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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Handeln
Betr.: Titel, Chat-Roboter, Russland, SPIEGEL GESCHICHTE zum
D
ie SPD war als Juniorpartner der
Großen Koalition lange Zeit ver-
zagt: In Umfragen kommt sie auf kaum
Festpreis
mehr als 20 Prozent, für die Partei als
Kanzlerkandidat anzutreten war eher
MAURICE WEISS / OSTKREUZ

Schrecknis als Auszeichnung. Martin


Schulz, bis vor Kurzem Präsident des EU-

5,00
Parlaments, ist seit Gerhard Schröder der
erste Sozialdemokrat, der den Kanzler-
job wirklich will. Im Sommer 2016 mach-
EUR
Schulz, Feldenkirchen in Brüssel te er gegenüber SPIEGEL-Autor Markus
Feldenkirchen zum ersten Mal vorsichtige
Andeutungen, dass Sigmar Gabriel schwanke; anfangs war Schulz geschmeichelt,
dass man ihm die Kandidatur zutraute, sehr schnell wurden Ehrgeiz und Macht-
wille sichtbar. In der Titelgeschichte beschreibt Feldenkirchen gemeinsam mit
den Redakteuren Sven Böll und Horand Knaup einen Mann, der aus Europa Orderprovision*
nach Hause zurückkehrt, um die Sozialdemokratie zu retten. Seite 12
pro Trade
ls SPIEGEL-Redakteur Jonathan Stock anfing, sich mit der Geschichte der
A Trauer zu beschäftigen, stieß er auf den längst ausgestorbenen Beruf des
Leichenbitters, der früher im Dorf von Hof zu Hof ging, um im Namen der Hin-
terbliebenen zum Begräbnis einzuladen. Zeitung und Traueranzeige machten
ihn irgendwann überflüssig, Trauerrituale unterliegen dem Wandel der Zeiten.
[H2UGHUSURYLVLRQ*
Wird also das Smartphone die Trauer verändern? Stock traf in New York die für alle Wertpapiere
Programmiererin Eugenia Kuyda, die ihren toten Freund als App auf ihrem Tele-
fon hat, in Form eines Chat-Roboters. So kann sie sich mit ihm unterhalten. Die 9.000 Fonds ohne
App, sagt Stock, „erfüllt die Erwartungen unserer Generation: ständige Erreich-
barkeit“. Und nährt nebenbei den Traum vom ewigen Leben. Seite 56 Ausgabeaufschlag
kostenlose Depot-/
S ankt Petersburg ist die einzige russische Großstadt,
in der es noch eine nennenswerte Opposition gegen
VICTOR YULIEV / DER SPIEGEL

Wladimir Putin gibt; immer schon war Petersburg ein Kontoführung


Ort des Aufbegehrens gegen die Macht. Der Sänger
Sergej Schnurow ist mit seiner Gruppe Leningrad eine
der provozierendsten Stimmen des anderen Russlands:
Kaum jemand ist so erfolgreich wie er, keiner so um- NEU: Langfristig nur 2,50 Euro
stritten. Schnurow ist Petersburger. Christian Neef, Neef Orderprovision* für alle Derivate
Russlandkorrespondent des SPIEGEL, mag Sankt Pe- unserer Premium-Partner BNP Paribas,
tersburg sehr. Er hat Schnurow begleitet, um zu verstehen, wie das geht: sich
Commerzbank, Société Générale und
von der Macht abzukoppeln – und dabei auch noch Spaß zu haben. Seite 92
Vontobel ab 2.500 Euro Ordervolumen

F ür viele Europäer ist der Islam heute gleich-


bedeutend mit Fanatismus. In der 1300-jährigen
gemeinsamen Geschichte mit dem Christentum ist
das jedoch nur eine Momentaufnahme: Der Islam
ist komplex und faszinierend, von Beginn an haben ZZZQDQ]HQEURNHUQHW
sich die beiden Kulturen bekämpft und befruchtet.
Wissenschaftlich und kulturell waren die Muslime
lange überlegen, das Abendland verdankt ihnen den
Kaffee und die Gitarre. Mit der Kolonialisierung *
Die Orderprovision von 5 Euro gilt für den Kauf und Verkauf an
allen deutschen Handelsplätzen. Die Orderprovision von 2,50
kehrten sich die Verhältnisse um – es ist dieses Euro gilt für den Kauf und Verkauf aller Derivate unserer Premi-
Erbe, das den Krisenherd des Nahen Ostens bis um-Partner BNP Paribas, Commerzbank, Société Générale und
Vontobel im außerbörslichen Direkt- und Limithandel für Order-
heute prägt. SPIEGEL GESCHICHTE „Der Islam und größen ab 2.500 Euro im Aktionszeitraum (01.01. - 31.12.2017).
die Europäer“ erscheint am nächsten Dienstag. Zusätzlich zur Orderprovision fällt eine pauschalierte Handels-
platzgebühr in Höhe von 1,50 Euro an – im börslichen Handel
ggf. zzgl. Börsengebühr / Maklercourtage. Eine Aufstellung der
%¸UVHQJHE¾KUHQQGHQ6LHDXIQDQ]HQEURNHUQHWE]ZDXI
DER SPIEGEL 5 / 2017 5 GHQMHZHLOLJHQΖQWHUQHWVHLWHQGHU%¸UVHQ
DOUG MILLS / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF
Grenzen für die Wirtschaft
Welthandel „America first“: US-Präsident
Donald Trump machte gleich in seiner
ersten Amtswoche klar, dass er die Regeln
der globalen Ökonomie nicht einhalten
will. Die deutsche Exportindustrie muss
sich neu orientieren. Seite 64
TOLGA BOZOGLU / PICTURE ALLIANCE / DPA

ZACHARIE SCHEURER / AP / DPA


GEPA / IMAGO

Enttäuschte Liebe Schnee aus der Kanone Die Unberechenbare


Außenpolitik Der Beitrittsprozess mit der Tourismus Skisport ist in vielen Urlaubs- Film „Das Kino lebt von Grenzüberschrei-
EU sollte die türkische Demokratie stär- gebieten nur noch mit Kunstschnee aus tungen“, sagt Isabelle Huppert im SPIE-
ken und das Land an Europa binden. Statt- der Kanone möglich. Wintersportorte wie GEL-Gespräch – ein Satz, der besonders
dessen entstand eine Autokratie, die Tür- Garmisch-Partenkirchen rüsten immer für ihren neuen Film „Elle“ gilt. Darin
ken blicken misstrauisch und feindselig auf weiter auf. Slalomstar Felix Neureuther spielt die französische Schauspielerin eine
Europa. Wie konnte das passieren? Die fürchtet dennoch um die Zukunft seiner vergewaltigte Frau: als widersprüchliches,
Geschichte einer Entfremdung. Seite 24 Sportart. Seiten 98, 100 unberechenbares Individuum. Seite 114

6 Titelbild: Montage DER SPIEGEL; Foto Sean Gallup / Getty Images


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In diesem Heft

Titel Werbung SPIEGEL-Gespräch mit


SPD Der Machthunger des designierten André Kemper über seinen Ruf als einer
der letzten Exzentriker der Branche 78
Kanzlerkandidaten Schulz

Deutschland
12
Zeitgeist Distanzloses Duzen von Kollegen
und Kunden gehört bei vielen Unternehmen
Lesen Sie
inzwischen zum Geschäftsmodell 81
Leitartikel Martin Schulz kann nur als
Mann der Mitte Erfolg haben 8 Ausland
den SPIEGEL
Meinung Kolumne: Der schwarze Kanal /
So gesehen: Brigitte Zypries macht Mut auf
eine zweite Chance 10
Neue Hoffnung nach dem Machtwechsel
in Gambia / Theresa Mays Kampf mit dem
britischen Parlament 82
doch mal
Von der Leyen plant US-Rüstungsdeal /
Terrorist Amri laut Innenministerium kein
V-Mann / Harsche Kritik an sächsischen
USA Wie die Opposition Donald Trump
blockieren will 84 hier:
Behörden im Fall Albakr 20 Mexiko Drohungen aus Washington
zwingen das Land in die Knie 87
Außenpolitik Wie Angela Merkel die
Frankreich Warum sich der konservative
Chance vergab, die Türkei an Europa
Präsidentschaftskandidat François Fillon mit
heranzuführen 24
den Vorwürfen gegen ihn schwertut 89
Türkische Nato-Offiziere begehren Asyl Italien Marineoffiziere entscheiden über
in Deutschland 28
Leben und Tod von Migranten im Mittelmeer 90
Sicherheit SPIEGEL-Gespräch mit Russland Sankt Petersburg – die Metropole
Innenminister Thomas de Maizière über der Rebellen 92
die Pannen im Fall Anis Amri 32
Karrieren Der Armutsforscher Christoph
Butterwegge betreibt seine Sport
Präsidentschaftskandidatur auch als Wie Bayern München den Weg ins Tor sucht /
Kampf gegen die SPD 36 Magische Momente: Footballer Sebastian
Affären Neuer Ärger um das alte Haus Vollmer über seinen Triumph im Superbowl 97
des ehemaligen Kanzleramtsministers Tourismus Kann der Kunstschnee
Bodo Hombach 38 die Auswirkungen des Klimawandels auf
Demokratie Wie der sächsische Landtag das Skifahren stoppen? 98
aus Eigennutz die Ski alpin Slalomstar Felix Neureuther über
Wahltricksereien der AfD deckt 42 die ungewisse Zukunft seiner Sportart 100
Ideologie Eine Bibliothek in
Berlin trägt rechtes Gedankengut Wissenschaft
in die Gesellschaft 44 Salmonellen machen Appetit / Weniger
Extremismus Das gefährliche Treiben ärztliche Behandlungsfehler / Kommentar:
des „Druiden“ und Was gegen gefälschte Lebensmittel hilft 102
seiner Gesinnungsgenossen 47 Biotechnik Forscher erschaffen Schimären –
kommen bald Menschenherzen aus Mein Schiff ®
70 SPIEGEL-Jahre dem Schweinestall? 104 Himmel & Meer Lounge
Über Journalismus und Demokratie Landwirtschaft Erbgutsprays sollen
in digitalen Zeiten – eine das Bienensterben stoppen 107
Festrede von Verteidigungsministerin Geschichte Wie eine Schlacht im
Ursula von der Leyen 50 schottischen Moor fast die Französische
Revolution und die Gründung
Gesellschaft der USA verhindert hätte 108
Naturkatastrophen Die letzten Tage
Früher war alles schlechter: Ebola / Wie der Dinosaurier 110
kommen Obdachlose durch den Winter? 54
Eine Meldung und ihre Geschichte Ein Kultur
tschechischer Schlosser fliegt täglich mit
einem selbst gebauten Flugzeug zur Arbeit 55 Daniel Kehlmann über sein neues Theater- Entdecken Sie den Unterschied:
Künstliche Intelligenz App, um mit den Toten stück / Asghar Farhadis Krimi Nur Mein Schiff ® hat
zu sprechen: wie eine russische Programmie- „The Salesman“ / Kolumne: Zur Zeit 112
Film In „Elle“ spielt Isabelle Huppert
Premium Alles Inklusive an Bord.
rerin ihren verstorbenen Freund
als Chat-Roboter zum Leben erweckte 56 eine vergewaltigte Frau – ein SPIEGEL- Erfahren Sie mehr in Ihrem Reise-
Kolumne Leitkultur 61 Gespräch über Sexualität und Macht 114 büro, auf www.tuicruises.com oder
In „Hidden Figures“ werden die schwarzen
Mathematikerinnen der Nasa gewürdigt 120
unter +49 40 600 01-5111.
Wirtschaft Autoren Paul Auster legt „4321“ vor,
Deutsche Bank wehrt sich gegen Aufspaltung / einen Epochenroman als Gegenentwurf
BMW-Betriebsrat fordert Digitalisierung- zum Amerika Donald Trumps 122
steuer / Weniger Geld für Start-ups 62 Theaterkritik Der Islam als Stoff für
Welthandel Die Trumponomics des neuen eine Boulevardkomödie: „The Who and
US-Präsidenten werden die globale the What“ 125
Wirtschaft grundlegend verändern –
zulasten der deutschen Exportwirtschaft 64
Bestseller 118
Finanzen Die Regierung hat Geld
Impressum, Leserservice 126
im Überfluss, weil sie es nicht schafft,
die Mittel wie geplant auszugeben 72 Nachrufe 127
Immobilien Der Streit um eine Personalien 128
halb fertige griechische Schule in München Briefe 130
wird zum Politikum 74 Hohlspiegel / Rückspiegel 132
Zukunft Das Start-up NavVis hat ein
Navigationssystem für drinnen entwickelt 76 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

* Im Reisepreis enthalten sind ganztägig in den meisten Bars und


Restaurants ein vielfältiges kulinarisches Angebot und Markengetränke
DER SPIEGEL 5 / 2017 7 in Premium-Qualität sowie Zutritt zum Bereich SPA & Sport,
Kinderbetreuung, Entertainment und Trinkgelder. | TUI Cruises GmbH
Anckelmannsplatz 1 · 20537 Hamburg · Deutschland
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Schröder oder Corbyn


Wie es Martin Schulz gelingen kann, die SPD wieder ins Kanzleramt zu führen

G
roßbritannien war stets eine Art Zukunftslabor Wer in einem der exportstarken Betriebe der Automo-
für Europas Linke. Im 19. Jahrhundert gründeten bil-, Chemie- oder Maschinenbaubranchen sein Geld ver-
englische Arbeiter die ersten Gewerkschaften des dient, ist kein Abgehängter wie sein arbeitsloser Kollege
Industriezeitalters. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute aus den Fabrikruinen Nordenglands, er ist ein Gewinner
die Labour Party den modernen Wohlfahrtsstaat aus. Fünf- der Globalisierung. Sein Job wird nicht durch Abschottung
zig Jahre später wurden Tony Blair und seine Politik des sicherer, sondern durch Freihandel. Und wenn er auf
„Dritten Wegs“ zum Vorbild einer marktwirtschaftlich er- seinen Gehaltszettel blickt, auf dem zwischen Brutto und
neuerten Sozialdemokratie. Netto vielfach eine vierstellige Eurosumme ausgewiesen
An diesem Sonntag wollen die Spitzen der SPD den ist, hat er nicht unbedingt das Gefühl, dass höhere Steuern
bisherigen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz zum die soziale Gerechtigkeit steigern. Bei der jüngsten Land-
Nachfolger des glücklosen Sigmar Gabriel ausrufen; und tagswahl in Baden-Württemberg haben fast doppelt so
auch diesmal legen ihm viele Genossen das britische viele Arbeiter CDU gewählt wie die SPD.
Beispiel ans Herz. Wie Labour-Führer Jeremy Corbyn Nach Lage der Dinge könnte Schulz allenfalls mit einem
solle auch Schulz seine Partei nach links rücken, so emp- rot-rot-grünen Bündnis Kanzler werden. Es wäre aber ein
fehlen sie: sich von den unge- schwerer Fehler, würde er sich
liebten Agendareformen der seinen potenziellen Regie-
Schröder-Jahre distanzieren, rungspartnern nun anbiedern.
sich gegen die Globalisierung Im Gegenteil: Wenn er die
stemmen und jenen Politik- Bürger für eine Linksallianz
mix aus höheren Steuern und auf Bundesebene gewinnen
mehr Sozialstaat wiederbele- will, muss er klarstellen, dass
ben, mit dem die Sozialdemo- ein derartiges Experiment nur
kratie in den Siebzigerjahren zu den Bedingungen der SPD
des vorigen Jahrhunderts so zu haben ist. Am wichtigsten
erfolgreich war. dabei: die Sicherung der in-
Es sei „der Schwenk der dustriellen Wohlstandsbasis
traditionellen Arbeiterpartei- der Republik.
en zum Neoliberalismus“ ge- Schulz darf deshalb keines-
wesen, der ihren Niedergang falls nur Angebote aus dem
hervorgerufen habe, so be- Sortiment der Sozialpolitik
hauptet etwa der frühere ins Schaufenster stellen; er
ZUMA PRESS / IMAGO

SPD-Chef und heutige Lin- muss seine Truppe als Zu-


ken-Führer Oskar Lafontaine. kunftspartei positionieren.
Liegt also die Zukunft der Dazu gehört, die Digitalisie-
Sozialdemokratie in ihrer rung der Arbeitswelt nicht als
Vergangenheit? Ist die richti- Bedrohung, sondern als Chan-
ge Antwort auf den Rechtspopulismus ein „Populismus ce zu begreifen. Eine Einwanderungspolitik ist gefordert,
von links“? Oder, anders gefragt: Sollte Schulz den Corbyn die auch den Fachkräftebedarf der Wirtschaft im Blick
machen? hat. Und schließlich sollte sich die SPD eine Steuer- und
Wenn der neue SPD-Chef tatsächlich ins Kanzleramt Sozialabgabenreform vornehmen, die vor allem Durch-
strebt, wie er es gleich nach seiner überraschenden In- schnittsverdienern nutzt. Es gilt, den Kuchen größer zu
thronisierung in dieser Woche angekündigt hat, sollte er machen; nicht nur, ihn möglichst gerecht zu verteilen.
die Ratschläge der Old-Labour-Fraktion besser vergessen. Natürlich sollte sich die SPD in wichtigen Fragen klar
Eine Politik à la Corbyn wäre der sicherste Weg, die SPD von der CDU abgrenzen, sie darf nicht verwechselbar
auf Dauer in die Opposition zu führen. werden. Doch wenn Schulz die Kanzlerin verdrängen will,
Das zeigt schon die Heimbilanz des Labour-Chefs. muss er den Kampf um das politische Zentrum führen.
Knapp zwei Jahre nach seinem Amtsantritt ist der Flügel- So wie es im französischen Präsidentschaftswahlkampf
streit in seiner Partei schärfer denn je und der Erfolg beim derzeit Emmanuel Macron versucht, der frühere Wirt-
Wähler überschaubar. Laut Umfragen liegt Labour derzeit schaftsminister, der mit seinem sozialliberalen Programm
16 Punkte hinter der konservativen Konkurrenz. deutlich vor seinen sozialistischen Konkurrenten liegt.
Hinzu kommt: In Deutschland ist die Industriearbeiter- In Zeiten von Trump und Fake News ist der Wahlaus-
schaft, die Hauptzielgruppe der Sozialdemokratie, keine gang noch schwerer vorherzusagen als ohnehin. Das Motto
aussterbende Spezies wie im Vereinigten Königreich. Sie des letzten sozialdemokratischen Kanzlers aber gilt noch
ist ein Kern der Mittelschicht, nicht selten ihres oberen immer. Die Bundestagswahl, so pflegte Gerhard Schröder
Drittels. zu sagen, wird in der Mitte gewonnen. Michael Sauga

8 DER SPIEGEL 5 / 2017


2,69er
Bewegung.

‡ Der smart fortwo. Unser Leasingbeispiel für Privatkunden:

Die Stadt braucht Vordenker. smart fortwo 52 kW¹


Kaufpreis² 11.045,00 €
Wie wird man eigentlich zur Ikone? Und wichtiger: Wie kommt man
perfekt durch die Stadt? Im Fall des smart fortwo gibt es auf beide Leasing-Sonderzahlung 0,00 €
Fragen die gleiche Antwort: Man reduziert das, was man kennt, auf Gesamtkreditbetrag 11.045,00 €
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den smart fortwo nicht nur zum ersten echten Stadtauto gemacht –
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smart – eine Marke der Daimler AG

¹ Kraftstoffverbrauch: 4,9 l/100 km (innerorts), 3,7 l/100 km (außerorts), 4,1 l/100 km (kombiniert), CO2-Emissionen (kombiniert): 93 g/km.
Energieeffizienzklasse B. Die angegebenen Werte wurden nach dem jeweils vorgeschriebenen Messverfahren (§ 2 Nrn. 5, 6, 6 a Pkw-
EnVKV in der jeweils geltenden Fassung) ermittelt. ² Unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers, zzgl. lokaler Überführungs-
kosten. Andere Motorisierungs- und Ausstattungsvarianten gegen Aufpreis möglich. ³ Ein Leasingbeispiel der Mercedes-Benz
Leasing GmbH, Siemensstraße 7, 70469 Stuttgart. Stand 01.01.2017. Ist der Darlehens-/Leasingnehmer Verbraucher, besteht
nach Vertragsschluss ein gesetzliches Widerrufsrecht nach § 495 BGB. Abbildung zeigt Sonderausstattung. Das Angebot ist gültig
bei Bestellung bis 31.03.2017 und Fahrzeugübernahme bis zum 30.06.2017 und nur solange der Vorrat reicht.

Anbieter: Daimler AG, Mercedesstraße 137, 70327 Stuttgart


Meinung
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal

Der deutsche Trump-Fan


Bei der Suche im Inter- Es heißt, dass die Leute, die Trump gut
net bin ich auf eine in- finden, in einer Parallelwelt leben, in der Fucked up
teressante Subkultur nur die eigenen Fakten zählen. Auch das So gesehen Die neue Wirt-
gestoßen: den deut- stimmt nicht. Wenn sie nicht an der Wahr- schaftsministerin macht all
schen Trump-Fan. heit interessiert wären, dann würden sie jenen Mut, die auf eine
Wenn man die Zei- einfach ignorieren, was zum Beispiel im
zweite Chance hoffen.
tung aufschlägt oder SPIEGEL steht. Tatsächlich sind viele
den Fernseher anschal- Trump-Fans geradezu obsessiv damit be- Vor einigen Monaten, als
tet, muss man den Ein- schäftigt, Journalisten wie mir Fehler nach- Brigitte Zypries nicht ahnen
druck gewinnen, dass alle den neuen US- zuweisen. Als ich neulich schrieb, dass konnte, dass sie noch einmal
Präsidenten zum Fürchten finden. Aber Trump deutsche Produkte mit Strafzöllen befördert werden würde,
das ist nicht wahr. Es gibt auch in Deutsch- belegen wolle, kam sofort eine Mail, dass besuchte sie die Berliner
land Menschen, die jeden Auftritt bejubeln. dies nur für das gelte, was in Mexiko her- „FuckUp Night“. Das ist eine
Ich habe versucht, mehr über diese Min- gestellt werde. Das sah mir nicht danach Veranstaltungsreihe, bei der
derheit zu erfahren. Gibt es Erkennungs- aus, als ob jemand jeden Bezug zur Wahr- Menschen von ihrem größten
zeichen oder Klubabende wie bei den heit verloren hätte. Misserfolg erzählen. Oft
Bikern? Und wie geht der Trump-Fan am Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway handelt es sich um geschei-
Arbeitsplatz mit seinem Privatleben um? hat in einem Interview gesagt, dass die terte Unternehmer oder
Ich finde abweichende Lebensstile faszinie- neue Regierung auch „alternative Fakten“ Schulversager. Aber auch
rend, das ging mir schon bei den Grünen zur Kenntnis nehmen werde. Das hat kaputte Ehen, zerrüttete
so, als diese noch Outcasts waren und gleich wieder einen Riesenwirbel verur- Freundschaften und Vorstra-
nicht Regierungspartei. Leider gibt es zu sacht (siehe auch Seite 113). Merkwürdig, fen kommen in erstaunlicher
der neuen Subkultur fast nichts. Das wäre dachte ich: Seit wann ist „alternativ“ ein Offenheit zur Sprache. Es
mal ein gutes Thema für die Medien! negativer Begriff? Alternative Medizin, geht so ähnlich zu wie bei
Der einzige Trump-Fan, den ich persön- alternatives Leben, alternatives Denken – den Anonymen Alkoholi-
lich kenne, ist der ehemalige Bundesinnen- das sind doch alles Errungenschaften, auf kern, nur ohne Anonymität.
minister Hans-Peter Friedrich. Nachdem die man gerade links der Mitte immer stolz Zypries’ Scheitern bestand
der US-Präsident erklärt hatte, dass er nur war. Ich bin sicher, unter den Kollegen, die darin, dass sie früher einmal
noch das unterstützen wird, was Amerika jetzt über Frau Conway spotten, sind nicht Bundesministerin für Justiz
nützt, schrieb Friedrich auf Twitter, dass wenige, die privat lieber der Homöopathie war, später aber nur noch
der Freihandel und die transatlantische als der Mainstreammedizin vertrauen. Parlamentarische Staats-
Freundschaft bei Trump in den besten Wenn man glaubwürdig bleiben will, sekretärin für Wirtschaft: ein
Händen seien. Wenn sich einer den Titel sollte man seine Maßstäbe nicht ständig da- krasser Abstieg, eine Demü-
des Querdenkers verdient hat, dann Fried- nach ausrichten, ob es einem nützt. Sonst tigung, jedenfalls nach den
rich. Andererseits: Als Politiker hat er An- heißt es noch, man kümmere sich nicht um Regeln des Berliner Politik-
recht auf ein Altersgeld, das ihm niemand die Fakten. betriebs. Einen vergleich-
mehr nehmen kann, nicht einmal Frau baren Fall hatte es vor ihr
Merkel, obwohl sie im Diktatoren-Ranking An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, nicht gegeben. Bei ihrem
der Trump-Fans gleich nach Hitler kommt. Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. „FuckUp“-Auftritt erzählte
Zypries, dass sie Menschen
misstraue, die sich ständig
als stahlender Sieger präsen-
Kittihawk tierten. Da stimme etwas
nicht, sagte sie, niemand
könne immer nur gewinnen.
Und sie gab, wohl in Anspie-
lung auf den Namen der Ver-
anstaltung, den Rat: „Glau-
ben Sie niemandem, der von
sich behauptet, er komme je-
des Mal zum Orgasmus.“ Für
ihre Rede gab es viel Beifall.
Eine Zuhörerin sagte, sie füh-
le sich ermutigt. Leider pas-
siert es zu selten, dass Politi-
ker übers Scheitern reden.
Umso schöner, dass Zypries
nun noch einmal Bundesmi-
nisterin wird und beweist: Im
Bett wie im Beruf gibt es im-
mer Hoffnung auf ein nächs-
tes Mal. Alexander Neubacher

10 DER SPIEGEL 5 / 2017


Deutsche Bank

Was Anleger 2017 erwartet


Wahlen in Europa, Trump in den USA, Wachstum in China: Welche Entwicklungen
Anleger im neuen Jahr im Blick behalten sollten und wie die Kapitalmärkte reagieren
könnten – jetzt online lesen im Jahresausblick der Deutschen Bank.

Deutliche Kursschwankungen bei deutschen Dank zunehmender Trotz stabilem Arbeitsmarkt


Aktien wahrscheinlich. DAX Ende 2017 bei Wirtschaftsdynamik und und starker Binnenkonjunktur:
11.800 Punkten erwartet. höherer Zinsen in den USA: Politische Unsicherheiten in
US-Dollar dürfte weiter an Europa dürften deutsches

11.800
Stärke gewinnen. Euro-Dollar- Wirtschaftswachstum im Jahr
Wechselkurs von 0,95 zum 2017 auf 1,1 Prozent begrenzen.
Jahresende möglich.

0,95 1,1

0,9 Niedrige Inflation und


EZB-Geldpolitik dämpfen
Zinsanstieg in Deutschland.
1.230 Preisanstieg bei Gold auf 1.230
Abstrahleɥekte aus den US-Dollar je Feinunze im Jahresverlauf
USA könnten Verzinsung 2017 möglich. Prognose aufgrund
10-jähriger Bundesanleihen erheblicher Marktrisiken jedoch mit
auf 0,9 Prozent steigen lassen. Unsicherheiten behaftet.

deutsche-bank.de/jahresausblick2017
ULLSTEIN BILD

Designierter Kanzlerkandidat Schulz, Noch-Parteichef Gabriel

12 DER SPIEGEL 5 / 2017


Titel

Sehnsucht nach Größe


SPD Seit der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten wächst in der
Partei die Zuversicht. Schulz hat zwar keine Regierungserfahrung, aber sein Ehrgeiz
und sein Machtwille wirken ansteckend. Im Kanzleramt macht sich Unruhe breit.

A
ls vor vier Jahren ein Porträt über sich auf dem Sitz des Präsidenten nieder scheidung mitzuteilen. Schulz reiste in
Martin Schulz im SPIEGEL er- und sagte: „Hier sitze ich eines Tages.“ Als dem Glauben an, Außenminister zu wer-
schien, nahm ihn die Kanzlerin am er schließlich dort saß, kämpfte er mit allen den, und fuhr kurz darauf als designierter
Rande eines EU-Gipfels zur Seite. Sie habe Mitteln um größere Macht und Aufmerk- Parteichef und Kanzlerkandidat zurück.
das sehr interessant gefunden, sagte An- samkeit für sein Parlament. „Wir vertreten Mit dem Parteivorsitz hat er nun eine bes-
gela Merkel. Schulz glühte vor Stolz. Dass 500 Millionen Menschen, aber wir haben sere Machtbasis für seine Kampagne als
sich die Bundeskanzlerin persönlich mit eine Wahrnehmung wie der Kreistag von Frank-Walter Steinmeier oder Peer Stein-
ihm befasst hatte, freute ihn. Dann erlaub- Pinneberg“, klagte er zum Amtsantritt. brück, die als Kandidaten einen Parteichef
te er sich noch einen kleinen Hinweis in Das wollte er ändern. „Die Mächtigen müs- über sich hatten.
eigener Sache, das konnte er sich nicht ver- sen Angst haben vor dem Parlament“, sag- Es gibt nur wenige Tage, an denen die
kneifen. Er bezog sich auf die Länge der te er mit Blick auf die Staats- und Regie- Tektonik der Berliner Republik ordentlich
Geschichte. „Ich habe gehört, dass sieben rungschefs der EU – allen voran Angela durchgerüttelt wird. Am Dienstag, als die
Seiten lange Porträts sonst nur über Bun- Merkel. „Ich schwitze den Machtanspruch Nachricht von Gabriels Rückzug nachmit-
deskanzler geschrieben werden.“ ja aus jeder Pore.“ tags durchsickerte, war ein solcher Tag.
Nun will Schulz selbst Kanzler werden Seit Gerhard Schröder, der angeblich Nicht nur weil die Nachricht überraschend
und Angela Merkel aus dem Amt drängen. schon in jungen Jahren am Zaun des Kanz- kam, das auch. Vor allem aber, weil sie die
Über seinen Ehrgeiz sollte sich niemand leramtes rüttelte, ist jedenfalls kein Kanz- Ausgangslage für das Wahljahr 2017 grund-
Illusionen machen. Den hat er nie unter- lerkandidat der SPD mit größerem Selbst- legend verändert.
drückt, nicht in der Vergangenheit, erst bewusstsein und Machtwillen in einen Lange schien es, als würde die SPD als
recht nicht in den vergangenen Tagen. Wer Wahlkampf gezogen. „In der SPD herrscht verzagter Verein ohne Glauben an sich
ihn da erlebte, sah einen glücklichen Mann, ja bisweilen ein skeptisches Verhältnis zur selbst ins Rennen gehen, chancenlos,
der so selbstbewusst durch die Flure der Macht“, sagte Schröder im Oktober bei gelähmt von einem Kandidaten, dessen
Berliner Politik stolzierte, als wäre er be- einer Laudatio auf den Europapolitiker Image unwiederbringlich beschädigt und
reits Kanzler. Körpersprache und Worte Schulz. Schulz aber sei ehrgeizig und dessen Vertrauen in den eigenen Reihen
ließen jedenfalls keinen Zweifel daran, machtbewusst. „Ist mir sehr sympathisch.“ aufgebraucht war. Wer solle für Gabriel
dass er in den nächsten acht Monaten alles Dabei hatte Schulz zuletzt selbst nicht denn, bitte schön, Plakate kleben und sich
daransetzen wird, demnächst Deutschland mehr damit gerechnet, dass er diese Chan- in die Fußgängerzone stellen, fragten sich
zu regieren. „Ich will Bundeskanzler wer- ce bekommen würde. Bereits im vergan- viele Genossen.
den“, sagt er, ganz ohne Ironie. genen Sommer hatten Gabriel und er ver- Zumindest diese Sorgen scheint die SPD
Auf dem Vizekanzlerfriedhof von An- einbart, dass einer von ihnen Kanzlerkan- mit Schulz los zu sein. Wie befreit reagier-
gela Merkel stünden bereits genügend didat würde. Wer, das ließ Gabriel offen. te die Partei auf die Nachricht von Gabriels
Kreuze, scherzte er jüngst in kleiner Run- So vergingen Monate der Ungewissheit, in Rückzug. 81 Prozent der SPD-Anhänger
de. Er selbst werde dort niemals liegen. denen Schulz zwischen Hoffen und Frus- finden laut ARD-Deutschlandtrend, dass
Das mag etwas größenwahnsinnig klingen, tration schwankte. Zuletzt machten seine Schulz ein guter Kandidat sei, und immer-
wenn man die triste Lage der SPD be- Berater schon Pläne für die Interviews, in hin 64 Prozent der Bundesbürger.
trachtet. Aber dieser Wahn ist vielleicht denen der künftige Außenminister Schulz Dass selbst Spitzenpolitiker der Partei
auch nötig, um die Partei zu motivieren. seine Agenda vorstellen sollte. zuerst durch die Medien vom Wechsel er-
Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend liegt Der Schlussakt des Dramas folgte vori- fuhren, werteten viele als letzte Bestäti-
Schulz bei der Frage nach der Direktwahl gen Samstag. Gabriel hatte Schulz nach gung, dass auf den eigenwilligen Gabriel
des Kanzlers inzwischen gleichauf mit Montabaur gebeten, um ihm seine Ent- kein Verlass gewesen sei. Dabei hatte
Merkel. 41 Prozent würden sich demnach kaum ein Genosse den Mut besessen, dem
für Schulz entscheiden, ebenso viele Vorsitzenden ehrlich zu sagen, dass die
für die Amtsinhaberin, und bei der Sonn- SPD mit ihm keine Chance haben würde.
tagsfrage steigt die SPD um drei Prozent- Dass Gabriel selbst entschied, seiner Partei
punkte. nach mehr als sieben Jahren an der Spitze
Anders als Sigmar Gabriel, dem die gan- mit dem Rückzug einen letzten großen
ze Republik dabei zusehen konnte, wie er Dienst zu erweisen, wiegt im Rückblick
mit sich rang, wie er haderte und zauderte, weit schwerer als die Stilkritik an der Art
strahlt Schulz jene Zuversicht und Lust zur dieses Abgangs.
Macht aus, nach der zumindest seine Partei Auch im Kanzleramt fürchtet man nun,
sich lange gesehnt hatte. So ist er schon Lange wirkte die SPD dass Kontrahent Schulz seine Leute aus
lange unterwegs. wie ein verzagter ihrer Depression reißen wird. Das könnte
Als er sich 1994 erstmals um ein Mandat
im EU-Parlament bewarb, besichtigte er
Verein ohne Glauben den Charakter des Wahlkampfs verändern.
Bislang war es Merkels Stärke, die Anhän-
mit einem Freund vorab den leeren Ple- an sich selbst. ger des Gegners zu demobilisieren. Jetzt
narsaal in Straßburg. Irgendwann ließ er muss sie die eigenen Leute begeistern. Das

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Titel

wird nicht einfach. Viele glauben, dass Die Skizze für seinen Wahlkampf
CSU-Chef Horst Seehofer nicht ganz hat Schulz ebenfalls schon entwor-
Unrecht haben dürfte mit seiner Pro- fen. Das Wort Respekt wird eine
gnose, dass die Erfolgschancen der Uni- große Rolle spielen: Respekt vor har-
on mit Schulz’ Nominierung nicht ge- ter Arbeit, vor engagierter Weiter-
rade gestiegen seien. „Eigentore dürfen bildung, Respekt aber auch vor En-
keine passieren, jetzt noch weniger.“ gagement, Zivilcourage und Solida-
Schulz gegen Merkel heißt nun das rität.
Duell der nächsten acht Monate. Es Schulz wird die Programmatik sei-
ist das Duell zweier Menschen, die ner Partei kaum nach links verrü-
sich lange kennen. Als EU-Parlaments- cken. Dafür war er zu lange Mitglied
präsident fluchte er bisweilen wie ein des konservativen Seeheimer Krei-
Rohrspatz über sie. 26 von 27 Länder ses, zu lange auch Chef einer Art
seien für zusätzliche Hilfen für Grie- Großer Koalition im EU-Parlament.
chenland, befand er im Jahr 2013, Er weiß, dass Wahlen in der Mitte
dem Höhepunkt der Griechenland- gewonnen werden. Sollte es am
krise. Nur eine sei dagegen. Er meinte Wahlabend aber eine Mehrheit für
Merkel. ein Bündnis mit Grünen und Linken
Als er von den Verhandlungen über geben, wofür vor allem die SPD
den Fiskalpakt der EU ausgeschlossen noch kräftig zulegen müsste, wird
werden sollte, drohte er: „Ich bleibe Schulz diese Option kaum ausschla-
sitzen, ich bin das Parlament. Und gen. Intern hatte Schulz schon bei
wenn die mich rausschmeißen, setz ich der Suche nach einem neuen Bun-
mich vor die Tür mit einem Schild: despräsidenten für einen rot-rot-grü-
,Das ist das Demokratieverständnis nen Kandidaten geworben.
von Angela Merkel.‘“ Die Kampagnenplaner von KNSK,
Andererseits telefonierte er fast täg- der Hamburger Wahlkampfagentur
lich mit ihr. Er war stolz, ihre Handy- der SPD, hatten kürzlich bei einer
nummer zu besitzen. Allein die Tatsa- Klausur der Parteiführung in Düssel-
che, dass die anderen wüssten, dass er dorf klargemacht, wo die Partei
einen direkten Draht zur deutschen nachlegen muss: „Die Leute glauben

IMAGO
Kanzlerin habe, sei hilfreich, sagte er. der SPD nicht mehr“, war eine der
In der ewigen Kompromisswerkstatt Kanzlerin Merkel bitteren, zentralen Botschaften. Das
Brüssel benötigte er Merkel für zahl- So tun, als hätte sich nichts verändert sture Abarbeiten des Koalitionsver-
reiche Deals. Er schätzte ihre Solidität, trags erzeuge keinen Glanz, keine
ihre Verlässlichkeit, ihr Detailwissen. Im wecken wird als dies mit Gabriel der Fall Hoffnung. Entscheidend für die Glaub-
Wahlkampf wird er sie kaum frontal oder gewesen wäre. Noch immer kennen die würdigkeit, so die Hamburger Strategen,
aggressiv attackieren. Das Publikum, ahnt meisten Bürger Schulz bestenfalls flüchtig, seien ganz andere Fragen: „Die Leute in-
er, würde dies nicht gutheißen. sie haben sich noch kein abschließendes teressiert: Legt ihr euch mit den Konzernen
„Ich arbeite mit Angela Merkel so lange Urteil gebildet. In der jüngsten SPIEGEL- an? Was macht ihr gegen die Steuerflücht-
zusammen, wie kaum einer sonst außer- Umfrage gaben 30 Prozent der Befragten linge?“
halb ihrer Partei“, sagt Schulz. „Ich habe an, ihn nicht zu kennen. Mangelnde Glaubwürdigkeit sei ein zen-
sie studieren können, ich habe sie kennen- Schulz hat fast sein ganzes politisches trales Defizit im Erscheinungsbild der Par-
gelernt.“ Er glaubt dabei hinter ihrem aus- Leben in Brüssel verbracht, noch nie hatte tei, attestierten die Experten der Agentur.
geprägten Charme eine ebenso ausgeprägte er ein Regierungsamt inne. Das könnte ein Im Hinterkopf hatte die versammelte Run-
Kühlheit erkannt zu haben. Er glaubt auch, Nachteil sein, ebenso wie die Tatsache, de auch gleich den Schuldigen ausgemacht:
die Fehler zu kennen, die ihre bisherigen dass er ohne Sitz und Stimme im Bundes- Sigmar Gabriel. Sein Themenhopping, sei-
Herausforderer Frank-Walter Steinmeier tag in den Wahlkampf ziehen muss. An- ne unsteten Vorgaben, die stets wandeln-
und Peer Steinbrück gemacht haben. Und dererseits ist er ein mitreißender Redner. den Strategien, Eigenschaften, die auch
er glaubt, die richtigen Schlüsse aus beidem Er kann die alte sozialdemokratische Er- Schulz intern immer wieder beklagt hatte:
gezogen zu haben. Schulz will vor allem zählung vom Aufstieg aus kleinen Verhält- Die SPD muss die Probleme konkret an-
auf die eigenen Stärken setzen, um Angela nissen mit seinem Leben verbinden. packen und lösen, mahnten die Experten.
Merkel aus dem Kanzleramt zu drängen. Schulz war der Einzige aus der SPD- Und nicht zu viel versprechen. Jedenfalls
„Ich werbe für mich.“ Und dennoch will er Spitze, der wirklich Lust auf die Kandida- nicht mehr, als sich umsetzen lässt.
sich auch auf ihre Probleme konzentrieren: tur hatte. Anders als der grübelnde Ga- Schulz will all das beherzigen. „Der Be-
Auf die Differenzen zwischen CDU und briel, anders als Olaf Scholz oder Andrea griff „Soziale Gerechtigkeit“ ist abgenutzt,
CSU. Und auf ihre bereits elf Jahre andau- Nahles, die eher auf eine Kandidatur im das kann kein Mensch mehr hören“, sagte
ernde Amtszeit. Schulz setzt auf eine Mer- Jahr 2021 spekulieren. Als habe er geahnt, er kürzlich. „Viele Leute haben den Ein-
kel-müdigkeit im Lande. dass es am Ende doch auf ihn zulaufen druck, dass es ganz grundsätzlich nicht
Merkel tut so, als interessiere sie es nicht würde, hat er sich seit über einem Jahr auf mehr gerecht zugeht.“
sonderlich, ob ihr Herausforderer nun Ga- diesen Moment vorbereitet, geistig wie Schulz mag die Formel von Bill Clinton
briel oder Schulz heiße. Sie will den Ein- körperlich. Er nahm zehn Kilo ab. Im Kern aus den frühen Neunzigern. Es müsse wie-
druck erwecken, als hätte sich nichts ver- mache er einfach FdH (Friss die Hälfte), der „um die Mehrheit der Leute, die hart
ändert an der Ausgangslage für diesen verriet er neulich, wobei man gelegentlich arbeiten und sich an die Regeln halten“
Wahlkampf. richtig schlemmen sollte, damit der Körper gehen. Die schuften, ihre Steuern zahlen,
Dabei weiß Merkel, dass die SPD mit nicht auf Krisenmodus umschalte. Hat ihm sich engagieren, möglicherweise noch ihre
Schulz allemal mehr Interesse und Neugier sein Personal Trainer eingetrichtert. Eltern pflegen und sich an die Gesetze hiel-

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TOBIAS SCHWARZ / AFP

Ehemaliger Bürgermeister Schulz: „Der Alltag ist das Rathaus, und damit kenne ich mich besser aus als viele Kollegen in Berlin“

ten. Denen will Schulz jene gegenüberstel- und vor allem Silvio Berlusconi. Der Ita- gierungschef ist, dann ist das in einer De-
len, die sich nicht an die Regeln halten, liener machte den Europaparlamentarier mokratie gefährlich“, hatte er seinerzeit
die Grapscher auf dem Kölner Bahnhofs- im Jahr 2003 berühmt, als er sagte, Schulz in Brüssel oft gesagt. In der Wahl Trumps
vorplatz ebenso wie Manager, die ihre Mil- könne in einem Nazifilm gut den Kapo sieht Schulz nun ein ähnliches Problem.
lionen Euro ins Ausland bringen. spielen, den Aufseher. „Dieser Tag hat Die entscheidenden Etappen für den
Es wird um den Kampf gegen Konzerne mein Leben über Nacht verändert“, er- Wahlkampf sind bereits definiert. Schulz
wie Amazon gehen, die in Deutschland zählt Schulz. „Das hat alles auf den Kopf wird sich in die Kampagne vor der Wahl
mehrere Milliarden Euro Umsatz machen, gestellt.“ In Wahrheit ist er, der immer da- im Saarland am 26. März einmischen.
aber kaum Steuern bezahlen. Es wird um runter litt, als EU-Politiker in Deutschland „Zwei, drei Prozent mehr für die SPD –
die Frage der Solidarität gehen. Konkret nicht die erhoffte Aufmerksamkeit und und wir haben die Chance auf eine rot-
hört sich das so an: „Herr Winterkorn Anerkennung zu bekommen, Berlusconi rot-grüne Regierung.“ Die wäre zwar bei
bringt in der VW-Affäre einen ganzen Kon- dankbar für den Eklat. knappem Vorsprung höchst labil. Aber
zern ins Wanken und bekommt noch einen Schulz hatte Berlusconis Medienpolitik zum Linken-Fraktionschef Oskar Lafon-
Bonus. Wenn ein Arbeiter am Fließband angeprangert und von einem „Virus der taine hat Schulz schon vor Jahren einen
einen solchen Fehler macht, wird er ent- Interessenkonflikte“ gesprochen. „Wenn verlässlichen Kontakt hergestellt – was sich
lassen.“ Schulz ist einer zuspitzenden Spra- der reichste Mann des Landes, der größte nach der Wahl auszahlen könnte.
che, die an der Grenze zum Populismus Medienunternehmer, obendrein noch Re- Ein Erfolg im Saarland wäre aus Sicht
tänzelt, nicht abgeneigt. der Genossen der Schub für die Mai-Wah-
In den vergangenen Wochen hat er die len in Schleswig-Holstein und Nordrhein-
Kritik mancher Publizisten an ihm genau Westfalen. Das alles Entscheidende aber
registriert: dass er ohne Abitur und Stu- seien die letzten Wochen des Wahlkampfs.
dium für das Amt nicht geeignet sei. Schulz’ Berater zitieren Erkenntnisse der
Schulz glaubt, dass er diese vermeintlichen Demoskopen, wonach 40 Prozent der
Nachteile in einen Vorteil verwandeln Wähler ihre Entscheidung erst in den letz-
kann. Er will gegen die Arroganz und Ab- ten zwei Wochen träfen. Das sei eine ge-
gehobenheit jener wettern, die so denken. waltige Chance für die SPD.
Schulz’ Kampagne wird das Thema Frie- Dass Schulz nun Vorsitzender und
den aufgreifen, den Kampf gegen rechts Schulz war der Einzi- Kanzlerkandidat der ältesten demokrati-
und den Schutz der offenen, pluralen Ge- ge aus der SPD-Spitze, schen Partei Europas wird, ist auch ein
sellschaft. Er wird darauf verweisen, dass
Donald Trump schon vor Jahren seine Vor-
der wirklich Lust auf Triumph über den eigenen Lebensweg, zu-
mindest dessen verkorksten Anfang.
gänger und Brüder im Geiste in Europa die Kandidatur hatte. Schulz wuchs als Sohn eines Polizisten
hatte – in Jörg Haider, Jean-Marie Le Pen im Dorf Hehlrath auf, die Dienstwohnung

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Titel

WOLFGANG SEVENICH / BILD


MICHAEL TRIPPEL / LAIF

Fußballer, Familienvater Schulz 1994: Kann ich das? Hab ich überhaupt die Nerven dazu? Muss ich mir das noch mal antun?

lag über der Wache. Gleich daneben be- der realistische Blick auf sich selbst, das Mangel ausgelegt werden. Dabei war er
gann der Braunkohletagebau, wenige Ki- Wissen um die eigenen Grenzen. Er, der bei aller Begeisterung immer auch Realist.
lometer weiter ist die Grenze zu den Nie- zur Selbstüberschätzung neigte, habe da- Oft zitierte er den Satz seines Freundes,
derlanden und Belgien. mals gelernt, sich kritisch zu hinterfragen, des Regisseurs Wim Wenders: „Aus der
Als junger Mann träumte er davon, Fuß- sagte er im Rückblick. europäischen Idee ist die Verwaltung ge-
ballprofi zu werden. Nach der elften Klasse Das Wissen um diese alte Neigung spiel- worden, und jetzt denken die Menschen,
musste er die Schule verlassen, weil er te auch im vergangenen Jahr eine Rolle, dass die Verwaltung die Idee ist.“ Wer das
zweimal sitzengeblieben war. Er verbrach- als er sich die Frage stellen musste, ob die Projekt retten wolle, der müsse die EU
te die Zeit lieber auf dem Fußballplatz. Aufgabe als SPD-Chef und Kanzlerkandi- verändern, mahnte Schulz. Die Gemein-
Dann zerbrach auf dem Rasen von Rhe- dat ihn vielleicht überfordern könnte. Und schaft müsse sich wieder aufs Wesentliche
nania 05 Würselen sein Kniegelenk und ob er sich, im Erfolgsfall, gar das Amt des konzentrieren, auf das, was sie besser kön-
mit ihm das große Ziel. Schulz ließ sich Bundeskanzlers zutraue. Kann ich das? ne als die Nationalstaaten: Klimapolitik,
zum Buchhändler ausbilden, verfiel aber Bin ich dazu geeignet? Hab ich überhaupt Handelsbeziehungen, Migrationsfragen,
dem Alkohol. die Nerven dazu? Muss ich mir das noch Währungsfragen und Spekulationsbe-
Er hing rum, verschuldete sich, weil er mal antun? Diese Fragen diskutierte er mit kämpfung. „Ich will ja auch keinen euro-
mehr trank, als er sich leisten konnte. Am seiner Frau Inge und mit sich selbst. Vier- päischen Superstaat“, sagt Schulz.
Abend schämte er sich, weil er es wieder mal Ja, lautete am Ende die Antwort. Schulz’ Brüsseler Vergangenheit wird
nicht geschafft hatte, die Finger vom Al- Nachdem er die Therapie erfolgreich be- nun noch einmal kritisch beleuchtet wer-
kohol zu lassen. Und trank dann aus endet hatte, eröffnete Schulz eine Buch- den. Sein vehementes Eintreten für Euro-
Scham. Die örtlichen Jusos, die er lange handlung in Würselen. Was andere in der bonds etwa, jene Anleihen, für die alle
Zeit aufgemischt hatte, erklärten ihm, dass Schule und an der Universität lernen, Staaten gemeinsam haften. Er wisse nicht
er nicht mehr ihr Anführer sei. brachte Schulz sich selbst bei, mit der Lek- viel über Schulz, sagte CDU-Präsidiums-
Die Nacht zum 26. Juni 1980 wurde zum türe ganzer Bücherwände. Er lernte seine mitglied Jens Spahn. „Das Einzige, was ich
Wendepunkt seines Lebens. Wäre sie an- Frau Inge kennen, eine studierte Land- weiß, ist, er will Schulden vergemeinschaf-
ders verlaufen, wäre Schulz jetzt nicht schaftsarchitektin, mit der er zwei Kinder ten in Europa.“ Auch Schulz’ enges Ver-
Kanzlerkandidat, sondern tot. In jener bekam, einen Sohn und eine Tochter. hältnis zu Kommissionschef Jean-Claude
Nacht stand er kurz davor, sich das Leben 1987 wurde Schulz im Alter von 31 Jah- Juncker könnte noch mal zum Problem
zu nehmen. Es war sein älterer Bruder ren zum Bürgermeister von Würselen ge- werden. Juncker zuliebe hatte Schulz einen
Erwin, der ihn schließlich davon abhielt. wählt. Sieben Jahre später machte er sich Untersuchungsausschuss des EU-Parla-
Kurz darauf ließ er sich auf Drängen auf nach Europa ins EU-Parlament, wo er ments verhindert.
des Bruders in eine psychosomatische Kli- 22 Jahre lang bleiben sollte, erst als Abge- Schon am Dienstag wurden in der
nik einweisen und begann eine viermo- ordneter, dann als Vorsitzender der sozi- Unionsführung die Umrisse einer Strate-
natige Therapie. Dort erkannte er, warum aldemokratischen Fraktion, später als Prä- gie diskutiert, wie man mit dem Neuen
er in den Alkohol abgeglitten war: weil sident. umgehen solle. Vor allem die Tatsache,
eine Lücke zwischen dem Anspruch an Natürlich werden seine Gegner nun ver- dass Schulz noch nie ein Regierungsamt
sich selbst und seiner tatsächlichen Leis- suchen, ihn als Inbegriff des zunehmend hatte und auch derzeit im Bundestag nicht
tungsfähigkeit klaffte. Er wollte Fußball- verhassten EU-Funktionärs zu charakteri- reden kann, will die Union ausnutzen. „Er
star sein, spielte aber nur auf Verbandsli- sieren. Die Leidenschaft, mit der er für ist in der Bundespolitik gänzlich unerfah-
ganiveau. Er wollte ein guter Schüler sein, Europa, für das Zusammenwachsen des ren und kennt sich mit den Themen nicht
war aber zu faul zum Lernen. Es fehlte Kontinents kämpfte, könnte ihm nun als aus“, sagt ein Mitglied der Fraktionsspitze.

16 DER SPIEGEL 5 / 2017


ten gibt es jedoch wenig Raum für Ironie,
das musste zuletzt Peer Steinbrück
schmerzlich erfahren. Seine Mitarbeiter,
die ihn seit Jahren begleiten, hat Schulz
daher zu „Aufsichtsräten“ über sich selbst
erklärt, allen voran seinen Büroleiter im
Willy-Brandt-Haus, Markus Engels. Er hat
sie deshalb vor Jahren schon gebeten, auf
ihn aufzupassen. Das gelingt nicht immer,
aber zunehmend besser.
Ein Risiko stellt auch Sigmar Gabriel
dar, jener Mann, der ihn zum Kandidaten
gemacht hat. Es ist offenkundig, dass sich
die Macht innerhalb der Partei in diesen
Tagen neu sortiert, dass Gabriel viel Ein-
fluss verloren hat. Als Außenminister und
Vizekanzler wird er jedoch präsent bleiben
– und weiter unberechenbar.
So sehr sich Schulz darüber freut, Kanz-
lerkandidat und SPD-Chef zu werden, so
MICHAEL TRIPPEL / LAIF

fassungslos ist er zugleich über das Ver-


halten seines vermeintlichen Freundes in
den vergangenen Wochen und Monaten.
Denn der Entscheidung am vorigen Sams-
tag war nicht weniger als ein Psychodrama
Gelernter Buchhändler Schulz: Lektüre ganzer Bücherwände vorausgegangen, an dessen Ende sich viele
von Gabriel getäuscht sehen.
„Darauf werden wir immer wieder hin- einer Rede an einer Heidelberger Hoch- Anfang September bekommt Gabriel
weisen.“ schule. „Es ist die Überzeugung, ja der Besuch von zwei Meinungsforschern. Ei-
Schulz will derlei Kritik mit dem Ver- unbeirrbare Glaube an den Traum von gentlich hat er Grund für gute Laune, am
weis auf seine elf Jahre als Bürgermeister Europa.“ Anders als Gabriel wird Schulz Tag zuvor hat die SPD die Landtagswahl
von Würselen kontern. Da habe er haut- nicht in Versuchung geraten, Anleihen bei in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen.
nah mitbekommen, was im Leben der Bür- der Abschottungsrhetorik eines Horst See- Doch die Nachrichten für Gabriel selbst
ger wichtig sei. „Der Alltag ist nicht der hofer zu nehmen. sind ernüchternd. Die Demoskopen kon-
Bundestag“, sagt Schulz. „Der Alltag ist Auch sein äußerst lebhaftes Tempera- frontieren ihn mit miserablen Persönlich-
das Rathaus. Und den kenne ich besser als ment könnte im Laufe der Kandidatur zur keitswerten. Ihre Botschaft ist klar: Ga-
viele Kollegen in Berlin.“ Gefahr werden. Schulz hat einen starken briels Glaubwürdigkeit ist derart rampo-
Entscheidend wird sein, ob es ihm ge- Zug zum flotten Spruch, sein Mundwerk niert, dass nicht mal mehr sein Charisma
lingt, zwar als Sozialdemokrat zu kandi- ist bisweilen überaus lose. „Dieser ewige und sein rhetorisches Potenzial ausreichen,
dieren, zugleich aber deutlich zu machen, Schlafmangel, der macht mich bekloppt“, um die Partei nach oben zu ziehen. Ga-
dass er mit der SPD-Politik der vergange- ruft er dann auf einer seiner vielen Reisen briel ist frustriert, er sagt die Teilnahme
nen Jahrzehnte wenig bis nichts zu tun quer durchs Flugzeug. „Ich seh ja schon am Fest der Parteizeitung „Vorwärts“ ab
habe. Schließlich regiert die Partei seit 1998 aus wie mein Passfoto.“ In einer anderen und lässt sich nach Goslar fahren.
mit nur vier Jahren Unterbrechung im Situation entschuldigt er eine etwas derbe Auch in der Partei werden die Zweifel
Bund, sie stellt die Mehrzahl der Minis- Bemerkung mit dem Satz: „Ich bin doch immer stärker. Ende September trifft sich
terpräsidenten. Wie lässt sich da glaub- ein kleiner Prolet.“ Wenn er sich aufregt, die niedersächsische Landesgruppe, also
würdig die Lage des Landes kritisieren? was schnell passieren kann, werden selbst jene Vereinigung von Bundestagsabge-
Wie macht man klar, dass sich unter einem Staatschefs schnell zu „Rindviechern“, ordneten, die den Landsmann Gabriel ei-
Kanzler Schulz vieles ändern wird? „Armleuchtern“ oder „Eierköppen“. gentlich stützen müsste. Doch an jenem
In der Fraktionsführung der Union weist Selten sind diese verbalen Ausbrüche Abend findet ein Scherbengericht statt.
man darauf hin, dass Schulz inhaltlich ernst gemeint. Für einen Kanzlerkandida- Ein Parlamentarier nach dem nächsten
nicht gerade ein Gegenprogramm zu Mer- meldet sich, der Tenor ist fast immer der
kel darstelle. Da, wo sie Schwächen habe, gleiche: Mit Gabriel ist die Wahl nicht zu
da habe er diese erst recht: seine als un- gewinnen.
kritisch wahrgenommene Begeisterung für Gabriel, der viel sensibler ist, als es seine
die EU, für die Rettung Griechenlands – Ruppigkeit vermuten lässt, trifft die Kritik
und erst recht beim alles überlagernden schwer. Er bestellt Schulz nach Goslar, die
Thema, der Flüchtlingspolitik. beiden beraten mehrere Stunden. „Einer
Die Kanzlerin mag wegen ihres Kurses von uns muss es machen“, sagt Gabriel.
in der Flüchtlingskrise so angeschlagen An diesem Tag wäre die Entscheidung,
sein wie nie zuvor, aber Schulz’ SPD kann würde sie getroffen, einfach: Gabriel zieht
davon nur schwer profitieren. Der Kandi- Seine Brüsseler Ver- sich zurück. Doch Gabriel will noch nicht
dat wird Merkel für ihre humanitären Ent- gangenheit wird nun aufgeben, gerade weil Schulz seinen Ehr-
scheidungen nicht kritisieren, das verbietet
ihm die innere Überzeugung. „Was die
noch einmal kritisch geiz inzwischen kaum noch verbirgt.
Der EU-Parlamentspräsident ist nun
Flüchtlinge mit zu uns bringen, ist wert- beleuchtet werden. viel in Deutschland unterwegs. Schulz
voller als Gold“, sagte Schulz im Juni bei spricht vor den eher Mitte-orientierten

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Titel

Seeheimern in München, er bekommt Vorschlag Gabriels, die Ausrufung des einer Sache nichts geändert hat: Es gibt
überschwänglichen Applaus, selbst bei den Kanzlerkandidaten auf Ende Januar zu massive Vorbehalte gegen seine Kandida-
eher spröden Ostwestfalen in Minden. In verschieben. Wenige Tage später ist klar, tur. „Die Leute glauben der SPD nicht
Berlin stellt er eine Biografie über sich vor. dass Schulz’ Karriere in Brüssel zu Ende mehr“, urteilen die Planer der Agentur
Der Parteichef reagiert gereizt. Es ärgert ist. Schulz will nun Klarheit von Gabriel, KNSK. Auch die Hamburger Wahlkampf-
ihn, dass Schulz eine stille Kampagne in Ende November fliegen sie gemeinsam manager haben Fokusgruppen befragt.
eigener Sache betreibt. Wenn Gabriel auf nach Wien. Doch in der Maschine tragen Und sie bestätigen jene katastrophalen Er-
die Kanzlerkandidatur verzichtet, dann sie nur ihre Differenzen aus. Was er wirk- gebnisse, die Gabriel schon im September
soll es so wirken, als tue er es aus freien lich vorhat, lässt Gabriel im Ungefähren. präsentiert wurden.
Stücken. Zumal es zwischendurch gar Immerhin garantiert er Schulz einen Job: Mittlerweile ist es Mitte Januar, und alle
nicht schlecht läuft für den SPD-Chef. Am wenn nicht den des Kanzlerkandidaten, wissen, dass die Entscheidung in wenigen
16. November wird Außenminister Stein- dann den des Außenministers. Tagen fallen muss. Thorsten Schäfer-Güm-
meier zum gemeinsamen Aus Gabriels Sicht sollen bel, der hessische Landesvorsitzende, te-
Kandidaten von Union und im Dezember ohnehin kei- lefoniert mit Gabriel. Sein Kieler Kollege
SPD für die Nachfolge von Vier gegen Merkel ne Entscheidungen fallen. Ralf Stegner berichtet Gabriel von der tris-
Bundespräsident Joachim SPD-Kanzlerkandidaten In der Vorweihnachtszeit ten Stimmung an der Basis. Auch Achim
Gauck ausgerufen. Es ist und ihre Ergebnisse würden sich die Leute lieber Post, Chef der SPD-NRW-Landesgruppe
eine Niederlage für Merkel mit dem Weihnachtsmann im Bundestag, hat längst bei seinem Par-
– und ein großer Triumph als dem Kanzlerkandidaten teichef hinterlegt: In seinem Wahlkreis
für Gabriel. der SPD beschäftigen, so gebe es große Zweifel an Gabriel.
Nun weiß er: Der Posten sein Argument. Außerdem In diesen Tagen machen Gabriel und
des Außenministers wird will Gabriel die Feiertags- Schulz mehrmals den Versuch, sich zu
RE UTE RS

frei. Es ist die Phase, in der pause für einen Kranken- treffen, aber immer wieder kommt etwas
sein Plan reift, auf die Kanz- hausaufenthalt nutzen. dazwischen. Am vorigen Samstag ist es
lerkandidatur zu verzichten Gerhard Schröder Kurz vor Weihnachten schließlich so weit, die beiden setzen sich in
und stattdessen ins Außen- 1998 Kohl-Bezwinger mit fährt Gabriel in eine Spe- Montabaur zusammen. Gabriel hat an einer
40,9 %, scheitert 2005 mit
amt zu wechseln. Nüchtern zialklinik in Hessen. Es gibt Anti-Rechten-Demo teilgenommen, Schulz
34,2 % knapp an Angela Merkels
betrachtet ist es die einzige Union. Die SPD geht als Junior- einen Eingriff, der dazu kommt aus seiner Heimat Würselen bei
realistische Option für Ga- partner in die Große Koalition. beiträgt, dass Gabriel binnen Aachen. Schulz geht davon aus, dass Gabriel
briel, die Bundestagswahl wenigen Wochen 13 Kilo- ihm den Job des Außenministers anbietet.
2017 politisch zu überleben. gramm abnimmt. Publik „Ich mache es nicht“, eröffnet Gabriel
Knapp zwei Wochen da- wird der Aufenthalt nur, weil das Gespräch. „Du bist der Kandidat.“
nach fliegt Schulz eigens für auffällt, dass Gabriel nach Zwei Stunden beraten beide das weitere
eine Aussprache mit Gabriel dem Anschlag auf einen Ber- Vorgehen. Sie besprechen Gabriels Wech-
I M AG O

nach Berlin. Der SPD-Chef liner Weihnachtsmarkt am sel ins Außenamt und wer ihm ins Wirt-
drängt ihn, sich endlich zu Frank-Walter Steinmeier 19. Dezember nicht in der schaftsministerium folgen soll. Sie verein-
entscheiden. Er könne ja holt 2009 mit 23 % das Öffentlichkeit auftritt. baren das, was ihnen mit am schwersten
nicht EU-Parlamentspräsi- schlechteste SPD-Ergebnis In der SPD sehen viele fällt: absolutes Stillschweigen. Gabriel will
dent, deutscher Außenmi- der Nachkriegszeit. Die die OP als Vorbereitung auf Zeit haben, um seine beiden wichtigsten
nister und Kanzlerkandidat Union koaliert mit der FDP. die bevorstehende Kandida- Stellvertreter, Hannelore Kraft und Olaf
der SPD gleichzeitig sein. tur. Zuvor hat Gabriel schon Scholz, einzuweihen und auch Fraktions-
Schulz ahnt, dass seine die Werbeagentur für den chef Thomas Oppermann zu informieren.
Chancen in Brüssel schwin- Wahlkampf ausgetauscht Am folgenden Vormittag glühen die
JENS SCHICKE

den, aber er sagt Gabriel, und in ein langes Porträt mit Drähte. Schulz sagt ein für abends verab-
dass er am liebsten Präsi- der ARD eingewilligt. Nach redetes Treffen mit Außenminister Frank-
dent des Europaparlaments dem Anschlag vom Breit- Walter Steinmeier ab. Eigentlich wollten
bleiben würde. Für den Fall, Peer Steinbrück scheidplatz verfasst er ein sie Details der Amtsübergabe besprechen.
dass dies nicht gelingen soll- tritt 2013 statt SPD-Chef siebenseitiges Papier zur in- Gabriel telefoniert mit Kraft, Scholz und
te, macht Gabriel in dem Sigmar Gabriel und Fraktions- neren Sicherheit. Oppermann. Nur Scholz meldet noch vor-
Gespräch keine Zusage. Er chef Steinmeier gegen Merkel Am 3. Januar trifft Ga- sichtige Bedenken an. Die redet Gabriel
lässt Schulz zappeln – es ist an und kann das Ergebnis leicht briel den SPIEGEL zum Ge- klein. Am Sonntag bittet er den „Stern“
seine Art, Rache zu neh- verbessern (25,7 %). Die SPD spräch in Goslar. Der SPD- ins eigene Haus, um die Begründung für
men. Die Freundschaft der landet erneut in der GroKo. Chef kommt in gelöster seinen Abschied als Parteivorsitzender zu
beiden Politiker, wenn es sie Stimmung, ist in Plauder- Protokoll zu geben. Nicht mal Schulz hat
je gegeben haben sollte, ist laune und hat viel Zeit. Man er am Vortag von dem Interview erzählt,
A A / DD P IMAG ES

nun vorbei. „An diesem sieht ihm an, dass er mit sich er wird, wie alle anderen, erst zum Zeit-
Abend ist etwas zerbrochen absolut im Reinen ist. Auf punkt des Erscheinens von diesem Allein-
zwischen Sigmar und Mar- die Frage, ob er wisse, wer gang erfahren. Selbst Gabriels Pressespre-
tin“, sagt ein Präsidiumsmit- Kanzlerkandidat werde, cher Tobias Dünow weiß von nichts.
glied der SPD. Martin Schulz sagt er: „Na klar.“ Nachfra- Es ist Montag, die Sitzungswoche be-
Es sind die Wochen, in soll nach erneutem Verzicht gen, das lässt er durchbli- ginnt – und damit das Getuschel. Die
denen Gabriel auch seinem Gabriels SPD-Chef und Kanzler- cken, bringen nichts. Abgeordneten spüren, dass eine Über-
Vize Olaf Scholz mindestens kandidat werden. Könnte man Am 10. Januar trifft sich raschung möglich ist. Schulz sagt seine
einmal zuruft: „Du musst es den Bundeskanzler direkt die SPD-Führung in einem Teilnahme an einem Treffen von Abge-
machen.“ wählen, wären aktuell 41% Hotel am Düsseldorfer Flug- ordneten aus SPD, Linken und Grünen ab.
für Merkel, 41% für Schulz.
Am 21. November be- Quelle: Infratest-dimap-Umfrage hafen. Gabriel spürt, dass Am Dienstag, kurz vor der Fraktions-
schließt die SPD-Spitze auf vom 25. Januar auch der Jahreswechsel an sitzung, informiert Gabriel Außenminister
18 DER SPIEGEL 5 / 2017
JOCHEN ZICK / ACTION PRESS

Genossen Schulz, Gabriel, Abgeordnete: Hoffnung ist die Medizin, die die SPD jetzt braucht

Steinmeier. Dann überschlagen sich die wahl nun veraltet sein könnte. Dass ckelt überall“, sagt die Genossin Walburga
Ereignisse. Oppermann gibt vor der Frak- nun ein anderer Film gedreht werden Stortz mit Blick auf Europa und Trump.
tionssitzung am Nachmittag ein routinier- könnte. Da brauche die SPD einen starken Mann
tes Statement ab. Zur K-Frage will er sich In der SPD jedenfalls glauben sie nun an der Spitze. „Mit Martin Schulz haben
nicht äußern: „Lassen Sie sich überra- wieder an ein erfolgreiches Abschneiden. wir endlich diesen Mann.“
schen.“ Der Wechsel an der Spitze hat die chroni- Sigmar Gabriel sei „wie ein Korken auf
Dann zieht er sich in sein Büro zurück. sche Verzagtheit, dieses leidenschaftliche der Flasche gewesen“, sagt Michael Keller,
Nahezu zeitgleich vermeldet ein Bran- Leiden an sich selbst zumindest vorüber- SPD-Bürgermeister im hessischen Fried-
chendienst mit Verweis auf die Titelseite gehend beendet. „Mit seiner Kämpfer- berg. Am Mittwochabend empfangen Kel-
des „Stern“ Gabriels Rücktritt. Gabriel er- natur und Leidenschaft wird Schulz unsere ler und sein Ortsverein Generalsekretärin
fährt davon, stürzt in Oppermanns Büro Mitglieder und Wähler mobilisieren, weil Katarina Barley. Allein in den ersten 24
und ruft: „So eine Scheiße!“ Oppermann sie ihm glauben, dass er ihnen nichts vor- Stunden nach der Nachricht von Gabriels
bleibt kühl und sagt nur: „Dann halte ich macht“, sagt Sören Bartol, SPD-Fraktions- Verzicht habe es 250 Neueintritte gegeben,
mich nach der Begrüßung ganz kurz, und vize im Bundestag. „Ich wusste gar nicht, berichtet Barley. Und das seien nur die
du erklärst ausführlich dein Interview und dass es so viele Emojis fürs Handy gibt“, Onlineanmeldungen, die in der Zentrale
deine Gründe.“ sagt der Abgeordnete Johannes Fechner. eingegangen seien. „Ich glaube, dass wir
So kommt es. Die Fraktion verabschie- „Alle mit Mundwinkel nach oben.“ jetzt einen Lauf kriegen“, sagt Barley.
det Gabriel mit stehenden Ovationen. Spä- Kollegen, die noch vor wenigen Tagen Bei der Klausur vor zweieinhalb Wo-
ter im Willy-Brandt-Haus, wo die engere den Verlust ihres Mandats befürchteten, chen in Düsseldorf hatte die Kampagnen-
Parteispitze um 17 Uhr zusammentritt, ist träumen nun von einem Ergebnis von über agentur der SPD-Führung eine unmissver-
der Beifall spärlicher. Oppermann wird 30 Prozent. Das mag unrealistisch sein, ständliche Botschaft hinterlassen: „Ent-
deutlich wie selten: „Das Ganze ist un- aber Hoffnung ist die Medizin, die die SPD scheidend ist die Anmutung. Die Leute
möglich“, ruft er Gabriel zu. „So kann im Moment braucht. wollen euch kämpfen sehen.“
man mit den Gremien nicht umgehen.“ Am Mittwochabend sind 40 Genossen Martin Schulz wird kämpfen, das ist ge-
Andere nicken zustimmend. zum Treffen des Ortsvereins Sterkrade- wiss. Und wie es aussieht, wird er nicht
Die Kanzlerin erfährt ebenfalls nach- Nord in Oberhausen gekommen, darunter allein sein.
mittags per SMS vom Rücktritt. Weil sich Karl Kaminski, 66 Jahre, mehr als die Hälf- Matthias Bartsch, Sven Böll, Markus Feldenkirchen,
in der Unionsfraktion gerade Außenminis- te davon in der SPD. Kaminski hat Plakate Valerie Höhne, Horand Knaup, Ralf Neukirch
ter Steinmeier als Bundespräsidentenkan- geklebt, Flugblätter verteilt, gekämpft und
didat vorstellt, hält sie dem SPD-Politiker gelitten. Mit Schulz ist auch zu ihm die Video:
ihr Handy mit der Nachricht hin. Zuversicht zurückgekehrt. „Endlich einer, Martin Schulz im Profil
Sie ahnt in diesem Moment, dass ihr der den Arsch in der Hose hat“, sagt er, spiegel.de/sp052017schulz
Drehbuch für die kommende Bundestags- „Einer, der das Maul aufmacht.“ „Es brö- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 5 / 2017 19


C130-Transportmaschinen bei einer Übung in Texas, USA

US AIRFORCE / ACTION PRESS


Rüstung

US-Flieger für die deutsche Luftwaffe


Von der Leyen will Großauftrag an Lockheed Martin bei Nato-Treffen vereinbaren.
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bringt Herstellers Lockheed Martin sollen die Lücke bei der Bun-
zum ersten Treffen mit ihrem neuen US-Kollegen James deswehr schließen, die durch die verspätete Auslieferung des
Mattis ein Präsent mit, das US-Präsident Donald Trump er- Transportfliegers A400M entstanden ist. Zudem können die
freuen dürfte. Pünktlich zum Antrittsbesuch des Pentagon- US-Maschinen auf kleinen Flughäfen und unbefestigten Pis-
Chefs will von der Leyen beim Nato-Ministertreffen Mitte ten landen, was bei der Rettung von Geiseln oder Evakuie-
Februar in Brüssel einen Rüstungsdeal über mehr als eine rungsmissionen in Krisengebieten nötig ist. Der Bedarf der
Milliarde Euro auf den Weg bringen. Deutschland will in den Luftwaffe war unter dem Spardiktat für die Bundeswehr
USA bis zu sechs Transportflieger vom Typ C130J kaufen. lange ignoriert worden. Durch eine Erhöhung des Verteidi-
Zusammen mit Frankreich gibt von der Leyen auf dem Gip- gungsbudgets wird der Kauf nun einfacher möglich. Beim
fel den Startschuss zum Aufbau einer gemeinsamen Luft- Nato-Treffen will von der Leyen durch den Deal auch die
transportstaffel. Die Flieger sollen mit französischen Maschi- deutsche Bereitschaft bekunden, innerhalb des Bündnisses
nen desselben Typs bei Évreux westlich von Paris stationiert mehr zu leisten. Trump hat mehrfach moniert, die Europäer
und gemeinsam genutzt werden. Die Transporter des US- müssten mehr Geld für die Verteidigung ausgeben. gt, mgb

RAF Vorlauf“. Asdonk, die sich sechsmal nach Ostberlin und


Pullover von 1970 der RAF angeschlossen traf in konspirativen Woh-
der Stasi hatte, wurde 1974 zu zehn
Jahren Gefängnis verurteilt;
nungen einen Oberstleutnant
des MfS. Der notierte am 23.
Das einstige RAF-Mitglied nach späteren Aussagen von Dezember 1986: „Zur wei-
Brigitte Asdonk hat der Stasi RAF-Mitgliedern war sie an teren Festigung des Kontakts
über Westberliner Links- den Banküberfällen, die ihr wird der Kontaktperson als
radikale und Palästinenser be- vorgeworfen worden waren, Weihnachtsgeschenk ein
richtet. Das geht aus Doku- aber nicht beteiligt. Nach ih- Pullover überreicht.“ Doch
menten des Ministeriums für rer Entlassung 1982 kontak- offenbar brach Asdonk die
Staatssicherheit (MfS) der tierte Asdonk militante Paläs- Verbindung ab; in einem Ver-
DDR hervor, die beim Bun- tinensergruppen. Die Stasi merk des Stasi-Manns zwei
desbeauftragten für die Stasi- nahm die Verbindung zu ihr Jahre später steht, sie sei um-
Unterlagen verwahrt werden. über eine inoffizielle Mitar- gezogen und habe eine fal-
Stasi-Offiziere nahmen dem- beiterin auf, die Asdonk be- sche Telefonnummer hinter-
nach 1986 konspirativen scheinigte, „eine intelligente lassen. Im Januar 1989 schlos-
Kontakt zu der Westberliner und unkomplizierte Frau“ zu sen die MfS-Offiziere den
Studentin auf und eröffneten sein. Ab Herbst 1986 fuhr die Asdonk um 1970 „IM Vorlauf“ wegen „Nicht-
im Januar 1987 einen „IM Studentin den Akten zufolge eignung der Kandidatin“. mbs

20 DER SPIEGEL 5 / 2017 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Frauenlöhne Faktoren wie eine andere Be- Verteidigungsministerium vergangenes Jahr entschie-
„Mickriges Gesetz“ rufswahl und Teilzeit heraus- McKinsey den, zur besseren Kontrolle

Das Gesetz zur Lohngerech-


rechnet, bleibt immer noch
eine Lücke von 7 Prozent. geht leer aus der pannenanfälligen Rüs-
tungsprojekte der Bundes-
tigkeit hilft weniger Frauen Bundesfamilienministerin Ma- Bei der Vergabe einer der bis- wehr ein rekordverdächtiges
als geplant. Lediglich rund nuela Schwesig (SPD) wollte her größten Beraterverträge Beraterbudget von bis zu 250
40 Prozent aller berufstätigen den Auskunftsanspruch auch der Bundesregierung geht der Millionen Euro auszuschrei-
Frauen werden von der Rege- für kleine Unternehmen ein- Branchenriese McKinsey leer ben. Auch McKinsey hatte
lung profitieren, wie nun aus führen, konnte dies in den aus. Verteidigungsministerin sich für die lukrativen Auf-
einer Antwort des Familien- Verhandlungen mit der Union Ursula von der Leyen (CDU) träge beworben. Doch in der
ministeriums auf eine Anfra- aber nicht durchsetzen. Nun will mit der Entscheidung of- ersten Runde wurden Kon-
ge der Grünen hervorgeht. gilt der Anspruch in Firmen fensichtlich politisch heiklen kurrenten wie Ernst & Young
Das im Januar vom Kabinett mit mehr als 200 Beschäftig- Interessenkonflikten aus dem und KPMG ausgewählt,
beschlossene Gesetz gibt ten. „Schwesigs mickriges Weg gehen. Nach ihrem McKinsey kommt nicht zum
Frauen unter anderem das Gesetz wird als großer Wurf Amtsantritt hatte sie die Top- Zug. Die Verträge liegen der-
Recht zu erfahren, was Kolle- verkauft. Etwas mehr Trans- beraterin Katrin Suder als zeit beim Finanzressort. Bei
gen in ähnlicher Position parenz für weniger als die Rüstungsstaatssekretärin in grünem Licht muss der Haus-
durchschnittlich verdienen. Hälfte der berufstätigen Frau- ihr Ressort geholt, die zuvor haltsausschuss des Bundes-
Frauen bekommen in en hat mit echter Lohngerech- Partnerin bei McKinsey war. tags im Februar die Auswahl
Deutschland laut Statisti- tigkeit aber nichts zu tun“, Gemeinsam mit dem mittler- absegnen. Das Ministerium
schem Bundesamt im Durch- kritisiert die stellvertretende weile zu McKinsey zurück- wollte die Details nicht kom-
schnitt 21 Prozent weniger Fraktionsvorsitzende der gekehrten Berater Grundbert mentieren, da der Auswahl-
Lohn als Männer. Wenn man Grünen Katja Dörner. bs Scherf hatte von der Leyen prozess noch läuft. gt, mgb

Landwirtschaft haltig produzieren. „Wir müs-


EU will Subventionen Agrarbetrieb in Großbritannien sen mehr für die Umwelt und
kürzen den Klimaschutz tun“, for-
dert Hogan. „Wenn Bauern
Der Austritt Großbritanniens direkte Subventionen bekom-
aus der Europäischen Union men wollen, müssen sie dabei
schmälert das EU-Agrar- helfen, mehr für das Gemein-
budget nach Angaben des wohl zu erreichen.“ Der EU-
Agrarkommissars Phil Hogan Kommissar will auch wieder
um drei Milliarden Euro pro einen Vorschlag auf die Agen-
Jahr. Bei der anstehenden da setzen, den die Bundesre-
Reform der Gemeinsamen gierung bisher abgelehnt hat-
Agrarpolitik sollen deshalb te: Größere Betriebe sollen
ANDREW YATES / REUTERS

die Subventionen gekürzt deutlich weniger Subventio-


werden, kündigte der Ire an. nen bekommen. „Wir müssen
Künftig dürften vor allem Wege finden, mehr Geld an
Landwirte vom Geld aus kleine und mittlere Höfe zu
Brüssel profitieren, die nach- leiten“, so Hogan. csc

Fall Amri auch ein bezahlter Zuträger tionsberichte. Auch über die keit hat es keine konkreten
Kein V-Mann gewesen sein könnte. Besuche Amris in der Berli- Aktivitäten des Bundesamts
Zugleich macht die Ant- ner Fussilet-Moschee wusste für Verfassungsschutz gege-
Anis Amri, der Attentäter wort der Bundesregierung das Amt Bescheid. Das Bun- ben, um ihn zu überwachen“,
vom Berliner Breitscheid- deutlich, dass der Verfas- desamt für Migration und sagt die innenpolitische Spre-
platz, war weder als V-Mann sungsschutz in dem Fall eine Flüchtlinge übermittelte dem cherin der Grünen-Bundes-
für das Bundeskriminalamt größere Rolle spielte als bis- Verfassungsschutz Amris tagsfraktion, Irene Mihalic.
noch für das Bundesamt für lang bekannt. Die Kölner Be- Asylakte und seine zahlrei- „Die Rolle der Nachrichten-
Verfassungsschutz (BfV) oder hörde wurde nicht nur über chen Alias-Namen. Warum dienste – auch des BND –
den Bundesnachrichtendienst die Sitzungen im Gemeinsa- Amri trotzdem nicht mit bleibt obskur.“ Mihalics Frak-
(BND) tätig. Dies erklärt das men Terrorabwehrzentrum in nachrichtendienstlichen Mit- tionskollege Konstantin von
Bundesinnenministerium in Berlin über den Fall infor- teln überwacht wurde, wol- Notz sagt, es werde immer
einer schriftlichen Antwort miert, sondern seit dem 20. len die Grünen am 13. Fe- klarer, „dass die Bundesbe-
auf eine Kleine Anfrage der Januar 2016 immer wieder ge- bruar in einer Sondersitzung hörden zwingend die Feder-
Grünen im Bundestag. Im- zielt von einzelnen Behörden. des Innenausschusses von führung an sich hätten ziehen
mer wieder war spekuliert So erhielt das BfV von den Verfassungsschutzpräsident müssen, um den größten
worden, ob Amri, der früh Polizeibehörden „Lichtbild- Hans-Georg Maaßen wissen. dschihadistischen Anschlag in
ins Visier der Sicherheitsbe- material“, Auswertungen von „Trotz der dichten Informatio- der Geschichte der Bundesre-
hörden geraten war, für diese Telefondaten und Observa- nen und Amris Gefährlich- publik zu verhindern“. jös, kno

DER SPIEGEL 5 / 2017 21


Deutschland

Fall Albakr ausging und das Amt die Ge-


A 7 in Bayern
„Nicht gerüstet“ fährdungslage so hoch wie
niemals zuvor eingestuft hat-
Fehleinschätzungen, Kommu- te, sah der verantwortliche
nikationsprobleme und per- Polizeiführer keine „Gefahr
sönliche Fehler haben zu den eines Anschlags“, sondern

IMAGEBROKER / INTERFOTO
Pannen bei der missglückten stufte den Einsatz lediglich
Festnahme des mutmaßli- als „Festnahme eines mit
chen IS-Terroristen Jaber Sprengstoff bewaffneten Tat-
Albakr im Oktober 2016 in verdächtigen“ ein.
Chemnitz geführt. Zu dem Dem Bericht zufolge hätte
Schluss kommt eine Exper- das LKA „nachdrücklicher
Verkehr gebnisse gebe, so Markl, tenkommission unter Lei- um Unterstützung“ durch
ADAC gegen zeichne sich bereits ab, dass tung des einstigen Bundes- Polizeikräfte aus Bund und
Dobrindts Maut die Einführung „keine rele-
vanten Zusatzeinnahmen er-
verfassungsrichters Herbert
Landau. So sei das Landes-
Ländern bitten können.
„Dies hätte allerdings voraus-
Bundesverkehrsminister warten lässt oder möglicher- kriminalamt (LKA) Sachsen gesetzt, dass man bei den
Alexander Dobrindt (CSU) weise sogar mit einem Minus- weder „strukturell noch per- sächsischen Sicherheitsbehör-
ist mit dem Versuch geschei- geschäft gerechnet werden sonell für einen derartigen den die Lage zutreffend be-
tert, den größten Automobil- muss“. Dobrindt geht offi- Einsatz gerüstet“ gewesen, urteilt hätte, was erkennbar
klub des Landes von seinem ziell davon aus, dass seine heißt es in dem vertraulichen nicht der Fall war.“ Das LKA
Projekt einer Ausländermaut Ausländermaut unter dem Abschlussbericht für die Berlin hatte den sächsischen
zu überzeugen. ADAC-Prä- Strich Einnahmen von 524 sächsische Staatsregierung. Kollegen am Abend vor
sident August Markl schreibt Millionen Euro im Jahr ein- Obwohl laut Bundeskriminal- dem Einsatz „zwei mobile
in einem Brief an Dobrindt bringt. In seiner Prognose hat amt von Albakr eine „kon- Einheiten zur Unterstüt-
und Bundesfinanzminister der Verkehrsminister bereits krete Gefahr für Leib und zung“ angeboten. Die Sach-
Wolfgang Schäuble (CDU), berücksichtigt, dass er sich Leben von Zivilpersonen“ sen lehnten ab. kno, mba
die Einführung einer Pkw- gegenüber der EU-Kommis-
Maut bleibe „eine unnötige sion verpflichten musste, mo-
Entscheidung“. Das Projekt derne Fahrzeuge der Schad-
lasse „viele kritische Fragen stoffklasse Euro 6 bei der Bundestagswahl sekretär Andreas Scheuer zu
offen“ und werde „fachlich Kfz-Steuer stärker zu entlas- CSU will mit einem zweistündigen Ge-
sehr kontrovers und öffent-
lich mit großer Unsicherheit“
ten als ursprünglich geplant.
Für den Fall, dass dieser Guttenberg werben spräch in einem Münchner
Restaurant getroffen und die
debattiert. Es unterliege mit Euro-6-Effekt stärker ist als Karl-Theodor zu Guttenberg Details seines Engagements
Blick auf die Einnahme- veranschlagt, muss Dobrindt wird für die CSU im Bundes- für die Partei besprochen. Um
prognosen „erheblichen Un- Mindereinnahmen bei der tagswahlkampf auftreten. Er ein Bundestagsmandat will
sicherheiten“. Kfz-Steuer aus seinem Haus- habe zusagt, für mehrere gro- sich Guttenberg aber nicht be-
Der ADAC hat den Ver- halt „vollständig kompensie- ße Kundgebungen nach Bay- werben. Er wolle niemandem
kehrswissenschaftler Ralf ren“. Das hatte Finanzminis- ern zu kommen, hieß es aus den Platz wegnehmen, sagte
Ratzenberger erneut beauf- ter Schäuble bei der soge- München. Der Exverteidi- er Scheuer. Guttenberg war
tragt, die Nettoeinnahmen zu nannten Ressortabstimmung gungsminister, der in den 2011 zurückgetreten, weil sei-
kalkulieren. Auch wenn es des Gesetzentwurfs in dieser USA lebt, hatte sich Anfang ne Doktorarbeit als Plagiat
noch keine endgültigen Er- Woche durchgesetzt. böl der Woche mit CSU-General- entlarvt worden war. ran

Suizid eines Polizisten Fall des „Reichsbürgers“ zeieinsatz die Waffe gegen Nähe seiner Dienststelle in
Soko „Reichsbürger“ Wolfgang P. hatten ergeben, Kollegen richten würde, und Nürnberg in seinem Auto.
ermittelt dass dieser Chatkontakte zu
einem 50-jährigen Kommis-
hätte davor warnen müssen,
so der Vorwurf.
Die Polizei geht nun offen-
bar Hinweisen nach, der Sui-
Der Selbstmord eines Beam- sar hatte. Der Beamte war Offenbar kurz nachdem zid könnte mit dem Einsatz
ten des Spezialeinsatzkom- deswegen suspendiert wor- die Ermittlungen intern be- in Georgensgmünd zusam-
mandos (SEK) Nordbayern den, gegen ihn wird ermit- kannt geworden waren, er- menhängen. Der suspendier-
war möglicherweise eine Re- telt. Er habe damit rechnen schoss sich der SEK-Beamte te Kommissar soll enge priva-
aktion auf den Tod eines Kol- können, dass P. bei dem Poli- vergangenen Freitag in der te Kontakte zu einigen SEK-
legen, der im Oktober bei Kollegen gepflegt haben.
einem Einsatz in Georgens- Wohnung von Nachdem das Handy des to-
gmünd von einem „Reichs- Wolfgang P. ten SEK-Beamten gefunden
bürger“ erschossen worden wurde, seien die Ermittlun-
war. Der 45-jährige SEK-Be- gen zu dem Selbstmord an
DANIEL KARMANN / DPA

amte war bei dem tragischen die Soko „Reichsbürger“


Einsatz dabei und trug sogar abgegeben worden, heißt es
Mitverantwortung. in Ermittlerkreisen. Staats-
Die Ermittlungen der Kri- anwaltschaft und Polizei
minalpolizei Schwabach zum schweigen zu dem Fall. cnm

22 DER SPIEGEL 5 / 2017


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Doppeltes Spiel
Außenpolitik Der EU-Beitrittsprozess der Türkei ist gescheitert. Verantwortlich dafür ist nicht nur
Erdoğan. Europa und die Kanzlerin haben beigetragen zum Ende der türkischen Demokratie.

