchen Voraussetzungen hat die
Institutionalisierung von „encompassing“ Interessengruppen die von
Olson (1982) vermuteten vorteilhaften Effekte? Und umgekehrt: Welche
Formen von Vermögensungleichheit können zu Schließungstendenzen
im politischen System führen (vgl. die Spekulationen von Piketty 2014
zum patrimonialen Kapitalismus)? Welche Formen der Ausgrenzung

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oder des „Abhängens“ von Akteuren oder Akteursklassen sind als Teil
eines politischen Rahmens marktwirtschaftlicher Dynamik vorstellbar?
Welche Formen der Verteilungsregulierung können als Bedingung von
Offenheit gerechtfertigt werden (etwa Grundeinkommensmodelle; vgl.
Steinvorth in diesem Band)? Unter welchen Voraussetzungen fördert die
Dezentralisierung politischer Macht Offenheit? Inwiefern sind
Demokratie und die Dezentralisierung politisch-öffentlicher Aufgaben in
kleinere Einheiten (seien dies Gebietskörperschaften, intermediäre
Institutionen öffentlichen Rechts oder Organisationen der privaten
Governance) als unterschiedliche Modi kompetitiver Politik zu
betrachten? Wenn ja, inwiefern sind sie substitutiv oder komplementär
zueinander? Gelten diesbezügliche Befunde unabhängig von der
Binnenverfassung der kleineren Einheiten, die ihren Mitgliedern ja mehr
oder weniger faktische Möglichkeiten zu „exit/entry“ und/oder zu
„voice“ geben können? Welche Art ordnungspolitischer Gestaltung ist
erforderlich, um die Einflussaktivitäten von Interessengruppen so zu
kanalisieren, dass nicht ökonomische Macht ungemildert in politische
Macht übersetzt werden kann? Und: Ist kompetitive Politik nicht nur
notwendig, sondern auch hinreichend? Braucht es Elemente deliberativer
Demokratie (vgl. Elster 2008)?
Es tun sich mithin eine Reihe von Fragen auf, die in der Literatur
teilweise schon erhellend adressiert wurden, die aber gerade im Lichte
faktischer Herausforderungen der Gegenwart (Globalisierung,
Digitalisierung und Klimawandel) sorgfältig zu diskutieren sind und
Stoff für Forschungsprojekte unterschiedlicher Disziplinen bieten. Es ist
keinesfalls davon auszugehen, dass gerade die liberale Demokratie, die
im Sinne der regulativen Idee allgemeiner gleicher Rechte und des
Zugangs zu vitalen Funktionen7 wirtschaftlicher und lebensweltlicher
Entfaltung eine Tendenz zur Minimierung von Ausgrenzungen hat, das
einzige polit-ökomische Gleichgewicht im Hinblick auf die politisch-
rechtliche Einbettung kapitalistischer Marktwirtschaften darstellt.
Beispielsweise ist folgendes Alternativregime vorstellbar:
(1) Im politischen Raum setzen sich mentale Modelle durch, denen
zufolge das Ausgrenzen und Abhängen bestimmter Gruppen legitim bzw.
im Sinne sozio-ökonomischer Prosperität und Sicherheit zuträglich ist.

7
Etwa i.S. von Amartya Sens functionings; vgl. dazu Flechtner in diesem Band.

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(2) Eine im Sinne von (1) treffsichere Privatisierungspolitik


