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Originalarbeit

Gesundheit, sexuelle Aktivität


und sexuelle Zufriedenheit
Ausgewählte Ergebnisse aus dem Survey „Gesundheit und Sexualität in Deutschland – GeSiD“

Arne Dekker, Silja Matthiesen, Susanne Cerwenka, Mirja Otten, Peer Briken

P
hysische und psychische Erkrankungen sowie die
Zusammenfassung unerwünschten Nebenwirkungen ihrer Behand-
lung können erhebliche Auswirkungen auf die
Hintergrund: Körperliche und psychische Erkrankungen können erhebliche Auswir- Sexualität von Menschen haben (1, 2). Das gilt auch für
kungen auf die sexuelle Aktivität und sexuelle Zufriedenheit von Menschen haben. chronische Krankheiten und Behinderungen. Obwohl
Bislang fehlen für Deutschland jedoch bevölkerungsrepräsentativ erhobene Daten,
für einzelne Krankheiten bekannt ist, dass und wie die-
auf deren Basis spezifische Zusammenhänge zwischen Sexualität und Gesundheit
se Sexualität beeinträchtigen können, wurde erst 2013
dargestellt werden können.
im großen britischen Sex-Survey Natsal-3 („National
Methode: In der Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (GeSiD) wurden Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles“) untersucht,
deutschlandweit 4 955 Männer und Frauen einer zweistufig geschichteten, randomi- wie Sexualität und ein breites Spektrum gesundheitsbe-
sierten Einwohnermeldeamts-Stichprobe befragt. Die Teilnahmequote lag bei zogener Variablen assoziiert sind (3). Dort konnte unter
30,2 %. Erhoben wurden unter anderem Selbsteinschätzungen zur sexuellen Aktivi- anderem gezeigt werden, dass ein schlechter Gesund-
tät und Zufriedenheit, zum allgemeinen Gesundheitszustand und zum Vorhanden- heitszustand negativ sowohl mit der sexuellen Aktivität
sein chronischer Krankheiten und Behinderungen. als auch mit der sexuellen Zufriedenheit korreliert –
und zwar in allen Altersgruppen.
Ergebnisse: Bezogen auf die letzten vier Wochen waren Männer zwischen 36 und Für Deutschland war eine vergleichbare Analyse bis-
45 Jahren und Frauen zwischen 26 und 35 Jahren am häufigsten mit einem Partner lang nicht möglich, da hierzulande – anders als in den
oder einer Partnerin sexuell aktiv. Beschreiben Befragte den eigenen Gesundheits-
meisten europäischen Ländern – Daten zur Sexualität
zustand als mittelmäßig oder schlecht, so reduziert sich die Wahrscheinlichkeit von
bislang lediglich als Teil einer Mehrthemenbefragung
sexueller Aktivität in den letzten vier Wochen gegenüber Befragten mit einem sehr
(4), bei spezifischen Bevölkerungsgruppen oder nur zu
guten Gesundheitszustand bei Männern von 79,1 % auf 59,0 % beziehungsweise
sehr spezifischen Fragestellungen erhoben wurden (5,
30,1 % und bei Frauen von 72,5 % auf 48,0 % beziehungsweise 32,4 %. Ein ver-
6), und nicht im Rahmen eines umfassenden Surveys,
gleichbarer Zusammenhang zeigt sich bei selbstberichteten chronischen Erkrankun-
das Bevölkerungsrepräsentativität anstrebt. Dies ist nun
gen und Behinderungen, wenn sie als die Sexualität beeinträchtigend wahrgenom-
anders: Gefördert von der Bundeszentrale für gesund-
men wurden. Sexuelle Zufriedenheit war in allen Altersgruppen in ähnlichem Aus-
heitliche Aufklärung (BZgA) hat das Institut für Sexu-
maß vorhanden.
alforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychia-
Schlussfolgerung: Selbstberichtete physische und psychische Erkrankungen gehen trie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf die
oft mit erheblichen Belastungen des Sexuallebens einher. Auch Erkrankungen, die Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“
vordergründig keinen expliziten Sexualitätsbezug aufweisen, berühren häufig Fra- (GeSiD) durchgeführt. Das GeSiD-Instrument umfasst
gen der sexuellen Gesundheit. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, Sexualität zahlreiche sexualbezogene Themenkomplexe (zu Ein-
in der alltäglichen ärztlichen Praxis routinemäßig anzusprechen. zelheiten siehe eMethodenteil) und ermöglicht es, zu-
künftig zahlreiche Aspekte sexueller Gesundheit in
Zitierweise
Deutschland zu beleuchten. Ziel der hier vorliegenden
Dekker A, Matthiesen S, Cerwenka S, Otten M, Briken P:
Teilauswertung von GeSiD-Daten ist die Untersuchung
Health, sexual activity, and sexual satisfaction—selected results from the German
des Zusammenhangs von körperlicher und psychischer
Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 645–52.
Gesundheit mit sexueller Aktivität und sexueller Zu-
DOI: 10.3238/arztebl.2020.0645
friedenheit in Deutschland.

Methode
Datenerhebung
Befragt wurden n = 4 955 Männer und Frauen, die Teil-
nahmequote lag bei 30,2 % (AAPOR [„American As-
sociation for Public Opinion Research“] Response Rate
Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin & Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf: Dr. phil. Arne Dekker, Dr. phil. Silja Matthiesen, Dr. phil. Susanne Cerwenka, 4 [7]). Ausgewählt wurden die Befragten mittels einer
Prof. Dr. med. Peer Briken Einwohnermeldeamts-Stichprobe. Bei diesem zweistu-
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln: Dr. jur. Mirja Otten figen Verfahren wurden zunächst 200 Sample Points

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zufällig ausgewählt (Stufe 1) und an diesen dann die tere gesundheitsrelevante Variablen wurden der Body-
Adressdaten der 18- bis 75-jährigen Befragten zufällig Mass-Index, der Risikokonsum von Alkohol nach Maß-
gezogen (Stufe 2). Die Befragung erfolgte von Oktober gabe des AUDIT-C-Score (AUDIT, Alcohol Use Disor-
2018 bis September 2019. Interviewer des sozialwis- ders Identification Test) (9) sowie gelegentliches oder
senschaftlichen Erhebungsinstituts KantarEmnid be- regelmäßiges Rauchen ausgewertet.
gannen die Interviews mit einer persönlichen Befra- Alle Modelle wurden zunächst auch unter Einbezie-
gung, bei der sie die Daten in mitgebrachte Laptops hung des sozioökonomischen Status (German Index of
eingaben („computer assisted personal interview“ – Socioeconomic Deprivation, GISD) und des Bildungs-
CAPI). Für einen großen Teil des Interviews übergaben standes gerechnet. Beide zeigten jedoch nur geringe Ef-
die Interviewer den Laptop dann an die Befragten, so fekte und waren keine relevanten Confounder für die
dass diese ihre Antworten selbst am Bildschirm einge- hier im Zentrum stehenden Gesundheitsvariablen, so-
ben konnten („computer assisted self interview“ – CA- dass wir im Folgenden auf diese Variablen verzichten.
SI). Von allen Befragten liegen schriftliche informierte Die GeSiD-Studie wurde von der Ethikkommission
Einwilligungen vor. der Hamburger Psychotherapeutenkammer geprüft; ein
Das verwendete Erhebungsinstrument wurde in einer positives Ethikvotum liegt vor (Referenznummer:
Vorstudie entwickelt und getestet (8); es enthält insge- 07/2018-PTK-HH).
samt 264 Fragen und Fragenkomplexe. Durch Verwen-
dung zahlreicher Filtervariablen wurden den einzelnen Statistische Auswertung
Befragten jedoch – in Abhängigkeit von der bisherigen Die Auswertung der stratifizierten und geclusterten
Sexual- und Beziehungserfahrung – unterschiedlich Stichprobe wurde mit dem Modul „Complex Samples“
viele Fragen gestellt. Dadurch war die Dauer der der Datenanalysesoftware IBM SPSS Statistics für Mac
Interviews sehr unterschiedlich (19–208 Minuten); im OSX durchgeführt (Version 25.0, erschienen im Jahr
Durchschnitt dauerten die Gespräche 51 Minuten. 2017; Armonk, NY: IBM Corp). Die Prävalenz der ab-
Der Datensatz wurde in zwei Schritten gewichtet. hängigen Variablen „sexuelle Aktivität“ und „sexuelle
Zunächst wurde die durch ein gezieltes Oversampling Zufriedenheit“ in Prozent wird, gemeinsam mit den
erhöhte Auswahlwahrscheinlichkeit der 18- bis 35-jäh- 95-%-Konfidenzintervallen (KI), differenziert für Ge-
rigen Befragten korrigiert (Designgewicht). Dann wur- schlecht, Altersgruppe, Beziehungsstatus und Gesund-
de die nun grob repräsentative Stichprobe den Daten heitsmerkmale dargestellt. Die ebenfalls angegebenen
des Mikrozensus 2017 hinsichtlich Geschlecht, Alter, Nenner sind die absoluten Fallzahlen, auf die sich die
Bildungsstand, Nationalität und Region angeglichen Prozentangaben jeweils beziehen. Da durch die Ge-
(Anpassungsgewicht). Der eMethodenteil enthält eine wichtung der Daten einzelne Fälle unterschiedlich stark
ausführliche Darstellung des methodischen Vorgehens in die Berechnung eingehen, kann für Subpopulationen
und der Datengewichtung. der gewichtete vom ungewichteten Nenner abweichen.
Mittels logistischer Regression wurden adjustierte
Verwendete Items Odds Ratios (AOR) berechnet, um mögliche Zusam-
Für die vorliegende Analyse verwendeten wir als ab- menhänge zwischen verschiedenen demografischen
hängige Variablen erstens die sexuelle Aktivität in den und Gesundheitsmerkmalen zu kontrollieren – so etwa
letzten vier Wochen, definiert als eine oder mehrere der den Umstand, dass ältere Personen zugleich mit höhe-
folgenden Handlungen mit einem Partner des anderen rer Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Proble-
oder gleichen Geschlechts: Vaginalverkehr, Oralver- men berichten. Sämtliche Modelle wurden für Alter
kehr, anale Stimulation, Analverkehr, andere genitale und Beziehungsstatus adjustiert; Modelle, die den Ein-
Kontakte (für die genaue Formulierung dieses und der fluss von Alter und Beziehungsstatus untersuchten,
folgenden Items sowie ihrer Umkodierung für die hier wurden darüber hinaus für den allgemeinen Gesund-
vorgelegte Analyse siehe eMethodenteil). Die zweite heitszustand adjustiert. Das bedeutet, dass die AOR ei-
unabhängige Variable, die wir betrachteten, war die Zu- ne Aussage über den Zusammenhang zwischen einer
friedenheit mit dem eigenen Sexualleben in den letzten unabhängigen und einer abhängigen Variablen erlau-
zwölf Monaten. ben, während der Einfluss von Confounder-Variablen
Als unabhängige Variablen untersuchten wir neben (hier: Alter, Beziehungsstatus, gegebenenfalls Gesund-
Alter und Geschlecht den Beziehungsstatus samt Be- heitszustand) kontrolliert wird.
ziehungsdauer in vier Gruppen (keine Beziehung; Be-
ziehung bis zwei Jahre; Beziehung zwischen zwei und Repräsentativität und Non-Responder-Analyse
fünf Jahren; Beziehung seit mehr als fünf Jahren), die Wie andere Surveys auch unternimmt GeSiD den Ver-
subjektive Einschätzung des eigenen Gesundheitszu- such, dem Ideal der Repräsentativität für die Zielgrup-
stands (sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht) sowie das pe (hier: deutschsprachige Wohnbevölkerung zwischen
selbstberichtete Vorhandensein von chronischen Er- 18 und 75 Jahren) möglichst nahe zu kommen. Um ein-
krankungen oder Behinderungen, die nach Empfindung zuschätzen, inwieweit insbesondere die Antwortver-
der Befragten die Sexualität beeinträchtigten. Wir be- weigerungen zu systematischen Verzerrungen führten,
trachteten zudem die gruppierte Anzahl einer Reihe wurde unter anderem eine Kurzbefragung der Non-
konkreter Gesundheitsprobleme (kein, ein oder zwei Responder unternommen und geprüft, ob sich diese
und mehr spezifische Gesundheitsprobleme). Als wei- hinsichtlich demografischer Basisdaten von den Be-