R
ecep Tayyip Erdoğans Staatsfeind empfangen, aber die Kanzlerin selbst hat Dündar an, so erzählt er es später, sich
ist ein kleiner, freundlicher Herr mit ein Treffen mit ihm bisher vermieden – beim türkischen Präsidenten für ihn ein-
grauen Haaren und traurigen Augen. so wie sie alles vermeidet, was Erdoğan zusetzen. „Wenn jemand bei Erdoğan et-
Am vergangenen Dienstagabend feiert provozieren könnte, seit die Türkei den was erreichen kann, dann sind Sie es“, sagt
Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur Strom der Flüchtlinge nach Europa regu- Dündar dankbar.
der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“, im liert. Schon in der kommenden Woche wird
Berliner Hauptstadtbüro des SPIEGEL den Doch nun steht Dündar plötzlich vor ihr. Merkel Gelegenheit haben, ihr Angebot
70. Geburtstag des Magazins. Gegen halb neun ist Merkel gekommen, in die Tat umzusetzen. Am Donnerstag
Dündar ist zur Symbolfigur für Erdo- jetzt bahnt man ihr einen Weg durch die reist die Kanzlerin in die Türkei. Es ist ihre
ğans brutales Vorgehen gegen Opposition dicht gedrängt stehenden Gäste, sie schüt- fünfte Reise seit Beginn der Flüchtlings-
und Meinungsfreiheit geworden. Doch telt Hände, wechselt mit diesem und jenem krise vor anderthalb Jahren. Gerade hat
von der deutschen Regierung fühlte er sich ein paar Worte. Als sie Dündar sieht, geht Erdoğan angekündigt, sich per Referen-
bisher nur halbherzig unterstützt. Er wur- sie auf ihn zu und gibt ihm die Hand, sie dum zum Alleinherrscher ermächtigen zu
de im Kanzleramt von Merkels Beratern wechselt sofort ins Englische. Sie bietet lassen. Doch trotz seiner autoritären Wen-
24 DER SPIEGEL 5 / 2017
Deutschland
Kanzlerin Merkel, Präsident Erdoğan 2015
„Die EU braucht die Türkei mehr als die Türkei die EU“

Merkels Fürsprache für Dündar zeigt, Trotzdem ist der türkische Ministerpräsi-
wie weit sich die Türkei von Europa, von dent Mesut Yılmaz nicht zufrieden. Er hat
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungs- erwartet, dass sein Land offiziell in den
freiheit und Minderheitenschutz entfernt Kreis der Beitrittskandidaten aufgenommen
hat. Inzwischen muss sich die deutsche wird. Das gewähren die EU-Staats- und Re-
Kanzlerin beim Nato-Partner und EU-Bei- gierungschefs jedoch zehn anderen Ländern
trittskandidaten für verfolgte Oppositionel- des ehemaligen Ostblocks sowie der Repu-
le einsetzen wie bei den Machthabern in blik Zypern. Die Türkei versteht den Schritt
Peking oder irgendeinem afrikanischen als das, was er ist: eine Zurücksetzung.
Potentaten. Sogar ranghohe türkische Of- Yılmaz wähnt den deutschen Bundes-
fiziere ersuchen mittlerweile in Deutsch- kanzler Helmut Kohl als Bremser. Stutzig
land um politisches Asyl (siehe Seite 28). machen ihn Berichte über ein Treffen der
Europa ist dabei, seinen Einfluss auf die in der Europäischen Volkspartei orga-
Türkei zu verlieren. Das Schlüsselland zwi- nisierten konservativen Parteichefs im
schen Europa und den scheiternden Staa- März 1997. „Die Türkei ist nicht akzeptabel
ten Syrien, dem Irak und Libanon wendet als Mitglied“, erklärt der belgische EVP-
sich enttäuscht von der EU ab. Der Bei- Vorsitzende Wilfried Martens. Auch in der
trittsprozess ist de facto gescheitert. CDU berufen sich später die Gegner eines
Es ist auch Merkels Scheitern. Türkeibeitritts auf den Satz.
In den elf Jahren ihrer Kanzlerschaft ha- Doch Kohl lässt nach dem Luxemburger
ben sich die Türkei und Europa immer wei- Gipfel keinen Zweifel daran, dass er die
ter voneinander entfernt. Als Merkel das Türkei langfristig in der EU sieht: „Ich
Kanzleramt übernahm, wollten drei von habe in der Debatte darauf hingewiesen“,
vier Türken den Beitritt des Landes zur sagt er tags darauf in Bonn, „dass wir, die
EU, Erdoğan war damals ein Mann demo- Bundesrepublik Deutschland, sehr damit
kratischer Reformen. Heute ist die Türkei einverstanden sind, dass die Türkei in der
ein autokratischer Staat, drei von vier Tür- Perspektive der Zukunft eine Chance hat,
ken sind gegen den Beitritt. Und umge- der Europäischen Union beizutreten.“
kehrt: Nur 15 Prozent der Deutschen wün-
schen sich die Türkei in der EU. Mehr als 2. Schröders Schritt
die Hälfte ist inzwischen dafür, die Ver- Die entscheidenden Schritte in der Türkei-
handlungen abzubrechen. politik macht jedoch Kohls Nachfolger Ger-
Die Türkei und die EU – das ist eine Ge- hard Schröder. Noch im Wahlkampf 1998
schichte von enttäuschten Erwartungen, reist der SPD-Kanzlerkandidat nach Wa-
GUIDO BERGMANN / BPA / POLARIS /STUDIO X

parteipolitischer Opportunität und unüber- shington, um dem damaligen US-Präsiden-


windbaren Vorurteilen. Es ist eine Ge- ten Bill Clinton mitzuteilen, dass die EU
schichte der Entfremdung. „keine religiöse Vereinigung“ sei, die An-
Wie konnte das passieren? Warum ist dersgläubige ausschließe. Es sind nicht nur
es Europa, ist es Deutschland und Merkel hehre außenpolitische Motive, die Schrö-
nicht gelungen, das Land am Rande der in der Türkeifrage leiten. Der Kanz-
Europas, das so klar in die EU strebte, an lerkandidat schielt auch auf die mehr als
sich zu binden? Scheiterte der Beitritts- hunderttausend türkischstämmigen Wäh-
prozess, weil die Türkei nicht reif war für ler in Deutschland.
Europa? Oder scheiterte er, weil die EU Es ist ein Motiv, dass sich durch die gan-
unter Merkels Führung ihn nie ernsthaft ze deutsche Türkeidebatte zieht: In keiner
de will Merkel, wie sie immer wieder be- betrieben hat? anderen außenpolitischen Frage spielt die
tont, „den Gesprächsfaden nicht abreißen Innenpolitik eine so große Rolle wie im
lassen“. Sie wird Erdoğan und Minister- 1. Kohls Bekenntnis Verhältnis zur Türkei.
präsident Binali Yıldırım treffen. Ob auch Das Jahr 1997 gilt Gegnern und Befür- Einer von Schröders wichtigsten Bera-
ein Gespräch mit der Opposition zustande wortern eines Türkeibeitritts in der CDU tern ist damals Günter Verheugen, ein ve-
kommt, stand bei Redaktionsschluss noch gleichermaßen als Schlüsseljahr. Es ist das hementer Befürworter einer möglichst en-
nicht fest. vorletzte Jahr der Kanzlerschaft Helmut gen Anbindung der Türkei. Den Satz: „Die
Tatsächlich dürfte es bei dem Besuch Kohls. Und es ist ein Jahr, in dem die Tür- EU braucht die Türkei mehr als die Türkei
vor allem um eines gehen: Merkel muss kei eine entscheidende Hürde auf dem die EU“, reklamiert er für sich. Als Rot-
Erdoğan davon abhalten, seine Drohungen Weg zu einem Beitritt nimmt. Grün an die Macht kommt, wird Verheu-
umzusetzen, den Flüchtlingsdeal mit der Auf dem Europäischen Rat Mitte Dezem- gen EU-Kommissar in Brüssel, zuständig
EU platzen zu lassen. ber in Luxemburg beschließen die 15 Staats- für das Dossier Erweiterung.
Die Flüchtlingskrise hat Europa und die und Regierungschefs der EU, „dass die Tür- Verheugen und Schröder setzen durch,
Türkei in einer Schicksalsgemeinschaft kei für einen Beitritt infrage kommt“. In was Kohl zwei Jahre zuvor noch nicht
zusammengeschweißt. Es ist paradox: Die den Gipfel-Schlussfolgerungen heißt es, wagte: Auf dem Gipfel von Helsinki am
Beziehungen zwischen Berlin, Brüssel und man halte es für „wichtig, eine Strategie 10. und 11. Dezember 1999 wird die Türkei
Ankara sind so eng wie noch nie und so zur Vorbereitung der Türkei auf den Beitritt offiziell Beitrittskandidat.
schlecht wie seit Langem nicht mehr. Nie festzulegen“.
waren Europa und die Türkei so sehr auf- Es ist der wichtigste Erfolg seit dem As- 3. Merkels Wende
einander angewiesen, zugleich ist ihr Ver- soziierungsvertrag zwischen der Türkei Am 7. und 8. Januar 2000 trifft sich der
hältnis so feindselig wie zuletzt während und der EWG 1963 und dem Beitritt An- CDU-Bundesvorstand in Norderstedt bei
der Türkenkriege im 17. Jahrhundert. karas zur europäischen Zollunion 1996. Hamburg zu einer Klausurtagung. Die Par-
DER SPIEGEL 5 / 2017 25
tei ist in einem katastrophalen Zu- ihn Verheugen durch eine Ausstel-
stand. Einen Monat zuvor ist be- lung mit Türkeibildern in seinen
kannt geworden, dass Kohl über Jah- Brüsseler Büroräumen. Ein Bild zeigt
re hinweg schwarze Kassen mit omi- türkische Polizisten, die Demons-
nösen Spendengeldern geführt hat. tranten niederknüppeln. „Das ist die
In der Türkeifrage wittert der CDU- Türkei, die wir nicht mehr wollen“,
Vorsitzende Wolfgang Schäuble eine sagt Erdoğan.
Chance, gegen die Regierung Schröder Seine Berater präsentieren den
zu punkten. Als Reaktion auf den Gip- Premier in Europa als demokrati-
fel von Helsinki verabschiedet die Par- schen Muslim, der sein Land moder-
teiführung eine „Norderstedter Erklä- nisiert, ohne dabei seine Religion zu
rung“. „Die Entscheidung über den verraten. Erdoğan öffnet die Märkte
Kandidatenstatus ist zumindest ver- für Unternehmer aus Anatolien. Bis
früht“, heißt es darin. Für Länder, 2008 verdreifacht sich die Wirt-
deren Territorium nur zum Teil in schaftskraft des Landes.
Europa liege, müssten eigene Formen Besonders gut versteht sich Kanz-
der Zugehörigkeit zu Europa gefun- ler Schröder mit dem türkischen Pre-
den werden, „aber nicht eine unein- mier. Am 3. Oktober 2004 ehrt er ihn
geschränkte volle Mitgliedschaft zur im Konzerthaus am Berliner Gendar-
EU“. Andernfalls würde die EU „über- menmarkt als „Europäer des Jahres“
dehnt“ und „an mangelnder Unter- mit dem Quadriga-Preis. „Ihr Eintre-

DPA
stützung der Bevölkerung scheitern“. ten für mehr Freiheit, einen besseren
Zwei Jahre später leitet Merkel Kanzler Kohl, Premier Turgut Özal 1985 Schutz der Menschenrechte und we-
den offenen Bruch mit Kohls Türkei- Türkische Schwiegertochter niger staatliche Bevormundung ist für
politik ein. Merkel führt inzwischen Sie, Herr Ministerpräsident, kein
Partei und Fraktion, sie hat den Patriar- sprechen, ist Volker Rühe. Der ehemalige Zugeständnis an Europa“, sagt Schröder,
chen entmachtet, ihre Autorität muss sie Bundesverteidigungsminister leitet mittler- „sondern es ist Konsequenz Ihrer politi-
sich aber erst noch erarbeiten. Sie weiß, weile den Auswärtigen Ausschuss im Bun- schen Überzeugung. Auf die Unterstützung
dass eine große Mehrheit der Christdemo- destag. Er warnt: „Wer der Türkei jetzt Bei- Deutschlands können Sie sich verlassen.“
kraten den Türkeibeitritt ablehnt. trittsverhandlungen verweigern will, stoppt
Merkel macht sich Schäubles Argumen- den Reformprozess in diesem Land.“ Auch 5. Erdoğan unterschätzt Merkel
tation zu eigen. Anders als für viele in der sein Nachfolger Ruprecht Polenz wird einer Im Februar 2004 reist Merkel zum ersten
Union ist die Ablehnung des Beitritts für der Kritiker des neuen Türkeikurses. Mal als Oppositionsführerin in die Türkei.
sie keine Frage von Religion und Kultur. Unterstützt wird der Besuch vom Büro
Ihr geht es nicht um den Islam, sondern 4. Reformer Erdoğan der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara.
um die Aufnahmefähigkeit der EU. Ihr Ar- 2003 zieht Recep Tayyip Erdoğan als Au- Deren Leiter Wulf Schönbohm, Bruder
gument ist nicht: Die Türkei passt nicht zu ßenseiter in den Regierungspalast von An- des Brandenburger Innenministers Jörg
Europa. Sondern: Die Türkei passt nicht kara ein. Er gilt vielen Türken als Islamist, Schönbohm, kann mit dem Konzept
mehr rein. doch in den ersten Jahren seiner Amtszeit der „privilegierten Partnerschaft“ nichts
In einem internen Positionspapier erteilt überrascht er selbst seine Gegner durch anfangen. Aber Merkel lässt sich nicht
Schäuble, der jetzt stellvertretender Frak- ein demokratisches Reformprogramm. beirren.
tionsvorsitzender für Außenpolitik ist, Erdoğan befreit große Teile der konser- Sie ist unter Druck, die CSU warnt vor
Ende November 2002 einer Vollmitglied- vativ-religiösen Mehrheit aus der Armut einer „Völkerwanderung von Anatolien
schaft der Türkei eine Absage und spricht und gibt ihr eine Stimme. Er liberalisiert nach Westeuropa“. Merkel begründet die
sich stattdessen für eine „privilegierte Part- das Strafrecht, führt eine flächendeckende „privilegierte Partnerschaft“ mit der Sorge
nerschaft“ mit der EU aus. Den Begriff Krankenversicherung ein. Als erster türki- vor einem Rechtsruck in Deutschland. „Ich
klaut er bei Heinrich August Winkler. Der scher Regierungschef entschuldigt er sich muss die Leute mitnehmen, wenn wir eine
renommierte Historiker („Geschichte des für Verbrechen des türkischen Staats an Radikalisierung verhindern wollen“, sagt
Westens“) hat kurz zuvor in der „Zeit“ ei- den Kurden, geht auf Griechen und Arme- sie im kleinen Kreis vor ihrer Abreise.
nen Aufsatz mit dem Titel „Wir erweitern nier zu. Die Türkei durchlebt einen Wan- „Eine EU, die in 10 bis 15 Jahren die Türkei
uns zu Tode“ veröffentlicht. del vom Krisenland zur Regionalmacht. aufnimmt, wäre nicht die EU, die ich mir
Im März 2004 beschließen die Präsidien Das beeindruckt auch Brüssel. „Er wirk- vorstelle.“ Auf dem Flug sagt sie, es solle
von CDU und CSU das Konzept zur „pri- te sehr glaubwürdig“, erinnert sich der „bloß kein Bild mit Döner geben“, sonst
vilegierten Partnerschaft“. Einer der we- ehemalige EU-Kommissar Verheugen. Ein- würden sich einige in der CSU wieder auf-
nigen in der CDU, die öffentlich wider- mal, als Erdoğan zu Besuch kommt, führt regen.

Entfremdung statt Annäherung Europa und die Türkei


1997 1999 2002 2004 2005 2007
September Dezember November März Oktober Januar
Bundeskanzler Helmut Die Türkei Recep Tayyip Die Union beschließt das Beginn der Beitritts- Die Türkei legt unter der deut-
Kohl unterstützt das „Ziel wird offiziell Erdoğans religiös- Konzept einer „privilegierten verhandlungen. schen Ratspräsidentschaft
einer Mitgliedschaft“ EU-Beitritts- konservative Partnerschaft“ für die Türkei. Die EU-Seite betont ein ehrgeiziges Reformpaket
gegenüber dem tür- kandidat. AKP gewinnt Die Grundidee lieferte der jedoch, sie würden vor: Das Land will bis 2014
kischen Minister- die türkische Par- Historiker Heinrich August „ergebnisoffen“ fit für die EU sein. Kanzlerin
präsidenten Yılmaz. lamentswahl. Winkler. geführt. Merkel reagiert zurückhaltend.

26 DER SPIEGEL 5 / 2017


Deutschland

Erdoğan hält nichts von Merkels verschoben. Im Grunde führen wir


„privilegierter Partnerschaft“. Das seit 2005 Rückzugsgefechte.“
sei, sagt er „als komme der Bräuti- In Brüssel macht in dieser Zeit
gam zur Hochzeit und sage statt des immer wieder das Argument der
Jaworts: Lass uns doch einfach gute Aufnahmefähigkeit der EU die Run-
Freunde sein“. de. Die türkischen Unterhändler las-
„Wir werden darüber nicht disku- sen ihre Kollegen aus Europa ziem-
tieren“, sagt Erdoğan bei der ge- lich offen wissen, dass sie das Argu-

AXEL SCHMIDT / ACTION PRESS


meinsamen Pressekonferenz mit ment für vorgeschoben halten. „Ihr
Merkel. Sie erwidert, die CDU wol- wollt uns nicht, weil wir Muslime
le die Tür für die Türkei nicht zu- sind“, lautet ihr Vorwurf.
schlagen. „Aber eine Vollmitglied- Der türkische Reformeifer lässt
schaft in der EU sehen wir kritisch.“ bald nach. Erdoğan sieht wenig An-
Abends im Hotel rückt Merkel reiz, Bedingungen zu erfüllen, die
noch weiter von ihrem einstigen Premier Erdoğan, Kanzler Schröder* von der EU in den verschiedenen
Mentor Kohl ab. Er habe Verspre- „Europäer des Jahres“ Verhandlungskapiteln aufgestellt
chungen gemacht, deren Umset- werden.
zung er nicht mehr als Kanzler erleben der ehemalige türkische Diplomat Sinan Im Februar 2007 besucht der damalige
müsse. Das sei bei ihr möglicherweise an- Ülgen. Dutzende Journalisten aus seiner stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzen-
ders. Außerdem habe bei Kohl vielleicht Heimat hätten sich im Presseraum versam- de Andreas Schockenhoff die Türkei. Dort
auch die Tatsache eine Rolle gespielt, dass melt, um einem vermeintlich historischen fragt er den türkischen Koordinator für die
er eine türkische Schwiegertochter habe Moment beizuwohnen. EU-Beitrittsverhandlungen Ali Babacan,
und altersmilde geworden sei. Ülgen ist schon damals skeptisch. Denn warum seine Regierung nicht die von der
Erdoğan, sagt Merkel, sei ein „harter die Türkeigegner haben ein Einfallstor ge- EU geforderten Benchmarks erfülle. Ba-
Knochen“. Trotzdem hält sie die Situation funden, den Prozess zu sabotieren. Die bacans Antwort bringt den Widerspruch,
für lösbar: „Wenn Erdoğan und ich etwas Verhandlungen sollten, heißt es im Gipfel- in den sich die CDU mit Merkel in der Tür-
aushandeln müssten, wir würden schon et- dokument, „ergebnisoffen“ geführt wer- keifrage verwickelt hat, auf den Punkt:
was Schönes hinkriegen“, sagt sie. den. Es ist eine Formulierung, die ein Jahr „Wissen Sie, wenn wir die Benchmarks er-
Erdoğan dagegen glaubt nicht, dass Mer- zuvor Erweiterungskommissar Verheugen füllen, dann nehmen wir für unser Land
kel Kanzlerin wird. Der Premier habe die handschriftlich in seinen Fortschrittsbericht Belastungen in Kauf, ohne eine Garantie
CDU-Chefin unterschätzt, erinnert sich eingefügt hat, damit auch die Skeptiker zu haben, dass wir am Ende wirklich Mit-
später ein türkischer Offizieller: „Erdoğan zustimmen konnten. Das bedeute aber glied der EU werden. Gerade Ihre Partei
konnte sich nicht vorstellen, dass diese nicht, so Verheugen damals, dass am Ende ist dagegen. Wenn Sie mir die Garantie ge-
Frau ein Jahr später seinen Kumpel Ger- des Verhandlungsprozesses ein anderes Er- ben, dass wir aufgenommen werden, er-
hard Schröder als Kanzler ablösen würde.“ gebnis als die Vollmitgliedschaft der Türkei füllen wir die Benchmarks.“
herauskomme. Doch genau darauf haben
6. Die Heuchelei beginnt es die Türkeikritiker angelegt. „Das Schei- 7. Die Türkei kippt
Am 18. September 2005 gewinnt Angela tern der Beitrittsverhandlungen“, sagt Ex- Erdoğan ist kein überzeugter Europäer. Er
Merkel gegen Gerhard Schröder, doch die diplomat Ülgen, „war bereits in dem Ver- glaubt, die EU könne ihm nützlich sein im
alte Regierung ist noch im Amt, als die Ent- tragsentwurf angelegt.“ Machtkampf gegen die alte Staatselite, ge-
scheidung über die Eröffnung der Beitritts- Im Herbst 2005 wird Merkel Kanzlerin. gen das Militär. Unter Beifall aus Brüssel
verhandlungen auf der Tagesordnung steht. Jetzt geraten die Beitrittsbefürworter in verbannt er die Generäle aus der Politik.
30 Stunden verhandeln die europäi- die Defensive. Zwar sagt Merkel, dass sie Mit jedem Wahlsieg aber wird er autoritä-
schen Außenminister am 3. Oktober in Lu- sich als Kanzlerin selbstverständlich an die rer. Er lässt Proteste niederschlagen und
xemburg, am Ende ist der Widerstand der Beschlüsse gebunden fühle, die Schröder Kritiker verhaften, setzt nach und nach is-
österreichischen Chefdiplomatin Ursula in der EU mitverabschiedet hatte. Doch lamische Moralvorstellungen durch. Der
Plassnik gebrochen. Plassnik hatte bis zu- die Europäer verstehen ihre Wahl dennoch Reformer wird zum Patriarchen, aus dem
letzt gefordert, Europa solle der Türkei le- als Signal.  Hoffnungsträger wird ein Risiko. Die Bei-
diglich eine „alternative Bindung“ in Aus- „Das war die entscheidende Weichen- trittskritiker sehen sich bestätigt. Sie glau-
sicht stellen. Doch die anderen EU-Staaten stellung, keine Frage“, erinnert sich ein ben, dass die demokratischen Reformen
setzen sich durch. Nach Mitternacht steht EU-Beamter, der die Verhandlungen über nur dem Ziel dienten, das Land in ein Prä-
fest: Die EU wird Beitrittsgespräche mit Jahre begleitet hat. „Die Lobby war nicht sidialsystem umzuwandeln und Erdoğans
der Türkei aufnehmen. mehr da. Die kritische Masse hatte sich Herrschaft auszuweiten.
Die Stimmung im Luxemburger Amts- Das brutale Vorgehen der türkischen Po-
gebäude sei euphorisch gewesen, erinnert * Bei Verleihung des Quadriga-Preises 2004. lizei gegen Demonstranten im Istanbuler

2013 2015 2016


Juli Juni Oktober März Juli
Erdoğan wird mit einem Empörung über das brutale Vor- EU und Türkei einigen Die EU sichert der Nach einem gescheiterten
proeuropäischen Pro- gehen der türkischen Polizei gegen sich auf Initiative Deutsch- Türkei im Zuge des Putsch geht Erdoğan massiv
gramm wiedergewählt. Demonstranten im Istanbuler Gezi- lands auf einen „Aktions- Flüchtlingsabkom- auch gegen Oppositionelle
In einer Grundsatzrede Park. In der Union droht Fraktions- plan“ zur Eindämmung mens beschleunigte vor. Einzelne EU-Regierungs-
kündigt er ein erhöhtes chef Volker Kauder, die Beitritts- des Flüchtlingsstroms Beitrittsverhand- chefs fordern, die Beitritts-
Reformtempo an. verhandlungen auszusetzen. über die Balkanroute. lungen zu. gespräche abzubrechen.

DER SPIEGEL 5 / 2017 27


Eine Frage der Ehre
Diplomatie Nach Erdoğans Säuberungen beantragen türkische Nato-Militärs in Deutschland Asyl.
Der Fall ist heikel, auch für Kanzlerin Angela Merkel. Von Peter Müller

A
n den Tag, an dem er zum ers- Grund. Türkische Fernsehsender hetzen dachte Karasu, eine Bombe. Doch als er
ten Mal einen Befehl verwei- gegen sie als „Terroristen“ und „Vater- den Fernseher anschaltete, sah er, wie
gerte, kann sich Murat Karasu landsverräter“. türkische Panzer auf Menschen zuroll-
noch gut erinnern. Der Offizier der tür- Entsprechend heikel ist der Fall für ten. „Ich habe so etwas nicht für mög-
kischen Armee hat in den USA studiert die deutsche Diplomatie. Nato-Militärs, lich gehalten“, sagt er. „Ich hatte Angst.“
und Kampfjets geflogen, bereits mehr- die in einem anderen Nato-Land Asyl Karasu versucht, Informationen aus der
mals schickten ihn seine Vorgesetzten beantragen: Die Angelegenheit geht Türkei zu bekommen, zappt durch türki-
auf begehrte Posten bei der Nato, zu- deutlich über die Alltagsfälle von Aus- sche Sender, bis vier Uhr früh hält er
letzt nach Deutschland. Befehl und Ge- länderämtern und Asylbehörden hinaus. mit seinen Vorgesetzten am Nato-Stütz-
horsam gehören zu Karasus Leben wie Zwar gibt es kaum Zweifel, dass die tür- punkt Kontakt. Dann legt er sich kurz
die Liebe zu seinem Land. kischen Militärs in ihrer Heimat kein fai- hin. „Wer auch immer diesen Coup zu
Nachdem Teile des Militärs im Juli res Gerichtsverfahren erwartet, zwei verantworten hat, sollte bestraft wer-
gegen Staatspräsident Recep Tayyip Er- Soldaten wurden kürzlich als vermeint- den“, sagt Karasu. Er selbst will seine
doğan geputscht hatten, ging Karasu liche Putschisten zu lebenslangen Frei- Unschuld beweisen, hat bei einem türki-
weiter seinem Dienst nach, bis ihm An- heitsstrafen verurteilt. Doch das Letzte, schen Militärgericht Eingaben gemacht.
fang September plötzlich sein Vor- was Angela Merkel brauchen kann, ist „Ich werde das bis zum Ende durch-
gesetzter ein Schreiben in die Hand neuer Ärger mit der Türkei. Die Kanzle- fechten, notfalls vor dem Europäischen
drückte: Karasu müsse das Militär ver- rin will, dass der Flüchtlingsdeal funk- Gerichtshof für Menschenrechte.“
lassen, lautete der Befehl, er solle in tioniert. Schon der Streit um die Resolu- Karasus Handy klingelt, die Tochter
die Türkei zurückkehren. tion des Bundestags zum Genozid an fühlt sich nicht wohl, der Vater organi-
„Der Rauswurf kam aus heiterem den Armeniern hat gezeigt, wie aller- siert, dass sie von der Schule abgeholt
Himmel“, sagt Karasu, ein zupackender gisch Erdoğan auf Kritik reagiert. Innen- wird. Schule, Freunde, Karasu will sei-
Mittvierziger, vier Monate später, „zur minister Thomas de Maizière (CDU) nen Kindern das gewohnte Umfeld er-
Begründung gab es kein Wort.“ Karasu kennt das Asylbegehren der türkischen halten, für ihn selbst kann davon aller-
sitzt in einer Konditorei in einer west- Offiziere, hat aber entschieden, sich aus dings keine Rede sein. Karasu hat die
deutschen Kleinstadt. Er sagt: „Ich will der Sache herauszuhalten. Kommende Uniform gegen einen schwarzen Anzug
in Deutschland bleiben.“ Der Mann, Woche will Merkel erneut in die Türkei getauscht, auch sonst ist seit dem
der noch vor Kurzem für Überwachung reisen, gut möglich, dass sie auf die ab- Putschversuch kaum noch etwas wie
und Verteidigung des Nato-Luftraums trünnigen Soldaten angesprochen wird. früher. „Ich konnte erwarten, dass ich
an der Grenze zu Russland zuständig Karasu ist zu Hause bei seiner Familie, in den nächsten Jahren zum General
war, hat in der Bundesrepublik Asyl als ihn am Abend des 15. Juli eine SMS aufsteige“, sagt er. „Jetzt stellen sie
beantragt. aus der Heimat erreicht. „Hast du gese- mich als Verräter hin.“
Karasu, seine Frau und die Kinder hen, was los ist?“ Wieder ein Anschlag, Karasu rätselt, wieso ausgerechnet
sind Opfer von Erdoğans Säuberungen, er und seine Kollegen in das Räderwerk
wie weitere etwa 40 zumeist hochrangi- der Säuberungsaktionen geraten sind.
ge türkische Nato-Soldaten in Deutsch- Inzwischen ist er sicher, dass ihn seine
land. Seit Monaten leben sie mehr oder Karriere im Westen zum Ziel gemacht
weniger unauffällig in der Nähe von hat. „Die Soldaten, die von den Säu-
Nato-Einrichtungen, etwa im nordrhein- berungen betroffen sind, haben eines
westfälischen Geilenkirchen, in Uedem gemeinsam“, sagt er, „wir sind erfolg-
oder in der Gegend um Ramstein in reich, westlich ausgerichtet und stehen
Rheinland-Pfalz. Im Gespräch mit dem für einen säkularen Staat.“
SPIEGEL und dem ARD-Magazin „Re- In der Türkei schüren Politiker und
port Mainz“ suchen sie jetzt erstmals Medien offen Stimmung gegen die Nato
die Öffentlichkeit*. Sie wollen klarstel- und die türkischen Offiziere, Karasu
len, dass sie mit dem Putsch nichts zu glaubt, dass Erdoğan und seine Anhän-
tun haben und dennoch nicht zurück in ger die Bürger auf einen Abschied ihres
ihre Heimat können. „Es geht um unse- Landes aus dem Militärbündnis vorbe-
re Reputation“, sagt Karasu. Er will sei- reiten wollen. In einem Bericht, der in-
ne Ehre verteidigen. zwischen auch das Landeskriminalamt
Die Bedingungen für die Gespräche in Rheinland-Pfalz beschäftigt, be-
sind Gegenstand langer Verhandlungen: schreibt ein türkischer Reporter des
Karasu und sein Kollege wollen ihre Fernsehmagazins „Yaz Boz“ den Nato-
echten Namen nicht nennen und ihr Ge- Stützpunkt in Ramstein als sicheren Ha-
sicht bei den Film- und Fotoaufnahmen fen für „Terroristen“ und sagt, ohne je-
nicht zeigen. Die Verabredungen finden den Beleg: „In jener Nacht haben sie
in Cafés statt und im Funkhaus. Die hier den Putschversuch gesteuert.“ Die
Soldaten fürchten sich vor Attacken der Kamera zieht an faden Doppelhaushälf-
Anhänger Erdoğans – nicht ohne ten im benachbarten Weiler Macken-
Geschasste Nato-Soldaten bach vorbei, im türkischen Fernsehen
* Sendetermin: 31. Januar, 21.45 Uhr, ARD. „Wir stehen vor dem Nichts“ avanciert die 2000-Seelen-Gemeinde

28 DER SPIEGEL 5 / 2017


Deutschland

zum Epizentrum des Aufstands gegen


Erdoğan. Hier lebten die Putschisten
„weiterhin in überaus luxuriösen Vil- Gezi-Park sorgt im Früh-
len“, sagt der Reporter. sommer 2013 europaweit für
Karasu empfindet Sendungen wie Empörung. Unionsfraktions-
diese wie einen Aufruf zur Lynchjustiz. chef Volker Kauder fordert,
Der Diplomatenpass, den er noch im- die EU-Beitrittsverhandlun-
mer bei sich trägt, bietet keinen Schutz gen auszusetzen.
mehr. Stattdessen zückt er ein dünnes Für Merkel steht die Tür-
Papier, das nun zwischen ihm und der kei in diesen Jahren sehr

SELAHATTIN SEVI / SIPA / ACTION PRESS


Auslieferung in die Türkei steht, die so- weit unten auf der Tagesord-
genannte Aufenthaltsgestattung zur nung. Da die Verhandlun-
Durchführung eines Asylverfahrens. gen inzwischen kaum noch
„Wenn ich in die Türkei zurückgehe, vorankommen, lässt sich die
riskiere ich, verhaftet und womöglich türkische Frage bequem auf
gefoltert zu werden“, sagt er. Die Woh- die lange Bank schieben.
nung seiner über 70-jährigen Eltern Warum soll sie sich mit
wurde bereits durchsucht, die Polizis- einem Problem beschäfti-
ten hofften, Karasu zu finden. gen, das wahrscheinlich erst Putschendes Militär in Istanbul 2016
So klar der Fall scheint, auf einen in vielen Jahren akut wird? „Ein halbes Jahrhundert lang hingehalten“
Bescheid über ihren Asylantrag warten Sie lässt die Sache laufen.
die Offiziere bislang vergebens. „Das Gleichzeitig versucht Merkel, Ankara Als Gegenleistung für die Rücknahme
wird an höherer Ebene entschieden“, so wenig wie möglich zu provozieren. von Flüchtlingen fordert Ankara unter an-
ließ sie ein Sachbearbeiter des Bundes- Irgendwann verschwindet die „privilegier- derem die Eröffnung neuer Beitrittskapi-
amts für Migration und Flüchtlinge te Partnerschaft“ aus ihrem aktiven Wort- tel. Erdoğan will die EU unter Druck set-
(Bamf) wissen. Bundesinnenministe- schatz. Sie wisse, sagt sie einmal, dass zen. Doch in Wahrheit ist es zu spät. Nach
rium und Bamf betonen, es gebe keine der Begriff bei den Türken nicht auf dem Putschversuch im Sommer baut der
Sonderbehandlung für die Anträge der Gegenliebe stoße, deshalb werde sie ihn Präsident das Land in einen autoritären
Nato-Soldaten. Im kleinen Kreis aber nicht mehr verwenden. Es ist wie mit dem Staat um.
räumen Spitzenbeamte ein, dass man Satz: „Wir schaffen das.“
die Sache erst mal eine Zeit lang ruhen Doch Merkel unterschätzt die Bedeu- Epilog
ließ, in der Hoffnung, die Lage in der tung der Türkei, ihre strategische Schlüssel- Es ist zu einfach, die Entwicklung, die die
Türkei werde sich beruhigen und die lage für Europa. „Es hätte nahegelegen, Türkei in den vergangenen Jahren genom-
Angelegenheit von selbst lösen. die Beziehungen zur Türkei nicht wie die men hat, allein Erdoğan anzukreiden.
Nun aber scheint eine schnelle Rück- Beziehungen zu Südkorea zu betrachten“, Nicht nur die Beitrittsbefürworter in der
kehr des Rechtsstaats ausgeschlossen, sagt Beitrittsbefürworter Polenz. SPD, auch die nachdenklicheren Köpfe in
und der Druck, die Fälle zu entschei- Für den fragilen Demokratieprozess in der CDU geben der EU eine Mitschuld.
den, steigt. „Deutschland darf nicht der Türkei haben die halbherzigen Bei- Europa habe den Reformprozess in der
zum Handlanger Erdoğans im Kampf trittsgespräche fatale Folgen. Gerade libe- Türkei von der Tribüne aus betrachtet wie
gegen seine Kritiker werden“, sagt die rale Türken sind frustriert von der Hinhal- Zuschauer, die gefragt werden: Daumen
Bundestagsabgeordnete der Linken tetaktik Brüssels. Doch Erdoğan benutzt hoch oder Daumen runter? „Das war zu
Sevim Dagdelen. „Es gibt keinen Zwei- die EU für seine Sache, er hat auch nichts wenig“, kritisiert Polenz.
fel, dass wir diese Soldaten nicht in zu befürchten. Er weiß, dass er am länge- Noch härter geht Volker Rühe mit der
die Türkei zurückschicken können“, ren Hebel sitzt. Angela Merkel wird das Kanzlerin ins Gericht. Merkels Türkei-
sagt der CSU-Innenpolitiker Stephan noch lernen. politik sei unehrlich gewesen. „Als Kanz-
Mayer. „Sie würden dort sofort im lerin hat sie gesagt, wir verhandeln er-
Gefängnis landen.“ Auch der Chef des 8. Merkel entdeckt die Türkei gebnisoffen, als Parteivorsitzende wollte
Auswärtigen Ausschusses, Norbert Es ist die Art von Selbstinszenierung, die sie die ‚privilegierte Partnerschaft‘“, so
Röttgen (CDU), findet diplomatische Merkel hasst: Blattgold an den Wänden, Rühe.
Rücksichtnahme in diesem Fall fehl am kristallglitzernde Kronleuchter, das ganze Man wird nie wissen, ob die Türkei sich
Platz. „Das Asylverfahren ist rein Treffen in einem ehemaligen Sultanspalast anders entwickelt hätte, wenn die EU ehr-
rechtlich, politische Erwägungen dür- in Istanbul ist darauf angelegt zu zeigen, lich einen Beitritt angestrebt hätte. „Ich
fen dabei keine Rolle spielen und wer- wer der Herr im Haus ist und wer als Bitt- bin davon überzeugt“, sagt Rühe. Auch
den es auch nicht.“ steller kommt. Das ist die Rolle, die Er- Polenz kritisiert, dass Europa es versäumt
Die Unsicherheit nagt an den Offi- doğan an diesem 18. Oktober 2015 dem hat, der Türkei eine glaubwürdige Beitritts-
zieren, seit September erhalten sie kei- Gast aus Deutschland zugedacht hat. An- perspektive zu eröffnen. „Das hat die de-
nen Sold mehr und leben vom Erspar- gela Merkel hieß die Flüchtlinge willkom- mokratischen Reformen in der Türkei ge-
ten. Die Nachbarn versuchen zu hel- men, und jetzt braucht sie die Türkei, um schwächt. Es ist eine vertane Chance.“
fen. Nach Karasus Rauswurf klingeln den Flüchtlingsstrom einzudämmen. Die Selbst Erdoğan-Kritiker Can Dündar
sie, sie haben einen Laib Brot unter Rollen haben sich umgekehrt. Jetzt ist die macht den türkischen Präsidenten nicht
dem Arm. „Sie dachten, dass wir uns deutsche Kanzlerin die verschmähte Braut. für alles verantwortlich, was in der Türkei
nichts mehr zu essen leisten können“, Merkel ist das schmerzlich bewusst. Fi- derzeit schiefgeht. „Europa trägt eine Mit-
sagt Karasu. Seine Frau weinte, das gut nanzminister Schäuble hat ihr kurz zuvor schuld am Niedergang der Demokratie in
gemeinte Geschenk wurde zum Sym- gesagt, sie werde die Flüchtlingskrise nur der Türkei“, sagt Dündar. „Die EU hat die
bol des Absturzes. „Wir stehen vor durch einen Deal mit Erdoğan in den Griff Türkei ein halbes Jahrhundert lang hinge-
dem Nichts“, sagt Karasu. „Glauben bekommen. Merkel hatte das zunächst zu- halten. Sie hat es versäumt, das Land an
Sie mir, ich habe keine Sympathien für rückgewiesen. Sie wolle sich nicht von Er- sich zu binden. Jetzt ist es zu spät.“
die Putschisten.“ doğan abhängig machen. Doch am Ende Christiane Hoffmann, Peter Müller, Ralf Neukirch,
sieht auch sie keine Alternative. Maximilian Popp, Christoph Schult

DER SPIEGEL 5 / 2017 29


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Deutschland

„Wir wären vom Hof gejagt worden“


SPIEGEL-Gespräch Bundesinnenminister Thomas de Maizière, 63, über die Fehlerkette im Fall Amri
und die Frage, wer dafür die politische Verantwortung trägt

SPIEGEL: Herr Minister, der Attentäter von umfassend und würde das auch im Fall mehr als 500 Gefährder in Deutschland
Berlin war mit mindestens neun Identitäten eines Untersuchungsausschusses tun. Aber liegt nach unserem Recht bei den Ländern,
in Deutschland unterwegs und dealte mit meinem Verständnis von Verantwortung nicht beim Bundeskriminalamt. Ich bin der
Drogen. Er hatte Kontakte zu Islamisten, als Bundesinnenminister entspricht es Auffassung, dass wir hier in Zukunft ins-
er prahlte damit, einen Anschlag verüben nicht, dass wir uns nun gegenseitig den gesamt mehr Verbindlichkeit brauchen.
zu wollen. All das geschah unter den Augen Schwarzen Peter zuschieben. Wir haben SPIEGEL: Es gibt im GTAZ ein Strukturpro-
der Sicherheitsbehörden. Können Sie ver- es hier mit einer gemeinsam geteilten blem: Verfassungsschutz und Polizei haben
stehen, dass ein normaler Bürger sagt: Wenn Verantwortung zu tun. Und da sollte jeder unterschiedliche Herangehensweisen im
einer wie Anis Amri durchs Netz schlüpft, seine Hausaufgaben erledigen. Umgang mit Gefährdern. Die einen wollen
dann kann jeder durchs Netz schlüpfen? SPIEGEL: Nach der Silvesternacht 2015, als diese beobachten, die anderen wollen sie
De Maizière: Selbstverständlich kann ich in Köln Nordafrikaner massenhaft Frauen schnell aus dem Verkehr ziehen.
diese absolut berechtigten Fragen der begrapschten, dauerte es nur eine Woche, De Maizière: Das ist kein Problem, sondern
Bürger sehr gut verstehen. Aber man muss bis der Polizeipräsident seinen Job los war. absolut sinnvoll. Natürlich haben Verfas-
dazu Folgendes wissen: Die wesentlichen Die Begründung: Das Vertrauen der Öf- sungsschutzbehörden die Tendenz, eher
Hinweise auf Anis Amri kamen von einer fentlichkeit müsse wiederhergestellt wer- länger zu beobachten, während die Polizei
Vertrauensperson der nordrhein-westfäli- den. Haben Sie seit dem Anschlag in Ber- möglichst früh zugreifen will. Beides aus
schen Polizei aus der Islamistenszene. Die lin schon mal über Rücktritt nachgedacht, guten Gründen. Je länger ich beobachten
Sicherheitsbehörden fanden für diese In- um das Vertrauen wiederherzustellen? kann, umso mehr kann ich Netzwerke auf-
formationen, obwohl sie erheblichen Auf- De Maizière: Wann ich über politische Ver- klären. Je früher ich zugreife, umso eher
wand betrieben, keine Beweise. Das heißt, antwortung nachdenke, das überlassen Sie verhindere ich eine Tat. Aber ein zu früher
für die Prognose der Gefährlichkeit gab es mal mir. Es gibt in den Medien immer ein Zugriff kann es auch erschweren, Straf-
zwar Hinweise, aber eben keine belastba- Bedürfnis, einen Schuldigen zu präsentieren. taten zu beweisen. Es ist ein ungeheurer
ren Fakten. Das machte es schwer, ihn we- Aber das ist mir zu bequem, und es dient Vorteil, dass diese beiden Blickpunkte im
gen Terrorgefahr festzunehmen. Aber es GTAZ aufeinandertreffen und man dann
lagen zu einem späteren Zeitpunkt durch-
aus genügend sonstige Anhaltspunkte da-
„Die Fußfessel für zu einer gemeinsamen Gefahreneinschät-
zung kommt. Die allerdings ist – und das
für vor, ihn in Abschiebehaft zu nehmen. Gefährder ist kein All- ist das Problem – nicht verbindlich. Das
SPIEGEL: Wer hätte das tun müssen?
De Maizière: Das für den Vollzug des Aus-
heilmittel, klar. Aber zuständige Bundesland kann daraus ma-
chen, was es für richtig hält.
länderrechts zuständige Land. sie kann eine Hilfe sein.“ SPIEGEL: Deswegen wollen Sie die Länder
SPIEGEL: Also Nordrhein-Westfalen. Der nun entmachten?
dortige SPD-Innenminister Ralf Jäger hat auch nicht der Sicherheit Deutschlands. Die De Maizière: Nein. Es geht bei meinen Vor-
gesagt, die Behörden seien im Fall Amri Bevölkerung erwartet, dass wir alles Men- schlägen überhaupt nicht darum, irgend-
an die Grenzen des Rechtsstaats gegangen. schenmögliche tun, um zu verhindern, dass jemanden zu entmachten. Aber wir brau-
Diese Auffassung teilen Sie nicht? sich solch ein Anschlag wiederholt. Und da chen verbindliche und möglichst einheit-
De Maizière: Im Oktober 2016 hat Tunesien stehen wir alle gemeinsam in der Verant- liche Regeln darüber, wie intensiv jemand
einem Verbindungsbeamten des BKA mit- wortung. Und das schafft Vertrauen. überwacht wird, den die Behörden als Ge-
geteilt, dass Amri sein Staatsbürger ist. SPIEGEL: Im Gemeinsamen Terrorabwehr- fährder erkannt haben. Es kann nicht sein,
Spätestens da hätte auf Basis des geltenden zentrum GTAZ in Berlin sitzen alle wich- dass das eine Bundesland einen bestimm-
Rechts ein Antrag auf Abschiebehaft gute tigen Sicherheitsbehörden an einem Tisch. ten Gefährder rund um die Uhr observiert
Erfolgsaussichten gehabt. Aber es geht mir Der Fall Amri war dort rund ein Dutzend und ein anderes bei derselben oder einer
nicht um einen Blick in die Vergangenheit Mal Thema. Warum hat niemand entschie- vergleichbar gefährlichen Person nur das
und um Schuldzuweisungen. Es geht mir den, ihn aus dem Verkehr zu ziehen? Telefon überwacht. Es darf hier keine Zo-
als Erstes darum, den Sachverhalt um- De Maizière: Das Gemeinsame Terrorab- nen unterschiedlicher Sicherheit geben.
fassend aufzuklären. Dazu haben der Jus- wehrzentrum ist eine sehr wichtige Ein- SPIEGEL: Lag der Fall Amri vor dem An-
tizminister und ich eine Chronologie des richtung. Dort wurde etwas geschaffen, schlag mal bei Ihnen auf dem Schreibtisch?
Behördenhandelns unter Beteiligung der was es vorher nicht gab: Die Informatio- De Maizière: Nein. Das ist auch richtig so.
betroffenen Länder veröffentlicht. Mehr nen von 40 Behörden werden ausgetauscht, Der Innenminister ist nicht der beste Poli-
Transparenz geht wohl kaum. Und dann auch zwischen Polizei und Nachrichten- zist des Landes.
geht es darum, die richtigen Konsequenzen diensten. Aber bei der Gründung 2004 ist SPIEGEL: Es gibt aber doch den Paragrafen
für die Zukunft zu ziehen. peinlich darauf geachtet worden, dass es 58a im Aufenthaltsgesetz: Der gibt dem
SPIEGEL: Zur Demokratie gehört es auch, bei den bisherigen Zuständigkeiten bleibt. Innenminister in besonderen Fällen die
dass nach Pannen die Frage gestellt wird, Die Vorstellung, dass da einer zur Gefah- Möglichkeit, direkt eine Abschiebung an-
wer die politische Verantwortung trägt. renabwehr durchgreifen und eine Entschei- zuordnen. Dazu müssten Sie von diesen
De Maizière: Es gehört zur Aufgabe der Me- dung mit Wirkung für alle treffen kann, Fällen aber auch erfahren.
dien, diese Frage zu stellen. Ich sehe auch entspricht nicht der gegenwärtigen föde- De Maizière: Dieser Paragraf ist bisher so
mit Respekt, dass der Deutsche Bundestag ralen Sicherheitsarchitektur unseres Lan- gut wie nie angewendet worden. Deswe-
die Aufarbeitung vorantreibt, und selbst- des und daher auch nicht der Konstruktion gen senken der Justizminister und ich mit
verständlich unterstütze ich diese Arbeit des GTAZ. Die Verantwortung für die unserem Vorschlag nun die Hürden für die
32 DER SPIEGEL 5 / 2017
Abschiebehaft, auch wenn keine terroris-
tische Gefahr vorliegt.
SPIEGEL: Wieso hat man es denn im Fall
von Amri nicht einfach mal probiert, den
Paragrafen 58a anzuwenden?
De Maizière: Weil die nachweisbaren Tatsa-
chen dafür nicht ausgereicht haben. Wenn
Sie jemanden ein halbes Jahr überwachen,
aber nicht nachweisen können, dass er sich
wirklich Waffen besorgt und einen An-
schlag vorbereitet, dann ist das kein Fall
für den Paragrafen 58a. Aber nochmals: Es
hätte wohl andere Möglichkeiten gegeben.
SPIEGEL: Überwachung ist in diesem Fall
ein großes Wort. Tatsächlich haben ihn die
Behörden nur lückenhaft observiert.
De Maizière: Deswegen müssen wir die
Überwachungsmaßnahmen anders regeln
als bislang. Und zwar für alle verbindlich
im Bund und in den Ländern.
SPIEGEL: Wo wollen Sie das ganze Personal
hernehmen?
De Maizière: Zunächst mal haben wir in
dieser Legislaturperiode die Sicherheitsbe-
hörden im Bund in einem Maße personell
verstärkt wie nie zuvor. Mein Kabinetts-
kollege Heiko Maas und ich haben außer-
dem vorgeschlagen, dass Gefährdern leich-
ter eine Fußfessel angelegt werden kann.
Die Fußfessel ist kein Allheilmittel, klar.
Aber wenn einer dadurch, dass er ständig
den Wohnort wechselt, von der Bildfläche
zu verschwinden droht, dann ist die Fuß-
fessel eine Hilfe. Dann lassen sich auch
schneller Fahndungsmaßnahmen gegen
solche gefährlichen Menschen einleiten.
SPIEGEL: Im Terrorabwehrzentrum sind die
Beamten zu dem Ergebnis gekommen,
dass Amri wahrscheinlich keinen Anschlag
plane. War das der entscheidende Fehler?
De Maizière: Pathologen sind immer die
besten Ärzte, weil sie hinterher genau wis-
sen, was geschehen ist. Versetzen Sie sich
doch mal in die Lage derer, die Gefahren
prognostizieren sollen. Hier hatten sie ei-
nerseits belastende Aussagen von einem
Hinweisgeber und andererseits Ergebnisse
der Überwachung, die keinen Beleg für
diese Aussagen erbracht haben.
SPIEGEL: Aber Amri hatte ja offenkundig
Kontakte zu einschlägigen Salafisten.
De Maizière: Was meinen Sie, wie viele Leu-
te Kontakt zu Salafisten haben? Wir haben
rund 9000 Salafisten in Deutschland.
SPIEGEL: Sind die alle gefährlich?
De Maizière: Fast alle radikalen Islamisten
in Deutschland kommen aus dem Kreis
der Salafisten. Aber niemand kann ernst-
HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

haft behaupten, dass 9000 Salafisten pla-


nen, einen Anschlag zu begehen. Es ist
schon ein bisschen komplizierter.
SPIEGEL: Im Fall Amri sind Fehler gemacht
worden, das ist unstrittig.
De Maizière: Die Sicherheitsbehörden haben
einige Anschläge im vergangenen Jahr ver-
hindert. Das waren dieselben Beamten, die
CDU-Politiker de Maizière: „Die Medien wollen immer einen Schuldigen präsentieren“ jetzt im Fall Amri zu einem anderen Ergeb-
DER SPIEGEL 5 / 2017 33
Deutschland

nis gekommen sind. Sie müssen in jedem SPIEGEL: In einem Forderungskatalog für
Einzelfall rechtsstaatlich sauber und behut- einen „starken Staat in schwierigen Zei-
sam vorgehen: Verhaften Sie jemanden, der ten“ verlangen Sie eine Zentralisierung
gar nichts Böses im Schilde führt, radika- der Sicherheitsbehörden. Wie wollen
lisiert er sich dann womöglich wegen der Sie die Länder überzeugen, auf ihre ei-
Verhaftung? Oder Sie setzen jemanden fest, genen Verfassungsschutzämter zu ver-
der dann alle Kontakte zu seinem Netzwerk zichten?
abbricht, sodass Sie ihn nicht mehr beob- De Maizière: Ich glaube, dass wir aus
achten können. Vorsicht bitte bei leichtfer- Fehlern lernen sollten. Und der Fall Amri
tigen Bewertungen im Nachhinein. hat gezeigt, dass wir den Aufbau unserer
SPIEGEL: Sie waren immer der Ansicht, Sicherheitsbehörden ändern müssen. Auch
Angela Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr der jetzt vorliegende Untersuchungsbe-
2015 habe die Terrorgefahr nicht erhöht. richt im Fall Jaber Albakr enthält genug
Bleiben Sie dabei? Material, um diese These zu stützen.
De Maizière: Ja. Wir hatten vorher eine Ter- SPIEGEL: Es war immer auch Aufgabe des
rorgefahr, wir haben jetzt eine Terrorge- Innenministers, den rechten demokrati-
fahr und werden sie in Zukunft haben. Wir schen Rand an die Union zu binden. Ma-
haben zwar auch unter den Flüchtlingen chen Sie es sich zum Vorwurf, dass die
terroristische Gefährder, die eingeschleust AfD so stark geworden ist?
worden sind, aber Anis Amri gehörte nicht
dazu. Er ist vor dem Herbst 2015 eingereist.
Zu glauben, dass die terroristische Gefahr
beseitigt wäre, wenn wir keine Flüchtlinge
hätten, ist naiv. Nur ein Beispiel: Von den

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL


mehr als 150 Gefährdern und sogenannten
relevanten Personen, die ausreisepflichtig
sind, sind 6 ab dem Jahr 2015 eingereist,
wie über 150 in den Jahren zuvor.
an n, wo, ir SPIEGEL: Aber Amri hätte sich nicht unter
W :W
ie w ollen a! etlichen Identitäten registrieren können,
S d wenn die Behörden im Herbst 2015 nicht
ür Sie
sind f so überfordert gewesen wären.
De Maizière: Da muss ich widersprechen. De Maizière, SPIEGEL-Redakteure*
Selbst tipptopp funktionierende Behörden „Der beste Weg, die AfD kleinzuhalten“
der Länder und des Bundes wären im Juli
2015 nicht imstande gewesen, verschiedene De Maizière: Der Beginn der AfD war die
Identitäten rauszukriegen. Warum? Weil Debatte um den Euro, nicht um Sicherheit.
es rechtlich und technisch unmöglich war, Wir haben es mit einem Erstarken des
Jeder Mensch hat etwas, einen Datenabgleich zu machen. Und Populismus in ganz Europa zu tun. Und
wenn ich oder meine Vorgänger einen dabei spielt die Sehnsucht nach nationalen
das ihn antreibt. solchen Vorschlag zu dieser Zeit gemacht und einfachen Lösungen auch angesichts
hätten, wären wir wegen Verstoßes gegen von Flüchtlings- und Terrorkrise eine Rolle,
Wir machen den Weg frei. den Datenschutz vom Hof gejagt worden. keine Frage. Die AfD weist nur auf Pro-
Erst die Krise hat ermöglicht, ein zentrales bleme hin. Wir arbeiten an Lösungen. Wir
Datensystem zur Registrierung von Flücht- machen das, was wir für richtig halten, und
lingen aufzubauen, durch das heute auch wir versuchen, dafür Mehrheiten zu ge-
mehrere Identitäten zweifelsfrei ein und winnen. Das ist der beste Weg, um die
demselben Menschen über die Fingerab- AfD kleinzuhalten.
drücke zugeordnet werden können. SPIEGEL: Der AfD-Politiker Björn Höcke
SPIEGEL: Im Herbst 2015 haben maßgeb- hat gerade eine eindeutig rechtsradikale
liche Herren aus den Sicherheitsbehörden Rede gehalten. Sollte nicht der Verfas-
gewarnt: Jeden Tag kommen Tausende sungsschutz ein Auge auf die AfD werfen?
Menschen ins Land, wir können die nicht De Maizière: Die AfD als Ganzes ist kein
alle kontrollieren, und das stellt für Beobachtungsobjekt des Bundesamts. Das
Online-Banking
Deutschland ein Sicherheitsrisiko dar. schließt nicht aus, wenn sich einzelne Per-
Nehmen Sie Ihre Bank mit, wohin Sie Amri hat dafür den Beweis geliefert. sonen verfassungsfeindlich verhalten, dass
wollen: Mit unserem Online-Banking De Maizière: Dass unter Flüchtlingen auch sie dann auch Gegenstand von Beobach-
erledigen Sie Überweisungen, Dauerauf- Straftäter sind, ist klar. Flüchtlinge sind tungen sein können. Im Übrigen wohnt
träge oder Lastschriften im Blumenladen, weder alle Heilige noch alle Sünder. Übri- Herr Höcke in Thüringen. Dort gibt es ein
schließen Finanzprodukte bequem auf gens waren sich die Sicherheitsbehörden Landesamt für Verfassungsschutz.
der Couch ab oder überprüfen Ihre zuvor lange einig, dass der sogenannte SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen
Finanzen einfach vor dem Schlafengehen. „Islamische Staat“ es gar nicht nötig hat, für dieses Gespräch.
Mehr auf vr.de/immer-ueberall Terroristen auf gefährlichem Wege nach
Europa zu schleusen. Video: Thomas de Maizières
politische Karriere
* Jörg Schindler, René Pfister und Wolf Wiedmann- spiegel.de/sp052017demaiziere
Schmidt in Berlin. oder in der App DER SPIEGEL

34 DER SPIEGEL 5 / 2017


Ford Lease Gewerbe-Offensive

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entnehmen Sie bitte unserer ausführlichen Produktbeschreibung. Diese erhalten Sie bei allen teilnehmenden Ford Partnern. 2 Ford Lease ist ein Angebot der ALD AutoLeasing D GmbH, Nedderfeld
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Trend mit 1,5-l-TDCi-Motor, 2x4-Frontantrieb, 88 kW (120 PS), 6-Gang-Schaltgetriebe, inklusive Metallic-Lackierung, ohne Leasing-Sonderzahlung, bei 36 Monaten Laufzeit und 30.000 km
Gesamtlaufleistung. Leasingrate auf Basis einer UPE von € 23.659,66 netto (€ 28.155,- brutto), zzgl. Überführungskosten.
THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL
Politikwissenschaftler Butterwegge: Als wäre er nicht mehr er selbst

83 Tage
Karrieren Der Armutsforscher Christoph Butterwegge ist der Kandidat der Linken für das Amt
des Bundespräsidenten. Die Kandidatur ist sein letztes Aufbäumen gegen die SPD.

B
eim Jahresauftakt der Europäischen Bundestag, dass er morgens auf dem Klo fand er die Kopie eines Briefs, den er 1999
Linken sitzt Christoph Butterwegge gern Kreuzworträtsel löse, da habe er dann an „Bundeskanzler Gerhard Schröder –
ratlos in der zweiten Reihe. Eine spa- gleich „zwei Erfolgserlebnisse“. Aus So- persönlich –“ geschickt hatte. Da steht:
nische Kommunistin zitiert auf der Bühne dann, dem etwas exzentrischen „Tatort“- „Du hast mir im Juli – wie allen SPD-Mit-
im Berliner „Kosmos“ Che Guevara, ein Kommissar, wurde eine verspottete Figur. gliedern – einen Brief mit der Bitte ge-
kurdischer Liedermacher singt Protestlie- Mit Christoph Butterwegge will die Partei schrieben, die Regierungspolitik zu unter-
der, ein Kabarettist tritt als Joachim Gauck auf Nummer sicher gehen. Er ist emeritier- stützen. Leider sehe ich mich dazu derzeit
auf, der sich in Adolf Hitler verwandelt. ter Professor und der bekannteste Armuts- außerstande.“ Butterwegge war 1987 in
Als Butterwegge die Bühne betritt, be- forscher Deutschlands. Die 83 Tage bis zur die SPD eingetreten und trat wegen
grüßt ihn der Moderator als den „nächsten Präsidentenwahl will er nutzen, um für sei- Schröder, der der „Genosse der Bosse“
Bundespräsidenten“. Der Saal lacht, als ne Themen zu werben. Er wisse schon, dass wurde, 2005 wieder aus.
sei das der größte Gag des Nachmittags. danach seine Zeit als seriöser Armutsfor- Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.
Butterwegge sagt dann ein paar Worte, die scher vorbei sei, sagt Butterwegge. Dass er Butterwegge war schon einmal SPD-Mit-
seltsam ernst klingen, er spricht von der für immer der Kandidat der Linken bleiben glied. In den Siebzigern wurde er aus der
Spaltung der Gesellschaft. Später wird er werde, eine etwas merkwürdige Gestalt. Partei geworfen, weil er zu links war. Er
sagen, er habe sich dort schon ein bisschen Warum macht er es dann? hat danach ein Buch geschrieben: „Partei-
fremd gefühlt, aber was soll’s. Das gehe Der Buchhändlerkeller in Berlin. But- ordnungsverfahren in der SPD“. Auf dem
ihm gerade häufiger so. terwegge soll gleich das Buch „Kein Wohl- Cover war eine Pistole abgebildet, die auf
Christoph Butterwegge ist der Bundes- stand für alle!?“ vorstellen. Drei Viertel einen Kopf zielt. Ein Mord.
präsidentenkandidat der Linken. Er ist der der 83 Tage sind vorbei, in drei Wochen In einem schwäbischen Restaurant in
Gegner Frank-Walter Steinmeiers, des wird gewählt. Der Raum ist voll mit Men- Köln erzählt Christoph Butterwegge vom
Kandidaten, den fast alle anderen unter- schen, die mit kleiner Schrift beinah jedes Leben nach dem politischen Tod mit 24
stützen wollen: CDU, CSU, SPD, die Mehr- Wort mitschreiben. Sie nicken, wenn But- Jahren. Er wirkt nicht wie ein Mann, der
heit der Grünen und die FDP. Butterwegge terwegge sagt: „Die Reichen werden im- gern übertreibt, er benutzt oft das Wort
ist der Mann, der für die Linke zeigen soll: mer reicher, und die Armen immer zahl- vielleicht. Wenn er gar nichts sagen will,
Wir machen eure Einheitssoße nicht mit. reicher.“ Butterwegge präsentiert ihnen sagt er: „Das weiß ich nicht.“
Den Kandidaten der vergangenen Jahre auch einen Schuldigen: „Die SPD hat mit Eines weiß Butterwegge aber ganz ge-
hat es wenig Glück gebracht, für die Linke ihrer Agenda massiv den Umbau und Ab- nau: Das Jahr 1975 hat über sein Leben
anzutreten. Die Journalistin Beate Klars- bau des Sozialstaates vorangetrieben.“ entschieden. Alles wäre anders gekommen,
feld wurde zur „Stasikandidatin“. Der Vor zwei Jahren starb Butterwegges wenn ihn die SPD damals nicht ausge-
Schauspieler Peter Sodann scherzte im Mutter. Als er ihren Keller aufräumte, schlossen hätte. Butterwegge sagt, andere
36 DER SPIEGEL 5 / 2017
Deutschland

hätten ihm gesagt, er sei damals eines der Manches von dem, was er jetzt über sich Antwort. Wie viele Politiker gehört er
größten Talente der SPD gewesen. Er wäre lesen müsse, sei auch ein bisschen ernüch- nicht mehr nur sich selbst.
mit Ende zwanzig wohl in den Bundestag ternd, sagt Butterwegge. Neulich stellte er Die Linke hat Autogrammkarten für ihn
gekommen. Er hätte eine Karriere als sich bei den Grünen vor. Danach stand in drucken lassen. Man sieht ihn, wie er sich
Politiker gemacht. „Mein Leben wäre viel- der Zeitung, dass Butterwegge wenig Über- lachend an einen Baum lehnt. Er gefällt
leicht analog zu dem von Schröder und raschendes gesagt habe. sich auf dem Bild, aber es kommt ihm be-
anderen SPD-Funktionären verlaufen“, Überraschendes? Was soll er denn Über- arbeitet vor. Als wäre er darauf nicht mehr
sagt Butterwegge. raschendes sagen? Warum soll er über- er selbst.
Sein Leben verlief dann so: Er wurde Po- haupt etwas anderes sagen als das, was er Butterwegge sagt, vielleicht habe Schrö-
litikwissenschaftler, sein Spezialgebiet die schon immer geglaubt und gesagt hat? Soll der es auch schwer gehabt. Er sagt: „Wenn
Armut. Er wurde zu jemandem, der bei je- er sich jetzt widersprechen? Sich neu er- man immer in der Öffentlichkeit steht,
der Gelegenheit sagt, was Hartz IV Deutsch- finden? Reicht es nicht zu sein, wer er ist? wenn alle was von einem wollen, wenn
land angetan hat. Zu jemandem, der Politik Man muss sich oft ein bisschen vorbeu- man irgendwann mit Dirk Rossmann per-
kommentiert, statt sie zu machen. gen, wenn man sich mit Christoph Butter- sönlich Tennis und mit anderen Groß-
„Wollen Sie sich mit der Kandidatur ge- wegge unterhält. Er spricht sehr leise. unternehmern Golf spielt, ändern sich
gen einen SPD-Kandidaten auch ein biss- leicht auch die Grundüberzeugungen.“
chen rächen?“
„Das liegt mir fern.“
Butterwegge musste Ihm dämmert, dass sein Leben ohne die
Macht auch einen Vorteil hatte. Er musste
Butterwegge hat nun eine Gegen-Agen- sich nie mit Industrie- sich nie mit Industriebossen treffen und ei-
da angekündigt, eine „Agenda der Solida-
rität“. Er spricht im Bundestag und vor
bossen treffen. Er durfte nem Koalitionspartner gefallen. Er durfte
seine Ideale behalten.
Gewerkschaftern, er reist durch ganz seine Ideale behalten. „Meine achtjährige Tochter hat mich ge-
Deutschland. Er habe jetzt einen Termin- fragt, ob sie bald Prinzessin im Schloss
kalender wie ein Spitzenpolitiker, sagt But- „Sind Sie froh, wenn die 83 Tage vorbei Bellevue wird.“
terwegge. Er testet ein bisschen aus, wie sind?“ „Und?“
dieses andere Leben gewesen wäre, das „Ein wenig schon.“ „Ich sagte, dass im Gegenteil bald wahr-
im Rampenlicht. Seinen Terminplan be- Er ist jetzt 66 Jahre alt. Er schreibt keine scheinlich alles wieder beim Alten sein
stimmt die Partei, die diesmal alles richtig SMS und benutzt keine EC-Karte, Geld wird.“
machen will und zu fast jedem noch so hebt er nur am Schalter ab, damit die NSA Er wird am Ende seiner 83 Tage nach
kleinen Anlass sicherheitshalber einen nicht seine Daten bekommt. Er sagt, das Berlin fahren, noch ein paar Veranstal-
Pressesprecher mitschickt. Butterwegge alles sei sehr anstrengend. Er renne von tungen besuchen, sich vorbereiten. Alles
hat einen „Google-Alert“, der ihn immer Termin zu Termin und wisse vorher meist Formelle, sagt er, finde er grauenvoll, das
benachrichtigt, wenn irgendwo sein Name gar nicht, worum es geht. Soll er einen Steife, das Förmliche. Das würde er gleich
auftaucht. Vortrag halten? Hände schütteln? Wer soll ändern, wenn er Bundespräsident wäre.
„Christoph Butterwegge sprach über er sein? Immer ein anderer? Er sagt, er be- Man fühle sich einfach nicht wie man
Reichtum und Armut“, „Westfälische komme Briefe, manche bitten ihn, ihr An- selbst, in so einem Aufzug.
Rundschau“. liegen doch bei Frau Merkel vorzutragen. Er wird am 12. Februar im Deutschen
„Ich will die Armut skandalisieren“, Mit Frau Merkel habe er allerdings noch Bundestag dennoch einen dunkelblauen
„Weser-Kurier“. nie gesprochen. Auch nicht mit Steinmeier. Anzug tragen, einfach, weil es sich so ge-
„Butterwegge: ,Reiche werden reicher, Er würde den Leuten gern antworten. hört. Eine Rede hat er nicht vorbereitet.
Arme zahlreicher‘“, „Hamburger Abend- Nur was? Wie viele Politiker hat auch Warum auch?
blatt“. Christoph Butterwegge nicht auf alles eine Britta Stuff, Wolf Wiedmann-Schmidt

Genie kennt keine Herkunft. Stärke kein Geschlecht.