überantwortet Leistungen, die zuvor aus diversen Gründen (citizenship
rights, Sozialpolitik) öffentlich bereitgestellt wurden, dem Markt und
reduziert zudem die Bereitstellung reiner öffentlich Güter dort, wo es für
relevante Teile der politischen Klientel passende private Substitute zu
geben scheint (private Sicherheitsdienste, gated communities, private
Institutionen zur Kontraktdurchsetzung, private Anpassungsinvestitionen
für Klimawandel statt öffentlicher Klimapolitik 8, u.dgl.; wie weit die
Expansion privatunternehmerischen Handelns im vermeintlich
öffentlichen Raum gehen kann, ist heute freilich unter zumindest vier
Aspekten gründlich zu diskutieren: (i) Unter dem Aspekt der möglichen
Senkung der Transaktionskosten privater Lösungen durch
Digitalisierungs-gestützte Entwicklungen wie Blockchain. (ii) Im Lichte
der Geschichte des Übergangs zu moderner Staatlichkeit, der ja gerade
durch die staatliche Bereitstellung öffentlicher Güter im Sinne der
Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und später auch von
Sozialstaatlichkeit (programmatisch etwa ab Lorenz von Stein) geprägt
war, wobei quasi-private Substitute öffentlicher Güter (ein Erbe des
Feudalismus) zurückgedrängt wurden. (iii) Unter dem Aspekt politischer
Treffsicherheit kann man fragen: In welchen Bereichen ist es möglich,
den Entzug der vitalfunktional relevanten öffentlichen Leistungen
treffsicher auf jene zu konzentrieren, deren Abhängen/Ausgrenzen
politisch opportun erscheint? Streeck (2013) oder Butterwegge (in
diesem Band) setzen wohl das faktische Vorherrschen entsprechender
Tendenzen voraus, die eine sozialpolitische Innovation wie ein
Grundeinkommen zum Dispositiv für das Abhängen bestimmter
Bevölkerungsgruppen machen würden. (iv) Wie würde sich ein solcher
Abbau des Öffentlichkeitscharakters von Politik auf Resilienz und
Nachhaltigkeit auswirken?

Zweitens: Welche Einflüsse auf die Entwicklung politischer


Rahmenbedingungen ergeben sich aus aktuellen Charakteristika jener
asymmetrischen Ko-Evolution zwischen dem Bereich
privatwirtschaftlicher Marktökonomie und dem öffentlichen Bereich von

8
Hierfür plädiert etwa David Friedman.

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Politik und Staat, die Schumpeter für die Jahrhunderte kapitalistischer


Entwicklung diagnostizierte?
In Abb. 1 wird ein Schema einer solchen asymmetrischen
Koevolution dargestellt. Gezeigt wird der Prozess in einer spezifischen
Epoche, und zwar jener, die man als Hochkapitalismus bezeichnen kann
und in der gemäß Schumpeter (1942) eine Art Primat der Ökonomie
herrschte: d.h., der Einfluss des privatwirtschaftlich verfassten
ökonomischen Systems (dessen Evolutionsdynamik „schöpferischer
Zerstörung“ das Ungleichgewicht zum prägenden Charakteristikum
macht = dick umrandeter Kreis) auf die anderen Sektoren ist stärker als
umgekehrt (dicke Pfeile), wobei die Sektor-immanenten Kräfte der
anderen Sektoren in dieser Variante zum Gleichgewicht tendieren. Die
einzelnen Sektoren evolvieren diskontinuierlich nach dem Schumpeter-
Schema von Gleichgewicht—Innovation—Ungleichgewicht—Adaption
—Gleichgewicht, wobei Impulse für Innovationen in einem Sektor aus
den jeweils anderen Sektoren kommen können.

Abb. 1: Asymmetrische sektorale Co-Evolution in der Epoche des


Hochkapitalismus nach Schumpeter

Quelle: Grafik modifiziert nach Andersen 2011, 226

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Ein Beispiel: Schumpeter interessierte sich besonders für großenteils dem