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TABELLE 1

Selbstberichtete Gesundheitsmerkmale der GeSiD-Teilnehmenden nach Geschlecht und Altersgruppen (in %)

Alter in Jahren 18–25 26–35 36–45 46–55 56–65 66–75


Männer
allgemeiner Gesundheitszustand
sehr gut 51,1 [45,8; 56,4] 39,7 [34,8; 44,9] 36,4 [30,5; 42,8] 19,7 [15,8; 24,3] 11,3 [8,3; 15,3] 13,1 [9,4; 18,0]
gut 39,3 [34,4; 44,5] 50,1 [45,1; 55,0] 55,1 [48,9; 61,2] 58,0 [52,8; 63,0] 52,2 [46,5; 57,9] 51,6 [45,5; 57,6]
mittelmäßig 7,7 [5,3; 11,1] 9,1 [6,6; 12,3] 7,6 [5,1; 11,3] 17,7 [13,5; 22,9] 28,7 [23,5; 34,5] 27,0 [20,9; 34,1]
schlecht 1,9 [0,8; 4,4] 1,1 [0,5; 2,4] 0,9 [0,4; 2,2] 4,6[2,6; 7,8] 7,8 [5,1; 11,8] 8,3 [5,2; 13,0]
Nenner, ungewichtet 388 538 379 362 375 285
Nenner, gewichtet 312 450 404 543 458 311
chronische Erkrankung oder Behinderung
nein 88,0 [83,7; 91,2] 82,4 [78,3; 85,9] 80,6 [75,7; 84,7] 65,2 [59,0; 70,9] 60,1 [54,5; 65,5] 47,3 [40,3; 54,5]
nicht beeinträchtigend 8,8 [6,1; 12,6] 14,7 [11,6; 18,5] 14,8 [11,0; 19,7] 26,1 [20,9; 32,0] 22,1 [17,7; 27,3] 26,8 [21,0; 33,5]
beeinträchtigend 3,2 [1,6; 6,4] 2,8 [1,7; 4,8] 4,6 [2,9; 7,1] 8,8 [6,0; 12,7] 17,7 [13,8; 22,5] 25,8 [20,5; 32,0]
Nenner, ungewichtet 381 532 374 357 363 277
Nenner, gewichtet 304 442 398 533 442 301
Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme
0 spezifische Probleme 72,6 [67,3; 77,4] 71,1 [67,3; 74,7] 68,8 [62,8; 74,2] 52,6 [46,4; 58,8] 49,5 [43,6; 55,2] 45,1 [38,1; 52,3]
1 spezifisches Problem 21,8 [17,6; 26,7] 21,4 [18,3; 24,9] 22,6 [17,9; 28,1] 31,1 [25,6; 37,3] 28,0 [22,8; 33,8] 26,0 [20,7; 32,1]
≥ 2 spezifische Probleme 5,6 [3,3; 9,4] 7,5 [5,3; 10,5] 8,6 [5,8; 12,7] 16,3 [12,1; 21,6] 22,5 [17,5; 28,4] 28,9 [22,1; 36,8]
Nenner, ungewichtet 375 529 375 360 369 281
Nenner, gewichtet 300 438 399 538 452 305

Frauen
allgemeiner Gesundheitszustand
sehr gut 40,8 [35,6; 46,3] 37,6 [33,3; 42,1] 22,7 [18,3; 27,7] 23,7 [19,3; 28,7] 15,5 [12,2; 19,5] 6,3 [3,8; 10,3]
gut 46,1 [40,6; 51,6] 49,9 [45,2; 54,6] 57,3 [51,9; 62,6] 49,6 [43,8; 55,4] 50,7 [45,0; 56,5] 52,9 [45,4; 60,2]
mittelmäßig 11,2 [7,9; 15,7] 11,3 [8,7; 14,5] 16,7 [13,0; 21,1] 22,6 [18,0; 27,9] 26,4 [21,8; 31,5] 31,9 [25,9; 38,5]
schlecht 1,9 [0,8; 4,6] 1,3 [0,6; 2,5] 3,3 [1,5; 7,1] 4,2 [2,6; 6,8] 7,4 [4,9; 10,9] 9,0 [5,7; 13,8]
Nenner, ungewichtet 376 561 433 504 492 238
Nenner, gewichtet 282 417 400 536 470 343
chronische Erkrankung oder Behinderung
nein 82,7 [77,8; 86,6] 78,8 [75,0; 82,1] 76,4 [71,3; 80,9] 68,1 [62,7; 73,0] 57,8 [62,8; 62,7] 51,6 [44,9; 58,2]
nicht beeinträchtigend 12,4 [9,3; 16,5] 14,6 [11,8; 18,0] 13,8 [10,5; 17,9] 17,0 [13,7; 20,9] 28,5 [24,6; 32,8] 32,3 [26,3; 39,0]
beeinträchtigend 4,9 [3,0; 7,9] 6,6 [4,9; 9,0] 9,8 [6,9; 13,8] 14,9 [11,0; 19,9] 13,6 [10,3; 17,8] 16,1 [11,3; 22,3]
Nenner, ungewichtet 371 556 426 495 479 226
Nenner, gewichtet 277 413 391 528 459 326
Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme
0 spezifische Probleme 59,9 [54,3; 65,2] 47,0 [42,4; 51,6] 31,2 [26,4; 36,3] 30,9 [26,7; 35,5] 29,5 [24,7; 34,7] 21,0 [15,6; 27,6]
1 spezifisches Problem 25,7 [20,8; 31,3] 30,8 [27,0; 34,9] 36,8 [31,6; 42,3] 33,4 [29,1; 38,0] 29,5 [25,1; 34,3] 26,7 [20,9; 33,6]
≥ 2 spezifische Probleme 14,4 [10,6; 19,4] 22,2 [18,4; 26,5] 32,1 [27,1; 37,4] 35,7 [30,9; 40,8] 41,0 [35,7; 46,6] 52,3 [45,3; 59,2]
Nenner, ungewichtet 368 553 429 496 488 233
Nenner, gewichtet 275 406 394 522 468 340

Die Angaben in den Klammern sind die 95-%-Konfidenzintervalle. Die Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme ist definiert als ein gruppierter Score der folgenden spezifischen Erkrankungen
oder Eingriffe (jemals): Harnblasenoperation, Genitaloperation, Bauchoperation, gebrochene Hüfte oder Beckenbruch, künstliche Hüfte, Prostatavergrößerung, Prostata-Operation, Hysterekto-
mie, Kaiserschnitt, polyzystische Ovarien sowie der folgenden spezifischen Erkrankungen (Vorkommen i. d. letzten 12 Monaten): Rückenschmerzen, neurologische Erkrankung, Krebs, Erkran-
kung der Schilddrüse, Erkrankung der Hoden bzw. Eierstöcke, Erkrankung der Hirnanhangdrüse, Depression, andere psychische Erkrankung.