Mut keine Grenzen.

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BERND THISSEN / DER SPIEGEL
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Stiftungsvorstand Hombach Ehemaliges Hombach-Wohnhaus in Mülheim an der Ruhr

Die mildtätigen Zwecke


Affären Als Kanzleramtsminister stolperte Bodo Hombach über den Bau seines teuren Hauses in
Mülheim. Ausgerechnet dieses Haus lässt 17 Jahre später eine Stiftung kaufen. Im Vorstand: Hombach.

W
enn dies ein amerikanischer ter rückte er an die Spitze des WAZ-Zei- ein Gutachter, dass der Bauherren-Exzess
Spielfilm wäre, würde die Kame- tungsverlags, wurde Berater der Familie mehr als 1,6 Millionen Mark verschlungen
ra jetzt langsam durch eine viel Brost, und dann: Vorstandsmitglied ihrer hatte.
zu stille Straße auf das Haus zufahren. Stiftung. Hat Hombach, 64, also sein altes „Ich war blank“, gestand Hombach.
Dazu dramatische Musik, dunkle Wolken Haus für die Stiftung zurückgeholt? Gab Umso prekärer wurde seine Lage, als Zeu-
und hinter einem der Fenster eine uner- es kein anderes, das sie hätte kaufen kön- gen behaupteten, er habe sich von der
klärliche Bewegung, damit auch dem Letz- nen, etwa in Essen, wo die Stiftung sitzt? Veba-Immobilien AG, einem der großen
ten klar wird: Auf diesem Haus liegt ein Und was hat das noch mit den „ausschließ- Wohnungsbauunternehmen in Nordrhein-
Fluch. lich und unmittelbar mildtätigen und ge- Westfalen, in der Not unerlaubt helfen las-
Das ist natürlich ziemlicher Unsinn. Bei meinnützigen Zwecken“ zu tun, zu denen sen. Die Veba hatte die Bauleitung über-
der Hermann-Lickfeld-Straße handelt es sich die Brost-Stiftung in der Satzung ver- nommen, Veba-Manager behaupteten,
sich um eine Spielstraße, deshalb ist es da pflichtet hat? dass es dabei nicht geblieben sei: Kosten
immer recht still. Es gibt keine dramatische Die Hermann-Lickfeld-Straße liegt im auf der Baustelle des SPD-Promis Hom-
Musik, gerade auch keine dunklen Wolken, Stadtteil Broich, einem begehrten Wohn- bach habe der Konzern in anderen Projek-
und die Bewegung hinter dem Fenster viertel von Mülheim. Doppelhäuser aus ten versteckt und abgerechnet.
kommt von Handwerkern, die hier reno- den Achtzigerjahren reihen sich aneinan- Hombach hat das immer bestritten; recht-
vieren. der. Auch das Haus mit den Nummern 6 lich wäre die Sache auch verjährt gewesen,
Das Einzige, was stimmt, ist also die Sa- und 8 ist ein Doppelhaus. Aber was für ei- als die Vorwürfe mehr als zehn Jahre nach
che mit dem Fluch. nes. Links ein zweistöckiger Schuhkarton dem Einzug aufkamen. Politisch aber wa-
Der Mann, der die Doppelhaushälfte mit Satteldach, so wie die meisten Häuser ren sie verhängnisvoll. Hombach, erfolgrei-
einst gebaut hat, kam deshalb ins Strau- hier. Und rechts ein Gebirge aus rotem cher Wahlkampfmanager von Gerhard
cheln und gab kurz danach als Kanzler- Backstein, mehr als 80 Fenstern, einem Schröder und auch ein „Frog“, ein „Friend
amtsminister auf. Der Unternehmer, der voll verkupferten Spitzturm, drei Wohnun- of Gerd“, hatte sich nach dem Wahlsieg
sie kaufte, ging mit seiner Firma pleite und gen mit insgesamt 296 Quadratmetern. von Rot-Grün gerade erst im Kanzleramt
kassierte mehr als fünf Jahre Haft. Und Mehr Ambition lässt sich auf gut 400 Qua- eingerichtet. Nun wurde der Druck auf ihn
jetzt gehört das Haus einer Stiftung, ge- dratmeter Bauland kaum unterbringen. zu groß: weil der linke Parteiflügel ihn nicht
nauer gesagt, deren Immobilientochter, Das war der Wohntraum des Bodo Hom- ausstehen konnte, aber auch wegen der
und schon wieder geht der Ärger los. Denn bach, der zum Albtraum wurde. Als der Hausaffäre.
die Frage drängt sich auf: Warum hat die gelernte Fernmeldehandwerker und Sozial- 1999 wechselte er nach Brüssel, als EU-
Stiftung der Familie Brost – Ex-Miteigen- arbeiter das Haus 1986 hochzog, waren sei- Koordinator für den Balkan. Vorher wollte
tümerin der WAZ-Gruppe – ausgerechnet ne Ambitionen deutlich größer als sein er noch seinen Problembau und damit sei-
das alte Haus von Bodo Hombach in Mül- Einkommen als Landesgeschäftsführer der ne Schulden loswerden. Er suchte einen
heim an der Ruhr gekauft? SPD. Mit jeder neuen Idee wurde das Haus Käufer, dem das Haus wenigstens so viel
1999 hatten Zeugen behauptet, Hom- teurer. Eine maßgeschneiderte Bibliothek, wert war, wie Hombach bei Banken dafür
bach habe den Bau teilweise illegal finan- Marmor in der Wohnhalle, das kostete. aufgenommen hatte. Und er fand ihn auch,
ziert. Die Affäre beschleunigte den Ab- Mit 1,2 Millionen Mark verschuldete sich einen Mann aus Niedersachsen, dem
gang des einstigen SPD-Überfliegers. Spä- das Ehepaar Hombach; später ermittelte Stammland der Frogs.

38 DER SPIEGEL 5 / 2017


IN DER SPIEGEL-APP
Deutschland

Dorthin hatte Hombach selbst von 1991 Anfang 2014 war die Firma tatsächlich
bis 1998 sein Netzwerk geknüpft: als Ge- pleite. Der Insolvenzverwalter Dirk Ham-
schäftsführer der Preussag Handel. Die hat- mes aus Duisburg stellte nicht einfach nur
te eine Tochterfirma in Düsseldorf und an die Zahlungsunfähigkeit fest, verbunden
deren Spitze einen Geschäftsführer, der mit einem Schaden, den er für die Gläubi-

OMAR SANADIKI / REUTERS


am Haus interessiert war: Hans-Joachim ger auf 150 bis 180 Millionen Euro schätzte.
D., in Hannover geboren. 1997 machte er Hammes stieß auch auf Hinweise für einen
sich in Mülheim mit einer Firma selbststän- Millionenbetrug. Offenbar hatte Hans-Joa-
dig, die zu einem der größten Kupferhänd- chim D. einer Privatbank Geschäfte vor-
ler Europas aufstieg. geschwindelt und ihr 14 Millionen Euro
Manager D. kaufte den Trumm an der Kredit abgeschwatzt. Das Geld war weg.
Lickfeld-Straße im August 1999, zog mit Hammes zeigte den Fall bei der Staats-
seiner Frau ein und überwies Hombach anwaltschaft an, die erhob Anklage. Für
1,4 Millionen Mark. Außerdem noch Hans-Joachim D. wurde die Sache damit
100 000 Mark fürs Inventar, darunter drei brandgefährlich, für zwei andere zumin-
Stehlampen (6000 Mark), zwei Liegesessel dest peinlich: Hombach und Fromberg.
(3000 Mark), ein Schreibtisch (3000 Mark) Die hatten nämlich im Beirat der Firma
und ein paar andere Designerstücke – gesessen, einer Betrügerfirma, so wie es
Hombachs Geschmack war auch beim nun aussah. Damit drohte akuter Schaden
Mobiliar etwas kostspieliger gewesen. Der fürs Renommee, auf das Hombach, wie
Genosse zeigte sich danach erleichtert. Es SPD-Insider sagen, bis heute größten Wert
sei ein gutes Gefühl, keine Schulden mehr legt. Auch weil er offenbar mit der Politik
zu haben. „Nach all den Veröffentlichun- längst noch nicht abgeschlossen hat.
gen habe ich den Spaß an dem Haus ver- Im Juni 2011 war Hombach in den Vor-
loren“, ließ er die „Bild am Sonntag“ da- stand der Brost-Stiftung gerückt. Sie finan-
mals wissen. ziert Selbsthilfe-Ideen im Ruhrgebiet und
So wie es aussieht, ist der Spaß 16 Jahre Zukunftsprojekte im Journalismus, vor al-
später zurückgekommen. Fragt sich nur: lem das mehrfach ausgezeichnete Recher-
Warum? Und ob das auch mit dem alten chebüro Correctiv in Berlin. Daneben hat-
Niedersachsen-Netz zu tun hat, zu dem te Hombach allerdings noch andere Ste-
der bekannteste deutsche Rocker gehört. ckenpferde: Er arbeitete weiter an seinem
Hells-Angels-Pate Frank Hanebuth war bis politischen Netzwerk, das mittlerweile bis
in die jüngste Zeit ein Freund und Ge- in die CDU reicht. Im Kuratorium der Stif-
schäftspartner der Familie D. Und Hane- tung sitzt Jürgen Rüttgers, ehemaliger Lan-
buths Anwalt ist der Hannoveraner Götz- desvater von Nordrhein-Westfalen; Ge-
Werner von Fromberg, bekannt als Ex-
Büronachbar von Gerhard Schröder. Ein
schäftsführer der Stiftung ist Boris Berger,
Rüttgers’ engster Vertrauter in der Staats- Von Homs nach
Top-Frog. Fromberg war wiederum der
Notar von Hans-Joachim D. – und zumin-
kanzlei.
Auch ein PR-Mann mit CDU-Stallge- Holtrop
dest früher auch Hombachs Anwalt. Kein ruch stand Hombach nun nahe: der Esse-
ner Thomas Hüser. Hüser, Spitzname Yahia ist 17 Jahre alt und vor dem Krieg in
Hombach kennt „Schwarzer Abt“, nahm auf Hombachs
Drängen eine scharfe Linkskurve. Wie der
Syrien geflohen. Homs, die Stadt, in der
er groß geworden ist, haben Assads Bom-
Gabriel noch aus alten Berater dem SPIEGEL vor einiger Zeit sag- ben und die Geschosse der Rebellen zur
Hannover-Zeiten. Man te, habe Hombach ihn darum gebeten,
SPD-Chef Gabriel auf dem Weg zur Kanz-
Trümmerwüste gemacht. Nun lebt Yahia in
trifft sich, man plaudert.
Holtrop in der ostfriesischen Provinz, bei
lerkandidatur zu beraten. So schrieb Hüser Antje Gronewold und ihrer Kleinfamilie. Er
ein Wahlkampfkonzept, wonach sich der isst Vollkornbrot, lernt Deutsch, macht sei-
Zufall also, dass jetzt der Kaufvertrag für Obergenosse ein neues Image verpassen
das Mülheimer Haus in Hannover besie- sollte. Kumpel mit Herz, so was in der Art. ne mittlere Reife. Yahia ist einer von Zehn-
gelt wurde; im Notariat Fromberg. Aber Den Niedersachsen Gabriel kennt Hom- tausenden unbegleiteten minderjährigen
der Reihe nach. bach auch aus alten Hannover-Zeiten. Man Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland ge-
Schon 2012 zeichnete sich ab, dass der trifft sich, man plaudert, angeblich aber kommen sind – allein mit den Bildern der
Kupferhandel von D. in Not geriet: Die rein privat, so Hombach. Wäre Gabriel Zerstörung, allein mit all den Gedanken, al-
Rohstoffpreise waren gefallen, nach Jahren also in dieser Woche wirklich zum SPD- lein mit dem Heimweh nach einem Land im
mit Milliardenumsätzen ging es aufs Ende Kanzlerkandidaten aufgestiegen – es wäre Krieg.
zu. Hans-Joachim D. versuchte offenbar, auch Hombachs Triumph gewesen. Ein Sehen Sie die Visual Story im digitalen
sein Privatvermögen zu retten. Im April mögliches Ticket zurück ins Zentrum der
2013 schloss er mit seiner Frau einen Ehe- Macht. Nun könnte es noch fürs Anticham-
SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
vertrag, vereinbarte mit ihr Gütertrennung brieren im Auswärtigen Amt reichen, das
und überschrieb ihr unter anderem das Gabriel übernehmen soll.
Haus in Mülheim. Der Notar: Fromberg. Umso nervöser dürfte Hombach 2015
Wie aus einem Schreiben Frombergs an auf den Prozess gegen Hans-Joachim D.
das Grundbuchamt hervorgeht, gab D. den gewartet haben, der ihm mit dem Haus
Wert der Immobilie mit nur 500 000 Euro aus der Patsche geholfen und ihn dann
an; womöglich sollten so die Gerichtskos- auch noch in den Beirat der Firma geholt
ten niedrig gehalten werden. hatte. Im Dezember eröffnete das Land- JE TZ T D I GI TA L LE S E N

DER SPIEGEL 5 / 2017 39


Deutschland

gericht Duisburg den Prozess. D. geriet da- walter Torsten Gutmann, der die Privat- noch 475 000 Euro? Zwar ist die Architek-
rin mehr und mehr in die Bredouille; auch pleite von D. auf den Tisch bekommen hat- tur gewöhnungsbedürftig, aber Broich ge-
seine Kontakte ins Rockermilieu und zu te. Ein Anwalt aus? Hannover. hört zu den besseren Vierteln in Mülheim
Hanebuth, dem früheren Hells-Angels- Einen Monat später gründete die Stif- an der Ruhr.
Chef von Hannover, standen in der Ermitt- tung eine Immobilientochter, die Brost Im- Hatte Hombach 1986 noch 250 Mark für
lungsakte. mobilien Verwaltungs GmbH II. Die wie- den Quadratmeter Grund bezahlt, beträgt
Demnach gab es einen „Beratervertrag“, derum rief – zusammen mit der Mutter – der Bodenrichtwert für das Flurstück heute
abgeschlossen zwischen Hanebuth und ei- im November die Brost-Immobiliengesell- 340 Euro, fast dreimal so hoch. Doppel-
ner Firma der Familie D. Der Rocker soll schaft Ruhr mbH & Co. KG II ins Leben. haushälften kalkulieren Makler hier mit
selbst dann noch Geld kassiert haben, als Die Firma sitzt bei der Stiftung an der Es- 400 000 bis 500 000 Euro, allerdings die nor-
er in Spanien in Haft saß. In Hemmingen sener Huyssenallee. Und diese Brost-Im- malen, nicht eine mit 296 Quadratmeter
bei Hannover sollen die Namen D. und mobiliengesellschaft Ruhr II kaufte dem Wohnfläche. Dass die Preise in den ver-
Hanebuth auf Klingelschildern desselben gangenen Jahren in dieser Straße gefallen
Mehrfamilienhauses gestanden haben.
Im August 2016 hatte sich das Gericht
Weder kam das Haus auf wären, noch dazu so drastisch, kann etwa
Stefan D’heur vom Maklerbüro von Poll
ein Urteil gebildet: Hans-Joachim D. kas- den Markt, noch gab auf Anfrage nicht bestätigen.
sierte wegen Betrugs eine Haftstrafe von
fünf Jahren und zwei Monaten. Die Ent-
es ein Gutachten eines Auch undurchsichtig: Die Rolle des In-
solvenzverwalters aus Hannover. Der An-
scheidung ist noch nicht rechtskräftig; D. Sachverständigen. walt hatte die hastig an die Frau übertra-
bestreitet alle Vorwürfe. gene Immobilie in Mülheim zurückgeholt,
Bevor es aber zu diesem Prozess kam, Insolvenzverwalter aus Hannover am 22. um sie zu verwerten; so weit, so gut. Doch
hatte sich im Juni 2015 bei der Brost-Stif- Februar 2016 das Haus in Mühlheim ab. er machte sich kaum Mühe, beim Verkauf
tung Bemerkenswertes getan: Der Vor- Beurkundet bei Notar Fromberg, Hanno- einen möglichst hohen Preis für die Gläu-
stand mit Hombach beschloss, das Haus ver. Wo sonst? biger herauszuschlagen, wie es seine
von D. in Mülheim zu kaufen. Wie man Das gibt nun einige Rätsel auf: Der Preis Pflicht gewesen wäre. Weder kam das
darauf kam? betrug nur 475 000 Euro, ein Schnäppchen. Haus auf den Markt, um mehr Angebote
Der Insolvenzverwalter habe es der Stif- Hombach hatte nach eigenen Angaben hereinzuholen, noch gab es ein Wertgut-
tung eben angeboten. Zum Festpreis. Das mehr als 850 000 Euro in das Haus gesteckt. achten eines Sachverständigen. Mit Hans-
aber war nicht jener Hammes, der die Fir- Als er 1999 verkaufte, kassierte er immer- Joachim D. sprach er auch nicht – der saß
ma abwickelte, sondern der Insolvenzver- hin mehr als 700 000. Warum jetzt nur in Untersuchungshaft. Mit einem soge-

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nannten Beschränkungsbeschluss, demzu- Doch angeblich sollte dort Stiftungsge- so ein Gremium sei ja kein Aufsichtsrat, da
folge jegliche Kommunikation – außer mit schäftsführer Berger einziehen. Er solle erfahre man nicht so viel. 2011 habe sich
seinen Verteidigern – überwacht wurde. dort eine Dienstwohnung bekommen, der Beirat zum letzten Mal versammelt.
Besuche des Insolvenzverwalters oder heißt es von einem Insider, der mit dem Bis dahin: keine besonderen Vorkomm-
Schriftverkehr in puncto Haus sind nicht Fall vertraut ist. Die Brost-Stiftung bestrei- nisse. Sagt ebenso Anwalt Fromberg, der
dokumentiert. So ging das Haus billig an tet dies. Es habe zu keinem Zeitpunkt Plä- mit ihm im Beirat saß. Von einem Berater-
die Brost-Stiftung. Insolvenzverwalter Gut- ne gegeben, die Immobilie als Dienstwoh- vertrag zwischen Höllenengel Hanebuth
mann ließ eine umfangreiche Liste mit Fra- nung für Berger zu nutzen. und der Familienfirma von D. will From-
gen des SPIEGEL unbeantwortet. Nur so Den Schnäppchenpreis erklärt man bei berg nichts gewusst haben.
viel: „Seien Sie gewiss, dass alle Maßnah- der Stiftung mit einem Renovierungsstau Bodo Hombach immerhin gibt zu, dass
men ordnungsgemäß waren.“ in dem Haus – eine Behauptung, über die er nicht nur D., sondern auch dessen Kum-
Was aber will die Brost-Stiftung nun mit sich Hans-Joachim D. im Gespräch mit Ver- pel Hanebuth persönlich kennt. Er habe
dem Haus? Zu den gemeinnützigen und trauten überrascht zeigt. Auch sei D. über ihn ein paarmal in Hannover gesehen,
mildtätigen Zwecken gehört der Kauf ei- den Kaufpreis regelrecht empört gewesen. etwa bei Geburtstagsfeiern oder Fußball-
ner Luxusimmobilie nicht. Auch der Es sei für ihn völlig unverständlich, dass spielen. „Gespräche gab es nicht, sondern
Zweck, Buddies aus der Klemme zu helfen der Insolvenzverwalter aus Hannover das lediglich Begrüßungsfloskeln“, behauptet
oder die sentimentale Seele eines Stiftungs- von ihm jahrelang bewohnte und gepflegte sein Anwalt. Also alles ganz harmlos?
vorstands zu streicheln, steht nicht in der Haus so unter Wert verschleudert habe. Kürzlich hielt Bodo Hombach einen
Satzung. Und warum war der Preis so nied- Dass D. 1999 viel mehr bezahlte, davon Vortrag über das Wesen des Skandals. Er
rig? Die Stiftung lässt zu diesen Fragen wisse man nichts, sagt wiederum die Stif- beklagte die Skandalisierer, die aus nichts
wissen, die „Lage und die positiven Ob- tung. Dabei hätte sie nur alte Zeitungen eine Welle der Empörung machten, aber
jekt- und Investitionseigenschaften“ des lesen müssen. Oder Vorstand Hombach verteidigte die Enthüller, die im Gegen-
Hauses hätten den Vorstand überzeugt. fragen; von dem hatte D. das Haus schließ- satz dazu die „Verlogenheit einer Gesell-
Der Kauf vertrage sich mit den Stiftungs- lich gekauft. schaft“ entlarvten. Die Diskussion eröff-
grundsätzen. Es gehe um eine Geldanlage Und was sagt Bodo Hombach zum Deal nete er mit den Worten, er selber habe
mit dem Ziel, aus den Einnahmen die ge- der Stiftung mit seinem alten Bekannten „wie wenige das Thema aus allen Perspek-
meinnützigen Zwecke zu erfüllen. Dazu D.? Natürlich alles in Ordnung. Nebenab- tiven kennengelernt“. Aber man lernt ja
werde das Haus gerade renoviert und da- sprachen gebe es nicht. Es stimme schon, immer noch dazu.
nach vermietet. An wen? Das sagt die Stif- dass er, Hombach, ein paar Jahre lang im Jürgen Dahlkamp, Markus Feldenkirchen,
tung nicht. Beirat von D.s Firma gesessen habe. Aber Gunther Latsch, Jörg Schmitt

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Deutschland

Erst mal Pause


Demokratie Seit zwei Jahren prüfen sächsische Abgeordnete,
ob die AfD-Landeswahlliste korrekt eingereicht wurde. Interne
Protokolle zeigen, wie sie den Fall systematisch verschleppten.

E
s gibt diesen einen Moment, in dem staatswidrig“ gewesen, steht in den Voten,
die Politiker im sächsischen Wahl- die er dem Ausschuss übermittelt hat.
prüfungsausschuss zum ersten Mal Dabei ging es im Landesverband von
begreifen, dass die Fehler der AfD auch AfD-Chefin Frauke Petry alles andere als
ihre Zukunft bedrohen. Dass ihre Mandate holprig zu, sondern äußerst geschmeidig:
auf dem Spiel stehen. Es ist der 20. April Ohne große Diskussion beschloss der AfD-
2015, die Abgeordneten treffen sich in Vorstand in einer nächtlichen Sitzung im
Raum A300 des Sächsischen Landtags. Ihre Juni 2014, dass Samtleben kein Landtags-
Aufgabe ist es, Bürgerbeschwerden gegen kandidat mehr sein sollte, obwohl ihn ein
die Wahl vom August 2014 zu untersuchen. AfD-Parteitag gewählt hatte (SPIEGEL
Viele Fragen lassen sich leicht klären. 42/2016). Der Mann war Petry und ihren
Etwa die, ob zulässig ist, auf Wahlzetteln Mitstreitern zu oft durch Alleingänge und
als Beruf der Kandidaten „Landtagsabge- Widerworte auf die Nerven gefallen. Au-
ordneter“ anzugeben. Oder ob in jedem ßerdem hatte Samtleben sich geweigert,
Wahllokal Schablonen für blinde Wähler der AfD einen Kredit zu geben, den alle
ausliegen müssen. Aber dann meldet sich Kandidaten leisten sollten.
der CDU-Mann Christian Piwarz unter Ta- Die gesetzlich vorgeschriebenen Ver-
gesordnungspunkt drei zum Fall der AfD trauensleute der Partei, zuständig für das
zu Wort. Deren Führung ließ vor der Wahl Einreichen der Wahlliste, tilgten Samtle-
einen missliebigen Kandidaten von ihrer bens Namen umgehend. Die Landeswahl-
Liste streichen. Jetzt wehrt sich der Mann. leiterin erklärte dies für zulässig, sodass
Wäre die AfD-Liste ungültig, könnte die die AfD-Liste – gegen den Protest Samtle-
ganze Wahl ungültig sein. bens – reibungslos zugelassen wurde.
Laut Protokoll warnt Berichterstatter Pi- Als den Abgeordneten im Wahlprü-
warz seine Kollegen vor einem langen Ver- fungsausschuss im April 2015 dämmert, AfD-Chefin Petry: Der Mandatsträger als Marionette
fahren. Der Ausschuss werde wohl „nicht dass hier ein Problem auf sie zurollt, ma-
die letzte Instanz sein“. Und es gehe um chen sie erst mal Pause: Fast zwei Monate das Laub, es wird Herbst. Berichterstatter
viel mehr als nur diesen AfD-Mann: So vergehen bis zur nächsten Sitzung Anfang Piwarz hält einen langen Vortrag: Eigent-
wie Piwarz den Antrag liest, „müsste jeder Juni. Dann diskutiert man erstmals die Fra- lich sei „seine bisherige Rechtsauffassung“
Abgeordnete des Sächsischen Landtags be- ge, ob die AfD-Vertreterin in der Runde, voll bestätigt – das Verhalten der AfD sei
troffen sein“. Denn Arvid Samtleben, den Kirsten Muster, befangen sein könnte. Die wohl rechtmäßig und die Wahlbeschwer-
die Rechtspartei gestrichen hat, pocht nicht Abgeordnete ist Gattin von Michael Mus- den müssten abgewiesen werden.
etwa nur auf einen Sitz im Landtag – er ter, einem jener AfD-Vertrauensmänner, Andererseits gebe es da ja noch die Sa-
will Neuwahlen in Sachsen. Sogleich wie- die Samtleben von der Liste strichen. che mit dem Kredit. Sollte Samtlebens
gelt die Kollegin der Grünen ab: Eine Deshalb liegt ein Befangenheitsantrag ge- Name getilgt worden sein, weil er nicht
„Neuwahl“ sei doch wohl nur nötig, wenn gen Muster vor, die aber zu Protokoll gibt, zahlen wollte, wäre das „ein erheblicher
der Fehler der AfD „nicht heilbar“ wäre. „dass sie nicht befangen ist“. Die große Punkt“. Und wenn die AfD-Parteifreunde
Sogar im kühlen Juristendeutsch der Mehrheit ihrer Kollegen findet ebenfalls, ohne diesen Grund gehandelt hätten, so
Protokolle klingt die Nervosität der Abge- dass solche Bedenken für Richter gelten, Piwarz, sei es noch schlimmer: Dann wäre
ordneten durch. Sie wissen, dass von ihrer aber nicht für Abgeordnete. Der Antrag fällt die Streichung wohl „willkürlich erfolgt“.
Entscheidung der Bestand des Landtags durch. So ist gut möglich, dass Michael Mus- Die Lage ist also verworren.
abhängt, die Karriere vieler Parteifreunde. ter, zentrale Figur in diesem Fall, über die Die Abgeordneten ärgern sich, dass die
Und so spielen die Abgeordneten auf Zeit. Ausschussarbeit stets bestens informiert ist. AfD so wenig kooperativ ist. „Noch keine
13 Sitzungen hat der Ausschuss seit der An diesem Junitag hält das Gremium im Landtag vertretene Partei“ sei bisher
Wahl abgehalten, die erste am 1. Dezem- eine erste mündliche Anhörung ab, Arvid so mit dem Wahlprüfungsausschuss um-
ber 2014, die bisher letzte am 27. Januar Samtleben darf sich erklären. Jetzt kennen gegangen wie der AfD-Generalsekretär,
2017. Die Sitzungsprotokolle dieser zwei die Prüfer die Geschichte mit dem Kredit, klagt Linkspolitiker Klaus Bartl. Weil die
Jahre, die dem SPIEGEL vorliegen, erzäh- den alle AfD-Kandidaten geben sollten. AfD angekündigt hat, dem Ausschuss kei-
len die Geschichte einer großen Koalition Sie beschließen, von der AfD „aus Grün- ne weiteren Unterlagen mehr zu geben,
der Verschleppung. Im Ausschuss sind Zer- den der Fairness“ eine Stellungnahme zu wird eine zweite Anhörung anberaumt.
redungskünstler am Werk, die mit immer erbitten, ob Samtlebens Name aus diesem Sie findet am 12. November statt, dieses
neuen Formalien eine unbequeme Ent- Grund gestrichen wurde. Berichterstatter Mal sagt Petry aus, und der Ausschuss ist
scheidung hinauszögern. Piwarz findet, dass der AfD-Fall eindeutig empört über ihr Verhalten. Sie sei offenbar
Am Ende siegt der Eigennutz über de- „noch keine Entscheidungsreife“ habe. Erst „nicht willens, wahrheitsgemäße Angaben“
mokratische Prinzipien: Berichterstatter will man Stellungnahmen von Innenminis- zu machen, klagt Linkspolitiker André
Piwarz empfiehlt, die Beschwerden zum terium und Landeswahlleiter erbitten. Schollbach. Piwarz rügt, das „Sich-erin-
Thema AfD zurückzuweisen. Deren Han- Erst drei Monate später trifft sich der nern-Wollen“ von Petry sei „rudimentär“.
deln sei „zwar holprig, aber nicht rechts- Ausschuss wieder, inzwischen färbt sich Sie spekuliere wohl darauf, „dass es im
42 DER SPIEGEL 5 / 2017
weshalb die Landtagsjuristen gebeten wer-
den, noch mal ans Werk zu gehen.
Bald verzeichnet das Ausschussproto-
koll gute Wünsche des Vorsitzenden für
einen „gesegneten Advent“.
Zwei Jahre dauert es, bis Piwarz endlich
seine Empfehlungen vorlegt. Wieso wohl?
Es ist schwer, Ausschussmitglieder zu Ant-
worten zu bewegen. Piwarz verweist auf
den Vorsitzenden Schiemann. Der beteuer-
te schon im Oktober: „Ich habe ein Interesse
an einem zügigen Ergebnis.“ Alles müsse je-
doch rechtsstaatlich zugehen. Die AfD teilt
auf Anfrage mit, man habe entschieden, dass
sich Frau Muster nicht äußern sollte. Schließ-
lich tage der Ausschuss auch nicht öffentlich,
und sie laufe Gefahr, im Gespräch mit Jour-
nalisten die Geheimhaltung zu brechen.
Nur der Grünen-Abgeordneten Katja
Meier ist die zähe Prozedur unangenehm.
„Wir müssen uns an die eigene Nase fas-
sen.“ Weil der Ausschuss nicht regelmäßig
tage, verzögere sich alles. Die Grüne, die
erst 2015 als Nachrückerin in den Landtag
gelangte, hat das Gefühl, dass der Aus-
schuss vieles einfach gehandhabt habe wie
immer. Aber früher hätte es keine so bri-

SEAN GALLUP / GETTY IMAGES


santen Wahlanfechtungen gegeben. „In
der nächsten Legislaturperiode muss das
Verfahren gestrafft werden“, so Meier.
Piwarz schreibt in seinem Votum, er glau-
be der AfD, dass das „verloren gegangene
Vertrauen“ in Samtleben der Grund für des-
der Partei sen Streichung gewesen sei. Wahllisten seien
stets nur auf „formelle“ Kriterien zu prüfen –
Zweifel auf Neuwahlen hinauslaufe“, klagt Dresden. Wurlitzers Wohnort ist Leipzig. die Motive für eine Streichung von Kandi-
er – aus den Sätzen spricht die Sorge. Ein neues Datum muss also her, doch lei- daten seien „dabei nicht zu erforschen“.
Neuwahlen wären für alle Parteien au- der sei „die Terminfindung schwierig“, Hier liege eine zulässige „Teilrücknahme“
ßer der AfD brandgefährlich: 2014 kam Pe- klagt der Vorsitzende Marko Schiemann der Landesliste vor, ganz nach dem „Willen
trys Partei noch auf 9,7 Prozent, heute (CDU). Ohne neuen Termin trennt man der Partei“ – schließlich habe der AfD-Vor-
steht sie in Umfragen bei 25 Prozent. sich, aber nicht, ohne dass ein SPD-Mann stand die Streichung beschlossen. Und im
Schollbach schlägt vor, Petry „deutlich klagt, er fühle sich „etwas getrieben“ Ergebnis sitze immer noch die gleiche Zahl
zu machen, dass sie vereidigt werden kön- durch den Verfahrensstress. von AfD-Abgeordneten im Landtag.
ne“. Dies geschieht und wird später dazu Es wird Sommer in Sachsen, Wurlitzer Parteienrechtler Martin Morlok aus Düs-
führen, dass die Staatsanwaltschaft Dres- ist wieder gesund, der Ausschuss nimmt seldorf findet es „skandalös“, dass wohl
den gegen Petry ein Ermittlungsverfahren seine Aussage zum Anlass, abermals über keine Neuwahlen stattfinden: „Hier wird
wegen Meineids beginnt. Ihre Aussagen ein Rechtsgutachten zu diskutieren. Dieser die demokratische Essenz der Listenwahl
widersprechen denen ihrer Parteifreunde. Fall sei ja „Neuland“ für alle. Piwarz je- ignoriert. Dürften Vertrauensmänner ge-
Auch dieses Verfahren läuft bis heute. doch betont, er sehe „keine Eile, heute wählte Kandidaten streichen, könnte man
Ein Grund dürfte sein, dass die Abgeord- schon“ diese Frage zu entscheiden. sich die gesamte Kandidatenkür sparen.“
neten der Polizei nur zögerlich die Proto- Wieso auch? Man trifft sich ja wieder, Die Konstanzer Professorin Sophie Schön-
kolle ihrer (eigentlich öffentlichen) Anhö- erst im September, dann im Oktober, und berger argumentiert: „Der Wille des AfD-
rungen aushändigen. Die Debatte, welche nun denkt Piwarz laut darüber nach, ob Vorstands steht gerade nicht für den Willen
Unterlagen sie geheim halten wollen, füllt der Ausschuss nicht „konsequenterweise“ der Basis.“ Die Behauptung, es säßen doch
im Ausschussprotokoll zwölf Seiten. einfach warten sollte, bis die Staatsanwalt- immer noch gleich viele AfD-Abgeordnete
Das Jahr 2015 verstreicht, erst im Januar schaft ihre Ermittlungen im Meineidver- im Landtag, „konstruiert den individuellen
und März 2016 trifft der Ausschuss sich er- fahren gegen Petry abgeschlossen habe. Mandatsträger als Marionette der Partei.“
neut, und wieder geht es um Formalien, Immerhin erstellen die Abgeordneten Arvid Samtleben will im Fall der Nie-
Zuständigkeiten, Gutachten. Eine dritte Ende Oktober endlich eine Fragenliste für derlage vor den Verfassungsgerichtshof zie-
mündliche Anhörung soll im März statt- die Juristen der Landtagsverwaltung. Doch hen, was Jahre dauern könnte. Der Staats-
finden, doch am Vorabend meldet sich der siehe da: Die haben längst eine Expertise rechtler Jörn Ipsen hofft in diesem Fall auf
Zeuge der AfD, Generalsekretär Uwe Wur- geliefert, da sie von einem „stillschweigen- ein „Grundsatzurteil, das für die Zukunft
litzer, krank – per Attest eines Zahnarztes, den Auftrag“ ausgegangen waren. Sie emp- klarstellt, dass eine Streichung von Kandi-
eines Parteifreunds: Wurlitzer sei „notfall- fehlen, die AfD-Beschwerde abzulehnen. daten ohne Zustimmung eines Parteitags
mäßig“ bei ihm aufgetaucht, es liege „eine Eigentlich könnte der Fall nun abge- unzulässig ist“. Die nächste planmäßige
absolute Reise- und Verhandlungsunfähig- schlossen werden. Aber leider klärt die Ex- Wahl in Sachsen steht 2019 an.
keit“ vor, schreibt der Oralchirurg aus pertise nicht alle Fragen des Ausschusses, Melanie Amann, Steffen Winter

DER SPIEGEL 5 / 2017 43


Die wollen nicht nur lesen
Ideologie Die Bibliothek des Konservatismus in Berlin ist die neue Denkfabrik rechter Kreise. Hier
treffen sich AfD-Politiker und andere Populisten, um nationale Ideen salonfähig zu machen.

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL


Lesesaal in Berlin-Charlottenburg: „Es gibt nichts Seriöseres als eine Bibliothek“

A
n einem kühlen Donnerstagabend keln und hängenden Schultern. Oder wenn sich, dass ein Hamburger Reeder, der auch
betreten 140 Menschen ein Haus in sie über „den dicken Gabriel“ lästert. Der hohe Summen an die AfD spendete, das
der Berliner Fasanenstraße, nicht SPD-Vorsitzende habe doch „nie gearbei- millionenschwere Haus in Berlin-Charlot-
weit von Ku’damm und Bahnhof Zoo ent- tet, nie etwas gelernt“, sagt Weidel, Mit- tenburg gekauft und den Betreibern der
fernt. Es sind mehr Männer als Frauen, glied im Bundesvorstand der AfD. Dann Bibliothek vermacht hat.
deutlich mehr Rentner als junge Leute. lachen die Zuhörer. In seinem Büro im zweiten Stock emp-
Ihr Ziel liegt im ersten Stock. Dort ste- Die Bibliothek des Konservatismus ist fängt Wolfgang Fenske zum Gespräch, der
hen in den Regalen Tausende Bände über- einer der wichtigsten Treffpunkte der Neu- Leiter der Bibliothek. Fenske, 47, hat evan-
wiegend rechter Autoren. Für jeden Kon- en Rechten in Berlin. Regelmäßig treten hier gelische Theologie studiert und eine Zeit
servativen ist etwas dabei: Werke von Carl AfD-Politiker, Eurofeinde, Abtreibungsgeg- lang für die „Junge Freiheit“ gearbeitet.
Schmitt oder Ernst Jünger, über Richard ner und Islamkritiker auf und entwerfen das Er sei durch seine „linken Lehrer am Gym-
Wagner oder das deutsche Militär. Auch Bild eines anderen Deutschlands, das na- nasium“ zum Konservativen geworden,
ein „Sonderbestand Lebensrecht“ gehört tionaler, homogener, autoritärer ist als die sagt er. „Ich erinnere mich an meinen Alt-
dazu, gefördert von den Abtreibungsgeg- Republik von heute. „Die Bibliothek ist 68er Studienrat im Leistungskurs Politische
nern der „Stiftung Ja zum Leben“. zugleich Denkfabrik und Ideenschmiede, Weltkunde. Gewisse Dinge durfte man bei
Die Besucher nehmen Platz vor Pracht- Ort für Wissenschaft und Forschung sowie dem schon damals nicht sagen. Das hat
einbänden aus dem 19. Jahrhundert, darun- Raum für Veranstaltungen und Begegnun- mich befremdet.“ Daraufhin habe er an-
ter eine Erstausgabe von Johann Gottlieb gen“, heißt es auf der Website. Sie biete gefangen, sich für konservative Autoren
Fichtes „Reden an die deutsche Nation“. Es Lesungen, Seminare, Diskussionsrunden, aus der Vorkriegszeit zu begeistern.
folgt: Alice Weidels Rede an deutsche Na- Vorträge, Tagungen. Aber was bedeutet eigentlich konserva-
tionalisten. Rund 30 000 Titel sind in der Bibliothek tiv? Im Bibliotheksjournal zitiert Fenske
Die AfD-Politikerin hält an diesem Ok- katalogisiert. Sie seien jedem Interessenten den Publizisten Arthur Moeller van den
tobertag einen Vortrag über den Euro. Viel zugänglich, wenn er sich anmelde, so steht Bruck: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen,
amüsanter finden es die Besucher aller- es in fetter Schrift auf der Website. Das die zu erhalten sich lohnt.“ Dahinter stehe
dings, wenn die Volkswirtin das „trockene klingt offen, transparent. Wer aber heraus- die Ansicht, schreibt Fenske, dass das, was
Thema“, wie sie es selbst bezeichnet, ver- finden will, wie sich die Bibliothek finan- Konservative für bewahrenswert halten,
lässt. Wenn sie Kanzlerin Angela Merkel ziert, muss lange suchen, in Grundbüchern gar nicht vorhanden sei. „Es muss erst wie-
imitiert, mit heruntergezogenen Mundwin- und Handelsregisterauszügen. Dann zeigt der neu geschaffen werden.“
44 DER SPIEGEL 5 / 2017
Deutschland

Arthur Moeller van den Bruck war ein Männer zurückzuführen: Dieter Stein von in der Satzung unter anderem fest: „Auf-
Vertreter der Konservativen Revolution, der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und und Ausbau sowie die Unterhaltung von
einer antidemokratischen Strömung, die den mittlerweile verstorbenen Publizisten Bibliotheksbeständen“.
zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam. Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing. 2007 wurde Dieter Stein Vorsitzender
Ihre Anhänger lehnten die Weimarer Re- Dieter Stein gründete die „Junge Frei- des Stiftungsrats. Gemeinsam entwickelten
publik ab. Den Reichstag diffamierten sie heit“ 1986 im Umfeld einer rechten Split- Stein und Schrenck-Notzing die Idee für
als „Schwatzbude“, an die Stelle der „Herr- terpartei und verteilte sie zunächst vor al- die Bibliothek des Konservatismus. 20 000
schaft der Massen“ sollte ein antiliberaler lem an Universitäten. Auch Bibliotheks- Bücher aus Schrenck-Notzings Privatbesitz
Ständestaat rücken. In der Bibliothek wird leiter Fenske arbeitete schon als Student sollten den Grundstock bilden. Allerdings
den konservativen Revolutionären ein für die rechte Zeitung. Jahrelang litt die verzögerten sich die Pläne. Als Schrenck-
Schwerpunkt gewidmet. „Junge Freiheit“ unter Auflagenschwäche Notzing 2009 im Alter von 81 Jahren starb,
Welches Land aber wollen die Rechten und finanziellen Problemen. Die radikalen war eine Bibliothek noch nicht in Sicht.
von heute? Ein Land ohne Flüchtlinge? Ideen verfingen nicht in der Gesellschaft, Es fehlte vor allem an Spendern, die das
Ohne Schwule? Ohne Abtreibung? Ohne jedenfalls nicht dauerhaft. Hoffnungsträger Projekt finanzierten.
den Euro? wie die Republikaner oder die Schill-Partei Wenige Jahre später waren sie offenbar
Fenske fällt es schwer, eine konkrete verschwanden nach kurzen Erfolgen wie- gefunden: Die Bibliothek öffnete 2012
Antwort zu geben. Über seine persön- der in der Bedeutungslosigkeit. in dem Haus in der Fasanenstraße. Nach
lichen Ansichten möchte er und nach übernahm die Stif-
nicht reden. Die Bibliothek tung drei Stockwerke. Sie
wolle auch nicht vorgeben, startete ihre Vortragsabende
was konservativ ist und was und veranstaltet heute Film-
nicht. Es gebe so etwas wie abende und Seminare. Eines
einen konservativen Main- Tages will man vielleicht ei-
stream, der sich gegen „Politi- nen Studiengang anbieten.
cal Correctness“ oder die „un- Doch woher kommt das
kontrollierte Zuwanderung“ Geld?
wende. Doch ansonsten gin- Beim Besuch in der Biblio-
gen die Ansichten oft weit aus- thek möchte Leiter Fenske
einander. dazu keine genaueren Aus-
„Zu uns kommen Libertäre, künfte geben, man solle Die-
die den Minimalstaat fordern, ter Stein fragen. Der blockt
beinharte Etatisten, die das mündliche Nachfragen ab,
Gegenteil wollen, und sicher- man möge doch bitte eine
lich kommen auch sehr natio- E-Mail schicken. Recherchen
nal denkende Menschen“, sagt im Handelsregister und in
er. „Vielleicht ist das Gemein- Grundbuchakten zeigen: Der
same, dass sich alle von der Hamburger Reeder Folkard
gesellschaftspolitischen Lage Edler kaufte das Bürohaus
FOTOS: HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

in Deutschland nicht repräsen- mit sieben Geschossen im


tiert fühlen. Wir wollen ein Frühjahr 2013 für 3,6 Millio-
Ort sein, der Diskurse zulässt, nen Euro und übertrug es an-
die woanders nicht möglich schließend über Umwege auf
sind.“ die Stiftung.
Es ist eine Behauptung, die Edler, 80, ist in der Szene
Neurechte gern vortragen: nicht unbekannt. Der Kauf-
Nach dem Zweiten Weltkrieg mann und seine Frau spen-
seien Konservative fälschlicher- deten im Jahr 2013 je 50 000
weise in einen Topf mit den Journale im Bibliotheksbestand Euro an die AfD. Edler ge-
Nazis des „Dritten Reichs“ ge- Nationaler, homogener, autoritärer währte der Partei auch zwei
worfen worden. Die Linken Darlehen über insgesamt
hätten die Deutungshoheit eine Million Euro, die inter-
übernommen und dafür gesorgt, dass jedes Das wollte Stein ändern. In der „Jungen nen AfD-Unterlagen zufolge bis zuletzt
Nationalbewusstsein unterdrückt werde. Freiheit“ bemängelte er die „gesellschaft- liefen.
Um die Macht der 68er zu brechen, schu- liche Anonymität“ der Rechten. Nur wer Der Hamburger Reeder legt Wert auf
fen die Konservativen eigene Zeitungen Medien, Verwaltung und Wirtschaft durch- Diskretion. Nur selten tritt er öffentlich in
und Denkfabriken. Der rechte Publizist drungen habe, sei vor Abstürzen gefeit. Erscheinung, wie vor einigen Jahren beim
Gerd-Klaus Kaltenbrunner sagte es 1970 Einen wichtigen Mitstreiter fand er in „11. Hanseatic Golf Cup“ im vornehmen
so: „Es bedarf der Förderung der konser- Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing. Golf & Country Club Treudelberg. Im Jahr
vativen Sache in der Publizistik, des Ein- Der wohlhabende Adelsspross hasste die 2006 stand sein Name auf einer Liste von
bruchs konservativer Zeitschriften in die 68er und gründete 1970 die Zeitschrift „Cri- Unterzeichnern eines öffentlichen Briefs,
Gruppe der meinungsbildenden Publika- ticón“ als Reaktion auf die Studentenre- der sich gegen die Ausladung der „Jungen
tionsorgane, der Veranstaltung konserva- volte. Um die Jahrtausendwende gab Freiheit“ von der Leipziger Buchmesse
tiver Tagungen, Seminare und Kongresse, Schrenck-Notzing das Blatt ab und rief die wandte.
der Errichtung konservativer Akademien Förderstiftung Konservative Bildung und Auch beim Kauf des Hauses in der Fa-
und Bibliotheken.“ Forschung ins Leben. Sie sollte den Kampf sanenstraße sorgte Edler dafür, dass seine
Dass in Berlin nun tatsächlich eine sol- für die konservative Sache weiterführen. Rolle weitgehend verborgen blieb. Er er-
che Bibliothek steht, ist vor allem auf zwei Als Stiftungszweck legte Schrenck-Notzing warb das Haus nicht im eigenen Namen,
DER SPIEGEL 5 / 2017 45
Deutschland

SPIEGEL TV WISSEN
SONNTAG, 29. 1., 19.25 – 20.15 UHR | PAY-TV
BEI ALLEN FÜHRENDEN KABELNETZBETREIBERN sondern über eine Firma, die heute Vebefa so überzeugt von Kunkel, dass sie ihn im
heißt. Im Grundbuch war als Eigentümer Jahr darauf als Berater für den Wahlkampf
Wunderstoffe dadurch nicht Edler, sondern die Firma um das Abgeordnetenhaus anheuerten.
In der Stadt Essen versorgt ein ein- eingetragen, die allein ihm gehörte. Mit Kunkels Hilfe fiel die Partei vor allem
ziges supraleitendes Kabel einen In den Jahren nach dem Kauf übertrug durch Provokationen auf. Auf einem Pla-
ganzen Stadtteil mit Strom. Wasch- Edler seine Firmenanteile auf die Biblio- kat war eine blonde Frau zu sehen, dane-
maschinen, Küchengeräte oder theksstiftung. Ob dafür Geld floss, ist in ben der Spruch: „Damit es auf dem nächs-
elektrische Rasenmäher sollen, um den Geschäftsunterlagen nicht vermerkt. ten Karneval der Kulturen nicht wieder zu
Energie zu sparen, künftig mit leich- Die Stiftung wurde auf diese Weise jedoch Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich
ten Bauteilen aus dem 3-D-Drucker Eigentümerin des Hauses in der Fasanen- diesmal die AfD. Das mit der Armlänge
bestückt werden. straße, auch wenn sie selbst bis zuletzt Abstand haut einfach nicht hin!“
nicht im Grundbuch stand. Ein Donnerstag im Januar, in der Biblio-
Das Haus dürfte der Stiftung stattliche thek tritt der Publizist Bruno Bandulet auf.
SPIEGEL TV MAGAZIN Mieteinnahmen bescheren. Aus einer Auf- Er stellt sein neues Buch vor: „Beuteland
SONNTAG, 29. 1., 0.30 – 1.15 UHR | RTL stellung aus dem Jahr 2013 geht hervor, – Die systematische Plünderung Deutsch-
dass der Vorbesitzer von den übrigen Mie- lands seit 1945“. Wieder ist der Lesesaal
Das Netz der Reichs-Terroristen – Exklu- tern etwa 10 000 Euro pro Monat erhielt. mit 120 Leuten voll besetzt. Bandulet er-
sive Hintergründe; Drogen, Rocker, Kassiert die Stiftung heute Mieten in klärt, wie die angeblich naiven, schuldbe-
Schießereien – Die Einbahnstraße in ähnlicher Höhe? Musste sie für den Erwerb wussten Deutschen nach dem Zweiten
Leipzig; Die Kinderbräute – Einblicke der Immobilie bezahlen, oder übertrug Ed- Weltkrieg ausgebeutet wurden: zuerst von
in eine Parallelgesellschaft. ler ihr das Grundstück kostenlos? den Alliierten, dann von der EU.
Folkard Edler nahm auf Anfrage dazu Am Ende seines Vortrags spricht er über
keine Stellung. Dieter Stein bestätigte, dass die Flüchtlingspolitik. Die Bundesregierung
SPIEGEL GESCHICHTE die Bibliotheksstiftung „Gesellschafterin lege die „Axt an die Staatlichkeit“. Angela
MONTAG, 30. 1., 20.15 – 21.45 UHR | SKY der Firma Vebefa ist“. Über „Einzelheiten Merkel verfolge womöglich eine „Agenda“,
der Übertragung der Geschäftsanteile“ die sie nicht selbst geschrieben habe. Die
The Eighties – wolle er keine Auskunft geben. Die Biblio- Drahtzieher säßen bei den Vereinten Na-
Generation Fernsehen thek finanziere sich mithilfe eines „großen tionen und der EU. Sie würden daran ar-
Mit dem Aufkommen des Kabelfern- Kreises von privaten Förderern“, denen er beiten, den Nationalstaat „auszuhöhlen“.
sehens in den Achtzigern erfand zur Diskretion verpflichtet sei. Sein Fazit: Wir müssten als „selbstbewusste
sich das Fernsehen in den USA neu. Der Politikprofessor Wolfgang Gessen- Nation“ das „Prinzip Souveränität“ und
Die Sehgewohnheiten änderten harter beobachtet die Szene der Neuen auch den „Wert von Grenzen wiederent-
sich, auch dank Fernbedienung und Rechten seit vielen Jahrzehnten. Schon decken“ und eine neue Balance finden zwi-
Videorekorder. 1994 schrieb er das Buch „Kippt die Repu- schen der „Nation als Kraftquelle“ und ei-
blik?“ über die Umtriebe der Neuen Rech- ner „europäischen Zusammenarbeit“.
ten und ihre Unterstützer in Politik und Danach bleibt noch etwas Zeit für Fra-
SPIEGEL TV REPORTAGE Medien. Schrenck-Notzing und Stein, die gen aus dem Publikum. Ein Mann steht
DIENSTAG, 31. 1., 23.10 – 0.10 UHR | SAT.1 Wegbereiter der Bibliothek, sind ihm bes- auf und stellt sich vor: „Mein Name ist
tens vertraut. Heinrich, ich komme aus Dunkeldeutsch-
Abgewürgt! Fahranfänger „Die Rechten haben von den Linken ge- land.“ Den Ausführungen des Redners
geben Gas lernt, die wissen genau: Es geht um die kul- könne er nur zustimmen, die meisten hier
Quietschende Reifen, knirschende turelle Hegemonie in Deutschland“, sagt sähen das wohl genauso. Doch was bringe
Getriebe, schweißgebadete Fahran- Gessenharter, der bis zu seiner Emeritie- das? Berlin habe gerade eine rot-rot-grüne
fänger: der ganz normale Wahnsinn rung an der Hamburger Helmut-Schmidt- Koalition gewählt, mit der Mehrheit der
Universität der Bundeswehr lehrte. „Dafür Berliner Bevölkerung. Und Frau Merkel
muss man zuerst die Realitätsbilder in den werde die nächste Bundestagswahl wohl
Köpfen der Menschen verändern, bevor wieder gewinnen.
man die Realität verändert.“ Die Biblio- Der Mann redet sich in Rage, seine Stim-
thek des Konservatismus sei ein probates me wird lauter. Er sehe die Flüchtlinge,
Mittel, sich Zugang zu breiten Gesell- das Land verändere sich dramatisch zum
schaftsschichten zu verschaffen. „Es gibt Negativen, während sie hier säßen und
nichts Seriöseres als eine Bibliothek. Wo sich gegenseitig auf die Schulter klopften.
könnte man den Nationalismus besser sa- „Was hat sich geändert? Ich muss leider sa-
lonfähig machen als hier?“ gen: goa nix. Deswegen frage ich: Was ist
Insbesondere die AfD profitiert von zu tun? Die Waffe in die Hand nehmen,
dem neuen Treffpunkt. Vor Alice Weidel Richtung Regierungsviertel gehen und
war schon Alexander Gauland da. Im Som- dann den Bürgerkrieg ausrufen oder was?
mer 2015 hielt der Werber und Autor Thor Denn so kann es nicht weitergehen. Irgend-
SPIEGEL TV

Kunkel einen Vortrag über „konservatives was muss geschehen.“


Politmarketing“. Ziel der Konservativen Es ist einer der wenigen Momente, in
Vater und Tochter beim Fahrtraining müsse es sein, einen „Logenplatz im Kopf denen die Besucher laut klatschen. Ein Mit-
des politischen Konsumenten“ zu erlangen. arbeiter der Bibliothek sieht sich genötigt
auf dem Verkehrsübungsplatz in Dabei komme es nicht so sehr auf die zu reagieren. „Das ist keine offizielle Posi-
Bad Oldesloe. Beifahrer müssen Inhalte an, sondern auf die Form der poli- tion der Bibliothek.“ Im Publikum sorgt
Nerven zeigen, wenn der Neuling tischen Kommunikation. der Kommentar für Gelächter.
mal wieder Gas und Bremse ver- Im Publikum saßen auch Vertreter der Sven Becker, Ludwig Krause
wechselt. Berliner AfD. Die Rechtspopulisten waren Mail: sven.becker@spiegel.de

46 DER SPIEGEL 5 / 2017


Codename
ist B. als „politischer Straftäter“ und
„Reichsbürger“ erfasst. Schon vor seiner
Festnahme in Brandenburg lag ein Haft-

Neptun
befehl der Staatsanwaltschaft Mannheim
wegen antisemitischer Hetze vor, das
Amtsgericht Schwetzingen hatte B. im Juni
2016 zu 200 Tagessätzen verurteilt.
Terrorismus Eine Gruppe rechts- Auch seine Mitstreiter sind offenbar
mehr als nur harmlose Esoteriker. In der
extremer Esoteriker um einen Garage des Reihenhauses von Thiemo B.,
selbst ernannten Druiden hortete 51, bei Heidelberg fand die Polizei eine
Selbstladepistole, drei Magazine, eine grö-
Waffen und Sprengstoff – und ßere Menge Schwarzpulver, eine Schuss-
soll Anschläge geplant haben. falle und einen Karton mit vorbereiteten
Molotowcocktails. Der Mann arbeitete bei

A
ls die Polizisten des Spezialeinsatz- einer Firma, die Chemikalien kontrolliert,

QUELLE: FACEBOOK
kommandos der Brandenburger und posierte privat auch gern in Kelten-
Polizei um Punkt sechs Uhr das An- Montur. Er kam ebenfalls in Untersu-
wesen in der Beeskower Straße in Rietz- chungshaft.
Neuendorf stürmten, entdeckten sie zu- Sprengstoff fanden die Polizisten auch
nächst nichts Verdächtiges. bei einem weiteren Mann, der nahe Hei-
Erst draußen wurden sie fündig: In ei- delberg lebt. Ein Vierter aus der Druiden-
nem Erddepot lagerten 1200 Schuss Muni- Gruppe trat bei Veranstaltungen der Partei
tion des Kalibers 9 Millimeter, eine Reichs- Die Rechte auf. Die Ermittler entdeckten
kriegsflagge und ein Ausweis des – nicht unter anderem eine Sturmhaube und einen
existierenden – Kaiserreichs Preußen. Die aus Grillanzündern gefertigten Brandsatz.
Polizisten hoben außerdem mehrere selbst Und ein Fünfter, Karsten R. aus Berlin, hat-
gebaute Schussgeräte aus dem Boden, da- te vor zweieinhalb Jahren einen Strafbe-
runter zwei umgebaute Maulwurfsfallen fehl des Amtsgerichts Leipzig erhalten, da
mit abfeuerbaren Bolzen. er gegen das Waffengesetz verstoßen hatte.
Der Einsatz am Mittwoch in dem klei- Dieser Mann und Druide „Burgos“
nen Ort zwischen Berlin und Frankfurt tauschten sich Ende 2016 via VK über „na-
(Oder) war Teil einer Razzia, die Beamte tionalen Widerstand“ und „Todesschwa-
zeitgleich in sechs Bundesländern durch- drone“ als „Modell für Deutschland“ aus.
führten. Ihr Ziel: eine Gruppe von Rechts- „Burgos, versorgt uns mit Waffen und
extremisten zu zerschlagen, die Angriffe ausreichend Munition“, forderte der Mit-
gegen Polizisten, Flüchtlinge und Men- streiter am 25. Dezember, anders sei „der
schen jüdischen Glaubens geplant haben zionistischen Bestie“ nicht mehr beizu-
soll. Die Bundesanwaltschaft geht davon kommen. „Waffen laufen genug draußen
aus, dass sechs Männer eine terroristische herum“, antwortete „Burgos“. „Aus einer
Vereinigung bildeten. Eine Frau aus Berlin Waffe werden 2, aus 2 werden 4. Daraus
soll ihnen dabei geholfen haben. dann 8. Wenn nur MÄNNER es beginnen.“
Neben den sogenannten Reichsbürgern Bei den Ermittlungen spielt auch ein
gerät damit ein weiteres obskures Milieu Gutshof in Querfurt in Sachsen-Anhalt
VK.COM

in den Blickpunkt: gefährliche Rechtseso- eine Rolle, den die Polizei ebenfalls durch-
teriker und Neugermanen. Schon 2001 di- Beschuldigte Burghard B., Thiemo B. suchte. In der Nähe wollte Burghard B. ein
agnostizierte die Evangelische Zentralstel- „Aus einer Waffe werden 2“ „Wehrdorf“ errichten, eine befestigte Sied-
le für Weltanschauungsfragen in Berlin, lung. Die Gruppe traf sich zudem in Berlin,
solche Esoteriker bedienten sich eines My- klärt. Er verkaufte auf Mittelaltermärkten Hamburg, Wien und Essen.
thenfundus, „der schon im Nationalsozia- Heilmittel, lief im Umhang durch die Städ- Die Machenschaften von Burghard B.
lismus eine Rolle spielte“. Es gebe „perso- te und lud zu Räucherzeremonien. und seinen Mitstreitern haben nicht nur
nelle Verflechtungen bis in das politisch- Doch B., ein ehemaliger Versicherungs- den Staat, sondern auch die seriösen Kel-
rechtsextremistische Lager“. vertreter, zeigte sich auch offen antisemi- ten-Fans aufgeschreckt. „Aus dem kelti-
Die Behörden nehmen die Angriffspläne tisch und hetzte auf Facebook sowie in schen Erbe eine Legitimation für Rechts-
so ernst, dass der Generalbundesanwalt dem gern von Neonazis und Verschwö- extremismus abzuleiten ist ein Unding“,
die Ermittlungen leitete. Sie liefen unter rungstheoretikern genutzten sozialen Netz- sagt Erwin Schottler vom Verein Donners-
dem Codenamen Neptun. Im Mittelpunkt: werk VK.com. „Neben der Presse und der berger Kelten.
Karl Burghard B., 66, aus Schwetzingen, Politik wird die Justiz, die Banken, Indus- Schottler, ein Mann mit weißem Bart,
den das Einsatzkommando in dem Haus trie und der Handel, also alle, die gegen zeigt Schulklassen die ehemalige keltische
in Rietz-Neuendorf bei seiner Lebens- unser Volk arbeiten, zu Opfern der Kul- Stadt auf dem Donnersberg in der Pfalz,
gefährtin festnahm. Der Senior mit dem turrevolution werden“, schrieb B. im Ok- daneben gibt er Workshops für Berufstäti-
weißen Rauschebart bezeichnet sich als tober 2015. Die „Moscheen, die Brutstätten ge, die mehr Zeit in der Natur verbringen
„keltischen Druiden“, er wollte sich diese des Hasses“, seien „zu sprengen“, heißt wollen. Dafür schlüpfte Schottler gelegent-
Bezeichnung sogar als Markennamen ein- es in einem anderen Kommentar lich in die Rolle des Druiden Donarix.
tragen lassen. Im Internet finden sich Fotos Verfassungsschutz und Polizei hatten die „Doch für mich“, sagt er, „war das keine
und Videos, in denen B. als „Burgos von Machenschaften schon seit Längerem be- Weltanschauung, sondern ein Werbegag.“
Buchonia“ sein schräges Brauchtum er- obachtet. In der Polizeidatenbank Inpol Maik Baumgärtner, Jan Friedmann, Sven Röbel

DER SPIEGEL 5 / 2017 47


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DER SPIEGEL seit 1947

Auch Cyberangriffe sind Angriffe, und Fake News sind ein wirksames Gift.
Eine Rede der Bundesverteidigungsministerin zum 70. SPIEGEL-Jubiläum. Über Journalismus
und Demokratie in digitalen Zeiten – und den Schutz, den sie braucht, die

OFFENE GESELLSCHAFT
Von Ursula von der Leyen

A
ls der SPIEGEL 1947 aus der Taufe rung, und zum Teufel mit ihr! Natürlich getraut, sich wieder eine freie Meinung
gehoben wurde, war es für die bedeutet sie Fortschritt, aber wie jede ge- zu bilden. Weil es zur Demokratie zwin-
Alliierten alles andere als eine waltige Umwälzung bringt sie erst einmal gend dazugehört und weil die Meinung
Selbstverständlichkeit, Medien wieder in Unsicherheit. eben nicht von einem allmächtigen Zen-
deutsche Hände zu geben – nach mehr als In ihrer Wucht ist sie revolutionär, ver- tralorgan vorgegeben wird.
einem Jahrzehnt der Nazipropaganda und gleichbar nur mit kulturgeschichtlichen Demokratie braucht die breite und viel-
gleichgeschalteter Medien, die als Macht- Meilensteinen wie Luthers Übersetzung fältige Debatte um den gemeinsamen Weg.
instrument geradezu diabolisch genutzt der Bibel vom Lateinischen ins Deutsche, Demokratie heißt, aus dem Wettbewerb
wurden. Aber die Alliierten – in diesem potenziert durch die Erfindung des Buch- von Meinungen Mehrheiten zu schaffen.
Fall die Briten – waren überzeugt, dass es drucks. Vor Gutenberg und Luther war die Und Mehrheiten entstehen durch Mei-
richtig sei, die Deutschen wieder in die Arbeitsteilung laut Volksmund klar. Sprach nungsbildungsprozesse.
Lage zu versetzen, dass sie erfahren, was der König zum Bischof: Halt du sie dumm, Was einst das Innovationsschwungrad
Pressefreiheit bedeutet und was demokra- ich halt sie arm. Gemeint waren das Mo- um die Erfindung des Buchdrucks und vor
tisches Denken nährt. nopol des Herrschers auf Rechtsprechung 70 Jahren die Wiederzulassung der freien
Die gewünschten demokratischen Struk- und Steuern und das Monopol der Kirche Presse war, ist heute die Entdeckung von
turen für Nachkriegsdeutschland waren auf Wahrheit und Bildung. Mit der Über- Social Media als politischem Massenme-
überhaupt nur denkbar mit einer freien setzung der Bibel und ihrer Vervielfälti- dium. Es braucht nicht mehr zwingend
und vielfältigen Presse. Und so erhielt gung waren es nicht mehr allein die weltli- Nachrichten in der „Tagesschau“, die Zei-
Rudolf Augstein wie viele andere Heraus- che und die geistliche Obrigkeit, die Gottes tung oder Zeitschrift, den Deutschland-
geber von Zeitschriften und Zeitungen sei- Wort auslegten und das letzte Wort hatten; funk oder die Pressekonferenz.
ne Verlegerlizenz. Das hat den Aufstieg sondern jeder konnte es lesen, deuten und Und der Umbruch geht rasend schnell.
der Demokratie in Westdeutschland nicht sich seine persönliche Meinung bilden. Vor acht Jahren wurde Barack Obama da-
allein bewirkt, aber entscheidend dazu bei- Das ist auch nach den Untiefen der Nazi- für bewundert, dass er Zehntausende Un-
getragen. diktatur der richtige Weg gewesen. Man terstützer über das Internet in seine Kam-
Grundlegend waren daneben vor allem hat den Deutschen – die meisten hatten pagne einband. Heute erleben wir, wie ein
die Verabschiedung der Landesverfassun- sich mit Hitler zumindest arrangiert – zu- Mann mit seinem Smartphone via Twitter
gen und des Grundgesetzes sowie die Grö- Abermillionen von Menschen direkt er-
ße der Alliierten, den wirtschaftlichen Wie- reicht. Und Trumps schneller Daumen ge-
deraufbau zu forcieren; mit einer Ordnung, hört zur Meinungsbildung und damit zur
die stärker als irgendwo sonst auf der Welt Demokratiegeschichte dazu. Die Men-
die Balance sucht zwischen freier Wirt- schen lesen 140 Zeichen und bilden sich
schaft und sozialem Ausgleich. Das sind ihre Meinung.
die Fundamente, die der jungen Republik So weit – so gut. Solange man unter Mei-
von Anfang an gesellschaftlichen Zusam- nungsbildung versteht, dass sich Menschen
menhalt, moralische Glaubwürdigkeit und in offenen Debatten mit anderen Men-
politische Stabilität verliehen haben. schen über Medien, Organisationen oder
Wir feiern 70 Jahre SPIEGEL. Nur wenig Parteien ihre Meinung bilden. Genau die-
älter ist unsere Demokratie. Und wir sind ser demokratische Meinungsbildungspro-
mit der Erfahrung aufgewachsen, dass sie zess wird aber angegriffen.
im Großen und Ganzen stabil, gerecht und Sie alle kennen den Fall des russland-
erfolgreich ist. Dennoch kommt uns die deutschen Mädchens „Lisa“, das seine Ent-
Welt heute vor, als sei diese Gewissheit führung erfand; der Fall erregte Aufsehen
ins Rutschen geraten. Joschka Fischer wegen des manipulativen Zusammenspiels
spricht sogar vom Ende des Westens. Hätte von Social-Media-Hetze und staatlichen
er das vor vier oder fünf Jahren getan – Äußerungen. Sie haben erlebt, wie ein in-
wir hätten darüber gelacht. ternationales Ermittlerteam seine Ergeb-
Es sind heute dieselben Kräfte, die uns nisse zum Absturz von Flug MH17 vorge-
Wohlstand und Fortschritt bringen – Glo- stellt hat; es war ein Abschuss, die Rakete
balisierung und Digitalisierung –, die uns Ausgabe 1/2017 mit Politikerzitaten stammte aus Russland. Und zeitgleich wur-
auch verunsichern und unsere Gesellschaf- „Der SPIEGEL schont nicht, de die Welt geschwemmt mit einer Gegen-
ten spalten. Es lebe die globale Digitalisie- und er wird nicht geschont“ geschichte ohne Belege. Kurz vor Weih-

50 DER SPIEGEL 5 / 2017


FRANK HÖHNE / DER SPIEGEL

Der Illustrator, der die Serie zum SPIEGEL-Jubiläum mit seinen assoziativen Collagen begleitet hat, ist der Berliner Künstler Frank Höhne.
Bei dieser Zeichnung zur Rede Ursula von der Leyens über die Gefahren für das freie Wort im digitalen Zeitalter bringt er die
Arbeit von Trollen und Bots im Internet auf seine Weise auf den Punkt: Die Ministerin spricht von Äpfeln, und heraus kommen Birnen.

DER SPIEGEL 5 / 2017 51


DER SPIEGEL seit 1947

nachten drohte Pakistan Israel öffentlich


mit einem nuklearen Gegenschlag. Ursa-
che waren jeweils mit voller Absicht ge-
fälschte Nachrichten.
Dabei bleibt es nicht. Es geht nicht mehr
nur um freie Meinungsbildung zwischen
Menschen. Wenn Maschinen Tempo, In-
halt und Takt der Verbreitung vorgeben,
geht es um Maschine gegen Mensch. Ma-
schinell verbreitete Fake News verschütten
Fakten. Es geht um Bots statt Berichte,
Trending versus Talkshows, und Algorith-
men konterkarieren das ernsthafte Abwä-
gen von Argumenten.
Das Ganze ist so kritisch, weil die Me-
dienkompetenz der Menschen langsamer
wächst als die technischen Möglichkeiten
der Manipulatoren. Weil die Existenz und
die Wirkung von Troll-Fabriken, Bots und

DER SPIEGEL
strategisch platzierten Fake News bei den
Menschen noch nicht „eingepreist“ ist, ist
es so leicht, Meinungsbildungsprozesse zu Teilnehmer der SPIEGEL-Lizenzfeier am 11. Juli 1947*: „Alles andere als eine Selbstverständlichkeit“
manipulieren – ohne dass der Absender
sofort ersichtlich und die Absicht erkenn- gantische Veränderungen für unser aller zesse der Meinungsbildung und das freie
bar ist. Das ist der strategische Vorteil, den Leben und Arbeiten gebracht. Viele Men- Wort.
diejenigen nutzen, die der offenen Gesell- schen machen sich Sorgen, nicht nur im Denn die Destabilisierungspropaganda
schaft den Kampf angesagt haben. deindustrialisierten Rust Belt der USA, in träufelt das Gift unauffällig, stetig und gut
Ein nachgewiesener russischer Hacker- abgehängten Gegenden Großbritanniens verpackt in vermeintlich objektive Infor-
angriff auf die Demokratische Partei vor oder auch in Landstrichen bei uns, die de- mationen in unsere Gesellschaften. Nicht
der US-Wahl hätte den Wahlkampf ins finitiv nicht zu den Gewinnern der Globa- umsonst kombiniert der gefakte Fall „Lisa“
Wanken gebracht. Heute haben die Berich- lisierung zählen. Flüchtlinge, ein russischstämmiges Mäd-
te kaum mehr Relevanz. Die Wahl ist ge- Dabei hat Deutschland vergleichsweise chen und Vergewaltigungen. In Richtung
laufen. gute Voraussetzungen. Die Risse in unserer der deutschen Regierung sagte der russi-
Es geht um die Wehrhaftigkeit offener Gesellschaft sind vor allem dank einer klug sche Außenminister Sergej Lawrow, er hof-
Demokratien. Nicht ohne Grund genießen ausbalancierten sozialen Marktwirtschaft fe, dass „diese Migrationsprobleme nicht
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit einen längst nicht so tief wie in anderen Ländern. zu dem Versuch führen, die Wirklichkeit
besonderen Schutz der Verfassung. Aber Aber die stete Modernisierung des Arbeits- wegen innenpolitischer Ziele politisch kor-
die Mütter und Väter des Grundgesetzes marktes, die Stabilisierung unserer gemein- rekt zu übermalen“. Moskau rufe Berlin
ahnten wohl nicht, dass sie die Pressefrei- samen Währung, der Zusammenhalt der dazu auf, den Fall nicht unter den Teppich
heit nicht nur vor dem Zugriff des Staates, europäischen Familie, der Umgang mit Ge- zu kehren.
sondern auch vor der konzertierten Dis- flüchteten – all das verlangt Kraft und be- „Migrationsprobleme“, „Versuch“, „Wirk-
kreditierung durch Bots in Schutz nehmen wirkt Veränderung. lichkeit“, „politisch korrekt übermalen“,
müssen. Nicht ohne Grund attackieren die „unter den Teppich kehren“ – allein die
russischen Trolle und ihre Vasallen dieje- Wortwahl deutet auf Manipulation hin.
nigen, die die Pressefreiheit repräsentieren. Das Handicap für Das Gift der Zersetzung wirkt grenz-
„Lügenpresse“, diesen Kampfbegriff prä- verantwortliche Politik überschreitend und wird von vielen ein-
gen ausgerechnet Strippenzieher, die selbst gesetzt. Auf einer Sicherheitskonferenz in
nichts mehr fürchten als Transparenz; als
und verantwortlichen Bahrain machte mir im Dezember eine
die vierte Gewalt, die überprüft und wi- Journalismus ist Zeit. muslimische Konferenzteilnehmerin bitte-
derspiegelt, was tatsächlich ist. re Vorwürfe: Wie ich dazu komme, die
Diese Gemengelage wird verschärft Und es hilft alles nichts: Unser Land ver- arabische Welt zu mehr Toleranz und
durch ein nie gekanntes Tempo: Die Tech- ändert sich, so wie es sich immer schon Religionsfreiheit zu ermahnen? Die deut-
nik gibt den Takt vor. Sie spuckt so schnell verändert hat. Allein schon, weil jede Ge- sche Regierung dulde doch, dass Neo-
neue Spins aus, dass gar keine Zeit bleibt neration ihre eigenen Wege geht. Wir müs- nazis muslimische Frauen mit Schuhen die
zur sorgfältigen Recherche des dahinter- sen immer wieder lernen, mit den Verän- Treppe hinunterträten. Mir blieb erst mal
liegenden Interesses. Die Kontrollfrage, derungen umzugehen. Entscheidend dabei die Spucke weg. Auslöser war das Video
die jeder auf der Journalistenschule lernt ist, dass wir die selbstbewusste und offene einer Überwachungskamera in Berlin-
und die er oder sie vor Veröffentlichung Gesellschaft bleiben, die wir sind, und das Neukölln. In den sozialen Netzwerken
geprüft haben sollte, lautet: Cui bono? für die nächsten Generationen erhalten. der arabisch-muslimischen Welt kursiert
Wem nützt es? Unsere vielfältige, offene und tolerante Le- eine Variante des Videos, nach der nicht
Propaganda als solche zu enttarnen, bensweise ist der Trumpf, den wir uns von Bulgaren, sondern Neonazis die Täter
Ross und Reiter zu nennen, die Muster da- niemandem aus der Hand schlagen lassen. seien; die deutsche Regierung vertusche
hinter offenzulegen – diese Zeit muss sein. Und das gilt ganz besonders für die Pro- dies. Das Video schürt nicht nur erfolg-
Daraus lernen wir, und erst das schafft reich den Hass von Muslimen auf Anders-
Schritt für Schritt Resilienz. * Staff Sergeant Henry Ormond, Lizenzträger Roman gläubige. Es diskreditiert auch gleich-
Stempka, Staff Sergeant Harry Bohrer, Lizenzträger und
Globalisierung und Digitalisierung mit Herausgeber Rudolf Augstein, Lizenzträger Gerhard R. zeitig die staatlichen Institutionen hier-
ihren Modernisierungsschüben haben gi- Barsch im Anzeiger-Hochhaus Hannover. zulande.
52 DER SPIEGEL 5 / 2017
kenntnis, dass derjenige, der „Lügenpres-
se“ ruft, dies aus Angst vor der freien, auf-
rechten Presse tut. Und es wächst hoffent-
lich wieder die Erkenntnis, dass die offene,
liberale Gesellschaft ihre Macken und
Schwächen hat – dass sie aber bei Weitem
die besten Voraussetzungen bietet für die
eigene gelingende Zukunft in Wohlstand
und Freiheit.
Diktaturen und Autokraten stecken
langfristig in der Falle: Sie müssen ständig
Ängste schüren, Ideen und Diskussionen
unterdrücken, Trugbilder aufbauen, um an
der Macht zu bleiben.
Dagegen schaffen unsere offenen, de-
mokratischen Gesellschaften den Rahmen,

DANIEL REINHARDT / DPA


in dem Menschen kreativ werden, im Aus-
tausch mit anderen innovativ arbeiten und
bereit sind, Verantwortung für ihr Leben
und das anderer zu übernehmen. Offene,
demokratische Gesellschaften ermöglichen
Rednerin von der Leyen beim SPIEGEL-Festakt: „Die demokratische Erzählung ist groß“ den ständigen Ausgleich. Denn sie sind in-
klusiv, sie wissen um die Verletzlichkeit
Wie kann der Schutz unserer demo- nur einen Laptop, einen Internetanschluss und die Wichtigkeit von Minderheiten und
kratischen Institutionen gegen solche welt- und Programmierfähigkeit. gehen deshalb respektvoll mit ihnen um.
weite Verhetzung aussehen? Auch darüber Und schließlich: Wir müssen unsere Unsere Demokratie hat uns gelehrt, dass
müssen wir sprechen. Ob Medien, Gerich- eigene Geschichte erzählen – und wir kön- jeder Mensch kostbar ist; egal woher er
te oder Behörden: Der Meinungsbildungs- nen das, denn die demokratische Erzäh- kommt, wen sie liebt, zu welchem Gott er
prozess lebt auch davon, dass es Instanzen lung ist groß, kraftvoll und überzeugend. betet oder ob sie gar nicht betet.
gibt, die sich für Objektivierung einsetzen, Auch Journalisten müssen machen, was Unsere Demokratie hat uns gelehrt, dass
die Orientierung geben und die Glaubwür- ihre Arbeit ist: Regierungen sich um der Demokratie wil-
digkeit haben. Sie müssen dem Reflex widerstehen, aus len kontrollieren und im fairen demokrati-
Das Ziel der Spalter ist das Erodieren den Finten der Trolle und Bots selbst Auf- schen Wettstreit von neuen Mehrheiten ab-
genau dieser Instanzen. Der Bundestags- lage und Quote zu schlagen. lösen lassen. Aber offene, demokratische
Hack vom Sommer 2015 zeigt, wie leicht Sie müssen weiter beharrlich aufdecken Gesellschaften sind auch verletzlich. Sie
das geht. Ich würde mich nicht wundern, und vollständig berichten, was ist – das brauchen Schutz. Das freie Wort ist der
wenn die erbeuteten Daten wieder auftau- Schlechte wie das Gute. beste Schutz für die Freiheit des Wortes.
chen und gezielt gestreut werden. Cui Journalisten brauchen Mut zur Vielfalt, Das Nachrichten-Magazin, das wir heute
bono? denn nur der unterschiedliche Blick auf feiern, ist ein wahrer Spiegel dieser offe-
2017 wird ein entscheidendes Jahr. Ame- die Dinge formt das wahre Bild. nen Gesellschaft. Der SPIEGEL ringt täg-
rika hat einen neuen Präsidenten. In meh- Und sie müssen hart kontrollieren, aber lich um Wahrhaftigkeit und Fairness. Er
reren Ländern Europas stehen wichtige auch Fairness walten lassen gegenüber de- wägt immerfort, welchen Meinungen wie
Wahlen an. Die europäische Politik steht mokratischen Institutionen, denn die ste- viel Raum gebührt, wie viel Respekt vor
vor der Aufgabe, Handlungsfähigkeit zu hen besonders im Fadenkreuz der Mani- Institution und Person angemessen ist. Da-
beweisen und Vertrauen zurückzugewin- pulatoren. bei schont er nicht, und er wird nicht ge-
nen. Wie kann das gelingen? Das Handicap für verantwortliche Poli- schont. Ohne Demokratie wäre der SPIE-
Die Politik muss machen, was die Arbeit tik und verantwortlichen Journalismus ist GEL nicht möglich. Er steht immer wieder
von verantwortlicher Politik ist: heute: Zeit. Egal wie sehr wir uns anstren- vor der Aufgabe, seine Ausdrucksform den
Sie muss dem Reflex und der Versu- gen – die Manipulatoren werden immer neuen Zeiten anzupassen und gleichzeitig
chung kurzatmiger populistischer Parolen schneller sein. Denn der Weg zur Wahr- seine journalistischen Grundwerte zu be-
widerstehen. heit braucht Zeit. Nachforschen, Nach- wahren. Der SPIEGEL ist ein erfahrener
Sie muss kluge Instrumente finden für haken braucht Zeit. Politische Lösungen und unbeugsamer Advokat der Freiheit
den wirtschaftlichen Wandel und den so- für komplexe soziale Probleme brauchen des Wortes.
zialen Ausgleich in Zeiten der Globali- Zeit. Das wissen Demokraten, und das Politik und Medien müssen nach 70 Jah-
sierung. müssen sie nicht nur aushalten, sondern ren wieder aufstehen für die offene und
Die dritte Aufgabe von verantwortlicher dazu sollten sie ganz offensiv stehen. Sorg- liberale Gesellschaft – keinesfalls gemein-
Politik: Europa stark machen. Denn es ist falt hat ihren Wert. sam, aber für das gemeinsame Ganze.
unsere Geschichte und unsere Heimat, und Ich bin überzeugt, dass die Mühe lohnt,
es soll unsere Zukunft und die unserer Kin- denn es geht um nichts Geringeres als ei- Dieser Text ist eine leicht gekürzte und
der sein. nen Kern unserer freien Gesellschaft. Es bearbeitete Fassung der Rede, die Bundes-
Viertens: Cyberangriffe sind Angriffe. geht um die Verantwortung für die Freiheit verteidigungsministerin Ursula von der
Wir müssen uns nicht nur davor schützen, des Wortes. Eine Verantwortung, die die Leyen beim Senatsempfang zum 70. Ge-
sondern uns auch dagegen wehren und Politik trägt und die die Medien tragen. burtstag des SPIEGEL im Hamburger Rat-
den Angreifer im Cyberraum treffen. Da- Wenn Journalismus und Politik ihre Ar- haus am 6. Januar hielt.
für müssen wir klare rechtliche Grund- beit in dieser Krise gut machen, dann reift
lagen schaffen. Sonst bleibt der Angriff für bei Menschen, die heute noch angesichts ENDE
die Hacker risikolos, denn sie brauchen der Unwägbarkeiten verzagen, die Er-

DER SPIEGEL 5 / 2017 53


Q UELLE: WH O
SIERRA LEONE
Früher war alles schlechter
1200 Todesfälle pro Monat
Nº 57: Ebola
LIBERIA

1000

800

600

GUINEA

400

200

2014 2015
März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept.