ökonomischen Rationalisierungsprozess geschuldeten „Innovationen“ im
Sektor Reproduktion/Familie. In der anderen Richtung können
Änderungen der Familienformen/Normen für Arbeitsteilung im
Haushalt/Caring die Bedingungen für marktförmiges Wirtschaften
verändern (vgl. die Beiträge von Kreimer, Beblo et al., und Peters/Vellay
in diesem Band). Für die wechselseitigen Einflüsse von
Wissenschaftssektor und Ökonomie wäre u.a. einerseits Spezialisierung
und Tool-Basierung in der Entwicklung der modernen Wissenschaften zu
diskutieren und andererseits die Rolle wissenschaftsgestützter Technik in
ökonomischen Innovationssystemen. Die durch Abb. 1 ermöglichte
Schematisierung von Wechselwirkungen ist im vorliegenden Kontext
aber vor allem nützlich, um die Systemrelevanz und Krisenanfälligkeit
der Institutionalisierung von Freiheit zu diskutieren. Dies betrifft
insbesondere das unten zu erörternde Böckenförde-Dilemma. Eine große
Rolle spielt dabei die Frage, inwiefern das von Schumpeter für die
Ökonomie entdeckte Wechselspiel von Innovation und Ungleichgewicht
auch den Sektor Staat/Politik prägen kann und eventuell mit der
Herausbildung eines Primats der Politik zusammenhängt: Welche Rolle
spielen politische Strategien, die (analog zu Schumpeters
Privatunternehmertum) auf die Destabilisierung bestehender
Gleichgewichte ausgerichtet sind? Vorbereitend hierzu ist auf dreierlei
hinzuweisen.
(1) Trotz der dicken Pfeile sind die jeweiligen Einflüsse keine
Einbahnstraße, sondern es ist mit Reaktionen des beeinflussten
Sektors zu rechnen. Worin solche Reaktionen bestehen können,
wird etwa in Karl Polanyis These vom double movement und auch
in Schumpeters (1942) Sicht langfristiger sozio-ökonomischer
Entwicklung verdeutlicht: Kompensatorisch-stabilisierende
Sozialpolitik ist eine der möglichen Varianten. Überdies kann sich
die dominante Richtung innerhalb dieser Ko-Evolution im Lauf der
Zeit umkehren (vgl. Andersen 2011, S. 232). Sowohl für Karl
Polanyi (1944) wie auch für Joseph Schumpeter spielt eine solche
Umkehrung eine Rolle: Polanyi erhofft sie, weil er eine politisch-
gesellschaftliche Einbettung der im Sinne des sozialen Ganzen
pathologisch-überschießende Entwicklung der kapitalistischen

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Ökonomie für nötig hält. Schumpeter (1942) diagnostiziert eine


Tendenz zum Primat der Politik und bringt sie mit riskanten
Eigendynamiken des politischen Systems in Zusammenhang.
(2) Dieses Schema ist mit der Idee funktionaler Komplementarität
vereinbar, welche etwa der Theorie zur Begründung von
Staatstätigkeit in der Public Economics zugrunde liegt. Im Sinne
der Bewältigung faktischer Herausforderungen (etwa einer
nachhaltigen, resilienten und wohlfahrtsdienlichen
Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der
„Natur“) „sollte“ funktionale Komplementarität gestärkt und nicht
zerstört werden: Jedes System „sollte“ in der Lage sein, Probleme
zu lösen, welche von den anderen entweder nicht gelöst oder aber
geschaffen werden. Zur Optimierung dieser Arbeitsteilung gibt es
jedoch keinen Mechanismus. Eine Ausarbeitung der
polyzentrischen Darstellung von Abb. 1 kann nicht als
wissenschaftliche Grundlage für eine Problemlösungsmaschinerie
dienen. Denn der staatlich-politische Bereich ist zwar jener Sektor,
dessen Funktionen mit dem Blick auf Gemeinwohlinteressen
verknüpft sind, aber er ist nicht eine Planungs- bzw.
Problemlösungsmaschinerie, die sozusagen über den anderen
Sektoren steht und daher (gestützt auf Diagnosen und Verfahren
der Wissenschaft) alle für Problemlösung relevanten Sektoren und
ihr Zusammenwirken optimiert – oder gar alle Probleme ohne
irgendwelche eigensinnigen Zwischeninstanzen direkt adressiert.
Derartig technokratische Vorstellungen sind jedoch in den
mentalen Modellen der Moderne weit verbreitet und wurden schon
in Adam Smith‘s (1790, Book VI) Ausführungen zu den Tugenden
des Staatsmanns und den Defiziten des „man of system“ (VI.ii.17)
kritisiert (Kurz/Sturn 2013, S. 81ff).
(3) Als Basis für die dritte Überlegung ist folgendes in Betracht zu
ziehen: Intersektorale Effekte, wie sie durch die Pfeile angezeigt
werden, wirken auf zwei Ebenen: (i) Sie induzieren bzw.
unterstützen spezifische Innovationen (unterschiedlicher
Reichweite) in den anderen Systemen oder sie verändern (ii)
Mechanismen bzw. deren Wirkungsweise in den anderen
Systemen. Andersen (2011) diskutiert in diesem Sinn, wie sich die
Wirkungsweise der kapitalistischen Innovationsmaschine