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fragten unterscheiden. Hierbei zeigt sich, dass sich Res- dieser Erkrankungen konnte ein direkter Zusammen-
ponder und Non-Responder hinsichtlich Altersvertei- hang mit der sexuellen Aktivität in den vier Wochen
lung, Geschlecht, Nationalität und Größe des Wohnorts vor der Befragung festgestellt werden (bei Männern:
ähneln und die verbleibenden geringen Unterschiede Prostataoperationen, Depressionen, andere psy-
durch die oben geschilderte Gewichtungsprozedur sehr chische Erkrankungen; bei Frauen: Bauchoperatio-
gut korrigiert werden (Einzelheiten dazu im eMetho- nen, neurologische Erkrankungen). Deutlich ist hin-
denteil). gegen das Vorliegen von mehr als einem spezifischen
Gesundheitsproblem mit einer geringeren sexuellen
Ergebnisse Aktivität assoziiert, zumindest bei Männern: Befrag-
Tabelle 1 zeigt, dass sich der selbstberichtete allgemei- te, die unter mehr als einer spezifischen Erkrankung
ne Gesundheitszustand der Befragten mit zunehmen- litten, waren in den letzten vier Wochen vor der Be-
dem Alter erwartbar verschlechtert. Der Anteil von Be- fragung statistisch signifikant seltener sexuell aktiv
fragten, die über chronische Krankheiten und Behinde- als Befragte mit nur einer oder keiner Erkrankung
rungen berichten, die ihr Sexualleben beeinträchtigen, (Tabelle 2).
nimmt mit dem Alter zu. Dasselbe gilt für den Anteil Geschlechtsspezifische Effekte gibt es für Adiposi-
von Befragten, die über mehr als ein spezifisches kon- tas und riskanten Alkoholkonsum beziehungsweise
kretes Gesundheitsproblem berichten. Rauchen. Frauen mit einem Body-Mass-Index (BMI)
von mehr als 30 kg/m2 sind sexuell weniger aktiv als
Sexuelle Aktivität in den letzten vier Wochen normalgewichtige Frauen. Frauen, deren Alkoholkon-
Der Anteil der Befragten, die in den letzten vier Wo- sum gemäß AUDIT-C als riskant einzuschätzen ist
chen vor der Befragung mit einem Partner oder einer und/oder die rauchen, sind hingegen sexuell geringfü-
Partnerin sexuell aktiv waren, ist bei Männern zwi- gig aktiver.
schen 36 und 45 Jahren und Frauen zwischen 26 und
35 Jahren am höchsten (Tabelle 2). In den höheren Al- Sexuelle Zufriedenheit in den letzten zwölf Monaten
tersgruppen nimmt die sexuelle Aktivität jeweils ab. Für viele Menschen ist fehlende sexuelle Aktivität ein
Die AOR zeigen, dass der Alterseffekt auch dann be- wichtiger Grund dafür, mit dem eigenen Sexualleben un-
stehen bleibt, wenn Beziehungsdauer und Gesund- zufrieden zu sein. Im Umkehrschluss ist sexuelle Aktivi-
heitsstatus kontrolliert werden. Erwartungsgemäß tät aber keine Garantie dafür, auch sexuell zufrieden zu
sind aber auch die Beziehungssituation und die sexu- sein. Damit wir im Folgenden tatsächlich die Zufrieden-
elle Aktivität assoziiert, wobei Singles in den vier heit oder Unzufriedenheit mit der Sexualität erfassen,
Wochen vor der Befragung signifikant weniger Sex und nicht die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der
hatten als Frauen und Männer in Beziehungen. Zu- Tatsache, Sexualität erlebt (oder eben nicht erlebt) zu ha-
dem waren Frauen in langen Beziehungen (> 5 Jahre) ben, haben wir in diesen Teil der Auswertung nur Be-
sexuell weniger aktiver als Frauen in kurzen Bezie- fragte einbezogen, die in den letzten zwölf Monaten se-
hungen (< 2 Jahre) – Männer unterschieden sich in xuell aktiv waren. Tabelle 3 zeigt die sexuelle Zufrieden-
dieser Hinsicht nicht signifikant. heit in Abhängigkeit von demografischen Merkmalen
Sehr deutlich zeigt sich die Assoziation des Ge- und Gesundheitsmerkmalen. Deutlich wird hier zu-
sundheitszustands mit der Sexualität. Beschreiben nächst, dass – anders als bei den Daten zur sexuellen Ak-
Befragte den eigenen Gesundheitszustand als mittel- tivität – kein Zusammenhang zwischen Alter und sexuel-
mäßig oder schlecht, so reduziert sich die Wahr- ler Zufriedenheit besteht. Sexuelle Zufriedenheit ist of-
scheinlichkeit von sexueller Aktivität in den letzten fenbar in allen Altersgruppen prinzipiell in ähnlichem
vier Wochen gegenüber Befragten mit einem sehr gu- Ausmaß vorhanden. Beziehungsstatus und -dauer korre-
ten Gesundheitszustand erheblich: bei Männern von lieren hingegen mit sexueller Zufriedenheit: Sexuell ak-
79,1 % auf 59,0 % beziehungsweise 30,1 % und bei tive Singles sind mit ihrer Sexualität deutlich weniger
Frauen von 72,5 % auf 48,0 % beziehungsweise zufrieden als Befragte in fester Partnerschaft, und in fes-
32,4 % (95-%-KI in Tabelle 2). Dies gilt auch dann, ten Partnerschaften nimmt die sexuelle Zufriedenheit
wenn die Daten für Alter und Beziehungsstatus adjus- mit zunehmender Beziehungsdauer ab.
tiert werden. Ein vergleichbarer Zusammenhang zeigt Die Zusammenhänge zwischen Gesundheitsmerk-
sich zwischen der sexuellen Aktivität in den vier Wo- malen und sexueller Zufriedenheit ähneln jenen zwi-
chen vor der Befragung und dem selbstberichteten schen Gesundheitsmerkmalen und sexueller Aktivität.
Vorliegen chronischer Erkrankungen und Behinde- Befragte, die ihre Gesundheit als mittelmäßig oder
rungen – vorausgesetzt, die Befragten empfinden die- schlecht beschreiben, die sich als chronisch krank oder
se chronischen Erkrankungen/Behinderungen als be- mit Behinderung definieren oder die unter einer oder
einträchtigend für ihre Sexualität. mehreren spezifischen Gesundheitsproblemen leiden,
Neben den genannten Selbsteinschätzungen von sind mit höherer Wahrscheinlichkeit unzufrieden mit
Gesundheitszustand und chronischen Erkrankungen/ ihrer Sexualität als Befragte, die über einen besseren
Behinderungen wurde das selbstberichtete Vorliegen Gesundheitszustand berichten. BMI und Rauchen zei-
von einer Reihe spezifischer gravierender Gesund- gen keine Assoziation mit der sexuellen Zufriedenheit.
heitsprobleme (zum Beispiel Krebs) erfragt (detail- Befragte mit riskantem Trinkverhalten sind unzufriede-
lierte Aufstellung im eMethodenteil). Nur für wenige ner mit ihrer Sexualität.

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TABELLE 2

Sexuelle Aktivität in den letzten vier Wochen: Zusammenhänge mit demografischen und Gesundheitsmerkmalen [95-%-Konfidenzintervalle]

Männer Frauen
sexuelle Aktivität adjustierte p-Wert Nenner, sexuelle Aktivität adjustierte p-Wert Nenner,
in den letzten vier Odds Ratios gewichtet in den letzten vier Odds Ratios gewichtet
Wochen (in %) (AOR) Wochen (in %) (AOR)
gesamt 71,7 [69,5; 73,5] 2 371 62,1 [59,7; 64,5] 2 365
Altersgruppe
18–25 Jahre 64,7 [59,8; 69,3] 1,00 286 68,8 [62,3; 74,6] 1,00 270
26–35 Jahre 79,4 [75,3; 83,0] 1,29 [0,92; 1,82] 432 80,7 [76,4; 84,4] 1,23 [0,74; 2,04] 404
36–45 Jahre 79,6 [74,8; 83,7] 1,08 [0,69; 1,71] 384 79,6 [75,1; 83,5] 0,96 [0,60; 1,57] 386
< 0,001 < 0,001
46–55 Jahre 76,6 [71,2; 81,3] 0,92 [0,61; 1,43] 524 66,7 [61,1; 71,9] 0,52 [0,32; 0,87] 515
56–65 Jahre 68,8 [63,3; 73,8] 0,65 [0,42; 1,01] 441 47,2 [41,8; 52,7] 0,24 [0,14; 0,41] 441
66–75 Jahre 50,8 [44,3; 57,2] 0,26 [0,16; 0,41] 279 26,1 [20,1; 33,1] 0,11 [0,06; 0,19] 331
feste Beziehung
ja, ≤ 2 Jahre 92,0 [86,3; 95,4] 1,00 190 91,1 [85,6; 94,6] 1,00 180
ja, > 2–5 Jahre 92,2 [87,7; 95,2] 0,94 [0,40; 2,21] 237 90,6 [86,4; 93,6] 0,77 [0,37; 1,60] 248
< 0,001 < 0,001
ja, > 5 Jahre 81,0 [78,2; 83,5] 0,57 [0,30; 1,09] 1 356 73,8 [70,8; 76,7] 0,48 [0,27; 0,86] 1 324
nein 33,6 [29,1; 38,3] 0,04 [0,02; 0,09] 563 15,3 [12,6; 18,5] 0,02 [0,01; 0,04] 595
allgemeiner Gesundheitszustand
sehr gut 79,1 [75,4; 82,4] 1,00 638 72,5 [68,6; 76,0] 1,00 566
gut 75,0 [72,2; 77,6] 0,70 [0,49; 1,01] 1 224 65,5 [62,3; 68,6] 0,97 [0,72; 1,31] 1 194
< 0,001 < 0,001
mittelmäßig 59,0 [52,2; 65,5] 0,37 [0,24; 0,58] 388 48,0 [42,4; 53,6] 0,59 [0,39; 0,87] 478
schlecht 30,1 [19,6; 43,4] 0,12 [0,05; 0,25] 96 32,4 [22,7; 43,9] 0,27 [0,15; 0,50] 108
chronische Erkrankung oder Behinderung
nein 75,7 [73,1; 78,2] 1,00 1 620 67,7 [64,8; 70,4] 1,00 1 585
nicht beeinträcht. 69,0 [63,5; 74,0] 0,80 [0,56; 1,15] < 0,001 451 52,0 [46,6; 57,3] 0,78 [0,58; 1,04] 0,010 463
beeinträchtigend 49,8 [41,9; 57,7] 0,34 [0,22; 0,54] 232 50,8 [42,7; 58,9] 0,55 [0,37; 0,82] 261
Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme
0 Probleme 75,8 [73,0; 78,3] 1,00 1 369 67,3 [63,3; 71,1] 1,00 811
1 Problem 71,8 [67,4; 75,8] 0,79 [0,58; 1,08] < 0,001 594 63,3 [59,4; 67,0] 0,93 [0,70; 1,23] 0,645 718
≥ 2 Probleme 54,7 [47,6; 61,7] 0,41 [0,28; 0,61] 348 55,3 [50,9; 59,6] 0,85 [0,60; 1,20] 784
Body-Mass-Index
normal 70,4 [66,8; 73,8] 1,00 900 68,7 [65,8; 71,5] 1,00 1 162
untergewichtig 41,6 [21,5; 64,8] 0,39 [0,13; 1,20] 24 63,2 [50,5; 74,3] 0,56 [0,28; 1,11] 61
0,397 0,026
übergewichtig 75,7 [72,4; 78,7] 1,04 [0,78; 1,38] 937 58,5 [53,3; 63,5] 0,78 [0,56; 1,08] 652
adipös 67,6 [62,3; 72,5] 0,95 [0,67; 1,33] 476 51,5 [45,8; 57,2] 0,65 [0,47; 0,90] 477
riskantes Trinkverhalten
nein 69,6 [66,6; 72,5] 1,00 1 143 58,4 [54,9; 61,7] 1,00 1 352
0,072 0,002
ja 73,7 [70,2; 76,8] 1,31 [0,98; 1,75] 1 112 68,7 [65,3; 71,9] 1,53 [1,17; 2,01] 880
Rauchen (gelegentlich oder regelmäßig)
nein 70,8 [68,2; 73,2] 1,00 1 470 59,9 [57,0; 62,7] 1,00 1 629
0,147 0,003
ja 73,1 [69,6; 76,4] 1,23 [0,93; 1,62] 871 67,6 [63,2; 71,7] 1,60 [1,17; 2,19] 729