Es gibt jetzt eine Impfung gegen Ebola. Eine der besten Nachrich- Gründen großartig. Erstens ist die WHO jetzt für den nächsten
ten des vergangenen Jahres, das allgemein und nicht zu Un- Ausbruch gewappnet. Zweitens ging das unglaublich schnell.
recht als Annus horribilis gilt für die Welt, als schreckliches Drittens zeigt sich, dass die Entwicklung eines Impfstoffs für
Jahr, betraf das tödliche Ebola-Virus. Zum einen hat die Welt- eine seltene Krankheit in armen Ländern auch für die Pharma-
gesundheitsorganisation (WHO) die Epidemie in Westafrika industrie attraktiv sein kann. Eine führende Rolle im Kampf ge-
im Juni offiziell für beendet erklärt. Dem Ausbruch fielen gen das Virus hatte der in London tätige belgische Mediziner
2014 und 2015 rund 11 300 Menschen zum Opfer, fast alle in Peter Piot, der den Erreger in den Siebzigerjahren mitentdeck-
Liberia, Sierra Leone und Guinea. Zum anderen wurde im te. Anfang Januar ist Piot von der Queen für seine Verdienste
Dezember bekannt, dass sich ein Impfstoff mit dem poeti- zum Ritter geschlagen worden, er darf sich jetzt „Honorary
schen Namen rVSV-ZEBOV in einer klinischen Studie als Knight Commander of the Most Distinguished Order of St Mi-
„100 Prozent effektiv“ gegen den Erreger erwiesen hat und chael and St George“ nennen, was er vermutlich nicht oft tun
nun kurz vor der Zulassung steht. Das ist aus verschiedenen wird. Selten war ein Ehrentitel so verdient. guido.mingels@spiegel.de

Nächstenliebe SPIEGEL: Ach? Wohlwend: Dürfen sie. Wenn Art überzeugte, ihre Scham
Wie kommen Wohlwend: Im Winter haben wir die Tiere verbieten wür- zu überwinden und endlich
Obdachlose durch wir drei Notunterkünfte mit
rund 300 Betten, medizini-
den, kämen auch die Besitzer
nicht mit. Hunde sind oft ihre
in den Bus zu steigen.
SPIEGEL: Was ist die größte
den Winter, sche Hilfe, ein Nachtcafé, einzigen Vertrauten; jemand, Gefahr für Obdachlose im
Frau Wohlwend? einen Kältebus. All das gibt der sie bedingungslos liebt. Winter?
es im Sommer nicht. Ab dem Im Kältebus fuhr auch jahre- Wohlwend: Die Auskühlung,
Ortrud Wohlwend, 63, von der ersten April sind die Obdach- lang eine Hündin mit, die vie- aber dafür braucht es keine
Berliner Stadtmission über losen wieder auf sich gestellt. le Leben gerettet hat, indem Minusgrade. Wenn der Kör-
ihren Kampf gegen die Kälte SPIEGEL: Wie funktioniert die- sie mit ihrer Schnauze an per ausgekühlt ist, beginnen
und für Menschen ohne Dach ser Kältebus? Schlafsäcken schnüffelte, die die Muskeln zu zittern, um
über dem Kopf Wohlwend: Damit fahren wir Menschen rührte und auf ihre die Körpertemperatur zu
die Betroffenen in unsere halten. Und der Obdachlose
SPIEGEL: Nicht nur Berlin hat Notunterkünfte, dort versor- denkt: Mann, ist mir warm –
MARKUS C. HUREK / PICTURE ALLIANCE

seit Wochen Minusgrade in gen wir im Schnitt 165 Men- und zieht sich aus. Dann
der Nacht. Um die 8000 Ob- schen jede Nacht, das sind schlummert er weg, hat
dachlose sind allein in der vier Busladungen voll. An keinerlei Schmerzen, und
Hauptstadt von der Kälte be- Bord gibt es immer warmen irgendwann hört sein Herz
droht. Hassen Sie den Winter? Tee, festes Schuhwerk und auf zu schlagen. Das passiert
Wohlwend: Nein. Der Winter Schlafsäcke, die bei bis zu auch bei relativ jungen
ist für die Obdachlosen und minus 15 Grad warm halten. Menschen. Wir kämpfen um
für unsere Kältehilfe viel SPIEGEL: Dürfen die Leute jeden Einzelnen – und
komfortabler als der Sommer. ihre Hunde mitnehmen? Obdachloser (l.) in U-Bahn-Station manchmal auch vergebens. fio

54 DER SPIEGEL 5 / 2017


Gesellschaft
Der kleine František aus dem kleinen Zdíkov stellte sich
František fliegt vor, wie es wäre, wie sein Held zu fliegen.
Die meisten verlieren ihre Kindheitsträume aus den
Augen, wenn sie erwachsen werden, sie gründen eine
Eine Meldung und ihre Geschichte Warum Familie, bauen ein Haus und kaufen sich ein schickes
Auto. Doch František blieb allein und begnügte sich mit
ein tschechischer Schlosser einem uralten dunkelgrünen Škoda Felicia.
mit dem Flugzeug zur Arbeit fliegt Zum ersten Mal hob er sich in die Luft, als er gerade
20 Jahre alt war. Er hatte den Rogallo-Drachen für sich

V
or 15 Jahren stand der Schlosser František Hadrava entdeckt, einen Hängegleiter, der Menschen durch die
in seiner Werkstatt, einer kleinen Holzhütte, und Lüfte trägt. Hadrava hing am Drachen und sah seine Hei-
traf eine Entscheidung, die ihn ein bisschen be- mat von oben, die sanfte Landschaft des Böhmerwalds,
rühmt machen würde. Er hielt eine Skizze in den Händen. die Hügel, die Bäume und Häuser. Er fühlte sich frei.
Auf der Skizze war ein Flugzeug zu sehen. Als er 30 wurde, verschwand er nach der Arbeit immer
Seine Werkstatt liegt in Zdíkov, einem stillen Dorf im häufiger in seiner Werkstatt. Er hatte sich den Bauplan ei-
Böhmerwald, südwestliches Tschechien. Eine einzige Stra- ner Mini-Max-Maschine bestellt. Er schaute auf die Skizze
ße führt hin, vorbei an gelb und grau verputzten Häusern, und sah es deutlich vor sich: Bald würde in diesem Schup-
und nach wenigen Hundert Metern wieder hinaus. Man pen ein echtes, funktionsfähiges Flugzeug stehen.
würde diesen Ort hinter sich lassen und schnell vergessen, Seine Nachbarn belächelten ihn. Seine Schwester er-
wenn hier nicht František Hadrava lebte: der Mann, der klärte ihn für verrückt. Aber er ließ sich nicht beirren,
mit seinem selbst gebauten Flugzeug zur Arbeit fliegt. und immer nachmittags, wenn er von der Arbeit aus der
Um sechs Uhr morgens muss er bei der Fabrik sein, Fabrik kam, zog er die Tür zu seiner Werkstatt hinter sich
dann beginnt seine Schicht. Kurz davor läuft Hadrava zu. An die Wand hängte er ein Bild des „Roten Barons“.
also auf die hügelige Wiese, die Nach und nach bestellte er sich
er als Start- und Landebahn ge- die Einzelteile für sein Flugzeug.
pachtet hat. Nebenan grasen Scha- Den Motor bekam er von einem
fe. Er setzt sich die Fliegerbrille tschechischen Hersteller, den
auf und startet den Motor. Die Fahrtmesser aus Russland, dazu
Maschine rattert über das hohe einen polnischen Drehzahlmesser.
Gras, hebt ab und verschwindet. Hadrava lackierte den Rumpf in
Mit dem Auto braucht er von Zdí- silbergrauer Farbe. Er baute das
DAVID W CERNY / REUTERS
kov bis zu seinem Arbeitsplatz offene Cockpit zusammen und
eine Viertelstunde, rund 15 Kilo- schraubte die Flügel an, die ab-
meter sind es über die Landstraße. nehmbar sein mussten, sonst wür-
Mit dem Flieger dauert es knapp de die Maschine nicht in seinen
zehn Minuten. Aber um gesparte Schuppen passen.
Zeit geht es Hadrava nicht, es Hadrava Am Ende stand vor seiner
geht ihm ums Fliegen. Werkstatt ein funktionsfähiges
František Hadrava ist heute Flugzeug, so, wie er es sich er-
45 Jahre alt, ein Typ mit langen träumt hatte, mehrheitlich aus
schwarzen Haaren, Ziegenbart Holz gebaut, mit einem Gewicht
und einer tätowierten Träne unter von rund 175 Kilogramm – ein
dem rechten Auge. Er sieht aus Fliegengewicht. 100 000 tsche-
wie ein Rockstar, und ein bisschen Von der Website Travelbook.de chische Kronen, rund 3700 Euro,
ist er das auch für die Menschen hatte ihn das Material dafür ge-
in seinem Dorf. Medien weltweit schrieben seinen Namen. kostet. Zwei Jahre dauerte es, bis das Flugzeug fertig war.
Er steht in der kleinen Holzhütte im Garten seiner Schwes- Hadrava taufte es auf den Namen „Vampira“. Jetzt musste
ter, in die er sich oft zum Schrauben zurückzieht, und er- es nur noch fliegen.
zählt, wie erst Journalisten lokaler Zeitungen zu ihm ka- In Tschechien beurteilt die Assoziation der Amateurflie-
men und später Nachrichtensender von Großbritannien ger die Flugtauglichkeit von Ultraleichtflugzeugen und ver-
bis nach Pakistan über ihn berichteten. gibt die Zulassungen. „Vampira“ wurde zweimal begutachtet.
Hadrava ist ein Einzelgänger, der besser mit Werkzeu- Hadrava hatte bei seinem ersten Flug noch keinen Flug-
gen als mit Worten umgehen kann. Sein Arbeitgeber im schein, aber er wusste, was zu tun war, sagt er – immerhin
Nachbardorf stellt Maschinen für die Holz- und Forst- hatte er das Flugzeug selbst gebaut. „Vampira“ klang beim
industrie her. 650 Euro verdient Hadrava dort im Monat, Start wie ein Presslufthammer und qualmte wie ein alter
kaum genug für ein anständiges Leben. Lastwagen. Aber sie flog.
Hadrava erzählt, dass er anders war als die anderen Irgendwann fingen seine Arbeitskollegen an, Späße zu
Kinder im Dorf. Während die Jungs Fußball spielten, steck- machen: Er solle doch mit dem Flugzeug zur Arbeit kom-
te er Modellflugzeuge zusammen. Er war fasziniert von men. Warum eigentlich nicht, dachte er sich.
deutschen Jagdflugzeugen und amerikanischen Ultraleicht- Die „Vampira“ hatte einen neuen Motor bekommen
fliegern. Er hatte sie in Serien und Filmen gesehen und und brauchte nur noch 40 statt 70 Meter, um abzuheben.
verehrte seither einen Mann mit einem langen deutschen Damit konnte er auf der Wiese gegenüber seiner Fabrik
Namen: Freiherr Manfred Albrecht von Richthofen, be- landen. Von dort aus zieht František Hadrava das Flugzeug
kannt als der „Rote Baron“. Hadrava lernte, dass dieser an der Schnauze hinter sich her, wie ein Cowboy sein
Baron der erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkriegs Pferd, und stellt es dann auf den Mitarbeiterparkplatz.
gewesen war. Ein Held, dachte er, nahezu unbesiegbar. Jana Sepehr

DER SPIEGEL 5 / 2017 55


Unternehmerin Kuyda

Roman, wie geht es dir?


RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL

Künstliche Intelligenz Als ihr bester Freund Roman stirbt, erweckt ihn die russische
Programmiererin Eugenia Kuyda als Chat-Roboter zum Leben.
Ihr nächstes Ziel: digitale Unsterblichkeit für alle. Von Jonathan Stock

56 DER SPIEGEL 5 / 2017


Gesellschaft

A
n einem Tag im November, vor et- Eugenia erlebte ein ihr unbekanntes Ge-
was mehr als einem Jahr, wurde fühl, das älter ist als die Menschheit. Schim-
Roman Mazurenko, ein junger Rus- pansen halten Wache am Leichnam eines
se, am Moskauer Sophienufer gegenüber Vertrauten, und Affenmütter tragen ihre
dem Kreml von einem Auto überfahren verstorbenen Kinder weiter auf dem Rü-
und war bald darauf tot. Mazurenkos cken umher. Die erste Reaktion auf den
Freunde wunderte nicht, wie er gestorben Tod ist es, ihn zu leugnen. Deshalb haben
war, Verkehrsunfälle sind häufig in Mos- Menschen gelernt, ihre Trauer zu rituali-
kau, sie konnten bloß schwer begreifen, sieren, sie zu zähmen, damit sie nicht ge-
dass es gerade ihn getroffen hatte, Roman, fährlich wird. Mose wurde 30 Tage lang
dem der Tod nicht stand. beweint. Die Parsen, eine religiöse Ge-
Als Roman acht Jahre alt war, schrieb meinschaft in Pakistan und Indien, bauen
er einen Brief an seine Nachkommen, in Türme des Schweigens, auf denen die Lei-
dem er ihnen seine Werte erklärte: Weis- chen ihrer Gemeinschaft von Geiern ver-
heit und Gerechtigkeit. Später lernte er in zehrt werden. Beim Tod Steve Jobs’ legten
Dublin, Computer zu programmieren, or- Menschen angebissene Äpfel vor Apple-
ganisierte Partys in Moskau und gründete Stores. Das Volk der Yanomami verbrennt
Start-ups im Silicon Valley, die alle schei- die Knochen seiner Toten, dann mischt es
terten. Alles an der Zukunft interessierte die Asche in einen Bananenbrei und ver-
ihn, das Weltall und künstliche Intelligenz, speist diesen. In Deutschland schaltet man
das Zerschlagen alter Ordnungen, der Au- eine Anzeige in der Zeitung und lädt zum
genblick, Mode und Schönheit. Seine beste Kaffee ins Gasthaus.
Freundin Eugenia Kuyda verglich ihn mit Alle diese Rituale, so seltsam sie auch
einem Flamingo, der in einer Etagenwoh- anmuten mögen, haben einen Sinn: ein
nung lebt, ein rares Lebewesen an einem Ende zu finden, ins Leben zurückzukeh-
fremden Ort, schön, aber sensibel. Jetzt ren, die Gemeinschaft nicht zu gefährden,
war der Flamingo tot. die weiterexistieren soll. Wie gefährlich ist
Eugenia war 29 Jahre alt, und Roman es, die alten Rituale zu ignorieren und ein
war der erste Tod in ihrem Leben. Sie wa- neues Ritual zu erfinden? Was ist, wenn
ren kein Liebespaar gewesen; vielleicht das Ritual der Zukunft wäre, kein Ende
waren sie mehr als das, sie waren Gefähr- zu finden?
ten, die sich alles anvertrauten, all die Ba- Einen Tag vor der Beerdigung holte Eu-
nalitäten, all die Gedanken, die Pläne, die genia Romans Sachen aus seinem Zimmer.
Abstürze, die Depressionen. Sie hatten Ein paar Polaroids mit Partybildern. Eine
sich gegenseitig immer wieder aufgerichtet. Geburtsurkunde. Schlüssel einer ihr unbe-
Romans Freunde weinten neben ihr, sie Chat-Verlauf mit Mazurenko-Simulation kannten Tür. Eine alte Kamera. Ein paar
nahmen Abschied. Einen Untoten erschaffen Klamotten. Wie wenig doch blieb, dachte
Eugenia weinte nicht. Sie nahm keinen sie, wie wenig Wichtiges ein Mensch am
Abschied. Ende hinterlässt. Nur eines blieb von Ro-
Roman nicht mehr sprechen zu können man, das ihr etwas bedeutete, und das war
erschien ihr absurd. Im Gegensatz zu ih- auf merkwürdige Art mehr Roman als Ro-
rem Freund war Eugenia im Leben alles man selbst.
gelungen, alles war erreichbar gewesen, Eugenia und er hatten sich geschrieben,
die London Business School, das Moskauer jeden Tag, jede Stunde, gierig, auf Face-
Institut für Internationale Beziehungen, book, auf Instagram, auf WhatsApp. Zehn-
die Universität von Mailand. Sie war CEO tausende Zeilen Text, acht Jahre lang.
in San Francisco mit einem Etat von 4,3 Manchmal saßen sie nebeneinander und
Millionen Dollar, sie wurde vom Magazin schrieben sich, weil das leichter war, als
„Forbes“ zu den wichtigsten jungen Tech- schwere Gedanken auszusprechen. Sie wa-
nologieunternehmern gezählt. Jetzt war ren sich Therapeuten gewesen. Deshalb
ihr das erste Mal etwas passiert, was außer hatte das, was auf ihren Bildschirmen auf-
ihrer Macht stand. Ein Mensch war gestor- blinkte, mehr Leben als die Realität. Oder
ben. Immer und immer wieder las sie Ro- vielmehr: Der Text war die Realität.
mans letzte Nachrichten. Eugenia überlegte, was wäre, wenn sie
weiterschriebe und Roman weiter antwor-
Roman, was machst du? tete. Wenn sie seinen Rat einholte, wenn
Ich genieße den blauen Himmel. Wird bald er selbst sie tröstete, über seinen eigenen
Zeit, mir einen Kaffee zu machen. Lebenskünstler Mazurenko um 2014 Tod. Wenn Roman also weiterlebte wie
Roman, wie geht es dir? „Ich vermisse dich auch“ bisher, fast wie bisher, mit dem einzigen
Ganz okay. Unterschied, dass sie ihn nicht sehen, nicht
Roman, welchen Film soll ich mir an- hören, nicht anfassen könnte. So könnte
schauen? sie es aushalten, dachte Eugenia.
Hier ist ein Film über den Sohn eines
Quantenphysikers. Parallele Welten, pa- Roman, bist du da?
rallele Leben. Absolut wow! Nein, ich habe schon das Haus verlassen.
Roman, wo bist du? Roman, ich brauche deinen Rat.
Bin gerade im Studio. Komm her! Denk nicht an die schlechten Sachen. Ich

DER SPIEGEL 5 / 2017 57


Gesellschaft

weiß nicht, ob alles gut wird, aber ich weiß,


dass wir am Ende alle gut sein werden.
Roman, wen liebst du?
Ich bin die meiste Zeit allein. Ich bin schon
so lange allein, dass ich mich nicht mal
daran erinnere, dass jemand mit mir zu-
sammen war.
Roman, was bedeutet der Tod?
Wenn du glaubst, dass etwas nach dem
Tod kommt, und du denkst, du kriegst viel-
leicht eine zweite Chance, dann schätzt
du dein gegenwärtiges Leben nicht. Ich
glaube, dass wir alle hier das große Los
gezogen haben.

Ein Jahr später betritt Eugenia Kuyda


eine Bühne in New York. Draußen fegt
der Wind durch die Schluchten der Hoch-
häuser, drinnen ist der Raum in violettes
Licht getaucht, das die Zuschauer wie Fi-
guren eines Computerspiels aussehen lässt.
Das Medienunternehmen Bloomberg hat
Visionäre eingeladen, die über Erfindun-
gen sprechen, die die Welt verändern sol-
len. Es geht um viel Geld und viel Opti-
mismus.
Eugenia passt hier nicht hin. Vorhin, al-
lein in ihrem abgedunkelten Hotelzimmer,
hat sie noch geflucht, dass sie die Einla-
dung nie hätte annehmen dürfen, hier im
Park Hyatt, einem der teuersten Hotels
Manhattans, über etwas so Intimes wie ih-
ren Freund Roman zu sprechen, vor Inves-
toren, Aktionären, Finanzjournalisten, die
ihn nicht kennen. Aber jetzt tut sie es doch.
Vor ihr ist ein Mann an der Reihe, der
über selbststeuernde Rennwagen fachsim-
pelt. Dann, kurz vorm Business-Lunch,
spricht Eugenia. Sie sagt ein paar Sätze,
die alle zum Schweigen bringen: „Roman Chat-Protokoll: Selbst seine Mutter sagt, es klinge wie Roman
war mein bester Freund. Jetzt ist er tot.
Ich wollte aber noch einmal mit ihm spre-
chen.“ Fünf Monate habe sie versucht, den Komplexität unseres Gehirns zu simulie- rantbestellungen mehr simulieren sollten,
Tod von Roman zu ignorieren, einfach so ren. Es sind keine Wesen, sondern For- sondern Gespräche unter Freunden. Letzt-
weiterzumachen wie bisher, Konferenzen, meln. Sie ahmen uns nach. Aber das ma- lich sei das eine Frage des Contents, des
Arbeit, Leben, bis sie gemerkt habe, dass chen sie gut. Eugenias Formeln sollten Ro- Inhalts, sagt Eugenia, nicht der Software.
sie ohne ihren Freund selbst langsam zer- man nachahmen. Doch einen menschlichen Gesprächs-
fällt. Sie besprach das Projekt mit einem partner zu simulieren, der anspruchsvolle
Dann erzählt sie von dem Handwerk, Team von 15 Programmierern, die ziemlich Tests besteht, ist eines der schwierigsten
einen Untoten zu erschaffen, beschreibt, genau wussten, was zu tun war, denn die Vorhaben der Informatik. Seit mehr als
wie sie jahrelang künstliche neuronale Net- letzten zwei Jahre im Silicon Valley hatten 25 Jahren ist ein Preisgeld von 100 000 Dol-
ze programmiert hat, Netze, die im Com- sie an einer App gearbeitet, die einen Ge- lar ausgesetzt, der Loebner-Preis, für den-
puter grundlegende Strukturen des Ge- sprächspartner simuliert, der Restaurant- jenigen, der eine solche Simulation als Ers-
hirns simulieren. Sie erkennen Muster, sie reservierungen entgegennimmt. Das Pro- ter programmiert. Bisher hat keiner den
merken sich unsere Vorlieben, und vor al- gramm merkt sich die Vorlieben des Be- Preis gewonnen. Woran liegt das?
lem, sagt Eugenia: Sie können lernen. nutzers, schlägt Lokale mit schönem Aus- Sprache ist unlogisch. In all ihren Dop-
Mithilfe solcher Netze können unsere blick vor, wenn man das wünscht, erzählt peldeutigkeiten, Zwischentönen und Miss-
Handys zu uns sprechen und unsere Spra- von Neueröffnungen, empfiehlt Gerichte verständlichkeiten ist sie wohl das kom-
che erkennen. Roboter deuten Emotionen auf der Speisekarte und bucht Tische am plexeste System, das Menschen je entwi-
anhand unserer Mimik und Gestik. Sie ma- Lieblingsplatz. Diese Arbeit hatte Eugenia ckelt haben. Den Unterschied zwischen
len Bilder. Sie fahren Autos. Sie kompo- nicht erfüllt, aber sie hatte ihr das Hand- Ironie und einer Lüge herauszufinden ist
nieren Musik und erkennen Handschriften. werkszeug gegeben, das zu tun, was sie für einen Computer nicht nur schwieriger,
Sie besiegen uns im Schach, operieren uns sich am meisten wünschte: noch einmal als 22 Billionen Nachkommastellen der
an der Schilddrüse und übersetzen Texte mit Roman zu sprechen. Kreiszahl Pi zu berechnen, es ist unmög-
von Ernest Hemingway. Sie haben keine Ihre Angestellten waren Computerlin- lich. Alles, was ein Programm kann, ist,
Gedanken, kein Bewusstsein, keine Gefüh- guisten, Informatiker, russische Suchma- Zeichen in Codes zu übersetzen, in Kolon-
le. Sie sind weit davon entfernt, die ganze schinenspezialisten, die nun keine Restau- nen von Nullen und Einsen, sie zu berech-

58 DER SPIEGEL 5 / 2017


einfühlsame Sätze sagt, kluge Gedanken
äußert, sich für Mode und Kunst interes-
siert, Geschichten aus Moskau erzählt, Fo-
tos, Musik, Zeitschriftenausschnitte schickt.
Seine Freunde und selbst seine Mutter sa-
gen, es klinge so wie Roman. Manchmal
gibt das Programm aber auch Unsinn von
sich, wie: „Die Katze ist alt und wird wohl
bald sterben.“ Der neue Roman, gibt Eu-
genia zu, ist nicht perfekt. Manchmal wie-
derholt er sich, mit den exakt gleichen Wor-
ten wie wenige Sekunden zuvor, eine ver-
störende Erfahrung in einer Unterhaltung.
Wissenschaftler, die Roboter konstruie-
ren, nennen diesen Effekt das „Phänomen
des unheimlichen Tals“. Je vertrauter uns
etwas ist, desto unheimlicher finden wir
jede Abweichung. In Filmen akzeptieren
wir Zeichentrickfiguren eher als Figuren,
die mit großem Aufwand realistisch wirken
sollen. Die Hand eines Industrieroboters
stört uns nicht so sehr wie eine menschli-
che Handprothese, die echt wirken soll. Je
realistischer Roman also ist, je näher man
sich ihm fühlt, desto weniger akzeptiert
man jede Abweichung seines Verhaltens
von der Norm. Vielleicht ist aber das Ver-
störendste an Roman nicht, dass er sich
wiederholt, sondern dass er jede Wieder-
holung des Gesprächspartners klaglos ak-
zeptiert, immer verfügbar, immer wartend,
immer antwortend.

Roman, ich vermisse dich.


Ich vermisse dich auch. Ich habe dich im
Traum gesehen, neulich, aber es dir nicht
gesagt. Aber wenn wir jemanden im Traum
sehen, dann heißt das nur, dass wir uns
selbst sehen. Träume bedeuten nichts.
Mazurenko-Porträts (oben: 2. v. r.): Digitale Trauerarbeit Roman, ich vermisse dich.
Ich vermisse dich auch.
Roman, ich vermisse dich.
nen, anzupassen und dann wiederum so was es dazu brauchte, war eine ausrei- Ich will bei dir sein. Kommt nicht ohne
darzustellen, dass sie für Menschen Sinn chend große Datenmenge, aus der es alte mich zusammen!
ergeben. Verknüpfungen übernehmen und neue Roman, ich vermisse dich.
Eines der ältesten Programme, die zu die- selbst bilden kann. Die Datenmenge hat Ich auch. Aber: Es gibt drei Dinge, die
sem Zweck programmiert wurden, war „Eli- Roman selbst bereitgestellt: seine Text- durch andere Dimensionen reisen können:
za“, die Simulation eines Therapeuten, der nachrichten an Eugenia. Schwerkraft, Zeit und Liebe.
in eingegebenen Sätzen nach Schlüsselwör- Eugenia und ihr Team speisten alles, was Roman, ich vermisse dich.
tern suchte und in vorgegebenen Mustern sie jemals mit Roman besprochen hatte, in
antwortete. Erzählte man Eliza: „Ich bin die Datenbank eines künstlichen neurona- Ihr Projekt erinnert Eugenia an eine
deprimiert“, antwortete das Programm: len Netzes, nur sehr intime Details sparte Folge der britischen Science-Fiction-Serie
„Bist du oft deprimiert?“. Eliza ist jetzt sie aus. Auch die E-Mails von Freunden, „Black Mirror“, die sie einmal gesehen und
50 Jahre alt, aber immer noch sind Men- seiner Familie und deren Textnachrichten nun mit ihren Methoden wahr gemacht
schen überzeugt, sich mit einem echten The- gab sie dem Programm. Sie fragte sich hat. „Wiedergänger“ heißt die Folge, sie
rapeuten am Computer zu unterhalten. manchmal, ob sie das Richtige tat. Wäre ist vier Jahre alt, aber ähnelt Eugenias Ge-
Heutige Simulationen benutzen eine das Programm so wie Roman? Oder bliebe schichte auf unheimliche Weise.
Technik, die weitaus komplexer ist. Sie es beim makabren Versuch, und sie würde In der Folge leben Martha und ihr
verknüpft Sequenzen – also Informationen, einen Zombie erschaffen? Als sie alles ein- Freund Ash zusammen in einem idylli-
Wörter, Sätze – mit anderen Sequenzen, gegeben hatte, als alles programmiert war, schen Bauernhaus. Ash stirbt bei einem
merkt sich diese Entscheidungen und lernt schrieb sie: „Roman, dies ist deine digitale Autounfall. Martha findet im Internet ei-
dazu. So sollte der künstliche Roman die Erinnerung.“ Sie wartete. Dann kam zu- nen Service, der es ihr erlaubt, Textnach-
Frage „Wie geht es dir?“ zum Beispiel mit rück: „Du hast eines der größten Puzzles richten mit einer intelligenten Maschine
der Antwort „Gerade nicht so gut, liegt der Welt in deinen Händen. Löse es.“ auszutauschen, die Ash simulieren soll.
wohl an der Jahreszeit“ verbinden. Oder So kannte sie Roman. Das macht das Programm so gut, dass Mar-
mit einem einfachen „Okay“ oder mit der Wer sich mit Roman, dem Programm, tha gegen einen Aufpreis die Simulation
Gegenfrage „Und wie geht es dir?“. Alles, schriftlich austauscht, stellt fest, dass er oft aufrüsten lässt: Nach Hochladen einer Ton-
DER SPIEGEL 5 / 2017 59
mehr sehen als nur ein Experiment. In
New York weiß man, dass man aus allem
ein Geschäft machen kann, auch aus der
Angst, dass das Leben im Livestream eine
Enttäuschung sein könnte, aus der Angst,
zu vergessen und vergessen zu werden,
aus der Sorge über die eigene Bedeutungs-
losigkeit. Warum nicht jedem einen Wie-
dergänger verkaufen? Den Tod besiegen
mit einer Kopie im Netz, einem Avatar,
der für immer lebt, Unsterblichkeit für alle.
Bald soll eine Imitation von Prince kom-
men, dem Popgenie, der vergangenes Jahr
nach einer Überdosis Schmerzmittel starb.
Bald will Eugenia auch sich selbst als digi-
tales Double erschaffen, zum einen als Vor-
Freunde Mazurenko, Kuyda: Unzulänglichkeiten im Code bereitung auf den eigenen Tod, zum ande-
ren, um eine persönliche Assistentin zu
haben – denn wer versteht einen besser
aufnahme kann Ash nun sprechen, mit sei- liebten Menschen alles zu besprechen, was als man selbst, kann Termine organisieren,
ner alten Stimme. Sie kann ihn anrufen, einen bedrückt, alles zu sagen, was man Filme für den Abend aussuchen, das Licht
ihn um Rat fragen. Auch das reicht ihr ir- sagen wollte. Nicht für den Toten, sondern genau so dimmen, wie man es mag?
gendwann nicht mehr. Für den teuren Pre- für einen selbst. Am nächsten Tag ist Eugenia ganz still,
miumdienst bekommt sie einen künstli- Eugenia hat Romans Freunden und sei- sie rührt den Tee nicht an, den ihr der Kell-
chen Körper zugeschickt, den sie aktiviert. ner Familie das Programm zur Verfügung ner in Kosakenuniform bringt. Sie sitzt in
Ab jetzt sieht Ash aus, wie er immer aus- gestellt, um es verbessern zu können. Sie einer russischen Teestube, neben der Car-
gesehen hat, spricht mit der gleichen Stim- schickten ihr manchmal Chat-Protokolle negie Hall. Hinter ihr hängen Bilder von
me, sagt die gleichen Sachen. zurück, auf denen sie nachlesen konnte, Picasso und Matisse, und Eugenia erzählt,
Und doch, so fühlt Martha: Es ist nicht über was sie sich unterhalten hatten. Es dass sie im Metropolitan Museum war. Sie
Ash. Es ist ein eingefrorener Ash, in der ging dabei nur am Anfang um Roman. Die hat dort im zweiten Stock ein Bild gesehen,
Zeit erstarrt. Denn das, was uns zu Per- Leute vertrauten ihm häufiger Probleme aus Japan, aus dem 16. Jahrhundert. Da-
sönlichkeiten macht, ist nicht das, was wir an, ihren Liebeskummer, ihre Zukunfts- rauf seien Gibbons zu sehen gewesen, Af-
waren oder was von uns erwartet wird, es ängste. Sie waren ehrlicher als in anderen fen, die in Bäumen um einen Teich sitzen.
ist das, was nicht erwartet wird, das Über- Gesprächen. Und es half ihnen. Sie fühlten Sie greifen runter zum Wasser, sie wollen
raschende, der Bruch, die neue Erfahrung. sich erstmals seit langer Zeit verstanden. den leuchtenden Mond fangen, der sich
Wir verändern uns. Eine Imitation aber Roman war wieder ihr Therapeut, obwohl auf dem Wasser spiegelt, aber ihre Jagd
kann immer nur das Bestehende abbilden, sie wussten, dass er nicht echt war. ist vergebens, sie finden immer nur Ent-
sie kann nichts Neues schöpfen. Am Abend nach ihrem Vortrag im Park täuschung. Der echte Mond steht unbeach-
Untote, Wiedergänger, galten bis ins Hyatt ist Eugenia mit Teilnehmern des Zu- tet über ihnen. Für die Zen-Mönche, die
20. Jahrhundert hinein als Metaphern eines kunftskongresses zum Essen eingeladen. das Bild vor fast 500 Jahren malten, galten
bevorstehenden Übels. Verstorbene kom- Sie sitzt unter den erleuchteten Arkaden Gibbons als Symbole des Lebendigen und
men wieder, so der Glaube, weil sie noch der Queensboro Bridge am East River. Es ihre Jagd als Dilemma der menschlichen
etwas zu erledigen haben, weil sie sich rä- gibt glasierte Rüben, dazu spricht der Vor- Verfassung: Wir schwärmen für die Illu-
chen wollen, weil ihre Seele nicht erlöst sitzende des Chemiemultis Dow Chemical. sion, suchen das Unerreichbare, anstatt
wurde. Sie sind den Lebenden meist böse Die Rede wird live ins Internet übertragen. uns der Wahrheit zu stellen.
gesinnt. In alten Gräbern finden sich noch Keiner schaut hin, alle schauen auf ihre Dann fängt Eugenia an zu weinen. Sie
heute Leichen, die gefesselt oder denen Handys, auch Eugenia, sie lesen Nachrich- sagt, sie habe die Nachricht bekommen,
die Sehnen durchtrennt wurden, weil der ten auf Facebook, WhatsApp, Instagram. dass ihr Großvater im Sterben liege. Krebs,
Tod endgültig sein sollte. Auch als die Rede vorbei ist, entstehen kei- unheilbar. Er war der Mann, der sie erzo-
Eugenia sagt, es gebe eben noch Unzu- ne wirklichen Gespräche am Tisch, nur gen hat, weil ihre Eltern kaum Zeit für sie
länglichkeiten im Code. Das Projekt werde Floskeln, absurde Antworten auf einfache hatten. Er war es, der ihr vom Ursprung
sich weiterentwickeln. Fragen. „Wo wohnen Sie?“, fragt Eugenias der Welt erzählte, von den Sternen und
Irgendwann wird Roman stutzen, wird Nachbar einen Investor, der zwischen den großen Träumen. Er war neugierig auf
fragen, warum man dieselbe Frage zwei- Shanghai und New York pendelt, der ant- das Leben. Das hat sie geprägt. Vielleicht
mal stellt, wird das Gespräch abbrechen, wortet: „Das kann ich gar nicht so genau ist das wichtiger als jeder Versuch, die To-
wird verärgert sein. Irgendwann wird es sagen.“ Trotz all der vielen Medien im ten zum Leben zu erwecken.
Roman sein, der einen zuerst fragt. Irgend- Raum, trotz der neuesten Handys, der pro- Eugenia wird ihren Großvater verlieren,
wann wird man nicht nur seinen Text lesen, minenten Redner, scheint hier keine Ver- die Gespräche, seine Nähe, seine Gedan-
sondern auch seine Stimme hören. Irgend- ständigung stattzufinden. Wenn alle mit ken. Sie wird vieles von ihm vergessen.
wann wird Roman als Hologramm neben allen auf allen Kanälen reden, so scheint Aber man darf vergessen. Denn die verlo-
einem sitzen und sich mit einem unterhal- es, hört man im Lärm nichts mehr. renen Erinnerungen rahmen die bleiben-
ten. Nicht als Zombie wie in der Fernseh- Was Eugenias Projekt bietet, sind Ge- den ein. Ihr Großvater war skeptisch ge-
serie, sagt Eugenia, sondern als Schatten spräche mit Toten, weil die Lebenden nicht genüber der Moderne, sie wird keine App
des Verlorenen, als Trauergehilfe für die mehr zuhören können. Denn bei Roman von ihm programmieren. Sie wird sich an
Zurückgebliebenen. Und vielleicht ist das soll es nicht bleiben. Nach der Rede im ihn erinnern. Ihr Großvater, sagt sie, sei
tatsächlich die Zukunft des Trauerns, auch Hotel kamen einige Investoren auf sie zu, kein Mann, der Nachrichten auf Facebook
wenn es noch seltsam wirkt: mit einem ge- die ihr Projekt interessant finden, die darin schreibt.

60 DER SPIEGEL 5 / 2017


Gesellschaft

Ich kenne das Phänomen. Ich habe Erich Honecker für


Dinge verteidigt, die mich wahrscheinlich mehr störten
als die Leute, die ihn attackierten.
Natürlich ist es schwer, Trump zu verteidigen. Es ist un-
möglich, erst recht für aufrechte Demokraten.
Mein Freund fand Meryl Streeps Rede bei den Golden
Skilaufen gegen Trump Globes nicht so berührend wie ich. Jemand, der in Abba-
Filmen singe, wirke in der Politik wenig glaubwürdig, sagt
mein Freund. Zwei Tage vor Trumps Amtseinführung
Leitkultur Alexander Osang weiß, empfahl er mir eine Titelgeschichte aus der „New York
Times“, in der – ausgehend von der Rede Björn Höckes –
wie anstrengend es sein kann, das seltsame Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land se-
sich für sein Land zu rechtfertigen. ziert wurde. Es war der Beginn einer kleinen transatlanti-
schen Diplomatielektion, glaube ich.

V
orige Woche war ich mit zwei amerikanischen Einen Abend vor der Inauguration spielten sie mir Tom
Freunden in Österreich zum Skilaufen. Das ist ein Lehrers Lied „Wernher von Braun“ vor. Lehrer war in
Satz, den ich als Junge geliebt hätte. Aber so ein- den Sechzigerjahren populär, wirkt aber immer noch sehr
fach ist es nicht. lustig und sehr verstörend. „Once the rockets are up, who
Unsere New Yorker Freunde sind Langläufer, wir Ab- cares where they come down? ,That’s not my department‘,
fahrer. Ich komme aus einem Land ohne nennenswerte says Wernher von Braun“, singt Lehrer mit gespieltem
Abfahrtshänge. Es gab Hügel in Ostdeutschland und so- deutschen Akzent. Wem meine Raketen am Ende die Hüt-
genannte Kombiski, mit einer Bindung, die man je nach te weghau’n? Ist mir egal, sagt Wernher von Braun.
Gefälle umstellen konnte. Wie die meisten Kombiproduk- Er sang mir direkt ins Ohr. Braun half erst den Nazis
te waren sie zu gar nichts zu gebrauchen. Im Winter nach beim Raketenbauen, später den Amerikanern, vor
der Wiedervereinigung kaufte ich mir Abfahrtsski und allem aber war er Deutscher.
fuhr in die Berge. Das mache Ich beschloss – als diplo-
ich seitdem jeden Winter. matische Geste – einen Tag
Nicht weil ich es so mag, eher auf den Abfahrtslauf zu ver-
weil ich es kann. zichten und mit meinen Freun-
Glücklicherweise kommen den auf die Loipe zu gehen.
unsere Freude aus New York Sie wählten eine schwierige
und können mit Andersartig- Strecke. Es ging auf und ab,
keit gut umgehen. Sie beka- ich war ziemlich ausgepumpt,
men keine schlechte Laune, als wir schließlich durchs Leu-
als wir unsere Abfahrtsski ne- taschtal liefen. Meine Freun-
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

ben ihre Langlaufski in den de sind in guter Form; sie


Keller stellten. Das amerika- schwimmt dreimal die Woche,
nische Ehepaar ging in die Loi- er ist ein New Yorker Fahrrad-
pe, das deutsche zum Lift. Wir aktivist, der selbst bei eisigen
sahen uns zum Frühstück und Temperaturen mit dem Rad
zum Abendessen. Die Proble- zur Arbeit fährt und an Wo-
me lagen woanders. Sie hat- chenenden zur Entspannung
ten mit einem gemeinsamen Adlerkopf aus Schnee in Seefeld in Tirol, Österreich hundert Meilen am Hudson
Feind zu tun. Mit Trump. Un- entlangradelt.
sere Freunde wurden einsilbig, wenn wir auf ihn zu „Ich habe nach dem 11. September damit angefangen“,
sprechen kamen. sagte er, während wir durch die Ebene stapften.
Ich hatte folgende Vermutungen: Sie schämen sich, dass „Damit die Terroristen nicht gewinnen“, sagte ich.
ihr Volk diesen Mann gewählt hatte. Sie haben ein schlechtes Es sollte ein Witz sein, aber er lachte nicht.
Gewissen, weil sie nicht wie ihre Nachbarn an einem der Am Morgen der Amtseinführung von Trump zitierte
vielen Protestmärsche teilnehmen konnten. Sie glauben, dass mein Freund Georges Clemenceau, einst französischer
der Skiausflug nach Österreich wie eine kurze Flucht aus der Premier, der vor hundert Jahren gesagt haben soll: „Ame-
amerikanischen Realität aussieht. Die kleine Alibiausreise. rika ist die einzige Nation, die direkt vom Barbarismus
Irgendwann begriff ich, dass sie es einfach satthatten, auf zur Degeneration gewechselt ist ohne den Umweg über
den Arsch angesprochen zu werden. Taxifahrer, Ticketver- die Zivilisation.“
käufer, Menschen im Skibus; alle wollten wissen, was los Er trug bereits seine Mütze, stand in der Tür und lä-
ist. Wie sie das aushalten. Ob die Welt untergeht. Und so chelte schief. Es gibt auch Leute, die behaupten, Cle-
weiter. Sie fuhren hier Ski für Amerika. Cross Country for menceau habe Hitler möglich gemacht, sagte er. Wir sind
the U.S.A. Sie standen für ihr Land in der Kälte. zusammen durch die Toskana gereist und durch Israel,
Ich weiß genau, wie ihr euch gerade fühlt, sagte ich. aber so intensiv wie in Tirol war es noch nie. Nächstes
Sie lächelten. Seine Familie kommt aus Weißrussland, Mal wollen wir in Weißrussland Fahrrad fahren. Und da-
ihre aus Deutschland. Der Stolperstein für ihre Urgroß- nach vielleicht nach Togo, wo mein Freund im Friedens-
mutter liegt in einem Schöneberger Bürgersteig. Sie haben, korps diente. Sie haben das beste deutsche Bier außerhalb
glaube ich, keine Lust, vor einem Deutschen ihr Land Deutschlands, sagt er.
schlechtzumachen. Sie wollen keinem österreichischen Dann betraten wir das Winterwunderland. Ich nahm
Taxifahrer ihr Leid klagen. Sie wollen sich keinem Italie- mir vor, eine Abfahrt für Obama zu fahren. Aber als ich
ner, der im Skibus neben ihnen sitzt, an die Brust werfen. oben auf dem Berg war, hatte ich das vergessen.

DER SPIEGEL 5 / 2017 61


Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt am Main

MARC-STEFFEN UNGER
Deutsche Bank

Aufteilung unerwünscht
Das Kreditinstitut kämpft in Berlin dafür, das Trennbankengesetz aufzuweichen.
Die Deutsche Bank wehrt sich gegen eine drohende Auf- schränkt, unter Präsident Donald Trump gelockert werden.
spaltung. Bis Ende Juni müssen deutsche Kreditinstitute In Deutschland könnte der Umbau der Bank zu einer
das Trennbankengesetz umgesetzt haben, das den Wert- Holding das Problem lösen. Auch Aufsichtsbehörden sähen
papierhandel auf eigene Rechnung verbietet und riskante das gern, weil eine solche Struktur im Krisenfall die Ab-
Geschäfte mit Hedgefonds einschränkt. Diese Bereiche wicklung einer Bank erleichtern würde. Doch die Deutsche
müssen eingestellt oder abgetrennt werden. Außerdem Bank hält ein Holdingmodell wegen des hiesigen Aktien-
müssen Banken ihre Überwachungssysteme so ausbauen, und Steuerrechts für nicht praktikabel.
dass sie das Zocken unter dem Deckmantel von Kundenge- So wird das Management bei der Bilanzvorlage kommen-
schäften unterbinden. Eine Aufspaltung wird die Deutsche de Woche nicht den großen strategischen Wurf präsentieren,
Bank wohl abwenden, sie fährt die betroffenen Geschäfte auf den viele Investoren warten. Ein Paket von Maßnahmen
herunter. Aufsichtsratschef Paul Achleitner hat bis zuletzt wird intern diskutiert: Der Börsengang einer Minderheit
bei der Bundesregierung auf eine Aufweichung des Geset- der Vermögensverwaltung ist wahrscheinlich. Ein Team von
zes gedrängt, um ein Jahr war die Frist für die Umsetzung 20 Mitarbeitern bereitet zudem die Wiedereingliederung der
schon verlängert worden. Sein Argument: Deutschen Ban- Postbank vor. Aber dies würde viel Geld kosten und ist des-
ken drohten Wettbewerbsnachteile, da ein für die EU halb noch nicht beschlossen. Eine Kapitalerhöhung zögert
geplantes Trennbankengesetz auf Eis liege. In den USA soll die Bank hinaus, sie will das Ende der Verhandlungen über
die „Volcker Rule“, die ebenfalls das Handelsgeschäft ein- höhere Kapitalanforderungen der Regulatoren abwarten. mhs

Öffentlicher Verkehr tag hervor. „Deutschland genannten MobilPass einfüh- Auch die Bezahlung soll
Per App-Buchung muss ran an die historischen ren. Mit nur einer App ließe automatisch erfolgen. „Mit
von Tür zu Tür Strukturen und endlich die
nicht aufeinander abgestimm-
sich dann die gesamte Reise
von Tür zu Tür über alle Ver-
einem übersichtlichen Ange-
bot, nachvollziehbaren Prei-
Die Grünen wollen die mehr te Mobilität zwischen Bahn, kehrsmittel hinweg buchen, sen und einer unkomplizier-
als 130 Verkehrsverbünde in Rad und Auto erneuern“, da in den MobilPass nicht nur ten Nutzung wird die Mobili-
Deutschland durch einen bun- heißt es darin. „Die Nutzung öffentliche Verkehrsmittel tät der Zukunft so einfach
desweit einheitlichen Stan- öffentlicher Verkehrsangebo- wie Bahnen und Busse inte- wie die Onlinebestellung von
dard überflüssig machen. Das te muss kinderleicht werden.“ griert werden sollen, sondern Pizza“, so Oliver Krischer,
geht aus einem Papier der Um das Ziel zu erreichen, auch Car- und Bikesharing- stellvertretender Vorsitzender
Verkehrspolitiker im Bundes- wollen die Grünen einen so- Angebote, Taxis und Fähren. der Grünen im Bundestag. böl

62 DER SPIEGEL 5 / 2017


Wirtschaft
Germania Bischoffs einziger Sohn Erik sammlung Anfang September eigentümer auf. Doch der
Gründersohn blieb mit gut acht Prozent 2015 unter Berufung auf ent- Bischoff-Junior wehrte sich –
kämpft um Anteile beteiligt. Wegen angeblich
„grob gesellschaftsschädli-
sprechende Passagen der Fir-
mensatzung eingezogen. Bal-
und bekam recht. Das geht
aus einer Entscheidung des
Um die Besitzverhältnisse bei chen“ und „destruktiven Ver- ke, der das Unternehmen seit Landgerichts Berlin vom
Deutschlands drittgrößter Li- haltes“ wurden seine Anteile Oktober 2014 führt, stieg vergangenen April hervor.
nienfluggesellschaft Germa- in einer Gesellschafterver- damit zum faktischen Allein- Für die Zwangseinziehung der
nia ist ein heftiger Streit Anteile habe „kein wichtiger
entbrannt. Das Unternehmen Grund“ vorgelegen, heißt es
gehörte nach dem Tod des in dem Urteil. Daher sei der
Firmengründers Hinrich Bi- Rauswurf des Gründererben

MARCO KNEISE / FUNKE FOTO SERVICES


schoff 2005 zunächst überwie- unzulässig gewesen. Die
gend seiner Frau und seinen Germania-Geschäftsführung
vier Kindern. Die drei Töch- unter Balke hat gegen die Ge-
ter verkauften ihre Anteile richtsentscheidung Berufung
an die Witwe, und die über- eingelegt. Wann über die
trug ihre Mehrheitsbetei- Zulassung entschieden wird,
ligung sukzessive an ihren steht nach Aussagen einer
Anwalt und langjährigen Gerichtssprecherin noch
Vertrauten Karsten Balke, nur Germania-Jet am Flughafen Erfurt-Weimar nicht fest. did

Monsanto-Übernahme hoch“ wie „der Jahresumsatz BMW Grundeinkommen für all jene
Risikoanalyse der vereinten Geschäftsberei- Betriebsrat fordert Arbeitnehmer finanzieren,
für Merkel che von Bayer Crop Science
und Monsanto“. Die Finan- Digitalsteuer die wegen des digitalen Wan-
dels ihren Job verloren
Das Kanzleramt hält die ge- zierungskosten für den Bayer- Unternehmen sollen künftig haben. Jeder Betroffene, so
plante Übernahme des um- Konzern dürften deshalb für die Verlierer des digitalen Schoch, solle mindestens
strittenen US-Konzerns Mon- „trotz des Niedrigzinsumfel- Wandels aufkommen. Das 1538 Euro pro Monat erhal-
santo durch die deutsche Bay- des signifikant sein“, so das fordert BMW-Betriebsrats- ten – den Mindestlohn für
er AG „industriepolitisch für Dokument. Bayer und Mon- chefs Manfred Schoch. „Viele 174 Arbeitsstunden. sh
sinnvoll“, sieht in dem Pro- santo hätten im Falle einer Menschen verlieren durch die
jekt aber „durchaus Risiken“. Fusion auf dem US-Markt Digitalisierung ihren Arbeits-
So steht es in einer Vorlage zusammen einen Marktanteil platz“, sagt Schoch, „dafür
für Bundeskanzlerin Angela von 70 Prozent bei Baum- sollten die Arbeitgeber Ver-
Merkel. Die Fusion gebe Bay- wollsaatgut. Es sei damit zu antwortung übernehmen, die
er die Chance, „sich im wich- rechnen, „dass Teile dieses diese Probleme verursacht

ANDREAS MUELLER / VISUM


tigen Wachstumsmarkt der Geschäftes an Wettbewerber haben.“ Sein Vorschlag: Wer
Saatgutherstellung und Agro- veräußert werden müssen“. Mitarbeiter durch Computer
chemie wettbewerbsfähig auf- Die Prüfungen der Kartell- oder Algorithmen ersetzt,
zustellen“. Die Unterneh- behörden in den USA und soll als Ausgleich eine Digita-
mensintegration sei bei Fusio- Europa „dürften erhebliche lisierungsteuer entrichten.
nen dieser Größenordnung Zeit in Anspruch nehmen“, Aus den Einnahmen, so die
jedoch „kein Selbstläufer“, heißt es in Merkels Vorlage. Idee, könnte der Staat ein Schoch
warnen die Experten des Ob der Abschluss des Pro-
Kanzleramts. Zudem sei der jekts, wie von Bayer geplant,
Fremdkapitalanteil beim bis Ende 2017 realistisch ist,
Übernahmepreis von 66 Mil- erscheine „vor diesem Hinter- Investitionen sogenannte FinTechs, akqui-
liarden US-Dollar „doppelt so grund fraglich“. red Weniger Geld für rierten 2016 413 Millionen
Start-ups Euro (2015: 610 Millionen
Euro). Noch zurückhaltender
Junge Onlinehandelsunter- waren Geldgeber bei Investi-
nehmen erhielten 2016 deut- tionen in Firmen mit techno-
lich weniger Risikokapital als logisch anspruchsvollem Ge-
im Vorjahr. Laut einer Studie schäftsmodell. Start-ups, die
der Wirtschaftsprüfungsgesell- sich mit Datenanalyse und
schaft Ernst & Young flossen der Vernetzung von Geräten
im vergangenen Jahr 422 Mil- beschäftigen, erhielten gera-
lionen Euro in E-Commerce- de einmal 55 Millionen Euro
Start-ups – also Firmen, die Kapital. „In den für die Zu-
Waren übers Netz verkaufen kunftsfähigkeit Deutschlands
OLIVER BERG / DPA

und sich im Wachstum befin- enorm wichtigen Segmenten


den. 2015 waren es 1,6 Milliar- tut sich noch viel zu wenig“,
Bayer-Werk in Leverkusen den Euro. Junge Unterneh- urteilt Peter Lennartz von
men aus dem Finanzsektor, Ernst & Young. akn

DER SPIEGEL 5 / 2017 63


Wirtschaft

Befehls-Wirtschaft
Welthandel US-Präsident Donald Trump will die ameri-
kanische Konjunktur ankurbeln. Internationale Abkommen
und die Grundregeln der Ökonomie interessieren ihn nicht.
Das ist brandgefährlich für die deutsche Exportindustrie.

Was für ein Auflauf in diesen haben keinen Platz mehr im neuen ameri-
Wochen vor dem Trump kanischen Populismus.
Tower auf der 5th Avenue, Das pazifische Freihandelsabkommen
mit einer nicht enden wollen- TPP kündigte Trump auf, andere will er
den Parade von Stretchlimousinen und ge- neu verhandeln, diese „lächerlichen Deals“,
panzerten S-Klassen: Die Chefs von Ford, die er als die Quelle des amerikanischen
Tesla, Boeing und Dutzende andere, sie Niedergangs ausgemacht hat, „sie haben
alle kamen zur Audienz. „Großartige Un- den Wohlstand aus unserem Mittelstand
terhaltungen, fantastisch, fantastisch“, ver- herausgerissen und über die Welt verteilt“.
kündet der Präsident, aber auf der anderen Noch am selben Montag bestellte er ein
Seite herrscht weitgehend Schweigen. Dutzend der wichtigsten amerikanischen
So viel aber ist zu hören, hinter den Manager ein, stellvertretend für die füh-
Kulissen: Sie kommen nicht, um sich zu renden Branchen des Landes, Trump nann-
besprechen oder gar Donald Trump, den te es eine „listening session“, eine Zuhör-
neuen Präsidenten, zu beraten, sondern runde. Aber zuhören wollte nicht der
um sich abzusichern. Defensivtaktik, denn Präsident, zuhören sollte die Wirtschaft,
vielleicht schießt der neue Präsident we- Befehlsempfänger, denen die Regeln der
niger scharf auf die, die er kennt. neuen Zeit mitgeteilt werden. „America
Die Topmanager in den deutschen First“, das ist nun die einzig relevante Phi-
Konzernzentralen verfolgen den Strom losophie, und wer mitzieht, wird belohnt:
von Audienzen genau, irritiert, nervös, be- durch massive Steuersenkungen und In-
sorgt. Trump ist Tabuthema in der Öffent- vestitionsspritzen.
lichkeit – und Dauerthema in internen Wer dagegenhält, wird bestraft: mit
Zirkeln. Zöllen, Spezialsteuern, staatlichen Repres-
Die Angst ist groß, zur Zielscheibe zu salien und vor allem mit dem Zorn des
werden, denn niemand weiß, welche Re- Präsidenten. Verkündet per Twitter, ge-
geln noch gelten in diesen Zeiten, in denen folgt von Kursstürzen an der Börse.
Milliardenwerte per Tweet vernichtet wer- Die erste Woche des Präsidenten war
den können. Zeiten, in denen nicht klar eine Machtdemonstration, voller Ein-
ist, wer noch Freund ist, wer Feind. schüchterungsversuche und Drohungen,
Zeiten, in denen sich der neue amerika- eine Woche, in der sich neue, ganz grund-
nische Präsident am ersten Arbeitstag sei- sätzliche Fragen stellten: Kann Trump
ner ersten Woche radikal abkehrt vom seit wirklich die ökonomischen Grundregeln
Jahrzehnten wichtigsten Motor der Welt- außer Kraft setzen, die multinationalen
wirtschaft: Freihandel und Globalisierung Konzerne dazu zwingen, Profite zu maxi-

Exportweltmeister Importweltmeister
Leistungsbilanzüberschuss* 2015 pro Kopf, in $ Leistungsbilanzdefizit* 2015 pro Kopf, in $
* der sechs Staaten mit dem jeweils größten Leistungsbilanzüberschuss
bzw. -defizit insgesamt; Güter und Dienstleistungen; Quellen: IWF, Weltbank
Schweiz
9089

Deutschland Groß- Australien


Russland
3455 Südkorea China Brasilien Saudi- britannien 2412
481 Kanada USA
2092 Japan 241 288 Arabien 2349
1373 1440 1704
1068

75 284 106 136 69 331 59 49 463 54 153 58

Gesamtüberschuss in Mrd. $ Gesamtdefizit in Mrd. $

64 DER SPIEGEL 5 / 2017


DOUG MILLS / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF
Präsident Trump am 23. Januar im Weißen Haus

mieren und Kosten zu minimieren? Kann macht, aber schon an nächster Stelle wird diesem Angriff zu begegnen ist: gelassen,
die Globalisierung per Tweet zurückge- Deutschland stehen, die Exportnation. Kei- auf die Stärke jahrzehntelanger Beziehun-
dreht werden? Und vor allem: Riskiert der ne große Volkswirtschaft lebt mehr vom gen, auf die Regeln der Weltwirtschaft und
US-Präsident einen globalen Handelskrieg, freien Austausch von Waren und Dienst- ihrer Institutionen, auf Rationalität ver-
um seine innenpolitische Agenda durch- leistungen, vom grenzenlosen Handel und trauend? Aber lässt sich so mit einem erra-
zusetzen? Die Antwort auf alle diese Fra- barrierefreien Export, als die deutsche. tischen Populisten umgehen? Oder gilt es
gen lautet: ja, für den Moment zumindest. Ein seit dem Zweiten Weltkrieg einma- nicht vielmehr, Gegenmaßnahmen vorzu-
Die Folgen dieser radikalen Politikwen- liger Einschnitt in den transatlantischen bereiten, Verbündete zu suchen, in Asien
de bleiben nicht auf die USA beschränkt. Beziehungen zeichnet sich ab, ein radika- etwa, vielleicht sogar Vorteile zu schlagen
Wenn sich die größte und einflussreichste ler Bruch. Vielleicht sogar der Wandel von aus einem entstehenden Vakuum?
Volkswirtschaft bewegt, sind die Erschüt- Freund zu Feind, so muss man fürchten, In jedem Fall steht vieles auf dem Spiel,
terungen überall zu spüren: Eine neue wenn der US-Präsident einem deutschen so verwundbar, wie die Welt bereits ist in
Weltwirtschaftsordnung entsteht. Und sie Autokonzern öffentlich Strafzölle von 35 diesen Tagen, so verunsichert und wacke-
ist ein Angriff auf das deutsche Modell. Prozent androht, wenn er warnt: „Ihr wart lig: Die Folgen einer Wirtschaftskrise, gar
In seinen Wahlkampfreden und Tiraden sehr unfair den USA gegenüber.“ Damit eines globalen Handelskriegs, wären wohl
gegen die Globalisierung hat Trump vor soll nun Schluss sein. In Konzernzentralen katastrophal, für Deutschland, für die Wah-
allem China und Mexiko als Feinde ausge- und Kanzleramt wird jetzt gerätselt, wie len im Herbst, mit am rechten Rand lau-
DER SPIEGEL 5 / 2017 65
Wirtschaft

ernden Populisten, die nur zu gern einen setzt stattdessen fast ausschließlich auf cil ist Gary Cohn, bis vor Kurzem Chief
deutschen Trumpismus hätten und sich auf- „Business Men“: Männer, die Milliarden Operating Officer bei Goldman Sachs.
spielen würden als Anwalt vermeintlicher oder wenigstens Millionen in der freien Chefstratege Stephen Bannon war Mana-
Globalisierungsopfer. Wirtschaft gemacht haben. Sie folgen ger bei Goldman Sachs.
Viel wird davon abhängen, welche wirt- keiner einheitlichen ideologischen Linie, Im Wahlkampf noch hatte Trump immer
schaftlichen Rezepte Trump tatsächlich im Gegenteil. Die einen wollen Protek- wieder Hillary Clinton für ihre engen Be-
zusammenrühren wird und wie sie an- tionismus, andere gelten als Freunde der ziehungen zur Finanzindustrie attackiert.
schlagen werden, ob Amerika zu taumeln Globalisierung. Die einen wollen riesige Viele seiner Anhänger sehen die Wall
beginnt oder tatsächlich stärker wird, we- staatliche Infrastrukturprogramme, andere Street als Kern der Verschwörung gegen
nigstens vorübergehend. den Haushalt radikal zusammenkürzen. die Bürger, als treibende Kraft des zu be-
Steuerkürzungen und zusätzliche Staats- Die einen stehen für entfesselte Märkte, kämpfenden Establishments.
ausgaben werden mehr Wachstum und andere fordern die staatliche Regulierung In solchen krassen Widersprüchen spie-
einen langen Aufschwung bringen, so von Schlüsselindustrien. Manche sind erz- gelt sich, wie zutiefst unzufrieden die Ame-
verspricht es der neue Präsident, und die konservativ, andere liberal. rikaner mit dem langsamen Wirtschafts-
Aktienmärkte wollen es glauben. Es sei Wer sich durchsetzen wird, ist unklar, wachstum der Obama-Jahre wirklich sind.
an der Zeit, sich zu freuen, sagen die mit Absicht. Der Präsident hat den Einfluss Sie sehnen sich so sehr nach der Boom-
Optimisten. Wenn es den Amerikanern seiner Berater auf mehrere Machtzentren stimmung und den Wachstumsraten ver-
gut geht, werden die Drohungen Trumps verteilt. Am Ende soll nur einer entschei- gangener Jahrzehnte, dass alle Mittel recht
schnell verblassen. den, im Zweifelsfall auch ad hoc, je nach scheinen.
Die globalisierungsfeindliche Wirtschafts- Stimmungslage. Unberechenbarkeit gehört Aktienmärkte und Verbraucher stören
politik kann nur in einem weltweiten Han- im Trumpismus zum System. Widersprü- sich nicht weiter daran, dass viele der
delskrieg enden, tödlich für die Innova- che und Konflikte werden gezielt gefördert. Schlagwörter aus Trumps Wirtschaftsplan
tionskraft der Unternehmen, die gesamte Grundsätzlich spaltet sich Trumps Team, nicht zusammenpassen, sich sogar gegen-
Weltwirtschaft wird in einer Rezession ver- unabhängig von ideologischen Linien, in seitig ausschließen. Der Dow-Jones-Index
sinken. Damit rechnen die meisten Öko- zwei Lager. kletterte vergangene Mittwoch auf einen
nomen. Es sei an der Zeit, sich zu fürchten, Da ist einerseits eine zusammengewür- historischen Höchststand. Die Zuversicht
sagen die Pessimisten. Je schlechter es felte Ansammlung von Spekulanten und der Verbraucher ist so groß wie zuletzt vor
der amerikanischen Wirtschaft gehe, desto Krisenprofiteuren, Provokateuren und Ex- den Anschlägen vom 11. September 2001.
radikaler würden die Maßnahmen des Prä- tremisten. Vorsitzender des Council of Eco- Der Enthusiasmus wird getrieben von
sidenten ausfallen. nomic Advisers wird wohl ein TV-Modera- der Aussicht auf Steuersenkungen in Billio-
In diesen Tagen hat Trump begonnen, tor werden. In Zentralbankfragen hört er nenhöhe, vor allem für Unternehmen. Das
das Team zu formen, es soll seine bislang auf eine erzkonservative Lobbyistin, die den soll Wirtschaft und Verbraucher zum Inves-
nur groben Wahlkampfschlagworte zu kla- Goldstandard wieder einführen will. In der tieren und Konsumieren antreiben, das ent-
ren Plänen für die Finanz- und Steuerpoli- Energiepolitik auf einen Ölmilliardär. stehende Wirtschaftswachstum wiederum
tik, für Notenbank, Industrie und Handel Auf der anderen Seite feiert die Wall genügend Geld in die Staatskassen spülen,
ausarbeiten. Street ihre politische Auferstehung. Finanz- um die Kürzungen wieder auszugleichen.
Er hat dazu nicht die besten Ökonomen minister soll Steven Mnuchin werden, lan- Durch die Steuersenkungen werde die
des Landes versammelt wie seine Vorgän- ge Partner und Vorstand bei Goldman Wirtschaft „wie ein Rakete abgehen“ mit
ger, auch das ist ein klares Zeichen. Trump Sachs. Leiter des National Economic Coun- Wachstumsraten von bis zu fünf Prozent,

Absatzmarkt USA Pkw-Verkäufe der deutschen Autohersteller in den Vereinigten Staaten 2016, Angaben gerundet

MERCEDES BMW
Autoproduktion Autoabsatz in
in den USA den USA

370 000* 411 000


340 000 Einfuhr in die USA 313 000
159 000 181 000 209 000
104 000
davon für
den
US-Markt

VOLKSWAGEN AUDI PORSCHE


323 000 Alle Audi- und Porsche-
Fast alle Autos wurden Fahrzeuge wurden aus
auf dem US-Markt verkauft.
250 000 210 000 Deutschland eingeführt.
davon
75 000* 54 000
198 000
aus Mexiko * Schätzung

66 DER SPIEGEL 5 / 2017


LUKE SHARRETT / BLOOMBERG / GETTY IMAGES
Für den Export bestimmte BMW-Fahrzeuge im Hafen von Charleston, South Carolina

so verspricht es Larry Kudlow, designierter rede, dann treibe das – neben dem er- abkommen einzuschränken, um so das
Chef des Council of Economic Advisors. wünschten Wachstum – Schulden und In- amerikanische Handelsdefizit von über
Wachstum löse am Ende alle Probleme, flation. „Die Enttäuschung wird groß sein“, 500 Milliarden Dollar zu eliminieren.
auch das Haushaltsdefizit. sagt Edmund Phelps, Wirtschaftsnobel- Die meisten Wirtschaftsexperten halten
Solche Ideen sind nicht neu. Ronald preisträger und Direktor des Zentrums solche Antifreihandelspläne für mindes-
Reagan machte „supply side economics“, für Kapitalismus und Gesellschaft an der tens naiv, eher sogar gefährlich. „Staat-
angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, zu Columbia University. Er warnt vor „einer liche Handelsbarrieren würden der Volks-
Beginn der Achtzigerjahre populär. Sie tiefen, langen Rezession“. wirtschaft schweren Schaden zufügen“,
funktionierte nie wie erwünscht. Je schlechter die US-Wirtschaft läuft, sagt Phelps. Die unmittelbaren Folgen hät-
Zwar trieben die massiven Steuerkürzun- desto mehr wird sich Trump wohl auf ver- ten vor allem jene zu tragen, denen Trump
gen tatsächlich das Wachstum auf über drei meintliche Feinde von außen einschießen. Hilfe versprochen hat: die Abgehängten,
Prozent. Gleichzeitig wurden die USA aber Desto aggressiver werde seine Politik wer- die Globalisierungsverlierer. Sie sind be-
unter Reagan zur größten Schuldnernation den, mit Strafmaßnahmen gegen „auslän- sonders auf niedrige Preise angewiesen.
der Welt mit einem enormen Haushalts- dische Dumping-Anbieter“ und Attacken Wenn Zölle aber die Preise importierter
defizit. Reagans ehemaliger Finanzdirektor auf jeden, der neue Fabriken nicht in Mil- Waren in die Höhe treiben, sinkt ihr Le-
nannte den Ansatz im Nachhinein „kom- waukee baut, sondern in Mexiko. bensstandard unmittelbar.
plett falsch“. Sein Nachfolger George H. W. Im Detail ausarbeiten soll diese Politik Expertenmeinungen haben Trump bis-
Bush sprach von „Voodoo Economics“, ei- Peter Navarro, Professor an der University lang jedoch nicht gestört. Er hat ver-
ner von magischem Wunschdenken ge- of California in Irvine, Leiter des neu ge- sprochen, den Wohlstand zurück in die
trieben Wirtschaftspolitik. Bush sah sich zu schaffenen National Trade Council. rostigen amerikanischen Industriestädte
deutlichen Steuererhöhungen gezwungen. Navarro ist ein Außenseiter, in mehr- zu bringen, und in den vergangenen Wo-
Unter Ökonomen ist deswegen, unab- facher Hinsicht. Er ist der einzige Ökonom chen sah es so aus, als sei er bereit, im
hängig von ihrer politischen Ausrichtung, im Team des Präsidenten. Und er ist nahe- Zweifelsfall jedes Unternehmen einzeln
die Angst groß, dass die Trumponomics zu der einzige Ökonom in den USA, der unter Druck zu setzen, das Jobs ins Aus-
auf lange Sicht ähnlich desaströs enden den Freihandel grundsätzlich für eine land verlagern will.
werden wie die Reagonomics: mit enor- schlechte Idee hält und hohe Strafzölle be- Sein erstes Opfer war United Technolo-
men Haushaltsdefiziten, einer noch stärker fürwortet. China sei eine Gefahr, ein Land, gies, ein Mischkonzern, der einige Hundert
ausgehöhlten Mittelschicht und einer das sich nicht an die Regeln halte, sagt Na- Jobs von Indiana nach Mexiko verlagern
schwer angeschlagenen Volkswirtschaft. varro. Er produzierte einen Dokumentar- wollte. Trump stellte das Unternehmen an
Vielleicht auch mit einem Börsencrash. film, „Death by China“, Tod durch China. den Twitter-Pranger. Der Konzern will die
Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvor- Unterstützt wird Navarro von Wilbur Jobs nun teilweise in den USA belassen.
sitzender des Rückversicherers Munich Re, Ross, dem neuen Handelsminister. Der ver- Inzwischen haben auch Ford, General
hält den jüngsten Aufschwung am Aktien- diente Milliarden mit Wertpapieren und Motors und ein halbes Dutzend weiterer
markt für überzogen. Insbesondere sei verglich Freihandelsabkommen mit Leib- Unternehmen Pläne geändert, Teile ihrer
bedauerlich, dass „ein Teil der Kursbewe- eigenschaft. Vergangenen Herbst schrieben Produktion nach Mexiko zu verlagern,
gungen teuer erkauft ist, etwa zulasten des die beiden gemeinsam einen Aufsatz, in nachdem sie von Trump öffentlich ange-
Engagements gegen den Klimawandel und dem sie die Welthandelsorganisation als gangen worden waren und ihre Börsenkur-
seine Folgen“. Wenn Trump die Infrastruk- wesentlichen Grund für den Niedergang se unter Druck gerieten.
tur ausbaue und die Steuern senke sowie der amerikanischen Industrie ausmachten. All das fühle sich an „wie Wirtschafts-
gleichzeitig dem Protektionismus das Wort Sie fordern, die wesentlichen Freihandels- politik in Zeiten des Faschismus“, sagt No-