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Schumpeter zufolge verändert hat. Insbesondere wirft


diesbezüglich das politische System Probleme auf, weil
unterschiedliche Paradigmen von Politik existieren, deren
hegemoniale Verdichtung und Verbreitung in mentalen Modellen
politische Mechanismen und deren Funktionsweise disruptiv
verändern kann. Was ist damit gemeint? Innovationen im
Politischen sind oft mit dem Übergang oder einer
Gewichtsverschiebung zwischen jenen Paradigmen/mentalen
Modellen verbunden, die mit den Kürzeln instrumentell,
wertorientiert und kampforientiert bezeichnet werden können. Im
instrumentellen Paradigma wird Politik als kollektiver
Mechanismus der systematischen Bearbeitung faktischer Probleme
gesehen. Eine ökonomisch-theoretische Kodifizierung eines solch
progressiv-instrumentellen Paradigmas responsiv-
problemorientierter Gestaltung ist Richard Musgraves Dreiteilung
der öffentlichen Aufgaben in allokative, distributive und
stabilisierungspolitische Aufgaben. Politik als Instrument der
Lösung öffentlicher Aufgaben im weitesten Sinn steht hier im
Vordergrund, wobei oft ausdrücklich betont wird, dass dies nicht
ohne die Adressierung von Verteilungsfragen möglich ist9. Im
normativen Paradigma wiederum wird das Forum der Politik in der
einen oder anderen Form als systematischer Ort anspruchsvoller
Interaktionsformen verstanden, die einer Sozietät vernunftbegabter,
freier Akteure angemessen sind. Die Akzente können hierbei
unterschiedlich sein: (i) aristotelische Vorstellungen eines in das
Wertgefüge der Polis eingebetteten „guten Lebens“ (anspruchsvolle
Politik als tugendethisch aufgeladene Lebensform, wie sie bei
Sandel 2013 oder Polanyi 1944 durchscheint), (ii) republikanische
Traditionen der civic virtues (vgl. z.B. Pettit 1997), oder aber (iii)
die deliberative Demokratie à la Habermas (1997); vgl. auch Elster

9
Bei Autoren wie Musgrave ist dies mit Vorstellungen sozialen Nutzens bzw. des
Gemeinwohls als Maßstab für die Vorzugswürdigkeit sozialer Konsequenzen
verbunden bzw. mit Sozialen Wohlfahrtsfunktionen, die das Abwägen der
Vorzugswürdigkeit alternativer Konsequenzen erlauben. Gemeinsam ist den
Protagonisten des instrumentellen Paradigmas, dass sie bestrebt sind, dies auf der
Basis möglichst sparsamer bzw. breitest akzeptierter normativer Prämissen zu
leisten.

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(2008). Im Zentrum stehen jedenfalls Regeln, Prozeduren und


Prozesse von Politik, die mit begründbaren Rechten, Tugenden
oder anderen normativ ausgezeichneten Aspekten verwoben sind
und als Angelpunkt des Zusammenlebens menschlicher Akteure in
freien Gesellschaften angesehen werden. Die prägnanteste
Darstellung des dritten Paradigmas (nennen wir es „Kampf-
Paradigma“) im 20. Jahrhundert findet sich in Carl Schmitts „Der
Begriff des Politischen“ (1933): Das Politische wird als Arena der
Abarbeitung identitätsbasierter Feind-Freund Gegensätze
verstanden, also Bündel von Prozessen, die sich aus Hypothesen
der politischen Psychologie und Anthropologie ergeben. Dass das
Politische sich der Auseinandersetzung mit Verteilungs- und
Wertkonflikten zweifellos nicht entziehen kann, verleiht diesem
Paradigma in manchen politischen Situationen (in denen diese
Konflikte nicht tauglich verarbeitet werden) eine untergründige
Stärke unabhängig von jenen psychologischen/anthropologischen
Hypothesen. (Die Verbreitung letzterer ist aber beachtlich.
Insbesondere finden wir deren Überhöhung mit einem gewissen
existenzialistischen Pathos, wonach dies „differences about which
man can ultimately only fight“ seien, wie Milton Friedman, 1953,
S. 5, meint, nicht nur bei Hardcore-Schmittianern.)
„Fighting“ in seinen verschiedenen Formen ist jedenfalls neben den von
Elster (2000; 2008) genannten „arguing“, „bargaining“ und „voting“ zu
den Mechanismen des Politischen (als dessen Fortsetzung mit anderen
Mitteln) zu zählen. Salopp formuliert, weisen die drei Paradigmen auf
unterschiedliche Mischungsverhältnisse bzw. unterschiedliche
Hierarchisierungen dieser Mechanismen. Es liegt nahe, dass nicht jeder
Mix die Rolle des politischen Bereichs als lösungs- und
gleichgewichtsorientierte Agentur des Gemeinwohls gleichermaßen
profiliert: Vermutlich gibt es aus einer Gemeinwohl-Perspektive so etwas
wie ideale oder praktikable Mischungsverhältnisse der Mechanismen.
Prüfstein hierfür ist die Fähigkeit zu Problemdiagnose, Gewichtung,
Abwägung und Problembearbeitung bei objektiven Herausforderungen
wie Klimawandel etc. Vermutlich geht es dabei primär um eine