Sexuelle Aktivität wurde definiert als eine oder mehrere der folgenden Handlungen mit einem Partner des anderen oder eigenen Geschlechts: Vaginalverkehr, Oralverkehr, anale Stimulation, Anal-
verkehr, andere genitale Kontakte. Die Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme ist definiert als gruppierter Score folgender Erkrankungen oder Eingriffe (jemals): Harnblasenoperation, Genital-
operation, Bauchoperation, gebrochene Hüfte oder Beckenbruch, künstliche Hüfte, Prostatavergrößerung, Prostataoperation, Hysterektomie, Kaiserschnitt, polyzystische Ovarien sowie folgende
Erkrankungen (Vorkommen in den letzten zwölf Monaten): Rückenschmerzen, neurologische Erkrankung, Krebs, Erkrankung der Schilddrüse, Erkrankung der Hoden bzw. Eierstöcke, Erkrankung
der Hirnanhangdrüse, Depression, andere psychische Erkrankung. Riskantes Trinkverhalten wurde definiert als AUDIT-C-Score (Alcohol Use Disorders Identification Test) über 3 für Männer bzw.
über 2 für Frauen. Der Body-Mass-Index wurde wie folgt gruppiert: normal 18,5–25 kg/m2, untergewichtig < 18,5 kg/m2, übergewichtig 25–30 kg/m2, adipös: > 30 kg/m2. Alle Modelle wurden für
Alter und Beziehungsstatus adjustiert. Modelle zur Untersuchung des Alters und des Beziehungsstatus wurden außerdem für den allgemeinen Gesundheitszustand adjustiert.

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 649


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TABELLE 3

Sexuelle Zufriedenheit in den letzten zwölf Monaten (nur Befragte, die in dieser Zeit Sex hatten) [95-%-Konfidenzintervall]

Männer Frauen
sexuelle Zufrieden- adjustierte p-Wert Nenner, sexuelle Zufrieden- adjustierte p-Wert Nenner,
heit in den letzten Odds Ratios gewichtet heit in den letzten Odds Ratios gewichtet
zwölf Monaten (in %) (AOR) zwölf Monaten (in %) (AOR)
gesamt 61,3 [58,6; 63,9] 1 943 66,3 [63,8; 68,7] 1 688
Altersgruppe
18–25 Jahre 65,3 [59,7; 70,5] 1,00 212 70,8 [64,0; 76,8] 1,00 207
26–35 Jahre 60,1 [55,1; 64,9] 0,70 [0,48; 1,02] 379 64,3 [59,7; 68,6] 0,76 [0,50; 1,16] 364
36–45 Jahre 63,4 [57,1; 69,2] 0,89 [0,57; 1,37] 346 64,6 [58,6; 70,1] 0,88 [0,57; 1,36] 345
< 0,183 0,083
46–55 Jahre 57,1 [50,5; 63,5] 0,74 [0,46; 1,19] 458 63,1 [57,6; 68,2] 0,90 [0,56; 1,44] 402
56–65 Jahre 63,6 [57,1; 69,7] 1,08 [0,68; 1,71] 342 68,1 [60,5; 74,8] 1,15 [0,70; 1,88] 257
66–75 Jahre 58,4 [50,1; 66,3] 0,83 [0,49; 1,43] 185 77,7 [66,1; 86,2] 1,95 [0,95; 4,03] 108
feste Beziehung
ja, ≤ 2 Jahre 83,6 [77,4; 88,4] 1,00 181 77,6 [70,8; 83,2] 1,00 166
ja, > 2–5 Jahre 70,2 [64,2; 75,5] 0,47 [0,28; 0,76] 229 73,8 [67,9; 78,9] 0,81 [0,52; 1,26] 242
< 0,001 < 0,001
ja, > 5 Jahre 61,9 [58,5; 65,3] 0,33 [0,21; 0,51] 1218 66,1 [62,9; 69,3] 0,56 [0,36; 0,86] 1 132
nein 36,2 [30,1; 42,7] 0,10 [0,06; 0,17] 293 41,9 [33,4; 51,0] 0,19 [0,11; 0,33] 144
allgemeiner Gesundheitszustand
sehr gut 67,8 [62,9; 72,3] 1,00 559 73,7 [69,4; 77,7] 1,00 453
gut 61,0 [57,6; 64,3] 0,67 [0,52; 0,87] 1 036 67,9 [64,3; 71,2] 0,70 [0,53; 0,91] 897
< 0,001 < 0,001
mittelmäßig 50,3 [43,7; 56,9] 0,41 [0,29; 0,59] 282 52,1 [45,7; 58,4] 0,34 [0,24; 0,50] 290
schlecht 44,5 [27,2; 63,2] 0,36 [0,16; 0,80] 43 51,2 [33,1; 69,1] 0,32 [0,15; 0,71] 44
chronische Erkrankung oder Behinderung
nein 63,7 [60,5; 66,9] 1,00 1 374 68,7 [65,8; 71,4] 1,00 1 209
nicht beeinträcht. 56,5 [50,6; 62,1] 0,73 [0,54; 0,99] 0,002 361 67,8 [61,9; 73,2] 0,94 [0,70; 1,26] < 0,001 293
beeinträchtigend 45,5 [35,3; 56,0] 0,44 [0,28; 0,71] 145 44,6 [36,6; 52,8] 0,34 [0,24; 0,48] 163
Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme
0 Probleme 63,5 [60,3; 66,5] 1,00 1 163 73,9 [69,8; 77,5] 1,00 615
1 Problem 56,9 [51,3; 62,3] 0,75 [0,57; 0,99] 0,017 489 64,4 [59,8; 68,7] 0,63 [0,47; 0,85] < 0,001 522
≥ 2 Probleme 56,3 [48,5; 63,7] 0,69 [0,49; 0,96] 242 58,3 [53,3; 63,0] 0,47 [0,35; 0,63] 519
Body-Mass-Index
normal 59,9 [56,0; 63,7] 1,00 712 66,1 [62,8; 69,2] 1,00 887
untergewichtig 67,8 [34,3; 89,5] 1,70 [0,50; 5,72] 16 77,1 [65,6; 85,6] 1,91 [1,07; 3,43] 46
0,842 0,157
übergewichtig 61,9 [54,5; 67,7] 1,03 [0,80; 1,33] 800 67,1 [62,0; 71,9] 1,03 [0,79; 1,34] 450
adipös 60,1[53,7; 66,1] 1,08 [0,77; 1,50] 379 63,4 [57,0; 69,4| 0,87 [0,63; 1,20] 295
riskantes Trinkverhalten
nein 64,0 [60,2; 67,6] 1,00 914 69,1 [65,3; 72,7] 1,00 903
0,011 0,026
ja 57,5 [53,8; 61,1] 0,75 [0,60; 0,94] 931 62,1 [58,2; 65,8] 0,75 [0,58; 0,97] 703
Rauchen (gelegentlich oder regelmäßig)
nein 60,2 [56,8; 63,5] 1,00 1 182 65,6 [62,5; 72,6] 1,00 1 129
0,122 0,178
ja 62,4 [58,1; 66,5] 1,22 [0,95; 1,55] 728 67,8 [62,6; 72,6] 1,22 [0,91; 1,63] 555

Die Stichprobe war auf Befragte beschränkt, die in den letzten zwölf Monaten Sex mit mindestens einem Partner oder einer Partnerin hatten. Sexuelle Aktivität wurde definiert als eine oder
mehrere der folgenden Handlungen mit einem Partner des anderen oder eigenen Geschlechts: Vaginalverkehr, Oralverkehr, anale Stimulation, Analverkehr, andere genitale Kontakte. Die An-
zahl spezifischer Gesundheitsprobleme ist definiert als gruppierter Score folgender Erkrankungen oder Eingriffe (jemals): Harnblasenoperation, Genitaloperation, Bauchoperation, gebrochene
Hüfte oder Beckenbruch, künstliche Hüfte, Prostatavergrößerung, Prostataoperation, Hysterektomie, Kaiserschnitt, polyzystische Ovarien sowie folgende Erkrankungen (Vorkommen in den letz-
ten zwölf Monaten): Rückenschmerzen, neurologische Erkrankung, Krebs, Erkrankung der Schilddrüse, Erkrankung der Hoden bzw. Eierstöcke, Erkrankung der Hirnanhangdrüse, Depression,
andere psychische Erkrankung. Riskantes Trinkverhalten wurde definiert als AUDIT-C-Score über 3 für Männer bzw. über 2 für Frauen. Der Body-Mass-Index wurde wie folgt gruppiert: normal
18,5–25 kg/m2, untergewichtig < 18,5 kg/m2, übergewichtig 25–30 kg/m2, adipös: > 30 kg/m2. Alle Modelle wurden für Alter und Beziehungsstatus adjustiert. Modelle zur Untersuchung des Alters
und des Beziehungsstatus wurden außerdem für den allgemeinen Gesundheitszustand adjustiert.

