Sie sind auf Seite 1von 4

Enzyklopädie der Neuzeit Online

Biedermeier
(828 words)

B. ist die Bezeichnung für den in Zentraleuropa zwischen ca. 1815 und 1830/35 vorherrschenden
Kunststil. Sein Name geht auf den ktiven »Gottlieb Biedermaier« zurück; unter diesem
Pseudonym verö fentlichten A. Kußmaul und L. Eichrodt seit 1855 in den Fliegenden Blättern
Spottgedichte auf die vermeintlich spießige jüngste Vergangenheit. Als (abwertende)
Stilbezeichnung fand B. in den 1890er Jahren Eingang in die wiss. Literatur. Seit Beginn des 20. 
Jh.s erfuhr der Stil eine positive Würdigung [1]; [3]. Spezialuntersuchungen erschienen
zunächst vorwiegend zu Möbeln [10]; [8]; [9], bald aber auch schon zur Malerei [2]; [11]; eine
neue Forschungswelle folgte in den 1980er Jahren.

Die Jahre nach den Befreiungskriegen waren zunächst voller Ho fnung und Aufschwung für ein
nach Bildung strebendes Bürgertum (Bildungsbürgertum) und eine sich neu formierende
Jugend ( Turnerbünde, Burschenschaften). Natur- und Geisteswissenschaften erlebten eine
Blüte, ein aktives Interesse an bildender Kunst und Literatur wurde durch entsprechende
Neugründungen (Kunstsammlungen, Leih-Bibliotheken) und ein Ansteigen der
Buchproduktion (Buchmarkt) befriedigt. Die alsbald einsetzende Reaktion (Karlsbader
Beschlüsse) unterdrückte jedoch alle freiheitlichen Bestrebungen mit Polizeigewalt und durch
strikte Zensur. Der Bürger zog sich in sein Heim zurück; nur in der Kunst des B. verwirklichten
sich die neuen Errungenschaften von Freiheit, geistiger O fenheit, Klarheit und edler
Schlichtheit.

Das B. war der erste von bürgerlichen Künstlern und Kunsthandwerkern (Kunsthandwerk) für
die Bürger gescha fene Stil, und er war von solcher Überzeugungskraft, dass sich selbst die
Fürsten dieser Formensprache bedienten. Die Blüte war von kurzer Dauer, seit den 1830er
Jahren traten mit der durch die fortschreitende Industrialisierung und die Beschleunigung des
Verkehrs veränderten Gesellschaft zunehmend die Stilprinzipien des Historismus wieder in
den Vordergrund.

Das B. ist ein klassizistischer Stil (Klassizismus; Klassizistische Architektur), der sich jedoch
von dessen unmittelbar vorausgehenden Ausprägungen deutlich absetzte. In der Architektur
wurden überschaubare, klar gegliederte Formen mit geschlossenem Umriss bevorzugt.

/
Baukuben wurden aneinander gefügt, scheibenartige Bauglieder, oft mehrfach geschichtet,
bestimmten die Fronten, denen Säulen, Gebälke, Giebel aufgelegt sein konnten, ohne aber für
die Konstruktion notwendig zu sein oder diese zu demonstrieren.

In der Skulptur wurden die größten Leistungen in der isolierten Darstellung des Menschen
vollbracht und selbst antike Götter oder christl. Heilige in schlichter Menschlichkeit
dargestellt. Die klassische Antike war nicht mehr das alleinige Vorbild; der unmittelbare
Kontakt zum Betrachter wurde gesucht. Frontalität, eine reliefartig ächige Ausbreitung und
ein stets geschlossener Umriss wurden zum ästhetischen Prinzip.