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schwierige Fusion des instrumentellen mit dem normativen Paradigma 10,


wobei das Kampfparadigma faktisch präsent bleibt, wenn auch in
eingehegten Formen; denn ein totaler Konsens im Hinblick auf die Frage:
„In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ ist unter modernen
Bedingungen nicht zu erwarten – auch nicht, wenn die Potentiale
normativer Konzepte zur friedlichen Lösung von Verteilungskonflikten
gut genützt und die Gefahren der Tyrannei der Werte bzw.
wertgetriebener Antagonismen vermieden werden (vgl. Böckenförde
1976, S. 60f). Wahrscheinlich geht es hierbei um Formen des Bargaining
und der Anerkennung von Differenz, in denen das Kampfparadigma
nicht nur als geregelte Konfliktlösung, sondern als Menetekel zur
Relativierung der Ansprüche auf normative Feinsteuerung weiter besteht.
Dieser Spekulation mag an anderer Stelle nachgegangen werden. Denn
im Vordergrund einer Analyse möglicher Transformationen im
politischen System (welche die Art der Verarbeitung der Einflüsse
anderer Systeme bzw. politischer Einflüsse auf andere Systeme
bestimmen) stehen hier die Spannbreite und die Konsequenzen denkbarer
Übergänge von einer (vermutlich nichtidealen) Hierarchisierung
unterschiedlicher Paradigmen des Politischen zur anderen. Dabei sind
auch kampfdominierte Mischungen in Betracht zu ziehen, welche das
dynamische Prinzip der Störung von Gleichgewichten von der Ökonomie
in die Politik übertragen und auf diese Art den Primat der Politik
durchsetzen.

Das Böckenförde-Dilemma. Dies alles führt uns zu einem abschließenden


Fragenkomplex, in dessen Zentrum wiederum die Freiheiten in der
Moderne und im Kapitalismus stehen: Welche Grenzen ergeben sich aus
dem Charakter der Moderne speziell dafür, was Politik sein kann und
welches Schicksal die politische Freiheit hat? Und umgekehrt: Welche
Grenzen ergeben sich aus Eigengesetzlichkeiten des Politischen für die
Regulierung bzw. Balance der Kräfte des Politischen im Sinne moderner
Anforderungen? Gehen wir dabei von folgendem Dilemma aus, dessen
Formulierung auf den Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde

10
Zu den Schwierigkeiten siehe Bd. 1 des vorliegenden Jahrbuchs, wo u.a. die
Konzeptualisierung der Relation von Gerechtigkeit und Effizienz als Trade-off
kritisch in den Blick genommen wird.

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zurückgeht: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von


Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große
Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ (Böckenförde
1976: S.60; kursiv im Orig.). Dieses Böckenförde-Dilemma bezieht sich
zunächst auf systemrelevante Anforderungen an Akteure im öffentlichen
Sektor, welcher auch das Forum (oder die Arena?) der Politik einschließt;
Anforderungen, die sich auf die Stabilisierung eines komplexen Gefüges
vielfältig ineinander wirkender formeller und informeller Normen
beziehen und die vom System selbst nicht verlässlich hergestellt werden
können.