650 Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020


MEDIZIN

Diskussion
Alter, Beziehungssituation und Gesundheitszustand Kernaussagen
korrelieren hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die se-
xuelle Aktivität stark miteinander (10). Gleichwohl zei- ● Mit der Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (GeSiD) wurde erstmals
gen unsere Ergebnisse, dass jedes dieser Merkmale in Deutschland ein umfassender Sex-Survey durchgeführt, der Bevölkerungsreprä-
auch unabhängig von den jeweils anderen mit sexueller sentativität anstrebt.
Aktivität assoziiert sein kann. Hierin unterscheiden ● Körperliche und psychische Erkrankungen können erhebliche negative Auswirkun-
sich die GeSiD-Daten von unserer früheren Drei-Gene- gen auf sexuelle Aktivität und sexuelle Zufriedenheit von Menschen haben.
rationen-Studie, in der der Alterseffekt „‚Beziehungs-
● So sind ein mittelmäßiger oder schlechter Gesundheitszustand, eine als die Sexua-
dauer-bereinigt‘ statistisch insignifikant“ war (10) – al-
lität einschränkend wahrgenommene chronische Krankheit oder Behinderung sowie
lerdings bei einem maximalen Alter der Befragten von
das gemeinsame Auftreten mehrerer spezifischer Erkrankungen sowohl mit einer
60 Jahren. Mit der sexuellen Zufriedenheit hingegen
geringeren sexuellen Aktivität als auch mit einer geringeren sexuellen Zufriedenheit
korreliert das Alter nicht, die Beziehungssituation und
assoziiert.
der Gesundheitszustand allerdings schon.
Erstmals konnten wir mit der vorliegenden Untersu- ● Nicht nur sexuelle Funktionsstörungen und sexuell übertragbare Infektionen, son-
chung in einer für Deutschland repräsentativen Stich- dern auch Krankheiten ohne unmittelbaren Sexualitätsbezug berühren also Fragen
probe zeigen, dass selbstberichtete physische und psy- der sexuellen Gesundheit.
chische Erkrankungen oft mit erheblichen Belastungen
des Sexuallebens einhergehen. Unsere Ergebnisse de-
cken sich in diesem Punkt weitgehend mit den Ergeb-
nissen der Natsal-Studie für Großbritannien (3): Ein
von den Befragten als mittelmäßig oder schlecht einge- Aus mehreren Studien wissen wir, dass das Thema
schätzter Gesundheitszustand, eine als die Sexualität Sexualität in der ärztlichen Ausbildung immer noch zu
einschränkend wahrgenommene chronische Krankheit kurz kommt (11, 12) und in der ärztlichen Beratung oft
oder Behinderung sowie – bei Männern – das Vorliegen tabuisiert wird (13, 14). Ärztinnen und Ärzten kann es
von zwei oder mehr spezifischen Gesundheitsproble- – ebenso wie Patientinnen und Patienten – schwer fal-
men waren mit einer geringeren sexuellen Aktivität in len, ein Gespräch über Sexualität zu beginnen. Um
den vier Wochen vor der Befragung assoziiert und auch Kommunikation über Sexualität in der ärztlichen Pra-
mit einer geringeren sexuellen Zufriedenheit. Mit ande- xis zu erleichtern, kann es hilfreich sein, den daran Be-
ren Worten: Auch solche Erkrankungen, die vorder- teiligten Unterstützung zu bieten. Dies kann zum Bei-
gründig keinen expliziten Sexualitätsbezug aufweisen, spiel durch die Bereitstellung von Materialien für die
berühren Fragen der sexuellen Gesundheit. Und ob- ärztliche Praxis erfolgen, die beispielhaft die Relevanz
wohl sich auf Basis unserer Querschnittuntersuchung des Themas darstellen und mögliche Kommunikations-
streng genommen keine Kausalaussagen treffen lassen, strategien aufzeigen. Zudem können Unterstützungsan-
liegt es nahe, dass sich Probleme mit der körperlichen gebote auch auf Empowerment abzielen, sodass Patien-
und psychischen Gesundheit negativ auf die Sexualität tinnen und Patienten ermutigt und befähigt werden, in
auswirken und nicht umgekehrt. der ärztlichen Praxis über Beeinträchtigungen ihrer Se-
Die vorliegenden Ergebnisse sind mit Limitationen xualität zu sprechen. Entsprechende Angebote müssen
verbunden. Zum einen haben wir Gesundheitsmerkma- allerdings nicht auf den Kreis von Menschen mit Er-
le als Selbstberichte erfasst. In zukünftigen groß ange- krankungen reduziert sein, sondern könnten als Be-
legten Sex-Surveys wäre es wünschenswert, zumindest standteil bereits bestehender Interventions- und Aufklä-
einige Befunde auch mittels objektivierender Metho- rungsprogramme Kommunikationsfähigkeiten vermit-
den zu erheben. Zum anderen stellt sich bei empiri- teln, von denen Menschen nicht nur als Patientin und
schen Untersuchungen zur Sexualität stets die Frage Patient profitieren würden.
nach der Verlässlichkeit der Ergebnisse. Obwohl unsere Die in unseren Ergebnissen dargestellte enge Ver-
Stichprobe hinsichtlich wichtiger soziodemografischer knüpfung von Gesundheit und Sexualität rechtfertigt
Merkmale der Grundgesamtheit entspricht und unsere es, Sexualität als Gesundheitsthema zu fördern. Ein
Non-Responder-Analyse nicht auf große systematische Problem bleibt hierbei, dass aufgrund allgegenwärtiger
Verzerrungen hindeutet, kann eine Antwortverzerrung Ressourcenknappheit im ärztlichen Alltag die Bearbei-
hinsichtlich sensibler sexualbiografischer Merkmale tung zusätzlicher Themen für Ärztinnen und Ärzte oft
nie ganz ausgeschlossen werden. nur eingeschränkt umsetzbar ist.
Dennoch ergibt sich aus unserer Untersuchung das
klare Desiderat einer Sensibilisierung von Ärztinnen Danksagung
Wir danken Prof. Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für
und Ärzten für sexuelle Gesundheit im weiteren Sinne. gesundheitliche Aufklärung (BZgA), für die hilfreichen fachlichen Diskus-
Nicht nur im Zusammenhang mit sexuell übertragbaren sionen, Anmerkungen und Ergänzungen zu diesem Beitrag.
Wir danken allen an der Studie teilnehmenden Personen, den Interviewer/
Infektionen und sexuellen Funktionsstörungen sollte inne/n und Mitarbeiter/inne/n von Kantar sowie dem wissenschaftlichen
die Frage nach der Sexualität Routine sein, sondern Beirat der Studie. Die GeSiD-Studie wurde durch eine Zuwendung der
auch bei Gesprächen über Erkrankungen und Medika- BZgA unterstützt.
tionen, bei denen sexualbezogene Nebenwirkungen Interessenkonflikt
und psychosoziale Belastungen möglich sind. Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 651


MEDIZIN

Manuskriptdaten 11. Turner D, Driemeyer W, Nieder TO, Scherbaum N, Briken P: Wie viel Sex braucht
eingereicht: 1. 4. 2020, revidierte Fassung angenommen: 24. 8. 2020 das Studium der Medizin? Eine Erhebung des Wissens und Interesses Medizinstu-
dierender zum Thema Sexualmedizin. Psychother Psychosom Med Psychol 2014;
Literatur 64: 452–7.
1. Burnett AL, Nehra A, Breau RH, et al.: Erectile Dysfunction: AUA Guideline. J Urol 12. Siegel B, Kreuder T, Ludwig M, Signerski-Krieger J: Sexualität im Staatsexamen.
2018; 200: 633–41. Sexualmedizinische Wissensbereiche im zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung.
2. Parish SJ, Hahn SR, Goldstein SW, et al.: The International Society for the Study Z Sexualforsch 2016; 29: 147–55.
of Women‘s Sexual Health Process of Care for the Identification of Sexual Con- 13. Gott M, Galena E, Hinchliff S, Elford H: „Opening a can of worms”: GP and practice
cerns and Problems in Women. Mayo Clin Proc 2019; 94: 842–56. nurse barriers to talking about sexual health in primary care. Fam Pract 2004; 21:
3. Field N, Mercer CH, Sonnenberg P, et al.: Associations between health and sexual 528–36.
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Lifestyles (Natsal-3). Lancet 2013; 382: 1830–44. nes Problembewusstsein bei nach wie vor unzureichenden Kenntnissen. Sexuolo-
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Int 2017; 114: 454–550. Anschrift für die Verfasser
5. Matthiesen S, Dekker A, von Rueden U, Winkelmann C, Wendt J, Briken P: Sex- Dr. phil. Arne Dekker
surveyforschung in Deutschland und Europa. Die Studie Liebesleben: Pilotstudie Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie
zu sexuellen Erfahrungen, Einstellungen und Beziehungen von Erwachsenen in Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2017; 60: 971–978. Martinistraße 52, 20246 Hamburg
6. De Graaf H, van Santen L: Synopsis sexual health surveys in Europe. Study con- dekker@uke.de
ducted on behalf of the Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Ut-
recht: Rutgers 2014 Zitierweise
Dekker A, Matthiesen S, Cerwenka S, Otten M, Briken P:
7. American Association for Public Opinion Research (AAPOR): Standard definitions:
Health, sexual activity, and sexual satisfaction—selected results from the German
Final dispositions of case codes and outcome rates for surveys. 2016; www.aapor.
Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 645–52.
org/AAPOR_Main/media/publications/Standard-Definitions20169theditionfinal.pdf
DOI: 10.3238/arztebl.2020.0645
(last accessed on 26 August 2020).
8. Matthiesen S, Dekker A, Briken P: Pilotstudie zur Erwachsenensexualität in ►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
Deutschland – Erste Ergebnisse zu Machbarkeit und Methodenvergleich. Z Sexual- www.aerzteblatt-international.de
forsch 2018; 31: 218–36.
9. Wetterling T, Veltrup C: Diagnostik und Therapie von Alkoholproblemen. Berlin, Zusatzmaterial
Heidelberg, New York, Tokio: Springer 1997. Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit3920 oder über QR-Code
10. Schmidt G, Matthiesen S, Dekker A, Starke K: Spätmoderne Beziehungswelten.
Report über Partnerschaft und Sexualität in drei Generationen. Wiesbaden: VS eMethodenteil, eTabellen:
Verlag für Sozialwissenschaften 2006; 121. www.aerzteblatt.de/20m0645 oder über QR-Code