Das Neue in der Malerei des B. entstand durch ungebundene Maler, die ihre Motive nicht in
der Mythologie und der Historie, sondern in der Gegenwart fanden, in der realistisch
wiedergegebenen Landschaft, der Straßen- oder Innenraumansicht (Interieurbild; vgl. Abb. 1),
im unpathetischen Porträt oder im Stillleben. Landschaften wurden nicht mehr komponiert,
die Qualität ihrer Wiedergabe entstand durch den gewählten Blickpunkt, durch den
interessanten Ausschnitt. Bildparallele Schichtungen, Fenster- oder Tordurchblicke wurden
gesucht, dramatische Tiefenzüge vermieden. Im Porträt sollte sich der Dargestellte in
sachlichem Licht wie im Spiegel erkennen. Im Format passten sich die Gemälde der
bürgerlichen Wohnung an. Vorbilder ndet man in der ebenfalls bürgerlichen Malerei der
Holländer des 17. Jh.s. Genredarstellungen (Genrebild) wurden erst durch die dem B.
nachfolgende Künstlergeneration wieder eingeführt.

Das Kunstgewerbe erfuhr seine künstlerische Gestaltung


durch Entwürfe der Handwerker selbst (Kunsthandwerk).
Bei den Möbeln (Materielle Kultur) setzte man sich
entschieden ab vom vorausgehenden hö schen und
franz. Empire. Man fand Vorbildliches im Rückgri f auf
Formen des Zopfstils (Ornamentstil des späten 18. Jh.s im
Übergang vom Rokoko zum Klassizismus), v. a. aber in
England. Praktische Benutzbarkeit war oberstes Gebot.
Die Bearbeitungsmethoden und das verwendete Material
– das ache Brett – bestimmten die Form, das helle,
einheimische Holz mit seiner Maserung wurde zum
wichtigsten Schmuck der stets einansichtigen Möbel.
»Architektonische« Glieder wurden schreinerisch aus
Leisten zusammengesetzt. Handwerkliches Können
Abb. 1: Georg Friedrich Kersting,
wurde in scheinbar gebogenen und kugeligen Formen
Vor dem Spiegel, 1827 (Öl auf
(Globustischchen) oder in der spielerisch reizvollen
Holz). Die Darstellung von
Gestaltung von Innenteilen demonstriert. Vergoldete
Innenräumen war im
Beschläge traten zurück und wurden durch solche aus
Biedermeier beliebt, wobei einer
Holz oder Holzmasse ersetzt.
exakten Wiedergabe aller
Einzelheiten der Einrichtung, in
diesem Falle auch der Kleidung,
bes. Bedeutung zukommt. Das
/
Das gehobene Alltagsgerät in Silber, Porzellan oder Glas Private der Darstellung und der
besticht durch seine Schlichtheit, konnte andererseits wie zufällig gewählte Ausschnitt
durch liebevolle Bemalung oder durch technisch des Raumes sind Stilelemente
perfekten Dekor zum Sammlerstück werden, das in der Biedermeiermalerei.
Vitrinen und Etageren zur Schau gestellt wurde.

Verwandte Artikel: Bürgertum | Genrebild | Malerei | Skulptur

Georg Himmelheber

Bibliography

[1] M. B , Biedermeier. Deutschland von 1815–1847, 1910

[2] K. G , Das Bildnis im Berliner Biedermeier, 1932

[3] G. H , Das Biedermeier im Spiegel seiner Zeit, 1913 (Neuausg. 1965)

[4] G. H , Kunst des Biedermeier, 1988

[5] G. H , Biedermeiermöbel, 21991 (1. engl. Ausg. 1974)

[6] H. O (Hrsg.), Biedermeiers Glück und Ende (Ausst.kat.), 1987

[7] G. E. P , Gläser der Empire- und Biedermeierzeit, 21976

[8] A. S , Die Entstehung des Biedermeierstils, in: Kunst und Kunsthandwerk 6, 1903,
263–290

[9] A. S , Die Entstehung des Biedermeierstils, in: Kunst und Kunsthandwerk 7, 1904,
415–427

[10] A. S , Die Entstehung des Biedermeierstils, in: Kunst und Kunsthandwerk 9, 1906,
568–573

[11] P. F. S , Biedermeier-Malerei, 1923

[12] R. W (Hrsg.), Wien 1815–1848. Bürgersinn und Au egehren, 1986.

Cite this page

Himmelheber, Georg, “Biedermeier”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in
Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_SIM_247035>
First published online: 2019

/
/

Das könnte Ihnen auch gefallen