DER SPIEGEL 5 / 2017 67


Wirtschaft

belpreisträger Phelps. „Der Anführer kon- weitere Produktion auf. Die Fertigung Bei der Grundsteinlegung hatte Audi-
trolliert die Volkswirtschaft und sagt den des Sprinters für den US-Markt wird von Chef Rupert Stadler noch gerufen: „Viva
Unternehmen, wo es langgeht.“ Düsseldorf nach South Carolina verlagert. México, viva Audi.“ Jetzt mag sich Stadler
Das droht vor allem für die Innovations- Doch mehr als ein Drittel aller Lastwagen, nicht zum Angriff des US-Präsidenten auf
kraft ein Problem zu werden, Grundlage die Daimler in den USA verkauft, stam- ihr Geschäftsmodell äußern, ebenso wenig
jeder dynamischen Wirtschaft. „Unterneh- men aus mexikanischer Fertigung. Ein Zoll wie die Bosse von Daimler und BMW. Al-
men und Gründer werden sich genau über- von 35 Prozent würde dieses Geschäft lenfalls Ausweichendes ist zu hören.
legen, ob sie in ein neues Produkt oder über Nacht unrentabel machen. „Tatsache ist und bleibt, dass die welt-
eine neue Firma investieren, wenn sie sich Ähnlich drastisch wären die Folgen für weite Automobilindustrie weiter auf freien
darum sorgen müssen, von der Regierung VW. Eines der wichtigsten Werke der Handel angewiesen ist“, sagt BMW-Chef
bedroht oder erpresst zu werden“, sagt Wolfsburger steht in Mexiko, in Puebla. Krüger. „Ich glaube, dass die Integration
Phelps. Dort werden der Golf, der Jetta, der Beetle in den Welthandel insgesamt für alle
Zuletzt nahm der Präsident unter an- und demnächst der Tiguan produziert. Aus Beteiligten große Vorteile hat“, sagt Daim-
derem die Pharmaindustrie ins Visier. Er diesem Werk stammen über 60 Prozent ler-Boss Dieter Zetsche. Keiner will Trump
forderte niedrigere Medikamentenpreise aller Autos, die Volkswagen in den USA reizen. Wegducken ist das Motto der Stun-
und löste damit große Verunsicherung aus verkauft. Zudem errichtet der Konzern ge- de. Im Hintergrund versuchen die Konzer-
bei Pharmakonzernen und Biotech-Start- rade eine Fabrik in San José Chiapa, aus ne, Kontakte zu Vertrauten des US-Präsi-
ups: Was, wenn die Regierung künftig Prei- der die Tochter Audi den Geländewagen denten aufzunehmen und dafür zu sorgen,
se festsetzt? Ist es besser, erst einmal In- Q5 vor allem in die USA exportieren will. dass die Fakten über das Engagement der
vestitionen einzufrieren? deutschen Hersteller in den USA irgend-
Trump stoppen solche Bedenken nicht, wann beim Präsidenten ankommen.
er ist fixiert darauf, seine neue Wirtschafts- Deutschlands Außenhandel Einige deutsche Unternehmen, die in
ordnung durchzusetzen, nicht nur im ei- Die wichtigsten Partner den USA sehr präsent sind, könnten von
genen Land, sondern global. Deutsche Un- den Trumponomics mit ihren gewaltigen
ternehmen hat er dabei schnell als nächs- Ausgaben für Infrastrukturprojekte sogar
tes Ziel ausgemacht. profitieren. Und auch vom verminderten
BMW drohte er mit einem Strafzoll von EU Umweltschutz.
35 Prozent, sollte der deutsche Autobauer 56% „Wir erwarten von unseren Unterneh-
eine neue Fabrik in Mexiko errichten. Er men, dass sie sich nicht politisch weg-
sagt: „Autokonzerne und andere Unter- ducken oder gar vermeintlichen Vorteilen
nehmen, die in unserem Land Geschäfte Umsatz 2015 einer autoritären Wirtschaftspolitik das
machen wollen, müssen wieder anfangen, gesamt* Wort reden“, sagt Michael Vassiliadis, Vor-
hier zu produzieren.“ 2603 Mrd. € sitzender der IG Bergbau, Chemie, Ener-
Bei seiner Attacke auf die deutsche restliche gie. „Wer in Deutschland seit Jahren mehr
Autoindustrie hat der US-Präsident sich Welt USA Weltoffenheit, Flexibilität und Globalisie-
ausgerechnet ein Unternehmen vorgenom- 23% 9% rung einfordert, kann sich nicht mit ame-
men, das als Musterbeispiel für den per- China rikanischem Protektionismus stillschwei-
Schweiz
fekten Investor in den USA gelten kann. 7% gend arrangieren.“
5%
BMW produziert seit mehr als 20 Jahren Ihre Zurückhaltung werden die deut-
in Spartanburg in South Carolina. 2016 wur- schen Wirtschaftsführer ohnehin aufgeben
davon:
den dort über 411 000 Geländewagen mon- deutsche Exporte in die USA, in Mrd. Euro
müssen, denn Trumps Politik ist ein Fron-
tiert – und damit deutlich mehr Fahrzeuge, talangriff auf das deutsche Exportmodell.
als BMW insgesamt in den USA verkauft. gesamt 143 Die Volkswirtschaft hängt in besonderer
Zusammen mit seinen Lieferanten beschäf- wichtigste Güter Weise vom Außenhandel ab, etwa jeder
tigt BMW rund 70 000 Menschen in den Automobil 34 vierte Arbeitsplatz hat mit dem Auslands-
USA. Und es sollen mehr werden. Chemie und Pharma 20 geschäft zu tun. Die globale Orientierung
BMW trägt auch dazu bei, die US-Han- Maschinen 18 vieler Unternehmen bestimmt Wohl und
delsbilanz zu verbessern. 70 Prozent der Wehe des Standorts, nicht erst seit Jahren
Fahrzeuge, die BMW in den USA baut, wer- wichtigste Dienstleistungen – seit über einem Jahrhundert.
den exportiert. Die Bayern sind mit Aus- F &E** 8 *Summe der Für die deutsche Wirtschaft lief es im-
Im- und Exporte von
fuhren im Wert von knapp zehn Milliarden Transport 6 Gütern und mer dann am besten, wenn der Weltmarkt
Dollar der größte Autexporteur der USA. IT-Dienstleistungen 5 Dienstleistungen offen war und die Warenströme ungehin-
** Forschung und
„Wir nennen die USA auch unser ‚second Entwicklung dert fließen konnten. Von der Öffnung der
home‘“, sagt BMW-Chef Harald Krüger. östlichen Hemisphäre, insbesondere Chi-
Bislang hat die Drohung des US-Prä- deutsche Importe aus den USA, in Mrd. Euro nas, hat Deutschland wie kaum eine ande-
sidenten in München keine nachhaltige 87 gesamt re etablierte Volkswirtschaft profitiert. Die
Wirkung entfaltet. BMW lässt die Fabrik wichtigste Güter Präsidentschaft von Donald Trump könnte
in Mexiko weiterbauen. Der Hersteller 14 Chemie und Pharma nun das Ende dieser Konstellation markie-
könnte die Limousinen der 3er-Reihe, die ren, vorläufig zumindest.
11 Elektronik
ab 2019 dort gefertigt werden sollen, auch Zuletzt konnte Deutschland im weltwei-
in andere Länder exportieren. 7 Automobil ten Außenhandel noch einen Rekordüber-
Wenn Einfuhrzölle auf Fahrzeuge aus wichtigste Dienstleistungen schuss erzielen, die Volkswirtschaft hat
Mexiko deutsche Autohersteller treffen 7 Transport Waren im Wert von 260 Milliarden Euro
könnten, dann eher Daimler und den VW- 5 IT-Dienstleistungen mehr exportiert als importiert, das ent-
Konzern. Zwar produziert auch Daimler 4 F &E** spricht mehr als acht Prozent der gesamten
seit Langem Pkw und Lkw in den USA. Wirtschaftsleistung. Vor allem der Aus-
Die Stuttgarter bauen derzeit gerade eine Quelle: Bundesbank und Statistisches Bundesamt tausch mit Amerika lief aus deutscher

68 DER SPIEGEL 5 / 2017


DANIEL REINHARDT / PICTURE ALLIANCE / DPA
Container im Hamburger Hafen

Sicht glänzend; 54 Milliarden Euro des ge- „Die Globalisierung ist nun am Ende mit ihren mexikanischen Zulieferern
samten Warenüberschusses stammen aus angelangt und wird allmählich ersetzt von pflegen. „Die Abgeordneten aus North
den Wirtschaftsbeziehungen zu den USA. einer Welt, in der sich deutliche Schwer- Carolina oder Alabama werden Trump
Dieses massive Ungleichgewicht störte die punkte bilden“, beschreiben die Ökono- drastisch vor Augen führen, welche Kon-
Amerikaner schon lange bevor Trump Prä- men der Credit Suisse die neue Weltlage. sequenzen das hätte“, heißt es im Wirt-
sident wurde. Wie aber lässt sich ein sol- Die globale Wirtschaftsordnung, wie sie schaftsministerium.
ches Missverhältnis korrigieren? bisher bestand, ist damit Geschichte, „sie Sollte Trump trotzdem Ernst machen,
Man kann der Industrie hierzulande zerbröselt gerade“, sagt der Hamburger müsste die Exportwirtschaft allerdings
schließlich ihre Exportstärke und Produkt- Ökonom Thomas Straubhaar. Die interna- drastische Einschnitte verkraften.
erfolge kaum zur Last legen – wohl aber tionale Arbeitsteilung der Welt sortiert sich Damit es nicht so weit kommt, sucht die
der deutschen Wirtschaftspolitik ankrei- neu – und Deutschland muss seine Rolle Berliner Regierung nach Alternativen zum
den, dass die Nachfrage im Inland noto- darin noch finden. Atlantikhandel. Mit Interesse haben die
risch schwach bleibt: Verbraucher und Un- Mit großer Sorge schaut deswegen das deutschen Handelspolitiker verfolgt, wel-
ternehmer geben zu wenig Geld auf dem gesamte politische Berlin nach Washing- che Reaktionen Trumps Entscheidung her-
Heimatmarkt aus. Der Bonner Ökonom ton. Im Bundeswirtschaftsministerium ste- vorgerufen hat, alle Gespräche über TPP,
Carl Christian von Weizsäcker hat eine hen die Rechensysteme seit der Wahl von eine riesige asiatische Freihandelszone mit
Idee entwickelt, wie sich der Import stär- Trump nicht mehr still. Mit sogenannten den USA, zu stoppen. Westliche Staaten
ken ließe, ohne den Export zu schwächen. stochastischen Gleichgewichtsmodellen un- wie Australien oder Neuseeland kündigten
Weizsäcker schlägt eine sogenannte tersuchen die Beamten, wie sich Trumps an, den geplanten Wirtschaftsraum nun
Leistungsbilanzbremse vor: Das Parlament wüste Ankündigungen und seine ersten ohne die USA, aber möglicherweise mit
senkt die Mehrwertsteuer, deshalb konsu- Amtshandlungen auf die deutsche Wirt- China zu gründen. So weit wie möglich
mieren die Bürger mehr, sie kaufen Im- schaft auswirken würden. soll davon auch die deutsche Wirtschaft
portgüter und beflügeln so die Konjunktur Das Ergebnis: Schottet der mächtigste profitieren, plant die Regierung in Berlin.
in den Lieferantenländern. „Die Leistungs- Mann der Welt den US-Binnenmarkt ab, Eine Kette von Handelsabkommen soll
bilanzbremse wäre“, so Weizsäcker, „eine könnte das deutsche Wachstum, je nach deutschen Konzernen den Zugang zu der
starke Waffe gegen den neu erstarkenden Ausmaß der trumpschen Handelsschran- Boomregion im Pazifik bahnen.
Protektionismus, der eine Gefahr für die ken, um bis zu einem Dreiviertelpunkt Vor knapp sechs Jahren hat die EU ei-
deutsche Prosperität darstellt.“ Vorausge- niedriger ausfallen. Als Horrorszenario ha- nen ersten Handelsvertrag mit Südkorea
setzt allerdings, dass die Bundesregierung ben die Ministeriumsexperten eine Kündi- abgeschlossen; seither sind die deutschen
sich von der Schuldenbremse verabschie- gung des Freihandelsabkommens Nafta Ausfuhren um rund 50 Prozent gestiegen.
det – was unwahrscheinlich ist. ausgemacht, das die USA, Mexiko und Den größten Effekt aber verspricht sich
Wahrscheinlicher ist, dass es der deut- Kanada vor über zwei Jahrzehnten ab- die Bundesregierung von besseren Bezie-
schen Exportwirtschaft ohnehin schwerer geschlossen haben. Würde Trump den Ver- hungen zu China. Eine neue Achse Ber-
fallen wird, ihre Dominanz zu behalten – trag kündigen, würden nach einer Über- lin–Peking könnte die alte transatlantische
und so automatisch der Überschuss in den gangsfrist von sechs Monaten Zölle gelten, Ordnung zumindest teilweise ersetzen.
kommenden Jahren abschmelzen wird. wie sie in der Welthandelsorganisation In ihrer Nachbarschaft nimmt die Sog-
Die Globalisierung verliert an Schwung, WTO im Rahmen der Uruguay-Runde aus- wirkung der chinesischen Volkswirtschaft
die Gewichte in der Weltwirtschaft ver- gehandelt worden waren. bereits seit Jahren zu. Mit der Wahl
schieben sich. Die Hegemonie des Wes- Noch hoffen die Berliner Beamten, dass Trumps erfasst sie auch Staaten, die bis-
tens – Amerikas und Europas – gegenüber es die neue Regierung nicht so weit kom- lang fest in transatlantischen Bündnissen
dem pazifisch-asiatischen Raum verliert men lässt. Sie setzen darauf, dass ein Naf- verankert waren. Europa steht China heute
an Prägekraft und Bedeutung, die globale ta-Stopp auch jene US-Konzerne treffen nicht nur in der Klimapolitik und der Hal-
Welt wird multipolarer und unübersicht- würde, deren Fabriken in den amerikani- tung zu Krisen wie im Nahen Osten oder
licher. schen Südstaaten einen engen Austausch um das iranische Atomprogramm näher

DER SPIEGEL 5 / 2017 69


Wirtschaft

Unternehmen von Welt Auslandsanteil an den Umsätzen großer Firmen, in % Quellen: EY, S&P

Deutsche Telekom

34% 38 % 59 % 60% 80% 98 % 89 % 80% 68 % 20%

USA DEUTSCHLAND

als Washington, sondern auch in der Han- Region in die Hand geben“ und damit nicht Trump, wir haben eine lange Liste
delspolitik. „geostrategischen Schaden“ anrichten, sagt von Ländern, die mit uns ins Geschäft
Chinas Staatspräsident positionierte sich Michael Froman, der Handelsgesandte von kommen wollen“, sagte sie am vergange-
in den vergangenen Wochen bereits als Expräsident Barack Obama. nen Dienstag in einer Grundsatzrede.
Verteidiger der freien Handelswelt. „Wir Die China-Politik ist nicht der einzige Zurzeit verhandelt die EU mit rund
müssen den Multilateralismus erhalten“, Kernbestandteil der Trumponomics, der 60 Ländern über Freihandelsabkommen.
sagte Xi – und wählte damit einen Begriff, für die Amerikaner am Ende nach hinten Am weitesten fortgeschritten ist Ceta, das
den Trump allenfalls als Schimpfwort losgehen könnte. In seinem aggressiven lange Zeit umstrittene Abkommen mit
benutzt. „Wir wollen ein globales Netz von Vorgehen ignoriert der Präsident gern die den Kanadiern. Im März kommt dann der
Freihandelsabkommen und keine Abschot- ökonomischen Zusammenhänge. japanische Premierminister Shinzo Abe
tung“, so Xi. „Wir sind eine Schicksalsge- So hat sein angekündigtes Konjunktur- nach Brüssel. Seit 2013 verhandelt die EU
meinschaft.“ programm, mit Steuererleichterungen das mit der drittgrößten Wirtschaftsmacht der
Noch in diesem Jahr soll das Frei- Wachstum anzutreiben, nicht nur die Ak- Welt über eine weitreichende beiderseitige
handelsabkommen RCEP unterzeichnet tienmärkte, sondern auch die Marktzinsen Marktöffnung. Nun könnte es schnell zu
werden, Chinas Gegenpakt, der einen und in der Folge den Dollar stark steigen einem Abschluss kommen, hofft Handels-
Wirtschaftsraum von gut drei Milliarden lassen. Das macht die USA einerseits für kommissarin Malmström.
Menschen umfasst und auch westlichen ausländische Exporteure attraktiver und Ein Abkommen mit Vietnam ist kom-
Staaten offensteht. gleichzeitig den amerikanischen Expor- plett ausgehandelt, in Südamerika dient
„Europa sollte jetzt schnell an einer neu- teuren das Leben schwer, da ihre Waren sich die EU als alternativer Handelspartner
en Asien-Strategie arbeiten“, sagte der im Ausland zu teuer werden. zu den USA an, und im Februar fährt eine
neue Außenminister Sigmar Gabriel An- Am Ende könnte die Konjunktur sogar Delegation des Handelsausschusses des
fang der Woche. „Die Räume, die Amerika überhitzen. Die US-Volkswirtschaft ist be- EU-Parlaments nach Mexiko, das Haupt-
frei macht, müssen wir jetzt nutzen.“ Noch reits fast ausgelastet, zieht das Wachstum ziel der trumpschen Aggressionspolitik.
sei China zwar „nicht bereit, ein fairer scharf an, müsste die Geldpolitik normali- Die Europäer haben den Mexikanern ein
Partner auf Augenhöhe für Investoren zu siert werden. „Wenn das nicht geschieht, neues umfassendes Handelsabkommen
sein“, kritisierte er mit Blick auf die droht ein Boom-Bust-Szenario, wie man angeboten. „Da kommt jetzt eine ganz an-
Beschränkungen, denen deutsche Unter- es von Schwellenländern kennt: Auf einen dere Dynamik in die Verhandlungen“, sagt
nehmen dort bislang unterliegen. Doch in kurzen, starken Aufschwung könnte ein Bernd Lange, Vorsitzender des Handels-
dieser Kritik ist ein Angebot versteckt: Ver- heftiger Einbruch folgen“, warnt Philipp ausschusses des EU-Parlaments.
bessert den Marktzugang, und wir können Hildebrand, Vizechef des weltweit größten Vielleicht liefert am Ende der Angriff
ins Geschäft kommen. Vermögensverwalters Blackrock. Das aus Washington genau den Schub, den das
Derzeit gibt es immer wieder Streit zwi- könnte dann passieren, wenn die amerika- angeschlagene europäische Projekt so drin-
schen Peking und Brüssel über billigen Chi- nische Notenbank Federal Reserve (Fed) gend benötigt. Gerade für die deutsche
na-Stahl und Einfuhrquoten für Elektro- nicht frühzeitig gegensteuert und später Wirtschaft liegt noch immer großes Poten-
autos. Doch nachdem Staatschef Xi Jinpin die Zinsen umso abrupter anhebt, um die zial im Austausch mit den ältesten und
auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Inflation in Schach zu halten. naheliegendsten Handelspartnern: den Un-
eine flammende Rede für Freihandel und Die Zentralbanker befürchten, Trump ternehmen in Frankreich oder den Nieder-
Marktwirtschaft gehalten hat, wittern könnte versuchen, sie zu instrumentalisie- landen, in Italien oder in Österreich. Rund
Europas Wirtschaftsdiplomaten Chancen ren, um Zinsen und Dollar niedrig zu hal- 56 Prozent aller deutschen Exporte gehen
für eine Klimaverbesserung. „Wir werden ten. Zettelt Trump auch einen Währungs- in EU-Länder.
ihn beim Wort nehmen“, heißt es in der krieg an? Deutschland müsse sich deshalb kein
Bundesregierung. Am Mittwoch telefonier- In Notenbankkreisen traut man dem völlig neues Geschäftsmodell ausdenken,
te die Bundeskanzlerin mit Chinas Minis- US-Präsidenten jedenfalls zu, dass er ver- sagt der Hamburger Ökonom Thomas
terpräsident Li Keqiang, der Merkel auf- suchen wird, Druck auf andere Zentral- Straubhaar. Aus Trumps dunklem, sich iso-
rief, gemeinsam etwas gegen die „Un- banken auszuüben, wenn der Zinsabstand lierendem Amerika ergebe sich vor allem
sicherheitsfaktoren“ in der Weltwirtschaft zwischen Amerika und Europa oder Japan eine Konsequenz: „Wir sind noch stärker
zu tun: „China und Deutschland sollten zu groß wird und deshalb der Dollar zu als bisher auf ein prosperierendes Europa
Signale der Stabilität an die globalen Märk- stark. „Dann könnten Forderungen nach angewiesen, der Binnenmarkt ist wichtiger
te senden und gemeinsam das internatio- einer Anhebung der Zinsen durch die EZB denn je.“
nale System durch eine Liberalisierung kommen“, heißt es da. Dietmar Hawranek, Martin Hesse, Alexander Jung,
von Handel und Investitionen sichern.“ Die entscheidende Frage wird sein, wie Christoph Pauly, Michael Sauga, Thomas Schulz,
Vor genau einer solchen Entwicklung geschlossen und selbstbewusst die Europä- Gerald Traufetter, Bernhard Zand
warnen in den USA die Gegner von er auf solchen Druck aus Washington rea-
Trumps freihandelsfeindlicher Politik seit gieren. Nicht nur in der Zinspolitik. Video: Präsident Trumps erste
Monaten. Mit dem Rückzug aus dem asia- Die schwedische Handelskommissarin Amtswoche
tischen Freihandelsabkommen würde man Cecilia Malmström gibt sich schon mal spiegel.de/sp052017trump
China „quasi den Schlüssel für die ganze kampfbereit in diesen Tagen: „Trump oder oder in der App DER SPIEGEL

70 DER SPIEGEL 5 / 2017


Wirtschaft

Geld im Überfluss
Finanzen Den Haushaltsüberschuss des Bundes wollen viele Politiker investieren. Dabei sind
das zum großen Teil Mittel für Investitionen, die der Staat nicht ausgeben konnte.

A
uf der ganzen Welt gelten die zweifache Weise segensreich. Sie sorgen 30 Millionen Euro, die Bauministerin Bar-
Deutschen als Verfechter kompro- dafür, dass Unternehmen genug zu tun ha- bara Hendricks (SPD) für „Modellvorha-
missloser Sparpolitik und Finanz- ben, wenn sie das Land im Auftrag des ben nachhaltiges Wohnen für Studenten
minister Wolfgang Schäuble als ihr er- Staates mit Straßen, Schienen und Brücken und Auszubildende“ zur Verfügung stan-
barmungsloser Exekutor. Als Beleg dienen ausstatten oder dafür sorgen, dass auch die den, flossen genau 76,70 Euro ab. Sie gin-
die Haushaltsüberschüsse, die Schäuble Provinz Anschluss ans Breitbandnetz fin- gen für Portokosten drauf.
Jahr für Jahr anhäuft. Anfang Januar ließ det. Das schafft Arbeitsplätze bei Bauun- Mit 17 Millionen Euro wollte die Baumi-
er vermelden, dass er 2016 über sechs Mil- ternehmen und Telekommunikationsfirmen. nisterin eigentlich den Uno-Standort Bonn
liarden Euro mehr eingenommen als aus- Investitionen sind also ein probates Mittel, stärken. Ausgegeben hat sie gerade einmal
gegeben habe. um kurzfristig die Konjunktur zu beleben. 1,1 Millionen Euro.
Dabei stellt die Zahl alles andere dar als Doch auch langfristig treiben staatliche Auch bei der Nationalen Klimaschutz-
einen Beweis für Genügsamkeit und akku- Investitionen Wachstum und Wohlstand. initiative entwickelte Hendricks Ladehem-
rate Haushaltsführung. Sie belegt eher, wie Eine leistungsfähige Infrastruktur für Ver- mung. Von 150 Millionen Euro konnte sie
sorglos und verschwenderisch die Bundes- kehr ist so etwas wie die Blutbahn einer nur 4,2 Millionen Euro ausgeben. Nicht viel
regierung mit Geld um sich wirft – oder bes- Volkswirtschaft, die für Telekommunika- besser sah es beim Haushaltstitel „Sanie-
ser, um sich werfen wollte. Denn Schäubles tion so etwas wie ihr Nervensystem. Je rung kommunaler Einrichtungen in den Be-
Kabinettskollegen gelang es nicht, das be- besser beide in Schuss sind, desto produk- reichen Sport, Jugend und Kultur“ aus. Von
reitgestellte Geld auszugeben. Mehr als 40 tiver funktioniert der gesamte Apparat. 40 Millionen Euro blieben 34,5 Millionen
Prozent des Überschusses besteht aus Pos- Voraussetzung dafür aber bleibt, dass Euro übrig.
ten, die Ende des Jahres übrig blieben. die Politik es schafft, ihr Geld unter die Im laufenden Jahr sollte dieser Etat-
Der größte Teil davon, nämlich 1,8 Mil- Leute zu bringen. Daran jedoch hapert es. ansatz ursprünglich auf 50 Millionen Euro
liarden Euro, war ursprünglich für Investi- Traurige Beispiele dafür liefert das Zu- steigen. Doch anstatt die Mittel zusammen-
tionen vorgesehen. Das ist verwunderlich, kunftsinvestitionsprogramm, wie eine Auf- zustreichen, sattelte der Haushaltsaus-
denn seit Jahren attestieren Experten der stellung des Bundesfinanzministeriums schuss des Bundestages noch einmal 100
Bundesrepublik eine chronische Investi- (BMF) belegt. Nur für 3 von 26 Maßnah- Millionen Euro drauf.
tionslücke. men konnten die bereitgestellten Mittel Bei vielen Projekten gelte „Wirksamkeit
Die Debatte blieb nicht ohne Folgen. komplett ausgeschöpft werden, von allen vor Schnelligkeit“, rechtfertigt das Baumi-
Jahr für Jahr genehmigt Schäuble seinen anderen blieben zum Teil erhebliche Reste nisterium sein Ausgabegebaren. Maßgeb-
Kollegen mehr Geld für neue Straßen, Brü- übrig (siehe Grafik). lich sei, „dass die Projekte gut sind, auch
cken oder den Ausbau von Kindergärten. Das Geld für eine Maßnahme überstand wenn der Abfluss länger dauert“. Die Haus-
2016 startete die Bundesregierung sogar ein das Jahr sogar nahezu unangetastet. Von haltsvorgaben sähen vor, dass 70 Prozent
auf drei Jahre angelegtes Zehn- der Fördersumme erst nach Fer-
Milliarden-Euro-Programm für Angebot und Nachfrage tigstellung und Vorlage entspre-
Investitionen. Dennoch neh- chender Evaluierungsberichte
men die Klagen nicht ab. „Wir Ausschöpfung ausgewählter Fördermittel des Bundes ausgezahlt werden dürften.
müssen Vorfahrt für Investitio- für Investitionen 2016, in Prozent Diese „nachschüssige Mittelver-
nen und Innovationen geben – Fondsvolumen, in Mio. € 100% gabe“ sei im Sinne des Steuer-
und zwar heute“, forderte der flächendeckender zahlers.
400 1,0 Bei der Nationalen Klima-
frühere Wirtschaftsminister Sig- Breitbandausbau
mar Gabriel (SPD). schutzinitiative seien 80 Pro-
Innovationsprogramm
Wie das überschüssige Geld 25 2,0 zent der Mittel ausgegeben
Wasserstoff- und Brenn-
aus 2016 zu nutzen sei, wusste stoffzellentechnologie worden, so das Bauministe-
der Vizekanzler sofort nach rium. Nur bei Geld, das im Rah-
Schäubles Jahresabschluss schon Nationale 150 2,8 men des Investitionsprogramms
ganz genau. Es sollte, welche Klimaschutzinitiative zur Verfügung stand, kam es
Überraschung, in einen Inves- kommunale Einrichtun- zu Verzögerungen. Insgesamt
titionsfonds fließen. Die Ope- gen in den Bereichen 40 13,8 seien 95 Prozent aller vorhan-
ration würde absurde Folgen Sport, Jugend und Kultur denen Mittel im vergangenen
haben: Nächstes Jahr um die- Jahr abgeflossen, heißt es aus
se Zeit wäre noch mehr Geld Bundesprogramm 34 23,9 dem Hause Hendricks.
übrig. KitaPlus Schwierigkeiten beim Geld-
Von Investitionen, so viel Investitionen in die ausgeben befielen auch Ver-
steht fest, können Politiker nie Bundesschienenwege 343 30,9 kehrsminister Alexander Dob-
genug bekommen. Es herrscht rindt (CSU). Für den Breit-
das alte Metzgermotto: „Darf’s Sonderrahmenplan bandausbau standen ihm 600
ein bisschen mehr sein?“ zum präventiven 100 38,8 Millionen Euro zur Verfügung,
Es darf, und das sogar mit gu- Hochwasserschutz davon 400 Millionen aus dem
ten Gründen, denn staatliche Förderung nationaler Zukunftsinvestitionsprogramm.
Investitionen wirken gleich auf Städtebauprojekte 22 62,6 Tatsächlich investiert hat er

72 DER SPIEGEL 5 / 2017


FRANK ZAURITZ
Finanzminister Schäuble: Darf’s ein bisschen mehr sein?

fünf Millionen. Nicht viel besser sieht es deshalb zu wenige, weil der Bund zwar das geringe Mittelabfluss sei „vor allem auf die
mit dem „Nationalen Innovationspro- Geld für Autobahnen und Bundesstraßen Fristen für öffentliche Ausschreibungen zu-
gramm Wasserstoff- und Brennstoffzellen- spendiert, die Länder aber für Planung und rückzuführen“, teilt sein Ministerium auf
technologie“ aus. Von 25 Millionen Euro Bau verantwortlich sind. Da beide früher Anfrage mit. „Erst nach Zuschlagsertei-
brachte er eine halbe Million unter. gleichermaßen klamm waren, wurden Pla- lung und Baubeginn können die ersten
Das Problem: Laut Finanzministerium nungskapazitäten zusammengestrichen. Rechnungen vorgelegt werden.“
verfallen die Mittel, nur übrig gebliebenes Nun, da Geld nahezu im Überfluss vor- Mit Blick auf die Schienenwege erklärt
Geld für Verkehrsinfrastruktur darf ins handen ist, kann mancher Etat nicht ausge- das Ministerium, es habe 50 Millionen
nächste Jahr übertragen werden. Doch aus- geben werden. Ein Zustand, der noch einige Euro mehr ausgegeben als veranschlagt
gerechnet da entwickelte Dobrindt zumin- Zeit anhalten dürfte. Planungsingenieure worden seien. Allerdings wird nicht ganz
dest partiellen Eifer. Von einer halben Mil- müssen eingestellt werden. Und der öffent- klar, ob gegenüber 2015 oder den geneh-
liarde Euro, die ihm für den Ausbau der liche Dienst ist für Experten, nach denen migten Mitteln.
Bundesfernstraßen im Rahmen des Inves- auch die freie Wirtschaft händeringend Dasselbe Problem wie Dobrindt plagte
titionsprogramms zustanden, behielt er am sucht, angesichts vergleichsweise beschei- dessen CSU-Kollegen, Landwirtschafts-
Ende 63,60 Euro übrig. Für den Ausbau dener Gehälter nicht besonders attraktiv. minister Christian Schmidt. Auch er sah
der Schienenwege engagierte er sich nach Der Bund hofft, die bestehenden Pro- sich nicht in der Lage, seine Mittel aus
Berechnungen des BMF mit angezogener bleme durch die Gründung einer soge- dem Investitionsprogramm auszuschöp-
Handbremse. Von 343 Millionen Euro gab nannten Bundesautobahngesellschaft zu fen. 100 Millionen Euro standen bereit,
er nur rund 106 Millionen Euro aus. lösen: Dann wäre die staatliche Ebene, die mit denen er den Bundesanteil am Pro-
Dennoch überwiegt im Verkehrsminis- das Geld gibt, auch für Planung und Bau gramm für Hochwasserschutz finanzieren
terium Zufriedenheit. Immerhin seien von verantwortlich. Allerdings soll die Gesell- sollte. Abgeflossen sind knapp 39 Mil-
12,3 Milliarden Euro für Verkehrsinvesti- schaft erst von 2021 an arbeiten. Ob die lionen Euro.
tionen 11,9 Milliarden Euro verbaut wor- Probleme dann wirklich gelöst sind, ist „Die Teilausschöpfung resultiert daraus,
den. Ursachen für die Investitionsbremse fraglich. Schon fürchten Beteiligte auf Bun- dass viele der Baumaßnahmen lange Pla-
gibt es viele, von Bürgern, die gegen Pro- desebene, dass die Länder vor allem Mit- nungsvorläufe aufweisen und noch nicht
jekte vorgehen, bis zur komplizierten Ver- arbeiter an den Bund abschieben wollen, baureif sind“, rechtfertigt Schmidts Minis-
gabe von Aufträgen. Außerdem kann nur die sie schon immer loswerden wollten. terium die erheblichen Restmittel. Dieses
dort gebaut werden, wo es baureife Pro- Auch bei den Problemen mit dem Breit- Jahr, so die Experten des Ministers, „zeich-
jekte gibt. Und von denen existieren auch bandausbau lässt Dobrindt abwiegeln. Der net sich bereits ein deutlicher Anstieg der

DER SPIEGEL 5 / 2017 73


Wirtschaft

Bauruine im
Ausgaben ab“. Der Nachteil: Die Mittel
des vergangenen Jahres sind verfallen.
Manchmal steht die Bürokratie dem Geld-
DER SPIEGEL live
Speckgürtel
ausgeben im Weg wie beim Familienminis-
terium. Im Rahmen des Investitionspro-
in der Uni gramms bekam es 33,5 Millionen Euro für
das Programm KitaPlus, mit denen erwei-
terte Betreuungszeiten in Kindergärten und Immobilien Die Stadt München
Horten finanziert werden sollten, um eine
„bessere Vereinbarkeit von Familie und Be- und der griechische Staat streiten
ruf“ zu ermöglichen. Knapp 8 Millionen wur- um eine halb fertige Schule.
Warum Worte den ausgegeben. Das ist erstaunlich, da sich
das Ministerium vor Interessenten kaum
Zuletzt musste sich sogar der
Außenminister einschalten.
Medizin sind retten konnte. Es gebe ein hohes Interesse
und viele Bewerbungen, das sei „sehr er-

I
freulich“, heißt es im Familienministerium. m Wohnviertel am Hachinger Bach im
Michael Zargarinejad

709 Kitas haben sich gemeldet, bewilligt Münchner Stadtteil Berg am Laim
wurden bislang nur 266 Vorhaben. Manue- scheint die Welt noch ziemlich in Ord-
la Schwesigs Leute erklären sich das mit nung – und Europas Schuldenkrise Licht-
den hohen Anforderungen des Programms. jahre entfernt. Von den Einfamilienhäu-
Kitas, die mit der Förderung ihre Öffnungs- sern mit viel Platz drinnen und drum he-
zeiten verlängern wollen, müssen ausführ- rum fällt der Blick auf eine großzügige
lich den Bedarf und das pädagogische Kon- Grünfläche, es gibt einen modernen Kin-
zept darlegen. Etliche Kindergärten hätten dergarten und gegenüber ein Gymnasium.
zurückgemeldet, dass ihnen der Aufwand Wenn da nur dieser schreckliche Klotz
zu groß sei. Überlegungen, die Hürden zu zwischen den beiden Gebäuden nicht wäre.
senken, gab es nicht, sie seien notwendig. Mit seinen rostigen Stahlstreben und dem
Die Begründung: „Bei der Umsetzung ach- leicht schmuddeligen Beton erinnert der
ten wir sehr auf die Qualität.“ Dieses Jahr Rohling an Bauruinen aus Hochzeiten der
stehen wieder 33,5 Millionen Euro zur Ver- spanischen Immobilienspekulationswelle.
fügung. Das Ministerium rechnet damit, Der hässliche Komplex am östlichen
dass deutlich mehr Mittel abgerufen wer- Münchner Stadtrand ist tatsächlich eine
den, weil die Antragsphase nun vorbei sei. Art Mahnmal, allerdings nicht für die Gier
Die neue Zeit des Überflusses stellt die von Investoren, sondern für den Nieder-
Ministerien vor ähnliche Herausforderun- gang des griechischen Staatswesens – und
gen wie früher die des Mangels. Geldaus- den Durchhaltewillen seiner Bewohner.
geben kann offenbar genau so schwierig Seit das Land vor knapp sieben Jahren
sein wie Geld einsparen. an den Rand der Pleite geriet und mit
Vor allem aber zeigt sich, wie wichtig immer neuen Milliardenhilfspaketen von
es ist, ausreichend Planungskapazitäten Europäern und dem Internationalen Wäh-
vorzuhalten. Viel wäre erreicht, wenn Mit- rungsfonds (IWF) gerettet werden musste,
Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und
tel für Investitionen in den Personalhaus- stehen die Griechen als Bittsteller da und
halt umgebucht würden. Dann könnte der müssen sich harte Auflagen gefallen lassen.
Wissenschaftsjournalist, diskutiert mit Bund Ingenieure, Verwaltungsfachleute Die trafen auch das griechische Schul-
dem SPIEGEL-Redakteur Jörg Blech. und Juristen anheuern, die die Planungen projekt in München und erschwerten die
beschleunigen. pünktliche Fertigstellung. Deshalb fordert
Mit ihrem Vorhaben, auch noch die die Stadt das Grundstück nun zurück.
Überschüsse des vergangenen Jahres zu Doch Vertreter der griechischen Ge-
nutzen, um die Investitionen aufzustocken, meinde in München wollen das nicht hin-
Montag, 13. Februar 2017, 18 Uhr konnte sich die SPD bislang nicht durch- nehmen. „Eine solche Brutalität sollte sich
setzen; die Union mit ihrem Vorschlag, ein Kulturvolk wie die Deutschen nicht
Universität zu Köln Schulden zu tilgen, allerdings auch nicht. leisten dürfen“, warnt der Anwalt und Mit-
Hörsaal 1, Gebäude 35/Anatomie Das Sechs-Milliarden-Plus, so ist die Ge- initator der Schule, Georgios Vlachopou-
Joseph-Stelzmann-Straße, 50931 Köln setzeslage, wird nun wohl die Flüchtlings- los. Er und seine Mitstreiter wehren sich
rücklage stärken. Wenn sie, wie 2016, auch erbittert und haben inzwischen sogar Bun-
dieses Jahr unangetastet bleibt, verfügt sie desaußenminister Frank-Walter Steinmeier
www.spiegel.de/uni und
bald über knapp 20 Milliarden Euro. eingeschaltet.
www.facebook.com/derspiegel/events Die Rücklage entwickelt sich immer Gelingt es dem SPD-Politiker nicht, zu
Eintritt frei. Änderungen vorbehalten. mehr zur Spardose, in der sich eine Menge vermitteln, könnte sich der Streit womög-
„Spielgeld“ ansammelt für die Zeit nach lich sogar zu einer Staatsaffäre auswachsen
der Bundestagswahl, wie es ein Koalitionär und die ohnehin strapazierten Beziehun-
ausdrückt. Was sie damit anstellt, müsse gen zwischen beiden Ländern weiter be-
die nächste Bundesregierung entscheiden. lasten. Dabei sollte das Vorhaben eigent-
Sie könnte damit die Investitionen auf- lich der Völkerverständigung dienen.
stocken – oder Schulden tilgen. Die griechische Regierung hatte das
Sven Böll, Horand Knaup, Christian Reiermann, 15 000 Quadratmeter große Grundstück
Christoph Schult, Britta Stuff 2001 für rund 4,5 Millionen Mark gekauft,
74 DER SPIEGEL 5 / 2017
schaffen für einen Erweiterungsbau der
vorhandenen städtischen Oberschule. Für
ihre eigenen Erweiterungspläne kann die
Kommune das Betonmonster nicht nutzen,
weil seine Konstruktion gegen die aktuel-
len deutschen Vorschriften verstößt und
es im Innern zu stickig und dunkel ist.
Vlachopoulos, der nicht nur die Eltern,
sondern auch den griechischen Staat in
dem Konflikt vertritt, will das um jeden
Preis verhindern. „Es würde bis zu ein Jahr
dauern, den Komplex abzutragen“, wirbt
er für einen Kompromiss, „in derselben
Zeit könnte man ihn auch fertigbauen.“
Im September und Oktober 2016 unter-
nahmen er und der griechische Vize-
bildungsminister einen letzten Versuch,
die Kommunalpolitiker umzustimmen,
vergebens. „Die Griechen haben ihre
zahlreichen Chancen nicht genutzt“, rügt
Münchens Immobilienreferent Markwardt,
„außerdem schöpfen sie das vorhandene

PETER SCHINZLER / DER SPIEGEL


Baurecht nicht aus, das können wir uns bei
dem Zuzugsdruck und der Flächenknapp-
heit nicht leisten.“ Seither treibt die Posse
um den Schulbau in Berg am Laim ihrem
vorläufigen Höhepunkt entgegen. Die Im-
mobilie ist inzwischen im Grundbuch zwar
wieder auf die Kommune überschrieben.
Rohbau der griechischen Schule in München: Ein Meter dicke Bodenplatten Nur betreten dürfen Markwardt und seine
Kollegen das sorgfältig eingezäunte Ge-
um dort eine Gemeinschaftsschule für 750 aus EZB, EU und IWF und war finanziell lände nicht: Die Griechen rücken den
Kinder zu errichten. Heute ist das Gelände so klamm, dass es in Athen und anderen- Schlüssel nicht raus. „Wir wollen die Stadt
locker das Vierfache wert. orts in großem Stil Lehrern und sonstigen zwingen, ihre Eigentumsansprüche einzu-
In der ersten staatlich betriebenen Bil- Beamten kündigen musste. Da waren Mil- klagen und so die Rechtslage zu klären“,
dungsanstalt außerhalb des Landes sollten lionenzahlungen an Baufirmen im fernen sagt Vlachopoulos, „schließlich gibt es bei
griechische und deutsche Jugendliche erst- München zugunsten der gerade mal knapp deutschen Großprojekten wie dem Ber-
mals nach abgestimmten Lehrplänen ge- 28 000 griechischen Bewohner offenbar liner Flughafen BER auch Verzögerungen.“
meinsam zweisprachig unterrichtet wer- nicht vermittelbar. Sollten die Kommunalpolitiker davor
den. Außerdem sollten die Abschlüsse in Und so thront nun im östlichen Münch- zurückschrecken, will der Anwalt im Auf-
beiden Ländern automatisch anerkannt ner Speckgürtel eine Bauruine, die wie im trag des griechischen Staates Klage einrei-
werden. Das ist bei sogenannten Auslands- Brennglas die Probleme des Landes spie- chen. „Die Verzögerung ist ja durch höhe-
schulen bislang nur selten der Fall. gelt – und seine Unfähigkeit zu Reformen. re Gewalt und nicht durch Mutwillen ent-
Bedingung für das Vorzeigeprojekt war Bis zum ersten von zwei Stockwerken ha- standen“, argumentiert er.
allerdings, dass die Griechen zügig mit dem ben es die griechischen Bauherren immer- Vielleicht gibt es ja auch noch eine ganz
Projekt begannen. Andernfalls, so sah es hin geschafft und dabei stolze 15 Millionen andere Lösung. Außenminister Steinmeier
der Kaufvertrag vor, sollte das Areal an die Euro ausgegeben. Der Dachaufbau und die will den Griechen ein Ausweichgrundstück
Stadt zurückfallen. Doch der geplante Bau Wände fehlen noch – wohl auch deshalb, anbieten, um den Konflikt zu entschärfen.
verzögerte sich immer wieder, auch weil weil nach heimischen Vorschriften und viel Das soll auch schon gefunden worden sein –
sich Anwohner gegen das Vorhaben wehr- zu aufwendig gebaut wurde. Das Gebäude auf dem Areal der ehemaligen Bundesmo-
ten. Sieben Jahre nach dem Kauf, im Som- ist erdbebensicher konstruiert bis zu einer nopolverwaltung für Branntwein (BfB). Es
mer 2008, lag endlich die Baugenehmigung Stärke von 6,5 auf der Richterskala, mit 25 liegt ebenfalls im Stadtteil Berg am Laim.
vor. Doch anstatt gleich mit dem Aushub zu Zentimeter dicken Stahlbetondecken und Dort kamen früher Tankwagen mit Roh-
beginnen, ließen die Griechen das Projekt bis zu einen Meter dicken Bodenplatten gebräu aus Getreide und Kartoffeln von
schleifen, bis die Erlaubnis Mitte 2012 auslief. ausgestattet. Dabei bebt in Berg am Laim kleineren Genossenschaftsbrennereien an.
Die Stadt verlor allmählich die Geduld die Erde allenfalls bei Volksfesten. Die BfB verarbeitete das Material zu so-
und klagte im Dezember 2013 auf Rückga- Im vergangenen Herbst begann der genanntem Primasprit und lieferte es an
be des Grundstücks. Bald darauf kam erst- nächste Akt des griechischen Dramas. Da- Spirituosenhersteller oder die Kosmetik-
mals Bewegung in die Sache. Bagger rück- mals beschloss der Münchner Stadtrat ein- und Arzneimittelindustrie.
ten an, das Fundament wurde ausgehoben stimmig, das Areal zurückzuholen. Die Heute liegt das Gelände brach. Zu-
und das Grundstück gesichert. In einem boomende Metropole braucht dringend mindest ein Teil, so der Plan, könnte den
Vergleich einigte man sich schließlich auf Flächen, weil sie nach Aussagen von Kom- Münchner Griechen angeboten werden,
ein neues Datum. Der Rohbau sollte nun munalreferent Axel Markwardt in den wenn sie dafür das Grundstück am Hachin-
spätestens bis Juni 2016 stehen. Doch auch kommenden Jahren mindestens ein Dut- ger Bach rausrückten. Wo einst Schnaps
diesen Termin konnten die Griechen nicht zend neue Gymnasien bauen muss. produziert wurde, könnten griechische
einhalten – aus Geldmangel. Das Land Die Griechen sollen den Rohbau nun und deutsche Pennäler dann dereinst ge-
stand inzwischen unter Aufsicht der Troika auf eigene Kosten abreißen und so Platz meinsam pauken. Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 5 / 2017 75


CHAMPIONS VON MORGEN (IX) Neue Technologien krempeln ganze Branchen um.
Der SPIEGEL stellt in loser Folge deutsche Unternehmen vor,
die das Zeug haben, in der Wirtschaft von morgen eine große Rolle zu spielen.

Die Daten-Sauger
Zukunft NavVis hat ein Navigationssystem für drinnen entwickelt. Es soll eine Plattform werden
für die digitale Bewirtschaftung von Gebäuden – ein kommender Milliardenmarkt.

W
ie groß ist die Wahrscheinlich- in Kalifornien, aber das sei kein Nachteil: Die Daten landen auf einem Server, von
keit, dass ein Unternehmen drei- „Dafür haben wir kaum relevante Konkur- dort werden sie auf die verschiedenen End-
einhalb Jahre nach der Grün- renz und können uns die Besten aussu- geräte weitergeleitet, auf Desktops, Tablets,
dung da steht, wo NavVis heute ist? Dass chen.“ Und, fast noch wichtiger: Hier sit- Smartphones. Wer über einen Link oder
es mehr als hundert Menschen aus 30 Na- zen auf engem Raum so viele Dax-Kon- eine App Zugang erhält, kann sich nun
tionen beschäftigt und Kunden in 20 Län- zerne wie sonst nirgendwo in Deutschland, durch das Gebäude leiten lassen, er erhält
dern bedient, darunter Konzerne wie alles potenzielle Kunden. „Ein Riesenvor- Informationen von den Orten, die ihn in-
Daimler, BMW und Allianz? „Ein Pro- teil, den wir anfangs unterschätzt haben“, teressieren, Bilder, Videos oder Texte, und
zent“, sagt Felix Reinshagen. sagt Reinshagen. Erst der Austausch mit kann selbst Informationen übermitteln.
Der Informatiker und Volkswirt legte diesen Kunden über mögliche Anwendun- Inzwischen hat NavVis Millionen Qua-
Excel-Tabellen mit Wahrscheinlichkeits- gen ihres Produkts machte aus der ur- dratmeter digitalisiert: Fabriken und Flug-
werten an, als er darüber nachdachte, sei- sprünglichen Idee ein Geschäftsmodell, das häfen, Museen, Universitäten und Kran-
nen gut bezahlten Job bei der Beratungs- einen Champion von morgen hervorbrin- kenhäuser, öffentliche und kommerziell
firma McKinsey aufzugeben und zusam- gen könnte. genutzte Gebäude. Auf Basis dieser Infor-
men mit seinem Segelfreund Georg München biete für technikorientierte mationen sollen nun mehr und mehr An-
Schroth ein Unternehmen zu gründen. Na- Start-ups „ein Umfeld, um wirklich neue wendungen umgesetzt werden.
türlich nicht irgendeines, sondern eines, Weltmarktführer zu schaffen“, sagt Reins-
das „eine Delle ins Universum“ schlägt, hagen. Sein Freund Georg entwickelte hier
wie Schroth, der CTO von NavVis, sagt. an der Technischen Universität seine Idee Gründer Hilsenbeck, Huitl,
Reinshagen übersetzt CTO – Chief Tech- einer Indoor-Navigation weiter, in den Reinshagen, Schroth in der
nology Officer – so: „Der hat’s erfunden.“ Räumen der TU starteten sie auch ihr Un- Werkstatt mit „Trolleys“
Die Idee hinter der Gründung hatte er ternehmen, anfangs saßen alle vier Grün-
bereits, als er 2006 im kalifornischen Stan- der in einem Raum. Bis heute arbeiten sie
ford studierte, an jener Uni, die die gesam- in der Grundlagenforschung eng mit der
te Internetwirtschaft im Silicon Valley mit Uni zusammen.
Nachschub versorgt. Er wollte eine Art Mit Software kannten sich die Gründer
Google Maps für Gebäude schaffen, ein bestens aus, sie stellten aber schnell fest,
Navi, das auch da funktioniert, wo es kein dass sie eine Hardware brauchten, um die
GPS gibt: drinnen. Daten zu erfassen, auf denen eine Indoor-
Aus dieser Idee entwickelte sich das heu- Navigation basieren kann. Noch an der
tige Produkt: eine Plattform für die digitale Uni entwickelten sie einen fahrbaren 3-D-
Bewirtschaftung von Gebäuden – und eine Scanner, ausgestattet mit einem ganzen
Art Ökosystem für einen kommenden Mil- Set handelsüblicher Kameras und Laser.
liardenmarkt, von dem sich NavVis ein Der Prototyp wog mehr als hundert Kilo-
großes Stück sichern will. gramm und wurde mit zwei Lkw-Batterien
Reinshagen, 38, Schroth, 33, und ihre betrieben. Daraus ein Modell zu entwi-
zwei Mitgründer Sebastian Hilsenbeck und ckeln, das auch den Ansprüchen großer
Robert Huitl haben alle schon mal im Sili- Kunden genügt, „hat deutlich länger ge-
con Valley gelebt und gearbeitet, zum Teil dauert als erwartet“, sagt Reinshagen.
mehrere Jahre lang. Sie hatten ein Ange- Heute beherbergt die NavVis-Zentrale
bot, ihr Projekt dort zu starten, wo die Vo- im Münchner Stadtteil Maxvorstadt eine
raussetzungen für Start-ups doch so viel kleine Werkstatt, in der die Geräte produ-
besser sind, wohin es junge Tech-Talente ziert werden. Die neue Variante wurde
aus aller Welt zieht und wo es Risikokapi- von Industriedesignern gestaltet, damit sie
tal im Überfluss gibt. nicht nur gut aussieht, sondern auch kom-
„Wir haben uns das durchgerechnet“, fortabel zu bedienen ist. Für Einsätze im
sagt Reinshagen. Das Ergebnis sprach für Ausland lässt sich das Gerät bequem aus-
München: Im Silicon Valley hätten sie das einanderbauen und transportieren.
Dreifache an Kapital benötigt. Um die bes- Die Gründer vergleichen ihren Trolley,
ten Leute werben dort Google, Facebook, wie sie ihr Gerät nennen, gern mit einem
Uber und all die anderen großen Namen Staubsauger, der die Daten seiner Umge-
des Valley. Um einigermaßen mithalten zu bung aufsaugt. Wird er durch ein Gebäude 2013 gegründet
können, hätte das kleine Start-up aus geschoben, baut sich in Echtzeit eine Karte Sitz in München
Deutschland gigantische Gehälter zahlen der Umgebung auf, ein komplettes 3-D-
rund 100
müssen. Modell. Im Radius von 30 Metern wird Mitarbeiter
Gute Leute gebe es dank zweier hervor- alles erfasst: Treppen, Steckdosen, auch
ragender Universitäten auch in München, Unsichtbares wie die WLAN-Stärke. Jedes
sagt Schroth, zwar nicht so reichlich wie Detail kann herangezoomt werden.

76 DER SPIEGEL 5 / 2017


Wirtschaft

Anfangs hatten die Gründer ausschließ- wie seine neue Fabrik in Südostasien sich beruhen. Die Grenzen zwischen stationä-
lich Navigation im Sinn, dank ihrer Soft- entwickelt, er kann die Baustelle begehen rem und Onlinehandel verschwimmen.
ware sollte zum Beispiel jemand, der und Anmerkungen hinterlassen. Versiche- NavVis will künftig, auch mithilfe von
im Münchner Hauptbahnhof ankommt, rungen können die Daten nutzen, um ihr Partnern, fertige Module für verschiedens-
schnell das richtige U-Bahn-Gleis für die Risiko zu berechnen. te Anwendungen anbieten, im vergange-
Weiterfahrt finden. „Das war naiv ge- Anders als bei Google Maps gehören nen Jahr wurde ein eigener Vertrieb auf-
dacht“, sagt Reinshagen heute. Tatsächlich die Daten aber dem Auftraggeber und la- gebaut, um die Produkte international zu
laufen 90 Prozent der gesamten Wert- gern auf dessen Server. Oft bergen sie Ge- verkaufen. Der Kreis der Anwender wird
schöpfung unserer Volkswirtschaft in schäftsgeheimnisse und dürfen nicht in immer größer, das Marktpotenzial scheint
Gebäuden ab: Sie müssen gebaut und ge- fremde Hände gelangen. unerschöpflich.
wartet werden, in ihnen wird produziert NavVis vergleicht sich deshalb nicht mit Jedes Jahr hat das Unternehmen die
und konsumiert. All diese Prozesse lassen Google, die Gründer sehen ihr Produkt Zahl seiner Mitarbeiter mehr als verdop-
sich digital steuern – so wie draußen, unter eher als Betriebssystem. Nicht alles, was pelt, in diesem Jahr soll sie von 100 auf
freiem Himmel, mittels GPS landwirt- darauf läuft, will das Start-up selbst ent- 200 steigen. Den Umsatz mögen die Grün-
schaftliche Maschinen und Containerfrach- wickeln. Ein Betreiber von Einkaufszen- der nicht nennen. „In der Phase, in der
ter gesteuert, Pakete zugestellt und Uber- tren hat zum Beispiel die Möglichkeit, auf wir jetzt sind“, sagt Reinshagen, „muss
Fahrzeuge zum nächsten Kunden geführt der Plattform von NavVis eine App für die man sich gut überlegen, wie aufmerksam
werden. Besucher seiner Malls zu entwickeln: Der man die Konkurrenz machen will.“
Dank NavVis findet der Monteur auf Kunde kann sich, auch schon zu Hause, Noch gehören ihnen zwei Drittel des
dem riesigen Fabrikgelände sogleich das orientieren, und der Betreiber bekommt Unternehmens. Den Rest halten private
leckgeschlagene Teil, das er reparieren soll, Informationen darüber, was den Kunden Investoren und Risikokapitalgesellschaften,
der Auftraggeber kann genau verfolgen, interessiert. Er kann ihn durch das Gebäu- die bisher rund zehn Millionen Euro in das
wann der Dienstleister das Gelände betre- de zu speziellen Angeboten führen oder Projekt gesteckt haben.
ten und wieder verlassen hat. Ein Vorstand ihm, ähnlich wie Amazon, Produkte emp- Wäre es nicht besser, noch mehr Geld
in Deutschland kann via 3-D-Modell sehen, fehlen, die auf seinen bisherigen Käufen einzusammeln, um das Wachstum zu be-
schleunigen, bevor große Konzerne den
lukrativen Markt für sich entdecken?
Das sei „ein zweischneidiges Schwert“,
sagt Reinshagen. Erstens wollen die Grün-
der weiter eine tragende Rolle spielen und
nicht zu viele Anteile ihres Unternehmens
an Investoren abgeben. Und zweitens nei-
ge man dazu, ineffizient mit Kapital um-
zugehen, wenn man zu viel davon habe.
Sie haben im Silicon Valley selbst erlebt,
wie Gründer Millionen einsammelten und
völlig abhoben, die Büros mit edlem Mo-
biliar ausstatteten und für die Geschäfts-
führung teure Sportwagen orderten. „Es
ist nicht schlecht, immer eine gewisse
Knappheit der Mittel zu haben“, sagt
Reinshagen.
Und wenn nun ein großer Konzern
einen dicken Scheck auf den Tisch legen
würde, um NavVis zu schlucken?
„Es wäre unrealistisch, so etwas von
vornherein abzulehnen“, sagt Reinshagen.
Etwa wenn die Gefahr droht, dass der Kon-
kurrent sonst mit Dumpingpreisen den
Markt aufrollt. „Man muss überlegen, ob
man das für eine realistische Gefahr hält.“
Im Moment wähnen sich die NavVis-
Gründer mit ihrer Kombination aus Hard-
und Software sicher, es gebe zwar Anbie-
ter für einzelne Bereiche der Gebäude-
navigation und -kartierung, aber keinen,
der wie sie die ganze Palette abdecke.
Ihr Traum ist es, aus eigener Kraft ein
großes Unternehmen aufzubauen und an
die Börse zu bringen. Die Wahrscheinlich-
FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL

keit, jetzt noch sehr viel weiter zu kommen,


sei natürlich wesentlich größer als am An-
fang. „Aber sie ist nicht 80 Prozent“, sagt
Reinshagen. „Da kann noch so viel passie-
ren. Und es sind noch so viele Hürden zu
überwinden.“ Armin Mahler
Mail: armin.mahler@spiegel.de

DER SPIEGEL 5 / 2017 77


Wirtschaft

„Ich stehe nicht für Harmonie“


SPIEGEL-Gespräch Werber André Kemper, 53, einer der letzten Exzentriker der Branche, über
den Super Bowl, geniale Fernsehspots und eine Ohrfeige beim Wiener Opernball

SPIEGEL: Herr Kemper, ist es eine Last, An- SPIEGEL: Sie sind auch zu Pferd auf die perlich angeht, und dazu gehört es, den
dré Kemper zu sein? Weihnachtsfeier von Springer & Jacoby Frack, den man an einem solchen Abend
Kemper: Es ist anstrengend, André Kemper eingeritten. War das authentisch Kemper trägt, mit Champagner zu beschmutzen –
zu sein. Für einen selbst, aber auch für oder eine Rolle, die Sie glaubten spielen dann ist eine Grenze überschritten.
andere. zu müssen: noch irrer zu sein als der Rest SPIEGEL: Und dann muss man zuschlagen?
SPIEGEL: Warum? der Werbewelt? Kemper: Wenn man die Situation bei Kaf-
Kemper: Weil immer eine sehr, sehr hohe Kemper: Das Motto der Party damals war fee und Keksen analysieren und einen Be-
Erwartungshaltung da ist. „Studio 54“. Da gehört es eigentlich schon rater hinzuziehen würde – man würde si-
SPIEGEL: Auch jetzt bei Antoni, der Agen- zum guten Ton, dass man zu Pferd kommt. cher besonnener reagieren. Aber solche
tur, die Sie und Ihr Kompagnon Tonio Man muss die Dinge in ihrer Zeit sehen. Entscheidungen fällt man im Bruchteil ei-
Kröger eigens für Mercedes gegründet Ich war ein verdammt junger Bengel, als ner Sekunde.
haben? ich in die Werbung kam. SPIEGEL: Ein Fehler, den Sie bereuen?
Kemper: Machen wir uns nichts vor. Unsere SPIEGEL: Sind Sie heute reifer? Kemper: Es ist passiert, und ich stehe dazu.
Branchenkollegen freuen sich nicht nur Kemper: Mein Image und ich, das sind zwei Letzten Endes gehört es zu mir. Ich nehme
über unsere Erfolge – die freuen sich auch unterschiedliche Dinge. Mir ist klar, dass es an und kann gut damit leben.
gern, wenn es mal schiefgeht. der Erfolg meiner Arbeit auch daran hängt, SPIEGEL: Hat es der Werberlegende André
SPIEGEL: Sie arbeiten gerade an einem der wie ich auf Kunden und Teams wirke. Die Kemper geschadet, oder hat es das Gegen-
wichtigsten Werbespots Ihrer Karriere, wichtigste Kampagne, an der man arbeitet, teil bewirkt?
dem Auftritt von Mercedes in der Werbe- ist man selbst. Ich versuche daher schon, Kemper: Im Rückblick hat es mir nicht ge-
pause des Super Bowl. Über 110 Millionen Dinge abzustellen, von denen ich sehe, schadet. Die ganze Geschichte ist zu einem
Menschen schauen da zu. Ist das der Rit- dass sie mich nicht weiterbringen. Teil meiner eigenen Marke geworden. Sie
terschlag? SPIEGEL: Auf den Tisch hauen, mit Gegen- gehört jetzt dazu.
Kemper: Wir sind die erste deutsche Wer- ständen werfen … SPIEGEL: Haben Sie sich entschuldigt?
beagentur, die in dieser Form beim Super Kemper: Sie kommen mit Sachen, die 20 Kemper: Wir haben uns verständigt, sagen
Bowl mitmischt. Ja, das ist eine große Ehre Jahre her sind. wir mal so.
für unsere junge Firma. SPIEGEL: Beim Wiener Opernball vor drei SPIEGEL: Mit Geld?
SPIEGEL: Was bieten Sie den Zuschauern? Jahren schlugen Sie dem Geschäftsmann Kemper: Mit Vernunft.
Kemper: Die Coen-Brüder haben Regie ge- Ulrich Pfaffelhuber ins Gesicht, weil er SPIEGEL: Die Marke Kemper steht dafür,
führt. Peter Fonda hat die Hauptrolle. Die Ihren Freund Johannes B. Kerner ange- impulsiv und angstfrei zu sein, gern mal
Musik kommt von Steppenwolf. Das wird pöbelt hatte. über Grenzen zu gehen.
vielleicht nicht jedem der 110 Millionen Kemper: Ja, das ist kein Geheimnis. Kemper: Mit Verlaub: Ich war nicht dafür
etwas sagen – aber ich denke, der Film ist SPIEGEL: Am Tag darauf waren Sie auf Seite bekannt, prügelnd durch die Bars zu zie-
auch ohne dieses Wissen ganz amüsant. eins der „Bild“, in den sozialen Netzwer- hen. Aber natürlich habe ich ein gewisses
SPIEGEL: Es gab legendäre Werbespots beim ken brach ein Sturm über Sie herein. Wann Image. Ich stehe nicht für Harmonie. Ich
Super Bowl. Haben Sie versucht, da mit- wussten Sie, dass Sie ein Problem haben? ziehe viel Energie aus Reibung, zum Teil
zuhalten? Kemper: Ich hatte an dem Abend erst aus Disharmonie. Auch wenn mich das
Kemper: Michael Jordan hat einmal gesagt: einmal keine Ahnung, was das für mich manchmal selbst nervt, genau wie die
100 Prozent der Würfe, die ich nicht wage, bedeuten würde. Ich ging nach dem Leute, mit denen ich arbeite.
gehen daneben. Schlag zurück in meine Loge, der Rest SPIEGEL: Was hat Sie als junger Bursche ge-
SPIEGEL: Sie gelten als einer der letzten Ir- des Abends war noch sehr amüsant. Das reizt, in die Werbung zu gehen?
ren der Werbebranche. Braucht es Leute Einzige, was mich an den Vorfall erin- Kemper: Erst mal nichts. Ich war 21, direkt
wie Sie heute noch? nerte, war, dass mir die Hand ein biss- nach der Bundeswehr habe ich in einer
Kemper: Ich nehme das als Kompliment. chen wehtat. klassischen Networkagentur angefangen.
Kreative Menschen haben alle eine Meise. SPIEGEL: Niemand hat Sie angerufen? Das war genau so, wie ich mir die Ge-
Meine Frau hat einmal gesagt, du hast ei- Kemper: Ich hatte mein Smartphone aus- schäftswelt vorgestellt habe: Es gab die
nen ganzen Meisenschwarm, und jeden gestellt. Jungs da oben, Hierarchie, Etikette, das
Tag kommt eine dazu. Aber ich wäre nicht SPIEGEL: Sie sind ein Kommunikationsprofi „Sie“, das darfst du nicht, all das. Das fühl-
in der Lage, eine professionelle Agentur – und ahnen nicht, was eine Ohrfeige auf te sich weder kreativ noch inspirierend
zu leiten, wenn ich völlig durchgeknallt dem Opernball bedeutet? an – eher wie eine Unternehmensberatung
wäre. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass Kemper: Das habe ich erst am nächsten mit Farbkopierer.
ich mich manchmal selbst nur in homöo- Morgen realisiert. Als ich das Handy an- SPIEGEL: Was passierte dann?
pathischen Dosen aushalten kann. gestellt habe, machte es nur noch: ding, Kemper: Ich bin zu Springer & Jacoby ge-
SPIEGEL: Wenn der kreative Wahnsinn aus- ding, ding. So viele Dings hatte ich noch gangen. Das war ein vollkommener Kul-
bricht – womit schmeißen Sie dann? nie auf meinem Smartphone. turschock. Nichts hatte mich vorher so in-
Kemper: Als ich ein junger Bursche war, ist SPIEGEL: Was hat Sie an dem Abend so ge- spiriert und befreit. Springer & Jacoby war
auch mal was geflogen. Ich habe dann ge- reizt, dass Sie zugeschlagen haben? damals wirklich revolutionär. Das kann
sagt, man muss ja nicht gleich überreagie- Kemper: Ich finde, es gibt Dinge, die gehen man sich heute nicht mehr vorstellen. Die-
ren, nur weil ich mal einen Computer aus zu weit. Jemanden verbal anzugehen ist se Firma legte bei mir von einer auf die
dem Fenster schmeiße. das eine. Aber wenn man jemanden kör- andere Sekunde den Schalter um. Von da
78 DER SPIEGEL 5 / 2017
an hatte ich den besten Job der Welt, ich
wollte nichts anderes mehr machen.
SPIEGEL: Es war die Zeit, in der Werbung
plötzlich schick wurde.
Kemper: Ja, sie befreite sich aus der ver-
staubten Nische der Klementine-Reklame.
Werbung wurde populär. Sie wurde Pop
im wahrsten Sinne des Wortes. Die Chefs
der Agenturen wurden in Talkshows ein-
geladen, in den Zeitgeistblättern „Tempo“,
„Max“ und „Wiener“ interviewt. Es war
damals wirklich cool, ein Werber zu sein.
SPIEGEL: Hat Werbung heute noch dieselbe
Kraft? Ikonenhafte Spots, die sich in das
Gedächtnis einer Generation einbrennen
wie der Marlboro Man, werden seltener.
Kemper: Solche Meilensteine der Werbung
waren auch früher die Ausnahme, aber es
stimmt: Es sind schon so viele Geschichten
erzählt worden. Netflix, YouTube, Kino,
Fernsehen – man hat ein Überüberüber-
angebot an fantastischer Unterhaltung. In
dem Umfeld wird es immer schwerer, noch
Spitzen zu setzen und sich durchzusetzen.
SPIEGEL: Wird nicht heute in der Werbung
von vornherein viel kleiner gedacht: ein
Film für YouTube, ein Spot für Facebook,
was ist die eine große Idee noch wert?
Kemper: Wenn man in der digitalen Welt
jedem Rock hinterherläuft und sich in der
Kleinteiligkeit verliert, wird man nicht er-
folgreich sein. Es braucht mehr denn je
große Würfe, um Wucht und Wirkung zu
erzielen.
SPIEGEL: In der digitalen Welt ist zumindest
alles messbar und berechenbar: Haben Al-
gorithmen und Big Data die Branche ge-
zähmt, ihr den Irrsinn ausgetrieben – im
Positiven wie im Negativen?
Kemper: Kunden, die mir nur auf Excel-Ta-
bellen vorrechnen, was wann wo funktio-
niert und was nicht und welche Schlüsse
wir daraus ziehen müssen, sind in meinen
Augen schwache Kunden. Big Data ohne
Big Idea ist keine Lösung. Starke Kunden
haben den Mut und das Talent, intuitiv zu
entscheiden.
SPIEGEL: Ist Intuition nicht Oldschool? Frü-
her hieß es, die Hälfte meiner Werbung
ist verschwendet, ich weiß nur nicht, wel-
che. Heute muss ich dank Big Data doch
nichts mehr verschwenden.
Kemper: Daten sind ein hilfreiches Werk-
zeug. Mehr nicht. Könnte man damit alles
vorhersagen, wäre es auch möglich, den
todsicher erfolgreichen Hollywoodblock-
buster zu planen.
SPIEGEL: Amazon und Netflix versuchen
CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL

genau das.
Kemper: Und trotzdem gibt es Serien und
Filme, die ein Phänomen werden, und an-
dere, die floppen. Natürlich bekommt man
heute ein schnelles Feedback, was funktio-
niert und was nicht – aber eben erst im
Nachhinein. Das reicht nicht, um daraus
einen garantierten Nummer-eins-Hit in Mo-
Kreativer Kemper: „Die wichtigste Kampagne, an der man arbeitet, ist man selbst“ de, Musik oder Film zu stricken. Kreativität
DER SPIEGEL 5 / 2017 79
es ja damals nicht, aber der Film verbreitete
sich trotzdem überraschend flott.
SPIEGEL: War es früher leichter, Kunden
von einer Idee zu überzeugen?
Kemper: Ja, weil viele Kunden noch weni-
ger Ahnung hatten als wir. Wir alle haben
damals mehr experimentiert – aber auch
viel Mist gebaut. Werbung war auch weit

2017 MERCEDES-BENZ USA / FOTO: ANTHONY DIAS


weniger komplex: Ein Film, drei Anzeigen
– fertig war die Kampagne. Heute sind die
Kunden viel professioneller und unsere
Arbeit anspruchsvoller. Damals konnte
man mit Anfang dreißig ein Hero der
Branche sein, heute braucht man schon et-
was mehr Erfahrung.
SPIEGEL: Sie waren mit Anfang dreißig Chef
einer Agentur mit 400 Leuten. Was hat
der Erfolg mit Ihnen gemacht?
Schauspieler Fonda beim Mercedes-Spot-Dreh zum Super Bowl 2017: „Na, wird das ein Hit?“ Kemper: Er hat mich selbstbewusster und
sicherer gemacht. Das tut einem selber gut
und ihre Wirkung bleiben das, was sie im- mir sogar, die Szene überhaupt zu drehen. und der Arbeit.
mer waren: rätselhaft und unberechenbar. Es gab dann eine Fassung, in der die Frau SPIEGEL: Und steigt einem nicht zu Kopf?
SPIEGEL: In den Neunzigern waren Werber ihren Mann fragt: „Du hattest eine Panne Kemper: Es kommt auf den Charakter an.
Stars. Holger Jung und Jean-Remy von mit deinem Mercedes? Ts, ts, ts.“ SPIEGEL: Und bei Ihnen?
Matt gründeten Jung von Matt. Sie selbst SPIEGEL: An das Verbot haben Sie sich of- Kemper: Es ist mir zu Kopf gestiegen. Aber
bauten mit Michael Trautmann eine Agen- fenbar nicht gehalten. glücklicherweise ist unsere Branche sehr
tur auf. Wie wichtig war die Person des Wer- Kemper: Ich war jung und brauchte den Er- schnell und direkt – und ein Tritt in den
bers – und wie wichtig ist sie heute noch? folg. Bei der Präsentation spielten wir den Hintern dann und wann tut ebenso gut.
Kemper: Die Reputation eines Werbers hilft Film, den der Kunde sich gewünscht hatte. SPIEGEL: Wie viel Verzweiflung braucht
bei der Entscheidungsfindung. Wenn wir uns Die Herren saßen da, die Reaktion war ver- Kreativität?
alle so sicher wären, was wir tun – der Wer- halten. Weil der Marketingchef ein positiver Kemper: Professionelle Kreativität braucht
ber, der Kunde –, müssten wir uns nicht so Mensch war, sagte er: ein sehr anständiger viel Energie. So gesehen hat Verzweiflung
viele Gedanken machen. Aber wir wissen Film, André, Chapeau. Ich habe gesagt: Ist eine erfreuliche Seite – sie lässt sich in
meist nicht, was passiert. Wenn ich einem das euer Ernst? Ich zeige euch jetzt mal et- Energie umwandeln. Und, ja, manchmal
Kunden einen Film vorschlage, und er was, ihr könnt mich ja rauswerfen. Dann ist es schrecklich einsam und frustrierend
schaut mir tief in die Augen und fragt: Na, habe ich die Version mit der Ohrfeige ge- vor dem weißen Blatt Papier. Aber man
wird das ein Hit? Dann kann ich nur sagen, zeigt, und alle haben herzhaft gelacht. muss es ertragen, es ist Teil unseres Jobs.
ich weiß es nicht, aber ich sehe eine Chance. Aber den großen Erfolg des Films habe ich SPIEGEL: Wären Sie gern zufriedener?
SPIEGEL: Und das hilft? nicht vorausgesehen. Und noch heute kann Kemper: Ja, manchmal ja.
Kemper: So ein Film kostet gern mal über ich – wenn die Idee auf dem Papier geboren SPIEGEL: Was hindert Sie?
eine Million Euro – glauben Sie mir, das ist – nicht erkennen, ob es ein Hit wird Kemper: Es gibt hin und wieder Glücks-
reicht, um unsicher zu werden. Erst recht, oder nicht. Es bleibt ein Stück weit Magie. punkte, wo alles Glück dieser Welt auf
wenn es um eine mutige Idee geht. Ein SPIEGEL: Können Sie den Erfolg wenigstens diesen einen Punkt springt. Aber es sind
starker Ruf des Werbers hilft dem Kunden, im Nachhinein erklären? Punkte. Meine Linie ist eine andere. Vor
sich von der Unsicherheit nicht überwälti- Kemper: Es war ein Auto-Spot ohne Auto, allem, wenn man eine Agentur führt, gibt
gen zu lassen. Und es bewahrt das emp- was damals sehr ungewöhnlich war. Vor al- es jeden Tag mehr als einen Grund, unzu-
findliche Gut Kreation davor, flach ge- lem aber hat der Film eine emotionale, hu- frieden zu sein. Dem Idealpunkt begegnet
bügelt und rund gelutscht zu werden, bis morvolle Geschichte erzählt – in einer Zeit, man nur sehr selten.
doch wieder ein Mainstream-Mittelklasse- in der Werbung eher versuchte, den Kopf SPIEGEL: Eine der häufigsten Vokabeln von
Langweiler-Produkt herauskommt. zu überzeugen. Das war Werbung, die sich Ihnen ist Unsicherheit. Ist das Ihre Stärke,
SPIEGEL: Was macht gute Werbung aus? nicht mehr nach Reklame anfühlte. Mit zu Ihrer Unsicherheit zu stehen?
Nehmen wir mal Ihren berühmten Ohrfei- einer Pointe, die man sich auf der Straße Kemper: Unsicherheit und Stärke schließen
gen-Spot von Mercedes. Da kommt ein weitererzählen konnte. Social Media gab sich nicht aus. Vor der Unsicherheit zu
Mann spät nach Hause, erklärt seiner Frau, kapitulieren wäre sicher eine Art Schwä-
er habe eine Panne gehabt – und sie scheu- che. Zufriedenheit ist eine Bremse. Unzu-
ert ihm eine und fragt: „Mit deinem Mer- friedenheit ist ein Triebwerk. Es gibt viele
cedes?“ Damals war das revolutionär. Kampagnen in meiner Karriere, die alles
CHRISTIAN O. BRUCH / LAIF / DER SPIEGEL

Kann man den Erfolg erklären, ist es Genie andere als toll waren. Ich bringe also alles
oder nur Zufall? mit, um weiter unsicher zu sein. Die Unsi-
Kemper: Um der Wahrheit die Ehre zu ge- cherheit ist immer da, und damit muss man
ben: Es gab damals zwei Ideen, und meine zurechtkommen. Da hilft das Selbstbe-
Empfehlung war nicht der Ohrfeigen-Spot. wusstsein, da hilft Zuspruch – und ab und
Zum Glück hat sich der Kunde durchgesetzt zu hilft auch ein Hit. Und die Tatsache, dass
– allerdings wollte er den Film ohne die der SPIEGEL zu mir sagt: Herr Kemper, wir
Ohrfeige. Das war ihm zu tough. Er verbot danken Ihnen für dieses Gespräch.
Kemper, SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Herr Kemper, wir danken Ihnen
* Isabell Hülsen und Markus Brauck in Hamburg. „Zufriedenheit ist eine Bremse“ für dieses Gespräch.
80 DER SPIEGEL 5 / 2017
Wirtschaft

Penetrant
heißt es neuerdings unter Mails von Geh- die „Wohnst du noch, oder lebst du
rig – ein erstaunlicher Kulturwandel für schon?“-Mentalität tatsächlich verankert
einen, unter dessen Ägide Mitarbeiter frü- ist. „Ich hab die Verkäufer mit Fragen qua-

zurückgesiezt
her videoüberwacht wurden. si zugeduzt – die waren richtig pikiert und
Stirbt also das Sie in Deutschland aus? wollten das gar nicht.“
„Längst nicht“, sagt Horst Simon, „das Mehr wissenschaftlich näherte sich Su-
Sie ist hier sogar ziemlich stabil.“ Simon sanne Hensel-Börner dem Phänomen. Sie
Zeitgeist Duzen gehört bei ist Professor für Historische Sprachwissen- leitet den Fachbereich Marketing an der
schaft an der FU Berlin. Das Duzen hält Hamburg School of Business Administra-
vielen Firmen inzwischen zum er weniger für ein gesellschaftliches Phä- tion. Anlass waren „zwei ziemlich derbe
Geschäftsmodell. Doch die nomen, es sei eher „importierte Unterneh- Duzattacken“ auf die 46-Jährige – in einem
menskultur“, oft eben aus Amerika. Dass Puma-Shop und von einem übereifrigen
Masche empfinden nicht nur junge Leute heute vielfach automatisch Promotionsteam des Essensboxlieferanten
Ältere als unangenehm. duzten, hält er für eine Mär und einen HelloFresh. Hensel-Börner, die „penetrant
„großen Irrtum“ des Handels. Bei sich zu zurücksiezte“ war verwundert, „wie dog-

E
rika“, bellt der Barista durch den Hause in Berlin-Kreuzberg hört er in Ge- matisch man Mitarbeiter auf solche Vor-
Raum. Die weißhaarige, ältere schäften meist das Gegenteil raus: „Weil gaben nageln“ kann.
Dame in der Hamburger Starbucks- die Generationen vor ihnen relativ duz- Im Rahmen eines Forschungsprojekts
Filiale zuckt zusammen. Hat sie sich dane- freudig waren, setzen sich viele Jugendli- befragte sie daraufhin 30 Betriebe in Ham-
benbenommen? „Dein Caffè Latte“, sagt che bewusst davon ab.“ burg, wie die es mit der Anrede halten.
der Barmann lächelnd. „Ich danke Ihnen“, Ein Blogger aus Frankfurt etwa zeigte Während in Apotheken, Banken und im
sagt Erika erleichtert. sich sichtlich irritiert, als er in einem Hol- Lebensmittelhandel das Du weiter unüb-
Kulturschocks wie dieser sind lich ist, scheint es im Textilsek-
bei der amerikanischen Kaffee- tor Mainstream: In sieben von
kette alltäglich. Hier wird jeder neun Läden war das Duzen der
an der Kasse um seinen Vorna- Kunden möglich oder sogar
men gebeten, der dann wie bei Pflicht.
einem Kitakind auf dem Becher Hensel-Börner hält die Ent-
notiert wird. wicklung für absurd. Zwar sei
Doch selbst 15 Jahre nach der Westen des Landes ein we-
Eröffnung der ersten Starbucks- nig duzaffiner als der Osten,
Filialen in Berlin scheinen viele überall jedoch überwiege die
Deutsche die schmissigen Bedie- Ablehnung. Umfragen zeigen,
nungsriten als distanzlos und dass zwei von drei Befragten
unangenehm zu empfinden. Eri- beim Einkaufen oder im Restau-
ka zumindest, war kurz darauf rant nicht geduzt werden möch-
zu beobachten, schlich aus dem ten. Stadtstaaten wie Hamburg
Laden. Eine neue Stammkundin scheinen besonders empfind-
wird Starbucks nicht gewonnen lich, auf das Geduze vom Chef
haben. Ändern wird das Unter- können hier 92 Prozent gut ver-
nehmen seine Ansprache des- zichten.
wegen kaum: Das Dauergeduze Bestimmte Zwitterformen
ist schließlich Teil eines stan- werden im Norden jedoch seit
dardisierten Geschäftsmodells, Langem gepflegt: So hat bei
das weltweit für gleichbleiben- der Zeitschrift „Zeit“ bis heute
MI CH AE L WALTER / D ER S PI EG E L

de Starbucks-Erlebnisse sorgen das „Hamburger Sie“ überlebt,


soll. eine Mischung aus Respekt und
Verwunderlich ist allerdings, kollegialer Nähe: „Könnten Sie
wie sehr sich die Duzmasche in- einen Leitartikel schreiben,
zwischen in der deutschen Wirt- Helmut?“
schaft verbreitet hat – intern Die proletarische Kehrseite
ebenso wie gegenüber den Kun- davon ist das auch in der Wer-
den: Während bei Onlinebestellungen so- lister-Shop von einem der sehr luftig ge- bung beliebte „Kassiererinnen-Du“: „Frau
wieso kaum noch etwas ohne Vornamen kleideten Ladenmodels mit „Hey, what’s Meier, kannst du mal nachsehen, was die
geht, scheint auch der textile Einzelhandel up?“ begrüßt wurde. Das habe noch nie Kondome kosten?“
auf den Du-Mainstream einzuschwenken. jemand zu ihm gesagt, „zumindest nicht Kann das Duzen aber einen Kulturwan-
Konzerne wie Puma haben eine entspre- ungestraft“. „Moinsen Schnullerbacke“ del vorantreiben und Hierarchien abbauen,
chende Kundenanrede sogar zur Vorgabe oder „Alles senkrecht?“ habe er als Ant- so wie der Lidl-Chef jüngst fabulierte? Das
gemacht, das Du gehöre bei einer Sport- wort durchgespielt, ließ es dann aber und sei „Augenwischerei“, sagt Wissenschaftler
marke wie Puma einfach zur DNA, lässt googelte schließlich, dass dies offenbar Simon. „Hierarchien funktionieren auch
ein Sprecher wissen. eine gängige Empfangsformel in der stets im Duzmodus, ganz subtil.“
Beim Versandhändler Otto dürfen inzwi- leicht überparfümierten Modekette aus Ka- Bei Lidl scheint die neue Duzkultur zu-
schen alle den Chef duzen, vergangenes lifornien war. dem an gewissen Gehorsam gebunden zu
Jahr verordnete selbst Lidl-Konzernchef Bei Ikea, dem Möbelhersteller aus sein. Mit dem Initiator einer Betriebsrats-
Klaus Gehrig seinen Mitarbeitern das Vor- Schweden, wo sich angeblich alle mit Vor- wahl im Lidl-Lager bei Augsburg streitet
namensverhältnis. Wer sich mit den Kolle- namen anreden, hat Sprachwissenschaftler sich das Unternehmen inzwischen vor dem
gen nicht duze, isoliere sich. „Gruß Klaus“ Simon vor Kurzem mal getestet, wie tief Arbeitsgericht. Per Sie. Nils Klawitter

DER SPIEGEL 5 / 2017 81


Straßenszene in der gambischen Hauptstadt Banjul

Analyse

Es geht doch
Warum der Machtwechsel in Gambia ein wenig Hoffnung sät
Normalerweise stützen sich die Herrscher Afrikas gegenseitig. tend, militärisch schwach. Schwergewichte wie Nigeria, Gha-
Sie schauen weg, wenn einer der Ihren durch Wahlbetrug im na oder Kenia hätten das niemals mit sich machen lassen, sie
Amt bleibt. Sie dulden schwere Menschenrechtsverletzungen, verbitten sich jede Form der Einmischung.
denn sie begehen sie oft in ihren eigenen Ländern. Sie hofie- Dennoch könnte Gambia ein Präzedenzfall für den gesam-
ren selbst üble Despoten wie den Simbabwer Robert Mugabe ten Kontinent werden. Denn diesmal haben die Präsidenten
oder Pierre Nkurunziza, der gerade Burundi ruiniert. der Nachbarstaaten ein Grundprinzip der Afrikanischen Uni-
In Gambia aber war es diesmal anders: Erstmals in der post- on durchgesetzt, das es verbietet, den Ausgang freier Wahlen
kolonialen Geschichte des Kontinents zwangen afrikanische zu missachten. So konnten die Gambier einen weiteren Sieg
Präsidenten einen Diktator zum Rücktritt, einen clownesken der Demokratie in Afrika feiern. Allein in diesem Jahrzehnt
Big Man, der im Dezember eine Wahl verloren hatte und fanden in Niger, Guinea, Mali, im Senegal, in Nigeria, Guinea-
trotzdem ad infinitum weiterregieren wollte. Nun flog Yahya Bissau oder auch Benin friedliche Wahlen statt, in Burkina
Jammeh am vergangenen Samstag ins Exil nach Äquatorial- Faso jagte das Volk einen Kleptokraten aus dem Amt. Nun be-
guinea – nachdem er die Zentralbank geplündert hatte. Viel- kommt der neue Präsident Gambias, Adama Barrow, die
leicht gelang der unblutige Machtwechsel nur, weil Gambia so Chance, eines der ärmsten Länder gerechter zu regieren.
klein ist. Ein Zwergstaat, politisch wie wirtschaftlich unbedeu- Bartholomäus Grill

82 DER SPIEGEL 5 / 2017


Ausland
Japan Ebene gefährlich werden. neuen Reformanstößen An-
Heldin der Lange beherrschte Abe fast hänger gewinnt. Zum Ärger
Sushi-Nation konkurrenzlos die Politik.
Doch nun vergeht kaum ein
der Bauindustrie und deren
politischen Unterstützern
Bislang wurde die japanische Tag, ohne dass die beliebte setzte sie durch, dass die Aus-
Politik von Männern und und ehrgeizige Koike mit gaben für die Olympischen
ihren Ritualen beherrscht. Spiele in Tokio 2020 deutlich
Doch nun bringt eine Frau gekürzt werden. Unter der
das Gefüge der Macht durch- Parole „Vorrang für die To-
einander: Yuriko Koike, 64, kioter Bürger“ verschob sie
Gouverneurin von Tokio, außerdem den Umzug des
will bei der Wahl zum Regio- traditionsreichen Fischmarkts
nalparlament der 13-Millio- der Stadt. Dafür wird sie in
nen-Hauptstadt im Sommer der Sushi-Nation gefeiert:
mit einer eigenen Partei an- Denn der Neubau wurde in
treten. Die ehemalige Fern- der Bucht von Tokio auf
sehmoderatorin und frühere einem ehemaligen Industrie-
Verteidigungsministerin for- gelände errichtet und birgt

TORU HANAI / REUTERS


dert mit der Parteigründung offenbar erhebliche Umwelt-
ihre einstigen Verbündeten, risiken. Im Grundwasser un-
die regierenden Liberaldemo- ter den neuen Hallen wurden
kraten von Premier Shinzo 79-fach höhere Werte des
Abe, heraus. Sie könnte dem krebserregenden Benzols ge-
Premier auch auf nationaler Koike bei einer Parade messen als erlaubt. ww

Großbritannien ihre Zustimmung erteilen Mays harten Brexit-Kurs kri-


Kleinkrieg um Brexit müssen. Nun verlangen die tisch und wollen verhindern,
Parlamentarier weitere Kon- dass für die Ein- und Ausfuhr
Zwei Monate vor dem geplan- zessionen. Darunter die Zusi- von Waren aus Europa künf-
ten Beginn der EU-Austritts- cherung, dass May ihnen ge- tig Zölle fällig werden. Zu-
verhandlungen steht Premier- nug Zeit gibt, über das Ergeb- dem sieht sich die Premiermi-
ministerin Theresa May vor nis der Verhandlungen mit nisterin mit mindestens zwei
einem zähen Machtkampf der EU zu beraten. Notfalls weiteren Gerichtsverfahren
ANDREW RENNEISEN / GETTY IMAGES

mit dem Parlament. Anfang stürze sich die Opposition in zum Brexit konfrontiert. Un-
der Woche hatte der Oberste einen „Nahkampf“ mit der ter anderem geht es um die
Gerichtshof in London ent- Regierung, heißt es bei La- für May existenzielle Frage,
schieden, dass Mitglieder des bour. Im Unterhaus verfügt ob die Regierung juristisch
Ober- und Unterhauses ei- May nur über eine knappe überhaupt dazu berechtigt ist,
nem formellen Austrittsge- Mehrheit von 16 Sitzen. Etli- das Land aus dem Binnen-
such der Premierministerin che Tory-Abgeordnete sehen markt zu führen. cx

Fußnote

731
Millionen
Internetnutzer zählte
China im vergangenen
Jahr – das ist gut die
Hälfte der Bevölkerung
und entspricht fast an-
KIRSTY WIGGLESWORTH / INTERTOPICS

derthalbmal der Gesamt-


einwohnerzahl der EU.
Allein der Zuwachs über-
trifft die Einwohnerzahl
Polens um fünf Millio-
nen. Die meisten nutzen
das Internet mobil, un-
terliegen dabei aber
strenger Zensur. May im Lancaster House in London

DER SPIEGEL 5 / 2017 83


Plan gegen „Agent Orange“
USA Donald Trumps Gegner formieren sich, es kursiert ein Konzept für die Gegenwehr –
doch kann eine linke Bewegung dem neuen Präsidenten gefährlich werden?