KLINISCHER SCHNAPPSCHUSS
Psoriasiforme Dermatitis unter Infliximab-Therapie bei Colitis ulcerosa
Ein 40-jähriger Patient stellte sich mit seit zwölf Tagen bestehenden schmerzhaften und
juckenden Hautveränderungen an beiden Unterschenkeln in unserer Notfallambulanz vor.
Außer einer seit neun Jahren bekannten Colitis ulcerosa, die zum Zeitpunkt der Vorstellung
mit Infliximab (5 mg/kg Körpergewicht) therapiert wurde, waren keine Vorerkrankungen
bekannt. Etwa fünf Wochen nach der zweiten Infusion waren die Hautveränderungen
erstmalig aufgefallen. Histologisch fanden sich sowohl Anzeichen für eine Psoriasis als auch
für eine gemischtzellige oberflächliche perivaskuläre Dermatitis. In der Zusammenschau mit
dem klinischen Bild und der Häufigkeit kutaner Nebenwirkungen bei einer TNF-alpha-Blockade
wurde eine psoriasiforme Dermatitis diagnostiziert. Unter intensivierter antientzündlicher
Lokaltherapie waren die Hautveränderungen rasch rückläufig. Die Gabe von Infliximab wurde
vier Wochen pausiert und im Anschluss alle acht Wochen fortgeführt. Die Hautveränderungen
sind nicht erneut aufgetreten. Die Entwicklung psoriasiformer Hautveränderungen unter
einer anti-TNF-alpha-Therapie kommt häufig vor. Der Pathomechanismus ist nicht endgültig
geklärt, jedoch scheinen Th1- und Th17-Zytokine eine entscheidende Rolle zu spielen.
Ein Abbruch der TNF-alpha-Blockade ist nur selten notwendig.
Dr. med. Peter Seiringer, Prof. Dr. med. Tilo Biedermann, Prof. Dr. med. Knut Brockow
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität
München, peter.seiringer@tum.de
Interessenkonflikt
Prof. Biedermann erhielt Honorare für Beratertätigkeiten von Novartis und Lilly.
Dr. Seiringer und Prof. Brockow erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Linker Unterschenkel mit großflächigen erythematösen Zitierweise: Seiringer P, Biedermann T, Brockow K: Psoriasiform dermatitis during infliximab therapy
Plaques mit starker, fest haftender Schuppung for ulcerative colitis. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 652. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0652
►Vergrößerte Abbildung und englische Übersetzung unter: www.aerzteblatt.de

652 Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020


MEDIZIN

Zusatzmaterial zu:

Gesundheit, sexuelle Aktivität und sexuelle Zufriedenheit


Ausgewählte Ergebnisse aus dem Survey „Gesundheit und Sexualität in Deutschland – GeSiD“
Arne Dekker, Silja Matthiesen, Susanne Cerwenka, Mirja Otten, Peer Briken
Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 645–52. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0645

eLiteratur
e1. Frisch M, Moseholm E, Andersson M, Andresen JB, Graugaard C:
Sex in Denmark. Key findings from project Sexus 2017–2018.
Dänemark 2019. https://en.ssi.dk/-/media/arkiv/dk/aktuelt/nyhe
der/2019/sexus-report-2017-2018---summary.pdf?la=en
(last accessed on 31 August 2020)
e2. Kantar GmbH. Studie zur Sexualität Erwachsener. Methodenreport.
Bielefeld: Kantar 2020
e3. Stadtmüller S, Silber H, Daikeler J, et al.: Adaptation of the AAPOR
final disposition codes for the German survey context. Mannheim:
GESIS – Leibniz-Institute for the Social Sciences, 2019.

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial I


MEDIZIN

eMETHODENTEIL

B
evölkerungsrepräsentative Studien zur sexuellen Gesundheit der Er-
wachsenenbevölkerung werden in vielen europäischen Ländern, in
den USA und Australien bereits seit Jahren durchgeführt und zeigen
den gravierenden Wandel des sexuellen Verhaltens in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts. Sie sind zumeist staatlich gefördert und tragen dazu
bei, gesundheitspolitische Maßnahmen zu steuern und Angebote zu
Sexualaufklärung sowie Familienplanung zu verbessern. In Deutschland
existierten lange Zeit keine umfassenden Daten zum sexuellen Verhalten
der Bevölkerung. Die vorliegende Studie zu Gesundheit und Sexualität in
Deutschland (GeSiD) ist die erste bundesweise Untersuchung in diesem
Bereich und soll die deutschsprachige Wohnbevölkerung der Bundesrepu-
blik im Alter von 18–75 Jahren repräsentieren. Im Folgenden finden sich
Angaben zur Methode. Die GeSiD-Studie wurde von der Ethikkommission
der Hamburger Psychotherapeutenkammer geprüft, ein positives Ethikvo-
tum liegt vor (Referenznummer: 07/2018-PTK-HH).

Ziehung der Stichprobe


Im internationalen Vergleich unterscheiden sich die Herangehensweisen,
Stichproben für möglichst bevölkerungsrepräsentative Sex-Surveys zu ge-
nerieren (6). Dies hängt nicht nur von den zur Verfügung stehenden Res-
sourcen und der zur Anwendung kommenden Erhebungsmethode ab, zum
Beispiel bei der Entscheidung für Online-, Telefon- oder Adressstichpro-
ben, sondern auch von den nationalen Besonderheiten in der Bereitstellung
von Verwaltungsdaten. Dementsprechend profitierte die dänische Online-
Studie Sexus (e1) von einem staatlichen E-Mail-Adressregister. Bei der
vorgestellten Interview-Studie GeSiD sorgten die Spezifika des deutschen
Meldewesens für besondere Rahmenbedingungen: Während beim briti-
schen Survey Natsal (3), der gemeinhin als Goldstandard sexualwissen-
schaftlicher Umfrageforschung anerkannt ist, eine Adressstichprobe zur
Anwendung kam, bieten die dezentral organisierten Melderegister in
Deutschland die Möglichkeit nicht nur Adressen, sondern auch konkrete
Personen zufällig auszuwählen.
Wie bei anderen anspruchsvollen Surveys in Deutschland üblich, kam
deshalb für GeSiD eine zweistufig geschichtete Einwohnermeldeamts-
Stichprobe zum Einsatz. Hierzu wurden zunächst insgesamt 200 Auswahl-
punkte, die meist identisch mit jeweils einem Einwohnermeldeamt waren,
zufällig ausgewählt (Stufe 1). Anschließend wurden an diesen Auswahl-
punkten durchschnittlich je 86 Personen im Alter zwischen 18 und 75 Jah-
ren aus den Melderegistern gezogen (Stufe 2). Um detaillierte Analysen der
Zielgruppe, die für sexualbezogene Gesundheitsrisiken von größter Bedeu-
tung ist, zu ermöglichen, wurde der Anteil der 18–35-jährigen Männer und
Frauen in der Brutto-Stichprobe gezielt erhöht („oversampling“).

Durchführung der Interviews


Nach der Ziehung wurden die Adressdaten den insgesamt 256 Interviewern
zugeteilt, die zwischen Oktober 2018 und September 2019 die Datenerhe-
bung durchführten. Stichprobenziehung und Datenerhebung lagen in den
Händen eines Konsortiums der sozialwissenschaftlichen Erhebungsinstitu-
te KantarEmnid, KantarPublic und KantarHealth (e2).
Die Kontaktaufnahme mit den Zielpersonen erfolgte zunächst schrift-
lich: In Briefen wurden sie über die Studie informiert und zur Teilnahme
eingeladen. Den Briefen lag eine Aufwandsentschädigung von 5 Euro für
das Lesen des umfangreichen Informationsmaterials bei. Diesen Betrag
durften die Zielpersonen behalten – auch wenn sie sich gegen eine Teilnah-
me entschieden. In insgesamt 966 Fällen wurden die 5 Euro allerdings zu-
rückgesandt – entweder wollte die Zielpersonen das Geld explizit nicht an-
nehmen oder der Brief konnte der Zielperson nicht zugestellt werden. In

II Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial


MEDIZIN

den darauffolgenden Wochen suchten die Interviewenden die Zielpersonen


persönlich auf und baten diese um eine Teilnahme. Dabei wurden Männer
von Männern, Frauen von Frauen besucht. Entschieden sich die Zielperso-
nen zu einer Teilnahme, fanden die Interviews zu einem von ihnen selbst
bestimmten Zeitpunkt bei ihnen zu Hause statt. Vor Interviewbeginn erhiel-
ten die Befragten weitere Informationen zur Studie, zur Anonymisierung
sowie zum Datenschutz und willigten dann mit ihrer Unterschrift in die
Teilnahme ein („written informed consent“). Die Interviews begannen mit
einer computerassistierten persönlichen Befragung („computer assisted
personal interview“, CAPI). Der größte Teil der Datenerhebung fand an-
schließend als computergestütztes Selbstinterview („computer assisted self
interview“, CASI) statt, bei dem die Befragten ihre Antworten in einen
Laptop eingaben. Während dieses Teils blieben die Interviewer für Rück-
fragen im Raum anwesend, jedoch ohne Blick auf die gegebenen Antwor-
ten. Nachdem der Selbstausfüllerteil beendet wurde, hatten die Interviewer
keinen Zugriff mehr auf die eingegebenen Daten. Namen und Daten der
Befragten wurden unmittelbar nach Ende der Befragung getrennt, sodass
eine Re-Identifizierung der Teilnehmenden allein auf Grundlage des Da-
tensatzes nicht möglich ist. Die Interviews dauerten bereinigt im Durch-
schnitt 50,9 Minuten (Median: 48 Minuten; 25-%-Perzentil: 40 Minuten;
75-%-Perzentil: 59 Minuten). Die Teilnehmenden erhielten nach Abschluss
weitere 25 € als Aufwandsentschädigung. In der geschilderten Weise wur-
den insgesamt 4 955 Interviews durchgeführt. Die Teilnahmequote lag bei
30,2 % (AAPOR Response Rate 4; [e3]) und die Kooperationsquote bei
37,9 %. Letztere entspricht dem Anteil der realisierten Interviews bei den
Adressaten, mit denen es zumindest zu einem Kontakt kam (AAPOR Co-
operation Rate 4; [e3]).