Keine einfachen Lösungen. Die Passagen, die bei Böckenförde an die


Konstatierung des Dilemmas anschließen und den Schluss seines
vielzitierten Aufsatzes bilden, sind den Problemen gewidmet, die mit
Lösungsversuchen für dieses Dilemma verbunden sind. Böckenförde
kommt dabei zu einer skeptischen Einschätzung aller groß angelegten
Ansätze zur politisch-ideologischen Herstellung dieser Voraussetzungen:
Das scheinbar homogenitätsverbürgende Konzept der „Nation“ sorgte
eine Zeitlang für eine (jedenfalls im Rückblick prekäre) Stabilität, bis
seine Tauglichkeit 1914-1945 gründlich relativiert wurde. „Werte“ als
Kern dieser Voraussetzungen erweisen sich laut Böckenförde angesichts
des modernen Pluralismus ebenfalls als problematisch, desgleichen der
Rekurs auf aristotelische Polis-Vorstellungen. Schließlich diagnostiziert
er auch trefflich, dass die funktionale Rolle des Staates in der
Daseinsvorsorge und als Maschinerie zur Bereitstellung öffentlicher
Güter, so unverzichtbar sie auch ist, eben nicht als Identifikationspunkt
für die gesuchten Grundlagen taugt – und zwar weder in der Form eines
nüchtern-instrumentalistischen Paradigmas des Staats als Problemlöser
(oder als Lückenbüßer bei Marktversagen, oder als Garant der
Erwerbsfreiheit) noch in Formen, die für Politik und Staat eine
umfassende Rolle bei der Entwicklung einer groß angelegten
perfektionistischen sozialpolitischen Utopie bereithalten.
Auch die „Zivilgesellschaft“ bietet für die gesuchten Grundlagen
keine verlässliche Lösung: Die Dynamik ökonomisch-gesellschaftlicher
Macht ist vielmehr eine Herausforderung für sich (vgl. u.a. Böckenförde
1976: S. 336ff). Wenn sich Akteure in der Politik wie egoistisch
kalkulierende Marktteilnehmer verhalten, wird Politik ihren

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Herausforderungen in der Moderne nicht gerecht, wie schon Adam Smith


(der sich auch unübertroffen mit den wünschenswerten Tugenden des
„Staatsmanns“ beschäftigte; Kurz/Sturn 2013: S. 81ff) mit Blick auf
Eignung der verschiedenen Klassen für aufgeklärte Politik betonte. Aber
abgesehen von den mehr oder weniger günstigen Voraussetzungen,
welche die verschiedenen Akteure mitbringen, wenn sie sich ins Forum
der Politik oder an die Wahlurne begeben, ist es nicht klar, wie sie diese
dort entfalten und entwickeln. Optimisten nehmen an, sie würden ihren
Partikularismus hinter sich lassen und als Citoyens jene Tugenden
entwickeln, die für funktionierende politische Selbstbestimmung nötig
sind. Pessimisten (zu denen auch Schumpeter 1942 gehört) hingegen
betonen, dass die Konsequenzen politischer Partizipation kaum in
verantwortungsbasierte Rückkopplungsmechanismen eingebettet seien.
Daher vermuten sie, politisches Handeln folge zum einen Teil einer
rücksichtslos privatwirtschaftlichen Logik des Rent-seeking und falle
zum anderen Teil unter jenes Niveau an begrenzt vernünftiger
(boundedly rational) Umsicht, welches privatwirtschaftliches Agieren
charakterisiert. Daher würde es u.a. zum Spielball von Stimmungen und
massenpsychologisch versierten Manipulatoren. Dem naheliegenden und
auch aktuell vielfach forcierten Reformprogramm der Optimierung
politischer Regelsysteme und Mechanismen sind Grenzen gesetzt. Denn
sowohl die Entwicklung der Mechanismen als auch deren
Wirkungsweise werden von der vorherrschenden Hierarchie
unterschiedlicher Paradigmen von Politik mitgeprägt. Auch jene beiden
Richtungen, welche für die Adressierung dieser Probleme seit den
Anfängen des freiheitlichen, säkularisierten Staats in wechselnder
Gewichtung in Betracht gezogen wurden, sind zutiefst mit jenen
Paradigmen von Politik verwoben: (1) Aufklärung: Bildungs- und
Informationsprogramme, welche ein selbstbestimmtes Agieren im Forum
der Politik im aufgeklärt-längerfristigen Interesse unterstützen, dessen
weitgehende Kongruenz mit dem längerfristigen Eigeninteresse an einer
lebenswerten sozialen und natürlichen Umwelt durch Aufklärung
verdeutlicht wird. (2) Abgrenzung: Die Abstimmung der Reichweite von
Demokratie auf die Herstellbarkeit einer kulturell hinreichend
homogenen Volksgemeinschaft, deren zentrale kollektive Institutionen
und Dispositionen tendenziell von allen zugehörigen Individuen
unterstützt und befürwortet werden.