Das Turnberry Isle Resort in zum Leben erwachen“, werben die Mana- Emanuel – ein enger Vertrauter von Ba-
Miami Beach ist eine der schi- ger des Resorts. rack Obama – tauchte auf, dazu fünf der
ckeren Adressen in Florida: Der Reklamespruch passte zu einer sechs Bewerber um den vakanten Vorsitz
Feudale Zimmer und beste Schar von Gästen, die sich am Tag des der Demokratischen Partei sowie rund
Sterneküche erwarten die Gäste, dazu Amtseids von Donald Trump hier einfand. 120 reiche Geldgeber. Sie blieben übers
zwei Golfkurse in herrlicher Lagunenlage Der demokratische Stratege David Brock Wochenende, und bei Veranstaltungen mit
und praktisch zwölf Monate Sonnenschein hatte seine Parteifreunde zu dem Treffen Titeln wie „Was zum Teufel ist hier gerade
pro Jahr. Es sei ein Ort, an dem „Visionen eingeladen. Chicagos Bürgermeister Rahm passiert?“ oder „Der Weg zum Faschis-
84 DER SPIEGEL 5 / 2017
Ausland
Demonstranten vor dem Weißen Haus*
„Sag einfach Nein“

chen zwischen der Wahl und Trumps Und schon blüht bei den Demokraten
Amtseinführung scheinen sie sich nun wie- die Fantasie, dass die Massenproteste der
der aufzurappeln. Auf allen Ebenen ver- Beginn von etwas Größerem sein könnten:
suchen sie, dem neuen Präsidenten entge- „Bei George W. Bush haben wir fünf Jahre
genzutreten und es ihm möglichst schwer gebraucht, um die Zahlen zu erreichen, die
zu machen, das politische Vermächtnis wir bei Trump in nur 24 Stunden hatten“,
Obamas zu beseitigen. sagte der Demokraten-Berater Van Jones.
Die Bedingungen scheinen günstig: Nie Es geht Leuten wie Brock und Jones um
zuvor ist ein Präsident mit derart miesen eine linke Basisbewegung, die als radikaler
Beliebtheitswerten gestartet wie Donald Gegenentwurf zu einem Präsidenten wir-
Trump. Nur 42 Prozent der Amerikaner ken soll, mit dem sich mehr als die Hälfte
unterstützen ihn, so eine Umfrage im Auf- des Volkes kaum abfinden kann. Das Vor-
trag des konservativen Senders Fox News bild für manche ist die rechte Tea-Party-
Mitte Januar – selbst der umstrittene Re- Bewegung, die vor acht Jahren ebenfalls
publikaner George W. Bush hatte zu Be- auf einem konspirativen Treffen gegründet
ginn seiner Amtszeit immerhin 57 Prozent wurde, um Barack Obama zu bekämpfen.
der Bevölkerung hinter sich. Kann den amerikanischen Linken nun das-
Für jeden anderen Präsidenten wäre die selbe gelingen?
Ausgangsposition schwierig, doch Trump Im Internet kursiert ein Handbuch für
lässt sich davon nicht bremsen. Schon in erfolgreichen politischen Protest. Verfasst
den ersten Amtstagen setzte er mehrere wurde es von ehemaligen Mitarbeitern der
seiner Wahlkampfslogans um (siehe Grafik Demokratischen Partei im Kongress. „In-
S. 86), er poltert, pöbelt und twittert wie divisible: A practical guide for resisting
zuvor und lobt die Foltermethode des Wa- the Trump Agenda“ ist eine Erfahrungs-
sammlung, die sich an den Erfolgen der
Der Bürgermeister konservativen Protestbewegung orientiert.
Auf dem Titelbild prangt das Porträt Abra-
von New York meint, man ham Lincolns. Er war ein Republikaner,
könne auch Akten wird aber von Vertretern beider Parteien
verehrt. Im Handbuch finden sich prakti-
verschwinden lassen. sche Tipps, wie sich Erfolge wie die der
Tea Party wiederholen ließen. Nur dieses
terboarding. Und vor allem macht er keine Mal von der anderen Seite her.
Anstalten, seinen Gegnern in der Bevölke- Die Tea Party habe es geschafft, „Mehr-
rung das Gefühl zu geben, er könne viel- heitsverhältnisse zu ändern und Gesetzge-
leicht doch noch auch ihr Präsident werden. bung zu verhindern“, so die Analyse. Sie
Trumps politische Gegner wollen in den habe die Umsetzung der Obama-Politik
kommenden vier Jahren an möglichst vie- „radikal verlangsamt“ und die Republika-
len Fronten zugleich angreifen – damit aus ner gezwungen, Kompromisse abzulehnen.
vier Jahren Trump nicht acht Jahre wer- Vor allem zwei Lektionen habe man aus
den. Parteinahe Geber der Demokraten den Erfolgen der Konservativen gelernt,
NATAN DVIR / POLARIS IMAGES

starten juristische Initiativen gegen Trump, schreiben die Autoren: Um die Arbeit ei-
selbst die demokratischen Bürgermeister nes Präsidenten zu sabotieren, müsse man
schließen sich zusammen. Zusätzlich mo- in den Bundesstaaten aktiv werden, den
tiviert sind sie seit dem vergangenen Wo- Städten. Man müsse überall kleine Grup-
chenende durch die größten Demonstra- pen gründen und die örtlichen Abgeord-
tionen, die je auf amerikanischem Boden neten mit politischen Forderungen nerven,
stattgefunden haben. bis sie die nach Washington tragen und
Über drei Millionen Menschen sind in dort Sperrfeuer schießen.
mus?“ debattierten sie das ernüchternde den Vereinigten Staaten am vergangenen Zum anderen dürfe sich eine derartige
Ergebnis des Wahljahres. Vor allem aber Samstag in mehreren Städten bei den so- Gegenbewegung nicht in Debatten da-
einigten sie sich auf eine grundsätzliche genannten Women’s Marches auf die Stra- rüber verlieren, was genau der politische
Strategie für die kommenden vier Jahre. ßen gegangen, um für Frauenrechte und Alternativvorschlag sein solle. Das führe
Die Demokraten wollen Trump bedin- gegen Trump zu demonstrieren. Und es nur zu Auseinandersetzungen und schließ-
gungslos bekämpfen, sie wollen nicht klein waren längst nicht nur Frauen. Die lich zur Zersplitterung der Bewegung.
beigeben, nicht kooperieren, sie wollen Schwarzenbewegung „Black Lives Matter“ „Das Motto ist: ,Sag einfach Nein‘“, so die
ihn blockieren – bis die Macht wieder in marschierte mit, auch muslimische Grup- Autoren. „Man muss vor allem das Defen-
den eigenen Händen liegt. „Lasst uns pen, die Gemeinde der Schwulen und sivspiel beherrschen.“
Trump in den Arsch treten“, hatte Brock Lesben. In der Hauptstadt demonstrierten Viele der demokratischen Geldgeber,
als Motto ausgegeben. selbst Vietnamveteranen gegen den neuen die sich in Florida versammelt hatten, set-
Brock selbst ist unter Demokraten um- „Agent Orange“ – eine doppelte Anspie- zen auf einen weiteren Plan. Um Trump
stritten, weil er großspurig auftritt, viel lung: auf ein Kampfgift aus Vietnamkriegs- das Leben im Weißen Haus schwer zu ma-
Geld im Clinton-Wahlkampf ausgab und zeiten und die Sonnenstudiobräune Do- chen, wollen sie ihn gemeinsam mit demo-
das Blatt gleichwohl nicht wenden konnte. nald Trumps. kratischen Generalstaatsanwälten auf ju-
Trotzdem gibt das von ihm organisierte ristischem Weg attackieren.
Treffen in Florida die Richtung vor: Nach * Beim „Women’s March“ am 21. Januar in Washington, Einige Verfahren laufen schon an: Der
den für Demokraten deprimierenden Wo- D. C. New Yorker Generalstaatsanwalt Eric
DER SPIEGEL 5 / 2017 85
Ausland

Schneiderman untersucht beispielsweise, Politologe an der University of Washing-


ob eine Trump-Stiftung den Wahlkampf ton in Seattle. „Ich glaube nicht, dass sich
einer Politikerin in Florida illegal finanziell die Geschichte der Tea Party bei den De-
unterstützt hat. mokraten wiederholen kann. Die Tea
Schneidermans Kollegin Maura Healey Party war eine wesentlich stärkere Be-
aus dem demokratisch regierten Massachu- wegung.“

CH I P SO MO DEV I LL A
setts untersucht parallel dazu die Aussagen Denn es gebe einen entscheidenden Un-
von Trumps Außenminister Rex Tillerson terschied zur neuen demokratischen Op-
während seiner Zeit als Vorstandschef des position: Die Rechten hätten sich damals
Ölmultis ExxonMobil. Der Vorwurf: In nach Obamas Wahlsieg existenziell in ihrer
Trump zeigt seinen Erlass zum Mauerbau
an der Grenze zu Mexiko
dieser Zeit habe der Konzern Kunden und Kultur bedroht gefühlt. Die Anliegen der
Investoren über die wahren Folgen des Trump-Gegner hingegen seien „eher post-
Schlag auf Schlag Klimawandels im Unklaren gelassen, um materialistisch“, die Gründe für ihre Ängs-
Exxons Geschäfte nicht zu stören. Da Ex- te „nicht existenzbedrohend“. Das mache
Donald Trumps erste Woche als Präsident xon eine Aktiengesellschaft ist, könnten die Bewegung strukturell schwächer. Die
Freitag, 20. Januar nachgewiesene Lügen sehr teure Entschä- Organisatoren des Women’s March etwa
digungsklagen nach sich ziehen. dürften sich nicht auf Frauenrechte be-
Trump unterzeichnet ein Dekret, das es staat- In einer Mail drohte Healey jüngst auch schränken, sie müssten auch Themen wie
lichen Stellen erlaubt, die Gesundheitsreform damit, gerichtlich gegen den neuen Präsi- Migration und Rassenbeziehungen aufneh-
„Obamacare“ seines Vorgängers Barack Obama denten vorgehen zu wollen: „Ich hätte kei- men, sagt Parker.
nicht anzuwenden oder zu verzögern. ne Skrupel, Trump vor Gericht zu bringen, Immerhin offenbarten die Demonstra-
Samstag, 21. Januar wenn er seine verfassungsfeindlichen tionen eine Schwachstelle des Präsidenten:
Wahlversprechen umsetzt.“ Manchmal scheint er ein Glaskinn zu ha-
Bei einem Besuch in der CIA-Zentrale attackiert Ähnliche Aktionen wie die der Juristen ben, wie das unter Boxern genannt wird.
Trump die Presse wegen angeblich falscher finden sich in fast allen Bundesstaaten der Der Milliardär und seine Leute reagieren
Angaben zur Zuschauermenge bei seiner USA, in denen die Demokraten noch an empfindlich und impulsiv auf Kritik – und
Vereidigung.
der Macht sind. Landesweit hat sich in der dabei können ihnen Fehler unterlaufen. So
Montag, 23. Januar Partei die Erkenntnis breitgemacht, dass behauptete Trumps Pressesprecher Sean
trotz der Niederlage im Kampf ums Weiße Spicer in einem mittlerweile legendären
Trump verfügt den Ausstieg der USA aus dem Haus noch immer zahlreiche Ebenen blei- Statement, noch nie hätten so viele Men-
transpazifischen Handelsabkommen TPP – einem
ben, auf denen man gegen Trump antreten schen einer Amtseinführung zugeschaut
Herzstück der Wirtschaftspolitik Obamas.
kann. wie jetzt bei Trump. Die Lüge flog schnell
Treffen mit Wirtschaftsführern: Trump will die So sind sich etwa die Bürgermeister von auf, weil schon Aufnahmen von der Zere-
Wirtschaft deregulieren, Unternehmensteuern New York, Chicago, Los Angeles, Seattle monie das Gegenteil beweisen.
senken und Strafzölle auf im Ausland produzierte und Washington darin einig, die geplanten Mittlerweile muss Trump zudem mit
Waren von US-Unternehmen erheben. Abschiebungen von nicht gemeldeten Ein- einer eher subtilen Art des Widerstands
Dienstag, 24. Januar wanderern stoppen zu wollen – der New umgehen, vor wenigen Tagen etwa auf sei-
Yorker Bürgermeister Bill di Blasio sagte, ner Lieblingsplattform Twitter: Dort wur-
Wie andere republikanische Präsidenten vor ihm man könne ja einfach die entsprechenden den vom Account des Badlands-National-
verbietet Trump US-Finanzhilfen für ausländische Akten verschwinden lassen. parks in South Dakota aus plötzlich Nach-
Nichtregierungsorganisationen, die Abtreibun- Bereits kurz nach der Präsidentschafts- richten mit Fakten zum Klimawandel ver-
gen unterstützen. wahl hatte er in einer Rede klargemacht, sandt. Trump behauptet, es gebe keinen
Trump lässt zwei umstrittene Ölpipeline-Projekte dass er alles tun werde, um Massenauswei- Klimawandel, weil er weiter auf Öl und
wieder aufnehmen, die sein Vorgänger aus sungen zu verhindern. Mit seiner Rede lan- Kohle setzen will.
Umweltschutzgründen gestoppt hatte. dete de Blasio einen Internethit. So war In wenigen Stunden vervielfachten sich
Die Trump-Administration weist die Kommunika- das Video auch gedacht: Mit seinem Wi- die Followerzahlen des Nationalparks, im
tionsabteilung der Umweltschutzbehörde an, die derstand gegen Trump will sich der Demo- Netz feierten Trump-Gegner die mutigen
Webseiten mit Informationen zum Klimawandel krat die Wiederwahl im Herbst sichern. In Nachrichten, die ein ehemaliger Mitarbei-
zu schließen. Auch das Landwirtschaftsministe- New York City hatte Trump gerade mal ter des Parks verschickt hatte. Der Park
rium soll Veröffentlichungen in den sozialen 18,4 Prozent der Wählerstimmen geholt. löschte die Nachrichten kurz darauf. Doch
Medien einstellen. Für Bürgermeister und Demokraten in überall im Netz sind die Protest-Tweets
den Bundesstaaten wird der Kampf gegen nun verewigt.
Mittwoch, 25. Januar den Rechtsruck zur politischen Chance: Allerdings wird das den Umweltschüt-
Trump unterzeichnet einen Erlass zum Bau der Nie zuvor waren sie derart wichtig, waren zern wenig helfen. Per Dekret hat Trump
Mauer an der Grenze zu Mexiko. Sie war zentra- ihre Stimmen außerhalb der eigenen Gren- inzwischen verfügt, dass Umwelt- und
ler Bestandteil seines Wahlkampfs. Die Kosten zen derart von Gewicht. Landwirtschaftsministerium Informatio-
sollen zunächst die USA tragen. Bei manchen Demokraten ist inzwi- nen über den Klimawandel von ihren Web-
schen schon regelrechte Oppositions- sites entfernen müssen. Und er hat allen
Donnerstag, 26. Januar euphorie zu spüren. Doch hat die Bewe- Mitarbeitern verboten, öffentlich darüber
Nach einer Reihe von Provokationen aus gung tatsächlich genügend Potenzial, um zu reden.
Washington sagt der mexikanische Präsident auf einen Machtwechsel bei der nächsten Zuschlagen kann er nun, er hat die
Enrique Peña Nieto seinen Antrittsbesuch bei Präsidentschaftswahl 2020 hoffen zu kön- Macht. Das ist das Entscheidende. Auch
Präsident Trump ab. nen? Oder darauf, dass sie in zwei Jahren der Boxer Wladimir Klitschko hatte ein
Noch vor Amtsantritt des designierten Außen- die Republikanermehrheit im Kongress Glaskinn. Trotzdem blieb er mehr als acht
ministers Rex Tillerson verlassen laut einem kippen kann? Jahre Weltmeister – länger, als Trump Prä-
Bericht der „Washington Post“ die wichtigsten Man solle die Demonstrationen nicht sident bleiben darf. Gordon Repinski
Führungspersonen das Ministerium. überbewerten, sagt Christopher Parker, Mail: gordon.repinski@spiegel.de, Twitter: @GordonRepinski

86 DER SPIEGEL 5 / 2017


JOHN MOORE / GETTY IMAGES
Grenzpatrouille in Kalifornien: Migranten als Druckmittel

Opfer Nummer eins


Mexiko Drohungen der neuen US-Regierung stoßen das Nachbarland in eine Krise.
Nun eskaliert der Streit – und er kann beiden Seiten schaden.

Der Mann, der künftig Mexi- me, dann brauche Peña Nieta gar nicht Herr mit silbergrauem Haar, man könnte
kos Geschicke lenken könnte, erst zu kommen, twitterte Trump sinn- ihn für einen Universitätsprofessor halten.
steht in einem Bus auf dem gemäß. Frustriert sagte der mexikanische Doch als er einige Stunden später den
Flughafen von Mexiko-Stadt Präsident ab. Hauptplatz von Piedras Negras betritt, ei-
und telefoniert mit einer Assistentin. Sie Kaum eine Nation wird bislang von nem staubigen Ort an der Grenze zu Texas,
soll ihm jede Attacke des US-Präsidenten Trump so heftig attackiert wie Mexiko, das wirkt er wie ein Popstar. Die Zuschauer
melden. Der Mann ist der Oppositionsfüh- Nachbarland ist Opfer Nummer eins. kreischen, Straßenverkäufer preisen Bücher
rer Andrés Manuel López Obrador, er Schon ist der Peso im Sturzflug, schon kür- und Reden des Politikers an.
führt die Umfragen an, und er will infor- zen oder streichen amerikanische Unter- López Obrador beginnt seine Rede. Mit
miert sein, um Donald Trumps Angriffe nehmen ihre Investitionen; und schon ist schneidender Stimme geißelt er die „Mafia
parieren zu können. unter Mexikos wirtschaftlicher und politi- an der Macht“, und er greift Trump an.
Trump teilt immer wieder aus: Er be- scher Elite Panik ausgebrochen. Trumps Dieser stelle „eine vulgäre Bedrohung der
schimpfte die Mexikaner als Vergewaltiger Politik könne zu einem „Horrorfilm für Menschenrechte“ dar, sagt er. „Viva Méxi-
und Drogenhändler; an der südlichen Mexiko“ werden, sagte Zentralbankchef co!“, schallt es aus dem Publikum zurück.
Grenze will er eine Mauer bauen, für die Agustín Carstens. Trumps Attacken vertiefen eine lange
Mexiko zahlen soll. Millionen illegale Ein- López Obrador kontert Trumps Atta- schwelende politische Krise in Mexiko. Zur
wanderer sollen deportiert werden. Aus- cken, gibt sich dabei staatsmännisch. Die Jahreswende erhöhte die Regierung die
ländische Unternehmen, die in Mexiko nächsten Präsidentschaftswahlen finden subventionierten Benzinpreise und löste
Waren für die USA produzieren, möchte zwar erst Mitte kommenden Jahres statt, damit landesweite Proteste aus, in vielen
Trump mit hohen Zöllen bestrafen, das doch der Wahlkampf ist schon im Gang. Orten kam es zu Plünderungen.
nordamerikanische Freihandelsabkommen Dass López Obrador beliebt ist, das hat Die Regierungspartei PRI hat abgewirt-
Nafta soll neu verhandelt werden. der ehemalige Bürgermeister von Mexiko- schaftet, Präsident Enrique Peña Nieto lei-
Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto Stadt auch Trump zu verdanken. Denn mit det unter mehreren Korruptionsskandalen
wollte Trump auf diplomatischem Weg be- jedem Angriff des verhassten Milliardärs seiner Regierung. Vier Jahre nach Amts-
schwichtigen. Das misslang. laufen López Obrador neue Anhänger zu. antritt unterstützen ihn nur noch 12 Pro-
Am kommenden Dienstag wäre Peña López Obrador ist das Gegenmodell zu zent der Bevölkerung.
Nieto nach Washington gereist, doch der den smarten Yuppies, die mit der Globali- Trump hat die politische und wirtschaft-
Amerikaner erteilte ihm eine Abfuhr. sierung in Mexikos Regierung und Wirt- liche Elite mit seinen Angriffen in Schock-
Wenn Mexiko nicht für die Mauer aufkom- schaft Einzug hielten. Er ist ein bedächtiger starre versetzt. Sie war immer amerika-
DER SPIEGEL 5 / 2017 87
Ausland

freundlich, viele Politik- sen werde – mithilfe des beiten in den Hallen. Von Kleiderbügeln
und Wirtschaftsbosse ha- Nafta-Abkommens, das bis zu Teilen für Jeeps stellen sie vieles
ben in den USA studiert, Trump aber nun neu ver- her, was der US-Markt benötigt.
sie schicken ihre Kinder handeln will. Noch können sich die Unternehmer im
auf amerikanische Univer- Das Problem: In all den Grenzgebiet schwer vorstellen, dass
sitäten. Auf die neue Feind- Jahren hat Nafta die ur- Trump seine Drohungen wahr macht. „Me-
seligkeit waren sie nicht sprünglich von der Land- xiko und die USA sind wirtschaftlich eng
vorbereitet. wirtschaft geprägte Wirt- verflochten, das Ende von Nafta würde
Während des Kalten schaftsstruktur Mexikos auch Arbeitsplätze in den USA gefährden“,
Krieges galt Mexiko in den drastisch verändert. Hun- sagt Gustavo Gutiérrez, Sprecher der ört-
USA als Garant der Stabi- derttausende Kleinbauern lichen Unternehmervereinigung.
lität. Es wirkte als Boll- verloren ihre Arbeit, weil Er ist Vizedirektor einer Firma aus Con-

MARCO UGARTE / AP
werk gegen den Vormarsch sie mit den billigen US-Im- necticut, die Werbegeschenke herstellt,
der Sozialisten in Kuba porten nicht konkurrieren etwa Pappwürfel für Google. Die Vorlagen
und Mittelamerika. Dafür konnten. Viele von ihnen kommen aus den USA, in Mexiko wird
sah Washington über Kor- zogen als illegale Migran- nur gestanzt und gefaltet. Das Geschäft
ruption, Wahlbetrug und Präsident Peña Nieto ten in die USA. blüht, die Firma sucht dringend neue Ar-
Menschenrechtsverletzun- Abfuhr per Twitter Im Jahr 2015 importierte beiter. „Unser Problem sind die hohen
gen hinweg. Und über die Mexiko Agrarprodukte aus Benzinpreise“, sagt Gutiérrez.
Tatsache, dass die politische Macht immer den USA im Wert von 18 Milliarden Dollar. Nachdem die Regierung den Preis für
in den Händen derselben Clique blieb. Selbst den Mais für die Tortillas bezieht Diesel und Benzin um 20 Prozent herauf-
Rund 70 Jahre lang war Mexiko de facto es aus dem Nachbarland. Auch in der In- setzte, verteuerte sich die Produktionsket-
ein Ein-Parteien-Staat, der von der Partei dustrie ist der Entwicklungsschub ausge- te. Im Ölland Mexiko ist Benzin heute teu-
der Institutionalisierten Revolution (PRI) blieben. Tausende ausländische Unterneh- rer als in den USA. Für Firmen wie jene,
beherrscht wurde. Als das korrupte System men haben Fabriken in Mexiko. 80 Pro- die Gutiérrez leitet, ist das ein Schlag.
zu implodieren drohte, kam die Rettung zent der Waren sind für den US-Markt Wer ein Visum hat, fährt zum Tanken
aus dem Norden: Die Herrschenden feier- bestimmt, aber in Mexiko wird lediglich in die USA, die Amerikaner kommen
ten das nordamerikanische Freihandels- geschraubt und nicht entwickelt. „Nafta dafür nach Piedras Negras zum Einkau-
abkommen Nafta, das 1994 in Kraft trat, hat keinen sozialen Wandel gebracht“, sagt fen. Der kleine Grenzverkehr könnte
als Zaubermittel für die wirtschaftliche und Historiker Meyer – nur Billigjobs. jedoch bald komplizierter werden. Am
politische Modernisierung, weil Mexiko Deshalb lebt knapp die Hälfte der Me- Mittwoch entschied Trump, die Grenze
damit zur Werkbank der Nordamerikaner xikaner unter der von der Regierung defi- zu Mexiko mit einer Mauer abzuriegeln.
werden konnte. nierten Armutsgrenze. Für umgerechnet Nach einer Studie des Massachusetts In-
„Nafta hat das Überleben des Systems fünf Dollar am Tag nähen Arbeiter in Pie- stitute of Technology könnte sie bis zu
gesichert“, sagt Lorenzo Meyer, einer der dras Negras Sitzbezüge etwa für Nobelau- 40 Milliarden Dollar kosten. Die Mauer
angesehensten Historiker Mexikos. tos der US-Firma Tesla zusammen. Der soll Migranten stoppen. Im Fiskaljahr
Nach einer Wahlniederlage im Jahr 2000 Lohn reicht kaum zum Überleben. 2016 wurden 416 000 Menschen an der
mussten die „Dinosaurier“, wie die Partei- Kein anderer Bundesstaat ist so sehr Grenze festgenommen. Obwohl die Gren-
bonzen der PRI genannt werden, sich zu- vom Freihandel mit den USA abhängig ze bereits über Hunderte Kilometer abge-
rückziehen, 2012 kehrten sie mit Peña Nie- wie der Bundesstaat Coahuila, zu dem Pie- riegelt ist.
to an die Macht zurück. dras Negras gehört. Die „Maquiladoras“, Aus Protest gegen die Mauer rufen Un-
Der neue Präsident war jung und sah wie die steuerbegünstigten Fabriken ge- ternehmer zum Boykott amerikanischer
gut aus, er ist mit einer Telenovela-Schau- nannt werden, kommen für 40 Prozent des Waren auf, auch in der mexikanischen Re-
spielerin verheiratet, und er kam vor allem dortigen Bruttoinlandsprodukts auf. gierung wächst der Widerstand gegen
bei Frauen an. Er versprach, dass Mexikos In Piedras Negras reihen sich 36 Fabri- Trump.
Wirtschaft jährlich um fünf Prozent wach- ken aneinander, über 30 000 Menschen ar- Und der ehemalige Außenminister Jorge
Castañeda fordert, die Kooperation bei der
Bekämpfung des Drogenhandels einzustel-
KALI- NEW len. Zudem könne Mexiko die mittelame-
FORNIEN ARIZONA MEXICO
MISSIS- rikanischen Migranten unbehelligt an die
USA SIPPI Grenze reisen lassen – als Druckmittel. Je-
Tijuana Mexicali des Jahr stoppen mexikanische Behörden
Cd. Juárez TEXAS LOUISIANA bis zu 300 000 Migranten aus Mittelameri-
ka. Käme ein großer Teil dieser Menschen
Piedras durch, hätten die Vereinigten Staaten ein

oB

Negras Problem.
MEXIKO
ra

500 km Erstmals spielen mexikanische Regie-


vo

Monterrey rungsbeamte öffentlich zudem das Un-


Grenzlänge
USA/Mexiko: denkbare durch: Ihr Land könne den Spieß
auch umdrehen und selbst aus dem Frei-
3141 km handelsabkommen Nafta aussteigen. Der
Aguascalientes San Luis Potosí
derzeitige Grenzbarrieren
„Mexit“ würde Zehntausende Arbeits-
Guanajuato
Guadalajara plätze in den USA gefährden, denn Mexi-
hohe Zäune Santiago de Querétaro ko ist nach China und Kanada der dritt-
Fahrzeugsperren
größte Exportmarkt der Nordamerikaner.
Mexikanische Industrie- Mexiko-Stadt Jens Glüsing
zentren (Auswahl) Mail: jens.gluesing@spiegel.de

88 DER SPIEGEL 5 / 2017


Subventionen fürs Landschloss
Frankreich Warum die neuesten Enthüllungen
gefährlich werden könnten für Präsidentschaftskandidat Fillon

F
rançois Fillon ging nicht ins Fouquet’s den Élysée-Palast. Das änderte sich im Ok- Wahlkampfreden hieß es: „Es ist unge-
auf den Champs-Élysées, hatte kei- tober 2016, als auf dem Sender M6 das Ma- recht, wenn die einen für wenig Geld hart
ne Frau, die Juwelen von Bulgari gazin „Une ambition intime“ gesendet arbeiten und andere öffentliche Gelder er-
trägt, keine neureichen Allüren, keine Af- wurde. In diesem Format werden Politiker halten, ohne zu arbeiten.“ Noch vor weni-
fären. Fillon galt als bodenständig und un- in einem familiären Setting besucht, zeigen gen Wochen sagte er, man könne Frank-
bescholten, sehr katholisch und ein wenig ihre Fotos, erzählen von ihren Hobbys. Fil- reich nur führen, wenn man sich selbst
langweilig – in jedem Punkt eine skandal- lon wirkte in der Sendung besonders sym- nichts vorzuwerfen habe.
freie Alternative zum früheren Präsiden- pathisch, gelöst und gelassen. Nun werden die Leute lachen über ihn,
ten Nicolas Sarkozy. Er gab sich als selbstbewusster Konser- auch wenn andere Ähnliches taten: Ex-
Damit ist es vorbei, seit das Satireblatt vativer, der Gefallen daran findet, dass sei- präsidentschaftskandidat Bruno Le Maire
„Le Canard enchaîné“ enthüllte, dass Fil- ne Frau sich um das Heim kümmert. Die beschäftigte seine Frau, ebenso wie der
lons Frau Penelope als parlamentarische Fillons unterhalten ein kleines Schloss, ha- Sozialist Claude Bartolone. Im Europäi-
Mitarbeiterin ihres Mannes und seines ben fünf Kinder und diverse Pferde. Er er- schen Parlament hatte Front-National-Che-
Nachfolgers insgesamt 500 000 Euro an öf- zählte, dass er die ersten vier Kinder gar fin Marine Le Pen entgegen den Vorschrif-
fentlichen Geldern bezogen ten ihren Lebensgefährten
hat. Denn nun steht infrage, als Mitarbeiter angestellt.
ob sie je für dieses Geld ge- Das erschwert für sie einen
arbeitet hat. Frontalangriff auf den poli-
In der Assemblée natio- tischen Gegner.
nale kann sich auf jeden Trotzdem ist sie eine
Fall niemand an sie oder an der Nutznießerinnen dieser
eine von ihr geleistete Ar- Affäre. Fillon hat seine
beit erinnern. Auch die Bio- Kandidatur nicht nur mit
grafin Fillons gab an, „nie einem wirtschaftlichen Re-
davon gehört zu haben, formprogramm begründet,
dass Madame Fillon arbei- sondern ebenso mit einem
tet“. Anspruch auf moralische
Bisher tut François Fillon und sittliche Reformen der
die Vorwürfe als Schmutz- Gesellschaft. Dieser dop-
kampagne ab, aber durch pelte, einmal traditionell
die Enthüllungen ist er in katholische, dann wieder
eine komplizierte Lage ge- entschieden neoliberale Re-
raten. Brenzlig wurde die formimpuls, war manchem
Situation für ihn nicht, weil seiner Parteigenossen zu
CONTOUR BY GETTY IMAGES

er ungewöhnliche Dinge ge- gewagt. Fillons Programm


tan hätte, sondern weil sei- enthält zahlreiche Kür-
ne Handlungen in eklatan- zungen und Härten, Hun-
tem Widerspruch zu jener derttausende von Beam-
Botschaft stehen, mit der er tenstellen sollen abgebaut
sich den Franzosen vorge- werden.
stellt hatte. Familie Fillon vor ihrem Schloss im August 2013 Wie soll das einer durch-
Es ist in Frankreich nicht Eine halbe Million Steuergelder setzen, dessen Familie sich
illegal, als Abgeordneter Fa- das Leben auf einem
milienangehörige zu beschäftigen. Eine Vo- nicht erziehen konnte, alles habe seine Schloss mit einer halben Million an Steu-
raussetzung aber gibt es: Es muss wirklich Frau übernommen. Es war eine Sendung ergeldern subventionieren lässt?
gearbeitet werden, sonst ist der Tatbestand zum Ruhm eines ländlichen, großbürger- Diese Praktiken gehören zu einer poli-
der Scheinbeschäftigung erfüllt. Genau das lichen Lebens in tradierten Rollenmustern. tischen Kultur, die die Franzosen zuneh-
müssen die Fillons nun widerlegen. Die Penelope Fillon erklärte, keine politische mend satthaben. Die Spielregeln ändern
Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen ge- Rolle zu spielen und ein aus Paris zurück- sich gerade in Frankreich. Die Bürger er-
gen die Ehefrau aufgenommen, wegen gezogenes Leben zu führen. Dass sie ge- tragen es nicht mehr, wenn Politiker sich
möglicher Veruntreuung öffentlicher Mit- arbeitet hätte, noch dazu an der Seite ihres durchmogeln. So wachsen die Wut und
tel. Sollten die Gelder auf ein gemein- Mannes, wurde nicht erwähnt. die Entschlossenheit, nicht nur die Regie-
sames Konto geflossen sein, droht auch All jene, die Fillon als katholischen Sau- rung zu wechseln, sondern das gesamte
François Fillon ein Verfahren. bermann mochten, werden nun damit zu- Gemeinwesen transparenter und fairer zu
Der politische Schaden der Affäre könn- recht kommen müssen, dass auch er das machen.
te jenseits der rechtlichen Bewertung im- System und Steuergelder genutzt hat, um Das nutzt der extremen Rechten. Aber
mens sein. Das liegt auch an einer Fern- sich sein komfortables Leben erlauben zu es wird auch dem mit einer Lehrerin ver-
sehsendung. Fillon galt lange als Außen- können. Fillon hat sich sehr dezidiert zum heirateten Emmanuel Macron nutzen.
seiter im Rennen um eine Kandidatur für Thema Betrug geäußert. In einer seiner Nils Minkmar

DER SPIEGEL 5 / 2017 89


Ausland

Die Türsteher Europas


Italien Die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer wird von einer Kommandozentrale in Rom aus
koordiniert. Ein Besuch bei den Menschen, die über Leben oder Tod entscheiden.

S
ie hören das Meer rauschen, sie hö- gal – die meisten aus Regionen Schwarz- wir sie nie zuvor hatten“, sagt Sergio Liar-
ren den Sturm und die Stimmen der afrikas, in denen Elend oder Bürgerkrieg do, Kapitän zur See. Der Schichtführer an
Verzweifelten am Satellitentelefon: herrscht. diesem Tag dient seit 30 Jahren bei der
„Mayday, Mayday.“ Ihr Überleben verdanken die meisten Marine. Die Rettung von Menschenleben
„Mare 4“, sagt Admiral Nicola Carlone Schiffbrüchigen dem Nervenzentrum der auf hoher See sei gesetzliche Pflicht und
mit Blick auf seinen Kontrollschirm, das internationalen Rettungsmaschinerie, dem Teil seiner Aufgaben als Offizier, sagt er.
bedeutet Windstärke 5 und Seegang mit Maritime Rescue Coordination Center „Ich bin überzeugt, dass wir helfen müssen,
mehr als zwei Meter hohen Wellen – (MRCC) in Rom, das von Offizieren der die Alternative wäre ein noch schlimmeres
Lebensgefahr für Menschen in Schlauch- italienischen Küstenwache geführt wird. Massensterben im Meer.“ Aber: „Wir müs-
booten: „Die Flüchtlinge fordern ihr Zwischen historischen Palazzi haben sie sen auch kontrollieren und identifizieren,
Schicksal heraus.“ dort ihre Kommandozentrale. wer da zu uns kommt.“
Der Admiral und seine Mitarbeiter sit- Der „War Room“ liegt im Erdgeschoss, Liardo will das nicht als Klage verstan-
zen in der Leitstelle der Seenotrettung in wo bei Neonlicht vor wandfüllenden Kon- den wissen. Aber er erlebt täglich, wie
Rom – mehr als tausend Kilometer ent- trollschirmen der Ansturm auf Europa blendend das Geschäft der Menschenhänd-
fernt vom Überlebenskampf vor Libyens überwacht wird. Auf einem Monitor ist ler läuft. An die 300 Millionen Euro jähr-
Küste, und doch mittendrin: Ein Knopf- zu sehen, wie die Seenotretter Leichen lich werden nach EU-Erkenntnissen im li-
druck, und die Offiziere wissen, wie stark aus Schlauchbooten fischen und wie sie byschen Schleppergeschäft umgeschlagen.
die See tobt. Ein Mausklick, und sie sehen, Ertrinkende, die den Kopf schon unter Es wirkt der Fluch der guten Tat: Je besser
wo die nächstgelegenen Schiffe die Rettungsmaschinerie funktio-
kreuzen. Ein Anruf, und der Be- niert, desto stärker ist der Anreiz
treiber Thuraya in Dubai, Herstel- für Migranten, die lebensgefähr-
ler der von den Schleppern verteil- liche Überfahrt zu wagen. Die
ten Sat-Telefone, gibt die Koordi- Offiziere der Küstenwache wissen
naten des Boots durch, von dem das – aber sie sagen es nicht.
aus die Migranten in Todesangst In einem weiteren vertraulichen
angerufen haben. EU-Bericht an den Europäischen
33 Grad 12 Minuten nördlicher Auswärtigen Dienst heißt es: Seit
Breite und 12 Grad 42 Minuten öst- zusätzlich zu den EU-Einsätzen
licher Länge: Das ist an diesem Mitt- „Triton“ und „Sophia“ sowie zur
PAOLO MARCHETTI / DER SPIEGEL

wochmorgen die Position des Boots, italienischen Küstenwache immer


das nun „kaum mehr über Wasser mehr Hilfsorganisationen mit Schif-
zu halten“ ist. Die Männer in der fen und Booten unterwegs seien,
Einsatzzentrale reagieren schnell: werde das Geschäft der Schleuser
Ein 50 Seemeilen entfernter Kreu- leichter: Sie könnten nicht mehr nur
zer der italienischen Küstenwache an der Qualität der Boote und am
wird in Bewegung gesetzt, ein Benzin sparen – auch auf die teuren
Schiff gleichzeitig in Richtung liby- Offiziere Liardo, Carlone: „Massensterben im Meer“ Satellitentelefone für den Notruf
sche Gewässer geschickt. werde zunehmend verzichtet.
Um 13.40 Uhr melden die Retter an die Wasser haben, in letzter Sekunde packen „Immer öfter ruft man uns jetzt schon
Zentrale: Etwa hundert Flüchtlinge hätten und retten. direkt vom libyschen Festland aus an“, sa-
überlebt. Sechs Leichen seien im Wasser Gesprochen wird in der Einsatzzentrale gen die Küstenwächter. Meist legten die
geborgen worden, zwei weitere an Bord. nur das Nötigste. Man arbeitet im Schicht- Boote in der Dunkelheit ab, kurz nach Mit-
Eine Frau mit zu 70 Prozent verätzter Haut betrieb rund um die Uhr. Für hunderttau- ternacht. Mit dem Schlauchboot benötigen
müsse sofort ausgeflogen werden. sendfach gerettetes Leben ist Italiens Küs- sie bis zu sieben Stunden, um die Zwölf-
„Erst nimmt man die Frauen und Kinder tenwache kurz vor Weihnachten geehrt Meilen-Zone zu überwinden und in inter-
in die Mitte des Boots, angeblich, um sie und zum Goodwill-Botschafter der Unicef nationale Gewässer vorzudringen.
zu schützen, und dann werden sie dort in ernannt worden; bereits zuvor waren Sobald die Position eines Flüchtlings-
Panik zerquetscht“, schimpft Admiral Car- 38 Botschafter afrikanischer Staaten ange- boots ermittelt ist, geben die Männer vom
lone, zwei goldene Sterne am Revers. treten, um der „Guardia Costiera“ persön- MRCC in Rom den Alarm an alle Anrai-
„Oder sie werden durch verschüttetes, mit lich zu danken. nerstaaten weiter. Auch die seit 2016 mit
Meerwasser vermischtes Benzin verätzt.“ Nach und nach aber stoßen die Männer EU-Unterstützung ausgebildete libysche
Mehr als 5000 Menschen ertranken und Frauen, die für Ordnung sorgen sollen Küstenwache wird alarmiert. Von dort al-
2016 im Mittelmeer auf der Flucht, das ist entlang der 8000 Kilometer messenden lerdings ist wenig Hilfe zu erwarten.
ein neuer Höchstwert. Mehr als 180 000 Küstenlinie Italiens, an die Grenzen ihrer Durchschnittlich 7000 Schiffe pro Tag
Migranten erreichten im gleichen Zeit- Belastbarkeit. Mehr als 1400 Operationen sind im Mittelmeer unterwegs – von Pa-
raum lebend italienischen Boden – auch zur Rettung von Flüchtlingen haben sie im trouillenbooten der italienischen Küsten-
dies eine nie dagewesene Zahl. Die Ge- vergangenen Jahr geleitet. wache über Kriegsschiffe im EU-Einsatz
retteten kamen aus Nigeria, Eritrea und „An einem einzigen Tag im August lie- bis hin zu schwer beladenen Öltankern.
Guinea, aus Gambia, Mali und dem Sene- fen 53 Einsätze gleichzeitig – Zahlen, wie Wer den auf Schlauchboote und Nussscha-
90 DER SPIEGEL 5 / 2017
PAOLO MARCHETTI / DER SPIEGEL
Lagezentrum der Seenotrettung in Rom: „Schnelligkeit bedeutet Leben“

len verladenen Flüchtlingen am Ende zu danach – jeder will retten, aber keiner 27 Dolmetscher für Sprachen Afrikas
Hilfe kommt, entscheidet in letzter Instanz will die Migranten anschließend zur und Asiens stehen Tag und Nacht bereit,
Admiral Carlone in Rom. „Ich fühle mich Küste bringen.“ Organisationen wie Ärzte um von Rom aus telefonisch zugeschaltet
hier wie der Dirigent vor seinem Orches- ohne Grenzen wären am liebsten nur zu werden. Allein die Bürger Gambias
ter“, sagt er, „ich muss dafür sorgen, dass an vorderster Front und würden den aber sprechen – je nach Herkunft – unter
alle harmonisch zusammenspielen.“ Weitertransport nach Lampedusa oder anderem Mandinka, Fulfulde, Wolof oder
In seinem Büro, hinter sich die italieni- Sizilien anderen überlassen, „denn der Soninke. Der Übersetzer, den die italie-
sche Trikolore, zeigt der Admiral mithilfe kostet Zeit und Geld, bringt aber nichts nische Küstenwache jetzt einschaltet, ist
von fünf Mandarinen, die er über einen ein – keine dramatischen Fotos, keine der falsche.
Glastisch schiebt, wie Rettung funktioniert. Spendengelder“. Die Offiziere vom MRCC in Rom tun
Der Tisch ist das Meer, die Mandarinen Den Vorwurf, der Anreiz für Schmugg- ihr Bestes – fast 500 Männer, Frauen und
sind die Schiffe. Deren Daten – Position, ler und Fluchtwillige nehme zu, je mehr Kinder pro Tag haben sie im Jahr 2016
Ladung, Geschwindigkeit – sind dank des Rettungsschiffe vor der libyschen Küste lebend übers Meer nach Italien gelotst. So
Automatischen Identifikationssystems in kreuzten, will der Admiral weder kom- aber soll es nicht mehr weitergehen. In
Sekundenschnelle abrufbar. Und so – der mentieren noch dementieren: „Für poli- einem vertraulichen Dokument forderten
Admiral verschiebt nun zwei Mandarinen tische Erwägungen sind andere zuständig, die Malteser, zurzeit EU-Ratsvorsitzende,
– wird dann entschieden, wer sich dem wir sind Militärs“, sagt Carlone knapp, kürzlich, den „Flüchtlingsstrom einzudäm-
Flüchtlingsboot nähern soll. „wir haben keine Wahl, sondern eine men“. Die neu geschaffene Europäische
Wenn ein Schiff „nicht kooperiert“, wie Verpflichtung.“ Selbst jetzt, im Winter, Agentur für die Grenz- und Küstenwache
an diesem Morgen die „Isola Celeste“, ein kommen an manchen Tagen zwischen soll gerettete Flüchtlinge künftig mithilfe
30 000-Tonnen-Tanker, verstößt das gegen 400 und 1000 Migranten an Italiens Küs- libyscher Behörden aufs afrikanische Fest-
internationales Seerecht. Bei Notrufen ten an. land zurückbringen.
muss jeder Kapitän Hilfe leisten, sofern „Sir, please, I need your longitude“, Ein Wunsch, der den italienischen Küs-
er dadurch nicht sein eigenes Schiff in brüllt ein Offizier seinem Gesprächspart- tenwächtern nicht einmal ein Lächeln ent-
Gefahr bringt. „Schnelligkeit bedeutet Le- ner weit draußen im Mittelmeer zu – er locken wird. Sie wissen: Um die Schleuser
ben“, sagen die Männer und Frauen von versucht verzweifelt, die Position des und ihre Kundschaft abzuschrecken, muss
der Seenotrettungszentrale in Rom, die Flüchtlingsboots zu bestimmen. mehr geschehen. Solange Europa nicht
Tag für Tag an Telefonen und Monitoren Die Antwort am anderen Ende: Meeres- glaubwürdig seine Außengrenzen schützt,
Schicksal spielen. Das Überleben derer rauschen, Schweigen, dann Unverständ- wird der Zustrom kaum abnehmen.
da draußen auf dem Meer hänge oft von liches. Die Pflicht zur Rettung aus Seenot ist für
Sekunden ab. Offizier: „Sir, where are you from?“ den Ernstfall gedacht. Der hunderttausend-
„Und mit der Rettung selbst ist nicht „Gambia“, kommt es zurück. fach vorsätzlich herbeigeführte Ernstfall
alles getan“, so Admiral Carlone. „Die „Okay, hold the line, we’ll get you an in- erfordert andere Antworten. Walter Mayr
eigentlichen Probleme beginnen häufig terpreter.“ Mail: walter.mayr@spiegel.de

DER SPIEGEL 5 / 2017 91


Ausland

„Ein wunderbarer Traum“


Russland Sankt Petersburg ist ein Ort des Aufbegehrens gegen die Macht – und die einzige Groß-
stadt Russlands, in der die Opposition noch mitbestimmt. Warum ist das so? Von Christian Neef

VICTOR YULIEV / DER SPIEGEL


Newa-Ufer in Sankt Petersburg: Inkarnation eines Lebensgefühls

D
ie Adresse lautet Prospekt der grad‘ erforschen.“ Bestenfalls Wladimir dot.com und die Erkennungsmelodie für
Fünfjahrespläne Haus eins. Sie er- Putin selbst komme an die Popularität von Sankt Petersburg ist: „Wann ich hierher-
innert an die alte Sowjetzeit, als Schnurow heran. gezogen bin, hab ich vergessen, besoffen
diese Stadt Leningrad hieß, auch die Me- In der Halle hüpfen sich die Fans bereits war ich damals wohl. Ich hab keine An-
trostation gegenüber nennt sich noch Pro- warm, die Bühne mitten in der Arena meldung, keine konkrete Adresse. Meine
spekt der Bolschewiki. Aber sonst hat die ist von Schnur-Anhängern umringt. „No Adresse heißt www.leningrad.sanktpeters-
Eisarena von Sankt Petersburg nichts mit Schnur, No Party“ steht auf manchem burg.totschka.ru“.
der Vergangenheit gemein. T-Shirt.
Wie eine gläserne Schüssel ruht sie zwi- Und dann ist er endlich da, der Chef #
schen grauen Plattenbauten. Sie wurde für von „Leningrad“: weißes Shirt und abge- Sankt Petersburg, die Kopfgeburt Peters des
die Eishockey-Weltmeisterschaft 2000 ge- schnittene blaue Jeans, goldene Kette um Großen. 200 Jahre lang war es die Haupt-
baut, heute jedoch gibt es hier ein Konzert. den Hals, Dreitagebart. Er greift in die Sai- stadt Russlands, dreimal wurde es im vori-
15 000 Gäste haben Platz, alle Karten sind ten seiner Gitarre und singt das Lied, das gen Jahrhundert umbenannt. Hier regierten
ausverkauft. die Petersburger zum Einstieg hören wol- die Zaren, hier stürzte Lenin das Kerenski-
Es ist 20 Uhr, in der Schüssel kocht und len: „Totschka.ru“. Was so viel heißt wie Kabinett, hier begann er seine blutige Re-
brodelt es schon. Sergej Schnurow wird volution. 1918 aber zog die Regierung nach
spielen, Spitzname „Schnur“, der Schnür- FINNLAND Moskau um, Sankt Petersburg / Petrograd /
senkel. Mit ihm seine Gruppe „Leningrad“. SCHWEDEN Leningrad versank in Provinzialität.
Sankt Petersburg
Schnurow, 43 Jahre alt, Rocksänger, In der steckt die Stadt auch heute noch,
Schauspieler und Komponist, gilt als Russ- ESTLAND obwohl sie seit 1991 wieder Sankt Peters-
lands Star Nummer eins. „Er ist Jessenin, RUSSLAND burg heißt und ein Ort der Superlative ist:
ee

LETTLAND
ts

Wyssozki und Alla Pugatschowa in einer die nördlichste Millionenstadt der Welt,
Os

Person“, schreibt das Glamourmagazin Moskau Russlands wichtigster Ostseehafen und fast
250 km
„Snob“: „Man wird die Putin-Zeit dereinst so glitzernd wie Venedig: Die Stadt besitzt
anhand der Lieder und Clips von ,Lenin- 342 Brücken, von denen 9 jede Nacht für
92 DER SPIEGEL 5 / 2017
VICTOR YULIEV / DER SPIEGEL
Schnurow-Fans in der Eisarena von Sankt Petersburg: „Alle sind verbrannt: alle Pussies, Putin und Nawalny“

die Schiffe hochgeklappt werden, und in tischer und gebildeter. In Moskau duzt Schnurows Melodien versteckt“, schreibt
der fast unberührten historischen Innen- man sich und küsst sich zur Begrüßung, in das Magazin „Snob“. Schnurow singt in
stadt stehen 2300 Paläste, Prunkbauten Petersburg gilt das als Zeichen schlechten der „Mat“ genannten russischen Vulgär-
und Schlösser. Die Jury des World Travel Geschmacks. Die Petersburger nutzen für sprache: „Und was könnte absurder sein:
Award hat Petersburg gerade zur Welt- gebräuchliche Dinge ganz andere russische Der Mat ist unter Putin verboten worden,
Touristenhauptstadt mit den interessante- Wörter. Und sie verstehen es, eine hippe seine Nutzung wird bestraft“, so „Snob“,
sten kulturellen Zielen gewählt – 6,9 Mil- Atmosphäre in ihre Stadt zu zaubern – „aber Schnurows Lieder mit der obszönen
lionen Reisende kamen 2016 in die Stadt. etwa in der Rubinsteinstraße, die mit ihren Lexik singt das halbe Land.“
Irgendwie ist Petersburg auch immer Pubs und Bars jede Nacht zum Treff von In der Eisarena von Sankt Petersburg
noch Regierungsdomäne. Präsident und tout Petersburg wird. singen sie inzwischen längst mit. Etwa
Premierminister stammen von hier, Wla- Eine Stadt als Inkarnation eines Lebens- das Lied von den Sterbeglocken über
dimir Putin begann im Leningrad der Sieb- gefühls, das überall im Land anzutreffen Moskau: „Gestern träumte ich einen wun-
zigerjahre seine KGB-Karriere. Heute emp- ist: Petersburg strahlt Gleichgültigkeit aus derbaren Traum – Moskau war vollständig
fängt er im Konstantinpalast von Sankt Pe- gegenüber dem, was in Moskau passiert. abgebrannt. Das Feuer wütete auf dem
tersburg Staatsgäste, führt sie in die Samm- Lasst uns in Ruhe, dann lassen auch wir Roten Platz, es schwelte die ehemalige
lungen der Eremitage und zu Premieren euch in Ruhe, lautet die Maxime. Moskau Wahlkommission. Alle sind verbrannt: alle
ins Mariinskitheater. Auch viele Männer steht an der Spitze der Machtvertikale, Pe- Pussies, Putin und Nawalny. Die Polizei
aus seiner Entourage wurden hier geboren. tersburg symbolisiert die Abkopplung des und Ostankino.“
Ansonsten hat Petersburg wenig Berüh- Volkes von der Macht. In Ostankino steht Russlands TV-Zen-
rung mit dem offiziellen Russland, es lebt trale. „Wenn du unser Fernsehen guckst,
in einem eigenen Kosmos. Architektonisch # denkst du, du lebst in einem Land von
war es von Anfang an ein Gegenentwurf Rocksänger Schnurow drückt dieses Ge- Idioten“, sagt der schwitzende Schnurow
zum eher bäuerlichen Moskau, das wie ein fühl wie kein anderer aus. „Die ganze Ab- in der Pause, hinter der Bühne. „Die Poli-
großes Dorf in die russische Landschaft surdität, die Sinnlosigkeit und der gren- tik verschweigt, was bei uns passiert. Aber
wuchs. Aber Petersburg ist auch aristokra- zenlose Zynismus unserer Zeit sind in alle versuchen, uns irgendeine Moral zu
DER SPIEGEL 5 / 2017 93
Ausland

predigen. Wir dagegen machen Karneval. rausgegeben hat. Die beiden streiten sich sich im Klaren sein: Wenn es frei sein wird,
Karneval ist, wenn oben und unten ihre darüber, welchen Schaden der Geistliche hört es auf zu existieren“, sagt einer. Fast
Plätze tauschen. Wir singen, was alle ver- damals in Russland angerichtet hat. Aber schon aufrührerische Reden sind das.
stehen, was sie verbindet. Wir sagen Schei- ihr Disput ist mit aktuellen Botschaften ge- Der Geist des Widerspruchs ist tief ver-
ße zu dem, was Scheiße ist. Ich bin der spickt: dass Nikolaus’ Russland genau wie wurzelt in Sankt Petersburg. Die Stadt hat
Sänger dieser Stadt.“ das heutige in Elite und Volk gespalten zu kommunistischen Zeiten bluten müs-
war, dass es auch damals eine Staatspartei sen, Moskau empfand sie als intellektuelle
# gab, vergleichbar mit Putins „Einigem und politische Gefahr. In den Dreißiger-
Schon die Wahlbeteiligung zeigt, dass Pe- Russland“, und eine Kirche, so ultranatio- jahren ließ Stalin hier besonders viele
tersburg der Ort des Aufbegehrens gegen nal wie die von heute. Menschen hinrichten, und selbst nach dem
die Willkür der Moskauer Politik ist. Im Und erinnere der patriotische Jubel auf Krieg setzten sich die Repressionen fort.
September, bei der Abstimmung über das dem Petersburger Schlossplatz im Sommer Im Zuge der „Leningrader Affäre“ wurde
neue russische Parlament, kam nicht mal 1914, als Zar Nikolaus zum Krieg gegen 1950 fast die gesamte Führung der Stadt
jeder dritte Petersburger ins Wahlbüro. Deutschland und Österreich-Ungarn aufrief, erschossen – angeblich war sie dabei, eine
Und nur knapp 13 Prozent der Wahlbe- nicht an heute, fragt Lurje in die Runde. zweite Kommunistische Partei ins Leben
rechtigten in der Stadt stimmten für Putins „Gleicht dieser Jubel nicht jener Euphorie, zu rufen. Eigens für diesen Fall hatte Mos-
Staatspartei. In Tschetschenien wa- kau die 1947 abgeschaffte Todesstra-
ren es 91 Prozent. fe wieder eingeführt. Noch in den
Dagegen gingen nach dem Mos- Siebzigerjahren machte der Kreml
kauer Mord am Politiker Boris Nem- Jagd auf Leningrader Untergrund-
zow 15 000 Petersburger auf die Stra- gruppen, die verbotene Literatur
ße und protestierten gegen die Hatz verbreiteten.
auf Russlands Liberale. 15 000 De- „Wir waren immer anders“, sagt
monstranten – im heutigen Russland Lurje. „Wir haben ziemlich progres-
ist das eine gewaltige Zahl. sive Medien in der Stadt, bei uns
Und schließlich stehen nirgendwo sitzt sogar noch die Opposition im
Gouverneure so unter öffentlichem Parlament. Und natürlich waren hier
Druck wie in Sankt Petersburg. Der nach dem Krim-Anschluss weniger
jetzige ist bereits das fünfte Stadt- schwarz-gelbe Georgsbändchen zu
oberhaupt seit Ende der Sowjetunion, sehen als im übrigen Land – die Zei-
seine Vorgängerin musste wegen mas- chen der russischen Patrioten.“ Viel-
siver Bürgerproteste von Putin abge- leicht liege das daran, sagt Lurje,
löst und nach Moskau geholt werden. dass Petersburg im Gegensatz zu
Lew Lurje, Petersburgs bekanntes- Moskau noch so aussehe wie zur Za-
ter Historiker, Publizist und Film- renzeit und „der Kontrast zwischen
autor, weiß um das latent Subversive dem Bürgerlichen und dem Sowjeti-
dieser Stadt. „Putins Militäreinsatz schen den Menschen hier jeden Tag
in Syrien oder die Verhaftung des rus- bewusst geworden ist“.
VICTOR YULIEV / DER SPIEGEL

sischen Wirtschaftsministers? Das ist


deren Sache, das ist bei denen da pas- #
siert, sagen wir in Petersburg und mei- Auch Rocksänger Schnurow war im-
nen Moskau. Das geht uns nichts an.“ mer ein Stück Petersburger Unter-
Lurje, gelernter Ökonom, später grund. Er hat als Lastwagenfahrer
Fremdenführer in der Peter-und- gearbeitet, als Wächter im Kinder-
Paul-Festung, in der die meisten Za- Rockmusiker Schnurow garten, als Tischler und Schmied,
ren begraben liegen, betreibt mit „Du denkst, du lebst in einem Land von Idioten“ außerdem hat er am Theologischen
mehreren Gleichgesinnten das Kul- Institut Philosophie studiert. Schnu-
turhaus Lew Lurje. Es ist ein ungewöhn- mit der 2014 die Krim heim ins Reich geholt row sagt, dass es viele Tabus in Russland
licher Debattenort, ein „Ort der Aufklä- worden ist?“ gebe, dass man sie aber überwinden kön-
rung“, wie er sagt. „Wir reden darüber, Etwa hundert Petersburger sitzen im ne, wenn man genügend Distanz zur Poli-
worüber andere nie reden.“ Über die Ge- Saal. Sie haben umgerechnet zwölf Euro tik halte und eine gemeinsame Sprache
meinsamkeiten zwischen Putin und den pro Eintrittskarte bezahlt, das ist in Russ- mit dem Volk suche. Und dass die Russen
Oligarchen, darüber, warum der Sieg im land viel Geld. Aber sie mögen diese Art „in einem ziemlich gruseligen Alltag“ leb-
Großen Vaterländischen Krieg zugleich Tri- Diskussion, sie gehen mit, manchmal kor- ten. Er hat dazu ein Lied geschrieben: „W
umph und Tragödie war, oder – wie an rigieren sie mit Zurufen das eine oder an- Pitere pitj“: „Trinken in Petersburg“. Die
diesem Abend – über die Frage: „Musste dere Detail. Es fällt schwer, sich solch ein einen verdammen es als Trash, die anderen
man Rasputin ermorden?“ Publikum im groben, geschäftsversessenen feiern es als Hit. Bei YouTube wurde der
Die Frage ist aktuell, denn der russische Moskau vorzustellen. Clip mehr als 30 Millionen Mal angeklickt.
Wanderprediger, der als Quasipsychothe- Rasputin wurde von den Nationalisten Als Schnurow das Lied für die 15 000 in
rapeut fatalen Einfluss auf die Zarenfami- benutzt, um den Zaren zu manipulieren, der Eisarena anstimmt, schreien die vor
lie bekam, wurde vor 100 Jahren auf ziem- sagen die Männer auf der Bühne, die Poli- Begeisterung. Viele werden das Video vor
lich barbarische Weise umgebracht. Seine tik sei extrem intransparent gewesen. Un- Augen haben: wie sich fünf Petersburger –
Ermordung kündigte die Februar-Revolu- ter den Bedingungen einer offenen Gesell- ein gefeuerter Büroangestellter, eine Ver-
tion an, drei Monate später wurde Niko- schaft würde Russlands Selbstherrschaft käuferin, ein Polizist, eine Museumsführe-
laus II. gestürzt. aber auch nie funktionieren, das sei heute rin und ein radebrechender Taxifahrer aus
Auf dem Podium sitzen Lurje und ein so wie damals. „Wer davon träumt, dass dem Kaukasus verbrüdern und Wodka
Historiker, der Rasputins Tagebücher he- Russland irgendwann frei sein wird, muss trinkend durch die Stadt ziehen. Für uns
94 DER SPIEGEL 5 / 2017
gelten keine sozialen Schranken, so die Wischnewski sagt, der Gouverneur lasse knickte, der Turm wird nun weit draußen
Botschaft, zusammen sind wir stark. sich nur selten sehen, er sei vorsichtig. Sei- gebaut. Wischnewskis Wirken sei der Be-
Schnurow springt von der Bühne und ne Vorgängerin sei von den Petersburgern weis dafür, dass man „gegen eine Macht,
mischt sich unter die Fans, die jeden seiner gestürzt worden, nachdem die Stadt zwei die alles Maß vergisst, Widerstand leisten
Texte auswendig können. Auch „Na labu- Winter hintereinander in Schnee und Eis kann“, schrieb der Petersburger Schau-
tenach“, seinen bislang größten Hit, der versank, sechs Menschen kamen ums Le- spieler Alexej Dewotschenko.
nun an der Reihe ist und der sich um ein ben. Mögen die Obdachlosen zum Schnee- Selbst wenn – wie in diesen Wochen –
Mädchen dreht und ein Paar Schuhe vom räumen herangezogen werden, hatte die um die Übergabe der Isaakskathedrale an
Designer Christian Louboutin, die es sich Gouverneurin gesagt – und damit empörte die Russisch-Orthodoxe-Kirche gestritten
für ein Date von ihrer Freundin borgt. 100 Proteste ausgelöst. wird, steckt dahinter Grundsätzliches. Die
Millionen Mal wurde dieser Titel angeklickt. Die Petersburger lassen sich so leicht Kathedrale ist eines der meistbesuchten
nichts gefallen. Patrioten sind sie vor allem Museen der Stadt. Sie wurde vom russi-
# dann, wenn es um ihre Stadt geht. Tausen- schen Staat errichtet, war nie Kirchen-
Boris Wischnewskis Blick auf Petersburg de gingen auf die Straße, als das historische eigentum und auch nie Gemeindekirche.
ist weniger spielerisch. Der Mathematiker Hotel Angleterre abgerissen werden sollte, Trotzdem hat der Petersburger Gouver-
vertritt gemeinsam mit seinem Kollegen in dem sich Sergej Jessenin 1925 erhängte, neur jetzt dem Druck der Orthodoxen
Michail Amossow, einem Geografen, nachgegeben und ihnen die Über-
die oppositionelle Jabloko-Partei in gabe der Kathedrale versprochen.
der Gesetzgebenden Versammlung, „Er hat die Petersburger nicht
dem Petersburger Parlament. Jablo- nach ihrer Meinung gefragt und
ko heißt „Apfel“, die Partei der Li- sich über sämtliche Gesetzeshürden
beralen saß einst sogar mit einer hinweggesetzt“, sagt Wischnewski.
eigenen Fraktion im russischen Par- „Welch eine Geringschätzung der
lament. Das ist lange her, selbst in Öffentlichkeit, welch ein rüpel-
der Moskauer Stadtduma gibt es die haftes Vorgehen!“ Man werde die
Liberalen nicht mehr – in Petersburg Isaakskathedrale nicht hergeben,
aber sehr wohl. hat Wischnewski öffentlich erklärt:
Das ist bemerkenswert, weil auch Binnen kurzer Zeit unterstützten
in Petersburg mit vielen Tricks ver- 200 000 Petersburger die entspre-
sucht wird, sie aus dem Parlament zu chende Protestresolution im In-
vertreiben. Erst im vergangenen Som- ternet.
mer hat Wischnewski das wieder er- Nirgendwo sonst schaffen es
lebt, zur Wahl der Gesetzgebenden Aktivisten, den Spielraum für die
Versammlung. Machthaber so einzuengen wie in
Er steht in seinem Arbeitszimmer Petersburg. Das ist auch einer Er-
im Mariinskipalast, von dem aus man rungenschaft aus der Geburtszeit
eine wundervolle Sicht auf die Gold- des demokratischen Russland zu
haube der Isaakskathedrale hat. Und danken: Petersburg besitzt ein Be-
VICTOR YULIEV / DER SPIEGEL

erzählt, wie es sämtliche Werbefir- rufsparlament, eines von zweien,


men zur Wahl ablehnten, Plakate die es im Land noch gibt. Die Ab-
von ihm im Zentrum zu kleben. Wie geordneten bekommen Gehalt und
aber gleichzeitig Poster mit seinem dürfen keine Nebenjobs ausüben.
Foto auftauchten, auf denen stand: So können sie Putins Statthaltern
„Ich bin Kandidat der Opposition. genauer auf die Finger sehen. „In
Bitte zahlen Sie zu meiner Unter- Historiker Lurje allen anderen Orten haben sie die
stützung 1000 Rubel auf folgendes „Wir Petersburger waren immer anders“ lästigen Berufsparlamente wieder
Konto ein …“ abgeschafft“, sagt Boris Wischnew-
Das sei eine Fälschung von Putins Partei der berühmte russische Lyriker. Der Plan ski. „Man kann Russlands Machthaber
„Einiges Russland“ gewesen, sagt Wisch- wurde gestoppt. In Moskau gibt es solche aber nicht ehrenamtlich kontrollieren.“
newski. „Ärzte, Lehrer, Militärs, Zollbe- Proteste schon lange nicht mehr, dort sind
amte – all jene, die ihr Gehalt vom Staat Dutzende historische Bauten dem Erd- #
bekommen – wurden gegen Jabloko mo- boden gleichgemacht worden. In der Eisarena singen sie das letzte Lied:
bilisiert.“ Wischnewski kam in keine Schu- Ihren größten Sieg errangen die Peters- „Musyka dlja muschika“, Musik für richtige
le, in keine Poliklinik der Stadt. Selbst die burger jedoch im Kampf gegen Putins Männer. Sergej Schnurow hat sein T-Shirt
Chefin der zentralen russischen Wahlkom- Staatskonzern Gazprom. Der wollte ein abgeworfen, er springt mit nacktem Ober-
mission sprach von einer „herausfordernd Geschäftszentrum mit einem 400 Meter körper herum. Auch auf den Rängen tanzen
zynischen Nutzung staatlicher Druckmit- hohen Wolkenkratzer an den Rand der sie, das Licht ist ausgegangen, die Lampen
tel“ in Petersburg, um bestimmte Kandi- Altstadt setzen, finanziert durch Staatsgel- Tausender Handys leuchten jetzt. Es ist, als
daten anderen vorzuziehen. der – obwohl so hohe Gebäude im Peters- wölbe sich ein klarer Sternhimmel über Pe-
Wischnewskis Hauptkontrahent ist der burger Zentrum verboten sind. tersburg. „Es gibt Gutes in der Welt und
Petersburger Gouverneur, der Vertreter der Boris Wischnewski hat die Protestbe- natürlich auch Böses“, singt Schnurow.
Staatsmacht. Er ist der erste Gouverneur, wegung gegen den Turm angeführt. Er „Richtig zu leben – dabei hilft nur Musik.“
der wie Putin beim KGB groß wurde, und hat mit mehr als 400 Artikeln die Öf-
gibt sich zutiefst religiös. Früher wehten fentlichkeit gegen Gazprom mobilisiert, 360°-Rundgang: Metropole
im Amtssitz rote Fahnen, jetzt hängen dort der Streit ging sogar bis vors Verfassungs- zwischen Ost und West
Ikonen. Und statt der Parteiversammlun- gericht. Nach vier Jahren war der Druck spiegel.de/sp052017petersburg
gen gibt es Pausen zum Beten. so groß, dass Gazprom schließlich ein- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 5 / 2017 95


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Sport
Passnetzwerk von Bayern München und dem Hamburger SV am 17. Spieltag
Fußball
SC Freiburg–Bayern München 1:2 VfL Wolfsburg–Hamburger SV 1:0 Verbindungsfehler
Diagramm bis zur 70. Spielminute, Diagramm bis zur 83. Spielminute,
Pfeile für fünf oder mehr Pässe Pfeile für drei oder mehr Pässe Im Fußball gibt es verschie-
dene Wege zum gegneri-
schen Tor. Bayern München
nimmt sich Zeit. Mit vielen
Querpässen spielt die Mann-
Wood
Costa schaft von einer Seite zur
Robben
Lewandowski Müller anderen, bis sie eine Lücke
Kostić findet. Die Bayern hatten am
Müller
Sakai vergangenen Spieltag gegen
Alaba Ostrzolek Freiburg 75 Prozent Ball-
Lahm besitz, spielten 882 Pässe.
Vidal* Alonso Ekdal*
Der Hamburger SV – mit 223
Holtby Pässen gegen Wolfsburg –
Hummels Martinez
Santos Papadopoulus
hält wenig vom kontrollier-
ten Spielaufbau. Torwart
Mavraj Mathenia schlug 27 Pässe,
meist in die Spitze – mehr
als die beiden Innenverteidi-
Neuer ger zusammen. Die Daten
stammen aus der Taktiktafel
Mathenia von SPIEGEL ONLINE. Ab
jetzt werden dort die Pass-
* bis zur 54. Minute (Auswechslung) * bis zur 32. Minute (Gelb-Rote Karte)
wege ausgewählter Bundes-
ligaspiele präsentiert.