Erhebungsinstrument und verwendete Items


Der GeSiD-Fragebogen ist die revidierte Version eines Erhebungsinstru-
ments, das bei einer umfangreichen Vorstudie entwickelt und an 1 155 Be-
fragten getestet wurde (13). Für Männer und Frauen liegen unterschiedli-
che Formen des Instruments vor. Es umfasst mehr als 260 Fragen und Fra-
genkomplexe, von denen in Abhängigkeit von der bisherigen Sexual- und
Beziehungserfahrung der Befragten allerdings nur ein Teil gestellt wurde.
Zu den erhobenen Themen zählten unter anderem folgende Angaben:
● Lebenssituation
● Wissen über Sexualität
● erste sexuelle Erfahrungen
● Sexualität in der gegenwärtigen festen Beziehung oder Singlephase
● Geschlecht
● sexuelle Orientierung
● Einstellungen zur Sexualität
● Sexualität mittels digitaler Medien
● verschiedene sexuelle Erfahrungen, unter anderem mit spezifischen
Sexualpraktiken, Selbstbefriedigung, Prostitution
● allgemeine und sexuelle Gesundheit.
Das Erhebungsinstrument ist bei den Autoren der Beiträge erhältlich. Al-
le Variablen, außer die von den Einwohnermeldeämtern übernommene Va-
riable Geschlecht, boten den Befragten die Möglichkeit, auch keine Anga-
be zu machen.

Verwendete Items
Abhängige Variablen
● Sexuelle Aktivität in den letzten vier Wochen (ja/nein) wurde aus zwei
Merkmalen gebildet und dichotomisiert: „Wenn Sie jetzt einmal den Zeit-
raum der letzten vier Wochen betrachten: Wie oft hatten Sie in den letzten
vier Wochen Sex mit einem Mann?“ / „Wenn Sie jetzt einmal den Zeitraum
der letzten vier Wochen betrachten: Wie oft hatten Sie in den letzten vier
Wochen Sex mit einer Frau?“ Dabei war „Sex haben“ definiert als „jedes

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial III
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Ereignis, bei dem es zu einer oder mehreren der oben gelisteten Handlun-
gen (Vaginalverkehr/Geschlechtsverkehr, Oralverkehr, Analverkehr, anale
Stimulation, andere genitale Kontakte) kommt.
● Zufriedenheit mit dem Sexualleben in den letzten zwölf Monaten (ja/
nein) wurde gebildet aus den Bewertungen der Aussage: „Ich bin alles in
allem mit meinem Sexualleben zufrieden“. Als „zufrieden“ wurden hier die
Angaben 4 und 5 auf einer fünfstufigen Likert-Skala gewertet. Die Zufrie-
denheit mit dem Sexualleben wurde nur für Befragte erfasst, die angaben,
in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal mit einem Partner oder ei-
ner Partnerin sexuell aktiv gewesen zu sein.

Unabhängige Variablen
● Alter in sechs Gruppen (18–25, 26–35, 36–45, 46–55, 56–65, 66–75
Jahre) wurde gebildet aus der Antwort auf die Frage „Wie alt sind Sie“?
● Geschlecht (Mann/Frau): Für die hier vorgelegte Analyse wurde eine
dichotome Variable „Geschlecht“ verwendet, weil diese als gesellschaftli-
che Strukturkategorie in Bezug auf Sexualität eine hohe Erklärungskraft
besitzt. Die Variable entspricht den von den Einwohnermeldeämtern über-
mittelten Geschlechterangaben und steuerte bei der Datenerhebung die
Auswahl der Fragebogenversion (Form für Männer oder Form für Frauen)
sowie die entsprechende Filterführung der computergestützten Eingabe-
maske. Keines der Einwohnermeldeämter übermittelte den in Deutschland
vor kurzem eingeführten Geschlechtereintrag „divers“, was daran liegt,
dass das entsprechende Gesetz erst am 1. 1. 2019 in Kraft getreten ist und
unsere Bruttostichprobe zu diesem Zeitpunkt bereits gezogen war. Befrag-
te, deren gelebtes Alltagsgeschlecht nicht der übermittelten Angabe ent-
spricht, hatten die Möglichkeit, zu Beginn des Interviews die Geschlechter-
angabe (und damit den verwendeten Fragebogen) in Absprache mit dem/
der Interviewer/in zu verändern – hiervon machte allerdings niemand Ge-
brauch. Dennoch reflektiert die verwendete Unterscheidung in Frauen und
Männer nicht die Tatsache, dass manche Befragte ihr Geschlecht – biswei-
len oder dauerhaft – als komplexer erleben (zum Beispiel als transgender,
non-binär, genderfluid etc.) und dass bei manchen Befragten das gelebte
Alltagsgeschlecht nicht oder nicht gänzlich dem in der Geburtsurkunde
und/oder dem beim Einwohnermeldeamt eingetragenen Geschlecht ent-
spricht. Damit wird die verwendete Variable in Einzelfällen dem individu-
ellen Geschlechtserleben und der individuellen Geschlechtergeschichte
nicht gerecht. Sie ist aber ein wichtiges analytisches Werkzeug und ermög-
licht es uns darüber hinaus, alle Befragten in die Auswertung mit einzube-
ziehen.
● Beziehungsstatus und Beziehungsdauer in vier Gruppen (keine Bezie-
hung, Beziehung ≤ 2 Jahre, Beziehung > 2–5 Jahre, Beziehung > 5 Jahre)
wurde gebildet aus zwei Merkmalen: „Haben Sie zurzeit eine feste Bezie-
hung?“ (Antwortmöglichkeiten: „nein“, „ja, mit einem Mann“, „ja, mit ei-
ner Frau“ und „ja, mit mehr als einer Person“) und gegebenenfalls „Wie
lange sind Sie mit (...) zusammen?“, wobei die Befragten gebeten wurden,
für (...) in Gedanken den Namen des/der aktuellen Beziehungspartners/
-partnerin einzusetzen (Antwortmöglichkeit: Zeitangabe in Jahren und Mo-
naten).
● Subjektiver Gesundheitszustand (sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht)
wurde erfasst mit der Frage „Wie ist Ihr Gesundheitszustand im Allgemei-
nen?“ mit den fünf Antwortmöglichkeiten „sehr gut“, „gut“, „mittelmä-
ßig“, „schlecht“ und „sehr schlecht“, wobei die letzten beiden für die Aus-
wertung zusammengefasst wurden.
● Chronische Erkrankungen und Behinderungen wurden erfasst mit der
Frage „Leiden Sie unter einer chronischen Erkrankung oder Behinderung?
Und wenn ja: Beeinträchtigen diese Ihr Sexualleben?“ mit den Antwort-
möglichkeiten „nein“, „ja, ich habe solche Erkrankungen, aber sie beein-
trächtigen nicht mein Sexualleben“ und „ja, ich habe solche Erkrankungen
und sie haben Auswirkungen auf mein Sexualleben“.

IV Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial


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● Anzahl spezifischer Gesundheitsprobleme: Mit zwei Fragen wurde


das Vorkommen zahlreicher Erkrankungen und/oder Operationen erfragt,
wobei bei den Merkmalsausprägungen jeweils Mehrfachantworten mög-
lich waren:
1. „Hatten Sie jemals eine der folgenden Erkrankungen oder Operatio-
nen?“, mit den Merkmalsausprägungen „Harnblasenoperation“, „Genital-
operation“, „Bauchoperation“, „gebrochene Hüfte oder Beckenbruch“,
„künstliche Hüfte“, „Prostatavergrößerung“ (nur Männer), „Prostatakrebs“
(nur Männer), „Prostataoperation“ (nur Männer), „Gebärmutterentfer-
nung“ (nur Frauen), „Kaiserschnitt“ (nur Frauen), „polyzystische Ovarien“
(PCOS; nur Frauen).
2. „Sind Sie in den letzten 12 Monaten wegen einer der folgenden Er-
krankungen behandelt (therapiert) worden?“, mit den Merkmalsausprägun-
gen „Rückenschmerzen, die drei Monate oder länger andauerten“, „wegen
einer neurologischen Erkrankung“, „Krebs“, Erkrankung der Schilddrüse“,
„Erkrankung der Hoden oder Eierstöcke“, „Erkrankung der Hirnanhang-
drüse“, „Depression“, „eine andere psychische Erkrankung“.
Aus den Nennungen auf beide Fragen wurde durch Addition ein Score
gebildet und gruppiert, sodass die Ausprägungen des Merkmals „Anzahl
spezifischer Gesundheitsprobleme“ nun lauten: „keine spezifischen Ge-
sundheitsprobleme“, „ein spezifisches Gesundheitsproblem“, „zwei oder
mehr spezifische Gesundheitsprobleme“.
● Der Alkoholkonsum wurde mit dem validierten Screener Audit-C (Al-
cohol Use Disorders Identification Test) erfasst. Als Risikokonsum wurde
ein Wert über 3 für Männer beziehungsweise über 2 für Frauen gewertet.
● Der Zigarettenkonsum wurde erfasst mit der Frage „Rauchen Sie ge-
genwärtig?“.
● Der Body-Mass-Index (BMI) wurde aus Körpergröße („Wie groß sind
Sie“) und Körpergewicht der Befragten („Und Ihr Gewicht in kg?“) be-
rechnet. Die Körpergröße wurde mit einem Freitextfeld als Angabe in cm
erfasst. Das Gewicht in kg wurde gruppiert in Fünf-kg-Schritten erfasst.
Für die Berechnung des BMI wurden jeweils die Gruppenmittelwerte ge-
bildet (also aus 50 bis 54 kg: 52 kg). Die beiden Extremgruppen „unter
50 kg“ und „130 kg und mehr“ wurden analog auf 47 kg beziehungsweise
132 kg gesetzt.