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Böckenförde-Dilemma der Marktwirtschaft. Statt auf eine aus


Ökonomie und Gesellschaft kommende Lösung für die Probleme der
Politik zu bauen, liegt es vielmehr nahe, das Böckenförde-Dilemma für
die Marktwirtschaft zu paraphrasieren (ein entsprechendes Dilemma ist
auch avant la lettre in vielfältigen Variationen formuliert worden): Die
kapitalistische Marktwirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst
nicht garantieren kann. Dies leuchtet sowohl vor dem Hintergrund
ordoliberaler Argumentationen als auch dem in Abb. 1 skizzierten ko-
evolutionären Modell ein und soll hier nicht näher ausbuchstabiert
werden.
Nun dürfte es im Lichte der Argumentation in Abschnitt 3 relativ
plausibel sein, die durch den freiheitlichen, säkularisierten Staat
verbürgten Rechtsgarantien, Sicherungen und Ausgleichsmechanismen
als eines der möglichen Sets tauglicher Voraussetzungen für die
Marktwirtschaft darzustellen. Aber es ist weit weniger klar, dass dies das
einzig mögliche Set tauglicher Voraussetzungen ist. Damit ist nicht
gemeint, dass die genaue Beschaffenheit dieses Sets jeweils historisch
und kulturell bedingte Unterschiede in den Ausprägungen der einzelnen
Funktionsbereiche aufweist. Sondern es sind damit mögliche andere Sets
gemeint, die niemand als freiheitlichen, säkularisierten Staat oder als
liberale Demokratie bezeichnen würde. Somit tut sich zum Böckenförde-
Dilemma, das den freiheitlichen Staat selbst betrifft, ein zweites Problem
auf, wenn es um die Behauptung jener Interdependenz der Ordnungen
geht, bei der sich ökonomische und politische Freiheit als zwei Seiten
derselben Medaille erweisen. Ein im Sinne längerfristiger
gesellschaftlicher Interessen geordneter Bereich privater Erwerbsfreiheit
ist auf entsprechende Regelgebung und vorteilhafte Einwirkung anderer
Bereiche, zumal von Rechtsstaat und Politik, angewiesen. Letztere
können aber weder die Bedingungen hierfür noch für die freiheitliche
Entwicklung in ihrem eigenen Bereich selbst sichern, sondern sind auf
(nur begrenzt politisch gestaltbare) Entwicklungen etwa im
Reproduktionssektor, aber auch in der Ökonomie angewiesen.
Zwischenfazit: (i) Vermutlich werden wir nicht davon ausgehen können,
dass es sich beim angedeuteten Muster wechselseitiger Einflüsse, in dem
beide Freiheiten gedeihen, um ein stabiles, krisenfestes sozio-
ökonomisches Gleichgewicht handelt. Allenfalls ist es als
sozialtheoretische Grundlage für „realistische“ regulative Ideen zu

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verstehen, deren praktische Realisierung eine ständige Herausforderung


bleibt. (ii) Dies gilt umso mehr, als auch alternative Konstellationen
denkbar sind, die unter modernen Bedingungen zwar ebenfalls keine
stabilen Gleichgewichte darstellen (aber dennoch eine Zeitlang ein
gewisses Maß an Beharrungsvermögen entfalten können, wenn sie erst
einmal etabliert sind), in denen es um das Schicksal der Freiheiten
erheblich schlechter bestellt ist. Der Slogan „illiberale Demokratie“ mag
andeuten, was damit gemeint sein kann.