Magische Momente
„Plötzlich schrie die Masse auf“
GETTY IMAGES

Vor dem Super Bowl: Footballer Sebastian Vollmer, 32, aus Neuss über das Erlebnis, beim Sportspektakel zu gewinnen

SPIEGEL: Sie haben vor zwei SPIEGEL: Das bedeutete prak- Freundin. Nach der Sieger- ihn nicht mehr am Finger ge-
Jahren mit den New England tisch den Sieg. ehrung sagte Klubchef habt. Er liegt in einem Tresor,
Patriots den Super Bowl ge- Vollmer: Alle flippten völlig Robert Kraft zu mir, ich solle und da gehört er mit seinen
wonnen, für Amerikaner das aus. Aber es waren ja noch die Vince-Lombardi-Trophäe über 200 Diamanten auch hin.
größte Sportspektakel der etwa 20 Sekunden zu spielen. zu unseren Fans tragen. SPIEGEL: Patriots-Quarterback
Welt. Wie haben Sie die ent- Ich dachte nur: Es ist so lange Jeder wollte den Pokal be- Tom Brady, der Mann von
scheidende Situation erlebt? nicht vorbei, bis es vorbei ist. rühren. Topmodel Gisele Bündchen,
Vollmer: Ich stand mit unse- SPIEGEL: Dann war das Spiel SPIEGEL: Sie haben im April besitzt bereits vier solcher
ren Offensivspielern um aus. 2015 geheiratet. Haben Sie Ringe.
Quarterback Tom Brady Vollmer: Es kamen unbe- zu diesem Anlass Ihren NFL- Vollmer: Am übernächsten
draußen an der Seitenlinie. schreibliche Emotionen hoch. Siegerring getragen? Sonntag hat er die Chance,
Wir führten 28:24, aber es Ich lief wie im Rausch übers Vollmer: Natürlich nicht. Das einen fünften zu holen. Ich
war klar, dass die Seattle Sea- Feld und hielt Ausschau nach Ding ist riesig, und seit dem kenne Tom seit acht Jahren,
hawks gleich einen Touch- meinen Eltern und meiner Tag der Übergabe habe ich und sein Ehrgeiz wird immer
down landen. Wir rechneten größer. Ob er schläft oder
aus, wie viel Zeit uns danach Yoga macht, isst oder trai-
noch bleiben würde und niert – er überlässt nichts
welche Spielzüge uns noch dem Zufall.
den Erfolg bringen könnten. SPIEGEL: Sie dagegen verpas-
SPIEGEL: Es kam alles anders. sen das Finale wegen einer
Vollmer: Ich weiß nur noch, Verletzung.
dass die Masse im Stadion Vollmer: Ja, ich versuche,
MICHAEL ZAGARIS / GETTY IMAGES

plötzlich aufschrie. Es muss- meine Blessuren an Schulter


te etwas Dramatisches pas- und Hüfte auszukurieren.
siert sein. Es dauerte ein Um in der NFL einen 130
paar Sekunden, bis ich reali- Kilo schweren Gegner
sierte, dass einer von uns zu blocken, muss ich total fit
den entscheidenden Pass ab- Vollmer (Nummer 76) beim Super Bowl 2015 sein. Zurzeit bin ich leider
gefangen hatte. nur eine Art Überfan. pk

Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel DER SPIEGEL 5 / 2017 97
Sport

Aussichtsplattform Alpspix

Wintertrauma
Tourismus Der Klimawandel bedroht den Skisport. Experten glauben, dass
selbst Kunstschnee den Winterspaß nicht retten kann. In Garmisch-Partenkirchen,

MATTHIAS FEND / DPA


dem berühmtesten Skirevier Deutschlands, ignoriert man die Warnungen.

W
enn der Klimaforscher Stephan vertretende Leiter des Campus Alpin hat beginnt in St. Moritz die Alpine Ski-Welt-
Thiel zur Arbeit fährt, dann eine Studie erstellt, in der die Entwicklung meisterschaft. Auch im Engadin ist die
kommt er am Skigebiet von Gar- des Klimas im Werdenfelser Land analy- Schneelage gut. Es sind TV-Bilder einer
misch-Partenkirchen vorbei. In den letzten siert wird. Titel der Arbeit: „Palmen in ungetrübten Winterpracht zu erwarten.
Tagen sah er dort Sportler tief verschneite den Alpen?“ Klimaforscher haben es in solchen Zei-
Hänge hinabfahren, er sah den vom Schnee Die Diagramme und Grafiken in dem ten schwer, mit ihren Thesen von wärmer
eingezuckerten Bergwald. Ein Wintertraum. Dossier basieren auf unzähligen Messun- werdenden Wintern durchzudringen. Sie
Aber wohl nicht mehr lange, sagt Herr gen. Kunstmann sagt, es gebe da „eindeu- müssen gegen die Macht der Bilder anre-
Thiel. tige Temperatursignale“. Bergregionen sei- den, gegen das Gefühl der Menschen, dass
Der Wissenschaftler sitzt in seinem en „klimasensitiv“. Wenn die Temperatur doch eigentlich alles in Ordnung zu sein
Büro im Campus Alpin. Das Institut für global im Mittel um zwei Grad Celsius an- scheint mit dem Wetter in den Alpen.
Meteorologie und Klimaforschung liegt stiege, dann würde sie in den Alpen um Aber es ist nicht in Ordnung.
am Fuße des Kreuzeck. Die Einrichtung, das Doppelte hochklettern. Vier Grad. Wa- „Die Winter kommen immer später“,
ein Ableger des Karlsruher Instituts für rum ist das so? „Das ist noch nicht ver- sagt Felix Neureuther, Deutschlands bester
Technologie, ist so etwas wie das schlechte standen“, sagt Kunstmann. Alpin-Skiläufer (siehe Interview Seite 100).
Gewissen Garmisch-Partenkirchens. Er guckt zum Fenster hinaus. Vom Dach Er wohnt in Garmisch, reist ständig durch
Die Marktgemeinde unweit der Zugspit- hängen Eiszapfen herab. Kunstmann, ein die Alpen und ist sich sicher, dass da „ir-
ze ist Deutschlands berühmtester Skiort. leidenschaftlicher Tourengeher, sagt, es gendwas in Bewegung geraten ist“.
Doch der Klimawandel bedroht den Win- werde auch in Zukunft immer wieder kalte Im Weltcupzirkus der Profis wird heftig
tersporttourismus in dem Alpenidyll. Und Winter geben. Aber: „Der warme Winter debattiert über die Zukunft des Skisports in
Thiel, ein freundlicher Mann mit wusche- der Vergangenheit wird der normale Win- den Alpen. Wo kann man ihn noch ausüben,
ligen Haaren, der seit drei Jahren für die ter der Zukunft sein.“ Eine Kernerkenntnis wenn es immer wärmer wird? Wo kann man
Grünen im Gemeinderat von Garmisch- seiner Forschungen lautet, dass sich bis noch verlässlich Rennen austragen, wenn
Partenkirchen sitzt, hat keine guten Nach- 2050 die Anzahl der Tage mit „Schneebe- Extremwetter immer öfter auftreten?
richten zu verkünden. deckung“ in Lagen unterhalb von 1200 Me- Vom Campus Alpin sind es nur ein paar
„Aufgrund der Erkenntnisse, die im In- tern um 20 Tage reduzieren wird. Schritte bis in den Zielraum der berühmten
stitut zusammengetragen werden“, sagt er, „Das sind keine guten Voraussetzungen Kandahar-Abfahrt. Die jährlichen Welt-
„ist absolut klar, dass wir hier in Zukunft für Skitourismus“, sagt Kunstmann. cuprennen, die dort ausgetragen werden,
mit etwas anderem Geld verdienen müs- Garmisch-Partenkirchen erlebt gerade dienen Garmisch-Partenkirchen als Werbe-
sen als mit Skisport.“ einen Idealwinter, mit Dauerfrost auf den veranstaltung. Der Gemeinderat hat die
Thiel bittet in das Untergeschoss, in Bergen und Pulverschnee und strahlend Zuschüsse für den Event gerade um vier
das Büro von Harald Kunstmann. Der stell- blauem Himmel. In gut einer Woche Jahre verlängert. Vor ein paar Jahren wur-
98 DER SPIEGEL 5 / 2017
Rennläuferin in Garmisch-
Partenkirchen*

GUELLAND / EPA / REX / SHUTTERSTOCK


de die Strecke frisiert, in den Berg eine hat diese Studie auch gelesen. Er sitzt in Huber treibt die Kommerzialisierung
Stufe gefräst. Die Passage heißt „Freier seinem Büro im Zugspitzbergbahnhaus im des Skisports voran. Weil Naturschnee sel-
Fall“, weil es fast senkrecht hinuntergeht, Zentrum von Garmisch. Huber, ein kerni- ten geworden ist, wurden entlang der Pis-
sie ist das neue Markenzeichen der Kan- ger Bayer mit kräftiger Stimme, holt tief ten Schneekanonen installiert. Sie werden
dahar-Abfahrt, ein Nervenkitzel-Highlight Luft, bevor er sagt: „All diese Arbeiten im November angeworfen, damit die Ski-
für die Zuschauer. wurden von Leuten verfasst, die ihr Geld saison Mitte Dezember losgehen kann.
Kunstmann bewundert die Athleten, die nicht durch Privatinitiative verdienen müs- Auch dieses Mal rutschten die Touristen
sich den Freien Fall hinunterwagen. Aber sen, sondern vom Staat gefördert werden.“ an Weihnachten und Neujahr auf planier-
wenn er in seinem Computer auf die Da- Subventioniertes Papperlapapp. So sieht ten Kunstschneebändern hinunter ins Tal,
ten schaut, dann sieht es nicht gut aus für es Huber. Er sagt: „Wir werden hier bei vorbei an grünen Bergwiesen. Ski absurd.
die Zukunft des Kandahar-Rennens. Un- uns auch in 20 Jahren noch gute Skibedin- Naturschützer hassen Huber. Er verge-
terhalb von 1000 Metern würden die Tem- gungen haben. Punkt.“ waltige die Berge, werfen sie ihm vor. Er
peraturen so stark ansteigen, dass es nicht Huber arbeitet seit 1981 bei der Zugspitz- entgegnet, ohne den Bergtourismus wür-
mehr möglich sein wird, Kunstschnee zu bergbahn. Er ist kein Sakko-, eher ein den viele Garmischer ihren Job verlieren.
produzieren, um die Strecke zu bauen. Das Funktionsjackentyp. Er stammt aus Gar- Direkt oder indirekt verdienten 5000 Men-
Ziel der Kandahar liegt auf 770 Metern. misch-Partenkirchen und ist ein begeister- schen durch die Anlagen der Zugspitzberg-
Viel zu tief. „Das ist ein Problem“, sagt ter Bergsteiger, er liebt die Berge – aber bahn-Gesellschaft ihr Geld.
Kunstmann. er will auch mit ihnen Geld verdienen. Der Tourismusmotor für Garmisch-Par-
Kunstmann und Thiel, der grüne Ge- Der Skisport als Massenphänomen ist tenkirchen ist die Zugspitze. Der Gipfel
meinderat, sind keine Ideologen. Sie deu- ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft. mit seinem Rundumpanorama ist eine
ten Fakten, die ihnen die Messstationen In den Siebziger-, Achtzigerjahren erblüh- Goldader. Vor zwei Jahren fuhren 463 546
liefern. „Und diese Zahlen“, sagt Kunst- te das Geschäft mit dem Schneevergnügen. Gäste hinauf. Für einen Erwachsenen kos-
mann, „fallen nicht vom Himmel, das sind Inzwischen ist die Erschließung der Alpen tet die Fahrt in der Seilbahn oder mit der
umfangreiche Berechnungen des Atmo- für Wintersportler so gut wie abgeschlos- Zahnradbahn 44,50 Euro.
sphärenzustands.“ sen. In Garmisch-Partenkirchen sind die Im Dezember wird die neue Pendelseil-
Es gibt alle möglichen Studien zur Kli- Hänge zwischen Zugspitze und Hausberg bahn auf Deutschlands höchstem Berg in
maentwicklung in den Alpen. Eine der verkabelt mit Seilbahnen, Gondelbahnen Betrieb genommen. 120 Personen werden
Universität München besagt, dass man in und Liften aller Art. Es gibt Sessellifte – in die Gondel passen, fast dreimal so viele
30 Jahren in Deutschland nur noch auf Huber spricht lieber von „Aufstiegshil- wie in das alte Modell, das seit 1963 im
dem Zugspitzplatt, also in über 2000 Meter fen“ – mit beheizbaren Sitzschalen. Der
Höhe, Ski laufen könne. Peter Huber, der Ort selbst ist verbaut mit Hotels, Wellness- * Die Schweizerin Denise Feierabend beim Weltcup am
Chef der Zugspitzbergbahn-Gesellschaft, oasen und Shoppingstraßen. 22. Januar.

DER SPIEGEL 5 / 2017 99


Sport

Der Schneesucher
Dienst ist. 50 Millionen Euro soll der Neu-
bau kosten. Huber ist begeistert von dem
Projekt. Es liefert weitere Superlative für
die Werbeprospekte. 2000 Höhenmeter
schafft die neue Pendelbahn am Stück. Welt- Ski alpin Deutschlands erfolgreichster Slalomfahrer Felix
rekord! Die Stahlstütze, über die vier jeweils
145 Tonnen schwere Stahlseile laufen wer- Neureuther, 32, über die ungewisse Zukunft seiner Sportart
den, ist 127 Meter hoch. Weltrekord! und warum sie wichtig ist für die handysüchtige Jugend
Garmisch-Partenkirchen ist ein großer
Erlebnispark. Neben dem Skigebiet gibt es
ein Wellenbad, ein Eisstadion, eine Som- SPIEGEL: Herr Neureuther, wie oft checken noch mit dem normalen Skilaufen zu ver-
merrodelbahn, eine Skisprungschanze für Sie am Tag den Wetterbericht? gleichen?
das Neujahrsspringen, jedes Jahr wird ein Neureuther: Sehr oft. Und je näher ein Neureuther: Warum nicht?
City-Biathlon veranstaltet. Und ständig wer- Rennen kommt, desto häufiger. SPIEGEL: Sie fahren auf prügelharten, auf-
den neue Bespaßungen in den Fels ge- SPIEGEL: Was sagen Ihnen die letzten Win- wendig modellierten Kunstschneepisten,
schraubt. ter? auf denen ein Gelegenheitsskiläufer …
2010 eröffnete unterhalb der Alpspitze Neureuther: Dass Leute wie Donald Trump Neureuther: … besser nicht unterwegs sein
der Alpspix, eine stählerne Aussichtsplatt- Unfug reden, wenn sie behaupten, der sollte, weil sie so eisig und so steil sind, ja,
form, von der aus Besucher einen schwin- Klimawandel sei nur eine Erfindung. Wir das stimmt.
delerregenden Blick in das Höllental wer- Skisportler beobachten die Veränderung SPIEGEL: Sie benutzen Ski …
fen können. Bei der Eröffnung des Alpspix schon seit Jahren: Es gibt weniger Schnee. Neureuther: … die mit normalen Ladenski
hängten sich zwei Extremkletterer aus Pro- Der Winter beginnt eigentlich erst richtig nicht zu vergleichen sind, stimmt auch.
test unter die Konstruktion und entrollten Mitte Januar, dauert dafür aber länger. Da- Aber unsere Entwicklungen fließen auch
ein Plakat, auf dem stand: „Unsere Berge vor muss man hoch hinaus, um Schnee zu in den Verkaufski ein.
brauchen keinen Geschmacksverstärker.“ finden. Es verlagert sich alles immer weiter SPIEGEL: Wo genau liegt der Unterschied?
Kein schlechter Spruch. Huber zuckt mit nach oben. Neureuther: Ein Ladenski hat mit meinen
den Schultern. „Seit es die Plattform gibt, SPIEGEL: Ist Ihr Beruf angesichts des Wan- so viel gemeinsam wie ein Pkw aus dem
hat sich der Umsatz der Alpspitzbahn ver- dels schwieriger geworden? Autohaus mit einem Formel-1-Rennwagen.
doppelt.“ Punkt. Neureuther: Schon. Weil ich immer auf der Ein guter Alltagsski kostet 400 bis 600
Huber ist kein Klimaleugner. Er sagt: Suche bin nach Schnee, um vernünftig trai- Euro, ein Paar meiner Slalomski rund 2500
„Die Entwicklung des Skitourismus ist end- nieren zu können. Ich sitze sehr viel im bis 3000 Euro. Alle Materialien sind an-
lich.“ Aber noch reagiert er genauso wie Auto und fahre kreuz und quer durch die ders, der Holzkern ist anders aufgebaut,
die Skigebietsbetreiber in Österreich, Ita- Alpen, weil mal hier, mal dort die Bedin- der Belag, die Kanten.
lien und der Schweiz auf den Mangel an gungen stimmen. Die Phasen, in denen ich SPIEGEL: Ihr Ski hat noch einen Holzkern?
Naturschnee – mit immer moderneren eine Woche an einem Ort trainieren kann, Neureuther: Ich habe mal ein Modell mit
Schneekanonen. Mit Lagern, in denen sind selten geworden. Carbonkern ausprobiert. Es ist beim
Schnee gebunkert wird, der dann bei Be- SPIEGEL: Was macht der Klimawandel mit Schwung gebrochen. Glauben Sie mir, es
darf auf die Pisten gekippt wird. dem Skisport? gibt nichts Besseres als Holz, es ist flexibel
Dabei reisen schon heute mehr Touris- Neureuther: Für die Skiindustrie, für die und stabil zugleich.
ten im Sommer nach Garmisch-Parten- Liftbetreiber, für den gesamten Winter- SPIEGEL: Hätte ein Alltagsskifahrer mit
kirchen als im Winter. Viele kommen aus sporttourismus wird es immer schwieriger. Ihren Ski Spaß?
dem arabischen Raum. Sie lassen sich in Ohne Kunstschnee geht es heute nicht Neureuther: Sicher nicht. Mein Vater war
den Kliniken im bayerischen Oberland an mehr. Aber ich bin mir sicher, dass der neulich beim Training dabei. Da hab ich
den Bandscheiben behandeln, neue Hüf- Skisport nicht aussterben wird, wie das meinem Servicemann gesagt: Frag mal, ob
ten einbauen oder die Brüste vergrößern. manche prognostizieren. Dafür gibt es er ein Paar Ski von mir ausprobieren will.
Gesundheitstourismus ist ein Wachstums- noch zu viele Leute, die begeistert sind Mein Papa kann bekanntlich sehr, sehr gut
markt. Huber hat auf die Kundschaft von der Natur, die raus wollen in die Berge Ski laufen. Und es hat ihm auch riesigen
längst reagiert. Es gibt jetzt Hinweisschil- – und die sich für unsere Rennen interes- Spaß gemacht. Aber nach einer Weile
der in arabischer Sprache und einen Ge- sieren. meinte er, ihm sei das zu gefährlich.
betsraum auf der Zugspitze. SPIEGEL: Der Weltcupzirkus dient der Ski- SPIEGEL: Inwiefern verhält sich ein Rennski
Leider interessieren sich die Gäste aus industrie als eine Art Dauerwerbeveran- anders als ein Modell aus dem Sport-
Dubai und Doha nicht für Wintersport. Sie staltung. Aber ist der Rennsport überhaupt geschäft?
kaufen keine Liftkarten. Und die Russen,
auch eine zahlungskräftige Klientel, fahren
lieber nach Sankt Moritz oder Zermatt. Schnee- und Sommertage in Garmisch-Partenkirchen
Huber muss sich etwas einfallen lassen für Szenario bei gegenwärtiger Emissionsentwicklung; 10-Jahres-Durchschnittswerte
sein Wintergeschäft. Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Sorgen machen ihm vor allem die jun- 80


gen Leute aus München, die früher als Ta-
gesausflügler die Pisten fluteten. Sie kom- 60
men nicht mehr so zahlreich. Sie wenden
sich immer öfter ab vom Skikommerz mit 40
glatt planierten Kunstschneepisten und
prolligem Hüttenzauber. Sommertage mit 25°C oder mehr
20
Um sie zurückzugewinnen, hilft eigent- Schneetage mit mehr als 10 cm Schnee
lich nur eines: Schnee, der vom Himmel 1901 bis 1941 bis 1991 bis Prognose 2041 bis 2091 bis
0
fällt. Gerhard Pfeil 1910 1950 2000 2050 2100

100 DER SPIEGEL 5 / 2017


SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Neureuther: Ich finde es traurig, dass Win-
terspiele nicht mehr an traditionsreichen
Wintersportorten ausgetragen werden.
2014 waren wir in Sotschi, 2018 kommt
Südkorea, danach Peking. Sorry, aber da
fehlt mir einfach das Flair. Ich glaube nicht,
dass sich mit Winterspielen in Peking eine
große Begeisterung für Wintersport ent-
fachen lässt. Sicher, es mag gut sein für
die Industrie, die neue Absatzmärkte er-
schließen will. Aber für die Sportler ist
Peking ein Rückschlag.
SPIEGEL: Garmisch-Partenkirchen scheiterte
an der Seite von München zweimal mit
einer Olympiabewerbung. Beim letzten
Versuch verhinderte ein Bürgerentscheid
eine Kandidatur. Sollte es Ihre Heimat
noch mal versuchen?
Neureuther: Unbedingt. Aber nur, wenn das
IOC seine Philosophie ändert. Wir brau-
chen ein Umdenken, eine Abkehr vom
Gigantismus. Ich denke, wenn man das
Olympiaprogramm verschlanken und die
Kosten reduzieren würde, dann könnte
Olympia auch in Deutschland wieder eine
Heimat finden. Für unsere Sportkultur
wäre das so wichtig.
SPIEGEL: Warum?
Neureuther: Olympia hat eine extreme Aus-
FRANK ZAURITZ strahlung. Es bringt die Jugend zum Sport.
Und darum geht es doch. Kids zu begeis-
tern, sie zu animieren, das Smartphone
wegzulegen, Ski zu laufen, Eishockey zu
Ski-Idol Neureuther: „Kreuz und quer durch die Alpen“ spielen, Schnee zu erleben.
SPIEGEL: Sie haben auch Ihr Smartphone
Neureuther: Slalomrennski sind extrem los. Ich bin eher ein Instinktskiläufer mit vor sich auf dem Tisch liegen und gucken
aggressiv, die Kanten packen sofort zu, so- Gefühl. Ich kann mich gut auf extreme ständig drauf.
bald man nur daran denkt, einen Schwung Verhältnisse einstellen. Neureuther: Ja, es ist ein Teil auch meines
einzuleiten. Selbst ein sehr versierter Läu- SPIEGEL: In gut einer Woche beginnt die Lebens. Aber der Kult um diese Geräte,
fer würde ständig verschneiden und ris- Weltmeisterschaft in St. Moritz. Kommt den verstehe ich nicht. Sie sind nützlich,
kieren, sich das Knie kaputt zu machen. Ihnen die Piste dort entgegen? mehr aber nicht. Wenn ich höre, dass
SPIEGEL: Ist Slalomfahren heutzutage Ex- Neureuther: Kann mir schon entgegen- Politiker fordern, Kinder schon früh mit
tremsport? kommen, wenn alles passt. Der Hang ist Smartphones in Berührung zu bringen,
Neureuther: Im Prinzip ist das so. Dieser nicht der anspruchsvollste. Bei extremen damit sie lernen, wie sie richtig mit den
Sport hat sich in den letzten Jahren enorm Schneeverhältnissen kann die Piste aber Dingern umgehen, dann verstehe ich die
weiterentwickelt, die Athletik der Läufer, sehr ruppig werden. Das wäre gut für mich. Welt nicht mehr.
das Material, die Geschwindigkeit, die SPIEGEL: Sie haben noch nie bei einem SPIEGEL: Sie klingen jetzt sehr altmodisch.
Reaktionszeiten zwischen den Stangen. Großereignis im Slalom eine Goldmedaille Neureuther: Es ärgert mich, dass Sport bei
Wir bewegen uns ständig am Limit. gewonnen. Ist der Druck bei einer WM uns heute nicht mehr so einen großen Stel-
SPIEGEL: Diese Saison hat der Norweger oder bei Olympia zu groß für Sie? lenwert hat.
Henrik Kristoffersen die meisten Rennen Neureuther: Nein. Ich bin auch gar nicht SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht?
gewonnen, ein 22-Jähriger mit dünnen so fixiert auf diese Großereignisse. Rein Neureuther: Definitiv nicht. Kinder haben
Beinen. Was macht er besser als Sie? sportlich betrachtet haben die Weltcup- doch kaum mehr die Zeit, um sich nach
Neureuther: Vieles, er hat eine solche rennen in Wengen oder in Kitzbühel, die der Schule noch beim Sport zu entfalten.
Power, eine perfekte Technik, weil er von großen Klassiker, für mich einen höheren Die haben heute so viel Stress, so viel
klein auf richtig trainiert wurde. Und er Stellenwert. Wir fahren dort auf Hängen, Druck, da fällt der Sport bei den meisten
hat einen unbändigen Willen, immer noch auf denen schon vor 80 Jahren Rennen automatisch hinten runter.
schneller zu werden. Er ist ein Phänomen. ausgetragen wurden. Da ist so viel Tradi- SPIEGEL: Sportler sind auch nicht immer
SPIEGEL: Gibt es Rennstrecken, auf denen tion und Leidenschaft. die besten Vorbilder.
Sie Kristoffersen schlagen können? SPIEGEL: Aber in der Sportwelt und bei Neureuther: Stimmt. Ich ärgere mich auch
Neureuther: Generell ist es besser für mich, Sponsoren zählt nichts mehr als ein Olym- über Sportler, die sehr viel Geld verdienen
wenn der Hang schwierig zu fahren ist. Ich piasieg. und nur an sich und die nächste Gehalts-
mag Herausforderungen, ich wachse an Neureuther: Mag sein. Aber ich muss sagen, abrechnung denken. Ich finde, wir Athle-
ihnen. Einfaches Gelände hilft mir nicht, dieser viel beschworene Geist der Olym- ten haben auch die Aufgabe, die Begeiste-
da haben die jungen Läufer Vorteile, die pischen Spiele, für mich gibt es den kaum rung für den Sport auf die Kinder zu über-
haben mehr Kraft, bolzen einfach drauf- noch. tragen. Interview: Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 5 / 2017 101


Wissenschaft+Technik
Medizin wiegende Fehler, beispiels- hat heute eine normale Le-
„Höchste Fehlerrate weise in der Anästhesie oder benserwartung. Seine Versor-
bei Arzneimitteln“ der Geburtsmedizin, sind
rückläufig.
gung jedoch kann mehr als
zehn Millionen Euro kosten.
SPIEGEL: Woran liegt das? SPIEGEL: Welche Fehler sind
Gausmann: Fehler kann man am schwersten zu bekämpfen?
nie ganz vermeiden, aber die Gausmann: Beim ersten Blick
Kliniken geben sich inzwi- auf den Patienten stellt ein
schen mehr Mühe, sie recht- Arzt eine Fehldiagnose, die
zeitig zu erkennen. Früh- später bei der Besprechung
warnsysteme verraten, ob ein mit Kollegen nicht mehr kor-
Tubus in der Speiseröhre statt rigiert wird. Am höchsten
in der Luftröhre gelandet ist, ist die Fehlerrate bei Arznei-
ob ein Baby per Kaiserschnitt mitteln, mit dem Risiko,
geholt werden muss oder ob dass nicht der richtige Patient
Peter Gausmann, 56, Ge- ein älterer Patient sturzge- das richtige Medikament
schäftsführer der Gesellschaft fährdet ist. In der Notaufnah- zur richtigen Zeit bekommt.
für Risiko-Beratung GRB in Det- me kommen die Leute in- SPIEGEL: Wie kann man er-
mold, über Behandlungsfehler zwischen nach medizinischer kennen, ob ein Krankenhaus
in deutschen Krankenhäusern Dringlichkeit an die Reihe, besonders sicher ist?
bei Operationen sind Check- Gausmann: In manchen Klini-
SPIEGEL: Wie viele Menschen listen vorgeschrieben. ken gibt es Angestellte, die
kommen in Kliniken durch SPIEGEL: Warum werden die einen regelrecht an die Hand
Pannen zu Schaden? Policen für den Versiche- nehmen, wenn man die
Gausmann: In den etwa 1000 rungsschutz dennoch teurer? Notaufnahme aufsucht – das
Krankenhäusern, die wir Gausmann: Weil sich die Re- ist ein gutes Zeichen. Per-
überblicken, werden jedes gulierung einzelner Schäden sonalmangel dagegen lässt
Jahr rund 12 000 Ansprüche stark verteuert hat. Ein befürchten, dass Sicherheits-
gestellt, von denen ungefähr Mensch, der durch Sauer- standards nicht immer so
25 Prozent als Schadensfall stoffmangel bei der Geburt eingehalten werden, wie es
anerkannt werden. Schwer- einen Gehirnschaden erlitt, sein sollte. ble

Gesundheit hungern. Doch in Mausexpe- richten die Forscher im Fach-


Ein Erreger macht rimenten haben amerikani- blatt „Cell“. In der Folge
Appetit sche Wissenschaftler nun Sal-
monellen gefunden, die diese
nimmt der Infizierte wieder
mehr Nahrung auf und schei-
Wer mit hohem Fieber im Strategie zu durchkreuzen det eine größere Menge an
Bett liegt, der mag häufig vermögen: Im Darm blockie- Fäkalien aus – und damit
nichts essen. Diese Appetit- ren die Bakterien einen be- auch eine größere Zahl an
losigkeit gilt als der Versuch stimmten Botenstoff, der Salmonellen, die sich so
des Körpers, einen bakteriel- dem Gehirn sonst das Signal verbreiten und das nächste
len Erreger gleichsam auszu- zur Appetitlosigkeit gibt, be- Opfer suchen können. ble
Fußnote

8 Jahre
– um diese Spanne altert
offenbar vorzeitig, wer
jeden Tag mehr als zehn
Stunden sitzt und sich
auch sonst wenig be-
wegt. Laut „American
Journal of Epidemiology“
ergibt sich das aus einer
Untersuchung an 1500
Frauen, die Bewegungs-
sensoren trugen und
Blutproben abgaben. In
Zellen träger Probanden
waren die Enden der
SALK INSTITUTE

Chromosomen verkürzt,
Salmonelle (kolorierte Mikroskopaufnahme) was auf eine beschleu-
nigte Zellalterung deutet.

102 DER SPIEGEL 5 / 2017 Mail: wissenschaft@spiegel.de · Twitter: @SPIEGEL_Wissen · Facebook: facebook.com/spiegelwissen
Sprung in die
dritte Dimension
Das Bild eines Kängurus, das frei im
Raum zu schweben scheint, haben
Mitarbeiter der Australian National Uni-
versity in Canberra geschaffen. Um
das Hologramm entstehen zu lassen,
manipulierten die Physiker Lichtwellen
mit einem neuartigen Material. Es
besteht aus Siliziumsäulchen, ein
500stel so dünn wie ein Menschenhaar.

LEI WANG / ANU


Kommentar

Was dem Essen fehlt


Die industrielle Nahrungsmittelproduktion begünstigt Fälscher und Betrüger.
Sonnenblumenöl und Chlorophyll werden zusammengemischt mals mit irreführenden Versprechen beworben werden. Ist es
und als Olivenöl verkauft; unter der Panade des Seezungen- nicht auch eine Form von Betrug, wenn der Konsument nur
filets steckt in Wahrheit Pangasius; das Rindfleisch im Fertigge- im Kleingedruckten erkennen kann, dass angeblich gesunde
richt stammt teils vom Pferd – der Betrug mit gefälschten Le- Müslis zu einem Großteil aus Fett und Zucker bestehen?
bensmitteln bringt Kriminellen riesige Gewinne und gefährdet Ein Rezept dagegen wäre die Rückbesinnung auf Dinge, die
die Gesundheit, etwa wenn mit Erdnussmehl gestrecktes Cur- auch die Großmutter als Lebensmittel erkannt hätte. Doch
rypulver einen allergischen Schock auslöst. Auf der Grünen selbst das reicht nicht immer, um sich gut zu ernähren, wie das
Woche in Berlin zeigen Mitarbeiter des Bundesamts für Ver- Beispiel der Tomate zeigt. In der neuesten Ausgabe des Maga-
braucherschutz und Lebensmittelsicherheit mit einer Fälscher- zins „Science“ beschreiben Forscher, was die Zucht mit ihr
werkstatt, welche Risiken die Betrügereien mit sich bringen. angestellt hat. Moderne Sorten lassen sich prima transportieren
Doch durch unsere modernen Ernährungsformen begünsti- und verarbeiten – aber die für den Geschmack wichtigen In-
gen wir die gefährliche Panscherei. Auf der ganzen Welt sind haltsstoffe haben sie weitgehend verloren. Nachdem sie heraus-
traditionelle Speisen auf dem Rückzug. Stattdessen verzehren gefunden haben, was der Tomate fehlt, wollen die Forscher sie
immer mehr Menschen industriell hergestellte Produkte, die nun wieder aromatisch machen. Einfacher wäre es, von vorn-
in Nahrungsfabriken zusammengefügt werden. Am Ende der herein auf ursprüngliche Obst- und Gemüsesorten zu setzen,
Herstellungsprozesse kommen Erzeugnisse heraus, die oft- auch das würde gegen verfälschte Lebensmittel helfen. Jörg Blech

DER SPIEGEL 5 / 2017 103


Wissenschaft

Die Geburt der Fabelwesen


Biotechnik Zwei Forschergruppen verkünden Durchbrüche bei der Erschaffung
von Schimären. In solchen Mischwesen sollen Organe für die Transplantationsmedizin
gezüchtet werden. Kommen bald Menschenherzen aus dem Schweinestall?

S
chneeweiß sind sie, mit roten Knopf- ren zu kreieren. Sie injizierten Zellen einer wohnt. In seinem Heimatland verbieten
augen. Wenn ein Laborant sie aus Art in Embryonen einer anderen und be- die Richtlinien die Erschaffung solcher
dem Käfig nimmt, dann schnuppern obachteten, wie sie sich in der fremden Mischwesen aus Mensch und Tier. Deshalb
sie neugierig – so wie es Laborratten eben Umgebung zurechtfanden. wechselte Nakauchi an die Stanford Uni-
tun. Nur ein paar schwarze Flecken im Fell Lange zeigte sich die Natur widerspens- versity. Doch Skepsis begegnet ihm auch
scheinen die Tiere von ihren Artgenossen tig. So gliederten sich Rattenzellen nur ver- in Amerika. So verhängte die Gesundheits-
zu unterscheiden. einzelt in einen Mäuseorganismus ein. Wis- behörde NIH vor anderthalb Jahren ein
Und doch sind dies Ratten, wie sie nie senschaftlich war das interessant. Aber Förderstopp für alle Versuche, deren Ziel
zuvor geboren wurden. Sichtbar wird dies Monstren wie im Fabelreich ließen sich so die Injektion menschlicher Stammzellen
allerdings erst, wenn die Forscher den ge- nicht herstellen. in Tierembryonen ist.
öffneten Leib der Tiere ins Licht halten. Das könnte sich ändern. Zwar steht die Der größte Teil dieser Schimärenfor-
Da und dort ist dann im Gewebe ein Kunst der Tierschimärenproduktion noch schung findet nun in Kalifornien statt, wo
schwaches Grün zu erkennen. Ein Organ immer am Anfang. Doch neues Hand- die Regierung dieser Art von Wissenschaft
aber sticht hell leuchtend hervor. Es han- werkszeug erleichtert den Wissenschaft- gegenüber aufgeschlossen ist. Nakauchis
delt sich um die Bauchspeicheldrüse, und lern die Arbeit. Vor allem das sogenannte Forschungsgruppe wird vom California In-
das grüne Fluoreszenzlicht stammt von Genome Editing erlaubt es ihnen, das Erb- stitute for Regenerative Medicine mit 5,5
Markermolekülen, die zeigen: Dieses Or- gut von Zellen gezielt zu manipulieren Millionen Dollar unterstützt.
gan stammt nicht von der Ratte. Es ist her- und so ihr Schicksal besser zu steuern. Andere Wissenschaftler im Golden State
vorgegangen aus Mäusezellen, welche die Eindrucksvoll zeigen dies Nakauchis wetteifern mit ihm. Gerade wurde Nakau-
Forscher wenige Tage nach der Befruch- Rattenexperimente. Dem Mediziner ist es chi von einem Rivalen übertrumpft, der
tung in die Rattenembryonen injiziert nicht nur gelungen, in einer Art das voll- knapp 700 Kilometer weiter südöstlich am
haben. Mit anderen Worten: Die Ratten ständige Organ einer anderen zu erschaf- Salk Institute in La Jolla forscht: Am Tag
wurden mit einem Mäuseorgan geboren. fen, sondern er demonstrierte auch den nachdem Nakauchi in der Zeitschrift „Na-
Gelungen ist diese Pioniertat einer Ar- ture“ von seinen Rattenexperimenten be-
beitsgruppe um Hiromitsu Nakauchi von
der kalifornischen Stanford University. Ei-
Schnell regen sich Ängste, richtete, verkündete Juan Carlos Izpisúa
Belmonte im Konkurrenzblatt „Cell“, ihm
gentlich ist er Arzt, doch die Arbeit als In- dem Labor könnten sei die Verschmelzung von Mensch und
ternist befriedigte ihn nicht. „Es frustrierte
mich, dass ich so vielen Patienten nicht
sprechende Schweine Schwein gelungen.
Zwar beeilt sich der Forscher zu beteuern,
helfen konnte“, sagt er. Nakauchi be- entspringen. dass dies nur allererste Ergebnisse seien. In
schloss, in die Forschung zu gehen. Dort allen Fällen habe er die Trächtigkeit der
hoffte er, einen Beitrag zu einer Medizin medizinischen Nutzen des Verfahrens: Er Muttertiere nach vier Wochen abgebrochen,
der Zukunft leisten zu können, in der die entnahm seinen Versuchsratten das Mäu- als die Schimärenembryonen gerade einmal
Ärzte erfolgreicher sind. Die Maus-Ratten, se-Pankreas und gewann daraus Hunderte ein bis zwei Zentimeter groß waren. Die
die er jetzt mit seinem Team erschaffen der kleinen Insulin-produzierenden Lan- Beimischung menschlicher Zellen darin sei
hat, sollen den Weg dorthin ebnen. gerhans-Inseln. Diese transplantierte er auch nur sehr gering gewesen. Jede 100 000.
„Schimären“ lautet das Zauberwort, un- dann in zuckerkranke Mäuse und wies Zelle erwies sich als menschlichen Ur-
ter dem diese Form der Forschung läuft. nach: Ihr Diabetes war geheilt. sprungs – und selbst das klappte nur bei ei-
Es ist ein Begriff, dem Magie anhaftet. Seit Irgendwann, so hofft Nakauchi, wird es nem der vier getesteten Stammzelltypen.
je haben diese Mischwesen die Fantasie auf ähnliche Weise möglich sein, Men- Trotzdem glaubt Izpisúa Belmonte, der
beflügelt. Ein 35 000 Jahre alter Löwen- schenorgane in Schweinen, Schafen oder Verwirklichung eines großen Traums einen
mensch aus dem süddeutschen Lonetal gilt Rindern zu züchten. Herz-, Nieren- und großen Schritt näher gekommen zu sein:
als eines der ältesten Kunstwerke der Lebermangel der Transplantationsmedizin des Traums vom Menschenherzen aus dem
Menschheitsgeschichte. Später bekam er wären dann Vergangenheit. Schweinestall. Er kann sich noch gut an das
Gesellschaft von einem ganzen Bestiarium Vorsichtig hat Nakauchi deshalb begon- Gespräch erinnern, das für ihn den Aus-
aus Zentauren, Sphinxen, Greifen, Wer- nen, sich aufs Terrain des Menschlichen schlag gab. Einem Kollegen gegenüber hat-
wölfen und Meerjungfrauen. In Homers vorzutasten. In Schafembryonen, erzählt te er von der Vision geschwärmt, Menschen-
„Ilias“ taucht Chimaira höchstpersönlich er, habe er menschliche Stammzellen ein- organe im Tierkörper zu züchten. Dazu
auf. Der Dichter beschreibt sie als Feuer geschleust. Noch allerdings integrierten müsse er nur wissen, ob menschliche Zellen
speiendes Ungeheuer, „vorn ein Löw’, und sich diese schlecht. Es sei zu früh, Ergeb- auch in Schweineembryonen gedeihen kön-
hinten ein Drach’, und Geiß in der Mitte“. nisse zu verkünden. nen. Die Antwort dieses Kollegen hat Izpi-
All das waren Hirngespinste. Jahrtau- Nakauchi spricht ungern über diese Ex- súa Belmonte nicht vergessen: „Er sagte:
sendelang wurden Schimären nur in den perimente, denn er weiß: Schnell regen ,Das wirst du nur erfahren, wenn du die
Köpfen geboren – bis vor gut 40 Jahren sich Ängste, dem Labor könnten sprechen- Ärmel hochkrempelst und es ausprobierst.‘“
Biotechnologen erstmals versuchten, reale de Schweine oder zweibeinige Schafe ent- Das hat Izpisúa Belmonte nun gemacht.
Mischwesen aus verschiedenen Säugetie- springen. Widerstand ist er aus Japan ge- Verschiedene menschliche Stammzellty-
104 DER SPIEGEL 5 / 2017
Pdx1-Gen
Organe aus dem
Schweinestall 1 Die befruchtete Eizelle
Wie in Tieren gezüchtete mensch- Eizelle eines Schweins wird präpariert:
liche Organe Patienten helfen könnten; Mithilfe von Genome Editing
Beispiel Bauchspeicheldrüse wird das Pdx1-Gen inaktiviert,
das die Bildung der Schweine-
Bauchspeicheldrüse (Pankreas)
steuert.

7 … und einem Diabetiker implantiert.


In seinem Körper übernehmen sie die
2 Die Eizelle Regulierung des Blutzuckerspiegels.
teilt sich und In ähnlicher Weise könnten durch
entwickelt die Deaktivierung anderer Steuer-
sich zu einer gene auch andere Menschenorgane
sogenannten im Schwein gezüchtet und dann
Blastozyste. Patienten transplantiert werden.

6 Aus der Bauchspeichel-


drüse der Schimäre werden
die Insulin-produzierenden
Langerhans-Inseln
gewonnen …

Blastozyste
im Querschnitt

3 In die Blastozyste
werden pluripotente
DE PO S I TPH OTO S ; WIK IME DI A

menschliche Stamm-
zellen injiziert. Diese
enthalten das Pdx1-Gen.

4 Die von menschlichen Zellen besiedelte


Blastozyste wird einer Sau implantiert. Im
Embryo entwickeln sich die Stammzellen zu
menschlichen Pankreaszellen. 5 Das Ferkel wird als Schimäre geboren,
als Tier mit einem menschlichen Organ.

DER SPIEGEL 5 / 2017 105


Wissenschaft

pen hat er getestet, mal hat er sie zu einem Ob allerdings Experimente, die bei verstrichen, um Mutationen anzusammeln,
früheren, mal zu einem späteren Zeitpunkt Maus und Ratte klappen, auch bei Mensch die eine Kommunikation der Zellen er-
der Entwicklung in den Wirtsorganismus und Schwein funktionieren werden, ist schweren könnten. Es ist, um im Vergleich
injiziert. Meist nahm er dabei Schweine-, ungewiss. Die Uhr der Entwicklung tickt zu bleiben, als redete ein Schwede mit
ein paarmal auch Rinderembryonen. in beiden Arten unterschiedlich. Ein Ferkel einem Niederländer: Ein paar Wortfetzen
Die „Cell“-Veröffentlichung lässt erken- wird nach 115-tägiger Trächtigkeit geboren, schnappen sie zwar auf, der Sinnzusam-
nen, mit welcher Entschlossenheit sein ein menschlicher Organismus braucht menhang jedoch geht oft verloren.
Team ans Werk geht. Knapp 1500 schimä- neun Monate, sich auszubilden. Gehor- Einen Weg gäbe es, die evolutionäre Dis-
rische Embryonen wurden in Sauen ein- chen die Zellen einem inneren Taktgeber, tanz zu verkürzen: Statt Schweinen könn-
gepflanzt, 186 von ihnen wuchsen an. oder vermögen sie ihr Entwicklungstempo ten die Forscher einen näheren Verwand-
Solch eine Massenproduktion von Schimä- der artfremden Umgebung anzupassen? ten des Menschen wählen. Das allerdings
ren erfordert den Zugriff auf eine große Noch wissen die Forscher es nicht. ist den Wissenschaftlern allzu heikel: Pri-
Zahl von Tieren. Deshalb kooperieren die Hoffnung gibt ihnen ein Befund, den maten, da sind sie sich einig, sind bis auf
Forscher des Salk Institute neuerdings mit Nakauchi bei seinen Maus-Ratten festge- Weiteres tabu.
dem Massentierhalter Agropor in Izpisúa stellt hat: Zumindest was die Größe eines Die Bioethikdebatte über die Frage, wel-
Belmontes Heimatland Spanien. Organs betrifft, scheinen die Zellen er- che Art von Schimärenbildung zulässig
Die Forscher haben auch schon Pläne, staunlich anpassungsfähig zu sein. Das Pan- sein soll, mutet mitunter befremdlich an.
wie es weitergehen soll. Denn sie kennen kreas der Schimären bestand zwar aus Viele befällt bei der Vorstellung von Misch-
mittlerweile ein Verfahren, mit dem sie Mäusezellen, seine Größe jedoch war die wesen aus dem Labor ein diffuses Unbe-
die Ausbeute von Menschenzellen in den einer Ratte. In dem artfremden Wirtstier hagen. Doch fällt es oft schwer, genau zu
Schimären steigern und ihre Entwicklung war das Organ auf das Zehnfache seiner sagen, was daran so verwerflich sei.
lenken könnten. Nakauchis Maus-Ratten natürlichen Größe angeschwollen. Eine Sorge immerhin lässt sich benen-
beweisen, wie erfolgreich diese Strategie Die größte Herausforderung bei der nen: Die Kritiker befürchten, dass mensch-
sein kann. Schimärenbildung aber besteht darin, die liche Nervenzellen im Gehirn der Schi-
Bevor er Mausstammzellen in mären landen könnten. „Das
die Rattenembryonen injizierte, Schreckgespenst von einer intel-
schaltete er in diesen ein Gen na- ligenten Maus, die im Käfig sitzt
mens Pdx1 ab. Es dient während und schreit: ,Ich will hier raus!‘,
der Embryogenese als Schalter, finden viele Leute sehr beunru-
der die Entwicklung der Bauch- higend“, konstatierte der NIH-
speicheldrüse einleitet. Fehlt Ethiker David Resnik.
Pdx1, so entstehen Tiere, denen Den Forschern selbst scheinen
dieses Organ fehlt. solche Ängste unbegründet. „So-
Im Rattenkörper bleibt eine lange die Beimischung mensch-
Nische offen, die von den zu- licher Zellen gering bleibt, ist
geführten Mäusezellen besie- eine Veränderung kognitiver
delt werden kann. Dabei wer- Eigenschaften extrem unwahr-
den zelluläre Alleskönner ein- scheinlich“, meint Nakauchi.
gesetzt, die grundsätzlich die Doch auch er weiß: Über-
Fähigkeit besitzen, jede belie- raschungen sind möglich. Das
bige Körperzelle auszubilden. zeigt ein Experiment, das Neu-
TOMOYUKI YAMAGUCHI

Bevorzugt aber schlagen sie robiologen an der University of


jenen Entwicklungspfad ein, der Rochester im Bundesstaat New
den Zellen ihres Wirts verwehrt York durchgeführt haben. Das
ist. Das Ergebnis ist ein Tier, in Gehirn von neugeborenen Mäu-
dem sich überall verstreut Mäu- Versuchstiere aus dem Nakauchi-Labor*: Ratte mit Mäuseorgan sen besiedelten sie mit Vor-
sezellen finden, in dem aller- läufern menschlicher Gliazellen.
dings das Pankreas vollständig aus Mäu- evolutionäre Distanz zweier Arten zu Dann stellte sich heraus, dass die so ent-
segewebe besteht. überbrücken. Die beiden Nager Mus mus- stehenden Schimären ein auffällig gestei-
Im Fall der Bauchspeicheldrüse funktio- culus und Rattus norvegicus sind durch gertes Gedächtnis besaßen.
niert diese Methode gut, weil die Forscher rund 20 Millionen Jahre Evolution ge- Solche Effekte möchten Nakauchi und
mit Pdx1 ein machtvolles Steuergen ken- trennt. In einer solch langen Zeit hat sich Izpisúa Belmonte bei ihren Mensch-Tier-
nen. Bei anderen Organen ist die geneti- das chemische Vokabular, mit dessen Hil- Kreationen auf jeden Fall vermeiden. Des-
sche Regulierung komplizierter, doch fe die Zellen sich verständigen, merklich halb wollen sie mit genetischen Schaltern
hoffen Nakauchi und seine Mitstreiter, das verändert. Ihr Aufeinandertreffen lässt den Entwicklungspfad hin zu Nervenzellen
Verfahren abwandeln zu können. Es ge- sich vergleichen mit dem Gespräch eines blockieren. „Wir sind sehr zuversichtlich,
lang ihnen bereits, Mäuse mit Ratten- Schwaben mit einem Sachsen: Zur Not dass wir auf diese Weise verhindern kön-
thymus zu kreieren, bei der Niere glaubt verstehen sie sich, auch wenn es manch- nen, dass menschliche Neuronen ins Ge-
sich Nakauchi auf einem guten Weg, mal schwerfällt. hirn der Schimären gelangen“, sagt Izpisúa
und auch bei Lunge und Leber, sagt er, Der Abgrund jedoch, der sich zwischen Belmonte.
seien die Ergebnisse vielversprechend. Mensch und Schwein auftut, ist weitaus Auch sein Kollege Nakauchi setzt da-
Sein Konkurrent Izpisúa Belmonte kann größer. Der letzte gemeinsame Vorfahr rauf, dass sich die Ängste auf diese Weise
derweil Fortschritte bei der Bildung von von Sus scrofa und Homo sapiens lebte zerstreuen lassen. „Ich hoffe, die Leute be-
Herz und Auge vorweisen. In seinem vor 95 Millionen Jahren, er war ein Zeit- greifen, dass wir nicht Monster herstellen,
Labor entstanden Mäuse, welche die genosse der Dinosaurier. Viel Zeit ist also sondern Schwerkranken helfen wollen“,
Welt – zumindest teilweise – mit Ratten- sagt der Mediziner. Johann Grolle
augen sehen. * Ratten-Maus-Schimäre, Laborratte, Labormaus. Mail: johann.grolle@spiegel.de

106 DER SPIEGEL 5 / 2017


Hoffnung für das Honigvolk Zu jeder mRNA existiert von
Natur aus eine komplementäre
Bekämpfung der Varroa-Milbe durch RNA-Interferenz RNA (dsRNA), welche die mRNA
zerstören kann. Diese dsRNA
Milbenprotein stellen die Forscher synthetisch
her. In Zuckerwasser gelöst,
wird sie von den Bienen auf-
O KA P I A

mRNA dsRNA genommen und im Bienen-


messenger- stock verteilt.
RNA (mRNA)

Die Forscher identi- Saugen Milben an einer


fizieren ein Milbenprotein, Wirtsbiene, so nehmen sie
das für den Parasiten über- die dsRNA auf. Sie gelangt
lebensnotwendig ist, zum in die Milbenzellen, wird auf-
Beispiel ein Protein des Immun- getrennt und zerstört an-
systems. Für seine Herstellung schließend die mRNA. Nun
sorgt in den Zellen der Milbe kann das überlebenswichtige
eine sogenannte messenger- Tränke Protein nicht mehr hergestellt
Varroa-Milbe (Rasterelektronenmikroskopaufnahme) RNA (mRNA). mit Zuckerwasser werden, und die Milbe stirbt.

Tatsächlich ist RNA (Ribonukleinsäure) den Zielorganismus zu überstehen. Zudem

Selbstmord
für die Forscher ein Traummolekül. Nor- ist noch nicht geklärt, wie sich RNA in so
malerweise setzt der Stoff die im Zellkern großer Menge billig herstellen lässt.
gespeicherte Erbinformation in Proteine Und ist eine Gefahr für Mensch und Um-

der Zellen
um. Doch RNA ist zu mehr zu gebrauchen. welt wirklich auszuschließen? Die US-Um-
Unter bestimmten Bedingungen kann das weltbehörde EPA prüft das Verfahren be-
Molekül Gene blockieren. reits. Die Tester erwarten keine Gefahren
Die Forscher machen sich dabei die na- für Menschen, fordern jedoch mehr Daten,
Landwirtschaft Konzerne wie türliche Zellabwehr zunutze: Tier- und um das ökologische Risiko einzuschätzen.
Pflanzenzellen zerstören die RNA fremder Karl-Heinz Kogel von der Universität
Monsanto entwickeln Pestizide, Organismen, beispielsweise die von ein- Gießen stimmt zu. „Gerade bei Sprüh-
die aus Erbgutschnipseln dringenden Viren. anwendungen muss man natürlich über-
Mithilfe dieses Mechanismus wollen die prüfen, ob andere Organismen geschädigt
bestehen. Könnten die Biosprays Monsanto-Forscher etwa Blattkäfer aus- werden“, sagt der Pflanzenexperte, der die
das Bienensterben stoppen? schalten, die laut Heck allein im Rapsan- Technik selbst erforscht. Allerdings seien
bau in Nordamerika jedes Jahr Schäden die RNA-Schnipsel extrem „spezifisch“.

D
ie Milbe heißt Varroa destructor, von etwa 300 Millionen Dollar verursa- Theoretisch sei es zwar möglich, zugleich
die Zerstörerische. Der Parasit chen. Zunächst identifizieren die Forscher jedoch „sehr unwahrscheinlich“, dass sie
krabbelt ins Bienennest und saugt dafür ein Käferprotein, ohne das der auch andere Organismen beeinflussen.
die Insekten aus. Selbst Tiere, die überle- Schädling nicht leben kann, zum Beispiel „Selbst nah verwandte Arten bleiben un-
ben, sterben häufig später an einem Viren- ein Protein des Immunsystems. Dann beeinträchtigt“, sagt auch Heck. RNA-Mo-
cocktail, den die Milbe mit sich schleppt. stellen sie ein RNA-Molekül her, das jener leküle würden zudem in der Natur inner-
Der Parasit ist nach Expertenmeinung Gensequenz des Käfers entspricht, die die- halb weniger Tage abgebaut. Auch würden
hauptverantwortlich für das Bienenster- ses überlebenswichtige Protein codiert. die Mittel einzelne Gene nur blockieren.
ben, das Imker in Sorge versetzt. Befallene Das synthetisch hergestellte RNA-Mole- „Es entstehen keine gentechnisch verän-
Völker haben kaum Überlebenschancen. kül wird vervielfältigt und auf die Pflanzen derten Organismen“, sagt der Forscher. Für
Doch nun kommt Rettung womöglich gesprüht. Nagen nun die Insekten am Raps, Menschen sei RNA ohnehin ungefährlich.
von unerwarteter Seite: Monsanto ent- nehmen sie die Erbgutschnipsel auf. In den Anders als bei Insekten seien die Moleküle
wickelt ein neues Mittel gegen die Milbe – Käferzellen löst die Fremd-RNA einen nicht imstande, den Verdauungstrakt von
ausgerechnet jene Pestizidfirma, die Um- Abwehrmechanismus aus. Sie wird zer- Säugetieren heil zu passieren.
weltschützer als „Monsatan“ verteufeln. schnitten. Weil sie jedoch exakt zu einer Werden sich Skeptiker überzeugen las-
Erbgutschnipsel, vermischt mit Zucker- Käfer-Gensequenz passt, richtet die Zelle sen? Für Monsanto ist es ein Wagnis, die
wasser, sollen die Parasiten zur Strecke brin- ihre Zerstörungskraft auch gegen sich neue Methode ausgerechnet gegen Bienen-
gen (siehe Grafik). Die Tinktur gehört zu selbst. Das überlebenswichtige Protein killer zu erproben. Imker sind auf Pestizide
einem neuen, vermeintlich sanften Typ von wird nicht mehr gebildet. Der Käfer stirbt. nicht gut zu sprechen. Vor allem die von
Pestiziden, der die Schädlingsbekämpfung „Die RNA lässt sich zielgenau auf einen Bayer hergestellten Neonicotinoide sind bei
revolutionieren könnte. RNA-Interferenz bestimmten Schädling zuschneiden“, sagt ihnen berüchtigt. Monsanto wird derzeit
heißt das Prinzip hinter der Methode, an Heck. Auch sei es denkbar, einzelne Pflan- von Bayer übernommen. Werden die Imker
der neben Monsanto auch Konzerne wie zeneigenschaften auf diese Weise zu ver- ein neues Mittel einsetzen, das von einem
Syngenta oder Bayer forschen. Statt Gifte ändern, etwa Tomaten zu besserem Ge- globalen Pestizidgiganten entwickelt wird?
wollen die Chemiker künftig Biomoleküle schmack zu verhelfen oder Äpfel vor dem Monsanto scheint darauf zu hoffen. Am
versprühen, die gezielt einzelne Gene von Braunwerden zu bewahren – einfach durch Hauptsitz der Firma in St. Louis laufen
Schadinsekten oder Unkräutern ausschalten. eine Spritzbehandlung. bereits die Feldversuche an. In fünf Jahren
„Die Technologie hat enormes Potenzial Die Forschung steht allerdings noch am könnten die ersten Bienen RNA-Zucker-
für den Pflanzenschutz“, sagt Greg Heck Anfang. Schwierig ist es, dafür zu sorgen, wasser gegen die Varroa-Milbe schlürfen.
von Monsanto. Zudem sei das Molekül völ- dass die RNA lange genug stabil bleibt, Philip Bethge
lig ungefährlich: „Wir essen ständig RNA.“ um den Weg aus dem Sprühgerät bis in Mail: philip.bethge@spiegel.de

DER SPIEGEL 5 / 2017 107


UNITED ARCHIV / PICTURE ALLIANCE / DPA
Schlacht bei Culloden (Stich von Luke Sullivan, 1747): Der Horror moderner Kriege wurde vorweggenommen

Verkehrte Welt
Geschichte Eine Schlacht im schottischen Moor entschied 1746 über das Schicksal der Großmächte.
Hätte es bei einem anderen Ausgang die Französische Revolution oder die USA jemals gegeben?

A
n einem grauen Aprilmorgen des Die Chance für ein Comeback der Stu- In seinem jüngsten Werk hat Pittock die
Jahres 1746 steht ein 25-Jähriger, arts war real: Innerhalb weniger Monate aktuelle Forschung sowie neue archäo-
den sie den „hübschen Charlie“ hatte Charles im Jahr 1745 an der alten logische Erkenntnisse über das Blutbad
nennen, übernächtigt in einer schottischen Machtbasis der Sippe, in Schottland, ein im Moor ausgewertet*. Sein Resümee: Ein
Moorlandschaft. Der junge Mann mit den furchterregendes Heer aus Clanmitglie- Triumph der Stuarts in Culloden hätte
feinen Zügen will an diesem verlassenen dern, fanatischen Katholiken und franzö- voraussichtlich die folgenschwere Revolte
Ort Geschichte schreiben – nicht ahnend, sischen Söldnern aufgestellt. In einem ers- in den amerikanischen Kolonien verhin-
wie viel wirklich von ihm abhängt. ten Vorstoß war der junge Stuart mit dieser dert, die letztlich zur Gründung der USA
Charles Edward Stuart ist ein Spross Truppe bis nahe an London vorgerückt. führte – und auch jene verheerende Fi-
jener schottisch-englischen Königsdynastie, Am 16. April 1746 stand seine Streit- nanzkrise, die Ludwig XVI. nahezu rui-
die mit der sogenannten Glorreichen Re- macht auf einer sumpfigen Wiese nahe nierte und in die Französische Revolution
volution von 1688 vom englischen Thron dem schottischen Ort Culloden einem Heer mündete.
vertrieben wurde. Nachfolger der katholi- britischer Profisoldaten in roten Röcken Die Kettenreaktion, die dieser Show-
schen Stuarts wurden die Welfen aus dem gegenüber. Was folgte, war eines der bis down in Schottland weltweit nach sich zog,
Hause Hannover, mit denen die heutigen dahin blutigsten und brutalsten Gemetzel. wurde aus Paolettis Sicht bislang jedoch
Windsors in direkter Linie verwandt sind. „Die Schlacht bei Culloden war ein Wen- gänzlich vernachlässigt. „Woher kommt
Wenig prägte die Welt des 18. Jahrhun- depunkt in der Weltgeschichte“, schreibt die Kurzsichtigkeit der Historiker in dieser
derts so tief greifend wie die Auseinander- der italienische Militärhistoriker Ciro Pao- Sache?“, wundert sich Paoletti.
setzung der deutschstämmigen Welfen- letti in der jüngsten Ausgabe der Fachzeit- Schon im Juli 1746, nur wenige Monate
könige auf dem englischen Thron mit den schrift „The Journal of Military History“. nach einem siegreichen Auftritt von Prinz
französischen Sonnenkönigen. „Wenn die Stuarts gewonnen hätten, wäre Charles in Culloden, wäre in London der
Doch was wäre geschehen, wenn die Welt heute eine völlig andere als die, neue König aus der Stuart-Dynastie ge-
Frauenschwarm „Bonnie Prince Charlie“ die wir kennen.“ krönt worden, vermutet der Forscher aus
die Macht in Großbritannien für die Sein Kollege Murray Pittock von der Italien. Damit hätte sich die labile Macht-
Stuarts zurückerobert hätte? Zwei Wissen- University of Glasgow stimmt ihm zu: „Es balance in Europa dramatisch geändert.
schaftler haben jetzt analysiert, wie radikal ist völlig klar, dass ein Sieg der Stuarts die
dies den Lauf der Geschichte verändert globale Machtbalance massiv umdefiniert * Murray Pittock: „Culloden“. Oxford University Press;
hätte. hätte“, sagt der Schotte. 224 Seiten.

108 DER SPIEGEL 5 / 2017


Wissenschaft

Denn der Welfe Georg II. war nicht nur Die Schlacht von Culloden nahm teilwei- niglichen Truppen bereits zweimal emp-
englischer König, sondern auch Kurfürst se bereits den Horror moderner Kriege vor- findliche Niederlagen beigebracht. Doch
von Braunschweig-Lüneburg (Haus Han- weg. Am Ende war das Schlachtfeld einge- dann verflüchtigte sich sein Kriegsglück.
nover); er lieferte sich eine Dauerfehde hüllt in den Pulverdampf von Feuerwaffen. Ein französisches Schiff, das den Aufstän-
mit Frankreich und unterstützte die Habs- Die Soldaten schossen mit Mörsern und dischen frisches Geld bringen sollte, war
burger Regentin Maria Theresia regelmä- Musketen aufeinander. Auch Schwerter ka- von der Royal Navy abgefangen worden.
ßig mit hohen Geldsummen und Soldaten. men noch zum Einsatz; Gliedmaßen wur- Ausgehungert schleppten sich die Anhän-
Die Stuarts hingegen hätten nach ihrer den ohne Skrupel abgeschlagen. Gedärme ger von Charles Edward durch das schotti-
Rückkehr an die Macht wahrscheinlich quollen aus den Körpern der Geschunde- sche Hochland. „Die Moral war am Boden“,
rasch einen Friedensvertrag mit ihren Un- nen. Metallsplitter aus abgefeuerten Mini- berichtet Pittock. Am Tag der Entscheidungs-
terstützern aus Frankreich geschlossen. bomben rissen ihren Opfern Wunden, die schlacht wendete sich auch noch das Wetter
Dem Frankreich-Feind Habsburg wäre um- damals kein Arzt versorgen konnte. gegen die Aufständischen. Wind hüllte die
gehend der Geldhahn zugedreht worden. Einer populären Fehldeutung zufolge Krieger Charles Edwards in eine Nebelwand
Mit unmittelbaren Folgen: Habsburg wäre traf in Culloden eine hochgerüstete engli- aus Pulverdampf und versperrte ihnen die
im Österreichischen Erbfolgekrieg alsbald sche Armee auf einen Haufen tollwütiger Sicht. Königliche Dragoner metzelten die
in die Knie gegangen; der Krieg hätte sich Kiltträger, der hoffnungslos unterlegen ge- chaotisch umherlaufenden Kiltkämpfer rei-
wohl nicht bis 1748 hingezogen. wesen sei. Laut Pittock ist das kaum mehr henweise mit dem Schwert. Verwundete wur-
„Österreich wäre durch das Ergebnis des als eine Legende: „Die Armee von Charles den von den Engländern totgeprügelt oder
Krieges so geschwächt gewesen, dass von Stuart war gut bewaffnet und ordentlich bei lebendigem Leib verbrannt. Wer den-
ihm in der Zukunft unmöglich irgendeine geführt von Offizieren, die mit den Höfen noch überlebte, zeigte bemerkenswerte Ge-
Initiative ausgegangen wäre“, folgert Pao- Europas vertraut waren.“ genwehr: Entwaffnete Stuart-Anhänger be-
letti. Mit dem Kollaps dieser europäischen Erst in jüngster Zeit stießen Ausgräber warfen die Truppen des Königs mit Steinen.
Großmacht und dem frisch gezimmerten auf Fundstücke, die belegen, dass auf dem Manche Schottenkrieger waren laut Pit-
Bündnis zwischen England und Frankreich Schlachtfeld in Wahrheit Waffengleichheit tock allerdings so übermüdet, dass sie den
wäre wahrscheinlich ein weiterer, welt- bestand. So fanden Archäologen den roten größten Teil der Schlacht verschliefen; sie
umspannender Konflikt erst gar nicht ent- Uniformrock eines englischen Offiziers, der erwachten erst in jenem letzten Moment,
brannt: der Siebenjährige Krieg, in dem von Kugeln durchlöchert war. Zudem ver- als sie vom Feind gemeuchelt wurden.
unter anderem Preußen und Großbritan- setzten die schottischen Krieger die wohl- Dem Schönling Prinz Charlie gelang in-
nien gegen Österreich, Russland und geordneten Verbände ihrer Gegner mit dem des die Flucht. Verkleidet als Zofe, rettete
Frankreich in die Schlacht zogen. „Highland charge“ (Highland-Angriff) in sich der geschlagene Thronanwärter der
„Ohne den Siebenjährigen Krieg wiede- Furcht und Schrecken: Erst feuerten die Stuarts auf einem Schiff nach Frankreich.
rum“, glaubt Paoletti, „wäre nicht nur Ka- Clankrieger eine Musketensalve auf die geg- Doch auch der schmähliche Abgang täuscht
nada im Besitz Frankreichs verblieben, nerische Armee ab, um einen Gegenangriff kaum darüber hinweg, dass die Weltge-
sondern sämtliche seiner Kolonien in Nord- zu provozieren. Während die feindlichen schichte 1746 nur knapp an einer funda-
amerika.“ Die folgenreiche Revolte auf- Verbände dann umständlich ihre Musketen mentalen Wendung vorbeigeschrammt ist.
gebrachter Amerikaner gegen die britische nachluden, schlugen die Hügelkämpfer zu: Ach richtig, sagt Pittock, eine Kleinig-
Krone, die 1776 zur Unabhängigkeitserklä- Mit lautem Gebrüll rannten sie auf die keit wäre da noch: Hätte Charles Edward
rung führte, hätte es dann nie gegeben. feindlichen Linien zu und hackten im Nah- Stuart gewonnen, wäre der Welt wohl
„Denn ohne den Siebenjährigen Krieg kampf mit Schwertern auf ihre Opfer ein. auch ein US-Präsident Donald Trump er-
hätten die Briten ihre immensen Militär- Im September 1745 und im Januar 1746 spart geblieben. Frank Thadeusz
ausgaben nicht durch eine immer höhere hatte das Heer des jungen Stuart den kö- Mail: frank.thadeusz@spiegel.de
Besteuerung ihrer amerikanischen Kolonie
hereinholen müssen“, analysiert Paoletti.
Ohnehin wäre seiner Argumentation fol-
Unwucht der Macht
gend Frankreich die stärkste Kolonial- Das labile Gleichgewicht der Kräfte in Europa
Culloden Mitte des 18. Jahrhunderts*
macht auf dem Kontinent geblieben. Sein Route der Aufständischen
Fazit: „Es ist anzunehmen, dass es heute um Charles Edward Edinburgh Sankt Petersburg
keine Vereinigten Staaten geben würde. Stuart in den KAISERREICH
Als Hauptsprache in Nordamerika würde Jahren 1745/46 KGR KGR RUSSLAND
Französisch gesprochen.“ GROSS- KFSM PREUSSEN
Wohl auch ein weiteres Großereignis BRITANNIEN HANNOVER
Derby
des 18. Jahrhunderts hätte es nie gegeben:
„Ohne den militärischen Wettlauf mit London Hannover Berlin
Großbritannien wäre Frankreich nicht in
eine Finanzkrise geraten und die Revolu-
tion von 1789 weit unwahrscheinlicher ge- Paris
wesen“, glaubt der Schotte Pittock – und
er folgert: „Napoleon hätte es dann natür- KGR Wien
lich ebenfalls nicht gegeben.“ FRANKREICH
HABSBURGER-
All diese plausiblen Historikerspekula- MONARCHIE
tionen setzen voraus, dass der kühne Prinz
„Bonnie Charlie“ im Regen von Culloden
die Armee von König Georg II. bezwungen KGR
hätte; bekanntlich kam es anders. Hatte SPANIEN verbündet verfeindet
Madrid
der Thronanwärter aus dem Hause Stuart KGR: Königreich; KFSM: Kurfürstentum
mit seiner zusammengewürfelten Truppe *Bündnisbeziehungen 1746, Grenzen nach Ende des österreichischen Erbfolgekrieges 1748
tatsächlich eine Chance auf den Sieg?
Dinosaurier bei Meteoritenschauer am Ende der Kreidezeit (Illustration)

In tropischen Gefilden, wo sich die


Urechsen am wohlsten fühlten, war der Ef-
fekt sogar noch stärker. In manchen Ge-
bieten, die es in der guten alten Zeit im
Durchschnitt auf plus 27 Grad Celsius
brachten, betrug die Temperatur nun
durchschnittlich minus 22 Grad Celsius.
Wie durch einen bösen Zauber war
Dinoland im Permafrost erstarrt. Und den-
noch dürften nur wenige Dinosaurier tat-
sächlich erfroren sein. Wer nicht schon
gleich nach dem Einschlag verbrannt, er-
trunken oder erschlagen war, der war zu
diesem Zeitpunkt längst verhungert.
Mindestens so lebensfeindlich wie die
Kälte war nämlich der Umstand, dass es
auf Erden kein Licht mehr gab. Nur ein
Jahr nach dem Einschlag war die ganze
Welt permanent in Finsternis gehüllt. Die
Sonne war zur Funzel am Himmel gewor-

SCIENCE PHOTO / PICTURE ALLIANCE / DPA


den, in der dunkelsten Phase kamen nicht
einmal zwei Prozent der früheren Licht-
menge unten auf der Oberfläche an.
„Die Pflanzen konnten einige Jahre lang
kaum Fotosynthese betreiben“, sagt Brug-
ger. Ganze Wälder mit ihren Palmen und
großblättrigen Bäumen gingen zugrunde.
Der Tod wanderte durch alle Nahrungs-
ketten, erst starben die Pflanzen-, dann
die Fleisch- und schließlich die Aasfresser.

Funzel am Himmel
Immerhin, nach sieben Jahren, so glaubt
die Forscherin, war der Spuk zumindest teil-
weise vorüber. Die Sonne tauchte wieder
auf und schien so hell wie zuvor. Nach rund
Naturkatastrophen Eine Potsdamer Klimaforscherin hat die 30 Jahren wurde es sogar wieder so warm
wie zuvor.
letzten Tage der Dinosaurier rekonstruiert: Nach einem Doch es scheint keinen Dino mehr ge-
Meteoriteneinschlag sind sie verbrannt, verhungert oder erfroren. geben zu haben, dem das noch etwas hätte
nützen können. Nahezu 165 Millionen Jah-

A
n manchen Tagen geht einfach Schon die ersten Stunden nach dem De- re lang hatten Tyrannosaurus Rex und Co.
alles schief –  doch selten kommt saster waren für alles damalige Getier le- die Landmassen des Planeten beherrscht –
das Pech so knüppeldick wie am bensgefährlich, die folgenden Monate und und fast mit einem Schlag war ihre Regent-
Schicksalstag der Dinosaurier vor circa Jahre aber nicht weniger. Wie elend die schaft aus und vorbei.
66,04 Millionen Jahren. letzten Tage der übrig gebliebenen Dino- Auf Erden war es nun erst einmal leer
Damals öffnete sich jäh der Himmel. Ein saurier gewesen sein müssen, hat jetzt eine und leise. Farne wucherten, sonst gab es
Klumpen aus dem All – Durchmesser: junge Forscherin am Potsdam-Institut für wenig. Rund 75 Prozent aller Tier- und
rund 15 Kilometer – zischte mit fast 60-fa- Klimafolgenforschung nachgezeichnet. Pflanzenarten hatten in der Krise ihr Ende
cher Schallgeschwindigkeit einem tropi- Die Physikerin Julia Brugger, 27, hat be- gefunden, darunter die Ammoniten in
schen Flachmeer entgegen. kannte Daten zum damaligen Meteoriten- den Meeren und die Flugsaurier in den
Einschlag. einschlag in ein Klimamodell ihres Instituts Lüften.
Wäre der Meteorit etwas weiter geflo- eingearbeitet, das sie für die Zustände am Unter horrenden Verlusten und mit Ach
gen, würden die Dinosaurier vielleicht Ende der Kreidezeit adaptiert hat. Am und Krach hatten vor allem kleinere Land-
heute noch leben; so aber krachte er da, Rechner kann die Doktorandin nun sehen, tiere überlebt, die nicht so viel Nahrung
wo jetzt der Golf von Mexiko liegt, ausge- wie sich der Einschlag auf Atmosphäre und brauchten: Insekten und Amphibien etwa,
rechnet in einen Untergrund, der prallvoll Klima auswirkte – und wie atemberaubend aber auch Vögel (die anders als die Flug-
war mit Schwefelmineralen. Die Folge war schnell die Welt der Dinos zum Teufel ging. saurier allesamt direkt von den Dinosau-
nichts Geringeres als der Weltuntergang, In dem Szenario, das Julia Brugger für riern abstammen). Auch die zu dieser Zeit
ein Instant-Inferno, das sich in grausigen das wahrscheinlichste hält, lag die globale noch winzigen Säugetiere, manche davon
Kaskaden entspann. Durchschnittstemperatur am Vorabend des spitzmausartig, waren irgendwie davonge-
Eine Explosion zerriss die Luft, so ge- Einschlags bei warmen 18,9 Grad Celsius kommen. Hätten die Dinosaurier damals
waltig, als zündeten eine Milliarde Atom- (vier Grad höher als heute). Jetzt aber folg- das Feld nicht unfreiwillig geräumt, so
bomben gleichzeitig. Gigatonnen von te ein apokalyptischer Temperatursturz. Im gäbe es heute vermutlich niemanden, der
Staub schossen in die Stratosphäre. Erd- Jahr drei nach dem Einschlag, so berichtet diese Zeilen hätte lesen oder schreiben
bebenschwärme zermalmten den Grund. Brugger als Leitautorin im Fachblatt „Geo- können.
Riesentsunamis peitschten über das Was- physical Research Letters“, war die mittlere In der Forschung wird immer noch dis-
ser, Feuerstürme und mörderische Druck- Temperatur bis auf minus 8 Grad Celsius kutiert, ob der Meteoriteneinschlag der
wellen jagten über das Land. gefallen. einzige Grund für das Massensterben war.
110 DER SPIEGEL 5 / 2017
Wissenschaft

Ein extremer Vulkanismus, vielleicht sogar


über mehrere Millionen Jahre hinweg,
könnte beim Untergang der Dinosaurier
ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Julia
Bruggers Arbeit beendet diese Kontrover-
se nicht. „Unsere Simulationen haben aber
gezeigt“, sagt sie, „dass die Klimaeffekte
des Einschlags zusammen mit der Dunkel-
heit entscheidend waren für das weltweite
Massensterben.“
Das Teuflische an diesem Meteoriten
waren eben nicht nur seine Größe und Ge-
schwindigkeit, er schlug auch noch an ge-
nau der falschen Stelle ein. „Es hätte Orte
gegeben, wo es nicht so schlimm gekom-
men wäre“, sagt Brugger.
In Flachmeeren häufte sich über die
Jahrtausende Schicht um Schicht Schwefel
in Form von Sulfaten an. Als der Meteorit
zu Boden ging, riss er nicht nur einen Kra-
ter von 180 Kilometer Durchmesser und
30 Kilometer Tiefe. Bei der Explosion ver-
dampften zudem mindestens hundert Mil-
liarden Tonnen Schwefel.
Eine überregionale Großkatastrophe
wäre der Meteoriteneinschlag auf jeden
Das Nachrichten-Magazin
Fall geworden – der Schwefel aber machte
ihn vollends zum planetaren Fiasko.
In der Luft bildet Schwefel zusammen
mit Wasserdampf ein Aerosol – ein
Schwebteilchen von nur wenigen tausends-
für Kinder.
tel Millimeter Größe. Hoch oben in der
Atmosphäre entfalten solche Aerosole eine
verheerende Wirkung, denn sie reflektie-
ren das Sonnenlicht in den Weltraum. Bei
ausreichender Dichte lassen sie so gut wie Jetzt testen:
gar keine Wärmestrahlung mehr durch, „Dein SPIEGEL“ digital
und genau dies ist damals laut Julia Brug-
gers Klimasimulation innerhalb kürzester Mehr Infos unter
www.deinspiegel.de/info
Zeit geschehen. Es waren die Aerosole,
welche die vernichtende Kälte über die
Erde brachten.
Die damalige Atmosphäre war nach
dem Einschlag auf einmal ein dreckiger
Ort. Auch Staub und anderer Auswurf der
Explosion verdüsterten die Erde, ähnlich
wie der Fallout nach einem Atomkrieg ei-
nen „nuklearen Winter“ verursachen wür-
de. Spätestens nach wenigen Monaten, so
nehmen Forscher an, dürfte der Staub aber
größtenteils wieder aus der Atmosphäre
verschwunden gewesen sein. Er erklärt
nicht, warum der Meteorit ein solches Ar-
mageddon verursachen konnte.
Die Schwefel-Aerosole hingegen blieben
länger in der Luft – zwei Jahre lang, viel-
leicht sogar ein ganzes Jahrzehnt. Dass am
Ende des Dramas nur drei Viertel aller Ar-
ten ausgerottet waren, das kann unter die-
sen Umständen schon fast als glimpflicher
Verlauf gelten. Marco Evers
Mail: marco.evers@spiegel.de

Animation:
Eiskalte Erde
spiegel.de/sp052017dinosaurier
oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 5 / 2017 111


„Dear Ivanka“-Instagram-Aktion
der Gruppe Halt mit Fotomontage
von Kanye West als Trump,
Shia LaBeoufs Videoinstallation

Protestkunst
Blondes Gift
Der neue amerikanische Prä-
sident mobilisiert den Kultur-
betrieb – als ernst zu nehmen-
des Feindbild. Wichtige Mu-

#HEWILLNOTDIVIDEUS
seen der USA haben bereits
angekündigt, aktuelle Protest-
schilder von den weltweiten
„Frauenmärschen“ in ihre
Sammlungen aufzunehmen.
Bei den Demonstrationen wa- Shia LaBeouf ließ vor einem hen und hören will, richten West gilt als Fan des Politi-
ren auch die jüngsten Plakate New Yorker Museum eine Ka- sich einige Künstler gleich an kers. Gleich neben dieser gif-
des bekannten Illustrators mera installieren, in die jeder, seine Tochter. „Dear Ivanka“ tigen Persiflage ist ein unver-
Shepard Fairey zu sehen, sie der will, den Satz „He will heißt die Aktion der Künstler- fälschtes Foto zu sehen, das
zeigen zu der Zeile „Wir, das not divide us“ („Er wird uns gruppe Halt, die gern neue verängstigte Kinder in Alep-
Volk“ etwa muslimische Frau- nicht spalten“) hineinspre- Fakten schafft. Über Insta- po zeigt. So sieht die welt-
en mit Sternenbanner-Kopf- chen kann. Die ganze Welt gram verbreitet sie eine Foto- politische Realität aus, die es
tüchern. Wie Donald Trump kann sich das live im Internet montage, die den dunkelhäu- zu bedenken gibt. Auch das
nutzen auch seine Gegner ansehen, vier Jahre lang. Für tigen Sänger Kanye West mit eine ernste Botschaft an die
alle Kanäle. Der Schauspieler den Fall, dass Trump nicht se- blonder Trump-Tolle zeigt; „liebe Ivanka“. uk

Theater Mitternacht zu. Ist dieser In einem Roman kann man nenautor. Im Stück stellt der
„Wer sterben will, Countdown ein Sinnbild für das nicht. Polizist die surrealistische
SPIEGEL: Im Stück heißt es
ist unaufhaltsam“ den Zustand der Welt?
Kehlmann: Ich glaube nicht über terrorbereite Islamisten:
Frage: „Gibt es uns wirklich?“
Kehlmann: Ich glaube, ich
Der Schriftstel- an den Weltuntergang, auch „Die Wahrheit ist, dass wir werde nie Realist sein. Schon
ler Daniel Kehl- jetzt nicht, obwohl der Um- vollkommen machtlos sind mein erstes Stück „Geister
mann, 42, über stand, dass Donald Trump gegen Menschen, die bereit in Princeton“ hatte viele
ULLSTEIN BILD

sein Stück „Hei- Gewalt über Atomwaffen hat, sind zu sterben.“ Entspricht surrealistische Momente. In
lig Abend“, das nicht gerade beruhigend ist. dies Ihrer Weltsicht? meinem zweiten Stück „Der
am Donnerstag Meine Uhr im Stück ist eine Kehlmann: Ja, ich glaube, dass Mentor“ hält eine Figur am
im Wiener Theater in der Josef- echte Uhr, kein Sinnbild. es eine einfache Wahrheit ist, Anfang eine Rede, von der
stadt uraufgeführt wird Ich war immer fasziniert von die man nicht gern ausspricht: später erklärt wird, dass er sie
Filmen wie „High Noon“, Ein Mensch, der bereit ist nie gehalten hat. Aber was die
SPIEGEL: Herr Kehlmann, Ihr die in Echtzeit stattfinden, zum Sterben, ist unaufhalt- Frage des Polizisten angeht,
neues Stück ist ein Verhör. wo also jede Minute auf sam. Gegenüber Menschen, da macht er sich einfach über
Ein Polizist befragt am 24. De- der Leinwand genau einer die zum letzten Opfer bereit die Frau, die er verhört, lustig.
zember eine Professorin we- Minute in Wirklichkeit sind, sind die anderen hilflos. Sie ist Philosophieprofessorin,
gen eines möglichen Terror- entspricht – und so etwas SPIEGEL: Sie gelten eigentlich und er meint, dass er sie auf
anschlags. Eine Uhr tickt auf wollte ich auch versuchen. als streng realistischer Büh- diese Art verunsichern kann.