Datengewichtung und statistische Auswertung


Die GeSiD-Daten wurden zunächst gewichtet, um die durch das „oversam-
pling“ unterschiedlichen Auswahlwahrscheinlichkeiten für Befragte unter-
schiedlicher Altersgruppen zu korrigieren (Designgewicht). Diese grob re-
präsentativen Daten wurden mittels eines zweiten Gewichts den Daten des
Mikrozensus 2018 hinsichtlich des Geschlechts, des Alters, des Bildungs-
standes, der Nationalität und der Region angeglichen (Anpassungsge-
wicht).
Um Stratifizierung und Clusterung des komplexen Samples zu berück-
sichtigen, wurden sämtliche Schritte der Datenauswertung mit dem Modul
„Complex Samples“ der Datenanalysesoftware IBM SPSS Statistics (Ver-
sion 25.0, erschienen im Jahr 2017; Armonk, NY: IBM Corp) durchgeführt.

Repräsentativität und Non-Responder-Analyse


Wie andere Surveys auch, unternimmt GeSiD den Versuch, dem Ideal einer
Repräsentativität für die Zielgruppe, die in diesem Fall die deutschsprachi-
ge Wohnbevölkerung zwischen 18 und 75 Jahren ist, möglichst nahe zu
kommen. Systematische Ausfälle durch Teilnahmeverweigerung werfen
die Fragen auf, wie repräsentativ die Stichprobe ist und damit wiederum in-
wieweit von der vorliegenden Stichprobe auf die Grundgesamtheit ge-
schlossen werden kann. Um zu prüfen, ob signifikante Unterschiede zwi-
schen Befragten und Non-Respondern bestehen, die auf eine systematische
Verzerrung hindeuten würden, wurde eine kurze Non-Responder-Erhebung
durchgeführt. Die Daten wurden auf verschiedene Weise erfasst:

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial V


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persönlicher Kontakt über den Interviewer (n = 2 323)

telefonischer Kontakt über die Studien-Hotline (n = 46)

Kontakt per E-Mail (n = 15)

Kontakt per Post (n = 326).
Nach endgültiger Anpassung wurden insgesamt 2 681 (15,6 % der Brut-
tostichprobe) Kurzfragebögen von Non-Respondern einbezogen.
In eTabelle 1 findet sich ein Vergleich der Non-Responder mit den Be-
fragten (gewichtete und ungewichtete Daten). Insgesamt liegt eine gute
Übereinstimmung der demografischen Charakteristika zwischen Respon-
dern und Non-Respondern vor. Die ohnehin geringen Unterschiede zwi-
schen Respondern und Non-Respondern verringern sich durch die Ein-
schaltung der Gewichte, die zu einer erhöhten Repräsentativität der GeSiD-
Stichprobe beitragen.

Stichprobe
eTabelle 2 zeigt die demografischen Charakteristika der Stichprobe nach
Geschlecht und Altersgruppen.

VI Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial


MEDIZIN

eTABELLE 1

Demografische Charakteristika der GeSiD-Teilnehmenden nach Geschlecht


und Altersgruppen (Angaben in %)

Variable Non- Responder Responder


Responder (gewichtet)
Geschlecht (in %)
weiblich 42,3 52,9 49,8
männlich 57,7 47,1 50,2
Altersgruppen (in %)
18–25 8,1 15,5 12,0
26–35 14,4 22,3 17,6
36–45 15,9 16,5 16,4
46–55 20,9 17,6 21,8
56–65 23,3 17,6 18,9
66–75 17,5 10,6 13,3
Nationalität (in %)
deutsch 83,3 90,6 85,9
ausländisch 12,4 9,4 14,1
unbekannt 4,3
BIK-Region (in %)
über 100 000 Einwohner 60,1 65,5 64,2
unter 100 000 Einwohner 39,9 34,5 35,8

BIK: Kennzahl zur Beschreibung der Regionsgröße; GeSiD: Studie zu Gesundheit und Sexualität in
Deutschland

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial VII
MEDIZIN

eTABELLE 2

Demografische Charakteristika der GeSiD-Teilnehmenden nach Geschlecht und Altersgruppen (Angaben in %)

Geschlecht Männer Frauen


Alter in Jahren 18–25 26–35 36–45 46–55 56–65 66–75 gesamt 18–25 26–35 36–45 46–55 56–65 66–75 gesamt
Familienstand (%)
ledig 96,6 61,0 31,9 20,3 10,8 7,7 35,8 93,2 52,2 23,9 14,6 8,8 6,3 29,3
verheiratet/eLP 3,4 37,0 60,2 62,4 68,5 74,0 52,6 5,4 43,4 65,6 63,6 61,6 51,9 51,7
verwitwet 0,0 0,0 0,0 0,3 3,5 5,3 1,3 0,0 0,7 0,3 3,2 10,3 25,3 6,4
geschieden 0,0 2,0 7,9 17,0 16,9 13,0 10,1 1,5 3,7 10,2 18,6 19,3 16,5 12,5
feste Beziehung (%)
nein 52,9 26,1 20,0 17,2 17,3 16,9 23,7 35,9 17,9 13,5 19,3 28,1 40,1 24,7
ja, gegengeschlechtlich 45,7 71,7 78,5 81,8 82,6 82,1 75,1 63,0 81,0 85,1 79,3 71,0 59,9 74,3
ja, gleichgeschlechtlich 1,4 2,0 1,3 0,8 0,1 0,9 1,1 0,9 0,9 1,4 1,4 0,9 0,0 1,0
andere/keine Angabe 0,0 0,2 0,2 0,2 0,0 0,1 0,1 0,2 0,1 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Bildungsstand (%)
niedrig 38,2 27,8 28,7 30,0 40,6 49,1 34,8 22,6 17,4 23,0 27,9 34,1 49,2 28,9
mittel 23,0 23,5 28,3 36,5 30,9 25,2 28,6 21,5 30,1 33,9 42,3 41,5 32,7 34,9
hoch 38,8 48,7 43,0 33,5 28,5 25,7 36,6 55,9 52,5 43,0 29,8 24,4 18,2 36,1
BIK-Region (%)
> 500 000*1 23,9 27,2 30,7 25,9 18,5 22,6 24,9 29,5 31,7 31,3 24,8 20,5 26,0 26,9
> 5 00 000*2 9,6 8,8 8,3 10,9 10,4 12,6 10,0 8,5 7,6 8,0 11,4 9,5 7,4 8,9
1
100 000–499 999* 14,9 17,6 12,0 11,9 11,0 12,1 13,2 18,2 15,0 11,8 16,1 11,5 15,0 14,4
100 000–499 999*2 14,7 13,2 13,8 15,7 16,0 15,5 14,8 14,1 13,0 13,9 14,1 19,5 16,1 15,2
1
50 000–99 999* 2,1 3,1 3,4 2,4 2,0 2,4 2,6 2,2 2,6 2,7 2,7 2,3 3,1 2,6
2
50 000–99 999* 9,0 9,3 5,9 9,1 10,3 9,2 8,9 4,9 8,3 10,3 8,4 7,2 5,0 7,6
20 000–49 999 13,8 8,5 10,5 9,8 12,3 10,3 10,7 11,4 9,8 10,9 10,1 13,7 11,8 11,3
5 000–19 999 7,7 8,0 10,3 9,6 13,4 7,7 9,7 8,5 7,0 7,1 7,3 9,7 10,6 8,3
2 000–4 999 3,0 2,9 4,3 2,5 4,7 4,8 3,6 2,5 1,5 3,4 3,9 3,9 3,7 3,2
< 2 000 1,3 1,3 0,8 2,3 1,5 2,8 1,7 0,2 3,4 0,7 1,3 2,1 1,3 1,6
sexuelle Identität (%)
heterosexuell*3 92,8 88,3 92,3 95,1 92,7 88,3 92,9 86,8 91,9 93,7 90,7 89,9 93,8 91,2
homosexuell*3 1,6 1,9 2,9 2,0 0,3 1,2 1,7 0,9 0,9 1,4 1,2 0,4 0.0 0,8
bisexuell 1,1 0.5 1,2 0,8 1,2 0,3 0,9 5,3 3,5 0,7 1,4 0,5 0.0 1,7
andere/keine Angabe 4,5 3,0 3,6 2,1 5,9 10,1 4,6 6,0 3,6 4,0 6,1 9,3 6,2 6,2
Nenner
ungewichtet 389 538 382 366 376 285 2 336 377 565 434 504 498 241 2 619
gewichtet 312 450 409 546 460 311 2 487 283 423 402 536 474 349 2 468

BIK: Kennzahl zur Beschreibung der Regionsgröße; eLP: eingetragene Lebenspartnerschaft; GeSiD: Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland
*1 Kernbereich
*2 Verdichtungs- bis peripherer Bereich
*3 vorwiegend und ausschließlich

VIII Deutsches Ärzteblatt | Jg. 117 | Heft 39 | 25. September 2020 | Zusatzmaterial

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