5. Abschließende Überlegungen: Contesting Democracy?

Dennoch ist es angesichts des Zwischenfazits nicht abwegig, ein Bild der
kapitalistischen Marktwirtschaft als zwar nicht „natürliches“, aber
mögliches Milieu der Verfassung der Freiheit (bzw. komplementärer
Freiheiten) zu entwerfen und zu durchdenken. Tut man dies, dann weist
das Zwischenfazit auf Herausforderungen, die indes sinnvoll adressiert
werden können. Etwa ist im Anschluss an Constant zu berücksichtigen,
dass gegenüber antik-republikanischen Idealen politischer
Freiheit/Partizipation (vgl. Pettit 1997) Modifikationen erforderlich sind,
die den Gegebenheiten großer Gesellschaften Rechnung tragen. Denn im
Sinne von Constants Überlegungen werden eben jene Aspekte antiker
politischer Partizipationsformen nicht ohne weiteres Bestand haben
können, die moderne Menschen überfordern und vollständig quer zu
jenen Prozessen der Arbeitsteilung, Wissensfragmentierung,
Ausdifferenzierung, Pluralisierung und Entlastung liegen, in welchen
sich die Komplexität großer Gesellschaften widerspiegelt. Im Hinblick
auf einen freiheitsstärkenden Umgang mit dem doppelten Böckenförde-
Dilemma sind also mit Blick auf das Zwischenfazit Fragen wie die
folgenden zu diskutieren: Wie kann die politische Partizipation der
Vielen in großen Gesellschaften so organisiert werden, dass politische
Freiheit mit den Anforderungen eines funktionierenden
Gemeinwesens/Staats in Einklang gebracht werden kann? Was muss
Politik leisten, dass andere Systeme in sich funktionieren und keine
Rückwirkungen auf die Politik erzeugen, die dem abträglich sind?
Größere Teile des politischen und staatsrechtlichen Denkens und größere

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Teile des politökonomischen und staatswirtschaftlichen Denkens seit


Constant beschäftigen sich mit den daraus erwachsenden Möglichkeiten
und Herausforderungen in einer pluralistischen Gesellschaft, in der
immer wieder mit Polarisierungen entlang von Interessen und
Weltbildern zu rechnen ist – was im 20. Jahrhundert in vielfältigen
ideologischen Projekten des „Contesting Democracy“ kulminierte, die
Jan-Werner Müller (2013) zusammenfasst und kommentiert. Für
„Contesting Democracy“ gibt es zwei strategische Grundausrichtungen:
(1) Die Ersetzung politischer Formen und Mechanismen, die im Sinne
einer „liberalen Demokratie“ gezielt auf politische Freiheit unter
pluralistischen Bedingungen ausgerichtet sind, durch politische Modelle,
welche den Herausforderungen des Pluralismus durch Homogenisierung
des „Volkskörpers“ bzw. autoritäre Herrschaft begegnen. (2) Der
Übergang von expliziten Kollektiventscheidungen zu impliziten
Kollektiventscheidungen. Beide Ausrichtungen sind im Lichte der im
vorliegenden Aufsatz aufgeworfenen Probleme und des Böckenförde-
Dilemmas gut zu verstehen, aber sie bieten keine Lösungen, schon gar
nicht im Sinne der Freiheiten. Aus den Überlegungen im Anschluss an
das Böckenförde-Dilemma im Zusammenhang mit einem ko-
evolutionären Modell moderner Entwicklung wird jedenfalls deutlich,
dass es sich lohnt, ja unentbehrlich ist, über den Horizont eines
optimistischen Bildes einer für die Freiheiten im Grunde zuträglichen
Interdependenz der Ordnungen hinauszudenken. Dies scheint auch im
Lichte aktueller Herausforderungen geboten (vgl. Habermas 2013). Denn
die heute zu diagnostizierenden Krisentendenzen im ko-evolutionären
Prozess haben zuletzt auch den Liberalismus (der sich als Agentur der
Freiheiten versteht) erfasst. Die aktuelle Entwicklung von Technologien
und mentalen Modellen berechtigt jedenfalls nicht zu jenem Optimismus,
der eine gründliche Analyse endogen/ko-evolutionär entstehender
Herausforderungen für die Freiheiten im Kapitalismus entbehrlich
erscheinen ließe.

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