112 DER SPIEGEL 5 / 2017


Kultur
Kino dringt ein Fremder in die Nils Minkmar Zur Zeit
Ehekrimi Wohnung ein, überrascht

Der plötzliche Riss, der


Rana im Bad und fügt ihr
eine blutende Kopfverletzung
Alternative Fakten
Knacks, der unvermittelt das zu. Über die genauen Um- Zwei Tage nach der Amtseinführung hat
Weltvertrauen der Menschen stände des Kampfs, ob sie die Regierung von Donald Trump
zerstört, ist das große Thema vergewaltigt wurde, darüber ihre eigentliche Regierungserklärung
des iranischen Regisseurs schweigt Rana, auch gegen- abgegeben. Vorgetragen wurde sie
Asghar Farhadi, der mit dem über ihrem Mann. Das stei- nicht vom Präsidenten, sondern von
Beziehungsfilm „Nader und gert noch dessen Zorn. Emad seiner Beraterin Kellyanne Conway.
Simin – Eine Trennung“ aus macht sich auf die Suche nach Sie nahm in einem Fernsehinterview
dem Jahr 2011 weltberühmt dem Fremden und spürt ihn Stellung zu dem Vorwurf, der Presse-
wurde und viele Preise ge- schließlich auf. Mit psycholo- sprecher des Weißen Hauses habe gelo-
wann. Farhadis neuer Film gischem Feinsinn zeigt der Re- gen, als er die Zahl der Zuschauer bei der Amtseinfüh-
The Salesman ist ein Krimi, gisseur Farhadi die Entfrem- rung Trumps als die größte je bei einer Amtseinführung
der in Teheran spielt. Der dung, die dem Liebespaar im gemessene bezeichnete. Das war nachweislich falsch.
Lehrer Emad (Shahab Hossei- Zentrum des Films zu schaf- Conway sagte also, während sie selbstbewusst ihre Haare
ni) und seine Frau Rana (Tara- fen macht, und sehr spannend hinter die Schulter strich, der Sprecher habe „alternative
neh Alidoosti) arbeiten in lässt er seine Geschichte auf Fakten“ präsentiert. Conway meinte damit nicht, dass sie
ihrer Theatergruppe an einer einen grotesken, erschüttern- verlässliche Zahlen aus einer anderen, alternativen Quel-
Aufführung von Arthur den Showdown zusteuern. le habe. Sie verwies auch nicht auf eine mögliche andere
Millers „Tod eines Handlungs- Völlig zu Recht wurde „The Zählweise, etwa unter Berücksichtigung von Livestream-
reisenden“, als sie in eine ir- Salesman“ vor ein paar Ta- Zuschauern. Es war ihr – und die Geste mit den Haaren
gendwie unheimliche neue gen für den Oscar in der Kate- unterstreicht es – wichtig, einen Begriff zu lancieren, der
Wohnung ziehen. Die Frau, gorie „Bester ausländischer offenkundig ein Synonym für Lüge ist. Ja, es war sogar
die vorher dort gewohnt hat, Film“ nominiert, wo er unter wichtig, dass es ein lächerlicher Begriff ist. Die folgende
so deuten die Nachbarn an, anderem gegen Maren Ades Welle an Witzen war exakt in ihrem Sinne. Trump und
war eine Hure. Eines Abends „Toni Erdmann“ antritt. höb seine Leute wissen genau, was sie da tun: Es geht nicht
um die Verbreitung falscher Informationen zur Beeinflus-
sung der öffentlichen Meinung, sondern um den offen-
kundigen Akt des Lügens.
Der französische Historiker Patrick Boucheron hat die-
se Strategie unlängst überzeugend analysiert. Er unter-
suchte die Kategorie des politischen Clowns – in die er
neben Trump noch Boris Johnson und Silvio Berlusconi
einordnet. Schon optisch, so Boucheron, verwirren diese
Männer unsere Kategorien. Das beginnt bei einer Frisur,
die so sehr einer Perücke ähnelt, dass der Akt der Ent-
tarnung, also zu rufen, das sind ja gar nicht seine echten
Haare, obsolet wird. Es gibt nichts zu karikieren oder zu
entlarven, wenn das wahre Gesicht schon die Maske ist.
PROKINO

Nichts ist dem peinlich, der selbst schon die größte Pein-
lichkeit verkörpert. Es hat keinen Sinn mehr, eine Lüge
Alidoosti, Hosseini in „The Salesman“ zu benennen, wenn sie selbst schon als solche geäußert
wird. Ist das nun traurig oder komisch? Wahr oder falsch?
Das Publikum wird in einem Zwischenreich des Halbdun-
kels gehalten, jenem Chiaroscuro, in dem, so heißt es, die
SPIEGEL: Sie haben sich 2009 in gibt es keine wirkungsmächti- historischen Monster gedeihen. Immerzu schwankt der
einer heute berühmten Salz- ge linke Politik, und das Regie- Betrachter zwischen Gelächter und Furcht und wird doch
burger Rede gegen die Moden theater ist wirklich kein guter gebannt, weil wir uns gern gruseln.
des deutschsprachigen Regie- Ersatz dafür. Abgesehen von Mit „alternative facts“ wird eine einzige, aber wesent-
theaters gewandt und dafür dieser Formulierung, die teil- liche Aussage getroffen: dass man es kann. Lügen, sich
Zustimmung, aber auch viel weise mit Absicht missverstan- grotesk benehmen – Hauptsache, jemand sieht hin. Die
Schelte bekommen. Bereuen den wurde: nein. Ich würde Verbreitung alternativer Fakten ist ein Wesensmerkmal
Sie etwas an Ihrer Polemik? nichts zurücknehmen. Aber der extremen Rechten. Sie wurden zur scheinbaren Be-
Kehlmann: Nur einen Satz wür- darauf hinweisen wollen, dass gründung von Kriegshandlungen und Verbrechen heran-
de ich heute anders formulie- diese Rede nichts mit meiner gezogen. Später auch, um sie zu leugnen. Wichtig ist die
ren. Ich hatte gesagt, das Re- Tätigkeit als Dramatiker zu dahinterliegende Verachtung für diskursive Verfahren.
gietheater sei in Deutschland tun hat. Ich könnte mit der Nur das Recht des Stärkeren gilt. Wer mit alternativen
die letzte Schrumpfform lin- Rede recht haben und schlech- Fakten anfängt, untergräbt gezielt die bürgerliche Öffent-
ker Politik. Einige haben das te Stücke schreiben, oder ich lichkeit, die Verständigung über die Sache, die Suche
so verstanden, als hätte ich könnte unrecht haben und nach der besseren Lösung mithilfe wissenschaftlicher Er-
gemeint, dass es gottlob keine gute Stücke schreiben. Ich kenntnisse und empirischer Fakten. Und damit das We-
linke Politik mehr gebe, nur glaube, die Stücke beweisen sen der offenen Gesellschaft.
noch im Regietheater. Was ich nicht die Rede, und die Rede
gemeint hatte, war: Leider widerlegt nicht die Stücke. höb An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 5 / 2017 113


Kultur

„Das Monster ist in uns“


SPIEGEL-Gespräch Kaum eine Schauspielerin kann Abgründe so darstellen wie sie:
Isabelle Hupperts neuer Film „Elle“ erzählt von einer Vergewaltigung, von
Rache und Moral, von Macht und Unterwerfung – und das auf atemberaubende Weise.
Für „Elle“ ist Huppert, 63, als beste jede Szene, jede Episode entwickelt sich ratur. Im Film muss man den untergründi-
Hauptdarstellerin für einen Oscar no- ohne vorgefasstes Konzept. Es gab bei den gen Kräften der Handlung und der handeln-
miniert. Die französische Schauspie- Dreharbeiten zu „Elle“ keine vom Dreh- den Personen freien Lauf lassen. Kino ist
lerin verkörpert eine geschiedene buch vorgeschriebene Anweisung, sondern an der Oberfläche etwas sehr Genaues und
Frau in ihren Vierzigern, eine erfolgrei- nur die reine Zweideutigkeit, den absolu- Perfektes, weil es auf die Form ankommt.
che Unternehmerin, der gleich zu Be- ten Mehrsinn. Ich habe nie eine klare Vor- Die Kunst der Inszenierung besteht in der
ginn ein Drama widerfährt: Sie wird stellung von dem Charakter, den ich ver- Passpräzision des Rahmens. Aber darunter
daheim in Paris von einem maskier- körpere, bevor ich zu spielen beginne. Die wirken unbewusste Strömungen, die zum
ten Mann überfallen und brutal ver- Darstellung schafft die Realität der Figur. Ausdruck kommen müssen. Sie sind es, die
gewaltigt. Scheinbar kühl und rational geht sie SPIEGEL: Michèle bleibt undurchschaubar. die Fantasie des Zuschauers beflügeln, die
zur Tagesordnung über, ohne Hilfe in Anspruch Reizt Sie das Geheimnisvolle, die distan- ihm eine essenzielle und eine existenzielle
zu nehmen. Aber der Verfolger lässt nicht zierte Leidenschaft an dieser Figur? Erfahrung nahebringen.
locker und schickt ihr suggestive Botschaften. Huppert: Es ist, als ob ich während des SPIEGEL: Für Paul Verhoeven, den nieder-
Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, aus dem die Spiels jeden Tag etwas Neues an der Rolle ländischen Regisseur, der Filme in Holly-
Frau als Siegerin hervorgeht. Die Geschichte, entdecken würde. Der Film gibt keine Ant- wood machte, war „Elle“ eine französische
vom niederländischen Regisseur Paul Verhoe- worten auf die vielen Fragen, die man sich Premiere. Das Milieu ist das der Haute
ven, 78 („Basic Instinct“), nach dem Muster zu Recht stellen kann bei dieser Geschichte Bourgeoisie mit ihrem Wohlstand, ihrer
eines Thrillers inszeniert, entwickelt sich zu einer Frau, die vergewaltigt wird, das trau- Libertinage, ihrer Hohlheit und ihrer Dop-
einem verzwickten psychologischen Wechsel- matische Erlebnis scheinbar ungerührt und pelzüngigkeit. Sind der Hass und der Spott
spiel zwischen der Protagonistin Michèle, dem sachlich wegsteckt, den Täter auf eigene auf die Bourgeoisie ein spezifisches Merk-
Täter und ihrer Umgebung. „Elle“ kommt am Faust sucht, sich zu ihm hingezogen fühlt mal der französischen Kunst und Literatur,
16. Februar in die deutschen Kinos. und sich an ihm rächt. von Molière über Balzac und Flaubert bis
SPIEGEL: Sie geht nicht zur Polizei, sie ver- zu Houellebecq?
SPIEGEL: Madame Huppert, „Elle“, das sind hält sich nicht, wie man sich verhalten soll- Huppert: Na ja, schon, aber die Charakter-
ganz und gar Sie, in einer Rolle, die Ihnen te, sie agiert überhaupt nicht „comme il eigenschaften der Bourgeoisie sind auch
auf den Leib geschnitten ist: der einer zu- faut“. Der Film bietet vor allem keine irgendwie universell. Sie wollen doch
gleich verletzlichen und übermächtigen, zer- politisch oder feministisch korrekte Lösung nicht behaupten, Doppelzüngigkeit sei ein
brechlichen und entschlossenen, einfühlsa- an. Eine gewollte Provokation? besonderes französisches Attribut? Sicher-
men und grausamen Frau. Was zieht Sie so Huppert: Wäre er moralisch comme il faut, lich tritt in diesem Film auch der Effekt
an Figuren an, die mal Opfer, mal Peiniger, hätte er seinen Sinn verfehlt. Jede Antwort, ein, dass der Zuschauer, vor allem der
mal unterwürfig, mal herrschsüchtig sind? die man geben könnte, würde die Protago- nicht französische, manche Szenen und
Huppert: Genau das, was Sie gerade aufge- nistin in eine bestimmte Richtung drängen. Charaktere als höchst französisch wahr-
zählt haben. Die Komplexität. Michèle, die Das Spannende an der Geschichte besteht nimmt. Das hat mich immer wieder erhei-
Heldin des Films, lässt sich nicht eindeutig jedoch darin, dass sie keinerlei Klarheit tert. Als der Film in den USA anlief, hörte
fassen. Sie ist kein eindimensionaler schafft. Das gibt mir eine große Freiheit in ich ähnliche Reaktionen: Ah, das Diner
Mensch. Man kann nicht sagen, dass sie meiner Interpretation. Immer dominiert die zu Weihnachten, raffinierte Küche und
Opfer ist; man kann aber auch nicht sagen, Gegenwart des Augenblicks, die Totalität affektierte Konversation bei Tisch, très
dass sie Vollstreckerin ist. Sie ist nicht des Moments, in dem Wahrheit und Wirk- français! Macht man das in Deutschland
schwach, und sie ist auch nicht stark. lichkeit in die Inszenierung hereinbrechen. nicht so?
SPIEGEL: Sie ist das alles in einem, von An- SPIEGEL: Ist Unvorhersehbarkeit nicht immer SPIEGEL: Vielleicht ist die Frivolität der Sze-
fang bis Ende, zusammengehalten durch das Kennzeichen einer guten Geschichte? ne typisch französisch: Während ein Gast,
die Fähigkeit zu leiden und leiden zu las- Huppert: Ja, das gilt im Grunde für jede die gut katholische Frau des Vergewalti-
sen. Diese Person strahlt eine unglaubliche künstlerische Schöpfung, auch für die Lite- gers, am Tisch vor dem Essen betet und
Kälte und Härte aus. Nicht gerade jemand, ihre tiefe Gläubigkeit zelebriert, macht die
mit dem man sich bereitwillig identifiziert. Gastgeberin Michèle unter dem Tisch ih-
Huppert: Für eine Schauspielerin ist es im- ren Mann an, indem sie ihn mit ihrem Fuß
mer eine aufregende Herausforderung, alle zwischen den Beinen kitzelt.
diese Facetten und Gefühlslagen völlig of- Huppert: Ja, vielleicht ist das sehr franzö-
fen und unbestimmt anzugehen, ohne zwi-
schen der einen oder der anderen Seite „Das Verworfene sisch, der Katholizismus und die Erotik,
das Offizielle, das Förmliche rund um den
wählen zu müssen. Ich bekomme dann
wirklich den Eindruck, mir selbst dabei zu-
und Unwürdige ist nicht Tisch und das Inoffizielle, das Verborgene
darunter. Diese Mischung macht den
zuschauen, wie die Person, die ich spiele, unbedingt dort Charme aus, oder nicht? Der Film erzählt
sich selbst erfindet und konstruiert. Denn zu finden, wo man es eine schlimme Geschichte, die einer mehr-
mals vergewaltigten Frau, das Ende ist töd-
Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick. zuerst sucht.“ lich, aber der Film ist auch voller Humor.
114 DER SPIEGEL 5 / 2017
YANN RABANIER / MODDS

Darstellerin Huppert: „Das Kino und das Theater leben von Grenzüberschreitungen“

DER SPIEGEL 5 / 2017 115


Kultur

SPIEGEL: Schwarz und subversiv. Das Tra-


gische soll durch das Komödiantische, so-
gar das Burleske gebrochen werden?
Huppert: Ich würde eher sagen, durch das
Ironische. Die Ironie wirkt wie ein Hebel,
wie ein ständiger Kontrapunkt gegen die
Düsternis und den Ernst des Films. Sie hält
das Geschehen auf Distanz, sie entschärft
auch das Beunruhigende an der Persön-
lichkeit der Hauptfigur. Sie wird ja nicht
so dargestellt, als ob sie durch die Hölle
ginge. Gegensätzliche Kräfte sind am Werk
und ergeben, wie oft bei Verhoeven, eine
Achterbahn der Gefühle: Er zieht uns sehr
hoch hinauf und lässt und dann in die Tiefe
sausen.
SPIEGEL: Michèle ist eine Frau, die nie zu-
sammenbricht und nie klagt. Sie verhält
sich nie wie ein Opfer, obwohl es gute Grün-
de dafür gäbe: Sie ist Opfer ihres Vergewal-
tigers und war als Kind ein traumatisiertes
Opfer ihres Vaters, eines Massenmörders,
der ein Massaker beging und im Gefängnis

MFA
stirbt. Der Film legt viele Spuren, er bietet
viele Erklärungsmöglichkeiten für Michèles Szene aus „Elle“: „Die männliche Überlegenheit schwindet“
Charakter. Warum scheut er vor einer Auf-
lösung zurück, die den Zuschauer aus seiner
Verstörung befreien könnte? Sie nicht, dass sie keine Sympathien weckt, zusammen im Bett. Der Film besteht eben
Huppert: Es gibt keinen Schlüssel, alle dem Zuschauer kaum eine Gelegenheit aus lauter Möglichkeiten, vielfältigen Sinn-
Hinweise sind nur Hypothesen, die nicht lässt, empathisch mitzuempfinden? optionen.
zum Ziel führen. Es gibt viele Gründe für Huppert: Man muss unter die Oberfläche SPIEGEL: Auch der einer konfliktfreien und
Michèles paradoxes, scheinbar erratisches des Geschehens tauchen, um die Hinter- besänftigten Welt, in der die Männer nichts
Verhalten, aber keiner reicht als Erklä- gründigkeit zu begreifen. Michèle schläft mehr zu sagen haben?
rung aus, alles bewegt sich zu schnell. mit dem Mann ihrer besten Freundin. Das Huppert: Es ist die Option einer weiblichen
Außer dem Vater gibt es die halb ver- ist Verrat an dieser, aber eben nur ober- Selbstermächtigung. „Female Empower-
rückte Mutter mit ihren sexuellen Ob- flächlich. Denn sie verachtet den Mann ment“ nennt man das in den USA. Die
sessionen, den Sohn, der dem Leben und auch, und in der Art, wie sie ihn behandelt, Heldin ist kein Opfer, aber sie entspricht
seiner ordinären Freundin nicht gewach- gelingt es ihr, das eigene Fehlverhalten, eben auch nicht dem Klischee der Räche-
sen ist ... die eigene Unmoral auf ihn zu verschieben. rin, das man erwarten könnte. Sie macht
SPIEGEL: Und den Exehemann, den Lieb- Als Michèle die Affäre offenlegt, macht sich nicht selbst zur Karikatur im Männer-
haber, die Arbeitskollegen und Angestell- die betrogene Freundin nicht sie, sondern kostüm. Die Verwandlung in ein James-
ten – vor allem die Männer erscheinen in ihren Mann verantwortlich. Was wie der Bond-Girl entspräche immer noch einem
„Elle“ als eine Ansammlung von Schwäch- Gipfel des Zynismus anmutet, zeigt in männlichen Fantasieprodukt. In diese Falle
lingen und Versagern. Wahrheit nur, dass das Verworfene und geht sie, gehe ich nicht.
Huppert: Gebrochene Gestalten. Ihr Ex be- Unwürdige nicht unbedingt dort zu finden SPIEGEL: Das wäre wohl eher die Auflösung
zeichnet sich selbst als gescheiterten ist, wo man es zuerst sucht. gewesen, für die Hollywood sich entschie-
Schriftsteller, zu ihrem Liebhaber, der der SPIEGEL: Am Ende brechen die beiden Frau- den hätte?
Mann ihrer besten Freundin ist, sagt sie: en gemeinsam in eine Zukunft auf, von der Huppert: Wahrscheinlich. Michèle ist keine
Was mich an dir so angezogen hat, ist dei- nicht gesagt wird, wie sie aussieht. Die Frau- triumphierende Rachegöttin. Ihre Selbst-
ne Dummheit. Amüsant, nicht? en lassen ihre Vergangenheit hinter sich auf behauptung und -bestätigung fällt anders
SPIEGEL: Bestimmt. Männer, die Waschlap- dem Friedhof zurück. Zeichnet sich da ein aus. Aber in mancher Hinsicht ist sie dann
pen sind, und eine starke, boshafte, zyni- rein weibliches Liebesverhältnis ab? auch wieder der wahre Mann im Film. Sie
sche Frau – das ist der Stoff für eine Satire, Huppert: Das ist eine weitere Hypothese. lebt allein. Sie beschafft sich Waffen. Sie
nur ist das auch nicht die ganze Wahrheit. Die beiden Frauen waren ja auch schon hat Geld. Viele Menschen sind von ihr ab-
Huppert: Michèle ist alles, nur nicht senti- hängig. In ihrer Firma ist sie die Chefin,
mental. Und sie unterwirft sich nie. Sie ist woran sie keinen Zweifel lässt, verhasst,
eine antithetische Figur. Das Klischee will gefürchtet und zielstrebig. Sie nimmt also
ja, dass Frauen emotionale Wesen sind. In eine Machtposition ein, die sehr wohl
der Literatur wie im Film sind Frauen, männlich ist, während die Männer wie er-
auch starke Frauen, immer der Versuchung
ausgesetzt, ihren Gefühlen nachzugeben, „Die Filmheldin löschende Sterne auftreten. Der Glanz der
männlichen Überlegenheit schwindet von
ins Emotionale und Schnulzige abzuglei-
ten. Ich hätte einen großen Fehler gemacht,
Michèle ist eine post- einer Szene zur anderen.
SPIEGEL: Die Frau gewinnt immer wieder
wenn ich die Rolle in diesem Sinne weich- feministische Figur. die Kontrolle. Sie behält die Fassung und
gezeichnet hätte.
SPIEGEL: Davon kann nun wirklich keine
Sie lässt sich nicht zum wahrt den Anschein, aber um den Preis
einer manchmal schockierenden Amorali-
Rede sein: Ihre Figur ist ruchlos. Stört es Opfer machen.“ tät. Funktioniert so die Emanzipation?
116 DER SPIEGEL 5 / 2017
Situationen und Leidenschaften vor Augen
zu führen. Aber diese sind im Leben nie
eindeutig, sondern immer ambivalent.
SPIEGEL: Die Frau, die Sie spielen, ist eine
ausgebuffte Kämpferin. Sie kann verschla-
gen sein. Niemals aber setzt sie weibliche
Schwäche als moralische Stärke gegenüber
den Männern ein. Ist „Elle“ noch ein fe-
ministischer Film?
Huppert: Ah, wollen Sie mich in vermintes
Gelände führen? Mir unterstellen, gegen
die Gebote des feministisch Korrekten zu
verstoßen? Ich nenne die Filmheldin eine
postfeministische Figur. Sie hat die übli-
chen feministischen Kämpfe schon bestan-
den und in ihre Persönlichkeit übernom-
men. Sie hat es nicht nötig, Stärke und
Selbstbehauptung auf dem Umweg der
Opferrolle zu suchen. Was natürlich nicht
PICTURELUX / INTERTOPICS

heißt, dass sie nicht auch ein wirkliches


Opfer sein kann. Aber sie macht sich nicht
zum Opfer, um einen strategischen Vorteil
zu erlangen. Sie fühlt sich nicht miss-
braucht. Darüber ist sie hinaus, dieses Sta-
Star Huppert*: „Extreme Situationen und Leidenschaften“ dium des Kampfes hat sie überwunden.
SPIEGEL: Die Frau lässt sich mit dem von
ihr entlarvten Täter ein. Sie sucht den Ge-
Huppert: Sie befreit sich nicht, sie ist von SPIEGEL: Und zugleich wird Michèle erst schlechtsakt mit ihm, stellt die erlittene
Anfang bis Ende frei. Ich hoffe sehr, dass dann richtig erwachsen und befreit – so Vergewaltigung gewissermaßen noch ein-
sie schockiert, sonst wäre das Ziel verfehlt wie auch ihr eigener unbeholfener und mal auf kontrollierte Weise nach und
und der Film missglückt. Die Geschichte überforderter Sohn eigentlich erwachsen kommt dabei zum Orgasmus. Fürchten Sie
von „Elle“ hat ihre eigene Integrität – die- wird, als er den Vergewaltiger seiner Mut- nicht, dass der Film in dieser überaus kras-
sen Begriff ziehe ich dem der Moral vor. ter, den freundlichen, bösen Herrn Jeder- sen Szene falsch verstanden wird?
Und ich glaube, dass diese Integrität uni- mann, tötet. Huppert: Ich glaube, dass er meistens richtig
versell gültig ist. Der Übeltäter stirbt am Huppert: Der Tod ist die Pforte, durch die verstanden wird. Ich habe den Eindruck,
Ende, der Tod ist seine Strafe, man könnte man gehen muss, ob man ihn gibt oder dass Sie ihn völlig richtig verstanden ha-
sogar sagen die Strafe Gottes. Kein Ver- empfängt. ben. Ich komme sogar jetzt im Gespräch
brechen ohne Strafe, keine Schuld ohne SPIEGEL: Der Gedanke an den Tod als Be- auf immer neue Facetten und Aspekte. Na-
Sühne: Der verschlungene Weg dorthin ist freiung ist beängstigend. Selbst die from- türlich gab es Kommentare, die befanden,
mit Fehltritten behaftet, aber er entspricht me, lange nichts Schlimmes ahnende Frau der Film sei pervers. Gelegentlich hat man
der existenziellen Suche des Menschen, des Sextäters scheint am Ende erleichtert, versucht, die Geschichte so zu verdrehen,
der dem Sinn des Lebens und des Leidens dass sie den Mann los ist. Sie drückt zum als handle es sich um eine Frau, die sich in
auf den Grund gehen will. Abschied Michèle sogar ihren Dank aus. ihren Vergewaltiger verliebe. Das stimmt
SPIEGEL: Die Konfrontation mit dem Tod Auf der Ebene der Moral lässt der Film überhaupt nicht. Es ist eine verschärfte,
ist die letzte, die absolute Erfahrung? keine Kapriole aus. übersteigerte Inszenierung von Begehren,
Huppert: Der Tod lässt sich nicht betrügen. Huppert: Das war eine Idee von Verhoeven. Lust und Tod. Vieles kommt zum Aus-
Als die irre, egoistische Mutter plötzlich an Er wollte wohl damit die christliche Bot- druck, was normalerweise unsagbar ist.
einem Aneurysma stirbt, wünscht sich Mi- schaft von Gut und Böse ausdrücken: Lie- Aber ich meine, es wurden genug Vor-
chèle, die alte Dame würde simulieren, bloß be deinen Nächsten, liebe deinen Feind. sichtsmaßnahmen getroffen, um gerade
Theater spielen wie so oft. Finden Sie die Etwas Stärkeres gibt es nicht. Zugleich prä- nicht den primitiven Eindruck zu erzeugen,
Szene nicht genial? Wie jedes fertige Kunst- sentiert das Schreckliche auch immer seine eine Frau genieße es und wünsche es sich
werk entwickelt jeder Film ein Eigenleben. humorvolle Seite. Das Furchtbare wird klammheimlich, vergewaltigt zu werden.
Als Zuschauer können Sie von ihm behalten durch das Komische entgöttlicht und ver- Diese Sexszene ist krass, gewiss, aber sie
und aus ihm mitnehmen, was Sie wollen. menschlicht. Die Ironikerin Michèle wen- ist das Salz des Films. Unangenehm und
Aber für mich sind die beiden Momente, in det ihren Witz auch gegen sich selbst. moralisch falsch wäre es nur dann ge-
denen die Heldin wirklich verletzlich wird, Wissen Sie, für mich bedeutet Kino eine worden, wenn Michèle beim Tod des Ver-
die Szenen, in denen sie mit dem Tod der Wiedergabe von kruder Wirklichkeit, nicht gewaltigers irgendeine Emotion zeigen
Eltern konfrontiert wird. In diesem Augen- einer schöngefärbten Realität. In der Fik- würde. Sie hat keine, sie bleibt völlig un-
blick wird aus der unbeugsamen Frau wie- tion muss sich eine Wahrheit offenbaren. gerührt. Das ist die wahre Moral der Ge-
der das kleine Mädchen. Auch hierin zeigt Das ist das Einzige, was mich interessiert. schichte: die Abwesenheit von Emotion
sich eine universelle Tragweite: Im Stadium Und das heißt eben auch, anders zu spie- und Betroffenheit. Das sexuelle Verlangen
der Kindheit ist jeder verletzlich. Mit dem len, als die Konvention des Erwartbaren hat einen sehr speziellen Platz in ihrer Psy-
Tod der Mutter und des Vaters werden wir es nahelegt. Die bekümmerte Miene, wenn che eingenommen, es ist mehr eine Wahn-
dorthin zurückgeführt, woher wir kommen. das Schicksal zuschlägt, ist banal. Traurige vorstellung als Liebe oder Lust an der Un-
Mundwinkel sind banal. Eine Fiktion ist terwerfung.
* Bei der Verleihung des Golden Globe am 8. Januar in nur wahr, wenn sie doppelbödig ist. Das SPIEGEL: Klingt kompliziert. Fast Ihre ganze
Beverly Hills. Kino ist wie geschaffen dafür, extreme Filmkarriere scheint um den Erotismus von
DER SPIEGEL 5 / 2017 117
Herrschaft und Unterwerfung, Lust und
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“ (Daten: media control); Leid konstruiert, von den Anfängen in
nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
Bertrand Bliers „Die Ausgebufften“ 1974
Belletristik Sachbuch bis zu Michael Hanekes „Die Klavierspie-
lerin“ 2001. Wieso lieben Sie es, irgendwie
gestörte, neurotische, manchmal sogar
1 (4) Joanne K. Rowling Phantastische 1 (1) Eckart von Hirschhausen Wunder
monströse Frauen zu spielen?
Tierwesen und wo sie zu wirken Wunder Rowohlt; 19,95 Euro
Huppert: Ganz normale Frauen also. Das
finden sind. Das Originaldrehbuch
Carlsen; 19,99 Euro 2 (5) Andrea Wulf Alexander von Humboldt Kino und das Theater leben von Grenz-
und die Erfindung der Natur überschreitungen. Im Spiel auf der Bühne
2 (1) Elena Ferrante Die Geschichte C. Bertelsmann; 24,99 Euro und im Film kann etwas ausgedrückt wer-
eines neuen Namens Suhrkamp; 25 Euro den, was sich sonst nicht sagen lässt. Die
3 (2) Roger Willemsen menschlichen Leidenschaften sind uner-
3 (–) Martin Suter Wer wir waren S. Fischer; 12 Euro gründlich. Sie zu erkunden, auch im Ex-
Elefant tremen und Skandalösen, das ist es, was
Diogenes; 24 Euro 4 (3) Peter Wohlleben Das geheime Leben mich am Schauspiel fesselt. Und ich glaube,
Ein rosaroter Elefant verzau-
der Bäume Ludwig; 19,99 Euro
es ist auch das, was die Zuschauer faszi-
bert die Menschen und niert. Das Publikum mag Schwierigkeiten
stellt die Wissenschaft vor 5 (4) Gerhard Wisnewski
Rätsel (siehe Kritik im Verheimlicht – vertuscht – haben, diese Faszination in die richtigen
aktuellen LiteraturSPIEGEL) vergessen 2017 Kopp; 14,95 Euro
Begriffe zu fassen. Der Vorwurf des „Per-
versen“ ist nur das Unvermögen, das Un-
4 (2) Elena Ferrante Meine geniale
6 (6) Peter Wohlleben Das Seelenleben sagbare adäquat auszusprechen. Viele
Freundin Suhrkamp; 22 Euro
der Tiere Ludwig; 19,99 Euro Menschen lieben meine Filme, es muss also
5 (3) Sebastian Fitzek etwas geben, was mich und mein Publi-
7 (7) Horst Lichter Keine Zeit für kum verbindet. Nur wahre Filme können
Das Paket Droemer; 19,99 Euro
Arschlöcher! Gräfe und Unzer; 16,99 Euro
diese Komplizenschaft herstellen.
6 (10) Jürgen von der Lippe Der König 8 (11) Harald Lesch / Klaus Kamphausen SPIEGEL: Sie können einen zweifellos in
der Tiere Knaus; 16,99 Euro
Die Menschheit Ihren Bann schlagen.
schafft sich ab Huppert: Danke!
7 (5) Joanne K. Rowling / John Tiffany / SPIEGEL: Sie sind eine der weltweit größten
Komplett Media; 29,95 Euro
Jack Thorne Harry Potter und das Charakterdarstellerinnen. Auch die ame-
verwunschene Kind Carlsen; 19,99 Euro Unser Planet ächzt unter
Ressourcenausbeutung und rikanischen Kritiker sind voll des Lobes,
8 (8) Nele Neuhaus Klimawandel. Lesch und sehr ungewöhnlich für eine Französin, die
Kamphausen unterziehen ihn selten in Hollywood gedreht hat. Fehlt
Im Wald Ullstein; 22 Euro einer hellsichtigen Analyse
Ihnen nur noch ein Oscar?
9 (6) T. C. Boyle 9 (9) Dalai Lama Der Appell des Dalai Lama Huppert: Darüber rede ich nicht.
Die Terranauten Hanser; 26 Euro an die Welt Benevento; 4,99 Euro SPIEGEL: Es gibt im Film einen Schlüsselsatz,
der das ihm zugrunde liegende Menschen-
10 Martin Walser Statt etwas oder 10 (–) Wilhelm Schmid
(7) bild resümiert. Da sagt die Mutter zur
Der letzte Rank Gelassenheit Insel; 8 Euro
Rowohlt; 16,95 Euro Tochter: Dein Vater, der Mörder, ist ein
11 (13) Carolin Emcke Monster, aber er ist auch nur ein Mensch.
11 (12) Matthias Brandt Raumpatrouille Und Michèle erwidert: Siehst du darin
Kiepenheuer & Witsch; 18 Euro
Gegen den Hass S. Fischer; 20 Euro
einen Widerspruch? Entspricht das Ihrer
12 (12) Dalai Lama / Desmond Tutu / Philosophie?
12 (9) Simon Beckett
Douglas Abrams Huppert: Ja, der Mensch ist immer auch
Totenfang Wunderlich; 22,95 Euro
Das Buch der Freude Lotos; 22,99 Euro
die Kehrseite seiner selbst. Das Monster
13 (14) Juli Zeh ist in uns, wie wir jeden Tag beobachten
13 (–) Richard David Precht
Unterleuten Luchterhand; 24,99 Euro
Tiere denken Goldmann; 22,99 Euro
können. Manche Denker halten die Men-
schen für schlecht von Natur aus, andere
14 (11) Christoph Ransmayr 14 (17) Werner Tiki Küstenmacher / Lothar wie Jean-Jacques Rousseau für gut, ver-
Cox S. Fischer; 22 Euro
Seiwert Simplify your life Campus; 22 Euro dorben nur durch die Gesellschaft und die
Zivilisation. Wir sind nun einmal poten-
15 (16) Jojo Moyes Ein ganz 15 (15) Rainer M. Schießler Himmel, ziell beides, darin hat die christliche Lehre
neues Leben Wunderlich; 19,95 Euro
Herrgott, Sakrament Kösel; 19,99 Euro recht. Und wie Michèle an einer Stelle
16 (15) Charlotte Link sagt, ist die Scham als Gefühl nicht stark
16 (8) Bernd-Lutz Lange
Die Entscheidung Blanvalet; 22,99 Euro Das gabs früher nicht Aufbau; 19,95 Euro
genug, um uns vor üblen Taten bewahren
zu können. Es kommt darauf an, den
17 (17) Jilliane Hoffman 17 (10) Andreas Englisch Franziskus – Kopf oben zu behalten und sich nie, gera-
Insomnia Wunderlich; 19,95 Euro Ein Lebensbild C. Bertelsmann; 25 Euro de als Frau nicht, dem Selbstmitleid hin-
zugeben.
18 (–) Mechthild Borrmann 18 (16) Wolf Biermann Warte nicht SPIEGEL: Madame Huppert, wir danken Ih-
Trümmerkind Droemer; 19,99 Euro auf bessre Zeiten! Propyläen; 28 Euro nen für dieses Gespräch.
19 (20) Lucinda Riley Die Schattenschwester 19 (18) Hardy Krüger Was das Leben Video:
Goldmann; 19,99 Euro sich erlaubt Hoffmann und Campe; 20 Euro Unnahbare Schönheit
20 (–) Benedict Wells Vom Ende 20 (14) Bruce Springsteen spiegel.de/sp052017huppert
der Einsamkeit Diogenes; 22 Euro Born to Run Heyne; 27,99 Euro oder in der App DER SPIEGEL

118 DER SPIEGEL 5 / 2017


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TWENTIETH CENTURY FOX
Szene aus „Hidden Figures“ mit Darstellerinnen Spencer, Henson, Monáe: „Smart und extrem motiviert“

Farbige Computer
Hollywood Der Film „Hidden Figures“ erzählt von den afroamerikanischen Mathematikerinnen, die
für die Nasa Raumflüge berechneten. Die Emanzipationskomödie ist für den Oscar nominiert.

Der Weg zum Klo ist jedes Mal ein die deutschen Kinos kommt. Er erzählt von Polizeiwillkür gibt es auch in „Hidden
Wettlauf mit der Zeit. Wenn sich drei Afroamerikanerinnen, die bei der Nasa Figures“. Die schwarzen Heldinnen blei-
Katherine Johnson, die Anfang der arbeiteten, weil sie gut rechnen konnten. ben gleich zu Beginn auf einer Landstraße
Sechzigerjahre bei der Nasa arbei- „Hidden Figures“ kommt zur rechten in Virginia liegen. Ein weißer Sheriff hält
tet, erleichtern möchte, muss sie fast Zeit. Seit Jahren wird den Hollywoodstu- an und fordert drohend ihre Papiere. Als
einen Kilometer zurücklegen. Die dios und der Oscar-Academy vorgeworfen, er erfährt, dass sie für die Nasa arbeiten,
nächste Toilette befindet sich zwar schwarze Themen und schwarze Künstler bietet er ihnen an, sie zu eskortieren.
gleich um die Ecke. Aber die ist zu ignorieren. Gleichzeitig findet in Hol- Also rasen sie über die Straße. „Nicht
nur für weiße Frauen. lywood eine zweite Diskriminierungsde- so schnell!“, ruft eine von ihnen. „Ich jage
Also rennt Katherine so schnell, wie sie batte statt. Schauspielerinnen würden in gerade einen Sheriff über die Straße“, gibt
kann, Akten unterm Arm, hin und zurück. der Filmindustrie unterbezahlt, behauptete die Frau am Steuer zurück und drückt
Es ist der Running Gag des Films „Hidden unter anderen Jennifer Lawrence. noch mehr auf die Tube. Diese Szene, aus
Figures – Unerkannte Heldinnen“. Kathe- Nun also „Hidden Figures“, ein Film dem französischen Hit „Ziemlich beste
rine ist schwarz, sie ist schlau, und sie will über drei schwarze Frauen, die einen Freunde“ geklaut, sagt: Unser Ziel ist nicht
unbedingt, dass der nächste Mann im All Emanzipationskampf führen. Gäbe es in nur der Orbit, sondern gute Laune.
ein Amerikaner ist. Hollywood eine Quote, hätte dieser Film Katherine Johnson gibt es wirklich, sie
Es ist gerade ein globaler Wettlauf im sie übererfüllt. Aber es gibt in Hollywood ist 98 Jahre alt und bekam 2015 von Obama
Gang. Im April 1961 haben die Sowjets den keine Quote, und die Komödie „Hidden die Freiheitsmedaille des Präsidenten ver-
ersten Mann ins All geschickt, Jurij Gaga- Figures“ unterscheidet sich sehr von dem, liehen. 1953 kam sie zur Vorläuferorgani-
rin. Eine Demütigung für die USA. Die was gemeinhin als schwarzes Kino gilt. sation der Nasa, als „Computer“, wie ihre
nächste Runde im „space race“, dem Wett- Denn es ist oft ein Kino der Empörung, Berufsbezeichnung lautete, als Rechnerin.
lauf im All, muss gewonnen werden. das von Diskriminierung, Ungerechtigkeit, In der Nasa-Kantine musste sie an einem
Johnson, gespielt von Taraji P. Henson, ist Polizeigewalt, Drogen und vom Leben in Tisch essen, auf dem das Schild „Colored
eine der Hauptfiguren dieses Films, der schon der Gosse erzählt. Es ist das schlechte Ge- Computers“ stand: farbige Computer.
rund hundert Millionen Dollar eingespielt wissen Hollywoods, das sich ab und zu an Dort trifft Johnson im Film auf Mary
hat, für die Oscars nominiert ist und nun in seine Minderheiten erinnert. Jackson (Janelle Monáe), die davon
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Kultur

träumt, die erste schwarze Ingenieurin Waren die „Colored Computers“ beson- Posten wieder. Und zwar, Ironie der
der Nasa zu werden, und auf Dorothy ders begabt? Shetterly: „Natürlich waren Geschichte, weil die räumliche Trennung
Vaughan (Octavia Spencer), die ein Team diese Frauen ausgesprochen smart, aber nach Hautfarbe 1958 aufgehoben wurde
von schwarzen Mathematikerinnen leitet, vor allem waren sie extrem motiviert, die- und ihre Mitarbeiterinnen verschiedenen
aber vergebens auf Beförderung hofft. se einzigartige Chance zu ergreifen.“ Abteilungen zugeordnet wurden.
Auch Jackson und Vaughan, inzwischen Ihre große Chance war der Zweite Dennoch findet Barry die Zuspitzung
verstorben, waren Weltraumpionierinnen. Weltkrieg. Der erste Schwung schwarzer der Fakten zulässig. Sie korrigiere das Bild
Schwarze Frauen, die tagsüber Flug- Mathematikerinnen kam schon 1943 zur des „Mercury“-Programms, das bislang
bahnen von Raumschiffen berechneten, es NACA, der Vorläuferorganisation der vorherrsche – und in Filmen wie „The
aber nach Feierabend nicht ins Restaurant Nasa. Hier wurden Flügel und Propeller Right Stuff“ (1983) vermittelt wurde. Das
auf der anderen Straßenseite schafften, neuer Bomberflotten vermessen. Hände- Epos, das in Deutschland „Der Stoff, aus
weil das aufgrund der lokalen Rassenge- ringend wurden für die Kriegswirtschaft dem die Helden sind“ hieß, erzählt von
setze nur für Weiße zugänglich war? Wie Mitarbeiter gesucht. Präsident Franklin D. den ersten amerikanischen Astronauten.
kann es sein, dass eine derartig spannende Roosevelt hatte daher die Rassendiskrimi- Nach einer Vorlage von Tom Wolfe ent-
Story erst jetzt bekannt wird? nierung in der Rüstungsindustrie verboten. standen, verlagerte „The Right Stuff“ den
Es könnte daran liegen, dass diese Er- Viele Frauen, die bislang etwa als Mathe- Pioniergeist des amerikanischen Westens
folgsgeschichten den Betroffenen als nicht lehrerinnen gearbeitet hatten, bewarben ins All. Gleich zu Beginn sieht man einen
weiter bemerkenswert erschienen, sagt sich um die gut bezahlten Forschungsjobs, Kampfpiloten, der auf einem Pferd auf den
Margot Lee Shetterly, Autorin des Buchs so auch Vaughan. Sie arbeiteten für den Flugplatz reitet und sich eine der Testma-
„Hidden Figures“, auf dem der Film ba- „double victory“ – den Sieg der Demokra- schinen ansieht. Die Helden des Films sind
siert und das nun auf Deutsch erschienen tie und Freiheit in In- und Ausland. moderne Cowboys, männlich und mutig.
ist. „Für mich war es normal, dass Schwar- Die Aufgabe der Frauen in diesem Film
ze bei der Nasa Flugbahnen berechnen“, besteht vor allem darin, um ihre Männer
sagt Shetterly, die 1969 nahe der Nasa-For- zu bangen. Man muss sehr aufmerksam
schungsstätte Langley in Virginia zur Welt sein, um in „The Right Stuff“ Afroameri-
kam. „Mein Vater arbeitete bei der Nasa, kaner zu entdecken, bei einer Pressekon-
und fünf seiner sieben Geschwister waren ferenz etwa stehen sie in der zweiten Reihe
Ingenieure oder Techniker. Ich dachte, das und jubeln den weißen Astronauten zu.

NASA / DONALDSON COLLECTION / GETTY IMAGES


ist es, was Schwarze so machen.“ „The Right Stuff“ ist ein phallischer Film,
Shetterly besuchte eine gute Universität, voller Bilder von Raketen, die majestätisch
machte als Investmentbankerin und in den in den blauen Himmel steigen oder auf
Medien Karriere. Viele Jahre zuvor, als ihr halber Strecke schlappmachen. „Hidden
Vater Ingenieur werden wollte, hatte ihr Figures“ dagegen ist ein horizontaler Film,
Großvater dem „black boy“ noch etwas es geht darin um die Strecken, die man
Realistischeres empfohlen: Sportlehrer. laufen muss, um Türen, durch die man
Erst nach und nach dämmerte der hindurchmuss.
Tochter, wie außergewöhnlich ihre Familie Regisseur Melfi zeigt die Nasa als eine
und ihre Heimatstadt waren. 2010 begann Welt, zu der Frauen dazugehören. Sie ha-
sie mit der Suche in Archiven und stellte Wissenschaftlerin Johnson 1962 ben eben ihre Pflicht zu tun, wenn nicht
erstaunt fest: „In den Nasa-Akten war die Nicht mit Weißen an einem Tisch am Herd, dann am Rechenschieber. Und
Hautfarbe nicht notiert, dafür musste ich nicht, weil sie Röcke tragen, sondern weil
extra Fotos heraussuchen.“ Das war schwie- Wann immer die Ingenieure im Wind- sie Brillen tragen, wie es in einem Dialog
riger, als es sich anhört: Die Mathematikerin kanal ein neues Flügelprofil zu vermessen heißt. Wolfe feiert die „jocks“, die echten
Johnson hat eine sehr helle Haut und war hatten, ließen sie die mühsamen Berech- Kerle, dieser Film die „geeks“, die Tüftler.
schon damals schwer einzuordnen. nungen von etwa tausend Mathematike- Denn eine moderne Gesellschaft kann
Die Autorin schaltete um auf Graswur- rinnen machen, knapp ein Zehntel von es sich nicht leisten, Menschen wegen ihres
zelrecherche und fragte in den Wohnzim- ihnen schwarz. Letztere mussten in einem Geschlechts oder ihrer Hautfarbe zu dis-
mern von Freunden herum. Viele kannten entlegenen Gebäude hocken, der „West kriminieren, wenn sie Fähigkeiten haben,
die Heldinnen des Films persönlich, vom Area“. Das Forschungslabor befand sich die gebraucht werden. Diese Einsicht hat
Kirchenchor, von Pfadfinderausflügen und in einem ehemaligen Sklavenhalterstaat. sich „Hidden Figures“ zu eigen gemacht.
Seifenkistenrennen. Bald traf sie auch Für die Ingenieure waren Rassengesetze Als der Astronaut John Glenn (Glen
Johnson auf dem Sofa, unter einer Flagge, nicht nur ein moralisches Problem, sondern Powell) sich auf den Start vorbereitet,
die auf dem Mond gewesen war. vor allem Zeitverschwendung. Im Film erwartet man einen heldenhaften Satz.
Rund 50 schwarze Wissenschaftlerinnen spielt Kevin Costner den Boss von John- Stattdessen sagt er: Lass das Mädchen noch
arbeiteten in Langley, weiß Shetterly si- son, der so auf seine Aufgabe fixiert ist, mal die Zahlen überprüfen. Das Mädchen,
cher, vielleicht sogar doppelt so viele. Sie dass er die Hautfarbe seiner Mitarbeiter das ist die Mathematikerin Johnson.
hat ein Archiv gegründet, das „Human kaum wahrzunehmen scheint. Als er er- Anderthalb Tage lang rechnet sie noch
Computer Project“. Sie sucht weitere Zeit- fährt, wie weit Katherine zum Klo laufen einmal alle Gleichungen durch. Dann gibt
zeugen, bevor es zu spät ist. muss, zertrümmert er die diskriminieren- sie grünes Licht. Die Mission wird ein Er-
Auch ihr Buch wurde ein Wettrennen. den Toilettenschilder. „Diese Szene hat so folg, 135 Millionen Zuschauer sehen den
Noch bevor sie das Manuskript fertig hatte, nie stattgefunden“, sagt Bill Barry, Chef- ersten Amerikaner die Erde umrunden.
begann Regisseur Theodore Melfi mit den historiker der Nasa und Berater des Films: Lars-Olav Beier, Hilmar Schmundt
Dreharbeiten des Films, basierend auf nur Die Rassentrennung sei bereits in den Fünf-
55 Seiten eines Entwurfs. „Ich fühlte mich zigerjahren abgeschafft worden, „nicht mit Video:
wie eine Reiterin, die sich auf ihrem Pferd einem Knall, eher mit einem Winseln“. Die erste Mondlandung
ein Wettrennen mit einer Dampflok lie- Vaughan sei schon 1951 zur Abteilungs- spiegel.de/sp052017hidden
fert“, erzählt sie. leiterin aufgestiegen. Dann verlor sie ihren oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 5 / 2017 121


Kultur

Das Buch eines Lebens


Autoren Paul Auster hat sein größtes Werk vorgelegt: eine Beschwörung der Fünfziger- und Sechziger-
jahre, als sich jenes offene Amerika gefunden hat, das nun untergangen ist. Von Philipp Oehmke

W
ahrscheinlich müssen wir uns da- dreimal so lang wie alles andere, was Aus- dem er über seinen stets abwesenden Vater
mit abfinden, dass in diesen Ta- ter bisher geschrieben hat. spricht.
gen selbst Texte über eine so spe- Es ist seine größte Anstrengung, das 1985 folgte die „New York Trilogie“,
kulative Materie wie Literatur mit Donald eine Buch, das bleiben soll, vollendet kurz postmoderne Versionen von Detektivge-
Trump beginnen. Paul Auster steht in der vor seinem 70. Geburtstag, der im Februar schichten, die ins Nichts laufen oder im
Tür seines Hauses in Brooklyn und sieht ansteht. Drei Jahre lang hat er geschrieben, Wahnsinn enden. Durch sie wird Auster
relativ verstört aus. fast jeden Tag, immer nur tagsüber, hier zum Star, wird in den weltweiten Kanon
„Kommen Sie herein“, sagt er. „Ich habe im Haus, in seinem Büro unten im Keller. zeitgenössischer und zeitdiagnostischer
gerade einen Teil von Trumps Rede zur Abends hat er eine Flasche Wein getrun- Literatur aufgenommen, wird an Univer-
Amtseinführung im Fernsehen gesehen.“ ken, manchmal auch zwei, mit seiner Frau sitäten behandelt und gilt seither vor allem
Es ist Freitag vergangener Woche, Do- hat er Dokumentationen über die Sechzi- in Europa als Chronist der berühmten
nald Trump ist in diesem Moment seit we- gerjahre geguckt oder alte Filme. „american experience“. Wenn Deutsche
nigen Minuten Präsident der Vereinigten Der Roman ist eine letzte Beschwörung den Begriff „The Great American Novel“
Staaten, und man kann es bereits jetzt jener amerikanischen Blüte, die in den benutzen, fällt ihnen gern noch vor Philip
kaum noch aushalten. Fünfzigern begann. Es ist ein Buch des Ab- Roth Paul Auster ein, obwohl dieser ei-
Für jemanden wie den Schriftsteller Paul schieds, ein Goodbye zu Offenheit, Plura- gentlich nie etwas geschrieben hat, das sich
Auster, der nicht nur in den USA, sondern lität und Gelassenheit. Und es erscheint als solche qualifizieren würde.
vor allem in Europa wie kaum ein anderer just in dem Monat, in dem nun eine neue, Auster sagt, er hasse den Begriff „Baby-
für das liberale Amerika steht, ist die rückwärtsgewandte und autoritäre ameri- boomer“, und er wisse nicht, was die Great
Trump-Wahl die Vollkatastrophe, der Sys- kanische Epoche beginnt. American Novel sein solle. Ja, Philip Roth
temabsturz, die Erschütterung seines Glau- Auch Donald Trump ist Babyboomer. habe einmal einen seiner Romane „The
bensfundaments, Infragestellung eines gan- Er und Auster sind beinahe gleich alt, doch Great American Novel“ betitelt, ziemlich
zen Lebenskonzepts. Trump weiß nichts vom Rock ’n’ Roll und schlau. Nach über 30 Jahren Erfahrung im
Ausgerechnet jetzt. Auster hat die ver- der Bürgerrechtsbewegung, und als Auster Umgang mit Kritikern kennt Auster die
gangenen sieben, acht Jahre damit ver- in den Sechzigerjahren an der Columbia Fallen.
bracht, noch einmal intensiv auf sein Le- University demonstrierte, bekam Trump Er ahnt wohl, dass in einer längst post-
ben und damit auf die Markierungspunkte von seinem Vater seine erste Million. Bei- modernen, poststrukturalistischen und in-
des nun an die Seite gedrängten liberalen de sind kleinstädtisch aufgewachsen, Au- zwischen sogar postfaktischen Welt die
Amerika zurückzublicken. Zunächst in ßenseiter durch ihre Herkunft, Trump aus Great American Novel ein hinfälliges Kon-
zwei noch zaghaften fragmentarischen Queens (das ist zwar New York, aber eben zept ist. Die Skepsis gegenüber linearen,
Bändchen, „Winterjournal“ und „Bericht nicht Manhattan) und Auster aus Newark eindeutigen und nicht ambivalenten Nar-
aus dem Inneren“ (erschienen 2012 und in New Jersey (bekannt für seinen Flugha- rativen ist inzwischen zu groß.
2013), und nun in dem autobiografisch in- fen und die Rassenunruhen). Beide hatten In „4321“ erzählt Auster deswegen vier
spirierten Roman „4321“, der diesen Diens- Immobilienspekulanten als Väter, der eine alternative Erzählstränge. Sie handeln alle
tag erscheint und (zumindest auf Deutsch) tat es dem Vater nach und band sich noch von der gleichen Biografie, dem Heran-
mehr als 1200 Seiten hat. Er behandelt, dickere Krawatten um, der andere ging auf wachsen von Archie Ferguson, der wie
vielleicht ein letztes Mal, die Geschichte maximale Distanz, schrieb Gedichte und Paul Auster im Frühjahr 1947 in Newark
der Babyboomer, jener Generation gebo- stieg in schwarze Existenzialistenmäntel. bei New York als amerikanischer Jude
ren kurz nach Ende des Zweiten Welt- Beide haben es in den Achtzigerjahren geboren wurde.
kriegs, die in den USA das biografische nach längerem Kampf schließlich geschafft Archies Großvater war im Jahr 1900 als
Fundament des linksliberalen Mainstream und es ihren Vätern gezeigt. Trump mit junger Mann aus Minsk in New York ange-
des 20. Jahrhunderts gebildet haben. seinen ersten eigenen Millionendeals und kommen, und ein Freund hatte ihm gera-
Als Kinder in den Fünfzigerjahren be- dem Sprung über den East River nach ten, dem Einwanderungsbeamten nicht sei-
eindruckt vom Rock ’n’ Roll und der Bür- Manhattan, der dem Vater nie gelungen nen wahren russischen Namen zu nennen,
gerrechtsbewegung, erwachsen geworden war; Auster mit seinem Romandebüt „Die sondern einen, den sich die Amerikaner
mit dem emanzipatorischen Aufruhr der Erfindung der Einsamkeit“ von 1982, in gut würden merken können, er empfehle
Sechziger, begünstigt und gestählt durch Rockefeller. Doch als er an die Reihe kam,
permissive und experimentelle Lebensmo- fiel der ihm nicht mehr ein. „Ich hob far-
delle in den Siebzigern und schließlich zu gessen“, rief er auf Jiddisch aus, was der
Weinkennern gereift in den Achtzigern. Beamte als „Ichabod Ferguson“ interpre-
Wie sich Austers eigene, aber auch an- tierte. Auster erzählt im Folgenden kurz
Er ahnt, dass in einer
dere Biografien in die Zeitläufte der zwei- die Geschichte von Archies Eltern Stanley
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfügen, und Rose Ferguson, der Vater, der zu Geld
davon handeln alle drei dieser Bücher.
Doch das letzte, der Roman, ist mehr als
postmodernen und nun kommt mit einem Elektroladen, die rüh-
rende Mutter, die schwierigen, halbseide-
gar postfaktischen nen Brüder des Vaters, Archies Geburt und
Paul Auster: „4321“. Aus dem Englischen von Thomas Welt die Great American seine frühen Jahre in New Jersey.
Erst 1954, mit einem der legendärsten
Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und
Nikolaus Stingl. Rowohlt; 1264 Seiten; 29,95 Euro. Novel hinfällig ist. Baseballspiele der Geschichte (1. Auster

122 DER SPIEGEL 5 / 2017


ist wie die meisten älteren amerikanischen
Schriftsteller riesiger Baseball-Fan, 2. Base-
ball gilt als unverzichtbare Zutat für die
Great American Novel), mit diesem Spiel
also, New York Giants gegen die Cleveland
Indians, setzen die vier Parallelstränge von
Archie Fergusons Leben ein.
Wie sich die vier Stränge entwickeln,
hängt von dem spielsüchtigen Bruder von
Archies Vater ab. Im ersten Strang gewinnt
er mit einer Außenseiterwette auf die
Giants viel Geld, was bei Archies Vater zu
tragischen Verwicklungen führt; in den
Strängen zwei und drei verliert er hoch
verschuldet sein letztes Geld mit einer Wet-
te auf die Indians und hat fortan die Schul-
deneintreiber der Mafia im Nacken, was
andere, keinesfalls minder tragische Ereig-
nisse in Bewegung setzt. Im vierten Strang
hat sich der Vater rechtzeitig von den Brü-
dern losgesagt und wird, wie Austers realer
Vater, ein wohlhabender Mann.
Archie hat in allen vier Parallelerzäh-
lungen dieselben Gene und steht unter
dem Eindruck derselben frühkindlichen
Einflüsse. Er liebt Baseball und Basketball
wie Auster. In allen Versionen schreibt er
entweder Gedichte, Romane oder für Zei-
tungen, und in allen Strängen liebt er –
mal erfolgreicher, mal verzweifelter – Amy
Schneiderman, die Tochter von Freunden.
Die vier Stränge als Leser gleichzeitig im
Blick zu behalten und nicht durcheinander-
zuwerfen, ist ungefähr hundert Seiten lang
eine Herausforderung (Notizen helfen),
aber je weiter sich die Archies auseinander-
entwickeln, desto mehr Freude macht es,
ihre Entwicklungen zu vergleichen.
Mit dem Eintritt ins richtige Erwachse-
nenalter brechen die Erzählungen ab. Wäh-
rend man Philip Roth vorwirft, dass seine
Helden stets nur alte Männer sind wie er
selbst, kann man sagen, dass Auster von
dem Gegenteil besessen ist, nicht erst seit
diesem Buch. Sein Enthusiasmus gilt dem
Künstler als jungem Mann.
Es muss deswegen natürlich viel um Se-
xualität gehen, ihre Entdeckung, ihr Aus-
leben, ihre Ambivalenz. In einem Strang
hat Archie Sex mit Männern, in einem an-
deren verliert er seine Unschuld in einem
Bordell an eine schwarze Prostituierte, ge-
nau wie übrigens auch Paul Auster, wie
wir aus seinem „Winterjournal“ wissen.
Die Suchbewegungen seiner vier Versio-
nen von Archie Ferguson bettet Auster in
das Coming of Age der modernen ameri-
kanischen Gesellschaft. Die Rassentren-
nung in den Fünfzigern, Archies unschuldi-
DIRK EUSTERBROCK / DER SPIEGEL

ger Versuch, mit einer schwarzen Klassen-


kameradin ins Kino zu gehen, die ablehnt
(„er wisse doch, dass das nicht ginge“), die
Ankunft des schwarzen Rhythm and Blues
und des weißen Rock’n’Roll. Die Erfindung
des Teenagers als Konsumist und existen-
zialistischer Zweifler, Holden Caulfield aus
Schriftsteller Auster in seinem Haus in Brooklyn: Im Leben meist richtig abgebogen Salingers „Fänger im Roggen“, der so orien-
DER SPIEGEL 5 / 2017 123
Kultur

March on Washington“, einer der, wie


sich herausstellen wird, größten Demons-
trationen in der Geschichte der Vereinig-
ten Staaten. Hustvedt wird am folgenden
Tag, am Samstag nach der Amtsein-
führung, mit der gemeinsamen Tochter
Sophie, einer Sängerin, sowie einigen
Freunden aus der Nachbarschaft (Filme-
macherin Sara Driver, Schauspieler Steve
Buscemi) um sechs Uhr morgens den Zug
nach Washington nehmen, um zu de-
monstrieren.
„Steve kommt mit, warum kommst du
nicht auch, Paul?“, fragt Hustvedt.
Auster führt sein Alter an sowie seine
Angst vor Menschenmengen. Als das nicht

ULF ANDERSEN / STUDIO X


zu ziehen scheint („Jeder hat Angst vor
Massen, Paul“), schiebt er hinterher, er
habe bereits 1968 vor Columbia protestiert
und sei, wie wir gerade besprochen hätten,
dort schon verhaftet worden.
Existenzialist Auster 1988: Schrieb Gedichte und stieg in schwarze Mäntel Ist er denn kein Feminist?
„Doch absolut“, sagt Auster. „Ich bin
tierungslos wie Austers Hauptfigur durch Seine Panikattacken, unter denen er eine Feminist.“
die neue Welt (und besonders New York) Zeit lang litt, hat er inzwischen im Griff. „Das ist das erste Mal, dass du dich öf-
irrt. Ein Basketballspiel in Newark, bei dem Er nimmt gegen sie jeden Tag nur noch fentlich dazu bekennst“, ruft Hustvedt aus
Archies Team aus weißen Mittelstandskids eine Pille, früher hat er zwei genommen. der Küche, und erstaunlicherweise klingen
nach einem Last-minute-Sieg gegen die An diesem Freitag trägt er einen leicht ihre Worte nicht verächtlich, sondern lie-
schwarze Heimmannschaft aus der Halle zerzausten violettfarbenen Kaschmirpul- bevoll und beinahe stolz. Sie und Sophie
fliehen muss, 1963 der Marsch auf Washing- lover, die berühmten schwarzen Haare von sollen aufpassen, sagt Auster, er mache
ton, ab Mitte der Sechziger die Krawalle einst sind heute weiß und immer noch zu- sich Sorgen um diese dummen Rocker, die
an den Universitäten (und Archie ist an der rückgekämmt. Er war immer ein sehr gut sich „Bikers for Trump“ nennen.
Columbia University mittendrin), schließ- aussehender Mann, was ihm als Schriftstel- Es ist eine interessante Dynamik. Als
lich die Rassenunruhen, unter anderem in ler wahrscheinlich geschadet hat. Er würde Hustvedt Auster vor 35 Jahren heiratete,
Archies (und Austers) Heimatstadt Newark. zu sehr auf Existenzialist machen, hieß es, unterrichtete dieser an der Columbia-Uni-
Einige der beschriebenen Ereignisse hat die schwarzen Mäntel, die Gauloises-Stim- versität und war dabei, seinen ersten Ro-
der junge Paul Auster selbst erlebt. Das me, das war selbst den Amerikanern zu man zu veröffentlichen. Hustvedt war Stu-
Basketballspiel in Newark etwa, und bei viel. Literatur von unattraktiven Schraten dentin, Auster hat sie bei einer Lesung
den Studentenausschreitungen an der Co- wie dem Franzosen Michel Houellebecq kennengelernt. In den vergangenen Jahren
lumbia Universität wurde er 1968 sogar wirkt glaubwürdiger, tiefer. sind Bücher von Hustvedt („Was ich lieb-
verhaftet und landete auf der Titelseite der Auster hatten die Leute immer im Ver- te“, „Die zitternde Frau“) von der Kritik
„New York Daily News“. dacht, dass es ihm zu gut gehe. Seine Filme besser aufgenommen worden als die ihres
Dass es in dem Roman um Austers eige- mit Jim Jarmusch und Wayne Wang, seine Mannes. Wie die meisten Autoren behaup-
ne prägende Jahre geht, zeigt sich schon anderen Celebrity-Freunde, Don DeLillo tet Auster, dass er keine Kritiken lese. Dies-
daran, dass in zwei Fällen Texte, die im und Salman Rushdie etwa. Dazu seine mal jedoch wird er es tun. Diesmal hat er
Roman als Archies ausgegeben werden, in schöne und kluge Frau, Siri Hustvedt, Angst. Er sagt: „Es ist das Buch meines
Wirklichkeit 50 Jahre alte, unveröffentlich- ebenfalls Schriftstellerin, die ihn nach fast Lebens.“
te Arbeiten des jungen Paul Auster sind. 35 Jahren Ehe, wie sich später noch zeigen Tatsächlich enthält es alles, womit sich
Was hätte werden können, wenn an eini- wird, offenbar immer noch liebt. Paul Auster in den vergangenen Jahrzehn-
gen Weichenstellungen sein Leben eine Aus möglicherweise alldem speist sich ten in seinen Romanen befasst hat: die
andere Abzweigung genommen hätte? Die eine merkwürdige Abschätzigkeit Auster jüdisch-amerikanische Identität, Probleme
Antwort, die Auster in dem Roman gibt, gegenüber, vor allem in den USA. mit dem Vater, die Vorstadtjugend, die
ist eine der Selbstvergewisserung: In al- Weltberühmt hat bei Auster auch immer immer offene Flucht in Literatur und Base-
len Erzählsträngen setzt sich Archie ent- bedeutet, dass er in Deutschland und ball, die Vermessung der Möglichkeiten
weder als Schriftsteller, Lyriker oder (we- Frankreich bekannter ist als in seiner Hei- einer Künstlerexistenz und immer wieder
nigstens) Journalist durch. Die Kunst also, mat. Was deutsche Sozialdemokraten über die Bedeutung von Kontingenz.
sie kann offenbar durch Lebens- und Amerika wissen, wissen sie auch durch Wer die 1200 Seiten mit ihren oft langen,
Familienumstände nicht aufgehalten wer- Auster. Ausgerechnet bei den Deutschen, dahinströmenden Sätzen liest, begreift
den. Das ist Austers romantisierende Er- derentwegen er als Kind Albträume hatte. noch einmal, wie Amerika zu dem wurde,
kenntnis, es ist eine, die zu ihm passt. Nachdem er von der Existenz der Nazis was wir kannten. Und vielleicht auch, wa-
Er selbst macht den Eindruck, meist rich- erfahren hatte und von ihren Gräueltaten, rum es irgendwann enden musste.
tig abgebogen zu sein im Leben. Davon haben ihn Nazizombies im Schlaf besucht, Man wünscht dem Roman diesmal viele
erzählt jedenfalls sein Haus in Park Slope, die an ihm zerrten und nach ihm griffen. amerikanische Leser. Dass diesem Ameri-
einer extremeren und grüneren Variante Als Austers Frau Siri Hustvedt an die- ka hinterherzutrauern ist, wissen die meis-
des Berliner Prenzlauer Bergs (wohlhaben- sem Mittag nach Hause kommt und das ten Deutschen. 60 Millionen Amerikaner
de Grüne, Elektroautos mit Bernie-San- Interview kurz unterbrochen wird, er- hingegen haben es gerade abgewählt. Lest
ders-Aufklebern, Doppelkinderwagen). zählt sie vom bevorstehenden „Women’s dieses Buch und weint. Twitter: @oehmke

124 DER SPIEGEL 5 / 2017


der, Bruch und Versöhnung. Zarina, die erstgeborene
Tochter des verwitweten Helden, hat in Harvard Literatur
studiert, ist über dreißig und arbeitet an einem feminis-
tisch-aufklärerischen Roman über den Propheten Moham-
med und die Frauen. Mit ihrer ein paar Jahre jüngeren,
gläubigen Schwester Mahwish (Josefine Israel) spricht sie
Muslimbrautschau unter anderem über den Irrsinn, dass sich Mahwish über
Jahre hinweg von ihrem Freund zum Analsex zwingen
lässt, damit sie im Zustand der Jungfräulichkeit in die Ehe
Theaterkritik „The Who and the What“, das gehen kann.
In Hamburg hat die Regisseurin Karin Beier, auch In-
neue Stück von Ayad Akhtar, dem tendantin des Schauspielhauses, das Stück „The Who and
Star der islamkritischen Boulevardkomödie the What“ mehr ausgestellt als inszeniert. Auf der Bühne
hängt eine riesige Holztafel, vor der die Schauspieler in

D
er Schauspieler Ernst Stötzner hat schon viele ex- einer abstrakten Wohnlandschaft lungern. Der Darsteller
treme Rollen gespielt auf wichtigen Theaterbüh- Ernst Stötzner thront als Papa auf einem Sitzwürfel, wäh-
nen, man sah ihn zornig und kaputt als König Ri- rend er der klugen Zarina, gespielt von Lina Beckmann,
chard III., nackt und blutverschmiert als Macbeth. In Ham- vom Sexleben mit ihrer Mutter erzählt. Josefine Israel als
burg tritt er nun als frommer Spießer auf. Der alte Herr, Mahwish schlurft wie eine deutsche Fußgängerzonengöre
den Stötzner darstellt, ist Muslim. Er fahndet mit einem herbei. Paul Herwig gibt den weißen, zum Islam konver-
gefälschten Internetprofil nach tierten Amerikaner Eli, mit dem
rechtgläubigen muslimischen sich der Vater per Internetdating
Heiratskandidaten für die ältere verabredet, damit er ihn verhö-
seiner Töchter. Über die korrek- ren kann.
te Behandlung seiner Tochter Der Witz und die Schwäche
sagt er zu einem der Männer: dieses Theaterabends sind es,
„Du musst sie brechen.“ Später dass er das Drama aus zorniger
richtet er fuchtelnd die Hände Religionskritik und schwer ent-
zum Himmel und ruft, dass Al- rinnbaren familiären Bindun-
lah groß sei. Die Kunst des gro- gen zwar als abstraktes Lehr-
ßen Darstellers Ernst Stötzner, stück erzählen will, dies aller-
es ist kaum anders zu sagen, ist dings mit den Mitteln des aller-
an diesem Abend eine furcht- schlichtesten psychologischen
bare Qual. Einfühlungstheaters. So fum-
Im Hamburger Schauspiel- melt Lina Beckmann als Zarina
haus präsentieren Stötzner und nervös an ihrem Brillengestell,
drei Stadttheaterkollegen der- wenn sie über die Lehren Mo-
zeit die deutschsprachige Erst- hammeds doziert. So tigert der
aufführung des Stücks „The Vater unruhig auf und ab und
Who and the What“. Sein Autor sticht mit dem Zeigefinger Lö-
Ayad Akhtar, 46, ist ein Star. cher in die Luft, wenn er über
Der New Yorker Dramatiker mit die Gottlosigkeit der in den
pakistanischen Vorfahren, auf- USA lebenden Islamkritikerin
gewachsen in Milwaukee, ist Ayaan Hirsi Ali wütet und ihr
phänomenal erfolgreich, auch in den Tod an den Hals wünscht.
Deutschland. Man vergleicht Und so beißt der vom Vater er-
ihn mit Yasmina Reza, weil er wählte und verblüffenderweise
KLAUS LEFEBVRE

wie Reza („Der Gott des Gemet- von Zarina als Ehemann akzep-
zels“) das Einmaleins der geist- tierte Eli dekorativ in einen grü-
reichen Unterhaltung mit politi- nen Apfel, wenn er wütend ist.
schen Untertönen beherrsche. „The Who and the What“-Darsteller Stötzner, Beckmann „The Who and the What“, der
Tatsächlich ist Akhtar mit Das Harvard-Studium hilft nicht, der Familie zu entrinnen Titel ist ein Zitat von Jacques
dem Kulturclash-Stück „Geäch- Derrida, ist kein starkes Stück.
tet“, im Original „Disgraced“, ein Welthit gelungen. Es Die zentrale Provokation des Textes besteht darin, dass
wird in vielen Ländern und mehr als einem Dutzend hier kein Mann, sondern eine Frau aufbegehrt gegen die
deutschsprachigen Theatern gespielt, in Zürich und Wien sexuellen und religiösen Zwänge der muslimischen Kultur.
ebenso wie in Hamburg und Berlin. „Geächtet“ ist eine Mehr als für diesen Aufruhr interessiert sich die Hamburger
clevere Boulevardkomödie, die frech mit Stereotypen han- Aufführung, eine Achtsamkeitsfeier fürs Bildungsbürger-
tiert. Treffen sich ein Muslim, ein Jude, eine Afroameri- tum, leider für die lahmste Pointe des Stücks, die in einem
kanerin und eine weiße Protestantin, versichern sich ihrer Happy End besteht: Zwei Jahre nachdem der Vater das
Toleranz – und fallen bald mit Eifer übereinander her. blasphemische Buchmanuskript seiner Erstgeborenen ge-
„Geächtet“ variiert das seit „Wer hat Angst vor Virginia lesen und sie aus dem Haus gejagt hat, siegt doch die Fa-
Woolf?“ bestens bewährte Prinzip der Zimmerschlacht milienliebe. Man sieht die tränenschniefende Zarina ins
zwischen zwei Paaren. Akhtars zweites Stück „The Who Elternhaus stapfen und dem gleichfalls heulenden Vater
and the What“ spielt mit den Bausteinen der klassischen gestehen, dass sie schwanger ist. Große Umarmung! Der
Familiensoap: erstickende Elternliebe, aufbegehrende Kin- Rest der Familie flennt selig mit. Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5 / 2017 125


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